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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:01:54 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Pfaffenspiegel + Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche + +Author: Otto von Corvin + +Release Date: December 5, 2010 [EBook #34581] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PFAFFENSPIEGEL *** + + + + +Produced by Andreas Schmidt + + + + + + + Pfaffenspiegel + + Historische Denkmale des + Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche + + von + + Corvin + + Dritte neu durchgesehene Auflage + + + Dem Ross eine Peitsche, dem Esel einen + Baum und dem Narren eine Rute auf den + Rücken. + Sprüchew. Salom. Kap. 26, V.3 + + + Stuttgart + + Vogler & Beinhauer + + 1870 + + + Pio Nono! + + "Sollte Dir, heiligster Vater, dieses Büchlein + gefallen und Du mir solches öffentlich zu erkennen + geben, so will ich mich bemühen, mit ähnlichen + Geschenken aufzuwarten." + Ulrich von Hutten + + + + +Vorrede zur zweiten Auflage + + + "Welchen nun diese Bienen werden + stechen, der mag, schreien und sich rächen. + So werden sie ihn noch mehr stechen." + Philipp von Marnir + Herr von St. Aldegonde + +Es sind nun mehr als zwanzig Jahre verflossen, seit die erste Auflage +dieses Buches in Leipzig erschien. Es begann damals sich überall zu +regen. Der sich mündig fühlende Geist der Menschheit empörte sich gegen +die ihm von dem Despotismus vergangener Jahrhunderte aufgezwängten +Formen und die Regierungen wandten die schon oft erprobten Mittel an, +ihn zur Unterwürfigkeit zu bringen. Die Zensur übte ihr Amt mit +bornierter Strenge; Zeitungen wurden widerrechtlich unterdrückt und +Schriftsteller gemaßregelt und eingesperrt, denn durch sie sprach der +Geist der Zeit zum Volk, welches nicht wissen sollte, dass es der +Kinderstube entwachsen war. + +Die Kirche blieb nicht zurück. Die alten und bereits beiseite gestellten +Dogmen und Reliquien wurden aus der römischen Rumpelkammer wieder +hevorgesucht und mit mitleidsvollem Zorn sah der Genius des neunzehnten +Jahrhunderts die gläubige Herde zu Hunderttausenden nach Trier +wallfahrten, einen von dem dortigen Bischof ausgestellten, angeblichen +Rock Christi anzubeten. + +Leipzig war zu jener Zeit noch die ziemlich unbestrittene Metropole des +deutschen Buchhandels und in ihr vereinigte sich ein Kreis tüchtiger, +strebsamer Männer, deren Namen zum Teil schon damals ruhmvoll bekannt +waren, oder es seitdem geworden sind. In dem neu entstandenen deutschen +Schriftstellerverein fanden sie einen Vereinigungspunkt, wo mancher +Gedanke geboren wurde, der später zur Tat reifte. + +Ich war einer der vierzehn Stifter dieses Vereins und kein untätiges +Mitglied. Wir erlebten das Jahr 1848. Ich hatte den fünften Band meiner +Geschichte der großen niederländischen Revolution vollendet und mit Held +die illustrierte Weltgeschichte begonnen. Zu meiner geistigen +Erfrischung diente mir die Teilnahme an Helds Wochenschrift "Die +Lokomotive", deren scharfer Pfiff dem verschlafenen Volk verkündete, +dass die Zeit der geistigen Hauderer und Landkutscher vorüber sei, dass +der Genius der Freiheit mit neuer Kraft durch die Welt brause und dass +die abgetriebenen Mähren des geistlichen und weltlichen Despotismus dem +Abdecker verfallen seien. + +Die Rockfahrt nach Trier empörte selbst die gebildete katholische Welt. +In den von Robert Blum inspirierten sächsischen Vaterlandsblättern +erschien der bekannte Absagebrief von Johannes Ronge. Es entstand eine +große Bewegung, von der man sich viel versprach und die auch +bedeutendere Folgen gehabt haben würde, wenn die Leiter derselben ihrer +Aufgabe mehr gewachsen gewesen wären. Sie hatten guten Willen, aber zu +wenig Talent. + +Ich teilte die Hoffnungen Vieler und beschloss, mein Teil zur Erfüllung +derselben beizutragen. Meine historischen Quellenstudien, namentlich die +für meine Geschichte der niederländischen Revolution gegen Philipp II. +von Spanien, in welcher das religiöse Element eine Hauptrolle spielte, +hatten mich mit Dingen näher bekanntgemacht, welche dem Volk von den +seine Erziehung eifersüchtig bewachenden Priestern sorgfältig verhehlt +oder nur verstümmelt oder kirchlich zurechtgemacht mitgeteilt wurden. +Ich hatte die Schriften der "Kirchenväter" und die der geachtetsten +Kirchenschriftsteller zu lesen und je mehr ich las und forschte, desto +mehr wurde mir die Nichtswürdigkeit des entsetzlichen Verbrechens klar, +welches die römische Kirche an der Menschheit verübt hatte, desto mehr +erstaunte ich über die unerhörte Dreistigkeit und Perfidie, mit welcher +es begangen wurde und noch immer begangen wird. Ich sah immer mehr ein, +dass die Knechtschaft, unter welcher das Menschengeschlecht seufzt, in +der Kirche wurzelte und dass all unsere Bestrebungen zur Freiheit +ohnmächtig sein würden, wenn wir uns nicht zuerst von den Fesseln +befreiten, in welche die Kirche den Geist der Menschen geschlagen hatte. +Dieser Erkenntnis entsprach der Entschluss, ein Buch zu schreiben, +welches dem von den Priestern betörten Volk die Decke von den Augen nahm +und ihm gestatten sollte, einen Blick in die Werkstatt zu tun, in +welcher seine Fesseln geschmiedet wurden. + +Der religiösem Glauben entspringende Fanatismus zeigte sich überall als +der entsetzlichste Feind der Freiheit, und um ihn zu bekämpfen und zu +vernichten, schien es mir nötig, dem Volk nicht allein die grässlichen +Folgen des Fanatismus durch historische Beispiele vorzuführen, sondern +auch zugleich die trüben Quellen des Glaubens selbst nachzuweisen, +dessen Folge er ist. Da nun dieser Glaube auf angeblichen Tatsachen +beruht, an deren Wahrheit das Volk deshalb nicht zweifelt, selbst wenn +sie der Erfahrung und der Vernunft widersprechen, weil sie von Priestern +erzählt werden, an deren größeren Verstand, Wahrheitsliebe, +Uneigennützigkeit und sittlichen Charakter das Volk glaubt: so habe ich +zur Bekämpfung dieses Autoritätsglaubens ebenfalls für nötig gehalten, +die Natur dieser Autoritäten, das heißt der Päpste und Priester, +historisch zu beleuchten und nachzuweisen, dass das gläubige Volk in +dieser Hinsicht von durchaus falschen Voraussetzungen ausgeht. + +Um diese verschiedenen Zwecke zu erreichen, beschloss ich, in einer +Einleitung darzulegen, wie sich die Macht der Päpste und Priester im +Laufe der Zeit entwickelte, welche Mittel sie dazu benutzten und welche +Wirkung diese Mittel auf die Gesellschaft im Allgemeinen und auf die +Priester selbst hatten. Dann sollte die Geschichte der Geißler, der +Albigenser und Waldenser, der Wiedertäufer, der Inquisition, der +Judenverfolgung etc. nachfolgen. + +Die Einleitung bot sehr große Schwierigkeiten, denn ein seit +Jahrhunderten angesammeltes Material sollte in den engen Rahmen eines +mäßigen Bandes gezwängt werden. Ferner geboten die Umstände ganz +besondere Sorgfalt und Vorsicht in der Auswahl dieses Materials. Die +Zensur existierte noch und abgesehen von dieser Beschränkung durfte ich +nur solche Tatsachen benutzen und anführen, deren Wahrheit nicht allein +mir als unzweifelhaft schien, sondern die auch von den römischen +Priestern selbst angefochten werden konnten. + +Der damalige Zensor in Leipzig war ein Professor Hardenstern. Er sandte +mir häufig mein Manuskript mit dicken Strichen versehen zurück, allein +er hatte die missliebigen Stellen meistens wieder freizugeben, wenn ich +ihm bewies, dass sie dem von der römischen Kirche approbierten Buch +eines Heiligen oder andern großen Kirchenlichtes entnommen waren. + +So erschien also die Einleitung zu meinem Werk gewissermaßen bestätigt +durch die sächsische Regierung, an deren Spitze ein römisch-katholischer +König stand. Das Buch wurde auch, außer in Österreich, nirgends +konfisziert, und die Wahrheit nicht einer einzigen der darin angegebenen +Tatsachen ist selbst von der römischen Geistlichkeit, obwohl sie das +Buch wie begreiflich höchlich verdammte, angefochten oder gar widerlegt +worden. + +Von der Kritik wurde mein Buch durchweg äußerst günstig aufgenommen und +meinem Fleiß und Bestreben die vollste Anerkennung zuteil. + +Einige wohlmeinende Freunde sprachen gegen mich die Meinung aus, dass +mein Buch eine noch bessere Wirkung hervorgebracht haben würde, wenn ich +die empörendsten Tatsachen weggelassen und bei Beurteilung der +mitgeteilten mehr Mäßigung beobachtet hätte. + +Gegen diese Ansicht muss ich mich entschieden erklären. Wollte ich +handeln, wie diese Wohlmeinenden es verlangen, so handelte ich +jesuitisch. Eine Linie, die nicht gerade ist, ist krumm und entstellte +Wahrheit ist Lüge. + +Es ist allerdings möglich, dass einigen Katholiken die von mir +mitgeteilten Tatsachen so unglaublich scheinen, dass sie dieselben für +böswillige Erfindungen halten, worin sie natürlich von ihren Geistlichen +bestärkt werden; allein sollte ich aus diesem Grunde mich gerade der +wirksamsten Waffen berauben? Wer mich der Lüge beschuldigt, der mag +offen auftreten; ich will ihm beweisen, dass, was er als Lüge +bezeichnet, den Schriften eines verehrten Heiligen, Bischofs oder +Prälaten wörtlich entnommen ist. + +Was nun meine Urteile anbetrifft, so sind sie allerdings oft in herben +und derben Worten ausgedrückt, allein ich frage, welche Ansprüche hat +denn die römische Kirche auf eine rücksichtsvolle und zarte Behandlung? +Die Wahrheit sagen ist in der Tat nicht so grob, als jemand verbrennen, +weil er an eine handgreifliche Lüge nicht glauben kann! Nein! was ich +für schlecht halte, das werde ich schlecht nennen. Der Ausdruck meiner +Entrüstung über diese oder jene römische Niederträchtigkeit muss dieser +Entrüstung angemessen sein, und ist dies absichtlich nicht der Fall, +dann lüge ich und bin ebenso verächtlich wie diejenigen, welche ich +tadele. + +Die römische Kirche ist kein Freund der Menschheit, dessen Schwächen und +Gebrechen aufzudecken und zu verhöhnen mir Schande bringen könnte; sie +ist der noch immer starke, freche und gewissenlose Feind unserer +Freiheit, der die empörendsten Mittel nicht verschmäht, seine Zwecke zu +erreichen; Torheit und Schwäche wäre es, im offenen und ehrlichen Kampf +mit dem Todfeind dieser Freiheit die Blößen nicht zu benutzen, die er +bietet: ich stoße hinein mit aller Kraft, und wenn ich kann, nach dem +Herzen. + +Das Buch ist nicht für den Gelehrten, auch nicht für den Salon bestimmt, +es ist für das Volk geschrieben, und damit dasselbe es lese, ist es +geschrieben wie es geschrieben ist. Sind darin vorkommende Tatsachen und +Worte nicht immer anständig, dann halte man sich deshalb an diejenigen +Heiligen, Päpste oder Priester, welche solche unanständigen Handlungen +begingen, oder unanständige Worte gebrauchten; - auf die zarten Nerven +parfümierter Dandys kann man nicht Rücksicht nehmen, wenn man gegen +einen frechen, unverschämten Fein und für die Wahrheit kämpft. + +Der zweite Band, "Die Geißler", folgte bald dem ersten; allein ehe der +dritte noch erscheinen konnte, brach der Sturm von 1848 los, der mich in +Paris fand, wo ich Zeuge der Februar-Revolution wurde. Die Zeit des +Schreibens war nun vorläufig vorüber, und mit Tausenden Gleichgesinnter +griff ich zum Schwert. Ich focht in erster Reihe und bis zuletzt. Die +fürstliche Gewalt hatte bereits überall in Deutschland gesiegt, als wir +die Festung Rastatt übergaben, deren Verteidigung ich als Chef des +Generalstabes geleitet hatte. + +Ich wurde zum Tode verurteilt, aber nicht einstimmig. Die eine +dissentierende Stimme, die Anwendung eines in Bezug darauf erlassenen +Gesetzes und ein Zusammentreffen anderer glücklicher Umstände retteten +mich vom Tod; allein ich ward volle sechs Jahre in der einsamen Zelle +eines pennsylvanischen Gefängnisses lebendig begraben. + +Wen die Einsamkeit eines solchen Gefängnisses nicht geistig zertrümmert, +den läutert und kräftigt sie. Manche meiner Leidensgefährten starben, +manche kehrten mit zerstörtem Körper und Geist hilflos in die Welt +zurück. Es war im Herbst 1855, als ich mein Grab verließ. Weder mein +Geist noch meine Gesundheit hatten gelitten; im Gegenteil, was andere +zerstörte, hatte mich gekräftigt. + +Von der regierenden Gewalt verfolgt und von Ort zu Ort getrieben, hatte +ich nach England zu fliehen, "to eat the bitter bread of banishment" - +das bittere Brot der Verbannung zu essen. + +Der große Bürgerkrieg in Amerika brach aus und im Herbst 1861 schiffte +ich hinüber, als Special-Correspondent der Augsburger Allgemeinen +Zeitung und Correspondent der London Times. + +Ich sah dort viel und lernte viel. In der sechsjährigen Einsamkeit des +Gefängnisses machte ich innere Entdeckungen und Erfahrungen, und durch +den sechsjährigen Aufenthalt mitten in dem jugendkräftigen Leben und +Treiben der großen Republik wurde mir reichlich Gelegenheit gegeben, die +praktischen Resultate der Prinzipien zu beobachten und zu prüfen, für +deren Verwirklichung wir in Europa Gut und Blut daran gesetzt hatten. + +In Amerika wird man häufig von Amerikanern und Deutschen hören "um +Amerika und die Amerikaner zu verstehen, muss man wenigstens fünf Jahre +im Land gelebt haben" und ich kann das zur Beherzigung für die Leute +hier bestätigen, welche so schnell und absprechend über amerikanische +Zustände urteilen. + +Vertrieben aus meinem Vaterland wurde ich zwar ein Bürger der großen +Republik, in welcher meine Ansichten und Überzeugungen mich nicht zum +Verbrecher stempelten; allein wenn auch dem erweiterten Verstand die +ganze Welt als Vaterland nicht zu klein ist, so hängt doch das Herz +jedes Menschen mehr oder weniger an dem Land, in welchem seine Wiege +stand und in welchem er seine Jugend verlebte. Das Herz des Deutschen +bleibt überall deutsch, wenn auch seine Zunge englisch redet, und jeder +sehnt sich danach, Deutschland wiederzusehen. + +Diese Sehnsucht erfasste auch mich und es verlangte mich, an Ort und +Stelle zu sehen, wie die Saat stände, welche wir vor zwanzig Jahren mit +Blut und Tränen eingesät hatten. Ich kehrte daher im vorigen Jahr als +Correspondent der New Yorker "Times" für "Deutschland und angrenzende +Länder" in mein Geburtsland zurück. + +"Der aus dem Jahr 1848 bekannt Corvin ist aus Amerika zurückgekehrt" +berichtete eine befreundete Zeitung und die andern druckten es nach. Als +ich diese brillante Anerkennung für ein der Freiheit und dem Volk +gewidmetes Leben las, lachte ich hell auf; nicht bitter, sondern mit dem +glücklichen, heiteren Sinn, der mich in den Stand setzte, ruhigen Auges +den standrechtlichen Kugeln entgegenzusehen, in der wehedurchzitterten, +brotsuppendurchdufteten Einsamkeit der entsetzlichen Zuchthauszelle +geistig und körperlich gesund zu bleiben; die großen und kleinen Miseren +des Flüchtlingslebens mit Humor zu tragen; in des "Schiffbruchs +Knirschen", wo die Gläubigen zittern, ruhig zu schlafen und mitten im +"Schlachtendonnerwetter" meinen Zeitungsbericht zu schreiben. + +Wer kümmert sich heute noch um die Leute, welche die Bäume pflanzten, +die uns Schatten und Nutzen gewähren! - Ich war mit dem zufrieden, was +ich in Deutschland sah. Das Blut der Märtyrer von 1848 und 49 und die +Tränen ihrer Weiber und Kinder sind nicht umsonst geflossen. Die +Veränderungen in der menschlichen Gesellschaft entwickeln sich eben in +ähnlicher Weise wie die in der Natur, - allmählich und langsam und es +ist unvernünftig von denen, die doch sonst die Wunder leugnen, Wunder zu +verlangen. + +Von den politischen Folgen der Jahre 1848 und 49 will ich indessen hier +nicht reden; ich habe mit ihnen hier nichts zu tun, ich will nur den +geistigen Fortschritt in Betracht ziehen. + +Der unvernünftige Glauben hat in diesen zwanzig Jahren viel Terrain +verloren und die Hauptstütze desselben, das Papsttum hängt noch an einem +schwachen Lebensfaden. Die Macht der Pfaffen ist unterwühlt selbst in +Österreich, Italien und Spanien und die ungeheuren Anstrengungen, die +gemacht werden, die aufrecht zu erhalten, sind nutzlos. Die Presse ist +frei und sogar dem Papsttum treusten Regierungen sind von der +öffentlichen Meinung gezwungen worden, die Wissenschaft gewähren zu +lassen, und selbst in die Notwendigkeit versetzt, die Anmaßungen der +Pfaffen zu bekämpfen. + +Unsere Aufgabe ist es, die errungenen Vorteile zu benützen, und der +zweckmäßigste Weg dazu, das Wissen unter dem Volk zu verbreiten und vor +allem danach zu streben, den Pfaffen mit und ohne Tonsur die Erziehung +der Jugend aus den Händen zu winden. + +Wohl weiß ich, dass die protestantischen orthodoxen Pfarrherren ebenso +fanatisch sind, wie die dummgläubigen Mönche, und dass sie, wenn sie die +Macht hätten, ihre despotischen Gelüste zu befriedigen, dies mit +ähnlichen Mitteln tun würden, wie sie die römische Kirche gebrauchte; +allein wir können Herrn Knaak und ähnliche Stillstandshelden ruhig ihre +Glaubensdummheiten zu Markt bringen lassen, das protestantische Volk +lacht darüber und die paar alten Weiber, die ihnen glauben, tun wenig +Schaden. Ich lasse daher die innerhalb der protestantischen Kirche +auftauchenden Dummheiten unberücksichtigt, wenigstens sind sie nicht der +Hauptgegenstand dieses Buches. Ich habe es hier speziell mit den von Rom +ausgehenden Dummheiten und Nichtswürdigkeiten zu tun und zeige dem Volk +das Gesicht der römischen Pfaffheit, wie es in dem Spiegel der +Geschichte erscheint. + +Die erste Auflage dieses Buches war bald vergriffen und meine lange +Abwesenheit von Deutschland hinderte mich daran, eine zweite zu +veranstalten. Als ich jedoch im vorigen Jahr von Amerika zurückkehrte, +wurde ich von sehr verschiedenen Seiten dringend dazu aufgefordert. Im +Buchhändler-Börsenblatt wurde das Buch fast wöchentlich gesucht und es +war selbst antiquarisch nirgends zu haben. Ich selbst konnte kein +Exemplar auftreiben und hatte es mir von einem Privatmann zu borgen, +welcher es an jemanden verliehen, der es wiederum einem Freunde in einer +anderen Stadt mitgeteilt hatte! + +Obwohl mit mancherlei Arbeiten überhäuft, entschloss ich mich nun zu +einer zweiten Auflage. Die Veränderungen, welche während dieser zwanzig +Jahre in Deutschland stattgefunden hatten, machten eine teilweise +Umarbeitung notwendig. Die ganze Einleitung passte nicht mehr und ich +schrieb eine andere. Zeitanspielungen durchzogen das ganze Buch und ich +hatte es durchaus zu revidieren und vermehrte dasselbe durch ein +Kapitel, welches ich hauptsächlich dem zweiten Band entnahm. Ich +veränderte auch den Titel, da mir christlicher Fanatismus eine +contradictio in adjecto schien. + +Wenn ich an den mitgeteilten Tatsachen nichts änderte, höchstens einige +hinzufügte, und ebenso wenig an dem Stil und Ton des Buches, so tat ich +das mit voller Überlegung. "Narren muss man mit Kolben lausen" heißt das +derbe deutsche Sprichwort und wie ein Anatom, der zum Besten der +Menschheit in faulen Körpern wühlt, keine Handschuhe anziehen kann, so +kann auch ich den faulen Pfaffenkörper nicht mit Glacéhandschuhen +anfassen. Dass ich mir aber bei dem ekelhaften Geschäft eine +humoristische Zigarre anstecke, kann mir kein Mensch übel nehmen, und +sie kommt ja auch dem Leser zu gut. Ebenso wenig halte ich es für +angemessen es aufzugeben, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Wenn +ich einen für unanständig gehaltenen Gegenstand überhaupt so bezeichnen +muss, dass man versteht, was ich meine, so wird der Gegenstand dadurch +nicht anständiger, dass ich umschreibe, was ich mit einem deutschen Wort +bezeichnen kann. + +Hoffentlich wird mein Buch noch zur Kirchenversammlung fertig, von der +sich der Papst die Wiederherstellung der römischen Herrlichkeit +verspricht; mein Buch mag den Herren zum Nachschlagen dienen, wenn sie +vielleicht vergessen haben sollten, was die römische Kirche vorschreibt +und glaubt. + + 1868 im Oktober. + Corvin + + + + +Vorrede zur dritten Auflage + + +Ich war freilich vollständig davon überzeugt, dass mein Pfaffenspiegel +ein zeitgemäßes Buch sei; allein dennoch überraschte es mich sehr +angenehm, dass bereits nach einigen Wochen eine dritte Auflage nötig +wurde, welche hoffentlich nicht die letzte sein wird. + +Ein günstiges Geschick unterstützte die in dem Buch vertretene gute +Sache dadurch, dass es gerade um die Zeit seines Erscheinens Dinge an +das Tageslicht brachte, welche die in demselben aufgestellte Behauptung +bewahrheiteten, dass die in früheren Zeiten innerhalb der römischen +Kirche, namentlich in den Klöstern, verübten Ruchlosigkeiten und +himmelschreienden Verbrechen keineswegs allein barbarischen Zeitaltern +angehörten, sondern dass sie eine natürliche Folge des in der römischen +Kirche herrschenden, unwandelbaren Prinzips sind, und heute noch ebenso +vorkommen wie vor tausend Jahren, nur in vielleicht noch schrecklicherer +und mehr raffinierter Nichtswürdigkeit. + +Als die römische Kirche noch über Kaiser, Könige und Volk unumschränkt +gebot, hielten es die Pfaffen kaum für der Mühe wert, ihre +Gewalttätigkeiten zu verbergen, da die Kirche selten den Willen, und das +weltliche Gesetz nicht die Macht hatte, die unter dem Deckmantel der +Religion verübten Scheußlichkeiten zu verhindern, oder zu bestrafen. Das +hat sich indessen seit der Reformation und den aus derselben sich +entwickelnden Revolutionen geändert. Selbst solche Kaiser und Könige, +welche noch sehr geneigt wären, die römische Kirche gewähren zu lassen, +weil die durch dieselbe geförderte Verdummung der Despotie günstig ist, +- sind von der öffentlichen Meinung, welche durch den Arm des Volkes +manchmal Throne zertrümmert und Kronen, - samt den Köpfen - +herunterschlägt, gezwungen worden, ihrer unumschränkten Gewalt feierlich +zu entsagen und ihre despotischen Gelüste hinter sogenannten +Konstitutionen zu verbergen, über welche sie lachen mögen, die aber das +Volk sicher zur Wahrheit machen wird, wenn es sich erst von der +geistigen Knechtschaft der Kirche befreit und damit unehrlichen Fürsten +alle Hoffnung auf die Rückkehr zur alten despotischen Herrlichkeit +abgeschnitten hat. + +Die Fürsten, die sich selbst dem Gesetz fügen müssen, können die Pfaffen +nicht länger schützen, welche verfassungsmäßige Gesetze verletzen, denn +die öffentliche Meinung verlangt gleiches Recht für alle und will +Privilegien der Kirche und ihrer Diener nicht länger dulden. + +Die römische Kirche hält jedoch ihre Grundsätze und Gesetze für +vollkommen und erklärt, dass der Zeitgeist auf Abwegen sei und durch ein +Konzil wieder in das althergebrachte Gleis gebracht werden müsse; und +die einzige Konzession die sie, aus Notwendigkeit, macht, ist, dass sie +die ihr unberechtigt erscheinende staatliche Gewalt, welche ihren +ungesetzlichen Handlungen Schranken setzen und gar bestrafen will, +betrügt und als Verbrechen denunzierte Vorgänge mit der dreistesten +Unverschämtheit ableugnet und alle Beweise möglichst schnell vernichtet +oder sonst aus dem Weg räumt. Dass bei einem solchen Zustand die Opfer +kirchlicher Tyrannei nicht besser wegkommen, als im Mittelalter, liegt +auf der Hand. + +Nach den Enthüllungen, welche innerhalb der letzten zwanzig Jahre +gemacht worden sind, lässt es sich mit Bestimmtheit annehmen, dass alle +Verbrechen, welche in meinem "Pfaffenspiegel" nach authentischen Quellen +berichtet sind, auch noch heutzutage innerhalb der römischen Kirche und +namentlich in den Klöstern begangen, aber nur sorgfältiger geheim +gehalten werden, und dass es daher eine von der Menschlichkeit gebotene +Pflicht ist, die Regierungen auf dem gesetzlichen Weg zu veranlassen, +die strengsten Untersuchungen anzuordnen, und ferner alle +Ausnahmegesetze für Priester, oder die Kirche im Allgemeinen, aufzuheben +und die Gleichheit vor dem Gesetz eine Wahrheit werden zu lassen. + +Schließlich ersuche ich nochmals alle Leser, welche es mit der +Menschheit wohl meinen, mir unter der Adresse der Verlagshandlung +Mitteilungen über pfäffische Nichtswürdigkeiten zu machen, die zu ihrer +Kenntnis kommen, und deren Untersuchung und geeigneter Stelle angeregt +werden soll, ohne den Namen der Mitteiler zu nennen. Unzweifelhafte +Fälle sollen dann in folgenden Auflagen und auch durch die Zeitungen zur +Kenntnis des Publikums gebracht werden. + + Rorschach am Bodensee, August 1869. + Corvin + + + + + Inhalt + + + Vorrede zur zweiten Auflage + Vorrede zur dritten Auflage + Einleitung + Wie die Pfaffen entstanden sind + Die lieben, guten Heiligen + Die heilige Trödelbude + Die Statthalterei Gottes in Rom + Sodom und Gomorrha + Die Möncherei + Der Beichtstuhl + + + + +Einleitung + + + "Je erhabener göttliche Dinge sind, je ferner + sie von der Sinnenwelt abliegen, desto mehr + muss sich das Streben unserer Vernunft nach + ihnen richten; der Mensch wird wegen der ihn + auszeichnenden Vernunft mit dem Bild Gottes + verglichen; daher soll der Mensch sie auf + nichts lieber richten, als auf den, dessen + Bild er durch sie vorstellt." + Abälard + + +Wenn der schwache Mensch sich unter den Schlägen des Unglücks erliegen +fühlt und weder in sich selbst, noch in andern, noch überhaupt irgendwo +auf Erden Trost und Hilfe für seine Leiden findet, dann treibt ihn ein +natürlicher Hang dazu, sich mit der in Gefühlen, Gedanken oder Worten +ausgedrückten Bitte an die von jedem geahnte, wenn auch nicht begriffene +Macht zu wenden, welcher er den Ursprung und die Erhaltung alles +Bestehenden, der Welt, zuschreibt und die wir mit dem allgemeinen Namen +Gott bezeichnen. + +Es kann nur eine Weltursache, einen Gott geben, aber das Wesen - die +Beschaffenheit und Art dieser schaffenden und erhaltenden Kraft ist das +große Weltgeheimnis, welches nie ergründet wurde, nie ergründet werden +wird und nie ergründet werden kann. + +Jeder Mensch, der überhaupt eines Gedankens fähig ist, macht sich +indessen von diesem Wesen eine Vorstellung, welche dem Grade der +Ausbildung der ihm mit der Geburt gegebenen Vernunft angemessen ist. +Diese Vorstellung ist sein Gott, und somit jeder Mensch der Schöpfer +seines Gottes. + +Die Vernunft entwickelt sich infolge sehr mannigfaltiger Einflüsse sehr +verschieden, und wie es kaum zwei Menschen gibt, die durchaus körperlich +gleich sind, so gibt es auch nicht zwei, deren geistige Ausbildung oder +Entwicklung genau dieselbe ist. Daraus folgt, dass es, streng genommen, +ebenso viele Götter als Menschen gibt, - das heißt Vorstellungen von +Gott. + +Was verschiedenen Menschen für eine Ansicht über die Natur der Sonne +haben, ändert die Sonne nicht, und Gott bleibt derselbe, wie verschieden +sich auch die Vorstellung der Menschen gestalten mag. Der Neger, der vor +dem von ihm selbst geschnitzten Fetisch kniet, welcher der verkörperte +Ausdruck seiner Gott-Vorstellung ist, wie der Inder, der Feueranbeter, +der Mohammedaner, Jude oder Christ, - alle beten zu demselben Gott, und +die sogenannten Materialisten und Atheisten, die nicht beten, haben nur +eine von der mehr allgemeinen abweichende Ansicht. Die sogenannten +Gottesleugner verneinen nicht eigentlich das Vorhandensein Gottes, was +eine absolute Dummheit wäre, sondern erklären sich nur gegen die +Vorstellung von einem persönlichen Gott. + +Alle Gottesvorstellungen sind zwar aus ein und derselben Urquelle +geschöpft; allein je nach den Einfluss übenden verschiedenen +Verhältnissen bildeten sie sich verschieden und oft zu so seltsam und +wunderlich erscheinenden Formen aus, dass es selbst dem kundigen, +denkenden Forscher schwer wird, den gemeinschaftlichen Ursprung +nachzuweisen. + +Da nun die Gottesvorstellung die Grundlage jeder Religion ist, so +erklärt sich einerseits das Vorhandensein so vieler verschiedener +Religionen und andrerseits wieder der Umstand, dass Völker, die sich +unter denselben oder ähnlichen Verhältnissen entwickelten, dieselbe +Religion haben. + +Das Nachweisen des gemeinschaftlichen Ursprungs der verschiedenen +Religionen würde ein eigenes Werk erfordern, und da es für den mir +vorliegenden Zweck genügt, so beschränke ich mich darauf, eine Skizze +von dem allgemeinen Entwicklungsgange aller Religionen zu geben. + +Als die Erde in ihrer Entwicklung auf dem dazu geeigneten Punkte +angelangt war, entstanden Menschen. Diese empfanden die angenehmen und +unangenehmen Wirkungen der verschiedenen Naturerscheinungen zum ersten +Mal, und da sie mit Vernunft begabt waren, so forschten sie bald, oder +vielmehr machten sich Gedanken über deren Ursprung. + +Die unmittelbarsten Eindrücke empfanden sie von der Witterung, und +Regen, Wind, Gewitter, Hitze und Kälte waren umso mehr geeignet, ihre +Neugierde zu erregen, als deren Urheber ihren Augen verborgen waren. + +Die Veränderungen, welche vor Regen und Gewitter am Himmel vorgingen, +konnten sie indessen sehen, und da der Regen und der Blitz aus den +Wolken kamen, so lag es sehr nahe, die verborgenen Urheber "im Himmel", +das heißt in den Wolken zu suchen. + +Die Sonne, von welcher Tag und Nacht, Hitze und Kälte mit ihren +Wirkungen abhängen, musste natürlich ebenfalls ein hauptsächlicher +Gegenstand ihrer verwunderten Betrachtung werden. + +Auch der Wechsel der Jahreszeiten mit seinen Annehmlichkeiten und +Unannehmlichkeiten musste die Frage nach dessen Ursache erzeugen. + +Da die Erfahrung, die Mutter aller Wissenschaft, noch in der Kindheit +war, so bewegte sich die Phantasie, das ungeregelte Spiel der Vernunft, +nur in dem sehr beschränkten Kreis des Sichtbaren und knüpfte daran ihre +Schlüsse in Bezug auf das Verborgene. Als handelnde Wesen kannte man nur +Tiere und Menschen und die Geschöpfe der Phantasie, die man als die +Urheber der genannten Naturerscheinungen dachte, konnten nur tier- oder +menschenähnliche Wesen sein. + +In manchen Menschen ist die Phantasie reger als in andern, und sie +teilten mit, was sie über die Handlungen und Verhältnisse dieser Wesen +zueinander dachten und aus den Äußerungen der ihnen zugeschriebenen +Tätigkeit erfanden. So entstanden Märchen und Sagen, welche durch die +mit besonders lebhafter Phantasie begabten Menschen, Dichter, immer +weiter ausgesponnen, in mehr oder minder vernünftigen Zusammenhang +gebracht und mit Personen bevölkert wurden. + +Solche in der Kinderstube des Menschengeschlechts entstandene Märchen +pflanzten sich als wirklich geschehen, von Geschlecht zu Geschlecht +fort, und ihre Spuren sind noch nach Jahrtausenden selbst unter den am +weitesten entwickelten Völkern nachzuweisen, und üben noch heute einen +gewissen Einfluss. Das wird einem jeden begreiflich sein, der sich über +seine eigenen Gefühle und Empfindungen Rechenschaft gibt. Selbst der +aufgeklärteste und gebildetste Mann wird noch am Ende seines Lebens +Anklänge der Eindrücke entdecken, die er in seiner Kinderstube empfing; +es wird keinem gelingen, sich absolut von dem Ammenmärchen loszumachen. + +Da sich die Urmenschen die in den Wolken oder an andern ihnen +unzulänglichen Orten vermuteten Urheber der Naturerscheinungen - +"Götter" - nur als mächtigere Tiere oder Menschen dachten, so schrieb +man ihnen natürlich auch dieser Vorstellung angemessene Empfindungen zu, +wie Zorn, Hass, Rache, Wohlwollen, Güte usw. Da sich nun der Zorn von +Menschen besänftigen und dessen Äußerung abwenden lässt, so lag der +Gedanke nahe, dies auch mit den Göttern zu versuchen, und so entstanden +die Opfer. + +Diese Opfer bestanden in Gegenständen, die Menschen angenehm waren, und +da die Götter im Himmel wohnten und diese Opfer nicht abholten, so +musste man sie ihnen in den Himmel senden, was in keiner anderen Weise +geschehen konnte als dadurch, dass man sie verbrannte, da doch +wenigstens der Geruch und Rauch zum Himmel aufstiegen. + +Die geschäftige Phantasie bildete sich bald eine Theorie über die +Wirkung dieser Opfer, und da man dabei nie den menschlichen, oder rein +sinnlichen Standpunkt verließ, so kam man natürlich zu dem Schluss, dass +das, was Menschen ganz besonders angenehm, was selten und daher schwer +zu verschaffen, was ihnen vorzüglich lieb war, den Göttern das +angenehmste Opfer sein müsse. + +Da nun aber der Zorn der Götter schwer zu besänftigen war, das heißt da +unangenehme Naturerscheinungen oft lange dauerten und man viele Opfer +gebrauchte, bis sie mit ihren Wirkungen aufhörten, solche seltene den +Göttern besonders angenehme Opfer aber schwer zu verschaffen waren und +dem einzelnen oft fehlten, so vereinigten sich viele, den Bedarf für die +Götter herbeizuschaffen, da alle den Wunsch haben mussten, sie zu +versöhnen. So bildeten sich Opfervereine, die wohl als der Anfang der +Religion bezeichnet werden können. + +Die herbeigeschafften Opfervorräte mussten aufbewahrt und endlich den +Göttern dargebracht werden, und es wurden bald besondere Personen mit +diesem Geschäft beauftragt. So entstanden Priester. + +Da diese Priester diejenigen Personen waren, welche den Göttern, die man +sich stets als mehr oder weniger idealisierte Menschen dachte, die Opfer +darbrachten, also mit ihnen in unmittelbare Verbindung traten, so lag +der Gedanke nahe, dass die Götter ihnen als den wirklichen Spendern +besonders günstig seien und ihnen zunächst ihre Wünsche mitteilten. +Daraus folgte wieder, dass man ihnen einen gewissen Einfluss auf die +Entschlüsse der Götter zuschrieb und sich um ihre Gunst bemühte, damit +sie diesen vorausgesetzten Einfluss für diejenigen anwendeten, welche +sich ihre Zuneigung zu erwerben verstanden. + +Herrschsucht liegt aber in der Natur jedes Menschen, und es ist +begreiflich, dass den Priestern der von ihnen erlangte Einfluss angenehm +war und sie denselben zu erhalten und zu vermehren trachteten. Sie +wussten freilich, dass die in Bezug auf ihr Verhältnis zu den Göttern +gehegten Voraussetzungen irrtümliche waren; allein der Irrtum hatte +dieselbe Wirkung, wie ihn die Wahrheit gehabt haben würde, und es lag in +ihrem Interesse, denselben zu erhalten und zu vermehren. + +Die Priester in dieser Kinderperiode der Menschheit glaubten übrigens +selbst an die Götter und hatten von ihrer Natur im Hauptsächlichen +dieselbe Vorstellung wie die übrigen Menschen; sie hielten daher eine +unmittelbare Verbindung mit denselben für keineswegs unerhört oder +unmöglich, und Träume und Visionen, über deren Ursprung und Natur die +Erfahrungen noch gering waren, mochten sie darin bestärken, dass ein +solcher Verkehr mit den Göttern nicht nur möglich sei, sondern auch +wirklich stattfinde. + +So entstand denn allmählich infolge unabsichtlicher und absichtlicher +Täuschung über die Beziehung zwischen Göttern, Priestern und den anderen +Menschen ein System, welches auf dem Glauben beruhte, den das Volk den +Aussagen der Priester schenkte. Diese, die vertraut mit den Göttern +waren, wussten was diesen angenehm und unangenehm war, und sie +verstanden es, die Sprache zu deuten, durch welche sie sich den +Erdenkindern mitteilten. Die Priester ordneten die Art und Weise an, wie +die Opfer gebracht werden sollten, und dass sie bei all diesen +Anordnungen sich selbst nicht vergaßen, versteht sich wohl von selbst. +So wuchs das Ansehen der Priester von einem Menschenalter zum andern +immer mehr, und sie waren die eigentlichen Herrscher des Volkes. + +Außer den im Himmel, das heißt in den Wolken, wohnenden Göttern gab es +aber auch auf der Erde dem Menschen mehr oder weniger furchtbare +Gewalten; zunächst starke und reißende Tiere und endlich Menschen, die +ihre größere körperliche Kraft zum Nachteil anderer anwandten. Gegen +diese musste man sich schützen, und es ist begreiflich, dass diejenigen, +welche vermöge größerer Kraft, größeren Mutes und Geschicklichkeit sich +bei der Jagd und im Kriege auszeichneten, Einfluss und Macht unter ihren +Mitmenschen erwarben. Sie wurden Häuptlinge, - Fürsten. + +Verstand und Körperkraft sind nur selten in gleichem Maße in denselben +Menschen vereinigt, und als im Laufe der Zeit die Verhältnisse der +Gesellschaft verwickelter wurden, ward auch das Herrschen schwieriger, +und Fürsten und Priester fanden es zweckmäßig, sich gegenseitig zu +unterstützen, wobei je nach den Umständen bald die Gewalt der Fürsten, +bald die der Priester überwog. + +Die Religion wurde daher die Stütze der Despotie und umgekehrt. + +Viele sind stärker als einer, und da sich die Interessen des Einen nicht +immer mit denen der Vielen vertragen, so würde es noch häufiger +vorkommen, als es der Fall war und ist, dass die Vielen den Einen +zwingen, nach ihrem Willen zu regieren, wenn nicht die Religion, die auf +die Furcht vor den verborgenen, mächtigen Göttern gegründet war, ein +solches Auflehnen durch den Mund ihrer anerkannten Vertreter, der +Priester, als ein Verbrechen gegen diese Macht schon deshalb gestempelt +hätte, weil durch die Verminderung der Macht der Despoten die der +Priester gefährdet wurde, indem diese sie dazu gebrauchten, den +gefährlichsten Feind der von ihnen erfundenen Religion zu bekämpfen. + +Dieser Feind ist die Vernunft, das Denken und die daraus folgende +Erkenntnis, die Wissenschaft. + +Die Macht der Priester und alle Religion beruhte auf der Phantasie, +welche in der Kinderperiode der Menschheit die Götter erschuf. Die +Spekulation der Priester bildete diesen traditionellen Glauben zu einem +komplizierten System aus, welches aus Täuschungen und Dichtungen +zusammengesetzt und von vornherein auf Einbildungen erbaut war. + +Je mehr sich in den Menschen die Vernunft entwickelte und sie anfingen +zu beobachten und zu denken, das heißt aus Erfahrungen Schlüsse zu +ziehen, desto häufiger entdeckten sie, dass manche von den Priestern als +positive Wahrheiten ausgegebene Dinge gerade das Gegenteil waren, was +natürlich Misstrauen gegen andere Behauptungen erzeugte, auf denen die +Priestergewalt hauptsächlich gestützt war. Jeder Schritt, den die +Wissenschaft vorwärts tat, trat irgendeiner Priesterlüge auf den Kopf. + +Es war daher eine Lebensfrage für das Ansehen der Priester oder was sie +mit sich selbst zu identifizieren verstanden, der Religion, die +Entwicklung der Vernunft nach Kräften zu hemmen und die Verbreitung der +unvertilgbaren Resultate der Wissenschaft zu verhindern, was zunächst +durch die despotische Macht geschehen konnte. + +Da nun aber häufig Konflikte zwischen der Herrschsucht der Priester und +derjenigen der Fürsten entstanden, so waren die ersteren darauf bedacht, +für ihre Macht eine noch festere Begründung zu schaffen, als sie das sie +mit den Despoten verbindende gemeinschaftliche Interesse darbot, welches +nur bis zu einer gewissen Grenze gemeinschaftlich war. Das Verfahren der +Priester, um diesen selbstsüchtigen Zweck zu erreichen, war ebenso +praktisch als für die Menschheit und deren geistige Entwicklung +verderblich; der menschliche Geist musste der Aufklärung möglichst +unzugänglich und schon von Kindheit an in eine Form gezwängt werden, +welche ihn nötigte, sich in der gewünschten Weise zu entwickeln. Zu +diesem Ende bemächtigten sie sich der Erziehung der Jugend. + +Das genügte indessen ihrer Vorsicht noch nicht. Dieses Lehrerverhältnis +musste für das ganze Leben beibehalten und die Herrschaft der Priester +über die Seele der Menschen in solcher Weise ausgedehnt werden, dass +diese von der Wiege bis zum Tod keinen Gedanken denken konnten, von dem +die Priester nicht Kenntnis erhielten. + +Das Mittel, dies vollkommen zu erreichen war, in den Menschen die Furcht +zu pflanzen vor entsetzlichen Gefahren (die einzig in dem Gehirn der +Priester ihren Ursprung fanden) und gegen welche allein die Priester die +Mittel zu vergeben hatten. + +Es ist hiermit keineswegs gesagt, dass alle Priester bewusste Betrüger +waren. Das wohlersonnene und konsequent durchgeführte System verfehlte +seine Wirkung auf die Priester selbst nicht, welche aus dem Volk +hervorgingen und nach der als zweckmäßig und notwendig erkannten Art +erzogen worden waren. Ein großer Teil der Priester glaubte wirklich, was +sie lehrten, und diejenigen, die nicht glaubten, begriffen bald den +Vorteil, den es ihnen brachte, den Glauben im Volk zu erhalten. + +Der Glaube war der Hauptpfeiler des ganzen von den Priestern erbauten +Religionsgebäudes, und da mit seiner Zerstörung dasselbe durchaus fallen +musste, so war es die Hauptsorge aller Priester, diesen Glauben als das +Heiligste und Unantastbarste hinzustellen und schon den bloßen Zweifel, +welcher der Vernunft den Weg bahnte, als ein Verbrechen darzustellen, +welches die Götter als das schrecklichste von allen bestraften. + +Dieser Gedanke, welcher schon seit Jahrtausenden von Priestern aller +Religionen den Kindern eingeprägt wurde und sich von Generation zu +Generation weiter vererbte, behauptete sich unter den Menschen mit +solcher Gewalt, dass noch heute, nachdem die Vernunft und die trotz +aller Hemmnisse unaufhaltsam fortschreitende Wissenschaft die +Abgeschmacktheit aller auf den Glauben gegründeten Religionen erkannt +hatte, selbst Nichtgläubige es nicht wagen dürfen zu sagen: ich glaube +nicht an Gott, ohne unter Millionen Entsetzen zu erregen, obwohl mit +diesen Worten doch weiter nichts ausgedrückt ist als: die Vorstellung, +welche ich, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts, von der Weltursache, +von Gott habe, ist eine durchaus andere als diejenige, welche die +Mehrzahl der Menschen vor Jahrtausenden hatte, und welche noch die Basis +der heutigen herrschenden Religion bildet. + +Da nun der Glaube sich als der Hauptfeind des menschlichen Fortschritts +erwies und noch erweist, und es Zweck dieses Buches ist, zu der +Wegräumung dieses mächtigen Hindernisses beizutragen, so wird es nötig +sein, die Natur desselben zu untersuchen. + +Was ich aus eigener Erfahrung kenne, brauche ich nicht zu glauben, das +weiß ich; ich kann nur glauben oder nicht glauben, was ich aus dieser +Erfahrung schließe, oder was mir andere als ihre Erfahrung, oder als +Schlüsse, die aus derselben gezogen sind, mitteilen. + +Es gibt zwei Arten von Glauben: der vernünftige und der unvernünftige, +und ihre Erklärung liegt schon im Beiwort. Was meine Vernunft als +möglich annimmt, kann ich glauben ohne unvernünftig zu sein, selbst wenn +das mir als Faktum mitgeteilte nicht wahr sein sollte; glaube ich aber +an das Geschehensein einer Handlung, welche meine Vernunft als unmöglich +erkennen muss, so ist mein Glaube ein unvernünftiger. + +Der Maßstab, den die Vernunft für die Möglichkeit einer Sache hat, ist +ursprünglich einzig und allein die Erfahrung. Beispiele werden meine +Ansicht klarer machen als Definitionen. + +Erzählt mir jemand, er habe im Oktober einen Kastanienbaum blühen +gesehen und ich glaube ihm, so ist mein Glaube ein vernünftiger, selbst +wenn derjenige, der mir die Sache erzählt, eine Unwahrheit sagen sollte. +Ich selbst habe Kastanienbäume oder andere Pflanzen um diese Zeit blühen +gesehen, welche sonst nur im Frühjahr zu blühen pflegen und dasselbe ist +mir von vielen Personen bekannt, von denen ich keinen Grund habe +anzunehmen, dass sie eine Unwahrheit sagen. + +Man sagt, die Sonne sei einundzwanzig Millionen Meilen entfernt. Ich +glaube es, und mein Glaube ist kein unvernünftiger, obwohl ich die +Entfernung nicht gemessen habe, da mir dazu die Mittel, das heißt die +nötigen Kenntnisse fehlen. Ich habe aber Kenntnisse genug, um durch +Berechnung der Entfernung von mir zu Punkten zu messen, zu denen ich +nicht mit dem Maßstab gelangen kann und habe die Richtigkeit meiner +Rechnung durch Abschreiten oder mit dem Maßstab nicht selten geprüft, +wenn das Hindernis, welches mich von dem Gegenstand trennte, vielleicht +später weggeräumt wurde. Ich weiß daher, dass die Wissenschaft Mittel +bietet die Entfernung von Punkten zu messen, zu denen man nicht gelangen +kann. Mein Glaube ist daher auf Erfahrung begründet, also vernünftig. + +Es teilt mir jemand mit, ein Mensch sei von Liverpool nach New York +durch die Luft geflogen. Wenn ich es glaube, so mag man mich +leichtgläubig nennen, allein mein Glaube ist kein absolut +unvernünftiger, denn ich weiß aus Erfahrung, dass der Unterschied +zwischen der Schwere des Körpers und der Luft durch verschiedene Mittel +ausgeglichen werden kann und sehe Vögel fliegen mit Hilfe einer +mechanischen Vorrichtung, der Flügel. + +Sagt man mir, es habe ein Mensch durch sein Wort einen Körper +geschaffen, das heißt ohne andere vorhandene Stoffe zur Hilfe zu nehmen, +aus dem Nichts hervorgerufen, und ich glaube es, so ist mein Glaube ein +unvernünftiger, denn ich selbst kann durch meinen Willen nicht einmal +ein Staubkorn schaffen, noch ist es jemals bewiesen worden, dass es von +einem Menschen geschehen ist. + +Glaubt man, dass ein Gemälde oder ein Steinbild geredet oder eine +willkürliche Bewegung gemacht habe, so ist dieser Glaube ein +unvernünftiger, da eine solche Tat allen Erfahrungen widerspricht. +Trotzdem mögen Personen, welche behaupten Ähnliches erlebt zu haben, +nicht absolut Lügner zu nennen sein, da die Erfahrung lehrt, dass es +Seelenzustände gibt, in denen sich Menschen so fest einbilden, Dinge zu +sehen oder zu hören, dass sie dieselben für Wahrheit halten, während sie +in der Tat nur auf Sinnestäuschung beruhen. + +Der Kreis unserer persönlichen Erfahrung kann wegen der Kürze unseres +Lebens selbst bei dem Gebildetsten nur beschränkt sein und wir würden +uns gewissermaßen in die hilflose Lage der ersten Menschen versetzen, +wenn wir allein das als wahr annehmen oder glauben wollten, was wir von +unseren eigenen Erfahrungen und den daraus gefolgerten Möglichkeiten auf +dem Wege des vernünftigen Denkens ableiten. Die wirklich festgestellten +Erfahrungen vor uns lebender Beobachter sind das kostbarste, nie wieder +zu verlierende Erbteil des lebenden Geschlechts. + +Die Vernünftigkeit des Glaubens an diese die Erfahrung begründenden +Tatsachen hängt von den Gründen ab, welche wir haben, an die +Wahrhaftigkeit der Personen zu glauben, von welchen sie uns mitgeteilt +wurden, wie auch von dem Grad ihrer geistigen Ausbildung, ihrem +Charakter und ob sie fähig sind, eine absichtliche Unwahrheit zu sagen, +wenn es ihrem Interesse dienen kann; ferner ob die berichtete Tatsache +isoliert dasteht; ob gleichartige von andern beobachtet wurden; ob sie +ganz bekannten Naturgesetzen in bestimmter Weise zuwider sind und von +vielen andern Gründen. Die Glaubwürdigkeit einer mitgeteilten Tatsache +beruht daher zunächst auf der Autorität der Person, von welcher sie +berichtet wird, und ob sie wirklich als selbst gesehen oder erfahren, +oder als geglaubt, von Hörensagen angegeben wird. + +Auf Erfahrung beruht die Wissenschaft; die Tatsachen sind die Sprossen +der Leiter, welche unsere Vernunft zur Erkenntnis der Wahrheit führen, +und daher ist die Wissenschaft der Todfeind des unvernünftigen Glaubens, +da sie ihn als solchen erkennen lehrt und mit dieser Erkenntnis +vernichtet. + +Unvernünftigen Glauben nennt man gewöhnlich Aberglauben und nach der +Erklärung, die ich von der Entstehung der Religion gegeben habe, kann +ich ohne alles Bedenken den religiösen Glauben als unvernünftigen oder +Aberglauben bezeichnen. Dies gilt nicht nur von den Religionen der +ersten Menschen, sondern von allen noch jetzt auf der Erde bestehenden +Religionen, von denen sich ohne Schwierigkeiten nachweisen lässt, dass +sie nur eine in der Form veränderte Erweiterung der "vom Himmel", das +heißt aus den Wolken gekommenen Urreligion sind. + + "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind." + +Wenn wir die vergangenen und bestehenden Religionen untersuchen, so +finden wir, dass sie alle, ohne Ausnahme, auf Wunder gegründet sind, +welche der Dichter sehr richtig als das Kind des (religiösen) Glaubens +bezeichnet. + +Im Allgemeinen nennt man Wunder jede Erscheinung, Handlung oder +Tatsache, deren Ursprung die Wissenschaft nicht angeben und nachweisen +kann; ja, wir dehnen den Begriff dieses Wortes auch auf solche +Erscheinungen aus, deren Ursachen wir wohl kennen, die uns aber als +ungewöhnlich oder besonders merkwürdig auffallen, und in diesem Sinne +reden wir zum Beispiel von Naturwundern. + +Obwohl nun auch die Religion, das heißt die Priester, solche natürliche +Wunder zu ihrem Zwecke benutzte, als deren Ursachen dem Volk noch +unbekannt waren, so ist doch das eigentliche religiöse Wunder ganz +anderer Art und charakterisiert sich dadurch, dass es gegen die Natur +ist, das heißt eine Aufhebung der bekannten Naturgesetze vorausgesetzt. + +Den Völkern früherer Zeiten erschien eine Sonnen- oder Mondfinsternis, +oder ein Komet als ein Wunder, und derselbe Fall war es mit einer Menge +von Erscheinungen, deren Ursprung die jetzige Wissenschaft nicht nur +ganz klar nachweist, sondern auch ganz genau im Voraus berechnet. - +Manchen wilden Völkern ist ein Streichhölzchen noch ein Wunder und +selbst unsern eigenen niederen Volksklassen erscheint manches als +Wunder, was dem Gebildeten eine alltägliche Erscheinung ist. + +Die Priester, welche hauptsächlich mit den Göttern zu verkehren und +ihren Willen zu erforschen hatten, der sich, wie wir gesehen haben, für +sie in Naturerscheinungen äußerte, mussten durch Beobachtung wohl +zunächst mit der Tatsache bekannt werden, dass es bestimmte Naturgesetze +gebe. Indem sie ihre Erfahrungen von Priestergeschlecht zu +Priestergeschlecht fortpflanzten, kamen sie auf dem Wege der +Wissenschaft allmählich zur Kenntnis von Dingen, die sie für sich +behielten, da sie diese Kenntnis zur Erhöhung ihres Ansehens im Volk +äußerst brauchbar fanden. Einen Beweis dafür finden wir in dem Verhalten +der alten ägyptischen Priester, die in der Erkenntnis der Natur und der +Eigenschaft vorhandener Dinge sehr weit fortgeschritten waren und +Erfindungen und Entdeckungen machten, die erst nach sehr vielen +Jahrhunderten auf anderen Wegen ebenfalls entdeckt und allgemein bekannt +wurden. Man fand z.B. in ägyptischen Gräbern metallene Gegenstände, +deren Hervorbringung man sich gar nicht erklären konnte, bis man erst in +diesem Jahrhundert durch die Erfindung der Galvanoplastik in den Stand +gesetzt wurde, zu erkennen, dass sie auf galvanoplastischem Wege gemacht +waren. Diese Kunst setzt aber schon bedeutende andere Erfahrungen und +Entdeckungen in Bezug auf die Eigenschaften natürlicher Substanzen +voraus. + +Dass die ägyptischen Priester die Wissenschaft zu dem eben angeführten +Zwecke benutzten, wissen wir mit Bestimmtheit. Sie verrichteten +Handlungen, welche die übrigen Menschen als Wunder betrachteten und +viele Schriftsteller der alten Zeit berichten von ägyptischen Künsten +und ägyptischer Wissenschaft. + +Ich erwähne diese ägyptische Wissenschaft insbesondere deshalb, weil sie +die Mutter der in der Bibel erzählten Wunder ist, die wieder die +Veranlassung zu den Wundern der römisch-katholischen Kirche wurden, +welche jedoch meistens keineswegs mit Hilfe der Wissenschaften +hervorgebracht, sondern von den Priestern erfunden wurden. Wunder, wie +sie die Ägypter taten, setzten Kenntnisse voraus, die schwer zu erlangen +waren; allein die römischen Priester fanden, dass sich noch wunderbarere +Dinge erfinden ließen, die mit Rücksicht auf ihren Zweck, ganz dieselbe +Wirkung hervorbrachten, da sie geglaubt wurden; geglaubt, weil sie als +Tatsachen von Männern erzählt wurden, an deren Autorität man nicht +zweifelte und die zum Teil selbst glaubten. + +Eigentliche Wunder, das heißt Dinge, welche gegen die Naturgesetze sind, +kann es nicht geben; was geschieht, geschieht auf natürliche Weise und +entspringt aus natürlichen Ursachen, und wenn wir diese Ursachen nicht +erkennen können, da unsere Kenntnis von den Eigenschaften und Kräften +der Natur noch beschränkt ist, so ist die Annahme doch eine durchaus +vernünftige, wie aus den folgenden Auseinandersetzungen hervorgehen +wird. + +Viele gebildete Leser werden sich darüber wundern, dass ich mich bei den +Wundern so lange aufhalte, da dies, um eine Modephrase zu gebrauchen, +"ein längst überwundener Standpunkt" ist; allein wenn dies auch in Bezug +auf den Gebildeten der Fall sein mag, so hat doch das Volk im +Allgemeinen diesen Standpunkt noch keineswegs überwunden und selbst der +größte Teil derer, die sich zu den Gebildeten zählen, werden aus den +folgenden Beweisen erkennen, dass sie an Wunder glauben. + +Die Verteidiger des Wunderglaubens sagen zum Beispiel: Gott ist +allmächtig, aus Nichts hat Gott die Welt gemacht; und Millionen nehmen +dies als eine so unumstößliche Wahrheit an, dass sie es mit Abscheu als +ein Verbrechen betrachten, wenn jemand sagt: "Gott ist nicht allmächtig; +Gott hat nicht die Welt aus Nichts gemacht; denn ein solcher Glaube ist +unvernünftig." + +Dass das Weltall, welches aus getrennten Körpern besteht, die nach +bestimmten Gesetzen zusammengesetzt und vermöge der jedem Körper +innewohnenden Eigenschaften miteinander zu dem großen Ganzen vereinigt +sind, einen Ursprung, eine Ursache haben muss, muss jeder mit Vernunft +begabte Mensch zugeben. Die Ursache oder Macht, welche das was ist +bewegt und erhält, ist Gott; und was ich in dem hier Folgenden sage, +bezieht sich durchaus auf diesen Begriff und auf keine subjektive +Vorstellung der Weltursache, wie sie irgendeiner der bestehenden oder +vergangenen Religionen zu Grunde liegt. + +Ich rede auch nicht von der Vorstellung, die ich mir selbst von Gott +mache, denn diese, so vernünftig sie auch sein oder erscheinen mag, hat +doch immer nur einen subjektiven Wert wie jede andere Gottesvorstellung; +ich untersuchte mit meiner Vernunft einfach, inwieweit sich die Idee der +Allmacht und einer Erschaffung aus dem Nichts mit dem von mir oben +definierten Begriff Gott verträgt. Ein Streben, das Wesen Gottes zu +erkennen, ist gewiss der erhabenste Gebrauch, den der Mensch von dieser +ihm von Gott gegebenen Vernunft machen kann. + +Wir erkennen die Beschaffenheit einer Ursache einzig aus ihrer Wirkung, +und zunächst erscheint uns als eine solche das Weltall mit den Gesetzen, +die es erhalten und bewegen. Wir haben keinen anderen Anhaltspunkt für +die Beurteilung dieser Kraft, welche den Stoff zu organischen Körpern +vereinigt, als unsern eigenen Gedanken, kraft dessen wir im Stande sind, +aus vorhandenem Material, dessen Eigenschaften wir aus Erfahrung kennen, +Zusammensetzungen herzustellen, durch deren Aufeinanderwirken ein +bestimmter Zweck erreicht wird, wie es durch eine Maschine oder durch +ein chemisches Präparat geschieht. + +Vergleichen wir eine Sperlingsfalle, die sich ein Kind aus Ziegelsteinen +baut, mit einer Dampfmaschine, die ein Schiff bewegt, so ist es klar, +dass ein bedeutend mehr ausgebildeter Geist dazu gehörte, diese Letztere +zu erdenken, allein die Tätigkeit oder Kraft, durch die beide +hervorgebracht wurden, die Ursache, ist gleichartig. + +Vergleichen wir nun aber den gewöhnlichen Organismus, der einen Teil des +großen Ganzen, der Welt bildet, zum Beispiel ein Blume oder einen Baum, +mit der allervollkommensten Maschine, welche der menschliche Gedanke +hervorbrachte, so sieht auch der oberflächliche Beobachter, dass beide +in Bezug auf Vollkommenheit noch unendlich verschiedener sind als die +Falle des Kindes und die Dampfmaschine; allein trotzdem ist der Schluss +vernünftig, dass der Organismus, den wir bewundern, seinen Ursprung +einer geistigen Tätigkeit verdankt, die derjenigen ähnlich ist, welche +die Sperlingsfalle und die Dampfmaschine zusammensetzte. + +Wenn wir aber den wunderbaren Organismus der ganzen Welt betrachten, so +weit wir denselben erkennen können, so schließen wir aus der +Vollkommenheit, die wir überall entdecken, dass der Geist, welchem +dieser Organismus seinen Ursprung verdankt, die höchste Potenz geistiger +Vollkommenheit sein müsse. + +Manches in der Welt erscheint dem Beobachter allerdings unzweckmäßig und +unvernünftig, also unvollkommen; allein die Erfahrung lehrt uns, dass +eine unendliche Menge von Einrichtungen und Dingen, die früher den +Menschen so erschienen, später als bewundernswürdig und vollkommen +erkannt wurden, nachdem man den Zweck entdeckt hatte. Diese Erfahrung +ist so häufig gemacht und die Menschen sind so oft von ihrem Irrtum +überführt worden, dass es vollkommen vernünftig ist anzunehmen, dass der +Weltorganismus vollkommen, dass er der angewandte Gedanke der höchsten +Vernunft, und dass alles, was ist, vernünftig ist. + +Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die geistige Ursache der +Weltorganisation, von der wir selbst einen Teil bilden, also Gott, dem +menschlichen Geiste ähnlich sei und sind daher vernunftgemäß berechtigt, +von diesem Anhaltspunkt weiter zu schließen. + +Der menschliche Geist kann vorhandenen Stoff zu bestimmten Zwecken +zusammensetzen, allein er kann durch seien Gedanken oder Willen keinen +Körper aus dem Nichts hervorrufen oder schaffen, auch nicht einmal das +kleinste Sandkörnchen. Da nun unser Geist der einzige Anhaltspunkt für +das Verständnis geistiger Kraft ist, und wir aus der erkannten +Gleichartigkeit des menschlichen Geistes mit Gott auf die Eigenschaften +Gottes nur von denen schließen, die wir selbst besitzen, so kommen wir +zu dem logischen Schluss, dass Gott die Welt, das heißt den Stoff, nicht +geschaffen haben kann. + +Da wir aber wissen, dass alles, was innerlich dieser Welt - von einem +darüber Hinausliegenden können wir überhaupt gar keinen Begriff haben, - +geschieht und ist, eine Ursache hat, so fragen wir natürlich, welches +ist die Ursache des Stoffes? - und um sie zu lösen, sind wir wieder auf +unsere Erfahrung und Vernunft angewiesen, die jedes Urteil überhaupt +begründen. + +Kein Mensch kann einen Körper aus dem Nichts schaffen; allein ebenso +wenig vermag er es, den Stoff zu vernichten. Die Form, in welcher sich +der Stoff zeitweilig darstellt, sehen wir täglich zerstören und wir +vermögen das ebenfalls; allein von dem Stoff selbst, aus dem irgendein +Körper zusammengesetzt ist, geht auch nicht das kleinste Teilchen +verloren, wie jeder Chemiker am besten weiß, der sich täglich damit +beschäftigt, Körper in ihre verschiedenen Bestandteile zu zersetzen. + +Unser eigener Körper kehrt nach den Tode "zur Erde zurück". Das heißt, +die Bestandteile, aus denen er besteht, zersetzen sich und werden wieder +Bestandteile anderer Körper. Legen wir Silber in Salpetersäure, so löst +dieselbe das Metall auf und verwandelt dasselbe in eine Flüssigkeit, in +der das Silber durch das Auge nicht zu erkennen ist; allein wir wissen, +dass es darin steckt und haben Mittel, es wieder in seiner Gestalt als +Metall herzustellen. - Verbrennen wir einen Körper, das heißt zerstören +wir seine Form durch Feuer, so zersetzt er sich in Asche, Rauch und +Gase, in andere Körper; denn wenn auch das Gas unsichtbar ist, so ist es +doch andern Sinnen wahrnehmbar, zum Beispiel dem Geruch, und wir können +es messen und wiegen und aus der Verbindung von Gasen sogar wieder +sichtbare Körper herstellen, wovon das Wasser das bekannteste Beispiel +ist. + +Da unsere Erfahrung keinen aus dem Nichts entstandenen Körper kennt und +ebenso wenig von der absoluten Vernichtung eines solchen weiß, so kommen +wir zu dem Schluss, dass der Stoff, das Körperliche, die Materie weder +geschaffen wurde noch vernichtet werden kann, also vorwärts und +rückwärts ewig ist. + +Der Begriff der Ewigkeit ist für uns unfassbar, weil wir zu ihrer +Beurteilung nur die Zeit haben, welche ein endlicher Begriff ist. Ob wir +zu der Ewigkeit eine Minute oder eine Million Jahrhunderte hinzutun oder +davon hinwegtun, ist gleichgültig, denn es bleibt immer Ewigkeit. + +Noch unfassbarer, weil wir dafür auch nicht den Schein eines +Anhaltspunktes haben, ist für uns ein absoluter Geist oder absolute +geistige Kraft; denn jeder Geist und jede geistige Äußerung, die wir +kennen, steht in Verbindung mit der Körperwelt, und ebenso ist uns ein +Körper undenkbar ohne geistige Beeinflussung, denn selbst der Stein ist +gewissen Gesetzen unterworfen. + +Wir kommen daher zu dem Schluss, dass der Stoff und der ihn belebende +Geist ewig verbunden waren, und dass ein von der Welt abgesonderter Gott +undenkbar und unmöglich ist. + +Da Gott die höchste Potenz der Vernunft und der zur Welt +zusammengesetzte Stoff das Werk derselben ist, so ist alles, was ist, +vernünftig, vollkommen und keiner Verbesserung fähig, wie auch keiner +Änderung, die nicht nach den ewigen, absolut vollkommenen Gesetzen vor +sich geht. Da nun ein Wunder nach der früher gegebenen Erklärung eine +Handlung oder ein Ereignis ist, welches den Naturgesetzen widerspricht, +so ist ein solches selbst Gott unmöglich, denn die höchste Vernunft kann +nicht irren. + +Gott kann also kein Wunder tun und kann keinen Stoff aus dem Nichts +erschaffen, ist also nicht allmächtig, und die Vorstellung von einem +wundertuenden, allmächtigen Gott ist eine in sich selbst zerfallende. +Diejenigen, welche damit ihrer Verehrung vor dem höchsten Wesen den +höchstmöglichen Ausdruck gegeben zu haben meinen, sind im Irrtum, da, +wie eben gezeigt wurde, diese Vorstellung von Gott eine zu geringe ist. + +Sie würde für die Welt im Allgemeinen keine größere Bedeutung haben, wie +irgendwelche andere, wenn sie nicht einer Religion zu Grunde läge, +welche als Hauptstütze des Despotismus gilt und seit Jahrhunderten zu +diesem Zwecke benutzt wurde. + +Die Regierungen selbst der als aufgeklärt geltenden Staaten gehen noch +immer von der Idee aus, welche ursprünglich Priester und Despoten +verband, dass nur Furcht vor der unsichtbaren Macht, welche doch der +Hauptfaktor der Religion der Religiösen ist, im Stande sei, die Achtung +vor dem Gesetz und dem Fürsten zu erhalten. Aus diesem Grunde wird die +Erziehung der Jugend auf das strengste vom Staat überwacht und der +Kontrolle der Priester überlassen, damit diese die Kinderseele bereits +mit dem Glauben vergiften, welcher zur Erhaltung der Religion absolut +nötig ist. + +Der Grund dieser Religionspflege, dieser Sorge für den religiösen Sinn +von Seiten der Regierungen ist eine mehr oder weniger bewusste Maßregel +despotischer Gelüste und Tendenzen und das Vorgeben, dass der religiöse +Sinn zum individuellen Wohl der Untertanen mit solcher Strenge +aufrechterhalten werde, eine offenbare Heuchelei und handgreifliche +Lüge. + +Königin Christina von Schweden, die Tochter Gustav Adolfs, war +katholisch geworden und hielt sich viel in Rom auf. Als sie den alten +Oxenstierna einlud, dorthin zu kommen, entsetzte sich der orthodoxe +Protestant bei dem Gedanken, dass der Papst es auf seine Seele abgesehen +habe. Christina, die den Papst und seine Absichten besser kannte, +antwortete lachend: "Glaubt mir, der Papst gibt nicht vier Taler für +eure Seele". Ich glaube kaum, dass irgendeine Regierung aus bloßer +väterlicher Teilnahme für das Schicksal einer Seele, nachdem deren +Inhaber durch den Tod aus dem Untertanenverband ausgeschieden ist, - +vier Silbergroschen geben würde. + +Ich habe nicht nötig, über diesen Vorwand für den ausgeübten +Religionszwang noch ein Wort zu sagen und darf dreist behaupten: je +sorgfältiger eine Regierung die Religion durch Zwangsmaßregeln +unterstützt, je ängstlicher sie darauf bedacht ist, die Erziehung in der +Hand der Priester zu lassen, desto despotischer sind ihre Neigungen. + +Die Behauptung, dass der Religionszwang zur Erreichung des vernünftigen +Staatszwecks noch immer notwendig sei, dass ohne denselben die Gesetze +nicht hinreichen würden, Verbrechen zu verhindern, ist eine falsche, +welche durch die Erfahrung widerlegt wird. Diese lehrt, dass in +denjenigen Ländern, in welchen durch die Reformation ein Teil des +religiösen Glaubenswustes weggeräumt und der durch die Wissenschaft +verbreiteten Aufklärung mehr Spielraum gewährt wurde, weit weniger +Verbrechen begangen werden, als in den katholischen. Wilberforce beweist +uns, dass bereits dreißig Jahre nach der Reformation die Zahl der in +England hingerichteten Verbrecher sich von 2000 auf 200 jährlich +verminderte. + +Seit die Reformation der "Freiheit eine Gasse" bahnte, sind aber über +drei Jahrhunderte vergangen, und wenn auch die reformierten Fürsten und +Priester über die Nützlichkeit des Religionszwanges ganz dieselben +Ansichten hatten wie die katholischen, so war die Organisation der +reformierten Kirche doch nicht so geeignet wie die der katholischen, der +Entwicklung der Wissenschaft hindernd in den Weg zu treten, obwohl es an +dem aufrichtigen Willen hierzu besonders bei den Geistlichen wahrhaftig +nicht fehlte. Die Wissenschaft hat der Tat nach den Aberglauben +vollständig überwunden und trotz aller Bemühungen der Finsterlinge, +trotz aller Hausmittel der Despoten, wie Zensur, Lehrzwang usw., gewinnt +sie täglich mehr und mehr Einfluss im Volk und dasselbe sieht täglich +klarer, dass es seit Jahrhunderten das Opfer des grandiosesten +Schwindels war, den die Geschichte kennt; und dass der Eigennutz der +Priester und Despoten an der Menschheit ein Verbrechen beging, welches +an Schlechtigkeit und Gemeinschädlichkeit jedes andere übertrifft. + +Wäre die Ansicht richtig, dass der kirchliche Glaube nötig sei, die +Achtung vor dem Gesetz zu erhalten, dann müsste die größte Zahl der +Verbrecher aus den gebildeten Ständen kommen, die, wenn sie sich +aufrichtig prüfen, gestehen müssen, dass sie von dem was im Katechismus +gelehrt wird, sehr wenig oder gar nichts so glauben, wie es die Kirche +verlangt. + +Der wirklich Gebildete verletzt nicht das Gesetz, weil er sich vor +irgendwelcher Strafe fürchtet, die ihn hier oder nach dem Tode treffen +könnte, sondern einfach, weil das Gefühl für Recht und Unrecht in ihm +Fleisch und Blut geworden ist. Je ausgebildeter der Verstand eines +Menschen ist, desto weniger wird er selbst der Versuchung ausgesetzt +sein, ein Verbrechen zu begehen; und durch ein Befördern der Mittel, +welche die Bildung erzeugen, würde die Regierung am besten dazu +gelangen, in Bezug auf die zur Erreichung des vernünftigen Staatszweckes +nötigen Gesetze einen Zustand herzustellen, wie er bereits faktisch in +Bezug auf die Anstandsgesetze besteht. Selbst wenn die Polizei es +gestattete, würde es doch unter tausend Menschen kaum einem einfallen, +entblößt durch die Straßen zu gehen, und wenn es jemand tut, so bedarf +es meistens nicht der gesetzlichen Gewalt ihn daran zu verhindern, oder +dafür zu bestrafen, denn es geschieht durch die Gesellschaft selbst. + +Mag die Religion auch in den früheren Jahrhunderten einen guten Einfluss +geübt und nicht allein zur Unterdrückung der Despotie, sondern überhaupt +der gesellschaftlichen Ordnung gedient haben; im gegenwärtigen +Jahrhundert ist sie für den Staatszweck nicht nur durchaus unnütz, +sondern geradezu schädlich, da sie der Entwicklung der Wissenschaft und +der durch sie erzeugten Bildung hinderlich ist. + +Die tägliche Erfahrung lehrt, dass heutzutage die Menschen, selbst der +ungebildeten Klassen, nicht durch religiöse Furcht von Verbrechen +abgehalten werden. Man frage nur einen Polizei- oder Kriminalbeamten auf +sein Gewissen, und jeder wird gestehen müssen, dass - mit äußerst +seltenen Ausnahmen - selbst der dümmste Bauer einen Gendarmen, also das +Gesetz und die durch dasselbe diktierte Strafe, mehr fürchtet als Gott +oder den Teufel. Alles, was die Regierungen durch ihre Zwangsmaßregeln +in Bezug auf Religion erzeugen, ist einerseits Gleichgültigkeit dagegen, +wenn nicht Hass und Verachtung gegen die bornierte oder despotische +Zwecke verfolgende Regierung, oder eine zur Gewohnheit gewordene, alle +Schichten der Gesellschaft durchdringende und sie demoralisierende +Heuchelei. + +Was wir von unseren Regierungen verlangen, ist, dass sie als solche von +der Religion gar keine Notiz nehmen und sie nicht, wie es jetzt fast +noch überall der Fall ist, den Aberglauben aussäen und sein Wachstum +befördern zu können glauben. Wer das Bedürfnis zur Religion fühlt, mag +dieselbe ausüben und sich mit andern zu diesem Zwecke vereinigen; das +Gesetz wird ihn in dieser Ausübung beschützen und sich erst dann +hindernd einmischen, wenn durch diese Ausübung die gesetzlichen Rechte +anderer beeinträchtigt werden. Ist die Religion durch sich selbst stark, +so braucht sie keine Unterstützung und Begünstigung von Seiten der +Regierung; hat sie aber Grund, die Wissenschaft zu fürchten, so beruht +sie auf Aberglauben, und je eher sie dem Feind desselben unterliegt, +desto besser ist es für die Menschheit. + +Wie wir allmählich die Regierungen gezwungen haben, den Despotismus +aufzugeben, oder wenigstens seine Unberechtigung dadurch anzuerkennen, +dass sie ihn unter konstitutionellen und anderen Masken verstecken, so +werden sie auch durch die Macht der öffentlichen Meinung gezwungen +werden, ihre schützende Hand von dem Aberglauben abzuziehen und seine +Ausrottung der Wissenschaft zu überlassen. + +Wir wissen sehr wohl, dass die Trennung von Kirche und Staat nicht ohne +Schwierigkeiten vonstatten geht und können die Natur derselben nach +denen beurteilen, mit welchen in diesem Augenblick die österreichische +Regierung nur deshalb zu kämpfen hat, weil sie die zu anmaßend gewordene +Dienstmagd in ihre Schranken zurückzuweisen gezwungen wurde. Der +Widerstand geht nicht allein von den Pfaffen aus, sondern er wird durch +das von ihnen im Aberglauben erzogene und erhaltene Volk teilweise +unterstützt. Nun rächt sich "der Fluch der bösen Tat" an der Regierung, +welche, als sie es noch wagen durfte, despotisch zu sein, mit allem +Eifer den Pfaffen die Waffen schmieden half, welche dieselben nun gegen +sie anwenden. + +Der Kampf gegen die Anmaßungen der in ihren Ansprüchen durchaus +logischen römischen Kirche würde ohne besondere Schwierigkeiten zu Ende +geführt werden können, wenn die Regierungen sich entschließen könnten, +ehrlich mit dem Aberglauben zu brechen; allein sie wünschen von +demselben zu behalten, was den despotischen Tendenzen ihrer Leiter +nützt, welche freiere Institutionen meistens nicht deshalb bewilligen, +weil sie von der Berechtigung des Volkes zur Freiheit und +Selbstregierung überzeugt, sondern einfach, weil sie zu Konzessionen und +Aufgabe eines Teils ihrer Macht gezwungen sind, um nicht alles zu +verlieren. Sie fühlen, dass der religiöse und politische Aberglaube +Zweige desselben Stammes sind, deshalb hüten sie sorgfältig die Wurzel. + +Die Erfahrung lehrt, dass das Wissen den Aberglauben jeder Art zerstört +und dass es unmöglich ist, seiner Verbreitung gänzlich Einhalt zu tun, +denn wie Luft und Licht dringt das Wissen durch kaum wahrnehmbare Poren +in den geistigen Körper des Volks und entwickelt in ihm die latenten, +natürlichen Kräfte, welche den Aberglauben zersetzen und ausscheiden. + +Es hat Zeiten gegeben, wo der dem Eindringen des Wissens +entgegengesetzte Widerstand bedeutend stärker war, als es jetzt der Fall +ist und wo die Männer, die sich seine Verbreitung zur Lebensaufgabe +stellten, ihr Streben mit Leben und Freiheit zu bezahlen hatten; dennoch +ließen sie nicht ab und das Wissen schritt fort. Es wäre törichte +Feigheit, den Kampf nicht kräftiger fortzuführen, da der endliche Sieg +des Wissens über den Aberglauben von keinem mit gesundem Sinne begabten +Menschen mehr bezweifelt werden kann. + +Obwohl jeder allgemein für die Verbreitung des Wissens wirken kann, so +ist es doch zweckmäßig, wenn die Kämpfer ihre Wirksamkeit auf besondere +Punkte in der feindlichen Schlachtlinie richten, welche andere +Situationen beherrschen. + +Einer der Schlüsselpunkte der feindlichen Stellung ist der persönliche +Einfluss der römischen Priester auf das Volk, denn der Aberglaube +desselben wurzelt ursprünglich in Autoritätsglauben. Das Volk glaubt, +dass die Männer, welche ihm die Lehre der römischen Kirche erklären, +achtungswerte Männer sind, die nicht allein selbst glauben was sie +sagen, sondern auch einzig und allein das Wohl der Menschen im Auge +haben, wenn sie von ihnen unbedingten Glauben und ein Befolgen der von +der römischen Kirche verlangten Handlungen fordern. Es wird daher ein +verdienstliches Werk sein, dem Volk zu beweisen, soweit dies durch die +Geschichte möglich ist, dass die ehrlichen Priester, das heißt +diejenigen, die selbst glauben, von unehrlichen Priestern betrogen +wurden; dass Aussagen und Fakten, die als wirklich geschehen berichtet +werden, zu diesem oder jenem selbstsüchtigen Zwecke erfunden wurden, und +dass das ganze Gebäude der Kirche auf einem Fundament von greifbaren +Lügen erbaut wurde. Es wird daher verdienstlich sein, historisch +nachzuweisen, dass die größte Zahl der Päpste und ihrer Priester +bewusste Betrüger waren, welche nicht entfernt das Wohl des Menschen, +sondern einzig und allein ihren eigenen Vorteil im Auge hatten und zur +Erreichung dieses nichtswürdigen Zweckes die allernichtswürdigsten +Mittel anwendeten. + +Dies historisch nachzuweisen, ist der spezielle Zweck des nachfolgenden +Buches. Mich treibt dazu kein eigennütziger Zweck, denn welcher +persönliche Vorteil ließe sich dadurch erzielen? Mich treibt einzig die +Liebe zur Wahrheit und der Wunsch, vielleicht einige Menschen, die sich +von den Fesseln des Aberglaubens bedrückt fühlen, davon zu befreien, +indem ich ihnen zeige, dass diese Fesseln Einbildungen sind; mit dieser +Erkenntnis wird der Geist frei. + +Da ich nun keinen eigennützigen Zweck mit der Verbreitung der Wahrheit +verbinden kann, so dürfte ich gewiss ebenso viel Anspruch auf +Glaubwürdigkeit machen, wie irgendein Priester, der, so ehrlich er auch +sein mag, doch immer zu derjenigen Klasse gehört, welche von dem, was +ich als Lüge bloßlege, Nutzen zieht; allein ich verlange gar keinen +Glauben; es stehen ja jedem dieselben Quellen zu Gebot, aus denen ich +diejenigen Tatsachen schöpfe, die mir als Beweise dienen und denen ich +Glauben schenke, weil ich keinen vernünftigen Grund habe, ihnen zu +misstrauen; wer meint, dass ich im Stande sei, irgendwelche Aussagen +einem Heiligen oder hochgeachteten katholischen Kirchenlehrer +unterzuschieben, kann sich ja leicht davon überzeugen, indem er die von +der Kirche selbst anerkannten und veröffentlichten Werke dieser Männer +nachliest. + +Katholische Priester, welche von Leuten befragt werden, die dieses Buch +lesen, werden höchstwahrscheinlich alle oder viele von mir gemachten +Angaben als Lügen bezeichnen und viele werden ihnen glauben, wie sie +ihnen andere Dinge glauben. Viele Priester werden meine Angaben wirklich +für Lügen halten, weil sie eben unwissend sind. Wenn sie im Stande sind, +ihre Faulheit zu überwinden und ihnen an der Wahrheit liegt, so mögen +sie sich belehren. Dies Buch, welches unendliche Mühe und großen Fleiß +erforderte, ist ebenso wohl für ehrlich strebende unwissende Priester, +wie für diejenigen geschrieben, welche von ihnen ebenso betrogen werden, +wie sie selbst es von Unwissenden oder von bewussten Lügnern wurden. + +Das in Rom sich vorbereitende Konzil könnte den Glauben erwecken, als +sei es die Absicht des Papstes, die römisch-katholische Religion den +Erfordernissen der Gegenwart anzupassen. Es wird sich diese Ansicht +jedoch sehr bald als eine irrtümliche herausstellen. Die ganze +Handlungsweise sowohl des vorigen, wie des jetzigen Papstes liefert den +klaren Beweis, dass beide im Gegenteil danach streben, die +Glaubensherrlichkeit des Mittelalters wieder herzustellen, und dass +sogar die Hoffnung gehegt wird, sämtliche Protestanten in den Schoß der +"alleinseligmachenden" Kirche zurückzuführen. Es liegt dieser Zuversicht +eine wunderbare Verblendung, ein gänzliches Verkennen des Zeitgeistes zu +Grunde, und wir hegen die wohlbegründete Erwartung, dass diese +Kirchenversammlung, welche die Aufmerksamkeit selbst der Gleichgültigen +auf religiöse Gegenstände lenken muss, durch die von ihr zu Tage +geförderten Glaubensdummheiten der römisch-katholischen Kirche einen +härteren Stoß versetzen wird, als es in den letzten Jahren selbst durch +die Wissenschaft geschehen ist. + + + + +Wie die Pfaffen entstanden sind + + + Hüte dich vor dem Hinterteil des Maultiers, + vor dem Vorderteil des Weibes, + vor den Seiten des Wagens + und vor allen Seiten des Pfaffen. + Altes Sprichwort + + +Zur Zeit, als Augustus sich zum römischen Kaiser gemacht hatte, +schmachtete die ganze damals bekannte Welt unter dem Joch der +Römerherrschaft. Geldgierige und gewalttätige Statthalter des Kaisers +sogen die Länder des Orients aus und nahmen den Bewohnern noch das +Wenige, was ihnen von ihren einheimischen Fürsten gelassen wurde, welche +die Römer aus Gründen einer klugen Politik nicht überall abschafften. +Freiheit, Leben und Eigentum der Menschen waren der Willkür der +Herrschenden preisgegeben; ihr Zustand war ein trostloser, und der +unterdrückte Orient seufzte nach Erlösung von dem harten Joch. + +Alle unterdrückten Völker hoffen auf einen Helden, welcher sie aus der +Knechtschaft erlösen wird, und die Dichter schaffen eine Sage und werden +Propheten. Die aus dem Gefühl und Bedürfnis des Volkes hervorgegangene +Prophezeiung wird häufig Ursache ihrer Erfüllung. + +Die geknechteten Völker des Orients hofften auf einen solchen +Befreiungshelden, den Messias, unter welchem sie sich eine Art von +Washington oder Garibaldi dachten, der sie von dem verhassten Römerjoch +befreien sollte. + +An diese Messiashoffnung klammerten sich die Menschen jener Zeit umso +fester und inbrünstiger, als sie sonst keine Hoffnung und keinen Trost +nach irgendeiner Richtung hin hatten und von ihrer eigenen Ohnmacht, +sich selbst zu helfen, vollständig überzeugt waren. Sogar außerhalb der +Erde fanden ihre trostlosen Herzen keinen Stützpunkt. Die Götter hatten +ihren Kredit verloren, und der Glaube an ihre Hilfe und unparteiische +Gerechtigkeit war niemals besonders groß gewesen. Der Olymp verkehrte +wenig mit dem Plebs, sondern hielt sich zur Aristokratie. Die von Homer +und Hesiod erfundenen Götter, denen die Griechen und ihre +Geistesvasallen Tempel bauten, waren der gebildeteren Klasse ein Spott +geworden. Der Glaube des Volkes an ihre Hilfe erstreckte sich vielleicht +ungefähr so weit, als der norddeutscher Katholiken an die der Heiligen. + +Die Hoffnung auf den Messias war unter den Juden noch lebhafter und +ungeduldiger, weil ihnen die Herrschaft der Römer noch verhasster war +als andern Völkern. Sie hatten eine Vergangenheit, auf welche sie mit +Stolz zurückblickten; sie glaubten, das auserwählte Volk Jehovas zu +sein, welcher als ihr unsichtbarer König galt, der stets seit Moses +durch die Propheten mit ihnen verkehrte. Die Knechtschaft, in welche sie +verfielen, betrachteten sie als eine für ihren Ungehorsam von Jehova +über sie verhängte Strafe, und da diese schon lange dauerte und hart +empfunden wurde, so war es natürlich, dass ihre Dichter, die Stimmen des +Volksherzens, an Prophezeiungen reich waren. Die Römer waren den Juden +als Heiden ein besonderer Gräuel; sie meinten, ihre Not und Demütigung +könne keinen höheren Grad erreichen und die Zeit des Erscheinens des +Messias müsse nahe sein. David und sein Sohn waren ihre größten Könige +gewesen, und die Propheten hatten verkündet, dass der Messias aus dem +Geschlecht Davids entstehen solle. Die Religion der Juden, die schon von +Anbeginn hauptsächlich in der Beobachtung von bestimmten Vorschriften +bestand, die Moses mit klugem Sinn für die Regenerierung des jüdischen +Volkes gab und als unmittelbare Gebote Jehovas darzustellen für +zweckmäßig fand, war im Laufe der Jahrhunderte zu einem leeren +Zeremoniendienst ausgeartet. Die Zeit war reif für das Erscheinen des +Messias. Der Erlöser erschien; allein er erschien in einer anderen +Gestalt, als ihn das Volk träumte; das Volk erkannte ihn nicht an, und +die Aristokratie verachtete, verfolgte und kreuzigte ihn; denn kamen +seine Grundsätze zur Geltung, so zerstörten sie nicht sowohl die +Herrschaft der Römer, sondern machten der ihrigen ein Ende. Jesus war +ein Revolutionär, der auch in unserer Zeit, wenn nicht gekreuzigt, doch +standrechtlich erschossen oder in ein Zuchthaus gesperrt werden würde. + +Der als der von den Propheten verheißene Messias auftretende Jesus, der +Sohn eines kleinen Handwerkers aus einem Landflecken, lehrte: "Es gibt +nur einen Gott; er ist ein Gott der Liebe und kein zorniges, +rachedurstiges Wesen, sondern ein gütiger Vater aller Menschen. Das +Leben auf dieser Erde ist nur eine Vorbereitung für ein ewiges Leben mit +Gott, und es ist in die Hand eines jeden gegeben, dasselbe zu einem +freudenreichen zu machen. Könige und Sklaven sind vor Gott gleich, und +er richtet und belohnt die Menschen nicht nach ihrem Ansehen auf Erden, +sondern nach ihren Handlungen und Absichten. Die Letzten und Geringsten, +die ihre Leiden und Entbehrungen am geduldigsten tragen und tugendhaft +bleiben, werden im ewigen Leben die Ersten, die Glücklichsten sein." + +Diese Lehre war Balsam für die verzweifelten Herzen der Armen; wer an +sie glaubte, fest und innig glaubte, dem gab sie Kraft, alle und selbst +die herbsten Leiden nicht nur zu ertragen, sondern selbst mit Freuden zu +tragen und dem Tod ohne Furcht entgegenzugehen, denn derselbe war eine +Erlösung, die Pforte zu einem ewigen Leben voll Glück. Der Glaube an +diese Lehre raubte in der Tat "dem Tod den Stachel", er erlöste die +Menschheit. + +So trostreich diese Verheißung auch klang, so wenig ließ sich ihre +Wahrheit beweisen; denn vor der prüfenden Vernunft besteht sie ebenso +wenig wie irgendeine andere, die über den Tod hinausreicht. Jesus +substituierte nur eine Behauptung durch eine andere; da aber der Glaube +an seine Behauptung die Menschheit glücklicher machte als jeder andere, +da er sie von den Leiden der Erde und der Furcht vor dem Tode erlöste, +so war es ein sehr verdienstliches Werk, dessen Glauben zu erzeugen. Der +in der Lehre enthaltene Trost machte die Menschen diesem Glauben sehr +geneigt; allein der alte Glaube der Juden beruhte auf der Autorität von +Männern, die als Propheten galten, mit Gott in direktem Verkehr zu +stehen vorgegeben und dieses Vorgeben durch wunderbare Handlungen +unterstützt hatten. + +Aller Glaube ist Autoritätsglaube; wollte der Sohn des Zimmermanns aus +Nazareth, dessen Eltern und Geschwister man kannte, Glauben an seine +Autorität gewinnen und als Prophet, als der Messias anerkannt werden, so +musste er Handlungen verrichten, wie sie die Propheten verrichtet +hatten. Alle Propheten von Moses an hatten "Wunder" getan; also musste +Jesus Wunder verrichten und verrichtete sie. + +Selbst auf dem Wege vernünftiger Untersuchung gefundene Wahrheit kommt +noch heutigen Tages nicht zur Geltung, wenn sie nicht durch äußere +Umstände unterstützt wird und nicht in zeitgemäßem Gewand auftritt, +besonders wenn sie viele Interessen verletzt, und selbst Aberglauben hat +weit größere Aussicht auf augenblicklichen Erfolg, wenn er diesen +Interessen schmeichelt. + +Der Glaube, den Jesus erzeugen wollte, obwohl dem Armen und +Unterdrückten Heil verheißend, verletzte die Interessen der herrschenden +Klasse. Auf ihre Mithilfe konnte Jesus nicht rechnen, und durch Wunder +waren sie nicht zum Glauben zu bringen; denn die Wissenden und +Eingeweihten wussten, was sie von Wundern zu halten hatten. Die +Heilsamkeit des Glaubens für das Volk, den Jesus predigte, konnte sie +nicht bewegen, ihn zu unterstützen, selbst wenn sie ihn einsahen; ihr +Egoismus veranlasste sie vielmehr, diesen Glauben womöglich im Keim zu +unterdrücken und dessen Urheber zu vernichten. Die heutigen hohen +Priester und Pharisäer handeln ebenso wie die unter den Juden in jener +Zeit. + +Jesus musste sich also gänzlich auf das Volk stützen. Er verfuhr dabei +auf durchaus praktische, ich möchte sagen mathematische Weise, die zwar +keinen augenblicklichen, aber einen sicheren Erfolg haben musste. Er +wählte sich als "Jünger" zwölf schlichte, ungebildete Leute aus dem +Volk, welchen er durch Beobachtung seines Handelns und seines reinen +Wandelns persönliche Liebe und Anhänglichkeit und unbegrenztes Vertrauen +einzuflößen verstand, woraus der feste Glaube an alles, was er sagte und +verhieß, in ihnen erzeugt wurde. Wenn jeder von diesen Jüngern auf +ähnliche Weise verfuhr und dieses System fortgesetzt wurde, so musste +sich die Zahl der Gläubigen nach einer bestimmten Progression vermehren. + +Diese Jünger sahen die Wunder Jesu; sie glaubten an ihn und deshalb an +seine Verheißung und lebten nach seiner Vorschrift. Seine Lehre war so +einfach, dass Jesus es nicht für nötig hielt, sie niederzuschreiben; er +vertraute dem lebendigen Wort der Jünger, in deren Herzen er diese Lehre +niederlegte. + +Derselbe Weg, den Jesus zur Ausbreitung seiner Lehre einschlug, hatte +sich schon sechs Jahrhunderte vor dem Auftreten Jesu als praktisch +bewährt; Buddha, der Reformator der indischen Religion, hatte ihn +angewandt. Der Erfolg war derselbe und, wie wir jetzt beurteilen können, +sogar in seinen Ausartungen und deren Folgen. Europäer, welche zum +ersten Mal in einen modernen buddhistischen Tempel in China treten, sind +erstaunt über die Ähnlichkeit, die sie überall in den Gebräuchen mit +denen der römischen Kirche finden. Die Buddhisten haben ihre +Rosenkränze, Reliquien und Klöster so gut wie die römischen Katholiken. + +Buddha war jedoch der Sohn eines Königs, Jesus der Sohn eines +Handwerkers, und diese Verschiedenheit bedingte schon eine +Verschiedenheit der Handlungsweise. Während dem Prinzen ein tugendhaftes +Leben genügte, den Brahmanen gegenüber seiner revolutionären, den +Kastenunterschied aufhebenden Lehre Erfolg zu sichern, musste der unter +den Juden als Prophet auftretende Handwerkersohn außerdem "Wunder" tun +und, damit "die Prophezeiungen der Propheten erfüllt würden", für seine +Lehre sterben. + +Dieser Opfertod erschien Jesus als eine Notwendigkeit; er war eine +reiflicher Überlegung entsprungene Handlung. Dass dieses Opfer ein sehr +schweres war und Jesus unter Herzensangst darüber nachdachte, ob sich +nicht ein anderer Weg finden lasse, geht aus den Evangelien ganz klar +hervor. Am Ölberg betete er: "Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von +mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe." (Anm.d.Red. Luk. +22,42) + +Wir sind es gewohnt, wenn wir an Jesus denken, ihn uns mit der Glorie +vorzustellen, mit der ihn der Erfolg und neunzehn Jahrhunderte +bekleideten; allein wenn er auch die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen, +das heißt der Juden und der in ihrem Land befindlichen Römer, erregte, +so war er doch vom Volk sehr bald vergessen und sein Andenken lebte nur +in dem sehr beschränkten Kreis seiner Jünger und deren Anhänger. Philo, +der ungefähr zwanzig Jahre nach dem Tode Jesu starb, erwähnt ihn gar +nicht. Josephus, der einige Jahre später geboren wurde und sein +Geschichtswerk in den letzten Jahren des ersten Jahrhunderts schrieb, +erwähnt ganz beiläufig mit wenigen Worten seine Hinrichtung; allein die +Zahl der Anhänger seiner Lehre war noch so gering und unbedeutend, dass +dieser Geschichtsschreiber, der alle Sekten aufzählt, die zu seiner Zeit +bestanden, die Christen gar nicht mitnennt. Erst in den Schriften +späterer Jahrhunderte wird Jesus als der Stifter der christlichen +Religion genannt. + +Alles, was wir von Jesus wissen, wissen wir durch die Schriften seiner +Jünger, die aus der Erinnerung aufzeichneten, was sich das Volk von der +Jugend Jesu erzählte und was sie mit ihm erlebt und er bei dieser oder +jener Gelegenheit gesagt hatte. Diese Jünger waren Leute aus dem Volk, +ohne besondere Bildung und Talent, die Jesus liebten und an ihn +glaubten, ihn aber nur sehr unvollkommen verstanden und von seiner +Seelengröße keinen Begriff hatten. Die Evangelien wurden viele Jahre +nach dem Tod Jesu niedergeschrieben, und selbst das des Matthäus, +welches das älteste ist, entstand erst etwa vierzehn Jahre danach. Es +ist daher sehr begreiflich, dass die Reden Christi nicht so wiederholt +werden konnten, wie er sie sprach, sondern meist in der Weise +wiedergegeben wurden, wie sie von den Jüngern verstanden wurden. Die +natürliche Folge davon ist, dass die verschiedenen Erzählungen nicht nur +voneinander abweichen, sondern auch Irrtümer und Widersinnigkeiten +enthalten, welche späterhin zu den wahnwitzigsten Auslegungen und +Folgerungen Veranlassung gaben, wovon wir im Verlauf dieses Werks +zahlreiche Beispiele finden werden. + +Hier wollen wir nur zwei Hauptmomente in Betracht ziehen, auf welche die +römische Kirche den allergrößten Wert legt, indem sie weit mehr auf +diese als auf die Lehre Christi selbst basiert ist. Es sind dies die +Wunder und die Göttlichkeit Christi. + +In der Einleitung haben wir uns über die Wunder ausgesprochen. Sind die +dort ausgeführten Folgerungen richtig, so konnte Christus keine Wunder +verrichten und die ihm zugeschriebenen wunderbaren Handlungen geschahen +auf natürliche Weise. Die Jünger, welche darüber als Augenzeugen +berichten, sprachen die Wahrheit, das heißt, sie erzählten, was sie +sahen, wie sie es verstanden. Sie kannten die Mittel nicht, durch welche +diese Handlungen bewirkt wurden, denn wäre dies der Fall gewesen, so +würden die Wunder ihnen nicht als solche erschienen sein und gerade die +damit bezweckte Absicht, Glauben an Jesus zu erwecken, verfehlt haben. +Was nun die Art der Erzählung der Jünger von dem Geschehenen selbst +anbetrifft, so wird man sie leicht begreifen und beurteilen können, wenn +man die Erzählung eines ungebildeten Mannes, zum Beispiel eines in sein +Dorf zurückgekehrten Bauern, anhört, der in der Residenz den +Vorstellungen eines "Zauberers" beiwohnte, welcher sein Publikum durch +geschickte und sinnreiche Anwendung von mehr oder weniger bekannten +natürlichen Kräften in Erstaunen versetzt. + +Der Hinweis auf sogenannte Taschenspielerkünste in Verbindung mit den +von Christus verrichteten Wundern hat für Christen etwas Widerwärtiges +und Abstoßendes; allein das liegt mehr in der besonderen Ansicht, die +sich in Bezug auf die Person Jesu Geltung verschafft hat, und in der +verhältnismäßig geringen Achtung, in welcher moderne Zauberer in einer +Zeit stehen, in welcher die Wissenschaft schon so weit fortgeschritten +ist, dass ihre Resultate zu Spielereien und zu bloßer Unterhaltung des +Publikums benutzt werden können, ohne dasselbe wirklich zu täuschen. + +Was den Enkeln kindisch und trivial erscheint, wurde aber oft von unsern +Großeltern mit dem größten und furchtbarsten Ernst behandelt, wovon zum +Beispiel das Hexenwesen einen betrübenden Beweis liefert, da diesem +Aberglauben Hunderttausende unschuldiger Menschen zum Opfer fielen. + +Wenn wir als wahr annehmen, dass Jesus wunderbare Handlungen +verrichtete, und zu dem vernünftigen Schluss gekommen sind, dass sie +keine Wunder waren, so müssen wir auch erstlich zugeben, dass sie zu +einem bestimmten Zweck verrichtet wurden und andererseits, dass sie "mit +natürlichen Dingen" zugingen. + +Der Zweck war offenbar der, die Jünger und andere zu überzeugen, dass +Jesus mit höheren Kräften begabt sei als die gewöhnlichen Menschen, was +durchaus nötig war, um ihn als Propheten, als den verheißenden Messias, +zu legitimieren und Glauben an seine göttliche Sendung zu erwecken, ohne +welchen das große, die Menschheit erlösende Werk absolut nicht zu +vollbringen war und zu welchem erhabenen Zweck Jesus selbst sein Leben +opferte. + +Gingen die Wunder aber "mit natürlichen Dingen" zu, so musste Jesus eine +Kenntnis dieser natürlichen Dinge und diese auf irgendeine natürliche +Weise erworben haben, da es auf eine wunderbare, das heißt naturwidrige +Weise, nicht geschehen sein konnte. + +Diese Kenntnisse verborgener natürlicher Kräfte sind Resultate der +forschenden Wissenschaft und es drängt sich uns natürlich die Frage auf: +wo erwarb der Sohn eines Handwerkers diese Kenntnisse, welche selbst den +Gebildetsten unter den Juden verborgen waren? + +Ein römischer Schriftsteller, welcher beiläufig sagt, dass in Judäa ein +Mann namens Jesus hingerichtet worden sei, welcher wunderbare Handlungen +verrichtete, die er in Ägypten erlernte, gibt uns einen Anhaltspunkt, da +die Evangelien über die Erziehungsperiode Jesu gänzlich schweigen und +uns über sein Leben von seinem zwölften bis zu seinem dreißigsten Jahr +gänzlich im Dunkeln lassen. + +Schon in der Einleitung haben wir erwähnt, dass die ägyptischen Priester +in den Naturwissenschaften weit fortgeschritten waren und ihre +Kenntnisse für sich behielten, da die Wissenschaft ihnen die Herrschaft +über das Volk sicherte. Diese Wissenschaft gab ihnen natürlich auch +andere Anschauungen über das Wesen Gottes und die Religion, und +diejenige, welche sie selbst hatten, war sehr verschieden von +derjenigen, welche sie für das Volk für zweckmäßig hielten und demselben +lehrten. + +Ägyptische Künste waren in der damaligen Welt weit und breit berühmt und +man belegte mit diesem Namen fast alle wunderbaren Handlungen, die man +sich auf natürliche Weise nicht erklären konnte. Wenn daher der römische +Schriftsteller sagt, dass Jesus die wunderbaren Handlungen, die er +verrichtete, in Ägypten erlernte, so ist das wohl noch nicht gerade als +ein Beweis zu betrachten, dass Jesus in Ägypten erzogen wurde; allein +die Wahrscheinlichkeit dieser Behauptung wird durch andere Umstände +bedeutend vermehrt, - und am Ende musste doch Jesus irgendwo zu dem +Manne erzogen sein, der er war, was in Nazareth, wo seine Eltern lebten, +ganz sicher nicht möglich war. + +Die Ähnlichkeit der Wunder, welche Moses und nach ihm die Propheten +verrichteten, mit denen Christi, macht es wahrscheinlich, dass sie aus +derselben Quelle, Ägypten, stammten. + +Moses war von der Tochter Pharaos gerettet und durch ihre Vermittlung +mit der Erlaubnis des Königs von den Priestern so gut erzogen worden, +wie es nur der Sohn des Königs selbst hätte wünschen können. Wie uns der +jüdische Schriftsteller Josephus erzählt, offenbarte der Knabe einen +sehr kräftigen Sinn und es ist wahrscheinlich, dass man ihn mit großer +Sorgfalt und Liebe in die Geheimnisse ägyptischer Wissenschaft einweihte +und dass er in den erlernten Künsten selbst die ägyptischen Priester +übertraf, welche ihm der König entgegenstellte, als er seine +Wissenschaft zur Befreiung der Juden aus der ägyptischen Knechtschaft +anwandte. + +Seit jener Zeit vererbte sich die Wissenschaft unter den Juden, allein +nur an einzelne, an Propheten, da sie sonst ihren Zweck verfehlt haben +würde. Als die Könige der Juden gegen das Volk tyrannisch wurden und +sahen, dass ihnen die Propheten widerstrebten, verfolgten sie dieselben, +rotteten sie aus, wo sie konnten und zerstörten ihre Schulen. Die +geheimen Wissenschaften kamen in Verfall durch diese Verfolgungen und +die an Unmöglichkeit grenzende Schwierigkeit, sie zu lehren. Waren doch +sogar die Gesetzbücher des Moses gänzlich verloren gegangen, und selbst +unter den Königen und Priestern hatten sie sich einzig auf dem Weg der +Tradition nur unvollkommen erhalten. Der Priester Hilkija, unter der +Regierung des Königs Josia, fand endlich eine Abschrift der Bücher Moses +durch Zufall im Tempel. (Anm.d.Red. 2.Kön. 22,8) + +Die Geburt Jesu erregte ein vorübergehendes Aufsehen durch die damit +verknüpften Umstände, welche den misstrauischen und tyrannischen Herodes +veranlassten, alle in Bethlehem innerhalb zwei Jahren geborene Kinder +ermorden zu lassen. Joseph, der Vater Jesu, floh mit seiner Frau und dem +Kind nach Ägypten, ein Land, welches seit den ältesten Zeiten von +hebräischen Handelsleuten besucht wurde und in dem eine Menge Juden +wohnten, von denen viele stets zum Osterfest nach Jerusalem kamen. + +Joseph blieb ungefähr zwei Jahre in Ägypten, nämlich bis zum Tod des +Herodes, und es ist natürlich, dass unter den Freunden, die ihm zur +Flucht halfen und in Ägypten unterstützten, der Grund dieser Flucht viel +besprochen wurde und dass man für das Kind stets ein besonderes +Interesse behielt. + +Als Jesus zwölf Jahre alt war, finden wir den Knaben im Tempel, wo er +durch seine klugen Fragen und Antworten die Priester und +Schriftgelehrten in Erstaunen setzt. Der aufgeweckte Geist des Knaben +mochte einige der vornehmen Leute interessieren und Nachfragen nach +seiner Herkunft veranlassen, wobei die bei seiner Geburt stattgehabten +Vorfälle gewiss wieder zur Sprache kamen. Es ist nicht unwahrscheinlich, +dass sich irgendjemand unter diesen Vornehmen veranlasst fühlte, für die +Erziehung Jesu Sorge zu tragen und dass dies infolge der bei der Flucht +nach Ägypten angeknüpften Bekanntschaften in Ägypten geschah. + +Die Talente, die Jesus zeigte, mochten Veranlassung werden, dass er zu +einer besonderen Rolle ausersehen wurde, welche die Befreiung der Juden +vom römischen Joch bezweckte, wie einst Moses dieselben vom Joch der +Ägypter befreit hatte. + +Die eigentümliche Weise, in welcher sich der Charakter Jesu entwickelte, +mochte anderen, oder wahrscheinlich ihm selbst, den weit höheren +Gedanken eingeben, diese Erlösung von der Knechtschaft geistiger +aufzufassen und durch Schöpfung eines neuen Glaubens die Menschen von +der Last des Lebens und der Furcht vor dem Tod zu befreien. + +Um diesen Zweck zu erreichen, hielt er es für unumgänglich notwendig, +sein Leben zu opfern und große Leiden zu erdulden. Er fand die Kraft +dazu in seiner Liebe zu der Menschheit; allein begreiflich ist es, dass +die Versuchung ihm nahe trat, die ihm innewohnende geistige Kraft und +die erlangte Wissenschaft auf eine andere, weniger aufopfernde Weise +anzuwenden, indem er als Held und Befreier des Volks von der +Römerherrschaft auftrat. Die Erzählung von der Versuchung durch den +Teufel, der ihn auf einen hohen Berg führte und alle Reiche der Erde +zeigte, kann schwerlich einen anderen Sinn haben. + +Die Wunder des Moses, der Propheten und Jesu aus den in der Bibel +enthaltenen Erzählungen erklären zu wollen, wäre ein ganz nutzloses +Unternehmen. + +Die römische Kirche und andere Wundergläubige werden eine solche +Erklärung auch ganz überflüssig finden; sie sagen, Jesus war Gottessohn, +Gott selbst, und Gott ist allmächtig. Darauf haben wir schon früher +geantwortet; allein es wird nötig sein, auf die Göttlichkeit Christi +etwas näher einzugehen, ehe wir diese Abschweifung von dem eigentlichen, +historischen Zweck dieses Kapitels schließen. + +Als Jesus auftrat, war der Glaube an die Götter der Griechen unter den +in der Nähe der Juden und unter ihnen vorhandenen Fremden noch nicht +gänzlich erloschen und es war von jeher geglaubt, dass sich die Götter +unter die Menschen mischten. Der Sohn eines Gottes war den Heiden keine +so fremde Erscheinung. Große Könige und Helden wurden durch ihren +Glauben zu Göttersöhnen gemacht. + +Selbst unter den Juden war dieser Gedanke nicht so unerhört, denn wenn +Moses auch für zweckmäßig gefunden hatte, dem Volk diese Vorstellung von +einem unsichtbaren Gott zu geben, so war der Jehova der alten Juden doch +eine sehr verschiedene Vorstellung von dem Gott der heutigen +aufgeklärten Juden. Nach den Erzählungen der Bibel sah Adam Gott, und +Moses erschien er unter verschiedenen Gestalten; er war also ein +persönliches, gewissermaßen körperliches Wesen. Da nun die Juden viel +mit den Heiden in Berührung kamen und der Götzendienst selbst unter +ihnen eine bedeutende Ausdehnung gehabt hatte, wie wir aus der Bibel +sehen, so war es sehr begreiflich, dass viele unter dem Volk einen Mann, +der so wunderbare Handlungen wie Jesus verrichtete, für einen Sohn +Gottes hielten. + +Obwohl Jesus sich Gottes Sohn nannte, so bezeichnete er doch auch alle +Menschen als Kinder Gottes und selbst das Gebet, welches er für alle +gab, nennt ihn Vater. Andererseits sagt er aber auch ausdrücklich zu +dem römischen Hauptmann Cornelius, der vor ihm nieder fiel: "Stehe auf, +ich bin ja auch nur ein Mensch." (Anm.d.Red. Apostel 10,26, Corvin +verwechselt hier Jesus mit Petrus) - Die Mehrzahl der ersten Anhänger +Jesu hielt ihn für einen bloßen Menschen und als einige Schwärmer unter +ihnen die Ansicht aussprachen, dass er nur die Gestalt eines Menschen +angenommen habe, wurden sie deshalb von seinem Freunde und Schüler +Johannes getadelt. + +Die Göttlichkeit Christi ist jedoch der Grundstein der römischen Kirche +und die ganze theologische sogenannte Wissenschaft beruht auf dieser +Abgeschmacktheit, die sich übrigens auch in vielen anderen Religionen, +namentlich in der indischen, findet und weiter nichts ist als eine +Allegorie der Naturreligion. + +Es würde mich zu weit von meinem Ziele führen, wenn ich mich auf einen +Nachweis darüber einlassen wollte; das haben tiefere Forscher und +Geschichtskundige zur Genüge getan. Ich will nur mit wenigen Worten +nachweisen, dass die Lehre von der Göttlichkeit Christi, die ihn in den +Augen der Menschen erhöhen soll, abgesehen davon, dass sie eine Dummheit +in sich selbst ist, das Verdienst des Erlösers zunichte macht. + +Die Kirchenlehrer sind bei der Erklärung dieser Lehre noch weit unklarer +als gewöhnlich und hüllen sich in einen Schwall von Worten, die dem +nichtdenkenden Volk imponieren, weil es sie nicht versteht, was es in +diesem Falle nicht nur mit den Denkern, sondern sogar mit den Erklärern +selbst gemein hat, "denn eben wo Gedanken fehlen, da stellt ein Wort zu +rechter Zeit sich ein". So vornehm und entrüstet sich diese Erklärer +auch gebärden, wenn man sie über diesen Glaubensartikel befragt, so ist +es mir doch nie gelungen, irgendeinen klaren, rein vernünftigen Gedanken +auf dem Grund ihrer Erklärungen zu finden. Die aufgeklärtesten +protestantischen Geistlichen, die ich hörte, suchen den Frager damit +abzufertigen, dass sie