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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:00:47 -0700 |
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Hartleben’s Verlag._ + +Alle Rechte vorbehalten. + + + + + + K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien. + + + + + + INHALT. + + +Erster Theil + 1. Ein Fest im Neuen Palais + 2. Russen und Tartaren + 3. Michael Strogoff + 4. Von Moskau nach Nishny-Nowgorod + 5. Eine Verordnung mit zwei Artikeln + 6. Bruder und Schwester + 7. Auf der Wolga stromabwärts + 8. Die Kama stromaufwärts + 9. Tag und Nacht im Tarantaß + 10. Ein Unwetter in den Uralbergen + 11. Reisende in Noth + 12. Eine Herausforderung + 13. Die Pflicht über Alles! + 14. Mutter und Sohn + 15. Der Barabinen-Sumpf + 16. Eine letzte Anstrengung + 17. Bibelsprüche und Liederverse +Zweiter Theil + 1. Ein tartarisches Feldlager + 2. Alcide Jolivet’s Haltung + 3. Schlag für Schlag + 4. Der siegreiche Einzug + 5. Nun sieh’ Dich um + 6. Ein Freund unterwegs + 7. Die Ueberschreitung des Jeniseï + 8. Ein Hase, der über den Weg läuft + 9. In der Steppe + 10. Baikal und Angara + 11. Zwischen zwei Ufern + 12. Irkutsk + 13. Ein Courier des Czaar + 14. Die Nacht vom 5. zum 6. October + 15. Schluß +[Bemerkungen zur Textgestalt] + + + + + + + MICHAEL STROGOFF. + + + + + Erstes Capitel. + + + Ein Fest im Neuen Palais. + + +„Sire, eine neue Depesche. + +— Von woher? + +— Aus Tomsk. + +— Ueber diese Stadt hinaus ist die Leitung unterbrochen? + +— Sie ist seit gestern gestört. + +— General, Sie werden von Stunde zu Stunde ein Telegramm von Tomsk +einfordern und mich auf dem Laufenden erhalten. + +— Zu Ew. Majestät Befehl“, antwortete der General Kissoff. + +Diese Worte wurden gegen zwei Uhr Morgens gewechselt, als ein im Neuen +Palais abgehaltenes Fest eben in höchstem Glanze strahlte. + +Die Capellen der Regimenter von Preobrajensky und von Paulowsky spielten +zu dieser Soirée die gewähltesten Nummern ihres Repertoires, Polkas, +Mazurkas, Schottische und Walzer, ununterbrochen auf. Immer neue Paare von +Tänzern und Tänzerinnen rauschten durch die prächtigen Salons dieses +Palastes, der sich nur wenige Schritte entfernt von dem „alten Hause aus +Stein“ erhebt, in welch’ letzterem sich so viele furchtbare Dramen +abgespielt haben und das jetzt nur die flüchtigen Melodien der Quadrillen +wiederhallte. + +Der Oberhofmarschall fand bei Erfüllung seiner delicaten Pflichten sehr +beachtenswerthe Unterstützung. Die Großfürsten selbst, deren Adjutanten, +die Kammerherren vom Dienst und die Hausofficiere des Palastes unterzogen +sich des Arrangements der Tänze. Die von Diamanten strahlenden +Großfürstinnen und die Hofdamen in gewähltester Galatoilette gingen den +Frauen und Töchtern der höchsten Militär- und Civilbeamten mit +aufmunterndem Beispiele voran. Als das Signal zur Polonaise ertönte, als +die Eingeladenen jedes Ranges herbeieilten zu dieser rhythmischen +Promenade, welche bei derartigen Festlichkeiten die volle Bedeutung eines +Nationaltanzes erlangt, da bot das Gemisch der langen, spitzenüberwebten +Roben und der an Ordensschmuck so reichen Uniformen bei dem Glanze der +hundert Kronleuchter, deren Lichtmeer die ungeheuren Spiegel noch zu +verdoppeln schienen, dem Auge ein entzückendes, kaum zu beschreibendes +Bild. + +Dazu lieferte der große Salon, das schönste der Gemächer im Neuen Palais, +für diese Versammlung hoher und höchster Personen und verschwenderisch +geschmückter Frauen einen entsprechend prachtvollen Rahmen. Die reiche +Decke mit ihren von der Zeit schon etwas gemilderten Vergoldungen erschien +wie besäet mit blitzenden Sternen. Der Brokat der Gardinen und der in +schweren Falten herabfallenden Portièren färbte sich mit warmen Tönen, +welche sich nur an den schärferen Kanten des kostbaren Stoffs lebhafter +heraushoben. + +Durch die Scheiben der großen Rundbogenfenster drang das Licht des Innern +nur wenig geschwächt, ähnlich dem Wiederschein einer Feuersbrunst, nach +außen, und stach grell ab von dem nächtlichen Dunkel, das seit wenig +Stunden diesen glitzernden Palast umhüllte. Dieser Contrast mochte auch +die Aufmerksamkeit zweier Ballgäste erregen, welche am Tanze keinen +Antheil nahmen. In einer der Fensteröffnungen stehend, konnten sie mehrere +jetzt nur undeutlich sichtbare Glockenthürme wahrnehmen, deren riesige +Silhouetten sich am Himmel abzeichneten. Unten bewegten sich schweigend, +das Gewehr wagrecht über die Schulter gelegt, zahlreiche Wachtposten auf +und ab, und auf den Spitzen ihrer Pickelhauben blitzte es dann und wann +von dem darauf fallenden Lichte aus dem Palaste. Jene vernahmen wohl auch +den Schritt der Patrouillen auf den Steinplatten des Vorplatzes, der gewiß +taktgerechter war, als manchmal die Bewegungen der Tanzenden auf dem +Parket des Festsaales. Dann und wann hörte man den Zuruf der Schildwachen +von Posten zu Posten und manchmal mischte sich ein hellschmetterndes +Trompetensignal harmonisch mit den Accorden des Orchesters. + +Noch weiter unten erschienen dunkle Massen in den ungeheuren von den +Fenstern des Neuen Palais ausgeströmten Lichtkegeln. Das waren Schiffe, +die auf dem Strome herabglitten, dessen Wellen, überstrahlt von den +grellen Lichtbündeln mehrerer kleiner Leuchtfeuer, den Fuß der Terrassen +des Palastes bespülten. + +Die Hauptperson des Balles, der Festgeber des heutigen Abends, dem +gegenüber General Kissoff jene nur den Souveränen zukommende Anrede +benutzte, erschien einfach in der Uniform eines Officiers der Gardejäger. +Seinerseits lag hierin keine Affectation, sondern die Gewohnheit eines +Mannes, der für äußeren Pomp wenig empfindlich ist. Seine Erscheinung +contrastirte demnach mit den prachtvollen Costümen, die sich um ihn +drängten, und ebenso zeigte er sich auch gewöhnlich inmitten seiner +Escorte von Georgiern, Kosaken und Lesghiern, jener prächtigen +Reiterleibwache in den brillanten Uniformen des Kaukasus. + +Jener hochgewachsene Mann mit freundlichem Gesicht, ruhiger Physiognomie, +aber bisweilen sorgenvoller Stirn, ging leutselig von einer Gruppe zur +andern, sprach aber wenig und schien selbst weder den heitern Gesprächen +der jüngern Welt eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, noch den +ernsteren Worten seiner höchsten Staatsbeamten oder der Mitglieder des +diplomatischen Corps, welche die Hauptstaaten Europas an seinem Hofe +vertraten. Zwei oder drei dieser scharfsichtigen Politiker – geborene +Physiognomiker, – glaubten auf dem Antlitz ihres hohen Wirths einige +Zeichen von Unruhe bemerkt zu haben, deren Ursache ihnen zwar unerklärlich +blieb, aber ohne daß Einer derselben sich erlaubt hätte, eingehender +danach zu forschen. Auf jeden Fall lag es, daran war gar nicht zu +zweifeln, in der Absicht des Officiers der Gardejäger, durch seine +Geheimnisse die Festesfreude in keiner Weise zu beeinträchtigen, und da er +einer der seltenen Fürsten war, dem fast eine ganze Welt, sogar im +Gedanken, zu gehorchen sich gewöhnt hatte, so wurden auch die Vergnügungen +des Balles nicht einen Augenblick unterbrochen. + +Indessen wartete General Kissoff von dem Officier, dem er das Telegramm +aus Tomsk überreicht hatte, auf die Erlaubniß sich zurückziehen zu dürfen; +aber jener verharrte in Schweigen. Er hatte das Blatt angenommen, +durchlesen und mehr und mehr Wolken lagerten sich auf seine Stirn. +Unwillkürlich faßte seine Hand nach dem Degengriff und erhob er diese +wieder bis an die Augen, welche er einen Augenblick bedeckte. Es schien, +als blende ihn der Schein der tausend Flammen und als suche er etwas +Schatten, um besser in sein Inneres blicken zu können. + +„Wir sind also, begann er wieder, nachdem er den General Kissoff in eine +Fensternische geführt, seit gestern ohne alle Verbindung mit dem +Großfürsten? + +— Ohne Verbindung, Sire, und es steht zu befürchten, daß die Depeschen +bald nicht einmal die Grenze Sibiriens mehr überschreiten können. + +— Aber die Truppen des Amurgebietes, sowie die von Transbaikalien haben +die Ordre empfangen, sofort nach Irkutsk aufzubrechen? + +— Diesen Befehl enthielt das letzte Telegramm, welches über den Baikalsee +hinaus zu senden möglich war. + +— Doch mit den Gouvernements Jeniseisk, Omsk, Semipalatinsk und Tobolsk +stehen wir seit Beginn des Einfalls stets in directer Communication? + +— Gewiß, Sire, dahin gelangen unsere Depeschen und wir sind sicher, daß +die Tartaren zur Stunde den Irtysch und Obi noch nicht überschritten +haben. + +— Und von dem Verräther Iwan Ogareff hat man noch keine weitere Kunde? + +— Nein, antwortete General Kissoff; der Polizeichef vermag nicht zu sagen, +ob jener die Grenze überschritten hat oder nicht. + +— Sein Signalement werde sofort nach Nishny-Nowgorod, Perm, Jekaterinburg, +Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan, Tomsk und überhaupt nach +allen Stationen gesandt, mit denen wir noch in telegraphischem Verkehr +stehen. + +— Ew. Majestät Befehle werden unverzüglich ausgeführt werden, erwiderte +der General. + +— Kein Wort über alles Dieses!“ + +Nach einem stummen Zeichen ehrfurchtsvoller Ergebenheit verneigte sich der +General, mischte sich erst unbefangen unter die Gäste, verließ aber bald +die Salons, ohne daß sein Verschwinden irgend welches Aufsehen erregte. + +Der Officier blieb träumerisch noch kurze Zeit stehen, und als er sich den +verschiedenen Gruppen von Diplomaten und Militärs wieder näherte, hatte +sein Gesicht die einen Augenblick verlorene Ruhe vollständig +wiedergefunden. + +Die sehr ernste Ursache jener schnell gewechselten Worte war aber +keineswegs so unbekannt, als der Gardejägerofficier und der General +Kissoff glauben mochten. Man sprach zwar nicht officiell davon, ja nicht +einmal officiös, da die Zungen jetzt noch nicht gelöst waren, aber +verschiedene hochgestellte Personen hatten doch mehr oder weniger genaue +Berichte erhalten über die Vorgänge jenseit der Grenze. + +Was man nur so vom Hörensagen wußte, davon unterhielt man sich nicht, +nicht einmal die Mitglieder der Diplomatie unter einander; zwei +Eingeladene aber, welche weder eine Uniform, noch sonst welche +Auszeichnung als berechtigt zu dieser Festlichkeit kennzeichnete, sprachen +mit gedämpfter Stimme über diese Angelegenheit und schienen sehr genaue +Informationen zu besitzen. + +Auf welchem Wege, durch welches Zwischenmittel wußten aber diese beiden +einfachen Sterblichen das, was andere und selbst sehr einflußreiche +Personen kaum muthmaßten? – Niemand hätte das sagen können. Waren sie mit +einem Vorgefühl oder mit einer Voraussicht begabt? Besaßen sie noch einen +sechsten Sinn, der es ihnen ermöglichte, über den begrenzten Horizont +hinaus zu blicken, der sonst die Tragweite des Menschenauges abschließt? +Hatten sie eine besonders scharfe Witterung, um die geheimsten Neuigkeiten +auszuspüren? Sollte sich ihre Natur bei der tief eingewurzelten +Gewohnheit, von und durch die Information zu leben, gänzlich verändert +haben? Man wurde versucht, das zu glauben. + +Diese beiden Männer, der eine Engländer, der andere Franzose, waren lange, +hagere Gestalten, – dieser gebräunt wie die Südländer der heißen Provence, +– jener roth, wie ein Gentleman aus Lancashire. Der abgemessene, kalte, +phlegmatische, mit Bewegungen und Worten haushälterische Anglo-Normanne +schien nur bei der Auslösung einer Feder zu reden und zu gesticuliren, die +von Zeit zu Zeit in ihm wirkte. Der lebhafte, fast ungestüme Gallo-Romane +dagegen sprach gleichzeitig mit Lippen, Augen und Händen, und schien seine +Gedanken auf zwanzigerlei Art mitzutheilen, während seinem Partner nur +eine zu Gebote stand, welche stereotypisch in seinem Hirn fest saß. + +Diese physischen Unterschiede hätten des oberflächlichen Beobachters +Urtheil gewiß leicht irre führen können; der Physiognomiker aber, der +diese beiden Persönlichkeiten aus der Nähe beobachtete, hätte den +physiologischen Contrast, der sie charakterisirte, gewiß in die Worte +zusammen gefaßt, daß der Franzose „ganz Auge“ und der Engländer „ganz Ohr“ +sei. + +In der That hatte sich der Gesichtssinn des Einen durch den Gebrauch ganz +außerordentlich geschärft. Seine Netzhaut besaß dieselbe +Augenblicksempfindlichkeit, wie die der geübten Taschenspieler, welche +eine Karte schon beim schnellen Mischen oder an einem so unscheinbaren +Zeichen erkennen, daß es jedem Anderen zweifellos entgeht. Dieser Franzose +besaß also in höchstem Grade das, was man so bezeichnend „das Gedächtniß +des Auges“ nennt. + +Der Engländer im Gegentheil schien ganz speciell organisirt, nur zu hören +und in sich aufzunehmen. Traf seinen Gehörapparat der Ton einer Stimme nur +ein einzig Mal, so vergaß er diesen niemals mehr und hätte diese Stimme +nach zehn, nach zwanzig Jahren unter tausend anderen wieder herausgehört. +Seine Ohren besaßen zwar sicherlich nicht das Vermögen, sich so zu +bewegen, wie die der Thiere, welche mit sehr entwickelten Ohrmuskeln +versehen sind; da die Gelehrten aber außer Zweifel gesetzt haben, daß die +äußeren Ohren des Menschen nur „nahezu“ unbeweglich sind, so wäre man +anzunehmen berechtigt gewesen, daß die des genannten Engländers sich +mußten strecken, verschieben und winden können, um die Schallwellen unter +den günstigsten Verhältnissen aufzunehmen, so daß einem Sachverständigen +ihre Bewegungen wohl nicht entgangen wären. + +Es sei gleich hierbei bemerkt, daß diese Vervollkommnung des Gesichts und +Gehörs den beiden Männern bei ihrer Beschäftigung sehr zu Statten kam, +denn der Engländer war ein Correspondent des Daily-Telegraph, der Franzose +Correspondent des ... ja, welches oder welcher Journale, das sagte er +nicht, und wenn man ihn darum fragte, so antwortete er scherzend, er +correspondire mit „seiner Cousine Madelaine“. Im Grunde war dieser +Franzose trotz seines legèren Auftretens ein sehr scharfer Beobachter, und +wenn er so in den Tag hinein plauderte, vielleicht um seine eigentliche +Absicht desto mehr zu verdecken, so gab er sich doch niemals eine Blöße. +Gerade seine Redseligkeit diente ihm dazu, zu schweigen, und +wahrscheinlich war er eigentlich verschlossener und discreter, als sein +College vom Daily-Telegraph. + +Wenn Beide diesem in der Nacht vom 15. zum 16. Juli im Neuen Palais +gegebenen Feste beiwohnten, so geschah das in ihrer Eigenschaft als +Journalisten und zwar zur größten Erbauung ihrer Leserkreise. + +Es versteht sich ganz von selbst, daß diese beiden Männer für ihre Mission +in der Welt wirklich begeistert waren; daß sie es liebten, sich wie +Spürhunde auf die Fährte der unerwartetsten Neuigkeiten zu stürzen, daß +Nichts sie zurückschreckte oder abhielt, zu ihrem Ziele zu gelangen, und +daß sie das absolut unerregbare, kalte Blut und den wirklichen Muth dieser +Helden von der Feder besaßen. Wahrhafte Jockeys dieser Steeple-chase, +dieser Jagd nach Neuigkeiten, sprangen sie über die Hecken, flogen über +die Flüsse, setzten über die Hürden mit dem unvergleichlichen Feuereifer +jener Vollblutrenner, die entweder die Ersten am Ziele sein oder sterben +wollen. + +Uebrigens geizten ihre Journale nicht mit dem Gelde, jenem bis jetzt +sichersten, schnellsten und vollkommensten Mittel, sich zu informiren. Zu +ihrer Ehre sei aber hier eingeflochten, daß weder der Eine noch der Andere +je über die Mauer des Privatlebens sah oder horchte, und daß sie nur dann +in Thätigkeit traten, wenn politische oder sociale Interessen in’s Spiel +kamen. Mit einem Worte, sie waren, wie man seit den letzten Jahren zu +sagen pflegt, „die großen politischen und militärischen Berichterstatter“. + +Indeß wird man bei näherer Betrachtung sehen, daß sie die Thatsachen und +ihre Consequenzen meist auf besondere Art und Weise ansahen, da sie eben +jeder seine besondere Manier hatten, zu sehen und zu urtheilen. Da sie +jedoch stets mit Freimuth handelten und bei jeder Gelegenheit ihr +Möglichstes thaten, so würde man Unrecht thun, sie deshalb zu tadeln. + +Der französische Correspondent hieß Alcide Jolivet. Harry Blount war der +Name des englischen Reporters. Sie begegneten sich eben zum ersten Male +bei dem Feste im Neuen Palais, über welches sie ihren Journalen Bericht +erstatten wollten. Die Verschiedenheit ihres Charakters in Verbindung mit +einer gewissen Geschäftsvorsicht, konnte ihnen nur wenig gegenseitige +Sympathie einflößen. Jedoch, sie vermieden sich deshalb nicht, ja, sie +suchten sich sogar, um Einer dem Anderen die Neuigkeiten des Tages +abzulocken. Sie waren Alles in Allem zwei Nimrods, die auf dem nämlichen +Gebiete jagten. Was der Eine fehlte, konnte ja dem Anderen zum Schusse +gelegen kommen und ihr Interesse verlangte es, daß sie immer so weit +Fühlung behielten, um einander zu sehen und zu hören. + +An diesem Abend befanden sich Beide auf dem Anstande. Offenbar lag etwas +in der Luft. + +„Und wenn’s nur ein Volk Enten wäre, sagte sich Alcide Jolivet, einen +Flintenschuß wird’s doch werth sein!“ + +Die beiden Correspondenten kamen also in ein Gespräch während des Balles, +kurze Zeit, nachdem General Kissoff die Salons verlassen hatte, und Beide +klopften erst gegenseitig auf den Busch. + +„Wahrlich, mein Herr, dieses kleine Fest ist reizend! begann Alcide +Jolivet, mit der liebenswürdigsten Miene von der Welt die Unterhaltung mit +dieser ausgesprochen französischen Phrase einleitend. + +— Ich habe schon telegraphirt: splendid! antwortete frostig Harry Blount +mit besonderer Betonung dieses Wortes, welches jeder Bürger des +Vereinigten Königreichs als Ausdruck seiner Bewunderung zu gebrauchen +pflegt. + +— Ich jedoch, fügte Alcide Jolivet hinzu, glaubte meiner Cousine ... + +— Ihrer Cousine?... wiederholte Harry Blount erstaunt, indem er seinen +Collegen unterbrach. + +— Ja wohl, fuhr Alcide Jolivet fort, ich stehe mit meiner Cousine +Madelaine in Briefwechsel, sie hat es gern, schnell Alles zu erfahren, +meine Cousine!... Ich glaubte ihr also mittheilen zu müssen, daß die Stirn +des Souveräns bei diesem Feste doch von einigen Wölkchen beschattet +gewesen sei. + +— Mir dagegen schien sie strahlend frei, antwortete Harry Blount, der +wahrscheinlich seine Ansicht über diesen Gegenstand zu verbergen suchte. + +— Und in Folge dessen haben Sie sie auch in den Spalten des +Daily-Telegraph ‚strahlen‘ lassen? + +— Gewiß. + +— Erinnern Sie sich, Herr Blount, sprach Alcide Jolivet weiter, was im +Jahre 1812 in Zakret vorgekommen ist? + +— So genau, als ob ich dabei gewesen wäre, erwiderte der englische +Reporter. + +— Nun, sagte Alcide Jolivet, so ist Ihnen bekannt, daß man bei einem dem +Kaiser Alexander zu Ehren gegebenen Feste diesem die Nachricht brachte, +daß Napoleon mit der französischen Vorhut soeben den Niemen überschritten +habe. Der Kaiser verließ jedoch das Fest nicht, trotz der Wichtigkeit +dieser Nachricht, die ihm seine Herrschaft kosten konnte, und bekämpfte +äußerlich jede Unruhe ... + +— So wenig wie unser Wirth eine solche zeigte, als ihm General Kissoff die +Meldung machte, daß die telegraphischen Verbindungen zwischen der Grenze +und dem Gouvernement von Irkutsk unterbrochen seien. + +— Ah, Sie kennen diese Einzelheiten? + +— Ich kenne sie. + +— Ich muß wohl davon unterrichtet sein, da mein letztes Telegramm bis +Udinsk gelangt ist, bemerkte Alcide Jolivet mit einer gewissen +Genugthuung. + +— Und die meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte Harry Blount etwas +unwirsch. + +— So wissen Sie auch, daß schon Befehle an die Truppen von Nicolajewsk +abgegangen sind? + +— Ja wohl, mein Herr, gleichzeitig als man den Kosaken des Gouvernements +Tobolsk telegraphisch die Ordre zugehen ließ, sich zu sammeln. + +— Sehr richtig, Herr Blount, auch diese Maßnahmen sind mir vollkommen +bekannt, und glauben Sie, meine liebenswürdige Cousine wird schon morgen +Einiges davon zu erzählen wissen. + +— Ganz so wie die Leser des Daily-Telegraph davon unterrichtet sein +werden, Herr Jolivet. + +— Das kommt davon, wenn man Alles sieht, was ringsum vorgeht ... + +— Und wenn man Alles hört, was gesprochen wird! + +— Da wird’s einen interessanten Feldzug zu verfolgen geben. + +— Dem ich mich anschließe, Herr Jolivet. + +— O, dann kann sich’s treffen, daß wir uns auf einem minder sicheren +Terrain, als das Parket dieses Saales, wieder begegnen. + +— Wohl einem minder sicheren, aber auch ... + +— Einem weniger glatten!“ antwortete Alcide Jolivet, der seinen Collegen +in den Armen auffing, als dieser eben beim Rückwärtsgehen fast umgefallen +wäre. + +Später trennten sich die beiden Collegen, ganz zufrieden zu wissen, daß +Keiner dem Andern um eine Nasenlänge voraus war. + +Jetzt sprangen die Thüren der anstoßenden Säle auf. Dort zeigten sich +verschiedene große und prächtig servirte Tafeln, schwer beladen mit +kostbarem Porzellan und goldenen Gefäßen. Auf der mittelsten, für die +Prinzen, Prinzessinnen und die Mitglieder des diplomatischen Corps +reservirten Tafel glänzte ein Tafelaufsatz von unschätzbarem Werthe aus +Londoner Werkstätten und rund um dieses Meisterwerk der Juwelierarbeit +spiegelten sich unter dem Glanze der Lustres die unzähligen Stücken des +herrlichsten Geschirrs, das jemals die Manufacturen von Sèvres verlassen +hatte. + +Die Gäste des Neuen Palais begaben sich nach den Speisesälen. + +In diesem Augenblicke näherte sich der General Kissoff, der inzwischen +zurückgekehrt war, rasch dem Officier der Gardejäger. + +„Nun, wie steht’s? fragte dieser lebhaft. + +— Die Telegramme gehen nicht über Tomsk hinaus, Sire. + +— Sofort einen Courier!“ + +Der Officier verließ den großen Saal und zog sich in ein daneben liegendes +großes Gemach zurück. Es war das ein mit Eichenmöbeln sehr einfach +ausgestattetes Arbeitscabinet an einer Ecke des Neuen Palais. Einige +Bilder, darunter einzelne Oelgemälde von Horace Vernet, hingen an den +Wänden. + +Der Officier riß schnell ein Fenster auf, als habe es seinen Lungen an +Sauerstoff gemangelt, und sog auf einem mächtigen Balcon die laue Luft der +schönen Julinacht ein. + +Vor seinen Augen breitete sich, in sanftes Mondlicht gebadet, eine Art +Festungswerk aus, in welchem sich zwischen zwei Kathedralen drei Paläste +und ein Arsenal erhoben. Rings um dasselbe die bestimmt unterschiedenen +Städte: Kitaï-Gorod, Boloï-Gorod und Zemlianoï-Gorod, das ungeheure +europäische, tartarische und chinesische Quartier, überragt von Thürmen +und Minarets, von den Kuppeln der dreihundert Kirchen mit ihren grünen +Dächern und dem silbernen Kreuz darauf. Ein kleiner Fluß mit +vielgewundenem Laufe glänzte manchmal in den Strahlen des Mondes. Das +Ensemble bildete eine wunderbare, verschieden gefärbte Mosaik, welche ein +zehn Stunden langer Rahmen umschloß. + +Dieser Fluß war die Moskowa; diese Stadt war Moskau, jenes Festungswerk +war der Kreml und jener Officier der Gardejäger, der mit gekreuzten Armen +und träumerischer Stirn nur halb den Lärmen des Festes hörte, der sich aus +dem Neuen Palais über die alte Stadt der Moskowiter verbreitete – das war +der Czaar. + + + + + Zweites Capitel. + + + Russen und Tartaren. + + +Wenn der Czaar so unerwartet und gerade in dem Augenblicke, als das Fest, +welches er den Spitzen der Civil- und Militärbehörden gab, in schönstem +Glanze strahlte, die Salons des Neuen Palais verließ, so kam das daher, +daß sich jenseit des Ural sehr wichtige Ereignisse vorbereiteten. Es war +gar nicht zu bezweifeln: eine furchtbare Invasion drohte die sibirischen +Provinzen der russischen Autonomie zu entziehen. + +Das asiatische Rußland oder Sibirien bedeckt eine Oberfläche von 560,000 +Quadratmeilen (französische Lieues) und zählt etwa zwei Millionen +Einwohner. Es erstreckt sich von dem Gebirgszuge des Ural, der es von dem +europäischen Rußland trennt, bis nach dem Gestade des Pacifischen Oceans. +Nach Süden zu schließt es Turkestan und das Chinesische Reich mit einer, +häufig unbestimmten Grenze ab, im Norden der arktische Ocean von dem +Karameere bis zur Behringsstraße. Es wird in Gouvernements oder Provinzen +getheilt, nämlich die von Tobolsk, Jeniseisk, Irkutsk, Omsk und Jakutsk; +ferner umfaßt es zwei Districte, die von Ochotsk und von Kamschatka, und +besitzt endlich zwei Länder, welche jetzt dem moskowitischen Scepter +unterthan sind, das Land der Kirghisen und das Land der Tschuktschen. + +Diese ungeheure Strecke von Steppen, in der Längenausdehnung über 110 +Graden von Westen nach Osten umfassend, bildet den Deportationsort für +Verbrecher, das Exil für diejenigen, welche ein Ukas mit Verbannung +belegte. + +Zwei Generalgouverneure vertreten die Oberherrschaft des Czaaren in diesem +weiten Reiche. Der Eine residirt in Irkutsk, der Hauptstadt des westlichen +Sibiriens. Der Tchuma, ein Nebenfluß des Jenisei, trennt die beiden +Hälften des Territoriums. + +Noch furcht keine Eisenbahn diese unendlichen Ebenen, unter denen einige +ausnehmend fruchtbar sind; kein Schienenweg entlastet die reichen Mienen, +welche bei ihrer Ausdehnung über große Strecken den Boden Sibiriens unter +der Erde kostbarer erscheinen lassen, als auf der Oberfläche. Im Sommer +reist man daselbst im Tarantaß; im Winter im Schlitten. + +Eine einzige Verbindung, aber eine elektrische, verknüpft die beiden +Grenzen im Westen und im Osten Sibiriens durch einen Draht, der nicht +weniger als 8000 Werst (gleich 8536 Kilom.) lang ist. Nach Ueberschreitung +des Ural passirt er Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, +Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk, Verkne-Nertschinsk, +Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde, Orlomskaya, Alexandrowskoë, +Nicolajewsk, und kostet jedes bis an das äußerste Ende zu befördernde Wort +6 Rubel 19 Kopeken (= fast genau 20 Mark oder 10 Gulden östr.). Von +Irkutsk aus verläuft eine Zweigleitung nach Kjachta an der mongolischen +Grenze, von wo aus die Depeschen, das Wort für 30 Kopeken (= 96,7 Pf. oder +48,3 Kreuzer), in weiteren vierzehn Tagen bis Peking befördert werden. + +Jene Drahtleitung war zuerst zwischen Jekaterinburg und Nicolajewsk, +nachher vor Tomsk und einige Stunden später zwischen Tomsk und Kolyvan +durchschnitten worden. + +Eben deshalb hatte der Czaar, nach der zweiten Mittheilung, welche General +Kissoff ihm machte, nur geantwortet: „Sofort einen Courier!“ + +Seit kurzer Zeit nun stand der Czaar bewegungslos am Fenster seines +Cabinets, als die Huissiers wiederum dessen Thüren öffneten. Der erste +Chef der Polizei erschien auf der Schwelle. + +„Tritt ein, sagte der Czaar kurz, und theile mir Alles mit, was Du über +Iwan Ogareff weißt. + +— Es ist das ein sehr gefährlicher Mann, Sire, erwiderte der hohe +Polizeibeamte. + +— Er hatte den Rang eines Obersten? + +— Ja, Sire. + +— Und war ein intelligenter Officier? + +— Gewiß, sehr intelligent, aber unmöglich zu zügeln und von sinnlosem +Ehrgeiz, der vor nichts zurückschreckte. Er verwickelte sich sehr bald in +verschiedene Intriguen und wurde damals von Sr. kaiserlichen Hoheit dem +Großfürsten erst degradirt und später nach Sibirien verwiesen. + +— Wann ungefähr? + +— Vor etwa zwei Jahren. Nach sechsmonatlicher Verbannung durch Ew. +Majestät Gnade erlöst, kehrte er nach Rußland zurück. + +— Und seit dieser Zeit wandte er sich nicht wieder nach Sibirien? + +— Doch, Sire, aber diesmal kehrte er freiwillig dahin zurück“, antwortete +der Chef der Polizei. + +Dann fügte er mit etwas zurückgehaltener Stimme hinzu: + +„Es gab eine Zeit, Sire, da man nicht zurückkehrte, wenn man nach Sibirien +ging! + +— Mag sein, so lange ich lebe, soll aber Sibirien ein Land sein, aus dem +man auch wiederkehrt!“ + +Der Czaar hatte wohl ein Recht, auf diese Worte einen besonderen Ausdruck +zu legen, denn wiederholt hatte er durch seine Milde bewiesen, daß die +russische Justiz auch zu verzeihen vermöge. + +Der Polizeichef erwiderte nichts, aber offenbar war er kein Freund von +halben Maßregeln. Seiner Ansicht nach durfte Keiner, der den Ural unter +Bedeckung von Gensdarmen überschritten hatte, jemals daran denken, es noch +einmal zu thun. Anders war es aber jetzt unter der neuen Regierung, und +der Chef der Polizei bedauerte das aufrichtig. Wie! Es sollte keine andere +Verbannung auf Lebenszeit mehr geben, als für Verbrechen gegen das gemeine +Recht? Politische Sträflinge kehrten von Tobolsk, von Jakutsk, von Irkutsk +in das Vaterland zurück? Wahrlich, der Polizeichef, gewöhnt an die +autokratischen Ukase, welche jede Amnestie ausschlossen, konnte sich mit +dieser Art und Weise zu regieren niemals aussöhnen. Doch er schwieg und +wartete es ab, daß der Czaar ihn weiter fragen werde. + +Das ließ nicht lange auf sich warten. + +„Ist Iwan Ogareff, begann der Czaar, nach dieser Reise nach den +sibirischen Provinzen, einer Reise übrigens, deren eigentlicher Zweck wohl +unerkannt blieb, nicht auch ein zweites Mal nach Rußland gekommen? + +— Gewiß, Sire. + +— Und seit dieser Rückkehr hat die Polizei seine Spur verloren? + +— O nein, denn ein Verbannter wird von dem Tage seiner Begnadigung an erst +gefährlich!“ + +Ueber die Stirn des Czaaren flog eine leichte Wolke. Vielleicht fürchtete +der Polizeichef etwas zu weit gegangen zu sein, obwohl das Festhalten +seiner Ideen gewiß nicht größer und stärker war, als seine unbegrenzte +Ergebenheit gegen seinen Herrn. Der Czaar aber, der solche indirecte +Vorwürfe bezüglich seiner innern Politik unbeachtet ließ, fuhr einfach in +seiner Fragestellung fort: + +„Und wo befand sich Iwan Ogareff zuletzt? + +— Im Gouvernement von Perm. + +— In welcher Stadt? + +— In Perm selbst. + +— Was that er daselbst? + +— Er schien unbeschäftigt und erregte durch seine Lebensweise keinerlei +Verdacht. + +— Er stand nicht unter polizeilicher Aufsicht? + +— Nein, Sire. + +— Zu welcher Zeit hat er Perm verlassen? + +— Etwa im März. + +— Und wandte sich wohin? + +— Das ist mir unbekannt. + +— Seit dieser Zeit weiß man auch nicht, was aus ihm geworden ist? + +— Niemand weiß es. + +— Recht schön, aber ich, ich weiß es! antwortete der Czaar. Geheime +Nachrichten, welche die Bureaux der Polizei nicht passirten, sind an mich +gelangt und in Berücksichtigung der Thatsachen, welche sich jetzt jenseit +der Grenze vollziehen, habe ich allen Grund, an die Richtigkeit derselben +zu glauben! + +— Wollen Sie damit sagen, Sire, rief der Polizeichef, daß Iwan Ogareff bei +der Tartaren-Invasion die Hand im Spiele habe? + +— Ja, General, und ich will Dir auch sagen, was Du noch nicht weißt. Iwan +Ogareff überschritt, nachdem er das Gouvernement Perm verlassen, den Ural. +Er begab sich nach Sibirien, in die Steppen der Kirghisen, und hat dort +nicht ohne Erfolg die Nomadenvölker aufzuwiegeln gesucht. Darauf hat er +sich weiter nach Süden, bis nach dem unabhängigen Turkestan begeben. Dort +fand er in den Khanaten von Bukhara, Khokhand und Kunduz Häuptlinge, +welche bereit waren, ihre Tartarenhorden in die sibirischen Provinzen zu +werfen und einen allgemeinen Aufstand gegen die russische Herrschaft in +Asien hervorzurufen. Die ganze Bewegung ist sehr geheim geschürt worden, +sie bricht aber jetzt wie ein Donnerschlag aus und schon sind alle Wege +und Communicationsmittel zwischen dem östlichen und dem westlichen +Sibirien abgeschnitten! Dazu trachtet Iwan Ogareff, von Rache getrieben, +meinem Bruder nach dem Leben!“ + +Als er so sprach, war der Czaar erregter geworden und ging mit raschen +Schritten auf und nieder. Der erste Chef der Polizei erwiderte kein Wort, +aber er sagte sich, daß Iwan Ogareff’s Pläne zur Zeit, als die +Selbstherrscher aller Reußen niemals einen Exilirten begnadigten, nicht +hätten zur Reife gedeihen können. + +Still vergingen einige Augenblicke, dann näherte er sich dem Czaaren, der +sich in einen Fauteuil geworfen hatte. + +„Ew. Majestät, sagte er, haben unzweifelhaft Befehl gegeben, daß dieser +Einfall so schnell als möglich zurückgewiesen wird? + +— Ja, antwortete der Czaar. Das letzte Telegramm, das Nishny-Udinsk hat +erreichen können, hat auch die Truppen der Gouvernements Jeniseisk, +Irkutsk und Jakutsk, sowie diejenigen der Amurprovinzen und des Baikalsees +in Bewegung setzen müssen. Gleichzeitig ziehen die Regimenter von Perm und +Nishny-Nowgorod in Eilmärschen nach der Grenze am Ural; leider brauchen +sie aber mehrere Wochen, bevor ein Zusammentreffen mit den Tartarenhorden +möglich ist! + +— Und Ew. Majestät Bruder, Se. kaiserl. Hoheit der Großfürst, der in +diesem Augenblicke allein im Gouvernement Irkutsk weilt, steht mit Moskau +in keiner directen Verbindung mehr? + +— Nein. + +— Er muß aus den letzten Depeschen aber die Maßregeln Ew. Majestät +erfahren haben und auch wissen, welche Hilfe er aus den Irkutsk zunächst +gelegenen Gouvernements zu erwarten hat? + +— Das ist ihm bekannt, erwiderte der Czaar, er weiß aber nicht, daß Iwan +Ogareff sich unter falschem Namen bei ihm zu dienen anbieten wird. Gelang +es ihm dann, sein Vertrauen zu gewinnen, so wird er, wenn die Tartaren +Irkutsk angreifen, die Stadt ausliefern, nebst meinem Bruder, dessen Leben +unmittelbar bedroht ist. Das sind die Nachrichten, welche ich erhielt, die +aber der Großfürst nicht kennt und folglich sofort erfahren muß! + +— Nun wohl, Sire, ein tüchtiger, muthiger Courier ... + +— Den erwarte ich. + +— Und beeilen muß er sich, fügte der Chef der Polizei hinzu, denn Sie +gestatten mir auszusprechen, Sire, daß dieses ganze Sibirien zur Rebellion +sehr geneigt ist! + +— Glaubst Du, General, daß die Sträflinge mit den Feinden +gemeinschaftliche Sache machen könnten? rief der Czaar, der bei dieser +Andeutung des Polizeichefs ganz außer sich gerieth. + +— Verzeihung, Majestät!... entgegnete stammelnd der Chef des +Polizeiwesens, denn wirklich war das der Gedanke gewesen, der in seinem +unruhigen und mißtrauischen Kopfe aufgestiegen war. + +— Ich traue den Verbannten mehr Vaterlandsliebe zu! erwiderte der Czaar. + +— In Sibirien befinden sich auch andere Sträflinge, als die politischen +Verbannten, antwortete der Polizeichef. + +— Die Verbrecher! O, General, die überlasse ich Dir! Das ist der Auswurf +des menschlichen Geschlechts; diese haben überhaupt kein Vaterland. Die +Erhebung, oder vielmehr der Einfall, ist aber nicht gegen den Kaiser +gerichtet, sondern gegen Rußland, gegen die Heimat, welche die Verbannten +doch noch einmal wieder zu sehen hoffen, und die sie wieder sehen +werden!... Nein, nein, nie wird ein Russe sich auch nur eine Stunde lang +mit einem Tartaren verbinden, um die moskowitische Macht zu untergraben +und zu schwächen!“ + +Der Czaar war berechtigt, an den Patriotismus Derjenigen zu glauben, die +seine Politik zeitweilig verbannt hatte. Jene Milde, der Grundzug seiner +Justiz, wenn er dieselbe selbst handhabte, die weitgehenden +Erleichterungen bei Ausführung der früher so schrecklichen Ukase +garantirten ihm, daß er sich hierin nicht täusche. Aber auch ohne diese +mächtige Beihilfe zu einem Erfolge der Tartaren-Invasion gestaltete sich +die Sachlage überaus ernst, denn es stand mindestens zu befürchten, daß +sich ein großer Theil der Kirghisenbevölkerung den Angreifern anschließen +werde. + +Die Kirghisen zerfallen in drei Horden, die Große, die Kleine und die +Mittlere, und zählen etwa 40,000 „Zelte“, d. h. gegen 2,000,000 Seelen. +Von diesen verschiedenen Tribus sind die Einen ganz unabhängig, Andere +erkennen entweder die russische Oberhoheit an, oder die der Khanate von +Khiwa, Khokhand oder Bukhara, d. h. der mächtigsten Häuptlinge von +Turkestan. Die Mittlere Horde, die rechte, ist übrigens auch die +bedeutendste und ihre Lager bedecken den ganzen Raum zwischen den +Wasserläufen des Sara-Su, des Irtysch, des obern Thim und dem Hadisang- +und Aksakalsee. Die Große Horde, welche die östlich von der Mittleren +gelegenen Gegenden bewohnt, dehnt sich bis zu den Gouvernements Omsk und +Tobolsk aus. Empörten sich diese Kirghisenvölker, so überschwemmten sie +das asiatische Rußland und rissen Sibirien östlich vom Jenisei los. + +Zwar sind diese Kirghisen nur Neulinge in der Kriegskunst und weit mehr +nächtliche Räuber oder gewohnt, die Karawanen zu überfallen, als reguläre +Soldaten. Levchine sagte von ihnen: „Eine geschlossene Front oder ein +Quarré tüchtiger Infanterie widersteht einer zehnfach größeren Anzahl +Kirghisen und eine einzige Kanone richtet sie in Massen zu Grunde.“ + +Das mag wohl wahr sein, aber erst ist es doch nöthig, daß ein Quarré +Infanterie in dem empörten Lande bei der Hand sei und daß die +Feuerschlünde die Artillerieparks der russischen Provinzen verlassen, +welche immerhin zwei- bis dreitausend Werst entfernt sind. Außer auf der +directen Straße von Jekaterinburg nach Irkutsk sind aber die häufig +sumpfigen Steppen nur schwierig passirbar und mehrere Wochen mußten +unzweifelhaft vergehen, bevor die russischen Truppen in die Lage kamen, +die Tartarenhorden zu Paaren zu treiben. + +Omsk, das Centrum der Militärorganisation von Westsibirien, ist dazu +bestimmt, die Kirghisenbevölkerung in Respect zu erhalten. Dort verlaufen +die Grenzen, welche die halbunterjochten Nomaden wiederholt verletzt +haben, und im Kriegsministerium nahm man nicht ohne Ursache an, daß Omsk +schon sehr bedroht sei. Die Linie der Militärcolonien, d. h. der +Kosakenposten, welche von Omsk bis Semipalatinsk vertheilt sind, war gewiß +an verschiedenen Punkten durchbrochen, und es stand zu befürchten, daß die +„Großsultane“, welche die Kirghisendistricte regieren, entweder freiwillig +oder gezwungen die Herrschaft der Tartaren, Muselmänner so wie sie selbst, +anerkannten und dabei der durch ihre Botmäßigkeit schon genährte Haß sich +durch den Antagonismus der muselmännischen und griechischen Religion +verstärkte. + +Schon seit langer Zeit suchten thatsächlich die Tartaren von Turkestan, +und vor Allen die aus den Khanaten von Bukhara, Khiwa und Khokhand, durch +Gewalt ebenso, wie durch Ueberredung, die Kirghisenhorden dem +moskowitischen Scepter zu entreißen. + +Ueber diese Tartaren nur einige Worte. + +Speciell gehören die Tartaren zu zwei verschiedenen Racen, der +kaukasischen und der mongolischen Menschenrace. + +Die kaukasische Race, diejenige, von der A. von Rémusat sagt, „daß sie in +Europa als der Typus der Schönheit unserer Menschenklassen angesehen wird, +weil alle Völker dieses Erdtheiles von ihr abstammen“, umfaßt unter +demselben Namen die Türken und die Eingeborenen persischer Abkunft. + +Die rein mongolische Race finden wir bei den Mongolen, den Mandschus und +den Thibetanern. + +Die Tartaren, welche damals das russische Reich bedrohten, gehörten zur +kaukasischen Race und waren vorzüglich in Turkestan zu Hause. Dieses weite +Gebiet wird in verschiedene Staaten getheilt, welche von Khans, daher auch +der Name Khanat, regiert werden. Die wichtigsten Khanate sind die von +Bukhara, Khokhand, Kunduz u. s. w. + +Das Khanat von Bukhara war jener Zeit das einflußreichste und mächtigste. +Schon mehrmals hatte Rußland Krieg geführt mit seinen Häuptlingen, welche +aus persönlichem Interesse und um sie unter ihr Joch zu beugen, die +Unabhängigkeit der Kirghisen gegen die moskowitische Herrschaft +vertheidigten. Der dermalige Häuptling, Feofar-Khan, folgte ganz den +Fußstapfen seiner Vorgänger. + +Dieses Khanat von Bukhara erstreckt sich von Süden nach Norden vom 37. bis +zum 41. Breitengrade, von Osten nach Westen vom 61. bis 66. Längengrade, +d. h. über eine Fläche von gegen 10,000 Quadratmeilen. + +Die Bevölkerung des Staates schätzt man auf 2,500,000 Einwohner mit einer +Armee von 60,000 Mann Fußvolk, welches in Kriegszeiten auf das Dreifache +verstärkt wird, und etwa 30,000 Reitern. Es ist ein reiches Land mit +großen Schätzen aus dem Thier-, Pflanzen- und Mineralreiche, und noch +durch den Hinzutritt der Territorien von Balkh, Aukoï und Meïmaneh nicht +unwesentlich vergrößert. Es besitzt neunzehn bemerkenswerthe Städte. +Bukhara, umschlossen von einer acht englischen Meilen langen und von +Thürmen flankirten Mauer, eine berühmte Stadt, deren schon die Ovicenna’s +und andere Gelehrte des 10. Jahrhunderts erwähnen, wird als Mittelpunkt +muselmännischer Wissenschaft betrachtet und zu den Hauptplätzen +Centralasiens gerechnet; Samarkand, mit dem Grabe Tamerlan’s und jenem +berühmten Palaste mit dem blauen Stein darin, auf welchen sich jeder Khan +bei Antritt seiner Regierung setzen muß, wird von einer ungemein starken +Citadelle vertheidigt; Karschi mit seiner dreifachen Mauer und gelegen in +einer Oase mit sumpfiger, von Schildkröten und Eidechsen wimmelnden +Umgebung, erscheint fast uneinnehmbar; Tscharoschui wird von einer +Volksmenge von fast 20,000 Seelen vertheidigt; endlich Katta-Kurgan, +Nurata, Djizah, Païkande, Karakul, Khuzar und andere, – sie alle bilden +einen Kranz von schwer zu bändigenden Städten. Dieses durch seine Berge +geschützte und durch seine Steppen isolirte Khanat von Bukhara ist demnach +ein in Wahrheit zu fürchtender Staat, und Rußland muß ihm stets nicht +unbeträchtliche Streitkräfte entgegenwerfen. Damals beherrschte nun der +ehrgeizige und wilde Feofar diesen Winkel der Tartarei. Gestützt auf die +andern Khans, – vorzüglich die von Khokhand und von Kunduz, zwei grausame +und beutegierige Kriegsmänner, welche stets bereit waren, sich zu +betheiligen, wo es ihr Interesse galt, – und unter Mitwirkung der +Häuptlinge, welche alle die Horden in Centralasien befehligten, stellte er +sich an die Spitze dieser Invasion, deren eigentliche Seele Iwan Ogareff +war. Dieser Verräther hatte, getrieben durch einen sinnlosen Ehrgeiz und +gestachelt von wildem Hasse, die Bewegung so geleitet, daß man zuerst die +große sibirische Straße in seine Gewalt bekam. In Wahrheit ein +Tollhäusler, glaubte er die russische Macht brechen zu können, und auf +seine Anordnung überschritt der Emir, es ist das der Titel, den sich die +Khans von Bukhara ausnehmend beilegen, die russische Grenze. Er fiel in +das Gouvernement Semipalatinsk ein, woselbst die zu schwachen +Kosakenposten sich vor seiner Uebermacht hatten zurückziehen müssen. Sogar +über den Balkhachsee drang er vor und riß die Kirghisenbevölkerung mit +sich fort. Raubend, sengend und brennend wälzte sich der Schwarm von Stadt +zu Stadt. Wer sich unterwarf, ward eingereiht in’s Heer, wer Widerstand +leistete, umgebracht. So drang er vor, gefolgt von den unausbleiblichen +Anhängseln eines orientalischen Souveräns, seiner aus den Frauen und +Sklaven bestehenden Hausdienerschaft, – immer mit der gedankenlosen +Tollkühnheit eines modernen Gengis-Khan. + +Wo stand er in diesem Augenblicke? Bis wohin waren seine Schaaren zu der +Stunde vorgedrungen, als die Nachricht von dem Einfall nach Moskau +gelangte? + +Bis zu welchem Punkte in Sibirien hatten die russischen Truppen +zurückweichen müssen? – Niemand vermochte das zu sagen. Die Verbindungen +waren gestört. Hatten den Draht zwischen Kolyvan und Tomsk aber nur einige +Reiter aus der Vorhut der Tartarenarmee zerschnitten oder überzog schon +der Emir selbst die Provinzen von Jeniseisk? Stand das ganze südliche +Westsibirien in Flammen? Reichte die Empörung schon bis nach den Gebieten +im Osten? – Keiner wußte es. Der einzige Kundschafter, der weder die Kälte +noch die Hitze fürchtet, weder die Rauhigkeit des Winters, noch die +verdorrende Gluth des Sommers, und der dahin fliegt mit der rasenden +Schnelligkeit des Blitzes, der elektrische Funke, konnte nicht mehr durch +die Steppen laufen, war außer Stande, den Großfürsten zu benachrichtigen +von der Gefahr, die ihm in Irkutsk durch den Verrath Iwan Ogareff’s +bedrohte. + +Nur ein Courier konnte den unterbrochenen Strom einigermaßen ersetzen. +Dieser Mann bedurfte einer gewissen Zeit, um die 5200 Werst (= 5523 +Kilom.) von Moskau bis Irkutsk zurückzulegen. Er mußte, um die Haufen der +Rebellen und der Feinde zu durchbrechen, einen so zu sagen +übermenschlichen Muth und eben solche Klugheit entwickeln. Doch, mit Kopf +und Herz kommt man ja weit! + +„Werde ich diesen Kopf und dieses Herz finden?“ fragte sich der Czaar. + + + + + Drittes Capitel. + + + Michael Strogoff. + + +Bald öffnete sich die Thür des kaiserlichen Cabinets und der Huissier +meldete den General Kissoff. + +„Nun, der verlangte Courier? fragte rasch der Czaar. + +— Ist schon da, Sire, antwortete der General. + +— Du hast einen geeigneten Mann gefunden? + +— Ich wage, mich Ew. Majestät dafür zu verbürgen. + +— Stand er in Palastdiensten? + +— Ja, Sire. + +— Du kennst ihn? + +— Persönlich; und mehrmals hat er schon schwierige Missionen zur +Zufriedenheit ausgeführt. + +— Im Auslande? + +— Gerade in Sibirien. + +— Woher ist er? + +— Aus Omsk, also selbst ein Sibirier. + +— Er besitzt kaltes Blut, Intelligenz und Muth? + +— Gewiß, Sire, er besitzt alle Eigenschaften, auch da zu reussiren, wo +Andere vielleicht scheitern könnten. + +— Wie alt? + +— Dreißig Jahre. + +— Es ist ein gesunder, kräftiger Mann? + +— Sire, er vermag Frost, Hunger, Durst und Anstrengung bis zum Aeußersten +zu ertragen. + +— Er hat einen Körper von Stahl? + +— Ohne Zweifel, Sire. + +— Und ein Herz?... + +— Ein Herz von Gold. + +— Sein Name? + +— Michael Strogoff. + +— Er ist bereit abzureisen? + +— Im Saale der Garden erwartet er Ew. Majestät Befehle. + +— Er soll hierher kommen“, sagte der Czaar. + +Einige Augenblicke später trat Michael Strogoff in das Cabinet des Kaisers +ein. + +Michael Strogoff war hochgewachsen, kräftig, hatte breite Schultern und +eine volle Brust. Sein mächtiger Kopf zeigte die besten Merkmale +kaukasischer Race. Seine wohlgebildeten Gliedmaßen erschienen wie eben so +viel mechanische Hebel zur sicheren Ausführung kräftiger Bewegungen. Der +äußerlich ansprechende Mann mit gewinnendem Auftreten schien nicht leicht +wider Willen aus seiner Stellung gebracht werden zu können, denn wenn er +seine Füße auf den Boden gesetzt hatte, schienen sie schon mehr darin zu +wurzeln. Auf seinem nicht eben kleinen Kopf mit breiter Stirn kräuselte +sich üppiges Haar, das in Locken herabfiel, wenn er es mit der +moskowitischen Mütze bedeckte. Veränderte sich sein gewöhnlich etwas +blasses Gesicht, so geschah das nur, wenn ihm das Herz schneller schlug, +unter dem Einflusse einer beschleunigten Blutcirculation, welche jenes +lebhafter färbte. Seine tiefblauen Augen mit geradem, offenem und sicherem +Blicke glänzten unter dem vollen Bogen der durch ihre Muskeln etwas +zusammengezogenen Augenbrauen und verriethen seinen Muth, „jenen Muth ohne +Zorn, den die Helden besitzen“, wie die Physiologen sagen. Seine nicht zu +kleine Nase beherrschte einen symmetrischen Mund mit ein wenig +hervorspringenden Lippen, jenem Zeichen eines edelmüthigen und guten +Charakters. + +Michael Strogoff besaß das Temperament des entschiedenen Mannes, der +seinen Entschluß schnell zu fassen gewöhnt ist, der nicht in der +Ungewißheit die Nägel zernagt, sich nicht im Zweifel hinter den Ohren +kraut und nicht unentschlossen mit den Füßen stampft. Karg in Bewegungen +und Worten, stand er vor seinem Vorgesetzten still wie ein Soldat; wenn er +jedoch ging, so zeigte seine Haltung eine große Leichtigkeit, eine +auffallende Sicherheit der Bewegungen – ein Zeichen des Selbstvertrauens +und der Lebhaftigkeit seines Geistes. Er gehörte zu den Leuten, die immer +etwas vorzuhaben scheinen und die Ausführung nicht zu verzögern pflegen. + +Michael Strogoff trug eine elegante Uniform, ähnlich jener des +Officiercorps der berittenen Feldjäger, Stiefeln, Sporen, anliegende +Beinkleider und einen pelzverbrämten Dolman mit gelben Schnüren auf +braunem Grunde. Auf seiner breiten Brust glänzten ein Kreuz und +verschiedene Medaillen. + +Michael Strogoff gehörte zu der Specialabtheilung der Couriere des Czaaren +und stand bei dieser Elitetruppe in Officiersrang. Ganz zweifellos +erkannte man an seinem Gange, seiner Physiognomie, seiner ganzen Person, +und leicht genug erkannte es auch der Czaar, daß dieser Mann gewöhnt war, +einem erhaltenen Befehl unbedingt nachzukommen. Er besaß also eine der in +Rußland schätzenswerthesten Eigenschaften, eine Eigenschaft, welche, nach +Aussage des berühmten Schriftstellers Turgénjew, im Moskowitenreiche die +Staffel nach den höchsten Ehrenstellen bildet. + +Gewiß, wenn Einer diese Reise von Moskau nach Irkutsk glücklich vollenden, +in jenem empörten Gebiete alle Hindernisse besiegen, alle Gefahren +überwinden konnte, so war es Michael Strogoff. + +Ein für das Gelingen jenes Vorhabens sehr günstiger Umstand war es, daß +Michael Strogoff das zu durchziehende Land vollkommen kannte und die +verschiedenen Sprachen desselben verstand; nicht weil er jenes schon +bereist hatte, sondern weil er, wie erwähnt, von Geburt selbst Sibirier +war. + +Sein Vater, der vor zehn Jahren verstorbene Peter Strogoff, bewohnte die +in dem gleichnamigen Gouvernement gelegene Stadt Omsk, woselbst seine +Mutter, Marfa Strogoff, noch jetzt lebte. Dort, in jenen wilden Steppen +der Provinzen Omsk und Tobolsk, war es, wo der furchtbare sibirische Jäger +seinen Sohn Michael „verstählt“ hatte, wie der landläufige Ausdruck hieß. +Sommer und Winter, im glühenden Sonnenbrande, wie in der grimmigsten +Kälte, streifte er über die endlosen Ebenen, durch die Lärchen- und +Weidengebüsche, durch die düstern Kiefernwälder, legte seine Fallen aus, +verfolgte das kleinere Wild mit dem Gewehre, das große mit dem Spieße und +dem Waidmesser. Unter großem Wilde verstand man hierbei aber den +sibirischen Bären, eine furchtbare und sehr wilde Art, welche an Größe +ihren Verwandten in den Polargegenden vollständig gleichkommt. Peter +Strogoff hatte mehr als neununddreißig Bären erlegt, das will sagen, daß +auch schon der vierzigste unter seiner Hand gefallen war, – und man weiß +ja, wenn den Jagdgeschichten aus Rußland einigermaßen zu trauen ist, wie +viele Jäger bis zum neununddreißigsten Bären glücklich davon kamen und +beim vierzigsten unterliegen mußten! + +Peter Strogoff hatte diese Unglückszahl also überschritten, ohne auch nur +eine Schramme davon zu tragen. Von da ab unterließ es der damals +elfjährige Michael Strogoff niemals, seinen Vater bei den Jagdausflügen zu +begleiten, wobei er die „Ragatina“ trug, d. h. eine Art Gabelspieß, um +seinem Vater, der meist nichts als ein Messer bei sich führte, im Nothfall +zu Hilfe zu kommen. Mit dem vierzehnten Jahre hatte Michael Strogoff +seinen ersten Bären erlegt, und zwar ganz allein, was nicht so gar viel +heißen will; nachdem er diesen aber abgezogen, hatte er auch das Fell des +riesigen Thieres bis nach dem mehrere Werst entfernten väterlichen Hause +geschleppt, – was bei dem Kinde eine ungewöhnliche Kraft voraussetzen +ließ. + +Diese Lebensweise bekam ihm gut, und als er das Mannesalter erreichte, +vermochte er Alles zu ertragen, Frost und Hitze, Hunger und Durst, Mühsal +und Plage. + +Er war mit einem Wort, so wie die Jakuten des unwirthbaren Nordens, ein +ganzer Mann von Eisen. Er hielt leicht vierundzwanzig Stunden aus, ohne +etwas zu essen, zehn Nächte, ohne zu schlafen, und begnügte sich mit einem +Lager in der freien Steppe, wo tausend Andere sich zum Tode erkältet +hätten. Begabt mit unendlich feinen Sinnen, durch die weiße Ebene geführt +von einem reinen Delawareninstinct, wenn auch der Nebel den ganzen +Horizont verhüllte, und das selbst in höhern Breiten, wo die Polarnacht +schon mehrere Tage anhält, fand er doch immer seinen richtigen Weg, wo +Andere nicht mehr gewußt hätten, wohin sie den Fuß setzen sollten. Alle +Geheimnisse seines Vaters waren auch ihm bekannt. Er wußte sich nach kaum +bemerkenswerthen Anzeichen zu richten, nach der Lage der Eisnadeln, der +Stellung der dünnsten Baumzweige, nach schwachen Gerüchen, welche von +außerhalb der Grenze des Horizontes herkamen, nach der Spur der Blätter im +Walde, nach den schwächsten Geräuschen in der Luft oder nach entfernten +Detonationen, wie nach dem Zuge der Vögel in der dunstigen Atmosphäre, – +nach tausend Einzelheiten, welche für den Kenner eben so viel Wahrzeichen +sind. Dabei hatte er, der von dem Schneetreiben abgehärtet war, wie der +Stahl in den Wassern von Damascus, wirklich eine Gesundheit von Eisen, und +doch, wie der General Kissoff ganz richtig gesagt hatte, dabei ein Herz +von Gold. + +Eine einzige Leidenschaft besaß Michael Strogoff, die Liebe zu seiner +alten Mutter Marfa, welche nicht zu bewegen gewesen war, das alte Haus der +Strogoff’s in Omsk, an der Grenze von Irtysch, zu verlassen, in dem sie so +lange Zeit mit dem alten Jäger vereint gelebt hatte. Als der Sohn sie +verließ, geschah es, um seinem Triebe nach einem größeren Wirkungskreise +zu genügen; aber er versprach ihr dabei, stets zeitweilig zu ihr +zurückzukehren, sobald die Umstände es erlaubten – ein Versprechen, das +mit religiöser Strenge eingehalten wurde. + +Es war beschlossen worden, daß Michael Strogoff mit seinem zwanzigsten +Jahre in den persönlichen Dienst des Kaisers von Rußland eintreten sollte, +und zwar in das Corps der Couriere des Czaaren. Der kühne, intelligente, +eifrige und sich wacker aufführende junge Sibirier fand die erste +Gelegenheit, sich auszuzeichnen, bei einer Sendung nach dem Kaukasus, +mitten durch das von einigen unruhigen Nachfolgern Schamyl’s aufgewühlte +Land; später bei einer wichtigen Mission, welche ihn bis Petropolawsk in +Kamtschatka, nach den äußersten Grenzen des asiatischen Rußland, führte. +Während dieser so weiten Reisen legte er wiederholte Proben seiner +ausgezeichneten Eigenschaften, seiner Kaltblütigkeit, Klugheit und seines +Muthes ab, welche ihm die Anerkennung und das Wohlwollen seiner +Vorgesetzten erwarben und seine Carrière beschleunigten. Den ihm nach so +mühseligen Expeditionen mit Recht zukommenden Urlaub versäumte er nie +seiner alten Mutter zu widmen – und wenn er auch Tausende von Wersten +entfernt war von ihr, und der Winter alle Wege fast ungangbar machte. +Jetzt hatte Michael Strogoff, der im Süden des Reichs vielfach beschäftigt +wurde, die alte Marfa zum ersten Male seit drei Jahren, für ihn drei +Jahrhunderte – nicht gesehen! In wenig Tagen sollte er seinen +reglementsmäßigen Urlaub antreten und hatte auch schon alle Vorbereitungen +zur Reise nach Omsk getroffen, als die uns schon bekannten Ereignisse +eintraten. + +Michael Strogoff wurde vor den Czaaren geführt, in vollständiger +Unkenntniß dessen, was derselbe von ihm verlangen würde. + +Einige Augenblicke betrachtete ihn der Czaar, ohne ein Wort zu reden, mit +durchdringendem Blicke, während Michael Strogoff unbeweglich stehen blieb. + +Dann wendete sich der Czaar, offenbar befriedigt von dieser Vorprüfung, +nach seinem Schreibtische, machte dem Chef der Polizei ein Zeichen, sich +dahin zu setzen, und dictirte ihm mit leiser Stimme einen Brief von wenig +Zeilen. + +Nach Vollendung des Schreibens durchlas es der Kaiser noch einmal mit +größter Aufmerksamkeit und unterzeichnete es, nachdem er seinem Namen noch +die Worte: „_Byt po semu_“, welche „So geschehe es“ bedeuten und eine +gewöhnliche Bestätigungsformel der russischen Kaiser ausmachen, vorgesetzt +hatte. + +Der Brief ward dann in ein Couvert gesteckt und mit einem Siegel mit dem +kaiserlichen Wappen verschlossen. + +Der Czaar erhob das Schriftstück und winkte Michael Strogoff, sich zu +nähern. + +Dieser that dann einige Schritte vorwärts und blieb wieder unbeweglich vor +seinem Kaiser stehen. + +Noch einmal sah der Czaar ihn durchdringend, Auge in Auge, in’s Gesicht. +Dann begann er: + +„Dein Name? + +— Michael Strogoff, Sire. + +— Deine Stellung? + +— Kapitän bei den Courieren des Czaaren. + +— Du kennst Sibirien? + +— Ich stamme daher. + +— Du bist geboren? + +— In Omsk. + +— Hast Du Verwandte in Omsk? + +— Meine alte Mutter.“ + +Der Czaar unterbrach einen Augenblick die Reihe seiner Anfragen. Dann fuhr +er fort, indem er dem Courier den Brief zeigte, den er in der Hand hielt: + +„Hier ist ein Brief, den ich Dich, Michael Strogoff, beauftrage, dem +Großfürsten eigenhändig, keinem, keinem Anderen! – zu überliefern. + +— Ich werde ihn besorgen, Sire. + +— Der Großfürst befindet sich in Irkutsk. + +— Ich werde nach Irkutsk gehen. + +— Es handelt sich hier aber darum, ein von Rebellen unsicher gemachtes, +von den Tartaren überfallenes Land zu durchreisen, in welchem jene +Meuterer ein Interesse haben könnten, diesen Brief aufzufangen. + +— Ich werde hindurch kommen. + +— Und wirst Dich vor Allem vor einem Verräther, Iwan Ogareff, zu hüten +haben, dem Du auf dem Wege vielleicht begegnen könntest. + +— Ich werde ihm auszuweichen wissen. + +— Kommst Du über Omsk? + +— Mein Weg führt mich dahin. + +— Wenn Du Deine Mutter sehen wolltest, würdest Du Gefahr laufen, erkannt +zu werden. Du darfst Deine Mutter nicht besuchen!“ + +Michael Strogoff zögerte einen Augenblick mit seiner Antwort. + +„Ich werde sie nicht sehen, sagte er. + +— Schwöre mir, daß nichts Dich vermögen wird, Dir zu entlocken, wer Du +bist und wohin Du gehst. + +— Ich schwöre es. + +— Michael Strogoff, fuhr der Czaar fort, indem er dem jungen Courier das +Schreiben einhändigte, so nimm diesen Brief, von dem das Heil Sibiriens +und vielleicht das Leben meines Bruders, des Großfürsten, abhängt. + +— Dieser Brief wird in die Hand Sr. Hoheit des Großfürsten gelangen. + +— Du wirst also auf jeden Fall durchzudringen suchen? + +— Ich dringe hindurch überall, bis man mich tödtet. + +— Ich bedarf aber Deines Lebens. + +— Ich werde auch lebend durch Sibirien kommen“, antwortete Michael +Strogoff. + +Der Czaar schien mit der einfachen und ruhigen Sicherheit der Antworten +Michael Strogoff’s wohl zufrieden. + +„So geh’ also, Michael Strogoff, sagte er, geh’ mit Gott für Rußland, für +meinen Bruder und für mich!“ + +Michael Strogoff grüßte militärisch, verließ sofort das Cabinet des +Kaisers und wenige Minuten später das Neue Palais. + +„Ich glaube, Du hast eine glückliche Hand gehabt, General, sagte der +Czaar. + +— Ich glaube es, Sire, antwortete General Kissoff, und Ew. Majestät können +versichert sein, daß Michael Strogoff alles thun wird, was ein Mann zu +leisten vermag. + +— In der That, das schien ein ganzer Mann zu sein!