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+The Project Gutenberg EBook of Das Buch der Bilder, by Rainer Maria Rilke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das Buch der Bilder
+
+Author: Rainer Maria Rilke
+
+Release Date: November 30, 2010 [EBook #34521]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BUCH DER BILDER ***
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+DAS BUCH DER BILDER
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+VON
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+RAINER MARIA RILKE
+
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+LEIPZIG
+
+IM INSEL-VERLAG
+
+MCMXX
+
+
+
+DES ERSTEN BUCHES ERSTER TEIL
+
+
+
+EINGANG
+
+
+Wer du auch seist: Am Abend tritt hinaus
+aus deiner Stube, drin du alles weißt;
+als letztes vor der Ferne liegt dein Haus:
+Wer du auch seist.
+Mit deinen Augen, welche müde kaum
+von der verbrauchten Schwelle sich befrein,
+hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum
+und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein.
+Und hast die Welt gemacht. Und sie ist groß
+und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift.
+Und wie dein Wille ihren Sinn begreift,
+lassen sie deine Augen zärtlich los....
+
+
+
+
+AUS EINEM APRIL
+
+
+ Wieder duftet der Wald.
+ Es heben die schwebenden Lerchen
+mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
+zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war,--
+ aber nach langen, regnenden Nachmittagen
+ kommen die goldübersonnten
+ neueren Stunden,
+vor denen flüchtend, an fernen Häuserfronten
+ alle die wunden
+Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.
+
+Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
+über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
+Alle Geräusche ducken sich ganz
+in die glänzenden Knospen der Reiser.
+
+
+
+
+ZWEI GEDICHTE ZU HANS THOMAS SECHZIGSTEM GEBURTSTAGE
+
+
+
+MONDNACHT
+
+
+Süddeutsche Nacht, ganz breit im reifen Monde
+und mild wie aller Märchen Wiederkehr.
+Vom Turme fallen viele Stunden schwer
+in ihre Tiefen nieder wie ins Meer,--
+und dann ein Rauschen und ein Ruf der Ronde,
+und eine Weile bleibt das Schweigen leer;
+und eine Geige dann (Gott weiß woher)
+erwacht und sagt ganz langsam:
+ Eine Blonde ...
+
+
+
+RITTER
+
+
+Reitet der Ritter im schwarzen Stahl
+hinaus in die rauschende Welt.
+Und draußen ist alles: der Tag und das Tal
+und der Freund und der Feind und das Mahl im Saal
+und der Mai und die Maid und der Wald und der Gral,
+und Gott ist selber vieltausendmal
+an alle Straßen gestellt.
+
+Doch in dem Panzer des Ritters drinnen,
+hinter den finstersten Ringen,
+hockt der Tod und muß sinnen und sinnen:
+Wann wird die Klinge springen
+über die Eisenhecke,
+die fremde befreiende Klinge,
+die mich aus meinem Verstecke
+holt, drin ich so viele
+gebückte Tage verbringe,--
+daß ich mich endlich strecke
+und spiele
+und singe.
+
+
+
+
+MÄDCHENMELANCHOLIE
+
+
+Mir fällt ein junger Ritter ein
+fast wie ein alter Spruch.
+
+Der kam. So kommt manchmal im Hain
+der große Sturm und hüllt dich ein.
+Der ging. So läßt das Benedein
+der großen Glocken dich allein
+oft mitten im Gebet....
+Dann willst du in die Stille schrein
+und weinst doch nur ganz leis hinein
+tief in dein kühles Tuch.
+
+Mir fällt ein junger Ritter ein,
+der weit in Waffen geht.
+
+Sein Lächeln war so weich und fein:
+wie Glanz auf altem Elfenbein,
+wie Heimweh, wie ein Weihnachtsschnein
+im dunkeln Dorf, wie Türkisstein,
+um den sich lauter Perlen reihn,
+wie Mondenschein
+auf einem lieben Buch.
+
+
+
+
+VON DEN MÄDCHEN
+
+
+
+I
+
+
+Andere müssen auf langen Wegen
+zu den dunklen Dichtern gehn;
+fragen immer irgendwen,
+ob er nicht einen hat singen sehn
+oder Hände auf Saiten legen.
+Nur die Mädchen fragen nicht,
+welche Brücke zu Bildern führe;
+lächeln nur, lichter als Perlenschnüre,
+die man an Schalen von Silber hält.
+
+Aus ihrem Leben geht jede Türe
+in einen Dichter
+und in die Welt.
+
+
+
+II
+
+
+Mädchen, Dichter sind, die von euch lernen
+das zu sagen, was ihr einsam seid;
+und sie lernen leben an euch Fernen,
+wie die Abende an großen Sternen
+sich gewöhnen an die Ewigkeit.
+
+Keine darf sich je dem Dichter schenken,
+wenn sein Auge auch um Frauen bat:
+denn er kann euch nur als Mädchen denken:
+das Gefühl in euren Handgelenken
+würde brechen von Brokat.
+
+Laßt ihn einsam sein in seinem Garten,
+wo er euch wie Ewige empfing
+auf den Wegen, die er täglich ging,
+bei den Bänken, welche schattig warten,
+und im Zimmer, wo die Laute hing.
+
+Geht!... Es dunkelt. Seine Sinne suchen
+eure Stimme und Gestalt nicht mehr.
+Und die Wege liebt er lang und leer
+und kein Weißes unter dunklen Buchen,--
+und die stumme Stube liebt er sehr.
+... Eure Stimmen hört er ferne gehn
+(unter Menschen, die et müde meidet)
+und: sein zärtliches Gedenken leidet
+im Gefühle, daß euch viele sehn.
+
+
+
+
+DAS LIED DER BILDSÄULE
+
+
+Wer ist es, wer mich so liebt, daß er
+sein liebes Leben verstößt?
+Wenn einer für mich ertrinkt im Meer,
+so bin ich vom Steine zur Wiederkehr
+ins Leben, ins Leben erlöst.
+
+Ich sehne mich so nach dem rauschenden Blut;
+der Stein ist so still.
+Ich träume vom Leben: das Leben ist gut.
+Hat keiner den Mut,
+durch den ich erwachen will?
+
+Und werd ich einmal im Leben sein,
+das mir alles Goldenste gibt,--
+ * * * * *
+so werd ich allein ,
+weinen, weinen nach meinem Stein.
+Was hilft mir mein Blut, wenn es reift wie der Wein?
+Es kann aus dem Meer nicht den Einen schrein,
+der mich am meisten geliebt.
+
+
+
+
+DER WAHNSINN
+
+
+Sie muß immer sinnen: Ich bin... ich bin....
+Wer bist du denn, Marie?
+ Eine Königin, eine Königin!
+ In die Kniee vor mir, in die Knie!
+
+Sie muß immer weinen: Ich war ... ich war....
+Wer warst du denn, Marie?
+ Ein Niemandskind, ganz arm und bar,
+ und ich kann dir nicht sagen wie.
+
+Und wurdest aus einem solchen Kind
+eine Fürstin, vor der man kniet?
+ Weil die Dinge alle anders sind,
+ als man sie beim Betteln sieht.
+
+So haben die Dinge dich groß gemacht,
+ und kannst du noch sagen wann?
+ Eine Nacht, eine Nacht, über eine Nacht,--
+ und sie sprachen mich anders an.
+ Ich trat in die Gasse hinaus und sieh:
+ die ist wie mit Saiten bespannt;
+ da wurde Marie Melodie, Melodie ...
+ und tanzte von Rand zu Rand.
+ Die Leute schlichen so ängstlich hin,
+ wie hart an die Häuser gepflanzt,--
+ denn das darf doch nur eine Königin,
+ daß sie tanzt in den Gassen: tanzt!...
+
+
+
+
+DIE LIEBENDE
+
+
+Ja, ich sehne mich nach dir. Ich gleite
+mich verlierend selbst mir aus der Hand,
+ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite,
+was zu mir kommt wie aus deiner Seite
+ernst und unbeirrt und unverwandt.
+
+... jene Zeiten: O wie war ich Eines,
+nichts was rief und nichts was mich verriet,
+meine Stille war wie eines Steines,
+über den der Bach sein Murmeln zieht.
+
+Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
+hat mich etwas langsam abgebrochen
+von dem unbewußten dunkeln Jahr.
+Etwas hat mein armes warmes Leben
+irgendeinem in die Hand gegeben,
+der nicht weiß, was ich noch gestern war.
+
+
+
+
+DIE BRAUT
+
+
+Ruf mich, Geliebter, ruf mich laut!
+Laß deine Braut nicht so lange am Fenster stehn.
+In den alten Platanenalleen
+wacht der Abend nicht mehr:
+sie sind leer.
+
+Und kommst du mich nicht in das nächtliche Haus
+mit deiner Stimme verschließen,
+so muß ich mich aus meinen Händen hinaus
+in die Gärten des Dunkelblaus
+ergießen....
+
+
+
+
+DIE STILLE
+
+
+Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände--
+hörst du: es rauscht....
+Welche Gebärde der Einsamen fände
+sich nicht von vielen Dingen belauscht?
+Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider,
+und auch das ist Geräusch bis zu dir,
+hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder....
+... Aber warum bist du nicht hier.
+
+Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
+bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
+unvernichtbar drückt die geringste Erregung
+in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
+Auf meinen Atemzügen heben und senken
+die Sterne sich.
+Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
+und ich erkenne die Handgelenke
+entfernter Engel.
+Nur die ich denke: Dich
+seh ich nicht.
+
+
+
+
+MUSIK
+
+
+Was spielst du, Knabe? Durch die Gärten gings
+wie viele Schritte, flüsternde Befehle.
+Was spielst du, Knabe? Siehe, deine Seele
+verfing sich in den Stäben der Syrinx.
+
+Was lockst du sie? Der Klang ist wie ein Kerker,
+darin sie sich versäumt und sich versehnt;
+stark ist dein Leben, doch dein Lied ist stärker,
+an deine Sehnsucht schluchzend angelehnt.--
+
+Gib ihr ein Schweigen, daß die Seele leise
+heimkehre in das Flutende und Viele,
+darin sie lebte, wachsend, weit und weise,
+eh du sie zwangst in deine zarten Spiele.
+
+Wie sie schon matter mit den Flügeln schlägt:
+So wirst du, Träumer, ihren Flug vergeuden,
+daß ihre Schwinge, vom Gesang zersägt,
+sie nicht mehr über meine Mauern trägt,
+wenn ich sie rufen werde zu den Freuden.
+
+
+
+
+DIE ENGEL
+
+
+Sie haben alle müde Münde
+und helle Seelen ohne Saum.
+Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde)
+geht ihnen manchmal durch den Traum.
+
+Fast gleichen sie einander alle;
+in Gottes Gärten schweigen sie,
+wie viele, viele Intervalle
+in seiner Macht und Melodie.
+
+Nur wenn sie ihre Flügel breiten,
+sind sie die Wecker eines Winds:
+Als ginge Gott mit seinen weiten
+Bildhauerhänden durch die Seiten
+im dunklen Buch des Anbeginns.
+
+
+
+
+DER SCHUTZENGEL
+
+
+Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen,
+wenn ich erwachte in der Nacht und rief.
+Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen
+ist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief.
+Du bist der Schatten, drin ich still entschlief,
+und jeden Traum ersinnt in mir dein Samen,--
+du bist das Bild, ich aber bin der Rahmen,
+der dich ergänzt in glänzendem Relief.
+
+Wie nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen.
+Du bist der Anfang, der sich groß ergießt,
+ich bin das langsame und bange Amen,
+das deine Schönheit scheu beschließt.
+
+Du hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen,
+wenn mir das Schlafen wie ein Grab erschien
+und wie Verlorengehen und Entfliehn,--
+da hobst du mich aus Herzensfinsternissen
+und wolltest mich auf allen Türmen hissen
+wie Scharlachfahnen und wie Draperien.
+
+Du: der von Wundern redet wie vom Wissen
+und von den Menschen wie von Melodien
+und von den Rosen: von Ereignissen,
+die flammend sich in deinem Blick vollziehn,--
+du Seliger, wann nennst du einmal Ihn,
+aus dessen siebentem und letztem Tage
+noch immer Glanz auf deinem Flügelschlage
+verloren liegt.
+Befiehlst du, daß ich frage?
+
+
+
+
+MARTYRINNEN
+
+
+Martyrin ist sie. Und als harten Falls
+mit einem Ruck
+das Beil durch ihre kurze Jugend ging,
+da legte sich der feine rote Ring
+um ihren Hals und war der erste Schmuck,
+den sie mit einem fremden Lächeln nahm:
+aber auch den erträgt sie nur mit Scham.
+Und wenn sie schläft, muß ihre junge Schwester
+(die, kindisch noch, sich mit der Wunde schmückt
+von jenem Stein, der ihr die Stirn erdrückt,)
+die harten Arme um den Hals ihr halten,
+und oft im Traume fleht die andre: Fester, fester.
+Und da fällt es dem Kinde manchmal ein,
+die Stirne mit dem Bild von jenem Stein
+zu bergen in des sanften Nachtgewandes Falten,
+das von der Schwester Atmen hell sich hebt,
+voll wie ein Segel, das vom Winde lebt.
+
+Das ist die Stunde, da sie heilig sind,
+die stille Jungfrau und das blasse Kind.
+
+Da sind sie wieder wie vor allem Leide
+und schlafen arm und haben keinen Ruhm,
+und ihre Seelen sind wie weiße Seide,
+und von derselben Sehnsucht beben beide
+und fürchten sich vor ihrem Heldentum.
+
+Und du kannst meinen: Wenn sie aus den Betten
+aufstünden bei dem nächsten Morgenlichte
+und, mit demselben träumenden Gesichte,
+die Gassen kämen in den kleinen Städten,--
+es bliebe keiner hinter ihnen staunen,
+kein Fenster klirrte an den Häuserreihn,
+und nirgends bei den Frauen ging ein Raunen,
+und keines von den Kindern würde schrein.
+Sie schritten durch die Stille in den Hemden
+(die flachen Falten geben keinen Glanz)
+so fremd und dennoch keinem zum Befremden,
+so wie zu Festen, aber ohne Kranz.
+
+
+
+
+DIE HEILIGE
+
+
+Das Volk war durstig; also ging das eine
+durstlose Mädchen, ging die Steine
+um Wasser flehen für ein ganzes Volk.