Jesus einen "Gottmenschen" nennen; was aber keine +besondere Menschenrasse oder Klasse, sondern nur ein Mensch ist, dessen +Geist sich zu der höchsten Vollkommenheit ausgebildet hat, die eben ein +Mensch erreichen kann. + +Eine solche Erklärung ist aber eine Ketzerei in den Augen der Kirche, +denn diese will, wir sollen glauben, dass Jesus ein nicht von einem +menschlichen Geiste, sondern von Gott, der höchsten Potenz geistiger +Vollkommenheit, belebter und regierter menschlicher Körper war. + +Vor und nach Jesus gab es tugendhafte Menschen, die ebenso rein und +tadellos lebten, wie es seine Schüler, die ihn drei Jahre lang täglich +beobachteten, von ihm erzählten und andere, welche noch weit größere +Leiden, als sie Jesus erduldete, noch standhafter als er für eine von +ihnen für groß und gut gehaltene Sache ertrugen. Ihre Tugend und ihre +Kraft waren ihr Verdienst, jedenfalls das Resultat der höheren +Ausbildung ihres unvollkommenen menschlichen Geistes. Der Geist aber, +der den Körper Jesu belebte, war nach der Kirchenlehre Gott, die höchste +Potenz der geistigen Vollkommenheit, also keiner Vervollkommnung +bedürftig oder fähig. Ein solcher Geist, in einen menschlichen Körper +gedacht, hat gar keinen Kampf zu bestehen, da er nicht einmal den +Gedanken der Versuchung zulässt. Tugend und Seelenkraft im Leiden und +davon hergeleitetes Verdienst existieren nur für den Menschen, das heißt +für einen ursprünglich unvollkommenen menschlichen Geist, der einen +menschlichen Körper belebt. Der Gedanke an einen in Versuchung führenden +oder leidenden Gott setzt eine so niedrige Gottesvorstellung voraus, +dass sie jedem selbst an einen persönlichen Gott glaubenden Menschen als +eine Gotteslästerung erscheinen muss. Ein Gott, der am Kreuz +verzweifelt, ist geradezu abgeschmackt und lächerlich. + +Wie anders dagegen erscheint uns Jesus, wenn wir ihn als einen Menschen +betrachten, dessen zarter Körper von einem rein menschlichen Geist +belebt war! Das reine Leben eines solchen Jesus können wir bewundern und +mit der Hoffnung nachahmen, das hohe Muster zu erreichen, da Jesus ein +Mensch war; für seine Leiden haben wir Mitgefühl und Tränen, da er ein +Mensch war und für das Opfer, welches er mit seinem Leben der ganzen +Menschheit brachte, fühlen wir die innigste Liebe, da es der höchsten, +reinsten und uneigennützigsten Liebe entsprungen war. + +Die Versuchung und die Zeichen der Schwäche, sozusagen die Kennzeichen +seiner Menschheit, die wir an ihm entdecken, machen ihn uns noch +liebenswerter. Welcher fühlende Mensch kann sich der Tränen enthalten, +wenn er sich im Geist in die Lage Jesu am Ölberg versetzt. Die Stunde +der Erfüllung des großen Opfers naht heran, und der rein menschliche +Trieb der Lebenslust macht sich mit aller Kraft und Verlockung geltend. +Alle Schrecken des Todes, dem er entgegen geht, stehen vor seinem Geist +und noch einmal sucht er mit inbrünstiger Hoffnung nach einem andern +Weg, seinen großen Zweck zu erreichen. Er ringt mit dem Tod, und "ein +Engel steigt vom Himmel herab, ihn zu stärken"; der Gedanke an die durch +seinen Tod vollbrachte Erlösung der Menschen, an die Größe dieses Zwecks +ist der Engel, der ihm den Tod besiegen hilft. + +Wie rührend menschlich ist die Handlung Christi bei der Einsetzung des +Abendmahls! Wenn seine Jünger das Brot beim Essen zerbrechen und Wein +trinken, sollen sie seiner und seines großen Liebesopfers mit Liebe +gedenken. Er weiß, dass seine Todesstunde herannaht, und er kennt den +bösen Menschen, der als Werkzeug dienen wird, ihn den Henkern zu +überliefern; der Gedanke macht ihn traurig. + +Die Geschichte seines Leidens ergreift uns nur, weil wir ihn als einen +Menschen betrachten, denn Gott ist über den Spott der Kriegsknechte so +erhaben, dass er ihn nicht empfindet und was die körperlichen +Misshandlungen anbetrifft, so überwanden diese ja selbst die gemeinen, +mit Jesus gekreuzigten Verbrecher so weit, dass sie ihn verspotten +konnten; ein Gott musste sicher so viel Seelenkraft haben, solche +körperliche Schmerzen gar nicht zu empfinden. Er empfand sie aber sehr +schmerzlich, und als ihn in seiner Todespein die Kraft verlässt und ihn +vielleicht der verzweiflungsvolle Gedanke überfällt, dass sein großes +Opfer für die Erlösung der Menschheit nutzlos gebracht sein möchte, ruft +er aus: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" - Welches +menschliche Herz erzittert hier nicht in seinen tiefsten Tiefen und wer +ehrt und liebt nicht das Andenken an diesen erhabenen Menschen, der mit +vollem Bewusstsein dessen, was ihm bevorstand, aus Liebe für die +Menschen sich ein so schweres Opfer auferlegte! + +Die Kirche verfehlt nicht, unser Mitgefühl für diese Leiden in Anspruch +zu nehmen und betrachtet dann Jesus ganz als Mensch. Den Pfaffen ist +Christus bald Gott, bald Mensch, wie sie es eben für ihren Hokuspokus +brauchen. - + +Jesu trostreiche Lehre verbreitete sich mit großer Schnelligkeit. Die +Apostel und deren Schüler verkündeten sie nicht allein in Judäa und den +benachbarten Ländern, sondern machten zu diesem Zweck weitere Reisen und +trugen die "frohe Botschaft" (Evangelium) von dem Erlöser der Welt in +ferne Länder. Die Zahl der Anhänger, die sie gewannen, war +außerordentlich groß, besonders unter der ärmeren Volksklasse, aus der +Christus und die Apostel selbst hervorgegangen waren. + +Nachdem Jerusalem, siebzig Jahre nach Christi Geburt, von dem +nachherigen römischen Kaiser Titus zerstört worden war, wurden die stets +zum Aufruhr geneigten Juden über das ganze römische Reich zerstreut und +mit ihnen die Christianer - so nannte man die Anhänger Jesu - welche als +eine jüdische Sekte betrachtet wurden, wie es deren mehrere gab. Dies +trug sehr viel zur Ausbreitung des Christentums bei, und gewiss nicht +wenig wirkten dafür die zahlreichen Christen unter den römischen +Legionen, die der Krieg bald in dieses, bald in jenes Land führte. + +Zur Zeit der Apostel und kurz nach derselben führten die Christen ein +Leben, wie es den Lehren ihres Meisters würdig war; aber bald artete die +Begeisterung, die sie beseelte und ohne welche keine gute Sache gedeihen +kann, in religiöse Schwärmerei aus und nahm allmählich den Charakter +einer Geisteskrankheit an. Man wollte sich gleichsam selbst in +Frömmigkeit überbieten und kam auf die wunderlichste Auslegung der +verschiedenen, durch die Apostel aufbewahrten Aussprüche Jesu. Wo er +weise Mäßigung empfahl, da glaubte man, in seinem Sinne zu handeln, wenn +man gänzlich entsagte, und so entstand allmählich die verkehrte Ansicht, +dass die Freuden des Lebens verwerflich und eines Christen unwürdig +seien. Indem man alle Genüsse mied und sich freiwillig Leiden auferlegte +und quälte, glaubte man, die Sündhaftigkeit der menschlichen Natur zu +überwinden und sich größere Freuden im Leben nach dem Tod zu sichern. + +Mit dieser Ansicht verband sich bald eine Art von Hochmut, der sich +unter äußerer Demut versteckte. Der roheste Christ hielt den +gebildetsten und tugendhaftesten Nichtbekenner Jesu für einen +Verworfenen; ja, er glaubte sich durch jede nähere Gemeinschaft mit den +Heiden zu verunreinigen. Aus diesem Grunde sonderten sich die Christen +bald ganz und gar von diesen ab, zerrissen die zwischen ihnen +bestehenden Verwandtschafts- und Freundschaftsverhältnisse und flohen +alle Lustbarkeiten und Feste gleich Verbrechen. Mit einem Wort, trotz +aller Tugendhaftigkeit und Rechtschaffenheit ihres Lebens fingen sie an, +kopfhängerische, trübselige Narren zu werden. + +Die mit Schnelligkeit anwachsende Menge der Christen, ihr +menschenfeindliches, abgesondertes Wesen, ihre geheimnisvollen +Zusammenkünfte, denen die Verleumdungen der jüdischen und heidnischen +Priester bald politische und verbrecherische Zwecke unterlegten, ihr +feindseliges Benehmen gegen die Heiden, - alles dies erregte die +Aufmerksamkeit der römischen Regierung; allein sie befolgte die sehr +vernünftige Politik, sich nicht um die Religion ihrer Untertanen zu +bekümmern, wenn diese nicht die Veranlassung wurde zu Feindseligkeiten +gegen die Einrichtungen des Staates und seine Gesetze. Die Christen +hätten also ungestört unter der römischen Herrschaft leben und sich +entwickeln können, wenn sie sich von solchen Vergehen ferngehalten +hätten, die kein Staat ungestraft lassen kann. Dies taten sie aber +nicht, sondern in ihrem fanatischen Eifer forderten sie gleichsam die +Regierung heraus. Sie verweigerten auf Grund ihrer Religion die +allgemeinen Bürgerpflichten, wollten weder in den Krieg ziehen noch +öffentliche Ämter annehmen und bewiesen den Kaisern Verachtung, anstatt +ihnen die herkömmlichen Ehren zu zeigen. Es war daher ganz natürlich, +dass diese die Sekte der Christen für staatsgefährlich erkannten und +beschlossen, sie zu zwingen, sich den Gesetzen des Staates zu +unterwerfen und sie für die Verletzung derselben zu bestrafen. Darin +waren die Kaiser in ihrem vollsten Recht und wir finden, dass gerade die +besten und weisesten unter ihnen gegen die widerspenstigen Christen am +strengsten verfuhren. + +Sie erreichten indessen ihren Zweck nicht, sondern bewirkten gerade das +Gegenteil von dem was sie bewirken wollten. Die Verachtung des Lebens +und aller Leiden war bei den schwärmerischen Christen so hoch gestiegen, +dass sie den Tod als höchst wünschenswert betrachteten, sich +scharenweise den Händen ihrer Verfolger überlieferten und diese durch +ihren herausfordernden Trotz zur größten Grausamkeit anregten. Je +größere Leiden die Christen um Christi willen erduldeten, desto größer +fiel ihrer Meinung nach die Belohnung aus, die sie im verheißenen ewigen +Leben erwartete. + +Die Standhaftigkeit, mit welcher die Geopferten den qualvollsten Tod +ertrugen und die religiösen Ehren, welche die Gemeinde dem Andenken der +Märtyrer widmete, fachten die Schwärmerei der Christen zum Fanatismus +an. Der Märtyrertod erschien als das höchste Glück, weil man glaubte, +dass er alle Sünden tilge und sogleich zu Christus in das Paradies +führe. Diese Märtyrerschwärmerei nahm so überhand, dass die Besonnenen +unter den Christen, welche das Unmoralische einer solchen +Lebensverachtung einsahen, vergeblich dagegen ankämpften. + +Die Heiden, welche Zeugen von der Standhaftigkeit und Freudigkeit waren, +mit welcher die Christen die ärgsten Qualen und den Tod erduldeten, +wurden mit Bewunderung erfüllt für eine Religion, die solche Kraft gab, +und bekannten sich in Menge zu derselben. Die Zahl der Christen nahm +täglich zu, gewann immer mehr Eingang auch unter den höheren Ständen und +selbst am Hofe der Kaiser. Endlich kam es dahin, dass Kaiser Konstantin, +der 324 bis 337 regierte, es aus politischen Gründen für gut hielt, die +christliche Religion zur Staatsreligion zu machen. - + +Die Christen zur Zeit der Apostel hatten sich von der Gemeinschaft der +Juden nicht getrennt, denn sie betrachteten sich vielmehr als die wahren +Israeliten und Jesus als den längst erwarteten Messias. Endlich zwang +sie aber die Feindseligkeit der Juden, eine eigene Gemeinde zu bilden. + +Die Verfassung dieser ersten christlichen Gemeinde war wie die einer +jeden Gesellschaft, die aus gleichstehenden Mitgliedern besteht, denn +alle Christen nannten sich Brüder. Keiner hatte vor dem anderen einen +Vorrang, und sowohl ihre Pflichten als ihre Rechte waren vollkommen +gleich. + +Zu ihren Vorstehern wählte die Gemeinde einige in allgemeiner Achtung +stehende Männer, welche Presbyter (Älteste) oder auch Bischöfe +(episcopi, Aufseher) genannt wurden. Ihr Amt war es, Ruhe, Eintracht und +Ordnung in der Gemeinde zu erhalten, ohne dass sie deshalb einen höheren +Rang eingenommen hätten als den, welchen ihnen die Achtung der übrigen +Brüder freiwillig einräumte. Den Presbyter standen Diakone (Helfer) zur +Seite, welche die reichlich beigesteuerten Almosen an die ärmeren +Gemeindemitglieder austeilten und andere kleine Geschäfte übernahmen, +die nicht schon von den Ältesten verrichtet wurden. + +Die Gemeinden der ersten Christen waren vollkommene Republiken, und +selbst die Apostel, welche mehrere derselben stifteten und eine Art +Oberaufsicht über sie führten, maßten es sich nicht an, eigenmächtig +über die Gesellschaft betreffende Einrichtungen zu bestimmen, sondern +begnügten sich damit, den Gemeinden mit Rat und Tat an die Hand zu +gehen. Der Apostel Paulus machte es den Ältesten ausdrücklich zur +Pflicht, dass sie über die Gemeinden nicht herrschen, sondern sie durch +ihr musterhaftes Beispiel leiten sollten. Das taten auch die Presbyter +der alten Zeit; sie betrachteten sich als die Diener der Gemeinde, +welche sie für ihre Dienste durch freiwillige Geschenke belohnte. + +Einen äußerlichen Gottesdienst kannte man nicht; die religiösen +Versammlungen der apostolischen Christen fanden statt ohne alle +Zeremonien und auf die Sinne berechnete Gebräuche. Man kam zusammen in +irgendeinem geräumigen Saal, ohne denselben weder zu diesem Zweck +auszuschmücken, noch ihm eine besondere Weihe und Heiligkeit +beizumessen, denn dergleichen erschien den Christen als heidnische +Torheit. + +Die Versammlungen waren einzig und allein der Belehrung und Erbauung +gewidmet. Man las in ihnen die Briefe der umherreisenden Apostel vor +oder Stellen aus den heiligen Büchern der Juden. Dann folgte ein +belehrender Vortrag, den wohl meistens einer der Presbyter hielt oder +auch irgendein anderes Mitglied der Gemeinde, welches sich dazu geeignet +und berufen fühlte. Das Gehörte wurde dann besprochen und den +Unwissenden das erklärt, was sie etwa nicht verstanden hatten. So waren +diese Versammlungen der Christen der apostolischen Zeit die ersten +Volksschulen. Nach der Besprechung setzte man sich zu einem gemeinsamen +Mahle nieder - welches Liebesmahl hieß - und am Schluss oder auch am +Anfang wurden Brot und Wein herumgereicht und beim Genuss desselben mit +Rührung und Dankbarkeit des für die Menschheit gestorbenen Jesus +gedacht, wobei auch wohl die Worte wiederholt wurden, die er bei der +Einführung dieses schönen Gebrauchs sprach. Den Schluss der Versammlung +machte eine Beisteuer für die Armen. + +Leider änderte sich aber dieser würdige und einfache Zustand der +christlichen Gemeinden sehr bald und ging endlich in die Form der +heutigen katholischen Kirche über. Es wird für unseren Zweck genügen, +nur in leichten Umrissen anzugeben, wie eine so auffallende Veränderung, +die dem christlichen Geist so sehr widerspricht, bewerkstelligt werden +konnte. + +Wir haben oben gesagt, dass die Presbyter mit der Leitung der +Gemeindeangelegenheiten beauftragt waren. Bei ihren Beratungen führte +anfangs der Älteste den Vorsitz, aber dieser war oft eben wegen seines +Alters dazu nicht immer der tauglichste, und so zogen es denn die +Presbyter vor, den geeignetsten aus ihrer Mitte zum Vorsitzenden zu +wählen, welcher, da er über alles die Aufsicht führte, zur +Unterscheidung von seinen, ihm sonst übrigens durchaus gleichgestellten +Kollegen, vorzugsweise der Bischof genannt wurde. + +Diese Bischöfe maßten sich bald einen höheren Rang an, und wir erblicken +sie in den Versammlungen auf einem erhabenen Sessel, während die anderen +Presbyter auf niedrigeren Stühlen um sie her sitzen, hinter denen die +Diakone, gleich den dienenden Brüdern in den Synagogen, stehen. Die +Gemeinden gewöhnten sich bald daran, in dem von ihren Vorstehern so +ausgezeichneten Bischof ihren geistlichen Oberherrn zu sehen. + +Besondere Umstände trugen dazu bei, das Ansehen dieser Bischöfe zu +vermehren. + +Die Christen auf dem Land hatten sich anfangs den Gemeinden in den +Städten angeschlossen; als ihre Zahl sich aber vermehrte, wünschten sie +eigene Gemeinden zu bilden, wenn sie auch die Gemeinschaft mit den +Gemeinden in den Städten nicht aufgeben wollten, da ihnen dieselben +besonders zur Zeit der Verfolgung und überhaupt von Nutzen war. Sie +baten daher die Stadtbischöfe, sie mit Lehrern und Vorstehern zu +versehen, und ein solcher sandte ihnen gewöhnlich einen seiner +Presbyter. + +Dieser Landbischof hatte nun zwar dieselbe Gewalt über seine Gemeinde +wie der Stadtbischof über die seinige; aber aus der ganzen Natur der +Sache erklärt es sich, dass er in vielen Beziehungen von dem Letzteren +gewissermaßen abhängig wurde. Dadurch bekam der Stadtbischof einen +Kirchensprengel oder, wie es damals hieß, eine Diözese (Bezirk) oder +Parochie. + +So wurde also schon in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach +Christi Geburt der Grund zur kirchlichen Aristokratie gelegt. + +Nachdem man nun einmal den Anfang damit gemacht hatte, jüdische +Einrichtungen auf das Christentum anzuwenden, so griff dieser Unfug umso +schneller um sich, als er der Eitelkeit und Herrschsucht ehrgeiziger +Bischöfe nützte, die sich bald der Leitung aller christlichen +Gemeindeangelegenheiten zu bemächtigen wussten. + +Am Anfang des dritten Jahrhunderts war es schon so weit gekommen, dass +man die Gewalt der Bischöfe aus dem Priesterrechte des Alten Testaments +herleitete und alles, was Moses über Priesterverhältnisse festsetzte, +ohne weiteres auf die Bischöfe und Presbyter anwendete. Bis dahin waren +sie noch immer als das, was sie auch in der Tat waren, als Diener der +Gemeinde, betrachtet worden; aber ihr Stolz lehnte sich dagegen auf, und +im Laufe des dritten Jahrhunderts hatten sie schon geschickt den Glauben +verbreitet, dass sie nicht von der Gemeinde, sondern von Gott selbst +eingesetzt wären zu Lehrern und Aufsehern derselben; dass sie also nicht +Diener der Gemeinde, sondern Diener Gottes wären und daher sowohl das +Lehreramt wie auch der Dienst der neuen Religion nur von ihnen allein +versehen werden könne, weshalb sie einen von der Gemeinde abgesonderten, +vorzüglicheren Stand bilden müssten. + +Um die noch immer Zweifelnden vollends zu berücken, denen ein solches +Verhältnis nicht den Lehren Christi gemäß erschien, griffen die Bischöfe +zu einem anderen Mittel, ihnen das, was sie durchsetzen wollten, +begreiflicher und annehmbarer zu machen. + +Wenn nämlich die Apostel einen Lehrer oder Presbyter bestellten, legten +sie ihm die Hand auf das Haupt und riefen Gott an, dass er ihm zu seinem +Amt auch den Verstand verleihen möge. Diese Sitte war dem jüdischen +Ritus entnommen, ohne dass die Apostel daran dachten, welchen Missbrauch +ihre dereinstigen Nachfolger damit treiben würden. Die Bischöfe +behaupteten nämlich, dass durch dieses Handauflegen der den Aposteln +innewohnende heilige Geist auch auf die Geweihten übergegangen sei und +dass diese auch die Kraft hätten, ihn auf dieselbe Weise an andere zu +übertragen. Es gelang ihnen vortrefflich, diese Ansicht unter den +Christen populär zu machen, und am Ende des dritten Jahrhunderts glaubte +man allgemein daran und sah in den Bischöfen, Presbytern und Diakonen +Wesen ganz anderer Art und fand es ganz natürlich und +selbstverständlich, dass sie einen Stand für sich bildeten. + +So bedeutend nun auch der Einfluss der Bischöfe auf die Gemeinden schon +war, so hatte die demokratische Verfassung derselben doch noch +keineswegs aufgehört. Die Bischöfe konnten in den religiösen +Angelegenheiten durchaus nicht nach Gefallen schalten und walten, +sondern waren an die Einwilligung der Presbyter und der ganzen Gemeinde +gebunden. Dies war ihnen sehr unbequem, da sie nach unumschränkter +Gewalt strebten, und zur Erlangung derselben benutzten sie die +Provinzialsynoden. + +Wir haben schon früher beiläufig bemerkt, wie falsch die Aussprüche und +Lehren Jesu häufig von den Christen verstanden wurden. Es entspannen +sich über deren Auslegung bald Streitigkeiten, und schon im zweiten +Jahrhundert finden wir, dass sich mehrere Gemeinden vereinigten, um +dieselben durch gemeinschaftliche Besprechungen auszugleichen. Als diese +Streitigkeiten sich mit der Zeit vermehrten, fühlte man die +Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit solcher schiedsrichterlichen +Versammlungen und ordnete sie für die Gemeinden eines bestimmten Bezirks +oder Landes regelmäßig und wenigstens einmal im Jahr an. So entstanden +die Provinzial-Kirchenversammlungen. Die Gemeinden wurden auf denselben +durch Abgeordnete vertreten, welche aus den Bischöfen, Presbytern, +Diakonen und einigen anderen Gemeindemitgliedern bestanden. + +So bedeutend nun auch der Einfluss der Bischöfe auf die Beschlüsse +dieser Kirchenversammlungen war, so standen ihnen noch immer die große +Anzahl der anderen Abgeordneten der Gemeinde entgegen, und es wurde +vorerst die Aufgabe der Bischöfe, diese von den Kirchenversammlungen zu +entfernen. Zuerst gelang es ihnen mit den nicht priesterlichen +Mitgliedern der Gemeinde, dann mit den Diakonen und endlich auch mit den +Presbytern, so dass die Gesamtheit der christlichen Gemeinden auf den +Synoden einzig und allein durch die Bischöfe vertreten wurde. + +Dies war zwar ein bedeutender Gewinn, denn nun konnten diese +beschließen, was sie in ihrem Interesse für nötig hielten; aber noch +immer bedurften die gefassten Beschlüsse der Zustimmung der Gemeinde. Um +diesen lästigen Zwang zu entfernen, erfand man ein eigentümliches +Mittel, welches wir einen plumpen und ungeschickten Betrug nennen +würden, wenn er - nicht gelungen wäre. + +Es war nämlich bei den Christen Gebrauch geworden, jede Versammlung mit +der Bitte an Gott zu eröffnen, dass er die Anwesenden durch seinen Geist +erleuchten und bei ihren Beratungen leiten möge. Diese Sitte wurde auch +bei der Eröffnung von Kirchenversammlungen beobachtet, und nun erzeugten +die Bischöfe bei den nur zu gläubigen Christen den Wahn, dass durch +dieses Gebet der Heilige Geist auch stets veranlasst werde, bei der +Synode gleichsam den Vorsitz zu führen, so dass alle ihre Beschlüsse als +Aussprüche des Heiligen Geistes, also Gottes selbst, zu betrachten +wären, die der Bestätigung nicht bedürften! Durch diese List waren die +christlichen Gemeinden um den letzten Rest ihrer Freiheit gebracht und +der eigennützigen Willkür der Bischöfe preisgegeben. + +Nachdem diese einmal so weit gekommen waren, gingen sie in ihren +Anmaßungen immer weiter, und es kam bald eine Zeit, wo die vor kurzem +noch so ehrwürdigen Vorsteher der christlichen Gemeinden größtenteils +die eigennützigsten, schamlosesten und verworfensten Menschen waren. +"Aus den hölzernen Kirchengefäßen wurden goldene, aber aus den goldenen +Bischöfen wurden hölzerne." + +Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion +machte, erlitten alle Verhältnisse der christlichen Kirche eine +bedeutende Veränderung. Die Kaiser betrachteten sich selbst als +Oberhäupter derselben; sie beriefen nicht nur nach ihrem Gefallen +Kirchenversammlungen, leiteten die Wahlen der Bischöfe oder ernannten +diese geradezu, sondern entschieden auch theologische Streitigkeiten +nach ihrem Gutdünken. Dadurch gingen freilich viele der angemaßten +Rechte der Bischöfe für den Augenblick verloren; aber die Vorteile, +welche sie auf der anderen Seite gewannen, waren so groß, dass sie sich +ganz außerordentlich demütig und fügsam zeigten, und so geschah es, dass +alles in der Kirche nach dem Wink der Kaiser ging. + +Der Kaiser war der Gnadenborn, aus dem auf seine Günstlinge Ehren und +Reichtümer strömten, und die Bischöfe und Geistlichen wetteiferten in +niedriger Schmeichelei, um deren möglichst viel zu schnappen. Die Armut +der Kirche und ihrer Diener hatte ein Ende. Schon Kaiser Konstantin +bestimmte einen Teil der Staatseinkünfte zum Unterhalte der Geistlichen +und begnadigte sie mit wichtigen Vorrechten. Das allereinträglichste war +aber das Gesetz, durch welches er sie für berechtigt erklärte, +Schenkungen anzunehmen, welche ihnen durch testamentarische Verfügungen +gemacht wurden, was nach dem Gesetz des Kaisers Diokletian keinem Verein +gestattet war. + +Nun war der Habgier der Geistlichkeit ein weites Feld geöffnet. Die +niedrigsten und verächtlichsten Mittel wurden angewandt, um die bereits +in Aberglauben aller Art versunkenen Christen zu reichen Schenkungen zu +bewegen, und bereits nach zehn Jahren wagte niemand mehr zu sterben, +ohne der Geistlichkeit ein Legat zu vermachen. Diese betrieb ihr +Geschäft auf so schamlose Weise, dass nicht sehr lange darauf die Kaiser +Gratian und Valentinian sich gezwungen sahen, durch Gesetze der +Erbschleicherei der Geistlichen Einhalt zu tun. + +Hieronymus, der Geheimschreiber des römischen Bischofs Damasus, der +Zeuge war von dem nichtswürdigen Treiben der Pfaffen, rief bei der +Bekanntmachung des Gesetzes: "Ich bedaure nicht des Kaisers Verbot, +sondern mehr das, dass meine Mitbrüder es notwendig gemacht haben!" +Diese Mitbrüder schildert er auf wenig schmeichelhafte Weise, indem er +sagt: "Sie halten kinderlosen Greisen und alten Matronen den Nachttopf +hin, stets geschäftig um ihr Lager; mit eigenen Händen fangen sie ihren +Auswurf auf, und Witwen heiraten nicht mehr; sie sind weit freier, und +Priester dienen ihnen um Geld." Selbst der Bischof des Hieronymus, +Damasus, hatte sich den Beinamen Ohrenkrabbler der Damen erworben. + +Als Julianus (361 n. Chr.) zur Regierung kam, geriet der ganze +Pfaffenschwarm in große Bestürzung, denn dem gebildeten, mit der +Philosophie seiner Zeit bekannten und darin aufgezogenen Kaiser erschien +das bereits durch Aberglauben und Fabeln aller Art entstellte +Christentum abgeschmackt und lächerlich. Er "fiel daher vom Glauben ab", +wie die Kirchenphrase heißt, und erwarb dafür von den christlichen +Geschichtsschreibern den Beinamen Apostata (Abtrünniger). + +Die reine und einfache Lehre Christi hatte in der Tat bereits eine +traurige Veränderung erlitten und war durch Wundermärchen und läppische +Fabeln verunstaltet worden. Vor der ersten allgemeinen +Kirchenversammlung zu Nicäa (325 n. Chr.) gab es gegen fünfzig +Evangelien, von denen nur die noch in der Bibel enthaltenen beibehalten +wurden, weil die anderen den Heiden doch gar zu viel zu spotten und zu +lachen gaben. Sie enthielten die abgeschmacktesten Erzählungen und +trivialsten Geschichten, und wenn auch ihre Verfasser mit der Mutter +Jesu nicht so vertraut waren wie jener Portugiese, der ein "Leben im +Bauch der Maria" schrieb, so berichten sie uns doch unter anderem, dass +dem frechen Menschen, der Maria unzüchtig anzufassen wagte, +augenblicklich die Hand verdorrte. Auch von Wundern erzählen sie, die +Jesus als Kind verrichtete. Einst habe derselbe mit anderen Kindern +gespielt und mit ihnen aus Ton Vögel geformt; die von ihm gemachten +seien sogleich fortgeflogen. Als er größer geworden, habe er einst einen +Tisch gefertigt, und als er von seinem Vater gescholten worden sei, weil +er zu kurz war, habe er an dem Tisch gezogen und ihn so lang gemacht, +wie Meister Joseph wollte. (Anm.d.Red. Kindheitsevangelium nach Thomas) + +Kaiser Julianus versuchte es, das Christentum zu stürzen, obwohl er die +Christen nicht verfolgte, und als er schon nach zweijähriger Regierung +im Kriege gegen die Perser fiel, verursachte sein Tod große Freude. + +Sein Liebling, der Philosoph Libanius, fragte einst spöttisch einen +christlichen Lehrer zu Antiochien: "Was macht des Zimmermanns Sohn?" Er +erhielt zur Antwort: "Einen Sarg für deinen Schüler." Bald darauf starb +der Kaiser, und Libanius vermutete, eben vielleicht wegen dieser +Antwort, dass er durch irgendeinen fanatischen Christen seinen Tod fand. +Sterbend unterhielt sich der Kaiser über die Erhabenheit der +menschlichen Seele, aber die Christen erzählten, er habe eine Hand voll +Blut gen Himmel gespritzt und ausgerufen: "Du hast gesiegt, Galiläer!" + +Mit Julianus starb der letzte heidnische Kaiser; unter seinen Nachkommen +breitete sich die Macht der Pfaffen immer mehr aus, und dieses +Ungeziefer des Christentums verunstaltete dasselbe von Jahrhundert zu +Jahrhundert immer mehr und wurde immer unverschämter und üppiger. + + + + +Die lieben, guten Heiligen + + + Zu alten Zeiten hieß heilig, wenn + der Fliegen, der Heuschrecken fraß, + und jener gar mit seinem heil'gen Hintern + in einem Ameis'nhaufen saß, + um voller Andacht drin zu überwintern. + + (Anm.d.Red. Samuel Butler, Hudibras) + + +Es ist ein durch die Wissenschaft noch nicht vollständig gelöstes +Problem, wodurch Epidemien entstehen, wie Pest, Cholera und dergleichen +grässliche Übel, durch welche das Menschengeschlecht von Zeit zu Zeit +heimgesucht wird. Noch unerklärlicher sind Epidemien des Geistes, deren +Vorkommen so alltäglich ist, dass wir gar nicht mehr darauf achten und +sie am allerwenigsten für eine geistige Störung halten. + +Woher kommt es, dass irgendein dummes Lied die Runde über den Erdball +macht, dass man ihm nirgends entfliehen kann, selbst nicht, wenn man +allein ist, da man es dann selbst summt? Dasselbe ist der Fall mit einem +schlechten Witz oder einer abgeschmackten Redensart oder einer Mode, +über deren Möglichkeit man später selbst erstaunt ist. Es ist nicht +nötig, dass wir Beispiele anführen, denn jeder Mensch wird irgendein +Lied, Redensart oder Mode anführen können, die epidemisch auftrat. + +Das Merkwürdige bei solchen geistigen Epidemien ist, dass Absperrung +dagegen kein unfehlbares Mittel ist, denn wir kennen Gewohnheiten, die +sich zum Beispiel in Klöstern ganzer Länder verbreiteten, die doch unter +sich in gar keiner Verbindung standen. In einem der folgenden Kapitel +werden wir davon merkwürdige Beispiele anführen. + +Die Keime der in ihren Folgen grässlichsten geistigen Epidemien enthält +die Religion und keine mehr als die missverstandene christliche. Sie hat +Europa Jahrhunderte hindurch in ein trübseliges Narrenhaus verwandelt +und Millionen von Schlachtopfern sind der durch sie erzeugten Tollheit +gefallen. + +Dieses Kapitel handelt von den Heiligen der römischen Kirche, denn die +protestantische hat sie abgeschafft und nur die Scheinheiligen behalten. +All diese Heiligen, einige Ausnahmen abgerechnet, waren durch die +Religion wahnsinnig gemachte Menschen und würden, wenn sie heutzutage +lebten, in Narrenhäuser gesperrt werden. Jeder Leser, der nicht von +derselben Narrheit ergriffen ist, wird am Ende dieses Kapitels von der +Wahrheit meiner Behauptung überzeugt sein. + +Die Lehre Christi, dass dies Leben nur eine Vorbereitung für ein +künftiges sei und dass jeder, welcher die ihm hier auferlegten Leiden +gottergeben trage, dafür im ewigen Leben belohnt werden würde, war +darauf berechnet, die leidende und bedrückte Menschheit durch die +Hoffnung zu trösten. Je größer die unverschuldeten Leiden waren, die +einen Gläubigen trafen, desto größere Hoffnung hatte er, durch +geduldiges Ertragen ein freudenreiches ewiges Leben zu gewinnen und es +ist begreiflich, dass es Menschen gab, welche sie betreffende +Unglücksfälle als ein Glück ansahen, da sie ihnen Gelegenheit gaben, den +Himmel zu verdienen. + +Der Übergang zu dem Gedanken, dass Leiden überhaupt verdienstlich sei, +war nicht besonders schwierig, besonders da er durch mehrere von den +Aposteln berichtete Aussprüche Christi unterstützt wurde, und so kam es, +dass man sich endlich selbst Leiden und Qualen erschuf, nur um sie zu +ertragen und weil man damit meinte, für sein Seelenheil zu sorgen. Das +Egoistische und Unmoralische einer solchen Handlungsweise wurde gar +nicht erkannt. + +Die Idee von der Verdienstlichkeit, körperliche Martern mit Freudigkeit +zu ertragen und sich selbst zu schaffen, kam erst recht zur Geltung, als +die während der Verfolgungen unter den Kaisern Diokletian und Decius +hingerichteten Christen durch ihre Standhaftigkeit so hohen Ruhm +einernteten. Mögen sich auch die Kirchenschriftsteller nicht immer von +Übertreibungen ferngehalten haben, wenn sie die Leidensgeschichten der +Märtyrer erzählen, so verdienen sie doch im Allgemeinen Glauben, denn es +ist eine bekannte Erfahrung, dass Menschen in hoher geistiger Aufregung +Schmerz oft gar nicht empfinden, wie manche alte Soldaten bezeugen, die +es in der Hitze des Kampfes oft gar nicht bemerkten, dass sie verwundet +wurden. + +Diese Schwärmerei nahm besonders im vierten Jahrhundert überhand, und +was Zeno, Bischof von Verona (um d. J. 360), sagte, war ziemlich der +allgemeine Glaube: "Der größte Ruhm der christlichen Tugend ist es, die +Natur mit Füßen zu treten." (Anm.d.Red. vgl. Zeno: Traktat V. Die +Enthalsamkeit.) + +Diese düstere Ansicht verbreitete über die ganze christliche Welt eine +Trübseligkeit, welche die Erde in der Tat zu einem Jammertal machte. Die +frommen Christen hielten sich nicht für wert, dass die Sonne sie +bescheine; jeder Genuss erschien ihnen ein Schritt zur Hölle und jede +Qual ein Schritt zum Himmel. + +Später gestaltete sich freilich alles weit lustiger in der christlichen +Kirche, so lustig, dass es ein Skandal und Gräuel und die Reformation +dadurch erzeugt wurde; aber Luther machte die Leute wieder mit der Bibel +bekannt, die ihnen von der römischen Kirche entzogen war, und das Lesen +derselben brachte ähnliche Wirkungen hervor wie das Lesen der Evangelien +unter den Christen der ersten Jahrhunderte. + +Beweise dafür finden wir genug in der Geschichte wie auch in den +Predigten und anderen geistlichen Schriften aus der Zeit nach der +Reformation. Besonders reich daran sind die Gesangbücher, in denen sich +hin und wieder noch jetzt nicht minder seltsame Verse finden wie der +folgende, der wörtlich einem noch nicht sehr alten Breslauer Gesangbuch +entnommen ist: + + Ich bin ein altes Raben-Aas, + Ein rechter Sünden-Krüppel, + Der seine Sünden in sich fraß, + Als wie den Rost der Zwibbel. + O Jesus, nimm mich Hund am Ohr. + Wirf mir den Gnadenknochen vor, + Und schmeiß mich Sündenlümmel + In deinen Gnadenhimmel. + +Weil Jesus es für nötig hielt, vierzehn Tage in die Wüste zu gehen - zu +welchem Zweck hat er niemand gesagt - so meinten die Schwärmer, auch in +die Wüste laufen und ihren Leib durch Fasten und allerlei Qualen +kasteien zu müssen, denn Christus hatte gesagt: "Will mir jemand +nachfolgen, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und +folge mir", und ferner: "Es sind etliche verschnitten aus Mutterleibe +von Menschen, etliche aber, die sich selbst verschnitten haben um des +Himmels willen. Willst du vollkommen sein, so gehe hin und verkaufe +alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im +Himmel haben - komm und folge mir nach." + +Mancher, der schon aus Mutterleibe - am Gehirn - verschnitten und von +Natur ein Narr war, mag durch Zufall mit unter die Heiligen geraten +sein; aber der größte Teil der Heiligen wurde erst durch solche ähnliche +Stellen der Bibel zu Narren. + +Die Wüsteneien Syriens und Ägyptens bevölkerten sich mit frommen +Christen, welche "Jesum nachfolgen" wollten und, weil dieser gelitten +hatte, es für verdienstlich hielten, sich noch weit größere Qualen +freiwillig aufzulegen. Jeder dieser Frommen strebte danach, die Natur +mit Füßen zu treten, und es gelang manchem so vortrefflich, dass uns +dabei die Haut schaudert. Diese Schwärmerei wurde epidemisch und die +sonst einsamen Wüsten bevölkerten sich wie Städte. + +Das anschaulichste Bild von dem Leben dieser "Väter der Wüste" gibt uns +folgende Schilderung eines Mannes, der ihr Leben und Treiben einen +ganzen Monat lang als Augenzeuge beobachtet hat: "Einige flehen mit gen +Himmel gerichteten Augen, mit Seufzen und Winseln, Barmherzigkeit; +andere, mit auf den Rücken gebundenen Händen, halten sich in der Angst +ihres Gewissens nicht für würdig, den Himmel anzuschauen; andere sitzen +auf der Erde, auf Asche, verbergen ihr Gesicht zwischen die Knie und +schlagen ihren Kopf gegen den Boden; andere heulen laut wie beim Tode +geliebter Personen; andere machen sich Vorwürfe, nicht Tränen genug +vergießen zu können. Ihr Körper ist, wie David sagt, voll Geschwüre und +Eiter; sie mischen ihr Wasser mit Tränen und ihr Brot mit Asche; ihre +Haut hängt an den Knochen, vertrocknet wie Gras. Man hört nichts als +Wehe! Wehe! Vergebung! Barmherzigkeit! Einige wagen kaum, ihre brennende +Zunge mit ein paar Tropfen Wasser zu erfrischen, und kaum haben sie +einige Bissen Brot genossen, so werfen sie das übrige von sich, im +Gefühl ihrer Unwürdigkeit. Sie denken nichts als Tod, Ewigkeit und +Gericht! Sie haben verhärtete Knie, hohle Augen und Wangen, eine durch +Schläge verwundete Brust und speien oft Blut; sie tragen schmutzige +Lumpen voll Ungeziefer, gleich Verbrechern in Gefängnissen oder wie +Besessene. Einige beten, sie ja nicht zu beerdigen, sondern hinzuwerfen +und verwesen zu lassen wie das Vieh!" - + +Wer von diesen Wüsteneinsiedlern noch nicht verrückt war, musste es bei +der oben geschilderten Lebensweise notwendig werden. Das Beispiel reizte +die Eitelkeit auf und einer suchte den anderen an Strenge und +Selbstquälerei zu übertreffen. (Anm.d.Red. vgl. Theodoret von Cyrus: +Mönchsgeschichte - Historia Religiosa) + +Einer dieser armen Verirrten und Verwirrten - Heiligen! - lebte fünfzig +Jahre lang in einer unterirdischen Höhle, ohne jemals das freundliche +Licht der Sonne wiederzusehen! Andere ließen sich bei der größten Hitze +bis an den Hals in den glühenden Sand graben; noch andere in Pelze +einnähen, so dass nur ein Loch zum Atmen frei blieb; bei afrikanischer +Sonnenhitze eine treffliche Sommerbekleidung, allein doch noch +erträglicher als der Paletot, den ein anderer sich aus einem Felsen +aushieb und beständig mit sich herumschleppte wie die Schnecke ihr Haus. + +Sehr viele behängten sich mit schweren eisernen Ketten und Gewichten. +Der heilige Eusebius trug beständig zweihundertundsechzig Pfund Eisen an +seinem Körper. Einer dieser Narren namens Thaleläus klemmte sich in den +Reifen eines Wagenrades und brachte in dieser angenehmen Stellung zehn +Jahre zu, worauf er sich, zur Belohnung für seine Ausdauer, in einen +engen Käfig zurückzog. Wahrlich ein rarer Vogel! + +Einige taten das Gelübde - Frauen taten das, glaub' ich, nicht - +jahrelang kein Wort zu reden, niemand anzusehen oder auf einem Bein +herumzuhinken oder nur Gras zu fressen und was des Unsinns mehr ist. + +St. Barnabas hatte sich einen scharfen Stein in den Fuß getreten; er +litt die entsetzlichsten Schmerzen, aber er ließ sich den Stein nicht +herausziehen. Wieder andere schliefen auf Dornen, ja, manche versuchten, +gar nicht zu schlafen und hungern konnten sie wie deutsche Schullehrer +und Dichter; nur hatten sie den Vorteil voraus, dass sie verrückte +Heilige waren und es eine bekannte Erfahrung ist, dass Wahnsinnige sehr +lange ohne Nahrung leben können. Simeon, der Sohn eines ägyptischen +Hirten, aß nur alle Sonntage und hatte seinen Leib mit einem Stricke so +fest zusammengeschnürt, dass überall Geschwüre hervorbrachen, die so +entsetzlich stanken, dass es niemand in seiner Nähe aushalten konnte. + +Dieser Simeon glaubte immer, dass er sich noch nicht genug quäle, und +erfand daher etwas ganz Neues oder was wenigstens von den Christen noch +nicht angewandt wurde, da Anbeter der großen Göttermutter, der Kybele, +in Syrien Ähnliches getan hatten. Simeon stellte sich nämlich auf die +Spitze einer Säule und blieb hier jahrelang stehen. Die erste Säule, die +er zu diesem Zweck benützte, war nur vier Ellen hoch, aber je höher sein +Wahnsinn stieg, desto höher wurden auch seine Säulen. Als seine Tollheit +den Gipfelpunkt erreicht hatte, war seine Säule vierzig Ellen hoch; auf +dieser stand er dreißig Jahre! + +Wie er es eigentlich anfing, nicht herunterzufallen, wenn ihn der Schlaf +überkam, ist schwer zu begreifen; allein wahrscheinlich gewöhnte er +sich, stehend zu schlafen wie Pferde und Esel. Eine seiner +Lieblingsunterhaltungen war es, sich beim Gebet bis auf die Füße zu +bücken. Er muss noch einen geschmeidigeren Rücken gehabt haben als +irgendwelche Kammerherrn, denn ein Augenzeuge berichtete, dass er bis +1244 solcher Bücklinge gezählt habe, der Heilige aber noch unendlich +lange in seiner frommen Turnübung fortgefahren sei. + +Simeon brachte es dahin, dass er vierzig Tage hungern konnte! Als seinem +ausgemergelten Körper endlich die Kraft zum Stehen fehlte, ließ er auf +seiner Säule einen Pfahl errichten und sich an denselben mit Ketten in +aufrechtstehender Stellung befestigen. + +Diese Säulentollheit fand viele Nachahmer, besonders im warmen +Morgenland. Im Abendland ist nur ein Säulenheiliger bekannt und die +fromme Stadt Trier hat den Ruhm, dass er einer ihrer Söhne war. Der +damalige Bischof war aber noch nicht so tief in den Geist der römischen +Kirche eingedrungen wie Herr Bischof Arnoldi, der vor etwa zwanzig +Jahren den angeblich ungenähten Rock Jesu für Geld zeigte, denn sonst +würde er nicht die Säule haben umstürzen und den Narren - ich meine den +Heiligen - zur Stadt hinausjagen lassen. + +Da es das höchste Ziel aller dieser für ihre Seligkeit sich quälenden +Toren war, "die Natur mit Füßen zu treten" und jede "vom Fleische" +stammende Regung zu unterdrücken, so wurde denn natürlich auch der +Geschlechtstrieb als höchst unchristlich verdammt und bekämpft. Der +Kampf mit diesem mächtigsten der Triebe kostete aber die allergrößte +Mühe und hatte, wie wir noch in der Folge sehen werden, die +allerverderblichen Folgen für die sich Christen nennende Menschheit. + +St. Hieronymus (geb. 330 und gest. 422) erzählt ganz kalt, dass dieser +Kampf mit der Natur Jünglingen und Mädchen Gehirnentzündungen und oft +Wahnsinn zugezogen habe. Die armen Narren, die ihren Leib kasteiten, um +den Unzuchtsteufel in sich zu demütigen, wussten ja nicht, dass sie +dadurch das Übel nur ärger machten, denn der Teufel - der bekanntlich +überall seine Hand im Spiel hat - führte ihnen die üppigsten Bilder vor +die Phantasie. + +Einige bestrichen, um sich den Kampf zu erleichtern, ihre rebellischen +Glieder mit Schierlingssaft und andere machten der Sache völlig ein +Ende, indem sie die Wurzel des Übels ausrotteten. Dann hörte freilich +alles auf, auch die Versuchung, und wenn ein Verdienst im Überwinden +liegt, auch das Verdienst. Der sonst so vernünftige Kirchenvater +Origenes tat dies ebenfalls; aber seine Tat war keineswegs originell, da +heidnische Priester der Kybele diese unangenehme Operation ziemlich +häufig mit sich vornahmen. Leontius, ein Priester zu Antiochien, +Jakobus, ein syrischer Mönch, und noch viele andere unter den Priestern +und Laien folgten diesem Beispiel, was daraus hervorgeht, dass ein +Gesetz gegen die Kapaunirwut gegeben werden musste. Nun, Gott sei Dank, +vor der Rückkehr dieses Fanatismus sind wir sicher! + +Andere, welche sich zu einer solchen Radikalkur nicht entschließen +konnten oder auch durch ihre Frömmigkeit davon abgehalten wurden, litten +Höllenqualen. Den heiligen Pachomius trieb das innerliche Feuer in die +Wüste, weil er es hier leichter zu ersticken meinte als in der Welt, wo +soviel zweibeiniger Zündstoff umherläuft. Er kämpfte oft mit sich, ob er +seinen entsetzlichen Qualen nicht durch den Tod ein Ende machen solle. +Einst legte er sich nackt in eine Höhle, welche von Hyänen bewohnt +wurde. Diese Bestien beschnupperten ihn, ließen ihn aber ungefressen +liegen, wahrscheinlich weil sie ihm anrochen, dass er ein Heiliger war. + +Eines Tages gesellte sich zu dem geplagten Manne ein schönes +äthiopisches Mädchen, setzte sich auf seinen Schoß und reizte ihn so +sehr, dass er wirklich glaubte zu tun, was jeder nicht so heilige Mann +in seiner Lage unfehlbar getan haben würde. Als das Entsetzliche +geschehen war, ging es ihm wie manchem andern nach ähnlichen Vorfällen; +er erkannte jetzt, wer seine Hand dabei im Spiel hatte, und gab dem +schönen Mädchen als Dank eine ungeheure Maulschelle. Und seine Vermutung +war richtig; das Mädchen war der Teufel in eigener Person, denn +Pachomius' Hand stank von der Berührung ein ganzes Jahr lang so +entsetzlich, dass er fast ohnmächtig wurde, wenn er sie der Nase zu nahe +brachte. + +Ärgerlich darüber, dass ihn der Teufel so erwischt hatte, rannte er in +der Wüste umher. Er fand eine Aspis oder kleine Brillenschlange und +setzte sie in seiner Wut gleich einem Blutegel an das Glied, welches +Origenes sich abschnitt. Aber die Schlange war ebenso ekel wie die Hyäne +und wollte nicht anbeißen. Pachomius hielt dies für ein Wunder, und eine +innere Stimme sagte ihm, dass er nun Ruhe haben sollte, und somit +scheint ihn das Teufelsmädel kuriert zu haben. + +Mit Mystizismus vereinigte Dummheit und daraus entstehende Schwärmerei +stecken an und verbreiten sich wie Pest und Cholera. Die ganze +Christenheit wurde von dieser asketischen Schwärmerei angesteckt. Ganze +Scharen rannten in die Wüste, so dass sich die Heiligen auf die Füße +traten und genötigt wurden, ungeheure Gemeinschaften - Klöster zu +bilden. + +St. Pachomius, der eigentliche Stifter derselben, hatte in dem seinigen +vierzehnhundert Mönche und führte noch über siebentausend andere die +Aufsicht. Im vierten Jahrhundert gab es in Ägypten wenigstens +hunderttausend Mönche und Nonnen; denn dass die leicht erregbaren und +verrückt zu machenden Weiber von dieser Tollheit nicht frei blieben, +kann man sich denken. In den gut gelegenen Wüsten fing es an, an Platz +zu fehlen, und man schaffte sich künstliche Wüsteneien, das heißt +Klöster, in den Städten. Die Stadt Oxyrrhinchus hatte mehr Klöster als +Wohnhäuser und in ihnen beteten und arbeiteten nicht weniger als +dreißigtausend Mönche und Nonnen. + +Die Heiden mochten spotten soviel sie wollten, um dieses heilige Feuer +auszulöschen; es gelang ihnen nicht, denn die geachtetsten Kirchenlehrer +priesen das Mönchs- und Einsiedlerleben über alles und nannten es den +geraden Weg in das Paradies. Die heiligsten Bande der Natur wurden +zerrissen. Jünglinge verließen ihre Bräute, wie der heilige Alexius, der +in der Brautnacht in die Wüste rannte. Ammo las seiner Braut die Briefe +des Paulus an die Korinther vor! Die Braut wurde dadurch so begeistert, +dass sie mit Ammo in die Wüste lief und hier gemeinschaftlich mit ihm +eine elende Hütte bezog, wo sie lebte - keusch wie eine Henne, die mit +einem Hund zusammen wohnt. + +Johannes Colybita, der Sohn angesehener Eltern, wurde ebenfalls in der +Brautnacht von dem frommen Kanonenfieber gepackt; er floh die Versuchung +und ging in die Wüste. Das unüberwindliche Heimweh trieb ihn in die +Vaterstadt zurück. Hier lebte er siebzehn Jahre als elender Bettler in +einer Hundehütte, die er neben die Wohnung seiner um ihn trauernden +Eltern gestellt hatte, denen er sich erst in seiner Todesstunde zu +erkennen gab. + +Dies waren die Früchte der Lehren solcher Männer wie St. Hieronymus, der +sagte: "Und wenn sich deine jungen Geschwister an deinen Hals werfen, +deine Mutter mit Tränen und zerstreuten Haaren und zerrissenen Kleidern +den Busen zeigt, der dich ernährt hat, dein Vater sich auf die +Türschwelle legt, stoße sie mit Füßen von dir und eile mit trockenen +Augen zur Fahne des Kreuzes." + +Sehr viele trieben auch die Eitelkeit und der Ehrgeiz zum asketischen +Leben, denn die Einsiedler und Mönche standen im höchsten Ansehen. Kamen +sie in eine Stadt, so wurden sie im Triumph empfangen, und zogen sie bei +einer solchen vorbei, dann strömten Tausende zu ihnen heraus, um sich +ihren Rat und ihren Segen zu erbitten. + +Die ganze Gegend, in welcher ein besonders toller Einsiedler sein Wesen +trieb, hielt sich für beglückt, und man hat Beispiele, dass diese +Heiligen von den Bewohnern anderer Landschaften gleichsam wie die wilden +Affen in Pechstiefeln eingefangen wurden. + +Salamanes aus Kapersana, einem Dorfe am Euphrat, hatte sich in ein Haus +sperren lassen, welches weder Fenster noch Türen hatte. Einmal im Jahr +öffnete er diesen Käfig, um die Lebensmittel in Empfang zu nehmen, +welche ihm herbeigeschleppt wurden, wobei der heilige Mann aber mit +niemandem redete. Die Bewohner seines Geburtsortes glaubten, ein Recht +auf diese Blume der Heiligkeit zu haben und entführten den Narren; aber +kaum hatten sie ihn einige Tage, als er ihnen wieder von den Bewohnern +eines benachbarten Dorfes gestohlen wurde. Alle diese gewaltsamen +Veränderungen waren nicht im Stande, dem Heiligen ein Wort zu entlocken. + +Die Verehrung gegen diese Wüstennarren ging so weit, dass Kaiser +Theodosius ihnen sogar seine Söhne Honorius und Arkadius zur Erziehung +anvertraute. Es wurde freilich nichts Gescheites aus ihnen, denn +Honorius war förmlich blödsinnig geworden und fand sein größtes +Vergnügen daran, das Federvieh zu füttern. Eine recht unschuldige +Liebhaberei für einen Kaiser, die auch moderne Imperatoren haben, wenn +das Federvieh nur aus der rechten Tonart kräht. + +Theodosius war überhaupt ein großer Freund der Mönche, und sowohl er wie +andere Kaiser nahmen zu ihnen wie zu Orakeln ihre Zuflucht. Er ahmte dem +großen Alexander nach, indem er sagte: "Wenn ich nicht Theodosius wäre, +so möchte ich ein Mönch sein." Sein Volk hatte Ursache genug, zu +bedauern, dass er Theodosius war. + +Unter den "Vätern der Wüste" haben manche einen ganz besonderen Ruf der +Heiligkeit erworben, teils durch die unerhörten Qualen, welche sie sich +selbst auferlegten, teils durch die Wunder, welche ihnen zugeschrieben +wurden. Unter den schrecklichen Operationen, die sie mit ihrem Körper +vornahmen, litt auch der Geist, und so darf es uns nicht befremden, wenn +diese Leute allerlei Erscheinungen und Visionen hatten, die sie für +Wirklichkeit nahmen und die nur dazu dienten, ihren zerrütteten Verstand +noch mehr zu verwirren. Die Kirchenschriftsteller, welche diese Wunder +nacherzählen, waren ernsthafte Männer und tun dies im festen Glauben an +die Wahrheit dessen, was sie berichten. Erst die späteren mag hin und +wieder Eigennutz zum absichtlichen Betrug verleitet haben. + +Ich würde alle diese Wunder als abgeschmackt übergehen, wenn man sie nur +allein in jener finsteren Zeit geglaubt hätte, allein noch heute gelten +sie Tausenden von römischen Katholiken als Wahrheit. + +Der gemeine Katholik in den echt katholischen Ländern weiß von Gott sehr +wenig; er versteht die philosophische Dreieinigkeitsgeschichte nicht und +zerbricht sich auch nicht den Kopf darüber; er kennt nur seine +wundertätigen Heiligen und den Teufel. + +Lange wollen wir uns übrigens in dieser halb bemitleidenswerten, halb +lächerlich tollen, heiligen Gesellschaft nicht aufhalten. Wer den ganzen +Unsinn der Wunder kennen lernen will, braucht nur eines der +Heiligenbücher zu lesen, welche von der Geistlichkeit in den +römisch-katholischen Ländern empfohlen und verbreitet werden. + +Den größten Ruf unter den Wüstenheiligen erlangten: St. Paulus, St. +Pachomius, St. Antonius, St. Hilarion und St. Macarius Nr. 1 und Nr. 2. +Die Schlachten, welche diese Himmelsstürmer mit dem Teufel lieferten, +waren unzählig und die ungeheure Tätigkeit des "Erzfeindes" kann nicht +in Erstaunen setzen, da diese religiösen Don Quichote in jedem Affen, in +jedem andern Tier und namentlich in jedem Weibe, welche ihnen unvermutet +begegneten, nicht nur höllische Windmühlen, sondern den höllischen +Windmüller selber sahen. + +Alle Übel, welche ihr krankhafter Körper- und Seelenzustand mit sich +brachte, wurden für Wirkungen des Teufels gehalten. Antonius schlief auf +der bloßen Erde und in feuchten Gräbern und zog sich dadurch sehr +begreiflicherweise die Gicht zu, wie das auch jedem Nichtheiligen +begegnet wäre; er aber bildete sich ein, dass die Schmerzen, die er +empfand, von einem Faustkampf mit dem Teufel herrührten, - weil er +vielleicht wirklich häufig Kämpfe mit den starken Affen zu bestehen +hatte, die sich im südlichen Ägypten aufhielten und die wahrscheinlich +die Erzväter der Waldteufel sind. Schöne Weiber, die ihm im Traum +erschienen, hielt er erst recht für Teufel, da sie ihn am stärksten +versuchten und eine derartige "Versuchung des heiligen Antonius" sieht +man häufig gemalt, weil sie die Phantasie der Maler lebhaft anregte. + +Manche der Einsiedler mag auch die Eitelkeit verführt haben, +Erscheinungen vorzugeben, um ihr Verdienst in den Augen der Menschen zu +erhöhen. Wer vermag es, hier die Grenze zwischen wirklichen Äußerungen +des Wahnsinns und Dichtungen anzugeben? Wie lange ist es her, dass die +Hexenprozesse aufgehört haben? Mag bei diesen Letzteren manche +absichtliche Nichtswürdigkeit vorgegangen sein, so kann man doch für +gewiss annehmen, dass noch vor hundert Jahren viele der geachtetsten +Theologen und Juristen an die Möglichkeit der Teufelserscheinungen und +des fleischlichen Umgangs mit dem Teufel und andern bösen Geistern +glaubten; denn wäre dies nicht der Fall, so müsste man die Richter, +welche Hunderttausende von Hexen verbrennen ließen, für absichtliche +Mörder halten. Hexenprozesse fanden noch im vorigen Jahrhundert statt, +und der gemeine Mann in vielen, nicht nur römisch-katholischen Ländern, +glaubt noch heute steif und fest an Hexen. + +Dem heiligen Antonius werden viel Wunder zugeschrieben. Die +Kirchenschriftsteller erzählen, dass ihm die Tiere der Wüste gehorchten +wie dressierte Pudel. Gar häufig umgaben sie zudringlich seine Höhle, +warteten aber stets bis er sein Gebet vollendet hatte, dann empfingen +sie seinen Segen und zogen mit den christlichen Gedanken auf Raub aus. +Als er den in seinem hundertunddreizehnten Jahr gestorbenen heiligen +Paulus aus dem ägyptischen Theben begrub, halfen ihm zwei fromme Löwen +das Grab machen. Als sie fertig waren, empfingen sie seinen Segen und +zogen, christlich mit dem Schwanz wedelnd, vergnügt und mit +erleichtertem Gewissen tiefer in die Wüste. + +St. Macarius, der sich zur Unterdrückung des ihm arg zusetzenden +Wollustteufels mit bloßem Hintern in einen Ameisenhaufen setzte, genoss +ebenfalls das Vertrauen der wilden Bestien. Einst kam eine Hyäne an +seine Tür und pochte bescheiden an. Als der Heilige öffnete, legte ihm +die gläubige Mutter ein blindes Junges zu Füßen, zugleich aber ein +Lammfell als Honorar für die Kur. "Du hast es geraubt, ich mag es +nicht!" schnob der Heilige die fromme Hyäne an, welche so bestürzt +wurde, dass ihren Augen Tränen entrollten. Dies rührte den Heiligen und +er sprach freundlicher zu der bußfertigen Bestie: "Willst du kein Lamm +mehr rauben, so nehme ich das Fell und heile." Die Hyäne nickt zu, der +Heilige heilt. Dieser geht in seine Zelle, jene trollt vergnügt in die +Wüste und raubt von nun an keine Lämmer mehr, sondern wahrscheinlich - +Schafe. + +Das erste Wunder, welches der heilige Hilarion tat, klingt nicht so +unglaublich. Eine junge Frau, die von ihrem Manne verachtet wurde, weil +sie ihm keine Kinder gebar, holte sich Rat bei dem +zweiundzwanzigjährigen Heiligen. Er betete allein mit ihr, und nach neun +Monaten kam sie wirklich mit einem durch tätiges Gebet bewirkten kleinen +Heiligen nieder. + +Doch wozu noch mehr dieser Wunder anführen? - Hier reitet ein Heiliger +auf einem Krokodil durch den Nil, dort führt ein anderer einen grimmigen +Drachen an einem Bindfaden; hier lässt ein anderer Schnee anbrennen, +Eisen schwimmen und Früchte auf Weidenbäumen wachsen; dort benutzt ein +Heiliger einen lebendigen Adler als Regenschirm oder hat den Teufel vor +seinen Pflug gespannt; - kurz, diese Heiligen machten nicht allein die +Menschen, sondern auch die Natur konfus. Und all dieser Unsinn wurde +geglaubt, denn daran zweifelte kein Mensch, dass so heilige Leute die +ewigen Naturgesetze ganz nach Willkür verändern und unterbrechen +konnten! + +Die im Orient entstandene Schwärmerei fand auch in Europa den +lebhaftesten Anklang, und besonders wirkte dafür St. Ambrosius, Bischof +von Mailand, dem wir den Ambrosianischen Lobgesang, das Te deum +laudamus, verdanken, und St. Hieronymus, von dem wir schon früher +geredet haben. Beide wirkten sowohl durch eigenes Beispiel als durch +Schriften. Hieronymus lebte selbst längere Zeit in der syrischen Wüste +und schrieb ein Werk, betitelt "Lob des einsamen Lebens", welches für +ein Meisterstück der Beredsamkeit gilt. Ich werde später noch manchmal +Stellen aus seinen Schriften anführen müssen. Er war 331 in Strydon in +Dalmatien geboren, hielt sich lange Zeit in Rom auf und starb 422 in +seinem Kloster in Bethlehem. + +Der Hang zum asketischen Leben nahm nun schnell in Europa überhand, und +Heilige und Klöster schossen überall wie Pilze auf. Der heilige Martin +war der erste, welcher Klöster in Frankreich anlegte. Er war 316 in +Pannonien geboren und hatte das Kriegshandwerk ergriffen. Als er einst +einem Armen die Hälfte seines Mantels gab, bildete er sich ein, Christi +Stimme zu hören, welche ihm zurief: "Was du andern getan hast, hast du +mir getan." Dies bewog ihn, sein Regiment zu verlassen und unter die +Heiligen zu gehen. Sein Ruf verbreitete sich bald; er wurde Erzbischof +von Tours und ein sehr stolzer Heiliger. Als er vor Kaiser Valentinian +erschien, wollte dieser sich nicht von seinem Throne erheben, um St. +Martin zu begrüßen. Diesen verdross solcher Hochmut, er betete, und - so +erzählt die "Geschichte" - feurige Flammen schlugen aus dem Thronsessel +empor, so dass seine kaiserliche Majestät schnell in die Höhe fahren +musste, wollte sie nicht ihren allerhöchsten allerdurchlauchtigsten +Allerwertesten verbrennen. + +Die Zahl der europäischen Heiligen ist sehr groß, und ich möchte gern +ihr ganzes heiliges Leben und all ihre Wunder erzählen; allein leider +habe ich weder Zeit noch Raum zu einem so umfassenden, interessanten +Werk und will mich daher damit begnügen, nur von denjenigen zu reden, +die für die Welt als Stifter von Mönchsorden oder als sogenannte Apostel +wichtig wurden, und auch dann noch ist ihre Zahl so groß, dass ich eine +Auswahl treffen muss. + +Ehe ich aber dazu schreite, will ich die gläubigen Christen darüber +belehren, was denn eigentlich solch ein Heiliger bedeutet und wozu er +noch heute gut ist. Es versteht sich von selbst - so lehrt natürlich die +römische Kirche - dass ein Heiliger nicht nur selig ist, sondern dass er +auch im Himmel einen besonders hohen Platz einnimmt, gewissermaßen zu +der Familie des lieben Gottes gehört und beständig mit Christus, der +Jungfrau Maria, deren neuerdings unbefleckt empfangenen Frau Mutter, dem +Heiligen Geist, den vornehmsten Engeln und den Aposteln verkehrt. Man +kann sich also wohl denken, dass solch ein Heiliger direkten oder +indirekten Einfluss bei dem lieben Gott hat und nicht leicht vergebens +bittet. Die Heiligen haben ganz außerordentlich viel zu tun, denn sie +haben nicht allein diejenigen auf Erden lebenden Menschen zu beschützen +und zu behüten, deren spezielle Schutzpatrone sie sind, sondern auch +noch spezielle Zweige der Heiligenwissenschaft zu vertreten. Die +angeseheneren Heiligen sind außerdem Vorsteher ganzer Nationen oder +besonderer Städte, und somit sieht jeder ein, dass ihr Amt im Himmel +keine Sinekure ist. Damit nun jeder, den irgendeine religiöse Blähung +oder ein körperliches Gebrechen quält, welches er wohlfeiler kuriert +haben will, als es von einem irdischen unheiligen Doktor geschehen kann, +weiß, was er zu tun hat, so will ich einige Hauptheilige nebst ihren +Funktionen anführen. + +Der Adel steht unter der besonderen Protektion der drei großen Heiligen +St. Georg, St. Moritz und St. Michael; der Patron der Theologen ist +höchst seltsamerweise der zweifelsüchtige "ungläubige" St. Thomas, und +der Schutzheilige der Schweine ist St. Antonius. Die Jurisdiktion über +die Juristen hat St. Ivo, über die Ärzte St. Cosmus und St. Damian, über +die Jäger St. Hubertus und die Trinker stehen unter dem Schutze St. +Martins. So hat auch jedes Gewerbe seinen besonderen Heiligen, denen die +römisch-katholischen Handwerker wahrscheinlich ihr Geschäft anvertrauen, +wenn die vielen Festtage oder die Wallfahrten zur heiligen Garderobe sie +abhalten, selbst dafür zu sorgen. + +Auch jede Nation hat ihren besonderen Schutzheiligen. Die Portugiesen +haben St. Antonius, der neben den Schweinen auch sie behütet; die +Spanier St. Jakob, welcher sich kürzlich als der wahre Jakob erwiesen +hat; die Franzosen St. Denis, die Engländer St. Georg, die Venezianer +St. Markus, und die Deutschen werden einen eigenen Schutzheiligen +bekommen, wenn sie eine Nation sind; einstweiligen besorgen die +Schutzheiligen anderer Nationen ihre diplomatischen Geschäfte, im +Himmel. + +Auch haben einige Heilige, die mit der Leitung von Nationen und +besonderen Ständen nicht zu sehr beschäftigt sind, ihre Muße im Himmel +benutzt, einige Übel der armen Erdenwürmer besonders gründlich zu +studieren, und der liebe Gott, der doch nicht alles selbst tun kann, hat +ihnen nach dem Glauben vieler Katholiken erlaubt, ihm hier und da +auszuhelfen. + +St. Aja hat die Rechtswissenschaft studiert und hilft in Prozessen; St. +Cyprian beim Zipperlein, St. Florian bei Feuersgefahr, St. Nepomuk gegen +Wasserflut und in Verleumdung; St. Benedikt gegen Gift; St. Hubertus +gegen die Hundswut, St. Petronella im Fieber, St. Rochus gegen die Pest, +St. Ulrich gegen die Ratten und Mäuse, St. Apollonia gegen Zahnweh, wenn +es nicht von Schwangerschaft kommt, denn in diesem schmerzlichen Fall +muss man sich an St. Margaretha wenden, welche auch bei schweren +Geburten hilft. St. Blasius bläst das Halsweh weg, und St. Valentin +hilft gegen die fallende Sucht; St. Lucia gegen Augenübel, und Vieharzt +im Himmel ist St. Leonhard. + +St. Benedikt ist der Vater der zahlreichen Benediktinermönche. Er wurde +480 in Nursia in Umbrien geboren und starb 543. Die Legende erzählt von +ihm merkwürdige Dinge. Schon im Mutterleibe sang er Psalmen, und wenn er +als Kind weinte, dann brachten ihm die Engel Bischofsstäbe, +Bischofsmützen und Breviere zum Spielen und machten Musik auf +Instrumenten, die erst viele Jahrhunderte später unter den Menschen +erfunden wurden. Sein erstes Wunder war, dass er einen zerbrochenen Topf +wieder ganz betete! + +Im Beten besaßen diese Heiligen, wenn wir den Kirchenschriftstellern +glauben wollen, eine ordentlich schauerliche Innigkeit und Ausdauer. +Einige erhoben sich vor lauter Inbrunst einige Fuß über die Erde und +blieben so in der Luft hängen. Ein irländischer Heiliger, namens Kewden, +betete so hartnäckig und lange, dass eine Schwalbe in seine gefalteten +Hände Eier legen und ausbrüten konnte! + +Es versteht sich von selbst, dass St. Benedikt vom Teufel heftig +verfolgt wurde, der ihn, als der fromme Mann sich in eine Einöde +vergraben hatte, beständig in Gestalt einer Amsel umschwärmte. Als er, +nämlich der Heilige und nicht der Teufel, Abt eines Klosters wurde, +verführte der Teufel einen Pfaffen, sieben schöne Mädchen in der +Naturuniform im Klostergarten laufen zu lassen, so dass fast alle Mönche +des Teufels wurden. Nahe daran waren sie, denn sie machten Versuche, +ihren strengen Abt zu vergiften, die natürlich alle misslangen, denn +bald betete er den Giftbecher entzwei, bald kam ein Rabe, der das +vergiftete Brot sofort in die Wüste trug. + +Benedikt stiftete eine große Menge von Klöstern, darunter das berühmte +von Monte Casino, und gab seinen Mönchen eine Regel, die für einen +Heiligen und sein Zeitalter sehr vernünftig ist. Seine Mönche sollten +arbeiten; allein von Selbstquälerei und dergleichen ist darin nichts +vorgeschrieben. Seine Klosterregel wurde bald die Grundlage aller +anderen, und die Benediktinerklöster waren die Zufluchtsorte für Künste +und Wissenschaften, welche ohne sie vielleicht ganz und gar im rohen +Mittelalter von dem Christentum verschlungen sein würden. Wir mögen +daher immerhin St. Benedikt als einen der achtungswertesten Heiligen +verehren und ihm die dummen Wunder nicht zur Last legen, welche ihm +spätere Verehrer andichteten. + +Von seiner Klosterregel weicht die des irdischen Mönches Columbanus +merklich ab; in seinem Zuchtbuch regnet es für das geringste Vergehen +Dutzende von Hieben. Wer einem Bruder widersprach, ohne hinzuzufügen: +"Wenn du dich recht erinnerst, Bruder", erhielt fünfzig Hiebe, und wer +gar allein mit einem Frauenzimmer redete, - zweihundert, wohlgezählt. + +Der englische Mönch Winfried, der nachher St. Bonifazius hieß, wird +gewöhnlich der Apostel der Deutschen genannt. Er führte die Klöster in +Deutschland ein und mit ihnen allen Segen Roms. Die Friesen erwarben +sich das Verdienst, ihn nebst dreiundfünfzig Pfaffen totzuschlagen (am +5.Juni 759). Hätten sie es früher getan, dann wüssten wir vielleicht +nichts von Ehelosgikeit der Priester, Wallfahrten, Bilderdienst, +Reliquien und dergleichen Dingen, die er in Deutschland heimisch machte. + +St. Adalbert, der sogenannte Apostel der Preußen, war Bischof von Prag +und ein ganz guter Mann, dem es nur an Verstand fehlte. Was er +eigentlich für ein Landsmann war, weiß ich nicht; aber ich vermute ein +Deutscher, denn er war so demütig, dass er am Hofe seines Freundes +Kaiser Otto II. den Hofleuten heimlich die Stiefel putzte. + +Ihn gelüstete sehr nach der Märtyrerkrone und er schlug allerdings, +obwohl aus heiliger Einfalt, den allerkürzesten Weg dazu ein, sie auf +das schleunigste zu erlangen. Er zog mit zwei Gefährten Psalmen singend +durch das Land der wilden, heidnischen Preußen. Dies wilde Volk hielt +ihn anfangs gar nicht für einen Heiligen, sondern für einen Verrückten +und wurde in diesem Glauben noch bestärkt, als Adalbert auf ihre +Götterbilder schimpfte, ja, sie wohl gar verunehrte und ihnen dafür +Kreuz, Hostie, Marienbilder und andern römisch-christlichen Hausbedarf +anbot. Als die Preußen ihn auslachten, schimpfte er auf die Verstockten +und wurde zornig, und ehe er sich dessen versah, steckten ihm sieben +heidnische Wurfspieße im heiligen Leibe, die ihn zum Märtyrer machten. + +Bruno, einem Benediktiner aus Magdeburg, ging es einige Jahre später +nicht besser; die Preußen schlugen ihn nebst achtzehn seiner Gefährten +ebenfalls tot. + +Ebenso wichtig als Förderer des Klosterwesens und als Heiliger, aber bei +Weitem wichtiger und bedeutender als Mensch, ist der heilige Bernhard. +Luther sagt von ihm: "War je ein wahrer, gottesfürchtiger Mönch, so war +es Bernhard; seinesgleichen ich niemals weder gehört noch gelesen habe, +und den ich höher halte, denn alle Mönche und Pfaffen des ganzen +Erdbodens." + +Bernhard stammte aus einer altadeligen burgundischen Familie und wurde +1091 zu Fontaines bei Dijon geboren. Er war ein Schwärmer, aber ein +durchaus edler Mensch, dem es wahrer Ernst war, die verdorbenen +Geistlichen und die Menschen überhaupt zu bessern. Er quälte seinen +Körper auf grauenhafte Weise, indem er mit seinen Mönchen oft nur von +Buchenblättern und dem elendsten Gerstenbrot lebte. Genoss er einmal zur +Stärkung seines geschwächten Magens etwas Mehlbrei mit Öl und Honig, +dann weinte er bitterlich über diese Schwachheit. + +Seine Frömmigkeit und sein scharfer Verstand erwarben ihm bald einen +bedeutenden Ruf. Als er einst in Mailand einzog, waren ihm Hände und +Arme geschwollen von den Küssen, mit denen ihn die zudringlichen +Gläubigen überdeckten. Er hätte Erzbischof, ja, Papst werden können, er +schlug alle Würden aus; aber als einfacher Bruder von Citeaux übte er +den bedeutendsten Einfluss aus. Er schlichtete Streitigkeiten zwischen +Päpsten und Königen, zwischen Fürsten und ihren trotzigen Vasallen, und +der wildeste Kriegsmann zitterte vor dem gewaltigen Mönch. Weder Kaiser +noch Papst wagten es, in Bernhards Kloster Citeaux einzureiten, sie +gingen demütig zu Fuß. + +Er war die Seele des zweiten der Kreuzzüge, - dieser großartigen +Narrheit, die sieben Millionen Menschen das Leben kostete, die aber aus +religiösem Eifer von Bernhard gefördert wurde. Selbst über die +hartnäckigsten Widersacher siegte seine Beredsamkeit, wie zum Beispiel +über Kaiser Konrad III., der in Speyer seinen Kaisermantel ablegte und +den Heiligen auf seinen Schultern durch das Gedränge trug. Seine +verführerische Zunge entvölkerte die Städte von Männern, so dass in +manchen kaum einer für sieben Weiber zurückblieb, denn "alles, was die +Wand bepisst", nahm das Kreuz. + +Der heilige Bernhard verdiente ein eigenes Buch, und ich werde später +noch hier und da manches zu erwähnen haben, was seine Verdienste besser +ins Licht setzt. Hier will ich nur noch einige Wunder anführen, welche +ihm die Legende zuschreibt und ohne welche er schwerlich in den +Heiligenkalender gekommen wäre, trotz all seiner Verdienste. + +Die Erzählungen von den Siegen über den Teufel, welche er durch die +Kraft seines Gebetes errang, sind unzählbar. Sein Gebet war aber auch so +innig, dass es Steine erbarmte. Einst machte sich ein steinerner +Christus vom Kreuze los und stieg herab, um den frommen Beter zu +umarmen. Ein steinernes Marienbild ging noch weiter. Es reichte dem +Heiligen die Brust, und dieser trank aus dem Stein die süßeste +Frauenmilch! Es ist diese Güte der heiligen Mutter Gottes umso mehr zu +bewundern, als St. Bernhard sie eigentlich immer schlecht behandelte und +nicht einmal an ihre Jungfrauschaft glauben wollte! Als er einst in den +Dom zu Speyer trat, grüßte er das dort befindliche Marienbild: "Sei +gegrüßt, o Königin!" Wie erstaunten die Anwesenden, als die +geschmeichelte und angenehm überraschte steinerne Mutter Gottes die +steinernen Lippen öffnete und ausrief: "Wir danken dir schön, unser +lieber Bernhard", aber noch verwunderte man sich, als der verdrießliche +Heilige die Worte des Apostels zurückbrummte: "Weiber schweigen in der +Versammlung." + +Bernhard starb 1153. Er erschien seinen Mönchen mehrmals verklärt im +Himmelsglanz, aber - und Spötter sollten sich das ad notam nehmen - in +der Mitte seines Leibes war ein unangenehmer Makel, eben weil er an die +makellose Jungfrauschaft der Mutter des Jesukindleins nicht hatte +glauben wollen. + +St. Bernhard selbst hatte 160 Klöster angelegt, die eine zahlreiche +Nachkommenschaft hatten, denn schon zehn Jahre nach des Heiligen Tod gab +es 500, und hundert Jahre später gegen 2000 Bernhardiner- oder +Zisterzienserklöster. Die Mönche dieses Ordens zeichneten sich lange +Zeit vor allen andern durch Arbeitsamkeit und Sittenreinheit aus, so +dass Könige und Fürsten in die Gemeinschaft desselben traten. + +Den Segen, den diese Mönche und die Benediktiner dem rohen Mittelalter +hätten bringen können, vernichteten die nun bald entstehenden +Bettelorden, welche knechtische Unterwerfung der Vernunft unter den +blindesten Glauben lehrten und damit die zügelloseste Sittenlosigkeit zu +verbinden wussten. Sie verbreiteten eine dicke geistige Finsternis über +die Erde, welche die Päpste und ihre Verbündeten so sehr zu schätzen +wussten, dass sie auf das sorgfältigste bemüht waren, dieselbe bis auf +den heutigen Tag zu erhalten. + +Die Idee der Bettelorden entsprang in dem Gehirn Giovanni Bernardone's, +eines verdorbenen Kaufmannssohnes aus Assisi in Umbrien. Er ist bekannt +unter dem Namen des heiligen Franz von Assisi oder des seraphischen +Vaters. - Da der junge Mann zum Kaufmann nichts taugte, so wurde er +Soldat, geriet in Gefangenschaft und verfiel in eine schwere Krankheit. +Als er genas, war er - ein Heiliger! Das heißt vorläufig nur ein simpler +Narr, der sich unter Bettlern und Aussätzigen umhertrieb, ihre Geschwüre +küsste, sich mit ihren Lumpen kleidete und seinen Vater bestahl, um das +Gestohlene zum Ausbau einer verfallenen Kirche zu verwenden. Der Bischof +von Assisi nahm den Dümmling in Schutz, und bald zog er im Land umher, +bettelnd für den Bau der eben erwähnten Kirche. Die Kollekte fiel so +reichlich aus, dass er auf den Gedanken geriet, einen Bettelorden zu +stiften. Papst Honorius sagte zwar von ihm: "Ihr seid ein +Einfaltspinsel", aber Papst Innozenz III., dazu durch einen Traum +veranlasst, bestätigte die von Franz aufgesetzte Mönchsregel, die er +doch anfangs eine Regel für Schweine, aber nicht für Menschen genannt +hatte. + +Anfangs wurde Franz verspottet und verhöhnt, aber in der Zeit von drei +bis vier Jahren stieg der Ruf seiner Heiligkeit so sehr, dass ihm, wenn +er einer Stadt nahte, Geistlichkeit und Volk feierlich entgegenkamen und +mit allen Glocken geläutet wurde. (1211.) + +Seine Regel verbot es streng ein Eigentum zu haben, und die äußerste +Demut war den Mönchen Gesetz. "Die Almosen", sagte Franz, "sind unser +Erbe, Almosen unsere Gerechtigkeit, das Betteln unser Zweck und unsere +Königswürde! Die Schmach und Verachtung unsere Ehre und unser Ruhm am +Tag des Gerichts." + +Er ging selbst mit dem Beispiel voran, denn er war demütig wie ein Hund. +Je mehr ihn die Gassenjungen verhöhnten, desto lieber war es ihm, und +ganz vergnügt war er, wenn sie ihn gar mit Schmutz bewarfen. Aus lauter +Demut ließ er sich oft mit Füßen treten. Wenn er in Assisi umherging und +bettelte, so steckte er alles Essbare, das er erhielt, in einen Topf, +und wenn ihn hungerte, so langte er zu und aß von dem ekelhaften +Gemisch. Einst wurde Franz von einem Kardinal zu Tisch geladen; er ließ +jedoch alle Gerichte unberührt und aß zum Ekel der delikaten Gäste den +Schweinefraß, den er gesammelt hatte. + +Die Tiere hatte er sehr lieb und nannte sie seine Brüder und Schwestern. +Gar oft predigte er den Gänsen, Enten und Hühnern, und als ihn einst die +Schwalben und Sperlinge durch ihr Gezwitscher störten, bat er die +"lieben Schwestern" um Ruhe. Einen Bauer, der zwei Lämmer zu Markte +trug, fragte er: "Weshalb quälst du so meine Brüder?" - Eine Laus, die +sich auf seine Kutte verirrt hatte, nahm er sorgfältig zwischen die +Finger, küsste sie und sagte: "Liebe Schwester Laus, lobe mit mir den +Herrn!" Dann setzte er sie auf seinen Kopf, woher sie gekommen war. + +Seinen Körper nannte er "Bruder Esel", und wenn diesen Esel der Hafer +stach, dann plagte er ihn wacker. Er wälzte sich, wie es auch St. +Benedikt tat, nackt auf Dornen, stieg bis an den Hals in gefrorene +Teiche oder legte sich in den Schnee, bis jede wollüstige, eselhafte +Regung verschwunden war. Einst machte er sich in spaßhafter Laune Weib +und Kinder von Schnee und umarmte sie so lange inbrünstig, bis sie +zerschmolzen waren. + +Sein Orden mehrte sich außerordentlich schnell, denn schon im Jahr 1216, +als er ein Generalkapitel desselben nach Assisi ausschrieb, kamen hier +5000 Franziskaner zusammen, obgleich ein großer Teil davon nur +Abgeordnete von Klöstern waren. Ihre Zahl wuchs bald wie Sand am Meer. +Der Franziskanergeneral bot einst dem Papst Pius III. 40.000 +Franziskaner zum Türkenkrieg an und versicherte, dass die geistlichen +Verrichtungen darunter nicht leiden sollten. Während der Pest 1348 +starben allein in Deutschland 6000 Franziskaner, und man merkte die +Verminderung nicht. Die Reformation zerstörte unendlich viele ihrer +Klöster, allein noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts rechnete man die +Zahl derselben auf 7000 Mönchs- und 900 Nonnenklöster! + +Franz starb 1226, und da er ein Heiliger war, so tat er denn +selbstverständlich auch eine Menge von Wundern. Christi Wunder +verschwinden vor denen, welche seine Mönche von ihm berichten. + +Einst zog er sich in die Apenninen zurück und hungerte hier vierzig Tage +lang. Da erschien ihm ein Seraph, der ihm die fünf Wundmale Christi +aufdrückte, so dass sie bluteten. Von daher hieß Franz auch der +seraphische Vater und sein Orden der Seraphienorden. Die Verehrer dieses +Heiligen gingen so weit, ihn wirklich weit über Christus zu setzen und +ihm die tollsten und verrücktesten Wunder zuzuschreiben. + +Franzens Nachfolger als Ordensgeneral war der Bruder Elias, ein +schlauer, durchtriebener Patron, der sich die Einfalt Franzens trefflich +zunutze zu machen wusste. Er und seine Nachfolger verstanden es +herrlich, Franzens Ordensregeln auszulegen, und dabei wurden ihre +Klöster so reich wie keine anderen. + +Die geschworenen Feinde und Widersacher der Franziskaner waren die +ungefähr um dieselbe Zeit entstehenden Dominikaner, so benannt nach +ihrem Stifter, dem heiligen Dominikus. Er hieß Dominikus Guzman und war +1170 in Altkastilien geboren. Er ward zur Bekehrung der Waldenser nach +Frankreich geschickt und bekam hier den Gedanken, einen Mönchsorden zu +stiften, dessen Wirksamkeit besonders auf das Volk berechnet sein und +der sich mit Predigten und Unterrichtgeben und zu seinem Unterhalt mit +dem einträglichen Betteln abgeben sollte. Er erhielt vom Papst die +Bestätigung, und dieser scheußliche Orden trat ins Leben, um die Welt +mit der Inquisition und der Zensur der Bücher zu beglücken. Dominikus +selbst war der erste, welcher förmliche Ketzerjagden anstellte. + +Er wollte seinen Orden mit dem des heiligen Franz vereinigen; aber +dieser hatte keine Lust dazu. Beide Orden standen sich indessen anfangs +bei; aber bald gerieten sie aus Handwerksneid in bitterste Feindschaft; +auch wollten die gebildeteren Dominikaner stets etwas Besseres sein als +die Franziskaner, von denen durchaus keine Gelehrsamkeit gefordert +wurde. Der Dominikanerorden wuchs ebenfalls schnell, und 1494 gab es +4143 Klöster desselben. + +St. Dominikus verdankt die Klosterwelt eine große Erfindung, nämlich +neunerlei Stellungen beim Gebet, mit denen man zur Unterhaltung +abwechseln konnte, damit die Sache nicht zu langweilig wurde. Man konnte +beten: stehend, kniend, auf dem Rücken, dem Bauch, den Seiten liegend, +die Arme ins Kreuz ausgestreckt, gekrümmt stehend, bald kniend, bald +aufspringend. Er selbst betete so inbrünstig, dass er von der Erde +verzückt wurde, das heißt einige Fuß hoch vom Boden in der Luft +schwebte. Er starb 1221 zu Bologna. Von seinen überirdischen Taten, +nämlich seinen Wundern, wollen wir schweigen, wir haben genug an seinen +irdischen. Fliehen wir aus der Gesellschaft dieses bleichen +Henkerknechtes! und wessen Christentum es erlaubt, der mag dem Vater der +Inquisition aus vollem Herzen einen Fluch nachrufen, ich stimme von +ganzer Seele ein! + +Ich hoffe, die Leser werden bereits genug haben an dem Unsinn, den ich +ihnen nach den Berichten der Kirchenschriftsteller von den +achtungswertesten der Heiligen erzählte, und ich will ihre Geduld jetzt +nicht weiter auf die Probe stellen, da ich ohnehin später noch diesen +oder jenen Heiligen erwähnen muss. Wäre ich nur darauf ausgegangen, die +Heiligen und ihre Wunder lächerlich zu machen, dann hätte ich eine ganz +andere Auswahl getroffen, dann hätte ich St. Antonius von Padua, welchen +der heilige Franz selbst "ein Rindvieh" nannte, und Konsorten gewiss +nicht ausgelassen. + +Schließlich will ich nur noch einige heilige Frauen erwähnen; ihre Zahl +ist nicht weniger groß als die der männlichen Heiligen, und ihre +Schwärmereien und Wunder sind noch bei weitem wunderbarer. Es ist hier +nicht der Ort, die Ursachen auseinanderzusetzen, warum das weibliche +Geschlecht weit mehr zur Schwärmerei geneigt ist als das männliche und +der Verstand der Weiber leichter überschnappt. Die Erfahrung lehrt es +uns täglich. Von somnambulen Männern habe ich noch nichts gehört, aber +dergleichen Mädchen - nicht Frauen - gibt es in großer Menge. Eine große +Zahl der heiligen Mädchen waren ganz sicher Somnambulen. + +Eine der ältesten Heiligen ist St. Afra. Ihre Mutter hielt ein Bordell +in Augsburg, und sie war darin eine der fungierenden Priesterinnen. Der +Zufall, natürlich, führte einst den spanischen Bischof Narzissus in dies +Haus. Er bekehrte die Priesterinnen der Venus zum Christentum, und Afra, +mit der er sich am meisten beschäftigte, machte er zur Heiligen. Sie +wurde später als Märtyrerin verbrannt. + +Die heilige Therese war eine Spanierin aus adeliger Familie, geboren +1515 und gestorben 1582. Ihre Verehrer gaben ihr die seltsamsten Titel: +Arche der Weisheit, himmlische Amazone, Balsamgarten, Orgel und +Kabinettssekretär des Heiligen Geistes usw. Schon als Kind wurde sie von +der Schwärmerei ergriffen und wollte nach Afrika gehen, um dort den +Märtyrertod zu finden. Endlich, als sie siebzehn Jahre alt war, hielten +es die Eltern nicht mehr mit ihr aus und brachten sie in das +Karmeliterkloster zu Avila. Sie hatte nun bald Erscheinungen aller Art, +und als ihr gar einst eine Hostie aus der Hand des Bischofs von selbst +in den Mund flog, da war die Heilige fertig. Sie ward endlich Äbtissin +eines eigenen Klosters zu Pastrana, und nun konnte sie ihrer Heiligkeit +freien Lauf lassen. + +Jesus war von ihrer Heiligkeit so entzückt, dass er ihr einst die Hand +reichte und sie zu seiner Braut weihte, indem er sagte: "Von nun an bin +ich ganz dein und du ganz mein." Einst erschien ihr ein Seraph, der sie +mit einem "glühenden Pfeil" einige Mal tupfte; aber der Schmerz war so +süß, dass sie wünschte, ewig so getupft zu werden. Die Spanier feiern +noch heute dies Fest der Bepfeilung am 27. August. + +Die Nonnen der heiligen Therese mussten barfuß gehen und sich die +strengste Zucht gefallen lassen. Der blindeste Gehorsam war ihnen +Gesetz, und die geringste Abweichung davon wurde furchtbar bestraft. +Eine Nonne, die über schlechtes Brot eine verdrießliche Miene machte, +wurde nackend an die Eselskrippe gebunden und musste hier zehn Tage lang +Hafer und Heu fressen! Solche barbarische Strenge hatte denn auch zur +Folge, dass jeder ihrer Befehle auf das pünktlichste befolgt wurde. Eine +Nonne fragte sie einst, wer heute die Abendmette singen solle. Die +Heilige war verdrießlich und antwortete "Die Katze". Die Nonne nahm also +die Katze, ging damit an den Altar und zwickte sie in den Schwanz, so +dass das arme Tier in den erbärmlichsten Liedern das Christentum +anklagte. + +Selbstquälerei war in diesem Kloster an der Tagesordnung. Theresens +Nonnen verbrauchten eine Unmasse von Ruten. Sie schliefen auf Dornen +oder im Schnee, tranken aus Spucknäpfen, nahmen tote Mäuse und anderes +ekelhaftes Zeug in den Mund, tranken Blut, tauchten ihr Brot in faule +Eier und durchstachen sich die Zunge mit Nadeln, wenn sie das Schweigen +gebrochen hatten. + +Eine höchst merkwürdige Antipathie hatte die heilige Therese gegen +behos'te Männer, und hätte sie die Macht gehabt, so hätte sie allen die +Hosen abgezogen. Soweit sie Gewalt hatte, tat sie es auch. Die unter ihr +stehenden Karmelitermönche mussten die Hosen ablegen und dafür ein +kleines Schürzchen von brauner Wolle tragen. Sie hielt indessen nur +Männerhosen für unchristlich, denn ihre Nonnen mussten Hosen tragen; ob +sie es selbst tat, darüber haben uns die gelehrten Karmelitermönche +keine Nachricht hinterlassen. + +St. Therese war auch Schriftstellerin und schrieb Bücher, die manchem +armen Mädchen den Kopf verrückten. Nach ihrem Tod erschien sie einer +vertrauten Nonne und gestand ihr, dass sie mehr aus Inbrunst der Liebe +als an der Heftigkeit der Krankheit gestorben sei. Von der Liebe scheint +diese heilige Hosenfeindin überhaupt mehr verstanden zu haben, als man +einer Äbtissin sonst zutraut, denn irgendwo schreibt sie: "Der Teufel +ist ein Unglücklicher, der nichts liebt, und die Hölle ein Ort, wo man +auch nicht liebt"; ein Gedanke, der eines Dichters würdig ist. + +Ungefähr um dieselbe Zeit wie Therese lebte die Italienerin Katharina +von Cardone. Sie war aus Liebe verrückt, wohnte in einer Höhle und trug +ein Kleid von Ginster, mit Dornen und Eisendraht durchflochten. Sie fraß +Gras wie ein Tier, ohne sich der Hände zu bedienen, und einmal fastete +sie gar vierzig Tage lang. So lebte sie drei Jahre! + +Die heilige Katharina von Genua war in Liebe, zu Christus natürlich, +dermaßen entbrannt, dass sie darüber toll wurde. Sie glühte wie ein +Ofen, und oft wälzte sie sich an der Erde und schrie: "O Liebe! Liebe, +ich halte es nicht mehr aus!" + +Die heilige Passidea, eine Zisterziensernonne aus Siena, quälte sich, +noch ehe sie ins Kloster ging, ärger als die Väter der Wüste. Sie +geißelte sich mit Dornen und wusch dann die Wunden mit Essig, Salz und +Pfeffer; sie schlief auf Kirschkernen und Erbsen, trug ein Panzerhemd +von sechzig Pfund Schwere und stieg in gefrierende Teiche, um sich mit +einfrieren zu lassen. Ja, sie trieb den Unsinn so weit, dass sie sich +mit dein Kopf nach unten lange Zeit in den rauchenden Schornstein +hängte! Als sie Nonne war, erschien ihr einst Christus und drückte ihr +seine fünf Wundmale ein. Zwei Nonnen sahen durch das Schlüsselloch, wie +Jesus sie drückte und verschwand und wie die Wunden bluteten! + +Die heilige Klara war aus Assisi und schwärmte mit dem heiligen Franz. +Sie lief zu ihm und bat, dass er sie zur Nonne machen und Söhne und +Töchter mit ihr zeugen möchte, - natürlich geistlicherweise. Ihre +Schwester Agnes wurde bald darauf von derselben Schwärmerei ergriffen, +und die armen Eltern waren ganz unglücklich. Die Verwandten wollten die +beiden Närrinnen mit Gewalt aus dem Kloster holen, aber da wurde - so +erzählt die Legende - Agnes plötzlich so schwer, dass zwölf Männer sie +nicht von der Stelle bringen konnten, und der Oheim, der sein Schwert +gezogen hatte, blieb stehen, als höre er Hüons Zauberhorn. + +Die heilige Klara lebte sehr streng. Als Hemd trug sie eine Schweinshaut +oder auch eine Gewebe aus Rosshaaren, und aus Demut küsste sie der +schmutzigsten Viehmagd die Füße, welche sie dann erst wusch, als wären +sie durch ihren Kuss verunreinigt worden. Als sie starb, fanden sie in +ihrem Herzen im kleinen alle Passionsinstrumente, wie in einem +Hechtskopf, und in ihrer Blase drei geheimnisvolle Steinchen, sämtlich +von gleichem Gewicht, aber wovon eines so schwer als alle drei, zwei +nicht schwerer als eins und das kleinste davon so schwer als alle drei +waren! - St. Klara war die Mutter der weiblichen Franziskaner, und ihr +verdanken wohl 900 Klarissenklöster ihr Entstehen. + +Die heilige Katharina von Siena war auch mit Jesus verlobt worden, der +ihr einen kostbaren Diamantring an den Finger steckte, welchen aber +niemand sah als sie allein. Sie pflegte die ekelhaftesten Kranken, wofür +sie mit dem rosinfarbenen Blute aus seiner Seitenwunde getränkt wurde. +Seitdem nahm sie von Aschermittwoch bis Himmelfahrt weiter keine +Nahrung, sondern lebte bloß vom Abendmahl. Christus drückte ihr auch +seine fünf Wunden ein, was der Orden pour le mérite Religionsklasse der +Heiligen zu sein scheint. Über diese Auszeichnung kamen die Dominikaner +mit den Franziskanern in einen Streit, der vierzig Jahre dauerte und +welchen Papst Urban VIII. dahin entschied, dass Katharinas Wundmale +nicht geblutet hätten wie die des heiligen Franz. Auch wurde den Malern +befohlen, die Heilige nur mit fünf Strahlen vorzustellen. + +Die heilige Agnes ließ der Stadtrichter, weil sie seinen Sohn nicht +heiraten wollte, nackt in ein Bordell bringen; aber plötzlich bekam sie +so lange Haare, dass sie sich darin einwickeln konnte wie in einen +Mantel, und das ganze liederliche Haus verwandelte sie in ein Bethaus. + +Die heilige Paula, die einst ein unheiliger Jüngling notzüchtigen +wollte, erhielt auf ihr Gebet einen garstigen langen Bart, vor dem sich +der Liebhaber entsetzte und floh. + +Die heilige Brigitte befreite einst ein neapolitanisches Mädchen von +einem in Gestalt eines Jünglings auf ihr liegenden Teufel. + +Wir wollen die Reihe der Heiligen schließen mit der heiligen Rosa von +Lima, einer Dominikanerin, die auf knotigem Holz und Glasscherben +schlief und als Nachttrunk einen Schoppen Galle trank. Jesus war von +ihrer Heiligkeit so entzückt, dass er an einem Palmsonntag als +Steinmetzgeselle zu ihr kam und sich mit ihr verlobte, indem er sprach: +"Rosa, Schatz meines Lebens, du sollst meine Braut sein." Maria war mit +dabei und gratulierte ihr, indem sie sagte: "Siehe, was für eine große +Ehre dir mein Sohn antut." Las die Heilige, so erschien Jesus auf dem +Blatt und lächelte sie an; nähte sie, so setzte er sich auf ihr +Nähkissen und scherzte mit ihr. Besuchte Jesus eine andere Nonne - denn +er hatte gar zu viele Bräute -, so war Rosa vor Eifersucht außer sich, +bis er wiederkam. + +Ihre heilige Schwiegermutter, die Jungfrau Maria, diente ihr +einundzwanzig Jahre lang als Kammerjungfer, und wenn die Frühmette kam, +rief sie: "Stehe auf, liebe Tochter, es ist Zeit." Das Kloster wimmelte +von Flöhen, aber keiner von diesen freigeisterischen Springern hatte die +Dreistigkeit, die Braut Christi zu stechen. - So steht es in der +päpstlichen Bulle, welche die Heiligsprechung enthält! + +Außer den in diesem Kapitel genannten Heiligen und noch vielen hundert +anderen, die ich nicht nannte, beten die römischen Katholiken noch zu +einigen, die niemals lebten und die einer lächerlichen Fabel ihren +Ursprung verdanken, wie St. Christophorus, St. Georgius, St. Mauritius +und 6600 Gesellen, die sieben Schläfer, Ursula mit ihren 11.000 +Jungfrauen und St. Guinefort, der ein vierbeiniger Hund war! + +Jeder gute Katholik, der das Vergnügen haben will, nach seinem Tod unter +die Heiligen versetzt zu werden, konnte dies unter dem vorigen Papst +noch haben - von dem jetzigen weiß ich es nicht - der den Toten für +100.000 Gulden kanonisierte. Wunder fanden sich, da eben niemand ohne +Wunder Heiliger werden kann. + +Die Christen der ersten Jahrhunderte wussten von Heiligen nichts. Sie +verehrten allerdings die Märtyrer oder Blutzeugen, welche ihres Glaubens +wegen hingerichtet wurden, sie erwähnten dieselben in ihren +Versammlungen und stellten sie der Gemeinde als Muster hin; und das war +sehr natürlich und durchaus zu billigen. Erst als Konstantin zum +Christentum übertrat und viele der heidnischen Bräuche in die +christliche Kirche übergingen, kam auch der Heiligendienst in Aufnahme. +Die Heiden waren gewohnt, ihren Heroen zu opfern; die christlichen +Priester trugen diesen Gebrauch auf ihre Glaubensheroen über. + +Solange jeder Mensch Gott gleich nahe zu stehen glaubte, musste der +Heiligendienst als Unsinn betrachtet werden; als jedoch die Pfaffen sich +als Makler zwischen Gott und den übrigen Menschen stellten, war der +Schritt zu dem unsinnigen Glauben nicht weit, dass die Heiligen im +Himmel gleichsam wie Minister und Kammerherren den Hofstaat Gottes +bildeten und dass, wer bei Sr. himmlischen Majestät etwas durchsetzen +wollte, nur diese durch Gebete und Opfer zu bestechen brauchte! + +Ärger konnten die Pfaffen die christliche Religion nicht verhöhnen als +durch diesen Heiligendienst, der dadurch noch unwürdiger wird, als es +schon seiner inneren Natur nach der Fall ist, dass viele dieser +Heiligen, wie uns die Geschichte lehrt, die verworfensten, +lasterhaftesten Menschen, ja, geradezu Schufte waren. Selbst die besten +waren nicht ganz richtig im Kopf und entweder Schwärmer oder +Wahnsinnige. Es gibt noch heute eine Menge solcher Heiliger unter +Protestanten und Katholiken, nur dass man sie nicht mehr anbetet, +sondern in Narrenhäuser sperrt. + +Carl Julius Weber, einer unserer geistreichsten Schriftsteller, +charakterisierte diese Heiligen derb aber richtig. Er sagt: "Bei +weiblichen Mystikern sitzt der Jammer gewöhnlich auf dem Fleckchen, das +man nicht gerne nennt, und bei den männlichen hat den Fleck Hudibras +getroffen. - + + So wie ein Wind in Darm gepresst + Ein - wird, wenn er niederbläst, + Sobald er aber aufwärtssteigt, + Neu Licht und Offenbarung zeugt." + +Der Hysterie und den blinden Hämorriden verdankt die römische Kirche die +meisten ihrer Heiligen, und sie darf sich daher nicht wundern, wenn wir +dieselben - als Afterheilige betrachten. + + + + +Die heilige Trödelbude + + + Die Welt hat es erfahren, + dass einst der Glaub' in Priesterhand + mehr Böses tat in tausend Jahren, + als in sechstausend der Verstand. + + +"Geld ist Macht." Das erkennt niemand besser als die römische Kirche, +die nach beiden und durch das eine zum anderen strebte. In der römischen +Kirche gibt es keine Einrichtung oder Satzung, welche nicht auf irgend +eine Gelderpressung hinausliefe, und so lange die Welt steht, gab es +keine Institution, die ein umfangreicheres, frecheres und +einträglicheres Schwindelgeschäft betrieb, als die römische Kirche. + +Als die einträglichsten Betrügereien derselben erwiesen sich der Handel +mit Reliquien und mit "Ablass", ein Handel, welcher Jahrhunderte durch +mit großem Erfolg betrieben wurde und der noch heutzutage keineswegs +aufgehört hat. Um ihn aufrechtzuerhalten, wurde der krasseste Aberglaube +geflissentlich auf die gewissenloseste Weise in die Herzen des Volks +gepflanzt und auf die unverschämteste Weise ausgebeutet. + +Eine Geschichte des Handels zu schreiben, den die römische Kirche trieb +und noch treibt, würde eine Riesenarbeit sein, welche die Grenzen, die +ich mir notwendig setzen muss, weit überschreiten würde; ich kann nur +eine flüchtige Skizze desselben geben, die indessen vollkommen +hinreichend sein wird, um den ungeheuren Umfang des Betruges und die +Frechheit desselben erkennen zu lassen. + +Auf menschliche Schwächen und Neigungen verstehen sich die Pfaffen +vortrefflich, und dieser Kenntnis verdanken sie ihren Reichtum und ihre +Macht. Ihnen konnte es nicht entgehen, dass alle Menschen mehr und +weniger Reliquiennarren sind, und sie machten diese Narrheit zu einer +Goldgrube, die noch heute nicht erschöpft ist. + +Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch irgendeine Reliquie wert hält, sei +es die Locke einer Geliebten, eine gestickte Brieftasche oder eine +trockene Blume oder ein Band, woran sich angenehme liebe Erinnerungen +knüpfen. Ebenso kann man sich eines gewissen Interesses nicht erwehren, +wenn man Gegenstände sieht, welche von bedeutenden historischen Personen +einst gebraucht wurden. + +Sowohl die Griechen als die alten Römer hatten ihre wert gehaltenen +Reliquien, und einige davon waren fast römisch-katholisch, wie zum +Beispiel das Ei der Leda! Das Palladion war ja auch eine Reliquie, und +noch dazu eine wundertätige, wie auch der vom Himmel gefallene heilige +Schild und viele andere. + +Die Inder führten um einen übermenschlich großen Zahn von Buddha blutige +Kriege, und die Mohammedaner bewahren Fahne, Waffen, Kleider, den Bart +und zwei Zähne ihres Propheten, und so finden wir Reliquien bei jedem +Kultus und bei jedem Volk. + +Wir entdecken in der Geschichte der christlichen Kirche keine Spur von +Reliquienkultus, ehe Konstantin Christ wurde. Von diesem wird erzählt, +dass er während der Schlacht an der Milvischen Brücke am Himmel ein +glänzendes Kreuz sah mit der griechischen Überschrift, welche in +deutscher Übersetzung "In diesem siege" heißt. Er ließ nun eine +Kreuzfahne machen, der seine meistens christlichen Soldaten mit +Enthusiasmus folgten. + +Seitdem wurde das Kreuz Mode, und bald fand die Mutter des Kaisers, +Helena, das wahre Kreuz auf, an welchem Jesus vor länger als dreihundert +Jahren gekreuzigt worden war, wie auch das Grab, in welchem sein Körper +bis zur Auferstehung gelegen hatte. Die gleichzeitigen Schriftsteller +melden zwar von dieser Entdeckung nichts; sogar der Fabelhans Eusebius, +welcher die Reise der Kaiserin Helena nach Palästina beschreibt, sagt +kein Wort von diesem merkwürdigen Fund; aber die Geschichte ist einmal +als wahr angenommen, und die römische Kirche feiert ein eigenes +"Kreuzerfindungsfest". + +Der Segen, den Helena entdeckte, war aber zu groß; sie fand nicht allein +das Kreuz Christi, sondern auch das der beiden "Schächer". Die +Inschrift, die Pilatus zur Verhöhnung der Juden hatte anheften lassen, +fand sich nicht mit vor; wie sollte man nun das heilige Kreuz von den +beiden anderen unterscheiden? Pfaffen sind aber erfinderisch, und so war +man denn auch nicht um eine Auskunft verlegen. Man legte einen Kranken +auf eins der Kreuze, und er wurde weit kränker. Man vermutete daher, +dass dies wohl das Kreuz des gottlosen Schächers sein müsse, der Jesus +verspottete, und legte den Kranken auf ein anderes. Ihm ward um vieles +besser, und endlich als er von diesem Kreuz des frommen Schächers auf +das dritte gelegt wurde, - stand er sogleich frisch und gesund auf. Das +Kreuz Christi war gefunden! + +Man fand nun auch bald die Gräber der Apostel, und ihre Körper sind, +glaub' ich, sämtlich vorhanden. Wusste man nicht, wo sie gestorben oder +begraben waren, so hatte man göttliche Offenbarungen. Auf diese Weise +gelangte man zu den Überresten von allen möglichen Märtyrern und +Heiligen, die natürlich sämtlich Wunder taten. Solcher Offenbarungen +wurden, wie sich von selbst versteht, nur Mönche und Geistliche +gewürdigt; aber recht frommen Leuten gelang es mit Hilfe der Letzteren +auch, mit den Heiligen in direkten Verkehr zu treten. + +Eine fromme Frau zu St. Maurin hatte Johannes den Täufer zu ihrem +Lieblingsheiligen ausersehen. Drei Jahre lang bat sie täglich den +Heiligen nur um irgendwelches Teilchen von seinem Leib, den er ja doch +nicht mehr brauchte, sei es auch was es sei; - der hartherzige Johannes +wollte sich nicht erbarmen! Nun wurde die Frau trotzig und schwor, +nichts mehr zu essen, bis der Heilige ihre Bitte erhört habe. Sieben +Tage hatte sie schon gehungert, da endlich! fand sich auf dem Altar - +ein Daumen des Täufers. Drei Bischöfe legten mit großer Andacht diese +kostbare Reliquie in Leinwand, und drei Blutstropfen fielen aus dem +Daumen heraus, - so dass doch für jeden der drei Bischöfe auch noch +etwas abfiel. + +Wie unendlich schwer ist es uns geworden, die Überreste Schillers und +Webers aufzufinden! und beide starben doch als geachtete und +hochverehrte Männer, in ruhiger Zeit und in Staaten, wo jeder +Neugeborene und jeder Gestorbene in ein besonders darüber geführtes +Register eingetragen wird; umso mehr ist es zu bewundern, dass man in +jener Zeit noch nach Jahrhunderten nicht allein die Gebeine, sondern +auch die Kleidungsstücke von Heiligen vorfand, die als Verbrecher +hingerichtet und deren Leichen irgendwo eingescharrt wurden. Ja, was +noch wunderbarer ist, man fand von manchem Heiligen so viele +Körperteile, dass man daraus, wenn man sie zusammensetzte, sechs und +mehr vollständige Skelette hätte machen können! Der heilige Dionysius +existiert zum Beispiel in zwei vollständigen Exemplaren zu St. Denis und +zu St. Emmeran, und außerdem werden noch in Prag und in Bamberg Köpfe +von ihm gezeigt und in München eine Hand. Der Heilige hat also zwei +vollständige Leiber, fünf Hände und vier Köpfe! + +Die Christen der ersten Jahrhunderte wussten nichts von einer Anbetung +der Jungfrau Maria oder der Heiligen, sondern verspotteten vielmehr die +Heiden wegen ihrer vielen Untergötter, die gleichsam Jupiters Hofstaat +bildeten, und wegen der göttlichen Verehrung der Kaiser, mit der es +übrigens gar nicht so arg war. Man gab ihnen den Beinamen "der +Göttliche", setzte ihre Namen in den Kalender und errichtete ihnen +Bildsäulen. Mit Ludwig XIV. und anderen Fürsten haben Christen weit +ärgeren Götzendienst getrieben. + +Die ersten Heiligen waren meistens unbekannte Menschen, und wunderbar +ist es, dass man auf die Anbetung der Maria erst weit später verfiel, +denn eine Jungfrau, die Gott sich unter den Millionen Mädchen der Erde +vorzugsweise zum "Gefäß der Gnade" ersah, war doch auf jeden Fall mehr +der Anbetung würdig als ein hirnverbrannter schmieriger Einsiedler, der +ein Sitzbad in einem Ameisenhaufen nimmt. + +Noch im vierten Jahrhundert dachte man nicht daran, die Jungfrau Maria +göttlich zu verehren, ja, man war auf dem besten Wege, sie zu +verketzern. Man sagte ihr Dinge nach, welche die Christen der damaligen +Zeit sehr gottlos fanden. Der berühmte Kirchenvater Tertullian warf ihr +vor, dass sie an Jesus nicht geglaubt habe! Origenes und Basilius +beschuldigen sie unheiliger Zweifel bei den Leiden ihres Sohnes, und +Chrysostomus hält sie des Selbstmordes für fähig, indem er erzählt, dass +der Engel ihr die Empfängnis Christi früher verkündet, als sie ihre +Schwangerschaft bemerkte, weil sie sonst bei der plötzlichen Entdeckung +leicht aus Scham ihrem Leben hätte ein Ende machen können. + +Die Verehrung der Maria beginnt erst im fünften Jahrhundert, und bald +hatte sie nicht allein alle Heiligen, sondern selbst Gott und Jesus +überflügelt. "Wer Maria nicht verehrt, dem wird keine Vergebung", sagten +die Priester. + +Die Liebe verfällt schon auf wunderbare Beinamen, und mein Täubchen, +mein Mäuschen, mein Hämmelchen, mein Puttchen usw. usw. sagt noch heute +gar mancher Jüngling zu seiner Geliebten; aber die der Jungfrau Maria +beigelegten zärtlichen Namen sind oft so seltsam und komisch, dass es +nicht zu begreifen ist, wie Katholiken die marianische Litanei ohne +Lachen herplappern können. Sie wird unter anderen genannt: du +geistliches Gefäß, ehrwürdiges Gefäß, vortreffliches Gefäß der Andacht, +geistliche Rose, Turm Davids, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Arche +des Bundes, Thron Salomons, brennender Dornbusch, Honigfladen Simsons, +Tempel der Dreieinigkeit, geweihte Erde, Seehafen, Sonnenuhr, +Himmelsfenster usw. + +Der Name "Mutter Gottes", der jetzt ganz gewöhnlich geworden ist, +erregte im fünften Jahrhundert großes Ärgernis; der fromme Kirchenvater +Nestorius fand ihn lächerlich und unschicklich und den "Mutter Christi" +vernünftiger. Die Kirchenversammlung von Ephesus entschied aber für +Mutter Gottes. + +Natürlich war es, dass man nun auch auf die Verehrung der "Großmutter +Gottes" verfiel; aber Papst Clemens XI. gebot Halt, und ohne ihn würden +die Katholiken vielleicht heute zu allen Onkeln und Tanten Gottes beten. + +Christus ist Gottes Sohn nach der Lehre der christlichen Kirche, und +doch ist er wieder Mensch; aber er ist eins mit Gott dem Vater und Gott +dem Heiligen Geist. Über diese Menschwerdung Gottes und über das Wesen +der Dreifaltigkeit ist mancher schon einfältig geworden. Die +Menschwerdung Gottes erklärt der heilige Bernhard ebenso einfach als +elegant, indem er sagt: "Aus Gott und Mensch wurde eine Heilsalbe für +alle; diese beiden Spezies wurden im Leibe der Jungfrau Maria wie in +einer Reibschale gemischt, und der Heilige Geist war die Mörserkeule." + +Minder geistreich, wenn auch ebenso einfach, ist jenes Franziskaners +Erklärung der Dreieinigkeit, die er vergleicht mit Hosen, die zwar drei +Öffnungen hätten, aber doch nur ein Stück wären. + +Maria wurde Veranlassung zu unendlich vielen Zänkereien zwischen den +Gelehrten und Pfaffen. Besonders heftig war der Streit über "die +befleckte oder unbefleckte Empfängnis der Jungfrau"; das heißt nicht +darüber, ob Maria Jesus ohne Verlust ihrer physischen Jungfrauschaft +empfangen habe - denn darüber war man ziemlich einig - sondern ob sie +selbst von ihrer Mutter auch "ohne Erbsünde" empfangen sei oder nicht. +Die Dominikaner sagten mit, die Franziskaner ohne Erbsünde und stritten +jahrhundertelang darüber mit Waffen aller Art. Noch im Jahr 1740 machten +gelehrte Männer diese Dummheit zum Gegenstand ihrer ernsthaften +Untersuchung, und der gegenwärtige Papst hat sie zu einem Dogma der +Kirche erhoben! + +Die heilige Jungfrau ist sehr empfindlich in dieser Hinsicht und rächte +sich an denjenigen, welche an ihrer unnatürlichen Entstehung zweifelten. +Ein Fall solcher Rache wird von den Franziskanern mit Triumph erzählt. +Ein Dominikaner predigte mit größter Heftigkeit gegen die unbefleckte +Empfängnis und forderte gleichsam die "Himmelskönigin" heraus, ein +Zeichen zu geben, wenn es nicht wahr sei, was er geredet. Kaum hatte er +diese Lästerung ausgesprochen, als der Boden der Kanzel brach und der +dicke Pater bis zur Mitte des Leibes hindurchfiel. Der Oberkörper mit +der Kutte blieb oben, so dass die hosenlose Vorder- und Hinterfront der +unteren Etage des geistlichen alten Hauses der Betrachtung und dem +Gelächter seiner Gemeinde preisgegeben war. + +Die Art und Weise, wie Maria Jesus empfangen habe, war auch ein +Gegenstand großen Kopfzerbrechens. Einige meinten, es sei durch das Ohr +geschehen, andere meinten durch die Seite. Dann zankte man sich auch +sehr darüber, ob Maria noch nach der Geburt Jesu Jungfrau geblieben sei. +St. Ambrosius verteidigt diese Meinung sehr hartnäckig und bringt für +dieselbe höchst wunderbare Dinge vor. Er sagt unter anderem: "Da er +(nämlich Christus) gesagt hat: ich mache alles neu, so ist er auch von +einer Jungfrau auf unbefleckte Weise geboren worden, damit man ihn desto +mehr für den ansehe, der da ist Gott mit uns. Sie sagen: als Jungfrau +hat sie empfangen, aber nicht als Jungfrau geboren. Ist das Eine +möglich, so ist auch das Andere möglich. Denn die Empfängnis geht ja +vorher und die Geburt folgt nach. Man sollte doch den Worten Christi, +man sollte doch den Worten des Engels glauben, dass bei Gott kein Ding +unmöglich sei (Lukas 1,37). Man sollte dem apostolischen Symbolum +glauben. Sagt ja der Prophet, eine Jungfrau werde nicht nur empfangen, +sondern auch gebären (Jesaja 7,14). Jene Pforte des Heiligtums, welche +verschlossen bleibt, durch welche niemand gehen wird, als allein der +Gott Israels (Ezechiel 44,1.2), was ist sie anders als Maria, durch +welche der Erlöser in diese Welt eingegangen ist? Sind doch so viele +Wunder gegen die Gesetze der Natur geschehen, was ist's denn Wunder, +wenn eine Jungfrau wider den Lauf der Natur einen Menschen geboren hat?" +usw. + +Maria wurde von allen Kirchenlehrern, welche die Unterdrückung des +Geschlechtstriebes predigten, als das höchste unerreichbare Muster des +jungfräulichen Lebens aufgestellt und bald von den Mädchen und Weibern +weit mehr als Gott verehrt. Dieser Götzendienst war natürlich denen, +welche die Lehre Christi rein bewahren wollen, ein Gräuel, und - daher +die Opposition gegen Maria. + +Helvidius schrieb (383) zur Verteidigung des Christentums ein Buch, in +welchem er beiläufig behauptete, dass Maria nach Jesu Geburt noch mit +Joseph einige Kinder hatte, wobei er sich sowohl auf Matth. 