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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:01:54 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Der Pfaffenspiegel, by Otto von Corvin
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Pfaffenspiegel
+ Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche
+
+Author: Otto von Corvin
+
+Release Date: December 5, 2010 [EBook #34581]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PFAFFENSPIEGEL ***
+
+
+
+
+Produced by Andreas Schmidt
+
+
+
+
+
+
+ Pfaffenspiegel
+
+ Historische Denkmale des
+ Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche
+
+ von
+
+ Corvin
+
+ Dritte neu durchgesehene Auflage
+
+
+ Dem Ross eine Peitsche, dem Esel einen
+ Baum und dem Narren eine Rute auf den
+ Rücken.
+ Sprüchew. Salom. Kap. 26, V.3
+
+
+ Stuttgart
+
+ Vogler & Beinhauer
+
+ 1870
+
+
+ Pio Nono!
+
+ "Sollte Dir, heiligster Vater, dieses Büchlein
+ gefallen und Du mir solches öffentlich zu erkennen
+ geben, so will ich mich bemühen, mit ähnlichen
+ Geschenken aufzuwarten."
+ Ulrich von Hutten
+
+
+
+
+Vorrede zur zweiten Auflage
+
+
+ "Welchen nun diese Bienen werden
+ stechen, der mag, schreien und sich rächen.
+ So werden sie ihn noch mehr stechen."
+ Philipp von Marnir
+ Herr von St. Aldegonde
+
+Es sind nun mehr als zwanzig Jahre verflossen, seit die erste Auflage
+dieses Buches in Leipzig erschien. Es begann damals sich überall zu
+regen. Der sich mündig fühlende Geist der Menschheit empörte sich gegen
+die ihm von dem Despotismus vergangener Jahrhunderte aufgezwängten
+Formen und die Regierungen wandten die schon oft erprobten Mittel an,
+ihn zur Unterwürfigkeit zu bringen. Die Zensur übte ihr Amt mit
+bornierter Strenge; Zeitungen wurden widerrechtlich unterdrückt und
+Schriftsteller gemaßregelt und eingesperrt, denn durch sie sprach der
+Geist der Zeit zum Volk, welches nicht wissen sollte, dass es der
+Kinderstube entwachsen war.
+
+Die Kirche blieb nicht zurück. Die alten und bereits beiseite gestellten
+Dogmen und Reliquien wurden aus der römischen Rumpelkammer wieder
+hevorgesucht und mit mitleidsvollem Zorn sah der Genius des neunzehnten
+Jahrhunderts die gläubige Herde zu Hunderttausenden nach Trier
+wallfahrten, einen von dem dortigen Bischof ausgestellten, angeblichen
+Rock Christi anzubeten.
+
+Leipzig war zu jener Zeit noch die ziemlich unbestrittene Metropole des
+deutschen Buchhandels und in ihr vereinigte sich ein Kreis tüchtiger,
+strebsamer Männer, deren Namen zum Teil schon damals ruhmvoll bekannt
+waren, oder es seitdem geworden sind. In dem neu entstandenen deutschen
+Schriftstellerverein fanden sie einen Vereinigungspunkt, wo mancher
+Gedanke geboren wurde, der später zur Tat reifte.
+
+Ich war einer der vierzehn Stifter dieses Vereins und kein untätiges
+Mitglied. Wir erlebten das Jahr 1848. Ich hatte den fünften Band meiner
+Geschichte der großen niederländischen Revolution vollendet und mit Held
+die illustrierte Weltgeschichte begonnen. Zu meiner geistigen
+Erfrischung diente mir die Teilnahme an Helds Wochenschrift "Die
+Lokomotive", deren scharfer Pfiff dem verschlafenen Volk verkündete,
+dass die Zeit der geistigen Hauderer und Landkutscher vorüber sei, dass
+der Genius der Freiheit mit neuer Kraft durch die Welt brause und dass
+die abgetriebenen Mähren des geistlichen und weltlichen Despotismus dem
+Abdecker verfallen seien.
+
+Die Rockfahrt nach Trier empörte selbst die gebildete katholische Welt.
+In den von Robert Blum inspirierten sächsischen Vaterlandsblättern
+erschien der bekannte Absagebrief von Johannes Ronge. Es entstand eine
+große Bewegung, von der man sich viel versprach und die auch
+bedeutendere Folgen gehabt haben würde, wenn die Leiter derselben ihrer
+Aufgabe mehr gewachsen gewesen wären. Sie hatten guten Willen, aber zu
+wenig Talent.
+
+Ich teilte die Hoffnungen Vieler und beschloss, mein Teil zur Erfüllung
+derselben beizutragen. Meine historischen Quellenstudien, namentlich die
+für meine Geschichte der niederländischen Revolution gegen Philipp II.
+von Spanien, in welcher das religiöse Element eine Hauptrolle spielte,
+hatten mich mit Dingen näher bekanntgemacht, welche dem Volk von den
+seine Erziehung eifersüchtig bewachenden Priestern sorgfältig verhehlt
+oder nur verstümmelt oder kirchlich zurechtgemacht mitgeteilt wurden.
+Ich hatte die Schriften der "Kirchenväter" und die der geachtetsten
+Kirchenschriftsteller zu lesen und je mehr ich las und forschte, desto
+mehr wurde mir die Nichtswürdigkeit des entsetzlichen Verbrechens klar,
+welches die römische Kirche an der Menschheit verübt hatte, desto mehr
+erstaunte ich über die unerhörte Dreistigkeit und Perfidie, mit welcher
+es begangen wurde und noch immer begangen wird. Ich sah immer mehr ein,
+dass die Knechtschaft, unter welcher das Menschengeschlecht seufzt, in
+der Kirche wurzelte und dass all unsere Bestrebungen zur Freiheit
+ohnmächtig sein würden, wenn wir uns nicht zuerst von den Fesseln
+befreiten, in welche die Kirche den Geist der Menschen geschlagen hatte.
+Dieser Erkenntnis entsprach der Entschluss, ein Buch zu schreiben,
+welches dem von den Priestern betörten Volk die Decke von den Augen nahm
+und ihm gestatten sollte, einen Blick in die Werkstatt zu tun, in
+welcher seine Fesseln geschmiedet wurden.
+
+Der religiösem Glauben entspringende Fanatismus zeigte sich überall als
+der entsetzlichste Feind der Freiheit, und um ihn zu bekämpfen und zu
+vernichten, schien es mir nötig, dem Volk nicht allein die grässlichen
+Folgen des Fanatismus durch historische Beispiele vorzuführen, sondern
+auch zugleich die trüben Quellen des Glaubens selbst nachzuweisen,
+dessen Folge er ist. Da nun dieser Glaube auf angeblichen Tatsachen
+beruht, an deren Wahrheit das Volk deshalb nicht zweifelt, selbst wenn
+sie der Erfahrung und der Vernunft widersprechen, weil sie von Priestern
+erzählt werden, an deren größeren Verstand, Wahrheitsliebe,
+Uneigennützigkeit und sittlichen Charakter das Volk glaubt: so habe ich
+zur Bekämpfung dieses Autoritätsglaubens ebenfalls für nötig gehalten,
+die Natur dieser Autoritäten, das heißt der Päpste und Priester,
+historisch zu beleuchten und nachzuweisen, dass das gläubige Volk in
+dieser Hinsicht von durchaus falschen Voraussetzungen ausgeht.
+
+Um diese verschiedenen Zwecke zu erreichen, beschloss ich, in einer
+Einleitung darzulegen, wie sich die Macht der Päpste und Priester im
+Laufe der Zeit entwickelte, welche Mittel sie dazu benutzten und welche
+Wirkung diese Mittel auf die Gesellschaft im Allgemeinen und auf die
+Priester selbst hatten. Dann sollte die Geschichte der Geißler, der
+Albigenser und Waldenser, der Wiedertäufer, der Inquisition, der
+Judenverfolgung etc. nachfolgen.
+
+Die Einleitung bot sehr große Schwierigkeiten, denn ein seit
+Jahrhunderten angesammeltes Material sollte in den engen Rahmen eines
+mäßigen Bandes gezwängt werden. Ferner geboten die Umstände ganz
+besondere Sorgfalt und Vorsicht in der Auswahl dieses Materials. Die
+Zensur existierte noch und abgesehen von dieser Beschränkung durfte ich
+nur solche Tatsachen benutzen und anführen, deren Wahrheit nicht allein
+mir als unzweifelhaft schien, sondern die auch von den römischen
+Priestern selbst angefochten werden konnten.
+
+Der damalige Zensor in Leipzig war ein Professor Hardenstern. Er sandte
+mir häufig mein Manuskript mit dicken Strichen versehen zurück, allein
+er hatte die missliebigen Stellen meistens wieder freizugeben, wenn ich
+ihm bewies, dass sie dem von der römischen Kirche approbierten Buch
+eines Heiligen oder andern großen Kirchenlichtes entnommen waren.
+
+So erschien also die Einleitung zu meinem Werk gewissermaßen bestätigt
+durch die sächsische Regierung, an deren Spitze ein römisch-katholischer
+König stand. Das Buch wurde auch, außer in Österreich, nirgends
+konfisziert, und die Wahrheit nicht einer einzigen der darin angegebenen
+Tatsachen ist selbst von der römischen Geistlichkeit, obwohl sie das
+Buch wie begreiflich höchlich verdammte, angefochten oder gar widerlegt
+worden.
+
+Von der Kritik wurde mein Buch durchweg äußerst günstig aufgenommen und
+meinem Fleiß und Bestreben die vollste Anerkennung zuteil.
+
+Einige wohlmeinende Freunde sprachen gegen mich die Meinung aus, dass
+mein Buch eine noch bessere Wirkung hervorgebracht haben würde, wenn ich
+die empörendsten Tatsachen weggelassen und bei Beurteilung der
+mitgeteilten mehr Mäßigung beobachtet hätte.
+
+Gegen diese Ansicht muss ich mich entschieden erklären. Wollte ich
+handeln, wie diese Wohlmeinenden es verlangen, so handelte ich
+jesuitisch. Eine Linie, die nicht gerade ist, ist krumm und entstellte
+Wahrheit ist Lüge.
+
+Es ist allerdings möglich, dass einigen Katholiken die von mir
+mitgeteilten Tatsachen so unglaublich scheinen, dass sie dieselben für
+böswillige Erfindungen halten, worin sie natürlich von ihren Geistlichen
+bestärkt werden; allein sollte ich aus diesem Grunde mich gerade der
+wirksamsten Waffen berauben? Wer mich der Lüge beschuldigt, der mag
+offen auftreten; ich will ihm beweisen, dass, was er als Lüge
+bezeichnet, den Schriften eines verehrten Heiligen, Bischofs oder
+Prälaten wörtlich entnommen ist.
+
+Was nun meine Urteile anbetrifft, so sind sie allerdings oft in herben
+und derben Worten ausgedrückt, allein ich frage, welche Ansprüche hat
+denn die römische Kirche auf eine rücksichtsvolle und zarte Behandlung?
+Die Wahrheit sagen ist in der Tat nicht so grob, als jemand verbrennen,
+weil er an eine handgreifliche Lüge nicht glauben kann! Nein! was ich
+für schlecht halte, das werde ich schlecht nennen. Der Ausdruck meiner
+Entrüstung über diese oder jene römische Niederträchtigkeit muss dieser
+Entrüstung angemessen sein, und ist dies absichtlich nicht der Fall,
+dann lüge ich und bin ebenso verächtlich wie diejenigen, welche ich
+tadele.
+
+Die römische Kirche ist kein Freund der Menschheit, dessen Schwächen und
+Gebrechen aufzudecken und zu verhöhnen mir Schande bringen könnte; sie
+ist der noch immer starke, freche und gewissenlose Feind unserer
+Freiheit, der die empörendsten Mittel nicht verschmäht, seine Zwecke zu
+erreichen; Torheit und Schwäche wäre es, im offenen und ehrlichen Kampf
+mit dem Todfeind dieser Freiheit die Blößen nicht zu benutzen, die er
+bietet: ich stoße hinein mit aller Kraft, und wenn ich kann, nach dem
+Herzen.
+
+Das Buch ist nicht für den Gelehrten, auch nicht für den Salon bestimmt,
+es ist für das Volk geschrieben, und damit dasselbe es lese, ist es
+geschrieben wie es geschrieben ist. Sind darin vorkommende Tatsachen und
+Worte nicht immer anständig, dann halte man sich deshalb an diejenigen
+Heiligen, Päpste oder Priester, welche solche unanständigen Handlungen
+begingen, oder unanständige Worte gebrauchten; - auf die zarten Nerven
+parfümierter Dandys kann man nicht Rücksicht nehmen, wenn man gegen
+einen frechen, unverschämten Fein und für die Wahrheit kämpft.
+
+Der zweite Band, "Die Geißler", folgte bald dem ersten; allein ehe der
+dritte noch erscheinen konnte, brach der Sturm von 1848 los, der mich in
+Paris fand, wo ich Zeuge der Februar-Revolution wurde. Die Zeit des
+Schreibens war nun vorläufig vorüber, und mit Tausenden Gleichgesinnter
+griff ich zum Schwert. Ich focht in erster Reihe und bis zuletzt. Die
+fürstliche Gewalt hatte bereits überall in Deutschland gesiegt, als wir
+die Festung Rastatt übergaben, deren Verteidigung ich als Chef des
+Generalstabes geleitet hatte.
+
+Ich wurde zum Tode verurteilt, aber nicht einstimmig. Die eine
+dissentierende Stimme, die Anwendung eines in Bezug darauf erlassenen
+Gesetzes und ein Zusammentreffen anderer glücklicher Umstände retteten
+mich vom Tod; allein ich ward volle sechs Jahre in der einsamen Zelle
+eines pennsylvanischen Gefängnisses lebendig begraben.
+
+Wen die Einsamkeit eines solchen Gefängnisses nicht geistig zertrümmert,
+den läutert und kräftigt sie. Manche meiner Leidensgefährten starben,
+manche kehrten mit zerstörtem Körper und Geist hilflos in die Welt
+zurück. Es war im Herbst 1855, als ich mein Grab verließ. Weder mein
+Geist noch meine Gesundheit hatten gelitten; im Gegenteil, was andere
+zerstörte, hatte mich gekräftigt.
+
+Von der regierenden Gewalt verfolgt und von Ort zu Ort getrieben, hatte
+ich nach England zu fliehen, "to eat the bitter bread of banishment" -
+das bittere Brot der Verbannung zu essen.
+
+Der große Bürgerkrieg in Amerika brach aus und im Herbst 1861 schiffte
+ich hinüber, als Special-Correspondent der Augsburger Allgemeinen
+Zeitung und Correspondent der London Times.
+
+Ich sah dort viel und lernte viel. In der sechsjährigen Einsamkeit des
+Gefängnisses machte ich innere Entdeckungen und Erfahrungen, und durch
+den sechsjährigen Aufenthalt mitten in dem jugendkräftigen Leben und
+Treiben der großen Republik wurde mir reichlich Gelegenheit gegeben, die
+praktischen Resultate der Prinzipien zu beobachten und zu prüfen, für
+deren Verwirklichung wir in Europa Gut und Blut daran gesetzt hatten.
+
+In Amerika wird man häufig von Amerikanern und Deutschen hören "um
+Amerika und die Amerikaner zu verstehen, muss man wenigstens fünf Jahre
+im Land gelebt haben" und ich kann das zur Beherzigung für die Leute
+hier bestätigen, welche so schnell und absprechend über amerikanische
+Zustände urteilen.
+
+Vertrieben aus meinem Vaterland wurde ich zwar ein Bürger der großen
+Republik, in welcher meine Ansichten und Überzeugungen mich nicht zum
+Verbrecher stempelten; allein wenn auch dem erweiterten Verstand die
+ganze Welt als Vaterland nicht zu klein ist, so hängt doch das Herz
+jedes Menschen mehr oder weniger an dem Land, in welchem seine Wiege
+stand und in welchem er seine Jugend verlebte. Das Herz des Deutschen
+bleibt überall deutsch, wenn auch seine Zunge englisch redet, und jeder
+sehnt sich danach, Deutschland wiederzusehen.
+
+Diese Sehnsucht erfasste auch mich und es verlangte mich, an Ort und
+Stelle zu sehen, wie die Saat stände, welche wir vor zwanzig Jahren mit
+Blut und Tränen eingesät hatten. Ich kehrte daher im vorigen Jahr als
+Correspondent der New Yorker "Times" für "Deutschland und angrenzende
+Länder" in mein Geburtsland zurück.
+
+"Der aus dem Jahr 1848 bekannt Corvin ist aus Amerika zurückgekehrt"
+berichtete eine befreundete Zeitung und die andern druckten es nach. Als
+ich diese brillante Anerkennung für ein der Freiheit und dem Volk
+gewidmetes Leben las, lachte ich hell auf; nicht bitter, sondern mit dem
+glücklichen, heiteren Sinn, der mich in den Stand setzte, ruhigen Auges
+den standrechtlichen Kugeln entgegenzusehen, in der wehedurchzitterten,
+brotsuppendurchdufteten Einsamkeit der entsetzlichen Zuchthauszelle
+geistig und körperlich gesund zu bleiben; die großen und kleinen Miseren
+des Flüchtlingslebens mit Humor zu tragen; in des "Schiffbruchs
+Knirschen", wo die Gläubigen zittern, ruhig zu schlafen und mitten im
+"Schlachtendonnerwetter" meinen Zeitungsbericht zu schreiben.
+
+Wer kümmert sich heute noch um die Leute, welche die Bäume pflanzten,
+die uns Schatten und Nutzen gewähren! - Ich war mit dem zufrieden, was
+ich in Deutschland sah. Das Blut der Märtyrer von 1848 und 49 und die
+Tränen ihrer Weiber und Kinder sind nicht umsonst geflossen. Die
+Veränderungen in der menschlichen Gesellschaft entwickeln sich eben in
+ähnlicher Weise wie die in der Natur, - allmählich und langsam und es
+ist unvernünftig von denen, die doch sonst die Wunder leugnen, Wunder zu
+verlangen.
+
+Von den politischen Folgen der Jahre 1848 und 49 will ich indessen hier
+nicht reden; ich habe mit ihnen hier nichts zu tun, ich will nur den
+geistigen Fortschritt in Betracht ziehen.
+
+Der unvernünftige Glauben hat in diesen zwanzig Jahren viel Terrain
+verloren und die Hauptstütze desselben, das Papsttum hängt noch an einem
+schwachen Lebensfaden. Die Macht der Pfaffen ist unterwühlt selbst in
+Österreich, Italien und Spanien und die ungeheuren Anstrengungen, die
+gemacht werden, die aufrecht zu erhalten, sind nutzlos. Die Presse ist
+frei und sogar dem Papsttum treusten Regierungen sind von der
+öffentlichen Meinung gezwungen worden, die Wissenschaft gewähren zu
+lassen, und selbst in die Notwendigkeit versetzt, die Anmaßungen der
+Pfaffen zu bekämpfen.
+
+Unsere Aufgabe ist es, die errungenen Vorteile zu benützen, und der
+zweckmäßigste Weg dazu, das Wissen unter dem Volk zu verbreiten und vor
+allem danach zu streben, den Pfaffen mit und ohne Tonsur die Erziehung
+der Jugend aus den Händen zu winden.
+
+Wohl weiß ich, dass die protestantischen orthodoxen Pfarrherren ebenso
+fanatisch sind, wie die dummgläubigen Mönche, und dass sie, wenn sie die
+Macht hätten, ihre despotischen Gelüste zu befriedigen, dies mit
+ähnlichen Mitteln tun würden, wie sie die römische Kirche gebrauchte;
+allein wir können Herrn Knaak und ähnliche Stillstandshelden ruhig ihre
+Glaubensdummheiten zu Markt bringen lassen, das protestantische Volk
+lacht darüber und die paar alten Weiber, die ihnen glauben, tun wenig
+Schaden. Ich lasse daher die innerhalb der protestantischen Kirche
+auftauchenden Dummheiten unberücksichtigt, wenigstens sind sie nicht der
+Hauptgegenstand dieses Buches. Ich habe es hier speziell mit den von Rom
+ausgehenden Dummheiten und Nichtswürdigkeiten zu tun und zeige dem Volk
+das Gesicht der römischen Pfaffheit, wie es in dem Spiegel der
+Geschichte erscheint.
+
+Die erste Auflage dieses Buches war bald vergriffen und meine lange
+Abwesenheit von Deutschland hinderte mich daran, eine zweite zu
+veranstalten. Als ich jedoch im vorigen Jahr von Amerika zurückkehrte,
+wurde ich von sehr verschiedenen Seiten dringend dazu aufgefordert. Im
+Buchhändler-Börsenblatt wurde das Buch fast wöchentlich gesucht und es
+war selbst antiquarisch nirgends zu haben. Ich selbst konnte kein
+Exemplar auftreiben und hatte es mir von einem Privatmann zu borgen,
+welcher es an jemanden verliehen, der es wiederum einem Freunde in einer
+anderen Stadt mitgeteilt hatte!
+
+Obwohl mit mancherlei Arbeiten überhäuft, entschloss ich mich nun zu
+einer zweiten Auflage. Die Veränderungen, welche während dieser zwanzig
+Jahre in Deutschland stattgefunden hatten, machten eine teilweise
+Umarbeitung notwendig. Die ganze Einleitung passte nicht mehr und ich
+schrieb eine andere. Zeitanspielungen durchzogen das ganze Buch und ich
+hatte es durchaus zu revidieren und vermehrte dasselbe durch ein
+Kapitel, welches ich hauptsächlich dem zweiten Band entnahm. Ich
+veränderte auch den Titel, da mir christlicher Fanatismus eine
+contradictio in adjecto schien.
+
+Wenn ich an den mitgeteilten Tatsachen nichts änderte, höchstens einige
+hinzufügte, und ebenso wenig an dem Stil und Ton des Buches, so tat ich
+das mit voller Überlegung. "Narren muss man mit Kolben lausen" heißt das
+derbe deutsche Sprichwort und wie ein Anatom, der zum Besten der
+Menschheit in faulen Körpern wühlt, keine Handschuhe anziehen kann, so
+kann auch ich den faulen Pfaffenkörper nicht mit Glacéhandschuhen
+anfassen. Dass ich mir aber bei dem ekelhaften Geschäft eine
+humoristische Zigarre anstecke, kann mir kein Mensch übel nehmen, und
+sie kommt ja auch dem Leser zu gut. Ebenso wenig halte ich es für
+angemessen es aufzugeben, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Wenn
+ich einen für unanständig gehaltenen Gegenstand überhaupt so bezeichnen
+muss, dass man versteht, was ich meine, so wird der Gegenstand dadurch
+nicht anständiger, dass ich umschreibe, was ich mit einem deutschen Wort
+bezeichnen kann.
+
+Hoffentlich wird mein Buch noch zur Kirchenversammlung fertig, von der
+sich der Papst die Wiederherstellung der römischen Herrlichkeit
+verspricht; mein Buch mag den Herren zum Nachschlagen dienen, wenn sie
+vielleicht vergessen haben sollten, was die römische Kirche vorschreibt
+und glaubt.
+
+ 1868 im Oktober.
+ Corvin
+
+
+
+
+Vorrede zur dritten Auflage
+
+
+Ich war freilich vollständig davon überzeugt, dass mein Pfaffenspiegel
+ein zeitgemäßes Buch sei; allein dennoch überraschte es mich sehr
+angenehm, dass bereits nach einigen Wochen eine dritte Auflage nötig
+wurde, welche hoffentlich nicht die letzte sein wird.
+
+Ein günstiges Geschick unterstützte die in dem Buch vertretene gute
+Sache dadurch, dass es gerade um die Zeit seines Erscheinens Dinge an
+das Tageslicht brachte, welche die in demselben aufgestellte Behauptung
+bewahrheiteten, dass die in früheren Zeiten innerhalb der römischen
+Kirche, namentlich in den Klöstern, verübten Ruchlosigkeiten und
+himmelschreienden Verbrechen keineswegs allein barbarischen Zeitaltern
+angehörten, sondern dass sie eine natürliche Folge des in der römischen
+Kirche herrschenden, unwandelbaren Prinzips sind, und heute noch ebenso
+vorkommen wie vor tausend Jahren, nur in vielleicht noch schrecklicherer
+und mehr raffinierter Nichtswürdigkeit.
+
+Als die römische Kirche noch über Kaiser, Könige und Volk unumschränkt
+gebot, hielten es die Pfaffen kaum für der Mühe wert, ihre
+Gewalttätigkeiten zu verbergen, da die Kirche selten den Willen, und das
+weltliche Gesetz nicht die Macht hatte, die unter dem Deckmantel der
+Religion verübten Scheußlichkeiten zu verhindern, oder zu bestrafen. Das
+hat sich indessen seit der Reformation und den aus derselben sich
+entwickelnden Revolutionen geändert. Selbst solche Kaiser und Könige,
+welche noch sehr geneigt wären, die römische Kirche gewähren zu lassen,
+weil die durch dieselbe geförderte Verdummung der Despotie günstig ist,
+- sind von der öffentlichen Meinung, welche durch den Arm des Volkes
+manchmal Throne zertrümmert und Kronen, - samt den Köpfen -
+herunterschlägt, gezwungen worden, ihrer unumschränkten Gewalt feierlich
+zu entsagen und ihre despotischen Gelüste hinter sogenannten
+Konstitutionen zu verbergen, über welche sie lachen mögen, die aber das
+Volk sicher zur Wahrheit machen wird, wenn es sich erst von der
+geistigen Knechtschaft der Kirche befreit und damit unehrlichen Fürsten
+alle Hoffnung auf die Rückkehr zur alten despotischen Herrlichkeit
+abgeschnitten hat.
+
+Die Fürsten, die sich selbst dem Gesetz fügen müssen, können die Pfaffen
+nicht länger schützen, welche verfassungsmäßige Gesetze verletzen, denn
+die öffentliche Meinung verlangt gleiches Recht für alle und will
+Privilegien der Kirche und ihrer Diener nicht länger dulden.
+
+Die römische Kirche hält jedoch ihre Grundsätze und Gesetze für
+vollkommen und erklärt, dass der Zeitgeist auf Abwegen sei und durch ein
+Konzil wieder in das althergebrachte Gleis gebracht werden müsse; und
+die einzige Konzession die sie, aus Notwendigkeit, macht, ist, dass sie
+die ihr unberechtigt erscheinende staatliche Gewalt, welche ihren
+ungesetzlichen Handlungen Schranken setzen und gar bestrafen will,
+betrügt und als Verbrechen denunzierte Vorgänge mit der dreistesten
+Unverschämtheit ableugnet und alle Beweise möglichst schnell vernichtet
+oder sonst aus dem Weg räumt. Dass bei einem solchen Zustand die Opfer
+kirchlicher Tyrannei nicht besser wegkommen, als im Mittelalter, liegt
+auf der Hand.
+
+Nach den Enthüllungen, welche innerhalb der letzten zwanzig Jahre
+gemacht worden sind, lässt es sich mit Bestimmtheit annehmen, dass alle
+Verbrechen, welche in meinem "Pfaffenspiegel" nach authentischen Quellen
+berichtet sind, auch noch heutzutage innerhalb der römischen Kirche und
+namentlich in den Klöstern begangen, aber nur sorgfältiger geheim
+gehalten werden, und dass es daher eine von der Menschlichkeit gebotene
+Pflicht ist, die Regierungen auf dem gesetzlichen Weg zu veranlassen,
+die strengsten Untersuchungen anzuordnen, und ferner alle
+Ausnahmegesetze für Priester, oder die Kirche im Allgemeinen, aufzuheben
+und die Gleichheit vor dem Gesetz eine Wahrheit werden zu lassen.
+
+Schließlich ersuche ich nochmals alle Leser, welche es mit der
+Menschheit wohl meinen, mir unter der Adresse der Verlagshandlung
+Mitteilungen über pfäffische Nichtswürdigkeiten zu machen, die zu ihrer
+Kenntnis kommen, und deren Untersuchung und geeigneter Stelle angeregt
+werden soll, ohne den Namen der Mitteiler zu nennen. Unzweifelhafte
+Fälle sollen dann in folgenden Auflagen und auch durch die Zeitungen zur
+Kenntnis des Publikums gebracht werden.
+
+ Rorschach am Bodensee, August 1869.
+ Corvin
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Vorrede zur zweiten Auflage
+ Vorrede zur dritten Auflage
+ Einleitung
+ Wie die Pfaffen entstanden sind
+ Die lieben, guten Heiligen
+ Die heilige Trödelbude
+ Die Statthalterei Gottes in Rom
+ Sodom und Gomorrha
+ Die Möncherei
+ Der Beichtstuhl
+
+
+
+
+Einleitung
+
+
+ "Je erhabener göttliche Dinge sind, je ferner
+ sie von der Sinnenwelt abliegen, desto mehr
+ muss sich das Streben unserer Vernunft nach
+ ihnen richten; der Mensch wird wegen der ihn
+ auszeichnenden Vernunft mit dem Bild Gottes
+ verglichen; daher soll der Mensch sie auf
+ nichts lieber richten, als auf den, dessen
+ Bild er durch sie vorstellt."
+ Abälard
+
+
+Wenn der schwache Mensch sich unter den Schlägen des Unglücks erliegen
+fühlt und weder in sich selbst, noch in andern, noch überhaupt irgendwo
+auf Erden Trost und Hilfe für seine Leiden findet, dann treibt ihn ein
+natürlicher Hang dazu, sich mit der in Gefühlen, Gedanken oder Worten
+ausgedrückten Bitte an die von jedem geahnte, wenn auch nicht begriffene
+Macht zu wenden, welcher er den Ursprung und die Erhaltung alles
+Bestehenden, der Welt, zuschreibt und die wir mit dem allgemeinen Namen
+Gott bezeichnen.
+
+Es kann nur eine Weltursache, einen Gott geben, aber das Wesen - die
+Beschaffenheit und Art dieser schaffenden und erhaltenden Kraft ist das
+große Weltgeheimnis, welches nie ergründet wurde, nie ergründet werden
+wird und nie ergründet werden kann.
+
+Jeder Mensch, der überhaupt eines Gedankens fähig ist, macht sich
+indessen von diesem Wesen eine Vorstellung, welche dem Grade der
+Ausbildung der ihm mit der Geburt gegebenen Vernunft angemessen ist.
+Diese Vorstellung ist sein Gott, und somit jeder Mensch der Schöpfer
+seines Gottes.
+
+Die Vernunft entwickelt sich infolge sehr mannigfaltiger Einflüsse sehr
+verschieden, und wie es kaum zwei Menschen gibt, die durchaus körperlich
+gleich sind, so gibt es auch nicht zwei, deren geistige Ausbildung oder
+Entwicklung genau dieselbe ist. Daraus folgt, dass es, streng genommen,
+ebenso viele Götter als Menschen gibt, - das heißt Vorstellungen von
+Gott.
+
+Was verschiedenen Menschen für eine Ansicht über die Natur der Sonne
+haben, ändert die Sonne nicht, und Gott bleibt derselbe, wie verschieden
+sich auch die Vorstellung der Menschen gestalten mag. Der Neger, der vor
+dem von ihm selbst geschnitzten Fetisch kniet, welcher der verkörperte
+Ausdruck seiner Gott-Vorstellung ist, wie der Inder, der Feueranbeter,
+der Mohammedaner, Jude oder Christ, - alle beten zu demselben Gott, und
+die sogenannten Materialisten und Atheisten, die nicht beten, haben nur
+eine von der mehr allgemeinen abweichende Ansicht. Die sogenannten
+Gottesleugner verneinen nicht eigentlich das Vorhandensein Gottes, was
+eine absolute Dummheit wäre, sondern erklären sich nur gegen die
+Vorstellung von einem persönlichen Gott.
+
+Alle Gottesvorstellungen sind zwar aus ein und derselben Urquelle
+geschöpft; allein je nach den Einfluss übenden verschiedenen
+Verhältnissen bildeten sie sich verschieden und oft zu so seltsam und
+wunderlich erscheinenden Formen aus, dass es selbst dem kundigen,
+denkenden Forscher schwer wird, den gemeinschaftlichen Ursprung
+nachzuweisen.
+
+Da nun die Gottesvorstellung die Grundlage jeder Religion ist, so
+erklärt sich einerseits das Vorhandensein so vieler verschiedener
+Religionen und andrerseits wieder der Umstand, dass Völker, die sich
+unter denselben oder ähnlichen Verhältnissen entwickelten, dieselbe
+Religion haben.
+
+Das Nachweisen des gemeinschaftlichen Ursprungs der verschiedenen
+Religionen würde ein eigenes Werk erfordern, und da es für den mir
+vorliegenden Zweck genügt, so beschränke ich mich darauf, eine Skizze
+von dem allgemeinen Entwicklungsgange aller Religionen zu geben.
+
+Als die Erde in ihrer Entwicklung auf dem dazu geeigneten Punkte
+angelangt war, entstanden Menschen. Diese empfanden die angenehmen und
+unangenehmen Wirkungen der verschiedenen Naturerscheinungen zum ersten
+Mal, und da sie mit Vernunft begabt waren, so forschten sie bald, oder
+vielmehr machten sich Gedanken über deren Ursprung.
+
+Die unmittelbarsten Eindrücke empfanden sie von der Witterung, und
+Regen, Wind, Gewitter, Hitze und Kälte waren umso mehr geeignet, ihre
+Neugierde zu erregen, als deren Urheber ihren Augen verborgen waren.
+
+Die Veränderungen, welche vor Regen und Gewitter am Himmel vorgingen,
+konnten sie indessen sehen, und da der Regen und der Blitz aus den
+Wolken kamen, so lag es sehr nahe, die verborgenen Urheber "im Himmel",
+das heißt in den Wolken zu suchen.
+
+Die Sonne, von welcher Tag und Nacht, Hitze und Kälte mit ihren
+Wirkungen abhängen, musste natürlich ebenfalls ein hauptsächlicher
+Gegenstand ihrer verwunderten Betrachtung werden.
+
+Auch der Wechsel der Jahreszeiten mit seinen Annehmlichkeiten und
+Unannehmlichkeiten musste die Frage nach dessen Ursache erzeugen.
+
+Da die Erfahrung, die Mutter aller Wissenschaft, noch in der Kindheit
+war, so bewegte sich die Phantasie, das ungeregelte Spiel der Vernunft,
+nur in dem sehr beschränkten Kreis des Sichtbaren und knüpfte daran ihre
+Schlüsse in Bezug auf das Verborgene. Als handelnde Wesen kannte man nur
+Tiere und Menschen und die Geschöpfe der Phantasie, die man als die
+Urheber der genannten Naturerscheinungen dachte, konnten nur tier- oder
+menschenähnliche Wesen sein.
+
+In manchen Menschen ist die Phantasie reger als in andern, und sie
+teilten mit, was sie über die Handlungen und Verhältnisse dieser Wesen
+zueinander dachten und aus den Äußerungen der ihnen zugeschriebenen
+Tätigkeit erfanden. So entstanden Märchen und Sagen, welche durch die
+mit besonders lebhafter Phantasie begabten Menschen, Dichter, immer
+weiter ausgesponnen, in mehr oder minder vernünftigen Zusammenhang
+gebracht und mit Personen bevölkert wurden.
+
+Solche in der Kinderstube des Menschengeschlechts entstandene Märchen
+pflanzten sich als wirklich geschehen, von Geschlecht zu Geschlecht
+fort, und ihre Spuren sind noch nach Jahrtausenden selbst unter den am
+weitesten entwickelten Völkern nachzuweisen, und üben noch heute einen
+gewissen Einfluss. Das wird einem jeden begreiflich sein, der sich über
+seine eigenen Gefühle und Empfindungen Rechenschaft gibt. Selbst der
+aufgeklärteste und gebildetste Mann wird noch am Ende seines Lebens
+Anklänge der Eindrücke entdecken, die er in seiner Kinderstube empfing;
+es wird keinem gelingen, sich absolut von dem Ammenmärchen loszumachen.
+
+Da sich die Urmenschen die in den Wolken oder an andern ihnen
+unzulänglichen Orten vermuteten Urheber der Naturerscheinungen -
+"Götter" - nur als mächtigere Tiere oder Menschen dachten, so schrieb
+man ihnen natürlich auch dieser Vorstellung angemessene Empfindungen zu,
+wie Zorn, Hass, Rache, Wohlwollen, Güte usw. Da sich nun der Zorn von
+Menschen besänftigen und dessen Äußerung abwenden lässt, so lag der
+Gedanke nahe, dies auch mit den Göttern zu versuchen, und so entstanden
+die Opfer.
+
+Diese Opfer bestanden in Gegenständen, die Menschen angenehm waren, und
+da die Götter im Himmel wohnten und diese Opfer nicht abholten, so
+musste man sie ihnen in den Himmel senden, was in keiner anderen Weise
+geschehen konnte als dadurch, dass man sie verbrannte, da doch
+wenigstens der Geruch und Rauch zum Himmel aufstiegen.
+
+Die geschäftige Phantasie bildete sich bald eine Theorie über die
+Wirkung dieser Opfer, und da man dabei nie den menschlichen, oder rein
+sinnlichen Standpunkt verließ, so kam man natürlich zu dem Schluss, dass
+das, was Menschen ganz besonders angenehm, was selten und daher schwer
+zu verschaffen, was ihnen vorzüglich lieb war, den Göttern das
+angenehmste Opfer sein müsse.
+
+Da nun aber der Zorn der Götter schwer zu besänftigen war, das heißt da
+unangenehme Naturerscheinungen oft lange dauerten und man viele Opfer
+gebrauchte, bis sie mit ihren Wirkungen aufhörten, solche seltene den
+Göttern besonders angenehme Opfer aber schwer zu verschaffen waren und
+dem einzelnen oft fehlten, so vereinigten sich viele, den Bedarf für die
+Götter herbeizuschaffen, da alle den Wunsch haben mussten, sie zu
+versöhnen. So bildeten sich Opfervereine, die wohl als der Anfang der
+Religion bezeichnet werden können.
+
+Die herbeigeschafften Opfervorräte mussten aufbewahrt und endlich den
+Göttern dargebracht werden, und es wurden bald besondere Personen mit
+diesem Geschäft beauftragt. So entstanden Priester.
+
+Da diese Priester diejenigen Personen waren, welche den Göttern, die man
+sich stets als mehr oder weniger idealisierte Menschen dachte, die Opfer
+darbrachten, also mit ihnen in unmittelbare Verbindung traten, so lag
+der Gedanke nahe, dass die Götter ihnen als den wirklichen Spendern
+besonders günstig seien und ihnen zunächst ihre Wünsche mitteilten.
+Daraus folgte wieder, dass man ihnen einen gewissen Einfluss auf die
+Entschlüsse der Götter zuschrieb und sich um ihre Gunst bemühte, damit
+sie diesen vorausgesetzten Einfluss für diejenigen anwendeten, welche
+sich ihre Zuneigung zu erwerben verstanden.
+
+Herrschsucht liegt aber in der Natur jedes Menschen, und es ist
+begreiflich, dass den Priestern der von ihnen erlangte Einfluss angenehm
+war und sie denselben zu erhalten und zu vermehren trachteten. Sie
+wussten freilich, dass die in Bezug auf ihr Verhältnis zu den Göttern
+gehegten Voraussetzungen irrtümliche waren; allein der Irrtum hatte
+dieselbe Wirkung, wie ihn die Wahrheit gehabt haben würde, und es lag in
+ihrem Interesse, denselben zu erhalten und zu vermehren.
+
+Die Priester in dieser Kinderperiode der Menschheit glaubten übrigens
+selbst an die Götter und hatten von ihrer Natur im Hauptsächlichen
+dieselbe Vorstellung wie die übrigen Menschen; sie hielten daher eine
+unmittelbare Verbindung mit denselben für keineswegs unerhört oder
+unmöglich, und Träume und Visionen, über deren Ursprung und Natur die
+Erfahrungen noch gering waren, mochten sie darin bestärken, dass ein
+solcher Verkehr mit den Göttern nicht nur möglich sei, sondern auch
+wirklich stattfinde.
+
+So entstand denn allmählich infolge unabsichtlicher und absichtlicher
+Täuschung über die Beziehung zwischen Göttern, Priestern und den anderen
+Menschen ein System, welches auf dem Glauben beruhte, den das Volk den
+Aussagen der Priester schenkte. Diese, die vertraut mit den Göttern
+waren, wussten was diesen angenehm und unangenehm war, und sie
+verstanden es, die Sprache zu deuten, durch welche sie sich den
+Erdenkindern mitteilten. Die Priester ordneten die Art und Weise an, wie
+die Opfer gebracht werden sollten, und dass sie bei all diesen
+Anordnungen sich selbst nicht vergaßen, versteht sich wohl von selbst.
+So wuchs das Ansehen der Priester von einem Menschenalter zum andern
+immer mehr, und sie waren die eigentlichen Herrscher des Volkes.
+
+Außer den im Himmel, das heißt in den Wolken, wohnenden Göttern gab es
+aber auch auf der Erde dem Menschen mehr oder weniger furchtbare
+Gewalten; zunächst starke und reißende Tiere und endlich Menschen, die
+ihre größere körperliche Kraft zum Nachteil anderer anwandten. Gegen
+diese musste man sich schützen, und es ist begreiflich, dass diejenigen,
+welche vermöge größerer Kraft, größeren Mutes und Geschicklichkeit sich
+bei der Jagd und im Kriege auszeichneten, Einfluss und Macht unter ihren
+Mitmenschen erwarben. Sie wurden Häuptlinge, - Fürsten.
+
+Verstand und Körperkraft sind nur selten in gleichem Maße in denselben
+Menschen vereinigt, und als im Laufe der Zeit die Verhältnisse der
+Gesellschaft verwickelter wurden, ward auch das Herrschen schwieriger,
+und Fürsten und Priester fanden es zweckmäßig, sich gegenseitig zu
+unterstützen, wobei je nach den Umständen bald die Gewalt der Fürsten,
+bald die der Priester überwog.
+
+Die Religion wurde daher die Stütze der Despotie und umgekehrt.
+
+Viele sind stärker als einer, und da sich die Interessen des Einen nicht
+immer mit denen der Vielen vertragen, so würde es noch häufiger
+vorkommen, als es der Fall war und ist, dass die Vielen den Einen
+zwingen, nach ihrem Willen zu regieren, wenn nicht die Religion, die auf
+die Furcht vor den verborgenen, mächtigen Göttern gegründet war, ein
+solches Auflehnen durch den Mund ihrer anerkannten Vertreter, der
+Priester, als ein Verbrechen gegen diese Macht schon deshalb gestempelt
+hätte, weil durch die Verminderung der Macht der Despoten die der
+Priester gefährdet wurde, indem diese sie dazu gebrauchten, den
+gefährlichsten Feind der von ihnen erfundenen Religion zu bekämpfen.
+
+Dieser Feind ist die Vernunft, das Denken und die daraus folgende
+Erkenntnis, die Wissenschaft.
+
+Die Macht der Priester und alle Religion beruhte auf der Phantasie,
+welche in der Kinderperiode der Menschheit die Götter erschuf. Die
+Spekulation der Priester bildete diesen traditionellen Glauben zu einem
+komplizierten System aus, welches aus Täuschungen und Dichtungen
+zusammengesetzt und von vornherein auf Einbildungen erbaut war.
+
+Je mehr sich in den Menschen die Vernunft entwickelte und sie anfingen
+zu beobachten und zu denken, das heißt aus Erfahrungen Schlüsse zu
+ziehen, desto häufiger entdeckten sie, dass manche von den Priestern als
+positive Wahrheiten ausgegebene Dinge gerade das Gegenteil waren, was
+natürlich Misstrauen gegen andere Behauptungen erzeugte, auf denen die
+Priestergewalt hauptsächlich gestützt war. Jeder Schritt, den die
+Wissenschaft vorwärts tat, trat irgendeiner Priesterlüge auf den Kopf.
+
+Es war daher eine Lebensfrage für das Ansehen der Priester oder was sie
+mit sich selbst zu identifizieren verstanden, der Religion, die
+Entwicklung der Vernunft nach Kräften zu hemmen und die Verbreitung der
+unvertilgbaren Resultate der Wissenschaft zu verhindern, was zunächst
+durch die despotische Macht geschehen konnte.
+
+Da nun aber häufig Konflikte zwischen der Herrschsucht der Priester und
+derjenigen der Fürsten entstanden, so waren die ersteren darauf bedacht,
+für ihre Macht eine noch festere Begründung zu schaffen, als sie das sie
+mit den Despoten verbindende gemeinschaftliche Interesse darbot, welches
+nur bis zu einer gewissen Grenze gemeinschaftlich war. Das Verfahren der
+Priester, um diesen selbstsüchtigen Zweck zu erreichen, war ebenso
+praktisch als für die Menschheit und deren geistige Entwicklung
+verderblich; der menschliche Geist musste der Aufklärung möglichst
+unzugänglich und schon von Kindheit an in eine Form gezwängt werden,
+welche ihn nötigte, sich in der gewünschten Weise zu entwickeln. Zu
+diesem Ende bemächtigten sie sich der Erziehung der Jugend.
+
+Das genügte indessen ihrer Vorsicht noch nicht. Dieses Lehrerverhältnis
+musste für das ganze Leben beibehalten und die Herrschaft der Priester
+über die Seele der Menschen in solcher Weise ausgedehnt werden, dass
+diese von der Wiege bis zum Tod keinen Gedanken denken konnten, von dem
+die Priester nicht Kenntnis erhielten.
+
+Das Mittel, dies vollkommen zu erreichen war, in den Menschen die Furcht
+zu pflanzen vor entsetzlichen Gefahren (die einzig in dem Gehirn der
+Priester ihren Ursprung fanden) und gegen welche allein die Priester die
+Mittel zu vergeben hatten.
+
+Es ist hiermit keineswegs gesagt, dass alle Priester bewusste Betrüger
+waren. Das wohlersonnene und konsequent durchgeführte System verfehlte
+seine Wirkung auf die Priester selbst nicht, welche aus dem Volk
+hervorgingen und nach der als zweckmäßig und notwendig erkannten Art
+erzogen worden waren. Ein großer Teil der Priester glaubte wirklich, was
+sie lehrten, und diejenigen, die nicht glaubten, begriffen bald den
+Vorteil, den es ihnen brachte, den Glauben im Volk zu erhalten.
+
+Der Glaube war der Hauptpfeiler des ganzen von den Priestern erbauten
+Religionsgebäudes, und da mit seiner Zerstörung dasselbe durchaus fallen
+musste, so war es die Hauptsorge aller Priester, diesen Glauben als das
+Heiligste und Unantastbarste hinzustellen und schon den bloßen Zweifel,
+welcher der Vernunft den Weg bahnte, als ein Verbrechen darzustellen,
+welches die Götter als das schrecklichste von allen bestraften.
+
+Dieser Gedanke, welcher schon seit Jahrtausenden von Priestern aller
+Religionen den Kindern eingeprägt wurde und sich von Generation zu
+Generation weiter vererbte, behauptete sich unter den Menschen mit
+solcher Gewalt, dass noch heute, nachdem die Vernunft und die trotz
+aller Hemmnisse unaufhaltsam fortschreitende Wissenschaft die
+Abgeschmacktheit aller auf den Glauben gegründeten Religionen erkannt
+hatte, selbst Nichtgläubige es nicht wagen dürfen zu sagen: ich glaube
+nicht an Gott, ohne unter Millionen Entsetzen zu erregen, obwohl mit
+diesen Worten doch weiter nichts ausgedrückt ist als: die Vorstellung,
+welche ich, ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts, von der Weltursache,
+von Gott habe, ist eine durchaus andere als diejenige, welche die
+Mehrzahl der Menschen vor Jahrtausenden hatte, und welche noch die Basis
+der heutigen herrschenden Religion bildet.
+
+Da nun der Glaube sich als der Hauptfeind des menschlichen Fortschritts
+erwies und noch erweist, und es Zweck dieses Buches ist, zu der
+Wegräumung dieses mächtigen Hindernisses beizutragen, so wird es nötig
+sein, die Natur desselben zu untersuchen.
+
+Was ich aus eigener Erfahrung kenne, brauche ich nicht zu glauben, das
+weiß ich; ich kann nur glauben oder nicht glauben, was ich aus dieser
+Erfahrung schließe, oder was mir andere als ihre Erfahrung, oder als
+Schlüsse, die aus derselben gezogen sind, mitteilen.
+
+Es gibt zwei Arten von Glauben: der vernünftige und der unvernünftige,
+und ihre Erklärung liegt schon im Beiwort. Was meine Vernunft als
+möglich annimmt, kann ich glauben ohne unvernünftig zu sein, selbst wenn
+das mir als Faktum mitgeteilte nicht wahr sein sollte; glaube ich aber
+an das Geschehensein einer Handlung, welche meine Vernunft als unmöglich
+erkennen muss, so ist mein Glaube ein unvernünftiger.
+
+Der Maßstab, den die Vernunft für die Möglichkeit einer Sache hat, ist
+ursprünglich einzig und allein die Erfahrung. Beispiele werden meine
+Ansicht klarer machen als Definitionen.
+
+Erzählt mir jemand, er habe im Oktober einen Kastanienbaum blühen
+gesehen und ich glaube ihm, so ist mein Glaube ein vernünftiger, selbst
+wenn derjenige, der mir die Sache erzählt, eine Unwahrheit sagen sollte.
+Ich selbst habe Kastanienbäume oder andere Pflanzen um diese Zeit blühen
+gesehen, welche sonst nur im Frühjahr zu blühen pflegen und dasselbe ist
+mir von vielen Personen bekannt, von denen ich keinen Grund habe
+anzunehmen, dass sie eine Unwahrheit sagen.
+
+Man sagt, die Sonne sei einundzwanzig Millionen Meilen entfernt. Ich
+glaube es, und mein Glaube ist kein unvernünftiger, obwohl ich die
+Entfernung nicht gemessen habe, da mir dazu die Mittel, das heißt die
+nötigen Kenntnisse fehlen. Ich habe aber Kenntnisse genug, um durch
+Berechnung der Entfernung von mir zu Punkten zu messen, zu denen ich
+nicht mit dem Maßstab gelangen kann und habe die Richtigkeit meiner
+Rechnung durch Abschreiten oder mit dem Maßstab nicht selten geprüft,
+wenn das Hindernis, welches mich von dem Gegenstand trennte, vielleicht
+später weggeräumt wurde. Ich weiß daher, dass die Wissenschaft Mittel
+bietet die Entfernung von Punkten zu messen, zu denen man nicht gelangen
+kann. Mein Glaube ist daher auf Erfahrung begründet, also vernünftig.
+
+Es teilt mir jemand mit, ein Mensch sei von Liverpool nach New York
+durch die Luft geflogen. Wenn ich es glaube, so mag man mich
+leichtgläubig nennen, allein mein Glaube ist kein absolut
+unvernünftiger, denn ich weiß aus Erfahrung, dass der Unterschied
+zwischen der Schwere des Körpers und der Luft durch verschiedene Mittel
+ausgeglichen werden kann und sehe Vögel fliegen mit Hilfe einer
+mechanischen Vorrichtung, der Flügel.
+
+Sagt man mir, es habe ein Mensch durch sein Wort einen Körper
+geschaffen, das heißt ohne andere vorhandene Stoffe zur Hilfe zu nehmen,
+aus dem Nichts hervorgerufen, und ich glaube es, so ist mein Glaube ein
+unvernünftiger, denn ich selbst kann durch meinen Willen nicht einmal
+ein Staubkorn schaffen, noch ist es jemals bewiesen worden, dass es von
+einem Menschen geschehen ist.
+
+Glaubt man, dass ein Gemälde oder ein Steinbild geredet oder eine
+willkürliche Bewegung gemacht habe, so ist dieser Glaube ein
+unvernünftiger, da eine solche Tat allen Erfahrungen widerspricht.
+Trotzdem mögen Personen, welche behaupten Ähnliches erlebt zu haben,
+nicht absolut Lügner zu nennen sein, da die Erfahrung lehrt, dass es
+Seelenzustände gibt, in denen sich Menschen so fest einbilden, Dinge zu
+sehen oder zu hören, dass sie dieselben für Wahrheit halten, während sie
+in der Tat nur auf Sinnestäuschung beruhen.
+
+Der Kreis unserer persönlichen Erfahrung kann wegen der Kürze unseres
+Lebens selbst bei dem Gebildetsten nur beschränkt sein und wir würden
+uns gewissermaßen in die hilflose Lage der ersten Menschen versetzen,
+wenn wir allein das als wahr annehmen oder glauben wollten, was wir von
+unseren eigenen Erfahrungen und den daraus gefolgerten Möglichkeiten auf
+dem Wege des vernünftigen Denkens ableiten. Die wirklich festgestellten
+Erfahrungen vor uns lebender Beobachter sind das kostbarste, nie wieder
+zu verlierende Erbteil des lebenden Geschlechts.
+
+Die Vernünftigkeit des Glaubens an diese die Erfahrung begründenden
+Tatsachen hängt von den Gründen ab, welche wir haben, an die
+Wahrhaftigkeit der Personen zu glauben, von welchen sie uns mitgeteilt
+wurden, wie auch von dem Grad ihrer geistigen Ausbildung, ihrem
+Charakter und ob sie fähig sind, eine absichtliche Unwahrheit zu sagen,
+wenn es ihrem Interesse dienen kann; ferner ob die berichtete Tatsache
+isoliert dasteht; ob gleichartige von andern beobachtet wurden; ob sie
+ganz bekannten Naturgesetzen in bestimmter Weise zuwider sind und von
+vielen andern Gründen. Die Glaubwürdigkeit einer mitgeteilten Tatsache
+beruht daher zunächst auf der Autorität der Person, von welcher sie
+berichtet wird, und ob sie wirklich als selbst gesehen oder erfahren,
+oder als geglaubt, von Hörensagen angegeben wird.
+
+Auf Erfahrung beruht die Wissenschaft; die Tatsachen sind die Sprossen
+der Leiter, welche unsere Vernunft zur Erkenntnis der Wahrheit führen,
+und daher ist die Wissenschaft der Todfeind des unvernünftigen Glaubens,
+da sie ihn als solchen erkennen lehrt und mit dieser Erkenntnis
+vernichtet.
+
+Unvernünftigen Glauben nennt man gewöhnlich Aberglauben und nach der
+Erklärung, die ich von der Entstehung der Religion gegeben habe, kann
+ich ohne alles Bedenken den religiösen Glauben als unvernünftigen oder
+Aberglauben bezeichnen. Dies gilt nicht nur von den Religionen der
+ersten Menschen, sondern von allen noch jetzt auf der Erde bestehenden
+Religionen, von denen sich ohne Schwierigkeiten nachweisen lässt, dass
+sie nur eine in der Form veränderte Erweiterung der "vom Himmel", das
+heißt aus den Wolken gekommenen Urreligion sind.
+
+ "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind."
+
+Wenn wir die vergangenen und bestehenden Religionen untersuchen, so
+finden wir, dass sie alle, ohne Ausnahme, auf Wunder gegründet sind,
+welche der Dichter sehr richtig als das Kind des (religiösen) Glaubens
+bezeichnet.
+
+Im Allgemeinen nennt man Wunder jede Erscheinung, Handlung oder
+Tatsache, deren Ursprung die Wissenschaft nicht angeben und nachweisen
+kann; ja, wir dehnen den Begriff dieses Wortes auch auf solche
+Erscheinungen aus, deren Ursachen wir wohl kennen, die uns aber als
+ungewöhnlich oder besonders merkwürdig auffallen, und in diesem Sinne
+reden wir zum Beispiel von Naturwundern.
+
+Obwohl nun auch die Religion, das heißt die Priester, solche natürliche
+Wunder zu ihrem Zwecke benutzte, als deren Ursachen dem Volk noch
+unbekannt waren, so ist doch das eigentliche religiöse Wunder ganz
+anderer Art und charakterisiert sich dadurch, dass es gegen die Natur
+ist, das heißt eine Aufhebung der bekannten Naturgesetze vorausgesetzt.
+
+Den Völkern früherer Zeiten erschien eine Sonnen- oder Mondfinsternis,
+oder ein Komet als ein Wunder, und derselbe Fall war es mit einer Menge
+von Erscheinungen, deren Ursprung die jetzige Wissenschaft nicht nur
+ganz klar nachweist, sondern auch ganz genau im Voraus berechnet. -
+Manchen wilden Völkern ist ein Streichhölzchen noch ein Wunder und
+selbst unsern eigenen niederen Volksklassen erscheint manches als
+Wunder, was dem Gebildeten eine alltägliche Erscheinung ist.
+
+Die Priester, welche hauptsächlich mit den Göttern zu verkehren und
+ihren Willen zu erforschen hatten, der sich, wie wir gesehen haben, für
+sie in Naturerscheinungen äußerte, mussten durch Beobachtung wohl
+zunächst mit der Tatsache bekannt werden, dass es bestimmte Naturgesetze
+gebe. Indem sie ihre Erfahrungen von Priestergeschlecht zu
+Priestergeschlecht fortpflanzten, kamen sie auf dem Wege der
+Wissenschaft allmählich zur Kenntnis von Dingen, die sie für sich
+behielten, da sie diese Kenntnis zur Erhöhung ihres Ansehens im Volk
+äußerst brauchbar fanden. Einen Beweis dafür finden wir in dem Verhalten
+der alten ägyptischen Priester, die in der Erkenntnis der Natur und der
+Eigenschaft vorhandener Dinge sehr weit fortgeschritten waren und
+Erfindungen und Entdeckungen machten, die erst nach sehr vielen
+Jahrhunderten auf anderen Wegen ebenfalls entdeckt und allgemein bekannt
+wurden. Man fand z.B. in ägyptischen Gräbern metallene Gegenstände,
+deren Hervorbringung man sich gar nicht erklären konnte, bis man erst in
+diesem Jahrhundert durch die Erfindung der Galvanoplastik in den Stand
+gesetzt wurde, zu erkennen, dass sie auf galvanoplastischem Wege gemacht
+waren. Diese Kunst setzt aber schon bedeutende andere Erfahrungen und
+Entdeckungen in Bezug auf die Eigenschaften natürlicher Substanzen
+voraus.
+
+Dass die ägyptischen Priester die Wissenschaft zu dem eben angeführten
+Zwecke benutzten, wissen wir mit Bestimmtheit. Sie verrichteten
+Handlungen, welche die übrigen Menschen als Wunder betrachteten und
+viele Schriftsteller der alten Zeit berichten von ägyptischen Künsten
+und ägyptischer Wissenschaft.
+
+Ich erwähne diese ägyptische Wissenschaft insbesondere deshalb, weil sie
+die Mutter der in der Bibel erzählten Wunder ist, die wieder die
+Veranlassung zu den Wundern der römisch-katholischen Kirche wurden,
+welche jedoch meistens keineswegs mit Hilfe der Wissenschaften
+hervorgebracht, sondern von den Priestern erfunden wurden. Wunder, wie
+sie die Ägypter taten, setzten Kenntnisse voraus, die schwer zu erlangen
+waren; allein die römischen Priester fanden, dass sich noch wunderbarere
+Dinge erfinden ließen, die mit Rücksicht auf ihren Zweck, ganz dieselbe
+Wirkung hervorbrachten, da sie geglaubt wurden; geglaubt, weil sie als
+Tatsachen von Männern erzählt wurden, an deren Autorität man nicht
+zweifelte und die zum Teil selbst glaubten.
+
+Eigentliche Wunder, das heißt Dinge, welche gegen die Naturgesetze sind,
+kann es nicht geben; was geschieht, geschieht auf natürliche Weise und
+entspringt aus natürlichen Ursachen, und wenn wir diese Ursachen nicht
+erkennen können, da unsere Kenntnis von den Eigenschaften und Kräften
+der Natur noch beschränkt ist, so ist die Annahme doch eine durchaus
+vernünftige, wie aus den folgenden Auseinandersetzungen hervorgehen
+wird.
+
+Viele gebildete Leser werden sich darüber wundern, dass ich mich bei den
+Wundern so lange aufhalte, da dies, um eine Modephrase zu gebrauchen,
+"ein längst überwundener Standpunkt" ist; allein wenn dies auch in Bezug
+auf den Gebildeten der Fall sein mag, so hat doch das Volk im
+Allgemeinen diesen Standpunkt noch keineswegs überwunden und selbst der
+größte Teil derer, die sich zu den Gebildeten zählen, werden aus den
+folgenden Beweisen erkennen, dass sie an Wunder glauben.
+
+Die Verteidiger des Wunderglaubens sagen zum Beispiel: Gott ist
+allmächtig, aus Nichts hat Gott die Welt gemacht; und Millionen nehmen
+dies als eine so unumstößliche Wahrheit an, dass sie es mit Abscheu als
+ein Verbrechen betrachten, wenn jemand sagt: "Gott ist nicht allmächtig;
+Gott hat nicht die Welt aus Nichts gemacht; denn ein solcher Glaube ist
+unvernünftig."
+
+Dass das Weltall, welches aus getrennten Körpern besteht, die nach
+bestimmten Gesetzen zusammengesetzt und vermöge der jedem Körper
+innewohnenden Eigenschaften miteinander zu dem großen Ganzen vereinigt
+sind, einen Ursprung, eine Ursache haben muss, muss jeder mit Vernunft
+begabte Mensch zugeben. Die Ursache oder Macht, welche das was ist
+bewegt und erhält, ist Gott; und was ich in dem hier Folgenden sage,
+bezieht sich durchaus auf diesen Begriff und auf keine subjektive
+Vorstellung der Weltursache, wie sie irgendeiner der bestehenden oder
+vergangenen Religionen zu Grunde liegt.
+
+Ich rede auch nicht von der Vorstellung, die ich mir selbst von Gott
+mache, denn diese, so vernünftig sie auch sein oder erscheinen mag, hat
+doch immer nur einen subjektiven Wert wie jede andere Gottesvorstellung;
+ich untersuchte mit meiner Vernunft einfach, inwieweit sich die Idee der
+Allmacht und einer Erschaffung aus dem Nichts mit dem von mir oben
+definierten Begriff Gott verträgt. Ein Streben, das Wesen Gottes zu
+erkennen, ist gewiss der erhabenste Gebrauch, den der Mensch von dieser
+ihm von Gott gegebenen Vernunft machen kann.
+
+Wir erkennen die Beschaffenheit einer Ursache einzig aus ihrer Wirkung,
+und zunächst erscheint uns als eine solche das Weltall mit den Gesetzen,
+die es erhalten und bewegen. Wir haben keinen anderen Anhaltspunkt für
+die Beurteilung dieser Kraft, welche den Stoff zu organischen Körpern
+vereinigt, als unsern eigenen Gedanken, kraft dessen wir im Stande sind,
+aus vorhandenem Material, dessen Eigenschaften wir aus Erfahrung kennen,
+Zusammensetzungen herzustellen, durch deren Aufeinanderwirken ein
+bestimmter Zweck erreicht wird, wie es durch eine Maschine oder durch
+ein chemisches Präparat geschieht.
+
+Vergleichen wir eine Sperlingsfalle, die sich ein Kind aus Ziegelsteinen
+baut, mit einer Dampfmaschine, die ein Schiff bewegt, so ist es klar,
+dass ein bedeutend mehr ausgebildeter Geist dazu gehörte, diese Letztere
+zu erdenken, allein die Tätigkeit oder Kraft, durch die beide
+hervorgebracht wurden, die Ursache, ist gleichartig.
+
+Vergleichen wir nun aber den gewöhnlichen Organismus, der einen Teil des
+großen Ganzen, der Welt bildet, zum Beispiel ein Blume oder einen Baum,
+mit der allervollkommensten Maschine, welche der menschliche Gedanke
+hervorbrachte, so sieht auch der oberflächliche Beobachter, dass beide
+in Bezug auf Vollkommenheit noch unendlich verschiedener sind als die
+Falle des Kindes und die Dampfmaschine; allein trotzdem ist der Schluss
+vernünftig, dass der Organismus, den wir bewundern, seinen Ursprung
+einer geistigen Tätigkeit verdankt, die derjenigen ähnlich ist, welche
+die Sperlingsfalle und die Dampfmaschine zusammensetzte.
+
+Wenn wir aber den wunderbaren Organismus der ganzen Welt betrachten, so
+weit wir denselben erkennen können, so schließen wir aus der
+Vollkommenheit, die wir überall entdecken, dass der Geist, welchem
+dieser Organismus seinen Ursprung verdankt, die höchste Potenz geistiger
+Vollkommenheit sein müsse.
+
+Manches in der Welt erscheint dem Beobachter allerdings unzweckmäßig und
+unvernünftig, also unvollkommen; allein die Erfahrung lehrt uns, dass
+eine unendliche Menge von Einrichtungen und Dingen, die früher den
+Menschen so erschienen, später als bewundernswürdig und vollkommen
+erkannt wurden, nachdem man den Zweck entdeckt hatte. Diese Erfahrung
+ist so häufig gemacht und die Menschen sind so oft von ihrem Irrtum
+überführt worden, dass es vollkommen vernünftig ist anzunehmen, dass der
+Weltorganismus vollkommen, dass er der angewandte Gedanke der höchsten
+Vernunft, und dass alles, was ist, vernünftig ist.
+
+Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die geistige Ursache der
+Weltorganisation, von der wir selbst einen Teil bilden, also Gott, dem
+menschlichen Geiste ähnlich sei und sind daher vernunftgemäß berechtigt,
+von diesem Anhaltspunkt weiter zu schließen.
+
+Der menschliche Geist kann vorhandenen Stoff zu bestimmten Zwecken
+zusammensetzen, allein er kann durch seien Gedanken oder Willen keinen
+Körper aus dem Nichts hervorrufen oder schaffen, auch nicht einmal das
+kleinste Sandkörnchen. Da nun unser Geist der einzige Anhaltspunkt für
+das Verständnis geistiger Kraft ist, und wir aus der erkannten
+Gleichartigkeit des menschlichen Geistes mit Gott auf die Eigenschaften
+Gottes nur von denen schließen, die wir selbst besitzen, so kommen wir
+zu dem logischen Schluss, dass Gott die Welt, das heißt den Stoff, nicht
+geschaffen haben kann.
+
+Da wir aber wissen, dass alles, was innerlich dieser Welt - von einem
+darüber Hinausliegenden können wir überhaupt gar keinen Begriff haben, -
+geschieht und ist, eine Ursache hat, so fragen wir natürlich, welches
+ist die Ursache des Stoffes? - und um sie zu lösen, sind wir wieder auf
+unsere Erfahrung und Vernunft angewiesen, die jedes Urteil überhaupt
+begründen.
+
+Kein Mensch kann einen Körper aus dem Nichts schaffen; allein ebenso
+wenig vermag er es, den Stoff zu vernichten. Die Form, in welcher sich
+der Stoff zeitweilig darstellt, sehen wir täglich zerstören und wir
+vermögen das ebenfalls; allein von dem Stoff selbst, aus dem irgendein
+Körper zusammengesetzt ist, geht auch nicht das kleinste Teilchen
+verloren, wie jeder Chemiker am besten weiß, der sich täglich damit
+beschäftigt, Körper in ihre verschiedenen Bestandteile zu zersetzen.
+
+Unser eigener Körper kehrt nach den Tode "zur Erde zurück". Das heißt,
+die Bestandteile, aus denen er besteht, zersetzen sich und werden wieder
+Bestandteile anderer Körper. Legen wir Silber in Salpetersäure, so löst
+dieselbe das Metall auf und verwandelt dasselbe in eine Flüssigkeit, in
+der das Silber durch das Auge nicht zu erkennen ist; allein wir wissen,
+dass es darin steckt und haben Mittel, es wieder in seiner Gestalt als
+Metall herzustellen. - Verbrennen wir einen Körper, das heißt zerstören
+wir seine Form durch Feuer, so zersetzt er sich in Asche, Rauch und
+Gase, in andere Körper; denn wenn auch das Gas unsichtbar ist, so ist es
+doch andern Sinnen wahrnehmbar, zum Beispiel dem Geruch, und wir können
+es messen und wiegen und aus der Verbindung von Gasen sogar wieder
+sichtbare Körper herstellen, wovon das Wasser das bekannteste Beispiel
+ist.
+
+Da unsere Erfahrung keinen aus dem Nichts entstandenen Körper kennt und
+ebenso wenig von der absoluten Vernichtung eines solchen weiß, so kommen
+wir zu dem Schluss, dass der Stoff, das Körperliche, die Materie weder
+geschaffen wurde noch vernichtet werden kann, also vorwärts und
+rückwärts ewig ist.
+
+Der Begriff der Ewigkeit ist für uns unfassbar, weil wir zu ihrer
+Beurteilung nur die Zeit haben, welche ein endlicher Begriff ist. Ob wir
+zu der Ewigkeit eine Minute oder eine Million Jahrhunderte hinzutun oder
+davon hinwegtun, ist gleichgültig, denn es bleibt immer Ewigkeit.
+
+Noch unfassbarer, weil wir dafür auch nicht den Schein eines
+Anhaltspunktes haben, ist für uns ein absoluter Geist oder absolute
+geistige Kraft; denn jeder Geist und jede geistige Äußerung, die wir
+kennen, steht in Verbindung mit der Körperwelt, und ebenso ist uns ein
+Körper undenkbar ohne geistige Beeinflussung, denn selbst der Stein ist
+gewissen Gesetzen unterworfen.
+
+Wir kommen daher zu dem Schluss, dass der Stoff und der ihn belebende
+Geist ewig verbunden waren, und dass ein von der Welt abgesonderter Gott
+undenkbar und unmöglich ist.
+
+Da Gott die höchste Potenz der Vernunft und der zur Welt
+zusammengesetzte Stoff das Werk derselben ist, so ist alles, was ist,
+vernünftig, vollkommen und keiner Verbesserung fähig, wie auch keiner
+Änderung, die nicht nach den ewigen, absolut vollkommenen Gesetzen vor
+sich geht. Da nun ein Wunder nach der früher gegebenen Erklärung eine
+Handlung oder ein Ereignis ist, welches den Naturgesetzen widerspricht,
+so ist ein solches selbst Gott unmöglich, denn die höchste Vernunft kann
+nicht irren.
+
+Gott kann also kein Wunder tun und kann keinen Stoff aus dem Nichts
+erschaffen, ist also nicht allmächtig, und die Vorstellung von einem
+wundertuenden, allmächtigen Gott ist eine in sich selbst zerfallende.
+Diejenigen, welche damit ihrer Verehrung vor dem höchsten Wesen den
+höchstmöglichen Ausdruck gegeben zu haben meinen, sind im Irrtum, da,
+wie eben gezeigt wurde, diese Vorstellung von Gott eine zu geringe ist.
+
+Sie würde für die Welt im Allgemeinen keine größere Bedeutung haben, wie
+irgendwelche andere, wenn sie nicht einer Religion zu Grunde läge,
+welche als Hauptstütze des Despotismus gilt und seit Jahrhunderten zu
+diesem Zwecke benutzt wurde.
+
+Die Regierungen selbst der als aufgeklärt geltenden Staaten gehen noch
+immer von der Idee aus, welche ursprünglich Priester und Despoten
+verband, dass nur Furcht vor der unsichtbaren Macht, welche doch der
+Hauptfaktor der Religion der Religiösen ist, im Stande sei, die Achtung
+vor dem Gesetz und dem Fürsten zu erhalten. Aus diesem Grunde wird die
+Erziehung der Jugend auf das strengste vom Staat überwacht und der
+Kontrolle der Priester überlassen, damit diese die Kinderseele bereits
+mit dem Glauben vergiften, welcher zur Erhaltung der Religion absolut
+nötig ist.
+
+Der Grund dieser Religionspflege, dieser Sorge für den religiösen Sinn
+von Seiten der Regierungen ist eine mehr oder weniger bewusste Maßregel
+despotischer Gelüste und Tendenzen und das Vorgeben, dass der religiöse
+Sinn zum individuellen Wohl der Untertanen mit solcher Strenge
+aufrechterhalten werde, eine offenbare Heuchelei und handgreifliche
+Lüge.
+
+Königin Christina von Schweden, die Tochter Gustav Adolfs, war
+katholisch geworden und hielt sich viel in Rom auf. Als sie den alten
+Oxenstierna einlud, dorthin zu kommen, entsetzte sich der orthodoxe
+Protestant bei dem Gedanken, dass der Papst es auf seine Seele abgesehen
+habe. Christina, die den Papst und seine Absichten besser kannte,
+antwortete lachend: "Glaubt mir, der Papst gibt nicht vier Taler für
+eure Seele". Ich glaube kaum, dass irgendeine Regierung aus bloßer
+väterlicher Teilnahme für das Schicksal einer Seele, nachdem deren
+Inhaber durch den Tod aus dem Untertanenverband ausgeschieden ist, -
+vier Silbergroschen geben würde.
+
+Ich habe nicht nötig, über diesen Vorwand für den ausgeübten
+Religionszwang noch ein Wort zu sagen und darf dreist behaupten: je
+sorgfältiger eine Regierung die Religion durch Zwangsmaßregeln
+unterstützt, je ängstlicher sie darauf bedacht ist, die Erziehung in der
+Hand der Priester zu lassen, desto despotischer sind ihre Neigungen.
+
+Die Behauptung, dass der Religionszwang zur Erreichung des vernünftigen
+Staatszwecks noch immer notwendig sei, dass ohne denselben die Gesetze
+nicht hinreichen würden, Verbrechen zu verhindern, ist eine falsche,
+welche durch die Erfahrung widerlegt wird. Diese lehrt, dass in
+denjenigen Ländern, in welchen durch die Reformation ein Teil des
+religiösen Glaubenswustes weggeräumt und der durch die Wissenschaft
+verbreiteten Aufklärung mehr Spielraum gewährt wurde, weit weniger
+Verbrechen begangen werden, als in den katholischen. Wilberforce beweist
+uns, dass bereits dreißig Jahre nach der Reformation die Zahl der in
+England hingerichteten Verbrecher sich von 2000 auf 200 jährlich
+verminderte.
+
+Seit die Reformation der "Freiheit eine Gasse" bahnte, sind aber über
+drei Jahrhunderte vergangen, und wenn auch die reformierten Fürsten und
+Priester über die Nützlichkeit des Religionszwanges ganz dieselben
+Ansichten hatten wie die katholischen, so war die Organisation der
+reformierten Kirche doch nicht so geeignet wie die der katholischen, der
+Entwicklung der Wissenschaft hindernd in den Weg zu treten, obwohl es an
+dem aufrichtigen Willen hierzu besonders bei den Geistlichen wahrhaftig
+nicht fehlte. Die Wissenschaft hat der Tat nach den Aberglauben
+vollständig überwunden und trotz aller Bemühungen der Finsterlinge,
+trotz aller Hausmittel der Despoten, wie Zensur, Lehrzwang usw., gewinnt
+sie täglich mehr und mehr Einfluss im Volk und dasselbe sieht täglich
+klarer, dass es seit Jahrhunderten das Opfer des grandiosesten
+Schwindels war, den die Geschichte kennt; und dass der Eigennutz der
+Priester und Despoten an der Menschheit ein Verbrechen beging, welches
+an Schlechtigkeit und Gemeinschädlichkeit jedes andere übertrifft.
+
+Wäre die Ansicht richtig, dass der kirchliche Glaube nötig sei, die
+Achtung vor dem Gesetz zu erhalten, dann müsste die größte Zahl der
+Verbrecher aus den gebildeten Ständen kommen, die, wenn sie sich
+aufrichtig prüfen, gestehen müssen, dass sie von dem was im Katechismus
+gelehrt wird, sehr wenig oder gar nichts so glauben, wie es die Kirche
+verlangt.
+
+Der wirklich Gebildete verletzt nicht das Gesetz, weil er sich vor
+irgendwelcher Strafe fürchtet, die ihn hier oder nach dem Tode treffen
+könnte, sondern einfach, weil das Gefühl für Recht und Unrecht in ihm
+Fleisch und Blut geworden ist. Je ausgebildeter der Verstand eines
+Menschen ist, desto weniger wird er selbst der Versuchung ausgesetzt
+sein, ein Verbrechen zu begehen; und durch ein Befördern der Mittel,
+welche die Bildung erzeugen, würde die Regierung am besten dazu
+gelangen, in Bezug auf die zur Erreichung des vernünftigen Staatszweckes
+nötigen Gesetze einen Zustand herzustellen, wie er bereits faktisch in
+Bezug auf die Anstandsgesetze besteht. Selbst wenn die Polizei es
+gestattete, würde es doch unter tausend Menschen kaum einem einfallen,
+entblößt durch die Straßen zu gehen, und wenn es jemand tut, so bedarf
+es meistens nicht der gesetzlichen Gewalt ihn daran zu verhindern, oder
+dafür zu bestrafen, denn es geschieht durch die Gesellschaft selbst.
+
+Mag die Religion auch in den früheren Jahrhunderten einen guten Einfluss
+geübt und nicht allein zur Unterdrückung der Despotie, sondern überhaupt
+der gesellschaftlichen Ordnung gedient haben; im gegenwärtigen
+Jahrhundert ist sie für den Staatszweck nicht nur durchaus unnütz,
+sondern geradezu schädlich, da sie der Entwicklung der Wissenschaft und
+der durch sie erzeugten Bildung hinderlich ist.
+
+Die tägliche Erfahrung lehrt, dass heutzutage die Menschen, selbst der
+ungebildeten Klassen, nicht durch religiöse Furcht von Verbrechen
+abgehalten werden. Man frage nur einen Polizei- oder Kriminalbeamten auf
+sein Gewissen, und jeder wird gestehen müssen, dass - mit äußerst
+seltenen Ausnahmen - selbst der dümmste Bauer einen Gendarmen, also das
+Gesetz und die durch dasselbe diktierte Strafe, mehr fürchtet als Gott
+oder den Teufel. Alles, was die Regierungen durch ihre Zwangsmaßregeln
+in Bezug auf Religion erzeugen, ist einerseits Gleichgültigkeit dagegen,
+wenn nicht Hass und Verachtung gegen die bornierte oder despotische
+Zwecke verfolgende Regierung, oder eine zur Gewohnheit gewordene, alle
+Schichten der Gesellschaft durchdringende und sie demoralisierende
+Heuchelei.
+
+Was wir von unseren Regierungen verlangen, ist, dass sie als solche von
+der Religion gar keine Notiz nehmen und sie nicht, wie es jetzt fast
+noch überall der Fall ist, den Aberglauben aussäen und sein Wachstum
+befördern zu können glauben. Wer das Bedürfnis zur Religion fühlt, mag
+dieselbe ausüben und sich mit andern zu diesem Zwecke vereinigen; das
+Gesetz wird ihn in dieser Ausübung beschützen und sich erst dann
+hindernd einmischen, wenn durch diese Ausübung die gesetzlichen Rechte
+anderer beeinträchtigt werden. Ist die Religion durch sich selbst stark,
+so braucht sie keine Unterstützung und Begünstigung von Seiten der
+Regierung; hat sie aber Grund, die Wissenschaft zu fürchten, so beruht
+sie auf Aberglauben, und je eher sie dem Feind desselben unterliegt,
+desto besser ist es für die Menschheit.
+
+Wie wir allmählich die Regierungen gezwungen haben, den Despotismus
+aufzugeben, oder wenigstens seine Unberechtigung dadurch anzuerkennen,
+dass sie ihn unter konstitutionellen und anderen Masken verstecken, so
+werden sie auch durch die Macht der öffentlichen Meinung gezwungen
+werden, ihre schützende Hand von dem Aberglauben abzuziehen und seine
+Ausrottung der Wissenschaft zu überlassen.
+
+Wir wissen sehr wohl, dass die Trennung von Kirche und Staat nicht ohne
+Schwierigkeiten vonstatten geht und können die Natur derselben nach
+denen beurteilen, mit welchen in diesem Augenblick die österreichische
+Regierung nur deshalb zu kämpfen hat, weil sie die zu anmaßend gewordene
+Dienstmagd in ihre Schranken zurückzuweisen gezwungen wurde. Der
+Widerstand geht nicht allein von den Pfaffen aus, sondern er wird durch
+das von ihnen im Aberglauben erzogene und erhaltene Volk teilweise
+unterstützt. Nun rächt sich "der Fluch der bösen Tat" an der Regierung,
+welche, als sie es noch wagen durfte, despotisch zu sein, mit allem
+Eifer den Pfaffen die Waffen schmieden half, welche dieselben nun gegen
+sie anwenden.
+
+Der Kampf gegen die Anmaßungen der in ihren Ansprüchen durchaus
+logischen römischen Kirche würde ohne besondere Schwierigkeiten zu Ende
+geführt werden können, wenn die Regierungen sich entschließen könnten,
+ehrlich mit dem Aberglauben zu brechen; allein sie wünschen von
+demselben zu behalten, was den despotischen Tendenzen ihrer Leiter
+nützt, welche freiere Institutionen meistens nicht deshalb bewilligen,
+weil sie von der Berechtigung des Volkes zur Freiheit und
+Selbstregierung überzeugt, sondern einfach, weil sie zu Konzessionen und
+Aufgabe eines Teils ihrer Macht gezwungen sind, um nicht alles zu
+verlieren. Sie fühlen, dass der religiöse und politische Aberglaube
+Zweige desselben Stammes sind, deshalb hüten sie sorgfältig die Wurzel.
+
+Die Erfahrung lehrt, dass das Wissen den Aberglauben jeder Art zerstört
+und dass es unmöglich ist, seiner Verbreitung gänzlich Einhalt zu tun,
+denn wie Luft und Licht dringt das Wissen durch kaum wahrnehmbare Poren
+in den geistigen Körper des Volks und entwickelt in ihm die latenten,
+natürlichen Kräfte, welche den Aberglauben zersetzen und ausscheiden.
+
+Es hat Zeiten gegeben, wo der dem Eindringen des Wissens
+entgegengesetzte Widerstand bedeutend stärker war, als es jetzt der Fall
+ist und wo die Männer, die sich seine Verbreitung zur Lebensaufgabe
+stellten, ihr Streben mit Leben und Freiheit zu bezahlen hatten; dennoch
+ließen sie nicht ab und das Wissen schritt fort. Es wäre törichte
+Feigheit, den Kampf nicht kräftiger fortzuführen, da der endliche Sieg
+des Wissens über den Aberglauben von keinem mit gesundem Sinne begabten
+Menschen mehr bezweifelt werden kann.
+
+Obwohl jeder allgemein für die Verbreitung des Wissens wirken kann, so
+ist es doch zweckmäßig, wenn die Kämpfer ihre Wirksamkeit auf besondere
+Punkte in der feindlichen Schlachtlinie richten, welche andere
+Situationen beherrschen.
+
+Einer der Schlüsselpunkte der feindlichen Stellung ist der persönliche
+Einfluss der römischen Priester auf das Volk, denn der Aberglaube
+desselben wurzelt ursprünglich in Autoritätsglauben. Das Volk glaubt,
+dass die Männer, welche ihm die Lehre der römischen Kirche erklären,
+achtungswerte Männer sind, die nicht allein selbst glauben was sie
+sagen, sondern auch einzig und allein das Wohl der Menschen im Auge
+haben, wenn sie von ihnen unbedingten Glauben und ein Befolgen der von
+der römischen Kirche verlangten Handlungen fordern. Es wird daher ein
+verdienstliches Werk sein, dem Volk zu beweisen, soweit dies durch die
+Geschichte möglich ist, dass die ehrlichen Priester, das heißt
+diejenigen, die selbst glauben, von unehrlichen Priestern betrogen
+wurden; dass Aussagen und Fakten, die als wirklich geschehen berichtet
+werden, zu diesem oder jenem selbstsüchtigen Zwecke erfunden wurden, und
+dass das ganze Gebäude der Kirche auf einem Fundament von greifbaren
+Lügen erbaut wurde. Es wird daher verdienstlich sein, historisch
+nachzuweisen, dass die größte Zahl der Päpste und ihrer Priester
+bewusste Betrüger waren, welche nicht entfernt das Wohl des Menschen,
+sondern einzig und allein ihren eigenen Vorteil im Auge hatten und zur
+Erreichung dieses nichtswürdigen Zweckes die allernichtswürdigsten
+Mittel anwendeten.
+
+Dies historisch nachzuweisen, ist der spezielle Zweck des nachfolgenden
+Buches. Mich treibt dazu kein eigennütziger Zweck, denn welcher
+persönliche Vorteil ließe sich dadurch erzielen? Mich treibt einzig die
+Liebe zur Wahrheit und der Wunsch, vielleicht einige Menschen, die sich
+von den Fesseln des Aberglaubens bedrückt fühlen, davon zu befreien,
+indem ich ihnen zeige, dass diese Fesseln Einbildungen sind; mit dieser
+Erkenntnis wird der Geist frei.
+
+Da ich nun keinen eigennützigen Zweck mit der Verbreitung der Wahrheit
+verbinden kann, so dürfte ich gewiss ebenso viel Anspruch auf
+Glaubwürdigkeit machen, wie irgendein Priester, der, so ehrlich er auch
+sein mag, doch immer zu derjenigen Klasse gehört, welche von dem, was
+ich als Lüge bloßlege, Nutzen zieht; allein ich verlange gar keinen
+Glauben; es stehen ja jedem dieselben Quellen zu Gebot, aus denen ich
+diejenigen Tatsachen schöpfe, die mir als Beweise dienen und denen ich
+Glauben schenke, weil ich keinen vernünftigen Grund habe, ihnen zu
+misstrauen; wer meint, dass ich im Stande sei, irgendwelche Aussagen
+einem Heiligen oder hochgeachteten katholischen Kirchenlehrer
+unterzuschieben, kann sich ja leicht davon überzeugen, indem er die von
+der Kirche selbst anerkannten und veröffentlichten Werke dieser Männer
+nachliest.
+
+Katholische Priester, welche von Leuten befragt werden, die dieses Buch
+lesen, werden höchstwahrscheinlich alle oder viele von mir gemachten
+Angaben als Lügen bezeichnen und viele werden ihnen glauben, wie sie
+ihnen andere Dinge glauben. Viele Priester werden meine Angaben wirklich
+für Lügen halten, weil sie eben unwissend sind. Wenn sie im Stande sind,
+ihre Faulheit zu überwinden und ihnen an der Wahrheit liegt, so mögen
+sie sich belehren. Dies Buch, welches unendliche Mühe und großen Fleiß
+erforderte, ist ebenso wohl für ehrlich strebende unwissende Priester,
+wie für diejenigen geschrieben, welche von ihnen ebenso betrogen werden,
+wie sie selbst es von Unwissenden oder von bewussten Lügnern wurden.
+
+Das in Rom sich vorbereitende Konzil könnte den Glauben erwecken, als
+sei es die Absicht des Papstes, die römisch-katholische Religion den
+Erfordernissen der Gegenwart anzupassen. Es wird sich diese Ansicht
+jedoch sehr bald als eine irrtümliche herausstellen. Die ganze
+Handlungsweise sowohl des vorigen, wie des jetzigen Papstes liefert den
+klaren Beweis, dass beide im Gegenteil danach streben, die
+Glaubensherrlichkeit des Mittelalters wieder herzustellen, und dass
+sogar die Hoffnung gehegt wird, sämtliche Protestanten in den Schoß der
+"alleinseligmachenden" Kirche zurückzuführen. Es liegt dieser Zuversicht
+eine wunderbare Verblendung, ein gänzliches Verkennen des Zeitgeistes zu
+Grunde, und wir hegen die wohlbegründete Erwartung, dass diese
+Kirchenversammlung, welche die Aufmerksamkeit selbst der Gleichgültigen
+auf religiöse Gegenstände lenken muss, durch die von ihr zu Tage
+geförderten Glaubensdummheiten der römisch-katholischen Kirche einen
+härteren Stoß versetzen wird, als es in den letzten Jahren selbst durch
+die Wissenschaft geschehen ist.
+
+
+
+
+Wie die Pfaffen entstanden sind
+
+
+ Hüte dich vor dem Hinterteil des Maultiers,
+ vor dem Vorderteil des Weibes,
+ vor den Seiten des Wagens
+ und vor allen Seiten des Pfaffen.
+ Altes Sprichwort
+
+
+Zur Zeit, als Augustus sich zum römischen Kaiser gemacht hatte,
+schmachtete die ganze damals bekannte Welt unter dem Joch der
+Römerherrschaft. Geldgierige und gewalttätige Statthalter des Kaisers
+sogen die Länder des Orients aus und nahmen den Bewohnern noch das
+Wenige, was ihnen von ihren einheimischen Fürsten gelassen wurde, welche
+die Römer aus Gründen einer klugen Politik nicht überall abschafften.
+Freiheit, Leben und Eigentum der Menschen waren der Willkür der
+Herrschenden preisgegeben; ihr Zustand war ein trostloser, und der
+unterdrückte Orient seufzte nach Erlösung von dem harten Joch.
+
+Alle unterdrückten Völker hoffen auf einen Helden, welcher sie aus der
+Knechtschaft erlösen wird, und die Dichter schaffen eine Sage und werden
+Propheten. Die aus dem Gefühl und Bedürfnis des Volkes hervorgegangene
+Prophezeiung wird häufig Ursache ihrer Erfüllung.
+
+Die geknechteten Völker des Orients hofften auf einen solchen
+Befreiungshelden, den Messias, unter welchem sie sich eine Art von
+Washington oder Garibaldi dachten, der sie von dem verhassten Römerjoch
+befreien sollte.
+
+An diese Messiashoffnung klammerten sich die Menschen jener Zeit umso
+fester und inbrünstiger, als sie sonst keine Hoffnung und keinen Trost
+nach irgendeiner Richtung hin hatten und von ihrer eigenen Ohnmacht,
+sich selbst zu helfen, vollständig überzeugt waren. Sogar außerhalb der
+Erde fanden ihre trostlosen Herzen keinen Stützpunkt. Die Götter hatten
+ihren Kredit verloren, und der Glaube an ihre Hilfe und unparteiische
+Gerechtigkeit war niemals besonders groß gewesen. Der Olymp verkehrte
+wenig mit dem Plebs, sondern hielt sich zur Aristokratie. Die von Homer
+und Hesiod erfundenen Götter, denen die Griechen und ihre
+Geistesvasallen Tempel bauten, waren der gebildeteren Klasse ein Spott
+geworden. Der Glaube des Volkes an ihre Hilfe erstreckte sich vielleicht
+ungefähr so weit, als der norddeutscher Katholiken an die der Heiligen.
+
+Die Hoffnung auf den Messias war unter den Juden noch lebhafter und
+ungeduldiger, weil ihnen die Herrschaft der Römer noch verhasster war
+als andern Völkern. Sie hatten eine Vergangenheit, auf welche sie mit
+Stolz zurückblickten; sie glaubten, das auserwählte Volk Jehovas zu
+sein, welcher als ihr unsichtbarer König galt, der stets seit Moses
+durch die Propheten mit ihnen verkehrte. Die Knechtschaft, in welche sie
+verfielen, betrachteten sie als eine für ihren Ungehorsam von Jehova
+über sie verhängte Strafe, und da diese schon lange dauerte und hart
+empfunden wurde, so war es natürlich, dass ihre Dichter, die Stimmen des
+Volksherzens, an Prophezeiungen reich waren. Die Römer waren den Juden
+als Heiden ein besonderer Gräuel; sie meinten, ihre Not und Demütigung
+könne keinen höheren Grad erreichen und die Zeit des Erscheinens des
+Messias müsse nahe sein. David und sein Sohn waren ihre größten Könige
+gewesen, und die Propheten hatten verkündet, dass der Messias aus dem
+Geschlecht Davids entstehen solle. Die Religion der Juden, die schon von
+Anbeginn hauptsächlich in der Beobachtung von bestimmten Vorschriften
+bestand, die Moses mit klugem Sinn für die Regenerierung des jüdischen
+Volkes gab und als unmittelbare Gebote Jehovas darzustellen für
+zweckmäßig fand, war im Laufe der Jahrhunderte zu einem leeren
+Zeremoniendienst ausgeartet. Die Zeit war reif für das Erscheinen des
+Messias. Der Erlöser erschien; allein er erschien in einer anderen
+Gestalt, als ihn das Volk träumte; das Volk erkannte ihn nicht an, und
+die Aristokratie verachtete, verfolgte und kreuzigte ihn; denn kamen
+seine Grundsätze zur Geltung, so zerstörten sie nicht sowohl die
+Herrschaft der Römer, sondern machten der ihrigen ein Ende. Jesus war
+ein Revolutionär, der auch in unserer Zeit, wenn nicht gekreuzigt, doch
+standrechtlich erschossen oder in ein Zuchthaus gesperrt werden würde.
+
+Der als der von den Propheten verheißene Messias auftretende Jesus, der
+Sohn eines kleinen Handwerkers aus einem Landflecken, lehrte: "Es gibt
+nur einen Gott; er ist ein Gott der Liebe und kein zorniges,
+rachedurstiges Wesen, sondern ein gütiger Vater aller Menschen. Das
+Leben auf dieser Erde ist nur eine Vorbereitung für ein ewiges Leben mit
+Gott, und es ist in die Hand eines jeden gegeben, dasselbe zu einem
+freudenreichen zu machen. Könige und Sklaven sind vor Gott gleich, und
+er richtet und belohnt die Menschen nicht nach ihrem Ansehen auf Erden,
+sondern nach ihren Handlungen und Absichten. Die Letzten und Geringsten,
+die ihre Leiden und Entbehrungen am geduldigsten tragen und tugendhaft
+bleiben, werden im ewigen Leben die Ersten, die Glücklichsten sein."
+
+Diese Lehre war Balsam für die verzweifelten Herzen der Armen; wer an
+sie glaubte, fest und innig glaubte, dem gab sie Kraft, alle und selbst
+die herbsten Leiden nicht nur zu ertragen, sondern selbst mit Freuden zu
+tragen und dem Tod ohne Furcht entgegenzugehen, denn derselbe war eine
+Erlösung, die Pforte zu einem ewigen Leben voll Glück. Der Glaube an
+diese Lehre raubte in der Tat "dem Tod den Stachel", er erlöste die
+Menschheit.
+
+So trostreich diese Verheißung auch klang, so wenig ließ sich ihre
+Wahrheit beweisen; denn vor der prüfenden Vernunft besteht sie ebenso
+wenig wie irgendeine andere, die über den Tod hinausreicht. Jesus
+substituierte nur eine Behauptung durch eine andere; da aber der Glaube
+an seine Behauptung die Menschheit glücklicher machte als jeder andere,
+da er sie von den Leiden der Erde und der Furcht vor dem Tode erlöste,
+so war es ein sehr verdienstliches Werk, dessen Glauben zu erzeugen. Der
+in der Lehre enthaltene Trost machte die Menschen diesem Glauben sehr
+geneigt; allein der alte Glaube der Juden beruhte auf der Autorität von
+Männern, die als Propheten galten, mit Gott in direktem Verkehr zu
+stehen vorgegeben und dieses Vorgeben durch wunderbare Handlungen
+unterstützt hatten.
+
+Aller Glaube ist Autoritätsglaube; wollte der Sohn des Zimmermanns aus
+Nazareth, dessen Eltern und Geschwister man kannte, Glauben an seine
+Autorität gewinnen und als Prophet, als der Messias anerkannt werden, so
+musste er Handlungen verrichten, wie sie die Propheten verrichtet
+hatten. Alle Propheten von Moses an hatten "Wunder" getan; also musste
+Jesus Wunder verrichten und verrichtete sie.
+
+Selbst auf dem Wege vernünftiger Untersuchung gefundene Wahrheit kommt
+noch heutigen Tages nicht zur Geltung, wenn sie nicht durch äußere
+Umstände unterstützt wird und nicht in zeitgemäßem Gewand auftritt,
+besonders wenn sie viele Interessen verletzt, und selbst Aberglauben hat
+weit größere Aussicht auf augenblicklichen Erfolg, wenn er diesen
+Interessen schmeichelt.
+
+Der Glaube, den Jesus erzeugen wollte, obwohl dem Armen und
+Unterdrückten Heil verheißend, verletzte die Interessen der herrschenden
+Klasse. Auf ihre Mithilfe konnte Jesus nicht rechnen, und durch Wunder
+waren sie nicht zum Glauben zu bringen; denn die Wissenden und
+Eingeweihten wussten, was sie von Wundern zu halten hatten. Die
+Heilsamkeit des Glaubens für das Volk, den Jesus predigte, konnte sie
+nicht bewegen, ihn zu unterstützen, selbst wenn sie ihn einsahen; ihr
+Egoismus veranlasste sie vielmehr, diesen Glauben womöglich im Keim zu
+unterdrücken und dessen Urheber zu vernichten. Die heutigen hohen
+Priester und Pharisäer handeln ebenso wie die unter den Juden in jener
+Zeit.
+
+Jesus musste sich also gänzlich auf das Volk stützen. Er verfuhr dabei
+auf durchaus praktische, ich möchte sagen mathematische Weise, die zwar
+keinen augenblicklichen, aber einen sicheren Erfolg haben musste. Er
+wählte sich als "Jünger" zwölf schlichte, ungebildete Leute aus dem
+Volk, welchen er durch Beobachtung seines Handelns und seines reinen
+Wandelns persönliche Liebe und Anhänglichkeit und unbegrenztes Vertrauen
+einzuflößen verstand, woraus der feste Glaube an alles, was er sagte und
+verhieß, in ihnen erzeugt wurde. Wenn jeder von diesen Jüngern auf
+ähnliche Weise verfuhr und dieses System fortgesetzt wurde, so musste
+sich die Zahl der Gläubigen nach einer bestimmten Progression vermehren.
+
+Diese Jünger sahen die Wunder Jesu; sie glaubten an ihn und deshalb an
+seine Verheißung und lebten nach seiner Vorschrift. Seine Lehre war so
+einfach, dass Jesus es nicht für nötig hielt, sie niederzuschreiben; er
+vertraute dem lebendigen Wort der Jünger, in deren Herzen er diese Lehre
+niederlegte.
+
+Derselbe Weg, den Jesus zur Ausbreitung seiner Lehre einschlug, hatte
+sich schon sechs Jahrhunderte vor dem Auftreten Jesu als praktisch
+bewährt; Buddha, der Reformator der indischen Religion, hatte ihn
+angewandt. Der Erfolg war derselbe und, wie wir jetzt beurteilen können,
+sogar in seinen Ausartungen und deren Folgen. Europäer, welche zum
+ersten Mal in einen modernen buddhistischen Tempel in China treten, sind
+erstaunt über die Ähnlichkeit, die sie überall in den Gebräuchen mit
+denen der römischen Kirche finden. Die Buddhisten haben ihre
+Rosenkränze, Reliquien und Klöster so gut wie die römischen Katholiken.
+
+Buddha war jedoch der Sohn eines Königs, Jesus der Sohn eines
+Handwerkers, und diese Verschiedenheit bedingte schon eine
+Verschiedenheit der Handlungsweise. Während dem Prinzen ein tugendhaftes
+Leben genügte, den Brahmanen gegenüber seiner revolutionären, den
+Kastenunterschied aufhebenden Lehre Erfolg zu sichern, musste der unter
+den Juden als Prophet auftretende Handwerkersohn außerdem "Wunder" tun
+und, damit "die Prophezeiungen der Propheten erfüllt würden", für seine
+Lehre sterben.
+
+Dieser Opfertod erschien Jesus als eine Notwendigkeit; er war eine
+reiflicher Überlegung entsprungene Handlung. Dass dieses Opfer ein sehr
+schweres war und Jesus unter Herzensangst darüber nachdachte, ob sich
+nicht ein anderer Weg finden lasse, geht aus den Evangelien ganz klar
+hervor. Am Ölberg betete er: "Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von
+mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe." (Anm.d.Red. Luk.
+22,42)
+
+Wir sind es gewohnt, wenn wir an Jesus denken, ihn uns mit der Glorie
+vorzustellen, mit der ihn der Erfolg und neunzehn Jahrhunderte
+bekleideten; allein wenn er auch die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen,
+das heißt der Juden und der in ihrem Land befindlichen Römer, erregte,
+so war er doch vom Volk sehr bald vergessen und sein Andenken lebte nur
+in dem sehr beschränkten Kreis seiner Jünger und deren Anhänger. Philo,
+der ungefähr zwanzig Jahre nach dem Tode Jesu starb, erwähnt ihn gar
+nicht. Josephus, der einige Jahre später geboren wurde und sein
+Geschichtswerk in den letzten Jahren des ersten Jahrhunderts schrieb,
+erwähnt ganz beiläufig mit wenigen Worten seine Hinrichtung; allein die
+Zahl der Anhänger seiner Lehre war noch so gering und unbedeutend, dass
+dieser Geschichtsschreiber, der alle Sekten aufzählt, die zu seiner Zeit
+bestanden, die Christen gar nicht mitnennt. Erst in den Schriften
+späterer Jahrhunderte wird Jesus als der Stifter der christlichen
+Religion genannt.
+
+Alles, was wir von Jesus wissen, wissen wir durch die Schriften seiner
+Jünger, die aus der Erinnerung aufzeichneten, was sich das Volk von der
+Jugend Jesu erzählte und was sie mit ihm erlebt und er bei dieser oder
+jener Gelegenheit gesagt hatte. Diese Jünger waren Leute aus dem Volk,
+ohne besondere Bildung und Talent, die Jesus liebten und an ihn
+glaubten, ihn aber nur sehr unvollkommen verstanden und von seiner
+Seelengröße keinen Begriff hatten. Die Evangelien wurden viele Jahre
+nach dem Tod Jesu niedergeschrieben, und selbst das des Matthäus,
+welches das älteste ist, entstand erst etwa vierzehn Jahre danach. Es
+ist daher sehr begreiflich, dass die Reden Christi nicht so wiederholt
+werden konnten, wie er sie sprach, sondern meist in der Weise
+wiedergegeben wurden, wie sie von den Jüngern verstanden wurden. Die
+natürliche Folge davon ist, dass die verschiedenen Erzählungen nicht nur
+voneinander abweichen, sondern auch Irrtümer und Widersinnigkeiten
+enthalten, welche späterhin zu den wahnwitzigsten Auslegungen und
+Folgerungen Veranlassung gaben, wovon wir im Verlauf dieses Werks
+zahlreiche Beispiele finden werden.
+
+Hier wollen wir nur zwei Hauptmomente in Betracht ziehen, auf welche die
+römische Kirche den allergrößten Wert legt, indem sie weit mehr auf
+diese als auf die Lehre Christi selbst basiert ist. Es sind dies die
+Wunder und die Göttlichkeit Christi.
+
+In der Einleitung haben wir uns über die Wunder ausgesprochen. Sind die
+dort ausgeführten Folgerungen richtig, so konnte Christus keine Wunder
+verrichten und die ihm zugeschriebenen wunderbaren Handlungen geschahen
+auf natürliche Weise. Die Jünger, welche darüber als Augenzeugen
+berichten, sprachen die Wahrheit, das heißt, sie erzählten, was sie
+sahen, wie sie es verstanden. Sie kannten die Mittel nicht, durch welche
+diese Handlungen bewirkt wurden, denn wäre dies der Fall gewesen, so
+würden die Wunder ihnen nicht als solche erschienen sein und gerade die
+damit bezweckte Absicht, Glauben an Jesus zu erwecken, verfehlt haben.
+Was nun die Art der Erzählung der Jünger von dem Geschehenen selbst
+anbetrifft, so wird man sie leicht begreifen und beurteilen können, wenn
+man die Erzählung eines ungebildeten Mannes, zum Beispiel eines in sein
+Dorf zurückgekehrten Bauern, anhört, der in der Residenz den
+Vorstellungen eines "Zauberers" beiwohnte, welcher sein Publikum durch
+geschickte und sinnreiche Anwendung von mehr oder weniger bekannten
+natürlichen Kräften in Erstaunen versetzt.
+
+Der Hinweis auf sogenannte Taschenspielerkünste in Verbindung mit den
+von Christus verrichteten Wundern hat für Christen etwas Widerwärtiges
+und Abstoßendes; allein das liegt mehr in der besonderen Ansicht, die
+sich in Bezug auf die Person Jesu Geltung verschafft hat, und in der
+verhältnismäßig geringen Achtung, in welcher moderne Zauberer in einer
+Zeit stehen, in welcher die Wissenschaft schon so weit fortgeschritten
+ist, dass ihre Resultate zu Spielereien und zu bloßer Unterhaltung des
+Publikums benutzt werden können, ohne dasselbe wirklich zu täuschen.
+
+Was den Enkeln kindisch und trivial erscheint, wurde aber oft von unsern
+Großeltern mit dem größten und furchtbarsten Ernst behandelt, wovon zum
+Beispiel das Hexenwesen einen betrübenden Beweis liefert, da diesem
+Aberglauben Hunderttausende unschuldiger Menschen zum Opfer fielen.
+
+Wenn wir als wahr annehmen, dass Jesus wunderbare Handlungen
+verrichtete, und zu dem vernünftigen Schluss gekommen sind, dass sie
+keine Wunder waren, so müssen wir auch erstlich zugeben, dass sie zu
+einem bestimmten Zweck verrichtet wurden und andererseits, dass sie "mit
+natürlichen Dingen" zugingen.
+
+Der Zweck war offenbar der, die Jünger und andere zu überzeugen, dass
+Jesus mit höheren Kräften begabt sei als die gewöhnlichen Menschen, was
+durchaus nötig war, um ihn als Propheten, als den verheißenden Messias,
+zu legitimieren und Glauben an seine göttliche Sendung zu erwecken, ohne
+welchen das große, die Menschheit erlösende Werk absolut nicht zu
+vollbringen war und zu welchem erhabenen Zweck Jesus selbst sein Leben
+opferte.
+
+Gingen die Wunder aber "mit natürlichen Dingen" zu, so musste Jesus eine
+Kenntnis dieser natürlichen Dinge und diese auf irgendeine natürliche
+Weise erworben haben, da es auf eine wunderbare, das heißt naturwidrige
+Weise, nicht geschehen sein konnte.
+
+Diese Kenntnisse verborgener natürlicher Kräfte sind Resultate der
+forschenden Wissenschaft und es drängt sich uns natürlich die Frage auf:
+wo erwarb der Sohn eines Handwerkers diese Kenntnisse, welche selbst den
+Gebildetsten unter den Juden verborgen waren?
+
+Ein römischer Schriftsteller, welcher beiläufig sagt, dass in Judäa ein
+Mann namens Jesus hingerichtet worden sei, welcher wunderbare Handlungen
+verrichtete, die er in Ägypten erlernte, gibt uns einen Anhaltspunkt, da
+die Evangelien über die Erziehungsperiode Jesu gänzlich schweigen und
+uns über sein Leben von seinem zwölften bis zu seinem dreißigsten Jahr
+gänzlich im Dunkeln lassen.
+
+Schon in der Einleitung haben wir erwähnt, dass die ägyptischen Priester
+in den Naturwissenschaften weit fortgeschritten waren und ihre
+Kenntnisse für sich behielten, da die Wissenschaft ihnen die Herrschaft
+über das Volk sicherte. Diese Wissenschaft gab ihnen natürlich auch
+andere Anschauungen über das Wesen Gottes und die Religion, und
+diejenige, welche sie selbst hatten, war sehr verschieden von
+derjenigen, welche sie für das Volk für zweckmäßig hielten und demselben
+lehrten.
+
+Ägyptische Künste waren in der damaligen Welt weit und breit berühmt und
+man belegte mit diesem Namen fast alle wunderbaren Handlungen, die man
+sich auf natürliche Weise nicht erklären konnte. Wenn daher der römische
+Schriftsteller sagt, dass Jesus die wunderbaren Handlungen, die er
+verrichtete, in Ägypten erlernte, so ist das wohl noch nicht gerade als
+ein Beweis zu betrachten, dass Jesus in Ägypten erzogen wurde; allein
+die Wahrscheinlichkeit dieser Behauptung wird durch andere Umstände
+bedeutend vermehrt, - und am Ende musste doch Jesus irgendwo zu dem
+Manne erzogen sein, der er war, was in Nazareth, wo seine Eltern lebten,
+ganz sicher nicht möglich war.
+
+Die Ähnlichkeit der Wunder, welche Moses und nach ihm die Propheten
+verrichteten, mit denen Christi, macht es wahrscheinlich, dass sie aus
+derselben Quelle, Ägypten, stammten.
+
+Moses war von der Tochter Pharaos gerettet und durch ihre Vermittlung
+mit der Erlaubnis des Königs von den Priestern so gut erzogen worden,
+wie es nur der Sohn des Königs selbst hätte wünschen können. Wie uns der
+jüdische Schriftsteller Josephus erzählt, offenbarte der Knabe einen
+sehr kräftigen Sinn und es ist wahrscheinlich, dass man ihn mit großer
+Sorgfalt und Liebe in die Geheimnisse ägyptischer Wissenschaft einweihte
+und dass er in den erlernten Künsten selbst die ägyptischen Priester
+übertraf, welche ihm der König entgegenstellte, als er seine
+Wissenschaft zur Befreiung der Juden aus der ägyptischen Knechtschaft
+anwandte.
+
+Seit jener Zeit vererbte sich die Wissenschaft unter den Juden, allein
+nur an einzelne, an Propheten, da sie sonst ihren Zweck verfehlt haben
+würde. Als die Könige der Juden gegen das Volk tyrannisch wurden und
+sahen, dass ihnen die Propheten widerstrebten, verfolgten sie dieselben,
+rotteten sie aus, wo sie konnten und zerstörten ihre Schulen. Die
+geheimen Wissenschaften kamen in Verfall durch diese Verfolgungen und
+die an Unmöglichkeit grenzende Schwierigkeit, sie zu lehren. Waren doch
+sogar die Gesetzbücher des Moses gänzlich verloren gegangen, und selbst
+unter den Königen und Priestern hatten sie sich einzig auf dem Weg der
+Tradition nur unvollkommen erhalten. Der Priester Hilkija, unter der
+Regierung des Königs Josia, fand endlich eine Abschrift der Bücher Moses
+durch Zufall im Tempel. (Anm.d.Red. 2.Kön. 22,8)
+
+Die Geburt Jesu erregte ein vorübergehendes Aufsehen durch die damit
+verknüpften Umstände, welche den misstrauischen und tyrannischen Herodes
+veranlassten, alle in Bethlehem innerhalb zwei Jahren geborene Kinder
+ermorden zu lassen. Joseph, der Vater Jesu, floh mit seiner Frau und dem
+Kind nach Ägypten, ein Land, welches seit den ältesten Zeiten von
+hebräischen Handelsleuten besucht wurde und in dem eine Menge Juden
+wohnten, von denen viele stets zum Osterfest nach Jerusalem kamen.
+
+Joseph blieb ungefähr zwei Jahre in Ägypten, nämlich bis zum Tod des
+Herodes, und es ist natürlich, dass unter den Freunden, die ihm zur
+Flucht halfen und in Ägypten unterstützten, der Grund dieser Flucht viel
+besprochen wurde und dass man für das Kind stets ein besonderes
+Interesse behielt.
+
+Als Jesus zwölf Jahre alt war, finden wir den Knaben im Tempel, wo er
+durch seine klugen Fragen und Antworten die Priester und
+Schriftgelehrten in Erstaunen setzt. Der aufgeweckte Geist des Knaben
+mochte einige der vornehmen Leute interessieren und Nachfragen nach
+seiner Herkunft veranlassen, wobei die bei seiner Geburt stattgehabten
+Vorfälle gewiss wieder zur Sprache kamen. Es ist nicht unwahrscheinlich,
+dass sich irgendjemand unter diesen Vornehmen veranlasst fühlte, für die
+Erziehung Jesu Sorge zu tragen und dass dies infolge der bei der Flucht
+nach Ägypten angeknüpften Bekanntschaften in Ägypten geschah.
+
+Die Talente, die Jesus zeigte, mochten Veranlassung werden, dass er zu
+einer besonderen Rolle ausersehen wurde, welche die Befreiung der Juden
+vom römischen Joch bezweckte, wie einst Moses dieselben vom Joch der
+Ägypter befreit hatte.
+
+Die eigentümliche Weise, in welcher sich der Charakter Jesu entwickelte,
+mochte anderen, oder wahrscheinlich ihm selbst, den weit höheren
+Gedanken eingeben, diese Erlösung von der Knechtschaft geistiger
+aufzufassen und durch Schöpfung eines neuen Glaubens die Menschen von
+der Last des Lebens und der Furcht vor dem Tod zu befreien.
+
+Um diesen Zweck zu erreichen, hielt er es für unumgänglich notwendig,
+sein Leben zu opfern und große Leiden zu erdulden. Er fand die Kraft
+dazu in seiner Liebe zu der Menschheit; allein begreiflich ist es, dass
+die Versuchung ihm nahe trat, die ihm innewohnende geistige Kraft und
+die erlangte Wissenschaft auf eine andere, weniger aufopfernde Weise
+anzuwenden, indem er als Held und Befreier des Volks von der
+Römerherrschaft auftrat. Die Erzählung von der Versuchung durch den
+Teufel, der ihn auf einen hohen Berg führte und alle Reiche der Erde
+zeigte, kann schwerlich einen anderen Sinn haben.
+
+Die Wunder des Moses, der Propheten und Jesu aus den in der Bibel
+enthaltenen Erzählungen erklären zu wollen, wäre ein ganz nutzloses
+Unternehmen.
+
+Die römische Kirche und andere Wundergläubige werden eine solche
+Erklärung auch ganz überflüssig finden; sie sagen, Jesus war Gottessohn,
+Gott selbst, und Gott ist allmächtig. Darauf haben wir schon früher
+geantwortet; allein es wird nötig sein, auf die Göttlichkeit Christi
+etwas näher einzugehen, ehe wir diese Abschweifung von dem eigentlichen,
+historischen Zweck dieses Kapitels schließen.
+
+Als Jesus auftrat, war der Glaube an die Götter der Griechen unter den
+in der Nähe der Juden und unter ihnen vorhandenen Fremden noch nicht
+gänzlich erloschen und es war von jeher geglaubt, dass sich die Götter
+unter die Menschen mischten. Der Sohn eines Gottes war den Heiden keine
+so fremde Erscheinung. Große Könige und Helden wurden durch ihren
+Glauben zu Göttersöhnen gemacht.
+
+Selbst unter den Juden war dieser Gedanke nicht so unerhört, denn wenn
+Moses auch für zweckmäßig gefunden hatte, dem Volk diese Vorstellung von
+einem unsichtbaren Gott zu geben, so war der Jehova der alten Juden doch
+eine sehr verschiedene Vorstellung von dem Gott der heutigen
+aufgeklärten Juden. Nach den Erzählungen der Bibel sah Adam Gott, und
+Moses erschien er unter verschiedenen Gestalten; er war also ein
+persönliches, gewissermaßen körperliches Wesen. Da nun die Juden viel
+mit den Heiden in Berührung kamen und der Götzendienst selbst unter
+ihnen eine bedeutende Ausdehnung gehabt hatte, wie wir aus der Bibel
+sehen, so war es sehr begreiflich, dass viele unter dem Volk einen Mann,
+der so wunderbare Handlungen wie Jesus verrichtete, für einen Sohn
+Gottes hielten.
+
+Obwohl Jesus sich Gottes Sohn nannte, so bezeichnete er doch auch alle
+Menschen als Kinder Gottes und selbst das Gebet, welches er für alle
+gab, nennt ihn Vater. Andererseits sagt er aber auch ausdrücklich zu
+dem römischen Hauptmann Cornelius, der vor ihm nieder fiel: "Stehe auf,
+ich bin ja auch nur ein Mensch." (Anm.d.Red. Apostel 10,26, Corvin
+verwechselt hier Jesus mit Petrus) - Die Mehrzahl der ersten Anhänger
+Jesu hielt ihn für einen bloßen Menschen und als einige Schwärmer unter
+ihnen die Ansicht aussprachen, dass er nur die Gestalt eines Menschen
+angenommen habe, wurden sie deshalb von seinem Freunde und Schüler
+Johannes getadelt.
+
+Die Göttlichkeit Christi ist jedoch der Grundstein der römischen Kirche
+und die ganze theologische sogenannte Wissenschaft beruht auf dieser
+Abgeschmacktheit, die sich übrigens auch in vielen anderen Religionen,
+namentlich in der indischen, findet und weiter nichts ist als eine
+Allegorie der Naturreligion.
+
+Es würde mich zu weit von meinem Ziele führen, wenn ich mich auf einen
+Nachweis darüber einlassen wollte; das haben tiefere Forscher und
+Geschichtskundige zur Genüge getan. Ich will nur mit wenigen Worten
+nachweisen, dass die Lehre von der Göttlichkeit Christi, die ihn in den
+Augen der Menschen erhöhen soll, abgesehen davon, dass sie eine Dummheit
+in sich selbst ist, das Verdienst des Erlösers zunichte macht.
+
+Die Kirchenlehrer sind bei der Erklärung dieser Lehre noch weit unklarer
+als gewöhnlich und hüllen sich in einen Schwall von Worten, die dem
+nichtdenkenden Volk imponieren, weil es sie nicht versteht, was es in
+diesem Falle nicht nur mit den Denkern, sondern sogar mit den Erklärern
+selbst gemein hat, "denn eben wo Gedanken fehlen, da stellt ein Wort zu
+rechter Zeit sich ein". So vornehm und entrüstet sich diese Erklärer
+auch gebärden, wenn man sie über diesen Glaubensartikel befragt, so ist
+es mir doch nie gelungen, irgendeinen klaren, rein vernünftigen Gedanken
+auf dem Grund ihrer Erklärungen zu finden. Die aufgeklärtesten
+protestantischen Geistlichen, die ich hörte, suchen den Frager damit
+abzufertigen, dass sie Jesus einen "Gottmenschen" nennen; was aber keine
+besondere Menschenrasse oder Klasse, sondern nur ein Mensch ist, dessen
+Geist sich zu der höchsten Vollkommenheit ausgebildet hat, die eben ein
+Mensch erreichen kann.
+
+Eine solche Erklärung ist aber eine Ketzerei in den Augen der Kirche,
+denn diese will, wir sollen glauben, dass Jesus ein nicht von einem
+menschlichen Geiste, sondern von Gott, der höchsten Potenz geistiger
+Vollkommenheit, belebter und regierter menschlicher Körper war.
+
+Vor und nach Jesus gab es tugendhafte Menschen, die ebenso rein und
+tadellos lebten, wie es seine Schüler, die ihn drei Jahre lang täglich
+beobachteten, von ihm erzählten und andere, welche noch weit größere
+Leiden, als sie Jesus erduldete, noch standhafter als er für eine von
+ihnen für groß und gut gehaltene Sache ertrugen. Ihre Tugend und ihre
+Kraft waren ihr Verdienst, jedenfalls das Resultat der höheren
+Ausbildung ihres unvollkommenen menschlichen Geistes. Der Geist aber,
+der den Körper Jesu belebte, war nach der Kirchenlehre Gott, die höchste
+Potenz der geistigen Vollkommenheit, also keiner Vervollkommnung
+bedürftig oder fähig. Ein solcher Geist, in einen menschlichen Körper
+gedacht, hat gar keinen Kampf zu bestehen, da er nicht einmal den
+Gedanken der Versuchung zulässt. Tugend und Seelenkraft im Leiden und
+davon hergeleitetes Verdienst existieren nur für den Menschen, das heißt
+für einen ursprünglich unvollkommenen menschlichen Geist, der einen
+menschlichen Körper belebt. Der Gedanke an einen in Versuchung führenden
+oder leidenden Gott setzt eine so niedrige Gottesvorstellung voraus,
+dass sie jedem selbst an einen persönlichen Gott glaubenden Menschen als
+eine Gotteslästerung erscheinen muss. Ein Gott, der am Kreuz
+verzweifelt, ist geradezu abgeschmackt und lächerlich.
+
+Wie anders dagegen erscheint uns Jesus, wenn wir ihn als einen Menschen
+betrachten, dessen zarter Körper von einem rein menschlichen Geist
+belebt war! Das reine Leben eines solchen Jesus können wir bewundern und
+mit der Hoffnung nachahmen, das hohe Muster zu erreichen, da Jesus ein
+Mensch war; für seine Leiden haben wir Mitgefühl und Tränen, da er ein
+Mensch war und für das Opfer, welches er mit seinem Leben der ganzen
+Menschheit brachte, fühlen wir die innigste Liebe, da es der höchsten,
+reinsten und uneigennützigsten Liebe entsprungen war.