+Doch ohne Zeichen blieb der Zweig der Weide,
+und sie ermattete am langen Gehn
+und dachte endlich nur, daß einer leide,
+(ein kranker Knabe, und sie hatten beide
+sich einmal abends ahnend angesehn).
+Da neigte sich die junge Weidenrute
+in ihren Händen dürstend wie ein Tier:
+jetzt ging sie blühend über ihrem Blute,
+und rauschend ging ihr Blut tief unter ihr.
+
+
+
+
+KINDHEIT
+
+
+Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit
+mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.
+O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen....
+Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen,
+und auf den Plätzen die Fontänen springen,
+und in den Gärten wird die Welt so weit.--
+Und durch das alles gehn im kleinen Kleid,
+ganz anders als die andern gehn und gingen--:
+O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,
+o Einsamkeit.
+
+Und in das alles fern hinauszuschauen:
+Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen
+und Kinder, welche anders sind und bunt;
+und da ein Haus und dann und wann ein Hund
+und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen--:
+O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,
+o Tiefe ohne Grund.
+
+Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen
+in einem Garten, welcher sanft verblaßt,
+und manchmal die Erwachsenen zu streifen,
+blind und verwildert in des Haschens Hast,
+aber am Abend still, mit kleinen steifen
+Schritten nach Haus zu gehn, fest angefaßt--:
+O immer mehr entweichendes Begreifen,
+o Angst, o Last.
+
+Und stundenlang am großen grauen Teiche
+mit einem kleinen Segelschiff zu knien;
+es zu vergessen, weil noch andre gleiche
+und schönere Segel durch die Ringe ziehn,
+und denken müssen an das kleine bleiche
+Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien--:
+O Kindheit, o entgleitende Vergleiche.
+Wohin? Wohin?
+
+
+
+
+AUS EINER KINDHEIT
+
+
+Das Dunkeln war wie Reichtum in dem Raume,
+darin der Knabe, sehr verheimlicht, saß.
+Und als die Mutter eintrat wie im Traume,
+erzitterte im stillen Schrank ein Glas.
+Sie fühlte, wie das Zimmer sie verriet,
+und küßte ihren Knaben: Bist du hier?...
+Dann schauten beide bang nach dem Klavier,
+denn manchen Abend hatte sie ein Lied,
+darin das Kind sich seltsam tief verfing.
+
+Es saß sehr still. Sein großes Schauen hing
+an ihrer Hand, die ganz gebeugt vom Ringe,
+als ob sie schwer in Schneewehn ginge,
+über die weißen Tasten ging.
+
+
+
+
+DER KNABE
+
+
+Ich möchte einer werden so wie die,
+die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren,
+mit Fackeln, die gleich aufgegangnen Haaren
+in ihres Jagens großem Winde wehn.
+Vorn möcht ich stehen wie in einem Kahne,
+groß und wie eine Fahne aufgerollt.
+Dunkel, aber mit einem Helm von Gold,
+der unruhig glänzt. Und hinter mir gereiht
+zehn Männer aus derselben Dunkelheit
+mit Helmen, die wie meiner unstät sind,
+bald klar wie Glas, bald dunkel, alt und blind.
+Und einer steht bei mir und bläst uns Raum
+mit der Trompete, welche blitzt und schreit,
+und bläst uns eine schwarze Einsamkeit,
+durch die wir rasen wie ein rascher Traum:
+die Häuser fallen hinter uns ins Knie,
+die Gassen biegen sich uns schief entgegen,
+die Plätze weichen aus: wir fassen sie,
+und unsre Rosse rauschen wie ein Regen.
+
+
+
+
+DIE KONFIRMANDEN
+
+(PARIS, IM MAI 1903)
+
+
+In weißen Schleiern gehn die Konfirmanden
+tief in das neue Grün der Gärten ein.
+Sie haben ihre Kindheit überstanden,
+und was jetzt kommt, wird anders sein.
+
+O kommt es denn! Beginnt jetzt nicht die Pause,
+das Warten auf den nächsten Stundenschlag?
+Das Fest ist aus, und es wird laut im Hause,
+und trauriger vergeht der Nachmittag....
+
+Das war ein Aufstehn zu dem weißen Kleide
+und dann durch Gassen ein geschmücktes Gehn
+und eine Kirche, innen kühl wie Seide,
+und lange Kerzen waren wie Alleen,
+und alle Lichter schienen wie Geschmeide,
+von feierlichen Augen angesehn.
+
+Und es war still, als der Gesang begann:
+Wie Wolken stieg er in der Wölbung an
+und wurde hell im Niederfall; und linder
+denn Regen fiel er in die weißen Kinder.
+Und wie im Wind bewegte sich ihr Weiß,
+und wurde leise bunt in seinen Falten
+und schien verborgne Blumen zu enthalten--:
+Blumen und Vögel, Sterne und Gestalten
+aus einem alten fernen Sagenkreis.
+
+Und draußen war ein Tag aus Blau und Grün
+mit einem Ruf von Rot an hellen Stellen.
+Der Teich entfernte sich in kleinen Wellen,
+und mit dem Winde kam ein fernes Blühn
+und sang von Gärten draußen vor der Stadt.
+
+Es war, als ob die Dinge sich bekränzten,
+sie standen licht, unendlich leicht besonnt;
+ein Fühlen war in jeder Häuserfront,
+und viele Fenster gingen auf und glänzten.
+
+
+
+
+DAS ABENDMAHL
+
+
+Sie sind versammelt, staunende Verstörte,
+am ihn, der wie ein Weiser sich beschließt,
+und der sich fortnimmt denen er gehörte,
+und der an ihnen fremd vörüberfließt.
+Die alte Einsamkeit kommt über ihn,
+die ihn erzog zu seinem tiefen Handeln;
+nun wird er wieder durch den Ölwald wandeln,
+und die ihn lieben, werden vor ihm fliehn.
+
+Er hat sie zu dem letzten Tisch entboten
+und (wie ein Schuß die Vögel aus den Schoten
+scheucht) scheucht er ihre Hände aus den Broten
+mit seinem Wort: sie fliegen zu ihm her;
+sie flattern bange durch die Tafelrunde
+und suchen einen Ausgang. Aber er
+ist überall wie eine Dämmerstunde.
+
+
+
+
+
+DES ERSTEN BUCHES ZWEITER TEIL
+
+
+
+
+INITIALE
+
+Aus unendlichen Sehnsüchten steigen
+endliche Taten wie schwache Fontänen,
+die sich zeitig und zitternd neigen.
+Aber, die sich uns sonst verschweigen,
+unsere fröhlichen Kräfte--zeigen
+sich in diesen tanzenden Tränen.
+
+
+
+
+ZUM EINSCHLAFEN ZU SAGEN
+
+
+Ich möchte jemanden einsingen,
+bei jemandem sitzen und sein.
+Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
+und begleiten schlafaus und schlafein.
+Ich möchte der einzige sein im Haus,
+der wüßte: die Nacht war kalt.
+Und möchte horchen herein und hinaus
+in dich, in die Welt, in den Wald.--
+Die Uhren rufen sich schlagend an,
+und man sieht der Zeit auf den Grund.
+Und unten geht noch ein fremder Mann
+und stört einen fremden Hund.
+Dahinter wird Stille. Ich habe groß
+die Augen auf dich gelegt;
+sie halten dich sanft und lassen dich los,
+wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.
+
+
+
+
+MENSCHEN BEI NACHT
+
+
+
+Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
+Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
+und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
+Und machst du nachts deine Stube licht,
+um Menschen zu schauen ins Angesicht,
+so mußt du bedenken: wem.
+
+Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
+das von ihren Gesichtern träuft,
+und haben sie nachts sich zusammengesellt,
+so schaust du eine wankende Welt
+durcheinandergehäuft.
+Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
+alle Gedanken verdrängt,
+in ihren Blicken flackert der Wein,
+an ihren Händen hängt
+die schwere Gebärde, mit der sie sich
+bei ihren Gesprächen verstehn;
+und dabei sagen sie: Ich und Ich
+und meinen: Irgendwen.
+
+
+
+
+DER NACHBAR
+
+
+Fremde Geige, gehst du mir nach?
+In wieviel fernen Städten schon sprach
+deine einsame Nacht zu meiner?
+Spielen dich Hunderte? Spielt dich einer?
+
+Gibt es in allen großen Städten
+solche, die sich ohne dich
+schon in den Flüssen verloren hätten?
+Und warum trifft es immer mich?
+
+Warum bin ich immer der Nachbar derer,
+die dich bange zwingen zu singen
+und zu sagen: Das Leben ist schwerer
+als die Schwere von allen Dingen?
+
+
+
+
+PONT DU CARROUSEL
+
+
+Der blinde Mann, der auf der Brücke steht,
+grau wie ein Markstein namenloser Reiche,
+er ist vielleicht das Ding, das immer gleiche,
+um das von fern die Sternenstunde geht
+und der Gestirne heller Mittelpunkt.
+Denn alles um ihn irrt und rinnt und prunkt.
+
+Er ist der unbewegliche Gerechte,
+in viele wirre Wege hingestellt;
+der dunkle Eingang in die Unterwelt
+bei einem oberflächlichen Geschlechte.
+
+
+
+
+DER EINSAME
+
+
+Wie einer, der auf fremden Meeren fuhr,
+so bin ich bei den ewig Einheimischen;
+die vollen Tage stehn auf ihren Tischen,
+mir aber ist die Ferne voll Figur.
+
+In mein Gesicht reicht eine Welt herein,
+die vielleicht unbewohnt ist wie ein Mond,
+sie aber lassen kein Gefühl allein,
+und alle ihre Worte sind bewohnt.
+
+Die Dinge, die ich weither mit mir nahm,
+sehn selten aus, gehalten an das Ihre--:
+in ihrer großen Heimat sind sie Tiere,
+hier halten sie den Atem an vor Scham.
+
+
+
+
+DIE ASCHANTI
+
+(Jardin d'Acclimatation)
+
+
+Keine Vision von fremden Ländern,
+kein Gefühl von braunen Frauen, die
+tanzen aus den fallenden Gewändern.
+
+Keine wilde, fremde Melodie.
+Keine Lieder, die vom Blute stammten,
+und kein Blut, das aus den Tiefen schrie.
+
+Keine braunen Mädchen, die sich samten
+breiteten in Tropenmüdigkeit;
+keine Augen, die wie Waffen flammten,
+
+und die Munde zum Gelächter breit.
+Und ein wunderliches Sich-verstehen
+mit der hellen Menschen Eitelkeit.
+
+Und mir war so bange hinzusehen.
+
+O wie sind die Tiere so viel treuer,
+die in Gittern auf und nieder gehn,
+ohne Eintracht mit dem Treiben neuer
+fremder Dinge, die sie nicht verstehn;
+und sie brennen wie ein stilles Feuer
+leise aus und sinken in sich ein,
+teilnahmslos dem neuen Abenteuer
+und mit ihrem großen Blut allein.
+
+
+
+
+DER LETZTE
+
+
+Ich habe kein Vaterhaus
+und habe auch keines verloren;
+meine Mutter hat mich in die Welt hinaus
+geboren.
+Da steh ich nun in der Welt und geh
+in die Welt immer tiefer hinein
+und habe mein Glück und habe mein Weh
+und habe jedes allein.
+Und bin doch manch eines Erbe.
+Mit drei Zweigen hat mein Geschlecht geblüht
+auf sieben Schlössern im Wald
+und wurde seines Wappens müd
+und war schon viel zu alt;--
+und was sie mir ließen und was ich erwerbe
+zum alten Besitze, ist heimatlos.
+In meinen Händen, in meinem Schoß
+muß ich es halten, bis ich sterbe.
+Denn was ich fortstelle,
+hinein in die Welt,
+fällt,
+ist wie auf eine Welle
+gestellt.
+
+
+
+
+BANGNIS
+
+
+Im welken Walde ist ein Vogelruf,
+der sinnlos scheint in diesem welken Walde.
+Und dennoch ruht der runde Vogelruf
+in dieser Weile, die ihn schuf,
+breit wie ein Himmel auf dem welken Walde.
+Gefügig räumt sich alles in den Schrei.
+Das ganze Land scheint lautlos drin zu liegen,
+der große Wind scheint sich hineinzuschmiegen,
+und die Minute, welche weiter will,
+ist bleich und still, als ob sie Dinge wüßte,
+an denen jeder sterben müßte,
+aus ihm herausgestiegen.
+
+
+
+
+KLAGE
+
+
+O wie ist alles fern
+und lange vergangen.
+Ich glaube, der Stern,
+von welchem ich Glanz empfange,
+ist seit Jahrtausenden tot.
+Ich glaube, im Boot,
+das vorüberfuhr,
+hörte ich etwas Banges sagen.
+Im Hause hat eine Uhr
+geschlagen....
+In welchem Haus? ...
+Ich möchte aus meinem Herzen hinaus
+unter den großen Himmel treten.
+Ich möchte beten.
+Und einer von allen Sternen
+müßte wirklich noch sein.
+Ich glaube, ich wüßte,
+welcher allein
+gedauert hat,
+welcher wie eine weiße Stadt
+am Ende des Strahls in den Himmeln steht....
+
+
+
+
+EINSAMKEIT
+
+
+Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
+Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
+von Ebenen, die fern sind und entlegen,
+geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
+Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.
+
+Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
+wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen,
+und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
+enttäuscht und traurig voneinander lassen;
+und wenn die Menschen, die einander hassen,
+in einem Bett zusammen schlafen müssen:
+
+dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen....
+
+
+
+
+HERBSTTAG
+
+
+Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
+Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
+und auf den Fluren laß die Winde los.
+
+Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
+gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
+dränge sie zur Vollendung hin und jage
+die letzte Süße in den schweren Wein.
+
+Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
+Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
+wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
+und wird in den Alleen hin und her
+unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
+
+
+
+
+ERINNERUNG
+
+
+Und du wartest, erwartest das Eine,
+das dein Leben unendlich vermehrt;
+das Mächtige, Ungemeine,
+das Erwachen der Steine,
+Tiefen, dir zugekehrt.
+
+Es dämmern im Bücherständer
+die Bände in Gold und Braun;
+und du denkst an durchfahrene Länder,
+an Bilder, an die Gewänder
+wiederverlorener Fraun.
+
+Und da weißt du auf einmal: Das war es.
+Du erhebst dich, und vor dir steht
+eines vergangenen Jahres
+Angst und Gestalt und Gebet.