1, 25 +berief, wo es heißt: "Joseph wohnte der Maria nicht bei, bis sie ihren +ersten Sohn geboren" wie auch auf andere Bibelstellen, wo oftmals von +Brüdern und Schwestern Jesu die Rede ist. + +Der heilige Hieronymus geriet außer sich über diese Frechheit. Er +schrieb gegen Helvidius und ruft den Heiligen Geist an, "dass er das +Quartier des heiligen Leibes, in dem er zehn Monate gewohnt habe, gegen +allen Argwohn eines Beischlafes schützen", und Gott Vater, "dass er die +Jungfräulichkeit der Mutter seines Sohnes kundtun möge". + +Ähnliche Lehren wie Helvidius trug ein römischer Mönch, Jovinian, vor, +und nun entspann sich um die Jungfrauschaft der Maria ein heftiger +Kampf, der damit endete, dass Jovinian und seine Anhänger aus der +Gemeinschaft der christlichen Kirche ausgeschlossen und seine Lehren als +Ketzerei verdammt wurden! + +Es ist nicht möglich, ernsthaft zu bleiben, wenn man liest, über welche +seltsamen Dummheiten die Geistlichen schrieben und disputierten! Pater +Suarez handelt sehr gelehrt die Frage ab, "ob Maria mit oder ohne +Nachgeburt geboren habe", und erzählt, dass Fromme verschiedene Speisen +in Form der Nachgeburt genossen hätten! - Übrigens ist er ein +Antinachgeburtianer, da der Prophet Ezechiel prophezeit habe: "Diese Tür +wird verschlossen sein und nicht aufgemacht werden." + +Man glaube indessen nicht, dass dieser ekelhafte Unsinn der größte ist, +über welchen Pfaffen stritten, und verhöhne nicht die jüdischen +Rabbiner, welche ernstlich untersuchten, ob Adam schon mit Stahl und +Stein Feuer geschlagen habe? Ob das Ei, welches eine Henne am Festtag +gelegt habe, gegessen werden dürfe? Ich kann eine ganze Galerie solcher +christlichen Streitfragen anführen, die den erwähnten an +Abgeschmacktheit durchaus nichts nachgeben, die mit der größten +Erbitterung abgehandelt wurden und wobei es gar häufig zu Schlägereien +und selbst Blutvergießen kam. + +Die Pfaffen stritten darüber: ob Adam einen Nabel gehabt habe? Zu +welcher Klasse von Schwalben die gehörte, welche Tobias ins Auge machte? +Ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, als er Jesus das Urteil sprach? Ob +ein Kind bei widernatürlicher Lage auf den Hintern getauft werden +dürfte? Was das für ein Baum gewesen, auf den der kleine Zachäus stieg, +als er Jesus sehen wollte? Mit welcher Salbe Maria Magdalena den Herrn +gesalbt? Ob der ungenähte Rock, über den die Kriegsknechte das Los +warfen, Christi ganze Garderobe gewesen sei? Wie viel Wein auf der +Hochzeit zu Kana getrunken worden sei? Was wohl Jesus geschrieben, als +er mit dem Finger in den Sand schrieb? Wie Jesus das Erlösungswerk habe +vollbringen können, wenn er als Kürbis zur Welt gekommen wäre? Ob Gott +wie ein Hund bellen könne? Ob nicht schon ein einziger Blutstropfen +hingereicht habe für die Sünde der Welt? Ob Gott der Vater sitze oder +stehe? Ob er einen Berg ohne Tal, ein Kind ohne Vater hervorbringen und +eine Entjungferte wieder zur Jungfrau machen könne? Ob die Engel Menuett +oder Walzer tanzten? Ob sie lauter Diskant- oder auch Bassstimmen +hätten? Was man wohl in der Hölle treibe, und zu welchem Thermometergrad +die Hitze dort wohl steige? Eine Menge Fragen muss ich ihrer +Unflätigkeit wegen weglassen und will nur zwei als Probe in lateinischer +Sprache ausführen: An Christus cum genitalibus in coelum ascenderit, et +S. Virgo semen emiserit in commercio cum Spiritu sancto? + +Die Lehren vom Abendmahl, von der Taufe und wie die christlichen +Mysterien und Narrenspossen alle heißen, boten gleichfalls Gelegenheit +genug zu Streitigkeiten. Man zankte sich darüber, ob der Teufel +rechtmäßig taufen könne? Ob man im Notfall auch mit Wein, Bier, Sand +usw. taufen könne? Oder ob auch bloßes Anspucken genüge? Ob eine Maus, +die vom Taufwasser gesoffen, für getauft zu halten sei? Was zu tun, wenn +ein Kind das Taufwasser verunreinige? Das tat der nachherige Kaiser +Wenzel, und deshalb wurde ihm auch alles mögliche Unheil prophezeit. + +Doch die Untersuchung der Jungfernschaft der Mutter Gottes hat mich auf +Abwege geführt; kehren wir wieder zu ihr zurück. + +Albertus Magnus (Albrecht von Lauingen), Bischof von Regensburg, der +1280 zu Köln starb, hat sich sehr gründlich mit der Jungfrau Maria +beschäftigt und untersucht, ob sie blond oder brünett, ob sie +schwarzäugig oder blauäugig, ob sie schlank oder dick, groß oder klein +gewesen sei. Was er eigentlich herausuntersucht hat, finde ich nirgends +und habe keine Lust, die einundzwanzig Foliobände deshalb durchzulesen, +die uns von seinen 800 Büchern erhalten worden sind. Nach den Überresten +von ihrem Haar zu urteilen, ist es scheckig gewesen, denn man zeigt +braune, blonde, schwarze und rote. Diejenigen Haare, mit welchen sie an +einem Marientage höchsteigenhändig das Hemd des Erzbischofs St. Thomas +flickte, waren übrigens maliziös blond. + +Schön war Maria indes auf jeden Fall, denn wenn sich auch kein +authentisches Porträt von ihr vorgefunden hat, so stimmen doch alle +heiligen Kirchenväter darin überein, und als Heilige erschien ihnen +natürlich die "Himmelskönigin" häufig. + +St. Damiani, der 1059 starb, erzählt, "dass Gott selbst durch die +Schönheit der heiligen Jungfrau in heftiger Liebe zu ihr entbrannt sei. +In einem hierauf berufenen himmlischen Konvent habe er den verwunderten +Engeln von der Erlösung des Menschengeschlechts und der Erneuerung aller +Dinge erzählt und ihnen von Maria Kunde gegeben. Der Engel Gabriel +erhielt sogleich einen Brief, in dem ein Gruß an die Jungfrau, die +Fleischwerdung des Erlösers, die Art der Erlösung, die Fülle der Gnade, +die Größe der Herrlichkeit und die Größe der Freuden enthalten waren. +Gabriel kam zu Maria, und sobald er mit ihr gesprochen hatte, fühlte sie +den in ihre Eingeweide hineingefallenen Gott und dessen in der Enge des +jungfräulichen Bauches eingeschlossene Majestät." + +Im Koran ist erzählt, dass Maria an einem Palmbaum stand, als der Engel +zu ihr trat und sagte: "Ich will dir einen reinen Knaben schenken." + +Die Zahl der Wunder, welche der heiligen Jungfrau zugeschrieben werden, +ist sehr groß und es fällt mir schwer, eine Auswahl zu treffen. Später +findet sich vielleicht eine Gelegenheit, das eine oder andere zu +erzählen. + +Die Legende erzählt, dass Engel das ganze Haus der Maria aus Bethlehem +nach Italien getragen hätten. Anfangs ließen sie es bei Tersatto in der +Nähe von Fiume stehen; aber im Jahr 1294 trugen sie es nach Loreto. + +Als das heilige Haus vorbeigetragen wurde, bogen sich die Balken - +damals noch in ihrer Jugend als Bäume - vor demselben! Höchst merkwürdig +ist es aber, dass zwei Jahrhunderte lang kein Schriftsteller von diesem +höchst wunderbaren Transport erzählt! Die Inschrift des heiligen Hauses +heißt: "Der Gottesgebärerin Haus, worin das Wort Fleisch geworden." Über +dem unscheinbaren Haus, welches neueren Forschungen zufolge sich in +Baumaterial und Form von den andern Bauernhütten - um Loreto gar nicht +unterscheiden soll, erhebt sich eine prachtvolle Kirche, und Tausende +von Wallfahrern strömten hierher, um ihre Rosenkränze in dem +Breinäpfchen Christi umzurühren und, was für die Kirche die Hauptsache +war, ein mehr oder minder beträchtliches Sümmchen zu opfern. So wurde +denn durch einen jedem vernünftigen Menschen offenbaren Betrug ein +unermesslicher Schatz zusammengestohlen! + +Doch die guten Katholiken waren von ihren Pfaffen so gut gezogen, dass +sie lieber ihren eigenen Augen als einem Pater misstrauten. Der Mönch +Eiselin zog 1500 zu Aldingen in Württemberg umher mit einer Schwungfeder +aus dem Flügel des Engels Gabriel. Wer diese küsste, sagte er, dem +sollte die Pest nichts anhaben. Ein solcher Kuss wurde natürlich nicht +umsonst gestattet. Die kostbare Feder wurde dem Pfaffen gestohlen! +Eiselin war indessen gar nicht verlegen. Im Beisein der Wirtin füllte er +sein leeres Kästchen mit Heu, welches wahrscheinlich auf ihrer eigenen +Wiese gewachsen war, und gab es aus für Heu aus der Krippe, in welcher +Jesus in Bethlehem gelegen hatte; wer es küsste, sollte pestfrei sein. +Alles drängte sich zum Kuss herzu, und selbst die Wirtin küsste, so dass +Eiselin erstaunt flüsterte: "Und auch du, Schatz?" + +Die frommen Herrn Geistlichen und Mönche trieben mit den Reliquien den +abscheulichsten Betrug. Jeder christliche Altar musste seine Reliquie +haben, und je heiliger diese war, desto größer war der Nutzen, den sie +davon zogen; denn die Reliquien waren weder umsonst zu sehen, noch +wurden sie verschenkt. Der Reliquienhandel wurde bald sehr einträglich. +Natürlich, alte Knochen, Lumpen und dergleichen fand man überall, man +brauchte kein Anlagekapital, und der Preis, den man sich bezahlen ließ, +war hoch! + +Als die Bischöfe von Rom Päpste wurden, da steuerten sie etwas diesen +Handel, aber nur, um selbst davon größeren Vorteil zu ziehen. Die +Reliquien mussten in Rom geprüft werden und wurden nur für echt befunden +- wenn die Besitzer die echt römischen, klingenden Beweise beizubringen +wussten. Eine gute Reliquie war ein wahrer Schatz für ein Kloster, und +nicht alle Äbtissinnen gingen damit so leichtsinnig um, wie die Nonnen +zu Macon. + +Das dortige Kloster besaß die Haut des heiligen Dorotheus, der +geschunden wurde; Simon, der Gerber, hatte das heilige Fell gegerbt, und +diese kostbare Reliquie war durch mancherlei Hände endlich in den Besitz +der Nonnen zu Macon gekommen. Diese stopften die Haut mit Baumwolle aus +und stellten den Heiligen her, als ob er lebe. Sie gerieten aber aus +übergroßer Verehrung auf ganz kuriose Spielereien und Abwege, so dass es +die Äbtissin für ratsam hielt, die Reliquie, deren Wert sie nicht +kannte, den Jesuiten zu schenken. + +Diese entdeckten bald die Kostbarkeit und stifteten eine Bruderschaft +zum heiligen Leder, wodurch sie sehr viel Geld verdienten. Nun ging den +Nonnen plötzlich ein Licht auf! Sie klagten beim Papst, reklamierten von +den Jesuiten ihr Heiligtum, und es wurde ihnen auch zugesprochen. Der +Jubel der Nonnen war groß, aber, o Schreck! die maliziösen Jesuiten +hatten den frommen Jungfrauen die ganze Freude verdorben, indem sie den +lieben Heiligen verstümmelt hatten, und zwar auf unverantwortliche +Weise! Er sah nun aus wie der heilige Bernhard, als er seinen Mönchen +verklärt erschien. - + +Die indignierten Jungfrauen wandten sich abermals an den Papst mit der +Bitte, dass er den Jesuiten befehlen möge, ihnen das Fehlende +herauszugeben. Der Papst hielt jedoch diesen Mangel, besonders für ein +Nonnenkloster, nicht für erheblich und sandte den Bittenden als Ersatz - +zwei geweihte Muskatnüsse! - Man denke sich die Beschämung und den Zorn +der guten Nönnchen! + +Zur Zeit der Kreuzzüge wurde Europa erst recht mit Reliquien +überschwemmt. Man brachte aus dem Heiligen Land Heiligtümer aller Art +mit. Eroberte man eine Stadt, so suchte man vor allen Dingen erst nach +Reliquien, denn sie waren weit kostbarer als Gold und Edelsteine. + +Ludwig der Heilige, König von Frankreich, machte zwei unglückliche +Kreuzzüge; aber er tröstete sich über sein Unglück, denn es war ihm +gelungen, einige Splitter vom Kreuz, einige Nägel, den Schwamm, den +Purpurrock Christi und die Dornenkrone - um eine ungeheure Summe zu +erkaufen. Als diese Heiligtümer ankamen, ging er mit seinem ganzen Hofe +denselben barfuß bis Vincennes entgegen! + +Heinrich der Löwe brachte eine große Menge Reliquien mit nach +Braunschweig. Die Krone derselben aber war ein Daumen des heiligen +Markus, für welchen die Venezianer vergebens 100.000 Dukaten boten. + +Der Glaube an diese Reliquien war ebenso unerhört wie der Preis, der +dafür bezahlt wurde. Die Pfaffen hätten Engel sein müssen, wenn sie die +Dummheit der Menschen nicht benutzt hätten. + +Die ganze Garderobe Christi, der Jungfrau Maria, des heiligen Joseph und +vieler anderer Heiligen kam zum Vorschein. Man fand die heilige Lanze, +mit welcher der römische Ritter Longinus Christus in die Seite stach; +das Schweißtuch, mit welchem die heilige Veronika Jesus den Schweiß +abtrocknete, als er nach Golgatha ging, und in welches er zum Andenken +sein Gesicht abdrückte! Von diesem Tuch gab es so viele Stücke, das sie +zusammen wohl fünfzig Ellen lang sein mochten. Ein sehr respektables +Taschentuch. + +Man fand auch die Schüssel von Smaragd, welche Salomon der Königin von +Saba schenkte und aus der Christus sein Osterlamm verspeiste. Die +Weinkrüge von der Hochzeit von Kana entdeckte man auch, und in ihnen war +noch Wein enthalten, der nie abnahm. Ursprünglich waren es nur sechs, +aber sie vermehrten sich, und man zeigte sie zu Köln und zu Magdeburg. - +Splitter vom Kreuz gab es so viel, dass man aus dem dazu verwendeten +Holz hätte ein Kriegsschiff bauen können und Nägel vom Kreuz viele +Zentner. Dornen aus der Dornenkrone fanden sich (an jeder Hecke); einige +bluteten an jedem Karfreitag. + +Der Kelch, aus welchem Jesus trank, als er das Abendmahl einsetzte, fand +sich auch vor, nebst Brot, welches von dieser Mahlzeit übriggeblieben +war. Ferner die Würfel, mit welchen die Soldaten um Christi Rock +spielten. Solcher ungenähter Röcke zeigte man eine ganze Menge, unter +anderem zu Trier, Argenteuil, Santiago, Rom und Friaul usw. Die größte +Wahrscheinlichkeit der Echtheit hat ein zu Moskau aufbewahrter, der +durch den Soldaten, der ihn gewann, einen Georgier, mit nach Hause +gebracht worden sein soll. Die Ausstellung des alten Kleidungsstücks in +Trier im Jahr 1845, welche die ganze gebildete Welt empörte, veranlasste +eine Menge Untersuchungen über diese heiligen Röcke, und es erschienen +mehrere darauf bezügliche Broschüren, die noch im Buchhandel zu haben +und zum Teil sehr interessant sind. Alle diese heiligen Röcke haben eine +wohlbezahlte päpstliche Bulle für sich, in denen ihre Echtheit bezeugt +ist. Da nur einer echt sein kann, so ist die Bestätigung der Echtheit +mehrerer durch den Papst ein geflissentlicher Betrug. + +Man fand Hemden der Maria, die so groß sind, dass sie einem dicken Mann +als Paletot dienen können; einen sehr kostbaren Trauring der Maria, der +zu Perusa gezeigt wurde; sehr niedliche Pantöffelchen und ein Paar +ungeheuer großer roter, welche sie trug, als sie der heiligen Elisabeth +ihren Besuch machte. Ja, man fand Haare der Heiligen Jungfrau von allen +möglichen Farben nebst ihren Kämmen. Eine Zahnbürste ist aber nicht +entdeckt worden. Dagegen fand sich so viel Milch von ihr vor, als +schwerlich zwanzig Altenburger Ammen in einem ganzen Jahre produzieren +könnten. Blut Christi fand sich bald tropfenweise, bald auf Flaschen +gezogen. Etwas davon, so erzählt die Legende, hatte Nikodemus, als er +Christus vom Kreuze nahm, gesammelt und damit viele Wunder verrichtet. +Aber die Juden verfolgten ihn, und er sah sich genötigt, das heilige +Blut in einen Vogelschnabel (!) zu verbergen und nebst schriftlicher +Nachricht ins Meer zu werfen. An der Küste der Normandie, man kann +denken nach welchen Irrfahrten, schwamm dieser Schnabel ans Land. Eine +in der Nähe jagende Gesellschaft vermisste plötzlich Hunde und Hirsch. +Man forschte nach und fand sie - sämtlich kniend vor dem wundervollen +Schnabel. Der Herzog von der Normandie ließ sogleich auf der Stelle ein +Kloster bauen, welches Bec (Schnabel) genannt wurde und welchem das +heilige Blut Millionen eintrug. + +Windeln Christi fanden sich in großer Menge; auch die jammervoll kleinen +Höschen des heiligen Joseph entdeckte man nebst seinem Zimmermanns- +Handwerkszeug. Einer der dreißig Silberlinge fand sich vor nebst dem +ungeheuer dicken, zwölf Schuh langen Strick, an welchem sich der +Verräter Judas erhängte; sein sehr kleiner, leerer Geldbeutel tauchte +ebenfalls auf nebst der Laterne, mit welcher er leuchtete, als er Jesus +verriet. + +Sogar die Stange kam zum Vorschein, auf welcher der Hahn saß, als er +Petri Gewissen wachkrähte, nebst einigen Federn dieses Vogels; ferner +der Stein, mit welchem der Teufel Jesus in der Wüste versuchte; das +Waschbecken, in welchem sich Pilatus die Hände wusch; die Knochen des +Esels, der Christus am Palmsonntag getragen, wie auch einige der an +diesem Tage gebrauchten Palmzweige. Ferner fand man die Steine, mit +denen St. Stephanus gesteinigt wurde, - herrliche Achate! - die +fabelhaft große Gurgel des fabelhaften St. Georg; eine Unmasse von +Knochen der zu Bethlehem umgebrachten Kinder; die Ketten des Petrus und +auch einen eingetrockneten Arm des heiligen Antonius, der sich aber als +- die Brunstrute eines Hirsches erwies! + +Sogar aus dem Alten Testament fanden sich Reliquien vor! Manche hatten +demnach wohlerhalten Jahrtausende auf die fromme Entdeckung gewartet. +Man fand den Stab, mit welchem Moses das Rote Meer zerteilte, Manna aus +der Wüste, Noahs Bart, die eherne Schlange, ein Stückchen von dem +Felsen, aus welchem Moses Wasser schlug, mit vier erbsengroßen Löchern; +Dornen von dem feurigen Busch; den Schemel, von dem Eli herunterfiel und +den Hals brach; das Schermesser, mit dem Delila den Samson schor; den +Stimmhammer Davids, der zu Erfurt gezeigt wurde, usw. + +Eine Reliquie von großem Rufe war das Gewand des heiligen Martin (capa +oder capella), welches in den Feldzügen als Fahne vorgetragen wurde. Die +Geistlichen, welche dieses Heiligtum trugen, hießen Capellani und die +Kirche, in welcher es verwahrt wurde, Capella. Dieser Name erhielt bald +eine weitere Ausdehnung, und daher die Kapellen und die Kapellane. + +Der Glaube des Volks an diese Reliquien war so stark, dass die Pfaffen +es wagen konnten, Dinge als solche zu zeigen, die unsinnig und unmöglich +waren, und wenn ich einige derselben anführe, so werden die Leser +glauben, ich scherze! Allein dies ist nicht der Fall; man zeigte sie +einst wirklich und zeigt sie in echt katholischen Ländern wohl heute +noch. + +Da sah man eine Feder aus dem Flügel des Engels Gabriel, den Dolch und +den Schild des Erzengels Michael, deren er sich bediente, als er mit dem +Teufel kämpfte; etwas von Christi Hauch in einer Schachtel; eine Flasche +voll ägyptischer Finsternis, etwas von dem Schall der Glocken, die +geläutet wurden, als Christus in Jerusalem einzog; einen Strahl von dem +Sterne, welcher den Weisen aus dem Morgenland leuchtete; etwas von dem +Fleisch gewordenen Wort; einige Seufzer, die Joseph ausstieß, wenn er +knotiges Holz zu hobeln hatte; den Pfahl im Fleisch, der dem heiligen +Paulus so viel zu schaffen machte, und noch unendlich viel andern +Unsinn. + +Die Unverschämtheit der Pfaffen kannte keine Grenzen, denn die Dummheit +der Menschen war unbegrenzt. Oben habe ich ein Pröbchen sowohl von der +Unverschämtheit als von der Dummheit in der Geschichte mit dem Mönch +Eiselin gegeben; hier mag noch eine Probe folgen, welche Poggio +Bracciolini erzählt, der beinahe vierzig Jahre lang päpstlicher +Geheimschreiber war und 1459 als Kanzler der Republik Florenz starb. + +Ein Mönch hatte sich in eine hübsche Frau verliebt und versuchte es auf +alle Weise, sie zu verführen. Es gelang ihm auch. Sie stellte sich sehr +krank und verlangte nun den Mönch als Beichtvater. Dieser kam, blieb mit +ihr der Sitte gemäß allein, um ihr die Beichte abzunehmen, und wurde +erhört. Am andern Tag kam er wieder und legte, um es sich bequemer zu +machen, seine Hosen auf das Bett der Frau. Dem Manne schien die Beichte +etwas lange zu dauern; er wurde neugierig und trat unvermutet in das +Zimmer. Der Mönch absolvierte so schnell als möglich und floh, aber - +vergaß, seine Hosen mitzunehmen. + +Diese fielen nun dem racheschnaubenden Ehemann in die Hände. Er stürzte +damit auf die Gasse und zeigte diese Verräter seinen Nachbarn, +entflammte sie zur Wut und brach mit ihnen in das Kloster ein. Der Mönch +sollte sterben! Ein alter besonnener Pater versuchte es vergebens, den +Hitzkopf zu beruhigen, der übrigens jetzt die Sache gern vertuscht +hätte, wenn es angegangen wäre. Das merkte der alte Pater und sagte ihm: +er brauche wegen dieser Hosen nichts Übles zu denken, denn dieses wären +die Beinkleider des heiligen Franziskus, welche Krankheiten wie die, +woran seine Frau litte, gründlich heilten. Zu seiner Beruhigung wolle er +die Hosen feierlich abholen. + +Alsbald zogen Mönche mit Kreuz und Fahne nach dem Hause des ehrlichen +Dummkopfes, legten die heilige Reliquie auf ein seidenes Kissen, +stellten sie zur Verehrung aus und reichten die heiligen Hosen des +liederlichen Mönchs den Gläubigen zum Kuss herum. Dann trug man sie in +feierlichem Bittgang zum Kloster zurück und legte sie hier zu den +übrigen heiligen Reliquien. *) + +---- *) Es ist dies keine erfundene Anekdote oder ein Scherz des +genannten Autors. Die Erzählung findet sich in einem ganz ernsten Werk, +in welchem Poggio mit großer Entrüstung von der Verderbtheit der +Geistlichen redet. Überhaupt verschmähe ich es durchaus, auf Kosten der +historischen Wahrheit zu scherzen, und alle in diesem Werk gemachten +Angaben kann ich historisch nachweisen, so seltsam sie auch manchmal +klingen mögen. ---- + +In dieses Kapitel von den Reliquien gehören auch die wundertätigen +Heiligenbilder und ihre Verehrung. Die Pfaffen hatten mit den heiligen +Knochen und Lumpen noch nicht genug. Bald fanden sich Bilder von +Christus und der Jungfrau Maria, welche der Evangelist Lukas gemalt +haben sollte. Sie zeugten weder von der Kunst des Malers noch von der +Schönheit der Personen, welche sie vorstellen sollten, denn sie waren +ganz schauderhaft! Andere, nicht bessere Bilder fielen vom Himmel, und +endlich ließ man sie ganz ungescheut von Malern malen. + +Diese Bilder verehrte man wie Reliquien, und die Verehrung ging bald in +förmliche Anbetung über. Über den Bilderdienst entstanden die blutigsten +Kämpfe, und endlich wurde er der Grund zur Trennung der Kirche in die +griechische und lateinische. Dieser Bilderstreit dauerte zwei +Jahrhunderte lang. Kaiser Konstantin V., welcher 741 starb, erklärte +alle Bilder für Götzenbilder und fegte das ganze Land von Bildern und +Reliquien rein. Er verwandelte die Klöster zu Konstantinopel in +Kasernen, und Mönche und Nonnen machte er lächerlich, indem er sie zum +Beispiel paarweise einen Umzug im Zirkus halten ließ. + +Im Westen fand dieser Bilder- und Reliquiendienst anfangs auch viele +Widersacher. Der Bischof Claudius von Turin meinte: "Wenn man das Kreuz +anbetet, an dem Jesus gestorben, so muss man auch den Esel anbeten, auf +dem er geritten ist", was denn auch in der Folge wirklich geschah! +Andere aber hielten diesen Bilderdienst für sehr wichtig. Ein Mönch +hatte, um den Unzuchtsteufel zu besänftigen, diesem das Gelübde getan, +das tägliche Gebet vor den Bildern in seiner Zelle zu unterlassen. Im +Zweifel darüber, ob er eine Sünde damit begangen, beichtete er dies dem +Abt, und dieser sagte zu ihm. "Ehe du das Gebet vor den heiligen Bildern +unterlässt, gehe lieber in jedes Bordell der Stadt." - So behielten wir +denn in Europa die Bilderanbetung, und die griechische Kirche erhielt +sie gar bald auch wieder. - + +Sobald das Heilige Grab aufgefunden war, strömten die frommen Christen +dorthin; die Wallfahrten nach dem Heiligen Land kamen auf und nach allen +Stellen desselben, welche durch die Bibel eine besondere Bedeutung +erlangt hatten. Man wallfahrtete sogar zu dem Misthaufen, auf welchem +Hiob gesessen! + +Den Pfaffen gefiel es indessen nicht im allergeringsten, dass das schöne +Geld so weit hinweggetragen wurde, und ihre Heiligenbilder und Reliquien +taten Wunder über Wunder, um die frommen Scharen anzulocken. Schrecklich +waren die Erzählungen von den Strafen, welche die Ungläubigen und +Spötter getroffen. Die Heiligen wussten ihre Ehre zu schützen, wie zum +Beispiel der heilige Gangulf. Dieser wurde von einem Priester, dem +Liebhaber seiner Frau, totgeschlagen und fing plötzlich an, im Grab +Wunder zu tun. Das liederliche Weib, welches am besten wusste, dass ihr +Alter durchaus kein Wunder tun konnte, lachte, als sie es hörte, und +rief. "Der tut ebenso wenig Wunder, als mein Hintern singt" und - o +Graus! - dieser fing an zu singen! + +Die Wallfahrten kamen aber erst recht in Gang, als damit der Ablass +verbunden wurde. Der übergroße Missbrauch dieses Missbrauches wurde die +Veranlassung zur Reformation, und wir müssen denselben etwas genauer +betrachten. Der Ablass ist ein Kind des Fegefeuers und der Ohrenbeichte. + +In der ersten Zeit der christlichen Kirche mussten diejenigen, welche +wegen grober Vergehen aus der Gemeinde ausgestoßen waren, wenn sie in +dieselbe wieder aufgenommen sein wollten, alle ihre Sünden und +Verbrechen öffentlich vor der Gemeinde bekennen; diese Buße nannte man +die Beichte. Als die Pfaffen mächtig wurden, verwandelten sie dieses +öffentliche Bekenntnis gar bald in ein geheimes, um ihre Macht zu +erhöhen. Papst Innozenz III. ordnete aber (1215) an, dass ein jeder +jährlich wenigstens einmal einem Priester seine Sünden insgeheim +bekennen und die ihm dafür auferlegte Buße tragen solle. Wer die Beichte +unterließ, wurde von der Kirche ausgeschlossen und erhielt kein +christliches Begräbnis. + +Jeder begreift, welche ungeheure Gewalt die Priester durch diese +Einrichtungen erlangten, denn abgesehen davon, dass sie von den +Gläubigen die geheimsten Dinge erfuhren, die sie zu ihren Zwecken +benutzen konnten, lag es auch ganz in ihrer Hand, den Beichtenden +freizusprechen oder nicht, und sie wussten diese Gewalt trefflich zu +benutzen, indem sie ihn freisprachen - absolvierten - je nachdem der +Sünder zahlte. + +Das Fegefeuer war eine Erfindung des römischen Bischofs Gregor des +Großen (590-604). Fegefeuer hieß der Ort, wo seiner Erklärung nach die +menschlichen Seelen geläutert wurden, damit sie rein in den Himmel +kamen; also eine Art himmlischer Seelenwaschanstalt. Wer so halb +zwischen Himmel und Hölle balancierte, der konnte darauf rechnen, dass +er gehörig lange im Fegefeuer - denn Feuer war das Reinigungsmittel - +schwitzen musste, wenn nicht die Pfaffen, die sich mit den Waschteufeln +auf du und du standen, ihn für Geld durch gute Worte früher in den +Himmel spedierten. Das Reglement im Fegefeuer war nur den Pfaffen +bekannt, und daher konnten sie allein beurteilen, wie viele Messen dazu +gehörten, um die Seele aus dem Fegefeuer loszubeten; - aber diese Messen +wurden keineswegs umsonst gelesen. + +Friedrich der Große kam einst in ein Kloster im Klevischen, welches von +den alten Herzögen gestiftet war, damit darin Messen zu ihrer Befreiung +aus dem Fegefeuer gelesen werden könnten. "Nun, wann werden denn endlich +meine Herren Vettern aus dem Fegefeuer losgebetet sein?" fragte er +ziemlich ernsthaft den Pater Guardian. Dieser machte eine tiefe +Verbeugung und antwortete: "dass man dies so eigentlich nicht wissen +könne, er es aber Sr. Majestät sogleich melden lassen wolle, sobald er +die Nachricht aus dem Himmel bekäme". + +Die Kreuzzüge waren anfangs eigentlich weiter nichts als bewaffnete +Wallfahrten. Die Päpste begünstigten sie sehr, da sie hofften, dadurch +auch ihre Macht auf Asien ausdehnen zu können, wo sie durch den +Mohammedanismus verlorengegangen war. Sie wandten daher alle nur +möglichen Mittel an, die Leute zu bewegen, "das Kreuz zu nehmen"; das +hauptsächlichste und wirksamste war der Ablass. Der Papst ließ nämlich +predigen, dass alle Sünden, die ein Mensch begangen, sie möchten auch +noch so groß sein, vergeben wären, sobald derselbe sich das Kreuz auf +seinen Rock geheftet habe. Diese Erfindung des Ablasses wurde nun von +den Pfaffen auf alle Arten benutzt, und sie wurde für sie eine +Goldgrube, unerschöpflich wie die Dummheit der Menschen. + +Manche wollten nicht recht an die Macht des Papstes, die Sünden zu +vergeben, glauben; aber Clemens VI. gab über sein Recht dazu und über +das Wesen des Ablasses durch seine Bulle von 1342 die nötige und +genügendste Erklärung. "Das ganze Menschengeschlecht", sagt er in der +Bulle, "hätte eigentlich schon durch einen einzigen Blutstropfen Jesu +erlöst werden können; er habe aber so viel vergossen, dass dieses Blut, +welches doch gewiss nicht umsonst vergossen sei, einen unermesslichen +Kirchenschatz ausmache, vermehrt durch die gleichfalls nicht +überflüssigen Verdienste der Märtyrer und Heiligen. Der Papst habe nun +zu diesem Schatz den Schlüssel und könne zur Entsündigung der Menschen +ablassen, soviel er wolle, ohne Furcht, solchen jemals zu erschöpfen." + +Ich werde später auf diese Ablasstheorie zurückkommen und zeigen, wie +herrlich sich dieselbe entwickelte, jetzt aber zu den Wallfahrten +zurückkehren. Als, wie gesagt, der Ablass mit ihnen verbunden wurde, +kamen sie erst recht in Aufnahme. Wer zu diesem oder jenem Gnadenort +wallfahrte und - notabene - das bestimmte Geld auf dem Altar opferte, +der erhielt Ablass nicht allein für schon begangene Sünden, sondern +sogar für einige Jahre im Voraus! + +In Deutschland gab es wohl hundert Marienbilder, zu denen gewallfahrtet +wurde, und in anderen Ländern noch mehr. Ein einziger Schriftsteller +zählt 1200 wundertätige Marienbilder auf! Das berühmteste ist aber wohl +das zu Loreto, in dem Haus der Maria, welches von St. Lukas aus +Zedernholz abscheulich geschnitzt worden sein soll. Der Dampf der +Millionen Wachskerzen hat das Bild allmählich schwarz geräuchert wie +eine Kohle, aber das tut seiner Wunderkraft keinen Abbruch, die +hauptsächlich darin besteht, den Leuten das Geld aus der Tasche zu +locken. Der Marmor rings um das Häuschen ist von Wallfahrern so +verrutscht, dass sich darin eine förmliche Rinne gebildet hat. Sonst +kamen jährlich gegen 200.000 fromme Christen nach Loreto, allein in +neuerer Zeit ist diese Zahl auf weniger als ihr Zehntel +zusammengeschrumpft. + +Als die Franzosen nach Loreto kamen, eigneten sie sich von dem Schatz +an, was die Pfaffen nicht beiseite gebracht hatten. Ob ihnen die Heilige +Jungfrau den Schatz schenkte, das weiß ich nicht, aber unmöglich ist so +etwas nicht, wie folgende Geschichte beweist. + +Als Friedrich der Große in Schlesien war, verschwanden von einem +Muttergottesbild nach und nach allerlei Kostbarkeiten, und die Pfaffen +entdeckten endlich den Dieb in einem Soldaten, der deshalb beim König +verklagt wurde. Der Soldat entschuldigte sich und behauptete, er sei +kein Dieb, denn die Mutter Gottes habe ihm alle die Sachen geschenkt, +die man vermisste. Friedrich der Große fragte nun die geistlichen +Herren, ob so etwas wohl möglich sei? - "Allerdings, möglich ist es", +erwiderten die verwirrten Pfaffen, "aber durchaus nicht wahrscheinlich." +Der Dieb kam ohne Strafe davon, aber nun verbot Friedrich seinen +Soldaten bei Todesstrafe, dergleichen Geschenke von der Heiligen +Jungfrau anzunehmen. + +Nach Loreto war wohl Santiago de Compostela der berühmteste Gnadenort, +und an hohen Festtagen sah man hier noch in neuerer Zeit mehr als 30.000 +Wallfahrer. + +In der Schweiz ist Einsiedeln sehr berühmt. Das dortige Gnadenbild ist +ein ebenso elendes hölzernes Machwerk wie das zu Loreto, aber ebenso wie +dieses ist es geschmückt mit den kostbarsten Juwelen. + +In Deutschland gibt es unendlich viele Gnadenorte, aber ich will nur +einige nennen. Waldthüren im badischen Main- und Tauberkreis ist berühmt +wegen des wundertätigen Korporals. Es ist dies aber kein +altösterreichischer Korporal mit seinem Wundertäter an der Seite, den +man im Österreichischen als Haßling weniger verehrte als fürchtete; auch +kein preußischer Korporal aus dem Wuppertal, sondern ein Tuch, welches +zum Daraufstellen des Kelchs und Hostientellers dient und Korporale +genannt wird. Im Jahr 1330 vergoss ein Priester etwas von dem Wein auf +dieses Korporale. Der Wein verwandelte sich sogleich in Blut, und die +einzelnen Tropfen auf dem Tuch in so viele mit Dornen gekrönte +Christusköpfe. Dieses Korporale tut nach der Erzählung der Geistlichen +entsetzlich viel Wunder, und vor und nach dem Fronleichnamfest +wallfahrten die Scharen der Gläubigen nach Waldthüren, um sich hier am +Korporale gestrichene rote Seidenfäden zu holen, welche die Pest, +vorzüglich aber den Rotlauf, heilen - wenn man nämlich ein reines +Gewissen und vor allen Dingen den rechten Glauben hat. Die Zahl der +Wallfahrer belief sich jährlich auf ca. 40.000. + +Ähnliche Wallfahrtsorte wie Waldthüren gibt es in allen katholischen +Distrikten Deutschlands, und ich will mich nicht bei ihnen aufhalten. + +Noch einträglicher für die Geistlichen sind diejenigen Wallfahrten, +welche zu solchen sehr heiligen Reliquien stattfinden, die nur alle +sieben Jahre ausgestellt werden. Diese ökonomische Einrichtung hat nicht +etwa ihren Grund darin, dass sich die Reliquien von dem Wundertun in der +Ausstellungszeit erholen müssen, sondern einzig und allein in der +Schlauheit der Pfaffen. Wären die "Heiligtümer" beständig zu sehen, so +würde das Interesse an ihnen gar bald erkalten. Durch die Seltenheit +ihrer Erscheinung locken sie an und den Leuten das Geld aus der Tasche, +- das einzige Wunder, welches überhaupt irgendeine Reliquie jemals +vollbracht hat. + +Der allerkostbarste Schatz dieser Art wird zu Aachen aufbewahrt. Die +höchsten Kleinodien desselben sind der riesenmäßige Rock der Maria, die +Windeln Jesu von braungelbem Filz und das Tuch, auf welchem das +abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers gelegen hat. + +Im Jahr 1496 strömten 142.000 Andächtige nach Aachen, um die heiligen +Lumpen zu sehen, und die Ernte war vortrefflich. 1818, als die Reliquien +nach langer Pause wieder einmal vierzehn Tage lang gezeigt wurden, +fanden sich nur 40.000 Wallfahrer ein. Die Reformation, die Revolution +und die verdammte Aufklärung hatten ein großes Loch in den Glauben +gerissen! + +Seitdem ist aber viel an diesem Loch geflickt worden, und dieser +geflickte Glaube zeigte sich fast stärker als selbst im dunkelsten +Mittelalter, dank der von den Regierungen beliebten Maßregel, die +Schulen unter der Kontrolle der Pfaffen zu lassen. Mit Erstaunen +erlebten wir es, dass noch im Jahr 1844 eine Million Wallfahrer nach +Trier zogen, um hier einen alten Kittel zu küssen, der für den Leibrock +Christi ausgegeben wird, um welchen die Soldaten neben dem Kreuz +würfelten. + +Zu jener Zeit verursachte diese heilige Rockfahrt nach Trier großes +Ärgernis unter der ganzen gebildeten Welt, und sehr gelehrte und +verständige Männer gaben sich die eigentlich überflüssige Mühe, +nachzuweisen, dass dieser "heilige Rock" nichts vor den noch +existierenden zwanzig anderen voraus habe, sondern durchaus unecht und +ein plumper Betrug sei. Die schlagendsten Beweise dafür brachten die +Herren Professoren Gildemeister und von Sybel herbei, und ich halte es +nicht für nötig, darüber auch nur noch ein Wort zu verlieren. + +Dass die Päpste die christlichen Schafe schoren, weiß jedermann, aber +nicht so bekannt möchte es sein, dass der Heilige Vater - ganz ohne +Allegorie - sich mit der Schafzucht beschäftigt und einen Preis für die +gewonnene Wolle erlangt, wie er keinem veredelten Schafsjunker auf der +Wollmesse jemals bezahlt wurde. - Der Papst unterhält nämlich eine +kleine Anzahl Lämmer, die er über den Gräbern der Apostel geweiht hat +und aus deren Wolle die Pallien gewebt werden. + +Das Pallium ist ursprünglich ein römischer Mantel. Die Kaiser schenkten +ein solches Kleidungsstück, welches von Purpur und köstlich mit Gold +bestickt war, den Patriarchen und ausgezeichneten Bischöfen, um ihnen +ihre Zufriedenheit und Gnade zu bezeugen, wie heutzutage die Geistlichen +in manchen Staaten Orden erhalten, wenn sie in den Geist der Regierungen +einzugehen verstehen. + +Papst Gregor I. erlaubte sich zuerst, ohne Anfrage beim Kaiser ein +solches Pallium den Bischöfen zuzusenden, bald als Zeichen der +Zufriedenheit, bald als Zeichen der Bestätigung. In dem Usurpieren von +Rechten sind die Päpste groß, ja, ihre ganze Macht ist darauf gegründet, +und so kam es bald dahin, dass sie sich nicht nur ausschließlich das +Recht anmaßten, dergleichen Pallien zu erteilen, sondern gingen bald so +weit, einen jeden Erzbischof wie auch einige größere Bischöfe zu +zwingen, sich das Pallium von Rom zu holen, - denn die Gnadensache hatte +sich in eine Abgabe verwandelt. Ein solches Pallium kostete 30.000 +Gulden, und diese Einnahme behagte den Päpsten so wohl, dass Johann +VIII. unverschämt genug war, bekannt zu machen, dass jeder Erzbischof +als abgesetzt zu betrachten sei, der sein Pallium nicht innerhalb drei +Monaten von Rom habe. + +Die Päpste waren so geizig und so gewohnt, aus nichts Geld zu machen, +dass ihnen trotz des hohen Preises der Mantel zu kostbar war. Dieser +schrumpfte gar bald zu einer Art von Hosenträger zusammen, zu vier +Finger breiten wollenen, mit rotem Kreuz versehenen Bändern, die über +Rücken und Brust herabhängen. Diese Bänder sind aus der geweihten Wolle +von Nonnenhänden gearbeitet und mögen vielleicht sechs Lot wiegen. Die +Päpste verkauften demnach den Stein ihrer Wolle für nicht weniger als +vierthalb Millionen Gulden! + +Diese Palliengelder brachten den Päpsten ungeheure Summen, denn die +Erzbischöfe sind meistens alte Herren und lösen einander schnell ab, und +jeder neue Erzbischof muss ein neues Pallium kaufen; er musste dies +sogar tun, wenn er versetzt wurde. Wie einige Geheimräte die Exzellenz +haben, so hatten auch einige deutsche Bischöfe, wie die von Würzburg, +Bamberg und Passau, das kostbare Pallienrecht. + +Salzburg zahlte innerhalb neun Jahren 97.000 Scudi (etwa 5 Mark) +Palliengelder. Der Erzbischof Markulf von Mainz musste das linke Bein +eines goldenen Jesus verkaufen, um sein Pallium zu bezahlen. Er bekam +also wahrscheinlich mehr für dieses Bein als der Verräter Judas für den +ganzen Christus! - + +Der Erzbischof Arnold von Trier geriet in nicht geringe Verlegenheit, +als ihm von zwei Gegenpäpsten zwei Pallien zugeschickt wurden, natürlich +mit doppelter Rechnung. Wie er sich aus der Verlegenheit zog, weiß ich +nicht, vielleicht durch den heiligen Rock. Sein Nachfolger, Bischof +Arnoldi, der 1844 diesen alten Kittel ausstellte, wäre sicherlich nicht +um lumpige 60.000 Gulden in Verlegenheit gewesen. Eine Million +Wallfahrer, jeder taxiert zu fünf Silberlingen, macht 166.666 Taler +preußisch Kurant oder 300.000 Gulden. + +Da nun die Erzbischöfe vom Papst so gebrandschatzt wurden, ist es ganz +natürlich, dass sie wieder ihre Untertanen oder Angehörigen ihres +Sprengels brandschatzten, denn das Volk ist ja das Schaf mit dem +Goldenen Vlies, dem ein Stück nach dem andern von seinem Fell +abgeschunden wird, um die Bedürfnisse der großen Herren zu befriedigen, +heißen sie nun Erzbischöfe oder Fürsten. + +Die Päpste hatten Geld wie Heu, aber die meisten von ihnen verstanden es +auch lustig durchzubringen. Sixtus VI. (1471 bis 1484) verschwendete +schon als Kardinal in zwei Jahren 200.000 Dukaten, was nach dem jetzigen +Geldwert weit über das Doppelte mehr ist. Eine seiner Mahlzeiten kostete +manchmal 20.000 Florenen; aber was tat das, er verspeiste ja nur die +Sünden der Christenheit und dann verstand er es auch, sich +Extraeinnahmen zu schaffen. So erlaubte er zum Beispiel einigen +Kardinälen für eine bedeutende Abgabe während der Monate Juni, Juli und +August - Sodomiterei! Auch legte er in Rom öffentliche Bordelle an, +welche ihm jährlich an sogenanntem Milchzins 40.000 Dukaten einbrachten. +- Nun, wir werden später noch heiligere Päpste kennenlernen. + +Eine wahrhaft goldene Idee hatte Papst Bonifaz VIII.; er erfand das +Jubeljahr! - Die Römer feierten den Anfang eines neuen Jahrhunderts +durch große Festlichkeiten und auch die Juden ihr Jubel- oder +Versöhnungsjahr. Dies brachte den genannten Papst höchstwahrscheinlich +auf den Gedanken, solche Jubeljahre in der Christenheit einzuführen. Wer +in dem Jubeljahr nach Rom wallfahrte und hier sein Scherflein auf dem +Altar niederlegte, der erhielt vollkommenen Ablass für alle Sünden, die +er in seinem ganzen Leben begangen hatte, und war wieder unschuldig wie +ein neugeborenes Kind oder noch unschuldiger, denn in diesem steckt doch +nach der Kirchenlehre noch der Teufel, welcher erst durch die Taufe +ausgetrieben wird. - + +Wer wäre nicht gern seiner Sünden ledig. Ein ganz kurzer Mord kann einem +ehrlichen Menschen das ganze lange Leben verbittern; wer erhielte nicht +gern die Versicherung, dass dieser fatalen Kleinigkeit am Tage des +Gerichts nicht weiter gedacht werden soll? Kurz, von allen Seiten +strömten die Sünder nach Rom. Im Jahr 1300 brachten 200.000 Fremde das +Jahr in dieser Stadt zu und der Gewinn, den sowohl die Einwohner +derselben als auch der Schatz des Papstes davon hatten, war +unermesslich. + +Was von den reichen Leuten an Gold und Silber geopfert wurde, hat die +päpstliche Schatzkammer nicht für gut befunden, laut werden zu lassen; +allein nur an Kupfergeld kamen in diesem goldenen Jahr 50.000 Goldgulden +ein. Nach einer ungefähren Schätzung belief sich der ganze Ertrag des +Jubeljahres auf 15 Millionen. Für die damalige Zeit war das eine ganz +außerordentliche, unerhörte Summe. + +Die ganz unerwartet reiche Ernte machte den Päpsten natürlich Lust zu +einer baldigen Wiederholung. Hundert Jahre sind gar zu lang, und Papst +Clemens VI. hatte die beispiellose Güte zu bestimmen, dass das Jubeljahr +alle 50 Jahre gefeiert werden solle, denn ihm war ein ehrwürdiger Greis +mit zwei Schlüsseln - also wahrscheinlich St. Peter - erschienen, der +ihm mit drohender Gebärde zugerufen hatte: "Öffne die Pforte!" Da musste +er natürlich gehorchen. + +Urban VI. verkürzte diese Zeit noch bis auf 33 Jahre, zum Andenken an +die Lebensjahre Jesu! An einem anständigen Vorwand hat es den Päpsten +nie gefehlt. Sixtus IV. war "wegen der Kürze des Menschenlebens" noch +gnädiger und setzte diese Zeit auf 25 Jahre herab. + +Das zweite Jubeljahr unter Clemens VI. (1350) fiel noch reichlicher aus +als das erste. In der Jubelbulle "befiehlt er den Engeln des Paradieses +auch die vom Fegefeuer erlösten Seelen derjenigen, die auf der Reise +nach Rom gestorben sind, in die Freuden des Paradieses einzuführen". + +Solche überschwängliche Gnade war natürlich für die dummgläubige Menge +höchst anlockend. Rom wurde so mit Fremden überschwemmt, dass die +Gastwirte, die sich doch sonst auf das Geldnehmen vortrefflich +verstehen, damit nicht fertig werden konnten. + +Am Altar St. Pauls lösten sich Tag und Nacht zwei Priester mit +Croupiersrechen in der Hand ab, die unaufhörlich das geopferte Geld +einstrichen und fast unter der Last ihrer Arbeit erlagen. Das Gedränge +in der Kirche war so groß, dass viele der Gläubigen erdrückt wurden. +Zehntausend der Wallfahrer erhielten gleich Gelegenheit, die +Nützlichkeit des Ablasses zu erproben, denn sie starben an der Pest; +aber man merkte ihren Abgang gar nicht, denn ihre Zahl gibt man auf eine +Million und einige Hunderttausende an und den Ertrag dieser Jubelernte +auf mehr als zweiundzwanzig Millionen! + +Es ist ordentlich spaßhaft zu sehen, wie nun jeder Papst auf ein neues +Mittel sann, die Erfindung seines Vorgängers Bonifazius noch +einträglicher zu machen, denn - preti, frati e polli non son mai satolli +(Priester, Mönche und Hühner werden nie satt). + +Bonifazius IX. berechnete, dass viele Christen nicht nach Rom kämen, +weil die Reise zu viel kostete und weil sie vielleicht auch wegen ihrer +Geschäfte nicht abkommen konnten. Diesen schickte er die Gnade ins Haus, +indem er Leute aussandte, welchen er die Macht beilegte, für den dritten +Teil der Reisekosten nach Rom vollgültigen Ablass zu erteilen! - Trotz +dieser Erleichterung strömten die Fremden doch noch nach Rom und in dem +Jubeljahr unter Nikolaus V. konnte die Tiberbrücke die Menge der +Menschen nicht tragen; sie brach zusammen, und zweihundert verloren +dabei das Leben. + +Papst Alexander VI. machte eine noch nützlichere Erfindung. Von ihm +rührt nämlich die sogenannte Goldene Pforte der Peterskirche her. Beim +Beginn des Jubeljahres tat der Papst mit goldenem Hammer drei Schläge an +diese Tür; dann wurde sie geöffnet und am Ende des Jahres wieder +vermauert. Wer durch diese Pforte einging, war seiner Sünden ledig; ja, +für eine bestimmte Summe konnte man auch im Auftrag eines Entfernten +hindurchgehen und diesen von seinen Sünden befreien. Diese Maßregel +brachte viel Geld ein. + +Die Päpste wurden durch diese Erfolge immer geldgieriger gemacht. Sie +konnten oft die 25 Jahre nicht abwarten, und bei besonderen +Veranlassungen, um die man nie verlegen war, wurde ein Extra-Jubiläum +angesetzt, oder Reisende, die in Ablass "machten", wurden in der Welt +umhergeschickt. Sie waren noch zudringlicher als Weinhandlungsreisende, +so dass sie von manchen Gemeinden, den Pfarrer an der Spitze, zum Dorf +hinausgeprügelt wurden. + +Die Reformation machte diesem Jubiläumsschwindel so ziemlich ein Ende, +denn mit der Einnahme der späteren Jubeljahre wollte es nicht mehr recht +"flecken". Sogar das Jahr 1825 wurde noch zu einem Jubeljahr erhoben; +allein es kamen wenig mehr Fremde als gewöhnlich nach Rom, meistens nur +italienisches Lumpengesindel, von dem nichts zu holen war. Auch trafen +die Fürsten Anstalten, die Wallfahrten nach Rom zu erschweren, da sie +das Geld ihrer Untertanen im Land selbst brauchten. Sogar die damalige +österreichische Regierung verbot ihren italienischen Untertanen, ohne in +Wien ausgestellte Pässe nach Rom zu wallfahrten. Wer da nicht beizeiten +um einen Pass einkam, konnte leicht das Jubeljahr verpassen. + +Nach einer wahrscheinlich viel zu geringen Berechnung haben die +Jubeljahre den Päpsten gegen 150 Millionen eingetragen. + +Der Ablassschwindel wurde von Leo X. auf die höchste Spitze getrieben. +Die ungeheuren Einnahmen, die aus ganz Europa in den päpstlichen Schatz +flossen, genügten diesem üppigen und prachtliebenden Papst noch immer +nicht, und doch waren sie fast unermesslich! Mehrere der Goldquellen, +welche sich die Päpste zu öffnen verstanden, habe ich bereits genannt; +alle anzuführen würde zu weitläufig sein, doch einige will ich noch +angeben. + +Eine nicht unbedeutende Einnahme für die Päpste sind die Annaten. So +nennt man nämlich die erste Jahreseinnahme eines neuen Bischofs, welche +an den Papst gezahlt werden muss. Man kann dieselbe durchschnittlich +immer auf 12.000 Taler annehmen, und wenn man gering rechnet, dass +wenigstens 2000 Bischöfe ihre Annaten an den Päpstlichen Stuhl zahlten, +so macht dies schon 36 Millionen Taler. + +Die Dispensationsgelder der Priester wegen ermangelnden Alters zu sechs +Dukaten; die Dispensation von Fasten und die Erlaubnis zu Ehen zwischen +Blutsverwandten brachten große Summen. Die Letzteren mussten natürlich +sehr häufig vorkommen, dafür hatten die Päpste gesorgt, indem sie die +Ehe zwischen Blutsverwandten bis zum vierzehnten Grad verboten. Es hat +sich jemand die Mühe genommen, auszurechnen, wie viel jeder Mensch +durchschnittlich solche Blutsverwandte als lebend annehmen kann, und - +sechzehntausend gefunden. Werden alle Arten der Verwandtschaft +berechnet, so steigt ihre Zahl auf wenigstens 1.048.576. Da konnte es +natürlich an Dispensgeldern nicht fehlen. - Außerdem wurde noch für +Kreuzzugs- und Türkensteuer und unter unzähligen andern Namen den +Gläubigen Geld aus dem Beutel gelockt. + +Ganz vortrefflich verstand sich auf dieses Wunder Papst Johann XXII. Er +ist der Erfinder der schändlichen Liste der für Dispensationen und +Absolutionen zu entrichtenden Taxen, von welchen ich später reden werde. +Dieser Papst scharrte so viel zusammen, dass er, der arme +Schuhflickerssohn, - sechzehn Millionen gemünztes Gold und siebzehn +Millionen in Barren hinterließ! + +Doch, wie gesagt, alle diese reichen Einkünfte reichten nicht hin, die +"Bedürfnisse" des Papstes Leo X. zu befriedigen. Seine Kinder, +Verwandten, Possenreißer, Komödianten, Musiker wie seine Liebhaberei für +die Künste verschlangen unermessliche Summen, und der üppige Heilige +Vater geriet in große Verlegenheit. + +Um sich derselben zu entziehen, beschloss er, den Ablass systematisch +zur Erpressung von Geld zu benutzen. Eine Beisteuer zur Führung eines +Krieges gegen die Türken und zur Fortsetzung des schon von seinem +Vorgänger begonnenen Baues der Peterskirche gab den Vorwand. Die sehr +verbrauchte Türkensteuer wollte nirgends mehr recht ziehen, und Kardinal +Ximenes, der weise spanische Minister, verbot sogar dafür zu sammeln, +"weil er ganz sichere Nachrichten habe, dass jetzt von den Türken +durchaus nichts zu befürchten sei". Der Papst erließ also eine Bulle, +worin allen, welche durch Geldbeträge den Bau der Peterskirche befördern +würden, Ablass verkündigt würde. + +Die ganze christliche Erde wurde nun in verschiedene Bezirke eingeteilt +und Reisende des großen römischen Handelshauses dorthin geschickt, unter +dem Titel päpstlicher Legaten oder Kommissarien. Die Ablassbriefe, +welche diese commis voyageurs des Statthalters Gottes verkauften, +lauteten wie folgt: + +"Im Namen unseres allerheiligsten Vaters, des Stellvertreters Jesu +Christi, spreche ich dich zuerst von aller Kirchenzensur los, die du +verschuldet haben könntest, hiernächst auch von allen Missetaten und +Verbrechen, die du bisher begangen, so groß und schwer dieselben auch +sein mögen; auch von denen, welche sonst allein der Papst vergeben kann, +soweit sich die Schlüssel der heiligen Mutterkirche erstrecken. Ich +erlasse dir vollkommen alle Strafen, die du um dieser Sünden willen +billig im Fegefeuer erleiden solltest. Ich mache dich wieder der +Kirchensakramente und der Gemeinschaft der Gläubigen teilhaftig und +setze dich von neuem in den reinen und unschuldigen Zustand zurück, +worin du gleich nach der Taufe warst, so dass, wenn du stirbst, die +Pforten der Hölle, wodurch man zur Qual und Strafe einzieht, +verschlossen sein sollen, damit du geraden Weges in das Paradies +gelangen mögest. Solltest du aber jetzt noch nicht sterben, so bleibt +dir diese Gnade ungekränkt." + +In der päpstlichen Kanzleitaxe war der Preis festgesetzt, für welchen +die allerscheußlichsten Sünden vergeben wurden. Eltern- und +Geschwistermord, Blutschande, Kindermord, Fruchtabtreibung, Ehebruch +aller Art, die unnatürlichste Wollust, Meineid - kurz alles, was man nur +Sünde oder Verbrechen heißt, fand hier seinen Preis. Ich würde dies +empörende Dokument für eine Erfindung der Feinde des Papstes halten, +wenn die Echtheit desselben nicht unzweifelhaft bewiesen wäre. + +Die schamloseste und frechste Nichtswürdigkeit enthält aber der Schluss +dieser Taxe; er lautet: "Dergleichen Gnaden können Arme nicht teilhaftig +werden, denn sie haben kein Geld, also müssen sie des Trosts entbehren!" + +Für die Bezahlung von zwölf Dukaten war es sogar den Geistlichen +erlaubt, ganz nach Gefallen Hurerei, Ehebruch, Blutschande und +Sodomiterei mit Tieren zu treiben! + +Des Papstes Spekulation glückte; unermessliche Summen wanderten nach +Rom; sie lassen sich gar nicht berechnen. Ein päpstlicher Legat zog +allein aus dem kleinen Dänemark mehr als zwei Millionen durch +Ablassverkauf. + +Leo X. fand es vorteilhaft, den Ablass in einigen Bezirken an große +Unternehmen für bestimmte Summen zu verpachten. Die Generalpächter +hatten wieder ihre Unterpächter, damit die Länder ja recht gründlich +ausgesogen wurden. + +Einer dieser Generalpächter war der Markgraf Albrecht von Brandenburg, +Bischof von Halberstadt, Erzbischof von Magdeburg und endlich auch +Erzbischof von Mainz und Kardinal! Er war dem Papst 30.000 Dukaten +Palliengelder schuldig und übernahm den Ablasskram in einigen Ländern, +in der Hoffnung, die Summe dabei zu gewinnen, welche ihm auch gegen +Verpfändung des Ablasserlöses von dem Grafen Fugger in Augsburg +vorgeschossen wurde. + +Der edle Kurfürst, Kardinal und Erzbischof betrieb diese Sache mit +großem Eifer und kaufmännischem Geschick, und sehr interessant ist die +von ihm den Ablasskrämern gegebene Instruktion, weshalb ich ihren Inhalt +hier mitteilen will. + +"Zuerst sollen die Ablassprediger dem Kurfürsten schwören, dass sie ihn +nicht betrügen. Dann gibt er ihnen Gewalt, nach aufgerichtetem Kreuz und +aufgehängtem Wappen des Papstes, in den Kirchen den Ablass zu +verkündigen und ihn denjenigen Personen zu erteilen, welche von ihren +ordentlichen Geistlichen in den Kirchenbann getan oder mit sonstigen +Kirchenstrafen belegt sind. + +Dann wird dem Ablassprediger befohlen, in jeder Ablasspredigt dem Volk +drei bis vier Stücke aus der Ablassbulle des Papstes nach Möglichkeit zu +erklären und anzupreisen, damit die päpstliche Gnade nicht-in Verachtung +gerate und die Leute nicht einen Ekel von dem Ablass bekommen mögen. + +Ferner will der Kurfürst, dass dem Volk gesagt werden solle, es gelte +außer dem seinigen in den nächsten acht Jahren kein anderer Ablass, den +man bereits erhalten habe oder noch erhielte; aber durch diesen erlange +nicht nur jeder völlige Vergebung der Sünden, sondern er komme nach dem +Tode auch gar nicht in das Fegefeuer. + +Den Kranken, welche nicht in die Kirche kommen könnten, solle der Ablass +auch zu Hause, aber für eine größere Summe, erteilt werden. Wenn die +Prediger die Größe des Ablasses jemandem hinlänglich erklärt haben und +es dazu kommt, zu bestimmen, was er wohl zu zahlen habe, so sollen sie +ihn fragen, wie viel Geld er wohl für den völligen Ablass um Vergebung +seiner Sünden aufopfern werde? Dies sollen sie vorausschicken, um die +Leute desto leichter zum Kaufen des Ablasses zu bewegen. + +Wenn nun auch die Ablassprediger stets den Nutzen der Peterskirche vor +Augen haben und den Beichtenden vorreden müssen, dass eine so hohe Gnade +niemals zu teuer bezahlt sei, um sie zu einer möglichst hohen Abgabe zu +bewegen, so spricht sich dennoch der Kurfürst wie folgt aus: Weil die +Beschaffenheit der Menschen zu sehr verschieden und Wir demnach gewisse +Taxen zu bestimmen nicht vermögen, so vermeinen Wir doch, dass in der +Regel die Taxen also könnten gesetzt werden: Große Fürsten geben 25 +rheinische Goldgulden. Äbte, höhere Prälaten, Grafen, Freiherren und +ihre Frauen zahlen für jede Person 10 rheinische Goldgulden. Andere +Leute, die jährlich 500 Goldgulden einzunehmen haben, zahlen 6 +Goldgulden; Frauen und Handwerker einen, noch Geringere einen halben +Gulden. + +Obwohl eine Frau von des Mannes Gütern nichts geben kann, so kann sie +doch von ihren Dotal- und Parapharnalgütern, in diesem Falle auch wider +des Mannes Willen, beitragen. Wenn arme Weiber und Töchter die Taxen von +andern erbetteln können, sollen sie solche ebenfalls in den Ablasskasten +liefern. + +Wenn jemand für eine Seele im Fegefeuer so viel beiträgt, als er etwa +für sich zu bezahlen hätte, so ist nicht nötig, dass er im Herzen +bußfertig sei oder mit dem Munde beichte! Denn dieser Ablass gründet +sich auf die Liebe, mit welcher der, so im Fegefeuer sitzt, abgeschieden +ist, und auf die Beiträge der Lebendigen. + +Wer einen Beichtbrief von den Ablasspredigern kauft, wird teilhaftig +aller Almosen, Fasten, Wallfahrten nach dem Heiligen Grabe, Messen, +Reinigung und guten Werke, die in der ganzen christlichen Kirche +verrichtet werden, ob er gleich weder bußfertig ist noch gebeichtet hat. + +Dass auf einen gewandten, guten Reisenden sehr viel ankommt, weiß jeder +Kaufmann, und der Erzbischof war bemüht, einen solchen zur Verbreitung +seiner Ware aufzufinden. Er fand ihn in dem Dominikanermönch Johann +Tetzel aus Pirna. In der Jugend hatte sich derselbe etwas mit dem +Studieren abgegeben, und sein Religionseifer erwarb ihm die Würde eines +Doktors der Theologie. In Innsbruck wurde er einst darüber erwischt, als +er - wie die Chronik sagt - seinen geistlichen Samen in fremden Acker +streute. Kaiser Maximilian I. hatte Befehl gegeben, die Brunst des +verliebten Paters im Wasser zu kühlen, das heißt, ihn in einem Sacke zu +ersäufen. Nur auf dringende Fürbitte des Kurfürsten Friedrich kam er mit +dem Leben davon. + +Dieser unverschämte, feiste Schlingel, dessen Porträt in einem sehr +guten Kupferstiche vor mir liegt, ist das wahre Ideal eines Pfaffen. Der +Spitzbube sieht so durchtrieben und humoristisch aus, dass ich beinahe +glaube, ich ließe mir selbst von ihm einen Ablasszettel anschwatzen. +Welch ein Glück musste er nun erst bei den Gläubigen machen! + +Er führte einen eisernen, mit dem Wappen des Papstes verzierten Kasten +mit sich herum und zog von Markt zu Markt, indem er sang: "Sowie das +Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt!" Überall +versammelte er eine große Menge um sich, und seine Anpreisungen des +Ablasses waren wahrhaftig sehr ergötzlich, wenn auch fromme Christen sie +gotteslästerlich nannten. + +Er rühmte von sich, dass er durch den Ablass mehr Seelen aus der Hölle +errettet habe, als von dem Apostel Petrus durch die Predigt des +Evangeliums Heiden bekehrt worden wären. Er könne nicht allein begangene +Sünden vergeben, sondern auch solche, die man erst begehen wolle, und +die Kraft seines Ablasses sei so groß, dass es keine Sünde gebe, welche +durch denselben nicht gesühnt werden könne; ja, wenn jemand, was doch +unmöglich sei, "die Mutter Gottes genotzüchtigt und geschwängert habe" - +durch seinen Ablass könne derselbe von der dadurch verwirkten Strafe +befreit werden. + +Dieser Tetzel trieb die Frechheit so weit, dass der damalige Johann von +Meißen vorhersagte, dieser Mönch würde der letzte Ablasskrämer sein. + +Man erzählt von ihm eine Menge Stückchen, die Zeugnis ablegen von seiner +grenzenlosen Unverschämtheit. In Annaberg, wo damals reiche +Silberbergwerke waren, machte er den Leuten weis, dass alle Berge rings +umher gediegenes Silber werden würden, wenn sie nur brav zahlten. In +dieser Stadt scheint es ihm gefallen zu haben, denn er blieb hier zwei +Jahre. - In Freiberg sammelte er binnen zwei Tagen zweitausend Gulden; +aber als er wieder dorthin kam, hatte Luther den Leuten den Star +gestochen, und die Bergleute waren so wütend, dass Tetzel es für geraten +hielt, sich schleunigst davonzumachen. + +In Zwickau wollte er sich einst bei dem dortigen Küster zu Gaste bitten; +allein dieser entschuldigte sich mit seiner Armut. Darauf befahl er +diesem, im Kalender nachzusehen, ob auf dem andern Tag der Name eines +Heiligen zu finden wäre. Der Küster fand aber nur den heidnischen Namen +Juvenal. + +"Das tut nichts", sagte Tetzel, "Wir wollen diesen Heiligen schon zu +Ehren bringen; beruft nur morgen das Volk durch alle Glocken zur Kirche, +wie Ihr es sonst an den höchsten Festtagen zu tun pflegt." + +Der Küster tat, wie ihm befohlen, und die Einwohner der Stadt strömten +in Menge in die Kirche. Tetzel predigte. "Die alten Heiligen", sagte er, +"sind alt und müde, uns zu helfen; aber dieser heilige Juvenal, dessen +Gedächtnis wir heute feiern, ist noch ziemlich unbekannt; wenn Ihr ihn +anfleht und ihm opfert, so wird er sich gewiss beeilen, Euch zu helfen." +Darauf riet er zur Freigebigkeit und ermahnte besonders die Vornehmen, +mit gutem Beispiel voranzugehen. + +Er blieb bei dem "Gotteskasten" stehen und sah zu, was jeder +hineinlegte, und die guten Zwickauer steuerten reichlich zu Ehren des +heiligen Juvenal! Tetzel flüsterte dem Küster ins Ohr: "Es ist genug +geopfert, nun wollen wir weidlich davon schmausen." + +In der Schweiz absolvierte Tetzel einen reichen Bauern wegen eines +Totschlags, und als dieser ihm gestand, dass er noch einen Feind habe, +den er gern ermorden wolle, erlaubte es ihm der elende Pfaffe gegen eine +kleine Summe! + +Trotz aller Pfiffigkeit wurde Tetzel aber doch einmal angeführt. - In +Magdeburg kam ein Herr von Schenk zu ihm und bot ihm eine nicht +unbedeutende Summe, wenn er ihn für eine große Sünde absolvieren wolle, +die er noch zu begehen gedenke. Schmunzelnd strich der Pfaff das Geld +ein und gab den verlangten Ablassbrief. + +Als nun einige Tage darauf Tetzel von Magdeburg nach Braunschweig zog, +beladen mit einigen tausend Gulden, überfiel ihn in einem Wald bei +Helmstedt der Herr von Schenk und nahm ihm seine ganze Barschaft ab. Der +Pfaff schrie Zetermordio und klagte über Gewalt; allein Schenk zeigte +seinen Ablassbrief vor und sagte: "Entweder hat mein Verfahren nichts zu +bedeuten, oder deine Ware ist Betrug." Schenk behielt das Geld, und +Tetzel hatte das Nachsehen. + +Dieser nichtswürdige Mönch hatte die rechte Art, den Leuten das Geld aus +dem Beutel zu schwatzen, und er nahm mehr ein als alle anderen +Ablasskrämer, die sich damit begnügten, folgende stehende Redensarten +herzuplappern: + +"Seht doch, der Himmel steht Euch überall offen. Wollt Ihr jetzt nicht +hineingehen, wann werdet Ihr denn hineinkommen? O Ihr unsinnigen und +verstockten Menschen, die Ihr fast den wilden Tieren gleich seid und die +große Verschwendung und Ausgießung der päpstlichen Gnade nicht zu +würdigen versteht. Sehet! so viel Seelen könnt Ihr aus dem Fegefeuer +erlösen! O ihr Hartnäckigen und Saumseligen! Ihr könnt mit zwölf +Groschen euren Vater aus dem Fegefeuer reißen und seid doch so +undankbar, dass Ihr euren Eltern in so großer Not nicht beisteht. Ich +will am jüngsten Gerichte die Schuld davon nicht auf mich nehmen" usw. + +Tetzel wusste die Sache den Leuten viel plausibler zu machen, und da war +keine Dirne, die ihm nicht einige Groschen für irgendeine kleine Sünde, +die sie begehen wollte, gezahlt hätte. Wie schnell er Geld +zusammenzubringen wusste, beweist Folgendes: In Görlitz war die +Peterskirche gebaut worden, und es fehlte nur noch das kupferne Dach, +wozu 1800 Zentner Kupfer erforderlich waren, die damals 48.600 Taler +kosteten. Man wandte sich an Tetzel, und in drei Wochen hatte er diese +Summe gesammelt. + +Luthers 95 Thesen gegen den Ablass ruinierten dem Pater den ganzen +Handel. Vielleicht war es der Ärger darüber, der ihn in Leipzig auf das +Krankenlager warf, von dem er nicht wieder aufstand. Er starb und liegt +in dieser Stadt im Paulino begraben, wo sein Monument wahrscheinlich +noch zu sehen ist. - + +Die Ablassrechnung ist eine ganz kuriose Rechnung, und es ist schwer, +sich hineinzufinden. Manche Leute kauften Ablass für mehrere hundert +Jahre, während sie doch höchstens auf hundert zählen konnten. Aber die +Jahre im Fegefeuer zählten mit, und das änderte die Rechnung! Für diese +Sünde hatte man, nach Angabe der Pfaffen, zwanzig Jahre zu braten, für +jene gar dreißig, und so kamen bei einem geübten Sünder leicht schon +einige hundert Jährchen zusammen. Wollte er nun dennoch direkt in den +Himmel spazieren, so musste er schon für so viele Jahre Ablass kaufen, +als ihm kraft seiner Sünden im Fegefeuer zukamen. + +Das war übrigens noch nicht so schwer, denn wer eine Reliquie küsste und +besonders wer dafür bezahlte, erhielt auf drei oder mehr Jahre Ablass, +je nach der Heiligkeit der Reliquie. Erzbischof Albrecht besaß einen +solchen Schatz von Reliquien, dass damit Ablass zu gewinnen war auf +"neununddreißig Mal tausend, zweihundert Mal tausend, +fünfundvierzigtausend, hundert und zwanzig Jahre, zweihundert und +zwanzig Tage." + +Unter den Reliquien, die er von Halle nach Mainz schaffen ließ, befanden +sich aber auch sehr rare und heilige Stücke! Achtmal vom Haar der +Jungfrau Maria; fünfmal von ihrer Milch; dann das Hemd, in welchem sie +Jesus geboren, ein halber Kinnbacken von St. Paulus nebst vier Zähnen +usw. + +Man glaube ja nicht, dass diese Ablassrechnungen der vergangenen Zeit +angehören und mit dem Mittelalter abgetan sind; sie werden noch +heutzutage von römischen Priestern angestellt und den Gläubigen +vorgetragen. In den "geistlichen Neujahrsgeschenken" der Diözese Mans in +Frankreich, welche vor etwa zwanzig Jahren erschienen, wird folgende +Berechnung über den Ablass gegeben: Wenn man einen geweihten Rosenkranz +hat, sagt die heilige Brigitte, so erlangt man hundert Tage Ablass, so +oft man das Credo, das Gloria Patri, das Paternoster und das Ave betet. +Wenn man also den gewöhnlichen Rosenkranz betet, der aus 53 Ave, 6 +Paternoster, 6 Gloria Patri und einem Credo besteht, so erlangt man 6600 +Tage Ablass, den man den Seelen im Fegefeuer zuwenden kann. Sagt man den +Rosenkranz von 150 Gebeten her, so erhält man 19.000 Tage Ablass, und +überdies 7 Jahre und 7 vierzigtägige Fristen! - Für "eine Viertelstunde +frommer Betrachtung" erhält man 7 Jahre und 289 Tage Ablass; für die +Begleitung des Sanktissimum, wenn es zu Kranken getragen wird, 5 Jahre +und 200 Tage; wenn man es aber mit einer Kerze begleitet, erlangt man 2 +Jahre und 83 Tage mehr. + +Die Summen, welche die Geistlichkeit durch ihren Handel gewann, sind +unberechenbar und lassen sich aus einzelnen Angaben nur annäherungsweise +schätzen. Liest man solche Angaben, so kann man gar nicht begreifen, wie +es nur möglich war, bei dem früheren hohen Wert des Geldes soviel +zusammenzuscharren. + +Als in der französischen Revolution die Klöster aufgehoben und die +geistlichen Güter eingezogen werden sollten, bot die Geistlichkeit der +Nationalversammlung vierhundert Millionen Franken bar Geld! - Die +Venezianer schätzten das Vermögen ihrer Geistlichkeit auf 206 Millionen +Dukaten. + +Von der Einnahme der Geistlichkeit, die herrlich und in Freuden leben +wollte und viel verbrauchte, ging nur ein kleiner Teil in die päpstliche +Schatzkammer; und deshalb wird die Angabe dieser Summe den allerbesten +Maßstab dafür abgeben, was dem schon ohnehin genug geplagten Volk von +den Pfaffen abgeschwindelt wurde. + +Aus dem Gebiete von Venedig, welches nur zweiundeinehalbe Million +Einwohner zählte, gingen innerhalb zehn Jahren 2.760.164 Scudi nach Rom, +und aus Österreich unter Maria Theresia binnen vierzig Jahren +110.414.560 Scudi! Sind diese Angaben richtig - und sie sind +zuverlässigen Quellen entnommen -, so erscheint die Berechnung viel zu +gering nach welcher innerhalb 600 Jahren aus der katholischen +Christenheit nur 1.019.690.000 Gulden nach Rom gezahlt wurden. + +Und wofür wurde dies Geld bezahlt? Für Dinge, welche zum Elend und zur +Demoralisation des Volkes mehr beitrugen als irgend etwas in der Welt, +und an wen gingen die 1019 Millionen? - An einen italienischen Bischof, +der uns so wenig angeht wie der Mikado von Japan und der sich mit +demselben Recht Statthalter Christi nennt, wie ich es tun könnte, und +der unter diesem Titel zu seiner Zeit behauptete, Herr der ganzen Erde +zu sein, von welcher derjenige, dessen Statthalter er zu sein vorgibt, +nicht einmal soviel besaß, um sein Haupt daraufzulegen! - Was aber diese +"Statthalter Christi in Rom" für Menschen waren und wie wenig sie die +Verehrung verdienen, welche ihnen die Christen zollten, werden wir im +nächsten Kapitel mit Abscheu und Ekel erfahren. + + + + +Die Statthalterei Gottes in Rom + + + "Als die Leute schliefen und stockdumm + waren, hat der böse Feind, der Teufel, + das Papsttum gestiftet." + + +Mit konsequenter Unverschämtheit kann in der Welt alles durchgesetzt +werden, es mag auf den ersten Anblick noch so abgeschmackt und verrückt +erscheinen. Beweise davon liefert die Geschichte in Menge; aber den +schlagendsten und demütigendsten die des Papsttums. + +Eine Geschichte des Papsttums würde die Grenzen überschreiten, die ich +mir notwendig setzen muss; ich beabsichtige nur in der bisher befolgten +skizzenhaften Weise zu zeigen, dass das Papsttum auf den gröbsten Betrug +gegründet ist, welche nichtswürdigen Wege die Päpste einschlugen, welche +verbrecherischen Mittel sie anwendeten, sich die Welt tributpflichtig zu +machen, und welchen moralischen Wert die Menschen hatten, welche von der +römischen Kirche als "Statthalter Gottes" an ihre Spitze gestellt +wurden. + +Ich schreibe mit der unverhüllt ausgesprochenen Absicht, den als +Aberglauben früher charakterisierten religiösen Glauben zu vernichten, +und da derselbe auf die Autorität der Päpste und der römischen Priester +gestützt ist, so trachte ich zunächst danach, diese Autorität dadurch zu +vernichten, dass ich auf geschichtlichem Weg die unreinen Quellen der +Glaubenssätze nachweise und durch Erzählungen der Handlungen der Päpste +den Gläubigen beweise, dass sie auf die Aussagen von Menschen +vertrauten, die ihres Vertrauens in jeder Beziehung unwürdig sind. + +Dieser offen ausgesprochene Zweck macht mir die äußerste Vorsicht in +Angabe von Tatsachen zur Pflicht und erlaubt mir nur, solche zu +berichten, welche historisch so klar bewiesen sind, dass eine +Widerlegung unmöglich ist. Aus dem Folgenden wird es dem Leser +verständlich werden, warum ich es für nötig hielt, diese Bemerkung +voranzuschicken. - + +In dem ersten Kapitel habe ich in der Kürze nachgewiesen, wie die +Pfaffen entstanden sind und wie die Bischöfe eine geistliche Obergewalt +über ihre Gemeinden usurpierten. + +Die Bischöfe begnügten sich mit der erlangten Macht nicht und je besser +es ihnen glückte, ihre Brüder zu knechten, desto ausschweifender wurden +sie in ihren Ansprüchen. Die Macht der jüdischen Hohenpriester, ihrer +Vorbilder, war es, nach welcher sie trachteten. Das Bild des Priesters +Samuel schwebte ihnen beständig vor Augen. + +Ein Betrüger schmiedete falsche Schriften, welche er den Aposteln +zuschrieb und welche unter dem Namen der apostolischen Konstitutionen +bekannt sind. Ihr Zweck war es, das Ansehen und die Gewalt der Bischöfe +zu erhöhen und sie enthielten das Verrückteste, was man bisher zur Ehre +der Bischöfe gesagt hatte. Diese wurden darin irdische Götter, Väter der +Gläubigen, Richter an Christi Statt und Mittler zwischen Gott und den +Menschen genannt. In demselben Sinn sprachen von den Bischöfen viele +angesehene Kirchenväter. + +Als die römischen Kaiser zum Christentum übertraten, behaupteten sie +zwar selbst ihre Würde als Oberpriester (Pontifices maximi), aber sie +beförderten das Ansehen der Bischöfe ihren Gemeinden gegenüber. Ja, +manche Kaiser waren so verblendet und unklug, ihre Kinder diesen +Bischöfen zur Erziehung anzuvertrauen, was dann die ganz natürliche +Folge hatte, dass diese "in der Furcht Gottes", das heißt in der Demut +gegen die Pfaffen erzogen wurden und, als sie selbst Kaiser wurden, ihre +Knie vor denselben beugten und ihnen die Hände küssten. Dass diese +dadurch nur immer aufgeblasener und anmaßender wurden, liegt in der +menschlichen Natur und wir dürfen uns nicht darüber wundern, wenn schon +Bischof Leontius von Tripolis verlangte, dass die Kaiserin Eusebia, +Gemahlin des Kaisers Constantius, vor ihm aufstehen und sich verneigen +sollte, um seinen Segen zu empfangen. + +Die protestantischen Bischöfe der neueren Zeit hätten es gern auch so +weit gebracht. Als Friedrich Wilhelm III. von Preußen einst in Magdeburg +aus dem Wagen stieg und sich dabei bückte, erhob schon der Bischof +Dräseke seine Hände und seine Stimme, um ihm den Segen zu erteilen. Zum +großen Verdruss des Bischofs schob ihn der sonst so fromme König +beiseite und sagte ärgerlich in seiner kurzen Weise: "Dumm Zeug! - so +was nicht leiden!" + +Das Hauptstreben der Bischöfe war darauf gerichtet, die Einmischung der +"weltlichen" Macht in die Kirchenangelegenheiten zu beseitigen, ja, wo +möglich die Kaiser sich unterzuordnen. Der Bischof von Mailand, +Ambrosius, machte damit gleich auf sehr freche Weise den Anfang. Er nahm +es sich heraus, den Kaiser Theodosius zu exkommunizieren, das heißt, von +der Kirchengemeinschaft auszuschließen. + +Manche Kaiser, denen die Pfaffen mit der Hölle zusetzten, waren schwach +genug, zu den pfäffischen Anmaßungen zu schweigen und wenn nun das Volk +sah, wie ihre gefürchteten Oberherren sich so demütig gegen die Bischöfe +betrugen, musste es natürlich auf den Gedanken kommen, dass diese +übermenschliche Wesen seien. In einigen Orten wurden denn auch die +Bischöfe von den Christen mit dem evangelischen Hosianna empfangen. + +So stieg der Hochmut der Pfaffen von Jahr zu Jahr. Schon 341 n. Chr., +auf der Synode von Antiochien, wurde es den Geistlichen verboten, sich +in kirchlichen Angelegenheiten ohne Erlaubnis der Bischöfe an den Kaiser +zu wenden. Die niedere Geistlichkeit wurde überhaupt immer mehr +unterdrückt, und die Landbischöfe, welche über ihre Gemeinden ganz +dasselbe Recht gehabt hatten wie die Stadtbischöfe, wurden 360 durch +Beschluss der Synode von Laodicäa ganz abgeschafft. + +Das gewöhnliche Sprichwort sagt: "Eine Krähe hackt der andern nicht die +Augen aus"; aber die Pfaffen machten es zunichte, denn sie hackten sich +nicht nur die Augen aus, sondern die Köpfe ab, wenn sie konnten und es +ihnen passte. Wegen der lächerlichsten theologischen Streitigkeiten +lagen sie sich fortwährend in den Haaren und erfüllten deshalb die Welt +mit Unruhe und Mord. + +Einen bedeutenden Anteil an den theologischen Streitigkeiten hatten die +zahllosen Mönche, welche ihre Ansichten nicht allein mit geistlichen +Waffen, sondern weit wirksamer mit höchst irdischen Knüppeln verfochten. +Sie bildeten förmliche Freikorps, welche von den fanatischen Bischöfen +benutzt wurden und oft die gräulichsten Exzesse begingen. Ein römischer +Feldherr, Vitalianus, musste 314 in Konstantinopel einrücken, um die +Stadt vor den wütenden Mönchen zu schützen. + +Die zweite Kirchenversammlung zu Ephesus 449 n. Chr. erhielt den Namen +Mörderversammlung, weil hier die tollen Mönche mit dem Schwert in der +Hand die Annahme der Glaubenssätze erzwangen, welche sie für gut +hielten. + +Einer der größten Fanatiker war der Bischof Cyrillus von Alexandrien. +Sein Hass traf die in dieser Stadt seit siebenhundert Jahren wohnenden +Juden. Er hetzte die Mönche und den Pöbel gegen sie auf, ließ ihre +Synagogen niederreißen und jeden Juden niederhauen, der in ihre Hände +fiel. So verlor Alexandrien vierzigtausend seiner fleisigsten Bürger! + +Der römische Präfekt Orestes wollte der Verfolgung Einhalt tun, allein +er verlor darüber beinahe sein Leben, indem er von einem wütenden Mönch +mit einem Stein am Kopfe schwer verwundet wurde. Die römische Regierung +schwieg, da sie die Schuldigen nicht zu strafen wagte. So hoch war die +Macht der Pfaffen bereits gestiegen. + +Die schändlichste Grausamkeit verübten diese christlichen Mönche aber +gegen die Geliebte dieses Präfekten, die Tochter des Mathematikers +Theon, die liebenswürdige Philosophin Hypatia. Zur Fastenzeit rissen die +Mönche dies herrliche Weib aus ihrem Wagen, zogen sie nackend aus und +schleppten sie wie ein Opferlamm in die Kirche. Hier ermordete man sie +auf die grausamste Weise: Kannibalische Pfaffen kratzten ihr mit +Muscheln das Fleisch von den Knochen und warfen die noch zuckenden +Glieder ins Feuer. + +Stolz, Herrschsucht und Geldgier hatten in den Herzen der christlichen +Priester die Stelle der christlichen Liebe eingenommen und die +demokratische christliche Gleichheit war schon längst als unchristlich +gebrandmarkt worden. Jeder Bischof trachtete nur danach, sich über die +andern Bischöfe emporzuschwingen, und so entstanden unter ihnen allerlei +Rangabstufungen. + +Die Bischöfe in den Hauptstädten und Provinzen der Länder erlangten bald +eine Art von Oberhoheit über die der anderen Städte und nannten sich +Metropoliten. Auch unter diesen maßten sich einige wieder einen höheren +Rang an und wussten die Bischöfe mehrerer Länder unter ihre Oberhoheit +zu bringen. Sie nannten sich zuerst Exarchen, dann aber Patriarchen. + +Zur Zeit des Kaisers Theodosius II. gab es fünf solcher Patriarchen, zu +Konstantinopel, Antiochien, Jerusalem, Alexandrien und Rom. Sie waren +voneinander vollkommen unabhängig und in ihrem Rang wie in ihren +Vorrechten vollkommen gleich. + +Rom war die Hauptstadt der damaligen Welt; von hier gingen alle Befehle +aus, durch welche sie regiert wurde. Die Pfarrer der römischen Gemeinde, +welche sahen, wie trefflich es sich von Rom aus regieren ließ, wurden +lüstern danach, die kirchliche Welt in ähnlicher Weise zu regieren wie +die Kaiser die politische. + +Die übrigen Gemeindevorsteher, die Bischöfe, fanden das natürlich und +mit Recht sehr anmaßend und empörten sich über die Lügen, durch welche +ihre Kollegen in Rom ihre Prätensionen zu Rechten zu erheben trachteten. +Wenn wir diese Lügen untersuchen, so wissen wir in der Tat nicht, ob wir +mehr über die Dummheit und Unverschämtheit dieser Lügen, oder über die +Dummheit der Menschen erstaunen sollen, die sich auf solche +handgreifliche Weise übertölpeln ließen. + +Die Bischöfe zu Rom sagten: "Jesus machte Petrus zum Obersten der +Apostel; diese waren ihm untergeordnet. Petrus war 24 Jahre, 5 Monate +und 10 Tage Bischof in Rom; wir sind seine Nachfolger, folglich - stehen +alle Bischöfe und Fürsten der Christenheit unter unserer Oberhoheit!" + +Selbst wenn Jesus so unchristlich gehandelt und Petrus einen Vorrang vor +den anderen Jüngern gegeben hätte, selbst wenn Petrus Bischof in Rom +gewesen wäre, so ist es doch noch immer eine seltsame Behauptung, dass +deshalb seine Nachfolger Statthalter Gottes auf Erden seien! Doch diese +Behauptung und Anmaßung wird erst dadurch zur frechsten Unverschämtheit, +dass es Jesus nie einfiel, Petrus einen Vorrang zu geben, und endlich +Petrus niemals in Rom und daher nicht Bischof dort war! + +Das erste bedarf kaum eines Beweises. Jesus spricht es oft genug gegen +seine Jünger aus, dass keiner vor dem andern einen Vorrang habe, und es +ist Petrus auch niemals eingefallen, sich einen solchen anzumaßen, wie +aus seinen Briefen klar hervorgeht. In einem derselben sagt er: "Die +Ältesten, so unter Euch sind, ermahne ich als Mitältester" usw. (1. +Petr. 5,1). Auch Paulus sagt kein Wort von dem Avancement des Petrus und +hält sich selbst den andern Aposteln gleich (2. Kor. 11-12,5). + +Außerdem verdiente es auch nächst Judas Petrus von den Jüngern wohl am +wenigsten, gleichsam als Oberhaupt an ihrer Spitze zu stehen. Er zeigte +sich schwächer als jeder andere, indem er Jesus drei Mal verleugnete und +nicht einmal eine Stunde für Jesus wachen konnte, nachdem er doch vorher +ruhmredig versichert hatte, dass er sein Leben für ihn lassen wolle. + +Petrus war ein unüberlegter Hitzkopf, der mancherlei Übereilungen +beging, wozu der gegen Malchus geführte Streich - den ich ihm übrigens +keineswegs übelnehme - und die Ermordung des Ananias und seines Weibes +gehören. Nebenbei war er ein Duckmäuser, den Paulus wegen seiner +Heuchelei schilt (Gal. 2,11-13), ja, der sogar einmal den sanften Jesus +so in Eifer brachte, dass er ihn einen Satan nannte (Matth. 16,23). + +Dass Petrus die christliche Gemeinde in Rom gegründet habe, ja, dass er +hier nahe an 25 Jahre Bischof gewesen sei, ist eine noch frechere Lüge, +die sich gewissermaßen mathematisch aus der Bibel nachweisen lässt, +weshalb es die Päpste auch nicht dulden wollen, dass dieselbe von den +Katholiken gelesen wird. + +Die Apostelgeschichte geht bis in das Jahr 61 nach Christi Geburt. Nach +der Erzählung der päpstlichen Geschichtsschreiber ist Petrus schon über +20 Jahre früher nach Rom gekommen; aber die Apostelgeschichte, die doch +am Anfang so viel und so weitläufig von Petrus spricht - sagt von dieser +so wichtigen Reise kein Wort! + +Ganz sicher ist bewiesen, dass Paulus in Rom war und hier unter dem +Kaiser Nero zwischen den Jahren 66-68 den Märtyrertod erlitt, zugleich +mit Petrus lügen die päpstlichen Geschichtsschreiber hinzu. Paulus war +zwei Jahre in Rom und schrieb von dort Briefe an verschiedene +christliche Gemeinden, in denen er mehrere seiner Freunde und Anhänger +nennt; aber von Petrus schreibt er kein Wort! + +Wäre dieser Bischof in Rom gewesen, so hätte es Paulus gar nicht umgehen +können, von ihm zu reden, sei es auch nur, um sich über ihn zu +beschweren, dass er ihn nicht in seinem Werk unterstützte, denn er sagt +ausdrücklich, dass diejenigen, die er nennt, "sind allein meine Gehilfen +am Reiche Gottes, die mir ein Trost geworden sind" (Kolosser 4, 7-14). +Also "Paulus schreibt davon nichts", dass Petrus jemals in Rom war. + +Doch wenn dieser auch, ganz gegen seinen Beruf als Apostel, 25 Jahre +Pfarrer einer Anzahl armer, verfolgter Christen in Rom gewesen wäre, +folgt dann daraus, dass die nachherigen Bischöfe von Rom ein Recht +hatten, mit Völkern, Kaisern und Königen wie mit Lumpengesindel +umzuspringen? - Möchten sich die Päpste immerhin Nachfolger Petri oder +Pauli nennen, allein auch nicht mehr Ansprüche machen als diese! + +Wo Petrus gestorben ist, weiß man zum Glück für die Päpste nicht, und so +konnten diese eine schöne rührende Geschichte erfinden, die gar keine +historische Begründung hat. Nach ihrer Erzählung wurde Paulus als +römischer Bürger nur enthauptet; allein der Jude Petrus wurde gegeißelt +und dann gekreuzigt, - den Kopf nach unten, wie er es - nach der Legende +- aus Demut und zum Unterschied mit Christus verlangte. In dieser Demut +sind die Päpste nicht seine Nachfolger! + +Aller Wahrscheinlichkeit nach war die Gemeinde der Christen zu Rom zur +Zeit, als Paulus dort war, noch nicht so groß, dass sie eines eigenen +Aufsehers bedurfte, und von einem Bischof im späteren Sinn kann vollends +nicht die Rede sein. Das Verdienst, die christliche Gemeinde zu Rom +gestiftet zu haben, gebührt also unbedingt dem Paulus; dem Petrus aber +auf keinen Fall. + +Alle Ansprüche also, welche die sich Päpste nennenden römischen Bischöfe +darauf gründeten, dass sie Nachfolger Petri wären, - zerfallen demnach +in nichts. - Ursprünglich waren diese Peterlügen von ihnen nur deshalb +erfunden worden, weil sie dadurch bewirken wollten, dass ihre Stimme bei +Kirchenstreitigkeiten als entscheidende gelten sollte. Als sie dies erst +durchgesetzt hatten, griffen sie weiter, denn l'appétit vient mangeant. + +Konsequenterweise beginnen die Päpste ihre Reihe mit Petrus. Nach ihm +nennt man eine Menge zum Teil völlig erdichteter Namen, um nur die +Lücken auszufüllen; denn die frühere Geschichte der römischen Bischöfe +ist noch dunkler als die der römischen Könige. Es ist zwecklos, diese +Herren Stadtpfarrer, denn anderes waren sie nicht, namentlich +aufzuführen; ich will mich damit begnügen, nur diejenigen näher zu +beleuchten, welche die größeren Schritte taten, dem Gipfelpunkt +näherzukommen, nach welchem alle strebten. + +Die Reihen der römischen Kaiser, die der asiatischen Despoten, kurz, +keine Fürstenreihe der Welt - ja, nicht einmal die chamber of horrors +der Madame Toussaut in London bietet solche moralische Ungeheuer dar als +die Reihe der Päpste, die sich die Statthalter Gottes nennen. - Aber sie +mochten es noch so arg treiben, den verdummten Menschen gingen die +blöden Augen nicht auf. Fürsten und Völker ließen sich von diesen +ekelhaften Bösewichten das Fell über die Ohren ziehen und küssten dafür +den Tyrannen noch demütig den Pantoffel. + +Fuhr einmal ein vernünftiger Fürst dem hochmütigen Priester zu Rom über +die Glatze, dann schrie das dumme Volk Zetermordio, und war einmal das +Volk vernünftig genug, den römischen Anmaßungen entgegenzutreten - dann +kam gewiss ein dummer Fürst mit geweihtem Schwert und Hut und wetterte +hernieder auf die verfluchten Ketzer. + +So kam es denn, dass die Päpste bis auf den heutigen Tag ein Recht +ausüben, das ihnen niemand gegeben. Durch eine unerhörte Dreistigkeit, +durch die klügste Benutzung der Dummheit der Menschen haben sie sich +Schritt vor Schritt in den Besitz desselben gesetzt; denn die Christen +der ersten Jahrhunderte waren weit entfernt, ihnen dasselbe einzuräumen. +Ein Unrecht kann aber nie ein Recht werden, mag es auch Jahrtausende +faktisch bestanden haben und selbst von dem Gesetz anerkannt sein; +diejenigen, welche darunter leiden, haben vollkommen recht, sich von dem +aufgezwungenen Joch loszumachen, sobald sie können. Dies kann aber ein +jeder, sobald er aufgehört zu glauben; tut er das, so ist er schon frei +ohne weitere Anstrengung. + +Wie schon oben gesagt, hatte vor Ende des ersten Jahrhunderts die +römische Gemeinde wahrscheinlich weder einen besonderen Bischof noch +eine besondere Kirche. Die armen Christen mussten sich herumdrücken, wie +sie konnten, und ihre Ältesten waren gewiss Männer von unbescholtenen +Sitten, denen es mit der Lehre Christi ernst war. Das Märtyrertum war +ihnen unter den Verfolgungen so ziemlich gewiss, und daraus geht schon +ganz sicher hervor, dass sie andere Leute waren als ihre Nachfolger, die +keineswegs nach der Märtyrerkrone verlangten. + +Der erste römische Bischof, von dem wir wissen, dass er schon mehr +gelten wollte als seine Kollegen, hieß Viktor (192 bis 201). Er +verlangte sehr ungestüm, dass alle übrigen Christen das Osterlamm zu der +Zeit essen sollten, wenn es in Rom geschah, nämlich am Auferstehungstage +Jesu, und nicht, wie es die anderen Christen beibehalten hatten, am +jüdischen Passahfest, zu welcher Zeit es auch Christus aß. + +Die anderen Bischöfe meinten, es rapple dem Herrn Kollegen in Rom unter +der Mütze, und von seiner Berufung auf Petrus, der diesen Gebrauch in +Rom eingeführt haben sollte, nahmen sie nur so viel Notiz, dass ihm der +Bischof Polykrates von Ephesus antwortete: "dass nicht Petrus, sondern +Johannes an der Brust Jesu gelegen wäre". Von einer Oberhoheit des +Petrus über die anderen Apostel schien man damals, so nahe der Quelle, +noch nichts zu wissen, aber tausend Jahre später hatte sich die +beharrliche Lüge allgemeinen Glauben verschafft. + +Als die Christen in Rom einst zur Bischofswahl versammelt waren, setzte +sich zufällig eine Taube auf den Kopf eines Mannes namens Fabianus, und +mit echt heidnischem, altrömischem Wunderglauben riefen die Christen: +"Der soll Bischof sein!" Seitdem nahm man an, dass der Heilige Geist bei +jeder Bischofswahl gegenwärtig sei und sie leite. Das war bequem, denn +nun konnte jede dumme Wahl ihm zur Last gelegt werden. + +Stephanus, welcher 253 Bischof wurde, war der erste, welcher behauptete: +"er sei mehr als die andern Bischöfe, denn er sei der Nachfolger des +heiligen Apostels Petrus". Ja, dieses Papstwickelkind ging schon so +weit, dass es den asiatischen Bischöfen die Kirchengemeinschaft +aufkündigte, weil sie seinen Vorschriften nicht gehorchen wollten. + +Diese waren höchlich erstaunt über die Frechheit ihres Herrn Bruders in +Christo, und der Bischof Firmilian von Kappadokien äußerte sich in einem +den Bischöfen zugeschickten Zirkular wie folgt: "Mit Recht muss ich mich +in diesem Punkt über eine so offenbare als unverkennbare Torheit des +Stephanus ärgern, welcher sich seines Bischofssitzes rühmt und sich für +einen Nachfolger des Apostels Petrus ausgibt." + +Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion +machte, da wurde dieser Umstand sogleich von den römischen Bischöfen zur +Erhöhung ihrer Macht benutzt. Durch niedrige Schmeichelei und Kriecherei +gelang es ihnen, denen stets das Ohr des Kaisers zu Gebote stand, diesen +zu bewegen, dass ihnen immer mehr Vorrechte eingeräumt wurden. Dabei +waren sie nicht blöde; sie nahmen, wo sie etwas bekommen konnten, wie +schon im ersten Kapitel erzählt ist. So wurden sie reich und mit dem +Reichtum von Jahr zu Jahr hochmütiger. + +Die Stelle des römischen Bischofs wurde nun eine sehr begehrte und +beneidete. Der heidnische Statthalter zu Rom, Prätextatus, sagte: "Macht +mich zum Bischof von Rom, dann will ich sogleich Christ werden." Die +Bewerber um diese Stelle lieferten sich die blutigsten Gefechte, in +denen Hunderte von Menschen ihr Leben einbüßten. + +Mit der Frömmigkeit und Heiligkeit der römischen Bischöfe war es längst +vorbei und wir sehen auf dem Bischofsstuhl schon Mörder und Ehebrecher. +Doch bei solchen Kleinigkeiten dürfen wir uns nicht aufhalten und ebenso +wenig bei den ehrgeizigen Kämpfen zwischen den Bischöfen von Rom und +denen der anderen Städte. + +Obwohl es interessant ist, zu beobachten, wie durch konsequente +Anwendung der Lüge, Unverschämtheit, List und Gewalt die Macht der +römischen Bischöfe immer weiter um sich griff, so würde mich doch eine +solche Auseinandersetzung hier zu weit führen, und ich will mich damit +begnügen, die Stellung der römischen Bischöfe in den verschiedenen +Jahrhunderten, sowohl ihren Mitbischöfen als der weltlichen Macht +gegenüber, zu charakterisieren und nur einzelne dieser Ehrenmänner als +Beispiel anführen. + +Schon im vierten Jahrhundert hatten die römischen Bischöfe es verlangt, +dass ihnen der erste Rang unter den Patriarchen, also auch unter allen +Bischöfen, zuerkannt würde. Dies geschah jedoch nicht, weil sie sich für +Nachfolger Petri ausgaben, sondern weil sie ihren Sitz in der damaligen +Hauptstadt der Welt hatten. Aber man dachte noch nicht daran, ihnen eine +höhere Würde als den andern Patriarchen einzuräumen. + +Mehr erlangten sie auch nicht im fünften, sechsten und siebten +Jahrhundert, wenn sie selbst auch schon anfingen, sich eine höhere +Stellung anzumaßen und zu behaupten, dass sie vermöge der ihnen von +Petrus anvertrauten Gewalt mit der Vorsorge für die allgemeine Kirche +beauftragt wären. + +Diese Anmaßungen wurden indessen noch von niemand anerkannt. In diesen +Jahrhunderten hielt man noch die allgemeinen Kirchenversammlungen für +die einzige rechtmäßige kirchliche Behörde, welche für die Erhaltung der +Einheit der Kirche Sorge tragen musste. Über die Beobachtung der +allgemeinen Kirchengesetze hatte jeder Bischof in seiner Diözese und +vorzüglich jeder Patriarch in seinem Bezirk zu sorgen. + +Die von den Aposteln gestifteten Gemeinden waren allerdings und +begreiflicherweise die Richtschnur für die übrigen, und da Rom im +Abendland die einzige der Art war (da sie von Paulus gestiftet wurde), +so war es denn ganz natürlich, dass sich die abendländischen Bischöfe +hin und wieder in streitigen Fällen kollegialisch an die Bischöfe von +Rom wandten und um Rat baten. + +In solchen Fällen waren diese stets darauf bedacht, ihren Rat in die +Form eines Befehls zu kleiden und wohl gar hinzuzufügen: "So beliebt es +dem Apostolischen Stuhl." Wenn nun auch einzelne Bischöfe zu solchen +Anmaßungen schwiegen, worauf die römischen sogleich ein Recht gründeten, +so protestierte man doch von allen Seiten dagegen, und an ein Primat des +römischen Stuhls dachte vollends noch niemand, als höchstens die +römischen Bischöfe selbst. - Kaiser Justinian erklärte sogar durch ein +eigenes Gesetz, die Kirche zu Konstantinopel sei das Haupt aller +christlichen Kirchen, und andere legten dem dortigen Patriarchen, zum +größten Ärger des römischen, den Titel und Charakter eines allgemeinen +Bischofs bei. + +Selbst im Abendland, wo doch der römische Bischof noch im höchsten +Ansehen stand, räumte man ihnen zu dieser Zeit nicht einmal einen +besonderen Titel ein. Alle Bischöfe nannten sich Papst (von papa, +Vater), auch Oberpriester, auch sogar Stellvertreter Christi, und gaben +sich untereinander diese Titel, also auch dem Bischof von Rom, der bald +Papst der Stadt Rom, bald schlechtweg Papst genannt wurde. + +Sogar der Titel Patriarch wurde im Abendland nicht einmal allein dem +Bischof von Rom gegeben; es nannten sich die meisten Metropoliten so, +und noch im Jahre 883 wurde der Bischof von Lyon, der auf der zweiten +Synode zu Macon den Vorsitz führte, Patriarch genannt. Hierin liegt der +Beweis, dass man selbst im Abendland gar nicht daran dachte, dem Bischof +von Rom einen höheren Rang einzuräumen. + +Über das Verhältnis der römischen Bischöfe gegenüber den Kaisern habe +ich bereits im ersten Kapitel gesprochen. Es blieb dasselbe im fünften, +sechsten und siebten Jahrhundert. Zeigten sich einzelne Kaiser +nachgiebiger gegen die Bischöfe, so lag das in ihrer Persönlichkeit. Der +römische Bischof stand wie jeder andere Staatsbeamte unter dem Kaiser, +und dieser und sein Statthalter waren seine Richter. Die Reichssynoden +wurden von den Kaisern berufen, und diese präsidierten hier durch einen +Kommissarius, und wenn auf der Synode zu Chalcedon der Legat des +römischen Bischofs Leo den Vorsitz führte, so geschah es, weil dieser es +sich vom Kaiser als eine besondere Gnade erbeten hatte. Die Beschlüsse +dieser Synoden wurden nicht vom Bischof in Rom, sondern von den Kaisern +bestätigt, und selbst wenn eine solche Kirchenversammlung gegen den +Willen des römischen Bischofs gehalten wurde, so verlor sie dadurch +nichts von ihrer allgemeinen Gültigkeit. + +Bei streitigen Bischofswahlen entschied immer der Kaiser, und kein +Bischof durfte seine Würde antreten ohne die kaiserliche Bestätigung. +Machte auch der Hochmut hin und wieder einen der Bischöfe verrückt, so +wagten sie es doch nicht, sich über den Kaiser zu erheben. + +Selbst Gregor I. (590-604), in dem schon der Geist der späteren Päpste +spukte, war demütig wie ein Hund vor den Kaisern. In seinen Briefen an +den Kaiser Mauritius gebrauchte er die kriechendsten Ausdrücke und +schreibt zum Beispiel: "Wer bin ich, der ich zu meinem Herrn rede, als +Staub und Wurm." Er nennt den Kaiser seinen "frommen Herrn, dem die +Gewalt über alle Menschen vom Himmel herab erteilt worden sei", und sich +selbst nennt er seinen unwürdigen Diener. - Dies war er in der Tat, denn +er war durch und durch ein lasterhafter, heuchlerischer Schurke. Sein +Benehmen gegen den Tyrannen Phokas beweist das schon zur Genüge. + +Der Kaiser Mauritius, einer der edelsten Menschen, die jemals auf einem +Thron saßen, wurde durch diesen Phokas, einen seiner Hauptleute, +entthront. Selbst Nero ist gegen dieses blutdurstige Ungeheuer ein guter +liebreicher Mensch, Phokas ließ fünf Kinder des Mauritius vor dessen +Augen grausam hinrichten und dann ihn selbst. Er rottete die ganze +kaiserliche Familie aus und mordete auf die scheußlichste Weise bis an +das Ende seines Lebens. + +Gregor hatte von Mauritius nur Gutes erfahren; er nannte ihn selbst +seinen Wohltäter, und dennoch verleumdete er aus Kriecherei gegen Phokas +den edlen Kaiser. An den blutdurstigen Tyrannen schrieb er: "Bisher sind +wir hart geprüft gewesen; der allmächtige Gott aber hat Eure Majestät +erwählt und auf den kaiserlichen Thron gesetzt, um durch Eure Majestät +barmherzige Gesinnung und Einrichtung aller unserer Not und Traurigkeit +ein Ende zu machen. Der Himmel freue sich daher, und die Erde sei +fröhlich, und das ganze Volk müsse wegen einer so glücklichen +Veränderung Dank sagen." + +Und so warf sich Gregor weg, um Phokas und sein gleich nichtswürdiges +Weib auf seine Seite zu ziehen, damit er ihm vor dem Bischof von +Konstantinopel bevorzuge, welcher zum größten Missvergnügen Gregors den +Titel "allgemeiner Bischof" angenommen hatte. Doch ich muss die +Äußerungen der Verachtung gegen diesen elenden Pfaffen unterdrücken, +denn wo soll ich sonst Worte finden, die noch nichtswürdigeren +Handlungen seiner noch verruchteren Nachfolger zu bezeichnen? + +Dieser Gregor I. steht in der römischen Kirche in ganz besonders hoher +Achtung, denn ihm verdankt sie die Einführung einer Menge sinnloser oder +vielmehr dummer Zeremonien, die noch bis zum heutigen Tag Geltung haben. +Er war es, welcher aus der römischen Kirche die letzten Spuren wahren +Christentums, wie es Jesus und allenfalls seine Apostel verstanden, +austilgte. Er ist der Erfinder des Fegefeuers, dieser päpstlichen +Prellanstalt, die besser rentierte als irgendein Schwindelgeschäft, +welches je ein beschnittener oder unbeschnittener Jude machte. Gregor +ist auch der eifrigste Förderer des Mönchswesens. Er hinterließ einen +Wust selbst verfasster Schriften, die von dem wundervollsten Unsinn +strotzen. In ihnen sind auch Regeln für Geistliche enthalten, aus denen +ich eine Probe anführe, damit die der römischen Kirche angehörigen Leser +untersuchen können, ob ihr Bischof derselben entspricht. Es handelt sich +nämlich darum, wie die Nase eines Bischofs beschaffen sein müsse. "Ein +Bischof darf keine kleine Nase haben - denn er muss Gutes und Böses zu +unterscheiden wissen wie die Nase Gestank und Wohlgeruch, daher auch das +hohe Lied sagt: 'Deine Nase ist gleich dem Turm auf dem Libanon.' Ein +Bischof darf aber auch keine allzu große oder gekrümmte Nase haben, um +nicht spitzfindig oder niedergedrückt von Sorgen zu sein; - er darf +nicht triefäugig sein, denn er muss helle sehen; noch weniger krätzig +oder beherrscht vom Fleische." + +Im siebten Jahrhundert trug sich eine Veränderung zu, welche zwar dem +Christentum einen harten Stoß gab, aber für das Ansehen der römischen +Bischöfe in der Folge höchst vorteilhaft wirkte. Mohammed trat als der +Stifter einer neuen Religion auf. + +Mohammed lehrte: "Es ist nur ein einziger Gott, welcher die ganze Welt +beherrscht; er will von den Menschen treu verehrt sein durch Tugend. +Tugend besteht in Ergebung in den göttlichen Willen, andächtigem Gebet, +Wohltätigkeit gegen die Armen und Fremden, Redlichkeit, Keuschheit, +Nüchternheit, Reinlichkeit, tapferer Verteidigung der Sache Gottes bis +in den Tod. Wer diese Pflichten erfüllt, ist ein Gläubiger und empfängt +den Lohn des ewigen Lebens." + +Diese Lehre musste in der damaligen Zeit großen Anklang finden, denn sie +war einfach und verständlich, während die der Christen sich von der Jesu +so weit entfernt hatte, dass sie unverständlicher, unklarer, mystischer +und unvernünftiger geworden war, als die der Heiden jemals gewesen. Dazu +kam noch ein zwar auf sehr sinnliche Vorstellungen gegründeter, aber +deshalb sehr praktisch und verlockend erfundener Himmel, während ein +Mensch mit gesunden Sinnen dem von den Mönchen geschilderten +Christenhimmel weder eine fassbare Vorstellung noch den allergeringsten +Geschmack abgewinnen kann. + +Der praktische Wert des Islam im Vergleich mit der zu jener Zeit als +Christentum geltenden Religion war besonders bei den Völkern des Orients +überwiegend, und die Lehre Mohammeds verbreitete sich mit großer +Schnelligkeit über ganz Asien und Nordafrika und vernichtete die +christliche Kirche in diesen Ländern. Dadurch verschwanden die +Patriarchen von Antiochien, Jerusalem und Alexandrien und mit ihnen die +gefährlichsten Gegner der römischen Anmaßungen. Mohammed und die Kalifen +arbeiteten für die römischen Päpste. + +Diese waren aber bis zum Ende des siebenden Jahrhunderts noch gar weit +von ihrem Ziel entfernt. Die Kaiser küssten ihnen noch nicht den +Pantoffel, wie sie es später taten, sondern gingen mit ihnen ebenso um, +wie die preußische Regierung es mit den evangelischen Bischöfen tut, das +heißt, sie betrachteten sie einfach als Staatsbeamte. + +Der Bischof Liberius, welcher sich in Glaubenssachen nicht fügen wollte, +wurde vom Kaiser Konstantin abgesetzt und verwiesen. Der stolze Bischof +Leo "der Große" (452) musste sich vom Kaiser Valentinian als Gesandter +an den Hunnenkönig schicken lassen, und der Bischof Agapet wurde in +derselben Eigenschaft von dem Ostgotenkönig Theodat an Kaiser Justinian +abgesendet. + +Wie demütig Gregor war, haben wir gesehen, und das war wenigstens klug +von ihm, denn die Kaiser ließen nicht immer mit sich scherzen, wie es +Konstans dem Bischof Martin (649 bis 655) bewies. + +Martin wagte es, den Befehlen des Kaisers entgegenzuhandeln, ja, er ließ +sich in hochverräterische Pläne ein. Dies bewog den Kaiser, den +römischen Bischof durch seinen Statthalter in Rom gefangen nehmen und +nach der Insel Naxos bringen zu lassen, die durch Ariadne bekannter +geworden ist als durch Martin, der hier ein ganzes Jahr lang im +Gefängnis saß. + +Von hier brachte man den Heiligen Vater nach Konstantinopel, sperrte ihn +39 Tage lang ein und stellte ihn dann vor ein Gericht, welchem der +Großschatzmeister präsidierte. Der römische Papst hatte das päpstliche +Übel, das Podagra, in den Beinen - seine Nachfolger hatten es häufig im +Kopf - und erschien sitzend in einem Sessel. Der Richter befahl ihm +jedoch, das Verhör stehend abzuwarten, und da er dies nicht konnte, so +wurde er von zwei Männern aufrecht gehalten. + +Die Schuld war offenbar, und so ward ihm denn bald das Urteil +gesprochen: "Du hast gegen den Kaiser verräterisch gehandelt", sagte der +Großschatzmeister, "du hast Gott verlassen, und Gott hat dich wieder +verlassen und in unsere Hände gegeben." Darauf übergab er den Bischof +von Rom dem Gouverneur von Konstantinopel mit der Weisung, ihn ohne +Bedenken in Stücke zerhauen zu lassen, wenn er wolle. + +Dem hochverräterischen römischen Papst wurde nun ein Halseisen umgelegt, +und an Ketten wurde.er durch die Stadt geschleppt. Vor ihm her ging der +Scharfrichter mit entblößtem Schwert, zum Zeichen, dass der Verbrecher +zum Tode verurteilt war. Darauf wurde Martin ins Gefängnis gebracht, mit +Ketten auf eine Bank geschlossen und unter freien Himmel gestellt, wie +es mit allen Verbrechern den Tag vor ihrer Hinrichtung geschah. + +Über den armen deutschen König Heinrich erbarmte sich niemand, als er +halbnackt im Schlosshof von Canossa im Schnee stand, aber Martin fand +mitleidige Seelen. Die Gefängniswärter legten ihn ins Bett, und der +Kämmerling des Kaisers ließ ihm zu essen bringen. Ja, der sterbende +Patriarch Paulus von Konstantinopel, ein frommer Mann, den Martin +feierlich als Ketzer verflucht hatte, bat auf seinem Sterbebett den +Kaiser um seines Feindes Leben. Es wurde ihm bewilligt. Martin wurde aus +dem Land verwiesen. Wo bat jemals ein römischer Papst um das Leben +seines Feindes? Ich konnte in der Geschichte keinen Fall auffinden und +würde jedem dankbar sein, der mir einen solchen nachweisen könnte. - + +Der Nachfolger des abgesetzten Martins zeichnete sich durch nichts aus +als dadurch, - dass er diesen verhungern ließ. + +Im achten Jahrhundert taten die Päpste einen mächtigen Sprung vorwärts, +wozu sie im Anfang desselben nicht die allergeringste Hoffnung hatten. +Als die Langobarden Herren Italiens waren, beschränkte sich die Macht +der römischen Bischöfe nur auf die Diözese, denn die barbarischen Könige +derselben erkannten sie nicht einmal als die Patriarchen von Italien an, +und die andern Bischöfe dieses Landes behaupteten ihre Unabhängigkeit. + +Das änderte sich aber bald, als das langobardische Reich unter die +Herrschaft der Franken kam. Durch sie wurden die Bischöfe von Rom die +größten Landbesitzer in Italien, und dies, wie die Unterstützung der +Frankenkönige, half ihnen zu dem Primat in Italien. + +Sie verloren zwar in dieser Periode allen Einfluss auf Spanien, dafür +traten sie aber wieder in nähere Berührung mit Gallien und legten den +Grund zu ihrer Herrschaft in Deutschland. In England hatten sie schon zu +Ende des sechsten Jahrhunderts festen Fuß gefasst, indem die dortigen +christlichen Kirchen auf ihre Veranlassung gestiftet wurden. + +Von 715 bis 735 saß Gregor II. auf dem bischöflichen Stuhl zu Rom. Unter +ihm brach der große Bilderstreit aus, von dem ich schon früher +gesprochen habe und der das ohnedies schon durch Thronstreitigkeiten +zerrüttete oströmische Reich noch mehr schwächte. + +Eigentlich hatte man sich schon seit den ersten Jahrhunderten des +Christentums wegen der Verehrung der Bilder gezankt, und die +angesehensten und frömmsten Kirchenlehrer hatten den Bilderdienst als +abscheulichsten Götzendienst verdammt. Um von den vielen Beispielen nur +eins anzuführen, setze ich den Ausspruch Tertullians her: "Ein jedes +Bild ist nach dem Gesetz Gottes ein Götze, und ein jeder Dienst, der +demselben erwiesen wird, eine Abgötterei." + +So wie dieser verdammen Eusebius von Cäsarea, Clemens von Alexandrien, +Origenes, Chrysostomus und viele andere der geachtetsten Kirchenväter +die Verehrung der Bilder als eine der christlichen Lehre durchaus +hohnsprechende Abgötterei. Aber die römischen Bischöfe und die Mönche, +welche ihren Vorteil kannten, den ihre Kasse aus diesem Götzendienst +ziehen musste, verteidigten die Bilder mit Leib und Leben. + +Gregor II. war ein großer Bildernarr, und als der oströmische Kaiser +Leo, der Isaurier, die Bilder mit Gewalt aus den Kirchen Italiens +entfernen lassen wollte, da kam es zu den blutigsten Streitigkeiten, +welche der Langobardenkönig Liutprand dazu benutzte, seine Herrschaft in +diesem Land immer weiter auszudehnen. + +Gregor hetzte alles gegeneinander und wiegelte das Volk gegen den Kaiser +auf. An diesen schrieb er einen unverschämten Brief, in welchem er ihn +einen "Ignoranten, einen Tölpel, einen dummen und verrückten Menschen, +einen gottlosen Ketzer" nannte. Der rechtschaffene Kaiser, anstatt +diesen hochmütigen Pfaffen nach dem Gesetz strafen zu lassen, antwortete +ihm mit großer Mäßigung, aber nun stieg erst recht die Frechheit +Gregors, und in einem seiner Briefe schrieb er an seinen Kaiser und +Herrn: "Jesus Christus schicke dir den Teufel in den Leib, damit dein +Geist zum Heil gelange." + +Leo griff nun den rebellischen Bischof am richtigen Fleck an; er entzog +ihm sein ganzes Patrimonium in Sizilien und Kalabrien und unterwarf es +dem Patriarchen von Konstantinopel. Dadurch verlor Gregor alljährlich +224.000 Livres Einkünfte. Dafür verehrt denn aber auch die römische +Kirche diesen Gregor II. als einen Heiligen. + +Sein Nachfolger Gregor III. fuhr ganz in demselben Geist fort und +wiegelte das Volk zu offener Empörung gegen den Kaiser auf. Als er aber +auch den Langobardenkönig beleidigte, rückte dieser vor Rom. Der +geängstigte Bischof, den nun alle heiligen Knochen nicht schützen +konnten und der für seine eigenen fürchtete, bat Karl Martell, den +fränkischen Majordomus, um Hilfe und wand sich vor ihm wie ein Wurm. +Endlich ließ sich der Franke bewegen, ihn zu schützen, als er versprach, +sich vom Kaiser loszusagen und Rom ihm zu unterwerfen. + +Nach Gregors und Martells Tod wurde der folgende Bischof von Rom, +Zacharias, wieder arg von den Langobarden bedrängt und sah nirgends +Trost und Hilfe als bei den Franken. Hier führte der Sohn Karl Martells, +Pipin, das Schwert des Reiches und hatte große Lust, den schwachen König +Childerich III. zu entthronen. Zacharias wusste es nun so zu lenken, +dass die fränkischen Stände an ihn die Frage richteten: "Ob nicht ein +feiger und untüchtiger König des Thrones beraubt und ein würdigerer an +seine Stelle gesetzt werden dürfe?" Der römische Bischof antwortete: +"Ja" und machte sich dadurch den nun zum Frankenkönig erwählten Pipin +zum Freunde. + +Zacharias erlebte aber die Früchte seiner Politik nicht. Von ihm +verdient noch bemerkt zu werden, dass er einen Bischof, namens +Virgilius, in den Bann tat und als Ketzer verdammte, weil derselbe +behauptet hatte, "dass die Erde eine Kugel sei und dass auf der andern +Seite derselben Menschen wohnten, die uns die Fußsohlen zukehrten". + +Bischof Stephanus II. (752-757) erntete, was seine Vorgänger säten. +Bedrängt von den Langobarden, begab er sich in Person zu Pipin. Dieser +schickte ihm seinen Sohn Karl dreißig Meilen weit entgegen und ritt +selbst eine Meile, ihn zu begrüßen. Er litt nicht, dass der Bischof vom +Pferde stieg, sondern begleitete ihn selbst zu Fuß, gleich einem +Stallknecht. So erzählen die päpstlichen Geschichtsschreiber. + +Pipin ließ sich in Paris von Stephan salben, und dieser entband ihn +feierlich des Eides, den er seinem Könige geleistet, und tat die +Franken, wenn sie Pipin und seine Nachfolger nicht als Könige anerkennen +würden, in den Bann. Das tapfere Volk war bereits so sehr von +päpstlichem Aberglauben umgarnt, dass die Dreistigkeit des Stephanus sie +nicht empörte, sondern vielmehr die Macht Pipins befestigte. Dieser +zeigte sich dankbar; er schenkte dem römischen Bischof das Exarchat, +nämlich die heutige Romagna und Ankona, ein Land, welches Pipin gar +nicht zu verschenken hatte, da es ihm nicht gehörte! + +Als Stephan nach Rom zurückgekehrt war und die Franken zu lange +zögerten, ihn von den Langobarden zu befreien, schrieb er einen Brief +nach dem andern an Pipin, und als derselbe immer noch nicht kam, griff +er zu einem ebenso dummen wie schamlosen Betrug, der aber trotzdem +gescheit war, da er bei den abergläubischen Franken Erfolg hatte. +Stephan schickte nämlich einen Brief des Apostels Petrus an Pipin, +seinen Sohn und die fränkische Nation, in welchem der Apostel auf die +Langobarden schimpft, dringend um Hilfe bittet, aber dem Frankenkönig +mitteilt, "dass, wenn er nicht helfen wolle, er vom Reich Gottes +ausgeschlossen sei". + +Es mit dem "Himmelspförtner" zu verderben war eine ernste Sache, und die +Franken entschlossen sich, in Italien einzurücken. Die Langobarden waren +gezwungen, das Exarchat zu räumen, und Bischof Stephan in den Besitz +eines Landes gesetzt, welches dem oströmischen Kaiser gehörte, dessen +Untertan Stephanus war! + +Während die römischen Bischöfe selbst dafür besorgt waren, in Italien +ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, arbeitete für sie in Deutschland +Bonifazius, welcher seiner Beschützer ganz würdig war. Ich habe schon +früher von diesem Unglücksapostel gesprochen, dem Deutschland all das +Unheil verdankt, welches die römische Kirche über dasselbe gebracht hat. +Dieser Bonifazius kam nach Rom und leistete Gregor II. über dem +erlogenen Grab der Apostel einen Huldigungseid, durch welchen er sich +dem Papsttum, nicht dem Christentum, mit Leib und Seele unterwarf. + +Mit heiligen Knochen aller Art ausgerüstet, ging er nun nach Deutschland +und wandte alle von seinem Meister in Rom erlernten Mittel an, die +deutschen Bischöfe dem Römischen Stuhl zu unterwerfen. + +Das Christentum hatte in Deutschland längst Wurzel gefasst; allein +Bonifazius rottete es als Ketzerei aus und gab ihm dafür das moderne +Heidentum, welches man schon damals in Rom christliche Religion nannte. +Er stiftete als Legat des römischen Bischofs eine Menge Kirchen in +Deutschland, die er alle demselben unterwarf, und seinen Bemühungen +gelang es, zu Stande zu bringen, dass im Jahr 744 sämtliche deutsche +Bischöfe dem Römischen Stuhle beständigen Gehorsam gelobten. + +Auch über die fränkischen Bischöfe erlangte der zu Rom eine Art von +Oberhoheit; allein sowohl hier als in Deutschland hatte dieselbe noch +ziemlich enge Grenzen, und man war weit davon entfernt, ihm die +gesetzgebende Gewalt über die ganze Kirche einzuräumen. Aber es war +schon genug, dass man ihm eine gewisse Autorität einräumte; mit Lug und +Trug kamen, wie wir sehen werden, die Päpste bald weiter. + +Wenn auch Pipin sich sehr demütig zeigte, so fiel es doch seinem Sohn, +Karl dem Großen, obwohl er sich in Rom vom Papst zum Kaiser krönen ließ; +nicht im allerentferntesten ein, sich diesem unterzuordnen; er +betrachtete ihn als den ersten Reichsbischof, denn er selbst trat in +alle Rechte, welche sonst der römische Kaiser ausgeübt hatte. Aber +dieser sonst so vernünftige Mann, welcher die Geistlichkeit wegen ihrer +Habsucht, Prachtliebe und Sittenlosigkeit sehr derb zurechtwies, beging +den dummen Streich, den Pfaffen ein wichtiges Recht zu gewähren, welches +nur dazu diente, die Macht zu stärken, von der Karls Nachfolger +misshandelt wurden; er bestätigte das Recht des Zehnten. + +Als die christlichen Priester sich ganz nach dem Muster der jüdischen +bildeten, verlangten sie auch wie diese den zehnten Teil der Ernte usw. +für sich. Bisher hatten sie die gläubigen Christen zur Zahlung dieser +Abgabe zu überreden gewusst, und wenn auch schon am Ende des siebten +Jahrhunderts eine fränkische Synode den Zehnten für eine göttliche +Satzung erklärte und jeden mit dem Bann bedrohte, der ihn nicht bezahlen +wollte, so war dies doch eben weiter nichts als ein Beweis pfäffischer +Unverschämtheit, die wir deren so viele haben. + +Karl der Große machte den Zehnten erst gesetzlich, und bald dehnten ihn +die Pfaffen auf alles mögliche aus. Sie verlangten nicht nur den Zehnten +von den Feldfrüchten, Schafen, Ziegen, Kälbern, Hühnern und dem Erwerb, +sondern sie wollten ihn sogar von Dingen erheben, die sich für +Geistliche sehr schlecht schickten. Als Beweis mag folgender Fall +dienen: + +Zu Brescia belehrte ein Pfarrer die Frauen im Beichtstuhl, dass sie ihm +auch den Zehnten von - den ehelichen Umarmungen entrichten müssten. Eine +der Frauen, welche sich von der Rechtmäßigkeit der geistlichen Ansprüche +hatte überzeugen lassen, wurde von ihrem Manne wegen ihrer langen +Abwesenheit zur Rede gestellt; von ihm gedrängt, beichtete sie das +saubere Beichtstuhlgeheimnis. Der beleidigte Ehemann sann auf eine herbe +Züchtigung. Er veranstaltete ein großes Gastmahl, zu welchem auch der +zehntlustige Pfarrer geladen wurde. Als man in der besten Unterhaltung +war, erzählte der Wirt der Gesellschaft die Nichtswürdigkeit des Pfaffen +und wandte sich dann plötzlich an diesen, indem er ihm sagte: "Da du nun +von meiner Frau den Zehnten von allen Dingen verlangst, so empfange nun +auch den hier!" Dabei überreichte er dem Pfaffen ein Glas voll Urin usw. +und zwang den halbtoten Pfarrer, dasselbe vor den Augen der ganzen +Gesellschaft zu leeren. Seitdem wird ihm wohl der Appetit nach dem +Zehnten etwas vergangen sein. + +Karls des Großen unwürdige Nachfolger begingen die Torheit, sich +gleichfalls von den Päpsten krönen zu lassen, und so wurde in dem Volk +bald die Idee erweckt, dass der Papst die Krone zu vergeben habe, da er +den Kaiser erst durch die Krönung zum Kaiser mache. Die Einwilligung, +welche aber die Päpste zu ihrer Wahl vom Kaiser bedurften, wurde stets +in aller Stille und ohne Sang und Klang eingeholt, damit das Volk davon +nichts merke. + +Papst Eugenius entwarf selbst den Eid, welchen er "seinen Herren, den +Kaisern Ludwig und Lothar", leistete und den auch seine Nachfolger den +Kaisern schwören mussten. Dieser Eid, den ich nicht ausführlich +hersetzen will, steht auch in den Diplomen, die von den Kaisern Otto I. +und Heinrich I. in der Engelsburg in Rom aufgefunden wurden. Es ist also +klar bewiesen, dass die Päpste selbst sich damals durchaus als +Untergebene der Kaiser betrachteten. + +Man erstarrt förmlich über die grenzenlose Unverschämtheit, mit welcher +die Päpste dies abzuleugnen suchen! Wahrhaft groß darin war Nikolaus I. +(858-868). Er behauptete: "dass die Kaiser, wenn sie Synoden für nötig +hielten, stets nach Rom geschrieben und nicht befohlen, sondern nur +gebeten hätten, eine Synode zusammenzurufen und dann gutgeheißen oder +verdammt hätten, was man in Rom für nötig fand". + +Dieser Nikolaus war sogar dreist genug, zu behaupten, "dass die +Untertanen den Königen, die den Willen Gottes (d. h. des Papstes) nicht +täten, keinen Gehorsam schuldig wären". Seinen Namen setzte er in allen +Schriften vor den der Könige, ja, er wagte es, Lothar zu +exkommunizieren, und dieser - bat wirklich demütig um Absolution! + +Die Erzbischöfe Teutgaud von Trier und Günther von Köln traten kühn dem +frechen Nickel entgegen. "Du bist ein Wolf unter Schafen", sagten sie zu +ihm, "du handelst gegen deine Mitbischöfe nicht wie ein Vater, sondern +wie ein Jupiter; du nennst dich einen Knecht der Knechte und spielst den +Herrn der Herren, - du bist eine Wespe - aber glaubst du, dass du alles +tun dürftest, was dir gefällt? Wir kennen dich nicht und deine Stimme +und fürchten nicht deinen Donner, - die Stadt Gottes, von der wir Bürger +sind, ist größer als Babylon, das sich rühmt, ewig zu sein, und das sich +brüstet, als ob es nie irren könne." + +Doch was halfen solche vereinzelte Anstrengungen? Die starke Kreuzspinne +zu Rom spann ihre Lügengewebe über ganz Europa und bestrickte damit +endlich Könige, Bischöfe und Volk! Es ging aber damit den Päpsten noch +immer zu langsam, sie ersannen einen Betrug, der ihnen schneller zum +Ziele helfen sollte und, Dank der Dummheit der Menschen, leider auch +half! + +Niemand wollte noch an die Rechtmäßigkeit all der Rechte glauben, welche +die Päpste nach und nach usurpiert hatten. Dies war ihnen in vielen +Fällen fatal, und sie mussten sehr wünschen, nachweisen zu können, dass +schon die ersten römischen Bischöfe solche Machtvollkommenheit gehabt +hätten, wie sie dieselben in Anspruch nahmen. + +Zu diesem Ende wurden zu Anfang des neunten Jahrhunderts die in der +Geschichte unter dem Namen der pseudoisidorische Dekretalen bekannten +falschen Urkunden von einem päpstlichen Betrüger zusammengestellt. Sie +wurden unter dem Namen des höchst geachteten Bischofs Isidor von +Sevilla, der 636 starb, verbreitet und begannen mit sechzig Briefen der +allerersten Bischöfe Roms, denen eine Menge bischöflicher Dekretalen +(Beschlüsse), echte und falsche durcheinander, folgten. + +Der Hauptzweck dieser Fälschung war es, die ganze Kirchenzucht über den +Haufen zu werfen, den römischen Bischof zum unumschränkten +Kirchenmonarchen zu machen, ihm mit Vernichtung aller Metropolitan- und +Synodalgewalt die Bischöfe unmittelbar zu unterwerfen; die Kirche von +aller weltlichen Gerichtsbarkeit unabhängig zu machen und allen Einfluss +des Staates auf kirchliche Angelegenheiten und Verhältnisse zu +zerstören. + +In diesem sauberen Spitzbubenwerk ist auch eine Schenkungsurkunde +enthalten, durch welche der Kaiser Konstantin dem Apostel Petrus das +ganze abendländische Reich und dessen Hauptstadt Rom zusichert! + +Das Betrügerische dieser Briefe und Urkunden liegt so klar am Tage, dass +man kaum begreift, wie selbst Bischöfe ihnen damals Glauben schenken +konnten. Aber die meisten derselben waren ungelehrte Leute, welche nicht +einmal die Geschichte ihrer Kirche kannten. Fragte ein Gescheiter einmal +nach den Originalen dieser Dekretalen, die doch in Rom aufbewahrt sein +mussten und von denen man die Abschriften gemacht hatte, dann wusste man +sehr schlau und ausweichend zu antworten, und die meisten Bischöfe +ließen fünf gerade sein, da sie lieber von dem entfernten Bischof von +Rom als von ihrem Metropolitan abhängig sein wollten, der ihnen zu nah +auf die Finger sehen konnte. + +In diesen Briefen, die angeblich von den römischen Bischöfen der ersten +Jahrhunderte geschrieben sein sollten, kommen Bezeichnungen von Dingen +vor, die man zu ihrer Zeit noch gar nicht kannte. Ja, der betrügerische +unwissende Fälscher, welcher dies Buch verfasste, lässt diese Bischöfe +Stellen aus der Bibel nach der Übersetzung des viel später lebenden +heiligen Hieronymus, selbst aus Büchern zitieren, die erst im siebten +Jahrhundert geschrieben waren! Noch mehr, es sind sogar Stellen aus den +Beschlüssen einer Synode zu Paris im Jahr 829 in diesem ungeschickten +Machwerk aufgenommen! + +Doch, wie lächerlich es auch klingen mag, diese pseudoisidorische +Dekretalen, diese anerkannte Fälschung, sind die Grundlagen des +Papsttums. Durch sie wurden die Päpste unumschränkte Gesetzgeber in +geistlichen und weltlichen Dingen, durch sie erhoben sie sich über +Fürsten und Völker, ließen sich als Halbgötter anbeten, verfügten +willkürlich über große Reiche, ja, verschenkten ganze Weltteile. + +Der Titel also, den ein meuchelmörderischer Schurke Phokas erteilte; die +Schenkung ihm nicht gehörigen Gutes, welche ein Usurpator, Pipin, +machte, und eine ganz gemeine Fälschung, diese pseudoisidorische +Dekretalen, bilden die unheilige Dreieinigkeit, auf welcher die +päpstliche Macht gegründet ist. Mord, Diebstahl, Fälschung! Ein sauberes +Fundament! + +Das Gebäude, welches darauf erbaut wurde, hielt bis auf den heutigen +Tag, denn es war gemörtelt mit der Dummheit der Menschen, und die Risse, +welche die Vernunft zu manchen Zeiten darin machte, wurden zugeleimt mit +dem Blut von Millionen! + +Die pseudoisidorische Dekretalen äußerten schon ihre Kraft unter dem +oben genannten Papst Nikolaus I. und noch mehr unter Johannes VIII., der +872 den Römischen Stuhl bestieg. Er gebärdete sich schon wie ein rechter +Papst und sprach von dem Kaiser Karl dem Kahlen: "da er von Uns zum +Kaiser gekrönt sein will, so muss er auch zuerst von Uns gerufen und +erwählt sein." Er war der Erste, welcher den Kronkandidaten eine +förmliche Kapitulation vorlegte, ehe sie zur Krönung nach Rom kommen +durften. + +Karl dem Dicken, der einige Klostergüter verschenkt hatte, schrieb er: +"Wenn du solche binnen sechzig Tagen nicht wieder schaffst, sollst du +gebannt sein, und wenn auch dies nicht hilft, durch derbere Schläge klug +werden." + +Er sprach in einem Schreiben an die deutschen Bischöfe mit dürren Worten +aus, wohin das Streben aller Päpste zielte: "Was schaffen wir denn in +der Kirche an Christi Statt, wenn wir nicht für Christus gegen der +Fürsten Übermut kämpfen? Wir haben, sagt der Apostel, nicht mit Fleisch +und Blut, sondern wider die Fürsten und Gewaltigen zu kämpfen." - + +Stephan V. (885-891) war schon nicht mehr damit zufrieden, ein Mensch zu +sein, denn er sagte: "Die Päpste werden, wie Christus, von ihren Müttern +durch die Überschattung des Heiligen Geistes empfangen"; alle Päpste +seien so eine gewisse Art von Gott-Menschen, um das Mittleramt zwischen +Gott und den Menschen desto besser betreiben zu können; ihnen sei auch +alle Gewalt im Himmel und auf Erden verliehen worden. + +Doch nicht nur die Päpste der alten Zeit beanspruchten solche +Gottmenscherei; alle römischen Priester tun es bis in die neueste Zeit, +und als Beweis dafür will ich eine Stelle aus einer Predigt anführen, +welche am 16. August 1868 in der Pfarrkirche zu Ebersberg von dem +Kooperator in Oberdorfen, Anton Häring, gehalten wurde. Dieser +Gott-Häring sagt: "Mit der Absolutionsgewalt hat Christus dem +Priestertum eine Macht verliehen, die selbst der Hölle furchtbar ist, +der selbst Luzifer nicht zu widerstehen vermag; eine Macht, die sogar +hinüberreicht in die unermessliche Ewigkeit, wo sonst jede irdische +Macht ihre Grenze und ihr Ende findet; eine Macht, sage ich, die Fesseln +zu brechen vermag, welche für eine Ewigkeit geschmiedet waren durch die +begangene schwere Sünde. Ja, fürwahr! diese Macht der Sündenvergebung +macht den Priester gewissermaßen zu einem zweiten Gott, denn - Sünden +vergeben kann naturgemäß eigentlich nur Gott. Und doch ist das noch +nicht die höchste Spitze der priesterlichen Macht, seine Gewalt reicht +noch höher; Gott selbst nämlich vermag er sich dienstbar zu machen! +Wieso? Wenn der Priester zum Altar schreitet, um das heilige Messopfer +darzubringen, da erhebt sich gleichsam Jesus Christus, der da sitzt zur +Rechten des Vaters, von seinem Thron, um bereit zu sein auf den Wink +seines Priesters auf Erden. Und kaum beginnt der Priester die +Konsekration, da schwebt auch schon Christus, umgeben von himmlischen +Scharen, vom Himmel zur Erde und auf den Opferaltar nieder und +verwandelt auf die Worte des Priesters hier Brot und Wein in sein +heiliges Fleisch und Blut und lässt sich dann von den Händen des +Priesters heben und legen, und wenn er auch der sündhaftigste und +unwürdigste Priester ist. Fürwahr, eine solche Macht übertrifft selbst +die Macht der höchsten Himmelsfürsten, ja, sogar die Macht der +Himmelsköniginnen. Darum pflegte der heilige Franziskus von Assisi mit +Recht zu sagen: 'Wenn mir ein Priester und ein Engel zugleich begegnen +würden, so würde ich zuerst den Priester grüßen, dann erst den Engel, +weil der Priester eine viel höhere Macht und Hoheit besitzt als die +Engel.'" + +Ich führe diese Stelle aus einer erst wenige Jahre alten Predigt nur +deshalb an, um zu beweisen, dass der dumme Glauben unter den +römisch-katholischen Christen noch kein überwundener Standpunkt ist, wie +viele Leute im Norden von Deutschland glauben. - Doch kehren wir zu den +Päpsten zurück. + +Der Strom der päpstlichen Nichtswürdigkeit und Unfläterei wird nun immer +breiter und stinkender. Mit dem zehnten Jahrhundert beginnt die Zeit, +welche in der Geschichte als das "römische Hurenregiment" berüchtigt +ist. Gemeine Huren regieren die Christenheit und schalten und walten +nach Gefallen über den sogenannten Apostolischen Stuhl. + +Ich könnte leicht parteiisch erscheinen, wenn ich diese schmachvolle +Periode der Wahrheit getreu charakterisierte, deshalb mag für mich ein +durchaus päpstlicher Schriftsteller reden, nämlich Kardinal Baronius. Er +sagt: "In diesem Jahrhundert war der Gräuel der Verwüstung im Tempel und +Heiligtum des Herrn zu sehen, und auf Petri Stuhl saßen die gottlosesten +Menschen, nicht Päpste, sondern Ungeheuer. Wie hässlich sah die Gestalt +der römischen Kirche aus, als geile und unverschämte Huren zu Rom alles +regierten, mit den bischöflichen Stühlen nach Willkür schalteten und +ihre Galane und Beischläfer auf Petri Stuhl setzten." + +Doch man darf ja nicht glauben, dass nur die Päpste ein so unwürdiges +Leben führten, nein, verdorben wie das Haupt, so waren auch die Glieder. +König Edgard sagte in einer Rede von der englischen Geistlichkeit: "Man +findet unter der Klerisei nichts anderes als Üppigkeiten, liederliches +Leben, Völlerei und Hurerei. Ihre Häuser haben sie ganz infam gemacht +und sie in Hurenherbergen verwandelt. Tag und Nacht wird darin gesoffen, +getanzt und gespielt. Ihr Bösewichte, müsst Ihr die Vermächtnisse der +Könige und die Almosen der Fürsten so anwenden?" - Ich werde später +hinlängliche Beweise anführen, dass König Edgard die Wahrheit sprach und +dass seine Strafrede nicht allein die Geistlichen Englands, sondern +aller Länder anging. + +Nicht der Heilige Geist, sondern die Mätresse des mächtigen Markgrafen +Adalbert von Toskana, Marozia, erhob Sergius III. auf den Päpstlichen +Stuhl und zeugte mit ihm hier ein Söhnlein, welches später ebenfalls +Papst wurde. Als Sergius starb, gaben ihm Marozia und ihre Schwester +Theodora ihren Liebhaber Anastasius II. zum Nachfolger. Diesem folgte in +kurzer Zeit, weil das Schwesternpaar viel Päpste konsumierte, Johannes +X., der es aber mit Marozia verdarb, die ihn gefangen setzen und +ersticken ließ. Leo VI., der ihm folgte, wurde ebenfalls nach einigen +Monaten ermordet. + +Endlich machte Marozia ihren mit Sergius III. erzeugten Sohn Johannes +XI., der noch fast ein Kind war, zum Papst. Mord und Totschlag erfüllte +Rom. Einer der Feinde des Papstes bemächtigte sich desselben und ließ +ihn im Gefängnis vergiften. + +Die tolle Wirtschaft, die in Rom und überhaupt in Italien zu dieser Zeit +herrschte, ist zu bunt und verwirrt, als dass ich mich auf Einzelheiten +einlassen könnte. + +Im Jahr 956 gelang es einem Enkel der Marozia, namens Oktavian, den +Päpstlichen Stuhl zu erobern, obwohl er erst neunzehn Jahre alt und +niemals Geistlicher gewesen war. Er nannte sich Johannes XII. und ist +ein wahres Juwel von einem Papst, der es noch toller trieb als sein +gleichzeitiger Kollege, der griechische Patriarch Theophylaktus, - ein +Junge von sechzehn Jahren! + +Johannes verkaufte Bistümer und Kirchenämter an den Meistbietenden und +verwandte ungeheure Summen auf Pferde und Hunde. Von den ersteren hielt +er nicht weniger als 2000, und diese fütterte er aus bloßer +Verschwendungssucht mit Pistazien, Rosinen, Mandeln und Feigen, die +vorher in gutem Wein eingeweicht waren. Guter Hafer und Heu wäre ihnen +wahrscheinlich lieber gewesen. + +Unter seiner Regierung ging es recht lustig zu, man lachte und tanzte in +der Kirche und sang dazu liederliche Lieder. Der päpstliche Palast wurde +von Johannes XII. in einen Harem verwandelt. "Kein Weib war so keck, +sich sehen zu lassen, denn Johannes notzüchtigte alles, Mädchen, Frauen +und Witwen, selbst über den Gräbern der heiligen Apostel." So erzählt +von ihm der Bischof von Cremona, Liutprand. + +Diese Wirtschaft wurde endlich Kaiser Otto I. zu toll. Er berief ein +Konzil und hier erfuhr er von dem "Heiligen Vater" höchst unheilige +Dinge. Die achtungswertesten Bischöfe traten gegen ihn als Ankläger auf. +Einer sagte, dass er gesehen, wie der Papst einen im Pferdestall zum +Bischof ordinierte. Andere bewiesen, dass er Bischofstellen für Geld +verkaufte und dass er einen zehnjährigen Knaben zum Bischof von Lodi +machte. Die Unzucht will ich hier übergehen, da sie zu viel Platz +wegnehmen würde. Man beschuldigte ihn ferner, dass er den +Kardinalsubdiakon kastriert, mehrere Häuser in Brand gesteckt, beim Wein +auf des Teufels Gesundheit getrunken und beim Würfelspiel oftmals Venus +und Jupiter angerufen habe. + +Nachdem die Synode feierlichst die Wahrheit dieser Aussagen beschworen +hatte, bat sie den Kaiser, den Papst trotz aller Beweise nicht ungehört +zu verdammen. St. Johannes wurde daherzitiert, aber statt seiner kam ein +Brief, in welchem er schrieb: "Wir hören, dass Ihr einen andern Papst +wählen wollt. Ist das eure Absicht, so exkommuniziere ich Euch alle im +Namen des allmächtigen Gottes, damit Ihr außer Stand gesetzt werdet, +weder einen Papst zu verdammen noch eine Messe zu halten." + +Nun machte Otto I. nicht viel Umstände mit dem liederlichen Hans, setzte +ihn ab und den von Volk, Adel und Geistlichkeit erwählten Leo VIII. an +seine Stelle. Hänschen hatte sich mit den Schätzen der Peterskirche +davongemacht. + +Als Kaiser Otto mit seinen schwerfälligen Deutschen abmarschiert war, da +verlangten die römischen Damen nach ihrem Liebling Johannes und wussten +es durch ihren Anhang dahin zu bringen, dass er wieder im Triumph in Rom +eingeholt wurde. Leo gelang es zu entkommen, aber mehrere seiner Freunde +fielen Johannes in die Hände, der sie schändlich verstümmeln ließ. +Otgar, Bischof von Speyer, einer dieser Freunde, der noch in Rom war, +wurde so lange gepeitscht, bis er tot war! + +Der Heilige Vater, Johannes XII., genoss aber die neue Herrlichkeit +nicht lange. Er entführte eine schöne Frau, wurde von dem Mann derselben +auf der Tat ertappt und auf der Bresche der erstürmten Zitadelle +totgeschlagen. Ein seltsames Sterbekissen für einen heiligen Papst! + +Ich habe die Taten dieses Johannes etwas ausführlicher erzählt, um die +Leser vorzubereiten auf die späteren Päpste, die noch heiliger waren als +er. Die andern "Heiligkeiten" dieses Jahrhunderts will ich kürzer +abhandeln. + +Leo VIII. und Benedikt V. wurden bald abgetan, und es bestieg den +päpstlichen Stuhl Johann XIII. (965-972), den die Römer wegjagten, weil +er zu stolz und gewalttätig war und an dessen Stelle Benedikt VI. zum +Papst gemacht wurde. Dieser wurde aber auch bald von einem Sohn der +Marozia und des Papstes Johann X. ins Gefängnis geworfen und erdrosselt. + +Johann XIV. ließ einen seiner Gegenpäpste ebenfalls einsperren und +vergiften; aber dieser Giftmischer, Bonifazius VII., starb bald darauf, +und seine Leiche wurde von den erbitterten Römern durch alle Pfützen +geschleift und dann auf offener Straße liegen gelassen wie ein Aas. +Einige Geistliche holten sie hinweg und begruben sie heimlich. + +Johann XV. (985-996) maßte sich das ausschließliche Recht der +Seligsprechung und Heiligsprechung an, welches bisher jeder Bischof nach +Gefallen ausgeübt hatte. + +Johann XVI. wurde von seinem Gegner Gregor V. (996-998) gefangen +genommen und hatte ein klägliches Ende. Gregor ließ ihn an Augen, Ohren +und Nase schrecklich verstümmeln, in einem beschmutzten priesterlichen +Gewand rücklings auf einem Esel, den Schwanz in der Hand, durch die +Straße führen und dann in einem Kerker elend verhungern. + +Ich darf nicht vergessen, hier eine Sage einzuschieben, welche von den +Feinden des Papsttums immer mit großer Schadenfreude erwähnt wurde, wenn +auch neuere Schriftsteller sie als eine Erdichtung behandeln. Es ist die +berüchtigte Geschichte von der Päpstin Johanna. + +Man erzählt nämlich, dass zwischen Leo IV. und Benedikt III. ein +Frauenzimmer unter dem Namen Johann VIII. auf dem Päpstlichen Stuhl +gesessen habe. Bald machte man diese Päpstin zu einem englischen, bald +zu einem deutschen Mädchen und nennt sie Johanna, Guta, Dorothea, +Gilberta, Margaretha oder Isabella. Sie soll mit ihrem Liebhaber, als +Jüngling verkleidet, nach Paris gegangen sein, dort studiert und sich +solche Gelehrsamkeit erworben haben, dass man sie, als sie später nach +Rom kam, zum Papst wählte. + +Dieser Papst war aber, so erzählt die Sage weiter, vertrauter mit dem +Kämmerer als mit dem Heiligen Geist, und der Heilige Vater fühlte, dass +er eine Heilige Mutter werden wollte. Es erschien ihr ein Engel - die +Engel flogen damals noch wie die Sperlinge herum - der ihr die Wahl +ließ, ob sie ewig verdammt oder vor der Welt öffentlich beschimpft sein +wollte. Sie wählte das Letztere und kam in öffentlicher Prozession +zwischen dem Kolosseum und der Kirche St. Clemens mit einem jungen +Päpstlein nieder. + +Jeder Hof hat seine geheime Geschichte, und die vorgefallenen +Schändlichkeiten werden meist so gut vertuscht, dass der spätere +gewissenhafte Geschichtsschreiber die sich hin und wieder davon +vorfindenden, sich oft widersprechenden Erzählungen als nicht +hinlänglich begründet verwerfen muss. Ich habe Büchertitel gelesen, auf +denen versprochen ist, die Echtheit der Päpstin Johanna aus mehr als +hundert päpstlichen Schriftstellern nachzuweisen; aber andere Titel, die +ebenso gründlich und zuversichtlich klingen, versprechen gerade das +Gegenteil. Die Sache ist an und für sich nicht so wichtig, deshalb habe +ich meine Zeit nicht damit verloren, sie historisch zu untersuchen, was +eine sehr mühsame Arbeit sein möchte, und ich muss sie dem Glauben oder +Unglauben der Leser überlassen. + +Seit dieser ärgerlichen Geschichte, fährt die Sage fort, musste sich der +neuerwählte Papst auf einen durchlöcherten Stuhl setzen vor versammelter +Geistlichkeit und Volk. Dann musste ein Diakon unter den Stuhl greifen +und sich handgreiflich davon überzeugen, ob der Papst das habe, was der +Johanna fehlte und was ein Papst jener Zeit durchaus zur Regierung der +Christenheit nicht entbehren konnte. Fand er alles in Ordnung, dann rief +er mit feierlicher Stimme: Er hat, er hat, er hat! (habet, habet, +habet!) Und das Volk jubelte: Gott sei gelobt! - Dieser Stuhl hieß der +Untersuchungsstuhl oder auch sella stercoraria. Erst Leo X. soll diesen +Gebrauch abgeschafft haben. + +Gregor V., der letzte Papst im zehnten Jahrhundert, war der erste, +welcher das Interdikt auf ein Land schleuderte, und zwar auf Frankreich. +"Das Interdikt war die furchtbarste und wirksamste Taktik der +Kirchendespoten und der recht eigentliche Hebel der geistlichen +Universalmonarchie." + +Jetzt mag der Papst bannen und interdizieren, soviel er will, es kräht +kein Hahn danach; allein in jener finsteren Zeit konnte ein Land kein +größeres Unglück treffen als das Interdikt. Trauer und Verzweiflung +waren über dasselbe ausgebreitet, als wüte die Pest. Der Landmann ließ +seine Arbeit liegen, denn er glaubte, dass der verfluchte Boden nur +Unkraut statt Frucht trüge; der Kaufmann wagte es nicht, Schiffe auf die +See zu schicken, weil er befürchtete, Blitze möchten sie zertrümmern; +der Soldat wurde ein Feigling, denn er meinte, Gott sei gegen ihn. + +Keine Wallfahrt, keine Taufe, keine Trauung, kein Gottesdienst, kein +Begräbnis mehr! Alle Kirchen waren geschlossen, Altäre und Kanzeln +entkleidet, die Bilder und Kreuze lagen auf der Erde; keine Glocke tönte +mehr, kein Sakrament wurde ausgeteilt: die Toten wurden ohne Sang und +Klang verscharrt wie Vieh, in ungeweihter Erde! - Ehen wurden nur +eingesegnet auf den Gräbern, nicht vor dem Altar, - alles sollte +verkünden, dass der Fluch des Heiligen Vaters auf dem Land laste. Kurz, +die ganze Pfaffheit mit allem, was daran und darum hängt, war +suspendiert. Es war ein Zustand, wie ich ihn - die Dummheit des Volkes +abgerechnet - dem deutschen Volk von ganzem Herzen wünsche. + +Der Bann oder die Exkommunikation kommt schon weit früher in der +christlichen Kirche vor, aber dann war er immer nur gegen einen +einzelnen gerichtet, und dieser hatte daran schwer zu tragen, wenn er +sich auch persönlich gar nichts daraus machte. Das Volk betrachtete ihn +als dem Teufel verfallen und floh seine Gemeinschaft, als ob er ein +Pestkranker sei. Die Überbleibsel seiner Tafel, und wenn es die einer +kaiserlichen waren, rührte selbst der Ärmste nicht an; sie wurden +verbrannt. + +Mit der Exkommunikation wurde der Gebannte auch zugleich für bürgerlich +tot erklärt. Er konnte keine Rechtssache vor Gericht führen, nicht Zeuge +sein, kein Gut zu Lehen oder in Pacht geben usw. Vor die Tür eines +Gebannten stellte man eine Totenbahre, und seine Leiche durfte nicht in +geweihter Erde begraben werden. Hieraus wird man es erklärlich finden, +dass selbst Könige vor dem Bann zitterten. + +Sylvester II., der Nachfolger Gregors V., ist der einzige Papst, von +welchem die päpstlichen Geschichtsschreiber mit Bestimmtheit melden, +dass ihn der Teufel geholt habe. Er war nämlich ausnahmsweise gescheit, +trieb viel Mathematik, begünstigte die Wissenschaften und dergleichen +Teufeleien. Ihm verdanken wir auch die arabischen, dass heißt unsere +gewöhnlichen Zahlen. + +Diesem gescheiten Papst hatte, so erzählt man, der Teufel die Papstwürde +verheißen und versprochen, ihn nicht eher zu holen, als bis er in +Jerusalem Messe lesen würde. Dazu war wenig Hoffnung, denn diese Stadt +war von den Sarazenen besetzt, und Sylvester glaubte, die Bedingung +eingehen zu können. Wie der Teufel mit dem Heiligen Geist fertig wurde, +der sonst die Papstwahlen leiten soll, weiß ich nicht; genug, Sylvester +wurde gewählt und hatte nicht die geringste Lust, in Jerusalem Messe zu +lesen. - Aber der Teufel ist ein Schalk. Es gab in Rom eine Kapelle, +welche den Namen Jerusalem führte; hier las der Papst Messe, ohne an den +Namen zu denken, und der Teufel holte ihn gewissenhafterweise. +Sylvesters Grab hat lange geschwitzt, und seine Gebeine rasselten. +Schrecklich! + +Die pseudoisidorische Dekretalen hatten im zehnten Jahrhundert schon +ihre Blüten entfaltet; aber im elften fingen sie an, ausgiebig Frucht zu +tragen. In demselben sehen wir das Papsttum in seiner höchsten Macht und +Gregor VII. auf dem Gipfelpunkt derselben. + +Ehe ich noch von dem gewaltigen Papst rede, muss ich erwähnen, dass +schon vor seiner Zeit das Kollegium der Kardinäle zu sehr hoher +Bedeutung gelangte. Ursprünglich gab es nur sieben Kardinales (von +cardo, Türangel), und es waren dies die vornehmsten Geistlichen Roms. Da +nun der Einfluss dieser Herren sehr stieg und alle Geistlichen nach +dieser Würde trachteten, so sahen sich die Päpste genötigt, die Zahl der +"Türangeln der Kirche" unter allerlei Abstufungen zu vermehren, bis sie +endlich, weil Jesus siebzig Jünger hatte, auf diese Zahl stieg. + +Allmählich wurde der Geistlichkeit und dem Volk das Recht der Papstwahl +"entzogen", was man in nicht diplomatischem Deutsch gestohlen nennt, und +die Kardinäle maßten sich das ausschließliche Recht derselben an. Dieses +Kollegium, aus und von welchem der Papst nun gewählt wurde, hatte ein +direktes Interesse daran, das Ansehen des Päpstlichen Stuhls auf jede +Weise zu fördern, denn es konnte ja jedes Mitglied desselben selbst +Papst werden. + +Die Kardinäle wussten sich bald die größten Vorrechte zu verschaffen. +Sie machten Anspruch auf einen Rang unmittelbar nach den Königen und +verlangten den Vorrang vor allen Kurfürsten, Herzogen und Prinzen. Sie, +die eigentlichen Privatdiener des Papstes, standen weit höher als +Erzbischöfe und Bischöfe, welche doch sämtlich ebenso viel wie der Papst +selbst waren. Da haben ja auch in manchen unserer deutschen Staaten die +Kammerherren, die dem Fürsten den Operngucker nachtragen müssen, +Oberstenrang. + +Die Kardinäle trugen Purpur. Begegneten sie einem Verbrecher auf seinem +Weg zum Galgen, so konnten sie ihn befreien. Sie selbst verdienten, wie +wir sehen werden, diesen Galgen sehr häufig; allein ich glaube nicht, +dass jemals ein Kardinal durch rechtskräftigen Urteilsspruch zum Tode +verurteilt worden ist, denn es war beinahe unmöglich, ihn eines +Verbrechens zu überführen, da nicht weniger als zweiundsiebzig Zeugen +dazu nötig waren. Kardinäle durften jede Königin oder Fürstin auf den +Mund küssen, und keiner durfte ein Einkommen unter 4000 Scudi jährlich +haben. Der Posten eines Kardinals ist einer der bequemsten in der ganzen +Christenheit. + +Gregor VII. (1073-85) war der Sohn eines Handwerkers und heißt +eigentlich Hildebrand. Er war nur klein von Körper, aber der größte und +kräftigste Geist, der je auf dem Päpstlichen Stuhl gesessen. Sein +Zeitgenosse, der Kardinal Damiani, nannte ihn einen heiligen Satan und +die späteren reformierten Schriftsteller titulierten ihn nie anders als +Höllenbrand. + +Schon als Kardinal beherrschte er unter den ihm vorhergehenden Päpsten +den "Apostolischen Stuhl" und wusste es durch Intrigen und Heuchelei +dahin zu bringen, dass man ihn selbst auf denselben erhob und dass +Kaiser Heinrich IV., trotz aller Warnungen gutgesinnter Bischöfe, ihn +bestätigte. + +Dieser Grobschmiedssohn Hildebrand schmiedete die Kette, unter welcher +die Welt seit achthundert Jahren seufzt. Er ist der eigentliche +Begründer des Papsttums. Unablässig trachtete er danach, seine Idee von +einer Universalmonarchie zu verwirklichen, und seinem echt pfäffischen +Genie, welches kein Mittel verschmähte, gelang es auch. + +Kaum war er Papst, so behauptete er: die ganze Welt sei ein Lehen des +Päpstlichen Stuhls. Mehrere Fürsten waren so töricht, dieser Ansicht +beizupflichten und ihre Reiche von ihm zu Lehen zu nehmen. Diejenigen +Fürsten, bei denen all seine nichtswürdigen Künste und Lügen nichts +fruchteten, tat er in den Bann, und ich habe oben gezeigt, was ein +solcher Bann damals zu bedeuten hatte. Ein exkommunizierter König war +nach Gregors Grundsatz seiner Macht und Würde entsetzt und alle +Untertanen waren ihres Eides und Gehorsams entbunden. Da man sich +bereits daran gewöhnt hatte, den Papst als den Statthalter Gottes zu +betrachten, so wurde es ihm nicht schwer, bei der verdummten Menschheit +seinen Anmaßungen Geltung zu verschaffen. + +Zur Ausführung seiner ehrgeizigen Pläne hielt es Gregor für nötig, die +Geistlichkeit von allen Banden zu trennen, durch welche sie mit der +bürgerlichen Gesellschaft und mit dem Staate verbunden war; sie sollte +kein anderes Interesse als das der Kirche haben und dieser mit Leib und +Seele angehören. Da Familienbande die fesselndsten und einflussreichsten +Bande von allen sind, so unternahm er es, um jeden Preis die Ehe bei +Geistlichen auszurotten. + +Gregor VII. ist der Urheber der erzwungenen Ehelosigkeit der Priester +oder des Zölibats. + +Wer die Süßigkeit und den Segen des Familienlebens kennt kann sich wohl +vorstellen, dass die Geistlichen dem Papst hierin den größten Widerstand +leisteten. Der Kampf der Priester um ihre Weiber dauerte zwei +Jahrhunderte; endlich unterlagen sie. In der Folge werde ich mich +weitläufiger über diesen Kampf auslassen, bei welchem der dumme +Fanatismus der Völker die Päpste mächtig unterstützte, wie auch über die +verderblichen Folgen, welche das Zölibat für die menschliche +Gesellschaft hatte. + +Ein anderer Schritt, den Gregor zur Erreichung seines Zwecks tat, war +die Vernichtung des Investiturrechtes. + +Die höhere Geistlichkeit war von den Fürsten mit Reichtümern +überschüttet, mit Land und Leuten begabt und mit fürstlichen Ehren und +Rechten versehen worden; allein Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte waren +Vasallen des Reichs. Als solche übergaben ihnen die Fürsten bei der +Belehnung einen Ring zum Zeichen der Vermählung des Bischofs mit der +Kirche, und einen Hirtenstab, als Zeichen des geistlichen Hirtenamts. +Der Geistliche wurde nicht eher in den Genuss seiner Würde eingesetzt, +bis diese Zeremonie stattgefunden hatte, welche die Investitur genannt +wurde. Sie war das Band, durch welches die Bischöfe mit dem +Landesfürsten zusammenhingen. + +Dieses Band wollte Gregor lösen, um der weltlichen Macht alle Gewalt +über die Kirche und deren Diener zu entziehen. Auf einer Synode (1075) +erließ er ein Dekret, welches allen Geistlichen bei Strafe des Verlustes +ihrer Ämter verbot, die Investitur aus der Hand eines Laien, das heißt +Nichtgeistlichen, zu empfangen und welches den Laien untersagt, dieselbe +bei Strafe des Banns zu erteilen. + +Die Fürsten waren erstaunt über die neue Anmaßung des hochmütigen +Pfaffen und kehrten sich nicht an seine Befehle. Gregor wusste jedoch +sehr wohl, was er wagen konnte; er mühte sich nicht mit den kleineren +Fürsten ab; er wollte ihnen seine Macht zeigen, indem er sie gegen den +angesehensten unter ihnen, gegen den Kaiser, seinen Herrn, richtete. + +Heinrich IV. hatte in Deutschland unter den Mächtigen viele Gegner. +Gregor schürte die Streitigkeiten mit denselben und machte die Sache der +Feinde des Kaisers zu der seinigen. Endlich hatte er die Frechheit, den +Kaiser nach Rom zu zitieren, damit er sich vor ihm verantworte! + +Heinrich, dessen Vater noch drei Päpste abgesetzt hatte, war empört über +diese Unverschämtheit und berief eine Synode nach Worms, von welcher +Gregor einstimmig in den Bann getan und abgesetzt wurde. + +Während dies in Worms geschah, sprang auch in Rom eine Mine gegen +Gregor. Eine Menge Gebannter vereinigte sich, überfiel ihn in der +Kirche, als er gerade Hochamt hielt, und schleppte ihn bei den Haaren +ins Gefängnis; der verblendete Pöbel in Rom setzte ihn wieder in +Freiheit. + +Gregor lechzte nach Rache. Die Absetzungsdekrete beantwortete er damit, +dass er Heinrich IV. und alle seine Anhänger in den Bann tat, die +Untertanen ihres Eides entband und den Kaiser absetzte! Zugleich +überschwemmten Mönche, die bereitwilligen Handlanger der Päpste, ganz +Deutschland und bearbeiteten das Volk. + +Zuerst schrie man hier fast einstimmig gegen den verwegenen Papst, denn +im Schreien waren die Deutschen schon damals groß; aber Heinrichs Gegner +handelten. Durch Hildebrands Intrigen verführt, fielen allmählich die +Anhänger des Kaisers von demselben ab, nur Herzog Gottfried von +Lothringen blieb ihm treu; Gregor schaffte ihn durch Meuchelmord aus dem +Wege. + +Die erbärmlichen deutschen Fürsten versammelten sich zu Tibur und +erklärten hier dem Kaiser: "dass sein Reich zu Ende sei, wenn er sich +nicht innerhalb eines Jahres vom Bann befreie!" + +Niedergedrückt von dem finsteren Geist seiner Zeit, von aller Welt +verlassen - nur wenige Soldaten waren noch bei ihm - entschloss sich der +deutsche Kaiser, nach Rom zu gehen und den durch die Dummheit der +Menschen so furchtbar gewordenen Gegner zu versöhnen. - In der +strengsten Kälte, in einem armseligen Aufzug ging er über die Alpen. Die +Italiener strömten ihm zu und verlangten, er solle an der Spitze eines +Heeres den rebellischen Großpfaffen zur Rede stellen, aber die +Niederträchtigkeit der Deutschen hatte den Mut und das Herz des ohnehin +schwachen Kaisers gebrochen. Er wollte demütig von Gregor Gnade +erflehen. + +Dieser ließ sich nichts weniger träumen als das. Er war auf einer Reise +nach Augsburg begriffen und bereits nach der Lombardei gekommen. Als er +die Ankunft des Kaisers vernahm, floh er eiligst nach dem festen Schloss +Canossa, welches seiner Buhlerin, der reichen Markgräfin Mathilde von +Toskana, gehörte. + +Hier erschien der deutsche Kaiser. In einem wollenen Büßerhemd, bloßen +Haupts, barfuß stand er in dem Raum vor der inneren Ringmauer des +Schlosses, - drei Tage und drei Nächte lang, mitten im Januar, zitternd +vor Frost und matt vor Hunger und Durst! + +Aus den Fenstern des Schlosses schaute Gregor an der Seite seiner +Buhlerin auf seinen gedemütigten Feind herab und hätte ihn gern so +sterben sehen. Des Papstes unmenschliche Härte brachte alle Hausgenossen +zum Murren, und endlich gab er den Bitten der Markgräfin nach, die zwar +Heinrichs Feindin, aber barmherziger war, und führte den Kaiser an den +Altar. Hier durchbrach Gregor eine Hostie. "Bin ich der Verbrechen +schuldig, deren du mich in Worms bezichtigt hast", redete er ihn an, "so +mag Gott der Herr meine Unschuld bewähren oder mich durch einen +plötzlichen Tod strafen!" - Dann nahm er die Hälfte der Hostie. Gregor +war nicht abergläubisch und nicht nervenschwach. Er blieb am Leben. + +Der Bann wurde nun von Heinrich genommen, aber unter den entehrendsten +Bedingungen. "Wirst du dich", sagte Gregor, "auf dem zusammenzurufenden +Reichstage rechtfertigen und die Krone wieder erhalten, so sollst du mir +gehorsam und untertänig sein." + +Nach Deutschland zurückgekehrt, richtete der von Kummer aller Art +betroffene Kaiser sein Auge auf den von ihm selbst erbauten Dom zu +Speyer und sagte zu seinem alten Freund, dem Bischof: "Siehe, ich habe +Reich und Hoffnung verloren, gib mir eine Pfründe, ich kann lesen und +singen." Der Bischof antwortete: "Bei der Mutter Gottes! das tue ich +nicht." - + +Die lombardischen Städte und Fürsten waren empört über die Demütigung +Heinrichs und sagten ihm unverhohlen ihre Meinung. Da ermannte sich der +niedergedrückte Kaiser und stellte sich an die Spitze der bald um ihn +versammelten Armee. Die pflicht- und ehrvergessenen deutschen Fürsten +aber erwählten in dem Herzog Rudolph von Schwaben einen neuen Kaiser. + +Gregor verhielt sich ruhig, solange nichts Entscheidendes geschehen war; +als aber Heinrich in einer Schlacht geschlagen wurde, sandte er dem +Gegenkaiser eine Krone zu mit der stolzen Inschrift: Der Fels (der +Kirche) gab Petrus, Petrus gab Rudolph die Krone. Über Heinrich wurde +aufs Neue der grässliche Bannfluch ausgesprochen. + +Der Kaiser hatte jedoch seine Mannheit wiedergefunden. Eine Synode +setzte Gregor abermals ab, und Guibert, Erzbischof von Ravenna, wurde +als Clemens III. zum Papst erwählt. Gregor versuchte seine alten Künste. +Er gab den Rebellen die Versicherung, dass noch in demselben Jahr vor +dem Petersfest ein falscher König sterben werde. Um seine Prophezeiung +an Heinrich zu erfüllen, sandte er einige Meuchelmörder aus; aber des +Papstes böse Absicht wurde zum Segen für Heinrich. Am 15. Juni 1080 +schlug er Rudolph, und dieser starb infolge einer in der Schlacht +erhaltenen Wunde. + +Nun rückte Heinrich gegen Rom, vernichtete das Heer der Papsthure +Mathilde, eroberte die Stadt und belagerte den rasenden Hildebrand in +der Engelsburg. Die von diesem zur Hilfe gerufenen Normannen, welche +damals in Unteritalien herrschten, befreiten ihn zwar; aber Gregor +musste vor der Wut der Römer fliehen. Er ging nach Salerno zu den +Normannen und endete hier sein fluchbeladenes Leben. + +Gregor war der erste wirkliche Papst. Er befahl auf einer Synode, dass +von nun an nur einer Papst heißen solle in der Christenheit, denn bisher +nannten sich alle Bischöfe so. Ein Schriftsteller aus jener Zeit sagt +schon: Das Wort Papst in der Mehrzahl ist ebenso gotteslästerlich als +den Namen Gottes in der Mehrzahl zu gebrauchen. + +Gregor wollte Kaiser und Könige zu seinen Untergebenen machen und keine +andere Herrschaft als die seinige auf der Erde dulden. Darum schrieb er +an Heriman, Bischof von Metz: "Der Teufel hat die Monarchie erfunden." + +Um die christliche Kirche leichter zu regieren, ordnete Gregor an, dass +beim Gottesdienst überall die römischen Gebräuche befolgt und die +lateinische Sprache gebraucht werden sollten. In den meisten deutschen +Kirchen hatte das schon der Römerknecht Bonifazius eingeführt. + +In einem seiner hinterlassenen Briefe hat Gregor seine Grundsätze +niedergelegt. (Anm.d.A. Man hat hin und wieder an der Echtheit dieses +Briefes gezweifelt, doch wie mir scheint, ohne besonders gute Gründe.) +Es sind 27, aber ich will nur einige anführen: + +Der Papst allein kann den kaiserlichen Schmuck tragen. - Alle Fürsten +müssen dem Papst den Fuß küssen und dürfen dieses Zeichen der Ehre außer +ihm keinem anderen erweisen. - Es ist dem Papst erlaubt, Kaiser +abzusetzen. - Sein Urteil kann von keinem Menschen umgestoßen werden, er +aber kann aller Menschen Urteil umstoßen. - Die römische Kirche hat nie +geirrt und wird auch nach der Schrift niemals irren. - Derjenige ist +kein Katholik, der es nicht mit der römischen Kirche hält. - Der Papst +kann die Untertanen vom Eid der Treue lossprechen, den sie einem bösen +Fürsten geleistet haben. - + +Es scheint mir nicht nötig, noch einige Bemerkungen über Gregor +hinzuzufügen. Bischof Thierry von Verdun sagt von ihm: "Sein Leben klagt +ihn an, seine Verkehrtheit verdammt, seine hartnäckige Bosheit verflucht +ihn." + +Ich habe nun das Papsttum bis zum Gipfel seiner Macht begleitet. Der +Raum gestattet mir nicht, in derselben Weise fortzufahren und ich muss +mich darauf beschränken, aus jedem Jahrhundert einige Päpste +biographisch zu skizzieren und an ihnen zu zeigen, wie sie alle danach +strebten, Gregor nachzueifern und das von ihnen aufgestellte System der +Universalmonarchie zur Ausführung zu bringen und fest zu begründen. Alle +gefielen sich in der Vorstellung: "Sich als Christus, die weltlichen +Regenten als die Eselin, die er ritt, und das Volk als das Eselsfüllen +zu betrachten." - Die Eselin ist unterdessen gestorben, aber das +Eselsfüllen ist seitdem ein alter Esel geworden, der geduldig auf sich +reiten lässt. + +Im elften Jahrhundert trennt sich die griechische Kirche vollends von +der abendländischen, indem die griechische behauptete, dass weder die +Lehren noch die Disziplin der Letzteren mit der Heiligen Schrift und den +heiligen Überlieferungen übereinstimmten, also ketzerisch seien. Die +Oberherrschaft des Päpstlichen Stuhls verwarf sie als eine +antichristliche Einrichtung. + +Unter Hadrian IV., der 1153 den "Apostolischen Stuhl" bestieg, begann +der Kampf der Päpste mit den deutschen Kaisern aus dem Geschlecht der +Hohenstaufen. Friedrich I., der Rotbart, trat den Anmaßungen des Papstes +kräftig entgegen, und die Ehrenbezeugungen, welche derselbe von ihm +verlangte, machte er lächerlich, selbst indem er sie gewährte. Friedrich +hielt dem Papst den Steigbügel - so weit war es bereits mit den Kaisern +gekommen -, aber er hielt ihn auf der rechten Seite, auf welcher der +Schinder zu Pferde steigt, und antwortete auf die Bemerkung Hadrians +darüber: "Ich war nie Stallknecht, Ew. Heiligkeit werden verzeihen." + +Den schwersten Stand hatte Friedrich mit Alexander III. (1159-1181). Es +war dies einer der mutigsten und klügsten Päpste, der niemals im Unglück +verzagte oder im Glück übermütig wurde; aber stets darauf bedacht war, +die Errungenschaften seiner Vorgänger zu behaupten. Der große Kaiser +Friedrich kam 1177 zum ersten Mal mit ihm in Venedig zusammen und - +küsste ihm den Pantoffel. + +Die Pfaffenlegende erzählt, dass der Papst bei diesem Kuss den Fuß auf +des Kaisers Nacken gesetzt und gesagt habe: "Auf Schlangen und Ottern +mögest du gehen und treten auf junge Löwen und Drachen." Aber Alexander +war gewiss viel zu klug, um den ihm an Geist ebenbürtigen Kaiser durch +solche unnütze Worte zu reizen, und Friedrich viel zu stolz, um sich +dergleichen gefallen zu lassen. Glaublicher ist die Version, dass der +Kaiser beim Pantoffelkuss sagte: "Nicht dir gilt es, sondern Petrus", +und Alexander antwortete: "Mir und Petrus." + +Auch der kräftige König Heinrich II. von England musste sich vor dem +Wort des mächtigen Papstes beugen. Heinrich hatte seinen Liebling, +Thomas Becket, mit Gnaden überschüttet und endlich zum Erzbischof von +Canterbury gemacht. Nun war der Schurke am Ziel. Er verband sich mit dem +Papst gegen seinen Herrn und Wohltäter, dem er durch pfäffische +Niederträchtigkeiten aller Art das Leben verbitterte. Im Unmut rief +einst der geplagte König aus: "Wie unglücklich bin ich, dass ich in +meinem Königreiche vor einem einzigen Priester nicht Frieden haben kann! +Ist denn niemand zu finden, der mich von dieser Plage befreit?" + +Diese Worte hörten vier Ritter, welche dem König treu ergeben waren; sie +eilten sogleich hinweg, fanden den Erzbischof vor dem von ihm +geschändeten Altar, spalteten ihm den Kopf und machten ihn dadurch zum +Heiligen, denn Wunder fanden sich. Einige Stallleute des Königs hatten +einst dem Pferd des Erzbischofs den Schwanz abgehauen und für diesen +Frevel zeugten sie forthin lauter Kinder - mit Schwänzen! + +Die Pfaffen schnoben wegen dieses Mordes nach Rache. Alexander drohte +mit dem Interdikt, und Heinrich, der sein Volk nicht leiden sehen +wollte, unterwarf sich allen Strafen, die der Papst über ihn verhängte. +Der König schwor feierlich, dass er den Mord des Erzbischofs nicht +gewollt habe; es half ihm nichts. Er musste barfuß zum Grabe des neuen +Heiligen wallen, sich hier andächtig nieder werfen und - von achtzig +Geistlichen geißeln lassen! Jeder gab ihm drei Hiebe - macht +zweihundertundvierzig. + +Mit Kaisern und Königen gingen jetzt die Päpste oft wie mit Hunden um. +Als Coelestin III. (1191-1198) den Sohn des in Palästina gestorbenen +Friedrich I., Heinrich VI., gekrönt hatte und dieser ihm den Pantoffel +küsste, stieß er dem Kaiser mit dem Fuße die Krone vom Kopfe, zum +Zeichen, dass er sie ihm geben und nehmen könne. + +Der mächtigste Papst aller Päpste war Innozenz III. (1198 bis 1215). +Alle Rechte, die Gregor VII. zu haben behauptete, übte dieser mächtige +Papst wirklich aus. Als er den Päpstlichen Stuhl bestieg, war er in +seiner vollen Manneskraft, denn er war erst 37 Jahre alt. Die Könige +zitterten vor ihm, wie Schulknaben vor dem strengen Schulmeister. Allen +gab er seine Rute zu fühlen. Johann von England rief einst beim Anblick +eines sehr feisten Hirsches aus: "Welches dicke und feiste Tier, und +doch hat es nie Messen gelesen!" Aber auch dieser Spötter über das +Pfaffentum kroch demütig zum Kreuz, als ihm das heilige Raubtier zu Rom +die apostolischen Zähne wies. + +Innozenz III. ist der Erfinder der wahnsinnigen Lehre von der +Transsubstantiation, das heißt von der Lehre: dass sich durch die +Weihung des Priesters das Brot und der Wein beim Abendmahl wirklich in +Fleisch und Blut Christi verwandeln. + +Hierbei fällt mir die Antwort eines Indianers ein, welchen der +Missionar, nachdem er ihm das Abendmahl gereicht hatte, fragte: "Wie +viele Götter gibt es?" - "Gar keine", antwortete der Indianer, "denn du +hast ihn mir ja soeben zu essen gegeben." Dem rohen Menschen war das +Mysterium dieser sublimen Gottfleischfresserei nicht offenbart worden. + +Ebenso materielle Vorstellung vom Abendmahl hatte ein lutherischer +Bauer. Der Herr Pastor war ein großer Whistspieler, und durch Zufall war +eine weiße, runde elfenbeinerne Whistmarke mit unter die runden Oblaten +auf den Hostienteller geraten. "Nehmet und esset, denn dies ist mein +Leib", sagte der Geistliche und steckte dem Bauer die unglückliche Marke +in den Mund. Der Bauer biss herzhaft zu; als er aber das Ding gar nicht +klein bekommen konnte, rief er: "Wies der Dübel, Herr Pastor, ick mut +'nen Knoken derwischt hebben!" + +Innozenz III. führte auch die Ohrenbeichte ein, von der ich schon früher +geredet habe und im letzten Kapitel dieses Buches noch weitläufiger +reden werde; ferner das scheußlichste Tribunal, welches jemals die +Menschheit schändete - die Inquisition. + +Der gefährlichste Feind des Papsttums kam mit dem großen Hohenstaufen +Friedrich II. auf den deutschen Kaiserthron. Er hatte in der Jugend +unter der Vormundschaft von Innozenz gestanden, aber dennoch wurde er +keineswegs ein Pfaffenknecht, vielmehr ein Mann, dessen religiöse +Ansichten seiner Zeit bedeutend vorangeeilt waren. Hätte ihn das Volk +unterstützt, dann wären vielleicht damals schon dem Papsttum die Flügel +gestutzt worden. Sein Wahlspruch war: "Lass lärmen und dräuen und die +Esel schreien." Sein Kanzler Petrus de Vinea unterstützte ihn wacker und +schrieb unter anderem 1240 gegen die Jurisdiktion des Papstes. + +Den heftigsten Kampf hatte Kaiser Friedrich II. mit Gregor IX. +(1227-1241). Dieser tat ihn einmal über das andere in den Bann und legte +ihm Verbrechen zur Last, die ihn als den verruchtesten Ketzer +brandmarken sollten. Friedrich wurde angeklagt, gesagt zu haben: Die +Welt sei von drei Betrügern getäuscht worden, wovon zwei in Ehren +gestorben, der dritte aber am Galgen: Moses, Mohammed und Christus. - +Ferner habe er darüber gelacht, dass der allmächtige Herr des Himmels +und der Erde von einer Jungfrau geboren sein sollte, und geäußert, dass +man nichts glauben solle, was nicht durch Natur und Vernunft bewiesen +werden könne. Freilich eine ebenso schändliche als schädliche Lehre, da +sie dem ganzen Pfaffenschwindel den Hals brechen würde, wenn sie zur +Geltung käme. + +Diese letzte Äußerung sah übrigens dem Kaiser sehr ähnlich, der aus dem +Morgenland, wohin er einen Kreuzzug unternehmen musste, sehr freie +Ansichten über die Religion mitgebracht hatte. Einst äußerte er: Wenn +der Gott der Juden Neapel gesehen hätte, würde er gewiss nicht Palästina +auserwählt haben; und beim Anblick einer Hostie rief er: "Wie lange wird +dieser Betrug noch dauern!?" Als er einst an ein Weizenfeld kam, hielt +er sein Gefolge vor demselben zurück und sagte: "Achtung, hier wachsen +unsere Götter." Die Hostie wird nämlich aus Weizenmehl gebacken. + +Gregor hatte den deutschen Ritterorden so sehr lieb gewonnen, und da ihm +ja die ganze Erde gehörte, so schenkte er demselben Preußen. Die Ritter +zeigten sich aber nicht besonders dankbar gegen den Päpstlichen Stuhl +und gegen die Pfaffheit. Einer ihrer Großmeister, Reuß von Plauen, +sagte: "Man muss den Geistlichen keine Güter geben, sondern nur +Besoldung, wie anderen Staatsdienern auch; sie sollen sich an den +schlichten Text des Evangeliums halten." Der Hochmeister Wallenrode +äußerte: "Ein Pfaff in jedem Land ist genug, und den muss man einsperren +und nur herauslassen, wenn er sein Amt verrichten soll." + +Innozenz IV. (1243-1255) setzte den Kampf mit Friedrich II. fort. Er war +ein Graf Fiesko und genauer Freund des Kaisers gewesen. Als man diesen +wegen der Wahl seines Freundes beglückwünschte, antwortete Friedrich: +"Fiesko war mein Freund, Innozenz IV. wird mein Feind sein; kein Papst +ist Ghibelline" nämlich (liberal). + +Es war so, wie der Kaiser sagte, der bald in den Bann getan wurde, den +Friedrich anfing, als seinen natürlichen Zustand zu betrachten. Er war +keineswegs zerknirscht, sondern rückte dem Papst zu Leibe, und der +Heilige Vater machte, als Soldat verkleidet, einen Angstritt von 54 +italienischen Meilen in einer kurzen Sommernacht, um der Gefangenschaft +zu entgehen. + +Der Papst floh nach Lyon, wo er 1245 eine Synode zusammenberief, auf der +Friedrich abermals gebannt und abgesetzt wurde. Friedrich kämpfte wie +ein Mann; aber die Menschen waren noch dumm, und man band ihm überall +die Hände. Besonders die deutschen Fürsten zeigten sich dem edlen großen +Kaiser gegenüber so niedrig, so unendlich klein! Elende Pfaffenknechte. +Nur in der Schweiz schlugen ihm treue Herzen trotz Bann und Interdikt. +Mehrere Kantone sandten ihm Hilfstruppen, und Luzern und Zürich hielten +zu ihm bis zuletzt. + +Kaiser Friedrich starb an päpstlichem Gift. Innozenz jubelte; nun stand +ihm der Weg nach Rom wieder offen. Er zog ab und bedankte sich bei den +Lyonesern für die gute Aufnahme. Diese hatten aber keine Ursache, sich +beim Papst zu bedanken, denn Kardinal Hugo sagt in seinem +Abschiedsschreiben mit echt päffischer, zynischer Unverschämtheit: "Wir +haben Euch, Freunde, seit unserer Anwesenheit in dieser Stadt einen +wohltätigen Beitrag gestiftet. Bei unserer Ankunft trafen wir kaum drei +bis vier Huren; bei unserem Abzug hingegen überlassen wir Euch ein +einziges Hurenhaus, welches sich vom östlichen bis zum westlichen Tor +durch die ganze Stadt verbreitet." Lyon hatte demnach Ähnlichkeit mit +einer deutschen, katholischen Hauptstadt, von welcher ihr König dasselbe +sagte und welche Papst Pius VI. "Deutsch Rom" nannte. + +Innozenz IV. verlieh den Kardinälen als Auszeichnung rote Hüte. Auf ihn +folgte eine Reihe unbedeutender Päpste. Urban IV., der Sohn eines +Schuhflickers, stiftete das Fronleichnamsfest zu Ehren der Hostie oder +vielmehr des Abendmahls. Eine verrückte Nonne hatte ein Loch im Mond +gesehen, und das flickte der päpstliche Schuhflicker mit einem neuen +Kirchenfest aus. + +Martin V., ein Franzose, war ein erbitterter Feind der Deutschen. Er +wünschte, "dass Deutschland ein großer Teich, die Deutschen lauter +Fische und er ein Hecht sein möchte, der sie auffresse wie der Storch +die Frösche". + +Die Hohenstaufen erlagen im Kampf mit dem Papsttum. Die Habsburger +nahmen sich ein warnendes Exempel daran; sie spielten daher lieber mit +ihm unter einer Decke und zogen nun dem armen Volk vereinigt das Fell +über die Ohren. Aus diesem Grund werden auch beide gleiche Dauer haben. + +Innozenz V. war der erste Papst, der im Konklave gewählt wurde. Sein +Vorgänger Gregor X. hatte nämlich befohlen, dass nach seinem Tod +sämtliche Kardinäle in ein Zimmer geschlossen werden sollten, welches +für jeden eine besondere Zelle und keinen anderen Ausgang hatte als zum +Abtritt. Jeder Kardinal hatte nur einen Diener bei sich. Das Zimmer +durfte nicht verlassen werden, bis ein neuer Papst gewählt war. War dies +nach drei Tagen nicht geschehen, so erhielt jeder der Kardinäle in den +folgenden vierzehn Tagen nur ein Gericht und nach dieser Zeit nur Brot, +Wein und Wasser. Diese Hungerkur beförderte merklich den Verkehr mit dem +Heiligen Geist! + +Unter der Kirchenherrschaft von Nikolaus IV. (1288-1292) regierte über +Tirol der wackere Graf Meinhard. Dieser hielt die liederlichen Pfaffen +gehörig im Zaum und zog sich dadurch den Zorn des Papstes zu, der ihn in +den Bann tat. Meinhard verteidigte sich wacker; er sagte: "Ich bin nicht +der Angreifer, sondern meine Bischöfe, die keine Hirten, sondern Wölfe +sind. Statt zu lehren, suchen sie sich nur zu bereichern, Bastarde in +die Welt zu setzen, zu tafeln und zu zechen. Weidet man so die Schafe +Christi? Sie nehmen gerade umgekehrt das Wort: 'Gebet ihnen den Rock'; +sie nehmen auch noch den Mantel und sind schlimmer als Juden, Türken und +Tataren. Sie blenden das Volk durch Zeremonien, und es genügt ihnen +nicht, die Schafe zu melken und zu scheren; sie schlachten sie." + +Coelestin V. wurde aus einem einfältigen Eremiten ein noch einfältigerer +Papst, und als Kardinal Caetani eines Nachts durch ein versteckt +angebrachtes Sprachrohr in sein Schlafzimmer schrie: "Coelestin, +Coelestin, Coelestin! - lege dein Amt nieder, denn diese Last ist dir zu +schwer", glaubte der Dummkopf, der liebe Gott würdige ihn einer +persönlichen Unterredung, und dankte ab. + +Kardinal Caetani trat als Bonifazius VIII. (1295-1303) an seine Stelle. +Auf einem kostbar aufgezäumten Schimmel, der von den Königen von Apulien +und von Ungarn geführt wurde, ritt er zur Krönung. Nach der Rückkehr aus +der Kirche, bei welcher Gelegenheit vierzig Menschen im Gedränge selig +gedrückt wurden, tafelte er öffentlich, und die beiden Könige standen +als Bediente hinter seinem Stuhl und warteten ihm auf. + +Den neuen Papst verdross es sehr, dass viele die Abdankung Coelestins +als ungültig betrachteten, der überall als Heiliger angestaunt wurde. Um +der Sache ein Ende zu machen, ließ ihn Bonifaz einfangen. Der arme +heilige Waldesel bat fußfällig, ihn doch wieder in seine Höhle +zurückkehren zu lassen; aber all sein Flehen war umsonst. Er wurde auf +dem festen Schloss Fumone in ein enges Behältnis eingesperrt, wo er so +wenig zu essen bekam, wie er nur immer wollte, so dass er kläglich +verhungerte. + +Dieser Bonifazius war ebenso stolz wie Gregor VII. und Innozenz III. In +einer Bulle von 1294 sagte er: "Wir erklären, sagen, bestimmen und +entscheiden hiermit, dass alle menschliche Kreatur dem Papst unterworfen +sei und dass man nicht selig werden könne, ohne dies zu glauben." + +Dieser ungemessene Stolz musste ihn sehr bald in feindselige Berührung +mit stolzen weltlichen Monarchen bringen. Philipp IV. der Schöne, von +Frankreich geriet mit Bonifaz auf das heftigste zusammen. Aber der König +war kein Heinrich IV., seine Großen keine Deutschen und der Papst kein +Hildebrand. Er schrieb zwar an Philipp: "Bischof Bonifaz an Philipp, +König von Frankreich. Fürchte Gott und halte seine Gebote! Du sollst +hiermit wissen, dass du uns im Geistlichen und Weltlichen unterworfen +bist. - Wer anders glaubt, den halten wir für einen Ketzer." + +Hierauf antwortete ihm der von seinem Parlament wacker unterstützte +Philipp: "Philipp, von Gottes Gnaden, König von Frankreich an Bonifaz, +der sich für den Papst ausgibt, wenig oder gar keinen Gruß! Du sollst +wissen, Erzpinsel (maxima Tua Fatuitas), dass wir in weltlichen Dingen +niemandem unterworfen sind. Andersdenkende halten wir für Pinsel und +Wahnwitzige." + +Wie jämmerlich erscheint dagegen König Erich von Dänemark, welcher, mit +Bann und Interdikt bedroht, schreibt: "Erbarmen, Erbarmen! Was haben +meine Schafe getan? Alles was Ew. Heiligkeit mir auferlegen, will ich +tragen. - Rede, dein Knecht höret." + +Der stolze "Erzpinsel" wurde aber bitter gedemütigt. Philipps +Abgesandter, Nogaret, verbunden mit Sciarra Colonna, gegen dessen +Familie der Papst die unerhörtesten Grausamkeiten begangen hatte, +überfielen ihn in seinem Schloss Anagni und nahmen ihn gefangen. "Willst +du die Tiara abtreten, die du gestohlen hast?" schnob ihn der wütende +Colonna an. Bonifaz antwortete hochmütig. Da loderte der Zorn des schwer +misshandelten römischen Edelmannes hoch auf, er schlug den Papst ins +Gesicht und schrie: "Willst du das Maul halten, Höllensohn! alter +Sünder!" Mit Mühe hielt Nogaret den Wütenden zurück, dass er seine Rache +nicht vollends befriedigte und dem sechsundachtzig jährigen Bösewicht, +der Seelenstärke genug hatte, Colonna zuzurufen: "Hier ist der Hals und +hier das Haupt!" + +Darauf setzte man den Vizegott auf ein Pferd ohne Sattel und Zaum, das +Gesicht dem Schwanz zugekehrt, und brachte ihn in ein elendes Gefängnis, +wo er, aus Furcht vergiftet zu werden, drei Tage und drei Nächte lang +nichts genoss, als ein wenig Brot und drei Eier, welche ihm ein altes +Mütterchen zusteckte. - Man möchte Mitleid haben mit dem alten Manne; +aber er war ein alter Bösewicht, und man denke an den armen Coelestin, +den er verhungern ließ. + +Das Volk zu Anagni befreite Bonifaz und brachte ihn im Triumph nach Rom. +Aber die erlittene Demütigung hatte den stolzen alten Mann wahnsinnig +gemacht. Er befahl seinen Dienern, sich zu entfernen, und schloss sich +in seinem Zimmer ein. Am Morgen fand man ihn tot. Sein weißes Haar war +mit Blut befleckt; vor seinem Mund stand Schaum, und der Stock, den er +in der Hand hielt, war von seinen Zähnen zernagt. + +So endet Bonifaz VIII., wie man vorhergesagt hatte: "Er wird sich +einschleichen wie ein Fuchs, regieren wie ein Löwe und sterben wie ein +Hund." + +Er starb wie ein Hund und lebte wie ein Schwein. Er erklärte öffentlich, +dass Hurerei, Ehebruch und Unzucht gar keine Sünde sei, weil Gott Weiber +und Männer dazu gemacht habe. Er lebte mit einer verheirateten Frau und +mit ihrer Tochter zu gleicher Zeit und missbrauchte seine Pagen zu +unnatürlicher Wollust, so dass sich diese untereinander die "Huren des +Papstes" nannten. + +Was von seinem Glauben zu halten ist, ergibt sich aus folgenden +Äußerungen, deren ihn Philipp gegen Clemens V. beschuldigt: Gott lasse +es mir wohlgehen auf dieser Welt, nach der anderen frage ich nicht so +viel, als nach einer Bohne. - Die Tiere haben so gut Seelen wie die +Menschen. - Es ist abgeschmackt, an einen und an einen dreifachen Gott +zu glauben. An Maria glaube ich so wenig als an eine Eselin und an den +Sohn so wenig als an ein Eselsfüllen. Maria war eine Jungfrau, wie meine +Mutter eine war. - Sakramente sind Possen usw. + +Philosophen und andere Freigeister haben dergleichen Gedanken wohl schon +öfters ausgesprochen; allein im Mund eines Papstes klingen sie umso +seltsamer, als die Inquisition Tausende wegen weit unbedeutenderer +Ausdrücke verbrennen ließ. - Clemens V. erklärte Bonifaz jedoch für +einen frommen, katholischen Christen und nun wissen wir doch, wie ein +solcher beschaffen sein muss, um den Päpsten zu gefallen. + +Bonifaz VIII. ist derjenige Papst, welcher das Jubeljahr erfand. Er war +auch der erste Papst, der ein Wappen führte und der auf die Tiara oder +päpstliche Mütze eine zweite Krone setzte. Früher trugen die römischen +Bischöfe die sogenannte phrygische Mütze der Priester der Kybele, Mitra +genannt. Ein Bischof, Hormidas, setzte die von König Chlodwig erhaltene +Krone hinzu. Die dritte Krone kam erst mit Johann XXII. oder mit +Benedikt XII. auf die päpstliche Narrenkappe. + +Mit Clemens V. begann die sogenannte babylonische Gefangenschaft der +Päpste (von 1305-1374). König Philipp der Schöne fand es nämlich +vorteilhaft, die Päpste für seine Zwecke bei der Hand zu haben, und +verleitete sie durch allerlei Lockungen, ihren Sitz in Avignon zu +nehmen, wo sie siebzig Jahre lang residierten. Sie waren hier völlig +abhängig von den französischen Königen, lebten aber unter dem Schutz +derselben dafür auch weit sicherer als in Rom. Sie beschäftigten sich in +ihrem Exil damit, neue Geldprellereien zu ersinnen und das umliegende +Land durch ihre eigene und die Sittenlosigkeit ihres Hofes zu +demoralisieren. + +Nach dem Zeugnis der geachtetsten Geschichtsschreiber stammt die spätere +große Sittenlosigkeit in Frankreich hauptsächlich von dem +siebzigjährigen Aufenthalt der Päpste in Avignon her. + +Clemens V. trat ebenso fest wie Bonifazius, nur nicht so heftig und +deshalb klüger auf, wodurch er auch mehr gewann. In dem deutschen Kaiser +Heinrich VII., dem Luxemburger, würde wahrscheinlich ein Feind des +Papsttums gleich Friedrich II. erwachsen sein, wenn er nicht, wie man es +in Russland nennt, gestorben worden wäre. Der Dominikaner Bernard von +Montepulciano, so erzählt man, reichte ihm eine vergiftete Hostie und +der Kaiser war zu religiös, um dem Rat seines Arztes zu folgen und ein +Brechmittel zu nehmen. So starb er denn an seiner Frömmigkeit. + +Das größte Schanddenkmal hat sich Clemens V. durch den nichtswürdigen +Prozess gegen den Ritterorden der Tempelherren und den Justizmord der +unglücklichen Ritter gesetzt. Er war freilich nur die Katze, welche ihre +heiligen Pfoten Philipp dem Schönen lieh, um für ihn die Kastanien aus +dem Feuer zu langen. Die Sittenverderbnis unter den Tempelherren war +allerdings groß; allein waren etwa die anderen geistlichen Herren und +die Päpste selbst reiner? + +Übrigens würde ihre Sittenlosigkeit den Tempelherren schwerlich den Hals +gebrochen haben; ihr Verbrechen war es, vernünftigere und freiere +Religionsansichten zu haben als der andere Kuttenpöbel, und dann - waren +sie ungeheuer reich. Indem man ihnen den Prozess machte, schlug man, wie +man zu sagen pflegt, "zwei Fliegen mit einer Klappe". + +Johann XXII., eines Schuhflickers Sohn, war schon ein Schuft und +Betrüger, ehe er den Päpstlichen Stuhl bestieg, und auf demselben +vervollkommnete er sich noch in seinen Spitzbubentugenden. Ich habe +schon im vorigen Kapitel Erbauliches von ihm berichtet und füge nur noch +weniges hinzu. + +Er lag in beständigem Streit mit dem deutschen Kaiser Ludwig dem Bayern +und dem König von Frankreich. Ersterer wehrte sich zwar tüchtig, +"kuschte" aber doch zuletzt, denn "er hatte zwei Seelen, eine +kaiserliche und eine bayerische". + +Philipp der Schöne aber ließ dem übermütigen Papst sagen, "er werde ihn +als Ketzer verbrennen lassen". Leider ist das nicht geschehen; er starb +90 Jahre alt. Er hinterließ außer seinen 33 Millionen, welche die Kirche +verdaute, die bekannte schöne Hymne: "Stabat mater dolorosa". + +Sein Nachfolger Benedikt XII. war ein herzensguter Mann und man kann ihm +weiter nichts zur Last legen, als dass er Papst war. Aber selbst diesen +Fehler suchte er nach besten Kräften zu mildern, indem er wenigstens +erklärte, "ein Papst habe keine Verwandte", wodurch er seine Vorgänger +und Nachfolger beschämte, welche ihre "Neffen" usw. nicht reich genug +beschenken konnten. Hohe Personen hielten um seine Nichte an; aber er +sagte: "Für ein solches Ross schickt sich nicht solch ein Sattel", und +gab sie einem Kaufmann aus Toulouse. + +Clemens VI., der Benedikt XII. folgte, war nach dem Ausdruck eines +gleichzeitigen Geschichtsschreibers "höchst ritterlich und nicht sehr +fromm", welches Letztere man wohl von mehreren "Heiligen Vätern" sagen +konnte. Er benahm sich sehr hochmütig gegen Kaiser Ludwig und hatte +leichtes Spiel mit dessen Gegner, dem "Pfaffenkönig" Karl IV. Obwohl er +selber sehr locker lebte, so hielt er es doch für nötig, die höhere +Geistlichkeit wegen ihres liederlichen Lebenswandels abzukanzeln und +sagte den Herren unter anderem in seiner Strafpredigt: "Ihr wütet wie +eine Herde Stiere gegen die Kühe des Volkes!" + +Clemens war sehr prachtliebend, und mit unerhörtem Pomp krönte er Don +Sanchez, den zweiten Sohn des Königs von Kastilien, zum König der +glücklichen Inseln, wie damals die kanarischen hießen. Beim Krönungszug +kam als üble Vorbedeutung ein Platzregen, welcher Papst und König bis +auf die Haut durchnässte; und in der Tat wurde auch das Königreich zu +Wasser, denn die kühnen Normannen hatten es in Besitz genommen und +hielten es fest. + +Mit diesem Sanchez hatte Clemens große Absichten. Er versprach ihn an +die Spitze eines Kreuzzuges zu stellen und ihm den Titel "König von +Ägypten" zu geben. Der Prinz war außer sich vor Dankbarkeit und rief: +"Nun, so mache ich Ew. Heiligkeit zum Kalifen von Bagdad!" - So erzählt +uns der berühmte Dichter Petrarca. + +Philipps des Schönen Beispiel hatte den Päpsten böse Früchte getragen, +denn die Kraft des Banns fing an zu erlahmen. Das fühlte Urban V. Ein +Erzbischof weigerte sich, einen Mönch zu ordinieren, der ihm von seinem +Landesherrn, Bernabò Visconti von Mailand, empfohlen war. Dieser +gottlose Mensch ließ den Erzbischof zitieren und sagte zu ihm: "Weißt du +nicht, du alter Hurer, dass ich König, Papst und Kaiser in meinem +eigenen Reich bin!" Für dieses ungeheure Verbrechen tat ihn Urban in den +Bann und belegte sein Land mit dem Interdikt! + +Als die Legaten des Papstes die Bannbulle nach Mailand brachten, führte +sie Visconti samt ihrem Wisch auf die Navigliobrücke und fragte sie sehr +ernsthaft: "Wollt Ihr essen oder trinken?" Die Legaten sahen mit sehr +langen Gesichtern auf den Fluss und verlangten höchst kleinmütig zu +essen. "Nun, so fresst den Wisch da!" - Die Herren Legaten fraßen. + +Gregor XI. verlegte die Statthalterei Gottes wieder nach Rom. Ich habe +schon früher bemerkt, welche demoralisierenden Folgen die Residenz der +Päpste für Avignon und Frankreich überhaupt hatte. Geschichtsschreiber +jener Zeit können von der dort herrschenden Unzucht nicht genug +erzählen, und die meisten Dinge verschweigen sie aus Schamgefühl. + +Ein schönes Papstexemplar war Urban VI. (1378-1389), doch war er mehr +Tiger als Affe. Seine Grausamkeit war empörend. Fünf Kardinäle, die +nicht für ihn gestimmt hatten, und mehrere Prälaten ließ er fürchterlich +foltern und dann teils in Säcke stecken und ins Meer werfen, teils +lebendig verbrennen, erdrosseln oder enthaupten. Einen sechsten +Kardinal, der von der Tortur so elend war, dass er nicht fortkonnte, +ließ er unterwegs erwürgen. Als die Kardinäle zur Tortur abgeführt +wurden, sagte der Statthalter Gottes zum Henker: "Martere so, dass ich +Geschrei höre." Dabei ging er in seinem Garten spazieren und las in +seinem Brevier. + +Die Leichen von zwei Kardinälen ließ dieser Henkerpapst in Öfen +austrocknen und dann zu Staub zerstoßen. Dieser Staub wurde auf seinen +Befehl in Säcke getan und nebst den roten Hüten der Kardinäle auf seinen +Reisen auf Maulesel vor ihm hergeführt, anderen als schreckliches +Exempel! + +Zu Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts finden wir immer +wenigstens zwei, meistens drei Päpste zugleich, die jeder von den +verschiedenen Parteien als die echten Statthalter Gottes betrachtet +wurden. + +Ich habe es herzlich satt, die scheußlichen Handlungen der Menschen zu +berichten, welche den Namen "Statthalter Gottes" zum schändlichsten Hohn +machten; allein ich müsste vollends ermüden, wenn ich die Schandtaten +und Verbrechen dieser verschiedenen Gegenpäpste berichten sollte. Man +durchwandere einen Bagno oder irgendein Zuchthaus und lasse sich von +jedem der Sträflinge erzählen, welche Verbrechen er begangen hat, so +wird man doch ein nur unvollkommenes Verzeichnis der Verbrechen haben, +welche von den Päpsten dieser Periode begangen wurden. + +Das böse Beispiel der Päpste und überhaupt der Geistlichkeit hatte die +übelsten Folgen. Von der Zügellosigkeit, welche damals unter dem Volk, +namentlich aber unter den höheren Ständen herrschte, hat man heutzutage +kaum einen Begriff, so sehr man auch über die Sittenverderbnis der +jetzigen Zeit klagt. Alle Gesetze der Moral und der Sitte waren durch +die Liederlichkeit der Pfaffen aufgelöst. Die Notwendigkeit einer +Beendigung dieses Zustandes wurde von allen gefühlt, in denen noch das +Gefühl für das Gute lebte, und man kam dahin überein, auf einem großen +Konzil vorerst die Ordnung in der Kirche wiederherzustellen. + +Dies Konzil wurde 1414 zu Konstanz gehalten und ist eines der +glänzendsten, die jemals stattgefunden haben. Man sah auf demselben +nächst einem Papst und dem Kaiser alle Kurfürsten, 153 Fürsten, 132 +Grafen, über 700 Freiherrn und Ritter, 4 Patriarchen, 29 Kardinäle, 47 +Erzbischöfe, 160 Bischöfe, über 200 Äbte, ein Heer von Mönchen, +Geistlichen jeder Art und Rechtsgelehrten und - die gewöhnliche +Begleitung des päpstlichen Hofes, gegen 1000 öffentliche Dirnen, die +privatim unterhaltenen und heimlichen gar nicht mitgerechnet. + +Drei Päpste stritten sich um die Tiara: Johann XXIII., ein Gregor und +ein Benedikt. Johann war dreist genug, auf dem Konzil zu erscheinen, +allein als man ernstlich daran ging, seinen Lebenslauf zu mustern, hielt +der Heilige Vater es für geratener, als Postknecht verkleidet, mit Hilfe +des Herzogs Friedrich von Tirol zu entfliehen. + +Man hatte seine Verbrechen in 70 Artikeln zusammengefasst und gab sie +dem Heiligen Vater zur Durchsicht. Er äußerte aber kein Verlangen, sein +Sündenregister zu lesen und versuchte lieber das Konzil durch seine +Flucht zu sprengen, was aber misslang. Johanns Taten wurden öffentlich +verlesen, das heißt nur 54 Artikel davon, da man sich schämte, die +anderen vor aller Welt auszusprechen. 37 Zeugen bewiesen, dass Johann +nicht nur Hurerei, Ehebruch, Blutschande, Sodomiterei, Simonie, +Freigeisterei, Räuberei und Mord verschuldet, sondern auch 300 Nonnen +verführt oder genotzüchtigt und sie dann zum Lohn zu Äbtissinnen und +Priorinnen gemacht habe. + +Sein eigener Sekretär, Niem, erzählt, dass der Papst zu Bologna einen +Harem von 200 Mädchen unterhalten habe. Auch beschuldigt man Johann, +seinen Vorgänger Clemens V. vergiftet zu haben. + +Johann wurde abgesetzt. Gregor dankte freiwillig ab; aber der alte +Benedikt spielte in einem Winkel Spaniens, wohin er geflohen war, den +Vizegott; allein niemand kehrte sich an seine Bannflüche. Endlich ließ +der neuerwählte Papst, Martin V., den neunzigjährigen Benedikt +vermittelst Gift aus dem Weg räumen. + +Unbegreiflich ist es, wie dieser in Wollust aller Art sich wälzende +Heilige Vater ein so hohes Alter erreichen konnte. Berühmte +Kanzelprediger predigten öffentlich gegen sein abscheuliches Leben, und +einer derselben sagte: "J'aime mieux baiser le derrière d'une vielle +maquerelle, qui aurait les hemmoroîdes, que la bouche de ce Pape là!" + +Das Konzil von Konstanz verurteilte Jan Hus und Hieronymus von Prag als +Ketzer zum Feuertod und verursachte dadurch blutige Kriege; aber der +Zweck des Konzils, eine Reformation an Haupt und Gliedern der Kirche, +wurde nicht erreicht. + +Im Jahr 1418 gingen die Herren Reformatoren auseinander. Die Stadt +Konstanz hatte vier Jahre lang einen schönen Verdienst durch die 100.000 +Fremden mit 40.000 Pferden, die sie so lange beherbergen musste. Für ihr +gutes Verhalten erhielt die Bürgerschaft vom Kaiser unschätzbare +Belohnungen, die ihn nichts kosteten, nämlich das Recht, eine +vierzehntägige Messe zu halten, mit rotem Wachs zu siegeln, im Felde +eigene Trompeter zu halten und auf ihr Banner - einen roten Schwanz zu +setzen, der sie vielleicht an die vielen Kardinäle erinnern sollte; ich +bin nicht bewandert genug in der Heraldik, um die Bedeutung dieses +seltsamen Wappenvogels zu erklären. Der Bürgermeister wurde zum Ritter +geschlagen, da das kleine Geld der Fürstengunst, die Orden, noch nicht +üblich waren. + +Von Eugen VI., Calixt III. und Pius II., der sich schminkte und eine +Krone trug, die 200.000 Dukaten wert war; ebenso von dem schändlichen +Meuchelmörder Sixtus IV., der in Rom die ersten öffentlichen Bordelle +anlegte und jeden seiner Kardinäle auf die Erwerbnisse von 20-30 Huren +anwies; der für Geld die Erlaubnis erteilte, bei der Frau eines +Abwesenden die Stelle des Mannes zu vertreten; der mit seiner Schwester +einen Sohn zeugte, seine beiden Söhne zu unnatürlicher Wollust +missbrauchte und unendlich viele andere Schandtaten beging: von allen +diesen Päpsten schweige ich, obgleich ihre Geschichte gewiss sehr +lehrreich und erbaulich sein würde. + +Innozenz VIII. (1484-1492) sorgte mit väterlicher Zärtlichkeit für seine +Kinder und scharrte unendlich viel Geld zusammen. Doch das taten alle +Päpste. Er zeichnete sich nur noch durch seine Sündentaxordnung aus, die +in 42 Kapiteln 500 Taxansätze enthielt. Ich habe schon früher davon +gesprochen; hier nur noch einige Beispiele aus diesem Schanddokument: +Begeht ein Geistlicher vorsätzlich einen Mord, so zahlt er nach +Reichswährung zwei Goldgulden acht Groschen. Vater-, Mutter-, Bruder- +und Schwestermord ist taxiert zu ein Gulden zwölf Groschen! Wollte aber +ein Ketzer absolviert werden, so hatte er vierzehn Gulden acht Groschen +zu bezahlen. Eine Hausmesse in einer exkommunizierten Stadt kostete +vierzig Gulden. + +Dieser Papst Innozenz VIII. widmete dem Hexenwesen ganz besondere +Aufmerksamkeit und kann als der Begründer der Hexenprozesse betrachtet +werden, welche so vielen armen alten und jungen Weibern das Leben +kosteten. In der abgeschmackten Bulle, die er hierüber erließ, faselt er +von bösen Geistern, die sich auf den Menschen, und solchen, die sich +unter ihn legen! + +Alexander VI. (1492-1502) war der Nachfolger von Innozenz, und obwohl er +nicht schlechter und lasterhafter war als viele seiner Vorgänger, so +sind doch seine Handlungen mehr bekannt geworden als die anderer Päpste, +und er gilt gewöhnlich als die Quintessenz päpstlicher Schlechtigkeit. + +Er war in Valencia geboren und hieß ursprünglich Rodrigo Langolo; aber +sein Vater veränderte seinen Namen in Borgia. Rodrigo studierte, wurde +dann aber Soldat und verführte eine Witwe namens Vanozza und ihre beiden +Töchter. Von einer derselben hatte er vier Söhne: Juan, Cesare, Pedro +Luis und Jofré, und eine Tochter Lucrezia. + +Sein Oheim, Alfons Borgia, wurde unter dem Namen Calixtus III. Papst, +und Rodrigo begab sich schleunigst nach Rom. Der Papst überschüttete +seinen Neffen mit Würden und Geschenken und machte ihn endlich zum +Kardinal. Nun richtete derselbe seine Augen auf die päpstliche Krone. +Als Innozenz VIII. starb, bestach er von 27 Kardinälen 22 durch +Versprechungen und wurde Papst. Als er sein Ziel erreicht hatte, +ermahnte er die bestechlichen Kardinäle zur Besserung und räumte sie als +ihm unbequem allmählich durch päpstliche Hausmittelchen aus dem Wege. + +Für das Schicksal seiner Kinder war Alexander VI. auf das zärtlichste +bedacht. Er verheiratete sie alle vortrefflich und sorgte für ihr +Fortkommen. Cesare Borgia wurde zum Kardinal gemacht und hatte die +Freude, seinen Bruder Jofré mit Sancha, der Tochter des Königs Karl +VIII. von Frankreich zu verheiraten, der noch weit größere Opfer bringen +musste, um den Papst zu bewegen, seine Absichten auf das Königreich +Neapel zu unterstützen. Karl musste unendlich viele Dukaten opfern, denn +Geld war bei Alexander VI. die Losung. + +Um Geld zu erlangen, verschmähte dieser Papst kein Mittel. Einen Beweis +für seine Handlungsweise liefert sein Betragen gegen den unglücklichen +Prinzen Cem. Dieser hatte sich gegen seinen Bruder, den Sultan Bayezit, +empört, war gefangen und dem Papst Innozenz gegen ein Jahrgeld von +40.000 Dukaten zur Aufbewahrung anvertraut worden. Um Geld zu gewinnen, +ließ Alexander VI. dem Sultan weismachen, dass Karl VIII., wenn er +Neapel erobert habe, gegen ihn ziehen wolle und sich bereits seinen +Bruder Cem erbeten habe, um ihn an die Spitze des Unternehmens zu +stellen. Zugleich erbat sich Alexander die fälligen 40.000 Dukaten. + +Der wirklich besorgte Sultan schickte gleich 50.000 und schrieb an den +"ehrwürdigen Vater aller Christen", so nannte er Alexander, einen sehr +freundschaftlichen Brief, in welchem er ihn aufmuntert, "seinen Bruder +sobald als möglich von dem Elend dieser Welt zu befreien und ihm zu +einem glücklichen Leben zu verhelfen". Wenn der Papst diese seine Bitte +erfüllen wolle, so verspreche er ihm feierlich und eidlich 300.000 +Dukaten, die kostbare Reliquie des Leibrocks Christi und ewige +Freundschaft. + +Alexander wollte aber noch mehr Nutzen aus dem Heiden ziehen, der in +seinem Gewahrsam war; er lieferte ihn Karl VIII. für 20.000 Dukaten aus, +aber bereits mit einem Trank im Leib, der ihn in Mohammeds Paradies +beförderte. Einer der Geschichtsschreiber sagt: "Er starb an einer +Speise oder einem Trank, die ihm nicht gut bekam." - Bayezit war ebenso +ehrlich wie der Papst und zahlte mit Freuden das Blutgeld. + +Alexander erhob seinen ältesten Sohn Juan, Herzog von Gandia, den er am +liebsten hatte, zum Herzog von Benevent. Dies war dessen Tod, denn sein +eifersüchtiger Bruder Cesare ließ ihn ermorden. Man zog den von neun +Dolchstichen durchbohrten Leichnam aus dem Tiber, und die Römer sagten +spottend: "Alexander ist der würdigste Nachfolger Petri, denn er fischt +aus dem Tiber sogar Kinder." - Alexander war über den Tod seines +Lieblings außer sich; aber er vergab Cesare den kleinen Mord sehr bald +und übertrug auf diesen würdigsten Sprössling all seine väterliche +Zärtlichkeit. + +Um nicht daran gehindert zu sein, durch Heirat zur Macht zu gelangen, +verließ der Kardinal Cesare Borgia den geistlichen Stand - ein bis dahin +nie vorgekommener Fall, - wurde von dem Könige von Frankreich zum Herzog +von Valence in der Dauphiné ernannt und heiratete bald darauf eine +Tochter der Königin von Navarra. + +Seine anderen Kinder vergaß der zärtliche Vater aber auch nicht. +Lucrezia hatte schon viel herumgeheiratet, als sie an Alfons, Herzog von +Bisceglia, gelangte, der aber ermordet wurde und einem Prinzen von +Ferrara Platz machen musste. + +Die päpstliche Familie führte ein äußerst gemütliches Familienstilleben. +Die Brüder und der Vater schliefen abwechselnd bei der schönen Lucrezia, +und der Letztere hatte die Freude, ihr einen Sohn zu erzeugen, der +Rodrigo genannt wurde und welcher demnach der Bruder seiner Mutter und +der Sohn und Enkel seines glücklichen Vaters war, der das Wunderkind zum +Herzog von Sermonata machte. + +Die italienischen Fürsten, welche von dem Heiligen Vater und seinem Sohn +Cesare auf das schamloseste geplündert wurden, vereinigten sich gegen +diese Ungerechtigkeiten, allein sie wurden fast sämtlich gegen ihre +bessere Überzeugung zur Seligkeit befördert. Ein halbes Dutzend von +ihnen besorgte Cesare zur Ruhe und einen andern der Herr Papa. + +Cesare würde sich wahrscheinlich unter dem Schutze seines Heiligen +Vaters ein ganz artiges Reich zusammengeraubt haben, wenn dieser +Musterpapst nicht aus Versehen gestorben wäre. Das ging auf folgende +Weise zu. + +Alexander hatte die Gewohnheit, solche reiche Leute, die er gern beerben +wollte, in die bessere Welt zu befördern, und eins seiner +Lieblingsmittel dazu war Gift, welches er höchst gemütlich "Requiescat +in pace" nannte. - Der Kardinal Corneto, ein unchristlich reicher Mann, +sollte so beruhigt werden und wurde zu diesem Zweck vom Papst zum +Abendessen geladen. Durch ein Versehen reichte ein Diener dem Papst den +"in der Hölle gewürzten" für den Kardinal bestimmten Wein, und dieser +endete am andern Tag sein heiliges Leben im 72. Lebensjahre. Cesare, der +auch von dem vergifteten Wein getrunken, hatte ein volles Jahr daran zu +verdauen. + +Mit den Schandtaten dieses Papstes könnte man ein ganzes Buch füllen, +aber ich will den Lesern nur einige mitteilen. + +Von der Macht und der Stellung der Päpste hatte Alexander die höchsten +Begriffe, denn er sagte: "Der Papst steht so hoch über dem König wie der +Mensch über dem Vieh", und mit der Religion, welche damals die +christliche hieß, war er vollkommen zufrieden, denn er äußerte: "Jede +Religion ist gut, die beste aber - die dümmste", und es würde schwer +geworden sein, etwas Dümmeres als das Christentum der römischen Kirche +jener Zeit aufzufinden. Alexander selbst hatte gar keine Religion. + +Höchst originell ist eine Unterredung, welche der gelehrte Prinz Piko di +Mirandola mit dem Papst nach der Niederkunft der Lucrezia mit Rodrigo +hatte. Alexander fragte ihn: "Kleiner Piko, wen hältst du für den Vater +meines Enkels?" + +"Nun, Ihren Schwiegersohn!", nämlich den für impotent bekannten Alfons. + +"Wie kannst du das glauben?" + +"Der Glaube, Ew. Heiligkeit, besteht ja darin, Unmögliches zu glauben", +und nun kramte der Prinz eine solche Menge geglaubter Unmöglichkeiten +aus, dass der Heilige Vater sich beinahe vor Lachen ausschüttete. + +"Ja, ja", sagte der Papst, "ich fühle wohl, dass ich nur durch Glauben, +nicht aber durch meine Werke selig werden kann." + +"Ew. Heiligkeit", antwortete der Prinz, "haben ja die Schlüssel des +Himmelreichs; aber ich, - wie ginge es mir dort, wenn ich bei meiner +Tochter geschlafen, mich des Dolchs und der Cantarella (Gift) so oft +bedient hätte!" + +"Ernsthaft, sage mir", fuhr der Papst fort, "wie kann Gott am Glauben +Vergnügen finden? Nennen wir nicht den, der da sagt, er glaube was er +unmöglich glauben kann, einen Lügner?" + +"Großer Gott!" rief der Prinz und schlug ein Kreuz, "ich glaube, Ew. +Heiligkeit sind kein Christ!" + +"Nun, ehrlich gesprochen, ich bin's auch nicht." + +"Dacht' ich's doch!" sagte der Prinz, und damit endete die seltsamste +Unterredung, die wohl je zwischen einem Papst und einem Laien +stattgefunden hat. + +Die Liederlichkeit Alexanders lässt sich in unserer keuschen Sprache +nicht wohl beschreiben; sie kommt nur der Cesare Borgias und seiner +Schwester Lucrezia gleich. Alle Abarten der Wollust, welche wir +Deutschen meistens nicht einmal dem Namen nach kennen und welche von den +früheren Päpsten einzeln getrieben wurden, dienten diesem Papst +gewordenen Priap zur Unterhaltung. + +Burckard, der Zeremonienmeister Alexanders VI., hat in seinem Diarium +das Leben am päpstlichen Hofe geschildert, und die üppigste Phantasie +kann nichts erdenken, was hier nicht getrieben wurde. Burckard sagt: +"Aus dem apostolischen Palast wurde ein Bordell, und ein weit +schandvolleres Bordell, als je ein öffentliches Haus sein kann." + +"Einst wurde", so erzählt Burckard, "auf dem Zimmer des Herzogs von +Valence (Cesare Borgia) im apostolischen Palast eine Abendmahlzeit +gegeben, bei welcher auch fünfzig vornehme Kurtisanen gegenwärtig waren, +die nach Tische mit den Dienern und anderen Anwesenden tanzen mussten, +zuerst in ihren Kleidern, dann nackend. Darauf wurden Leuchter mit +brennenden Lichtern auf die Erde gesetzt und zwischen denselben +Kastanien hingeworfen, welche die nackten Weibsbilder, auf allen Vieren +zwischen den Leuchtern durchkriechend, auflasen, während Seine +Heiligkeit, Cesare und Lucrezia zusahen. Endlich wurden viele +Kleidungsstücke für diejenigen hingelegt, die mit mehreren dieser +Lustdirnen ohne Scheu Unzucht treiben würden, und sodann diese Preise +ausgeteilt. Diese schöne Szene fiel vor an der Allerheiligen-Viglie +1501." + +Einst ließ Alexander rossige Stuten und Hengste vor sein Fenster führen +und ergötzte sich mit Lucrezia an dem Schauspiel. - Dieses Weib war über +alle Beschreibung liederlich, ob sie aber nach dem Papstrecht das +Prädikat Hure verdient, weiß ich nicht, denn einige Glossatoren +desselben haben aufgestellt, dass man nur diejenige eine wahre Hure +nennen könne, die 23.000 Mal gesündigt habe! + +Lucrezia genoss das unbeschränkte Vertrauen ihres Vaters. In dessen +Abwesenheit erbrach sie alle Briefe, beantwortete sie nötigenfalls und +versammelte die Kardinäle nach Gefallen. Man schrieb ihr folgende +Grabschrift: "Hier liegt, die Lucrezia hieß und eine Thais war, +Alexanders Weib, Tochter und Schwiegertochter"; Letzteres, weil einer +ihrer vielen Männer ein anderer Sohn des Papstes, also ihr Halbbruder +war. + +Die zu jener Zeit auflebenden Wissenschaften und die immer weiter um +sich greifende Anwendung der höllischen Erfindung der Buchdruckerkunst +machte den Papst sehr besorgt. Er fürchtete, dass eine freie Presse dem +Schandleben der Päpste ein Ende machen möchte, und hatte daher nicht +Unrecht zu fürchten. Er führte daher die Bücherzensur ein, die bis auf +die neueste Zeit geblieben ist und wo sie endlich vor der öffentlichen +Meinung weichen musste, in die fast noch schlimmere Phase der +Pressprozesse übergegangen ist, die sehr häufig im Sinne Richelieus +geführt werden, der behauptete, kein Schriftsteller könne fünf Worte +schreiben, ohne sich eines Verbrechens schuldig zu machen, welches ihn +in die Bastille bringt. Derjenige, zu dem er dies sagte, schrieb: "Zwei +und eins macht drei!" - "Unglücklicher!" rief der Kardinal, "Sie leugnen +die Dreieinigkeit!" Seitenstücke dazu liefern manche moderne +Pressprozesse. + +Julius II. (1502-1513) gelangte ebenfalls durch List und Bestechung auf +den Päpstlichen Stuhl. Er war ein tüchtiger Soldat; das ist das einzige, +seltsame Lob, welches man diesem Statthalter Gottes geben kann. Er +hetzte alle Fürsten gegeneinander, ließ Armeen marschieren, kommandierte +sie selbst und belagerte und eroberte Städte. + +Seine Gegner beriefen eine Synode nach Pisa, um dem martialischen Sohn +der Kirche sein unberufenes Handwerk zu legen. Von dieser +Kirchenversammlung wurde er "als Störer des öffentlichen Friedens, als +ein Stifter der Zwietracht unter dem Volk Gottes, als ein Rebell und +blutdurstiger Tyrann und als ein in seiner Bosheit verhärteter Mensch" +aller geistlichen und weltlichen Verwaltung entsetzt. + +Julius kehrte sich natürlich nicht an dieses Urteil; es erbitterte ihn +nur noch mehr gegen seine Feinde und besonders gegen den vortrefflichen +König von Frankreich, Ludwig XII., den er absetzte. Ganz Frankreich +wurde ebenfalls mit dem Interdikt belegt; aber die aus dem Vatikan +geschleuderten Blitze zündeten nicht mehr. + +Julius II. handelte nach dem Ausdrucke des berühmten +Geschichtsschreibers Mezeray "wie ein türkischer Sultan und nicht wie +ein Statthalter des Friedensfürsten und wie ein Vater aller Christen". +In den Kriegen, die er aus Rachbegierde und Blutdurst führte, verloren +zweihunderttausend Menschen ihr Leben. Er starb mitten unter +Vorbereitungen zu neuen Kriegen. + +Er war so liederlich wie Alexander VI., und vor diesem hatte er noch +voraus, dass er ein Trunkenbold war. Kaiser Maximilian I. sagte einst: +"Ewiger Gott, wie würde es der Welt gehen, wenn du nicht eine besondere +Aufsicht über sie hättest, unter einem Kaiser wie ich, der ich nur ein +elender Jäger bin, und unter einem so lasterhaften und versoffenen +Papst, als Julius ist!" + +Der Zeremonienmeister dieses Papstes, de Grassis, erzählt, dass der +Heilige Vater einmal so heftig von der Krankheit angesteckt war, welche +der Ritter Bayard le mal de celui qui l'a nennt, dass er am Karfreitag +niemand zum Fußkuss lassen konnte. + +Ein ebenso liederlicher Mensch war sein