“ bemerkte der Czaar. + + + + + Viertes Capitel. + + + Von Moskau nach Nishny-Nowgorod. + + +Die Entfernung, welche Michael Strogoff von Moskau nach Irkutsk +zurückzulegen hatte, betrug 5200 Werst (= 5523 Kilom.). Als noch kein +Telegraphendraht den Zwischenraum zwischen den Bergen des Ural und der +Ostküste Sibiriens überspannte, wurde der Depeschendienst durch Couriere +versehen, deren schnellster mindestens achtzehn Tage bedurfte, um sich von +Moskau nach Irkutsk zu begeben. Das war aber nur eine Ausnahme und dauerte +die Reise durch das asiatische Rußland gewöhnlich vier bis fünf Wochen, +obwohl alle Beförderungsmittel den Abgesandten des Czaaren zur Verfügung +gestellt wurden. + +Als ein Mann, der weder Frost noch Schnee fürchtete, hätte es Michael +Strogoff vorgezogen, während der rauhen Winterszeit zu reisen, welche es +erlaubt, die ganze Strecke zu Schlitten zurückzulegen. Dann sind alle +Schwierigkeiten, mit denen man sonst des Fortkommens wegen zu kämpfen hat, +bei der Nivellirung der endlosen Steppen durch den Schnee, merklich +vermindert. Kein Wasserlauf tritt hindernd in den Weg. Ueberall die glatte +Eisfläche, auf welcher der Schlitten leicht und schnell dahin gleitet. +Zwar sind zu dieser Zeit gelegentlich wohl verschiedene Naturerscheinungen +zu fürchten, wie andauernde, dicke Nebel, sehr strenge Kälte, lange +andauerndes, furchtbares Schneetreiben, dessen Wirbel manchmal ganze +Karawanen verwehen und begraben. Es kommt wohl auch vor, daß von Hunger +gequälte Wölfe die Ebenen zu Tausenden bedecken. Doch immer wäre es noch +besser gewesen, sich diesen Gefahren auszusetzen, denn bei solch’ hartem +Winter mußten die tartarischen Eindringlinge sich vorzugsweise in den +Städten aufhalten, ihre Marodeure hätten die Steppen nicht unsicher +gemacht, jede Truppenbewegung wäre unausführbar gewesen und Michael +Strogoff leichter hindurch gekommen. Indeß er konnte weder Zeit noch +Stunde selbst wählen. Wie auch die Umstände lagen, er mußte sie hinnehmen +und abreisen. + +Derart war also die Lage, welche Michael Strogoff klar überschaute, und er +richtete sich darauf ein, sich mit ihr abzufinden. + +Dazu kamen ihm nicht die gewöhnlichen Verhältnisse eines Couriers des +Czaaren zu Statten. Im Gegentheil durfte Niemand während seiner Fahrt +diese Eigenschaft vermuthen. In einem von Feinden überschwemmten Lande +wimmelt es auch von Spionen. Ward er erkannt, so war auch seine Mission +compromittirt. Auch als General Kissoff ihm eine bedeutende Summe +einhändigte, welche zur Reise hinreichen und dieselbe nach Möglichkeit +erleichtern mußte, gab er ihm keinerlei schriftliche Ordre mit der +Bezeichnung: „Specialdienst des Kaisers“, das Sesam, dessen Kräfte nie +versagen. Er begnügte sich, ihm nur einen „Podaroshna“ auszustellen. + +Dieser Podaroshna lautete auf den Namen eines Kaufmanns, Nicolaus +Korpanoff, wohnhaft in Irkutsk. Er berechtigte denselben, sich gegebenen +Falles von einer oder mehreren Personen begleiten zu lassen, und daneben +enthielt er die ausdrückliche Bemerkung, daß er selbst dann giltig sei, +wenn das Gouvernement von Moskau auch jedem Anderen den Austritt aus +Rußland verbieten sollte. + +Der Podaroshna war nichts Anderes, als ein Erlaubnißschein, Postpferde zu +requiriren; Michael Strogoff aber sollte davon nur Gebrauch machen in dem +Falle, wenn dieser Schein keinen Verdacht bezüglich seiner Eigenschaft +hervorrufen konnte, d. h. so lange er sich auf europäischem Boden befand. +Hieraus folgte, daß er in Sibirien, wenn er die aufständischen Provinzen +durchreiste, sich nicht als Gebieter den Postrelais gegenüber benehmen, +noch sich vor Anderen Pferde verschaffen, noch endlich Transportmittel für +seine eigene Person requiriren konnte. Michael Strogoff durfte das nicht +vergessen; er war nicht mehr ein Courier, sondern ein einfacher Kaufmann, +Nicolaus Korpanoff, der sich von Moskau nach Irkutsk begab, und als +solcher allen Zufälligkeiten einer gewöhnlichen Reise unterworfen. + +Unbemerkt hindurch zu kommen – ob mehr oder weniger schnell, – aber +jedenfalls hindurch zu kommen, darin lag seine Aufgabe. + +Vor dreißig Jahren bestand die Escorte eines Reisenden von Stand aus nicht +weniger als zweihundert berittenen Kosaken, zweihundert Mann Fußvolk, +fünfundzwanzig Baskiren zu Pferde, dreihundert Kameelen, vierhundert +Pferden, fünfundzwanzig Wagen, zwei tragbaren Booten und zwei Stück +Kanonen. Das war das nöthige Material bei einer Reise durch Sibirien. + +Michael Strogoff freilich sollte weder Reiter, noch Fußsoldaten oder +Saumthiere haben. Er reiste zu Wagen, zu Pferde, wenn das möglich war; zu +Fuß, wenn es nicht anders anging. + +Die ersten 1400 Werst (= 1493 Kilom.), die Strecke zwischen Moskau und der +Grenze Rußlands, konnten keine besonderen Schwierigkeiten bieten. +Eisenbahnen, Postwagen, Pferde zum Wechseln an verschiedenen Stationen, +Dampfschiffe – standen hier Jedermann zur Verfügung und waren folglich +auch dem Courier des Czaaren zur Hand. + +Am Morgen des 16. Juli begab sich Michael Strogoff ohne jede Uniform, aber +mit einem Reisesack, den er auf dem Rücken trug, bekleidet mit einem +gewöhnlichen russischen Anzug, einem an der Taille geschlossenen Oberrock, +dem herkömmlichen Mujik (Gürtel), weiten Beinkleidern und an den Knöcheln +anschließenden Stiefeln, nach dem Bahnhofe, um den nächsten Zug zu +benutzen. Er führte, wenigstens dem Anscheine nach, keine Waffen bei sich, +unter dem Gürtel aber stak ein Revolver und in seiner Tasche einer jener +langen Dolche, welche das Mittel zwischen dem Messer und dem Yatagan +bilden und mit dem ein sibirischer Jäger einen Bären sauber auszuweiden im +Stande ist, ohne dessen kostbares Fell zu beschädigen. + +Auf dem Bahnhofe in Moskau war ein ansehnliches Menschengedränge. Die +Perrons der russischen Eisenbahnen bilden häufig gewissermaßen +Versammlungsörter ebensowohl für Diejenigen, welche abreisen, als für +Solche, welche der Abfahrt nur zusehen. Dort ist fast eine kleine Börse +für Neuigkeiten. + +Der Zug, den Michael Strogoff benutzte, sollte ihn nach Nishny-Nowgorod +führen. Dort war jener Zeit das Ende des Schienenweges, der Moskau mit St. +Petersburg verbindet und bis zur Grenze Rußlands fortgeführt werden soll. +Die Strecke bis dahin maß etwa 400 Werst (= 426 Kilom.), welche der Zug in +ungefähr zehn Stunden zurücklegen mußte. In Nishny-Nowgorod angelangt, +wollte Michael Strogoff je nach den Umständen entweder zu Lande weiter +reisen oder die Wolgadampfboote benutzen, um die Berge des Ural so schnell +als möglich zu erreichen. + +Michael Strogoff machte es sich in seiner Ecke so bequem, wie ein braver +Bürger, den seine Geschäfte nicht übermäßig beunruhigen und der sich die +Zeit durch Schlafen zu vertreiben sucht. + +Da er in dem Coupé aber nicht allein war, schlief er auch nur mit einem +Auge, hörte aber dabei mit beiden Ohren. + +Der Aufstand der Kirghisenhorden und der Einfall der Tartaren machte doch +schon einigermaßen von sich reden. Die Leute, mit denen der Zufall ihn +zusammenwürfelte, plauderten ebenfalls davon, doch immer noch mit einer +gewissen Zurückhaltung. + +Diese Reisenden waren ebenso, wie die meisten Insassen des Zuges, +Kaufleute, die sich zur großen Messe nach Nishny-Nowgorod begaben, eine +erklärlicher Weise sehr gemischte Gesellschaft, welche aus Juden, Türken, +Kosaken, Russen, Georgiern, Kalmücken und Anderen bestand, die sich +indessen Alle der Nationalsprache bedienten. + +Man besprach das Für und Wider der ernsthaften Ereignisse, welche sich +eben jenseit des Ural abspielten; auch schienen diese Kaufleute zu +fürchten, daß die russische Regierung sich veranlaßt sehen könnte, einige +beschränkende Maßregeln, mindestens in den Nachbarprovinzen der +asiatischen Grenze, zu ergreifen, – Maßregeln, unter denen der Handel ohne +Zweifel leiden mußte. + +Diese unverbesserlichen Egoisten betrachteten den Krieg, d. h. die +Unterdrückung der Rebellion und die Abwehr jenes Einfalls, nur von dem +einen Standpunkte ihrer bedrohten Interessen. Die Anwesenheit eines +einfachen Soldaten in Uniform – man weiß ja, wie groß der Einfluß der +Uniform gerade in Rußland ist, – hätte gewiß hingereicht, die Zungen +dieser Handelsleute zu zügeln. In dem von Michael Strogoff benutzten Coupé +ließ nichts die Gegenwart einer Militärperson vermuthen, und der Courier +des Czaaren, der sein Incognito bewahren mußte, hütete sich wohl, seinen +wahren Charakter zu verrathen. + +Er horchte gespannt. + +„Man spricht von einer Preissteigerung des Karawanenthees, sagte ein +Perser, den man an seiner mit Astrachan besetzten Mütze und dem +abgetragenen braunen und weitfaltigen Rocke erkannte. + +— O, der Thee hat auch keine Baisse zu fürchten, erwiderte ein alter Jude +mit verschmitzten Zügen. Was davon in Nishny-Nowgorod am Markte ist, wird +nach Westen hin willigen Absatz finden; leider steht es mit den Teppichen +aus Bukhara aber anders. + +— Wie? Sie erwarten eine Sendung aus Bukhara? fragte ihn der Perser. + +— Das zwar nicht, wohl aber aus Samarkand, und Waarensendungen von dorther +sind eher noch mehr gefährdet. Verlassen Sie sich einmal auf Zufuhren aus +einem Lande, das durch die Khans von Khiva bis zur chinesischen Grenze in +helle Empörung gebracht ist. + +— Gut! meinte der Perser, wenn die Teppiche nicht ankommen, so ist das von +den Verräthern noch weniger zu erwarten, denke ich. + +— Und der Profit? heiliger Gott Israels, rief der Jude, rechnen Sie den +für nichts? + +— Sie haben Recht, mischte sich ein anderer Reisender in das Gespräch, +asiatische Artikel werden am Platze empfindlich fehlen; die Teppiche aus +Samarkand ebenso, wie die Wollenwaaren, die Seifen, Oele und die Shawls +aus dem Morgenlande. + +— Ei, nehmen Sie sich in Acht, Väterchen, antwortete ein russischer +Reisender mit spöttelnder Miene, Sie werden sich furchtbare Fettflecke in +ihre Shawls bringen, wenn Sie sie mit den Seifen und Oelen zusammenpacken! + +— Das kommt Ihnen wohl sehr komisch vor! versetzte etwas spitzig der +Kaufmann, der solche Scherze nicht besonders liebte. + +— Nun, und wenn man sich die Haare ausraufen und Asche auf’s Haupt streuen +wollte, fuhr jener Reisende fort, würde das den Lauf der Dinge ändern? +Nein! Um keinen Deut mehr als den Transport der Meßgüter. + +— Man erkennt es, daß Sie kein Kaufmann sind, bemerkte der kleine Jude. + +— Meiner Treu, nein, würdiger Nachkomme Abraham’s! Ich verkaufe weder +Hopfen noch Theer, Honig oder Wachs, weder Hanfsamen noch Pökelfleisch, +Caviar, Holz, Wolle, Bänder, nicht Hanf oder Leinen, keine Maroquins oder +Pelzwaaren!... + +— Aber kaufen Sie vielleicht davon? fragte der Perser, den Redestrom des +Reisenden unterbrechend. + +— So wenig als möglich und nur für meinen Privatbedarf, antwortete jener +mit den Augen zwinkernd. + +— Das ist ein Spaßvogel, raunte der Jude dem Perser zu. + +— Oder ein Spion! erwiderte dieser mit gedämpfter Stimme. Hüten wir uns +und sprechen nicht mehr als nöthig. Die Polizei ist bei jetzigen Zeiten +nicht sehr zart, und man weiß nie, mit wem man zusammen sitzt.“ + +In einer andern Ecke der Wagenabtheilung sprach man etwas weniger über +Handelsgeschäfte, aber etwas mehr von dem Einfalle der Tartaren und dessen +möglichen Folgen. + +„Man wird in Sibirien die Pferde requiriren, äußerte sich ein Reisender, +und die Communicationen zwischen den verschiedenen Provinzen Centralasiens +werden sehr erschwert sein! + +— Bestätigt es sich, fragte sein Nachbar, daß die Kirghisen der Mittleren +Horde mit den Tartaren gemeinschaftliche Sache gemacht haben? + +— Man sagt es, antwortete der Reisende halblaut, wer kann sich aber in +diesem Lande rühmen, etwas Bestimmtes zu wissen! + +— Ich hörte schon von Truppenzusammenziehungen an der Grenze sprechen. Die +Donischen Kosaken sollen bereits längs der Wolga versammelt sein und man +will sie den aufrührerischen Kirghisen entgegen werfen. + +— Wenn die Kirghisen dem Ufer des Irtysch gefolgt sind, wird auch die +Straße nach Irkutsk unsicher sein, bemerkte der Nachbar. Uebrigens wollte +ich gestern ein Telegramm nach Krasnojarsk senden, das hat aber nicht bis +dahin gelangen können. Es steht zu befürchten, daß die Tartarenhaufen +binnen Kurzem das ganze östliche Sibirien isolirt haben werden! + +— In Summa, Väterchen, sprach sich der erste Frager aus, diese +Handelsleute da haben alle Ursache, wegen ihrer Geschäftsabwickelung +besorgt zu sein. Nach Requisition der Pferde werden die Schiffe an die +Reihe kommen, dann die Wagen und überhaupt alle Transportmittel, bis es +endlich nicht mehr erlaubt sein wird, im ganzen Reiche einen Fuß zu +bewegen. + +— Ich fürchte sehr, in Nishny-Nowgorod werde die Messe nicht so brillant +enden, wie sie begonnen hat, antwortete der Zweite kopfschüttelnd. Aber +die Sicherheit und Integrität des russischen Gebietes geht über Alles! +Geschäfte sind eben doch nur Geschäfte!“ + +Wenn in diesem Coupé der Gegenstand der Unterhaltung nicht sehr wechselte, +so war das auch nicht mehr der Fall in den anderen Wagen des Zuges; ein +strenger Beobachter würde aber in allen Reden der Reisenden unschwer eine +ungemeine Zurückhaltung entdeckt haben. Wagten diese sich einmal auf das +Gebiet der Thatsachen, so gingen sie niemals so weit, weder die Absichten +der moskowitischen Regierung vorauszusehen, noch deren Maßnahmen zu +kritisiren. + +Dieselbe Beobachtung machte auch ein Reisender in einem der vorderen Wagen +des Zuges. Dieser – offenbar ein Ausländer, – hatte seine Augen überall +und warf zwanzigerlei Fragen auf, welche nur ausweichende Beantwortung +fanden. Fortwährend betrachtete er dabei auch durch das Wagenfenster, +dessen Scheibe er stets zum großen Unbehagen seiner Reisegefährten +niedergelassen hielt, die Gegend bis zum fernen Horizont. Er erkundigte +sich nach den Namen der unbedeutendsten Ortschaften, ihrer Lage, ihren +Handelsbeziehungen und Gewerbsverhältnissen, nach den Einwohnerzahlen, der +mittleren Sterblichkeit beider Geschlechter u. s. w., und Alles, was er +erfahren konnte, schrieb er in ein mit Bemerkungen überladenes Notizbuch. + +Unsere Leser erkannten in ihm wohl schon den Correspondenten Alcide +Jolivet, der so viele Fragen in der Hoffnung stellte, unter den Antworten +doch dann und wann etwas Interessantes „für seine Cousine“ zu erhaschen. +Natürlich sah man ihn deshalb für einen Spion an und sprach vor ihm keine +Sylbe bezüglich der Tagesereignisse. + +Als er sich überzeugt, daß er über den Tartareneinfall hier nichts zu +erfahren vermöge, schrieb er in das Notizbuch: „Die Reisenden absolut +discret. Schießen über Politik nur sehr schwer los.“ + +Während aber Alcide Jolivet seine Reiseeindrücke mit peinlicher +Gewissenhaftigkeit schriftlich fixirte, lag sein College, der in demselben +Zuge saß und in derselben Absicht reiste, in einem andern Coupé ganz der +nämlichen Beschäftigung ob. Beide waren sich am Morgen im Bahnhofe zu +Moskau nicht begegnet, und Keiner wußte von des Andern Aufbruche nach dem +voraussichtlichen Kriegsschauplatze, um den Ereignissen näher zu stehen. + +Dabei hatte nur der allzeit schweigsame Harry Blount bei seinen +Reisegefährten nicht denselben Verdacht erweckt, wie Alcide Jolivet. Ihn +hatte man nicht für einen Spion gehalten, und seine Nachbarn plauderten +vor ihm ohne jede Zurückhaltung, wobei sie sich sogar weiter gehen ließen, +als man es von ihrer anerzogenen Zaghaftigkeit erwartet hätte. Der +Correspondent des Daily-Telegraph konnte also beobachten, wie sehr die +Ereignisse des Tages alle nach Nishny-Nowgorod ziehenden Kaufleute +berührten und wie stark der Handel mit Central-Asien dadurch bedroht sei. + +Er zögerte also nicht, seinem Notizbuch die ganz gerechtfertigte Bemerkung +einzuverleiben: + +„Die Reisenden sehr beunruhigt. Der Krieg steht in Aussicht und man +behandelt dieses Thema mit einer Freimüthigkeit, welche zwischen Weichsel +und Wolga erstaunlich zu nennen ist.“ + +Die Leser des Daily-Telegraph mußten demnach ebenso gut unterrichtet +werden, wie „die Cousine“ Alcide Jolivet’s. + +Weiter, da Harry Blount an der linken Seite des Zuges saß, hatte er nur +den einen Theil der hier ziemlich hügeligen Landschaft überblicken können, +ohne daß er es der Mühe werth erachtete, sein Auge einmal nach der rechten +Seite, welche vollkommen eben war, zu wenden, und somit fügte er seiner +Notiz kurz und bündig hinzu: + +„Zwischen Moskau und Wladimir Bergland.“ + +Inzwischen lag es auf der Hand, daß die russische Regierung angesichts der +ernsten Verwickelungen selbst im Innern des Reiches einige strenge +Maßregeln nehmen werde. Die Empörung griff zwar noch nicht über die Grenze +Sibiriens hinüber, doch in den dem Lande der Kirghisen so nahe liegenden +Wolgaprovinzen durfte man sich leicht eines übeln Einflusses jener +Ereignisse versehen. + +Noch hatte die Polizei Iwan Ogareff’s Spuren nicht wieder zu finden +vermocht. Ob dieser Verräther, der die Fremden aufhetzte, um seine +persönliche Rache zu befriedigen, sich wieder mit Feofar-Khan verbunden +habe, oder im Gouvernement Nishny-Nowgorod heimlich die Empörung schüre, +wo sich zu dieser Jahreszeit eine aus so bunten Elementen zusammen +gewürfelte Bevölkerung tummelte, – kein Mensch wußte es. + +Hatte er vielleicht unter diesen bei der Messe so zahlreich vertretenen +Persern, Armeniern und Kalmücken Vertraute, welche die Bewegung im Innern +des Reiches in Fluß bringen sollten? Alle diese Hypothesen waren, +vorzüglich in einem Lande wie das Reich des Herrschers aller Reußen, nicht +zurück zu weisen. + +In der That kann dieses ungeheure Ländergebiet von zwölf Millionen +Quadratkilometern die Homogenität der westlichen Staaten Europas überhaupt +nicht besitzen. Zwischen den verschiedenen Völkerschaften desselben +herrschen mehr tiefere Unterschiede, als oberflächliche Nuancen. In +Europa, Asien und Amerika (unsere Erzählung spielt in der Zeit, da das +russische Amerika noch nicht an die Vereinigten Staaten abgetreten war) +erstreckt sich sein Gebiet vom 35. Grade östl. Länge (von Ferro) bis zum +110. Grade westlicher Länge und vom 38. bis zum 81. Grade nördl. Breite. +Es zählt nicht weniger als siebenzig Millionen Einwohner, welche dreißig +verschiedene Sprachen sprechen. Die herrschende Race ist zwar die der +Slaven, aber außer den eigentlichen Russen zählen zu dieser auch die +Polen, Litthauer und die Kurländer. Rechne man zu diesen noch die Finnen, +Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken, Permiaken, die Deutschen, +die Griechen, Tartaren, die kaukasischen Stämme, die Mongolenhorden, +Kalmücken, Samojeden, Kamtschadalen und Alëuten, so sieht man leicht ein, +wie schwierig es sein muß, die Einheit eines so ungeheuren Reiches +aufrecht zu erhalten, und daß diese dereinst nur von der Zeit und der +Weisheit der Regierung wirklich geschaffen werden kann. + +Wie dem auch sei, jedenfalls hatte Iwan Ogareff sich bisher allen +Nachforschungen zu entziehen gewußt. Auf jeder Station aber, wo der Zug +anhielt, erschienen Inspectoren, welche die Reisenden musterten und Alle +scharf in’s Auge faßten, denn sie hatten auf Befehl des Großmeisters der +Polizei nach Iwan Ogareff zu fahnden. Die Regierung glaubte zu wissen, daß +dieser Verräther das europäische Rußland noch nicht habe verlassen können. +Erschien ein Reisender verdächtig, so mußte er sich im Polizeibureau +ausweisen, während der Zug weiter sauste, ohne sich um solche +unfreiwillige Nachzügler zu bekümmern. + +Es ist völlig nutzlos, mit der russischen Polizei bei ihrer bekannten +Rücksichtslosigkeit verhandeln zu wollen. Ihre Beamten stehen in +militärischem Range und handeln als Soldaten. Hierin liegt das Mittel, +womit ein Souverän sich unbedingten Gehorsam erzwingt, der das Recht hat, +an die Spitze seiner Ukase zu setzen: „Wir, von Gottes Gnaden Kaiser und +Selbstherrscher aller Reußen, von Moskau, Kiew, Wladimir und Nowgorod, +Czaar von Kasan, Astrachan, Polen, Sibirien und des Taurischen Chersones, +Fürst von Skof, Großherzog von Smolensk, Litthauen, Wolhinien, Podolien +und Finnland, Herzog von Esthland, Liefland, Kurland und Samland, von +Bialystock, Karelien, Jugrien, Perm, Viatka, Bulgarien und von anderen +Ländern, Herrscher und Großfürst der Territorien von Nishny-Nowgorod, +Tschernikow, Riatsan, Polotzk, Restow, Jeroslaw, Bielozersk, Udorien, +Obdorien, Kondinien, Witepsk und Mtislaw, Machthaber über die +hyperboräischen Lande, Herr der Lande von Iberien, der Kartalinie, +Gruzinien, Kabardinien, Armenien, Erbherr und Souverän der +Tscherkessenfürsten der Berge und der Ebenen, Erbe von Norwegen, +Schleswig-Holstein, Stormarn, Dithmarschen und Oldenburg.“ In der That ein +mächtiger Herrscher, dessen Wappen, ein zweiköpfiger Adler mit Scepter und +Erdkugel in den Klauen, umgeben ist von den Wappenschildern von Nowgorod, +Wladimir, Kiew, Kasan, Astrachan und Sibirien, und umrahmt von dem großen +Bande des St. Andreasordens, über dem eine Kaiserkrone schwebt! – + +Michael Strogoff entging auf Grund seiner Papiere allen polizeilichen +Scheerereien. + +Auf der Station Wladimir verweilte der Zug einige Minuten, die dem +Reporter des Daily-Telegraph hinreichend erschienen, eine umfassende +Skizze dieser alten Hauptstadt Rußlands zu entwerfen. + +Im Bahnhofe zu Wladimir kamen neue Passagiere. Unter Anderen erschien auch +ein junges Mädchen an der Thür von Michael Strogoff’s Coupé. + +Vor dem Couriere des Czaaren war noch ein Platz leer. Das junge Mädchen +nahm diesen ein, nachdem sie eine bescheidene, rothlederne Reisetasche, +scheinbar ihr ganzes Gepäck, neben sich gestellt hatte. Dann setzte sie +sich mit niedergeschlagenen Augen und ohne ihren zufälligen Reisegefährten +auch nur einmal angesehen zu haben, für eine mehrstündige Fahrt zurecht. + +Michael Strogoff konnte sich nicht enthalten, seine neue Nachbarin +theilnehmend zu betrachten. Da sie einen Rücksitz einnahm, bot er ihr +seinen Platz an, wenn sie diesen vorzöge, aber sie lehnte das mit einer +leichten Verbeugung dankend ab. + +Das junge Mädchen mochte sechzehn bis siebenzehn Jahre zählen. Ihr +wirklich hübscher Kopf verrieth den rein slavischen Typus, – einen etwas +strengen Typus, nach welchem sie einst mehr schön als hübsch werden mußte, +wenn einige Jahre die Züge ihres Gesichtes weiter befestigt haben würden. +Aus einer Art Fanchon quoll ihr eine Fülle goldblonden Haares. Ihre +braunen Augen erstrahlten von einem ungemein sanften Blicke. Die gerade +Nase verband mit beweglichen Flügeln ihre etwas schmalen und blassen +Wangen. Ihr sehr fein geschnittener Mund schien seit längerer Zeit alles +Lächeln verlernt zu haben. + +Die junge Reisende war, so weit man das vor dem faltigen Pelze, den sie +trug, erkennen konnte, groß und schlank. Obwohl sie noch im vollen Sinne +des Wortes als „ein sehr junges, unschuldiges Kind“ erschien, so war doch +ihre Stirn gut entwickelt und die bestimmte Form der unteren Partien des +Gesichtes ließ auf eine ungewöhnliche Energie schließen, – Einzelheiten, +welche Michael Strogoff nicht entgingen. Offenbar hatte das junge Mädchen +früher schon manches gelitten und auch die Zukunft schien ihr nicht in +rosigem Lichte zu winken; aber ebenso sicher hatte sie gegen die +Widerwärtigkeiten des Lebens sowohl anzukämpfen gewußt, als sie die +Entschlossenheit besaß, es auch in Zukunft zu thun. Ihre Willenskraft +schien ebenso lebhaft als ausdauernd zu sein, ihre Ruhe unerschütterlich, +vielleicht selbst unter Umständen, welche einen Mann in Verlegenheit +gebracht hätten. + +Diesen Eindruck erweckte das junge Mädchen auf den ersten Blick. Michael +Strogoff, selbst ein energischer Charakter, mußte sich von einer solchen +Erscheinung getroffen fühlen und beobachtete, bei aller Vorsicht, sie +dadurch nicht zu belästigen, seine Nachbarin doch mit einer gewissen +Aufmerksamkeit. + +Die Kleidung der jungen Reisenden zeichnete sich durch die größte +Einfachheit und Sauberkeit aus. Von reichem Herkommen konnte sie offenbar +nicht sein; aber man hätte vergeblich nach einer Spur von Nachlässigkeit +an ihr gesucht. Ihr ganzes Gepäck barg jene rothe Tasche, die sie aus +Mangel an Platz auf den Knieen hielt. + +Sie trug einen langen, ärmellosen Pelz von dunkelbrauner Farbe, der sich +mit einem blauen Saume anmuthig um ihren Hals schloß. Unter demselben +bedeckte eine ebenfalls dunkelfarbige Tunica das bis zum Fußgelenk +reichende Kleid, dessen unterer Saum wiederum mit wenig auffälliger +Stickerei geziert war. Lederne Halbstiefel mit starken Sohlen, so als +wären sie für eine lange Reise bestimmt, schützten die kleinen Füßchen. + +Michael Strogoff glaubte an manchen Details dieses Costüms die Tracht der +Liefländerinnen zu erkennen und setzte also voraus, daß seine Nachbarin in +den baltischen Provinzen zu Hause sei. + +Doch wohin ging dieses Kind, allein, in diesem Alter ohne Unterstützung +des Vaters oder der Mutter, ohne den Schutz eines Bruders? Kam sie +wirklich schon nach Zurücklegung einer längeren Reise aus den westlichen +Provinzen des Reiches? Begab sie sich nur nach Nishny-Nowgorod oder lag +ihr Ziel noch über den östlichen Grenzen? Erwartete sie ein Anverwandter, +ein Freund bei Ankunft des Zuges? War es nicht vielmehr wahrscheinlich, +daß sie sich nach Verlassen des Waggons in der Stadt ebenso vereinsamt +befinden werde, wie in diesem Coupé, wo sich, ihrer Ansicht nach, keine +Seele um sie kümmerte? + +Das Auftreten, welches man sich in der Vereinsamung anzugewöhnen pflegt, +zeigte sich zu deutlich in dem Wesen der jungen Reisenden. Die Art und +Weise, wie sie in das Coupé einstieg und sich für die Fahrt einrichtete, +das Vermeiden jeder Belästigung Anderer, welches an eine gewisse +Schüchternheit grenzte, Alles zeigte ihre Gewohnheit, allein zu sein und +nur auf sich selbst zu rechnen. + +Michael Strogoff beobachtete sie mit zurückhaltendem Interesse und suchte +nicht einmal ein Gespräch anzuknüpfen, wiewohl die Fahrt bis +Nishny-Nowgorod noch mehrere Stunden dauerte. + +Nur einmal, als der Nachbar des jungen Mädchens, – jener Kaufmann, welcher +so unvorsichtig Oele und Shawls durch einander warf, – im Einschlafen +seine Nachbarin mit dem großen, auf den Schultern hin und her taumelnden +Kopfe zu belästigen drohte, weckte er diesen etwas barsch auf und gab ihm +zu verstehen, daß er gerade sitzen und sich etwas rücksichtsvoller +betragen solle. + +Der Kaufmann, von etwas grobem Schrot und Korn, knurrte einige Worte „von +Leuten, die sich in Sachen mischen, welche ihnen nichts angehen“; Michael +Strogoff warf ihm aber einen so viel versprechenden Blick zu, daß der +Schlaftrunkene sich nach der andern Seite neigte und die junge Reisende +von seiner unliebsamen Nachbarschaft befreite. + +Diese richtete das Auge einen Moment auf den jungen Mann mit einem Blicke, +der ihm einen stummen, bescheidenen Dank ausdrückte. + +Es sollte aber noch ein Umstand eintreten, der Michael Strogoff den +Charakter des jungen Mädchens noch klarer erkennen ließ. + +Etwa zwölf Werst vor Nishny-Nowgorod erhielt der Zug bei einer sehr kurzen +Curve des Geleises einen sehr heftigen Stoß. Dann lief er noch eine Minute +neben der Böschung eines Dammes hin. + +Ein tüchtiges Schütteln der Passagiere, Geschrei, Verwirrung, allgemeine +Unordnung in den Waggons bezeichneten die ersten Folgen des Unfalls. Man +konnte wohl noch ein schweres Unglück befürchten. Noch bevor der Zug zum +Stehen kam, sprangen schon die Waggonthüren auf, die entsetzten Reisenden +suchten ihr Heil in der Flucht und stürzten aus den Coupés. + +Michael Strogoff dachte zunächst an seine Nachbarin; doch während die +übrigen Insassen sich schreiend und stoßend hinaus drängten, hielt das +junge Mädchen, deren Gesicht kaum etwas blässer geworden war, ruhig auf +ihrem Platze aus. + +Sie wartete. Michael Strogoff ebenfalls. + +Sie hatte gar keinen Versuch gemacht, den Waggon zu verlassen. Kein Laut +kam über ihre Lippen. + +Beide blieben ganz ruhig. + +„Eine energische Natur!“ dachte Michael Strogoff. + +Inzwischen war jede Gefahr vorüber. Ein Radreifensprung am Gepäckwagen +hatte erst den Stoß und dann das Anhalten des Zuges veranlaßt, doch hätte +nicht viel gefehlt, daß er in Folge einer Entgleisung von dem hohen Damme +in die Tiefe gestürzt wäre. Es entstand eine Stunde Aufenthalt. Endlich, +nach Freilegung der Fahrbahn, setzte der Train seinen Weg fort und +gelangte um halb neun Uhr Abends nach Nishny-Nowgorod. + +Bevor Jemand die Waggons verlassen durfte, erschienen wieder die +unvermeidlichen Polizisten und inquirirten die Reisenden. + +Michael Strogoff wies seinen auf den Namen Nicolaus Korpanoff lautenden +Podaroshna vor, der ihn genügend legitimirte. + +Auch die andern Insassen des Coupés, welche alle nur nach Nishny-Nowgorod +gingen, schienen zu ihrem Glücke unverdächtig. + +Das junge Mädchen für ihre Person brachte keinen eigentlichen Reisepaß +hervor, der ja im Innern Rußlands jetzt nicht mehr verlangt wird, sondern +einen Schein mit besonderem Siegel, welcher ganz specieller Art zu sein +schien. + +Der Beamte las ihn aufmerksam durch. Dann sagte er nach sorgfältiger +Musterung Derjenigen, deren Signalement der Schein enthielt: + +„Du bist aus Riga? + +— Ja, erwiderte das junge Mädchen. + +— Und willst nach Irkutsk? + +— Ja. + +— Auf welchem Wege? + +— Auf der Straße über Perm. + +— Gut, antwortete der Inspector. Vergiß in Nishny-Nowgorod nicht, Deinen +Schein durch das Polizei-Amt visiren zu lassen.“ + +Das junge Mädchen verneigte sich bejahend. + +Als er diese Fragen und Antworten hörte, empfand Michael Strogoff +gleichzeitig eine gewisse Bewunderung und ein ehrliches Mitleid. Wie! +Dieses Kind war auf der Reise nach dem entlegenen Sibirien, und noch dazu +jetzt, wo zu den gewöhnlichen Unzuträglichkeiten noch alle Gefahren eines +von Feinden überschwemmten, aufrührerischen Landes hinzutraten! Wie würde +sie ankommen? – was aus ihr werden?... + +Nach Schluß der Inspection wurden die Waggonthüren geöffnet, doch bevor +Michael Strogoff auch nur eine Bewegung gegen sie machen konnte, war die +junge Liefländerin bereits ausgestiegen und unter der Menge, welche die +Perrons bedeckte, verschwunden. + + + + + Fünftes Capitel. + + + Eine Verordnung mit zwei Artikeln. + + +Nishny-Nowgorod, Unter-Nowgorod, am Zusammenflusse der Wolga und Oka, ist +die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Hier mußte Michael +Strogoff den Schienenweg verlassen, der jener Zeit über die Stadt noch +nicht hinausreichte. Je weiter er vorwärts kam, desto langsamer und +gleichzeitig desto unsicherer wurden die Communicationsmittel. + +Nishny-Nowgorod, das gewöhnlich nur 30-35,000 Einwohner zählt, beherbergte +jetzt über 300,000 Seelen, d. h. die Kopfzahl hatte sich verzehnfacht. +Dieser Zuwachs rührte von der weltberühmten Messe her, welche in seinen +Mauern, eigentlich nur drei Wochen lang, abgehalten wurde. Früher erfreute +sich die Stadt Makariew dieses Zusammenflusses so vieler Fremden, seit dem +Jahre 1817 aber ward die große Messe hierher verlegt. + +Die sonst ziemlich düstere, einsame Stadt war jetzt der Schauplatz der +lebhaftesten Bewegung. Zehn verschiedene Racen europäischer und +asiatischer Kaufleute fraternisirten hier, so lange gegenseitige +Handelsgeschäfte im Spiel waren. + +Trotz der vorgeschrittenen Stunde, zu welcher Michael Strogoff den Bahnhof +verließ, regte sich doch in den beiden durch das Bett der Wolga getrennten +Stadttheilen Nishny-Nowgorods noch ein ungeheures Leben. Von jenen Theilen +ist die obere, auf einem abschüssigen Felsen erbaute Stadt von einer jener +Festungsanlagen vertheidigt, die man in Rußland ganz allgemein „Kreml“ zu +nennen pflegt. + +Wäre Michael Strogoff genöthigt gewesen, sich in Nishny-Nowgorod längere +Zeit aufzuhalten, so hätte er wohl Mühe haben sollen, ein Hôtel oder doch +eine halbwegs passende Herberge zu finden, – Alles war überfüllt. Da er +indeß auch nicht unmittelbar weiter reisen, sondern nur den +nächstabgehenden Wolgadampfer benutzen konnte, so mußte er sich doch wohl +oder übel wenigstens ein Nachtlager suchen. Vorher trieb es ihn indeß, +sich über die Abfahrtszeit des Dampfbootes zu unterrichten; deshalb begab +er sich sofort nach den Bureaux der Gesellschaft, deren Schiffe den Dienst +zwischen Nishny-Nowgorod und Perm versehen. + +Dort erfuhr er zu seinem großen Mißvergnügen, daß der „Kaukasus“ – so hieß +das reisefertige Schiff – erst zu Mittag am nächsten Tage abgehen werde. +Siebenzehn Stunden Aufenthalt! Das war unangenehm für einen Mann, der es +eilig hatte, und doch mußte er sich darein finden. Er that es auch ruhig, +da er nicht unnöthig zu außergewöhnlichen Mitteln greifen wollte. + +Uebrigens hätte ihn unter den gegebenen Umständen auch kein Teleg oder +Tarantaß, keine Berline oder Postchaise und kein Reitpferd schneller nach +Perm oder Kasan befördert. Immer blieb es das Beste, die Abfahrt des +Steamers zu erwarten – jenes Beförderungsmittels, das ihn schneller als +jedes andere vorwärts schaffen und die hier verlorene Zeit reichlich +wieder einbringen mußte. + +Michael Strogoff schlenderte also durch die Stadt und suchte dabei ohne +Uebereilung ein Unterkommen, in dem er die Nacht zubringen könnte. Der +letztere Zweck lag ihm zwar gar nicht sonderlich am Herzen, und ohne das +Gefühl des Hungers, das sich ihm etwas aufdringlich fühlbar machte, hätte +er die Straßen Nishny-Nowgorods wohl auch die ganze Nacht über durchirrt. +Es gelüstete ihn also weit mehr nach einem tüchtigen Abendimbiß, als nach +einem Bette. Beides fand er noch unter dem Schilde der „Stadt +Konstantinopel“. + +Hier konnte ihm der Wirth noch ein mittelmäßiges Zimmerchen ablassen, das +zwar nur ein dürftiges Mobiliar enthielt, dem aber der gebräuchliche +Wandschmuck, ein Bild der Jungfrau Maria und mehrere Heiligenbilder in +Goldrahmen, nicht abging. Entenbraten mit einer Farce von säuerlichem +Fleisch und rahmartig dicker Sauce, Gerstenbrod, saure Milch, klarer +Zucker mit Zimmet, ein Krug „Kwaß“, d. i. eine in Rußland sehr verbreitete +Art Bier, wurde ihm bald aufgetragen, und er brauchte gar nicht so viel, +seinen Hunger zu stillen. Jedenfalls aß er sich aber satt, und das auch +besser, als sein Tischnachbar, ein orthodoxer „Altgläubiger“ von der Secte +der Raskolniks, der bei seinem Gelübde der Enthaltung gewisser Speisen die +Kartoffeln von sich wies und sich weislich hütete, seinen Thee zu +versüßen. + +Nach beendigter Mahlzeit nahm Michael Strogoff, statt sich nach seinem +Zimmer zu begeben, ganz maschinenmäßig die unterbrochene Promenade durch +die Stadt wieder auf. Trotz der noch andauernden langen Dämmerung +lichteten sich doch schon die Mengen, die Straßen wurden allmälig öder und +Jedermann suchte sein Lager. + +Warum Michael Strogoff sich nicht gemächlich in’s Bett begab, wie man es +nach einem auf der Eisenbahn hingebrachten Tage wohl erwarten sollte? +Dachte er vielleicht noch an die junge Liefländerin, seine Reisegenossin +während einiger flüchtiger Stunden? Ja! Da er nichts Besseres zu thun +wußte, dachte er wohl an diese. Kam ihm die Befürchtung an, daß sie in +dieser geräuschvollen Stadt leicht einem Insulte ausgesetzt sein könnte? – +Er fürchtete es, und gewiß mit Recht. Hoffte er etwa, ihr zu begegnen und +im Nothfall sich zu ihrem Beschützer aufzuwerfen? Nein. Eine Begegnung war +nur schwierig zu erwarten. Und was seinen Schutz betraf ... mit welchem +Rechte durfte er ihn anbieten? + +„Allein, sprach er so für sich hin, allein inmitten dieser Nomaden! Und +doch verschwinden die jetzigen Gefahren noch gegen die, welche die Zukunft +birgt. Sibirien! Irkutsk! Das, was ich für Rußland, für den Czaaren wagen +will, das unternimmt sie für ... Ja, für wen? Für was ... Sie hat einen +Paß zur Ueberschreitung der Grenze! Und das Land über derselben ist in +Empörung; Tartarenhorden jagen durch die Steppen!...“ + +Michael Strogoff blieb einen Augenblick, wie überlegend, stehen. + +„Unzweifelhaft, dachte er bei sich, faßte sie den Plan zu dieser Reise vor +dem Einfalle. Vielleicht weiß sie nicht einmal, was jetzt vorgeht. Doch +nein, die Kaufleute haben ja vor ihr von den Unruhen in Sibirien +gesprochen, und sie schien darüber nicht im Mindesten betroffen ... Sie +verlangte keine näheren Erklärungen ... Aber dann wußte sie davon auch +schon vorher ... und trotzdem brach sie auf? Das arme Kind! Der Grund +dieser gefahrvollen Reise muß ein sehr zwingender sein! Doch so +entschlossen sie auch sein mag – und sie ist es ganz gewiß, – die Kräfte +werden ihr unterwegs ausgehen, und sie wird, von etwaigen Gefahren und +Hindernissen ganz zu schweigen, die Anstrengungen einer solchen Reise gar +nicht zu ertragen im Stande sein!... O, sie wird niemals bis Irkutsk +gelangen!“ + +Michael Strogoff ging hierbei immer auf’s Gerathewohl weiter. Bei seiner +ausreichenden Localkenntniß konnte ihm die Wiederauffindung seiner +Herberge ja nicht schwer fallen. + +Nach einstündigem Umherwandeln setzte er sich von ungefähr auf eine Bank +an einer Art Holzhütte, die sich inmitten vieler anderer auf einem großen +Platze erhob. + +Etwa fünf Minuten mochten verstrichen sein, als sich eine Hand schwer auf +seine Schulter legte. + +„Was treibst Du hier? rief ihn die rauhe Stimme eines hochgewachsenen +Mannes an, dessen Annäherung ihm entgangen war. + +— Ich ruhe aus, erwiderte Michael Strogoff. + +— Hast wohl die Absicht, die ganze Nacht hier auf der Bank zu bleiben? +fragte der Mann. + +— Wenn mir das paßt, gewiß! versetzte Michael Strogoff in einem etwas +bestimmteren Tone, als er seinem Aeußern, d. h. einem einfachen Kaufmanne, +entsprach. + +— Tritt heran, daß ich Dich erkenne!“ + +Michael Strogoff, der sich noch rechtzeitig erinnerte, daß er auf keinen +Fall eine Unklugheit begehen dürfe, wich unwillkürlich aus. + +— „Mich hat Keiner nöthig zu erkennen“, erwiderte er. + +Ganz ruhig trat er etwa zehn Schritte von dem Anfragenden zurück. + +Bei genauerer Betrachtung überzeugte er sich, daß er es mit einer Art +Zigeuner zu thun hatte, wie man sie häufig bei allen Messen und Märkten +trifft, und deren Berührung nach keiner Seite hin angenehm ist. Weiter +erkannte er auch noch trotz der zunehmenden Dunkelheit einen geräumigen +Wagen, die gewöhnliche Wohnung dieser Zigeuner oder Tsiganen, die sich in +Rußland überall in Massen umhertreiben, wo einige Kopeken zu erhaschen +sind. + +Der Zigeuner war inzwischen einige Schritte vorgetreten und schickte sich +eben an, Michael Strogoff weiter auszufragen, als sich die Thür der Bude +öffnete. Ein Weib, welches kaum zu sehen war, trat rasch heraus und +eiferte in einem rohen Dialect, den Michael Strogoff als ein Gemisch von +mongolischer und sibirischer Sprache erkannte: + +„Wieder ein Spion! Laß ihn und komm zum Essen. Die ‚Papluka‘(1) wartet.“ + +Michael Strogoff mußte unwillkürlich lachen, als er diesen Titel hörte, +er, der vielmehr allen Spionen möglichst auswich. + +In derselben Sprache, aber mit wesentlich abweichendem Accente, antwortete +der Zigeuner einige Worte, etwa des Inhalts: + +„Du hast recht, Sangarre; übrigens werden wir morgen weg sein! + +— Schon morgen? entgegnete das Weib halblaut und offenbar einigermaßen +überrascht. + +— Ja wohl, Sangarre, bedeutete sie der Zigeuner, morgen, unser Vater +selbst sendet uns weg ... wohin wir wollen!“ + +Hiernach zogen sich Beide in die Bude zurück, deren Thür von Innen +sorgfältig geschlossen wurde. + +„Recht nett, sagte sich Michael Strogoff; wenn diese Zigeuner aber hoffen, +nicht verstanden zu werden, so rathe ich ihnen, sich in meiner Gegenwart +einer andern Sprache zu bedienen.“ + +Als geborener Sibirier, der seine ganze frühe Jugend in der Steppe verlebt +hatte, kannte Michael Strogoff, wie erwähnt, fast alle gebräuchlichen +Mundarten von der Tartarei bis zum Eismeere. Um die zwischen dem Zigeuner +und dem Weibe gewechselten Worte selbst bekümmerte er sich blutwenig. +Welches Interesse konnte er daran haben? + +Bei der schon vorgeschrittenen Nachtstunde gedachte er nun auch nach der +Herberge zurückzukehren, um sich einige Ruhe zu gönnen. Er folgte auf +seinem Rückwege dem Laufe der Wolga, deren Wasser unter der dunklen Masse +unzähliger Fahrzeuge fast verschwand. An der Richtung des Flusses erkannte +er genauer den eben verlassenen Ort. Diese Haufen von Fuhrwerken und Buden +standen auf eben dem geräumigen Platze, auf dem alljährlich die große +Messe von Nishny-Nowgorod abgehalten wurde – ein Erklärungsgrund für die +Anwesenheit einer ganzen Menge von Gauklern und Zigeunern, welche der Wind +von allen Ecken der Welt her hier zusammengeweht hatte. + +Eine Stunde später ruhte Michael Strogoff in etwas unruhigem Schlummer auf +einem jener russischen Betten, welche dem Ausländer so hart vorkommen, und +erwachte am andern Morgen, am 17. Juli, bei hellem Tage. + +Noch hatte er fünf Stunden in Nishny-Nowgorod auszuhalten, die ihm ein +Jahrhundert dünkten. Womit konnte er diesen Vormittag anders hinbringen, +als mit einer Wanderung durch die Straßen wie am Tage vorher? Hatte er +sein Frühstück verzehrt, seinen Reisesack geschnallt, den Podaroshna von +der Polizei visirt erhalten, so konnte er sofort abreisen. Er war aber +nicht der Mann dazu, bei Sonnenschein sich im Bette zu wälzen; deshalb +stand er auf, kleidete sich an, verbarg den Brief mit dem kaiserlichen +Siegel sorgsam tief in der inneren Tasche seines Ueberkleides, um welches +er den Gürtel schnallte. Dann schloß er seinen Reisesack und warf ihn über +den Rücken. Da er nicht noch einmal nach „Stadt Konstantinopel“ +zurückkehren wollte und an dem Ufer der Wolga zu frühstücken gedachte, um +nahe dem Dampfschifflandungsplatze zu sein, bezahlte er seine Rechnung und +verließ das Gasthaus. + +Aus übergroßer Sorge begab sich Michael Strogoff nochmals nach den Bureaux +der Steamer und versicherte sich, daß der „Kaukasus“ zur angegebenen +Stunde abfahren werde. Da stieg ihm zum ersten Male der Gedanke auf, daß +die junge Liefländerin, da sie ja ebenfalls über Perm reisen mußte, sich +höchst wahrscheinlich auch auf dem „Kaukasus“ einschiffen würde, in +welchem Fall Michael Strogoff sicher mit ihr zusammentreffen mußte. + +Die obere Stadt mit ihrem Kreml von zwei Werst Umfang, der dem in Moskau +übrigens sehr ähnlich ist, erschien damals merkwürdig verödet. Selbst der +Gouverneur hatte seinen Sitz daselbst nicht mehr. So todt aber die obere +Stadt war, so belebt war dafür die untere. + +Michael Strogoff gelangte, nach Ueberschreitung einer von Kosakenpiquets +bewachten Schiffbrücke über die Wolga, nach dem nämlichen Platze, wo er am +Abend vorher den kleinen Auftritt neben der Zigeunerbude erlebt hatte. Die +Messe von Nishny-Nowgorod, mit der sich nicht einmal die Leipziger Messe +vergleichen kann, wird ein wenig außerhalb der Stadt abgehalten. Auf +weiter Ebene jenseits der Wolga erhebt sich der provisorische Palast des +Generalgouverneurs, in welchem derselbe auf hohen Befehl während der +ganzen Dauer der Messe seinen Sitz hat, jener Messe, welche Dank den +Elementen, die auf ihr vertreten sind, eine unaufhörliche Bewachung +erfordert. + +Diese Ebene war jetzt bedeckt mit symmetrisch vertheilten Holzbauten und +langen, breiten Gängen dazwischen, auf denen die Menschenmenge bequem auf- +und abfluthen konnte. Eine gewisse Anzahl Buden der verschiedensten Größe +und Form bildete allemal ein besonderes Quartier für je einen bestimmten +Handelszweig. Da gab es Quartiere für den Handel mit Eisenwaaren, +Quartiere für die Rauchwaaren, für Wolle, Holzwaaren, Gewebe, getrocknete +Fische u. s. w. Manche dieser Bauwerke zeigten sich auch aus dem +sonderbarsten Materiale errichtet, so die einen aus kleinen Theekistchen +in Form von Ziegelsteinen, andere aus bruchsteinartig angeordnetem +Salzfleische; – es galt das als Musterkarte für die Waaren, welche die +Inhaber der Meßmagazine ihrer Kundschaft anboten. Eine etwas sonderbare, +fast amerikanische Reclame! + +Der Menschenzudrang in diesen Budenreihen, über denen die früh um vier Uhr +aufgegangene Sonne schon hoch am Himmel stand, war ein ungeheurer. Russen, +Sibirier, Deutsche, Kosaken, Turkomanen, Perser, Georgier, Griechen, +Ottomanen, Hindus, Chinesen, eine unentwirrbare Mischung von Europäern und +Asiaten, – Alles plauderte, erörterte, stritt und feilschte daselbst. +Träger, Pferde, Kameele, Esel, Boote und Fuhrwerke, was nur je zum +Waarentransport dienen konnte, war auf und an diesem Meßplatze angehäuft. +Pelzwerke, Edelsteine, Seidenstoffe, indische Kaschemirs, türkische +Teppiche, kaukasische Waffen, Gewebe aus Ispahan, Rüstungen aus Tiflis, +Karawanenthee, europäische Bronzen, Schweizer Uhren, Sammet und Seide aus +Lyon, englische Baumwollwaaren, Sattler- und Wagenbauerarbeiten, Früchte, +Gemüse, Mineralien vom Ural, Malachite, Lasursteine, Parfums, +Arzneipflanzen, Holz, Pech, Tauwerk, Horn, Kürbisse, Wassermelonen u. s. +w., alle Erzeugnisse Indiens, Chinas, Persiens, die vom Kaspischen und die +vom Schwarzen Meer, aus Amerika und Europa, waren auf diesem einen Punkte +der Erde zusammengehäuft. + +Das Leben und Treiben, das Toben und Schreien hier spottet jeder +Beschreibung, denn die Eingeborenen der niederen Klassen sind von Natur +sehr zum Lärmen geneigt, und die Fremden glaubten ihnen in dieser Hinsicht +nichts nachgeben zu dürfen. Da waren Kaufleute aus Innerasien, die ein +ganzes Jahr daran gesetzt hatten, ihre Waaren über die endlosen Ebenen zu +bringen und welche vor Verlauf eines weiteren Jahres ihre Läden und +Comptoirs gar nicht wieder sehen konnten. Ja die Bedeutung dieser Messe in +Nishny-Nowgorod ist so groß, daß der Werth der Handelstransactionen +daselbst sich auf mindestens hundert Millionen Rubel (= 314 Mill. Mark, +also 157 Mill. Gulden) beziffert. + +Auf den Plätzen zwischen den Quartieren dieser improvisirten Stadt +tummelten sich eine ganze Menge wandernder Künstler. Seiltänzer und +Akrobaten betäubten mit dem Spektakel ihrer Orchester und dem Ausrufen +ihrer Vorstellungen; Zigeuner aus den Gebirgen, welche den gedankenlosen +Müßiggängern aus dem stets wechselnden Publicum wahrsagten, oder ihre +ergreifendsten Weisen sangen und ihre originellsten Tänze producirten; +Schauspieler von auswärtigen Gesellschaften, welche die Dramen +Shakespeare’s aufführten, aber zugestutzt nach dem Geschmacke der Menge, +die in hellen Haufen herzuströmte. In den langen Zwischengängen trieben +sich Bärenführer mit ihren vierbeinigen Künstlern ganz sorglos umher, und +aus den Menagerien tönten die Schreie der Bestien, wenn sie die scharfe +Geißel oder das rothglühende Eisen des Thierbändigers in Wuth brachte; +endlich in der Mitte des großen Centralplatzes, umrahmt von einem +vierfachen Kreise enthusiastischer Kunstliebhaber, ein Chor „Seeleute der +Wolga“, die auf dem Boden saßen, wie auf dem Verdeck ihrer Barken, und +unter dem Taktstocke eines Orchesterdirigenten, eines wirklichen +Untersteuermanns dieses imaginären Schiffes, gleichzeitig Ruderbewegungen +nachahmten. + +Da, welch’ eigenthümliche und reizende Sitte! Ueber den Köpfen dieses +Menschenknäuels flogen ganze Wolken von Vögeln aus den Käfigen, in denen +man sie zu Markte gebracht hatte, davon. Nach einem in Nishny-Nowgorod +sehr beliebten Gebrauche öffneten die Kerkermeister der Vögel gegen einige +von gutmüthigen Seelen gespendete Kopeken ihren befiederten Gefangenen die +Pforten und diese flatterten zu Hunderten mit freudigem Gezwitscher +hinaus. + +Das etwa war das Bild dieses Platzes; so blieb es auch während der sechs +Wochen, so lange die berühmte Messe zu Nishny-Nowgorod gewöhnlich dauert. +Nach dieser geräuschvollen Periode erstirbt der ungeheure Lärm wie durch +einen Zauber; die obere Stadt gewinnt ihren officiellen Charakter wieder, +die untere versinkt zu ihrer gewöhnlichen Eintönigkeit, und von all’ +diesem ungeheuren Zusammenfluß von Kaufleuten, welcher aus aller Herren +Ländern in Europa und Asien quillt, bleibt kein einziger Verkäufer zurück, +der irgend etwas ausböte, noch auch nur ein einziger Einkäufer, der irgend +etwas zu erhandeln suchte. + +Es verdient wohl bemerkt zu werden, daß England und Frankreich bei der +dermaligen Nishny-Nowgoroder Messe durch zwei hervorragende +Mustererzeugnisse der modernen Civilisation vertreten waren, – durch die +Herren Harry Blount und Alcide Jolivet. + +Die beiden Correspondenten hatten sich nämlich zunächst hier eingefunden, +um zum Besten ihrer Leserkreise Eindrücke zu sammeln, und nutzten auch die +wenigen freien Stunden nach besten Kräften aus, denn sie wollten ebenfalls +mit dem Dampfer „Kaukasus“ weiter reisen. + +Sie begegneten sich gerade auf dem Meßplatze, ohne sonderlich darüber zu +erstaunen, denn der nämliche Instinct mußte sie ja auf ein und dieselbe +Spur leiten. Diesmal wechselten sie aber keine Silbe mit einander, sondern +beschränkten sich auf eine gegenseitige, etwas kühle Begrüßung. + +Alcide Jolivet, ein Optimist von Haus aus, glaubte zu finden, daß hier +Alles nach Wunsch und Ordnung gehe, und da der Zufall ihm ein gutes +Unterkommen und schmackhafte Tafel bescheert hatte, bereicherte er sein +Notizbuch um einige für die Stadt Nishny-Nowgorod sehr empfehlende +Anmerkungen. + +Harry Blount dagegen, der erst lange Zeit nach einem Abendbrode +umhergetrollt war, hatte endlich gar unter freiem Himmel übernachten +müssen. Er sah demnach Alles von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus und +überlegte sich schon einen geharnischten Artikel über die Stadt, in der +die Hôteliers die Reisenden von der Thür wiesen, welche doch bereit waren, +sich „moralisch und physisch mißhandeln zu lassen.“ + +Michael Strogoff schien, als er so die eine Hand in der Tasche und mit der +andern eine lange Pfeife mit Vogelkirschbaumrohr hielt, der +gleichgiltigste und am mindesten ungeduldige von Allen. Indeß hätte es ein +feinerer Beobachter an dem leichten Runzeln seiner Brauen wohl erkannt, +daß er an seinem Zaume nagte. + +Schon seit etwa zwei Stunden ging er zwecklos durch die Straßen der Stadt, +um immer wieder nach dem Meßplatze zurückzukehren. Als er sich da so durch +die Menge wand, bemerkte er an allen Kaufleuten aus den benachbarten +asiatischen Ländern eine offenkundige Unruhe. Die Geschäfte lahmten +sichtlich. Zwar setzten die verschiedenen Taschenspieler, Seiltänzer und +Equilibristen ihr Geschrei keineswegs aus; das begreift sich wohl, da sie +ja mit keinem Risico bei irgend einer Speculation betheiligt waren; die +Händler aber zauderten, sich mit den Kaufleuten aus Central-Asien +einzulassen, deren Heimat durch den Tartarenangriff bedroht erschien. + +Hier noch ein anderes Symptom, welches nicht mindere Beachtung verdiente. +In Rußland erblickt man den Soldaten überall. Die Mitglieder des Heeres +mischen sich mit Vorliebe unter die Menge, und vor Allem finden die +Polizeibeamten gerade zur Zeit der Messe zu Nishny-Nowgorod eine allzeit +bereite Hilfe an den zahlreichen Kosaken, welche mit der Lanze auf der +Schulter für Aufrechterhaltung der Ordnung unter dieser Masse von 300,000 +Fremdlingen sorgen. + +Heute fehlte es auf dem Meßplatze sichtlich an Soldaten, an Kosaken wie an +anderen. Ohne Zweifel blieben sie im Hinblick auf ein plötzliches +Ausrücken in ihren Kasernen consignirt. + +Wenn aber keine Soldaten zu sehen waren, so lag das doch anders bezüglich +der Officiere. Schon seit dem Tage vorher flogen die Feldjäger und +Adjutanten aus dem Palaste des Gouverneurs nach allen Richtungen der +Windrose. Ueberall verrieth sich eine ungewöhnliche Bewegung, welche man +sich allein durch den Ernst der Ereignisse erklären konnte. Die Stafetten +jagten einander auf den Straßen der Provinz, sowohl in der Richtung von +Wladimir, als nach dem Ural zu. Zwischen Moskau und St. Petersburg +wechselten die Telegramme unaufhörlich. Die Lage Nishny-Nowgorods, unfern +der sibirischen Grenze, erheischte offenbar durchgreifende +Vorsichtsmaßregeln. Man durfte nicht vergessen, daß die Stadt im 14. +Jahrhundert zweimal von den Vorfahren jener Tartaren eingenommen worden +war, welche Feofar-Khan’s Ehrgeiz jetzt durch die Kirghisensteppen jagte. + +Eine andere hohe Person, den Polizeipräfecten, drückte die Last der +Geschäfte nicht weniger, als den Generalgouverneur. Seine Beamten und er +selbst, denen es oblag, Ordnung zu erhalten, Beschwerden entgegen zu +nehmen, die Ausführung aller Reglements zu überwachen, kamen nicht dazu, +die Hände in den Schooß zu legen. Die Tag und Nacht geöffneten Räume des +Polizeiamtes waren unaufhörlich belagert, ebenso von Einwohnern der Stadt, +wie von Fremden aus Europa und Asien. + +Michael Strogoff befand sich gerade auf dem großen Mittelplatze, als sich +das Gerücht verbreitete, der Polizeipräfect sei soeben durch Estafette zum +Generalgouverneur berufen worden. Eine wichtige, von Moskau eingegangene +Depesche solle die Veranlassung hierzu sein. + +Der Chef der Polizei begab sich also nach dem Palaste des +Generalgouverneurs, und bald circulirte auch die Neuigkeit, wie in Folge +einer allgemeinen Ahnung, daß eine eingreifende, ganz unerwartete und +außergewöhnliche Maßnahme in Aussicht stehe. + +Michael Strogoff lauschte auf das Gerücht, um im Nothfall davon Nutzen zu +ziehen. + +„Man will die Messe schließen! rief der Eine. + +— Das Regiment Nishny-Nowgorod hat den Befehl zum Ausrücken erhalten! +meinte ein Anderer. + +— Man sagt, die Tartaren bedrohen schon Tomsk! + +— Da kommt der Polizeipräfect!“ scholl es von allen Seiten. + +Ein wüstes Geschrei hatte sich plötzlich erhoben, legte sich dann allmälig +und machte einer lautlosen Stille Platz. Jeder fühlte, daß jetzt eine +wichtige Mittheilung seitens des Generalgouvernements erfolgen werde. + +Der Chef der Polizei hatte eben, gefolgt von einem Troß Beamter, den +Palast des Regierungsstellvertreters verlassen. Eine Abtheilung Kosaken +begleitete ihn und brach ihm durch rücksichtslos ausgetheilte und geduldig +hingenommene Rippenstöße Bahn durch die Menge. + +Der Polizeipräfect gelangte so nach der Mitte des centralen Platzes, wo +Jedermann sehen konnte, daß er ein Papier in der Hand hielt. + +Dort angekommen, verlas er mit lauter Stimme: + + _Verordnung des Gouverneurs von Nishny-Nowgorod._ + +„1) Kein russischer Unterthan darf, es sei aus welchem Grunde es wolle, +das Land verlassen. + +„2) Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden +das Land zu verlassen.“ + + + + + Sechstes Capitel. + + + Bruder und Schwester. + + +In viele Privatinteressen mochten diese Verordnungen sehr unangenehm +eingreifen; die Umstände rechtfertigten sie gewiß vollkommen. + +„Kein russischer Unterthan darf das Land verlassen“ – wenn sich Iwan +Ogareff jetzt noch hier aufhielt, mußte er verhindert oder es ihm +mindestens ungemein erschwert werden, sich Feofar-Khan wieder +anzuschließen, womit Letzterem der beachtenswertheste Unterbefehlshaber +entzogen wurde. + +„Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das +Land zu verlassen“; damit schaffte man sich gründlich alle jenen Händler +aus Innerasien vom Halse, alle Zigeuner und anderes Gesindel, welches mit +den Tartaren und Mongolen mehr oder weniger verwandt ist und das die Messe +hier zusammengehäuft hatte. So viele Köpfe, so viele Spione; ohne Zweifel +erschien ihre Vertreibung bei der jetzigen Sachlage dringend angezeigt. + +Man begreift aber leicht den Eindruck dieser beiden Donnerschläge, welche +auf die Stadt Nishny-Nowgorod niederfielen, die von denselben offenbar +empfindlicher als jede andere getroffen wurde. + +Einheimische, deren Geschäftsangelegenheiten sie vielleicht über die +sibirische Grenze gerufen hätten, konnten das Land also nicht verlassen, +mindestens für den Augenblick nicht. An dem Tenor des ersten Artikels der +Verordnung war nichts zu deuteln. Er gestattete keine Ausnahme. Jedes +Privatinteresse mußte dem öffentlichen Wohle weichen. + +Auch der zweite Artikel der Verordnung ließ keinen Zweifel übrig. Er bezog +sich nur auf diejenigen Fremden, welche asiatischen Ursprungs waren; diese +hatten auch nichts anderes zu thun, als sofort ihre Waaren zu packen und +des Wegs zu ziehen, auf dem sie gekommen. Für die Seiltänzer und derlei +Volk, welche mehr als tausend Werst bis zur Grenze zurückzulegen hatten, +erschien der Befehl als ein wahres Unglück. + +Zwar erhob sich zuerst gegen diese unerhörten Maßregeln ein Murmeln der +Entrüstung, die Kosaken und Polizisten wußten dasselbe aber bald zum +Schweigen zu bringen. + +Fast augenblicklich begann nun, was man etwa die Abrüstung dieses +ungeheuren Lagers nennen könnte. Die vor und über den Buden ausgespannten +Planen falteten sich zusammen; die fremden Theater gingen in Stücke; Tänze +und Gesänge hörten auf; die Ausrufer verstummten; die Feuer verloschen; +die Seile der Equilibristen glitten herab; die abgetriebenen alten Pferde +der wandelnden Wohnungen kamen aus den Ställen wieder an die Deichseln. +Beamte und Soldaten mit der Knute oder einem Stocke in der Hand trieben +die Säumigen an und zögerten sogar nicht, die Zelte gleich selbst +abzureißen, wenn sich auch die halbzerlumpten Insassen noch darin +befanden. Offenbar mußte unter dem Einflusse dieser Maßregeln der Meßplatz +von Nishny-Nowgorod bald vollständig geräumt sein, und dem geräuschvollen +Leben das Schweigen der Wüste folgen. + +Und – um es noch einmal zu wiederholen, denn darin lag eine weitere +Erschwerung bei dieser Verordnung – allen jenen Nomaden, welche der +Ausweisungsbefehl direct anging, waren selbst die Steppen Sibiriens +verboten, und diese mußten sich nach dem Süden des Kaspischen Meeres, nach +Persien, der Türkei oder nach Turkestan wenden. Die Posten des Ural und +der Berge, welche gewissermaßen eine Verlängerung dieses Flusses längs der +russischen Grenze darstellten, hätten ihnen den Uebertritt verwehrt. Sie +hatten also eine Strecke von tausend Werst zu durchziehen, bevor sie den +Fuß auf freien Boden setzen konnten. + +Eben als der Polizeipräfect jene Verordnung verlesen hatte, wurde Michael +Strogoff durch eine Erinnerung, welche sich seiner bemächtigte, sonderbar +erregt. + +„Ein ungewöhnlicher Zufall! dachte er. Welche Uebereinstimmung zwischen +dieser Verordnung bezüglich der Vertreibung der Fremden von asiatischer +Herkunft und den in vergangener Nacht von den beiden Tsiganen gewechselten +Worten! ‚Der Vater selbst ist es, der uns wegschickt ... wohin wir +wollen‘, hatte der Alte gesagt. Aber ‚der Vater‘, das ist der Kaiser! Man +bezeichnet ihn bei diesem Volke niemals anders. Wie konnten diese Leute +die gegen sie ergriffenen Maßregeln voraussehen, so als hätten sie +dieselben gekannt, und wohin wollten sie nun ziehen? Das scheinen mir +verdächtige Leute, denen gegenüber die Verordnung des Generalgouverneurs +weit mehr nützlich als schädlich sein wird.“ + +Diese ganz zeitgemäße Reflexion wurde aber in Michael Strogoff’s Geist +durch eine andere Gedankenreihe, welche sich plötzlich ihm aufdrängte, +bald unterbrochen. Er vergaß die Tsiganen, ihre verdächtigen Aeußerungen, +die sonderbare Uebereinstimmung mit dem Inhalte der Verordnung ... dafür +trat das Bild und das Schicksal der jungen Liefländerin lebhaft vor sein +Auge. + +„Das arme Kind! rief er ganz wider Willen, nun wird sie die Grenze nicht +überschreiten können!“ + +In der That, das junge Mädchen aus Riga war ja Liefländerin, also Russin +und durfte demnach das russische Gebiet nicht verlassen. Ihr vor diesen +neuesten Maßregeln ausgestellter Schein konnte jetzt unmöglich noch +Giltigkeit haben. Alle Wege nach Sibirien wurden ihr nun unerbittlich +verschlossen, und welche Ursache sie auch haben mochte, sich nach Irkutsk +zu begeben, jetzt mußte es ihr unmöglich werden, dasselbe zu erreichen. + +Dieser Gedankengang beschäftigte Michael Strogoff nicht wenig. Er sagte +sich zuerst so ganz oben hin, daß er, ohne bezüglich der wichtigen ihm +anvertrauten Mission etwas zu verletzen, vielleicht im Stande sein könnte, +dem guten Kinde einigermaßen behilflich zu sein, und er freute sich fast +über diese Idee. Bekannt mit den Gefahren, denen er persönlich entgegen +ging, konnte er, der energische und kraftvolle Mann, gar nicht verkennen, +daß dieselben in einem Lande, dessen Wege und Stege er zwar aus dem Grunde +kannte, für jenes junge Mädchen doch ungleich furchtbarer werden mußten. +Da er sich nach Irkutsk begab, hatte er ja denselben Weg vor sich, wie +Jene; auch sie würde durch die Horden der Feinde zu dringen suchen müssen, +wie er es selbst versuchen wollte. Wenn ihr, wie höchst wahrscheinlich, +nur die für eine Reise unter gewöhnlichen Umständen berechneten +Hilfsmittel zu Gebote standen, wie sollte sie damit unter Verhältnissen +auskommen, welche eine solche Reise nicht nur weit gefährlicher, sondern +auch weit kostspieliger machten? + +„Nun gut, schloß er seine Selbstbetrachtung, da sie den Weg nach Perm +einschlägt, ist es ja fast unmöglich, daß ich ihr nicht begegnen sollte. +Dann werde ich über sie wachen können, ohne daß sie es weiß, und da sie es +nicht minder eilig als ich zu haben scheint, nach Irkutsk zu gelangen, +wird sie mir keine Ursache zur Verzögerung werden.