+
+
+
+
+ENDE DES HERBSTES
+
+
+Ich sehe seit einer Zeit,
+wie alles sich verwandelt.
+Etwas steht auf und handelt
+und tötet und tut Leid.
+
+Von Mal zu Mal sind all
+die Gärten nicht dieselben;
+von den gilbenden zu der gelben
+langsamem Verfall:
+wie war der Weg mir weit.
+
+Jetzt bin ich beiden leeren
+und schaue durch alle Alleen.
+Fast bis zu den fernen Meeren
+kann ich den ernsten schweren
+verwehrenden Himmel sehn.
+
+
+
+
+HERBST
+
+
+Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
+als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
+sie fallen mit verneinender Gebärde.
+
+Und in den Nächten fällt die schwere Erde
+aus allen Sternen in die Einsamkeit.
+
+Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
+Und sieh dir andre an: es ist in allen.
+
+Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
+unendlich sanft in seinen Händen hält.
+
+
+
+
+AM RANDE DER NACHT
+
+
+Meine Stube und diese Weite,
+wach über nachtendem Land, -
+ist Eines. Ich bin eine Saite,
+über rauschende breite
+Resonanzen gespannt.
+
+Die Dinge sind Geigenleiber,
+von murrendem Dunkel voll;
+drin träumt das Weinen der Weiber,
+drin rührt sich im Schlafe der Groll
+ganzer Geschlechter....
+Ich soll
+silbern erzittern: dann wird
+alles unter mir beben,
+und was in den Dingen irrt,
+wird nach dem Lichte streben,
+das von meinem tanzenden Tone,
+um welchen der Himmel wellt,
+durch schmale, schmachtende Spalten
+in die alten
+Abgründe ohne
+Ende fällt....
+
+
+
+
+GEBET
+
+
+Nacht, stille Nacht, in die verwoben sind
+ganz weiße Dinge, rote, bunte Dinge,
+verstreute Farben, die erhoben sind
+zu Einem Dunkel, Einer Stille,--bringe
+doch mich auch in Beziehung zu dem Vielen,
+das du erwirbst und überredest. Spielen
+denn meine Sinne noch zu sehr mit Licht?
+Würde sich denn mein Angesicht
+noch immer störend von den Gegenständen
+abheben? Urteile nach meinen Händen:
+liegen sie nicht wie Werkzeug da und Ding?
+Ist nicht der Ring selbst schlicht
+an meiner Hand, und liegt das Licht
+nicht ganz so, voll Vertrauen, über ihnen,--
+als ob sie Wege wären, die beschienen
+nicht anders sich verzweigen als im Dunkel?...
+
+
+
+
+FORTSCHRITT
+
+
+Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
+als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
+Immer verwandter werden mir die Dinge
+und alle Bilder immer angeschauter.
+Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
+mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
+ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
+und in den abgebrochnen Tag der Teiche
+sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.
+
+
+
+
+VORGEFÜHL
+
+
+Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
+Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
+während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
+die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen
+ ist Stille;
+die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist
+ noch schwer.
+
+Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie
+ das Meer.
+Und breite mich aus und falle in mich hinein
+und werfe mich ab und bin ganz allein
+in dem großen Sturm.
+
+
+
+
+STURM
+
+
+Wenn die Wolken, von Stürmen geschlagen,
+jagen:
+Himmel von hundert Tagen
+über einem einzigen Tag--:
+
+Dann fühl ich dich, Hetman, von fern
+(der du deine Kosaken gern
+zu dem größesten Herrn
+führen wolltest).
+Deinen wagrechten Nacken
+fühl ich, Mazeppa.
+
+Dann bin auch ich an das rasende Rennen
+eines rauchenden Rückens gebunden;
+alle Dinge sind mir verschwunden,
+nur die Himmel kann ich erkennen:
+
+Überdunkelt und überschienen
+lieg ich flach unter ihnen,
+wie Ebenen liegen;
+meine Augen sind offen wie Teiche,
+und in ihnen flüchtet das gleiche
+Fliegen.
+
+
+
+
+ABEND IN SKÅNE
+
+
+Der Park ist hoch. Und wie aus einem Haus
+tret ich aus seiner Dämmerung heraus
+in Ebene und Abend. In den Wind,
+denselben Wind, den auch die Wolken fühlen,
+die hellen Flüsse und die Flügelmühlen,
+die langsam mahlend stehn am Himmelsrand.
+Jetzt bin auch ich ein Ding in seiner Hand,
+das kleinste unter diesen--Schau:
+
+Ist das ein Himmel?:
+Selig lichtes Blau,
+in das sich immer reinere Wolken drängen,
+und drunter alle Weiß in Übergängen,
+und drüber jenes dünne große Grau,
+warmwallend wie auf roter Untermalung,
+und über allem diese stille Strahlung
+sinkender Sonne.
+
+Wunderlicher Bau,
+in sich bewegt und von sich selbst gehalten,
+Gestalten bildend, Riesenflügel, Falten
+und Hochgebirge vor den ersten Sternen
+und plötzlich, da: ein Tor in solche Fernen,
+wie sie vielleicht nur Vögel kennen....
+
+
+
+
+ABEND
+
+
+Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
+die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
+du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
+ein himmelfahrendes und eins, das fällt;
+
+und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
+nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,
+nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
+wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt;
+
+und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
+dein Leben, bang und riesenhaft und reifend,
+so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,
+abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.
+
+
+
+
+ERNSTE STUNDE
+
+
+Wer jetzt weint irgendwo in der Welt,
+ohne Grund weint in der Welt,
+weint über mich.
+
+Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,
+ohne Grund lacht in der Nacht,
+lacht mich aus.
+
+Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,
+ohne Grund geht in der Welt,
+geht zu mir.
+
+Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,
+ohne Grund stirbt in der Welt,
+sieht mich an.
+
+
+
+
+STROPHEN
+
+
+Ist einer, der nimmt alle in die Hand,
+daß sie wie Sand durch seine Finger rinnen.
+Er wählt die schönsten aus den Königinnen
+und läßt sie sich in weißen Marmor hauen,
+still liegend in des Mantels Melodie;
+und legt die Könige zu ihren Frauen,
+gebildet aus dem gleichen Stein wie sie.
+
+Ist einer, der nimmt alle in die Hand,
+daß sie wie schlechte Klingen sind und brechen.
+Er ist kein Fremder, denn er wohnt im Blut,
+das unser Leben ist und rauscht und ruht.
+Ich kann nicht glauben, daß er unrecht tut;
+doch hör ich viele Böses von ihm sprechen.
+
+
+
+
+STURMNACHT
+
+
+Der Gott erschrak in seiner Einsamkeit.
+Er sah tief unten in der grauen Zeit
+den Herbsttag gehn. Der war so greisenhaft,
+als reichte nicht zum Abendrande weit
+der matte Pfeil vom Bogen seiner Kraft.
+Oft stand er still und starrte nach den Hügeln,
+und endlich sank er matt ins arme Gras;
+und wie der giere Geier auf das Aas,
+so fiel auf ihn mit schweren, schwarzen Flügeln
+die nasse Nacht, die seine Seele fraß.
+
+Die schwarze Nacht saß auf dem toten Tag,
+und Gott erschrak:
+sein Blick ging lange in dem Dunkel irr;
+und als er trat aus Wolken und Gewirr,
+fand er die Ferne nicht, nicht Flut noch Feld:
+die schwarze Nacht fraß an der ganzen Welt.
+
+Da ahnte Gott, der schauernd niederblickte,
+wie unter diesem schweren Schwingenschlag
+die weite Welt erstarrte und erstickte
+so wie ein Tag.
+Und plötzlich wußte er: Er liebte sie.
+Doch reglos schattend blieb das Nachtgefieder,
+als von dem Rand der leeren Himmel nieder
+sein Wille schrie....
+
+Aber der Gott wird größer im Grimme;
+wenn er einmal sein einsames Leid
+in die erwachenden Weiten schreit,
+ist der Sturm seine Stimme.
+Und dann reißt sein wehendes Wort
+von den Monden die Wolken fort:
+und so sah er im Schimmer thronen
+lauter ähnliche Ewigkeiten,
+sah die Sterne der Stille wohnen
+und die Welten im Wandel schreiten.
+
+Und sein Bangen fand alles geborgen
+in dem leise liebkosenden Licht,--
+aber über dem Gestern und Morgen
+schwieg die Nacht, und sie rührte sich nicht.
+
+Und da war der Gott wie ein Kind,
+und er wurde vor Weinen blind,
+und durch den wimmernden Wind
+griff er mit hilflosen Händen:
+ob sie im Äther die Ufer fänden,
+welche die Spitzen der Türme sind.
+Sein Weinen verwaiste und rief:
+"Ist denn die Welt so tief, so tief,
+daß der Gott, der Sommer und Sonnen sann,
+der in alle Gedanken tauchte,
+den Rauch, der um ihre Gipfel rauchte--
+ihren Atem--nicht einmal erreichen kann?
+Ist dort kein Garten, der Blüten weht,
+kein lauschendes Leid, kein waches Gebet,
+keine Stille, die mich versteht?"
+
+ * * * * *
+
+Auf Erden war nur ein winziges Licht,
+das in dem samtenen Dunkel dicht
+an der Wiege des Kindes wachte
+und an sein ärmliches Dasein dachte,
+als die Stimme des Sturmes klang.
+Da wurde dem Funken so heimwehbang,
+daß er aus blinkendem Becher sachte
+wie der Quell aus dem Felsen sprang
+und, die Falten des Vorhangs entlang,
+wünschend nach allen Wänden griff,
+bis sich berstend die Balken bogen,--
+und auf hohen, lodernden Wogen
+trieb die Wiege, das schlummernde Schiff.
+
+Da regt sich die Welt. Von den Hängen hebt
+scheu sich die Nacht vor dem siegenden Scheine.
+Es lächelt der Gott; er weiß nur das eine:
+Sie lebt!
+
+
+
+
+
+DES ZWEITEN BUCHES ERSTER TEIL
+
+
+
+
+INITIALE
+
+Gib deine Schönheit immer hin
+ohne rechnen und reden.
+Du schweigst. Sie sagt für dich: Ich bin.
+Und kommt in tausendfachem Sinn,
+kommt endlich über jeden.
+
+
+
+
+VERKÜNDIGUNG
+
+
+
+DIE WORTE DES ENGELS
+
+
+Du bist nicht näher an Gott als wir;
+wir sind ihm alle weit.
+Aber wunderbar sind dir
+die Hände benedeit.
+So reifen sie bei keiner Frau,
+so schimmernd aus dem Saum:
+Ich bin der Tag, ich bin der Tau,
+du aber bist der Baum.
+
+Ich bin jetzt matt, mein Weg war weit,
+vergib mir, ich vergaß,
+was er, der groß in Goldgeschmeid
+wie in der Sonne saß,
+dir künden ließ, du Sinnende,
+(verwirrt hat mich der Raum).
+Sieh: Ich bin das Beginnende,
+du aber bist der Baum.
+
+Ich spannte meine Schwingen aus
+und wurde seltsam weit;
+jetzt überfließt dein kleines Haus
+von meinem großen Kleid.
+Und dennoch bist du so allein
+wie nie und schaust mich kaum;
+das macht: Ich bin ein Hauch im Hain,
+du aber bist der Baum.
+
+Die Engel alle bangen so,
+lassen einander los:
+noch nie war das Verlangen so,
+so ungewiß und groß.
+Vielleicht, daß etwas bald geschieht,
+das du im Traum begreifst.
+Gegrüßt sei, meine Seele sieht:
+Du bist bereit und reifst.
+Du bist ein großes, hohes Tor,
+und aufgehn wirst du bald.
+Du, meines Liedes liebstes Ohr,
+jetzt fühle ich: Mein Wort verlor
+sich in dir wie im Wald.
+
+So kam ich und vollendete
+dir tausendeinen Traum.
+Gott sah mich an: er blendete....
+
+Du aber bist der Baum.
+
+
+
+
+DIE HEILIGEN DREI KÖNIGE
+
+
+
+LEGENDE
+
+
+Einst als am Saum der Wüsten sich
+auftat die Hand des Herrn
+wie eine Frucht, die sommerlich
+verkündet ihren Kern,
+da war ein Wunder: Fern
+erkannten und begrüßten sich
+drei Könige und ein Stern.
+
+Drei Könige von Unterwegs
+und der Stern Überall,
+die zogen alle (überlegs!)
+so rechts ein Rex und links ein Rex
+zu einem stillen Stall.
+
+Was brachten die nicht alles mit
+zum Stall von Bethlehem!
+Weithin erklirrte jeder Schritt,
+und der auf einem Rappen ritt,
+saß samten und bequem;
+und der zu seiner Rechten ging,
+der war ein goldner Mann;
+und der zu seiner Linken fing
+mit Schwung und Schwing
+und Klang und Kling
+aus einem runden Silberding,
+das wiegend und in Ringen hing,
+ganz blau zu rauchen an.
+
+Da lachte der Stern Überall
+so seltsam über sie
+und lief voraus und stand am Stall
+und sagte zu Marie:
+
+Da bring ich eine Wanderschaft
+aus vieler Fremde her.
+Drei Könige mit Magenkraft,
+von Gold und Topas schwer
+und dunkel, tumb und heldenhaft,--
+erschrick mir nicht zu sehr.
+Sie haben alle drei zu Haus
+zwölf Töchter, keinen Sohn,
+so bitten sie sich deinen aus
+als Sonne ihres Himmelblaus
+und Trost für ihren Thron.
+Doch mußt du nicht gleich glauben: Bloß
+ein Funkel fürst und Heidenscheich
+sei deines Sohnes Los.
+Bedenk, der Weg ist groß.
+Sie wandern lange, Hirten gleich,
+inzwischen fällt ihr reifes Reich
+weiß Gott wem in den Schoß.
+Und während hier, wie Westwind warm,
+der Ochs ihr Ohr umschnaubt,
+sind sie vielleicht schon alle arm
+und so wie ohne Haupt.
+Drum mach mit deinem Lächeln licht
+die Wirrnis, die sie sind,
+und wende du dein Angesicht
+nach Aufgang und dein Kind;
+dort liegt in blauen Linien,
+was jeder dir verließ:
+Smaragda und Rubinien
+und die Tale von Türkis.
+
+
+
+
+IN DER CERTOSA
+
+
+Ein jeder aus der weißen Bruderschaft
+vertraut sich pflanzend seinem kleinen Garten.