Nachfolger Leo X. (1513-1521), +welcher seine Erhebung zum Papst derselben Krankheit verdankte, die +Julius am Fußkuss verhinderte. Als er zur neuen Papstwahl ins Konklave +kam, litt er an einem venerischen Geschwür am Hintern, welches einen +pestilenzialischen Geruch verbreitete. Die anderen Kardinäle, welche +angesteckt zu werden fürchteten, befragten die Ärzte des Konklaves, und +diese erklärten einstimmig, dass Leo gewiss bald sterben würde. Um nur +baldigst von dem Gestank befreit zu werden, wählten ihn die Kardinäle +zum Papst. + +Leo X., ein Sprössling der berühmten Fürstenfamilie der Medicis, war ein +gescheiter Mann, welcher Künste und Wissenschaften liebte und manch +andere Eigenschaft hatte, die wir an einem weltlichen Fürsten recht hoch +schätzen würden. Er lebte "vergnügt wie ein Papst" und kümmerte sich +ebenso wenig um die Christenheit wie um Geschäfte, wenn er nicht durch +seine ungeheuren Geldbedürfnisse dazu gezwungen war. + +Er soll während der acht Jahre seiner Herrschaft 14 Millionen Dukaten +verbraucht haben, was sehr glaublich ist, da er das so leicht erworbene +Geld ebenso leicht ausgab. Bei seiner Krönung verschenkte er 100.000 +Dukaten. Dichter und Maler erhielten von ihm sehr bedeutende Summen; +aber die guten Christen deckten das alles. Einst sagte Leo zum Kardinal +Bambus: "Wie viel uns und den unsrigen die Fabel von Christo eingebracht +hat, ist aller Welt bekannt." + +Sein Hof war der prächtigste, den es gab, und das Geld wurde mit vollen +Händen weggeworfen, wie an denen der altrömischen Kaiser. So war es denn +kein Wunder, dass er trotz seines Ablasskrams noch bedeutende Schulden +hinterließ. + +Leo verkaufte alles, was nur Käufer fand, und sein Finanzminister +Armellino war der unverschämteste Blutsauger. Einst sagte Colonna von +Letzterem. "Man ziehe diesem Schinder das Fell über die Ohren und lasse +ihn für Geld sehen, was mehr einbringen wird, als wir brauchen." + +Leo wurde durch einen plötzlichen Tod aus seinem üppigen Leben +hinweggerissen und hatte nicht einmal Zeit, die kirchlichen Sakramente +zu empfangen. Dieses gab einem Dichter Veranlassung zu einem Epigramm, +welches in der Übersetzung lautet: "Ihr fragt, warum Leo in der +Sterbestunde die Sakramente nicht nehmen konnte? - Er hatte sie +verkauft." + +Leos Ablasskram, von dem ich bereits geredet habe, gab die nächste +Veranlassung zur Reformation. Die Geschichte derselben ist unendlich oft +geschrieben worden und befindet sich in den Händen des Volks; ich darf +sie also als bekannt voraussetzen. + +Die gefährliche Lage des Päpstlichen Stuhls hätte einen recht kräftigen +Papst erfordert; aber Leos Nachfolger, Hadrian VI. (1521-1523), war dies +durchaus nicht. Er war ein bornierter Gelehrter, mehr geeignet, "sich +und die Jungens zu ennuyieren", als das lecke Schifflein Petri über +Wasser zu erhalten, obwohl sein Vater Schiffszimmermann in Utrecht war. + +Seiner Gelehrsamkeit wegen hatte man ihn zum Lehrer Karls V. gewählt, +und als sein Zögling Kaiser war, machte man ihn zum Rektor der +Universität Löwen. Luther sagt von ihm: "Der Papst ist ein Magister +noster aus Löwen, da krönt man solche Esel." Man möchte geneigt sein, +dies summarische Urteil zu bestätigen, wenn man liest, dass Hadrian bei +den herrlichsten Kunstwerken Roms, wie Laokoon, Apoll von Belvedere +usw., mit einem flüchtigen Seitenblick vorüberging, indem er sagte: "Es +sind alte Götzenbilder." + +Als dieser "deutsche Barbar" zu Fuß nach Rom kam, als er zu seinem +Unterhalt täglich nicht mehr als zwölf Taler brauchte und - horribile +dictu - Bier dem Wein vorzog, - da machten die Kardinäle sehr lange +Gesichter und kamen zu der Einsicht, "dass der Heilige Geist keinen als +einen Italiener verstehe". + +Hadrian war ein hölzerner Pedant und viel zu ehrlich, als dass man ihn +lange auf dem Päpstlichen Stuhl hätte dulden können. Die Satiriker +nahmen ihn scharf mit. Der Dichter Berni charakterisierte dieses Papstes +Regierung sehr ergötzlich. Die bezügliche Stelle heißt in der +Übersetzung: "Eine Regierung voll Bedacht, Rücksicht und Gerede, voll +Wenn und Aber, Jedennoch und Vielleicht, und Worten in Menge ohne Saft +und Kraft, voll Glauben, Liebe, Hoffnung, das heißt voll Einfalt, - wird +Hadrian allgemach zum Heiligen machen." + +Hadrian beging ein in den Augen aller Kardinäle und Geistlichen +grässliches Verbrechen; er gestand nämlich ein, dass Luther mit seinem +Verlangen nach einer Reformation gar nicht so unrecht habe, indem er +ehrlich genug war zu schreiben: "Gott gestattete die Verfolgung um der +Sünde willen; die Sünde des Volks stammt von den Priestern, die daher +Jesus auch zuerst im Tempel aufsuchte, und dann erst in die Stadt ging. +Selbst von diesem unserem Heiligen Stuhl ist so viel Unheiliges +ausgegangen, dass es kein Wunder ist, wenn sich die Krankheit vom Haupt +in die Glieder, von Päpsten in die Prälaten gezogen hat. Wir wollen +allen Fleiß anwenden, damit zuerst dieser Hof, von dem vielleicht alles +Unheil ausging, reformiert werde, je begieriger die Welt solche Reformen +erwartet." + +So etwas war unerträglich, und Hadrian "wurde gestorben". Der Jubel der +Römer bei seinem Tode war sehr groß, und sie begingen die +Unschicklichkeit, die Tür seines Leibarztes zu bekränzen und mit der +Inschrift zu versehen: Liberatori Patriae S.P.Q.R. (Der Senat und das +Volk Roms dem Befreier des Vaterlandes). + +Damit man nicht in Versuchung kommt, das Schicksal dieses ehrlichen, +gelehrten Dummkopfes gar zu sehr zu beklagen, bemerke ich, dass er fünf +Jahre lang Großinquisitor in Spanien war und dort 1620 Menschen lebendig +und 560 im Bildnis verbrennen ließ und 21.845 andere zu +Vermögenskonfiskation, Ehrlosigkeit usw. verurteilte. + +Clemens VII. (1523-1534), wieder ein Medici, folgte dem "Magister noster +Esel" und verstand es besser als dieser, den Kirchenmonarchen zu +spielen; aber die Reformation konnte er ebenso wenig unterdrücken. - Er +hatte große Not auszustehen, denn der Konnetable Karl von Bourbon +stürmte mit seinem unbezahlten Heer Rom. Der Feldherr wurde zwar bei dem +Sturm erschossen, allein dies diente nur dazu, die Wut der beutelustigen +Soldaten mehr anzufachen. Unter ihnen befanden sich 14.000 Deutsche +unter Georg von Frondsberg, der es besonders auf den Papst abgesehen +hatte und einen goldenen Strick bei sich trug, um Se. Heiligkeit damit +eigenhändig in den Himmel zu befördern. + +Der Papst floh in die Engelsburg, und mit Rom wurde unbarmherzig +umgegangen. Die Kardinäle hatten schlimme Zeit, denn selbst die +katholischen Spanier gingen hart mit ihnen um. Die Damen nahmen die +Sache von der besten Seite; sie waren neugierig auf die stämmigen +deutschen Landsknechte, und Geschichtsschreiber erzählen boshafterweise, +dass sie es gar nicht erwarten konnten, bis das Notzüchtigen losging. + +Die Soldaten raubten, wo sie etwas fanden; denn wenn die Krieger der +damaligen Zeit Geld witterten, dann suspendierten sie alle Religion, +stahlen und mordeten nach Herzenslust und ließen sich dann absolvieren. +Die Beute belief sich an Gold, Silber und Edelsteinen auf mehr als zehn +Millionen Gold, und an barem Geld, womit sich die Vornehmen ranzionieren +mussten, auf eine noch größere Summe. + +Ich habe da ein altes Buch von 1569 vor mir, in welchem Adam Reißner, +der in Diensten Frondsbergs mit in Rom war, die tolle Wirtschaft, welche +die Soldaten dort neun Monate lang trieben, sehr einfach und treuherzig +beschreibt. Ich will eine Stelle daraus wörtlich hersetzen: + +"Die Landsknecht haben die Cardinäls Hüt auffgesetzt, die roten langen +Röck angetan, vnd sind auff den Eseln in der Statt vmbgeritten, haben +also jr Kurzweil vnd Affenspiel gehalten. Wilhelm von Sandizell ist +oftermals mit seiner Rott, als ein römischer Bapst, mit dreyen Kronen +für die Engelburg kommen, da haben die andern Knecht in den Cardinäls +Rökken irem Bapst Reverentz gethan, ire lange Röck vornen mit den Händen +auffgehebt, den hindern Schwantz hinden auff der Erd lassen +nachschleyffen, sich mit Haupt und Schultern tief gebogen, niederkniet, +Fuß vnd Händ geküßt. Alsdann hat der vermeynt Bapst Clementen einen +Trunk gebracht, die angelegte Cardinäl sind auff jren Knien gelegen, +haben ein jeder ein Glaßvoll Wein außtrunken, vnd dem Bapst bescheyd +gethan, darbey geschrien, Sie wollen jetzt recht fromme Bäpst vnd +Cardinäl machen, die dem Keyser gehorsam, vnd nicht wie die vorige +widerspenstig, Krieg vnd Blutvergiessen anrichten." + +"Zuletzt haben sie laut vor der Engelsburg geschrien: Wir wöllen den +Luther zum Bapst machen! welchen solchs gefallen, der soll ein Hand +aufheben, haben darauff all jre Händ auffgehebt, vnd geschrien, Luther +Bapst, und viel dergleichen schimpffliche lächerliche Spottreden +gethan." + +"Grünenwald, ein Landsknecht schrey vor der Engelsburg mit lauter stimm. +Er hett lust, dass er den Bapst ein stück auß seinem Leib solt reissen, +weil er Gottes, deß Keysers, vnd aller Welt Feind sey" usw. + +Nachdem Papst Clemens an die Truppen noch gegen 400.000 Dukaten bezahlt +hatte, ließ man ihn, als Diener verkleidet, aus der Engelsburg +entwischen. + +Clemens hatte kein Glück, aber auch kein Geschick. So viel hätte er mit +seinem Verstand erkennen können, dass die Zeit der Innozenze vorüber +war; allein er war unpolitisch genug, es mit dem despotischen Heinrich +VIII. von England zu verderben, den er exkommunizierte und der sich +dafür mit seinem ganze Land von Rom lossagte. Dadurch verlor der +Päpstliche Stuhl den Petersgroschen, eine Abgabe, welche seit 740 von +jedem englischen Hause nach Rom bezahlt wurde und die bis dahin gegen 38 +Millionen Gulden eingebracht hatte. + +Die Reformation machte unter diesen beiden letzten Päpsten immer weitere +Fortschritte, und die 1522 auf dem Reichstage, zu Nürnberg versammelten +Reichsstände erklärten: "dass sie die päpstlichen und kaiserlichen +Verordnungen nicht vollstrecken lassen könnten, weil das Volk, welches +den Lehren Luthers in großer Menge zugetan sei, dadurch leicht auf den +Argwohn geraten könnte, als wolle man die evangelische Wahrheit +unterdrücken und die bisherigen Missbräuche unterstützen, und dies +könnte leicht zu Aufruhr und Empörung Anlass geben". + +Die deutschen Fürsten auf dem Reichstage nahmen diesmal kein Blatt vor +den Mund, und in den "hundert Beschwerden der deutschen Nation" sprachen +sie geradezu von den Betrügereien der Päpste, was sie nicht einmal +heutzutage wagen würden. Überhaupt sagten die Verteidiger der +Reformation damals vieles sogar mit dem Beifall der Fürsten, was selbst +heute in anständiger Sprache nicht gewagt werden dürfte, aus Furcht vor +endlosen Pressprozessen. Man ließ Luthers "Satyren" ungehindert +passieren, obwohl sie eigentlich nichts als unflätige Schimpfereien +waren. + +Der "Gottesmann Lutherus" zeigte wenig Respekt vor Päpsten oder Fürsten, +wenn es die Verteidigung seiner Sache galt. Er ging mit ihnen um, als ob +sie Bettelbuben gewesen wären, und sagte sowohl dem König von England +als dem Herzog Georg von Sachsen auf das allerderbste Bescheid. Den +Herzog von Braunschweig nannte er nur den "Hansworst"; aber am +schlimmsten kam der Papst weg. + +In seinem Buch: "Das Papsttum, vom Teufel gestiftet" nennt er die Kirche +"die Lerche" und den Papst "den Kuckuck, der die Eier fresse und dafür +Kardinäle hineinscheiße". Er nennt Se. Heiligkeit "einen Gaukler, das +Leckerlein von Rom, päpstliche Höllischkeit und Spitzbube, ein +epikurisch Schwein, das vom Teufel hintenaus geboren, und will, dass man +ihm den Hintern küsse, einen beschissenen und furzenden Papstesel, vor +dessen Fürzen sich der Kaiser fürchtet und der alle Fürze der Esel +binden und die selbsteigenen angebetet haben will, und dass man ihm +dabei noch den Hintern lecke". + +Wenn es heutzutage ein Schriftsteller wagen würde, so gegen den Papst zu +schreiben oder gegen den Kaiser Napoleon, dann fiele halb Europa in +Ohnmacht und dem Verfasser winkte ein Pressprozess mit darauf folgendem +Gefängnis, so lang wie das Fegefeuer. + +Seine Gegner blieben Luther indes nichts schuldig, und Dr. Eck, den der +Reformator stets Dreck nannte, zahlte ihm mit gleicher Münze. Die +gewöhnlichen Titel, die man ihm gab, waren Doktor Dreck-Märte, Doktor +Sauhund von Wittenberg und dergleichen. Der Jesuit Weislinger sagt von +ihm in Bezug auf die Tischreden: "Luther ist Zeremonienmeister bei Hofe, +wo man Mist ladet, Advokat zu Sauheim, wo nicht gar Stadtrichter zu +Schweinfurt; - gäbe es ein Mistingen, Schmeisau oder Dreckberg, so +gehöre der Sauluther dahin." Das war, wie bemerkt, im sechzehnten +Jahrhundert "Satyre". + +Clemens VII. war ein großer Freund der Mönche. Unter ihm entstanden die +Kapuziner, eine Abart der Franziskaner, welche sich von den Letzteren +nur durch ihre größere Dummheit und Schweinerei auszeichneten. Die +spitzen Kapuzen, die sie tragen und einem Lichtauslöscher sehr ähnlich +sehen, können zugleich als ihr Feldzeichen dienen, denn Clemens hoffte +durch sie das Licht auszulöschen, welches durch Luther angezündet war. + +Paul III. (1539-1549), der nach Clemens Papst wurde, war schon im 26. +Jahr Kardinal geworden und zwar, weil er seine schöne Schwester Julia +Farnese an Alexander VI. verkuppelt hatte. Er war einer der +liederlichsten Päpste. Blutschande, Mord und ähnliche Verbrechen waren +ihm geläufig. Er vergiftete sowohl seine eigene Mutter wie seine +Schwester! + +Doch das sind eigentlich Familienangelegenheiten, die uns weniger +angehen. Weit wichtiger war es für die Welt, dass Paul am 27. September +1540 den Orden der Jesuiten bestätigte. Wir werden diese Fledermäuse +noch näher kennen lernen und wollen ihnen dann sagen, was sie waren und +was sie sind; denn sie selbst wollten und konnten darüber keine Auskunft +geben und sagten, sie wären tales quales; das heißt: diejenigen, welche +- - - + +Julius III. war ein Papst, der noch weniger taugte als seine Vorgänger. +Er hielt sich mit dem Kardinal Creszentius gemeinschaftlich +Beischläferinnen, und die Kinder, welche dieselben bekamen, erzogen sie +gemeinschaftlich, da keiner von beiden wusste, wer der Vater sei. Seinen +Affenwärter, einen hässlichen Jungen von sechzehn Jahren, machte er zum +Kardinal, und als ihm die andern Kardinäle deshalb Vorwürfe machten, +rief er: "Potta di Dio! was habt Ihr denn an mir gefunden, dass Ihr mich +zum Papst machtet?" + +Der Heilige Vater ließ einst in Rom Musterung über alle Freudenmädchen +halten und es fanden sich nicht weniger als 40.000 in der Stadt. Unter +einem so liederlichen Papst wie Julius musste ihr Handwerk natürlich +gedeihen. Sein Nuntius Johann a Casa, Erzbischof von Benevent, schrieb +ein Buch über die Sodomiterei, worin er diese lebhaft in Schutz nimmt. +Dies Buch ist 1552 in Venedig gedruckt und - dem Papst dediziert! + +Paul IV. war ein vor Stolz halb wahnsinniger, achtzigjähriger Narr und +nebenbei ein mordlustiger Pfaffe. Unter ihm konnte die Inquisition nicht +genug Opfer erwürgen. Hören wir, was Pasquino über ihn sagte. Aber +vorher noch einige Worte über Pasquino. + +Nach der Sage war dieser ein lustiger Schneider in Rom, dessen Schwänke +viele Leute nach seiner Bude lockten. Dieser gegenüber stand eine +verstümmelte Statue, an welcher man häufig Satiren angeklebt fand, die +man dem Schneider Pasquino zuschrieb. Daher das Wort Pasquill. Es gibt +indessen noch andere Traditionen darüber. Bald wurde nun eine andere +Statue am Kapitol dazu ausersehen, Antworten auf die Fragen aufzunehmen, +die man an der ersten Statue fand, und so entstand das Frage- und +Antwortspiel, welches nicht nur sehr ergötzlich, sondern auch von großem +Nutzen war. Es war der römische Kladderadatsch in primitiver Gestalt. + +Als Paul IV. 1559 gestorben war, schlug Pasquino folgende Grabschrift +vor.- "Hier liegt Caraffa (aus dieser Familie stammte der Papst), +verflucht im Himmel und auf Erden, dessen Seele in der Hölle, dessen Aas +im Boden ist. Der Erde missgönnte er den Frieden, dem Himmel Gebet und +Gelübde; ruchlos richtete er Klerus und Volk zu Grunde; vor den Feinden +kroch er, gegen Freunde war er treulos; wollt Ihr alles auf einmal +wissen? - er war Papst!" + +Der Name Papst war damals in Rom zum Schimpfwort herabgesunken. Pasquino +erwiderte einem Fragenden: "Warum jammerst du?" - "Ach, der Schimpf +bricht mir das Herz!" - "Nun, was ist's?" - "Du errätst es nicht? - Sie +haben mich", ruft er unter Schluchzen, "sie haben mich - einen Papst +genannt." + +Paul war Kaiser Karls V. erbitterter Feind gewesen und wollte nach +dessen Abdankung Kaiser Ferdinands Wahl nicht anerkennen, weil dessen +Sohn und Thronfolger, Maximilian, meist unter Lutheranern aufgewachsen +sei. + +Der Kaiser kehrte sich wenig an den Papst, dazu angeregt durch den +Reichs- Vizekanzler Dr. Seld, den Beust Ferdinands I. Dieser Minister +sagte in einem Gutachten: "Man lacht jetzt über den Bann, vor dem man +sonst zitterte; man hielt sonst alles, was von Rom kam, für heilig und +göttlich, jetzt speiet männiglich, er sei alter oder neuer Religion, +darüber aus. Die alten Kaiser haben die Päpste beim Kopfe genommen, +gestöcket, gepflöcket und abgesetzt; wir haben selbst erlebt, wie Karl +mit Clemens umgegangen; solchen Ernstes sind Ew. Majestät nicht einmal +benötigt. Übrigens weiß man, dass Se. Heiligkeit die Kardinäle, welche +Wahrheiten sagen, Bestien und Narren gescholten, solche mit Stecken +geschlagen, woraus anzunehmen, dass dieselben Alters oder anderer +Zufälle wegen nicht wohl bei Vernunft und Sinnen seien." + +Unter Pius IV. wurde das berühmte Trientiner Konzil geschlossen (im +Dezember 1563), welches achtzehn Jahre versammelt gewesen war, um die +schon längst als notwendig erkannte Reformation der Kirche an "Haupt und +Gliedern" vorzunehmen. + +Das Konzilium stand unter der unmittelbaren Beaufsichtigung des Papstes. +Kardinal del Monte stand mit ihm durch eine ununterbrochene Kurierlinie +zwischen Trient und Rom in fortwährender Verbindung und des Papstes +Instruktionen hatten auf alle Beschlüsse den entschiedensten Einfluss. +Alle Welt schrie, das Konzil sei nicht bei Trost, aber niemand konnte +das ändern. + +Der Bischof Dudith von Tina in Dalmatien und mehrere andere sagten: "Der +Heilige Geist, der die versammelten Väter in Trient belehrte, kam im +römischen Felleisen." + +Die Heiligen Väter strengten sich nicht übermäßig an. Alle Monate einmal +eine Sitzung, wenn nicht Ferien oder Festlichkeiten die Zeit wegnahmen, +und hielt man einmal eine Sitzung, so verging dieselbe meistens mit sehr +viel unnützen Redereien. + +Man disputierte mit allem Ernst, der so wichtigen Dingen gebührt, über +den Rang der Abgeordneten, über Kleidung, Siegel und dergleichen. Dann +fragte man, ob man vom Glauben oder von der Reformation anfangen wolle? +Endlich entschied man sich dann für den Glauben, da einige Vorwitzige +unverschämt genug waren, die Meinung zu äußern, dass die Reformation bei +den Häuptern beginnen müsse! + +Die Franzosen und selbst die so geduldigen Deutschen verloren die +Geduld. Ein kaiserlicher Gesandter behauptet gar, der Papst und seine +Legaten "hätten die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen, um sich den Schein +zu geben, vorwärts zu gehen, während sie doch rückwärts gingen". + +Wenn das Volk, welches sich nach all den schönen Versprechungen auf die +Konziliumsbeschlüsse wie Kinder auf den Heiligen Christ freute, durch +seine Vertreter deshalb anfragen ließ, dann erhielt es immer zur +Antwort, dass der Bericht noch nicht fertig sei". + +Als aber der Bericht endlich fertig war, da machte alle Welt ein langes +Gesicht und "entsatzete" sich. Beim Schluss der Synode stand der +Kardinal von Guise auf und rief: "Verflucht seien alle Ketzer!" +"Verflucht! verflucht! verflucht!" brüllten die Herren Gesandten im Chor +und der "Heilige Geist" in Rom lachte ins Fäustchen. Dies war freilich +nicht der Weg, die Protestanten in den Schoß der Kirche zurückzuführen, +welches eigentlich der Hauptzweck der langen Synode war. + +Es bedarf in der Tat keiner großen Prophetengabe, um vorhersagen zu +können, dass das in diesem Jahr abzuhaltende Konzil ganz denselben +römischen Stuhlgang haben wird wie das Trienter. Der alte Mann, der +jetzt die wurmstichige Tiara trägt, leidet an der Einbildung, dass wir +1368 schreiben, und handelt demgemäß. Es ist ein Glück, dass es ziemlich +gleichgültig ist, was das Konzil beschließt, da sich niemand daran +kehren wird, und dass die Tage des Landvogtes Gottes gezählt sind: + + Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Landvogt, + Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen. + +Das Trienter Konzil war das letzte, welches gehalten wurde, und seine +Beschlüsse sind bis auf den heutigen Tag das Gesetz für die römische +Kirche. Hume sagt bei der Geschichte der Königin Elisabeth von England: +"Das Trienter Konzil ist das einzige, das in einem Jahrhundert +beginnender Aufklärung und Forschung gehalten wurde; die Wissenschaften +müssten tief sinken, wenn das Menschengeschlecht aufs neue zu einem +solchen groben Betrug geschickt würde." + +Der protestantische Schriftsteller Heidegger verglich das Papsttum mit +einer Hure, die immer unverschämter wird, je länger sie mitmacht. Dieser +Vergleich ist zwar nicht sehr höflich; aber wenn man die Beschlüsse des +Trientiner Konzils durchliest, - muss man ihm beistimmen. Aller Unsinn, +welcher sich allmählich in die christliche Kirche eingeschlichen hatte, +wurde dadurch feierlich sanktioniert, und was von der Trientinischen +Glaubensformel abwich, hatte "den Verlust der Seligkeit zu erwarten". + +Dass aus der Synode nicht viel werden konnte, lag auf der Hand, denn die +Jesuiten nahmen sich ihrer an und soufflierten dem Heiligen Geist. + +Dieses Konzil hatte große Folgen, und die allerschlimmste war wohl die, +dass die Päpste, welche bisher beständig gegen die weltliche Macht +Opposition gebildet hatten, von nun an gemeinschaftliche Sache mit ihr +machten, um das sichtbare Streben nach einem besseren Zustande und nach +politischer Freiheit zu lähmen. + +Pius IV. "gab seine Seele durch den Teil des Leibes von sich, durch +welchen er sie empfangen hatte". Ihm folgte Pius V., ein ehemaliger +Großinquisitor. Bei seiner Wahl soll er geäußert haben - "Als Mönch +hoffe ich selig zu werden; als Kardinal zweifle ich daran, und als Papst +halte ich die Sache für unmöglich." + +Dieser Pius V., der als Großinquisitor eine geeignete Vorschule gehabt +hatte, war der grausamste unter allen Päpsten. Ihn belebte nur eine +Idee: Ausrottung der Ketzer. Er ist der Urheber der Pariser +Bluthochzeit, der schrecklichen Verfolgungen in den Niederlanden unter +Herzog Alba, der sich rühmte, dass er in sechs Jahren 18.000 Personen +hinrichten ließ, und aller Verschwörungen in Schottland und England. + +Das Motiv der Grausamkeit dieses Papstes war nicht allein religiöser +Fanatismus. Er ließ zum Beispiel Nik. Franko wegen eines unschuldigen +Distichons hängen, welches er auf dem im Lateran (päpstlichen Palast) +neuerbauten Abtritt machte! + + Papst Pius V., der beladenen Bäuche sich erbarmend, + Errichtete diesen Abtritt, ein edles Werk. + +Das ist die Übersetzung der Zeilen, die den Poeten an den Galgen +brachten. Der arme Mensch rief mit Recht: "Das ist zu arg!", und noch +auf der Leiter wollte er nicht glauben, dass die Sache ernst sei, und +fragte: "Wie, Nikolaus an den Galgen?" + +Als Pius unter grässlichen Steinschmerzen seine Henkerseele ausgehaucht +hatte, herrschte allgemeine Freude. Die während seiner Regierung beinahe +in den Ruhestand versetzten öffentlichen Mädchen versammelten sich +jubelnd um seine Leiche, und sogar der türkische Sultan ließ +Freudenfeste wegen dieses Todes anstellen. + +Doch ich darf nicht das Gute unerwähnt lassen, was von diesem Papst zu +melden ist, und umso weniger, als es auf dem "Apostolischen Stuhl" eine +Seltenheit ist. Er führte ein sehr strenges Leben, wie ein Einsiedler, +trug einen handbreiten, stachligen Drahtgürtel (Cilicium genannt) auf +dem bloßen Leib und kein Hemd. Seine Speise bestand aus Gemüse und sein +Getränk aus Wasser. + +Gregor XIII. war seinem Vorgänger an fanatischem Ketzerhass gleich, wenn +auch nicht an Sittenstrenge. Er eröffnete dem spitzbübischen +Jesuitengeneral Aquaviva, dass es Protestanten, besonders Gelehrten, +Fürsten, höheren Beamten und anderen einflussreichen Personen, wenn sie +zur römischen Kirche übergingen, aus besonderer päpstlicher Gnade +gestattet sein sollte, ihren neuangenommenen Glauben verleugnen und noch +alle protestantischen Kirchengebräuche mitmachen, kurz, nach wie vor +sich als Protestanten benehmen zu dürfen. + +Nach Gregor kam Sixtus V. (1585-1590) auf den Päpstlichen Stuhl. Sein +Vater war Weingärtner, seine Mutter eine Magd, und er selbst hütete in +seiner Jugend die Schweine. Deshalb scherzte er oftmals: "Ich bin aus +einem durchlauchtigen Hause; Sonne, Wind und Regen hatten freien Zugang +in die Hütte meiner Eltern." + +Sein Name war Felice Peretti, und er wurde 1521 zu Grotta a Mare, nicht +weit von Montalto in der Mark Ankona geboren. Ein Franziskaner, dem der +Junge gefiel, nahm ihn von den Schweinen weg und brachte ihn in ein +Kloster und somit auf die Leiter, die ihn zum Apostolischen Stuhl +führte. - Er stieg schnell. Papst Pius V. war ihm gewogen und machte ihn +zum Kardinal Montalto; aber Gregor konnte ihn nicht leiden, und so hielt +er es denn für zweckmäßig, sich ganz zurückzuziehen und dem Anschein +nach ein völliger Franziskaner zu werden. Er spielte seine Rolle so gut, +dass sämtliche Kardinäle angeführt wurden. Er stellte sich äußerst +demütig, einfältig und körperlich hinfällig, ließ sich geduldig "der +Esel aus der Mark" nennen und dachte, wer zuletzt lacht, lacht am +besten. + +Die Kardinäle waren bei der Papstwahl in sechs Parteien geteilt und da +keine der andern den Willen tun wollte, rief die größte Zahl der +Kardinäle, "dass der Esel aus der Mark Papst sein solle". Kaum wurde der +an seiner Krücke einherschleichende Montalto gewahr, dass er die meisten +Stimmen für sich habe, als er sogleich seine Krücke wegwarf, sich +kerzengerade in die Höhe richtete, bis an die Decke der Kapelle spuckte +und mit einer Stentorstimme ein Te Deum anstimmte, dass die Fenster +zitterten. + +Man kann sich den Schrecken der überlisteten Kardinäle denken. Als der +Zeremonienmeister den neuen Papst dem Gebrauch gemäß fragte, ob er die +Würde annehme? antwortete er: "Ich hätte noch Kraft zu einer zweiten", +und als ihm einer der stolzesten Kardinäle wegen seines guten Aussehens +Komplimente machte, sagte er lachend: "Ja, ja, als Kardinal suchten wir +gebückt die Schlüssel des Himmelreichs; wir fanden sie und sehen nun +aufrecht gen Himmel, da wir auf Erden nichts mehr zu suchen haben." + +Einer der Kardinäle, der sich immer für ihn interessiert hatte, wollte +seine verschobene Kapuze in Ordnung bringen, aber Montalto wies ihn +zurück und sagte: "Tut nicht so vertraut mit dem Papst." + +Kardinal Farnese, der dem nunmehrigen Papst niemals recht getraut und +ihn stets den Paternosterfresser genannt hatte, äußerte nun zu seinen +Kollegen: "Ihr meintet, einen Gimpel zum Papst zu machen; Ihr habt einen +dazu gemacht, der mit uns allen wie mit Gimpeln umgehen wird!" - +Pasquino erschien mit einem Teller voll Zahnstocher. + +Sixtus V. blieb auch als Papst ein strenger Mönch und griff nun mit +Energie in die bisher so jämmerlich schlaff gehandhabten Zügel der +Regierung. Zuerst war er darauf bedacht, das Land von den unzähligen +Räuberbanden zu reinigen, die unter Gregor XIII. so überhand genommen +hatten, dass kein Mensch seines Lebens sicher war. Fünfhundert +Verbrecher erwarteten, wie es bei einem Regierungsantritte gewöhnlich +war, ihre Befreiung; allein Sixtus ließ ihnen den Prozess machen und die +Galgen wurden nicht leer. "Ich sehe lieber die Galgen voll als die +Gefängnisse", pflegte er zu sagen. + +Ganz Rom geriet in Entsetzen, denn seine Strenge traf Reiche und Arme, +was man bisher gar nicht gewohnt gewesen war. Graf Pepoli, welcher die +Banditen beschützt hatte, wurde zu Bologna enthauptet, und die Villa des +Prälaten Cesarino ließ der Papst niederreißen, weil sie ein bekannter +Banditenschlupfwinkel war. + +"Ich verzeihe", sagte er, "was unter Montalto geschehen ist; aber als +Sixtus muss ich dieses Haus niederreißen und einen Galgen an die Stelle +setzen." Cesarino wurde vor Angst Karthäuser. + +Einer der Bargellos (Landhäscher), die nur zu oft mit den Banditen +gemeinschaftliche Sache machten, wollte sich verbergen, als er Sixtus +gewahr wurde. Dieser ließ ihn in Ketten legen und gab ihn nur unter der +Bedingung frei, dass er ihm innerhalb acht Tagen eine bestimmte Anzahl +Banditenköpfe einliefere. + +Ja, der Papst ging in seiner grausamen Gerechtigkeitsliebe zu weit, dass +er, um Verbrecher zu entdecken, die alten Kriminalakten durchstöbern +ließ. Einen gewissen Blaschi, der schon vor 36 Jahren wegen eines Mordes +nach Florenz entwischt war, ließ er requirieren und enthaupten. + +Diese Strenge gab Pasquino hinlänglich Stoff. Einst sah man an der +Bildsäule die Engelsbrücke abgebildet, mit den sich gegenüberstehenden +Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Petrus war in Stiefeln und +Reisemantel. Paulus äußerte sein Erstaunen und fragte nach der Ursache +des Reisekostüms, und Petrus antwortete: "Ich will mich fortmachen, denn +ich habe vor 1500 Jahren Malchus das Ohr abgehauen." + +Sixtus trieb seine Justiz mit förmlicher Leidenschaft, und einst nach +einer großen Hinrichtung äußerte er bei Tische: "Mir schmeckt es nie +besser als nach einem solchen Akt der Gerechtigkeit." - Pasquino +erschien wieder mit einem Becken voll kleiner Galgen, Räder, Beile usw. +und sagte: "Diese Brühe wird dem Heiligen Vater Esslust geben." + +Die Mütter schreckten jetzt ihre Kinder mit dem Papst, und wenn dieser +sich auf der Straße blicken ließ, so drückte sich jeder beiseite. Ein +Zeichen, dass es in Rom viele Spitzbuben und andere Leute gab, welche +die Strenge des Papstes zu fürchten hatten. Er verfolgte nicht allein +Banditen, sondern auch die Menschenfleischhändler oder die Kuppler, +welche den Kardinälen und liederlichen Reichen ihre Weiber und Töchter +zu verhandeln pflegten. Eine berühmte Buhlerin, Pignaccia, welche man +nur die Prinzessin nannte, ließ er hinrichten und von ihrem Vermögen ein +schönes Hospital erbauen. + +Für die Armen sorgte er in bedrängter Zeit väterlich und ließ nicht +allein Lebensmittel austeilen oder die Preise derselben herabsetzen, +sondern auch Seiden- und Tuchfabriken anlegen; den Adel nötigte er, +seine Schulden zu bezahlen, was demselben hart genug ankam. + +Ein schöner Zug von Sixtus war es, dass er sich früher erhaltener +Wohltaten erinnerte. Einem Schuster hatte er einst für ein Paar Schuhe +nur sechs Paoli bezahlt und gesagt: "Das übrige werde ich bezahlen, wenn +ich Papst bin." Nun bezahlte er seine Schuld mit Interessen und gab dem +Sohne des Schusters - ein Bistum. Ebenso belohnte er einen Prior, der +ihm vor vierzig Jahren vier Scudi geborgt hatte. + +Seine Verwandten vergaß er übrigens auch nicht, aber trotz dieser +Ausgaben und der nun bedeutend geringer gewordenen Einnahmen des +Päpstlichen Stuhles legte er doch drei Millionen Scudi im päpstlichen +Schatz nieder, während andere Päpste Schulden machten. + +Sixtus besaß Verstand und selbst Witz, aber gegen den anderer war er +sehr empfindlich. Pasquino trocknete einst sein Hemd am Sonntag. - +"Warum wartest du nicht bis Montag?" - "Ich trockne es, bevor die Sonne +verkauft wird", und sein ungewaschenes Hemd entschuldigte er: "Der Papst +hat mir meine Wäscherin (seine Schwester Camilla) zur Prinzessin +gemacht." + +Dieser Spott beleidigte Sixtus sehr. Er versprach dem Entdecker des +Verfassers tausend Dukaten, indem er dem Letzteren das Leben zusicherte. +Der Spötter dachte die Belohnung selbst zu verdienen und war dumm genug, +sich zu melden. Sixtus ließ ihn am Leben, wie er versprochen, allein er +ließ ihm die Zunge ausreißen und die Hände abhauen, dann tausend Dukaten +auszahlen. + +Trotz seiner mancherlei guten Eigenschaften und seines Hasses gegen die +Jesuiten und gegen den spanischen Tyrannen Philipp II. blieb er doch +immer ein fanatischer Mönch und fand es ganz in der Ordnung, dass die +Ketzer brennen müssten. Die Ermordung Heinrichs III. von Frankreich +billigte er, und als die rachsüchtige Elisabeth von England Maria Stuart +hatte hinrichten lassen, rief er aus: "Glückliche Königin! Ein gekröntes +Haupt zu ihren Füßen!" + +König Heinrich IV. und Elisabeth wusste er übrigens zu würdigen und +äußerte einst: "Ich kenne nur einen Mann und nur eine Frau, würdig der +Krone." Elisabeth erfuhr es und scherzte: "Wenn ich je heirate, muss es +Sixtus sein." Dieser rief, als man ihm die Äußerung hinterbrachte: "Wir +brächten einen Alexander zustande!" + +Die Jesuiten wollten Sixtus überreden, dass er einen Jesuiten als +Beichtvater annehmen solle, wie die andern Großen; er aber meinte: "Es +würde besser für die Kirche sein, wenn die Jesuiten dem Papst beichten +wollten." + +Er tat außerordentlich viel für die Verschönerung Roms und legte mehrere +nützliche Anstalten an. Unter ihm wurde auch der große ägyptische +Obelisk auf dem Piazza del Popolo wieder aufgerichtet, der zwei höchst +merkwürdige Inschriften hat: "Cäsar Augustus Pontifex Maximus unterwarf +sich Ägypten und weihte ihn der Sonne" auf der einen Seite und auf der +anderen: "Sixtus V. Pontifex Maximus weiht diesen Obelisken, nach dessen +Reinigung, dem Kreuze". + +Sixtus V. war den Kardinälen und den Römern zu streng, und so ist es +denn nicht zu verwundern, dass er bald anfing zu kränkeln. Sein Leibarzt +fühlte an des Patienten Nase, aber dieser fuhr zornig in die Höhe und +rief: "Wie! Du wagst es, einem Papst an die Nase zu greifen?" Der arme +Doktor ward krank vor Schrecken. + +Im Jahr 1590 starb dieser letzte gefürchtete Papst. Er hätte immer noch +länger leben können, wahrscheinlich zum Heil der Menschheit, denn er +ging damit um, die meisten Mönchsorden aufzulösen. Vielleicht starb er +an diesem Vorsatz. + +Die Römer waren froh, dass sie diesen Zuchtmeister los waren, und gaben +ihre Freude dadurch zu erkennen, dass sie die auf dem Kapitol stehende +Bildsäule des Papstes in Stücke schlugen. Pasquino sagte: "Mache ich je +wieder einen Mönch zum Papst, so soll mir ewig der Rettich im Hintern +bleiben." + +Der erste Papst im 17. Jahrhundert war Paul V., der nach den +verwickeltsten und seltsamsten Intrigen im Konklave gewählt wurde. Er +hätte gern Sixtus V. nachgeahmt; aber die Reformation hatte das Ansehen +der Päpste mächtig erschüttert. Paul wollte Venedig seine Macht fühlen +lassen; aber der Senat dieser Republik kehrte sich wenig an den +Bannstrahl des Papstes, der bereits zum Theaterblitz herabgesunken war. + +Der Papst tobte und verlangte durchaus Gehorsam; allein der savoyische +Gesandte klärte ihn über seinen Standpunkt in Bezug auf Regierungen und +Fürsten auf und sagte ihm geradezu: "Das Wort Gehorsam ist unschicklich, +wenn von einem Fürsten die Rede ist. Alle Welt würde es für vernünftig +halten, wenn Ew. Heiligkeit Mäßigung gebrauchten." + +Die Jesuiten versuchten es vergebens, das venezianische Volk zur +Empörung zu verleiten und endlich verließen sie mit einer Menge anderer +Mönche die Stadt. Das Volk schickte ihnen Verwünschungen nach. Der Senat +benahm sich überhaupt gegen die geistlichen Anmaßungen mit großer +Energie; alle Geistlichen gehorchten ihm und kehrten sich nicht an das +Interdikt. Nur der Großvikar des Bischofs von Padua ließ dem Senat auf +sein Verbot des Interdikts antworten, dass er tun werde, was Gott ihm +eingebe; als man ihm aber antwortete, Gott habe dem Senat eingegeben, +einen jeden Ungehorsamen hängen zu lassen, da kroch der Kuttenheld zu +Kreuze. + +In diesem Kampf zwischen Venedig und der päpstlichen Gewalt zeichnete +sich der Servite Paul Sarpi, auch Fra Paolo genannt, aus, indem er mit +seiner gewandten Feder die Anmaßungen des Papstes mit großer +Geschicklichkeit bekämpfte. Die Kardinäle Bellarmin und Baronius +strengten vergebens ihren Geist an, um Sarpi zu schlagen, trotzdem sie +die ganze Päpstliche Rüstkammer von Lügen zu Hilfe nahmen. + +Um den gefährlichen Feind los zu werden, beschloss man, Sarpi zu +ermorden. Eines Abends (1607) überfielen ihn Banditen und versetzten ihm +fünfzehn Dolchstiche. Als er sie erhielt, rief der Märtyrer der +Wahrheit: "Ich kenne den Griffel der römischen Kurie!" + +Sarpi starb indessen nicht an seinen Wunden, und der Anteil, welchen +alle Venezianer an seinem Schicksal nahmen, belohnte den wackeren +Schriftsteller für das, was er gelitten hatte. Da man den "römischen +Kurialstil" kannte, so musste eine Sicherheitswache Sarpi begleiten, +wenn er ausging, und der Arzt, der ihn geheilt hatte, wurde zum St. +Markusritter ernannt. + +Urban VII., der 1644 starb, war ein kleiner Tyrann, da es ihm an Macht +fehlte, ein großer zu sein. Die Ketzer aller Art hasste er gründlich und +war eifrig bemüht, überall das Feuer des Fanatismus gegen sie +anzuschüren. Er publizierte die wahnsinnige Bulle, die In coena Domini +beginnt und in welcher alle Spielarten der Ketzer bis in den +allertiefsten Abgrund der Hölle "im Namen des allmächtigen Gottes, des +Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" verflucht werden. Diese +Bulle wird bis auf den heutigen Tag alljährlich am Gründonnerstag zur +Erbauung der Gläubigen in allen römischen Kirchen öffentlich vorgelesen. + +Nebenbei war auch dieser liebenswürdige Papst, was man beim Militär +einen "Gamaschenfuchser" nennt. Er bekümmerte sich um die geringsten +Kleinigkeiten und behandelte sie mit der größten Wichtigkeit. So verbot +er bei strenger Strafe, in der Kirche Tabak zu kauen, zu schnupfen oder +zu rauchen. Aber der spätere Innozenz XII. ging noch weiter, indem er +jeden exkommunizierte, welcher in der Peterskirche schnupfen würde! - + +Urban befahl auch, dass sich die Chorherren von St. Anton nicht mehr im +Scherze - kitzeln sollten und dass man am Feste des heiligen Markus +keine - Ochsen mehr in die Kirche lasse. An anderen Festtagen gehen +seitdem desto mehr hinein, denn er ordnete auch an, dass neben den 52 +Sonntagen noch 34 Feiertage bei Todsünde gefeiert werden sollten. + +Er scharrte 20 Millionen Scudi zusammen, die er aber meistenteils für +seine Familie verwandte, und hinterließ noch eine Schuldenlast von 8 +Millionen. + +Innozenz X. war ein elender Papst, der sich ganz und gar von Donna +Olympia, der Witwe seines Bruders, seiner Mätresse, leiten ließ. Dieses +unverschämte Weib regierte die christliche Kirche und verhandelt ohne +Scheu Ämter und Pfründen. Um nur Geld zu bekommen, säkularisierte sie +zweitausend Klöster, das heißt, sie hob sie auf und zog deren Güter ein. +Noch in den zehn letzten Tagen vor dem Tode des Papstes soll sie eine +halbe Million Scudi beiseite geschafft haben. + +Als sie einst beim Spiel eine sehr bedeutende Summe verlor, sagte sie +lachend: "Ach, es sind ja nur die Sünden der Deutschen." Eine ähnliche +Äußerung erzählte man sich von Alexander VI. + +Der Papst protestierte gegen den Westfälischen Frieden, welcher der Welt +nach dreißigjährigem Krieg den Frieden wiedergab, weil durch ihn zehn +Stifte säkularisiert werden sollten. Selbst Österreich war empört über +solche Niederträchtigkeit, und die Bulle, welche der päpstliche Nuntius +an allen österreichischen Kirchen hatte anschlagen lassen, wurde +abgerissen und der Drucker derselben eingesperrt und um 1000 Taler +gestraft. + +Selbst Kaiser Ferdinand, so bigott er war, sagte zum Nuntius Melzi: "Der +Papst hat gut reden; im Reich geht es bunt zu, während er sich von +Olympia krabbeln lässt." + +Der letzte Papst im siebzehnten Jahrhundert war Innozenz XII., ein Mann, +der im Vergleich zu den anderen Päpsten ziemlich vernünftig genannt zu +werden verdient. Er erlebte die Freude, dass der Fürst, in dessen Land +die Reformation entstanden war, wieder in den Schoß der "allein +seligmachenden" römischen Kirche zurückkehrte, nämlich Friedrich August, +Kurfürst von Sachsen, der diesen Schritt tun musste, wenn er König von +Polen werden wollte und der wie Heinrich VI. von Frankreich dachte, +"dass eine Königskrone schon eine Messe wert sei". + +Im Innern dachte Friedrich August gar nicht römisch-katholisch, das +heißt, er war ein in Religionssachen freidenkender Mann. Als Prinz hatte +er in Wien genauen Umgang mit dem nachherigen Kaiser Joseph I. Dieser +klagte, dass ihm in der Burg ein Gespenst erschienen sei, welches ihn +vor Irrlehren gewarnt und gedroht habe, in drei Tagen wiederzukommen, +wenn er sich nicht bessere. + +Der sächsische Prinz bat Joseph, in seinem Zimmer schlafen zu dürfen, +denn er hatte große Lust, die nähere Bekanntschaft dieses Gespenstes zu +machen. Es kam auch wirklich wieder, aber Friedrich August packte es so +kräftig, dass das arme Vieh von einem Gespenst in seiner Angst: Jesus, +Maria, Joseph! stöhnte. Der Prinz warf das Gespenst zum Fenster hinaus +und siehe! es war Se. Hochwürden, der Beichtvater! + +Von den Päpsten im achtzehnten Jahrhundert ist nicht viel mehr zu sagen, +als dass sie meistens nach der Pfeife der Jesuiten tanzten und es +versuchten, ihre so ziemlich gestürzte öffentliche Macht auf +Schleichwegen wiederzuerlangen, indem sie das Fundament des Staates +durch die Jesuiten, ihre Hofmaulwürfe, unterminieren ließen, welche aber +nur soweit für das Interesse des Papstes arbeiteten, als es mit dem +ihrigen übereinstimmte. + +Im Allgemeinen fingen jetzt selbst die Heiligen Väter an, menschlicher +zu werden; das heißt, die viehischen Unflätereien, mit denen sich der +päpstliche Hof bisher beschmutzt hatte, wurden mehr im geheimen +getrieben, da man nunmehr Ursache hatte, öffentlichen Skandal zu +fürchten. In alten Zeiten setzte man sich in Rom über die öffentliche +Meinung hinweg; allein die Reformation hatte gelehrt, dass man dies +nicht ungestraft tun dürfe und dass es selbst den Vizegöttern nicht mehr +gestattet war, wie die Schweine zu leben. + +Benedikt XIV. (1740-1758) war der gelehrteste und humoristischste Papst, +der bisher auf dem angeblichen Stuhl Petri gesessen hatte. Er war +natürlich durch seine Stellung dazu gezwungen, die althergebrachten +Anmaßungen der Päpste, besonders solche, die Geld eintrugen, zu +unterstützen und zu verteidigen; allein so viel er konnte, suchte er +doch zu mildern und zu versöhnen. + +Ich will nur zwei Anekdoten von ihm erzählen, die ihn als Mensch +ziemlich charakterisieren. + +Nachdem er einst dem Herzog von York, also einem Ketzer, alle +Merkwürdigkeiten des Vatikans gezeigt hatte, umarmte er ihn und sagte: +"Um Absolution kümmern Sie sich nicht, aber der Segen eines alten Mannes +wird Ihnen nichts schaden." + +Ein alter Seekapitän, namens Mirabeau, stellte sich mit seinen jungen +Offizieren dem Papst vor. Die jungen Herren konnten sich nicht +enthalten, über die Etikette zu lachen. Der Kapitän stammelte einige +Entschuldigungen; aber Benedikt unterbrach ihn: "Seien Sie ruhig, ich +bin zwar Papst, aber ich habe keine Macht, Franzosen am Lachen zu +hindern." + +Clemens XIII. (1758-1768) war wieder ein Fanatiker. Er konnte die Zeit +nicht aus dem Sinn bekommen, wo Kaiser vor den Päpsten auf den Knien +herumgerutscht waren und wo sich die Völker ohne Murren das Fell über +die christlichen Ohren ziehen ließen. Alle päpstlichen Anmaßungen, +selbst diejenigen, welche man allgemein als solche verdammt hatte, waren +ihm geheiligte Anstalten zur Erhaltung der Kirche; sie waren ihm +Religion und Sache Gottes. + +Er erwartete alles Heil von den Jesuiten und sammelte diese um seinen +Thron. Dies gab Pasquino genug Veranlassung zum Spott. Einst äußerte +sich dieser steinerne römische Kladderadatsch: "Ich hatte einen Weinberg +gepflanzt und wartete, dass er Trauben brächte, und er brachte +Herlinge." Clemens setzte einen Preis auf die Entdeckung des Spötters; +am anderen Morgen antwortete Pasquino: "Es ist der Prophet Jeremias!" + +Der Papst erlebte indessen den Jammer, dass das fromme Portugal, ja auch +Frankreich, die Jesuiten zu ihrem Vater, dem Teufel, jagten und +Letzteres sie "für Feinde aller weltlichen Macht, aller Souveräne und +der öffentlichen Ruhe" erklärte. + +Clemens nahm indessen nicht Vernunft an; er bestätigte die Jesuiten aufs +neue; hatte aber kein Glück damit. Seine deshalb erlassene Bulle wurde +in Frankreich durch Henkershand verbrannt und ihre Bekanntmachung in +Portugal bei Lebensstrafe verboten. Das bigotte Spanien entschloss sich +sogar zu einem kräftigen Schritt. Alle Jesuiten in diesem Land wurden an +einem schönen Frühlingsmorgen aufgepackt und - nach dem Kirchenstaat +geschickt. Kurz, von allen Seiten wurde Jagd auf dieses gefährliche +Ungeziefer gemacht. Der von ihm nun halb aufgefressene Papst - er sollte +all die schwarzen Blutsauger ernähren! - trieb es so weit, dass +Frankreich große Lust bekam, den Starrkopf zu Rom selbst beim Kragen zu +nehmen; aber der Tod rettete ihn vor diesem Schicksal. + +Sein Nachfolger Clemens XIV. musste endlich der allgemeinen Stimme Gehör +schenken. Am 21. Juli 1773 wurde der Orden der Jesuiten aufgehoben. +Dieser Akt verursachte in ganz Europa den ungeheuersten Jubel. Als +Clemens die Aufhebungsbulle unterzeichnete, sagte er: "Diese Aufhebung +wird mich das Leben kosten." Er kannte seine Leute. Clemens starb an +Jesuitengift. Ein Großer in Wien fragte ganz naiv einen Ex-Jesuiten: +"Clemens ist tot, nicht wahr, Ihr habt ihm vergeben?" - "Ja, wie wir +allen Schuldigen vergeben!" antwortete mit der sanftesten Miene der +würdige Schüler Loyolas. + +Clemens XIV. war unter 200 Päpsten der beste. Er saß von 1768 bis 1774 +auf dem "Stuhl Petri", und wenn es denn doch einmal Päpste geben muss, +so wollte ich, er säße noch heute darauf. Mit Vergnügen liest man die +Lebensgeschichte dieses Mannes, und ich bedaure nur, dass ich nicht +länger bei derselben verweilen kann. + +Sein eigentlicher Name war Ganganelli. Er stieg durch seine Talente +allmählich zu den höchsten Kirchenwürden und als er, ohne dass er es +suchte, Papst wurde, blieb er ebenso einfach, wie er als Mönch gewesen +war. Seine Mittagsmahlzeit war ganz bürgerlich einfach, und als die +Hofköche über diese Einfachheit jammerten, sagte er: "Behaltet euer +Gehalt, aber verlangt nicht, dass ich über eure Kunst meine Gesundheit +verliere." + +Alle anderen Päpste waren darauf bedacht, ihre Nepoten - d.h. Vettern - +zu bereichern; er aber sorgte väterlich für das Wohl seiner Untertanen. +Als man ihn fragte, "ob man seiner Familie nicht durch einen Kurier von +seiner Erhebung Nachricht geben solle?", erwiderte er: "Meine Familie +sind die Armen, und diese pflegen die Neuigkeiten nicht durch Kuriere zu +erhalten." + +Ganganelli war ein vortrefflicher Mensch in jeder Beziehung und machte +eine der wenigen Ausnahmen von dem alten Erfahrungssatz, "dass sich +jeder ganz und gar ändere, sobald er Papst werde". Von seiner +päpstlichen Gewalt machte er, wo er konnte, den wohltätigsten Gebrauch, +und seine Menschenfreundlichkeit und Mildtätigkeit waren unbegrenzt. + +Zwei Soldaten wurden zum Tode verurteilt und endlich einer von ihnen +begnadigt. Sie sollten nun um ihr Leben würfeln, aber der Papst duldete +dies nicht, sondern begnadigte beide, indem er sagte: "Ich habe ja +selbst die Hasardspiele verboten." - Ein englischer Lord war von dem +Papst so entzückt, dass er ausrief: "Dürfte der Papst heiraten, ich gäbe +ihm meine Tochter." + +Nachdem Clemens die Sache der Jesuiten drei Jahre lang selbst auf das +sorgfältigste geprüft hatte, unterschrieb er die berühmte Bulle: Dominus +ac redemptor - die Bullen werden stets nach den Anfangsworten bezeichnet +-, wodurch die Jesuiten aufgehoben wurden und damit, wie er wohl wusste, +sein Todesurteil. - Schon in der Karwoche 1774 wirkte das Jesuitengift +in den Eingeweiden des trefflichen Mannes. Alle Gegenmittel waren +wirkungslos; er starb am 22. September. Der Körper war durch das Gift so +zerstört worden, dass selbst das Einbalsamieren nichts half. Die Haare +fielen aus, und selbst die Haut löste sich vom Kopf, so dass schließlich +bei der Ausstellung der Leiche das Gesicht mit einer Maske bedeckt +werden musste. - + +Schließlich muss ich von diesem Papst noch bemerken, dass er es für +unschicklich hielt, die Ketzer an jedem Gründonnerstag zu verfluchen, +und dass er daher die früher erwähnte berüchtigte Bulle In coena Domini +aufhob. Er schützte alle Männer von Verdienst, mochten sie nun +Katholiken oder Protestanten sein. Die Inquisition war ihm ein Gräuel, +und schon ehe er Papst war, befreite er manche aus ihren Krallen. + +Der dankbare Kammerpächter des Papstes, Giorgi, setzte ihm ein von dem +berühmten Bildhauer Canova verfertigtes Denkmal; aber ein weit schöneres +und unvergänglicheres errichtete Clemens XIV. sich selbst in der +Geschichte. + +Nach langem, heftigem Kampf im Konklave setzten es die Jesuiten durch, +dass abermals einer ihrer Freunde, namens Braschi, als Pius VI. Papst +wurde (1775-1799). Er war unwissend, listig, intolerant, stolz, +hochmütig, ausschweifend, starrsinnig, habsüchtig, herrschsüchtig, +jähzornig, diebisch, selbstgefällig und eitel. - Eine schöne Galerie von +schlechten Eigenschaften; aber dafür ist die Reihe der guten desto +kürzer, so dass es sich kaum der Mühe lohnt, sie zu nennen. Er war ein +guter Komödiant und ein hübscher alter Mann; das sind alle seine +Verdienste. + +Ein solcher Mensch war allerdings nicht geeignet, das wankende Papsttum +aufrechtzuerhalten. Ein Stückchen nach dem anderen bröckelte davon los, +und eine tüchtige Bresche in demselben verursachte ihm das Werk eines +Deutschen, des Weihbischofs von Trier, J. R. von Hontheim. Es handelte +"über den Zustand der Kirche und von der rechtmäßigen Gewalt des +Papstes", und in ihm war bewiesen, dass der Zustand der Kirche +erbärmlich und die Gewalt der Päpste usurpiert sei. + +Dieses vortreffliche Buch, das Resultat eines dreiundzwanzigjährigen +Fleißes, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt, tat dem Papsttum +unendlichen Schaden und rief eine Menge ähnlicher Schriften hervor. Der +achtzigjährige Hontheim wurde indessen durch allerlei Quälereien dahin +gebracht, zu widerrufen; er tat es, um in seinem hohen Alter Ruhe zu +haben; allein die in seinem Buche enthaltenen Beweise konnten dadurch +ihre Bedeutung nicht verlieren; widerlegt hat sie niemand. + +Kaiser Joseph II. machte mit dem Papst und den Pfaffen wenig Umstände. +Er hob sehr viele Klöster auf und hielt es für besser, das Geld seines +Volkes im Land zu behalten, als es nach Rom zu senden. Die Wechsel aus +Wien blieben aus und da Pius VI. dieselben nicht entbehren konnte, so +entschloss er sich, dorthin zu reisen, um womöglich die Verstopfung zu +heben. Der Kaiser ließ ihm zwar sagen, "er werde nächstens selbst nach +Rom kommen, um sich von Sr. Heiligkeit Rat zu erbitten," - allein Pius +wollte den Wink nicht verstehen. + +Die Wiener gerieten ganz außer sich über die Anwesenheit des Papstes in +ihrer Stadt. Seit dem Konstanzer Konzil war kein Papst in Deutschland +gewesen, und nun kam gar einer nach Wien! Und dazu einer, der es +verstand, prächtig Komödie zu spielen. Die Damen waren rein närrisch vor +Vergnügen und alles drängte sich herzu, um den im Vorzimmer +ausgestellten Pantoffel Sr. Heiligkeit zu küssen. + +Kaiser Joseph zuckte die Achseln zu dem Enthusiasmus seiner Wiener, +erwies dem Papst alle Ehre, allein machte dessen Reisezweck vollständig +zunichte. Als Pius nämlich auf die Hauptsache kommen wollte, bat Joseph, +alles schriftlich zu machen, er verstehe nichts von Theologie und +verwies ihn an den Staatskanzler Kaunitz. + +Der Papst erwartete nun wenigstens den Besuch dieses Ministers; allein +er wartete vergebens und der Heilige Vater musste sich entschließen, +selbst zu ihm zu gehen, unter dem Vorwand, seine Gemälde zu besehen. +Pius reichte dem Kanzler die Hand zum Kuss, aber dieser begnügte sich +damit, sie recht herzlich zu schütteln, und der Heilige Vater war ganz +verblüfft. Er wurde es noch mehr, als ihn Kaunitz ohne Umstände vor +seinen schönsten Gemälden hin und her schob, damit er den richtigen +Standpunkt finde. Dies wollte aber Pius in Wien nicht gelingen, und die +Million Scudi, welche die Reise kostete, war weggeworfen. + +Der Kaiser schenkte dem Papst einen schönen Wiener Reisewagen - +wahrscheinlich auch ein diplomatischer Wink! - und ein Diamantkreuz, +200.000 Gulden in Wert, als Pflaster auf die Wunde, die dem päpstlichen +Ansehen geschlagen war. + +Auf der Rückreise passierte Pius München und vergaß hier die erlittenen +Demütigungen. Er nannte diese Stadt das deutsche Rom, ein Name, um den +es andere deutsche Städte nicht beneiden. + +"Ich hoffe mein Volk noch zu überzeugen, dass es katholisch bleiben +kann, ohne römisch zu sein", sagte der beste deutsche Kaiser einst zu +Azara. Armer Kaiser! Es ging ihm wie seinem Vorgänger Friedrich II. von +Hohenstaufen; das dumme Volk ließ ihn im Stich. + +Pius erlebte aber nicht nur einen abtrünnigen Kaiser von Österreich, er +erlebte sogar die große Revolution, welche mit den Pfaffen den Kehraus +tanzte. 1798 rückte Berthier in Rom ein, und die neurömischen +Republikaner sangen: + + Non abbiamo Pazienza, + non vogliamo Erninenza, + non vogliamo Santita, + ma - Egualianza e Liberta. + +(Wir haben keine Geduld, wir wollen keine Eminenz, keine Heiligkeit, +sondern Freiheit und Gleichheit.) + +Man hatte gehofft, der nun schon sehr alte Heilige Vater werde vor +Alteration gen Himmel fahren; als er aber dazu noch keine Anstalten +machte, sannen die Republikaner darauf, ihn wenigstens aus Rom +fortzuschaffen. Der General Ceroni ging zu ihm und sagte: "Oberpriester! +die Regierung hat ein Ende; das Volk hat die Souveränität selbst +übernommen." + +Darauf nahm man dem Papst seine Kostbarkeiten und selbst seinen Ring ab +und verlangte, dass er die dreifarbige Kokarde aufstecken sollte. Der +alte Pius weigerte sich jedoch und sagte: "Meine Uniform ist die Uniform +der Kirche." Da nun nichts mit dem alten Manne anzufangen war, so packte +man ihn in einen Wagen, brachte ihn unter sicherer Eskorte nach Siena +und endlich nach Florenz in die dortige Karthause. + +Die frommen Katholiken unterstützten ihn reichlich, und der gedemütigte +alte Mann würde hier gern sein Leben beschlossen haben; allein so gut +wurde es ihm nicht. Nachdem ihm sein Nepote noch den Schmerz bereitet +hatte, mit dem Rest seiner Reichtümer durchzugehen, zwangen ihn die +Republikaner, bei der Annäherung des Feindes nach Frankreich zu reisen. + +Pius war krank und zeigte den Ärzten seine geschwollenen Füße und Beulen +mit den Worten des Pilatus: Ecce homo! Aber das, was das Volk so lange +von Päpsten und Fürsten erdulden musste, hatte die Herzen der +Republikaner für die Leiden eines alten Papstes unempfindlich gemacht. +Sie hatten die Bedrückung von Jahrhunderten und das Blut von Millionen +zu rächen, welches die Päpste "für den Glauben" vergossen hatten. Pius +musste fort über die Alpen durch Eis und Schnee, meistenteils bei Nacht, +um Aufläufe der Katholiken zu verhindern, bis er nach Valence an der +Rhone kam. + +Wir Deutsche sind weichmütige Narren, und die Leiden eines alten, +kranken, gedemütigten, wenn selbst bösartigen Feindes gehen uns ans +Herz. Mir geht es ebenso, und damit ich nicht sentimental werde, rufe +ich mir den deutschen Kaiser Heinrich IV. ins Gedächtnis, wie er, +körperlich und geistig krank, zu Fuß im strengsten Winter durch Schnee +und Eis die Alpen übersteigt, um im Schlosshof zu Canossa barfuß und +fast nackt sich vor einem Papst zu demütigen; ich sehe die Opfer der +Inquisition sich am Marterpfahl winden - und freue mich nur, dass die +Rachsucht der Republikaner nicht zufällig einen guten Papst, sondern +einen lasterhaften traf. + +Pius benahm sich indessen in seinen Leiden wie ein Mann, und es wäre +eine Ungerechtigkeit, das nicht anzuerkennen. Man wollte ihn von Valence +abermals weiter nach Dijon bringen, als er am 29. August 1799 starb. Er +hinterließ nichts als seine kleine Garderobe, 50 Livres an Wert, welche +der Maire für Nationaleigentum erklärte. - Die Revolutionen tun oft +einzelnen weh; aber noch häufiger tun sie der Gesamtheit der Menschen +gut. - Wo wären wir ohne 1848? + +Pius hatte versucht, sich durch viele geschmacklose Bauwerke zu +verewigen, auf welche er stets seinen Namen und sein Wappen setzen ließ, +und unternahm es auch, die berüchtigten Pontinischen Sümpfe +auszutrocknen, obwohl ohne Erfolg. Er verlor dadurch ungeheure Summen +und erwarb damit nichts als den Spottnamen Il Seccatore, welches der +Austrockner heißt, aber zugleich auch einen überlästigen Menschen +bedeutet. + +Bei Pius' Tode hatte Pasquino viel zu tun. Er antwortete auf die Frage: +"Wie fand man den Leichnam des Heiligen Vaters?" - "Im Kopf waren seine +Nepoten, im Magen Josephs Kirchenordnung und in den Füßen die +Pontinischen Sümpfe." + +Wer hätte es jemals gedacht, dass Frankreich, welches vor tausend Jahren +die Macht des Papstes schuf, einst den Vizegott auf Pension setzen +würde. Aber die Zeit der Wunder war wiedergekehrt, nur dass der +Wundertäter kein gläubiger Heiliger, sondern Napoleon I. war. + +Der große Bonaparte verriet die Freiheit und war klein genug, Kaiser +werden zu wollen, und das konnte er nur, wenn er die Dummheit der +Menschen förderte, und dazu brauchte er wieder einen Papst; denn Pfaffen +und Despotie gehören zusammen wie Stiel und Hammer. + +Der neue Papst Pius VII. salbte Napoleon. Pasquino konnte sein Maul +nicht halten; er antwortete auf die Frage: "Warum ist das Öl so teuer?" +- "Weil soviel Könige gesalbt und so viele Republiken gebacken sind." + +Mit Zittern und Zagen ging Pius nach Frankreich; aber die wilden Löwen +der Republik waren bereits wieder sanfte Schafe der Kirche geworden und +der Papst äußerte selbst: "Ich rechne darauf, als ehrlicher Mann +empfangen zu werden, aber nicht als Papst." + +Die Pariser waren indessen - durch das Revolutionssieb filtrierte +Pariser. Der Krönungszug war für sie kein heiliges Schauspiel, sondern +eine Farce, und als Pius VII. seinen Segen erteilte, riefen die Gamins: +bis! bis! + +Der Esel, auf welchem der Kreuzträger vor dem päpstlichen Wagen herritt, +erregte ihre ganz besondere Heiterkeit: "Ach, seht da die päpstliche +Kavallerie! Ach, der apostolische Esel: der heilige Esel, der Esel der +Jungfrau!" und schallendes Gelächter erschallte vor Notre Dame. + +Der Kaiser ließ den Papst eine Stunde in der Kirche warten und setzte +sich dann mit seiner Gemahlin selbst die Krone auf. Pius VII. spielte +eine untergeordnete Figurantenrolle. + +Zorn im Herzen, kehrte der Heilige Vater nach Rom zurück. Der Spott der +Pariser hatte ihn vielleicht etwas verrückt gemacht. Er wurde im +Kalender irre und meinte wahrscheinlich acht Jahrhunderte früher zu +leben, denn er dachte ernsthaft daran, alle Fürsten und alle Kirchen +wieder von sich abhängig zu machen. Er hatte das Papstfieber. + +Napoleon hatte indessen erreicht, was er wollte, und schonte den toll +gewordenen Papst nicht länger. Am 2. Februar 1808 rückte General Miollis +in Rom ein. Pius trat ihm entgegen und fragte: "Sind sie Katholik?" - +"Ja, Heiliger Vater", stammelte der General ganz verlegen. Pius gab ihm +schweigend den Segen und ging in sein Kabinett. + +Lachen wir auch über die Anmaßungen des Papstes, so müssen wir doch +gestehen, dass er seine Rolle dem allmächtigen Kaiser gegenüber gut +spielte. Das römische Volk war durch die harte Behandlung, die man den +Kardinälen und selbst dem Papst zuteil werden ließ, gegen die Franzosen +so erbittert, dass es diesem nicht schwer gewesen wäre, ein Seitenstück +zur Sizilianischen Vesper hervorzurufen. Dass er dazu Lust hatte, lässt +sich vermuten; allein, die Sache war doch zu gewagt, und Pius beschloss, +gute Miene zum bösen Spiel zu machen. + +Napoleon wollte ihn jedoch in Frankreich unter seiner speziellen +Aufsicht haben. Eines Nachts drangen Soldaten in den Vatikan, und der +Heilige Vater wurde in einem Lehnstuhl durch das Fenster hinabgelassen +und nach Frankreich gebracht. Hier lebte der Vizegott nicht "wie der +liebe Gott in Frankreich", sondern zurückgezogen und einfach und +begnügte sich damit, gegen die ihm angetane Gewalt zu protestieren. Er +gab dem Kaiser nicht einen Zoll breit nach, und das war männlich. In +einer Privatunterhaltung, die zufällig belauscht wurde, nannte er +Napoleon verächtlicherweise "Komödiant!", was den Kaiser so wütend +machte, dass er, um seinem Zorn Luft zu machen, ein kostbares +Porzellangefäß auf dem Boden zertrümmerte. + +Als Napoleon nach Elba verbannt wurde, zog Pius VII. (im Mai 1814) nach +Rom und gebärdete sich als echter Papst. Er hatte es erfahren, dass die +Macht aus den geistlichen Händen wieder in die weltlichen übergegangen +war. Mit Gewalt war sie nicht wiederzuerlangen, dazu fühlte er sich zu +unmächtig, aber es gab andere Wege, heimliche, verborgene, und die +Menschen waren noch immer dumm. + +Sein erstes Werk war es, die Jesuiten wiederherzustellen (7. August +1814). Die Erweckung der anderen Mönchsorden folgte nach, wie auch die +der Bulle In coena Domini, die alle Ketzer verflucht. Ja, die +Inquisition, selbst die Folter, trat wieder ins Leben und wurde gegen +mehrere unglückliche Carbonari angewandt. All der Unsinn der früheren +Jahrhunderte kam wieder zutage. Pius öffnete die seit Jahren +geschlossene Rumpelkammer des päpstlichen Zeughauses, und heraus +flatterten mittelalterliche Eulen und Fledermäuse. - Prozessionen, +Wallfahrten, Heiligenbilder und wie der Gaukelapparat heißen mag, kamen +aufs neue zur Geltung; das neue Licht sollte mit Gewalt ausgelöscht +werden. - + +Pius VII. fiel auf dem Marmorboden seines Zimmers, brach einen Schenkel +und starb am 20. August 1823 in einem Alter von 81 Jahren. + +Sein Andenken muss jedem Freunde fast noch verhasster sein als +irgendeines anderen Papstes aus der Zeit des früheren Mittelalters, weil +Pius im neunzehnten Jahrhundert lebte und aus Herrschsucht und Habgier +das römische Ungeziefer über die Erde losließ, unbekümmert über das +Unglück, welches dadurch angerichtet wurde; gleich jenem Jungen, von dem +die Zeitungen berichteten, der Scheunen in Brand steckte, - um dadurch +zu den Nägeln zu gelangen, wovon er den Erlös vernaschte. + +Leo XII., der nun folgte, war ein munterer Lebemann, von dem manche +deutsche Dame zu erzählen wusste. Dabei war er Jagdliebhaber, kurz, ein +ganz flotter Bursche. Pasquino meinte: "Wenn der Papst ein Jäger ist, so +sind die Kardinäle die Hunde, die Provinzen die Forste und die +Untertanen das Wild." - Ach, guter Pasquino, Wild waren die Untertanen +immer und das wird sich nur ändern, wenn sie ernstlich wild werden! + +Als Leo Papst wurde - wurde er eben wieder ein Papst! Er verkündete 1825 +ein Jubiläum und lud die Gläubigen ein, "die Milch des Glaubens aus den +Brüsten der römischen Kirche unmittelbar zu saugen". Bon appetit! + +Dieser Leo war ein solcher - Papst, dass er die Kuhpockenimpfung als +gottlos verbot, weil der Eiter eines Tieres mit dem Blut eines Menschen +vermischt werde! - Unter früheren Päpsten wurde für Geld selbst +Sodomiterei mit den Tieren erlaubt, und doch machen die Päpste Anspruch +auf Unfehlbarkeit. + +Leo trat ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers, und die Kirche, von +den Regierungen, besonders aber von der österreichischen, mit +despotischer Liebe unterstützt, erholte sich immer mehr von dem Schlag, +den ihr die Revolution versetzt hatte. Im Jahr 1827 bestand der +päpstliche Generalstab aus 55 Kardinälen, 10 Nuntien, 118 Erzbischöfen +und 642 Bischöfen. Die Armee der Weltgeistlichen, Mönche und Jesuiten +vermag ich nicht zu taxieren. + +Leo starb 1829, und ihm folgte Pius VIII., der bereits am 30. November +1830 ebenfalls starb, nachdem er den Obskurantismus nach besten Kräften +befördert hatte. Wer daran zweifelt, der lese sein Generaledikt des +heiligen Officiums vom 14. Mai 1829, worin in Gemäßheit eines heiligen +Gehorsams und unter Strafe der Ausschließung und des Verbanntseins außer +den anderen Strafen, welche schon durch die heiligen Kanone, Dekrete, +Konstitutionen und Bullen der Päpste ausgesprochen werden, allen und +jeden, die der Gerichtsbarkeit des Generalinquisitors untergeben sind, +geboten wird: "binnen Monatsfrist alles, was sie wissen und erfahren +werden, gerichtlich anzugeben, in Betreff alles oder eines jeden von +denen, welche Ketzer oder der Ketzerei verdächtig und von ihr angesteckt +oder ihre Gönner und Anhänger sind - die vom katholischen Glauben +abgefallen sind - welche sich den Beschlüssen der heiligen Inquisition +widersetzt haben oder sich widersetzen, die entweder in eigener Person +oder durch andere, auf welche Art es auch geschehen mag, einen Diener, +Ankläger, einen Zeugen bei dem heiligen Gerichte in ihrer Person, ihrer +Ehre und ihren Vorrechten beleidigt haben oder beleidigen, zu beleidigen +gedroht haben oder zu beleidigen drohen - welche in eigener Wohnung oder +bei andren Bücher von ketzerischen Verfassern, Schriften, die Ketzereien +enthalten oder religiöse Gegenstände ohne Bevollmächtigung des Heiligen +Stuhles behandeln, ehedem besessen haben oder jetzt besitzen" etc. etc. + +Am 2. Februar 1831 bestieg der Kardinal Mauro Capellari unter dem Namen +Gregor XVI. den Päpstlichen Stuhl. Er hieß eigentlich Bartolommeo +Alberti Capellari und wurde 1765 in Belluno im Venitianischen geboren. +Im Jahr 1783 trat er unter dem Namen Mauro in den Kamaldulenserorden, +und nachdem er 1801 Abt, 1823 General seines Ordens geworden war, machte +man ihn 1826 zum Kardinal. + +Die Unzufriedenheit im Kirchenstaate war groß, und bald nach seiner +Besteigung des Päpstlichen Stuhles brachen Aufstände aus, welche jedoch +mit Hilfe österreichischer und französischer Truppen unterdrückt wurden. +Anstatt, wie er verheißen, das Los seiner unglücklichen Untertanen zu +erleichtern, zog er auf den Rat einiger Kardinäle die Zügel der +Regierung noch schärfer an, und jede freie Äußerung wurde im +Kirchenstaat noch härter bestraft als zu jener Zeit selbst in Österreich +oder Preußen. + +Schon unter Pius VIII. war Gregor XVI. zu politischen Unterhandlungen +gebraucht worden, und namentlich leitete er diejenigen, welche mit +Preußen wegen der gemischten Ehen gepflogen wurden. Als Papst geriet er +mit allen Regierungen in Streit, denn er trachtete danach, seine +geistliche Gewalt in ihrer alten Herrlichkeit wiederherzustellen. Alle +Anmaßungen der Päpste und der Hierarchie wurden von ihm mit Starrsinn +aufrechterhalten, alles, was dem entgegenstand, bekämpft und Anstalten +und Einrichtungen begünstigt, welche seit Jahrhunderten zur +Unterstützung dieses Strebens gedient hatten. Die Wissenschaften wurden +unterdrückt, die Jesuiten begünstigt und Klöster errichtet oder neu +aufgeführt. + +Mit Spanien und Portugal kam er in Streit, ebenso mit Preußen wegen der +Erzbischöfe Droste von Vischering und Dunin; mit Russland gleichfalls +und auch mit der Schweiz wegen Aufhebung der Klöster im Aargau. + +Er starb am 1. Juni 1846, und die Welt freute sich, einen Mann los zu +sein, dessen ganzes Trachten es gewesen war, die Weltuhr +zurückzustellen, während es überall gärte und das Volk zum Fortschritt +drängte. + +Zu seinem Nachfolger wurde Pius IX. erwählt, der jetzt noch auf dem +sogenannten Stuhl Petri sitzt und von dem man hofft, dass er der letzte +eigentliche Papst gewesen sein wird. Sein Name war Giovanni Maria Graf +Mastai-Ferretti. Er wurde am 13. Mai 1792 in Sinigaglia geboren. Er war +ein von den Damen sehr wohlgelittener junger Mann geworden, als er 1815 +in die päpstliche Garde treten wollte; allein leider konnte er nicht +angenommen werden, da er an der fallenden Sucht oder Epilepsie litt. Er +beschloss daher, die geistliche Laufbahn einzuschlagen, und fing an, die +unnütze Wissenschaft zu studieren, welche man Theologie nennt, die aber +den relativen Nutzen hat, dass sie zu hohen Ehren und Stellen führen +kann. + +Ein römisch-katholischer Priester darf aber an keinem körperlichen +Gebrechen leiden, und die Kirche hat sehr triftige Gründe dafür; der +junge Graf Ferretti würde daher mit seinen epileptischen Anfällen +gleichfalls von ihr zurückgewiesen worden sein, wenn sich nicht der +Himmel mit einem Wunder hineingemischt hätte. Ein Geistlicher in Loreto, +namens Strambi, heilte ihn von dem grässlichen Übel durch Magnetismus, +das heißt durch Handauflegen, - eine Kraft, welche übrigens auch viele +Ketzer haben und ausüben. + +Da nun nichts seiner Weihe als Priester im Wege stand, so wurde er in +Rom als Priester ordiniert und 1823 mit der Mission nach Chile in +Südamerika geschickt. Von dort kehrte er nach zwei Jahren zurück, wurde +1827 Erzbischof von Spoleto, 1833 Bischof von Imola und 1840 Kardinal. +Am 16.Juni 1846 wurde er zum Papst gewählt und als Pius IX. am 21. Juni +gekrönt. + +Selten trat ein Papst seine Regierung unter so günstigen Umständen an, +denn die Härte seines Vorgängers ließ jede versöhnliche Maßregel, jede +Verbesserung als doppelt wertvoll erscheinen. Da Pius IX. ein milder und +für einen Papst freisinniger Mann war, so trugen ihm die Italiener eine +an Enthusiasmus grenzende Liebe entgegen. Man erwartete indessen mehr +von ihm, als er in seiner Stellung als Papst leisten konnte und wollte, +und die von der revolutionären Partei ihm zugemuteten Schritte +überschritten diese Grenze. + +Das Jahr 1848 brach an; auch der Papst musste dem Sturm folgen und die +Verfassung vom März 1848 bewilligen, obwohl mit Widerstreben. Das +konstitutionelle Regieren war aber einem Papst ein ungewohntes Ding, und +um den heraufbeschworenen Geist in seine Schranken zu bannen, wurde von +ihm Graf Pelegrino de Rossi zum Minister ernannt, welcher das Volk durch +strenge Maßregeln in Furcht halten wollte. Das ging nicht im Jahr 1848, +und die Folge waren Aufstände in Rom und die Ermordung des missliebigen +Ministers. Die Aufregung stieg, und das von dem Volksverein dirigierte +Volk zog vor den Quirinal, seine Wünsche darzulegen. Der Papst wollte +"sich nicht imponieren lassen", allein als man das kanonische Recht - +das heißt wirklich metallische Kanonen - gegen ihn anwandte, hatte er +nachzugeben und ein demokratisches Ministerium zu ernennen, an dessen +Spitze Graf Mamiani della Rovere stand. Da sich Pius aber aller Macht +beraubt sah, so hielt er es für zweckmäßig, am 24. November 1848 unter +dem Schutze des bayerischen Gesandten Graf Spaur und in einer +Verkleidung als Abbate aus Rom zu fliehen und sich in Gaeta unter den +Schutz des Königs von Neapel zu stellen. Die Folge davon war, dass Rom +zur Republik erklärt wurde. + +Eine politische Geschichte Roms liegt außer dem Bereich dieser Schrift, +die weniger mit dem Fürsten des Kirchenstaates als mit dem Oberhaupt der +römisch-katholischen Christenheit zu tun hat. Dass dieser zugleich +weltlicher Fürst und als solcher in politische Händel verwickelt ist, +ist ein Umstand, welcher selbst von vielen Katholiken beklagt wird, da +er dem Oberhaupt der Kirche die Würde raubt. Wie derselbe in seiner +Eigenschaft als Fürst durch französische Bajonette noch immer künstlich +erhalten wird, ist bekannt wie auch die ziemlich gewisse Hoffnung, dass +mit dem Aufhören dieses Schutzes der Papst von seinen weltlichen +Regierungssorgen erlöst werden wird. + +So bewegt und trübe die Laufbahn des Papstes Pius IX. als Fürst war, so +waren doch seine Erfolge als Oberhaupt der Kirche für ihn sehr günstig. +Er trat genau in die Fußstapfen seines Vorgängers, allein er tat es in +weniger schroffer Weise als dieser. Es gelang ihm, mit fast allen +Mächten Konkordate abzuschließen, durch welche die Macht und das Ansehen +der römischen Kirche wiederhergestellt wurden. Besonders erfolgreich war +er in dieser Beziehung in Frankreich und Österreich, wo die Kirche ihren +ganzen verderblichen Einfluss auf die Schulen wiedergewann. + +Die Fürsten, durch das Jahr 1848 erschreckt, hielten es für notwendig, +den verdummenden und knechtenden Einfluss der Kirche auf das Volk wieder +zur Unterstützung ihrer eigenen despotischen Gelüste zu Hilfe zu rufen, +während andererseits die römische Kirche, besonders in Deutschland, +danach strebte, sich von dem Einfluss der weltlichen Regierungen +möglichst frei zu machen. Zu dem letzteren Zweck wurden die Piusvereine +gestiftet, deren erster 1848 im April in Mainz gegründet wurde und deren +Zahl bald so sehr wuchs, dass bereits im Oktober desselben Jahres eine +Generalversammlung von 83 solcher Vereine beschickt wurde. Von diesen +Vereinen gingen nun unter verschiedenen Namen wieder andere Vereine +hervor, die sämtlich für die Wiederherstellung der römischen +Herrlichkeit in der umfassendsten und praktischsten Weise wirkten. + +Der ausgesprochene Zweck dieser Vereine ist es, mit allen gesetzlichen +Mitteln zu wirken für die Freiheit des römischen Glaubens und Kultus, +für das göttliche Recht der Kirche zu lehren und zu erziehen; für +unbeschränkten Verkehr zwischen Bischöfen und Gemeinden und zwischen +beiden und dem Papst; für Heilung der Notstände und für freie Verwaltung +und Verwendung des Kirchenvermögens. In politischer Beziehung wollten +die Vereine nur zur Unterstützung der obrigkeitlichen Gewalt und zur +Förderung der staatlichen Zwecke indirekt beitragen; allein sie +beschränkten sich keineswegs darauf, sondern griffen, wo immer möglich, +direkt in die Politik ein. + +Pius IX. ist weit entfernt, das Unzeitgemäße der Lehren der römisch- +katholischen Kirche zuzugeben, sondern im Gegenteil eifrig bemüht, den +Glauben an alle im Mittelalter zur Geltung gebrachten Dogmen wieder zu +erwecken, und die Welt erlebte von ihm die wunderbare Tatsache, dass er +die wahnsinnige Lehre von der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria +am 8. Dezember 1854 in der Peterskirche durch feierlichen Akt zum Dogma +erhob. + +Während die Tätigkeit der römischen Kirche in Deutschland solche Erfolge +errang, verlor sie immer mehr und mehr in Rom und in ganz Italien und +besonders in Sardinien und im jetzigen Königreich Italien, dessen +konstitutionelle Regierung den Anmaßungen der Kirche entschieden +entgegentrat. + +Den härtesten Schlag erhielt jedoch die römische Kirche, oder vielmehr +die päpstliche Gewalt, durch den im Jahr 1866 stattgehabten Umschwung +der Dinge. Die von dem österreichischen Reichstag ausgesprochene +teilweise Aufhebung des Konkordats beraubte sie der Leitung des +Schulwesens und der Kontrolle über die Ehe und damit zweier der +mächtigsten Hebel ihrer Macht. + +Die große Tätigkeit, welche die römische Kirche durch ihre Vereine und +andere ihr zu Gebot stehenden Mittel entwickelt, und das immer dreistere +Auftreten derselben machten nicht nur manche Regierungen stutzig, +sondern veranlassten auch die Männer der Wissenschaft und selbst +diejenigen, welche sich nie um Religion kümmerten, sich gegen die +verfinsternden und die Entwicklung des freien Volksfortschritts +hemmenden Bestrebungen der Kirche mit aller Kraft zu erheben. Was immer +auch Papst Pius IX. von dem in diesem Jahr von ihm zusammenberufenen +Konzil für sanguinische Hoffnungen hegen mag, wer die Lage der Dinge mit +vorurteilsfreiem Auge betrachtet, sieht mit sonnenheller Klarheit, dass +ein für das Mittelalter berechnetes Institut im Jahr 1869 nicht wieder +aufblühen kann. Der Genius der Freiheit wird die Finsterlinge in den +Staub treten. + + + + +Sodom und Gomorrha + + + "Es ist kein feyner Leben auf erden, + denn gewisse zinß haben von seinem Lehen, + eyn Hürlein daneben und unserem Herre Gott + gedienet." + + +Die Reformation wurde recht eigentlich durch das Schandleben der +römisch-katholischen Geistlichen hervorgerufen, denn der Ablassunfug war +nur die nächste Veranlassung. Es lohnt sich daher schon der Mühe, einen +Blick in diese geistliche Kloake zu tun und zu prüfen, woher es kommt, +dass gerade diejenigen, welche durch ihre Stellung vorzugsweise dazu +berufen waren, den Menschen als Muster der Sitte voranzugehen, sich +durch die zügellosesten sinnlichen Ausschweifungen so sehr befleckten, +dass sie dadurch den allgemeinen Abscheu gegen sich hervorriefen. + +Die schaffende und erhaltende Kraft oder Macht, die wir Gott nennen, hat +allen lebenden Geschöpfen den Geschlechtstrieb gegeben. Sie machte ihn +zu dem mächtigsten Trieb, weil sie damit die Fortpflanzung verband, +worauf sie bei allen organischen Geschöpfen besonders vorsorglich +bedacht war; ja, sie stellte es nicht in den freien Willen, dem +Geschlechtstriebe zu folgen, sondern zwang dazu, ihm zu folgen, indem +sie die unnatürliche Unterdrückung desselben empfindlich strafte. Der +gewaltsam unterdrückte Geschlechtstrieb macht Tiere toll und Menschen zu +Narren, wie wir an einigen Beispielen im Kapitel von den Heiligen +gesehen haben. + +Die Befriedigung des Geschlechtstriebes ist also eine Naturpflicht und +an und für sich ebenso erlaubt und unschuldig wie die Befriedigung des +Durstes. Vom sittlichen Standpunkt aus beurteilt, verdienen der Fresser +und der Säufer in nicht geringerem Grade unsern Tadel als der in der +sinnlichen Liebe ausschweifende Wollüstling und die seltsame und +verkehrte Ansicht, wodurch wir selbst die naturgemäße Befriedigung des +Geschlechtstriebes gleichsam zu einem Verbrechen oder doch zu einer +Handlung stempeln, deren man sich schämen muss, - verdanken wir einzig +und allein der missverstandenen, verunstalteten, christlichen Religion. + +Das gesellschaftliche Zusammenleben machte es durchaus notwendig, dass +die Leidenschaften der Menschen geregelt werden, sei es nun durch die +sogenannte Sitte oder durch Gesetze. Wollte ein jeder seinen +Leidenschaften die Zügel schießen lassen, so würden sich Staat und +Gesellschaft bald in wilde Anarchie auflösen. Damit ein jeder Bürger, +auch der schwächste, im Genuss seines Lebens und Eigentums selbst gegen +den stärksten geschützt sei, muss jeder seinen natürlichen +Leidenschaften eine vom Gesetz bestimmte Grenze setzen, welche von den +Vollziehern dieser Gesetze, hinter denen die Gesamtheit des Volks steht, +sorgfältig bewacht und geschützt wird. + +Die Erfahrung lehrt, dass der Geschlechtstrieb gar oft die gewaltigsten +und verderblichsten Wirkungen hervorbringt, und so musste er denn +natürlich auch die ganz besondere Aufmerksamkeit der Gesetzgeber in +Anspruch nehmen. Sie fanden in der Ehe das geeignetste Mittel, den +Folgen geschlechtlicher Ausschweifungen vorzubeugen, und alle +zivilisierten Völker alter und neuer Zeit betrachten die Ehe als die +festeste Grundlage des Staatslebens und in jeder Hinsicht als ein höchst +segensreiches und die Menschen veredelndes Institut. + +Die christliche Kirche verkannte die Wichtigkeit der Ehe durchaus nicht, +und da sie unablässig bemüht war, den größtmöglichen Einfluss auf die +Menschen zu erlangen, so bemächtigte sie sich auch vorzugsweise der Ehe, +obwohl dieselbe die Kirche nicht mehr berührt als jede andere +gesellschaftliche Einrichtung, und behauptete, dass zur Schließung +derselben die priesterliche Einsegnung durchaus nötig sei; ja, sie ging +so weit, dass sie diese rein gesellschaftliche Übereinkunft, über welche +höchstens dem Staat eine Kontrolle zusteht, für ein sogenanntes +Sakrament erklärte. + +Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, dass die Päpste selbst die +schamlosesten Betrügereien nicht scheuten, wenn es die Vergrößerung +ihrer Macht galt, und so kann es uns nicht mehr besonders auffallen, +wenn wir nachweisen, dass sie auch in Bezug auf die Ehe wahrhaft +lächerliche Inkonsequenzen begingen. + +Die Ehe, dieses heilige Sakrament, wurde den Geistlichen verboten, weil +es sie verunreinige! - Den wahren Grund dieses Verbotes habe ich bei +Erwähnung Gregors VII. im vorigen Kapitel erwähnt, und der angegebene +Zweck wurde damit erreicht, obwohl dadurch Folgen erzeugt wurden, welche +der römischen Kirche fast ebenso großen Nachteil brachten wie den +Menschen im Allgemeinen. + +Die Geistlichen wurden durch das Zölibat - so nennt man die erzwungene +Ehelosigkeit römischer Priester - völlig isoliert und ihre Verbindung +mit den übrigen Menschen und dem Staat zerrissen, dafür aber desto +fester an die Kirche, das heißt an den Papst, gefesselt; denn dieser ist +es ja, von dem jeder römisch-katholische Geistliche in höchster Instanz +sein zeitliches Heil zu erwarten hat. Der alte Vizegott in Rom ist ihm +Familie und Vaterland. Ein echt römisch-katholischer Geistlicher kann +gar kein guter Patriot oder guter Staatsbürger sein. + +Was kümmern sich die Päpste um die abscheulichen Folgen des Zölibats. +Sie wollen unumschränkt herrschen um jeden Preis, wenn auch durch ihren +schändlichen Egoismus die Moralität der ganzen Welt samt dem Christentum +zu Grunde geht. Die Heiligen Väter in Rom werden durch nichts anderes +bewegt als durch ihren Eigennutz, welche erhabenen Gründe sie auch mit +salbungsvollen Worten zur Bemäntelung desselben vorbringen mögen. + +Weder Tonsur noch Weihen vermögen es, den Geistlichen die "menschlichen +Schwächen", wie man dummerweise die Regungen des Naturtriebes häufig +nennt, abzustreifen. Die Natur respektiert einen geweihten Pfaffenleib +ebenso wenig wie den irgendeines anderen tierischen Organismus und +kämpft mit ihm um ihr Recht. Diese Kämpfe endeten bei gewissenhaften +Geistlichen, denen es mit ihrem Keuschheitsgelübde ernst war, gar häufig +mit Selbstmord oder Wahnsinn oder mit unnatürlicher Befriedigung des +Geschlechtstriebes oder mit freiwilliger Verstümmelung. - Der +schlechtere Teil der Geistlichen, die ich hauptsächlich mit "Pfaffen" +meine, betrachtet dagegen die Ehe als eine Fessel, von der sie der gute +Gregor befreit hat, und tut wie jener Mönch, der nach langen Kämpfen +endlich dem Rate eines alten Praktikus folgte: "Wenn mich der Teufel +reizt, so tue ich, was er will, und dann hört der Kampf auf." Sie wissen +sich, was die Befriedigung des Geschlechtstriebes anbetrifft, für die +Ehe schadlos zu halten, indem sie nach Clemens VI. Ausdruck "wie eine +Herde Stiere gegen die Kühe des Volkes wüten". + +Diese Pfaffen nennt der heilige Bernhard "Füchse", die den Weinberg des +Herrn verderben und die Enthaltsamkeit nur zum Deckel der Schande und +Wollust brauchen, vor denen schon der Apostel Petrus gewarnt habe. "Man +müsse", fährt er fort, "ein Vieh sein, um nicht zu merken, dass man +allen Lastern Tür und Tor öffne, wenn man rechtmäßige Ehen verdamme." + +Jesus war selbst nicht verheiratet; aber bei vielen Gelegenheiten +äußerte er sich über die Ehe und erkannte sie als eine durch göttliche +Anordnung geheiligte Anstalt an (Matth. 5,31. 32; 19,3-7. 9.); ja, wir +wissen, dass er mit seiner Mutter und seinen Jüngern einer +Hochzeitsfeier in Kana in Galiläa beiwohnte (Joh. 2,2) was er nicht +getan haben würde, wenn er die Ehe überhaupt als eine unsittliche +Verbindung erkannt hätte. + +Die Apostel hatten drüber ganz dieselben Ansichten. Paulus nennt die Ehe +einen in allen Betrachtungen ehrwürdigen Stand (Hebr. 13,4) und erklärt +sogar die Untersagung derselben für eine Teufelslehre (1.Tim. 4,3). +Kurz, nach allen in der Bibel enthaltenen Lehren des Christentums ist +das Band, welches die Ehe um Mann und Weib schlingt, ein höchst +ehrwürdiges. + +Die Christen der ersten Zeit waren auch weit davon entfernt, die Ehe der +Geistlichen als etwas Unerlaubtes zu betrachten, ja, sie setzten +dieselben bei ihnen sogar voraus. Petrus selbst, dessen Nachfolger die +Päpste sein wollen, und die meisten der Apostel waren verheiratet. +Paulus verlangt von den Bischöfen und Diakonen, dass sie im ehelichen +Stande leben sollten. Er schreibt an Thimotheus: "Ein wahres Wort: wer +ein Bischofsamt sucht, der strebt nach einem edlen Geschäft. Ein Bischof +muss deswegen tadellos sein, eines Weibes Mann, nüchtern, ernst, +wohlgesittet, zum Lehrer tüchtig; kein Trunkenbold, nicht streitsüchtig +(nicht schmutziger Habgier ergeben), sondern sanft, friedliebend, frei +von Geiz; der seinem Haus gut vorstehe, der seine Kinder im Gehorsam +erhalte mit allem Ernst: denn wer seinem eigenen Haus nicht vorzustehen +weiß, wie kann er die Gemeinde Gottes regieren? (1.Tim. 3,1-5) Die +Diakonen seien eines Weibes Männer, wohl vorstehend ihren Kindern und +ihren Häusern." (Tim. 1,3. 12.) + +An Titus schreibt er: "Deswegen habe ich Dich in Kreta zurückgelassen, +damit Du das, was noch fehlt, vollends in Ordnung brächtest und in jeder +Stadt Priester (Älteste) ansetzest, wie ich Dir aufgetragen habe; wenn +nämlich jemand unbescholtenen Rufes ist, eines Weibes Mann, der gläubige +Kinder hat." (Tit. 1,5-6) + +Diese Stellen, welche noch durch zahlreiche andere vermehrt werden +könnten, sprechen so deutlich, dass es kaum begreiflich erscheint, wie +die Päpste es wagen konnten, die Rechtmäßigkeit des Zölibats der +Geistlichen aus der Bibel beweisen zu wollen. Sie würden auch mit diesem +Gesetz nie durchgedrungen sein, wenn nicht schon seit früher Zeit in der +christlichen Kirche die Idee von der Verdienstlichkeit des ehelosen +Lebens gespukt hätte. + +Wie diese dem Christentum so durchaus fremde Ansicht von der Ehe in +demselben allmählich Wurzeln fasste, auseinanderzusetzen würde sehr +weitläufig sein, und da ich hier mich darauf nicht einlassen kann, so +will ich mich bemühen, den Gang der Sache in flüchtigen Umrissen zu +skizzieren. + +Zur Zeit, als Jesus auftrat, hatte der Glauben an die alten Götter +eigentlich längst aufgehört. Der öffentliche Gottesdienst bestand in +leeren Zeremonien, und an die Stelle der Religion war die Philosophie +getreten. Selbst das Volk nahm teil an den philosophischen +Streitigkeiten wie heutzutage an den religiösen und hing teils diesen, +teils jenen der unendlich vielen aufgestellten Systeme an. + +Als nun das Christentum entstand und die Zahl der Anhänger desselben +sich vermehrte, wurden auch die alten philosophischen Ansichten, deren +man sich nicht so schnell entäußern konnte, in dasselbe mit +hinübergenommen, und man versuchte es, so gut es anging, dieselben mit +den christlichen Lehren zu vereinigen. + +Die reine Philosophie - Vernunftswissenschaft, Erkenntnislehre - kann +nie Schwärmerei erzeugen, welche eine entschiedene Feindin der Vernunft +ist; werden ihr aber religiöse Bestandteile beigemischt, so kann sie gar +leicht nicht allein zur Schwärmerei, sondern selbst zum wütendsten +Fanatismus führen. Aber fast alle philosophischen Systeme jener Zeit +hatten religiöse Bestandteile in sich aufgenommen, teils griechischen, +altorientalischen, ägyptischen oder jüdischen Ursprungs, und ihre +Anhänger und Bekenner waren meistens Gnostiker, das heißt Geheimwisser +oder Offenbarungskundige. In diese Systeme kam nun noch das christliche +Element, und das Resultat dieser Vereinigung waren oft sehr erhabene, +aber noch häufiger höchst abgeschmackte Lehrbegriffe über Gott, +Weltschöpfung, die Person Christi, den Ursprung des Übels, das Wesen des +Menschen usw. Wir haben es hier nur mit ihren Ansichten über die Ehe zu +tun. + +Vorherrschend unter den Offenbarungs-Philosophen war die Ansicht, dass +die Materie - das Körperliche - die Quelle alle Bösen und dass die Welt +nicht durch den höchsten Gott, sondern durch ein ihm untergeordnetes, +unvollkommeneres Wesen - Demiurg (Werkmeister) - geschaffen sei. Der +Körper der Menschen stehe unter der Herrschaft der Materie und des bald +mehr oder minder bösartig gedachten Demiurgs, und das Heil des +menschlichen Geistes bestehe darin, dass es sich von den Fesseln der +Materie und des Demiurgs losmache und zu dem höchsten Gott zurückkehre. +Mit anderen Worten heißt das: der Mensch soll ein rein geistiges Leben +führen und alle vom Körper ausgehenden sinnlichen Regungen wie einen +Feind bekämpfen. + +Hieraus geht schon deutlich hervor, dass die Ansichten dieser Schwärmer +der geschlechtlichen Vereinigung und der Ehe nicht günstig sein konnten. +Ehe ich einige dieser Ansichten namhaft mache, muss ich noch von dem +Brief des Paulus an die Korinther reden, welcher auf diese "Philosophie" +von bedeutendem Einfluss war. + +Die Christen in Korinth konnten sich über ihre Meinung von der Ehe nicht +einigen und baten den Apostel Paulus um Belehrung. Dieser erfüllte ihr +Begehr, und was er ihnen antwortete, kann jeder in der Bibel nachlesen +(1. Korinth. Kap. 7). Aus diesem Schreiben geht hervor, "dass es Paulus +für besser hielt, unverheiratet zu bleiben; aber er erklärt +ausdrücklich, dass er mit diesem Rat den Christen keine Schlinge werfen +wolle und dass derjenige, der es für besser halte zu heiraten, damit +durchaus keine Sünde begehe. (1. Korinth. 7,32.) + +Vergleichen wir die in diesem Brief enthaltenen Ratschläge mit seinen an +andern Stellen stehenden Aussprüchen über die Ehe, so möchte man mit dem +römischen Statthalter Festus ausrufen: "Paule, dein vieles Wissen macht +dich rasen!" Allein in dem Brief selbst ist der Schlüssel zu seiner +Handlungsweise enthalten: "Ich wollte Euch aber vor Sorgen bewahren." + +Die Christen erwartete damals eine stürmische Zeit der Verfolgungen und +Trübsal, dann auch die baldige Wiederkehr Christi zum Weltgericht, und +dieser Glauben hatte auf die Antwort des Paulus unverkennbaren Einfluss. +Ein Unverheirateter wird die Leiden des Lebens meistens leichter +ertragen als ein Familienvater; das wird jeder fühlen, der eine Familie +hat. + +Dieser Brief des Paulus diente den Verteidigern des Zölibats der +Geistlichen als Hauptstütze; sie vergaßen dabei aber außer den +besonderen Umständen, unter denen er geschrieben wurde, dass er an alle +Christen zu Korinth und nicht allein an die Geistlichen geschrieben war; +und hätte man die in ihm in Bezug auf die Ehe enthaltenen Ratschläge +allgemein als Befehl anerkennen wollen, so würde das Christentum bald +ein Ende gehabt haben, indem seine Anhänger ausgestorben wären. - Denn, +wenn Paulus sagt: wer heiratet, tut wohl; wer nicht heiratet, tut +besser, so sagt er doch auch: Es ist dem Menschen gut, dass er kein Weib +berühre. Das hätten sich die Geistlichen, welche das Zölibat +verteidigen, nur ebenfalls merken und als einen Befehl erachten sollen. +Ehe ist besser als Hurerei, und was Paulus darüber dachte, geht aus +Folgendem hervor: + +Durch die Ratschläge des Apostels, vielleicht auch dadurch verführt, +dass die Frauen, welche Ehelosigkeit gelobten, von der christlichen +Gemeinde erhalten und oft zu untergeordneten Kirchenämtern - zu +Diakonissen - gewählt wurden, versprachen mehrere Witwen in Korinth, +sich nicht wieder zu verheiraten. Die jungen Weiber hatten sich jedoch +zu viel Kraft zugetraut. Die Ehelosigkeit wurde ihnen höchst unbequem, +und viele von ihnen hätten gern wieder geheiratet, wenn sie es wegen +ihres Gelübdes gedurft hätten. Aber der "Fleischesteufel" - um auch +einmal diesen beliebten pfäffischen Ausdruck zu gebrauchen - kehrt sich +an kein Gelübde und plagte die armen, verliebten Weiberchen so sehr, +dass sie es endlich machten wie der oben erwähnte Mönch und ihm den +Willen taten, damit sie nur Ruhe gewannen. - Sie waren aber sehr schwer +zu beruhigen, und ihr unzüchtiges Leben fing an, Aufsehen zu machen. +Paulus fand sich dadurch veranlasst, zu verordnen, dass diese Frauen, +wenn sie Neigungen dazu bekämen, trotz ihres Gelübdes lieber heiraten +als ein unzüchtiges Leben führen sollten, "damit nicht den Gegnern des +Christentums dadurch eine willkommene und gerechte Veranlassung gegeben +werde, dasselbe zu verlästern". + +Die Päpste handelten jedoch ganz anders als der Apostel. Ihnen war es +nur um Ausrottung der Ehe unter den Priestern zu tun und sie gestatteten +sogar gegen eine Geldabgabe außereheliche, geistlich-fleischliche +Ausschweifungen, unbekümmert um das Ärgernis, welches dadurch gegeben +wurde; ja, sie gingen selbst mit dem schändlichsten Beispiel voran! + +Von ihnen gilt, was Paulus ahnungsvoll vorhersah: "Bestimmt aber sagt +der Geist, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen +werden, achtend auf Irrgeister und Teufelslehren, die mit +Scheinheiligkeit Lügen verbreiten, gebrandmarkt am eigenen Gewissen, die +verbieten zu heiraten und gewisse Speisen zu genießen, welche Gott +geschaffen, dass sie dankbar genossen werden von den Gläubigen und von +denen, welche die Wahrheit erkannt." + +Doch ich will wieder zu unseren Offenbarungsnarren zurückkehren und +anführen, was einige Sekten derselben von der Ehe hielten. + +Julius Cassianus, ein Hauptnarr, erklärte die Ehe für Unzucht, und die +ganze zahlreiche Sekte der Enkratiten floh die Berührung der Weiber +überhaupt als eine Sünde. Zu ihnen gehörten die Abeloniten in der Gegend +von Hippo in Afrika, die sich durchaus des geschlechtlichen Umgangs +enthielten. Um aber die Vorschrift des Paulus (1. Korinth. 