+
+Die Versuchung und die Zeichen der Schwäche, sozusagen die Kennzeichen
+seiner Menschheit, die wir an ihm entdecken, machen ihn uns noch
+liebenswerter. Welcher fühlende Mensch kann sich der Tränen enthalten,
+wenn er sich im Geist in die Lage Jesu am Ölberg versetzt. Die Stunde
+der Erfüllung des großen Opfers naht heran, und der rein menschliche
+Trieb der Lebenslust macht sich mit aller Kraft und Verlockung geltend.
+Alle Schrecken des Todes, dem er entgegen geht, stehen vor seinem Geist
+und noch einmal sucht er mit inbrünstiger Hoffnung nach einem andern
+Weg, seinen großen Zweck zu erreichen. Er ringt mit dem Tod, und "ein
+Engel steigt vom Himmel herab, ihn zu stärken"; der Gedanke an die durch
+seinen Tod vollbrachte Erlösung der Menschen, an die Größe dieses Zwecks
+ist der Engel, der ihm den Tod besiegen hilft.
+
+Wie rührend menschlich ist die Handlung Christi bei der Einsetzung des
+Abendmahls! Wenn seine Jünger das Brot beim Essen zerbrechen und Wein
+trinken, sollen sie seiner und seines großen Liebesopfers mit Liebe
+gedenken. Er weiß, dass seine Todesstunde herannaht, und er kennt den
+bösen Menschen, der als Werkzeug dienen wird, ihn den Henkern zu
+überliefern; der Gedanke macht ihn traurig.
+
+Die Geschichte seines Leidens ergreift uns nur, weil wir ihn als einen
+Menschen betrachten, denn Gott ist über den Spott der Kriegsknechte so
+erhaben, dass er ihn nicht empfindet und was die körperlichen
+Misshandlungen anbetrifft, so überwanden diese ja selbst die gemeinen,
+mit Jesus gekreuzigten Verbrecher so weit, dass sie ihn verspotten
+konnten; ein Gott musste sicher so viel Seelenkraft haben, solche
+körperliche Schmerzen gar nicht zu empfinden. Er empfand sie aber sehr
+schmerzlich, und als ihn in seiner Todespein die Kraft verlässt und ihn
+vielleicht der verzweiflungsvolle Gedanke überfällt, dass sein großes
+Opfer für die Erlösung der Menschheit nutzlos gebracht sein möchte, ruft
+er aus: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" - Welches
+menschliche Herz erzittert hier nicht in seinen tiefsten Tiefen und wer
+ehrt und liebt nicht das Andenken an diesen erhabenen Menschen, der mit
+vollem Bewusstsein dessen, was ihm bevorstand, aus Liebe für die
+Menschen sich ein so schweres Opfer auferlegte!
+
+Die Kirche verfehlt nicht, unser Mitgefühl für diese Leiden in Anspruch
+zu nehmen und betrachtet dann Jesus ganz als Mensch. Den Pfaffen ist
+Christus bald Gott, bald Mensch, wie sie es eben für ihren Hokuspokus
+brauchen. -
+
+Jesu trostreiche Lehre verbreitete sich mit großer Schnelligkeit. Die
+Apostel und deren Schüler verkündeten sie nicht allein in Judäa und den
+benachbarten Ländern, sondern machten zu diesem Zweck weitere Reisen und
+trugen die "frohe Botschaft" (Evangelium) von dem Erlöser der Welt in
+ferne Länder. Die Zahl der Anhänger, die sie gewannen, war
+außerordentlich groß, besonders unter der ärmeren Volksklasse, aus der
+Christus und die Apostel selbst hervorgegangen waren.
+
+Nachdem Jerusalem, siebzig Jahre nach Christi Geburt, von dem
+nachherigen römischen Kaiser Titus zerstört worden war, wurden die stets
+zum Aufruhr geneigten Juden über das ganze römische Reich zerstreut und
+mit ihnen die Christianer - so nannte man die Anhänger Jesu - welche als
+eine jüdische Sekte betrachtet wurden, wie es deren mehrere gab. Dies
+trug sehr viel zur Ausbreitung des Christentums bei, und gewiss nicht
+wenig wirkten dafür die zahlreichen Christen unter den römischen
+Legionen, die der Krieg bald in dieses, bald in jenes Land führte.
+
+Zur Zeit der Apostel und kurz nach derselben führten die Christen ein
+Leben, wie es den Lehren ihres Meisters würdig war; aber bald artete die
+Begeisterung, die sie beseelte und ohne welche keine gute Sache gedeihen
+kann, in religiöse Schwärmerei aus und nahm allmählich den Charakter
+einer Geisteskrankheit an. Man wollte sich gleichsam selbst in
+Frömmigkeit überbieten und kam auf die wunderlichste Auslegung der
+verschiedenen, durch die Apostel aufbewahrten Aussprüche Jesu. Wo er
+weise Mäßigung empfahl, da glaubte man, in seinem Sinne zu handeln, wenn
+man gänzlich entsagte, und so entstand allmählich die verkehrte Ansicht,
+dass die Freuden des Lebens verwerflich und eines Christen unwürdig
+seien. Indem man alle Genüsse mied und sich freiwillig Leiden auferlegte
+und quälte, glaubte man, die Sündhaftigkeit der menschlichen Natur zu
+überwinden und sich größere Freuden im Leben nach dem Tod zu sichern.
+
+Mit dieser Ansicht verband sich bald eine Art von Hochmut, der sich
+unter äußerer Demut versteckte. Der roheste Christ hielt den
+gebildetsten und tugendhaftesten Nichtbekenner Jesu für einen
+Verworfenen; ja, er glaubte sich durch jede nähere Gemeinschaft mit den
+Heiden zu verunreinigen. Aus diesem Grunde sonderten sich die Christen
+bald ganz und gar von diesen ab, zerrissen die zwischen ihnen
+bestehenden Verwandtschafts- und Freundschaftsverhältnisse und flohen
+alle Lustbarkeiten und Feste gleich Verbrechen. Mit einem Wort, trotz
+aller Tugendhaftigkeit und Rechtschaffenheit ihres Lebens fingen sie an,
+kopfhängerische, trübselige Narren zu werden.
+
+Die mit Schnelligkeit anwachsende Menge der Christen, ihr
+menschenfeindliches, abgesondertes Wesen, ihre geheimnisvollen
+Zusammenkünfte, denen die Verleumdungen der jüdischen und heidnischen
+Priester bald politische und verbrecherische Zwecke unterlegten, ihr
+feindseliges Benehmen gegen die Heiden, - alles dies erregte die
+Aufmerksamkeit der römischen Regierung; allein sie befolgte die sehr
+vernünftige Politik, sich nicht um die Religion ihrer Untertanen zu
+bekümmern, wenn diese nicht die Veranlassung wurde zu Feindseligkeiten
+gegen die Einrichtungen des Staates und seine Gesetze. Die Christen
+hätten also ungestört unter der römischen Herrschaft leben und sich
+entwickeln können, wenn sie sich von solchen Vergehen ferngehalten
+hätten, die kein Staat ungestraft lassen kann. Dies taten sie aber
+nicht, sondern in ihrem fanatischen Eifer forderten sie gleichsam die
+Regierung heraus. Sie verweigerten auf Grund ihrer Religion die
+allgemeinen Bürgerpflichten, wollten weder in den Krieg ziehen noch
+öffentliche Ämter annehmen und bewiesen den Kaisern Verachtung, anstatt
+ihnen die herkömmlichen Ehren zu zeigen. Es war daher ganz natürlich,
+dass diese die Sekte der Christen für staatsgefährlich erkannten und
+beschlossen, sie zu zwingen, sich den Gesetzen des Staates zu
+unterwerfen und sie für die Verletzung derselben zu bestrafen. Darin
+waren die Kaiser in ihrem vollsten Recht und wir finden, dass gerade die
+besten und weisesten unter ihnen gegen die widerspenstigen Christen am
+strengsten verfuhren.
+
+Sie erreichten indessen ihren Zweck nicht, sondern bewirkten gerade das
+Gegenteil von dem was sie bewirken wollten. Die Verachtung des Lebens
+und aller Leiden war bei den schwärmerischen Christen so hoch gestiegen,
+dass sie den Tod als höchst wünschenswert betrachteten, sich
+scharenweise den Händen ihrer Verfolger überlieferten und diese durch
+ihren herausfordernden Trotz zur größten Grausamkeit anregten. Je
+größere Leiden die Christen um Christi willen erduldeten, desto größer
+fiel ihrer Meinung nach die Belohnung aus, die sie im verheißenen ewigen
+Leben erwartete.
+
+Die Standhaftigkeit, mit welcher die Geopferten den qualvollsten Tod
+ertrugen und die religiösen Ehren, welche die Gemeinde dem Andenken der
+Märtyrer widmete, fachten die Schwärmerei der Christen zum Fanatismus
+an. Der Märtyrertod erschien als das höchste Glück, weil man glaubte,
+dass er alle Sünden tilge und sogleich zu Christus in das Paradies
+führe. Diese Märtyrerschwärmerei nahm so überhand, dass die Besonnenen
+unter den Christen, welche das Unmoralische einer solchen
+Lebensverachtung einsahen, vergeblich dagegen ankämpften.
+
+Die Heiden, welche Zeugen von der Standhaftigkeit und Freudigkeit waren,
+mit welcher die Christen die ärgsten Qualen und den Tod erduldeten,
+wurden mit Bewunderung erfüllt für eine Religion, die solche Kraft gab,
+und bekannten sich in Menge zu derselben. Die Zahl der Christen nahm
+täglich zu, gewann immer mehr Eingang auch unter den höheren Ständen und
+selbst am Hofe der Kaiser. Endlich kam es dahin, dass Kaiser Konstantin,
+der 324 bis 337 regierte, es aus politischen Gründen für gut hielt, die
+christliche Religion zur Staatsreligion zu machen. -
+
+Die Christen zur Zeit der Apostel hatten sich von der Gemeinschaft der
+Juden nicht getrennt, denn sie betrachteten sich vielmehr als die wahren
+Israeliten und Jesus als den längst erwarteten Messias. Endlich zwang
+sie aber die Feindseligkeit der Juden, eine eigene Gemeinde zu bilden.
+
+Die Verfassung dieser ersten christlichen Gemeinde war wie die einer
+jeden Gesellschaft, die aus gleichstehenden Mitgliedern besteht, denn
+alle Christen nannten sich Brüder. Keiner hatte vor dem anderen einen
+Vorrang, und sowohl ihre Pflichten als ihre Rechte waren vollkommen
+gleich.
+
+Zu ihren Vorstehern wählte die Gemeinde einige in allgemeiner Achtung
+stehende Männer, welche Presbyter (Älteste) oder auch Bischöfe
+(episcopi, Aufseher) genannt wurden. Ihr Amt war es, Ruhe, Eintracht und
+Ordnung in der Gemeinde zu erhalten, ohne dass sie deshalb einen höheren
+Rang eingenommen hätten als den, welchen ihnen die Achtung der übrigen
+Brüder freiwillig einräumte. Den Presbyter standen Diakone (Helfer) zur
+Seite, welche die reichlich beigesteuerten Almosen an die ärmeren
+Gemeindemitglieder austeilten und andere kleine Geschäfte übernahmen,
+die nicht schon von den Ältesten verrichtet wurden.
+
+Die Gemeinden der ersten Christen waren vollkommene Republiken, und
+selbst die Apostel, welche mehrere derselben stifteten und eine Art
+Oberaufsicht über sie führten, maßten es sich nicht an, eigenmächtig
+über die Gesellschaft betreffende Einrichtungen zu bestimmen, sondern
+begnügten sich damit, den Gemeinden mit Rat und Tat an die Hand zu
+gehen. Der Apostel Paulus machte es den Ältesten ausdrücklich zur
+Pflicht, dass sie über die Gemeinden nicht herrschen, sondern sie durch
+ihr musterhaftes Beispiel leiten sollten. Das taten auch die Presbyter
+der alten Zeit; sie betrachteten sich als die Diener der Gemeinde,
+welche sie für ihre Dienste durch freiwillige Geschenke belohnte.
+
+Einen äußerlichen Gottesdienst kannte man nicht; die religiösen
+Versammlungen der apostolischen Christen fanden statt ohne alle
+Zeremonien und auf die Sinne berechnete Gebräuche. Man kam zusammen in
+irgendeinem geräumigen Saal, ohne denselben weder zu diesem Zweck
+auszuschmücken, noch ihm eine besondere Weihe und Heiligkeit
+beizumessen, denn dergleichen erschien den Christen als heidnische
+Torheit.
+
+Die Versammlungen waren einzig und allein der Belehrung und Erbauung
+gewidmet. Man las in ihnen die Briefe der umherreisenden Apostel vor
+oder Stellen aus den heiligen Büchern der Juden. Dann folgte ein
+belehrender Vortrag, den wohl meistens einer der Presbyter hielt oder
+auch irgendein anderes Mitglied der Gemeinde, welches sich dazu geeignet
+und berufen fühlte. Das Gehörte wurde dann besprochen und den
+Unwissenden das erklärt, was sie etwa nicht verstanden hatten. So waren
+diese Versammlungen der Christen der apostolischen Zeit die ersten
+Volksschulen. Nach der Besprechung setzte man sich zu einem gemeinsamen
+Mahle nieder - welches Liebesmahl hieß - und am Schluss oder auch am
+Anfang wurden Brot und Wein herumgereicht und beim Genuss desselben mit
+Rührung und Dankbarkeit des für die Menschheit gestorbenen Jesus
+gedacht, wobei auch wohl die Worte wiederholt wurden, die er bei der
+Einführung dieses schönen Gebrauchs sprach. Den Schluss der Versammlung
+machte eine Beisteuer für die Armen.
+
+Leider änderte sich aber dieser würdige und einfache Zustand der
+christlichen Gemeinden sehr bald und ging endlich in die Form der
+heutigen katholischen Kirche über. Es wird für unseren Zweck genügen,
+nur in leichten Umrissen anzugeben, wie eine so auffallende Veränderung,
+die dem christlichen Geist so sehr widerspricht, bewerkstelligt werden
+konnte.
+
+Wir haben oben gesagt, dass die Presbyter mit der Leitung der
+Gemeindeangelegenheiten beauftragt waren. Bei ihren Beratungen führte
+anfangs der Älteste den Vorsitz, aber dieser war oft eben wegen seines
+Alters dazu nicht immer der tauglichste, und so zogen es denn die
+Presbyter vor, den geeignetsten aus ihrer Mitte zum Vorsitzenden zu
+wählen, welcher, da er über alles die Aufsicht führte, zur
+Unterscheidung von seinen, ihm sonst übrigens durchaus gleichgestellten
+Kollegen, vorzugsweise der Bischof genannt wurde.
+
+Diese Bischöfe maßten sich bald einen höheren Rang an, und wir erblicken
+sie in den Versammlungen auf einem erhabenen Sessel, während die anderen
+Presbyter auf niedrigeren Stühlen um sie her sitzen, hinter denen die
+Diakone, gleich den dienenden Brüdern in den Synagogen, stehen. Die
+Gemeinden gewöhnten sich bald daran, in dem von ihren Vorstehern so
+ausgezeichneten Bischof ihren geistlichen Oberherrn zu sehen.
+
+Besondere Umstände trugen dazu bei, das Ansehen dieser Bischöfe zu
+vermehren.
+
+Die Christen auf dem Land hatten sich anfangs den Gemeinden in den
+Städten angeschlossen; als ihre Zahl sich aber vermehrte, wünschten sie
+eigene Gemeinden zu bilden, wenn sie auch die Gemeinschaft mit den
+Gemeinden in den Städten nicht aufgeben wollten, da ihnen dieselben
+besonders zur Zeit der Verfolgung und überhaupt von Nutzen war. Sie
+baten daher die Stadtbischöfe, sie mit Lehrern und Vorstehern zu
+versehen, und ein solcher sandte ihnen gewöhnlich einen seiner
+Presbyter.
+
+Dieser Landbischof hatte nun zwar dieselbe Gewalt über seine Gemeinde
+wie der Stadtbischof über die seinige; aber aus der ganzen Natur der
+Sache erklärt es sich, dass er in vielen Beziehungen von dem Letzteren
+gewissermaßen abhängig wurde. Dadurch bekam der Stadtbischof einen
+Kirchensprengel oder, wie es damals hieß, eine Diözese (Bezirk) oder
+Parochie.
+
+So wurde also schon in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach
+Christi Geburt der Grund zur kirchlichen Aristokratie gelegt.
+
+Nachdem man nun einmal den Anfang damit gemacht hatte, jüdische
+Einrichtungen auf das Christentum anzuwenden, so griff dieser Unfug umso
+schneller um sich, als er der Eitelkeit und Herrschsucht ehrgeiziger
+Bischöfe nützte, die sich bald der Leitung aller christlichen
+Gemeindeangelegenheiten zu bemächtigen wussten.
+
+Am Anfang des dritten Jahrhunderts war es schon so weit gekommen, dass
+man die Gewalt der Bischöfe aus dem Priesterrechte des Alten Testaments
+herleitete und alles, was Moses über Priesterverhältnisse festsetzte,
+ohne weiteres auf die Bischöfe und Presbyter anwendete. Bis dahin waren
+sie noch immer als das, was sie auch in der Tat waren, als Diener der
+Gemeinde, betrachtet worden; aber ihr Stolz lehnte sich dagegen auf, und
+im Laufe des dritten Jahrhunderts hatten sie schon geschickt den Glauben
+verbreitet, dass sie nicht von der Gemeinde, sondern von Gott selbst
+eingesetzt wären zu Lehrern und Aufsehern derselben; dass sie also nicht
+Diener der Gemeinde, sondern Diener Gottes wären und daher sowohl das
+Lehreramt wie auch der Dienst der neuen Religion nur von ihnen allein
+versehen werden könne, weshalb sie einen von der Gemeinde abgesonderten,
+vorzüglicheren Stand bilden müssten.
+
+Um die noch immer Zweifelnden vollends zu berücken, denen ein solches
+Verhältnis nicht den Lehren Christi gemäß erschien, griffen die Bischöfe
+zu einem anderen Mittel, ihnen das, was sie durchsetzen wollten,
+begreiflicher und annehmbarer zu machen.
+
+Wenn nämlich die Apostel einen Lehrer oder Presbyter bestellten, legten
+sie ihm die Hand auf das Haupt und riefen Gott an, dass er ihm zu seinem
+Amt auch den Verstand verleihen möge. Diese Sitte war dem jüdischen
+Ritus entnommen, ohne dass die Apostel daran dachten, welchen Missbrauch
+ihre dereinstigen Nachfolger damit treiben würden. Die Bischöfe
+behaupteten nämlich, dass durch dieses Handauflegen der den Aposteln
+innewohnende heilige Geist auch auf die Geweihten übergegangen sei und
+dass diese auch die Kraft hätten, ihn auf dieselbe Weise an andere zu
+übertragen. Es gelang ihnen vortrefflich, diese Ansicht unter den
+Christen populär zu machen, und am Ende des dritten Jahrhunderts glaubte
+man allgemein daran und sah in den Bischöfen, Presbytern und Diakonen
+Wesen ganz anderer Art und fand es ganz natürlich und
+selbstverständlich, dass sie einen Stand für sich bildeten.
+
+So bedeutend nun auch der Einfluss der Bischöfe auf die Gemeinden schon
+war, so hatte die demokratische Verfassung derselben doch noch
+keineswegs aufgehört. Die Bischöfe konnten in den religiösen
+Angelegenheiten durchaus nicht nach Gefallen schalten und walten,
+sondern waren an die Einwilligung der Presbyter und der ganzen Gemeinde
+gebunden. Dies war ihnen sehr unbequem, da sie nach unumschränkter
+Gewalt strebten, und zur Erlangung derselben benutzten sie die
+Provinzialsynoden.
+
+Wir haben schon früher beiläufig bemerkt, wie falsch die Aussprüche und
+Lehren Jesu häufig von den Christen verstanden wurden. Es entspannen
+sich über deren Auslegung bald Streitigkeiten, und schon im zweiten
+Jahrhundert finden wir, dass sich mehrere Gemeinden vereinigten, um
+dieselben durch gemeinschaftliche Besprechungen auszugleichen. Als diese
+Streitigkeiten sich mit der Zeit vermehrten, fühlte man die
+Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit solcher schiedsrichterlichen
+Versammlungen und ordnete sie für die Gemeinden eines bestimmten Bezirks
+oder Landes regelmäßig und wenigstens einmal im Jahr an. So entstanden
+die Provinzial-Kirchenversammlungen. Die Gemeinden wurden auf denselben
+durch Abgeordnete vertreten, welche aus den Bischöfen, Presbytern,
+Diakonen und einigen anderen Gemeindemitgliedern bestanden.
+
+So bedeutend nun auch der Einfluss der Bischöfe auf die Beschlüsse
+dieser Kirchenversammlungen war, so standen ihnen noch immer die große
+Anzahl der anderen Abgeordneten der Gemeinde entgegen, und es wurde
+vorerst die Aufgabe der Bischöfe, diese von den Kirchenversammlungen zu
+entfernen. Zuerst gelang es ihnen mit den nicht priesterlichen
+Mitgliedern der Gemeinde, dann mit den Diakonen und endlich auch mit den
+Presbytern, so dass die Gesamtheit der christlichen Gemeinden auf den
+Synoden einzig und allein durch die Bischöfe vertreten wurde.
+
+Dies war zwar ein bedeutender Gewinn, denn nun konnten diese
+beschließen, was sie in ihrem Interesse für nötig hielten; aber noch
+immer bedurften die gefassten Beschlüsse der Zustimmung der Gemeinde. Um
+diesen lästigen Zwang zu entfernen, erfand man ein eigentümliches
+Mittel, welches wir einen plumpen und ungeschickten Betrug nennen
+würden, wenn er - nicht gelungen wäre.
+
+Es war nämlich bei den Christen Gebrauch geworden, jede Versammlung mit
+der Bitte an Gott zu eröffnen, dass er die Anwesenden durch seinen Geist
+erleuchten und bei ihren Beratungen leiten möge. Diese Sitte wurde auch
+bei der Eröffnung von Kirchenversammlungen beobachtet, und nun erzeugten
+die Bischöfe bei den nur zu gläubigen Christen den Wahn, dass durch
+dieses Gebet der Heilige Geist auch stets veranlasst werde, bei der
+Synode gleichsam den Vorsitz zu führen, so dass alle ihre Beschlüsse als
+Aussprüche des Heiligen Geistes, also Gottes selbst, zu betrachten
+wären, die der Bestätigung nicht bedürften! Durch diese List waren die
+christlichen Gemeinden um den letzten Rest ihrer Freiheit gebracht und
+der eigennützigen Willkür der Bischöfe preisgegeben.
+
+Nachdem diese einmal so weit gekommen waren, gingen sie in ihren
+Anmaßungen immer weiter, und es kam bald eine Zeit, wo die vor kurzem
+noch so ehrwürdigen Vorsteher der christlichen Gemeinden größtenteils
+die eigennützigsten, schamlosesten und verworfensten Menschen waren.
+"Aus den hölzernen Kirchengefäßen wurden goldene, aber aus den goldenen
+Bischöfen wurden hölzerne."
+
+Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion
+machte, erlitten alle Verhältnisse der christlichen Kirche eine
+bedeutende Veränderung. Die Kaiser betrachteten sich selbst als
+Oberhäupter derselben; sie beriefen nicht nur nach ihrem Gefallen
+Kirchenversammlungen, leiteten die Wahlen der Bischöfe oder ernannten
+diese geradezu, sondern entschieden auch theologische Streitigkeiten
+nach ihrem Gutdünken. Dadurch gingen freilich viele der angemaßten
+Rechte der Bischöfe für den Augenblick verloren; aber die Vorteile,
+welche sie auf der anderen Seite gewannen, waren so groß, dass sie sich
+ganz außerordentlich demütig und fügsam zeigten, und so geschah es, dass
+alles in der Kirche nach dem Wink der Kaiser ging.
+
+Der Kaiser war der Gnadenborn, aus dem auf seine Günstlinge Ehren und
+Reichtümer strömten, und die Bischöfe und Geistlichen wetteiferten in
+niedriger Schmeichelei, um deren möglichst viel zu schnappen. Die Armut
+der Kirche und ihrer Diener hatte ein Ende. Schon Kaiser Konstantin
+bestimmte einen Teil der Staatseinkünfte zum Unterhalte der Geistlichen
+und begnadigte sie mit wichtigen Vorrechten. Das allereinträglichste war
+aber das Gesetz, durch welches er sie für berechtigt erklärte,
+Schenkungen anzunehmen, welche ihnen durch testamentarische Verfügungen
+gemacht wurden, was nach dem Gesetz des Kaisers Diokletian keinem Verein
+gestattet war.
+
+Nun war der Habgier der Geistlichkeit ein weites Feld geöffnet. Die
+niedrigsten und verächtlichsten Mittel wurden angewandt, um die bereits
+in Aberglauben aller Art versunkenen Christen zu reichen Schenkungen zu
+bewegen, und bereits nach zehn Jahren wagte niemand mehr zu sterben,
+ohne der Geistlichkeit ein Legat zu vermachen. Diese betrieb ihr
+Geschäft auf so schamlose Weise, dass nicht sehr lange darauf die Kaiser
+Gratian und Valentinian sich gezwungen sahen, durch Gesetze der
+Erbschleicherei der Geistlichen Einhalt zu tun.
+
+Hieronymus, der Geheimschreiber des römischen Bischofs Damasus, der
+Zeuge war von dem nichtswürdigen Treiben der Pfaffen, rief bei der
+Bekanntmachung des Gesetzes: "Ich bedaure nicht des Kaisers Verbot,
+sondern mehr das, dass meine Mitbrüder es notwendig gemacht haben!"
+Diese Mitbrüder schildert er auf wenig schmeichelhafte Weise, indem er
+sagt: "Sie halten kinderlosen Greisen und alten Matronen den Nachttopf
+hin, stets geschäftig um ihr Lager; mit eigenen Händen fangen sie ihren
+Auswurf auf, und Witwen heiraten nicht mehr; sie sind weit freier, und
+Priester dienen ihnen um Geld." Selbst der Bischof des Hieronymus,
+Damasus, hatte sich den Beinamen Ohrenkrabbler der Damen erworben.
+
+Als Julianus (361 n. Chr.) zur Regierung kam, geriet der ganze
+Pfaffenschwarm in große Bestürzung, denn dem gebildeten, mit der
+Philosophie seiner Zeit bekannten und darin aufgezogenen Kaiser erschien
+das bereits durch Aberglauben und Fabeln aller Art entstellte
+Christentum abgeschmackt und lächerlich. Er "fiel daher vom Glauben ab",
+wie die Kirchenphrase heißt, und erwarb dafür von den christlichen
+Geschichtsschreibern den Beinamen Apostata (Abtrünniger).
+
+Die reine und einfache Lehre Christi hatte in der Tat bereits eine
+traurige Veränderung erlitten und war durch Wundermärchen und läppische
+Fabeln verunstaltet worden. Vor der ersten allgemeinen
+Kirchenversammlung zu Nicäa (325 n. Chr.) gab es gegen fünfzig
+Evangelien, von denen nur die noch in der Bibel enthaltenen beibehalten
+wurden, weil die anderen den Heiden doch gar zu viel zu spotten und zu
+lachen gaben. Sie enthielten die abgeschmacktesten Erzählungen und
+trivialsten Geschichten, und wenn auch ihre Verfasser mit der Mutter
+Jesu nicht so vertraut waren wie jener Portugiese, der ein "Leben im
+Bauch der Maria" schrieb, so berichten sie uns doch unter anderem, dass
+dem frechen Menschen, der Maria unzüchtig anzufassen wagte,
+augenblicklich die Hand verdorrte. Auch von Wundern erzählen sie, die
+Jesus als Kind verrichtete. Einst habe derselbe mit anderen Kindern
+gespielt und mit ihnen aus Ton Vögel geformt; die von ihm gemachten
+seien sogleich fortgeflogen. Als er größer geworden, habe er einst einen
+Tisch gefertigt, und als er von seinem Vater gescholten worden sei, weil
+er zu kurz war, habe er an dem Tisch gezogen und ihn so lang gemacht,
+wie Meister Joseph wollte. (Anm.d.Red. Kindheitsevangelium nach Thomas)
+
+Kaiser Julianus versuchte es, das Christentum zu stürzen, obwohl er die
+Christen nicht verfolgte, und als er schon nach zweijähriger Regierung
+im Kriege gegen die Perser fiel, verursachte sein Tod große Freude.
+
+Sein Liebling, der Philosoph Libanius, fragte einst spöttisch einen
+christlichen Lehrer zu Antiochien: "Was macht des Zimmermanns Sohn?" Er
+erhielt zur Antwort: "Einen Sarg für deinen Schüler." Bald darauf starb
+der Kaiser, und Libanius vermutete, eben vielleicht wegen dieser
+Antwort, dass er durch irgendeinen fanatischen Christen seinen Tod fand.
+Sterbend unterhielt sich der Kaiser über die Erhabenheit der
+menschlichen Seele, aber die Christen erzählten, er habe eine Hand voll
+Blut gen Himmel gespritzt und ausgerufen: "Du hast gesiegt, Galiläer!"
+
+Mit Julianus starb der letzte heidnische Kaiser; unter seinen Nachkommen
+breitete sich die Macht der Pfaffen immer mehr aus, und dieses
+Ungeziefer des Christentums verunstaltete dasselbe von Jahrhundert zu
+Jahrhundert immer mehr und wurde immer unverschämter und üppiger.
+
+
+
+
+Die lieben, guten Heiligen
+
+
+ Zu alten Zeiten hieß heilig, wenn
+ der Fliegen, der Heuschrecken fraß,
+ und jener gar mit seinem heil'gen Hintern
+ in einem Ameis'nhaufen saß,
+ um voller Andacht drin zu überwintern.
+
+ (Anm.d.Red. Samuel Butler, Hudibras)
+
+
+Es ist ein durch die Wissenschaft noch nicht vollständig gelöstes
+Problem, wodurch Epidemien entstehen, wie Pest, Cholera und dergleichen
+grässliche Übel, durch welche das Menschengeschlecht von Zeit zu Zeit
+heimgesucht wird. Noch unerklärlicher sind Epidemien des Geistes, deren
+Vorkommen so alltäglich ist, dass wir gar nicht mehr darauf achten und
+sie am allerwenigsten für eine geistige Störung halten.
+
+Woher kommt es, dass irgendein dummes Lied die Runde über den Erdball
+macht, dass man ihm nirgends entfliehen kann, selbst nicht, wenn man
+allein ist, da man es dann selbst summt? Dasselbe ist der Fall mit einem
+schlechten Witz oder einer abgeschmackten Redensart oder einer Mode,
+über deren Möglichkeit man später selbst erstaunt ist. Es ist nicht
+nötig, dass wir Beispiele anführen, denn jeder Mensch wird irgendein
+Lied, Redensart oder Mode anführen können, die epidemisch auftrat.
+
+Das Merkwürdige bei solchen geistigen Epidemien ist, dass Absperrung
+dagegen kein unfehlbares Mittel ist, denn wir kennen Gewohnheiten, die
+sich zum Beispiel in Klöstern ganzer Länder verbreiteten, die doch unter
+sich in gar keiner Verbindung standen. In einem der folgenden Kapitel
+werden wir davon merkwürdige Beispiele anführen.
+
+Die Keime der in ihren Folgen grässlichsten geistigen Epidemien enthält
+die Religion und keine mehr als die missverstandene christliche. Sie hat
+Europa Jahrhunderte hindurch in ein trübseliges Narrenhaus verwandelt
+und Millionen von Schlachtopfern sind der durch sie erzeugten Tollheit
+gefallen.
+
+Dieses Kapitel handelt von den Heiligen der römischen Kirche, denn die
+protestantische hat sie abgeschafft und nur die Scheinheiligen behalten.
+All diese Heiligen, einige Ausnahmen abgerechnet, waren durch die
+Religion wahnsinnig gemachte Menschen und würden, wenn sie heutzutage
+lebten, in Narrenhäuser gesperrt werden. Jeder Leser, der nicht von
+derselben Narrheit ergriffen ist, wird am Ende dieses Kapitels von der
+Wahrheit meiner Behauptung überzeugt sein.
+
+Die Lehre Christi, dass dies Leben nur eine Vorbereitung für ein
+künftiges sei und dass jeder, welcher die ihm hier auferlegten Leiden
+gottergeben trage, dafür im ewigen Leben belohnt werden würde, war
+darauf berechnet, die leidende und bedrückte Menschheit durch die
+Hoffnung zu trösten. Je größer die unverschuldeten Leiden waren, die
+einen Gläubigen trafen, desto größere Hoffnung hatte er, durch
+geduldiges Ertragen ein freudenreiches ewiges Leben zu gewinnen und es
+ist begreiflich, dass es Menschen gab, welche sie betreffende
+Unglücksfälle als ein Glück ansahen, da sie ihnen Gelegenheit gaben, den
+Himmel zu verdienen.
+
+Der Übergang zu dem Gedanken, dass Leiden überhaupt verdienstlich sei,
+war nicht besonders schwierig, besonders da er durch mehrere von den
+Aposteln berichtete Aussprüche Christi unterstützt wurde, und so kam es,
+dass man sich endlich selbst Leiden und Qualen erschuf, nur um sie zu
+ertragen und weil man damit meinte, für sein Seelenheil zu sorgen. Das
+Egoistische und Unmoralische einer solchen Handlungsweise wurde gar
+nicht erkannt.
+
+Die Idee von der Verdienstlichkeit, körperliche Martern mit Freudigkeit
+zu ertragen und sich selbst zu schaffen, kam erst recht zur Geltung, als
+die während der Verfolgungen unter den Kaisern Diokletian und Decius
+hingerichteten Christen durch ihre Standhaftigkeit so hohen Ruhm
+einernteten. Mögen sich auch die Kirchenschriftsteller nicht immer von
+Übertreibungen ferngehalten haben, wenn sie die Leidensgeschichten der
+Märtyrer erzählen, so verdienen sie doch im Allgemeinen Glauben, denn es
+ist eine bekannte Erfahrung, dass Menschen in hoher geistiger Aufregung
+Schmerz oft gar nicht empfinden, wie manche alte Soldaten bezeugen, die
+es in der Hitze des Kampfes oft gar nicht bemerkten, dass sie verwundet
+wurden.
+
+Diese Schwärmerei nahm besonders im vierten Jahrhundert überhand, und
+was Zeno, Bischof von Verona (um d. J. 360), sagte, war ziemlich der
+allgemeine Glaube: "Der größte Ruhm der christlichen Tugend ist es, die
+Natur mit Füßen zu treten." (Anm.d.Red. vgl. Zeno: Traktat V. Die
+Enthalsamkeit.)
+
+Diese düstere Ansicht verbreitete über die ganze christliche Welt eine
+Trübseligkeit, welche die Erde in der Tat zu einem Jammertal machte. Die
+frommen Christen hielten sich nicht für wert, dass die Sonne sie
+bescheine; jeder Genuss erschien ihnen ein Schritt zur Hölle und jede
+Qual ein Schritt zum Himmel.
+
+Später gestaltete sich freilich alles weit lustiger in der christlichen
+Kirche, so lustig, dass es ein Skandal und Gräuel und die Reformation
+dadurch erzeugt wurde; aber Luther machte die Leute wieder mit der Bibel
+bekannt, die ihnen von der römischen Kirche entzogen war, und das Lesen
+derselben brachte ähnliche Wirkungen hervor wie das Lesen der Evangelien
+unter den Christen der ersten Jahrhunderte.
+
+Beweise dafür finden wir genug in der Geschichte wie auch in den
+Predigten und anderen geistlichen Schriften aus der Zeit nach der
+Reformation. Besonders reich daran sind die Gesangbücher, in denen sich
+hin und wieder noch jetzt nicht minder seltsame Verse finden wie der
+folgende, der wörtlich einem noch nicht sehr alten Breslauer Gesangbuch
+entnommen ist:
+
+ Ich bin ein altes Raben-Aas,
+ Ein rechter Sünden-Krüppel,
+ Der seine Sünden in sich fraß,
+ Als wie den Rost der Zwibbel.
+ O Jesus, nimm mich Hund am Ohr.
+ Wirf mir den Gnadenknochen vor,
+ Und schmeiß mich Sündenlümmel
+ In deinen Gnadenhimmel.
+
+Weil Jesus es für nötig hielt, vierzehn Tage in die Wüste zu gehen - zu
+welchem Zweck hat er niemand gesagt - so meinten die Schwärmer, auch in
+die Wüste laufen und ihren Leib durch Fasten und allerlei Qualen
+kasteien zu müssen, denn Christus hatte gesagt: "Will mir jemand
+nachfolgen, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und
+folge mir", und ferner: "Es sind etliche verschnitten aus Mutterleibe
+von Menschen, etliche aber, die sich selbst verschnitten haben um des
+Himmels willen. Willst du vollkommen sein, so gehe hin und verkaufe
+alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im
+Himmel haben - komm und folge mir nach."
+
+Mancher, der schon aus Mutterleibe - am Gehirn - verschnitten und von
+Natur ein Narr war, mag durch Zufall mit unter die Heiligen geraten
+sein; aber der größte Teil der Heiligen wurde erst durch solche ähnliche
+Stellen der Bibel zu Narren.
+
+Die Wüsteneien Syriens und Ägyptens bevölkerten sich mit frommen
+Christen, welche "Jesum nachfolgen" wollten und, weil dieser gelitten
+hatte, es für verdienstlich hielten, sich noch weit größere Qualen
+freiwillig aufzulegen. Jeder dieser Frommen strebte danach, die Natur
+mit Füßen zu treten, und es gelang manchem so vortrefflich, dass uns
+dabei die Haut schaudert. Diese Schwärmerei wurde epidemisch und die
+sonst einsamen Wüsten bevölkerten sich wie Städte.
+
+Das anschaulichste Bild von dem Leben dieser "Väter der Wüste" gibt uns
+folgende Schilderung eines Mannes, der ihr Leben und Treiben einen
+ganzen Monat lang als Augenzeuge beobachtet hat: "Einige flehen mit gen
+Himmel gerichteten Augen, mit Seufzen und Winseln, Barmherzigkeit;
+andere, mit auf den Rücken gebundenen Händen, halten sich in der Angst
+ihres Gewissens nicht für würdig, den Himmel anzuschauen; andere sitzen
+auf der Erde, auf Asche, verbergen ihr Gesicht zwischen die Knie und
+schlagen ihren Kopf gegen den Boden; andere heulen laut wie beim Tode
+geliebter Personen; andere machen sich Vorwürfe, nicht Tränen genug
+vergießen zu können. Ihr Körper ist, wie David sagt, voll Geschwüre und
+Eiter; sie mischen ihr Wasser mit Tränen und ihr Brot mit Asche; ihre
+Haut hängt an den Knochen, vertrocknet wie Gras. Man hört nichts als
+Wehe! Wehe! Vergebung! Barmherzigkeit! Einige wagen kaum, ihre brennende
+Zunge mit ein paar Tropfen Wasser zu erfrischen, und kaum haben sie
+einige Bissen Brot genossen, so werfen sie das übrige von sich, im
+Gefühl ihrer Unwürdigkeit. Sie denken nichts als Tod, Ewigkeit und
+Gericht! Sie haben verhärtete Knie, hohle Augen und Wangen, eine durch
+Schläge verwundete Brust und speien oft Blut; sie tragen schmutzige
+Lumpen voll Ungeziefer, gleich Verbrechern in Gefängnissen oder wie
+Besessene. Einige beten, sie ja nicht zu beerdigen, sondern hinzuwerfen
+und verwesen zu lassen wie das Vieh!" -
+
+Wer von diesen Wüsteneinsiedlern noch nicht verrückt war, musste es bei
+der oben geschilderten Lebensweise notwendig werden. Das Beispiel reizte
+die Eitelkeit auf und einer suchte den anderen an Strenge und
+Selbstquälerei zu übertreffen. (Anm.d.Red. vgl. Theodoret von Cyrus:
+Mönchsgeschichte - Historia Religiosa)
+
+Einer dieser armen Verirrten und Verwirrten - Heiligen! - lebte fünfzig
+Jahre lang in einer unterirdischen Höhle, ohne jemals das freundliche
+Licht der Sonne wiederzusehen! Andere ließen sich bei der größten Hitze
+bis an den Hals in den glühenden Sand graben; noch andere in Pelze
+einnähen, so dass nur ein Loch zum Atmen frei blieb; bei afrikanischer
+Sonnenhitze eine treffliche Sommerbekleidung, allein doch noch
+erträglicher als der Paletot, den ein anderer sich aus einem Felsen
+aushieb und beständig mit sich herumschleppte wie die Schnecke ihr Haus.
+
+Sehr viele behängten sich mit schweren eisernen Ketten und Gewichten.
+Der heilige Eusebius trug beständig zweihundertundsechzig Pfund Eisen an
+seinem Körper. Einer dieser Narren namens Thaleläus klemmte sich in den
+Reifen eines Wagenrades und brachte in dieser angenehmen Stellung zehn
+Jahre zu, worauf er sich, zur Belohnung für seine Ausdauer, in einen
+engen Käfig zurückzog. Wahrlich ein rarer Vogel!
+
+Einige taten das Gelübde - Frauen taten das, glaub' ich, nicht -
+jahrelang kein Wort zu reden, niemand anzusehen oder auf einem Bein
+herumzuhinken oder nur Gras zu fressen und was des Unsinns mehr ist.
+
+St. Barnabas hatte sich einen scharfen Stein in den Fuß getreten; er
+litt die entsetzlichsten Schmerzen, aber er ließ sich den Stein nicht
+herausziehen. Wieder andere schliefen auf Dornen, ja, manche versuchten,
+gar nicht zu schlafen und hungern konnten sie wie deutsche Schullehrer
+und Dichter; nur hatten sie den Vorteil voraus, dass sie verrückte
+Heilige waren und es eine bekannte Erfahrung ist, dass Wahnsinnige sehr
+lange ohne Nahrung leben können. Simeon, der Sohn eines ägyptischen
+Hirten, aß nur alle Sonntage und hatte seinen Leib mit einem Stricke so
+fest zusammengeschnürt, dass überall Geschwüre hervorbrachen, die so
+entsetzlich stanken, dass es niemand in seiner Nähe aushalten konnte.
+
+Dieser Simeon glaubte immer, dass er sich noch nicht genug quäle, und
+erfand daher etwas ganz Neues oder was wenigstens von den Christen noch
+nicht angewandt wurde, da Anbeter der großen Göttermutter, der Kybele,
+in Syrien Ähnliches getan hatten. Simeon stellte sich nämlich auf die
+Spitze einer Säule und blieb hier jahrelang stehen. Die erste Säule, die
+er zu diesem Zweck benützte, war nur vier Ellen hoch, aber je höher sein
+Wahnsinn stieg, desto höher wurden auch seine Säulen. Als seine Tollheit
+den Gipfelpunkt erreicht hatte, war seine Säule vierzig Ellen hoch; auf
+dieser stand er dreißig Jahre!
+
+Wie er es eigentlich anfing, nicht herunterzufallen, wenn ihn der Schlaf
+überkam, ist schwer zu begreifen; allein wahrscheinlich gewöhnte er
+sich, stehend zu schlafen wie Pferde und Esel. Eine seiner
+Lieblingsunterhaltungen war es, sich beim Gebet bis auf die Füße zu
+bücken. Er muss noch einen geschmeidigeren Rücken gehabt haben als
+irgendwelche Kammerherrn, denn ein Augenzeuge berichtete, dass er bis
+1244 solcher Bücklinge gezählt habe, der Heilige aber noch unendlich
+lange in seiner frommen Turnübung fortgefahren sei.
+
+Simeon brachte es dahin, dass er vierzig Tage hungern konnte! Als seinem
+ausgemergelten Körper endlich die Kraft zum Stehen fehlte, ließ er auf
+seiner Säule einen Pfahl errichten und sich an denselben mit Ketten in
+aufrechtstehender Stellung befestigen.
+
+Diese Säulentollheit fand viele Nachahmer, besonders im warmen
+Morgenland. Im Abendland ist nur ein Säulenheiliger bekannt und die
+fromme Stadt Trier hat den Ruhm, dass er einer ihrer Söhne war. Der
+damalige Bischof war aber noch nicht so tief in den Geist der römischen
+Kirche eingedrungen wie Herr Bischof Arnoldi, der vor etwa zwanzig
+Jahren den angeblich ungenähten Rock Jesu für Geld zeigte, denn sonst
+würde er nicht die Säule haben umstürzen und den Narren - ich meine den
+Heiligen - zur Stadt hinausjagen lassen.
+
+Da es das höchste Ziel aller dieser für ihre Seligkeit sich quälenden
+Toren war, "die Natur mit Füßen zu treten" und jede "vom Fleische"
+stammende Regung zu unterdrücken, so wurde denn natürlich auch der
+Geschlechtstrieb als höchst unchristlich verdammt und bekämpft. Der
+Kampf mit diesem mächtigsten der Triebe kostete aber die allergrößte
+Mühe und hatte, wie wir noch in der Folge sehen werden, die
+allerverderblichen Folgen für die sich Christen nennende Menschheit.
+
+St. Hieronymus (geb. 330 und gest. 422) erzählt ganz kalt, dass dieser
+Kampf mit der Natur Jünglingen und Mädchen Gehirnentzündungen und oft
+Wahnsinn zugezogen habe. Die armen Narren, die ihren Leib kasteiten, um
+den Unzuchtsteufel in sich zu demütigen, wussten ja nicht, dass sie
+dadurch das Übel nur ärger machten, denn der Teufel - der bekanntlich
+überall seine Hand im Spiel hat - führte ihnen die üppigsten Bilder vor
+die Phantasie.
+
+Einige bestrichen, um sich den Kampf zu erleichtern, ihre rebellischen
+Glieder mit Schierlingssaft und andere machten der Sache völlig ein
+Ende, indem sie die Wurzel des Übels ausrotteten. Dann hörte freilich
+alles auf, auch die Versuchung, und wenn ein Verdienst im Überwinden
+liegt, auch das Verdienst. Der sonst so vernünftige Kirchenvater
+Origenes tat dies ebenfalls; aber seine Tat war keineswegs originell, da
+heidnische Priester der Kybele diese unangenehme Operation ziemlich
+häufig mit sich vornahmen. Leontius, ein Priester zu Antiochien,
+Jakobus, ein syrischer Mönch, und noch viele andere unter den Priestern
+und Laien folgten diesem Beispiel, was daraus hervorgeht, dass ein
+Gesetz gegen die Kapaunirwut gegeben werden musste. Nun, Gott sei Dank,
+vor der Rückkehr dieses Fanatismus sind wir sicher!
+
+Andere, welche sich zu einer solchen Radikalkur nicht entschließen
+konnten oder auch durch ihre Frömmigkeit davon abgehalten wurden, litten
+Höllenqualen. Den heiligen Pachomius trieb das innerliche Feuer in die
+Wüste, weil er es hier leichter zu ersticken meinte als in der Welt, wo
+soviel zweibeiniger Zündstoff umherläuft. Er kämpfte oft mit sich, ob er
+seinen entsetzlichen Qualen nicht durch den Tod ein Ende machen solle.
+Einst legte er sich nackt in eine Höhle, welche von Hyänen bewohnt
+wurde. Diese Bestien beschnupperten ihn, ließen ihn aber ungefressen
+liegen, wahrscheinlich weil sie ihm anrochen, dass er ein Heiliger war.
+
+Eines Tages gesellte sich zu dem geplagten Manne ein schönes
+äthiopisches Mädchen, setzte sich auf seinen Schoß und reizte ihn so
+sehr, dass er wirklich glaubte zu tun, was jeder nicht so heilige Mann
+in seiner Lage unfehlbar getan haben würde. Als das Entsetzliche
+geschehen war, ging es ihm wie manchem andern nach ähnlichen Vorfällen;
+er erkannte jetzt, wer seine Hand dabei im Spiel hatte, und gab dem
+schönen Mädchen als Dank eine ungeheure Maulschelle. Und seine Vermutung
+war richtig; das Mädchen war der Teufel in eigener Person, denn
+Pachomius' Hand stank von der Berührung ein ganzes Jahr lang so
+entsetzlich, dass er fast ohnmächtig wurde, wenn er sie der Nase zu nahe
+brachte.
+
+Ärgerlich darüber, dass ihn der Teufel so erwischt hatte, rannte er in
+der Wüste umher. Er fand eine Aspis oder kleine Brillenschlange und
+setzte sie in seiner Wut gleich einem Blutegel an das Glied, welches
+Origenes sich abschnitt. Aber die Schlange war ebenso ekel wie die Hyäne
+und wollte nicht anbeißen. Pachomius hielt dies für ein Wunder, und eine
+innere Stimme sagte ihm, dass er nun Ruhe haben sollte, und somit
+scheint ihn das Teufelsmädel kuriert zu haben.
+
+Mit Mystizismus vereinigte Dummheit und daraus entstehende Schwärmerei
+stecken an und verbreiten sich wie Pest und Cholera. Die ganze
+Christenheit wurde von dieser asketischen Schwärmerei angesteckt. Ganze
+Scharen rannten in die Wüste, so dass sich die Heiligen auf die Füße
+traten und genötigt wurden, ungeheure Gemeinschaften - Klöster zu
+bilden.
+
+St. Pachomius, der eigentliche Stifter derselben, hatte in dem seinigen
+vierzehnhundert Mönche und führte noch über siebentausend andere die
+Aufsicht. Im vierten Jahrhundert gab es in Ägypten wenigstens
+hunderttausend Mönche und Nonnen; denn dass die leicht erregbaren und
+verrückt zu machenden Weiber von dieser Tollheit nicht frei blieben,
+kann man sich denken. In den gut gelegenen Wüsten fing es an, an Platz
+zu fehlen, und man schaffte sich künstliche Wüsteneien, das heißt
+Klöster, in den Städten. Die Stadt Oxyrrhinchus hatte mehr Klöster als
+Wohnhäuser und in ihnen beteten und arbeiteten nicht weniger als
+dreißigtausend Mönche und Nonnen.
+
+Die Heiden mochten spotten soviel sie wollten, um dieses heilige Feuer
+auszulöschen; es gelang ihnen nicht, denn die geachtetsten Kirchenlehrer
+priesen das Mönchs- und Einsiedlerleben über alles und nannten es den
+geraden Weg in das Paradies. Die heiligsten Bande der Natur wurden
+zerrissen. Jünglinge verließen ihre Bräute, wie der heilige Alexius, der
+in der Brautnacht in die Wüste rannte. Ammo las seiner Braut die Briefe
+des Paulus an die Korinther vor! Die Braut wurde dadurch so begeistert,
+dass sie mit Ammo in die Wüste lief und hier gemeinschaftlich mit ihm
+eine elende Hütte bezog, wo sie lebte - keusch wie eine Henne, die mit
+einem Hund zusammen wohnt.
+
+Johannes Colybita, der Sohn angesehener Eltern, wurde ebenfalls in der
+Brautnacht von dem frommen Kanonenfieber gepackt; er floh die Versuchung
+und ging in die Wüste. Das unüberwindliche Heimweh trieb ihn in die
+Vaterstadt zurück. Hier lebte er siebzehn Jahre als elender Bettler in
+einer Hundehütte, die er neben die Wohnung seiner um ihn trauernden
+Eltern gestellt hatte, denen er sich erst in seiner Todesstunde zu
+erkennen gab.
+
+Dies waren die Früchte der Lehren solcher Männer wie St. Hieronymus, der
+sagte: "Und wenn sich deine jungen Geschwister an deinen Hals werfen,
+deine Mutter mit Tränen und zerstreuten Haaren und zerrissenen Kleidern
+den Busen zeigt, der dich ernährt hat, dein Vater sich auf die
+Türschwelle legt, stoße sie mit Füßen von dir und eile mit trockenen
+Augen zur Fahne des Kreuzes."
+
+Sehr viele trieben auch die Eitelkeit und der Ehrgeiz zum asketischen
+Leben, denn die Einsiedler und Mönche standen im höchsten Ansehen. Kamen
+sie in eine Stadt, so wurden sie im Triumph empfangen, und zogen sie bei
+einer solchen vorbei, dann strömten Tausende zu ihnen heraus, um sich
+ihren Rat und ihren Segen zu erbitten.
+
+Die ganze Gegend, in welcher ein besonders toller Einsiedler sein Wesen
+trieb, hielt sich für beglückt, und man hat Beispiele, dass diese
+Heiligen von den Bewohnern anderer Landschaften gleichsam wie die wilden
+Affen in Pechstiefeln eingefangen wurden.
+
+Salamanes aus Kapersana, einem Dorfe am Euphrat, hatte sich in ein Haus
+sperren lassen, welches weder Fenster noch Türen hatte. Einmal im Jahr
+öffnete er diesen Käfig, um die Lebensmittel in Empfang zu nehmen,
+welche ihm herbeigeschleppt wurden, wobei der heilige Mann aber mit
+niemandem redete. Die Bewohner seines Geburtsortes glaubten, ein Recht
+auf diese Blume der Heiligkeit zu haben und entführten den Narren; aber
+kaum hatten sie ihn einige Tage, als er ihnen wieder von den Bewohnern
+eines benachbarten Dorfes gestohlen wurde. Alle diese gewaltsamen
+Veränderungen waren nicht im Stande, dem Heiligen ein Wort zu entlocken.
+
+Die Verehrung gegen diese Wüstennarren ging so weit, dass Kaiser
+Theodosius ihnen sogar seine Söhne Honorius und Arkadius zur Erziehung
+anvertraute. Es wurde freilich nichts Gescheites aus ihnen, denn
+Honorius war förmlich blödsinnig geworden und fand sein größtes
+Vergnügen daran, das Federvieh zu füttern. Eine recht unschuldige
+Liebhaberei für einen Kaiser, die auch moderne Imperatoren haben, wenn
+das Federvieh nur aus der rechten Tonart kräht.
+
+Theodosius war überhaupt ein großer Freund der Mönche, und sowohl er wie
+andere Kaiser nahmen zu ihnen wie zu Orakeln ihre Zuflucht. Er ahmte dem
+großen Alexander nach, indem er sagte: "Wenn ich nicht Theodosius wäre,
+so möchte ich ein Mönch sein." Sein Volk hatte Ursache genug, zu
+bedauern, dass er Theodosius war.
+
+Unter den "Vätern der Wüste" haben manche einen ganz besonderen Ruf der
+Heiligkeit erworben, teils durch die unerhörten Qualen, welche sie sich
+selbst auferlegten, teils durch die Wunder, welche ihnen zugeschrieben
+wurden. Unter den schrecklichen Operationen, die sie mit ihrem Körper
+vornahmen, litt auch der Geist, und so darf es uns nicht befremden, wenn
+diese Leute allerlei Erscheinungen und Visionen hatten, die sie für
+Wirklichkeit nahmen und die nur dazu dienten, ihren zerrütteten Verstand
+noch mehr zu verwirren. Die Kirchenschriftsteller, welche diese Wunder
+nacherzählen, waren ernsthafte Männer und tun dies im festen Glauben an
+die Wahrheit dessen, was sie berichten. Erst die späteren mag hin und
+wieder Eigennutz zum absichtlichen Betrug verleitet haben.
+
+Ich würde alle diese Wunder als abgeschmackt übergehen, wenn man sie nur
+allein in jener finsteren Zeit geglaubt hätte, allein noch heute gelten
+sie Tausenden von römischen Katholiken als Wahrheit.
+
+Der gemeine Katholik in den echt katholischen Ländern weiß von Gott sehr
+wenig; er versteht die philosophische Dreieinigkeitsgeschichte nicht und
+zerbricht sich auch nicht den Kopf darüber; er kennt nur seine
+wundertätigen Heiligen und den Teufel.
+
+Lange wollen wir uns übrigens in dieser halb bemitleidenswerten, halb
+lächerlich tollen, heiligen Gesellschaft nicht aufhalten. Wer den ganzen
+Unsinn der Wunder kennen lernen will, braucht nur eines der
+Heiligenbücher zu lesen, welche von der Geistlichkeit in den
+römisch-katholischen Ländern empfohlen und verbreitet werden.
+
+Den größten Ruf unter den Wüstenheiligen erlangten: St. Paulus, St.
+Pachomius, St. Antonius, St. Hilarion und St. Macarius Nr. 1 und Nr. 2.
+Die Schlachten, welche diese Himmelsstürmer mit dem Teufel lieferten,
+waren unzählig und die ungeheure Tätigkeit des "Erzfeindes" kann nicht
+in Erstaunen setzen, da diese religiösen Don Quichote in jedem Affen, in
+jedem andern Tier und namentlich in jedem Weibe, welche ihnen unvermutet
+begegneten, nicht nur höllische Windmühlen, sondern den höllischen
+Windmüller selber sahen.
+
+Alle Übel, welche ihr krankhafter Körper- und Seelenzustand mit sich
+brachte, wurden für Wirkungen des Teufels gehalten. Antonius schlief auf
+der bloßen Erde und in feuchten Gräbern und zog sich dadurch sehr
+begreiflicherweise die Gicht zu, wie das auch jedem Nichtheiligen
+begegnet wäre; er aber bildete sich ein, dass die Schmerzen, die er
+empfand, von einem Faustkampf mit dem Teufel herrührten, - weil er
+vielleicht wirklich häufig Kämpfe mit den starken Affen zu bestehen
+hatte, die sich im südlichen Ägypten aufhielten und die wahrscheinlich
+die Erzväter der Waldteufel sind. Schöne Weiber, die ihm im Traum
+erschienen, hielt er erst recht für Teufel, da sie ihn am stärksten
+versuchten und eine derartige "Versuchung des heiligen Antonius" sieht
+man häufig gemalt, weil sie die Phantasie der Maler lebhaft anregte.
+
+Manche der Einsiedler mag auch die Eitelkeit verführt haben,
+Erscheinungen vorzugeben, um ihr Verdienst in den Augen der Menschen zu
+erhöhen. Wer vermag es, hier die Grenze zwischen wirklichen Äußerungen
+des Wahnsinns und Dichtungen anzugeben? Wie lange ist es her, dass die
+Hexenprozesse aufgehört haben? Mag bei diesen Letzteren manche
+absichtliche Nichtswürdigkeit vorgegangen sein, so kann man doch für
+gewiss annehmen, dass noch vor hundert Jahren viele der geachtetsten
+Theologen und Juristen an die Möglichkeit der Teufelserscheinungen und
+des fleischlichen Umgangs mit dem Teufel und andern bösen Geistern
+glaubten; denn wäre dies nicht der Fall, so müsste man die Richter,
+welche Hunderttausende von Hexen verbrennen ließen, für absichtliche
+Mörder halten. Hexenprozesse fanden noch im vorigen Jahrhundert statt,
+und der gemeine Mann in vielen, nicht nur römisch-katholischen Ländern,
+glaubt noch heute steif und fest an Hexen.
+
+Dem heiligen Antonius werden viel Wunder zugeschrieben. Die
+Kirchenschriftsteller erzählen, dass ihm die Tiere der Wüste gehorchten
+wie dressierte Pudel. Gar häufig umgaben sie zudringlich seine Höhle,
+warteten aber stets bis er sein Gebet vollendet hatte, dann empfingen
+sie seinen Segen und zogen mit den christlichen Gedanken auf Raub aus.
+Als er den in seinem hundertunddreizehnten Jahr gestorbenen heiligen
+Paulus aus dem ägyptischen Theben begrub, halfen ihm zwei fromme Löwen
+das Grab machen. Als sie fertig waren, empfingen sie seinen Segen und
+zogen, christlich mit dem Schwanz wedelnd, vergnügt und mit
+erleichtertem Gewissen tiefer in die Wüste.
+
+St. Macarius, der sich zur Unterdrückung des ihm arg zusetzenden
+Wollustteufels mit bloßem Hintern in einen Ameisenhaufen setzte, genoss
+ebenfalls das Vertrauen der wilden Bestien. Einst kam eine Hyäne an
+seine Tür und pochte bescheiden an. Als der Heilige öffnete, legte ihm
+die gläubige Mutter ein blindes Junges zu Füßen, zugleich aber ein
+Lammfell als Honorar für die Kur. "Du hast es geraubt, ich mag es
+nicht!" schnob der Heilige die fromme Hyäne an, welche so bestürzt
+wurde, dass ihren Augen Tränen entrollten. Dies rührte den Heiligen und
+er sprach freundlicher zu der bußfertigen Bestie: "Willst du kein Lamm
+mehr rauben, so nehme ich das Fell und heile." Die Hyäne nickt zu, der
+Heilige heilt. Dieser geht in seine Zelle, jene trollt vergnügt in die
+Wüste und raubt von nun an keine Lämmer mehr, sondern wahrscheinlich -
+Schafe.
+
+Das erste Wunder, welches der heilige Hilarion tat, klingt nicht so
+unglaublich. Eine junge Frau, die von ihrem Manne verachtet wurde, weil
+sie ihm keine Kinder gebar, holte sich Rat bei dem
+zweiundzwanzigjährigen Heiligen. Er betete allein mit ihr, und nach neun
+Monaten kam sie wirklich mit einem durch tätiges Gebet bewirkten kleinen
+Heiligen nieder.
+
+Doch wozu noch mehr dieser Wunder anführen? - Hier reitet ein Heiliger
+auf einem Krokodil durch den Nil, dort führt ein anderer einen grimmigen
+Drachen an einem Bindfaden; hier lässt ein anderer Schnee anbrennen,
+Eisen schwimmen und Früchte auf Weidenbäumen wachsen; dort benutzt ein
+Heiliger einen lebendigen Adler als Regenschirm oder hat den Teufel vor
+seinen Pflug gespannt; - kurz, diese Heiligen machten nicht allein die
+Menschen, sondern auch die Natur konfus. Und all dieser Unsinn wurde
+geglaubt, denn daran zweifelte kein Mensch, dass so heilige Leute die
+ewigen Naturgesetze ganz nach Willkür verändern und unterbrechen
+konnten!
+
+Die im Orient entstandene Schwärmerei fand auch in Europa den
+lebhaftesten Anklang, und besonders wirkte dafür St. Ambrosius, Bischof
+von Mailand, dem wir den Ambrosianischen Lobgesang, das Te deum
+laudamus, verdanken, und St. Hieronymus, von dem wir schon früher
+geredet haben. Beide wirkten sowohl durch eigenes Beispiel als durch
+Schriften. Hieronymus lebte selbst längere Zeit in der syrischen Wüste
+und schrieb ein Werk, betitelt "Lob des einsamen Lebens", welches für
+ein Meisterstück der Beredsamkeit gilt. Ich werde später noch manchmal
+Stellen aus seinen Schriften anführen müssen. Er war 331 in Strydon in
+Dalmatien geboren, hielt sich lange Zeit in Rom auf und starb 422 in
+seinem Kloster in Bethlehem.
+
+Der Hang zum asketischen Leben nahm nun schnell in Europa überhand, und
+Heilige und Klöster schossen überall wie Pilze auf. Der heilige Martin
+war der erste, welcher Klöster in Frankreich anlegte. Er war 316 in
+Pannonien geboren und hatte das Kriegshandwerk ergriffen. Als er einst
+einem Armen die Hälfte seines Mantels gab, bildete er sich ein, Christi
+Stimme zu hören, welche ihm zurief: "Was du andern getan hast, hast du
+mir getan." Dies bewog ihn, sein Regiment zu verlassen und unter die
+Heiligen zu gehen. Sein Ruf verbreitete sich bald; er wurde Erzbischof
+von Tours und ein sehr stolzer Heiliger. Als er vor Kaiser Valentinian
+erschien, wollte dieser sich nicht von seinem Throne erheben, um St.
+Martin zu begrüßen. Diesen verdross solcher Hochmut, er betete, und - so
+erzählt die "Geschichte" - feurige Flammen schlugen aus dem Thronsessel
+empor, so dass seine kaiserliche Majestät schnell in die Höhe fahren
+musste, wollte sie nicht ihren allerhöchsten allerdurchlauchtigsten
+Allerwertesten verbrennen.
+
+Die Zahl der europäischen Heiligen ist sehr groß, und ich möchte gern
+ihr ganzes heiliges Leben und all ihre Wunder erzählen; allein leider
+habe ich weder Zeit noch Raum zu einem so umfassenden, interessanten
+Werk und will mich daher damit begnügen, nur von denjenigen zu reden,
+die für die Welt als Stifter von Mönchsorden oder als sogenannte Apostel
+wichtig wurden, und auch dann noch ist ihre Zahl so groß, dass ich eine
+Auswahl treffen muss.
+
+Ehe ich aber dazu schreite, will ich die gläubigen Christen darüber
+belehren, was denn eigentlich solch ein Heiliger bedeutet und wozu er
+noch heute gut ist. Es versteht sich von selbst - so lehrt natürlich die
+römische Kirche - dass ein Heiliger nicht nur selig ist, sondern dass er
+auch im Himmel einen besonders hohen Platz einnimmt, gewissermaßen zu
+der Familie des lieben Gottes gehört und beständig mit Christus, der
+Jungfrau Maria, deren neuerdings unbefleckt empfangenen Frau Mutter, dem
+Heiligen Geist, den vornehmsten Engeln und den Aposteln verkehrt. Man
+kann sich also wohl denken, dass solch ein Heiliger direkten oder
+indirekten Einfluss bei dem lieben Gott hat und nicht leicht vergebens
+bittet. Die Heiligen haben ganz außerordentlich viel zu tun, denn sie
+haben nicht allein diejenigen auf Erden lebenden Menschen zu beschützen
+und zu behüten, deren spezielle Schutzpatrone sie sind, sondern auch
+noch spezielle Zweige der Heiligenwissenschaft zu vertreten. Die
+angeseheneren Heiligen sind außerdem Vorsteher ganzer Nationen oder
+besonderer Städte, und somit sieht jeder ein, dass ihr Amt im Himmel
+keine Sinekure ist. Damit nun jeder, den irgendeine religiöse Blähung
+oder ein körperliches Gebrechen quält, welches er wohlfeiler kuriert
+haben will, als es von einem irdischen unheiligen Doktor geschehen kann,
+weiß, was er zu tun hat, so will ich einige Hauptheilige nebst ihren
+Funktionen anführen.
+
+Der Adel steht unter der besonderen Protektion der drei großen Heiligen
+St. Georg, St. Moritz und St. Michael; der Patron der Theologen ist
+höchst seltsamerweise der zweifelsüchtige "ungläubige" St. Thomas, und
+der Schutzheilige der Schweine ist St. Antonius. Die Jurisdiktion über
+die Juristen hat St. Ivo, über die Ärzte St. Cosmus und St. Damian, über
+die Jäger St. Hubertus und die Trinker stehen unter dem Schutze St.
+Martins. So hat auch jedes Gewerbe seinen besonderen Heiligen, denen die
+römisch-katholischen Handwerker wahrscheinlich ihr Geschäft anvertrauen,
+wenn die vielen Festtage oder die Wallfahrten zur heiligen Garderobe sie
+abhalten, selbst dafür zu sorgen.
+
+Auch jede Nation hat ihren besonderen Schutzheiligen. Die Portugiesen
+haben St. Antonius, der neben den Schweinen auch sie behütet; die
+Spanier St. Jakob, welcher sich kürzlich als der wahre Jakob erwiesen
+hat; die Franzosen St. Denis, die Engländer St. Georg, die Venezianer
+St. Markus, und die Deutschen werden einen eigenen Schutzheiligen
+bekommen, wenn sie eine Nation sind; einstweiligen besorgen die
+Schutzheiligen anderer Nationen ihre diplomatischen Geschäfte, im
+Himmel.
+
+Auch haben einige Heilige, die mit der Leitung von Nationen und
+besonderen Ständen nicht zu sehr beschäftigt sind, ihre Muße im Himmel
+benutzt, einige Übel der armen Erdenwürmer besonders gründlich zu
+studieren, und der liebe Gott, der doch nicht alles selbst tun kann, hat
+ihnen nach dem Glauben vieler Katholiken erlaubt, ihm hier und da
+auszuhelfen.
+
+St. Aja hat die Rechtswissenschaft studiert und hilft in Prozessen; St.
+Cyprian beim Zipperlein, St. Florian bei Feuersgefahr, St. Nepomuk gegen
+Wasserflut und in Verleumdung; St. Benedikt gegen Gift; St. Hubertus
+gegen die Hundswut, St. Petronella im Fieber, St. Rochus gegen die Pest,
+St. Ulrich gegen die Ratten und Mäuse, St. Apollonia gegen Zahnweh, wenn
+es nicht von Schwangerschaft kommt, denn in diesem schmerzlichen Fall
+muss man sich an St. Margaretha wenden, welche auch bei schweren
+Geburten hilft. St. Blasius bläst das Halsweh weg, und St. Valentin
+hilft gegen die fallende Sucht; St. Lucia gegen Augenübel, und Vieharzt
+im Himmel ist St. Leonhard.
+
+St. Benedikt ist der Vater der zahlreichen Benediktinermönche. Er wurde
+480 in Nursia in Umbrien geboren und starb 543. Die Legende erzählt von
+ihm merkwürdige Dinge. Schon im Mutterleibe sang er Psalmen, und wenn er
+als Kind weinte, dann brachten ihm die Engel Bischofsstäbe,
+Bischofsmützen und Breviere zum Spielen und machten Musik auf
+Instrumenten, die erst viele Jahrhunderte später unter den Menschen
+erfunden wurden. Sein erstes Wunder war, dass er einen zerbrochenen Topf
+wieder ganz betete!
+
+Im Beten besaßen diese Heiligen, wenn wir den Kirchenschriftstellern
+glauben wollen, eine ordentlich schauerliche Innigkeit und Ausdauer.
+Einige erhoben sich vor lauter Inbrunst einige Fuß über die Erde und
+blieben so in der Luft hängen. Ein irländischer Heiliger, namens Kewden,
+betete so hartnäckig und lange, dass eine Schwalbe in seine gefalteten
+Hände Eier legen und ausbrüten konnte!
+
+Es versteht sich von selbst, dass St. Benedikt vom Teufel heftig
+verfolgt wurde, der ihn, als der fromme Mann sich in eine Einöde
+vergraben hatte, beständig in Gestalt einer Amsel umschwärmte. Als er,
+nämlich der Heilige und nicht der Teufel, Abt eines Klosters wurde,
+verführte der Teufel einen Pfaffen, sieben schöne Mädchen in der
+Naturuniform im Klostergarten laufen zu lassen, so dass fast alle Mönche
+des Teufels wurden. Nahe daran waren sie, denn sie machten Versuche,
+ihren strengen Abt zu vergiften, die natürlich alle misslangen, denn
+bald betete er den Giftbecher entzwei, bald kam ein Rabe, der das
+vergiftete Brot sofort in die Wüste trug.
+
+Benedikt stiftete eine große Menge von Klöstern, darunter das berühmte
+von Monte Casino, und gab seinen Mönchen eine Regel, die für einen
+Heiligen und sein Zeitalter sehr vernünftig ist. Seine Mönche sollten
+arbeiten; allein von Selbstquälerei und dergleichen ist darin nichts
+vorgeschrieben. Seine Klosterregel wurde bald die Grundlage aller
+anderen, und die Benediktinerklöster waren die Zufluchtsorte für Künste
+und Wissenschaften, welche ohne sie vielleicht ganz und gar im rohen
+Mittelalter von dem Christentum verschlungen sein würden. Wir mögen
+daher immerhin St. Benedikt als einen der achtungswertesten Heiligen
+verehren und ihm die dummen Wunder nicht zur Last legen, welche ihm
+spätere Verehrer andichteten.
+
+Von seiner Klosterregel weicht die des irdischen Mönches Columbanus
+merklich ab; in seinem Zuchtbuch regnet es für das geringste Vergehen
+Dutzende von Hieben. Wer einem Bruder widersprach, ohne hinzuzufügen:
+"Wenn du dich recht erinnerst, Bruder", erhielt fünfzig Hiebe, und wer
+gar allein mit einem Frauenzimmer redete, - zweihundert, wohlgezählt.
+
+Der englische Mönch Winfried, der nachher St. Bonifazius hieß, wird
+gewöhnlich der Apostel der Deutschen genannt. Er führte die Klöster in
+Deutschland ein und mit ihnen allen Segen Roms. Die Friesen erwarben
+sich das Verdienst, ihn nebst dreiundfünfzig Pfaffen totzuschlagen (am
+5.Juni 759). Hätten sie es früher getan, dann wüssten wir vielleicht
+nichts von Ehelosgikeit der Priester, Wallfahrten, Bilderdienst,
+Reliquien und dergleichen Dingen, die er in Deutschland heimisch machte.
+
+St. Adalbert, der sogenannte Apostel der Preußen, war Bischof von Prag
+und ein ganz guter Mann, dem es nur an Verstand fehlte. Was er
+eigentlich für ein Landsmann war, weiß ich nicht; aber ich vermute ein
+Deutscher, denn er war so demütig, dass er am Hofe seines Freundes
+Kaiser Otto II. den Hofleuten heimlich die Stiefel putzte.
+
+Ihn gelüstete sehr nach der Märtyrerkrone und er schlug allerdings,
+obwohl aus heiliger Einfalt, den allerkürzesten Weg dazu ein, sie auf
+das schleunigste zu erlangen. Er zog mit zwei Gefährten Psalmen singend
+durch das Land der wilden, heidnischen Preußen. Dies wilde Volk hielt
+ihn anfangs gar nicht für einen Heiligen, sondern für einen Verrückten
+und wurde in diesem Glauben noch bestärkt, als Adalbert auf ihre
+Götterbilder schimpfte, ja, sie wohl gar verunehrte und ihnen dafür
+Kreuz, Hostie, Marienbilder und andern römisch-christlichen Hausbedarf
+anbot. Als die Preußen ihn auslachten, schimpfte er auf die Verstockten
+und wurde zornig, und ehe er sich dessen versah, steckten ihm sieben
+heidnische Wurfspieße im heiligen Leibe, die ihn zum Märtyrer machten.
+
+Bruno, einem Benediktiner aus Magdeburg, ging es einige Jahre später
+nicht besser; die Preußen schlugen ihn nebst achtzehn seiner Gefährten
+ebenfalls tot.
+
+Ebenso wichtig als Förderer des Klosterwesens und als Heiliger, aber bei
+Weitem wichtiger und bedeutender als Mensch, ist der heilige Bernhard.
+Luther sagt von ihm: "War je ein wahrer, gottesfürchtiger Mönch, so war
+es Bernhard; seinesgleichen ich niemals weder gehört noch gelesen habe,
+und den ich höher halte, denn alle Mönche und Pfaffen des ganzen
+Erdbodens."
+
+Bernhard stammte aus einer altadeligen burgundischen Familie und wurde
+1091 zu Fontaines bei Dijon geboren. Er war ein Schwärmer, aber ein
+durchaus edler Mensch, dem es wahrer Ernst war, die verdorbenen
+Geistlichen und die Menschen überhaupt zu bessern. Er quälte seinen
+Körper auf grauenhafte Weise, indem er mit seinen Mönchen oft nur von
+Buchenblättern und dem elendsten Gerstenbrot lebte. Genoss er einmal zur
+Stärkung seines geschwächten Magens etwas Mehlbrei mit Öl und Honig,
+dann weinte er bitterlich über diese Schwachheit.
+
+Seine Frömmigkeit und sein scharfer Verstand erwarben ihm bald einen
+bedeutenden Ruf. Als er einst in Mailand einzog, waren ihm Hände und
+Arme geschwollen von den Küssen, mit denen ihn die zudringlichen
+Gläubigen überdeckten. Er hätte Erzbischof, ja, Papst werden können, er
+schlug alle Würden aus; aber als einfacher Bruder von Citeaux übte er
+den bedeutendsten Einfluss aus. Er schlichtete Streitigkeiten zwischen
+Päpsten und Königen, zwischen Fürsten und ihren trotzigen Vasallen, und
+der wildeste Kriegsmann zitterte vor dem gewaltigen Mönch. Weder Kaiser
+noch Papst wagten es, in Bernhards Kloster Citeaux einzureiten, sie
+gingen demütig zu Fuß.
+
+Er war die Seele des zweiten der Kreuzzüge, - dieser großartigen
+Narrheit, die sieben Millionen Menschen das Leben kostete, die aber aus
+religiösem Eifer von Bernhard gefördert wurde. Selbst über die
+hartnäckigsten Widersacher siegte seine Beredsamkeit, wie zum Beispiel
+über Kaiser Konrad III., der in Speyer seinen Kaisermantel ablegte und
+den Heiligen auf seinen Schultern durch das Gedränge trug. Seine
+verführerische Zunge entvölkerte die Städte von Männern, so dass in
+manchen kaum einer für sieben Weiber zurückblieb, denn "alles, was die
+Wand bepisst", nahm das Kreuz.
+
+Der heilige Bernhard verdiente ein eigenes Buch, und ich werde später
+noch hier und da manches zu erwähnen haben, was seine Verdienste besser
+ins Licht setzt. Hier will ich nur noch einige Wunder anführen, welche
+ihm die Legende zuschreibt und ohne welche er schwerlich in den
+Heiligenkalender gekommen wäre, trotz all seiner Verdienste.
+
+Die Erzählungen von den Siegen über den Teufel, welche er durch die
+Kraft seines Gebetes errang, sind unzählbar. Sein Gebet war aber auch so
+innig, dass es Steine erbarmte. Einst machte sich ein steinerner
+Christus vom Kreuze los und stieg herab, um den frommen Beter zu
+umarmen. Ein steinernes Marienbild ging noch weiter. Es reichte dem
+Heiligen die Brust, und dieser trank aus dem Stein die süßeste
+Frauenmilch! Es ist diese Güte der heiligen Mutter Gottes umso mehr zu
+bewundern, als St. Bernhard sie eigentlich immer schlecht behandelte und
+nicht einmal an ihre Jungfrauschaft glauben wollte! Als er einst in den
+Dom zu Speyer trat, grüßte er das dort befindliche Marienbild: "Sei
+gegrüßt, o Königin!" Wie erstaunten die Anwesenden, als die
+geschmeichelte und angenehm überraschte steinerne Mutter Gottes die
+steinernen Lippen öffnete und ausrief: "Wir danken dir schön, unser
+lieber Bernhard", aber noch verwunderte man sich, als der verdrießliche
+Heilige die Worte des Apostels zurückbrummte: "Weiber schweigen in der
+Versammlung."
+
+Bernhard starb 1153. Er erschien seinen Mönchen mehrmals verklärt im
+Himmelsglanz, aber - und Spötter sollten sich das ad notam nehmen - in
+der Mitte seines Leibes war ein unangenehmer Makel, eben weil er an die
+makellose Jungfrauschaft der Mutter des Jesukindleins nicht hatte
+glauben wollen.
+
+St. Bernhard selbst hatte 160 Klöster angelegt, die eine zahlreiche
+Nachkommenschaft hatten, denn schon zehn Jahre nach des Heiligen Tod gab
+es 500, und hundert Jahre später gegen 2000 Bernhardiner- oder
+Zisterzienserklöster. Die Mönche dieses Ordens zeichneten sich lange
+Zeit vor allen andern durch Arbeitsamkeit und Sittenreinheit aus, so
+dass Könige und Fürsten in die Gemeinschaft desselben traten.
+
+Den Segen, den diese Mönche und die Benediktiner dem rohen Mittelalter
+hätten bringen können, vernichteten die nun bald entstehenden
+Bettelorden, welche knechtische Unterwerfung der Vernunft unter den
+blindesten Glauben lehrten und damit die zügelloseste Sittenlosigkeit zu
+verbinden wussten. Sie verbreiteten eine dicke geistige Finsternis über
+die Erde, welche die Päpste und ihre Verbündeten so sehr zu schätzen
+wussten, dass sie auf das sorgfältigste bemüht waren, dieselbe bis auf
+den heutigen Tag zu erhalten.
+
+Die Idee der Bettelorden entsprang in dem Gehirn Giovanni Bernardone's,
+eines verdorbenen Kaufmannssohnes aus Assisi in Umbrien. Er ist bekannt
+unter dem Namen des heiligen Franz von Assisi oder des seraphischen
+Vaters. - Da der junge Mann zum Kaufmann nichts taugte, so wurde er
+Soldat, geriet in Gefangenschaft und verfiel in eine schwere Krankheit.
+Als er genas, war er - ein Heiliger! Das heißt vorläufig nur ein simpler
+Narr, der sich unter Bettlern und Aussätzigen umhertrieb, ihre Geschwüre
+küsste, sich mit ihren Lumpen kleidete und seinen Vater bestahl, um das
+Gestohlene zum Ausbau einer verfallenen Kirche zu verwenden. Der Bischof
+von Assisi nahm den Dümmling in Schutz, und bald zog er im Land umher,
+bettelnd für den Bau der eben erwähnten Kirche. Die Kollekte fiel so
+reichlich aus, dass er auf den Gedanken geriet, einen Bettelorden zu
+stiften. Papst Honorius sagte zwar von ihm: "Ihr seid ein
+Einfaltspinsel", aber Papst Innozenz III., dazu durch einen Traum
+veranlasst, bestätigte die von Franz aufgesetzte Mönchsregel, die er
+doch anfangs eine Regel für Schweine, aber nicht für Menschen genannt
+hatte.
+
+Anfangs wurde Franz verspottet und verhöhnt, aber in der Zeit von drei
+bis vier Jahren stieg der Ruf seiner Heiligkeit so sehr, dass ihm, wenn
+er einer Stadt nahte, Geistlichkeit und Volk feierlich entgegenkamen und
+mit allen Glocken geläutet wurde. (1211.)
+
+Seine Regel verbot es streng ein Eigentum zu haben, und die äußerste
+Demut war den Mönchen Gesetz. "Die Almosen", sagte Franz, "sind unser
+Erbe, Almosen unsere Gerechtigkeit, das Betteln unser Zweck und unsere
+Königswürde! Die Schmach und Verachtung unsere Ehre und unser Ruhm am
+Tag des Gerichts."
+
+Er ging selbst mit dem Beispiel voran, denn er war demütig wie ein Hund.
+Je mehr ihn die Gassenjungen verhöhnten, desto lieber war es ihm, und
+ganz vergnügt war er, wenn sie ihn gar mit Schmutz bewarfen. Aus lauter
+Demut ließ er sich oft mit Füßen treten. Wenn er in Assisi umherging und
+bettelte, so steckte er alles Essbare, das er erhielt, in einen Topf,
+und wenn ihn hungerte, so langte er zu und aß von dem ekelhaften
+Gemisch. Einst wurde Franz von einem Kardinal zu Tisch geladen; er ließ
+jedoch alle Gerichte unberührt und aß zum Ekel der delikaten Gäste den
+Schweinefraß, den er gesammelt hatte.
+
+Die Tiere hatte er sehr lieb und nannte sie seine Brüder und Schwestern.
+Gar oft predigte er den Gänsen, Enten und Hühnern, und als ihn einst die
+Schwalben und Sperlinge durch ihr Gezwitscher störten, bat er die
+"lieben Schwestern" um Ruhe. Einen Bauer, der zwei Lämmer zu Markte
+trug, fragte er: "Weshalb quälst du so meine Brüder?" - Eine Laus, die
+sich auf seine Kutte verirrt hatte, nahm er sorgfältig zwischen die
+Finger, küsste sie und sagte: "Liebe Schwester Laus, lobe mit mir den
+Herrn!" Dann setzte er sie auf seinen Kopf, woher sie gekommen war.
+
+Seinen Körper nannte er "Bruder Esel", und wenn diesen Esel der Hafer
+stach, dann plagte er ihn wacker. Er wälzte sich, wie es auch St.
+Benedikt tat, nackt auf Dornen, stieg bis an den Hals in gefrorene
+Teiche oder legte sich in den Schnee, bis jede wollüstige, eselhafte
+Regung verschwunden war. Einst machte er sich in spaßhafter Laune Weib
+und Kinder von Schnee und umarmte sie so lange inbrünstig, bis sie
+zerschmolzen waren.
+
+Sein Orden mehrte sich außerordentlich schnell, denn schon im Jahr 1216,
+als er ein Generalkapitel desselben nach Assisi ausschrieb, kamen hier
+5000 Franziskaner zusammen, obgleich ein großer Teil davon nur
+Abgeordnete von Klöstern waren. Ihre Zahl wuchs bald wie Sand am Meer.
+Der Franziskanergeneral bot einst dem Papst Pius III. 40.000
+Franziskaner zum Türkenkrieg an und versicherte, dass die geistlichen
+Verrichtungen darunter nicht leiden sollten. Während der Pest 1348
+starben allein in Deutschland 6000 Franziskaner, und man merkte die
+Verminderung nicht. Die Reformation zerstörte unendlich viele ihrer
+Klöster, allein noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts rechnete man die
+Zahl derselben auf 7000 Mönchs- und 900 Nonnenklöster!
+
+Franz starb 1226, und da er ein Heiliger war, so tat er denn
+selbstverständlich auch eine Menge von Wundern. Christi Wunder
+verschwinden vor denen, welche seine Mönche von ihm berichten.
+
+Einst zog er sich in die Apenninen zurück und hungerte hier vierzig Tage
+lang. Da erschien ihm ein Seraph, der ihm die fünf Wundmale Christi
+aufdrückte, so dass sie bluteten. Von daher hieß Franz auch der
+seraphische Vater und sein Orden der Seraphienorden. Die Verehrer dieses
+Heiligen gingen so weit, ihn wirklich weit über Christus zu setzen und
+ihm die tollsten und verrücktesten Wunder zuzuschreiben.
+
+Franzens Nachfolger als Ordensgeneral war der Bruder Elias, ein
+schlauer, durchtriebener Patron, der sich die Einfalt Franzens trefflich
+zunutze zu machen wusste. Er und seine Nachfolger verstanden es
+herrlich, Franzens Ordensregeln auszulegen, und dabei wurden ihre
+Klöster so reich wie keine anderen.
+
+Die geschworenen Feinde und Widersacher der Franziskaner waren die
+ungefähr um dieselbe Zeit entstehenden Dominikaner, so benannt nach
+ihrem Stifter, dem heiligen Dominikus. Er hieß Dominikus Guzman und war
+1170 in Altkastilien geboren. Er ward zur Bekehrung der Waldenser nach
+Frankreich geschickt und bekam hier den Gedanken, einen Mönchsorden zu
+stiften, dessen Wirksamkeit besonders auf das Volk berechnet sein und
+der sich mit Predigten und Unterrichtgeben und zu seinem Unterhalt mit
+dem einträglichen Betteln abgeben sollte. Er erhielt vom Papst die
+Bestätigung, und dieser scheußliche Orden trat ins Leben, um die Welt
+mit der Inquisition und der Zensur der Bücher zu beglücken. Dominikus
+selbst war der erste, welcher förmliche Ketzerjagden anstellte.
+
+Er wollte seinen Orden mit dem des heiligen Franz vereinigen; aber
+dieser hatte keine Lust dazu. Beide Orden standen sich indessen anfangs
+bei; aber bald gerieten sie aus Handwerksneid in bitterste Feindschaft;
+auch wollten die gebildeteren Dominikaner stets etwas Besseres sein als
+die Franziskaner, von denen durchaus keine Gelehrsamkeit gefordert
+wurde. Der Dominikanerorden wuchs ebenfalls schnell, und 1494 gab es
+4143 Klöster desselben.
+
+St. Dominikus verdankt die Klosterwelt eine große Erfindung, nämlich
+neunerlei Stellungen beim Gebet, mit denen man zur Unterhaltung
+abwechseln konnte, damit die Sache nicht zu langweilig wurde. Man konnte
+beten: stehend, kniend, auf dem Rücken, dem Bauch, den Seiten liegend,
+die Arme ins Kreuz ausgestreckt, gekrümmt stehend, bald kniend, bald
+aufspringend. Er selbst betete so inbrünstig, dass er von der Erde
+verzückt wurde, das heißt einige Fuß hoch vom Boden in der Luft
+schwebte. Er starb 1221 zu Bologna. Von seinen überirdischen Taten,
+nämlich seinen Wundern, wollen wir schweigen, wir haben genug an seinen
+irdischen. Fliehen wir aus der Gesellschaft dieses bleichen
+Henkerknechtes! und wessen Christentum es erlaubt, der mag dem Vater der
+Inquisition aus vollem Herzen einen Fluch nachrufen, ich stimme von
+ganzer Seele ein!
+
+Ich hoffe, die Leser werden bereits genug haben an dem Unsinn, den ich
+ihnen nach den Berichten der Kirchenschriftsteller von den
+achtungswertesten der Heiligen erzählte, und ich will ihre Geduld jetzt
+nicht weiter auf die Probe stellen, da ich ohnehin später noch diesen
+oder jenen Heiligen erwähnen muss. Wäre ich nur darauf ausgegangen, die
+Heiligen und ihre Wunder lächerlich zu machen, dann hätte ich eine ganz
+andere Auswahl getroffen, dann hätte ich St. Antonius von Padua, welchen
+der heilige Franz selbst "ein Rindvieh" nannte, und Konsorten gewiss
+nicht ausgelassen.
+
+Schließlich will ich nur noch einige heilige Frauen erwähnen; ihre Zahl
+ist nicht weniger groß als die der männlichen Heiligen, und ihre
+Schwärmereien und Wunder sind noch bei weitem wunderbarer. Es ist hier
+nicht der Ort, die Ursachen auseinanderzusetzen, warum das weibliche
+Geschlecht weit mehr zur Schwärmerei geneigt ist als das männliche und
+der Verstand der Weiber leichter überschnappt. Die Erfahrung lehrt es
+uns täglich. Von somnambulen Männern habe ich noch nichts gehört, aber
+dergleichen Mädchen - nicht Frauen - gibt es in großer Menge. Eine große
+Zahl der heiligen Mädchen waren ganz sicher Somnambulen.
+
+Eine der ältesten Heiligen ist St. Afra. Ihre Mutter hielt ein Bordell
+in Augsburg, und sie war darin eine der fungierenden Priesterinnen. Der
+Zufall, natürlich, führte einst den spanischen Bischof Narzissus in dies
+Haus. Er bekehrte die Priesterinnen der Venus zum Christentum, und Afra,
+mit der er sich am meisten beschäftigte, machte er zur Heiligen. Sie
+wurde später als Märtyrerin verbrannt.
+
+Die heilige Therese war eine Spanierin aus adeliger Familie, geboren
+1515 und gestorben 1582. Ihre Verehrer gaben ihr die seltsamsten Titel:
+Arche der Weisheit, himmlische Amazone, Balsamgarten, Orgel und
+Kabinettssekretär des Heiligen Geistes usw. Schon als Kind wurde sie von
+der Schwärmerei ergriffen und wollte nach Afrika gehen, um dort den
+Märtyrertod zu finden. Endlich, als sie siebzehn Jahre alt war, hielten
+es die Eltern nicht mehr mit ihr aus und brachten sie in das
+Karmeliterkloster zu Avila. Sie hatte nun bald Erscheinungen aller Art,
+und als ihr gar einst eine Hostie aus der Hand des Bischofs von selbst
+in den Mund flog, da war die Heilige fertig. Sie ward endlich Äbtissin
+eines eigenen Klosters zu Pastrana, und nun konnte sie ihrer Heiligkeit
+freien Lauf lassen.
+
+Jesus war von ihrer Heiligkeit so entzückt, dass er ihr einst die Hand
+reichte und sie zu seiner Braut weihte, indem er sagte: "Von nun an bin
+ich ganz dein und du ganz mein." Einst erschien ihr ein Seraph, der sie
+mit einem "glühenden Pfeil" einige Mal tupfte; aber der Schmerz war so
+süß, dass sie wünschte, ewig so getupft zu werden. Die Spanier feiern
+noch heute dies Fest der Bepfeilung am 27. August.
+
+Die Nonnen der heiligen Therese mussten barfuß gehen und sich die
+strengste Zucht gefallen lassen. Der blindeste Gehorsam war ihnen
+Gesetz, und die geringste Abweichung davon wurde furchtbar bestraft.
+Eine Nonne, die über schlechtes Brot eine verdrießliche Miene machte,
+wurde nackend an die Eselskrippe gebunden und musste hier zehn Tage lang
+Hafer und Heu fressen! Solche barbarische Strenge hatte denn auch zur
+Folge, dass jeder ihrer Befehle auf das pünktlichste befolgt wurde. Eine
+Nonne fragte sie einst, wer heute die Abendmette singen solle. Die
+Heilige war verdrießlich und antwortete "Die Katze". Die Nonne nahm also
+die Katze, ging damit an den Altar und zwickte sie in den Schwanz, so
+dass das arme Tier in den erbärmlichsten Liedern das Christentum
+anklagte.
+
+Selbstquälerei war in diesem Kloster an der Tagesordnung. Theresens
+Nonnen verbrauchten eine Unmasse von Ruten. Sie schliefen auf Dornen
+oder im Schnee, tranken aus Spucknäpfen, nahmen tote Mäuse und anderes
+ekelhaftes Zeug in den Mund, tranken Blut, tauchten ihr Brot in faule
+Eier und durchstachen sich die Zunge mit Nadeln, wenn sie das Schweigen
+gebrochen hatten.
+
+Eine höchst merkwürdige Antipathie hatte die heilige Therese gegen
+behos'te Männer, und hätte sie die Macht gehabt, so hätte sie allen die
+Hosen abgezogen. Soweit sie Gewalt hatte, tat sie es auch. Die unter ihr
+stehenden Karmelitermönche mussten die Hosen ablegen und dafür ein
+kleines Schürzchen von brauner Wolle tragen. Sie hielt indessen nur
+Männerhosen für unchristlich, denn ihre Nonnen mussten Hosen tragen; ob
+sie es selbst tat, darüber haben uns die gelehrten Karmelitermönche
+keine Nachricht hinterlassen.
+
+St. Therese war auch Schriftstellerin und schrieb Bücher, die manchem
+armen Mädchen den Kopf verrückten. Nach ihrem Tod erschien sie einer
+vertrauten Nonne und gestand ihr, dass sie mehr aus Inbrunst der Liebe
+als an der Heftigkeit der Krankheit gestorben sei. Von der Liebe scheint
+diese heilige Hosenfeindin überhaupt mehr verstanden zu haben, als man
+einer Äbtissin sonst zutraut, denn irgendwo schreibt sie: "Der Teufel
+ist ein Unglücklicher, der nichts liebt, und die Hölle ein Ort, wo man
+auch nicht liebt"; ein Gedanke, der eines Dichters würdig ist.
+
+Ungefähr um dieselbe Zeit wie Therese lebte die Italienerin Katharina
+von Cardone. Sie war aus Liebe verrückt, wohnte in einer Höhle und trug
+ein Kleid von Ginster, mit Dornen und Eisendraht durchflochten. Sie fraß
+Gras wie ein Tier, ohne sich der Hände zu bedienen, und einmal fastete
+sie gar vierzig Tage lang. So lebte sie drei Jahre!
+
+Die heilige Katharina von Genua war in Liebe, zu Christus natürlich,
+dermaßen entbrannt, dass sie darüber toll wurde. Sie glühte wie ein
+Ofen, und oft wälzte sie sich an der Erde und schrie: "O Liebe! Liebe,
+ich halte es nicht mehr aus!"
+
+Die heilige Passidea, eine Zisterziensernonne aus Siena, quälte sich,
+noch ehe sie ins Kloster ging, ärger als die Väter der Wüste. Sie
+geißelte sich mit Dornen und wusch dann die Wunden mit Essig, Salz und
+Pfeffer; sie schlief auf Kirschkernen und Erbsen, trug ein Panzerhemd
+von sechzig Pfund Schwere und stieg in gefrierende Teiche, um sich mit
+einfrieren zu lassen. Ja, sie trieb den Unsinn so weit, dass sie sich
+mit dein Kopf nach unten lange Zeit in den rauchenden Schornstein
+hängte! Als sie Nonne war, erschien ihr einst Christus und drückte ihr
+seine fünf Wundmale ein. Zwei Nonnen sahen durch das Schlüsselloch, wie
+Jesus sie drückte und verschwand und wie die Wunden bluteten!
+
+Die heilige Klara war aus Assisi und schwärmte mit dem heiligen Franz.
+Sie lief zu ihm und bat, dass er sie zur Nonne machen und Söhne und
+Töchter mit ihr zeugen möchte, - natürlich geistlicherweise. Ihre
+Schwester Agnes wurde bald darauf von derselben Schwärmerei ergriffen,
+und die armen Eltern waren ganz unglücklich. Die Verwandten wollten die
+beiden Närrinnen mit Gewalt aus dem Kloster holen, aber da wurde - so
+erzählt die Legende - Agnes plötzlich so schwer, dass zwölf Männer sie
+nicht von der Stelle bringen konnten, und der Oheim, der sein Schwert
+gezogen hatte, blieb stehen, als höre er Hüons Zauberhorn.
+
+Die heilige Klara lebte sehr streng. Als Hemd trug sie eine Schweinshaut
+oder auch eine Gewebe aus Rosshaaren, und aus Demut küsste sie der
+schmutzigsten Viehmagd die Füße, welche sie dann erst wusch, als wären
+sie durch ihren Kuss verunreinigt worden. Als sie starb, fanden sie in
+ihrem Herzen im kleinen alle Passionsinstrumente, wie in einem
+Hechtskopf, und in ihrer Blase drei geheimnisvolle Steinchen, sämtlich
+von gleichem Gewicht, aber wovon eines so schwer als alle drei, zwei
+nicht schwerer als eins und das kleinste davon so schwer als alle drei
+waren! - St. Klara war die Mutter der weiblichen Franziskaner, und ihr
+verdanken wohl 900 Klarissenklöster ihr Entstehen.
+
+Die heilige Katharina von Siena war auch mit Jesus verlobt worden, der
+ihr einen kostbaren Diamantring an den Finger steckte, welchen aber
+niemand sah als sie allein. Sie pflegte die ekelhaftesten Kranken, wofür
+sie mit dem rosinfarbenen Blute aus seiner Seitenwunde getränkt wurde.
+Seitdem nahm sie von Aschermittwoch bis Himmelfahrt weiter keine
+Nahrung, sondern lebte bloß vom Abendmahl. Christus drückte ihr auch
+seine fünf Wunden ein, was der Orden pour le mérite Religionsklasse der
+Heiligen zu sein scheint. Über diese Auszeichnung kamen die Dominikaner
+mit den Franziskanern in einen Streit, der vierzig Jahre dauerte und
+welchen Papst Urban VIII. dahin entschied, dass Katharinas Wundmale
+nicht geblutet hätten wie die des heiligen Franz. Auch wurde den Malern
+befohlen, die Heilige nur mit fünf Strahlen vorzustellen.
+
+Die heilige Agnes ließ der Stadtrichter, weil sie seinen Sohn nicht
+heiraten wollte, nackt in ein Bordell bringen; aber plötzlich bekam sie
+so lange Haare, dass sie sich darin einwickeln konnte wie in einen
+Mantel, und das ganze liederliche Haus verwandelte sie in ein Bethaus.
+
+Die heilige Paula, die einst ein unheiliger Jüngling notzüchtigen
+wollte, erhielt auf ihr Gebet einen garstigen langen Bart, vor dem sich
+der Liebhaber entsetzte und floh.
+
+Die heilige Brigitte befreite einst ein neapolitanisches Mädchen von
+einem in Gestalt eines Jünglings auf ihr liegenden Teufel.
+
+Wir wollen die Reihe der Heiligen schließen mit der heiligen Rosa von
+Lima, einer Dominikanerin, die auf knotigem Holz und Glasscherben
+schlief und als Nachttrunk einen Schoppen Galle trank. Jesus war von
+ihrer Heiligkeit so entzückt, dass er an einem Palmsonntag als
+Steinmetzgeselle zu ihr kam und sich mit ihr verlobte, indem er sprach:
+"Rosa, Schatz meines Lebens, du sollst meine Braut sein." Maria war mit
+dabei und gratulierte ihr, indem sie sagte: "Siehe, was für eine große
+Ehre dir mein Sohn antut." Las die Heilige, so erschien Jesus auf dem
+Blatt und lächelte sie an; nähte sie, so setzte er sich auf ihr
+Nähkissen und scherzte mit ihr. Besuchte Jesus eine andere Nonne - denn
+er hatte gar zu viele Bräute -, so war Rosa vor Eifersucht außer sich,
+bis er wiederkam.
+
+Ihre heilige Schwiegermutter, die Jungfrau Maria, diente ihr
+einundzwanzig Jahre lang als Kammerjungfer, und wenn die Frühmette kam,
+rief sie: "Stehe auf, liebe Tochter, es ist Zeit." Das Kloster wimmelte
+von Flöhen, aber keiner von diesen freigeisterischen Springern hatte die
+Dreistigkeit, die Braut Christi zu stechen. - So steht es in der
+päpstlichen Bulle, welche die Heiligsprechung enthält!
+
+Außer den in diesem Kapitel genannten Heiligen und noch vielen hundert
+anderen, die ich nicht nannte, beten die römischen Katholiken noch zu
+einigen, die niemals lebten und die einer lächerlichen Fabel ihren
+Ursprung verdanken, wie St. Christophorus, St. Georgius, St. Mauritius
+und 6600 Gesellen, die sieben Schläfer, Ursula mit ihren 11.000
+Jungfrauen und St. Guinefort, der ein vierbeiniger Hund war!
+
+Jeder gute Katholik, der das Vergnügen haben will, nach seinem Tod unter
+die Heiligen versetzt zu werden, konnte dies unter dem vorigen Papst
+noch haben - von dem jetzigen weiß ich es nicht - der den Toten für
+100.000 Gulden kanonisierte. Wunder fanden sich, da eben niemand ohne
+Wunder Heiliger werden kann.
+
+Die Christen der ersten Jahrhunderte wussten von Heiligen nichts. Sie
+verehrten allerdings die Märtyrer oder Blutzeugen, welche ihres Glaubens
+wegen hingerichtet wurden, sie erwähnten dieselben in ihren
+Versammlungen und stellten sie der Gemeinde als Muster hin; und das war
+sehr natürlich und durchaus zu billigen. Erst als Konstantin zum
+Christentum übertrat und viele der heidnischen Bräuche in die
+christliche Kirche übergingen, kam auch der Heiligendienst in Aufnahme.
+Die Heiden waren gewohnt, ihren Heroen zu opfern; die christlichen
+Priester trugen diesen Gebrauch auf ihre Glaubensheroen über.
+
+Solange jeder Mensch Gott gleich nahe zu stehen glaubte, musste der
+Heiligendienst als Unsinn betrachtet werden; als jedoch die Pfaffen sich
+als Makler zwischen Gott und den übrigen Menschen stellten, war der
+Schritt zu dem unsinnigen Glauben nicht weit, dass die Heiligen im
+Himmel gleichsam wie Minister und Kammerherren den Hofstaat Gottes
+bildeten und dass, wer bei Sr. himmlischen Majestät etwas durchsetzen
+wollte, nur diese durch Gebete und Opfer zu bestechen brauchte!
+
+Ärger konnten die Pfaffen die christliche Religion nicht verhöhnen als
+durch diesen Heiligendienst, der dadurch noch unwürdiger wird, als es
+schon seiner inneren Natur nach der Fall ist, dass viele dieser
+Heiligen, wie uns die Geschichte lehrt, die verworfensten,
+lasterhaftesten Menschen, ja, geradezu Schufte waren. Selbst die besten
+waren nicht ganz richtig im Kopf und entweder Schwärmer oder
+Wahnsinnige. Es gibt noch heute eine Menge solcher Heiliger unter
+Protestanten und Katholiken, nur dass man sie nicht mehr anbetet,
+sondern in Narrenhäuser sperrt.
+
+Carl Julius Weber, einer unserer geistreichsten Schriftsteller,
+charakterisierte diese Heiligen derb aber richtig. Er sagt: "Bei
+weiblichen Mystikern sitzt der Jammer gewöhnlich auf dem Fleckchen, das
+man nicht gerne nennt, und bei den männlichen hat den Fleck Hudibras
+getroffen. -
+
+ So wie ein Wind in Darm gepresst
+ Ein - wird, wenn er niederbläst,
+ Sobald er aber aufwärtssteigt,
+ Neu Licht und Offenbarung zeugt."
+
+Der Hysterie und den blinden Hämorriden verdankt die römische Kirche die
+meisten ihrer Heiligen, und sie darf sich daher nicht wundern, wenn wir
+dieselben - als Afterheilige betrachten.
+
+
+
+
+Die heilige Trödelbude
+
+
+ Die Welt hat es erfahren,
+ dass einst der Glaub' in Priesterhand
+ mehr Böses tat in tausend Jahren,
+ als in sechstausend der Verstand.
+
+
+"Geld ist Macht." Das erkennt niemand besser als die römische Kirche,
+die nach beiden und durch das eine zum anderen strebte. In der römischen
+Kirche gibt es keine Einrichtung oder Satzung, welche nicht auf irgend
+eine Gelderpressung hinausliefe, und so lange die Welt steht, gab es
+keine Institution, die ein umfangreicheres, frecheres und
+einträglicheres Schwindelgeschäft betrieb, als die römische Kirche.
+
+Als die einträglichsten Betrügereien derselben erwiesen sich der Handel
+mit Reliquien und mit "Ablass", ein Handel, welcher Jahrhunderte durch
+mit großem Erfolg betrieben wurde und der noch heutzutage keineswegs
+aufgehört hat. Um ihn aufrechtzuerhalten, wurde der krasseste Aberglaube
+geflissentlich auf die gewissenloseste Weise in die Herzen des Volks
+gepflanzt und auf die unverschämteste Weise ausgebeutet.
+
+Eine Geschichte des Handels zu schreiben, den die römische Kirche trieb
+und noch treibt, würde eine Riesenarbeit sein, welche die Grenzen, die
+ich mir notwendig setzen muss, weit überschreiten würde; ich kann nur
+eine flüchtige Skizze desselben geben, die indessen vollkommen
+hinreichend sein wird, um den ungeheuren Umfang des Betruges und die
+Frechheit desselben erkennen zu lassen.
+
+Auf menschliche Schwächen und Neigungen verstehen sich die Pfaffen
+vortrefflich, und dieser Kenntnis verdanken sie ihren Reichtum und ihre
+Macht. Ihnen konnte es nicht entgehen, dass alle Menschen mehr und
+weniger Reliquiennarren sind, und sie machten diese Narrheit zu einer
+Goldgrube, die noch heute nicht erschöpft ist.
+
+Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch irgendeine Reliquie wert hält, sei
+es die Locke einer Geliebten, eine gestickte Brieftasche oder eine
+trockene Blume oder ein Band, woran sich angenehme liebe Erinnerungen
+knüpfen. Ebenso kann man sich eines gewissen Interesses nicht erwehren,
+wenn man Gegenstände sieht, welche von bedeutenden historischen Personen
+einst gebraucht wurden.
+
+Sowohl die Griechen als die alten Römer hatten ihre wert gehaltenen
+Reliquien, und einige davon waren fast römisch-katholisch, wie zum
+Beispiel das Ei der Leda! Das Palladion war ja auch eine Reliquie, und
+noch dazu eine wundertätige, wie auch der vom Himmel gefallene heilige
+Schild und viele andere.
+
+Die Inder führten um einen übermenschlich großen Zahn von Buddha blutige
+Kriege, und die Mohammedaner bewahren Fahne, Waffen, Kleider, den Bart
+und zwei Zähne ihres Propheten, und so finden wir Reliquien bei jedem
+Kultus und bei jedem Volk.
+
+Wir entdecken in der Geschichte der christlichen Kirche keine Spur von
+Reliquienkultus, ehe Konstantin Christ wurde. Von diesem wird erzählt,
+dass er während der Schlacht an der Milvischen Brücke am Himmel ein
+glänzendes Kreuz sah mit der griechischen Überschrift, welche in
+deutscher Übersetzung "In diesem siege" heißt. Er ließ nun eine
+Kreuzfahne machen, der seine meistens christlichen Soldaten mit
+Enthusiasmus folgten.
+
+Seitdem wurde das Kreuz Mode, und bald fand die Mutter des Kaisers,
+Helena, das wahre Kreuz auf, an welchem Jesus vor länger als dreihundert
+Jahren gekreuzigt worden war, wie auch das Grab, in welchem sein Körper
+bis zur Auferstehung gelegen hatte. Die gleichzeitigen Schriftsteller
+melden zwar von dieser Entdeckung nichts; sogar der Fabelhans Eusebius,
+welcher die Reise der Kaiserin Helena nach Palästina beschreibt, sagt
+kein Wort von diesem merkwürdigen Fund; aber die Geschichte ist einmal
+als wahr angenommen, und die römische Kirche feiert ein eigenes
+"Kreuzerfindungsfest".
+
+Der Segen, den Helena entdeckte, war aber zu groß; sie fand nicht allein
+das Kreuz Christi, sondern auch das der beiden "Schächer". Die
+Inschrift, die Pilatus zur Verhöhnung der Juden hatte anheften lassen,
+fand sich nicht mit vor; wie sollte man nun das heilige Kreuz von den
+beiden anderen unterscheiden? Pfaffen sind aber erfinderisch, und so war
+man denn auch nicht um eine Auskunft verlegen. Man legte einen Kranken
+auf eins der Kreuze, und er wurde weit kränker. Man vermutete daher,
+dass dies wohl das Kreuz des gottlosen Schächers sein müsse, der Jesus
+verspottete, und legte den Kranken auf ein anderes. Ihm ward um vieles
+besser, und endlich als er von diesem Kreuz des frommen Schächers auf
+das dritte gelegt wurde, - stand er sogleich frisch und gesund auf. Das
+Kreuz Christi war gefunden!
+
+Man fand nun auch bald die Gräber der Apostel, und ihre Körper sind,
+glaub' ich, sämtlich vorhanden. Wusste man nicht, wo sie gestorben oder
+begraben waren, so hatte man göttliche Offenbarungen. Auf diese Weise
+gelangte man zu den Überresten von allen möglichen Märtyrern und
+Heiligen, die natürlich sämtlich Wunder taten. Solcher Offenbarungen
+wurden, wie sich von selbst versteht, nur Mönche und Geistliche
+gewürdigt; aber recht frommen Leuten gelang es mit Hilfe der Letzteren
+auch, mit den Heiligen in direkten Verkehr zu treten.
+
+Eine fromme Frau zu St. Maurin hatte Johannes den Täufer zu ihrem
+Lieblingsheiligen ausersehen. Drei Jahre lang bat sie täglich den
+Heiligen nur um irgendwelches Teilchen von seinem Leib, den er ja doch
+nicht mehr brauchte, sei es auch was es sei; - der hartherzige Johannes
+wollte sich nicht erbarmen! Nun wurde die Frau trotzig und schwor,
+nichts mehr zu essen, bis der Heilige ihre Bitte erhört habe. Sieben
+Tage hatte sie schon gehungert, da endlich! fand sich auf dem Altar -
+ein Daumen des Täufers. Drei Bischöfe legten mit großer Andacht diese
+kostbare Reliquie in Leinwand, und drei Blutstropfen fielen aus dem
+Daumen heraus, - so dass doch für jeden der drei Bischöfe auch noch
+etwas abfiel.
+
+Wie unendlich schwer ist es uns geworden, die Überreste Schillers und
+Webers aufzufinden! und beide starben doch als geachtete und
+hochverehrte Männer, in ruhiger Zeit und in Staaten, wo jeder
+Neugeborene und jeder Gestorbene in ein besonders darüber geführtes
+Register eingetragen wird; umso mehr ist es zu bewundern, dass man in
+jener Zeit noch nach Jahrhunderten nicht allein die Gebeine, sondern
+auch die Kleidungsstücke von Heiligen vorfand, die als Verbrecher
+hingerichtet und deren Leichen irgendwo eingescharrt wurden. Ja, was
+noch wunderbarer ist, man fand von manchem Heiligen so viele
+Körperteile, dass man daraus, wenn man sie zusammensetzte, sechs und
+mehr vollständige Skelette hätte machen können! Der heilige Dionysius
+existiert zum Beispiel in zwei vollständigen Exemplaren zu St. Denis und
+zu St. Emmeran, und außerdem werden noch in Prag und in Bamberg Köpfe
+von ihm gezeigt und in München eine Hand. Der Heilige hat also zwei
+vollständige Leiber, fünf Hände und vier Köpfe!
+
+Die Christen der ersten Jahrhunderte wussten nichts von einer Anbetung
+der Jungfrau Maria oder der Heiligen, sondern verspotteten vielmehr die
+Heiden wegen ihrer vielen Untergötter, die gleichsam Jupiters Hofstaat
+bildeten, und wegen der göttlichen Verehrung der Kaiser, mit der es
+übrigens gar nicht so arg war. Man gab ihnen den Beinamen "der
+Göttliche", setzte ihre Namen in den Kalender und errichtete ihnen
+Bildsäulen. Mit Ludwig XIV. und anderen Fürsten haben Christen weit
+ärgeren Götzendienst getrieben.
+
+Die ersten Heiligen waren meistens unbekannte Menschen, und wunderbar
+ist es, dass man auf die Anbetung der Maria erst weit später verfiel,
+denn eine Jungfrau, die Gott sich unter den Millionen Mädchen der Erde
+vorzugsweise zum "Gefäß der Gnade" ersah, war doch auf jeden Fall mehr
+der Anbetung würdig als ein hirnverbrannter schmieriger Einsiedler, der
+ein Sitzbad in einem Ameisenhaufen nimmt.
+
+Noch im vierten Jahrhundert dachte man nicht daran, die Jungfrau Maria
+göttlich zu verehren, ja, man war auf dem besten Wege, sie zu
+verketzern. Man sagte ihr Dinge nach, welche die Christen der damaligen
+Zeit sehr gottlos fanden. Der berühmte Kirchenvater Tertullian warf ihr
+vor, dass sie an Jesus nicht geglaubt habe! Origenes und Basilius
+beschuldigen sie unheiliger Zweifel bei den Leiden ihres Sohnes, und
+Chrysostomus hält sie des Selbstmordes für fähig, indem er erzählt, dass
+der Engel ihr die Empfängnis Christi früher verkündet, als sie ihre
+Schwangerschaft bemerkte, weil sie sonst bei der plötzlichen Entdeckung
+leicht aus Scham ihrem Leben hätte ein Ende machen können.
+
+Die Verehrung der Maria beginnt erst im fünften Jahrhundert, und bald
+hatte sie nicht allein alle Heiligen, sondern selbst Gott und Jesus
+überflügelt. "Wer Maria nicht verehrt, dem wird keine Vergebung", sagten
+die Priester.
+
+Die Liebe verfällt schon auf wunderbare Beinamen, und mein Täubchen,
+mein Mäuschen, mein Hämmelchen, mein Puttchen usw. usw. sagt noch heute
+gar mancher Jüngling zu seiner Geliebten; aber die der Jungfrau Maria
+beigelegten zärtlichen Namen sind oft so seltsam und komisch, dass es
+nicht zu begreifen ist, wie Katholiken die marianische Litanei ohne
+Lachen herplappern können. Sie wird unter anderen genannt: du
+geistliches Gefäß, ehrwürdiges Gefäß, vortreffliches Gefäß der Andacht,
+geistliche Rose, Turm Davids, elfenbeinerner Turm, goldenes Haus, Arche
+des Bundes, Thron Salomons, brennender Dornbusch, Honigfladen Simsons,
+Tempel der Dreieinigkeit, geweihte Erde, Seehafen, Sonnenuhr,
+Himmelsfenster usw.
+
+Der Name "Mutter Gottes", der jetzt ganz gewöhnlich geworden ist,
+erregte im fünften Jahrhundert großes Ärgernis; der fromme Kirchenvater
+Nestorius fand ihn lächerlich und unschicklich und den "Mutter Christi"
+vernünftiger. Die Kirchenversammlung von Ephesus entschied aber für
+Mutter Gottes.
+
+Natürlich war es, dass man nun auch auf die Verehrung der "Großmutter
+Gottes" verfiel; aber Papst Clemens XI. gebot Halt, und ohne ihn würden
+die Katholiken vielleicht heute zu allen Onkeln und Tanten Gottes beten.
+
+Christus ist Gottes Sohn nach der Lehre der christlichen Kirche, und
+doch ist er wieder Mensch; aber er ist eins mit Gott dem Vater und Gott
+dem Heiligen Geist. Über diese Menschwerdung Gottes und über das Wesen
+der Dreifaltigkeit ist mancher schon einfältig geworden. Die
+Menschwerdung Gottes erklärt der heilige Bernhard ebenso einfach als
+elegant, indem er sagt: "Aus Gott und Mensch wurde eine Heilsalbe für
+alle; diese beiden Spezies wurden im Leibe der Jungfrau Maria wie in
+einer Reibschale gemischt, und der Heilige Geist war die Mörserkeule."
+
+Minder geistreich, wenn auch ebenso einfach, ist jenes Franziskaners
+Erklärung der Dreieinigkeit, die er vergleicht mit Hosen, die zwar drei
+Öffnungen hätten, aber doch nur ein Stück wären.
+
+Maria wurde Veranlassung zu unendlich vielen Zänkereien zwischen den
+Gelehrten und Pfaffen. Besonders heftig war der Streit über "die
+befleckte oder unbefleckte Empfängnis der Jungfrau"; das heißt nicht
+darüber, ob Maria Jesus ohne Verlust ihrer physischen Jungfrauschaft
+empfangen habe - denn darüber war man ziemlich einig - sondern ob sie
+selbst von ihrer Mutter auch "ohne Erbsünde" empfangen sei oder nicht.
+Die Dominikaner sagten mit, die Franziskaner ohne Erbsünde und stritten
+jahrhundertelang darüber mit Waffen aller Art. Noch im Jahr 1740 machten
+gelehrte Männer diese Dummheit zum Gegenstand ihrer ernsthaften
+Untersuchung, und der gegenwärtige Papst hat sie zu einem Dogma der
+Kirche erhoben!
+
+Die heilige Jungfrau ist sehr empfindlich in dieser Hinsicht und rächte
+sich an denjenigen, welche an ihrer unnatürlichen Entstehung zweifelten.
+Ein Fall solcher Rache wird von den Franziskanern mit Triumph erzählt.
+Ein Dominikaner predigte mit größter Heftigkeit gegen die unbefleckte
+Empfängnis und forderte gleichsam die "Himmelskönigin" heraus, ein
+Zeichen zu geben, wenn es nicht wahr sei, was er geredet. Kaum hatte er
+diese Lästerung ausgesprochen, als der Boden der Kanzel brach und der
+dicke Pater bis zur Mitte des Leibes hindurchfiel. Der Oberkörper mit
+der Kutte blieb oben, so dass die hosenlose Vorder- und Hinterfront der
+unteren Etage des geistlichen alten Hauses der Betrachtung und dem
+Gelächter seiner Gemeinde preisgegeben war.
+
+Die Art und Weise, wie Maria Jesus empfangen habe, war auch ein
+Gegenstand großen Kopfzerbrechens. Einige meinten, es sei durch das Ohr
+geschehen, andere meinten durch die Seite. Dann zankte man sich auch
+sehr darüber, ob Maria noch nach der Geburt Jesu Jungfrau geblieben sei.