+Auf jedem Beete steht, wer jeder sei.
+Und einer harrt in heimlichen Hoffarten,
+daß ihm im Mai
+die ungestümen Blüten offenbarten
+ein Bild von seiner unterdrückten Kraft.
+
+Und seine Hände halten, wie erschlafft,
+sein braunes Haupt, das schwer ist von den Säften,
+die ungeduldig durch das Dunkel rollen,
+und sein Gewand, das faltig, voll und wollen,
+zu seinen Füßen fließt, ist stramm gestrafft
+um seinen Armen, die, gleich starken Schäften,
+die Hände tragen, welche träumen sollen.
+
+Kein Miserere und kein Kyrie
+will seine junge runde Stimme ziehn,
+vor keinem Fluche will sie fliehn;
+sie ist kein Reh.
+Sie ist ein Roß und bäumt sich im Gebiß,
+und über Hürde, Hang und Hindernis
+will sie ihn tragen weit und weggewiß,
+ganz ohne Sattel will sie tragen ihn.
+
+Er aber sitzt, und unter den Gedanken
+zerbrechen fast die breiten Handgelenke,
+so schwer wird ihm der Sinn und immer schwerer.
+
+Der Abend kommt, der sanfte Wiederkehrer,
+ein Wind beginnt, die Wege werden leerer,
+und Schatten sammeln sich im Talgesenke.
+Und wie ein Kahn, der an der Kette schwankt,
+so wird der Garten ungewiß und hangt
+wie windgewiegt auf lauter Dämmerung.
+Wer löst ihn los?...
+
+Der Frate ist so jung,
+und langelang ist seine Mutter tot.
+Er weiß von ihr: sie nannten sie La Stanca;
+sie war ein Glas, ganz zart und klar. Man bot
+es einem, der es nach dem Trunk zerschlug
+wie einen Krug.
+
+So ist der Vater.
+Und er hat sein Brot
+als Meister in den roten Marmorbrüchen.
+Und jede Wöchnerin in Pietrabianca
+hat Furcht, daß er des Nachts mit seinen Flüchen
+vorbei an ihrem Fenster kommt und droht.
+
+Sein Sohn, den er der Donna Dolorosa
+geweiht in einer Stunde wilder Not,
+sinnt im Arkadenhofe der Certosa,
+sinnt, wie umrauscht von rötlichen Gerüchen:
+denn seine Blumen blühen alle rot.
+
+
+
+
+
+DAS JÜNGSTE GERICHT
+
+
+
+AUS DEN BLÄTTERN EINES MÖNCHS
+
+
+Sie werden alle wie aus einem Bade
+aus ihren mürben Grüften auferstehn;
+denn alle glauben an das Wiedersehn,
+und furchtbar ist ihr Glauben, ohne Gnade.
+
+Sprich leise, Gott! Es könnte einer meinen,
+daß die Posaune deiner Reiche rief;
+und ihrem Ton ist keine Tiefe tief:
+da steigen alle Zeiten aus den Steinen,
+und alle die Verschollenen erscheinen
+in welken Leinen, brüchigen Gebeinen
+und von der Schwere ihrer Schollen schief.
+Das wird ein wunderliches Wiederkehren
+in eine wunderliche Heimat sein;
+auch die dich niemals kannten, werden schrein
+und deine Größe wie ein Recht begehren:
+wie Brot und Wein.
+
+Allschauender, du kennst das wilde Bild,
+das ich in meinem Dunkel zitternd dichte.
+Durch dich kommt alles, denn du bist das Tor,--
+und alles war in deinem Angesichte,
+eh es in unserm sich verlor.
+Du kennst das Bild vom riesigen Gerichte:
+Ein Morgen ist es, doch aus einem Lichte,
+das deine reife Liebe nie erschuf,
+ein Rauschen ist es, nicht aus deinem Ruf,
+ein Zittern, nicht von göttlichem Verzichte,
+ein Schwanken, nicht in deinem Gleichgewichte.
+Ein Rascheln ist und ein Zusammenraffen
+in allen den geborstenen Gebäuden,
+ein Sichentgelten und ein Sich vergeuden,
+ein Sichbegatten und ein Sichbegaffen,
+und ein Betasten aller alten Freuden
+und aller Lüste welke Wiederkehr.
+Und über Kirchen, die wie Wunden klaffen,
+ziehn schwarze Vögel, die du nie erschaffen,
+in irren Zügen hin und her.
+
+So ringen sie, die lange Ausgeruhten,
+und packen sich mit ihren nackten Zähnen
+und werden bange, weil sie nicht mehr bluten,
+und suchen, wo die Augenbecher gähnen,
+mit kalten Fingern nach den toten Tränen.
+Und werden müde. Wenige Minuten
+nach ihrem Morgen bricht der Abend ein.
+Sie werden ernst und lassen sich allein
+und sind bereit, im Sturme aufzusteigen,
+wenn sich auf deiner Liebe heitrem Wein
+die dunklen Tropfen deines Zornes zeigen,
+um deinem Urteil nah zu sein.
+Und da beginnt es, nach dem großen Schrein:
+das übergroße fürchterliche Schweigen.
+Sie sitzen alle wie vor schwarzen Türen
+in einem Licht, das sie, wie mit Geschwüren,
+mit vielen grellen Flecken übersät.
+
+Und wachsend wird der Abend alt und spät.
+Und Nächte fallen dann in großen Stücken
+auf ihre Hände und auf ihren Rücken,
+der wankend sich mit schwarzer Last belädt.
+Sie warten lange. Ihre Schultern schwanken
+unter dem Drucke wie ein dunkles Meer,
+sie sitzen, wie versunken in Gedanken,
+und sind doch leer.
+Was stützen sie die Stirnen?
+Ihre Gehirne denken irgendwo
+tief in der Erde, eingefallen, faltig:
+Die ganze alte Erde denkt gewaltig,
+und ihre großen Bäume rauschen so.
+
+Allschauender, gedenkst du dieses bleichen
+und bangen Bildes, das nicht seinesgleichen
+unter den Bildern deines Willens hat?
+Hast du nicht Angst vor dieser stummen Stadt,
+die, an dir hangend wie ein welkes Blatt,
+sich heben will zu deines Zornes Zeichen?
+0, greife allen Tagen in die Speichen,
+daß sie zu bald nicht diesem Ende nahen,--
+vielleicht gelingt es dir noch auszuweichen
+dem großen Schweigen, das wir beide sahen.
+Vielleicht kannst du noch einen aus uns heben,
+der diesem fürchterlichen Wiederleben
+den Sinn, die Sehnsucht und die Seele nimmt,
+einen, der bis in seinen Grund ergrimmt
+und dennoch froh durch alle Dinge schwimmt,
+der Kräfte unbekümmerter Verbraucher,
+der sich auf allen Saiten geigt
+und unversehrt als unerkannter Taucher
+in alle Tode niedersteigt.
+... Oder, wie hoffst du diesen Tag zu tragen,
+der länger ist als aller Tage Längen,
+mit seines Schweigens schrecklichen Gesängen,
+wenn dann die Engel dich, wie lauter Fragen,
+mit ihrem schauerlichen Flügelschlagen umdrängen?
+Sieh, wie sie zitternd in den Schwingen hängen
+und dir mit hunderttausend Augen klagen,
+und ihres sanften Liedes Stimmen wagen
+sich aus den vielen wirren Übergängen
+nicht mehr zu heben zu den klaren Klängen.
+Und wenn die Greise mit den breiten Bärten,
+die dich berieten bei den besten Siegen,
+nur leise ihre weißen Häupter wiegen,
+und wenn die Frauen, die den Sohn dir nährten,
+und die von ihm Verführten, die Gefährten,
+und alle Jungfraun, die sich ihm gewährten:
+die lichten Birken deiner dunklen Gärten,--
+wer soll dir helfen, wenn sie alle schwiegen?
+
+Und nur dein Sohn erhübe sich unter denen,
+welche sitzen um deinen Thron.
+Grübe sich deine Stimme dann in sein Herz?
+Sagte dein einsamer Schmerz dann:
+Sohn!
+Suchtest du dann das Angesicht
+dessen, der das Gericht gerufen,
+dein Gericht und deinen Thron:
+Sohn!
+Hießest du, Vater, dann deinen Erben,
+leise begleitet von Magdalenen,
+niedersteigen zu jenen,
+die sich sehnen, wieder zu sterben?
+
+Das wäre dein letzter Königserlaß,
+die letzte Huld und der letzte Haß;
+aber dann käme alles zu Ruh:
+der Himmel und das Gericht und du.
+Alle Gewänder des Rätsels der Welt?
+das sich so lange verschleiert hält,
+fallen mit dieser Spange.
+... Doch mir ist bange....
+Allschauender, sieh, wie mir bange ist,
+miß meine Qual!
+Mir ist bange, daß du schon lange vergangen bist,
+als du zum erstenmal
+in deinem Alleserfassen
+das Bild dieses blassen
+Gesichtes sahst,
+dem du dich hilflos nahst, Allschauender.
+Bist du damals entflohn?
+Wohin?
+Vertrauender
+kann keiner dir kommen
+
+als ich,
+der ich dich
+nicht um Lohn
+verraten will wie alle die Frommen.
+Ich will nur, weil ich verborgen bin
+und müde wie du, noch müder vielleicht,
+und weil meine Angst vor dem großen Gericht
+deiner gleicht,
+will ich mich dicht,
+Gesicht bei Gesicht,
+an dich heften;
+mit einigen Kräften
+werden wir wehren dem großen Rade,
+über welches die mächtigen Wasser gehn,
+die rauschen und schnauben--
+denn: Wehe, sie werden auferstehn.
+So ist ihr Glauben: groß und ohne Gnade.
+
+
+
+
+KARL DER ZWÖLFTE VON SCHWEDEN
+REITET IN DER UKRAINE
+
+I
+
+Könige in Legenden
+sind wie Berge im Abend. Blenden
+jeden, zu dem sie sich wenden.
+Die Gürtel um ihre Lenden
+und die lastenden Mantelenden
+sind Länder und Leben wert.
+Mit den reichgekleideten Händen
+geht, schlank und nackt, das Schwert.
+
+
+Ein junger König aus Norden war
+in der Ukraine geschlagen.
+Der haßte Frühling und Frauenhaar
+und die Harfen und was sie sagen.
+Der ritt auf einem grauen Pferd,
+sein Auge schaute grau
+und hatte niemals Glanz begehrt
+zu Füßen einer Frau.
+Keine war seinem Blicke blond,
+keine hat küssen ihn gekonnt;
+und wenn er zornig war,
+so riß er einen Perlenmond
+aus wunderschönem Haar.
+Und wenn ihn Trauer überkam,
+so machte er ein Mädchen zahm
+und forschte, wessen Ring sie nahm
+und wem sie ihren bot--
+Und: hetzte ihr den Bräutigam
+mit hundert Hunden tot.
+
+Und er verließ sein graues Land,
+das ohne Stimme war,
+und ritt in einen Widerstand
+und kämpfte um Gefahr,
+bis ihn das Wunder überwand:
+wie träumend ging ihm seine Hand
+von Eisenband zu Eisenband
+und war kein Schwert darin;
+er war zum Schauen aufgewacht:
+
+es schmeichelte die schöne Schlacht
+um seinen Eigensinn.
+Er saß zu Pferde: ihm entging
+keine Gebärde rings.
+Auf Silber sprach jetzt Ring zu Ring,
+und Stimme war in jedem Ding,
+und wie in vielen Glocken hing
+die Seele jedes Dings.
+Und auch der Wind war anders groß,
+der in die Fahnen sprang,
+schlank wie ein Panther, atemlos
+und taumelnd vom Trompetenstoß,
+der lachend mit ihm rang.
+Und manchmal griff der Wind hinab:
+da ging ein Blutender,--ein Knab,
+welcher die Trommel schlug;
+er trug sie immer auf und ab
+und trug sie wie sein Herz ins Grab
+vor seinem toten Zug.
+Da wurde mancher Berg geballt,
+als wär die Erde noch nicht alt
+und baute sich erst auf;
+bald stand das Eisen wie Basalt,
+bald schwankte wie ein Abendwald
+mit breiter steigender Gestalt
+der großbewegte Hauf.
+Es dampfte dumpf die Dunkelheit,
+was dunkelte, war nicht die Zeit,--
+und alles wurde grau,
+aber schon fiel ein neues Scheit,
+und wieder ward die Flamme breit
+und festlich angefacht.
+Sie griffen an: in fremder Tracht
+ein Schwärm phantastischer Provinzen;
+wie alles Eisen plötzlich lacht:
+von einem silberlichten Prinzen
+erschimmerte die Abendschlacht.
+Die Fahnen flatterten wie Freuden,
+und alle hatten königlich
+in ihren Gesten ein Vergeuden,--
+an fernen flammenden Gebäuden
+entzündeten die Sterne sich....
+
+Und Nacht war. Und die Schlacht trat sachte
+zurück wie ein sehr müdes Meer,
+das viele fremde Tote brachte,
+und alle Toten waren schwer.
+Vorsichtig ging das graue Pferd
+(von großen Fäusten abgewehrt)
+durch Männer, welche fremd verstarben,
+und trat auf flaches schwarzes Gras.
+Der auf dem grauen Pferde saß,
+sah unten auf den feuchten Farben
+viel Silber wie zerschelltes Glas.
+Sah Eisen welken, Helme trinken
+und Schwerter stehn in Panzernaht,
+sterbende Hände sah er winken
+mit einem Fetzen von Brokat...
+
+Und sah es nicht.
+
+Und ritt dem Lärme
+der Feldschlacht nach, als ob er schwärme,
+mit seinen Wangen voller Wärme
+und mit den Augen von Verliebten....
+
+
+
+
+
+DER SOHN
+
+
+Mein Vater war ein verbannter
+König von überm Meer.
+Ihm kam einmal ein Gesandter:
+sein Mäntel war ein Panther,
+und sein Schwert war schwer.
+
+Mein Vater war wie immer
+ohne Helm und Hermelin;
+es dunkelte das Zimmer
+wie immer arm um ihn.
+Es zitterten seine Hände
+und waren blaß und leer,--
+in bilderlose Wände
+blicklos schaute er.
+
+Die Mutter ging im Garten
+und wandelte weiß im Grün
+und wollte den Wind erwarten
+vor dem Abendglühn.