7,29), dass +"diejenigen, die Weiber haben, seien, als hätten sie keine", +buchstäblich zu erfüllen, nahmen die Männer ein Mädchen und die Weiber +einen Knaben zur beständigen Gesellschaft zu sich, um in Verbindung mit +dem andern Geschlecht, aber doch außer der Ehe, zu leben. + +Ein gewisser Marzion, der von dem Heidentum zum Christentum übertrat, +trieb es mit der Entsagung besonders weit und litt wahrscheinlich am +Unterleibe, denn dafür sprechen seine hypochondrischen Lebensansichten. +Seine Genossen redete er gewöhnlich an: Mitgehasste und Mitleidende! - +Dieser trübselige Narr erklärte jedes Vergnügen für eine Sünde; er +verlangte, dass jeder von den schlechtesten Nahrungsmitteln leben +sollte, und von der Ehe wollte er vollends nichts wissen, denn diese +erschien ihm als eine privilegierte Unzucht. Er verlangte von seinen +Anhängern, wenn sie verheiratet waren, dass sie sich von ihren Weibern +trennten oder doch das Gelübde leisteten, sie nicht als ihre Weiber zu +betrachten. - Diese Sekte bestand bis zur Mitte des vierten Jahrhunderts +unter besonderen Bischöfen. + +Manche Lehrer dieser philosophischen Christensekten führten zur +Auflösung aller sichtlichen Ordnung. Karpokrates, der wahrscheinlich zur +Zeit des Kaisers Hadrian in Alexandrien lebte, lehrte: dass die +Befriedigung des Naturtriebes nie unerlaubt sein könne und dass die +Weiber von der Natur zum gemeinschaftlichen Genuss bestimmt wären. Wer +sich der sittlichen Ordnung unterwerfe, der bleibe unter der Macht des +Erdgeistes; sich aber allen Lüsten ohne Leidenschaft hingeben heiße +gegen ihn kämpfen und ihm Trotz bieten. + +Ein anderer Schwärmer namens Marzius führte geheimnisvolle Zeremonien +ein und machte besonders die Weiber damit bekannt, wodurch bei ihnen +alle Schamhaftigkeit vernichtet wurde. + +Von den Anhängern des Karpokrates erzählt man, dass sie bei ihren +Versammlungen die Lichter verlöschten und untereinander das taten, wobei +sich übrigens niemand gern leuchten lässt. Die Adamiten trieben es +ähnlich. Vor ihrem Tempel, den sie das Paradies nannten, war eine +bedeckte Halle. Unter dieser entkleideten sie sich und marschierten dann +nackt und paarweise in die Versammlung. Hier ergriff jedes Männlein ein +Fräulein - - und das nannte man die mystische Vereinigung. Ganz so wie +bei unsern gut protestantischen Muckerversammlungen. Die Seelenbräute +sind eine uralte Erfindung. + +Andere Häretiker - so hieß die ganze Klasse dieser seltsamen Philosophen +- gestatteten zwar die Ehe, verhinderten aber die Schwangerschaft, indem +sie es machten wie Onan, der Erzvater der Onanie. + +Montanus, der in der Mitte des zweiten Jahrhunderts in Phrygien lebte, +sagte: dass Jesus und die Apostel der menschlichen Schwäche viel zu viel +nachgesehen hätten. Er verachtete alles Irdische und legte auf die +Ehelosigkeit sehr großen Wert. + +Die Valesier, eine Sekte des dritten Jahrhunderts, zwangen ihre Anhänger +zur Kastration, ja, sie trieben dieselbe so leidenschaftlich, dass sie +gar häufig Fremde durch List in ihre Häuser lockten und diese +unangenehme Operation mit ihnen vornahmen. + +Die Lehren dieser Schwärmer, besonders über das Verdienst der +Ehelosigkeit, fanden in der christlichen Kirche sehr großen Beifall, und +besonders waren es die des Montanus, welche sowohl unter den Geistlichen +wie Laien großen Anhang fanden. Wenn nun auch die römische Kirche schon +frühzeitig jede kirchliche Gemeinschaft mit den Montanisten abbrach, so +behielt sie doch ihre Lehre über das Fasten und das Verdienstliche der +Ehelosigkeit. + +Das alles Irdische verachtet werden müsste, wurde bald der allgemeine +unter den orthodoxen Christen geltende Grundsatz. Wie den Anhängern des +Montanus waren ihnen Jesus und seine Jünger viel zu milde und +nachsichtig, und auf welche Abwege sie durch ihre asketische Schwärmerei +gerieten, haben wir im ersten Kapitel gesehen. + +Je mächtiger der Geschlechtstrieb war und je mehr sinnliches Vergnügen +seine Befriedigung gewährte, desto verdienstlicher erschien es, ihn zu +bekämpfen, und diejenigen, denen es vollkommen gelang, standen im +höchsten Ansehen und waren Gegenstand der allgemeinen Bewunderung. + +Die Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten waren meistens der Ansicht, +dass die Seelen gefallener Geister zur Strafe in einen Körper gebannt +wären und dass die sittliche Freiheit des Menschen in der Fähigkeit +bestände, sich durch Besiegung "des Fleisches" aus der niederen Ordnung +emporzuschwingen. - Der Irrtum lag in der Übertreibung; setzt man statt +"Besiegung" und Abtötung Herrschaft, so wird wohl jeder Vernünftige mit +der Lehre einverstanden sein. + +Die Ehe hielt man zwar nicht eigentlich für böse; allein man betrachtete +sie als ein notwendiges Übel zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts +und zur Verhinderung der Ausschweifungen, von dem man so wenig als nur +möglich Gebrauch machen müsse; man würdigte das schönste Verhältnis zu +einer bloßen Kinderbesorgungsanstalt herab. + +Die Vorliebe für den ehelosen Stand wurde immer allgemeiner und stieg +zum Fanatismus, so dass einer der ältesten Kirchenlehrer, Ignatius, sich +zu der Erklärung gezwungen sah: dass es sündlich sei, sich der Ehe aus +Hass zu entziehen. + +Der Philosoph Justinus, welcher den Märtyrertod erduldete, hielt es für +sehr verdienstlich, wenn man den Geschlechtstrieb ganz und gar +unterdrücke, indem man sich dadurch dem Zustande der Auferstandenen +annähere. Er verwarf daher auch die Ehe ganz und gar und verwies auf +Christus, der nur deshalb von einer Jungfrau geboren sei, um zu zeigen, +dass Gott auch Menschen hervorbringen könne ohne geschlechtliche +Vermischung. Einen Jüngling, der sich selbst kastrierte, lobte er sehr. + +Athenagoras und andere, die nicht so strenge waren, gaben die Ehe nur +wegen der Kindererzeugung zu. Clemens von Alexandrien verteidigte zwar +die Ehe und wies auf das Beispiel der Apostel hin; allein er gestand +doch zu, dass derjenige vollkommener sei, welcher sich der Ehe enthalte. + +Origenes, der sich selbst entmannte, sein Schüler Hierax und Methodius +verdammten die Ehe, und ihre Lehren fanden unter den Mönchen Ägyptens +großen Beifall. + +Einer der heftigsten Eiferer gegen die Ehe war Quintus Septimus Florens +Tertullian, Priester zu Karthago. Er erklärte die Ehe zwar nicht für +böse, aber doch für unrein, so dass sich der Mensch derselben schämen +müsse. Die zweite Ehe nannte er geradezu Ehebruch. Auf die Frage, was +aber aus dem Menschengeschlecht werden solle, wenn die Ehe aufhöre, +antwortete er: "Es kümmere ihn wenig, ob das Menschengeschlecht +ausstürbe; man müsse wünschen, dass die Kinder bald stürben, da das Ende +der Welt bevorstände." - Und Tertullian war selbst verheiratet. + +Die Lehren dieses sehr geachteten Kirchenvaters waren von sehr großem +Einfluss. Die Geistlichen, welche diese Ansichten von der +Verdienstlichkeit der Enthaltsamkeit verbreiteten und anpriesen, mussten +natürlich mit dem Beispiel vorangehen, und sie hatten in jener Zeit auch +noch die besten praktischen Gründe, sich der Ehe zu enthalten, da sie es +ja hauptsächlich waren, welche den Verfolgungen zum Opfer fielen. + +So kam es denn allmählich, dass die verheirateten Kirchenlehrer in eine +Art von Verachtung gerieten, und dieser Umstand war ein Beweggrund mehr +für die Geistlichen, sich der Ehe zu enthalten. Fanatische Bischöfe +wussten es bei den ihnen untergebenen Geistlichen mit Gewalt +durchzusetzen, dass sie sich nicht verheirateten, und das Volk sah immer +mehr in dem ledigen Stand einen größeren Grad der Heiligkeit. + +Diese Ansicht war schon im fünften Jahrhundert ziemlich allgemein, und +diejenigen Geistlichen, welche nicht aus Überzeugung unverheiratet +blieben, taten es aus Scheinheiligkeit, und die verheiratet waren, +wussten den Glauben zu erwecken, als lebten sie mit ihren Frauen wie mit +Schwestern. Fälle von Selbstentmannung kamen häufig vor; aber dessen +ungeachtet war um diese Zeit die Ehelosigkeit der Geistlichen weder +allgemein, noch wurde sie von der Kirche geboten. + +Der erste Versuch hierzu geschah im vierten Jahrhundert auf der in +Spanien von neunzehn Bischöfen abgehaltenen Synode zu Elvira (zwischen +305-309). Hier wurde es nicht allein verboten, Verheiratete als Priester +anzustellen, sondern man untersagte auch denen, die bereits im Ehestand +lebten, den geschlechtlichen Umgang mit ihren Weibern. + +Andere Synoden folgten dem Beispiel, und da man nun sehr häufig den +unverheirateten Geistlichen den Vorzug gab, so bewog dies viele zum +ehelosen Leben, und der Scheinheiligkeit und Heuchelei waren Tür und Tor +geöffnet. + +Auf der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Nicäa (325) stellte ein +spanischer Bischof den Antrag, die Ehe der Priester allgemein zu +untersagen; allein da erhob sich Paphnutius, Bischof von Ober-Thebais, +ein achtzigjähriger, in der höchsten Achtung stehender, unverheirateter +Mann, und verteidigte die Ehe mit solcher Wärme und so überzeugend, dass +sich die Versammlung damit begnügte, den Geistlichen die +Beischläferinnen zu verbieten. - Doch selbst die Erlaubnis, sich zu +verheiraten, brachte den dazu geneigten Priestern wenig Nutzen, denn der +Zeitgeist erklärte sich nun einmal gegen die Ehe. + +Einen bedeutenden Einfluss auf diese Zölibatsschwärmerei hatte das +Mönchswesen. Den fanatischen Mönchen war die Ehe und jede +geschlechtliche Berührung ein Gräuel; ja, sie gingen in ihrem verkehrten +Eifer so weit, dass sie sogar die Frauen verfluchten, und behaupteten, +dass man sie gleich einer ansteckenden Seuche oder gleich giftigen +Schlangen fliehen müsse. Sie riefen sich, wenn sie einander begegneten, +Sentenzen zu, welche sie immer daran erinnern sollten, dass das Weib zu +verachten sei, wie z. B. "Das Weib ist die Torheit, welche die +vernünftigen Seelen zur Unzucht reizt" und dergleichen. + +Was die allgemein auf das höchste verehrten Mönche als verwerflich +bezeichneten, erschien nun auch den Laien so, und wenn sich auch nicht +jeder zum Mönchsleben stark genug fühlte, so suchte man doch, selbst in +der Welt lebend, soviel als möglich Ansprüche auf asketische Heiligkeit +zu erwerben. + +Dieses Streben nach Heiligkeit erzeugte heldenmütige Entschlüsse, die +zwar subjektiv immer zu bewundern sind, aber doch mit Bedauern darüber +erfüllen, dass soviel moralisches Pulver ins Blaue hinein verschossen +wurde. + +Jünglinge und Jungfrauen schwärmten für die Keuschheit. Pelagius, später +Bischof von Laodicea, bewog noch im Brautbett seine Braut zu einem +enthaltsamen Leben; andere wurden in derselben kritischen Lage von ihren +Bräuten dazu beredet. Einige Beispiele habe ich schon früher angeführt. + +Einzelne Sekten, wie die Eustathianer und Armenier, erklärten jetzt +geradezu, dass kein Verheirateter selig werden könne, und wollten von +verehelichten Priestern weder das Abendmahl annehmen noch sonst mit +ihnen irgendeine Gemeinschaft haben. Da sie aber auch das Fleischessen +für sündlich erklärten und sie behaupteten, dass die Reichen, wenn sie +nicht ihrem ganzen Vermögen entsagten, nicht selig werden könnten, so +wurden ihre Lehren auf einem Konzil als irrtümlich verdammt. + +Das weitere Umsichgreifen des Mönchswesens erzeugte ein immer +allgemeineres Vorurteil gegen die Ehe, und die verheirateten Priester +bekamen einen immer schwierigeren Stand. + +Viele der Kirchenväter, deren Schriften allgemeine Verbreitung fanden, +waren mit asketischen Ansichten aufgewachsen und eiferten heftig gegen +die Ehe. Dies taten Eusebius und Zeno, Bischof von Verona, derselbe, der +erklärte, dass es der größte Ruhm der christlichen Tugend sei, die Natur +mit Füßen zu treten. + +Ambrosius, römischer Statthalter der Provinz Ligurien und Aemilien, trat +zum Christentum über und wurde acht Tage nach seiner Taufe zum Bischof +von Mailand gemacht. Er kannte kaum die christlichen Lehren, und da er +nicht hoffen konnte, sich durch Gelehrsamkeit auszuzeichnen, so +versuchte er es durch ein asketisches Leben. - Da es bis dahin noch für +Ketzerei galt, die Ehe zu verdammen - die Apostel waren ja verheiratet +gewesen, - so gestand er ihr immer noch einiges Gute zu; aber er konnte +in den Anpreisungen des ehelosen Lebens kein Ende finden und hatte es +besonders darauf abgesehen, den Jungfrauen ihre Jungfrauschaft zu +erhalten. Maria stellte er ihnen beständig als Muster auf und erzählte +die seltsamsten Wunder, die stattgefunden haben sollten, um die +Jungfrauschaft dieses oder jenes Mädchens zu retten. Ja, er ging so +weit, die Kinder zum Ungehorsam gegen die Eltern zu verführen, indem er +in einem Aufrufe an die Jungfrauen sagte: "Überwinde erst die Ehrfurcht +gegen deine Eltern! Wenn du dein Haus überwindest, so überwindest du +auch die Welt." + +Er erzeugte in Mailand durch seine Predigten einen solchen +Keuschheitsfanatismus unter den Mädchen, dass die jungen Männer in +Verzweiflung gerieten und vernünftige Eltern ihren Töchtern verbieten +mussten, seine Predigten zu besuchen. Sein Ruf war so weit verbreitet, +dass man ihm aus Afrika Jungfrauen zusandte, damit er sie zur Keuschheit +verführe. + +Augustin, der nach einem wilden Leben zum Christentum übertrat und +endlich auch Bischof von Hippo wurde, verdammte zwar die Ehe ebenfalls +nicht geradezu, trug aber durch seine Schriften sehr viel zur +Zölibatsschwärmerei bei. Er lehrte, dass der unverheiratete Sohn und die +unverheiratete Tochter weit besser seien als die verehelichten Eltern, +und sagte: "Die ehelose Tochter wird im Himmel eine weit höhere Stufe +einnehmen als ihre verehelichte Mutter: ihr Verhältnis wird zueinander +sein wie das eines leuchtenden und eines finsteren Sterns." + +Die Ehe zwischen Joseph und Maria stellte er als Muster einer Ehe auf, +denn sie lebten im ehelichen Verhältnis, hatten sich aber gegenseitig +Enthaltsamkeit gelobt. Früher sei die Ehe notwendig gewesen, um das Volk +Gottes fortzupflanzen, jetzt aber, da das Christentum bereits verbreitet +sei, müsse man auch diejenigen, welche sich Kinder zeugen wollten, zur +Enthaltsamkeit ermahnen. Man müsse wünschen, dass alles ehelos bleibe, +damit die Stadt Gottes eher voll und das Ende der Welt beschleunigt +würde. - Übrigens forderte Augustin von den Geistlichen nicht durchaus +Ehelosigkeit. + +Von dem allergrößten Einfluss auf das Zölibat und auf das Mönchsleben +war der uns schon bekannte Hieronymus. Er hatte selbst aus Erfahrung die +Macht des Geschlechtstriebes kennengelernt und schildert seine Kämpfe so +lebhaft, dass es Grauen erregt. + +"Ich", schrieb er an Eustochium, "der ich mich aus Furcht vor der Hölle +zu solchem Gefängnis verdammte, der ich mich nur in der Gesellschaft von +Skorpionen und wilden Tieren befand, befand mich doch oft in den Chören +von Mädchen. Das Gesicht war blass vom Fasten, und doch glühte der Geist +von Begierden im kalten Körper und in dem vor dem Menschen schon +erstorbenen Fleisch loderte das Feuer der Wollust. Von aller Hilfe +entblößt, warf ich mich zu den Füßen Jesu, benetzte sie mit meinen +Tränen, trocknete sie mit meinen Haaren, und das widerspenstige Fleisch +unterjochte ich durch wochenlanges Hungern." + +Besonders eifrig bemüht war auch Hieronymus, die Frauen für das +enthaltsame Leben zu gewinnen. Dies gelang ihm vortrefflich, denn durch +seinen Umgang mit den vornehmen Römerinnen hatte er sich eine sehr +genaue Kenntnis des weiblichen Herzens und seiner schwachen Seiten +erworben. + +Eine Stelle in seinen Briefen zeigt dies schon deutlich und beweist, +dass die Weiber vor tausend Jahren nicht anders waren, als sie es +heutzutage sind. Er schreibt nämlich an ein junges Mädchen, welchem der +Aufenthalt im Haus der Mutter zu eng wird: + +"Was willst du, ein Mädchen von gesundem Körper, zart, wohlbeleibt, +rotwangig vom Genuss des Fleisches und Weins und vom Gebrauch der Bäder +aufgeregt, bei Ehemännern und Jünglingen machen? Tust du auch das nicht, +was man von dir verlangt, so ist es doch schon ein schimpfliches Zeugnis +für dich, wenn solche Dinge von dir verlangt werden. Ein wollüstiges +Gemüt verlangt unanständige Dinge desto brennender, und von dem, was +nicht erlaubt ist, macht man sich desto lockendere Vorstellungen. + +Selbst dein schlechtes und braunes Kleid gibt ein Kennzeichen deiner +verborgenen Gemütsart ab, wenn es keine Falten hat, wenn es auf der Erde +fortgeschleppt wird, damit du größer zu sein scheinst; wenn es mit Fleiß +irgendwo aufgetrennt ist, damit zugleich das Garstige bedeckt werde und +das Schöne in die Augen falle. Auch ziehen deine schwärzlichen und +glänzenden Hosen, wenn du gehst, durch ihr Rauschen die Jünglinge an +sich. + +Deine Brüste werden durch Binden zusammengepresst, und der verengte +Busen wird durch die Gürtel in die Höhe getrieben. Die Haare senken sich +sanft entweder auf die Stirn oder auf die Ohren herab. Das Mäntelchen +fällt zuweilen nieder, um die weißen Schultern zu entblößen, und dann +bedeckt sie wieder eilends, als wenn es nicht gesehen werden sollte, +dasjenige, was sie mit Willen aufgedeckt hatte." + +Um die Mädchen zu verführen, Jesus zum Bräutigam zu erwählen, gebrauchte +er oft sehr seltsame Mittel, indem er dieses zarte Verhältnis höchst +üppig und unzart schilderte. So schreibt er zum Beispiel an Eustochium: +"Es ist der menschlichen Seele schwer, gar nichts zu lieben; etwas muss +geliebt werden. Die fleischliche Liebe wird durch die geistliche +überwunden. Seufze daher und sprich in deinem Bette: des Nachts suche +ich denjenigen, den meine Seele liebt. Dein Bräutigam muss in deinem +Schlafgemach nur mit dir scherzen. Bitte, sprich zu deinem Bräutigam, +und er wird mit dir sprechen. Und hat dich der Schlaf überfallen, so +wird er durch die Wand kommen, seine Hand durch das Loch stecken und +deinen Bauch berühren." + +Die keusche Ehelosigkeit erschien Hieronymus als das Höchste, und von +der Ehe weiß er nur das zu rühmen, - dass aus ihr Mönche und Nonnen +erzeugt würden! + +In sehr heftigen Streit geriet er mit Jovian, welcher die Ehe +verteidigte. Er bekämpfte die Lehren desselben mit großer Gewandtheit, +wenn uns auch die beigebrachten Argumente sehr häufig ein Lächeln +ablocken. + +In einer seiner Streitschriften führt er den Jovian redend ein. Er lässt +ihn fragen, wozu Gott die Zeugungsglieder geschaffen und warum er die +Sehnsucht nach Vereinigung in den Menschen gelegt habe? - Darauf +antwortet Hieronymus, dass diese Körperteile geschaffen wären, um den +Flüssigkeiten, mit denen die Gefäße des Körpers bewässert sind, Abgang +zu verschaffen! + +"Auf das aber", fährt er fort, "dass die Geschlechtsorgane selbst, der +Bau der Zeugungsteile, die Verschiedenheit zwischen Mann und Weib, und +die Gebärmutter, welche geeignet ist zur Empfängnis und Ernährung der +Frucht, einen Geschlechtsunterschied zeigen, will ich in Kürze +antworten. + +Wir sollen wohl deshalb nie aufhören, der Wollust zu frönen, damit wir +nie vergebens diese Glieder mit uns herumtragen? Warum soll wohl da die +Witwe ehelos bleiben, wenn wir bloß dazu geboren sind, nach Weise des +Viehes zu leben? Was brächte es mir denn für Schaden, wenn ein anderer +meine Frau beschläft? - Was will da der Apostel, dass er zur Keuschheit +auffordert, wenn sie gegen die Natur ist? Gewiss verdient es der +Apostel, der uns zu seiner Keuschheit auffordert, zu hören: Warum trägst +du dein Schamglied mit dir herum? Warum unterscheidest du dich von dem +Geschlecht der Weiber durch Bart, Haare und durch andere Beschaffenheit +der Glieder? usw. Lasst uns Christus nachahmen, der sich der +Zeugungsglieder nicht bediente und sie doch hatte." + +Die Art und Weise, wie der heilige Hieronymus die Ehe bekämpfte, fand +indessen wenig Beifall, wenn auch sehr viele mit ihm in der Hauptsache +übereinstimmen, und er sah sich genötigt, sich zu verteidigen. + +"In Streitschriften", sagte er, "habe man mehr Freiheit als im +Lehrvortrag und könne sich in ihnen selbst einer Art von Vorstellung +bedienen, um seinen Feind desto besser zu Boden zu stürzen." + +So schreibt er gegen einen Mönch, der ihn in Verdacht bringen wollte, +dass er die Ehe überhaupt verdamme, ganz in der alten Art, und schließt: +"Weg mit dem Epikur, weg mit dem Aristippus! Sind die Sauhirten nicht +mehr da, dann wird auch die trächtige Sau nicht mehr grunzen. Will er +nicht gegen mich schreiben, so vernehme er mein Geschrei über so viele +Länder, Meere und Völker hinweg: Ich verdamme nicht das Heiraten! Ich +verdamme nicht das Heiraten! Ich will, dass jeder, welcher etwa wegen +nächtlicher Besorgnisse nicht allein liegen kann, sich ein Weib nehme." + +Im ersten Kapitel habe ich angegeben, wie sich die Republik der +christlichen Gemeinde allmählich in eine Despotie verwandelte. Diese +Veränderung, in Verbindung mit dem mächtigen Einfluss des Mönchswesens, +wirkte für die Priesterehe sehr nachteilig. Ihre Gegner traten immer +entschiedener auf, und von der öffentlichen Meinung unterstützt, folgten +immer mehr Konzilien dem Beispiel der von Elvira. + +Ein allgemeines Verbot der Priesterehe war indessen bis zum Ende des +vierten Jahrhunderts noch nicht gegeben worden; aber dessen ungeachtet +verdankte sie ihr Fortbestehen weniger der Anerkennung ihrer +Rechtmäßigkeit als vielmehr einer teils auf besonderen Ansichten, teils +auf dem Gefühl der Unausführbarkeit der strengen Grundsätze begründeten +Nachsicht von Seiten der Bischöfe, während fortdauernd das Bestreben +dahin gerichtet war, ihr völlig ein Ende zu machen. + +Einen sehr bedeutenden Anteil an der Unterdrückung der Priesterehen von +Seiten der Machthaber der Kirche hatten der Geiz und die Geldgier +derselben. War es den Priestern erlaubt zu heiraten, so fiel auch ihr +Nachlass an ihre rechtmäßigen Kinder, und alles, was mit List und Betrug +zusammengescharrt war, ging der Kirche verloren. + +Da ich keine Geschichte der Kämpfe um die Priesterehe schreiben, sondern +mehr das Verderbliche des Zölibats zeigen will und auch dargetan habe, +wie die Idee von der Verdienstlichkeit der Ehelosigkeit unter den +Christen Eingang gewann, so kann ich mich in Bezug auf den ersten Punkt +umso kürzer fassen, als ich im Verfolg des zweiten noch genötigt sein +werde, auf jene Kämpfe zurückzukommen. + +Die griechische Kirche hatte die Überzeugung gewonnen, dass ein so +unnatürliches Gesetz wie das Zölibat ohne die größten Nachteile nicht +durchführbar sei, und auf einer unter Justinian II. im kaiserlichen +Palast Trullum gehaltenen Synode (692) wurde beschlossen, dass die +Geistlichen nach wie vor heiraten und mit ihren Weibern leben könnten. +Dieser vernünftige Beschluss behielt in der griechischen Kirche bis auf +den heutigen Tag seine Geltung. + +Die Trullanische Synode begnügte sich aber nicht allein damit, die +Priesterehe stillschweigend zu gestatten, wie es die von Nicäa tat, denn +dies würde am Ende wenig geholfen haben, sondern sie verordnete: dass +ein jeder, der es wagte, den Priestern und Diakonen nach ihrer +Ordination die eheliche Gemeinschaft mit ihren Weibern zu untersagen, +abgesetzt werden sollte. Ferner, dass diejenigen, welche ordiniert +werden und unter dem Vorwand der Frömmigkeit nun ihre Weiber +fortschicken, exkommuniziert werden sollten. + +Die Päpste Konstantin und Hadrian I. waren vernünftig genug, die +Beschlüsse der Trullanischen Synode zu billigen, und Papst Hadrian II. +(867-871) war selbst verheiratet. Noch am Anfang des elften Jahrhunderts +kann man es als Regel an nehmen, dass überall der bessere Teil der +Geistlichen in einer rechtmäßigen Ehe oder doch wenigstens in einem +Verhältnis lebte, welches der Ehe gleichgeachtet wurde. + +Die Päpste Viktor II., Stephan IX. und Nikolaus II. setzten jedoch die +Versuche fort, die Priesterehe abzuschaffen; aber der Hauptfeind +derselben war Gregor VII.; er verbot sie geradezu und zwang die schon +verheirateten Priester, ihre Weiber zu verlassen. + +Der Kampf der Geistlichen um ihre Rechte als Menschen, dauert zwei +Jahrhunderte. Endlich unterlagen sie; aber dieser Sieg brachte der +römischen Kirche keinen Segen. Die traurigen Folgen des Zölibats riefen, +wie ich schon im Eingange bemerkte, die Reformation hervor. Aber selbst +diese vermochte es nicht, den Starrsinn der Päpste zu brechen. Die +Fürsten drangen bei der Trientiner Kirchenversammlung auf Abschaffung +des Zölibats, welches als die Wurzel allen Übels betrachtet wurde; aber +vergebens; das Zölibat wurde von diesem Konzil bestätigt, und seine +Beschlüsse gelten noch bis heute. + +Das Vorurteil von der Verdienstlichkeit der Selbstquälerei und der +Vorzug, welchen fanatische Bischöfe den unbeweibten Geistlichen gaben, +bewogen viele von diesen zum ehelosen Leben, wenn auch ihre Neigungen +damit durchaus nicht übereinstimmten. Sie wussten es indessen schon +anzustellen, dass sie den Schein der Heiligkeit bewahrten, dabei aber +doch dem brüllenden Fleischesteufel im Geheimen opferten. Sehr günstig +war dafür die seltsame Sitte, dass unverheiratete Geistliche oder auch +Laien Jungfrauen zu sich ins Haus nahmen, welche gleichfalls Keuschheit +gelobt hatten. - Diese Jungfrauen nannte man Agapetinnen oder +Liebesschwestern. Mit diesen lebten die Geistlichen "in geistiger +Vertraulichkeit und platonischer Liebe". Sie waren fortwährend mit ihnen +beisammen und schliefen sogar meistens mit ihnen in einem Bett, +behaupteten aber, dass sie - eben nur miteinander schliefen. + +Dies zu glauben - nun dazu gehört eben Glauben. Von einigen weiß man mit +Bestimmtheit, dass sie mitten in den Flammen der Wollust unverletzt +blieben. Der heilige Adhelm zum Beispiel legte sich zu einem schönen +Mädchen, das sich alle Mühe gab, das geistliche Fleisch rebellisch zu +machen. Der Heilige benahm sich aber wie die drei Männer im feurigen +Ofen und bannte den Unzuchtteufel durch fortwährendes Psalmensingen. + +Ich kannte einen zwanzigjährigen Dragonerfähnrich, dem dies Kunststück +ohne Psalmensingen gelang. Wahrscheinlich ging es ihm und St. Adhelm wie +jenem Abt in Baden, von dem uns Hemmerlin, Kanonikus zu Zürich und +Probst zu Solothurn (starb 1460), erzählt, der sich zur Gesellschaft +zwei hübsche Dirnen holen ließ, und als sie nun da waren, höchst +ärgerlich ausrief: "Die verfluchten Versuchungen, gerade jetzt bleiben +sie aus!" + +Das faule Leben, welches die Pfaffen führten, und die asketischen +Übungen, welche sie mit sich vornahmen, waren der Keuschheit nichts +weniger als günstig. Von den geachtetsten und würdigsten Kirchenlehrern +aus den ersten Jahrhunderten, denen es mit Besiegung des +Geschlechtstriebes vollkommen ernst war, wissen wir, wie viel ihnen +derselbe zu schaffen machte und welche Kämpfe sie zu bestehen hatten. + +Basilius hatte sich in eine reizende Einöde zurückgezogen; aber er +gestand, dass er wohl dem Getümmel der Welt, aber nicht sich selbst +entgehen könne. "Was ich nun in dieser Einsamkeit Tag und Nacht tue", +schreibt er an einen Freund, "schäme ich mich fast zu sagen; - - indem +ich die innewohnenden Leidenschaften mit mir herumtrage, bin ich überall +gleicherweise im Gedränge. Deshalb bin ich durch diese Einsamkeit im +Ganzen nicht viel gefördert worden." + +Gregor von Nazianz behandelte seinen Körper auf härteste Weise, aber +dessen ungeachtet klagt er über die unaufhörlichen Neigungen zur +Wollust, über die Anfälle des Teufels und seine eigene Schwäche. Er +droht seinem rebellischen Fleisch, es durch Schmerzen aller Art so zu +entkräften, dass es ohnmächtiger als ein Leichnam werden solle, wenn es +nicht aufhören würde, seine Seele zu beunruhigen. Aber gerade seine +Kasteiungen machten ihn so entzündbar, dass er einst, als ein Verwandter +mit einigen Frauen in die Nähe seiner Wohnung zog, aus dieser flüchtete, +um nur seine Keuschheit zu retten! + +Ähnliche Beispiele haben wir schon im zweiten Kapitel kennengelernt. +Alle diese heiligen Männer sind entzündbar wie Streichhölzchen und +gleichen jenem würdigen Priester aus dem Gebiet von Nursia, welcher +gewissenhaft und standhaft genug war, seine Frau nach seiner Ordination +zu fliehen. Als er hochbetagt war, erkrankte er an einem Fieber und war +im Begriff, sein Leben zu enden, als seine Frau sich liebevoll über ihn +beugte, um zu lauschen, ob er noch atme. Da raffte der Sterbende seine +letzten Lebenskräfte zusammen und rief: "Fort, fort, liebes Weib, tu' +das Stroh hinweg, noch lebt das Feuer!" + +Climacus wusste ebenfalls aus Erfahrung, dass der "Fleischesteufel" der +am härtesten zu besiegende ist. Er sagte. "Wer sein Fleisch überwunden +hat, hat die Natur überwunden, ist über der Natur, ist ein Engel. - Ich +kann mit David sagen, dass ich in mir den Gottlosen wahrgenommen, der +durch seine Wut meine Seele ängstigte, - durch Fasten und Abtötung +verlor er seine Hitze, und da ich ihn wieder suchte, fand ich kein +Merkmal seiner Gewalt mehr in mir." Warum er ihn aber wieder suchte, das +hat der fromme Mann vergessen anzugeben. + +Der heilige Bernhard war ebenfalls ehrlich genug, die Macht dieses +"Gottlosen" anzuerkennen. "Diesen Feind können wir weder fliehen noch in +die Flucht schlagen, wenngleich Hieronymus die Flucht vor dem Weibe +anrät als der Pforte des Teufels, der Straße des Lasters - der Mann ist +eine Stoppel, nähert er sich, so brennt er." + +Was manche Heilige für wunderliche Dinge vornahmen, um die verzehrende +Liebesglut zu ersticken, haben wir schon früher gesehen. Der heilige Abt +Wilbelm legte sich auf ein Bett von - glühenden Kohlen und lud seine +Verführerin ein, sich zu ihm zu legen! Ja, dieser Heilige ließ das Grab +seiner verstorbenen Geliebten öffnen, weil er das Andenken an sie nicht +ausrotten konnte, und nahm ihren faulenden Körper mit in seine Zelle, um +ihn sich als Stärkungsmittel unter die Nase zu halten, wenn ihn der +Fleischteufel kitzelte. + +Solche Kämpfe hatten also sogar Heilige zu bestehen und gestanden ihre +Schwachheit ein; aber wie wenige Heilige gibt es unter den Geistlichen! +Die meisten gleichen wohl dem heiligen Augustin, Bischof von Hippo, der +bekannte, dass er einst Gott gebeten habe: "Er möge ihm die Gabe der +Keuschheit verleihen, aber nicht sogleich, indem er wolle, dass seine +wollüstigen Triebe erst gesättigt werden möchten." Dann ist die +Keuschheit freilich leicht. + +So stark nun auch der Glaube in der ersten Zeit des Christentums war, so +hieß es ihm doch etwas zu viel zumuten, nichts Böses zu denken, wenn ein +junger Mann und ein junges Weib in einem Bett schliefen, und viele +vernünftige Kirchenlehrer trachteten danach, dies anstößige und +verdächtige Zusammenleben zu bekämpfen. + +Dies tat unter andern schon der heilige Chrysostomus. Er schrieb: "Ich +preise glücklich diejenigen, welche mit Jungfrauen zusammen wohnen und +keinen Schaden nehmen, und wünschte selbst, dass ich solche Stärke +hätte; auch will ich glauben, dass es möglich sei, solche zu finden. +Aber ich wünsche auch, dass die, welche mich tadeln, mich überzeugen +könnten, dass ein junger Mann, welcher mit einer Jungfrau zusammen +wohnt, sich an ihrer Seite befindet, mit ihr an einem Tische speist, +sich mit ihr den ganzen Tag unterhält, mit ihr, um ein anderes zu +verschweigen, lächelt, scherzt, schmeichelnde und liebkosende Worte +wechselt, von Begierde ferngehalten werden könne. - - Ich habe +vernommen, dass viele zu Steinen und Statuen Neigung empfunden haben. +Vermag aber so viel ein Kunstwerk, was muss da erst vermögen ein zarter +lebender Körper?" + +Jedenfalls musste solches Zusammenleben den Weltkindern Stoff zum Spott +und zur Verdächtigung geben, und wenn man einen Pfaffen angreifen +wollte, so griff man ihn immer zuerst bei seiner Liebesschwester an. +Viele Jungfrauen bestanden zwar auf Untersuchung ihrer Jungfrauenschaft +durch Hebammen; aber der heilige Cyprian meint mit Recht: "Augen und +Hände der Hebammen können auch getäuscht werden." + +Am sichersten war es freilich, wenn der Geistliche den Beweis seiner +Unschuld führen konnte, wie der Patriarch Acacius, der von der +Kirchenversammlung zu Seleucia (489) der Unzucht beschuldigt wurde. Er +hob seine Kutte auf und bewies den ehrwürdigen Vätern durch den +Augenschein, dass Unzucht bei ihm ein Ding der Unmöglichkeit sei. + +Schon Tertullian spricht von der oftmals vorkommenden Schwangerschaft +solcher "Jungfrauen" und von den verbrecherischen Mitteln, welche sie +anwendeten, dieselbe zu verheimlichen; denn damals konnten sie sich noch +nicht damit entschuldigen, dass sie einen Papst gebären würden, wie es +später oftmals vorkam, als die Lehre geltend gemacht wurde, dass der +Vater der Päpste der - Heilige Geist sei! + +Die Synode von Elvira fand es auch schon für nötig, ihr Augenmerk auf +die platonischen Bündnisse zu richten, und verordnete, dass Bischöfe und +Geistliche nur Schwestern oder Töchter (aus früherer Ehe erzeugte) bei +sich haben sollten, welche das Gelübde der Keuschheit geleistet hatten. +Aber in den Verordnungen des Erzbischofs Egbert von York (um 750) finden +wir Strafen festgesetzt für Bischöfe und Diakonen, welche mit Mutter, +Schwester usw., ja mit vierfüßigen Tieren Unzucht treiben! Ein Beweis, +dass solche Vergehen vorkamen. + +Später suchte man das Übel dadurch zu steuern, dass man das Alter, +welches die Liebesschwestern haben mussten, sehr hoch ansetzte. Schon +Theodosius II. sah sich genötigt, zu bestimmen, dass die im Dienste der +Kirche stehenden Diakonissen über sechzig Jahre alt sein mussten, da es +vorgekommen war, dass ein Diakon eine vornehme Frau in einer Kirche von +Konstantinopel geschändet hatte. Dieses Alter schützte jedoch nicht +gegen die Unzucht, und ein ungenannter Bischof, der dagegen eiferte, +kannte die geile Natur der Pfaffenspatzen - so nannte man später die +Franziskaner zum Unterschied von den Dominikanern, die Schwalben hießen +- indem er schrieb: "Auch nicht ein altes noch hässliches Frauenzimmer +sollen die Geistlichen in ihr Haus nehmen, weil man da, wo man vor +Verdacht sicher ist, am schnellsten sündigt; auch die Lust sich nicht an +das Hässliche kehre, indem der Teufel ihr das hübsch mache, was +abscheulich ist." + +Den Beweis, wie früh sich schon die verderblichen Folgen des Vorurteils +gegen die Priesterehe zeigten, liefern die Beschlüsse der ersten +Konzilien. Das zu Elvira sah sich schon genötigt, Strafen festzusetzen +gegen unzüchtige Geistliche. "Wenn ein im Amt befindlicher Bischof, +Priester oder Diakon", heißt einer ihrer Beschlüsse, "erfunden worden +ist, dass er Unzucht getrieben habe, so soll er auch am Ende seines +Lebens nicht zur Kommunion gelassen werden." + +Das Konzil zu Neu-Cäsarea bestimmte, dass ein solcher Geistlicher +abgesetzt werde und Buße tun solle. Ja, diese Beschlüsse redeten auch +schon von Knabenschändungen und Sodomiterei mit Tieren. + +Doch was nützen alle strengen Strafbestimmungen, wenn sie gegen eine +Sache gerichtet sind, welche der Natur durchaus entgegen ist; sie können +höchstens bewirken, dass sich die mit der Strafe Bedrohten mehr Mühe +geben, ihre Handlungen zu verheimlichen; und schon die hier genannten +Kirchenversammlungen reden von Frauen der Geistlichen, die ihre im +Ehebruch erzeugten Kinder umbrachten. + +Gar viele Geistliche, die sich nach ihrer Ordination nicht von ihren +Frauen trennen wollten, gelobten sich ihrer zu enthalten; aber der +heilige Bernhard sagt: "Eine Frau haben und mit dieser nicht sündigen +ist mehr als Tote erwecken." - Wie oft wurde nicht dieses Gelübde +gebrochen, und wie oft wurde es nicht eben mit dieser Absicht geleistet! +War ein Geistlicher gewissenhaft, so hatte er den größten Schaden davon, +denn die mit der Enthaltsamkeit ihres Mannes unzufriedene Frau suchte +sich einen Stellvertreter, und zeigten sich die Folgen dieses Umgangs, +dann kam der unschuldige Mann in Verdacht, sein Gelübde gebrochen zu +haben. + +Dass die Frauen der Geistlichen sich gar häufig auf solche Weise und +manchmal selbst mit der Erlaubnis oder mit Wissen ihrer Männer +entschädigten, beweisen abermals die Bestimmungen des schon oft +genannten Konzils von Elvira. Eine derselben lautet: "Wenn die Frau +eines Geistlichen hurt und ihr Mann dies weiß und sie nicht sogleich +verstößt, so soll er auch nicht am Ende des Lebens die Kommunion +empfangen." + +Doch nicht allein die Ehe der Geistlichen, ja sogar die der Laien wurde +von der Kirche auf das sorgfältigste überwacht. Ich finde augenblicklich +dafür keinen früheren Beweis als in dem Buch von den Kirchenstrafen, +welches Regino, Abt von Prüm, im Jahr 909 auf Befehl des Erzbischofs +Rathbod von Trier schrieb. Dort heißt es: "Der Verehelichte, der sich 40 +Tage vor Ostern und Pfingsten oder Weihnachten, an jeder Sonntagsnacht, +am Mittwoch oder Freitag, von der sichtbaren Empfängnis bis zur Geburt +des Kindes von der Frau nicht enthält, muss, wenn ein Sohn geboren wird, +30 Tage, wenn eine Tochter geboren wird, 40 Tage Buße tun. Wer in der +Quadragesima (der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern) seiner Frau +beiwohnt, muss ein Jahr Buße tun, oder 16 Solidos an die Kirche bezahlen +oder unter die Armen verteilen. Tut er es in der Besoffenheit und +zufällig, so darf er nur 40 Tage Buße tun. - Jeder muss sich vor Empfang +des Abendmahls der Frau sieben, fünf oder drei Tage enthalten." + +Die Kirche verdankt das große Licht St. Iso in St. Gallen nur dem +Umstand, dass er von seinen vornehmen Eltern - in der Osternacht erzeugt +wurde, welche darüber Gewissensskrupel hatten und ihn der Kirche +widmeten. + +Schon früher bemerkte ich, dass der Eigennutz der Bischöfe großen Anteil +an der Verdammung der Priesterehe hatte. Bekam ein verheirateter +Priester keine Kinder, - nun dann sah man durch die Finger. Die Folge +davon war, dass sie die Schwangerschaft ihrer Weiber entweder +verhinderten, wie Onan, oder dass sie zu gefährlichen Mitteln ihre +Zuflucht nahmen. + +Ein südamerikanischer Indianerstamm soll ein ganz unschädliches Mittel +besitzen, die Empfängnis der Weiber zu verhindern, was oft von solchen +Frauen angewendet wird, die nicht gleich eine Familie haben wollen. Mich +wundert, dass noch niemand dasselbe aufgefunden und nach Europa gebracht +hat; er könnte sich große Verdienste um die römische Kirche und sonst +erwerben. + +Den Beweis dafür, wie es der Kirche ganz hauptsächlich darauf ankam, +dass die Geistlichen keine Kinder bekommen, die sie beerben konnten, +liefert ein Konzilium, welches Erzbischof Johann von Tours im Jahr 1278 +in London hielt. + +Dort heißt es in einer der Verordnungen: "Da die Fleischelust den +Klerikalstand vielfältig entehrt, besonders wenn es zum Kinderzeugen +kommt, so verordnen wir, dass die Kleriker, besonders die in den +heiligen Weihen sich befindlichen, sich nicht unterstehen, ihren im +geistlichen Stand erzeugten Söhnen und ihren Konkubinen etwas +testamentarisch zu vermachen. Solche Vermächtnisse sollen der Kirche des +Testators zufallen." + +Das Leben der Geistlichen in den ersten Jahrhunderten lernen wir sehr +genau aus den Schriften der Kirchenväter kennen, welche sich bemühten, +die unter denselben herrschende Verderbnis zu bekämpfen. Es erscheint +oft unglaublich, dass die Religion, die Jesus lehrte, zu so +abscheulichen Lastern führe konnte, wie sie uns in diesen Schriften +berichtet werden. Dass die Geistlichen sich für das Verbot der Ehe auf +andere Weise zu entschädigen suchten, nun, das ist menschlich und an und +für sich zu entschuldigen. Bei solchen Vergehen muss man nicht sowohl +den schwachen Menschen als vielmehr das naturwidrige Verbot verdammen, +welches zur Verletzung der Sittengesetze zwingt; aber anders ist es mit +den von den Bischöfen begangenen Schändlichkeiten und Verbrechen, die in +dem Geiz, der Herrschsucht und anderen bösen Leidenschaften ihre +Ursachen haben. + +Basilius schreibt an Eusebius, Bischof von Samosata: "Nur an die +allernichtswürdigsten Menschen ist jetzt die bischöfliche Würde +gekommen"; in einem Brief, welchen er und zweiunddreißig andere Bischöfe +an sämtliche Bischöfe Galliens und Italiens richten, wird der +schmachvolle Zustand der Kirche mit großer Wehmut geschildert: "Die +Schlechtigkeit der Bischöfe und Kirchenvorsteher", heißt es darin, "sei +so groß, dass die Bewohner vieler Städte keine Kirchen mehr besuchen, +sondern mit Weib und Kind außerhalb der Mauern der Städte unter freiem +Himmel für sich Gebete verrichteten." + +Gregor von Nazianz, Chrysostomus, Cyrill von Jerusalem usw. können nicht +grell genug die Sittenverderbnis der Geistlichen schildern. Diese hatten +es damit so weit gebracht, dass man die Unzucht als förmlich zum Pfaffen +gehörig betrachtete und nicht mehr für ein Verbrechen hielt. - Die +afrikanischen Synoden sahen sich gezwungen, zu verordnen, dass kein +Geistlicher allein zu einer Jungfrau oder Witwe gehen solle! + +Am lebhaftesten schildert die Geistlichen und den Sittenverfall der +damaligen Zeit der schon oft genannte heilige Hieronymus. Er schreibt in +einem Briefe an Eustochium: "Sieh, die meisten Witwen, die doch +verehelicht waren, ihr unglückliches Gewissen unter dem erlogenen Gewand +verbergen. Wenn sie nicht der schwangere Bauch oder das Geschrei der +Kinder verrät, so gehen sie mit emporgestrecktem Hals oder hüpfendem +Gang einher. - Andere aber wissen sich unfruchtbar zu machen und morden +den noch nicht geborenen Menschen. Fühlen sie sich durch ihre +Ruchlosigkeit schwanger, so treiben sie die Frucht durch Gift ab. Oft +sterben sie mit daran, und dreifachen Verbrechens schuldig, gelangen sie +in die Unterwelt, als Selbstmörderinnen, als Ehebrecherinnen an +Christus, als Mörderinnen des noch nicht geborenen Sohns. Ich schäme +mich, es zu sagen, o der Abscheulichkeit! es ist traurig, aber doch +wahr. + +Woher brach die Pest der Agapetinnen in unsere Kirchen herein? Woher ein +anderer Name der Eheweiber ohne Ehe? Ja, woher das neue Geschlecht der +Konkubinen? Ich will mehr sagen, woher die Hure eines Mannes? Ein Haus, +ein Schlafgemach, nur oft ein Bett umfasst sie, und nennen uns +argwöhnische Leute, wenn wir etwas Arges vermuten." + +Und weiter in demselben Briefe: "Es gibt andere, ich rede von Leuten +meines Standes, welche sich deshalb um das Presbyteriat und Diakonat +bewerben, um die Weiber desto freier sehen zu können. Ihre ganze +Sorgfalt geht auf ihre Kleider, auf dass sie gut riechen und die Füße +unter einer weiten Haut nicht aufschwellen. Die Haare werden rund +gekräuselt, die Finger schimmern von Ringen, und damit ihre Fußsohlen +kein feuchter Weg benetze, berühren sie ihn kaum mit der Spitze. Wenn du +solche siehst, solltest du sie eher für Verlobte als für Geistliche +halten. Einige bemühen sich ihr ganzes Leben hindurch nur darum, die +Namen, Häuser und Sitten der Matronen kennenzulernen. Einen von ihnen, +den vornehmsten in dieser Kunst, will ich kurz beschreiben, damit du +desto leichter am Lehrer die Schüler erkennst. + +Er steht eilfertig mit der Sonne auf, entwirft die Ordnung seiner +Besuche, sieht sich nach einem kürzeren Wege um, und der überlästige +Alte geht beinahe bis in die Kammern der Schlafenden. Wenn er ein +zierliches Kissen oder Tuch oder sonst etwas vom Hausrat sieht, so lobt, +bewundert und berührt er es; indem er klagt, dass es ihm fehle, presst +er es mehr ab, als dass er es verlangte, weil sich eine jede Frau +fürchtet, den Stadtfuhrmann zu beleidigen. Ihm sind Fasten und +Keuschheit zuwider; eine Mahlzeit billigt er nach ihrem feinen Geruch +und nach einem gemästeten jungen Kranich. Er hat ein barbarisches und +freches Maul, das immer zu Schmeichelworten gewaffnet ist. Du magst dich +hinwenden, wohin du willst, so fällt er dir zuerst in die Augen." - +Solcher geistlichen "Stadtfuhrleute" gibt es auch noch heutzutage und +ich könnte dem wackeren Hieronymus mehrere nennen, die zu seinem Porträt +vortrefflich passen würden. + +Dergleichen Schilderungen erweckten dem Hieronymus natürlich viele +Feinde, die sich dadurch rächten, dass sie ihn verlästerten. Viele Not +hatte er mit einem Diakon namens Sabinian. Dieser hatte eine Wallfahrt +zu allen liederlichen Häusern Italiens unternommen und nebenbei eine +Menge Jungfrauen genotzüchtigt und Ehefrauen verführt, von denen mehrere +wegen dieser Verbrechen öffentlich hingerichtet wurden. Endlich +verführte er auch die Frau eines vornehmen Goten, der diesen Schimpf +entdeckte, echt gotisch darüber ergrimmte und den liederlichen Pfaffen +auf Tod und Leben verfolgte. - Dieser kam mit einem Empfehlungsschreiben +zu St. Hieronymus nach Bethlehem, wo er in ein Kloster gesteckt wurde. +Hier sah er eines Tages eine Nonne aus dem Kloster der Paula, verliebte +sich in dieselbe, schrieb ihr Liebesbriefe und erhielt die Versicherung, +dass alle seine Wünsche erfüllt werden sollten, - als der Handel +entdeckt und die Keuschheit der Nonne gerettet wurde. - Sabinian fiel +Hieronymus zu Füßen und erhielt Verzeihung unter der Bedingung, dass er +die ihm auferlegte Buße tragen solle. Er versprach alles, hielt aber +nichts, lebte lustig wie zuvor und verleumdete Hieronymus, wo er konnte. +- Solche Galgenfrüchte trug schon damals der heilige Christbaum der +Kirche! + +Die Gesetzgebung des Justinian war der Priesterehe durchaus nicht +günstig, denn in einer Verordnung von 528 heißt es: "Indem wir die +Vorschrift der heiligen Apostel befolgen, verordnen wir, dass so oft ein +bischöflicher Stuhl in einer Stadt erledigt ist, die Bewohner derselben +über drei Personen von reinem Glauben und tugendhaftem Leben sich +vereinigen, um aus ihnen den Würdigsten hervorzuheben. Doch treffe die +Wahl nur einen solchen, der das Geld verachtet und sein ganzes Leben +Gott weiht, der keine Kinder und keine Enkel bat. - - Der Bischof muss +durchaus nicht durch Liebe zu den fleischlichen Kindern verhindert +werden, aller Gläubigen geistlicher Vater zu werden. Aus diesen Ursachen +verbieten wir, jemanden, der Kinder und Enkel hat, zum Bischof zu +weihen." In derselben Verordnung wird den Bischöfen auch verboten, in +ihrem Testamente ihren Verwandten etwas von dem zu vermachen, was sie +als Bischöfe erwarben. + +Die Gesetzgebung des Justinian war der Priesterehe durchaus nicht +günstig, denn in einer Verordnung von 528 heißt es: - "Indem wir die +Vorschrift der heiligen Apostel befolgen, verordnen wir, dass, so oft +ein bischöflicher Stuhl in einer Stadt erledigt ist, die Bewohner +derselben über drei Personen von reinem Glauben und tugendhaftem Leben +sich vereinigen, um aus ihnen den Würdigsten hervorzuheben. Doch treffe +die Wahl nur einen solchen, der das Geld verachtet und sein ganzes Leben +Gott weiht, der keine Kinder und keine Enkel hat. - - Der Bischof muss +durchaus nicht durch Liebe zu den fleischlichen Kindern verhindert +werden, aller Gläubigen geistlicher Vater zu werden. Aus diesen Ursachen +verbieten wir, jemanden, der Kinder und Enkel hat, zum Bischof zu +weihen." In derselben Verordnung wird den Bischöfen auch verboten, in +ihrem Testament ihren Verwandten etwas von dem zu vermachen, was sie als +Bischöfe erwarben. + +Die folgenden Bestimmungen sind noch strenger, und in einem Erlass von +531 befiehlt Justinian, dass niemand zum Bischof geweiht werde, als wer +keiner Frau ehelich beiwohne und Kinder zeuge. Statt der Frau möge ihm +die heiligste Kirche dienen. - Diese ist aber, nach des heiligen +Ambrosius üppiger Schilderung: eine nackte reizende Braut, deren schöne +und bezaubernde Gestalt Christus mit Begierde erfüllt und ihn bewogen +habe, sie zur Gemahlin für sich zu erwählen! + +Dass alle strengen Gesetze wenig fruchteten, dafür könnte man unendlich +viele Beweise anführen. Alle Synoden waren bemüht, schärfere +Verordnungen zu erlassen und auf einer im Jahr 751 gehaltenen wurde +bestimmt: "Der Priester, welcher Unzucht übt, soll in ein Gefängnis +gesteckt werden, nachdem er vorher gegeißelt und ausgepeitscht worden +ist." + +Rather von Verona, der zu Anfang des 10. Jahrhunderts lebte, klagt: "Oh! +wie verworfen ist nicht die ganze Schar der Kopfgeschorenen, da unter +ihnen keiner ist, der nicht ein Ehebrecher ist oder ein Sodomit." + +Unter so bewandten Umständen war es dann wohl natürlich, dass vielen +Christen Bedenken kamen, ob es wohl ziemlich sei, dass sie das, was sie +für das Heiligste hielten, das Abendmahl, aus so beschmutzten Händen +annehmen könnten. + +Auf eine deshalb an ihn gerichtete Frage antwortete Papst Nikolaus I.: +"Es kann niemand, so sehr er auch verunreinigt sein mag, die heiligen +Sakramente verunreinigen, welche Reinigungsmittel aller Befleckungen +sind. Der Sonnenstrahl, welcher durch Kloaken und Abtritte geht, kann +doch dieserhalb keine Befleckung an sich ziehen. Daher mag der Priester +beschaffen sein wie er will, er kann das Heilige nicht beflecken." Aus +diesem beruhigenden Bescheid und passend gewählten Vergleich sieht man +übrigens, dass die Pfaffen beim Papst in nicht besonders gutem Geruch +standen! + +Die Ansichten der Kirche von der Ehe übten aber nicht nur ihren +demoralisierenden Einfluss auf die Pfaffen selbst aus; die Ehrwürdigkeit +der Ehe im Allgemeinen litt darunter, denn es war nur natürlich, dass +ein Verhältnis, welches von den so hochverehrten Lehrern verachtet +wurde, auch bei den Laien nicht in besonderer Achtung stehen konnte. Die +Liederlichen benutzten daher gern die Zeitansicht, um ledig zu bleiben +und so ungezwungener ihren Leidenschaften zu folgen; und die +Verheirateten, welche ihrer Weiber überdrüssig waren, fanden leicht +einen heiligen Vorwand, sich ihrer zu enthalten und sich außer dem Haus +zu entschädigen. + +Das Leben der Päpste um diese Zeit, besonders im elften Jahrhundert, war +wenig geeignet, auf die Sittlichkeit der Geistlichkeit vorteilhaft +einzuwirken. Ich verweise in Bezug hierauf auf das vorige Kapitel. + +Ein großer Eiferer gegen die Priesterehe, obwohl auch gegen die Unzucht +der Pfaffen, war der Kardinal Petrus Damiani, der durch seine Schriften +einen ganz außerordentlich großen Einfluss ausübte; das heißt in Bezug +auf das Zölibat, aber nicht auf die Besserung der Geistlichen. Er war im +Jahr 1002 in Ravenna von ganz armen Eltern geboren, die schon so viele +Kinder hatten, dass sie nicht wussten, was sie mit dem neuen Ankömmling +anfangen sollten. Die harte Mutter fasste den Entschluss, den Knaben +auszusetzen, wurde aber durch die Frau eines Priesters davon abgehalten. + +Petrus weihte sich der Kirche und wurde endlich im Jahr 1058 oder 59 +Kardinalbischof von Ostia. Er nahm diese Stelle nur mit Widerstreben an +und, empört über die Verderbtheit der Pfaffen, gab er sie bald wieder +auf und zog sich in ein Kloster zurück, wo er 1069 starb. + +Damiani entwirft von dem Schandleben der Pfaffen in seinem Liber +Gomorrhianus ein trauriges Bild. Er beklagt und schildert darin ihre +Hurerei, ihre widernatürliche Unzucht, insbesondere ihre Sodomiterei, +ihre Unzucht mit Jünglingen und Knaben, ihre Unflätereien mit Tieren; +die Unzucht der Pfaffen und Mönche untereinander, mit ihren +Beichtkindern, und führt an, wie die gemeinschaftlichen Verbrecher, um +ungestört fortsündigen zu können, sich einander in der Beichte +absolvieren. + +Damiani wird in seinem Eifer gegen die Weiber der Priester oft spaßhaft, +und seine Anrede an dieselben ist wahrhaft originell. "Indes rede ich +auch Euch an, Ihr Schätzchen der Kleriker, Ihr Lockspeise des Satans, +Ihr Auswurf des Paradieses, Ihr Gift der Geister, Schwert der Seelen, +Wolfsmilch für die Trinkenden, Gift für die Essenden, Quelle der Sünden, +Anlass des Verderbens. Euch, sage ich, rede ich an, Ihr Lusthäuser des +alten Feindes, Ihr Wiedehopfe, Eulen, Nachtkäuze, Wölfinnen, Blutegel, +die Ihr ohne Unterlass nach Mehrerem gelüstet. Kommt also und hört mich, +Ihr Metzen und Buhlerinnen, Lustdirnen, Ihr Mistpfützen fetter Schweine, +Ihr Ruhepolster unreiner Geister, Ihr Nymphen, Sirenen, Hexen, Dirnen +und was es sonst für Schimpfnamen geben mag, die man Euch beilegen +möchte. + +Denn Ihr seid Speise der Satane, zur Flamme des ewigen Todes bestimmt. +An Euch weidet sich der Teufel wie an ausgesuchten Mahlzeiten und mästet +sich an der Fülle eurer Üppigkeit. Ihr seid die Gefäße des Grimms und +des Zorns Gottes, aufbewahrt auf den Tag des Gerichts. Ihr seid grimmige +Tigerinnen, deren blutige Rachen nur nach Menschenblut dürsten, Harpyen, +die das Opfer des Herrn umflattern und rauben und die, welche Gott +geweiht sind, grausam verschlingen. + +Auch Löwinnen möchte ich Euch nicht unpassend nennen, die Ihr nach Art +wilder Tiere eure Mähne erhebt und unvorsichtige Menschen zu ihrem +Verderben in blutigen Umarmungen räuberisch umklammert. Ihr seid die +Sirenen und Charybden, indem Ihr, während ihr trügerisch anmutigen +Gesang ertönen lasst, unvermeidlichen Schiffbruch bereitet. Ihr seid +wütendes Otterngezücht, die Ihr vor Wollustbrunst Christus, der das +Haupt der Kleriker ist, in euern Buhlen ermordet." + +Damiani muss ein komischer Kauz gewesen sein, und um seinen Reichtum an +Schimpfwörtern könnte ihn manches Fischweib beneiden. Nicht weniger +seltsam sind oft seine Vergleiche. So zum Beispiel vergleicht er, um der +Markgräfin Adelheid von Turin die Nachteile der Priesterehe begreiflich +zu machen, die Priester mit ihren Frauen den Füchsen, die Samson bei den +Schwänzen aneinanderband, Fackeln dazwischen steckte, sie anzündete und +sie dann in die Saatfelder der Philister jagte. + +Damiani war es vorzüglich, welcher Papst Gregor VII. den Weg bahnte. +Durch ihn und andere Eiferer kam es endlich so weit, dass die Orthodoxen +die außereheliche Unzucht für weit weniger verbrecherisch hielten als +die Ehe, und zur Zeit Kaiser Heinrichs IV. verstießen viele Ehemänner, +sowohl Geistliche als Laien, ihre Weiber und gesellten sich zu +Jungfrauen, die ebenfalls wie sie Keuschheit gelobt hatten. Kurz, es +erneuerte sich wieder der Unfug mit den Liebesschwestern, der eigentlich +unter den Geistlichen nie aufgehört, nur dass man die geheuchelte +Keuschheit beiseite getan und in ehrlicher, offener Hurerei gelebt +hatte. + +Andere Ehemänner, in Verzweiflung darüber, dass sie als Verheiratete +nicht selig werden könnten, verstießen gleichfalls ihre Frauen und +begaben sich samt Hab und Gut unter den Schutz der Mönche und führten +eine gemeinsame kanonische Lebensweise. + +Trotzdem stieß aber Gregors VII. Zölibatsgesetz auf den entschiedensten +Widerstand. Lambert von Aschaffenburg erzählt, dass bei der +Bekanntmachung desselben die ganze Schar der Geistlichen gemurrt habe. +Alle wären der Meinung gewesen, "dass es besser sei, zu freien, als +Brunst zu leiden, und dass durch das Verbot der Ehe der Hurerei Tor und +Tür geöffnet würde. Wolle Gregor auf seiner Meinung bestehen, so wollten +sie lieber dem Priestertum entsagen, dann möge er, den Menschen +anstinken, sehen, woher er Engel zur Regierung des Volkes in den Kirchen +bekomme." + +Mehrere Anhänger Gregors, welche das Zölibatsgesetz mit Gewalt +durchsetzen wollten, verloren beinahe das Leben darüber. Als Bischof +Altmann von Passau den Befehl des Papstes von der Kanzel verkündigte, +mussten ihn die anwesenden vornehmen Laien vor den wütenden Priestern +schützen, die ihn in Stücke reißen wollten. - Der Bischof Heinrich von +Chur geriet durch seinen Eifer für das Zölibat ebenfalls in +Lebensgefahr. + +Als Erzbischof Johann von Rouen auf einer Synode das Gesetz verlas, +entstand ein Tumult; man bombardierte den Erzbischof mit Steinen, so +dass er in großer Eile die Kirche verlassen musste. + +In England fand Gregors Gesetz ebenfalls bedeutenden Widerstand; aber +einer der englischen Prälaten tröstete sich, indem er sagte: "Man kann +wohl den Priestern die Weiber, aber nicht den Weibern die Priester +nehmen." + +Bis zum Tode Heinrichs IV. von Deutschland wurden hier die beweibten +Priester auf das grausamste verfolgt, und da es den Päpsten nur um +Ausrottung der Priesterehe zu tun war, so wurden außereheliche Unzucht +und oft daraus entstehende Verbrechen weniger hart bestraft. + +Auf die Anfrage des Abtes Rudolf von Saëz, was einem Mönch geschehen +solle, der es versucht hatte, einen Ehemann zu vergiften, antwortete +Anselm, Erzbischof von Canterbury - man solle ihn nicht zum Diakonat +oder Presbyteriat befördern! + +Die englischen Geistlichen zeichneten sich ganz besonders durch ihre +Liederlichkeit aus, und ehrenhalber musste der Papst endlich offiziell +dagegen einschreiten. Auf der Synode zu London (1125) wurde also bei +Strafe der Absetzung den Priestern das Zusammenleben mit Weibern +verboten. Der Legat des Papstes, Kardinal Johann von Crema, hatte große +Mühe gehabt, diesen Beschluss durchzukämpfen, und noch am Abend +desselben Tages, wo es ihm gelungen war, ertappte man ihn mit einer +feilen Dirne. Er war unverschämt genug, sich damit zu entschuldigen, +"dass er nur ein Zuchtmeister der Priester sei". + +Bischof Ranulph von Durham, genannt Flambard oder Passaflaberer, war +vielleicht der liederlichste Geistliche in der Welt. Er lebte wie ein +türkischer Sultan. Schöne Mädchen in üppiger Entkleidung kredenzten ihm +bei Tisch den Wein, und damit er stets die Mittel hatte, flott zu leben, +so bedrückte und plünderte er seine geistlichen Pflegekinder. + +Sein Ruf war auch zu dem päpstlichen Legaten gedrungen. Dieser ließ ihn +vor die Synode nach London zitieren; allein Ranulph fand es nicht für +gut, diesem Ruf zu folgen, und der Kardinal Johann entschloss sich, +selbst nach Durham zu gehen, um sich hier durch den Augenschein von der +Wahrheit der Gerüchte zu überzeugen. + +Ranulph wusste zu leben. Er empfing den Legaten Sr. Heiligkeit auf das +freundlichste, veranstaltete ein großes Gastmahl, bei dem alle +Leckereien der Welt und die feinsten Weine aufgetragen wurden, so dass +der Kardinal ganz außer sich vor Entzücken war, besonders da eine schöne +"Nichte" des Bischofs, die auf ihre Rolle einstudiert war, sich alle +mögliche Mühe gab, ihn vortrefflich zu unterhalten, ja, sich endlich +bewegen ließ, bei dem päpstlichen Legaten zu schlafen. + +Nachdem dieser wie ein Gimpel in die ihm gestellte Falle gegangen war, +versammelte der Bischof seine Kleriker und Knaben, welche Becher und +Lichter trugen, und begab sich jetzt in feierlicher Prozession an das +Bett. Der Chorus rief: Heil! Heil! + +Der verwirrte Legat fragte erstaunt: "Soll dies eine Ehrenbezeugung für +den heiligen Petrus sein?" "Mein Herr", antwortete der Bischof, "es ist +in unserem Land Sitte, dass, wenn ein Vornehmer heiratet, man ihm diese +Ehre zeigt. Steht auf und trinkt, was in diesem Kelche ist. Weigerst du +dich, so sollst du den Kelch trinken, nach welchem du nicht mehr dürsten +wirst." + +Der Legat musste gute Miene zum bösen Spiel machen; er erhob sich, +"nackt bis zur Hälfte des Leibes", und trank den dargereichten Becher +seiner Bettgenossin zu. Darauf entfernte sich der Zug mit dem Bischof, +der nun wegen seines Bistums unbesorgt war. + +Die Veranlassung zu dem Streit zwischen König Heinrich von England und +Thomas Becket war auch ein liederlicher Priester zu Worcestershire, der +die Tochter eines Pächters geschändet und diesen ermordet hatte und +welchen der König trotz allen Protestierens des Erzbischofs vor den +weltlichen Richterstuhl zog. + +In Frankreich trieben es die Geistlichen ungefähr ebenso wie in England. +Der Erzbischof von Besançon zum Beispiel machte sich aller möglichen +Verbrechen schuldig. Um seinen Geiz zu befriedigen, verkaufte er alles, +was Käufer fand, und plünderte seine Geistlichen dermaßen aus, dass sie +in ärmlicher Kleidung wie Bauern umhergehen mussten. Nonnen und +Geistlichen gestattete er für Geld die Ehe. Er selbst lebte mit einer +Verwandten, der Äbtissin von Reaumair Mont, hatte ein Kind von einer +Nonne und nebenbei die Tochter eines Priesters als Konkubine; kurz, er +gestattete sich alle geschlechtlichen Ausschweifungen, und seine +Geistlichen hielten sich Konkubinen. + +Der Erzbischof von Bordeaux unterhielt eine Räuberbande, die er zu +seinem Vorteil auf Expeditionen aussandte. Einst kam er mit einer Menge +liederlicher Mädchen und Kerle in die Abtei des heiligen Eparchius, +lebte hier drei Tage in Saus und Braus und zog endlich ab, nachdem er +das Kloster rein ausgeplündert hatte. "Seine übrigen Verbrechen +verbietet die Schamhaftigkeit zu nennen", sagt Papst Innozens III. in +seinen Briefen. Wer die Schandtaten der Pfaffen in jener Zeit studieren +will, der lese diese päpstlichen Briefe. Dem Papst wurden so viele +berichtet, dass er bald allein würde haben Messen lesen müssen, wenn er +sie alle nach Verdienst bestraft hätte; er hielt es daher für besser, +Milde zu üben, so sehr und oft diese schlecht angebrachte Milde auch +empören musste. + +Ein Mönchpriester hatte mit einem Mädchen verbotenen Umgang gehabt. Als +die Dirne schwanger war, ergriff er sie, als wolle er mit ihr scherzen, +am Gürtel und verletzte sie so hart, dass eine Fehlgeburt erfolgte. Der +Fall kam vor Papst Innozens III. und dieser entschied: "dass, wenn die +Fehlgeburt noch kein Leben gehabt habe, der Mönch den Altardienst auch +ferner verrichten könne; dass er aber, wenn diese schon Leben gehabt +habe, des Altardienstes sich enthalten müsse". + +Schon im Jahr 428 hatte Papst Coelestin es für nötig gefunden, Strafe +darauf zu setzen, wenn Geistliche ihre Beichtkinder zur Unzucht +verführten. Dergleichen Fälle kommen unendlich oft vor und ich werde im +letzten Kapitel ausführlicher über die Beichte reden. + +Einem starken Affen in einer Menagerie zu nahe zu kommen war für eine +Frau nicht so gefährlich, wie mit einem Pfaffen in Berührung zu geraten. +Da diese ein faules Leben hatten, so erhitzten sie Tag und Nacht ihre +Phantasie mit üppigen Bildern und dachten an nichts anderes, als wie sie +ihre geilen Triebe befriedigen könnten. Fälle der Notzucht kamen +unendlich viele vor. + +Unter Heinrich VI. baten die Geistlichen in England um Erlassung der +Strafen wegen begangener Notzucht. - Zu Basel hatte im Jahr 1297 ein +Geistlicher eine Jungfrau mit Gewalt geschändigt. Man kastrierte ihn zur +Strafe und hing das Corpus delicti zum abschreckenden Beispiel für +andere Pfaffen mitten in der Stadt an einer frequenten Passage auf. - +Die Venezianer ließen in späterer Zeit einen Augustiner zu Brecia, der +ein elfjähriges Mädchen genotzüchtigt und dann ermordet hatte, +vierteilen. + +Sodomiterei und Knabenschändung waren unter den Geistlichen ganz +gewöhnlich, und das schon seit den ältesten Zeiten der christlichen +Kirche, wie die Konzilienbeschlüsse beweisen, von denen ich einige +angeführt habe. Im Jahr 1212 wurde auf einem Konzil den Mönchen und +regulierten Kanonikern verboten, zusammen in einem Bett zu liegen und +Sodomiterei zu treiben. + +Im Jahr 1409 wurden zu Augsburg auf Befehl des Rats vier Priester und +ein Laie wegen Knabenschändung am Perlachturm mit gebundenen Händen und +Füßen in einem hölzernen Käfig aufgehängt, bis sie verhungerten. - Im +nächsten Kapitel von den Klöstern werde ich zeigen, dass Sodomiterei bis +auf die neueste Zeit als Folge des Zölibats unter den Pfaffen +gebräuchlich ist. + +Aus dem, was ich bisher mitteilte, geht schon hervor, dass die Bischöfe +ihren Geistlichen in der Sittenlosigkeit meistens vorangingen, wenn sie +es auch nicht alle so arg trieben wie der Bischof Heinrich von Lüttich, +der eine Äbtissin zur Mätresse und in seinem Garten einen förmlichen +Harem hatte und der sich rühmte, in 22 Monaten vierzehn Söhne gezeugt zu +haben. + +Unter so bewandten Umständen waren die Laien froh, wenn es diesen +Kirchenstieren erlaubt wurde, Konkubinen zu halten, damit nur ihre +Weiber und Töchter vor ihnen sicher wären. Ja, die Friesen gingen so +weit, dass sie gar keine Priester duldeten, die nicht Konkubinen hatten. +"Se gedulden oek geene Preesteren, sonder eheliche Fruwen (d. h. +Konkubinen), up dat sie ander lute bedde nicht beflecken, wente sy +meinen, dar idt nicht mogelygk sy, und baven die Natur, dat sick ein +mensche ontholden konne", heißt es in der Chronik. + +Ich bemerkte schon früher, dass es den Päpsten mehr um die Vernichtung +der Priesterehe als um die Erhaltung der Keuschheit der Geistlichen zu +tun war, denn sie wollten nicht, dass rechtmäßige Kinder das Gut erbten, +was sie als Kirchengut betrachteten. Wenn nun auch die Konzilien auf +Betrieb einzelner dem Konkubinenwesen ein Ende machen wollten, indem sie +Verordnungen dagegen erließen, so war man eben nicht streng auf die +Befolgung derselben bedacht. + +Ja, vielen Bischöfen wäre es gar nicht recht gewesen, wenn ein Papst +durchgreifende Maßregeln angeordnet hätte, denn diese Konkubinen waren +für sie eine Quelle der Gelderpressung. Häufig, wenn sie Geld brauchten, +fiel es ihnen ein, ihren Geistlichen das Konkubinat auf das strengste zu +verbieten, da es ihnen nur um die Strafgelder zu tun war. + +Heinrich von Hewen, der in der Mitte des 15. Jahrhunderts Bischof von +Konstanz war, führte selbst ein üppiges Leben, und die Abgaben, welche +ihm seine Geistlichen von ihren Konkubinen entrichteten, verschafften +ihm eine jährliche Einnahme von 2000 Gulden. + +Zur Zeit der Reformation mussten die Priester in Irland für jedes mit +ihren Konkubinen erzeugte Kind ihrem Bischof acht bis zwölf Taler +bezahlen. + +Unter solchen Verhältnissen war es denn kein Wunder, wenn das Konkubinat +trotz aller Verbote, welche bei allen Synoden wenig beachtete stehende +Artikel wurden, in voller Wirksamkeit blieb, und endlich sahen die +Päpste ein, dass es ein unvermeidliches Übel sei und suchten nun selbst +Vorteil daraus zu ziehen. Sie dekretierten, dass jeder Geistliche, +mochte er nun eine Konkubine haben oder nicht, einen bestimmten +jährlichen Hurenzins entrichten müsse. + +Als Beleg dafür, dass das Konkubinat unter den Geistlichen im 15. +Jahrhundert allgemein war, und zugleich um die Sitten des Klerus +überhaupt durch den Mund eines Zeitgenossen kennenzulernen, will ich +einige Stellen aus einem Werke des Nicholas de Clemancis anführen, der +in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts lebte, eine Zeit lang +päpstlicher Geheimschreiber, Schatzmeister und Kanonikus der Kirche zu +Langres war und 1440 als Kantor und Archidiakonus zu Liseur starb. + +Seine Schilderung der Bischöfe ist wahrhaft scheußlich. Nach ihm trieben +und gestatteten sie für Geld alle Laster. Vorzüglich sind aber die +Domherren und ihre Vikare verdorbene Menschen. Sie sind der Habsucht, +dem Stolz, Müßiggang und der Schwelgerei ergeben. Sie halten ohne Scham +ihre unehelichen Kinder und Huren gleich Eheweibern im Haus und sind ein +Gräuel in der Kirche. + +Die Priester und Kleriker leben öffentlich im Konkubinat und entrichten +ihren Bischöfen den Hurenzins. Die Laien wissen an mehreren Orten den +Schändungen der Jungfrauen und Ehefrauen keinen anderen Damm +entgegenzustellen, als dass sie die Priester zwingen, sich Konkubinen zu +halten. + +"Ist jemand", schreibt Clemancis, "heutzutage träge und zum üppigen +Müßiggang geneigt, so eilt er sogleich, ein Priester zu werden. Alsdann +besuchen sie fleißig liederliche Häuser und Schenken, wo sie ihre ganze +Zeit mit Saufen, Fressen und Spielen zubringen, betrunken schreien, +fechten und lärmen, den Namen Gottes und der Heiligen mit ihren unreinen +Lippen verwünschen, bis sie endlich aus den Umarmungen ihrer Dirnen zum +Altar kommen." + +Clemancis erwähnt hier auch das Saufen der Priester. Darin waren sie +besonders stark und setzten einen Ruhm darein, es den Laien zuvorzutun. +Schon im ersten Jahrhundert stoßen wir auf Bischöfe, die vollendete +Trunkenbolde waren. Einer derselben, Droctigisilus, verfiel in +Säuferwahnsinn. Die Pfaffen sagten, wenn sie guter Laune waren, von sich +selbst: "Wir sind das Salz der Erde, aber man muss es anfeuchten, denn +kein guter Geist wohnt im Trockenen." Besonders gut trank man in den +Klöstern. Doch davon später. + +Zu einem guten Trunk gehört natürlich auch eine gute Tafel, und es ist +ja noch heute jedem bekannt, dass die katholischen Geistlichen einen +trefflichen Tisch führen. Bischöfe jagten unermessliche Summen durch +ihren Schlund, und um der nüchternen Gegenwart einen Begriff von ihren +kostspieligen Fressereien zu geben, setze ich den Küchenzettel für das +Gastmahl am Tag der Installation Georg Nevils, Erzbischof von York, +hierher. + +Zu diesem Feste waren erforderlich: 300 Quart Weizen, 330 Tonnen Ale, +104 Tonnen Wein, 1 Pipe Gewürzwein, 80 fette Ochsen, 6 wilde Stiere, +1004 Hammel, 300 Schweine, 300 Kälber, 3000 Gänse, 3000 Kapaunen, 300 +Ferkel, 100 Pfauen, 200 Kraniche, 200 Ziegenlämmer, 2000 junge Hühner, +4000 junge Tauben, 4000 Kaninchen, 204 Rohrdommeln, 4000 Enten, 200 +Fasanen, 500 Rebhühner, 4000 Schnepfen, 400 Wasserhühner, 100 große +Brachvögel und 100 Wachteln, 1000 Reiher, 200 Rehe und 400 Stück +Rotwild, 1506 Wildbretpasteten, 1400 Schüsseln gebrochenen Gelee, 4000 +Schüsseln ganzen Gelee, 4000 kalte Custards, 2000 warme Custards, 300 +Hechte, 300 Brachsen, 8 Robben, 4 Delphine oder Taumler und 400 Torten. +- 62 Köche und 515 Küchendiener besorgten die Zubereitung dieser +Speisen, und bei der Tafel selbst warteten 1000 Diener auf. + +Doch kehren wir wieder von der Pfaffenvöllerei zur Pfaffenhurerei +zurück. - Die Basler Synode (1431-1448) gab sich die nutzlose Mühe, +ernstliche Verordnungen gegen das Konkubinat zu erlassen; aber zu dem +einzigen Mittel, demselben ein Ende zu machen, konnte man sich nicht +entschließen, obgleich sehr angesehene Männer auf der Synode, wie der +Geheimschreiber und Zeremonienmeister derselben, Clemens Sylvius +Piccolomini, günstig für die Priesterehe gestimmt waren. Er äußerte: "Es +gab, wie Ihr wisst, verheiratete Päpste, und auch Petrus, der +Apostelfürst, hatte eine Frau. Vielleicht dürfte es gut sein, wenn den +Priestern zu heiraten gestattet wäre, weil viele verheiratete im +Priestertum ihr Seelenheil befördern würden, welche jetzt ehelos zu +Grunde gehen." + +Große Eiferer gegen das Konkubinat in dieser Zeit waren Bischof Berthold +von Straßburg und Bischof Stephan von Brandenburg. Der Letztere klagt +bitter über die Geistlichen in seiner Diözese und sagt, dass sehr viele +Beischläferinnen hielten und durch ihr liederliches Leben "nicht nur +gemeine Leute, sondern auch Fürsten und Große" ärgerten. + +"Und diese Priester", sagt er auf einer Synode zu Brandenburg, "haben +eine solche Hurenstirn, dass sie es für eine Kleinigkeit halten, Unzucht +und Ehebruch zu begehen. Denn wenn aus Schwachheit des Fleisches ihre +Köchinnen und Mädchen von ihnen oder vielleicht von den anderen +geschwängert sind, so leugnen sie die Sünde nicht ab, sondern achten es +sich zur hohen Ehre, die Väter aus so verdammlichem Beischlaf erzeugter +Kinder zu sein. - Ja, sie laden die benachbarten Geistlichen und Laien +beiderlei Geschlechts zu Gevattern ein und stellen große Festlichkeiten +und Freudengelage über die Geburt solcher Kinder an. Verflucht seien +die, welche durch eigenes Geständnis das kund werden lassen, was sie +durch Leugnen noch zweifelhaft machen, und so einigermaßen der +rechtlichen Strafe entgehen könnten!" - Es ist dies ein schönes Pröbchen +bischöflicher Moral. + +Die Regierungen mancher Länder, welche einsahen, dass nur dadurch +größerem Ärgernis vorgebeugt werde, waren vernünftig genug, das +Konkubinat der Geistlichen beinahe als rechtmäßige Ehe gelten zu lassen. +Dies taten zum Beispiel mehrere Regierungen in der Schweiz, und die +Obrigkeit schützte hier die Konkubinen der Geistlichen und deren Kinder +gegen die Habsucht der geistlichen Vorgesetzten, indem sie +Testamentsvermächtnisse für die ersteren als gültig anerkannte. + +Zu dem Bischof von Tarent, der Legat des Papstes in der Schweiz war, +sagte jemand, dass die Nonnen dort tun könnten, was sie wollten, es +würde nicht untersucht etc., bekämen sie aber Kinder, dann erwarte sie +ein fürchterlicher finsterer Kerker. Darauf erwiderte der Legat: "Selig +sind die Unfruchtbaren!" + +Doch mit den Klöstern haben wir es noch nicht zu tun, sondern vorläufig +nur mit den Weltgeistlichen. - Das Konkubinat derselben, selbst wenn es +gewissermaßen vom Gesetz geschützt war, konnte doch niemals die Ehe +ersetzen und diente nur dazu, die Geistlichkeit verächtlich und +lächerlich zu machen. Es lag in der Natur dieses Verhältnisses, dass +selten Frauen von einigem Wert ein solches eingingen. Kam auch wohl hin +und wieder ein Fall vor, wo sich ein Mädchen aus Liebe über die +bestehenden Vorurteile hinwegsetzte, so waren es doch meistens nur +gemeine Dirnen, welche nur darauf trachteten, die Geistlichen zu +plündern. "Pfaffengut fließt in Fingerhut", sagt ein altes Sprichwort. + +Dieses halbgeduldete Verhältnis konnte niemals ein geachtetes werden und +bleibt stets eine Entwürdigung. Es kam wohl vor, dass einzelne +Geistliche ihren Konkubinen alle Achtung zollten, wie sie einer Gattin +zukommt, allein meistens und besonders von den Gebildeten wurden sie als +Köchinnen oder sonstige Dienstboten im Haus gehalten. Solche Personen +wussten nun den erlangten Vorteil trefflich zu ihrem Vorteil zu +benützen. Sie schämten sich des Verhältnisses nicht, wohl aber der +gebildetere Geistliche, der ihr Herr war und der sich viel gefallen, ja +oft ganz und gar unter den Pantoffel bringen ließ, damit nur seine +menschlichen Schwachheiten nicht unter die Leute gebracht würden; denn +diese ermangelten nicht, ihre Späße über die "Pfaffenköchinnen" +anzubringen, und gar mancher Geistliche musste sich still wegschleichen, +wenn die jungen Burschen sangen: + + Mädchen, wenn du dienen musst, + So diene nur den Pfaffen, + Kannst den Lohn im Bett verdienen + Und darfst nicht viel schaffen. + +Viele verdorbene Geistliche waren froh, dass die Ehe sie nicht an eine +Frau fesselte; sie konnten ihre Lüsternheit nach Abwechslung +befriedigen, indem sie die Dirne, die ihnen nicht mehr gefiel, wegjagten +und eine neue nahmen. Solche Konkubinate, die leider sehr häufig +vorkamen, waren gemeine Hurerei, und dadurch wurde bei den Pfaffen eine +Gemeinheit und Rohheit erzeugt, die sich besonders in ihrer Denkungsart +über geschlechtliche Dinge äußerte, wie sie in der Ehe wohl nur selten +entstehen können. + +Solche Pfaffen machten aus ihrer Liederlichkeit gar kein Geheimnis; ja, +sie rühmten sich derselben, und gleichzeitige, sehr glaubwürdige +Schriftsteller erzählen, dass bei Fress- und Saufgelagen diese +"Pfarrfarren" und "Kuttenhengste", wie sie Fischart nennt, mit den +Bauern Wetten machten, deren Gegenstand so obszön war, dass ich sie gar +nicht einmal näher andeuten mag, obwohl mir alle Prüderie sehr +fernliegt. + +Ja, diese Pfaffen scheuten sich nicht, ihre unzüchtigen Verhältnisse auf +der Kanzel zu erwähnen, und oft machten sie diese Ungeschicklichkeit +dadurch noch schlimmer, dass sie dieselbe mit irgendwelchen rohen Späßen +würzten. + +An den Kirchenweihen wurden von ihnen die wildesten und liederlichsten +Gelage gefeiert. Alle benachbarten Pfarrer mit ihren Köchinnen besuchten +den Geistlichen, der sein Kirchweihfest feierte, und dann wurde +gefressen, gesoffen und andere Liederlichkeiten getrieben. + +Als der Bischof von Mainz den Bischof von Merseburg einst besuchte und +unterwegs bei einem Pfarrer einkehrte, wo eben das Kirchweihfest +gehalten wurde, begleitete ihn sein Leibarzt, der davon folgende +ergötzliche Erzählung liefert: + +"Der Bischof steigt abe, und nahet zu der Pfarrhe zu, zu seinem +Handwerk. Nun hatte der Pfarrher zehn ander Pfarren geladen zur +kirchweyhe, und ein yeglicher hatte eine köchin mit sich gebracht. Do +sie aber leutte kommen sahen, lauffen die Pfaffen mit den huren alle in +einen stalle, sich zu verbergen. Indes gehet ein Grafe, der an des +Bischoffs hofe war, in den Hofe, seinen gefug zu thun, und da er in den +stall will, darin die hüren und büben geflohen waren, schreyt des +pfarrers köchin, Nicht Junker, nicht. Es seind böse hunde darinnen, sie +möchten euch beissen. Er leßt nicht nach, gehet hinein vnd findet einen +großen hauffen hüren und büben im stalle. + +Da der Grafe in die stuben kumpt, hatt man dem Bischoff eyn feyste Ganß +fürgesetzt zu essen, hebt der Graf an, vnd sag diß geschicht dem +Bischoff zum Tischmerlein, gen abend, kamen sie gen Merßburg, daselbs +sagt der Bischoff von Mentz, dies geschicht dem Bischoff von Merßburg. +Da das der heylig vatter hörete, betrübet er sich nicht vmb das, das die +Plaffen hüren haben, sondern darumb, daß die Köchin die büben im stalle +hunde geheißen hätte, vnd spricht, Ach Herre Gott, vergebe es Gott dem +weibe, das die gesalbten deß Herren hunde geheißen hat. Das hab ich +darumb erzelet das man sehe, wie wir Deutschen das Sprichwort so +festhalten, Es ist kein Dörflein so klein, es wird des jars einmal +kirmeß darinne. Das aber geschrieben stehet, Es kumpt kein hurer im +Himmel, des achten wir nit." + +"Da wir uns nun genug mit der Hurerei beschäftigt haben", heißt es in +der Predigt, "so wollen wir zum Ehebruch übergehen." + +Das Konkubinat war noch am Ende das allerunschuldigste Ergebnis des +Zölibatsgesetzes. Einen weit verderblicheren Einfluss auf die Moralität +des Volkes hatten die sonstigen aus demselben entstehenden Folgen. + +Man kann es als Regel annehmen, dass es noch immer der bessere Teil der +Geistlichen war, welcher mit ständigen Konkubinen in einem der Ehe +ähnlichen Verhältnis lebte. Die echten Pfaffen betrachteten aber die +Frauen und Töchter der Laien als Wild, auf welches sie Jagd machten und +welches sie durch alle möglichen niederträchtigen Verführungskünste in +ihre Netze zu locken trachteten. + +Diese Künste mussten einen umso größeren Erfolg haben, als ihr Stand die +Pfaffen mit den Frauen in häufige Berührung brachte und die Dummheit der +Männer diesen Verkehr noch erleichterte. Trotz aller Beispiele und +täglich unter ihren Augen vorgehenden Niederträchtigkeiten wurden die +Männer nicht klug, denn die Pfaffen wussten sich einen solchen heiligen +Schein zu geben, dass die Ehetölpel es kaum wagten, auch nur einen +Verdacht zu haben. + +Alle Erzählungen von ihrer Liederlichkeit erklärten die Pfaffen +natürlich für schamlose Lügen, und war ein Fall einmal gar zu +offenkundig geworden, dann verboten sie streng, davon zu reden, und +verwiesen auf das Beispiel des Kaisers Konstantin, der einst einen +Priester in flagranti ertappte, mit seinem kaiserlichen Mantel zudeckte, +und prägten ihren Beichtkindern ein, was der fromme Rabanus Maurus sagt: +"Wenn man einen Geistlichen sähe, die Hand auf dem Busen eines Weibes, +so müsse man annehmen, dass er sie segne!" - Allerdings befanden sie +sich nach solchem Segen gar häufig in "gesegneten Umständen"! + +Einer derjenigen Schriftsteller früherer Zeit, welche die Schandtaten +der Pfaffen mit der größten Rücksichtslosigkeit aufdeckten, war Poggio +Bracciolini, den ich schon früher nannte. Die ganze Kuttenwelt geriet in +Alarm, und sein berühmter Gönner Cosmo de Medici empfahl ihm die größte +Vorsicht. Im siebten Kapitel, wo wir über den Missbrauch des +Beichtstuhls reden, werden einige der von ihm erzählten Fälle mitgeteilt +werden. + +Felix Hemmerlin, gestorben 1457, Chorherr zu Zürich und Zofingen und +Propst zu Solothurn, schildert besonders die Verdorbenheit der Mönche; +aber auch von den Weltgeistlichen weiß er manche Dinge zu erzählen, die +man für ganz unglaublich halten müsste, wenn sie nicht auch noch von +anderen geachteten, ernsten und wahrheitsliebenden Männern jener Zeit +bestätigt würden. - Die bestialische Rohheit mancher Pfaffen überstieg +alle Begriffe. Selbst die Beschlüsse der Konzilien lieferten die Beweise +davon. Bald wird ihnen durch dieselben verboten, barfuß oder in +zerrissenen Jacken und Hosen den Gottesdienst zu halten; bald, keine +obszönen Grimassen am Altar zu machen und keine schmutzigen Lieder zu +singen. + +Dies musste ich vorausschicken, um folgender Geschichte Glauben zu +verschaffen, die Hemmerlin erzählt: Ein Priester lebte in einem +unerlaubten Verhältnis mit einer sehr angesehenen Frau. Die Sache wurde +bekannt, und er wurde gezwungen, von seiner Pfarre zu fliehen. Als er +verzweiflungsvoll im Wald umherirrte, begegnete ihm ein Mönch, der ihn +fragte, weshalb er so betrübt umherlaufe. Der Priester erzählte ganz +treuherzig sein Leiden. Aber der vermeintliche Mönch war der Satan - +vielleicht auch ein Schalk in einer Kutte - und erwiderte: "Nicht wahr, +wenn du das böse Glied nicht hättest, dann könntest du in deiner Pfarrei +sicher wohnen?" - "Allerdings, mein Herr", antwortete der Pfarrer. - +"Nun, so hebe dein Gewand auf, damit ich es berühre, wie sie es ja auch +berührt hat, dann kannst du dich ohne Scheu deiner Gemeinde zeigen, und +es wird in dem Augenblick verschwunden sein." Der Geistliche tat, was +der Mönch wollte, und rannte dann voller Freude in seine Pfarrei zurück, +ließ die Glocken läuten, versammelte die Gemeinde und bestieg die +Kanzel. Voll Zuversicht hob er seine Kleider auf - et mox membrum suum +abundantius quam prius apparuit. + +Sehr lesenswert sind die Schriften von Johann Busch, der Propst der +regulierten Chorherrn zu Soltau, in der Nähe von Hildesheim, und +Visitator des Erzbistums Magdeburg war. Er verfolgte mit großem Eifer +die Priester, welche Konkubinen hielten, und bestrafte sie nicht mit +Geld, wie sie es bis dahin gewohnt waren, sondern mit kanonischen +Strafen. + +Einst lud er einen Pfarrer samt seiner Konkubine zu sich. Ersteren ließ +er in das Kloster kommen, aber die Dirne musste draußen bleiben. Auf das +schärfste befragt, leugnete der Pfarrer standhaft und beteuerte mit +einem heiligen Eid, dass er ganz keusch mit seiner Magd lebe. Nun ging +Busch vor die Tür zu dem Mädchen und sagte: "Ich habe gehört, dass du +bei deinem Herrn zu schlafen pflegst", aber sie leugnete und meinte, +dass sie nur mit Kühen, Kälbern und Schweinen zu tun habe. Als aber +Busch sagte, dass ihr Herr bereits gestanden habe, da gestand sie auch, +und der geistliche Herr hatte falsch geschworen. + +Von den Satirendichtern jener Zeit will ich gar nicht einmal reden, denn +es ist wahrscheinlich, dass sie hin und wieder etwas erfanden, um die +Pfaffen lächerlich zu machen. Ihre Schriften wurden indes überall mit +Beifall gelesen, denn alle Welt war über die freche Sittenlosigkeit der +Pfaffen empört. + +Giovanni Francesco Pico, Prinz von Mirandola, der die seltsame +Unterredung mit Papst Alexander VI. hatte, schilderte in einer Eingabe +an Papst Leo X. (1513) den Verfall des Klerus und ist besonders darüber +empört, dass solche Knaben, welche den höheren Geistlichen zur +Befriedigung ihrer unnatürlichen Wollust gedient, zum Kirchendienste +erzogen wurden. + +Geiler von Kaisersberg (starb 1510) war Lehrer der Theologie zu Freiburg +und wurde dann Prediger zu Straßburg. Er erklärte einst dem Bischof: +dass, wenn ein Unkeuscher keine Messe lesen dürfe, er nur die +Geistlichkeit des ganzen Sprengels suspendieren möge, denn die meisten +lebten in einem ärgerlichen Konkubinate. + +Dieser ebenso sittenreine als gelehrte originelle Mann schilderte in +seinen trefflichen Predigten die Mönche und Pfaffen nach dem Leben. In +einer derselben "Vom menschlichen Baum" heißt es: "Soll nämlich die +Frucht der ehelichen Keuschheit auf den Ästen des Baumes wachsen, so +hüte dich, sieh dich vor, schäme dich. Zum ersten hüte dich vor den +Mönchen. Diese Tengerferlin gehen nicht aus den Häusern, sie tragen +etwas von der Frucht hinweg. + +Ja, wie soll ich sie aber erkennen! Zu dem ersten erkenne sie, wenn +einer in dein Haus kommt, so ketscht er ein kleines Novizlein mit sich, +es ist kaum eine Faust groß, das bleibt in einem Winkel sitzen, dem gibt +man einen Apfel, bis die Frau ihn durch das ganze Haus geführt hat. + +Zum andern, so siehe seine Hände an, so bringt er Gaben, das schenkt er +dir, das der Frau, das den Kindern, das der Dienerin. + +Das dritte Zeichen ist, wenn er dir unbescheidene Ehre antut. Wenn du +ein Handwerksmann bist, nennt er dich Junker. - Wenn du ein +semmelfarbenen Mönch siehst, so zeichne dich mit dem heiligen Kreuze, +und ist der Mönch schwarz, so ist es der Teufel, ist er weiß, so ist es +seine Mutter, ist er grau, so hat er mit beiden teil. + +Zu dem andern hüte dich vor den Pfaffen, die mache dir nicht geheim, +besonders die Beichtväter, Leutpriester, Helfer und Kapläne. Ja, +sprichst du, meine Frau hasset Mönche und Pfaffen, sie schwört, sie habe +sie nicht lieb. Es ist wahr, sie wirft es so weit weg, dass es einer in +drei Tagen mit einem Pferd nicht errennen möchte. Glaub ihr nicht, denn +der Teufel treibt die Frauen, dass sie der geweihten Leut begehren." + +Interessante Belege zu der Liederlichkeit der Geistlichen enthalten die +Schriften der Ärzte. Aus ihnen lernt man die schrecklichen Folgen des +Zölibats an den Leibern der Pfaffen selbst erkennen. Es war nur ein +Unglück, dass sie diese weiter mitteilten und auch die Menschen +körperlich zu Grunde richteten, welche sie bereits geistig elend gemacht +hatten. Alle Ärzte klagten, dass die Lustseuche, welche deutsche +Landsknechte aus Frankreich mitgebracht haben sollten, durch die Pfaffen +auf eine grauenerregende Weise verbreitet wurde. + +Vergebens waren alle Ermahnungen zur Mäßigkeit. Gaspar Torella, erster +Kardinal am Hofe Alexanders VI., Bischof von St. Justa in Sardinien und +Leibarzt des Papstes, bat die Kardinäle und sämtliche Geistlichen, "doch +ja nicht des Morgens bald nach der Messe Unzucht zu treiben, sondern des +Nachmittags, und zwar nach geschehener Verdauung, sonst würden sie ihre +Sündhaftigkeit mit Abzehrung, Speichelfluss und ähnlichen Krankheiten zu +büßen haben, und die Kirche würde ja ihrer schönsten Zierden beraubt +werden". + +Einige Ärzte waren sogar boshaft genug, die Besorgnis auszusprechen, +dass die Geistlichen die Lustseuche auch in den Himmel verpflanzen +würden; und der Arzt Wendelin Hock forderte den Herzog von Württernberg +auf, der Liederlichkeit der Pfaffen Einhalt zu tun, da sonst das ganze +Land verpestet werde. Diese Besorgnis war keineswegs aus der Luft +gegriffen, denn die venerischen Krankheiten nahmen so überhand, dass man +in den meisten größeren Städten eigene Spitäler dafür erbaute, welche +man Franzosenhäuser nannte. + +Bartholomäus Montagna, Professor der Heilkunde zu Padua, hatte an den +Leibern seiner geistlichen Freunde die beste Gelegenheit, die Lustseuche +zu studieren, und schrieb daher ein Buch, in welchem er einige +Kardinalkrankheiten schrecklich genug schilderte. Alexander VI. selbst +hatte fürchterlich zu leiden, und der Kardinalbischof von Segovia, der +die Aufsicht über die Hurenhäuser zu Rom hatte, widmete ihnen so große +Sorgsamkeit, dass er darüber sein Leben einbüßte. + +Zur Zeit der Reformation kamen unzählige Nichtswürdigkeiten der Pfaffen +an das Licht. Als Luther anfing, Lärm zu schlagen, da regte es sich von +allen Seiten, und Schriften gegen die Geistlichkeit erschienen in +unendlicher Zahl und überschwemmten ganz Europa. + +Luther, Melanchthon, Zwingli und andere forderten laut die Erlaubnis zur +Ehe für die Priester, und Letzterer richtete im Namen vieler Geistlichen +Schriften an seine Vorgesetzten, die aber alle nichts fruchteten. Aus +einer derselben will ich nur Folgendes anführen. + +Ein Schulmeister, der verheiratet war, hatte Lust, ein Priester zu +werden, und wurde es mit Einwilligung seiner Frau. Er hatte sich aber zu +viel zugetraut, indem er dachte, das Keuschheitsgelübde halten zu +können. Er wehrte sich lange und hätte gern seine Frau wieder zu sich +genommen; da er aber dies nicht durfte, so hing er sich an eine Dirne, +verließ den Wohnort seiner Frau, um diese nicht zu kränken, und kam in +das Bistum Konstanz. Die Frau, welche hörte, dass er eine Haushälterin +habe, zog ihm nach. Der Mann, welcher sie lieb hatte, schickte die +Haushälterin weg und nahm seine Frau wieder zu sich, da er meinte, es +sei dies doch besser, da es ohne "weibliche Pflege" nun einmal nicht +ginge. Der Generalvikar und die Konsistorialräte teilten aber seine +Ansicht nicht; sie befahlen ihm bei Verlust seiner Pfründe, seine Frau +wegzuschicken. Der arme Geistliche erbot sich, dieselbe als Konkubine +jährlich zu verzinsen; allein, das war umsonst, sie musste fort. Darauf +nahm er seine fortgeschickte Konkubine wieder zu sich, und alles war in +bester pfäffischer Ordnung; der Generalvikar hatte nichts dagegen zu +erinnern! + +Der Rat von Zürich gestattete bald nach einer Disputation, in welcher +Zwingli die Ehe wacker verteidigt hatte, dass sich die Priester +verheirateten. Mehrere machten sogleich von dieser Erlaubnis Gebrauch +und verkündeten ihren Entschluss von der Kanzel. Das Volk bezeugte laut +seinen Beifall, und bei der Trauung eines Priesters in Straßburg, wo man +bald dem guten Beispiel folgte, rief man im Volk, er habe recht getan, +und wünschte ihm tausend glückliche Jahre. + +Erasmus von Rotterdam, der durch seine Schriften sehr viel beitrug, die +Macht der Päpste zu untergraben, nannte die Reformation das "lutherische +Fieber" oder ein Lustspiel, da es mit einer Heirat schließe. Als er +Luthers Vermählung erfuhr, scherzte er: Es ist ein altes Märlein, dass +der Antichrist von einem Mönch und einer Nonne kommen soll. Er schrieb +gleichfalls gegen das Zölibat, meinte aber, dass die Päpste es +schwerlich abschaffen würden, da ihnen der Hurenzins gar zu gut tue. + +Auf der Trientiner Synode, wo all der alte römische Kohl wieder +aufgewärmt wurde, bestätigte man auch wieder aufs neue das Zölibat und +erließ die strengsten Befehle gegen das Konkubinat. Aber auch diese +Beschlüsse halfen nicht viel. In Polen lebten zur Zeit der Reformation +fast alle Geistlichen in heimlicher Ehe, und viele bekannten sie selbst +öffentlich. Dieser Zustand änderte sich auch nach der Trientiner Synode +nicht, und dass das Konkubinat fortbestand, lehren die unzähligen +späteren Verordnungen dagegen. + +In denjenigen Ländern, in welchen die Reformation festen Fuß gefasst +hatte, waren die Geistlichen freilich darauf bedacht, ihr Schandleben +vor den Augen der Welt immer mehr zu verbergen; aber wie begreiflich +wurde damals nichts für die Sittlichkeit gewonnen, sondern diese wurde +im Gegenteil noch mehr dadurch gefährdet. Die Pfaffen blieben trotz +aller Konzilienbeschlüsse liebebedürftige Menschen, um die Sache einmal +recht zart auszudrücken, und da beim unvorsichtigen Genuss harte Strafen +drohten, so waren sie darauf angewiesen, sich in der Kunst der +Verstellung und Heuchelei zu vervollkommnen. Das Handwerk des +Frauenverführers wurde nun jesuitischer betrieben, und das war wahrlich +kein Gewinn. + +In den echt katholischen Ländern genierte man sich indessen weniger, und +der Kardinal Bellarmin zum Beispiel führte ein Leben, als hätte nie eine +Reformation stattgefunden. Man erzählt von ihm, dass er 1624 Geliebte +gehabt und nebenbei zur Sodomiterei noch vier schöne Ziegen gehalten +habe! Mehr kann man von einem Kardinal billigerweise nicht verlangen. + +Im siebzehnten Jahrhundert erschienen noch sehr zahlreiche, die Unzucht +der Pfaffen betreffende Verordnungen, und da man einmal das Konkubinat +nicht ausrotten konnte, soviel Mühe man sich auch gab, so bestimmte man +nun das Alter der Köchinnen und Haushälterinnen auf fünfzig Jahre, und +trotz dieses Alters, welches gegen das höchst rücksichtslose +Kinderbekommen sicherte, worauf es hauptsächlich ankam, mussten die +Pfaffenköchinnen sich einer strengen Prüfung unterwerfen. + +Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert werden die Provinzialsynoden +immer seltener, und dies ist der Grund, weshalb die beständigen +Erinnerungen an die Keuschheitsgesetze wegfallen, welche nur hin und +wieder in den bischöflichen Hirtenbriefen eingeschärft werden. + +Man hatte eingesehen, dass Pfaffenfleisch sich nicht ertöten lässt, und +war weit diplomatischer geworden. Anstatt bei Keuschheitsvergehen an die +große Glocke zu schlagen, vertuschte man sie und suchte den Glauben zu +verbreiten, als stehe es mit der Keuschheit der Pfaffen sehr gut. Fand +man eine Erinnerung nötig, so sorgte man auch dafür, dass keine Kunde +davon unter die Leute kam, und in dem Ausschreiben Joseph Konrads, +Bischof von Freisingen und Regensburg, an den Regensburger Klerus vom 7. +Januar 1796 heißt es ausdrücklich: "Übrigens wollen wir, dass von diesen +Statuten keine Nachricht unter das Volk komme, damit nicht der Klerus +verachtet und verspottet werde. Wir haben uns auch deswegen der +lateinischen Sprache bedient, damit für die Ehre des Klerus gesorgt und +das Volk bei seiner guten Meinung erhalten werde, da einige in demselben +glauben, es dürfte auch nicht der Verdacht eines schändlichen +Verbrechens auf die Priester und seine Seelsorger fallen." + +Ein Umlaufschreiben des Bischofs Ignaz Albert von Augsburg vom 1. April +1824 ist im Allgemeinen außerordentlich diplomatisch und umso mehr wird +man darin von folgender Stelle frappiert: - "Ja, wir wissen es, dass es +bei einigen Pfarrern schon zur Gewohnheit geworden ist, an Kirchfesten +und Jahrmärkten mit den Köchinnen zu erscheinen und im Pfarrhaus oder in +Wirtshäusern einzusprechen und in später Nacht vollgefressen und +vollgesoffen nach Hause zurückzukehren." + +In Spanien stand es mit der Sittlichkeit der Geistlichen in den ersten +Jahrzehnten dieses Jahrhunderts sehr schlecht, und der Großinquisitor +Bertram erklärte: dass die ganze Strenge der Inquisition dazu nötig sei, +um Kleriker und Mönche von Verbrechen zurückzuhalten und zu verhindern, +dass der Beichtstuhl in ein Bordell umgewandelt werde. - Wie es mit der +Moralität der Geistlichen in der Schweiz steht, werden wir im nächsten +Kapitel an einigen Beispielen sehen. - In Südamerika überbieten die +Pfaffen alle anderen Stände an Liederlichkeit, was dort etwas heißen +will. In Peru besteht das Konkubinat in voller Blüte. + +Wie es mit der Sittlichkeit der römischen Geistlichkeit in Deutschland +steht, will ich hier nicht erörtern. Leser, die in katholischen +Distrikten unseres Vaterlandes wohnen, wissen es. Das Zölibat besteht +noch, und wenn auch die höhere Bildung unseres Zeitalters es nicht +gestattet, dass die Liederlichkeit der Pfaffen mit derselben frechen +Unverschämtheit auftritt wie früher, so bleiben die Folgen dieses +Zölibats doch überall dieselben. Diese Folgen waren es fast ebenso sehr +wie die Habsucht der Pfaffen, welche die Reformation herbeiführten; und +wenn das jetzt zusammentretende Konzil über die Mittel beraten sollte, +die katholische Religion in den schwankenden Ländern zu rehabilitieren, +so sollte es nicht vergessen, dass die Aufhebung des Zölibats das +wirksamste sein würde. + + + + +Die Möncherei + + + Im Weltgewühle wohnt + Der Sünde freche Fülle + In heil'gen Mauern thront + Unheiligkeit in Stille + + +Wie das Mönchswesen entstand, habe ich früher angedeutet. Klöster +stiegen im Mittelalter wie Pilze aus der Erde hervor. Bis zur +Reformation waren allein 14.993 Bettelmönchklöster errichtet worden! +Durch die Reformation und die darauf folgenden Kriege gingen in +Deutschland 800 Klöster zu Grunde, in Sachsen allein 130; aber dessen +ungeachtet fand Kaiser Joseph II. bei seinem Regierungsantritt noch 1565 +Mönchs- und 604 Nonnenklöster in seinen Staaten. Zur Zeit Luthers belief +sich die Zahl der Mönche auf 2.465.000 und das stehende Heer der +Bettelmönche allein auf eine Million! + +Es ist fast unmöglich, alle Spielarten dieser Mönche und Nonnen +aufzuzählen und ich unterlasse es daher, wie Marnix de St. Aldegonde in +seinem berühmten "Bienenkorb deß heil. Röm. Immenschwarms etc." und +bemerke nur mit seinen Worten: "Wie etliche in Schneeweis, etliche inn +kohlschwarz, die anderen in Eselgraw, inn grasgrün, in feuerrodt, in +himmelblaw, inn bund oder geschecket gekleyd gehn, die eynen eyn helle, +die andern ein trübe kapp antragen, die eyn Rauchfarb vom Fegefeuer +geräuchert, die andern von Requiem Todenpleych. Den einen Mönch graw wie +ein Spatz, den andern hellgraw wie eyn Klosterkatz: Etliche vermengt mit +schwarz und weis, wie Atzeln, Raupen vnd Läus, die andern Schwefelfarb +und Wolffsfarb, die Dritten Eschenfarb vnd Holtzfarb, etliche inn vil +Röcken vber einander, die andern in eyner blosen Kutt: Etliche mit dem +hemd vberm Rock, die andern ohn ein hemd, oder mit eym pantzerhemd, oder +härin hemd, oder Sanct Johannes Cameelshaut auf bloser haut: Etliche +halb, etliche gantz beschoren; etliche bärtig, die andern Unbärtig und +Ungeberdig: Etliche gehn barhaupt, vil Barfüßig, aber alle miteynander +müßig: Etliche sind ganz Wüllin, etlich Leinin, etlich Schäfin, etlich +Schweinin: Etlich füren Juden Ringlein auff der Brust, die andern zwey +schwerter kreutzweis zum kreutzstreich darauff geschrenkt, die dritten +ein Crucefix für die Bottenbüchs, die Vierten zwen schlüssel. Die +fünfften Sternen, die sechsten kräntzlin: die siebenden Spiegel auß dem +Eulenspiegel, die achten Bischofshut, die Neunten fligel, die Zehenden +Tuchschären, die eylfften Kelch, die zwölfften Muscheln und Jacobsstäb, +die Dreizehnden geysseln, die Viertzehenden schilt vnd andre sonst auff +der Brust seltsam grillen, von Paternostre, Ringen vnd Prillen. Sehet +da, die Feldzeychen sind schon ausgetheylt, es fälen nur die Federpusch, +so ziehen sie hin inn Krig gerüst." + +Es war dies eine ungeheure Macht, besonders durch ihren Reichtum, zu +welchem sie durch die Schenkungen frommer Schwachköpfe und durch - +Betrügereien gelangten. Hatte eine Kirche oder ein Kloster Lust nach +einem schönen Landstrich, so fand sich bald im Klosterarchiv eine +vergilbte Pergamenturkunde, ausgestellt von diesem oder jenem Fürsten +der Vorzeit, welcher den ersehnten Landstrich dem Kloster schenkte. Im +Kloster St. Medardi zu Soissons war eine förmliche Fabrik von falschen +Dokumenten. Der Mönch Guernon beichtete auf dem Sterbelager, dass er +ganz Frankreich durchzogen habe, um für Klöster und Kirchen falsche +Dokumente zu machen. Da war es denn freilich kein Wunder, dass zur Zeit +der Revolution das Vermögen der Geistlichkeit in Frankreich auf 3000 +Millionen Franken angeschlagen werden konnte! + +Die Pfaffen verschmähen kein Mittel, um reich zu werden, denn sie hatten +längst erkannt, dass Geld Macht ist, und dann - sie wollten gut leben. +Ihre Gelübde wussten sie damit trefflich zu vereinigen, und was die +fanatischen Stifter der Klöster eingerichtet hatten, um dem Wohlleben zu +steuern, wurde von ihren Nachkommen so gedreht und gewendet, dass es +ihnen zu einer Quelle des Erwerbs und Wohllebens wurde. + +Die Karthäuser zum Beispiel, denen ihre Regel den Genuss des Fleisches +verbot, kultivierten die Obstbaumzucht und die Fischereien in solchem +Grade, dass sich von deren Ertrage auch ohne Fleisch sehr luxuriös leben +ließ. Karthäuserobst ist in der ganzen Welt bekannt. Die Obstbaumschule +der Karthause in Paris trug jährlich 30.000 Livres ein. Dafür konnte +denn auch ihr Prior während einer Krankheit für 15.000 Livres +Hechtbouillon verzehren! + +Die Messe war, wie die Mönche lehrten, die einzige Erfrischung für die +armen Seelen im Fegefeuer, die mächtigste Vogelscheuche für den Teufel, +und war für 30 Kreuzer zu haben, ja, die Bettelmönche lasen für die +Hälfte und standen sich umso besser. + +Einzelne Klöster wurden außerordentlich reich durch einen Ablass, zu +welchem ihnen der Papst ein besonderes Privilegium gegeben hatte. Der +Portiunkula-Ablass brachte den Franziskanern Millionen. - Ein +Hieronymitenkloster bei Valladolid mit achtzig Mönchen hatte das +ausschließliche Privilegium, die Kreuzbulle zu verkaufen, was ihm +jährlich 12.000 Dukaten eintrug. + +So gern nun auch die Mönche nahmen, so ungern gaben sie, und jeder, der +es wagte, sie mit Gewalt dazu zu zwingen, wurde bis in den tiefsten +Abgrund der Hölle verflucht, wie folgende Formel zeigt, die einer jeden +Schenkungsurkunde angehängt war: "Sein Name ist vertilgt aus dem Buch +des Lebens; und alle Plagen Pharaons sollen ihn treffen - der Herr werfe +ihn aus seinem Eigentum und gebe solches seinen Feinden - sein Teil sei +bei dem Verräter Judas - bei Dattam und Abiram - seine Äcker werden wie +Sodom, und Schwefel verderbe sein Haus wie Gomorra, - die Luft schicke +Legionen Teufel über ihn - er sei verflucht vom Fuß bis zum Haupt, dass +ihn die Würmer mit Gestank verzehren und seine Eingeweide ausschütte wie +Judas - sein Leichnam werde verzehrt von den Vögeln und wilden Tieren, +und sein Gedächtnis von der Erde vertilgt - verflucht alle seine Werke, +verflucht, wenn er aus- und eingeht, verflucht sei er im Tod wie ein +Hund, wer ihn begräbt, sei vertilgt. Verflucht die Erde, wo er begraben +wird, und er bleibe bei den Teufeln und seinen Engeln im höllischen +Feuer!" - Dabei musste einem Christen des Mittelalters wohl der Appetit +nach Klostergut vergehen! + +Wenn nun auch das Hauptgeschäft der Mönche im Handel mit geistlicher +Ware bestand, so ließen sie sich doch auch zu dem mit irdischen Dingen +herab, als die ersten im Kurs zu fallen begannen. Viele Klöster wussten +sich das Recht zu erwerben, Wein und Bier zu verzapfen und verdienten +damit viel Geld. In Nürnberg verkaufte eins jährlich 4500 Eimer Bier. +Jeder Bettler, der in seine Bierstube kam, erhielt einen Pfennig, aber +das Glas Bier wurde ihm für zehn Pfennig verkauft. + +Im Allgemeinen gaben sich die Mönche aber mehr mit dem Trinken als mit +dem Verkaufen ab, und die Klosterkeller stehen bei allen alten Zechern +im besten Andenken. Die frommen Väter hatten in ihren Kellern Fässer, +die größer waren als die Zellen ihrer Vorfahren, der armen Einsiedler. + +Als man in Österreich die Klöster aufhob, fand man selbst in +Nonnenklöstern herrlich versehene Weinkeller. Die Kanonissinnen zu +Himmelspforten in Wien hatten in dem ihrigen noch 6800 Eimer und Raum +für das Doppelte. Es gab da einen Gottvaterkeller, Gottsohn- und +Heiligengeistkeller, einen Muttergottes-, Johannes-, Xaveri- und +Nepomukkeller. Der allergrößte, der Gottsohnkeller, war leer bis auf ein +einziges Fass. - Was mag nun erst in Mönchsklöstern für ein Vorrat +gewesen sein! + +Saufen galt bei den alten Rittern als eine Tugend und es war die +einzige, in welcher sie es einigermaßen weit brachten, worin sie aber +dennoch im Allgemeinen von den Mönchen übertroffen wurden; einzelne +Ausnahmen fanden freilich statt, und es kam sogar vor, dass Mönche von +einem Ritter totgesoffen wurden. + +Ein sehr geachteter protestantischer Geistlicher zu Caen in Frankreich +war angeklagt worden, über die Ohrenbeichte der Katholiken schlecht +gesprochen zu haben. Die Sache wurde sehr streng untersucht, aber man +konnte an dem Geistlichen keine Schuld finden und er wurde +freigesprochen. Der Jubel darüber war in Caen ungeheuer und jeder suchte +seine Freude auf irgendeine Weise an den Tag zu legen. Dies tat denn +auch ein Ritter, welcher in einem ziemlich schlechten Ruf stand. Er lud +zwei Kapuziner ein und "der Wein floss in Strömen". Es begann ein +Wettsaufen, welches damit endete, dass einer der Mönche mausetot auf dem +Platz blieb. - Seelenvergnügt ging nun der protestantische Edelmann zu +dem Geistlichen und sagte: "Er sei über dessen Freisprechung +außerordentlich erfreut und habe gedacht, dies durch nichts besser an +den Tag zu legen als dadurch, dass er dieser Freude einen Mönch opferte. +Eigentlich hätte es ein Jesuit sein sollen; da er diesen aber nicht habe +bekommen können, so möge der Geistliche diesmal mit einem Kapuziner +vorlieb nehmen." + +Wenn die Klöster nicht selbst stark genug waren, sich zu beschützen, so +rechnete es sich irgendein Fürst zur Ehre, ihr Schutzherr zu sein, wofür +ihm dann von den Klosterherren diese oder jene Rechte eingeräumt wurden. +Aber nicht alle Schutzherren machten davon einen so ernsthaften Gebrauch +wie der Herzog Julius von Braunschweig. Dieser ließ die Äbtissin von +Gandersheim, eine geborene von Warberg, die sich mit ihrem +Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte, nach der Stauffenburg +abführen und hier (1587) lebendig einmauern! + +Meistens brauchten die Klöster keinen Schutz; die Äbte und Prälaten +waren große Herren, welche Lehnsleute hatten, die ihnen zu allerlei +Diensten verbunden waren, wie auch Leibeigene. Oft war es bei diesen +Lehnsleistungen übrigens nur auf einen gnädigen Spaß abgesehen, der +mitunter sehr mittelalterlich derb war. + +Der Lehnsmann eines Klosters zu Bologna musste jährlich dem Abt einen +Topf mit Reis und einem Huhn darin bringen und diesen Sr. Hochwürden +unter die Nase halten, denn - er war nur den Dampf davon schuldig. + +Ein Bauernhof in Soest in Westfalen hatte die Verpflichtung, dem +Dominikanerkloster alljährlich ein Ei auf einem vierspännigen Wagen zu +bringen. - Im Quedlinburgischen mussten Bräute den Herren Pfaffen ihren +"Stech- oder Bunzengroschen" zahlen und im Paderbornschen eine Bockshaut +liefern. - Mehreren schwäbischen Klöstern mussten die Bräute einen +kupfernen Kessel geben, "so groß, dass sie darin sitzen konnten", und +die Beweisführung war natürlich das Hauptgaudium für die frommen Herren. + +Die Gräfin Hidda von Eulenberg ließ sich von den Witwen, die wieder +heirateten, einen Beutel ohne Naht mit zwei "Schreckenbergern" darin +liefern, und unfruchtbare Eheleute mussten im Hildesheimschen +alljährlich, wegen des Abgangs an Taufgeld, damit man mit ihrem +Unvermögen Geduld habe, einen "Geduldshahn" opfern. + +Die Fuchsnatur der Pfaffen offenbarte sich auch in ihrer Lüsternheit +nach Hühnern und ihre Lehnsleute mussten davon herbeischaffen, soviel +sie nur immer konnten. Es gab Haupt- und Leibhühner, Rauchhühner, +Erbzins- und Fastnachtshühner, Pfingst-, Sommer-, Herbst-, Ernten-, +Wald-, Garten-, Heu- und Ehrenhühner! Audubon hat diese Hühnerarten in +seiner Naturgeschichte der Vögel vergessen; doch waren sie ja auch nur +in Europa zu Hause, und Gloger, als er sein treffliches Werk schrieb, +hätte sich darum bekümmern sollen. + +Manche Äbte und Bischöfe unterhielten Heere, wie es Fürsten nicht +vermochten. Der Bischof Galen von Münster hatte 42.000 Mann Infanterie, +18.000 Reiter und die schönste Artillerie, und die meisten Klöster waren +verbunden, ein mehr oder minder bedeutendes Kontingent zu den Truppen +des Landesbischofs stoßen zu lassen. Als die Reformation und die +Revolution die Klöster gehörig angezapft hatte, da wurde dies manchem +schwer genug, und eine Äbtissin schrieb an die Kreisdirektion: "dass sie +und ihre Kanonissinnen im letzten Krieg so von den Franzosen zugerichtet +worden, dass sie nicht im Stande seien, auch nur einen halben Mann +aufsitzen zu lassen." + +Ehe wir nun einen Blick in die Klöster tun, wollen wir einmal prüfen, +welchen Nutzen die Mönche der Welt brachten. Wir werden leider finden, +dass dieser zu dem Übel, dessen Ursache sie waren, so wenig im +Verhältnis steht, dass er fast ganz und gar verschwindet. + +Die Verteidiger des Mönchswesens machten geltend, dass durch Mönche das +Christentum in die fernsten Weltteile getragen wurde. Es ist das ein +sehr zweifelhaftes Verdienst, denn das Mönchs-Christentum brachte mehr +Fluch als Segen, wohin es auch immer kam, namentlich aber solchen +Völkern, die unter dem Einfluss eines ewig milden heiteren Himmels sich +gebildet hatten und für welche das scheußliche Mönchs-Christentum mit +seinen trübseligen asketischen Ansichten eine moralische Unmöglichkeit +war. Das erste Kloster wurde 1525, also vier Jahre nach der Eroberung +von Mexiko, gebaut und 10 Millionen unglücklicher Indianer wurden dem +blutigen Pfaffengott als Opfer geschlachtet!! Ähnlicher Art waren die +Wirkungen des durch Mönche verbreiteten Christentums fast überall. Die +Marianneninseln wurden früher von 150.000 glücklichen Naturkindern +bewohnt, und im Laufe der Zeit wurden sie durch christliche Krankheiten, +Trunksucht und das Franziskaner-Evangelium auf 1500 elende, Christen +genannte Subjekte reduziert. + +Um auch dem Teufel zu geben, was ihm gebührt, will ich wenigstens +bemerken, dass die Jesuiten, welche sich viel mit dem Missionswerk +beschäftigten, neben dem vielen Schlechten, dessen Urheber sie sind, in +manchen Gegenden der Erde segensreich wirkten, so dass das Untergehen +ihrer Missionen zu beklagen ist, wie zum Beispiel in Südamerika, an den +Ufern des Amazonenstroms und des Orinoko. + +Das Missionswesen, wie es von Katholiken und Protestanten betrieben +wurde und zum Teil noch betrieben wird, ist ein an der Menschheit +begangenes himmelschreiendes Unrecht, welches ich ein Verbrechen nennen +würde, wenn ihm nicht, großenteils wenigstens, ehrlich-dummer +Glaubenseifer zu Grunde läge. Die protestantischen Missionare, besonders +diejenigen, welche von dem puritanischen England auszogen, haben vor den +Mönchen nur allein das voraus, dass ihr Fanatismus weniger blutig war. +Die Bewohner der Freundschaftsinseln lieferten die schlagendste +Illustration zu dieser Behauptung, die jedem in die Augen fallen muss, +der die Schilderungen der dort lebenden Indianer vor und nach Einführung +des Christentums liest. - Männer wie Dr. Livingstone sind unter den +Missionaren sehr selten. Er und die wenigen ihm gleichgesinnten Männer +sind ein Segen für die Menschheit; allein ihr geläutertes Christentum +würde wenige Gnade finden vor den Augen der Inquisition oder selbst vor +orthodoxen englischen Christen. Ich nenne hier Dr. Livingstone und die +ihm gleichgesinnten Männer, da es ein bitteres Unrecht sein würde, sie +in den Tadel einzuschließen, der den größten Teil derjenigen trifft, +welche sich wie sie "Missionare" nannten und nennen. + +Den Mönchen verdanken wir, sagen die Klosterverteidiger weiter, die +Erhaltung der Kunst und der Wissenschaft, wie auch die der meisten alten +Klassiker. Daran ist allerdings etwas Wahres, und besonders erwarben +sich die Benediktiner Verdienste in dieser Beziehung; aber eine andere +Frage ist es, ob sich nicht ganz ohne Mönche, ja ganz ohne Christentum, +Künste und Wissenschaften weit frühzeitiger und herrlicher entfaltet +haben würden. + +Die alten Griechen dienen uns noch heute in manchen