“ + +Doch ein Gedanke erzeugt ja immer einen andern. Michael Strogoff hatte bis +jetzt nichts anderes im Sinne gehabt, als ein gutes Werk zu thun, einen +Liebesdienst zu erweisen. Da kam ihm plötzlich ein anderer Gedanke, der +die ganze Frage in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen ließ. + +„Ja, sagte er sich, ich könnte ihrer vielleicht doch noch mehr nöthig +haben, als sie meiner Hilfe. Ihre Gegenwart kann mir nicht unnützlich sein +und wird dazu beitragen, jeden Verdacht wegen meiner Person zu zerstreuen. +Unter einem Manne, der ganz allein durch die Steppen zieht, könnte man +weit eher einen Courier des Czaaren vermuthen. Begleitete mich dagegen +jenes junge Mädchen, so müßte ich ja in aller Augen weit mehr als der +Kaufmann Nicolaus Korpanoff meines Podaroshna erscheinen. Nun wohl, sie +muß mich also begleiten, ich muß sie wiederfinden! Unmöglich kann sie sich +seit gestern Abend einen Wagen verschafft haben, um Nishny-Nowgorod zu +verlassen. Ich will sie suchen, und Gott leite meine Schritte!“ + +Michael Strogoff verließ den großen Platz, wo der durch die Ausführung +jener Verordnung erzeugte Tumult eben den höchsten Grad erreicht hatte. +Die Einsprüche der vertriebenen Fremden, das Rufen der Agenten und der +Kosaken, welche sich einmengten, mischte sich zu einem unbeschreiblichen +Getöse. Hier konnte sich die Gesuchte unmöglich aufhalten. + +Es war jetzt neun Uhr Morgens. Der Dampfer sollte erst zu Mittag abgehen. +Michael Strogoff konnte also wohl zwei Stunden verwenden, diejenige zu +suchen, welche er so dringend als Begleiterin auf seiner Reise wünschte. + +Von Neuem überschritt er die Wolga und lief durch die Quartiere am anderen +Ufer, wo die Menschenmenge minder beträchtlich war. Er durchforschte, man +konnte sagen, Straße für Straße, die obere und die untere Stadt. Er trat +in die Kirchen, jener natürliche Zufluchtsort aller Weinenden und +Leidenden. Nirgends traf er auf eine Spur der jungen Liefländerin. + +„Und dennoch, redete er sich ein, kann sie Nishny-Nowgorod nicht verlassen +haben. Ich muß weiter suchen!“ + +So irrte Michael Strogoff zwei Stunden lang umher. Er eilte weiter ohne +auszuruhen, er empfand keine Ermüdung, er gehorchte einem ihn ganz +beherrschenden Gefühle, das ihm keine Zeit ließ, lange nachzudenken. Alles +vergeblich! + +Da fiel ihm ein, daß das junge Mädchen vielleicht noch ohne alle Kenntniß +war von der ergangenen Verordnung, – zwar ein unwahrscheinlicher Umstand, +denn ein solcher Blitzschlag konnte sich gar nicht entladen, ohne von +Allen gehört zu werden. Da sie ein offenbares Interesse haben mußte an +Allem, was Sibirien betraf, wie hätten ihr die Maßnahmen des Gouverneurs +entgehen können, Maßnahmen, welche ihr so direct angingen? + +Kannte sie dieselben indessen nicht, so mußte sie ja in wenig Stunden nach +dem Landungsplatze kommen, wo ein unbarmherziger Beamter schon ihre +Weiterreise hindern werde. Unbedingt mußte Michael Strogoff sie noch +vorher sehen und sprechen, um mit seiner Hilfe diesem Schachzuge zu +entgehen. + +Doch alle Nachforschungen schienen vergeblich, und schon gab er alle +Hoffnung auf, sie je wieder zu finden. + +Die elfte Stunde kam heran. Michael Strogoff dachte daran, – was unter +anderen Verhältnissen ganz unnöthig gewesen wäre, seinen Podaroshna im +Bureau der Polizei zu präsentiren. Die Verordnung konnte ihn offenbar +nicht treffen, da dieser Fall für ihn vorhergesehen war; aber er wollte +sich überzeugen, daß seinem Austritt aus der Stadt nichts im Wege stehe. + +Der Courier mußte deshalb nach der andern Seite des Flusses zurückkehren, +nach dem Quartiere, in dem sich die Bureaux des Polizeipräfecten zur Zeit +befanden. + +Dort war ein großer Zusammenfluß von Menschen, denn wenn die Ausländer +auch den Befehl erhalten hatten, die Provinzen zu verlassen, so ersparte +ihnen das doch keineswegs gewisse Formalitäten vor der Abreise. Ohne dem +hätte auch jeder bei dem Tartareneinfalle mehr oder weniger betheiligte +Russe unter dem Schutze einer beliebigen Verkleidung das Land verlassen +können, was die Verordnung ja gerade verhindern wollte. Man wies mit einem +Worte die Leute fort, zwang sie aber auf der anderen Seite, sich die +Erlaubniß zur Abreise erst zu beschaffen. + +Der Hof und die Bureaux des Polizeiamtes waren also von Gauklern, +Bänkelsängern, Zigeunern und Tsiganen, außer diesen aber von Kaufleuten +aus Persien, der Türkei, Turkestan und China buchstäblich vollgepfropft. + +Jeder beeilte sich, da die Transportmittel bei dieser Masse Ausgetriebener +bald mangeln mußten, so daß Säumige leicht in die Lage kommen konnten, die +festgesetzte Frist zu überschreiten und in Folge dessen sich einer +brutalen Intervention der Beamten des Gouverneurs auszusetzen. + +Michael Strogoff vermochte, Dank seiner kräftigen Ellenbogen, durch den +Hof zu dringen. Aber in die Expeditionen und bis zu den Schaltern der +Beamten zu gelangen, das war ein weit schwereres Stück Arbeit. Indessen +ein Wort, das er einem Inspector in’s Ohr flüsterte, und einige +rechtzeitig in dessen Hand gedrückte Rubel besaßen die Macht, ihm den +Durchgang zu erzwingen. + +Nachdem er den Courier in einen Wartesaal geleitet, meldete ihn der Agent +bei einem Oberbeamten an. + +Michael Strogoff mußte also mit der Polizei bald in Ordnung und frei in +seinen Bewegungen sein. + +Inzwischen sah er sich von ungefähr etwas um. Und was erblickte er? + +Da, mehr hingesunken als sitzend auf einer Bank ein junges Mädchen, ein +Opfer der stummen Verzweiflung, deren Gesicht er nicht einmal ganz sehen +konnte, da sich nur das Profil desselben von der weißgetünchten Mauer +abhob. + +Michael Strogoff täuschte sich nicht; er hatte die junge Liefländerin +wieder erkannt. + +Unbekannt mit der Verordnung des Gouverneurs war sie nach der Polizei +gekommen, ihren Schein visiren zu lassen!... Man hatte ihr das Visum +versagt. Ohne Zweifel war sie legitimirt, nach Irkutsk zu reisen, jene +Verordnung war aber einmal bekannt gegeben, sie machte alle früher +ausgestellten Legitimationen ungiltig und verschloß alle Wege nach +Sibirien. + +Michael Strogoff, in seiner Freude sie endlich wieder gefunden zu haben, +näherte sich dem jungen Mädchen. + +Diese sah ihn einen Moment an, und über ihr Gesicht flog ein leichter +Schimmer, als sie den Reisegefährten wieder erkannte. Sie erhob sich fast +instinctmäßig und wollte, so wie ein Schiffbrüchiger sich an jedes +Trümmerstück klammert, ihn um seine Hilfe ansprechen ... + +In diesem Augenblick berührte der Agent Michael Strogoff’s Schulter. + +„Der Polizeipräfect erwartet Sie, sagte er. + +— Gut“, erwiderte Michael Strogoff. + +Und ohne ein Wort zu Der zu sprechen, welche er so lange in der ganzen +Stadt gesucht hatte, ohne sie durch irgend eine Bewegung, welche ihn +selbst oder auch sie hätte compromittiren können, zu beruhigen, folgte er +dem Agenten durch die gedrängten Massen. + +Als die junge Liefländerin Den verschwinden sah, von dem sie allein einige +Unterstützung erwartet hätte, sank sie auf die Bank zurück. + +Kaum drei Minuten verstrichen, als Michael Strogoff in Begleitung eines +Agenten wieder im Saale erschien. + +In der Hand hielt er seinen Podaroshna, der ihm den Weg nach Sibirien +öffnete. + +Er ging auf die junge Liefländerin zu, streckte ihr die Hand entgegen und +sagte: + +„Schwester ...!“ + +Sie verstand ihn; sie erhob sich, als ob eine plötzliche Eingebung ihr +nicht erlaubte, zu zaudern. + +„Sei ruhig, Schwester, wiederholte Michael Strogoff, wir sind autorisirt, +unsere Reise nach Irkutsk fortzusetzen. Kommst Du? + +— Ich folge Dir, Bruder“, antwortete das junge Mädchen und legte ihre Hand +in die Michael Strogoff’s. + +Sofort verließen Beide das Gebäude des Polizeiamtes. + + + + + Siebentes Capitel. + + + Auf der Wolga stromabwärts. + + +Kurz vor zwölf Uhr rief die Glocke des Dampfbootes zu dem Landungsplatze +an der Wolga eine große Menschenmenge zusammen, weil sich daselbst nicht +nur Die einfanden, welche wirklich abreisten, sondern auch Die, welche +hatten abreisen wollen. Die Kessel des „Kaukasus“ besaßen schon +hinreichende Dampfspannung. Ueber dem Schlote kräuselten sich nur leichte +Rauchwirbel, während aus dem Dampfrohre und um die Sicherheitsventile der +weiße Dampf brodelte. + +Selbstverständlich überwachte die Polizei die Abfahrt des Steamers und +schritt unerbittlich gegen die Reisenden ein, welche sich nicht als +ausreichend legitimirt zum Verlassen der Stadt erwiesen. + +Zahlreiche Kosaken ritten den Kai auf und ab, bereit die Polizeiagenten zu +unterstützen; nirgends machte sich indessen ihre Intervention nöthig und +Alles verlief ohne offenen Widerstand. + +Rechtzeitig ertönte das letzte Glockensignal; die Taue wurden gelöst, die +mächtigen Räder des Dampfers peitschten das Wasser mit ihren beweglichen +Schaufeln, und schnell glitt der „Kaukasus“ zwischen den beiden +Stadttheilen, welche Nishny-Nowgorod bilden, dahin. + +Michael Strogoff und die junge Liefländerin hatten sich mit eingeschifft +und waren ohne Schwierigkeiten an Bord gekommen. Man erinnert sich, daß +der auf den Namen Nicolaus Korpanoff ausgestellte Podaroshna den Kaufmann +berechtigte, sich auf der Reise durch Sibirien begleiten zu lassen. Unter +dem Schutze der kaiserlichen Polizei reisten hier also Bruder und +Schwester. + +Still saßen Beide auf dem Hinterdeck und sahen die durch den Erlaß des +Gouverneurs so aufgeregte Stadt ihren Augen entfliehen. + +Michael Strogoff hatte kein Wort zu dem jungen Mädchen gesprochen, keine +Frage an sie gestellt. Er wartete es ab, daß sie reden würde, wenn es ihr +passend erschien. Ihr war es ja von Wichtigkeit, diese Stadt zu verlassen, +in der sie ohne das wunderbare Dazwischentreten ihres unerwarteten +Beschützers gefangen zurückgeblieben wäre. Sie sprach zwar nicht, aber +ihre Augen dankten ihm. + +Die Wolga, die Rha der Alten, wird für den bedeutendsten Strom ganz +Europas gehalten, und es erstreckt sich ihr Lauf auf nicht weniger als +4000 Werst (= 4300 Kilom.). Das etwas ungesunde Wasser derselben wird bei +Nishny-Nowgorod durch die Einmündung der Oka, eines schnell fließenden +Nebenstromes aus den mittelrussischen Provinzen, wesentlich verbessert. + +Man hat die Gesammtheit der Kanäle und Wasserläufe Rußlands mit einem +riesigen Baume verglichen, dessen Zweige sich in allen Theilen des +Czaarenreiches verästeln. Die Wolga ist es, welche den Stamm dieses Baumes +darstellt, den Stamm, der seinerseits wiederum mit siebenzig Mündungen in +dem Küstengebiete des Kaspischen Meeres wurzelt. Sie ist von Rjef, einer +Stadt im Gouvernement Tver, aus, d. h. im größten Theile ihres Laufes +schiffbar. + +Die Schiffe der Speditions-Gesellschaft zwischen Perm und Nishny-Nowgorod +legen die 350 Werst (373 Kilom.) lange Strecke zwischen letzterer Stadt +und Kasan sehr schnell zurück. Freilich laufen die Dampfer dabei mit der +Strömung, die ihrer eigenen Schnelligkeit noch mit zwei Meilen per Stunde +zu Hilfe kommt. Erreichen sie aber die Einmündung der Kama, so vertauschen +sie den Strom mit diesem Flusse, den sie dann bis Perm stromaufwärts +fahren müssen. Alles in Allem gerechnet und trotz seiner mächtigen +Maschine konnte der „Kaukasus“ nicht mehr als sechzehn Werst in der Stunde +zurücklegen. Bei nur einstündigem Aufenthalt in Kasan nahm die Fahrt von +Nishny-Nowgorod bis Perm doch sechzig bis zweiundsechzig Stunden in +Anspruch. + +Der Steamer besaß übrigens sehr bequeme Einrichtungen für die Passagiere, +welche je nach Gefallen oder nach ihren Mitteln in drei verschiedenen +Klassen befördert wurden. – Michael Strogoff hatte zwei Cabinen erster +Klasse belegt, um seiner Begleiterin zu gestatten, sich in die ihrige +zurück zu ziehen und allein zu sein, soviel es ihr beliebte. + +Heut war der „Kaukasus“ von Passagieren aller Art überfüllt. Eine große +Anzahl asiatischer Handelsleute mochten es für gerathen erachtet haben, +Nishny-Nowgorod mit erster Gelegenheit zu verlassen. In der für die erste +Klasse reservirten Abtheilung des Dampfers begegnete man Armeniern in +langen Gewändern und einer Mitra ähnlichen Kopfbedeckungen, – Juden, mit +ihren hohen, konischen Mützen, – reichen Chinesen in Landestracht, mit +sehr weitem, blauem, violettem oder auch schwarzem, an der Vorder- und +Rückseite offenem Oberkleide und bedeckt von einem zweiten, weitärmeligen +Ueberwurf, der in seinem Schnitte an den Talar der Popen erinnerte, – +Türken mit dem nationalen Turban, – Indier mit viereckiger Mütze, einem +einfachen Stricke als Gürtel, von denen einige Stämme, vorzüglich aber die +Shikapuris, den ganzen Handel Centralasiens in der Hand haben, – endlich +Tartaren mit buntgestickten Stiefeln und über der Brust reichverzierten +Kleidern. Diese Kaufleute alle mußten im Schiffsraume oder auf dem Verdeck +ihr umfängliches Gepäck unterbringen, dessen Transport ihnen gewiß theuer +zu stehen kam, da sie vorschriftsmäßig nur zwanzig Pfund Freigepäck +mitführen durften. + +Im Vordertheile des „Kaukasus“ befanden sich noch weit zahlreichere +Passagiere, nicht allein Ausländer, sondern auch Russen, denen die +Verordnung nach den Heimatsstädten der Provinz zurückzukehren nicht +verbot. + +Dort saßen oder standen Mujiks umher mit Kappen oder Mützen auf dem Kopfe, +bekleidet mit einer Art Hemd aus kleinquarrirtem Stoffe unter dem Pelze; +Bauern aus den Wolgadistricten, die blauen Beinkleider in den Stiefeln, +das Hemd von röthlichem Baumwollengewebe mit einem Strick gegürtet, und +mit flacher Kappe oder Filzmütze. Einige Frauen in geblümten +Baumwollkleidern trugen Schürzen mit möglichst lebhaften Farben und +grellroth gemusterte Tücher um den Kopf. Hieraus setzten sich meist die +Passagiere der dritten Klasse zusammen, welche die Aussicht auf eine +langdauernde Rückfahrt nicht sonderlich zu belästigen schien. Jedenfalls +war dieser Theil des Decks dicht mit Menschen besetzt. Die Insassen des +Hinterdecks vermieden es auch, sich unter Jene zu mischen, deren Bereich +übrigens durch Bezeichnung auf den Klappen der Luken begrenzt war. + +Mit der vollen Kraft seiner Schaufeln eilte der „Kaukasus“ indessen +zwischen den Ufern der Wolga dahin. Er kreuzte sich mit vielen durch +Remorqueure stromaufwärts geschleppten Booten, welche noch allerlei Waaren +nach Nishny-Nowgorod beförderten. Dann schwammen Holzflöße daher, so lang +wie die unmeßbaren Sargassobündel im Atlantischen Ocean, und bis zum +Versinken beladene Flachschiffe, die bis zum Dahlbord im Wasser gingen. +Uebrigens sehr unnütze Waarentransporte, insofern ja die Messe bald nach +ihrem Anfang plötzlich geschlossen worden war. + +Die von dem Wellenschlage des Dampfers überspülten Ufer der Wolga zeigten +sich mit großen Entenschwärmen besetzt, welche mit betäubendem Geschnatter +aufflogen. Darüber hinaus weideten auf den dürren, von Birken, Weiden und +Espen umrahmten Ebenen einzelne rothbraune Kühe, Heerden von Schafen mit +bräunlichem Fell und ganze Haufen von weißen und schwarzen Schweinen und +Ferkeln. Einige mit magerem Buchweizen oder dürftigem Korn bestandene +Felder dehnten sich bis über kleine Landerhebungen aus, welche indeß +nirgends eine bemerkenswerthe Aussicht bildeten. In diesen einförmigen +Landstrichen hätte der Stift des Zeichners, wenn er pittoreske Bilder +suchte, gewiß nichts zu thun gefunden. + +Zwei Stunden nach der Abfahrt des „Kaukasus“ wandte sich die junge +Liefländerin an Michael Strogoff und fragte: + +„Du gehst nach Irkutsk, Bruder? + +— Ja, Schwester, erwiderte der junge Mann. Wir haben Beide den nämlichen +Weg. Wo ich hindurchkomme, wirst auch Du hindurchkommen. + +— Morgen, Bruder, sollst Du erfahren, warum ich die Küste der Ostsee +verließ, um nach jenseits der Berge des Ural zu ziehen. + +— Ich frage nach Nichts, Schwester. + +— Du sollst Alles wissen, antwortete das junge Mädchen, auf deren Lippen +ein schmerzliches Lächeln spielte. Eine Schwester darf ihrem Bruder nichts +verheimlichen. Heute könnte ich aber nicht!... Die Anstrengung, die +Verzweiflung haben meine Kräfte verzehrt. + +— Willst Du in Deiner Cabine ausruhen? fragte Michael Strogoff. + +— Ja ... ja ... und morgen ... + +— So komm ...!“ + +Er brach den Satz ab, so als hätte er ihn mit dem ihm noch unbekannten +Namen seiner Begleiterin schließen wollen. + +„Nadia, sagte sie und reichte ihm die Hand. + +— Komm, Nadia, und verfüge über Deinen Bruder Nicolaus Korpanoff ohne alle +Umstände.“ + +Er geleitete das junge Mädchen nach ihrer Cabine nahe dem Salon des +Hintertheils. + +Michael Strogoff kehrte nach dem Deck zurück und mischte sich, begierig zu +hören, doch ohne sich an den Gesprächen zu betheiligen, unter die Gruppen +der Passagiere, aus deren Worten er Das oder Jenes zu vernehmen hoffte, +was seine Reiseprojecte vielleicht zu beeinflussen im Stande wäre. Sollte +er zufällig selbst gefragt und zu einer Antwort genöthigt werden, so +wollte er sich für den Kaufmann Nicolaus Korpanoff ausgeben, den der +„Kaukasus“ nur nach der Grenze zurücktrug, denn Niemand sollte vermuthen, +daß ihn eine specielle Mission berechtigte, nach Sibirien zu reisen. + +Die Ausländer auf dem Dampfer konnten offenbar nur von den +Tagesereignissen, jener Verordnung und ihren Folgen, sprechen. Die armen +Leute, welche kaum die Strapazen einer Reise durch das innere Asien hinter +sich hatten, sahen sich gezwungen, wieder umzukehren, und wenn sie ihrem +Zorn nicht in lautem Ausbruche Luft machten, so lag die Ursache nur darin, +daß sie das nicht wagten. Eine respectvolle Furcht hielt sie zurück. +Möglicher Weise befanden sich zur Ueberwachung der Reisenden auch auf dem +„Kaukasus“ geheime Polizisten; da galt es, die Zunge im Zaum zu halten, +denn diese Austreibung war der Einsperrung in einer Festung doch immer +noch vorzuziehen. Deshalb schwiegen auch die meisten Gruppen oder +flüsterten sich die Worte gegenseitig nur so vorsichtig zu, daß daraus im +Zusammenhange nichts zu entnehmen war. + +Konnte Michael Strogoff aber von dieser Seite nichts vernehmen, oder +schwiegen die Leute wohl auch ganz und gar – denn man kannte ihn ja nicht, +– so traf sein Ohr dafür der Laut einer Stimme, welche ziemlich unbesorgt +zu sein schien, ob sie gehört wurde oder nicht. + +Der Mann mit der hellen Stimme sprach russisch, aber mit fremdem Accente, +und sein mehr zugeknöpfter Nachbar antwortete ihm in derselben Mundart, +welche offenbar auch seine Muttersprache nicht war. + +„Wie! rief der Erste, wie, auf diesem Schiffe, Herr College, Sie, den ich +bei dem Feste des Kaisers in Moskau und dann erst in Nishny-Nowgorod +wieder sah? + +— Gewiß, ich selbst! entgegnete trocken der Andere. + +— Nun, frei heraus gesagt, ich erwartete nicht, daß Sie mir so +unmittelbar, so auf den Fersen folgen würden. + +— Ich folge Ihnen nicht, mein Herr, ich gehe Ihnen voraus. + +— Vorausgehen! Vorausgehen! Wir wollen wenigstens sagen, wir marschiren +gleichen Schrittes in der Front, wie zwei Soldaten bei der Parade, und +vorläufig könnten wir übereinkommen, Keiner dem Andern zuvor zu kommen. + +— Ich werde es doch thun! + +— Das wird sich erst auf dem Kriegsschauplatze zeigen; doch bis dahin +können wir, zum Teufel, doch Reisegenossen sein. Später werden wir noch +Zeit genug finden, gelegentlich Rivalen zu werden. + +— Feinde! + +— Meinetwegen auch Feinde! Ihre Worte, Herr College, besitzen eine +Klarheit des Ausdrucks, welche mich höchst angenehm berührt. Bei Ihnen +weiß Einer doch, woran er ist. + +— Nun, was ist daran so schlimm? + +— O nichts, gar nichts! Erlauben Sie, daß auch ich mir die Freiheit nehme, +unseren gegenseitigen Standpunkt fest zu stellen. + +— Nach Belieben. + +— Sie gehen nach Perm ... wie ich? + +— Wie Sie. + +— Und begeben sich von Perm aus wahrscheinlich nach Jekaterinburg, auf dem +besten und sichersten Wege zur Ueberschreitung des Uralkammes. + +— Wahrscheinlich. + +— Nach Ueberschreitung der Grenze werden wir in Sibirien, d. h. inmitten +des überfallenen Gebietes sein. + +— So ist es. + +— Nun dann, aber auch erst dann wird es Zeit sein, zu sagen: ‚Jeder für +sich und Gott mit ...‘ + +— Gott mit mir! + +— Gott mit Ihnen! Ganz allein! Sehr schön! Da wir indeß noch acht neutrale +Tage vor uns haben und es unterwegs voraussichtlich keine Neuigkeiten +regnen dürfte, so lassen Sie uns Freunde sein, bis wir zu Rivalen werden. + +— Zu Feinden! + +— Ja wohl, das ist richtiger: Zu Feinden! Bis dahin können wir aber in +Uebereinstimmung handeln und brauchen uns gegenseitig nicht zu verzehren! +Ich verspreche Ihnen überdies, Alles für mich zu behalten, was ich etwa +sehe ... + +— Und ich Alles, was ich etwa höre. + +— Abgemacht? + +— Abgemacht! + +— Ihre Hand darauf? + +— Hier ist sie!“ + +Und die Hand des ersten Sprechers, d. h. fünf weit offene Finger, +schüttelte kräftig die beiden Finger, welche der Zweite phlegmatisch +hinhielt. + +„Was ich noch sagen wollte, begann der Erste, es gelang mir noch, den +Inhalt der Verordnung diesen Morgen um 10 Uhr 17 Minuten an meine Cousine +zu telegraphiren. + +— Und ich habe dem Daily-Telegraph dieselbe Nachricht um 10 Uhr 13 +gesendet. + +— Bravo, Herr Blount! + +— Zu gütig, Herr Jolivet! + +— Bis ich mich revanchire! + +— Dürfte Ihnen schwer fallen! + +— Man versucht eben Alles!“ + +Bei diesen Worten grüßte der französische Correspondent vertraulich den +englischen Reporter, der ihm mit vollem britannischen Stolze dankte. + +Diese beiden Neuigkeitsjäger, welche ja weder Russen, noch Fremde von +asiatischer Herkunft waren, traf die Verordnung des Generalgouverneurs +nicht. Sie reisten also ab, und wenn sie Nishny-Nowgorod zu derselben +Stunde verließen, so geschah das, weil der nämliche Instinct sie vorwärts +trieb. Ganz natürlich bedienten sie sich also derselben Fahrgelegenheit +und folgten bis zu den sibirischen Steppen demselben Wege. Ob als einfache +Reisegefährten, als Freunde oder Feinde, noch hatten sie acht Tage „bis +zum Aufgang der Jagd“ vor sich. Dann hieß es: Dran und drauf! Jetzt hatte +Jolivet die ersten Zwischenvorschläge gemacht und der Brite sie, wenn auch +so kühl als möglich, angenommen. + +Jedenfalls saßen Beide, der Franzose immer offenherzig bis zur +Schwatzhaftigkeit, der Engländer immer verschlossen, an derselben Tafel +und probirten, zu sechs Rubel die Flasche, einen sogenannten echten +Cliquot, offenbar den Abkömmling des frischen Birkensaftes der Umgegend. + +Als Michael Strogoff Alcide Jolivet und Harry Blount so reden hörte, +sprach er für sich: + +„Das sind ein Paar neugierige und indiscrete Leute, denen ich auf der +Reise jedenfalls noch ferner begegne. Mir scheint es geboten, sich diese +drei Schritt vom Leibe zu halten.“ + +Die junge Liefländerin erschien nicht bei Tische. Sie schlummerte in ihrer +Cabine und Michael Strogoff wollte sie nicht wecken lassen. Der Abend kam +heran, ohne daß sie wieder auf Deck erschienen wäre. + +Mit der langen Dämmerung gewann die Atmosphäre eine wohlthuende Frische, +an welcher sich nach der Hitze des Tages Alle gern erquickten. Selbst in +vorgeschrittener Nachtstunde dachten die Meisten gar nicht daran, die +Salons oder Cabinen aufzusuchen. Auf die Bänke gestreckt, athmeten sie +behaglich in dem Luftzuge, den die schnelle Bewegung des Schiffes erregte. +Der Himmel verfinsterte sich in dieser Jahreszeit und in diesen Breiten +zwischen Abend und Morgen nicht allzu sehr und erleichterte es dem +Steuermann, zwischen den vielen Schiffen hindurch zu gleiten, welche die +Wolga stromauf und stromab befuhren. + +Inzwischen ward es, da gerade Neumond war, in der Zeit von elf und ein Uhr +doch nahezu Nacht. Die meisten Deckpassagiere schliefen schon und das +Schweigen wurde nur durch das regelmäßige Klatschen der Schaufelräder +unterbrochen. + +Eine eigenthümliche Unruhe hielt Michael Strogoff wach. Er ging, doch +meist nur auf dem Hinterdeck, auf und ab. Einmal jedoch streifte er auch +über den Maschinenraum hinaus. Er befand sich damit in der für die +Passagiere zweiter und dritter Klasse bestimmten Abtheilung. + +Dort schlief Alles nicht nur auf den Bänken, sondern auch auf Ballen und +Gepäckstücken, selbst auf dem Brettboden des Verdecks. Nur die Matrosen +der Wache standen auf dem Vordercastell. Zwei Laternen, eine grüne und +eine rothe, vom Backbord und vom Steuerbord, warfen einige schiefe +Strahlen auf die Wand des Dampfers. + +Es erforderte eine gewisse Aufmerksamkeit, die ganz beliebig umher +liegenden Schläfer nicht zu treten. Es waren das meist Mujiks, denen bei +ihrer Gewöhnung an ein hartes Lager auch das Verdeck des Schiffes schon +genügte, die aber doch Jeden schlecht empfangen hätten, der sie vorzeitig +durch einen Fußtritt erweckte. + +Michael Strogoff hütete sich also wohl, an Jemand zu stoßen. Bei seiner +Wanderung bis an das Ende des Schiffes hatte er keine andere Absicht, als +sich durch eine längere Promenade des Schlafes zu erwehren. + +Auf dem Vorderdeck angelangt, wollte er schon die Stufen nach dem +Vordercastell hinaufsteigen, als er neben sich sprechen hörte. Er hielt +an. Die Stimmen schienen aus einer Gruppe Passagiere zu kommen, welche mit +allerhand Shawls und Decken verhüllt dasaß, die er aber bei der Dunkelheit +nicht weiter zu erkennen vermochte. Nur manchmal gelang es ihm ein wenig, +wenn dem Rauchfange des Dampfers zwischen den schwarzen Wolken einige +röthliche Flammen entstiegen; dann schien es, als wirbelten Funken mitten +durch die Gruppe oder als erglänzten Tausende von Metallflitterchen in dem +ungewissen Lichte. + +Michael Strogoff wollte schon weiter gehen, als er einige Worte deutlicher +vernahm und noch dazu in dem auffallenden Idiome, das schon auf dem +Meßplatze in vergangener Nacht an sein Ohr gedrungen war. + +Unwillkürlich drängte es ihn, zu lauschen. In dem Schatten des +Vordercastells konnte er nicht gesehen werden, so wenig, wie er die mit +einander redenden Fahrgäste eigentlich sehen konnte. Er mußte sich demnach +begnügen, zu horchen. + +Die anfänglich gewechselten Worte besaßen, – wenigstens für ihn, – keine +besondere Bedeutung, doch genügten sie ihm, unzweifelhaft die Stimmen der +Frau und des Mannes wieder zu erkennen, die er schon in Nishny-Nowgorod +gehört hatte. Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Es schien nicht +unmöglich, daß jene Tsiganen, von deren Gespräch er einige Brocken +aufgefangen, jetzt nach der Austreibung sammt ihren Landsleuten, an Bord +des „Kaukasus“ Passage genommen hätten. + +Wie gut es war, daß er horchte, ergab sich aus folgenden in tartarischer +Mundart gewechselten Worten: + +„Man sagt, es sei ein Courier auf dem Wege von Moskau nach Irkutsk. + +— Das sagt man wohl, Sangarre, aber dieser Bote wird entweder zu spät oder +auch gar nicht ankommen!“ + +Michael Strogoff fühlte, wie diese ihn persönlich so nahe angehende +Antwort ihn durchzuckte. Er versuchte sich zu vergewissern, ob der Mann +und die Frau, welche eben sprachen, dieselben seien, die er unter ihnen +vermuthete; aber die tiefe Dunkelheit vereitelte seine Bemühungen. + +Bald nachher war Michael Strogoff unbemerkt wieder nach dem Hinterdeck +gelangt und setzte sich, den Kopf in die Hände gestützt, nieder. Man hätte +meinen sollen, er schliefe. + +Er schlief aber weder, noch dachte er überhaupt daran. Er überlegte sich +vielmehr, nicht ohne eine gewisse Besorgniß, was er gehört hatte. + +„Wer in aller Welt weiß von meiner Abreise und wer hat ein Interesse +daran, sie zu kennen?“ + + + + + Achtes Capitel. + + + Die Kama stromaufwärts. + + +Am Morgen des 18. Juli kam der „Kaukasus“ um sechs Uhr vierzig Minuten an +dem Landeplatze für Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an. + +Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des +Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universität und eines +griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevölkerung dieser +Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken, +Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den +asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat. + +Trotz der großen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze drängte sich eine +ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der +Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie +sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzärmeligem +Kaftan und mit spitzen Mützen, deren breite Krempen an den gewöhnlichen +Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe +ein kleines Scheitelkäppchen, wie es die polnischen Juden tragen. +Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich +halbmondförmig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in +Gruppen bei einander. + +Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der +Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl für die Passagiere, +die den „Kaukasus“ hier verließen, als auch für andere, welche hier das +Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfältiger Musterung jedes +Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene +Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben. + +Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zuströmen, das +man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der „Kaukasus“ sollte +behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten. + +An’s Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er hätte +die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Liefländerin nicht auf +dem Schiffe allein lassen können. + +Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie +sich’s eben für eifrige Jäger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und +mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff +beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er +entweder einige Erscheinungen flüchtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug, +als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines +Gedächtnisses nur plaudernd umher lief. + +Längs der ganzen Ostgrenze Rußlands schwirrte das Gerücht durch die Luft, +daß die Empörung und der Einfall sehr gefährliche Dimensionen annähmen. +Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein +schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den „Kaukasus“ verlassen zu +haben, von verschiedenen neuen Ankömmlingen. + +Erfüllten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so +erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die +Uralkette zu überschreiten, um selbst über die Bedeutung der Ereignisse +urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen +zu können. Fast hätte er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere +Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit plötzlich abgelenkt wurde. + +Unter den Reisenden, welche den „Kaukasus“ verließen, erkannte Michael +Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod +figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die +ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer +Führung, schifften sich etwa zwanzig Tänzerinnen und Sängerinnen im Alter +von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothdürftig +den Flitterstaat darunter verhüllten. + +Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen, +erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht. +Es war der nämliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem +Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten. + +„Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsüber +unter dem Verdeck auf und wollte sich während der Nacht unter dem +Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es für gut, möglichst wenig +gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!“ + +Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel, daß der ihn besonders +angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergerührt habe, die nur dann +und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und daß jene Worte zwischen +dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt +worden seien. + +Wider Willen näherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des +Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verließ, um nicht wieder zu +kehren. + +Dort stand der Alte in sehr demüthiger, mit der natürlichen +Unverschämtheit seiner Stammesgenossen wenig übereinstimmender Haltung. Er +sah aus, als meide er es möglichst gesehen zu werden, statt die Blicke +Anderer auf sich zu lenken. Sein schäbiger, von der Sonne des ganzen +Erdballs verbrannter Hut saß tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem +breiten Rücken bauschte sich trotz der Wärme der Sonne ein weiter Kittel. +Es wäre schwierig gewesen, unter dieser erbärmlichen Hülle seine Figur +deutlich zu erkennen. + +Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine große Frau von dreißig +Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, prächtigen Augen und +üppigem Haar in stolzer Haltung. + +Einige der jungen Tänzerinnen waren von auffallender Schönheit, und Alle +zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind +im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Großen, welche +mit den Engländern gern an Excentricität wetteifern, hat sich nicht +entblödet, ein Weib aus diesem Stamme zu wählen. + +Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthümlichem Rhythmus vor sich +hin, dessen erste Verse man etwa so übersetzen könnte: + + Am braunen Hals die Koralle blinkt, + Die goldene Nadel im Haar; + Ich ziehe, wo immer das Glück mir winkt, + Zum Lande der ... + +Die lustige Dirne sang gewiß weiter, doch Michael Strogoff hörte sie nicht +mehr. + +Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre’s mit besonderer +Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Züge +ihrem Gedächtniß unauslöschlich einprägen. + +Einige Minuten später verließ dann auch Sangarre den „Kaukasus“, als der +Alte mit seiner Truppe schon am Lande war. + +„Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich +als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit ‚Spion‘ +titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch +deutlich in der Nacht, und Diese könnte wohl wissen ...“ + +Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu +folgen, aber er bezwang sich noch. + +„Nein, nein, dachte er, keinen unüberlegten Schritt! Lasse ich den alten +Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito +aufgeben zu müssen. Sie sind ja fort, und bevor sie über die Grenze +gelangen können, werde ich schon weit über den Ural hinaus sein. Ich weiß +wohl, daß sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen können, aber +dieser bietet keinerlei Beförderungsmittel, und ein Tarantaß mit tüchtigen +sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig, +bleib’ ruhig, Freund Korpanoff!“ + +Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge +verschwunden. + +Wenn Kasan mit Recht „das Thor Asiens“ genannt wird, wenn man diese Stadt +als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt +das von den zwei hier zusammenlaufenden Straßenzügen her, welche über die +Pässe des Uralwalles führen. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den +über Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die große +Poststraße, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit +Relais und setzt sich über Tschim bis Irkutsk fort. + +Daneben verbindet freilich eine zweite Straße, – eben jene von Michael +Strogoff erwähnte, – Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges +über Perm, welche über Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie +Europa verläßt, und über Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne führt. Mag +sie auch etwas kürzer sein, als jene, so hält der Mangel an Posthäusern, +der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Dörfern diesem +Vortheil gewiß die Wage. Michael Strogoff mußte mit seiner Wahl um so +zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach +Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen. + +Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“, +rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurück. Es mochte bald acht +Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der +Kessel zitterten unter der Pressung der Dämpfe. Das Schiff konnte jeden +Augenblick abfahren. + +Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plätze an Bord schon +eingenommen. + +Da fiel es Michael Strogoff auf, daß von den beiden Journalisten nur der +eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurück gekehrt war. + +Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versäumen? + +Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue löste, erschien Alcide +Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestoßen und die +Landungsbrücke auf den Kai zurück gerollt, der leichtfüßige Held der Feder +bekümmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte +er über die Lücke und fiel auf dem Deck des „Kaukasus“, fast in die Hände +seines Collegen, nieder. + +„Ich glaubte schon, der ‚Kaukasus‘ sollte ohne Sie weiter gehen, sagte +Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube +ähnelte. + +— Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich hätte Sie schon einzuholen gewußt +und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff +chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst für zwanzig Kopeken, +nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau +ist’s eine tüchtige Strecke. + +— Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich +dabei zusammenzogen. + +— Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem +liebenswürdigsten Lächeln. + +— Nun, er ist bis Kolyvan noch in Ordnung? + +— Das weiß ich nicht, kann Ihnen dafür aber versichern, daß er z. B. von +Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist. + +— Sie gaben eine Depesche auf ... an Ihre Cousine?... + +— Mit reinem Feuereifer! + +— Sie haben also gehört ... + +— Erlauben Sie, Väterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete +Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniß vor +Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind über +Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwärmen in hellen Haufen längs der +Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!“ + +Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht, +während sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben +mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische +Zeitung war um zwei Pferdelängen geschlagen! + +Der arme Harry Blount wandelte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, nach +dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen. + +Gegen zehn Uhr Morgens verließ die junge Liefländerin ihre Cabine und +erschien auf dem Verdeck. + +Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand. + +„Sieh Dich hier um, Schwester“, mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile +des Schiffes gelangt waren. + +Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung. + +Der „Kaukasus“ erreichte jetzt den Zusammenfluß der Wolga und Kama. Hier +verließ er nach einer Thalfahrt von über 400 Werst jenen Strom, um den +immerhin bedeutenden Fluß 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu +durchpflügen. + +An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserläufe mischten sich deren +verschieden gefärbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer +denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten, +und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug. + +Die Kama endigte in weitgeöffneter Mündung, umrahmt von lieblich +bewaldeten Ufern. Einige weiße Segel belebten das reinliche Wasser, auf +dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit +mächtigen Eichen geschmückte Hügel schlossen den Horizont in harmonischer +Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen +des Himmels zu verschmelzen schien. + +Und doch schien es, als blieben diese Naturschönheiten ohne allen Eindruck +auf den Gedankengang des jungen Mädchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr +Reiseziel zu erreichen! – Die Kama bildete für sie nur einen leichteren +Weg, dahin zu gelangen. Wie glänzten ihre Augen in schönem Feuer auf, wenn +sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont +durchbohren. + +Nadia hatte die Hand in der ihres Gefährten gelassen und fragte, indem sie +sich zu ihm hinwendete: + +„Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg? + +— Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff. + +— Neunhundert auf sieben Tausend!“ seufzte das junge Mädchen. + +Die Zeit zum Frühstücken war gekommen; das Läuten einer Glocke meldete es +den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsräumen +des Steamers. Sie berührte die auf einer seitlichen Tafel servirten +Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Häring in Stücken, anishaltiger +Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte, +der man in allen nördlichen Ländern, in Rußland ebenso wie in Schweden und +Norwegen begegnet. Nadia aß nur wenig, etwa wie ein armes Mädchen, deren +beschränkte Mittel sie nicht weiter gehen ließen. Michael Strogoff glaubte +sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner +Gefährtin genügten, nämlich ein wenig „Kulbat“, eine Art Pastete aus Reis, +Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getränk etwas +Thee. + +Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten, +nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und +Nadia wieder das Deck des „Kaukasus“. + +Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle +Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehört zu +werden: + +„Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heiße Nadia Fedor. Vor +kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt +nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen. + +— Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es +als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in +die Arme ihres Vaters zu führen. + +— Ich danke, Bruder!“ erwiderte Nadia. + +Michael Strogoff fügte noch hinzu, daß er für Sibirien einen speciellen +Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behörden +kein Hinderniß im Wege stehen werde. + +Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufälligen Begegnung dieses +einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem +Vater zu gelangen! + +„Ich besaß, fuhr sie fort, einen Paß, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu +gehen; ihn hat der Erlaß des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod +ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, hätte ich die Stadt, in der Du +mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen wäre, nicht verlassen +können. + +— Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du +Dich durch die Steppen Sibiriens wagen? + +— Es war meine Pflicht, Bruder. + +— Wußtest Du aber nicht, daß das empörte und von Feinden überschwemmte +Land kaum zu passiren ist? + +— Der Tartareneinfall war, als ich Riga verließ, noch nicht bekannt, +erwiderte die junge Liefländerin. In Moskau erst erfuhr ich diese +Neuigkeiten. + +— Und setztest trotzdem Deine Reise fort? + +— Es war meine Pflicht.“ + +Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Mädchens. +Was sie für ihre Pflicht erkannte, zögerte Nadia niemals auszuführen. + +Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein +geschätzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte glücklich im +Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer ausländischen geheimen +Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen +und die Gensdarmen, welche jene Ordre überbrachten, geleiteten ihn ohne +Verzug über die Grenze. + +Wassili Fedor ließ man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und +seine hilflos zurückbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoß heiße +Thränen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen. + +Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte +dort, aber fast ohne pecuniären Vortheil, seine Praxis weiter betreiben +können. Und doch wäre er wohl so glücklich gewesen, wie das einem +Verbannten überhaupt möglich ist, hätte er Weib und Kind um sich haben +können. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwächlichkeit wegen aber auch +schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des +Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist +dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behörden nun um die bald +zugestandene Erlaubniß an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb +Diesem, daß sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser +weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen. +Sie that, was sie konnte!... Gott würde das Uebrige thun! + +Indeß arbeitete sich der „Kaukasus“ gegen den Strom vorwärts. Die Nacht +brach an und die Luft kühlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen die +Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem +Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das +Geheul der Wölfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben. + + + + + Neuntes Capitel. + + + Tag und Nacht im Tarantaß. + + +Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der „Kaukasus“ am Landungsplatze in +Perm an, der letzten Station, die er an der Kama berührte. + +Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der +umfänglichsten in ganz Rußland und greift über das Uralgebirge hinweg bis +nach Sibirien hinüber. Marmorbrüche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie +Steinkohlengruben werden dort in großem Maßstabe ausgebeutet. Perm mag +allen Umständen nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorläufig +aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen. +Für Diejenigen, welche von Rußland nach Sibirien gehen, fällt jener Mangel +an Comfort nicht allzu sehr in’s Gewicht, denn Diese sind gewöhnlich mit +allem Nöthigen hinlänglich versehen; den Ankömmlingen aus Centralasien +dagegen würde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiß recht +angenehm sein, die erste europäische Stadt des Reiches an der asiatischen +Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenständen des Bedarfs +versorgt zu sehen. + +In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen +meist mehr oder weniger beschädigten Wagen zu veräußern; andererseits +kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im +Winter Schlitten, bevor er sich für mehrere Monate in die verlassenen +Steppenwüsten wagt. + +Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und +durfte dasselbe nur erfüllen. + +Gewöhnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich +schnell überschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhältnisse +hatte man diesen aber einstellen müssen. Auch ohnedem hätte Michael +Strogoff, dem es auf die größte Eile ankam, auf dieses Beförderungsmittel +verzichtet, und würde er es, um von Niemand abhängig zu sein, vorgezogen +haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu +wechseln, wobei er durch splendide „_na vodku_“ (Trinkgelder) den Eifer +der Postillone anzuspornen hoffen durfte. + +Zum Unglück hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft +beliebten Maßnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge +dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam +also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmähten zu begnügen. +Bezüglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren außerhalb +Sibiriens wohl seinen Podaroshna in’s Treffen führen, auf welchen hin ihn +die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen befriedigen +würden. Einmal außer dem europäischen Reiche aber sah er sich gleich jedem +Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschränkt. + +An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen +Tarantaß oder einen Teleg? + +Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierräderiges Wägelchen und durchweg +aus Holz construirt. Räder, Axen, Schlußnägel, Sitze und Deichsel, alles +stammt von den Bäumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der +einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke +hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles +Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer +Beschädigung leichter wieder in Stand zu setzen wäre. An Tannen fehlt es +längs der russischen Grenze nicht, und die Schlußnägel wachsen in den +Wäldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden +die unter dem Namen „Perekladnoï“ bekannten Extraposten befördert. +Manchmal reißen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und +während der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der +Vordertheil des Fuhrwerks bei dem nächsten Relais auf zwei Rädern an; aber +man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden. + +Michael Strogoff hätte sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen +müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch einen Tarantaß aufzutreiben. + +Es glaube aber Niemand, daß ein derartiges Gefährt auf der obersten +Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem +Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart; +aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuß von einander entfernten +Räder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen +Straßen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schützt die Insassen vor +dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche +herabgezogen das Gefährt fast hermetisch verschließt, vor dem Sonnenbrande +und den nicht seltenen Windstößen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantaß +ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits +weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen. + +Michael Strogoff gelang es nur mit großer Mühe, einen solchen Tarantaß +aufzufinden; vielleicht gab’s in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen +zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe +nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff +auch hier treu zu bleiben. + +Nadia folgte ihrem Reisegefährten bei seinen Nachsuchungen nach einem +Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe +Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man könnte +sagen, daß sie ein und derselbe Wille drängte. + +„Schwester, begann Michael Strogoff, ich hätte für Dich gerne eine +bequemere Fahrgelegenheit gesucht. + +— Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuß +aufgebrochen wäre, um meinen Vater zu finden. + +— An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische +Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist. + +— Ich würde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das +junge Mädchen. Wenn Du eine Klage über meine Lippen kommen hörst, so +verlaß mich und setze Deinen Weg allein fort!“ + +Eine halbe Stunde später standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei +Postpferde vor dem Tarantaß angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere +ähnelten fast den Bären. Sie waren, wie die sibirische Race überhaupt, +klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaßen +angespannt: das eine, etwas größere, stand zwischen einer Gabeldeichsel +mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glöckchen behangen +war, d. i. der russische „_duga_“; die beiden andern waren einfach mittels +Seilen an das Fußgestell des Tarantaß gekoppelt. Von Zaum und Gebiß keine +weitere Spur; als Zügel diente einfache Hanfschnur. + +Weder Michael Strogoff noch die junge Liefländerin führten vieles Gepäck +mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen +mußte, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede +Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das +sehr zu Statten, denn der Tarantaß hätte entweder das Gepäck oder die +Reisenden nicht aufnehmen können. Er war, den Postillon ungerechnet, nur +für zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch +nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht. + +Dieser Jemschik wechselt übrigens bei jedem Relais. Der Führer des +Tarantaß auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen +Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen +langen Haare über der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen +Hut, rothen Gürtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnüren an Knöpfen mit +dem kaiserlichen Abzeichen. + +Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden +des Tarantaß erst mit prüfendem Blicke. Kein Gepäck! – Aber wo zum Teufel +hätte er solches unterbringen wollen? – Magere Aussichten! Er machte eine +nicht mißzudeutende Bewegung. + +„Ein Paar Raben, sagte er halb für sich und unbekümmert darum, ob er +verstanden wurde oder nicht, Raben für sechs Kopeken die Werst. + +— Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon +recht wohl verstand, Adler, hörst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das +Trinkgeld!“ + +Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der „Rabe“ bedeutet in der +Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten +Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei +Kopeken per Werst bezahlt. Ein „Adler“ dagegen ist der Reisende, der auch +vor hohen Preisen nicht zurückschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft. +Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu +fliegen, wie der König der Vögel. + +Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plätze in dem Tarantaß ein. +Einiger wenig umfänglicher Proviant, der in den Sitzkästen untergebracht +wurde, gewährte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzögerung erleiden zu +können, wenn sie einmal die durch Fürsorge des Staates wohlversehenen +Posthäuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde +übergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag +verließ der Tarantaß, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog +in eine dichte Staubwolke gehüllt dahin. + +Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, hätte jedem +Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, höchlichst +verwundern müssen. Das etwas größere Pferd in der Gabel hielt ungestört, +wie abschüssig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter +Regelmäßigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart +als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der +Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen +Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber, +wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der +Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er für sie borgte! Die Schnur, die +ihm als Zügel diente, wäre gegenüber den ausgelassenen Thieren wohl ganz +nutzlos gewesen, aber „_na pravo_“, rechts, oder „_na levo_“, links, +diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr +Wirkung, als Zügel und Zaum. + +Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der würdige Rosselenker! + +„Vorwärts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwärts meine artigen +Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltäubchen! Immer dran, mein Vetter zur +Linken! Greif’ aus, Väterchen zur Rechten!“ + +Wenn sie aber nachließen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso +vielseitige Verwünschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen +schienen. + +„Lauf zu, Du Höllenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwürge +Dich bei lebendigem Leibe, Du Schildkröte! Du sollst noch in jener Welt +verdammt sein!“ + +Was man aber auch denken möge über diese Art der Pferdeführung, welche +mehr die Solidität der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in +Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantaß nur so dahin und bewältigte +zwölf bis vierzehn Werst in der Stunde. + +Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Beförderung +gewöhnt. Weder das Schütteln noch das Hüpfen des Gefährtes belästigte ihn. +Er wußte, daß ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder +tiefe Löcher vermeidet, so wenig wie umgestürzte Baumstämme oder Gräben, +die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefährtin freilich lief +Gefahr, durch dieses Stoßen des Tarantaß verletzt zu werden, doch sie +beklagte sich nicht. + +Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin +gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur +ankommen! verfolgt, begann sie: + +„Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich +mich geirrt? + +— Gewiß nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg +werden wir den Fuß des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben. + +— Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern? + +— Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, – ich sage Tag und +Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muß ohne Säumen nach +Irkutsk eilen. + +— Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen +Tag und Nacht fahren. + +— Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so +können wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein. + +— Du hast diese Reise schon einmal gemacht? + +— Schon mehrere Male. + +— Im Winter würden wir schneller und sicherer vorwärts kommen, nicht wahr? + +— Schneller gewiß, doch würdest Du von der Kälte und dem Schnee schwer +gelitten haben. + +— Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund. + +— Ja wohl, Nadia, aber es gehört doch ein gewisses Temperament dazu, diese +Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kälte in den Steppen +Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner +Kleidung aus Rennthierfell(2) mein Herz sich mit Eis überziehen, meine +Glieder sich zusammenkrümmen, meine Füße unter dreifacher wollener +Umhüllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt +mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nüstern erstarren. Ich sah es, +wie der Branntwein in meiner Kürbisflasche zu Stein wurde, so daß kein +Messer ihn schneiden konnte!... Mein Schlitten aber flog dahin wie ein +Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglätteten und unübersehbar +weißen Ebene! Keine Wasserläufe, durch die man sonst eine passirbare Furth +suchen mußte! Keine Seen, welche Schiffe nöthig machten! Allüberall das +harte Eis, die freie, sichere Straße. Aber um den Preis welcher Leiden, +Nadia! Die allein könnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren +Leichname der wehende Schnee begrub! + +— Und doch bist Du zurück gekehrt, Bruder! sagte Nadia. + +— Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei +seinen Jagdzügen folgte, gewöhnte ich mich an all’ diese harten Proben. +Als Du, Nadia, mir aber sagtest, daß der Winter Dich nicht zurück gehalten +hätte, daß Du abgereist wärst mit dem Vorsatze, gegen das fürchterliche, +unwirthbare Klima Sibiriens anzukämpfen, da sah ich Dich schon im Geiste +verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen! + +— Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge +Liefländerin. + +— Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging. + +— Und was thatest Du in Omsk? + +— Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete. + +— Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm +die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, daß mich +Nichts hätte zurückhalten können? + +— Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott +würde Dir geholfen haben!