+Ich träumte, sie würde mich rufen,
+aber sie ging allein,--
+ließ mich vom Rande der Stufen
+horchen verhallenden Hufen
+und ins Haus hinein:
+
+Vater! Der fremde Gesandte...?
+Der reitet wieder im Wind....
+Was wollte der? Er erkannte
+dein blondes Haar, mein Kind.
+
+Vater! Wie war er gekleidet!
+Wie der Mantel von ihm floß!
+Geschmiedet und geschmeidet
+war Schulter, Brust und Roß.
+Er war eine Stimme im Stahle,
+er war ein Mann aus Nacht,--
+aber er hat eine schmale
+Krone mitgebracht.
+Sie klang bei jedem Schritte
+an sein sehr schweres Schwert,
+die Perle in ihrer Mitte
+ist viele Leben wert.
+Vom zornigen Ergreifen
+verbogen ist der Reifen,
+der oft gefallen war:
+es ist eine Kinderkrone,--
+denn Könige sind ohne;
+--gib sie meinem Haar!
+Ich will sie manchmal tragen
+in Nächten, blaß vor Scham.
+Und will dir, Vater, sagen,
+woher der Gesandte kam.
+Was dort die Dinge gelten,
+ob steinern steht die Stadt,
+oder ob man in Zelten
+mich erwartet hat.
+
+Mein Vater war ein Gekränkter
+und kannte nur wenig Ruh.
+Er hörte mir mit verhängter
+Stirne nächtelang zu.
+Mir lag im Haar der Ring.
+Und ich sprach ganz nahe und sachte,
+daß die Mutter nicht erwachte,--
+die an dasselbe dachte,
+wenn sie, ganz weiß gelassen,
+vor abendlichen Massen
+durch dunkle Gärten ging.
+
+
+
+So wurden wir verträumte Geiger,
+die leise aus den Türen treten,
+um auszuschauen, eh sie beten,
+ob nicht ein Nachbar sie belauscht.
+Die erst, wenn alle sich zerstreuten,
+hinter dem letzten Abendläuten,
+die Lieder spielen, hinter denen
+(wie Wald im Wind hinter Fontänen)
+der dunkle Geigenkasten rauscht.
+Denn dann nur sind die Stimmen gut,
+wenn Schweigsamkeiten sie begleiten,
+wenn hinter dem Gespräch der Saiten
+Geräusche bleiben wie von Blut;
+und bang und sinnlos sind die Zeiten,
+wenn hinter ihren Eitelkeiten
+nicht etwas waltet, welches ruht.
+
+Geduld: es kreist der leise Zeiger,
+und was verheißen ward, wird sein:
+wir sind die Flüstrer vor dem Schweiger,
+wir sind die Wiesen vor dem Hain;
+in ihnen geht noch dunkles Summen--
+(viel Stimmen sind und doch kein Chor)
+und sie bereiten auf die stummen
+tiefen heiligen Haine vor....
+
+
+
+
+
+DIE ZAREN
+
+EIN GEDICHTKREIS (1899 und 1906)
+
+
+
+
+I
+
+
+Das war in Tagen, da die Berge kamen:
+die Bäume bäumten sich, die noch nicht zahmen,
+und rauschend in die Rüstung stieg der Strom.
+Zwei fremde Pilger riefen einen Namen,
+und aufgewacht aus seinem langen Lahmen
+war Ilija, der Riese von Murom.
+
+Die alten Eltern brachen in den Äckern
+an Steinen ab und an den wilden Wuchs;
+da kam der Sohn, ganz groß, von seinen Weckern
+und zwang die Furchen in die Furcht des Pflugs.
+Er hob die Stämme, die wie Streiter standen,
+und lachte ihres wankenden Gewichts,
+und aufgestört wie schwarze Schlangen wanden
+die Wurzeln, welche nur das Dunkel kannten,
+sich in dem breiten Griff des Lichts.
+
+Es stärkte sich im frühen Tau die Mähre,
+in deren Adern Kraft und Adel schlief;
+sie reifte unter ihres Reiters Schwere,
+ihr Wiehern war wie eine Stimme tief,--
+und beide fühlten, wie das Ungefähre
+sie mit verheißenden Gefahren rief.
+
+Und reiten, reiten ... vielleicht tausend Jahre.
+Wer zählt die Zeit, wenn einmal einer will.
+(Vielleicht saß er auch tausend Jahre still.)
+Das Wirkliche ist wie das Wunderbare:
+es mißt die Welt mit eigenmächtigen Maßen;
+Jahrtausende sind ihm zu jung.
+
+Weit schreiten werden, welche lange saßen
+in ihrer tiefen Dämmerung.
+
+
+
+
+II
+
+
+Noch drohen große Vögel allenthalben,
+und Drachen glühn und hüten überall
+der Wälder Wunder und der Schluchten Fall;
+und Knaben wachsen an, und Männer salben
+sich zu dem Kampfe mit der Nachtigall,
+
+die oben in den Kronen von neun Eichen
+sich lagert wie ein tausendfaches Tier,
+und abends geht ein Schreien ohnegleichen,
+ein schreiendes Bis-an-das-Ende-reichen,
+und geht die ganze Nacht lang aus von ihr;
+
+die Frühlingsnacht, die schrecklicher als alles
+und schwerer war und banger zu bestehn:
+ringsum kein Zeichen eines Überfalles
+und dennoch alles voller Übergehn,
+hinwerfend sich und Stück für Stück sich gebend,
+ja jenes Etwas, welches um sich griff,
+anrufend noch, am ganzen Leibe bebend
+und darin untergehend wie ein Schiff.
+
+Das waren Überstarke, die da blieben,
+von diesem Riesigen nicht aufgerieben,
+das aus den Kehlen wie aus Kratern brach;
+sie dauerten, und alternd nach und nach
+begriffen sie die Bangnis der Aprile,
+und ihre ruhigen Hände hielten viele
+
+und führten sie durch Furcht und Ungemach
+zu Tagen, da sie froher und gesünder
+die Mauern bauten um die Städtegründer,
+die über allem gut und kundig saßen.
+
+Und schließlich kamen auf den ersten Straßen
+aus Höhlen und verhaßten Hinterhalten
+die Tiere, die für unerbittlich galten.
+Sie stiegen still aus ihren Übermaßen
+(beschämte und veraltete Gewalten)
+und legten sich gehorsam vor die Alten.
+
+
+
+
+III
+
+
+Seine Diener füttern mit mehr und mehr
+ein Rudel von jenen wilden Gerüchten,
+die auch noch Er sind, alles noch Er.
+
+Seine Günstlinge flüchten vor ihm her.
+
+Und seine Frauen flüstern und stiften
+Bünde. Und er hört sie ganz innen
+in ihren Gemächern mit Dienerinnen,
+die sich scheu umsehn, sprechen von Giften.
+
+Alle Wände sind hohl von Schränken und Fächern,
+Mörder ducken unter den Dächern
+und spielen Mönche mit viel Geschick.
+
+Und er hat nichts als einen Blick
+dann und wann; als den leisen
+Schritt auf den Treppen, die kreisen;
+nichts als das Eisen an seinem Stock.
+
+Nichts als den dürftigen Büßerrock
+(durch den die Kälte aus den Fliesen
+an ihm hinaufkriecht wie mit Krallen),
+nichts, was er zu rufen Wagt,
+nichts als die Angst vor allen diesen,
+nichts als die tägliche Angst vor allen,
+die ihn jagt durch diese gejagten
+
+Gesichter an dunklen, ungefragten,
+vielleicht schuldigen Händen entlang.
+Manchmal packt er einen im Gang
+grade noch an des Mantels Falten,
+und er zerrt ihn zornig her;
+aber im Fenster weiß er nicht mehr:
+Wer ist Haltender? Wer ist gehalten?
+Wer bin ich und wer ist der?
+
+
+
+
+IV
+
+
+Es ist die Stunde, da das Reich sich eitel
+in seines Glanzes vielen Spiegeln sieht.
+
+Der blasse Zar, des Stammes letztes Glied,
+träumt auf dem Thron, davor das Fest geschieht,
+und leise zittert sein beschämter Scheitel
+und seine Hand, die vor den Purpurlehnen
+mit einem unbestimmten Sehnen
+ins wirre Ungewisse flieht.
+
+Und um sein Schweigen neigen sich Bojaren
+in blanken Panzern und in Pantherfellen,
+wie viele fremde fürstliche Gefahren,
+die ihn mit stummer Ungeduld umstellen.
+Tief in den Saal schlägt ihre Ehrfurcht Wellen.
+
+Und sie gedenken eines andern Zaren,
+der oft mit Worten, die aus Wahnsinn waren,
+ihnen die Stirnen an die Steine stieß.
+Und denken also weiter: jener ließ
+nicht so viel Raum, wenn er zu Throne saß,
+auf dem verwelkten Samt des Kissens leer.
+
+Er war der Dinge dunkles Maß,
+und die Bojaren wußten lang nicht mehr,
+daß rot der Sitz des Sessels sei, so schwer
+lag sein Gewand und wurde golden breit.
+
+Und weiter denken sie: Das Kaiserkleid
+schläft auf den Schultern dieses Knaben ein.
+Obgleich im ganzen Saal die Fackeln flacken,
+sind bleich die Perlen, die in sieben Reihn
+wie weiße Kinder knien um seinen Nacken,
+und die Rubine an den Ärmelzacken,
+die einst Pokale waren, klar von Wein,
+sind schwarz wie Schlacken--
+
+Und ihr Denken schwillt.
+
+Es drängt sich heftig an den blassen Kaiser,
+auf dessen Haupt die Krone immer leiser
+und dem der Wille immer fremder wird;
+er lächelt. Lauter prüfen ihn die Preiser,
+ihr Neigen nähert sich, sie schmeicheln heiser,
+und eine Klinge hat im Traum geklirrt.
+
+
+
+
+V
+
+
+Der blasse Zar wird nicht am Schwerte sterben,
+die fremde Sehnsucht macht ihn sakrosankt;
+er wird die feierlichen Reiche erben,
+an denen seine sanfte Seele krankt.
+
+Schon jetzt, hintretend an ein Kremlfenster,
+sieht er ein Moskau, weißer, unbegrenzter,
+in seine endlich fertige Nacht gewebt;
+so wie es ist im ersten Frühlingswirken,
+wenn in den Gassen der Geruch aus Birken
+von lauter Morgenglocken bebt.
+
+Die großen Glocken, die so herrisch lauten,
+sind seine Väter, jene ersten Zaren,
+die sich noch vor den Tagen der Tataren
+aus Sagen, Abenteuern und Gefahren,
+aus Zorn und Demut zögernd auferbauten.
+
+Und er begreift auf einmal, wer sie waren,
+und daß sie oft um ihres Dunkels Sinn
+in seine eignen Tiefen niedertauchten
+und ihn, den Leisesten von den Erlauchten,
+in ihren Taten groß und fromm verbrauchten
+schon lang vor seinem Anbeginn.
+
+Und eine Dankbarkeit kommt über ihn,
+daß sie ihn so verschwenderisch vergeben
+an aller Dinge Durst und Drang.
+Er war die Kraft zu ihrem Überschwang,
+der goldne Grund, vor dem ihr breites Leben
+geheimnisvoll zu dunkeln schien.
+
+In allen ihren Werken schaut er sich
+wie eingelegtes Silber in Zieraten,
+und es gibt keine Tat in ihren Taten,
+die nicht auch war in seinen stillen Staaten,
+in denen alles Handelns Rot verblich.
+
+
+
+
+VI
+
+
+Noch immer schauen in den Silberplatten
+wie tiefe Frauenaugen die Saphire,
+Goldranken schlingen sich wie schlanke Tiere,
+die sich im Glänze ihrer Brünste gatten,
+und sanfte Perlen warten in dem Schatten
+wilder Gebilde, daß ein Schimmer ihre
+stillen Gesichter finde und verliere.
+Und das ist Mantel, Strahlenkranz und Land,
+und ein Bewegen geht von Rand zu Rand,
+wie Korn im Wind und wie ein Fluß im Tale,
+so glänzt es wechselnd durch die Rahmenwand.
+
+In ihrer Sonne dunkeln drei Ovale:
+das große gibt dem Mutterantlitz Raum,
+und rechts und links hebt eine mandelschmale
+Jungfrauenhand sich aus dem Silbersaum.
+Die beiden Hände, seltsam still und braun,
+verkünden, daß im köstlichen Ikone
+die Königliche wie im Kloster wohne,
+die überfließen wird von jenem Sohne,
+von jenem Tropfen, drinnen wolkenohne
+die niegehofften Himmel blaun.
+
+Die Hände zeugen noch dafür;
+aber das Antlitz ist wie eine Tür
+in warme Dämmerungen aufgegangen,
+in die das Lächeln von den Gnadenwangen
+mit seinem Lichte irrend sich verlor.
+
+Da neigt sich tief der Zar davor und spricht:
+Fühltest du nicht, wie sehr wir in dich drangen
+mit allem: Fühlen, Fürchten und Verlangen;
+wir warten auf dein liebes Angesicht,
+das uns vergangen ist; wohin vergangen?
+
+Den großen Heiligen vergeht es nicht.
+
+Er bebte tief in seinem steifen Kleid,
+das strahlend stand. Er wußte nicht, wie weit
+er schon von allem war und ihrem Segnen,
+wie selig nah in seiner Einsamkeit.
+
+Noch sinnt und sinnt der blasse Gossudar.
+Und sein Gesicht, das unterm kranken Haar
+schon lange tief und wie im Fortgehn war,
+verging, wie jenes in dem Goldovale,
+in seinem großen goldenen Talar.
+
+(Um ihrem Angesichte zu begegnen.)
+
+Zwei Goldgewänder schimmerten im Saale
+und wurden in dem Glanz der Ampeln klar.
+
+
+
+
+
+DER SÄNGER SINGT VOR EINEM FÜRSTENKIND
+
+DEM ANDENKEN VON PAULA BECKER-MODERSOHN
+
+
+
+
+Du blasses Kind, an jedem Abend soll
+der Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen
+und soll dir Sagen, die im Blute klingen,
+über die Brücke seiner Stimme bringen
+und eine Harfe, seiner Hände voll.
+
+Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzählt,
+gehoben ist es wie aus Wandgeweben;
+solche Gestalten hat es nie gegeben;--
+und Niegewesenes nennt er das Leben.