+St. Ambrosius verteidigt diese Meinung sehr hartnäckig und bringt für
+dieselbe höchst wunderbare Dinge vor. Er sagt unter anderem: "Da er
+(nämlich Christus) gesagt hat: ich mache alles neu, so ist er auch von
+einer Jungfrau auf unbefleckte Weise geboren worden, damit man ihn desto
+mehr für den ansehe, der da ist Gott mit uns. Sie sagen: als Jungfrau
+hat sie empfangen, aber nicht als Jungfrau geboren. Ist das Eine
+möglich, so ist auch das Andere möglich. Denn die Empfängnis geht ja
+vorher und die Geburt folgt nach. Man sollte doch den Worten Christi,
+man sollte doch den Worten des Engels glauben, dass bei Gott kein Ding
+unmöglich sei (Lukas 1,37). Man sollte dem apostolischen Symbolum
+glauben. Sagt ja der Prophet, eine Jungfrau werde nicht nur empfangen,
+sondern auch gebären (Jesaja 7,14). Jene Pforte des Heiligtums, welche
+verschlossen bleibt, durch welche niemand gehen wird, als allein der
+Gott Israels (Ezechiel 44,1.2), was ist sie anders als Maria, durch
+welche der Erlöser in diese Welt eingegangen ist? Sind doch so viele
+Wunder gegen die Gesetze der Natur geschehen, was ist's denn Wunder,
+wenn eine Jungfrau wider den Lauf der Natur einen Menschen geboren hat?"
+usw.
+
+Maria wurde von allen Kirchenlehrern, welche die Unterdrückung des
+Geschlechtstriebes predigten, als das höchste unerreichbare Muster des
+jungfräulichen Lebens aufgestellt und bald von den Mädchen und Weibern
+weit mehr als Gott verehrt. Dieser Götzendienst war natürlich denen,
+welche die Lehre Christi rein bewahren wollen, ein Gräuel, und - daher
+die Opposition gegen Maria.
+
+Helvidius schrieb (383) zur Verteidigung des Christentums ein Buch, in
+welchem er beiläufig behauptete, dass Maria nach Jesu Geburt noch mit
+Joseph einige Kinder hatte, wobei er sich sowohl auf Matth. 1, 25
+berief, wo es heißt: "Joseph wohnte der Maria nicht bei, bis sie ihren
+ersten Sohn geboren" wie auch auf andere Bibelstellen, wo oftmals von
+Brüdern und Schwestern Jesu die Rede ist.
+
+Der heilige Hieronymus geriet außer sich über diese Frechheit. Er
+schrieb gegen Helvidius und ruft den Heiligen Geist an, "dass er das
+Quartier des heiligen Leibes, in dem er zehn Monate gewohnt habe, gegen
+allen Argwohn eines Beischlafes schützen", und Gott Vater, "dass er die
+Jungfräulichkeit der Mutter seines Sohnes kundtun möge".
+
+Ähnliche Lehren wie Helvidius trug ein römischer Mönch, Jovinian, vor,
+und nun entspann sich um die Jungfrauschaft der Maria ein heftiger
+Kampf, der damit endete, dass Jovinian und seine Anhänger aus der
+Gemeinschaft der christlichen Kirche ausgeschlossen und seine Lehren als
+Ketzerei verdammt wurden!
+
+Es ist nicht möglich, ernsthaft zu bleiben, wenn man liest, über welche
+seltsamen Dummheiten die Geistlichen schrieben und disputierten! Pater
+Suarez handelt sehr gelehrt die Frage ab, "ob Maria mit oder ohne
+Nachgeburt geboren habe", und erzählt, dass Fromme verschiedene Speisen
+in Form der Nachgeburt genossen hätten! - Übrigens ist er ein
+Antinachgeburtianer, da der Prophet Ezechiel prophezeit habe: "Diese Tür
+wird verschlossen sein und nicht aufgemacht werden."
+
+Man glaube indessen nicht, dass dieser ekelhafte Unsinn der größte ist,
+über welchen Pfaffen stritten, und verhöhne nicht die jüdischen
+Rabbiner, welche ernstlich untersuchten, ob Adam schon mit Stahl und
+Stein Feuer geschlagen habe? Ob das Ei, welches eine Henne am Festtag
+gelegt habe, gegessen werden dürfe? Ich kann eine ganze Galerie solcher
+christlichen Streitfragen anführen, die den erwähnten an
+Abgeschmacktheit durchaus nichts nachgeben, die mit der größten
+Erbitterung abgehandelt wurden und wobei es gar häufig zu Schlägereien
+und selbst Blutvergießen kam.
+
+Die Pfaffen stritten darüber: ob Adam einen Nabel gehabt habe? Zu
+welcher Klasse von Schwalben die gehörte, welche Tobias ins Auge machte?
+Ob Pilatus sich mit Seife gewaschen, als er Jesus das Urteil sprach? Ob
+ein Kind bei widernatürlicher Lage auf den Hintern getauft werden
+dürfte? Was das für ein Baum gewesen, auf den der kleine Zachäus stieg,
+als er Jesus sehen wollte? Mit welcher Salbe Maria Magdalena den Herrn
+gesalbt? Ob der ungenähte Rock, über den die Kriegsknechte das Los
+warfen, Christi ganze Garderobe gewesen sei? Wie viel Wein auf der
+Hochzeit zu Kana getrunken worden sei? Was wohl Jesus geschrieben, als
+er mit dem Finger in den Sand schrieb? Wie Jesus das Erlösungswerk habe
+vollbringen können, wenn er als Kürbis zur Welt gekommen wäre? Ob Gott
+wie ein Hund bellen könne? Ob nicht schon ein einziger Blutstropfen
+hingereicht habe für die Sünde der Welt? Ob Gott der Vater sitze oder
+stehe? Ob er einen Berg ohne Tal, ein Kind ohne Vater hervorbringen und
+eine Entjungferte wieder zur Jungfrau machen könne? Ob die Engel Menuett
+oder Walzer tanzten? Ob sie lauter Diskant- oder auch Bassstimmen
+hätten? Was man wohl in der Hölle treibe, und zu welchem Thermometergrad
+die Hitze dort wohl steige? Eine Menge Fragen muss ich ihrer
+Unflätigkeit wegen weglassen und will nur zwei als Probe in lateinischer
+Sprache ausführen: An Christus cum genitalibus in coelum ascenderit, et
+S. Virgo semen emiserit in commercio cum Spiritu sancto?
+
+Die Lehren vom Abendmahl, von der Taufe und wie die christlichen
+Mysterien und Narrenspossen alle heißen, boten gleichfalls Gelegenheit
+genug zu Streitigkeiten. Man zankte sich darüber, ob der Teufel
+rechtmäßig taufen könne? Ob man im Notfall auch mit Wein, Bier, Sand
+usw. taufen könne? Oder ob auch bloßes Anspucken genüge? Ob eine Maus,
+die vom Taufwasser gesoffen, für getauft zu halten sei? Was zu tun, wenn
+ein Kind das Taufwasser verunreinige? Das tat der nachherige Kaiser
+Wenzel, und deshalb wurde ihm auch alles mögliche Unheil prophezeit.
+
+Doch die Untersuchung der Jungfernschaft der Mutter Gottes hat mich auf
+Abwege geführt; kehren wir wieder zu ihr zurück.
+
+Albertus Magnus (Albrecht von Lauingen), Bischof von Regensburg, der
+1280 zu Köln starb, hat sich sehr gründlich mit der Jungfrau Maria
+beschäftigt und untersucht, ob sie blond oder brünett, ob sie
+schwarzäugig oder blauäugig, ob sie schlank oder dick, groß oder klein
+gewesen sei. Was er eigentlich herausuntersucht hat, finde ich nirgends
+und habe keine Lust, die einundzwanzig Foliobände deshalb durchzulesen,
+die uns von seinen 800 Büchern erhalten worden sind. Nach den Überresten
+von ihrem Haar zu urteilen, ist es scheckig gewesen, denn man zeigt
+braune, blonde, schwarze und rote. Diejenigen Haare, mit welchen sie an
+einem Marientage höchsteigenhändig das Hemd des Erzbischofs St. Thomas
+flickte, waren übrigens maliziös blond.
+
+Schön war Maria indes auf jeden Fall, denn wenn sich auch kein
+authentisches Porträt von ihr vorgefunden hat, so stimmen doch alle
+heiligen Kirchenväter darin überein, und als Heilige erschien ihnen
+natürlich die "Himmelskönigin" häufig.
+
+St. Damiani, der 1059 starb, erzählt, "dass Gott selbst durch die
+Schönheit der heiligen Jungfrau in heftiger Liebe zu ihr entbrannt sei.
+In einem hierauf berufenen himmlischen Konvent habe er den verwunderten
+Engeln von der Erlösung des Menschengeschlechts und der Erneuerung aller
+Dinge erzählt und ihnen von Maria Kunde gegeben. Der Engel Gabriel
+erhielt sogleich einen Brief, in dem ein Gruß an die Jungfrau, die
+Fleischwerdung des Erlösers, die Art der Erlösung, die Fülle der Gnade,
+die Größe der Herrlichkeit und die Größe der Freuden enthalten waren.
+Gabriel kam zu Maria, und sobald er mit ihr gesprochen hatte, fühlte sie
+den in ihre Eingeweide hineingefallenen Gott und dessen in der Enge des
+jungfräulichen Bauches eingeschlossene Majestät."
+
+Im Koran ist erzählt, dass Maria an einem Palmbaum stand, als der Engel
+zu ihr trat und sagte: "Ich will dir einen reinen Knaben schenken."
+
+Die Zahl der Wunder, welche der heiligen Jungfrau zugeschrieben werden,
+ist sehr groß und es fällt mir schwer, eine Auswahl zu treffen. Später
+findet sich vielleicht eine Gelegenheit, das eine oder andere zu
+erzählen.
+
+Die Legende erzählt, dass Engel das ganze Haus der Maria aus Bethlehem
+nach Italien getragen hätten. Anfangs ließen sie es bei Tersatto in der
+Nähe von Fiume stehen; aber im Jahr 1294 trugen sie es nach Loreto.
+
+Als das heilige Haus vorbeigetragen wurde, bogen sich die Balken -
+damals noch in ihrer Jugend als Bäume - vor demselben! Höchst merkwürdig
+ist es aber, dass zwei Jahrhunderte lang kein Schriftsteller von diesem
+höchst wunderbaren Transport erzählt! Die Inschrift des heiligen Hauses
+heißt: "Der Gottesgebärerin Haus, worin das Wort Fleisch geworden." Über
+dem unscheinbaren Haus, welches neueren Forschungen zufolge sich in
+Baumaterial und Form von den andern Bauernhütten - um Loreto gar nicht
+unterscheiden soll, erhebt sich eine prachtvolle Kirche, und Tausende
+von Wallfahrern strömten hierher, um ihre Rosenkränze in dem
+Breinäpfchen Christi umzurühren und, was für die Kirche die Hauptsache
+war, ein mehr oder minder beträchtliches Sümmchen zu opfern. So wurde
+denn durch einen jedem vernünftigen Menschen offenbaren Betrug ein
+unermesslicher Schatz zusammengestohlen!
+
+Doch die guten Katholiken waren von ihren Pfaffen so gut gezogen, dass
+sie lieber ihren eigenen Augen als einem Pater misstrauten. Der Mönch
+Eiselin zog 1500 zu Aldingen in Württemberg umher mit einer Schwungfeder
+aus dem Flügel des Engels Gabriel. Wer diese küsste, sagte er, dem
+sollte die Pest nichts anhaben. Ein solcher Kuss wurde natürlich nicht
+umsonst gestattet. Die kostbare Feder wurde dem Pfaffen gestohlen!
+Eiselin war indessen gar nicht verlegen. Im Beisein der Wirtin füllte er
+sein leeres Kästchen mit Heu, welches wahrscheinlich auf ihrer eigenen
+Wiese gewachsen war, und gab es aus für Heu aus der Krippe, in welcher
+Jesus in Bethlehem gelegen hatte; wer es küsste, sollte pestfrei sein.
+Alles drängte sich zum Kuss herzu, und selbst die Wirtin küsste, so dass
+Eiselin erstaunt flüsterte: "Und auch du, Schatz?"
+
+Die frommen Herrn Geistlichen und Mönche trieben mit den Reliquien den
+abscheulichsten Betrug. Jeder christliche Altar musste seine Reliquie
+haben, und je heiliger diese war, desto größer war der Nutzen, den sie
+davon zogen; denn die Reliquien waren weder umsonst zu sehen, noch
+wurden sie verschenkt. Der Reliquienhandel wurde bald sehr einträglich.
+Natürlich, alte Knochen, Lumpen und dergleichen fand man überall, man
+brauchte kein Anlagekapital, und der Preis, den man sich bezahlen ließ,
+war hoch!
+
+Als die Bischöfe von Rom Päpste wurden, da steuerten sie etwas diesen
+Handel, aber nur, um selbst davon größeren Vorteil zu ziehen. Die
+Reliquien mussten in Rom geprüft werden und wurden nur für echt befunden
+- wenn die Besitzer die echt römischen, klingenden Beweise beizubringen
+wussten. Eine gute Reliquie war ein wahrer Schatz für ein Kloster, und
+nicht alle Äbtissinnen gingen damit so leichtsinnig um, wie die Nonnen
+zu Macon.
+
+Das dortige Kloster besaß die Haut des heiligen Dorotheus, der
+geschunden wurde; Simon, der Gerber, hatte das heilige Fell gegerbt, und
+diese kostbare Reliquie war durch mancherlei Hände endlich in den Besitz
+der Nonnen zu Macon gekommen. Diese stopften die Haut mit Baumwolle aus
+und stellten den Heiligen her, als ob er lebe. Sie gerieten aber aus
+übergroßer Verehrung auf ganz kuriose Spielereien und Abwege, so dass es
+die Äbtissin für ratsam hielt, die Reliquie, deren Wert sie nicht
+kannte, den Jesuiten zu schenken.
+
+Diese entdeckten bald die Kostbarkeit und stifteten eine Bruderschaft
+zum heiligen Leder, wodurch sie sehr viel Geld verdienten. Nun ging den
+Nonnen plötzlich ein Licht auf! Sie klagten beim Papst, reklamierten von
+den Jesuiten ihr Heiligtum, und es wurde ihnen auch zugesprochen. Der
+Jubel der Nonnen war groß, aber, o Schreck! die maliziösen Jesuiten
+hatten den frommen Jungfrauen die ganze Freude verdorben, indem sie den
+lieben Heiligen verstümmelt hatten, und zwar auf unverantwortliche
+Weise! Er sah nun aus wie der heilige Bernhard, als er seinen Mönchen
+verklärt erschien. -
+
+Die indignierten Jungfrauen wandten sich abermals an den Papst mit der
+Bitte, dass er den Jesuiten befehlen möge, ihnen das Fehlende
+herauszugeben. Der Papst hielt jedoch diesen Mangel, besonders für ein
+Nonnenkloster, nicht für erheblich und sandte den Bittenden als Ersatz -
+zwei geweihte Muskatnüsse! - Man denke sich die Beschämung und den Zorn
+der guten Nönnchen!
+
+Zur Zeit der Kreuzzüge wurde Europa erst recht mit Reliquien
+überschwemmt. Man brachte aus dem Heiligen Land Heiligtümer aller Art
+mit. Eroberte man eine Stadt, so suchte man vor allen Dingen erst nach
+Reliquien, denn sie waren weit kostbarer als Gold und Edelsteine.
+
+Ludwig der Heilige, König von Frankreich, machte zwei unglückliche
+Kreuzzüge; aber er tröstete sich über sein Unglück, denn es war ihm
+gelungen, einige Splitter vom Kreuz, einige Nägel, den Schwamm, den
+Purpurrock Christi und die Dornenkrone - um eine ungeheure Summe zu
+erkaufen. Als diese Heiligtümer ankamen, ging er mit seinem ganzen Hofe
+denselben barfuß bis Vincennes entgegen!
+
+Heinrich der Löwe brachte eine große Menge Reliquien mit nach
+Braunschweig. Die Krone derselben aber war ein Daumen des heiligen
+Markus, für welchen die Venezianer vergebens 100.000 Dukaten boten.
+
+Der Glaube an diese Reliquien war ebenso unerhört wie der Preis, der
+dafür bezahlt wurde. Die Pfaffen hätten Engel sein müssen, wenn sie die
+Dummheit der Menschen nicht benutzt hätten.
+
+Die ganze Garderobe Christi, der Jungfrau Maria, des heiligen Joseph und
+vieler anderer Heiligen kam zum Vorschein. Man fand die heilige Lanze,
+mit welcher der römische Ritter Longinus Christus in die Seite stach;
+das Schweißtuch, mit welchem die heilige Veronika Jesus den Schweiß
+abtrocknete, als er nach Golgatha ging, und in welches er zum Andenken
+sein Gesicht abdrückte! Von diesem Tuch gab es so viele Stücke, das sie
+zusammen wohl fünfzig Ellen lang sein mochten. Ein sehr respektables
+Taschentuch.
+
+Man fand auch die Schüssel von Smaragd, welche Salomon der Königin von
+Saba schenkte und aus der Christus sein Osterlamm verspeiste. Die
+Weinkrüge von der Hochzeit von Kana entdeckte man auch, und in ihnen war
+noch Wein enthalten, der nie abnahm. Ursprünglich waren es nur sechs,
+aber sie vermehrten sich, und man zeigte sie zu Köln und zu Magdeburg. -
+Splitter vom Kreuz gab es so viel, dass man aus dem dazu verwendeten
+Holz hätte ein Kriegsschiff bauen können und Nägel vom Kreuz viele
+Zentner. Dornen aus der Dornenkrone fanden sich (an jeder Hecke); einige
+bluteten an jedem Karfreitag.
+
+Der Kelch, aus welchem Jesus trank, als er das Abendmahl einsetzte, fand
+sich auch vor, nebst Brot, welches von dieser Mahlzeit übriggeblieben
+war. Ferner die Würfel, mit welchen die Soldaten um Christi Rock
+spielten. Solcher ungenähter Röcke zeigte man eine ganze Menge, unter
+anderem zu Trier, Argenteuil, Santiago, Rom und Friaul usw. Die größte
+Wahrscheinlichkeit der Echtheit hat ein zu Moskau aufbewahrter, der
+durch den Soldaten, der ihn gewann, einen Georgier, mit nach Hause
+gebracht worden sein soll. Die Ausstellung des alten Kleidungsstücks in
+Trier im Jahr 1845, welche die ganze gebildete Welt empörte, veranlasste
+eine Menge Untersuchungen über diese heiligen Röcke, und es erschienen
+mehrere darauf bezügliche Broschüren, die noch im Buchhandel zu haben
+und zum Teil sehr interessant sind. Alle diese heiligen Röcke haben eine
+wohlbezahlte päpstliche Bulle für sich, in denen ihre Echtheit bezeugt
+ist. Da nur einer echt sein kann, so ist die Bestätigung der Echtheit
+mehrerer durch den Papst ein geflissentlicher Betrug.
+
+Man fand Hemden der Maria, die so groß sind, dass sie einem dicken Mann
+als Paletot dienen können; einen sehr kostbaren Trauring der Maria, der
+zu Perusa gezeigt wurde; sehr niedliche Pantöffelchen und ein Paar
+ungeheuer großer roter, welche sie trug, als sie der heiligen Elisabeth
+ihren Besuch machte. Ja, man fand Haare der Heiligen Jungfrau von allen
+möglichen Farben nebst ihren Kämmen. Eine Zahnbürste ist aber nicht
+entdeckt worden. Dagegen fand sich so viel Milch von ihr vor, als
+schwerlich zwanzig Altenburger Ammen in einem ganzen Jahre produzieren
+könnten. Blut Christi fand sich bald tropfenweise, bald auf Flaschen
+gezogen. Etwas davon, so erzählt die Legende, hatte Nikodemus, als er
+Christus vom Kreuze nahm, gesammelt und damit viele Wunder verrichtet.
+Aber die Juden verfolgten ihn, und er sah sich genötigt, das heilige
+Blut in einen Vogelschnabel (!) zu verbergen und nebst schriftlicher
+Nachricht ins Meer zu werfen. An der Küste der Normandie, man kann
+denken nach welchen Irrfahrten, schwamm dieser Schnabel ans Land. Eine
+in der Nähe jagende Gesellschaft vermisste plötzlich Hunde und Hirsch.
+Man forschte nach und fand sie - sämtlich kniend vor dem wundervollen
+Schnabel. Der Herzog von der Normandie ließ sogleich auf der Stelle ein
+Kloster bauen, welches Bec (Schnabel) genannt wurde und welchem das
+heilige Blut Millionen eintrug.
+
+Windeln Christi fanden sich in großer Menge; auch die jammervoll kleinen
+Höschen des heiligen Joseph entdeckte man nebst seinem Zimmermanns-
+Handwerkszeug. Einer der dreißig Silberlinge fand sich vor nebst dem
+ungeheuer dicken, zwölf Schuh langen Strick, an welchem sich der
+Verräter Judas erhängte; sein sehr kleiner, leerer Geldbeutel tauchte
+ebenfalls auf nebst der Laterne, mit welcher er leuchtete, als er Jesus
+verriet.
+
+Sogar die Stange kam zum Vorschein, auf welcher der Hahn saß, als er
+Petri Gewissen wachkrähte, nebst einigen Federn dieses Vogels; ferner
+der Stein, mit welchem der Teufel Jesus in der Wüste versuchte; das
+Waschbecken, in welchem sich Pilatus die Hände wusch; die Knochen des
+Esels, der Christus am Palmsonntag getragen, wie auch einige der an
+diesem Tage gebrauchten Palmzweige. Ferner fand man die Steine, mit
+denen St. Stephanus gesteinigt wurde, - herrliche Achate! - die
+fabelhaft große Gurgel des fabelhaften St. Georg; eine Unmasse von
+Knochen der zu Bethlehem umgebrachten Kinder; die Ketten des Petrus und
+auch einen eingetrockneten Arm des heiligen Antonius, der sich aber als
+- die Brunstrute eines Hirsches erwies!
+
+Sogar aus dem Alten Testament fanden sich Reliquien vor! Manche hatten
+demnach wohlerhalten Jahrtausende auf die fromme Entdeckung gewartet.
+Man fand den Stab, mit welchem Moses das Rote Meer zerteilte, Manna aus
+der Wüste, Noahs Bart, die eherne Schlange, ein Stückchen von dem
+Felsen, aus welchem Moses Wasser schlug, mit vier erbsengroßen Löchern;
+Dornen von dem feurigen Busch; den Schemel, von dem Eli herunterfiel und
+den Hals brach; das Schermesser, mit dem Delila den Samson schor; den
+Stimmhammer Davids, der zu Erfurt gezeigt wurde, usw.
+
+Eine Reliquie von großem Rufe war das Gewand des heiligen Martin (capa
+oder capella), welches in den Feldzügen als Fahne vorgetragen wurde. Die
+Geistlichen, welche dieses Heiligtum trugen, hießen Capellani und die
+Kirche, in welcher es verwahrt wurde, Capella. Dieser Name erhielt bald
+eine weitere Ausdehnung, und daher die Kapellen und die Kapellane.
+
+Der Glaube des Volks an diese Reliquien war so stark, dass die Pfaffen
+es wagen konnten, Dinge als solche zu zeigen, die unsinnig und unmöglich
+waren, und wenn ich einige derselben anführe, so werden die Leser
+glauben, ich scherze! Allein dies ist nicht der Fall; man zeigte sie
+einst wirklich und zeigt sie in echt katholischen Ländern wohl heute
+noch.
+
+Da sah man eine Feder aus dem Flügel des Engels Gabriel, den Dolch und
+den Schild des Erzengels Michael, deren er sich bediente, als er mit dem
+Teufel kämpfte; etwas von Christi Hauch in einer Schachtel; eine Flasche
+voll ägyptischer Finsternis, etwas von dem Schall der Glocken, die
+geläutet wurden, als Christus in Jerusalem einzog; einen Strahl von dem
+Sterne, welcher den Weisen aus dem Morgenland leuchtete; etwas von dem
+Fleisch gewordenen Wort; einige Seufzer, die Joseph ausstieß, wenn er
+knotiges Holz zu hobeln hatte; den Pfahl im Fleisch, der dem heiligen
+Paulus so viel zu schaffen machte, und noch unendlich viel andern
+Unsinn.
+
+Die Unverschämtheit der Pfaffen kannte keine Grenzen, denn die Dummheit
+der Menschen war unbegrenzt. Oben habe ich ein Pröbchen sowohl von der
+Unverschämtheit als von der Dummheit in der Geschichte mit dem Mönch
+Eiselin gegeben; hier mag noch eine Probe folgen, welche Poggio
+Bracciolini erzählt, der beinahe vierzig Jahre lang päpstlicher
+Geheimschreiber war und 1459 als Kanzler der Republik Florenz starb.
+
+Ein Mönch hatte sich in eine hübsche Frau verliebt und versuchte es auf
+alle Weise, sie zu verführen. Es gelang ihm auch. Sie stellte sich sehr
+krank und verlangte nun den Mönch als Beichtvater. Dieser kam, blieb mit
+ihr der Sitte gemäß allein, um ihr die Beichte abzunehmen, und wurde
+erhört. Am andern Tag kam er wieder und legte, um es sich bequemer zu
+machen, seine Hosen auf das Bett der Frau. Dem Manne schien die Beichte
+etwas lange zu dauern; er wurde neugierig und trat unvermutet in das
+Zimmer. Der Mönch absolvierte so schnell als möglich und floh, aber -
+vergaß, seine Hosen mitzunehmen.
+
+Diese fielen nun dem racheschnaubenden Ehemann in die Hände. Er stürzte
+damit auf die Gasse und zeigte diese Verräter seinen Nachbarn,
+entflammte sie zur Wut und brach mit ihnen in das Kloster ein. Der Mönch
+sollte sterben! Ein alter besonnener Pater versuchte es vergebens, den
+Hitzkopf zu beruhigen, der übrigens jetzt die Sache gern vertuscht
+hätte, wenn es angegangen wäre. Das merkte der alte Pater und sagte ihm:
+er brauche wegen dieser Hosen nichts Übles zu denken, denn dieses wären
+die Beinkleider des heiligen Franziskus, welche Krankheiten wie die,
+woran seine Frau litte, gründlich heilten. Zu seiner Beruhigung wolle er
+die Hosen feierlich abholen.
+
+Alsbald zogen Mönche mit Kreuz und Fahne nach dem Hause des ehrlichen
+Dummkopfes, legten die heilige Reliquie auf ein seidenes Kissen,
+stellten sie zur Verehrung aus und reichten die heiligen Hosen des
+liederlichen Mönchs den Gläubigen zum Kuss herum. Dann trug man sie in
+feierlichem Bittgang zum Kloster zurück und legte sie hier zu den
+übrigen heiligen Reliquien. *)
+
+---- *) Es ist dies keine erfundene Anekdote oder ein Scherz des
+genannten Autors. Die Erzählung findet sich in einem ganz ernsten Werk,
+in welchem Poggio mit großer Entrüstung von der Verderbtheit der
+Geistlichen redet. Überhaupt verschmähe ich es durchaus, auf Kosten der
+historischen Wahrheit zu scherzen, und alle in diesem Werk gemachten
+Angaben kann ich historisch nachweisen, so seltsam sie auch manchmal
+klingen mögen. ----
+
+In dieses Kapitel von den Reliquien gehören auch die wundertätigen
+Heiligenbilder und ihre Verehrung. Die Pfaffen hatten mit den heiligen
+Knochen und Lumpen noch nicht genug. Bald fanden sich Bilder von
+Christus und der Jungfrau Maria, welche der Evangelist Lukas gemalt
+haben sollte. Sie zeugten weder von der Kunst des Malers noch von der
+Schönheit der Personen, welche sie vorstellen sollten, denn sie waren
+ganz schauderhaft! Andere, nicht bessere Bilder fielen vom Himmel, und
+endlich ließ man sie ganz ungescheut von Malern malen.
+
+Diese Bilder verehrte man wie Reliquien, und die Verehrung ging bald in
+förmliche Anbetung über. Über den Bilderdienst entstanden die blutigsten
+Kämpfe, und endlich wurde er der Grund zur Trennung der Kirche in die
+griechische und lateinische. Dieser Bilderstreit dauerte zwei
+Jahrhunderte lang. Kaiser Konstantin V., welcher 741 starb, erklärte
+alle Bilder für Götzenbilder und fegte das ganze Land von Bildern und
+Reliquien rein. Er verwandelte die Klöster zu Konstantinopel in
+Kasernen, und Mönche und Nonnen machte er lächerlich, indem er sie zum
+Beispiel paarweise einen Umzug im Zirkus halten ließ.
+
+Im Westen fand dieser Bilder- und Reliquiendienst anfangs auch viele
+Widersacher. Der Bischof Claudius von Turin meinte: "Wenn man das Kreuz
+anbetet, an dem Jesus gestorben, so muss man auch den Esel anbeten, auf
+dem er geritten ist", was denn auch in der Folge wirklich geschah!
+Andere aber hielten diesen Bilderdienst für sehr wichtig. Ein Mönch
+hatte, um den Unzuchtsteufel zu besänftigen, diesem das Gelübde getan,
+das tägliche Gebet vor den Bildern in seiner Zelle zu unterlassen. Im
+Zweifel darüber, ob er eine Sünde damit begangen, beichtete er dies dem
+Abt, und dieser sagte zu ihm. "Ehe du das Gebet vor den heiligen Bildern
+unterlässt, gehe lieber in jedes Bordell der Stadt." - So behielten wir
+denn in Europa die Bilderanbetung, und die griechische Kirche erhielt
+sie gar bald auch wieder. -
+
+Sobald das Heilige Grab aufgefunden war, strömten die frommen Christen
+dorthin; die Wallfahrten nach dem Heiligen Land kamen auf und nach allen
+Stellen desselben, welche durch die Bibel eine besondere Bedeutung
+erlangt hatten. Man wallfahrtete sogar zu dem Misthaufen, auf welchem
+Hiob gesessen!
+
+Den Pfaffen gefiel es indessen nicht im allergeringsten, dass das schöne
+Geld so weit hinweggetragen wurde, und ihre Heiligenbilder und Reliquien
+taten Wunder über Wunder, um die frommen Scharen anzulocken. Schrecklich
+waren die Erzählungen von den Strafen, welche die Ungläubigen und
+Spötter getroffen. Die Heiligen wussten ihre Ehre zu schützen, wie zum
+Beispiel der heilige Gangulf. Dieser wurde von einem Priester, dem
+Liebhaber seiner Frau, totgeschlagen und fing plötzlich an, im Grab
+Wunder zu tun. Das liederliche Weib, welches am besten wusste, dass ihr
+Alter durchaus kein Wunder tun konnte, lachte, als sie es hörte, und
+rief. "Der tut ebenso wenig Wunder, als mein Hintern singt" und - o
+Graus! - dieser fing an zu singen!
+
+Die Wallfahrten kamen aber erst recht in Gang, als damit der Ablass
+verbunden wurde. Der übergroße Missbrauch dieses Missbrauches wurde die
+Veranlassung zur Reformation, und wir müssen denselben etwas genauer
+betrachten. Der Ablass ist ein Kind des Fegefeuers und der Ohrenbeichte.
+
+In der ersten Zeit der christlichen Kirche mussten diejenigen, welche
+wegen grober Vergehen aus der Gemeinde ausgestoßen waren, wenn sie in
+dieselbe wieder aufgenommen sein wollten, alle ihre Sünden und
+Verbrechen öffentlich vor der Gemeinde bekennen; diese Buße nannte man
+die Beichte. Als die Pfaffen mächtig wurden, verwandelten sie dieses
+öffentliche Bekenntnis gar bald in ein geheimes, um ihre Macht zu
+erhöhen. Papst Innozenz III. ordnete aber (1215) an, dass ein jeder
+jährlich wenigstens einmal einem Priester seine Sünden insgeheim
+bekennen und die ihm dafür auferlegte Buße tragen solle. Wer die Beichte
+unterließ, wurde von der Kirche ausgeschlossen und erhielt kein
+christliches Begräbnis.
+
+Jeder begreift, welche ungeheure Gewalt die Priester durch diese
+Einrichtungen erlangten, denn abgesehen davon, dass sie von den
+Gläubigen die geheimsten Dinge erfuhren, die sie zu ihren Zwecken
+benutzen konnten, lag es auch ganz in ihrer Hand, den Beichtenden
+freizusprechen oder nicht, und sie wussten diese Gewalt trefflich zu
+benutzen, indem sie ihn freisprachen - absolvierten - je nachdem der
+Sünder zahlte.
+
+Das Fegefeuer war eine Erfindung des römischen Bischofs Gregor des
+Großen (590-604). Fegefeuer hieß der Ort, wo seiner Erklärung nach die
+menschlichen Seelen geläutert wurden, damit sie rein in den Himmel
+kamen; also eine Art himmlischer Seelenwaschanstalt. Wer so halb
+zwischen Himmel und Hölle balancierte, der konnte darauf rechnen, dass
+er gehörig lange im Fegefeuer - denn Feuer war das Reinigungsmittel -
+schwitzen musste, wenn nicht die Pfaffen, die sich mit den Waschteufeln
+auf du und du standen, ihn für Geld durch gute Worte früher in den
+Himmel spedierten. Das Reglement im Fegefeuer war nur den Pfaffen
+bekannt, und daher konnten sie allein beurteilen, wie viele Messen dazu
+gehörten, um die Seele aus dem Fegefeuer loszubeten; - aber diese Messen
+wurden keineswegs umsonst gelesen.
+
+Friedrich der Große kam einst in ein Kloster im Klevischen, welches von
+den alten Herzögen gestiftet war, damit darin Messen zu ihrer Befreiung
+aus dem Fegefeuer gelesen werden könnten. "Nun, wann werden denn endlich
+meine Herren Vettern aus dem Fegefeuer losgebetet sein?" fragte er
+ziemlich ernsthaft den Pater Guardian. Dieser machte eine tiefe
+Verbeugung und antwortete: "dass man dies so eigentlich nicht wissen
+könne, er es aber Sr. Majestät sogleich melden lassen wolle, sobald er
+die Nachricht aus dem Himmel bekäme".
+
+Die Kreuzzüge waren anfangs eigentlich weiter nichts als bewaffnete
+Wallfahrten. Die Päpste begünstigten sie sehr, da sie hofften, dadurch
+auch ihre Macht auf Asien ausdehnen zu können, wo sie durch den
+Mohammedanismus verlorengegangen war. Sie wandten daher alle nur
+möglichen Mittel an, die Leute zu bewegen, "das Kreuz zu nehmen"; das
+hauptsächlichste und wirksamste war der Ablass. Der Papst ließ nämlich
+predigen, dass alle Sünden, die ein Mensch begangen, sie möchten auch
+noch so groß sein, vergeben wären, sobald derselbe sich das Kreuz auf
+seinen Rock geheftet habe. Diese Erfindung des Ablasses wurde nun von
+den Pfaffen auf alle Arten benutzt, und sie wurde für sie eine
+Goldgrube, unerschöpflich wie die Dummheit der Menschen.
+
+Manche wollten nicht recht an die Macht des Papstes, die Sünden zu
+vergeben, glauben; aber Clemens VI. gab über sein Recht dazu und über
+das Wesen des Ablasses durch seine Bulle von 1342 die nötige und
+genügendste Erklärung. "Das ganze Menschengeschlecht", sagt er in der
+Bulle, "hätte eigentlich schon durch einen einzigen Blutstropfen Jesu
+erlöst werden können; er habe aber so viel vergossen, dass dieses Blut,
+welches doch gewiss nicht umsonst vergossen sei, einen unermesslichen
+Kirchenschatz ausmache, vermehrt durch die gleichfalls nicht
+überflüssigen Verdienste der Märtyrer und Heiligen. Der Papst habe nun
+zu diesem Schatz den Schlüssel und könne zur Entsündigung der Menschen
+ablassen, soviel er wolle, ohne Furcht, solchen jemals zu erschöpfen."
+
+Ich werde später auf diese Ablasstheorie zurückkommen und zeigen, wie
+herrlich sich dieselbe entwickelte, jetzt aber zu den Wallfahrten
+zurückkehren. Als, wie gesagt, der Ablass mit ihnen verbunden wurde,
+kamen sie erst recht in Aufnahme. Wer zu diesem oder jenem Gnadenort
+wallfahrte und - notabene - das bestimmte Geld auf dem Altar opferte,
+der erhielt Ablass nicht allein für schon begangene Sünden, sondern
+sogar für einige Jahre im Voraus!
+
+In Deutschland gab es wohl hundert Marienbilder, zu denen gewallfahrtet
+wurde, und in anderen Ländern noch mehr. Ein einziger Schriftsteller
+zählt 1200 wundertätige Marienbilder auf! Das berühmteste ist aber wohl
+das zu Loreto, in dem Haus der Maria, welches von St. Lukas aus
+Zedernholz abscheulich geschnitzt worden sein soll. Der Dampf der
+Millionen Wachskerzen hat das Bild allmählich schwarz geräuchert wie
+eine Kohle, aber das tut seiner Wunderkraft keinen Abbruch, die
+hauptsächlich darin besteht, den Leuten das Geld aus der Tasche zu
+locken. Der Marmor rings um das Häuschen ist von Wallfahrern so
+verrutscht, dass sich darin eine förmliche Rinne gebildet hat. Sonst
+kamen jährlich gegen 200.000 fromme Christen nach Loreto, allein in
+neuerer Zeit ist diese Zahl auf weniger als ihr Zehntel
+zusammengeschrumpft.
+
+Als die Franzosen nach Loreto kamen, eigneten sie sich von dem Schatz
+an, was die Pfaffen nicht beiseite gebracht hatten. Ob ihnen die Heilige
+Jungfrau den Schatz schenkte, das weiß ich nicht, aber unmöglich ist so
+etwas nicht, wie folgende Geschichte beweist.
+
+Als Friedrich der Große in Schlesien war, verschwanden von einem
+Muttergottesbild nach und nach allerlei Kostbarkeiten, und die Pfaffen
+entdeckten endlich den Dieb in einem Soldaten, der deshalb beim König
+verklagt wurde. Der Soldat entschuldigte sich und behauptete, er sei
+kein Dieb, denn die Mutter Gottes habe ihm alle die Sachen geschenkt,
+die man vermisste. Friedrich der Große fragte nun die geistlichen
+Herren, ob so etwas wohl möglich sei? - "Allerdings, möglich ist es",
+erwiderten die verwirrten Pfaffen, "aber durchaus nicht wahrscheinlich."
+Der Dieb kam ohne Strafe davon, aber nun verbot Friedrich seinen
+Soldaten bei Todesstrafe, dergleichen Geschenke von der Heiligen
+Jungfrau anzunehmen.
+
+Nach Loreto war wohl Santiago de Compostela der berühmteste Gnadenort,
+und an hohen Festtagen sah man hier noch in neuerer Zeit mehr als 30.000
+Wallfahrer.
+
+In der Schweiz ist Einsiedeln sehr berühmt. Das dortige Gnadenbild ist
+ein ebenso elendes hölzernes Machwerk wie das zu Loreto, aber ebenso wie
+dieses ist es geschmückt mit den kostbarsten Juwelen.
+
+In Deutschland gibt es unendlich viele Gnadenorte, aber ich will nur
+einige nennen. Waldthüren im badischen Main- und Tauberkreis ist berühmt
+wegen des wundertätigen Korporals. Es ist dies aber kein
+altösterreichischer Korporal mit seinem Wundertäter an der Seite, den
+man im Österreichischen als Haßling weniger verehrte als fürchtete; auch
+kein preußischer Korporal aus dem Wuppertal, sondern ein Tuch, welches
+zum Daraufstellen des Kelchs und Hostientellers dient und Korporale
+genannt wird. Im Jahr 1330 vergoss ein Priester etwas von dem Wein auf
+dieses Korporale. Der Wein verwandelte sich sogleich in Blut, und die
+einzelnen Tropfen auf dem Tuch in so viele mit Dornen gekrönte
+Christusköpfe. Dieses Korporale tut nach der Erzählung der Geistlichen
+entsetzlich viel Wunder, und vor und nach dem Fronleichnamfest
+wallfahrten die Scharen der Gläubigen nach Waldthüren, um sich hier am
+Korporale gestrichene rote Seidenfäden zu holen, welche die Pest,
+vorzüglich aber den Rotlauf, heilen - wenn man nämlich ein reines
+Gewissen und vor allen Dingen den rechten Glauben hat. Die Zahl der
+Wallfahrer belief sich jährlich auf ca. 40.000.
+
+Ähnliche Wallfahrtsorte wie Waldthüren gibt es in allen katholischen
+Distrikten Deutschlands, und ich will mich nicht bei ihnen aufhalten.
+
+Noch einträglicher für die Geistlichen sind diejenigen Wallfahrten,
+welche zu solchen sehr heiligen Reliquien stattfinden, die nur alle
+sieben Jahre ausgestellt werden. Diese ökonomische Einrichtung hat nicht
+etwa ihren Grund darin, dass sich die Reliquien von dem Wundertun in der
+Ausstellungszeit erholen müssen, sondern einzig und allein in der
+Schlauheit der Pfaffen. Wären die "Heiligtümer" beständig zu sehen, so
+würde das Interesse an ihnen gar bald erkalten. Durch die Seltenheit
+ihrer Erscheinung locken sie an und den Leuten das Geld aus der Tasche,
+- das einzige Wunder, welches überhaupt irgendeine Reliquie jemals
+vollbracht hat.
+
+Der allerkostbarste Schatz dieser Art wird zu Aachen aufbewahrt. Die
+höchsten Kleinodien desselben sind der riesenmäßige Rock der Maria, die
+Windeln Jesu von braungelbem Filz und das Tuch, auf welchem das
+abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers gelegen hat.
+
+Im Jahr 1496 strömten 142.000 Andächtige nach Aachen, um die heiligen
+Lumpen zu sehen, und die Ernte war vortrefflich. 1818, als die Reliquien
+nach langer Pause wieder einmal vierzehn Tage lang gezeigt wurden,
+fanden sich nur 40.000 Wallfahrer ein. Die Reformation, die Revolution
+und die verdammte Aufklärung hatten ein großes Loch in den Glauben
+gerissen!
+
+Seitdem ist aber viel an diesem Loch geflickt worden, und dieser
+geflickte Glaube zeigte sich fast stärker als selbst im dunkelsten
+Mittelalter, dank der von den Regierungen beliebten Maßregel, die
+Schulen unter der Kontrolle der Pfaffen zu lassen. Mit Erstaunen
+erlebten wir es, dass noch im Jahr 1844 eine Million Wallfahrer nach
+Trier zogen, um hier einen alten Kittel zu küssen, der für den Leibrock
+Christi ausgegeben wird, um welchen die Soldaten neben dem Kreuz
+würfelten.
+
+Zu jener Zeit verursachte diese heilige Rockfahrt nach Trier großes
+Ärgernis unter der ganzen gebildeten Welt, und sehr gelehrte und
+verständige Männer gaben sich die eigentlich überflüssige Mühe,
+nachzuweisen, dass dieser "heilige Rock" nichts vor den noch
+existierenden zwanzig anderen voraus habe, sondern durchaus unecht und
+ein plumper Betrug sei. Die schlagendsten Beweise dafür brachten die
+Herren Professoren Gildemeister und von Sybel herbei, und ich halte es
+nicht für nötig, darüber auch nur noch ein Wort zu verlieren.
+
+Dass die Päpste die christlichen Schafe schoren, weiß jedermann, aber
+nicht so bekannt möchte es sein, dass der Heilige Vater - ganz ohne
+Allegorie - sich mit der Schafzucht beschäftigt und einen Preis für die
+gewonnene Wolle erlangt, wie er keinem veredelten Schafsjunker auf der
+Wollmesse jemals bezahlt wurde. - Der Papst unterhält nämlich eine
+kleine Anzahl Lämmer, die er über den Gräbern der Apostel geweiht hat
+und aus deren Wolle die Pallien gewebt werden.
+
+Das Pallium ist ursprünglich ein römischer Mantel. Die Kaiser schenkten
+ein solches Kleidungsstück, welches von Purpur und köstlich mit Gold
+bestickt war, den Patriarchen und ausgezeichneten Bischöfen, um ihnen
+ihre Zufriedenheit und Gnade zu bezeugen, wie heutzutage die Geistlichen
+in manchen Staaten Orden erhalten, wenn sie in den Geist der Regierungen
+einzugehen verstehen.
+
+Papst Gregor I. erlaubte sich zuerst, ohne Anfrage beim Kaiser ein
+solches Pallium den Bischöfen zuzusenden, bald als Zeichen der
+Zufriedenheit, bald als Zeichen der Bestätigung. In dem Usurpieren von
+Rechten sind die Päpste groß, ja, ihre ganze Macht ist darauf gegründet,
+und so kam es bald dahin, dass sie sich nicht nur ausschließlich das
+Recht anmaßten, dergleichen Pallien zu erteilen, sondern gingen bald so
+weit, einen jeden Erzbischof wie auch einige größere Bischöfe zu
+zwingen, sich das Pallium von Rom zu holen, - denn die Gnadensache hatte
+sich in eine Abgabe verwandelt. Ein solches Pallium kostete 30.000
+Gulden, und diese Einnahme behagte den Päpsten so wohl, dass Johann
+VIII. unverschämt genug war, bekannt zu machen, dass jeder Erzbischof
+als abgesetzt zu betrachten sei, der sein Pallium nicht innerhalb drei
+Monaten von Rom habe.
+
+Die Päpste waren so geizig und so gewohnt, aus nichts Geld zu machen,
+dass ihnen trotz des hohen Preises der Mantel zu kostbar war. Dieser
+schrumpfte gar bald zu einer Art von Hosenträger zusammen, zu vier
+Finger breiten wollenen, mit rotem Kreuz versehenen Bändern, die über
+Rücken und Brust herabhängen. Diese Bänder sind aus der geweihten Wolle
+von Nonnenhänden gearbeitet und mögen vielleicht sechs Lot wiegen. Die
+Päpste verkauften demnach den Stein ihrer Wolle für nicht weniger als
+vierthalb Millionen Gulden!
+
+Diese Palliengelder brachten den Päpsten ungeheure Summen, denn die
+Erzbischöfe sind meistens alte Herren und lösen einander schnell ab, und
+jeder neue Erzbischof muss ein neues Pallium kaufen; er musste dies
+sogar tun, wenn er versetzt wurde. Wie einige Geheimräte die Exzellenz
+haben, so hatten auch einige deutsche Bischöfe, wie die von Würzburg,
+Bamberg und Passau, das kostbare Pallienrecht.
+
+Salzburg zahlte innerhalb neun Jahren 97.000 Scudi (etwa 5 Mark)
+Palliengelder. Der Erzbischof Markulf von Mainz musste das linke Bein
+eines goldenen Jesus verkaufen, um sein Pallium zu bezahlen. Er bekam
+also wahrscheinlich mehr für dieses Bein als der Verräter Judas für den
+ganzen Christus! -
+
+Der Erzbischof Arnold von Trier geriet in nicht geringe Verlegenheit,
+als ihm von zwei Gegenpäpsten zwei Pallien zugeschickt wurden, natürlich
+mit doppelter Rechnung. Wie er sich aus der Verlegenheit zog, weiß ich
+nicht, vielleicht durch den heiligen Rock. Sein Nachfolger, Bischof
+Arnoldi, der 1844 diesen alten Kittel ausstellte, wäre sicherlich nicht
+um lumpige 60.000 Gulden in Verlegenheit gewesen. Eine Million
+Wallfahrer, jeder taxiert zu fünf Silberlingen, macht 166.666 Taler
+preußisch Kurant oder 300.000 Gulden.
+
+Da nun die Erzbischöfe vom Papst so gebrandschatzt wurden, ist es ganz
+natürlich, dass sie wieder ihre Untertanen oder Angehörigen ihres
+Sprengels brandschatzten, denn das Volk ist ja das Schaf mit dem
+Goldenen Vlies, dem ein Stück nach dem andern von seinem Fell
+abgeschunden wird, um die Bedürfnisse der großen Herren zu befriedigen,
+heißen sie nun Erzbischöfe oder Fürsten.
+
+Die Päpste hatten Geld wie Heu, aber die meisten von ihnen verstanden es
+auch lustig durchzubringen. Sixtus VI. (1471 bis 1484) verschwendete
+schon als Kardinal in zwei Jahren 200.000 Dukaten, was nach dem jetzigen
+Geldwert weit über das Doppelte mehr ist. Eine seiner Mahlzeiten kostete
+manchmal 20.000 Florenen; aber was tat das, er verspeiste ja nur die
+Sünden der Christenheit und dann verstand er es auch, sich
+Extraeinnahmen zu schaffen. So erlaubte er zum Beispiel einigen
+Kardinälen für eine bedeutende Abgabe während der Monate Juni, Juli und
+August - Sodomiterei! Auch legte er in Rom öffentliche Bordelle an,
+welche ihm jährlich an sogenanntem Milchzins 40.000 Dukaten einbrachten.
+- Nun, wir werden später noch heiligere Päpste kennenlernen.
+
+Eine wahrhaft goldene Idee hatte Papst Bonifaz VIII.; er erfand das
+Jubeljahr! - Die Römer feierten den Anfang eines neuen Jahrhunderts
+durch große Festlichkeiten und auch die Juden ihr Jubel- oder
+Versöhnungsjahr. Dies brachte den genannten Papst höchstwahrscheinlich
+auf den Gedanken, solche Jubeljahre in der Christenheit einzuführen. Wer
+in dem Jubeljahr nach Rom wallfahrte und hier sein Scherflein auf dem
+Altar niederlegte, der erhielt vollkommenen Ablass für alle Sünden, die
+er in seinem ganzen Leben begangen hatte, und war wieder unschuldig wie
+ein neugeborenes Kind oder noch unschuldiger, denn in diesem steckt doch
+nach der Kirchenlehre noch der Teufel, welcher erst durch die Taufe
+ausgetrieben wird. -
+
+Wer wäre nicht gern seiner Sünden ledig. Ein ganz kurzer Mord kann einem
+ehrlichen Menschen das ganze lange Leben verbittern; wer erhielte nicht
+gern die Versicherung, dass dieser fatalen Kleinigkeit am Tage des
+Gerichts nicht weiter gedacht werden soll? Kurz, von allen Seiten
+strömten die Sünder nach Rom. Im Jahr 1300 brachten 200.000 Fremde das
+Jahr in dieser Stadt zu und der Gewinn, den sowohl die Einwohner
+derselben als auch der Schatz des Papstes davon hatten, war
+unermesslich.
+
+Was von den reichen Leuten an Gold und Silber geopfert wurde, hat die
+päpstliche Schatzkammer nicht für gut befunden, laut werden zu lassen;
+allein nur an Kupfergeld kamen in diesem goldenen Jahr 50.000 Goldgulden
+ein. Nach einer ungefähren Schätzung belief sich der ganze Ertrag des
+Jubeljahres auf 15 Millionen. Für die damalige Zeit war das eine ganz
+außerordentliche, unerhörte Summe.
+
+Die ganz unerwartet reiche Ernte machte den Päpsten natürlich Lust zu
+einer baldigen Wiederholung. Hundert Jahre sind gar zu lang, und Papst
+Clemens VI. hatte die beispiellose Güte zu bestimmen, dass das Jubeljahr
+alle 50 Jahre gefeiert werden solle, denn ihm war ein ehrwürdiger Greis
+mit zwei Schlüsseln - also wahrscheinlich St. Peter - erschienen, der
+ihm mit drohender Gebärde zugerufen hatte: "Öffne die Pforte!" Da musste
+er natürlich gehorchen.
+
+Urban VI. verkürzte diese Zeit noch bis auf 33 Jahre, zum Andenken an
+die Lebensjahre Jesu! An einem anständigen Vorwand hat es den Päpsten
+nie gefehlt. Sixtus IV. war "wegen der Kürze des Menschenlebens" noch
+gnädiger und setzte diese Zeit auf 25 Jahre herab.
+
+Das zweite Jubeljahr unter Clemens VI. (1350) fiel noch reichlicher aus
+als das erste. In der Jubelbulle "befiehlt er den Engeln des Paradieses
+auch die vom Fegefeuer erlösten Seelen derjenigen, die auf der Reise
+nach Rom gestorben sind, in die Freuden des Paradieses einzuführen".
+
+Solche überschwängliche Gnade war natürlich für die dummgläubige Menge
+höchst anlockend. Rom wurde so mit Fremden überschwemmt, dass die
+Gastwirte, die sich doch sonst auf das Geldnehmen vortrefflich
+verstehen, damit nicht fertig werden konnten.
+
+Am Altar St. Pauls lösten sich Tag und Nacht zwei Priester mit
+Croupiersrechen in der Hand ab, die unaufhörlich das geopferte Geld
+einstrichen und fast unter der Last ihrer Arbeit erlagen. Das Gedränge
+in der Kirche war so groß, dass viele der Gläubigen erdrückt wurden.
+Zehntausend der Wallfahrer erhielten gleich Gelegenheit, die
+Nützlichkeit des Ablasses zu erproben, denn sie starben an der Pest;
+aber man merkte ihren Abgang gar nicht, denn ihre Zahl gibt man auf eine
+Million und einige Hunderttausende an und den Ertrag dieser Jubelernte
+auf mehr als zweiundzwanzig Millionen!
+
+Es ist ordentlich spaßhaft zu sehen, wie nun jeder Papst auf ein neues
+Mittel sann, die Erfindung seines Vorgängers Bonifazius noch
+einträglicher zu machen, denn - preti, frati e polli non son mai satolli
+(Priester, Mönche und Hühner werden nie satt).
+
+Bonifazius IX. berechnete, dass viele Christen nicht nach Rom kämen,
+weil die Reise zu viel kostete und weil sie vielleicht auch wegen ihrer
+Geschäfte nicht abkommen konnten. Diesen schickte er die Gnade ins Haus,
+indem er Leute aussandte, welchen er die Macht beilegte, für den dritten
+Teil der Reisekosten nach Rom vollgültigen Ablass zu erteilen! - Trotz
+dieser Erleichterung strömten die Fremden doch noch nach Rom und in dem
+Jubeljahr unter Nikolaus V. konnte die Tiberbrücke die Menge der
+Menschen nicht tragen; sie brach zusammen, und zweihundert verloren
+dabei das Leben.
+
+Papst Alexander VI. machte eine noch nützlichere Erfindung. Von ihm
+rührt nämlich die sogenannte Goldene Pforte der Peterskirche her. Beim
+Beginn des Jubeljahres tat der Papst mit goldenem Hammer drei Schläge an
+diese Tür; dann wurde sie geöffnet und am Ende des Jahres wieder
+vermauert. Wer durch diese Pforte einging, war seiner Sünden ledig; ja,
+für eine bestimmte Summe konnte man auch im Auftrag eines Entfernten
+hindurchgehen und diesen von seinen Sünden befreien. Diese Maßregel
+brachte viel Geld ein.
+
+Die Päpste wurden durch diese Erfolge immer geldgieriger gemacht. Sie
+konnten oft die 25 Jahre nicht abwarten, und bei besonderen
+Veranlassungen, um die man nie verlegen war, wurde ein Extra-Jubiläum
+angesetzt, oder Reisende, die in Ablass "machten", wurden in der Welt
+umhergeschickt. Sie waren noch zudringlicher als Weinhandlungsreisende,
+so dass sie von manchen Gemeinden, den Pfarrer an der Spitze, zum Dorf
+hinausgeprügelt wurden.
+
+Die Reformation machte diesem Jubiläumsschwindel so ziemlich ein Ende,
+denn mit der Einnahme der späteren Jubeljahre wollte es nicht mehr recht
+"flecken". Sogar das Jahr 1825 wurde noch zu einem Jubeljahr erhoben;
+allein es kamen wenig mehr Fremde als gewöhnlich nach Rom, meistens nur
+italienisches Lumpengesindel, von dem nichts zu holen war. Auch trafen
+die Fürsten Anstalten, die Wallfahrten nach Rom zu erschweren, da sie
+das Geld ihrer Untertanen im Land selbst brauchten. Sogar die damalige
+österreichische Regierung verbot ihren italienischen Untertanen, ohne in
+Wien ausgestellte Pässe nach Rom zu wallfahrten. Wer da nicht beizeiten
+um einen Pass einkam, konnte leicht das Jubeljahr verpassen.
+
+Nach einer wahrscheinlich viel zu geringen Berechnung haben die
+Jubeljahre den Päpsten gegen 150 Millionen eingetragen.
+
+Der Ablassschwindel wurde von Leo X. auf die höchste Spitze getrieben.
+Die ungeheuren Einnahmen, die aus ganz Europa in den päpstlichen Schatz
+flossen, genügten diesem üppigen und prachtliebenden Papst noch immer
+nicht, und doch waren sie fast unermesslich! Mehrere der Goldquellen,
+welche sich die Päpste zu öffnen verstanden, habe ich bereits genannt;
+alle anzuführen würde zu weitläufig sein, doch einige will ich noch
+angeben.
+
+Eine nicht unbedeutende Einnahme für die Päpste sind die Annaten. So
+nennt man nämlich die erste Jahreseinnahme eines neuen Bischofs, welche
+an den Papst gezahlt werden muss. Man kann dieselbe durchschnittlich
+immer auf 12.000 Taler annehmen, und wenn man gering rechnet, dass
+wenigstens 2000 Bischöfe ihre Annaten an den Päpstlichen Stuhl zahlten,
+so macht dies schon 36 Millionen Taler.
+
+Die Dispensationsgelder der Priester wegen ermangelnden Alters zu sechs
+Dukaten; die Dispensation von Fasten und die Erlaubnis zu Ehen zwischen
+Blutsverwandten brachten große Summen. Die Letzteren mussten natürlich
+sehr häufig vorkommen, dafür hatten die Päpste gesorgt, indem sie die
+Ehe zwischen Blutsverwandten bis zum vierzehnten Grad verboten. Es hat
+sich jemand die Mühe genommen, auszurechnen, wie viel jeder Mensch
+durchschnittlich solche Blutsverwandte als lebend annehmen kann, und -
+sechzehntausend gefunden. Werden alle Arten der Verwandtschaft
+berechnet, so steigt ihre Zahl auf wenigstens 1.048.576. Da konnte es
+natürlich an Dispensgeldern nicht fehlen. - Außerdem wurde noch für
+Kreuzzugs- und Türkensteuer und unter unzähligen andern Namen den
+Gläubigen Geld aus dem Beutel gelockt.
+
+Ganz vortrefflich verstand sich auf dieses Wunder Papst Johann XXII. Er
+ist der Erfinder der schändlichen Liste der für Dispensationen und
+Absolutionen zu entrichtenden Taxen, von welchen ich später reden werde.
+Dieser Papst scharrte so viel zusammen, dass er, der arme
+Schuhflickerssohn, - sechzehn Millionen gemünztes Gold und siebzehn
+Millionen in Barren hinterließ!
+
+Doch, wie gesagt, alle diese reichen Einkünfte reichten nicht hin, die
+"Bedürfnisse" des Papstes Leo X. zu befriedigen. Seine Kinder,
+Verwandten, Possenreißer, Komödianten, Musiker wie seine Liebhaberei für
+die Künste verschlangen unermessliche Summen, und der üppige Heilige
+Vater geriet in große Verlegenheit.
+
+Um sich derselben zu entziehen, beschloss er, den Ablass systematisch
+zur Erpressung von Geld zu benutzen. Eine Beisteuer zur Führung eines
+Krieges gegen die Türken und zur Fortsetzung des schon von seinem
+Vorgänger begonnenen Baues der Peterskirche gab den Vorwand. Die sehr
+verbrauchte Türkensteuer wollte nirgends mehr recht ziehen, und Kardinal
+Ximenes, der weise spanische Minister, verbot sogar dafür zu sammeln,
+"weil er ganz sichere Nachrichten habe, dass jetzt von den Türken
+durchaus nichts zu befürchten sei". Der Papst erließ also eine Bulle,
+worin allen, welche durch Geldbeträge den Bau der Peterskirche befördern
+würden, Ablass verkündigt würde.
+
+Die ganze christliche Erde wurde nun in verschiedene Bezirke eingeteilt
+und Reisende des großen römischen Handelshauses dorthin geschickt, unter
+dem Titel päpstlicher Legaten oder Kommissarien. Die Ablassbriefe,
+welche diese commis voyageurs des Statthalters Gottes verkauften,
+lauteten wie folgt:
+
+"Im Namen unseres allerheiligsten Vaters, des Stellvertreters Jesu
+Christi, spreche ich dich zuerst von aller Kirchenzensur los, die du
+verschuldet haben könntest, hiernächst auch von allen Missetaten und
+Verbrechen, die du bisher begangen, so groß und schwer dieselben auch
+sein mögen; auch von denen, welche sonst allein der Papst vergeben kann,
+soweit sich die Schlüssel der heiligen Mutterkirche erstrecken. Ich
+erlasse dir vollkommen alle Strafen, die du um dieser Sünden willen
+billig im Fegefeuer erleiden solltest. Ich mache dich wieder der
+Kirchensakramente und der Gemeinschaft der Gläubigen teilhaftig und
+setze dich von neuem in den reinen und unschuldigen Zustand zurück,
+worin du gleich nach der Taufe warst, so dass, wenn du stirbst, die
+Pforten der Hölle, wodurch man zur Qual und Strafe einzieht,
+verschlossen sein sollen, damit du geraden Weges in das Paradies
+gelangen mögest. Solltest du aber jetzt noch nicht sterben, so bleibt
+dir diese Gnade ungekränkt."
+
+In der päpstlichen Kanzleitaxe war der Preis festgesetzt, für welchen
+die allerscheußlichsten Sünden vergeben wurden. Eltern- und
+Geschwistermord, Blutschande, Kindermord, Fruchtabtreibung, Ehebruch
+aller Art, die unnatürlichste Wollust, Meineid - kurz alles, was man nur
+Sünde oder Verbrechen heißt, fand hier seinen Preis. Ich würde dies
+empörende Dokument für eine Erfindung der Feinde des Papstes halten,
+wenn die Echtheit desselben nicht unzweifelhaft bewiesen wäre.
+
+Die schamloseste und frechste Nichtswürdigkeit enthält aber der Schluss
+dieser Taxe; er lautet: "Dergleichen Gnaden können Arme nicht teilhaftig
+werden, denn sie haben kein Geld, also müssen sie des Trosts entbehren!"
+
+Für die Bezahlung von zwölf Dukaten war es sogar den Geistlichen
+erlaubt, ganz nach Gefallen Hurerei, Ehebruch, Blutschande und
+Sodomiterei mit Tieren zu treiben!
+
+Des Papstes Spekulation glückte; unermessliche Summen wanderten nach
+Rom; sie lassen sich gar nicht berechnen. Ein päpstlicher Legat zog
+allein aus dem kleinen Dänemark mehr als zwei Millionen durch
+Ablassverkauf.
+
+Leo X. fand es vorteilhaft, den Ablass in einigen Bezirken an große
+Unternehmen für bestimmte Summen zu verpachten. Die Generalpächter
+hatten wieder ihre Unterpächter, damit die Länder ja recht gründlich
+ausgesogen wurden.
+
+Einer dieser Generalpächter war der Markgraf Albrecht von Brandenburg,
+Bischof von Halberstadt, Erzbischof von Magdeburg und endlich auch
+Erzbischof von Mainz und Kardinal! Er war dem Papst 30.000 Dukaten
+Palliengelder schuldig und übernahm den Ablasskram in einigen Ländern,
+in der Hoffnung, die Summe dabei zu gewinnen, welche ihm auch gegen
+Verpfändung des Ablasserlöses von dem Grafen Fugger in Augsburg
+vorgeschossen wurde.
+
+Der edle Kurfürst, Kardinal und Erzbischof betrieb diese Sache mit
+großem Eifer und kaufmännischem Geschick, und sehr interessant ist die
+von ihm den Ablasskrämern gegebene Instruktion, weshalb ich ihren Inhalt
+hier mitteilen will.
+
+"Zuerst sollen die Ablassprediger dem Kurfürsten schwören, dass sie ihn
+nicht betrügen. Dann gibt er ihnen Gewalt, nach aufgerichtetem Kreuz und
+aufgehängtem Wappen des Papstes, in den Kirchen den Ablass zu
+verkündigen und ihn denjenigen Personen zu erteilen, welche von ihren
+ordentlichen Geistlichen in den Kirchenbann getan oder mit sonstigen
+Kirchenstrafen belegt sind.
+
+Dann wird dem Ablassprediger befohlen, in jeder Ablasspredigt dem Volk
+drei bis vier Stücke aus der Ablassbulle des Papstes nach Möglichkeit zu
+erklären und anzupreisen, damit die päpstliche Gnade nicht-in Verachtung
+gerate und die Leute nicht einen Ekel von dem Ablass bekommen mögen.
+
+Ferner will der Kurfürst, dass dem Volk gesagt werden solle, es gelte
+außer dem seinigen in den nächsten acht Jahren kein anderer Ablass, den
+man bereits erhalten habe oder noch erhielte; aber durch diesen erlange
+nicht nur jeder völlige Vergebung der Sünden, sondern er komme nach dem
+Tode auch gar nicht in das Fegefeuer.
+
+Den Kranken, welche nicht in die Kirche kommen könnten, solle der Ablass
+auch zu Hause, aber für eine größere Summe, erteilt werden. Wenn die
+Prediger die Größe des Ablasses jemandem hinlänglich erklärt haben und
+es dazu kommt, zu bestimmen, was er wohl zu zahlen habe, so sollen sie
+ihn fragen, wie viel Geld er wohl für den völligen Ablass um Vergebung
+seiner Sünden aufopfern werde? Dies sollen sie vorausschicken, um die
+Leute desto leichter zum Kaufen des Ablasses zu bewegen.
+
+Wenn nun auch die Ablassprediger stets den Nutzen der Peterskirche vor
+Augen haben und den Beichtenden vorreden müssen, dass eine so hohe Gnade
+niemals zu teuer bezahlt sei, um sie zu einer möglichst hohen Abgabe zu
+bewegen, so spricht sich dennoch der Kurfürst wie folgt aus: Weil die
+Beschaffenheit der Menschen zu sehr verschieden und Wir demnach gewisse
+Taxen zu bestimmen nicht vermögen, so vermeinen Wir doch, dass in der
+Regel die Taxen also könnten gesetzt werden: Große Fürsten geben 25
+rheinische Goldgulden. Äbte, höhere Prälaten, Grafen, Freiherren und
+ihre Frauen zahlen für jede Person 10 rheinische Goldgulden. Andere
+Leute, die jährlich 500 Goldgulden einzunehmen haben, zahlen 6
+Goldgulden; Frauen und Handwerker einen, noch Geringere einen halben
+Gulden.
+
+Obwohl eine Frau von des Mannes Gütern nichts geben kann, so kann sie
+doch von ihren Dotal- und Parapharnalgütern, in diesem Falle auch wider
+des Mannes Willen, beitragen. Wenn arme Weiber und Töchter die Taxen von
+andern erbetteln können, sollen sie solche ebenfalls in den Ablasskasten
+liefern.
+
+Wenn jemand für eine Seele im Fegefeuer so viel beiträgt, als er etwa
+für sich zu bezahlen hätte, so ist nicht nötig, dass er im Herzen
+bußfertig sei oder mit dem Munde beichte! Denn dieser Ablass gründet
+sich auf die Liebe, mit welcher der, so im Fegefeuer sitzt, abgeschieden
+ist, und auf die Beiträge der Lebendigen.
+
+Wer einen Beichtbrief von den Ablasspredigern kauft, wird teilhaftig
+aller Almosen, Fasten, Wallfahrten nach dem Heiligen Grabe, Messen,
+Reinigung und guten Werke, die in der ganzen christlichen Kirche
+verrichtet werden, ob er gleich weder bußfertig ist noch gebeichtet hat.
+
+Dass auf einen gewandten, guten Reisenden sehr viel ankommt, weiß jeder
+Kaufmann, und der Erzbischof war bemüht, einen solchen zur Verbreitung
+seiner Ware aufzufinden. Er fand ihn in dem Dominikanermönch Johann
+Tetzel aus Pirna. In der Jugend hatte sich derselbe etwas mit dem
+Studieren abgegeben, und sein Religionseifer erwarb ihm die Würde eines
+Doktors der Theologie. In Innsbruck wurde er einst darüber erwischt, als
+er - wie die Chronik sagt - seinen geistlichen Samen in fremden Acker
+streute. Kaiser Maximilian I. hatte Befehl gegeben, die Brunst des
+verliebten Paters im Wasser zu kühlen, das heißt, ihn in einem Sacke zu
+ersäufen. Nur auf dringende Fürbitte des Kurfürsten Friedrich kam er mit
+dem Leben davon.
+
+Dieser unverschämte, feiste Schlingel, dessen Porträt in einem sehr
+guten Kupferstiche vor mir liegt, ist das wahre Ideal eines Pfaffen. Der
+Spitzbube sieht so durchtrieben und humoristisch aus, dass ich beinahe
+glaube, ich ließe mir selbst von ihm einen Ablasszettel anschwatzen.
+Welch ein Glück musste er nun erst bei den Gläubigen machen!
+
+Er führte einen eisernen, mit dem Wappen des Papstes verzierten Kasten
+mit sich herum und zog von Markt zu Markt, indem er sang: "Sowie das
+Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt!" Überall
+versammelte er eine große Menge um sich, und seine Anpreisungen des
+Ablasses waren wahrhaftig sehr ergötzlich, wenn auch fromme Christen sie
+gotteslästerlich nannten.
+
+Er rühmte von sich, dass er durch den Ablass mehr Seelen aus der Hölle
+errettet habe, als von dem Apostel Petrus durch die Predigt des
+Evangeliums Heiden bekehrt worden wären. Er könne nicht allein begangene
+Sünden vergeben, sondern auch solche, die man erst begehen wolle, und
+die Kraft seines Ablasses sei so groß, dass es keine Sünde gebe, welche
+durch denselben nicht gesühnt werden könne; ja, wenn jemand, was doch
+unmöglich sei, "die Mutter Gottes genotzüchtigt und geschwängert habe" -
+durch seinen Ablass könne derselbe von der dadurch verwirkten Strafe
+befreit werden.
+
+Dieser Tetzel trieb die Frechheit so weit, dass der damalige Johann von
+Meißen vorhersagte, dieser Mönch würde der letzte Ablasskrämer sein.
+
+Man erzählt von ihm eine Menge Stückchen, die Zeugnis ablegen von seiner
+grenzenlosen Unverschämtheit. In Annaberg, wo damals reiche
+Silberbergwerke waren, machte er den Leuten weis, dass alle Berge rings
+umher gediegenes Silber werden würden, wenn sie nur brav zahlten. In
+dieser Stadt scheint es ihm gefallen zu haben, denn er blieb hier zwei
+Jahre. - In Freiberg sammelte er binnen zwei Tagen zweitausend Gulden;
+aber als er wieder dorthin kam, hatte Luther den Leuten den Star
+gestochen, und die Bergleute waren so wütend, dass Tetzel es für geraten
+hielt, sich schleunigst davonzumachen.
+
+In Zwickau wollte er sich einst bei dem dortigen Küster zu Gaste bitten;
+allein dieser entschuldigte sich mit seiner Armut. Darauf befahl er
+diesem, im Kalender nachzusehen, ob auf dem andern Tag der Name eines
+Heiligen zu finden wäre. Der Küster fand aber nur den heidnischen Namen
+Juvenal.
+
+"Das tut nichts", sagte Tetzel, "Wir wollen diesen Heiligen schon zu
+Ehren bringen; beruft nur morgen das Volk durch alle Glocken zur Kirche,
+wie Ihr es sonst an den höchsten Festtagen zu tun pflegt."
+
+Der Küster tat, wie ihm befohlen, und die Einwohner der Stadt strömten
+in Menge in die Kirche. Tetzel predigte. "Die alten Heiligen", sagte er,
+"sind alt und müde, uns zu helfen; aber dieser heilige Juvenal, dessen
+Gedächtnis wir heute feiern, ist noch ziemlich unbekannt; wenn Ihr ihn
+anfleht und ihm opfert, so wird er sich gewiss beeilen, Euch zu helfen."
+Darauf riet er zur Freigebigkeit und ermahnte besonders die Vornehmen,
+mit gutem Beispiel voranzugehen.
+
+Er blieb bei dem "Gotteskasten" stehen und sah zu, was jeder
+hineinlegte, und die guten Zwickauer steuerten reichlich zu Ehren des
+heiligen Juvenal! Tetzel flüsterte dem Küster ins Ohr: "Es ist genug
+geopfert, nun wollen wir weidlich davon schmausen."
+
+In der Schweiz absolvierte Tetzel einen reichen Bauern wegen eines
+Totschlags, und als dieser ihm gestand, dass er noch einen Feind habe,
+den er gern ermorden wolle, erlaubte es ihm der elende Pfaffe gegen eine
+kleine Summe!
+
+Trotz aller Pfiffigkeit wurde Tetzel aber doch einmal angeführt. - In
+Magdeburg kam ein Herr von Schenk zu ihm und bot ihm eine nicht
+unbedeutende Summe, wenn er ihn für eine große Sünde absolvieren wolle,
+die er noch zu begehen gedenke. Schmunzelnd strich der Pfaff das Geld
+ein und gab den verlangten Ablassbrief.
+
+Als nun einige Tage darauf Tetzel von Magdeburg nach Braunschweig zog,
+beladen mit einigen tausend Gulden, überfiel ihn in einem Wald bei
+Helmstedt der Herr von Schenk und nahm ihm seine ganze Barschaft ab. Der
+Pfaff schrie Zetermordio und klagte über Gewalt; allein Schenk zeigte
+seinen Ablassbrief vor und sagte: "Entweder hat mein Verfahren nichts zu
+bedeuten, oder deine Ware ist Betrug." Schenk behielt das Geld, und
+Tetzel hatte das Nachsehen.
+
+Dieser nichtswürdige Mönch hatte die rechte Art, den Leuten das Geld aus
+dem Beutel zu schwatzen, und er nahm mehr ein als alle anderen
+Ablasskrämer, die sich damit begnügten, folgende stehende Redensarten
+herzuplappern:
+
+"Seht doch, der Himmel steht Euch überall offen. Wollt Ihr jetzt nicht
+hineingehen, wann werdet Ihr denn hineinkommen? O Ihr unsinnigen und
+verstockten Menschen, die Ihr fast den wilden Tieren gleich seid und die
+große Verschwendung und Ausgießung der päpstlichen Gnade nicht zu
+würdigen versteht. Sehet! so viel Seelen könnt Ihr aus dem Fegefeuer
+erlösen! O ihr Hartnäckigen und Saumseligen! Ihr könnt mit zwölf
+Groschen euren Vater aus dem Fegefeuer reißen und seid doch so
+undankbar, dass Ihr euren Eltern in so großer Not nicht beisteht. Ich
+will am jüngsten Gerichte die Schuld davon nicht auf mich nehmen" usw.
+
+Tetzel wusste die Sache den Leuten viel plausibler zu machen, und da war
+keine Dirne, die ihm nicht einige Groschen für irgendeine kleine Sünde,
+die sie begehen wollte, gezahlt hätte. Wie schnell er Geld
+zusammenzubringen wusste, beweist Folgendes: In Görlitz war die
+Peterskirche gebaut worden, und es fehlte nur noch das kupferne Dach,
+wozu 1800 Zentner Kupfer erforderlich waren, die damals 48.600 Taler
+kosteten. Man wandte sich an Tetzel, und in drei Wochen hatte er diese
+Summe gesammelt.
+
+Luthers 95 Thesen gegen den Ablass ruinierten dem Pater den ganzen
+Handel. Vielleicht war es der Ärger darüber, der ihn in Leipzig auf das
+Krankenlager warf, von dem er nicht wieder aufstand. Er starb und liegt
+in dieser Stadt im Paulino begraben, wo sein Monument wahrscheinlich
+noch zu sehen ist. -
+
+Die Ablassrechnung ist eine ganz kuriose Rechnung, und es ist schwer,
+sich hineinzufinden. Manche Leute kauften Ablass für mehrere hundert
+Jahre, während sie doch höchstens auf hundert zählen konnten. Aber die
+Jahre im Fegefeuer zählten mit, und das änderte die Rechnung! Für diese
+Sünde hatte man, nach Angabe der Pfaffen, zwanzig Jahre zu braten, für
+jene gar dreißig, und so kamen bei einem geübten Sünder leicht schon
+einige hundert Jährchen zusammen. Wollte er nun dennoch direkt in den
+Himmel spazieren, so musste er schon für so viele Jahre Ablass kaufen,
+als ihm kraft seiner Sünden im Fegefeuer zukamen.
+
+Das war übrigens noch nicht so schwer, denn wer eine Reliquie küsste und
+besonders wer dafür bezahlte, erhielt auf drei oder mehr Jahre Ablass,
+je nach der Heiligkeit der Reliquie. Erzbischof Albrecht besaß einen
+solchen Schatz von Reliquien, dass damit Ablass zu gewinnen war auf
+"neununddreißig Mal tausend, zweihundert Mal tausend,
+fünfundvierzigtausend, hundert und zwanzig Jahre, zweihundert und
+zwanzig Tage."
+
+Unter den Reliquien, die er von Halle nach Mainz schaffen ließ, befanden
+sich aber auch sehr rare und heilige Stücke! Achtmal vom Haar der
+Jungfrau Maria; fünfmal von ihrer Milch; dann das Hemd, in welchem sie
+Jesus geboren, ein halber Kinnbacken von St. Paulus nebst vier Zähnen
+usw.
+
+Man glaube ja nicht, dass diese Ablassrechnungen der vergangenen Zeit
+angehören und mit dem Mittelalter abgetan sind; sie werden noch
+heutzutage von römischen Priestern angestellt und den Gläubigen
+vorgetragen. In den "geistlichen Neujahrsgeschenken" der Diözese Mans in
+Frankreich, welche vor etwa zwanzig Jahren erschienen, wird folgende
+Berechnung über den Ablass gegeben: Wenn man einen geweihten Rosenkranz
+hat, sagt die heilige Brigitte, so erlangt man hundert Tage Ablass, so
+oft man das Credo, das Gloria Patri, das Paternoster und das Ave betet.
+Wenn man also den gewöhnlichen Rosenkranz betet, der aus 53 Ave, 6
+Paternoster, 6 Gloria Patri und einem Credo besteht, so erlangt man 6600
+Tage Ablass, den man den Seelen im Fegefeuer zuwenden kann. Sagt man den
+Rosenkranz von 150 Gebeten her, so erhält man 19.000 Tage Ablass, und
+überdies 7 Jahre und 7 vierzigtägige Fristen! - Für "eine Viertelstunde
+frommer Betrachtung" erhält man 7 Jahre und 289 Tage Ablass; für die
+Begleitung des Sanktissimum, wenn es zu Kranken getragen wird, 5 Jahre
+und 200 Tage; wenn man es aber mit einer Kerze begleitet, erlangt man 2
+Jahre und 83 Tage mehr.
+
+Die Summen, welche die Geistlichkeit durch ihren Handel gewann, sind
+unberechenbar und lassen sich aus einzelnen Angaben nur annäherungsweise
+schätzen. Liest man solche Angaben, so kann man gar nicht begreifen, wie
+es nur möglich war, bei dem früheren hohen Wert des Geldes soviel
+zusammenzuscharren.
+
+Als in der französischen Revolution die Klöster aufgehoben und die
+geistlichen Güter eingezogen werden sollten, bot die Geistlichkeit der
+Nationalversammlung vierhundert Millionen Franken bar Geld! - Die
+Venezianer schätzten das Vermögen ihrer Geistlichkeit auf 206 Millionen
+Dukaten.
+
+Von der Einnahme der Geistlichkeit, die herrlich und in Freuden leben
+wollte und viel verbrauchte, ging nur ein kleiner Teil in die päpstliche
+Schatzkammer; und deshalb wird die Angabe dieser Summe den allerbesten
+Maßstab dafür abgeben, was dem schon ohnehin genug geplagten Volk von
+den Pfaffen abgeschwindelt wurde.
+
+Aus dem Gebiete von Venedig, welches nur zweiundeinehalbe Million
+Einwohner zählte, gingen innerhalb zehn Jahren 2.760.164 Scudi nach Rom,
+und aus Österreich unter Maria Theresia binnen vierzig Jahren
+110.414.560 Scudi! Sind diese Angaben richtig - und sie sind
+zuverlässigen Quellen entnommen -, so erscheint die Berechnung viel zu
+gering nach welcher innerhalb 600 Jahren aus der katholischen
+Christenheit nur 1.019.690.000 Gulden nach Rom gezahlt wurden.
+
+Und wofür wurde dies Geld bezahlt? Für Dinge, welche zum Elend und zur
+Demoralisation des Volkes mehr beitrugen als irgend etwas in der Welt,
+und an wen gingen die 1019 Millionen? - An einen italienischen Bischof,
+der uns so wenig angeht wie der Mikado von Japan und der sich mit
+demselben Recht Statthalter Christi nennt, wie ich es tun könnte, und
+der unter diesem Titel zu seiner Zeit behauptete, Herr der ganzen Erde
+zu sein, von welcher derjenige, dessen Statthalter er zu sein vorgibt,
+nicht einmal soviel besaß, um sein Haupt daraufzulegen! - Was aber diese
+"Statthalter Christi in Rom" für Menschen waren und wie wenig sie die
+Verehrung verdienen, welche ihnen die Christen zollten, werden wir im
+nächsten Kapitel mit Abscheu und Ekel erfahren.
+
+
+
+
+Die Statthalterei Gottes in Rom
+
+
+ "Als die Leute schliefen und stockdumm
+ waren, hat der böse Feind, der Teufel,
+ das Papsttum gestiftet."
+
+
+Mit konsequenter Unverschämtheit kann in der Welt alles durchgesetzt
+werden, es mag auf den ersten Anblick noch so abgeschmackt und verrückt
+erscheinen. Beweise davon liefert die Geschichte in Menge; aber den
+schlagendsten und demütigendsten die des Papsttums.
+
+Eine Geschichte des Papsttums würde die Grenzen überschreiten, die ich
+mir notwendig setzen muss; ich beabsichtige nur in der bisher befolgten
+skizzenhaften Weise zu zeigen, dass das Papsttum auf den gröbsten Betrug
+gegründet ist, welche nichtswürdigen Wege die Päpste einschlugen, welche
+verbrecherischen Mittel sie anwendeten, sich die Welt tributpflichtig zu
+machen, und welchen moralischen Wert die Menschen hatten, welche von der
+römischen Kirche als "Statthalter Gottes" an ihre Spitze gestellt
+wurden.
+
+Ich schreibe mit der unverhüllt ausgesprochenen Absicht, den als
+Aberglauben früher charakterisierten religiösen Glauben zu vernichten,
+und da derselbe auf die Autorität der Päpste und der römischen Priester
+gestützt ist, so trachte ich zunächst danach, diese Autorität dadurch zu
+vernichten, dass ich auf geschichtlichem Weg die unreinen Quellen der
+Glaubenssätze nachweise und durch Erzählungen der Handlungen der Päpste
+den Gläubigen beweise, dass sie auf die Aussagen von Menschen
+vertrauten, die ihres Vertrauens in jeder Beziehung unwürdig sind.
+
+Dieser offen ausgesprochene Zweck macht mir die äußerste Vorsicht in
+Angabe von Tatsachen zur Pflicht und erlaubt mir nur, solche zu
+berichten, welche historisch so klar bewiesen sind, dass eine
+Widerlegung unmöglich ist. Aus dem Folgenden wird es dem Leser
+verständlich werden, warum ich es für nötig hielt, diese Bemerkung
+voranzuschicken. -
+
+In dem ersten Kapitel habe ich in der Kürze nachgewiesen, wie die
+Pfaffen entstanden sind und wie die Bischöfe eine geistliche Obergewalt
+über ihre Gemeinden usurpierten.
+
+Die Bischöfe begnügten sich mit der erlangten Macht nicht und je besser
+es ihnen glückte, ihre Brüder zu knechten, desto ausschweifender wurden
+sie in ihren Ansprüchen. Die Macht der jüdischen Hohenpriester, ihrer
+Vorbilder, war es, nach welcher sie trachteten. Das Bild des Priesters
+Samuel schwebte ihnen beständig vor Augen.
+
+Ein Betrüger schmiedete falsche Schriften, welche er den Aposteln
+zuschrieb und welche unter dem Namen der apostolischen Konstitutionen
+bekannt sind. Ihr Zweck war es, das Ansehen und die Gewalt der Bischöfe
+zu erhöhen und sie enthielten das Verrückteste, was man bisher zur Ehre
+der Bischöfe gesagt hatte. Diese wurden darin irdische Götter, Väter der
+Gläubigen, Richter an Christi Statt und Mittler zwischen Gott und den
+Menschen genannt. In demselben Sinn sprachen von den Bischöfen viele
+angesehene Kirchenväter.
+
+Als die römischen Kaiser zum Christentum übertraten, behaupteten sie
+zwar selbst ihre Würde als Oberpriester (Pontifices maximi), aber sie
+beförderten das Ansehen der Bischöfe ihren Gemeinden gegenüber. Ja,
+manche Kaiser waren so verblendet und unklug, ihre Kinder diesen
+Bischöfen zur Erziehung anzuvertrauen, was dann die ganz natürliche
+Folge hatte, dass diese "in der Furcht Gottes", das heißt in der Demut
+gegen die Pfaffen erzogen wurden und, als sie selbst Kaiser wurden, ihre
+Knie vor denselben beugten und ihnen die Hände küssten. Dass diese
+dadurch nur immer aufgeblasener und anmaßender wurden, liegt in der
+menschlichen Natur und wir dürfen uns nicht darüber wundern, wenn schon
+Bischof Leontius von Tripolis verlangte, dass die Kaiserin Eusebia,
+Gemahlin des Kaisers Constantius, vor ihm aufstehen und sich verneigen
+sollte, um seinen Segen zu empfangen.
+
+Die protestantischen Bischöfe der neueren Zeit hätten es gern auch so
+weit gebracht. Als Friedrich Wilhelm III. von Preußen einst in Magdeburg
+aus dem Wagen stieg und sich dabei bückte, erhob schon der Bischof
+Dräseke seine Hände und seine Stimme, um ihm den Segen zu erteilen. Zum
+großen Verdruss des Bischofs schob ihn der sonst so fromme König
+beiseite und sagte ärgerlich in seiner kurzen Weise: "Dumm Zeug! - so
+was nicht leiden!"
+
+Das Hauptstreben der Bischöfe war darauf gerichtet, die Einmischung der
+"weltlichen" Macht in die Kirchenangelegenheiten zu beseitigen, ja, wo
+möglich die Kaiser sich unterzuordnen. Der Bischof von Mailand,
+Ambrosius, machte damit gleich auf sehr freche Weise den Anfang. Er nahm
+es sich heraus, den Kaiser Theodosius zu exkommunizieren, das heißt, von
+der Kirchengemeinschaft auszuschließen.
+
+Manche Kaiser, denen die Pfaffen mit der Hölle zusetzten, waren schwach
+genug, zu den pfäffischen Anmaßungen zu schweigen und wenn nun das Volk
+sah, wie ihre gefürchteten Oberherren sich so demütig gegen die Bischöfe
+betrugen, musste es natürlich auf den Gedanken kommen, dass diese
+übermenschliche Wesen seien. In einigen Orten wurden denn auch die
+Bischöfe von den Christen mit dem evangelischen Hosianna empfangen.
+
+So stieg der Hochmut der Pfaffen von Jahr zu Jahr. Schon 341 n. Chr.,
+auf der Synode von Antiochien, wurde es den Geistlichen verboten, sich
+in kirchlichen Angelegenheiten ohne Erlaubnis der Bischöfe an den Kaiser
+zu wenden. Die niedere Geistlichkeit wurde überhaupt immer mehr
+unterdrückt, und die Landbischöfe, welche über ihre Gemeinden ganz
+dasselbe Recht gehabt hatten wie die Stadtbischöfe, wurden 360 durch
+Beschluss der Synode von Laodicäa ganz abgeschafft.
+
+Das gewöhnliche Sprichwort sagt: "Eine Krähe hackt der andern nicht die
+Augen aus"; aber die Pfaffen machten es zunichte, denn sie hackten sich
+nicht nur die Augen aus, sondern die Köpfe ab, wenn sie konnten und es
+ihnen passte. Wegen der lächerlichsten theologischen Streitigkeiten
+lagen sie sich fortwährend in den Haaren und erfüllten deshalb die Welt
+mit Unruhe und Mord.
+
+Einen bedeutenden Anteil an den theologischen Streitigkeiten hatten die
+zahllosen Mönche, welche ihre Ansichten nicht allein mit geistlichen
+Waffen, sondern weit wirksamer mit höchst irdischen Knüppeln verfochten.
+Sie bildeten förmliche Freikorps, welche von den fanatischen Bischöfen
+benutzt wurden und oft die gräulichsten Exzesse begingen. Ein römischer
+Feldherr, Vitalianus, musste 314 in Konstantinopel einrücken, um die
+Stadt vor den wütenden Mönchen zu schützen.
+
+Die zweite Kirchenversammlung zu Ephesus 449 n. Chr. erhielt den Namen
+Mörderversammlung, weil hier die tollen Mönche mit dem Schwert in der
+Hand die Annahme der Glaubenssätze erzwangen, welche sie für gut
+hielten.
+
+Einer der größten Fanatiker war der Bischof Cyrillus von Alexandrien.
+Sein Hass traf die in dieser Stadt seit siebenhundert Jahren wohnenden
+Juden. Er hetzte die Mönche und den Pöbel gegen sie auf, ließ ihre
+Synagogen niederreißen und jeden Juden niederhauen, der in ihre Hände
+fiel. So verlor Alexandrien vierzigtausend seiner fleisigsten Bürger!
+
+Der römische Präfekt Orestes wollte der Verfolgung Einhalt tun, allein
+er verlor darüber beinahe sein Leben, indem er von einem wütenden Mönch
+mit einem Stein am Kopfe schwer verwundet wurde. Die römische Regierung
+schwieg, da sie die Schuldigen nicht zu strafen wagte. So hoch war die
+Macht der Pfaffen bereits gestiegen.
+
+Die schändlichste Grausamkeit verübten diese christlichen Mönche aber
+gegen die Geliebte dieses Präfekten, die Tochter des Mathematikers
+Theon, die liebenswürdige Philosophin Hypatia. Zur Fastenzeit rissen die
+Mönche dies herrliche Weib aus ihrem Wagen, zogen sie nackend aus und
+schleppten sie wie ein Opferlamm in die Kirche. Hier ermordete man sie
+auf die grausamste Weise: Kannibalische Pfaffen kratzten ihr mit
+Muscheln das Fleisch von den Knochen und warfen die noch zuckenden
+Glieder ins Feuer.
+
+Stolz, Herrschsucht und Geldgier hatten in den Herzen der christlichen
+Priester die Stelle der christlichen Liebe eingenommen und die
+demokratische christliche Gleichheit war schon längst als unchristlich
+gebrandmarkt worden. Jeder Bischof trachtete nur danach, sich über die
+andern Bischöfe emporzuschwingen, und so entstanden unter ihnen allerlei
+Rangabstufungen.
+
+Die Bischöfe in den Hauptstädten und Provinzen der Länder erlangten bald
+eine Art von Oberhoheit über die der anderen Städte und nannten sich
+Metropoliten. Auch unter diesen maßten sich einige wieder einen höheren
+Rang an und wussten die Bischöfe mehrerer Länder unter ihre Oberhoheit
+zu bringen. Sie nannten sich zuerst Exarchen, dann aber Patriarchen.
+
+Zur Zeit des Kaisers Theodosius II. gab es fünf solcher Patriarchen, zu
+Konstantinopel, Antiochien, Jerusalem, Alexandrien und Rom. Sie waren
+voneinander vollkommen unabhängig und in ihrem Rang wie in ihren
+Vorrechten vollkommen gleich.
+
+Rom war die Hauptstadt der damaligen Welt; von hier gingen alle Befehle
+aus, durch welche sie regiert wurde. Die Pfarrer der römischen Gemeinde,
+welche sahen, wie trefflich es sich von Rom aus regieren ließ, wurden
+lüstern danach, die kirchliche Welt in ähnlicher Weise zu regieren wie
+die Kaiser die politische.
+
+Die übrigen Gemeindevorsteher, die Bischöfe, fanden das natürlich und
+mit Recht sehr anmaßend und empörten sich über die Lügen, durch welche
+ihre Kollegen in Rom ihre Prätensionen zu Rechten zu erheben trachteten.
+Wenn wir diese Lügen untersuchen, so wissen wir in der Tat nicht, ob wir
+mehr über die Dummheit und Unverschämtheit dieser Lügen, oder über die
+Dummheit der Menschen erstaunen sollen, die sich auf solche
+handgreifliche Weise übertölpeln ließen.
+
+Die Bischöfe zu Rom sagten: "Jesus machte Petrus zum Obersten der
+Apostel; diese waren ihm untergeordnet. Petrus war 24 Jahre, 5 Monate
+und 10 Tage Bischof in Rom; wir sind seine Nachfolger, folglich - stehen
+alle Bischöfe und Fürsten der Christenheit unter unserer Oberhoheit!"
+
+Selbst wenn Jesus so unchristlich gehandelt und Petrus einen Vorrang vor
+den anderen Jüngern gegeben hätte, selbst wenn Petrus Bischof in Rom
+gewesen wäre, so ist es doch noch immer eine seltsame Behauptung, dass
+deshalb seine Nachfolger Statthalter Gottes auf Erden seien! Doch diese
+Behauptung und Anmaßung wird erst dadurch zur frechsten Unverschämtheit,
+dass es Jesus nie einfiel, Petrus einen Vorrang zu geben, und endlich
+Petrus niemals in Rom und daher nicht Bischof dort war!
+
+Das erste bedarf kaum eines Beweises. Jesus spricht es oft genug gegen
+seine Jünger aus, dass keiner vor dem andern einen Vorrang habe, und es
+ist Petrus auch niemals eingefallen, sich einen solchen anzumaßen, wie
+aus seinen Briefen klar hervorgeht. In einem derselben sagt er: "Die
+Ältesten, so unter Euch sind, ermahne ich als Mitältester" usw. (1.
+Petr. 5,1). Auch Paulus sagt kein Wort von dem Avancement des Petrus und
+hält sich selbst den andern Aposteln gleich (2. Kor. 11-12,5).
+
+Außerdem verdiente es auch nächst Judas Petrus von den Jüngern wohl am
+wenigsten, gleichsam als Oberhaupt an ihrer Spitze zu stehen. Er zeigte
+sich schwächer als jeder andere, indem er Jesus drei Mal verleugnete und
+nicht einmal eine Stunde für Jesus wachen konnte, nachdem er doch vorher
+ruhmredig versichert hatte, dass er sein Leben für ihn lassen wolle.
+
+Petrus war ein unüberlegter Hitzkopf, der mancherlei Übereilungen
+beging, wozu der gegen Malchus geführte Streich - den ich ihm übrigens
+keineswegs übelnehme - und die Ermordung des Ananias und seines Weibes
+gehören. Nebenbei war er ein Duckmäuser, den Paulus wegen seiner
+Heuchelei schilt (Gal. 2,11-13), ja, der sogar einmal den sanften Jesus
+so in Eifer brachte, dass er ihn einen Satan nannte (Matth. 16,23).
+
+Dass Petrus die christliche Gemeinde in Rom gegründet habe, ja, dass er
+hier nahe an 25 Jahre Bischof gewesen sei, ist eine noch frechere Lüge,
+die sich gewissermaßen mathematisch aus der Bibel nachweisen lässt,
+weshalb es die Päpste auch nicht dulden wollen, dass dieselbe von den
+Katholiken gelesen wird.
+
+Die Apostelgeschichte geht bis in das Jahr 61 nach Christi Geburt. Nach
+der Erzählung der päpstlichen Geschichtsschreiber ist Petrus schon über
+20 Jahre früher nach Rom gekommen; aber die Apostelgeschichte, die doch
+am Anfang so viel und so weitläufig von Petrus spricht - sagt von dieser
+so wichtigen Reise kein Wort!
+
+Ganz sicher ist bewiesen, dass Paulus in Rom war und hier unter dem
+Kaiser Nero zwischen den Jahren 66-68 den Märtyrertod erlitt, zugleich
+mit Petrus lügen die päpstlichen Geschichtsschreiber hinzu. Paulus war
+zwei Jahre in Rom und schrieb von dort Briefe an verschiedene
+christliche Gemeinden, in denen er mehrere seiner Freunde und Anhänger
+nennt; aber von Petrus schreibt er kein Wort!
+
+Wäre dieser Bischof in Rom gewesen, so hätte es Paulus gar nicht umgehen
+können, von ihm zu reden, sei es auch nur, um sich über ihn zu
+beschweren, dass er ihn nicht in seinem Werk unterstützte, denn er sagt
+ausdrücklich, dass diejenigen, die er nennt, "sind allein meine Gehilfen
+am Reiche Gottes, die mir ein Trost geworden sind" (Kolosser 4, 7-14).
+Also "Paulus schreibt davon nichts", dass Petrus jemals in Rom war.
+
+Doch wenn dieser auch, ganz gegen seinen Beruf als Apostel, 25 Jahre
+Pfarrer einer Anzahl armer, verfolgter Christen in Rom gewesen wäre,
+folgt dann daraus, dass die nachherigen Bischöfe von Rom ein Recht
+hatten, mit Völkern, Kaisern und Königen wie mit Lumpengesindel
+umzuspringen? - Möchten sich die Päpste immerhin Nachfolger Petri oder
+Pauli nennen, allein auch nicht mehr Ansprüche machen als diese!
+
+Wo Petrus gestorben ist, weiß man zum Glück für die Päpste nicht, und so
+konnten diese eine schöne rührende Geschichte erfinden, die gar keine
+historische Begründung hat. Nach ihrer Erzählung wurde Paulus als
+römischer Bürger nur enthauptet; allein der Jude Petrus wurde gegeißelt
+und dann gekreuzigt, - den Kopf nach unten, wie er es - nach der Legende
+- aus Demut und zum Unterschied mit Christus verlangte. In dieser Demut
+sind die Päpste nicht seine Nachfolger!
+
+Aller Wahrscheinlichkeit nach war die Gemeinde der Christen zu Rom zur
+Zeit, als Paulus dort war, noch nicht so groß, dass sie eines eigenen
+Aufsehers bedurfte, und von einem Bischof im späteren Sinn kann vollends
+nicht die Rede sein. Das Verdienst, die christliche Gemeinde zu Rom
+gestiftet zu haben, gebührt also unbedingt dem Paulus; dem Petrus aber
+auf keinen Fall.
+
+Alle Ansprüche also, welche die sich Päpste nennenden römischen Bischöfe
+darauf gründeten, dass sie Nachfolger Petri wären, - zerfallen demnach
+in nichts. - Ursprünglich waren diese Peterlügen von ihnen nur deshalb
+erfunden worden, weil sie dadurch bewirken wollten, dass ihre Stimme bei
+Kirchenstreitigkeiten als entscheidende gelten sollte. Als sie dies erst
+durchgesetzt hatten, griffen sie weiter, denn l'appétit vient mangeant.
+
+Konsequenterweise beginnen die Päpste ihre Reihe mit Petrus. Nach ihm
+nennt man eine Menge zum Teil völlig erdichteter Namen, um nur die
+Lücken auszufüllen; denn die frühere Geschichte der römischen Bischöfe
+ist noch dunkler als die der römischen Könige. Es ist zwecklos, diese
+Herren Stadtpfarrer, denn anderes waren sie nicht, namentlich
+aufzuführen; ich will mich damit begnügen, nur diejenigen näher zu
+beleuchten, welche die größeren Schritte taten, dem Gipfelpunkt
+näherzukommen, nach welchem alle strebten.
+
+Die Reihen der römischen Kaiser, die der asiatischen Despoten, kurz,
+keine Fürstenreihe der Welt - ja, nicht einmal die chamber of horrors
+der Madame Toussaut in London bietet solche moralische Ungeheuer dar als
+die Reihe der Päpste, die sich die Statthalter Gottes nennen. - Aber sie
+mochten es noch so arg treiben, den verdummten Menschen gingen die
+blöden Augen nicht auf. Fürsten und Völker ließen sich von diesen
+ekelhaften Bösewichten das Fell über die Ohren ziehen und küssten dafür
+den Tyrannen noch demütig den Pantoffel.
+
+Fuhr einmal ein vernünftiger Fürst dem hochmütigen Priester zu Rom über
+die Glatze, dann schrie das dumme Volk Zetermordio, und war einmal das
+Volk vernünftig genug, den römischen Anmaßungen entgegenzutreten - dann
+kam gewiss ein dummer Fürst mit geweihtem Schwert und Hut und wetterte
+hernieder auf die verfluchten Ketzer.
+
+So kam es denn, dass die Päpste bis auf den heutigen Tag ein Recht
+ausüben, das ihnen niemand gegeben. Durch eine unerhörte Dreistigkeit,
+durch die klügste Benutzung der Dummheit der Menschen haben sie sich
+Schritt vor Schritt in den Besitz desselben gesetzt; denn die Christen
+der ersten Jahrhunderte waren weit entfernt, ihnen dasselbe einzuräumen.
+Ein Unrecht kann aber nie ein Recht werden, mag es auch Jahrtausende
+faktisch bestanden haben und selbst von dem Gesetz anerkannt sein;
+diejenigen, welche darunter leiden, haben vollkommen recht, sich von dem
+aufgezwungenen Joch loszumachen, sobald sie können. Dies kann aber ein
+jeder, sobald er aufgehört zu glauben; tut er das, so ist er schon frei
+ohne weitere Anstrengung.
+
+Wie schon oben gesagt, hatte vor Ende des ersten Jahrhunderts die
+römische Gemeinde wahrscheinlich weder einen besonderen Bischof noch
+eine besondere Kirche. Die armen Christen mussten sich herumdrücken, wie
+sie konnten, und ihre Ältesten waren gewiss Männer von unbescholtenen
+Sitten, denen es mit der Lehre Christi ernst war. Das Märtyrertum war
+ihnen unter den Verfolgungen so ziemlich gewiss, und daraus geht schon
+ganz sicher hervor, dass sie andere Leute waren als ihre Nachfolger, die
+keineswegs nach der Märtyrerkrone verlangten.
+
+Der erste römische Bischof, von dem wir wissen, dass er schon mehr
+gelten wollte als seine Kollegen, hieß Viktor (192 bis 201). Er
+verlangte sehr ungestüm, dass alle übrigen Christen das Osterlamm zu der
+Zeit essen sollten, wenn es in Rom geschah, nämlich am Auferstehungstage
+Jesu, und nicht, wie es die anderen Christen beibehalten hatten, am
+jüdischen Passahfest, zu welcher Zeit es auch Christus aß.
+
+Die anderen Bischöfe meinten, es rapple dem Herrn Kollegen in Rom unter
+der Mütze, und von seiner Berufung auf Petrus, der diesen Gebrauch in
+Rom eingeführt haben sollte, nahmen sie nur so viel Notiz, dass ihm der
+Bischof Polykrates von Ephesus antwortete: "dass nicht Petrus, sondern
+Johannes an der Brust Jesu gelegen wäre". Von einer Oberhoheit des
+Petrus über die anderen Apostel schien man damals, so nahe der Quelle,
+noch nichts zu wissen, aber tausend Jahre später hatte sich die
+beharrliche Lüge allgemeinen Glauben verschafft.
+
+Als die Christen in Rom einst zur Bischofswahl versammelt waren, setzte
+sich zufällig eine Taube auf den Kopf eines Mannes namens Fabianus, und
+mit echt heidnischem, altrömischem Wunderglauben riefen die Christen:
+"Der soll Bischof sein!" Seitdem nahm man an, dass der Heilige Geist bei
+jeder Bischofswahl gegenwärtig sei und sie leite. Das war bequem, denn
+nun konnte jede dumme Wahl ihm zur Last gelegt werden.
+
+Stephanus, welcher 253 Bischof wurde, war der erste, welcher behauptete:
+"er sei mehr als die andern Bischöfe, denn er sei der Nachfolger des
+heiligen Apostels Petrus". Ja, dieses Papstwickelkind ging schon so
+weit, dass es den asiatischen Bischöfen die Kirchengemeinschaft
+aufkündigte, weil sie seinen Vorschriften nicht gehorchen wollten.
+
+Diese waren höchlich erstaunt über die Frechheit ihres Herrn Bruders in
+Christo, und der Bischof Firmilian von Kappadokien äußerte sich in einem
+den Bischöfen zugeschickten Zirkular wie folgt: "Mit Recht muss ich mich
+in diesem Punkt über eine so offenbare als unverkennbare Torheit des
+Stephanus ärgern, welcher sich seines Bischofssitzes rühmt und sich für
+einen Nachfolger des Apostels Petrus ausgibt."
+
+Als Kaiser Konstantin die christliche Religion zur Staatsreligion
+machte, da wurde dieser Umstand sogleich von den römischen Bischöfen zur
+Erhöhung ihrer Macht benutzt. Durch niedrige Schmeichelei und Kriecherei
+gelang es ihnen, denen stets das Ohr des Kaisers zu Gebote stand, diesen
+zu bewegen, dass ihnen immer mehr Vorrechte eingeräumt wurden. Dabei
+waren sie nicht blöde; sie nahmen, wo sie etwas bekommen konnten, wie
+schon im ersten Kapitel erzählt ist. So wurden sie reich und mit dem
+Reichtum von Jahr zu Jahr hochmütiger.
+
+Die Stelle des römischen Bischofs wurde nun eine sehr begehrte und
+beneidete. Der heidnische Statthalter zu Rom, Prätextatus, sagte: "Macht
+mich zum Bischof von Rom, dann will ich sogleich Christ werden." Die
+Bewerber um diese Stelle lieferten sich die blutigsten Gefechte, in
+denen Hunderte von Menschen ihr Leben einbüßten.
+
+Mit der Frömmigkeit und Heiligkeit der römischen Bischöfe war es längst
+vorbei und wir sehen auf dem Bischofsstuhl schon Mörder und Ehebrecher.
+Doch bei solchen Kleinigkeiten dürfen wir uns nicht aufhalten und ebenso
+wenig bei den ehrgeizigen Kämpfen zwischen den Bischöfen von Rom und
+denen der anderen Städte.
+
+Obwohl es interessant ist, zu beobachten, wie durch konsequente
+Anwendung der Lüge, Unverschämtheit, List und Gewalt die Macht der
+römischen Bischöfe immer weiter um sich griff, so würde mich doch eine
+solche Auseinandersetzung hier zu weit führen, und ich will mich damit
+begnügen, die Stellung der römischen Bischöfe in den verschiedenen
+Jahrhunderten, sowohl ihren Mitbischöfen als der weltlichen Macht
+gegenüber, zu charakterisieren und nur einzelne dieser Ehrenmänner als
+Beispiel anführen.
+
+Schon im vierten Jahrhundert hatten die römischen Bischöfe es verlangt,
+dass ihnen der erste Rang unter den Patriarchen, also auch unter allen
+Bischöfen, zuerkannt würde. Dies geschah jedoch nicht, weil sie sich für
+Nachfolger Petri ausgaben, sondern weil sie ihren Sitz in der damaligen
+Hauptstadt der Welt hatten. Aber man dachte noch nicht daran, ihnen eine
+höhere Würde als den andern Patriarchen einzuräumen.
+
+Mehr erlangten sie auch nicht im fünften, sechsten und siebten
+Jahrhundert, wenn sie selbst auch schon anfingen, sich eine höhere
+Stellung anzumaßen und zu behaupten, dass sie vermöge der ihnen von
+Petrus anvertrauten Gewalt mit der Vorsorge für die allgemeine Kirche
+beauftragt wären.
+
+Diese Anmaßungen wurden indessen noch von niemand anerkannt. In diesen
+Jahrhunderten hielt man noch die allgemeinen Kirchenversammlungen für
+die einzige rechtmäßige kirchliche Behörde, welche für die Erhaltung der
+Einheit der Kirche Sorge tragen musste. Über die Beobachtung der
+allgemeinen Kirchengesetze hatte jeder Bischof in seiner Diözese und
+vorzüglich jeder Patriarch in seinem Bezirk zu sorgen.
+
+Die von den Aposteln gestifteten Gemeinden waren allerdings und
+begreiflicherweise die Richtschnur für die übrigen, und da Rom im
+Abendland die einzige der Art war (da sie von Paulus gestiftet wurde),
+so war es denn ganz natürlich, dass sich die abendländischen Bischöfe
+hin und wieder in streitigen Fällen kollegialisch an die Bischöfe von
+Rom wandten und um Rat baten.
+
+In solchen Fällen waren diese stets darauf bedacht, ihren Rat in die
+Form eines Befehls zu kleiden und wohl gar hinzuzufügen: "So beliebt es
+dem Apostolischen Stuhl." Wenn nun auch einzelne Bischöfe zu solchen
+Anmaßungen schwiegen, worauf die römischen sogleich ein Recht gründeten,
+so protestierte man doch von allen Seiten dagegen, und an ein Primat des
+römischen Stuhls dachte vollends noch niemand, als höchstens die
+römischen Bischöfe selbst. - Kaiser Justinian erklärte sogar durch ein
+eigenes Gesetz, die Kirche zu Konstantinopel sei das Haupt aller
+christlichen Kirchen, und andere legten dem dortigen Patriarchen, zum
+größten Ärger des römischen, den Titel und Charakter eines allgemeinen
+Bischofs bei.
+
+Selbst im Abendland, wo doch der römische Bischof noch im höchsten
+Ansehen stand, räumte man ihnen zu dieser Zeit nicht einmal einen
+besonderen Titel ein. Alle Bischöfe nannten sich Papst (von papa,
+Vater), auch Oberpriester, auch sogar Stellvertreter Christi, und gaben
+sich untereinander diese Titel, also auch dem Bischof von Rom, der bald
+Papst der Stadt Rom, bald schlechtweg Papst genannt wurde.
+
+Sogar der Titel Patriarch wurde im Abendland nicht einmal allein dem
+Bischof von Rom gegeben; es nannten sich die meisten Metropoliten so,
+und noch im Jahre 883 wurde der Bischof von Lyon, der auf der zweiten
+Synode zu Macon den Vorsitz führte, Patriarch genannt. Hierin liegt der
+Beweis, dass man selbst im Abendland gar nicht daran dachte, dem Bischof
+von Rom einen höheren Rang einzuräumen.
+
+Über das Verhältnis der römischen Bischöfe gegenüber den Kaisern habe
+ich bereits im ersten Kapitel gesprochen. Es blieb dasselbe im fünften,
+sechsten und siebten Jahrhundert. Zeigten sich einzelne Kaiser
+nachgiebiger gegen die Bischöfe, so lag das in ihrer Persönlichkeit. Der
+römische Bischof stand wie jeder andere Staatsbeamte unter dem Kaiser,
+und dieser und sein Statthalter waren seine Richter. Die Reichssynoden
+wurden von den Kaisern berufen, und diese präsidierten hier durch einen
+Kommissarius, und wenn auf der Synode zu Chalcedon der Legat des
+römischen Bischofs Leo den Vorsitz führte, so geschah es, weil dieser es
+sich vom Kaiser als eine besondere Gnade erbeten hatte. Die Beschlüsse
+dieser Synoden wurden nicht vom Bischof in Rom, sondern von den Kaisern
+bestätigt, und selbst wenn eine solche Kirchenversammlung gegen den
+Willen des römischen Bischofs gehalten wurde, so verlor sie dadurch
+nichts von ihrer allgemeinen Gültigkeit.
+
+Bei streitigen Bischofswahlen entschied immer der Kaiser, und kein
+Bischof durfte seine Würde antreten ohne die kaiserliche Bestätigung.
+Machte auch der Hochmut hin und wieder einen der Bischöfe verrückt, so
+wagten sie es doch nicht, sich über den Kaiser zu erheben.
+
+Selbst Gregor I. (590-604), in dem schon der Geist der späteren Päpste
+spukte, war demütig wie ein Hund vor den Kaisern. In seinen Briefen an
+den Kaiser Mauritius gebrauchte er die kriechendsten Ausdrücke und
+schreibt zum Beispiel: "Wer bin ich, der ich zu meinem Herrn rede, als
+Staub und Wurm." Er nennt den Kaiser seinen "frommen Herrn, dem die
+Gewalt über alle Menschen vom Himmel herab erteilt worden sei", und sich
+selbst nennt er seinen unwürdigen Diener. - Dies war er in der Tat, denn
+er war durch und durch ein lasterhafter, heuchlerischer Schurke. Sein
+Benehmen gegen den Tyrannen Phokas beweist das schon zur Genüge.
+
+Der Kaiser Mauritius, einer der edelsten Menschen, die jemals auf einem
+Thron saßen, wurde durch diesen Phokas, einen seiner Hauptleute,
+entthront. Selbst Nero ist gegen dieses blutdurstige Ungeheuer ein guter
+liebreicher Mensch, Phokas ließ fünf Kinder des Mauritius vor dessen
+Augen grausam hinrichten und dann ihn selbst. Er rottete die ganze
+kaiserliche Familie aus und mordete auf die scheußlichste Weise bis an
+das Ende seines Lebens.
+
+Gregor hatte von Mauritius nur Gutes erfahren; er nannte ihn selbst
+seinen Wohltäter, und dennoch verleumdete er aus Kriecherei gegen Phokas
+den edlen Kaiser. An den blutdurstigen Tyrannen schrieb er: "Bisher sind
+wir hart geprüft gewesen; der allmächtige Gott aber hat Eure Majestät
+erwählt und auf den kaiserlichen Thron gesetzt, um durch Eure Majestät
+barmherzige Gesinnung und Einrichtung aller unserer Not und Traurigkeit
+ein Ende zu machen. Der Himmel freue sich daher, und die Erde sei
+fröhlich, und das ganze Volk müsse wegen einer so glücklichen
+Veränderung Dank sagen."
+
+Und so warf sich Gregor weg, um Phokas und sein gleich nichtswürdiges
+Weib auf seine Seite zu ziehen, damit er ihm vor dem Bischof von
+Konstantinopel bevorzuge, welcher zum größten Missvergnügen Gregors den
+Titel "allgemeiner Bischof" angenommen hatte. Doch ich muss die
+Äußerungen der Verachtung gegen diesen elenden Pfaffen unterdrücken,
+denn wo soll ich sonst Worte finden, die noch nichtswürdigeren
+Handlungen seiner noch verruchteren Nachfolger zu bezeichnen?
+
+Dieser Gregor I. steht in der römischen Kirche in ganz besonders hoher
+Achtung, denn ihm verdankt sie die Einführung einer Menge sinnloser oder
+vielmehr dummer Zeremonien, die noch bis zum heutigen Tag Geltung haben.
+Er war es, welcher aus der römischen Kirche die letzten Spuren wahren
+Christentums, wie es Jesus und allenfalls seine Apostel verstanden,
+austilgte. Er ist der Erfinder des Fegefeuers, dieser päpstlichen
+Prellanstalt, die besser rentierte als irgendein Schwindelgeschäft,
+welches je ein beschnittener oder unbeschnittener Jude machte. Gregor
+ist auch der eifrigste Förderer des Mönchswesens. Er hinterließ einen
+Wust selbst verfasster Schriften, die von dem wundervollsten Unsinn
+strotzen. In ihnen sind auch Regeln für Geistliche enthalten, aus denen
+ich eine Probe anführe, damit die der römischen Kirche angehörigen Leser
+untersuchen können, ob ihr Bischof derselben entspricht. Es handelt sich
+nämlich darum, wie die Nase eines Bischofs beschaffen sein müsse. "Ein
+Bischof darf keine kleine Nase haben - denn er muss Gutes und Böses zu
+unterscheiden wissen wie die Nase Gestank und Wohlgeruch, daher auch das
+hohe Lied sagt: 'Deine Nase ist gleich dem Turm auf dem Libanon.' Ein
+Bischof darf aber auch keine allzu große oder gekrümmte Nase haben, um
+nicht spitzfindig oder niedergedrückt von Sorgen zu sein; - er darf
+nicht triefäugig sein, denn er muss helle sehen; noch weniger krätzig
+oder beherrscht vom Fleische."
+
+Im siebten Jahrhundert trug sich eine Veränderung zu, welche zwar dem
+Christentum einen harten Stoß gab, aber für das Ansehen der römischen
+Bischöfe in der Folge höchst vorteilhaft wirkte. Mohammed trat als der
+Stifter einer neuen Religion auf.
+
+Mohammed lehrte: "Es ist nur ein einziger Gott, welcher die ganze Welt
+beherrscht; er will von den Menschen treu verehrt sein durch Tugend.
+Tugend besteht in Ergebung in den göttlichen Willen, andächtigem Gebet,
+Wohltätigkeit gegen die Armen und Fremden, Redlichkeit, Keuschheit,
+Nüchternheit, Reinlichkeit, tapferer Verteidigung der Sache Gottes bis
+in den Tod. Wer diese Pflichten erfüllt, ist ein Gläubiger und empfängt
+den Lohn des ewigen Lebens."
+
+Diese Lehre musste in der damaligen Zeit großen Anklang finden, denn sie
+war einfach und verständlich, während die der Christen sich von der Jesu
+so weit entfernt hatte, dass sie unverständlicher, unklarer, mystischer
+und unvernünftiger geworden war, als die der Heiden jemals gewesen. Dazu
+kam noch ein zwar auf sehr sinnliche Vorstellungen gegründeter, aber
+deshalb sehr praktisch und verlockend erfundener Himmel, während ein
+Mensch mit gesunden Sinnen dem von den Mönchen geschilderten
+Christenhimmel weder eine fassbare Vorstellung noch den allergeringsten
+Geschmack abgewinnen kann.
+
+Der praktische Wert des Islam im Vergleich mit der zu jener Zeit als
+Christentum geltenden Religion war besonders bei den Völkern des Orients
+überwiegend, und die Lehre Mohammeds verbreitete sich mit großer
+Schnelligkeit über ganz Asien und Nordafrika und vernichtete die
+christliche Kirche in diesen Ländern. Dadurch verschwanden die
+Patriarchen von Antiochien, Jerusalem und Alexandrien und mit ihnen die
+gefährlichsten Gegner der römischen Anmaßungen. Mohammed und die Kalifen
+arbeiteten für die römischen Päpste.
+
+Diese waren aber bis zum Ende des siebenden Jahrhunderts noch gar weit
+von ihrem Ziel entfernt. Die Kaiser küssten ihnen noch nicht den
+Pantoffel, wie sie es später taten, sondern gingen mit ihnen ebenso um,
+wie die preußische Regierung es mit den evangelischen Bischöfen tut, das
+heißt, sie betrachteten sie einfach als Staatsbeamte.
+
+Der Bischof Liberius, welcher sich in Glaubenssachen nicht fügen wollte,
+wurde vom Kaiser Konstantin abgesetzt und verwiesen. Der stolze Bischof
+Leo "der Große" (452) musste sich vom Kaiser Valentinian als Gesandter
+an den Hunnenkönig schicken lassen, und der Bischof Agapet wurde in
+derselben Eigenschaft von dem Ostgotenkönig Theodat an Kaiser Justinian
+abgesendet.
+
+Wie demütig Gregor war, haben wir gesehen, und das war wenigstens klug
+von ihm, denn die Kaiser ließen nicht immer mit sich scherzen, wie es
+Konstans dem Bischof Martin (649 bis 655) bewies.
+
+Martin wagte es, den Befehlen des Kaisers entgegenzuhandeln, ja, er ließ
+sich in hochverräterische Pläne ein. Dies bewog den Kaiser, den
+römischen Bischof durch seinen Statthalter in Rom gefangen nehmen und
+nach der Insel Naxos bringen zu lassen, die durch Ariadne bekannter
+geworden ist als durch Martin, der hier ein ganzes Jahr lang im
+Gefängnis saß.
+
+Von hier brachte man den Heiligen Vater nach Konstantinopel, sperrte ihn
+39 Tage lang ein und stellte ihn dann vor ein Gericht, welchem der
+Großschatzmeister präsidierte. Der römische Papst hatte das päpstliche
+Übel, das Podagra, in den Beinen - seine Nachfolger hatten es häufig im
+Kopf - und erschien sitzend in einem Sessel. Der Richter befahl ihm
+jedoch, das Verhör stehend abzuwarten, und da er dies nicht konnte, so
+wurde er von zwei Männern aufrecht gehalten.