“ + +Diesen Tag über wurde der Tarantaß durch die bei jedem Relais wechselnden +Jemschiks sehr schnell weiter befördert. Die Adler der Berge hätten ihren +Namen durch jene „Adler“ der Landstraße nicht als entehrt ansehen können. +Der hohe Preis für jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder +dienten den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den +Postmeistern mochte es nach Veröffentlichung jener Verordnung wohl +auffallen, daß ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar +Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indeß waren ihre +Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn +auch die Kilometer-(Werst-)Pfähle bald im Rücken des Tarantaß. + +Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden +auf der Straße von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais +ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, daß ein Wagen ihm vorausging, ohne +sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darüber besondere Sorge zu +machen. + +Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die nöthigen +Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthäuser boten Unterkunft und +Stärkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht hätte, wäre das Haus +jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geöffnet gewesen. In diesen +einander überaus ähnlichen Dörfern mit ihren weißen steinernen Capellen +und grünlichen Dächern kann der Reisende wohl an jede Thür klopfen; sie +wird sich gewiß öffnen. Dann erscheint der Mujik lächelnden Gesichts und +giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rückt den +„Samowar“ über’s Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fühlen. Die +Familie würde im Nothfalle das Haus räumen, um ihm Platz zu machen. Der +ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der „den Gott selbst +sendet“. + +Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem +unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie +viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe. + +„Vor zwei Stunden, Väterchen, berichtete der Postmeister. + +— Es ist eine Berline? + +— Nein, ein Teleg. + +— Wie viel Reisende? + +— Zwei. + +— Sie haben es eilig? + +— Es sind Adler! + +— Laßt schleunigst anspannen.“ + +Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang +aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch. + +Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fühlte man, daß die +drückender gewordene Luft sich allmälig mit Elektricität sättigte. Kein +Wölkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein +warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befürchten, daß in den +Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael +Strogoff, der gewöhnt war, alle atmosphärischen Vorzeichen zu deuten, +fühlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger +Besorgniß erfüllte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stöße +des Tarantaß vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb +zurückgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schöpfen, nach der +die Lungen in dieser erstickenden Atmosphäre begierig verlangten. + +Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er mißtraute den Jemschiks, +weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den +Relais verloren, keine Stunde unterwegs. + +Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die +ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese mächtige Kette, die +Grenzmauer zwischen dem europäischen Rußland und Sibirien, lag jedoch noch +in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen +hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst +während der folgenden Nacht stattfinden. + +Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgängig bedeckt und in Folge +dessen auch die Luftwärme erträglicher, doch wurde die Witterung immer +gewitterschwüler. + +Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten +in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff würde es gewiß +unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt hätte; als ihn der +Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden +Donner aufmerksam machte, fragte er nur: + +„Ein Teleg fährt uns noch immer voraus? + +— Ja. + +— Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben? + +— Ungefähr eine Stunde. + +— Vorwärts! – Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen früh in +Jekaterinenburg sind.“ + + + + + Zehntes Capitel. + + + Ein Unwetter in den Uralbergen. + + +Die Uralkette erstreckt sich auf einer Länge von nahe 3000 Werst (3200 +Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht, +der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung „Poyas“ aus +russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den +betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmäßig den „Gürtel“. Mit +dem einen Fuße an der unwirthlichen Küste des Arktischen Oceans netzen sie +den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee. + +Das war die Grenze, welche Michael Strogoff überschreiten mußte, um von +Rußland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwähnt, die Straße +einschlug, die auf der östlichen Abdachung des Ural von Perm nach +Jekaterinenburg führt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der +leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten +centralasiatischen Handels dient. + +Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniß eintrat, wohl zum Passiren der +Berge ausreichen. Leider kündigte das erste Grollen des Donners ein +Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphäre furchtbar zu +werden drohte. Die elektrische Spannung war so groß, daß sie sich nur +durch heftige Entladungen ausgleichen konnte. + +Michael Strogoff achtete darauf, daß seine junge Begleiterin bestmöglich +versorgt war. Die Wagendecke, die ein schärferer Windstoß leicht hätte +wegreißen können, wurde durch über und hinter ihr gekreuzte Stricke besser +gesichert. Man verdoppelte die Zugstränge der Pferde und polsterte aus +übergroßer Vorsicht das Stoßeisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die +Haltbarkeit der Räder zu vergrößern, als auch um die Stöße zu mildern, die +in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein würden. +Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefährtes, +deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantaß angepflöckt waren, mit +einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange. +Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstückes, das an den +Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet. + +Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte +sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei +Ledervorhänge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem +Regen und Sturme schützen mußten. + +An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei große Laternen +angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht +gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung +des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so +dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstoßen mit einem etwa +entgegenkommenden Wagen. + +Man erkennt hieraus, daß keine Vorsichtsmaßregel versäumt wurde, und +gegenüber einer so drohenden Nacht waren sie gewiß am Platze. + +„Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff. + +— So wollen wir fahren“, antwortete das junge Mädchen. + +Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantaß schwankte die ersten +Vorberge des Urals hinan. + +Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es, +trotz der in jenen Breiten länger andauernden Dämmerung, schon recht +dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Wölbung des Himmels herab zu +drücken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie +auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das +doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom +Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art +phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von +sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise näherten sie sich der +Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den +Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den höheren +Luftschichten von oben nach unten. Die Straße führte diesen gewaltigen, +dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen. +Binnen Kurzem mußten Straße und Dunstmassen einander begegnen, und lösten +die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel, +durch welchen der Tarantaß nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu +laufen in einen Abgrund zu stürzen. + +Die Kette der Uralberge erreicht übrigens nur eine mittlere Höhe; ihr +bedeutendster Gipfel übersteigt noch nicht 5000 Fuß. Der ewige Schnee ist +daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter +über das Gebirge schüttet, schmelzen vollständig bei der Sonnenwärme des +Sommers. Pflanzen und Bäume gedeihen noch in beträchtlicher Höhenlage. Die +Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstätten kostbarer +Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleißiger Hände. So +begegnet man denn auch den „Zarody“ genannten Dorfschaften ziemlich häufig +und der durch die gewaltigen Engpässe geführte Weg ist für die Postwagen +in gut fahrbarem Zustande. + +Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet +Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kämpfen und +man sich in diesem Gewühle befindet. + +Aus Erfahrung wußte Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen +bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor für +ebenso gefahrbringend, als die fürchterlichen Schneestürme, die hier +während des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wüthen. + +Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das +Wageninnere schützenden Ledervorhänge aufgehoben, sah hinaus und achtete +scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit +phantastischen Schattenbildern belebte. + +Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, während +ihr Begleiter mit halbem Körper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel +und die Erde musterte. + +Die Atmosphäre war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen +rührte sich vom Platze. Man hätte sagen mögen, daß die halberstickte Natur +nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene düsteren, dichten Wolken, +aus irgend welchem Grunde gelähmt, nicht mehr functioniren konnten. Das +Schweigen wäre ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Räder des +Tarantaß, die die Kiesel der Straße zerrieben, ohne das Seufzen der Naben +und überhaupt des Holzwerkes am Gefährte, ohne den keuchenden Athem des +Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte +Funken sprühten. + +Uebrigens war die Straße vollkommen öde. Der Tarantaß begegnete weder +einem Fußgänger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden +Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Köhlers rauchte +im Walde, keine Lagerstätte von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar, +keine einzige im Gehölz verlorene Hütte. Es bedurfte solcher Gründe, +welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die +Gebirgskette unter den gegebenen Verhältnissen zu unternehmen. Michael +Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmöglich; aber – und das +fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniß einzuflößen, – wer in aller +Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantaß vorausgehenden +Teleg sein; welch’ gewichtige Gründe hatten sie, eben so tollkühn zu +handeln? + +Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr +begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr +aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten mächtiger Kiefern +auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Straße +gruppenweise flankirten. Näherte sich der Tarantaß dem Rande der Straße, +dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgründe neben jener. Von +Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stoßen, daß der Wagen eine +Brücke aus Baumstämmen passirte, welche kaum zugehauen eine Höhlung des +Weges überdeckten. Je höher sie hinauf kamen, desto mehr ertönte ein +monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe +des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmähreden an seine Thiere +verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphäre als durch den +Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens +vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast +zusammen. + +„Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael +Strogoff den Jemschik. + +— Um ein Uhr früh ... wenn wir überhaupt hinkommen! antwortete dieser mit +ungläubigem Kopfschütteln. + +— Sag’ doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den +Bergen, nicht wahr? + +— Nein, und gebe Gott, daß es auch nicht mein letztes ist. + +— Hast Du Furcht? + +— Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, daß Du unrecht handeltest, +abzufahren. + +— Ich hätte noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb. + +— Na, dann vorwärts, meine Täubchen!“ erwiderte der Jemschik, als ein +Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen. + +In diesem Augenblicke ließ sich ein entferntes Geräusch vernehmen; es +glich einem tausendfachen gellenden und betäubenden Pfeifen in der bisher +noch halb ruhigen Atmosphäre. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes, +dem ein entsetzlicher Donnerschlag folgte, bemerkte Michael Strogoff +einige große Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm +brach los, jagte aber bis jetzt nur die höhern Luftschichten +durcheinander. Ein trockenes Geknatter ließ erkennen, daß einige alte oder +schlecht bewurzelte Bäume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht +hatten Widerstand leisten können. Eine Lawine gebrochener Stämme rollte +bald über die Straße, schlug hüpfend auf die Felsenvorsprünge und verlor +sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantaß, in den Tiefen zur Linken. + +Stutzend hielten die Pferde still. + +„Immer vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik, und munter +knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners. + +Michael Strogoff ergriff Nadia’s Hand. + +„Schläfst Du, Schwester? fragte er. + +— Nein, Bruder. + +— Sei bereit für Alles. Jetzt kommt das Unwetter! + +— Ich bin bereit.“ + +Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhänge zu schließen. + +Wild tobte der Sturmwind heran. + +Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die +Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine +schreckliche Gefahr. + +Unbeweglich stand der Tarantaß an einer Biegung des Weges, durch welche +der Sturm hereintobte. Der Wagen mußte also dem Winde gerade entgegen +gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so wäre er +unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden. +Von den Windstößen zurückgedrängt bäumten sich die Pferde, ohne daß es +ihrem Führer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die +Schmeichelworte folgten die kräftigsten Flüche. Nichts half. Die armen, +von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen, +Artilleriesalven ähnlichen Donner betäubten Thiere drohten die Stränge zu +zerreißen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines +Gespannes. + +Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantaß und kam dem Kutscher zu Hilfe. +Seiner außergewöhnlichen Körperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Mühe, +die Thiere zu bändigen. + +Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Straße erweiterte sich an +der eben erreichten Stelle tonnenartig, so daß sich der Wind hineinpreßte, +etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht. +Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstämmen den Abhang +herab zu poltern. + +„Hier können wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff. + +— Wir werden auch gar nicht länger hier sein! rief der Jemschik, während +er ganz bestürzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht +einherstürmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran, +uns bergab zu befördern und das auf dem kürzesten Wege. + +— Nimm das Handpferd beim Zügel, Memme! antwortete Michael Strogoff; für +das linke werde ich stehen!“ + +Ein neuer heftiger Windstoß unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und +er mußten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu +werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie +jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine +Strecke zurück, und hätte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm +aufgehalten, so wäre er wohl vom Wege abgedrängt worden. + +„Fürchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff. + +— Ich habe keine Furcht“, erwiderte die junge Liefländerin, ohne daß ihre +Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen hätte. + +Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm +verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges. + +„Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik. + +— Nein, wir müssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu +überwinden, höher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand. + +— Aber die Pferde wollen nicht vorwärts. + +— Mach’ es wie ich, ziehe sie! + +— Diese Windstöße werden sich wiederholen. + +— Wirst Du gehorchen? + +— Du willst es. + +— Der ‚Vater‘ selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum +ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmächtigen Namen des Kaisers +gebrauchte. + +— Dann also vorwärts, meine Schwalben!“ rief der Jemschik und ergriff das +Pferd zur Rechten, während Michael Strogoff die Zügel des linken packte. + +So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht +mehr seitwärts ausbiegen, und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das +nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Straße einhalten. +Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei +Schritte vorwärts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren. +Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefährt +schwebte jeden Augenblick in Gefahr, außer Ordnung zu kommen. Wäre die +Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so hätte sie der +erste Anprall des Sturmes gewiß schon entführt. + +Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese +kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurückzulegen, welche der Geißel +des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein +in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzüglich auch in jenem Hagel +von Geröll und geknickten Stämmen, welchen der Berg um sie herum +niederschüttete. + +Plötzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein größerer +Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den +Tarantaß herabstürzte. + +Der Jemschik schrie entsetzt laut auf. + +Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe +antreiben. + +Nur wenige Schritte, und das Felsstück wäre hinter ihnen niedergeschlagen. + +In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, daß der Tarantaß +getroffen, seine Gefährtin zerschmettert werden müßte! Er fühlte, daß er +sie lebend nicht mehr herauszuholen vermöchte ... + +Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der Gefahr schöpfte er eine +fast übermenschliche Kraft, stemmte den Rücken gegen die Achse, die Füße +fest auf den Boden und drängte das schwerfällige Fuhrwerk einige Schritte +vorwärts. + +Der gewaltige Block flog vorüber, streifte dem jungen Manne fast die Brust +und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd +und Funken sprühend zersprangen die Steine auf der Straße. + +„Bruder!“ hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene +beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte. + +— Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia! + +— Um meinetwillen könnte ich mich niemals fürchten. + +— Gott ist mit uns, Schwester! + +— Mit mir gewiß, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!“ sagte +halblaut das junge Mädchen. + +Der Anstoß, den der Tarantaß durch Michael Strogoff’s Anstrengung erhielt, +sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung für die stutzenden +Pferde, die frühere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff +und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem +schmalen von Norden nach Süden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den +directen Anprall des Unwetters einigermaßen gesichert waren. Die Berglehne +zur Rechten bildete hier eine Art Sägewerk durch einen vorspringenden +Felsen, der sich mitten in einem schäumenden Wildwasser erhob. Hier +wüthete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien +einigermaßen haltbar, während in der Peripherie dieser scheinbaren Cyclone +sich gewiß kein Mensch oder Thier hätte aufrecht erhalten können. + +Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel +überragten, in einem Augenblick geköpft, so als sauste eine Riesensense +über die Hochfläche dahin. + +Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in +den Engpaß hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der +Boden schien unter den furchtbaren Schlägen zu erzittern, so als würde die +ganze Uralkette erschüttert. + +Zum Glück hatte man den Tarantaß in einer tiefen Felsenaushöhlung ziemlich +gut unterbringen können, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf; +doch war er nicht so vollkommen geschützt, daß er nicht manchmal durch +einige von den Bergvorsprüngen abgeleitete Seitenströmungen tüchtig +geschüttelt worden wäre. Dabei stieß er wohl gegen die Felsmauer, daß man +befürchten mußte, ihn in tausend Trümmer zersplittert zu sehen. + +Nadia mußte den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff +fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushöhlung, +die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrührte und in +welche sich das junge Mädchen verkriechen mußte, bis es möglich würde, die +Fahrt wieder fortzusetzen. + +Jetzt begann – es war gegen ein Uhr Morgens – der Regen in Strömen +herabzustürzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten +Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu +verlöschen. Unter diesen Verhältnissen war an den Wiederaufbruch natürlich +gar nicht zu denken. + +Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff’s – und man begreift wohl, wie groß +diese war – mußte er doch das schlimmste Unwetter erst vorübergehen +lassen. Da übrigens der Bergrücken, über den die Straße von Perm nach +Jekaterinenburg führt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch +darum, die Bergabhänge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt, +jetzt, über einen von unzähligen Bergbächen durchwühlten Boden, mitten in +dem Sturm und den Regenschauern, hieß wirklich das Leben auf’s Spiel +setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen. + +„Abwarten – es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch +gegen vielleicht noch längere Verzögerungen. Die Heftigkeit des Gewitters +läßt mich annehmen, daß es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr +muß der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen dürfen, in der +Finsterniß bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch +nicht leicht, so doch mindestens ausführbar sein. + +— So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt +aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu +ersparen. + +— Ich weiß es, Nadia, daß Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich +uns Beide aber bloßstelle, dann setze ich einen noch höheren Preis ein, +als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und +dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfüllen habe. + +— Einer Pflicht!...“ murmelte Nadia. + +Eben zerriß ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen +gleichsam zu zerstäuben. Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen +Krach. Die Luft erfüllte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche +und eine zwanzig Schritte von dem Tarantaß entfernte Gruppe alter Kiefern +flammte, von dem elektrischen Fluidum entzündet, gleich einer +Gigantenfackel lodernd in die Höhe. + +Der Jemschik stürzte, wie von einem Rückschlag getroffen, zu Boden, erhob +sich aber glücklicher Weise unverletzt wieder. + +Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges +verloren hatte, fühlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia’s +ergriffen und hörte sie die Worte in sein Ohr sprechen: + +„Hilferufe, Bruder! Hörst Du sie?“ + + + + + Elftes Capitel. + + + Reisende in Noth. + + +Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Straße +her und unfern der Aushöhlung, welche den Tarantaß deckte, wiederholtes +Hilferufen. + +Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von +irgend einem gefährdeten Reisenden ausging. + +Michael Strogoff lauschte aufmerksam. + +Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschütteln, so als +scheine es ihm unmöglich, hier Beistand zu leisten. + +„Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia. + +— Auf uns werden sie nicht zählen dürfen!... fiel rasch der Jemschik ein. + +— Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene +unter gleichen Verhältnissen gewiß für uns thun würden, sollen wir das +unversucht lassen? + +— Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf’s Spiel!... + +— Ich werde zu Fuß gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten +Geschirrführer. + +— Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Liefländerin. + +— Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich möchte diesen +nicht allein lassen ... + +— So werd’ ich dableiben, erwiderte Nadia. + +— Was auch geschehe, verlasse diese geschützte Stelle nicht! + +— Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin.“ + +Michael Strogoff drückte dankend die Hand seiner Gefährtin, eilte nach der +Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen. + +„Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Mädchen. + +— Er handelt recht“, antwortete einfach Nadia. + +Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er große Eile hatte +den Bedrängten, welche jene Rufe erschallen ließen, helfend beizuspringen, +so war doch auch sein Wunsch nicht minder groß, zu erfahren, wer jene +Reisenden sein möchten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte, +sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht daran, daß es +dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantaß vorausrollte. + +Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit +verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden +immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurück +gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Straße verlief mehrfach gekrümmt +und der bläuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der +sich in einen solchen Straßenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er +sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende +Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kräfte zu +widerstehen vermochte. + +Jedoch, es zeigte sich sehr bald, daß die Reisenden, von denen jene +Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie für +Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar – ob das nun daher kam, daß Jene +sich nicht auf der Straße selbst befanden, oder daß nur die herrschende +Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, – jedenfalls verstand er ihre +Worte schon ganz deutlich. + +Da hörte er denn, – natürlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, – +Folgendes: + +„Wirst Du wohl zurückkommen, Schlingel? + +— Dich erwartet die Knute auf dem nächsten Relais. + +— Hörst Du, Du Postillon der Hölle! He! Du, da unten! + +— So wird man in diesem verwünschten Lande befördert. + +— Und das nennen sie einen Teleg! + +— He, Du dreifacher Erztölpel! – Da reißt er aus und scheint’s gar nicht +zu bemerken, daß er uns hier sitzen gelassen hat! + +— Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Engländer! Ich +werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen +lassen!“ + +Der, welcher diese Worte herauspolterte, schäumte vor Wuth. Aber plötzlich +schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz +anderer Seite betrachtete, denn er hörte nach einem hellen, bei solcher +Scene gewiß unerwarteten Gelächter die Worte: + +„Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig! + +— Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in ärgerlichem Tone der +Bürger des Vereinigten Königreichs. + +— Natürlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn +Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort! +Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!...“ + +Da erfüllte ein heftiger Donnerschlag den Engpaß mit schrecklichem +Krachen, das der Widerhall der Berge noch mächtig verstärkte. Dann, als +das letzte schwache Rollen verlöscht war, ließ sich wiederum die lustige +Stimme vernehmen: + +„Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das könnte in Frankreich wahrlich nicht +passiren! + +— In England auch nicht!“ antwortete der Brite. + +Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Straße und +gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Männer auf dem hohen Rücksitz eines +sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen +Geleises fest zu sitzen schien. + +Michael Strogoff näherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer +weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald +die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem „Kaukasus“ den Weg von +Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurückgelegt hatten. + +„Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter +diesen Umständen wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten +Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen.“ + +Der englische Reporter grüßte und vielleicht wollte er nach allen Regeln +des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen, +als ihn Michael Strogoff unterbrach: + +„Nicht nöthig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga +gemeinschaftlich befahren haben. + +— Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr ...? + +— Nicolaus Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff. +Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher für den Einen so erheiternde, +für den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat? + +— Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide +Jolivet. Stellen Sie sich vor, daß unser Postillon mit dem Vordertheile +seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig +sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswürdigen Fahrzeugs. +Da haben wir nun die schlechtere Hälfte eines Telegs für uns Zwei, aber +keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt +und über alle Maßen drollig? + +— Ich finde gar nichts Lächerliches dabei! knurrte der Engländer. + +— Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten +Seite anzusehen. + +— Aber wie denken Sie denn, daß es möglich werden soll, unsern Weg +fortzusetzen? fragte Harry Blount. + +— Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich +beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife +die Zügel, ich nenne Sie ‚mein Täubchen‘, wie ein leibhaftiger Jemschik, +und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein ... + +— Herr Jolivet, fiel der Engländer ein, ein solcher Scherz geht zu weit +und ... + +— O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben, +trete ich an Ihre Stelle und Sie mögen mich dann als engbrüstige Schnecke +oder ohnmächtige Schildkröte behandeln, wenn ich Sie nicht in einem +Höllengalop dahinfahre!“ + +Alcide Jolivet schüttelte das Alles mit einem so liebenswürdigen Humor +hervor, daß Michael Strogoff sich eines Lächelns nicht enthalten konnte. + +„Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiß ich doch besseren Rath. +Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem höchsten Kamme des Ural und +folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen +befindet sich fünfhundert Schritt weiter rückwärts. Ich will Ihnen eines +meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und +kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhält, morgen zusammen in +Jekaterinenburg an. + +— Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich, das ist ein Vorschlag, +der aus sehr edelmüthigem Herzen kommt. + +— Ich bemerke noch, mein Herr, daß ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen +Tarantaß mit zu benutzen, weil er nur zwei Plätze enthält, die ich mit +meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche. + +— O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein +College und ich würden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers +Halbtelegs nöthigenfalls bis an’s Ende der Welt kommen. + +— Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren großmüthigen +Vorschlag an. Aber jener Jemschik ... + +— O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, daß ihm solch’ +kleiner Unfall zustieß, bemerkte Michael Strogoff. + +— Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurück? Er wird recht gut wissen, +daß er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende! + +— Er!? Er weiß sicher kein Sterbenswörtchen davon. + +— Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreißung des Telegs in zwei Hälften +gar nicht bemerkt haben? + +— Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben +von der Welt nach Jekaterinenburg hinein. + +— Sagt’ ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide +Jolivet, daß uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei? + +— Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefällig +ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen ... + +— Aber der Teleg? bemerkte der Engländer. + +— Fürchten Sie nicht, daß er uns davon fliege, mein lieber Blount, +tröstete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt, +daß er kommendes Frühjahr Knospen treiben müßte, wenn man ihn stehen +ließe. + +— Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den +Tarantaß nun hierher schaffen.“ + +Der Franzose und der Engländer verließen ihre Bank, die aus einem Rücksitz +zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff. + +Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner +rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstören im Stande war. + +„Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie +ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit. + +— Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als +was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan hätte. Wenn sich +Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstützen wollen, möge man lieber +gleich die Landstraßen sperren. + +— Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie +weit durch die Steppe reisen, könnten wir uns wohl auch noch einmal +begegnen, und ...“ + +Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge, +dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu +geben: + +„Ich reise nach Omsk, meine Herren. + +— Und Herr Blount und ich, erklärte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich +nur der Nase nach, dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber +Neuigkeiten zu erwischen giebt. + +— Nach den empörten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen +Eifer. + +— Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort +wohl nicht wieder! + +— Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht +lüstern nach einer Büchsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu +friedliebender Natur, um mich unnöthig dahin zu begeben, wo man sich +herumschlägt. + +— Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiß leid thun, so schnell +von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern +aber doch, daß wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stück Weges +zusammen zurücklegen, und wäre es nur während weniger Tage? + +— Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer +Ueberlegung. + +— Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet. +Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die +Verhältnisse unseren weiteren Weg bestimmen. + +— Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden +wir also zusammen sein.“ + +Michael Strogoff hätte es gewiß vorgezogen, allein zu reisen, er konnte +sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden +absondern, welche des nämlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide +Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu +machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen, lag für ihn +übrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer +Gesellschaft zurück zu legen. + +„Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen.“ + +Dann setzte er mit möglichst gleichgiltigem Tone hinzu: + +„Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten über den +Tartareneinfall? + +— Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als +in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan’s haben die +ganze Provinz Semipalatinsk überschwemmt und dringen jetzt in Eilmärschen +längs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen +müssen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen. + +— Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff. + +— Dazu geht das Gerücht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet +die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten +Provinz, dem Tartarenchef unverzüglich anschließen. + +— Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr +oder weniger begründeten Neuigkeiten selbstverständlich sehr +interessirten. + +— Ei, so wie man eben Alles weiß, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so +in der Luft. + +— Und Sie haben begründete Ursache zu glauben, daß Colonel Ogareff in +Sibirien sei? + +— Ich habe mindestens davon sprechen hören, daß er den Weg von Kasan nach +Jekaterinenburg eingeschlagen habe. + +— O, Sie wüßten das, Herr Jolivet? ließ sich da Harry Blount vernehmen, +den jene Bemerkung des französischen Correspondenten aus seiner +Schweigsamkeit aufrüttelte. + +— Ich wußte es, erwiderte Alcide Jolivet. + +— Und es war Ihnen auch bekannt, daß er als Zigeuner verkleidet ging? +fragte Harry Blount. + +— Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkürlich, da er sich der +Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem +„Kaukasus“ und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte. + +— Ich hatte davon eben genug erfahren, um darüber einen Brief an meine +Cousine zu richten, antwortete lächelnd Alcide Jolivet. + +— Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Engländer in +trockenem Tone. + +— Gewiß nicht, liebster College, und während der ‚Kaukasus‘ sich +verproviantirte, that ich ganz dasselbe!“ + +Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplänkel, das sich +zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte +jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht +ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die +jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemühte sich, alle +Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedächtniß aufzufrischen, als in +geringer Entfernung ein Knall hörbar wurde. + +„Ah, vorwärts, meine Herren! rief Michael Strogoff. + +— Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschüsse flieht, meinte +Alcide Jolivet, der läuft über Hals und Kopf dahin, wo er solche hört!“ + +Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter ihm Harry Blount, der auch +nicht der Mann dazu war, feig zurück zu bleiben, Michael Strogoff +furchtlos nach. + +Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der +den Tarantaß deckte. + +Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzündeten +Fichtengruppe empor. Die Straße war leer. Und doch, Michael Strogoff +konnte sich unmöglich getäuscht haben; das mußte ein Gewehrschuß sein, der +vorher an sein Ohr schlug. + +Da hörte man plötzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte +ein zweiter Schuß. + +„Ein Bär! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war. +Nadia! Nadia!“ + +Sein Dolchmesser aus dem Gürtel reißend stürzte Michael Strogoff hastig +vorwärts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Mädchen zu warten +versprochen hatte. + +Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten +den Schauplatz. + +In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantaß erreichte, wälzte +sich ihm eine enorme Masse entgegen. + +Es war ein ungeheurer Bär. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehölz, das diese +Abhänge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner +gewohnten Höhle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte. + +Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt über den Anblick des +furchtbaren Raubgesellen, ihre Stränge und entflohen; der Jemschik, dem +nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergaß, daß das junge +Mädchen nun allein dem Angriffe des Bären ausgesetzt blieb, jagte ihnen +nach. + +Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst +nicht bemerkt haben, denn es stürzte sich auf das dritte Pferd. Nadia +schlüpfte aus der Höhlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen, +ergriff einen von Michael Strogoff’s Revolvern, ging kaltblütig auf den +Bären los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Nähe. + +Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge +Mädchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantaß lief, +dessen einzig übrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureißen suchte. +Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze +Weiterfahrt zunächst in Frage gestellt. Nadia war also dem Bären wieder +entgegen getreten und gab mit bewunderungswürdig ruhigem Blute, gerade als +jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum +zweiten Male Feuer. + +Das war jener zweite Schuß, welcher ganz in der Nähe Michael Strogoff’s +aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Bären und das +junge Mädchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und +das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine +leblose Masse, vor ihm zusammen. + +Es war ein hübsches Pröbchen jener Methode der sibirischen Jäger, die +stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene +Fell eines Bären nicht zu beschädigen. + +„Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff’s erste Frage, +als er sich zu dem jungen Mädchen wandte. + +— Nein, Bruder“, antwortete Nadia. + +Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle. + +Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er mußte wohl eine +kräftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu bändigen. Sein +Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff’s mit angesehen. + +„Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, für einen einfachen Kaufmann, +Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich +umzugehen. + +— Sogar sehr geschickt, fügte Harry Blount hinzu. + +— In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir +genöthigt, uns um Alles ein wenig zu bekümmern.“ + +Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann. + +Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in +der Hand, den einen Fuß auf dem Körper des erlegten Bären, sah Michael +Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich +schön aus. + +„Ein famoser Kerl!“ sagte Alcide Jolivet für sich. + +Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begrüßte das junge +Mädchen. + +Nadia verneigte sich leicht. + +Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte: + +„Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Bär wäre, ich riebe +mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswürdigen +Pärchen!“ + +Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange, mit abgezogenem Hute in +einiger Entfernung. Die zwanglose Höflichkeit seines Collegen vermehrte +nur seine natürliche Steifheit. + +Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden +Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das +prächtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute für die Raubvögel +liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr +wieder in Ordnung zu bringen. + +Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in +Kenntniß und sagte, daß er diesen ein Pferd vom Tarantaß zur Verfügung +stellen wolle. + +„Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indeß, zwei Wagen statt +des einen ... + +— Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zögern schnell +genug verstand, ihm in’s Wort, Du wirst natürlich auch doppelte Bezahlung +erhalten. + +— Nun denn vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik. + +Nadia hatte den Tarantaß wieder bestiegen, während Michael Strogoff und +seine Begleiter diesem zu Fuße nachfolgten. + +Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte +nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so daß man +leidlich schnell vorwärts kam. + +Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantaß das +Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Räder in den +Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl, daß ein heftiger +Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlaßt hatte. + +Das eine der Seitenpferde des Tarantaß ward nun so gut es eben anging mit +Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten +nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und +gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja +nur die Bergabhänge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere +Schwierigkeit bot. + +Sechs Stunden später langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem +anderen in Jekaterinenburg an, ohne daß ein weiterer Unfall diesen zweiten +Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen hätte. + +Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses +in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der größten +Gemüthsruhe zu erwarten schien. + +Ohne alle Verlegenheit ging der gutmüthige Russe seinen Passagieren +lächelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld +einzuheimsen. + +Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, daß Harry Blount’s Zorn +dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und wäre der +Jemschik nicht klüglich zurückgewichen, so hätte ihm ein nach allen Regeln +der edlen Boxkunst geführter Faustschlag wohl sein ‚_na vodku_‘ mitten +in’s Gesicht gezeichnet. + +Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen +und jubelte auf, wie er vielleicht früher noch nie gelacht hatte. + +„Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem +vollen Rechte, lieber College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir +keine Mittel fanden, ihm zu folgen!“ + +Er zog einige Kopeken aus der Tasche. + +„Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da, +steck’ sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war’s ja Deine Schuld +nicht!“ + +Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount’s, der sich an +dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozeß an den Hals werfen +wollte. + +„Einen Prozeß! Und in Rußland! rief Alcide Jolivet; aber unter den +obwaltenden Verhältnissen, bester College, wären Sie nicht im Stande, +dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener +russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Säuglings +gegenüber klagbar wurde, daß sie jenen weiter nähren wollte? + +— Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount. + +— Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Säugling geworden war, als das +Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten fällte? + +— Und was, wenn ich bitten darf? + +— Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!“ + +Alle brachen in helles Gelächter aus. + +Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und +bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Wörterbuche zu figuriren, +durch folgende Bemerkung: + +„Teleg, ein in Rußland gebräuchlicher Wagen, wenn er abfährt mit vier, – +wenn er ankommt mit zwei Rädern!“ + + + + + Zwölftes Capitel. + + + Eine Herausforderung. + + +Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens, +denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Ausläufern der +östlichen Berglehne. Trotzdem gehört es zu dem Gouvernement von Perm und +bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europäischen +Rußlands. Dieser administrative Uebergriff muß wohl seinen Grund haben. Er +betrifft ein Stück Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Rußlands +verblieb. + +Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer +so großen, schon im Jahre 1723 gegründeten Stadt um die Beschaffung der +nöthigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen. + +In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Münzstätte des +ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der +Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen +Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhütten, Gold- und Platinwäschereien fast +im Ueberfluß vorhanden sind. + +Zu jener Zeit hatte die Bevölkerung Jekaterinenburgs sich ganz +ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen +und Sibirier strömten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von +Feofar-Khan’s Horden schon überflutheten Provinzen und vorzüglich aus dem +Lande der Kirghisen, das sich im Südwesten des Irtysch bis zu den Grenzen +von Turkestan ausdehnt. + +Fehlten also die Beförderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu +gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluß vorhanden, um diese Stadt +verlassen zu können. Bei der jetzigen Lage der Dinge fühlten die meisten +Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben. + +Unter eben diesen Umständen gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount +natürlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen. +Was Michael Strogoff betrifft, so gehörte der Tarantaß ja ihm an; +letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht +sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter +Pferde, um ihn schnell auf der Straße nach Irkutsk weiter zu befördern. + +Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoë verlief diese Straße noch sehr +hügelig, denn sie wand sich bis dahin über die launenhaften +Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden. +Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoë aber begann die grenzenlose Steppe, die +sich bis in die Nähe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. über einen Raum von +1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser. + +Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im +Vorigen erfahren haben, zunächst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von +Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich näher über den Verlauf +der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den +im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint, +je nachdem ihr Jägerinstinct sie auf die eine oder die andere Fährte +leiten würde. + +Dieselbe Straße von Jekaterinenburg nach Ischim, – die sich auch nach +Irkutsk fortsetzt, – war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff +unbedingt benutzen mußte. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von +Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu +vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er für seinen Theil +fest entschlossen, nirgends unnöthig eine Stunde zu verweilen. + +„Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr +angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft +zurückzulegen, doch muß ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, daß +ich die größte Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich +wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiß, ob es uns überhaupt möglich +werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Hände +fällt! Ich werde mich also auf den Relais nie längere Zeit aufhalten, als +das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen. + +— Wir denken vorläufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount. + +— Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen +Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der ... + +— Der so freundlich ist, fügte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem +Vorder- und Hintertheil bei der nächsten Station anzukommen.“ + +Eine halbe Stunde später hatte der rührige Franzose denn auch ohne +besondere Mühe einen Tarantaß aufgetrieben, der dem Michael Strogoff’s +ziemlich ähnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort +bequem einrichtete. + +Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plätze im Tarantaß ebenfalls wieder +ein, und zu Mittag verließen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg. + +Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach +Irkutsk führt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Liefländerin da +wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten, +in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten +Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich +kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht +einmal hätte betreten dürfen; ihr Blick schweifte hinaus über den +entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie +beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von +sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des +westlichen Sibiriens, die sich von dem des östlichen so merklich +unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern, +einem, mindest auf der Oberfläche, sehr mageren Boden, denn in seinem +Innern birgt er neben einem Ueberfluß von Eisen auch viel Kupfer, Gold und +Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl hüttengewerbliche Anlagen, aber +fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch +die nöthigen Arme nehmen, die Erde zu pflügen, die Felder zu besäen, die +Erndten einzuholen, wenn es einträglicher ist, die Eingeweide der Erde mit +Spitzhaue und Schlägel zu durchwühlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann +den Platz geräumt. Die Hacke trifft man überall, den Spaten nirgends. + +Manchmal lösten sich Nadia’s Gedanken indeß doch von den entlegenen +Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre +gegenwärtige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie +sah wieder ihren edelmüthigen Reisegefährten zuerst auf der Eisenbahn von +Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen geführt +hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit während der Fahrt, seines +Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden +Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner +Sorgfalt für sie während der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen, +was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit +Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten! + +Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafür, daß er ihr +gerade diesen wachsamen Beschützer, diesen edelmüthigen und verschwiegenen +Freund zugeführt hatte. Sie fühlte sich neben ihm, unter seinem Schutze +vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder hätte nicht besser an ihr +handeln können. Sie fürchtete jetzt kein Hinderniß mehr; sie war +überzeugt, ihr Endziel zu erreichen. + +Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen +Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, daß er ihm durch diese Begegnung +mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualität gegen +Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes +Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Mädchens erweckte +die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine +Schwester? Er empfand für seine schöne heroische Begleiterin ebenso viel +Hochachtung als Zuneigung. Er fühlte es, daß in ihr eines jener reinen und +seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zählen kann. + +Seitdem er indeß den Boden Sibiriens durchzog, begannen für Michael +Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden +Journalisten sich nicht etwa täuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die +Grenze überschritten hatte, so mußte er überall mit der größten Vorsicht +auftreten. Die Verhältnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen +Provinzen wimmelte es gewiß von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito +gelüftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um +seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff +empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete. + +So gestalteten sich die Umstände in dem ersten Wagen, und wie sah es denn +in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewöhnlich. Alcide Jolivet sprach in +lustigen Sätzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder +sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich +Anmerkungen über Vorkommnisse während der Reise, Ereignisse, welche +übrigens während dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens +nicht von besonderem Gewichte waren. + +Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten +Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen +werden, so verließ Nadia den Tarantaß gar nicht. Beabsichtigte man zu +frühstücken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel +Platz, hielt sich aber sehr zurückgezogen und betheiligte sich möglichst +wenig bei der Unterhaltung. + +Ohne jemals die Grenzen gebildeter Höflichkeit zu überschreiten, zeigte +Alcide Jolivet doch für die junge Liefländerin, die er übrigens reizend +fand, stets die größte Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie, +die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umständen ausgeführten +Reise gegenüber zeigte. + +Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr +mittelmäßig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die +Postmeister an, ließ die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das +Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt – gewöhnlich zu schnell +und zum großen Leidwesen Harry Blount’s, der nun einmal ein methodischer +Esser war, – so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn +sie bezahlten fürstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, „als und mit +russischen Adlern(3)“. + +Es versteht sich von selbst, daß Harry Blount sich des jungen Mädchens +wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen +Unterhaltungsgegenstände, über welche er mit seinem Gefährten nicht gern +plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei +Sachen auf einmal zu thun. + +Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge +Liefländerin wohl sein möge, antwortete er ganz ernsthaft und mit +halbgeschlossenen Augen: + +„Welche junge Liefländerin? + +— Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff’s. + +— Das ist seine Schwester? + +— Nein, seine Großmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma +außer Fassung brachte. — Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu? + +— Wäre ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so würde ich es wissen!