+Und heute hat er diesen Sang erwählt:
+
+Du blondes Kind von Fürsten und aus Frauen,
+die einsam warteten im weißen Saal,--
+fast alle waren bang, dich aufzubauen,
+um aus den Bildern einst auf dich zu schauen:
+auf deine Augen mit den ernsten Brauen,
+auf deine Hände, hell und schmal.
+
+Du hast von ihnen Perlen und Türkisen,
+von diesen Frauen, die in Bildern stehn,
+als stünden sie allein in Abendwiesen,--
+du hast von ihnen Perlen und Türkisen,--
+und Ringe mit verdunkelten Devisen
+und Seiden, welche welke Düfte wehn.
+
+Du trägst die Gemmen ihrer Gürtelbänder
+ans hohe Fenster in den Glanz der Stunden,
+und in die Seide sanfter Brautgewänder
+sind deine kleinen Bücher eingebunden,
+und drinnen hast du, mächtig über Länder,
+ganz groß geschrieben und mit reichen, runden
+Buchstaben deinen Namen vorgefunden.
+
+Und alles ist, als wär es schon geschehn.
+
+Sie haben so, als ob du nicht mehr kämst,
+an alle Becher ihren Mund gesetzt,
+zu allen Freuden ihr Gefühl gehetzt
+und keinem Leide leidlos zugesehn;
+so daß du jetzt
+stehst und dich schämst.
+
+... Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines,--
+der Sänger kommt dir sagen, daß du bist.
+Und daß du mehr bist als ein Traum des Haines,
+mehr als die Seligkeit des Sonnenscheines,
+den mancher graue Tag vergißt.
+Dein Leben ist so unaussprechlich deines,
+weil es von vielen überladen ist.
+
+Empfindest du, wie die Vergangenheiten
+leicht werden, wenn du eine Weile lebst,
+wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten,
+jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten,--
+und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten
+für eine Geste, die du schön erhebst.--
+
+Das ist der Sinn von allem, was einst war,
+daß es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere,
+daß es zu unserm Wesen wiederkehre,
+in uns verwoben, tief und wunderbar:
+So waren diese Frauen elfenbeinern,
+von vielen Rosen rötlich angeschienen,
+so dunkelten die müden Königsmienen,
+so wurden fahle Fürstenmunde steinern
+und unbewegt von Waisen und von Weinern,
+so klangen Knaben an wie Violinen
+und starben für der Frauen schweres Haar;
+so gingen Jungfraun der Madonna dienen,
+denen die Welt verworren war.
+So wurden Lauten laut und Mandolinen,
+in die ein Unbekannter größer griff,--
+in warmen Samt verlief der Dolche Schliff,--
+Schicksale bauten sich aus Glück und Glauben,
+Abschiede schluchzten auf in Abendlauben,--
+und über hundert schwarzen Eisenhauben
+schwankte die Feldschlacht wie ein Schiff.
+So wurden Städte langsam groß und fielen
+in sich zurück wie Wellen eines Meeres,
+so drängte sich zu hochbelohnten Zielen
+die rasche Vogelkraft des Eisenspeeres,
+so schmückten Kinder sich zu Gartenspielen,--
+und so geschah Unwichtiges und Schweres
+nur, um für dieses tägliche Erleben
+dir tausend große Gleichnisse zu geben,
+an denen du gewaltig wachsen kannst.
+Vergangenheiten sind dir eingepflanzt,
+um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.
+
+Du blasses Kind, du machst den Sänger reich
+mit deinem Schicksal, das sich singen läßt:
+So spiegelt sich ein großes Gartenfest
+mit vielen Lichtern im erstaunten Teich.
+Im dunklen Dichter wiederholt sich still
+ein jedes Ding: ein Stern, ein Haus, ein Wald.
+Und viele Dinge, die er feiern will,
+umstehen deine rührende Gestalt.
+
+
+
+
+
+DIE AUS DEM HAUSE COLONNA
+
+
+Ihr fremden Männer, die ihr jetzt so still
+in Bildern steht, ihr saßet gut zu Pferde,
+und ungeduldig gingt ihr durch das Haus;
+wie ein schöner Hund, mit derselben Gebärde
+ruhn eure Hände jetzt bei euch aus.
+
+Euer Gesicht ist so voll von Schauen,
+denn die Welt war euch Bild und Bild;
+aus Waffen, Fahnen, Früchten und Frauen
+quillt euch dieses große Vertrauen,
+daß alles _ist_ und daß alles _gilt_.
+
+Aber damals, als ihr noch zu jung
+wart, die großen Schlachten zu schlagen,
+zu jung, um den päpstlichen Purpur zu tragen,
+nicht immer glücklich bei Reiten und Jagen,
+Knaben noch, die sich den Frauen versagen,
+habt ihr aus jenen Knaben tagen
+keine, nicht eine Erinnerung?
+
+Wißt ihr nicht mehr, was damals war?
+
+Damals war der Altar
+mit dem Bilde, auf dem Maria gebar,
+in dem einsamen Seitenschiff.
+Euch ergriff
+eine Blumenranke;
+der Gedanke,
+daß die Fontäne allein
+draußen im Garten in Mondenschein
+ihre Wasser warf,
+war wie eine Welt.
+
+Das Fenster ging bis zu den Füßen auf wie eine Tür;
+und es war Park mit Wiesen und Wegen:
+seltsam nah und doch so entlegen,
+seltsam hell und doch wie verborgen,
+und die Brunnen rauschten wie Regen,
+und es war, als käme kein Morgen
+dieser langen Nacht entgegen,
+die mit allen Sternen stand.
+
+Damals wuchs euch, Knaben, die Hand,
+die warm war. (Ihr aber wußtet es nicht.)
+Damals breitete euer Gesicht sich aus.
+
+
+
+
+
+DES ZWEITEN BUCHES ZWEITERTEIL
+
+
+
+
+FRAGMENTE AUS VERLORENEN TAGEN
+
+
+
+Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn
+und immer schwerer werden, wie im Fallen:
+die Erde saugt aus ihren langen Krallen
+die mutige Erinnerung von allen
+den großen Dingen, welche hoch geschehn,
+und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht
+am Boden halten--
+wie Gewächse, die,
+kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen,
+in schwarzen Schollen unlebendig licht
+und weich und feucht versinken und versiechen,
+wie irre Kinder,--wie ein Angesicht
+in einem Sarg,--wie frohe Hände, welche
+unschlüssig werden, weil im vollen Kelche
+sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind,--
+wie Hilferufe, die im Abendwind
+begegnen vielen dunklen großen Glocken,--
+wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken,
+wie Gassen, die verrufen sind,--wie Locken,
+darinnen Edelsteine blind geworden sind,--
+wie Morgen im April
+vor allen vielen Fenstern des Spitales:
+die Kranken drängen sich am Saum des Saales
+und schaun: die Gnade eines frühen Strahles
+macht alle Gassen frühlinglich und weit;
+sie sehen nur die helle Herrlichkeit,
+welche die Häuser jung und lachend macht,
+und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht
+ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt,
+ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist
+ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust
+und der den Dingen alle Bürde
+von ihren Schultern nimmt,--
+daß etwas draußen groß ist und ergrimmt,
+daß draußen die Gewalt geht, eine Faust,
+die jeden von den Kranken würgen würde
+inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben.--
+... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben,
+die schon zerrissen sind auf allen Seiten
+und viel zu weit, um noch mit einem zweiten,
+den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen,--
+wie nackte Mädchen, kommend über Steine,
+wie Trunkene in einem Birkenhaine,--
+wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen
+und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter
+ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter
+durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen,
+wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen
+und dann versterben, so daß keiner je
+abwenden könnte das verhängte Weh,
+wie volle Rosen, künstlich aufgezogen
+im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen,
+und dann vom Übermut in großem Bogen
+hinausgestreut in den verwehten Schnee,--
+wie eine Erde, die nicht kreisen kann,
+weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren,
+wie ein erschlagener verscharrter Mann,
+dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren,--
+wie eine von den hohen, schlanken, roten
+Hochsommerblumen, welche unerlöst
+ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen,
+weil ihre Wurzel unten an Türkisen
+im Ohrgehänge einer Toten
+stößt....
+
+Und mancher Tage Stunden waren so.
+Als formte wer mein Abbild irgendwo,
+um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln.
+Ich spürte jede Spitze seiner Spiele,
+und war, als ob ein Regen auf mich fiele,
+in welchem alle Dinge sich verwandeln.
+
+
+
+
+
+DIE STIMMEN
+
+NEUN BLÄTTER MIT EINEM TITELBLATT
+
+
+
+TITELBLATT
+
+
+Die Reichen und Glücklichen haben gut schweigen,
+niemand will wissen, was sie sind.
+Aber die Dürftigen müssen sich zeigen,
+müssen sagen: ich bin blind,
+oder: ich bin im Begriff, es zu werden,
+oder: es geht mir nicht gut auf Erden,
+oder: ich habe ein krankes Kind,
+oder: da bin ich zusammengefugt....
+
+Und vielleicht, daß das gar nicht genügt.
+
+Und weil alle sonst, wie an Dingen,
+an ihnen vorbeigehn, müssen sie singen.
+
+Und da hört man noch guten Gesang.
+
+Freilich die Menschen sind seltsam; sie hören
+lieber Kastraten in Knabenchören.
+
+Aber Gott selber kommt und bleibt lang,
+wenn ihn diese Beschnittenen stören.
+
+
+
+
+DAS LIED DES BETTLERS
+
+
+Ich gehe immer von Tor zu Tor,
+verregnet und verbrannt;
+auf einmal leg ich mein rechtes Ohr
+in meine rechte Hand.
+Dann kommt mir meine Stimme vor,
+als hätt ich sie nie gekannt.
+
+Dann weiß ich nicht sicher, wer da schreit,
+ich oder irgendwer.
+Ich schreie um eine Kleinigkeit.
+Die Dichter schrein um mehr.
+
+Und endlich mach ich noch mein Gesicht
+mit beiden Augen zu;
+wie's dann in der Hand liegt mit seinem Gewicht,
+sieht es fast aus wie Ruh.
+Damit sie nicht meinen, ich hätte nicht,
+wohin ich mein Haupt tu.
+
+
+
+
+DAS LIED DES BLINDEN
+
+
+Ich bin blind, ihr draußen, das ist ein Fluch,
+ein Widerwillen, ein Widerspruch,
+etwas täglich Schweres.
+Ich leg meine Hand auf den Arm der Frau,
+meine graue Hand auf ihr graues Grau,
+und sie führt mich durch lauter Leeres.
+
+Ihr rührt euch und rückt und bildet euch ein,
+anders zu klingen als Stein auf Stein,
+aber ihr irrt euch: ich allein
+lebe und leide und lärme.
+In mir ist ein endloses Schrein,
+und ich weiß nicht, schreit mir mein
+Herz oder meine Gedärme.
+
+Erkennt ihr die Lieder? Ihr sanget sie nicht,
+nicht ganz in dieser Betonung.
+Euch kommt jeden Morgen das neue Licht
+warm in die offene Wohnung.
+Und ihr habt ein Gefühl von Gesicht zu Gesicht,
+und das verleitet zur Schonung.
+
+
+
+
+DAS LIED DES TRINKERS
+
+
+Es war nicht in mir. Es ging aus und ein.
+Da wollt ich es halten. Da hielt es der Wein.
+(Ich weiß nicht mehr, was es war.)
+Dann hielt er mir jenes und hielt mir dies,
+bis ich mich ganz auf ihn verließ.
+Ich Narr.
+
+Jetzt bin ich in seinem Spiel, und er streut
+mich verächtlich herum und verliert mich noch heut
+an dieses Vieh, an den Tod.
+Wenn der mich, schmutzige Karte, gewinnt,
+so kratzt er mit mir seinen grauen Grind
+und wirft mich fort in den Kot.
+
+
+
+
+DAS LIED DES SELBSTMÖRDERS
+
+
+Also noch einen Augenblick.
+Daß sie mir immer wieder den Strick
+zerschneiden.
+Neulich war ich so gut bereit,
+und es war schon ein wenig Ewigkeit
+in meinen Eingeweiden.
+
+Halten sie mir den Löffel her,
+diesen Löffel Leben.
+Nein, ich will und ich will nicht mehr,
+laßt mich mich übergeben.
+
+Ich weiß, das Leben ist gar und gut,
+und die Welt ist ein voller Topf,
+aber mir geht es nicht ins Blut,
+mir steigt es nur zu Kopf.
+
+Andere nährt es, mich macht es krank;
+begreift, daß man's verschmäht.
+Mindestens ein Jahrtausend lang
+brauch ich jetzt Diät.
+
+
+
+
+DAS LIED DER WITWE
+
+
+Am Anfang war mir das Leben gut.
+Es hielt mich warm, es machte mir Mut.
+Daß es das allen Jungen tut,
+wie könnt ich das damals wissen.
+Ich wußte nicht, was das Leben war--,
+auf einmal war es nur Jahr und Jahr,
+nicht mehr gut, nicht mehr neu, nicht mehr wunderbar,
+wie mitten entzweigerissen.
+
+Das war nicht seine, nicht meine Schuld;
+wir hatten beide nichts als Geduld,
+aber der Tod hat keine.
+Ich sah ihn kommen (wie schlecht er kam),
+und ich schaute ihm zu, wie er nahm und nahm:
+es war ja gar nicht das Meine.
+
+Was war denn das Meine; meines, mein?
+War mir nicht selbst mein Elendsein
+nur vom Schicksal geliehn?
+Das Schicksal will nicht nur das Glück,
+es will die Pein und das Schrein zurück,
+und es kauft für alt den Ruin.
+
+Das Schicksal war da und erwarb für ein Nichts
+jeden Ausdruck meines Gesichts,
+bis auf die Art zu gehn.
+Das war ein täglicher Ausverkauf,
+und als ich leer war, gab es mich auf
+und ließ mich offen stehn.
+
+
+
+
+DAS LIED DES IDIOTEN
+
+
+Sie hindern mich nicht. Sie lassen mich gehn.
+Sie sagen, es könne nichts geschehn.
+Wie gut.
+Es kann nichts geschehn. Alles kommt und kreist
+immerfort um den Heiligen Geist,
+um den gewissen Geist (du weißt)--,
+wie gut.
+
+Nein, man muß wirklich nicht meinen, es sei
+irgendeine Gefahr dabei.