+
+Die Schuld war offenbar, und so ward ihm denn bald das Urteil
+gesprochen: "Du hast gegen den Kaiser verräterisch gehandelt", sagte der
+Großschatzmeister, "du hast Gott verlassen, und Gott hat dich wieder
+verlassen und in unsere Hände gegeben." Darauf übergab er den Bischof
+von Rom dem Gouverneur von Konstantinopel mit der Weisung, ihn ohne
+Bedenken in Stücke zerhauen zu lassen, wenn er wolle.
+
+Dem hochverräterischen römischen Papst wurde nun ein Halseisen umgelegt,
+und an Ketten wurde.er durch die Stadt geschleppt. Vor ihm her ging der
+Scharfrichter mit entblößtem Schwert, zum Zeichen, dass der Verbrecher
+zum Tode verurteilt war. Darauf wurde Martin ins Gefängnis gebracht, mit
+Ketten auf eine Bank geschlossen und unter freien Himmel gestellt, wie
+es mit allen Verbrechern den Tag vor ihrer Hinrichtung geschah.
+
+Über den armen deutschen König Heinrich erbarmte sich niemand, als er
+halbnackt im Schlosshof von Canossa im Schnee stand, aber Martin fand
+mitleidige Seelen. Die Gefängniswärter legten ihn ins Bett, und der
+Kämmerling des Kaisers ließ ihm zu essen bringen. Ja, der sterbende
+Patriarch Paulus von Konstantinopel, ein frommer Mann, den Martin
+feierlich als Ketzer verflucht hatte, bat auf seinem Sterbebett den
+Kaiser um seines Feindes Leben. Es wurde ihm bewilligt. Martin wurde aus
+dem Land verwiesen. Wo bat jemals ein römischer Papst um das Leben
+seines Feindes? Ich konnte in der Geschichte keinen Fall auffinden und
+würde jedem dankbar sein, der mir einen solchen nachweisen könnte. -
+
+Der Nachfolger des abgesetzten Martins zeichnete sich durch nichts aus
+als dadurch, - dass er diesen verhungern ließ.
+
+Im achten Jahrhundert taten die Päpste einen mächtigen Sprung vorwärts,
+wozu sie im Anfang desselben nicht die allergeringste Hoffnung hatten.
+Als die Langobarden Herren Italiens waren, beschränkte sich die Macht
+der römischen Bischöfe nur auf die Diözese, denn die barbarischen Könige
+derselben erkannten sie nicht einmal als die Patriarchen von Italien an,
+und die andern Bischöfe dieses Landes behaupteten ihre Unabhängigkeit.
+
+Das änderte sich aber bald, als das langobardische Reich unter die
+Herrschaft der Franken kam. Durch sie wurden die Bischöfe von Rom die
+größten Landbesitzer in Italien, und dies, wie die Unterstützung der
+Frankenkönige, half ihnen zu dem Primat in Italien.
+
+Sie verloren zwar in dieser Periode allen Einfluss auf Spanien, dafür
+traten sie aber wieder in nähere Berührung mit Gallien und legten den
+Grund zu ihrer Herrschaft in Deutschland. In England hatten sie schon zu
+Ende des sechsten Jahrhunderts festen Fuß gefasst, indem die dortigen
+christlichen Kirchen auf ihre Veranlassung gestiftet wurden.
+
+Von 715 bis 735 saß Gregor II. auf dem bischöflichen Stuhl zu Rom. Unter
+ihm brach der große Bilderstreit aus, von dem ich schon früher
+gesprochen habe und der das ohnedies schon durch Thronstreitigkeiten
+zerrüttete oströmische Reich noch mehr schwächte.
+
+Eigentlich hatte man sich schon seit den ersten Jahrhunderten des
+Christentums wegen der Verehrung der Bilder gezankt, und die
+angesehensten und frömmsten Kirchenlehrer hatten den Bilderdienst als
+abscheulichsten Götzendienst verdammt. Um von den vielen Beispielen nur
+eins anzuführen, setze ich den Ausspruch Tertullians her: "Ein jedes
+Bild ist nach dem Gesetz Gottes ein Götze, und ein jeder Dienst, der
+demselben erwiesen wird, eine Abgötterei."
+
+So wie dieser verdammen Eusebius von Cäsarea, Clemens von Alexandrien,
+Origenes, Chrysostomus und viele andere der geachtetsten Kirchenväter
+die Verehrung der Bilder als eine der christlichen Lehre durchaus
+hohnsprechende Abgötterei. Aber die römischen Bischöfe und die Mönche,
+welche ihren Vorteil kannten, den ihre Kasse aus diesem Götzendienst
+ziehen musste, verteidigten die Bilder mit Leib und Leben.
+
+Gregor II. war ein großer Bildernarr, und als der oströmische Kaiser
+Leo, der Isaurier, die Bilder mit Gewalt aus den Kirchen Italiens
+entfernen lassen wollte, da kam es zu den blutigsten Streitigkeiten,
+welche der Langobardenkönig Liutprand dazu benutzte, seine Herrschaft in
+diesem Land immer weiter auszudehnen.
+
+Gregor hetzte alles gegeneinander und wiegelte das Volk gegen den Kaiser
+auf. An diesen schrieb er einen unverschämten Brief, in welchem er ihn
+einen "Ignoranten, einen Tölpel, einen dummen und verrückten Menschen,
+einen gottlosen Ketzer" nannte. Der rechtschaffene Kaiser, anstatt
+diesen hochmütigen Pfaffen nach dem Gesetz strafen zu lassen, antwortete
+ihm mit großer Mäßigung, aber nun stieg erst recht die Frechheit
+Gregors, und in einem seiner Briefe schrieb er an seinen Kaiser und
+Herrn: "Jesus Christus schicke dir den Teufel in den Leib, damit dein
+Geist zum Heil gelange."
+
+Leo griff nun den rebellischen Bischof am richtigen Fleck an; er entzog
+ihm sein ganzes Patrimonium in Sizilien und Kalabrien und unterwarf es
+dem Patriarchen von Konstantinopel. Dadurch verlor Gregor alljährlich
+224.000 Livres Einkünfte. Dafür verehrt denn aber auch die römische
+Kirche diesen Gregor II. als einen Heiligen.
+
+Sein Nachfolger Gregor III. fuhr ganz in demselben Geist fort und
+wiegelte das Volk zu offener Empörung gegen den Kaiser auf. Als er aber
+auch den Langobardenkönig beleidigte, rückte dieser vor Rom. Der
+geängstigte Bischof, den nun alle heiligen Knochen nicht schützen
+konnten und der für seine eigenen fürchtete, bat Karl Martell, den
+fränkischen Majordomus, um Hilfe und wand sich vor ihm wie ein Wurm.
+Endlich ließ sich der Franke bewegen, ihn zu schützen, als er versprach,
+sich vom Kaiser loszusagen und Rom ihm zu unterwerfen.
+
+Nach Gregors und Martells Tod wurde der folgende Bischof von Rom,
+Zacharias, wieder arg von den Langobarden bedrängt und sah nirgends
+Trost und Hilfe als bei den Franken. Hier führte der Sohn Karl Martells,
+Pipin, das Schwert des Reiches und hatte große Lust, den schwachen König
+Childerich III. zu entthronen. Zacharias wusste es nun so zu lenken,
+dass die fränkischen Stände an ihn die Frage richteten: "Ob nicht ein
+feiger und untüchtiger König des Thrones beraubt und ein würdigerer an
+seine Stelle gesetzt werden dürfe?" Der römische Bischof antwortete:
+"Ja" und machte sich dadurch den nun zum Frankenkönig erwählten Pipin
+zum Freunde.
+
+Zacharias erlebte aber die Früchte seiner Politik nicht. Von ihm
+verdient noch bemerkt zu werden, dass er einen Bischof, namens
+Virgilius, in den Bann tat und als Ketzer verdammte, weil derselbe
+behauptet hatte, "dass die Erde eine Kugel sei und dass auf der andern
+Seite derselben Menschen wohnten, die uns die Fußsohlen zukehrten".
+
+Bischof Stephanus II. (752-757) erntete, was seine Vorgänger säten.
+Bedrängt von den Langobarden, begab er sich in Person zu Pipin. Dieser
+schickte ihm seinen Sohn Karl dreißig Meilen weit entgegen und ritt
+selbst eine Meile, ihn zu begrüßen. Er litt nicht, dass der Bischof vom
+Pferde stieg, sondern begleitete ihn selbst zu Fuß, gleich einem
+Stallknecht. So erzählen die päpstlichen Geschichtsschreiber.
+
+Pipin ließ sich in Paris von Stephan salben, und dieser entband ihn
+feierlich des Eides, den er seinem Könige geleistet, und tat die
+Franken, wenn sie Pipin und seine Nachfolger nicht als Könige anerkennen
+würden, in den Bann. Das tapfere Volk war bereits so sehr von
+päpstlichem Aberglauben umgarnt, dass die Dreistigkeit des Stephanus sie
+nicht empörte, sondern vielmehr die Macht Pipins befestigte. Dieser
+zeigte sich dankbar; er schenkte dem römischen Bischof das Exarchat,
+nämlich die heutige Romagna und Ankona, ein Land, welches Pipin gar
+nicht zu verschenken hatte, da es ihm nicht gehörte!
+
+Als Stephan nach Rom zurückgekehrt war und die Franken zu lange
+zögerten, ihn von den Langobarden zu befreien, schrieb er einen Brief
+nach dem andern an Pipin, und als derselbe immer noch nicht kam, griff
+er zu einem ebenso dummen wie schamlosen Betrug, der aber trotzdem
+gescheit war, da er bei den abergläubischen Franken Erfolg hatte.
+Stephan schickte nämlich einen Brief des Apostels Petrus an Pipin,
+seinen Sohn und die fränkische Nation, in welchem der Apostel auf die
+Langobarden schimpft, dringend um Hilfe bittet, aber dem Frankenkönig
+mitteilt, "dass, wenn er nicht helfen wolle, er vom Reich Gottes
+ausgeschlossen sei".
+
+Es mit dem "Himmelspförtner" zu verderben war eine ernste Sache, und die
+Franken entschlossen sich, in Italien einzurücken. Die Langobarden waren
+gezwungen, das Exarchat zu räumen, und Bischof Stephan in den Besitz
+eines Landes gesetzt, welches dem oströmischen Kaiser gehörte, dessen
+Untertan Stephanus war!
+
+Während die römischen Bischöfe selbst dafür besorgt waren, in Italien
+ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, arbeitete für sie in Deutschland
+Bonifazius, welcher seiner Beschützer ganz würdig war. Ich habe schon
+früher von diesem Unglücksapostel gesprochen, dem Deutschland all das
+Unheil verdankt, welches die römische Kirche über dasselbe gebracht hat.
+Dieser Bonifazius kam nach Rom und leistete Gregor II. über dem
+erlogenen Grab der Apostel einen Huldigungseid, durch welchen er sich
+dem Papsttum, nicht dem Christentum, mit Leib und Seele unterwarf.
+
+Mit heiligen Knochen aller Art ausgerüstet, ging er nun nach Deutschland
+und wandte alle von seinem Meister in Rom erlernten Mittel an, die
+deutschen Bischöfe dem Römischen Stuhl zu unterwerfen.
+
+Das Christentum hatte in Deutschland längst Wurzel gefasst; allein
+Bonifazius rottete es als Ketzerei aus und gab ihm dafür das moderne
+Heidentum, welches man schon damals in Rom christliche Religion nannte.
+Er stiftete als Legat des römischen Bischofs eine Menge Kirchen in
+Deutschland, die er alle demselben unterwarf, und seinen Bemühungen
+gelang es, zu Stande zu bringen, dass im Jahr 744 sämtliche deutsche
+Bischöfe dem Römischen Stuhle beständigen Gehorsam gelobten.
+
+Auch über die fränkischen Bischöfe erlangte der zu Rom eine Art von
+Oberhoheit; allein sowohl hier als in Deutschland hatte dieselbe noch
+ziemlich enge Grenzen, und man war weit davon entfernt, ihm die
+gesetzgebende Gewalt über die ganze Kirche einzuräumen. Aber es war
+schon genug, dass man ihm eine gewisse Autorität einräumte; mit Lug und
+Trug kamen, wie wir sehen werden, die Päpste bald weiter.
+
+Wenn auch Pipin sich sehr demütig zeigte, so fiel es doch seinem Sohn,
+Karl dem Großen, obwohl er sich in Rom vom Papst zum Kaiser krönen ließ;
+nicht im allerentferntesten ein, sich diesem unterzuordnen; er
+betrachtete ihn als den ersten Reichsbischof, denn er selbst trat in
+alle Rechte, welche sonst der römische Kaiser ausgeübt hatte. Aber
+dieser sonst so vernünftige Mann, welcher die Geistlichkeit wegen ihrer
+Habsucht, Prachtliebe und Sittenlosigkeit sehr derb zurechtwies, beging
+den dummen Streich, den Pfaffen ein wichtiges Recht zu gewähren, welches
+nur dazu diente, die Macht zu stärken, von der Karls Nachfolger
+misshandelt wurden; er bestätigte das Recht des Zehnten.
+
+Als die christlichen Priester sich ganz nach dem Muster der jüdischen
+bildeten, verlangten sie auch wie diese den zehnten Teil der Ernte usw.
+für sich. Bisher hatten sie die gläubigen Christen zur Zahlung dieser
+Abgabe zu überreden gewusst, und wenn auch schon am Ende des siebten
+Jahrhunderts eine fränkische Synode den Zehnten für eine göttliche
+Satzung erklärte und jeden mit dem Bann bedrohte, der ihn nicht bezahlen
+wollte, so war dies doch eben weiter nichts als ein Beweis pfäffischer
+Unverschämtheit, die wir deren so viele haben.
+
+Karl der Große machte den Zehnten erst gesetzlich, und bald dehnten ihn
+die Pfaffen auf alles mögliche aus. Sie verlangten nicht nur den Zehnten
+von den Feldfrüchten, Schafen, Ziegen, Kälbern, Hühnern und dem Erwerb,
+sondern sie wollten ihn sogar von Dingen erheben, die sich für
+Geistliche sehr schlecht schickten. Als Beweis mag folgender Fall
+dienen:
+
+Zu Brescia belehrte ein Pfarrer die Frauen im Beichtstuhl, dass sie ihm
+auch den Zehnten von - den ehelichen Umarmungen entrichten müssten. Eine
+der Frauen, welche sich von der Rechtmäßigkeit der geistlichen Ansprüche
+hatte überzeugen lassen, wurde von ihrem Manne wegen ihrer langen
+Abwesenheit zur Rede gestellt; von ihm gedrängt, beichtete sie das
+saubere Beichtstuhlgeheimnis. Der beleidigte Ehemann sann auf eine herbe
+Züchtigung. Er veranstaltete ein großes Gastmahl, zu welchem auch der
+zehntlustige Pfarrer geladen wurde. Als man in der besten Unterhaltung
+war, erzählte der Wirt der Gesellschaft die Nichtswürdigkeit des Pfaffen
+und wandte sich dann plötzlich an diesen, indem er ihm sagte: "Da du nun
+von meiner Frau den Zehnten von allen Dingen verlangst, so empfange nun
+auch den hier!" Dabei überreichte er dem Pfaffen ein Glas voll Urin usw.
+und zwang den halbtoten Pfarrer, dasselbe vor den Augen der ganzen
+Gesellschaft zu leeren. Seitdem wird ihm wohl der Appetit nach dem
+Zehnten etwas vergangen sein.
+
+Karls des Großen unwürdige Nachfolger begingen die Torheit, sich
+gleichfalls von den Päpsten krönen zu lassen, und so wurde in dem Volk
+bald die Idee erweckt, dass der Papst die Krone zu vergeben habe, da er
+den Kaiser erst durch die Krönung zum Kaiser mache. Die Einwilligung,
+welche aber die Päpste zu ihrer Wahl vom Kaiser bedurften, wurde stets
+in aller Stille und ohne Sang und Klang eingeholt, damit das Volk davon
+nichts merke.
+
+Papst Eugenius entwarf selbst den Eid, welchen er "seinen Herren, den
+Kaisern Ludwig und Lothar", leistete und den auch seine Nachfolger den
+Kaisern schwören mussten. Dieser Eid, den ich nicht ausführlich
+hersetzen will, steht auch in den Diplomen, die von den Kaisern Otto I.
+und Heinrich I. in der Engelsburg in Rom aufgefunden wurden. Es ist also
+klar bewiesen, dass die Päpste selbst sich damals durchaus als
+Untergebene der Kaiser betrachteten.
+
+Man erstarrt förmlich über die grenzenlose Unverschämtheit, mit welcher
+die Päpste dies abzuleugnen suchen! Wahrhaft groß darin war Nikolaus I.
+(858-868). Er behauptete: "dass die Kaiser, wenn sie Synoden für nötig
+hielten, stets nach Rom geschrieben und nicht befohlen, sondern nur
+gebeten hätten, eine Synode zusammenzurufen und dann gutgeheißen oder
+verdammt hätten, was man in Rom für nötig fand".
+
+Dieser Nikolaus war sogar dreist genug, zu behaupten, "dass die
+Untertanen den Königen, die den Willen Gottes (d. h. des Papstes) nicht
+täten, keinen Gehorsam schuldig wären". Seinen Namen setzte er in allen
+Schriften vor den der Könige, ja, er wagte es, Lothar zu
+exkommunizieren, und dieser - bat wirklich demütig um Absolution!
+
+Die Erzbischöfe Teutgaud von Trier und Günther von Köln traten kühn dem
+frechen Nickel entgegen. "Du bist ein Wolf unter Schafen", sagten sie zu
+ihm, "du handelst gegen deine Mitbischöfe nicht wie ein Vater, sondern
+wie ein Jupiter; du nennst dich einen Knecht der Knechte und spielst den
+Herrn der Herren, - du bist eine Wespe - aber glaubst du, dass du alles
+tun dürftest, was dir gefällt? Wir kennen dich nicht und deine Stimme
+und fürchten nicht deinen Donner, - die Stadt Gottes, von der wir Bürger
+sind, ist größer als Babylon, das sich rühmt, ewig zu sein, und das sich
+brüstet, als ob es nie irren könne."
+
+Doch was halfen solche vereinzelte Anstrengungen? Die starke Kreuzspinne
+zu Rom spann ihre Lügengewebe über ganz Europa und bestrickte damit
+endlich Könige, Bischöfe und Volk! Es ging aber damit den Päpsten noch
+immer zu langsam, sie ersannen einen Betrug, der ihnen schneller zum
+Ziele helfen sollte und, Dank der Dummheit der Menschen, leider auch
+half!
+
+Niemand wollte noch an die Rechtmäßigkeit all der Rechte glauben, welche
+die Päpste nach und nach usurpiert hatten. Dies war ihnen in vielen
+Fällen fatal, und sie mussten sehr wünschen, nachweisen zu können, dass
+schon die ersten römischen Bischöfe solche Machtvollkommenheit gehabt
+hätten, wie sie dieselben in Anspruch nahmen.
+
+Zu diesem Ende wurden zu Anfang des neunten Jahrhunderts die in der
+Geschichte unter dem Namen der pseudoisidorische Dekretalen bekannten
+falschen Urkunden von einem päpstlichen Betrüger zusammengestellt. Sie
+wurden unter dem Namen des höchst geachteten Bischofs Isidor von
+Sevilla, der 636 starb, verbreitet und begannen mit sechzig Briefen der
+allerersten Bischöfe Roms, denen eine Menge bischöflicher Dekretalen
+(Beschlüsse), echte und falsche durcheinander, folgten.
+
+Der Hauptzweck dieser Fälschung war es, die ganze Kirchenzucht über den
+Haufen zu werfen, den römischen Bischof zum unumschränkten
+Kirchenmonarchen zu machen, ihm mit Vernichtung aller Metropolitan- und
+Synodalgewalt die Bischöfe unmittelbar zu unterwerfen; die Kirche von
+aller weltlichen Gerichtsbarkeit unabhängig zu machen und allen Einfluss
+des Staates auf kirchliche Angelegenheiten und Verhältnisse zu
+zerstören.
+
+In diesem sauberen Spitzbubenwerk ist auch eine Schenkungsurkunde
+enthalten, durch welche der Kaiser Konstantin dem Apostel Petrus das
+ganze abendländische Reich und dessen Hauptstadt Rom zusichert!
+
+Das Betrügerische dieser Briefe und Urkunden liegt so klar am Tage, dass
+man kaum begreift, wie selbst Bischöfe ihnen damals Glauben schenken
+konnten. Aber die meisten derselben waren ungelehrte Leute, welche nicht
+einmal die Geschichte ihrer Kirche kannten. Fragte ein Gescheiter einmal
+nach den Originalen dieser Dekretalen, die doch in Rom aufbewahrt sein
+mussten und von denen man die Abschriften gemacht hatte, dann wusste man
+sehr schlau und ausweichend zu antworten, und die meisten Bischöfe
+ließen fünf gerade sein, da sie lieber von dem entfernten Bischof von
+Rom als von ihrem Metropolitan abhängig sein wollten, der ihnen zu nah
+auf die Finger sehen konnte.
+
+In diesen Briefen, die angeblich von den römischen Bischöfen der ersten
+Jahrhunderte geschrieben sein sollten, kommen Bezeichnungen von Dingen
+vor, die man zu ihrer Zeit noch gar nicht kannte. Ja, der betrügerische
+unwissende Fälscher, welcher dies Buch verfasste, lässt diese Bischöfe
+Stellen aus der Bibel nach der Übersetzung des viel später lebenden
+heiligen Hieronymus, selbst aus Büchern zitieren, die erst im siebten
+Jahrhundert geschrieben waren! Noch mehr, es sind sogar Stellen aus den
+Beschlüssen einer Synode zu Paris im Jahr 829 in diesem ungeschickten
+Machwerk aufgenommen!
+
+Doch, wie lächerlich es auch klingen mag, diese pseudoisidorische
+Dekretalen, diese anerkannte Fälschung, sind die Grundlagen des
+Papsttums. Durch sie wurden die Päpste unumschränkte Gesetzgeber in
+geistlichen und weltlichen Dingen, durch sie erhoben sie sich über
+Fürsten und Völker, ließen sich als Halbgötter anbeten, verfügten
+willkürlich über große Reiche, ja, verschenkten ganze Weltteile.
+
+Der Titel also, den ein meuchelmörderischer Schurke Phokas erteilte; die
+Schenkung ihm nicht gehörigen Gutes, welche ein Usurpator, Pipin,
+machte, und eine ganz gemeine Fälschung, diese pseudoisidorische
+Dekretalen, bilden die unheilige Dreieinigkeit, auf welcher die
+päpstliche Macht gegründet ist. Mord, Diebstahl, Fälschung! Ein sauberes
+Fundament!
+
+Das Gebäude, welches darauf erbaut wurde, hielt bis auf den heutigen
+Tag, denn es war gemörtelt mit der Dummheit der Menschen, und die Risse,
+welche die Vernunft zu manchen Zeiten darin machte, wurden zugeleimt mit
+dem Blut von Millionen!
+
+Die pseudoisidorische Dekretalen äußerten schon ihre Kraft unter dem
+oben genannten Papst Nikolaus I. und noch mehr unter Johannes VIII., der
+872 den Römischen Stuhl bestieg. Er gebärdete sich schon wie ein rechter
+Papst und sprach von dem Kaiser Karl dem Kahlen: "da er von Uns zum
+Kaiser gekrönt sein will, so muss er auch zuerst von Uns gerufen und
+erwählt sein." Er war der Erste, welcher den Kronkandidaten eine
+förmliche Kapitulation vorlegte, ehe sie zur Krönung nach Rom kommen
+durften.
+
+Karl dem Dicken, der einige Klostergüter verschenkt hatte, schrieb er:
+"Wenn du solche binnen sechzig Tagen nicht wieder schaffst, sollst du
+gebannt sein, und wenn auch dies nicht hilft, durch derbere Schläge klug
+werden."
+
+Er sprach in einem Schreiben an die deutschen Bischöfe mit dürren Worten
+aus, wohin das Streben aller Päpste zielte: "Was schaffen wir denn in
+der Kirche an Christi Statt, wenn wir nicht für Christus gegen der
+Fürsten Übermut kämpfen? Wir haben, sagt der Apostel, nicht mit Fleisch
+und Blut, sondern wider die Fürsten und Gewaltigen zu kämpfen." -
+
+Stephan V. (885-891) war schon nicht mehr damit zufrieden, ein Mensch zu
+sein, denn er sagte: "Die Päpste werden, wie Christus, von ihren Müttern
+durch die Überschattung des Heiligen Geistes empfangen"; alle Päpste
+seien so eine gewisse Art von Gott-Menschen, um das Mittleramt zwischen
+Gott und den Menschen desto besser betreiben zu können; ihnen sei auch
+alle Gewalt im Himmel und auf Erden verliehen worden.
+
+Doch nicht nur die Päpste der alten Zeit beanspruchten solche
+Gottmenscherei; alle römischen Priester tun es bis in die neueste Zeit,
+und als Beweis dafür will ich eine Stelle aus einer Predigt anführen,
+welche am 16. August 1868 in der Pfarrkirche zu Ebersberg von dem
+Kooperator in Oberdorfen, Anton Häring, gehalten wurde. Dieser
+Gott-Häring sagt: "Mit der Absolutionsgewalt hat Christus dem
+Priestertum eine Macht verliehen, die selbst der Hölle furchtbar ist,
+der selbst Luzifer nicht zu widerstehen vermag; eine Macht, die sogar
+hinüberreicht in die unermessliche Ewigkeit, wo sonst jede irdische
+Macht ihre Grenze und ihr Ende findet; eine Macht, sage ich, die Fesseln
+zu brechen vermag, welche für eine Ewigkeit geschmiedet waren durch die
+begangene schwere Sünde. Ja, fürwahr! diese Macht der Sündenvergebung
+macht den Priester gewissermaßen zu einem zweiten Gott, denn - Sünden
+vergeben kann naturgemäß eigentlich nur Gott. Und doch ist das noch
+nicht die höchste Spitze der priesterlichen Macht, seine Gewalt reicht
+noch höher; Gott selbst nämlich vermag er sich dienstbar zu machen!
+Wieso? Wenn der Priester zum Altar schreitet, um das heilige Messopfer
+darzubringen, da erhebt sich gleichsam Jesus Christus, der da sitzt zur
+Rechten des Vaters, von seinem Thron, um bereit zu sein auf den Wink
+seines Priesters auf Erden. Und kaum beginnt der Priester die
+Konsekration, da schwebt auch schon Christus, umgeben von himmlischen
+Scharen, vom Himmel zur Erde und auf den Opferaltar nieder und
+verwandelt auf die Worte des Priesters hier Brot und Wein in sein
+heiliges Fleisch und Blut und lässt sich dann von den Händen des
+Priesters heben und legen, und wenn er auch der sündhaftigste und
+unwürdigste Priester ist. Fürwahr, eine solche Macht übertrifft selbst
+die Macht der höchsten Himmelsfürsten, ja, sogar die Macht der
+Himmelsköniginnen. Darum pflegte der heilige Franziskus von Assisi mit
+Recht zu sagen: 'Wenn mir ein Priester und ein Engel zugleich begegnen
+würden, so würde ich zuerst den Priester grüßen, dann erst den Engel,
+weil der Priester eine viel höhere Macht und Hoheit besitzt als die
+Engel.'"
+
+Ich führe diese Stelle aus einer erst wenige Jahre alten Predigt nur
+deshalb an, um zu beweisen, dass der dumme Glauben unter den
+römisch-katholischen Christen noch kein überwundener Standpunkt ist, wie
+viele Leute im Norden von Deutschland glauben. - Doch kehren wir zu den
+Päpsten zurück.
+
+Der Strom der päpstlichen Nichtswürdigkeit und Unfläterei wird nun immer
+breiter und stinkender. Mit dem zehnten Jahrhundert beginnt die Zeit,
+welche in der Geschichte als das "römische Hurenregiment" berüchtigt
+ist. Gemeine Huren regieren die Christenheit und schalten und walten
+nach Gefallen über den sogenannten Apostolischen Stuhl.
+
+Ich könnte leicht parteiisch erscheinen, wenn ich diese schmachvolle
+Periode der Wahrheit getreu charakterisierte, deshalb mag für mich ein
+durchaus päpstlicher Schriftsteller reden, nämlich Kardinal Baronius. Er
+sagt: "In diesem Jahrhundert war der Gräuel der Verwüstung im Tempel und
+Heiligtum des Herrn zu sehen, und auf Petri Stuhl saßen die gottlosesten
+Menschen, nicht Päpste, sondern Ungeheuer. Wie hässlich sah die Gestalt
+der römischen Kirche aus, als geile und unverschämte Huren zu Rom alles
+regierten, mit den bischöflichen Stühlen nach Willkür schalteten und
+ihre Galane und Beischläfer auf Petri Stuhl setzten."
+
+Doch man darf ja nicht glauben, dass nur die Päpste ein so unwürdiges
+Leben führten, nein, verdorben wie das Haupt, so waren auch die Glieder.
+König Edgard sagte in einer Rede von der englischen Geistlichkeit: "Man
+findet unter der Klerisei nichts anderes als Üppigkeiten, liederliches
+Leben, Völlerei und Hurerei. Ihre Häuser haben sie ganz infam gemacht
+und sie in Hurenherbergen verwandelt. Tag und Nacht wird darin gesoffen,
+getanzt und gespielt. Ihr Bösewichte, müsst Ihr die Vermächtnisse der
+Könige und die Almosen der Fürsten so anwenden?" - Ich werde später
+hinlängliche Beweise anführen, dass König Edgard die Wahrheit sprach und
+dass seine Strafrede nicht allein die Geistlichen Englands, sondern
+aller Länder anging.
+
+Nicht der Heilige Geist, sondern die Mätresse des mächtigen Markgrafen
+Adalbert von Toskana, Marozia, erhob Sergius III. auf den Päpstlichen
+Stuhl und zeugte mit ihm hier ein Söhnlein, welches später ebenfalls
+Papst wurde. Als Sergius starb, gaben ihm Marozia und ihre Schwester
+Theodora ihren Liebhaber Anastasius II. zum Nachfolger. Diesem folgte in
+kurzer Zeit, weil das Schwesternpaar viel Päpste konsumierte, Johannes
+X., der es aber mit Marozia verdarb, die ihn gefangen setzen und
+ersticken ließ. Leo VI., der ihm folgte, wurde ebenfalls nach einigen
+Monaten ermordet.
+
+Endlich machte Marozia ihren mit Sergius III. erzeugten Sohn Johannes
+XI., der noch fast ein Kind war, zum Papst. Mord und Totschlag erfüllte
+Rom. Einer der Feinde des Papstes bemächtigte sich desselben und ließ
+ihn im Gefängnis vergiften.
+
+Die tolle Wirtschaft, die in Rom und überhaupt in Italien zu dieser Zeit
+herrschte, ist zu bunt und verwirrt, als dass ich mich auf Einzelheiten
+einlassen könnte.
+
+Im Jahr 956 gelang es einem Enkel der Marozia, namens Oktavian, den
+Päpstlichen Stuhl zu erobern, obwohl er erst neunzehn Jahre alt und
+niemals Geistlicher gewesen war. Er nannte sich Johannes XII. und ist
+ein wahres Juwel von einem Papst, der es noch toller trieb als sein
+gleichzeitiger Kollege, der griechische Patriarch Theophylaktus, - ein
+Junge von sechzehn Jahren!
+
+Johannes verkaufte Bistümer und Kirchenämter an den Meistbietenden und
+verwandte ungeheure Summen auf Pferde und Hunde. Von den ersteren hielt
+er nicht weniger als 2000, und diese fütterte er aus bloßer
+Verschwendungssucht mit Pistazien, Rosinen, Mandeln und Feigen, die
+vorher in gutem Wein eingeweicht waren. Guter Hafer und Heu wäre ihnen
+wahrscheinlich lieber gewesen.
+
+Unter seiner Regierung ging es recht lustig zu, man lachte und tanzte in
+der Kirche und sang dazu liederliche Lieder. Der päpstliche Palast wurde
+von Johannes XII. in einen Harem verwandelt. "Kein Weib war so keck,
+sich sehen zu lassen, denn Johannes notzüchtigte alles, Mädchen, Frauen
+und Witwen, selbst über den Gräbern der heiligen Apostel." So erzählt
+von ihm der Bischof von Cremona, Liutprand.
+
+Diese Wirtschaft wurde endlich Kaiser Otto I. zu toll. Er berief ein
+Konzil und hier erfuhr er von dem "Heiligen Vater" höchst unheilige
+Dinge. Die achtungswertesten Bischöfe traten gegen ihn als Ankläger auf.
+Einer sagte, dass er gesehen, wie der Papst einen im Pferdestall zum
+Bischof ordinierte. Andere bewiesen, dass er Bischofstellen für Geld
+verkaufte und dass er einen zehnjährigen Knaben zum Bischof von Lodi
+machte. Die Unzucht will ich hier übergehen, da sie zu viel Platz
+wegnehmen würde. Man beschuldigte ihn ferner, dass er den
+Kardinalsubdiakon kastriert, mehrere Häuser in Brand gesteckt, beim Wein
+auf des Teufels Gesundheit getrunken und beim Würfelspiel oftmals Venus
+und Jupiter angerufen habe.
+
+Nachdem die Synode feierlichst die Wahrheit dieser Aussagen beschworen
+hatte, bat sie den Kaiser, den Papst trotz aller Beweise nicht ungehört
+zu verdammen. St. Johannes wurde daherzitiert, aber statt seiner kam ein
+Brief, in welchem er schrieb: "Wir hören, dass Ihr einen andern Papst
+wählen wollt. Ist das eure Absicht, so exkommuniziere ich Euch alle im
+Namen des allmächtigen Gottes, damit Ihr außer Stand gesetzt werdet,
+weder einen Papst zu verdammen noch eine Messe zu halten."
+
+Nun machte Otto I. nicht viel Umstände mit dem liederlichen Hans, setzte
+ihn ab und den von Volk, Adel und Geistlichkeit erwählten Leo VIII. an
+seine Stelle. Hänschen hatte sich mit den Schätzen der Peterskirche
+davongemacht.
+
+Als Kaiser Otto mit seinen schwerfälligen Deutschen abmarschiert war, da
+verlangten die römischen Damen nach ihrem Liebling Johannes und wussten
+es durch ihren Anhang dahin zu bringen, dass er wieder im Triumph in Rom
+eingeholt wurde. Leo gelang es zu entkommen, aber mehrere seiner Freunde
+fielen Johannes in die Hände, der sie schändlich verstümmeln ließ.
+Otgar, Bischof von Speyer, einer dieser Freunde, der noch in Rom war,
+wurde so lange gepeitscht, bis er tot war!
+
+Der Heilige Vater, Johannes XII., genoss aber die neue Herrlichkeit
+nicht lange. Er entführte eine schöne Frau, wurde von dem Mann derselben
+auf der Tat ertappt und auf der Bresche der erstürmten Zitadelle
+totgeschlagen. Ein seltsames Sterbekissen für einen heiligen Papst!
+
+Ich habe die Taten dieses Johannes etwas ausführlicher erzählt, um die
+Leser vorzubereiten auf die späteren Päpste, die noch heiliger waren als
+er. Die andern "Heiligkeiten" dieses Jahrhunderts will ich kürzer
+abhandeln.
+
+Leo VIII. und Benedikt V. wurden bald abgetan, und es bestieg den
+päpstlichen Stuhl Johann XIII. (965-972), den die Römer wegjagten, weil
+er zu stolz und gewalttätig war und an dessen Stelle Benedikt VI. zum
+Papst gemacht wurde. Dieser wurde aber auch bald von einem Sohn der
+Marozia und des Papstes Johann X. ins Gefängnis geworfen und erdrosselt.
+
+Johann XIV. ließ einen seiner Gegenpäpste ebenfalls einsperren und
+vergiften; aber dieser Giftmischer, Bonifazius VII., starb bald darauf,
+und seine Leiche wurde von den erbitterten Römern durch alle Pfützen
+geschleift und dann auf offener Straße liegen gelassen wie ein Aas.
+Einige Geistliche holten sie hinweg und begruben sie heimlich.
+
+Johann XV. (985-996) maßte sich das ausschließliche Recht der
+Seligsprechung und Heiligsprechung an, welches bisher jeder Bischof nach
+Gefallen ausgeübt hatte.
+
+Johann XVI. wurde von seinem Gegner Gregor V. (996-998) gefangen
+genommen und hatte ein klägliches Ende. Gregor ließ ihn an Augen, Ohren
+und Nase schrecklich verstümmeln, in einem beschmutzten priesterlichen
+Gewand rücklings auf einem Esel, den Schwanz in der Hand, durch die
+Straße führen und dann in einem Kerker elend verhungern.
+
+Ich darf nicht vergessen, hier eine Sage einzuschieben, welche von den
+Feinden des Papsttums immer mit großer Schadenfreude erwähnt wurde, wenn
+auch neuere Schriftsteller sie als eine Erdichtung behandeln. Es ist die
+berüchtigte Geschichte von der Päpstin Johanna.
+
+Man erzählt nämlich, dass zwischen Leo IV. und Benedikt III. ein
+Frauenzimmer unter dem Namen Johann VIII. auf dem Päpstlichen Stuhl
+gesessen habe. Bald machte man diese Päpstin zu einem englischen, bald
+zu einem deutschen Mädchen und nennt sie Johanna, Guta, Dorothea,
+Gilberta, Margaretha oder Isabella. Sie soll mit ihrem Liebhaber, als
+Jüngling verkleidet, nach Paris gegangen sein, dort studiert und sich
+solche Gelehrsamkeit erworben haben, dass man sie, als sie später nach
+Rom kam, zum Papst wählte.
+
+Dieser Papst war aber, so erzählt die Sage weiter, vertrauter mit dem
+Kämmerer als mit dem Heiligen Geist, und der Heilige Vater fühlte, dass
+er eine Heilige Mutter werden wollte. Es erschien ihr ein Engel - die
+Engel flogen damals noch wie die Sperlinge herum - der ihr die Wahl
+ließ, ob sie ewig verdammt oder vor der Welt öffentlich beschimpft sein
+wollte. Sie wählte das Letztere und kam in öffentlicher Prozession
+zwischen dem Kolosseum und der Kirche St. Clemens mit einem jungen
+Päpstlein nieder.
+
+Jeder Hof hat seine geheime Geschichte, und die vorgefallenen
+Schändlichkeiten werden meist so gut vertuscht, dass der spätere
+gewissenhafte Geschichtsschreiber die sich hin und wieder davon
+vorfindenden, sich oft widersprechenden Erzählungen als nicht
+hinlänglich begründet verwerfen muss. Ich habe Büchertitel gelesen, auf
+denen versprochen ist, die Echtheit der Päpstin Johanna aus mehr als
+hundert päpstlichen Schriftstellern nachzuweisen; aber andere Titel, die
+ebenso gründlich und zuversichtlich klingen, versprechen gerade das
+Gegenteil. Die Sache ist an und für sich nicht so wichtig, deshalb habe
+ich meine Zeit nicht damit verloren, sie historisch zu untersuchen, was
+eine sehr mühsame Arbeit sein möchte, und ich muss sie dem Glauben oder
+Unglauben der Leser überlassen.
+
+Seit dieser ärgerlichen Geschichte, fährt die Sage fort, musste sich der
+neuerwählte Papst auf einen durchlöcherten Stuhl setzen vor versammelter
+Geistlichkeit und Volk. Dann musste ein Diakon unter den Stuhl greifen
+und sich handgreiflich davon überzeugen, ob der Papst das habe, was der
+Johanna fehlte und was ein Papst jener Zeit durchaus zur Regierung der
+Christenheit nicht entbehren konnte. Fand er alles in Ordnung, dann rief
+er mit feierlicher Stimme: Er hat, er hat, er hat! (habet, habet,
+habet!) Und das Volk jubelte: Gott sei gelobt! - Dieser Stuhl hieß der
+Untersuchungsstuhl oder auch sella stercoraria. Erst Leo X. soll diesen
+Gebrauch abgeschafft haben.
+
+Gregor V., der letzte Papst im zehnten Jahrhundert, war der erste,
+welcher das Interdikt auf ein Land schleuderte, und zwar auf Frankreich.
+"Das Interdikt war die furchtbarste und wirksamste Taktik der
+Kirchendespoten und der recht eigentliche Hebel der geistlichen
+Universalmonarchie."
+
+Jetzt mag der Papst bannen und interdizieren, soviel er will, es kräht
+kein Hahn danach; allein in jener finsteren Zeit konnte ein Land kein
+größeres Unglück treffen als das Interdikt. Trauer und Verzweiflung
+waren über dasselbe ausgebreitet, als wüte die Pest. Der Landmann ließ
+seine Arbeit liegen, denn er glaubte, dass der verfluchte Boden nur
+Unkraut statt Frucht trüge; der Kaufmann wagte es nicht, Schiffe auf die
+See zu schicken, weil er befürchtete, Blitze möchten sie zertrümmern;
+der Soldat wurde ein Feigling, denn er meinte, Gott sei gegen ihn.
+
+Keine Wallfahrt, keine Taufe, keine Trauung, kein Gottesdienst, kein
+Begräbnis mehr! Alle Kirchen waren geschlossen, Altäre und Kanzeln
+entkleidet, die Bilder und Kreuze lagen auf der Erde; keine Glocke tönte
+mehr, kein Sakrament wurde ausgeteilt: die Toten wurden ohne Sang und
+Klang verscharrt wie Vieh, in ungeweihter Erde! - Ehen wurden nur
+eingesegnet auf den Gräbern, nicht vor dem Altar, - alles sollte
+verkünden, dass der Fluch des Heiligen Vaters auf dem Land laste. Kurz,
+die ganze Pfaffheit mit allem, was daran und darum hängt, war
+suspendiert. Es war ein Zustand, wie ich ihn - die Dummheit des Volkes
+abgerechnet - dem deutschen Volk von ganzem Herzen wünsche.
+
+Der Bann oder die Exkommunikation kommt schon weit früher in der
+christlichen Kirche vor, aber dann war er immer nur gegen einen
+einzelnen gerichtet, und dieser hatte daran schwer zu tragen, wenn er
+sich auch persönlich gar nichts daraus machte. Das Volk betrachtete ihn
+als dem Teufel verfallen und floh seine Gemeinschaft, als ob er ein
+Pestkranker sei. Die Überbleibsel seiner Tafel, und wenn es die einer
+kaiserlichen waren, rührte selbst der Ärmste nicht an; sie wurden
+verbrannt.
+
+Mit der Exkommunikation wurde der Gebannte auch zugleich für bürgerlich
+tot erklärt. Er konnte keine Rechtssache vor Gericht führen, nicht Zeuge
+sein, kein Gut zu Lehen oder in Pacht geben usw. Vor die Tür eines
+Gebannten stellte man eine Totenbahre, und seine Leiche durfte nicht in
+geweihter Erde begraben werden. Hieraus wird man es erklärlich finden,
+dass selbst Könige vor dem Bann zitterten.
+
+Sylvester II., der Nachfolger Gregors V., ist der einzige Papst, von
+welchem die päpstlichen Geschichtsschreiber mit Bestimmtheit melden,
+dass ihn der Teufel geholt habe. Er war nämlich ausnahmsweise gescheit,
+trieb viel Mathematik, begünstigte die Wissenschaften und dergleichen
+Teufeleien. Ihm verdanken wir auch die arabischen, dass heißt unsere
+gewöhnlichen Zahlen.
+
+Diesem gescheiten Papst hatte, so erzählt man, der Teufel die Papstwürde
+verheißen und versprochen, ihn nicht eher zu holen, als bis er in
+Jerusalem Messe lesen würde. Dazu war wenig Hoffnung, denn diese Stadt
+war von den Sarazenen besetzt, und Sylvester glaubte, die Bedingung
+eingehen zu können. Wie der Teufel mit dem Heiligen Geist fertig wurde,
+der sonst die Papstwahlen leiten soll, weiß ich nicht; genug, Sylvester
+wurde gewählt und hatte nicht die geringste Lust, in Jerusalem Messe zu
+lesen. - Aber der Teufel ist ein Schalk. Es gab in Rom eine Kapelle,
+welche den Namen Jerusalem führte; hier las der Papst Messe, ohne an den
+Namen zu denken, und der Teufel holte ihn gewissenhafterweise.
+Sylvesters Grab hat lange geschwitzt, und seine Gebeine rasselten.
+Schrecklich!
+
+Die pseudoisidorische Dekretalen hatten im zehnten Jahrhundert schon
+ihre Blüten entfaltet; aber im elften fingen sie an, ausgiebig Frucht zu
+tragen. In demselben sehen wir das Papsttum in seiner höchsten Macht und
+Gregor VII. auf dem Gipfelpunkt derselben.
+
+Ehe ich noch von dem gewaltigen Papst rede, muss ich erwähnen, dass
+schon vor seiner Zeit das Kollegium der Kardinäle zu sehr hoher
+Bedeutung gelangte. Ursprünglich gab es nur sieben Kardinales (von
+cardo, Türangel), und es waren dies die vornehmsten Geistlichen Roms. Da
+nun der Einfluss dieser Herren sehr stieg und alle Geistlichen nach
+dieser Würde trachteten, so sahen sich die Päpste genötigt, die Zahl der
+"Türangeln der Kirche" unter allerlei Abstufungen zu vermehren, bis sie
+endlich, weil Jesus siebzig Jünger hatte, auf diese Zahl stieg.
+
+Allmählich wurde der Geistlichkeit und dem Volk das Recht der Papstwahl
+"entzogen", was man in nicht diplomatischem Deutsch gestohlen nennt, und
+die Kardinäle maßten sich das ausschließliche Recht derselben an. Dieses
+Kollegium, aus und von welchem der Papst nun gewählt wurde, hatte ein
+direktes Interesse daran, das Ansehen des Päpstlichen Stuhls auf jede
+Weise zu fördern, denn es konnte ja jedes Mitglied desselben selbst
+Papst werden.
+
+Die Kardinäle wussten sich bald die größten Vorrechte zu verschaffen.
+Sie machten Anspruch auf einen Rang unmittelbar nach den Königen und
+verlangten den Vorrang vor allen Kurfürsten, Herzogen und Prinzen. Sie,
+die eigentlichen Privatdiener des Papstes, standen weit höher als
+Erzbischöfe und Bischöfe, welche doch sämtlich ebenso viel wie der Papst
+selbst waren. Da haben ja auch in manchen unserer deutschen Staaten die
+Kammerherren, die dem Fürsten den Operngucker nachtragen müssen,
+Oberstenrang.
+
+Die Kardinäle trugen Purpur. Begegneten sie einem Verbrecher auf seinem
+Weg zum Galgen, so konnten sie ihn befreien. Sie selbst verdienten, wie
+wir sehen werden, diesen Galgen sehr häufig; allein ich glaube nicht,
+dass jemals ein Kardinal durch rechtskräftigen Urteilsspruch zum Tode
+verurteilt worden ist, denn es war beinahe unmöglich, ihn eines
+Verbrechens zu überführen, da nicht weniger als zweiundsiebzig Zeugen
+dazu nötig waren. Kardinäle durften jede Königin oder Fürstin auf den
+Mund küssen, und keiner durfte ein Einkommen unter 4000 Scudi jährlich
+haben. Der Posten eines Kardinals ist einer der bequemsten in der ganzen
+Christenheit.
+
+Gregor VII. (1073-85) war der Sohn eines Handwerkers und heißt
+eigentlich Hildebrand. Er war nur klein von Körper, aber der größte und
+kräftigste Geist, der je auf dem Päpstlichen Stuhl gesessen. Sein
+Zeitgenosse, der Kardinal Damiani, nannte ihn einen heiligen Satan und
+die späteren reformierten Schriftsteller titulierten ihn nie anders als
+Höllenbrand.
+
+Schon als Kardinal beherrschte er unter den ihm vorhergehenden Päpsten
+den "Apostolischen Stuhl" und wusste es durch Intrigen und Heuchelei
+dahin zu bringen, dass man ihn selbst auf denselben erhob und dass
+Kaiser Heinrich IV., trotz aller Warnungen gutgesinnter Bischöfe, ihn
+bestätigte.
+
+Dieser Grobschmiedssohn Hildebrand schmiedete die Kette, unter welcher
+die Welt seit achthundert Jahren seufzt. Er ist der eigentliche
+Begründer des Papsttums. Unablässig trachtete er danach, seine Idee von
+einer Universalmonarchie zu verwirklichen, und seinem echt pfäffischen
+Genie, welches kein Mittel verschmähte, gelang es auch.
+
+Kaum war er Papst, so behauptete er: die ganze Welt sei ein Lehen des
+Päpstlichen Stuhls. Mehrere Fürsten waren so töricht, dieser Ansicht
+beizupflichten und ihre Reiche von ihm zu Lehen zu nehmen. Diejenigen
+Fürsten, bei denen all seine nichtswürdigen Künste und Lügen nichts
+fruchteten, tat er in den Bann, und ich habe oben gezeigt, was ein
+solcher Bann damals zu bedeuten hatte. Ein exkommunizierter König war
+nach Gregors Grundsatz seiner Macht und Würde entsetzt und alle
+Untertanen waren ihres Eides und Gehorsams entbunden. Da man sich
+bereits daran gewöhnt hatte, den Papst als den Statthalter Gottes zu
+betrachten, so wurde es ihm nicht schwer, bei der verdummten Menschheit
+seinen Anmaßungen Geltung zu verschaffen.
+
+Zur Ausführung seiner ehrgeizigen Pläne hielt es Gregor für nötig, die
+Geistlichkeit von allen Banden zu trennen, durch welche sie mit der
+bürgerlichen Gesellschaft und mit dem Staate verbunden war; sie sollte
+kein anderes Interesse als das der Kirche haben und dieser mit Leib und
+Seele angehören. Da Familienbande die fesselndsten und einflussreichsten
+Bande von allen sind, so unternahm er es, um jeden Preis die Ehe bei
+Geistlichen auszurotten.
+
+Gregor VII. ist der Urheber der erzwungenen Ehelosigkeit der Priester
+oder des Zölibats.
+
+Wer die Süßigkeit und den Segen des Familienlebens kennt kann sich wohl
+vorstellen, dass die Geistlichen dem Papst hierin den größten Widerstand
+leisteten. Der Kampf der Priester um ihre Weiber dauerte zwei
+Jahrhunderte; endlich unterlagen sie. In der Folge werde ich mich
+weitläufiger über diesen Kampf auslassen, bei welchem der dumme
+Fanatismus der Völker die Päpste mächtig unterstützte, wie auch über die
+verderblichen Folgen, welche das Zölibat für die menschliche
+Gesellschaft hatte.
+
+Ein anderer Schritt, den Gregor zur Erreichung seines Zwecks tat, war
+die Vernichtung des Investiturrechtes.
+
+Die höhere Geistlichkeit war von den Fürsten mit Reichtümern
+überschüttet, mit Land und Leuten begabt und mit fürstlichen Ehren und
+Rechten versehen worden; allein Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte waren
+Vasallen des Reichs. Als solche übergaben ihnen die Fürsten bei der
+Belehnung einen Ring zum Zeichen der Vermählung des Bischofs mit der
+Kirche, und einen Hirtenstab, als Zeichen des geistlichen Hirtenamts.
+Der Geistliche wurde nicht eher in den Genuss seiner Würde eingesetzt,
+bis diese Zeremonie stattgefunden hatte, welche die Investitur genannt
+wurde. Sie war das Band, durch welches die Bischöfe mit dem
+Landesfürsten zusammenhingen.
+
+Dieses Band wollte Gregor lösen, um der weltlichen Macht alle Gewalt
+über die Kirche und deren Diener zu entziehen. Auf einer Synode (1075)
+erließ er ein Dekret, welches allen Geistlichen bei Strafe des Verlustes
+ihrer Ämter verbot, die Investitur aus der Hand eines Laien, das heißt
+Nichtgeistlichen, zu empfangen und welches den Laien untersagt, dieselbe
+bei Strafe des Banns zu erteilen.
+
+Die Fürsten waren erstaunt über die neue Anmaßung des hochmütigen
+Pfaffen und kehrten sich nicht an seine Befehle. Gregor wusste jedoch
+sehr wohl, was er wagen konnte; er mühte sich nicht mit den kleineren
+Fürsten ab; er wollte ihnen seine Macht zeigen, indem er sie gegen den
+angesehensten unter ihnen, gegen den Kaiser, seinen Herrn, richtete.
+
+Heinrich IV. hatte in Deutschland unter den Mächtigen viele Gegner.
+Gregor schürte die Streitigkeiten mit denselben und machte die Sache der
+Feinde des Kaisers zu der seinigen. Endlich hatte er die Frechheit, den
+Kaiser nach Rom zu zitieren, damit er sich vor ihm verantworte!
+
+Heinrich, dessen Vater noch drei Päpste abgesetzt hatte, war empört über
+diese Unverschämtheit und berief eine Synode nach Worms, von welcher
+Gregor einstimmig in den Bann getan und abgesetzt wurde.
+
+Während dies in Worms geschah, sprang auch in Rom eine Mine gegen
+Gregor. Eine Menge Gebannter vereinigte sich, überfiel ihn in der
+Kirche, als er gerade Hochamt hielt, und schleppte ihn bei den Haaren
+ins Gefängnis; der verblendete Pöbel in Rom setzte ihn wieder in
+Freiheit.
+
+Gregor lechzte nach Rache. Die Absetzungsdekrete beantwortete er damit,
+dass er Heinrich IV. und alle seine Anhänger in den Bann tat, die
+Untertanen ihres Eides entband und den Kaiser absetzte! Zugleich
+überschwemmten Mönche, die bereitwilligen Handlanger der Päpste, ganz
+Deutschland und bearbeiteten das Volk.
+
+Zuerst schrie man hier fast einstimmig gegen den verwegenen Papst, denn
+im Schreien waren die Deutschen schon damals groß; aber Heinrichs Gegner
+handelten. Durch Hildebrands Intrigen verführt, fielen allmählich die
+Anhänger des Kaisers von demselben ab, nur Herzog Gottfried von
+Lothringen blieb ihm treu; Gregor schaffte ihn durch Meuchelmord aus dem
+Wege.
+
+Die erbärmlichen deutschen Fürsten versammelten sich zu Tibur und
+erklärten hier dem Kaiser: "dass sein Reich zu Ende sei, wenn er sich
+nicht innerhalb eines Jahres vom Bann befreie!"
+
+Niedergedrückt von dem finsteren Geist seiner Zeit, von aller Welt
+verlassen - nur wenige Soldaten waren noch bei ihm - entschloss sich der
+deutsche Kaiser, nach Rom zu gehen und den durch die Dummheit der
+Menschen so furchtbar gewordenen Gegner zu versöhnen. - In der
+strengsten Kälte, in einem armseligen Aufzug ging er über die Alpen. Die
+Italiener strömten ihm zu und verlangten, er solle an der Spitze eines
+Heeres den rebellischen Großpfaffen zur Rede stellen, aber die
+Niederträchtigkeit der Deutschen hatte den Mut und das Herz des ohnehin
+schwachen Kaisers gebrochen. Er wollte demütig von Gregor Gnade
+erflehen.
+
+Dieser ließ sich nichts weniger träumen als das. Er war auf einer Reise
+nach Augsburg begriffen und bereits nach der Lombardei gekommen. Als er
+die Ankunft des Kaisers vernahm, floh er eiligst nach dem festen Schloss
+Canossa, welches seiner Buhlerin, der reichen Markgräfin Mathilde von
+Toskana, gehörte.
+
+Hier erschien der deutsche Kaiser. In einem wollenen Büßerhemd, bloßen
+Haupts, barfuß stand er in dem Raum vor der inneren Ringmauer des
+Schlosses, - drei Tage und drei Nächte lang, mitten im Januar, zitternd
+vor Frost und matt vor Hunger und Durst!
+
+Aus den Fenstern des Schlosses schaute Gregor an der Seite seiner
+Buhlerin auf seinen gedemütigten Feind herab und hätte ihn gern so
+sterben sehen. Des Papstes unmenschliche Härte brachte alle Hausgenossen
+zum Murren, und endlich gab er den Bitten der Markgräfin nach, die zwar
+Heinrichs Feindin, aber barmherziger war, und führte den Kaiser an den
+Altar. Hier durchbrach Gregor eine Hostie. "Bin ich der Verbrechen
+schuldig, deren du mich in Worms bezichtigt hast", redete er ihn an, "so
+mag Gott der Herr meine Unschuld bewähren oder mich durch einen
+plötzlichen Tod strafen!" - Dann nahm er die Hälfte der Hostie. Gregor
+war nicht abergläubisch und nicht nervenschwach. Er blieb am Leben.
+
+Der Bann wurde nun von Heinrich genommen, aber unter den entehrendsten
+Bedingungen. "Wirst du dich", sagte Gregor, "auf dem zusammenzurufenden
+Reichstage rechtfertigen und die Krone wieder erhalten, so sollst du mir
+gehorsam und untertänig sein."
+
+Nach Deutschland zurückgekehrt, richtete der von Kummer aller Art
+betroffene Kaiser sein Auge auf den von ihm selbst erbauten Dom zu
+Speyer und sagte zu seinem alten Freund, dem Bischof: "Siehe, ich habe
+Reich und Hoffnung verloren, gib mir eine Pfründe, ich kann lesen und
+singen." Der Bischof antwortete: "Bei der Mutter Gottes! das tue ich
+nicht." -
+
+Die lombardischen Städte und Fürsten waren empört über die Demütigung
+Heinrichs und sagten ihm unverhohlen ihre Meinung. Da ermannte sich der
+niedergedrückte Kaiser und stellte sich an die Spitze der bald um ihn
+versammelten Armee. Die pflicht- und ehrvergessenen deutschen Fürsten
+aber erwählten in dem Herzog Rudolph von Schwaben einen neuen Kaiser.
+
+Gregor verhielt sich ruhig, solange nichts Entscheidendes geschehen war;
+als aber Heinrich in einer Schlacht geschlagen wurde, sandte er dem
+Gegenkaiser eine Krone zu mit der stolzen Inschrift: Der Fels (der
+Kirche) gab Petrus, Petrus gab Rudolph die Krone. Über Heinrich wurde
+aufs Neue der grässliche Bannfluch ausgesprochen.
+
+Der Kaiser hatte jedoch seine Mannheit wiedergefunden. Eine Synode
+setzte Gregor abermals ab, und Guibert, Erzbischof von Ravenna, wurde
+als Clemens III. zum Papst erwählt. Gregor versuchte seine alten Künste.
+Er gab den Rebellen die Versicherung, dass noch in demselben Jahr vor
+dem Petersfest ein falscher König sterben werde. Um seine Prophezeiung
+an Heinrich zu erfüllen, sandte er einige Meuchelmörder aus; aber des
+Papstes böse Absicht wurde zum Segen für Heinrich. Am 15. Juni 1080
+schlug er Rudolph, und dieser starb infolge einer in der Schlacht
+erhaltenen Wunde.
+
+Nun rückte Heinrich gegen Rom, vernichtete das Heer der Papsthure
+Mathilde, eroberte die Stadt und belagerte den rasenden Hildebrand in
+der Engelsburg. Die von diesem zur Hilfe gerufenen Normannen, welche
+damals in Unteritalien herrschten, befreiten ihn zwar; aber Gregor
+musste vor der Wut der Römer fliehen. Er ging nach Salerno zu den
+Normannen und endete hier sein fluchbeladenes Leben.
+
+Gregor war der erste wirkliche Papst. Er befahl auf einer Synode, dass
+von nun an nur einer Papst heißen solle in der Christenheit, denn bisher
+nannten sich alle Bischöfe so. Ein Schriftsteller aus jener Zeit sagt
+schon: Das Wort Papst in der Mehrzahl ist ebenso gotteslästerlich als
+den Namen Gottes in der Mehrzahl zu gebrauchen.
+
+Gregor wollte Kaiser und Könige zu seinen Untergebenen machen und keine
+andere Herrschaft als die seinige auf der Erde dulden. Darum schrieb er
+an Heriman, Bischof von Metz: "Der Teufel hat die Monarchie erfunden."
+
+Um die christliche Kirche leichter zu regieren, ordnete Gregor an, dass
+beim Gottesdienst überall die römischen Gebräuche befolgt und die
+lateinische Sprache gebraucht werden sollten. In den meisten deutschen
+Kirchen hatte das schon der Römerknecht Bonifazius eingeführt.
+
+In einem seiner hinterlassenen Briefe hat Gregor seine Grundsätze
+niedergelegt. (Anm.d.A. Man hat hin und wieder an der Echtheit dieses
+Briefes gezweifelt, doch wie mir scheint, ohne besonders gute Gründe.)
+Es sind 27, aber ich will nur einige anführen:
+
+Der Papst allein kann den kaiserlichen Schmuck tragen. - Alle Fürsten
+müssen dem Papst den Fuß küssen und dürfen dieses Zeichen der Ehre außer
+ihm keinem anderen erweisen. - Es ist dem Papst erlaubt, Kaiser
+abzusetzen. - Sein Urteil kann von keinem Menschen umgestoßen werden, er
+aber kann aller Menschen Urteil umstoßen. - Die römische Kirche hat nie
+geirrt und wird auch nach der Schrift niemals irren. - Derjenige ist
+kein Katholik, der es nicht mit der römischen Kirche hält. - Der Papst
+kann die Untertanen vom Eid der Treue lossprechen, den sie einem bösen
+Fürsten geleistet haben. -
+
+Es scheint mir nicht nötig, noch einige Bemerkungen über Gregor
+hinzuzufügen. Bischof Thierry von Verdun sagt von ihm: "Sein Leben klagt
+ihn an, seine Verkehrtheit verdammt, seine hartnäckige Bosheit verflucht
+ihn."
+
+Ich habe nun das Papsttum bis zum Gipfel seiner Macht begleitet. Der
+Raum gestattet mir nicht, in derselben Weise fortzufahren und ich muss
+mich darauf beschränken, aus jedem Jahrhundert einige Päpste
+biographisch zu skizzieren und an ihnen zu zeigen, wie sie alle danach
+strebten, Gregor nachzueifern und das von ihnen aufgestellte System der
+Universalmonarchie zur Ausführung zu bringen und fest zu begründen. Alle
+gefielen sich in der Vorstellung: "Sich als Christus, die weltlichen
+Regenten als die Eselin, die er ritt, und das Volk als das Eselsfüllen
+zu betrachten." - Die Eselin ist unterdessen gestorben, aber das
+Eselsfüllen ist seitdem ein alter Esel geworden, der geduldig auf sich
+reiten lässt.
+
+Im elften Jahrhundert trennt sich die griechische Kirche vollends von
+der abendländischen, indem die griechische behauptete, dass weder die
+Lehren noch die Disziplin der Letzteren mit der Heiligen Schrift und den
+heiligen Überlieferungen übereinstimmten, also ketzerisch seien. Die
+Oberherrschaft des Päpstlichen Stuhls verwarf sie als eine
+antichristliche Einrichtung.
+
+Unter Hadrian IV., der 1153 den "Apostolischen Stuhl" bestieg, begann
+der Kampf der Päpste mit den deutschen Kaisern aus dem Geschlecht der
+Hohenstaufen. Friedrich I., der Rotbart, trat den Anmaßungen des Papstes
+kräftig entgegen, und die Ehrenbezeugungen, welche derselbe von ihm
+verlangte, machte er lächerlich, selbst indem er sie gewährte. Friedrich
+hielt dem Papst den Steigbügel - so weit war es bereits mit den Kaisern
+gekommen -, aber er hielt ihn auf der rechten Seite, auf welcher der
+Schinder zu Pferde steigt, und antwortete auf die Bemerkung Hadrians
+darüber: "Ich war nie Stallknecht, Ew. Heiligkeit werden verzeihen."
+
+Den schwersten Stand hatte Friedrich mit Alexander III. (1159-1181). Es
+war dies einer der mutigsten und klügsten Päpste, der niemals im Unglück
+verzagte oder im Glück übermütig wurde; aber stets darauf bedacht war,
+die Errungenschaften seiner Vorgänger zu behaupten. Der große Kaiser
+Friedrich kam 1177 zum ersten Mal mit ihm in Venedig zusammen und -
+küsste ihm den Pantoffel.
+
+Die Pfaffenlegende erzählt, dass der Papst bei diesem Kuss den Fuß auf
+des Kaisers Nacken gesetzt und gesagt habe: "Auf Schlangen und Ottern
+mögest du gehen und treten auf junge Löwen und Drachen." Aber Alexander
+war gewiss viel zu klug, um den ihm an Geist ebenbürtigen Kaiser durch
+solche unnütze Worte zu reizen, und Friedrich viel zu stolz, um sich
+dergleichen gefallen zu lassen. Glaublicher ist die Version, dass der
+Kaiser beim Pantoffelkuss sagte: "Nicht dir gilt es, sondern Petrus",
+und Alexander antwortete: "Mir und Petrus."
+
+Auch der kräftige König Heinrich II. von England musste sich vor dem
+Wort des mächtigen Papstes beugen. Heinrich hatte seinen Liebling,
+Thomas Becket, mit Gnaden überschüttet und endlich zum Erzbischof von
+Canterbury gemacht. Nun war der Schurke am Ziel. Er verband sich mit dem
+Papst gegen seinen Herrn und Wohltäter, dem er durch pfäffische
+Niederträchtigkeiten aller Art das Leben verbitterte. Im Unmut rief
+einst der geplagte König aus: "Wie unglücklich bin ich, dass ich in
+meinem Königreiche vor einem einzigen Priester nicht Frieden haben kann!
+Ist denn niemand zu finden, der mich von dieser Plage befreit?"
+
+Diese Worte hörten vier Ritter, welche dem König treu ergeben waren; sie
+eilten sogleich hinweg, fanden den Erzbischof vor dem von ihm
+geschändeten Altar, spalteten ihm den Kopf und machten ihn dadurch zum
+Heiligen, denn Wunder fanden sich. Einige Stallleute des Königs hatten
+einst dem Pferd des Erzbischofs den Schwanz abgehauen und für diesen
+Frevel zeugten sie forthin lauter Kinder - mit Schwänzen!
+
+Die Pfaffen schnoben wegen dieses Mordes nach Rache. Alexander drohte
+mit dem Interdikt, und Heinrich, der sein Volk nicht leiden sehen
+wollte, unterwarf sich allen Strafen, die der Papst über ihn verhängte.
+Der König schwor feierlich, dass er den Mord des Erzbischofs nicht
+gewollt habe; es half ihm nichts. Er musste barfuß zum Grabe des neuen
+Heiligen wallen, sich hier andächtig nieder werfen und - von achtzig
+Geistlichen geißeln lassen! Jeder gab ihm drei Hiebe - macht
+zweihundertundvierzig.
+
+Mit Kaisern und Königen gingen jetzt die Päpste oft wie mit Hunden um.
+Als Coelestin III. (1191-1198) den Sohn des in Palästina gestorbenen
+Friedrich I., Heinrich VI., gekrönt hatte und dieser ihm den Pantoffel
+küsste, stieß er dem Kaiser mit dem Fuße die Krone vom Kopfe, zum
+Zeichen, dass er sie ihm geben und nehmen könne.
+
+Der mächtigste Papst aller Päpste war Innozenz III. (1198 bis 1215).
+Alle Rechte, die Gregor VII. zu haben behauptete, übte dieser mächtige
+Papst wirklich aus. Als er den Päpstlichen Stuhl bestieg, war er in
+seiner vollen Manneskraft, denn er war erst 37 Jahre alt. Die Könige
+zitterten vor ihm, wie Schulknaben vor dem strengen Schulmeister. Allen
+gab er seine Rute zu fühlen. Johann von England rief einst beim Anblick
+eines sehr feisten Hirsches aus: "Welches dicke und feiste Tier, und
+doch hat es nie Messen gelesen!" Aber auch dieser Spötter über das
+Pfaffentum kroch demütig zum Kreuz, als ihm das heilige Raubtier zu Rom
+die apostolischen Zähne wies.
+
+Innozenz III. ist der Erfinder der wahnsinnigen Lehre von der
+Transsubstantiation, das heißt von der Lehre: dass sich durch die
+Weihung des Priesters das Brot und der Wein beim Abendmahl wirklich in
+Fleisch und Blut Christi verwandeln.
+
+Hierbei fällt mir die Antwort eines Indianers ein, welchen der
+Missionar, nachdem er ihm das Abendmahl gereicht hatte, fragte: "Wie
+viele Götter gibt es?" - "Gar keine", antwortete der Indianer, "denn du
+hast ihn mir ja soeben zu essen gegeben." Dem rohen Menschen war das
+Mysterium dieser sublimen Gottfleischfresserei nicht offenbart worden.
+
+Ebenso materielle Vorstellung vom Abendmahl hatte ein lutherischer
+Bauer. Der Herr Pastor war ein großer Whistspieler, und durch Zufall war
+eine weiße, runde elfenbeinerne Whistmarke mit unter die runden Oblaten
+auf den Hostienteller geraten. "Nehmet und esset, denn dies ist mein
+Leib", sagte der Geistliche und steckte dem Bauer die unglückliche Marke
+in den Mund. Der Bauer biss herzhaft zu; als er aber das Ding gar nicht
+klein bekommen konnte, rief er: "Wies der Dübel, Herr Pastor, ick mut
+'nen Knoken derwischt hebben!"
+
+Innozenz III. führte auch die Ohrenbeichte ein, von der ich schon früher
+geredet habe und im letzten Kapitel dieses Buches noch weitläufiger
+reden werde; ferner das scheußlichste Tribunal, welches jemals die
+Menschheit schändete - die Inquisition.
+
+Der gefährlichste Feind des Papsttums kam mit dem großen Hohenstaufen
+Friedrich II. auf den deutschen Kaiserthron. Er hatte in der Jugend
+unter der Vormundschaft von Innozenz gestanden, aber dennoch wurde er
+keineswegs ein Pfaffenknecht, vielmehr ein Mann, dessen religiöse
+Ansichten seiner Zeit bedeutend vorangeeilt waren. Hätte ihn das Volk
+unterstützt, dann wären vielleicht damals schon dem Papsttum die Flügel
+gestutzt worden. Sein Wahlspruch war: "Lass lärmen und dräuen und die
+Esel schreien." Sein Kanzler Petrus de Vinea unterstützte ihn wacker und
+schrieb unter anderem 1240 gegen die Jurisdiktion des Papstes.
+
+Den heftigsten Kampf hatte Kaiser Friedrich II. mit Gregor IX.
+(1227-1241). Dieser tat ihn einmal über das andere in den Bann und legte
+ihm Verbrechen zur Last, die ihn als den verruchtesten Ketzer
+brandmarken sollten. Friedrich wurde angeklagt, gesagt zu haben: Die
+Welt sei von drei Betrügern getäuscht worden, wovon zwei in Ehren
+gestorben, der dritte aber am Galgen: Moses, Mohammed und Christus. -
+Ferner habe er darüber gelacht, dass der allmächtige Herr des Himmels
+und der Erde von einer Jungfrau geboren sein sollte, und geäußert, dass
+man nichts glauben solle, was nicht durch Natur und Vernunft bewiesen
+werden könne. Freilich eine ebenso schändliche als schädliche Lehre, da
+sie dem ganzen Pfaffenschwindel den Hals brechen würde, wenn sie zur
+Geltung käme.
+
+Diese letzte Äußerung sah übrigens dem Kaiser sehr ähnlich, der aus dem
+Morgenland, wohin er einen Kreuzzug unternehmen musste, sehr freie
+Ansichten über die Religion mitgebracht hatte. Einst äußerte er: Wenn
+der Gott der Juden Neapel gesehen hätte, würde er gewiss nicht Palästina
+auserwählt haben; und beim Anblick einer Hostie rief er: "Wie lange wird
+dieser Betrug noch dauern!?" Als er einst an ein Weizenfeld kam, hielt
+er sein Gefolge vor demselben zurück und sagte: "Achtung, hier wachsen
+unsere Götter." Die Hostie wird nämlich aus Weizenmehl gebacken.
+
+Gregor hatte den deutschen Ritterorden so sehr lieb gewonnen, und da ihm
+ja die ganze Erde gehörte, so schenkte er demselben Preußen. Die Ritter
+zeigten sich aber nicht besonders dankbar gegen den Päpstlichen Stuhl
+und gegen die Pfaffheit. Einer ihrer Großmeister, Reuß von Plauen,
+sagte: "Man muss den Geistlichen keine Güter geben, sondern nur
+Besoldung, wie anderen Staatsdienern auch; sie sollen sich an den
+schlichten Text des Evangeliums halten." Der Hochmeister Wallenrode
+äußerte: "Ein Pfaff in jedem Land ist genug, und den muss man einsperren
+und nur herauslassen, wenn er sein Amt verrichten soll."
+
+Innozenz IV. (1243-1255) setzte den Kampf mit Friedrich II. fort. Er war
+ein Graf Fiesko und genauer Freund des Kaisers gewesen. Als man diesen
+wegen der Wahl seines Freundes beglückwünschte, antwortete Friedrich:
+"Fiesko war mein Freund, Innozenz IV. wird mein Feind sein; kein Papst
+ist Ghibelline" nämlich (liberal).
+
+Es war so, wie der Kaiser sagte, der bald in den Bann getan wurde, den
+Friedrich anfing, als seinen natürlichen Zustand zu betrachten. Er war
+keineswegs zerknirscht, sondern rückte dem Papst zu Leibe, und der
+Heilige Vater machte, als Soldat verkleidet, einen Angstritt von 54
+italienischen Meilen in einer kurzen Sommernacht, um der Gefangenschaft
+zu entgehen.
+
+Der Papst floh nach Lyon, wo er 1245 eine Synode zusammenberief, auf der
+Friedrich abermals gebannt und abgesetzt wurde. Friedrich kämpfte wie
+ein Mann; aber die Menschen waren noch dumm, und man band ihm überall
+die Hände. Besonders die deutschen Fürsten zeigten sich dem edlen großen
+Kaiser gegenüber so niedrig, so unendlich klein! Elende Pfaffenknechte.
+Nur in der Schweiz schlugen ihm treue Herzen trotz Bann und Interdikt.
+Mehrere Kantone sandten ihm Hilfstruppen, und Luzern und Zürich hielten
+zu ihm bis zuletzt.
+
+Kaiser Friedrich starb an päpstlichem Gift. Innozenz jubelte; nun stand
+ihm der Weg nach Rom wieder offen. Er zog ab und bedankte sich bei den
+Lyonesern für die gute Aufnahme. Diese hatten aber keine Ursache, sich
+beim Papst zu bedanken, denn Kardinal Hugo sagt in seinem
+Abschiedsschreiben mit echt päffischer, zynischer Unverschämtheit: "Wir
+haben Euch, Freunde, seit unserer Anwesenheit in dieser Stadt einen
+wohltätigen Beitrag gestiftet. Bei unserer Ankunft trafen wir kaum drei
+bis vier Huren; bei unserem Abzug hingegen überlassen wir Euch ein
+einziges Hurenhaus, welches sich vom östlichen bis zum westlichen Tor
+durch die ganze Stadt verbreitet." Lyon hatte demnach Ähnlichkeit mit
+einer deutschen, katholischen Hauptstadt, von welcher ihr König dasselbe
+sagte und welche Papst Pius VI. "Deutsch Rom" nannte.
+
+Innozenz IV. verlieh den Kardinälen als Auszeichnung rote Hüte. Auf ihn
+folgte eine Reihe unbedeutender Päpste. Urban IV., der Sohn eines
+Schuhflickers, stiftete das Fronleichnamsfest zu Ehren der Hostie oder
+vielmehr des Abendmahls. Eine verrückte Nonne hatte ein Loch im Mond
+gesehen, und das flickte der päpstliche Schuhflicker mit einem neuen
+Kirchenfest aus.
+
+Martin V., ein Franzose, war ein erbitterter Feind der Deutschen. Er
+wünschte, "dass Deutschland ein großer Teich, die Deutschen lauter
+Fische und er ein Hecht sein möchte, der sie auffresse wie der Storch
+die Frösche".
+
+Die Hohenstaufen erlagen im Kampf mit dem Papsttum. Die Habsburger
+nahmen sich ein warnendes Exempel daran; sie spielten daher lieber mit
+ihm unter einer Decke und zogen nun dem armen Volk vereinigt das Fell
+über die Ohren. Aus diesem Grund werden auch beide gleiche Dauer haben.
+
+Innozenz V. war der erste Papst, der im Konklave gewählt wurde. Sein
+Vorgänger Gregor X. hatte nämlich befohlen, dass nach seinem Tod
+sämtliche Kardinäle in ein Zimmer geschlossen werden sollten, welches
+für jeden eine besondere Zelle und keinen anderen Ausgang hatte als zum
+Abtritt. Jeder Kardinal hatte nur einen Diener bei sich. Das Zimmer
+durfte nicht verlassen werden, bis ein neuer Papst gewählt war. War dies
+nach drei Tagen nicht geschehen, so erhielt jeder der Kardinäle in den
+folgenden vierzehn Tagen nur ein Gericht und nach dieser Zeit nur Brot,
+Wein und Wasser. Diese Hungerkur beförderte merklich den Verkehr mit dem
+Heiligen Geist!
+
+Unter der Kirchenherrschaft von Nikolaus IV. (1288-1292) regierte über
+Tirol der wackere Graf Meinhard. Dieser hielt die liederlichen Pfaffen
+gehörig im Zaum und zog sich dadurch den Zorn des Papstes zu, der ihn in
+den Bann tat. Meinhard verteidigte sich wacker; er sagte: "Ich bin nicht
+der Angreifer, sondern meine Bischöfe, die keine Hirten, sondern Wölfe
+sind. Statt zu lehren, suchen sie sich nur zu bereichern, Bastarde in
+die Welt zu setzen, zu tafeln und zu zechen. Weidet man so die Schafe
+Christi? Sie nehmen gerade umgekehrt das Wort: 'Gebet ihnen den Rock';
+sie nehmen auch noch den Mantel und sind schlimmer als Juden, Türken und
+Tataren. Sie blenden das Volk durch Zeremonien, und es genügt ihnen
+nicht, die Schafe zu melken und zu scheren; sie schlachten sie."
+
+Coelestin V. wurde aus einem einfältigen Eremiten ein noch einfältigerer
+Papst, und als Kardinal Caetani eines Nachts durch ein versteckt
+angebrachtes Sprachrohr in sein Schlafzimmer schrie: "Coelestin,
+Coelestin, Coelestin! - lege dein Amt nieder, denn diese Last ist dir zu
+schwer", glaubte der Dummkopf, der liebe Gott würdige ihn einer
+persönlichen Unterredung, und dankte ab.
+
+Kardinal Caetani trat als Bonifazius VIII. (1295-1303) an seine Stelle.
+Auf einem kostbar aufgezäumten Schimmel, der von den Königen von Apulien
+und von Ungarn geführt wurde, ritt er zur Krönung. Nach der Rückkehr aus
+der Kirche, bei welcher Gelegenheit vierzig Menschen im Gedränge selig
+gedrückt wurden, tafelte er öffentlich, und die beiden Könige standen
+als Bediente hinter seinem Stuhl und warteten ihm auf.
+
+Den neuen Papst verdross es sehr, dass viele die Abdankung Coelestins
+als ungültig betrachteten, der überall als Heiliger angestaunt wurde. Um
+der Sache ein Ende zu machen, ließ ihn Bonifaz einfangen. Der arme
+heilige Waldesel bat fußfällig, ihn doch wieder in seine Höhle
+zurückkehren zu lassen; aber all sein Flehen war umsonst. Er wurde auf
+dem festen Schloss Fumone in ein enges Behältnis eingesperrt, wo er so
+wenig zu essen bekam, wie er nur immer wollte, so dass er kläglich
+verhungerte.
+
+Dieser Bonifazius war ebenso stolz wie Gregor VII. und Innozenz III. In
+einer Bulle von 1294 sagte er: "Wir erklären, sagen, bestimmen und
+entscheiden hiermit, dass alle menschliche Kreatur dem Papst unterworfen
+sei und dass man nicht selig werden könne, ohne dies zu glauben."
+
+Dieser ungemessene Stolz musste ihn sehr bald in feindselige Berührung
+mit stolzen weltlichen Monarchen bringen. Philipp IV. der Schöne, von
+Frankreich geriet mit Bonifaz auf das heftigste zusammen. Aber der König
+war kein Heinrich IV., seine Großen keine Deutschen und der Papst kein
+Hildebrand. Er schrieb zwar an Philipp: "Bischof Bonifaz an Philipp,
+König von Frankreich. Fürchte Gott und halte seine Gebote! Du sollst
+hiermit wissen, dass du uns im Geistlichen und Weltlichen unterworfen
+bist. - Wer anders glaubt, den halten wir für einen Ketzer."
+
+Hierauf antwortete ihm der von seinem Parlament wacker unterstützte
+Philipp: "Philipp, von Gottes Gnaden, König von Frankreich an Bonifaz,
+der sich für den Papst ausgibt, wenig oder gar keinen Gruß! Du sollst
+wissen, Erzpinsel (maxima Tua Fatuitas), dass wir in weltlichen Dingen
+niemandem unterworfen sind. Andersdenkende halten wir für Pinsel und
+Wahnwitzige."
+
+Wie jämmerlich erscheint dagegen König Erich von Dänemark, welcher, mit
+Bann und Interdikt bedroht, schreibt: "Erbarmen, Erbarmen! Was haben
+meine Schafe getan? Alles was Ew. Heiligkeit mir auferlegen, will ich
+tragen. - Rede, dein Knecht höret."
+
+Der stolze "Erzpinsel" wurde aber bitter gedemütigt. Philipps
+Abgesandter, Nogaret, verbunden mit Sciarra Colonna, gegen dessen
+Familie der Papst die unerhörtesten Grausamkeiten begangen hatte,
+überfielen ihn in seinem Schloss Anagni und nahmen ihn gefangen. "Willst
+du die Tiara abtreten, die du gestohlen hast?" schnob ihn der wütende
+Colonna an. Bonifaz antwortete hochmütig. Da loderte der Zorn des schwer
+misshandelten römischen Edelmannes hoch auf, er schlug den Papst ins
+Gesicht und schrie: "Willst du das Maul halten, Höllensohn! alter
+Sünder!" Mit Mühe hielt Nogaret den Wütenden zurück, dass er seine Rache
+nicht vollends befriedigte und dem sechsundachtzig jährigen Bösewicht,
+der Seelenstärke genug hatte, Colonna zuzurufen: "Hier ist der Hals und
+hier das Haupt!"
+
+Darauf setzte man den Vizegott auf ein Pferd ohne Sattel und Zaum, das
+Gesicht dem Schwanz zugekehrt, und brachte ihn in ein elendes Gefängnis,
+wo er, aus Furcht vergiftet zu werden, drei Tage und drei Nächte lang
+nichts genoss, als ein wenig Brot und drei Eier, welche ihm ein altes
+Mütterchen zusteckte. - Man möchte Mitleid haben mit dem alten Manne;
+aber er war ein alter Bösewicht, und man denke an den armen Coelestin,
+den er verhungern ließ.
+
+Das Volk zu Anagni befreite Bonifaz und brachte ihn im Triumph nach Rom.
+Aber die erlittene Demütigung hatte den stolzen alten Mann wahnsinnig
+gemacht. Er befahl seinen Dienern, sich zu entfernen, und schloss sich
+in seinem Zimmer ein. Am Morgen fand man ihn tot. Sein weißes Haar war
+mit Blut befleckt; vor seinem Mund stand Schaum, und der Stock, den er
+in der Hand hielt, war von seinen Zähnen zernagt.
+
+So endet Bonifaz VIII., wie man vorhergesagt hatte: "Er wird sich
+einschleichen wie ein Fuchs, regieren wie ein Löwe und sterben wie ein
+Hund."
+
+Er starb wie ein Hund und lebte wie ein Schwein. Er erklärte öffentlich,
+dass Hurerei, Ehebruch und Unzucht gar keine Sünde sei, weil Gott Weiber
+und Männer dazu gemacht habe. Er lebte mit einer verheirateten Frau und
+mit ihrer Tochter zu gleicher Zeit und missbrauchte seine Pagen zu
+unnatürlicher Wollust, so dass sich diese untereinander die "Huren des
+Papstes" nannten.
+
+Was von seinem Glauben zu halten ist, ergibt sich aus folgenden
+Äußerungen, deren ihn Philipp gegen Clemens V. beschuldigt: Gott lasse
+es mir wohlgehen auf dieser Welt, nach der anderen frage ich nicht so
+viel, als nach einer Bohne. - Die Tiere haben so gut Seelen wie die
+Menschen. - Es ist abgeschmackt, an einen und an einen dreifachen Gott
+zu glauben. An Maria glaube ich so wenig als an eine Eselin und an den
+Sohn so wenig als an ein Eselsfüllen. Maria war eine Jungfrau, wie meine
+Mutter eine war. - Sakramente sind Possen usw.
+
+Philosophen und andere Freigeister haben dergleichen Gedanken wohl schon
+öfters ausgesprochen; allein im Mund eines Papstes klingen sie umso
+seltsamer, als die Inquisition Tausende wegen weit unbedeutenderer
+Ausdrücke verbrennen ließ. - Clemens V. erklärte Bonifaz jedoch für
+einen frommen, katholischen Christen und nun wissen wir doch, wie ein
+solcher beschaffen sein muss, um den Päpsten zu gefallen.
+
+Bonifaz VIII. ist derjenige Papst, welcher das Jubeljahr erfand. Er war
+auch der erste Papst, der ein Wappen führte und der auf die Tiara oder
+päpstliche Mütze eine zweite Krone setzte. Früher trugen die römischen
+Bischöfe die sogenannte phrygische Mütze der Priester der Kybele, Mitra
+genannt. Ein Bischof, Hormidas, setzte die von König Chlodwig erhaltene
+Krone hinzu. Die dritte Krone kam erst mit Johann XXII. oder mit
+Benedikt XII. auf die päpstliche Narrenkappe.
+
+Mit Clemens V. begann die sogenannte babylonische Gefangenschaft der
+Päpste (von 1305-1374). König Philipp der Schöne fand es nämlich
+vorteilhaft, die Päpste für seine Zwecke bei der Hand zu haben, und
+verleitete sie durch allerlei Lockungen, ihren Sitz in Avignon zu
+nehmen, wo sie siebzig Jahre lang residierten. Sie waren hier völlig
+abhängig von den französischen Königen, lebten aber unter dem Schutz
+derselben dafür auch weit sicherer als in Rom. Sie beschäftigten sich in
+ihrem Exil damit, neue Geldprellereien zu ersinnen und das umliegende
+Land durch ihre eigene und die Sittenlosigkeit ihres Hofes zu
+demoralisieren.
+
+Nach dem Zeugnis der geachtetsten Geschichtsschreiber stammt die spätere
+große Sittenlosigkeit in Frankreich hauptsächlich von dem
+siebzigjährigen Aufenthalt der Päpste in Avignon her.
+
+Clemens V. trat ebenso fest wie Bonifazius, nur nicht so heftig und
+deshalb klüger auf, wodurch er auch mehr gewann. In dem deutschen Kaiser
+Heinrich VII., dem Luxemburger, würde wahrscheinlich ein Feind des
+Papsttums gleich Friedrich II. erwachsen sein, wenn er nicht, wie man es
+in Russland nennt, gestorben worden wäre. Der Dominikaner Bernard von
+Montepulciano, so erzählt man, reichte ihm eine vergiftete Hostie und
+der Kaiser war zu religiös, um dem Rat seines Arztes zu folgen und ein
+Brechmittel zu nehmen. So starb er denn an seiner Frömmigkeit.
+
+Das größte Schanddenkmal hat sich Clemens V. durch den nichtswürdigen
+Prozess gegen den Ritterorden der Tempelherren und den Justizmord der
+unglücklichen Ritter gesetzt. Er war freilich nur die Katze, welche ihre
+heiligen Pfoten Philipp dem Schönen lieh, um für ihn die Kastanien aus
+dem Feuer zu langen. Die Sittenverderbnis unter den Tempelherren war
+allerdings groß; allein waren etwa die anderen geistlichen Herren und
+die Päpste selbst reiner?
+
+Übrigens würde ihre Sittenlosigkeit den Tempelherren schwerlich den Hals
+gebrochen haben; ihr Verbrechen war es, vernünftigere und freiere
+Religionsansichten zu haben als der andere Kuttenpöbel, und dann - waren
+sie ungeheuer reich. Indem man ihnen den Prozess machte, schlug man, wie
+man zu sagen pflegt, "zwei Fliegen mit einer Klappe".
+
+Johann XXII., eines Schuhflickers Sohn, war schon ein Schuft und
+Betrüger, ehe er den Päpstlichen Stuhl bestieg, und auf demselben
+vervollkommnete er sich noch in seinen Spitzbubentugenden. Ich habe
+schon im vorigen Kapitel Erbauliches von ihm berichtet und füge nur noch
+weniges hinzu.
+
+Er lag in beständigem Streit mit dem deutschen Kaiser Ludwig dem Bayern
+und dem König von Frankreich. Ersterer wehrte sich zwar tüchtig,
+"kuschte" aber doch zuletzt, denn "er hatte zwei Seelen, eine
+kaiserliche und eine bayerische".
+
+Philipp der Schöne aber ließ dem übermütigen Papst sagen, "er werde ihn
+als Ketzer verbrennen lassen". Leider ist das nicht geschehen; er starb
+90 Jahre alt. Er hinterließ außer seinen 33 Millionen, welche die Kirche
+verdaute, die bekannte schöne Hymne: "Stabat mater dolorosa".
+
+Sein Nachfolger Benedikt XII. war ein herzensguter Mann und man kann ihm
+weiter nichts zur Last legen, als dass er Papst war. Aber selbst diesen
+Fehler suchte er nach besten Kräften zu mildern, indem er wenigstens
+erklärte, "ein Papst habe keine Verwandte", wodurch er seine Vorgänger
+und Nachfolger beschämte, welche ihre "Neffen" usw. nicht reich genug
+beschenken konnten. Hohe Personen hielten um seine Nichte an; aber er
+sagte: "Für ein solches Ross schickt sich nicht solch ein Sattel", und
+gab sie einem Kaufmann aus Toulouse.
+
+Clemens VI., der Benedikt XII. folgte, war nach dem Ausdruck eines
+gleichzeitigen Geschichtsschreibers "höchst ritterlich und nicht sehr
+fromm", welches Letztere man wohl von mehreren "Heiligen Vätern" sagen
+konnte. Er benahm sich sehr hochmütig gegen Kaiser Ludwig und hatte
+leichtes Spiel mit dessen Gegner, dem "Pfaffenkönig" Karl IV. Obwohl er
+selber sehr locker lebte, so hielt er es doch für nötig, die höhere
+Geistlichkeit wegen ihres liederlichen Lebenswandels abzukanzeln und
+sagte den Herren unter anderem in seiner Strafpredigt: "Ihr wütet wie
+eine Herde Stiere gegen die Kühe des Volkes!"
+
+Clemens war sehr prachtliebend, und mit unerhörtem Pomp krönte er Don
+Sanchez, den zweiten Sohn des Königs von Kastilien, zum König der
+glücklichen Inseln, wie damals die kanarischen hießen. Beim Krönungszug
+kam als üble Vorbedeutung ein Platzregen, welcher Papst und König bis
+auf die Haut durchnässte; und in der Tat wurde auch das Königreich zu
+Wasser, denn die kühnen Normannen hatten es in Besitz genommen und
+hielten es fest.
+
+Mit diesem Sanchez hatte Clemens große Absichten. Er versprach ihn an
+die Spitze eines Kreuzzuges zu stellen und ihm den Titel "König von
+Ägypten" zu geben. Der Prinz war außer sich vor Dankbarkeit und rief:
+"Nun, so mache ich Ew. Heiligkeit zum Kalifen von Bagdad!" - So erzählt
+uns der berühmte Dichter Petrarca.
+
+Philipps des Schönen Beispiel hatte den Päpsten böse Früchte getragen,
+denn die Kraft des Banns fing an zu erlahmen. Das fühlte Urban V. Ein
+Erzbischof weigerte sich, einen Mönch zu ordinieren, der ihm von seinem
+Landesherrn, Bernabò Visconti von Mailand, empfohlen war. Dieser
+gottlose Mensch ließ den Erzbischof zitieren und sagte zu ihm: "Weißt du
+nicht, du alter Hurer, dass ich König, Papst und Kaiser in meinem
+eigenen Reich bin!" Für dieses ungeheure Verbrechen tat ihn Urban in den
+Bann und belegte sein Land mit dem Interdikt!
+
+Als die Legaten des Papstes die Bannbulle nach Mailand brachten, führte
+sie Visconti samt ihrem Wisch auf die Navigliobrücke und fragte sie sehr
+ernsthaft: "Wollt Ihr essen oder trinken?" Die Legaten sahen mit sehr
+langen Gesichtern auf den Fluss und verlangten höchst kleinmütig zu
+essen. "Nun, so fresst den Wisch da!" - Die Herren Legaten fraßen.
+
+Gregor XI. verlegte die Statthalterei Gottes wieder nach Rom. Ich habe
+schon früher bemerkt, welche demoralisierenden Folgen die Residenz der
+Päpste für Avignon und Frankreich überhaupt hatte. Geschichtsschreiber
+jener Zeit können von der dort herrschenden Unzucht nicht genug
+erzählen, und die meisten Dinge verschweigen sie aus Schamgefühl.
+
+Ein schönes Papstexemplar war Urban VI. (1378-1389), doch war er mehr
+Tiger als Affe. Seine Grausamkeit war empörend. Fünf Kardinäle, die
+nicht für ihn gestimmt hatten, und mehrere Prälaten ließ er fürchterlich
+foltern und dann teils in Säcke stecken und ins Meer werfen, teils
+lebendig verbrennen, erdrosseln oder enthaupten. Einen sechsten
+Kardinal, der von der Tortur so elend war, dass er nicht fortkonnte,
+ließ er unterwegs erwürgen. Als die Kardinäle zur Tortur abgeführt
+wurden, sagte der Statthalter Gottes zum Henker: "Martere so, dass ich
+Geschrei höre." Dabei ging er in seinem Garten spazieren und las in
+seinem Brevier.
+
+Die Leichen von zwei Kardinälen ließ dieser Henkerpapst in Öfen
+austrocknen und dann zu Staub zerstoßen. Dieser Staub wurde auf seinen
+Befehl in Säcke getan und nebst den roten Hüten der Kardinäle auf seinen
+Reisen auf Maulesel vor ihm hergeführt, anderen als schreckliches
+Exempel!
+
+Zu Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts finden wir immer
+wenigstens zwei, meistens drei Päpste zugleich, die jeder von den
+verschiedenen Parteien als die echten Statthalter Gottes betrachtet
+wurden.
+
+Ich habe es herzlich satt, die scheußlichen Handlungen der Menschen zu
+berichten, welche den Namen "Statthalter Gottes" zum schändlichsten Hohn
+machten; allein ich müsste vollends ermüden, wenn ich die Schandtaten
+und Verbrechen dieser verschiedenen Gegenpäpste berichten sollte. Man
+durchwandere einen Bagno oder irgendein Zuchthaus und lasse sich von
+jedem der Sträflinge erzählen, welche Verbrechen er begangen hat, so
+wird man doch ein nur unvollkommenes Verzeichnis der Verbrechen haben,
+welche von den Päpsten dieser Periode begangen wurden.
+
+Das böse Beispiel der Päpste und überhaupt der Geistlichkeit hatte die
+übelsten Folgen. Von der Zügellosigkeit, welche damals unter dem Volk,
+namentlich aber unter den höheren Ständen herrschte, hat man heutzutage
+kaum einen Begriff, so sehr man auch über die Sittenverderbnis der
+jetzigen Zeit klagt. Alle Gesetze der Moral und der Sitte waren durch
+die Liederlichkeit der Pfaffen aufgelöst. Die Notwendigkeit einer
+Beendigung dieses Zustandes wurde von allen gefühlt, in denen noch das
+Gefühl für das Gute lebte, und man kam dahin überein, auf einem großen
+Konzil vorerst die Ordnung in der Kirche wiederherzustellen.
+
+Dies Konzil wurde 1414 zu Konstanz gehalten und ist eines der
+glänzendsten, die jemals stattgefunden haben. Man sah auf demselben
+nächst einem Papst und dem Kaiser alle Kurfürsten, 153 Fürsten, 132
+Grafen, über 700 Freiherrn und Ritter, 4 Patriarchen, 29 Kardinäle, 47
+Erzbischöfe, 160 Bischöfe, über 200 Äbte, ein Heer von Mönchen,
+Geistlichen jeder Art und Rechtsgelehrten und - die gewöhnliche
+Begleitung des päpstlichen Hofes, gegen 1000 öffentliche Dirnen, die
+privatim unterhaltenen und heimlichen gar nicht mitgerechnet.
+
+Drei Päpste stritten sich um die Tiara: Johann XXIII., ein Gregor und
+ein Benedikt. Johann war dreist genug, auf dem Konzil zu erscheinen,
+allein als man ernstlich daran ging, seinen Lebenslauf zu mustern, hielt
+der Heilige Vater es für geratener, als Postknecht verkleidet, mit Hilfe
+des Herzogs Friedrich von Tirol zu entfliehen.
+
+Man hatte seine Verbrechen in 70 Artikeln zusammengefasst und gab sie
+dem Heiligen Vater zur Durchsicht. Er äußerte aber kein Verlangen, sein
+Sündenregister zu lesen und versuchte lieber das Konzil durch seine
+Flucht zu sprengen, was aber misslang. Johanns Taten wurden öffentlich
+verlesen, das heißt nur 54 Artikel davon, da man sich schämte, die
+anderen vor aller Welt auszusprechen. 37 Zeugen bewiesen, dass Johann
+nicht nur Hurerei, Ehebruch, Blutschande, Sodomiterei, Simonie,
+Freigeisterei, Räuberei und Mord verschuldet, sondern auch 300 Nonnen
+verführt oder genotzüchtigt und sie dann zum Lohn zu Äbtissinnen und
+Priorinnen gemacht habe.
+
+Sein eigener Sekretär, Niem, erzählt, dass der Papst zu Bologna einen
+Harem von 200 Mädchen unterhalten habe. Auch beschuldigt man Johann,
+seinen Vorgänger Clemens V. vergiftet zu haben.
+
+Johann wurde abgesetzt. Gregor dankte freiwillig ab; aber der alte
+Benedikt spielte in einem Winkel Spaniens, wohin er geflohen war, den
+Vizegott; allein niemand kehrte sich an seine Bannflüche. Endlich ließ
+der neuerwählte Papst, Martin V., den neunzigjährigen Benedikt
+vermittelst Gift aus dem Weg räumen.
+
+Unbegreiflich ist es, wie dieser in Wollust aller Art sich wälzende
+Heilige Vater ein so hohes Alter erreichen konnte. Berühmte
+Kanzelprediger predigten öffentlich gegen sein abscheuliches Leben, und
+einer derselben sagte: "J'aime mieux baiser le derrière d'une vielle
+maquerelle, qui aurait les hemmoroîdes, que la bouche de ce Pape là!"
+
+Das Konzil von Konstanz verurteilte Jan Hus und Hieronymus von Prag als
+Ketzer zum Feuertod und verursachte dadurch blutige Kriege; aber der
+Zweck des Konzils, eine Reformation an Haupt und Gliedern der Kirche,
+wurde nicht erreicht.
+
+Im Jahr 1418 gingen die Herren Reformatoren auseinander. Die Stadt
+Konstanz hatte vier Jahre lang einen schönen Verdienst durch die 100.000
+Fremden mit 40.000 Pferden, die sie so lange beherbergen musste. Für ihr
+gutes Verhalten erhielt die Bürgerschaft vom Kaiser unschätzbare
+Belohnungen, die ihn nichts kosteten, nämlich das Recht, eine
+vierzehntägige Messe zu halten, mit rotem Wachs zu siegeln, im Felde
+eigene Trompeter zu halten und auf ihr Banner - einen roten Schwanz zu
+setzen, der sie vielleicht an die vielen Kardinäle erinnern sollte; ich
+bin nicht bewandert genug in der Heraldik, um die Bedeutung dieses
+seltsamen Wappenvogels zu erklären. Der Bürgermeister wurde zum Ritter
+geschlagen, da das kleine Geld der Fürstengunst, die Orden, noch nicht
+üblich waren.
+
+Von Eugen VI., Calixt III. und Pius II., der sich schminkte und eine
+Krone trug, die 200.000 Dukaten wert war; ebenso von dem schändlichen
+Meuchelmörder Sixtus IV., der in Rom die ersten öffentlichen Bordelle
+anlegte und jeden seiner Kardinäle auf die Erwerbnisse von 20-30 Huren
+anwies; der für Geld die Erlaubnis erteilte, bei der Frau eines
+Abwesenden die Stelle des Mannes zu vertreten; der mit seiner Schwester
+einen Sohn zeugte, seine beiden Söhne zu unnatürlicher Wollust
+missbrauchte und unendlich viele andere Schandtaten beging: von allen
+diesen Päpsten schweige ich, obgleich ihre Geschichte gewiss sehr
+lehrreich und erbaulich sein würde.
+
+Innozenz VIII. (1484-1492) sorgte mit väterlicher Zärtlichkeit für seine
+Kinder und scharrte unendlich viel Geld zusammen. Doch das taten alle
+Päpste. Er zeichnete sich nur noch durch seine Sündentaxordnung aus, die
+in 42 Kapiteln 500 Taxansätze enthielt. Ich habe schon früher davon
+gesprochen; hier nur noch einige Beispiele aus diesem Schanddokument:
+Begeht ein Geistlicher vorsätzlich einen Mord, so zahlt er nach
+Reichswährung zwei Goldgulden acht Groschen. Vater-, Mutter-, Bruder-
+und Schwestermord ist taxiert zu ein Gulden zwölf Groschen! Wollte aber
+ein Ketzer absolviert werden, so hatte er vierzehn Gulden acht Groschen
+zu bezahlen. Eine Hausmesse in einer exkommunizierten Stadt kostete
+vierzig Gulden.
+
+Dieser Papst Innozenz VIII. widmete dem Hexenwesen ganz besondere
+Aufmerksamkeit und kann als der Begründer der Hexenprozesse betrachtet
+werden, welche so vielen armen alten und jungen Weibern das Leben
+kosteten. In der abgeschmackten Bulle, die er hierüber erließ, faselt er
+von bösen Geistern, die sich auf den Menschen, und solchen, die sich
+unter ihn legen!
+
+Alexander VI. (1492-1502) war der Nachfolger von Innozenz, und obwohl er
+nicht schlechter und lasterhafter war als viele seiner Vorgänger, so
+sind doch seine Handlungen mehr bekannt geworden als die anderer Päpste,
+und er gilt gewöhnlich als die Quintessenz päpstlicher Schlechtigkeit.
+
+Er war in Valencia geboren und hieß ursprünglich Rodrigo Langolo; aber
+sein Vater veränderte seinen Namen in Borgia. Rodrigo studierte, wurde
+dann aber Soldat und verführte eine Witwe namens Vanozza und ihre beiden
+Töchter. Von einer derselben hatte er vier Söhne: Juan, Cesare, Pedro
+Luis und Jofré, und eine Tochter Lucrezia.
+
+Sein Oheim, Alfons Borgia, wurde unter dem Namen Calixtus III. Papst,
+und Rodrigo begab sich schleunigst nach Rom. Der Papst überschüttete
+seinen Neffen mit Würden und Geschenken und machte ihn endlich zum
+Kardinal. Nun richtete derselbe seine Augen auf die päpstliche Krone.
+Als Innozenz VIII. starb, bestach er von 27 Kardinälen 22 durch
+Versprechungen und wurde Papst. Als er sein Ziel erreicht hatte,
+ermahnte er die bestechlichen Kardinäle zur Besserung und räumte sie als
+ihm unbequem allmählich durch päpstliche Hausmittelchen aus dem Wege.
+
+Für das Schicksal seiner Kinder war Alexander VI. auf das zärtlichste
+bedacht. Er verheiratete sie alle vortrefflich und sorgte für ihr
+Fortkommen. Cesare Borgia wurde zum Kardinal gemacht und hatte die
+Freude, seinen Bruder Jofré mit Sancha, der Tochter des Königs Karl
+VIII. von Frankreich zu verheiraten, der noch weit größere Opfer bringen
+musste, um den Papst zu bewegen, seine Absichten auf das Königreich
+Neapel zu unterstützen. Karl musste unendlich viele Dukaten opfern, denn
+Geld war bei Alexander VI. die Losung.
+
+Um Geld zu erlangen, verschmähte dieser Papst kein Mittel. Einen Beweis
+für seine Handlungsweise liefert sein Betragen gegen den unglücklichen
+Prinzen Cem. Dieser hatte sich gegen seinen Bruder, den Sultan Bayezit,
+empört, war gefangen und dem Papst Innozenz gegen ein Jahrgeld von
+40.000 Dukaten zur Aufbewahrung anvertraut worden. Um Geld zu gewinnen,
+ließ Alexander VI. dem Sultan weismachen, dass Karl VIII., wenn er
+Neapel erobert habe, gegen ihn ziehen wolle und sich bereits seinen
+Bruder Cem erbeten habe, um ihn an die Spitze des Unternehmens zu
+stellen. Zugleich erbat sich Alexander die fälligen 40.000 Dukaten.
+
+Der wirklich besorgte Sultan schickte gleich 50.000 und schrieb an den
+"ehrwürdigen Vater aller Christen", so nannte er Alexander, einen sehr
+freundschaftlichen Brief, in welchem er ihn aufmuntert, "seinen Bruder
+sobald als möglich von dem Elend dieser Welt zu befreien und ihm zu
+einem glücklichen Leben zu verhelfen". Wenn der Papst diese seine Bitte
+erfüllen wolle, so verspreche er ihm feierlich und eidlich 300.000
+Dukaten, die kostbare Reliquie des Leibrocks Christi und ewige
+Freundschaft.
+
+Alexander wollte aber noch mehr Nutzen aus dem Heiden ziehen, der in
+seinem Gewahrsam war; er lieferte ihn Karl VIII. für 20.000 Dukaten aus,
+aber bereits mit einem Trank im Leib, der ihn in Mohammeds Paradies
+beförderte. Einer der Geschichtsschreiber sagt: "Er starb an einer
+Speise oder einem Trank, die ihm nicht gut bekam." - Bayezit war ebenso
+ehrlich wie der Papst und zahlte mit Freuden das Blutgeld.
+
+Alexander erhob seinen ältesten Sohn Juan, Herzog von Gandia, den er am
+liebsten hatte, zum Herzog von Benevent. Dies war dessen Tod, denn sein
+eifersüchtiger Bruder Cesare ließ ihn ermorden. Man zog den von neun
+Dolchstichen durchbohrten Leichnam aus dem Tiber, und die Römer sagten
+spottend: "Alexander ist der würdigste Nachfolger Petri, denn er fischt
+aus dem Tiber sogar Kinder." - Alexander war über den Tod seines
+Lieblings außer sich; aber er vergab Cesare den kleinen Mord sehr bald
+und übertrug auf diesen würdigsten Sprössling all seine väterliche
+Zärtlichkeit.
+
+Um nicht daran gehindert zu sein, durch Heirat zur Macht zu gelangen,
+verließ der Kardinal Cesare Borgia den geistlichen Stand - ein bis dahin
+nie vorgekommener Fall, - wurde von dem Könige von Frankreich zum Herzog
+von Valence in der Dauphiné ernannt und heiratete bald darauf eine
+Tochter der Königin von Navarra.
+
+Seine anderen Kinder vergaß der zärtliche Vater aber auch nicht.
+Lucrezia hatte schon viel herumgeheiratet, als sie an Alfons, Herzog von
+Bisceglia, gelangte, der aber ermordet wurde und einem Prinzen von
+Ferrara Platz machen musste.
+
+Die päpstliche Familie führte ein äußerst gemütliches Familienstilleben.
+Die Brüder und der Vater schliefen abwechselnd bei der schönen Lucrezia,
+und der Letztere hatte die Freude, ihr einen Sohn zu erzeugen, der
+Rodrigo genannt wurde und welcher demnach der Bruder seiner Mutter und
+der Sohn und Enkel seines glücklichen Vaters war, der das Wunderkind zum
+Herzog von Sermonata machte.
+
+Die italienischen Fürsten, welche von dem Heiligen Vater und seinem Sohn
+Cesare auf das schamloseste geplündert wurden, vereinigten sich gegen
+diese Ungerechtigkeiten, allein sie wurden fast sämtlich gegen ihre
+bessere Überzeugung zur Seligkeit befördert. Ein halbes Dutzend von
+ihnen besorgte Cesare zur Ruhe und einen andern der Herr Papa.
+
+Cesare würde sich wahrscheinlich unter dem Schutze seines Heiligen
+Vaters ein ganz artiges Reich zusammengeraubt haben, wenn dieser
+Musterpapst nicht aus Versehen gestorben wäre. Das ging auf folgende
+Weise zu.
+
+Alexander hatte die Gewohnheit, solche reiche Leute, die er gern beerben
+wollte, in die bessere Welt zu befördern, und eins seiner
+Lieblingsmittel dazu war Gift, welches er höchst gemütlich "Requiescat
+in pace" nannte. - Der Kardinal Corneto, ein unchristlich reicher Mann,
+sollte so beruhigt werden und wurde zu diesem Zweck vom Papst zum
+Abendessen geladen. Durch ein Versehen reichte ein Diener dem Papst den
+"in der Hölle gewürzten" für den Kardinal bestimmten Wein, und dieser
+endete am andern Tag sein heiliges Leben im 72. Lebensjahre. Cesare, der
+auch von dem vergifteten Wein getrunken, hatte ein volles Jahr daran zu
+verdauen.
+
+Mit den Schandtaten dieses Papstes könnte man ein ganzes Buch füllen,
+aber ich will den Lesern nur einige mitteilen.
+
+Von der Macht und der Stellung der Päpste hatte Alexander die höchsten
+Begriffe, denn er sagte: "Der Papst steht so hoch über dem König wie der
+Mensch über dem Vieh", und mit der Religion, welche damals die
+christliche hieß, war er vollkommen zufrieden, denn er äußerte: "Jede
+Religion ist gut, die beste aber - die dümmste", und es würde schwer
+geworden sein, etwas Dümmeres als das Christentum der römischen Kirche
+jener Zeit aufzufinden. Alexander selbst hatte gar keine Religion.
+
+Höchst originell ist eine Unterredung, welche der gelehrte Prinz Piko di
+Mirandola mit dem Papst nach der Niederkunft der Lucrezia mit Rodrigo
+hatte. Alexander fragte ihn: "Kleiner Piko, wen hältst du für den Vater
+meines Enkels?"
+
+"Nun, Ihren Schwiegersohn!", nämlich den für impotent bekannten Alfons.
+
+"Wie kannst du das glauben?"
+
+"Der Glaube, Ew. Heiligkeit, besteht ja darin, Unmögliches zu glauben",
+und nun kramte der Prinz eine solche Menge geglaubter Unmöglichkeiten
+aus, dass der Heilige Vater sich beinahe vor Lachen ausschüttete.
+
+"Ja, ja", sagte der Papst, "ich fühle wohl, dass ich nur durch Glauben,
+nicht aber durch meine Werke selig werden kann."
+
+"Ew. Heiligkeit", antwortete der Prinz, "haben ja die Schlüssel des
+Himmelreichs; aber ich, - wie ginge es mir dort, wenn ich bei meiner
+Tochter geschlafen, mich des Dolchs und der Cantarella (Gift) so oft
+bedient hätte!"
+
+"Ernsthaft, sage mir", fuhr der Papst fort, "wie kann Gott am Glauben
+Vergnügen finden? Nennen wir nicht den, der da sagt, er glaube was er
+unmöglich glauben kann, einen Lügner?"
+
+"Großer Gott!" rief der Prinz und schlug ein Kreuz, "ich glaube, Ew.
+Heiligkeit sind kein Christ!"
+
+"Nun, ehrlich gesprochen, ich bin's auch nicht."
+
+"Dacht' ich's doch!" sagte der Prinz, und damit endete die seltsamste
+Unterredung, die wohl je zwischen einem Papst und einem Laien
+stattgefunden hat.
+
+Die Liederlichkeit Alexanders lässt sich in unserer keuschen Sprache
+nicht wohl beschreiben; sie kommt nur der Cesare Borgias und seiner
+Schwester Lucrezia gleich. Alle Abarten der Wollust, welche wir
+Deutschen meistens nicht einmal dem Namen nach kennen und welche von den
+früheren Päpsten einzeln getrieben wurden, dienten diesem Papst
+gewordenen Priap zur Unterhaltung.
+
+Burckard, der Zeremonienmeister Alexanders VI., hat in seinem Diarium
+das Leben am päpstlichen Hofe geschildert, und die üppigste Phantasie
+kann nichts erdenken, was hier nicht getrieben wurde. Burckard sagt:
+"Aus dem apostolischen Palast wurde ein Bordell, und ein weit
+schandvolleres Bordell, als je ein öffentliches Haus sein kann."
+
+"Einst wurde", so erzählt Burckard, "auf dem Zimmer des Herzogs von
+Valence (Cesare Borgia) im apostolischen Palast eine Abendmahlzeit
+gegeben, bei welcher auch fünfzig vornehme Kurtisanen gegenwärtig waren,
+die nach Tische mit den Dienern und anderen Anwesenden tanzen mussten,
+zuerst in ihren Kleidern, dann nackend. Darauf wurden Leuchter mit
+brennenden Lichtern auf die Erde gesetzt und zwischen denselben
+Kastanien hingeworfen, welche die nackten Weibsbilder, auf allen Vieren
+zwischen den Leuchtern durchkriechend, auflasen, während Seine
+Heiligkeit, Cesare und Lucrezia zusahen. Endlich wurden viele
+Kleidungsstücke für diejenigen hingelegt, die mit mehreren dieser
+Lustdirnen ohne Scheu Unzucht treiben würden, und sodann diese Preise
+ausgeteilt. Diese schöne Szene fiel vor an der Allerheiligen-Viglie
+1501."
+
+Einst ließ Alexander rossige Stuten und Hengste vor sein Fenster führen
+und ergötzte sich mit Lucrezia an dem Schauspiel. - Dieses Weib war über
+alle Beschreibung liederlich, ob sie aber nach dem Papstrecht das
+Prädikat Hure verdient, weiß ich nicht, denn einige Glossatoren
+desselben haben aufgestellt, dass man nur diejenige eine wahre Hure
+nennen könne, die 23.000 Mal gesündigt habe!
+
+Lucrezia genoss das unbeschränkte Vertrauen ihres Vaters. In dessen
+Abwesenheit erbrach sie alle Briefe, beantwortete sie nötigenfalls und
+versammelte die Kardinäle nach Gefallen. Man schrieb ihr folgende
+Grabschrift: "Hier liegt, die Lucrezia hieß und eine Thais war,
+Alexanders Weib, Tochter und Schwiegertochter"; Letzteres, weil einer
+ihrer vielen Männer ein anderer Sohn des Papstes, also ihr Halbbruder
+war.
+
+Die zu jener Zeit auflebenden Wissenschaften und die immer weiter um
+sich greifende Anwendung der höllischen Erfindung der Buchdruckerkunst
+machte den Papst sehr besorgt. Er fürchtete, dass eine freie Presse dem
+Schandleben der Päpste ein Ende machen möchte, und hatte daher nicht
+Unrecht zu fürchten. Er führte daher die Bücherzensur ein, die bis auf
+die neueste Zeit geblieben ist und wo sie endlich vor der öffentlichen
+Meinung weichen musste, in die fast noch schlimmere Phase der
+Pressprozesse übergegangen ist, die sehr häufig im Sinne Richelieus
+geführt werden, der behauptete, kein Schriftsteller könne fünf Worte
+schreiben, ohne sich eines Verbrechens schuldig zu machen, welches ihn
+in die Bastille bringt. Derjenige, zu dem er dies sagte, schrieb: "Zwei
+und eins macht drei!" - "Unglücklicher!" rief der Kardinal, "Sie leugnen
+die Dreieinigkeit!" Seitenstücke dazu liefern manche moderne
+Pressprozesse.
+
+Julius II. (1502-1513) gelangte ebenfalls durch List und Bestechung auf
+den Päpstlichen Stuhl. Er war ein tüchtiger Soldat; das ist das einzige,
+seltsame Lob, welches man diesem Statthalter Gottes geben kann. Er
+hetzte alle Fürsten gegeneinander, ließ Armeen marschieren, kommandierte
+sie selbst und belagerte und eroberte Städte.
+
+Seine Gegner beriefen eine Synode nach Pisa, um dem martialischen Sohn
+der Kirche sein unberufenes Handwerk zu legen. Von dieser
+Kirchenversammlung wurde er "als Störer des öffentlichen Friedens, als
+ein Stifter der Zwietracht unter dem Volk Gottes, als ein Rebell und
+blutdurstiger Tyrann und als ein in seiner Bosheit verhärteter Mensch"
+aller geistlichen und weltlichen Verwaltung entsetzt.
+
+Julius kehrte sich natürlich nicht an dieses Urteil; es erbitterte ihn
+nur noch mehr gegen seine Feinde und besonders gegen den vortrefflichen
+König von Frankreich, Ludwig XII., den er absetzte. Ganz Frankreich
+wurde ebenfalls mit dem Interdikt belegt; aber die aus dem Vatikan
+geschleuderten Blitze zündeten nicht mehr.
+
+Julius II. handelte nach dem Ausdrucke des berühmten
+Geschichtsschreibers Mezeray "wie ein türkischer Sultan und nicht wie
+ein Statthalter des Friedensfürsten und wie ein Vater aller Christen".
+In den Kriegen, die er aus Rachbegierde und Blutdurst führte, verloren
+zweihunderttausend Menschen ihr Leben. Er starb mitten unter
+Vorbereitungen zu neuen Kriegen.
+
+Er war so liederlich wie Alexander VI., und vor diesem hatte er noch
+voraus, dass er ein Trunkenbold war. Kaiser Maximilian I. sagte einst:
+"Ewiger Gott, wie würde es der Welt gehen, wenn du nicht eine besondere
+Aufsicht über sie hättest, unter einem Kaiser wie ich, der ich nur ein
+elender Jäger bin, und unter einem so lasterhaften und versoffenen
+Papst, als Julius ist!"
+
+Der Zeremonienmeister dieses Papstes, de Grassis, erzählt, dass der
+Heilige Vater einmal so heftig von der Krankheit angesteckt war, welche
+der Ritter Bayard le mal de celui qui l'a nennt, dass er am Karfreitag
+niemand zum Fußkuss lassen konnte.
+
+Ein ebenso liederlicher Mensch war sein Nachfolger Leo X. (1513-1521),
+welcher seine Erhebung zum Papst derselben Krankheit verdankte, die
+Julius am Fußkuss verhinderte. Als er zur neuen Papstwahl ins Konklave
+kam, litt er an einem venerischen Geschwür am Hintern, welches einen
+pestilenzialischen Geruch verbreitete. Die anderen Kardinäle, welche
+angesteckt zu werden fürchteten, befragten die Ärzte des Konklaves, und
+diese erklärten einstimmig, dass Leo gewiss bald sterben würde. Um nur
+baldigst von dem Gestank befreit zu werden, wählten ihn die Kardinäle
+zum Papst.
+
+Leo X., ein Sprössling der berühmten Fürstenfamilie der Medicis, war ein
+gescheiter Mann, welcher Künste und Wissenschaften liebte und manch
+andere Eigenschaft hatte, die wir an einem weltlichen Fürsten recht hoch
+schätzen würden. Er lebte "vergnügt wie ein Papst" und kümmerte sich
+ebenso wenig um die Christenheit wie um Geschäfte, wenn er nicht durch
+seine ungeheuren Geldbedürfnisse dazu gezwungen war.
+
+Er soll während der acht Jahre seiner Herrschaft 14 Millionen Dukaten
+verbraucht haben, was sehr glaublich ist, da er das so leicht erworbene
+Geld ebenso leicht ausgab. Bei seiner Krönung verschenkte er 100.000
+Dukaten. Dichter und Maler erhielten von ihm sehr bedeutende Summen;
+aber die guten Christen deckten das alles. Einst sagte Leo zum Kardinal
+Bambus: "Wie viel uns und den unsrigen die Fabel von Christo eingebracht
+hat, ist aller Welt bekannt."