“ +antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen +wollte. + +Der Landstrich, durch den die beiden Tarantaß dahinrollten, war fast +vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht +bewölkt, die Temperatur erträglich. Mit besser auf Federn befestigten +Wagen hätten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie +kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell +vorwärts. + +Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwärtigen +Verhältnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar +keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche +Bauern eine berühmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt +ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige +verlassene Dörfer die Annäherung der tartarischen Heerhaufen. Die +Einwohner waren unter Mitführung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und +Pferden nach den nördlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene +Stämme der großen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls über den +Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Plünderungen der Eindringlinge zu +entgehen. + +Glücklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Störung, so wenig +wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch +reichte. Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den +vorschriftsmäßigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die +Beamten an ihren Schaltern zur Beförderung der aufgegebenen Telegramme, +welche höchstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzögerung +erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen +ausgiebigen Gebrauch. + +Bis hierher ging Michael Strogoff’s Reise also unter befriedigenden +Umständen von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends +verspätet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan über +Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch +sicher, vor ihnen und in der kürzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in +Irkutsk anzulangen. + +Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantaß Jekaterinenburg verließen, +erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach +Zurücklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne daß sich dabei ein irgend +nennenswerther Zufall ereignet hätte. + +Dort wurde dem Frühstück ein halbes Stündchen gegönnt. Gleich darauf +eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das +Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklärlich machte. + +Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst +weiter in Tiumen an. + +Tiumen, dessen normale Bevölkerung gegen 10,000 Seelen zählt, beherbergte +jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, übrigens das erste von den +Russen in Sibirien gegründete Industriestädtchen, dessen schöne +metallurgische Werkstätten und Glockengießereien weithin bekannt sind, bot +noch nie vorher einen so belebten Anblick. + +Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach +Neuigkeiten. Was die sibirischen Flüchtlinge vom Kriegsschauplatze +mittheilten, klang nicht eben sehr tröstlich. + +Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan’s nähere sich in +Eilmärschen dem Thale des Ischim, und man bestätigte mehrfach, daß der +Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten +werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz +richtig, daß die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens +geführt werden würden. + +Die russischen Truppen mußten ihrer Mehrzahl nach erst aus den +europäischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu +entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu können. Dagegen bewegten +sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Märschen auf Tomsk +zu und hofften die Tartarenschwärme dort abzuschneiden. + +Um acht Uhr Abends hatten die Tarantaß weitere fünfundsiebzig Werst +zurückgelegt und kamen in Jalutorowsk an. + +Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich außerhalb der Stadt auf +einer Fähre den Tobolfluß. Sein sehr friedliches Gewässer erleichterte +diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals, +und dann wohl unter minder günstigen Umständen wiederholen mußte. + +Gegen Mitternacht wurde, fünfundfünfzig Werst weiter, der Flecken +Novo-Saimsk erreicht und nun ließen die Reisenden endlich den leicht +wellenförmigen Boden mit seinen waldbedeckten Hügeln, den letzten Wurzeln +der Uralberge, hinter sich. + +Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis +in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne +Grenzen, eine Art mit Gräsern bestandener Wüste, an deren Umfang sich +Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen berührten. +Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die +Telegraphenpfähle zu beiden Seiten der Straße, längs der die Drähte leise, +wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen. +Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den +feinen Staub, der unter den Rädern der Tarantaß aufwirbelte. Ohne dieses +weißliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, hätte man +geglaubt, in der Wüste zu sein. + +Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefährten mit noch +größerer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten +kein besonderes Hinderniß zu überwinden, und der Weg verschwand sichtbar +hinter ihnen. Die Tarantaß flogen direct auf Ischim zu, woselbst die +beiden Correspondenten zunächst bleiben wollten, wenn kein besonderer +Zwischenfall ihre Absichten kreuzte. + +Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am +Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurückgelegt sein, +vorausgesetzt, daß man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der +Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich große Herren +oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht auch nur in +der Freigebigkeit bezüglich der vertheilten Trinkgelder begründet sein. + +Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantaß in der +That nur noch dreißig Werst von Ischim. + +Da bemerkte Michael Strogoff auf der Straße und vor einer wallenden +Staubwolke kaum sichtbar, daß noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da +seine weniger ermüdeten Pferde sehr schnell liefen, mußte er diesen +offenbar bald einholen. + +Jenes war weder ein Tarantaß, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche; +über und über mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich +zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gäule los und suchte +sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline +hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie mußte auf die Straße nach +Irkutsk über irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein. + +Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie +Alle nur den nämlichen Gedanken, sie zu überholen, vor ihr beim Relais +anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes +an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der +von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline. + +Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an. + +Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar. + +Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er +indessen vorübereilte, so hörte er den Fremden doch mit befehlendem Tone +ihm zurufen: + +„Anhalten!“ + +Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell +überholt. + +Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf +der vorübersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline +gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke +verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weißlich-grauen Masse +erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit +den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher. + +Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im +Vorsprung, – ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das +Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das +verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach +einander, wohl zu leisten vermochte. + +Eine halbe Stunde später sah man die weit überholte Berline kaum noch als +ein Pünktchen am Horizonte der Steppe. + +Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantaß am Posthause, gleich am +Eingange der Stadt Ischim anlangten. + +Die Nachrichten über den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die +Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen +bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehörden auf +Tobolsk zurückgezogen. Ischim besaß jetzt weder einen Beamten noch einen +Soldaten. + +Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais für sich +frische Pferde. + +Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline noch auszustechen. Gerade +drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die +andern lagen erschöpft von irgend einem kurz zuvor zurückgelegten langen +Wege in den Stallungen. + +Der Postmeister gab Befehl, den Tarantaß zu bespannen. + +Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige +Weiterbeförderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es für gerathen hielten, +vorläufig in Ischim zu verweilen; sie ließen also nur ihren Wagen in einer +Remise des Posthofes unterbringen. + +Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die +Meldung, daß sein Tarantaß zum Abfahren bereit sei. + +„Gut“, erwiderte er. + +Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten. + +„Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl +die Zeit des Abschieds für uns gekommen. + +— Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht +ein Stündchen lang auch in Ischim aufhalten? + +— Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu +haben, bevor die von uns überholte Berline hier eintrifft. + +— Fürchten Sie, daß der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde +streitig machen könnte? + +— Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden. + +— Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, hätten wir nur nochmals für +den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie für das Vergnügen, welches es +uns bereitete, mit Ihnen zu reisen. + +— Es ist übrigens möglich, setzte Harry Blount hinzu, daß wir uns nach +Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen. + +— Das könnte wohl sein, bestätigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin +abgehe. + +— Also glückliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und +Gott bewahre Sie vor allen Telegs.“ + +Die beiden Correspondenten ergriffen die Hände Michael Strogoff’s, um sie +ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drücken, als von draußen das +Heranrollen eines Wagens hörbar wurde. + +Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebäudes stürmisch aufgerissen und +erschien in demselben eine männliche Gestalt. + +Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militärischem Aussehen, +der gegen vierzig Jahre zählen mochte, von hoher, kräftiger Gestalt, +mächtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen +Schnurrbart, der unmittelbar in den röthlichen Backenbart überging. Er +trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesäbel hing an seiner +Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand. + +„Pferde!“ rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu +befehlen leicht heraushörte. + +— Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfügung, antwortete der +Postmeister mit einer höflichen Verbeugung. + +— Ich brauche solche aber im Augenblick. + +— Es ist unmöglich. + +— Was sind das für Pferde, welche ich eben vor der Thür des Relais an den +Tarantaß gespannt sah? + +— Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit +einem Hinweis auf Michael Strogoff. + +— So spanne man sie wieder ab!...“ sagte der Reisende in einem Tone, der +jeden Widerspruch fast abschnitt. + +Michael Strogoff trat einen Schritt vor. + +„Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er. + +— Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwärts – lebhaft! Ich habe keine Zeit zu +verlieren. + +— Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar“, erwiderte Michael +Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mühe zurückhalten +konnte. + +Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien äußerlich ruhig und doch +fürchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen +hätte. + +„Genug der Worte!“ versetzte der fremde Reisende. + +Dann wandte er sich an den Postmeister: + +„Sie lassen jenen Tarantaß wieder abschirren, rief er und bekräftigte +seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor +meine Berline gespannt.“ + +In seiner Verlegenheit wußte der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen +sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den +unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten. + +Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe +seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mußte, +nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde +seine Reise verzögern, und außerdem lag es ihm am Herzen, keinen +zwecklosen Streit zu provociren, der die Ausführung seiner Mission hätte +in Frage stellen können. + +Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar +bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstützung anrufen sollte. + +„Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben“, sagte Michael Strogoff, +aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es für einen einfachen +sibirischen Kaufmann passend erschien. + +Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine +Hand derb auf dessen Schulter fallen ließ: „Also so steht es! Du weigerst +Dich, mir Deine Pferde abzutreten? + +— Gewiß, antwortete Michael Strogoff. + +— Nun gut, so werden sie dem gehören, der nachher noch im Stande ist +weiter zu reisen! Vertheidige Dich – ich schone Dich nicht!“ + +Bei diesen Worten riß der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide +und legte sich zum Fechten aus. + +Nadia stürzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff. + +Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite. + +„Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und +kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust. + +— Du wirst Dich nicht schlagen? + +— Nein. + +— Auch hiernach nicht?“ schrie der Reisende. + +Und bevor man ihn zurückhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche +Michael Strogoff’s Schulter. + +Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen +des jungen Mannes. Seine Hände hoben sich krampfhaft, als wollten sie den +rohen Gegner zermalmen. Nur mit äußerster Anstrengung blieb er seiner +mächtig. Ein Duell, – das war mehr, als eine Verzögerung, das konnte ihn +seine Mission gänzlich verfehlen lassen!... Es schien ihm besser, einige +Stunden zu opfern!... Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden! + +„Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den +Raufbold eines weiteren Wortes zu würdigen, während er dem Fremden aber +fest in’s Auge sah. + +— Die Pferde für mich! Und augenblicklich!“ herrschte Jener. + +Er verließ mit diesen Worten das Zimmer. + +Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den +Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick +zu. + +Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten +hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders günstig sein. Sie +erschienen sichtlich enttäuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann ließ +sich schlagen und forderte auch für eine solche rohe Beleidigung keine +Genugthuung! Sie grüßten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich +zurück, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte: + +„Das hätte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bären des Ural +so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, daß der Muth +seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir +unverständlich. Uns Andern könnte hier vielleicht nur das Eine abgehen, +daß wir niemals Leibeigene gewesen sind.“ + +Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rädern und das Knallen einer +Peitsche, daß die mit den Pferden des Tarantaß bespannte Berline das +Posthaus verließ. + +Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd +in dem Wartesaale des Relais zurück. + +Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen +niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsäule. Nur hatte +eine tiefe Röthe, welche einer Schamröthe dennoch nicht ähnlich sah, die +frühere Blässe seines Gesichtes verdrängt. + +Für Nadia lag es außer allem Zweifel, daß nur die gewichtigsten Gründe +einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich +ungestraft hingehen zu lassen. + +Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in +Nishnij-Nowgorod genähert hatte. + +„Deine Hand, Bruder!“ redete sie ihn an. + +Dabei fing ihre Hand bei einer fast mütterlich-zärtlichen Bewegung eine +Thräne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrängte. + + + + + Dreizehntes Capitel. + + + Die Pflicht über Alles! + + +Nadia hatte es durchschaut, daß irgend ein wichtiges Geheimniß die +Handlungsweise Michael Strogoff’s bestimmte, daß dieser, aus welchem +Grunde wußte sie nicht, sich nicht selbst angehörte, nicht das Recht +hatte, über seine Person zu verfügen, und daß er unter diesen Umständen +sich heroisch seiner Pflicht zum Opfer brachte, selbst gegenüber einer so +frechen, tödtlichen Beleidigung. + +Nadia vermied es, von Michael Strogoff irgend eine Erklärung zu +beanspruchen. Der Postmeister vermochte frische Pferde vor dem kommenden +Morgen nicht zu beschaffen; man mußte demnach die ganze Nacht auf dem +Relais zubringen. Für Nadia hatte das den Vortheil, ihr einmal die so +nöthige Ruhe nach den Strapazen der letzten Tage zu gewähren. Es wurde für +sie also ein Zimmer zurecht gemacht. + +Gewiß wäre das junge Mädchen lieber bei ihrem Reisegefährten geblieben, +aber sie fühlte doch auch die Nothwendigkeit, allein zu sein, und schickte +sich an, das für sie bestimmte Zimmer aufzusuchen. + +Unmöglich war es ihr aber, sich zurück zu ziehen, ohne sich von Jenem +wenigstens zu verabschieden. + +„Lieber Bruder ...“, flüsterte sie noch einmal. + +Aber Michael Strogoff unterbrach sie durch eine abwehrende Bewegung. Ein +Seufzer entrang sich der Brust des jungen Mädchens, und schweigend verließ +sie das Zimmer. + +Michael Strogoff legte sich nicht nieder. Er hätte unmöglich Schlaf finden +können. Die Stelle seiner Schulter, welche die Peitsche des brutalen +Reisenden getroffen hatte, brannte ihm wie Feuer. + +„Für das Vaterland und für dessen Vater!“ murmelte er endlich am Schlusse +eines stillen Abendgebetes. + +Jedenfalls empfand er aber eine unbesiegbare Begierde, zu wissen, wer der +Mann sein möge, der ihn zu schlagen gewagt hatte, woher er käme, wohin er +ginge. Die Gesichtszüge desselben hatten sich seinem Gedächtniß so tief +eingeprägt, daß er nie zu befürchten brauchte, dieselben zu vergessen. + +Michael Strogoff ließ den Postmeister rufen. + +Dieser, ein Sibirier von altem Schlage, kam sofort, sah den jungen Mann +etwas über die Achsel an und erwartete dessen Begehren. + +„Du bist selbst aus diesem Lande? + +— Ja. + +— Kennst Du den Mann, der meine Pferde nahm? + +— Nein. + +— Du hast ihn nie vorher gesehen? + +— Niemals. + +— Wer glaubst Du mochte jener Fremde sein? + +— Ein großer Herr, der seinen Willen durchzusetzen weiß!“ + +Wie ein Dolchstoß traf Michael Strogoff’s Blick den Sibirier bis in’s +Herz, aber der Postmeister rührte die Augenlider nicht. + +„Du unterstehst Dich, über mich abzuurtheilen? rief Michael Strogoff. + +— Ja, antwortete der Sibirier, denn es handelte sich hier um Dinge, die +auch ein einfacher Kaufmann nicht ohne Abwehr hinnimmt. + +— Den Schlag mit der Peitsche meinst Du? + +— Den Peitschenschlag, junger Mann! Ich bin in den Jahren und in der Lage, +Dir das sagen zu können.“ + +Michael Strogoff näherte sich dem Postmeister und legte ihm seine beiden +wuchtigen Hände auf die Schultern. + +Dann sagte er mit besonders gemäßigter Stimme: + +„Geh’ Deines Weges, guter Freund! – Geh’, ich könnte Dich umbringen!“ + +Diesmal hatte der Postmeister ihn nicht mißverstanden. „So sehe ich Dich +lieber“, sagte er noch halblaut. + +Ohne ein weiteres Wort verließ er den Wartesaal. + +Andern Tags, am 24. Juli, stand der Tarantaß Morgens acht Uhr mit drei +muthigen Rossen bespannt bereit. Michael Strogoff und Nadia nahmen Platz, +und Ischim, für Beide eine Stadt mit so betrübender Erinnerung, verschwand +bald hinter einer Biegung der Straße. + +Auf den verschiedenen Relais, welche Michael Strogoff im Laufe des Tages +berührte, konnte er sich überzeugen, daß die Berline ihm immerfort auf dem +Wege nach Irkutsk vorausfuhr und daß der Reisende, der es offenbar ebenso +eilig hatte wie er, keinen Augenblick verlor, die Steppe zu durchjagen. + +Gegen vier Uhr Abends mußte, fünfundsiebzig Werst weiter, bei der Station +Abatskaja, der Ischimfluß, einer der bedeutendsten Nebenarme des Irtysch, +überschritten werden. + +Die Ueberfahrt war etwas schwieriger, als jene über den Tobol. Die +Strömung des Ischim ist nämlich gerade an dieser Stelle eine besonders +heftige. Während des sibirischen Winters sind alle diese Steppenflüsse, +welche der Frost mit mehrere Fuß dickem Eise belegt, leicht zu passiren; +ihr Bett verschwindet dann unter der ungeheuren weißen Decke, welche sich +über die ganze Hälfte des größten Erdtheils lagert; im Sommer können sie +dagegen dem Verkehr nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereiten. + +Zwei volle Stunden gingen mit der Ueberfahrt über den Ischim hin, – zwei +Stunden, welche Michael Strogoff schon an sich fast zur Verzweiflung +brachten, noch viel mehr aber, als die Ruderknechte ihm sehr beunruhigende +Nachrichten von dem Tartareneinfalle mittheilten. + +Diese lauteten etwa folgendermaßen: + +Einzelne Plänkler von Feofar-Khan’s Truppen waren schon an beiden Ufern +des unteren Ischim, in den südlichen Landstrichen des Gouvernements +Tobolsk erschienen. Omsk war sehr bedroht. Man sprach unter der Hand von +einem Treffen zwischen den sibirischen und tartarischen Heerhaufen an der +Grenze des Gebietes der großen Kirghisenhorde, – ein Treffen, das für die +auf diesem Punkte viel zu schwachen Russen nicht zum Vortheile ausgefallen +sein konnte, denn deren Truppen wandten sich zum Rückzug, der gleichzeitig +eine allgemeine Auswanderung der in jenen Gegenden ansässigen Bauern zur +Folge hatte. Man erzählte sich von haarsträubenden Frevelthaten der +Eindringlinge, von Plünderungen, Diebstählen, Brandstiftungen und +Mordthaten. Das war die gewohnte Kriegführung der Tartaren. Von allen +Seiten suchte man also den Vortruppen Feofar-Khan’s zu entfliehen. Bei +dieser Entvölkerung der Flecken und Dörfer fürchtete Michael Strogoff vor +Allem, daß es ihm an den nöthigen Vorspannpferden zur Weiterreise fehlen +könne. Er beeilte also seine Ankunft in Omsk auf jede mögliche Weise. +Jenseits dieser Stadt schien es eher möglich, den tartarischen Plänklern, +die längs des Irtysch herabkamen, zuvor zu kommen und die noch freie +Straße nach Irkutsk zu erreichen. + +Der Tarantaß überschritt den Fluß übrigens gerade am Ende der Stelle, +welche man in der Militärsprache als „die Ischimsperre“ bezeichnet, eine +Reihe von hölzernen Thürmen und Fortificationsanlagen, die sich von der +südlichen Grenze Sibiriens in einer Länge von 400 Werst (= 427 Kilometer) +nach Norden ausdehnt. Sonst waren die Blockhäuser u. s. w. von +Kosakenabtheilungen besetzt und sicherten die Umgebung ebenso wohl gegen +Uebergriffe der Kirghisen, wie gegen solche der Tartaren. Als die +moskowitische Regierung diese Horden aber für vollständig unterworfen +hielt, hatte man sie verlassen, und sie konnten nun nichts mehr nützen, +obschon sie gerade jetzt hätten recht vortheilhaft vertheidigt werden +können. Der größte Theil dieser Blockhäuser lag in Asche, und einige +Rauchwolken, auf welche die Ruderer Michael Strogoff aufmerksam machten, +bezeugten, am fernen Horizonte aufziehend, die Annäherung der tartarischen +Vorhut. + +Sobald die Fähre den Tarantaß nebst Bespannung an das rechte Flußufer +befördert hatte, ward der Weg durch die Steppe in möglichster +Geschwindigkeit weiter fortgesetzt. + +Es war sieben Uhr Abends, der Himmel gleichmäßig verschleiert. Wiederholt +fiel ein kurzer, aber heftiger Regen, der den Vortheil hatte, den Staub zu +löschen und den Weg eher zu bessern. + +Von dem Relais in Ischim aus verharrte Michael Strogoff in trübem +Schweigen, ohne daß er deshalb die gewohnte Sorgfalt aus den Augen verlor, +Nadia die Anstrengungen einer solchen Fahrt ohne Ruhe und Rast möglichst +zu erleichtern, wenn auch nie eine Klage über des jungen Mädchens Lippen +kam. Wie gern hätte sie den Pferden des Tarantaß Flügel verliehen! Ein +unbekanntes Etwas rief ihr zu, daß ihr Begleiter wohl noch mehr Eile habe, +in Irkutsk anzukommen, als sie selbst; und wie viele Werst trennten sie +jetzt noch von diesem Ziele! + +In ihr stieg auch der Gedanke auf, daß bei einer Besetzung von Omsk durch +die Tartaren Michael Strogoff’s alte Mutter, welche ja in dieser Stadt +wohnte, manchen Gefahren ausgesetzt war, die ihren Sohn auf’s +schmerzlichste beunruhigen mußten, und daß hierin wohl ein hinreichender +Erklärungsgrund zu finden sei für seine Ungeduld, möglichst schnell bei +ihr einzutreffen. + +Nadia hielt es also für gerathen, gelegentlich von der alten Marfa zu ihm +zu sprechen, von der Vereinsamung, in der sie sich inmitten dieser so +ernsthaften Ereignisse befand. + +„Du hast seit dem Anfange des Tartareneinfalles von Deiner Mutter keine +Nachricht erhalten? fragte sie. + +— Nein, Nadia. Der letzte Brief meiner Mutter datirt schon von vor zwei +Monaten, dieser enthielt jedoch nur günstige Nachrichten. Marfa ist eine +energische Frau, eine Sibirierin mit offenem Auge. Trotz ihres Alters +bewahrte sie bis jetzt noch ihre ganze moralische Energie. Sie weiß sich +auch in mißliche Umstände zu schicken. + +— Ich werde sie besuchen, Bruder, versetzte lebhaft das junge Mädchen. Da +Du mir den Namen Schwester gegeben hast, bin ich auch Marfa’s Tochter!“ + +Michael Strogoff antwortete nicht sofort. + +„Vielleicht hat Deine Mutter Omsk schon verlassen können? fügte sie hinzu. + +— Das ist wohl möglich, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und ich hoffe +sogar, daß es ihr schon gelungen ist, in Tobolsk Zuflucht zu suchen. Die +alte Marfa ist von Haß gegen die Tartaren erfüllt. Sie kennt die Steppe, +sie hat keine Furcht, und ich wünschte, sie hätte ihren Stab ergriffen und +wäre längs des Irtysch nach Norden gewandert. In der Provinz giebt es +keinen Ort, der ihr unbekannt wäre. Wie oft hat sie das ganze Land an der +Seite meines alten Vaters durchzogen, und wie oft bin ich, selbst noch als +Kind, bei ihnen gewesen auf diesen Jagdzügen durch die sibirische +Wüstenei! Gewiß, Nadia, ich hoffe, meine Mutter wird Omsk glücklich +verlassen haben. + +— Und wann denkst Du sie wieder zu sehen? + +— Jedenfalls ... auf der Rückreise. + +— Wenn Deine Mutter aber noch in Omsk wäre, wirst Du ein Stündchen opfern, +sie zu umarmen? + +— Ich werde nicht erst zu ihr gehen. + +— Du willst sie nicht einen Augenblick sehen? + +— Nein, Nadia ...! entgegnete Michael Strogoff, dessen Brust sich mühsam +hob und der wohl einsah, daß er die Fragen des jungen Mädchens noch weiter +zu beantworten nicht im Stande sei. + +— Du sagst: Nein! Ach, Bruder, welche Ursachen könnten Dich, wenn Deine +Mutter in Omsk ist, hindern sie zu sehen und zu besuchen? + +— Welche Ursachen, Nadia? Du fragst mich nach den Gründen meiner +Handlungsweise! rief Michael Strogoff mit einer so auffallend veränderten +Stimme, daß das junge Mädchen fast dabei erzitterte. Aber wegen der +Ursachen, die mich meinen Zorn überwinden ließen gegenüber jenem Elenden, +dessen ...“ + +Er konnte den Satz nicht vollenden, die Zunge versagte ihren Dienst. + +„Beruhige Dich, mein Bruder, redete ihn Nadia mit sanftester Stimme zu. +Ich weiß nur Eines, oder vielmehr ich weiß es nicht, aber ich fühle es, +daß jetzt nur ein Gefühl Dich ganz und gar beherrscht, das Gefühl einer +noch heiligeren Pflicht, als die, welche den Sohn gegen die Mutter +bindet!“ + +Nadia schwieg und vermied auch von diesem Augenblicke ab jedes Gespräch, +welches zu der gegenwärtigen eigenthümlichen Lage Michael Strogoff’s +irgend Bezug haben konnte. Hier lag ein Geheimniß, gewiß ein wichtiges, +vor. Sie achtete es aufrichtig. + +Am andern Tage, dem 25. Juli, langte der Tarantaß um drei Uhr früh bei dem +Postrelais zu Tjukalinsk an, nachdem er von der Ueberfahrtsstelle am +Ischim gegen 120 Werst zurückgelegt hatte. + +Schnell wurden die Pferde gewechselt. Indeß erhob hier zum ersten Male der +Jemschik Einspruch gegen die Weiterfahrt mit dem Bemerken, daß +Tartarenabtheilungen durch die Steppe streiften und daß Reisende, Pferde +und Wagen für jenes Raubgesindel eine erwünschte Beute sein würden. + +Michael Strogoff besiegte den Widerwillen des Jemschiks nur mit klingender +Münze, denn in diesem wie in mehreren anderen Fällen wollte er von seinem +Podaroshna keinen Gebrauch machen. Der letzte, durch den Telegraphen +übermittelte Ukas war in den sibirischen Provinzen bekannt, und auf einen +Russen lenkte sich dadurch, daß er von der Befolgung der in jenem +enthaltenen Vorschriften speciell dispensirt war, schon die allgemeine +Aufmerksamkeit, die der Courier des Czaar doch vor Allem zu vermeiden +suchte. Sollten die ausgesprochenen Befürchtungen des Jemschiks vielleicht +nur daher rühren, daß der Schlaukopf seine Rechnung auf die Ungeduld des +Reisenden gründete? Oder war in der That jetzt ein unliebsames Abenteuer +zu befürchten? + +Endlich fuhr der Tarantaß ab und bewegte sich mit einer solchen +Schnelligkeit weiter, daß er um drei Uhr Nachmittags Kulatsinskoë, in +einer Entfernung von 80 Werst, glücklich erreichte. Eine Stunde später +befand er sich an dem Ufer des Irtysch. Omsk lag von hier aus nur noch 20 +Werst entfernt. + +Dieser Irtysch ist ein bedeutender Strom, eine der sibirischen +Hauptarterien, die ihre Wässer nach dem Norden Asiens hinabrollen. +Entsprungen in den Altaïbergen, wendet er sich schräg von Südosten nach +Nordwesten und mündet zuletzt, nach einem Stromlaufe von 700 Werst, in den +Obi ein. + +Zu dieser Zeit des Jahres, der Periode des Hochwassers aller Ströme der +sibirischen Niederung, war auch der Wasserstand des Irtysch ein +ungewöhnlich hoher, so daß die heftige, fast reißende Strömung die +Ueberschreitung des Flusses ziemlich schwierig machte. Auch der beste +Schwimmer hätte sich wohl nicht hindurch zu arbeiten vermocht; ja, selbst +eine Fähre, das einzige Mittel zur Ueberfahrt über den Irtysch, bot jetzt +einige Gefahren. + +Diese Gefahren aber konnten, ebenso wenig wie alle anderen, Michael +Strogoff und Nadia auch nur einen Augenblick aufhalten, da Beide +entschlossen waren, all’ und jedem Hinderniß ohne Besinnen zu trotzen. + +Inzwischen machte Michael Strogoff seiner jungen Begleiterin den +Vorschlag, erst allein über den Fluß zu gehen, indem er sich auf der mit +dem Fuhrwerk und der Bespannung beladenen Fähre einschiffen wollte, denn +er fürchtete, daß das Gewicht dieser Ladung die Sicherheit der Fähre +einigermaßen in Frage stellen könne. Nachdem er Pferde und Wagen am +jenseitigen Ufer gelandet, wollte er zurückkehren, um Nadia abzuholen. + +Nadia verweigerte diese Rücksichtnahme, welche eine volle Stunde +Zeitverlust veranlaßt hätte, und sie wollte um ihrer persönlichen +Sicherheit halber nie die Ursache einer Verzögerung sein. + +Die Einschiffung ging nicht gar so leicht von statten, denn das Ufer stand +jetzt theilweise unter Wasser und die Fähre konnte in Folge dessen nicht +so nahe anlegen. + +Nach halbstündiger Anstrengung brachte der Fährmann den Tarantaß und die +drei Pferde glücklich auf dem Fahrzeug unter. Michael Strogoff, Nadia und +der Jemschik schifften sich ein, und man stieß nun vom Ufer. + +Während der ersten Minuten ging Alles ganz gut. Der Strom des Irtysch, der +sich weiter stromauf an einer weit vorspringenden Landzunge brach, bildete +hier eine Art Wirbel, welchen die Fähre leicht überwand. Die beiden +Schiffer stießen das Fahrzeug mit zwei langen Stangen, deren sie sich sehr +geschickt bedienten, vorwärts; je mehr sie sich aber der Mitte des Stromes +näherten, desto mehr vertiefte sich dessen Bett, so daß von den Stangen +kaum noch der obere Theil frei blieb, auf den jene sich mit der Schulter +stemmten. Dieser Kopf der Stange ragte zuletzt kaum noch einen Fuß aus dem +Wasser, was die Arbeit der Leute natürlich nicht wenig erschwerte. + +Michael Strogoff und Nadia hatten im hinteren Theile der Fähre Platz +genommen und beobachteten, immer in der Furcht eine Verzögerung zu +erleiden, aufmerksam die Anstrengungen der Bootsführer. + +„Achtung!“ rief da der Eine hastig seinem Kameraden zu. + +Diesen Zuruf veranlaßte eine unerwartete Wendung der Fähre, welche mit +großer Geschwindigkeit vor sich ging. Sie ward direct von der Strömung des +Flusses ergriffen und von dieser stromabwärts mit fortgerissen. Es +handelte sich also darum, durch geschickte Handhabung der Stangen die +Fähre wieder in schräge Linie gegen die Richtung der Wellenbewegung zu +bringen. Die Bootsführer ließen nichts unversucht, und es gelang ihnen, +wenn auch mit einiger Mühe, die Direction des Fahrzeugs wieder zu +verändern und nach dem rechten Ufer zu etwas an Weg zu gewinnen. + +Man konnte schon mit Sicherheit berechnen, daß das Fährboot fünf bis sechs +Werst stromab von der Abfahrtsstelle das Ufer erreichen würde, was ja +nicht von zu großer Bedeutung war, wenn nur Menschen und Thiere glücklich +das Land erreichten. + +Die beiden Bootsführer, kräftige Männer, welche noch das Versprechen eines +reichlichen Fährgeldes besonders antrieb, setzten nicht den mindesten +Zweifel in das glückliche Ueberschreiten des angeschwollenen Irtysch. + +Dabei ließen sie freilich einen Zwischenfall außer Acht, den sie unmöglich +voraussehen konnten, und weder ihr Eifer noch ihr Geschick hätten eben +gegen diesen etwas auszurichten vermocht. + +Die Fähre befand sich inmitten der Strömung, etwa in gleicher Entfernung +von beiden Ufern, und schwamm mit der Schnelligkeit von zwei Werst in der +Stunde mit jener thalabwärts, als Michael Strogoff sich erhob und mit +gespannter Aufmerksamkeit die Blicke stromaufwärts richtete. + +Er bemerkte in dieser Richtung einige Barken, die der Strom mit ungeheurer +Schnelligkeit herabtrug, denn zu der der Wasserbewegung gesellte sich noch +der Druck der Ruder, mit denen sie ausgerüstet waren. + +Auf Michael Strogoff’s Stirn bildeten sich plötzlich einige Falten und ein +leiser Schrei kam unwillkürlich über seine Lippen. + +„Was giebt es?“ fragte das junge Mädchen. + +Aber bevor Michael Strogoff noch Zeit fand zu antworten, rief einer der +Bootsführer mit erschrockener Stimme: + +„Die Tartaren! Die Tartaren!“ + +Wirklich glitten einige von Bewaffneten besetzte Barken den Irtysch in +größter Schnelligkeit hinab und mußten binnen wenigen Minuten die Fähre +erreichen, welche viel zu tief im Wasser ging, um jenen schnell genug +entweichen zu können. + +Erschreckt durch diesen Anblick schrieen die Fährleute verzweifelt auf und +verließen ihre Bootshaken. + +„Muth, Muth, Freunde! rief ihnen Michael Strogoff zu! Fünfzig Rubel sind +euer, wenn wir das Ufer noch vor der Ankunft jenes Raubgesindels +erreichen!“ + +Dieses Versprechen belebte noch einmal die kleinmüthigen Fährleute so +weit, daß sie mit dem Aufgebot aller Kräfte die scharfe Strömung zu +durchschneiden suchten, aber dennoch zeigte sich bald die Unmöglichkeit, +vor Ankunft der Tartaren zu landen. + +Würden diese nun vorüberfahren, ohne die Fähre und ihre Insassen zu +belästigen? Wahrscheinlich nicht! Im Gegentheil hatte man von diesen +Barbaren Alles zu fürchten. + +„Hab’ keine Furcht, Nadia, sagte Michael Strogoff, aber bereite Dich vor +auf Alles! + +— Ich bin es, antwortete Nadia. + +— Selbst Dich in den Fluß zu stürzen, wenn ich es verlangte? + +— Auf Dein erstes Wort. + +— Vertraue mir, Nadia. + +— Ich vertraue Dir stets.“ + +Die Tartarenboote schwammen jetzt nur noch in einer Entfernung von hundert +Schritten daher. Sie trugen eine Abtheilung bukharischer Soldaten, welche +offenbar eine Recognoscirung von Omsk beabsichtigten. + +Die Fähre befand sich jetzt noch zwei Schiffslängen weit vom Ufer. Die +Schiffer verdoppelten ihre Anstrengungen. Auch Michael Strogoff sprang +ihnen noch bei und ergriff einen Bootshaken, den er mit übermenschlicher +Kraft handhabte. Vermochte er den Tarantaß noch auszuschiffen und im Galop +davon zu fahren, so schimmerte ihm doch noch einige Hoffnung, den nicht +berittenen Tartaren zu entgehen. + +Aber alle Mühe, alle Anstrengung sollte vergeblich sein! + +„_Sarin na kitschu!_“ riefen die Soldaten aus dem ersten Boote. + +Michael Strogoff verstand das Kriegsgeschrei der tartarischen Piraten, auf +das es keine andere Antwort gab, als sich platt auf den Boden zu werfen. + +Und da weder er selbst noch die Bootsführer diesem Befehle gehorchten, +knatterte eine kräftige Gewehrsalve, von der zwei der Pferde tödtlich +getroffen wurden. + +Da – in diesem Augenblick, – folgte auch ein heftiger Stoß: die Barken +waren an der Langseite der Fähre angelangt. + +„Komm, Nadia!“ rief Michael Strogoff, bereit sich mit ihr über Bord zu +stürzen. + +Eben wollte das junge Mädchen ihm nachfolgen, als Michael Strogoff von +einem Lanzenstoße getroffen in den Strom fiel. Das Wasser riß ihn mit weg; +einen Augenblick noch kämpften seine Arme über den Fluthen, dann +verschwand er unter den wirbelnden Wellen. + +Nadia hatte es mit einem Schrei gesehen; doch bevor sie noch Zeit gewann, +sich Michael Strogoff nachzustürzen, ward sie ergriffen, weggeschleppt und +in eines der Boote gefangen gesetzt. + +Einen Augenblick nachher fielen die Bootsführer, von Lanzenstichen +durchbohrt, und die Fähre trieb steuerlos weiter, während die Tartaren den +Lauf des Irtysch weiter stromab ruderten. + + + + + Vierzehntes Capitel. + + + Mutter und Sohn. + + +Omsk ist die officielle Hauptstadt des westlichen Sibiriens. Es ist zwar +nicht die bedeutendste Stadt des gleichnamigen Gouvernements, da Tomsk +mehr Einwohner zählt und einen beträchtlicheren Umfang hat, in Omsk +residirt jedoch der Generalgouverneur dieser ersten Hälfte des asiatischen +Rußlands. + +Omsk besteht genau genommen aus zwei verschiedenen Städten, von denen die +eine ausschließlich von den Behörden eingenommen und von den zugehörigen +Beamten bewohnt ist, während die andere vorzüglich die sibirischen +Kaufleute, deren Handelsbeziehungen freilich von keiner besonderen +Bedeutung sind, beherbergt. + +Die Einwohnerzahl dieser Stadt mag sich auf 12-13,000 Seelen belaufen. Sie +wird durch eine von Bastionen verstärkte Umwallung vertheidigt; freilich +bestehen diese Befestigungen nur aus Erdwerken und bieten nur einen sehr +unzulänglichen Schutz. Die Tartaren gingen, wohl bekannt mit obiger +Sachlage, eben jetzt daran, die Stadt durch einen Sturmangriff in ihre +Gewalt zu bringen, was ihnen auch nach einer Einschließung von nur wenigen +Tagen gelingen sollte. + +Die kaum 2000 Mann zählende Besatzung von Omsk hatte mannhaften Widerstand +geleistet. Das obere Quartier von Omsk war hierbei in eine Art Citadelle +umgewandelt, die Häuser und Kirchen mit Schießscharten versehen worden, +und in diesem improvisirten Kreml hielten sich die Truppen zur Zeit noch, +trotz der mangelnden Aussicht auf eine baldige Entsetzung. Die +tartarischen Truppen dagegen erhielten unter Benutzung des Wasserweges auf +dem Irtysch tagtäglich neuen Zuzug und wurden, – hier ein besonders +wichtiger Umstand, – von einem Officier angeführt, der zwar ein Verräther +an seinem Vaterlande, aber doch ein Mann von hohem Verdienste und +beispielloser Kühnheit war. + +Iwan Ogareff befehligte die feindlichen Schaaren. + +Iwan Ogareff, ebenso furchtbar, wie der Tartarenchef, den er vorwärts +drängte, zeichnete sich durch tiefe militärische Kenntnisse aus. In seinen +Adern rollte, ein Erbtheil von seiner Mutter, welche von asiatischer +Herkunft war, auch etwas mongolisches Blut; er liebte jede List, legte +gern Hinterhalte und schreckte vor keinem Mittel zurück, wenn es ihm +darauf ankam, dem Gegner eine Falle zu stellen. Arglistig von Natur, +bediente er sich bald der gemeinsten Verkleidungen und trat gelegentlich +selbst als Bettler auf, wobei ihn seine außerordentliche Geschicklichkeit +der Verstellung des äußern Ansehens und des ganzen Benehmens wesentlich +unterstützte. Dabei befähigte ihn seine Grausamkeit, im Nothfall den +Henker selbst zu spielen. Feofar-Khan besaß in ihm einen Stellvertreter, +der es vollkommen verdiente, ihm bei jenem wilden Kriegszuge beizustehen. + +Als Michael Strogoff an den Ufern des Irtysch anlangte, war Iwan Ogareff +schon Herr in Omsk und beeilte die Belagerung des höher gelegenen +Stadtviertels um so mehr, als er Eile hatte, sich nach Tomsk zu begeben, +wo sich die Hauptmacht der Tartarenhorden concentrirte. + +Tomsk war nämlich vor einigen Tagen in Feofar-Khan’s Hände gefallen und +von hier aus wollten die Eindringlinge, nach der Besitznahme der +centralsibirischen Gebiete, nach Irkutsk aufbrechen. + +Irkutsk bildete das eigentliche Ziel Iwan Ogareff’s. + +Der Plan des erbärmlichen Verräthers ging dahin, sich dem Großfürsten +daselbst unter falschem Namen anzuschließen, sein Vertrauen zu +erschleichen und ihn zur gegebenen Stunde sammt der Stadt den Tartaren in +die Hände zu liefern. + +Mit dieser Stadt und einer solchen Geißel im Besitz mußte das ganze +asiatische Sibirien in die Gewalt der Eindringlinge kommen. + +Wir wissen ja von früher, daß dieser Anschlag zur Kenntniß des Czaaren +gelangt war, und um ihn zu vereiteln, hatte man Michael Strogoff mit der +hochwichtigen Mission betraut. Deshalb erhielt der junge Mann seiner Zeit +auch die gemessensten Befehle, das von den Feinden überschwemmte Land +unter falschem Namen zu durchreisen. + +Bis hierher hatte er seine Mission getreulich erfüllt – würde er sie aber +auch jetzt noch ebenso zu Ende führen können? + +Der Lanzenstoß, den Michael Strogoff empfing, war nicht tödtlich gewesen. +Unter dem Wasser schwimmend erreichte er ungesehen das rechte Flußufer und +brach in dem Gebüsch daselbst kraftlos zusammen. + +Als er wieder zum Bewußtsein kam, sah er sich zu seiner Verwunderung in +der Hütte eines Mujik, der ihn aufgehoben und verpflegt hatte, und dem er +zunächst die Rettung seines Lebens dankte. Seit wie lange mochte er der +Gast des braven Sibiriers sein? – er vermochte sich darüber keine +Rechenschaft zu geben. Als er die Augen öffnete, bemerkte er über sich ein +bärtiges, aber freundliches Gesicht, auf dem ein theilnehmendes Lächeln +spielte. Schon wollte er fragen, wo er sich befinde, als der besorgte +Mujik ihm zuvorkam: + +„Sprich nicht, Väterchen, sprich nicht! Du bist noch zu schwach. Ich werde +Dir sagen, wo Du bist, und erzählen, was sich zugetragen hat, seitdem ich +Dich in mein Häuschen schaffte.“ + +Der redliche Landmann erzählte hierauf den Verlauf des kurzen Kampfes, +dessen Augenzeuge er zufällig geworden, den Angriff der Tartarenboote, die +Plünderung des Tarantaß, die Ermordung der Fährleute ... + +Doch darauf hörte Michael Strogoff kaum, er fuhr mit der Hand unter seine +Kleidung und fühlte den kaiserlichen Brief noch immer unversehrt auf +seiner Brust. + +Er athmete auf, noch war er indeß nicht jeder Sorge ledig. + +„Mich begleitete ein junges Mädchen, sagte er. + +— Sie wurde nicht getödtet! antwortete der Mujik, der die Unruhe zu +beschwichtigen suchte, die aus den Augen seines Pflegebefohlenen +leuchtete. In einer Barke haben sie jene entführt, als sie den Irtysch +weiter stromab ruderten! Sie ist jetzt eine Gefangene mehr, welche man mit +ihren Leidensgefährtinnen nach Tomsk schleppt!“ + +Michael Strogoff konnte keine Sylbe erwidern, er preßte seine Hand auf’s +Herz, um dessen stürmisches Klopfen zu bewältigen. + +Und doch, trotz aller Prüfungen, beherrschte nur ein Gefühl seine ganze +Seele, das Gefühl seiner heiligen Pflicht. + +„Wo bin ich? fragte er. + +— Auf dem rechten Ufer des Irtysch und nur fünf Werst von Omsk entfernt, +antwortete ihm der Mujik. + +— Was für eine Wunde empfing ich damals, daß sie mich so lange +besinnungslos machen konnte? Vielleicht einen Flintenschuß? + +— Nein, einen jetzt vernarbten Lanzenstich am Kopfe, erwiderte der Mujik. +Nach einigen Tagen der Ruhe, Väterchen, wirst Du, denk’ ich, Deinen Weg +fortsetzen können. Du warst in’s Wasser gestürzt. Die Tartaren haben Dich +weder berührt noch geplündert; auch Deine Börse steckt noch in Deiner +Tasche.“ + +Michael Strogoff reichte dem ehrlichen Bauer die Hand. Dann richtete er +sich mit einer plötzlichen Anstrengung auf und fragte: + +„Wie lange liege ich schon in Deinem Hause, guter Freund? + +— Seit drei Tagen. + +— Drei ganze Tage verloren! + +— Drei Tage, während der Du bewußtlos dalagst. + +— Kannst Du mir ein Pferd verkaufen? + +— Du willst weiter reisen? + +— Womöglich noch diesen Augenblick. + +— Ich habe weder ein Pferd, noch einen Wagen, Väterchen. Wo die Tartaren +vorüber zogen, da ist von solchen Dingen nichts übrig geblieben. + +— So werde ich nach Omsk zu Fuß gehen müssen, um dort ein Pferd zu kaufen. + +— Pflege Dich nur noch einige Stunden, dann wirst Du besser im Stande +sein, Deinen Weg fortzusetzen. + +— Keine Stunde länger! + +— So komm, antwortete der Mujik, da er einsah, daß er vergeblich dem +festen Willen seines Gastes entgegen trat. Ich werde Dir selbst das Geleit +geben, fügte er hinzu. Uebrigens befinden sich noch viele Russen in Omsk +und vielleicht gelangst Du noch unbemerkt hindurch. + +— Vergelte Dir der Himmel, wackrer Freund, erwiderte Michael Strogoff, +lohne er Dir, was Du Alles für mich gethan hast! + +— Eine Belohnung! versetzte der Mujik, nur die Thoren erwarten eine solche +auf der Erde.“ + +Michael Strogoff trat aus der Hütte. Als er gehen wollte, übermannte ihn +ein so heftiger Schwindel, daß er ohne die hilfreiche Unterstützung des +Bauern wohl umgesunken wäre, aber bald stärkte ihn der Genuß der freien +Luft sichtlich. Jetzt fühlte er erst die Nachwehen jenes gegen seinen Kopf +geführten Stoßes, dessen Heftigkeit seine Pelzmütze glücklicher Weise +gebrochen hatte. Bei der bekannten, ihm innewohnenden Energie war er nicht +der Mann, sich viel um diese Kleinigkeit zu kümmern. Vor seinen Augen sah +er nur das eine Ziel, das entlegene Irkutsk, welches er erreichen mußte! +Omsk mußte er deshalb ohne jeden Aufenthalt passiren. + +„Gott schütze meine Mutter und Nadia, murmelte er, jetzt habe ich kein +Recht, an Beide zu denken.“ + +Michael Strogoff und der Bauer kamen bald in dem Kaufmannsviertel der +Unterstadt an, in welche sie trotz der militärischen Besetzung derselben +unschwer hineingelangten. Der Erdwall um jene zeigte sich an vielen +Stellen zerstört, die ebenso viele Breschen darstellten, durch welche sich +die Marodeurs der Armee Feofar-Khan’s eindrängten. + +Im Innern von Omsk, auf den Straßen und Plätzen, wimmelte es von +tartarischen Soldaten, aber man konnte dabei doch leicht wahrnehmen, daß +eine eiserne Faust sie hier in den Fesseln einer Disciplin hielt, an +welche Jene wohl nur wenig gewöhnt waren. Sie liefen auch nie einzeln +umher, sondern marschirten in bewaffneten Abtheilungen, um in der Lage zu +sein, jeden Angriff abzuwehren. + +Auf dem zu einem Lager umgestalteten und dicht mit Wachposten besetzten +Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren in guter Ordnung. An eingerammten +Pfählen standen die Pferde angebunden, aber stets in voller Ausrüstung, um +beim ersten Befehl zum Aufbruch fertig zu sein. Immerhin bildete Omsk nur +einen provisorischen Halteplatz für die Tartarenreiter, welche die +reicheren Ebenen Ostsibiriens vorziehen mußten, weil dort die Städte +bedeutender, die Landschaften fruchtbarer, die Raubzüge also jedenfalls +ergiebiger wurden. + +Ueber dem Handelsviertel erhaben thronte die obere Stadt, welche Iwan +Ogareff trotz mehrerer stürmischer Angriffe, die immer standhaft +abgewiesen worden waren, in seine Gewalt noch nicht hatte bringen können. +Von den in Vertheidigungszustand gesetzten Gebäuden flatterten noch immer +die Fahnen mit den russischen Farben. + +Nicht ohne einen gewiß berechtigten Stolz begrüßten Michael Strogoff’s und +seines Führers Wünsche das wehende Banner. + +Michael Strogoff kannte die Stadt Omsk natürlich vollständig. Während er +scheinbar seinem Führer folgte, wußte er doch geschickt die lebhaftesten +Straßen zu vermeiden. Das geschah nicht aus Besorgniß erkannt zu werden. +In dieser Stadt hätte nur seine alte Mutter ihn bei seinem wahren Namen +rufen können; aber er hatte geschworen, sie nicht zu sehen, er war +entschlossen, an diesem Versprechen zu halten. Uebrigens war diese +vielleicht – was er von ganzem Herzen wünschte, – nach irgend einem +ruhigeren Theil der Steppe entflohen. + +Zum Glück kannte der Mujik persönlich einen Postmeister, der es seiner +Annahme nach für gute Bezahlung nicht ausschlagen würde, einen Wagen und +Pferde entweder zu verleihen oder zu verkaufen. Dann blieb nur noch die +Schwierigkeit übrig, die Stadt selbst zu verlassen, wobei die zahlreichen +Breschen in der Umwallung freilich Michael Strogoff’s Entkommen +einigermaßen erleichtern mußten. + +Der Mujik führte seinen Gast also geraden Weges nach dem Relais, als +Michael Strogoff plötzlich in einer engen Straße stehen blieb und sich +hinter einem Mauervorsprunge verbarg. + +„Was ist Dir? fragte der Bauer, erstaunt über dieses unerklärliche +Benehmen. + +— Still, still!“ flüsterte ihm Michael Strogoff hastig zu, indem er noch +den Finger auf seine Lippen legte. + +Eben schwenkte eine Abtheilung Tartaren von dem Hauptplatze ab und bog in +dieselbe Gasse ein, welche Michael Strogoff und sein Begleiter ganz kurz +vorher betreten hatten. + +An der Spitze der aus etwa zwanzig Berittenen bestehenden Schaar trabte +ein Officier in sehr einfacher Uniform. Obwohl seine Augen immer von einer +Seite zur andern schweiften, konnte er Michael Strogoff, der seinen +Rückzug ebenso schnell als geschickt bewerkstelligte, unmöglich gesehen +haben. + +Das Detachement zog in scharfem Trabe durch die enge Straße. Weder der +Officier noch seine Leute achteten besonders auf die Bewohner. Die +Unglücklichen gewannen kaum Zeit, der Reiterabtheilung genügenden Platz zu +machen. Da und dort wurde auch ein halb erstickter Schrei mit einem +rücksichtslosen Lanzenstoße beantwortet und der Weg auf diese Weise in +kürzester Zeit gesäubert. + +„Wer war dieser Officier?“ fragte Michael Strogoff, als die Abtheilung +vorüber getrabt war, den Bauer, dem er sich jetzt wieder anschloß. + +Schon als er diese Frage stellte, ward sein Gesicht so bleich, wie das +einer Leiche. + +„Das war Iwan Ogareff, antwortete der Sibirier mit leiser Stimme, aus der +man einen verhaltenen Haß heraushörte. + +— Er!“ rief Michael Strogoff, dem dieses Wort mit einem Accente des Zornes +entfuhr, den er nicht zu bemeistern vermochte. + +Er hatte in dem Officier jenen Reisenden wieder erkannt, der ihn auf dem +Relais zu Ischim geschlagen hatte. + +Und gleichzeitig, so als ob ihm plötzlich ein Licht aufging, erinnerte ihn +dieser Reisende, trotzdem er ihn nur ganz kurze Zeit gesehen hatte, an den +alten Zigeuner, von dem er jene Worte auf der Messe in Nischnij-Nowgorod +vernommen hatte. + +Michael Strogoff täuschte sich nicht. Diese beiden Erscheinungen gehörten +nur einer Person an. In der Verkleidung als Zigeuner hatte Iwan Ogareff +unter der Truppe der alten Sangarre die Provinz Nischnij-Nowgorod zu +verlassen gewußt, wo er unter den zahllosen Fremden, welche die Messe nach +jener Stadt aus Centralasien heranzieht, Spießgesellen zur Ausführung +seines fluchwürdigen Vorhabens gesucht haben mochte. Sangarre nebst der +ganzen übrigen Gesellschaft standen nur als Spione in seinem Sold und +waren ihm auf Leben und Tod ergeben. Er war es gewesen, der in der Nacht +auf dem Meßplatze jene auffallenden Worte gesprochen hatte, deren Sinn +Michael Strogoff jetzt erst ordentlich verstand; er reiste damals mit der +ganzen Zigeunerbande auf dem Dampfer „Kaukasus“; er überschritt den Ural +jedenfalls auf einem andern Wege von Kasan nach Ischim und erreichte +endlich Omsk, das jetzt unter seinem Befehle seufzte. + +Iwan Ogareff war selbst vor kaum drei Tagen erst in Omsk eingetroffen und +ohne jenes unangenehme Zusammentreffen in Ischim und dem beklagenswerthen +Vorfalle, der ihn drei Tage lang am Ufer des Irtysch festhielt, hätte +Michael Strogoff Jenen auf dem Wege nach Irkutsk gewiß weit überholt. + +Und wer weiß, wie viel Unglück in der nächsten Zeit dadurch vermieden +worden wäre! + +Jedenfalls, ja, mehr als je vorher mußte Michael Strogoff Iwan Ogareff +ausweichen, um von Letzterem nicht gesehen zu werden. Kam einst der +Zeitpunkt, ihm Auge in Auge gegenüber zu treten, so würde er ihn wieder zu +finden wissen, wenn Jener sich auch zum Herrn von ganz Sibirien +aufgeworfen hätte. + +Der Mujik und er nahmen also ihren Weg durch die Stadt wieder auf und +gelangten unbelästigt nach dem Posthause. Nach Einbruch der Nacht konnte +es nicht allzu schwierig sein, Omsk durch eine der Breschen zu verlassen. +Dagegen stellte sich die Unmöglichkeit heraus, an Stelle des Tarantaß ein +anderes Fuhrwerk zu erhalten. Es fand sich weder ein Wagen zu miethen, +noch zu kaufen. Aber bedurfte denn Michael Strogoff jetzt wirklich eines +Wagens? War er für den übrigen Theil der Reise nicht allein? Ihm mußte +auch schon ein Reitpferd genügen, und ein solches war glücklicher Weise zu +beschaffen. Er bekam ein tüchtiges, zum Ertragen schwerer Strapazen +offenbar geeignetes Thier, von dem sich Michael Strogoff, ein gewandter, +ausdauernder Reiter, den größten Nutzen versprach. + +Das Pferd kostete eine bedeutende Summe; nach einigen Minuten schon stand +es zum Aufbruch bereit. + +Es war jetzt etwa um vier Uhr Nachmittags. + +Da Michael Strogoff die Nacht abwarten mußte, um die Umwallung zu +passiren, sich in den Straßen von Omsk aber doch nicht zeigen wollte, so +blieb er gleich im Posthause und ließ sich daselbst einige Stärkungsmittel +besorgen. + +In dem öffentlichen Wartesaale des Hauses ging es sehr lebhaft zu. So wie +wir es von den russischen Bahnhöfen kennen gelernt haben, liefen die +ängstlichen Einwohner hier zusammen, um neue Nachrichten zu erhaschen. Man +sprach von der bevorstehenden Ankunft eines Corps russischer Truppen, zwar +nicht in Omsk, aber in Tomsk, – eines Corps, das diese Stadt den Tartaren +Feofar-Khan’s wieder entreißen sollte. + +Michael Strogoff lauschte gespannt auf jedes in seiner Umgebung +gesprochene Wort, vermied es aber, sich selbst in ein Gespräch +einzulassen. + +Plötzlich machte ein Aufschrei ihn erzittern, ein Schrei, der hinabdrang +bis zum Grunde seiner Seele, und an sein Ohr schlugen die beiden Worte: + +„Mein Sohn! Mein Sohn!“ + +Seine Mutter, die alte Marfa, stand vor ihm. Sie lächelte und sie zitterte +doch vor Freude und streckte ihm sehnsüchtig die Arme entgegen. + +Michael Strogoff erhob sich. Er wollte ihr entgegenfliegen .... + +Da hielt ihn der Gedanke an seine Pflicht, an die ernsthafte Gefahr für +seine Mutter und ihn bei dieser bedauerlichen Begegnung plötzlich zurück, +und er gewann so viel Herrschaft über sich, daß auch nicht ein Muskel +seines Gerichtes zuckte. + +Zwanzig Personen füllten jetzt den Wartesaal. Unter ihnen konnten recht +wohl einige Spione sein, und wußte man denn nicht auch, daß Marfa +Strogoff’s Sohn zu dem Specialcorps der Couriere des Czaaren gehörte? + +Michael Strogoff sprach kein Wort. + +„Michael! rief seine Mutter. + +— Wer sind Sie, geehrte Dame? fragte Michael Strogoff, der die Worte mehr +hervorstammelte als aussprach. + +— Wer ich bin? Das fragst Du? Mein Kind, erkennst Du Deine Mutter nicht +mehr wieder? + +— Sie täuschen sich! ... antwortete Michael Strogoff kalt, eine +Aehnlichkeit führt Sie irre ....“ + +Die alte Marfa ging gerade auf ihn zu und stellte sich ihm Aug’ in Auge +gegenüber. + +„Du bist nicht Peter und Marfa Strogoff’s Sohn?“ sagte sie. + +Michael Strogoff hätte sein Leben darum gegeben, seine Mutter offen in die +Arme schließen zu dürfen, aber wenn er nachgab, war es nicht nur um ihn, +sondern auch um sie, um seinen Auftrag, um seinen Eid geschehen! Er +bezwang sich nach Kräften, er schloß die Augen, um nicht die angsterregten +Züge in dem Antlitz der kindlich verehrten Mutter sehen zu müssen; er zog +seine Hände zurück, um nicht unwillkürlich den zitternden Händen, die nach +ihm verlangten, zu begegnen. + +„Ich weiß in der That nicht, liebe Frau, was ich aus Ihren Worten machen +soll, antwortete er, einige Schritte zurückweichend. + +— Michael! rief noch einmal die bejahrte Mutter. + +— Ich heiße nicht Michael! Ich bin nie Ihr Sohn gewesen. Ich bin Nicolaus +Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk!...“ + +Hastig verließ er den Wartesaal, in dem noch einmal die Worte +wiedertönten: + +„Mein Sohn! Mein Sohn!“ + +Michael Strogoff war abgereist, so schwer es ihm wurde. Er sah seine alte +Mutter, welche bewußtlos auf einer Bank zusammen gebrochen war, für jetzt +nicht mehr. Gerade als der Postmeister ihr zu Hilfe eilen wollte, erhob +sich die alte Frau selbst schon wieder. In ihrem Geiste war es plötzlich +hell geworden. Sie, – verleugnet von ihrem leiblichen Sohne, – das war +unmöglich! Ebenso unmöglich erschien es ihr aber, sich getäuscht und einen +Anderen für ihn gehalten zu haben. Ohne Zweifel war es ihr Sohn gewesen, +den sie eben gesehen hatte, und wenn Dieser sie nicht wieder erkannte, so +wollte er es nicht, so durfte er sie nicht erkennen, so hatte er triftige, +zwingende Gründe, so zu handeln. Dann unterdrückte sie allen Mutterschmerz +in ihrer Brust und peinigte sich mit dem einzigen Gedanken: „Sollte ich +ihn wider Willen in’s Verderben gestürzt haben?“ + +„Ich bin eine Thörin! antwortete sie Allen, die sie fragten. Meine Augen +haben mich betrogen! Dieser junge Mann ist mein Kind nicht! Er hatte ja +gar nicht dessen Stimme! Lassen wir es. Zuletzt werde ich meinen Sohn noch +in Jedermann zu sehen glauben.“ + +Kaum zehn Minuten später erschien ein Tartarenofficier im Posthause. + +„Marfa Strogoff? fragte er laut. + +— Das bin ich, antwortete die betagte Frau so ruhig im Ton und im Antlitz, +daß die Zeugen der vorigen Scene sie kaum wieder erkannten. + +— Komm mit mir!