Zweigen der Kunst +als unerreichbare Muster und sind jemals die Wissenschaften unter der +Herrschaft der römischen Kirche so ins Volk gedrungen wie bei ihnen? - +Alle die herrlichen Resultate, welche sie erzielten, erreichten sie ohne +Christentum, ohne Mönche, und eine Tatsache ist es, dass die +Wissenschaften in Europa erst anfingen, recht aufzublühen, als das +Mönchsleben anfing abzusterben. Ja noch mehr, sind nicht noch heutzutage +die Heimatländer der Pfaffen und Klöster in Bezug auf Wissenschaften so +gut wie Null? + +In der Malerei, Bildhauerkunst und Baukunst leisteten die Mönche noch +das meiste; allein, welch krasse Geschmacklosigkeit herrscht nicht in +den mönchischen Erzeugnissen der erstgenannten Künste. Einige technische +Fertigkeit mochten sie allenfalls erlangen; aber bei der Komposition der +Gemälde wie der Skulpturen war ihnen überall ihre Unwissenheit im Wege, +und sie brachten Dinge hervor, die an Abgeschmacktheit nicht +ihresgleichen finden. Wer alte Gemälde gesehen hat, besonders solche, +die aus Mönchshänden hervorgingen, wird mir recht geben. + +Von den unendlich vielen Beispielen mönchischer Geschmacklosigkeit und +Borniertheit, wie sie sich in Gemälden äußert, nur zwei. In Erfurt +befand - oder befindet sich vielleicht noch - ein Gemälde, welches die +Transsubstantiation verherrlichen soll. Die vier Evangelisten werfen +kleine Papierchen in eine Handmühle, und auf den Zetteln liest man die +Worte: "Das ist mein Leib." Die vier großen Kirchenlehrer halten einen +Kelch unter, und das Jesulein fährt geschroten aus der Mühle in den +Kelch. + +An einem anderen Ort befindet sich eine Darstellung von dem Opfer +Abrahams. Isaak kniet kläglich auf dem Holzstoß, und sein Vater setzt +ihm eine Pistole auf die Brust. Der Hahn ist gespannt, und man sieht, +der Erzjude will eben abdrücken; man zittert, aber oben in den Wolken +schwebt schon der Erretter, ein Engel, der so geschickt aus der Höhe +herunterpisst, dass durch sein heiliges Wasser das Pulver auf der Pfanne +nass und dadurch Isaak gerettet wird. + +Es würde mich zu weit führen, wollte ich den Einfluss des mönchischen +Christentums auf die Malerei und Kunst überhaupt weiter ausführen; ich +überlasse das den unbefangenen Fachmännern und begnüge mich damit, auf +die in den Museen aufgehängten Erzeugnisse hinzuweisen, welche dieser +Religionsanschauung ihr Dasein verdanken. Es ist gewiss viel relativ +Herrliches darunter; allein man vergleiche es mit den Werken, die aus +einer Zeit und von Künstlern stammen, die sich von dem eigentlichen +römischen Christentum emanzipiert haben. + +Den Mönchen verdanken wir auch die Schauspiele, rufen die +Klosterfreunde. - Nun, auf diesen Ruhm werden die frommen Männer, +welchen die Schauspiele ein Gräuel sind, eben nicht besonders stolz +sein; allein die Sache hat ihre Richtigkeit. Unsere Schauspiele gingen +allmählich aus den sogenannten Mysterien hervor, welche in den Klöstern +aufgeführt wurden; aber Shakespeare, Lessing, Schiller, Goethe und +Konsorten, welche die rein christlichen Vorbilder verließen und sich zu +viel mit den Schauspielen der alten Heiden beschäftigten, haben sie +vollkommen verpfuscht! + +In diesen Klosterschauspielen erreicht die Mönchsdummheit ihren +Gipfelpunkt, und wer einmal recht von Herzen lachen will, der suche sich +dergleichen Machwerke zu verschaffen, und wer das nicht kann, der lese +das vortreffliche Werk von Karl Julius Weber, Die Möncherei . Der +treffliche Mann ist tot; aber wenn er sich noch um die Erde bekümmern +sollte, würde er sich gewiss freuen, dass ich in diesem Buch mir seine +fabelhafte Belesenheit zunutze machte. + +Ein Lieblingsthema der Mönche scheint die Schöpfung gewesen zu sein, +denn sie wurde sehr oft dargestellt, und höchst erbaulich ist es, wenn +Gott, der im Schlafrock mit Brille und Perücke erscheint, von Adam auf +den Knien darum gebeten wird - erschaffen zu werden. + +In einem dreiaktigen "Passionsspiel", welches 1782 unter dem Titel "Die +Sündflut" in Ingolstadt aufgeführt wurde, klagt Gottvater über das +sündige Leben der Menschen: + + Ist das, o Mensch!das Leben dein! + Der Henker soll Gottvater sein, + Es tut mich bis in Tod verdrießen, + dass ich Euch Schweng'l hab' machen müssen. + +Neptun und Aölus bieten nun Gott ihre Dienste an, das sündige Geschlecht +zu vertilgen, und ersterer sagt höchst ärgerlich: + + Tut länger Ihr so barmherzig sein, + So schlagens uns noch in d'Fressen 'nein, + Ein Exempel müsst Ihr statuieren, + Sonst tun's einem noch ins Haus hofieren. + +Endlich ist die Arche fertig und zum Abfahren bereit. Der Engel trinkt +mit Noah eine Flasche Wein; dieser geht endlich in die Arche, der Engel +schiebt den Riegel vor, und nun geht das Donnerwetter, das Regnen und +der Sturm los, dass die Menschen in der Luft herumfliegen. + +Als endlich die Geschichte zu Ende ist und Noah opfert, spricht Gott: + + Potz Element, was riecht so süß? + Das ist zu meiner Ehre gewiss. + Zum Zeichen, wie ich dir gewogen, + Nimm um den Hals den Regenbogen. + +Fama posaunt dies nach allen vier Winden in einer herrlichen Arie aus: + + Das bleibt der Welt nun immer kund, + Geschlossen ist der Gnadenbund. + Pum, Pum, Pumpidipum, Pum! + +In einer Passionskomödie, die in einem schwäbischen Kloster aufgeführt +wurde, tritt Judas zu den versammelten Pharisäern: + + Judas Gelobt sei Jesus Christ, Ihr lieben Herrn! + Phar. In Ewigkeit! Judas, was ist dein Begehr'n? + Judas Ich will Euch verraten Jesum Christ, + Der für uns am Kreuz gestorben ist. + +Größerer Unsinn kann wohl nicht leicht in vier Zeilen gesagt werden! + +Besonders stark in derartigen Schauspielen waren die Jesuiten; wenn sie +sich auch von solchen plumpen Dummheiten frei hielten; so ersetzten sie +dieselben reichlich durch mehr innerliche. Ein sehr schönes, originelles +Stück ist des Paters Sautter "Genius der Liebe", und ein Theaterdirektor +könnte heutzutage sein Glück machen, wenn er diese brillante Oper, mit +Offenbachscher Musik, auf die Bühne brächte. + +Heilige Jungfrauen (aus meinem zweiten Kapitel) bringen dem Genius +"Gaben der Liebe" in goldenen Schalen. Der Genius singt: + + Genius Nun! was bringt mir, liebe Bräute, + Euer Galantismus heute? + + St. Luzia Herr! dir zum süßen Augenschmaus + Stach ich mir selbst die Augen aus. + + St. Euphemia Für dich, o Herr, zur Morgengab', + Schnitt ich mir Nas' und Lefzen ab. + + St. Apollonia Viel weißer als das Elfenbein + Siehst du hier Zähne, Jesus mein! + + St. Magdalena Ich bringe dir zum Opfer dar + Meine schöne blonde Haar; + Nimm auch von mir verschreiten Musch + Den roten und den weißen Tusch. + + Chor Pupillen, + Mamillen + Und Zähne schneeweiß! + Jungfräulich Haar', + Nasen und Lefzen und mehr solche War' + Steh'n, heilige Liebe, hier alle dir preis! + +Die Prozessionen sind auch eine Erfindung der Mönche, und ihr seltsamer +Geschmack verwandelte sie in die seltsamsten, abenteuerlichsten und +lächerlichsten Possenspiele. Besonders bunt und toll waren die am +Karfreitag und am Fronleichnamsfest. Alle Personen aus dem Alten und +Neuen Testament erschienen in entsprechendem Kostüm - natürlich nach +mönchischer Anordnung und Angabe - im Zuge. Wie im wilden Heer wirbelte +der tollste Maskenzug, Menschen und Tiere durcheinander, die Straße +entlang. Jede Gruppe sang ihr eigenes Lied, und dem Zuschauer wurde ganz +schwindlig dabei. Nahm er aber nicht andächtig den Hut ab oder +unterstand er sich gar, über den tollen Spuk zu lachen, dann konnte es +ihm leicht sehr übel ergehen, denn die Geistlichen ermahnten selbst von +der Kanzel herab, die Spötter zu züchtigen. + +Noch unter Karl Theodor von Bayern predigte der Karmeliter F. Damascenus +in München: "Liebe Christen, morgen ist Prozession. Ihr werdet da an +vielen Fenstern Freimaurer und Freidenker sehen, - Unchristen, die +unsrer spotten. Waffnet Euch mit dem Eifer des Herrn, greifet nach +Steinen und werfet sie nach ihnen." - Anstatt den Eiferer zu bestrafen, +ließ ihm Karl Theodor sein Wohlgefallen an seinem Eifer zu erkennen +geben! - + +Diese Prozessionen endeten gar häufig mit Liederlichkeiten und +Saufereien, wenn sie nicht schon damit begannen. Engel, Apostel und +Teufel soffen sich gemeinschaftlich voll, und der Bauernlümmel, der +Christus vorstellte und der gewöhnlich der Dümmste war, kam meistens +betrunken ans Kreuz und fing an zu extemporieren. Ein solcher Christus, +den ein nicht ganz klar sehender Ritter Longinus mit der Lanze in der +Seite kitzelte, anstatt die mit Blut gefüllte Schweinsblase zu treffen, +schrie ganz erbost: "Hol mich der Teufel, Arm und Bein schlag ich dir +entzwei, wenn ich herunterkomme!" + +Es kamen noch weit unanständigere und lächerliche Szenen bei dieser +Kreuzigung vor, die ich aber weglassen muss, weil sie zu sehr an die +Zote streifen. - Wäre ich ein Pfaffe oder ein Frommer, so müsste ich mit +einem Seufzer meine Augen zum Himmel aufschlagen und an diesen +"Missbrauch des Heiligsten" meine salbungsvollen Redensarten knüpfen; +ich mache aber nicht den geringsten Anspruch darauf, von irgend jemand +für einen "frommen Christen" gehalten zu werden, und muss ehrlich +gestehen, dass mich diese Sachen weit mehr amüsieren als empören. + +Da wir aber nun einmal bei der spaßhaften Seite der Möncherei sind, die +ich bei der Charakteristik derselben nicht unberücksichtigt lassen +durfte, so mögen diejenigen Leser, welche sich vielleicht daran ärgern, +diesen Kelch auf einmal leeren. Ich will es übrigens kurz machen, obwohl +dieses Thema ein besonderes Buch verdiente. + +Wer hätte nicht schon von den berühmten Predigten des Paters Abraham a +Sancta Clara gehört! Sie sind in einer neuen Auflage zum Amüsement der +Ketzer erschienen, und ich will mich daher nicht lange bei ihnen +aufhalten, da sie jedem zugänglich sind. + +Diese Predigten, welche oft die originellsten und seltsamsten Vergleiche +und Wendungen enthalten, hatten seinerzeit auf das Volk eine große +Wirkung. In seinem Eifer brachte er oft die seltsamsten Dinge vor, wovon +der Schluss einer Predigt über den Ehebruch als Probe dienen mag: "Ja, +ja! es gibt so verdorbene Männer, dass sie diesem Laster nachrennen und +wenn sie zu Hause die schönsten Frauen haben! Wie gern würden wir, was +uns betrifft, die Stelle dieser Männer vertreten!" + +In ähnlicher Art, aber noch derber und oft unflätig, predigte in der +Mitte des 16. Jahrhunderts der Pater Cornelius Adriansen zu Brügge in +Flandern, wo er in dem zu jener Zeit herrschenden großen +Revolutionskrieg eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Er sprach, was +ihm gerade in den Mund kam, und das war dann häufig sehr derb +niederländisch. + +Einst verglich er des Himmels Süßigkeit mit - Hammelfleisch und weißen +Rüben, welches Gericht er wahrscheinlich sehr gern aß. Der Rat der Stadt +konnte es ihm nie recht machen, und er schimpfte über ihn ganz +öffentlich von der Kanzel, so dass ihm endlich das Predigen untersagt +wurde. Eine Rede gegen diesen Rat schloss er mit einer neuen +Beschuldigung und bereitete auf dieselbe mit den Worten vor: "Nun noch +eine Klette an seinen Hintern!" - Diesen Pater Cornelius werden wir im +nächsten Kapitel genauer kennenlernen, wenn ich von dem Missbrauch des +Beichtstuhls rede. + +Noch populärer und einflussreicher als Cornelius und Abraham a Sancta +Clara übte der kurz vor der Revolution in Neapel verstorbene Pater Rocco +aus. Dieser sagte dem König Ferdinand die derbsten Wahrheiten, und man +durfte ihn nicht hindern, denn in seiner Hand lag das Schicksal Neapels. +Alle Lazzaroni zitterten, wenn er den Mund auftat und niemand wagte eine +Miene zu verziehen, wenn er auch die lächerlichsten Dinge vorbrachte. + +Einst jagte er einen Marktschreier von seiner Bühne herab, trat an seine +Stelle, hielt das Kreuz in die Höhe und rief mit Donnerstimme. "Dies ist +der wahre Policinello!" Alles zitterte und er hielt den Ehebrecherinnen +eine furchtbare Strafpredigt über den seltsamen Text: "und Alexanders +Bucephalus ließ niemand aufsitzen als seinen Herrn und übertraf die +Menschen an Tugend." + +"Ich will sehen," sprach er, "ob eure Sünden Euch leid sind. - Wem es +mit der Buße Ernst ist, der hebe die Hand in die Höhe." - Alle Hände +reckten sich in die Höhe. - "Nun, heiliger Michael, der du mit deinem +Flammenschwert am Thron des Ewigen stehst, haue alle die Hände ab, die +sich in Heuchelei erheben!" - und alle Hände sanken wie mit einem +Schlage herunter. Nun aber begann Rocco eine furchtbare Strafpredigt und +schloss dieselbe mit Erzählung einer Vision oder eines Traumes, in +welcher er durch eine Abtrittsöffnung tief, tief hinuntergesehen auf +eine ungeheure Schar von Lazzaronis, die der Teufel sich alle hinten +hineingesteckt habe in eine Öffnung, die so groß gewesen sei wie der See +Agnano. + +Die römische Kirche zählt unter ihren Mönchspredigern so viele +originelle Leute, dass ich nur einige wenige anführen kann. - Ein +Kapuziner hatte sich von einem anderen eine Passionspredigt machen +lassen; sie schloss: "Und Christus verschied." Dieser Schluss schien dem +Pater doch gar zu dürftig, und er fügte noch schnell hinzu: "Nun, Gott +sei dem armen Sünder gnädig!" + +Der Liebling des Würzburger Publikums am Ende des vorigen Jahrhunderts +und einer der größten Feinde der Aufklärung war der achtzigjährige +Kapuziner Pater Winter. Eine Rosenkranzpredigt schloss er einst mit +folgender Frage: "Wer sind die Neuerer?" - sehr lange spannende Pause ß +"Esel sind sie, Amen!" + +Ein Franziskaner hielt 1782 bei Einkleidung einer Nonne zu Gmünd eine +Predigt, die von ganz Deutschland mit vielem Lachen gelesen wurde. +Besonders komisch ist der Schluss: "Nun, geistliche Braut, seien Sie ein +junger Affe, der seiner Mutter, der würdigen Frau Oberin, alles nachäfft +- äffen Sie nach dem alten Affen in Tugenden, Kasteiungen und Bußwerken, +- äffe nach, du junger Affe, ihre Keuschheit, Demut, Geduld und +Auferbaulichkeit! - Und Sie, würdige Oberin! gleichen Sie dem alten +Bären, der ein ungelecktes Stück Fleisch so lange leckt, bis es die +Gestalt eines jungen Bären hat; - lecke, du alter Bär, gegenwärtiges +geistliches Stück Fleisch so lange, bis es dir vollkommen ähnlich ist; - +lecke du auch dein ganzes Konvent, samt allen Kost- und +Klosterfräuleins! - Lecke, du alter Bär, die sämtliche Familie der +geistlichen Braut und alle hier in dem Herrn Versammelten; - zuletzt +lecke auch mich, damit wir alle wohlgeleckt und gereinigt den Gipfel der +Vollkommenheit erreichen mögen. Amen!" + +Eines der originellsten Predigertalente war aber wohl der sogenannte +Wiesenpater zu Ismaning in Bayern, der vor hundert Jahren lebte. Seine +Rosenkranzpredigt: "Der heilige Rosenkranz über'waltigt d'Höllenschanz" +und seine Schwanzpredigt sind höchst komisch. Die Letztere sollte +bewirken, dass die Bauernburschen sich nicht mehr, wie sie zu tun +pflegten, Sauschwanz schimpften, sondern beim Namen nannten. In ihr +kommt folgende Stelle vor: "Warum, meine Christen, ist gewachsen dem +Hund sein Schwanzerl? Dem Hund sein Schwanzerl ist gewachsen, damit er +wedle und wackle, dass ihm nicht fahren die Mucken ins Loch. - Wir +Geistlichen sind aber die wahren Schwanzerl, wir müssen wedeln und +wackeln, damit nicht fahren die Seelen der gläubigen Christen ins Loch +des Teufels!" + +Wenn nun auch einzelne Spötter über solche Mönchspredigten lachten, so +waren sie doch von Wirkung auf das Volk und dem Bildungsgrad derselben +angemessen. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte Luther gewiss +nicht in derselben Weise gepredigt. Einst predigte er über die letzte +Posaune: "So geht es in die Feldschlacht; man schlägt die Trommel und +bläst die Trompete Tara-tan-ta-ra! - man macht ein Feldgeschrei Her! +Her! Her! - der Hauptmann ruft Hui-Hui-Hui! Bei Sodom und Gomorrha waren +die Trompete und Posaune Gottes, da ging es +Pumperlepump-Plitz-Platz-Schein! - Schmier! Denn wenn Gott donnert, so +lautete es schier wie eine Pauke Pumperlepump - das ist das Feldgeschrei +und die Taran-tan-tara Gottes, dass der ganze Himmel und alle Luft wird +gehen Kir-Kir-Pumperlepump!" - Nun denke man sich dazu die Gebärden des +heftigen Mannes und bewundere die Zuhörer, welche zitterten und bebten +und nicht lachten! + +Von den evangelischen, protestantischen, lutherischen und anderen +nichtrömischen Predigern hört man auch zuzeiten Unsinn, welcher dem +vorangeführten nicht viel nachgibt. Ich kannte einen Garnisonsprediger +Ziehe in Berlin, der sehr häufig in Knittelversen predigte. Meistens +reden die Herren aber langweilen Unsinn. + +Hätten die Mönche weiter nichts getan als schlechte Schauspiele +aufgeführt und verrückte Predigten gehalten, dann könnte man ihnen ihr +Dasein allenfalls verzeihen, allein sie übten einen unendlich +unheilvollen Einfluss dadurch, dass sie sich der Erziehung des Volks +bemächtigten und über die Schule hinaus demselben Laster einimpften, die +in den Klostermauern ausgebrütet wurden und in denselben die größten +Schandtaten und Niederträchtigkeiten hervorbrachten, die in der "Welt" +sicher sehr selten vorkommen und dann mit den härtesten und +entehrendsten Strafen, die das Gesetz vorschreibt, bestraft werden. + +Wer von den Klostergeistlichen nichts weiter kennt als ihre +Lächerlichkeiten, der ist gar leicht geneigt, sie für harmlose Dummköpfe +zu halten; wer aber tiefer in das Klosterleben hineinsieht, der entsetzt +sich vor der Bosheit und Verworfenheit dieser "frommen" Herren, die in +echt römisch-katholischen Ländern noch heute den größten Einfluss haben. + +Mönche zu Lehrern des Volkes zu machen, ist das schwerste und +verderblichste Unrecht, welches man an demselben begehen kann und +unbegreiflich bleibt es, dass die Erfahrungen von Jahrhunderten darüber +noch nicht genügend aufgeklärt haben und dass in vielen Ländern Europas +das Schulwesen mit dem Mönchswesen auf das engste verbunden und selbst +in protestantischen Ländern von der Kirche abhängig gemacht worden ist. + +Das pedantische Pennalwesen, welches noch heutzutage selbst in vielen - +protestantischen Schulen, besonders in England, herrscht, ist die Folge +der Mönchsschulen, wo die Kinder auf die schauderhafteste Weise +behandelt wurden. + +Man sollte es kaum für möglich halten, dass die preußische Regierung +noch am Anfang dieses Jahrhunderts den Trappisten, den +allerwahnsinnigsten Mönchen, die es gab, die Erlaubnis erteilte, zu +Bieren und Walda im Paderbornischen Schulen zu errichten! + +Diese fanatischen, bornierten Mönche übernahmen junge Leute, ja Kinder +beiderlei Geschlechts von drei bis vier Jahren - zur Erziehung! Der Abt +reiste überall selbst umher, leichtgläubige Eltern zu verführen, ihm +ihre armen Kinderchen zu übergeben. Auf diese Weise wurden Hunderte +dieser unglücklichen Opfer zusammengeschleppt. Es wäre ihnen besser +gewesen, man hätte sie gleich bei der Geburt erstickt! - Die Mütter +wären wahnsinnig geworden, hätten sie gesehen, wie die Trappisten mit +den unschuldigen Kindern umgingen. Die Schilderung, welche ein +Augenzeuge davon machte, wendet einem nicht ganz gefühllosen Menschen +das Herz im Leibe herum! + +Die Kinder, meistens im Alter von vier bis zehn Jahren, lebten in +düsteren Zellen, deren ganzes Gerät ein Strohsack, ein Totenkopf, Spaten +und Hacke war, womit sie ihre Kartoffelfelder bearbeiteten, die sie +nebst Wasser und Brot nährten. Sie waren gekleidet wie die Trappisten +und mussten ganz ebenso leben wir ihre Lehrer. Sie durften nicht reden +und die ganze Anstalt glich einem Taubstummen-Institut. Wenn solch ein +armes Kind zur Unzeit sprach, lachte, aß oder sonst einen kleinen Fehler +beging, wurde es bis aufs Blut gegeißelt . Fortwährend Prügel, gewürzt +durch etwas Latein, das war die ganze Erziehung, denn alle anderen +Wissenschaften wurden verachtet. + +Es konnte nicht ausbleiben, dass viele der Kinder durch die Flucht sich +dieser barbarischen Behandlung zu entziehen suchten; allein die armen +Geschöpfe wurden leicht wieder eingefangen, und die fürchterlichsten +Strafen schreckten von ferneren Fluchtversuchen ab. Klagen konnten die +Ärmsten niemandem, denn die Eltern durften ihre Kinder nicht sprechen, +und diese waren bis zum 21. Jahr Eigentum des Klosters! + +Die Folge davon war, dass eine große Menge der Kinder krank oder +wahnsinnig wurden. Es kamen Gerüchte davon unter das Volk, und der +Ex-Jesuit Le Clerc schrieb öffentlich gegen diese Kindermordanstalt. +Seine Stimme fand Gehör, und Friedrich Wilhelm III. von Preußen machte +der Scheußlichkeit ein Ende. + +Aber nicht alle Fürsten denken so vernünftig, und wir sehen in anderen +Staaten Klöster und Klosterschulen in höchster Blüte. Die Mönche +trachten danach, ihre Schüler zu Mönchen oder doch möglichst +mönchähnlich zu machen, und in der höchsten Vollkommenheit zeigen sich +diese Bestrebungen bei der Erziehung der Novizen, weshalb ich einiges +darüber sagen will. + +Climakus spricht: "Es ist besser gegen Gott sündigen als gegen seinen +Prior." Das erste Gesetz in einem Kloster ist unbedingter Gehorsam, und +deshalb trachtet man denn auch vor allen Dingen danach, Geist und Körper +in Fesseln zu legen. Ein Novize darf gar keinen Willen haben; er muss +auf den Wink der frommen Väter oder des Novizenmeisters aufpassen wie +ein Pudel in der Dressur. Er muss auf Befehl krank und gesund sein, sich +in Wasser oder Feuer stürzen und die unsinnigsten Dinge vornehmen, wenn +sie ihm geheißen werden. + +Die Novizen sind die Hofnarren der Patres und müssen sich alle Ausbrüche +ihrer guten oder bösen Laune gefallen lassen. Diese nehmen mit ihren +Zöglingen die allerverrücktesten Dinge vor, um sie "an Gehorsam und +Demut zu gewöhnen". + +Die Novizen mussten zum Beispiel manchmal, mit schweren Reitstiefeln +angetan, auf einem Bein um den Tisch hüpfen oder ein Dutzend Purzelbäume +schlagen, so gut sie es konnten. Dann wurde ihnen wieder befohlen, +Fischeier oder Salz in die Erde zu säen, oder man spannte sie an einen +Wagen und ließ sie einen Strohhalm oder eine Feder spazieren fahren. + +Kapuziner haben ihren Novizen Heu und Stroh vorgesetzt oder sie aus +Sautrögen essen lassen. Ein Vergnügen, welches sie sich oftmals machten, +war, dass sie auf dem Fußboden einen Strich mit Kreide zogen und nun den +Novizen befahlen, diesen aufzulecken. Das war an und für sich schon arg +genug; aber überdies zogen sie den Strich absichtlich über den Speichel, +womit sie die Dielen zu verzieren pflegten. + +Oft ließ man die armen Dulder auch exerzieren. Es wurde ihnen ein alter +Kessel über den Kopf gestülpt, ein Bratspieß oder ein Flederwisch an die +Seite gesteckt und eine Bratpfanne als Gewehr über die Schulter gelegt. + +Wehe dem Unglücklichen, der es wagte, die Miene zu verziehen oder sich +gar Worte des Widerspruchs zu erlauben; ihn erwarteten strenge Strafen. +Wenn ein Novize vielleicht beim Gesang zu früh einfiel oder die Tür zu +heftig zuwarf, etwas fallen ließ und dergleichen, so war dies eine culpa +levis, und man strafte ihn damit, dass man ihn, auf den Knien liegend, +mit ausgestreckten Armen ein langes Gebet sprechen ließ oder indem er +einen Finger in die Erde steckte, was man Bohnenpflanzen nannte. + +Eine culpa media war es, wenn es der Novize unterließ, dem Obern die +Hand oder den Gürtel zu küssen, oder vergaß, sich vor dem +Allerheiligsten, wenn es vorbeigetragen wurde, zu verneigen oder wenn er +ohne Erlaubnis auslief. Für solche Vergehen musste er hungern oder mit +seinem Gürtel um den Hals an der bloßen Erde essen. + +Ging er "ohne geistliche Waffen", das heißt ohne Rock, Skapulier und +Gürtel zu Bette; besaß er irgend etwas als Eigentum; schrieb er Briefe +oder opponierte sich gar gegen Obere, dann beging er eine culpa gravis +und wurde mit entsetzlichen Hieben, Fasten und Einsperrung bestraft. + +Eine culpa gravissima aber war es, wenn er einen anderen geschlagen, +verwundet oder gar getötet oder wenn man den Novizen auf wiederholter +Unkeuschheit ertappt hatte oder wenn er den Versuch machte, aus dem +Kloster zu entweichen. Diese Verbrechen wurden nach den Umständen oder +nach der Laune der Obern mit einjähriger Einsperrung bei Wasser und Brot +oder auch mit täglicher Geißelung und ewigem Gefängnis bestraft. + +Und was für Gefängnisse waren es, in welchen die Ärmsten oft wegen +geringer Vergehen jahrelang sitzen mussten. Pater Franz Sebastian +Ammann, der Benediktinerstudent im Kloster Fischingen und dann Guardian +(Vorsteher) mehrerer Klöster in der Schweiz gewesen war und dem wir die +interessantesten und abschreckendsten Aufschlüsse über das jetzige +Klosterleben verdanken, beschreibt auch den im Kapuzinerkloster auf dem +Wesamlin bei Luzern befindlichen Kerker (Custodie). Er liegt an einem +feuchten und grauenhaften Ort, ist von dicken Balken aufgeführt, mit +zwei Türen und einem kleinen stark vergitterten Fenster versehen und +inwendig ungefähr 12 Fuß lang, 6 breit und ebenso hoch. Da er nicht +heizbar ist, so hat hier schon mancher durch Kälte und schlechte Nahrung +sein Leben eingebüßt. Wie mögen nun erst dergleichen Löcher im +Mittelalter beschaffen gewesen sein. + +Die gewöhnliche Beschäftigung der Novizen war sehr dazu geeignet, den +Menschen in ihnen zum Vieh herabzuwürdigen. Ihre wissenschaftlichen +Studien bestanden darin, dass sie aszetische Schriften oder das Brevier +lesen mussten, woraus allerdings sehr viel Weisheit zu holen war! - Dann +mussten sie sich im Schweigen und im Niederschlagen der Augen, kurz, in +der Heuchelei üben. Wer zu unrechter Zeit den Mund auftat, musste eine +Zeitlang ein Pferdegebiss im Mund tragen, und wer seine Augen zu viel +umherschweifen ließ, erhielt ein Brille oder Scheuklappen. + +Ferner war es das Geschäft der Novizen, zu läuten, die Treppen, Gänge, +ja selbst die Abtritte zu fegen. Wer verschlief, der musste mit der +Matratze oder mit dem Nachttopf am Hals erscheinen oder im Sarg +schlafen. - Holz, Licht und Wasser herbeizuholen, gehörte ebenfalls zu +ihren Verrichtungen, und außerdem mussten sie noch im Chor singen bis +zur äußersten körperlichen Erschöpfung. + +Dabei fehlte es nicht an allerlei Kreuzigungen des Fleisches. Sie +mussten in der größten Hitze dürsten, bis sie fast verschmachteten; den +Abspülicht der Geschirre als Suppe essen oder, wenn sie hungrig waren, +mit jedem Löffel voll Speise eine Leiter hinaufsteigen und durften ihn +erst dann in den Mund stecken, wenn sie oben angelangt und noch etwas +darin war. + +Zu Meran in Tirol musste 1747 an einem Fest ein Kapuziner-Noviz - er war +der Sohn eines Grafen - drei Stunden lang gebunden an einem Kreuze +hängen und fortwährend rufen: "Erbarmen mir großem Sünder!" - Er hatte +einen Krug zerbrochen! Fischingen, in welchem der oben genannte +ehemalige Guardian Ammann von seinem siebten bis vierzehnten Jahr war, +stand in dem Rufe, eines der sittenreinsten und vorzüglichsten Klöster +der Schweiz zu sein, und welche Nichtswürdigkeiten gingen hier vor! + +(Öffnet die Augen, Ihr Klösterverteidiger u.s.w. von F. S. Ammann. 7. +Aufl. Bern, bei C. A. Jenni Sohn, 1841. Ein höchst lesenswertes +Schriftchen, welches nur wenige Groschen kostet) + +Die liederlichen Patres lebten untereinander wie Hund und Katze und +einer suchten den anderen auf jede Weise zu schaden. Ammann wurde von +einem seiner Lehrer so lange mit einem schweren Lineal auf die +Fingerspitzen geschlagen, bis Blut herausspritzte und die Hände ganz +dick geschwollen waren. Dann musste er in einem offenen Gange mitten im +Winter zwei Stunden lang auf dem Ziegelboden sitzen; und warum? - Weil +er von einem andern Lehrer nichts Böses zu sagen wusste! - Mönche sind +nur eins in ihrem Hass gegen die Weltgeistlichen, aber diese werden von +ihnen gründlich gehasst. + +Ein von dem ehemaligen Benediktiner zu Rom Raffaeli Cocci, 1846 (bei +Pierer in Altenburg) veröffentlichtes Buch enthält über die Novizen und +über die Klosterverhältnisse so entsetzliche Tatsachen, dass sich beim +Lesen derselben die Haare sträuben. Der Unglückliche wurde durch seine +von den Geistlichen ganz umgarnten Eltern gezwungen, ins Kloster zu +gehen und hatte hier Schreckliches zu leiden, bis es ihm endlich 1842 +gelang, nach England zu fliehen, wo er wohl noch lebt. + +Interessant ist zu beobachten, wie den Knaben schon von Jugend auf unter +dem Schleier der Religion der bitterste Hass gegen die Protestanten in +das Herz gepflanzt wird. Diese, lehrte man, beteten den Mammon als Gott +an und glaubten nicht an Christus; täglich kämen bei ihnen Fälle vor, wo +einer den anderen totschlüge; die Römisch-Katholischen, die in ihre +Länder kommen, würden zum Tode verurteilt; sie hätten keine Gesetze, +sondern lebten fortwährend in einem anarchischen Zustand. + +Wenn ein Novize Vernunft zeigte, dann war es um ihn getan: er hatte die +entsetzlichsten Qualen zu erdulden. Man wandte die äußersten Mittel an, +den rebellischen Geist des Knaben durch Einwirkungen auf die Sinne zu +brechen, was bei vielen zum Wahnsinn führte. Cocci fand einst nach einer +schrecklichen Predigt in seiner Zelle ein grinsendes Totengerippe und +ein anderes Mal ein scheußliches Gemälde des Jüngsten Gerichts, welches +mit vielen Lichtern beleuchtet war. Wenn solche Mittel nicht fruchten +wollten, dann folgten die grausamsten Geißelungen. + +Weiter unten, wenn ich von den Folgen des Zölibats in den Klöstern rede, +wird sich zeigen, welchen schändlichen Verführungen die unter Leitung +der Mönche stehenden Knaben ausgesetzt sind, und ein jeder Vater wird +daraus erkennen können, wie höchst gefährlich es für seine Kinder ist, +wenn er diese in Klosterschulen unterrichten lässt. + +Welche Vorteile kann auch diesen Gefahren für die Sittlichkeit gegenüber +die Erziehung durch Geistliche gewähren! Der größte Teil derselben, +mögen sie nun Katholiken, Lutheraner oder Reformierte heißen, sind +beschränkt und diejenigen, die es nicht sind, müssen so scheinen, da +ihre Existenz davon abhängt. Die unter ihrer Leitung erzogenen Knaben +saugen von Jugend auf eine Menge falscher Ansichten und Vorurteile ein, +die sie dann ihr ganzes Leben lang wie eine Sklavenkette mit sich +herumschleppen und die ihnen vielfach an ihrem Fortkommen hinderlich +sind. Man nehme die Erziehung aus den Händen der Geistlichen und trenne +die Kirche durchaus von der Schule; ehe das nicht geschieht, werden wir +nicht Männer erziehen, welche den Anforderungen des gegenwärtigen +Jahrhunderts entsprechen. + +Ich erwähnte oben, dass die Novizen für geringe Vergehen grausam +gegeißelt wurden, und muss einiges über das Geißeln überhaupt sagen, da +es eine ganz außerordentlich große Rolle in der römischen Kirche und +besonders in den Klöstern spielt. Ich habe einen ganzen Band über das +Geißeln geschrieben, und andere haben es vor mir getan, aber dennoch den +Gegenstand nur oberflächlich behandeln müssen, da er in der Tat zu +reichhaltig ist, um in einem Band erschöpft werden zu können. Hier muss +ich mich vollends nur auf wenige und fragmentarische Angaben +beschränken. + +Schon unter den Christen der ersten Jahrhunderte gewann der Gedanke +Raum, dass es verdienstlich und zur Erlangung der Seligkeit förderlich +sei, sich Entbehrungen und körperliche Qualen freiwillig aufzuerlegen. +Der Gedanke lag nahe, sich diese durch selbst erteilte Schläge zu +verursachen, und wir finden daher schon frühzeitig unter den Christen +Selbstgeißler, besonders unter den Mönchen. In den Statuten vieler +Klöster heißt es darüber: "Wenn die Mönche die Geißelung an sich selbst +ausüben, so sollen sie sich an Christus, ihren liebenswürdigsten Herrn, +erinnern, wie er an die Säule gebunden und gegeißelt ward, und sollen +sich bemühen, wenigstens einige geringe von den unaussprechlichen +Schmerzen und Leiden selbst zu erfahren, welche er erdulden musste." - + +Andere Gründe für die Selbstgeißelung waren, dass man dadurch sein +Gewissen beruhigte, wenn man eine Sünde begangen hatte, und als durch +die Pfaffen der Glaube aufkam, dass man durch diese oder jene von ihnen +auferlegte Pönitenz sich entsündigen könne, so lag der Gedanke nahe, +dass dies durch selbst gegebene Schläge geschehen könne. Ein weiterer +Grund dafür war auch der, dass man dadurch die "Anfechtungen des +Fleisches" besiegen wollte. + +Allmählich wurde die freiwillige Geißelung als Bußmittel immer +beliebter. Es bildeten sich besondere Gebräuche dabei und das Verhältnis +zwischen Sünde und Hiebe wurde festgestellt. Besondere Bußbücher +bestimmten, durch welche Strafen gewisse Sünden gebüßt werden könnten. +Geißelhiebe wurden gleichsam die Scheidemünze der Buße besonders für +diejenigen, welche der römischen Kirche keine anderen Münzen zahlen +konnten. + +In der Mitte des 11. Jahrhunderts gab es in Italien einige Männer, +welche im Selbstgeißeln Unerhörtes leisteten. Sie geißelten sich nicht +nur für ihre Sünden, sondern übernahmen auch die Buße für die Sünden +anderer. + +Von den vielen Geißelhelden will ich nur den berühmtesten anführen. Es +war dies der Mönch Dominikus der Gepanzerte, welchen Namen er erhielt, +weil er beständig, außer wenn er sich geißelte, einen eisernen Panzer +auf dem bloßen Leibe trug, Petrus de Damiani, der Kardinalbischof von +Ostia, war Abt des Benediktinerklosters zu Fonte-Avallana, in welchem +Dominikus lebte. Er erzählt: + +"Kaum vergeht ein Tag, ohne dass er mit Geißelbesen in beiden Händen +zwei Psalter hindurch seinen nackten Leib schlägt, und dieses in den +gewöhnlichen Zeiten, denn in den Fasten oder wenn er eine Buße zu +vollbringen hat (oft hat er eine Buße von hundert Jahren übernommen), +vollendet er häufig unter Geißelschlägen wenigstens drei Psalter. Eine +Buße von hundert Jahren wird aber, wie wir von ihm selbst gelernt haben, +so erfüllt: Da dreitausend Geißelschläge nach unserer Regel ein Jahr +Buße ausmachen und, wie es oft erprobt ist, bei dem Hersingen von zehn +Psalmen hundert Hiebe stattfinden, so ergeben sich für die Disziplin +eines Psalters fünf Jahre Buße, und wer zwanzig Psalter mit der +Disziplin *) absingt, kann überzeugt sein, hundert Jahre Buße vollbracht +zu haben. Doch übertrifft auch darin unser Dominikus die meisten, da er +als ein wahrer Schmerzenssohn, da andere mit einer Hand die Disziplin +ausüben, mit beiden Händen unermüdet die Lüste des widerspenstigen +Fleisches bekämpft. Jene Buße von hundert Jahren vollendete er aber, wie +er mir selbst gestanden hat, ganz bequem in sechs Tagen." - Er gab sich +also nach dem angegebenen Maßstab (3000 für ein Jahr) während dieser +sechs Tage 300.000 Hiebe. Er musste sich also täglich sieben Stunden +geißeln und in jeder Sekunde zwei Hiebe geben, was angeht, da er sich +mit beiden Händen geißelte. + +---- *) Ursprünglich bedeutet dieses Wort alle Strafen und Züchtigungen; +als aber die Disziplin durch Geißeln über jede andere Art den Preis +davontrug, wurde das Wort Disziplin der technische Ausdruck, womit man +diese Art Züchtigungen bezeichnete, und endlich nannte man selbst das +Instrument, welches zum Schlagen gebraucht wurde, die Disziplin. ---- + +Welchen Anblick mag der Körper dieses Geißelhelden dargeboten haben, +denn schon beim achten Psalter war das Gesicht zerschlagen, voller +Striemen und blau und braun. Der Körper Dominikus', erzählt Damiani mit +Stolz, habe ausgesehen wie die Kräuter, welche der Apotheker zu einer +Ptisane zerstoßen habe! + +Es entstand unter den Frommen Streit darüber, ob man sich beim Geißeln +entkleiden solle oder nicht, und ferner, ob Schläge auf Rücken und +Schultern oder auf den Hintern der Gesundheit weniger nachteilig oder +dem Himmel angenehmer seien. Die ganze geißelnde Welt teilte sich in +zwei Parteien; die eine zog die obere Disziplin vor (disciplina supra, +oder im besten Mönchslatein secundum supra), die andere die untere +Disziplin (disciplina deorsum, secundum sub.). Die Gegner der unteren +Disziplin sagen, sie verstoße gegen die Schamhaftigkeit, und der Abbé +Boileau sagt in seinem berühmten Werk darüber: "Der hl. Gregorius von +Nyssa lobt in seiner kanonischen Epistel den Gebrauch, die toten Körper +zu vergraben, welches man seiner Meinung nach tue, damit die Schande der +menschlichen Natur nicht dem Sonnenlicht ausgesetzt werde. - Aber ist es +bei der verdorbenen Natur nicht weit schamloser und niederträchtiger, +beim Lichte der Sonne die Lenden junger Mädchen und ihre, obwohl der +Religion geweihten, nichtsdestoweniger wunderschönen Schenkel zu zeigen +als einen bloßen und entstellten Leichnam?" + +Trotzdem fand die untere Disziplin bei den Frauen den meisten Beifall, +und die medizinischen Gründe des gelehrten Abbé Boileau, die ich +hierhersetze, machten wenig Eindruck; - im Gegenteil. + +"Wenn man ein Übel flieht", sagt der Abbé, "so muss man wohl achtgeben, +dass man nicht unklugerweise in das entgegengesetzte rennt und dass man, +nach dem lateinischen Sprichwort, um die Szylla zu vermeiden, nicht in +die Charybdis gerät. Wenigstens ist die Geißelung der Lenden umso viel +gefährlicher, als die Krankheiten des Geistes mehr zu fürchten sind als +die des Körpers. Die Anatomen bemerken, dass die Lenden sich bis zu den +drei äußeren Muskeln der Hinterbecken erstrecken, dem großen, dem +mittleren und dem kleinen, so dass darin drei Zwischenmuskeln enthalten +sind oder ein einzelner, welchen man den dreiköpfigen Muskel nennt oder +den triceps, weil er an drei Orten des os pubis beginnt, an dem oberen +Teil nämlich, an dem mittleren und dem inneren. Hieraus folgt nun ganz +notwendig, dass, wenn die Lendenmuskeln mit Ruten- oder Peitschenhieben +getroffen werden, die Lebensgeister mit Heftigkeit gegen das os pubis +zurückgestoßen werden und unkeusche Bewegungen erregen. Diese Eindrücke +gehen sogleich in das Gehirn über, malen hier lebhafte Bilder verbotener +Freuden, bezaubern durch ihre trügerischen Reize den Verstand, und die +Keuschheit liegt in den letzten Zügen. + +Man kann nicht daran zweifeln, dass die Natur auf dieselbe Weise +verfährt, weil es außer den Nierenblut-, Samen- und Fettadern (veines +emulgentes, spermatiques et adipeuses) noch zwei andere gibt, welche man +Lendenadern nennt und die sich zwischen dem Rückgrat, zu beiden Seiten +des Rückenmarkes, befinden und vom Gehirn einen Teil der +Samenbestandteile herführen, so dass diese durch die Heftigkeit der +Peitschenhiebe erhitzte Materie sich in die Teile stürzt, welche zur +Fortpflanzung dienen und durch den Kitzel und den Stoß des os pubis zur +rohen fleischlichen Lust anreizen." + +Diese hier erwähnten Folgen der untern Disziplin - die wir Müttern zur +Beachtung empfehlen - waren entweder ihren Anhängern nicht bekannt oder +wurden von ihnen nicht gefürchtet, indem sie es, so künstlich zu +fleischlicher Lust aufgeregt, vielleicht für umso verdienstlicher +hielten, ihr "Fleisch" zu besiegen. Wie die Herren Jesuiten auf diese +Wirkung spekulierten, werden wir im letzten Kapitel sehen. + +Die Kirche wollte lange Zeit hindurch das Geißeln nicht als eine +Notwendigkeit anerkennen; allein die Gegner desselben unterlagen, und +das Selbstgeißeln sowohl als das Geißeln als Strafe wurde allgemein und +mit einem Fanatismus betrieben, der in unserer Zeit völlig unbegreiflich +ist. Der heilige Antonius von Padua kann die Geißelmode nicht genug +loben; aber der heilige Franziskus nennt ihn ein "Rindvieh", und ich +will dem Heiligen umso weniger widersprechen, als dieses heilige +Rindvieh der Urheber der Geißelprozessionen *) wurde, aus denen die +Geißlerbrüderschaften hervorgingen, die Jahrzehnte hindurch eine große +Rolle in der römischen Kirche spielten. + +---- *) Wer sich über den römisch-katholischen Wahnsinn näher +unterrichten will, lese "Die christlichen Geißlergesellschaften" von Dr. +G. G. Förstemann, oder l'Histoire des Flagelans von Thiers, oder den +zweiten Teil der Histr. Denkmale des christl. Fanatismus, die Geißler, +von Corvin. ---- + +Das Geißeln fand unter den frommen Frauen besonders viele Anhänger und +wurde in den Nonnenklöstern besonders mit Leidenschaft getrieben. Über +den Grund will ich mir weiter keine Untersuchungen gestatten, sondern +nur den Verdacht aussprechen, dass der triceps und das os pubis mehr mit +dieser Leidenschaft zu tun hatten als die Religion und als die armen +Frauen selbst ahnten. + +Die Karmeliter hatten eine ziemlich vernünftige Regel, bis sie unter die +Herrschaft der heiligen Therese kamen; dieselbe, welche den Mönchen +buchstäblich die Hosen auszog und diese ihren Nonnen anzog. In den +Regeln, die sie gab, spielte die Selbstgeißelung eine Hauptrolle. +Während der Fasten besonders geißelten sich manche ihrer Mönche und +Nonnen drei- bis viermal täglich, ja sogar während der Nacht. + +Das Kloster zu Pastrana war eine freiwillige Marteranstalt. Eine Zelle +war gleichsam das Geißelzeughaus. Hier waren alle nur möglichen +Geißelinstrumente angehäuft, und jeder Novize hatte das Recht, sich +dasjenige Folterwerkzeug auszusuchen, welches ihm für seine Buße am +passendsten schien. - Eine beliebte Art der Selbstquälerei war das +sogenannte Ecce homo. Sie wurde gewöhnlich in Gesellschaft vorgenommen. +Die bußbedürftigen Brüder stellten sich im Refektorium auf. Einer trat +nun aus der Reihe heraus. Er war nackt bis zum Gürtel und sein Gesicht +mit Asche bedeckt. Unter dem linken Arm schleppte er ein schweres +hölzernes Kreuz und auf dem Kopf trug er eine Dornenkrone, in der +rechten Hand hatte er eine Geißel. So ging er mehrmals im Refektorium +auf und nieder, peitschte sich fortwährend und sagte mit kläglicher +Stimme einige besonders zu dieser Gelegenheit verfasste Gebete her. - +War er fertig, dann folgten die andern Brüder. + +Der Karmeliterorden hat berühmte Geißelhelden und -heldinnen +hervorgebracht, und ich erinnere nur an die heilige Therese und an die +heilige Katharina von Cardone, von denen ich schon im Kapitel von den +Heiligen weitläufiger gesprochen habe. Die Letztere brauchte zum Geißeln +Ketten mit Häkchen oder eine gewöhnliche Geißel, in welche sie Nadeln +und Nägel steckte oder sie mit Dornenzweigen durchflochten hatte. Mit +solchen grässlichen Werkzeugen geißelte sie sich oft zwei bis drei +Stunden lang. + +Maria Magdalena von Pazzi, eine Karmeliternonne zu Florenz, erlangte +durch ihre Selbstquälerei und mehr noch durch die Folgen derselben einen +hohen Ruf. Sie war 1566 in Florenz geboren und die Tochter angesehener +Eltern. Schon als Kind hatte sie eine Leidenschaft für das Geißeln, und +als sie siebzehn Jahre alt war, nahm sie den Schleier. Es war ihre +größte Freude, wenn die Priorin ihr die Hände auf den Rücken binden ließ +und sie in Gegenwart sämtlicher Schwestern mit eigener Hand auf die +bloßen Lenden geißelte. + +Diese schon von Jugend auf vorgenommenen Geißelungen hatten ihr +Nervensystem ganz und gar zerrüttet, und keine Heilige hat so häufig +Entzückungen gehabt. Während derselben hatte sie es besonders mit der +Liebe zu tun und schwatzte darüber das wunderlichste Zeug. Der +himmlische Bräutigam erschien ihr sehr häufig, und sie sah ihn in allen +möglichen Lagen. Einst blieb sie, das Kruzifix in der Hand, sechzehn +Stunden lang in Betrachtungen über das Leiden Christi versunken und sah +im Geiste eine der Martern nach der anderen, welche er erduldet hatte. +Dieser Anblick rührte sie so sehr, dass sie Ströme von Tränen vergoss +und ihr Bette davon so nass wurde, als ob es in Wasser getaucht worden +wäre. Dann fiel sie in Ohnmacht, blass wie der Tod, und blieb eine lange +Zeit ohne Bewegung liegen. + +In diese Entzückungen verfiel sie gewöhnlich, nachdem sie das Abendmahl +genommen hatte oder wenn sie sich in die Betrachtung eines heiligen +Ausspruchs vertiefte. Besonders geschah das, wenn sie über ihren +Lieblingstext nachdachte; dieser war: Und das Wort ward Fleisch. Einst +geriet sie dabei in eine Verzückung, welche von abends fünf Uhr bis zum +anderen Morgen dauerte. Während derselben rief sie plötzlich aus: "Das +ewige Wort ist in dem Schoße des Vaters unermesslich groß; aber in +Mariens Schoß ist es nur ein Pünktchen. - Deine Größe ist unergründlich +und Deine Weisheit unerforschlich, mein süßer, liebenswürdiger Jesus!" + +Das innere Feuer drohte- sie zu verzehren, und häufig schrie sie: "Es +ist genug, mein Jesus! Entflamme nicht stärker diese Flamme, die mich +verzehrt! - Nicht diese Todesart ist es, die sich die Braut des +gekreuzigten Gottes wünscht; sie ist mit allzu vielen Vergnügungen und +Seligkeiten verbunden!" + +So steigerte sich ihr Zustand von einer Stufe des Wahnsinns zur anderen, +und endlich bildete sie sich ein, förmlich mit Christus vermählt zu sein +und sowohl von ihm wie von ihrem Schwiegervater und dessen Adjutanten, +dem Heiligen Geist, Visiten zu erhalten. Die Hysterie erreichte den +höchsten Grad, und "der Geist der Unreinheit" blies ihr die +wollüstigsten und üppigsten Phantasien ein, so dass sie mehrmals nahe +daran war, ihre Keuschheit zu verlieren. Aber die Qualen, denen sie sich +nach solchen Versuchungen unterzog, waren entsetzlich. Sie ging in den +Holzstall, band einen Haufen Dornengesträuch los und wälzte sich so +lange darauf, bis sie am ganzen Körper blutete und der Teufel der +Unzucht sie verlassen hatte. So ging es fort, bis endlich der +barmherzige Tod ihren Qualen ein Ende machte. Die arme Wahnsinnige wurde +natürlich heilig gesprochen. + +Die unendlich vielen Abarten des Zisterzienserordens haben sich im +Punkte des Selbstgeißelns sehr ausgezeichnet, allein von ihnen keine so +sehr wie die Trappisten. Sogar Mönche nannten den Stifter dieses +Klosters zu La Trappe den "Scharfrichter der Religiösen". Der Orden war +durch die Revolution sehr herabgekommen, aber Karl X. nahm ihn unter +seinen besonderen Schutz, und von 1814-1827 zählte man in Frankreich +nicht weniger als 600 Nonnenklöster dieses Ordens. Die Geißel war hier +an der Tagesordnung, und Mademoiselle Adelaide de Bourbon, die +Beschützerin dieser Klöster, wie auch die alternde Frau von Genslis, +geißelten sich von Zeit zu Zeit mit den Nonnen in frommer Andacht. + +Die Krone der Zisterzienser ist aber die hochgepriesene Mutter Passidea +von Siena, von der ich schon früher erzählte, dass sie es für +verdienstlich hielt, sich wie einen Schinken in den Rauch zu hängen. Im +Geißeln leistete sie Dinge, welche selbst Dominikus den Gepanzerten mit +Neid erfüllt haben würden. Die natürliche Folge des unmäßigen Geißelns +war ebenfalls ein dem Wahnsinn nahekommender Zustand, in welchem ihr +Christus erschien. Das Blut floss aus seinen Wunden, er streckte ihr die +Arme entgegen und rief mit zärtlicher Stimme: "Schmecke, meine Tochter, +schmecke!" - + +Elisabeth von Genton geriet durch das Geißeln förmlich in bacchantische +Wut, was aber die Pfaffen heilige Verzückung nannten. Am meisten raste +sie, wenn sie, durch ungewöhnliche Geißelung aufgeregt, mit Gott +vereinigt zu sein glaubte, den sie sich als einen schönen nackten Mann +und in beständigem Bräutigamstaumel mit seiner irdischen Geliebten +dachte. Dieser Zustand des Entzückens war so überschwänglich beglückend, +dass sie häufig in den Ausruf ausbrach: "O Gott! o Liebe, o unendliche +Liebe! o Liebe! o Ihr Kreaturen, rufet doch alle mit mir: Liebe! Liebe!" +- + +Ich könnte die Zahl solcher Beispiele unendlich vermehren: allein, ich +halte es für überflüssig, da die Wirkungen so ziemlich überall dieselben +waren. + +Dass das Geißeln unter den Strafen die Hauptrolle spielte, kann man sich +nach dem Gesagten wohl denken. Die Klosterregel der Heiligen Therese ist +so reichlich mit Geißelverordnungen gespickt, dass manches Kloster, +welches derselben folgte, ein eigenes Magazin für Ruten haben musste. + +Die beschuhten oder graduierten Karmeliter, die sich viel mit dem +Studieren beschäftigten und deshalb einige Vorrechte genossen, erhielten +dennoch trotz ihrer Gelehrsamkeit bei den kleinsten Vergehen Prügel. Am +allerhärtesten wurden aber die Vergehen mit hübschen Klosterfrauen +bestraft, besonders ein mit denselben begangenes Verbrechen, welches +zwar nicht genannt, aber in dem Orden sehr häufig vorgekommen sein muss. +Schon auf den bloßen Verdacht hin, dasselbe begangen zu haben, wurde ein +Mönch, ohne Hoffnung auf Milderung oder Barmherzigkeit zu haben, mit +ewigem Gefängnis bestraft, und zwar: um dort erbärmlich gequält zu +werden, wie der Beisatz in den Statuten lautet. + +Nicht so streng scheint man indessen dergleichen Vergehen genommen zu +haben, wenn sie mit nichtgeistlichen Frauen begangen wurden, und die +Mönche trugen Sorge, dass solche in der Nähe waren. Besonders scheinen +die Weiber der Klosterdiener, die in den Wirtschaftsgebäuden, der +sogenannten Vorstadt, wohnten, eine große Anziehungskraft für die +heiligen Väter gehabt zu haben, und einen besonderen Wert hatten +diejenigen Weiber, welche keine Kinder bekamen oder in der +Klostersprache "steriles" (Unfruchtbare) waren. - Der bekannte +Schriftsteller Karl Julius Weber wohnte einst einer Unterhaltung bei, +welche ein Domherr mit seiner Köchin hatte, die von ihm einen höheren +Lohn forderte. Der Domherr wollte nicht einsehen, warum sie mehr +verlange als eine andere; allein sie machte ihre Vorzüge geltend und +rief mit Selbstgefühl: "Ja, ich bin aber auch eine Sterelise!" + +Der Orden von Fontevrauld war ein kurioser Orden. In dem Kloster lebten +Mönche und Nonnen zusammen, die oft beieinander schlafen mussten, um +Versuchungen gewaltsamerweise und einzig zu dem Zwecke herbeizuführen, +sie desto glorreicher zu überwinden. Die Regel dieses Ordens fand so +viele Liebhaberinnen, dass nicht selten zwei- bis dreitausend Nonnen im +Kloster waren. Da die Schwangerschaften gar zu häufig vorkamen, musste +die Zucht etwas strenger eingerichtet werden. + +Dieses Kloster zu Fontevrauld oder Eberardsbrunnen hatte fünfzig +Mönchsklöster unter sich. Besonders zahlreich war aber die Zahl der +Novizen im Stammhaus, und meistens führten hier fürstliche oder andere +vornehme Damen das Regiment, denn dieser Orden hatte das Eigentümliche, +dass hier das männliche Geschlecht dem weiblichen untergeben war. + +Das Geißeln an einem jungen Frater oder Novizen war für die Damen ein +Hauptvergnügen und wurde höchsteigenhändig vollzogen und am liebsten der +"unteren Disziplin" der Vorzug gegeben. Oft ließen sich beide Teile - +Mönche und Nonnen - zusammen disziplinieren; die Nonnen vom Beichtvater +und die Mönche von der Äbtissin. + +Die verbesserten Regeln des Zisterzienserordens waren besonders beim +weiblichen Geschlecht mit dem Geißeln sehr freigebig. War eine Nonne +gestorben, dann mussten die Schwestern sich noch viele Wochen lang zum +Heil der Seele der Toten den Hintern zerhauen. Dies Geißeln zum Heil der +armen im Fegefeuer schwitzenden Seelen fand in vielen Nonnenklöstern +statt, und auch in Leyden, wie uns der gelehrte aber etwas derbe Marnix +Herr von St. Aedegonde in seinem "Bienenkorb" folgendermaßen erzählt: + +"Noch vber alle dise heylsame hülffmittel, haben die liebe andächtige +Schwestern zu Leyden in Holland, vnd in allen Regularissenklöstern, noch +etwas gefunden, das sehr artig ist. Den zwischen Remigy und aller +Heyligentag, nachdem man die Vigilien von neun Lektionen sehr andächtig +hat gesungen, so geht jhre Frau Mater inn eyn finster Kellerlein, mit +eyner Ruten inn der hand, ynnd da kommen die Schwesterlein, eyne vor, +die ander nach, mit dem hintern bloshaupts, ja etliche auch wol gantz +Mutternackend, vnnd legen sich für sie, vnnd empfangen die selige +Disziplin oder züchtigung für die Seelen im Fegfeuer. Dann als manchmal +sie zehen streich empfangen, so manche Seelen fliegen knapp in schnapps +dem Himmel zu, wie die Küe in eyn Mäusloch. Ist das nicht köstlich Ding, +mit Nonnenärssen die Seelen aufplasen? Ei der kräfftigen Nonnenfürz, +welche so feine Blaßbälg inns Fegfeuer geben! Ich denk, die andern +Nonnen, Beginen vnnd Schwestern werdens jnen auch nach thun müssen, vnnd +solls allein wolstandshalben geschehen; auch das es der Pater oftmals +thun muss, wann kein Mater vorhanden ist; denn malet schon der Müller +mit bei tag, so versiehts doch die Müllerin bei nacht." + +Sebastian Ammann, der Ex-Prior der Kapuziner, den ich schon früher +erwähnte, gibt eine Beschreibung davon, wie die Geißelung noch in +gegenwärtiger Zeit in den Kapuzinerklöstern angewandt wird. Ich führe es +hier nur an, damit die Leser nicht glauben, dass, was ich erzählte, nur +dem "finsteren Mittelalter" angehöre. + +"Die Geißel ist ein Instrument, aus Eisendraht geflochten, ungefähr vier +Schuh lang; ein Teil davon, den man beim Schlagen um die Hand windet, +ist einfach, derjenige aber, mit dem man auf den Leib schlägt, fünffach +geflochten und an den fünf Enden gewöhnlich mit eisernen Zacken +versehen. Die Geißelung geschieht bei den Kapuzinern auf zweierlei Art. +Im Chor nachts bei der Mette heben sie die Kutten auf und klopfen sich +auf den bloßen Steiß, bis der Obere ein Zeichen zum Aufhören gibt. Da +sie keine Hosen tragen, so geht die Szene schnell auf das Kommando vor +sich. In dem Speisezimmer, wo die Geißelung am hellen Tage im Angesicht +aller Konventualen vor sich geht, pflegt sie auf folgende Weise zu +geschehen. Derjenige, welchem die Strafe zuteil wird, muss, bevor er zu +Tische geht, das wollene Hemd (Schweißblätz) und die leinene Schürze +(Mutande), die unter der Kutte getragen werden, ausziehen und so mit den +anderen sich zum Tischgebet einstellen. Nach diesem gehen alle übrigen +zu Tisch; der Sträfling aber wirft sich auf die Knie, legt die Geißel +vor sich hin auf den Boden, fasst mit beiden Händen die Kapuze und zieht +sich die Kutte über den Kopf aus, legt dieselbe vor seine Brust hin, so +dass der vordere Leib bedeckt, der hintere aber ganz nackt ist. In +dieser Lage hält er mit der linken Hand die Kutte und in der rechten die +Geißel. + +Auf ein Zeichen, das ihm der Obere gibt, beginnt er laut Bußpsalmen, das +Miserere, De profundis und lateinische Gebete zu sprechen und schlägt +sich so lange auf den nackten Rücken über die Achseln, bis der Obere +zufrieden ist und das Zeichen zum Aufhören gibt. Zwickt sich der +Pönitent mit der Geißel nicht heftig genug, so lässt ihn der Guardian +länger beten und zuschlagen. - Wer noch nicht alles Schamgefühl verloren +hat wie ergraute Kapuziner, der unterzieht sich dieser Operation gewiss +ungern. Dass diese schamlose Handlung Anlass zu der naturwidrigsten +Unzucht gegeben hat, könnte ich jedem mannigfach beweisen, der daran +zweifeln sollte." - + +Die Folgen des Zölibats zeigten sich bei den Mönchen auf eine noch +widerlichere Weise als bei den Weltgeistlichen, die durch ihren Verkehr +mit den Menschen doch noch Gelegenheit fanden, den mächtigen +Geschlechtstrieb auf natürliche Weise zu befriedigen. Die strenge Zucht +in vielen Klöstern erschwerte dies aber den Mönchen sehr, und so nahmen +denn bei ihnen die unnatürlichen Laster auf eine schaudererregende Weise +überhand. Die zahlreichen Verbote, keine weiblichen Tiere in +Mönchsklöstern und keine Schoßhündchen in Nonnenklöstern zu leiden, +sprachen laut genug dafür, welche Wege der unterdrückte Geschlechtstrieb +aufsuchte. + +Das asketische Leben, die schwächende Diät und der häufige Genuss der +Fische wie auch das Geißeln trugen sehr viel dazu bei, den +"Fleischesteufel" mehr gegen die Mönche als gegen andere Menschenkinder +aufzureizen; und ich sehe eigentlich nicht ein, warum nicht statt des +Zölibatsgesetzes ein anderes gegeben wurde, welches alle Knaben, die +sich dem Klosterleben widmeten, zur Kastration verurteilt. Dann würden +sie Ruhe haben und nicht durch fleischliche Anfechtungen in ihren +frommen Betrachtungen gestört werden und das Familienleben durch ihre +Unsittlichkeit verpesten. + +Übrigens ist der Gedanke kein Originalgedanke; es gab schon längst vor +mir Leute, welche ihn praktisch ausführten. Der Ritter Bressant de la +Rouveraye, empört über die skandalöse Prozession, welche zur Feier der +Bluthochzeit in Rom veranstaltet wurde, gelobte, alle Mönche zu +kombabisieren, die ihm in die Hände fielen. Wie ein Indianer die Skalpe +seiner Feinde, so trug der grimmige Ritter die für die Erfüllung seines +Gelübdes zeugenden Trophäen an seinem Wehrgehänge. - Iphauer Bauern, +welche das Kloster Birkling in der Grafschaft Kastell zerstörten, nahmen +an den erwischten Mönchen dieselbe Operation vor. + +Die in den Klöstern herrschende Sittenlosigkeit übertrifft die kühnste +Phantasie. Um die Folgen derselben zu verbergen, wurden sehr häufig die +Mittelchen der Klosterapotheke in Anspruch genommen, und manches +gefallene Mädchen blieb durch ihre Hilfe in den Augen der Welt eine +reine Jungfer; aber auch mancher Ehemann verschwand durch sie. + +Ammann kennt einen Pater, der einem Mädchen in Rapperswyl, das von ihm +schwanger gewesen sein soll, einen Trank zum Abtreiben gab. Der +Vorgesetzte war genau davon unterrichtet; aber er hielt es "zur Ehre der +Geistlichkeit" nicht für angemessen, davon viel Aufhebens zu machen. + +Mönche und Nonnen lebten in der innigsten Vertraulichkeit und schienen +der Ansicht, dass sie nur dazu geschaffen wären, sich einander zu +ergänzen. Bebel wollte ein Nonnenkloster kennen, in welchem nur eine +keusche Nonne gewesen, - die nämlich noch kein Kind gehabt hatte. + +Das Kinderbekommen war die Schattenseite des Nonnenlebens, aber die +frommen Vestalinnen wussten sich zu helfen. Das Mittel war sehr einfach, +"zur Ehre der Geistlichkeit" wahrscheinlich brachten sie die Kinder um. +Bei Abbrechung des Klosters Mariakron fand man "in den heimlichen +Gemächern und sonst - Kinderköpfe, auch ganze Körperlein versteckt und +vergraben", und der Bischof Ullrich von Augsburg erzählt, dass Gregor +I., der auch sehr für das Zölibat eingenommen gewesen, davon +zurückgekommen sei, als einst aus einem Klosterteiche sechstausend +Kinderköpfe herausgefischt wurden. Das Wort des Bischofs mag für diese +fast unglaublich klingende Tatsache bürgen. + +Als Kaiser Joseph II. diese Wiedehopfnester ausnahm, fragte er einen +Prior: "Wie stark sind sie?" - "Zweihundert, Ew. Majestät." - "Wie?" - +"Ja, Ew. Majestät, wir haben aber auch vier Nonnenklöster zu versehen." +- Der Kaiser drehte dem offenherzigen Prior den Rücken zu, um sein +Lachen zu verbergen. + +Die Äbtissinnen waren aber auch für ihre Freunde, die Mönche, auf das +liebevollste besorgt. Kranke Nonnen wurden nicht aufgenommen, ja nicht +einmal solche, welche einen übelriechenden Atem hatten. Was dieser der +Heiligkeit für Hindernisse in den Weg legen soll, kann ich nicht wohl +begreifen; allein für die Unheiligkeit ist er höchst unbequem und bei +Eheleuten, wenn ich nicht irre, in manchen Ländern ein Grund zur +Scheidung. + +Nichts ist possierlicher - erzählt der Ex-Prior Ammann - als wenn sich +die Nonnen die körperlichen Gebrechen ihrer geliebten Patres vorwerfen. +Dies erinnert an andere keineswegs der Keuschheit geweihten Häuser, und +viele Geschichtsschreiber aus der Zeit der päpstlichen "babylonischen +Gefangenschaft" sagen auch wirklich geradezu: "Von Nonnen kann man aus +Scham gar nicht sprechen; ihre Klöster sind Hurenhäuser, und ein +Mädchen, das den Schleier nimmt, tut dasselbe, als ob sie sich für eine +Hure erkläre." + +Schon die Synode zu Rouen (um 650) sah sich genötigt, das Gesetz zu +erlassen: dass Nonnen, die mit Geistlichen oder Laien Unzucht getrieben, +durchgeprügelt und ins Gefängnis geworfen werden sollten. + +Robert von Abrissel, der Stifter des oben erwähnten Klosters von +Fontevrauld, ein sehr heiliger Mann, brachte die Nächte bei Nonnen zu, +um seine Stärke zu prüfen in der Tugend der Enthaltsamkeit. Sehr +vernünftig war es von ihm, dass er sich zu dieser Probe nur die +allerschönsten Nonnen aussuchte. Siegte er, dann war sein Sieg umso +verdienstlicher, und unterlag er, nun, dann lohnte es doch auch der +Mühe. + +Bebel, den ich schon mehrmals nannte, ist sehr reich an spaßhaften +Anekdoten von Mönchen und Nonnen. Zwei mögen hier einen Platz finden. + +Ein Mönch, der in einem Nonnenkloster einkehrte, wurde von den Nonnen +auf das freundlichste aufgenommen und bewirtet. Er sprach so viel von +Tugendsinn, Gottesfurcht und Züchtigung, dass ihn die Nonnen für ein +Muster der Enthaltsamkeit hielten und ihm sogar in ihrem eigenen +Schlafsaal ein Bett anwiesen. + +Mitten in der Nacht fing der Mönch plötzlich an zu schreien: Ich mag +nicht! Ich mag nicht! Man kann sich denken, wie die Nönnchen die Ohren +spitzten und wie eifrig sie herbeiliefen, um sich nach der Ursache des +sehr verdächtig klingenden Ausrufs zu erkundigen. + +Der Schalk erzählte ihnen nun, dass ihm eine Stimme vom Himmel befohlen +habe, sich zu der jüngsten Nonne ins Bett zu legen, denn sie beide wären +dazu ausersehen, einen Bischof hervorzubringen; er aber wolle nicht. + +Die frommen Nonnen waren hocherfreut, wussten ihn zum Gehorsam gegen +Gottes Stimme zu bekehren und führten ihn endlich an das Bett der +glücklichen Schwester. Als diese einiges Bedenken fand, erklärten sich +sogleich alle übrigen bereit, ihre Stelle zu vertreten, so dass sie sich +bestimmen ließ und den Mönch zu sich nahm. - + +Das Resultat war aber - eine Tochter! Diese konnte freilich nicht +Bischof werden; und als man den Mönch zur Rede stellte, schob er den +missratenen Bischof darauf, dass die Nonne nicht freiwillig gekommen +wäre. + +Einen ähnlichen Streich spielte den Nonnen der Pförtner ihres Klosters, +welcher den sonderbaren Namen Omnis mundus führte. Während einer Nacht +kroch er in die Feueresse und brüllte durch ein großes Rohr in den Kamin +ihres Schlafsaals: "O Ihr Nonnen, hört das Wort Gottes!" Die Nonnen +zitterten und zagten; als sie aber in der nächsten Nacht wieder dieselbe +Stimme hörten, fielen sie alle nieder, denn sie meinten, ein Engel +spräche zu ihnen, und sangen: "O Engel Gottes, verkünde uns deinen +Willen!" + +Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten; sie lautete: "Haec est +voluntas Domini ut Omnis mundus inclinet vel suppont vos!" - Was +bedeutet dieser Orakelspruch? fragten sich die Nonnen und kamen bald +dahin überein, dass der Pförtner Omnis mundus bei ihnen schlafe, woraus +wohl ein Bischof oder gar ein Papst entstehen sollte. + +Der schlaue Pförtner wurde gerufen. Er fügte sich, und die Äbtissin, +welche zuerst mit ihm allein blieb, sang beim Hinausgehen: "Wie freut +mich das, was mir gesagt worden ist." - Nun kam die Priorin an die +Reihe. Diese sang: "Herr Gott, dich loben wir!" Die dritte Schwester: +"Der Gerechte wird sich im Herrn freuen", und die vierte: "Lasset uns +alle fröhlich sein." + +Aber nun hatte das Latein des Pförtners ein Ende, und als er davonlief, +schrien ihm die übrigen Nonnen nach: "Wann erhalten wir denn nun den +Ablass!" (Die Einführung der erzwungenen Priesterehelosigkeit usw. von +Theiner, Bd. 2, S. 108.) + +Aber nicht immer kam ein reisender Mönch, der angenehme Offenbarungen +hatte, und nicht jedes Kloster besaß einen brauchbaren Pförtner; aber +das Verlangen war da und wollte befriedigt sein. Viele behalfen sich so +gut es ging; aber was wollte das sagen? Einige verliebten sich in Jesus +und schwärmten so lange für ihn, bis sie sich wirklich einbildeten oder +träumten, Besuche von ihm zu empfangen. + +Die Nonne Armelle glaubte wirklich in der Seitenwunde Christi zu wohnen, +und Maria de la Coque erhielt gar von ihm die Erlaubnis, ihr Herz in das +seinige zu legen. Dann bekam sie es wieder; aber Christus riet ihr, wenn +sie von der Operation Seitenstechen empfinde, sich zur Ader zu lassen. + +Andere, die nicht so schwärmerisch waren, beschäftigten sich in ihren +Gedanken fortwährend mit Männern, und als Abraham a St. Clara einst in +einem Nonnenkloster die Beichte hörte, gestanden ihm fast alle Nonnen, +dass sie von Hosen geträumt hätten. - Der fromme Pater war nicht wenig +ergrimmt. "Was! Ihr wollt Bräute Christi sein?" fuhr er sie an. +"Christus hatte keine Hosen; ist euer Bräutigam ohne Hosen, und Ihr +denkt und träumt von Hosen? - Geht hin in das ewige Feuer, da werdet ihr +Hosen sehen, glühende, feurige Hosen, die Ihr werdet angreifen und damit +spielen müssen" usw. + +Neben ihren Träumereien von Männern, Hosen und dergleichen +phantastischen Dingen verliebten sich die armen Nönnchen in Ermangelung +anderer Liebesgegenstände ineinander. Grecourt erzählt ein Geschichtchen +von zwei Nonnen, die ihre Reize bewundern und in ihrer Unschuld mit dem +Rosenkranz messen: + + - Eh bon Dieu! dit Sophie, + Qui l'aurait cru? Vous l'avez, chère amie, + Plus grand que moi d'un Ave Marie! + +Die Nonnen waren überhaupt ein seltsames Völkchen und der Mangel an +Männern brachte bei ihnen neben den beklagenswerten auch oft höchst +komische Wirkungen hervor. + +In einem flandrischen Kloster fing plötzlich eine Nonne an, in ihrem +Bett höchst befremdliche Bewegungen zu machen. Das hätte am Ende nichts +zu bedeuten gehabt: aber die Sache wurde ansteckend, und bald arbeiteten +die Nonnen sämtlich des Nachts so heftig, dass die Bettstellen knackten. +Das sonderbare Übel pflanzte sich in andere Klöster fort und machte so +großes Aufsehen, dass die Geistlichkeit amtlich einschritt und mit +Weihkessel und Wedel in die Klöster einrückte, um die Teufel aus den +Nonnen auszutreiben. Ob sie "die Teufel - à la Boccaccio - in die Hölle +schickten", davon meldet die Chronik nichts. + +Im 15. Jahrhundert bekam eine deutsche Nonne den Einfall, eine andere zu +beißen. Dieser gefiel der Spaß, und sie biss wieder eine andere, bis das +Beißen förmlich epidemisch wurde und sich mit rasender Schnelligkeit von +einem Nonnenkloster zum anderen verbreitete. Bald bissen sich alle +Klosterkätzchen von der Ostsee bis nach Rom! + +In einem französischen Kloster wurde es unter den Nonnen Mode, wie die +Katzen zu miauen, und die Sache nahm so überhand, dass es viel Skandal +gab. Alle Verbote fruchteten nichts, und das Miauen wurde immer ärger. +Endlich erhielt eine Kompanie Soldaten den Befehl, diesen Katzenteufel +zu bannen, in ein Kloster zu rücken und eine der Klosterkätzchen nach +der anderen über die Knie zu legen und mit Ruten zu bearbeiten, bis +ihnen das Miauen verginge. Es verging ihnen aber schon von der bloßen +Furcht, und die Exekution wurde überflüssig. + +Diese Nonnen, besonders wenn sie alt und garstig wurden, konnten aber +wahre Teufel sein, und ihr ganzer Hass traf die jungen und hübschen +Schwestern. Diese wurden mit Argusaugen bewacht, und wehe ihnen, wenn +sie auf dem Umgang mit einem Manne ertappt wurden. Dann vergaßen jene +ihre eigene Jugend und begingen die empörendsten Grausamkeiten. Von den +unzähligen Beispielen will ich nur einige anführen. + +Im Kloster Wattum verliebte sich eine Nonne in einen Mönch. Solch Liebe +war selten platonisch, und diese war es auch nicht, denn die Nonne +fühlte sich schwanger. Sie verbarg ihre Lage, solange es irgend angehen +wollte, dann aber entdeckte sie sich ihren Mitschwestern. Das hatte ihr +ein böser Geist geraten, denn diese stürzten über sie her und +überhäuften sie mit Schmähungen und Schimpfworten. Einige riefen, die +Verbrecherin zu schinden oder zu verbrennen; andere wollten, dass sie +auf glühende Kohlen gelegt werde! + +Nachdem sich der erste Sturm gelegt hatte, ließen die erfahreneren +Nonnen sie in ein Gefängnis werfen und fesseln. Hier musste sie bei Brot +und Wasser unter fortwährenden Misshandlungen liegen. Dem Mönche war es +gelungen, zu entfliehen. + +Als die Stunde der Niederkunft heranrückte, bat das arme Geschöpf +flehentlich, man möge sie aus dem Kloster entlassen, denn ihr Geliebter +habe ihr versprochen, sie mitzunehmen. Die Nonnen lockten ihr nun nach +und nach heraus, dass der Mönch sie auf erhaltene Nachricht an einer +bestimmten Stelle in der Nacht und in weltlichen Kleidern erwarten +würde. + +Diese Entdeckung war den Megären willkommen! Ein handfester Pater, +begleitet von einigen andern, begab sich, gehörig verschleiert und mit +einem Knittel versehen, an den bezeichneten Ort. Der Mönch wurde +ergriffen und im Triumph ins Kloster geschleppt. Hier erwartete ihn +seine Geliebte und ein grässliches Schicksal! Das arme Weib wurde von +den Nonnen gezwungen, ihren Geliebten zu entmannen! Dann wurde die +Unglückliche wieder in das Gefängnis geschleppt. + +Das arme gequälte Geschöpf schlief hier einst vom Fasten und Weinen +ermattet ein und träumte, oder glaubte zu träumen, dass ein Bischof mit +zwei Weibern zu ihr komme, und dass die letzten bald darauf mit ihrem in +glänzende Windeln gehüllten Kind davongingen. Als sie wieder zu sich +kam, fühlte sie sich ihrer Bürde entledigt. Die Nonnen untersuchten +hierauf ihre Brüste, ihren ganzen Leib, berührten und drückten alle +Teile desselben und fanden ihn weder irgendwo verletzt, noch eine Spur +von Ermordung des Kindes. Die Geschichte wurde nun für ein Wunder +erklärt und als solches im Kloster bis auf späte Zeiten für den +Neugierigen erzählt. Dies trug sich in der Mitte des 12. Jahrhunderts in +England zu. + +Doch wir brauchen nicht so weit zurückzugehen, denn noch weit ärgere +Schändlichkeiten wurden von den Nonnen in neuerer Zeit begangen. + +Am Ende des vorigen Jahrhunderts wurden in einem deutschen Staate die +Klöster aufgehoben. Der mit der Regulierung dieser Angelegenheit +beauftragte Kommissarius hatte die Nonnen eines Karmeliterklosters +aufgefordert, dasselbe zu verlassen. Da seinem Befehl nicht Folge +geleistet wurde, so begab er sich selbst in das Kloster und wiederholte +der Äbtissin und ihren geistlichen Töchtern den fürstlichen Befehl. +Zugleich ließ er sich die nötigen Nachweisungen und auch das +Personenverzeichnis geben. In diesem waren einundzwanzig Nonnen +angegeben; als er aber die Versammelten mit den Augen zählend überlief, +konnte er immer nur zwanzig herausbekommen. Er zählte noch einmal - +dasselbe Resultat. + +Um sich unnütze Mühe zu ersparen, rief er die Personen namentlich auf; +die Nonne Alberta fehlte. Auf die Frage des Kommissars, warum diese +nicht anwesend sei, konnte er deutlich bemerken, dass sämtliche Nonnen +in große Verlegenheit gerieten und die Äbtissin mit dem Beichtvater sehr +seltsame Blicke wechselte. Dies veranlasste ihn, ernstlich auf das +persönliche Erscheinen der Nonne zu dringen. + +Die Äbtissin hatte sich unterdessen gefasst. Sie sagte, dass der +gegenwärtige Zustand der Nonne Alberta ihr persönliches Erscheinen +unmöglich mache, da sie gefährlich krank sei. Der Kommissar, der nun +einmal misstrauisch gemacht war und irgendeine Nichtswürdigkeit +vermutete, drang darauf, zur Kranken geführt zu werden, denn er wollte +sie sehen. Nach vielen Ausflüchten rückte die Äbtissin endlich mit dem +Geständnis heraus, dass die Abwesende in so hohem Grade wahnsinnig sei, +dass sie gewiss niemanden erkennen und ein Besuch ganz nutzlos sein +würde. + +Das ganze eigentümliche und befremdende Benehmen der Nonnen, die blass +waren wie ein Tuch und so zitterten, dass sie sich kaum auf den Füßen +halten konnten, veranlasste den Regierungsbeamten, nach den näheren +Umständen der Krankheit zu forschen, und so erfuhr er denn, dass der +gegenwärtige Klosterarzt gar nichts von dem Wahnsinn der Nonne wisse. +Sein Vorgänger habe die Krankheit für unheilbar erklärt, und zur Wahrung +der Ehre des Klosters habe man die Sache geheimgehalten. Seit acht +Jahren befinde sich die Nonne Alberta in einem beklagenswerten Zustand. +Näheren Aufschluss wollte ihm niemand geben. Der Regierungsbeamte hielt +es jedoch für seine Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen, und nach +ernstlichen Drohungen ließen sich endlich zwei Nonnen dazu bewegen, ihn +zu Alberta zu führen. + +Sie leiteten ihn treppauf treppab durch eine Menge schmaler Gänge in +eine Art von Hintergebäude, bis sie endlich wieder vor einer Treppe +stehenblieben. Der Kommissar wollte hinaufgehen, aber die Nonnen sagten +ihm, dass hier die Wohnung der Nonne Alberta sei. Er entdeckte jedoch +nichts, was nur entfernt einem Aufenthaltsort für Menschen ähnlich sah, +und war starr vor Erstaunen, als die Nonnen auf einen Bretterverschlag +unter der Treppe wiesen, in welchem sich selbst ein Hund elend gefühlt +haben würde. + +Aus diesem Verschlage trat ein großes, bleichgelbes Mädchen von etwa +fünfunddreißig Jahren hervor, mit bloßen Füßen und mit halbverfaulten +Lumpen nur notdürftig bekleidet. Die langen schwarzen Haare flatterten +unordentlich um ihren Kopf, und aus ihren tiefen Augenhöhlen blitzte in +unheimlicher Glut ein dunkles Augenpaar, dessen Feuer weder Leiden noch +Tränen hatten erlöschen können. + +Die ganze Erscheinung erweckte das tiefste Mitleid. Mit herzzerreißendem +Gewimmer warf sich das arme Geschöpf dem Kommissar zu Füßen, umklammerte +seine Knie und bat, sie doch nicht wieder so entsetzlich zu geißeln. Als +sie aber die teilnehmende Miene des tief erschütterten Mannes sah, bat +sie um Rettung und Befreiung. + +Ihre Reden waren abgerissen und verwirrt, und man sah, dass die langen +Leiden den Geist dieses kräftigen Mädchens gestört hatten. Sie wurde +sogleich in das Refektorium gebracht, wohin sie nur ungern folgte, denn +der Anblick ihrer weiblichen Henker konnte sie nicht ermutigen. - Der +Kommissar befahl sogleich, dass ihr reinliche Kleidung und ein gutes +Bett gegeben würden, und verließ am anderen Tage in der heftigsten +Entrüstung das Kloster, nachdem er die Nonnen mit den schwersten Strafen +für die geringste Misshandlung der Alberta bedroht hatte. + +Bald darauf begab sich der Vizepräsident des damaligen Landeskollegiums, +Graf Th . . ., mit dem Kommissar in das Kloster. Die Lage des armen +Mädchens hatte sich aber leider wieder verändert und der Wahnsinn die +Oberhand gewonnen. Sie sprach ohne Zusammenhang und gebrauchte eine +Menge unflätiger Worte. Die Oberin und die Nonnen konnten ihre hämische +Schadenfreude nicht unterdrücken. Der Präsident, der dies bemerkte, +hielt den entarteten Weibsbildern eine Predigt, wie sie dieselbe wohl +noch niemals von einem ihrer gefälligen Patres gehört haben mochten und +die deshalb auch einen tiefen Eindruck machte. Dann stieg er mit Alberta +in einen bereitgehaltenen Mietwagen und brachte sie in zweckmäßige +Pflege. + +Diese hatte auch einen guten Erfolg. Die körperliche Gesundheit kam +wieder; aber nun zeigte sich an ihr die Hysterie, welche wohl der +Hauptgrund ihres Wahnsinns gewesen sein mochte, in einem furchtbaren +Grade; ja, ihre Begierde nach Befriedigung des Geschlechtstriebes ging +so weit, dass sie die sich ihr nähernden Männer mit Gewalt anpackte. + +In den lichten Zwischenräumen gab sie Aufschluss über ihre Geschichte. +Sie war aus Würzburg, mitten im schönen Franken, wo ihr Vater ein +ziemlich bedeutender Weinhändler war. In seinem Hause waren die Pfaffen +willkommene Gäste, und besonders hatten sich die barfüßigen Karmeliter, +die in der Stadt ein Kloster besaßen, darin eingenistet. + +Alberta war eine auffallende Schönheit. Wie es aber besonders schönen +Mädchen oft zu gehen pflegt, hatte sie keine Neigung zur Häuslichkeit +und ließ sich lieber von den Herren den Hof machen. Bald spann sie ein +Liebesverhältnis an, welches durch den Reiz des Geheimnisses noch +anziehender wurde und damit endete, dass sie ihre Jungfräulichkeit +einbüßte. + +Ihre Eltern, welche noch mehrere Kinder hatten, waren mit ihr sehr +unzufrieden und wären sie gern aus dem Haus los gewesen. Unter solchen +Verhältnissen fand der Vorschlag der Karmeliter, Alberta in ein Kloster +zu schicken, bei ihnen bald Anklang. Alberta, leichtsinnig und bigott +dabei, ließ sich durch Schmeicheleien und Drohungen bewegen, ihre +Einwilligung zu geben, und wurde in ein Kloster nach N-brg gebracht. Man +empfing sie dort freundlich und behandelte sie auch während des +Probejahres recht gut, denn ihr Vater hatte versprochen, das seiner +Tochter zukommende Vermögen an das Kloster zu zahlen. + +Als sie aber das Gelübde abgelegt hatte und sich die Auszahlung des +versprochenen Geldes verzögerte, ja sogar die Aussicht bevorstand, dass +dieselbe niemals geschehen werde, da musste es Alberta büßen, welche von +den Nonnen schon wegen ihrer Schönheit und ihrer Abneigung gegen alle +weiblichen Beschäftigungen gehasst wurde. + +Mit dem Zustand dieses Mädchens ging unterdessen eine traurige +Veränderung vor. Das einsame Leben in der Zelle und der Mangel an +teilnehmenden Umgebungen waren Veranlassung, dass sie fortwährend an +ihren Geliebten dachte, von welchem sie durch Mönchskniffe getrennt +worden war. Die Phantasie verweilt so gern bei vergangenen Freuden, +besonders in trauriger Einsamkeit. Diese Phantasien nahmen aber bald +eine für ihre Gesundheit bedenkliche Richtung. Sie hatte vom Baum der +Erkenntnis gegessen, und die veränderte Lebensweise trug sehr viel dazu +bei, ihre Sinnlichkeit aufzuregen. + +Die Karmeliternonnen dürfen kein Fleisch essen, und ihre Nahrung besteht +größtenteils aus stark gewürzten Mehlspeisen und Fischen, welche das +Blut erhitzen und der Keuschheit nichts weniger als zuträglich sind. +Alberta suchte ihre rebellischen Sinne durch Mittel zu besänftigen, +welche gerade das Gegenteil bewirkten, und wurde dadurch in einen +solchen Zustand versetzt, dass sie sich endlich genötigt sah, sich dem +Klosterarzt zu entdecken. Es war dazu fast zu spät, denn die Hysterie +hatte sich beinahe zur Mannestollheit (Nymphomanie) ausgebildet. + +Vielleicht wurden die Andeutungen des höchst achtbaren Arztes +missverstanden; vielleicht reizte auch das Pikante der Sache den +Vorstand des männlichen Karmeliterhospiziums, kurz, er und die Oberin +kamen dahin überein, dass er versuchen solle, die Nonne zu kurieren. Er +musste der Oberin aber bald gestehen, dass er dieser Kur nicht gewachsen +sei und riet nun, es mit der Geißel und häufigem Fasten zu versuchen. + +Aber das hieß Öl ins Feuer gießen. Die arme Nonne ging bei diesem Kampf +mit ihren Sinnen fast unter, und die Oberin, anstatt aufs neue ärztliche +Hilfe herbeizurufen, beschloss, sie von allen lebenden Wesen zu +entfernen, damit der Ruf des Klosters nicht leide. Man brachte sie in +den abscheulichen Verschlag unter der Treppe, gab ihr nicht einmal +notdürftige Nahrung und Kleidung und ließ sie täglich von boshaften +Nonnen geißeln; so dass durch die schlechte Behandlung, welche sie acht +Jahre lang zu erdulden hatte, ihre Krankheit in Wahnsinn überging. - +Alberta wurde nicht wieder gesund; sie endete ihr Leben in einem +Irrenhaus. + +Es ist eine ziemlich bekannte Erfahrung, dass die Weiber im Allgemeinen +weit grausamer sind als Männer. Von der Grausamkeit der Nonnen will ich +noch ein anderes, ebenfalls der neueren Zeit angehöriges Beispiel +anführen. + +Der Wundarzt Friedrich Baumann, der in dem Dörfchen Hornstein in der +Nähe einer Prämonstratenserabtei wohnte, hatte eine große Vorliebe für +die Klöster und dieselbe wurde von seiner Frau geteilt. Aus diesem +Grunde beschlossen beide, ihre jüngste Tochter Magdalena "dem Himmel" zu +weihen, da die älteste große Geschicklichkeit und Neigung für die +Landwirtschaft zeigte. + +Der Hausfreund Baumanns war der Abt der benachbarten Abtei, und er +bestärkte die Eltern noch in ihrem Entschluss, ja verwendete sich selbst +bei den Klarissinnen in der Hauptstadt für die künftige Aufnahme des +Mädchens und bewirkte, dass man von ihr nur eine mäßige Aussteuer +verlangte. Magdalena wurde nun in allen einer Nonne dienlichen +Geschicklichkeiten und auch in der Wundarzneikunst unterrichtet und +meldete sich nach vollendetem sechzehnten Jahr zur Aufnahme. + +Sie war ein wunderschönes Mädchen geworden und bezauberte alle Herzen +durch ihr anmutiges Wesen. Es fehlte ihr daher auch nicht an Freiern, +unter denen der junge Rehling die redlichsten Absichten hatte und in +keiner Hinsicht zu verwerfen war. Magdalena blieb aber fest bei ihrem +Entschluss, ins Kloster zu gehen, in welchem sie durch ihre bigotte +Mutter nur noch mehr bestärkt wurde. + +Der Vater war wankend geworden, denn die seltsamen, schmunzelnden Mienen +und die höchst besonderen Redensarten des Beichtvaters des Klosters wie +auch das habgierige Benehmen der Nonnen erfüllten ihn mit bangen +Besorgnissen, aber er hatte nicht die Energie genug, der Mutter und den +Pfaffen gegenüber fest aufzutreten. + +Magdalena wurde eingekleidet und vor allen Dingen in die Mysterie des +Geißelns eingeweiht, für welches das arme Mädchen bald anfing zu +schwärmen. Die kleine Disziplin bestand aus 36, die große aus 300 Hieben +auf Rücken und Hintern. - Das Noviziat ging zur Zufriedenheit vorüber, +und Magdalena tat Profeß zur Verzweiflung des jungen Rehling. + +Sie sah aber bald allerlei Dinge, die ihr teils gar nicht gefielen, +teils sehr befremdlich vorkamen; allein sie durfte ihre Bemerkungen +nicht laut werden lassen. - Endlich kam das Fest der Himmelfahrt Mariä +und mit ihm die große Disziplin, die sie nur der Theorie nach und im +Allgemeinen kennengelernt hatte. - Das Zimmer, in welchem die Geißelung +vorgenommen wurde, war zwar verdunkelt; allein durch die Ritzen der +Fensterläden fiel Licht genug herein, um alles, was vorging, ziemlich +genau erkennen zu lassen. Nur mit großem Widerwillen löste die +schamhafte Jungfrau den Gürtel und entblößte den untadelhaften, +wunderschönen Körper, an welchem sich die lüsternen Blicke der alten +Klosterkatzen und der Äbtissin weideten. + +Magdalena geißelte sich mit allem Eifer, bemerkte aber, dass es die +andern Nonnen mehr wie eine Spielerei betrieben. Nur eine Nonne, namens +Griselda , übertrieb die Sache so sehr, dass das Blut über ihren Körper +herabströmte und die Spitzen der Geißel an manchen Orten wohl einen Zoll +tief in das Fleisch eingeschnitten hatten. + +Magdalena, welche zur Klosterapothekerin ernannt worden war, eilte ihr +zu Hilfe und stellte sie in kurzer Zeit gänzlich wieder her. Sie hatte +es aber nicht unterlassen können, Griselda aufzufordern, sich in der +Folge nicht wieder zu hart zu geißeln, und dies kam der Äbtissin zu +Ohren, welche darüber sehr ungehalten wurde. Als sich Magdalena +entschuldigen wollte, schrie sie dieselbe herrisch an und gebot ihr zu +schweigen. Die Folge davon war ein erhöhter Bußeifer der Griselda. Diese +fuhr nicht allein fort, sich so hart wie früher zu geißeln, sondern +quälte sich auch dermaßen mit dem Cilicium - ein stachliger Drahtgürtel, +der auf der bloßen Haut getragen wird -, dass die Stacheln tief in das +Fleisch eingedrungen waren. Der herbeigerufene Wundarzt erklärte, dass +nur die sorgfältigste Operation der Nonne das Leben retten könne, und +nun erst verbot die Äbtissin mit Gutbefinden des Beichtvaters der +Griselda auf das strengste, sich ferner so heftig zu geißeln. + +Magdalena, der nun auch das Aderlassen und Schröpfen überlassen wurde, +bemerkte bald, dass die erstere Operation mit der zweiundzwanzigjährigen +Schwester Theodora fast jeden Monat vorgenommen werden musste. Sie +bemerkte dem Mädchen, dass ein so großer Blutverlust notwendig die +Wassersucht zur Folge habe, und die arme Nonne gestand ihr weinend, dass +sie dies auf Befehl der Äbtissin tun müsse, um die Wallungen des Blutes +und die damit verbundenen wollüstigen Träume und verbotenen Gelüste, +welche Folgen des häufigen Geißelns wären, zu unterdrücken, was auch +immer für kurze Zeit durch das Aderlassen gelinge. - Die Unterhaltung +Magdalenas mit Theodora und andere ähnliche Dinge kamen der Äbtissin zu +Ohren und erbitterten sowohl diese als die älteren Nonnen. + +Der Pater Beichtvater hatte seine Pläne auf das schöne Mädchen nicht +aufgegeben, sondern ging recht systematisch zu Werke, zum Ziele zu +gelangen. Auf seine Veranlassung wurde sie zur Oberkrankenpflegerin des +Klosters ernannt, welcher Posten sie in häufige Berührung mit dem Pater +Olympius brachte, vor dem sie indessen von einer wohlmeinenden Schwester +gewarnt wurde. Dieser scheinheilige Schurke machte ihr allerlei +geistliche Geschenke und erwies ihr überhaupt so viel Aufmerksamkeit, +dass die andern Nonnen neidisch wurden. Magdalena suchte sich von dem +ihr übertragenen Amte loszumachen, nur um die Berührungen mit dem Pater +Olympius zu vermeiden. Dieser erkannte sehr gut ihre Absicht und machte +ihr im Beichtstuhl darüber heftige Vorwürfe, so dass sie genötigt war, +denselben zu verlassen. + +Magdalena war nun bereits drei Jahre im Kloster, und die Augen waren ihr +vollständig geöffnet. Mit Schaudern erkannte sie nun zu spät, dass der +Weg zur Rückkehr in die Welt für sie verschlossen sei und verfiel in +tiefe Schwermut. Häufig fand man sie seufzend und in Tränen. Es fing ihr +an alles gleichgültig zu werden, und in ihrer Betrübnis achtete sie +nicht immer auf die vorgeschriebenen Formen und beging allerlei Fehler, +die mit leichten Bußen bestraft wurden, welche sie bei ihrer gereizten +Stimmung sehr erbitterten. + +Zu dieser Zeit war die Tochter eines anderen Wundarztes Nonne geworden, +und da sie einige Proben von Geschicklichkeit abgelegt hatte, so nahm +man Magdalena ihre bisherige Stelle und fing an, sie mit großer +Geringschätzung zu behandeln. Man warf ihr die Geringfügigkeit des von +ihr ins Kloster gebrachten Geldes vor und nannte sie ein lästiges, +durchaus unnützes Geschöpf. + +Nun ging dem armen Mädchen die Geduld aus. Anstatt die Vorwürfe ruhig +hinzunehmen, antwortete sie heftig und mit Spott und wollte nicht +schweigen, wenn die parteiische Priorin ihr den Mund verbot. Alsbald +wurde der Äbtissin dies widersetzliche Benehmen hinterbracht und ihr +Magdalena als ein durchaus boshaftes, zänkisches und ungehorsames +Geschöpf geschildert. Die Äbtissin fuhr zornig auf und schrie: "Ein +solches Benehmen soll dieser Bauerndirne nicht ungestraft hingehen; man +muss ihr den Nacken beugen und sie durch Zwang in die Schranken der +Ordnung bringen." Damit ließ sie Magdalena zu sich bescheiden. + +Diese erschien und sah, dass bereits zwei stämmige Laienschwestern bei +der Äbtissin waren; eine der Mägde hatte eine große Kinderrute in der +Hand. Die Äbtissin las Magdalena ordentlich den Text und kündigte ihr +an, dass sie bestraft werden sollte. Die Arme weinte und bat; alles +vergeblich. Endlich äußerte sie in ihrem Eifer, dass sie kein Kind und +der Rute längst entwachsen, eine solche Züchtigung auch für eine Nonne +unschicklich sei. Die Äbtissin wurde immer zorniger und gebot Magdalena, +die Erde zu küssen. + +Diese war sehr bereit, dem Befehl Folge zu leisten, denn sie hoffte, +dass es mit dieser Strafe für diesmal abgetan sein werde. Kaum lag sie +auf der Erde, als sogleich eine der Laienschwestern über sie herfiel und +sich auf ihren Rücken setzte, während die andere ihr das Gewand aufhob +und die Rute tüchtig gebrauchte. Als dies vorüber war, musste Magdalena +der Äbtissin die Hände küssen und sich für die gnädige Strafe bedanken. +Die Nonnen standen auf der Lauer und begleiteten sie mit Hohngelächter, +als Magdalena wieder in ihre Zelle ging. + +Von nun an hatte die Unglückliche fortwährend von den Verfolgungen zu +leiden, deren Ziel sie durch Feindschaft der Äbtissin, der Priorin und +des Beichtvaters geworden war. + +Als sie eines Abends nicht in ihrer Zelle war und in der ihrer einzigen +Freundin Crescentia gefunden wurde, schleppte man sie am folgenden Tage +durch förmlichen Kapitelbeschluss zur großen Disziplin. Doch damit war +es noch nicht genug, es trafen sie noch eine Menge anderer Strafen, +darunter auch die Degradation von dem Nonnenrang zu dem einer +Laienschwester. + +Sie beging die Unvorsichtigkeit, einen Brief an ihre Eltern zu +schreiben, in welchem sie ihnen ihre grauenvolle Lage schilderte und auf +rührendste Weise um Hilfe bat. Der Brief wurde abgefangen und sie +gezwungen, einen andern lügenhaften abzuschicken, den ihr der Pater +Olympius in die Feder diktiert hatte. Für das Verraten von +Klostergeheimnissen an Laien erhielt sie abermals eine derbe Geißelung +und wurde vier Wochen lang in den Turm gesperrt, wo sie einen Tag um den +andern Wasser und Brot erhielt. + +Ihre Lage verschlimmerte sich noch, als die Äbtissin starb und ihre +Hauptfeindin, die Priorin, an deren Stelle kam. Vergeblich bat Magdalena +um Rückgabe des schwarzen Nonnenschleiers; sie musste nach wie vor als +Laienmagd Dienste in der Küche verrichten. Für jedes kleine Vergehen +erhielt sie hier die Rute, und als sie einstmals bei der Feier des +Palmenfestes einen aus Blei gegossenen und fünfzig Pfund wiegenden +"heiligen Geist", weil derselbe ihr zu schwer war, fallen ließ, so dass +derselbe zerbrach, erklärte dies Olympius für absichtliche Bosheit, für +ein Religionsverbrechen! Die Ärmste empfing in dem neben dem Refektorium +gelegenen Gefängnisse eine starke Disziplin. + +Um diese Zeit erhielt sie Besuch von einigen Verwandten, welche sie +jedoch nur hinter der Klausur sprechen durfte. Was sie gesprochen hatte, +wurde untersucht, und man erklärte sie für ein gänzlich verworfenes +Geschöpf. - + +Die Sehnsucht nach "der Welt" wurde nun in Magdalena immer mächtiger, +und sie sann auf Flucht. Sie war auch so glücklich, das Freie zu +gewinnen, aber später wurde sie ertappt und musste wieder in das Kloster +zurückkehren, obgleich ein hoher Geistlicher, den sie um Hilfe angerufen +hatte, sich für sie verwendete. + +Pater Olympius reizte die Äbtissin zu stets neuen Verfolgungen an, und +Magdalena wurde endlich zum Gefängnis auf unbestimmte Zeit verurteilt. +Als man sie dorthin bringen wollte, wehrte sie sich mit der Kraft der +Verzweiflung, und man musste einen Franziskanerlaienbruder zu Hilfe +rufen. - Durch diesen Widerstand erbittert, ließ ihr die Äbtissin in +Gegenwart der Priorin in dem Gefängnis auf einem Bunde Stroh abermals +sehr derb die Rute geben. + +Als einst Magdalenas Gefängnis ausgebessert werden musste, wurde sie in +ein benachbartes gebracht, in welchem die Schwester Christine nun schon +dreizehn Jahre saß. Sie war zum Gerippe abgezehrt, vom Geißeln lahm und +dem Wahnsinn nahe. + +An Festtagen wurde Magdalena zum Abendmahl in die Kirche gelassen und +musste monatlich einmal bei Pater Olympius beichten. Dieser Schurke +hatte seinen Verführungsplan noch immer nicht aufgegeben und drang mit +unzüchtigen Anträgen in sie; allein sie schrie um Hilfe, und der Pater +stellte sich, als habe er ihr nur die Disziplin geben wollen. Um +wenigstens in etwas seinem Sinnen zu genügen, befahl ihr der heilige +Mann, sich zu entblößen; allein es kamen einige Schwestern herbei, bei +denen er sein Betragen schlecht genug entschuldigte. + +Die Einkerkerung des unglücklichen Geschöpfs hatte nun unter +fortwährenden Misshandlungen drei Jahre und acht Monate gedauert, als +endlich ein Schornsteinfeger, der in der Nähe ihres Gefängnisses +arbeitete und ihr Gewimmer hörte, die Sache der Obrigkeit anzeigte. Es +wurde vom betreffenden Ministerium sogleich eine Kommission ernannt, +welche in dem St. Klarenkloster eine Untersuchung anstellte. + +Als man Magdalena ihre Freiheit ankündigte, weinte sie laut vor Freuden; +allein die Ärmste war so elend, dass sie sich kaum bewegen konnte. Man +übergab sie sogleich dem Leibarzt des Kurfürsten und dem Hofwundarzt zur +sorgfältigsten Pflege. + +Das von beiden über den Zustand des armen Mädchens abgegebene Gutachten +sprach sich dahin aus, dass die unaufhörlichen Geißelungen ihr die +heftigsten Schmerzen zugezogen hätten, an denen sie fortwährend leide, +besonders bei verhärtetem Stuhlgange, ohne dass man dies als eine +Wirkung der goldenen Ader betrachten könne. Durch die lange Einsperrung +ohne alle Bewegung und durch die heftigen Schläge auf die muskulösen und +tendinösen Teile der Schenkel und Füße seien diese so entzündet, und da +man bei ihr keine verteilenden Mittel angewendet habe, so hätten sich +diese Teile dermaßen verhärtet und zusammengezogen, dass sie gänzlich +estorpiert und schwerlich Hoffnung vorhanden sei, sie wieder so weit zu +heilen, dass sie ihre geraden Glieder wieder würde gebrauchen können. + +Während ihrer ärztlichen Behandlung wurde Magdalena viermal verhört, und +es kamen alle im Kloster verübten Schändlichkeiten an den Tag, sosehr +sich auch das Pfaffengezücht schlangengleich drehte und wand. + +Eine Nonne, namens Paschalia, die ebenso wie Magdalena gequält worden +war, sollte wahnsinnig geworden und an einem Nervenschlage gestorben +sein; aber einige von den fünf Nonnen, die den Mut hatten, die Wahrheit +zu gestehen, behaupteten, sie habe sich in der Verzweiflung im Gefängnis +an ihrem Busenschleier erhängt. Dass man auf einen solchen Selbstmord +von Seiten Magdalenas ebenfalls gefasst war, ergab sich aus den Papieren +der Abtei. + +Obgleich alle Umstände gegen die Äbtissin und ihr Gelichter sprachen, +obgleich sich über Magdalenas Bestrafung kein einziges Protokoll +vorfand, - die Schuldigen wussten sich doch so durchzulügen, dass sie +ohne Strafe davonkamen, und die einzige Folge dieser Entdeckungen war +eine Einschränkung der Macht der Äbtissin und genauere Beaufsichtigung +des Klosters. + +Magdalena sollte zeitlebens im kurfürstlichen Hospital bleiben und, wenn +sie genesen würde, Freiheit haben, auszugehen, anständige Gesellschaften +zu besuchen und zu empfangen. Das Klarenkloster musste ihr die nötige +Ausstattung und außerdem jährlich zweihundert Gulden geben. + +Erst nach fünf bis sechs Jahren konnte Magdalena wieder gehen, und ihr +geknickter Körper erholte sich allmählich. Im Klostergefängnis hatte sie +im Fall der Befreiung eine Wallfahrt nach Loreto gelobt. Diese unternahm +sie nun mit Erlaubnis der Behörde; allein sie kehrte nicht mehr in die +Heimat zurück. Im August 1778 starb sie, fünfundvierzig Jahre alt, in +einem Krankenhospital zu Narni in Italien. + +Trotz solcher Erfahrungen gibt es doch noch heute Klöster! Und dass in +denselben noch ähnliche Schandtaten verübt werden, beweisen die +Schriften von Sebastian Ammann, Rafaello Ciocci und andern. + +Von der Lieblosigkeit, mit welcher Kranke in den Klöstern behandelt +werden, hat uns ebenfalls Ammann folgendes Beispiel erzählt: - "Im +Kloster Solothurn litt P. Theophil an einem ungeheuren Leistenbruch so +schmerzhaft, dass er verzweifelte. Man legte ihn in einem Zimmer neben +der Küche auf einen Strohsack und ließ ihn da zappeln. Niemand besuchte +ihn als der Klosterknecht, der ihm dreimal des Tages Essen zutrug. Ich +habe in den letzten Tagen seines Lebens nie einen Arzt bei ihm gesehen. +Seine Unterleibsbeschwerden, das erschreckliche Elend und die gänzliche +Verlassenheit mögen ihm sein martervolles Leben unerträglich gemacht +haben. - An einem Tag vor dem Mittagessen, um halb elf Uhr, war ich noch +bei ihm und fand ihn äußerst schwermütig; es ist aber gewiss, dass er um +elf Uhr noch lebte. Um halb zwölf Uhr wollte der Klosterknabe die +Speisegeschirre bei P. Theophil abholen und fand ihn, an der Zimmerdecke +aufgeknüpft, leblos. Als wir die Anzeige von diesem Unglück hörten, +sprangen wir alle vom Tische auf; ich war der erste bei ihm und wollte +mit einem Messer das Handtuch zerschneiden, an dem er hing; aber P. +Guardian Raimund untersagte mir dies, weil es schade um das Handtuch +sei. Man ging lieber langsam zu Werke, weil man keine Rettung versuchen +wollte. Seine Hände und Füße waren noch ganz warm, und ich verlangte, +dass man auf der Stelle einen Arzt herhole, damit man die möglichsten +Anstalten zum Wiedererwecken des vielleicht noch nicht Entseelten +treffe. Allein P. Raimund tobte und verbot die Herbeirufung eines Arztes +auf das strengste, weil es ein erschreckliches Ärgernis absetze, wenn es +unter die Weltlichen käme, es habe sich ein Kapuziner erhängt. Keine +Bürste wurde zum Reiben seines Leibes angewandt, sondern man legte den +Leichnam ohne weiteres auf einen Totensarg und machte bekannt, P. +Theophil sei an einem Schlagfluss (Apoplexie) gestorben." + +Ein anderes Beispiel, wie schnell die Pfaffen diejenigen zu expedieren +wissen, die ihnen unbequem oder gefährlich werden, erzählt Rafaello +Ciocci. + +Don Alberico Amatori, Bibliothekar im Kloster Santa Croce di Gerusalemme +zu Rom, war durch das Lesen der Bibel von vielen Irrtümern und +Missbräuchen der römischen Kirche überzeugt worden. Er und fünfzehn ihm +gleichgesinnte Mönche, darunter Rafaello Ciocci, unterschrieben eine +Eingabe an den Ordensgeneral Nivardi Tassini, in welcher sie um +Einräumung eines bequemen Klosters baten, wo sie nach ihrer Überzeugung +leben konnten. + +Alle diese Mönche schienen mit dem Charakter ihrer Mutter Kirche sehr +schlecht bekannt zu sein, da sie einfältig genug waren zu glauben, dass +dieselbe auch nur im entferntesten daran denken könne, ihre Wünsche zu +erfüllen. Der unerhörte Vorschlag erregte allgemeines Entsetzen! Amatori +wurde vor ein Tribunal gefordert, und mit Entrüstung vernahmen die +geistlichen Herren, dass er à la Luther die Bibel zur Grundlage des +ganzen Kirchenwesens machen wolle. Man gebot ihm Schweigen, um die Sache +nicht öffentlich werden zu lassen, und fasste im Geheimen einen +Entschluss über das Schicksal der ketzerischen Mönche. + +Der Mönch Stramucci wurde ins Kloster San Severin in den Sümpfen +geschickt, wo er infolge "der ungesunden Luft" oder durch anderes Zutun +nach Verlauf weniger Monate von einem starken Mann in ein Gerippe +verwandelt war. Don Andrea Gigli wurde nach Rom berufen. Er war damals +sehr gesund; allein er nahm täglich mehr ab, und nach zwei Monaten wurde +er eines Morgens tot im Bett gefunden. - Don Eugenio Ghioni blieb in +Rom; aber nach vier Monaten starb auch er, erst 31 Jahre alt. - Don +Marian Gabrielli, ein blühender Jüngling, starb ebenfalls. Alle diese +Krankheiten nannte man "Auszehrung"! - Der Abt Bucciarelli , ein Mann +von herkulischer Gestalt, starb nach kurzer Krankheit von nur drei +Tagen. Der Abt Berti hatte nach zwei Monaten einen "Fieberanfall" und +starb nach einer Krankheit von zehn Tagen. - Don Antonio Baldini bekam +nach Verlauf von 34 Tagen furchtbare Krämpfe und starb. - Die übrigen +sechs kämpften monatelang zwischen Leben und Tod. Nur Don Alberico und +Ciocci blieben lange Zeit von dem geheimnisvollen Todesengel unberührt. + +Aber die Rache zögerte nur, sie schlief nicht. Eines Abends nach dem +Essen bekam Ciocci schreckliche Krämpfe im Magen und ein furchtbares +Brennen in Brust und Gurgel. In wenigen Minuten war er schwarzgelb im +Gesicht, und vor den Mund trat ihm Schaum. - Die herbeilaufenden Mönche +schrien, dass er besessen sei, und versuchten nun ihren abgeschmackten +Hokuspokus mit Weihwasser und Reliquien, wodurch der Kranke, der diesen +Unsinn verabscheute, nur geärgert wurde. Endlich kam ein Arzt, aber +nicht der gewöhnliche, sondern, wie man sagte, der nächste, den man habe +finden können. Er gab Ciocci eine Arznei, wodurch aber die Schmerzen +sogleich noch bedeutend vermehrt wurden. + +Ciocci bestand nun darauf, dass man den gewöhnlichen Klosterarzt holen +solle, der sein Freund war, und da man wahrscheinlich hoffte, dass er zu +spät kommen werde, schaffte man ihn auch herbei. Nachdem derselbe sich +etwas orientiert hatte, betrachtete er die vom ersten Arzt gegebene +Arznei, von der noch einige Tropfen im Glas waren, und voll Zorn und +Entsetzen warf er sie nach der Untersuchung und einem bedeutungsvollen +"Aha" zum Fenster hinaus. - Durch die zweckmäßigen Mittel, welche der +wackere Mann anwendete, wurde Ciocci gerettet. + +In demselben Kloster wurde eines Tages der Novizenlehrer Pacifico +Bartoci , der sich durch seine Strenge verhasst gemacht hatte, im +inneren, offenen Hof des Klosters von unbekannter Hand mit einem Steine +auf den linken Schlaf getroffen, dass er infolge der erhaltenen +Verletzung zehn Tage darauf starb. (Ungerechtigkeiten und Grausamkeit +der römischen Kirche im neunzehnten Jahrhundert. Erzählung von Raffaele +Ciocci. Altenburg bei Pierer.) + +Man bemerke wohl, dass hier nicht vom Mittelalter, sondern von der Zeit +zwischen 1835 und 1845 die Rede ist und dass diese oder ähnliche +Nichtswürdigkeiten noch ebenso wahrscheinlich heutigen Tages +stattfinden. + +Ich würde die mir gesteckten Grenzen zu sehr überschreiten, wenn ich +auch nur einen kleinen Teil der mir noch bekannten im Kloster begangenen +Schandtaten anführen wollte, deshalb übergehe ich auch die sehr +interessante Geschichte des Urban Grandier, der durch die +nichtswürdigsten Schikanen auf den Scheiterhaufen gebracht wurde, weil +er die Begierden einer Äbtissin und ihrer Nonnen zu Loudun nicht +befriedigen wollte. Einer unserer besten Romanschriftsteller, Willibald +Alexis, hat diesen Stoff zu einem Roman bearbeitet. + +Ein in den Klöstern gebräuchliches Sprichwort sagt: "Man kommt zusammen, +ohne sich zu kennen, man lebt miteinander, ohne sich zu lieben, und +stirbt, ohne beweint zu werden." Ein unter solchen Verhältnissen +bestehendes Zusammenleben musste den besseren unter den Mönchen zur +Hölle werden, und mancher arme Pater, den seine bigotten Eltern dem +Klosterleben in früher Jugend geopfert hatten, sprach mit heißen Tränen +den Wunsch aus, dass ihn die Mutter bei der Geburt doch lieber ersäuft +als in ein Kloster geschickt haben möchte. + +Zur Zeit, als das Klosterleben in seiner höchsten Blüte war, etwa im +elften Jahrhundert, herrschte unter den Menschen eine wahre Wut, ins +Kloster zu gehen; nur als Mönch glaubte man der Seligkeit gewiss zu +sein. Hermann, Herzog von Zähringen, schlich sich in Bauernkleidung vom +Fürstenstuhl ins Kloster zu Clugny und diente demselben als Schweinehirt +bis an seinen Tod, wo erst sein Stand bekannt wurde. Der Mann eignete +sich ganz gewiss besser zum Schweinehirten als zum regierenden Fürsten, +und es war schön von ihm, dass er seinen Beruf erkannte. + +Doch nicht alle trieb Andacht oder Demut ins Kloster; viele suchten in +demselben weiter nichts als ein faules, liederliches Leben, was sie auch +meist in reichem Maße fanden. Das Gelübde der Keuschheit, welches den +Laien immer als das schrecklichste erschien, betrachtete man in sehr +vielen Klöstern als eine leere Form, und Saul, der Abt des Klosters zur +heiligen Maria im Bistum Mondennadi in Spanien, verwandelte dasselbe +geradezu in ein Bordell. + +Sogar das Konkubinat, ja selbst die Ehe waren unter den Mönchen nicht +selten. Im zehnten Jahrhundert lebten in manchen. Klöstern die Äbte und +sämtliche Mönche im Konkubinat oder in förmlicher Ehe und statteten ihre +Söhne und Töchter mit Klostergütern aus. Unter Abt Hadamar von Fulda +waren die meisten Mönche verheiratet. + +Doch wir brauchen nicht so weit ins graue Mittelalter hinaufzusteigen; +dergleichen Fälle kamen noch in neuerer Zeit vor. Im Jahr 1563 fand man +in vielen Klöstern Niederösterreichs Eheweiber, Konkubinen und Kinder +der Mönche, und noch vor einigen zwanzig Jahren hielt der Prälat +Augustin Bloch in der Schweiz ein allerliebstes Kammermädchen, welches +als Student verkleidet war. + +Doch ich wollte es diesen Klosterherren gern verzeihen, wenn sie ihre +Schätzchen hinter den heiligen Mauern sittsam verbergen; davon hat die +Welt eben keinen Schaden; aber mehr Unheil richten sie an, wenn sie ihre +Verführungskünste außerhalb derselben wirken lassen. Um dies tun zu +können, müssen sie die Grundsätze lockern, kurz, die sinnlichen +Ausschweifungen als höchst unbedeutende, kleine Verirrungen hinstellen, +besonders wenn sie mit einem Pater begangen werden. + +Wo die Mönche zu Hause sind, da gibt es fast kein Bürger- oder +Bauernhaus, wo nicht ein Pater der Hausfreund ist. Kommt der heilige +Mann, dann lecken ihm die Alten die schmutzigen Hände und die Kinder +liegen auf den Knien, bis er seinen Segen erteilt hat. Das Beste wird +nun dem geehrten Gast vorgesetzt, und wenn die Leute auch zu arm sind, +sich selbst ein Glas Wein zu gönnen, so ist doch gewiss eins für den +heiligen Mann bereit. Er lässt es sich gut schmecken, denn die armen +Leute würden es ja für Verachtung auslegen, wenn er ihre Gaben +verschmähte! Welch Gesicht schneidet er aber, wenn das gewöhnliche Glas +Wein oder seine Leibspeise fehlen! + +"Was die Töchter der Lust den Wüstlingen der Welt, das sind die Mönche +den Betschwestern und den Stillen im Land", denn diese Herren haben +Tugenden, welche Frauen zu schätzen wissen, und sind - verschwiegen. Vor +einem solchen heiligen Manne brauchen sie sich ihrer Sündhaftigkeit +nicht zu schämen , denn die Beichte zwingt sie ja, die geheimsten Sünden +zu sagen. Diese Beichte wird daher von den Mönchen sehr heilig gehalten. +Denjenigen, der das Beichtgeheimnis verletzt, treffen die +schrecklichsten Strafen und selbst vor den weltlichen Gerichten, - was +auch ganz in der Ordnung ist. Das Gericht zu Toulouse ließ 1579 einen +Priester enthaupten, welcher einen ihm in der Beichte anvertrauten Mord +der Behörde anzeigte. Der Mörder blieb unbestraft. Man gerät in +Verlegenheit zu entscheiden, wie man über dieses Urteil urteilen soll. + +Mönche sind nicht allein sehr liebevolle, sondern auch sehr bequeme +Hausfreunde. Mag ein junger Bursche ein Mädchen gern, dann braucht er +sich nur an seinen Herrn Pater zu wenden, dann wird sich die Sache schon +machen. Mit der kleinen Sünde wird es sich schon finden; denn der fromme +Herr hat einen Überfluss an Absolution, und wenn man noch so oft +sündigte, eine Beichte - und man ist wieder rein wie ein neugeborenes +Kind! Man glaube daher ja nicht, dass die Beichte dazu beiträgt, die +Sittlichkeit zu befördern; wozu sie benutzt wird, davon werden wir im +nächsten Kapitel einige Beispiele sehen. + +So leicht nun die Mönche geschlechtliche Verirrungen nehmen, so streng +sind sie, wenn jemand das Fasten gebrochen hat, und es ist empörend, +wenn wir lesen, dass die reiche Abtei St. Claude in Burgund im Jahr 1629 +einem gewissen Guillon den Kopf abschlagen ließ - weil der arme Mann +während einer Hungersnot zur Fastenzeit sich ein Stück Pferdefleisch vom +Schindanger geholt hatte! + +Starb ein Abt, so waren die liederlichen Mönche darauf bedacht, einen +solchen an die erledigte Stelle zu setzen, von dem sie nicht besorgen +durften, dass er sie in ihrer Lebensweise störe. Die Wahl traf daher +nicht selten das liederlichste Subjekt des ganzen Klosters. + +Johann Busch erzählt, dass die Mönche eines Klosters nach dem Tode des +Abtes zur Wahl eines anderen schritten, der dem Verstorbenen an Tugenden +gleiche. Die meisten Stimmen hatte ein Pater, der nicht anwesend war, +sondern während der Wahl in der Schenke saß und soff. Da man ihn von +diesem angenehmen Orte nicht weglocken konnte, so ging eine Deputation +der Mönche dorthin, ihm das Ergebnis der Wahl zu verkündigen. Erst nach +langen Bitten ließ er sich bewegen, die neue Würde anzunehmen. Als es +geschehen war, wurde ein großes Gastmahl gehalten, bei dem alle Mönche +mit ihren Konkubinen sich volltranken. Während sie so betrunken waren, +dass sie nichts sahen und hörten, kam Feuer aus, und die ganze feiste, +liederliche Gesellschaft verbrannte lebendigen Leibes. + +Obwohl nun die Mönche unzählige gefällige Nonnen hatten - in Deutschland +gab es allein 200.000 - so sind sie doch besonders lüstern nach Kindern +der Welt. Oft geraten sie dadurch freilich in arge Verlegenheit, welche +Spott und Hohn oder unendliche Prügel zur Folge haben. + +Der Abt des Klosters zu Guldholm bei Schleswig hatte ein Liebchen in der +Stadt, bei welchem er oftmals die Nacht zuzubringen pflegte. Gewöhnlich +nahm er des besseren Scheins wegen einen vertrauten Pater mit. Dieser +wurde ihm endlich unbequem, und er ließ den Begleiter zu Hause. Dies +verdross denselben, und echt mönchisch dachte er sogleich auf Rache. + +Als nun der Abt wieder einmal die Nacht bei seiner Geliebten zubrachte, +weckte der boshafte Mönch das ganze Kloster und rief: Dominus noster +Abbas mortuus est in anima. Die Mönche deuteten das auf den leiblichen +Tod des Abtes, und das war es eben, was der Pater wollte. Alsbald zog +man mitten in der Nacht mit Fackeln, Kreuz und Fahne an den bezeichneten +Ort, um die Leiche des Abtes einzuholen, und war nicht wenig überrascht, +den frommen Herrn anstatt auf der Totenbahre bei seiner Buhlerin zu +finden. + +Doch ich brauche abermals nicht so weit zurückzugehen; die neuere Zeit +liefert Beweise dieser Art in Menge, und Ammann, der dreißig Jahre im +Kloster war, führt deren eine Menge an. + +Im Jahr 1832 pflegte ein Pater namens Amandäus jedes Mal, wenn er sich +unter einem frommen Vorwand entfernen konnte, die Nacht bei einem +berüchtigten Frauenzimmer in Mels zuzubringen. Um den frommen Heuchler +auf der Tat zu ertappen, lauerten ihm einst einige junge Burschen auf +und erwischten ihn richtig in den Armen der Buhlerin. Im Triumph +schleppten sie ihn nach dem Kloster, und die Versetzung nach Schwyz war +seine ganze Strafe. + +Zwei andere Klostergeistliche, Pater Augustin, Pfarrer in Tußnang, und +P. Benedikt, Pfarrer in Bettwiesen, verführten viele Frauen und gingen +ganz ungescheut in ihre Häuser unter dem Vorwand, dass sie die +Sterbesakramente dorthin zu bringen hätten. + +In mehreren Orten der Schweiz, wo Klöster waren, wagte sich kein +Frauenzimmer am Abend auf die Straße, denn die brünstigen Pfaffen fielen +sie förmlich an, und ihre viehische Geilheit schonte selbst nicht +unreife Kinder. + +Pater Friedrich aus dem Kapuzinerkloster in Appenzell hatte sich, +solange er noch bloßer Frater war und nicht das Kloster verlassen +durfte, mit unnatürlichen Ausschweifungen beholfen; als er aber Pater +wurde und mehr Freiheit hatte, verlangte er nach natürlichen. - Eines +Tages zog er von Appenzell nach dem Flecken Teufen in das St. Galler +Land, um in einigen katholischen Gemeinden zu predigen und Beichte zu +hören. Als er nicht weit von Teufen sich einem Wald näherte, lief ihm +ein Mädchen nach und bat ihn um ein Heiligenbildchen' wie die Kinder +überall, wenn sie einen Kapuziner sehen, zu tun pflegten. - Pater +Friedrich zog ein gemaltes Bildchen aus seiner Kapuze, zeigte es dem +Mädchen und versprach, es ihm zu schenken, wenn es weiter mit ihm kommen +wollte. Auf diese Weise lockte er das unschuldige Kind in den Wald. +Sobald er dasselbe in ein Gebüsch gebracht hatte, verübte er an ihm die +brutalste Notzucht. + +Das kleine Mädchen schrie um Hilfe, und der Vater, der ihre Stimme hörte +und erkannte, eilte auf das schnellste herbei und ertappte den geilen +Pfaffen auf der Tat. Er behielt Mäßigung genug, dem Mönche nicht auf der +Stelle den verdienten Lohn zu geben, machte aber sogleich Anzeige von +den schändlichen Handlungen des Paters. Dieser wurde festgenommen und +nach Troegen gebracht, wo man die Sache gerichtlich untersuchte. Es +ergab sich, dass das arme Kind geschändet und bedeutend verletzt war. + +Höchst merkwürdig sind die Ansichten, welche den Pater zu diesem +Verbrechen leiteten, die aber fast von allen Mönchen in den Klöstern +geteilt werden. Er glaubte, die Reformierten wären alle so schlecht, +dass sie nichts für Sünde hielten und dass bei ihnen alles erlaubt sei, +weil sie nicht beichten müssen! Daher meinte er denn, in den Augen +derselben kein Verbrechen zu begeben, wenn er ein reformiertes Kind +notzüchtigte! + +Der Pater wäre zur öffentlichen Ausstellung an den Pranger und zum +Staupenschlag oder zu einer großen Geldbuße verurteilt worden, wenn sich +der damalige Landammann Joseph Anton Bischofsberger des Schurken nicht +auf das angelegentlichste angenommen hätte. Er kam also ohne die +verdiente Strafe davon. (Wer die tolle Wirtschaft, welche die Pfaffen in +der Schweiz mit den Bürgerfrauen und Mädchen treiben, genau kennenlernen +will, der lese das Büchelchen vom Ammann, welches ich weiter oben +anführte.) + +Diese Pfaffenliederlichkeit ekelt mich an und wahrscheinlich auch die +Leser; allein der Vollständigkeit wegen muss ich doch noch einige Worte +über die in den Klöstern herrschenden unnatürlichen Laster sagen, welche +traurige Folgen des schändlichen Zölibats sind. + +Ammann behauptet, dass unter 200 Kapuzinern wenigstens 150 Onanisten +sind. Er ist darüber ein kompetenter Richter, denn nur ein Kapuziner +konnte diese so genau kennen, als es bei ihm der Fall ist. + +Im Kloster Fischingen trieb ein gewisser Pater Berchthold sein Wesen, +dessen hauptsächliches Geschäft es zu sein schien, Klosterschüler und +junge Mönche zu verführen. Absichtlich hörte er die Beichte nicht in +einem öffentlichen Beichtstuhl, sondern in einem dunklen Winkel, und +viele Knaben, die ihm hier beichteten, klagten, dass er sie habe +verführen wollen; allein der Guardian nahm davon nicht die mindeste +Notiz. Berchthold wurde natürlich immer dreister und trieb sein +abscheuliches Laster so ungescheut, dass man doch endlich gezwungen war, +ihn auf seine Zelle zu beschränken und zu versetzen. + +Als Ammann eben die Gelübde abgelegt hatte, schlich dieser +Knabenschänder auch in der Nacht zu ihm, setzte sich auf sein Bett, +holte eine Flasche Schnaps und einiges Gebäck hervor und begann, ihm von +seinen Siegen über die Frauen zu erzählen. Als Ammann ihn bat, von etwas +anderem zu reden oder seine Zelle zu verlassen, sagte er: "Ja es ist +eitel, von solchen guten Bissen zu reden, die wir einmal nicht haben +können. Doch können wir einander auch Freude machen." - - Ammann wurde +endlich genötigt, durch Klopfen an der dünnen Seitenwand der Zelle Hilfe +herbeizurufen, worauf ihn der Verführer verließ. + +An die Stelle dieses sauberen P. Berchtbold kam P. Joseph aus Freiburg. +Dieser war noch ärger als sein Vorgänger, indem er sich nicht allein +durch das oben bezeichnete Laster, sondern auch noch durch seine +verschmitzte Heuchelei und raffinierte Bosheit auszeichnete. + +Dieser Schandbube wurde niemals bestraft, sondern nur versetzt, wodurch +nur Veranlassung gegeben wurde, dass sich seine abscheuliche Wirksamkeit +immer wieder verbreitete. + +In Sursen hatte dieser P. Joseph einen bildschönen Jüngling so sehr +entkräftet, dass derselbe unter den schrecklichsten Schmerzen starb und +noch auf dem Sterbebett seinen Verführer und Mörder verfluchte. + +Dieses unnatürliche Laster ist bei Mönchen und selbst bei weltlichen +katholischen Geistlichen in der Schweiz sehr gewöhnlich, und im Jahr +1835 wurden zwei derselben, Professor Schär und Kaplan Eisenring, im +Städtchen Wyl wegen Sodomiterei zur Untersuchung gezogen und später zum +Zuchthaus verurteilt. Es gelang ihnen aber, ins Ausland zu entfliehen. + +Das Verhör ergab die abscheulichsten Tatsachen, und das Publikum wollte +anfangs gar nicht glauben, dass diese Männer, welche Stifter und +Bezirkspräsidenten des katholischen Vereins waren, solche Schandtaten +begangen haben konnten. Sie wurden durch Ammann selbst angeklagt, der +sich dadurch viele Feinde machte. + +Diese Untersuchung hatte noch eine andere Entdeckung zur Folge. Ein +sechzehnjähriger Knabe kam zu Ammann und entdeckte ihm, dass der Prior +der Karthause zu Ittlingen im Thurgau mit ihm noch weit schändlichere +Dinge getrieben, als sie Schär und Eisenring zur Last gelegt wurden. Er +habe, durch den Prior beschwichtigt, nicht geglaubt, eine so große Sünde +zu begehen, aber jetzt sei ihm die Sache klar, da jene beiden dafür zum +Zuchthaus verurteilt wären. + +Ähnliche Tatsachen würden ans Tageslicht kommen, wenn wir einmal von den +Klöstern anderer Länder so genaue und offenherzige Schilderungen +erhielten, wie sie uns Ammann und Rafaello Ciocci von der Schweiz und +von Rom geliefert haben. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, +anzunehmen, dass die Mönche in anderen Gegenden sittenreiner sind, denn +dieselben Ursachen erzeugen gewöhnlich auch dieselben Wirkungen, +höchstens mit einigen, in der Hauptsache nichts ändernden Variationen. + +Und solchen Männern sollen wir unsere Kinder zur Erziehung anvertrauen!? +Haben die Regierungen nicht den Mut und den Willen, das Volk von dieser +moralischen Pest zu befreien, so muss sich jeder Familienvater selbst +helfen. Die Zeiten haben sich wesentlich geändert, und keine Regierung +wagt es mehr, die Untertanen in die Kirche zu treiben oder sie zu +zwingen, zur Beichte zugehen. Übt sie auch noch einen Zwang aus auf +solche Bürger, die Staatsdienste suchen, so sollten doch wenigstens +diejenigen, welche ihre eigenen Herren sind, ihr Haus gegen den Einfluss +liederlicher, scheinheiliger Pfaffen bewahren und durch vernünftige +Lehren im Haus den in der Schule erhaltenen Unterricht unschädlich +machen, wenn die Regierung nämlich darauf besteht, den Besuch +sogenannter konfessioneller Schulen zu erzwingen. Wenn das Volk es +ernstlich verlangt, wird nicht nur die Schule von dem Einfluss der +Kirche befreit werden, sondern der Staat wird auch aufhören, sich um die +Religion seiner Untertanen weiter zu bekümmern, als es zum Schutz der +kein Gesetz verletzenden Ausübung der verschiedenen Religionen nötig +ist. + +Werft zunächst die Pfaffen aus den Häusern und aus den Schulen und den +unvernünftigen Glauben aus dem Herzen, - das weitere findet sich von +selbst. + + + + +Der Beichtstuhl + + + Tout homme est homme, et les + Moines sur tous. + La Fontaine + + +Eine der sinnreichsten und verderblichsten Erfindungen der römischen +Kirche ist die Ohrenbeichte. Mit Hilfe derselben hat sie lange die Welt +regiert ohne große Kosten und Beschwerden. Über den hohen Wert derselben +herrscht nur eine Stimme, und selbst der Ketzer Marnix von St. Aldegonde +meinte schon vor dreihundert Jahren, dass dieselbe der Kirche nehmen, +ihr die Augen ausstechen heiße. Er sagte nämlich: - "denn diese +Ohrenbeichte ist ihr unzweifelhaft ein Paar Augen wert: nämlich das eine +braucht sie, um alle Heimlichkeiten und verborgenen Anschläge aller +Könige und Fürsten dieser Welt zu erfahren, wodurch sie in den +friedlichen Besitz aller Regierungen und Herrschaften gekommen ist. Das +andere gebraucht sie, um damit in den Busen der jungen Mädchen und +betrübten Frauen zu sehen und zu tasten und dadurch ihre Heimlichkeiten +zu ergründen und zu erfahren und ihnen danach solche liebe Buße +aufzuerlegen, dass ihre geängstigten Gewissen getröstet und ihre Herzen +merklich erleichtert werden. O, wie manchmal haben die heiligen Pfaffen +und Mönche den betrübten und unfruchtbaren Weibchen in ihrer +Ohrenbeichte so guten Rat gegeben, dass sie dadurch bald fröhliche +Mütter geworden sind und von derselben Zeit an zu ihren heiligen +Beichtvätern solche innige Liebe wie zu ihren eigenen Männern selbst +bekommen haben." + +Ich habe schon in den vorhergehenden Kapiteln hin und wieder von der +Beichte geredet. Ich will mir nicht die unnütze Mühe geben zu beweisen, +dass die Ohrenbeichte ihre Rechtfertigung nicht in den Evangelien +findet, denn die zu ihren Gunsten angeführten Stellen begründen sie +ungefähr in derselben Weise wie mit der Stelle des Psalms "Lobet den +Herrn mit Pauken" das Geißeln. Die Ohrenbeichte war eben, wie das +Fegefeuer und andere sinnreiche Erfindungen ähnlicher Art, eines der +vielen Mittel, durch welche sich die römische Kirche die Herrschaft über +die Menschen erwarb. + +Das Beichtgeheimnis sollte heiliggehalten werden; allein die Jesuiten +hatten darüber ihre besondere Ansicht, und es ist bewiesen, dass sie den +Inhalt der Beichte ihren Vorgesetzten mitteilten, besonders wenn sie für +die Erhaltung und das Beste ihres Ordens zweckmäßig erschien. Um überall +zu herrschen und die Fäden der Regierung in der Hand zu haben, waren sie +stets auf das eifrigste bestrebt zu bewirken, dass Jesuiten als +Beichtväter regierender Fürsten oder sonstiger sehr einflussreicher +Personen angestellt wurden. Da sie in Bezug auf Sünden sehr spitzfindig +und tolerant waren, so nahm man sie auch gerne als Beichtväter an. + +Jesuiten durften nichts schreiben und veröffentlichen ohne Zustimmung +ihrer Vorgesetzten; was also von irgendeinem dem Orden Angehörigen +veröffentlicht wurde, kann als ein Ausdruck der in demselben +gutgeheißenen Ansicht betrachtet werden. Obwohl ich aus den Werken der +Jesuiten eine sehr reichhaltige, interessante Auswahl von Stellen +treffen könnte, über deren Moral sich jeder rechtliche Mensch entsetzen +würde, so begnüge ich mich doch damit, nur einige wenige anzuführen, die +hinreichend begründen, weshalb die Jesuiten als Beichtväter gern gewählt +wurden. + +"Die erste Regel sei: Sooft Worte ihrer Bedeutung nach zweideutig sind +oder verschiedene Sinne zulassen, ist es keine Lüge, selbige in dem +Sinne zu gebrauchen, den der Sprechende mit ihnen verbinden will; +obschon die Zuhörenden und der, dem man schwört, selbige in einem +anderen Sinne nehmen - ja, ob auch der Sprechende von keiner gerechten +Sache geleitet werde." (Sanchez opus mor. Lib. I. cap. 9 n. 13 pag. 26.) + +Zwei Seiten später, nachdem der gelehrte Jesuit verschiedene Arten +erlaubter Lügen aufgeführt hat, sagt er: "Ja, es ist dies von großem +Nutzen, um vieles verdecken zu können, was verdeckt werden muss, aber +ohne Lüge nicht verdeckt werden könnte, wenn nicht diese Art und Weise +gestattet wäre. - - Man hat aber gerechte Ursache, sich solcher +Zweideutigkeiten zu bedienen, sooft dies notwendig und nützlich ist, um +das Heil des Körpers, die Ehre und das Vermögen zu schützen: oder zur +Übung irgendeiner anderen Tugend." - + +"Es ist erlaubt, denjenigen zu töten, von dem man gewiss weiß, dass er +sofort einem nach dem Leben stellt, so dass eine Frau z. B., wenn sie +weiß, dass sie in der Nacht von ihrem Mann getötet wird und nicht +entfliehen kann, jenem zuvorkommen darf." + +Und weiterhin: "Sooft jemand zufolge des oben Gesagten ein Recht hat, +einen anderen zu töten: dann kann dies auch ein anderer für ihn tun, +wenn dies die christliche Liebe anrät." (Busenbaum: Med. Theolog. mor. +L. III. Tract. IV. D. V. et VIII. Praec. n. X. ibid). + +"Ist einem Beichtvater, der eine Frau oder einen Mann zu verzeihlichen, +bösen Handlungen verlockt, das Begehen einer schweren Schuld +beizumessen? - Die Hände oder die Brüste einer Frau zu berühren, mit den +Fingern zu kneifen und zu zwacken: das sind in Betreff der Keuschheit +lässliche Sünden, wenn es zur bloßen Ergötzlichkeit ohne weitere Absicht +oder Gefahr der Befleckung vorgenommen wird." (Escobar: Theol. mor. +Tract. V. Exam. II. Cap. V. n. 110 pag. 608.) + +"Wie verhält es sich rücksichtlich des Beischlafes mit der Verlobten +eines anderen?" - "Er überschreitet nicht die gewöhnliche Hurerei, weil +sie noch nicht die Frau eines Mannes ist (ibid. Tract. I. pag. 141)." + +"An mortiferum, virile membrum in os uxoris immittere? Negat Sanchez +tom. 3 de Matr. tom. 3 lib. 9 d. 17. n. 15 At cum aliis auderem objicere +tanto Doctori, id non esse simpliciter osculum pudendorum, sed quendam +ad peccatum diversae speciei, id est, praeposteram venerem ausum." +(Escobar: Theol. mor. Tract I. Exam. VIII. Cap. III. n. 69. pag. 148.) + +"Wer nur äußerlich geschworen hat, ohne den Vorsatz 'zu schwören', ist +nicht gebunden (es sei denn des etwaigen Skandals wegen), da er nicht +geschworen hat, sondern (mit dem Eid) gespielt hat." (Busenbaum: Medull. +Theol. lib. III. Tract. II. De II. Dec. Praec. dubium IV. An in +juramento liceat uti aequivocatione u. V. pag. 143.) + +"Ist derjenige, der zum ersten Male Hurerei treibt, verbunden, diesen +Umstand in der Beichte zu entdecken? - Jungfrauen sind hierzu wegen der +Defloration verbunden; aber Jünglinge nicht." So meint Suarez. Jedoch +halte ich es mit Vasquez für wahrscheinlicher, dass auch eine Jungfrau +nicht dazu verbunden ist, sei es selbst, dass sie noch unter elterlicher +Gewalt stehe, da, wenn die Jungfrau freiwillig einwilligt, ihre Hurerei +keine Schändung ist; sie begeht kein Unrecht weder gegen sich selbst +noch gegen ihre Eltern, da sie die Herrin ihrer Jungfrauschaft ist. +(Escobar: Theol. mor. Exam. II. Cap. VI. n. 41. pag. 13.) + +Die Fehler eines Fürsten können vornehmlich im zarten Alter durch gute +Erziehung gebessert werden (wodurch oft verdorbene Naturen gezügelt und +umgewandelt worden sind). Aber wenn dies nicht gehen sollte und Bitten +und Mühen erfolglos bleiben: so halte ich dafür, dass man sie übersehe, +soweit dies das öffentliche Wohl gestattet und die verderbten Sitten des +Fürsten nur Privatsachen berühren; dagegen wenn er den Staat in Gefahr +bringt, wenn er sich als Verächter der väterlichen Religion zeigt und +sich nicht bessern will, so halte ich dafür, dass man ihn ab- und einen +anderen einsetze, was, wie wir wissen, in Spanien nicht bloß einmal +geschehen ist. Wie ein gereiztes Tier muss er durch alle Geschosse +angegriffen werden, weil er die Menschlichkeit verleugnet und zum +Tyrannen geworden ist. (Mariani: de rege et regis institutione lib. I. +Cap. III.) + +"Ob es erlaubt ist, einen Tyrannen mit Gift zu töten?" - Es ist +rühmlich, dieses ganze pestartige und verderbliche Geschlecht aus der +Gesellschaft der Menschen zu vertilgen. - - Und Beispiele solcher Morde +gibt es viele sowohl in alter als neuer Zeit. Es ist zwar schwer, einem +Fürsten Gift zu mischen, indem er von seinem Hofe umgeben ist und zudem +die Speisen vorher kosten lässt. Wenn sich aber dazu eine günstige +Gelegenheit darbietet, wer sollte da so spitzfindig und subtil sein, +dass er unter beiden Todesarten einen Unterschied zu machen suchte? - +Mariani ibid.*) + +---- *) Die Erlaubnis, dieses Buch zu drucken, lautet: + +Stephanus Hojeda Visitator Societas Jesu in provincia Tolctana, +potestate facta a nostro patre Generali Claudio Aquaviva, do facultatem, +ut imprimantur libri tres, quos de Rege et Regis institutione composuit +P. Johannes Mariana, ejusdem Societatis, quippe approbatos prius a viris +doctis er gravibus ex eodem nostro ordine In cujus sei fidem has literas +dedi meo nomine subscriptas, et mei officii sigillo munitas. Madriti in +collegio nostro quarto Nonos Decembris MDLXXXXVIII. + +Stephanus Hojeda, Visitator. ---- + +Diese Proben der Jesuitenmoral, die ich bedeutend vermehren könnte, auf +den Beichtstuhl angewandt, erklären es hinlänglich, warum Jesuiten als +Beichtväter Glück machten. Der Beichtstuhl wurde zur Erreichung +politischer und kirchlicher Zwecke benutzt, aber hauptsächlich diente er +den Pfaffen dazu, ihre Lüsternheit zu befriedigen. + +Schon im Jahr 428 hatte Papst Coelestin es für nötig gefunden, Strafe +darauf zu setzen, wenn Geistliche ihre Beichtkinder zur Unzucht +verführten. Dergleichen Fälle kamen unendlich oft vor, und mit diesen +Beichtstuhlgeschichten könnte man Folianten füllen. + +Poggio Bracciolini, von dem ich schon früher redete, erzählt, dass die +Beichtstühle dazu benutzt wurden, die Mädchen und verheirateten Frauen +zu verführen. Beichtete eine derselben, dass sie sich eine fleischliche +Schwachheit habe zuschulden kommen lassen, so kam es sehr häufig vor, +dass ihr der fromme Beichtvater die unzüchtigsten Anträge machte. Um +sich das Verführungswerk zu erleichtern, verfehlten sie nicht, den +lüsternen Kindern recht überzeugend vorzureden, dass ein bisschen +Unzucht mit einem frommen Geistlichen so gut wie nichts zu bedeuten habe +und dass die Sünde hundertmal kleiner sei, als wenn sie mit einem +fremden Ehemann begangen würde. + +Ansiniro, ein Augustinereremit zu Padua, hatte alle seine Beichttöchter +verführt. Die Sache wurde ruchbar und er deshalb angeklagt. Vor Gericht +drang man sehr ernstlich in ihn, alle diejenigen anzugeben, welche ihm +den Willen getan. Er nannte eine große Menge von Mädchen und Frauen aus +den angesehensten Familien, stockte dann aber plötzlich und wollte nicht +weiterreden. Der Sekretär, der ihn vernahm, bedrohte ihn mit den +härtesten Strafen, wenn er nicht die Wahrheit reden und in seinem +Bekenntnis fortfahren werde. So gedrängt, nannte der Pater auch den +Namen, welchen er verschweigen wollte, und man kann sich die +Überraschung des Sekretärs denken, als er den seiner eigenen für so +tugendhaft gehaltenen Frau hörte! + +Hin und wieder kamen die Pfaffen auch schlimm an. Ein Priester, dem eine +hübsche Frau beichtete, fand den Platz hinter dem Altar sehr bequem und +wollte sie bewegen, hier seinem unzüchtigen Gelüste zu genügen. Die Frau +äußerte, dass sie den Platz nicht anständig finde, versprach aber, an +einem anderen Orte seine Wünsche zu erfüllen und schickte ihm als +Liebespfand eine sehr schöne Torte und eine Flasche guten Wein. Der +erfreute Pfaffe dachte, zwei Fliegen mit einer Klappe zu treffen, und +überreichte die herrliche Torte seinem Bischof, der damit bei einem +Gastmahl seine Tafel zierte. Als man sie aufschnitt, fand man darin, was +man gewöhnlich nicht dem Beichtstuhl, sondern dem Nachtstuhl anvertraut. + +Man forschte natürlich nach dem Ursprung dieser schmutzigen +Überraschung, und dieser ergab sich bald aus der Untersuchung. + +Kein Ort war den geilen Pfaffen zu heilig, und die Regierungen mussten +dieselben oft strafen, weil sie einen Altar oder einen andern für heilig +geltenden Ort als Sofa betrachtet hatten. Ein Kaplan zu Solothurn beging +selbst die schreiende Sünde, die Orgel zum Schauplatz seiner unerlaubten +Freuden zu wählen! + +Wäre die Kirche nicht stets darauf bedacht gewesen, das Nützliche mit +dem Angenehmen zu verbinden und ihre frommen Diener soviel als tunlich +für die mancherlei mit ihrem Amte verbundenen Entbehrungen zu +entschädigen, dann hätte sie dem Skandal schnell ein Ende machen können. +Sie hätte nur zu verordnen brauchen, dass die Weiber bei Weibern statt +bei Männern beichteten; aber wahrscheinlich fürchteten sie, dass die +Weiber nicht schweigen könnten. + +"Mensch bleibt Mensch und ein Pfaffe vorzüglich." Ich würde auch lieber +das Sündenregister eines schönen Mädchens mit anhören als das eines +alten Mannes, und hin und wieder würde ich wahrscheinlich auch schwach +genug sein, die gemachten Entdeckungen zu meinem Privatvorteil zu +benutzen; allein ich bin auch kein Priester. Wüsste ich es nicht aus +anderen Quellen, so würde mich schon die Ermahnung des heiligen +Borromäus an die Pfaffen lehren, dass sehr viele von diesen die Beichte +der Weiber lieben hörten als die der Männer. Der Heilige, der stets des +oben angeführten Mottos eingedenk ist, schreibt den Beichtvätern vor, +alle Türen zu öffnen, wenn sie die Beichte irgendeiner Weibsperson +anzuhören hätten; er schlägt ihnen vor, irgendeinen Vers aus den +Psalmen, zum Beispiel cor mundum crea in su Domine, an einem freien Ort +anzuschreiben, wo er ihnen beständig vor Augen wäre und sie ihn bei +vorkommenden Versuchungen gleichsam als Zauberformel oder als Retro +Satanas gebrauchen könnten. - + +Von dem Geißeln habe ich schon geredet. Da dieses nicht ohne Entblößung +stattfinden konnte, so ist es begreiflich, dass es die lüsternen Pfaffen +sehr bald bei der Beichte einführten. Anfänglich begnügten sie sich +damit, die Geißelung als Buße vorzuschreiben; allein gar bald maßten sie +sich das Recht an, dieselbe eigenhändig zu erteilen. Dies wurde von der +Kirche selbst als ein Missbrauch angesehen, und Papst Hadrian 1., der im +Jahr 772 Papst wurde, verordnet. "Der Bischof, Priester und der Diakon +sollen diejenigen, welche gesündigt haben, nicht geißeln." + +Die Verordnung fruchtete jedoch nichts. Die Geistlichen ließen sich das +angenehme Recht nicht nehmen, besonders da sie darin durch hochstehende +Prälaten unterstützt wurden und der schon früher genannte Kanzler der +römischen Kirche, Kardinal Pullus, nicht das geringste Bedenken trug, +nicht allein das Geißeln zu empfehlen, sondern auch sogar öffentlich +bekanntzumachen, dass die völlige Entkleidung der Büßenden und ihr +Niederwerfen zu den Füßen des Beichtvaters selbst in den Augen Gottes +das Verdienst des Sünders vermehre, da es noch Kennzeichen äußerster +Demut und Erniedrigung wären. + +Solche Lehren trugen den Pfaffen gute Früchte. Das Hinterteil des Mannes +zu zerbläuen konnte, wenn derselbe eine hohe Stellung in der Welt hatte, +allenfalls ihrem Stolze und ihrer Eitelkeit schmeicheln; allein die +Strafe bei Frauen anzuwenden hatte für den Schönheitssinn der Pfaffen +einen weit höheren Reiz, und alle Mittel, welche der Kirche zu Gebote +standen, wurden angewandt, die natürliche Schamhaftigkeit der Weiber und +Mädchen zu besiegen. + +Bei der Schamhaftigkeit fällt mir eine Anekdote ein, die zu spaßhaft +ist, als dass ich sie den Lesern vorenthalten sollte. In den vierziger +Jahren kam ein junges Mädchen zu dem katholischen Pfarrer eines Ortes, +um bei ihm zu beichten. Nachdem sie allerlei unbedeutende Sünden +gestanden hatte, stockte sie und wurde feuerrot. Der Pfarrer ermahnte +väterlich, fortzufahren, aber das verschämte Mädchen sagte, dass es ihr +unmöglich sei, ihm hier ihre Sünden zu bekennen. Der gute Geistliche, +dem dergleichen wohl schon oft vorgekommen sein mochte, fragte, ob sie +ihm lieber zu Hause beichten wolle, wo sie weniger beobachtet wäre, und +das Mädchen erklärte sich seufzend bereit dazu. + +Zur bestimmten Stunde erschien sie auf dem Zimmer des Herrn Pfarrers, +der sie mit einiger Unruhe und Neugierde erwartet hatte. "Nun, mein +Kind, wir sind allein, was ist's, das dich drückt. - Die Mutter Kirche +hat Trost; habe Zutrauen usw." - "Ach, Herr Pfarrer, ich kann's nicht +sagen", erwidert die kleine Unschuld und hält den Schürzenzipfel vor das +Gesicht. - "Nun, mein Gott, es wird doch keine Todsünde sein!" - "Ach +nein, aber -." - "Nur offen heraus, was ist's?" -"Ach, ich habe mit +meinem Liebsten etwas - etwas gemacht!" - "Nun, was denn, mein Kind?" - +"Ach, ich kann's wahrhaftig nicht sagen." - "Nun, hat er vielleicht das +getan?" fragte der Pfarrer, indem er ihr in die Backen kneipt, um ihr +das Geständnis zu erleichtern. - "Ach nein!" - "Oder vielleicht das?" - +wobei er den Arm um ihre Taille legt und ihr einen Kuss auf den Mund +drückt. - Das Mädchen schüttelt beständig mit dem Kopf, und der Pfarrer, +ein noch junger Mann, glühte im Gesicht beinahe ebenso sehr wie seine +verschämte Beichttochter. - Er wird in seinem heiligen Eifer immer +hitziger und versucht alles mögliche, was der Geliebte nur mit ihr getan +haben konnte, und da sie fortwährend beharrlich schüttelt, so schreitet +er sogar zum alleräußersten, in der vollen Überzeugung, dass er nun das +Richtige getroffen habe. Aber wie groß ist sein Erstaunen, als er auf +seine Frage ein abermaliges Kopfschütteln als Antwort erhielt. - "Nun, +in Satans Namen", bricht er los, "was hast du denn mit ihm gemacht?" - +"Ach, Herr Pfarrer - - ich habe - ihn krankgemacht!" - Ich überlasse es +den Lesern, sich das Gesicht des guten Pfaffen auszumalen. - + +Auf solche Weise verfuhren nun wohl nicht alle römisch-katholischen +Geistlichen, um die Schamhaftigkeit ihrer Beichtkinder zu besiegen; bei +den meisten gelang es ihnen durch biblische Spitzfindigkeiten und, wo +dieselben nicht helfen wollten, mit Verweigerung der Absolution und +Androhung der ganzen Teufelsküche. Zu solchen äußersten Mitteln +brauchten die heiligen Väter indessen nur selten zu schreiten, denn die +Beichte ist schon an und für sich ein höchst wirksames Mittel zur +Ertötung der Scham. + +Das Mädchen oder die Frau, welche einem fremden Manne die geheimsten +Regungen ihrer Sinnlichkeit und die dadurch hervorgebrachten Wirkungen +mit allen Details - so verlangen es häufig die lüsternen Beichtväter - +schildern kann, kostet es auch keine große Überwindung, sich vor +demselben zu entblößen; wer die nackte Seele gesehen hat, mag auch den +nackten Körper sehen! - + +Weigerte sich indessen dennoch eine Beichttochter und wollte nicht daran +glauben, dass die Pfaffen ein Recht dazu hätten, die Entblößung zu +verlangen, dann entgegneten diese ihnen, dass Christus gesagt habe: +Gebet hin und zeiget Euch den Priestern; wollte es eine andere +unschicklich und anstößig finden, dann antwortete man ihr: "Ach +Larifari! Adam und Eva waren im Paradies nackt, und am Auferstehungstage +werden wir keine Hosen tragen." So kam es allmählich so weit, dass man +gar nichts mehr darin fand, wenn ein Beichtvater einem Mädchen oder +einer Frau mit eigener Hand die Rute gab. + +Die Pfaffen standen schon seit den ältesten Zeit mit vollem Recht in +schlechtem Ruf, und es ist daher wohl begreiflich, dass die Ehemänner +ziemlich unruhig waren, wenn ihre Frauen zur Beichte gingen. Selbst sehr +fromme und heilige Bücher enthalten darüber höchst ergötzliche +Geschichten, wenn sie auch meistens ernsthaft langweilig und im +schrecklichsten Mönchslatein erzählt sind. + +In einem Buche von Scotus, betitelt Mensa philosophica, findet sich zum +Beispiel die folgende: Einem Weibe, welches eben in den Beichtstuhl +ging, um ihre Sünden zu bekennen, folgte im geheimen ihr Ehemann nach, +da ihn die Eifersucht plagte, zu welcher er auch wohl gute Gründe haben +mochte. Er verbarg sich in der Kirche so, dass er seine Frau genau +beobachten konnte; aber kaum sah er sie von dem Beichtvater hinter den +Altar führen, als er sehr eifrig hervorstürzte und demselben vorstellte, +dass seine Frau viel zu zart sei, die Geißelung auszuhalten; solle aber +einmal gegeißelt werden, nun, dann erbiete er sich, die Strafe auf sich +zu nehmen. Die Frau war sehr vergnügt über diesen Vorschlag, und der +Beichtvater willigte ein. Kaum hatte sich der Mann vor diesem nieder +geworfen und in die gehörige Geißelpositur gesetzt, so rief seine Frau: +"Nun, ehrwürdiger Vater, haut nur recht tüchtig zu, denn ich bin eine +sehr große Sünderin!" - + +Nach den Beispielen von den Wirkungen des Zölibats auf die Geistlichen +welche ich in den vorigen Kapiteln gegeben habe, werden es die Leser +sehr natürlich finden, dass diese Art und Weise der beichtväterlichen +Absolution zu unendlich vielen Missbräuchen Veranlassung gab. Die Zahl +der davon bekannten Beispiele ist unendlich groß, obgleich die Pfaffen +stets bemüht waren, dergleichen Erzählungen als Verleumdungen +hinzustellen. Ich könnte eine ganze Galerie davon aufführen, begnüge +mich aber damit, nur einige Geschichten dieser Art zu erzählen, deren +Wahrheit bis in die kleinsten Details durch gerichtliche Untersuchungen +ans Tageslicht gekommen ist, und weil sie mir ganz vorzüglich geeignet +scheinen, die römisch-katholischen Geistlichen und ihre Beichte zu +illustrieren. + +Die erste davon ist die von dem Bruder Cornelius Adriansen zu Brügge. +Derselbe war zu Dortrecht geboren. Seine Eltern bestimmten ihn zum +geistlichen Stand, und nachdem er seine Studien vollendet hatte, kam er +im Jahr 1548 nach Brügge in das dortige Franziskanerkloster. Bald +entdeckte man in ihm eine Menge theologischer Kenntnisse und eine ganz +besondere Gabe, "populär" zu predigen, wodurch seine Oberen bewogen +wurden, ihm das Predigeramt anzuvertrauen. + +Seine Predigten waren ganz eigentümlicher Art, und man wird sie am +besten beurteilen können, wenn ich ein Bruchstück aus einer derselben +mitteile. Seine Reden wurden übrigens schon bei seinen Lebzeiten +gesammelt und zum Ergötzen der Ketzer in den Niederlanden im Druck +herausgegeben. + +Am 15. Dezember 1560 ereiferte er sich sehr, weil einige angesehene +deutsch-protestantische Prediger und Anhänger der Augsburgischen +Konfession nach Antwerpen gekommen waren. Nachdem er einen Teil des +Textes ausgelegt hatte, ergriff er die Gelegenheit, seinem Grimm über +die Ketzer Luft zu machen. Er brüllte wie verrückt: "Bah! ich möchte +beinah vor Zorn und Tollheit aus der Haut fahren! Ah Bah! da sind nun zu +Antwerpen, dem höllischen Pfuhl, dem teuflischen Abgrund, wo alles +verfluchte Gift und stinkender Unflat zusammenkommt, wiederum neue +Verräter, Verführer, Betrüger, neue Schelme und Bösewichter aus dem +verdammten und verfluchten Deutschland angekommen und vermeinen, in +diesen edlen Niederlanden - die sich jederzeit so standhaft im +christlichen Glauben gehalten, bis die mageren, dürren, ledernen +deutschen Arschkerben ihre beschissene Supplikation übergeben - ihre +Augsburgische Konfession einzuführen und fortzupflanzen. Bah, seht doch +wie schnell sie mit ihrer teuflischen Augsburger Konfession gelaufen +kommen, sobald sie gehört, dass diese verfluchten Geusen die Religion +verändern wollen! Ei ja, eben recht! wie? wir sitzen da und warten +darauf, bis Ihr kommt? Bah, alles bereit? Ah bah, es ist zu verwundern, +wie Ihr so lange geblieben seid mit eurer schönen Konfession von +Augsburg, welche erstlich so süß, lieb und betrüglich von dem falschen, +verdammten, höllischen Ketzer, dem unbeständigen Zweifalter und +Wetterhahn Philipp Melanchthon, verfasst und zusammengestellt, dann aber +mit seinem teuflischen, höllischen Gift so verdorben und nach seinem +ketzerischen Sinn verfälscht worden, dass auch die Zwinglianer, +Calvinisten und Sakramentierer sich damit behelfen und verteidigen +können und wollen. Darum scheiß ich in die Augsburgische Konfession! +Bah! die Zeit soll noch kommen, dass diese Konfession an den Galgen +gehängt und mit Kot und Dreck soll beworfen werden, ja, dass alle +Katholischen den Arsch daran wischen werden; bah, so sehet! - Ah bah! +die Wiedertäuferei ist tausendmal besser als die Konfession von +Augsburg. Bah! Gott schände die Augsburgische Konfession, bah! der +Teufel hole die Augsburgische Konfession! Wie, was meint Ihr, dass wir +toll und töricht sein und dass wir uns so von diesen ledernen +Arschkerben sollen überteufeln und äffen lassen, von diesen deutschen +Verrätern, den ersten Abtrünnigen und Ausgebannten von der +römisch-katholischen Kirche?" usw. + +Seine Predigten wimmelten von Unflätereien, von denen die obigen nur +eine bescheidene Probe sind, und hörte er, dass man sich darüber +aufgehalten habe, dann schrie er von der Kanzel wie besessen: "Bah, +darum haltet das Maul und lasst mich predigen, was mir der Heilige Geist +eingibt!" Er übte indessen einen bedeutenden Einfluss auf den großen +Haufen aus und seine Predigten waren besonders geschickt dazu, den Hass +gegen die Protestanten zum Fanatismus anzufachen. Einstmals predigte er +gar, "dass man schwangeren Weibern der Ketzer den Leib aufschneiden +solle, um die Kinder, ehe sie geboren wären, zu verbrennen". + +Diese Predigten fallen indessen schon in eine spätere Zeit. Bald nach +Antritt seines Predigeramtes hatte er sein Augenmerk auf einen anderen +Gegenstand gerichtet, - nämlich auf die schönen Mädchen und Frauen von +Brügge. Er fing an, gegen das eheliche Leben zu predigen, und setzte es +mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln herab; denn es sei fast nicht +möglich, als Verheirateter selig zu werden. Dagegen konnte er die +Jungfräulichkeit nicht hoch genug preisen und verhieß den Mädchen, +welche darin beharren würden, ganz gewiss die Seligkeit. + +Heutzutage würde man darüber selbst in streng katholischen Ländern +lachen und höchstens einige verhimmelnde Ebelianische Seelenbräute +würden vielleicht in dem guten Pater den sehr fleischgewordenen Paraklet +sehen; aber damals, als die meisten Leute noch eine ungeheure Sorge um +ihr "Seelenheil" hatten, verursachten seine Predigten einen solchen +Aufruhr unter den Weibern in Brügge, dass alle Männer die Geduld +verloren, denn ihre Frauen flohen sie förmlich und die Mädchen +beschlossen, in ihrem Leben nicht zu heiraten. - Doch "der Geist ist +willig, aber das Fleisch ist schwach". Die armen Frauen gerieten in +Verzweiflung und liefen zu Bruder Cornelius, um sich Trost und Rat zu +holen. Dieser hörte sie freundlich an und belehrte sie über die Mittel, +durch welche es möglich sei, im ehelichen Stand fortzuleben, ohne vom +Teufel geholt zu werden. Zunächst, sagte er, sei es nötig, "der Begierde +und dem Gefallen an dem fleischlichen Werke der Ehe" zu widerstehen, +wenn auch dem Werk oder der Ausübung selbst nicht. "Denn", argumentierte +er, "das Werk an und für sich ist von Gott angeordnet, aber die +verdorbene ausgeartete Natur hat es verunreinigt, befleckt, beschmutzt +und verunehrt mit ihren schlechten, faulen, fleischlichen Affekten und +Neigungen!" Darum sollten sie denselben durchaus widerstehen und das +eheliche Werk ausüben, als übten sie es nicht aus. Dies war nun freilich +für die meisten ein unmögliches und übermenschliches Ding, besonders +wenn sie ihre Männer lieb hatten und täglich kamen sie zu ihm mit +weinenden Augen und beklommenen Herzen. + +Zu denen, die weder jung noch sonderlich hübsch waren, sagte er, dass +sie ihre Anfechtungen und Übertretungen ihrem Pastor oder Beichtvater +sehr genau und ausführlich berichten müssten, damit sie ihnen vergeben +würden und die Absolution bekämen; aber zu denen, die er für seine +Betgenossenschaft (deuotarship) wünschte, sagte er: weil sie nun solchen +innerlichen Sünden und Gebrechen ihres Körpers nicht widerstehen +könnten, so wäre es nötig, dass derselbe gekasteiet werde mit einer +äußerlichen Strafe oder Pönitenz. Die betrübten Frauen willigten sehr +gern darin, sich derselben zu unterziehen. + +Hierauf sagt er ihnen, dass sie sich ganz und gar unter seine Aufsicht +und seinen Gehorsam begeben müssten, und als sie auch damit +einverstanden waren, gab er ihnen eine Regel, nach welcher sie alle +Monate auf einen bestimmten Tag bei ihm mit Bewilligung ihrer Männer zur +Beichte erscheinen und in welcher sie ihm ihre Übertretungen mitteilen +mussten. + +Als sie nun die Regel angenommen hatten und bei ihm zur Beichte +erschienen, gebot er ihnen bei dem Gelübde ihres Gehorsams, alle +unkeuschen Gedanken, Begierden und Handlungen, die sie hatten und +begingen, ungeschminkt, frei heraus, ohne Scham zu gestehen; je glatter, +unverhohlener, gröber und genauer, je besser: damit er im Stande sei, +sie davon zu säubern, reinigen, purgieren, absolvieren und deshalb zu +kasteien und strafen. Dies taten denn die Frauen ebenfalls. "Nun, +wohlan, meine Töchter", sagte Cornelius darauf, " für diese heimlichen +und unkeuschen fleischlichen Sünden des Körpers gehört sich auch eine +heimliche Säuberung, Purgierung, Reinigung (er liebte es sehr, wohl fünf +bis sechs Synonyme hintereinander zu gebrauchen) und heilige Disziplin +oder sekrete Pönitenz, welche vor den Augen der Menschen verborgen +gehalten werden muss, weil sie nicht verstehen und begreifen was +geistlich ist; ja, sie würden sich darüber aufhalten und Ärgernis +nehmen, wenn sie es wüssten; so sind sie durch die Verderbtheit des +Fleisches in ihren Ansichten und Begriffen verwirrt, geblendet und +geschändet. Darum, meine Töchter, legt die Hand auf eure Brust und +schwört bei Gott und allen Heiligen, dass ihr diese heimliche Disziplin +oder heilige, sekrete Pönitenz weder euren Männern, noch euren Eltern, +noch irgendeinem der weltlich gesinnten Menschen, noch irgendeinem +Geistlichen, sei es in der Beichte oder anders, nicht zu erkennen geben +und offenbaren wollt." + +Nachdem nun die Frauen diesen Eid geleistet hatten, nahm er sie als +Büßerinnen und Disziplintöchter an und hieß sie in das Haus der Nähterin +Calle de Naighe, seiner Vertrauten, stets durch die Vordertür zu gehen; +denn dieses Haus hatte von der Seite des Klosters her ebenfalls einen +Eingang, so dass diejenigen, welche Bruder Cornelius durch denselben +hineingehen sahen, die Frauen nicht sahen und umgekehrt. + +Als nun die frommen Frauen das erste Mal zu der Nähterin kamen, gab sie +jeder derselben eine Rute und hieß sie dieselben in das Disziplinzimmer +tragen, das nächste Mal aber selbst Besen zu kaufen und davon eine Rute +mitzubringen. + +Als Cornelius in das Disziplinzimmer zu seinen Beichttöchtern eintrat +sagte er: "Nun, wohlan, meine Töchter, damit Ihr diese heilige Disziplin +oder sekrete Pönitenz bequem empfangen könnt, ist es nötig, dass ihr +euern Körper entblößt; darum befehle ich Euch bei dem Gelübde eures +Gehorsams, dass Ihr Euch entkleidet." + +Als die Frauen seinen Willen erfüllt hatten, mussten sie ihm selbst die +Rute in die Hand geben und ihn demütig bitten, dass er ihren sündigen +Körper diszipliniere und kasteie, was er denn sehr bedächtig mit einer +Anzahl Schläge tat, die eben nicht weh tun konnten. Diese Handlung +begleitete er mit allerlei vom Geißeln handelnden Reden aus alten +Büchern und sagte unter anderem: dass Gott die Demut der Büßenden, die +sich nackt auszögen, lieber habe als die Heftigkeit der Schläge. + +Im Winter, wenn es zu kalt war, um sich nackt auszuziehen, mussten seine +Disziplinkinder sich auf einem großen Kissen niederlegen: Bruder +Cornelius hob ihnen den Rock auf und disziplinierte sie auf diese Weise. +Ebenso machte er es auch im Sommer mit denjenigen Frauen, die nicht +lange von Hause wegbleiben konnten oder mit Witwen, die lange unter +seiner Disziplin gestanden hatten und an deren Bußwerkzeugen er sich +bereits satt gesehen hatte; ja, zuletzt ließ er wohl zu, dass diese die +Disziplin von seiner Vertrauten, der Nähterin, empfingen. + +Dass die Witwen, die bereits vom Baum der Erkenntnis gegessen, +Anfechtungen hatten, nahm er als selbstverständlich an und interessierte +sich vor allen Dingen für ihre Träume, die sie ihm stets ganz genau +erzählen mussten. + +Ehe er aber die verheirateten Frauen und Witwen zu seiner Bußanstalt +heranzog, hatte er schon längst eine Disziplinschule von jungen Mädchen +errichtet, bei der ich mich etwas länger aufhalten muss, da sich dabei +die ganze Schändlichkeit des nichtswürdigen Pfaffen offenbart und weil +es Jungfrauen waren, die den alten lüsternen Sünder zuschanden machten +und sein Treiben zur Untersuchung brachten. - + +Abbé Parny in seiner köstlichen Satire "La guerre des Dieux", in welcher +die Heidengötter von der heiligen Dreieinigkeit mit den himmlischen +Heerscharen besiegt werden, hat den köstlichen Einfall, alle Satyren und +Faune der alten Heidenzeit die Stammväter der Mönche werden zu lassen. +Der witzige Abbé kannte gewiss viele Mönche von der Art des Bruders +Cornelius. + +Im Jahr 1553 befand sich unter den Frauen, welche täglich die Predigten +des Bruders Cornelius besuchten, eine fromme und geachtete.Witwe mit +ihrem schönen und gescheiten Töchterchen. Diese machte die Bekanntschaft +einiger junger Mädchen, die schon lange zu der Betgesellschaft des +Pastors gehörten und stets bemüht waren, für dieselbe Rekruten zu +erwerben. Das reizende sechzehnjährige Calleken Peters schien ihnen +besonders der Mühe wert. - Die Mutter sah mit Vergnügen, wie ihr +Töchterchen durch die Unterhaltung mit den frommen Mädchen so schön über +geistliche Dinge reden lernte, und ließ Calleken die Gesellschaft +derselben besuchen, so oft sie nur wollte. + +Hier hörte sie von der geheimen Pönitenz und fragte, was dieselbe denn +eigentlich zu bedeuten habe? Bisher waren die Mädchen sehr bereit +gewesen, ihr Rede und Antwort zu geben, allein nun meinten sie, dass +Calleken darüber nur von Pater Cornelius selbst belehrt werden könne, +und rieten ihr, sich an den heiligen Mann zu wenden, was sie denn auch +beschloss. + +Cornelius, der benachrichtigt wurde, dass sich ein so frisches Fischchen +fangen wolle, setzte einen Tag fest, an welchem sie bei ihm erscheinen +solle, und außer ihr fanden sich an demselben noch zwei ausgezeichnet +schöne Mädchen ein, die ebenfalls in der Disziplin unterrichtet werden +sollten; sie hießen Aelken van den B. und Betken P. + +Der Pater fragte Calleken, ob es ihr Ernst damit sei, ihre jungfräuliche +Reinheit und Sauberkeit zu bewahren und zu dem Ende unter seine +Obedienz, Untertänigkeit und Gehorsam sich verdemütigen wolle? Als sie +bejahte, lobte er sie sehr und ersuchte sie, ihn mit Einwilligung ihrer +Mutter an einem bestimmten Tage der Woche zu besuchen. + +Nach einer mehrwöchigen Vorbereitung nahm er sie feierlich als +Beichtkind an und ließ sie den schon oben angeführten Eid schwören. +Darauf wies er sie an, gleich den anderen Mädchen in seine +Disziplinkammer zu kommen und sich dort zur Pönitenz vorzubereiten. - +Diese Kammer hatte er damals in einem Hause auf dem Steinhauersdyk in +Brügge bei einer Witwe, Frau Pr., bei der die oben genannte Betken und +einige andere Mädchen in Kost waren, um die Kochkunst zu erlernen. Die +Nähterin wurde erst des Paters Vertraute nach dem Tode der Witwe. + +Als Calleken zum ersten Mal in die Kammer trat, forderte sie Cornelius +auf, bei dem Gelübde ihres Gehorsams ihm alle Anfechtungen und +Versuchungen, welche der menschlichen Natur so eigen, zu beichten und +namentlich die unkeuschen Träume, Gedanken und Begierden, welche der +jungfräulichen Reinigkeit so sehr zusetzen, ungescheut ihm mitzuteilen, +indem er nur auf diese Weise Mittel finden könne, Letztere zu +beschützen. + +Das arme, unschuldige Kind, welches von dergleichen Anfechtungen noch +durchaus nichts wusste, stotterte etwas her, aber Cornelius erwiderte: +"Bah, ich weiß recht gut, dass Euch alle die Unkeuschheiten und +Unreinigkeiten, welche zwischen Verheirateten und Weltmenschen +vorzufallen pflegen, bekannt sind: denn die Welt ist so arm im Argen und +verdorben, dass junge Mädchen von acht bis neun Jahren recht gut wissen, +auf welche Weise sie in die Welt gekommen sind. Bah! ein Mädchen von +sechzehn bis siebzehn Jahren wie Ihr sollte nichts von solchen +Versuchungen, Begierden, Quälungen wissen? Bah, Ihr hättet in der Welt +bleiben sollen, Ihr wärt bald Mutter von drei bis vier Kindern." + +Calleken, vor Scham ganz rot, sah zur Erde nieder und wusste nichts +weiter zu sagen, als dass ihre Mutter sie auf das sorgfältigste vor +allen eitlen, leichtfertigen und unehrbaren Äußerungen bewahrt hätte. - +"O bah!" fuhr der Pfaffe fort, "darauf achte ich noch nicht. Die +angeborene und gebrechliche Natur muss Euch in dem Alter, welches Ihr +nun habt, darüber belehren; darum ist es nicht möglich, dass Ihr nicht +bisweilen mit fleischlichem Streit angefochten werdet, den Ihr allein +aus Verschämtheit mir verschweigt. Aber ich kann Euch durchaus nicht +absolvieren, denn meine Seligkeit hängt daran, und darum bereitet Euch +das nächste Mal besser darauf vor, alle eure natürlichen Anfechtungen zu +erkennen zu geben.' - Hiermit entließ er Calleken und befahl ihr, auf +einen bestimmten Tag wiederzukommen, was sie in Gottes Namen zu tun +gelobte. + +Als sie wieder zu ihm kam, nahm er sie in seine Disziplinkammer und +ermahnte sie, alle Verschämtheit, die er ein falsches, böses Tier +nannte, draußen zu lassen. Auf seine abermaligen Fragen nach +fleischlichen Regungen antwortete ihm das unschuldige Mädchen, dass sie +täglich Gott bitte, sie vor dergleichen Anfechtungen zu bewahren. Das +lobte der Pater zwar, meinte aber doch, sie müsse Gott eigentlich um +Versuchungen und Anfechtungen bitten, denn ein Zustand, in welchem diese +ausbleiben, sei keine Heiligkeit zu nennen. "Bah!" fuhr er fort, "es ist +eine Ehre, eine quälende Natur zu haben, und dass man zu ungleichen +Personen, nämlich Frauen zu Männern und Männer zu Frauen, mit natürlich +brennender Hitze geneigt ist; allein was ist das für ein Verdienst, wenn +man kein Gefühl dafür hat? Bah, mein Kind, schämt Euch nicht zu +gestehen, dass Ihr auch Fleisch und Blut gleich allen Menschen habt, +oder ich muss Euch für heuchlerisch und ganz und gar für durchtrieben +halten, weil Ihr nicht gestehen wollt, bisweilen fleischliche Gedanken +oder unreine Begierden zu haben." Nun fuhr er fort, sie zu ermahnen, ihm +rund heraus, je unumwundener je besser, alle ihre unkeuschen Gedanken +und dergleichen zu sagen. Calleken wurde immer verschämter, je länger +sie den Satyr in Priestertracht anhörte. Dieser glaubte daher vor allen +Dingen darauf hinarbeiten zu müssen, diese ihm so hinderliche Scham zu +vernichten, und nachdem er sie durch väterliche, gleisnerische Worte +zutraulich gemacht hatte, fragte er feierlich: "Nun, Calleken, mein +Kind, sagt mir, ob Ihr mir die Seligkeit eurer Seele auch mit ganzem +Herzen anvertraut?" Sie antwortete: "Ja, ehrwürdiger Vater." - "Nun +wohl", fuhr er fort, "wenn Ihr mir euer Seelenheil anvertraut, so könnt +Ihr mir mit noch minderer Gefahr euren irdischen vergänglichen Körper +anvertrauen; denn wenn ich eure Seele selig machen soll, so muss ich vor +allem euren Körper geeignet, rein, sauber und fähig machen zu allen +Tugenden, Andachten und Pönitenzien. Ist's nicht so, mein Kind?" - Sie +antwortete: "Ja, ehrwürdiger Vater." - "Nun wohlan, mein Kind, so ist es +nötig, dass Ihr meiner heiligen Obedienz untertänig seid und tut, was +ich Euch befehlen werde." + +Hierauf setzte er sich auf eine Bettstelle, die in dem Zimmer stand, und +sie musste sich zwei Schritte von ihm hinstellen. Darauf sagte er, dass +es zur Überwindung der Verschämtheit, welche der Disziplin und Pönitenz +so durchaus zuwider, durchaus nötig sei, dass sie sich seinem Willen +füge, und er gebiete ihr daher bei ihrem Gelübde des Gehorsams, sich +sogleich vor ihm nackt auszuziehen. + +Calleken antworte heftig erschrocken: "Ach, ehrwürdiger Vater, wie +könnte ich das tun, ich müsste mich gar zu sehr schämen!" - "Mein Kind", +rief er, "das muss so sein, unser beider Seligkeit hängt daran, darum +weg mit der Scham und tut gehorsamlich, was ich befohlen habe." - "Ach, +ehrwürdiger Vater", stammelte das geängstigte Mädchen, "ich will Euch +lieber künftig alle meine Anfechtungen und fleischlichen Gedanken +offenbaren (das arme Kind hätte sie gewiss erfinden müssen), als dies +tun, denn ach - mir ist, als würde ich lieber sterben! Darum bitte ich +demütig, ehrwürdiger Vater, erlasst es mir!" - Cornelius bestand aber +fest darauf, denn ohne dasselbe sei es gar nicht möglich, eine +vollkommene Andächtige zu werden; es sei das erste Mittel zum Empfang +der heiligen, heimlichen Disziplin. Er verlangte unbedingten Gehorsam, +wie ihn alle übrigen Disziplinschüler leisteten. + +Seine Worte hatten endlich die gewünschte Wirkung. Das schöne Mädchen +hakte ihr Mieter auf und zog es aus; als sie aber ihr Leibchen +aufschnürte, stürzten ihr die hellen Tränen aus den Augen, und Cornelius +sagte: "Bah, mein Kind, fasst Mut und kämpft tapfer und klug gegen die +Verschämtheit und Heuchelei, dann sollt Ihr einen Sieg feiern, dann soll +alles Triumph, Friede und Glorie sein." + +Als sie nun bis aufs Hemd entkleidet war und auch dieses fallen lassen +sollte, verwandelte sich die Glut ihres Gesichts in tödliche Blässe. - +Als Cornelius dies sah, stand er eiligst auf und holte aus seinem +Schrank einige stark riechende Essenzen, mit deren Hilfe sie bald wieder +aus der Ohnmacht erwachte. + +Für dieses Mal ist es genug, mein Kind", redete er ihr freundlich zu, +"das nächste Mal sollt Ihr nicht allein bei mir sein, sondern in +Gesellschaft einiger Mädchen, die Ihr kennt und die Euch mit gutem +Beispiel vorangehen werden." Als sie sich wieder angekleidet hatte, +ermahnte er sie, keinem Menschen etwas zu sagen und ihm zu geloben, am +bestimmten Tage sich auch wirklich wieder in seinem Disziplinzimmer +einzustellen. + +Sie hielt Wort und fand dort die oben erwähnten beiden schönen Mädchen, +die gar keine Umstände machten, sich sogleich auskleideten und ganz +dreist nackt vor den Pater hinstellten. Calleken folgte dem Beispiel, +und Cornelius lobte sehr das Glorreiche eines solchen Siegs über die +verfluchte Scham, die allem frommem Werk im Wege sei. Damit hatte es für +dieses Mal sein Bewenden, denn Cornelius pflegte seine frommen Töchter +mehrere Monate lang im Entkleiden zu üben, denn sein Grundsatz war, sie +mussten freiwillig die Scham aufgeben und selbst die Disziplin begehren. + +Während dieser mit Calleken vorgenommenen seltsamen Exerzitien wurde sie +von einem Mädchen, das schon seit langem zu des Paters schamlosen +Freikorps gehörte, gefragt: ob sie denn nun wisse, was die Disziplin +oder heilige sekrete Pönitenz sei? Calleken antwortete, dass sie es wohl +beinahe ahne, aber noch nicht sicher wisse. "Ei", sagte das Mädchen, +"wenn du diese noch nicht verdient hast, dann musst du wohl ein ganz +anderes reines Mädchen sein als alle anderen; allein ich denke, dass du +deine Anfechtungen nicht recht bekannt und gestanden hast." Nun wurde +sie zum unbedingten Gehorsam gegen Bruder Cornelius ermahnt: sie müsse, +hieß es, ihre Seele ihm ganz und gar übergeben, den sonst könne es +unmöglich etwas werden. Calleken versprach, ganz zu tun, wie die Mädchen +ihr rieten. + +Die vielen Reden von fleischlichen Anfechtungen, von natürlichen +unsauberen Begierden, unkeuschen Träumen usw. hatten das unschuldige +Mädchen ganz verwirrt gemacht, so dass sie Tag und Nacht an nichts +anderes dachte, was denn auch mit wirklichen Anfechtungen endete, so +dass sie dem erfreuten Pater etwas zu beichten hatte. Sie wurde nun der +Disziplin für würdig erachtet und wurde eine Devote wie die andern. + +Diese Bußgenossenschaft, zu welcher die schönsten Frauen und Mädchen von +Brügge gehörten, bestand eine ganze Reihe von Jahren, ohne dass +außerhalb des Kreises derselben das geringste verlautete. Aber der Krug +geht so lange zu Wasser bis er bricht, und auch den frommen +Beschäftigungen des faunischen Paters sollte ein Ende gemacht werden. + +Bei einer kleinen Festlichkeit einiger Mitglieder dieser Genossenschaft, +der auch Pater Cornelius beiwohnte, ging es sehr lustig zu. Der Pater +tanzte mit einer hübschen Beichttochter und küsste sie in seiner frommen +Weinlaune auf den Mund. -Calleken Peters hörte davon durch eine der +Anwesenden und war sehr betreten, dann sagte sie - "man steht doch +mutternackt vor ihm, und wie kann man wissen, ob ihn nicht etwas +Menschliches anwandelt." Die andere erklärte ihn für einen Engel in +Menschengestalt, der nicht sündigen könne; allein Calleken antwortete: +"Ich behaupte nicht gerade, dass er sündigt, aber wie nun, wenn ihn eine +menschliche Schwachheit ergreifen sollte, wie wolltest du dich benehmen, +um nicht mit zu sündigen?" - "Ich würde es in Demut geschehen lassen", +antwortete die andere, "denn ich bin Überzeugt, unser Herrgott würde mir +solches nicht zur Sünde rechnen um des heiligen Mannes willen, indem +dieser die Handlung ohne eigentlich fleischliches Gelüste vollbrächte." + +Calleken wollte diese Religion nicht einsehen, allein der Pater, der +Nachricht von dieser Unterredung erhielt, bekam einen großen Schrecken +und nach mehreren Unterredungen mit Calleken ließ er sich von ihr in +Gegenwart eines anderen Paters eine Erklärung unterschreiben, dass sie +an ihm nie etwas bemerkt, was ihr Ärgernis gegeben habe, und dass sie +nichts von einer heimlichen Disziplin wisse. Der Pater stellte ebenfalls +ein Zeugnis aus, dass er Ohrenzeuge einer solchen Erklärung gewesen und +Cornelius wurde wieder ruhig, besonders da er sah, dass Calleken Peters +das Geheimnis bewahrte und auch nicht aus seiner Beichtgenossenschaft +austrat. + +Nach zwei Jahren kamen ihr aber Skrupel, und sie wollte von dem Pater +aus der Bibel bewiesen haben, dass die heimliche Disziplin zur Seligkeit +absolut notwendig sei. Sie warf ihm vor, dass er auf der Kanzel die +Bibelstellen ganz anders auslege als ihr, und er rief sehr verlegen: "Ah +bah! wenn ich auf der Kanzel stehe, rede ich für die Weltkinder." + +Bei einem abermaligen Disput über diesen Gegenstand riss dem Pater die +Geduld, und er befahl ihr, sich auf der Stelle zu entkleiden und die +Pönitenz zu empfangen; allein Calleken weigerte sich durchaus und +erklärte, dass nur Beweise aus der Bibel sie vermögen könnten, zum alten +Glauben an die Notwendigkeit der heimlichen Disziplin zurückzukehren. Er +tobte und gab ihr drei Wochen Zeit, sich zu bedenken. + +Sie war bei ihrem Entschluss geblieben und ging nach drei Wochen ins +Kloster. Cornelius war nicht zu Hause, und sie kam auf den Gedanken, +eine Unterredung mit dem Guardian zu haben. Im Laufe derselben fragte +sie denselben, ob er Kenntnis habe von der Art und Weise, wie Pater +Cornelius diszipliniere? + +Nach dem der Guardian sich überzeugt hatte, dass nur Gewissensangst das +Mädchen zu ihm trieb, so erklärte er ihr endlich, dass Cornelius zu den +Menschen gehöre, von denen Christus gesagt - "Wehe denen, die einen von +diesen kleinsten ärgern; es wäre ihm besser, dass ihm ein Mühlstein an +seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde." + +Sie ging nun nicht mehr zu Cornelius, allein dieser belästigte sie +fortwährend, und sie beschloss daher, gegen alle fernere Teilnahme an +der Bußsodalität zu protestieren. Cornelius war wütend, behandelte sie +wie einen bösen Geist und übergab sie feierlich dem Teufel. + +Bis jetzt hatte das Mädchen geschwiegen, aber nun erhob es sich mit dem +Stolz und Mut der gekränkten und misshandelten Unschuld und rief: "Wehe +Euch, ihr fleischlich gesinnter Mensch, der ihr mit all diesem +Nacktauskleiden und Disziplinieren nichts anderes gesucht habt, als eure +unkeuschen Augen und niederträchtigen Begierden zu befriedigen zum +großen Ärgernis und Skandal von so viel unschuldigen Mädchen. Wehe Euch, +es wäre besser, dass Euch ein Mühlstein an den Hals gehängt und ihr in +die Tiefe des Meeres versenkt würdet!" + +Die Wut des Paters war unbeschreiblich. Die Szene endete damit, dass er +sie am Arm ergriff und zur Tür hinausschob, wobei er wie wahnsinnig +schrie: "Weg von hier, Ihr Paulianerin! ich sehe nun, dass Ihr eine +Paulianerin geworden seid wie Betken Maes; weg, weg, ich übergebe Euch +dem Teufel!" + +Calleken Peters ging ruhig nach Hause und lebte still und sittsam, ohne +- aus Rücksicht für den Guardian und andere Frauen - von der seltsamen +Bußanstalt des Paters zu reden, die immer fortblühte. Sie heiratete und +kümmerte sich nicht darum; aber drei Jahre nach der oben erzählten Szene +kam die ganze Geschichte durch die oben erwähnte Betken Maes an den Tag. + +Es war dies ein ausgezeichnet braves Mädchen. Sie hatte sich ganz und +gar der Krankenpflege gewidmet und wohin sie immer kam, erschien sie wie +ein Engel des Trosts. Sie hatte auch zur Bußgesellschaft von Cornelius +gehört, allein gab ihn als Beichtvater auf und beichtete einem +trefflichen Augustinermönch. Cornelius war wütend und verketzerte sie +überall, allein Betken schwieg. + +Als sie einst bei einer Kranken war, die zu sterben meinte, verlangte +dieselbe, in einer Kapuze zu sterben, die sie von Cornelius erhalten, +der ihr gesagt hatte, dass sie, wenn sie in derselben sterbe, gar nicht +einmal in das Fegefeuer kommen werde. Betken suchte, ihr den Unsinn +auszureden, die Frau wurde böse, genas aber und erzählte die Sache +Cornelius. + +Dieser verleumdete sie nun in allen Klöstern und Privathäusern, welche +ihr die Kundschaft aufkündigten. Er wusste es sogar so weit zu bringen, +dass ihr Beichtvater, weil er seine vereidigten Beichttöchter verleite, +in den Bann getan wurde. Betken selbst wurde als Ketzerin sogar auf der +Straße verfolgt und verspottet. + +In dieser Not beichtete sie dem Provinzial der Augustiner das Geheimnis +der Bußanstalt. Der Provinzial beschloss, den Vermittler zu machen, und +bewog Cornelius, gegen ihr Versprechen zu schweigen von der Kanzel seine +Reden gegen sie zu widerrufen. Er tat dies in verblümter, nur wenigen +verständlicher Weise und erklärte überall, dass er den Schritt nur auf +Andringen angesehener, dem Erasmianismus anhängender Häuser getan habe. +Seine Meinung aber über das Mädchen sei dieselbe. + +Betken Maes war völlig wie vogelfrei; sie traute sich aus Furcht vor dem +Pöbel nicht auf die Straße, und die Nächte durchwachte sie in Angst, da +sie jeden Augenblick eine Gewalttat der Fanatiker oder einen Besuch der +schrecklichsten Inquisition erwartete. Der Trieb der Selbsterhaltung +bewog sie zum letzten Mittel. In mehreren Häusern, wo man sie noch +duldete, erzählte sie die Betrügereien des Paters Cornelius und gab +detaillierte Schilderungen von seiner Pönitenzanstalt. Anfangs glaubte +man, sie erzähle ein von der Rachsucht eingegebenes Märchen; aber die +Sache verbreitete sich und kam dem Magistrat zu Ohren, der diese +Gelegenheit nicht ungern ergriff, um dem verhassten Mönch an den Kragen +zu kommen. + +Cornelius opponierte und drohte sogar mit der Inquisition. Das zwang den +Rat vollends, alle Rücksichten fallenzulassen, und Calleken Peters und +alle Sodalinnen des Paters mussten zu ihrer großen Beschämung persönlich +vor Gericht erscheinen. Unter ihnen befanden sich sehr viele angesehene +Frauen und Fräuleins. Ihre Unschuld erkannte man wohl im Allgemeinen an, +aber es erging ihnen wie den vornehmen "Seelenbräuten" des Königsberger +Muckers Ebel, der Makel des Lächerlichen blieb zeitlebens an ihnen +kleben. + +Das Urteil gegen Cornelius fiel sehr milde aus, denn die Pfaffen hatten +damals noch die Oberhand. Er wurde von Brügge nach Ypern versetzt, da +ihm kein förmlicher Angriff auf die Tugend der Frauen bewiesen werden +konnte. Mehr als das Gericht bestrafte ihn die Satire des Volkes, die +ihn auf alle mögliche Weise verfolgte. Er starb im Jahr 1581, aber sein +Name hat sich noch in der Tradition erhalten, und manches Mädchen wird +rot und kichert heimlich, wenn "Broer Cornelius" genannt wird. + +Doch was wollen alle Künste des plumpen flämischen Paters sagen gegen +die feine Niederträchtigkeit der Jesuiten in dergleichen Dingen! Sobald +sie ihre Wirksamkeit begonnen, bemühten sie sich, Mädchen und Frauen für +ihre Geißelsodalitäten zu gewinnen. Sie hatten sich nicht für die +Geißelung auf den Rücken, sondern für die unterhalb desselben gelegene +Gegend entschieden. Diese Art der Disziplin wurde von den Jesuiten in +Löwen die Spanische genannt und angewandt, weil sie der Gesundheit +zuträglicher sei als die obere, oder aus andern Gründen. + +Während die roheren Mönche des Mittelalters wirklich hin und wieder aus +dummem Religionseifer die Geißel anwendeten, taten es die Jesuiten +meistens, um unter dem Deckmantel der Religion ihre raffinierte Wollust +zu befriedigen. Wie sie dabei zu verfahren pflegten, will ich in der +berüchtigten Geschichte von dem Jesuiten Girard und Fräulein Cadière +zeigen, soweit es der Umfang dieser Blätter gestattet. Der Prozess, den +das Fräulein gegen ihren Beichtvater einleitete, machte im Anfang des +18. Jahrhunderts ein ungeheures Aufsehen; ganz Europa nahm daran teil. - +Das Hauptwerk über diesen wichtigen Rechtshandel umfasst acht Bände, und +man wird es begreiflich finden, dass meine Darstellung nur eine sehr +skizzenhafte sein kann. + +Catherine Cadière war die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns zu Toulon +und am 12. November 1702 geboren. Sie hatte drei Brüder; der älteste +verheiratete sich, der zweite trat in den Dominikanerorden, und der +dritte wurde Laienpriester. Der Vater war schon während der +Minderjährigkeit Catherines gestorben, die nun bei ihrer borniert +bigotten Mutter als deren Liebling blieb. Sie entwickelte sich sowohl +körperlich als geistig auf die vorteilhafteste Weise. Das heißt, sie +wurde sehr schön, und ihrer trefflichen Gemüts- und Geistesanlagen wegen +wurde sie von allen, die sie kannten, sehr wohl gelitten. Allein die +Erziehung ihrer bigotten Mutter, die darin von Geistlichen unterstützt +wurde, die abgeschmackten Heiligenlegenden und mystischen Bücher, die +man ihr schon frühzeitig zu lesen verstattete, gaben ihrem Geist eine +ganz eigentümliche schwärmerische, mystische Richtung. Das Beispiel der +heiligen Frauen der römischen Kirche und die heiligen Offenbarungen und +Visionen, deren dieselben gewürdigt wurden, lagen ihr beständig im Sinn, +und ihr höchster Wunsch war es, diesen halbtollen Närrinnen ähnlich zu +werden. Dies war denn auch der Grund, weshalb sie mehrere vorteilhafte +Heiratsanträge ausschlug. + +So erreichte sie das Alter von fünfundzwanzig Jahren und man darf +voraussetzen, dass in einem körperlich so üppigen und dabei so +phantasiereichen Mädchen die gewaltsam unterdrückte Natur längst +angefangen hatte, ihre Rechte geltend zu machen, und dass es nur eines +leichten Reizes bedurfte, um ihre sinnlichen Begierden zu hellen Flammen +anzublasen. + +Zu dieser Zeit, im Jahr 1728, kam der Jesuit Pater Johann Baptist Girard +als Rektor des Königlichen Seminars der Schiffsprediger zu Toulon an. +Früher hatte er in Aix gelebt. Ihm ging ein großer Ruf als +ausgezeichneter Kanzelredner und als durchaus streng sittlicher Mann +voraus, und er erlangte denn auch gar bald in seinem neuen +Wirkungskreise eine ganz außerordentliche Geltung und Verehrung. +Besonders strömten die Frauen zu seinen Predigten und in seinen +Beichtstuhl. Eine große Menge junger Mädchen trat in eine Art von Orden, +in welchem unter Girards Leitung fromme Übungen vorgenommen wurden. Die +fromme Schar machte ihm viel Freude, denn es waren schöne Mädchen +darunter, und die Frömmigkeit und Ehrbarkeit des Jesuiten waren nur das +Schafsfell, mit welchem der reißende Wolf der rohesten Sinnlichkeit +bedeckt wurde. + +Vor allen Dingen trachtete Girard zunächst danach, durch seine Lehren +die Herzen und die Phantasie der jungen Mädchen zu vergiften. Wie eine +Spinne ihr Opfer mit unendlich vielen feinen Fäden umzieht, ehe sie ihm +das Blut aussaugt, so war auch der Jesuit bemüht, seine Opfer im Netz +der raffiniertesten Sinnlichkeit zu fangen. Er durfte nicht zu schnell +vorwärts gehen, denn Übereilung konnte alles verderben. Auch hatte er +dazu keine Ursache, da er über den sicheren Erfolg seiner +Verderbungstheorie vollkommen beruhigt war. + +Als er bemerkte, dass die Mädchen bereits mit schwärmerischer Innigkeit +und felsenfestem Vertrauen an ihm hingen, fing er allmählich an, ihnen +andere Strafen, als es bisher geschehen war, für ihre Sünden +aufzuerlegen, und kam nach und nach auf die Disziplin. + +Die meisten Mädchen ahnten aus Dummheit auch nicht das allergeringste +Böse und andere, durch das Geißeln angenehm sinnlich aufgeregt, fanden +ein geheimes Vergnügen daran, wenn sie sich dessen vielleicht auch nicht +klar bewusst waren. Noch andere mochten wohl den Pater und seine +Absichten durchschauen, allein sie waren weit entfernt, denselben +entgegenzuwirken, weil sie es nicht ungern gesehen haben würden, wenn +sie heimlich und ungestraft von der verbotenen Frucht hätten naschen +können. Diese und vielleicht auch finanzielle Gründe machten eine der +Beichttöchter, Fräulein Guiol, dem Jesuiten ganz und gar ergeben, und +sie ließ sich zu all seinen Plänen gern gebrauchen. + +Diese Guiol war ein gescheites, durchtriebenes Geschöpf und dem Pater +von unendlichem Nutzen. Er durfte bei seinen Beichttöchtern bald +weitergehen und bei der Disziplin seine Lüsternheit noch auf andere +Weise als mit den Augen befriedigen, wenn er sich auch wohl hütete, zum +Äußersten zu schreiten, wo er seiner Sache nicht ganz gewiss war wie +etwa bei der Guiol. + +Zur Zahl seiner Pönitentinnen gehörte auch Catherine Cadière. Das in +seiner vollsten Blüte prangende geistvolle Mädchen erregte nicht nur +seine Sinnlichkeit, sondern flößte ihm auch ein Gefühl ein, welches ich +Liebe nennen würde, wenn ich es für möglich hielte, dass eine solche +hohe Leidenschaft in der Brust eines derartigen Menschen Raum gewinnen +könnte. Ihr verständiges und tugendhaftes Wesen erforderte aber ganz +besondere Behandlung und Rücksicht und er beschloss, hier mit +ungewöhnlicher Umsicht zu Werke zu gehen. Er machte die Guiol zu seiner +Vertrauten und diese verhieß ihm ihren Beistand. + +Als er das Innere des Mädchens sondierte, erkannte er bald ihre +schwärmerische Richtung und war bemüht, den Funken zur Flamme +anzublasen. Er rühmte ihre ganz besonderen Anlagen, prophezeite, dass +Gott mit ihr ganz besondere Absichten hege, und wusste sie zu dem +Versprechen zu bewegen, sich zur schnelleren Erreichung derselben +gänzlich seiner Leitung und seinem Willen zu überlassen. + +So wurde das Mädchen innerlich vergiftet, ohne nur eine Ahnung davon zu +haben. In ihrem Busen wogte ein Meer von unbestimmten, aber +unbeschreiblich süßen Gefühlen. Kurz, "das Püppchen wurde geknetet und +zugericht, wie's lehren tut manch welsche Geschicht." Dahin war Girard +im Lauf eines Jahres gelangt; nun galt es, den zündenden Funken in das +Brennmaterial zu werfen, welches er in ihr angehäuft hatte. + +Catherine war längere Zeit krank gewesen und besuchte Girard im +Refektorium der Jesuiten. Er machte ihr zärtliche Vorwürfe, dass sie ihn +während ihrer Krankheit nicht habe rufen lassen, und gab ihr einen +glühenden Kuss. - Dem erfahrenen Mädchenkenner konnte es nicht entgehen, +welche außerordentliche Wirkung dieser Kuss hervorbrachte. Katharina +musste ihm in den Beichtstuhl folgen, und hier forschte er genau nach +ihren Ideen und Stimmungen, befahl ihr täglich zum Abendmahl zu gehen +und fleißig die Kirche zu besuchen; auch weissagte er ihr baldige +Visionen und ermahnte sie, ihm über diese wie überhaupt über ihre +psychischen und physischen Zustände den gewissenhaftesten Bericht +abzustatten. + +Diese Visionen stellten sich denn auch wirklich ein und erhitzten ihr +Blut und ihre Phantasie immer mehr. Ob sie allein durch den aufgeregten +Gemütszustand des Mädchens und durch das geistige Gift des Pfaffen oder +durch materielle Mittel hervorgerufen wurden, weiß ich nicht anzugeben. +Es kam aber endlich so weit, dass sie ihm klagte, wie sie nicht mehr im +Stande sei, laut zu beten und ihm die heftige Liebe zu verbergen, die +sie für ihn empfinde. Über den ersten Punkt beruhigte er sie bald und +"die Liebe", fuhr er fort, "die Ihr zu mir tragt, soll Euch keinen +Kummer machen; der liebe Gott will, dass wir beide miteinander vereinigt +werden sollen. Ich trage Euch in meinem Schoß und in meinem Herzen; von +nun an seid Ihr nichts mehr als eine Seele in mir, ja die Seele meiner +Seele. So lasst uns denn in dem heiligen Herzen Jesu einander recht +brünstig lieben." + +Anstatt nun der Natur freien Lauf zu lassen und der aufs höchste +aufgeregten Sinnlichkeit Genüge zu leisten, verfuhr er weit teuflischer. +Sein Bemühen war nun darauf gerichtet, den durch ihn hervorgerufenen +hysterischen Zustand zur äußersten Stufe heranzubilden. Dies gelang ihm +auch. Fräulein Cadière verfiel in hysterische Krämpfe, während welcher +sie wunderbare Visionen heiliger und unheiliger Art hatte, die sich aber +meistens um Pater Girard bewegten. + +Schon zur Fastenzeit des Jahres 1729 hatte sie eine wunderbare Vision. +Sie hörte eine Stimme, welche ihr zurief: "Ich will dich mit mir in die +Wüste führen, wo du nicht mehr mit Menschenkost, sondern mit Engelspeise +genährt werden sollst." - Von nun an widerstand ihr jede Speise, und +überwand sie ihren Ekel dagegen mit Gewalt, so folgte darauf heftiges +Erbrechen. Dann bekam sie einen Blutsturz. Pater Girard und seine +Vertrauten erklärten diese Zufälle als ein Zeichen der ihr nun bald +zuteil werdenden Wundergabe. + +Catherine verfiel nun aus einer Verzückung in die andere. Auf ihrem +Gesicht standen Blutstropfen und an ihrer linken Seite und an den Händen +und Füßen wurden blutige Stigmen oder Wundmale sichtbar, mit denen nach +dem römischen Aberglauben besonders heilige von Gott auserlesene +Personen begnadigt werden. - Ja, hiermit endeten die Wunder nicht. Als +der Pater dem Fräulein die Haare abgeschnitten hatte, bildete sich um +ihr Haupt eine Art Heiligenschein, und das Tuch, mit welchem sie ihr +Gesicht abgetrocknet hatte, erhielt davon das Bild eines leidenden +Christus mit der Dornenkrone! + +Wie weit diese wunderbaren Zustände der geistigen und körperlichen +Krankheit des Fräuleins und wie weit sie jesuitischem Betrug +zugeschrieben werden müssen, weiß ich nicht zu beurteilen. Dass Girard +jedoch die Entdeckung des Letzteren sehr fürchtete, geht schon aus der +Sorgfalt hervor, mit welcher er darüber wachte, dass von dem Zustand des +Fräuleins außerhalb des eingeweihten und gläubigen Kreises nichts +bekannt wurde. Der Mutter hatte er gesagt, dass Catherine in +vierundzwanzig Stunden sterben würde, wenn man nur ein Wort über die +wunderbaren Vorgänge fallen ließe. + +Girard hatte nun selbstverständlich freien Zutritt im Haus der Madame +Cadière, denn er musste ja für die Seele ihrer Tochter sorgen und - die +Stigmen untersuchen! Bei diesen Visiten war er stets so vorsichtig, den +jüngeren Bruder Catherines, der damals gerade im Jesuitenkollegium +Theologie studierte, bis an die Haustür mitzunehmen und sich auch von +ihm wieder abholen zu lassen. Er schloss sich stets mit seiner +Beichttochter in deren Zimmer ein und konnte sich an den wunderbaren +Stigmen, besonders dem in der Seite, gar nicht satt sehen. Verfiel +Catherine in hysterische Krämpfe und Ohnmacht, was für Besessenheit +galt, dann wandte der Jesuit die ihm dadurch vergönnte Zeit dazu an, +seine Lüsternheit auf brutale Weise zu befriedigen, soweit es anging. +Wenn das Fräulein erwachte, fand sie sich unanständig entblößt, und +hinter ihr stand mit hämischem Gesicht der fromme jünger Jesu. + +Fräulein Cadière beklagte sich hierüber mehrmals bei der Guiol, aber +diese leichtfertige Person lachte sie aus, dass sie dabei nur etwas +Unanständiges finden könne, und ebenso erzählten ihr die anderen +Mitglieder der Schwesternschaft, dass Pater Girard sich mit ihnen noch +ganz andere Freiheiten herausnehme, worüber sie indessen durchaus nicht +ungehalten wären. + +Der galante Jesuit war aber auch stets bemüht, sich immer fester in die +Gunst seiner Schülerinnen zu setzen. Er wusste ihnen die Andacht sehr zu +erleichtern und sorgte dafür, dass sowohl ihre Sinnlichkeit als ihr +weltlicher Sinn fortwährend Nahrung erhielten. Er sorgte stets für gute +Bedienung, für eine vortreffliche Küche, Landpartien und Blumensträuße. +Die Königin all seiner Gedanken aber blieb Catherine. + +Bei dieser rückte er nun seinem Ziele immer näher. Er führte eine +Gelegenheit herbei, um sich scheinbar mit Recht über ihren Ungehorsam +beklagen zu können, und nachdem Catherine von der Guiol gehörig +vorbereitet war, erschien sie demütig bei Girard zur Beichte, bereit, +jede Strafe auf sich zu nehmen, die er ihr auferlegen werde. Der Pater +kündigte ihr nach einer scharfen Ermahnung denn auch an, dass sie +Pönitenz für den Ungehorsam leisten müsse. + +Am anderen Morgen erschien er mit einer Disziplin in ihrem Zimmer und +sagte: "Die Gerechtigkeit Gottes verlangt, dass, weil Ihr Euch geweigert +habt, mit seinen Gaben Euch bekleiden zu lassen, Ihr Euch jetzt nackt +ausziehen sollt. Zwar hättet Ihr verdient, dass die ganze Erde Zeuge +davon wäre, doch gestattet der gnädige Gott, dass nur ich und diese +Mauer, die nicht reden kann, Zeugen bleiben. Vorher aber schwört mir den +Eid der Treue, dass Ihr das Geheimnis bewahren wollt, denn die +Entdeckung könnte mich und Euch ins Verderben stürzen." + +Das Fräulein tat, wie er befohlen hatte, und als sie sich bis aufs Hemd +entkleidet hatte, gebot er ihr, sich auf das Bett zu legen. Nachdem es +auch dies getan, wobei er sie mit einem Kissen unterstützt hatte, gab er +ihr einige sanfte Hiebe auf die Hüften, die er dann küsste. Nun zwang er +sie, auch die letzte Hülle zu entfernen und sich demütig vor ihn +hinzustellen. Das Fräulein wurde ohnmächtig, aber als sie wieder zu sich +kam, erklärte sie, gehorchen zu wollen, und kniete ganz nackt vor ihm +nieder. Darauf gab er ihr noch einige Streiche und ließ nun seiner +Begierde freien Lauf. Catherine setzte ihm keinen Widerstand entgegen, +und der satanische Jesuit erreichte das Ziel seiner Wünsche. + +Von nun an betrachtete er das Fräulein ganz und gar als sein Eigentum +und verführte sie zu Handlungen der raffiniertesten Sinnlichkeit, wobei +er sich jedoch stets sehr geschickt in ein heiliges Gewand zu kleiden +wusste. Was er alles vornahm hier zu erzählen, ist nicht tunlich. + +Wollte die Mutter oder der Bruder des Fräuleins ihn manchmal in seinen +andächtigen Beschäftigungen stören, dann warf er ihnen die Tür vor der +Nase zu, und als sich einmal der Dominikaner darüber bei der Mutter +beklagte, hieß sie ihn schweigen und wies ihn sogar zum Haus hinaus. So +sehr war die blödsinnig bigotte Frau von der Heiligkeit des Jesuiten und +der Tugend ihrer Tochter überzeugt. + +Girard merkte sehr bald, dass Fräulein Cadière schwanger war, und unter +einem Vorwand bewog er sie, einen Trank, den er bereitet hatte, +einzunehmen. Es war dies ein abtreibendes Mittel, welches auch seine +Wirkung tat. Catherine fühlte sich durch den erfolgenden Blutverlust +sehr geschwächt, so dass ihre Mutter, welche weit entfernt war, die +Wahrheit auch nur zu ahnen, ihr sehr dringend riet, einen Arzt zu Rate +zu ziehen, was aber Girard durch allerlei Gründe zu verhindern wusste. + +Durch die Unvorsichtigkeit einer Magd wäre das Geheimnis fast entdeckt +worden, und um sich dagegen und zugleich auch seine Beute zu sichern, +beschloss Girard, Catherine als Nonne im St. Clara-Kloster zu Ollioules +unterzubringen. Er schrieb an die Äbtissin und machte ihr die +hinreißendste Schilderung von der Tugend, Frömmigkeit und Gottseligkeit +seiner Pönitentin, so dass sie mit Freuden bereit war, Catherine +aufzunehmen, wenn ihre Familie dazu die Einwilligung geben würde. Diese +wurde sehr leicht erlangt und das Fräulein reiste, mit den besten +Empfehlungsbriefen versehen, nach Ollioules ab, wo sie sehr gut +aufgenommen wurde. + +Der Jesuit wusste von der Äbtissin die Erlaubnis zu erhalten, seine +Beichttochter besuchen und ihr schreiben zu dürfen. So schlau Girard +aber sonst war, so beging er doch einige Unvorsichtigkeiten, welche die +Nonnen und die Äbtissin misstrauisch machten und die Letztere +veranlassten, seine Besuche zuerst einzuschränken und dann gänzlich zu +untersagen. Durch Vermittlung eines ihm befreundeten Geistlichen wurde +dieses Verbot jedoch bald wieder aufgehoben und Girard genierte sich +noch weniger als früher. Er beobachtete Visionen, untersuchte die +Stigmen und gab seiner Beichttochter die Disziplin auf die alte Weise. + +Dies hätte alles noch hingehen mögen, allein er schloss sich oft +stundenlang mit Catherine ein, und da diese, auf ihre besondere +Heiligkeit stolz, hin und wieder mit ihren geistlichen Genüssen gegen +andere Nonnen großtat, so kam man immer mehr und mehr auf den Gedanken, +dass das Verhältnis zwischen Girard und seiner Beichttochter nicht ganz +rein sein möchte. Die Äbtissin verordnete daher, dass beide in ihren +Unterredungen durch Klausur voneinander getrennt bleiben sollten. + +Girard achtete das jedoch wenig. Er schnitt mit einem Taschenmesser in +die ihn von seiner Geliebten trennende Leinwand ein Loch und unterhielt +sich durch dasselbe stundenlang mit ihr. Hatte er sich müde geküsst und +wandelten ihn andere Gedanken an, dann befriedigte er seine Lüste auf +eine Weise, deren nähere Andeutung widerlich sein würde. Dergleichen +erlaubte er sich sogar im Sanktuarium, und wollte man ihn in gebührender +Entfernung halten, dann wurde er sehr unwillig und schrie. "Was! Ihr +wollt mich von meiner Beichttochter trennen?" Der Jesuit ließ sich sogar +das Essen vor die Klausur bringen; beide aßen Hand in Hand, und es kam +nicht selten vor, dass ihn Laienschwestern dabei überraschten, wenn er +seinen Arm um den Leib des Fräuleins geschlungen hatte. + +Der jesuitische Wollüstling fing aber bereits an, seines Opfers +überdrüssig zu werden. Er erklärte sie daher für hinreichend heilig und +beschloss, sie in ein entferntes Karthäuser-Nonnenkloster zu schicken. +Die Nonnen setzten von diesem Vorhaben sogleich den Bischof von Toulon +in Kenntnis, der es nicht dulden wollte, dass ein Mädchen, welches in +der Welt für eine Heilige gehalten wurde, seine Diözese verließ. Er +schrieb daher an Catherine und verbot ihr, in Zukunft dem Pater Girard +zu beichten oder sich an einen Ort zu begeben, wohin sie derselbe weisen +würde, und stellte ihr zugleich frei, zu ihrer Familie zurückzukehren. +Er sandte ihr darauf einen Wagen, und der Aumonier des Bischofs und +Pater Cadière, ihr Bruder, brachten sie in ein Landhaus unweit Toulon. + +Als Girard diese Nachricht erhielt, erschrak er nicht wenig, und es war +sein erster Gedanke, sich die Schriften und Briefe zu verschaffen, +welche die Cadière von ihm hatte. Dies gelang ihm auch durch Vermittlung +einer anderen Beichttochter, die er früher besonders geliebt hatte; nur +ein einziger Brief blieb durch Zufall in Catherines Händen zurück. + +Diese wurde nun als eine Heilige der besonderen Obhut des neuen Priors +der Karmeliter zu Toulon übergeben. In der Beichte hörte dieser nun +manche befremdende Dinge, die ihn, nebst einigen auf Girard bezüglichen +schwärmerischen Äußerungen, veranlassten, tiefer nachzuforschen, und so +entdeckte er denn ohne besondere Schwierigkeit den niederträchtigen +Betrug, mit welchem man dies schwärmerische, unschuldige Mädchen und die +Welt betrogen hatte. Er machte sogleich Anzeige bei dem Bischof, der +selbst auf das Landhaus kam und Catherine über alle näheren Umstände +befragte. Das arme Mädchen, dem nun die Augen so furchtbar geöffnet +wurden, bat fußfällig und mit Tränen, die Ehre ihrer Familie zu +berücksichtigen und die Sache zu unterdrücken. + +Der Bischof versprach dies zwar, wurde aber bald durch andere +Rücksichten umgestimmt und der Prozess nach einigen Präliminarien bei +dem für geistliche Sachen verordneten Kriminalgerichte zu Toulon +anhängig gemacht. - Doch was wollte ein armes Mädchen ausrichten gegen +die mächtigen Jesuiten, die selbst auf den Gerichtsbänken ihre +Angehörigen sitzen hatten! Die Sache des Paters Girard wurde zu der des +Ordens gemacht, welcher für diesen Prozess über eine Million Franc +opferte. + +Es begann nun eine Reihe der nichtswürdigsten Ränke, um Fräulein Cadière +als eine Lügnerin und Betrügerin und von den Feinden des Jesuitenordens +bestochene Person hinzustellen, ja sie der Ketzerei und Zauberei zu +beschuldigen, vermittels welcher sie sich auf allerlei verbotenen Wegen +den Heiligenschein habe verschaffen wollen. Fräulein Cadière bereute +nun, leider zu spät, dass sie dem Pater ganz arglos die Briefe und +Schriften ausgeliefert hatte, mit denen sie ihre besten +Verteidigungswaffen aus den Händen gab. + +Der Prozess nahm bald für sie eine recht schlimme Wendung. Der König +hatte Kenntnis davon erhalten und durch ein Dekret des Staatsrats die +allerstrengste Untersuchung anbefohlen. Die Sache kam nun vor den Hohen +Gerichtshof zu Aix. Der Karmeliterprior und der Dominikaner Cadière +wurden als Mitschuldige und Mitbetrüger in den Prozess verwickelt; die +Nonnen zu Ollioules wurden zu ungünstigen Aussagen gegen Fräulein +Cadière durch die Jesuiten veranlasst und die Ärmste selbst duldete bei +den den Jesuiten befreundeten Ursulinerinnen in diesem Ort ein hartes +Schicksal. Sie war in eine Kammer eingesperrt worden, die früher einer +Wahnsinnigen als Wohnung gedient hatte und die mit Moder und Gestank +erfüllt war. + +Man folterte sie physisch und moralisch auf alle nur erdenkliche Weise, +gebrauchte List und Gewalt und erreichte endlich damit den +beabsichtigten Zweck, sie zum Widerrufe zu bewegen. + +Nun aber drangen die Jesuiten erst recht auf scharfe Untersuchung, denn +nun schien ihr Sieg gewiss, und der Erste Gerichtshof zu Aix fällte auch +wirklich ein Urteil, welches Fräulein Cadière sehr ungünstig war. Man +brachte sie einstweilen als Gefangene in ein Kloster zu Aix; aber sie +appellierte wegen Missbrauchs geistlicher Gewalt in dem eingeleiteten +Verfahren, und die Sache kam vor das Parlament. + +jetzt begannen die Intrigen der Jesuiten aufs neue. Catherine +behauptete, dass sie unschuldig von P. Girard auf die angegebene Weise +misshandelt und nur durch Drohungen und Quälereien während des +Kriminalverfahrens zum Widerruf gezwungen worden sei. + +Der königliche Prokurator zeigte sich bei dem ganzen Verfahren durchweg +parteiisch für die Jesuiten und trug endlich an auf: "Lossprechung des +P. Girard und auf die ordentliche und außerordentliche Folter, sodann +aber auf Hinrichtung durch den Strick für Catherine Cadière." + +Die vierundzwanzig Richter waren aber nicht dieser Meinung; jedoch waren +ihre Ansichten geteilt. Zwölf davon sprachen sich dahin aus: Johann +Baptist Girard in Anbetracht der an ihm sichtbar gewordenen +Geistesschwäche, die ihn zum Gegenstand des Spottes seiner Beichtkinder +gemacht, mit seiner Klage gegen dieselbe abzuweisen. - Das Urteil der +anderen, besseren Hälfte des Parlaments lautete aber sehr verschieden: +Johann Baptist Girard ist zum Tode durch Feuer zu verurteilen, wegen +vollkommen erwiesener geistlicher Blutschande, Fruchtabtreibung und +Erniedrigung seiner geistlichen Würde durch schändliche Leidenschaften +und Verbrechen etc. + +Bei dieser Gleichheit der Stimmen entschied der Präsident, dass man +beide Parteien ohne Strafe freilassen solle. Einige Richter wollten sich +nicht damit begnügen, sondern trugen darauf an, dass man der Cadière +wenigstens eine kleine Züchtigung möchte angedeihen lassen. Dagegen +erhob sich aber ein edler Mann unter ihnen und rief: "Wir haben soeben +vielleicht eines der größten Verbrechen freigesprochen und sollten +diesem Mädchen auch nur die geringste Strafe auferlegen? Nein, eher +sollte man diesen Palast in Flammen aufgehen lassen!" - Diese Worte +machten Eindruck. Es wurde bestimmt, das Fräulein zu ihrer Mutter nach +Hause zu entlassen und der Sorgfalt derselben zu empfehlen. + +Das königliche Parlament hatte den Schurken zwar freigesprochen; aber in +der öffentlichen Meinung war Girard gerichtet. Eine unzählbare +Menschenmasse erwartete in den Straßen die Entscheidung des +Gerichtshofes. Die Richter, welche gegen die Cadière gesprochen hatten, +wurden mit Schimpf und Hohn empfangen; die Gegner Girards mit Beifall. +Diesen selbst bewillkommnete man mit Schimpfreden und Steinwürfen, so +dass man ihn nur mit Schwierigkeiten unverletzt durch die tobende Menge +bringen konnte. Diese Wut des Volkes erstreckte sich sogar auf den +Küchenjungen, der ihm das Essen gebracht hatte, und man zertrümmerte +dessen Schüsseln, Teller und Flaschen. + +Andererseits war man eifrig bemüht, Fräulein Cadière Teilnahme zu +zeigen. Man wetteiferte darin, sie die erlittenen Kränkungen und +Misshandlungen durch freundliche Bewirtung und Trost vergessen zu +machen. Man pries ihre noch immer große Schönheit; - kurz, sie wurde +Mode, wie das ja aber auch mit interessanten Verbrecherinnen in +Frankreich und anderswo noch heutzutage der Fall ist. + +Die Teilnahme, welche sie erregte, brachte ihr jedoch Gefahr. Man gab +ihr den wohlgemeinten Rat, Aix schleunigst zu verlassen und sich +verborgen zu halten. Sie reiste ab - aber von da an verlor sich ihre +Spur für ewig. Man hat nie erfahren, was aus ihr geworden ist; aber die +allgemeine Meinung ging zu jener Zeit dahin, dass sie von den Jesuiten +heimlich aus dem Wege geschafft worden wäre. + +Girard starb ebenfalls nach Verlauf eines Jahres. Die Jesuiten gingen +ernstlich damit um, ihn zum Heiligen erheben zu lassen, und verglichen +ihn hinsichtlich seines Schicksals mit - Christus! + +Eine ganz ähnliche Geschichte wie mit Fräulein Cadière trug sich kurz +vor der Aufhebung des Jesuitenordens in Frankreich zwischen einem seiner +Angehörigen und der Tochter eines Parlaments-Präsidenten zu, welche auch +mit Hilfe des Geißelns verführt wurde. Um die Ehre des Ordens zu retten +und die Unmöglichkeit der Anklage beweisen zu können, hatte man einen +Wundarzt erkauft und vereidigt, welcher den Schuldigen kastrierte. Das +Geheimnis wurde indessen später entdeckt. + +Trotz dieser und anderer an den Tag gekommenen Niederträchtigkeiten - +und unter Tausenden wird vielleicht nur eine bekannt! - wurde den +Jesuiten nicht das Handwerk gelegt; überall wurden sie als Beichtväter +gerne gesehen, und besonders die Frauen ließen sich nach wie vor die +angenehme Geißelung gefallen. Einer besonderen Blüte hatten sich diese +Beichtinstitute mit Geißelung fortwährend in Spanien und noch mehr in +Portugal zu erfreuen. König Joseph Emmanuel (1750-77) ließ sich häufig +disziplinieren, und nur mit Mühe brachte ihn sein Minister, der Marquis +von Pombal, davon ab. Die Damen, an ihrer Spitze die Marquise Leonore de +Távora, waren nicht weniger närrisch als der König. + +Die Jesuiten wurden bekanntlich durch Pombal vertrieben, allein seine +Feindin, die Königin Donna Maria (1777-99), rief sie wieder zu sich, und +die angenehmen Beichtzerstreuungen mit obligater Geißelung begannen +ärger als zuvor. Der interessante und verschmitzte Pater Malagrida +errichtete eine förmliche Bußanstalt unter den jungen Hofdamen. Man +geißelte sich selbst in den Vorzimmern der Königin und diese soll an den +frommen Übungen selbst teilgenommen haben. - Manche Geschichte à la +Girard mag hier im Verborgenen vorgegangen sein, denn die Hofdamen waren +nach dem Zeugnis von Jesuiten auf das Geißeln so versessen, dass sie mit +einer ordentlichen Wut danach verlangten, die kaum zu befriedigen und in +Schranken zu halten war. Ja, sogar fremde Prinzessinnen und die Damen +der Gesandten wurden zu diesem wollüstig-unterhaltend-frommen +Jesuitenspiel förmlich eingeladen. + +Die Zahl der Beispiele von dem Missbrauch des Beichtstuhls ist unendlich +groß und es ließe sich ein umfassendes Werk damit füllen; da aber dieses +Kapitel ein Ende haben muss, so beschließe ich es mit dem Bericht über +eine seltsame Beicht- und Bußanstalt, welche ein Kapuziner zur Zeit +Napoleons I. errichtete. Über die zur Zeit Napoleons III. und seiner +Kaiserin werde ich vielleicht einmal später zu berichten haben. + +Der erwähnte Kapuziner hieß P. Achazius und lebte in einem Kloster zu +Düren im jetzigen preußischen Regierungsbezirk Aachen. Der Kapuziner war +abscheulich hässlich, aber er predigte vortrefflich, stand in dem Ruf +ganz ausgezeichneter Frömmigkeit und erfreute sich trotz seiner +faunischen Manieren des Zutrauens der Damen in so hohem Grade, dass sie +ihn zum Direktor ihrer geistlichen Übungen wählten. Am liebsten aber +hatte es Pater Achazius mit Witwen und Jungfrauen von reiferen Jahren zu +tun. + +Eine dieser Letzteren hat er sich zu seinem Privatvergnügen erkoren. Er +brachte ihr folgende höchst seltsame Lehre bei: Der Mensch sei unfähig, +die Begierden des Herzens völlig zu zähmen; aber der Geist könne doch +tugendhaft bleiben, während der Körper nach gewöhnlichen Begriffen zu +sündigen scheine. Der Geist gehöre Gott; der Körper der Welt; von diesem +Letzteren selbst mache der Himmel auf die obere Hälfte, die Welt auf die +untere Anspruch. Die Seele sei daher rein zu bewahren, während man den +Körper ruhig fortsündigen lasse. + +Die noch immer hübsche alte Jungfer, welche diesen angenehmen Lehren ein +sehr lernbegieriges Ohr lieh, ging bald in des Paters Ideen ein. Nach +vollendeter Beichte musste sie vor dem Kapuziner niederknien, Vergebung +für ihre Sünden erflehen und ihm "des Teufels Anteil zeigen", das heißt +sich bis zum jungfräulichen Zentrum ihres Körpers von unten herauf +entblößen. Als dies geschehen war, schritt er zum letzten Teil der +Andacht und weihte die Dame feierlichst zum ersten Mitglied des Ordens +ein, den er zu stiften gedachte. + +Diese fromme Jungfrau war nun bemüht, sowohl unter Personen ihres Alters +wie auch unter jungen Frauen und Mädchen Proselyten zu machen; - kurz, +sie diente dem Pater als Kupplerin. Die Zahl dieser adamitischen +Ordensschwestern wurde bald ziemlich zahlreich und Achazius, unfähig, +einer so großen Menge frommer Damen zu genügen, zog rüstigere Kämpfer +des Glaubens unter seinen geistlichen Brüdern mit in seine Bußanstalt, +welche fröhlich gedieh und vielleicht heute noch bestehen würde, wenn +das Geheimnis derselben nicht durch ein junges Mädchen aus Achazius' +Schule entdeckt worden wäre, welche Nonne wurde, als solche die +Bekanntschaft eines französischen Offiziers machte und diesem die Sache +mitteilte. + +Es wurde nun eine genaue gerichtliche Untersuchung angestellt, welche +die merkwürdigsten Resultate ergab. Es kamen da Dinge ans Tageslicht, +welche sich nicht wohl niederschreiben lassen. Eine liebenswürdige und +anständige Dame, Gattin eines Papierfabrikanten, sagte in dem Verhör +aus, dass sie wie verhext gewesen und wie durch einen Trank verzaubert, +zu dem hässlichen Kapuziner hingezogen worden sei, der sich Dinge mit +ihr erlaubt hatte, deren Aufzählung dem abgehärtesten Kriminalmenschen +das Blut in die Wangen trieb. Die Geißelung spielte eine Hauptrolle. +Achazius ließ die Ruten oft in Essig legen und hieb die hier erwähnte +Dame manchmal so stark, dass sie unter irgendeinem Vorwand über drei +Wochen lang das Bett hüten musste. + +Im Laufe der Untersuchung ergab sich, dass so viele Kapitel, Klöster und +Familien dadurch kompromittiert wurden, dass Napoleon dem +Generalprokurator aus politischen Gründen befahl, den Prozess +niederzuschlagen. P. Achazius nebst einigen seiner Mitarbeiter wurden +eingesperrt. + +Die Akten über diesen skandalösen Prozess lagen später noch längere Zeit +in Lüttich; wurden dann aber an die preußische Regierung nach Aachen +abgeliefert. Es fehlen indessen schon manche wichtige Stücke und andere +verloren sich später, weil die beteiligten Familien alles nur mögliche +taten, die Denkmäler ihrer Schande zu vernichten. Auch die zu jener Zeit +darüber erschienene Broschüre und Karikaturen wussten die Pfaffen +einzusammeln und zu vernichten. (Münchs Aletheia, 3. Buch, S. 323 usw. +Die berichteten Tatsachen hat Münch aus dem Munde des Staatsrates +Leclerq und des Professors Gall zu Lüttich, welche die Untersuchung +geführt und die Anklageakte verfasst hatten.) + +Wir würden uns sehr täuschen, wenn wir der Meinung wären, dass sich in +so kurzer Zeit die Zustände der römisch-katholischen Geistlichkeit +geändert hätten. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, das anzunehmen; +sie sind heutzutage mit geringen Modifikationen wahrscheinlich noch +dieselben, welche sie vor Jahrhunderten waren und werden sich nicht +ändern, bis einst dem fluchwürdigen Zölibat und der Ohrenbeichte ein +Ende gemacht wird. + +Ich bin nun mit diesem Buch zu Ende, obwohl keineswegs mit meinem +Material, welches geradezu unerschöpflich ist. Ich halte es für unnütz, +noch irgendwelche Bemerkungen hinzuzufügen. Die Schlüsse, welche sich +aus dem Inhalt der vorstehenden Blätter ziehen lassen, liegen zu klar +auf der Hand, als dass es noch irgendwelcher Hinweise bedürfte. Ich +fordere nur die in römisch-katholischen Ländern lebenden Leser dieses +Buches auf, sich in ihrem Kreis umzusehen, und wenn sie der guten Sache +nützen wollen, mir auf den in diesem Buch behandelten Gegenstand +bezügliche, authentische Mitteilungen zu machen. Schließlich bemerke +ich noch, dass die Geistlichen die von mir erzählten Fakten als Lügen, +Erfindungen oder Übertreibungen darstellen werden und weise in Bezug +darauf auf das hin, was ich darüber in der Vorrede sagte. + +Wenn ich von dem Unwesen in der nicht römisch-katholischen Kirche nichts +sagte, so geschah dies keineswegs aus Parteilichkeit, sondern einzig und +allein, weil ich mich innerhalb der durch den Titel vorgezeichneten +Grenzen halten musste. + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Pfaffenspiegel, by Otto von Corvin + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PFAFFENSPIEGEL *** + +***** This file should be named 34581-8.txt or 34581-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/4/5/8/34581/ + +Produced by Andreas Schmidt + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/34581-8.zip b/34581-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e2ba4af --- /dev/null +++ b/34581-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..238a2bf --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #34581 (https://www.gutenberg.org/ebooks/34581) |