+
+Sein Hof war der prächtigste, den es gab, und das Geld wurde mit vollen
+Händen weggeworfen, wie an denen der altrömischen Kaiser. So war es denn
+kein Wunder, dass er trotz seines Ablasskrams noch bedeutende Schulden
+hinterließ.
+
+Leo verkaufte alles, was nur Käufer fand, und sein Finanzminister
+Armellino war der unverschämteste Blutsauger. Einst sagte Colonna von
+Letzterem. "Man ziehe diesem Schinder das Fell über die Ohren und lasse
+ihn für Geld sehen, was mehr einbringen wird, als wir brauchen."
+
+Leo wurde durch einen plötzlichen Tod aus seinem üppigen Leben
+hinweggerissen und hatte nicht einmal Zeit, die kirchlichen Sakramente
+zu empfangen. Dieses gab einem Dichter Veranlassung zu einem Epigramm,
+welches in der Übersetzung lautet: "Ihr fragt, warum Leo in der
+Sterbestunde die Sakramente nicht nehmen konnte? - Er hatte sie
+verkauft."
+
+Leos Ablasskram, von dem ich bereits geredet habe, gab die nächste
+Veranlassung zur Reformation. Die Geschichte derselben ist unendlich oft
+geschrieben worden und befindet sich in den Händen des Volks; ich darf
+sie also als bekannt voraussetzen.
+
+Die gefährliche Lage des Päpstlichen Stuhls hätte einen recht kräftigen
+Papst erfordert; aber Leos Nachfolger, Hadrian VI. (1521-1523), war dies
+durchaus nicht. Er war ein bornierter Gelehrter, mehr geeignet, "sich
+und die Jungens zu ennuyieren", als das lecke Schifflein Petri über
+Wasser zu erhalten, obwohl sein Vater Schiffszimmermann in Utrecht war.
+
+Seiner Gelehrsamkeit wegen hatte man ihn zum Lehrer Karls V. gewählt,
+und als sein Zögling Kaiser war, machte man ihn zum Rektor der
+Universität Löwen. Luther sagt von ihm: "Der Papst ist ein Magister
+noster aus Löwen, da krönt man solche Esel." Man möchte geneigt sein,
+dies summarische Urteil zu bestätigen, wenn man liest, dass Hadrian bei
+den herrlichsten Kunstwerken Roms, wie Laokoon, Apoll von Belvedere
+usw., mit einem flüchtigen Seitenblick vorüberging, indem er sagte: "Es
+sind alte Götzenbilder."
+
+Als dieser "deutsche Barbar" zu Fuß nach Rom kam, als er zu seinem
+Unterhalt täglich nicht mehr als zwölf Taler brauchte und - horribile
+dictu - Bier dem Wein vorzog, - da machten die Kardinäle sehr lange
+Gesichter und kamen zu der Einsicht, "dass der Heilige Geist keinen als
+einen Italiener verstehe".
+
+Hadrian war ein hölzerner Pedant und viel zu ehrlich, als dass man ihn
+lange auf dem Päpstlichen Stuhl hätte dulden können. Die Satiriker
+nahmen ihn scharf mit. Der Dichter Berni charakterisierte dieses Papstes
+Regierung sehr ergötzlich. Die bezügliche Stelle heißt in der
+Übersetzung: "Eine Regierung voll Bedacht, Rücksicht und Gerede, voll
+Wenn und Aber, Jedennoch und Vielleicht, und Worten in Menge ohne Saft
+und Kraft, voll Glauben, Liebe, Hoffnung, das heißt voll Einfalt, - wird
+Hadrian allgemach zum Heiligen machen."
+
+Hadrian beging ein in den Augen aller Kardinäle und Geistlichen
+grässliches Verbrechen; er gestand nämlich ein, dass Luther mit seinem
+Verlangen nach einer Reformation gar nicht so unrecht habe, indem er
+ehrlich genug war zu schreiben: "Gott gestattete die Verfolgung um der
+Sünde willen; die Sünde des Volks stammt von den Priestern, die daher
+Jesus auch zuerst im Tempel aufsuchte, und dann erst in die Stadt ging.
+Selbst von diesem unserem Heiligen Stuhl ist so viel Unheiliges
+ausgegangen, dass es kein Wunder ist, wenn sich die Krankheit vom Haupt
+in die Glieder, von Päpsten in die Prälaten gezogen hat. Wir wollen
+allen Fleiß anwenden, damit zuerst dieser Hof, von dem vielleicht alles
+Unheil ausging, reformiert werde, je begieriger die Welt solche Reformen
+erwartet."
+
+So etwas war unerträglich, und Hadrian "wurde gestorben". Der Jubel der
+Römer bei seinem Tode war sehr groß, und sie begingen die
+Unschicklichkeit, die Tür seines Leibarztes zu bekränzen und mit der
+Inschrift zu versehen: Liberatori Patriae S.P.Q.R. (Der Senat und das
+Volk Roms dem Befreier des Vaterlandes).
+
+Damit man nicht in Versuchung kommt, das Schicksal dieses ehrlichen,
+gelehrten Dummkopfes gar zu sehr zu beklagen, bemerke ich, dass er fünf
+Jahre lang Großinquisitor in Spanien war und dort 1620 Menschen lebendig
+und 560 im Bildnis verbrennen ließ und 21.845 andere zu
+Vermögenskonfiskation, Ehrlosigkeit usw. verurteilte.
+
+Clemens VII. (1523-1534), wieder ein Medici, folgte dem "Magister noster
+Esel" und verstand es besser als dieser, den Kirchenmonarchen zu
+spielen; aber die Reformation konnte er ebenso wenig unterdrücken. - Er
+hatte große Not auszustehen, denn der Konnetable Karl von Bourbon
+stürmte mit seinem unbezahlten Heer Rom. Der Feldherr wurde zwar bei dem
+Sturm erschossen, allein dies diente nur dazu, die Wut der beutelustigen
+Soldaten mehr anzufachen. Unter ihnen befanden sich 14.000 Deutsche
+unter Georg von Frondsberg, der es besonders auf den Papst abgesehen
+hatte und einen goldenen Strick bei sich trug, um Se. Heiligkeit damit
+eigenhändig in den Himmel zu befördern.
+
+Der Papst floh in die Engelsburg, und mit Rom wurde unbarmherzig
+umgegangen. Die Kardinäle hatten schlimme Zeit, denn selbst die
+katholischen Spanier gingen hart mit ihnen um. Die Damen nahmen die
+Sache von der besten Seite; sie waren neugierig auf die stämmigen
+deutschen Landsknechte, und Geschichtsschreiber erzählen boshafterweise,
+dass sie es gar nicht erwarten konnten, bis das Notzüchtigen losging.
+
+Die Soldaten raubten, wo sie etwas fanden; denn wenn die Krieger der
+damaligen Zeit Geld witterten, dann suspendierten sie alle Religion,
+stahlen und mordeten nach Herzenslust und ließen sich dann absolvieren.
+Die Beute belief sich an Gold, Silber und Edelsteinen auf mehr als zehn
+Millionen Gold, und an barem Geld, womit sich die Vornehmen ranzionieren
+mussten, auf eine noch größere Summe.
+
+Ich habe da ein altes Buch von 1569 vor mir, in welchem Adam Reißner,
+der in Diensten Frondsbergs mit in Rom war, die tolle Wirtschaft, welche
+die Soldaten dort neun Monate lang trieben, sehr einfach und treuherzig
+beschreibt. Ich will eine Stelle daraus wörtlich hersetzen:
+
+"Die Landsknecht haben die Cardinäls Hüt auffgesetzt, die roten langen
+Röck angetan, vnd sind auff den Eseln in der Statt vmbgeritten, haben
+also jr Kurzweil vnd Affenspiel gehalten. Wilhelm von Sandizell ist
+oftermals mit seiner Rott, als ein römischer Bapst, mit dreyen Kronen
+für die Engelburg kommen, da haben die andern Knecht in den Cardinäls
+Rökken irem Bapst Reverentz gethan, ire lange Röck vornen mit den Händen
+auffgehebt, den hindern Schwantz hinden auff der Erd lassen
+nachschleyffen, sich mit Haupt und Schultern tief gebogen, niederkniet,
+Fuß vnd Händ geküßt. Alsdann hat der vermeynt Bapst Clementen einen
+Trunk gebracht, die angelegte Cardinäl sind auff jren Knien gelegen,
+haben ein jeder ein Glaßvoll Wein außtrunken, vnd dem Bapst bescheyd
+gethan, darbey geschrien, Sie wollen jetzt recht fromme Bäpst vnd
+Cardinäl machen, die dem Keyser gehorsam, vnd nicht wie die vorige
+widerspenstig, Krieg vnd Blutvergiessen anrichten."
+
+"Zuletzt haben sie laut vor der Engelsburg geschrien: Wir wöllen den
+Luther zum Bapst machen! welchen solchs gefallen, der soll ein Hand
+aufheben, haben darauff all jre Händ auffgehebt, vnd geschrien, Luther
+Bapst, und viel dergleichen schimpffliche lächerliche Spottreden
+gethan."
+
+"Grünenwald, ein Landsknecht schrey vor der Engelsburg mit lauter stimm.
+Er hett lust, dass er den Bapst ein stück auß seinem Leib solt reissen,
+weil er Gottes, deß Keysers, vnd aller Welt Feind sey" usw.
+
+Nachdem Papst Clemens an die Truppen noch gegen 400.000 Dukaten bezahlt
+hatte, ließ man ihn, als Diener verkleidet, aus der Engelsburg
+entwischen.
+
+Clemens hatte kein Glück, aber auch kein Geschick. So viel hätte er mit
+seinem Verstand erkennen können, dass die Zeit der Innozenze vorüber
+war; allein er war unpolitisch genug, es mit dem despotischen Heinrich
+VIII. von England zu verderben, den er exkommunizierte und der sich
+dafür mit seinem ganze Land von Rom lossagte. Dadurch verlor der
+Päpstliche Stuhl den Petersgroschen, eine Abgabe, welche seit 740 von
+jedem englischen Hause nach Rom bezahlt wurde und die bis dahin gegen 38
+Millionen Gulden eingebracht hatte.
+
+Die Reformation machte unter diesen beiden letzten Päpsten immer weitere
+Fortschritte, und die 1522 auf dem Reichstage, zu Nürnberg versammelten
+Reichsstände erklärten: "dass sie die päpstlichen und kaiserlichen
+Verordnungen nicht vollstrecken lassen könnten, weil das Volk, welches
+den Lehren Luthers in großer Menge zugetan sei, dadurch leicht auf den
+Argwohn geraten könnte, als wolle man die evangelische Wahrheit
+unterdrücken und die bisherigen Missbräuche unterstützen, und dies
+könnte leicht zu Aufruhr und Empörung Anlass geben".
+
+Die deutschen Fürsten auf dem Reichstage nahmen diesmal kein Blatt vor
+den Mund, und in den "hundert Beschwerden der deutschen Nation" sprachen
+sie geradezu von den Betrügereien der Päpste, was sie nicht einmal
+heutzutage wagen würden. Überhaupt sagten die Verteidiger der
+Reformation damals vieles sogar mit dem Beifall der Fürsten, was selbst
+heute in anständiger Sprache nicht gewagt werden dürfte, aus Furcht vor
+endlosen Pressprozessen. Man ließ Luthers "Satyren" ungehindert
+passieren, obwohl sie eigentlich nichts als unflätige Schimpfereien
+waren.
+
+Der "Gottesmann Lutherus" zeigte wenig Respekt vor Päpsten oder Fürsten,
+wenn es die Verteidigung seiner Sache galt. Er ging mit ihnen um, als ob
+sie Bettelbuben gewesen wären, und sagte sowohl dem König von England
+als dem Herzog Georg von Sachsen auf das allerderbste Bescheid. Den
+Herzog von Braunschweig nannte er nur den "Hansworst"; aber am
+schlimmsten kam der Papst weg.
+
+In seinem Buch: "Das Papsttum, vom Teufel gestiftet" nennt er die Kirche
+"die Lerche" und den Papst "den Kuckuck, der die Eier fresse und dafür
+Kardinäle hineinscheiße". Er nennt Se. Heiligkeit "einen Gaukler, das
+Leckerlein von Rom, päpstliche Höllischkeit und Spitzbube, ein
+epikurisch Schwein, das vom Teufel hintenaus geboren, und will, dass man
+ihm den Hintern küsse, einen beschissenen und furzenden Papstesel, vor
+dessen Fürzen sich der Kaiser fürchtet und der alle Fürze der Esel
+binden und die selbsteigenen angebetet haben will, und dass man ihm
+dabei noch den Hintern lecke".
+
+Wenn es heutzutage ein Schriftsteller wagen würde, so gegen den Papst zu
+schreiben oder gegen den Kaiser Napoleon, dann fiele halb Europa in
+Ohnmacht und dem Verfasser winkte ein Pressprozess mit darauf folgendem
+Gefängnis, so lang wie das Fegefeuer.
+
+Seine Gegner blieben Luther indes nichts schuldig, und Dr. Eck, den der
+Reformator stets Dreck nannte, zahlte ihm mit gleicher Münze. Die
+gewöhnlichen Titel, die man ihm gab, waren Doktor Dreck-Märte, Doktor
+Sauhund von Wittenberg und dergleichen. Der Jesuit Weislinger sagt von
+ihm in Bezug auf die Tischreden: "Luther ist Zeremonienmeister bei Hofe,
+wo man Mist ladet, Advokat zu Sauheim, wo nicht gar Stadtrichter zu
+Schweinfurt; - gäbe es ein Mistingen, Schmeisau oder Dreckberg, so
+gehöre der Sauluther dahin." Das war, wie bemerkt, im sechzehnten
+Jahrhundert "Satyre".
+
+Clemens VII. war ein großer Freund der Mönche. Unter ihm entstanden die
+Kapuziner, eine Abart der Franziskaner, welche sich von den Letzteren
+nur durch ihre größere Dummheit und Schweinerei auszeichneten. Die
+spitzen Kapuzen, die sie tragen und einem Lichtauslöscher sehr ähnlich
+sehen, können zugleich als ihr Feldzeichen dienen, denn Clemens hoffte
+durch sie das Licht auszulöschen, welches durch Luther angezündet war.
+
+Paul III. (1539-1549), der nach Clemens Papst wurde, war schon im 26.
+Jahr Kardinal geworden und zwar, weil er seine schöne Schwester Julia
+Farnese an Alexander VI. verkuppelt hatte. Er war einer der
+liederlichsten Päpste. Blutschande, Mord und ähnliche Verbrechen waren
+ihm geläufig. Er vergiftete sowohl seine eigene Mutter wie seine
+Schwester!
+
+Doch das sind eigentlich Familienangelegenheiten, die uns weniger
+angehen. Weit wichtiger war es für die Welt, dass Paul am 27. September
+1540 den Orden der Jesuiten bestätigte. Wir werden diese Fledermäuse
+noch näher kennen lernen und wollen ihnen dann sagen, was sie waren und
+was sie sind; denn sie selbst wollten und konnten darüber keine Auskunft
+geben und sagten, sie wären tales quales; das heißt: diejenigen, welche
+- - -
+
+Julius III. war ein Papst, der noch weniger taugte als seine Vorgänger.
+Er hielt sich mit dem Kardinal Creszentius gemeinschaftlich
+Beischläferinnen, und die Kinder, welche dieselben bekamen, erzogen sie
+gemeinschaftlich, da keiner von beiden wusste, wer der Vater sei. Seinen
+Affenwärter, einen hässlichen Jungen von sechzehn Jahren, machte er zum
+Kardinal, und als ihm die andern Kardinäle deshalb Vorwürfe machten,
+rief er: "Potta di Dio! was habt Ihr denn an mir gefunden, dass Ihr mich
+zum Papst machtet?"
+
+Der Heilige Vater ließ einst in Rom Musterung über alle Freudenmädchen
+halten und es fanden sich nicht weniger als 40.000 in der Stadt. Unter
+einem so liederlichen Papst wie Julius musste ihr Handwerk natürlich
+gedeihen. Sein Nuntius Johann a Casa, Erzbischof von Benevent, schrieb
+ein Buch über die Sodomiterei, worin er diese lebhaft in Schutz nimmt.
+Dies Buch ist 1552 in Venedig gedruckt und - dem Papst dediziert!
+
+Paul IV. war ein vor Stolz halb wahnsinniger, achtzigjähriger Narr und
+nebenbei ein mordlustiger Pfaffe. Unter ihm konnte die Inquisition nicht
+genug Opfer erwürgen. Hören wir, was Pasquino über ihn sagte. Aber
+vorher noch einige Worte über Pasquino.
+
+Nach der Sage war dieser ein lustiger Schneider in Rom, dessen Schwänke
+viele Leute nach seiner Bude lockten. Dieser gegenüber stand eine
+verstümmelte Statue, an welcher man häufig Satiren angeklebt fand, die
+man dem Schneider Pasquino zuschrieb. Daher das Wort Pasquill. Es gibt
+indessen noch andere Traditionen darüber. Bald wurde nun eine andere
+Statue am Kapitol dazu ausersehen, Antworten auf die Fragen aufzunehmen,
+die man an der ersten Statue fand, und so entstand das Frage- und
+Antwortspiel, welches nicht nur sehr ergötzlich, sondern auch von großem
+Nutzen war. Es war der römische Kladderadatsch in primitiver Gestalt.
+
+Als Paul IV. 1559 gestorben war, schlug Pasquino folgende Grabschrift
+vor.- "Hier liegt Caraffa (aus dieser Familie stammte der Papst),
+verflucht im Himmel und auf Erden, dessen Seele in der Hölle, dessen Aas
+im Boden ist. Der Erde missgönnte er den Frieden, dem Himmel Gebet und
+Gelübde; ruchlos richtete er Klerus und Volk zu Grunde; vor den Feinden
+kroch er, gegen Freunde war er treulos; wollt Ihr alles auf einmal
+wissen? - er war Papst!"
+
+Der Name Papst war damals in Rom zum Schimpfwort herabgesunken. Pasquino
+erwiderte einem Fragenden: "Warum jammerst du?" - "Ach, der Schimpf
+bricht mir das Herz!" - "Nun, was ist's?" - "Du errätst es nicht? - Sie
+haben mich", ruft er unter Schluchzen, "sie haben mich - einen Papst
+genannt."
+
+Paul war Kaiser Karls V. erbitterter Feind gewesen und wollte nach
+dessen Abdankung Kaiser Ferdinands Wahl nicht anerkennen, weil dessen
+Sohn und Thronfolger, Maximilian, meist unter Lutheranern aufgewachsen
+sei.
+
+Der Kaiser kehrte sich wenig an den Papst, dazu angeregt durch den
+Reichs- Vizekanzler Dr. Seld, den Beust Ferdinands I. Dieser Minister
+sagte in einem Gutachten: "Man lacht jetzt über den Bann, vor dem man
+sonst zitterte; man hielt sonst alles, was von Rom kam, für heilig und
+göttlich, jetzt speiet männiglich, er sei alter oder neuer Religion,
+darüber aus. Die alten Kaiser haben die Päpste beim Kopfe genommen,
+gestöcket, gepflöcket und abgesetzt; wir haben selbst erlebt, wie Karl
+mit Clemens umgegangen; solchen Ernstes sind Ew. Majestät nicht einmal
+benötigt. Übrigens weiß man, dass Se. Heiligkeit die Kardinäle, welche
+Wahrheiten sagen, Bestien und Narren gescholten, solche mit Stecken
+geschlagen, woraus anzunehmen, dass dieselben Alters oder anderer
+Zufälle wegen nicht wohl bei Vernunft und Sinnen seien."
+
+Unter Pius IV. wurde das berühmte Trientiner Konzil geschlossen (im
+Dezember 1563), welches achtzehn Jahre versammelt gewesen war, um die
+schon längst als notwendig erkannte Reformation der Kirche an "Haupt und
+Gliedern" vorzunehmen.
+
+Das Konzilium stand unter der unmittelbaren Beaufsichtigung des Papstes.
+Kardinal del Monte stand mit ihm durch eine ununterbrochene Kurierlinie
+zwischen Trient und Rom in fortwährender Verbindung und des Papstes
+Instruktionen hatten auf alle Beschlüsse den entschiedensten Einfluss.
+Alle Welt schrie, das Konzil sei nicht bei Trost, aber niemand konnte
+das ändern.
+
+Der Bischof Dudith von Tina in Dalmatien und mehrere andere sagten: "Der
+Heilige Geist, der die versammelten Väter in Trient belehrte, kam im
+römischen Felleisen."
+
+Die Heiligen Väter strengten sich nicht übermäßig an. Alle Monate einmal
+eine Sitzung, wenn nicht Ferien oder Festlichkeiten die Zeit wegnahmen,
+und hielt man einmal eine Sitzung, so verging dieselbe meistens mit sehr
+viel unnützen Redereien.
+
+Man disputierte mit allem Ernst, der so wichtigen Dingen gebührt, über
+den Rang der Abgeordneten, über Kleidung, Siegel und dergleichen. Dann
+fragte man, ob man vom Glauben oder von der Reformation anfangen wolle?
+Endlich entschied man sich dann für den Glauben, da einige Vorwitzige
+unverschämt genug waren, die Meinung zu äußern, dass die Reformation bei
+den Häuptern beginnen müsse!
+
+Die Franzosen und selbst die so geduldigen Deutschen verloren die
+Geduld. Ein kaiserlicher Gesandter behauptet gar, der Papst und seine
+Legaten "hätten die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen, um sich den Schein
+zu geben, vorwärts zu gehen, während sie doch rückwärts gingen".
+
+Wenn das Volk, welches sich nach all den schönen Versprechungen auf die
+Konziliumsbeschlüsse wie Kinder auf den Heiligen Christ freute, durch
+seine Vertreter deshalb anfragen ließ, dann erhielt es immer zur
+Antwort, dass der Bericht noch nicht fertig sei".
+
+Als aber der Bericht endlich fertig war, da machte alle Welt ein langes
+Gesicht und "entsatzete" sich. Beim Schluss der Synode stand der
+Kardinal von Guise auf und rief: "Verflucht seien alle Ketzer!"
+"Verflucht! verflucht! verflucht!" brüllten die Herren Gesandten im Chor
+und der "Heilige Geist" in Rom lachte ins Fäustchen. Dies war freilich
+nicht der Weg, die Protestanten in den Schoß der Kirche zurückzuführen,
+welches eigentlich der Hauptzweck der langen Synode war.
+
+Es bedarf in der Tat keiner großen Prophetengabe, um vorhersagen zu
+können, dass das in diesem Jahr abzuhaltende Konzil ganz denselben
+römischen Stuhlgang haben wird wie das Trienter. Der alte Mann, der
+jetzt die wurmstichige Tiara trägt, leidet an der Einbildung, dass wir
+1368 schreiben, und handelt demgemäß. Es ist ein Glück, dass es ziemlich
+gleichgültig ist, was das Konzil beschließt, da sich niemand daran
+kehren wird, und dass die Tage des Landvogtes Gottes gezählt sind:
+
+ Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Landvogt,
+ Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen.
+
+Das Trienter Konzil war das letzte, welches gehalten wurde, und seine
+Beschlüsse sind bis auf den heutigen Tag das Gesetz für die römische
+Kirche. Hume sagt bei der Geschichte der Königin Elisabeth von England:
+"Das Trienter Konzil ist das einzige, das in einem Jahrhundert
+beginnender Aufklärung und Forschung gehalten wurde; die Wissenschaften
+müssten tief sinken, wenn das Menschengeschlecht aufs neue zu einem
+solchen groben Betrug geschickt würde."
+
+Der protestantische Schriftsteller Heidegger verglich das Papsttum mit
+einer Hure, die immer unverschämter wird, je länger sie mitmacht. Dieser
+Vergleich ist zwar nicht sehr höflich; aber wenn man die Beschlüsse des
+Trientiner Konzils durchliest, - muss man ihm beistimmen. Aller Unsinn,
+welcher sich allmählich in die christliche Kirche eingeschlichen hatte,
+wurde dadurch feierlich sanktioniert, und was von der Trientinischen
+Glaubensformel abwich, hatte "den Verlust der Seligkeit zu erwarten".
+
+Dass aus der Synode nicht viel werden konnte, lag auf der Hand, denn die
+Jesuiten nahmen sich ihrer an und soufflierten dem Heiligen Geist.
+
+Dieses Konzil hatte große Folgen, und die allerschlimmste war wohl die,
+dass die Päpste, welche bisher beständig gegen die weltliche Macht
+Opposition gebildet hatten, von nun an gemeinschaftliche Sache mit ihr
+machten, um das sichtbare Streben nach einem besseren Zustande und nach
+politischer Freiheit zu lähmen.
+
+Pius IV. "gab seine Seele durch den Teil des Leibes von sich, durch
+welchen er sie empfangen hatte". Ihm folgte Pius V., ein ehemaliger
+Großinquisitor. Bei seiner Wahl soll er geäußert haben - "Als Mönch
+hoffe ich selig zu werden; als Kardinal zweifle ich daran, und als Papst
+halte ich die Sache für unmöglich."
+
+Dieser Pius V., der als Großinquisitor eine geeignete Vorschule gehabt
+hatte, war der grausamste unter allen Päpsten. Ihn belebte nur eine
+Idee: Ausrottung der Ketzer. Er ist der Urheber der Pariser
+Bluthochzeit, der schrecklichen Verfolgungen in den Niederlanden unter
+Herzog Alba, der sich rühmte, dass er in sechs Jahren 18.000 Personen
+hinrichten ließ, und aller Verschwörungen in Schottland und England.
+
+Das Motiv der Grausamkeit dieses Papstes war nicht allein religiöser
+Fanatismus. Er ließ zum Beispiel Nik. Franko wegen eines unschuldigen
+Distichons hängen, welches er auf dem im Lateran (päpstlichen Palast)
+neuerbauten Abtritt machte!
+
+ Papst Pius V., der beladenen Bäuche sich erbarmend,
+ Errichtete diesen Abtritt, ein edles Werk.
+
+Das ist die Übersetzung der Zeilen, die den Poeten an den Galgen
+brachten. Der arme Mensch rief mit Recht: "Das ist zu arg!", und noch
+auf der Leiter wollte er nicht glauben, dass die Sache ernst sei, und
+fragte: "Wie, Nikolaus an den Galgen?"
+
+Als Pius unter grässlichen Steinschmerzen seine Henkerseele ausgehaucht
+hatte, herrschte allgemeine Freude. Die während seiner Regierung beinahe
+in den Ruhestand versetzten öffentlichen Mädchen versammelten sich
+jubelnd um seine Leiche, und sogar der türkische Sultan ließ
+Freudenfeste wegen dieses Todes anstellen.
+
+Doch ich darf nicht das Gute unerwähnt lassen, was von diesem Papst zu
+melden ist, und umso weniger, als es auf dem "Apostolischen Stuhl" eine
+Seltenheit ist. Er führte ein sehr strenges Leben, wie ein Einsiedler,
+trug einen handbreiten, stachligen Drahtgürtel (Cilicium genannt) auf
+dem bloßen Leib und kein Hemd. Seine Speise bestand aus Gemüse und sein
+Getränk aus Wasser.
+
+Gregor XIII. war seinem Vorgänger an fanatischem Ketzerhass gleich, wenn
+auch nicht an Sittenstrenge. Er eröffnete dem spitzbübischen
+Jesuitengeneral Aquaviva, dass es Protestanten, besonders Gelehrten,
+Fürsten, höheren Beamten und anderen einflussreichen Personen, wenn sie
+zur römischen Kirche übergingen, aus besonderer päpstlicher Gnade
+gestattet sein sollte, ihren neuangenommenen Glauben verleugnen und noch
+alle protestantischen Kirchengebräuche mitmachen, kurz, nach wie vor
+sich als Protestanten benehmen zu dürfen.
+
+Nach Gregor kam Sixtus V. (1585-1590) auf den Päpstlichen Stuhl. Sein
+Vater war Weingärtner, seine Mutter eine Magd, und er selbst hütete in
+seiner Jugend die Schweine. Deshalb scherzte er oftmals: "Ich bin aus
+einem durchlauchtigen Hause; Sonne, Wind und Regen hatten freien Zugang
+in die Hütte meiner Eltern."
+
+Sein Name war Felice Peretti, und er wurde 1521 zu Grotta a Mare, nicht
+weit von Montalto in der Mark Ankona geboren. Ein Franziskaner, dem der
+Junge gefiel, nahm ihn von den Schweinen weg und brachte ihn in ein
+Kloster und somit auf die Leiter, die ihn zum Apostolischen Stuhl
+führte. - Er stieg schnell. Papst Pius V. war ihm gewogen und machte ihn
+zum Kardinal Montalto; aber Gregor konnte ihn nicht leiden, und so hielt
+er es denn für zweckmäßig, sich ganz zurückzuziehen und dem Anschein
+nach ein völliger Franziskaner zu werden. Er spielte seine Rolle so gut,
+dass sämtliche Kardinäle angeführt wurden. Er stellte sich äußerst
+demütig, einfältig und körperlich hinfällig, ließ sich geduldig "der
+Esel aus der Mark" nennen und dachte, wer zuletzt lacht, lacht am
+besten.
+
+Die Kardinäle waren bei der Papstwahl in sechs Parteien geteilt und da
+keine der andern den Willen tun wollte, rief die größte Zahl der
+Kardinäle, "dass der Esel aus der Mark Papst sein solle". Kaum wurde der
+an seiner Krücke einherschleichende Montalto gewahr, dass er die meisten
+Stimmen für sich habe, als er sogleich seine Krücke wegwarf, sich
+kerzengerade in die Höhe richtete, bis an die Decke der Kapelle spuckte
+und mit einer Stentorstimme ein Te Deum anstimmte, dass die Fenster
+zitterten.
+
+Man kann sich den Schrecken der überlisteten Kardinäle denken. Als der
+Zeremonienmeister den neuen Papst dem Gebrauch gemäß fragte, ob er die
+Würde annehme? antwortete er: "Ich hätte noch Kraft zu einer zweiten",
+und als ihm einer der stolzesten Kardinäle wegen seines guten Aussehens
+Komplimente machte, sagte er lachend: "Ja, ja, als Kardinal suchten wir
+gebückt die Schlüssel des Himmelreichs; wir fanden sie und sehen nun
+aufrecht gen Himmel, da wir auf Erden nichts mehr zu suchen haben."
+
+Einer der Kardinäle, der sich immer für ihn interessiert hatte, wollte
+seine verschobene Kapuze in Ordnung bringen, aber Montalto wies ihn
+zurück und sagte: "Tut nicht so vertraut mit dem Papst."
+
+Kardinal Farnese, der dem nunmehrigen Papst niemals recht getraut und
+ihn stets den Paternosterfresser genannt hatte, äußerte nun zu seinen
+Kollegen: "Ihr meintet, einen Gimpel zum Papst zu machen; Ihr habt einen
+dazu gemacht, der mit uns allen wie mit Gimpeln umgehen wird!" -
+Pasquino erschien mit einem Teller voll Zahnstocher.
+
+Sixtus V. blieb auch als Papst ein strenger Mönch und griff nun mit
+Energie in die bisher so jämmerlich schlaff gehandhabten Zügel der
+Regierung. Zuerst war er darauf bedacht, das Land von den unzähligen
+Räuberbanden zu reinigen, die unter Gregor XIII. so überhand genommen
+hatten, dass kein Mensch seines Lebens sicher war. Fünfhundert
+Verbrecher erwarteten, wie es bei einem Regierungsantritte gewöhnlich
+war, ihre Befreiung; allein Sixtus ließ ihnen den Prozess machen und die
+Galgen wurden nicht leer. "Ich sehe lieber die Galgen voll als die
+Gefängnisse", pflegte er zu sagen.
+
+Ganz Rom geriet in Entsetzen, denn seine Strenge traf Reiche und Arme,
+was man bisher gar nicht gewohnt gewesen war. Graf Pepoli, welcher die
+Banditen beschützt hatte, wurde zu Bologna enthauptet, und die Villa des
+Prälaten Cesarino ließ der Papst niederreißen, weil sie ein bekannter
+Banditenschlupfwinkel war.
+
+"Ich verzeihe", sagte er, "was unter Montalto geschehen ist; aber als
+Sixtus muss ich dieses Haus niederreißen und einen Galgen an die Stelle
+setzen." Cesarino wurde vor Angst Karthäuser.
+
+Einer der Bargellos (Landhäscher), die nur zu oft mit den Banditen
+gemeinschaftliche Sache machten, wollte sich verbergen, als er Sixtus
+gewahr wurde. Dieser ließ ihn in Ketten legen und gab ihn nur unter der
+Bedingung frei, dass er ihm innerhalb acht Tagen eine bestimmte Anzahl
+Banditenköpfe einliefere.
+
+Ja, der Papst ging in seiner grausamen Gerechtigkeitsliebe zu weit, dass
+er, um Verbrecher zu entdecken, die alten Kriminalakten durchstöbern
+ließ. Einen gewissen Blaschi, der schon vor 36 Jahren wegen eines Mordes
+nach Florenz entwischt war, ließ er requirieren und enthaupten.
+
+Diese Strenge gab Pasquino hinlänglich Stoff. Einst sah man an der
+Bildsäule die Engelsbrücke abgebildet, mit den sich gegenüberstehenden
+Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Petrus war in Stiefeln und
+Reisemantel. Paulus äußerte sein Erstaunen und fragte nach der Ursache
+des Reisekostüms, und Petrus antwortete: "Ich will mich fortmachen, denn
+ich habe vor 1500 Jahren Malchus das Ohr abgehauen."
+
+Sixtus trieb seine Justiz mit förmlicher Leidenschaft, und einst nach
+einer großen Hinrichtung äußerte er bei Tische: "Mir schmeckt es nie
+besser als nach einem solchen Akt der Gerechtigkeit." - Pasquino
+erschien wieder mit einem Becken voll kleiner Galgen, Räder, Beile usw.
+und sagte: "Diese Brühe wird dem Heiligen Vater Esslust geben."
+
+Die Mütter schreckten jetzt ihre Kinder mit dem Papst, und wenn dieser
+sich auf der Straße blicken ließ, so drückte sich jeder beiseite. Ein
+Zeichen, dass es in Rom viele Spitzbuben und andere Leute gab, welche
+die Strenge des Papstes zu fürchten hatten. Er verfolgte nicht allein
+Banditen, sondern auch die Menschenfleischhändler oder die Kuppler,
+welche den Kardinälen und liederlichen Reichen ihre Weiber und Töchter
+zu verhandeln pflegten. Eine berühmte Buhlerin, Pignaccia, welche man
+nur die Prinzessin nannte, ließ er hinrichten und von ihrem Vermögen ein
+schönes Hospital erbauen.
+
+Für die Armen sorgte er in bedrängter Zeit väterlich und ließ nicht
+allein Lebensmittel austeilen oder die Preise derselben herabsetzen,
+sondern auch Seiden- und Tuchfabriken anlegen; den Adel nötigte er,
+seine Schulden zu bezahlen, was demselben hart genug ankam.
+
+Ein schöner Zug von Sixtus war es, dass er sich früher erhaltener
+Wohltaten erinnerte. Einem Schuster hatte er einst für ein Paar Schuhe
+nur sechs Paoli bezahlt und gesagt: "Das übrige werde ich bezahlen, wenn
+ich Papst bin." Nun bezahlte er seine Schuld mit Interessen und gab dem
+Sohne des Schusters - ein Bistum. Ebenso belohnte er einen Prior, der
+ihm vor vierzig Jahren vier Scudi geborgt hatte.
+
+Seine Verwandten vergaß er übrigens auch nicht, aber trotz dieser
+Ausgaben und der nun bedeutend geringer gewordenen Einnahmen des
+Päpstlichen Stuhles legte er doch drei Millionen Scudi im päpstlichen
+Schatz nieder, während andere Päpste Schulden machten.
+
+Sixtus besaß Verstand und selbst Witz, aber gegen den anderer war er
+sehr empfindlich. Pasquino trocknete einst sein Hemd am Sonntag. -
+"Warum wartest du nicht bis Montag?" - "Ich trockne es, bevor die Sonne
+verkauft wird", und sein ungewaschenes Hemd entschuldigte er: "Der Papst
+hat mir meine Wäscherin (seine Schwester Camilla) zur Prinzessin
+gemacht."
+
+Dieser Spott beleidigte Sixtus sehr. Er versprach dem Entdecker des
+Verfassers tausend Dukaten, indem er dem Letzteren das Leben zusicherte.
+Der Spötter dachte die Belohnung selbst zu verdienen und war dumm genug,
+sich zu melden. Sixtus ließ ihn am Leben, wie er versprochen, allein er
+ließ ihm die Zunge ausreißen und die Hände abhauen, dann tausend Dukaten
+auszahlen.
+
+Trotz seiner mancherlei guten Eigenschaften und seines Hasses gegen die
+Jesuiten und gegen den spanischen Tyrannen Philipp II. blieb er doch
+immer ein fanatischer Mönch und fand es ganz in der Ordnung, dass die
+Ketzer brennen müssten. Die Ermordung Heinrichs III. von Frankreich
+billigte er, und als die rachsüchtige Elisabeth von England Maria Stuart
+hatte hinrichten lassen, rief er aus: "Glückliche Königin! Ein gekröntes
+Haupt zu ihren Füßen!"
+
+König Heinrich IV. und Elisabeth wusste er übrigens zu würdigen und
+äußerte einst: "Ich kenne nur einen Mann und nur eine Frau, würdig der
+Krone." Elisabeth erfuhr es und scherzte: "Wenn ich je heirate, muss es
+Sixtus sein." Dieser rief, als man ihm die Äußerung hinterbrachte: "Wir
+brächten einen Alexander zustande!"
+
+Die Jesuiten wollten Sixtus überreden, dass er einen Jesuiten als
+Beichtvater annehmen solle, wie die andern Großen; er aber meinte: "Es
+würde besser für die Kirche sein, wenn die Jesuiten dem Papst beichten
+wollten."
+
+Er tat außerordentlich viel für die Verschönerung Roms und legte mehrere
+nützliche Anstalten an. Unter ihm wurde auch der große ägyptische
+Obelisk auf dem Piazza del Popolo wieder aufgerichtet, der zwei höchst
+merkwürdige Inschriften hat: "Cäsar Augustus Pontifex Maximus unterwarf
+sich Ägypten und weihte ihn der Sonne" auf der einen Seite und auf der
+anderen: "Sixtus V. Pontifex Maximus weiht diesen Obelisken, nach dessen
+Reinigung, dem Kreuze".
+
+Sixtus V. war den Kardinälen und den Römern zu streng, und so ist es
+denn nicht zu verwundern, dass er bald anfing zu kränkeln. Sein Leibarzt
+fühlte an des Patienten Nase, aber dieser fuhr zornig in die Höhe und
+rief: "Wie! Du wagst es, einem Papst an die Nase zu greifen?" Der arme
+Doktor ward krank vor Schrecken.
+
+Im Jahr 1590 starb dieser letzte gefürchtete Papst. Er hätte immer noch
+länger leben können, wahrscheinlich zum Heil der Menschheit, denn er
+ging damit um, die meisten Mönchsorden aufzulösen. Vielleicht starb er
+an diesem Vorsatz.
+
+Die Römer waren froh, dass sie diesen Zuchtmeister los waren, und gaben
+ihre Freude dadurch zu erkennen, dass sie die auf dem Kapitol stehende
+Bildsäule des Papstes in Stücke schlugen. Pasquino sagte: "Mache ich je
+wieder einen Mönch zum Papst, so soll mir ewig der Rettich im Hintern
+bleiben."
+
+Der erste Papst im 17. Jahrhundert war Paul V., der nach den
+verwickeltsten und seltsamsten Intrigen im Konklave gewählt wurde. Er
+hätte gern Sixtus V. nachgeahmt; aber die Reformation hatte das Ansehen
+der Päpste mächtig erschüttert. Paul wollte Venedig seine Macht fühlen
+lassen; aber der Senat dieser Republik kehrte sich wenig an den
+Bannstrahl des Papstes, der bereits zum Theaterblitz herabgesunken war.
+
+Der Papst tobte und verlangte durchaus Gehorsam; allein der savoyische
+Gesandte klärte ihn über seinen Standpunkt in Bezug auf Regierungen und
+Fürsten auf und sagte ihm geradezu: "Das Wort Gehorsam ist unschicklich,
+wenn von einem Fürsten die Rede ist. Alle Welt würde es für vernünftig
+halten, wenn Ew. Heiligkeit Mäßigung gebrauchten."
+
+Die Jesuiten versuchten es vergebens, das venezianische Volk zur
+Empörung zu verleiten und endlich verließen sie mit einer Menge anderer
+Mönche die Stadt. Das Volk schickte ihnen Verwünschungen nach. Der Senat
+benahm sich überhaupt gegen die geistlichen Anmaßungen mit großer
+Energie; alle Geistlichen gehorchten ihm und kehrten sich nicht an das
+Interdikt. Nur der Großvikar des Bischofs von Padua ließ dem Senat auf
+sein Verbot des Interdikts antworten, dass er tun werde, was Gott ihm
+eingebe; als man ihm aber antwortete, Gott habe dem Senat eingegeben,
+einen jeden Ungehorsamen hängen zu lassen, da kroch der Kuttenheld zu
+Kreuze.
+
+In diesem Kampf zwischen Venedig und der päpstlichen Gewalt zeichnete
+sich der Servite Paul Sarpi, auch Fra Paolo genannt, aus, indem er mit
+seiner gewandten Feder die Anmaßungen des Papstes mit großer
+Geschicklichkeit bekämpfte. Die Kardinäle Bellarmin und Baronius
+strengten vergebens ihren Geist an, um Sarpi zu schlagen, trotzdem sie
+die ganze Päpstliche Rüstkammer von Lügen zu Hilfe nahmen.
+
+Um den gefährlichen Feind los zu werden, beschloss man, Sarpi zu
+ermorden. Eines Abends (1607) überfielen ihn Banditen und versetzten ihm
+fünfzehn Dolchstiche. Als er sie erhielt, rief der Märtyrer der
+Wahrheit: "Ich kenne den Griffel der römischen Kurie!"
+
+Sarpi starb indessen nicht an seinen Wunden, und der Anteil, welchen
+alle Venezianer an seinem Schicksal nahmen, belohnte den wackeren
+Schriftsteller für das, was er gelitten hatte. Da man den "römischen
+Kurialstil" kannte, so musste eine Sicherheitswache Sarpi begleiten,
+wenn er ausging, und der Arzt, der ihn geheilt hatte, wurde zum St.
+Markusritter ernannt.
+
+Urban VII., der 1644 starb, war ein kleiner Tyrann, da es ihm an Macht
+fehlte, ein großer zu sein. Die Ketzer aller Art hasste er gründlich und
+war eifrig bemüht, überall das Feuer des Fanatismus gegen sie
+anzuschüren. Er publizierte die wahnsinnige Bulle, die In coena Domini
+beginnt und in welcher alle Spielarten der Ketzer bis in den
+allertiefsten Abgrund der Hölle "im Namen des allmächtigen Gottes, des
+Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" verflucht werden. Diese
+Bulle wird bis auf den heutigen Tag alljährlich am Gründonnerstag zur
+Erbauung der Gläubigen in allen römischen Kirchen öffentlich vorgelesen.
+
+Nebenbei war auch dieser liebenswürdige Papst, was man beim Militär
+einen "Gamaschenfuchser" nennt. Er bekümmerte sich um die geringsten
+Kleinigkeiten und behandelte sie mit der größten Wichtigkeit. So verbot
+er bei strenger Strafe, in der Kirche Tabak zu kauen, zu schnupfen oder
+zu rauchen. Aber der spätere Innozenz XII. ging noch weiter, indem er
+jeden exkommunizierte, welcher in der Peterskirche schnupfen würde! -
+
+Urban befahl auch, dass sich die Chorherren von St. Anton nicht mehr im
+Scherze - kitzeln sollten und dass man am Feste des heiligen Markus
+keine - Ochsen mehr in die Kirche lasse. An anderen Festtagen gehen
+seitdem desto mehr hinein, denn er ordnete auch an, dass neben den 52
+Sonntagen noch 34 Feiertage bei Todsünde gefeiert werden sollten.
+
+Er scharrte 20 Millionen Scudi zusammen, die er aber meistenteils für
+seine Familie verwandte, und hinterließ noch eine Schuldenlast von 8
+Millionen.
+
+Innozenz X. war ein elender Papst, der sich ganz und gar von Donna
+Olympia, der Witwe seines Bruders, seiner Mätresse, leiten ließ. Dieses
+unverschämte Weib regierte die christliche Kirche und verhandelt ohne
+Scheu Ämter und Pfründen. Um nur Geld zu bekommen, säkularisierte sie
+zweitausend Klöster, das heißt, sie hob sie auf und zog deren Güter ein.
+Noch in den zehn letzten Tagen vor dem Tode des Papstes soll sie eine
+halbe Million Scudi beiseite geschafft haben.
+
+Als sie einst beim Spiel eine sehr bedeutende Summe verlor, sagte sie
+lachend: "Ach, es sind ja nur die Sünden der Deutschen." Eine ähnliche
+Äußerung erzählte man sich von Alexander VI.
+
+Der Papst protestierte gegen den Westfälischen Frieden, welcher der Welt
+nach dreißigjährigem Krieg den Frieden wiedergab, weil durch ihn zehn
+Stifte säkularisiert werden sollten. Selbst Österreich war empört über
+solche Niederträchtigkeit, und die Bulle, welche der päpstliche Nuntius
+an allen österreichischen Kirchen hatte anschlagen lassen, wurde
+abgerissen und der Drucker derselben eingesperrt und um 1000 Taler
+gestraft.
+
+Selbst Kaiser Ferdinand, so bigott er war, sagte zum Nuntius Melzi: "Der
+Papst hat gut reden; im Reich geht es bunt zu, während er sich von
+Olympia krabbeln lässt."
+
+Der letzte Papst im siebzehnten Jahrhundert war Innozenz XII., ein Mann,
+der im Vergleich zu den anderen Päpsten ziemlich vernünftig genannt zu
+werden verdient. Er erlebte die Freude, dass der Fürst, in dessen Land
+die Reformation entstanden war, wieder in den Schoß der "allein
+seligmachenden" römischen Kirche zurückkehrte, nämlich Friedrich August,
+Kurfürst von Sachsen, der diesen Schritt tun musste, wenn er König von
+Polen werden wollte und der wie Heinrich VI. von Frankreich dachte,
+"dass eine Königskrone schon eine Messe wert sei".
+
+Im Innern dachte Friedrich August gar nicht römisch-katholisch, das
+heißt, er war ein in Religionssachen freidenkender Mann. Als Prinz hatte
+er in Wien genauen Umgang mit dem nachherigen Kaiser Joseph I. Dieser
+klagte, dass ihm in der Burg ein Gespenst erschienen sei, welches ihn
+vor Irrlehren gewarnt und gedroht habe, in drei Tagen wiederzukommen,
+wenn er sich nicht bessere.
+
+Der sächsische Prinz bat Joseph, in seinem Zimmer schlafen zu dürfen,
+denn er hatte große Lust, die nähere Bekanntschaft dieses Gespenstes zu
+machen. Es kam auch wirklich wieder, aber Friedrich August packte es so
+kräftig, dass das arme Vieh von einem Gespenst in seiner Angst: Jesus,
+Maria, Joseph! stöhnte. Der Prinz warf das Gespenst zum Fenster hinaus
+und siehe! es war Se. Hochwürden, der Beichtvater!
+
+Von den Päpsten im achtzehnten Jahrhundert ist nicht viel mehr zu sagen,
+als dass sie meistens nach der Pfeife der Jesuiten tanzten und es
+versuchten, ihre so ziemlich gestürzte öffentliche Macht auf
+Schleichwegen wiederzuerlangen, indem sie das Fundament des Staates
+durch die Jesuiten, ihre Hofmaulwürfe, unterminieren ließen, welche aber
+nur soweit für das Interesse des Papstes arbeiteten, als es mit dem
+ihrigen übereinstimmte.
+
+Im Allgemeinen fingen jetzt selbst die Heiligen Väter an, menschlicher
+zu werden; das heißt, die viehischen Unflätereien, mit denen sich der
+päpstliche Hof bisher beschmutzt hatte, wurden mehr im geheimen
+getrieben, da man nunmehr Ursache hatte, öffentlichen Skandal zu
+fürchten. In alten Zeiten setzte man sich in Rom über die öffentliche
+Meinung hinweg; allein die Reformation hatte gelehrt, dass man dies
+nicht ungestraft tun dürfe und dass es selbst den Vizegöttern nicht mehr
+gestattet war, wie die Schweine zu leben.
+
+Benedikt XIV. (1740-1758) war der gelehrteste und humoristischste Papst,
+der bisher auf dem angeblichen Stuhl Petri gesessen hatte. Er war
+natürlich durch seine Stellung dazu gezwungen, die althergebrachten
+Anmaßungen der Päpste, besonders solche, die Geld eintrugen, zu
+unterstützen und zu verteidigen; allein so viel er konnte, suchte er
+doch zu mildern und zu versöhnen.
+
+Ich will nur zwei Anekdoten von ihm erzählen, die ihn als Mensch
+ziemlich charakterisieren.
+
+Nachdem er einst dem Herzog von York, also einem Ketzer, alle
+Merkwürdigkeiten des Vatikans gezeigt hatte, umarmte er ihn und sagte:
+"Um Absolution kümmern Sie sich nicht, aber der Segen eines alten Mannes
+wird Ihnen nichts schaden."
+
+Ein alter Seekapitän, namens Mirabeau, stellte sich mit seinen jungen
+Offizieren dem Papst vor. Die jungen Herren konnten sich nicht
+enthalten, über die Etikette zu lachen. Der Kapitän stammelte einige
+Entschuldigungen; aber Benedikt unterbrach ihn: "Seien Sie ruhig, ich
+bin zwar Papst, aber ich habe keine Macht, Franzosen am Lachen zu
+hindern."
+
+Clemens XIII. (1758-1768) war wieder ein Fanatiker. Er konnte die Zeit
+nicht aus dem Sinn bekommen, wo Kaiser vor den Päpsten auf den Knien
+herumgerutscht waren und wo sich die Völker ohne Murren das Fell über
+die christlichen Ohren ziehen ließen. Alle päpstlichen Anmaßungen,
+selbst diejenigen, welche man allgemein als solche verdammt hatte, waren
+ihm geheiligte Anstalten zur Erhaltung der Kirche; sie waren ihm
+Religion und Sache Gottes.
+
+Er erwartete alles Heil von den Jesuiten und sammelte diese um seinen
+Thron. Dies gab Pasquino genug Veranlassung zum Spott. Einst äußerte
+sich dieser steinerne römische Kladderadatsch: "Ich hatte einen Weinberg
+gepflanzt und wartete, dass er Trauben brächte, und er brachte
+Herlinge." Clemens setzte einen Preis auf die Entdeckung des Spötters;
+am anderen Morgen antwortete Pasquino: "Es ist der Prophet Jeremias!"
+
+Der Papst erlebte indessen den Jammer, dass das fromme Portugal, ja auch
+Frankreich, die Jesuiten zu ihrem Vater, dem Teufel, jagten und
+Letzteres sie "für Feinde aller weltlichen Macht, aller Souveräne und
+der öffentlichen Ruhe" erklärte.
+
+Clemens nahm indessen nicht Vernunft an; er bestätigte die Jesuiten aufs
+neue; hatte aber kein Glück damit. Seine deshalb erlassene Bulle wurde
+in Frankreich durch Henkershand verbrannt und ihre Bekanntmachung in
+Portugal bei Lebensstrafe verboten. Das bigotte Spanien entschloss sich
+sogar zu einem kräftigen Schritt. Alle Jesuiten in diesem Land wurden an
+einem schönen Frühlingsmorgen aufgepackt und - nach dem Kirchenstaat
+geschickt. Kurz, von allen Seiten wurde Jagd auf dieses gefährliche
+Ungeziefer gemacht. Der von ihm nun halb aufgefressene Papst - er sollte
+all die schwarzen Blutsauger ernähren! - trieb es so weit, dass
+Frankreich große Lust bekam, den Starrkopf zu Rom selbst beim Kragen zu
+nehmen; aber der Tod rettete ihn vor diesem Schicksal.
+
+Sein Nachfolger Clemens XIV. musste endlich der allgemeinen Stimme Gehör
+schenken. Am 21. Juli 1773 wurde der Orden der Jesuiten aufgehoben.
+Dieser Akt verursachte in ganz Europa den ungeheuersten Jubel. Als
+Clemens die Aufhebungsbulle unterzeichnete, sagte er: "Diese Aufhebung
+wird mich das Leben kosten." Er kannte seine Leute. Clemens starb an
+Jesuitengift. Ein Großer in Wien fragte ganz naiv einen Ex-Jesuiten:
+"Clemens ist tot, nicht wahr, Ihr habt ihm vergeben?" - "Ja, wie wir
+allen Schuldigen vergeben!" antwortete mit der sanftesten Miene der
+würdige Schüler Loyolas.
+
+Clemens XIV. war unter 200 Päpsten der beste. Er saß von 1768 bis 1774
+auf dem "Stuhl Petri", und wenn es denn doch einmal Päpste geben muss,
+so wollte ich, er säße noch heute darauf. Mit Vergnügen liest man die
+Lebensgeschichte dieses Mannes, und ich bedaure nur, dass ich nicht
+länger bei derselben verweilen kann.
+
+Sein eigentlicher Name war Ganganelli. Er stieg durch seine Talente
+allmählich zu den höchsten Kirchenwürden und als er, ohne dass er es
+suchte, Papst wurde, blieb er ebenso einfach, wie er als Mönch gewesen
+war. Seine Mittagsmahlzeit war ganz bürgerlich einfach, und als die
+Hofköche über diese Einfachheit jammerten, sagte er: "Behaltet euer
+Gehalt, aber verlangt nicht, dass ich über eure Kunst meine Gesundheit
+verliere."
+
+Alle anderen Päpste waren darauf bedacht, ihre Nepoten - d.h. Vettern -
+zu bereichern; er aber sorgte väterlich für das Wohl seiner Untertanen.
+Als man ihn fragte, "ob man seiner Familie nicht durch einen Kurier von
+seiner Erhebung Nachricht geben solle?", erwiderte er: "Meine Familie
+sind die Armen, und diese pflegen die Neuigkeiten nicht durch Kuriere zu
+erhalten."
+
+Ganganelli war ein vortrefflicher Mensch in jeder Beziehung und machte
+eine der wenigen Ausnahmen von dem alten Erfahrungssatz, "dass sich
+jeder ganz und gar ändere, sobald er Papst werde". Von seiner
+päpstlichen Gewalt machte er, wo er konnte, den wohltätigsten Gebrauch,
+und seine Menschenfreundlichkeit und Mildtätigkeit waren unbegrenzt.
+
+Zwei Soldaten wurden zum Tode verurteilt und endlich einer von ihnen
+begnadigt. Sie sollten nun um ihr Leben würfeln, aber der Papst duldete
+dies nicht, sondern begnadigte beide, indem er sagte: "Ich habe ja
+selbst die Hasardspiele verboten." - Ein englischer Lord war von dem
+Papst so entzückt, dass er ausrief: "Dürfte der Papst heiraten, ich gäbe
+ihm meine Tochter."
+
+Nachdem Clemens die Sache der Jesuiten drei Jahre lang selbst auf das
+sorgfältigste geprüft hatte, unterschrieb er die berühmte Bulle: Dominus
+ac redemptor - die Bullen werden stets nach den Anfangsworten bezeichnet
+-, wodurch die Jesuiten aufgehoben wurden und damit, wie er wohl wusste,
+sein Todesurteil. - Schon in der Karwoche 1774 wirkte das Jesuitengift
+in den Eingeweiden des trefflichen Mannes. Alle Gegenmittel waren
+wirkungslos; er starb am 22. September. Der Körper war durch das Gift so
+zerstört worden, dass selbst das Einbalsamieren nichts half. Die Haare
+fielen aus, und selbst die Haut löste sich vom Kopf, so dass schließlich
+bei der Ausstellung der Leiche das Gesicht mit einer Maske bedeckt
+werden musste. -
+
+Schließlich muss ich von diesem Papst noch bemerken, dass er es für
+unschicklich hielt, die Ketzer an jedem Gründonnerstag zu verfluchen,
+und dass er daher die früher erwähnte berüchtigte Bulle In coena Domini
+aufhob. Er schützte alle Männer von Verdienst, mochten sie nun
+Katholiken oder Protestanten sein. Die Inquisition war ihm ein Gräuel,
+und schon ehe er Papst war, befreite er manche aus ihren Krallen.
+
+Der dankbare Kammerpächter des Papstes, Giorgi, setzte ihm ein von dem
+berühmten Bildhauer Canova verfertigtes Denkmal; aber ein weit schöneres
+und unvergänglicheres errichtete Clemens XIV. sich selbst in der
+Geschichte.
+
+Nach langem, heftigem Kampf im Konklave setzten es die Jesuiten durch,
+dass abermals einer ihrer Freunde, namens Braschi, als Pius VI. Papst
+wurde (1775-1799). Er war unwissend, listig, intolerant, stolz,
+hochmütig, ausschweifend, starrsinnig, habsüchtig, herrschsüchtig,
+jähzornig, diebisch, selbstgefällig und eitel. - Eine schöne Galerie von
+schlechten Eigenschaften; aber dafür ist die Reihe der guten desto
+kürzer, so dass es sich kaum der Mühe lohnt, sie zu nennen. Er war ein
+guter Komödiant und ein hübscher alter Mann; das sind alle seine
+Verdienste.
+
+Ein solcher Mensch war allerdings nicht geeignet, das wankende Papsttum
+aufrechtzuerhalten. Ein Stückchen nach dem anderen bröckelte davon los,
+und eine tüchtige Bresche in demselben verursachte ihm das Werk eines
+Deutschen, des Weihbischofs von Trier, J. R. von Hontheim. Es handelte
+"über den Zustand der Kirche und von der rechtmäßigen Gewalt des
+Papstes", und in ihm war bewiesen, dass der Zustand der Kirche
+erbärmlich und die Gewalt der Päpste usurpiert sei.
+
+Dieses vortreffliche Buch, das Resultat eines dreiundzwanzigjährigen
+Fleißes, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt, tat dem Papsttum
+unendlichen Schaden und rief eine Menge ähnlicher Schriften hervor. Der
+achtzigjährige Hontheim wurde indessen durch allerlei Quälereien dahin
+gebracht, zu widerrufen; er tat es, um in seinem hohen Alter Ruhe zu
+haben; allein die in seinem Buche enthaltenen Beweise konnten dadurch
+ihre Bedeutung nicht verlieren; widerlegt hat sie niemand.
+
+Kaiser Joseph II. machte mit dem Papst und den Pfaffen wenig Umstände.
+Er hob sehr viele Klöster auf und hielt es für besser, das Geld seines
+Volkes im Land zu behalten, als es nach Rom zu senden. Die Wechsel aus
+Wien blieben aus und da Pius VI. dieselben nicht entbehren konnte, so
+entschloss er sich, dorthin zu reisen, um womöglich die Verstopfung zu
+heben. Der Kaiser ließ ihm zwar sagen, "er werde nächstens selbst nach
+Rom kommen, um sich von Sr. Heiligkeit Rat zu erbitten," - allein Pius
+wollte den Wink nicht verstehen.
+
+Die Wiener gerieten ganz außer sich über die Anwesenheit des Papstes in
+ihrer Stadt. Seit dem Konstanzer Konzil war kein Papst in Deutschland
+gewesen, und nun kam gar einer nach Wien! Und dazu einer, der es
+verstand, prächtig Komödie zu spielen. Die Damen waren rein närrisch vor
+Vergnügen und alles drängte sich herzu, um den im Vorzimmer
+ausgestellten Pantoffel Sr. Heiligkeit zu küssen.
+
+Kaiser Joseph zuckte die Achseln zu dem Enthusiasmus seiner Wiener,
+erwies dem Papst alle Ehre, allein machte dessen Reisezweck vollständig
+zunichte. Als Pius nämlich auf die Hauptsache kommen wollte, bat Joseph,
+alles schriftlich zu machen, er verstehe nichts von Theologie und
+verwies ihn an den Staatskanzler Kaunitz.
+
+Der Papst erwartete nun wenigstens den Besuch dieses Ministers; allein
+er wartete vergebens und der Heilige Vater musste sich entschließen,
+selbst zu ihm zu gehen, unter dem Vorwand, seine Gemälde zu besehen.
+Pius reichte dem Kanzler die Hand zum Kuss, aber dieser begnügte sich
+damit, sie recht herzlich zu schütteln, und der Heilige Vater war ganz
+verblüfft. Er wurde es noch mehr, als ihn Kaunitz ohne Umstände vor
+seinen schönsten Gemälden hin und her schob, damit er den richtigen
+Standpunkt finde. Dies wollte aber Pius in Wien nicht gelingen, und die
+Million Scudi, welche die Reise kostete, war weggeworfen.
+
+Der Kaiser schenkte dem Papst einen schönen Wiener Reisewagen -
+wahrscheinlich auch ein diplomatischer Wink! - und ein Diamantkreuz,
+200.000 Gulden in Wert, als Pflaster auf die Wunde, die dem päpstlichen
+Ansehen geschlagen war.
+
+Auf der Rückreise passierte Pius München und vergaß hier die erlittenen
+Demütigungen. Er nannte diese Stadt das deutsche Rom, ein Name, um den
+es andere deutsche Städte nicht beneiden.
+
+"Ich hoffe mein Volk noch zu überzeugen, dass es katholisch bleiben
+kann, ohne römisch zu sein", sagte der beste deutsche Kaiser einst zu
+Azara. Armer Kaiser! Es ging ihm wie seinem Vorgänger Friedrich II. von
+Hohenstaufen; das dumme Volk ließ ihn im Stich.
+
+Pius erlebte aber nicht nur einen abtrünnigen Kaiser von Österreich, er
+erlebte sogar die große Revolution, welche mit den Pfaffen den Kehraus
+tanzte. 1798 rückte Berthier in Rom ein, und die neurömischen
+Republikaner sangen:
+
+ Non abbiamo Pazienza,
+ non vogliamo Erninenza,
+ non vogliamo Santita,
+ ma - Egualianza e Liberta.
+
+(Wir haben keine Geduld, wir wollen keine Eminenz, keine Heiligkeit,
+sondern Freiheit und Gleichheit.)
+
+Man hatte gehofft, der nun schon sehr alte Heilige Vater werde vor
+Alteration gen Himmel fahren; als er aber dazu noch keine Anstalten
+machte, sannen die Republikaner darauf, ihn wenigstens aus Rom
+fortzuschaffen. Der General Ceroni ging zu ihm und sagte: "Oberpriester!
+die Regierung hat ein Ende; das Volk hat die Souveränität selbst
+übernommen."
+
+Darauf nahm man dem Papst seine Kostbarkeiten und selbst seinen Ring ab
+und verlangte, dass er die dreifarbige Kokarde aufstecken sollte. Der
+alte Pius weigerte sich jedoch und sagte: "Meine Uniform ist die Uniform
+der Kirche." Da nun nichts mit dem alten Manne anzufangen war, so packte
+man ihn in einen Wagen, brachte ihn unter sicherer Eskorte nach Siena
+und endlich nach Florenz in die dortige Karthause.
+
+Die frommen Katholiken unterstützten ihn reichlich, und der gedemütigte
+alte Mann würde hier gern sein Leben beschlossen haben; allein so gut
+wurde es ihm nicht. Nachdem ihm sein Nepote noch den Schmerz bereitet
+hatte, mit dem Rest seiner Reichtümer durchzugehen, zwangen ihn die
+Republikaner, bei der Annäherung des Feindes nach Frankreich zu reisen.
+
+Pius war krank und zeigte den Ärzten seine geschwollenen Füße und Beulen
+mit den Worten des Pilatus: Ecce homo! Aber das, was das Volk so lange
+von Päpsten und Fürsten erdulden musste, hatte die Herzen der
+Republikaner für die Leiden eines alten Papstes unempfindlich gemacht.
+Sie hatten die Bedrückung von Jahrhunderten und das Blut von Millionen
+zu rächen, welches die Päpste "für den Glauben" vergossen hatten. Pius
+musste fort über die Alpen durch Eis und Schnee, meistenteils bei Nacht,
+um Aufläufe der Katholiken zu verhindern, bis er nach Valence an der
+Rhone kam.
+
+Wir Deutsche sind weichmütige Narren, und die Leiden eines alten,
+kranken, gedemütigten, wenn selbst bösartigen Feindes gehen uns ans
+Herz. Mir geht es ebenso, und damit ich nicht sentimental werde, rufe
+ich mir den deutschen Kaiser Heinrich IV. ins Gedächtnis, wie er,
+körperlich und geistig krank, zu Fuß im strengsten Winter durch Schnee
+und Eis die Alpen übersteigt, um im Schlosshof zu Canossa barfuß und
+fast nackt sich vor einem Papst zu demütigen; ich sehe die Opfer der
+Inquisition sich am Marterpfahl winden - und freue mich nur, dass die
+Rachsucht der Republikaner nicht zufällig einen guten Papst, sondern
+einen lasterhaften traf.
+
+Pius benahm sich indessen in seinen Leiden wie ein Mann, und es wäre
+eine Ungerechtigkeit, das nicht anzuerkennen. Man wollte ihn von Valence
+abermals weiter nach Dijon bringen, als er am 29. August 1799 starb. Er
+hinterließ nichts als seine kleine Garderobe, 50 Livres an Wert, welche
+der Maire für Nationaleigentum erklärte. - Die Revolutionen tun oft
+einzelnen weh; aber noch häufiger tun sie der Gesamtheit der Menschen
+gut. - Wo wären wir ohne 1848?
+
+Pius hatte versucht, sich durch viele geschmacklose Bauwerke zu
+verewigen, auf welche er stets seinen Namen und sein Wappen setzen ließ,
+und unternahm es auch, die berüchtigten Pontinischen Sümpfe
+auszutrocknen, obwohl ohne Erfolg. Er verlor dadurch ungeheure Summen
+und erwarb damit nichts als den Spottnamen Il Seccatore, welches der
+Austrockner heißt, aber zugleich auch einen überlästigen Menschen
+bedeutet.
+
+Bei Pius' Tode hatte Pasquino viel zu tun. Er antwortete auf die Frage:
+"Wie fand man den Leichnam des Heiligen Vaters?" - "Im Kopf waren seine
+Nepoten, im Magen Josephs Kirchenordnung und in den Füßen die
+Pontinischen Sümpfe."
+
+Wer hätte es jemals gedacht, dass Frankreich, welches vor tausend Jahren
+die Macht des Papstes schuf, einst den Vizegott auf Pension setzen
+würde. Aber die Zeit der Wunder war wiedergekehrt, nur dass der
+Wundertäter kein gläubiger Heiliger, sondern Napoleon I. war.
+
+Der große Bonaparte verriet die Freiheit und war klein genug, Kaiser
+werden zu wollen, und das konnte er nur, wenn er die Dummheit der
+Menschen förderte, und dazu brauchte er wieder einen Papst; denn Pfaffen
+und Despotie gehören zusammen wie Stiel und Hammer.
+
+Der neue Papst Pius VII. salbte Napoleon. Pasquino konnte sein Maul
+nicht halten; er antwortete auf die Frage: "Warum ist das Öl so teuer?"
+- "Weil soviel Könige gesalbt und so viele Republiken gebacken sind."
+
+Mit Zittern und Zagen ging Pius nach Frankreich; aber die wilden Löwen
+der Republik waren bereits wieder sanfte Schafe der Kirche geworden und
+der Papst äußerte selbst: "Ich rechne darauf, als ehrlicher Mann
+empfangen zu werden, aber nicht als Papst."
+
+Die Pariser waren indessen - durch das Revolutionssieb filtrierte
+Pariser. Der Krönungszug war für sie kein heiliges Schauspiel, sondern
+eine Farce, und als Pius VII. seinen Segen erteilte, riefen die Gamins:
+bis! bis!
+
+Der Esel, auf welchem der Kreuzträger vor dem päpstlichen Wagen herritt,
+erregte ihre ganz besondere Heiterkeit: "Ach, seht da die päpstliche
+Kavallerie! Ach, der apostolische Esel: der heilige Esel, der Esel der
+Jungfrau!" und schallendes Gelächter erschallte vor Notre Dame.
+
+Der Kaiser ließ den Papst eine Stunde in der Kirche warten und setzte
+sich dann mit seiner Gemahlin selbst die Krone auf. Pius VII. spielte
+eine untergeordnete Figurantenrolle.
+
+Zorn im Herzen, kehrte der Heilige Vater nach Rom zurück. Der Spott der
+Pariser hatte ihn vielleicht etwas verrückt gemacht. Er wurde im
+Kalender irre und meinte wahrscheinlich acht Jahrhunderte früher zu
+leben, denn er dachte ernsthaft daran, alle Fürsten und alle Kirchen
+wieder von sich abhängig zu machen. Er hatte das Papstfieber.
+
+Napoleon hatte indessen erreicht, was er wollte, und schonte den toll
+gewordenen Papst nicht länger. Am 2. Februar 1808 rückte General Miollis
+in Rom ein. Pius trat ihm entgegen und fragte: "Sind sie Katholik?" -
+"Ja, Heiliger Vater", stammelte der General ganz verlegen. Pius gab ihm
+schweigend den Segen und ging in sein Kabinett.
+
+Lachen wir auch über die Anmaßungen des Papstes, so müssen wir doch
+gestehen, dass er seine Rolle dem allmächtigen Kaiser gegenüber gut
+spielte. Das römische Volk war durch die harte Behandlung, die man den
+Kardinälen und selbst dem Papst zuteil werden ließ, gegen die Franzosen
+so erbittert, dass es diesem nicht schwer gewesen wäre, ein Seitenstück
+zur Sizilianischen Vesper hervorzurufen. Dass er dazu Lust hatte, lässt
+sich vermuten; allein, die Sache war doch zu gewagt, und Pius beschloss,
+gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
+
+Napoleon wollte ihn jedoch in Frankreich unter seiner speziellen
+Aufsicht haben. Eines Nachts drangen Soldaten in den Vatikan, und der
+Heilige Vater wurde in einem Lehnstuhl durch das Fenster hinabgelassen
+und nach Frankreich gebracht. Hier lebte der Vizegott nicht "wie der
+liebe Gott in Frankreich", sondern zurückgezogen und einfach und
+begnügte sich damit, gegen die ihm angetane Gewalt zu protestieren. Er
+gab dem Kaiser nicht einen Zoll breit nach, und das war männlich. In
+einer Privatunterhaltung, die zufällig belauscht wurde, nannte er
+Napoleon verächtlicherweise "Komödiant!", was den Kaiser so wütend
+machte, dass er, um seinem Zorn Luft zu machen, ein kostbares
+Porzellangefäß auf dem Boden zertrümmerte.
+
+Als Napoleon nach Elba verbannt wurde, zog Pius VII. (im Mai 1814) nach
+Rom und gebärdete sich als echter Papst. Er hatte es erfahren, dass die
+Macht aus den geistlichen Händen wieder in die weltlichen übergegangen
+war. Mit Gewalt war sie nicht wiederzuerlangen, dazu fühlte er sich zu
+unmächtig, aber es gab andere Wege, heimliche, verborgene, und die
+Menschen waren noch immer dumm.
+
+Sein erstes Werk war es, die Jesuiten wiederherzustellen (7. August
+1814). Die Erweckung der anderen Mönchsorden folgte nach, wie auch die
+der Bulle In coena Domini, die alle Ketzer verflucht. Ja, die
+Inquisition, selbst die Folter, trat wieder ins Leben und wurde gegen
+mehrere unglückliche Carbonari angewandt. All der Unsinn der früheren
+Jahrhunderte kam wieder zutage. Pius öffnete die seit Jahren
+geschlossene Rumpelkammer des päpstlichen Zeughauses, und heraus
+flatterten mittelalterliche Eulen und Fledermäuse. - Prozessionen,
+Wallfahrten, Heiligenbilder und wie der Gaukelapparat heißen mag, kamen
+aufs neue zur Geltung; das neue Licht sollte mit Gewalt ausgelöscht
+werden. -
+
+Pius VII. fiel auf dem Marmorboden seines Zimmers, brach einen Schenkel
+und starb am 20. August 1823 in einem Alter von 81 Jahren.
+
+Sein Andenken muss jedem Freunde fast noch verhasster sein als
+irgendeines anderen Papstes aus der Zeit des früheren Mittelalters, weil
+Pius im neunzehnten Jahrhundert lebte und aus Herrschsucht und Habgier
+das römische Ungeziefer über die Erde losließ, unbekümmert über das
+Unglück, welches dadurch angerichtet wurde; gleich jenem Jungen, von dem
+die Zeitungen berichteten, der Scheunen in Brand steckte, - um dadurch
+zu den Nägeln zu gelangen, wovon er den Erlös vernaschte.
+
+Leo XII., der nun folgte, war ein munterer Lebemann, von dem manche
+deutsche Dame zu erzählen wusste. Dabei war er Jagdliebhaber, kurz, ein
+ganz flotter Bursche. Pasquino meinte: "Wenn der Papst ein Jäger ist, so
+sind die Kardinäle die Hunde, die Provinzen die Forste und die
+Untertanen das Wild." - Ach, guter Pasquino, Wild waren die Untertanen
+immer und das wird sich nur ändern, wenn sie ernstlich wild werden!
+
+Als Leo Papst wurde - wurde er eben wieder ein Papst! Er verkündete 1825
+ein Jubiläum und lud die Gläubigen ein, "die Milch des Glaubens aus den
+Brüsten der römischen Kirche unmittelbar zu saugen". Bon appetit!
+
+Dieser Leo war ein solcher - Papst, dass er die Kuhpockenimpfung als
+gottlos verbot, weil der Eiter eines Tieres mit dem Blut eines Menschen
+vermischt werde! - Unter früheren Päpsten wurde für Geld selbst
+Sodomiterei mit den Tieren erlaubt, und doch machen die Päpste Anspruch
+auf Unfehlbarkeit.
+
+Leo trat ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers, und die Kirche, von
+den Regierungen, besonders aber von der österreichischen, mit
+despotischer Liebe unterstützt, erholte sich immer mehr von dem Schlag,
+den ihr die Revolution versetzt hatte. Im Jahr 1827 bestand der
+päpstliche Generalstab aus 55 Kardinälen, 10 Nuntien, 118 Erzbischöfen
+und 642 Bischöfen. Die Armee der Weltgeistlichen, Mönche und Jesuiten
+vermag ich nicht zu taxieren.
+
+Leo starb 1829, und ihm folgte Pius VIII., der bereits am 30. November
+1830 ebenfalls starb, nachdem er den Obskurantismus nach besten Kräften
+befördert hatte. Wer daran zweifelt, der lese sein Generaledikt des
+heiligen Officiums vom 14. Mai 1829, worin in Gemäßheit eines heiligen
+Gehorsams und unter Strafe der Ausschließung und des Verbanntseins außer
+den anderen Strafen, welche schon durch die heiligen Kanone, Dekrete,
+Konstitutionen und Bullen der Päpste ausgesprochen werden, allen und
+jeden, die der Gerichtsbarkeit des Generalinquisitors untergeben sind,
+geboten wird: "binnen Monatsfrist alles, was sie wissen und erfahren
+werden, gerichtlich anzugeben, in Betreff alles oder eines jeden von
+denen, welche Ketzer oder der Ketzerei verdächtig und von ihr angesteckt
+oder ihre Gönner und Anhänger sind - die vom katholischen Glauben
+abgefallen sind - welche sich den Beschlüssen der heiligen Inquisition
+widersetzt haben oder sich widersetzen, die entweder in eigener Person
+oder durch andere, auf welche Art es auch geschehen mag, einen Diener,
+Ankläger, einen Zeugen bei dem heiligen Gerichte in ihrer Person, ihrer
+Ehre und ihren Vorrechten beleidigt haben oder beleidigen, zu beleidigen
+gedroht haben oder zu beleidigen drohen - welche in eigener Wohnung oder
+bei andren Bücher von ketzerischen Verfassern, Schriften, die Ketzereien
+enthalten oder religiöse Gegenstände ohne Bevollmächtigung des Heiligen
+Stuhles behandeln, ehedem besessen haben oder jetzt besitzen" etc. etc.
+
+Am 2. Februar 1831 bestieg der Kardinal Mauro Capellari unter dem Namen
+Gregor XVI. den Päpstlichen Stuhl. Er hieß eigentlich Bartolommeo
+Alberti Capellari und wurde 1765 in Belluno im Venitianischen geboren.
+Im Jahr 1783 trat er unter dem Namen Mauro in den Kamaldulenserorden,
+und nachdem er 1801 Abt, 1823 General seines Ordens geworden war, machte
+man ihn 1826 zum Kardinal.
+
+Die Unzufriedenheit im Kirchenstaate war groß, und bald nach seiner
+Besteigung des Päpstlichen Stuhles brachen Aufstände aus, welche jedoch
+mit Hilfe österreichischer und französischer Truppen unterdrückt wurden.
+Anstatt, wie er verheißen, das Los seiner unglücklichen Untertanen zu
+erleichtern, zog er auf den Rat einiger Kardinäle die Zügel der
+Regierung noch schärfer an, und jede freie Äußerung wurde im
+Kirchenstaat noch härter bestraft als zu jener Zeit selbst in Österreich
+oder Preußen.
+
+Schon unter Pius VIII. war Gregor XVI. zu politischen Unterhandlungen
+gebraucht worden, und namentlich leitete er diejenigen, welche mit
+Preußen wegen der gemischten Ehen gepflogen wurden. Als Papst geriet er
+mit allen Regierungen in Streit, denn er trachtete danach, seine
+geistliche Gewalt in ihrer alten Herrlichkeit wiederherzustellen. Alle
+Anmaßungen der Päpste und der Hierarchie wurden von ihm mit Starrsinn
+aufrechterhalten, alles, was dem entgegenstand, bekämpft und Anstalten
+und Einrichtungen begünstigt, welche seit Jahrhunderten zur
+Unterstützung dieses Strebens gedient hatten. Die Wissenschaften wurden
+unterdrückt, die Jesuiten begünstigt und Klöster errichtet oder neu
+aufgeführt.
+
+Mit Spanien und Portugal kam er in Streit, ebenso mit Preußen wegen der
+Erzbischöfe Droste von Vischering und Dunin; mit Russland gleichfalls
+und auch mit der Schweiz wegen Aufhebung der Klöster im Aargau.
+
+Er starb am 1. Juni 1846, und die Welt freute sich, einen Mann los zu
+sein, dessen ganzes Trachten es gewesen war, die Weltuhr
+zurückzustellen, während es überall gärte und das Volk zum Fortschritt
+drängte.
+
+Zu seinem Nachfolger wurde Pius IX. erwählt, der jetzt noch auf dem
+sogenannten Stuhl Petri sitzt und von dem man hofft, dass er der letzte
+eigentliche Papst gewesen sein wird. Sein Name war Giovanni Maria Graf
+Mastai-Ferretti. Er wurde am 13. Mai 1792 in Sinigaglia geboren. Er war
+ein von den Damen sehr wohlgelittener junger Mann geworden, als er 1815
+in die päpstliche Garde treten wollte; allein leider konnte er nicht
+angenommen werden, da er an der fallenden Sucht oder Epilepsie litt. Er
+beschloss daher, die geistliche Laufbahn einzuschlagen, und fing an, die
+unnütze Wissenschaft zu studieren, welche man Theologie nennt, die aber
+den relativen Nutzen hat, dass sie zu hohen Ehren und Stellen führen
+kann.
+
+Ein römisch-katholischer Priester darf aber an keinem körperlichen
+Gebrechen leiden, und die Kirche hat sehr triftige Gründe dafür; der
+junge Graf Ferretti würde daher mit seinen epileptischen Anfällen
+gleichfalls von ihr zurückgewiesen worden sein, wenn sich nicht der
+Himmel mit einem Wunder hineingemischt hätte. Ein Geistlicher in Loreto,
+namens Strambi, heilte ihn von dem grässlichen Übel durch Magnetismus,
+das heißt durch Handauflegen, - eine Kraft, welche übrigens auch viele
+Ketzer haben und ausüben.
+
+Da nun nichts seiner Weihe als Priester im Wege stand, so wurde er in
+Rom als Priester ordiniert und 1823 mit der Mission nach Chile in
+Südamerika geschickt. Von dort kehrte er nach zwei Jahren zurück, wurde
+1827 Erzbischof von Spoleto, 1833 Bischof von Imola und 1840 Kardinal.
+Am 16.Juni 1846 wurde er zum Papst gewählt und als Pius IX. am 21. Juni
+gekrönt.
+
+Selten trat ein Papst seine Regierung unter so günstigen Umständen an,
+denn die Härte seines Vorgängers ließ jede versöhnliche Maßregel, jede
+Verbesserung als doppelt wertvoll erscheinen. Da Pius IX. ein milder und
+für einen Papst freisinniger Mann war, so trugen ihm die Italiener eine
+an Enthusiasmus grenzende Liebe entgegen. Man erwartete indessen mehr
+von ihm, als er in seiner Stellung als Papst leisten konnte und wollte,
+und die von der revolutionären Partei ihm zugemuteten Schritte
+überschritten diese Grenze.
+
+Das Jahr 1848 brach an; auch der Papst musste dem Sturm folgen und die
+Verfassung vom März 1848 bewilligen, obwohl mit Widerstreben. Das
+konstitutionelle Regieren war aber einem Papst ein ungewohntes Ding, und
+um den heraufbeschworenen Geist in seine Schranken zu bannen, wurde von
+ihm Graf Pelegrino de Rossi zum Minister ernannt, welcher das Volk durch
+strenge Maßregeln in Furcht halten wollte. Das ging nicht im Jahr 1848,
+und die Folge waren Aufstände in Rom und die Ermordung des missliebigen
+Ministers. Die Aufregung stieg, und das von dem Volksverein dirigierte
+Volk zog vor den Quirinal, seine Wünsche darzulegen. Der Papst wollte
+"sich nicht imponieren lassen", allein als man das kanonische Recht -
+das heißt wirklich metallische Kanonen - gegen ihn anwandte, hatte er
+nachzugeben und ein demokratisches Ministerium zu ernennen, an dessen
+Spitze Graf Mamiani della Rovere stand. Da sich Pius aber aller Macht
+beraubt sah, so hielt er es für zweckmäßig, am 24. November 1848 unter
+dem Schutze des bayerischen Gesandten Graf Spaur und in einer
+Verkleidung als Abbate aus Rom zu fliehen und sich in Gaeta unter den
+Schutz des Königs von Neapel zu stellen. Die Folge davon war, dass Rom
+zur Republik erklärt wurde.
+
+Eine politische Geschichte Roms liegt außer dem Bereich dieser Schrift,
+die weniger mit dem Fürsten des Kirchenstaates als mit dem Oberhaupt der
+römisch-katholischen Christenheit zu tun hat. Dass dieser zugleich
+weltlicher Fürst und als solcher in politische Händel verwickelt ist,
+ist ein Umstand, welcher selbst von vielen Katholiken beklagt wird, da
+er dem Oberhaupt der Kirche die Würde raubt. Wie derselbe in seiner
+Eigenschaft als Fürst durch französische Bajonette noch immer künstlich
+erhalten wird, ist bekannt wie auch die ziemlich gewisse Hoffnung, dass
+mit dem Aufhören dieses Schutzes der Papst von seinen weltlichen
+Regierungssorgen erlöst werden wird.
+
+So bewegt und trübe die Laufbahn des Papstes Pius IX. als Fürst war, so
+waren doch seine Erfolge als Oberhaupt der Kirche für ihn sehr günstig.
+Er trat genau in die Fußstapfen seines Vorgängers, allein er tat es in
+weniger schroffer Weise als dieser. Es gelang ihm, mit fast allen
+Mächten Konkordate abzuschließen, durch welche die Macht und das Ansehen
+der römischen Kirche wiederhergestellt wurden. Besonders erfolgreich war
+er in dieser Beziehung in Frankreich und Österreich, wo die Kirche ihren
+ganzen verderblichen Einfluss auf die Schulen wiedergewann.
+
+Die Fürsten, durch das Jahr 1848 erschreckt, hielten es für notwendig,
+den verdummenden und knechtenden Einfluss der Kirche auf das Volk wieder
+zur Unterstützung ihrer eigenen despotischen Gelüste zu Hilfe zu rufen,
+während andererseits die römische Kirche, besonders in Deutschland,
+danach strebte, sich von dem Einfluss der weltlichen Regierungen
+möglichst frei zu machen. Zu dem letzteren Zweck wurden die Piusvereine
+gestiftet, deren erster 1848 im April in Mainz gegründet wurde und deren
+Zahl bald so sehr wuchs, dass bereits im Oktober desselben Jahres eine
+Generalversammlung von 83 solcher Vereine beschickt wurde. Von diesen
+Vereinen gingen nun unter verschiedenen Namen wieder andere Vereine
+hervor, die sämtlich für die Wiederherstellung der römischen
+Herrlichkeit in der umfassendsten und praktischsten Weise wirkten.
+
+Der ausgesprochene Zweck dieser Vereine ist es, mit allen gesetzlichen
+Mitteln zu wirken für die Freiheit des römischen Glaubens und Kultus,
+für das göttliche Recht der Kirche zu lehren und zu erziehen; für
+unbeschränkten Verkehr zwischen Bischöfen und Gemeinden und zwischen
+beiden und dem Papst; für Heilung der Notstände und für freie Verwaltung
+und Verwendung des Kirchenvermögens. In politischer Beziehung wollten
+die Vereine nur zur Unterstützung der obrigkeitlichen Gewalt und zur
+Förderung der staatlichen Zwecke indirekt beitragen; allein sie
+beschränkten sich keineswegs darauf, sondern griffen, wo immer möglich,
+direkt in die Politik ein.
+
+Pius IX. ist weit entfernt, das Unzeitgemäße der Lehren der römisch-
+katholischen Kirche zuzugeben, sondern im Gegenteil eifrig bemüht, den
+Glauben an alle im Mittelalter zur Geltung gebrachten Dogmen wieder zu
+erwecken, und die Welt erlebte von ihm die wunderbare Tatsache, dass er
+die wahnsinnige Lehre von der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria
+am 8. Dezember 1854 in der Peterskirche durch feierlichen Akt zum Dogma
+erhob.
+
+Während die Tätigkeit der römischen Kirche in Deutschland solche Erfolge
+errang, verlor sie immer mehr und mehr in Rom und in ganz Italien und
+besonders in Sardinien und im jetzigen Königreich Italien, dessen
+konstitutionelle Regierung den Anmaßungen der Kirche entschieden
+entgegentrat.
+
+Den härtesten Schlag erhielt jedoch die römische Kirche, oder vielmehr
+die päpstliche Gewalt, durch den im Jahr 1866 stattgehabten Umschwung
+der Dinge. Die von dem österreichischen Reichstag ausgesprochene
+teilweise Aufhebung des Konkordats beraubte sie der Leitung des
+Schulwesens und der Kontrolle über die Ehe und damit zweier der
+mächtigsten Hebel ihrer Macht.
+
+Die große Tätigkeit, welche die römische Kirche durch ihre Vereine und
+andere ihr zu Gebot stehenden Mittel entwickelt, und das immer dreistere
+Auftreten derselben machten nicht nur manche Regierungen stutzig,
+sondern veranlassten auch die Männer der Wissenschaft und selbst
+diejenigen, welche sich nie um Religion kümmerten, sich gegen die
+verfinsternden und die Entwicklung des freien Volksfortschritts
+hemmenden Bestrebungen der Kirche mit aller Kraft zu erheben. Was immer
+auch Papst Pius IX. von dem in diesem Jahr von ihm zusammenberufenen
+Konzil für sanguinische Hoffnungen hegen mag, wer die Lage der Dinge mit
+vorurteilsfreiem Auge betrachtet, sieht mit sonnenheller Klarheit, dass
+ein für das Mittelalter berechnetes Institut im Jahr 1869 nicht wieder
+aufblühen kann. Der Genius der Freiheit wird die Finsterlinge in den
+Staub treten.
+
+
+
+
+Sodom und Gomorrha
+
+
+ "Es ist kein feyner Leben auf erden,
+ denn gewisse zinß haben von seinem Lehen,
+ eyn Hürlein daneben und unserem Herre Gott
+ gedienet."
+
+
+Die Reformation wurde recht eigentlich durch das Schandleben der
+römisch-katholischen Geistlichen hervorgerufen, denn der Ablassunfug war
+nur die nächste Veranlassung. Es lohnt sich daher schon der Mühe, einen
+Blick in diese geistliche Kloake zu tun und zu prüfen, woher es kommt,
+dass gerade diejenigen, welche durch ihre Stellung vorzugsweise dazu
+berufen waren, den Menschen als Muster der Sitte voranzugehen, sich
+durch die zügellosesten sinnlichen Ausschweifungen so sehr befleckten,
+dass sie dadurch den allgemeinen Abscheu gegen sich hervorriefen.
+
+Die schaffende und erhaltende Kraft oder Macht, die wir Gott nennen, hat
+allen lebenden Geschöpfen den Geschlechtstrieb gegeben. Sie machte ihn
+zu dem mächtigsten Trieb, weil sie damit die Fortpflanzung verband,
+worauf sie bei allen organischen Geschöpfen besonders vorsorglich
+bedacht war; ja, sie stellte es nicht in den freien Willen, dem
+Geschlechtstriebe zu folgen, sondern zwang dazu, ihm zu folgen, indem
+sie die unnatürliche Unterdrückung desselben empfindlich strafte. Der
+gewaltsam unterdrückte Geschlechtstrieb macht Tiere toll und Menschen zu
+Narren, wie wir an einigen Beispielen im Kapitel von den Heiligen
+gesehen haben.
+
+Die Befriedigung des Geschlechtstriebes ist also eine Naturpflicht und
+an und für sich ebenso erlaubt und unschuldig wie die Befriedigung des
+Durstes. Vom sittlichen Standpunkt aus beurteilt, verdienen der Fresser
+und der Säufer in nicht geringerem Grade unsern Tadel als der in der
+sinnlichen Liebe ausschweifende Wollüstling und die seltsame und
+verkehrte Ansicht, wodurch wir selbst die naturgemäße Befriedigung des
+Geschlechtstriebes gleichsam zu einem Verbrechen oder doch zu einer
+Handlung stempeln, deren man sich schämen muss, - verdanken wir einzig
+und allein der missverstandenen, verunstalteten, christlichen Religion.
+
+Das gesellschaftliche Zusammenleben machte es durchaus notwendig, dass
+die Leidenschaften der Menschen geregelt werden, sei es nun durch die
+sogenannte Sitte oder durch Gesetze. Wollte ein jeder seinen
+Leidenschaften die Zügel schießen lassen, so würden sich Staat und
+Gesellschaft bald in wilde Anarchie auflösen. Damit ein jeder Bürger,
+auch der schwächste, im Genuss seines Lebens und Eigentums selbst gegen
+den stärksten geschützt sei, muss jeder seinen natürlichen
+Leidenschaften eine vom Gesetz bestimmte Grenze setzen, welche von den
+Vollziehern dieser Gesetze, hinter denen die Gesamtheit des Volks steht,
+sorgfältig bewacht und geschützt wird.
+
+Die Erfahrung lehrt, dass der Geschlechtstrieb gar oft die gewaltigsten
+und verderblichsten Wirkungen hervorbringt, und so musste er denn
+natürlich auch die ganz besondere Aufmerksamkeit der Gesetzgeber in
+Anspruch nehmen. Sie fanden in der Ehe das geeignetste Mittel, den
+Folgen geschlechtlicher Ausschweifungen vorzubeugen, und alle
+zivilisierten Völker alter und neuer Zeit betrachten die Ehe als die
+festeste Grundlage des Staatslebens und in jeder Hinsicht als ein höchst
+segensreiches und die Menschen veredelndes Institut.
+
+Die christliche Kirche verkannte die Wichtigkeit der Ehe durchaus nicht,
+und da sie unablässig bemüht war, den größtmöglichen Einfluss auf die
+Menschen zu erlangen, so bemächtigte sie sich auch vorzugsweise der Ehe,
+obwohl dieselbe die Kirche nicht mehr berührt als jede andere
+gesellschaftliche Einrichtung, und behauptete, dass zur Schließung
+derselben die priesterliche Einsegnung durchaus nötig sei; ja, sie ging
+so weit, dass sie diese rein gesellschaftliche Übereinkunft, über welche
+höchstens dem Staat eine Kontrolle zusteht, für ein sogenanntes
+Sakrament erklärte.
+
+Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, dass die Päpste selbst die
+schamlosesten Betrügereien nicht scheuten, wenn es die Vergrößerung
+ihrer Macht galt, und so kann es uns nicht mehr besonders auffallen,
+wenn wir nachweisen, dass sie auch in Bezug auf die Ehe wahrhaft
+lächerliche Inkonsequenzen begingen.
+
+Die Ehe, dieses heilige Sakrament, wurde den Geistlichen verboten, weil
+es sie verunreinige! - Den wahren Grund dieses Verbotes habe ich bei
+Erwähnung Gregors VII. im vorigen Kapitel erwähnt, und der angegebene
+Zweck wurde damit erreicht, obwohl dadurch Folgen erzeugt wurden, welche
+der römischen Kirche fast ebenso großen Nachteil brachten wie den
+Menschen im Allgemeinen.
+
+Die Geistlichen wurden durch das Zölibat - so nennt man die erzwungene
+Ehelosigkeit römischer Priester - völlig isoliert und ihre Verbindung
+mit den übrigen Menschen und dem Staat zerrissen, dafür aber desto
+fester an die Kirche, das heißt an den Papst, gefesselt; denn dieser ist
+es ja, von dem jeder römisch-katholische Geistliche in höchster Instanz
+sein zeitliches Heil zu erwarten hat. Der alte Vizegott in Rom ist ihm
+Familie und Vaterland. Ein echt römisch-katholischer Geistlicher kann
+gar kein guter Patriot oder guter Staatsbürger sein.
+
+Was kümmern sich die Päpste um die abscheulichen Folgen des Zölibats.
+Sie wollen unumschränkt herrschen um jeden Preis, wenn auch durch ihren
+schändlichen Egoismus die Moralität der ganzen Welt samt dem Christentum
+zu Grunde geht. Die Heiligen Väter in Rom werden durch nichts anderes
+bewegt als durch ihren Eigennutz, welche erhabenen Gründe sie auch mit
+salbungsvollen Worten zur Bemäntelung desselben vorbringen mögen.
+
+Weder Tonsur noch Weihen vermögen es, den Geistlichen die "menschlichen
+Schwächen", wie man dummerweise die Regungen des Naturtriebes häufig
+nennt, abzustreifen. Die Natur respektiert einen geweihten Pfaffenleib
+ebenso wenig wie den irgendeines anderen tierischen Organismus und
+kämpft mit ihm um ihr Recht. Diese Kämpfe endeten bei gewissenhaften
+Geistlichen, denen es mit ihrem Keuschheitsgelübde ernst war, gar häufig
+mit Selbstmord oder Wahnsinn oder mit unnatürlicher Befriedigung des
+Geschlechtstriebes oder mit freiwilliger Verstümmelung. - Der
+schlechtere Teil der Geistlichen, die ich hauptsächlich mit "Pfaffen"
+meine, betrachtet dagegen die Ehe als eine Fessel, von der sie der gute
+Gregor befreit hat, und tut wie jener Mönch, der nach langen Kämpfen
+endlich dem Rate eines alten Praktikus folgte: "Wenn mich der Teufel
+reizt, so tue ich, was er will, und dann hört der Kampf auf." Sie wissen
+sich, was die Befriedigung des Geschlechtstriebes anbetrifft, für die
+Ehe schadlos zu halten, indem sie nach Clemens VI. Ausdruck "wie eine
+Herde Stiere gegen die Kühe des Volkes wüten".
+
+Diese Pfaffen nennt der heilige Bernhard "Füchse", die den Weinberg des
+Herrn verderben und die Enthaltsamkeit nur zum Deckel der Schande und
+Wollust brauchen, vor denen schon der Apostel Petrus gewarnt habe. "Man
+müsse", fährt er fort, "ein Vieh sein, um nicht zu merken, dass man
+allen Lastern Tür und Tor öffne, wenn man rechtmäßige Ehen verdamme."
+
+Jesus war selbst nicht verheiratet; aber bei vielen Gelegenheiten
+äußerte er sich über die Ehe und erkannte sie als eine durch göttliche
+Anordnung geheiligte Anstalt an (Matth. 5,31. 32; 19,3-7. 9.); ja, wir
+wissen, dass er mit seiner Mutter und seinen Jüngern einer
+Hochzeitsfeier in Kana in Galiläa beiwohnte (Joh. 2,2) was er nicht
+getan haben würde, wenn er die Ehe überhaupt als eine unsittliche
+Verbindung erkannt hätte.
+
+Die Apostel hatten drüber ganz dieselben Ansichten. Paulus nennt die Ehe
+einen in allen Betrachtungen ehrwürdigen Stand (Hebr. 13,4) und erklärt
+sogar die Untersagung derselben für eine Teufelslehre (1.Tim. 4,3).
+Kurz, nach allen in der Bibel enthaltenen Lehren des Christentums ist
+das Band, welches die Ehe um Mann und Weib schlingt, ein höchst
+ehrwürdiges.
+
+Die Christen der ersten Zeit waren auch weit davon entfernt, die Ehe der
+Geistlichen als etwas Unerlaubtes zu betrachten, ja, sie setzten
+dieselben bei ihnen sogar voraus. Petrus selbst, dessen Nachfolger die
+Päpste sein wollen, und die meisten der Apostel waren verheiratet.
+Paulus verlangt von den Bischöfen und Diakonen, dass sie im ehelichen
+Stande leben sollten. Er schreibt an Thimotheus: "Ein wahres Wort: wer
+ein Bischofsamt sucht, der strebt nach einem edlen Geschäft. Ein Bischof
+muss deswegen tadellos sein, eines Weibes Mann, nüchtern, ernst,
+wohlgesittet, zum Lehrer tüchtig; kein Trunkenbold, nicht streitsüchtig
+(nicht schmutziger Habgier ergeben), sondern sanft, friedliebend, frei
+von Geiz; der seinem Haus gut vorstehe, der seine Kinder im Gehorsam
+erhalte mit allem Ernst: denn wer seinem eigenen Haus nicht vorzustehen
+weiß, wie kann er die Gemeinde Gottes regieren? (1.Tim. 3,1-5) Die
+Diakonen seien eines Weibes Männer, wohl vorstehend ihren Kindern und
+ihren Häusern." (Tim. 1,3. 12.)
+
+An Titus schreibt er: "Deswegen habe ich Dich in Kreta zurückgelassen,
+damit Du das, was noch fehlt, vollends in Ordnung brächtest und in jeder
+Stadt Priester (Älteste) ansetzest, wie ich Dir aufgetragen habe; wenn
+nämlich jemand unbescholtenen Rufes ist, eines Weibes Mann, der gläubige
+Kinder hat." (Tit. 1,5-6)
+
+Diese Stellen, welche noch durch zahlreiche andere vermehrt werden
+könnten, sprechen so deutlich, dass es kaum begreiflich erscheint, wie
+die Päpste es wagen konnten, die Rechtmäßigkeit des Zölibats der
+Geistlichen aus der Bibel beweisen zu wollen. Sie würden auch mit diesem
+Gesetz nie durchgedrungen sein, wenn nicht schon seit früher Zeit in der
+christlichen Kirche die Idee von der Verdienstlichkeit des ehelosen
+Lebens gespukt hätte.
+
+Wie diese dem Christentum so durchaus fremde Ansicht von der Ehe in
+demselben allmählich Wurzeln fasste, auseinanderzusetzen würde sehr
+weitläufig sein, und da ich hier mich darauf nicht einlassen kann, so
+will ich mich bemühen, den Gang der Sache in flüchtigen Umrissen zu
+skizzieren.
+
+Zur Zeit, als Jesus auftrat, hatte der Glauben an die alten Götter
+eigentlich längst aufgehört. Der öffentliche Gottesdienst bestand in
+leeren Zeremonien, und an die Stelle der Religion war die Philosophie
+getreten. Selbst das Volk nahm teil an den philosophischen
+Streitigkeiten wie heutzutage an den religiösen und hing teils diesen,
+teils jenen der unendlich vielen aufgestellten Systeme an.
+
+Als nun das Christentum entstand und die Zahl der Anhänger desselben
+sich vermehrte, wurden auch die alten philosophischen Ansichten, deren
+man sich nicht so schnell entäußern konnte, in dasselbe mit
+hinübergenommen, und man versuchte es, so gut es anging, dieselben mit
+den christlichen Lehren zu vereinigen.
+
+Die reine Philosophie - Vernunftswissenschaft, Erkenntnislehre - kann
+nie Schwärmerei erzeugen, welche eine entschiedene Feindin der Vernunft
+ist; werden ihr aber religiöse Bestandteile beigemischt, so kann sie gar
+leicht nicht allein zur Schwärmerei, sondern selbst zum wütendsten
+Fanatismus führen. Aber fast alle philosophischen Systeme jener Zeit
+hatten religiöse Bestandteile in sich aufgenommen, teils griechischen,
+altorientalischen, ägyptischen oder jüdischen Ursprungs, und ihre
+Anhänger und Bekenner waren meistens Gnostiker, das heißt Geheimwisser
+oder Offenbarungskundige. In diese Systeme kam nun noch das christliche
+Element, und das Resultat dieser Vereinigung waren oft sehr erhabene,
+aber noch häufiger höchst abgeschmackte Lehrbegriffe über Gott,
+Weltschöpfung, die Person Christi, den Ursprung des Übels, das Wesen des
+Menschen usw. Wir haben es hier nur mit ihren Ansichten über die Ehe zu
+tun.
+
+Vorherrschend unter den Offenbarungs-Philosophen war die Ansicht, dass
+die Materie - das Körperliche - die Quelle alle Bösen und dass die Welt
+nicht durch den höchsten Gott, sondern durch ein ihm untergeordnetes,
+unvollkommeneres Wesen - Demiurg (Werkmeister) - geschaffen sei. Der
+Körper der Menschen stehe unter der Herrschaft der Materie und des bald
+mehr oder minder bösartig gedachten Demiurgs, und das Heil des
+menschlichen Geistes bestehe darin, dass es sich von den Fesseln der
+Materie und des Demiurgs losmache und zu dem höchsten Gott zurückkehre.
+Mit anderen Worten heißt das: der Mensch soll ein rein geistiges Leben
+führen und alle vom Körper ausgehenden sinnlichen Regungen wie einen
+Feind bekämpfen.
+
+Hieraus geht schon deutlich hervor, dass die Ansichten dieser Schwärmer
+der geschlechtlichen Vereinigung und der Ehe nicht günstig sein konnten.
+Ehe ich einige dieser Ansichten namhaft mache, muss ich noch von dem
+Brief des Paulus an die Korinther reden, welcher auf diese "Philosophie"
+von bedeutendem Einfluss war.
+
+Die Christen in Korinth konnten sich über ihre Meinung von der Ehe nicht
+einigen und baten den Apostel Paulus um Belehrung. Dieser erfüllte ihr
+Begehr, und was er ihnen antwortete, kann jeder in der Bibel nachlesen
+(1. Korinth. Kap. 7). Aus diesem Schreiben geht hervor, "dass es Paulus
+für besser hielt, unverheiratet zu bleiben; aber er erklärt
+ausdrücklich, dass er mit diesem Rat den Christen keine Schlinge werfen
+wolle und dass derjenige, der es für besser halte zu heiraten, damit
+durchaus keine Sünde begehe. (1. Korinth. 7,32.)
+
+Vergleichen wir die in diesem Brief enthaltenen Ratschläge mit seinen an
+andern Stellen stehenden Aussprüchen über die Ehe, so möchte man mit dem
+römischen Statthalter Festus ausrufen: "Paule, dein vieles Wissen macht
+dich rasen!" Allein in dem Brief selbst ist der Schlüssel zu seiner
+Handlungsweise enthalten: "Ich wollte Euch aber vor Sorgen bewahren."
+
+Die Christen erwartete damals eine stürmische Zeit der Verfolgungen und
+Trübsal, dann auch die baldige Wiederkehr Christi zum Weltgericht, und
+dieser Glauben hatte auf die Antwort des Paulus unverkennbaren Einfluss.
+Ein Unverheirateter wird die Leiden des Lebens meistens leichter
+ertragen als ein Familienvater; das wird jeder fühlen, der eine Familie
+hat.
+
+Dieser Brief des Paulus diente den Verteidigern des Zölibats der
+Geistlichen als Hauptstütze; sie vergaßen dabei aber außer den
+besonderen Umständen, unter denen er geschrieben wurde, dass er an alle
+Christen zu Korinth und nicht allein an die Geistlichen geschrieben war;
+und hätte man die in ihm in Bezug auf die Ehe enthaltenen Ratschläge
+allgemein als Befehl anerkennen wollen, so würde das Christentum bald
+ein Ende gehabt haben, indem seine Anhänger ausgestorben wären. - Denn,
+wenn Paulus sagt: wer heiratet, tut wohl; wer nicht heiratet, tut
+besser, so sagt er doch auch: Es ist dem Menschen gut, dass er kein Weib
+berühre. Das hätten sich die Geistlichen, welche das Zölibat
+verteidigen, nur ebenfalls merken und als einen Befehl erachten sollen.
+Ehe ist besser als Hurerei, und was Paulus darüber dachte, geht aus
+Folgendem hervor:
+
+Durch die Ratschläge des Apostels, vielleicht auch dadurch verführt,
+dass die Frauen, welche Ehelosigkeit gelobten, von der christlichen
+Gemeinde erhalten und oft zu untergeordneten Kirchenämtern - zu
+Diakonissen - gewählt wurden, versprachen mehrere Witwen in Korinth,
+sich nicht wieder zu verheiraten. Die jungen Weiber hatten sich jedoch
+zu viel Kraft zugetraut. Die Ehelosigkeit wurde ihnen höchst unbequem,
+und viele von ihnen hätten gern wieder geheiratet, wenn sie es wegen
+ihres Gelübdes gedurft hätten. Aber der "Fleischesteufel" - um auch
+einmal diesen beliebten pfäffischen Ausdruck zu gebrauchen - kehrt sich
+an kein Gelübde und plagte die armen, verliebten Weiberchen so sehr,
+dass sie es endlich machten wie der oben erwähnte Mönch und ihm den
+Willen taten, damit sie nur Ruhe gewannen. - Sie waren aber sehr schwer
+zu beruhigen, und ihr unzüchtiges Leben fing an, Aufsehen zu machen.
+Paulus fand sich dadurch veranlasst, zu verordnen, dass diese Frauen,
+wenn sie Neigungen dazu bekämen, trotz ihres Gelübdes lieber heiraten
+als ein unzüchtiges Leben führen sollten, "damit nicht den Gegnern des
+Christentums dadurch eine willkommene und gerechte Veranlassung gegeben
+werde, dasselbe zu verlästern".
+
+Die Päpste handelten jedoch ganz anders als der Apostel. Ihnen war es
+nur um Ausrottung der Ehe unter den Priestern zu tun und sie gestatteten
+sogar gegen eine Geldabgabe außereheliche, geistlich-fleischliche
+Ausschweifungen, unbekümmert um das Ärgernis, welches dadurch gegeben
+wurde; ja, sie gingen selbst mit dem schändlichsten Beispiel voran!
+
+Von ihnen gilt, was Paulus ahnungsvoll vorhersah: "Bestimmt aber sagt
+der Geist, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen
+werden, achtend auf Irrgeister und Teufelslehren, die mit
+Scheinheiligkeit Lügen verbreiten, gebrandmarkt am eigenen Gewissen, die
+verbieten zu heiraten und gewisse Speisen zu genießen, welche Gott
+geschaffen, dass sie dankbar genossen werden von den Gläubigen und von
+denen, welche die Wahrheit erkannt."
+
+Doch ich will wieder zu unseren Offenbarungsnarren zurückkehren und
+anführen, was einige Sekten derselben von der Ehe hielten.
+
+Julius Cassianus, ein Hauptnarr, erklärte die Ehe für Unzucht, und die
+ganze zahlreiche Sekte der Enkratiten floh die Berührung der Weiber
+überhaupt als eine Sünde. Zu ihnen gehörten die Abeloniten in der Gegend
+von Hippo in Afrika, die sich durchaus des geschlechtlichen Umgangs
+enthielten. Um aber die Vorschrift des Paulus (1. Korinth. 7,29), dass
+"diejenigen, die Weiber haben, seien, als hätten sie keine",
+buchstäblich zu erfüllen, nahmen die Männer ein Mädchen und die Weiber
+einen Knaben zur beständigen Gesellschaft zu sich, um in Verbindung mit
+dem andern Geschlecht, aber doch außer der Ehe, zu leben.
+
+Ein gewisser Marzion, der von dem Heidentum zum Christentum übertrat,
+trieb es mit der Entsagung besonders weit und litt wahrscheinlich am
+Unterleibe, denn dafür sprechen seine hypochondrischen Lebensansichten.
+Seine Genossen redete er gewöhnlich an: Mitgehasste und Mitleidende! -
+Dieser trübselige Narr erklärte jedes Vergnügen für eine Sünde; er
+verlangte, dass jeder von den schlechtesten Nahrungsmitteln leben
+sollte, und von der Ehe wollte er vollends nichts wissen, denn diese
+erschien ihm als eine privilegierte Unzucht. Er verlangte von seinen
+Anhängern, wenn sie verheiratet waren, dass sie sich von ihren Weibern
+trennten oder doch das Gelübde leisteten, sie nicht als ihre Weiber zu
+betrachten. - Diese Sekte bestand bis zur Mitte des vierten Jahrhunderts
+unter besonderen Bischöfen.
+
+Manche Lehrer dieser philosophischen Christensekten führten zur
+Auflösung aller sichtlichen Ordnung. Karpokrates, der wahrscheinlich zur
+Zeit des Kaisers Hadrian in Alexandrien lebte, lehrte: dass die
+Befriedigung des Naturtriebes nie unerlaubt sein könne und dass die
+Weiber von der Natur zum gemeinschaftlichen Genuss bestimmt wären. Wer
+sich der sittlichen Ordnung unterwerfe, der bleibe unter der Macht des
+Erdgeistes; sich aber allen Lüsten ohne Leidenschaft hingeben heiße
+gegen ihn kämpfen und ihm Trotz bieten.
+
+Ein anderer Schwärmer namens Marzius führte geheimnisvolle Zeremonien
+ein und machte besonders die Weiber damit bekannt, wodurch bei ihnen
+alle Schamhaftigkeit vernichtet wurde.
+
+Von den Anhängern des Karpokrates erzählt man, dass sie bei ihren
+Versammlungen die Lichter verlöschten und untereinander das taten, wobei
+sich übrigens niemand gern leuchten lässt. Die Adamiten trieben es
+ähnlich. Vor ihrem Tempel, den sie das Paradies nannten, war eine
+bedeckte Halle. Unter dieser entkleideten sie sich und marschierten dann
+nackt und paarweise in die Versammlung. Hier ergriff jedes Männlein ein
+Fräulein - - und das nannte man die mystische Vereinigung. Ganz so wie
+bei unsern gut protestantischen Muckerversammlungen. Die Seelenbräute
+sind eine uralte Erfindung.
+
+Andere Häretiker - so hieß die ganze Klasse dieser seltsamen Philosophen
+- gestatteten zwar die Ehe, verhinderten aber die Schwangerschaft, indem
+sie es machten wie Onan, der Erzvater der Onanie.
+
+Montanus, der in der Mitte des zweiten Jahrhunderts in Phrygien lebte,
+sagte: dass Jesus und die Apostel der menschlichen Schwäche viel zu viel
+nachgesehen hätten. Er verachtete alles Irdische und legte auf die
+Ehelosigkeit sehr großen Wert.
+
+Die Valesier, eine Sekte des dritten Jahrhunderts, zwangen ihre Anhänger
+zur Kastration, ja, sie trieben dieselbe so leidenschaftlich, dass sie
+gar häufig Fremde durch List in ihre Häuser lockten und diese
+unangenehme Operation mit ihnen vornahmen.
+
+Die Lehren dieser Schwärmer, besonders über das Verdienst der
+Ehelosigkeit, fanden in der christlichen Kirche sehr großen Beifall, und
+besonders waren es die des Montanus, welche sowohl unter den Geistlichen
+wie Laien großen Anhang fanden. Wenn nun auch die römische Kirche schon
+frühzeitig jede kirchliche Gemeinschaft mit den Montanisten abbrach, so
+behielt sie doch ihre Lehre über das Fasten und das Verdienstliche der
+Ehelosigkeit.
+
+Das alles Irdische verachtet werden müsste, wurde bald der allgemeine
+unter den orthodoxen Christen geltende Grundsatz. Wie den Anhängern des
+Montanus waren ihnen Jesus und seine Jünger viel zu milde und
+nachsichtig, und auf welche Abwege sie durch ihre asketische Schwärmerei
+gerieten, haben wir im ersten Kapitel gesehen.
+
+Je mächtiger der Geschlechtstrieb war und je mehr sinnliches Vergnügen
+seine Befriedigung gewährte, desto verdienstlicher erschien es, ihn zu
+bekämpfen, und diejenigen, denen es vollkommen gelang, standen im
+höchsten Ansehen und waren Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.
+
+Die Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten waren meistens der Ansicht,
+dass die Seelen gefallener Geister zur Strafe in einen Körper gebannt
+wären und dass die sittliche Freiheit des Menschen in der Fähigkeit
+bestände, sich durch Besiegung "des Fleisches" aus der niederen Ordnung
+emporzuschwingen. - Der Irrtum lag in der Übertreibung; setzt man statt
+"Besiegung" und Abtötung Herrschaft, so wird wohl jeder Vernünftige mit
+der Lehre einverstanden sein.
+
+Die Ehe hielt man zwar nicht eigentlich für böse; allein man betrachtete
+sie als ein notwendiges Übel zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts
+und zur Verhinderung der Ausschweifungen, von dem man so wenig als nur
+möglich Gebrauch machen müsse; man würdigte das schönste Verhältnis zu
+einer bloßen Kinderbesorgungsanstalt herab.
+
+Die Vorliebe für den ehelosen Stand wurde immer allgemeiner und stieg
+zum Fanatismus, so dass einer der ältesten Kirchenlehrer, Ignatius, sich
+zu der Erklärung gezwungen sah: dass es sündlich sei, sich der Ehe aus
+Hass zu entziehen.
+
+Der Philosoph Justinus, welcher den Märtyrertod erduldete, hielt es für
+sehr verdienstlich, wenn man den Geschlechtstrieb ganz und gar
+unterdrücke, indem man sich dadurch dem Zustande der Auferstandenen
+annähere. Er verwarf daher auch die Ehe ganz und gar und verwies auf
+Christus, der nur deshalb von einer Jungfrau geboren sei, um zu zeigen,
+dass Gott auch Menschen hervorbringen könne ohne geschlechtliche
+Vermischung. Einen Jüngling, der sich selbst kastrierte, lobte er sehr.
+
+Athenagoras und andere, die nicht so strenge waren, gaben die Ehe nur
+wegen der Kindererzeugung zu. Clemens von Alexandrien verteidigte zwar
+die Ehe und wies auf das Beispiel der Apostel hin; allein er gestand
+doch zu, dass derjenige vollkommener sei, welcher sich der Ehe enthalte.
+
+Origenes, der sich selbst entmannte, sein Schüler Hierax und Methodius
+verdammten die Ehe, und ihre Lehren fanden unter den Mönchen Ägyptens
+großen Beifall.
+
+Einer der heftigsten Eiferer gegen die Ehe war Quintus Septimus Florens
+Tertullian, Priester zu Karthago. Er erklärte die Ehe zwar nicht für
+böse, aber doch für unrein, so dass sich der Mensch derselben schämen
+müsse. Die zweite Ehe nannte er geradezu Ehebruch. Auf die Frage, was
+aber aus dem Menschengeschlecht werden solle, wenn die Ehe aufhöre,
+antwortete er: "Es kümmere ihn wenig, ob das Menschengeschlecht
+ausstürbe; man müsse wünschen, dass die Kinder bald stürben, da das Ende
+der Welt bevorstände." - Und Tertullian war selbst verheiratet.
+
+Die Lehren dieses sehr geachteten Kirchenvaters waren von sehr großem
+Einfluss. Die Geistlichen, welche diese Ansichten von der
+Verdienstlichkeit der Enthaltsamkeit verbreiteten und anpriesen, mussten
+natürlich mit dem Beispiel vorangehen, und sie hatten in jener Zeit auch
+noch die besten praktischen Gründe, sich der Ehe zu enthalten, da sie es
+ja hauptsächlich waren, welche den Verfolgungen zum Opfer fielen.
+
+So kam es denn allmählich, dass die verheirateten Kirchenlehrer in eine
+Art von Verachtung gerieten, und dieser Umstand war ein Beweggrund mehr
+für die Geistlichen, sich der Ehe zu enthalten. Fanatische Bischöfe
+wussten es bei den ihnen untergebenen Geistlichen mit Gewalt
+durchzusetzen, dass sie sich nicht verheirateten, und das Volk sah immer
+mehr in dem ledigen Stand einen größeren Grad der Heiligkeit.
+
+Diese Ansicht war schon im fünften Jahrhundert ziemlich allgemein, und
+diejenigen Geistlichen, welche nicht aus Überzeugung unverheiratet
+blieben, taten es aus Scheinheiligkeit, und die verheiratet waren,
+wussten den Glauben zu erwecken, als lebten sie mit ihren Frauen wie mit
+Schwestern. Fälle von Selbstentmannung kamen häufig vor; aber dessen
+ungeachtet war um diese Zeit die Ehelosigkeit der Geistlichen weder
+allgemein, noch wurde sie von der Kirche geboten.
+
+Der erste Versuch hierzu geschah im vierten Jahrhundert auf der in
+Spanien von neunzehn Bischöfen abgehaltenen Synode zu Elvira (zwischen
+305-309). Hier wurde es nicht allein verboten, Verheiratete als Priester
+anzustellen, sondern man untersagte auch denen, die bereits im Ehestand
+lebten, den geschlechtlichen Umgang mit ihren Weibern.
+
+Andere Synoden folgten dem Beispiel, und da man nun sehr häufig den
+unverheirateten Geistlichen den Vorzug gab, so bewog dies viele zum
+ehelosen Leben, und der Scheinheiligkeit und Heuchelei waren Tür und Tor
+geöffnet.
+
+Auf der ersten allgemeinen Kirchenversammlung zu Nicäa (325) stellte ein
+spanischer Bischof den Antrag, die Ehe der Priester allgemein zu
+untersagen; allein da erhob sich Paphnutius, Bischof von Ober-Thebais,
+ein achtzigjähriger, in der höchsten Achtung stehender, unverheirateter
+Mann, und verteidigte die Ehe mit solcher Wärme und so überzeugend, dass
+sich die Versammlung damit begnügte, den Geistlichen die
+Beischläferinnen zu verbieten. - Doch selbst die Erlaubnis, sich zu
+verheiraten, brachte den dazu geneigten Priestern wenig Nutzen, denn der
+Zeitgeist erklärte sich nun einmal gegen die Ehe.
+
+Einen bedeutenden Einfluss auf diese Zölibatsschwärmerei hatte das
+Mönchswesen. Den fanatischen Mönchen war die Ehe und jede
+geschlechtliche Berührung ein Gräuel; ja, sie gingen in ihrem verkehrten
+Eifer so weit, dass sie sogar die Frauen verfluchten, und behaupteten,
+dass man sie gleich einer ansteckenden Seuche oder gleich giftigen
+Schlangen fliehen müsse. Sie riefen sich, wenn sie einander begegneten,
+Sentenzen zu, welche sie immer daran erinnern sollten, dass das Weib zu
+verachten sei, wie z. B. "Das Weib ist die Torheit, welche die
+vernünftigen Seelen zur Unzucht reizt" und dergleichen.