“ sagte der Officier. + +Mit sicherem Schritte folgte Marfa Strogoff dem tartarischen Officier und +verließ das Posthaus. + +Wenige Minuten später befand sich Marfa Strogoff mitten in dem +Truppenlager des Hauptplatzes und gegenüber dem gefürchteten Iwan Ogareff, +dem alle Einzelheiten der oben erzählten Scene unverweilt berichtet worden +waren. + +Iwan Ogareff muthmaßte ebenfalls den wahren Sachverhalt und hatte die alte +Sibirierin selbst darüber befragen wollen. + +„Dein Name? leitete er das Verhör in strengem Tone ein. + +— Marfa Strogoff. + +— Du hast einen Sohn? + +— Ja. + +— Er ist Courier des Czaaren? + +— Ja. + +— Wo befindet er sich? + +— In Moskau. + +— Du bist von ihm ohne Nachrichten? + +— Ohne jede Nachricht. + +— Seit wie lange? + +— Seit zwei Monaten. + +— Wer ist aber der junge Mann, den Du noch vor wenig Augenblicken im +Posthause Deinen Sohn nanntest? + +— Ein junger Sibirier, den ich für ihn hielt, antwortete Marfa Strogoff. +Das ist der Zehnte, in dem ich meinen Sohn zu finden glaubte, seit die +Stadt voller Fremden ist. Ich glaube ihn eben überall zu erkennen. + +— Jener junge Mann war demnach Michael Strogoff nicht? + +— Er war es leider nicht. + +— Weißt Du, alte Frau, daß ich Dich foltern lassen kann, bis Du die +Wahrheit eingestehst? + +— Ich spreche die Wahrheit, und keine Folter würde meine Aussage +abzuändern vermögen. + +— Jener Sibirier war Michael Strogoff wirklich nicht? fragte zum zweiten +Male und eindringlicher Iwan Ogareff. + +— Nein! Er war es nicht! antwortete Marfa Strogoff zum zweiten Male. +Glaubt Ihr, ich würde um Alles in der Welt einen solchen Sohn, wie mir ihn +Gott gegeben hat, verleugnen?“ + +Mit boshaftem Auge fixirte Iwan Ogareff die Frau, die ihm in’s Gesicht zu +trotzen wagte. Er zweifelte keinen Augenblick, daß sie in dem jungen +Sibirier ihren Sohn wirklich erkannt habe. Und wenn dennoch der Sohn +zuerst die Mutter verleugnet hatte, wie es die Mutter jetzt ihrerseits +that, so mußten dem unzweifelhaft sehr ernste Ursachen zu Grunde liegen. + +Iwan Ogareff galt es als unbestreitbare Thatsache, daß der angebliche +Nicolaus Korpanoff kein Anderer sei, als Michael Strogoff, der Courier des +Czaaren, der sich unter einem falschen Namen verbarg und der einen Auftrag +haben mußte, dessen Kenntniß für ihn von der weitgehendsten Bedeutung sein +konnte. Er gab also sofort Befehl, Jenen zu verfolgen. + +Dann wendete er sich gegen Marfa Strogoff zurück und sagte: + +„Diese Frau soll sofort nach Tomsk übergeführt werden!“ + +Und während die Soldaten Jene roh und grausam fortdrängten, murmelte er +zwischen den Zähnen: + +„Zur passenden Zeit werde ich ihr schon die Zunge zu lösen wissen, der +alten Hexe!“ + + + + + Fünfzehntes Capitel. + + + Der Barabinen-Sumpf. + + +Es war Michael Strogoff’s Glück gewesen, daß er das Posthaus so schnell +als möglich verließ. Auf Iwan Ogareff’s Befehl wurden sofort alle Ausgänge +der Stadt scharf bewacht und sein Signalement allen Postmeistern +mitgetheilt, um sein Entkommen aus Omsk zu verhindern. Als das aber +geschah, hatte er schon eine Bresche des Erdwalls hinter sich, sein Pferd +jagte durch die Steppe, und da er keine unmittelbaren Verfolger hinter +sich sah, durfte er auf das Gelingen seiner Flucht wohl hoffen. Am 29. +Juli, Abends gegen acht Uhr, hatte Michael Strogoff Omsk verlassen. Diese +Stadt liegt ungefähr in der Mitte des Weges von Moskau nach Irkutsk, +woselbst er vor Ablauf von zehn Tagen eintreffen mußte, wenn er die +tartarischen Horden hinter sich lassen wollte. Offenbar hatte der +beklagenswerte Zufall, welcher ihn seiner Mutter vor Augen führte, sein +Incognito verrathen. Iwan Ogareff konnte nicht mehr darüber im Unklaren +sein, daß ein Courier des Czaaren auf dem Wege nach Irkutsk durch Omsk +gekommen sei. Die Depeschen dieses Eilboten mußten von besonderer +Wichtigkeit sein. Michael Strogoff ahnte also auch, daß man Alles daran +setzen werde, sich seiner Person zu bemächtigen. + +Was er aber nicht wußte, was er nicht wissen konnte, war, daß Marfa +Strogoff sich in Iwan Ogareff’s Gewalt befand, daß sie büßen, vielleicht +mit ihrem Leben bezahlen sollte für die Erregung ihres Mutterherzens, die +sie bei dem unerwarteten Anblick ihres Sohnes nicht zu unterdrücken im +Stande gewesen war. Ein Glück für ihn, daß er davon nichts wußte! Hätte er +dieser neuen Prüfung widerstehen können? + +Michael Strogoff trieb sein Roß an, er flößte ihm gleichsam dieselbe +fieberhafte Ungeduld ein, die ihn verzehrte; er verlangte nur das Eine von +dem Thiere, ihn so schnell als möglich nach dem nächsten Relais zu tragen, +wo er es gegen ein noch schnelleres Beförderungsmittel einzutauschen +hoffte. + +Um Mitternacht hatte er siebzig Werst zurückgelegt und machte bei der +Station Kulikowo Halt. Doch auch hier fand er, eine Bestätigung seiner +Besorgniß, weder Pferde noch Wagen. Einzelne Abtheilungen Tartaren waren +schon auf der Hauptstraße durch die Steppe dahin gezogen. In den Dörfern +und den Postrelais hatte man Alles requirirt oder geradezu gestohlen. +Michael Strogoff konnte kaum einige Nahrung für sich und etwas Futter für +sein Pferd erhalten. + +Er mußte dieses Pferd, für das sich kein Ersatz mehr zu bieten schien, +etwas schonender behandeln. Da er aber zwischen sich und den ihm von Iwan +Ogareff jedenfalls nachgesendeten Reitern den größtmöglichen Zwischenraum +sehen wollte, beschloß er, möglichst schnell weiter zu eilen. Nach einer +nur einstündigen Ruhe schlug er also den Weg durch die Steppe schon wieder +ein. + +Bisher hatten die Witterungsverhältnisse die Reise des Czaarencouriers +auffallend begünstigt. Die Lufttemperatur hielt sich in erträglichen +Grenzen. Die zu dieser Jahreszeit kurze, aber von den durch einen leichten +Wolkenschleier dringenden Mondstrahlen mit einem angenehmen Dämmerlichte +gemilderte Nacht machte die Straße leidlich gangbar. Michael Strogoff zog +übrigens, als ein seines Weges kundiger Mann, sicher, ohne Zweifel, ohne +Zögern dahin. Trotz der schmerzlichen Gedanken, die ihn hartnäckig +verfolgten, hatte er sich doch eine außerordentliche Klarheit des Geistes +bewahrt und steuerte auf sein Ziel zu, als ob dieses Ziel schon am +Horizonte sichtbar sei. Hielt er, vielleicht bei einer Biegung des Weges, +einen Augenblick an, so geschah es, um sein Pferd etwas Athem schöpfen zu +lassen. Dann stieg er, zur Erleichterung des Thieres, einmal ab, drückte +das Ohr auf den Erdboden und lauschte, ob sich der Schall von galopirenden +Pferden an der Oberfläche der Steppe fortleitete. Hatte er nichts +Verdachterweckendes wahrgenommen, so setzte er seinen Weg wieder fort. + +O, breitete sich jetzt doch die Polarnacht über diese weite sibirische +Ebene, diese mehrere Monate andauernde Nacht! Es wäre viel leichter +gewesen, jene sicher zu durchreisen. + +Am 30. Juli, gegen neun Uhr Morgens, passirte Michael Strogoff die Station +Turumoff und begab sich von hier aus nun in die Sumpfdistricte der +Barabinen-Steppe. + +Auf einem Gebiete von 300 Werst Länge konnten hier schon die natürlichen +Hindernisse allein große Schwierigkeiten verursachen. Der Courier wußte +das, aber er wußte auch, daß er alle siegreich überwinden werde. + +Die ausgedehnten, von Norden nach Süden zwischen dem 60. und 52. +Breitengrade liegenden Barabinen-Sümpfe bilden das große Sammelbassin +derjenigen atmosphärischen Niederschläge, welche weder durch den Obi noch +durch den Irtysch einen Abfluß finden. Der Boden dieser ungeheuren +Tiefebene besteht aus fast ganz undurchlässigem Lehm, so daß das Wasser +darüber stehen bleibt und eine während der warmen Jahreszeit schwer zu +passirende Gegend darstellt. + +Gerade durch diesen Landstrich führt aber die Straße nach Irkutsk, mitten +durch die zahlreichen Sümpfe, Teiche, Seen, deren gesundheitsgefährliche +Ausdünstungen bei der heißen Sommersonne den Reisenden mindestens mit +schweren Mühseligkeiten, wenn nicht gar mit tückischer Gefahr bedrohen. + +Im Winter freilich, wenn der Frost Alles, was sonst flüssig war, erstarren +ließ, wenn der dichte Schnee den Boden geebnet und geglättet, die +schädlichen Miasmen condensirt und unter sich begraben hat, dann fliegen +die leichten Schlitten gefahrlos über die erhärtete Kruste der +Barabinen-Steppe. Dann durchziehen fleißig die Jäger die wildreichen +Gründe und verfolgen die Marder, die Zobel und die kostbaren Füchse, deren +Felle so gesucht sind. Während des Sommers dagegen wird diese Sumpfgegend +kothig, brütet gefährliche Krankheiten aus und ist bei einigermaßen hohem +Wasserstande überhaupt gar nicht zu passiren. + +Michael Strogoff lenkte sein Pferd quer durch einen Torfmoor, der nicht +mehr mit jenem kurzen, glatten Rasen bedeckt erschien, von welchem sich +die zahllosen sibirischen Heerden sonst fast ausschließlich ernähren. Hier +dehnte sich nicht mehr eine Wiese ohne Grenzen vor seinen Blicken aus, +sondern eine Art ungeheurer Haide mit baumartigem Gesträuch. + +Der Rasen stieg hier bis fünf und sechs Fuß Höhe auf. Das feine Gras hatte +den Platz geräumt vor üppigen Sumpfpflanzen, denen die andauernde +Feuchtigkeit im Verein mit der brennenden Hitze des Sommers wahrhaft +gigantische Formen verlieh. Vorzugsweise waren es Binsen und Schilf, +welche ein unentwirrbares Netz, ein undurchdringliches Gitter bildeten, +geschmückt mit Tausenden von Blumen von ungemein lebhaften Farben, +darunter vor Allem Lilien und Irisarten, deren Wohlgerüche sich mit den +warmen, dem Boden entsteigenden Dünsten mischten. + +Michael Strogoff galopirte zwischen den hohen Binsen dahin, wobei ihn von +den die Straße begleitenden Sümpfen aus Niemand mehr sehen konnte. Die +großen Stengel überragten ihn sammt dem Pferde, und nur das Aufflattern +unzähliger Wasservögel, die sich neben seinem Pferde erhoben und in +schreienden Gruppen in der Luft zertheilten, verrieth, daß sich Etwas in +jenem Dickicht bewege. + +Die Straße selbst war übrigens in leidlichem Zustande. Hier schnitt sie in +gerader Linie durch das dichte Gewirr der Sumpfpflanzen, dort wand sie +sich um das gekrümmte Ufer ausgedehnter Teiche, von denen einige bei einer +Länge von mehreren Wersten und ebenso großer Breite schon den Namen von +Seen verdient hätten. An anderen Stellen endlich hatte man einzelne +stehende Gewässer nicht umgehen können; für Ueberschreitung derselben +dienten aber keine Brücken in unserem gewohnten Sinne, sondern eine Art +Plateform mit übergelegten Bohlen, welche ebenso leicht schwankten, wie +ein zu dünner über einen Graben gelegter Steg. Einige dieser primitiven +Straßenbrücken dehnten sich bis auf zwei- und dreihundert Schritte Länge +aus, und man erzählt sich, daß Reisende, mindestens reisende Damen beim +Fahren über einen solchen schwankenden Weg nicht gar so selten eine Art +Seekrankheit bekommen hätten. + +Michael Strogoff jagte, ob er nun festen oder schwankenden Boden unter +sich hatte, immer mit derselben Schnelligkeit dahin und setzte in kühnem +Sprunge über die Lücken hinweg, welche die halb verfaulten Planken an +manchen Stellen zwischen sich ließen; so schnell aber Roß und Reiter auch +dahin flogen, so konnten sie doch den belästigenden Stichen der +zweiflügeligen Insecten nicht entfliehen, die in jenen sumpfreichen +Gegenden zur wahren Landplage werden. + +Sind Reisende gezwungen, im Sommer durch die Barabinen-Steppe zu fahren, +so versehen sie sich mit Masken aus Pferdehaar, an welche sich ein Stück +feinmaschiges Panzerhemd zum Schutze der Schultern anschließt. Doch trotz +dieser Vorsichtsmaßregeln kommen nur Wenige wieder, ohne zahllose rothe +Tüpfel im Gesicht, auf dem Hals und den Händen davon getragen zu haben, +aus diesem Sumpfdistricte heraus. Die ganze Atmosphäre erscheint dort wie +erfüllt mit haarfeinen Nadeln, und man wird zu dem Glauben verführt, daß +kaum eine complete Ritterrüstung zum Schutz gegen die Stacheln dieser +Zweiflügler hinreichen könne. Hier ist eine traurige Gegend, die der +Mensch den Mücken, Schnaken und Stechfliegen nur mit Aufwand vieler Mittel +streitig macht, – ganz zu schweigen von den Milliarden mikroskopischer +Insecten, welche man mit unbewaffnetem Auge überhaupt nicht wahrzunehmen +im Stande ist; doch wenn man sie auch nicht sieht, so fühlt man sie desto +mehr wegen ihrer unerträglich quälenden feinen Stiche, gegen welche auch +hartgesottene sibirische Jäger niemals gleichgiltig werden. + +Michael Strogoff’s Pferd sprang, von den giftigen Dipteren überfallen, +häufig auf, als würden ihm tausend Sporen auf einmal in die Flanke +gedrückt. Dann jagte es, raste und flog es in toller Wuth Werst für Werst +mit der Schnelligkeit eines Eilzuges dahin, peitschte die Seiten mit dem +Schweife und suchte in der Flucht eine Linderung seiner Qualen. + +Es gehörte ein so sattelfester Reiter wie Michael Strogoff dazu, um durch +die unerwarteten Bewegungen des Pferdes, durch dessen Aufbäumen und +Sprünge, zu denen die unausgesetzten Fliegenstiche es reizten, nicht +abgeworfen zu werden. Fast unempfindlich geworden gegen physischen +Schmerz, nur beseelt von dem einen Verlangen, um jeden Preis sein Ziel zu +erreichen, sah er in dieser sinnlosen Jagd nichts weiter, als daß er +seinen Weg mit glücklicher Eile zurücklegte. + +Wer würde nun glauben, daß diese in der heißen Jahreszeit so ungesunde +Barabinen-Steppe doch noch einer Anzahl Menschen Asyl böte? + +Und doch ist es an dem. In großen Zwischenräumen tauchen da und dort +sibirische Weiler auf zwischen den gigantischen Binsen. Männer, Frauen, +Kinder und Greise, in Thierfelle gekleidet und das Gesicht mit einer +pechüberzogenen Maske bedeckt, führen ihre dürftigen Heerden zur Weide; um +die Thiere aber vor den Angriffen der Insecten zu schützen, halten sie +dieselben stets unter dem Winde in der Nähe von Feuern aus grünem Holze, +die sie Tag und Nacht unterhalten und deren beißende Rauchsäulen sich +schwerfällig über die morastige Niederung ausbreiten. + +Als Michael Strogoff bemerkte, daß sein Pferd auf dem Punkte stand, vor +Erschöpfung zusammen zu brechen, machte er in einem jener elenden Dörfchen +halt, und rieb, seine eigene Ermüdung vergessend, die vielen Stiche des +armen Thieres nach sibirischer Sitte mit warmem Fett ein; dann gab er ihm +eine tüchtige Ration Futter, und erst als er es den Umständen nach +bestmöglich untergebracht und mit Allem versorgt hatte, dachte er an seine +Person, verzehrte zur Wiederherstellung seiner Kräfte etwas Brod und +Fleisch und trank einige Gläser Kwaß dazu. Nach einer, höchstens zwei +Stunden der Ruhe begab er sich wieder auf seinen endlosen Weg nach dem +fernen Irkutsk. + +Von Turumoff aus hatte er auf diese Weise neunzig Werst zurück gelegt und +kam am 30. Juli, gegen vier Uhr Nachmittags, unempfindlich für jede +Anstrengung, in Elamsk an. + +Daselbst mußte er seinem Pferde eine Nacht Ruhe gönnen. Das muthige Thier +hätte jetzt die Reise unmöglich fortzusetzen vermocht. + +In Elamsk fand sich ebenso wenig als anderswo ein bequemeres +Beförderungsmittel. Aus den nämlichen Gründen, wie in den andern kleinen +Städten und Flecken, fehlte es auch hier vollkommen an Wagen oder Pferden. + +Elamsk, eine kleine Stadt, in welche die Tartaren noch nicht eingedrungen +waren, erwies sich fast ganz entvölkert, denn es konnte von Süden her sehr +leicht überfallen, aber von Norden her nur sehr schwierig beschützt +werden. Auf höheren Befehl waren das Posthaus, das Polizeiamt, das +Regierungsgebäude ebenfalls verlassen, und Beamte ebenso wie Einwohner +nach dem nördlicher gelegenen Kamsk, in der Mitte der Barabinen-Steppe, +ausgewandert. + +Michael Strogoff mußte sich also darauf beschränken, in Elamsk die Nacht +zuzubringen und seinem Pferde zwölf Stunden Ruhe zu gönnen. Er erinnerte +sich der ihm in Moskau an’s Herz gelegten Instructionen, Sibirien +unerkannt zu durchreisen, auf jeden Fall und sobald als möglich Irkutsk zu +erreichen, aber, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze, den Erfolg +seiner Fahrt nicht der Schnelligkeit wegen auf’s Spiel zu setzen, – in +Anbetracht dieser Umstände hatte er die Verpflichtung, das einzige ihm +noch verbliebene Beförderungsmittel, das Reitpferd, vernünftig zu schonen. + +Am folgenden Tage verließ Michael Strogoff Elamsk wieder, eben als man das +Erscheinen tartarischer Plänkler, auf der Straße durch die +Barabinen-Steppe, etwa zehn Werst jenseit der Stadt, anmeldete, und trabte +wieder in die sumpfige Niederung hinaus. Die Straße lief zwar ganz eben +hin, wodurch das Fortkommen erleichtert, aber in vielfachen Windungen, +wodurch der Weg sehr verlängert wurde. Uebrigens verboten es die +Bodenverhältnisse unbedingt, etwa die Einhaltung einer geraden Linie quer +durch diese Tümpel und Teiche zu versuchen. + +Am darauf folgenden Tage, am 1. August, erreichte Michael Strogoff gegen +Mittag den 120 Werst weiter gelegenen Flecken Spaskoë, und um zwei Uhr +hielt er bei der darauf folgenden kleinen Ortschaft, Pokrowskoë, zum +ersten Male wieder an. + +Sein durch den langen Ritt von Elamsk bis hierher über Gebühr +angestrengtes Roß hätte auch keinen Schritt mehr vorwärts thun können. + +Bei dieser ihm aufgezwungenen Ruhe verlor Michael Strogoff zwar den Rest +des Tages und die darauf folgende Nacht, aber er gelangte am nächsten +Tage, dem 2. August, nach einem 75 Werst langen Wege durch das halb unter +Wasser stehende Gebiet doch bis zu dem Städtchen Kamsk. + +Hier bot die Landschaft ein wesentlich anderes Bild. Der kleine Flecken +Kamsk liegt wie eine wohnliche, gesunde Insel mitten in diesem +unheilvollen Gebiete. Er nimmt gerade den Mittelpunkt der Barabinen-Steppe +ein. Dort haben sich, eine heilsame Folge der Kanalisirung des Tom, eines +bei Kamsk vorbeiziehenden Nebenflusses des Irtysch, die pestaushauchenden +Sümpfe in üppige, fette Weiden verwandelt. Dennoch vermochten diese +Bodenmeliorationen noch nicht völlig jene Fieber zu besiegen, welche den +Aufenthalt in dieser Stadt während des Herbstes noch einigermaßen +gefährden. Immerhin flüchten sich hierher die wenigen Bewohner der +Barabinen-Steppe, wenn die verderblichen Sumpfmiasmen sie aus den übrigen +Theilen der Provinz vertreiben. + +Die durch die Tartaren-Invasion verursachte allgemeine Auswanderung hatte +Kamsk doch noch nicht entvölkert. Die Bewohner glaubten sich in der Mitte +ihres für größere Truppenmassen so schwer zugänglichen Landes +verhältnißmäßig sicher, mindestens waren sie der Ansicht, zur Flucht noch +immer Zeit zu haben, wenn sie unmittelbar bedroht würden. + +Michael Strogoff konnte hier, so sehr er es auch wünschte, keinerlei +neuere Nachrichten erhalten. Jedenfalls hätte sich der Gouverneur vielmehr +an ihn gewendet, wäre ihm der wirkliche Charakter dieses angeblichen +Kaufmanns aus Irkutsk bekannt gewesen. Kamsk schien in Folge seiner +besonders günstigen Lage der übrigen sibirischen Welt in der That nicht +anzugehören und gänzlich außerhalb der ernsten Ereignisse zu stehen, die +jene erschütterten. + +Uebrigens zeigte sich Michael Strogoff möglichst wenig oder gar nicht. Ihm +genügte es nicht, jedes Aufsehen zu vermeiden, er wünschte überhaupt gar +nicht gesehen zu werden. Die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit +verdoppelten seine Vorsicht in der Gegenwart wie für die Zukunft. So hielt +er sich denn ganz zurückgezogen, trug gar kein Verlangen, die wenigen +Straßen des Städtchens zu durchlaufen, und wollte das Gasthaus, in dem er +abgestiegen war, überhaupt nicht verlassen. + +In Kamsk hätte Michael Strogoff wohl einen Wagen kaufen und das Reitpferd, +welches ihn von Omsk bis hierher getragen, durch ein bequemeres +Beförderungsmittel ersetzen können. Nach reiflicher Ueberlegung sagte er +sich aber, daß das Einhandeln eines Tarantaß doch die Aufmerksamkeit mehr, +als ihm lieb war, auf ihn lenken mußte, und da er die von den Tartaren +besetzte Linie noch nicht überschritten hatte, eine Linie, welche etwa mit +dem Irtyschstrome abschnitt, so wollte er es nicht wagen, irgend welchen +Verdacht zu erwecken. + +Um übrigens diese Barabinen-Steppe zu durcheilen, durch diese +Sumpfniederung zu fliehen, im Fall ihn eine directere Gefahr bedrohen +sollte, um den zu seiner Verfolgung entsendeten Reitern einen Vorsprung +abzugewinnen, um sich im Nothfall auch durch das dichteste Binsenmeer +hindurchzuschlagen, war ein Pferd offenbar mehr werth, als ein Wagen. +Später, vielleicht jenseit Tomsk oder gar hinter Krasnojarsk, hoffte +Michael Strogoff in irgend einer bedeutenderen Stadt Sibiriens passendere +Gelegenheit zu finden, sich mehr Bequemlichkeit zu verschaffen. + +Sein jetziges Reitpferd aber gegen ein anderes umzutauschen, dieser +Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn. Er hatte sich an dieses ausdauernde +Thier schon gewöhnt; er wußte, was er von ihm verlangen konnte. Als er es +in Omsk erkaufte, hatte er eine glückliche Hand gehabt, und dankbar pries +er noch immer jenen Mujik, der ihn dort zu dem betreffenden Posthalter +führte. Doch nicht nur Michael Strogoff fühlte eine gewisse Anhänglichkeit +seinem Pferde gegenüber, auch dieses schien sich allgemach an die +Strapazen einer solchen Parforce-Reise zu gewöhnen, und wenn ihm nur je +einige Stunden Ruhe gegönnt wurden, konnte sein Reiter wohl hoffen, bis +über die überfallenen Provinzen hinaus zu gelangen. + +Während dieses Abends und der Nacht vom 2. zum 3. August verhielt sich +Michael Strogoff also in seinem Gasthause am Eingange des Städtchens, +einem wenig besuchten Gasthause ohne zudringliche und neugierige Gäste. + +Von Ermüdung übermannt, legte er sich zwar bald, aber doch nicht eher +nieder, als bis er wußte, daß es seinem Pferde an nichts fehle; trotzdem +vermochte er nur einen häufig unterbrochenen Schlummer zu finden. Zu viele +Erinnerungen, zu viele Sorgen für die Zukunft regten sich in ihm. Die +Bilder seiner betagten Mutter und seiner schutzlos verlassenen, muthigen, +jungen Gefährtin zogen abwechselnd vor seinem Geiste auf oder verschmolzen +in ihm wohl auch zu einem einzigen sorgenden Gedanken. + +Dann erinnerte er sich wieder seiner Sendung, an deren Ausführung ein Eid +ihn band. Was er seit seinem Aufbruche von Moskau selbst gesehen, ließ ihn +immer mehr die Wichtigkeit derselben erkennen. Fielen dann seine Blicke +einmal auf den mit dem kaiserlichen Siegel verschlossenen Brief, diesen +Brief, der ohne Zweifel das Heilmittel gegen so zahllose Uebel des von +einem wilden, blutigen Kriege zerrissenen Landes enthielt, – dann +bemächtigte sich Michael Strogoff’s fast unbesiegbares Verlangen, sofort +wieder durch die Steppe weiter zu jagen, mit der Hast eines Vogels die +Strecke zu überfliegen, die ihn noch von Irkutsk trennte, ein Adler zu +sein, um alle Hindernisse überwinden zu können, ein Orkan, um mit der +Schnelligkeit von hundert Werst die Stunde über der Erde dahin zu rasen +und endlich vor den Großfürsten zu treten und ihm zuzurufen: „Kaiserliche +Hoheit, von Seiner Majestät dem Czaaren!“ + +Am andern Morgen um sechs Uhr früh ritt Michael Strogoff wieder mit der +Absicht weiter, an diesem Tage die 84 Werst (= 89 Kilometer) von Kamsk bis +Ubinsk zurückzulegen. Jenseit eines Kreises von etwa 20 Werst fand er ganz +die sumpfige Barabinen-Steppe wieder, welche hier kein Ableitungsgraben +mehr trocken legte, so daß der Erdboden manchmal einen Fuß hoch unter +Wasser stand. Dann war die Straße nur schwierig zu erkennen, aber er legte +diesen Wegtheil, Dank seiner umsichtigen Aufmerksamkeit, doch ohne Unfall +zurück. + +In Ubinsk angelangt ließ Michael Strogoff sein Pferd die ganze Nacht über +rasten, denn er wollte am folgenden Tag die 100 Werst betragende +Entfernung zwischen Ubinsk und Ikulskoë durchmessen. Er brach also mit der +Morgenröthe auf, aber leider gestaltete sich die Straße durch diesen Theil +der Barabinen-Steppe immer unwegsamer. + +Zwischen Ubinsk und Kamakowa hatten sich nämlich die reichlichen +Regenniederschläge der letztvergangenen Wochen wie in einer +undurchlässigen Schüssel in der verhältnißmäßig engen Bodensenkung +angesammelt. Das unentwirrbare Netz von Sümpfen, Teichen und Seen hing +fast ohne Unterbrechung zusammen. Einen dieser Seen, – übrigens einer von +solcher Größe, daß er in der geographischen Nomenclatur wohl einen Platz +verdient hätte, – den Tschang (ein von den Chinesen ihm beigelegter Name), +mußte Michael Strogoff auf einer Strecke von 20 Werst längs seines Ufers +unter den größten Schwierigkeiten umreiten, was nothwendiger Weise einige +Verzögerungen veranlaßte, die er trotz seiner Ungeduld doch nicht zu +vermeiden vermochte. Er sah recht deutlich ein, wie gut er daran gethan, +sich in Kamsk nicht einen Wagen zu nehmen, denn sein Pferd kam hier unter +Verhältnissen noch vorwärts, die jeden Wagen unbedingt aufgehalten hätten. + +Abends gegen neun Uhr in Ikulskoë angekommen, verweilte Michael Strogoff +daselbst die ganze Nacht. In diesem in der Barabinen-Steppe verlorenen +Flecken fehlten die Nachrichten vom Kriegsschauplatze natürlich gänzlich. +Dieser Theil der Provinz war durch seine natürliche Lage, mitten in der +Gabel, welche die tartarischen Heerestheile durch ihr verschiedenseitiges +Abschwenken einerseits nach Omsk, andrerseits nach Tomsk zu, bildeten, von +den Schrecken des Einfalls noch gänzlich verschont geblieben. + +Bald mußten sich nun auch die natürlichen Schwierigkeiten des Weges +vermindern, denn im Fall er keine Verzögerung erlitt, hoffte Michael +Strogoff am nächsten Tage über die Barabinen-Steppe hinauszukommen. Später +bot sich ihm wieder ein weit besserer Weg, wenn er die 125 Werst, die ihn +noch von Kolywan trennten, zurückgelegt hatte. + +Von diesem etwas bedeutenderen Städtchen aus rechnete man bis Tomsk nur +noch die gleiche Entfernung. Dann mußte er eine weitere Entscheidung +treffen, die höchst wahrscheinlich in dem Sinne ausfiel, letztere von +Feofar-Khan schon besetzte Stadt ganz zu umgehen. + +Wenn sich aber diese kleinen Städtchen, wie Ikulskoë, Karguinsk u. a., in +Folge ihrer Lage mitten in der sumpfigen Steppe, die der Entwickelung der +tartarischen Streitkräfte unüberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzte, +noch einer glücklichen Ruhe erfreuten, lag da nicht die Befürchtung nahe, +daß Michael Strogoff von den reichen, fruchtbaren Ufern des Obi an an +Stelle der natürlichen Hindernisse allerlei Schwierigkeiten und Gefahren +von Seiten der Menschen zu erwarten haben werde? Jedenfalls durfte er +keinen Anstand nehmen, in dieser Gegend von der Straße nach Irkutsk +abzuweichen. Bei einem Ritte durch die einsame Steppe lief er freilich +Gefahr, sich von allen Hilfsmitteln zu entblößen. Dort fand sich nämlich +keine weitere Straße, keine Stadt, kein Dorf mehr. Nur ganz einzeln traf +man auf isolirte Farmen, oder vielmehr auf Hütten ärmlicher Leute, bei +denen trotz ihrer unzweifelhaften Gastfreundlichkeit sich doch kaum das +Nothwendigste finden mochte. Und dennoch, er durfte nicht zaudern! + +Endlich gegen halb vier Uhr Nachmittags verließ Michael Strogoff, nachdem +er noch durch die kleine Station Kargatsk gekommen war, die letzte +Niederung der Barabinen-Steppe und der Hufschlag seines Pferdes verrieth +durch den Schall wieder den harten, trockenen Boden des sibirischen +Landes. + +Er hatte Moskau am 15. Juli verlassen. Unter Einrechnung der am Ufer des +Irtysch verlorenen zweiundsiebzig Stunden ergab das bis heute, den 5. +August, eine Reisedauer von einundzwanzig Tagen. + +Fünfzehnhundert Werst trennten ihn nun noch von Irkutsk. + + + + + Sechzehntes Capitel. + + + Eine letzte Anstrengung. + + +Michael Strogoff hatte ganz Recht, in den Ebenen, welche sich östlich an +die Barabinen-Steppe anschließen, ein unliebsames Zusammentreffen zu +fürchten. Die von Pferdehufen zertretenen Felder bewiesen, daß die +Tartaren hier vorüber gekommen waren, und auf diese Barbaren passen auch +die zuerst auf die Türken angewendeten Worte: „Auf dem Boden, den der +Türke betrat, wächst kein Grashalm wieder!“ + +Bei seinem Zuge durch diese Gegend mußte Michael Strogoff also die größte +Vorsicht beachten. Einige am fernen Horizonte lagernde Rauchwolken sagten +ihm, daß hier die Weiler und Flecken angesteckt worden waren. Rührten +diese Feuersbrünste nun von den Vortruppen her oder marschirte die ganze +Armee des Emir schon nach den äußersten Grenzen der Provinz? Befand sich +Feofar-Khan selbst in dem Gouvernement von Jeniseïsk? Michael Strogoff +wußte hierüber nichts und konnte, bevor er nicht weitere Nachrichten +erhielt, nach keiner Seite eine Entscheidung treffen. Sollte das Land so +menschenleer geworden sein, daß er keinen einzigen Sibirier mehr fände, um +von ihm Auskunft zu erlangen? + +Michael Strogoff ritt auf der ganz leeren Straße etwa zwei Werst weiter. +Nach rechts und links schweiften seine Augen und suchten ein noch nicht +verlassenes Haus, aber alle, alle fand er öde und leer. + +Eine einzelne Hütte, welche er zwischen einer Gruppe Bäume entdeckte, +rauchte noch. Als er sich näherte, fand er wenige Schritte von den +Trümmern seines Hauses einen Greis von weinenden Kindern umringt. Eine +noch ziemlich junge Frau, offenbar die Tochter jenes Mannes und die Mutter +der Kinder, lag knieend auf dem Boden, den verzweifelten Blick starr auf +diese Scene der Verwüstung geheftet. Ein zarter Säugling von wenigen +Monaten ruhte noch an ihrer Brust. Alles rings um diese Aermsten war Ruine +und Zerstörung! + +Michael Strogoff ging auf den Greis zu. + +„Bist Du im Stande, mir zu antworten? fragte er mit ernster Stimme. + +— Rede, erwiderte der alte Mann. + +— Sind die Tartaren hier vorüber gekommen? + +— Gewiß, sonst stände mein Haus nicht in Flammen. + +— Ein ganzes Heer oder nur eine Abtheilung? + +— Ein ganzes Heer, denn so weit der Blick reicht, sind unsere Felder +verwüstet! + +— Commandirt von dem Emir?... + +— Von ihm, denn das Wasser des Obi färbte sich roth. + +— Und Feofar-Khan ist in Tomsk eingezogen? + +— Gewiß. + +— Weißt Du, ob die Tartaren sich schon der Stadt Kolywan bemächtigt haben? + +— Nein, denn Kolywan steht noch nicht in Flammen. + +— Ich danke, Freund. – Kann ich Etwas für Dich und die Deinen thun? + +— Nichts. + +— Auf Wiedersehen! + +— Leb’ wohl!“ + +Nachdem Michael Strogoff noch fünfundzwanzig Rubel niedergelegt hatte vor +dem unglücklichen Weibe, welches nicht einmal im Stande war, ihm zu +danken, gab er seinem Pferde die Sporen und setzte den einen Augenblick +unterbrochenen Weg fort. + +Er wußte nun Eines: daß er es um jeden Preis zu vermeiden habe, Tomsk zu +passiren. Eher schien es möglich, nach Kolywan zu gehen, wo die Tartaren +noch nicht herrschten. Auch in dieser Stadt hatte er nichts Anderes zu +thun, als sich zu stärken und mit dem Nöthigsten für eine sehr lange +Tagereise zu versehen. Dann mußte er die Straße nach Irkutsk verlassen, um +nach Ueberschreitung des Obi Tomsk zu umgehen, – einen anderen Ausweg sah +er nicht vor sich. + +Nach Feststellung dieses neuen Reiseplans durfte Michael Strogoff nicht +einen Augenblick zögern. Er zögerte auch nicht, sondern trieb sein Pferd +zu einer noch schnelleren Gangart an und folgte dem directen Wege, der an +das linke Ufer des Stromes führte und bis zu dem noch eine Strecke von 40 +Werst zurückzulegen war. Würde er eine Fähre finden, um dort überzusetzen, +oder sollte das Tartarenheer alle Fahrzeuge zerstört, weggeschleppt haben +und er gezwungen sein, schwimmend den Strom zu überschreiten? Die Zukunft +mußte diese Fragen bald beantworten. + +Was sein nun auf’s Aeußerste erschöpftes Pferd betraf, so wollte es +Michael Strogoff, nach Vollendung der bevorstehenden langen und höchst +anstrengenden Tagereise, in Kolywan womöglich gegen ein anderes +vertauschen. Er fühlte wohl, daß das arme Thier binnen Kurzem unter ihm +zusammenbrechen mußte. Kolywan bildete also für ihn gleichsam einen neuen +Ausgangspunkt, da er von dieser Stadt aus seine Reise unter sehr +veränderten Verhältnissen fortzusetzen hatte. So lange sein Weg ihn durch +die von den Eindringlingen besetzten Gebiete führte, mußten die +Schwierigkeiten offenbar große sein; nach glücklicher Umgehung von Tomsk +aber konnte er die Straße nach Irkutsk wieder benutzen, und da die Provinz +Jeniseïsk den Verwüstungen der Feinde noch entzogen geblieben war, durfte +er wohl hoffen, sein Ziel in wenigen Tagen zu erreichen. + +Nach einem recht warmen Tage senkte sich die Nacht herab. Um Mitternacht +hüllte tiefe Finsterniß die weite Steppe ein. Der Wind, der sich mit +Sonnenuntergang gelegt hatte, hinterließ in der Atmosphäre eine +vollkommene Stille. Nur den Hufschlag des Pferdes hörte man auf der +verlassenen Straße, und dann und wann einige Worte, mit denen der Reiter +es aufzumuntern suchte. Mitten in dieser Finsterniß bedurfte es der +äußersten Vorsicht, um nicht von dem Wege abzukommen; denn immer +begleiteten diesen einzelne Teiche oder kleine Nebenarme des Obi. + +Michael Strogoff trabte also möglichst schnell, aber immer mit größter +Aufmerksamkeit weiter. Er verließ sich dabei nicht allein auf die große +Schärfe seiner Augen, die auch die Finsterniß durchdrangen, sondern +daneben auch auf die Klugheit seines Pferdes, dessen scharfen Spürsinn er +kannte. + +Eben war Michael Strogoff einmal abgestiegen, um sich über die genaue +Richtung der Straße zu vergewissern, als er von Westen her ein verworrenes +Geräusch zu vernehmen glaubte. Es klang wie entferntes Pferdegetrappel auf +der trockenen Erde. Ohne Zweifel; ein bis zwei Werst weiter rückwärts +hörte er die regelmäßigen Hufschläge von Pferden. + +Michael Strogoff lauschte, das Ohr auf dem Boden, mit gespanntester +Aufmerksamkeit. + +„Das ist eine Reiterabtheilung, sagte er sich, welche auf der Straße von +Omsk daherkommt. Sie scheint sich schnell zu bewegen, denn das Geräusch +nimmt merkbar zu. Sind das nun Russen oder Tartaren?“ + +Michael Strogoff lauschte noch immer. + +„Ja, ja, sprach er halblaut für sich, sie nähern sich in scharfem Trabe! +Vor Ablauf von zehn Minuten müssen sie hier sein. Mein Pferd wird +schwerlich mit ihnen Schritt halten können. Sind es Russen, so würde ich +mich ihnen anschließen. Sind es Tartaren, so muß ich ihnen entweichen. +Aber wie? Wo könnt’ ich mich verbergen in dieser Steppe?“ + +Michael Strogoff sah sich forschend um, und sein scharfes Auge entdeckte +eine bei der herrschenden Finsterniß kaum erkennbare dunklere Masse etwa +hundert Schritt vor sich zur Linken der Straße. + +„Da ist ein kleines Gehölz, sagte er. Wenn ich mich darin verberge, laufe +ich zwar Gefahr, den Reitern in die Hände zu fallen, wenn sie es +durchsuchen sollten. Indeß, ich habe keine Wahl. Da, in der Ferne kommen +sie schon!“ + +Wenige Minuten später erreichte Michael Strogoff, sein Pferd am Zügel +führend, ein kleines Gehölz von Lärchenbäumen, das einen Zugang von der +Straße aus hatte. Vor und hinter demselben zog sie sich ganz frei von +Bäumen zwischen den Löchern und Tümpeln hin, welche aus Stechginster und +Haidekraut bestehende Gruppen von Zwergbäumen trennten. Zu beiden Seiten +war das Terrain also völlig ungangbar und die Reiterschaar mußte +zweifellos an dem kleinen Gehölz vorüber kommen, da sie offenbar der +Hauptstraße nach Irkutsk folgte. + +Michael Strogoff wand sich also zwischen diese Lärchenbäume hinein, bis er +sich etwa nach vierzig Schritten von einem Wasserlauf aufgehalten sah, der +den Hain im Halbkreise begrenzte. + +Die Dunkelheit war hier aber eine so tiefe, daß Michael Strogoff nicht im +Geringsten Gefahr lief entdeckt zu werden, wenn das Gehölz nicht ganz +peinlich durchsucht wurde. Er führte sein Pferd also bis an jenes Wasser, +band es daselbst an einen Baum und schlich sich selbst wieder an den Rand +des Dickichts, um bestimmen zu können, wie er sich zu verhalten habe. + +Kaum hatte er hinter einigen buschartigen Lärchen Platz genommen, als ihm +ein Lichtschein in’s Auge fiel, aus dem da und dort einige glänzende +Punkte in lebhafter Bewegung aufleuchteten. + +„Wie? Fackeln!“ murmelte er. + +Schnell wich er wieder weiter zurück und schlüpfte wie ein Wilder +geräuschlos in das Gebüsch, wo es am dichtesten war. + +Bei ihrer Annäherung an das Gehölz nahmen die Pferde einen langsameren +Schritt an. Recognoscirten die Reiter etwa die Straße, um sie in allen +Einzelheiten genau kennen zu lernen? + +Michael Strogoff mußte das befürchten und begab sich wenigstens bis nach +dem steilen Uferrand jenes Wasserlaufs zurück, entschlossen, sich im +Nothfalle auch hinein zu stürzen. + +Als die Reiterschaar bei dem Gehölz ankam, machte sie Halt. Die Männer +stiegen ab. Es mochten gegen fünfzig sein. Mehrere derselben trugen +Fackeln, welche die Straße in weitem Umkreise beleuchteten. + +An gewissen Vorbereitungen bemerkte Michael Strogoff zu seinem Glücke, daß +es keineswegs in der Absicht der Berittenen liege, das Gehölz zu +durchsuchen, sondern nur an dessen Rande zu bivouakiren, den Pferden +einige Ruhe zu gönnen und den Mannschaften etwas Nahrung zu sich nehmen zu +lassen. + +Die abgezäumten Pferde begannen bald das saftige Gras abzuweiden, das hier +den Boden bedeckte. Die Reiter selbst ließen sich längs der Straße nieder +und vertheilten die Rationen aus ihren Fouragetaschen. + +Michael Strogoff hatte seine vollkommene Kaltblütigkeit bewahrt. Er +schlich wieder näher, erst um Etwas zu sehen, dann um womöglich einige +Worte zu vernehmen. + +Die hier gelagerte Reiterabtheilung kam von Omsk her. Sie bestand aus +usbeckischen Soldaten, einer in der Tartarei vorherrschenden Race, deren +Typus auf ihre Verwandtschaft mit den Mongolen hinweist. Diese +wohlgebauten, alle über mittelgroßen Männer mit rohem, wildem +Gesichtsausdrucke trugen auf dem Kopfe einen „Talpak“, eine Art Mütze aus +schwarzem Schafpelz, und gelbe, hochschaftige Stiefeln, deren vordere +Spitze aufgebogen war, wie man das an den Schuhen aus gewissen Perioden +des Mittelalters zu sehen gewöhnt ist. Ihren Rock aus mit grobem +Baumwollenstoffe gefüttertem Kattun umschloß ein Ledergürtel mit rother +Stickerei. Als Vertheidigungswaffe führten sie einen Schild, als +Angriffswaffen einen krummen Säbel, ein langes Dolchmesser und ein am +Sattelknopfe hängendes Steinschloßgewehr. Ihre Schultern bedeckte noch ein +Filzmantel in grellen Farben. + +Die in voller Freiheit am Saume des Gehölzes grasenden Pferde waren von +usbeckischer Race, ebenso wie ihre Reiter. Bei dem Scheine der Fackeln, +die ein lebhaftes Licht durch die Aeste der Lärchen verbreiteten, konnte +man das recht gut erkennen. Etwas kleiner als die Pferde der +turkomanischen Race, aber ungemein kräftig und ausdauernd, sind diese doch +als echte Vollblutthiere anzusehen, die eine andere Gangart als scharfen +Trab oder Galop gar nicht zu kennen scheinen. + +Die Abtheilung selbst führte ein „Pendja-Baschi“, d. h. ein Befehlshaber +über fünfzig Mann, dem noch ein „Deh-Baschi“, ein Anführer von einer Rotte +zu zehn Mann, untergeordnet war. Diese Officiere trugen Panzerhauben und +Waffenröcke; außerdem bildeten kleine, am Sattelknopfe hängende Trompeten +ihre verschiedene Gradauszeichnung. + +Der Pendja-Baschi wollte seine von einem weiten Ritte ermüdeten +Mannschaften etwas ausruhen lassen. Plaudernd und den „Beng“ (d. i. ein +Hanfblatt, der Hauptbestandtheil des „Haschich“, von dem die Asiaten einen +so ausgedehnten Gebrauch machen), rauchend, gingen die beiden Officiere am +Rande des Gehölzes so auf und ab, daß Michael Strogoff ihre Unterhaltung +hören und auch die Worte verstehen konnte, da sie sich der tartarischen +Sprache bedienten. + +Schon die ersten Worte ihres Gesprächs erregten die Aufmerksamkeit Michael +Strogoff’s im höchsten Grade. + +Zu seinem Erstaunen war von ihm selbst die Rede. + +„Jener Courier kann einen so großen Vorsprung vor uns unmöglich haben, +sagte der Pendja-Baschi, und außerdem konnte er bestimmt keinen andern Weg +einschlagen, als die Straße durch die Barabinen-Steppe. + +— Wer weiß, ob er Omsk überhaupt verlassen hat? erwiderte der Deh-Baschi. +Vielleicht hält er sich noch jetzt in irgend einem Hause der Stadt +versteckt. + +— Wahrlich, das wäre nur zu wünschen! Dann brauchte der Oberst Ogareff +nicht zu fürchten, daß die Depeschen, deren Träger der Courier doch ohne +Zweifel ist, an ihren Bestimmungsort gelangten! + +— Man behauptet, Jener solle ein Landeskind, ein Sibirier sein, fuhr der +Deh-Baschi fort. Als solchen muß ihm wohl die Provinz bekannt sein und er +konnte recht wohl von der Landstraße nach Irkutsk abweichen in der +Rechnung, sie erst später wieder aufzusuchen. + +— Dann wären wir ihm aber voraus, antwortete der Pendja-Baschi, denn wir +haben Omsk kaum eine Stunde nach seiner Abreise aus der Stadt ebenfalls +verlassen und sind bei der größten Schnelligkeit der Pferde dem kürzesten +Wege gefolgt. Ob er also in Omsk ganz zurück geblieben oder wir vor ihm in +Tomsk ankommen, um ihm den Weg zu verlegen, jedenfalls wird er Irkutsk +nicht zu erreichen vermögen. + +— Eine derbe Frau übrigens, jene alte Sibirierin, die offenbar seine +Mutter ist!“ bemerkte der Deh-Baschi. + +Bei diesen Worten klopfte Michael Strogoff’s Herz, als wollte es springen. + +„Ja wohl, erwiderte der Pendja-Baschi, sie versuchte es zwar abzuleugnen, +daß dieser vermeintliche Kaufmann ihr Sohn sei, aber es gelang ihr nicht. +Der Oberst Ogareff hat sich dadurch nicht täuschen lassen, denn er sprach +es wenigstens aus, er werde die alte Hexe zur passenden Zeit schon zum +Geständniß der Wahrheit zu bringen wissen.“ + +So viele Worte, so viele Dolchstiche waren das für Michael Strogoff. Er +war also sicher als Courier des Czaar erkannt. Eine zu seiner Verfolgung +ausgesendete Reiterabtheilung mußte ihm unfehlbar den Weg verlegen! Dazu +befand sich, zu seinem tiefsten Schmerze, seine Mutter in der Gewalt der +Tartaren, und der grausame Ogareff rühmte sich, er werde sie zum Sprechen +zu bringen wissen, wenn es ihm beliebte. + +Michael Strogoff wußte recht gut, daß die energische Sibirierin Nichts +aussagen und daß ihr diese Weigerung jedenfalls das Leben kosten werde!... + +Michael Strogoff glaubte zwar, daß er Iwan Ogareff niemals mehr zu hassen +im Stande sei, als er ihn bis jetzt gehaßt habe, und doch drang ihm auf’s +Neue ein bitteres Gefühl des Hasses in’s Herz. Der Schurke, der sein +Vaterland verrieth, drohte nun auch noch seine alte Mutter zu foltern! + +Das Gespräch der beiden Officiere dauerte noch länger fort, und Michael +Strogoff glaubte zu verstehen, daß in der Umgebung von Kolywan ein +Zusammenstoß zwischen den von Norden herabziehenden russischen Truppen und +den Tartarenhorden zu erwarten sei. Ein schwaches russisches Corps von +2000 Mann näherte sich, den vom unteren Obi eingegangenen Nachrichten +zufolge, in Eilmärschen der Stadt Tomsk. Wenn sich das bestätigte, so +mußte jenes Corps, welches von der Hauptmacht des Heeres unter Feofar-Khan +aufgefangen wurde, ohne Zweifel vernichtet werden, und dann gehörte die +Straße nach Irkutsk unbestritten den frechen Feinden. + +Seine eigene Person betreffend entnahm Michael Strogoff aus einigen +Aeußerungen des Pendja-Baschi, daß auf seinen Kopf ein Preis gesetzt und +Befehl ergangen sei, ihn lebend oder todt einzuliefern. + +Daraus ergab sich aber die Nothwendigkeit, den usbeckischen Reitern zuvor +zu kommen und auf der Straße nach Irkutsk den Obi zwischen den Courier und +seine Verfolger zu bringen. Zur Erreichung dieser Absicht mußte er aber +vor Aufhebung des Bivouaks zu entkommen suchen. + +Michael Strogoff bereitete sich sofort, diesen Entschluß auszuführen. + +Die Rast konnte unmöglich lange währen, und dem Pendja-Baschi durfte es +kaum beikommen, seinen Leuten mehr als eine Stunde Ruhe zu gönnen, obwohl +ihre seit dem Aufbruche aus Omsk sicherlich nicht gegen frische +verwechselten Pferde gewiß in demselben Maße und aus denselben Gründen +erschöpft sein mußten, wie das Reitpferd Michael Strogoff’s. + +Er hatte also keinen Augenblick zu verlieren. Es war jetzt um ein Uhr +Morgens. Er mußte sich die Dunkelheit, welche bald der Morgenröthe zu +weichen drohte, zu Nutze machen, um das kleine Gehölz wieder zu verlassen +und die Straße zu gewinnen; doch trotz der Begünstigung durch die dunkle +Nacht erschien der Erfolg einer solchen Flucht doch im höchsten Grade +unsicher. + +Um Nichts vom blinden Zufall abhängig zu machen, nahm sich Michael +Strogoff Zeit zu überlegen und erwog sorgsam die Aussichten für und wider, +um einen Entschluß zu fassen, der ihm noch die besten bot. + +Aus den örtlichen Verhältnissen ergab sich Folgendes: An der der Straße +entgegen gesetzten Seite des Gehölzes vermochte er nicht zu entweichen, +denn um die Bogenlinie der Lärchenbäume, deren Sehne eben die Landstraße +darstellte, lief jener nicht nur tiefe, sondern auch breite und schlammige +Wasserarm. Große Stechginstern machten ein Passiren desselben fast zur +Unmöglichkeit. Unter der schäumenden Wasserfläche befand sich offenbar +eine steile Vertiefung, in der der Fuß keinen Stützpunkt finden würde. +Außerdem erschien das Land jenseit des Wasserlaufs mit seinen zerstreuten +Gebüschen für eine eilige Flucht auch mehr als ungeeignet. Erweckte er +einmal die Aufmerksamkeit, so wurde Michael Strogoff gewiß mit Aufwendung +aller Mittel und Kräfte verfolgt, eingeschlossen und zuletzt von den +tartarischen Reitern gefangen. + +Es gab für ihn also nur einen einzigen benutzbaren Weg, einen einzigen, +die große Landstraße. Diese zu erreichen, indem er am Rande des Hölzchens +hinschlich, und ohne die Aufmerksamkeit seiner Feinde zu erwecken, +wenigstens eine Viertelwerft Vorsprung zu gewinnen, den letzten Rest der +Kraft und Schnelligkeit seines Pferdes zu benutzen, und sollte es am Ufer +des Obi auch todt zusammenbrechen, diesen bedeutenden Strom mittels eines +Bootes zu überfahren, oder wenn es an jederlei Transportmittel mangeln +sollte, zu durchschwimmen, – das war es, was Michael Strogoff versuchen +und wagen mußte. + +Seine Thatkraft, sein Muth verzehnfachte sich im Angesicht der Gefahr. Es +handelte sich um sein Leben, um seinen Auftrag, um die Ehre seines Landes, +vielleicht um das Wohl seiner Mutter. Er konnte nicht zögern, er ging an’s +Werk. + +Er hatte nun keinen Augenblick mehr zu verlieren. Schon entstand wieder +einige Bewegung unter den Mannschaften der Abtheilung. Einige Reiter +gingen auf der Straße, an dem Saume des Wäldchens hin und her. Die Andern +lagen noch am Fuße der Bäume ausgestreckt, aber ihre Pferde fanden sich +nach und nach wieder zusammen. + +Erst kam Michael Strogoff der Gedanke, sich eines dieser Pferde zu +bemächtigen, aber er sagte sich doch, daß diese nicht minder erschöpft +sein müßten, als das seinige. Es schien ihm also gerathener, sich dem +Thiere anzuvertrauen, dessen er sicher war und das ihm bis hierher so +vortreffliche Dienste geleistet hatte. Das muthige Thier entging, verdeckt +von hohem Haidekraute, glücklich den Blicken der Tartaren. Diese selbst +drangen ja auch gar nicht in die Tiefe des Hölzchens ein. + +Auf dem Boden hinkriechend, näherte sich Michael Strogoff seinem Pferde, +das sich gelagert hatte. Er streichelte es mit der Hand, sprach ihm leise +freundlich zu und brachte es geräuschlos wieder auf die Füße. + +Eben jetzt verlöschten zu Michael Strogoff’s Glück die völlig +niedergebrannten Fackeln, und es herrschte, mindestens unter den Gipfeln +der Lärchenbäume, die dichteste Finsterniß. + +Nachdem Michael Strogoff das Gebiß wieder eingelegt, den Sattelgurt +festgeschnallt und die Riemen der Steigbügel geprüft hatte, begann er sein +Pferd langsam am Zügel fortzuziehen. Uebrigens folgte das intelligente +Thier, so als verstände es, was man von ihm wolle, willig seinem Herrn, +ohne nur ein einziges Mal zu wiehern. + +Dennoch hoben einige usbeckische Pferde neugierig die Köpfe und wandten +sich dem Rande des Gehölzes zu. + +In der rechten Hand hielt Michael Strogoff seinen Revolver, bereit, dem +ersten tartarischen Reiter, der sich nähern würde, den Kopf zu +zerschmettern. Glücklicher Weise hörte er aber keinen Weckruf und konnte +den rechts auslaufenden Winkel des Wäldchens, da wo dieser an die Straße +herantrat, erreichen. + +Um womöglich nicht gesehen zu werden, beabsichtigte Michael Strogoff sich +erst so spät als möglich in den Sattel zu schwingen, und jedenfalls erst, +nachdem er über eine Wendung des Weges, die sich etwa 200 Schritte jenseit +des Gehölzes befand, hinter sich haben würde. + +Zum Unglück aber witterte ihn, als Michael Strogoff eben den Waldrand +überschritt, das Roß eines Usbeck, wieherte und trabte auf ihn zu. + +Sein Reiter lief ihm nach, es zurück zu führen, als er aber beim ersten +schwachen Tagesgrauen ein unerwartetes Schattenbild bemerkte, rief er +laut: + +„Achtung!“ + +Auf diesen Ruf erhob sich die ganze Mannschaft des Bivouaks und stürzte +hervor auf die Straße. + +Michael Strogoff hatte sich nur in den Sattel zu schwingen und im Galop +davon zu jagen. + +Die beiden Officiere des Detachements hatten sich an die Spitze ihrer +Leute gestellt und trieben diese an, sich schnell fertig zu machen. + +Jetzt saß Michael Strogoff schon auf dem Pferde. + +Da krachte ein Schuß und eine Kugel durchlöcherte den Mantel des Couriers. + +Ohne den Kopf zu wenden und ohne den Angriff zu erwidern, gab er beide +Sporen, erreichte mit einem kühnen Sprunge vom Waldrande aus die Straße +und jagte mit verhängtem Zügel in der Richtung nach dem Obi davon. + +Die usbeckischen Pferde waren abgezäumt worden, er mußte also vor den +Reitern des Detachements einigen Vorsprung gewinnen können; freilich +beeilten auch diese sich, ihm nachzusetzen, und wirklich hörte er, kaum +zwei Minuten nachdem er das Hölzchen verlassen, die schnellen Tritte +mehrerer Pferde, welche ihm nach und nach näher kamen. + +Schon begann es im Osten zu tagen und deutlicher traten in einem weiteren +Umkreise alle Gegenstände hervor. + +Michael Strogoff sah, als er sich einmal umwendete, daß ein Reiter ihn +besonders schnell einzuholen drohte. + +Es war der Deh-Baschi. Dieser vorzüglich berittene Officier sprengte der +ganzen Abtheilung voraus und mußte den Flüchtling bald erreichen. + +Ohne anzuhalten schlug Michael Strogoff mit gewohnter sicherer Hand den +Revolver auf ihn an, zielte einen Augenblick, und mitten in die Brust +getroffen sank der Officier vom Pferde. + +Aber die andern Reiter folgten ihm auf dem Fuße nach, und ohne sich wegen +ihres gefallenen Führers aufzuhalten, sausten sie unter wildem +Rachegeschrei, die Sporen fest in die Flanken der Pferde gedrückt, weiter, +und mehr und mehr verminderte sich die Distanz zwischen ihnen und Michael +Strogoff. + +Etwa eine halbe Stunde lang vermochte sich Letzterer außerhalb der +Tragweite ihrer Schießwaffen zu halten, aber er bemerkte leider, daß die +Kräfte seines Pferdes nun zu Ende gingen, und fürchtete mit Recht, daß +dieses, wenn es gegen irgend ein Hinderniß stieße, stürzen würde, um nicht +wieder aufzustehen. + +Jetzt war es schon ziemlich tageshell geworden, wenn auch die Sonne noch +nicht über dem Horizonte stand. + +In einer Entfernung von etwa zwei Werst schlängelte sich eine durch Bäume +begrenzte hellere Linie hin. + +Das war der Obi, der fast im gleichen Niveau mit dem Erdboden von +Südwesten nach Nordosten dahinfloß und als dessen Thalbett man füglich die +ganze umgebende Steppe ansehen mußte. + +Wiederholt knatterten die Gewehre hinter Michael Strogoff her, ohne daß +eine Kugel ihn verletzte, und mehrmals mußte auch er gegen Reiter, die ihm +zu gefährlich nahe kamen, von seinem Revolver Gebrauch machen. Jedesmal +rollte ein Usbeck, unter dem Wuthgeheul seiner Kameraden, schwerverwundet +in den Sand. + +Trotz alledem konnte diese Hetzjagd endlich nur zum Nachtheil Michael +Strogoff’s ausfallen. Sein Pferd keuchte athemlos und bis zum Tode +erschöpft, doch gelang es ihm noch, dasselbe bis an das Flußufer zu +treiben. + +Die Abtheilung Usbecks befand sich jetzt kaum noch fünfzig Schritte hinter +ihm. + +Auf dem vollständig verlassenen Obi erblickte er weder eine Fähre, noch +ein Fahrzeug, die zum Uebersetzen über den Strom hätten dienen können. + +„Jetzt Muth, mein wackres Roß! rief Michael Strogoff. Vorwärts! Jetzt +gilt’s die letzte Anstrengung!“ + +Er stürzte sich in den Fluß, dessen Breite hier wohl eine halbe Werst +betragen mochte. + +Gegen die rasche Strömung war nur schwer anzukämpfen. Michael Strogoff’s +Pferd konnte nirgends Fuß fassen. Ohne jeden Stützpunkt mußte es die +brausend schnell dahinziehenden Wellen also nur durchschwimmen. Ein Wunder +von Muth gehörte für Michael Strogoff dazu, diesem Wasserschwalle zu +trotzen. + +Die Reiter hatten am Ufer des Stromes Halt gemacht; sie zauderten, sich +ebenfalls in denselben nachzustürzen. + +In diesem Augenblick aber ergriff der Pendja-Baschi sein Gewehr und zielte +sorgfältig auf den Flüchtling, der sich schon in der Mitte der Strömung +befand. Der Schuß krachte, und tödtlich in der Flanke getroffen versank +das Pferd Michael Strogoff’s unter seinem Reiter. + +Noch zeitig genug befreite sich dieser aus den Steigbügeln, eben als sein +treues Thier unter den Wellen des Flusses verschwand. Endlich gelangte er +unter fortwährendem Niedertauchen und nur auf Augenblicke an der +Oberfläche Athem schöpfend trotz des nachgesendeten Kugelregens glücklich +an das rechte Flußufer und verschwand hinter den Gebüschen, die sich längs +des Obirandes hinzogen. + + + + + Siebenzehntes Capitel. + + + Bibelsprüche und Liederverse. + + +Michael Strogoff befand sich einigermaßen in Sicherheit; immerhin war +seine Lage noch eine schreckliche. + +Jetzt, da das treue Thier, das ihm bis hierher so muthig gedient, in den +Wellen des Stromes den Tod gefunden hatte, wie sollte er seine Reise +fortsetzen können? + +Er war zu Fuß, ohne Lebensmittel, in einem durch die Empörung verwüsteten, +durch die Plänkler des Emir schon ausgesaugten Lande und dabei noch eine +große Strecke von dem Ziele, das er erreichen mußte, entfernt. + +„Bei Gott, ich komme doch noch dahin! rief er wie als Antwort auf alle +Einwände der Ohnmacht, die in seinem Geiste einen Augenblick aufstiegen. +Der Herr schützt das heilige Rußland!“ + +Michael Strogoff befand sich jetzt außerhalb des Bereichs der usbeckischen +Reiter. Diese hatten nicht gewagt, ihn durch den Fluß weiter zu verfolgen, +und mußten auch annehmen, daß er ertrunken sei, da sie ihn nach dem +letzten Verschwinden unter dem Wasser am rechten Ufer des Obi nicht wieder +auftauchen sahen. + +Aber Michael Strogoff erreichte, unter dem mannshohen Schilfe des Ufers +hinschlüpfend eine höhere Stelle des Abhanges, wenn auch nur mit großer +Mühe, da ein tiefer, von dem Austreten des Stromes zurückgebliebener +Schlamm seinen Weg sehr schlüpfrig machte. + +Als er festen Grund und Boden unter sich fühlte, hielt Michael Strogoff an +und überlegte, was nun zu thun sei. Vor Allem war er mit sich darüber +einig, Tomsk, das von tartarischen Truppen besetzt war, bestimmt zu +vermeiden. Dennoch mußte er einen bewohnten Ort, mindestens ein Postrelais +zu treffen suchen, um sich daselbst wieder ein paar Pferde zu verschaffen. +Mit diesen wollte er sich außerhalb der besetzten Wege halten und die +Straße nach Irkutsk erst in der Gegend von Krasnojarsk wieder einschlagen. +Wenn er sich beeilte, durfte er hoffen, den Weg noch frei zu finden, so +daß er nach dem Südosten der Provinzen am Baïkalsee herabgelangen konnte. + +Zunächst begann Michael Strogoff sich zu orientiren. + +Zwei Werst vor ihm längs des Obi erhob sich eine kleine Stadt in +pittoresken Stufen auf einem leichten Landrücken. Einige Kirchen mit +byzantinischen, grün und goldig verzierten Kuppeln zeichneten sich am +grauen Himmelsgrunde ab. + +Das war Kolywan, wohin die niederen und höheren Beamten aus Kamsk und +anderen Städten sich zu wenden pflegen, um dem ungesunden Klima der +Barabinen-Steppe zu entfliehen. Kolywan konnte nach den letzten Berichten, +die der Courier des Czaar vernommen hatte, noch nicht in den Händen der +Eindringlinge sein. Die in zwei Colonnen einherziehenden Tartarenhaufen +hatten sich links nach Omsk, rechts nach Tomsk gewendet, das Land in der +Mitte aber frei liegen lassen. + +Das einfache und logische Project, das Michael Strogoff entwarf, bestand +darin, Kolywan vor den usbeckischen Reitern, die dem linken Ufer des +Flusses folgten, zu erreichen. Dort wollte er sich, und wäre es auch um +den zehnfachen Preis, Kleider und ein Pferd verschaffen und den Weg nach +Irkutsk durch die innere Steppe wieder einschlagen. Es war drei Uhr +Morgens. Die zur Zeit noch ganz ruhigen Umgebungen von Kolywan schienen +vollkommen verlassen. Offenbar hatte sich die Landbevölkerung auf der +Flucht vor dem Einfall, dem sie keinen Widerstand entgegen zu setzen +vermochte, mehr nach Norden in das Gouvernement Jeniseïsk zurückgezogen. + +Michael Strogoff wandte sich demnach raschen Schrittes nach Kolywan, als +entfernte Detonationen an sein Ohr schlugen. + +Er stand still und unterschied deutlich ein dumpfes Rollen, welches die +Luftschichten erschütterte, und dazu ein trockenes Knattern, über dessen +Natur er sich nicht täuschen konnte. + +„Das ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer! sprach er für sich. Das +kleine russische Corps ist also mit der Tartarenarmee zusammengetroffen! O +gebe der Himmel, daß ich vor ihnen in Kolywan ankomme!“ + +Michael Strogoff täuschte sich nicht. Bald wurden die Detonationen +deutlicher, und weiter rückwärts, links von Kolywan, lagerten sich weiße +Dämpfe unten am Horizonte, keine Rauchwolken, sondern jene dichten, scharf +abgegrenzten Dampfwolken, wie sie das Feuer der Artillerie erzeugt. + +Am linken Ufer des Obi hatten die usbeckischen Reiter Halt gemacht, um den +Ausgang der Schlacht abzuwarten. + +Von dieser Seite hatte Michael Strogoff also nichts zu fürchten und +beeilte deshalb seinen Marsch nach der Stadt. + +Inzwischen wurde der Kanonendonner stärker und näherte sich merklich. Es +war kein verschwimmendes Rollen mehr, sondern eine Folge deutlich +unterscheidbarer Donnerschläge. Gleichzeitig erhob sich der vom Winde +entführte Dampf in die Luft, und man erkannte, daß die Kämpfer im Süden +offenbar an Terrain gewannen. Kolywan war somit einem Angriff von der +Westseite ausgesetzt. Vertheidigten es aber die Russen gegen die +Tartarenhorden oder suchten sie es den Soldaten des Feofar-Khan wieder zu +entreißen? Das ließ sich für jetzt unmöglich erkennen und setzte Michael +Strogoff in nicht geringe Verlegenheit. + +Nur eine halbe Werst von Kolywan befand er sich, als ein hoher Feuerstrahl +mitten aus den Häusern der Stadt aufleuchtete und der Thurm einer Kirche +unter einem Wirbel von Staub und Flammen zusammenbrach. + +Tobte der Streit schon in Kolywan? Michael Strogoff mußte es wohl glauben; +in diesem Falle kämpften die Russen und Tartaren also in den Straßen der +Stadt. Bot sie ihm jetzt noch eine Zuflucht? Lief Michael Strogoff nicht +Gefahr, daselbst gefangen zu werden, und durfte er hoffen, daß es ihm +gelingen werde, aus Kolywan ebenso glücklich zu entfliehen, wie vorher aus +Omsk? + +Alle diese Gedanken flogen durch seinen Kopf. Er zauderte; er stand einen +Augenblick still. + +Erschien es nicht besser, sich zu Fuß nach Süden oder Osten, bis zu irgend +einem Flecken, vielleicht nach Diachinsk oder einem andern, +durchzuschlagen, und sich dort um jeden Preis ein Pferd zu verschaffen? + +Jedenfalls war das der einzige Ausweg, und sofort wandte sich Michael +Strogoff, indem er das Ufer des Obi verließ, nach der rechten Seite von +Kolywan. + +Gerade jetzt krachten die Geschütze lauter als je. Bald züngelten Flammen +an der rechten Seite der Stadt in die Höhe; die Feuersbrunst ergriff ein +ganzes Stadtviertel von Kolywan. + +Michael Strogoff lief, was er laufen konnte, quer durch die Steppe und +suchte den Schutz einiger Bäume zu erlangen, welche da und dort verstreut +standen, als eine Abtheilung tartarischer Cavallerie auf dem rechten +Stromufer erschien. + +Michael Strogoff konnte seine Flucht in der vorigen Richtung nicht mehr +fortsetzen; die Reiter sprengten auf die Stadt zu, und es wäre ihm schwer +geworden, ihnen zu entgehen. + +Da bemerkte er neben einem kleinen, aber dichten Gebüsch ein isolirtes +Häuschen, das er wohl zu erreichen hoffen durfte, bevor jene ihn sahen. + +Michael Strogoff hatte nichts Anderes zu thun, als dort hin zu eilen, sich +daselbst zu verstecken, um Etwas zu bitten, nöthigenfalls sich anzueignen, +womit er seine Kräfte wieder herstellen könnte, denn er war nun wirklich +erschöpft von Hunger und Strapazen. + +Er stürzte also auf dieses höchstens eine halbe Werst entfernte Häuschen +zu. Näher gekommen sah er erst, daß dieses Gebäude ein Telegraphenbureau +war. Zwei Drähte liefen davon nach Osten und Westen aus und ein dritter +Draht war in der Richtung nach Kolywan gespannt. + +Wohl hätte man voraussetzen können, daß dieses Bureau unter den jetzigen +Verhältnissen verlassen sei, doch mochte dem sein wie ihm wollte, Michael +Strogoff konnte dahin fliehen, im Nothfalle die Nacht abwarten und sich +dann wieder in die Steppe hinaus wagen, welche die tartarischen Plänkler +durchirrten. + +Michael Strogoff eilte geraden Wegs auf die Thür des Hauses zu und stieß +sie schnell und heftig auf. + +Eine einzige Person befand sich in dem Zimmer, in dem die +Telegraphenleitungen zusammenliefen. + +Es war ein Beamter, der in seiner Ruhe, in seinem Phlegma sich nicht um +das Geringste kümmerte, was in der Außenwelt vorging. Treu auf seinem +Posten ausharrend, wartete er, daß das Publicum seine Dienste in Anspruch +nehme. + +Michael Strogoff rannte auf ihn zu und fragte mit vor Erschöpfung +gebrochener Stimme: + +„Was wissen Sie Neues? + +— Ei nichts, erwiderte der Beamte lächelnd. + +— Es sind doch Russen und Tartaren handgemein geworden? + +— Man sagt es. + +— Aber wer ist Sieger? + +— Das weiß ich selbst nicht.