+Da ist freilich das Blut.
+Das Blut ist das Schwerste. Das Blut ist schwer,
+manchmal glaub ich, ich kann nicht mehr--.
+(Wie gut.)
+
+Ah, was ist das für ein schöner Ball;
+rot und rund wie ein Überall.
+Gut, daß ihr ihn erschuft.
+Ob der wohl kommt, wenn man ruft?
+
+Wie sich das alles seltsam benimmt,
+ineinandertreibt, auseinanderschwimmt:
+freundlich, ein wenig unbestimmt;
+wie gut.
+
+
+
+
+DAS LIED DER WAISE
+
+
+Ich bin niemand und werde auch niemand sein.
+Jetzt bin ich ja zum Sein noch zu klein;
+aber auch später.
+
+Mütter und Väter,
+erbarmt euch mein.
+
+Zwar es lohnt nicht des Pflegens Müh:
+ich werde doch gemäht.
+Mich kann keiner brauchen: jetzt ist es zu früh,
+und morgen ist es zu spät.
+
+Ich habe nur dieses eine Kleid,
+es wird dünn, und es verbleicht,
+aber es hält eine Ewigkeit
+auch noch vor Gott vielleicht.
+
+Ich habe nur dieses bißchen Haar
+(immer dasselbe blieb),
+das einmal Eines Liebstes war.
+
+Nun hat er nichts mehr lieb.
+
+
+
+
+DAS LIED DES ZWERGES
+
+
+Meine Seele ist vielleicht grad und gut;
+aber mein Herz, mein verbogenes Blut,
+alles das, was mir wehe tut,
+kann sie nicht aufrecht tragen.
+Sie hat keinen Garten, sie hat kein Bett,
+sie hängt an meinem scharfen Skelett
+mit entsetztem Flügelschlagen?
+
+Aus meinen Händen wird auch nichts mehr.
+Wie verkümmert sie sind, sieh her:
+zähe hüpfen sie, feucht und schwer,
+wie kleine Kröten nach Regen.
+Und das andere an mir ist
+abgetragen und alt und trist;
+warum zögert Gott, auf den Mist
+alles das hinzulegen?
+
+Ob er mir zürnt für mein Gesicht
+mit dem mürrischen Munde?
+Es war ja so oft bereit, ganz licht
+und klar zu werden im Grunde;
+aber nichts kam ihm je so dicht
+wie die großen Hunde.
+Und die Hunde haben das nicht.
+
+
+
+
+DAS LIED DES AUSSÄTZIGEN
+
+
+Sieh, ich bin einer, den alles verlassen hat.
+Keiner weiß in der Stadt von mir,
+Aussatz hat mich befallen.
+Und ich schlage mein Klapperwerk,
+klopfe mein trauriges Augenmerk
+in die Ohren allen,
+die nahe Vorübergehn.
+Und die es hölzern hören, sehn
+erst gar nicht her, und was hier geschehn,
+wollen sie nicht erfahren.
+
+Soweit der Klang meiner Klapper reicht,
+bin ich zuhause; aber vielleicht
+machst du meine Klapper so laut,
+daß sich keiner in meine Ferne traut,
+der mir jetzt aus der Nähe weicht.
+So daß ich sehr lange gehen kann,
+ohne Mädchen, Frau oder Mann
+oder Kind zu entdecken.
+
+Tiere will ich nicht schrecken.
+
+
+
+
+
+VON DEN FONTÄNEN
+
+
+
+Auf einmal weiß ich viel von den Fontänen,
+den unbegreiflichen Bäumen aus Glas.
+Ich könnte reden wie von eignen Tränen,
+die ich, ergriffen von sehr großen Träumen,
+einmal vergeudete und dann vergaß.
+
+Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichen
+zu vielen Dingen und in das Gedränge?
+Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichen
+im Aufstieg alter Parke vor den weichen
+erwartungsvollen Abenden,--in bleichen,
+aus fremden Mädchen steigenden Gesängen,
+die überfließen aus der Melodie
+und wirklich werden und als müßten sie
+sich spiegeln in den aufgetanen Teichen?
+
+Ich muß mich nur erinnern an das alles,
+was an Fontänen und an mir geschah,
+dann fühl ich auch die Last des Niederfalles,
+in welcher ich die Wasser wiedersah:
+und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten,
+von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten,
+von Teichen, welche nur die Uferkanten
+schwachsinnig und verschoben wiederholten,
+von Abendhimmeln, welche von verkohlten
+westlichen Wäldern ganz entfremdet traten,
+sich anders wölbten, dunkelten und taten,
+als wär das nicht die Welt, die sie gemeint....
+
+Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteint
+und sich verschließt gegen die Nachbargloben?
+Daß sich die Welten nur noch wie verweint
+im Raum erkennen?--Vielleicht sind wir oben,
+in Himmel andrer Wesen eingewoben,
+die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben
+uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele
+zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele
+von fremden Flüchen, die uns nie erreichen,
+Nachbaren eines Gottes, den sie meinen
+in unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen,
+an den sie glauben und den sie verlieren,
+und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren
+suchenden Lampen, flüchtig und verweht,
+über unsere zerstreuten Gesichter geht....
+
+
+
+
+
+DER LESENDE
+
+
+
+Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag,
+mit Regen rauschend, an den Fenstern lag.
+Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr:
+mein Buch war schwer.
+Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen,
+die dunkel werden von Nachdenklichkeit,
+und um mein Lesen staute sich die Zeit.--
+Auf einmal sind die Seiten überschienen,
+und statt der bangen Wortverworrenheit
+steht: Abend, Abend ... überall auf ihnen;
+ich schau noch nicht hinaus, und doch zerreißen
+die langen Zeilen, und die Worte rollen
+von ihren Fäden fort, wohin sie wollen....
+Da weiß ich es: über den übervollen
+glänzenden Gärten sind die Himmel weit;
+die Sonne hat noch einmal kommen sollen.--
+Und jetzt wird Sommernacht, soweit man sieht:
+Zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute,
+dunkel auf langen Wegen gehn die Leute,
+und seltsam weit, als ob es mehr bedeute,
+hört man das Wenige, das noch geschieht.
+
+Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,
+wird nichts befremdlich sein und alles groß.
+Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe,
+und hier und dort ist alles grenzenlos;
+nur daß ich mich noch mehr damit verwebe,
+wenn meine Blicke an die Dinge passen
+und an die ernste Einfachheit der Massen,--
+da wächst die Erde über sich hinaus.
+Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen:
+der erste Stern ist wie das letzte Haus.
+
+
+
+
+
+DER SCHAUENDE
+
+
+
+Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
+die aus laugewordenen Tagen
+an meine ängstlichen Fenster schlagen,
+und höre die Fernen Dinge sagen,
+die ich nicht ohne Freund ertragen,
+nicht ohne Schwester lieben kann.
+
+Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
+geht durch den Wald und durch die Zeit,
+und alles ist wie ohne Alter:
+die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
+ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.
+
+Wie ist das klein, womit wir ringen,
+was mit uns ringt, wie ist das groß;
+ließen wir, ähnlicher den Dingen,
+uns so vom großen Sturm bezwingen,--
+wir würden weit und namenlos.
+
+Was wir besiegen, ist das Kleine,
+und der Erfolg selbst macht uns klein.
+Das Ewige und Ungemeine
+will nicht von uns gebogen sein.
+Das ist der Engel, der den Ringern
+des Alten Testaments erschien:
+Wenn seiner Widersacher Sehnen
+im Kampfe sich metallen dehnen,
+fühlt er sie unter seinen Fingern
+wie Saiten tiefer Melodien.
+
+Wen dieser Engel überwand,
+welcher so oft auf Kampf verzichtet,
+der geht gerecht und aufgerichtet
+und groß aus jener harten Hand,
+die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
+Die Siege laden ihn nicht ein.
+Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte
+von immer Größerem zu sein.
+
+
+
+
+
+AUS EINER STURMNACHT
+
+ACHT BLÄTTER MIT EINEM TITELBLATT
+
+
+
+
+TITELBLATT
+
+
+Die Nacht, vom wachsenden Sturme bewegt,
+wie wird sie auf einmal weit,--
+als bliebe sie sonst zusammengelegt
+in die kleinlichen Falten der Zeit.
+Wo die Sterne ihr wehren, dort endet sie nicht
+und beginnt nicht mitten im Wald
+und nicht an meinem Angesicht
+und nicht mit deiner Gestalt.
+Die Lampen stammeln und wissen nicht:
+Lügen wir Licht?
+Ist die Nacht die einzige Wirklichkeit
+seit Jahrtausenden....
+
+
+
+
+In solchen Nächten kannst du in den Gassen
+Zukünftigen begegnen, schmalen blassen
+Gesichtern, die dich nicht erkennen
+und dich schweigend vorüberlassen.
+Aber wenn sie zu reden begännen,
+wärst du ein Lange vergangener,
+wie du da stehst,
+langeverwest.
+Doch sie bleiben im Schweigen wie Tote,
+obwohl sie die Kommenden sind.
+Zukunft beginnt noch nicht.
+Sie halten nur ihr Gesicht in die Zeit
+und können, wie unter Wasser, nicht schauen;
+und ertragen sie's doch eine Weile,
+sehn sie wie unter den Wellen: die Eile
+von Fischen und das Tauchen von Tauen.
+
+
+
+
+In solchen Nächten gehn die Gefängnisse auf.
+Und durch die bösen Träume der Wächter
+gehn mit leisem Gelächter
+die Verächter ihrer Gewalt.
+Wald! Sie kommen zu dir, um in dir zu schlafen,
+mit ihren langen Strafen behangen.
+ Wald!
+
+
+
+
+In solchen Nächten ist auf einmal Feuer
+in einer Oper. Wie ein Ungeheuer
+beginnt der Riesenraum mit seinen Rängen
+Tausende, die sich in ihm drängen,
+zu kauen.
+Männer und Frauen
+staun sich in den Gängen,
+und wie sich alle aneinander hängen,
+bricht das Gemäuer, und es reißt sie mit.
+Und niemand weiß mehr, wer ganz unten litt;
+während ihm einer schon das Herz zertritt,
+sind seine Ohren noch ganz voll von Klängen,
+die dazu hingehn....
+
+
+
+
+In solchen Nächten, wie vor vielen Tagen,
+fangen die Herzen in den Sarkophagen
+vergangner Fürsten wieder an zu gehn:
+und so gewaltig drängt ihr Wiederschlagen
+gegen die Kapseln, welche widerstehn,
+daß sie die goldnen Schalen weitertragen
+durch Dunkel und Damaste, die zerfallen.
+Schwarz schwankt der Dom mit allen seinen Hallen.
+Die Glocken, die sich in die Türme krallen,
+hängen wie Vögel, bebend stehn die Türen,
+und an den Trägern zittert jedes Glied:
+als trügen seinen gründenden Granit
+blinde Schildkröten, die sich rühren.
+
+
+
+
+In solchen Nächten wissen die Unheilbaren:
+Wir waren....
+Und sie denken unter den Kranken
+einen einfachen guten Gedanken
+weiter, dort, wo er abbrach.
+Doch von den Söhnen, die sie gelassen,
+geht der jüngste vielleicht in den einsamsten Gassen;
+denn gerade diese Nächte
+sind ihm, als ob er zum erstenmal dächte:
+Lange lag es über ihm bleiern,
+aber jetzt wird sich alles entschleiern,--
+und: daß er das feiern wird,
+ fühlt er....
+
+
+
+
+In solchen Nächten sind alle die Städte gleich,
+alle beflaggt.
+Und an den Fahnen vom Sturm gepackt
+und wie an Haaren hinausgerissen
+in irgendein Land mit ungewissen
+Umrissen und Flüssen.
+In allen Gärten ist dann ein Teich,
+an jedem Teiche dasselbe Haus,
+in jedem Hause dasselbe Licht;
+und alle Menschen sehn ähnlich aus
+und halten die Hände vorm Gesicht.
+
+
+
+
+In solchen Nächten werden die Sterbenden klar,
+greifen sich leise ins wachsende Haar,
+dessen Halme aus ihres Schädels Schwäche
+in diesen langen Tagen treiben,
+als wollten sie über der Oberfläche
+des Todes bleiben.
+Ihre Gebärde geht durch das Haus,
+als wenn überall Spiegel hingen;
+und sie geben--mit diesem Graben
+in ihren Haaren--Kräfte aus,
+die sie in Jahren gesammelt haben,
+ welche vergingen.
+
+
+
+
+In solchen Nächten wächst mein Schwesterlein,
+das vor mir war und vor mir starb, ganz klein.
+Viel solche Nächte waren schon seither:
+Sie muß schon schön sein. Bald wird irgendwer
+ sie frein.
+
+
+
+
+
+DIE BLINDE
+
+
+
+_Der Fremde_:
+ Du bist nicht bang, davon zu sprechen?
+_Die Blinde_:
+ Nein.
+ Es ist so ferne. Das war eine andre.
+ Die damals sah, die laut und schauend lebte,
+ die starb.
+_Der Fremde_:
+ Und hatte einen schweren Tod?
+_Die Blinde_:
+ Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.
+ Stark muß man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.
+_Der Fremde_:
+Sie war dir fremd?
+_Die Blinde_:
+ --Oder: sie ists geworden.
+ Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter.--
+ Doch es war schrecklich in den ersten Tagen.
+ Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt,
+ die in den Dingen blüht und reift,
+ war mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,
+ mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag
+ wie aufgewühlte Erde offen da und trank
+ den kalten Regen meiner Tränen,
+ der aus den toten Augen unaufhörlich
+ und leise strömte, wie aus leeren Himmeln,
+ wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen.
+ Und mein Gehör war groß und allem offen.
+ Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind:
+ die Zeit, die über meine Haare floß,
+ die Stille, die in zarten Gläsern klang,
+ und fühlte: nah bei meinen Händen ging
+ der Atem einer großen weißen Rose.
+ Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht
+ und glaubte einen hellen Streif zu sehn,
+ der wachsen würde wie ein Tag;
+ und glaubte auf den Morgen zuzugehn,
+ der längst in meinen Händen lag.
+ Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer
+ hinunterfiel vom dunklen Gesicht,
+ der Mutter rief ich: "Du, komm her!
+ Mach Licht!"
+ Und horchte. Lange, lange blieb es still,
+ und meine Kissen fühlte ich verneinen,--
+ dann wars, als säh ich etwas scheinen:
+ das war der Mutter wehes Weinen,
+ an das ich nicht mehr denken will.
+ Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum:
+ Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum
+ mir vom Gesicht und von der Brust.
+ Du mußt ihn heben, hochheben,
+ mußt ihn wieder den Sternen geben;
+ ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir.
+ Aber Sprech ich zu dir, Mutter?
+ Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter?
+ Wer ist denn hinter dem Vorhang?--Winter?
+ Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!
+ Oder: Tag?... Tag!
+ Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein?
+ Fehl ich denn nirgends?
+ Fragt denn niemand nach mir?
+ Sind wir denn ganz vergessen?
+ Wir?... Aber du bist ja dort;
+ du hast ja noch alles, nicht?
+ Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemüht,
+ ihm wohlzutun.
+ Wenn deine Augen ruhn
+ und wenn sie noch so müd waren,
+ sie können wieder steigen.
+ ... Meine schweigen.
+ Meine Blumen werden die Farbe verlieren.
+ Meine Spiegel werden zufrieren.
+ In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen.
+ Meine Vögel werden in den Gassen
+ herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.
+ Nichts ist mehr mit mir verbunden.
+ Ich bin von allem verlassen.--
+ Ich bin eine Insel.
+_Der Fremde_:
+ Und ich bin über das Meer gekommen.
+_Die Blinde_:
+ Wie? Auf die Insel?... Hergekommen?
+_Der Fremde_:
+ Ich bin noch im Kahne.
+ Ich habe ihn leise angelegt--
+ an dich. Er ist bewegt:
+ seine Fahne weht landein.
+_Die Blinde_:
+ Ich bin eine Insel und allein.
+ Ich bin reich.--
+ Zuerst, als die alten Wege noch waren
+ in meinen Nerven, ausgefahren
+ von vielem Gebrauch:
+ da litt ich auch.
+ Alles ging mir aus dem Herzen fort,
+ ich wußte erst nicht wohin;
+ aber dann fand ich sie alle dort,
+ alle Gefühle, das, was ich bin,
+ stand versammelt und drängte und schrie
+ an den vermauerten Augen, die sich nicht rührten.
+ Alle meine verführten Gefühle....
+ Ich weiß nicht, ob sie Jahre so standen,
+ aber ich weiß von den Wochen,
+ da sie alle zurückkamen gebrochen
+ und niemanden erkannten.
+
+ Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.
+ Ich weiß ihn nicht mehr.
+ Jetzt geht alles in mir umher,
+ sicher und sorglos; wie Genesende
+ gehn die Gefühle, genießend das Gehn,
+ durch meines Leibes dunkles Haus.
+ Einige sind Lesende
+ über Erinnerungen;
+ aber die jungen
+ sehn alle hinaus.
+ Denn wo sie hintreten an meinen Rand,
+ ist mein Gewand von Glas.
+ Meine Stirne sieht, meine Hand las
+ Gedichte in anderen Händen.
+ Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt,
+ meine Stimme nimmt jeder Vogel mit
+ aus den täglichen Wänden.
+ Ich muß nichts mehr entbehren jetzt,
+ alle Farben sind übersetzt
+ in Geräusch und Geruch.
+ Und sie klingen unendlich schön
+ als Töne.
+ Was soll mir ein Buch?
+ In den Bäumen blättert der Wind;
+ und ich weiß, was dorten für Worte sind,
+ und wiederhole sie manchmal leis.
+ Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht,
+ findet meine Augen nicht....
+_Der Fremde_ (leise):
+ Ich weiß.
+
+
+
+
+
+REQUIEM
+
+CLARA WESTHOFF GEWIDMET
+
+
+
+Seit einer Stunde ist um ein Ding mehr
+auf Erden. Mehr um einen Kranz.
+Vor einer Weile war das leichtes Laub ... Ich wand's:
+und jetzt ist dieser Efeu seltsam schwer
+und so von Dunkel voll, als tränke er
+aus meinen Dingen zukünftige Nächte.
+Jetzt graut mir fast vor dieser nächsten Nacht,
+allein mit diesem Kranz, den ich gemacht,
+nicht ahnend, daß da etwas wird,
+wenn sich die Ranken ründen um den Reifen;
+ganz nur bedürftig, dieses zu begreifen:
+daß etwas nicht mehr sein kann. Wie verirrt
+in nie betretene Gedanken, darinnen wunderliche Dinge stehn,
+die ich schon einmal gesehen haben muß....
+
+... Flußabwärts treiben die Blumen, welche die
+Kinder gerissen haben im Spiel; aus den offenen
+Fingern fiel eine und eine, bis daß der Strauß nicht
+mehr zu erkennen war. Bis der Rest, den sie nach
+Haus gebracht, gerade gut zum Verbrennen war.
+Dann konnte man ja die ganze Nacht, wenn einen
+alle schlafen meinen, um die gebrochenen Blumen
+weinen.
+
+Gretel, von allem Anbeginn
+war dir bestimmt, sehr zeitig zu sterben,
+blond zu sterben.
+Lange schon, eh dir zu leben bestimmt war.
+
+Darum stellte der Herr eine Schwester vor dich
+und dann einen Bruder,
+damit vor dir wären zwei Nahe, zwei Reine,
+welche das Sterben dir zeigten,
+das deine:
+dein Sterben.
+Deine Geschwister wurden erfunden,
+nur, damit du dich dran, gewöhntest
+und dich an zweien Sterbestunden
+mit der dritten versöhntest,
+die dir seit Jahrtausenden droht.
+Für deinen Tod
+sind Leben erstanden;
+Hände, welche Blüten banden,
+Blicke, welche die Rosen rot
+und die Menschen mächtig empfanden,
+hat man gebildet und wieder vernichtet
+und hat zweimal das Sterben gedichtet,
+eh es, gegen dich selbst gerichtet,
+aus der verloschenen Bühne trat.
+
+... Nahte es dir schrecklich, geliebte Gespielin?
+war es dein Feind?
+Hast du dich ihm ans Herz geweint?
+Hat es dich aus den heißen Kissen
+in die flackernde Nacht gerissen,
+in der niemand schlief im ganzen Haus...?
+Wie sah es aus?
+Du mußt es wissen....
+Du bist dazu in die Heimat gereist.
+ * * * * *
+Du weißt,
+wie die Mandeln blühn,
+und daß Seen blau sind.
+Viele Dinge, die nur im Gefühle der Frau sind,
+welche die erste Liebe erfuhr,
+weißt du. Dir flüsterte die Natur
+in des Südens spätdämmernden Tagen
+so unendliche Schönheit ein,
+wie sonst nur selige Lippen sie sagen
+seliger Menschen, die zu zwein
+eine Welt haben und eine Stimme--
+leiser hast du das alles gespürt,--
+(o wie hat das unendlich Grimme
+deine unendliche Demut berührt).
+Deine Briefe kamen von Süden,
+warm noch von Sonne, aber verwaist,--
+endlich bist du selbst deinen müden
+bittenden Briefen nachgereist;
+denn du warst nicht gerne im Glänze,
+jede Farbe lag auf dir wie Schuld,
+und du lebtest in Ungeduld,
+denn du wußtest: Das ist nicht das Ganze.
+Leben ist nur ein Teil ... Wovon?
+Leben ist nur ein Ton ... Worin?
+Leben hat Sinn nur verbunden mit vielen
+Kreisen des weithin wachsenden Raumes,--
+Leben ist so nur der Traum eines Traumes,
+aber Wachsein ist anderswo.
+So ließest du's los.
+Groß ließest du's los.
+Und wir kannten dich klein.
+Dein war so wenig: ein Lächeln, ein kleines,
+ein bißchen melancholisch schon immer,
+sehr sanftes Haar und ein kleines Zimmer,
+das dir seit dem Tode der Schwester weit war.
+Als ob alles andere nur dein Kleid war,
+so scheint es mir jetzt, du stilles Gespiel.
+Aber sehr viel
+warst du. Und wir wußten's manchmal,
+wenn du am Abend kamst in den Saal;
+wußten manchmal: jetzt müßte man beten;
+eine Menge ist eingetreten,
+eine Menge, welche dir nachgeht,
+weil du den Weg weißt.
+Und du hast ihn wissen gemußt
+und hast ihn gewußt
+gestern....
+Jüngste der Schwestern.
+
+Sieh her,
+dieser Kranz ist so schwer.
+Und sie werden ihn auf dich legen,
+diesen schweren Kranz.
+Kann's dein Sarg aushalten?
+Wenn er bricht
+unter dem schwarzen Gewicht,
+kriecht in die Falten
+von deinem Kleid
+Efeu.
+Weit rankt er hinauf,
+rings rankt er dich um,
+und der Saft, der sich in seinen Ranken bewegt,
+regt dich auf mit seinem Geräusch;
+so keusch bist du.
+Aber du bist nicht mehr zu.
+Langgedehnt bist du und laß.
+Deines Leibes Türen sind angelehnt,
+und naß
+tritt der Efeu ein....
+ * * * * *
+Wie Reihn
+von Nonnen,
+die sich fuhren
+an schwarzem Seil,
+weil es dunkel ist in dir, du Bronnen.
+In den leeren Gängen
+deines Blutes drängen sie zu deinem Herzen;
+wo sonst deine sanften Schmerzen
+sich begegneten mit bleichen
+Freuden und Erinnerungen,
+wandeln sie wie im Gebet
+in das Herz, das, ganz verklungen,
+dunkel, allen offen steht.
+Aber dieser Kranz ist schwer
+nur im Licht,
+nur unter Lebenden, hier bei mir;
+und sein Gewicht
+ist nicht mehr,
+wenn ich ihn zu dir legen werde.
+Die Erde ist voller Gleichgewicht,
+deine Erde.
+Er ist schwer von meinen Augen, die daran hängen,
+schwer von den Gängen,
+die ich um ihn getan;
+Ängste aller, welche ihn sahn,
+haften daran.
+Nimm ihn zu dir, denn er ist dein,
+seit er ganz fertig ist.
+Nimm ihn von mir.
+Laß mich allein! Er ist wie ein Gast....
+Fast schäm ich mich seiner.
+Hast du auch Furcht, Gretel?
+
+Du kannst nicht mehr gehn?
+Kannst nicht mehr bei mir in der Stube stehn?
+Tun dir die Füße weh?
+So bleib, wo jetzt alle beisammen sind,
+man wird ihn dir morgen bringen, mein Kind,
+durch die entlaubte Allee.
+Man wird ihn dir bringen, warte getrost,--
+man bringt dir morgen noch mehr.
+
+Wenn es auch morgen tobt und tost,
+das schadet den Blumen nicht sehr.
+Man wird sie dir bringen. Du hast das Recht,
+sie sicher zu haben, mein Kind,
+und wenn sie auch morgen schwarz und schlecht
+und lange vergangen sind.
+Sei deshalb nicht bange. Du wirst nicht mehr
+unterscheiden, was steigt oder sinkt;
+die Farben sind zu, und die Töne sind leer,
+und du wirst auch gar nicht mehr wissen, wer
+dir alle die Blumen bringt.
+
+Jetzt weißt du das andre, das uns verstößt,
+sooft wir's im Dunkel erfaßt;
+von dem, was du sehntest, bist du erlöst
+zu etwas, was du hast.
+Unter uns warst du von kleiner Gestalt,
+vielleicht bist du jetzt ein erwachsener Wald
+mit Winden und Stimmen im Laub.--
+Glaub mir, Gespiel, dir geschah nicht Gewalt:
+dein Tod war schon alt,
+als dein Leben begann;
+drum griff er es an,
+damit es ihn nicht überlebte.
+
+Schwebte etwas um mich?
+Trat Nachtwind herein?
+Ich bebte nicht.
+Ich bin stark und allein.--
+Was hab ich heute geschafft?
+
+... Efeulaub holt' ich am Abend und wand's
+und bog es zusammen, bis es ganz gehorchte.
+Noch glänzt es mit schwarzem Glanz.
+Und meine Kraft
+kreist in dem Kranz.
+
+
+
+SCHLUSSSTÜCK
+
+
+Der Tod ist groß.
+Wir sind die Seinen
+lachenden Munds.
+Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
+wagt er zu weinen
+mitten in uns.
+
+
+
+ INHALT
+
+ DES ERSTEN BUCHES ERSTER TEIL
+
+ Eingang
+ Aus einem April
+ Mondnacht
+ Ritter
+ Mädchenmelancholie
+ Von den Mädchen I
+ II
+ Das Lied der Bildsäule
+ Der Wahnsinn
+ Die Liebende
+ Die Braut
+ Die Stille
+ Musik
+ Die Engel
+ Der Schutzengel
+ Martyrinnen
+ Die Heilige
+ Kindheit
+ Aus einer Kindheit
+ Der Knabe
+ Die Konfirmanden
+ Das Abendmahl
+
+ DES ERSTEN BUCHES ZWEITER TEIL
+
+ Initiale
+ Zum Einschlafen zu sagen
+ Menschen bei Nacht
+ Der Nachbar
+ Pont du Carrousel
+ Der Einsame
+ Die Aschanti
+ Der Letzte
+ Bangnis
+ Klage
+ Einsamkeit
+ Herbsttag
+ Erinnerung
+ Ende des Herbstes
+ Herbst
+ Am Rande der Nacht
+ Gebet
+ Fortschritt
+ Vorgefühl
+ Sturm
+ Abend in Skåne
+ Abend
+ Ernste Stunde
+ Strophen
+ Sturmnacht
+
+ DES ZWEITEN BUCHES ERSTER TEIL
+
+ Initiale
+ Verkündigung
+ Die heiligen drei Könige
+ In der Certosa
+ Das Jüngste Gericht
+ Karl der Zwölfte von Schweden reitet in der Ukraine
+ Der Sohn (und: So wurden wir verträumte Geiger)
+ Die Zaren
+ Der Sänger singt vor einem Fürstenkind
+ Die aus dem Hause Colonna
+
+ DES ZWEITEN BUCHES ZWEITER TEIL
+
+ Fragmente aus verlorenen Tagen
+ Die Stimmen
+ Von den Fontänen
+ Der Lesende
+ Der Schauende
+ Aus einer Sturmnacht
+ Die Blinde
+ Requiem
+ Schlußstück
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Das Buch der Bilder, by Rainer Maria Rilke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BUCH DER BILDER ***
+
+***** This file should be named 34521-8.txt or 34521-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/4/5/2/34521/
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+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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