+
+Was die allgemein auf das höchste verehrten Mönche als verwerflich
+bezeichneten, erschien nun auch den Laien so, und wenn sich auch nicht
+jeder zum Mönchsleben stark genug fühlte, so suchte man doch, selbst in
+der Welt lebend, soviel als möglich Ansprüche auf asketische Heiligkeit
+zu erwerben.
+
+Dieses Streben nach Heiligkeit erzeugte heldenmütige Entschlüsse, die
+zwar subjektiv immer zu bewundern sind, aber doch mit Bedauern darüber
+erfüllen, dass soviel moralisches Pulver ins Blaue hinein verschossen
+wurde.
+
+Jünglinge und Jungfrauen schwärmten für die Keuschheit. Pelagius, später
+Bischof von Laodicea, bewog noch im Brautbett seine Braut zu einem
+enthaltsamen Leben; andere wurden in derselben kritischen Lage von ihren
+Bräuten dazu beredet. Einige Beispiele habe ich schon früher angeführt.
+
+Einzelne Sekten, wie die Eustathianer und Armenier, erklärten jetzt
+geradezu, dass kein Verheirateter selig werden könne, und wollten von
+verehelichten Priestern weder das Abendmahl annehmen noch sonst mit
+ihnen irgendeine Gemeinschaft haben. Da sie aber auch das Fleischessen
+für sündlich erklärten und sie behaupteten, dass die Reichen, wenn sie
+nicht ihrem ganzen Vermögen entsagten, nicht selig werden könnten, so
+wurden ihre Lehren auf einem Konzil als irrtümlich verdammt.
+
+Das weitere Umsichgreifen des Mönchswesens erzeugte ein immer
+allgemeineres Vorurteil gegen die Ehe, und die verheirateten Priester
+bekamen einen immer schwierigeren Stand.
+
+Viele der Kirchenväter, deren Schriften allgemeine Verbreitung fanden,
+waren mit asketischen Ansichten aufgewachsen und eiferten heftig gegen
+die Ehe. Dies taten Eusebius und Zeno, Bischof von Verona, derselbe, der
+erklärte, dass es der größte Ruhm der christlichen Tugend sei, die Natur
+mit Füßen zu treten.
+
+Ambrosius, römischer Statthalter der Provinz Ligurien und Aemilien, trat
+zum Christentum über und wurde acht Tage nach seiner Taufe zum Bischof
+von Mailand gemacht. Er kannte kaum die christlichen Lehren, und da er
+nicht hoffen konnte, sich durch Gelehrsamkeit auszuzeichnen, so
+versuchte er es durch ein asketisches Leben. - Da es bis dahin noch für
+Ketzerei galt, die Ehe zu verdammen - die Apostel waren ja verheiratet
+gewesen, - so gestand er ihr immer noch einiges Gute zu; aber er konnte
+in den Anpreisungen des ehelosen Lebens kein Ende finden und hatte es
+besonders darauf abgesehen, den Jungfrauen ihre Jungfrauschaft zu
+erhalten. Maria stellte er ihnen beständig als Muster auf und erzählte
+die seltsamsten Wunder, die stattgefunden haben sollten, um die
+Jungfrauschaft dieses oder jenes Mädchens zu retten. Ja, er ging so
+weit, die Kinder zum Ungehorsam gegen die Eltern zu verführen, indem er
+in einem Aufrufe an die Jungfrauen sagte: "Überwinde erst die Ehrfurcht
+gegen deine Eltern! Wenn du dein Haus überwindest, so überwindest du
+auch die Welt."
+
+Er erzeugte in Mailand durch seine Predigten einen solchen
+Keuschheitsfanatismus unter den Mädchen, dass die jungen Männer in
+Verzweiflung gerieten und vernünftige Eltern ihren Töchtern verbieten
+mussten, seine Predigten zu besuchen. Sein Ruf war so weit verbreitet,
+dass man ihm aus Afrika Jungfrauen zusandte, damit er sie zur Keuschheit
+verführe.
+
+Augustin, der nach einem wilden Leben zum Christentum übertrat und
+endlich auch Bischof von Hippo wurde, verdammte zwar die Ehe ebenfalls
+nicht geradezu, trug aber durch seine Schriften sehr viel zur
+Zölibatsschwärmerei bei. Er lehrte, dass der unverheiratete Sohn und die
+unverheiratete Tochter weit besser seien als die verehelichten Eltern,
+und sagte: "Die ehelose Tochter wird im Himmel eine weit höhere Stufe
+einnehmen als ihre verehelichte Mutter: ihr Verhältnis wird zueinander
+sein wie das eines leuchtenden und eines finsteren Sterns."
+
+Die Ehe zwischen Joseph und Maria stellte er als Muster einer Ehe auf,
+denn sie lebten im ehelichen Verhältnis, hatten sich aber gegenseitig
+Enthaltsamkeit gelobt. Früher sei die Ehe notwendig gewesen, um das Volk
+Gottes fortzupflanzen, jetzt aber, da das Christentum bereits verbreitet
+sei, müsse man auch diejenigen, welche sich Kinder zeugen wollten, zur
+Enthaltsamkeit ermahnen. Man müsse wünschen, dass alles ehelos bleibe,
+damit die Stadt Gottes eher voll und das Ende der Welt beschleunigt
+würde. - Übrigens forderte Augustin von den Geistlichen nicht durchaus
+Ehelosigkeit.
+
+Von dem allergrößten Einfluss auf das Zölibat und auf das Mönchsleben
+war der uns schon bekannte Hieronymus. Er hatte selbst aus Erfahrung die
+Macht des Geschlechtstriebes kennengelernt und schildert seine Kämpfe so
+lebhaft, dass es Grauen erregt.
+
+"Ich", schrieb er an Eustochium, "der ich mich aus Furcht vor der Hölle
+zu solchem Gefängnis verdammte, der ich mich nur in der Gesellschaft von
+Skorpionen und wilden Tieren befand, befand mich doch oft in den Chören
+von Mädchen. Das Gesicht war blass vom Fasten, und doch glühte der Geist
+von Begierden im kalten Körper und in dem vor dem Menschen schon
+erstorbenen Fleisch loderte das Feuer der Wollust. Von aller Hilfe
+entblößt, warf ich mich zu den Füßen Jesu, benetzte sie mit meinen
+Tränen, trocknete sie mit meinen Haaren, und das widerspenstige Fleisch
+unterjochte ich durch wochenlanges Hungern."
+
+Besonders eifrig bemüht war auch Hieronymus, die Frauen für das
+enthaltsame Leben zu gewinnen. Dies gelang ihm vortrefflich, denn durch
+seinen Umgang mit den vornehmen Römerinnen hatte er sich eine sehr
+genaue Kenntnis des weiblichen Herzens und seiner schwachen Seiten
+erworben.
+
+Eine Stelle in seinen Briefen zeigt dies schon deutlich und beweist,
+dass die Weiber vor tausend Jahren nicht anders waren, als sie es
+heutzutage sind. Er schreibt nämlich an ein junges Mädchen, welchem der
+Aufenthalt im Haus der Mutter zu eng wird:
+
+"Was willst du, ein Mädchen von gesundem Körper, zart, wohlbeleibt,
+rotwangig vom Genuss des Fleisches und Weins und vom Gebrauch der Bäder
+aufgeregt, bei Ehemännern und Jünglingen machen? Tust du auch das nicht,
+was man von dir verlangt, so ist es doch schon ein schimpfliches Zeugnis
+für dich, wenn solche Dinge von dir verlangt werden. Ein wollüstiges
+Gemüt verlangt unanständige Dinge desto brennender, und von dem, was
+nicht erlaubt ist, macht man sich desto lockendere Vorstellungen.
+
+Selbst dein schlechtes und braunes Kleid gibt ein Kennzeichen deiner
+verborgenen Gemütsart ab, wenn es keine Falten hat, wenn es auf der Erde
+fortgeschleppt wird, damit du größer zu sein scheinst; wenn es mit Fleiß
+irgendwo aufgetrennt ist, damit zugleich das Garstige bedeckt werde und
+das Schöne in die Augen falle. Auch ziehen deine schwärzlichen und
+glänzenden Hosen, wenn du gehst, durch ihr Rauschen die Jünglinge an
+sich.
+
+Deine Brüste werden durch Binden zusammengepresst, und der verengte
+Busen wird durch die Gürtel in die Höhe getrieben. Die Haare senken sich
+sanft entweder auf die Stirn oder auf die Ohren herab. Das Mäntelchen
+fällt zuweilen nieder, um die weißen Schultern zu entblößen, und dann
+bedeckt sie wieder eilends, als wenn es nicht gesehen werden sollte,
+dasjenige, was sie mit Willen aufgedeckt hatte."
+
+Um die Mädchen zu verführen, Jesus zum Bräutigam zu erwählen, gebrauchte
+er oft sehr seltsame Mittel, indem er dieses zarte Verhältnis höchst
+üppig und unzart schilderte. So schreibt er zum Beispiel an Eustochium:
+"Es ist der menschlichen Seele schwer, gar nichts zu lieben; etwas muss
+geliebt werden. Die fleischliche Liebe wird durch die geistliche
+überwunden. Seufze daher und sprich in deinem Bette: des Nachts suche
+ich denjenigen, den meine Seele liebt. Dein Bräutigam muss in deinem
+Schlafgemach nur mit dir scherzen. Bitte, sprich zu deinem Bräutigam,
+und er wird mit dir sprechen. Und hat dich der Schlaf überfallen, so
+wird er durch die Wand kommen, seine Hand durch das Loch stecken und
+deinen Bauch berühren."
+
+Die keusche Ehelosigkeit erschien Hieronymus als das Höchste, und von
+der Ehe weiß er nur das zu rühmen, - dass aus ihr Mönche und Nonnen
+erzeugt würden!
+
+In sehr heftigen Streit geriet er mit Jovian, welcher die Ehe
+verteidigte. Er bekämpfte die Lehren desselben mit großer Gewandtheit,
+wenn uns auch die beigebrachten Argumente sehr häufig ein Lächeln
+ablocken.
+
+In einer seiner Streitschriften führt er den Jovian redend ein. Er lässt
+ihn fragen, wozu Gott die Zeugungsglieder geschaffen und warum er die
+Sehnsucht nach Vereinigung in den Menschen gelegt habe? - Darauf
+antwortet Hieronymus, dass diese Körperteile geschaffen wären, um den
+Flüssigkeiten, mit denen die Gefäße des Körpers bewässert sind, Abgang
+zu verschaffen!
+
+"Auf das aber", fährt er fort, "dass die Geschlechtsorgane selbst, der
+Bau der Zeugungsteile, die Verschiedenheit zwischen Mann und Weib, und
+die Gebärmutter, welche geeignet ist zur Empfängnis und Ernährung der
+Frucht, einen Geschlechtsunterschied zeigen, will ich in Kürze
+antworten.
+
+Wir sollen wohl deshalb nie aufhören, der Wollust zu frönen, damit wir
+nie vergebens diese Glieder mit uns herumtragen? Warum soll wohl da die
+Witwe ehelos bleiben, wenn wir bloß dazu geboren sind, nach Weise des
+Viehes zu leben? Was brächte es mir denn für Schaden, wenn ein anderer
+meine Frau beschläft? - Was will da der Apostel, dass er zur Keuschheit
+auffordert, wenn sie gegen die Natur ist? Gewiss verdient es der
+Apostel, der uns zu seiner Keuschheit auffordert, zu hören: Warum trägst
+du dein Schamglied mit dir herum? Warum unterscheidest du dich von dem
+Geschlecht der Weiber durch Bart, Haare und durch andere Beschaffenheit
+der Glieder? usw. Lasst uns Christus nachahmen, der sich der
+Zeugungsglieder nicht bediente und sie doch hatte."
+
+Die Art und Weise, wie der heilige Hieronymus die Ehe bekämpfte, fand
+indessen wenig Beifall, wenn auch sehr viele mit ihm in der Hauptsache
+übereinstimmen, und er sah sich genötigt, sich zu verteidigen.
+
+"In Streitschriften", sagte er, "habe man mehr Freiheit als im
+Lehrvortrag und könne sich in ihnen selbst einer Art von Vorstellung
+bedienen, um seinen Feind desto besser zu Boden zu stürzen."
+
+So schreibt er gegen einen Mönch, der ihn in Verdacht bringen wollte,
+dass er die Ehe überhaupt verdamme, ganz in der alten Art, und schließt:
+"Weg mit dem Epikur, weg mit dem Aristippus! Sind die Sauhirten nicht
+mehr da, dann wird auch die trächtige Sau nicht mehr grunzen. Will er
+nicht gegen mich schreiben, so vernehme er mein Geschrei über so viele
+Länder, Meere und Völker hinweg: Ich verdamme nicht das Heiraten! Ich
+verdamme nicht das Heiraten! Ich will, dass jeder, welcher etwa wegen
+nächtlicher Besorgnisse nicht allein liegen kann, sich ein Weib nehme."
+
+Im ersten Kapitel habe ich angegeben, wie sich die Republik der
+christlichen Gemeinde allmählich in eine Despotie verwandelte. Diese
+Veränderung, in Verbindung mit dem mächtigen Einfluss des Mönchswesens,
+wirkte für die Priesterehe sehr nachteilig. Ihre Gegner traten immer
+entschiedener auf, und von der öffentlichen Meinung unterstützt, folgten
+immer mehr Konzilien dem Beispiel der von Elvira.
+
+Ein allgemeines Verbot der Priesterehe war indessen bis zum Ende des
+vierten Jahrhunderts noch nicht gegeben worden; aber dessen ungeachtet
+verdankte sie ihr Fortbestehen weniger der Anerkennung ihrer
+Rechtmäßigkeit als vielmehr einer teils auf besonderen Ansichten, teils
+auf dem Gefühl der Unausführbarkeit der strengen Grundsätze begründeten
+Nachsicht von Seiten der Bischöfe, während fortdauernd das Bestreben
+dahin gerichtet war, ihr völlig ein Ende zu machen.
+
+Einen sehr bedeutenden Anteil an der Unterdrückung der Priesterehen von
+Seiten der Machthaber der Kirche hatten der Geiz und die Geldgier
+derselben. War es den Priestern erlaubt zu heiraten, so fiel auch ihr
+Nachlass an ihre rechtmäßigen Kinder, und alles, was mit List und Betrug
+zusammengescharrt war, ging der Kirche verloren.
+
+Da ich keine Geschichte der Kämpfe um die Priesterehe schreiben, sondern
+mehr das Verderbliche des Zölibats zeigen will und auch dargetan habe,
+wie die Idee von der Verdienstlichkeit der Ehelosigkeit unter den
+Christen Eingang gewann, so kann ich mich in Bezug auf den ersten Punkt
+umso kürzer fassen, als ich im Verfolg des zweiten noch genötigt sein
+werde, auf jene Kämpfe zurückzukommen.
+
+Die griechische Kirche hatte die Überzeugung gewonnen, dass ein so
+unnatürliches Gesetz wie das Zölibat ohne die größten Nachteile nicht
+durchführbar sei, und auf einer unter Justinian II. im kaiserlichen
+Palast Trullum gehaltenen Synode (692) wurde beschlossen, dass die
+Geistlichen nach wie vor heiraten und mit ihren Weibern leben könnten.
+Dieser vernünftige Beschluss behielt in der griechischen Kirche bis auf
+den heutigen Tag seine Geltung.
+
+Die Trullanische Synode begnügte sich aber nicht allein damit, die
+Priesterehe stillschweigend zu gestatten, wie es die von Nicäa tat, denn
+dies würde am Ende wenig geholfen haben, sondern sie verordnete: dass
+ein jeder, der es wagte, den Priestern und Diakonen nach ihrer
+Ordination die eheliche Gemeinschaft mit ihren Weibern zu untersagen,
+abgesetzt werden sollte. Ferner, dass diejenigen, welche ordiniert
+werden und unter dem Vorwand der Frömmigkeit nun ihre Weiber
+fortschicken, exkommuniziert werden sollten.
+
+Die Päpste Konstantin und Hadrian I. waren vernünftig genug, die
+Beschlüsse der Trullanischen Synode zu billigen, und Papst Hadrian II.
+(867-871) war selbst verheiratet. Noch am Anfang des elften Jahrhunderts
+kann man es als Regel an nehmen, dass überall der bessere Teil der
+Geistlichen in einer rechtmäßigen Ehe oder doch wenigstens in einem
+Verhältnis lebte, welches der Ehe gleichgeachtet wurde.
+
+Die Päpste Viktor II., Stephan IX. und Nikolaus II. setzten jedoch die
+Versuche fort, die Priesterehe abzuschaffen; aber der Hauptfeind
+derselben war Gregor VII.; er verbot sie geradezu und zwang die schon
+verheirateten Priester, ihre Weiber zu verlassen.
+
+Der Kampf der Geistlichen um ihre Rechte als Menschen, dauert zwei
+Jahrhunderte. Endlich unterlagen sie; aber dieser Sieg brachte der
+römischen Kirche keinen Segen. Die traurigen Folgen des Zölibats riefen,
+wie ich schon im Eingange bemerkte, die Reformation hervor. Aber selbst
+diese vermochte es nicht, den Starrsinn der Päpste zu brechen. Die
+Fürsten drangen bei der Trientiner Kirchenversammlung auf Abschaffung
+des Zölibats, welches als die Wurzel allen Übels betrachtet wurde; aber
+vergebens; das Zölibat wurde von diesem Konzil bestätigt, und seine
+Beschlüsse gelten noch bis heute.
+
+Das Vorurteil von der Verdienstlichkeit der Selbstquälerei und der
+Vorzug, welchen fanatische Bischöfe den unbeweibten Geistlichen gaben,
+bewogen viele von diesen zum ehelosen Leben, wenn auch ihre Neigungen
+damit durchaus nicht übereinstimmten. Sie wussten es indessen schon
+anzustellen, dass sie den Schein der Heiligkeit bewahrten, dabei aber
+doch dem brüllenden Fleischesteufel im Geheimen opferten. Sehr günstig
+war dafür die seltsame Sitte, dass unverheiratete Geistliche oder auch
+Laien Jungfrauen zu sich ins Haus nahmen, welche gleichfalls Keuschheit
+gelobt hatten. - Diese Jungfrauen nannte man Agapetinnen oder
+Liebesschwestern. Mit diesen lebten die Geistlichen "in geistiger
+Vertraulichkeit und platonischer Liebe". Sie waren fortwährend mit ihnen
+beisammen und schliefen sogar meistens mit ihnen in einem Bett,
+behaupteten aber, dass sie - eben nur miteinander schliefen.
+
+Dies zu glauben - nun dazu gehört eben Glauben. Von einigen weiß man mit
+Bestimmtheit, dass sie mitten in den Flammen der Wollust unverletzt
+blieben. Der heilige Adhelm zum Beispiel legte sich zu einem schönen
+Mädchen, das sich alle Mühe gab, das geistliche Fleisch rebellisch zu
+machen. Der Heilige benahm sich aber wie die drei Männer im feurigen
+Ofen und bannte den Unzuchtteufel durch fortwährendes Psalmensingen.
+
+Ich kannte einen zwanzigjährigen Dragonerfähnrich, dem dies Kunststück
+ohne Psalmensingen gelang. Wahrscheinlich ging es ihm und St. Adhelm wie
+jenem Abt in Baden, von dem uns Hemmerlin, Kanonikus zu Zürich und
+Probst zu Solothurn (starb 1460), erzählt, der sich zur Gesellschaft
+zwei hübsche Dirnen holen ließ, und als sie nun da waren, höchst
+ärgerlich ausrief: "Die verfluchten Versuchungen, gerade jetzt bleiben
+sie aus!"
+
+Das faule Leben, welches die Pfaffen führten, und die asketischen
+Übungen, welche sie mit sich vornahmen, waren der Keuschheit nichts
+weniger als günstig. Von den geachtetsten und würdigsten Kirchenlehrern
+aus den ersten Jahrhunderten, denen es mit Besiegung des
+Geschlechtstriebes vollkommen ernst war, wissen wir, wie viel ihnen
+derselbe zu schaffen machte und welche Kämpfe sie zu bestehen hatten.
+
+Basilius hatte sich in eine reizende Einöde zurückgezogen; aber er
+gestand, dass er wohl dem Getümmel der Welt, aber nicht sich selbst
+entgehen könne. "Was ich nun in dieser Einsamkeit Tag und Nacht tue",
+schreibt er an einen Freund, "schäme ich mich fast zu sagen; - - indem
+ich die innewohnenden Leidenschaften mit mir herumtrage, bin ich überall
+gleicherweise im Gedränge. Deshalb bin ich durch diese Einsamkeit im
+Ganzen nicht viel gefördert worden."
+
+Gregor von Nazianz behandelte seinen Körper auf härteste Weise, aber
+dessen ungeachtet klagt er über die unaufhörlichen Neigungen zur
+Wollust, über die Anfälle des Teufels und seine eigene Schwäche. Er
+droht seinem rebellischen Fleisch, es durch Schmerzen aller Art so zu
+entkräften, dass es ohnmächtiger als ein Leichnam werden solle, wenn es
+nicht aufhören würde, seine Seele zu beunruhigen. Aber gerade seine
+Kasteiungen machten ihn so entzündbar, dass er einst, als ein Verwandter
+mit einigen Frauen in die Nähe seiner Wohnung zog, aus dieser flüchtete,
+um nur seine Keuschheit zu retten!
+
+Ähnliche Beispiele haben wir schon im zweiten Kapitel kennengelernt.
+Alle diese heiligen Männer sind entzündbar wie Streichhölzchen und
+gleichen jenem würdigen Priester aus dem Gebiet von Nursia, welcher
+gewissenhaft und standhaft genug war, seine Frau nach seiner Ordination
+zu fliehen. Als er hochbetagt war, erkrankte er an einem Fieber und war
+im Begriff, sein Leben zu enden, als seine Frau sich liebevoll über ihn
+beugte, um zu lauschen, ob er noch atme. Da raffte der Sterbende seine
+letzten Lebenskräfte zusammen und rief: "Fort, fort, liebes Weib, tu'
+das Stroh hinweg, noch lebt das Feuer!"
+
+Climacus wusste ebenfalls aus Erfahrung, dass der "Fleischesteufel" der
+am härtesten zu besiegende ist. Er sagte. "Wer sein Fleisch überwunden
+hat, hat die Natur überwunden, ist über der Natur, ist ein Engel. - Ich
+kann mit David sagen, dass ich in mir den Gottlosen wahrgenommen, der
+durch seine Wut meine Seele ängstigte, - durch Fasten und Abtötung
+verlor er seine Hitze, und da ich ihn wieder suchte, fand ich kein
+Merkmal seiner Gewalt mehr in mir." Warum er ihn aber wieder suchte, das
+hat der fromme Mann vergessen anzugeben.
+
+Der heilige Bernhard war ebenfalls ehrlich genug, die Macht dieses
+"Gottlosen" anzuerkennen. "Diesen Feind können wir weder fliehen noch in
+die Flucht schlagen, wenngleich Hieronymus die Flucht vor dem Weibe
+anrät als der Pforte des Teufels, der Straße des Lasters - der Mann ist
+eine Stoppel, nähert er sich, so brennt er."
+
+Was manche Heilige für wunderliche Dinge vornahmen, um die verzehrende
+Liebesglut zu ersticken, haben wir schon früher gesehen. Der heilige Abt
+Wilbelm legte sich auf ein Bett von - glühenden Kohlen und lud seine
+Verführerin ein, sich zu ihm zu legen! Ja, dieser Heilige ließ das Grab
+seiner verstorbenen Geliebten öffnen, weil er das Andenken an sie nicht
+ausrotten konnte, und nahm ihren faulenden Körper mit in seine Zelle, um
+ihn sich als Stärkungsmittel unter die Nase zu halten, wenn ihn der
+Fleischteufel kitzelte.
+
+Solche Kämpfe hatten also sogar Heilige zu bestehen und gestanden ihre
+Schwachheit ein; aber wie wenige Heilige gibt es unter den Geistlichen!
+Die meisten gleichen wohl dem heiligen Augustin, Bischof von Hippo, der
+bekannte, dass er einst Gott gebeten habe: "Er möge ihm die Gabe der
+Keuschheit verleihen, aber nicht sogleich, indem er wolle, dass seine
+wollüstigen Triebe erst gesättigt werden möchten." Dann ist die
+Keuschheit freilich leicht.
+
+So stark nun auch der Glaube in der ersten Zeit des Christentums war, so
+hieß es ihm doch etwas zu viel zumuten, nichts Böses zu denken, wenn ein
+junger Mann und ein junges Weib in einem Bett schliefen, und viele
+vernünftige Kirchenlehrer trachteten danach, dies anstößige und
+verdächtige Zusammenleben zu bekämpfen.
+
+Dies tat unter andern schon der heilige Chrysostomus. Er schrieb: "Ich
+preise glücklich diejenigen, welche mit Jungfrauen zusammen wohnen und
+keinen Schaden nehmen, und wünschte selbst, dass ich solche Stärke
+hätte; auch will ich glauben, dass es möglich sei, solche zu finden.
+Aber ich wünsche auch, dass die, welche mich tadeln, mich überzeugen
+könnten, dass ein junger Mann, welcher mit einer Jungfrau zusammen
+wohnt, sich an ihrer Seite befindet, mit ihr an einem Tische speist,
+sich mit ihr den ganzen Tag unterhält, mit ihr, um ein anderes zu
+verschweigen, lächelt, scherzt, schmeichelnde und liebkosende Worte
+wechselt, von Begierde ferngehalten werden könne. - - Ich habe
+vernommen, dass viele zu Steinen und Statuen Neigung empfunden haben.
+Vermag aber so viel ein Kunstwerk, was muss da erst vermögen ein zarter
+lebender Körper?"
+
+Jedenfalls musste solches Zusammenleben den Weltkindern Stoff zum Spott
+und zur Verdächtigung geben, und wenn man einen Pfaffen angreifen
+wollte, so griff man ihn immer zuerst bei seiner Liebesschwester an.
+Viele Jungfrauen bestanden zwar auf Untersuchung ihrer Jungfrauenschaft
+durch Hebammen; aber der heilige Cyprian meint mit Recht: "Augen und
+Hände der Hebammen können auch getäuscht werden."
+
+Am sichersten war es freilich, wenn der Geistliche den Beweis seiner
+Unschuld führen konnte, wie der Patriarch Acacius, der von der
+Kirchenversammlung zu Seleucia (489) der Unzucht beschuldigt wurde. Er
+hob seine Kutte auf und bewies den ehrwürdigen Vätern durch den
+Augenschein, dass Unzucht bei ihm ein Ding der Unmöglichkeit sei.
+
+Schon Tertullian spricht von der oftmals vorkommenden Schwangerschaft
+solcher "Jungfrauen" und von den verbrecherischen Mitteln, welche sie
+anwendeten, dieselbe zu verheimlichen; denn damals konnten sie sich noch
+nicht damit entschuldigen, dass sie einen Papst gebären würden, wie es
+später oftmals vorkam, als die Lehre geltend gemacht wurde, dass der
+Vater der Päpste der - Heilige Geist sei!
+
+Die Synode von Elvira fand es auch schon für nötig, ihr Augenmerk auf
+die platonischen Bündnisse zu richten, und verordnete, dass Bischöfe und
+Geistliche nur Schwestern oder Töchter (aus früherer Ehe erzeugte) bei
+sich haben sollten, welche das Gelübde der Keuschheit geleistet hatten.
+Aber in den Verordnungen des Erzbischofs Egbert von York (um 750) finden
+wir Strafen festgesetzt für Bischöfe und Diakonen, welche mit Mutter,
+Schwester usw., ja mit vierfüßigen Tieren Unzucht treiben! Ein Beweis,
+dass solche Vergehen vorkamen.
+
+Später suchte man das Übel dadurch zu steuern, dass man das Alter,
+welches die Liebesschwestern haben mussten, sehr hoch ansetzte. Schon
+Theodosius II. sah sich genötigt, zu bestimmen, dass die im Dienste der
+Kirche stehenden Diakonissen über sechzig Jahre alt sein mussten, da es
+vorgekommen war, dass ein Diakon eine vornehme Frau in einer Kirche von
+Konstantinopel geschändet hatte. Dieses Alter schützte jedoch nicht
+gegen die Unzucht, und ein ungenannter Bischof, der dagegen eiferte,
+kannte die geile Natur der Pfaffenspatzen - so nannte man später die
+Franziskaner zum Unterschied von den Dominikanern, die Schwalben hießen
+- indem er schrieb: "Auch nicht ein altes noch hässliches Frauenzimmer
+sollen die Geistlichen in ihr Haus nehmen, weil man da, wo man vor
+Verdacht sicher ist, am schnellsten sündigt; auch die Lust sich nicht an
+das Hässliche kehre, indem der Teufel ihr das hübsch mache, was
+abscheulich ist."
+
+Den Beweis, wie früh sich schon die verderblichen Folgen des Vorurteils
+gegen die Priesterehe zeigten, liefern die Beschlüsse der ersten
+Konzilien. Das zu Elvira sah sich schon genötigt, Strafen festzusetzen
+gegen unzüchtige Geistliche. "Wenn ein im Amt befindlicher Bischof,
+Priester oder Diakon", heißt einer ihrer Beschlüsse, "erfunden worden
+ist, dass er Unzucht getrieben habe, so soll er auch am Ende seines
+Lebens nicht zur Kommunion gelassen werden."
+
+Das Konzil zu Neu-Cäsarea bestimmte, dass ein solcher Geistlicher
+abgesetzt werde und Buße tun solle. Ja, diese Beschlüsse redeten auch
+schon von Knabenschändungen und Sodomiterei mit Tieren.
+
+Doch was nützen alle strengen Strafbestimmungen, wenn sie gegen eine
+Sache gerichtet sind, welche der Natur durchaus entgegen ist; sie können
+höchstens bewirken, dass sich die mit der Strafe Bedrohten mehr Mühe
+geben, ihre Handlungen zu verheimlichen; und schon die hier genannten
+Kirchenversammlungen reden von Frauen der Geistlichen, die ihre im
+Ehebruch erzeugten Kinder umbrachten.
+
+Gar viele Geistliche, die sich nach ihrer Ordination nicht von ihren
+Frauen trennen wollten, gelobten sich ihrer zu enthalten; aber der
+heilige Bernhard sagt: "Eine Frau haben und mit dieser nicht sündigen
+ist mehr als Tote erwecken." - Wie oft wurde nicht dieses Gelübde
+gebrochen, und wie oft wurde es nicht eben mit dieser Absicht geleistet!
+War ein Geistlicher gewissenhaft, so hatte er den größten Schaden davon,
+denn die mit der Enthaltsamkeit ihres Mannes unzufriedene Frau suchte
+sich einen Stellvertreter, und zeigten sich die Folgen dieses Umgangs,
+dann kam der unschuldige Mann in Verdacht, sein Gelübde gebrochen zu
+haben.
+
+Dass die Frauen der Geistlichen sich gar häufig auf solche Weise und
+manchmal selbst mit der Erlaubnis oder mit Wissen ihrer Männer
+entschädigten, beweisen abermals die Bestimmungen des schon oft
+genannten Konzils von Elvira. Eine derselben lautet: "Wenn die Frau
+eines Geistlichen hurt und ihr Mann dies weiß und sie nicht sogleich
+verstößt, so soll er auch nicht am Ende des Lebens die Kommunion
+empfangen."
+
+Doch nicht allein die Ehe der Geistlichen, ja sogar die der Laien wurde
+von der Kirche auf das sorgfältigste überwacht. Ich finde augenblicklich
+dafür keinen früheren Beweis als in dem Buch von den Kirchenstrafen,
+welches Regino, Abt von Prüm, im Jahr 909 auf Befehl des Erzbischofs
+Rathbod von Trier schrieb. Dort heißt es: "Der Verehelichte, der sich 40
+Tage vor Ostern und Pfingsten oder Weihnachten, an jeder Sonntagsnacht,
+am Mittwoch oder Freitag, von der sichtbaren Empfängnis bis zur Geburt
+des Kindes von der Frau nicht enthält, muss, wenn ein Sohn geboren wird,
+30 Tage, wenn eine Tochter geboren wird, 40 Tage Buße tun. Wer in der
+Quadragesima (der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern) seiner Frau
+beiwohnt, muss ein Jahr Buße tun, oder 16 Solidos an die Kirche bezahlen
+oder unter die Armen verteilen. Tut er es in der Besoffenheit und
+zufällig, so darf er nur 40 Tage Buße tun. - Jeder muss sich vor Empfang
+des Abendmahls der Frau sieben, fünf oder drei Tage enthalten."
+
+Die Kirche verdankt das große Licht St. Iso in St. Gallen nur dem
+Umstand, dass er von seinen vornehmen Eltern - in der Osternacht erzeugt
+wurde, welche darüber Gewissensskrupel hatten und ihn der Kirche
+widmeten.
+
+Schon früher bemerkte ich, dass der Eigennutz der Bischöfe großen Anteil
+an der Verdammung der Priesterehe hatte. Bekam ein verheirateter
+Priester keine Kinder, - nun dann sah man durch die Finger. Die Folge
+davon war, dass sie die Schwangerschaft ihrer Weiber entweder
+verhinderten, wie Onan, oder dass sie zu gefährlichen Mitteln ihre
+Zuflucht nahmen.
+
+Ein südamerikanischer Indianerstamm soll ein ganz unschädliches Mittel
+besitzen, die Empfängnis der Weiber zu verhindern, was oft von solchen
+Frauen angewendet wird, die nicht gleich eine Familie haben wollen. Mich
+wundert, dass noch niemand dasselbe aufgefunden und nach Europa gebracht
+hat; er könnte sich große Verdienste um die römische Kirche und sonst
+erwerben.
+
+Den Beweis dafür, wie es der Kirche ganz hauptsächlich darauf ankam,
+dass die Geistlichen keine Kinder bekommen, die sie beerben konnten,
+liefert ein Konzilium, welches Erzbischof Johann von Tours im Jahr 1278
+in London hielt.
+
+Dort heißt es in einer der Verordnungen: "Da die Fleischelust den
+Klerikalstand vielfältig entehrt, besonders wenn es zum Kinderzeugen
+kommt, so verordnen wir, dass die Kleriker, besonders die in den
+heiligen Weihen sich befindlichen, sich nicht unterstehen, ihren im
+geistlichen Stand erzeugten Söhnen und ihren Konkubinen etwas
+testamentarisch zu vermachen. Solche Vermächtnisse sollen der Kirche des
+Testators zufallen."
+
+Das Leben der Geistlichen in den ersten Jahrhunderten lernen wir sehr
+genau aus den Schriften der Kirchenväter kennen, welche sich bemühten,
+die unter denselben herrschende Verderbnis zu bekämpfen. Es erscheint
+oft unglaublich, dass die Religion, die Jesus lehrte, zu so
+abscheulichen Lastern führe konnte, wie sie uns in diesen Schriften
+berichtet werden. Dass die Geistlichen sich für das Verbot der Ehe auf
+andere Weise zu entschädigen suchten, nun, das ist menschlich und an und
+für sich zu entschuldigen. Bei solchen Vergehen muss man nicht sowohl
+den schwachen Menschen als vielmehr das naturwidrige Verbot verdammen,
+welches zur Verletzung der Sittengesetze zwingt; aber anders ist es mit
+den von den Bischöfen begangenen Schändlichkeiten und Verbrechen, die in
+dem Geiz, der Herrschsucht und anderen bösen Leidenschaften ihre
+Ursachen haben.
+
+Basilius schreibt an Eusebius, Bischof von Samosata: "Nur an die
+allernichtswürdigsten Menschen ist jetzt die bischöfliche Würde
+gekommen"; in einem Brief, welchen er und zweiunddreißig andere Bischöfe
+an sämtliche Bischöfe Galliens und Italiens richten, wird der
+schmachvolle Zustand der Kirche mit großer Wehmut geschildert: "Die
+Schlechtigkeit der Bischöfe und Kirchenvorsteher", heißt es darin, "sei
+so groß, dass die Bewohner vieler Städte keine Kirchen mehr besuchen,
+sondern mit Weib und Kind außerhalb der Mauern der Städte unter freiem
+Himmel für sich Gebete verrichteten."
+
+Gregor von Nazianz, Chrysostomus, Cyrill von Jerusalem usw. können nicht
+grell genug die Sittenverderbnis der Geistlichen schildern. Diese hatten
+es damit so weit gebracht, dass man die Unzucht als förmlich zum Pfaffen
+gehörig betrachtete und nicht mehr für ein Verbrechen hielt. - Die
+afrikanischen Synoden sahen sich gezwungen, zu verordnen, dass kein
+Geistlicher allein zu einer Jungfrau oder Witwe gehen solle!
+
+Am lebhaftesten schildert die Geistlichen und den Sittenverfall der
+damaligen Zeit der schon oft genannte heilige Hieronymus. Er schreibt in
+einem Briefe an Eustochium: "Sieh, die meisten Witwen, die doch
+verehelicht waren, ihr unglückliches Gewissen unter dem erlogenen Gewand
+verbergen. Wenn sie nicht der schwangere Bauch oder das Geschrei der
+Kinder verrät, so gehen sie mit emporgestrecktem Hals oder hüpfendem
+Gang einher. - Andere aber wissen sich unfruchtbar zu machen und morden
+den noch nicht geborenen Menschen. Fühlen sie sich durch ihre
+Ruchlosigkeit schwanger, so treiben sie die Frucht durch Gift ab. Oft
+sterben sie mit daran, und dreifachen Verbrechens schuldig, gelangen sie
+in die Unterwelt, als Selbstmörderinnen, als Ehebrecherinnen an
+Christus, als Mörderinnen des noch nicht geborenen Sohns. Ich schäme
+mich, es zu sagen, o der Abscheulichkeit! es ist traurig, aber doch
+wahr.
+
+Woher brach die Pest der Agapetinnen in unsere Kirchen herein? Woher ein
+anderer Name der Eheweiber ohne Ehe? Ja, woher das neue Geschlecht der
+Konkubinen? Ich will mehr sagen, woher die Hure eines Mannes? Ein Haus,
+ein Schlafgemach, nur oft ein Bett umfasst sie, und nennen uns
+argwöhnische Leute, wenn wir etwas Arges vermuten."
+
+Und weiter in demselben Briefe: "Es gibt andere, ich rede von Leuten
+meines Standes, welche sich deshalb um das Presbyteriat und Diakonat
+bewerben, um die Weiber desto freier sehen zu können. Ihre ganze
+Sorgfalt geht auf ihre Kleider, auf dass sie gut riechen und die Füße
+unter einer weiten Haut nicht aufschwellen. Die Haare werden rund
+gekräuselt, die Finger schimmern von Ringen, und damit ihre Fußsohlen
+kein feuchter Weg benetze, berühren sie ihn kaum mit der Spitze. Wenn du
+solche siehst, solltest du sie eher für Verlobte als für Geistliche
+halten. Einige bemühen sich ihr ganzes Leben hindurch nur darum, die
+Namen, Häuser und Sitten der Matronen kennenzulernen. Einen von ihnen,
+den vornehmsten in dieser Kunst, will ich kurz beschreiben, damit du
+desto leichter am Lehrer die Schüler erkennst.
+
+Er steht eilfertig mit der Sonne auf, entwirft die Ordnung seiner
+Besuche, sieht sich nach einem kürzeren Wege um, und der überlästige
+Alte geht beinahe bis in die Kammern der Schlafenden. Wenn er ein
+zierliches Kissen oder Tuch oder sonst etwas vom Hausrat sieht, so lobt,
+bewundert und berührt er es; indem er klagt, dass es ihm fehle, presst
+er es mehr ab, als dass er es verlangte, weil sich eine jede Frau
+fürchtet, den Stadtfuhrmann zu beleidigen. Ihm sind Fasten und
+Keuschheit zuwider; eine Mahlzeit billigt er nach ihrem feinen Geruch
+und nach einem gemästeten jungen Kranich. Er hat ein barbarisches und
+freches Maul, das immer zu Schmeichelworten gewaffnet ist. Du magst dich
+hinwenden, wohin du willst, so fällt er dir zuerst in die Augen." -
+Solcher geistlichen "Stadtfuhrleute" gibt es auch noch heutzutage und
+ich könnte dem wackeren Hieronymus mehrere nennen, die zu seinem Porträt
+vortrefflich passen würden.
+
+Dergleichen Schilderungen erweckten dem Hieronymus natürlich viele
+Feinde, die sich dadurch rächten, dass sie ihn verlästerten. Viele Not
+hatte er mit einem Diakon namens Sabinian. Dieser hatte eine Wallfahrt
+zu allen liederlichen Häusern Italiens unternommen und nebenbei eine
+Menge Jungfrauen genotzüchtigt und Ehefrauen verführt, von denen mehrere
+wegen dieser Verbrechen öffentlich hingerichtet wurden. Endlich
+verführte er auch die Frau eines vornehmen Goten, der diesen Schimpf
+entdeckte, echt gotisch darüber ergrimmte und den liederlichen Pfaffen
+auf Tod und Leben verfolgte. - Dieser kam mit einem Empfehlungsschreiben
+zu St. Hieronymus nach Bethlehem, wo er in ein Kloster gesteckt wurde.
+Hier sah er eines Tages eine Nonne aus dem Kloster der Paula, verliebte
+sich in dieselbe, schrieb ihr Liebesbriefe und erhielt die Versicherung,
+dass alle seine Wünsche erfüllt werden sollten, - als der Handel
+entdeckt und die Keuschheit der Nonne gerettet wurde. - Sabinian fiel
+Hieronymus zu Füßen und erhielt Verzeihung unter der Bedingung, dass er
+die ihm auferlegte Buße tragen solle. Er versprach alles, hielt aber
+nichts, lebte lustig wie zuvor und verleumdete Hieronymus, wo er konnte.
+- Solche Galgenfrüchte trug schon damals der heilige Christbaum der
+Kirche!
+
+Die Gesetzgebung des Justinian war der Priesterehe durchaus nicht
+günstig, denn in einer Verordnung von 528 heißt es: "Indem wir die
+Vorschrift der heiligen Apostel befolgen, verordnen wir, dass so oft ein
+bischöflicher Stuhl in einer Stadt erledigt ist, die Bewohner derselben
+über drei Personen von reinem Glauben und tugendhaftem Leben sich
+vereinigen, um aus ihnen den Würdigsten hervorzuheben. Doch treffe die
+Wahl nur einen solchen, der das Geld verachtet und sein ganzes Leben
+Gott weiht, der keine Kinder und keine Enkel bat. - - Der Bischof muss
+durchaus nicht durch Liebe zu den fleischlichen Kindern verhindert
+werden, aller Gläubigen geistlicher Vater zu werden. Aus diesen Ursachen
+verbieten wir, jemanden, der Kinder und Enkel hat, zum Bischof zu
+weihen." In derselben Verordnung wird den Bischöfen auch verboten, in
+ihrem Testamente ihren Verwandten etwas von dem zu vermachen, was sie
+als Bischöfe erwarben.
+
+Die Gesetzgebung des Justinian war der Priesterehe durchaus nicht
+günstig, denn in einer Verordnung von 528 heißt es: - "Indem wir die
+Vorschrift der heiligen Apostel befolgen, verordnen wir, dass, so oft
+ein bischöflicher Stuhl in einer Stadt erledigt ist, die Bewohner
+derselben über drei Personen von reinem Glauben und tugendhaftem Leben
+sich vereinigen, um aus ihnen den Würdigsten hervorzuheben. Doch treffe
+die Wahl nur einen solchen, der das Geld verachtet und sein ganzes Leben
+Gott weiht, der keine Kinder und keine Enkel hat. - - Der Bischof muss
+durchaus nicht durch Liebe zu den fleischlichen Kindern verhindert
+werden, aller Gläubigen geistlicher Vater zu werden. Aus diesen Ursachen
+verbieten wir, jemanden, der Kinder und Enkel hat, zum Bischof zu
+weihen." In derselben Verordnung wird den Bischöfen auch verboten, in
+ihrem Testament ihren Verwandten etwas von dem zu vermachen, was sie als
+Bischöfe erwarben.
+
+Die folgenden Bestimmungen sind noch strenger, und in einem Erlass von
+531 befiehlt Justinian, dass niemand zum Bischof geweiht werde, als wer
+keiner Frau ehelich beiwohne und Kinder zeuge. Statt der Frau möge ihm
+die heiligste Kirche dienen. - Diese ist aber, nach des heiligen
+Ambrosius üppiger Schilderung: eine nackte reizende Braut, deren schöne
+und bezaubernde Gestalt Christus mit Begierde erfüllt und ihn bewogen
+habe, sie zur Gemahlin für sich zu erwählen!
+
+Dass alle strengen Gesetze wenig fruchteten, dafür könnte man unendlich
+viele Beweise anführen. Alle Synoden waren bemüht, schärfere
+Verordnungen zu erlassen und auf einer im Jahr 751 gehaltenen wurde
+bestimmt: "Der Priester, welcher Unzucht übt, soll in ein Gefängnis
+gesteckt werden, nachdem er vorher gegeißelt und ausgepeitscht worden
+ist."
+
+Rather von Verona, der zu Anfang des 10. Jahrhunderts lebte, klagt: "Oh!
+wie verworfen ist nicht die ganze Schar der Kopfgeschorenen, da unter
+ihnen keiner ist, der nicht ein Ehebrecher ist oder ein Sodomit."
+
+Unter so bewandten Umständen war es dann wohl natürlich, dass vielen
+Christen Bedenken kamen, ob es wohl ziemlich sei, dass sie das, was sie
+für das Heiligste hielten, das Abendmahl, aus so beschmutzten Händen
+annehmen könnten.
+
+Auf eine deshalb an ihn gerichtete Frage antwortete Papst Nikolaus I.:
+"Es kann niemand, so sehr er auch verunreinigt sein mag, die heiligen
+Sakramente verunreinigen, welche Reinigungsmittel aller Befleckungen
+sind. Der Sonnenstrahl, welcher durch Kloaken und Abtritte geht, kann
+doch dieserhalb keine Befleckung an sich ziehen. Daher mag der Priester
+beschaffen sein wie er will, er kann das Heilige nicht beflecken." Aus
+diesem beruhigenden Bescheid und passend gewählten Vergleich sieht man
+übrigens, dass die Pfaffen beim Papst in nicht besonders gutem Geruch
+standen!
+
+Die Ansichten der Kirche von der Ehe übten aber nicht nur ihren
+demoralisierenden Einfluss auf die Pfaffen selbst aus; die Ehrwürdigkeit
+der Ehe im Allgemeinen litt darunter, denn es war nur natürlich, dass
+ein Verhältnis, welches von den so hochverehrten Lehrern verachtet
+wurde, auch bei den Laien nicht in besonderer Achtung stehen konnte. Die
+Liederlichen benutzten daher gern die Zeitansicht, um ledig zu bleiben
+und so ungezwungener ihren Leidenschaften zu folgen; und die
+Verheirateten, welche ihrer Weiber überdrüssig waren, fanden leicht
+einen heiligen Vorwand, sich ihrer zu enthalten und sich außer dem Haus
+zu entschädigen.
+
+Das Leben der Päpste um diese Zeit, besonders im elften Jahrhundert, war
+wenig geeignet, auf die Sittlichkeit der Geistlichkeit vorteilhaft
+einzuwirken. Ich verweise in Bezug hierauf auf das vorige Kapitel.
+
+Ein großer Eiferer gegen die Priesterehe, obwohl auch gegen die Unzucht
+der Pfaffen, war der Kardinal Petrus Damiani, der durch seine Schriften
+einen ganz außerordentlich großen Einfluss ausübte; das heißt in Bezug
+auf das Zölibat, aber nicht auf die Besserung der Geistlichen. Er war im
+Jahr 1002 in Ravenna von ganz armen Eltern geboren, die schon so viele
+Kinder hatten, dass sie nicht wussten, was sie mit dem neuen Ankömmling
+anfangen sollten. Die harte Mutter fasste den Entschluss, den Knaben
+auszusetzen, wurde aber durch die Frau eines Priesters davon abgehalten.
+
+Petrus weihte sich der Kirche und wurde endlich im Jahr 1058 oder 59
+Kardinalbischof von Ostia. Er nahm diese Stelle nur mit Widerstreben an
+und, empört über die Verderbtheit der Pfaffen, gab er sie bald wieder
+auf und zog sich in ein Kloster zurück, wo er 1069 starb.
+
+Damiani entwirft von dem Schandleben der Pfaffen in seinem Liber
+Gomorrhianus ein trauriges Bild. Er beklagt und schildert darin ihre
+Hurerei, ihre widernatürliche Unzucht, insbesondere ihre Sodomiterei,
+ihre Unzucht mit Jünglingen und Knaben, ihre Unflätereien mit Tieren;
+die Unzucht der Pfaffen und Mönche untereinander, mit ihren
+Beichtkindern, und führt an, wie die gemeinschaftlichen Verbrecher, um
+ungestört fortsündigen zu können, sich einander in der Beichte
+absolvieren.
+
+Damiani wird in seinem Eifer gegen die Weiber der Priester oft spaßhaft,
+und seine Anrede an dieselben ist wahrhaft originell. "Indes rede ich
+auch Euch an, Ihr Schätzchen der Kleriker, Ihr Lockspeise des Satans,
+Ihr Auswurf des Paradieses, Ihr Gift der Geister, Schwert der Seelen,
+Wolfsmilch für die Trinkenden, Gift für die Essenden, Quelle der Sünden,
+Anlass des Verderbens. Euch, sage ich, rede ich an, Ihr Lusthäuser des
+alten Feindes, Ihr Wiedehopfe, Eulen, Nachtkäuze, Wölfinnen, Blutegel,
+die Ihr ohne Unterlass nach Mehrerem gelüstet. Kommt also und hört mich,
+Ihr Metzen und Buhlerinnen, Lustdirnen, Ihr Mistpfützen fetter Schweine,
+Ihr Ruhepolster unreiner Geister, Ihr Nymphen, Sirenen, Hexen, Dirnen
+und was es sonst für Schimpfnamen geben mag, die man Euch beilegen
+möchte.
+
+Denn Ihr seid Speise der Satane, zur Flamme des ewigen Todes bestimmt.
+An Euch weidet sich der Teufel wie an ausgesuchten Mahlzeiten und mästet
+sich an der Fülle eurer Üppigkeit. Ihr seid die Gefäße des Grimms und
+des Zorns Gottes, aufbewahrt auf den Tag des Gerichts. Ihr seid grimmige
+Tigerinnen, deren blutige Rachen nur nach Menschenblut dürsten, Harpyen,
+die das Opfer des Herrn umflattern und rauben und die, welche Gott
+geweiht sind, grausam verschlingen.
+
+Auch Löwinnen möchte ich Euch nicht unpassend nennen, die Ihr nach Art
+wilder Tiere eure Mähne erhebt und unvorsichtige Menschen zu ihrem
+Verderben in blutigen Umarmungen räuberisch umklammert. Ihr seid die
+Sirenen und Charybden, indem Ihr, während ihr trügerisch anmutigen
+Gesang ertönen lasst, unvermeidlichen Schiffbruch bereitet. Ihr seid
+wütendes Otterngezücht, die Ihr vor Wollustbrunst Christus, der das
+Haupt der Kleriker ist, in euern Buhlen ermordet."
+
+Damiani muss ein komischer Kauz gewesen sein, und um seinen Reichtum an
+Schimpfwörtern könnte ihn manches Fischweib beneiden. Nicht weniger
+seltsam sind oft seine Vergleiche. So zum Beispiel vergleicht er, um der
+Markgräfin Adelheid von Turin die Nachteile der Priesterehe begreiflich
+zu machen, die Priester mit ihren Frauen den Füchsen, die Samson bei den
+Schwänzen aneinanderband, Fackeln dazwischen steckte, sie anzündete und
+sie dann in die Saatfelder der Philister jagte.
+
+Damiani war es vorzüglich, welcher Papst Gregor VII. den Weg bahnte.
+Durch ihn und andere Eiferer kam es endlich so weit, dass die Orthodoxen
+die außereheliche Unzucht für weit weniger verbrecherisch hielten als
+die Ehe, und zur Zeit Kaiser Heinrichs IV. verstießen viele Ehemänner,
+sowohl Geistliche als Laien, ihre Weiber und gesellten sich zu
+Jungfrauen, die ebenfalls wie sie Keuschheit gelobt hatten. Kurz, es
+erneuerte sich wieder der Unfug mit den Liebesschwestern, der eigentlich
+unter den Geistlichen nie aufgehört, nur dass man die geheuchelte
+Keuschheit beiseite getan und in ehrlicher, offener Hurerei gelebt
+hatte.
+
+Andere Ehemänner, in Verzweiflung darüber, dass sie als Verheiratete
+nicht selig werden könnten, verstießen gleichfalls ihre Frauen und
+begaben sich samt Hab und Gut unter den Schutz der Mönche und führten
+eine gemeinsame kanonische Lebensweise.
+
+Trotzdem stieß aber Gregors VII. Zölibatsgesetz auf den entschiedensten
+Widerstand. Lambert von Aschaffenburg erzählt, dass bei der
+Bekanntmachung desselben die ganze Schar der Geistlichen gemurrt habe.
+Alle wären der Meinung gewesen, "dass es besser sei, zu freien, als
+Brunst zu leiden, und dass durch das Verbot der Ehe der Hurerei Tor und
+Tür geöffnet würde. Wolle Gregor auf seiner Meinung bestehen, so wollten
+sie lieber dem Priestertum entsagen, dann möge er, den Menschen
+anstinken, sehen, woher er Engel zur Regierung des Volkes in den Kirchen
+bekomme."
+
+Mehrere Anhänger Gregors, welche das Zölibatsgesetz mit Gewalt
+durchsetzen wollten, verloren beinahe das Leben darüber. Als Bischof
+Altmann von Passau den Befehl des Papstes von der Kanzel verkündigte,
+mussten ihn die anwesenden vornehmen Laien vor den wütenden Priestern
+schützen, die ihn in Stücke reißen wollten. - Der Bischof Heinrich von
+Chur geriet durch seinen Eifer für das Zölibat ebenfalls in
+Lebensgefahr.
+
+Als Erzbischof Johann von Rouen auf einer Synode das Gesetz verlas,
+entstand ein Tumult; man bombardierte den Erzbischof mit Steinen, so
+dass er in großer Eile die Kirche verlassen musste.
+
+In England fand Gregors Gesetz ebenfalls bedeutenden Widerstand; aber
+einer der englischen Prälaten tröstete sich, indem er sagte: "Man kann
+wohl den Priestern die Weiber, aber nicht den Weibern die Priester
+nehmen."
+
+Bis zum Tode Heinrichs IV. von Deutschland wurden hier die beweibten
+Priester auf das grausamste verfolgt, und da es den Päpsten nur um
+Ausrottung der Priesterehe zu tun war, so wurden außereheliche Unzucht
+und oft daraus entstehende Verbrechen weniger hart bestraft.
+
+Auf die Anfrage des Abtes Rudolf von Saëz, was einem Mönch geschehen
+solle, der es versucht hatte, einen Ehemann zu vergiften, antwortete
+Anselm, Erzbischof von Canterbury - man solle ihn nicht zum Diakonat
+oder Presbyteriat befördern!
+
+Die englischen Geistlichen zeichneten sich ganz besonders durch ihre
+Liederlichkeit aus, und ehrenhalber musste der Papst endlich offiziell
+dagegen einschreiten. Auf der Synode zu London (1125) wurde also bei
+Strafe der Absetzung den Priestern das Zusammenleben mit Weibern
+verboten. Der Legat des Papstes, Kardinal Johann von Crema, hatte große
+Mühe gehabt, diesen Beschluss durchzukämpfen, und noch am Abend
+desselben Tages, wo es ihm gelungen war, ertappte man ihn mit einer
+feilen Dirne. Er war unverschämt genug, sich damit zu entschuldigen,
+"dass er nur ein Zuchtmeister der Priester sei".
+
+Bischof Ranulph von Durham, genannt Flambard oder Passaflaberer, war
+vielleicht der liederlichste Geistliche in der Welt. Er lebte wie ein
+türkischer Sultan. Schöne Mädchen in üppiger Entkleidung kredenzten ihm
+bei Tisch den Wein, und damit er stets die Mittel hatte, flott zu leben,
+so bedrückte und plünderte er seine geistlichen Pflegekinder.
+
+Sein Ruf war auch zu dem päpstlichen Legaten gedrungen. Dieser ließ ihn
+vor die Synode nach London zitieren; allein Ranulph fand es nicht für
+gut, diesem Ruf zu folgen, und der Kardinal Johann entschloss sich,
+selbst nach Durham zu gehen, um sich hier durch den Augenschein von der
+Wahrheit der Gerüchte zu überzeugen.
+
+Ranulph wusste zu leben. Er empfing den Legaten Sr. Heiligkeit auf das
+freundlichste, veranstaltete ein großes Gastmahl, bei dem alle
+Leckereien der Welt und die feinsten Weine aufgetragen wurden, so dass
+der Kardinal ganz außer sich vor Entzücken war, besonders da eine schöne
+"Nichte" des Bischofs, die auf ihre Rolle einstudiert war, sich alle
+mögliche Mühe gab, ihn vortrefflich zu unterhalten, ja, sich endlich
+bewegen ließ, bei dem päpstlichen Legaten zu schlafen.
+
+Nachdem dieser wie ein Gimpel in die ihm gestellte Falle gegangen war,
+versammelte der Bischof seine Kleriker und Knaben, welche Becher und
+Lichter trugen, und begab sich jetzt in feierlicher Prozession an das
+Bett. Der Chorus rief: Heil! Heil!
+
+Der verwirrte Legat fragte erstaunt: "Soll dies eine Ehrenbezeugung für
+den heiligen Petrus sein?" "Mein Herr", antwortete der Bischof, "es ist
+in unserem Land Sitte, dass, wenn ein Vornehmer heiratet, man ihm diese
+Ehre zeigt. Steht auf und trinkt, was in diesem Kelche ist. Weigerst du
+dich, so sollst du den Kelch trinken, nach welchem du nicht mehr dürsten
+wirst."
+
+Der Legat musste gute Miene zum bösen Spiel machen; er erhob sich,
+"nackt bis zur Hälfte des Leibes", und trank den dargereichten Becher
+seiner Bettgenossin zu. Darauf entfernte sich der Zug mit dem Bischof,
+der nun wegen seines Bistums unbesorgt war.
+
+Die Veranlassung zu dem Streit zwischen König Heinrich von England und
+Thomas Becket war auch ein liederlicher Priester zu Worcestershire, der
+die Tochter eines Pächters geschändet und diesen ermordet hatte und
+welchen der König trotz allen Protestierens des Erzbischofs vor den
+weltlichen Richterstuhl zog.
+
+In Frankreich trieben es die Geistlichen ungefähr ebenso wie in England.
+Der Erzbischof von Besançon zum Beispiel machte sich aller möglichen
+Verbrechen schuldig. Um seinen Geiz zu befriedigen, verkaufte er alles,
+was Käufer fand, und plünderte seine Geistlichen dermaßen aus, dass sie
+in ärmlicher Kleidung wie Bauern umhergehen mussten. Nonnen und
+Geistlichen gestattete er für Geld die Ehe. Er selbst lebte mit einer
+Verwandten, der Äbtissin von Reaumair Mont, hatte ein Kind von einer
+Nonne und nebenbei die Tochter eines Priesters als Konkubine; kurz, er
+gestattete sich alle geschlechtlichen Ausschweifungen, und seine
+Geistlichen hielten sich Konkubinen.
+
+Der Erzbischof von Bordeaux unterhielt eine Räuberbande, die er zu
+seinem Vorteil auf Expeditionen aussandte. Einst kam er mit einer Menge
+liederlicher Mädchen und Kerle in die Abtei des heiligen Eparchius,
+lebte hier drei Tage in Saus und Braus und zog endlich ab, nachdem er
+das Kloster rein ausgeplündert hatte. "Seine übrigen Verbrechen
+verbietet die Schamhaftigkeit zu nennen", sagt Papst Innozens III. in
+seinen Briefen. Wer die Schandtaten der Pfaffen in jener Zeit studieren
+will, der lese diese päpstlichen Briefe. Dem Papst wurden so viele
+berichtet, dass er bald allein würde haben Messen lesen müssen, wenn er
+sie alle nach Verdienst bestraft hätte; er hielt es daher für besser,
+Milde zu üben, so sehr und oft diese schlecht angebrachte Milde auch
+empören musste.
+
+Ein Mönchpriester hatte mit einem Mädchen verbotenen Umgang gehabt. Als
+die Dirne schwanger war, ergriff er sie, als wolle er mit ihr scherzen,
+am Gürtel und verletzte sie so hart, dass eine Fehlgeburt erfolgte. Der
+Fall kam vor Papst Innozens III. und dieser entschied: "dass, wenn die
+Fehlgeburt noch kein Leben gehabt habe, der Mönch den Altardienst auch
+ferner verrichten könne; dass er aber, wenn diese schon Leben gehabt
+habe, des Altardienstes sich enthalten müsse".
+
+Schon im Jahr 428 hatte Papst Coelestin es für nötig gefunden, Strafe
+darauf zu setzen, wenn Geistliche ihre Beichtkinder zur Unzucht
+verführten. Dergleichen Fälle kommen unendlich oft vor und ich werde im
+letzten Kapitel ausführlicher über die Beichte reden.
+
+Einem starken Affen in einer Menagerie zu nahe zu kommen war für eine
+Frau nicht so gefährlich, wie mit einem Pfaffen in Berührung zu geraten.
+Da diese ein faules Leben hatten, so erhitzten sie Tag und Nacht ihre
+Phantasie mit üppigen Bildern und dachten an nichts anderes, als wie sie
+ihre geilen Triebe befriedigen könnten. Fälle der Notzucht kamen
+unendlich viele vor.
+
+Unter Heinrich VI. baten die Geistlichen in England um Erlassung der
+Strafen wegen begangener Notzucht. - Zu Basel hatte im Jahr 1297 ein
+Geistlicher eine Jungfrau mit Gewalt geschändigt. Man kastrierte ihn zur
+Strafe und hing das Corpus delicti zum abschreckenden Beispiel für
+andere Pfaffen mitten in der Stadt an einer frequenten Passage auf. -
+Die Venezianer ließen in späterer Zeit einen Augustiner zu Brecia, der
+ein elfjähriges Mädchen genotzüchtigt und dann ermordet hatte,
+vierteilen.
+
+Sodomiterei und Knabenschändung waren unter den Geistlichen ganz
+gewöhnlich, und das schon seit den ältesten Zeiten der christlichen
+Kirche, wie die Konzilienbeschlüsse beweisen, von denen ich einige
+angeführt habe. Im Jahr 1212 wurde auf einem Konzil den Mönchen und
+regulierten Kanonikern verboten, zusammen in einem Bett zu liegen und
+Sodomiterei zu treiben.
+
+Im Jahr 1409 wurden zu Augsburg auf Befehl des Rats vier Priester und
+ein Laie wegen Knabenschändung am Perlachturm mit gebundenen Händen und
+Füßen in einem hölzernen Käfig aufgehängt, bis sie verhungerten. - Im
+nächsten Kapitel von den Klöstern werde ich zeigen, dass Sodomiterei bis
+auf die neueste Zeit als Folge des Zölibats unter den Pfaffen
+gebräuchlich ist.
+
+Aus dem, was ich bisher mitteilte, geht schon hervor, dass die Bischöfe
+ihren Geistlichen in der Sittenlosigkeit meistens vorangingen, wenn sie
+es auch nicht alle so arg trieben wie der Bischof Heinrich von Lüttich,
+der eine Äbtissin zur Mätresse und in seinem Garten einen förmlichen
+Harem hatte und der sich rühmte, in 22 Monaten vierzehn Söhne gezeugt zu
+haben.
+
+Unter so bewandten Umständen waren die Laien froh, wenn es diesen
+Kirchenstieren erlaubt wurde, Konkubinen zu halten, damit nur ihre
+Weiber und Töchter vor ihnen sicher wären. Ja, die Friesen gingen so
+weit, dass sie gar keine Priester duldeten, die nicht Konkubinen hatten.
+"Se gedulden oek geene Preesteren, sonder eheliche Fruwen (d. h.
+Konkubinen), up dat sie ander lute bedde nicht beflecken, wente sy
+meinen, dar idt nicht mogelygk sy, und baven die Natur, dat sick ein
+mensche ontholden konne", heißt es in der Chronik.
+
+Ich bemerkte schon früher, dass es den Päpsten mehr um die Vernichtung
+der Priesterehe als um die Erhaltung der Keuschheit der Geistlichen zu
+tun war, denn sie wollten nicht, dass rechtmäßige Kinder das Gut erbten,
+was sie als Kirchengut betrachteten. Wenn nun auch die Konzilien auf
+Betrieb einzelner dem Konkubinenwesen ein Ende machen wollten, indem sie
+Verordnungen dagegen erließen, so war man eben nicht streng auf die
+Befolgung derselben bedacht.
+
+Ja, vielen Bischöfen wäre es gar nicht recht gewesen, wenn ein Papst
+durchgreifende Maßregeln angeordnet hätte, denn diese Konkubinen waren
+für sie eine Quelle der Gelderpressung. Häufig, wenn sie Geld brauchten,
+fiel es ihnen ein, ihren Geistlichen das Konkubinat auf das strengste zu
+verbieten, da es ihnen nur um die Strafgelder zu tun war.
+
+Heinrich von Hewen, der in der Mitte des 15. Jahrhunderts Bischof von
+Konstanz war, führte selbst ein üppiges Leben, und die Abgaben, welche
+ihm seine Geistlichen von ihren Konkubinen entrichteten, verschafften
+ihm eine jährliche Einnahme von 2000 Gulden.
+
+Zur Zeit der Reformation mussten die Priester in Irland für jedes mit
+ihren Konkubinen erzeugte Kind ihrem Bischof acht bis zwölf Taler
+bezahlen.
+
+Unter solchen Verhältnissen war es denn kein Wunder, wenn das Konkubinat
+trotz aller Verbote, welche bei allen Synoden wenig beachtete stehende
+Artikel wurden, in voller Wirksamkeit blieb, und endlich sahen die
+Päpste ein, dass es ein unvermeidliches Übel sei und suchten nun selbst
+Vorteil daraus zu ziehen. Sie dekretierten, dass jeder Geistliche,
+mochte er nun eine Konkubine haben oder nicht, einen bestimmten
+jährlichen Hurenzins entrichten müsse.
+
+Als Beleg dafür, dass das Konkubinat unter den Geistlichen im 15.
+Jahrhundert allgemein war, und zugleich um die Sitten des Klerus
+überhaupt durch den Mund eines Zeitgenossen kennenzulernen, will ich
+einige Stellen aus einem Werke des Nicholas de Clemancis anführen, der
+in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts lebte, eine Zeit lang
+päpstlicher Geheimschreiber, Schatzmeister und Kanonikus der Kirche zu
+Langres war und 1440 als Kantor und Archidiakonus zu Liseur starb.
+
+Seine Schilderung der Bischöfe ist wahrhaft scheußlich. Nach ihm trieben
+und gestatteten sie für Geld alle Laster. Vorzüglich sind aber die
+Domherren und ihre Vikare verdorbene Menschen. Sie sind der Habsucht,
+dem Stolz, Müßiggang und der Schwelgerei ergeben. Sie halten ohne Scham
+ihre unehelichen Kinder und Huren gleich Eheweibern im Haus und sind ein
+Gräuel in der Kirche.
+
+Die Priester und Kleriker leben öffentlich im Konkubinat und entrichten
+ihren Bischöfen den Hurenzins. Die Laien wissen an mehreren Orten den
+Schändungen der Jungfrauen und Ehefrauen keinen anderen Damm
+entgegenzustellen, als dass sie die Priester zwingen, sich Konkubinen zu
+halten.
+
+"Ist jemand", schreibt Clemancis, "heutzutage träge und zum üppigen
+Müßiggang geneigt, so eilt er sogleich, ein Priester zu werden. Alsdann
+besuchen sie fleißig liederliche Häuser und Schenken, wo sie ihre ganze
+Zeit mit Saufen, Fressen und Spielen zubringen, betrunken schreien,
+fechten und lärmen, den Namen Gottes und der Heiligen mit ihren unreinen
+Lippen verwünschen, bis sie endlich aus den Umarmungen ihrer Dirnen zum
+Altar kommen."
+
+Clemancis erwähnt hier auch das Saufen der Priester. Darin waren sie
+besonders stark und setzten einen Ruhm darein, es den Laien zuvorzutun.
+Schon im ersten Jahrhundert stoßen wir auf Bischöfe, die vollendete
+Trunkenbolde waren. Einer derselben, Droctigisilus, verfiel in
+Säuferwahnsinn. Die Pfaffen sagten, wenn sie guter Laune waren, von sich
+selbst: "Wir sind das Salz der Erde, aber man muss es anfeuchten, denn
+kein guter Geist wohnt im Trockenen." Besonders gut trank man in den
+Klöstern. Doch davon später.
+
+Zu einem guten Trunk gehört natürlich auch eine gute Tafel, und es ist
+ja noch heute jedem bekannt, dass die katholischen Geistlichen einen
+trefflichen Tisch führen. Bischöfe jagten unermessliche Summen durch
+ihren Schlund, und um der nüchternen Gegenwart einen Begriff von ihren
+kostspieligen Fressereien zu geben, setze ich den Küchenzettel für das
+Gastmahl am Tag der Installation Georg Nevils, Erzbischof von York,
+hierher.
+
+Zu diesem Feste waren erforderlich: 300 Quart Weizen, 330 Tonnen Ale,
+104 Tonnen Wein, 1 Pipe Gewürzwein, 80 fette Ochsen, 6 wilde Stiere,
+1004 Hammel, 300 Schweine, 300 Kälber, 3000 Gänse, 3000 Kapaunen, 300
+Ferkel, 100 Pfauen, 200 Kraniche, 200 Ziegenlämmer, 2000 junge Hühner,
+4000 junge Tauben, 4000 Kaninchen, 204 Rohrdommeln, 4000 Enten, 200
+Fasanen, 500 Rebhühner, 4000 Schnepfen, 400 Wasserhühner, 100 große
+Brachvögel und 100 Wachteln, 1000 Reiher, 200 Rehe und 400 Stück
+Rotwild, 1506 Wildbretpasteten, 1400 Schüsseln gebrochenen Gelee, 4000
+Schüsseln ganzen Gelee, 4000 kalte Custards, 2000 warme Custards, 300
+Hechte, 300 Brachsen, 8 Robben, 4 Delphine oder Taumler und 400 Torten.
+- 62 Köche und 515 Küchendiener besorgten die Zubereitung dieser
+Speisen, und bei der Tafel selbst warteten 1000 Diener auf.
+
+Doch kehren wir wieder von der Pfaffenvöllerei zur Pfaffenhurerei
+zurück. - Die Basler Synode (1431-1448) gab sich die nutzlose Mühe,
+ernstliche Verordnungen gegen das Konkubinat zu erlassen; aber zu dem
+einzigen Mittel, demselben ein Ende zu machen, konnte man sich nicht
+entschließen, obgleich sehr angesehene Männer auf der Synode, wie der
+Geheimschreiber und Zeremonienmeister derselben, Clemens Sylvius
+Piccolomini, günstig für die Priesterehe gestimmt waren. Er äußerte: "Es
+gab, wie Ihr wisst, verheiratete Päpste, und auch Petrus, der
+Apostelfürst, hatte eine Frau. Vielleicht dürfte es gut sein, wenn den
+Priestern zu heiraten gestattet wäre, weil viele verheiratete im
+Priestertum ihr Seelenheil befördern würden, welche jetzt ehelos zu
+Grunde gehen."
+
+Große Eiferer gegen das Konkubinat in dieser Zeit waren Bischof Berthold
+von Straßburg und Bischof Stephan von Brandenburg. Der Letztere klagt
+bitter über die Geistlichen in seiner Diözese und sagt, dass sehr viele
+Beischläferinnen hielten und durch ihr liederliches Leben "nicht nur
+gemeine Leute, sondern auch Fürsten und Große" ärgerten.
+
+"Und diese Priester", sagt er auf einer Synode zu Brandenburg, "haben
+eine solche Hurenstirn, dass sie es für eine Kleinigkeit halten, Unzucht
+und Ehebruch zu begehen. Denn wenn aus Schwachheit des Fleisches ihre
+Köchinnen und Mädchen von ihnen oder vielleicht von den anderen
+geschwängert sind, so leugnen sie die Sünde nicht ab, sondern achten es
+sich zur hohen Ehre, die Väter aus so verdammlichem Beischlaf erzeugter
+Kinder zu sein. - Ja, sie laden die benachbarten Geistlichen und Laien
+beiderlei Geschlechts zu Gevattern ein und stellen große Festlichkeiten
+und Freudengelage über die Geburt solcher Kinder an. Verflucht seien
+die, welche durch eigenes Geständnis das kund werden lassen, was sie
+durch Leugnen noch zweifelhaft machen, und so einigermaßen der
+rechtlichen Strafe entgehen könnten!" - Es ist dies ein schönes Pröbchen
+bischöflicher Moral.
+
+Die Regierungen mancher Länder, welche einsahen, dass nur dadurch
+größerem Ärgernis vorgebeugt werde, waren vernünftig genug, das
+Konkubinat der Geistlichen beinahe als rechtmäßige Ehe gelten zu lassen.
+Dies taten zum Beispiel mehrere Regierungen in der Schweiz, und die
+Obrigkeit schützte hier die Konkubinen der Geistlichen und deren Kinder
+gegen die Habsucht der geistlichen Vorgesetzten, indem sie
+Testamentsvermächtnisse für die ersteren als gültig anerkannte.
+
+Zu dem Bischof von Tarent, der Legat des Papstes in der Schweiz war,
+sagte jemand, dass die Nonnen dort tun könnten, was sie wollten, es
+würde nicht untersucht etc., bekämen sie aber Kinder, dann erwarte sie
+ein fürchterlicher finsterer Kerker. Darauf erwiderte der Legat: "Selig
+sind die Unfruchtbaren!"
+
+Doch mit den Klöstern haben wir es noch nicht zu tun, sondern vorläufig
+nur mit den Weltgeistlichen. - Das Konkubinat derselben, selbst wenn es
+gewissermaßen vom Gesetz geschützt war, konnte doch niemals die Ehe
+ersetzen und diente nur dazu, die Geistlichkeit verächtlich und
+lächerlich zu machen. Es lag in der Natur dieses Verhältnisses, dass
+selten Frauen von einigem Wert ein solches eingingen. Kam auch wohl hin
+und wieder ein Fall vor, wo sich ein Mädchen aus Liebe über die
+bestehenden Vorurteile hinwegsetzte, so waren es doch meistens nur
+gemeine Dirnen, welche nur darauf trachteten, die Geistlichen zu
+plündern. "Pfaffengut fließt in Fingerhut", sagt ein altes Sprichwort.
+
+Dieses halbgeduldete Verhältnis konnte niemals ein geachtetes werden und
+bleibt stets eine Entwürdigung. Es kam wohl vor, dass einzelne
+Geistliche ihren Konkubinen alle Achtung zollten, wie sie einer Gattin
+zukommt, allein meistens und besonders von den Gebildeten wurden sie als
+Köchinnen oder sonstige Dienstboten im Haus gehalten. Solche Personen
+wussten nun den erlangten Vorteil trefflich zu ihrem Vorteil zu
+benützen. Sie schämten sich des Verhältnisses nicht, wohl aber der
+gebildetere Geistliche, der ihr Herr war und der sich viel gefallen, ja
+oft ganz und gar unter den Pantoffel bringen ließ, damit nur seine
+menschlichen Schwachheiten nicht unter die Leute gebracht würden; denn
+diese ermangelten nicht, ihre Späße über die "Pfaffenköchinnen"
+anzubringen, und gar mancher Geistliche musste sich still wegschleichen,
+wenn die jungen Burschen sangen:
+
+ Mädchen, wenn du dienen musst,
+ So diene nur den Pfaffen,
+ Kannst den Lohn im Bett verdienen
+ Und darfst nicht viel schaffen.
+
+Viele verdorbene Geistliche waren froh, dass die Ehe sie nicht an eine
+Frau fesselte; sie konnten ihre Lüsternheit nach Abwechslung
+befriedigen, indem sie die Dirne, die ihnen nicht mehr gefiel, wegjagten
+und eine neue nahmen. Solche Konkubinate, die leider sehr häufig
+vorkamen, waren gemeine Hurerei, und dadurch wurde bei den Pfaffen eine
+Gemeinheit und Rohheit erzeugt, die sich besonders in ihrer Denkungsart
+über geschlechtliche Dinge äußerte, wie sie in der Ehe wohl nur selten
+entstehen können.
+
+Solche Pfaffen machten aus ihrer Liederlichkeit gar kein Geheimnis; ja,
+sie rühmten sich derselben, und gleichzeitige, sehr glaubwürdige
+Schriftsteller erzählen, dass bei Fress- und Saufgelagen diese
+"Pfarrfarren" und "Kuttenhengste", wie sie Fischart nennt, mit den
+Bauern Wetten machten, deren Gegenstand so obszön war, dass ich sie gar
+nicht einmal näher andeuten mag, obwohl mir alle Prüderie sehr
+fernliegt.
+
+Ja, diese Pfaffen scheuten sich nicht, ihre unzüchtigen Verhältnisse auf
+der Kanzel zu erwähnen, und oft machten sie diese Ungeschicklichkeit
+dadurch noch schlimmer, dass sie dieselbe mit irgendwelchen rohen Späßen
+würzten.
+
+An den Kirchenweihen wurden von ihnen die wildesten und liederlichsten
+Gelage gefeiert. Alle benachbarten Pfarrer mit ihren Köchinnen besuchten
+den Geistlichen, der sein Kirchweihfest feierte, und dann wurde
+gefressen, gesoffen und andere Liederlichkeiten getrieben.
+
+Als der Bischof von Mainz den Bischof von Merseburg einst besuchte und
+unterwegs bei einem Pfarrer einkehrte, wo eben das Kirchweihfest
+gehalten wurde, begleitete ihn sein Leibarzt, der davon folgende
+ergötzliche Erzählung liefert:
+
+"Der Bischof steigt abe, und nahet zu der Pfarrhe zu, zu seinem
+Handwerk. Nun hatte der Pfarrher zehn ander Pfarren geladen zur
+kirchweyhe, und ein yeglicher hatte eine köchin mit sich gebracht. Do
+sie aber leutte kommen sahen, lauffen die Pfaffen mit den huren alle in
+einen stalle, sich zu verbergen. Indes gehet ein Grafe, der an des
+Bischoffs hofe war, in den Hofe, seinen gefug zu thun, und da er in den
+stall will, darin die hüren und büben geflohen waren, schreyt des
+pfarrers köchin, Nicht Junker, nicht. Es seind böse hunde darinnen, sie
+möchten euch beissen. Er leßt nicht nach, gehet hinein vnd findet einen
+großen hauffen hüren und büben im stalle.
+
+Da der Grafe in die stuben kumpt, hatt man dem Bischoff eyn feyste Ganß
+fürgesetzt zu essen, hebt der Graf an, vnd sag diß geschicht dem
+Bischoff zum Tischmerlein, gen abend, kamen sie gen Merßburg, daselbs
+sagt der Bischoff von Mentz, dies geschicht dem Bischoff von Merßburg.
+Da das der heylig vatter hörete, betrübet er sich nicht vmb das, das die
+Plaffen hüren haben, sondern darumb, daß die Köchin die büben im stalle
+hunde geheißen hätte, vnd spricht, Ach Herre Gott, vergebe es Gott dem
+weibe, das die gesalbten deß Herren hunde geheißen hat. Das hab ich
+darumb erzelet das man sehe, wie wir Deutschen das Sprichwort so
+festhalten, Es ist kein Dörflein so klein, es wird des jars einmal
+kirmeß darinne. Das aber geschrieben stehet, Es kumpt kein hurer im
+Himmel, des achten wir nit."
+
+"Da wir uns nun genug mit der Hurerei beschäftigt haben", heißt es in
+der Predigt, "so wollen wir zum Ehebruch übergehen."
+
+Das Konkubinat war noch am Ende das allerunschuldigste Ergebnis des
+Zölibatsgesetzes. Einen weit verderblicheren Einfluss auf die Moralität
+des Volkes hatten die sonstigen aus demselben entstehenden Folgen.
+
+Man kann es als Regel annehmen, dass es noch immer der bessere Teil der
+Geistlichen war, welcher mit ständigen Konkubinen in einem der Ehe
+ähnlichen Verhältnis lebte. Die echten Pfaffen betrachteten aber die
+Frauen und Töchter der Laien als Wild, auf welches sie Jagd machten und
+welches sie durch alle möglichen niederträchtigen Verführungskünste in
+ihre Netze zu locken trachteten.
+
+Diese Künste mussten einen umso größeren Erfolg haben, als ihr Stand die
+Pfaffen mit den Frauen in häufige Berührung brachte und die Dummheit der
+Männer diesen Verkehr noch erleichterte. Trotz aller Beispiele und
+täglich unter ihren Augen vorgehenden Niederträchtigkeiten wurden die
+Männer nicht klug, denn die Pfaffen wussten sich einen solchen heiligen
+Schein zu geben, dass die Ehetölpel es kaum wagten, auch nur einen
+Verdacht zu haben.
+
+Alle Erzählungen von ihrer Liederlichkeit erklärten die Pfaffen
+natürlich für schamlose Lügen, und war ein Fall einmal gar zu
+offenkundig geworden, dann verboten sie streng, davon zu reden, und
+verwiesen auf das Beispiel des Kaisers Konstantin, der einst einen
+Priester in flagranti ertappte, mit seinem kaiserlichen Mantel zudeckte,
+und prägten ihren Beichtkindern ein, was der fromme Rabanus Maurus sagt:
+"Wenn man einen Geistlichen sähe, die Hand auf dem Busen eines Weibes,
+so müsse man annehmen, dass er sie segne!" - Allerdings befanden sie
+sich nach solchem Segen gar häufig in "gesegneten Umständen"!
+
+Einer derjenigen Schriftsteller früherer Zeit, welche die Schandtaten
+der Pfaffen mit der größten Rücksichtslosigkeit aufdeckten, war Poggio
+Bracciolini, den ich schon früher nannte. Die ganze Kuttenwelt geriet in
+Alarm, und sein berühmter Gönner Cosmo de Medici empfahl ihm die größte
+Vorsicht. Im siebten Kapitel, wo wir über den Missbrauch des
+Beichtstuhls reden, werden einige der von ihm erzählten Fälle mitgeteilt
+werden.
+
+Felix Hemmerlin, gestorben 1457, Chorherr zu Zürich und Zofingen und
+Propst zu Solothurn, schildert besonders die Verdorbenheit der Mönche;
+aber auch von den Weltgeistlichen weiß er manche Dinge zu erzählen, die
+man für ganz unglaublich halten müsste, wenn sie nicht auch noch von
+anderen geachteten, ernsten und wahrheitsliebenden Männern jener Zeit
+bestätigt würden. - Die bestialische Rohheit mancher Pfaffen überstieg
+alle Begriffe. Selbst die Beschlüsse der Konzilien lieferten die Beweise
+davon. Bald wird ihnen durch dieselben verboten, barfuß oder in
+zerrissenen Jacken und Hosen den Gottesdienst zu halten; bald, keine
+obszönen Grimassen am Altar zu machen und keine schmutzigen Lieder zu
+singen.
+
+Dies musste ich vorausschicken, um folgender Geschichte Glauben zu
+verschaffen, die Hemmerlin erzählt: Ein Priester lebte in einem
+unerlaubten Verhältnis mit einer sehr angesehenen Frau. Die Sache wurde
+bekannt, und er wurde gezwungen, von seiner Pfarre zu fliehen. Als er
+verzweiflungsvoll im Wald umherirrte, begegnete ihm ein Mönch, der ihn
+fragte, weshalb er so betrübt umherlaufe. Der Priester erzählte ganz
+treuherzig sein Leiden. Aber der vermeintliche Mönch war der Satan -
+vielleicht auch ein Schalk in einer Kutte - und erwiderte: "Nicht wahr,
+wenn du das böse Glied nicht hättest, dann könntest du in deiner Pfarrei
+sicher wohnen?" - "Allerdings, mein Herr", antwortete der Pfarrer. -
+"Nun, so hebe dein Gewand auf, damit ich es berühre, wie sie es ja auch
+berührt hat, dann kannst du dich ohne Scheu deiner Gemeinde zeigen, und
+es wird in dem Augenblick verschwunden sein." Der Geistliche tat, was
+der Mönch wollte, und rannte dann voller Freude in seine Pfarrei zurück,
+ließ die Glocken läuten, versammelte die Gemeinde und bestieg die
+Kanzel. Voll Zuversicht hob er seine Kleider auf - et mox membrum suum
+abundantius quam prius apparuit.
+
+Sehr lesenswert sind die Schriften von Johann Busch, der Propst der
+regulierten Chorherrn zu Soltau, in der Nähe von Hildesheim, und
+Visitator des Erzbistums Magdeburg war. Er verfolgte mit großem Eifer
+die Priester, welche Konkubinen hielten, und bestrafte sie nicht mit
+Geld, wie sie es bis dahin gewohnt waren, sondern mit kanonischen
+Strafen.
+
+Einst lud er einen Pfarrer samt seiner Konkubine zu sich. Ersteren ließ
+er in das Kloster kommen, aber die Dirne musste draußen bleiben. Auf das
+schärfste befragt, leugnete der Pfarrer standhaft und beteuerte mit
+einem heiligen Eid, dass er ganz keusch mit seiner Magd lebe. Nun ging
+Busch vor die Tür zu dem Mädchen und sagte: "Ich habe gehört, dass du
+bei deinem Herrn zu schlafen pflegst", aber sie leugnete und meinte,
+dass sie nur mit Kühen, Kälbern und Schweinen zu tun habe. Als aber
+Busch sagte, dass ihr Herr bereits gestanden habe, da gestand sie auch,
+und der geistliche Herr hatte falsch geschworen.
+
+Von den Satirendichtern jener Zeit will ich gar nicht einmal reden, denn
+es ist wahrscheinlich, dass sie hin und wieder etwas erfanden, um die
+Pfaffen lächerlich zu machen. Ihre Schriften wurden indes überall mit
+Beifall gelesen, denn alle Welt war über die freche Sittenlosigkeit der
+Pfaffen empört.
+
+Giovanni Francesco Pico, Prinz von Mirandola, der die seltsame
+Unterredung mit Papst Alexander VI. hatte, schilderte in einer Eingabe
+an Papst Leo X. (1513) den Verfall des Klerus und ist besonders darüber
+empört, dass solche Knaben, welche den höheren Geistlichen zur
+Befriedigung ihrer unnatürlichen Wollust gedient, zum Kirchendienste
+erzogen wurden.
+
+Geiler von Kaisersberg (starb 1510) war Lehrer der Theologie zu Freiburg
+und wurde dann Prediger zu Straßburg. Er erklärte einst dem Bischof:
+dass, wenn ein Unkeuscher keine Messe lesen dürfe, er nur die
+Geistlichkeit des ganzen Sprengels suspendieren möge, denn die meisten
+lebten in einem ärgerlichen Konkubinate.
+
+Dieser ebenso sittenreine als gelehrte originelle Mann schilderte in
+seinen trefflichen Predigten die Mönche und Pfaffen nach dem Leben. In
+einer derselben "Vom menschlichen Baum" heißt es: "Soll nämlich die
+Frucht der ehelichen Keuschheit auf den Ästen des Baumes wachsen, so
+hüte dich, sieh dich vor, schäme dich. Zum ersten hüte dich vor den
+Mönchen. Diese Tengerferlin gehen nicht aus den Häusern, sie tragen
+etwas von der Frucht hinweg.
+
+Ja, wie soll ich sie aber erkennen! Zu dem ersten erkenne sie, wenn
+einer in dein Haus kommt, so ketscht er ein kleines Novizlein mit sich,
+es ist kaum eine Faust groß, das bleibt in einem Winkel sitzen, dem gibt
+man einen Apfel, bis die Frau ihn durch das ganze Haus geführt hat.
+
+Zum andern, so siehe seine Hände an, so bringt er Gaben, das schenkt er
+dir, das der Frau, das den Kindern, das der Dienerin.
+
+Das dritte Zeichen ist, wenn er dir unbescheidene Ehre antut. Wenn du
+ein Handwerksmann bist, nennt er dich Junker. - Wenn du ein
+semmelfarbenen Mönch siehst, so zeichne dich mit dem heiligen Kreuze,
+und ist der Mönch schwarz, so ist es der Teufel, ist er weiß, so ist es
+seine Mutter, ist er grau, so hat er mit beiden teil.
+
+Zu dem andern hüte dich vor den Pfaffen, die mache dir nicht geheim,
+besonders die Beichtväter, Leutpriester, Helfer und Kapläne. Ja,
+sprichst du, meine Frau hasset Mönche und Pfaffen, sie schwört, sie habe
+sie nicht lieb. Es ist wahr, sie wirft es so weit weg, dass es einer in
+drei Tagen mit einem Pferd nicht errennen möchte. Glaub ihr nicht, denn
+der Teufel treibt die Frauen, dass sie der geweihten Leut begehren."
+
+Interessante Belege zu der Liederlichkeit der Geistlichen enthalten die
+Schriften der Ärzte. Aus ihnen lernt man die schrecklichen Folgen des
+Zölibats an den Leibern der Pfaffen selbst erkennen. Es war nur ein
+Unglück, dass sie diese weiter mitteilten und auch die Menschen
+körperlich zu Grunde richteten, welche sie bereits geistig elend gemacht
+hatten. Alle Ärzte klagten, dass die Lustseuche, welche deutsche
+Landsknechte aus Frankreich mitgebracht haben sollten, durch die Pfaffen
+auf eine grauenerregende Weise verbreitet wurde.
+
+Vergebens waren alle Ermahnungen zur Mäßigkeit. Gaspar Torella, erster
+Kardinal am Hofe Alexanders VI., Bischof von St. Justa in Sardinien und
+Leibarzt des Papstes, bat die Kardinäle und sämtliche Geistlichen, "doch
+ja nicht des Morgens bald nach der Messe Unzucht zu treiben, sondern des
+Nachmittags, und zwar nach geschehener Verdauung, sonst würden sie ihre
+Sündhaftigkeit mit Abzehrung, Speichelfluss und ähnlichen Krankheiten zu
+büßen haben, und die Kirche würde ja ihrer schönsten Zierden beraubt
+werden".
+
+Einige Ärzte waren sogar boshaft genug, die Besorgnis auszusprechen,
+dass die Geistlichen die Lustseuche auch in den Himmel verpflanzen
+würden; und der Arzt Wendelin Hock forderte den Herzog von Württernberg
+auf, der Liederlichkeit der Pfaffen Einhalt zu tun, da sonst das ganze
+Land verpestet werde. Diese Besorgnis war keineswegs aus der Luft
+gegriffen, denn die venerischen Krankheiten nahmen so überhand, dass man
+in den meisten größeren Städten eigene Spitäler dafür erbaute, welche
+man Franzosenhäuser nannte.
+
+Bartholomäus Montagna, Professor der Heilkunde zu Padua, hatte an den
+Leibern seiner geistlichen Freunde die beste Gelegenheit, die Lustseuche
+zu studieren, und schrieb daher ein Buch, in welchem er einige
+Kardinalkrankheiten schrecklich genug schilderte. Alexander VI. selbst
+hatte fürchterlich zu leiden, und der Kardinalbischof von Segovia, der
+die Aufsicht über die Hurenhäuser zu Rom hatte, widmete ihnen so große
+Sorgsamkeit, dass er darüber sein Leben einbüßte.
+
+Zur Zeit der Reformation kamen unzählige Nichtswürdigkeiten der Pfaffen
+an das Licht. Als Luther anfing, Lärm zu schlagen, da regte es sich von
+allen Seiten, und Schriften gegen die Geistlichkeit erschienen in
+unendlicher Zahl und überschwemmten ganz Europa.
+
+Luther, Melanchthon, Zwingli und andere forderten laut die Erlaubnis zur
+Ehe für die Priester, und Letzterer richtete im Namen vieler Geistlichen
+Schriften an seine Vorgesetzten, die aber alle nichts fruchteten. Aus
+einer derselben will ich nur Folgendes anführen.
+
+Ein Schulmeister, der verheiratet war, hatte Lust, ein Priester zu
+werden, und wurde es mit Einwilligung seiner Frau. Er hatte sich aber zu
+viel zugetraut, indem er dachte, das Keuschheitsgelübde halten zu
+können. Er wehrte sich lange und hätte gern seine Frau wieder zu sich
+genommen; da er aber dies nicht durfte, so hing er sich an eine Dirne,
+verließ den Wohnort seiner Frau, um diese nicht zu kränken, und kam in
+das Bistum Konstanz. Die Frau, welche hörte, dass er eine Haushälterin
+habe, zog ihm nach. Der Mann, welcher sie lieb hatte, schickte die
+Haushälterin weg und nahm seine Frau wieder zu sich, da er meinte, es
+sei dies doch besser, da es ohne "weibliche Pflege" nun einmal nicht
+ginge. Der Generalvikar und die Konsistorialräte teilten aber seine
+Ansicht nicht; sie befahlen ihm bei Verlust seiner Pfründe, seine Frau
+wegzuschicken. Der arme Geistliche erbot sich, dieselbe als Konkubine
+jährlich zu verzinsen; allein, das war umsonst, sie musste fort. Darauf
+nahm er seine fortgeschickte Konkubine wieder zu sich, und alles war in
+bester pfäffischer Ordnung; der Generalvikar hatte nichts dagegen zu
+erinnern!
+
+Der Rat von Zürich gestattete bald nach einer Disputation, in welcher
+Zwingli die Ehe wacker verteidigt hatte, dass sich die Priester
+verheirateten. Mehrere machten sogleich von dieser Erlaubnis Gebrauch
+und verkündeten ihren Entschluss von der Kanzel. Das Volk bezeugte laut
+seinen Beifall, und bei der Trauung eines Priesters in Straßburg, wo man
+bald dem guten Beispiel folgte, rief man im Volk, er habe recht getan,
+und wünschte ihm tausend glückliche Jahre.
+
+Erasmus von Rotterdam, der durch seine Schriften sehr viel beitrug, die
+Macht der Päpste zu untergraben, nannte die Reformation das "lutherische
+Fieber" oder ein Lustspiel, da es mit einer Heirat schließe. Als er
+Luthers Vermählung erfuhr, scherzte er: Es ist ein altes Märlein, dass
+der Antichrist von einem Mönch und einer Nonne kommen soll. Er schrieb
+gleichfalls gegen das Zölibat, meinte aber, dass die Päpste es
+schwerlich abschaffen würden, da ihnen der Hurenzins gar zu gut tue.
+
+Auf der Trientiner Synode, wo all der alte römische Kohl wieder
+aufgewärmt wurde, bestätigte man auch wieder aufs neue das Zölibat und
+erließ die strengsten Befehle gegen das Konkubinat. Aber auch diese
+Beschlüsse halfen nicht viel. In Polen lebten zur Zeit der Reformation
+fast alle Geistlichen in heimlicher Ehe, und viele bekannten sie selbst
+öffentlich. Dieser Zustand änderte sich auch nach der Trientiner Synode
+nicht, und dass das Konkubinat fortbestand, lehren die unzähligen
+späteren Verordnungen dagegen.
+
+In denjenigen Ländern, in welchen die Reformation festen Fuß gefasst
+hatte, waren die Geistlichen freilich darauf bedacht, ihr Schandleben
+vor den Augen der Welt immer mehr zu verbergen; aber wie begreiflich
+wurde damals nichts für die Sittlichkeit gewonnen, sondern diese wurde
+im Gegenteil noch mehr dadurch gefährdet. Die Pfaffen blieben trotz
+aller Konzilienbeschlüsse liebebedürftige Menschen, um die Sache einmal
+recht zart auszudrücken, und da beim unvorsichtigen Genuss harte Strafen
+drohten, so waren sie darauf angewiesen, sich in der Kunst der
+Verstellung und Heuchelei zu vervollkommnen. Das Handwerk des
+Frauenverführers wurde nun jesuitischer betrieben, und das war wahrlich
+kein Gewinn.
+
+In den echt katholischen Ländern genierte man sich indessen weniger, und
+der Kardinal Bellarmin zum Beispiel führte ein Leben, als hätte nie eine
+Reformation stattgefunden. Man erzählt von ihm, dass er 1624 Geliebte
+gehabt und nebenbei zur Sodomiterei noch vier schöne Ziegen gehalten
+habe! Mehr kann man von einem Kardinal billigerweise nicht verlangen.
+
+Im siebzehnten Jahrhundert erschienen noch sehr zahlreiche, die Unzucht
+der Pfaffen betreffende Verordnungen, und da man einmal das Konkubinat
+nicht ausrotten konnte, soviel Mühe man sich auch gab, so bestimmte man
+nun das Alter der Köchinnen und Haushälterinnen auf fünfzig Jahre, und
+trotz dieses Alters, welches gegen das höchst rücksichtslose
+Kinderbekommen sicherte, worauf es hauptsächlich ankam, mussten die
+Pfaffenköchinnen sich einer strengen Prüfung unterwerfen.
+
+Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert werden die Provinzialsynoden
+immer seltener, und dies ist der Grund, weshalb die beständigen
+Erinnerungen an die Keuschheitsgesetze wegfallen, welche nur hin und
+wieder in den bischöflichen Hirtenbriefen eingeschärft werden.
+
+Man hatte eingesehen, dass Pfaffenfleisch sich nicht ertöten lässt, und
+war weit diplomatischer geworden. Anstatt bei Keuschheitsvergehen an die
+große Glocke zu schlagen, vertuschte man sie und suchte den Glauben zu
+verbreiten, als stehe es mit der Keuschheit der Pfaffen sehr gut. Fand
+man eine Erinnerung nötig, so sorgte man auch dafür, dass keine Kunde
+davon unter die Leute kam, und in dem Ausschreiben Joseph Konrads,
+Bischof von Freisingen und Regensburg, an den Regensburger Klerus vom 7.
+Januar 1796 heißt es ausdrücklich: "Übrigens wollen wir, dass von diesen
+Statuten keine Nachricht unter das Volk komme, damit nicht der Klerus
+verachtet und verspottet werde. Wir haben uns auch deswegen der
+lateinischen Sprache bedient, damit für die Ehre des Klerus gesorgt und
+das Volk bei seiner guten Meinung erhalten werde, da einige in demselben
+glauben, es dürfte auch nicht der Verdacht eines schändlichen
+Verbrechens auf die Priester und seine Seelsorger fallen."
+
+Ein Umlaufschreiben des Bischofs Ignaz Albert von Augsburg vom 1. April
+1824 ist im Allgemeinen außerordentlich diplomatisch und umso mehr wird
+man darin von folgender Stelle frappiert: - "Ja, wir wissen es, dass es
+bei einigen Pfarrern schon zur Gewohnheit geworden ist, an Kirchfesten
+und Jahrmärkten mit den Köchinnen zu erscheinen und im Pfarrhaus oder in
+Wirtshäusern einzusprechen und in später Nacht vollgefressen und
+vollgesoffen nach Hause zurückzukehren."
+
+In Spanien stand es mit der Sittlichkeit der Geistlichen in den ersten
+Jahrzehnten dieses Jahrhunderts sehr schlecht, und der Großinquisitor
+Bertram erklärte: dass die ganze Strenge der Inquisition dazu nötig sei,
+um Kleriker und Mönche von Verbrechen zurückzuhalten und zu verhindern,
+dass der Beichtstuhl in ein Bordell umgewandelt werde. - Wie es mit der
+Moralität der Geistlichen in der Schweiz steht, werden wir im nächsten
+Kapitel an einigen Beispielen sehen. - In Südamerika überbieten die
+Pfaffen alle anderen Stände an Liederlichkeit, was dort etwas heißen
+will. In Peru besteht das Konkubinat in voller Blüte.
+
+Wie es mit der Sittlichkeit der römischen Geistlichkeit in Deutschland
+steht, will ich hier nicht erörtern. Leser, die in katholischen
+Distrikten unseres Vaterlandes wohnen, wissen es. Das Zölibat besteht
+noch, und wenn auch die höhere Bildung unseres Zeitalters es nicht
+gestattet, dass die Liederlichkeit der Pfaffen mit derselben frechen
+Unverschämtheit auftritt wie früher, so bleiben die Folgen dieses
+Zölibats doch überall dieselben. Diese Folgen waren es fast ebenso sehr
+wie die Habsucht der Pfaffen, welche die Reformation herbeiführten; und
+wenn das jetzt zusammentretende Konzil über die Mittel beraten sollte,
+die katholische Religion in den schwankenden Ländern zu rehabilitieren,
+so sollte es nicht vergessen, dass die Aufhebung des Zölibats das
+wirksamste sein würde.
+
+
+
+
+Die Möncherei
+
+
+ Im Weltgewühle wohnt
+ Der Sünde freche Fülle
+ In heil'gen Mauern thront
+ Unheiligkeit in Stille
+
+
+Wie das Mönchswesen entstand, habe ich früher angedeutet. Klöster
+stiegen im Mittelalter wie Pilze aus der Erde hervor. Bis zur
+Reformation waren allein 14.993 Bettelmönchklöster errichtet worden!
+Durch die Reformation und die darauf folgenden Kriege gingen in
+Deutschland 800 Klöster zu Grunde, in Sachsen allein 130; aber dessen
+ungeachtet fand Kaiser Joseph II. bei seinem Regierungsantritt noch 1565
+Mönchs- und 604 Nonnenklöster in seinen Staaten. Zur Zeit Luthers belief
+sich die Zahl der Mönche auf 2.465.000 und das stehende Heer der
+Bettelmönche allein auf eine Million!
+
+Es ist fast unmöglich, alle Spielarten dieser Mönche und Nonnen
+aufzuzählen und ich unterlasse es daher, wie Marnix de St. Aldegonde in
+seinem berühmten "Bienenkorb deß heil. Röm. Immenschwarms etc." und
+bemerke nur mit seinen Worten: "Wie etliche in Schneeweis, etliche inn
+kohlschwarz, die anderen in Eselgraw, inn grasgrün, in feuerrodt, in
+himmelblaw, inn bund oder geschecket gekleyd gehn, die eynen eyn helle,
+die andern ein trübe kapp antragen, die eyn Rauchfarb vom Fegefeuer
+geräuchert, die andern von Requiem Todenpleych. Den einen Mönch graw wie
+ein Spatz, den andern hellgraw wie eyn Klosterkatz: Etliche vermengt mit
+schwarz und weis, wie Atzeln, Raupen vnd Läus, die andern Schwefelfarb
+und Wolffsfarb, die Dritten Eschenfarb vnd Holtzfarb, etliche inn vil
+Röcken vber einander, die andern in eyner blosen Kutt: Etliche mit dem
+hemd vberm Rock, die andern ohn ein hemd, oder mit eym pantzerhemd, oder
+härin hemd, oder Sanct Johannes Cameelshaut auf bloser haut: Etliche
+halb, etliche gantz beschoren; etliche bärtig, die andern Unbärtig und
+Ungeberdig: Etliche gehn barhaupt, vil Barfüßig, aber alle miteynander
+müßig: Etliche sind ganz Wüllin, etlich Leinin, etlich Schäfin, etlich
+Schweinin: Etlich füren Juden Ringlein auff der Brust, die andern zwey
+schwerter kreutzweis zum kreutzstreich darauff geschrenkt, die dritten
+ein Crucefix für die Bottenbüchs, die Vierten zwen schlüssel. Die
+fünfften Sternen, die sechsten kräntzlin: die siebenden Spiegel auß dem
+Eulenspiegel, die achten Bischofshut, die Neunten fligel, die Zehenden
+Tuchschären, die eylfften Kelch, die zwölfften Muscheln und Jacobsstäb,
+die Dreizehnden geysseln, die Viertzehenden schilt vnd andre sonst auff
+der Brust seltsam grillen, von Paternostre, Ringen vnd Prillen. Sehet
+da, die Feldzeychen sind schon ausgetheylt, es fälen nur die Federpusch,
+so ziehen sie hin inn Krig gerüst."
+
+Es war dies eine ungeheure Macht, besonders durch ihren Reichtum, zu
+welchem sie durch die Schenkungen frommer Schwachköpfe und durch -
+Betrügereien gelangten. Hatte eine Kirche oder ein Kloster Lust nach
+einem schönen Landstrich, so fand sich bald im Klosterarchiv eine
+vergilbte Pergamenturkunde, ausgestellt von diesem oder jenem Fürsten
+der Vorzeit, welcher den ersehnten Landstrich dem Kloster schenkte. Im
+Kloster St. Medardi zu Soissons war eine förmliche Fabrik von falschen
+Dokumenten. Der Mönch Guernon beichtete auf dem Sterbelager, dass er
+ganz Frankreich durchzogen habe, um für Klöster und Kirchen falsche
+Dokumente zu machen. Da war es denn freilich kein Wunder, dass zur Zeit
+der Revolution das Vermögen der Geistlichkeit in Frankreich auf 3000
+Millionen Franken angeschlagen werden konnte!
+
+Die Pfaffen verschmähen kein Mittel, um reich zu werden, denn sie hatten
+längst erkannt, dass Geld Macht ist, und dann - sie wollten gut leben.
+Ihre Gelübde wussten sie damit trefflich zu vereinigen, und was die
+fanatischen Stifter der Klöster eingerichtet hatten, um dem Wohlleben zu
+steuern, wurde von ihren Nachkommen so gedreht und gewendet, dass es
+ihnen zu einer Quelle des Erwerbs und Wohllebens wurde.
+
+Die Karthäuser zum Beispiel, denen ihre Regel den Genuss des Fleisches
+verbot, kultivierten die Obstbaumzucht und die Fischereien in solchem
+Grade, dass sich von deren Ertrage auch ohne Fleisch sehr luxuriös leben
+ließ. Karthäuserobst ist in der ganzen Welt bekannt. Die Obstbaumschule
+der Karthause in Paris trug jährlich 30.000 Livres ein. Dafür konnte
+denn auch ihr Prior während einer Krankheit für 15.000 Livres
+Hechtbouillon verzehren!
+
+Die Messe war, wie die Mönche lehrten, die einzige Erfrischung für die
+armen Seelen im Fegefeuer, die mächtigste Vogelscheuche für den Teufel,
+und war für 30 Kreuzer zu haben, ja, die Bettelmönche lasen für die
+Hälfte und standen sich umso besser.
+
+Einzelne Klöster wurden außerordentlich reich durch einen Ablass, zu
+welchem ihnen der Papst ein besonderes Privilegium gegeben hatte. Der
+Portiunkula-Ablass brachte den Franziskanern Millionen. - Ein
+Hieronymitenkloster bei Valladolid mit achtzig Mönchen hatte das
+ausschließliche Privilegium, die Kreuzbulle zu verkaufen, was ihm
+jährlich 12.000 Dukaten eintrug.
+
+So gern nun auch die Mönche nahmen, so ungern gaben sie, und jeder, der
+es wagte, sie mit Gewalt dazu zu zwingen, wurde bis in den tiefsten
+Abgrund der Hölle verflucht, wie folgende Formel zeigt, die einer jeden
+Schenkungsurkunde angehängt war: "Sein Name ist vertilgt aus dem Buch
+des Lebens; und alle Plagen Pharaons sollen ihn treffen - der Herr werfe
+ihn aus seinem Eigentum und gebe solches seinen Feinden - sein Teil sei
+bei dem Verräter Judas - bei Dattam und Abiram - seine Äcker werden wie
+Sodom, und Schwefel verderbe sein Haus wie Gomorra, - die Luft schicke
+Legionen Teufel über ihn - er sei verflucht vom Fuß bis zum Haupt, dass
+ihn die Würmer mit Gestank verzehren und seine Eingeweide ausschütte wie
+Judas - sein Leichnam werde verzehrt von den Vögeln und wilden Tieren,
+und sein Gedächtnis von der Erde vertilgt - verflucht alle seine Werke,
+verflucht, wenn er aus- und eingeht, verflucht sei er im Tod wie ein
+Hund, wer ihn begräbt, sei vertilgt. Verflucht die Erde, wo er begraben
+wird, und er bleibe bei den Teufeln und seinen Engeln im höllischen
+Feuer!" - Dabei musste einem Christen des Mittelalters wohl der Appetit
+nach Klostergut vergehen!
+
+Wenn nun auch das Hauptgeschäft der Mönche im Handel mit geistlicher
+Ware bestand, so ließen sie sich doch auch zu dem mit irdischen Dingen
+herab, als die ersten im Kurs zu fallen begannen. Viele Klöster wussten
+sich das Recht zu erwerben, Wein und Bier zu verzapfen und verdienten
+damit viel Geld. In Nürnberg verkaufte eins jährlich 4500 Eimer Bier.
+Jeder Bettler, der in seine Bierstube kam, erhielt einen Pfennig, aber
+das Glas Bier wurde ihm für zehn Pfennig verkauft.
+
+Im Allgemeinen gaben sich die Mönche aber mehr mit dem Trinken als mit
+dem Verkaufen ab, und die Klosterkeller stehen bei allen alten Zechern
+im besten Andenken. Die frommen Väter hatten in ihren Kellern Fässer,
+die größer waren als die Zellen ihrer Vorfahren, der armen Einsiedler.
+
+Als man in Österreich die Klöster aufhob, fand man selbst in
+Nonnenklöstern herrlich versehene Weinkeller. Die Kanonissinnen zu
+Himmelspforten in Wien hatten in dem ihrigen noch 6800 Eimer und Raum
+für das Doppelte. Es gab da einen Gottvaterkeller, Gottsohn- und
+Heiligengeistkeller, einen Muttergottes-, Johannes-, Xaveri- und
+Nepomukkeller. Der allergrößte, der Gottsohnkeller, war leer bis auf ein
+einziges Fass. - Was mag nun erst in Mönchsklöstern für ein Vorrat
+gewesen sein!
+
+Saufen galt bei den alten Rittern als eine Tugend und es war die
+einzige, in welcher sie es einigermaßen weit brachten, worin sie aber
+dennoch im Allgemeinen von den Mönchen übertroffen wurden; einzelne
+Ausnahmen fanden freilich statt, und es kam sogar vor, dass Mönche von
+einem Ritter totgesoffen wurden.
+
+Ein sehr geachteter protestantischer Geistlicher zu Caen in Frankreich
+war angeklagt worden, über die Ohrenbeichte der Katholiken schlecht
+gesprochen zu haben. Die Sache wurde sehr streng untersucht, aber man
+konnte an dem Geistlichen keine Schuld finden und er wurde
+freigesprochen. Der Jubel darüber war in Caen ungeheuer und jeder suchte
+seine Freude auf irgendeine Weise an den Tag zu legen. Dies tat denn
+auch ein Ritter, welcher in einem ziemlich schlechten Ruf stand. Er lud
+zwei Kapuziner ein und "der Wein floss in Strömen". Es begann ein
+Wettsaufen, welches damit endete, dass einer der Mönche mausetot auf dem
+Platz blieb. - Seelenvergnügt ging nun der protestantische Edelmann zu
+dem Geistlichen und sagte: "Er sei über dessen Freisprechung
+außerordentlich erfreut und habe gedacht, dies durch nichts besser an
+den Tag zu legen als dadurch, dass er dieser Freude einen Mönch opferte.
+Eigentlich hätte es ein Jesuit sein sollen; da er diesen aber nicht habe
+bekommen können, so möge der Geistliche diesmal mit einem Kapuziner
+vorlieb nehmen."
+
+Wenn die Klöster nicht selbst stark genug waren, sich zu beschützen, so
+rechnete es sich irgendein Fürst zur Ehre, ihr Schutzherr zu sein, wofür
+ihm dann von den Klosterherren diese oder jene Rechte eingeräumt wurden.
+Aber nicht alle Schutzherren machten davon einen so ernsthaften Gebrauch
+wie der Herzog Julius von Braunschweig. Dieser ließ die Äbtissin von
+Gandersheim, eine geborene von Warberg, die sich mit ihrem
+Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte, nach der Stauffenburg
+abführen und hier (1587) lebendig einmauern!
+
+Meistens brauchten die Klöster keinen Schutz; die Äbte und Prälaten
+waren große Herren, welche Lehnsleute hatten, die ihnen zu allerlei
+Diensten verbunden waren, wie auch Leibeigene. Oft war es bei diesen
+Lehnsleistungen übrigens nur auf einen gnädigen Spaß abgesehen, der
+mitunter sehr mittelalterlich derb war.
+
+Der Lehnsmann eines Klosters zu Bologna musste jährlich dem Abt einen
+Topf mit Reis und einem Huhn darin bringen und diesen Sr. Hochwürden
+unter die Nase halten, denn - er war nur den Dampf davon schuldig.
+
+Ein Bauernhof in Soest in Westfalen hatte die Verpflichtung, dem
+Dominikanerkloster alljährlich ein Ei auf einem vierspännigen Wagen zu
+bringen. - Im Quedlinburgischen mussten Bräute den Herren Pfaffen ihren
+"Stech- oder Bunzengroschen" zahlen und im Paderbornschen eine Bockshaut
+liefern. - Mehreren schwäbischen Klöstern mussten die Bräute einen
+kupfernen Kessel geben, "so groß, dass sie darin sitzen konnten", und
+die Beweisführung war natürlich das Hauptgaudium für die frommen Herren.
+
+Die Gräfin Hidda von Eulenberg ließ sich von den Witwen, die wieder
+heirateten, einen Beutel ohne Naht mit zwei "Schreckenbergern" darin
+liefern, und unfruchtbare Eheleute mussten im Hildesheimschen
+alljährlich, wegen des Abgangs an Taufgeld, damit man mit ihrem
+Unvermögen Geduld habe, einen "Geduldshahn" opfern.
+
+Die Fuchsnatur der Pfaffen offenbarte sich auch in ihrer Lüsternheit
+nach Hühnern und ihre Lehnsleute mussten davon herbeischaffen, soviel
+sie nur immer konnten. Es gab Haupt- und Leibhühner, Rauchhühner,
+Erbzins- und Fastnachtshühner, Pfingst-, Sommer-, Herbst-, Ernten-,
+Wald-, Garten-, Heu- und Ehrenhühner! Audubon hat diese Hühnerarten in
+seiner Naturgeschichte der Vögel vergessen; doch waren sie ja auch nur
+in Europa zu Hause, und Gloger, als er sein treffliches Werk schrieb,
+hätte sich darum bekümmern sollen.
+
+Manche Äbte und Bischöfe unterhielten Heere, wie es Fürsten nicht
+vermochten. Der Bischof Galen von Münster hatte 42.000 Mann Infanterie,
+18.000 Reiter und die schönste Artillerie, und die meisten Klöster waren
+verbunden, ein mehr oder minder bedeutendes Kontingent zu den Truppen
+des Landesbischofs stoßen zu lassen. Als die Reformation und die
+Revolution die Klöster gehörig angezapft hatte, da wurde dies manchem
+schwer genug, und eine Äbtissin schrieb an die Kreisdirektion: "dass sie
+und ihre Kanonissinnen im letzten Krieg so von den Franzosen zugerichtet
+worden, dass sie nicht im Stande seien, auch nur einen halben Mann
+aufsitzen zu lassen."
+
+Ehe wir nun einen Blick in die Klöster tun, wollen wir einmal prüfen,
+welchen Nutzen die Mönche der Welt brachten. Wir werden leider finden,
+dass dieser zu dem Übel, dessen Ursache sie waren, so wenig im
+Verhältnis steht, dass er fast ganz und gar verschwindet.
+
+Die Verteidiger des Mönchswesens machten geltend, dass durch Mönche das
+Christentum in die fernsten Weltteile getragen wurde. Es ist das ein
+sehr zweifelhaftes Verdienst, denn das Mönchs-Christentum brachte mehr
+Fluch als Segen, wohin es auch immer kam, namentlich aber solchen
+Völkern, die unter dem Einfluss eines ewig milden heiteren Himmels sich
+gebildet hatten und für welche das scheußliche Mönchs-Christentum mit
+seinen trübseligen asketischen Ansichten eine moralische Unmöglichkeit
+war. Das erste Kloster wurde 1525, also vier Jahre nach der Eroberung
+von Mexiko, gebaut und 10 Millionen unglücklicher Indianer wurden dem
+blutigen Pfaffengott als Opfer geschlachtet!! Ähnlicher Art waren die
+Wirkungen des durch Mönche verbreiteten Christentums fast überall. Die
+Marianneninseln wurden früher von 150.000 glücklichen Naturkindern
+bewohnt, und im Laufe der Zeit wurden sie durch christliche Krankheiten,
+Trunksucht und das Franziskaner-Evangelium auf 1500 elende, Christen
+genannte Subjekte reduziert.
+
+Um auch dem Teufel zu geben, was ihm gebührt, will ich wenigstens
+bemerken, dass die Jesuiten, welche sich viel mit dem Missionswerk
+beschäftigten, neben dem vielen Schlechten, dessen Urheber sie sind, in
+manchen Gegenden der Erde segensreich wirkten, so dass das Untergehen
+ihrer Missionen zu beklagen ist, wie zum Beispiel in Südamerika, an den
+Ufern des Amazonenstroms und des Orinoko.
+
+Das Missionswesen, wie es von Katholiken und Protestanten betrieben
+wurde und zum Teil noch betrieben wird, ist ein an der Menschheit
+begangenes himmelschreiendes Unrecht, welches ich ein Verbrechen nennen
+würde, wenn ihm nicht, großenteils wenigstens, ehrlich-dummer
+Glaubenseifer zu Grunde läge. Die protestantischen Missionare, besonders
+diejenigen, welche von dem puritanischen England auszogen, haben vor den
+Mönchen nur allein das voraus, dass ihr Fanatismus weniger blutig war.
+Die Bewohner der Freundschaftsinseln lieferten die schlagendste
+Illustration zu dieser Behauptung, die jedem in die Augen fallen muss,
+der die Schilderungen der dort lebenden Indianer vor und nach Einführung
+des Christentums liest. - Männer wie Dr. Livingstone sind unter den
+Missionaren sehr selten. Er und die wenigen ihm gleichgesinnten Männer
+sind ein Segen für die Menschheit; allein ihr geläutertes Christentum
+würde wenige Gnade finden vor den Augen der Inquisition oder selbst vor
+orthodoxen englischen Christen. Ich nenne hier Dr. Livingstone und die
+ihm gleichgesinnten Männer, da es ein bitteres Unrecht sein würde, sie
+in den Tadel einzuschließen, der den größten Teil derjenigen trifft,
+welche sich wie sie "Missionare" nannten und nennen.
+
+Den Mönchen verdanken wir, sagen die Klosterverteidiger weiter, die
+Erhaltung der Kunst und der Wissenschaft, wie auch die der meisten alten
+Klassiker. Daran ist allerdings etwas Wahres, und besonders erwarben
+sich die Benediktiner Verdienste in dieser Beziehung; aber eine andere
+Frage ist es, ob sich nicht ganz ohne Mönche, ja ganz ohne Christentum,
+Künste und Wissenschaften weit frühzeitiger und herrlicher entfaltet
+haben würden.
+
+Die alten Griechen dienen uns noch heute in manchen Zweigen der Kunst
+als unerreichbare Muster und sind jemals die Wissenschaften unter der
+Herrschaft der römischen Kirche so ins Volk gedrungen wie bei ihnen? -
+Alle die herrlichen Resultate, welche sie erzielten, erreichten sie ohne
+Christentum, ohne Mönche, und eine Tatsache ist es, dass die
+Wissenschaften in Europa erst anfingen, recht aufzublühen, als das
+Mönchsleben anfing abzusterben. Ja noch mehr, sind nicht noch heutzutage
+die Heimatländer der Pfaffen und Klöster in Bezug auf Wissenschaften so
+gut wie Null?