“ + +So viel Gemütlichkeit unter so schrecklichen Verhältnissen, so viel +Indifferenz erschien doch kaum glaublich. „Und der Draht ist noch nicht +zerschnitten? fragte Michael Strogoff. + +— Zwischen Kolywan und Krasnojarsk ist die Leitung zerstört, sie +functionirt aber noch zwischen Kolywan und der russischen Grenze. + +— Für die Regierung? + +— Für die Regierung, wenn sie es für nöthig erachtet, für das Publicum, +wenn dasselbe zahlt. Das Wort kostet zehn Kopeken. Wenn es Ihnen beliebt, +mein Herr?“ + +Michael Strogoff wollte eben diesem Beamten ohne Gleichen antworten, daß +er keine Depesche abzusenden habe, sondern nur gekommen sei, um etwas Brod +und Wasser zu erbitten, als die Thür des Hauses wieder hastig aufgerissen +wurde. + +Michael Strogoff bereitete sich schon, in dem Glauben, das Haus sei von +Tartaren überfallen, zu einem Sprunge durch das Fenster, als er noch sah, +daß nur zwei einzelne Männer in den Raum eintraten, die tartarischen +Soldaten nicht im Geringsten ähnelten. + +Mit einem leicht erklärlichen Erstaunen erkannte Michael Strogoff in +diesen zwei Männern zwei Persönlichkeiten wieder, an die er jetzt nicht im +Entferntesten dachte und die er überhaupt niemals wieder zu sehen geglaubt +hatte. + +Es waren die beiden Berichterstatter Harry Blount und Alcide Jolivet, +jetzt keine Reisegefährten mehr, sondern Rivalen, ja Feinde, seitdem sie +ihre Thätigkeit auf dem Kriegsschauplatze begannen. + +Ischim verließen sie seiner Zeit nur wenige Stunden nach Michael +Strogoff’s Weiterreise, und wenn sie auf derselben Straße Kolywan vor ihm +erreichten, ja, ihn selbst unterwegs überholten, so kam das daher, daß +Michael Strogoff am Ufer des Irtysch drei Tage eingebüßt hatte. + +Jetzt, nach Beobachtung des Kampfes zwischen den russischen und +tartarischen Truppen dicht vor der Stadt, hatten sie Kolywan in dem +Augenblicke verlassen, als der Streit sich in die Straßen der Stadt hinein +fortsetzte, waren nach der Telegraphenstation gelaufen, um ihre +rivalisirenden Depeschen nach Europa abzulassen und Einer dem Andern die +erste Meldung der Tagesereignisse streitig zu machen. + +Michael Strogoff trat etwas bei Seite an eine dunklere Stelle und konnte +von hier aus, ohne selbst gesehen zu werden, Alles sehen und hören. +Jedenfalls durfte er auf wichtige Neuigkeiten hoffen, um aus diesen +abnehmen zu können, ob er sich nach Kolywan hinein wagen dürfe oder nicht. + +Harry Blount, der sich noch mehr beeilte, als sein College, hatte den +Platz am Schalter eingenommen, während Alcide Jolivet ganz gegen seine +Gewohnheit ungeduldig mit den Füßen stampfte. + +„Jedes Wort kostet zehn Kopeken“, sagte der Beamte, die Depesche entgegen +nehmend. + +Harry Blount stapelte auf einer Zähltafel eine kleine Säule Rubel auf, die +sein College mit einer gewissen Verwunderung betrachtete. + +„Schön, schön“, sagte der Beamte. + +Und mit der unerschütterlichsten Kaltblütigkeit der Welt begann er +folgende Depesche abzutelegraphiren: + + _„Daily-Telegraph, London._ + +_„Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._ + +_„Gefecht zwischen russischen Truppen und Tartaren ...“_ + +Da die Worte laut vorgelesen wurden, hörte Michael Strogoff auch Alles, +was der englische Correspondent seinem Journale mittheilte. + +_„Die russischen Truppen mit großen Verlusten zurückgedrängt. Tartaren an +demselben Tage in Kolywan eingezogen ...“_ + +Diese Worte beendigten die Depesche. + +„Nun ist die Reihe an mir, rief Alcide Jolivet, der eine an seine Cousine +im Faubourg Montmartre adressirte Depesche aufgeben wollte. + +Das wollte aber dem englischen Reporter keineswegs passen; denn dieser +dachte gar nicht daran, den Schalter zu verlassen, um alle Ereignisse, die +er von hier aus etwa noch beobachten konnte, sofort nach Hause berichten +zu können. Er machte also seinem Gefährten nicht Platz. + +„Sie sind aber doch fertig! ... rief Alcide Jolivet. + +— Ich bin noch nicht zu Ende“, antwortete einfach Harry Blount. + +Er schrieb sofort eine Reihe Worte auf, die er dem Beamten übergab, +welcher sie mit stets gleichmäßig ruhiger Stimme durchlas: + + _„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!...“_ + +Es waren die ersten Verse aus der Bibel, welche Harry Blount +telegraphirte, um die Zeit auszufüllen und seinem Collegen gegenüber den +einmal eingenommenen Platz zu behaupten. Dieser Ausweg kostete seinem +Journal vielleicht einige tausend Rubel, aber es erhielt dafür auch die +allerersten Berichte. Frankreich konnte warten! + +Man begreift wohl den Aerger und die Wuth Alcide Jolivet’s. Unter allen +anderen Verhältnissen hätte er zwar begriffen, daß dieses Verfahren ein +gesetzlich vollkommen begründetes war, jetzt suchte er aber den Beamten +womöglich zu nöthigen, daß er seiner Depesche vor der Fortsetzung der +seines Collegen den Vorzug gebe. + +„Der Herr ist in seinem Recht“, bedeutete ihn ruhig der Beamte, indem er +auf Harry Blount wies und ihm liebenswürdig zulächelte. + +Und er fuhr pflichtgetreu fort, an den Daily-Telegraph den ersten Vers der +heiligen Schrift zu telegraphiren. + +Während der Manipulationen an den Apparaten begab sich Harry Blount ruhig +an’s Fenster und beobachtete mit einem Fernglase, was etwa um Kolywan +vorging, um seine Berichte zu vervollständigen. + +Einige Augenblicke später nahm er seinen Platz am Schalter wieder ein und +fügte seinem Telegramm hinzu: + +_„Zwei Kirchen stehen in Flammen. Die Feuersbrunst scheint sich nach dem +rechten Flußufer zu auszubreiten. Und die Erde __war wüste und leer und es +war finster auf der Tiefe ...“_ + +In Alcide Jolivet stieg eine höllische Lust auf, den ehrenwerthen +Correspondenten des Daily-Telegraph einfach zu erwürgen. + +Wiederholt interpellierte er den Beamten, der ihm stets mit der nämlichen +Ruhe die Antwort gab: + +„Der Herr ist in seinem Recht, vollkommen in seinem Recht ... Das Wort +kostet zehn Kopeken.“ + +Und unverdrossen telegraphirte er die folgende Neuigkeit, die ihm Harry +Blount brachte. + +_„Russische Flüchtlinge drängen sich aus der Stadt. Und Gott sprach, es +werde Licht und es ward Licht!...“_ + +Alcide Jolivet wollte buchstäblich vor Wuth bersten. + +Inzwischen war Harry Blount wieder zum Fenster zurückgekehrt, zog aber +seine Beobachtung, wahrscheinlich gefesselt von Interesse an dem +Schauspiel, das sich vor seinen Augen abspielte, etwas zu sehr in die +Länge. Sobald der Telegraphist also den dritten Vers der Bibel abgesendet +hatte, nahm Alcide Jolivet geräuschlos am Schalter Platz und übergab, nach +Deponirung einiger recht anständiger Rubelrollen, seine Depesche dem +Beamten, der sie wiederum mit lauter Stimme verlas: + + _„Madeleine Jolivet,_ + +_„10, Faubourg Montmartre (Paris)._ + +_„Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._ + +_„Flüchtlinge entweichen aus der Stadt. Die Russen geschlagen. Heftige +Verfolgung durch die tartarische Cavallerie ...“_ + +Und als Harry Blount nach dem Schalter zurückkehrte, vernahm er nur, wie +Alcide Jolivet sein Telegramm in halb singendem, lustigem Tone +vervollständigte: + + _„Es ist ein kleines Männchen,_ + _Gekleidet ganz in Grau,_ + _In Paris!...“_ + +Da er es für unpassend hielt, Profanes und Heiliges unter einander zu +mengen, so benutzte er den Refrain eines lustigen Liedes Béranger’s an +Stelle der Bibelverse. + +„Oha! platzte Harry Blount heraus. + +— Ja ja, so geht’s“, erwiderte lachend Alcide Jolivet. + +Inzwischen gestalteten sich die Verhältnisse in den Umgebungen Kolywans +immer bedrohlicher. Die Schlacht wälzte sich näher heran, der +Geschützdonner krachte immer entsetzlicher. + +Da erzitterte plötzlich das ganze Telegraphenamt in allen Fugen. + +Eine Granate hatte die Mauer durchschlagen und eine dichte Staubwolke +erfüllte den ganzen Raum. + +Alcide Jolivet schrieb erst noch folgende Zeilen vollends nieder: + + _„Bausbäckig, wie ein Apfel,_ + _Doch ohn’ ein’n Heller Geld ...“_ + +Dann hielt er inne, stürzte auf die Granate zu, erfaßte sie noch vor der +Explosion derselben mit beiden Händen, warf sie zum Fenster hinaus und +trat wieder an den Schalter – Alles das Werk eines Augenblicks. + +Fünf Secunden später zersprang die Granate vor dem Hause in tausend +Stücke. + +Alcide Jolivet ließ sich im weiteren Aufsetzen seines Telegramms gar nicht +stören und fügte dem völlig ruhig und kaltblütig hinzu: + +_„Eine sechspfündige Granate schlug soeben durch die Mauer des +Telegraphenamtes. In Erwartung noch weiterer von gleichem Kaliber ...“_ + +Michael Strogoff schwand jeder Zweifel, daß die Russen aus Kolywan +vertrieben seien. Sein einziger Ausweg blieb es also, sich durch die +südliche Steppe zu wagen. + +Da knatterte eine furchtbare Gewehrsalve nahe dem Telegraphenamte und ein +Hagelschauer von Kugeln zersplitterte die Fensterscheiben. + +An der Schulter getroffen fiel Harry Blount zur Erde. + +Alcide Jolivet eilte, seiner Depesche noch einen Anhang hinzuzufügen. + +_„Harry Blount, Correspondent des Daily-Telegraph, an meiner Seite von +einer Kugel getroffen ...“_ + +Da unterbrach ihn der kaltblütige Beamte und sagte mit seiner +unerschütterlichen Ruhe: + +„Mein Herr, die Leitung ist unterbrochen.“ + +Den Schalter schließend griff er ganz ruhig nach seinem Hute, bürstete ihn +sorgfältig mit dem Ellbogen und verließ, immer lächelnd, das Haus durch +eine kleine Nebenthür, welche Michael Strogoff bis dahin entgangen war. + +Das Gebäude ward unmittelbar darauf von tartarischen Truppen besetzt, so +daß weder Michael Strogoff noch die beiden Journalisten ihren Rückzug zu +bewerkstelligen vermochten. + +Mit seiner nun zwecklosen Depesche in der Hand eilte Alcide Jolivet zu dem +auf dem Boden liegenden Harry Blount und gab sich Mühe, letzteren auf die +Schultern zu nehmen in der Absicht, mit ihm zu entkommen ... Zu spät! + +Beide wurden gefangen und gleichzeitig mit ihnen fiel Michael Strogoff, +als er sich eben anschickte, zu einem Fenster hinaus zu springen, in die +Hände der Tartaren! + + + + Ende des ersten Bandes. + + + + + + Collection Verne. Band 23. + + + *Der Courier des Czaar.* + + (Michael Strogoff.) + + Von + + *Julius Verne.* + + +_Autorisirte Ausgabe_ + +Zweiter Band. + +*Vierte Auflage.* + +Wien. Pest. Leipzig. + +_A. Hartleben’s Verlag._ + +Alle Rechte vorbehalten. + + + + + K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien. + + + + + + + MICHAEL STROGOFF. + + + Zweiter Theil. + + + + + Erstes Capitel. + + + Ein tartarisches Feldlager. + + +Eine Tagereise von Kolyvan und einige Werst jenseit des Fleckens Diachinsk +breitet sich eine große Ebene aus, auf der sich einige hohe Bäume, +vorzüglich Tannen und Cedern, erheben. + +Während der warmen Jahreszeit wird dieser Theil der Steppe gewöhnlich von +sibirischen Hirten besucht und gewährt auch den zahlreichen Heerden +derselben hinlängliche Nahrung. Jetzt hätte man wohl vergeblich nach einem +dieser nomadisirenden Bewohner gesucht. Nicht daß diese fruchtbare Ebene +verlassen und öde gewesen wäre, – im Gegentheil, sie zeigte ein ganz +außergewöhnliches Leben. + +Hier erhoben sich nämlich die Zelte der Tartaren, hier lagerte +Feofar-Khan, der grausame Emir von Bukhara, und eben an diesem Morgen, am +7. August, wurden die bei Kolyvan nach der Zersprengung des kleinen +russischen Corps gemachten Gefangenen hierher eingebracht. Von jenen 2000 +Mann, welche sich zwischen die zwei auf Omsk und Tomsk gestützten, +feindlichen Heersäulen gewagt hatten, waren nur noch einige hundert +Soldaten davon gekommen. + +Der Verlauf der Ereignisse war also kein günstiger, und die kaiserliche +Regierung erschien jenseit des Ural ernstlich bedrängt, – mindestens für +den Augenblick, denn früher oder später mußte es den Russen ja wohl +gelingen, die Eindringlinge zu Paaren zu treiben. Jedenfalls hatten die +räuberischen Horden das Herz Sibiriens erreicht und drohte der feindliche +Einfall sich über das empörte Land entweder nach den Provinzen im Westen, +oder nach denen im Osten zu verbreiten. Irkutsk war jetzt von aller +Verbindung mit Europa abgeschnitten. Wenn die Truppen vom Amur und aus der +Provinz Jakutsk nicht rechtzeitig eintrafen, um diese Hauptstadt Sibiriens +zu besetzen, so mußte sie wohl, bei den mangelhaften Kräften zu ihrer +Vertheidigung, den Tartaren in die Hände fallen, und bevor es dann möglich +wurde, sie diesen wiederum zu entreißen, blieb der Großfürst, der Bruder +des Kaisers, den Rachegelüsten Iwan Ogareff’s preis gegeben. + +Was war nun mit Michael Strogoff geschehen? Beugte er sich unter der Last +so vieler Prüfungen? Betrachtete er sich als besiegt durch so viel +Hindernisse, die ihn seit dem Unfalle von Ichim unausgesetzt verfolgten? +Gab er seine Partie verloren, sah er seine Sendung für verfehlt, die +Ueberlieferung seines Mandats für unmöglich an? + +Michael Strogoff gehörte zu den Menschen, die sich erst dann nicht mehr +regen, wenn sie todt zusammengebrochen sind. Jetzt lebte er noch, war +sogar ganz unverwundet geblieben, das kaiserliche Handschreiben verwahrte +er noch immer, sein Incognito war noch unverletzt. Gewiß befand er sich +unter den zahlreichen Gefangenen, welche die Tartaren wie eine Heerde Vieh +daher trieben; aber mit der Annäherung an Tomsk kam er auch Irkutsk näher, +und jedenfalls blieb Iwan Ogareff immer hinter ihm zurück. + +„Ich werde noch ankommen!“ wiederholte er sich immer wieder. + +Seit jener Affaire bei Kolyvan drängte sich seine ganze Lebenskraft +zusammen in dem einen Gedanken, seine Freiheit zu erlangen. Wie er den +Soldaten des Emirs entrinnen würde? – Das wollte er sehen, wenn der +passende Zeitpunkt da wäre. + +Feofar’s Feldlager bot einen prächtigen Anblick. Zahllose Zelte aus +Thierfellen, Filz oder Seidenstoffen schillerten in den Strahlen der +Sonne. Lange, reiche Troddeln auf ihren schlank zulaufenden Spitzen +wiegten sich zwischen buntfarbigen Fahnen, Standarten und Feldzeichen hin +und her. Die am reichsten ausgestatteten Zelte gehörten den Seids und den +Khodjas, den vornehmsten Männern des Khanates, an. Eine besondere Flagge, +mit einem Pferdeschweif als Schmuck, deren Lanzenschaft sich aus einem +kunstvoll geordneten Bündel rother und weißer Stäbe erhob, bezeichnete den +hohen Rang dieser Tartarenhäuptlinge. Weit über Sehweite hinaus +erstreckten sich endlich die Reihen jener turkomanischen Zelte, „Karaoys“ +genannt, die auf dem Rücken der Kameele mitgeführt wurden. + +Das ganze Lager zählte mindestens 150,000 Mann Soldaten, sowohl Fußvolk +als auch Reiterei. Unter diesen sah man, als die Urtypen von Turkestan, +zuerst die Tadjiks mit ihren schönen, regelmäßigen Zügen, weißer +Hautfarbe, schwarzen Augen und Haaren und dem hohen, mächtigen Wuchse, – +die Hauptmacht der Tartarenarmee, zu der die Khanate von Khokhand und +Kunduz nahezu ein gleich großes Contingent wie Bukhara geliefert hatten. +Neben diesen Tadjiks fanden sich die Vertreter anderer Stämme, welche +entweder in Turkestan seßhaft waren oder deren Heimat doch an jene Gebiete +grenzte. Da sah man Usbecks von kleiner Gestalt und mit brennend rothem +Barte, ganz ähnlich denen, welche zur Verfolgung Michael Strogoff’s +ausgesendet worden waren. Ferner Kirghisen mit abgeplattetem, dem der +Kalmücken ähnlichen Gesicht, in Panzerhemden gekleidet, von denen ein +Theil Lanzen, Bogen und Pfeile asiatischer Herkunft führte, ein anderer +mit dem Säbel, einem Luntengewehre und dem „Tschakane“, d. i. eine kurz +gestielte Axt, welche leicht tödtliche Wunden verursacht, ausgerüstet +erschien. Dazu mittelgroße Mongolen mit schwarzem, langem Haar, das in +einen Zopf geflochten auf den Rücken hinabfiel, mit rundlichem, +sonnenverbranntem Gesicht, dunklen, lebhaften Augen und mangelndem oder +sehr spärlichem Barte, gekleidet in blaue, mit schwarzem Pelz verbrämte +Nankingstoffe, geschmückt mit Ledergürteln, mit Silberschnallen, +Schnürstiefeln und seidenen, wiederum mit Pelz garnirten Mützen, von denen +nach rückwärts drei Bänder hinausflatterten. Endlich sah man auch +tiefdunkle Afghanen; Araber, wahre Musterbilder der schönen semitischen +Racen und Turkomanen mit engen gedrückten Augen, an denen die Lider ganz +zu fehlen schienen, – Alle vereinigt unter der Kriegsfahne des Emirs, +einer Fahne von Mordbrennern und zerstörungssüchtigen Horden. + +Neben diesen freien Soldaten fand sich auch noch eine gewisse Anzahl +Sklavenhaufen, vorzüglich Perser, welche von eingeborenen Anführern +befehligt und in der Armee Feofar-Khans keineswegs gering geschätzt +wurden. + +Rechne man hierzu noch die als Diener fungirenden Juden in ihrem mittels +eines Strickes zusammengehaltenen langen Rocke, den Kopf, an Stelle des +ihnen verbotenen Turbans, bedeckt mit einem dunkelfarbigen Tuchkäppchen, +und endlich darunter gemischt noch Hunderte „Kalender“, eine Art +religiöser Bettler in zerfetzter, mit einem Leopardenfelle nothdürftig +bedeckter Kleidung, so wird man zu einer nahezu vollständigen Vorstellung +des fast unübersehbaren Gemisches der verschiedenen Völker und Stämme +gelangen, welche die Tartarenarmee bildeten. + +Fünfzigtausend Soldaten der Armee waren beritten und die Pferde derselben +nicht minder verschieden, als die Mannschaften. Unter den Thieren, die zu +je zehn an zwei parallelen Stricken angebunden und deren Schweife in +Knoten geknüpft, deren Rücken aber mit einem seidenen Netze bedeckt waren, +unterschied man die feingebauten, großen Turkomanen mit glänzendem Haar +und stolzer Haltung; die ausdauernden, kräftigen Usbecks; die +Khokhandiner, welche außer ihrem Reiter noch zwei Zelte und eine ganze +Kücheneinrichtung tragen; die hellfarbigen Kirghisenrosse, die von den +Ufern des Emba-Flusses herstammen, wo man sie mittels „Arkan“, d. i. der +Lasso der Tartaren, einfängt, und endlich viele andere Abkömmlinge +gekreuzter Racen von geringerem Werthe. + +Lastthiere zählten hier ebenfalls nach Tausenden. Hier fanden sich +kleinere, aber wohlgebaute Kameele mit langer Behaarung, deren dichte +Mähne ihren Hals verhüllte, gelehrige und leichter als die Dromedare +zähmbare Thiere; ferner einhöckerige „Nars“ mit rothgelbem, gelocktem +Felle; endlich eine Menge Esel, welche unverdrossen ihre Arbeit leisten +und deren sehr geschätztes Fleisch zum nicht geringen Theile die Nahrung +der Tartaren ausmacht. + +Ueber diese ganze Masse von Menschen und Thieren, über diese ungeheuren +Haufen von Zelten verbreiteten in größeren Gruppen zusammen stehende +Cedern und Fichten einen angenehmen, erfrischenden Schatten, der da und +dort durch einige besonnte Stellen unterbrochen wurde. Das Bild bot einen +höchst pittoresken Anblick, zu dessen Wiedergabe ein Maler wohl alle +Farben seiner Palette hätte erschöpfen müssen. + +Als die bei Kolyvan gemachten Gefangenen vor den Zelten Feofar’s und der +Großwürdenträger des Khanates anlangten, wirbelten die Trommeln und +schmetterten die Trompeten. Zu dem entsetzlichen Getöse mischte sich aber +auch noch das Knattern von Gewehrfeuer und der Donner vier- und +sechspfündiger Geschütze, welche die Artillerie des Emirs bildeten. + +Feofar lebte hier unter rein militärischer Umgebung und Lebensweise. Seine +Haushaltung und sein Harem befanden sich, ebenso wie die seiner +Bundesgenossen, jetzt in Tomsk, das in den Händen der Tartaren war. + +Nach Aufhebung des Lagers sollte der Sitz des Emirs ebendahin verlegt +werden, bis er diese Residenz endlich mit der Hauptstadt von Ostsibirien +endgiltig zu vertauschen hoffte. + +Feofar’s Fürstenzelt überragte die Zelte seiner Nachbarn. Errichtet aus +breiten Stücken eines prachtvollen Seidenstoffes, den Schnuren mit +goldenen Fransen zusammenhielten, überragt von dichten Troddeln, welche +der Luftzug fächerartig hin und her wiegte, nahm es den Mittelpunkt einer +weiten Lichtung ein, die im Vordergrunde durch prächtige Birken und +gigantische Fichten abgeschlossen war. Vor diesem Zelte lag auf einem +glänzenden, feinen, mit Edelsteinen ausgelegten Tische geöffnet der +heilige Koran, dessen Blätter aus ganz dünnen, fein gravirten +Goldplättchen bestanden. Darüber flatterte die tartarische Fahne. + +Am Umfange der Lichtung erhoben sich im Halbkreise die Zelte der höchsten +Beamten von Bukhara. Da wohnten der Großstallmeister, dem das Recht +zusteht, dem Emir bis in den Hof seines Palastes zu Pferde zu folgen; der +Groß-Falkenier, der „Housch-Begui“, d. i. der Siegelbewahrer des +Herrschers, der „Toptschi-Baschi“, d. i. der Oberbefehlshaber der +Artillerie, der „Khodja“ oder Vorsitzende des Großen Rathes, der von dem +Fürsten geküßt wird und sich vor ihm mit offenem Gürtel zeigen darf, der +„Scheik-ul-Islam“, der Erste der Ulemas und Vertreter der Priesterkaste, +der „Cazi-Askev“, der in Abwesenheit des Emirs über alle Streitfragen +zwischen Militärs zu entscheiden hat, und endlich der Chef der Astrologen, +deren Hauptgeschäft es ist, die Sterne zu befragen, sobald der Khan +beabsichtigt, seinen Aufenthalt zu wechseln. + +Der Emir befand sich, als die Gefangenen in das Lager getrieben wurden, +glücklicher Weise in seinem Zelte. Eine Handbewegung, ein Wort von ihm +hätte wohl hingereicht, ein blutiges Strafgericht in Scene zu setzen. Er +hielt sich aber zurück in jener Isolirtheit, welche zum Theil die Majestät +der orientalischen Fürsten erhält. Man bewundert Den, der sich nicht +zeigt, und fürchtet ihn mehr. + +Die Gefangenen selbst wurden in einer Umzäunung eingepfercht, wo sie +mißhandelt, nur nothdürftig ernährt und allen verderblichen Einflüssen des +Klimas ausgesetzt, der Entscheidung Feofar’s entgegen harrten. + +Der gelehrigste von Allen, wenn auch nicht der geduldigste, war gewiß +Michael Strogoff. Er ließ sich gern führen, denn man führte ihn dahin, +wohin er selbst wollte, und das in verhältnißmäßiger Sicherheit, die er, +frei und allein reisend, auf dem Wege von Kolyvan nach Tomsk nie hätte +finden können. Eine Flucht vor Erreichung letzterer Stadt hätte ihn +unzweifelhaft in die Hände der Plänkler zurück geliefert, welche die +umgebende Steppe durchschwärmten. Die östlichste, von den Schaaren der +Meuterer zur Zeit besetzte Linie lag nicht über dem zweiundachtzigsten +Meridian, welcher Tomsk durchschneidet, hinaus. Nach Ueberschreitung +dieses Meridianes durfte Michael Strogoff darauf rechnen, sich außerhalb +des von Feinden überschwemmten Gebietes zu befinden, den Yeniseï gefahrlos +zu passiren und Krasnojarsk zu erreichen, bevor Feofar-Khan auch diese +Provinz besetzte. + +„Einmal in Tomsk, wiederholte er sich manchmal, um einige Regung seiner +Ungeduld, deren er nicht völlig Meister werden konnte, zu unterdrücken, +werde ich binnen wenigen Minuten über die Vorpostenkette hinaus sein, und +zwölf Stunden vor Feofar, zwölf Stunden nur vor Ogareff voraus zu sein, +das genügt mir, um ihnen nach Irkutsk zuvor zu kommen!“ + +Was Michael Strogoff am meisten fürchtete und wohl auch fürchten mußte, +das war die Anwesenheit Iwan Ogareff’s in dem tartarischen Lager. +Abgesehen von der Gefahr, erkannt zu werden, verrieth ihm ein gewisser +Instinct, daß es für ihn von besonderer Wichtigkeit sei, gerade diesem +Verräther zuvor zu kommen. Er sah auch recht wohl ein, daß durch die +Vereinigung der Heeresabtheilungen Iwan Ogareff’s und Feofar-Khan’s die +feindliche Armee nun vollzählig wurde und mit aller Macht nach der +ostsibirischen Hauptstadt zu aufbrechen werde. Eben diese Aussicht erregte +in ihm aber die schwersten Befürchtungen, und aufmerksam lauschte er auf +jeden schmetternden Trompetenstoß, ob dieser etwa das Eintreffen jenes +Unterbefehlshabers des Emirs verkünde. + +An solche Gedanken reihten sich dann noch die Erinnerungen an seine Mutter +und an Nadia, deren Erstere in Omsk zurück geblieben, die Andere auf den +Barken des Irtysch weggeschleppt worden war. Unzweifelhaft seufzte diese +ebenso wie Marfa Strogoff in harter Gefangenschaft. Und er vermochte +Nichts für sie zu thun! Würde er jene Zwei überhaupt wiedersehen? +Krampfhaft zuckte ihm das Herz bei dieser Frage, welche er sich nicht zu +beantworten wagte. + +Gleichzeitig mit Michael Strogoff und vielen anderen Gefangenen waren auch +Harry Blount und Alcide Jolivet in das Tartarenfeldlager transportirt +worden. Ihr früherer Reisegefährte wußte zwar, daß Jene in derselben dicht +mit Wachtposten besetzten Umzäunung untergebracht waren, er hatte sich +ihnen aber nicht zu nähern gesucht. Nur wenig kümmerte es ihn jedoch, was +sie über ihn bezüglich des Auftrittes im Posthofe zu Ichim denken möchten; +er wollte vielmehr allein sein, um im gegebenen Fall schneller allein +handeln zu können. Deshalb hielt er sich stets mehr bei Seite. + +Alcide Jolivet hatte seit dem Augenblick, da sein College an seiner Seite +fiel, diesem die größte Sorgfalt gewidmet. Von Kolyvan bis nach dem Lager, +daher auf einem Wege von mehreren Stunden, konnte Harry Blount dadurch, +daß er sich auf den Arm seines Rivalen stützte, dem Gefangenenzuge folgen. +Erst wollte er sich in seiner Eigenschaft als Engländer legitimiren, das +hätte ihm aber gegenüber diesen Barbaren, welche nur mit Lanzenstößen und +Säbelhieben antworteten, nicht im mindesten genützt. Der ehrenwerthe +Correspondent des Daily-Telegraph theilte also zunächst das Schicksal +aller Uebrigen, und blieb es ihm überlassen, später zu reclamiren und +Satisfaction für die erlittene Behandlung zu verlangen. Diesen Weg legte +er aber seiner Wunde wegen nur mit der größten, schmerzlichen Anstrengung +zurück, und ohne Alcide Jolivet’s Hilfe wäre er wohl kaum im Stande +gewesen, das Lager zu erreichen. + +Alcide Jolivet, den seine praktische Philosophie niemals im Stiche ließ, +hatte seinen Genossen physisch und moralisch durch alle ihm zu Gebote +stehenden Mittel möglichst gestärkt. Als er sich unabwendbar in jene Hürde +eingeschlossen sah, eilte er zunächst, Harry Blount’s Wunde zu +untersuchen. Es gelang ihm recht gut, Jenen zu entkleiden, und er +überzeugte sich, daß dessen Schulter nur von dem Sprengstück einer Kugel +gestreift worden war. + +„O, es ist nichts! sagte er. Eine ganz einfache Schramme. Nach zwei oder +drei kühlen Aufschlägen ist die ganze Sache vorüber. + +— Aber diese nothwendigen Umschläge?... fragte Harry Blount. + +— Die mache ich Ihnen selbst. + +— Sie sind also ein wenig Arzt? + +— Alle Franzosen sind halbe Aerzte!“ + +Nach dieser dreisten Versicherung zerriß Alcide Jolivet sein Taschentuch, +zupfte aus einem Stücke desselben Charpie, legte ein anderes zu einem +Tampon zusammen, holte aus einem in der Mitte des Platzes gelegenen +Ziehbrunnen Wasser, wusch die glücklicher Weise nur leichte Wunde +sorgfältig aus und legte mit großer Geschicklichkeit die feuchten +Leinenstücke auf Harry Blount’s Schulter. + +„Ich behandle Sie mit Wasser, sagte er. Diese Flüssigkeit ist das +wirksamste Sedativum, das man bei der Behandlung von Verwundungen kennt, +und wird jetzt auch ganz allgemein angewendet. Die Aerzte haben nur 6000 +Jahre gebraucht, um das zu entdecken! Ja, in runder Zahl so gegen 6000 +Jahre! + +— Ich danke Ihnen, Herr Jolivet, erwiderte Harry Blount, indem er sich auf +ein Lager von dürren Blättern hinstreckte, das sein Begleiter ihm im +Schatten einer Birke zurecht gemacht hatte. + +— Ei, das ist ja nicht der Rede werth. Sie hätten an meiner Stelle +dasselbe gethan. + +— Ja, ich weiß nicht ... antwortete Harry Blount ziemlich naiv. + +— Sie Spaßvogel! Alle Engländer sind edelmüthig! + +— Gewiß, aber die Franzosen ...? + +— Nun ja, die Franzosen sind gut, vielleicht sogar etwas einfältig; aber +was das wieder gut macht, ist, daß sie eben Franzosen sind. Doch sprechen +wir nicht mehr davon, oder noch besser, sprechen wir jetzt lieber gar +nicht mehr. Sie brauchen nun vor allen Dingen Ruhe.“ + +Harry Blount hatte aber verzweifelt wenig Lust zu schweigen. Wenn er als +Verwundeter vernünftiger Weise daran denken konnte, zu schlafen, so war +das doch mit ihm als Correspondenten des Daily-Telegraph keineswegs der +Fall. + +„Herr Jolivet, begann er, glauben Sie, daß unsere letzten Depeschen noch +über die russische Grenze befördert worden sind? + +— Wie kommen Sie darauf? antwortete Alcide Jolivet. Um die jetzige Stunde +wird meine glückselige Cousine schon wissen, was von dem Treffen bei +Kolyvan zu halten ist. + +— Wie viele Exemplare dieser Depeschen druckt Ihre Cousine? forschte Harry +Blount, der diese Frage zum ersten Male unumwunden an seinen Collegen +richtete. + +— Sehr gut! erwiderte lachend Alcide Jolivet. Meine Cousine ist eine +ungemein discrete Person, die nicht gern von sich reden hört und +unglücklich sein würde, wenn sie Ihnen den so nothwendigen Schlummer +störte. + +— Ich mag nicht schlafen, versetzte der Engländer. — Was urtheilt Ihre +Cousine wohl über die Sachlage? + +— Nun, daß es mit den Russen augenblicklich nicht am besten steht. Doch, +was da! die moskowitische Regierung ist mächtig, sie braucht sich wegen +eines Barbareneinfalls nicht ernstlich zu beunruhigen, und Sibirien wird +und kann ihr nicht verloren gehen. + +— Ueberhebung hat schon die größten Reiche gestürzt! antwortete Harry +Blount, der von einer gewissen „englischen“ Eifersüchtelei wegen der +russischen Prätensionen in Centralasien nicht ganz frei war. + +— O bitte, nur keine Politik treiben, rief Alcide Jolivet. Das ist von der +Facultät untersagt! Für Schulterwunden giebt es gar nichts Gefährlicheres! +... Sie müßten denn dadurch einschlummern wollen! + +— So sprechen wir davon, was uns zu thun übrig bleibt, lenkte Harry Blount +ein. Ich, Herr Jolivet, verspüre nicht die mindeste Lust, hier unbedingt +Gefangener der Tartaren zu bleiben. + +— Ich bei Gott auch nicht! + +— Wir werden uns bei erster bester Gelegenheit davon zu machen suchen. + +— Ja, wenn’s zur Wiedererlangung unserer Freiheit kein anderes Mittel +giebt. + +— Wissen Sie ein anderes? fragte Harry Blount und sah seinen Begleiter +erwartungsvoll an. + +— Gewiß! Wir sind keine Combattanten, wir sind neutral und werden +reclamiren. + +— Bei Feofar-Khan? Bei diesem wilden Thiere? + +— Nein, er verstände das nicht, erwiderte Alcide Jolivet; aber bei Iwan +Ogareff, seinem Untergeneral. + +— Der ist ein Schurke! + +— Zugegeben; aber dieser Schurke ist wenigstens ein Russe. Er weiß, daß er +mit dem Völkerrecht nicht spielen darf, und hat auch kein Interesse, uns +zurückzuhalten. Von dem Herrn etwas zu verlangen, das soll mir nicht +schwer werden. + +— Dieser Herr befindet sich aber nicht im Lager, mindestens habe ich ihn +noch nicht bemerkt, äußerte Harry Blount. + +— Er wird hierher kommen. Das kann nicht fehlen. Er muß sich hier dem Emir +anschließen. Jetzt ist Sibirien in zwei Kriegstheater getheilt, und +offenbar erwartet ihn nur Feofar’s Armee, um nach Irkutsk abzumarschiren. + +— Und was thun wir, wenn wir frei sind? + +— Ei nun, wir setzen ebenfalls unsern Feldzug fort und folgen den +Tartaren, bis sich Gelegenheit bietet, in das Lager der Gegner +überzugehen. Zum Teufel, man darf doch nicht fahnenflüchtig werden! Wir +stehen ja erst im Anfang. Sie, Herr College, haben schon das Glück gehabt, +im Dienste des Daily-Telegraph eine Wunde davon zu tragen, aber ich, – ich +habe im Dienste meiner Cousine noch gar nichts geleistet. Vorwärts! +Vorwärts! – Ach, schön, fuhr Alcide Jolivet leiser fort, er schlummert +ein. Einige Stunden Schlaf und ein Paar Compressen mit frischem Wasser, +mehr bedarf es nicht, um einen Engländer wieder auf die Beine zu bringen. +Diese Leute sind aus Eisenblech construirt!“ + +Und während Harry Blount der Ruhe genoß, wachte Alcide Jolivet an seiner +Seite, nachdem er ein Taschenbuch hervor geholt hatte, das er mit Notizen +bedeckte, gleichzeitig fest entschlossen, diese mit seinem Begleiter, +gewiß zur größten Befriedigung der Abonnenten des Daily-Telegraph, ehrlich +zu theilen. Der Gang der Ereignisse hatte die beiden Männer an einander +geknüpft und sie weiterer Eifersüchtelei enthoben. + +Was also Michael Strogoff vor Allem fürchtete, gerade das wünschten die +beiden Journalisten sehnsüchtig herbei. Das Erscheinen Iwan Ogareff’s +mußte für diese offenbar von Vortheil sein, denn sobald ihre Eigenschaft +eines englischen und französischen Correspondenten erst festgestellt war, +mußten sie höchst wahrscheinlich sofort in Freiheit gesetzt werden. Der +Stellvertreter des Emirs würde Feofar schon zu belehren wissen, wenn es +dessen Charakter auch entsprochen hätte, die Gefangenen einfach als Spione +abzuurtheilen. Das Interesse Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s lief also +dem Michael Strogoff’s direct entgegen, und darin lag ein weiterer, zu den +früheren noch hinzutretender Grund, der ihn jede Annäherung an die alten +Reisegefährten sorgfältig vermeiden ließ. Er richtete sich also möglichst +so ein, daß Jene ihn nicht zu Gesicht bekommen konnten. + +Vier Tage verstrichen ohne irgend welche Veränderung der Sachlage. Von der +Aufhebung des Lagers hörten die Gefangenen kein Wort sprechen. Sie wurden +strengstens überwacht. Es wäre thatsächlich unmöglich gewesen, den Cordon +von Fußvolk und Reitern, der sich um die Hürde schloß, zu durchbrechen. +Die ihnen gebotene Nahrung schützte eben nur vor dem Verhungern. Zweimal +binnen vierundzwanzig Stunden erhielt Jeder ein Stück auf Kohlen +geröstetes Ziegenfleisch gereicht, oder eine Ration von jenem „Krut“ +genannten Käse, der aus saurer Schafmilch gewonnen wird und in Stutenmilch +geweicht die gewöhnlich „Kumiß“ genannte Speise der Kirghisen darstellt. +Das war Alles. Hierzu kam, daß die Witterung wahrhaft abscheulich wurde. +Heftige Störungen in der Atmosphäre führten stürmische Winde mit +Regenschauern herbei. Schutzlos mußten die Unglücklichen diesen ungesunden +Witterungswechsel aushalten, ohne daß man ihre Leiden irgendwie zu mindern +gesucht hätte. Einige Verwundete, mehrere Frauen und Kinder starben dabei, +deren Leichen die Gefangenen selbst einscharren mußten, da ihre Peiniger +jenen sogar ein Grab verweigerten. + +Während dieser harten Prüfungen machten sich Alcide Jolivet und Harry +Blount, jeder auf seine Weise, doppelt nützlich und waren zu jedem Dienste +bereit, den sie nur irgend zu leisten vermochten. Da sie früher keinen +harten Entbehrungen ausgesetzt und demnach gesund und kräftig waren, so +widerstanden sie auch den jetzigen üblen Einflüssen besser und konnten +sich durch ihren Rath und ihre sorgende Pflege Denen nützlich erweisen, +welche jetzt empfindlicher litten und der Verzweiflung verfielen. + +Sollte dieser Jammerzustand länger andauern? Wollte Feofar-Khan, +befriedigt durch die ersten glücklichen Erfolge, einige Zeit rasten, bevor +er auf Irkutsk marschirte? Man hätte das wohl befürchten können, es kam +indeß anders. Das von Alcide Jolivet und Harry Blount so herbeigesehnte, +von Michael Strogoff so gefürchtete Ereigniß trat am Morgen des 12. August +wirklich ein. + +An diesem Tage schmetterten die Trompeten, wirbelten die Trommeln und +knatterten die Musketen. Eine ungeheure Staubwolke wälzte sich langsam +über der Straße von Kolyvan dahin. + +Iwan Ogareff hielt, gefolgt von vielen Tausend Mann, seinen Einzug in das +Lager der Tartaren. + + + + + Zweites Capitel. + + + Alcide Jolivet’s Haltung. + + +Es war ein ganzes Armeecorps, das Iwan Ogareff dem Emir zuführte. Diese +Reiter und Fußsoldaten bildeten einen Theil der Heeresabtheilung, welche +sich der Stadt Omsk bemächtigt hatte. Da Iwan Ogareff nicht im Stande +gewesen war, die obere Stadt einzunehmen, in welche sich, wie erzählt, der +Gouverneur zurückgezogen hatte, so entschloß er sich, weiter zu ziehen, um +die Operationen, welche im östlichen Sibirien geplant waren, nicht +aufzuhalten. So ließ er nur eine hinreichende Garnison in Omsk zurück. +Dann sammelte er seine Horden, verstärkte sich unterwegs durch die Sieger +von Kolyvan und stellte seine Verbindung mit der Armee Feofar’s her. + +Die Truppen Iwan Ogareff’s hielten vor den Außenposten des Lagers. Sie +erhielten keinen Befehl zum Bivouaquiren. Die Absicht ihrer Führer ging +offenbar dahin, sich gar nicht aufzuhalten, sondern sofort weiter zu +dringen und in kürzester Zeit Tomsk, die bedeutendere Stadt, in ihre +Gewalt zu bringen, welche von Natur zum Centrum der zukünftigen +Operationen bestimmt schien. + +Gleichzeitig mit den Soldaten brachte Iwan Ogareff auch einen Transport +russischer und sibirischer Gefangener, die bei Omsk oder Kolyvan in +Feindeshand gefallen waren. Diese Unglücklichen wurden gar nicht erst in +die Umzäunung geführt, welche ohnedies schon zu klein für alle die +erschien, welche darin schmachteten, sondern hielten bei den Vorposten, +ohne jeden Schutz, fast ohne Nahrung. Welches Loos stand diesen wohl durch +Feofar-Khan bevor? Würde er sie in Tomsk einkerkern oder sollte sie +vielleicht eine blutige Execution, das gewöhnliche Verfahren der +Tartarenhäuptlinge, decimiren? Noch blieb das ein Geheimniß des launischen +Emirs. + +Dieses Armeecorps war nicht von Omsk und Kolyvan abgezogen, ohne einen +großen Haufen Bettler, Marodeurs und Zigeuner mitzubringen, welche +gewöhnlich den Nachtrab einer Armee auf dem Marsche zu bilden pflegen. +Diese ganze Volksmenge lebte auf Kosten der durchzogenen Landschaften und +ließ wenig zu plündern hinter sich zurück. Schon hieraus ergab sich die +Nothwendigkeit, weiter vorzudringen, und geschehe es nur, um für die +Expeditions-Colonnen den nöthigen Proviant zu verschaffen. Der ganze +Landstrich zwischen dem Laufe des Ichim und des Obi war schon verwüstet +und bot keinerlei Hilfsquellen mehr. Hinter sich ließen die Tartaren eine +Wüste, welche die Russen gewiß nur mit größter Schwierigkeit zu +durchziehen im Stande sein konnten. + +Unter den Zigeunerschaaren, welche von Westen her mitgekommen waren, +befand sich auch jene Truppe, die Michael Strogoff bis Perm begleitet +hatte. Sangarre zählte auch noch zu dieser. Diese wilde Spionin, der böse +Geist Iwan Ogareff’s, verließ ihren Herrn und Meister niemals. Wir haben +sie schon beide gesehen, wie sie, noch in Rußland selbst, im Gouvernement +von Nishny-Nowgorod, ihre Pläne schmiedeten. Nach Ueberschreitung des Ural +hatten sie sich nur auf einige Tage getrennt. Iwan Ogareff suchte damals +Ichim so schnell als möglich zu erreichen, während Sangarre und ihre +Gesellschaft durch den Süden der Provinz auf Omsk zu zogen. + +Man wird leicht begreifen, welche Hilfe dieses Weib Iwan Ogareff leistete. +Durch ihre Tsiganen drang sie überall ein, hörte und beobachtete Alles. +Iwan Ogareff wurde von jedem Vorfalle in den besetzten Gebietstheilen auf +dem Laufenden erhalten. Hundert Augen, hundert Ohren waren stets in seinem +Dienst geöffnet. Uebrigens gewährte er für diese Spionendienste, deren +Vortheil ihm genügend einleuchtete, gern einen hohen Lohn. + +Als Sangarre früher einmal in eine sehr bedenkliche Sache verwickelt +gewesen war, hatte sie der russische Offizier gerettet. Nie vergaß sie, +was sie ihm schuldete, und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Als +Iwan Ogareff dann den Verbrecherpfad des Verräthers beschritt, erkannte er +recht gut, welchen Nutzen er aus der Ergebenheit dieser Frau ziehen +konnte. Er mochte einen Befehl geben, welchen er wollte, – Sangarre führte +ihn aus; ein wahrhaft außergewöhnlicher Instinct, noch mächtiger +entwickelt als selbst das Gefühl ihrer Dankbarkeit, hatte sie fast +gedrängt, sich dem Verräther als Sklavin zu ergeben, an den sie sich seit +den ersten Tagen seiner Verbannung nach Sibirien anschloß. Geschmeichelt +durch sein Vertrauen, gefiel sich die vaterlandslose Sangarre darin, ihr +Vagabundenleben den Empörern zu widmen, welche Iwan Ogareff nach Sibirien +führte. Mit der natürlichen Arglist ihrer Race verband sie eine wilde +Energie, welche keine Vergebung und kein Mitleid kannte. Sie war eine +Wilde, würdig die Hütte eines Apachen oder den Wigwam eines Andamiers zu +theilen. + +Seit seiner Ankunft in Omsk, wo sie sich ihm mit ihren Zigeunern wieder +anschloß, hatte Sangarre Iwan Ogareff nicht mehr verlassen. Der Zufall, +welcher Michael und Marfa Strogoff zusammengeführt hatte, war ihr bekannt. +Die Befürchtungen Iwan Ogareff’s wegen des Durchzugs eines Couriers des +Czaaren wußte und theilte sie. Für die gefangene Marfa Strogoff wäre sie +die geeignete Furie gewesen, diese mit der Bosheit einer Rothhaut zu +peinigen, um ihr ihr Geheimniß zu entreißen. Noch war aber die Stunde +nicht gekommen, da Iwan Ogareff die alte Sibirerin zum Reden zwingen +wollte. Sangarre mußte warten, und sie wartete, ohne Diejenige aus den +Augen zu verlieren, welche sie wider ihr Wissen belauschte, deren +geringste Geste, deren unschuldigstes Wort sie beobachtete, die sie Tag +und Nacht bewachte, um das Wort „Sohn“ einmal ihren Lippen entschlüpfen zu +hören, während Marfa Strogoff’s außerordentliche Kaltblütigkeit vorläufig +noch alle diese Bemühungen vereitelte. + +Inzwischen hatten sich bei dem Schmettern der Fanfaren der +Oberbefehlshaber der Artillerie und der Großstallmeister des Emirs, +begleitet von einer glänzenden Escorte, zum Empfange Iwan Ogareff’s vor +das Feldlager hinaus begeben. + +Als sie diesem nahe kamen, erwiesen sie ihm die höchsten Ehrenbezeigungen +und luden ihn ein, ihnen nach dem Zelte Feofar-Khan’s zu folgen. + +Ruhig und gemessen wie immer erwiderte Iwan Ogareff nur sehr kühl die +Höflichkeiten der zu seinem Empfange entgegengesendeten hohen +Staatsbeamten. Er war nur sehr einfach gekleidet, trug aber, – fast +erschien es wie ein Ausdruck etwas prahlerischer Frechheit, – noch +russische Uniform. + +Gerade als er die Zügel seines Rosses faßte, um in den Kreis des Lagers zu +reiten, drängte sich Sangarre durch die Reiter der Escorte, näherte sich +ihm und blieb unbeweglich stehen. + +„Nichts? fragte Iwan Ogareff. + +— Nichts. + +— Sei geduldig. + +— Nähert sich die Stunde noch nicht, wo Du die alte Frau zum Reden zwingen +wirst? + +— Sie kommt, Sangarre. + +— Wann wird das Weib sprechen sollen? + +— Sobald wir in Tomsk sind. + +— Und dahin kommen wir ...? + +— Binnen drei Tagen.“ + +Wie ein Blitz leuchtete es auf in Sangarre’s großen, schwarzen Augen, dann +zog sie sich still und geschmeidig zurück. + +Iwan Ogareff gab seinem Pferde die Sporen und wendete sich, mit seinem +Generalstabe im Gefolge, nach dem Zelte des Fürsten. + +Feofar-Khan war ein hochgewachsener Mann von vierzig Jahren, mit einem +bleichen Gesicht, drohenden Augen und wilder Physiognomie. Der schwarze +Bart wallte in kleinen Ringeln bis auf seine Brust herab. In seiner +Kriegerkleidung, dem gold- und silbermaschigen Panzerhemd, dem von edeln +Steinen glitzernden Degengehänge, mit dem krummen, einem Yatagan ähnlichen +Säbel, dessen Scheide mit prächtigen Gemmen eingelegt war, den +schnurenbesetzten Sporenstiefeln und der asiatischen Mütze, an der eine +Aigrette feuerstrahlender Diamanten funkelte, bot Feofar-Khan mehr das +fremdartige, als ehrfurchtgebietende Bild eines tartarischen Sardanapal, +eines unumschränkten Herrschers, der über Leib und Blut seiner Unterthanen +ganz nach Gutdünken verfügt, dessen persönliche Macht ohne Grenzen ist, +und dem man, nach der in Bukhara lange herrschenden Sitte, ausschließlich +den Namen „Emir“ beilegte. + +Als Iwan Ogareff erschien, blieben die Großwürdenträger auf ihren +goldbetreßten Kissen ruhig sitzen; Feofar-Khan dagegen erhob sich von dem +reichen Divan im Hintergrunde des Zeltes, dessen Fußboden der weiche +Sammet eines bukharischen Teppichs verhüllte. + +Der Emir näherte sich Iwan Ogareff und gab ihm einen Kuß; ein Zeichen, +dessen Bedeutung Jener sehr wohl kannte. Dieser Kuß erhob den +Unterbefehlshaber zum Vorsitzenden des Raths und stellte ihn zeitweilig +über den Khodja. + +Hierauf wendete sich Feofar-Khan zu Iwan Ogareff. + +„Ich habe Dich nichts zu fragen, begann er, sprich Du selbst, Iwan, Du +wirst hier nur Ohren finden, welche bereit sind, Deine Reden zu hören. + +— Takhsir(4), erwiderte Iwan Ogareff, so höre, was ich zu sagen habe.“ + +Iwan Ogareff sprach tartarisch und drückte sich mit dem emphatischen +Schwunge aus, der die Sprache der Orientalen auszeichnet. + +„Takhsir, die Zeit ist unnützen Worten nicht hold! Du weißt, was ich an +der Spitze Deiner Truppen gethan habe. Die Linien des Ichim und Irtysch +sind in unserer Macht und die Turkomanenreiter können ihre Pferde in dem +nun tartarisch gewordenen Strome tränken. Die Kirghisenhorden erheben sich +auf den Ruf Feofar-Khan’s, und Dein ist die Hauptstraße Sibiriens vom +Ichim bis nach Tomsk. Du kannst von hier aus Deine Heersäulen ebenso wohl +nach dem Osten entsenden, wo die Sonne aufgeht, als hinaus nach dem +Westen, wo sie sich niederlegt. + +— Und wenn ich mit der Sonne marschire? fragte der Emir, ohne daß ein Zug +des Gesichts die Gedanken seines Innern verrieth. + +— Wenn Du mit der Sonne gehst, antwortete Iwan Ogareff, so wirst Du nach +Europa zu gelangen und in schnellem Siegeslaufe die sibirischen Provinzen +von Tobolsk bis nach den Bergen des Ural gewinnen. + +— Und wenn ich der Fackel des Himmels entgegen ziehe? + +— So wirst Du mit Irkutsk die reichen Gebiete des mittleren Asiens der +tartarischen Herrschaft unterwerfen. + +— Doch die Armeen des Sultans von Petersburg? fragte Feofar-Khan, der mit +diesem sonderbaren Titel den Kaiser von Rußland bezeichnete. + +— Von ihnen hast Du nichts zu fürchten, weder nach Sonnenaufgang, noch +nach Sonnenuntergang zu, entgegnete Iwan Ogareff. Unser Einfall erfolgte +zu plötzlich, und bevor die russische Armee im Stande ist, ihnen Hilfe zu +leisten, werden Irkutsk oder Tobolsk in Deine Hände gefallen sein. Die +Truppen des Czaaren sind bei Kolyvan aufgerieben worden, wie es überall +geschehen wird, wo die Deinen gegen jene verächtlichen Heerhaufen des +Occidentes streiten werden. + +— Und welchen Rath giebt Dir Deine Ergebenheit für die Sache der Tartaren +ein? fragte der Emir nach einer kurzen Pause. + +— Mein Rath, entgegnete Iwan Ogareff lebhaft und schnell, geht dahin, der +Sonne entgegen zu ziehen! Das Gras der östlichen Steppen sollen die Rosse +der Turkomanen abweiden. Jetzt gilt es, Irkutsk einzunehmen, die +Hauptstadt der Provinz des Ostens, und mit ihr eine Geißel zu gewinnen, +welche den Besitz eines großen Landes aufwiegt. Jetzt muß, da es der Czaar +nicht selbst sein kann, an seiner Stelle der Großfürst, sein Bruder, in +Deine Hände fallen.“ + +Das war das letzte Ziel, dem Iwan Ogareff nachstrebte. Hörte man ihn so +reden, so hätte man ihn wohl für einen Abkommen jenes grausamen Stephan +Razine halten können, der das südliche Rußland im 18. Jahrhundert +verwüstete. Sich des Großfürsten zu bemächtigen, ihn ohne Mitleid in +Fesseln zu schlagen, nach dieser Befriedigung seines Hasses geizte er +unablässig. Die Einnahme von Irkutsk unterwarf übrigens gleichzeitig das +ganze östliche Sibirien der Herrschaft der Tartaren. + +„Es geschehe, wie Du sagst, Iwan, erwiderte Feofar-Khan. + +— Wie lauten Deine Befehle, Takhsir? + +— Noch heute soll unser Hauptquartier nach Tomsk verlegt werden.“ + +Iwan Ogareff verneigte sich und zog sich in Begleitung des Housch-Begui +zurück, um die Befehle des Emirs auszuführen. + +Eben als er zu Pferde steigen wollte, nach den Vorposten zurückzukehren, +entstand in einiger Entfernung, in dem von den Gefangenen eingenommenen +Theil des Lagers, ein gewisser Tumult. Man vernahm wüstes Geschrei, dem +zwei oder drei Gewehrschüsse folgten. Handelte es sich hier um den Versuch +einer Revolte oder einer Massenflucht, welche summarisch zurückgewiesen +wurde? + +Iwan Ogareff und der Housch-Begui gingen ein wenig nach der Gegend zu und +fast gleichzeitig erschienen zwei Männer, trotz der Anstrengung der +Soldaten, sie zu halten, vor den beiden Officieren. + +Der Housch-Begui machte ohne weitere Nachforschungen ein Zeichen mit der +Hand, welches einem Todesbefehl gleichkam, der die Köpfe der Gefangenen +wohl schnell hätte in den Sand rollen lassen, als Iwan Ogareff einige +Worte fallen ließ, die dem schon über Jenen geschwungenen Säbel Halt +geboten. + +Der Russe hatte schnell erkannt, daß die beiden Gefangenen Fremde waren, +und befahl, sie ihm vorzuführen. + +Man ließ nun Harry Blount und Alcide Jolivet vortreten. + +Seit der Ankunft Iwan Ogareff’s im Lager hatten sie schon verlangt, vor +ihn gebracht zu werden. Die Soldaten schlugen ihren Wunsch einfach ab. +Daraus entspann sich ein Streit, der mit einem Fluchtversuche und einigen +Gewehrschüssen endigte, denen die Journalisten noch ohne Verwundung +entgingen; immerhin hätten sie ohne das Dazwischentreten des +Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiß bald mit dem Leben zu +büßen gehabt. + +Letzterer examinirte die ihm vollständig unbekannten Gefangenen einige +Augenblicke. Dieselben hatten zwar dem Auftritt im Relais zu Ichim +beigewohnt, als Michael Strogoff von Iwan Ogareff geschlagen wurde. Der +brutale Reisende von damals hatte indeß den mit anwesenden Personen +keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt. + +Harry Blount und Alcide Jolivet dagegen erkannten Jenen vollkommen wieder +und Letzterer sagte halblaut: + +„Sieh da! Es scheint, der Oberst Ogareff und der grobe Reisende von Ichim +sind ein und dieselbe Person!“ + +Dann raunte er seinem Begleiter noch ins Ohr: + +„Setzen Sie ihm unsere Angelegenheit auseinander, Blount, Sie erweisen mir +einen großen Gefallen. Dieser russische Oberst in einem Tartarenlager +mißfällt mir gar zu sehr, und wenn mein Kopf auch nur Dank seiner +Vermittelung noch auf seinen Schultern sitzt, so würden sich meine Augen +doch eher verächtlich von ihm abwenden, als ihm in’s Angesicht zu sehen.“ + +In Alcide Jolivet’s Zügen malte sich die vollständigste und hochmüthigste +Gleichgiltigkeit. + +Empfand es Iwan Ogareff, daß diese Haltung des Gefangenen etwas +Beleidigendes für ihn hatte? Jedenfalls ließ er nichts davon bemerken. + +„Wer sind Sie, meine Herren? fragte er rasch mit zwar sehr kaltem, aber +minder als gewöhnlich rauhem Tone. + +— Zwei Correspondenten englischer und französischer Journale, erwiderte +Harry Blount lakonisch. + +— Sie besitzen jedenfalls Papiere, ihre Identität nachzuweisen? + +— Hier sind Schriftstücke, welche uns in Rußland bei den Kanzlern Englands +und Frankreichs accreditiren.“ + +Iwan Ogareff nahm die Papiere, die ihm Harry Blount hinreichte, entgegen +und las sie mit Aufmerksamkeit durch. + +„Sie begehren die Erlaubniß, unseren militärischen Operationen in Sibirien +zu folgen? begann er darauf. + +— Wir begehren nichts als frei zu sein, entgegnete lakonisch der englische +Reporter. + +— Sie sind es, meine Herren, antwortete Iwan Ogareff, und ich bin sehr +begierig, Ihre Berichte im Daily-Telegraph zu lesen. + +— Mein Herr, versetzte Harry Blount, mit seinem nie aus dem Gleichgewicht +kommenden Phlegma, die Nummer kostet sechs Pence ohne das Postporto.“ + +Dabei wendete sich Harry Blount nach seinem Begleiter zurück, der seine +Worte stillschweigend zu bestätigen schien. + +Iwan Ogareff lächelte nicht, gab seinem Pferde die Sporen und verschwand +an der Spitze seiner Escorte bald in einer Staubwolke. + +„Nun, Herr Jolivet, was meinen Sie über Iwan Ogareff, den Oberanführer der +Tartarenheere? fragte Harry Blount. + +— Ich denke noch daran, lieber College, erwiderte lächelnd Alcide Jolivet, +daß jener Housch-Begui eine recht hübsche Geste machte, als er den Befehl +gab, uns um einen Kopf kürzer zu machen!“ + +Welche Empfindung Iwan Ogareff auch bei seinem Verfahren gegen die +Journalisten leiten mochte, jedenfalls waren diese frei und konnten den +Kriegsschauplatz nach Belieben durchwandern. Nun kam es ihnen gewiß nicht +in den Sinn, die Flinte in’s Korn zu werfen. Auch die Antipathie, welche +sie früher wohl gegen einander fühlten, hatte einer innigen Freundschaft +Platz gemacht. Durch die Umstände einander genähert, dachten sie gar nicht +daran, sich zu trennen. Die leidigen Fragen einer unnützen Eifersucht +waren für immer gelöscht. Harry Blount konnte niemals vergessen, was er +seinem Begleiter schuldete, der es jedoch vermied, ihn irgend wie daran zu +erinnern; die gegenseitige Annäherung erleichterte die Zwecke der +Reportage, gewiß zum Vortheile der beiderseitigen Leser. + +„Und nun, begann Harry Blount, was werden wir nun mit unserer Freiheit +anfangen? + +— Zum Teufel, wir werden sie ausnutzen und ruhig nach Tomsk gehen, um zu +sehen, was dort geschieht. + +— Bis zu dem, hoffentlich nicht mehr fernen Augenblick, der es gestattet, +uns einem russischen Corps anzuschließen? – + +— Ganz recht, mein lieber Blount; man darf sich nicht zu sehr +tartarisiren! Die bessere Rolle spielen immer diejenigen, deren Waffen die +Civilisation verbreiten, und offenbar hätten die Volksstämme Centralasiens +Alles zu verlieren und gar nichts bei diesem Einfalle der Halbwilden zu +gewinnen; die Russen werden sie aber schon zu vertreiben wissen; das kann +nur eine Frage der Zeit sein.“ + +Das Erscheinen Iwan Ogareff’s, dem Alcide Jolivet und Harry Blount ihre +Freiheit verdankten, stellte im Gegentheil aber eine große Gefahr für +Michael Strogoff dar. Wenn der Zufall den Courier des Czaaren Iwan Ogareff +vor Augen führte, mußte dieser ohne Zweifel den Reisenden wiedererkennen, +den er auf dem Relais zu Ichim so brutal behandelt hatte, und wenn Michael +Strogoff damals auch sich nicht, wie er es in jedem andern Falle gethan +hätte, gegen die ihm angethane Schmach vertheidigte, so mußte er doch der +Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit werden, – was der Erreichung seiner +Ziele gewiß nicht förderlich sein konnte. + +Hierin lag die bedenklichere Seite der Anwesenheit Iwan Ogareff’s. Dagegen +durfte es als eine glückliche Folge seiner Ankunft betrachtet werden, daß +noch an demselben Tage der Befehl zur Aufhebung des Lagers und zur +Verlegung des Quartiers nach Tomsk erging. + +Michael Strogoff’s lebhafter Wunsch ging hiermit in Erfüllung. Seine +Absicht war es, wie bekannt, Tomsk inmitten der übrigen Gefangenen zu +erreichen, d. h. ohne dabei Gefahr zu laufen, Plänklern in die Hände zu +fallen, welche die Umgegend jener wichtigen Stadt in großer Anzahl +umschwärmten. In Folge der Ankunft Iwan Ogareff’s aber und der Furcht, von +diesem erkannt zu werden, entstand ihm doch die Frage, ob er nicht lieber +auf den ersteren Vortheil verzichten und unterwegs zu entfliehen versuchen +solle. + +Michael Strogoff hätte sich wahrscheinlich noch für das letztere +entschieden, als ihm zu Ohren kam, daß Feofar-Khan und Iwan Ogareff an der +Spitze mehrerer tausend Reiter schon nach jener Stadt abgegangen seien. + +„Ich werde es also abwarten, sagte er sich, wenn sich nicht eine ganz +ausnahmsweise günstige Gelegenheit zur Flucht darbietet. Diesseit Tomsk +überwiegen ja die schlechten Chancen, jenseit desselben nehmen die guten +immer zu, da ich dort binnen wenig Stunden über die am meisten nach Osten +vorgeschobenen Posten der Tartaren hinausgelangen kann. Noch drei Tage +Geduld und dann stehe Gott mir bei!“ + +In der That brauchte es nur einer Reise von drei Tagen, welche die +Gefangenen unter strenger Aufsicht einer starken Abtheilung Tartaren durch +die Steppe zurückzulegen hatten. Zwischen dem Lager und der Stadt lag eine +Entfernung von einhundertfünfzig Werst. Den Soldaten des Emirs, die an +nichts Mangel litten, ward dieser Weg zwar leicht genug, desto schwerer +aber den unglücklichen, durch Entbehrungen aller Art geschwächten +Gefangenen. Mehr als eine Leiche sollte ihren Zug über die sibirische +Heerstraße bezeichnen. + +Am 12. August um zwei Uhr Nachmittags, bei großer Hitze und wolkenlosem +Himmel, gab der Toptschi-Baschi Befehl zum Aufbruch. + +Nachdem sie sich Pferde gekauft hatten, waren Alcide Jolivet und Harry +Blount schon auf dem Wege nach Tomsk, wo die Logik der Thatsachen die +wichtigsten Personen dieser Geschichte voraussichtlich vereinigen mußte. +Unter den von Iwan Ogareff nach dem tartarischen Lager geschleppten +Gefangenen befand sich auch eine bejahrte Frau, deren Schweigsamkeit sie +von allen Uebrigen, welche ihr Loos theilten, auffallend unterschied. Kein +Klagelaut kam über ihre Lippen. Man hätte sie eine Bildsäule des Schmerzes +nennen können. Diese fast stets unbewegliche, ruhige und aufmerksamer als +die Andern bewachte Frau wurde, ohne daß sie es ahnte oder sich darum zu +kümmern schien, stets von Sangarre beobachtet. Trotz ihres Alters hatte +auch sie dem Gefangenentransporte zu Fuße folgen müssen, ohne daß Jemand +versucht hätte, ihr irgend eine Erleichterung zu gewähren. + +Dagegen sendete die weise Vorsehung ein muthiges, liebenswürdiges anderes +Wesen an ihre Seite, das ganz dazu geschaffen schien, ihr Beistand zu +leisten. Unter ihren Unglücksgefährten befand sich ein junges, durch seine +Schönheit und Kaltblütigkeit ausgezeichnetes Mädchen, das es sich zur +Aufgabe machte, über sie zu wachen. Noch war zwischen den beiden +Gefangenen kaum ein Wort gewechselt worden, und doch war das junge Mädchen +stets zur Hand, wenn es der alten Frau nur den geringsten Dienst leisten +konnte. Letztere hatte von Anfang an die stumme Sorgfalt der Unbekannten +nicht ohne einiges Mißtrauen gesehen. Nach und nach besiegte aber der +gerade, offene Blick des Mädchens, ihre Zurückhaltung und die +geheimnißvolle Sympathie, welche die Gemeinsamkeit des Schmerzes zwischen +zwei gleichmäßig Unglücklichen so leicht hervorruft, die stolze, halb +abweisende Kälte Marfa Strogoff’s. Nadia, – denn sie war es, – hatte auf +diese Weise unbewußt der Mutter einen Theil der Wohlthaten zurückzahlen +können, die sie dem Sohne schuldete. Ihr von Natur gutes Herz hatte sie +hier doppelt gut geleitet. Dadurch, daß sie Jener gern diente, erwarb sich +Nadia für ihre Jugend und Schönheit den Schutz der älteren Gefangenen. +Mitten in dieser Menge elender, durch ihre Leiden gereizter Leute wußten +sich diese beiden schweigsamen weiblichen Wesen, deren Eine die +Großmutter, die Andere die Enkelin zu sein schien, doch immer eine Art +Hochachtung zu sichern. + +Nadia war, nachdem sie die tartarischen Plänkler in die Barken auf dem +Irtysch geschleppt hatten, nach Omsk gebracht worden. In der Stadt +gefangen gehalten, theilte sie das Loos aller derjenigen, welche die +Truppen Iwan Ogareff’s bis dahin eingebracht hatten, und folglich auch das +Marfa Strogoff’s. + +Ohne ihre unbeugsame Energie wäre Nadia wohl dem doppelten Schlage, der +sie traf, unterlegen. Die Unterbrechung ihrer Reise und der Tod Michael +Strogoff’s drückten und empörten sie zu gleicher Zeit. Vielleicht für +immer getrennt von ihrem Vater, nach so unsäglichen glücklich +überstandenen Mühen, die sie ihm genähert hatten, und, um ihren Schmerz +auf’s Höchste zu steigern, der Verlust des unerschrockenen Begleiters, den +Gott selbst ihr auf den Weg gesendet zu haben schien, um sie zum Ziel zu +geleiten, – Alles hatte sie mit einem Schlage verloren. Nie schwand das +Bild Michael Strogoff’s, der vor ihren Augen von einem Lanzenstoße +getroffen in den Fluthen des Irtysch versank, aus ihren Gedanken. Mußte +ein solcher Mann einen so traurigen Tod finden? Für wen sparte Gott seine +Wunder, wenn dieser Gerechte, der gewiß einem edlen Zwecke diente, so +jammervoll auf seinem Wege aufgehalten werden sollte? Manchmal gewann der +Zorn die Oberhand über ihren Schmerz. Die schmachvolle Behandlung, die ihr +Begleiter auf dem Relais zu Ichim so unerwartet ruhig über sich ergehen +ließ, kam ihr wieder in den Sinn. Ihr Herzblut kochte bei dieser +Erinnerung. + +„Wer wird wohl diesen Todten rächen, sagte sie zu sich selbst, da er es +selbst nicht mehr kann?