+
+In der Malerei, Bildhauerkunst und Baukunst leisteten die Mönche noch
+das meiste; allein, welch krasse Geschmacklosigkeit herrscht nicht in
+den mönchischen Erzeugnissen der erstgenannten Künste. Einige technische
+Fertigkeit mochten sie allenfalls erlangen; aber bei der Komposition der
+Gemälde wie der Skulpturen war ihnen überall ihre Unwissenheit im Wege,
+und sie brachten Dinge hervor, die an Abgeschmacktheit nicht
+ihresgleichen finden. Wer alte Gemälde gesehen hat, besonders solche,
+die aus Mönchshänden hervorgingen, wird mir recht geben.
+
+Von den unendlich vielen Beispielen mönchischer Geschmacklosigkeit und
+Borniertheit, wie sie sich in Gemälden äußert, nur zwei. In Erfurt
+befand - oder befindet sich vielleicht noch - ein Gemälde, welches die
+Transsubstantiation verherrlichen soll. Die vier Evangelisten werfen
+kleine Papierchen in eine Handmühle, und auf den Zetteln liest man die
+Worte: "Das ist mein Leib." Die vier großen Kirchenlehrer halten einen
+Kelch unter, und das Jesulein fährt geschroten aus der Mühle in den
+Kelch.
+
+An einem anderen Ort befindet sich eine Darstellung von dem Opfer
+Abrahams. Isaak kniet kläglich auf dem Holzstoß, und sein Vater setzt
+ihm eine Pistole auf die Brust. Der Hahn ist gespannt, und man sieht,
+der Erzjude will eben abdrücken; man zittert, aber oben in den Wolken
+schwebt schon der Erretter, ein Engel, der so geschickt aus der Höhe
+herunterpisst, dass durch sein heiliges Wasser das Pulver auf der Pfanne
+nass und dadurch Isaak gerettet wird.
+
+Es würde mich zu weit führen, wollte ich den Einfluss des mönchischen
+Christentums auf die Malerei und Kunst überhaupt weiter ausführen; ich
+überlasse das den unbefangenen Fachmännern und begnüge mich damit, auf
+die in den Museen aufgehängten Erzeugnisse hinzuweisen, welche dieser
+Religionsanschauung ihr Dasein verdanken. Es ist gewiss viel relativ
+Herrliches darunter; allein man vergleiche es mit den Werken, die aus
+einer Zeit und von Künstlern stammen, die sich von dem eigentlichen
+römischen Christentum emanzipiert haben.
+
+Den Mönchen verdanken wir auch die Schauspiele, rufen die
+Klosterfreunde. - Nun, auf diesen Ruhm werden die frommen Männer,
+welchen die Schauspiele ein Gräuel sind, eben nicht besonders stolz
+sein; allein die Sache hat ihre Richtigkeit. Unsere Schauspiele gingen
+allmählich aus den sogenannten Mysterien hervor, welche in den Klöstern
+aufgeführt wurden; aber Shakespeare, Lessing, Schiller, Goethe und
+Konsorten, welche die rein christlichen Vorbilder verließen und sich zu
+viel mit den Schauspielen der alten Heiden beschäftigten, haben sie
+vollkommen verpfuscht!
+
+In diesen Klosterschauspielen erreicht die Mönchsdummheit ihren
+Gipfelpunkt, und wer einmal recht von Herzen lachen will, der suche sich
+dergleichen Machwerke zu verschaffen, und wer das nicht kann, der lese
+das vortreffliche Werk von Karl Julius Weber, Die Möncherei . Der
+treffliche Mann ist tot; aber wenn er sich noch um die Erde bekümmern
+sollte, würde er sich gewiss freuen, dass ich in diesem Buch mir seine
+fabelhafte Belesenheit zunutze machte.
+
+Ein Lieblingsthema der Mönche scheint die Schöpfung gewesen zu sein,
+denn sie wurde sehr oft dargestellt, und höchst erbaulich ist es, wenn
+Gott, der im Schlafrock mit Brille und Perücke erscheint, von Adam auf
+den Knien darum gebeten wird - erschaffen zu werden.
+
+In einem dreiaktigen "Passionsspiel", welches 1782 unter dem Titel "Die
+Sündflut" in Ingolstadt aufgeführt wurde, klagt Gottvater über das
+sündige Leben der Menschen:
+
+ Ist das, o Mensch!das Leben dein!
+ Der Henker soll Gottvater sein,
+ Es tut mich bis in Tod verdrießen,
+ dass ich Euch Schweng'l hab' machen müssen.
+
+Neptun und Aölus bieten nun Gott ihre Dienste an, das sündige Geschlecht
+zu vertilgen, und ersterer sagt höchst ärgerlich:
+
+ Tut länger Ihr so barmherzig sein,
+ So schlagens uns noch in d'Fressen 'nein,
+ Ein Exempel müsst Ihr statuieren,
+ Sonst tun's einem noch ins Haus hofieren.
+
+Endlich ist die Arche fertig und zum Abfahren bereit. Der Engel trinkt
+mit Noah eine Flasche Wein; dieser geht endlich in die Arche, der Engel
+schiebt den Riegel vor, und nun geht das Donnerwetter, das Regnen und
+der Sturm los, dass die Menschen in der Luft herumfliegen.
+
+Als endlich die Geschichte zu Ende ist und Noah opfert, spricht Gott:
+
+ Potz Element, was riecht so süß?
+ Das ist zu meiner Ehre gewiss.
+ Zum Zeichen, wie ich dir gewogen,
+ Nimm um den Hals den Regenbogen.
+
+Fama posaunt dies nach allen vier Winden in einer herrlichen Arie aus:
+
+ Das bleibt der Welt nun immer kund,
+ Geschlossen ist der Gnadenbund.
+ Pum, Pum, Pumpidipum, Pum!
+
+In einer Passionskomödie, die in einem schwäbischen Kloster aufgeführt
+wurde, tritt Judas zu den versammelten Pharisäern:
+
+ Judas Gelobt sei Jesus Christ, Ihr lieben Herrn!
+ Phar. In Ewigkeit! Judas, was ist dein Begehr'n?
+ Judas Ich will Euch verraten Jesum Christ,
+ Der für uns am Kreuz gestorben ist.
+
+Größerer Unsinn kann wohl nicht leicht in vier Zeilen gesagt werden!
+
+Besonders stark in derartigen Schauspielen waren die Jesuiten; wenn sie
+sich auch von solchen plumpen Dummheiten frei hielten; so ersetzten sie
+dieselben reichlich durch mehr innerliche. Ein sehr schönes, originelles
+Stück ist des Paters Sautter "Genius der Liebe", und ein Theaterdirektor
+könnte heutzutage sein Glück machen, wenn er diese brillante Oper, mit
+Offenbachscher Musik, auf die Bühne brächte.
+
+Heilige Jungfrauen (aus meinem zweiten Kapitel) bringen dem Genius
+"Gaben der Liebe" in goldenen Schalen. Der Genius singt:
+
+ Genius Nun! was bringt mir, liebe Bräute,
+ Euer Galantismus heute?
+
+ St. Luzia Herr! dir zum süßen Augenschmaus
+ Stach ich mir selbst die Augen aus.
+
+ St. Euphemia Für dich, o Herr, zur Morgengab',
+ Schnitt ich mir Nas' und Lefzen ab.
+
+ St. Apollonia Viel weißer als das Elfenbein
+ Siehst du hier Zähne, Jesus mein!
+
+ St. Magdalena Ich bringe dir zum Opfer dar
+ Meine schöne blonde Haar;
+ Nimm auch von mir verschreiten Musch
+ Den roten und den weißen Tusch.
+
+ Chor Pupillen,
+ Mamillen
+ Und Zähne schneeweiß!
+ Jungfräulich Haar',
+ Nasen und Lefzen und mehr solche War'
+ Steh'n, heilige Liebe, hier alle dir preis!
+
+Die Prozessionen sind auch eine Erfindung der Mönche, und ihr seltsamer
+Geschmack verwandelte sie in die seltsamsten, abenteuerlichsten und
+lächerlichsten Possenspiele. Besonders bunt und toll waren die am
+Karfreitag und am Fronleichnamsfest. Alle Personen aus dem Alten und
+Neuen Testament erschienen in entsprechendem Kostüm - natürlich nach
+mönchischer Anordnung und Angabe - im Zuge. Wie im wilden Heer wirbelte
+der tollste Maskenzug, Menschen und Tiere durcheinander, die Straße
+entlang. Jede Gruppe sang ihr eigenes Lied, und dem Zuschauer wurde ganz
+schwindlig dabei. Nahm er aber nicht andächtig den Hut ab oder
+unterstand er sich gar, über den tollen Spuk zu lachen, dann konnte es
+ihm leicht sehr übel ergehen, denn die Geistlichen ermahnten selbst von
+der Kanzel herab, die Spötter zu züchtigen.
+
+Noch unter Karl Theodor von Bayern predigte der Karmeliter F. Damascenus
+in München: "Liebe Christen, morgen ist Prozession. Ihr werdet da an
+vielen Fenstern Freimaurer und Freidenker sehen, - Unchristen, die
+unsrer spotten. Waffnet Euch mit dem Eifer des Herrn, greifet nach
+Steinen und werfet sie nach ihnen." - Anstatt den Eiferer zu bestrafen,
+ließ ihm Karl Theodor sein Wohlgefallen an seinem Eifer zu erkennen
+geben! -
+
+Diese Prozessionen endeten gar häufig mit Liederlichkeiten und
+Saufereien, wenn sie nicht schon damit begannen. Engel, Apostel und
+Teufel soffen sich gemeinschaftlich voll, und der Bauernlümmel, der
+Christus vorstellte und der gewöhnlich der Dümmste war, kam meistens
+betrunken ans Kreuz und fing an zu extemporieren. Ein solcher Christus,
+den ein nicht ganz klar sehender Ritter Longinus mit der Lanze in der
+Seite kitzelte, anstatt die mit Blut gefüllte Schweinsblase zu treffen,
+schrie ganz erbost: "Hol mich der Teufel, Arm und Bein schlag ich dir
+entzwei, wenn ich herunterkomme!"
+
+Es kamen noch weit unanständigere und lächerliche Szenen bei dieser
+Kreuzigung vor, die ich aber weglassen muss, weil sie zu sehr an die
+Zote streifen. - Wäre ich ein Pfaffe oder ein Frommer, so müsste ich mit
+einem Seufzer meine Augen zum Himmel aufschlagen und an diesen
+"Missbrauch des Heiligsten" meine salbungsvollen Redensarten knüpfen;
+ich mache aber nicht den geringsten Anspruch darauf, von irgend jemand
+für einen "frommen Christen" gehalten zu werden, und muss ehrlich
+gestehen, dass mich diese Sachen weit mehr amüsieren als empören.
+
+Da wir aber nun einmal bei der spaßhaften Seite der Möncherei sind, die
+ich bei der Charakteristik derselben nicht unberücksichtigt lassen
+durfte, so mögen diejenigen Leser, welche sich vielleicht daran ärgern,
+diesen Kelch auf einmal leeren. Ich will es übrigens kurz machen, obwohl
+dieses Thema ein besonderes Buch verdiente.
+
+Wer hätte nicht schon von den berühmten Predigten des Paters Abraham a
+Sancta Clara gehört! Sie sind in einer neuen Auflage zum Amüsement der
+Ketzer erschienen, und ich will mich daher nicht lange bei ihnen
+aufhalten, da sie jedem zugänglich sind.
+
+Diese Predigten, welche oft die originellsten und seltsamsten Vergleiche
+und Wendungen enthalten, hatten seinerzeit auf das Volk eine große
+Wirkung. In seinem Eifer brachte er oft die seltsamsten Dinge vor, wovon
+der Schluss einer Predigt über den Ehebruch als Probe dienen mag: "Ja,
+ja! es gibt so verdorbene Männer, dass sie diesem Laster nachrennen und
+wenn sie zu Hause die schönsten Frauen haben! Wie gern würden wir, was
+uns betrifft, die Stelle dieser Männer vertreten!"
+
+In ähnlicher Art, aber noch derber und oft unflätig, predigte in der
+Mitte des 16. Jahrhunderts der Pater Cornelius Adriansen zu Brügge in
+Flandern, wo er in dem zu jener Zeit herrschenden großen
+Revolutionskrieg eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Er sprach, was
+ihm gerade in den Mund kam, und das war dann häufig sehr derb
+niederländisch.
+
+Einst verglich er des Himmels Süßigkeit mit - Hammelfleisch und weißen
+Rüben, welches Gericht er wahrscheinlich sehr gern aß. Der Rat der Stadt
+konnte es ihm nie recht machen, und er schimpfte über ihn ganz
+öffentlich von der Kanzel, so dass ihm endlich das Predigen untersagt
+wurde. Eine Rede gegen diesen Rat schloss er mit einer neuen
+Beschuldigung und bereitete auf dieselbe mit den Worten vor: "Nun noch
+eine Klette an seinen Hintern!" - Diesen Pater Cornelius werden wir im
+nächsten Kapitel genauer kennenlernen, wenn ich von dem Missbrauch des
+Beichtstuhls rede.
+
+Noch populärer und einflussreicher als Cornelius und Abraham a Sancta
+Clara übte der kurz vor der Revolution in Neapel verstorbene Pater Rocco
+aus. Dieser sagte dem König Ferdinand die derbsten Wahrheiten, und man
+durfte ihn nicht hindern, denn in seiner Hand lag das Schicksal Neapels.
+Alle Lazzaroni zitterten, wenn er den Mund auftat und niemand wagte eine
+Miene zu verziehen, wenn er auch die lächerlichsten Dinge vorbrachte.
+
+Einst jagte er einen Marktschreier von seiner Bühne herab, trat an seine
+Stelle, hielt das Kreuz in die Höhe und rief mit Donnerstimme. "Dies ist
+der wahre Policinello!" Alles zitterte und er hielt den Ehebrecherinnen
+eine furchtbare Strafpredigt über den seltsamen Text: "und Alexanders
+Bucephalus ließ niemand aufsitzen als seinen Herrn und übertraf die
+Menschen an Tugend."
+
+"Ich will sehen," sprach er, "ob eure Sünden Euch leid sind. - Wem es
+mit der Buße Ernst ist, der hebe die Hand in die Höhe." - Alle Hände
+reckten sich in die Höhe. - "Nun, heiliger Michael, der du mit deinem
+Flammenschwert am Thron des Ewigen stehst, haue alle die Hände ab, die
+sich in Heuchelei erheben!" - und alle Hände sanken wie mit einem
+Schlage herunter. Nun aber begann Rocco eine furchtbare Strafpredigt und
+schloss dieselbe mit Erzählung einer Vision oder eines Traumes, in
+welcher er durch eine Abtrittsöffnung tief, tief hinuntergesehen auf
+eine ungeheure Schar von Lazzaronis, die der Teufel sich alle hinten
+hineingesteckt habe in eine Öffnung, die so groß gewesen sei wie der See
+Agnano.
+
+Die römische Kirche zählt unter ihren Mönchspredigern so viele
+originelle Leute, dass ich nur einige wenige anführen kann. - Ein
+Kapuziner hatte sich von einem anderen eine Passionspredigt machen
+lassen; sie schloss: "Und Christus verschied." Dieser Schluss schien dem
+Pater doch gar zu dürftig, und er fügte noch schnell hinzu: "Nun, Gott
+sei dem armen Sünder gnädig!"
+
+Der Liebling des Würzburger Publikums am Ende des vorigen Jahrhunderts
+und einer der größten Feinde der Aufklärung war der achtzigjährige
+Kapuziner Pater Winter. Eine Rosenkranzpredigt schloss er einst mit
+folgender Frage: "Wer sind die Neuerer?" - sehr lange spannende Pause ß
+"Esel sind sie, Amen!"
+
+Ein Franziskaner hielt 1782 bei Einkleidung einer Nonne zu Gmünd eine
+Predigt, die von ganz Deutschland mit vielem Lachen gelesen wurde.
+Besonders komisch ist der Schluss: "Nun, geistliche Braut, seien Sie ein
+junger Affe, der seiner Mutter, der würdigen Frau Oberin, alles nachäfft
+- äffen Sie nach dem alten Affen in Tugenden, Kasteiungen und Bußwerken,
+- äffe nach, du junger Affe, ihre Keuschheit, Demut, Geduld und
+Auferbaulichkeit! - Und Sie, würdige Oberin! gleichen Sie dem alten
+Bären, der ein ungelecktes Stück Fleisch so lange leckt, bis es die
+Gestalt eines jungen Bären hat; - lecke, du alter Bär, gegenwärtiges
+geistliches Stück Fleisch so lange, bis es dir vollkommen ähnlich ist; -
+lecke du auch dein ganzes Konvent, samt allen Kost- und
+Klosterfräuleins! - Lecke, du alter Bär, die sämtliche Familie der
+geistlichen Braut und alle hier in dem Herrn Versammelten; - zuletzt
+lecke auch mich, damit wir alle wohlgeleckt und gereinigt den Gipfel der
+Vollkommenheit erreichen mögen. Amen!"
+
+Eines der originellsten Predigertalente war aber wohl der sogenannte
+Wiesenpater zu Ismaning in Bayern, der vor hundert Jahren lebte. Seine
+Rosenkranzpredigt: "Der heilige Rosenkranz über'waltigt d'Höllenschanz"
+und seine Schwanzpredigt sind höchst komisch. Die Letztere sollte
+bewirken, dass die Bauernburschen sich nicht mehr, wie sie zu tun
+pflegten, Sauschwanz schimpften, sondern beim Namen nannten. In ihr
+kommt folgende Stelle vor: "Warum, meine Christen, ist gewachsen dem
+Hund sein Schwanzerl? Dem Hund sein Schwanzerl ist gewachsen, damit er
+wedle und wackle, dass ihm nicht fahren die Mucken ins Loch. - Wir
+Geistlichen sind aber die wahren Schwanzerl, wir müssen wedeln und
+wackeln, damit nicht fahren die Seelen der gläubigen Christen ins Loch
+des Teufels!"
+
+Wenn nun auch einzelne Spötter über solche Mönchspredigten lachten, so
+waren sie doch von Wirkung auf das Volk und dem Bildungsgrad derselben
+angemessen. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte Luther gewiss
+nicht in derselben Weise gepredigt. Einst predigte er über die letzte
+Posaune: "So geht es in die Feldschlacht; man schlägt die Trommel und
+bläst die Trompete Tara-tan-ta-ra! - man macht ein Feldgeschrei Her!
+Her! Her! - der Hauptmann ruft Hui-Hui-Hui! Bei Sodom und Gomorrha waren
+die Trompete und Posaune Gottes, da ging es
+Pumperlepump-Plitz-Platz-Schein! - Schmier! Denn wenn Gott donnert, so
+lautete es schier wie eine Pauke Pumperlepump - das ist das Feldgeschrei
+und die Taran-tan-tara Gottes, dass der ganze Himmel und alle Luft wird
+gehen Kir-Kir-Pumperlepump!" - Nun denke man sich dazu die Gebärden des
+heftigen Mannes und bewundere die Zuhörer, welche zitterten und bebten
+und nicht lachten!
+
+Von den evangelischen, protestantischen, lutherischen und anderen
+nichtrömischen Predigern hört man auch zuzeiten Unsinn, welcher dem
+vorangeführten nicht viel nachgibt. Ich kannte einen Garnisonsprediger
+Ziehe in Berlin, der sehr häufig in Knittelversen predigte. Meistens
+reden die Herren aber langweilen Unsinn.
+
+Hätten die Mönche weiter nichts getan als schlechte Schauspiele
+aufgeführt und verrückte Predigten gehalten, dann könnte man ihnen ihr
+Dasein allenfalls verzeihen, allein sie übten einen unendlich
+unheilvollen Einfluss dadurch, dass sie sich der Erziehung des Volks
+bemächtigten und über die Schule hinaus demselben Laster einimpften, die
+in den Klostermauern ausgebrütet wurden und in denselben die größten
+Schandtaten und Niederträchtigkeiten hervorbrachten, die in der "Welt"
+sicher sehr selten vorkommen und dann mit den härtesten und
+entehrendsten Strafen, die das Gesetz vorschreibt, bestraft werden.
+
+Wer von den Klostergeistlichen nichts weiter kennt als ihre
+Lächerlichkeiten, der ist gar leicht geneigt, sie für harmlose Dummköpfe
+zu halten; wer aber tiefer in das Klosterleben hineinsieht, der entsetzt
+sich vor der Bosheit und Verworfenheit dieser "frommen" Herren, die in
+echt römisch-katholischen Ländern noch heute den größten Einfluss haben.
+
+Mönche zu Lehrern des Volkes zu machen, ist das schwerste und
+verderblichste Unrecht, welches man an demselben begehen kann und
+unbegreiflich bleibt es, dass die Erfahrungen von Jahrhunderten darüber
+noch nicht genügend aufgeklärt haben und dass in vielen Ländern Europas
+das Schulwesen mit dem Mönchswesen auf das engste verbunden und selbst
+in protestantischen Ländern von der Kirche abhängig gemacht worden ist.
+
+Das pedantische Pennalwesen, welches noch heutzutage selbst in vielen -
+protestantischen Schulen, besonders in England, herrscht, ist die Folge
+der Mönchsschulen, wo die Kinder auf die schauderhafteste Weise
+behandelt wurden.
+
+Man sollte es kaum für möglich halten, dass die preußische Regierung
+noch am Anfang dieses Jahrhunderts den Trappisten, den
+allerwahnsinnigsten Mönchen, die es gab, die Erlaubnis erteilte, zu
+Bieren und Walda im Paderbornischen Schulen zu errichten!
+
+Diese fanatischen, bornierten Mönche übernahmen junge Leute, ja Kinder
+beiderlei Geschlechts von drei bis vier Jahren - zur Erziehung! Der Abt
+reiste überall selbst umher, leichtgläubige Eltern zu verführen, ihm
+ihre armen Kinderchen zu übergeben. Auf diese Weise wurden Hunderte
+dieser unglücklichen Opfer zusammengeschleppt. Es wäre ihnen besser
+gewesen, man hätte sie gleich bei der Geburt erstickt! - Die Mütter
+wären wahnsinnig geworden, hätten sie gesehen, wie die Trappisten mit
+den unschuldigen Kindern umgingen. Die Schilderung, welche ein
+Augenzeuge davon machte, wendet einem nicht ganz gefühllosen Menschen
+das Herz im Leibe herum!
+
+Die Kinder, meistens im Alter von vier bis zehn Jahren, lebten in
+düsteren Zellen, deren ganzes Gerät ein Strohsack, ein Totenkopf, Spaten
+und Hacke war, womit sie ihre Kartoffelfelder bearbeiteten, die sie
+nebst Wasser und Brot nährten. Sie waren gekleidet wie die Trappisten
+und mussten ganz ebenso leben wir ihre Lehrer. Sie durften nicht reden
+und die ganze Anstalt glich einem Taubstummen-Institut. Wenn solch ein
+armes Kind zur Unzeit sprach, lachte, aß oder sonst einen kleinen Fehler
+beging, wurde es bis aufs Blut gegeißelt . Fortwährend Prügel, gewürzt
+durch etwas Latein, das war die ganze Erziehung, denn alle anderen
+Wissenschaften wurden verachtet.
+
+Es konnte nicht ausbleiben, dass viele der Kinder durch die Flucht sich
+dieser barbarischen Behandlung zu entziehen suchten; allein die armen
+Geschöpfe wurden leicht wieder eingefangen, und die fürchterlichsten
+Strafen schreckten von ferneren Fluchtversuchen ab. Klagen konnten die
+Ärmsten niemandem, denn die Eltern durften ihre Kinder nicht sprechen,
+und diese waren bis zum 21. Jahr Eigentum des Klosters!
+
+Die Folge davon war, dass eine große Menge der Kinder krank oder
+wahnsinnig wurden. Es kamen Gerüchte davon unter das Volk, und der
+Ex-Jesuit Le Clerc schrieb öffentlich gegen diese Kindermordanstalt.
+Seine Stimme fand Gehör, und Friedrich Wilhelm III. von Preußen machte
+der Scheußlichkeit ein Ende.
+
+Aber nicht alle Fürsten denken so vernünftig, und wir sehen in anderen
+Staaten Klöster und Klosterschulen in höchster Blüte. Die Mönche
+trachten danach, ihre Schüler zu Mönchen oder doch möglichst
+mönchähnlich zu machen, und in der höchsten Vollkommenheit zeigen sich
+diese Bestrebungen bei der Erziehung der Novizen, weshalb ich einiges
+darüber sagen will.
+
+Climakus spricht: "Es ist besser gegen Gott sündigen als gegen seinen
+Prior." Das erste Gesetz in einem Kloster ist unbedingter Gehorsam, und
+deshalb trachtet man denn auch vor allen Dingen danach, Geist und Körper
+in Fesseln zu legen. Ein Novize darf gar keinen Willen haben; er muss
+auf den Wink der frommen Väter oder des Novizenmeisters aufpassen wie
+ein Pudel in der Dressur. Er muss auf Befehl krank und gesund sein, sich
+in Wasser oder Feuer stürzen und die unsinnigsten Dinge vornehmen, wenn
+sie ihm geheißen werden.
+
+Die Novizen sind die Hofnarren der Patres und müssen sich alle Ausbrüche
+ihrer guten oder bösen Laune gefallen lassen. Diese nehmen mit ihren
+Zöglingen die allerverrücktesten Dinge vor, um sie "an Gehorsam und
+Demut zu gewöhnen".
+
+Die Novizen mussten zum Beispiel manchmal, mit schweren Reitstiefeln
+angetan, auf einem Bein um den Tisch hüpfen oder ein Dutzend Purzelbäume
+schlagen, so gut sie es konnten. Dann wurde ihnen wieder befohlen,
+Fischeier oder Salz in die Erde zu säen, oder man spannte sie an einen
+Wagen und ließ sie einen Strohhalm oder eine Feder spazieren fahren.
+
+Kapuziner haben ihren Novizen Heu und Stroh vorgesetzt oder sie aus
+Sautrögen essen lassen. Ein Vergnügen, welches sie sich oftmals machten,
+war, dass sie auf dem Fußboden einen Strich mit Kreide zogen und nun den
+Novizen befahlen, diesen aufzulecken. Das war an und für sich schon arg
+genug; aber überdies zogen sie den Strich absichtlich über den Speichel,
+womit sie die Dielen zu verzieren pflegten.
+
+Oft ließ man die armen Dulder auch exerzieren. Es wurde ihnen ein alter
+Kessel über den Kopf gestülpt, ein Bratspieß oder ein Flederwisch an die
+Seite gesteckt und eine Bratpfanne als Gewehr über die Schulter gelegt.
+
+Wehe dem Unglücklichen, der es wagte, die Miene zu verziehen oder sich
+gar Worte des Widerspruchs zu erlauben; ihn erwarteten strenge Strafen.
+Wenn ein Novize vielleicht beim Gesang zu früh einfiel oder die Tür zu
+heftig zuwarf, etwas fallen ließ und dergleichen, so war dies eine culpa
+levis, und man strafte ihn damit, dass man ihn, auf den Knien liegend,
+mit ausgestreckten Armen ein langes Gebet sprechen ließ oder indem er
+einen Finger in die Erde steckte, was man Bohnenpflanzen nannte.
+
+Eine culpa media war es, wenn es der Novize unterließ, dem Obern die
+Hand oder den Gürtel zu küssen, oder vergaß, sich vor dem
+Allerheiligsten, wenn es vorbeigetragen wurde, zu verneigen oder wenn er
+ohne Erlaubnis auslief. Für solche Vergehen musste er hungern oder mit
+seinem Gürtel um den Hals an der bloßen Erde essen.
+
+Ging er "ohne geistliche Waffen", das heißt ohne Rock, Skapulier und
+Gürtel zu Bette; besaß er irgend etwas als Eigentum; schrieb er Briefe
+oder opponierte sich gar gegen Obere, dann beging er eine culpa gravis
+und wurde mit entsetzlichen Hieben, Fasten und Einsperrung bestraft.
+
+Eine culpa gravissima aber war es, wenn er einen anderen geschlagen,
+verwundet oder gar getötet oder wenn man den Novizen auf wiederholter
+Unkeuschheit ertappt hatte oder wenn er den Versuch machte, aus dem
+Kloster zu entweichen. Diese Verbrechen wurden nach den Umständen oder
+nach der Laune der Obern mit einjähriger Einsperrung bei Wasser und Brot
+oder auch mit täglicher Geißelung und ewigem Gefängnis bestraft.
+
+Und was für Gefängnisse waren es, in welchen die Ärmsten oft wegen
+geringer Vergehen jahrelang sitzen mussten. Pater Franz Sebastian
+Ammann, der Benediktinerstudent im Kloster Fischingen und dann Guardian
+(Vorsteher) mehrerer Klöster in der Schweiz gewesen war und dem wir die
+interessantesten und abschreckendsten Aufschlüsse über das jetzige
+Klosterleben verdanken, beschreibt auch den im Kapuzinerkloster auf dem
+Wesamlin bei Luzern befindlichen Kerker (Custodie). Er liegt an einem
+feuchten und grauenhaften Ort, ist von dicken Balken aufgeführt, mit
+zwei Türen und einem kleinen stark vergitterten Fenster versehen und
+inwendig ungefähr 12 Fuß lang, 6 breit und ebenso hoch. Da er nicht
+heizbar ist, so hat hier schon mancher durch Kälte und schlechte Nahrung
+sein Leben eingebüßt. Wie mögen nun erst dergleichen Löcher im
+Mittelalter beschaffen gewesen sein.
+
+Die gewöhnliche Beschäftigung der Novizen war sehr dazu geeignet, den
+Menschen in ihnen zum Vieh herabzuwürdigen. Ihre wissenschaftlichen
+Studien bestanden darin, dass sie aszetische Schriften oder das Brevier
+lesen mussten, woraus allerdings sehr viel Weisheit zu holen war! - Dann
+mussten sie sich im Schweigen und im Niederschlagen der Augen, kurz, in
+der Heuchelei üben. Wer zu unrechter Zeit den Mund auftat, musste eine
+Zeitlang ein Pferdegebiss im Mund tragen, und wer seine Augen zu viel
+umherschweifen ließ, erhielt ein Brille oder Scheuklappen.
+
+Ferner war es das Geschäft der Novizen, zu läuten, die Treppen, Gänge,
+ja selbst die Abtritte zu fegen. Wer verschlief, der musste mit der
+Matratze oder mit dem Nachttopf am Hals erscheinen oder im Sarg
+schlafen. - Holz, Licht und Wasser herbeizuholen, gehörte ebenfalls zu
+ihren Verrichtungen, und außerdem mussten sie noch im Chor singen bis
+zur äußersten körperlichen Erschöpfung.
+
+Dabei fehlte es nicht an allerlei Kreuzigungen des Fleisches. Sie
+mussten in der größten Hitze dürsten, bis sie fast verschmachteten; den
+Abspülicht der Geschirre als Suppe essen oder, wenn sie hungrig waren,
+mit jedem Löffel voll Speise eine Leiter hinaufsteigen und durften ihn
+erst dann in den Mund stecken, wenn sie oben angelangt und noch etwas
+darin war.
+
+Zu Meran in Tirol musste 1747 an einem Fest ein Kapuziner-Noviz - er war
+der Sohn eines Grafen - drei Stunden lang gebunden an einem Kreuze
+hängen und fortwährend rufen: "Erbarmen mir großem Sünder!" - Er hatte
+einen Krug zerbrochen! Fischingen, in welchem der oben genannte
+ehemalige Guardian Ammann von seinem siebten bis vierzehnten Jahr war,
+stand in dem Rufe, eines der sittenreinsten und vorzüglichsten Klöster
+der Schweiz zu sein, und welche Nichtswürdigkeiten gingen hier vor!
+
+(Öffnet die Augen, Ihr Klösterverteidiger u.s.w. von F. S. Ammann. 7.
+Aufl. Bern, bei C. A. Jenni Sohn, 1841. Ein höchst lesenswertes
+Schriftchen, welches nur wenige Groschen kostet)
+
+Die liederlichen Patres lebten untereinander wie Hund und Katze und
+einer suchten den anderen auf jede Weise zu schaden. Ammann wurde von
+einem seiner Lehrer so lange mit einem schweren Lineal auf die
+Fingerspitzen geschlagen, bis Blut herausspritzte und die Hände ganz
+dick geschwollen waren. Dann musste er in einem offenen Gange mitten im
+Winter zwei Stunden lang auf dem Ziegelboden sitzen; und warum? - Weil
+er von einem andern Lehrer nichts Böses zu sagen wusste! - Mönche sind
+nur eins in ihrem Hass gegen die Weltgeistlichen, aber diese werden von
+ihnen gründlich gehasst.
+
+Ein von dem ehemaligen Benediktiner zu Rom Raffaeli Cocci, 1846 (bei
+Pierer in Altenburg) veröffentlichtes Buch enthält über die Novizen und
+über die Klosterverhältnisse so entsetzliche Tatsachen, dass sich beim
+Lesen derselben die Haare sträuben. Der Unglückliche wurde durch seine
+von den Geistlichen ganz umgarnten Eltern gezwungen, ins Kloster zu
+gehen und hatte hier Schreckliches zu leiden, bis es ihm endlich 1842
+gelang, nach England zu fliehen, wo er wohl noch lebt.
+
+Interessant ist zu beobachten, wie den Knaben schon von Jugend auf unter
+dem Schleier der Religion der bitterste Hass gegen die Protestanten in
+das Herz gepflanzt wird. Diese, lehrte man, beteten den Mammon als Gott
+an und glaubten nicht an Christus; täglich kämen bei ihnen Fälle vor, wo
+einer den anderen totschlüge; die Römisch-Katholischen, die in ihre
+Länder kommen, würden zum Tode verurteilt; sie hätten keine Gesetze,
+sondern lebten fortwährend in einem anarchischen Zustand.
+
+Wenn ein Novize Vernunft zeigte, dann war es um ihn getan: er hatte die
+entsetzlichsten Qualen zu erdulden. Man wandte die äußersten Mittel an,
+den rebellischen Geist des Knaben durch Einwirkungen auf die Sinne zu
+brechen, was bei vielen zum Wahnsinn führte. Cocci fand einst nach einer
+schrecklichen Predigt in seiner Zelle ein grinsendes Totengerippe und
+ein anderes Mal ein scheußliches Gemälde des Jüngsten Gerichts, welches
+mit vielen Lichtern beleuchtet war. Wenn solche Mittel nicht fruchten
+wollten, dann folgten die grausamsten Geißelungen.
+
+Weiter unten, wenn ich von den Folgen des Zölibats in den Klöstern rede,
+wird sich zeigen, welchen schändlichen Verführungen die unter Leitung
+der Mönche stehenden Knaben ausgesetzt sind, und ein jeder Vater wird
+daraus erkennen können, wie höchst gefährlich es für seine Kinder ist,
+wenn er diese in Klosterschulen unterrichten lässt.
+
+Welche Vorteile kann auch diesen Gefahren für die Sittlichkeit gegenüber
+die Erziehung durch Geistliche gewähren! Der größte Teil derselben,
+mögen sie nun Katholiken, Lutheraner oder Reformierte heißen, sind
+beschränkt und diejenigen, die es nicht sind, müssen so scheinen, da
+ihre Existenz davon abhängt. Die unter ihrer Leitung erzogenen Knaben
+saugen von Jugend auf eine Menge falscher Ansichten und Vorurteile ein,
+die sie dann ihr ganzes Leben lang wie eine Sklavenkette mit sich
+herumschleppen und die ihnen vielfach an ihrem Fortkommen hinderlich
+sind. Man nehme die Erziehung aus den Händen der Geistlichen und trenne
+die Kirche durchaus von der Schule; ehe das nicht geschieht, werden wir
+nicht Männer erziehen, welche den Anforderungen des gegenwärtigen
+Jahrhunderts entsprechen.
+
+Ich erwähnte oben, dass die Novizen für geringe Vergehen grausam
+gegeißelt wurden, und muss einiges über das Geißeln überhaupt sagen, da
+es eine ganz außerordentlich große Rolle in der römischen Kirche und
+besonders in den Klöstern spielt. Ich habe einen ganzen Band über das
+Geißeln geschrieben, und andere haben es vor mir getan, aber dennoch den
+Gegenstand nur oberflächlich behandeln müssen, da er in der Tat zu
+reichhaltig ist, um in einem Band erschöpft werden zu können. Hier muss
+ich mich vollends nur auf wenige und fragmentarische Angaben
+beschränken.
+
+Schon unter den Christen der ersten Jahrhunderte gewann der Gedanke
+Raum, dass es verdienstlich und zur Erlangung der Seligkeit förderlich
+sei, sich Entbehrungen und körperliche Qualen freiwillig aufzuerlegen.
+Der Gedanke lag nahe, sich diese durch selbst erteilte Schläge zu
+verursachen, und wir finden daher schon frühzeitig unter den Christen
+Selbstgeißler, besonders unter den Mönchen. In den Statuten vieler
+Klöster heißt es darüber: "Wenn die Mönche die Geißelung an sich selbst
+ausüben, so sollen sie sich an Christus, ihren liebenswürdigsten Herrn,
+erinnern, wie er an die Säule gebunden und gegeißelt ward, und sollen
+sich bemühen, wenigstens einige geringe von den unaussprechlichen
+Schmerzen und Leiden selbst zu erfahren, welche er erdulden musste." -
+
+Andere Gründe für die Selbstgeißelung waren, dass man dadurch sein
+Gewissen beruhigte, wenn man eine Sünde begangen hatte, und als durch
+die Pfaffen der Glaube aufkam, dass man durch diese oder jene von ihnen
+auferlegte Pönitenz sich entsündigen könne, so lag der Gedanke nahe,
+dass dies durch selbst gegebene Schläge geschehen könne. Ein weiterer
+Grund dafür war auch der, dass man dadurch die "Anfechtungen des
+Fleisches" besiegen wollte.
+
+Allmählich wurde die freiwillige Geißelung als Bußmittel immer
+beliebter. Es bildeten sich besondere Gebräuche dabei und das Verhältnis
+zwischen Sünde und Hiebe wurde festgestellt. Besondere Bußbücher
+bestimmten, durch welche Strafen gewisse Sünden gebüßt werden könnten.
+Geißelhiebe wurden gleichsam die Scheidemünze der Buße besonders für
+diejenigen, welche der römischen Kirche keine anderen Münzen zahlen
+konnten.
+
+In der Mitte des 11. Jahrhunderts gab es in Italien einige Männer,
+welche im Selbstgeißeln Unerhörtes leisteten. Sie geißelten sich nicht
+nur für ihre Sünden, sondern übernahmen auch die Buße für die Sünden
+anderer.
+
+Von den vielen Geißelhelden will ich nur den berühmtesten anführen. Es
+war dies der Mönch Dominikus der Gepanzerte, welchen Namen er erhielt,
+weil er beständig, außer wenn er sich geißelte, einen eisernen Panzer
+auf dem bloßen Leibe trug, Petrus de Damiani, der Kardinalbischof von
+Ostia, war Abt des Benediktinerklosters zu Fonte-Avallana, in welchem
+Dominikus lebte. Er erzählt:
+
+"Kaum vergeht ein Tag, ohne dass er mit Geißelbesen in beiden Händen
+zwei Psalter hindurch seinen nackten Leib schlägt, und dieses in den
+gewöhnlichen Zeiten, denn in den Fasten oder wenn er eine Buße zu
+vollbringen hat (oft hat er eine Buße von hundert Jahren übernommen),
+vollendet er häufig unter Geißelschlägen wenigstens drei Psalter. Eine
+Buße von hundert Jahren wird aber, wie wir von ihm selbst gelernt haben,
+so erfüllt: Da dreitausend Geißelschläge nach unserer Regel ein Jahr
+Buße ausmachen und, wie es oft erprobt ist, bei dem Hersingen von zehn
+Psalmen hundert Hiebe stattfinden, so ergeben sich für die Disziplin
+eines Psalters fünf Jahre Buße, und wer zwanzig Psalter mit der
+Disziplin *) absingt, kann überzeugt sein, hundert Jahre Buße vollbracht
+zu haben. Doch übertrifft auch darin unser Dominikus die meisten, da er
+als ein wahrer Schmerzenssohn, da andere mit einer Hand die Disziplin
+ausüben, mit beiden Händen unermüdet die Lüste des widerspenstigen
+Fleisches bekämpft. Jene Buße von hundert Jahren vollendete er aber, wie
+er mir selbst gestanden hat, ganz bequem in sechs Tagen." - Er gab sich
+also nach dem angegebenen Maßstab (3000 für ein Jahr) während dieser
+sechs Tage 300.000 Hiebe. Er musste sich also täglich sieben Stunden
+geißeln und in jeder Sekunde zwei Hiebe geben, was angeht, da er sich
+mit beiden Händen geißelte.
+
+---- *) Ursprünglich bedeutet dieses Wort alle Strafen und Züchtigungen;
+als aber die Disziplin durch Geißeln über jede andere Art den Preis
+davontrug, wurde das Wort Disziplin der technische Ausdruck, womit man
+diese Art Züchtigungen bezeichnete, und endlich nannte man selbst das
+Instrument, welches zum Schlagen gebraucht wurde, die Disziplin. ----
+
+Welchen Anblick mag der Körper dieses Geißelhelden dargeboten haben,
+denn schon beim achten Psalter war das Gesicht zerschlagen, voller
+Striemen und blau und braun. Der Körper Dominikus', erzählt Damiani mit
+Stolz, habe ausgesehen wie die Kräuter, welche der Apotheker zu einer
+Ptisane zerstoßen habe!
+
+Es entstand unter den Frommen Streit darüber, ob man sich beim Geißeln
+entkleiden solle oder nicht, und ferner, ob Schläge auf Rücken und
+Schultern oder auf den Hintern der Gesundheit weniger nachteilig oder
+dem Himmel angenehmer seien. Die ganze geißelnde Welt teilte sich in
+zwei Parteien; die eine zog die obere Disziplin vor (disciplina supra,
+oder im besten Mönchslatein secundum supra), die andere die untere
+Disziplin (disciplina deorsum, secundum sub.). Die Gegner der unteren
+Disziplin sagen, sie verstoße gegen die Schamhaftigkeit, und der Abbé
+Boileau sagt in seinem berühmten Werk darüber: "Der hl. Gregorius von
+Nyssa lobt in seiner kanonischen Epistel den Gebrauch, die toten Körper
+zu vergraben, welches man seiner Meinung nach tue, damit die Schande der
+menschlichen Natur nicht dem Sonnenlicht ausgesetzt werde. - Aber ist es
+bei der verdorbenen Natur nicht weit schamloser und niederträchtiger,
+beim Lichte der Sonne die Lenden junger Mädchen und ihre, obwohl der
+Religion geweihten, nichtsdestoweniger wunderschönen Schenkel zu zeigen
+als einen bloßen und entstellten Leichnam?"
+
+Trotzdem fand die untere Disziplin bei den Frauen den meisten Beifall,
+und die medizinischen Gründe des gelehrten Abbé Boileau, die ich
+hierhersetze, machten wenig Eindruck; - im Gegenteil.
+
+"Wenn man ein Übel flieht", sagt der Abbé, "so muss man wohl achtgeben,
+dass man nicht unklugerweise in das entgegengesetzte rennt und dass man,
+nach dem lateinischen Sprichwort, um die Szylla zu vermeiden, nicht in
+die Charybdis gerät. Wenigstens ist die Geißelung der Lenden umso viel
+gefährlicher, als die Krankheiten des Geistes mehr zu fürchten sind als
+die des Körpers. Die Anatomen bemerken, dass die Lenden sich bis zu den
+drei äußeren Muskeln der Hinterbecken erstrecken, dem großen, dem
+mittleren und dem kleinen, so dass darin drei Zwischenmuskeln enthalten
+sind oder ein einzelner, welchen man den dreiköpfigen Muskel nennt oder
+den triceps, weil er an drei Orten des os pubis beginnt, an dem oberen
+Teil nämlich, an dem mittleren und dem inneren. Hieraus folgt nun ganz
+notwendig, dass, wenn die Lendenmuskeln mit Ruten- oder Peitschenhieben
+getroffen werden, die Lebensgeister mit Heftigkeit gegen das os pubis
+zurückgestoßen werden und unkeusche Bewegungen erregen. Diese Eindrücke
+gehen sogleich in das Gehirn über, malen hier lebhafte Bilder verbotener
+Freuden, bezaubern durch ihre trügerischen Reize den Verstand, und die
+Keuschheit liegt in den letzten Zügen.
+
+Man kann nicht daran zweifeln, dass die Natur auf dieselbe Weise
+verfährt, weil es außer den Nierenblut-, Samen- und Fettadern (veines
+emulgentes, spermatiques et adipeuses) noch zwei andere gibt, welche man
+Lendenadern nennt und die sich zwischen dem Rückgrat, zu beiden Seiten
+des Rückenmarkes, befinden und vom Gehirn einen Teil der
+Samenbestandteile herführen, so dass diese durch die Heftigkeit der
+Peitschenhiebe erhitzte Materie sich in die Teile stürzt, welche zur
+Fortpflanzung dienen und durch den Kitzel und den Stoß des os pubis zur
+rohen fleischlichen Lust anreizen."
+
+Diese hier erwähnten Folgen der untern Disziplin - die wir Müttern zur
+Beachtung empfehlen - waren entweder ihren Anhängern nicht bekannt oder
+wurden von ihnen nicht gefürchtet, indem sie es, so künstlich zu
+fleischlicher Lust aufgeregt, vielleicht für umso verdienstlicher
+hielten, ihr "Fleisch" zu besiegen. Wie die Herren Jesuiten auf diese
+Wirkung spekulierten, werden wir im letzten Kapitel sehen.
+
+Die Kirche wollte lange Zeit hindurch das Geißeln nicht als eine
+Notwendigkeit anerkennen; allein die Gegner desselben unterlagen, und
+das Selbstgeißeln sowohl als das Geißeln als Strafe wurde allgemein und
+mit einem Fanatismus betrieben, der in unserer Zeit völlig unbegreiflich
+ist. Der heilige Antonius von Padua kann die Geißelmode nicht genug
+loben; aber der heilige Franziskus nennt ihn ein "Rindvieh", und ich
+will dem Heiligen umso weniger widersprechen, als dieses heilige
+Rindvieh der Urheber der Geißelprozessionen *) wurde, aus denen die
+Geißlerbrüderschaften hervorgingen, die Jahrzehnte hindurch eine große
+Rolle in der römischen Kirche spielten.
+
+---- *) Wer sich über den römisch-katholischen Wahnsinn näher
+unterrichten will, lese "Die christlichen Geißlergesellschaften" von Dr.
+G. G. Förstemann, oder l'Histoire des Flagelans von Thiers, oder den
+zweiten Teil der Histr. Denkmale des christl. Fanatismus, die Geißler,
+von Corvin. ----
+
+Das Geißeln fand unter den frommen Frauen besonders viele Anhänger und
+wurde in den Nonnenklöstern besonders mit Leidenschaft getrieben. Über
+den Grund will ich mir weiter keine Untersuchungen gestatten, sondern
+nur den Verdacht aussprechen, dass der triceps und das os pubis mehr mit
+dieser Leidenschaft zu tun hatten als die Religion und als die armen
+Frauen selbst ahnten.
+
+Die Karmeliter hatten eine ziemlich vernünftige Regel, bis sie unter die
+Herrschaft der heiligen Therese kamen; dieselbe, welche den Mönchen
+buchstäblich die Hosen auszog und diese ihren Nonnen anzog. In den
+Regeln, die sie gab, spielte die Selbstgeißelung eine Hauptrolle.
+Während der Fasten besonders geißelten sich manche ihrer Mönche und
+Nonnen drei- bis viermal täglich, ja sogar während der Nacht.
+
+Das Kloster zu Pastrana war eine freiwillige Marteranstalt. Eine Zelle
+war gleichsam das Geißelzeughaus. Hier waren alle nur möglichen
+Geißelinstrumente angehäuft, und jeder Novize hatte das Recht, sich
+dasjenige Folterwerkzeug auszusuchen, welches ihm für seine Buße am
+passendsten schien. - Eine beliebte Art der Selbstquälerei war das
+sogenannte Ecce homo. Sie wurde gewöhnlich in Gesellschaft vorgenommen.
+Die bußbedürftigen Brüder stellten sich im Refektorium auf. Einer trat
+nun aus der Reihe heraus. Er war nackt bis zum Gürtel und sein Gesicht
+mit Asche bedeckt. Unter dem linken Arm schleppte er ein schweres
+hölzernes Kreuz und auf dem Kopf trug er eine Dornenkrone, in der
+rechten Hand hatte er eine Geißel. So ging er mehrmals im Refektorium
+auf und nieder, peitschte sich fortwährend und sagte mit kläglicher
+Stimme einige besonders zu dieser Gelegenheit verfasste Gebete her. -
+War er fertig, dann folgten die andern Brüder.
+
+Der Karmeliterorden hat berühmte Geißelhelden und -heldinnen
+hervorgebracht, und ich erinnere nur an die heilige Therese und an die
+heilige Katharina von Cardone, von denen ich schon im Kapitel von den
+Heiligen weitläufiger gesprochen habe. Die Letztere brauchte zum Geißeln
+Ketten mit Häkchen oder eine gewöhnliche Geißel, in welche sie Nadeln
+und Nägel steckte oder sie mit Dornenzweigen durchflochten hatte. Mit
+solchen grässlichen Werkzeugen geißelte sie sich oft zwei bis drei
+Stunden lang.
+
+Maria Magdalena von Pazzi, eine Karmeliternonne zu Florenz, erlangte
+durch ihre Selbstquälerei und mehr noch durch die Folgen derselben einen
+hohen Ruf. Sie war 1566 in Florenz geboren und die Tochter angesehener
+Eltern. Schon als Kind hatte sie eine Leidenschaft für das Geißeln, und
+als sie siebzehn Jahre alt war, nahm sie den Schleier. Es war ihre
+größte Freude, wenn die Priorin ihr die Hände auf den Rücken binden ließ
+und sie in Gegenwart sämtlicher Schwestern mit eigener Hand auf die
+bloßen Lenden geißelte.
+
+Diese schon von Jugend auf vorgenommenen Geißelungen hatten ihr
+Nervensystem ganz und gar zerrüttet, und keine Heilige hat so häufig
+Entzückungen gehabt. Während derselben hatte sie es besonders mit der
+Liebe zu tun und schwatzte darüber das wunderlichste Zeug. Der
+himmlische Bräutigam erschien ihr sehr häufig, und sie sah ihn in allen
+möglichen Lagen. Einst blieb sie, das Kruzifix in der Hand, sechzehn
+Stunden lang in Betrachtungen über das Leiden Christi versunken und sah
+im Geiste eine der Martern nach der anderen, welche er erduldet hatte.
+Dieser Anblick rührte sie so sehr, dass sie Ströme von Tränen vergoss
+und ihr Bette davon so nass wurde, als ob es in Wasser getaucht worden
+wäre. Dann fiel sie in Ohnmacht, blass wie der Tod, und blieb eine lange
+Zeit ohne Bewegung liegen.
+
+In diese Entzückungen verfiel sie gewöhnlich, nachdem sie das Abendmahl
+genommen hatte oder wenn sie sich in die Betrachtung eines heiligen
+Ausspruchs vertiefte. Besonders geschah das, wenn sie über ihren
+Lieblingstext nachdachte; dieser war: Und das Wort ward Fleisch. Einst
+geriet sie dabei in eine Verzückung, welche von abends fünf Uhr bis zum
+anderen Morgen dauerte. Während derselben rief sie plötzlich aus: "Das
+ewige Wort ist in dem Schoße des Vaters unermesslich groß; aber in
+Mariens Schoß ist es nur ein Pünktchen. - Deine Größe ist unergründlich
+und Deine Weisheit unerforschlich, mein süßer, liebenswürdiger Jesus!"
+
+Das innere Feuer drohte- sie zu verzehren, und häufig schrie sie: "Es
+ist genug, mein Jesus! Entflamme nicht stärker diese Flamme, die mich
+verzehrt! - Nicht diese Todesart ist es, die sich die Braut des
+gekreuzigten Gottes wünscht; sie ist mit allzu vielen Vergnügungen und
+Seligkeiten verbunden!"
+
+So steigerte sich ihr Zustand von einer Stufe des Wahnsinns zur anderen,
+und endlich bildete sie sich ein, förmlich mit Christus vermählt zu sein
+und sowohl von ihm wie von ihrem Schwiegervater und dessen Adjutanten,
+dem Heiligen Geist, Visiten zu erhalten. Die Hysterie erreichte den
+höchsten Grad, und "der Geist der Unreinheit" blies ihr die
+wollüstigsten und üppigsten Phantasien ein, so dass sie mehrmals nahe
+daran war, ihre Keuschheit zu verlieren. Aber die Qualen, denen sie sich
+nach solchen Versuchungen unterzog, waren entsetzlich. Sie ging in den
+Holzstall, band einen Haufen Dornengesträuch los und wälzte sich so
+lange darauf, bis sie am ganzen Körper blutete und der Teufel der
+Unzucht sie verlassen hatte. So ging es fort, bis endlich der
+barmherzige Tod ihren Qualen ein Ende machte. Die arme Wahnsinnige wurde
+natürlich heilig gesprochen.
+
+Die unendlich vielen Abarten des Zisterzienserordens haben sich im
+Punkte des Selbstgeißelns sehr ausgezeichnet, allein von ihnen keine so
+sehr wie die Trappisten. Sogar Mönche nannten den Stifter dieses
+Klosters zu La Trappe den "Scharfrichter der Religiösen". Der Orden war
+durch die Revolution sehr herabgekommen, aber Karl X. nahm ihn unter
+seinen besonderen Schutz, und von 1814-1827 zählte man in Frankreich
+nicht weniger als 600 Nonnenklöster dieses Ordens. Die Geißel war hier
+an der Tagesordnung, und Mademoiselle Adelaide de Bourbon, die
+Beschützerin dieser Klöster, wie auch die alternde Frau von Genslis,
+geißelten sich von Zeit zu Zeit mit den Nonnen in frommer Andacht.
+
+Die Krone der Zisterzienser ist aber die hochgepriesene Mutter Passidea
+von Siena, von der ich schon früher erzählte, dass sie es für
+verdienstlich hielt, sich wie einen Schinken in den Rauch zu hängen. Im
+Geißeln leistete sie Dinge, welche selbst Dominikus den Gepanzerten mit
+Neid erfüllt haben würden. Die natürliche Folge des unmäßigen Geißelns
+war ebenfalls ein dem Wahnsinn nahekommender Zustand, in welchem ihr
+Christus erschien. Das Blut floss aus seinen Wunden, er streckte ihr die
+Arme entgegen und rief mit zärtlicher Stimme: "Schmecke, meine Tochter,
+schmecke!" -
+
+Elisabeth von Genton geriet durch das Geißeln förmlich in bacchantische
+Wut, was aber die Pfaffen heilige Verzückung nannten. Am meisten raste
+sie, wenn sie, durch ungewöhnliche Geißelung aufgeregt, mit Gott
+vereinigt zu sein glaubte, den sie sich als einen schönen nackten Mann
+und in beständigem Bräutigamstaumel mit seiner irdischen Geliebten
+dachte. Dieser Zustand des Entzückens war so überschwänglich beglückend,
+dass sie häufig in den Ausruf ausbrach: "O Gott! o Liebe, o unendliche
+Liebe! o Liebe! o Ihr Kreaturen, rufet doch alle mit mir: Liebe! Liebe!"
+-
+
+Ich könnte die Zahl solcher Beispiele unendlich vermehren: allein, ich
+halte es für überflüssig, da die Wirkungen so ziemlich überall dieselben
+waren.
+
+Dass das Geißeln unter den Strafen die Hauptrolle spielte, kann man sich
+nach dem Gesagten wohl denken. Die Klosterregel der Heiligen Therese ist
+so reichlich mit Geißelverordnungen gespickt, dass manches Kloster,
+welches derselben folgte, ein eigenes Magazin für Ruten haben musste.
+
+Die beschuhten oder graduierten Karmeliter, die sich viel mit dem
+Studieren beschäftigten und deshalb einige Vorrechte genossen, erhielten
+dennoch trotz ihrer Gelehrsamkeit bei den kleinsten Vergehen Prügel. Am
+allerhärtesten wurden aber die Vergehen mit hübschen Klosterfrauen
+bestraft, besonders ein mit denselben begangenes Verbrechen, welches
+zwar nicht genannt, aber in dem Orden sehr häufig vorgekommen sein muss.
+Schon auf den bloßen Verdacht hin, dasselbe begangen zu haben, wurde ein
+Mönch, ohne Hoffnung auf Milderung oder Barmherzigkeit zu haben, mit
+ewigem Gefängnis bestraft, und zwar: um dort erbärmlich gequält zu
+werden, wie der Beisatz in den Statuten lautet.
+
+Nicht so streng scheint man indessen dergleichen Vergehen genommen zu
+haben, wenn sie mit nichtgeistlichen Frauen begangen wurden, und die
+Mönche trugen Sorge, dass solche in der Nähe waren. Besonders scheinen
+die Weiber der Klosterdiener, die in den Wirtschaftsgebäuden, der
+sogenannten Vorstadt, wohnten, eine große Anziehungskraft für die
+heiligen Väter gehabt zu haben, und einen besonderen Wert hatten
+diejenigen Weiber, welche keine Kinder bekamen oder in der
+Klostersprache "steriles" (Unfruchtbare) waren. - Der bekannte
+Schriftsteller Karl Julius Weber wohnte einst einer Unterhaltung bei,
+welche ein Domherr mit seiner Köchin hatte, die von ihm einen höheren
+Lohn forderte. Der Domherr wollte nicht einsehen, warum sie mehr
+verlange als eine andere; allein sie machte ihre Vorzüge geltend und
+rief mit Selbstgefühl: "Ja, ich bin aber auch eine Sterelise!"
+
+Der Orden von Fontevrauld war ein kurioser Orden. In dem Kloster lebten
+Mönche und Nonnen zusammen, die oft beieinander schlafen mussten, um
+Versuchungen gewaltsamerweise und einzig zu dem Zwecke herbeizuführen,
+sie desto glorreicher zu überwinden. Die Regel dieses Ordens fand so
+viele Liebhaberinnen, dass nicht selten zwei- bis dreitausend Nonnen im
+Kloster waren. Da die Schwangerschaften gar zu häufig vorkamen, musste
+die Zucht etwas strenger eingerichtet werden.
+
+Dieses Kloster zu Fontevrauld oder Eberardsbrunnen hatte fünfzig
+Mönchsklöster unter sich. Besonders zahlreich war aber die Zahl der
+Novizen im Stammhaus, und meistens führten hier fürstliche oder andere
+vornehme Damen das Regiment, denn dieser Orden hatte das Eigentümliche,
+dass hier das männliche Geschlecht dem weiblichen untergeben war.
+
+Das Geißeln an einem jungen Frater oder Novizen war für die Damen ein
+Hauptvergnügen und wurde höchsteigenhändig vollzogen und am liebsten der
+"unteren Disziplin" der Vorzug gegeben. Oft ließen sich beide Teile -
+Mönche und Nonnen - zusammen disziplinieren; die Nonnen vom Beichtvater
+und die Mönche von der Äbtissin.
+
+Die verbesserten Regeln des Zisterzienserordens waren besonders beim
+weiblichen Geschlecht mit dem Geißeln sehr freigebig. War eine Nonne
+gestorben, dann mussten die Schwestern sich noch viele Wochen lang zum
+Heil der Seele der Toten den Hintern zerhauen. Dies Geißeln zum Heil der
+armen im Fegefeuer schwitzenden Seelen fand in vielen Nonnenklöstern
+statt, und auch in Leyden, wie uns der gelehrte aber etwas derbe Marnix
+Herr von St. Aedegonde in seinem "Bienenkorb" folgendermaßen erzählt:
+
+"Noch vber alle dise heylsame hülffmittel, haben die liebe andächtige
+Schwestern zu Leyden in Holland, vnd in allen Regularissenklöstern, noch
+etwas gefunden, das sehr artig ist. Den zwischen Remigy und aller
+Heyligentag, nachdem man die Vigilien von neun Lektionen sehr andächtig
+hat gesungen, so geht jhre Frau Mater inn eyn finster Kellerlein, mit
+eyner Ruten inn der hand, ynnd da kommen die Schwesterlein, eyne vor,
+die ander nach, mit dem hintern bloshaupts, ja etliche auch wol gantz
+Mutternackend, vnnd legen sich für sie, vnnd empfangen die selige
+Disziplin oder züchtigung für die Seelen im Fegfeuer. Dann als manchmal
+sie zehen streich empfangen, so manche Seelen fliegen knapp in schnapps
+dem Himmel zu, wie die Küe in eyn Mäusloch. Ist das nicht köstlich Ding,
+mit Nonnenärssen die Seelen aufplasen? Ei der kräfftigen Nonnenfürz,
+welche so feine Blaßbälg inns Fegfeuer geben! Ich denk, die andern
+Nonnen, Beginen vnnd Schwestern werdens jnen auch nach thun müssen, vnnd
+solls allein wolstandshalben geschehen; auch das es der Pater oftmals
+thun muss, wann kein Mater vorhanden ist; denn malet schon der Müller
+mit bei tag, so versiehts doch die Müllerin bei nacht."
+
+Sebastian Ammann, der Ex-Prior der Kapuziner, den ich schon früher
+erwähnte, gibt eine Beschreibung davon, wie die Geißelung noch in
+gegenwärtiger Zeit in den Kapuzinerklöstern angewandt wird. Ich führe es
+hier nur an, damit die Leser nicht glauben, dass, was ich erzählte, nur
+dem "finsteren Mittelalter" angehöre.
+
+"Die Geißel ist ein Instrument, aus Eisendraht geflochten, ungefähr vier
+Schuh lang; ein Teil davon, den man beim Schlagen um die Hand windet,
+ist einfach, derjenige aber, mit dem man auf den Leib schlägt, fünffach
+geflochten und an den fünf Enden gewöhnlich mit eisernen Zacken
+versehen. Die Geißelung geschieht bei den Kapuzinern auf zweierlei Art.
+Im Chor nachts bei der Mette heben sie die Kutten auf und klopfen sich
+auf den bloßen Steiß, bis der Obere ein Zeichen zum Aufhören gibt. Da
+sie keine Hosen tragen, so geht die Szene schnell auf das Kommando vor
+sich. In dem Speisezimmer, wo die Geißelung am hellen Tage im Angesicht
+aller Konventualen vor sich geht, pflegt sie auf folgende Weise zu
+geschehen. Derjenige, welchem die Strafe zuteil wird, muss, bevor er zu
+Tische geht, das wollene Hemd (Schweißblätz) und die leinene Schürze
+(Mutande), die unter der Kutte getragen werden, ausziehen und so mit den
+anderen sich zum Tischgebet einstellen. Nach diesem gehen alle übrigen
+zu Tisch; der Sträfling aber wirft sich auf die Knie, legt die Geißel
+vor sich hin auf den Boden, fasst mit beiden Händen die Kapuze und zieht
+sich die Kutte über den Kopf aus, legt dieselbe vor seine Brust hin, so
+dass der vordere Leib bedeckt, der hintere aber ganz nackt ist. In
+dieser Lage hält er mit der linken Hand die Kutte und in der rechten die
+Geißel.
+
+Auf ein Zeichen, das ihm der Obere gibt, beginnt er laut Bußpsalmen, das
+Miserere, De profundis und lateinische Gebete zu sprechen und schlägt
+sich so lange auf den nackten Rücken über die Achseln, bis der Obere
+zufrieden ist und das Zeichen zum Aufhören gibt. Zwickt sich der
+Pönitent mit der Geißel nicht heftig genug, so lässt ihn der Guardian
+länger beten und zuschlagen. - Wer noch nicht alles Schamgefühl verloren
+hat wie ergraute Kapuziner, der unterzieht sich dieser Operation gewiss
+ungern. Dass diese schamlose Handlung Anlass zu der naturwidrigsten
+Unzucht gegeben hat, könnte ich jedem mannigfach beweisen, der daran
+zweifeln sollte." -
+
+Die Folgen des Zölibats zeigten sich bei den Mönchen auf eine noch
+widerlichere Weise als bei den Weltgeistlichen, die durch ihren Verkehr
+mit den Menschen doch noch Gelegenheit fanden, den mächtigen
+Geschlechtstrieb auf natürliche Weise zu befriedigen. Die strenge Zucht
+in vielen Klöstern erschwerte dies aber den Mönchen sehr, und so nahmen
+denn bei ihnen die unnatürlichen Laster auf eine schaudererregende Weise
+überhand. Die zahlreichen Verbote, keine weiblichen Tiere in
+Mönchsklöstern und keine Schoßhündchen in Nonnenklöstern zu leiden,
+sprachen laut genug dafür, welche Wege der unterdrückte Geschlechtstrieb
+aufsuchte.
+
+Das asketische Leben, die schwächende Diät und der häufige Genuss der
+Fische wie auch das Geißeln trugen sehr viel dazu bei, den
+"Fleischesteufel" mehr gegen die Mönche als gegen andere Menschenkinder
+aufzureizen; und ich sehe eigentlich nicht ein, warum nicht statt des
+Zölibatsgesetzes ein anderes gegeben wurde, welches alle Knaben, die
+sich dem Klosterleben widmeten, zur Kastration verurteilt. Dann würden
+sie Ruhe haben und nicht durch fleischliche Anfechtungen in ihren
+frommen Betrachtungen gestört werden und das Familienleben durch ihre
+Unsittlichkeit verpesten.
+
+Übrigens ist der Gedanke kein Originalgedanke; es gab schon längst vor
+mir Leute, welche ihn praktisch ausführten. Der Ritter Bressant de la
+Rouveraye, empört über die skandalöse Prozession, welche zur Feier der
+Bluthochzeit in Rom veranstaltet wurde, gelobte, alle Mönche zu
+kombabisieren, die ihm in die Hände fielen. Wie ein Indianer die Skalpe
+seiner Feinde, so trug der grimmige Ritter die für die Erfüllung seines
+Gelübdes zeugenden Trophäen an seinem Wehrgehänge. - Iphauer Bauern,
+welche das Kloster Birkling in der Grafschaft Kastell zerstörten, nahmen
+an den erwischten Mönchen dieselbe Operation vor.
+
+Die in den Klöstern herrschende Sittenlosigkeit übertrifft die kühnste
+Phantasie. Um die Folgen derselben zu verbergen, wurden sehr häufig die
+Mittelchen der Klosterapotheke in Anspruch genommen, und manches
+gefallene Mädchen blieb durch ihre Hilfe in den Augen der Welt eine
+reine Jungfer; aber auch mancher Ehemann verschwand durch sie.
+
+Ammann kennt einen Pater, der einem Mädchen in Rapperswyl, das von ihm
+schwanger gewesen sein soll, einen Trank zum Abtreiben gab. Der
+Vorgesetzte war genau davon unterrichtet; aber er hielt es "zur Ehre der
+Geistlichkeit" nicht für angemessen, davon viel Aufhebens zu machen.
+
+Mönche und Nonnen lebten in der innigsten Vertraulichkeit und schienen
+der Ansicht, dass sie nur dazu geschaffen wären, sich einander zu
+ergänzen. Bebel wollte ein Nonnenkloster kennen, in welchem nur eine
+keusche Nonne gewesen, - die nämlich noch kein Kind gehabt hatte.
+
+Das Kinderbekommen war die Schattenseite des Nonnenlebens, aber die
+frommen Vestalinnen wussten sich zu helfen. Das Mittel war sehr einfach,
+"zur Ehre der Geistlichkeit" wahrscheinlich brachten sie die Kinder um.
+Bei Abbrechung des Klosters Mariakron fand man "in den heimlichen
+Gemächern und sonst - Kinderköpfe, auch ganze Körperlein versteckt und
+vergraben", und der Bischof Ullrich von Augsburg erzählt, dass Gregor
+I., der auch sehr für das Zölibat eingenommen gewesen, davon
+zurückgekommen sei, als einst aus einem Klosterteiche sechstausend
+Kinderköpfe herausgefischt wurden. Das Wort des Bischofs mag für diese
+fast unglaublich klingende Tatsache bürgen.
+
+Als Kaiser Joseph II. diese Wiedehopfnester ausnahm, fragte er einen
+Prior: "Wie stark sind sie?" - "Zweihundert, Ew. Majestät." - "Wie?" -
+"Ja, Ew. Majestät, wir haben aber auch vier Nonnenklöster zu versehen."
+- Der Kaiser drehte dem offenherzigen Prior den Rücken zu, um sein
+Lachen zu verbergen.
+
+Die Äbtissinnen waren aber auch für ihre Freunde, die Mönche, auf das
+liebevollste besorgt. Kranke Nonnen wurden nicht aufgenommen, ja nicht
+einmal solche, welche einen übelriechenden Atem hatten. Was dieser der
+Heiligkeit für Hindernisse in den Weg legen soll, kann ich nicht wohl
+begreifen; allein für die Unheiligkeit ist er höchst unbequem und bei
+Eheleuten, wenn ich nicht irre, in manchen Ländern ein Grund zur
+Scheidung.
+
+Nichts ist possierlicher - erzählt der Ex-Prior Ammann - als wenn sich
+die Nonnen die körperlichen Gebrechen ihrer geliebten Patres vorwerfen.
+Dies erinnert an andere keineswegs der Keuschheit geweihten Häuser, und
+viele Geschichtsschreiber aus der Zeit der päpstlichen "babylonischen
+Gefangenschaft" sagen auch wirklich geradezu: "Von Nonnen kann man aus
+Scham gar nicht sprechen; ihre Klöster sind Hurenhäuser, und ein
+Mädchen, das den Schleier nimmt, tut dasselbe, als ob sie sich für eine
+Hure erkläre."
+
+Schon die Synode zu Rouen (um 650) sah sich genötigt, das Gesetz zu
+erlassen: dass Nonnen, die mit Geistlichen oder Laien Unzucht getrieben,
+durchgeprügelt und ins Gefängnis geworfen werden sollten.
+
+Robert von Abrissel, der Stifter des oben erwähnten Klosters von
+Fontevrauld, ein sehr heiliger Mann, brachte die Nächte bei Nonnen zu,
+um seine Stärke zu prüfen in der Tugend der Enthaltsamkeit. Sehr
+vernünftig war es von ihm, dass er sich zu dieser Probe nur die
+allerschönsten Nonnen aussuchte. Siegte er, dann war sein Sieg umso
+verdienstlicher, und unterlag er, nun, dann lohnte es doch auch der
+Mühe.
+
+Bebel, den ich schon mehrmals nannte, ist sehr reich an spaßhaften
+Anekdoten von Mönchen und Nonnen. Zwei mögen hier einen Platz finden.
+
+Ein Mönch, der in einem Nonnenkloster einkehrte, wurde von den Nonnen
+auf das freundlichste aufgenommen und bewirtet. Er sprach so viel von
+Tugendsinn, Gottesfurcht und Züchtigung, dass ihn die Nonnen für ein
+Muster der Enthaltsamkeit hielten und ihm sogar in ihrem eigenen
+Schlafsaal ein Bett anwiesen.
+
+Mitten in der Nacht fing der Mönch plötzlich an zu schreien: Ich mag
+nicht! Ich mag nicht! Man kann sich denken, wie die Nönnchen die Ohren
+spitzten und wie eifrig sie herbeiliefen, um sich nach der Ursache des
+sehr verdächtig klingenden Ausrufs zu erkundigen.
+
+Der Schalk erzählte ihnen nun, dass ihm eine Stimme vom Himmel befohlen
+habe, sich zu der jüngsten Nonne ins Bett zu legen, denn sie beide wären
+dazu ausersehen, einen Bischof hervorzubringen; er aber wolle nicht.
+
+Die frommen Nonnen waren hocherfreut, wussten ihn zum Gehorsam gegen
+Gottes Stimme zu bekehren und führten ihn endlich an das Bett der
+glücklichen Schwester. Als diese einiges Bedenken fand, erklärten sich
+sogleich alle übrigen bereit, ihre Stelle zu vertreten, so dass sie sich
+bestimmen ließ und den Mönch zu sich nahm. -
+
+Das Resultat war aber - eine Tochter! Diese konnte freilich nicht
+Bischof werden; und als man den Mönch zur Rede stellte, schob er den
+missratenen Bischof darauf, dass die Nonne nicht freiwillig gekommen
+wäre.
+
+Einen ähnlichen Streich spielte den Nonnen der Pförtner ihres Klosters,
+welcher den sonderbaren Namen Omnis mundus führte. Während einer Nacht
+kroch er in die Feueresse und brüllte durch ein großes Rohr in den Kamin
+ihres Schlafsaals: "O Ihr Nonnen, hört das Wort Gottes!" Die Nonnen
+zitterten und zagten; als sie aber in der nächsten Nacht wieder dieselbe
+Stimme hörten, fielen sie alle nieder, denn sie meinten, ein Engel
+spräche zu ihnen, und sangen: "O Engel Gottes, verkünde uns deinen
+Willen!"
+
+Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten; sie lautete: "Haec est
+voluntas Domini ut Omnis mundus inclinet vel suppont vos!" - Was
+bedeutet dieser Orakelspruch? fragten sich die Nonnen und kamen bald
+dahin überein, dass der Pförtner Omnis mundus bei ihnen schlafe, woraus
+wohl ein Bischof oder gar ein Papst entstehen sollte.
+
+Der schlaue Pförtner wurde gerufen. Er fügte sich, und die Äbtissin,
+welche zuerst mit ihm allein blieb, sang beim Hinausgehen: "Wie freut
+mich das, was mir gesagt worden ist." - Nun kam die Priorin an die
+Reihe. Diese sang: "Herr Gott, dich loben wir!" Die dritte Schwester:
+"Der Gerechte wird sich im Herrn freuen", und die vierte: "Lasset uns
+alle fröhlich sein."
+
+Aber nun hatte das Latein des Pförtners ein Ende, und als er davonlief,
+schrien ihm die übrigen Nonnen nach: "Wann erhalten wir denn nun den
+Ablass!" (Die Einführung der erzwungenen Priesterehelosigkeit usw. von
+Theiner, Bd. 2, S. 108.)
+
+Aber nicht immer kam ein reisender Mönch, der angenehme Offenbarungen
+hatte, und nicht jedes Kloster besaß einen brauchbaren Pförtner; aber
+das Verlangen war da und wollte befriedigt sein. Viele behalfen sich so
+gut es ging; aber was wollte das sagen? Einige verliebten sich in Jesus
+und schwärmten so lange für ihn, bis sie sich wirklich einbildeten oder
+träumten, Besuche von ihm zu empfangen.
+
+Die Nonne Armelle glaubte wirklich in der Seitenwunde Christi zu wohnen,
+und Maria de la Coque erhielt gar von ihm die Erlaubnis, ihr Herz in das
+seinige zu legen. Dann bekam sie es wieder; aber Christus riet ihr, wenn
+sie von der Operation Seitenstechen empfinde, sich zur Ader zu lassen.
+
+Andere, die nicht so schwärmerisch waren, beschäftigten sich in ihren
+Gedanken fortwährend mit Männern, und als Abraham a St. Clara einst in
+einem Nonnenkloster die Beichte hörte, gestanden ihm fast alle Nonnen,
+dass sie von Hosen geträumt hätten. - Der fromme Pater war nicht wenig
+ergrimmt. "Was! Ihr wollt Bräute Christi sein?" fuhr er sie an.
+"Christus hatte keine Hosen; ist euer Bräutigam ohne Hosen, und Ihr
+denkt und träumt von Hosen? - Geht hin in das ewige Feuer, da werdet ihr
+Hosen sehen, glühende, feurige Hosen, die Ihr werdet angreifen und damit
+spielen müssen" usw.
+
+Neben ihren Träumereien von Männern, Hosen und dergleichen
+phantastischen Dingen verliebten sich die armen Nönnchen in Ermangelung
+anderer Liebesgegenstände ineinander. Grecourt erzählt ein Geschichtchen
+von zwei Nonnen, die ihre Reize bewundern und in ihrer Unschuld mit dem
+Rosenkranz messen:
+
+ - Eh bon Dieu! dit Sophie,
+ Qui l'aurait cru? Vous l'avez, chère amie,
+ Plus grand que moi d'un Ave Marie!
+
+Die Nonnen waren überhaupt ein seltsames Völkchen und der Mangel an
+Männern brachte bei ihnen neben den beklagenswerten auch oft höchst
+komische Wirkungen hervor.
+
+In einem flandrischen Kloster fing plötzlich eine Nonne an, in ihrem
+Bett höchst befremdliche Bewegungen zu machen. Das hätte am Ende nichts
+zu bedeuten gehabt: aber die Sache wurde ansteckend, und bald arbeiteten
+die Nonnen sämtlich des Nachts so heftig, dass die Bettstellen knackten.
+Das sonderbare Übel pflanzte sich in andere Klöster fort und machte so
+großes Aufsehen, dass die Geistlichkeit amtlich einschritt und mit
+Weihkessel und Wedel in die Klöster einrückte, um die Teufel aus den
+Nonnen auszutreiben. Ob sie "die Teufel - à la Boccaccio - in die Hölle
+schickten", davon meldet die Chronik nichts.
+
+Im 15. Jahrhundert bekam eine deutsche Nonne den Einfall, eine andere zu
+beißen. Dieser gefiel der Spaß, und sie biss wieder eine andere, bis das
+Beißen förmlich epidemisch wurde und sich mit rasender Schnelligkeit von
+einem Nonnenkloster zum anderen verbreitete. Bald bissen sich alle
+Klosterkätzchen von der Ostsee bis nach Rom!
+
+In einem französischen Kloster wurde es unter den Nonnen Mode, wie die
+Katzen zu miauen, und die Sache nahm so überhand, dass es viel Skandal
+gab. Alle Verbote fruchteten nichts, und das Miauen wurde immer ärger.
+Endlich erhielt eine Kompanie Soldaten den Befehl, diesen Katzenteufel
+zu bannen, in ein Kloster zu rücken und eine der Klosterkätzchen nach
+der anderen über die Knie zu legen und mit Ruten zu bearbeiten, bis
+ihnen das Miauen verginge. Es verging ihnen aber schon von der bloßen
+Furcht, und die Exekution wurde überflüssig.
+
+Diese Nonnen, besonders wenn sie alt und garstig wurden, konnten aber
+wahre Teufel sein, und ihr ganzer Hass traf die jungen und hübschen
+Schwestern. Diese wurden mit Argusaugen bewacht, und wehe ihnen, wenn
+sie auf dem Umgang mit einem Manne ertappt wurden. Dann vergaßen jene
+ihre eigene Jugend und begingen die empörendsten Grausamkeiten. Von den
+unzähligen Beispielen will ich nur einige anführen.
+
+Im Kloster Wattum verliebte sich eine Nonne in einen Mönch. Solch Liebe
+war selten platonisch, und diese war es auch nicht, denn die Nonne
+fühlte sich schwanger. Sie verbarg ihre Lage, solange es irgend angehen
+wollte, dann aber entdeckte sie sich ihren Mitschwestern. Das hatte ihr
+ein böser Geist geraten, denn diese stürzten über sie her und
+überhäuften sie mit Schmähungen und Schimpfworten. Einige riefen, die
+Verbrecherin zu schinden oder zu verbrennen; andere wollten, dass sie
+auf glühende Kohlen gelegt werde!
+
+Nachdem sich der erste Sturm gelegt hatte, ließen die erfahreneren
+Nonnen sie in ein Gefängnis werfen und fesseln. Hier musste sie bei Brot
+und Wasser unter fortwährenden Misshandlungen liegen. Dem Mönche war es
+gelungen, zu entfliehen.
+
+Als die Stunde der Niederkunft heranrückte, bat das arme Geschöpf
+flehentlich, man möge sie aus dem Kloster entlassen, denn ihr Geliebter
+habe ihr versprochen, sie mitzunehmen. Die Nonnen lockten ihr nun nach
+und nach heraus, dass der Mönch sie auf erhaltene Nachricht an einer
+bestimmten Stelle in der Nacht und in weltlichen Kleidern erwarten
+würde.
+
+Diese Entdeckung war den Megären willkommen! Ein handfester Pater,
+begleitet von einigen andern, begab sich, gehörig verschleiert und mit
+einem Knittel versehen, an den bezeichneten Ort. Der Mönch wurde
+ergriffen und im Triumph ins Kloster geschleppt. Hier erwartete ihn
+seine Geliebte und ein grässliches Schicksal! Das arme Weib wurde von
+den Nonnen gezwungen, ihren Geliebten zu entmannen! Dann wurde die
+Unglückliche wieder in das Gefängnis geschleppt.
+
+Das arme gequälte Geschöpf schlief hier einst vom Fasten und Weinen
+ermattet ein und träumte, oder glaubte zu träumen, dass ein Bischof mit
+zwei Weibern zu ihr komme, und dass die letzten bald darauf mit ihrem in
+glänzende Windeln gehüllten Kind davongingen. Als sie wieder zu sich
+kam, fühlte sie sich ihrer Bürde entledigt. Die Nonnen untersuchten
+hierauf ihre Brüste, ihren ganzen Leib, berührten und drückten alle
+Teile desselben und fanden ihn weder irgendwo verletzt, noch eine Spur
+von Ermordung des Kindes. Die Geschichte wurde nun für ein Wunder
+erklärt und als solches im Kloster bis auf späte Zeiten für den
+Neugierigen erzählt. Dies trug sich in der Mitte des 12. Jahrhunderts in
+England zu.
+
+Doch wir brauchen nicht so weit zurückzugehen, denn noch weit ärgere
+Schändlichkeiten wurden von den Nonnen in neuerer Zeit begangen.
+
+Am Ende des vorigen Jahrhunderts wurden in einem deutschen Staate die
+Klöster aufgehoben. Der mit der Regulierung dieser Angelegenheit
+beauftragte Kommissarius hatte die Nonnen eines Karmeliterklosters
+aufgefordert, dasselbe zu verlassen. Da seinem Befehl nicht Folge
+geleistet wurde, so begab er sich selbst in das Kloster und wiederholte
+der Äbtissin und ihren geistlichen Töchtern den fürstlichen Befehl.
+Zugleich ließ er sich die nötigen Nachweisungen und auch das
+Personenverzeichnis geben. In diesem waren einundzwanzig Nonnen
+angegeben; als er aber die Versammelten mit den Augen zählend überlief,
+konnte er immer nur zwanzig herausbekommen. Er zählte noch einmal -
+dasselbe Resultat.
+
+Um sich unnütze Mühe zu ersparen, rief er die Personen namentlich auf;
+die Nonne Alberta fehlte. Auf die Frage des Kommissars, warum diese
+nicht anwesend sei, konnte er deutlich bemerken, dass sämtliche Nonnen
+in große Verlegenheit gerieten und die Äbtissin mit dem Beichtvater sehr
+seltsame Blicke wechselte. Dies veranlasste ihn, ernstlich auf das
+persönliche Erscheinen der Nonne zu dringen.
+
+Die Äbtissin hatte sich unterdessen gefasst. Sie sagte, dass der
+gegenwärtige Zustand der Nonne Alberta ihr persönliches Erscheinen
+unmöglich mache, da sie gefährlich krank sei. Der Kommissar, der nun
+einmal misstrauisch gemacht war und irgendeine Nichtswürdigkeit
+vermutete, drang darauf, zur Kranken geführt zu werden, denn er wollte
+sie sehen. Nach vielen Ausflüchten rückte die Äbtissin endlich mit dem
+Geständnis heraus, dass die Abwesende in so hohem Grade wahnsinnig sei,
+dass sie gewiss niemanden erkennen und ein Besuch ganz nutzlos sein
+würde.
+
+Das ganze eigentümliche und befremdende Benehmen der Nonnen, die blass
+waren wie ein Tuch und so zitterten, dass sie sich kaum auf den Füßen
+halten konnten, veranlasste den Regierungsbeamten, nach den näheren
+Umständen der Krankheit zu forschen, und so erfuhr er denn, dass der
+gegenwärtige Klosterarzt gar nichts von dem Wahnsinn der Nonne wisse.
+Sein Vorgänger habe die Krankheit für unheilbar erklärt, und zur Wahrung
+der Ehre des Klosters habe man die Sache geheimgehalten. Seit acht
+Jahren befinde sich die Nonne Alberta in einem beklagenswerten Zustand.
+Näheren Aufschluss wollte ihm niemand geben. Der Regierungsbeamte hielt
+es jedoch für seine Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen, und nach
+ernstlichen Drohungen ließen sich endlich zwei Nonnen dazu bewegen, ihn
+zu Alberta zu führen.
+
+Sie leiteten ihn treppauf treppab durch eine Menge schmaler Gänge in
+eine Art von Hintergebäude, bis sie endlich wieder vor einer Treppe
+stehenblieben. Der Kommissar wollte hinaufgehen, aber die Nonnen sagten
+ihm, dass hier die Wohnung der Nonne Alberta sei. Er entdeckte jedoch
+nichts, was nur entfernt einem Aufenthaltsort für Menschen ähnlich sah,
+und war starr vor Erstaunen, als die Nonnen auf einen Bretterverschlag
+unter der Treppe wiesen, in welchem sich selbst ein Hund elend gefühlt
+haben würde.
+
+Aus diesem Verschlage trat ein großes, bleichgelbes Mädchen von etwa
+fünfunddreißig Jahren hervor, mit bloßen Füßen und mit halbverfaulten
+Lumpen nur notdürftig bekleidet. Die langen schwarzen Haare flatterten
+unordentlich um ihren Kopf, und aus ihren tiefen Augenhöhlen blitzte in
+unheimlicher Glut ein dunkles Augenpaar, dessen Feuer weder Leiden noch
+Tränen hatten erlöschen können.
+
+Die ganze Erscheinung erweckte das tiefste Mitleid. Mit herzzerreißendem
+Gewimmer warf sich das arme Geschöpf dem Kommissar zu Füßen, umklammerte
+seine Knie und bat, sie doch nicht wieder so entsetzlich zu geißeln. Als
+sie aber die teilnehmende Miene des tief erschütterten Mannes sah, bat
+sie um Rettung und Befreiung.
+
+Ihre Reden waren abgerissen und verwirrt, und man sah, dass die langen
+Leiden den Geist dieses kräftigen Mädchens gestört hatten. Sie wurde
+sogleich in das Refektorium gebracht, wohin sie nur ungern folgte, denn
+der Anblick ihrer weiblichen Henker konnte sie nicht ermutigen. - Der
+Kommissar befahl sogleich, dass ihr reinliche Kleidung und ein gutes
+Bett gegeben würden, und verließ am anderen Tage in der heftigsten
+Entrüstung das Kloster, nachdem er die Nonnen mit den schwersten Strafen
+für die geringste Misshandlung der Alberta bedroht hatte.
+
+Bald darauf begab sich der Vizepräsident des damaligen Landeskollegiums,
+Graf Th . . ., mit dem Kommissar in das Kloster. Die Lage des armen
+Mädchens hatte sich aber leider wieder verändert und der Wahnsinn die
+Oberhand gewonnen. Sie sprach ohne Zusammenhang und gebrauchte eine
+Menge unflätiger Worte. Die Oberin und die Nonnen konnten ihre hämische
+Schadenfreude nicht unterdrücken. Der Präsident, der dies bemerkte,
+hielt den entarteten Weibsbildern eine Predigt, wie sie dieselbe wohl
+noch niemals von einem ihrer gefälligen Patres gehört haben mochten und
+die deshalb auch einen tiefen Eindruck machte. Dann stieg er mit Alberta
+in einen bereitgehaltenen Mietwagen und brachte sie in zweckmäßige
+Pflege.
+
+Diese hatte auch einen guten Erfolg. Die körperliche Gesundheit kam
+wieder; aber nun zeigte sich an ihr die Hysterie, welche wohl der
+Hauptgrund ihres Wahnsinns gewesen sein mochte, in einem furchtbaren
+Grade; ja, ihre Begierde nach Befriedigung des Geschlechtstriebes ging
+so weit, dass sie die sich ihr nähernden Männer mit Gewalt anpackte.
+
+In den lichten Zwischenräumen gab sie Aufschluss über ihre Geschichte.
+Sie war aus Würzburg, mitten im schönen Franken, wo ihr Vater ein
+ziemlich bedeutender Weinhändler war. In seinem Hause waren die Pfaffen
+willkommene Gäste, und besonders hatten sich die barfüßigen Karmeliter,
+die in der Stadt ein Kloster besaßen, darin eingenistet.
+
+Alberta war eine auffallende Schönheit. Wie es aber besonders schönen
+Mädchen oft zu gehen pflegt, hatte sie keine Neigung zur Häuslichkeit
+und ließ sich lieber von den Herren den Hof machen. Bald spann sie ein
+Liebesverhältnis an, welches durch den Reiz des Geheimnisses noch
+anziehender wurde und damit endete, dass sie ihre Jungfräulichkeit
+einbüßte.
+
+Ihre Eltern, welche noch mehrere Kinder hatten, waren mit ihr sehr
+unzufrieden und wären sie gern aus dem Haus los gewesen. Unter solchen
+Verhältnissen fand der Vorschlag der Karmeliter, Alberta in ein Kloster
+zu schicken, bei ihnen bald Anklang. Alberta, leichtsinnig und bigott
+dabei, ließ sich durch Schmeicheleien und Drohungen bewegen, ihre
+Einwilligung zu geben, und wurde in ein Kloster nach N-brg gebracht. Man
+empfing sie dort freundlich und behandelte sie auch während des
+Probejahres recht gut, denn ihr Vater hatte versprochen, das seiner
+Tochter zukommende Vermögen an das Kloster zu zahlen.
+
+Als sie aber das Gelübde abgelegt hatte und sich die Auszahlung des
+versprochenen Geldes verzögerte, ja sogar die Aussicht bevorstand, dass
+dieselbe niemals geschehen werde, da musste es Alberta büßen, welche von
+den Nonnen schon wegen ihrer Schönheit und ihrer Abneigung gegen alle
+weiblichen Beschäftigungen gehasst wurde.
+
+Mit dem Zustand dieses Mädchens ging unterdessen eine traurige
+Veränderung vor. Das einsame Leben in der Zelle und der Mangel an
+teilnehmenden Umgebungen waren Veranlassung, dass sie fortwährend an
+ihren Geliebten dachte, von welchem sie durch Mönchskniffe getrennt
+worden war. Die Phantasie verweilt so gern bei vergangenen Freuden,
+besonders in trauriger Einsamkeit. Diese Phantasien nahmen aber bald
+eine für ihre Gesundheit bedenkliche Richtung. Sie hatte vom Baum der
+Erkenntnis gegessen, und die veränderte Lebensweise trug sehr viel dazu
+bei, ihre Sinnlichkeit aufzuregen.
+
+Die Karmeliternonnen dürfen kein Fleisch essen, und ihre Nahrung besteht
+größtenteils aus stark gewürzten Mehlspeisen und Fischen, welche das
+Blut erhitzen und der Keuschheit nichts weniger als zuträglich sind.
+Alberta suchte ihre rebellischen Sinne durch Mittel zu besänftigen,
+welche gerade das Gegenteil bewirkten, und wurde dadurch in einen
+solchen Zustand versetzt, dass sie sich endlich genötigt sah, sich dem
+Klosterarzt zu entdecken. Es war dazu fast zu spät, denn die Hysterie
+hatte sich beinahe zur Mannestollheit (Nymphomanie) ausgebildet.
+
+Vielleicht wurden die Andeutungen des höchst achtbaren Arztes
+missverstanden; vielleicht reizte auch das Pikante der Sache den
+Vorstand des männlichen Karmeliterhospiziums, kurz, er und die Oberin
+kamen dahin überein, dass er versuchen solle, die Nonne zu kurieren. Er
+musste der Oberin aber bald gestehen, dass er dieser Kur nicht gewachsen
+sei und riet nun, es mit der Geißel und häufigem Fasten zu versuchen.
+
+Aber das hieß Öl ins Feuer gießen. Die arme Nonne ging bei diesem Kampf
+mit ihren Sinnen fast unter, und die Oberin, anstatt aufs neue ärztliche
+Hilfe herbeizurufen, beschloss, sie von allen lebenden Wesen zu
+entfernen, damit der Ruf des Klosters nicht leide. Man brachte sie in
+den abscheulichen Verschlag unter der Treppe, gab ihr nicht einmal
+notdürftige Nahrung und Kleidung und ließ sie täglich von boshaften
+Nonnen geißeln; so dass durch die schlechte Behandlung, welche sie acht
+Jahre lang zu erdulden hatte, ihre Krankheit in Wahnsinn überging. -
+Alberta wurde nicht wieder gesund; sie endete ihr Leben in einem
+Irrenhaus.
+
+Es ist eine ziemlich bekannte Erfahrung, dass die Weiber im Allgemeinen
+weit grausamer sind als Männer. Von der Grausamkeit der Nonnen will ich
+noch ein anderes, ebenfalls der neueren Zeit angehöriges Beispiel
+anführen.
+
+Der Wundarzt Friedrich Baumann, der in dem Dörfchen Hornstein in der
+Nähe einer Prämonstratenserabtei wohnte, hatte eine große Vorliebe für
+die Klöster und dieselbe wurde von seiner Frau geteilt. Aus diesem
+Grunde beschlossen beide, ihre jüngste Tochter Magdalena "dem Himmel" zu
+weihen, da die älteste große Geschicklichkeit und Neigung für die
+Landwirtschaft zeigte.
+
+Der Hausfreund Baumanns war der Abt der benachbarten Abtei, und er
+bestärkte die Eltern noch in ihrem Entschluss, ja verwendete sich selbst
+bei den Klarissinnen in der Hauptstadt für die künftige Aufnahme des
+Mädchens und bewirkte, dass man von ihr nur eine mäßige Aussteuer
+verlangte. Magdalena wurde nun in allen einer Nonne dienlichen
+Geschicklichkeiten und auch in der Wundarzneikunst unterrichtet und
+meldete sich nach vollendetem sechzehnten Jahr zur Aufnahme.
+
+Sie war ein wunderschönes Mädchen geworden und bezauberte alle Herzen
+durch ihr anmutiges Wesen. Es fehlte ihr daher auch nicht an Freiern,
+unter denen der junge Rehling die redlichsten Absichten hatte und in
+keiner Hinsicht zu verwerfen war. Magdalena blieb aber fest bei ihrem
+Entschluss, ins Kloster zu gehen, in welchem sie durch ihre bigotte
+Mutter nur noch mehr bestärkt wurde.
+
+Der Vater war wankend geworden, denn die seltsamen, schmunzelnden Mienen
+und die höchst besonderen Redensarten des Beichtvaters des Klosters wie
+auch das habgierige Benehmen der Nonnen erfüllten ihn mit bangen
+Besorgnissen, aber er hatte nicht die Energie genug, der Mutter und den
+Pfaffen gegenüber fest aufzutreten.
+
+Magdalena wurde eingekleidet und vor allen Dingen in die Mysterie des
+Geißelns eingeweiht, für welches das arme Mädchen bald anfing zu
+schwärmen. Die kleine Disziplin bestand aus 36, die große aus 300 Hieben
+auf Rücken und Hintern. - Das Noviziat ging zur Zufriedenheit vorüber,
+und Magdalena tat Profeß zur Verzweiflung des jungen Rehling.
+
+Sie sah aber bald allerlei Dinge, die ihr teils gar nicht gefielen,
+teils sehr befremdlich vorkamen; allein sie durfte ihre Bemerkungen
+nicht laut werden lassen. - Endlich kam das Fest der Himmelfahrt Mariä
+und mit ihm die große Disziplin, die sie nur der Theorie nach und im
+Allgemeinen kennengelernt hatte. - Das Zimmer, in welchem die Geißelung
+vorgenommen wurde, war zwar verdunkelt; allein durch die Ritzen der
+Fensterläden fiel Licht genug herein, um alles, was vorging, ziemlich
+genau erkennen zu lassen. Nur mit großem Widerwillen löste die
+schamhafte Jungfrau den Gürtel und entblößte den untadelhaften,
+wunderschönen Körper, an welchem sich die lüsternen Blicke der alten
+Klosterkatzen und der Äbtissin weideten.
+
+Magdalena geißelte sich mit allem Eifer, bemerkte aber, dass es die
+andern Nonnen mehr wie eine Spielerei betrieben. Nur eine Nonne, namens
+Griselda , übertrieb die Sache so sehr, dass das Blut über ihren Körper
+herabströmte und die Spitzen der Geißel an manchen Orten wohl einen Zoll
+tief in das Fleisch eingeschnitten hatten.
+
+Magdalena, welche zur Klosterapothekerin ernannt worden war, eilte ihr
+zu Hilfe und stellte sie in kurzer Zeit gänzlich wieder her. Sie hatte
+es aber nicht unterlassen können, Griselda aufzufordern, sich in der
+Folge nicht wieder zu hart zu geißeln, und dies kam der Äbtissin zu
+Ohren, welche darüber sehr ungehalten wurde. Als sich Magdalena
+entschuldigen wollte, schrie sie dieselbe herrisch an und gebot ihr zu
+schweigen. Die Folge davon war ein erhöhter Bußeifer der Griselda. Diese
+fuhr nicht allein fort, sich so hart wie früher zu geißeln, sondern
+quälte sich auch dermaßen mit dem Cilicium - ein stachliger Drahtgürtel,
+der auf der bloßen Haut getragen wird -, dass die Stacheln tief in das
+Fleisch eingedrungen waren. Der herbeigerufene Wundarzt erklärte, dass
+nur die sorgfältigste Operation der Nonne das Leben retten könne, und
+nun erst verbot die Äbtissin mit Gutbefinden des Beichtvaters der
+Griselda auf das strengste, sich ferner so heftig zu geißeln.
+
+Magdalena, der nun auch das Aderlassen und Schröpfen überlassen wurde,
+bemerkte bald, dass die erstere Operation mit der zweiundzwanzigjährigen
+Schwester Theodora fast jeden Monat vorgenommen werden musste. Sie
+bemerkte dem Mädchen, dass ein so großer Blutverlust notwendig die
+Wassersucht zur Folge habe, und die arme Nonne gestand ihr weinend, dass
+sie dies auf Befehl der Äbtissin tun müsse, um die Wallungen des Blutes
+und die damit verbundenen wollüstigen Träume und verbotenen Gelüste,
+welche Folgen des häufigen Geißelns wären, zu unterdrücken, was auch
+immer für kurze Zeit durch das Aderlassen gelinge. - Die Unterhaltung
+Magdalenas mit Theodora und andere ähnliche Dinge kamen der Äbtissin zu
+Ohren und erbitterten sowohl diese als die älteren Nonnen.
+
+Der Pater Beichtvater hatte seine Pläne auf das schöne Mädchen nicht
+aufgegeben, sondern ging recht systematisch zu Werke, zum Ziele zu
+gelangen. Auf seine Veranlassung wurde sie zur Oberkrankenpflegerin des
+Klosters ernannt, welcher Posten sie in häufige Berührung mit dem Pater
+Olympius brachte, vor dem sie indessen von einer wohlmeinenden Schwester
+gewarnt wurde. Dieser scheinheilige Schurke machte ihr allerlei
+geistliche Geschenke und erwies ihr überhaupt so viel Aufmerksamkeit,
+dass die andern Nonnen neidisch wurden. Magdalena suchte sich von dem
+ihr übertragenen Amte loszumachen, nur um die Berührungen mit dem Pater
+Olympius zu vermeiden. Dieser erkannte sehr gut ihre Absicht und machte
+ihr im Beichtstuhl darüber heftige Vorwürfe, so dass sie genötigt war,
+denselben zu verlassen.
+
+Magdalena war nun bereits drei Jahre im Kloster, und die Augen waren ihr
+vollständig geöffnet. Mit Schaudern erkannte sie nun zu spät, dass der
+Weg zur Rückkehr in die Welt für sie verschlossen sei und verfiel in
+tiefe Schwermut. Häufig fand man sie seufzend und in Tränen. Es fing ihr
+an alles gleichgültig zu werden, und in ihrer Betrübnis achtete sie
+nicht immer auf die vorgeschriebenen Formen und beging allerlei Fehler,
+die mit leichten Bußen bestraft wurden, welche sie bei ihrer gereizten
+Stimmung sehr erbitterten.
+
+Zu dieser Zeit war die Tochter eines anderen Wundarztes Nonne geworden,
+und da sie einige Proben von Geschicklichkeit abgelegt hatte, so nahm
+man Magdalena ihre bisherige Stelle und fing an, sie mit großer
+Geringschätzung zu behandeln. Man warf ihr die Geringfügigkeit des von
+ihr ins Kloster gebrachten Geldes vor und nannte sie ein lästiges,
+durchaus unnützes Geschöpf.
+
+Nun ging dem armen Mädchen die Geduld aus. Anstatt die Vorwürfe ruhig
+hinzunehmen, antwortete sie heftig und mit Spott und wollte nicht
+schweigen, wenn die parteiische Priorin ihr den Mund verbot. Alsbald
+wurde der Äbtissin dies widersetzliche Benehmen hinterbracht und ihr
+Magdalena als ein durchaus boshaftes, zänkisches und ungehorsames
+Geschöpf geschildert. Die Äbtissin fuhr zornig auf und schrie: "Ein
+solches Benehmen soll dieser Bauerndirne nicht ungestraft hingehen; man
+muss ihr den Nacken beugen und sie durch Zwang in die Schranken der
+Ordnung bringen." Damit ließ sie Magdalena zu sich bescheiden.
+
+Diese erschien und sah, dass bereits zwei stämmige Laienschwestern bei
+der Äbtissin waren; eine der Mägde hatte eine große Kinderrute in der
+Hand. Die Äbtissin las Magdalena ordentlich den Text und kündigte ihr
+an, dass sie bestraft werden sollte. Die Arme weinte und bat; alles
+vergeblich. Endlich äußerte sie in ihrem Eifer, dass sie kein Kind und
+der Rute längst entwachsen, eine solche Züchtigung auch für eine Nonne
+unschicklich sei. Die Äbtissin wurde immer zorniger und gebot Magdalena,
+die Erde zu küssen.
+
+Diese war sehr bereit, dem Befehl Folge zu leisten, denn sie hoffte,
+dass es mit dieser Strafe für diesmal abgetan sein werde. Kaum lag sie
+auf der Erde, als sogleich eine der Laienschwestern über sie herfiel und
+sich auf ihren Rücken setzte, während die andere ihr das Gewand aufhob
+und die Rute tüchtig gebrauchte. Als dies vorüber war, musste Magdalena
+der Äbtissin die Hände küssen und sich für die gnädige Strafe bedanken.
+Die Nonnen standen auf der Lauer und begleiteten sie mit Hohngelächter,
+als Magdalena wieder in ihre Zelle ging.
+
+Von nun an hatte die Unglückliche fortwährend von den Verfolgungen zu
+leiden, deren Ziel sie durch Feindschaft der Äbtissin, der Priorin und
+des Beichtvaters geworden war.
+
+Als sie eines Abends nicht in ihrer Zelle war und in der ihrer einzigen
+Freundin Crescentia gefunden wurde, schleppte man sie am folgenden Tage
+durch förmlichen Kapitelbeschluss zur großen Disziplin. Doch damit war
+es noch nicht genug, es trafen sie noch eine Menge anderer Strafen,
+darunter auch die Degradation von dem Nonnenrang zu dem einer
+Laienschwester.
+
+Sie beging die Unvorsichtigkeit, einen Brief an ihre Eltern zu
+schreiben, in welchem sie ihnen ihre grauenvolle Lage schilderte und auf
+rührendste Weise um Hilfe bat. Der Brief wurde abgefangen und sie
+gezwungen, einen andern lügenhaften abzuschicken, den ihr der Pater
+Olympius in die Feder diktiert hatte. Für das Verraten von
+Klostergeheimnissen an Laien erhielt sie abermals eine derbe Geißelung
+und wurde vier Wochen lang in den Turm gesperrt, wo sie einen Tag um den
+andern Wasser und Brot erhielt.
+
+Ihre Lage verschlimmerte sich noch, als die Äbtissin starb und ihre
+Hauptfeindin, die Priorin, an deren Stelle kam. Vergeblich bat Magdalena
+um Rückgabe des schwarzen Nonnenschleiers; sie musste nach wie vor als
+Laienmagd Dienste in der Küche verrichten. Für jedes kleine Vergehen
+erhielt sie hier die Rute, und als sie einstmals bei der Feier des
+Palmenfestes einen aus Blei gegossenen und fünfzig Pfund wiegenden
+"heiligen Geist", weil derselbe ihr zu schwer war, fallen ließ, so dass
+derselbe zerbrach, erklärte dies Olympius für absichtliche Bosheit, für
+ein Religionsverbrechen! Die Ärmste empfing in dem neben dem Refektorium
+gelegenen Gefängnisse eine starke Disziplin.
+
+Um diese Zeit erhielt sie Besuch von einigen Verwandten, welche sie
+jedoch nur hinter der Klausur sprechen durfte. Was sie gesprochen hatte,
+wurde untersucht, und man erklärte sie für ein gänzlich verworfenes
+Geschöpf. -
+
+Die Sehnsucht nach "der Welt" wurde nun in Magdalena immer mächtiger,
+und sie sann auf Flucht. Sie war auch so glücklich, das Freie zu
+gewinnen, aber später wurde sie ertappt und musste wieder in das Kloster
+zurückkehren, obgleich ein hoher Geistlicher, den sie um Hilfe angerufen
+hatte, sich für sie verwendete.
+
+Pater Olympius reizte die Äbtissin zu stets neuen Verfolgungen an, und
+Magdalena wurde endlich zum Gefängnis auf unbestimmte Zeit verurteilt.
+Als man sie dorthin bringen wollte, wehrte sie sich mit der Kraft der
+Verzweiflung, und man musste einen Franziskanerlaienbruder zu Hilfe
+rufen. - Durch diesen Widerstand erbittert, ließ ihr die Äbtissin in
+Gegenwart der Priorin in dem Gefängnis auf einem Bunde Stroh abermals
+sehr derb die Rute geben.
+
+Als einst Magdalenas Gefängnis ausgebessert werden musste, wurde sie in
+ein benachbartes gebracht, in welchem die Schwester Christine nun schon
+dreizehn Jahre saß. Sie war zum Gerippe abgezehrt, vom Geißeln lahm und
+dem Wahnsinn nahe.
+
+An Festtagen wurde Magdalena zum Abendmahl in die Kirche gelassen und
+musste monatlich einmal bei Pater Olympius beichten. Dieser Schurke
+hatte seinen Verführungsplan noch immer nicht aufgegeben und drang mit
+unzüchtigen Anträgen in sie; allein sie schrie um Hilfe, und der Pater
+stellte sich, als habe er ihr nur die Disziplin geben wollen. Um
+wenigstens in etwas seinem Sinnen zu genügen, befahl ihr der heilige
+Mann, sich zu entblößen; allein es kamen einige Schwestern herbei, bei
+denen er sein Betragen schlecht genug entschuldigte.
+
+Die Einkerkerung des unglücklichen Geschöpfs hatte nun unter
+fortwährenden Misshandlungen drei Jahre und acht Monate gedauert, als
+endlich ein Schornsteinfeger, der in der Nähe ihres Gefängnisses
+arbeitete und ihr Gewimmer hörte, die Sache der Obrigkeit anzeigte. Es
+wurde vom betreffenden Ministerium sogleich eine Kommission ernannt,
+welche in dem St. Klarenkloster eine Untersuchung anstellte.
+
+Als man Magdalena ihre Freiheit ankündigte, weinte sie laut vor Freuden;
+allein die Ärmste war so elend, dass sie sich kaum bewegen konnte. Man
+übergab sie sogleich dem Leibarzt des Kurfürsten und dem Hofwundarzt zur
+sorgfältigsten Pflege.
+
+Das von beiden über den Zustand des armen Mädchens abgegebene Gutachten
+sprach sich dahin aus, dass die unaufhörlichen Geißelungen ihr die
+heftigsten Schmerzen zugezogen hätten, an denen sie fortwährend leide,
+besonders bei verhärtetem Stuhlgange, ohne dass man dies als eine
+Wirkung der goldenen Ader betrachten könne. Durch die lange Einsperrung
+ohne alle Bewegung und durch die heftigen Schläge auf die muskulösen und
+tendinösen Teile der Schenkel und Füße seien diese so entzündet, und da
+man bei ihr keine verteilenden Mittel angewendet habe, so hätten sich
+diese Teile dermaßen verhärtet und zusammengezogen, dass sie gänzlich
+estorpiert und schwerlich Hoffnung vorhanden sei, sie wieder so weit zu
+heilen, dass sie ihre geraden Glieder wieder würde gebrauchen können.
+
+Während ihrer ärztlichen Behandlung wurde Magdalena viermal verhört, und
+es kamen alle im Kloster verübten Schändlichkeiten an den Tag, sosehr
+sich auch das Pfaffengezücht schlangengleich drehte und wand.
+
+Eine Nonne, namens Paschalia, die ebenso wie Magdalena gequält worden
+war, sollte wahnsinnig geworden und an einem Nervenschlage gestorben
+sein; aber einige von den fünf Nonnen, die den Mut hatten, die Wahrheit
+zu gestehen, behaupteten, sie habe sich in der Verzweiflung im Gefängnis
+an ihrem Busenschleier erhängt. Dass man auf einen solchen Selbstmord
+von Seiten Magdalenas ebenfalls gefasst war, ergab sich aus den Papieren
+der Abtei.
+
+Obgleich alle Umstände gegen die Äbtissin und ihr Gelichter sprachen,
+obgleich sich über Magdalenas Bestrafung kein einziges Protokoll
+vorfand, - die Schuldigen wussten sich doch so durchzulügen, dass sie
+ohne Strafe davonkamen, und die einzige Folge dieser Entdeckungen war
+eine Einschränkung der Macht der Äbtissin und genauere Beaufsichtigung
+des Klosters.
+
+Magdalena sollte zeitlebens im kurfürstlichen Hospital bleiben und, wenn
+sie genesen würde, Freiheit haben, auszugehen, anständige Gesellschaften
+zu besuchen und zu empfangen. Das Klarenkloster musste ihr die nötige
+Ausstattung und außerdem jährlich zweihundert Gulden geben.
+
+Erst nach fünf bis sechs Jahren konnte Magdalena wieder gehen, und ihr
+geknickter Körper erholte sich allmählich. Im Klostergefängnis hatte sie
+im Fall der Befreiung eine Wallfahrt nach Loreto gelobt. Diese unternahm
+sie nun mit Erlaubnis der Behörde; allein sie kehrte nicht mehr in die
+Heimat zurück. Im August 1778 starb sie, fünfundvierzig Jahre alt, in
+einem Krankenhospital zu Narni in Italien.
+
+Trotz solcher Erfahrungen gibt es doch noch heute Klöster! Und dass in
+denselben noch ähnliche Schandtaten verübt werden, beweisen die
+Schriften von Sebastian Ammann, Rafaello Ciocci und andern.
+
+Von der Lieblosigkeit, mit welcher Kranke in den Klöstern behandelt
+werden, hat uns ebenfalls Ammann folgendes Beispiel erzählt: - "Im
+Kloster Solothurn litt P. Theophil an einem ungeheuren Leistenbruch so
+schmerzhaft, dass er verzweifelte. Man legte ihn in einem Zimmer neben
+der Küche auf einen Strohsack und ließ ihn da zappeln. Niemand besuchte
+ihn als der Klosterknecht, der ihm dreimal des Tages Essen zutrug. Ich
+habe in den letzten Tagen seines Lebens nie einen Arzt bei ihm gesehen.
+Seine Unterleibsbeschwerden, das erschreckliche Elend und die gänzliche
+Verlassenheit mögen ihm sein martervolles Leben unerträglich gemacht
+haben. - An einem Tag vor dem Mittagessen, um halb elf Uhr, war ich noch
+bei ihm und fand ihn äußerst schwermütig; es ist aber gewiss, dass er um
+elf Uhr noch lebte. Um halb zwölf Uhr wollte der Klosterknabe die
+Speisegeschirre bei P. Theophil abholen und fand ihn, an der Zimmerdecke
+aufgeknüpft, leblos. Als wir die Anzeige von diesem Unglück hörten,
+sprangen wir alle vom Tische auf; ich war der erste bei ihm und wollte
+mit einem Messer das Handtuch zerschneiden, an dem er hing; aber P.
+Guardian Raimund untersagte mir dies, weil es schade um das Handtuch
+sei. Man ging lieber langsam zu Werke, weil man keine Rettung versuchen
+wollte. Seine Hände und Füße waren noch ganz warm, und ich verlangte,
+dass man auf der Stelle einen Arzt herhole, damit man die möglichsten
+Anstalten zum Wiedererwecken des vielleicht noch nicht Entseelten
+treffe. Allein P. Raimund tobte und verbot die Herbeirufung eines Arztes
+auf das strengste, weil es ein erschreckliches Ärgernis absetze, wenn es
+unter die Weltlichen käme, es habe sich ein Kapuziner erhängt. Keine
+Bürste wurde zum Reiben seines Leibes angewandt, sondern man legte den
+Leichnam ohne weiteres auf einen Totensarg und machte bekannt, P.
+Theophil sei an einem Schlagfluss (Apoplexie) gestorben."
+
+Ein anderes Beispiel, wie schnell die Pfaffen diejenigen zu expedieren
+wissen, die ihnen unbequem oder gefährlich werden, erzählt Rafaello
+Ciocci.
+
+Don Alberico Amatori, Bibliothekar im Kloster Santa Croce di Gerusalemme
+zu Rom, war durch das Lesen der Bibel von vielen Irrtümern und
+Missbräuchen der römischen Kirche überzeugt worden. Er und fünfzehn ihm
+gleichgesinnte Mönche, darunter Rafaello Ciocci, unterschrieben eine
+Eingabe an den Ordensgeneral Nivardi Tassini, in welcher sie um
+Einräumung eines bequemen Klosters baten, wo sie nach ihrer Überzeugung
+leben konnten.
+
+Alle diese Mönche schienen mit dem Charakter ihrer Mutter Kirche sehr
+schlecht bekannt zu sein, da sie einfältig genug waren zu glauben, dass
+dieselbe auch nur im entferntesten daran denken könne, ihre Wünsche zu
+erfüllen. Der unerhörte Vorschlag erregte allgemeines Entsetzen! Amatori
+wurde vor ein Tribunal gefordert, und mit Entrüstung vernahmen die
+geistlichen Herren, dass er à la Luther die Bibel zur Grundlage des
+ganzen Kirchenwesens machen wolle. Man gebot ihm Schweigen, um die Sache
+nicht öffentlich werden zu lassen, und fasste im Geheimen einen
+Entschluss über das Schicksal der ketzerischen Mönche.
+
+Der Mönch Stramucci wurde ins Kloster San Severin in den Sümpfen
+geschickt, wo er infolge "der ungesunden Luft" oder durch anderes Zutun
+nach Verlauf weniger Monate von einem starken Mann in ein Gerippe
+verwandelt war. Don Andrea Gigli wurde nach Rom berufen. Er war damals
+sehr gesund; allein er nahm täglich mehr ab, und nach zwei Monaten wurde
+er eines Morgens tot im Bett gefunden. - Don Eugenio Ghioni blieb in
+Rom; aber nach vier Monaten starb auch er, erst 31 Jahre alt. - Don
+Marian Gabrielli, ein blühender Jüngling, starb ebenfalls. Alle diese
+Krankheiten nannte man "Auszehrung"! - Der Abt Bucciarelli , ein Mann
+von herkulischer Gestalt, starb nach kurzer Krankheit von nur drei
+Tagen. Der Abt Berti hatte nach zwei Monaten einen "Fieberanfall" und
+starb nach einer Krankheit von zehn Tagen. - Don Antonio Baldini bekam
+nach Verlauf von 34 Tagen furchtbare Krämpfe und starb. - Die übrigen
+sechs kämpften monatelang zwischen Leben und Tod. Nur Don Alberico und
+Ciocci blieben lange Zeit von dem geheimnisvollen Todesengel unberührt.
+
+Aber die Rache zögerte nur, sie schlief nicht. Eines Abends nach dem
+Essen bekam Ciocci schreckliche Krämpfe im Magen und ein furchtbares
+Brennen in Brust und Gurgel. In wenigen Minuten war er schwarzgelb im
+Gesicht, und vor den Mund trat ihm Schaum. - Die herbeilaufenden Mönche
+schrien, dass er besessen sei, und versuchten nun ihren abgeschmackten
+Hokuspokus mit Weihwasser und Reliquien, wodurch der Kranke, der diesen
+Unsinn verabscheute, nur geärgert wurde. Endlich kam ein Arzt, aber
+nicht der gewöhnliche, sondern, wie man sagte, der nächste, den man habe
+finden können. Er gab Ciocci eine Arznei, wodurch aber die Schmerzen
+sogleich noch bedeutend vermehrt wurden.
+
+Ciocci bestand nun darauf, dass man den gewöhnlichen Klosterarzt holen
+solle, der sein Freund war, und da man wahrscheinlich hoffte, dass er zu
+spät kommen werde, schaffte man ihn auch herbei. Nachdem derselbe sich
+etwas orientiert hatte, betrachtete er die vom ersten Arzt gegebene
+Arznei, von der noch einige Tropfen im Glas waren, und voll Zorn und
+Entsetzen warf er sie nach der Untersuchung und einem bedeutungsvollen
+"Aha" zum Fenster hinaus. - Durch die zweckmäßigen Mittel, welche der
+wackere Mann anwendete, wurde Ciocci gerettet.
+
+In demselben Kloster wurde eines Tages der Novizenlehrer Pacifico
+Bartoci , der sich durch seine Strenge verhasst gemacht hatte, im
+inneren, offenen Hof des Klosters von unbekannter Hand mit einem Steine
+auf den linken Schlaf getroffen, dass er infolge der erhaltenen
+Verletzung zehn Tage darauf starb. (Ungerechtigkeiten und Grausamkeit
+der römischen Kirche im neunzehnten Jahrhundert. Erzählung von Raffaele
+Ciocci. Altenburg bei Pierer.)
+
+Man bemerke wohl, dass hier nicht vom Mittelalter, sondern von der Zeit
+zwischen 1835 und 1845 die Rede ist und dass diese oder ähnliche
+Nichtswürdigkeiten noch ebenso wahrscheinlich heutigen Tages
+stattfinden.
+
+Ich würde die mir gesteckten Grenzen zu sehr überschreiten, wenn ich
+auch nur einen kleinen Teil der mir noch bekannten im Kloster begangenen
+Schandtaten anführen wollte, deshalb übergehe ich auch die sehr
+interessante Geschichte des Urban Grandier, der durch die
+nichtswürdigsten Schikanen auf den Scheiterhaufen gebracht wurde, weil
+er die Begierden einer Äbtissin und ihrer Nonnen zu Loudun nicht
+befriedigen wollte. Einer unserer besten Romanschriftsteller, Willibald
+Alexis, hat diesen Stoff zu einem Roman bearbeitet.
+
+Ein in den Klöstern gebräuchliches Sprichwort sagt: "Man kommt zusammen,
+ohne sich zu kennen, man lebt miteinander, ohne sich zu lieben, und
+stirbt, ohne beweint zu werden." Ein unter solchen Verhältnissen
+bestehendes Zusammenleben musste den besseren unter den Mönchen zur
+Hölle werden, und mancher arme Pater, den seine bigotten Eltern dem
+Klosterleben in früher Jugend geopfert hatten, sprach mit heißen Tränen
+den Wunsch aus, dass ihn die Mutter bei der Geburt doch lieber ersäuft
+als in ein Kloster geschickt haben möchte.
+
+Zur Zeit, als das Klosterleben in seiner höchsten Blüte war, etwa im
+elften Jahrhundert, herrschte unter den Menschen eine wahre Wut, ins
+Kloster zu gehen; nur als Mönch glaubte man der Seligkeit gewiss zu
+sein. Hermann, Herzog von Zähringen, schlich sich in Bauernkleidung vom
+Fürstenstuhl ins Kloster zu Clugny und diente demselben als Schweinehirt
+bis an seinen Tod, wo erst sein Stand bekannt wurde. Der Mann eignete
+sich ganz gewiss besser zum Schweinehirten als zum regierenden Fürsten,
+und es war schön von ihm, dass er seinen Beruf erkannte.
+
+Doch nicht alle trieb Andacht oder Demut ins Kloster; viele suchten in
+demselben weiter nichts als ein faules, liederliches Leben, was sie auch
+meist in reichem Maße fanden. Das Gelübde der Keuschheit, welches den
+Laien immer als das schrecklichste erschien, betrachtete man in sehr
+vielen Klöstern als eine leere Form, und Saul, der Abt des Klosters zur
+heiligen Maria im Bistum Mondennadi in Spanien, verwandelte dasselbe
+geradezu in ein Bordell.
+
+Sogar das Konkubinat, ja selbst die Ehe waren unter den Mönchen nicht
+selten. Im zehnten Jahrhundert lebten in manchen. Klöstern die Äbte und
+sämtliche Mönche im Konkubinat oder in förmlicher Ehe und statteten ihre
+Söhne und Töchter mit Klostergütern aus. Unter Abt Hadamar von Fulda
+waren die meisten Mönche verheiratet.
+
+Doch wir brauchen nicht so weit ins graue Mittelalter hinaufzusteigen;
+dergleichen Fälle kamen noch in neuerer Zeit vor. Im Jahr 1563 fand man
+in vielen Klöstern Niederösterreichs Eheweiber, Konkubinen und Kinder
+der Mönche, und noch vor einigen zwanzig Jahren hielt der Prälat
+Augustin Bloch in der Schweiz ein allerliebstes Kammermädchen, welches
+als Student verkleidet war.
+
+Doch ich wollte es diesen Klosterherren gern verzeihen, wenn sie ihre
+Schätzchen hinter den heiligen Mauern sittsam verbergen; davon hat die
+Welt eben keinen Schaden; aber mehr Unheil richten sie an, wenn sie ihre
+Verführungskünste außerhalb derselben wirken lassen. Um dies tun zu
+können, müssen sie die Grundsätze lockern, kurz, die sinnlichen
+Ausschweifungen als höchst unbedeutende, kleine Verirrungen hinstellen,
+besonders wenn sie mit einem Pater begangen werden.
+
+Wo die Mönche zu Hause sind, da gibt es fast kein Bürger- oder
+Bauernhaus, wo nicht ein Pater der Hausfreund ist. Kommt der heilige
+Mann, dann lecken ihm die Alten die schmutzigen Hände und die Kinder
+liegen auf den Knien, bis er seinen Segen erteilt hat. Das Beste wird
+nun dem geehrten Gast vorgesetzt, und wenn die Leute auch zu arm sind,
+sich selbst ein Glas Wein zu gönnen, so ist doch gewiss eins für den
+heiligen Mann bereit. Er lässt es sich gut schmecken, denn die armen
+Leute würden es ja für Verachtung auslegen, wenn er ihre Gaben
+verschmähte! Welch Gesicht schneidet er aber, wenn das gewöhnliche Glas
+Wein oder seine Leibspeise fehlen!
+
+"Was die Töchter der Lust den Wüstlingen der Welt, das sind die Mönche
+den Betschwestern und den Stillen im Land", denn diese Herren haben
+Tugenden, welche Frauen zu schätzen wissen, und sind - verschwiegen. Vor
+einem solchen heiligen Manne brauchen sie sich ihrer Sündhaftigkeit
+nicht zu schämen , denn die Beichte zwingt sie ja, die geheimsten Sünden
+zu sagen. Diese Beichte wird daher von den Mönchen sehr heilig gehalten.
+Denjenigen, der das Beichtgeheimnis verletzt, treffen die
+schrecklichsten Strafen und selbst vor den weltlichen Gerichten, - was
+auch ganz in der Ordnung ist. Das Gericht zu Toulouse ließ 1579 einen
+Priester enthaupten, welcher einen ihm in der Beichte anvertrauten Mord
+der Behörde anzeigte. Der Mörder blieb unbestraft. Man gerät in
+Verlegenheit zu entscheiden, wie man über dieses Urteil urteilen soll.
+
+Mönche sind nicht allein sehr liebevolle, sondern auch sehr bequeme
+Hausfreunde. Mag ein junger Bursche ein Mädchen gern, dann braucht er
+sich nur an seinen Herrn Pater zu wenden, dann wird sich die Sache schon
+machen. Mit der kleinen Sünde wird es sich schon finden; denn der fromme
+Herr hat einen Überfluss an Absolution, und wenn man noch so oft
+sündigte, eine Beichte - und man ist wieder rein wie ein neugeborenes
+Kind! Man glaube daher ja nicht, dass die Beichte dazu beiträgt, die
+Sittlichkeit zu befördern; wozu sie benutzt wird, davon werden wir im
+nächsten Kapitel einige Beispiele sehen.
+
+So leicht nun die Mönche geschlechtliche Verirrungen nehmen, so streng
+sind sie, wenn jemand das Fasten gebrochen hat, und es ist empörend,
+wenn wir lesen, dass die reiche Abtei St. Claude in Burgund im Jahr 1629
+einem gewissen Guillon den Kopf abschlagen ließ - weil der arme Mann
+während einer Hungersnot zur Fastenzeit sich ein Stück Pferdefleisch vom
+Schindanger geholt hatte!
+
+Starb ein Abt, so waren die liederlichen Mönche darauf bedacht, einen
+solchen an die erledigte Stelle zu setzen, von dem sie nicht besorgen
+durften, dass er sie in ihrer Lebensweise störe. Die Wahl traf daher
+nicht selten das liederlichste Subjekt des ganzen Klosters.
+
+Johann Busch erzählt, dass die Mönche eines Klosters nach dem Tode des
+Abtes zur Wahl eines anderen schritten, der dem Verstorbenen an Tugenden
+gleiche. Die meisten Stimmen hatte ein Pater, der nicht anwesend war,
+sondern während der Wahl in der Schenke saß und soff. Da man ihn von
+diesem angenehmen Orte nicht weglocken konnte, so ging eine Deputation
+der Mönche dorthin, ihm das Ergebnis der Wahl zu verkündigen. Erst nach
+langen Bitten ließ er sich bewegen, die neue Würde anzunehmen. Als es
+geschehen war, wurde ein großes Gastmahl gehalten, bei dem alle Mönche
+mit ihren Konkubinen sich volltranken. Während sie so betrunken waren,
+dass sie nichts sahen und hörten, kam Feuer aus, und die ganze feiste,
+liederliche Gesellschaft verbrannte lebendigen Leibes.
+
+Obwohl nun die Mönche unzählige gefällige Nonnen hatten - in Deutschland
+gab es allein 200.000 - so sind sie doch besonders lüstern nach Kindern
+der Welt. Oft geraten sie dadurch freilich in arge Verlegenheit, welche
+Spott und Hohn oder unendliche Prügel zur Folge haben.
+
+Der Abt des Klosters zu Guldholm bei Schleswig hatte ein Liebchen in der
+Stadt, bei welchem er oftmals die Nacht zuzubringen pflegte. Gewöhnlich
+nahm er des besseren Scheins wegen einen vertrauten Pater mit. Dieser
+wurde ihm endlich unbequem, und er ließ den Begleiter zu Hause. Dies
+verdross denselben, und echt mönchisch dachte er sogleich auf Rache.
+
+Als nun der Abt wieder einmal die Nacht bei seiner Geliebten zubrachte,
+weckte der boshafte Mönch das ganze Kloster und rief: Dominus noster
+Abbas mortuus est in anima. Die Mönche deuteten das auf den leiblichen
+Tod des Abtes, und das war es eben, was der Pater wollte. Alsbald zog
+man mitten in der Nacht mit Fackeln, Kreuz und Fahne an den bezeichneten
+Ort, um die Leiche des Abtes einzuholen, und war nicht wenig überrascht,
+den frommen Herrn anstatt auf der Totenbahre bei seiner Buhlerin zu
+finden.
+
+Doch ich brauche abermals nicht so weit zurückzugehen; die neuere Zeit
+liefert Beweise dieser Art in Menge, und Ammann, der dreißig Jahre im
+Kloster war, führt deren eine Menge an.
+
+Im Jahr 1832 pflegte ein Pater namens Amandäus jedes Mal, wenn er sich
+unter einem frommen Vorwand entfernen konnte, die Nacht bei einem
+berüchtigten Frauenzimmer in Mels zuzubringen. Um den frommen Heuchler
+auf der Tat zu ertappen, lauerten ihm einst einige junge Burschen auf
+und erwischten ihn richtig in den Armen der Buhlerin. Im Triumph
+schleppten sie ihn nach dem Kloster, und die Versetzung nach Schwyz war
+seine ganze Strafe.
+
+Zwei andere Klostergeistliche, Pater Augustin, Pfarrer in Tußnang, und
+P. Benedikt, Pfarrer in Bettwiesen, verführten viele Frauen und gingen
+ganz ungescheut in ihre Häuser unter dem Vorwand, dass sie die
+Sterbesakramente dorthin zu bringen hätten.
+
+In mehreren Orten der Schweiz, wo Klöster waren, wagte sich kein
+Frauenzimmer am Abend auf die Straße, denn die brünstigen Pfaffen fielen
+sie förmlich an, und ihre viehische Geilheit schonte selbst nicht
+unreife Kinder.
+
+Pater Friedrich aus dem Kapuzinerkloster in Appenzell hatte sich,
+solange er noch bloßer Frater war und nicht das Kloster verlassen
+durfte, mit unnatürlichen Ausschweifungen beholfen; als er aber Pater
+wurde und mehr Freiheit hatte, verlangte er nach natürlichen. - Eines
+Tages zog er von Appenzell nach dem Flecken Teufen in das St. Galler
+Land, um in einigen katholischen Gemeinden zu predigen und Beichte zu
+hören. Als er nicht weit von Teufen sich einem Wald näherte, lief ihm
+ein Mädchen nach und bat ihn um ein Heiligenbildchen' wie die Kinder
+überall, wenn sie einen Kapuziner sehen, zu tun pflegten. - Pater
+Friedrich zog ein gemaltes Bildchen aus seiner Kapuze, zeigte es dem
+Mädchen und versprach, es ihm zu schenken, wenn es weiter mit ihm kommen
+wollte. Auf diese Weise lockte er das unschuldige Kind in den Wald.
+Sobald er dasselbe in ein Gebüsch gebracht hatte, verübte er an ihm die
+brutalste Notzucht.
+
+Das kleine Mädchen schrie um Hilfe, und der Vater, der ihre Stimme hörte
+und erkannte, eilte auf das schnellste herbei und ertappte den geilen
+Pfaffen auf der Tat. Er behielt Mäßigung genug, dem Mönche nicht auf der
+Stelle den verdienten Lohn zu geben, machte aber sogleich Anzeige von
+den schändlichen Handlungen des Paters. Dieser wurde festgenommen und
+nach Troegen gebracht, wo man die Sache gerichtlich untersuchte. Es
+ergab sich, dass das arme Kind geschändet und bedeutend verletzt war.
+
+Höchst merkwürdig sind die Ansichten, welche den Pater zu diesem
+Verbrechen leiteten, die aber fast von allen Mönchen in den Klöstern
+geteilt werden. Er glaubte, die Reformierten wären alle so schlecht,
+dass sie nichts für Sünde hielten und dass bei ihnen alles erlaubt sei,
+weil sie nicht beichten müssen! Daher meinte er denn, in den Augen
+derselben kein Verbrechen zu begeben, wenn er ein reformiertes Kind
+notzüchtigte!
+
+Der Pater wäre zur öffentlichen Ausstellung an den Pranger und zum
+Staupenschlag oder zu einer großen Geldbuße verurteilt worden, wenn sich
+der damalige Landammann Joseph Anton Bischofsberger des Schurken nicht
+auf das angelegentlichste angenommen hätte. Er kam also ohne die
+verdiente Strafe davon. (Wer die tolle Wirtschaft, welche die Pfaffen in
+der Schweiz mit den Bürgerfrauen und Mädchen treiben, genau kennenlernen
+will, der lese das Büchelchen vom Ammann, welches ich weiter oben
+anführte.)
+
+Diese Pfaffenliederlichkeit ekelt mich an und wahrscheinlich auch die
+Leser; allein der Vollständigkeit wegen muss ich doch noch einige Worte
+über die in den Klöstern herrschenden unnatürlichen Laster sagen, welche
+traurige Folgen des schändlichen Zölibats sind.
+
+Ammann behauptet, dass unter 200 Kapuzinern wenigstens 150 Onanisten
+sind. Er ist darüber ein kompetenter Richter, denn nur ein Kapuziner
+konnte diese so genau kennen, als es bei ihm der Fall ist.
+
+Im Kloster Fischingen trieb ein gewisser Pater Berchthold sein Wesen,
+dessen hauptsächliches Geschäft es zu sein schien, Klosterschüler und
+junge Mönche zu verführen. Absichtlich hörte er die Beichte nicht in
+einem öffentlichen Beichtstuhl, sondern in einem dunklen Winkel, und
+viele Knaben, die ihm hier beichteten, klagten, dass er sie habe
+verführen wollen; allein der Guardian nahm davon nicht die mindeste
+Notiz. Berchthold wurde natürlich immer dreister und trieb sein
+abscheuliches Laster so ungescheut, dass man doch endlich gezwungen war,
+ihn auf seine Zelle zu beschränken und zu versetzen.
+
+Als Ammann eben die Gelübde abgelegt hatte, schlich dieser
+Knabenschänder auch in der Nacht zu ihm, setzte sich auf sein Bett,
+holte eine Flasche Schnaps und einiges Gebäck hervor und begann, ihm von
+seinen Siegen über die Frauen zu erzählen. Als Ammann ihn bat, von etwas
+anderem zu reden oder seine Zelle zu verlassen, sagte er: "Ja es ist
+eitel, von solchen guten Bissen zu reden, die wir einmal nicht haben
+können. Doch können wir einander auch Freude machen." - - Ammann wurde
+endlich genötigt, durch Klopfen an der dünnen Seitenwand der Zelle Hilfe
+herbeizurufen, worauf ihn der Verführer verließ.
+
+An die Stelle dieses sauberen P. Berchtbold kam P. Joseph aus Freiburg.
+Dieser war noch ärger als sein Vorgänger, indem er sich nicht allein
+durch das oben bezeichnete Laster, sondern auch noch durch seine
+verschmitzte Heuchelei und raffinierte Bosheit auszeichnete.
+
+Dieser Schandbube wurde niemals bestraft, sondern nur versetzt, wodurch
+nur Veranlassung gegeben wurde, dass sich seine abscheuliche Wirksamkeit
+immer wieder verbreitete.
+
+In Sursen hatte dieser P. Joseph einen bildschönen Jüngling so sehr
+entkräftet, dass derselbe unter den schrecklichsten Schmerzen starb und
+noch auf dem Sterbebett seinen Verführer und Mörder verfluchte.
+
+Dieses unnatürliche Laster ist bei Mönchen und selbst bei weltlichen
+katholischen Geistlichen in der Schweiz sehr gewöhnlich, und im Jahr
+1835 wurden zwei derselben, Professor Schär und Kaplan Eisenring, im
+Städtchen Wyl wegen Sodomiterei zur Untersuchung gezogen und später zum
+Zuchthaus verurteilt. Es gelang ihnen aber, ins Ausland zu entfliehen.
+
+Das Verhör ergab die abscheulichsten Tatsachen, und das Publikum wollte
+anfangs gar nicht glauben, dass diese Männer, welche Stifter und
+Bezirkspräsidenten des katholischen Vereins waren, solche Schandtaten
+begangen haben konnten. Sie wurden durch Ammann selbst angeklagt, der
+sich dadurch viele Feinde machte.
+
+Diese Untersuchung hatte noch eine andere Entdeckung zur Folge. Ein
+sechzehnjähriger Knabe kam zu Ammann und entdeckte ihm, dass der Prior
+der Karthause zu Ittlingen im Thurgau mit ihm noch weit schändlichere
+Dinge getrieben, als sie Schär und Eisenring zur Last gelegt wurden. Er
+habe, durch den Prior beschwichtigt, nicht geglaubt, eine so große Sünde
+zu begehen, aber jetzt sei ihm die Sache klar, da jene beiden dafür zum
+Zuchthaus verurteilt wären.
+
+Ähnliche Tatsachen würden ans Tageslicht kommen, wenn wir einmal von den
+Klöstern anderer Länder so genaue und offenherzige Schilderungen
+erhielten, wie sie uns Ammann und Rafaello Ciocci von der Schweiz und
+von Rom geliefert haben. Es ist durchaus kein Grund vorhanden,
+anzunehmen, dass die Mönche in anderen Gegenden sittenreiner sind, denn
+dieselben Ursachen erzeugen gewöhnlich auch dieselben Wirkungen,
+höchstens mit einigen, in der Hauptsache nichts ändernden Variationen.
+
+Und solchen Männern sollen wir unsere Kinder zur Erziehung anvertrauen!?
+Haben die Regierungen nicht den Mut und den Willen, das Volk von dieser
+moralischen Pest zu befreien, so muss sich jeder Familienvater selbst
+helfen. Die Zeiten haben sich wesentlich geändert, und keine Regierung
+wagt es mehr, die Untertanen in die Kirche zu treiben oder sie zu
+zwingen, zur Beichte zugehen. Übt sie auch noch einen Zwang aus auf
+solche Bürger, die Staatsdienste suchen, so sollten doch wenigstens
+diejenigen, welche ihre eigenen Herren sind, ihr Haus gegen den Einfluss
+liederlicher, scheinheiliger Pfaffen bewahren und durch vernünftige
+Lehren im Haus den in der Schule erhaltenen Unterricht unschädlich
+machen, wenn die Regierung nämlich darauf besteht, den Besuch
+sogenannter konfessioneller Schulen zu erzwingen. Wenn das Volk es
+ernstlich verlangt, wird nicht nur die Schule von dem Einfluss der
+Kirche befreit werden, sondern der Staat wird auch aufhören, sich um die
+Religion seiner Untertanen weiter zu bekümmern, als es zum Schutz der
+kein Gesetz verletzenden Ausübung der verschiedenen Religionen nötig
+ist.
+
+Werft zunächst die Pfaffen aus den Häusern und aus den Schulen und den
+unvernünftigen Glauben aus dem Herzen, - das weitere findet sich von
+selbst.
+
+
+
+
+Der Beichtstuhl
+
+
+ Tout homme est homme, et les
+ Moines sur tous.
+ La Fontaine
+
+
+Eine der sinnreichsten und verderblichsten Erfindungen der römischen
+Kirche ist die Ohrenbeichte. Mit Hilfe derselben hat sie lange die Welt
+regiert ohne große Kosten und Beschwerden. Über den hohen Wert derselben
+herrscht nur eine Stimme, und selbst der Ketzer Marnix von St. Aldegonde
+meinte schon vor dreihundert Jahren, dass dieselbe der Kirche nehmen,
+ihr die Augen ausstechen heiße. Er sagte nämlich: - "denn diese
+Ohrenbeichte ist ihr unzweifelhaft ein Paar Augen wert: nämlich das eine
+braucht sie, um alle Heimlichkeiten und verborgenen Anschläge aller
+Könige und Fürsten dieser Welt zu erfahren, wodurch sie in den
+friedlichen Besitz aller Regierungen und Herrschaften gekommen ist. Das
+andere gebraucht sie, um damit in den Busen der jungen Mädchen und
+betrübten Frauen zu sehen und zu tasten und dadurch ihre Heimlichkeiten
+zu ergründen und zu erfahren und ihnen danach solche liebe Buße
+aufzuerlegen, dass ihre geängstigten Gewissen getröstet und ihre Herzen
+merklich erleichtert werden. O, wie manchmal haben die heiligen Pfaffen
+und Mönche den betrübten und unfruchtbaren Weibchen in ihrer
+Ohrenbeichte so guten Rat gegeben, dass sie dadurch bald fröhliche
+Mütter geworden sind und von derselben Zeit an zu ihren heiligen
+Beichtvätern solche innige Liebe wie zu ihren eigenen Männern selbst
+bekommen haben."
+
+Ich habe schon in den vorhergehenden Kapiteln hin und wieder von der
+Beichte geredet. Ich will mir nicht die unnütze Mühe geben zu beweisen,
+dass die Ohrenbeichte ihre Rechtfertigung nicht in den Evangelien
+findet, denn die zu ihren Gunsten angeführten Stellen begründen sie
+ungefähr in derselben Weise wie mit der Stelle des Psalms "Lobet den
+Herrn mit Pauken" das Geißeln. Die Ohrenbeichte war eben, wie das
+Fegefeuer und andere sinnreiche Erfindungen ähnlicher Art, eines der
+vielen Mittel, durch welche sich die römische Kirche die Herrschaft über
+die Menschen erwarb.
+
+Das Beichtgeheimnis sollte heiliggehalten werden; allein die Jesuiten
+hatten darüber ihre besondere Ansicht, und es ist bewiesen, dass sie den
+Inhalt der Beichte ihren Vorgesetzten mitteilten, besonders wenn sie für
+die Erhaltung und das Beste ihres Ordens zweckmäßig erschien. Um überall
+zu herrschen und die Fäden der Regierung in der Hand zu haben, waren sie
+stets auf das eifrigste bestrebt zu bewirken, dass Jesuiten als
+Beichtväter regierender Fürsten oder sonstiger sehr einflussreicher
+Personen angestellt wurden. Da sie in Bezug auf Sünden sehr spitzfindig
+und tolerant waren, so nahm man sie auch gerne als Beichtväter an.
+
+Jesuiten durften nichts schreiben und veröffentlichen ohne Zustimmung
+ihrer Vorgesetzten; was also von irgendeinem dem Orden Angehörigen
+veröffentlicht wurde, kann als ein Ausdruck der in demselben
+gutgeheißenen Ansicht betrachtet werden. Obwohl ich aus den Werken der
+Jesuiten eine sehr reichhaltige, interessante Auswahl von Stellen
+treffen könnte, über deren Moral sich jeder rechtliche Mensch entsetzen
+würde, so begnüge ich mich doch damit, nur einige wenige anzuführen, die
+hinreichend begründen, weshalb die Jesuiten als Beichtväter gern gewählt
+wurden.
+
+"Die erste Regel sei: Sooft Worte ihrer Bedeutung nach zweideutig sind
+oder verschiedene Sinne zulassen, ist es keine Lüge, selbige in dem
+Sinne zu gebrauchen, den der Sprechende mit ihnen verbinden will;
+obschon die Zuhörenden und der, dem man schwört, selbige in einem
+anderen Sinne nehmen - ja, ob auch der Sprechende von keiner gerechten
+Sache geleitet werde." (Sanchez opus mor. Lib. I. cap. 9 n. 13 pag. 26.)
+
+Zwei Seiten später, nachdem der gelehrte Jesuit verschiedene Arten
+erlaubter Lügen aufgeführt hat, sagt er: "Ja, es ist dies von großem
+Nutzen, um vieles verdecken zu können, was verdeckt werden muss, aber
+ohne Lüge nicht verdeckt werden könnte, wenn nicht diese Art und Weise
+gestattet wäre. - - Man hat aber gerechte Ursache, sich solcher
+Zweideutigkeiten zu bedienen, sooft dies notwendig und nützlich ist, um
+das Heil des Körpers, die Ehre und das Vermögen zu schützen: oder zur
+Übung irgendeiner anderen Tugend." -
+
+"Es ist erlaubt, denjenigen zu töten, von dem man gewiss weiß, dass er
+sofort einem nach dem Leben stellt, so dass eine Frau z. B., wenn sie
+weiß, dass sie in der Nacht von ihrem Mann getötet wird und nicht
+entfliehen kann, jenem zuvorkommen darf."
+
+Und weiterhin: "Sooft jemand zufolge des oben Gesagten ein Recht hat,
+einen anderen zu töten: dann kann dies auch ein anderer für ihn tun,
+wenn dies die christliche Liebe anrät." (Busenbaum: Med. Theolog. mor.
+L. III. Tract. IV. D. V. et VIII. Praec. n. X. ibid).
+
+"Ist einem Beichtvater, der eine Frau oder einen Mann zu verzeihlichen,
+bösen Handlungen verlockt, das Begehen einer schweren Schuld
+beizumessen? - Die Hände oder die Brüste einer Frau zu berühren, mit den
+Fingern zu kneifen und zu zwacken: das sind in Betreff der Keuschheit
+lässliche Sünden, wenn es zur bloßen Ergötzlichkeit ohne weitere Absicht
+oder Gefahr der Befleckung vorgenommen wird." (Escobar: Theol. mor.
+Tract. V. Exam. II. Cap. V. n. 110 pag. 608.)
+
+"Wie verhält es sich rücksichtlich des Beischlafes mit der Verlobten
+eines anderen?" - "Er überschreitet nicht die gewöhnliche Hurerei, weil
+sie noch nicht die Frau eines Mannes ist (ibid. Tract. I. pag. 141)."
+
+"An mortiferum, virile membrum in os uxoris immittere? Negat Sanchez
+tom. 3 de Matr. tom. 3 lib. 9 d. 17. n. 15 At cum aliis auderem objicere
+tanto Doctori, id non esse simpliciter osculum pudendorum, sed quendam
+ad peccatum diversae speciei, id est, praeposteram venerem ausum."
+(Escobar: Theol. mor. Tract I. Exam. VIII. Cap. III. n. 69. pag. 148.)
+
+"Wer nur äußerlich geschworen hat, ohne den Vorsatz 'zu schwören', ist
+nicht gebunden (es sei denn des etwaigen Skandals wegen), da er nicht
+geschworen hat, sondern (mit dem Eid) gespielt hat." (Busenbaum: Medull.
+Theol. lib. III. Tract. II. De II. Dec. Praec. dubium IV. An in
+juramento liceat uti aequivocatione u. V. pag. 143.)
+
+"Ist derjenige, der zum ersten Male Hurerei treibt, verbunden, diesen
+Umstand in der Beichte zu entdecken? - Jungfrauen sind hierzu wegen der
+Defloration verbunden; aber Jünglinge nicht." So meint Suarez. Jedoch
+halte ich es mit Vasquez für wahrscheinlicher, dass auch eine Jungfrau
+nicht dazu verbunden ist, sei es selbst, dass sie noch unter elterlicher
+Gewalt stehe, da, wenn die Jungfrau freiwillig einwilligt, ihre Hurerei
+keine Schändung ist; sie begeht kein Unrecht weder gegen sich selbst
+noch gegen ihre Eltern, da sie die Herrin ihrer Jungfrauschaft ist.
+(Escobar: Theol. mor. Exam. II. Cap. VI. n. 41. pag. 13.)
+
+Die Fehler eines Fürsten können vornehmlich im zarten Alter durch gute
+Erziehung gebessert werden (wodurch oft verdorbene Naturen gezügelt und
+umgewandelt worden sind). Aber wenn dies nicht gehen sollte und Bitten
+und Mühen erfolglos bleiben: so halte ich dafür, dass man sie übersehe,
+soweit dies das öffentliche Wohl gestattet und die verderbten Sitten des
+Fürsten nur Privatsachen berühren; dagegen wenn er den Staat in Gefahr
+bringt, wenn er sich als Verächter der väterlichen Religion zeigt und
+sich nicht bessern will, so halte ich dafür, dass man ihn ab- und einen
+anderen einsetze, was, wie wir wissen, in Spanien nicht bloß einmal
+geschehen ist. Wie ein gereiztes Tier muss er durch alle Geschosse
+angegriffen werden, weil er die Menschlichkeit verleugnet und zum
+Tyrannen geworden ist. (Mariani: de rege et regis institutione lib. I.
+Cap. III.)
+
+"Ob es erlaubt ist, einen Tyrannen mit Gift zu töten?" - Es ist
+rühmlich, dieses ganze pestartige und verderbliche Geschlecht aus der
+Gesellschaft der Menschen zu vertilgen. - - Und Beispiele solcher Morde
+gibt es viele sowohl in alter als neuer Zeit. Es ist zwar schwer, einem
+Fürsten Gift zu mischen, indem er von seinem Hofe umgeben ist und zudem
+die Speisen vorher kosten lässt. Wenn sich aber dazu eine günstige
+Gelegenheit darbietet, wer sollte da so spitzfindig und subtil sein,
+dass er unter beiden Todesarten einen Unterschied zu machen suchte? -
+Mariani ibid.*)
+
+---- *) Die Erlaubnis, dieses Buch zu drucken, lautet:
+
+Stephanus Hojeda Visitator Societas Jesu in provincia Tolctana,
+potestate facta a nostro patre Generali Claudio Aquaviva, do facultatem,
+ut imprimantur libri tres, quos de Rege et Regis institutione composuit
+P. Johannes Mariana, ejusdem Societatis, quippe approbatos prius a viris
+doctis er gravibus ex eodem nostro ordine In cujus sei fidem has literas
+dedi meo nomine subscriptas, et mei officii sigillo munitas. Madriti in
+collegio nostro quarto Nonos Decembris MDLXXXXVIII.
+
+Stephanus Hojeda, Visitator. ----
+
+Diese Proben der Jesuitenmoral, die ich bedeutend vermehren könnte, auf
+den Beichtstuhl angewandt, erklären es hinlänglich, warum Jesuiten als
+Beichtväter Glück machten. Der Beichtstuhl wurde zur Erreichung
+politischer und kirchlicher Zwecke benutzt, aber hauptsächlich diente er
+den Pfaffen dazu, ihre Lüsternheit zu befriedigen.
+
+Schon im Jahr 428 hatte Papst Coelestin es für nötig gefunden, Strafe
+darauf zu setzen, wenn Geistliche ihre Beichtkinder zur Unzucht
+verführten. Dergleichen Fälle kamen unendlich oft vor, und mit diesen
+Beichtstuhlgeschichten könnte man Folianten füllen.
+
+Poggio Bracciolini, von dem ich schon früher redete, erzählt, dass die
+Beichtstühle dazu benutzt wurden, die Mädchen und verheirateten Frauen
+zu verführen. Beichtete eine derselben, dass sie sich eine fleischliche
+Schwachheit habe zuschulden kommen lassen, so kam es sehr häufig vor,
+dass ihr der fromme Beichtvater die unzüchtigsten Anträge machte. Um
+sich das Verführungswerk zu erleichtern, verfehlten sie nicht, den
+lüsternen Kindern recht überzeugend vorzureden, dass ein bisschen
+Unzucht mit einem frommen Geistlichen so gut wie nichts zu bedeuten habe
+und dass die Sünde hundertmal kleiner sei, als wenn sie mit einem
+fremden Ehemann begangen würde.
+
+Ansiniro, ein Augustinereremit zu Padua, hatte alle seine Beichttöchter
+verführt. Die Sache wurde ruchbar und er deshalb angeklagt. Vor Gericht
+drang man sehr ernstlich in ihn, alle diejenigen anzugeben, welche ihm
+den Willen getan. Er nannte eine große Menge von Mädchen und Frauen aus
+den angesehensten Familien, stockte dann aber plötzlich und wollte nicht
+weiterreden. Der Sekretär, der ihn vernahm, bedrohte ihn mit den
+härtesten Strafen, wenn er nicht die Wahrheit reden und in seinem
+Bekenntnis fortfahren werde. So gedrängt, nannte der Pater auch den
+Namen, welchen er verschweigen wollte, und man kann sich die
+Überraschung des Sekretärs denken, als er den seiner eigenen für so
+tugendhaft gehaltenen Frau hörte!
+
+Hin und wieder kamen die Pfaffen auch schlimm an. Ein Priester, dem eine
+hübsche Frau beichtete, fand den Platz hinter dem Altar sehr bequem und
+wollte sie bewegen, hier seinem unzüchtigen Gelüste zu genügen. Die Frau
+äußerte, dass sie den Platz nicht anständig finde, versprach aber, an
+einem anderen Orte seine Wünsche zu erfüllen und schickte ihm als
+Liebespfand eine sehr schöne Torte und eine Flasche guten Wein. Der
+erfreute Pfaffe dachte, zwei Fliegen mit einer Klappe zu treffen, und
+überreichte die herrliche Torte seinem Bischof, der damit bei einem
+Gastmahl seine Tafel zierte. Als man sie aufschnitt, fand man darin, was
+man gewöhnlich nicht dem Beichtstuhl, sondern dem Nachtstuhl anvertraut.
+
+Man forschte natürlich nach dem Ursprung dieser schmutzigen
+Überraschung, und dieser ergab sich bald aus der Untersuchung.
+
+Kein Ort war den geilen Pfaffen zu heilig, und die Regierungen mussten
+dieselben oft strafen, weil sie einen Altar oder einen andern für heilig
+geltenden Ort als Sofa betrachtet hatten. Ein Kaplan zu Solothurn beging
+selbst die schreiende Sünde, die Orgel zum Schauplatz seiner unerlaubten
+Freuden zu wählen!
+
+Wäre die Kirche nicht stets darauf bedacht gewesen, das Nützliche mit
+dem Angenehmen zu verbinden und ihre frommen Diener soviel als tunlich
+für die mancherlei mit ihrem Amte verbundenen Entbehrungen zu
+entschädigen, dann hätte sie dem Skandal schnell ein Ende machen können.
+Sie hätte nur zu verordnen brauchen, dass die Weiber bei Weibern statt
+bei Männern beichteten; aber wahrscheinlich fürchteten sie, dass die
+Weiber nicht schweigen könnten.
+
+"Mensch bleibt Mensch und ein Pfaffe vorzüglich." Ich würde auch lieber
+das Sündenregister eines schönen Mädchens mit anhören als das eines
+alten Mannes, und hin und wieder würde ich wahrscheinlich auch schwach
+genug sein, die gemachten Entdeckungen zu meinem Privatvorteil zu
+benutzen; allein ich bin auch kein Priester. Wüsste ich es nicht aus
+anderen Quellen, so würde mich schon die Ermahnung des heiligen
+Borromäus an die Pfaffen lehren, dass sehr viele von diesen die Beichte
+der Weiber lieben hörten als die der Männer. Der Heilige, der stets des
+oben angeführten Mottos eingedenk ist, schreibt den Beichtvätern vor,
+alle Türen zu öffnen, wenn sie die Beichte irgendeiner Weibsperson
+anzuhören hätten; er schlägt ihnen vor, irgendeinen Vers aus den
+Psalmen, zum Beispiel cor mundum crea in su Domine, an einem freien Ort
+anzuschreiben, wo er ihnen beständig vor Augen wäre und sie ihn bei
+vorkommenden Versuchungen gleichsam als Zauberformel oder als Retro
+Satanas gebrauchen könnten. -
+
+Von dem Geißeln habe ich schon geredet. Da dieses nicht ohne Entblößung
+stattfinden konnte, so ist es begreiflich, dass es die lüsternen Pfaffen
+sehr bald bei der Beichte einführten. Anfänglich begnügten sie sich
+damit, die Geißelung als Buße vorzuschreiben; allein gar bald maßten sie
+sich das Recht an, dieselbe eigenhändig zu erteilen. Dies wurde von der
+Kirche selbst als ein Missbrauch angesehen, und Papst Hadrian 1., der im
+Jahr 772 Papst wurde, verordnet. "Der Bischof, Priester und der Diakon
+sollen diejenigen, welche gesündigt haben, nicht geißeln."
+
+Die Verordnung fruchtete jedoch nichts. Die Geistlichen ließen sich das
+angenehme Recht nicht nehmen, besonders da sie darin durch hochstehende
+Prälaten unterstützt wurden und der schon früher genannte Kanzler der
+römischen Kirche, Kardinal Pullus, nicht das geringste Bedenken trug,
+nicht allein das Geißeln zu empfehlen, sondern auch sogar öffentlich
+bekanntzumachen, dass die völlige Entkleidung der Büßenden und ihr
+Niederwerfen zu den Füßen des Beichtvaters selbst in den Augen Gottes
+das Verdienst des Sünders vermehre, da es noch Kennzeichen äußerster
+Demut und Erniedrigung wären.
+
+Solche Lehren trugen den Pfaffen gute Früchte. Das Hinterteil des Mannes
+zu zerbläuen konnte, wenn derselbe eine hohe Stellung in der Welt hatte,
+allenfalls ihrem Stolze und ihrer Eitelkeit schmeicheln; allein die
+Strafe bei Frauen anzuwenden hatte für den Schönheitssinn der Pfaffen
+einen weit höheren Reiz, und alle Mittel, welche der Kirche zu Gebote
+standen, wurden angewandt, die natürliche Schamhaftigkeit der Weiber und
+Mädchen zu besiegen.
+
+Bei der Schamhaftigkeit fällt mir eine Anekdote ein, die zu spaßhaft
+ist, als dass ich sie den Lesern vorenthalten sollte. In den vierziger
+Jahren kam ein junges Mädchen zu dem katholischen Pfarrer eines Ortes,
+um bei ihm zu beichten. Nachdem sie allerlei unbedeutende Sünden
+gestanden hatte, stockte sie und wurde feuerrot. Der Pfarrer ermahnte
+väterlich, fortzufahren, aber das verschämte Mädchen sagte, dass es ihr
+unmöglich sei, ihm hier ihre Sünden zu bekennen. Der gute Geistliche,
+dem dergleichen wohl schon oft vorgekommen sein mochte, fragte, ob sie
+ihm lieber zu Hause beichten wolle, wo sie weniger beobachtet wäre, und
+das Mädchen erklärte sich seufzend bereit dazu.
+
+Zur bestimmten Stunde erschien sie auf dem Zimmer des Herrn Pfarrers,
+der sie mit einiger Unruhe und Neugierde erwartet hatte. "Nun, mein
+Kind, wir sind allein, was ist's, das dich drückt. - Die Mutter Kirche
+hat Trost; habe Zutrauen usw." - "Ach, Herr Pfarrer, ich kann's nicht
+sagen", erwidert die kleine Unschuld und hält den Schürzenzipfel vor das
+Gesicht. - "Nun, mein Gott, es wird doch keine Todsünde sein!" - "Ach
+nein, aber -." - "Nur offen heraus, was ist's?" -"Ach, ich habe mit
+meinem Liebsten etwas - etwas gemacht!" - "Nun, was denn, mein Kind?" -
+"Ach, ich kann's wahrhaftig nicht sagen." - "Nun, hat er vielleicht das
+getan?" fragte der Pfarrer, indem er ihr in die Backen kneipt, um ihr
+das Geständnis zu erleichtern. - "Ach nein!" - "Oder vielleicht das?" -
+wobei er den Arm um ihre Taille legt und ihr einen Kuss auf den Mund
+drückt. - Das Mädchen schüttelt beständig mit dem Kopf, und der Pfarrer,
+ein noch junger Mann, glühte im Gesicht beinahe ebenso sehr wie seine
+verschämte Beichttochter. - Er wird in seinem heiligen Eifer immer
+hitziger und versucht alles mögliche, was der Geliebte nur mit ihr getan
+haben konnte, und da sie fortwährend beharrlich schüttelt, so schreitet
+er sogar zum alleräußersten, in der vollen Überzeugung, dass er nun das
+Richtige getroffen habe. Aber wie groß ist sein Erstaunen, als er auf
+seine Frage ein abermaliges Kopfschütteln als Antwort erhielt. - "Nun,
+in Satans Namen", bricht er los, "was hast du denn mit ihm gemacht?" -
+"Ach, Herr Pfarrer - - ich habe - ihn krankgemacht!" - Ich überlasse es
+den Lesern, sich das Gesicht des guten Pfaffen auszumalen. -
+
+Auf solche Weise verfuhren nun wohl nicht alle römisch-katholischen
+Geistlichen, um die Schamhaftigkeit ihrer Beichtkinder zu besiegen; bei
+den meisten gelang es ihnen durch biblische Spitzfindigkeiten und, wo
+dieselben nicht helfen wollten, mit Verweigerung der Absolution und
+Androhung der ganzen Teufelsküche. Zu solchen äußersten Mitteln
+brauchten die heiligen Väter indessen nur selten zu schreiten, denn die
+Beichte ist schon an und für sich ein höchst wirksames Mittel zur
+Ertötung der Scham.
+
+Das Mädchen oder die Frau, welche einem fremden Manne die geheimsten
+Regungen ihrer Sinnlichkeit und die dadurch hervorgebrachten Wirkungen
+mit allen Details - so verlangen es häufig die lüsternen Beichtväter -
+schildern kann, kostet es auch keine große Überwindung, sich vor
+demselben zu entblößen; wer die nackte Seele gesehen hat, mag auch den
+nackten Körper sehen! -
+
+Weigerte sich indessen dennoch eine Beichttochter und wollte nicht daran
+glauben, dass die Pfaffen ein Recht dazu hätten, die Entblößung zu
+verlangen, dann entgegneten diese ihnen, dass Christus gesagt habe:
+Gebet hin und zeiget Euch den Priestern; wollte es eine andere
+unschicklich und anstößig finden, dann antwortete man ihr: "Ach
+Larifari! Adam und Eva waren im Paradies nackt, und am Auferstehungstage
+werden wir keine Hosen tragen." So kam es allmählich so weit, dass man
+gar nichts mehr darin fand, wenn ein Beichtvater einem Mädchen oder
+einer Frau mit eigener Hand die Rute gab.
+
+Die Pfaffen standen schon seit den ältesten Zeit mit vollem Recht in
+schlechtem Ruf, und es ist daher wohl begreiflich, dass die Ehemänner
+ziemlich unruhig waren, wenn ihre Frauen zur Beichte gingen. Selbst sehr
+fromme und heilige Bücher enthalten darüber höchst ergötzliche
+Geschichten, wenn sie auch meistens ernsthaft langweilig und im
+schrecklichsten Mönchslatein erzählt sind.
+
+In einem Buche von Scotus, betitelt Mensa philosophica, findet sich zum
+Beispiel die folgende: Einem Weibe, welches eben in den Beichtstuhl
+ging, um ihre Sünden zu bekennen, folgte im geheimen ihr Ehemann nach,
+da ihn die Eifersucht plagte, zu welcher er auch wohl gute Gründe haben
+mochte. Er verbarg sich in der Kirche so, dass er seine Frau genau
+beobachten konnte; aber kaum sah er sie von dem Beichtvater hinter den
+Altar führen, als er sehr eifrig hervorstürzte und demselben vorstellte,
+dass seine Frau viel zu zart sei, die Geißelung auszuhalten; solle aber
+einmal gegeißelt werden, nun, dann erbiete er sich, die Strafe auf sich
+zu nehmen. Die Frau war sehr vergnügt über diesen Vorschlag, und der
+Beichtvater willigte ein. Kaum hatte sich der Mann vor diesem nieder
+geworfen und in die gehörige Geißelpositur gesetzt, so rief seine Frau:
+"Nun, ehrwürdiger Vater, haut nur recht tüchtig zu, denn ich bin eine
+sehr große Sünderin!" -
+
+Nach den Beispielen von den Wirkungen des Zölibats auf die Geistlichen
+welche ich in den vorigen Kapiteln gegeben habe, werden es die Leser
+sehr natürlich finden, dass diese Art und Weise der beichtväterlichen
+Absolution zu unendlich vielen Missbräuchen Veranlassung gab. Die Zahl
+der davon bekannten Beispiele ist unendlich groß, obgleich die Pfaffen
+stets bemüht waren, dergleichen Erzählungen als Verleumdungen
+hinzustellen. Ich könnte eine ganze Galerie davon aufführen, begnüge
+mich aber damit, nur einige Geschichten dieser Art zu erzählen, deren
+Wahrheit bis in die kleinsten Details durch gerichtliche Untersuchungen
+ans Tageslicht gekommen ist, und weil sie mir ganz vorzüglich geeignet
+scheinen, die römisch-katholischen Geistlichen und ihre Beichte zu
+illustrieren.
+
+Die erste davon ist die von dem Bruder Cornelius Adriansen zu Brügge.
+Derselbe war zu Dortrecht geboren. Seine Eltern bestimmten ihn zum
+geistlichen Stand, und nachdem er seine Studien vollendet hatte, kam er
+im Jahr 1548 nach Brügge in das dortige Franziskanerkloster. Bald
+entdeckte man in ihm eine Menge theologischer Kenntnisse und eine ganz
+besondere Gabe, "populär" zu predigen, wodurch seine Oberen bewogen
+wurden, ihm das Predigeramt anzuvertrauen.
+
+Seine Predigten waren ganz eigentümlicher Art, und man wird sie am
+besten beurteilen können, wenn ich ein Bruchstück aus einer derselben
+mitteile. Seine Reden wurden übrigens schon bei seinen Lebzeiten
+gesammelt und zum Ergötzen der Ketzer in den Niederlanden im Druck
+herausgegeben.
+
+Am 15. Dezember 1560 ereiferte er sich sehr, weil einige angesehene
+deutsch-protestantische Prediger und Anhänger der Augsburgischen
+Konfession nach Antwerpen gekommen waren. Nachdem er einen Teil des
+Textes ausgelegt hatte, ergriff er die Gelegenheit, seinem Grimm über
+die Ketzer Luft zu machen. Er brüllte wie verrückt: "Bah! ich möchte
+beinah vor Zorn und Tollheit aus der Haut fahren! Ah Bah! da sind nun zu
+Antwerpen, dem höllischen Pfuhl, dem teuflischen Abgrund, wo alles
+verfluchte Gift und stinkender Unflat zusammenkommt, wiederum neue
+Verräter, Verführer, Betrüger, neue Schelme und Bösewichter aus dem
+verdammten und verfluchten Deutschland angekommen und vermeinen, in
+diesen edlen Niederlanden - die sich jederzeit so standhaft im
+christlichen Glauben gehalten, bis die mageren, dürren, ledernen
+deutschen Arschkerben ihre beschissene Supplikation übergeben - ihre
+Augsburgische Konfession einzuführen und fortzupflanzen. Bah, seht doch
+wie schnell sie mit ihrer teuflischen Augsburger Konfession gelaufen
+kommen, sobald sie gehört, dass diese verfluchten Geusen die Religion
+verändern wollen! Ei ja, eben recht! wie? wir sitzen da und warten
+darauf, bis Ihr kommt? Bah, alles bereit? Ah bah, es ist zu verwundern,
+wie Ihr so lange geblieben seid mit eurer schönen Konfession von
+Augsburg, welche erstlich so süß, lieb und betrüglich von dem falschen,
+verdammten, höllischen Ketzer, dem unbeständigen Zweifalter und
+Wetterhahn Philipp Melanchthon, verfasst und zusammengestellt, dann aber
+mit seinem teuflischen, höllischen Gift so verdorben und nach seinem
+ketzerischen Sinn verfälscht worden, dass auch die Zwinglianer,
+Calvinisten und Sakramentierer sich damit behelfen und verteidigen
+können und wollen. Darum scheiß ich in die Augsburgische Konfession!
+Bah! die Zeit soll noch kommen, dass diese Konfession an den Galgen
+gehängt und mit Kot und Dreck soll beworfen werden, ja, dass alle
+Katholischen den Arsch daran wischen werden; bah, so sehet! - Ah bah!
+die Wiedertäuferei ist tausendmal besser als die Konfession von
+Augsburg. Bah! Gott schände die Augsburgische Konfession, bah! der
+Teufel hole die Augsburgische Konfession! Wie, was meint Ihr, dass wir
+toll und töricht sein und dass wir uns so von diesen ledernen
+Arschkerben sollen überteufeln und äffen lassen, von diesen deutschen
+Verrätern, den ersten Abtrünnigen und Ausgebannten von der
+römisch-katholischen Kirche?" usw.
+
+Seine Predigten wimmelten von Unflätereien, von denen die obigen nur
+eine bescheidene Probe sind, und hörte er, dass man sich darüber
+aufgehalten habe, dann schrie er von der Kanzel wie besessen: "Bah,
+darum haltet das Maul und lasst mich predigen, was mir der Heilige Geist
+eingibt!" Er übte indessen einen bedeutenden Einfluss auf den großen
+Haufen aus und seine Predigten waren besonders geschickt dazu, den Hass
+gegen die Protestanten zum Fanatismus anzufachen. Einstmals predigte er
+gar, "dass man schwangeren Weibern der Ketzer den Leib aufschneiden
+solle, um die Kinder, ehe sie geboren wären, zu verbrennen".
+
+Diese Predigten fallen indessen schon in eine spätere Zeit. Bald nach
+Antritt seines Predigeramtes hatte er sein Augenmerk auf einen anderen
+Gegenstand gerichtet, - nämlich auf die schönen Mädchen und Frauen von
+Brügge. Er fing an, gegen das eheliche Leben zu predigen, und setzte es
+mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln herab; denn es sei fast nicht
+möglich, als Verheirateter selig zu werden. Dagegen konnte er die
+Jungfräulichkeit nicht hoch genug preisen und verhieß den Mädchen,
+welche darin beharren würden, ganz gewiss die Seligkeit.
+
+Heutzutage würde man darüber selbst in streng katholischen Ländern
+lachen und höchstens einige verhimmelnde Ebelianische Seelenbräute
+würden vielleicht in dem guten Pater den sehr fleischgewordenen Paraklet
+sehen; aber damals, als die meisten Leute noch eine ungeheure Sorge um
+ihr "Seelenheil" hatten, verursachten seine Predigten einen solchen
+Aufruhr unter den Weibern in Brügge, dass alle Männer die Geduld
+verloren, denn ihre Frauen flohen sie förmlich und die Mädchen
+beschlossen, in ihrem Leben nicht zu heiraten. - Doch "der Geist ist
+willig, aber das Fleisch ist schwach". Die armen Frauen gerieten in
+Verzweiflung und liefen zu Bruder Cornelius, um sich Trost und Rat zu
+holen. Dieser hörte sie freundlich an und belehrte sie über die Mittel,
+durch welche es möglich sei, im ehelichen Stand fortzuleben, ohne vom
+Teufel geholt zu werden. Zunächst, sagte er, sei es nötig, "der Begierde
+und dem Gefallen an dem fleischlichen Werke der Ehe" zu widerstehen,
+wenn auch dem Werk oder der Ausübung selbst nicht. "Denn", argumentierte
+er, "das Werk an und für sich ist von Gott angeordnet, aber die
+verdorbene ausgeartete Natur hat es verunreinigt, befleckt, beschmutzt
+und verunehrt mit ihren schlechten, faulen, fleischlichen Affekten und
+Neigungen!" Darum sollten sie denselben durchaus widerstehen und das
+eheliche Werk ausüben, als übten sie es nicht aus. Dies war nun freilich
+für die meisten ein unmögliches und übermenschliches Ding, besonders
+wenn sie ihre Männer lieb hatten und täglich kamen sie zu ihm mit
+weinenden Augen und beklommenen Herzen.
+
+Zu denen, die weder jung noch sonderlich hübsch waren, sagte er, dass
+sie ihre Anfechtungen und Übertretungen ihrem Pastor oder Beichtvater
+sehr genau und ausführlich berichten müssten, damit sie ihnen vergeben
+würden und die Absolution bekämen; aber zu denen, die er für seine
+Betgenossenschaft (deuotarship) wünschte, sagte er: weil sie nun solchen
+innerlichen Sünden und Gebrechen ihres Körpers nicht widerstehen
+könnten, so wäre es nötig, dass derselbe gekasteiet werde mit einer
+äußerlichen Strafe oder Pönitenz. Die betrübten Frauen willigten sehr
+gern darin, sich derselben zu unterziehen.
+
+Hierauf sagt er ihnen, dass sie sich ganz und gar unter seine Aufsicht
+und seinen Gehorsam begeben müssten, und als sie auch damit
+einverstanden waren, gab er ihnen eine Regel, nach welcher sie alle
+Monate auf einen bestimmten Tag bei ihm mit Bewilligung ihrer Männer zur
+Beichte erscheinen und in welcher sie ihm ihre Übertretungen mitteilen
+mussten.
+
+Als sie nun die Regel angenommen hatten und bei ihm zur Beichte
+erschienen, gebot er ihnen bei dem Gelübde ihres Gehorsams, alle
+unkeuschen Gedanken, Begierden und Handlungen, die sie hatten und
+begingen, ungeschminkt, frei heraus, ohne Scham zu gestehen; je glatter,
+unverhohlener, gröber und genauer, je besser: damit er im Stande sei,
+sie davon zu säubern, reinigen, purgieren, absolvieren und deshalb zu
+kasteien und strafen. Dies taten denn die Frauen ebenfalls. "Nun,
+wohlan, meine Töchter", sagte Cornelius darauf, " für diese heimlichen
+und unkeuschen fleischlichen Sünden des Körpers gehört sich auch eine
+heimliche Säuberung, Purgierung, Reinigung (er liebte es sehr, wohl fünf
+bis sechs Synonyme hintereinander zu gebrauchen) und heilige Disziplin
+oder sekrete Pönitenz, welche vor den Augen der Menschen verborgen
+gehalten werden muss, weil sie nicht verstehen und begreifen was
+geistlich ist; ja, sie würden sich darüber aufhalten und Ärgernis
+nehmen, wenn sie es wüssten; so sind sie durch die Verderbtheit des
+Fleisches in ihren Ansichten und Begriffen verwirrt, geblendet und
+geschändet. Darum, meine Töchter, legt die Hand auf eure Brust und
+schwört bei Gott und allen Heiligen, dass ihr diese heimliche Disziplin
+oder heilige, sekrete Pönitenz weder euren Männern, noch euren Eltern,
+noch irgendeinem der weltlich gesinnten Menschen, noch irgendeinem
+Geistlichen, sei es in der Beichte oder anders, nicht zu erkennen geben
+und offenbaren wollt."
+
+Nachdem nun die Frauen diesen Eid geleistet hatten, nahm er sie als
+Büßerinnen und Disziplintöchter an und hieß sie in das Haus der Nähterin
+Calle de Naighe, seiner Vertrauten, stets durch die Vordertür zu gehen;
+denn dieses Haus hatte von der Seite des Klosters her ebenfalls einen
+Eingang, so dass diejenigen, welche Bruder Cornelius durch denselben
+hineingehen sahen, die Frauen nicht sahen und umgekehrt.
+
+Als nun die frommen Frauen das erste Mal zu der Nähterin kamen, gab sie
+jeder derselben eine Rute und hieß sie dieselben in das Disziplinzimmer
+tragen, das nächste Mal aber selbst Besen zu kaufen und davon eine Rute
+mitzubringen.
+
+Als Cornelius in das Disziplinzimmer zu seinen Beichttöchtern eintrat
+sagte er: "Nun, wohlan, meine Töchter, damit Ihr diese heilige Disziplin
+oder sekrete Pönitenz bequem empfangen könnt, ist es nötig, dass ihr
+euern Körper entblößt; darum befehle ich Euch bei dem Gelübde eures
+Gehorsams, dass Ihr Euch entkleidet."
+
+Als die Frauen seinen Willen erfüllt hatten, mussten sie ihm selbst die
+Rute in die Hand geben und ihn demütig bitten, dass er ihren sündigen
+Körper diszipliniere und kasteie, was er denn sehr bedächtig mit einer
+Anzahl Schläge tat, die eben nicht weh tun konnten. Diese Handlung
+begleitete er mit allerlei vom Geißeln handelnden Reden aus alten
+Büchern und sagte unter anderem: dass Gott die Demut der Büßenden, die
+sich nackt auszögen, lieber habe als die Heftigkeit der Schläge.
+
+Im Winter, wenn es zu kalt war, um sich nackt auszuziehen, mussten seine
+Disziplinkinder sich auf einem großen Kissen niederlegen: Bruder
+Cornelius hob ihnen den Rock auf und disziplinierte sie auf diese Weise.
+Ebenso machte er es auch im Sommer mit denjenigen Frauen, die nicht
+lange von Hause wegbleiben konnten oder mit Witwen, die lange unter
+seiner Disziplin gestanden hatten und an deren Bußwerkzeugen er sich
+bereits satt gesehen hatte; ja, zuletzt ließ er wohl zu, dass diese die
+Disziplin von seiner Vertrauten, der Nähterin, empfingen.
+
+Dass die Witwen, die bereits vom Baum der Erkenntnis gegessen,
+Anfechtungen hatten, nahm er als selbstverständlich an und interessierte
+sich vor allen Dingen für ihre Träume, die sie ihm stets ganz genau
+erzählen mussten.
+
+Ehe er aber die verheirateten Frauen und Witwen zu seiner Bußanstalt
+heranzog, hatte er schon längst eine Disziplinschule von jungen Mädchen
+errichtet, bei der ich mich etwas länger aufhalten muss, da sich dabei
+die ganze Schändlichkeit des nichtswürdigen Pfaffen offenbart und weil
+es Jungfrauen waren, die den alten lüsternen Sünder zuschanden machten
+und sein Treiben zur Untersuchung brachten. -
+
+Abbé Parny in seiner köstlichen Satire "La guerre des Dieux", in welcher
+die Heidengötter von der heiligen Dreieinigkeit mit den himmlischen
+Heerscharen besiegt werden, hat den köstlichen Einfall, alle Satyren und
+Faune der alten Heidenzeit die Stammväter der Mönche werden zu lassen.
+Der witzige Abbé kannte gewiss viele Mönche von der Art des Bruders
+Cornelius.
+
+Im Jahr 1553 befand sich unter den Frauen, welche täglich die Predigten
+des Bruders Cornelius besuchten, eine fromme und geachtete.Witwe mit
+ihrem schönen und gescheiten Töchterchen. Diese machte die Bekanntschaft
+einiger junger Mädchen, die schon lange zu der Betgesellschaft des
+Pastors gehörten und stets bemüht waren, für dieselbe Rekruten zu
+erwerben. Das reizende sechzehnjährige Calleken Peters schien ihnen
+besonders der Mühe wert. - Die Mutter sah mit Vergnügen, wie ihr
+Töchterchen durch die Unterhaltung mit den frommen Mädchen so schön über
+geistliche Dinge reden lernte, und ließ Calleken die Gesellschaft
+derselben besuchen, so oft sie nur wollte.
+
+Hier hörte sie von der geheimen Pönitenz und fragte, was dieselbe denn
+eigentlich zu bedeuten habe? Bisher waren die Mädchen sehr bereit
+gewesen, ihr Rede und Antwort zu geben, allein nun meinten sie, dass
+Calleken darüber nur von Pater Cornelius selbst belehrt werden könne,
+und rieten ihr, sich an den heiligen Mann zu wenden, was sie denn auch
+beschloss.
+
+Cornelius, der benachrichtigt wurde, dass sich ein so frisches Fischchen
+fangen wolle, setzte einen Tag fest, an welchem sie bei ihm erscheinen
+solle, und außer ihr fanden sich an demselben noch zwei ausgezeichnet
+schöne Mädchen ein, die ebenfalls in der Disziplin unterrichtet werden
+sollten; sie hießen Aelken van den B. und Betken P.
+
+Der Pater fragte Calleken, ob es ihr Ernst damit sei, ihre jungfräuliche
+Reinheit und Sauberkeit zu bewahren und zu dem Ende unter seine
+Obedienz, Untertänigkeit und Gehorsam sich verdemütigen wolle? Als sie
+bejahte, lobte er sie sehr und ersuchte sie, ihn mit Einwilligung ihrer
+Mutter an einem bestimmten Tage der Woche zu besuchen.
+
+Nach einer mehrwöchigen Vorbereitung nahm er sie feierlich als
+Beichtkind an und ließ sie den schon oben angeführten Eid schwören.
+Darauf wies er sie an, gleich den anderen Mädchen in seine
+Disziplinkammer zu kommen und sich dort zur Pönitenz vorzubereiten. -
+Diese Kammer hatte er damals in einem Hause auf dem Steinhauersdyk in
+Brügge bei einer Witwe, Frau Pr., bei der die oben genannte Betken und
+einige andere Mädchen in Kost waren, um die Kochkunst zu erlernen. Die
+Nähterin wurde erst des Paters Vertraute nach dem Tode der Witwe.
+
+Als Calleken zum ersten Mal in die Kammer trat, forderte sie Cornelius
+auf, bei dem Gelübde ihres Gehorsams ihm alle Anfechtungen und
+Versuchungen, welche der menschlichen Natur so eigen, zu beichten und
+namentlich die unkeuschen Träume, Gedanken und Begierden, welche der
+jungfräulichen Reinigkeit so sehr zusetzen, ungescheut ihm mitzuteilen,
+indem er nur auf diese Weise Mittel finden könne, Letztere zu
+beschützen.
+
+Das arme, unschuldige Kind, welches von dergleichen Anfechtungen noch
+durchaus nichts wusste, stotterte etwas her, aber Cornelius erwiderte:
+"Bah, ich weiß recht gut, dass Euch alle die Unkeuschheiten und
+Unreinigkeiten, welche zwischen Verheirateten und Weltmenschen
+vorzufallen pflegen, bekannt sind: denn die Welt ist so arm im Argen und
+verdorben, dass junge Mädchen von acht bis neun Jahren recht gut wissen,
+auf welche Weise sie in die Welt gekommen sind. Bah! ein Mädchen von
+sechzehn bis siebzehn Jahren wie Ihr sollte nichts von solchen
+Versuchungen, Begierden, Quälungen wissen? Bah, Ihr hättet in der Welt
+bleiben sollen, Ihr wärt bald Mutter von drei bis vier Kindern."
+
+Calleken, vor Scham ganz rot, sah zur Erde nieder und wusste nichts
+weiter zu sagen, als dass ihre Mutter sie auf das sorgfältigste vor
+allen eitlen, leichtfertigen und unehrbaren Äußerungen bewahrt hätte. -
+"O bah!" fuhr der Pfaffe fort, "darauf achte ich noch nicht. Die
+angeborene und gebrechliche Natur muss Euch in dem Alter, welches Ihr
+nun habt, darüber belehren; darum ist es nicht möglich, dass Ihr nicht
+bisweilen mit fleischlichem Streit angefochten werdet, den Ihr allein
+aus Verschämtheit mir verschweigt. Aber ich kann Euch durchaus nicht
+absolvieren, denn meine Seligkeit hängt daran, und darum bereitet Euch
+das nächste Mal besser darauf vor, alle eure natürlichen Anfechtungen zu
+erkennen zu geben.' - Hiermit entließ er Calleken und befahl ihr, auf
+einen bestimmten Tag wiederzukommen, was sie in Gottes Namen zu tun
+gelobte.
+
+Als sie wieder zu ihm kam, nahm er sie in seine Disziplinkammer und
+ermahnte sie, alle Verschämtheit, die er ein falsches, böses Tier
+nannte, draußen zu lassen. Auf seine abermaligen Fragen nach
+fleischlichen Regungen antwortete ihm das unschuldige Mädchen, dass sie
+täglich Gott bitte, sie vor dergleichen Anfechtungen zu bewahren. Das
+lobte der Pater zwar, meinte aber doch, sie müsse Gott eigentlich um
+Versuchungen und Anfechtungen bitten, denn ein Zustand, in welchem diese
+ausbleiben, sei keine Heiligkeit zu nennen. "Bah!" fuhr er fort, "es ist
+eine Ehre, eine quälende Natur zu haben, und dass man zu ungleichen
+Personen, nämlich Frauen zu Männern und Männer zu Frauen, mit natürlich
+brennender Hitze geneigt ist; allein was ist das für ein Verdienst, wenn
+man kein Gefühl dafür hat? Bah, mein Kind, schämt Euch nicht zu
+gestehen, dass Ihr auch Fleisch und Blut gleich allen Menschen habt,
+oder ich muss Euch für heuchlerisch und ganz und gar für durchtrieben
+halten, weil Ihr nicht gestehen wollt, bisweilen fleischliche Gedanken
+oder unreine Begierden zu haben." Nun fuhr er fort, sie zu ermahnen, ihm
+rund heraus, je unumwundener je besser, alle ihre unkeuschen Gedanken
+und dergleichen zu sagen. Calleken wurde immer verschämter, je länger
+sie den Satyr in Priestertracht anhörte. Dieser glaubte daher vor allen
+Dingen darauf hinarbeiten zu müssen, diese ihm so hinderliche Scham zu
+vernichten, und nachdem er sie durch väterliche, gleisnerische Worte
+zutraulich gemacht hatte, fragte er feierlich: "Nun, Calleken, mein
+Kind, sagt mir, ob Ihr mir die Seligkeit eurer Seele auch mit ganzem
+Herzen anvertraut?" Sie antwortete: "Ja, ehrwürdiger Vater." - "Nun
+wohl", fuhr er fort, "wenn Ihr mir euer Seelenheil anvertraut, so könnt
+Ihr mir mit noch minderer Gefahr euren irdischen vergänglichen Körper
+anvertrauen; denn wenn ich eure Seele selig machen soll, so muss ich vor
+allem euren Körper geeignet, rein, sauber und fähig machen zu allen
+Tugenden, Andachten und Pönitenzien. Ist's nicht so, mein Kind?" - Sie
+antwortete: "Ja, ehrwürdiger Vater." - "Nun wohlan, mein Kind, so ist es
+nötig, dass Ihr meiner heiligen Obedienz untertänig seid und tut, was
+ich Euch befehlen werde."
+
+Hierauf setzte er sich auf eine Bettstelle, die in dem Zimmer stand, und
+sie musste sich zwei Schritte von ihm hinstellen. Darauf sagte er, dass
+es zur Überwindung der Verschämtheit, welche der Disziplin und Pönitenz
+so durchaus zuwider, durchaus nötig sei, dass sie sich seinem Willen
+füge, und er gebiete ihr daher bei ihrem Gelübde des Gehorsams, sich
+sogleich vor ihm nackt auszuziehen.
+
+Calleken antworte heftig erschrocken: "Ach, ehrwürdiger Vater, wie
+könnte ich das tun, ich müsste mich gar zu sehr schämen!" - "Mein Kind",
+rief er, "das muss so sein, unser beider Seligkeit hängt daran, darum
+weg mit der Scham und tut gehorsamlich, was ich befohlen habe." - "Ach,
+ehrwürdiger Vater", stammelte das geängstigte Mädchen, "ich will Euch
+lieber künftig alle meine Anfechtungen und fleischlichen Gedanken
+offenbaren (das arme Kind hätte sie gewiss erfinden müssen), als dies
+tun, denn ach - mir ist, als würde ich lieber sterben! Darum bitte ich
+demütig, ehrwürdiger Vater, erlasst es mir!" - Cornelius bestand aber
+fest darauf, denn ohne dasselbe sei es gar nicht möglich, eine
+vollkommene Andächtige zu werden; es sei das erste Mittel zum Empfang
+der heiligen, heimlichen Disziplin. Er verlangte unbedingten Gehorsam,
+wie ihn alle übrigen Disziplinschüler leisteten.
+
+Seine Worte hatten endlich die gewünschte Wirkung. Das schöne Mädchen
+hakte ihr Mieter auf und zog es aus; als sie aber ihr Leibchen
+aufschnürte, stürzten ihr die hellen Tränen aus den Augen, und Cornelius
+sagte: "Bah, mein Kind, fasst Mut und kämpft tapfer und klug gegen die
+Verschämtheit und Heuchelei, dann sollt Ihr einen Sieg feiern, dann soll
+alles Triumph, Friede und Glorie sein."
+
+Als sie nun bis aufs Hemd entkleidet war und auch dieses fallen lassen
+sollte, verwandelte sich die Glut ihres Gesichts in tödliche Blässe. -
+Als Cornelius dies sah, stand er eiligst auf und holte aus seinem
+Schrank einige stark riechende Essenzen, mit deren Hilfe sie bald wieder
+aus der Ohnmacht erwachte.
+
+Für dieses Mal ist es genug, mein Kind", redete er ihr freundlich zu,
+"das nächste Mal sollt Ihr nicht allein bei mir sein, sondern in
+Gesellschaft einiger Mädchen, die Ihr kennt und die Euch mit gutem
+Beispiel vorangehen werden." Als sie sich wieder angekleidet hatte,
+ermahnte er sie, keinem Menschen etwas zu sagen und ihm zu geloben, am
+bestimmten Tage sich auch wirklich wieder in seinem Disziplinzimmer
+einzustellen.
+
+Sie hielt Wort und fand dort die oben erwähnten beiden schönen Mädchen,
+die gar keine Umstände machten, sich sogleich auskleideten und ganz
+dreist nackt vor den Pater hinstellten. Calleken folgte dem Beispiel,
+und Cornelius lobte sehr das Glorreiche eines solchen Siegs über die
+verfluchte Scham, die allem frommem Werk im Wege sei. Damit hatte es für
+dieses Mal sein Bewenden, denn Cornelius pflegte seine frommen Töchter
+mehrere Monate lang im Entkleiden zu üben, denn sein Grundsatz war, sie
+mussten freiwillig die Scham aufgeben und selbst die Disziplin begehren.
+
+Während dieser mit Calleken vorgenommenen seltsamen Exerzitien wurde sie
+von einem Mädchen, das schon seit langem zu des Paters schamlosen
+Freikorps gehörte, gefragt: ob sie denn nun wisse, was die Disziplin
+oder heilige sekrete Pönitenz sei? Calleken antwortete, dass sie es wohl
+beinahe ahne, aber noch nicht sicher wisse. "Ei", sagte das Mädchen,
+"wenn du diese noch nicht verdient hast, dann musst du wohl ein ganz
+anderes reines Mädchen sein als alle anderen; allein ich denke, dass du
+deine Anfechtungen nicht recht bekannt und gestanden hast." Nun wurde
+sie zum unbedingten Gehorsam gegen Bruder Cornelius ermahnt: sie müsse,
+hieß es, ihre Seele ihm ganz und gar übergeben, den sonst könne es
+unmöglich etwas werden. Calleken versprach, ganz zu tun, wie die Mädchen
+ihr rieten.
+
+Die vielen Reden von fleischlichen Anfechtungen, von natürlichen
+unsauberen Begierden, unkeuschen Träumen usw. hatten das unschuldige
+Mädchen ganz verwirrt gemacht, so dass sie Tag und Nacht an nichts
+anderes dachte, was denn auch mit wirklichen Anfechtungen endete, so
+dass sie dem erfreuten Pater etwas zu beichten hatte. Sie wurde nun der
+Disziplin für würdig erachtet und wurde eine Devote wie die andern.
+
+Diese Bußgenossenschaft, zu welcher die schönsten Frauen und Mädchen von
+Brügge gehörten, bestand eine ganze Reihe von Jahren, ohne dass
+außerhalb des Kreises derselben das geringste verlautete. Aber der Krug
+geht so lange zu Wasser bis er bricht, und auch den frommen
+Beschäftigungen des faunischen Paters sollte ein Ende gemacht werden.
+
+Bei einer kleinen Festlichkeit einiger Mitglieder dieser Genossenschaft,
+der auch Pater Cornelius beiwohnte, ging es sehr lustig zu. Der Pater
+tanzte mit einer hübschen Beichttochter und küsste sie in seiner frommen
+Weinlaune auf den Mund. -Calleken Peters hörte davon durch eine der
+Anwesenden und war sehr betreten, dann sagte sie - "man steht doch
+mutternackt vor ihm, und wie kann man wissen, ob ihn nicht etwas
+Menschliches anwandelt." Die andere erklärte ihn für einen Engel in
+Menschengestalt, der nicht sündigen könne; allein Calleken antwortete:
+"Ich behaupte nicht gerade, dass er sündigt, aber wie nun, wenn ihn eine
+menschliche Schwachheit ergreifen sollte, wie wolltest du dich benehmen,
+um nicht mit zu sündigen?" - "Ich würde es in Demut geschehen lassen",
+antwortete die andere, "denn ich bin Überzeugt, unser Herrgott würde mir
+solches nicht zur Sünde rechnen um des heiligen Mannes willen, indem
+dieser die Handlung ohne eigentlich fleischliches Gelüste vollbrächte."
+
+Calleken wollte diese Religion nicht einsehen, allein der Pater, der
+Nachricht von dieser Unterredung erhielt, bekam einen großen Schrecken
+und nach mehreren Unterredungen mit Calleken ließ er sich von ihr in
+Gegenwart eines anderen Paters eine Erklärung unterschreiben, dass sie
+an ihm nie etwas bemerkt, was ihr Ärgernis gegeben habe, und dass sie
+nichts von einer heimlichen Disziplin wisse. Der Pater stellte ebenfalls
+ein Zeugnis aus, dass er Ohrenzeuge einer solchen Erklärung gewesen und
+Cornelius wurde wieder ruhig, besonders da er sah, dass Calleken Peters
+das Geheimnis bewahrte und auch nicht aus seiner Beichtgenossenschaft
+austrat.
+
+Nach zwei Jahren kamen ihr aber Skrupel, und sie wollte von dem Pater
+aus der Bibel bewiesen haben, dass die heimliche Disziplin zur Seligkeit
+absolut notwendig sei. Sie warf ihm vor, dass er auf der Kanzel die
+Bibelstellen ganz anders auslege als ihr, und er rief sehr verlegen: "Ah
+bah! wenn ich auf der Kanzel stehe, rede ich für die Weltkinder."
+
+Bei einem abermaligen Disput über diesen Gegenstand riss dem Pater die
+Geduld, und er befahl ihr, sich auf der Stelle zu entkleiden und die
+Pönitenz zu empfangen; allein Calleken weigerte sich durchaus und
+erklärte, dass nur Beweise aus der Bibel sie vermögen könnten, zum alten
+Glauben an die Notwendigkeit der heimlichen Disziplin zurückzukehren. Er
+tobte und gab ihr drei Wochen Zeit, sich zu bedenken.
+
+Sie war bei ihrem Entschluss geblieben und ging nach drei Wochen ins
+Kloster. Cornelius war nicht zu Hause, und sie kam auf den Gedanken,
+eine Unterredung mit dem Guardian zu haben. Im Laufe derselben fragte
+sie denselben, ob er Kenntnis habe von der Art und Weise, wie Pater
+Cornelius diszipliniere?
+
+Nach dem der Guardian sich überzeugt hatte, dass nur Gewissensangst das
+Mädchen zu ihm trieb, so erklärte er ihr endlich, dass Cornelius zu den
+Menschen gehöre, von denen Christus gesagt - "Wehe denen, die einen von
+diesen kleinsten ärgern; es wäre ihm besser, dass ihm ein Mühlstein an
+seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde."
+
+Sie ging nun nicht mehr zu Cornelius, allein dieser belästigte sie
+fortwährend, und sie beschloss daher, gegen alle fernere Teilnahme an
+der Bußsodalität zu protestieren. Cornelius war wütend, behandelte sie
+wie einen bösen Geist und übergab sie feierlich dem Teufel.
+
+Bis jetzt hatte das Mädchen geschwiegen, aber nun erhob es sich mit dem
+Stolz und Mut der gekränkten und misshandelten Unschuld und rief: "Wehe
+Euch, ihr fleischlich gesinnter Mensch, der ihr mit all diesem
+Nacktauskleiden und Disziplinieren nichts anderes gesucht habt, als eure
+unkeuschen Augen und niederträchtigen Begierden zu befriedigen zum
+großen Ärgernis und Skandal von so viel unschuldigen Mädchen. Wehe Euch,
+es wäre besser, dass Euch ein Mühlstein an den Hals gehängt und ihr in
+die Tiefe des Meeres versenkt würdet!"
+
+Die Wut des Paters war unbeschreiblich. Die Szene endete damit, dass er
+sie am Arm ergriff und zur Tür hinausschob, wobei er wie wahnsinnig
+schrie: "Weg von hier, Ihr Paulianerin! ich sehe nun, dass Ihr eine
+Paulianerin geworden seid wie Betken Maes; weg, weg, ich übergebe Euch
+dem Teufel!"
+
+Calleken Peters ging ruhig nach Hause und lebte still und sittsam, ohne
+- aus Rücksicht für den Guardian und andere Frauen - von der seltsamen
+Bußanstalt des Paters zu reden, die immer fortblühte. Sie heiratete und
+kümmerte sich nicht darum; aber drei Jahre nach der oben erzählten Szene
+kam die ganze Geschichte durch die oben erwähnte Betken Maes an den Tag.
+
+Es war dies ein ausgezeichnet braves Mädchen. Sie hatte sich ganz und
+gar der Krankenpflege gewidmet und wohin sie immer kam, erschien sie wie
+ein Engel des Trosts. Sie hatte auch zur Bußgesellschaft von Cornelius
+gehört, allein gab ihn als Beichtvater auf und beichtete einem
+trefflichen Augustinermönch. Cornelius war wütend und verketzerte sie
+überall, allein Betken schwieg.
+
+Als sie einst bei einer Kranken war, die zu sterben meinte, verlangte
+dieselbe, in einer Kapuze zu sterben, die sie von Cornelius erhalten,
+der ihr gesagt hatte, dass sie, wenn sie in derselben sterbe, gar nicht
+einmal in das Fegefeuer kommen werde. Betken suchte, ihr den Unsinn
+auszureden, die Frau wurde böse, genas aber und erzählte die Sache
+Cornelius.
+
+Dieser verleumdete sie nun in allen Klöstern und Privathäusern, welche
+ihr die Kundschaft aufkündigten. Er wusste es sogar so weit zu bringen,
+dass ihr Beichtvater, weil er seine vereidigten Beichttöchter verleite,
+in den Bann getan wurde. Betken selbst wurde als Ketzerin sogar auf der
+Straße verfolgt und verspottet.
+
+In dieser Not beichtete sie dem Provinzial der Augustiner das Geheimnis
+der Bußanstalt. Der Provinzial beschloss, den Vermittler zu machen, und
+bewog Cornelius, gegen ihr Versprechen zu schweigen von der Kanzel seine
+Reden gegen sie zu widerrufen. Er tat dies in verblümter, nur wenigen
+verständlicher Weise und erklärte überall, dass er den Schritt nur auf
+Andringen angesehener, dem Erasmianismus anhängender Häuser getan habe.
+Seine Meinung aber über das Mädchen sei dieselbe.
+
+Betken Maes war völlig wie vogelfrei; sie traute sich aus Furcht vor dem
+Pöbel nicht auf die Straße, und die Nächte durchwachte sie in Angst, da
+sie jeden Augenblick eine Gewalttat der Fanatiker oder einen Besuch der
+schrecklichsten Inquisition erwartete. Der Trieb der Selbsterhaltung
+bewog sie zum letzten Mittel. In mehreren Häusern, wo man sie noch
+duldete, erzählte sie die Betrügereien des Paters Cornelius und gab
+detaillierte Schilderungen von seiner Pönitenzanstalt. Anfangs glaubte
+man, sie erzähle ein von der Rachsucht eingegebenes Märchen; aber die
+Sache verbreitete sich und kam dem Magistrat zu Ohren, der diese
+Gelegenheit nicht ungern ergriff, um dem verhassten Mönch an den Kragen
+zu kommen.
+
+Cornelius opponierte und drohte sogar mit der Inquisition. Das zwang den
+Rat vollends, alle Rücksichten fallenzulassen, und Calleken Peters und
+alle Sodalinnen des Paters mussten zu ihrer großen Beschämung persönlich
+vor Gericht erscheinen. Unter ihnen befanden sich sehr viele angesehene
+Frauen und Fräuleins. Ihre Unschuld erkannte man wohl im Allgemeinen an,
+aber es erging ihnen wie den vornehmen "Seelenbräuten" des Königsberger
+Muckers Ebel, der Makel des Lächerlichen blieb zeitlebens an ihnen
+kleben.
+
+Das Urteil gegen Cornelius fiel sehr milde aus, denn die Pfaffen hatten
+damals noch die Oberhand. Er wurde von Brügge nach Ypern versetzt, da
+ihm kein förmlicher Angriff auf die Tugend der Frauen bewiesen werden
+konnte. Mehr als das Gericht bestrafte ihn die Satire des Volkes, die
+ihn auf alle mögliche Weise verfolgte. Er starb im Jahr 1581, aber sein
+Name hat sich noch in der Tradition erhalten, und manches Mädchen wird
+rot und kichert heimlich, wenn "Broer Cornelius" genannt wird.
+
+Doch was wollen alle Künste des plumpen flämischen Paters sagen gegen
+die feine Niederträchtigkeit der Jesuiten in dergleichen Dingen! Sobald
+sie ihre Wirksamkeit begonnen, bemühten sie sich, Mädchen und Frauen für
+ihre Geißelsodalitäten zu gewinnen. Sie hatten sich nicht für die
+Geißelung auf den Rücken, sondern für die unterhalb desselben gelegene
+Gegend entschieden. Diese Art der Disziplin wurde von den Jesuiten in
+Löwen die Spanische genannt und angewandt, weil sie der Gesundheit
+zuträglicher sei als die obere, oder aus andern Gründen.
+
+Während die roheren Mönche des Mittelalters wirklich hin und wieder aus
+dummem Religionseifer die Geißel anwendeten, taten es die Jesuiten
+meistens, um unter dem Deckmantel der Religion ihre raffinierte Wollust
+zu befriedigen. Wie sie dabei zu verfahren pflegten, will ich in der
+berüchtigten Geschichte von dem Jesuiten Girard und Fräulein Cadière
+zeigen, soweit es der Umfang dieser Blätter gestattet. Der Prozess, den
+das Fräulein gegen ihren Beichtvater einleitete, machte im Anfang des
+18. Jahrhunderts ein ungeheures Aufsehen; ganz Europa nahm daran teil. -
+Das Hauptwerk über diesen wichtigen Rechtshandel umfasst acht Bände, und
+man wird es begreiflich finden, dass meine Darstellung nur eine sehr
+skizzenhafte sein kann.
+
+Catherine Cadière war die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns zu Toulon
+und am 12. November 1702 geboren. Sie hatte drei Brüder; der älteste
+verheiratete sich, der zweite trat in den Dominikanerorden, und der
+dritte wurde Laienpriester. Der Vater war schon während der
+Minderjährigkeit Catherines gestorben, die nun bei ihrer borniert
+bigotten Mutter als deren Liebling blieb. Sie entwickelte sich sowohl
+körperlich als geistig auf die vorteilhafteste Weise. Das heißt, sie
+wurde sehr schön, und ihrer trefflichen Gemüts- und Geistesanlagen wegen
+wurde sie von allen, die sie kannten, sehr wohl gelitten. Allein die
+Erziehung ihrer bigotten Mutter, die darin von Geistlichen unterstützt
+wurde, die abgeschmackten Heiligenlegenden und mystischen Bücher, die
+man ihr schon frühzeitig zu lesen verstattete, gaben ihrem Geist eine
+ganz eigentümliche schwärmerische, mystische Richtung. Das Beispiel der
+heiligen Frauen der römischen Kirche und die heiligen Offenbarungen und
+Visionen, deren dieselben gewürdigt wurden, lagen ihr beständig im Sinn,
+und ihr höchster Wunsch war es, diesen halbtollen Närrinnen ähnlich zu
+werden. Dies war denn auch der Grund, weshalb sie mehrere vorteilhafte
+Heiratsanträge ausschlug.
+
+So erreichte sie das Alter von fünfundzwanzig Jahren und man darf
+voraussetzen, dass in einem körperlich so üppigen und dabei so
+phantasiereichen Mädchen die gewaltsam unterdrückte Natur längst
+angefangen hatte, ihre Rechte geltend zu machen, und dass es nur eines
+leichten Reizes bedurfte, um ihre sinnlichen Begierden zu hellen Flammen
+anzublasen.
+
+Zu dieser Zeit, im Jahr 1728, kam der Jesuit Pater Johann Baptist Girard
+als Rektor des Königlichen Seminars der Schiffsprediger zu Toulon an.
+Früher hatte er in Aix gelebt. Ihm ging ein großer Ruf als
+ausgezeichneter Kanzelredner und als durchaus streng sittlicher Mann
+voraus, und er erlangte denn auch gar bald in seinem neuen
+Wirkungskreise eine ganz außerordentliche Geltung und Verehrung.
+Besonders strömten die Frauen zu seinen Predigten und in seinen
+Beichtstuhl. Eine große Menge junger Mädchen trat in eine Art von Orden,
+in welchem unter Girards Leitung fromme Übungen vorgenommen wurden. Die
+fromme Schar machte ihm viel Freude, denn es waren schöne Mädchen
+darunter, und die Frömmigkeit und Ehrbarkeit des Jesuiten waren nur das
+Schafsfell, mit welchem der reißende Wolf der rohesten Sinnlichkeit
+bedeckt wurde.
+
+Vor allen Dingen trachtete Girard zunächst danach, durch seine Lehren
+die Herzen und die Phantasie der jungen Mädchen zu vergiften. Wie eine
+Spinne ihr Opfer mit unendlich vielen feinen Fäden umzieht, ehe sie ihm
+das Blut aussaugt, so war auch der Jesuit bemüht, seine Opfer im Netz
+der raffiniertesten Sinnlichkeit zu fangen. Er durfte nicht zu schnell
+vorwärts gehen, denn Übereilung konnte alles verderben. Auch hatte er
+dazu keine Ursache, da er über den sicheren Erfolg seiner
+Verderbungstheorie vollkommen beruhigt war.
+
+Als er bemerkte, dass die Mädchen bereits mit schwärmerischer Innigkeit
+und felsenfestem Vertrauen an ihm hingen, fing er allmählich an, ihnen
+andere Strafen, als es bisher geschehen war, für ihre Sünden
+aufzuerlegen, und kam nach und nach auf die Disziplin.
+
+Die meisten Mädchen ahnten aus Dummheit auch nicht das allergeringste
+Böse und andere, durch das Geißeln angenehm sinnlich aufgeregt, fanden
+ein geheimes Vergnügen daran, wenn sie sich dessen vielleicht auch nicht
+klar bewusst waren. Noch andere mochten wohl den Pater und seine
+Absichten durchschauen, allein sie waren weit entfernt, denselben
+entgegenzuwirken, weil sie es nicht ungern gesehen haben würden, wenn
+sie heimlich und ungestraft von der verbotenen Frucht hätten naschen
+können. Diese und vielleicht auch finanzielle Gründe machten eine der
+Beichttöchter, Fräulein Guiol, dem Jesuiten ganz und gar ergeben, und
+sie ließ sich zu all seinen Plänen gern gebrauchen.
+
+Diese Guiol war ein gescheites, durchtriebenes Geschöpf und dem Pater
+von unendlichem Nutzen. Er durfte bei seinen Beichttöchtern bald
+weitergehen und bei der Disziplin seine Lüsternheit noch auf andere
+Weise als mit den Augen befriedigen, wenn er sich auch wohl hütete, zum
+Äußersten zu schreiten, wo er seiner Sache nicht ganz gewiss war wie
+etwa bei der Guiol.
+
+Zur Zahl seiner Pönitentinnen gehörte auch Catherine Cadière. Das in
+seiner vollsten Blüte prangende geistvolle Mädchen erregte nicht nur
+seine Sinnlichkeit, sondern flößte ihm auch ein Gefühl ein, welches ich
+Liebe nennen würde, wenn ich es für möglich hielte, dass eine solche
+hohe Leidenschaft in der Brust eines derartigen Menschen Raum gewinnen
+könnte. Ihr verständiges und tugendhaftes Wesen erforderte aber ganz
+besondere Behandlung und Rücksicht und er beschloss, hier mit
+ungewöhnlicher Umsicht zu Werke zu gehen. Er machte die Guiol zu seiner
+Vertrauten und diese verhieß ihm ihren Beistand.
+
+Als er das Innere des Mädchens sondierte, erkannte er bald ihre
+schwärmerische Richtung und war bemüht, den Funken zur Flamme
+anzublasen. Er rühmte ihre ganz besonderen Anlagen, prophezeite, dass
+Gott mit ihr ganz besondere Absichten hege, und wusste sie zu dem
+Versprechen zu bewegen, sich zur schnelleren Erreichung derselben
+gänzlich seiner Leitung und seinem Willen zu überlassen.
+
+So wurde das Mädchen innerlich vergiftet, ohne nur eine Ahnung davon zu
+haben. In ihrem Busen wogte ein Meer von unbestimmten, aber
+unbeschreiblich süßen Gefühlen. Kurz, "das Püppchen wurde geknetet und
+zugericht, wie's lehren tut manch welsche Geschicht." Dahin war Girard
+im Lauf eines Jahres gelangt; nun galt es, den zündenden Funken in das
+Brennmaterial zu werfen, welches er in ihr angehäuft hatte.
+
+Catherine war längere Zeit krank gewesen und besuchte Girard im
+Refektorium der Jesuiten. Er machte ihr zärtliche Vorwürfe, dass sie ihn
+während ihrer Krankheit nicht habe rufen lassen, und gab ihr einen
+glühenden Kuss. - Dem erfahrenen Mädchenkenner konnte es nicht entgehen,
+welche außerordentliche Wirkung dieser Kuss hervorbrachte. Katharina
+musste ihm in den Beichtstuhl folgen, und hier forschte er genau nach
+ihren Ideen und Stimmungen, befahl ihr täglich zum Abendmahl zu gehen
+und fleißig die Kirche zu besuchen; auch weissagte er ihr baldige
+Visionen und ermahnte sie, ihm über diese wie überhaupt über ihre
+psychischen und physischen Zustände den gewissenhaftesten Bericht
+abzustatten.
+
+Diese Visionen stellten sich denn auch wirklich ein und erhitzten ihr
+Blut und ihre Phantasie immer mehr. Ob sie allein durch den aufgeregten
+Gemütszustand des Mädchens und durch das geistige Gift des Pfaffen oder
+durch materielle Mittel hervorgerufen wurden, weiß ich nicht anzugeben.
+Es kam aber endlich so weit, dass sie ihm klagte, wie sie nicht mehr im
+Stande sei, laut zu beten und ihm die heftige Liebe zu verbergen, die
+sie für ihn empfinde. Über den ersten Punkt beruhigte er sie bald und
+"die Liebe", fuhr er fort, "die Ihr zu mir tragt, soll Euch keinen
+Kummer machen; der liebe Gott will, dass wir beide miteinander vereinigt
+werden sollen. Ich trage Euch in meinem Schoß und in meinem Herzen; von
+nun an seid Ihr nichts mehr als eine Seele in mir, ja die Seele meiner
+Seele. So lasst uns denn in dem heiligen Herzen Jesu einander recht
+brünstig lieben."
+
+Anstatt nun der Natur freien Lauf zu lassen und der aufs höchste
+aufgeregten Sinnlichkeit Genüge zu leisten, verfuhr er weit teuflischer.
+Sein Bemühen war nun darauf gerichtet, den durch ihn hervorgerufenen
+hysterischen Zustand zur äußersten Stufe heranzubilden. Dies gelang ihm
+auch. Fräulein Cadière verfiel in hysterische Krämpfe, während welcher
+sie wunderbare Visionen heiliger und unheiliger Art hatte, die sich aber
+meistens um Pater Girard bewegten.
+
+Schon zur Fastenzeit des Jahres 1729 hatte sie eine wunderbare Vision.
+Sie hörte eine Stimme, welche ihr zurief: "Ich will dich mit mir in die
+Wüste führen, wo du nicht mehr mit Menschenkost, sondern mit Engelspeise
+genährt werden sollst." - Von nun an widerstand ihr jede Speise, und
+überwand sie ihren Ekel dagegen mit Gewalt, so folgte darauf heftiges
+Erbrechen. Dann bekam sie einen Blutsturz. Pater Girard und seine
+Vertrauten erklärten diese Zufälle als ein Zeichen der ihr nun bald
+zuteil werdenden Wundergabe.
+
+Catherine verfiel nun aus einer Verzückung in die andere. Auf ihrem
+Gesicht standen Blutstropfen und an ihrer linken Seite und an den Händen
+und Füßen wurden blutige Stigmen oder Wundmale sichtbar, mit denen nach
+dem römischen Aberglauben besonders heilige von Gott auserlesene
+Personen begnadigt werden. - Ja, hiermit endeten die Wunder nicht. Als
+der Pater dem Fräulein die Haare abgeschnitten hatte, bildete sich um
+ihr Haupt eine Art Heiligenschein, und das Tuch, mit welchem sie ihr
+Gesicht abgetrocknet hatte, erhielt davon das Bild eines leidenden
+Christus mit der Dornenkrone!
+
+Wie weit diese wunderbaren Zustände der geistigen und körperlichen
+Krankheit des Fräuleins und wie weit sie jesuitischem Betrug
+zugeschrieben werden müssen, weiß ich nicht zu beurteilen. Dass Girard
+jedoch die Entdeckung des Letzteren sehr fürchtete, geht schon aus der
+Sorgfalt hervor, mit welcher er darüber wachte, dass von dem Zustand des
+Fräuleins außerhalb des eingeweihten und gläubigen Kreises nichts
+bekannt wurde. Der Mutter hatte er gesagt, dass Catherine in
+vierundzwanzig Stunden sterben würde, wenn man nur ein Wort über die
+wunderbaren Vorgänge fallen ließe.
+
+Girard hatte nun selbstverständlich freien Zutritt im Haus der Madame
+Cadière, denn er musste ja für die Seele ihrer Tochter sorgen und - die
+Stigmen untersuchen! Bei diesen Visiten war er stets so vorsichtig, den
+jüngeren Bruder Catherines, der damals gerade im Jesuitenkollegium
+Theologie studierte, bis an die Haustür mitzunehmen und sich auch von
+ihm wieder abholen zu lassen. Er schloss sich stets mit seiner
+Beichttochter in deren Zimmer ein und konnte sich an den wunderbaren
+Stigmen, besonders dem in der Seite, gar nicht satt sehen. Verfiel
+Catherine in hysterische Krämpfe und Ohnmacht, was für Besessenheit
+galt, dann wandte der Jesuit die ihm dadurch vergönnte Zeit dazu an,
+seine Lüsternheit auf brutale Weise zu befriedigen, soweit es anging.
+Wenn das Fräulein erwachte, fand sie sich unanständig entblößt, und
+hinter ihr stand mit hämischem Gesicht der fromme jünger Jesu.
+
+Fräulein Cadière beklagte sich hierüber mehrmals bei der Guiol, aber
+diese leichtfertige Person lachte sie aus, dass sie dabei nur etwas
+Unanständiges finden könne, und ebenso erzählten ihr die anderen
+Mitglieder der Schwesternschaft, dass Pater Girard sich mit ihnen noch
+ganz andere Freiheiten herausnehme, worüber sie indessen durchaus nicht
+ungehalten wären.
+
+Der galante Jesuit war aber auch stets bemüht, sich immer fester in die
+Gunst seiner Schülerinnen zu setzen. Er wusste ihnen die Andacht sehr zu
+erleichtern und sorgte dafür, dass sowohl ihre Sinnlichkeit als ihr
+weltlicher Sinn fortwährend Nahrung erhielten. Er sorgte stets für gute
+Bedienung, für eine vortreffliche Küche, Landpartien und Blumensträuße.
+Die Königin all seiner Gedanken aber blieb Catherine.
+
+Bei dieser rückte er nun seinem Ziele immer näher. Er führte eine
+Gelegenheit herbei, um sich scheinbar mit Recht über ihren Ungehorsam
+beklagen zu können, und nachdem Catherine von der Guiol gehörig
+vorbereitet war, erschien sie demütig bei Girard zur Beichte, bereit,
+jede Strafe auf sich zu nehmen, die er ihr auferlegen werde. Der Pater
+kündigte ihr nach einer scharfen Ermahnung denn auch an, dass sie
+Pönitenz für den Ungehorsam leisten müsse.
+
+Am anderen Morgen erschien er mit einer Disziplin in ihrem Zimmer und
+sagte: "Die Gerechtigkeit Gottes verlangt, dass, weil Ihr Euch geweigert
+habt, mit seinen Gaben Euch bekleiden zu lassen, Ihr Euch jetzt nackt
+ausziehen sollt. Zwar hättet Ihr verdient, dass die ganze Erde Zeuge
+davon wäre, doch gestattet der gnädige Gott, dass nur ich und diese
+Mauer, die nicht reden kann, Zeugen bleiben. Vorher aber schwört mir den
+Eid der Treue, dass Ihr das Geheimnis bewahren wollt, denn die
+Entdeckung könnte mich und Euch ins Verderben stürzen."
+
+Das Fräulein tat, wie er befohlen hatte, und als sie sich bis aufs Hemd
+entkleidet hatte, gebot er ihr, sich auf das Bett zu legen. Nachdem es
+auch dies getan, wobei er sie mit einem Kissen unterstützt hatte, gab er
+ihr einige sanfte Hiebe auf die Hüften, die er dann küsste. Nun zwang er
+sie, auch die letzte Hülle zu entfernen und sich demütig vor ihn
+hinzustellen. Das Fräulein wurde ohnmächtig, aber als sie wieder zu sich
+kam, erklärte sie, gehorchen zu wollen, und kniete ganz nackt vor ihm
+nieder. Darauf gab er ihr noch einige Streiche und ließ nun seiner
+Begierde freien Lauf. Catherine setzte ihm keinen Widerstand entgegen,
+und der satanische Jesuit erreichte das Ziel seiner Wünsche.
+
+Von nun an betrachtete er das Fräulein ganz und gar als sein Eigentum
+und verführte sie zu Handlungen der raffiniertesten Sinnlichkeit, wobei
+er sich jedoch stets sehr geschickt in ein heiliges Gewand zu kleiden
+wusste. Was er alles vornahm hier zu erzählen, ist nicht tunlich.
+
+Wollte die Mutter oder der Bruder des Fräuleins ihn manchmal in seinen
+andächtigen Beschäftigungen stören, dann warf er ihnen die Tür vor der
+Nase zu, und als sich einmal der Dominikaner darüber bei der Mutter
+beklagte, hieß sie ihn schweigen und wies ihn sogar zum Haus hinaus. So
+sehr war die blödsinnig bigotte Frau von der Heiligkeit des Jesuiten und
+der Tugend ihrer Tochter überzeugt.
+
+Girard merkte sehr bald, dass Fräulein Cadière schwanger war, und unter
+einem Vorwand bewog er sie, einen Trank, den er bereitet hatte,
+einzunehmen. Es war dies ein abtreibendes Mittel, welches auch seine
+Wirkung tat. Catherine fühlte sich durch den erfolgenden Blutverlust
+sehr geschwächt, so dass ihre Mutter, welche weit entfernt war, die
+Wahrheit auch nur zu ahnen, ihr sehr dringend riet, einen Arzt zu Rate
+zu ziehen, was aber Girard durch allerlei Gründe zu verhindern wusste.
+
+Durch die Unvorsichtigkeit einer Magd wäre das Geheimnis fast entdeckt
+worden, und um sich dagegen und zugleich auch seine Beute zu sichern,
+beschloss Girard, Catherine als Nonne im St. Clara-Kloster zu Ollioules
+unterzubringen. Er schrieb an die Äbtissin und machte ihr die
+hinreißendste Schilderung von der Tugend, Frömmigkeit und Gottseligkeit
+seiner Pönitentin, so dass sie mit Freuden bereit war, Catherine
+aufzunehmen, wenn ihre Familie dazu die Einwilligung geben würde. Diese
+wurde sehr leicht erlangt und das Fräulein reiste, mit den besten
+Empfehlungsbriefen versehen, nach Ollioules ab, wo sie sehr gut
+aufgenommen wurde.
+
+Der Jesuit wusste von der Äbtissin die Erlaubnis zu erhalten, seine
+Beichttochter besuchen und ihr schreiben zu dürfen. So schlau Girard
+aber sonst war, so beging er doch einige Unvorsichtigkeiten, welche die
+Nonnen und die Äbtissin misstrauisch machten und die Letztere
+veranlassten, seine Besuche zuerst einzuschränken und dann gänzlich zu
+untersagen. Durch Vermittlung eines ihm befreundeten Geistlichen wurde
+dieses Verbot jedoch bald wieder aufgehoben und Girard genierte sich
+noch weniger als früher. Er beobachtete Visionen, untersuchte die
+Stigmen und gab seiner Beichttochter die Disziplin auf die alte Weise.
+
+Dies hätte alles noch hingehen mögen, allein er schloss sich oft
+stundenlang mit Catherine ein, und da diese, auf ihre besondere
+Heiligkeit stolz, hin und wieder mit ihren geistlichen Genüssen gegen
+andere Nonnen großtat, so kam man immer mehr und mehr auf den Gedanken,
+dass das Verhältnis zwischen Girard und seiner Beichttochter nicht ganz
+rein sein möchte. Die Äbtissin verordnete daher, dass beide in ihren
+Unterredungen durch Klausur voneinander getrennt bleiben sollten.
+
+Girard achtete das jedoch wenig. Er schnitt mit einem Taschenmesser in
+die ihn von seiner Geliebten trennende Leinwand ein Loch und unterhielt
+sich durch dasselbe stundenlang mit ihr. Hatte er sich müde geküsst und
+wandelten ihn andere Gedanken an, dann befriedigte er seine Lüste auf
+eine Weise, deren nähere Andeutung widerlich sein würde. Dergleichen
+erlaubte er sich sogar im Sanktuarium, und wollte man ihn in gebührender
+Entfernung halten, dann wurde er sehr unwillig und schrie. "Was! Ihr
+wollt mich von meiner Beichttochter trennen?" Der Jesuit ließ sich sogar
+das Essen vor die Klausur bringen; beide aßen Hand in Hand, und es kam
+nicht selten vor, dass ihn Laienschwestern dabei überraschten, wenn er
+seinen Arm um den Leib des Fräuleins geschlungen hatte.
+
+Der jesuitische Wollüstling fing aber bereits an, seines Opfers
+überdrüssig zu werden. Er erklärte sie daher für hinreichend heilig und
+beschloss, sie in ein entferntes Karthäuser-Nonnenkloster zu schicken.
+Die Nonnen setzten von diesem Vorhaben sogleich den Bischof von Toulon
+in Kenntnis, der es nicht dulden wollte, dass ein Mädchen, welches in
+der Welt für eine Heilige gehalten wurde, seine Diözese verließ. Er
+schrieb daher an Catherine und verbot ihr, in Zukunft dem Pater Girard
+zu beichten oder sich an einen Ort zu begeben, wohin sie derselbe weisen
+würde, und stellte ihr zugleich frei, zu ihrer Familie zurückzukehren.
+Er sandte ihr darauf einen Wagen, und der Aumonier des Bischofs und
+Pater Cadière, ihr Bruder, brachten sie in ein Landhaus unweit Toulon.
+
+Als Girard diese Nachricht erhielt, erschrak er nicht wenig, und es war
+sein erster Gedanke, sich die Schriften und Briefe zu verschaffen,
+welche die Cadière von ihm hatte. Dies gelang ihm auch durch Vermittlung
+einer anderen Beichttochter, die er früher besonders geliebt hatte; nur
+ein einziger Brief blieb durch Zufall in Catherines Händen zurück.
+
+Diese wurde nun als eine Heilige der besonderen Obhut des neuen Priors
+der Karmeliter zu Toulon übergeben. In der Beichte hörte dieser nun
+manche befremdende Dinge, die ihn, nebst einigen auf Girard bezüglichen
+schwärmerischen Äußerungen, veranlassten, tiefer nachzuforschen, und so
+entdeckte er denn ohne besondere Schwierigkeit den niederträchtigen
+Betrug, mit welchem man dies schwärmerische, unschuldige Mädchen und die
+Welt betrogen hatte. Er machte sogleich Anzeige bei dem Bischof, der
+selbst auf das Landhaus kam und Catherine über alle näheren Umstände
+befragte. Das arme Mädchen, dem nun die Augen so furchtbar geöffnet
+wurden, bat fußfällig und mit Tränen, die Ehre ihrer Familie zu
+berücksichtigen und die Sache zu unterdrücken.
+
+Der Bischof versprach dies zwar, wurde aber bald durch andere
+Rücksichten umgestimmt und der Prozess nach einigen Präliminarien bei
+dem für geistliche Sachen verordneten Kriminalgerichte zu Toulon
+anhängig gemacht. - Doch was wollte ein armes Mädchen ausrichten gegen
+die mächtigen Jesuiten, die selbst auf den Gerichtsbänken ihre
+Angehörigen sitzen hatten! Die Sache des Paters Girard wurde zu der des
+Ordens gemacht, welcher für diesen Prozess über eine Million Franc
+opferte.
+
+Es begann nun eine Reihe der nichtswürdigsten Ränke, um Fräulein Cadière
+als eine Lügnerin und Betrügerin und von den Feinden des Jesuitenordens
+bestochene Person hinzustellen, ja sie der Ketzerei und Zauberei zu
+beschuldigen, vermittels welcher sie sich auf allerlei verbotenen Wegen
+den Heiligenschein habe verschaffen wollen. Fräulein Cadière bereute
+nun, leider zu spät, dass sie dem Pater ganz arglos die Briefe und
+Schriften ausgeliefert hatte, mit denen sie ihre besten
+Verteidigungswaffen aus den Händen gab.
+
+Der Prozess nahm bald für sie eine recht schlimme Wendung. Der König
+hatte Kenntnis davon erhalten und durch ein Dekret des Staatsrats die
+allerstrengste Untersuchung anbefohlen. Die Sache kam nun vor den Hohen
+Gerichtshof zu Aix. Der Karmeliterprior und der Dominikaner Cadière
+wurden als Mitschuldige und Mitbetrüger in den Prozess verwickelt; die
+Nonnen zu Ollioules wurden zu ungünstigen Aussagen gegen Fräulein
+Cadière durch die Jesuiten veranlasst und die Ärmste selbst duldete bei
+den den Jesuiten befreundeten Ursulinerinnen in diesem Ort ein hartes
+Schicksal. Sie war in eine Kammer eingesperrt worden, die früher einer
+Wahnsinnigen als Wohnung gedient hatte und die mit Moder und Gestank
+erfüllt war.
+
+Man folterte sie physisch und moralisch auf alle nur erdenkliche Weise,
+gebrauchte List und Gewalt und erreichte endlich damit den
+beabsichtigten Zweck, sie zum Widerrufe zu bewegen.
+
+Nun aber drangen die Jesuiten erst recht auf scharfe Untersuchung, denn
+nun schien ihr Sieg gewiss, und der Erste Gerichtshof zu Aix fällte auch
+wirklich ein Urteil, welches Fräulein Cadière sehr ungünstig war. Man
+brachte sie einstweilen als Gefangene in ein Kloster zu Aix; aber sie
+appellierte wegen Missbrauchs geistlicher Gewalt in dem eingeleiteten
+Verfahren, und die Sache kam vor das Parlament.
+
+jetzt begannen die Intrigen der Jesuiten aufs neue. Catherine
+behauptete, dass sie unschuldig von P. Girard auf die angegebene Weise
+misshandelt und nur durch Drohungen und Quälereien während des
+Kriminalverfahrens zum Widerruf gezwungen worden sei.
+
+Der königliche Prokurator zeigte sich bei dem ganzen Verfahren durchweg
+parteiisch für die Jesuiten und trug endlich an auf: "Lossprechung des
+P. Girard und auf die ordentliche und außerordentliche Folter, sodann
+aber auf Hinrichtung durch den Strick für Catherine Cadière."
+
+Die vierundzwanzig Richter waren aber nicht dieser Meinung; jedoch waren
+ihre Ansichten geteilt. Zwölf davon sprachen sich dahin aus: Johann
+Baptist Girard in Anbetracht der an ihm sichtbar gewordenen
+Geistesschwäche, die ihn zum Gegenstand des Spottes seiner Beichtkinder
+gemacht, mit seiner Klage gegen dieselbe abzuweisen. - Das Urteil der
+anderen, besseren Hälfte des Parlaments lautete aber sehr verschieden:
+Johann Baptist Girard ist zum Tode durch Feuer zu verurteilen, wegen
+vollkommen erwiesener geistlicher Blutschande, Fruchtabtreibung und
+Erniedrigung seiner geistlichen Würde durch schändliche Leidenschaften
+und Verbrechen etc.
+
+Bei dieser Gleichheit der Stimmen entschied der Präsident, dass man
+beide Parteien ohne Strafe freilassen solle. Einige Richter wollten sich
+nicht damit begnügen, sondern trugen darauf an, dass man der Cadière
+wenigstens eine kleine Züchtigung möchte angedeihen lassen. Dagegen
+erhob sich aber ein edler Mann unter ihnen und rief: "Wir haben soeben
+vielleicht eines der größten Verbrechen freigesprochen und sollten
+diesem Mädchen auch nur die geringste Strafe auferlegen? Nein, eher
+sollte man diesen Palast in Flammen aufgehen lassen!" - Diese Worte
+machten Eindruck. Es wurde bestimmt, das Fräulein zu ihrer Mutter nach
+Hause zu entlassen und der Sorgfalt derselben zu empfehlen.
+
+Das königliche Parlament hatte den Schurken zwar freigesprochen; aber in
+der öffentlichen Meinung war Girard gerichtet. Eine unzählbare
+Menschenmasse erwartete in den Straßen die Entscheidung des
+Gerichtshofes. Die Richter, welche gegen die Cadière gesprochen hatten,
+wurden mit Schimpf und Hohn empfangen; die Gegner Girards mit Beifall.
+Diesen selbst bewillkommnete man mit Schimpfreden und Steinwürfen, so
+dass man ihn nur mit Schwierigkeiten unverletzt durch die tobende Menge
+bringen konnte. Diese Wut des Volkes erstreckte sich sogar auf den
+Küchenjungen, der ihm das Essen gebracht hatte, und man zertrümmerte
+dessen Schüsseln, Teller und Flaschen.
+
+Andererseits war man eifrig bemüht, Fräulein Cadière Teilnahme zu
+zeigen. Man wetteiferte darin, sie die erlittenen Kränkungen und
+Misshandlungen durch freundliche Bewirtung und Trost vergessen zu
+machen. Man pries ihre noch immer große Schönheit; - kurz, sie wurde
+Mode, wie das ja aber auch mit interessanten Verbrecherinnen in
+Frankreich und anderswo noch heutzutage der Fall ist.
+
+Die Teilnahme, welche sie erregte, brachte ihr jedoch Gefahr. Man gab
+ihr den wohlgemeinten Rat, Aix schleunigst zu verlassen und sich
+verborgen zu halten. Sie reiste ab - aber von da an verlor sich ihre
+Spur für ewig. Man hat nie erfahren, was aus ihr geworden ist; aber die
+allgemeine Meinung ging zu jener Zeit dahin, dass sie von den Jesuiten
+heimlich aus dem Wege geschafft worden wäre.
+
+Girard starb ebenfalls nach Verlauf eines Jahres. Die Jesuiten gingen
+ernstlich damit um, ihn zum Heiligen erheben zu lassen, und verglichen
+ihn hinsichtlich seines Schicksals mit - Christus!
+
+Eine ganz ähnliche Geschichte wie mit Fräulein Cadière trug sich kurz
+vor der Aufhebung des Jesuitenordens in Frankreich zwischen einem seiner
+Angehörigen und der Tochter eines Parlaments-Präsidenten zu, welche auch
+mit Hilfe des Geißelns verführt wurde. Um die Ehre des Ordens zu retten
+und die Unmöglichkeit der Anklage beweisen zu können, hatte man einen
+Wundarzt erkauft und vereidigt, welcher den Schuldigen kastrierte. Das
+Geheimnis wurde indessen später entdeckt.
+
+Trotz dieser und anderer an den Tag gekommenen Niederträchtigkeiten -
+und unter Tausenden wird vielleicht nur eine bekannt! - wurde den
+Jesuiten nicht das Handwerk gelegt; überall wurden sie als Beichtväter
+gerne gesehen, und besonders die Frauen ließen sich nach wie vor die
+angenehme Geißelung gefallen. Einer besonderen Blüte hatten sich diese
+Beichtinstitute mit Geißelung fortwährend in Spanien und noch mehr in
+Portugal zu erfreuen. König Joseph Emmanuel (1750-77) ließ sich häufig
+disziplinieren, und nur mit Mühe brachte ihn sein Minister, der Marquis
+von Pombal, davon ab. Die Damen, an ihrer Spitze die Marquise Leonore de
+Távora, waren nicht weniger närrisch als der König.
+
+Die Jesuiten wurden bekanntlich durch Pombal vertrieben, allein seine
+Feindin, die Königin Donna Maria (1777-99), rief sie wieder zu sich, und
+die angenehmen Beichtzerstreuungen mit obligater Geißelung begannen
+ärger als zuvor. Der interessante und verschmitzte Pater Malagrida
+errichtete eine förmliche Bußanstalt unter den jungen Hofdamen. Man
+geißelte sich selbst in den Vorzimmern der Königin und diese soll an den
+frommen Übungen selbst teilgenommen haben. - Manche Geschichte à la
+Girard mag hier im Verborgenen vorgegangen sein, denn die Hofdamen waren
+nach dem Zeugnis von Jesuiten auf das Geißeln so versessen, dass sie mit
+einer ordentlichen Wut danach verlangten, die kaum zu befriedigen und in
+Schranken zu halten war. Ja, sogar fremde Prinzessinnen und die Damen
+der Gesandten wurden zu diesem wollüstig-unterhaltend-frommen
+Jesuitenspiel förmlich eingeladen.
+
+Die Zahl der Beispiele von dem Missbrauch des Beichtstuhls ist unendlich
+groß und es ließe sich ein umfassendes Werk damit füllen; da aber dieses
+Kapitel ein Ende haben muss, so beschließe ich es mit dem Bericht über
+eine seltsame Beicht- und Bußanstalt, welche ein Kapuziner zur Zeit
+Napoleons I. errichtete. Über die zur Zeit Napoleons III. und seiner
+Kaiserin werde ich vielleicht einmal später zu berichten haben.
+
+Der erwähnte Kapuziner hieß P. Achazius und lebte in einem Kloster zu
+Düren im jetzigen preußischen Regierungsbezirk Aachen. Der Kapuziner war
+abscheulich hässlich, aber er predigte vortrefflich, stand in dem Ruf
+ganz ausgezeichneter Frömmigkeit und erfreute sich trotz seiner
+faunischen Manieren des Zutrauens der Damen in so hohem Grade, dass sie
+ihn zum Direktor ihrer geistlichen Übungen wählten. Am liebsten aber
+hatte es Pater Achazius mit Witwen und Jungfrauen von reiferen Jahren zu
+tun.
+
+Eine dieser Letzteren hat er sich zu seinem Privatvergnügen erkoren. Er
+brachte ihr folgende höchst seltsame Lehre bei: Der Mensch sei unfähig,
+die Begierden des Herzens völlig zu zähmen; aber der Geist könne doch
+tugendhaft bleiben, während der Körper nach gewöhnlichen Begriffen zu
+sündigen scheine. Der Geist gehöre Gott; der Körper der Welt; von diesem
+Letzteren selbst mache der Himmel auf die obere Hälfte, die Welt auf die
+untere Anspruch. Die Seele sei daher rein zu bewahren, während man den
+Körper ruhig fortsündigen lasse.
+
+Die noch immer hübsche alte Jungfer, welche diesen angenehmen Lehren ein
+sehr lernbegieriges Ohr lieh, ging bald in des Paters Ideen ein. Nach
+vollendeter Beichte musste sie vor dem Kapuziner niederknien, Vergebung
+für ihre Sünden erflehen und ihm "des Teufels Anteil zeigen", das heißt
+sich bis zum jungfräulichen Zentrum ihres Körpers von unten herauf
+entblößen. Als dies geschehen war, schritt er zum letzten Teil der
+Andacht und weihte die Dame feierlichst zum ersten Mitglied des Ordens
+ein, den er zu stiften gedachte.
+
+Diese fromme Jungfrau war nun bemüht, sowohl unter Personen ihres Alters
+wie auch unter jungen Frauen und Mädchen Proselyten zu machen; - kurz,
+sie diente dem Pater als Kupplerin. Die Zahl dieser adamitischen
+Ordensschwestern wurde bald ziemlich zahlreich und Achazius, unfähig,
+einer so großen Menge frommer Damen zu genügen, zog rüstigere Kämpfer
+des Glaubens unter seinen geistlichen Brüdern mit in seine Bußanstalt,
+welche fröhlich gedieh und vielleicht heute noch bestehen würde, wenn
+das Geheimnis derselben nicht durch ein junges Mädchen aus Achazius'
+Schule entdeckt worden wäre, welche Nonne wurde, als solche die
+Bekanntschaft eines französischen Offiziers machte und diesem die Sache
+mitteilte.
+
+Es wurde nun eine genaue gerichtliche Untersuchung angestellt, welche
+die merkwürdigsten Resultate ergab. Es kamen da Dinge ans Tageslicht,
+welche sich nicht wohl niederschreiben lassen. Eine liebenswürdige und
+anständige Dame, Gattin eines Papierfabrikanten, sagte in dem Verhör
+aus, dass sie wie verhext gewesen und wie durch einen Trank verzaubert,
+zu dem hässlichen Kapuziner hingezogen worden sei, der sich Dinge mit
+ihr erlaubt hatte, deren Aufzählung dem abgehärtesten Kriminalmenschen
+das Blut in die Wangen trieb. Die Geißelung spielte eine Hauptrolle.
+Achazius ließ die Ruten oft in Essig legen und hieb die hier erwähnte
+Dame manchmal so stark, dass sie unter irgendeinem Vorwand über drei
+Wochen lang das Bett hüten musste.
+
+Im Laufe der Untersuchung ergab sich, dass so viele Kapitel, Klöster und
+Familien dadurch kompromittiert wurden, dass Napoleon dem
+Generalprokurator aus politischen Gründen befahl, den Prozess
+niederzuschlagen. P. Achazius nebst einigen seiner Mitarbeiter wurden
+eingesperrt.
+
+Die Akten über diesen skandalösen Prozess lagen später noch längere Zeit
+in Lüttich; wurden dann aber an die preußische Regierung nach Aachen
+abgeliefert. Es fehlen indessen schon manche wichtige Stücke und andere
+verloren sich später, weil die beteiligten Familien alles nur mögliche
+taten, die Denkmäler ihrer Schande zu vernichten. Auch die zu jener Zeit
+darüber erschienene Broschüre und Karikaturen wussten die Pfaffen
+einzusammeln und zu vernichten. (Münchs Aletheia, 3. Buch, S. 323 usw.
+Die berichteten Tatsachen hat Münch aus dem Munde des Staatsrates
+Leclerq und des Professors Gall zu Lüttich, welche die Untersuchung
+geführt und die Anklageakte verfasst hatten.)
+
+Wir würden uns sehr täuschen, wenn wir der Meinung wären, dass sich in
+so kurzer Zeit die Zustände der römisch-katholischen Geistlichkeit
+geändert hätten. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, das anzunehmen;
+sie sind heutzutage mit geringen Modifikationen wahrscheinlich noch
+dieselben, welche sie vor Jahrhunderten waren und werden sich nicht
+ändern, bis einst dem fluchwürdigen Zölibat und der Ohrenbeichte ein
+Ende gemacht wird.
+
+Ich bin nun mit diesem Buch zu Ende, obwohl keineswegs mit meinem
+Material, welches geradezu unerschöpflich ist. Ich halte es für unnütz,
+noch irgendwelche Bemerkungen hinzuzufügen. Die Schlüsse, welche sich
+aus dem Inhalt der vorstehenden Blätter ziehen lassen, liegen zu klar
+auf der Hand, als dass es noch irgendwelcher Hinweise bedürfte. Ich
+fordere nur die in römisch-katholischen Ländern lebenden Leser dieses
+Buches auf, sich in ihrem Kreis umzusehen, und wenn sie der guten Sache
+nützen wollen, mir auf den in diesem Buch behandelten Gegenstand
+bezügliche, authentische Mitteilungen zu machen. Schließlich bemerke
+ich noch, dass die Geistlichen die von mir erzählten Fakten als Lügen,
+Erfindungen oder Übertreibungen darstellen werden und weise in Bezug
+darauf auf das hin, was ich darüber in der Vorrede sagte.
+
+Wenn ich von dem Unwesen in der nicht römisch-katholischen Kirche nichts
+sagte, so geschah dies keineswegs aus Parteilichkeit, sondern einzig und
+allein, weil ich mich innerhalb der durch den Titel vorgezeichneten
+Grenzen halten musste.
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Pfaffenspiegel, by Otto von Corvin
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PFAFFENSPIEGEL ***
+
+***** This file should be named 34581-8.txt or 34581-8.zip *****
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+
+Produced by Andreas Schmidt
+
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
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+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
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+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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