“ + +Und dann richtete sie heimlich ihr Gebet zu Gott und rief: + +„Mach es, Herr, daß ich es sein darf!“ + +Hätte ihr Michael Strogoff nur noch vor seinem Tode sein Geheimniß +anvertraut, wie gern hätte sie, wenn auch ein Weib und noch ein halbes +Kind, den Auftrag des Bruders zu erledigen versucht, eines Bruders, den +Gott ihr nicht erst hätte schenken sollen, wenn sie ihn so zeitig wieder +verlieren sollte!... + +Man begreift, daß Nadia, von solchen Gedanken erfüllt, für die Leiden +ihrer Gefangenschaft fast unempfindlich wurde. + +Da hatte sie der Zufall, ohne die geringste Ahnung ihrerseits, mit Marfa +Strogoff zusammengeführt. Wie konnte sie auf den Gedanken kommen, daß +diese alte Frau, ihre Mitgefangene, die Mutter ihres früheren Begleiters +sein könne, der für sie ja stets der Kaufmann Nicolaus Korpanoff gewesen +war. Und wie hätte Marfa auf der andern Seite ahnen können, welches Band +der Erkenntlichkeit das junge Mädchen an ihren Sohn fesselte? + +Was Nadia zuerst an Marfa auffiel, das war eine Art geheimer +Uebereinstimmung, womit Jede von ihnen sich ihrem bedauernswerthen Loose +unterwarf. Der stoische Gleichmuth der alten Frau gegenüber den Leiden und +Entbehrungen ihres täglichen Lebens, diese Verachtung aller körperlichen +Beschwerden, konnte Marfa nur aus einem geheimen Schmerze gewinnen, der +dem ihrigen an Größe gleichkam. Das waren die Gedanken Nadia’s, und wir +wissen, daß sie sich damit nicht täuschte. Eine instinctive Sympathie für +jene Schmerzen, welche Marfa Strogoff nicht zeigte, zog Nadia zuerst zu +ihr hin. Diese Art und Weise, ihr Leid und Weh zu tragen, harmonirte mit +der stolzen Seele des jungen Mädchens. Sie bot Jener ihre Dienste nicht +erst an, sie leistete sie ihr. Marfa kam nicht dazu, diese annehmen oder +abschlagen zu können. An beschwerlicheren Stellen des Weges war das junge +Mädchen da und unterstützte sie mit ihren Armen. Wenn Nahrungsmittel +ausgetheilt wurden, hätte die alte Frau wohl nie etwas geholt, aber Nadia +theilte mit ihr die eigenen kärglichen Mahlzeiten, so daß sie Beide den +qualvollen Zug durch das Land auf gleiche Weise zurücklegten. Dank ihrer +jungen Begleiterin vermochte Marfa Strogoff den Soldaten, welche den +Gefangenentransport leiteten, zu folgen, ohne an einen Sattelknopf +gefesselt zu werden, wie manche andere Unglückliche, welche so auf ihrem +Schmerzenswege dahin geschleppt wurden. + +„Gott lohne es Dir, meine Tochter, was Du für meine alten Tage gethan +hast!“ sagte einmal Marfa Strogoff, das einzige Wort, das während einer +langen Zeit zwischen den beiden armen Wesen gewechselt worden war. + +Man hätte meinen sollen, daß die ältere Frau und das junge Mädchen im +Verlaufe mehrerer Tage, die ihnen wie Jahrhunderte erschienen, sich einmal +über ihre Verhältnisse ausgesprochen hätten. Marfa Strogoff hatte aber aus +leicht begreiflichen Gründen, und auch das nur möglichst kurz, von sich +allein gesprochen. Sie hatte nie ihres Sohnes oder des traurigen +Augenblicks erwähnt, der sie mit ihm zusammenführte. + +Ebenso verhielt sich Nadia lange Zeit fast stumm, vermied wenigstens jedes +unnütze Wort. Erst als sie eines Tages immer deutlicher fühlte, daß sie +eine hohe, edle Seele in ihrer Begleiterin vor sich hatte, ging ihr das +Herz über und sie erzählte, ohne etwas zu verheimlichen, Alles, was ihr +seit der Abreise von Wladimir bis zum Tode Nicolaus Korpanoff’s begegnet +war. Was sie von ihrer jungen Begleiterin hörte, erregte die lebhafteste +Theilnahme der alten Sibirerin. + +„Nicolaus Korpanoff, sagte sie, erzähle mir noch mehr von diesem Nicolaus! +Ich kenne nur einen Mann, nur einen einzigen unter der jetzigen Jugend, +von dem mich ein solches Benehmen nicht Wunder genommen hätte! Nicolaus +Korpanoff? War das auch sein Name? Bist Du dessen sicher, meine Tochter? + +— Warum sollte er mich hierin getäuscht haben, erwiderte Nadia, da er in +allen andern Dingen die Wahrheit sprach?“ + +Dennoch trieb ein ungewisses Gefühl Marfa Strogoff, an Nadia immer weitere +Fragen zu stellen. + +„Du sagst mir er sei unerschrocken gewesen, meine Tochter; Du hast mir +versichert, daß er es war, sagte sie. + +— Gewiß, unerschrocken, bestätigte Nadia. + +— So wäre mein Sohn auch gewesen“, murmelte Marfa Strogoff halb für sich. + +Dann fuhr sie fort: + +„Du sagst mir auch, daß Nichts ihn aufhalten konnte, daß Nichts ihn +erschreckte, daß er so mild war, bei aller Kraft, daß Du in ihm ebenso gut +eine Schwester, wie einen Bruder hattest, daß er über Dich wachte, wie +eine Mutter? + +— Ja, ja, erwiderte Nadia, Bruder, Schwester, Mutter, o, er war mir Alles! + +— Und auch ein Löwe, Dich zu vertheidigen? + +— Wahrhaftig, ein Löwe! antwortete Nadia; ja ein Löwe, ein Held! + +— Mein Sohn, mein Sohn! dachte die alte Sibirierin. Du sagst auch, daß er +im Posthofe zu Ichim sich eine so unwürdige Behandlung gefallen ließ? + +— Ja, er ertrug sie, meinte Nadia und senkte das Haupt. + +— Er hat sie ertragen? murmelte zitternd Marfa Strogoff. + +— Mutter, Mutter! rief Nadia, verdammt ihn nicht! Er trug ein Geheimniß +mit sich, worüber heut nur Gott noch Richter sein kann. + +— Und damals, fuhr Marfa Strogoff fort, den Kopf wieder aufrichtend und +Nadia scharf ansehend, als wolle sie im tiefsten Grund ihrer Seele lesen, +in jener Stunde der Erniedrigung, hast Du damals jenen Nicolaus Korpanoff +verachtet? + +— Ich habe ihn bewundert, ohne ihn zu verstehen! erwiderte das junge +Mädchen. Ich habe niemals mehr Hochachtung für ihn gefühlt.“ + +Die alte Frau schwieg einen Augenblick. + +„Er war groß? fragte sie hierauf. + +— Sehr groß. + +— Und sehr schön, nicht wahr? Sprich nur meine Tochter. + +— Er war sehr schön, antwortete Nadia leicht erröthend. + +— Das war mein Sohn! Ich sage Dir, das ist mein Sohn gewesen! rief die +alte Frau überwältigt und schloß Nadia in ihre Arme. + +— Dein Sohn? versetzte Nadia ganz erstaunt, Dein Sohn! + +— Weiter, drängte Marfa, komme zum Ende, mein Kind. Dein Begleiter, Dein +Freund, Dein Beschützer, er hatte doch eine Mutter. Hat er Dir niemals von +seiner Mutter gesprochen? + +— Von seiner Mutter? Er hat mir von seiner Mutter gesprochen, wie ich ihm +von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter! + +— Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzählt“, +schluchzte die alte Frau. + +Dann fügte sie ruhiger hinzu: + +„Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter, +welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk +einmal zu sehen? + +— Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht. + +— Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen? + +— Ja gewiß, aber ich muß wohl noch hinzufügen, daß Nicolaus Korpanoff aus +Gründen, die ihm über Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne, +gezwungen schien, das Land möglichst unerkannt zu durchziehen. Es war für +ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und +Gewissenspflicht. + +— Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte +Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, für deren +Erfüllung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Kuß, ach +vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich weiß jetzt +Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du +hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir +angezündet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein +Geheimniß nicht mittheilte, so muß auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir, +Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten. + +— Ich verlange keine Belohnung, Mutter“, antwortete Nadia. + +Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das +unerklärliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu +Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen +Augenblick mehr, daß der Begleiter des jungen Mädchens Michael Strogoff +gewesen sei, daß eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er +durch das überfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine +Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen. + +„O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht +verrathen und keine Tortur soll mir das Geständniß ablocken, daß Du es +wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!“ + +Marfa Strogoff hätte Nadia mit einem Worte für ihre erwiesene Ergebenheit +belohnen können. Sie konnte ihr mittheilen, daß ihr Begleiter Nicolaus +Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch +umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher gesehen und selbst +gesprochen hatte!... + +Sie hielt aber an sich; sie schwieg und begnügte sich zu sagen: + +„Gieb die Hoffnung nicht auf, mein Kind! Das Unglück kann Dich nicht für +immer verfolgen. Du wirst Deinen Vater wiedersehen, ich fühle es, und +vielleicht ist auch der, der Dich Schwester nannte, noch nicht todt! Gott +kann es nicht gestatten, daß Dein edler Gefährte umgekommen sei!... Hoffe +noch immer, meine Tochter! Mach’ es wie ich! Die Trauerkleidung, welche +ich trage, gilt meinem Sohne noch nicht!“ + + + + + Drittes Capitel. + + + Schlag für Schlag. + + +In dieser Weise gestaltete sich also das Verhältniß Marfa Strogoff’s und +Nadia’s zu einander. Die alte Sibirerin hatte Alles durchschaut, und wenn +dem jungen Mädchen auch nicht bekannt war, daß ihr so aufrichtig +betrauerter Begleiter noch lebte, so wußte sie doch, was seiner kindlich +verehrten Mutter geschah, und sie dankte Gott dafür, daß er ihr die Freude +gewährte, der Gefangenen den verlorenen Sohn einigermaßen zu ersetzen. + +Weder die Eine noch die Andere konnten aber wissen, daß der bei Kolyvan +gefangene Michael Strogoff sich in demselben Zuge befinde und gleichzeitig +mit ihnen nach Tomsk transportirt werde. + +Die von Iwan Ogareff weiter zugeführten Gefangenen wurden mit denen, +welche der Emir schon in dem tartarischen Lager bewachen ließ, vereinigt. +Nach Tausenden zählten diese Unglücklichen, Russen oder Sibirier, Militärs +oder Civilpersonen, und bildeten einen Zug von mehreren Werst Länge. +Diejenigen derselben, welche man für die gefährlichsten hielt, waren +mittels Handschellen an eine lange Kette geschlossen. Frauen und Kinder +band oder hängte man an die Sattelknöpfe, um sie ohne Erbarmen auf der +Straße hinzuschleppen. Man trieb sie wie eine Heerde Vieh vor sich her. +Die begleitenden Reiter sahen auf die Einhaltung einer gewissen Ordnung, +so daß es hier keine Nachzügler gab, außer denjenigen, welche zusammen +brachen, um nicht wieder aufzustehen. + +In Folge dieser Ordnung kam es, daß Michael Strogoff, der sich in den +ersten Reihen befand, die das Feldlager verließen, d. h. unter den +Gefangenen von Kolyvan, nicht unter die zuletzt aus Omsk angelangten +Gefangenen gemischt wurde. Er konnte also die Anwesenheit seiner Mutter +und Nadia’s in demselben Gefangenenzuge ebenso wenig ahnen, wie diese die +seinige. + +Dieser Zug vom Lager bis nach Tomsk, unter der Knute der Soldaten und +solch’ traurigen Verhältnissen, wurde für nicht Wenige tödtlich, für Alle +furchtbar. Man marschirte quer durch die Steppe, auf einer Straße, die +durch den mit seiner Avantgarde vorausziehenden Emir nur noch staubiger +geworden war. Dazu war Befehl gegeben, möglichst schnell nachzurücken, so +daß nur selten und dann nur kurze Zeit Halt gemacht wurde. Diese 150 Werst +unter brennender Sonne zurückzulegen schien, trotz der Schnelligkeit der +Bewegung, ein endloser Weg zu sein! + +Es ist eine ganz unfruchtbare Gegend, die sich dort vom rechten Ufer des +Obi bis zum Fuße der Vorberge erstreckt, welche zu dem von Norden nach +Süden verlaufenden Sayanskgebirge gehören. Kaum unterbrechen einige +magere, halb verbrannte Gebüsche die Einförmigkeit dieser grenzenlosen +Ebene. Von Bodencultur ist bei dem Wassermangel hier keine Rede, und auch +den von dem anstrengenden Marsche erschöpften Gefangenen fehlte es vor +allen Dingen an dem erquickenden Wasser. Um einen Fluß anzutreffen, hätte +man sich etwa fünfzig Werst weiter nach Osten begeben müssen, bis zu dem +Fuße jenes Landrückens, der die Wasserscheide zwischen dem Obi und Jeniseï +darstellt. Dort läuft der Tom, ein kleiner Nebenfluß des Obi, der auch die +Stadt Tomsk durchfließt, bevor er sich in einer der großen Wasseradern des +Nordens verliert. Dort wäre Wasser in Ueberfluß, die Steppe minder dürr, +die Hitze nicht so drückend gewesen. Die Führer des Zuges hatten aber die +gemessensten Befehle erhalten, auf dem kürzesten Wege nach Tomsk zu +marschiren, denn der Emir mußte jede Stunde fürchten, in der Flanke gefaßt +und von einer aus den nördlichen Provinzen herab dringenden russischen +Colonne abgeschnitten zu werden. Die große sibirische Heerstraße berührte +nun aber die Ufer des Tom nicht, wenigstens nicht mit dem Tracte zwischen +Kolyvan und dem nächsten kleinen, Zabediero genannten Flecken, – und von +der Straße durfte nicht abgewichen werden. + +Wir wollen uns nicht unnützer Weise bei den Leiden so vieler unglücklicher +Gefangener aufhalten. Mehrere Hundert fielen auf der Steppe, wo ihre +Leichen einfach liegen blieben, bis die vom Winter wieder hierher +getriebenen hungrigen Wölfe den Rest ihrer Gebeine verzehrten. + +So wie Nadia jeden Augenblick bei der Hand war, der alten Sibirerin +helfend beizuspringen, so erwies auch Michael Strogoff, da er sich frei +bewegen konnte, seinen schwächlicheren Leidensgefährten alle unter diesen +Verhältnissen möglichen Dienste. Er sprach den Einen Muth zu, unterstützte +die Andern, schonte sich selbst nach keiner Seite, ging ab und zu, bis ihn +die Lanze eines Reiters zwang, den ihm in seiner Reihe angewiesenen Platz +wieder einzunehmen. + +Weshalb versuchte er nicht zu fliehen? – Weil jetzt sein Entschluß fest +stand, sich nicht eher in die Steppe hinaus zu wagen, als bis sie ihm die +nothwendige Sicherheit böte. Er hatte sich nun einmal vorgenommen, „auf +Unkosten des Emirs“ bis Tomsk zu gelangen, und wählte hiermit wohl auch +den besten Theil. Wenn er die zahlreichen kleinen Abtheilungen +berücksichtigte, welche die Ebene auf beiden Seiten des Zuges, bald im +Süden und bald im Norden umschwärmten, so mußte er zu der Ueberzeugung +gelangen, daß er gewiß kaum zwei Werst vorwärts gekommen wäre, ohne von +diesen wieder aufgegriffen zu werden. Ueberall schwärmten die +Tartarenreiter umher und schienen manchmal aus der Erde hervor zu kommen, +wie die lästigen Insecten, welche nach einem Platzregen den Boden +bedecken. Uebrigens erschien ein Fluchtversuch unter den obwaltenden +Verhältnissen sehr schwer, wenn nicht ganz unausführbar. Die escortirenden +Soldaten wachten mit äußerster Strenge, denn für eine erwiesene +Nachlässigkeit stand ihr eigener Kopf auf dem Spiele. + +Am 15. August erreichte der Zug mit sinkendem Tage endlich den kleinen +Flecken Zabediero, etwa dreißig Werst von Tomsk. Hier vereinigte sich die +Straße mit dem Laufe des Tom. + +Gern wären die Gefangenen zuerst nach dem Wasser des Flusses geeilt, ihre +Wächter gestatteten ihnen aber nicht eher aus den Reihen zu treten, als +bis ein provisorisches Lager eingerichtet war. Trotz der zu jener Zeit +gerade überaus heftigen Strömung des Tom hätte der Fluß doch die Flucht +einiger Wagehälse oder Halbverzweifelter begünstigen können, weshalb die +sorgsamsten Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden. Auf den Fluß verlegte man +eine Reihe aus Zabediero requirirter Boote, die eine Kette unmöglich zu +durchbrechender Hindernisse bildeten. Die Außenlinie der an die ersten +Häuser des Städtchens gelehnten Lagerstätte umschloß dagegen ein lückenlos +dichter Cordon von Feldwachen. + +Wenn Michael Strogoff auch einen Augenblick daran denken mochte, sich von +hier aus in die Steppe zu flüchten, so sah er doch, nachdem er sich über +die Sachlage unterrichtet, leicht ein, daß unter diesen Verhältnissen +jeder Fluchtversuch unmöglich sei, und beschloß, sich in Geduld zu fassen, +um nicht Alles auf’s Spiel zu setzen. + +Die Gefangenen lagerten die ganze Nacht über an den Ufern des Tom. Der +Emir hatte den Befehl erlassen, seine Truppen am folgenden Tage nach Tomsk +hinein zu führen. Dort sollte die Verlegung des Hauptquartiers nach jener +wichtigen Stadt durch ein großes militärisches Fest gefeiert werden. +Feofar-Khan residirte schon in dem Fort derselben, während das Gros der +Armee vor den Mauern bivouakirte, um vereint mit der nachfolgenden +Abtheilung einen imposanten Einzug zu halten. + +Iwan Ogareff hatte den Emir in Tomsk gelassen, woselbst Beide am Tage +vorher eingetroffen waren, und war nach dem Lager von Zabediero zurück +gekehrt. Von dort wollte er am folgenden Tage mit der Arrièregarde des +tartarischen Heeres aufbrechen. Zu seinem Nachtquartier fand er daselbst +ein eigenes Haus vorgerichtet. Mit Sonnenaufgang setzte sich die +Infanterie und Cavallerie der Truppe unter seinem Befehle nach Tomsk in +Bewegung, wo der Emir Alle mit dem bei den asiatischen Souveränen +gebräuchlichen Pompe empfangen wollte. + +Nach Organisirung des Lagers durften die von den drei Marschtagen auf’s +Aeußerste erschöpften Gefangenen endlich ihren quälenden Durst löschen und +einige Ruhe genießen. + +Schon war die Sonne untergegangen und der Horizont nur noch durch ein +schwaches Dämmerlicht erhellt, als Nadia, am Arme Marfa Strogoff, am Ufer +des Tom anlangten. Beide hatten vorher die dichten Massen der +Verschmachteten, welche das Flußufer umdrängten, nicht zu durchbrechen +vermocht und kamen jetzt erst dazu, sich einen erfrischenden Trank zu +erobern. + +Die alte Sibirerin beugte sich erschöpft über das Wasser; Nadia schöpfte +daraus mit ihrer Hand und führte diese an Marfa’s Lippen. Dann erst +erquickte sie sich auch selbst. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen +tranken ein neues Leben aus den wohlthätigen Fluthen. + +Da wandte sich Nadia, eben als sie das Ufer wieder verlassen wollten, +plötzlich um. Ein unwillkürlicher Aufschrei entrang sich ihren Lippen. + +Michael Strogoff war da, nur wenige Schritte von ihr! + +Ja, er war es! Das letzte Tageslicht fiel auf ihn. + +Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei ... Er gewann aber genug +Herrschaft über sich, um nicht ein Wort hören zu lassen, das ihn hätte +compromittiren können. + +Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt!... + +Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drückte Michael +Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte +sich. + +Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie +zurück und raunte ihr in’s Ohr: + +„Bleib’ hier, meine Tochter! + +— Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrückter Stimme. Er +lebt, Mutter! Er ist es! + +— Ja, es ist mein Sohn, bestätigte Marfa Strogoff, das ist Michael +Strogoff, und Du siehst, daß ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir +darin, meine Tochter!“ + +Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl +je ein Mann empfinden kann. Er wußte seine Mutter und Nadia hier. Diese +beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der +Himmel zu gemeinschaftlichem Unglück zusammen geführt. Wußte Nadia nun, +wer er war? Nein, denn er hatte Marfa Strogoff’s Handbewegung bemerkt, mit +der sie jene zurückhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff +hatte Alles durchschaut und sein Geheimniß bewahrt. + +Zwanzigmal während dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte, +seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, daß er dem +herzinnigen Wunsche widerstehen müsse, sie in seine Arme zu pressen und +die Hand seiner jungen Gefährtin zu drücken. Die geringste Unklugheit +konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu +sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in +Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmöglich war, +hinausflüchten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen, +an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt +zurück ließ. + +Michael Strogoff durfte also hoffen, daß dieses neue Zusammentreffen im +Lager zu Zabediero weder für seine Mutter noch für ihn nachtheilige Folgen +haben werde. Er wußte aber nicht, daß gewisse Einzelheiten dieser Scene, +trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff’s, +beobachtet wurden. + +Auch die Zigeunerin befand sich nämlich am Ufer, wo sie wie immer die alte +Sibirerin ohne deren Wissen argwöhnisch überwachte. Michael Strogoff, +welcher schon verschwunden war, als sie sich umsah, konnte sie damals zwar +nicht gewahr werden, die hastige Bewegung seiner Mutter aber, als sie +Nadia zurück hielt, entging ihr nicht, und ein Aufleuchten in den Augen +Marfa’s sagte ihr Alles. + +Es stand ihr nun außer Zweifel, daß der Sohn Marfa Strogoff’s, der Courier +des Czaaren, sich in dieser Stunde in Zabediero, unter den Gefangenen Iwan +Ogareff’s befinden müsse. + +Sangarre kannte ihn nicht, aber sie wußte, daß er da war! Sie suchte ihn +vorläufig also auch nicht zu entdecken, was bei der Dunkelheit und mitten +in dieser zahlreichen Menschenmenge ohnehin unmöglich schien. + +Auch eine weitere Beobachtung Nadia’s und Marfa Strogoff’s hielt sie für +nutzlos. Offenbar würden die beiden Frauen äußerst vorsichtig sein und +Alles strengstens vermeiden, was den Courier des Czaaren nur irgend +compromittiren könnte. + +Die Zigeunerin bewegte nur ein Gedanke, der, Iwan Ogareff Bericht zu +erstatten. Sie verließ also sofort das Lager. + +Nach Verlauf einer Viertelstunde gelangte sie nach Zabediero und wurde in +das von dem Oberbefehlshaber des Emirs bewohnte Haus eingelassen. + +Sofort empfing Iwan Ogareff die Zigeunerin. + +„Was willst Du von mir, Sangarre? fragte er. + +— Der Sohn Marfa Strogoff’s befindet sich im Lager, antwortete das Weib. + +— Als Gefangener? + +— Als Gefangener! + +— O, rief Iwan Ogareff, so werde ich wissen ... + +— Du wirst Nichts wissen, Iwan, fiel ihm die Zigeunerin in’s Wort, denn Du +kennst ihn ja nicht. + +— Aber Du kennst ihn, Du! Du hast ihn gesehen, Sangarre! + +— Nein, noch sah ich ihn nicht, aber seine Mutter verrieth sich durch eine +Bewegung, die mir Alles erklärte. + +— Täuschest Du Dich nicht? + +— Ich täusche mich nicht. + +— Du weißt, welches Gewicht ich auf die Einbringung dieses Couriers lege, +sagte Iwan Ogareff. Wird das ihm in Moskau jedenfalls übergebene +Cabinetsschreiben dem Großfürsten ausgehändigt, so wird dieser auf seiner +Hut sein und ich werde mich ihm nicht zu nähern vermögen. Jenen Brief muß +ich also um jeden Preis erlangen. Nun kommst Du mit der Meldung, der +Ueberbringer jener kaiserlichen Botschaft befinde sich schon in meiner +Gewalt. Ich frage Dich also noch einmal, Sangarre, täuschte Dich Deine +Beobachtung nicht?“ + +Iwan Ogareff hatte sehr lebhaft gesprochen. Seine Erregung bewies, welchen +Werth er auf den Besitz jenes Briefes legte. Sangarre wurde von der +bestimmten Wiederholung jener Frage keineswegs betroffen oder wankend in +ihrer Ueberzeugung. + +„Ich täusche mich nicht, Iwan, antwortete sie mit Nachdruck. + +— Im Lager befinden sich aber mehrere Tausend Gefangene, und Du sagtest, +daß Dir Michael Strogoff von Person nicht bekannt sei. + +— Nein, versetzte Sangarre, in deren Augen eine wilde Freude aufblitzte, +ich, ich kenne ihn nicht, aber seine Mutter kennt ihn doch. Nun, Iwan, man +wird seine Mutter zum Sprechen zwingen müssen. + +— Morgen soll das geschehen!“ erwiderte Iwan Ogareff. + +Dann streckte er der Zigeunerin seine Hand hin und diese küßte sie, ohne +daß diese bei den Völkerschaften des Nordens so gebräuchliche +Achtungsbezeugung den Anschein der dienerhaften Unterwürfigkeit zeigte. + +Sangarre kehrte nach dem Lager zurück. Sie spürte bald die Stelle aus, an +der sich Nadia und Marfa Strogoff befanden, und ließ diese nun die ganze +Nacht über nicht aus den Augen. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen +schliefen nicht, trotzdem daß die Erschöpfung sie fast übermannte. Eine +fieberhafte Unruhe hielt sie munter. Michael Strogoff war am Leben, aber +Gefangener gleich ihnen. Wußte das Iwan Ogareff, und wenn nicht, würde er +es noch erfahren? Nadia beschäftigte sich nur mit dem einen Gedanken, daß +ihr todt geglaubter Gefährte noch lebe. Marfa Strogoff’s Blick reichte +weiter in die Zukunft, und wenn sie auch um sich selbst nicht besorgt war, +so hatte sie doch Grund genug, für ihren Sohn das Schlimmste zu +befürchten. + +Sangarre schlich sich im Dunkeln bis dicht an die beiden Frauen heran und +verweilte so einige Stunden lang gespannt lauschend ... Vergeblich. Wie +durch ein geheimes Gebot der Klugheit vermieden es Marfa Strogoff und +Nadia, überhaupt ein Wort zu wechseln. + +Am folgenden Tage, dem 16. August, Morgens gegen zehn Uhr, schmetterten +helle Fanfaren am Rande des Lagers. Die tartarischen Soldaten traten +augenblicklich unter die Waffen. + +Aus Zabediero kam Iwan Ogareff, umgeben von einem zahlreichen Stabe +tartarischer Officiere herangeritten. Sein Antlitz erschien noch +finsterer, als gewöhnlich, und die strengen Züge verriethen einen +verhaltenen Zorn, der nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch harrte. + +Unter einer Gruppe Gefangener verloren sah Michael Strogoff seinen Feind +vorüber kommen. Er hatte das unbestimmte Vorgefühl, daß jetzt eine +Katastrophe nahe sei, denn Iwan Ogareff wußte, daß Marfa Strogoff die +Mutter Michael Strogoff’s, des Officiers im Corps der Czaarencouriere, +sei. + +Als Iwan Ogareff in der Mitte des Lagers anlangte, stieg er vom Pferde, +und die Officiere seiner Escorte bildeten einen weiten Kreis rings um ihn. + +Da näherte sich Sangarre wieder und sagte: + +„Ich habe Dir nichts Neues zu melden, Iwan!“ + +Iwan Ogareff antwortete nur durch Ertheilung eines Befehles an einen der +Officiere. + +Bald darauf drängten sich viele Soldaten mit roher Gewalt in die Reihen +der Gefangenen. Von Peitschenschlägen getrieben oder von Lanzenschäften +gestoßen, mußten die Armen sich eiligst erheben und an der Umfassung des +Lagers Stellung nehmen. Ein vierfacher Cordon von Fußsoldaten, und hinter +diesen von Reitern, machte jedes Entweichen unmöglich. + +Bald herrschte Schweigen ringsum, und auf ein Zeichen Iwan Ogareff’s begab +sich Sangarre nach der Gruppe, in deren Mitte Marfa Strogoff sich befand. + +Die alte Sibirerin sah sie herankommen. Sie errieth, was geschehen solle. +Ein verächtliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Dann neigte sie sich zu +Nadia und sagte zu ihr mit gedämpfter Stimme: + +„Du kennst mich nicht mehr, meine Tochter! Was auch kommen und wie hart +diese Prüfung werden möge, – kein Wort! keine Bewegung! Es handelt sich +hier um ihn, nicht um mich!“ + +Da legte, nachdem sie sie einen Augenblick angesehen, Sangarre die Hand +auf die Schulter der alten Sibirerin. + +„Was begehrst Du? fragte Marfa Strogoff. + +— Komm’ mit mir!“ erwiderte Sangarre. + +Fortdrängend führte sie Jene in die Mitte des freien Raumes vor Iwan +Ogareff. + +Michael Strogoff hielt die Lider halb geschlossen, um sich nicht durch das +Aufflammen seiner Augen zu verrathen. + +Vor Iwan Ogareff angelangt, richtete Marfa Strogoff sich hoch und stolz +empor, kreuzte die Arme und wartete. + +„Du bist ja wohl Marfa Strogoff? fragte sie Iwan Ogareff. + +— Die bin ich, antwortete ruhig die alte Sibirerin. + +— Erinnerst Du Dich noch Deiner Antwort, als ich Dich vor drei Tagen in +Omsk um Etwas fragte? + +— Nein. + +— Du weißt also nicht, daß Dein Sohn als Courier des Czaaren durch Omsk +gekommen ist? + +— Das weiß ich nicht. + +— Und jener Mann, den Du im Posthofe als Deinen Sohn zu erkennen +glaubtest, das war Dein Sohn nicht? + +— Nein, das war er nicht. + +— Und seitdem ist er Dir auch hier unter den Gefangenen nicht zu Gesicht +gekommen? + +— Nein. + +— Und wenn ich Dir ihn zeigte, würdest Du ihn wieder erkennen? + +— Nein.“ + +Bei dieser Antwort, dem Beweise des unerschütterlichen Entschlusses, +nichts zu gestehen, durchlief ein leises Murmeln die Umgebung. + +Iwan Ogareff konnte sich einer drohenden Bewegung nicht enthalten. + +„So höre: Dein Sohn ist hier und Du wirst ihn mir sofort bezeichnen. + +— Nein! + +— Alle die bei Omsk und Kolyvan gefangenen Männer werden Dir vorgeführt +werden, und wenn Du dann Michael Strogoff nicht bezeichnest, erwarten Dich +ebenso viele Knutenhiebe, als Gefangene vorüber gekommen sind.“ + +Iwan Ogareff hatte wohl eingesehen, daß er die unbeugsame Sibirerin trotz +aller Drohungen und Torturen nicht werde zum Reden bringen können. Um den +Courier des Czaaren zu entdecken, rechnete er viel weniger auf jene, als +auf Michael Strogoff selbst. Er hielt es für unmöglich, daß Mutter und +Sohn, wenn sie einander gegenüber ständen, sich nicht durch irgend eine +Bewegung verrathen sollten. Wäre es ihm nur allein um das kaiserliche +Schreiben zu thun gewesen, so brauchte er ja nur einfach einen Befehl zur +Durchsuchung aller Gefangenen zu erlassen. Michael Strogoff konnte das +Schriftstück aber auch vernichtet haben, nachdem er seinen Inhalt +durchlas; wurde er dann nicht erkannt und gelang es ihm vielleicht noch, +nach Irkutsk zu flüchten, so waren Iwan Ogareff’s Pläne durchkreuzt. Der +Verräther mußte sich also nicht nur des Briefes, sondern auch des +Ueberbringers desselben versichern. + +Nadia hatte Alles mit angehört; sie wußte nun, wer Michael Strogoff sei +und warum er die von den Feinden überfallenen Provinzen Sibiriens +unerkannt durchreisen wollte. + +Auf Iwan Ogareff’s Befehl defilirten die Gefangenen Mann für Mann vor +Marfa Strogoff, welche unbeweglich blieb, wie eine Bildsäule, und deren +Blicke die vollständigste Gleichgiltigkeit heuchelten. + +Ihr Sohn befand sich unter den Letzten, welche herzutraten. Als er vor +seiner Mutter vorüber schritt, schloß Nadia die Augen, um es nicht mit +anzusehen. + +Auch Michael Strogoff war scheinbar ruhig geblieben, aber seine hohle Hand +blutete, so fest hatten sich die Nägel eingepreßt. + +Iwan Ogareff war vorläufig besiegt durch die Mutter und den Sohn! + +Sangarre, welche neben ihm stand, äußerte nur ein Wort. + +„Die Knute herbei! sagte sie. + +— Ja! rief Iwan Ogareff, der sich nicht mehr bemeistern konnte, die Knute +dieser alten Schurkin, bis sie den Geist aufgiebt!“ + +Mit dem schrecklichen Zuchtinstrument in der Hand näherte sich ein +tartarischer Soldat der Marfa Strogoff. + +Die Knute besteht aus einer gewissen Anzahl Lederriemen, deren Enden in +geflochtene Drahtstücken auslaufen. Man nimmt an, daß eine Verurtheilung +zu hundertzwanzig Knutenstreichen einem Todesurtheil gleich zu achten ist. +Marfa Strogoff wußte das wohl, aber sie wußte auch, daß keine Tortur sie +zum Sprechen zwingen werde, und ihr Leben wollte sie gern zum Opfer +bringen. + +Marfa Strogoff ward von zwei Soldaten ergriffen und auf die Knie zu Boden +geworfen. Man riß ihr das Kleid herunter und entblößte den Rücken. Nur +wenige Zoll vor ihrer Brust wurde ein Säbel befestigt, so daß sie in +dessen Spitze fallen mußte, wenn der Schmerz sie niederbeugte. + +Der Tartar stand bereit. + +Er wartete eines Zeichens. + +„Thu’ Deine Pflicht!“ sagte Iwan Ogareff. + +Die Geißel pfiff durch die Luft ... + +Aber bevor sie niederfiel hatte eine kräftige Faust sie der Hand des +Tartaren entrissen. + +Michael Strogoff war am Platze, ihn hielt es nicht bei dieser +entsetzlichen Scene. Wenn er sich auf dem Relais zu Ichim bezwungen hatte, +als die Peitsche Iwan Ogareff’s ihn selbst traf, hier, wo sie seiner +Mutter zugedacht war, konnte er sich nicht bemeistern. + +Iwan Ogareff hatte gesiegt. + +„Michael Strogoff!“ rief er. + +Dann trat er näher. + +„Ah, sagte er höhnisch, der Mann von Ichim? + +— Derselbe!“ schrie Michael Strogoff. + +Und schnell erhob er die Knute und schlug Iwan Ogareff wüthend mehrmals +in’s Gesicht. + +„Schlag für Schlag! rief er. + +— Brav zurückerstattet!“ ließ sich die Stimme eines Zuschauers vernehmen, +die sich glücklicher Weise in dem allgemeinen Tumulte verlor. + +Ein Haufe Soldaten stürzte sich auf Michael Strogoff, um ihn +umzubringen ... + +Doch Iwan Ogareff, dem ein Schrei des Schmerzes und der Wuth entfuhr, +hielt sie durch eine Handbewegung zurück. + +„Dieser Mann bleibe der Justiz des Emirs aufgespart, sagte er. Man +durchsuche ihn!“ + +Das Schreiben mit dem kaiserlichen Siegel ward auf der Brust Michael +Strogoff’s gefunden, da dieser nicht Zeit gewonnen hatte, es zu +vernichten. Man reichte es Iwan Ogareff. + +Der Zuschauer, von dem der Ausruf: „Brav zurückerstattet!“ herrührte, war +kein Anderer, als Alcide Jolivet. Sein Gefährte und er wohnten, da sie +sich noch in Zabediero aufhielten, dieser Scene bei. + +„Alle Teufel! sagte er zu Harry Blount, diese Leute aus dem Norden sind +doch handfeste Männer. Sie geben doch zu, daß wir unsrem Reisegefährten +nun eine Ehrenerklärung schulden. Korpanoff und Strogoff halten sich die +Wage! Eine schöne Revanche für die Schmach in Ichim! + +— Gewiß, eine gerechte Vergeltung, erwiderte Harry Blount, aber dieser +Strogoff ist nun ein Mann des Todes. In seinem Interesse hätte er wohl +besser gethan, die Sache jetzt noch ruhen zu lassen. + +— Um seine Mutter unter der Knute verenden zu sehen! + +— Glauben Sie, daß er dieser und seiner Schwester durch seinen +Zornesausbruch ein besseres Loos gesichert hat? + +— Ich glaube gar nichts, erwiderte Alcide Jolivet, ich weiß auch nichts, +als daß ich an seiner Stelle schwerlich anders gehandelt hätte. O, zum +Teufel, manchmal muß man wohl aufwallen im gerechten Zorn. Gott hätte +Wasser in unsere Adern gegossen und kein Blut, wenn er wollte, daß wir +stets und allezeit unerregt blieben. + +— Ein hübsches Thema für eine Erzählung! meinte Harry Blount. Nun sollte +uns Iwan Ogareff nur den Inhalt jenes Briefes mittheilen!...“ + +Nachdem er sich das Blut, das ihm über das Antlitz rann, abgewischt, hatte +Iwan Ogareff das Siegel gebrochen. Er las den Brief lange und aufmerksam +durch, so als wollte er seinem Gedächtniß jedes Wort des Inhaltes +einprägen. + +Endlich gab er noch Befehl, Michael Strogoff sorgsam zu fesseln und mit +den übrigen Gefangenen nach Tomsk zu transportiren; dann übernahm er den +Befehl über die Truppen des Lagers von Zabediero und wendete sich, unter +betäubendem Trommelschlag und gellendem Trompetenschall, der Stadt zu, in +der der Emir ihn erwartete. + + + + + Viertes Capitel. + + + Der siegreiche Einzug. + + +Tomsk, 1604, fast im Herzen der sibirischen Provinzen gegründet, ist eine +der bedeutendsten Städte des asiatischen Rußlands. Tobolsk, das schon über +den 60. Breitengrad, und Irkutsk, das über den 100. Meridian hinaus liegt, +sahen Tomsk auf ihre Unkosten zunehmen und gedeihen. + +Dennoch ist, wie schon erwähnt, Tomsk nicht die officielle Hauptstadt +dieser wichtigen Provinz. Der Generalgouverneur derselben residirt +vielmehr mit den obersten Beamten in Omsk. Dennoch erhob sich Tomsk zur +hervorragendsten Stadt jenes Landestheiles, der an die Altaïberge, d. h. +an die chinesische Grenze des Landes der Khalkas, angrenzt. An den +Abhängen dieses Gebirges verlaufen bis in das Thal des Tom herab ergiebige +Adern von Platin, Gold, Silber, Kupfer und goldhaltigem Bleierz. Da das +Land reich ist, ist es auch die Stadt, welche den Mittelpunkt der +einträglichen Montanindustrie einnimmt. Hier kann der äußere und innere +Luxus der Gebäude und ihrer Einrichtung, die Pracht der Equipagen wohl mit +den größten Hauptstädten Europas in die Schranken treten. Es ist eben eine +Stadt der Millionäre vom Schlägel und der Spitzhaue, und wenn ihr die Ehre +nicht zu Theil ward, den Stellvertreter des Czaaren in ihren Mauern zu +beherbergen, so tröstet sie sich damit, daß der erste Kaufmann der Stadt, +der Hauptconcessionär der Minen der kaiserlichen Regierung, zum ersten +Range der Notabeln des Reiches zählt. + +Früher huldigte man der Anschauung, Tomsk liege einfach am Ende der Welt. +Wer sich dahin begeben wollte, wagte eine große Reise. Jetzt ist das, +vorausgesetzt, daß keine wilden Feindeshorden die Straße umschwärmen, +durch einen einfachen Spaziergang abzumachen. Bald wird auch der +Schienenweg hergestellt sein, der es mit Ueberschreitung der Uralkette mit +Perm in Verbindung setzen soll. + +Hält man Tomsk für eine schöne Stadt? Die Berichte der Reisenden stimmen +in dieser Hinsicht nur wenig überein. Frau von Bourboulon, welche auf +ihrer Reise von Shang-haï nach Moskau einige Tage daselbst verweilte, +nennt es einen wenig malerischen Häuserhaufen. Ihrer Beschreibung nach ist +es eine Stadt ohne besondere Physiognomie, mit alten Gebäuden aus Granit +und Ziegelstein und engen, von den Gassen, wie man sie meist in +sibirischen Städten findet, wenig abweichenden Straßen, mit schmutzigen +Quartieren, den Hauptansiedelungsstellen der Tartaren, in welchen +schweigsame Betrunkene umhertaumeln, „deren Trunkenheit ebenso apathisch +erscheint, wie bei allen Völkern des Nordens“. + +Dagegen zollt der Reisende Henry Russel-Killough Tomsk seine ungetheilte +Bewunderung. Sollte das nur daher rühren, daß er es mitten im Winter sah, +wogegen Frau von Bourboulon es nur während des Sommers besuchte? Das ist +wohl möglich und würde einen weiteren Beitrag zu der Behauptung liefern, +daß man kalte Länder nur während der kalten Jahreszeit, warme nur während +der heißen wirklich kennen und beurtheilen lernt. + +Wie dem auch sei, Russel-Killough sagt positiv, daß Tomsk nicht nur die +schönste Stadt Sibiriens, sondern vielleicht eine der hübschesten Städte +überhaupt sei. Er lobt ebenso ihre mit Säulengängen und Peristylen +geschmückten Häuser, die bequemen Holztrottoirs, wie überhaupt die +breiten, regelmäßigen Straßen, sammt den fünfzehn prächtigen Kirchen, die +sich in den Wellen des Tom, eines hier schon sehr bedeutenden Flusses, +wiederspiegeln. + +Die Wahrheit liegt wohl auch hier in der Mitte. Tomsk breitet sich, bei +einer Einwohnerzahl von 25,000 Seelen, terrassenförmig über einen +langgestreckten, aber steil abfallenden Hügel aus. + +Die hübscheste Stadt der Welt wird aber zur häßlichsten, wenn Feinde in +ihr hausen. Wer hätte sie jetzt auch bewundern wollen? Vertheidigt von +wenigen Bataillonen Kosaken zu Fuß hatte sie dem Anprall der tartarischen +Heersäulen nicht Widerstand zu leisten vermocht. Ein gewisser Theil der +Stadtbevölkerung von verwandtem Ursprunge hatte diese Horden nicht eben +ungern empfangen, und für den Augenblick erschien Tomsk so wenig russisch +oder sibirisch, als ob es mitten in die Khanate von Khokhand oder Bukhara +versetzt worden wäre. + +In Tomsk wollte der Emir seine siegreichen Truppen empfangen. Diesen zu +Ehren sollte ein Fest mit Gesängen, Tänzen und Schaugepränge abgehalten +werden, dessen Ende wie gewöhnlich in eine lärmende, wilde Orgie auslief. + +Der für diese nach asiatischem Geschmacke vorbereiteten Belustigungen +ausgewählte Platz nahm eine geräumige Ebene auf einem Theile des Hügels +ein, der sich etwa hundert Fuß hoch über den Tom erhebt. Den Rahmen dieser +Fläche bildeten einerseits die langen eleganten Häuserreihen, die vielen +Kirchen mit ihren bauchigen Kuppeln, andrerseits die vielfachen Windungen +des Stromes und entfernte, in warmem Dufte verschwimmende Wälder, oder in +der Nähe dichte Haine von Fichten und riesigen Cedern. + +An der linken Seite des Festplatzes hatte man auf einer breiten Terrasse +provisorisch eine blendende Decoration, die Nachahmung eines wunderlichen +Palastes – wahrscheinlich eine Probe der bukharischen, halb maurischen, +halb tartarischen Baudenkmäler, – in bizarrstem Style errichtet. Ueber +diesem Palaste und den Spitzen seiner zahlreichen Minarets, zwischen den +höchsten Zweigen der Bäume, die das Plateau beschatteten, schwebten zu +Hunderten gezähmte Störche, welche der Tartarenarmee aus Bukhara gefolgt +waren. + +Jene Terrasse blieb reservirt für den Hofstaat des Emirs, für die +verbündeten Khans, die Großwürdenträger des Reiches und für die Harems +eines jeden der turkomanischen Fürsten. + +Unter den Sultaninnen, zum größten Theile übrigens nur auf den Märkten von +Transkaukasien und Persien gekaufte Sklavinnen, trugen Einige das Gesicht +unverhüllt, während Andere fast vollständig unter einem dichten Schleier +verborgen waren. Alle erschienen in der prächtigsten Kleidung. Reizende +Oberkleider, deren weite Aermel auf der Rückseite aufgeschlagen, eine +eigenthümliche Faltenordnung zeigten, ließen ihre entblößten Arme sehen, +deren kostbare Bracelets durch Ketten von Edelsteinen verbunden +erschienen, und ihre kleinen Hände, an denen die Fingernägel mit dem Safte +der „Henneh“ gefärbt waren. Bei der geringsten Bewegung dieser Kleider, +welche zum Theil aus Seide, so fein wie die Fäden des Spinnengewebes, zum +Theil aus wundervoll weichem „Aladja“ (ein schmalgestreifter, herrlicher +Baumwollstoff) bestanden, ließ sich jenes vornehme Rascheln hören, das den +Ohren der Orientalen so lieblich klingt. Unter diesem Ueberwurfe +erglänzten brocatne kurze Röckchen über den seidenen Beinkleidern, welche +letztere ein wenig oberhalb der feinen, graziös geschweiften und mit +echten Perlen geschmückten Stiefeln befestigt waren. An den schleierlos +erscheinenden Frauen bewunderte man die langen, schwarzen Flechten, die +unter dem Turban hervorquollen, ebenso wie die schönen Augen, die +prächtigen Zähne, den blendenden Teint, der noch mehr durch die +tiefschwarzen, mittels eines feinen Striches verbundenen Augenbrauen und +die mit Bleiglätte gefärbten Lider hervorgehoben wurden. + +Am Fuße der mit Flaggen und Bannern bedeckten Terrasse standen die +Leibgarden des Emirs Wache, mit ihren zwei gekrümmten Säbeln an der Seite, +einem Dolch im Gürtel und der zehn Fuß langen Lanze in der Hand. Einige +dieser Tartaren trugen weiße Stäbe, Andere ungeheure Hellebarden mit +mächtigen Troddeln aus Gold- und Silberfäden. + +Ringsumher, bis zu den äußersten Enden dieses Plateaus, auf dem steilen +Abhange, dessen Basis die Wellen des Tom badeten, drängte sich eine +wahrhaft kosmopolitische Menge, zusammengewürfelt aus allen Eingeborenen +Centralasiens. Da sah man die Usbecks mit ihren ungeheuren schwarzen +Schaffellmützen, dem rothen Bart, grauen Augen und in dem „Arkaluk“, einer +besondern Art nach tartarischer Mode geschnittenem Ueberwurf. Dort zeigten +sich Turkomanen in ihrem Nationalcostüm, langen Beinkleidern von +schreiender Farbe, Westen und Mänteln aus Kameelhaar, rothen entweder +konisch oder auch oben erweiterten Mützen, hohen juchtenen Stiefeln, +Seitengewehr und Messer an Riemen um die Taille geschnallt; in der Nähe +ihrer Herren erschienen auch die turkomanischen Weiber, welche ihr von +Natur üppiges Haar noch durch Schnurenschleifen aus Ziegenhaar zu +verlängern pflegen, mit unter der „Tjuba“ offnem, blauem, purpurnem oder +grünem Hemd, die Beine in farbige Bänder eingeschnürt, die sich bis herab +über den Lederstiefeln kreuzten. Endlich begegnete man auch, – so als ob +sich alle Völkerschaften der russisch-chinesischen Grenze auf den Ruf des +Emirs erhoben hätten, – an der Stirn und den Schläfen rasirte Mandschus +mit geflochtenem Haar, langen Ueberröcken, einem Gürtel, der die Taille +über einem seidnen Hemd umschloß, mit ovalen kirschrothen Atlasmützen mit +gleichfarbenen Fransen; neben ihnen auch jene herrlichen Typen von Frauen +aus der Mandschurei, coquett mit künstlichen Blumen coiffirt, welche +reizende Häubchen, durch goldene Nadeln befestigt, auf den pechschwarzen +Haaren trugen. Außer diesen Allen aber noch Mongolen, Bukharier, Perser, +Chinesen aus Turkestan, welche sich unter die zu dem tartarischen Feste +Geladenen mischten. + +Nur die Sibirier fehlten unter diesem Schwarme von Feinden. Wer von ihnen +nicht hatte fliehen können, hielt sich im Hause auf, aus Furcht, daß +Feofar-Khan noch, zum würdigen Schluß dieser Siegesfestlichkeit, einen +Befehl zum Plündern ergehen lassen könne. + +Um vier Uhr erst hielt der Emir seinen Einzug auf den Festplatz, begleitet +von lustigen Fanfaren, Tamtamschlägen, von Kanonen- und Gewehrsalven. + +Feofar ritt sein Lieblingsroß, an dessen Kopfe eine Aigrette von Diamanten +funkelte. Er erschien in seinem Kriegeranzuge. Ihm zur Seite marschirten +die Khans von Khokhand und Kunduz, die Großwürdenträger des Khanates und +als Gefolge ein zahlreicher Stab. + +Zu derselben Zeit betrat auch die erste Frau Feofar’s die Terrasse, +gewissermaßen die Königin, wenn man diesen Namen den Sultaninnen der +bukharischen Staaten beilegen darf. Aber ob Königin oder Sklavin, +jedenfalls war diese Frau, eine geborne Perserin, von bewunderungswürdiger +Schönheit. Ganz entgegen der mohamedanischen Gewohnheit und wahrscheinlich +nur in Folge einer Laune des Emirs, erschien sie mit unverhülltem +Gesichte. Ihr in vier Flechten vertheiltes Haar schmiegte sich um die +blendendweißen Schultern, welche nur leicht von einem golddurchwirkten +Schleier bedeckt waren, der sich rückwärts an eine Art mit den +werthvollsten Gemmen geschmückte Haube anschloß. Unter der Tunica von +blauer Seide, mit breiten, dunkleren Streifen fiel der „Zir-djameh“ von +Seidengaze herab und über den Gürtel faltete sich der „Pirahn“, eine Art +Hemd aus demselben Stoffe, welcher nach dem Halse zu graziös +ausgeschnitten erschien. Vom Kopfe aber bis zu den persischen Pantoffeln +an den Füßen glänzte eine solche verschwenderische Pracht von Geschmeide, +goldenen Tomans an Silberschnüren, Kränze von Türkisen, Achate, Smaragde, +Opale und Saphire, daß ihr ganzer Leib wie von kostbaren Steinen bedeckt +erschien. Die Tausende von Diamanten, die farbenprächtig an ihrem Halse, +den Armen, den Händen, am Gürtel und an den Füßen blitzten, wären mit +Millionen von Rubeln wohl kaum bezahlt gewesen; ja, bei dem +Strahlenkranze, den sie um sich verbreiteten, hätte man glauben können, +daß sie unter einander durch einen aus Sonnenstrahlen gebildeten +elektrischen Bogen verbunden seien. + +Der Emir und die Khans stiegen von den Pferden, ebenso wie die hohen +Staatsbeamten und militärischen Würdenträger des Gefolges. Alle nahmen +Platz unter einem prachtvollen Zelte, das sich in der Mitte der Terrasse +erhob. Vor dem Zelte lag wie gewöhnlich der geöffnete Koran auf dem +heiligen Tische. + +Feofar’s Befehlshaber ließ nicht lange auf sich warten, und noch vor fünf +Uhr meldeten Trompetenstöße die Ankunft des Verbündeten. + +Iwan Ogareff, – „mit der Schmarre“, wie man ihn schon nannte – kam, jetzt +in der Uniform eines Tartarenoffiziers, zu Pferde bis vor das Zelt des +Emirs. Er war von einer Abtheilung Soldaten aus dem Lager von Zabediero +begleitet, die sich zu beiden Seiten des Platzes aufstellten, so daß in +der Mitte nur der für die Vorstellungen und Spiele bestimmte Raum frei +blieb. Quer über das Gesicht des Verräthers zog sich eine blutig +unterlaufene Strieme hin. + +Iwan Ogareff stellte dem Emir seine ersten Officiere vor, und Feofar-Khan +empfing sie, wenn auch mit der seiner Würde entsprechenden Kälte, doch in +einer sie scheinbar zufriedenstellenden Weise. + +Das glaubten wenigstens Harry Blount und Alcide Jolivet, die beiden jetzt +unzertrennlichen Neuigkeitsjäger, zu bemerken. Von Zabediero aus hatten +sich diese schnellstens nach Tomsk begeben. Ihre Absicht ging zwar dahin, +sich sobald als möglich aus der Gesellschaft der Tartaren wegzustehlen, +sich einem russischen Truppencorps anzuschließen und mit diesem Irkutsk zu +erreichen. Was sie bis jetzt von dem feindlichen Einfalle, den +Feuersbrünsten, Plünderungen, Mordthaten und dergleichen gesehen, konnte +nur das Gefühl der Entrüstung in ihnen erwecken und trieb sie noch mehr, +in der sibirischen Armee Aufnahme zu suchen. + +Alcide Jolivet machte aber seinem Begleiter begreiflich, daß er Tomsk +nicht wohl eher verlassen könne, als bis er eine Skizze des zu erwartenden +Triumpheinzuges der tartarischen Truppen entworfen habe, – und wäre es +nur, um die Neugierde seiner Cousine zu befriedigen, – und Harry Blount +hatte zugestimmt, noch einige Stunden zu verweilen; noch an demselben +Abend wollten die Beiden jedoch den Weg nach Irkutsk schon wieder +einschlagen, und hofften bei der Schnelligkeit ihrer guten Pferde auch den +Plänklern des Emirs zuvorzukommen. + +Alcide Jolivet und Harry Blount hatten sich also unter die Zuschauermenge +gemischt und wandten den Festlichkeiten alle Aufmerksamkeit zu, um sich +kein Detail des Bildes entgehen zu lassen, das ihnen einen hübschen +Artikel für die Chronik ihrer Journale versprach. Sie bewunderten +Feofar-Khan in seiner Herrscherpracht, seine Frauen, seine Officiere, die +Garden und allen diesen orientalischen Luxus, von dem die europäischen +Ceremonien nicht die blasseste Vorstellung geben. Sie wendeten sich aber +voll Abscheu ab, als Iwan Ogareff sich dem Emir nahte, und warteten nicht +ohne einige Ungeduld auf den Beginn des eigentlichen Festes. + +„Sehen Sie, lieber Blount, sagte Alcide Jolivet, wir sind zu zeitig +erschienen, so wie der brave Bürger, der für sein Geld auch etwas +Ordentliches haben will. Das ist alles nur ein Vorspiel und es wäre besser +gewesen, erst zum Ballet zu kommen. + +— Zu welchem Ballet? fragte Harry Blount. + +— Ei nun, zu dem obligatorischen Ballet! Ah, ich glaube der Vorhang hebt +sich schon.“ + +Alcide Jolivet sprach, als befinde er sich im Opernhause, zog sein +Perspectiv aus dem Etui und schickte sich an, „die ersten Kräfte der +Truppe Feofar-Khans“ möglichst genau kennen zu lernen. + +Den lustigen Tänzen sollte aber noch eine höchst peinliche Scene +vorhergehen. + +Der Triumph der Sieger konnte ja ohne eine qualvolle Erniedrigung der +Besiegten kein vollständiger sein. Es wurden also einige hundert Gefangene +unter den Knuten der Soldaten vorgeführt. Diese sollten vor Feofar-Khan +und seinen Verbündeten defiliren, bevor man sie in den Gefängnissen der +Stadt einkerkerte. + +In erster Reihe unter diesen Armen befand sich auch Michael Strogoff. Dem +Befehle Iwan Ogareff’s entsprechend war eine besondere Abtheilung Soldaten +zu seiner Bewachung bestimmt. Seine Mutter und Nadia waren auch +gegenwärtig. + +Das Gesicht der alten Sibirerin, welche stets, wenn es sich nur um sie +allein handelte, eine unbeugsame Energie bewahrte, erschien ungemein +bleich. Sie machte sich wohl gefaßt auf eine schreckliche Scene. Ihr Sohn +ward gewiß nicht ohne besondere Ursache dem Emir vorgeführt, und sie +zitterte leise für ihn. Iwan Ogareff, den vor den Augen Aller die schon +für sie erhobene Knute getroffen, war sicherlich nicht der Mann dazu, +solche Schmach zu verzeihen, und seine Rache würde wohl ohne Grenzen sein. +Gewiß drohte Michael Strogoff ein entsetzliches Gericht, wie es die +Barbaren Centralasiens gern abzuhalten pflegen. Wenn ihn Iwan Ogareff +damals, als seine Knechte sich über ihn stürzen wollten, geschont hatte, +so wußte er gewiß, was er damit that, ihn der Justiz des Emirs +vorzubehalten. + +Seit dem traurigen Auftritt auf dem Felde zu Zabediero war es Mutter und +Sohn unmöglich gewesen, auch nur ein Wort zu wechseln. Man hatte sie +unerbittlich von einander getrennt. Welch harte Erschwerung ihrer Leiden, +hier, wo es ihnen ein süßer Trost gewesen wäre, während einiger Tage der +Gefangenschaft doch vereinigt zu sein. Wie gern hätte Marfa Strogoff ihren +Sohn um Verzeihung wegen all’ des Uebels gebeten, das sie ihm wider Willen +zugefügt hatte, denn sie klagte sich an, ihre mütterlichen Gefühle nicht +gehörig im Zaum gehalten zu haben. Hätte sie sich damals im Posthofe zu +Omsk bezwungen, als sie ihm gegenüber stand, so kam Michael Strogoff +unerkannt hindurch, – und wie viel Unglück wäre dann verhütet worden! + +Michael Strogoff seinerseits quälte sich mit dem Gedanken, daß man seine +Mutter mit hierher schleppe, um sie für sein Vergehen büßen zu lassen, +vielleicht daß sie dieselbe schreckliche Todesart erleiden sollte, wie er +selbst. + +Nadia endlich fragte sich, was sie thun könne, um den Einen oder die +Andere zu retten, auf welche Weise sie der Mutter oder dem Sohne zu Hilfe +kommen könne? Sie fand zwar kein Mittel, aber sie fühlte, daß es hier vor +Allem darauf ankam, keine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, +sondern sich mehr zu verstecken und unsichtbar zu machen. Vielleicht wäre +sie doch noch im Stande, die Gitter des Käfigs ihres Löwen zu zerbrechen. +Jedenfalls wollte sie, wenn sich ihr eine Gelegenheit zum Handeln böte, +gewiß nicht zögern, und nöthigenfalls ihr Leben für den Sohn der Marfa +Strogoff opfern. + +Inzwischen zog der größte Theil der Gefangenen vor dem Emir vorüber, wobei +jeder als Zeichen der Unterwerfung sich zu Boden beugen und den Sand mit +der Stirn berühren mußte, das erniedrigende Merkmal für den Anfang der +Sklaverei. Krümmten die Unglücklichen den Rücken zu langsam, so warf sie +die rauhe Hand der Garden heftig zu Boden. + +Alcide Jolivet und sein Begleiter vermochten einem solchen Schauspiel +nicht ohne die Gefühle der tiefsten Indignation beizuwohnen. + +„Dieser erbärmliche Kerl! Fort, fort von hier! sagte Alcide Jolivet. + +— Nein, entgegnete Harry Blount, nun wollen wir auch Alles sehen! + +— Alles sehen!... Ah, dort! rief plötzlich Alcide Jolivet und ergriff den +Arm seines Gefährten. + +— Was haben Sie? fragte dieser. + +— Sehen Sie dorthin, Blount! Da ist sie! + +— Sie? – Welche sie? + +— Die Schwester unseres Reisegefährten! Hilflos und gefangen. Wir müssen +sie retten ... + +— Geduld, entgegnete frostig Harry Blount. Unsere Intervention zu Gunsten +des jungen Mädchens dürfte ihr eher schädlich als nützlich werden.“ + +Alcide Jolivet, der sich schon zu Nadia drängen wollte, ließ sich +belehren, und Letztere, welche die beiden Reporter nicht gesehen hatte, +ging, von ihrem reichen Haar halb verschleiert, vor dem Emir vorüber, ohne +dessen besondere Aufmerksamkeit zu erwecken. + +Nach Nadia kam Marfa Strogoff an die Reihe, und da sie sich nicht schnell +genug in den Staub warf, drückten sie die Wachen mit rauher Faust nieder. + +Marfa Strogoff fiel zu Boden. + +Ihr Sohn schäumte auf vor Wuth, so daß ihn die bewachenden Soldaten kaum +zu bändigen vermochten. + +Die alte Marfa erhob sich wieder und sollte eben fortgeführt werden, als +Iwan Ogareff das verhinderte. + +„Dieses Weib bleibt hier!“ rief er. + +Nadia ward in den Haufen der Gefangenen zurückgeführt. Iwan Ogareff’s +Blick hatte sie nicht erkannt. + +Jetzt wurde Michael Strogoff vor den Emir gebracht und blieb, ohne auch +nur die Augen zu senken, vor diesem stehen. + +„Die Stirn auf die Erde! herrschte ihn Iwan Ogareff an. + +— Nein“, antwortete Michael Strogoff. + +Zwei Soldaten wollten ihn zwingen, sich zu beugen, doch die kräftige Hand +des jungen Mannes drückte sie an seiner Statt zu Boden. + +Iwan Ogareff sprang auf Michael Strogoff zu. + +„Du verwirkst Dein Leben! rief er. + +— Ich werde ruhig sterben, erwiderte stolz Michael Strogoff, aber Deine +Verrätherstirn, Iwan, wird für immer die schmachvolle Schramme von der +Knute tragen!“ + +Iwan Ogareff erbleichte bei diesen Worten. + +„Wer ist dieser Gefangene? fragte der Emir, dessen ruhige Stimme nur um so +drohender war. + +— Ein russischer Spion“, antwortete Iwan Ogareff. + +Als er Michael Strogoff für einen Spion ausgab, wußte er recht wohl, +welches entsetzliche Loos ihm bevorstand. + +Michael Strogoff hatte sich Iwan Ogareff genähert. + +Die Soldaten hielten ihn zurück. + +Der Emir machte eine Handbewegung, auf welche sich die ganze große Menge +niederbeugte. Dann zeigte er nach dem Koran, den man ihm brachte. Er +öffnete das Buch und legte einen Finger auf ein Blatt. + +Der Zufall, oder nach dem Glauben der Orientalen, Gott selbst, sollte das +Schicksal Michael Strogoff’s entscheiden. + +Die Völker Centralasiens nennen dieses Gerichtsverfahren „Fal“. Nach der +Auslegung des von dem Finger des Richters zufällig getroffenen Verses +fällen sie das Urtheil. + +Der Emir ließ den Finger auf der einen Seite des Koran liegen. + +Der Erste der Ulemas trat hinzu und verlas mit lauter Stimme einen Vers, +der mit den Worten schloß: + +„Und er wird die Dinge der Erde nicht mehr sehen.“ + +„Spion der Russen, sagte der Emir, Du bist hierher gekommen, zu sehen, was +im Tartarenlager vorgeht; nun sieh mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“ + + + + + Fünftes Capitel. + + + Nun sieh’ Dich um. + + +Michael Strogoff mußte mit gefesselten Händen vor dem Thron des Emirs am +Fuße der Terrasse stehen bleiben. + +Ueberwältigt von physischen und moralischen Schmerzen war seine Mutter +endlich zusammengesunken und wagte weder etwas zu sehen noch zu hören. + +„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“ hatte Feofar-Khan mit einer +drohenden Handbewegung gegen Michael Strogoff gesagt. + +Ohne Zweifel verstand Iwan Ogareff bei seiner Kenntniß der tartarischen +Sitte den Sinn dieser Worte genügend, denn um seine Lippen spielte einen +Augenblick lang ein wahrhaft teuflisches Lächeln. Dann hatte er neben +Feofar-Khan Platz genommen. + +Jetzt erklangen lustige Trompetenstöße, das Signal zum Beginn der +Festspiele. + +„Da kommt ja das Ballet, sagte Alcide Jolivet zu Harry Blount, diese +Barbaren führen es aber entgegen unserer Sitte vor dem Drama auf, statt +nachher.“ + +Michael Strogoff sollte sich Alles anschauen. Er that es. Eine Wolke von +Tänzerinnen flog auf den Platz. + +Eine fremdartige Musik ertönte von den verschiedensten tartarischen +Instrumenten, der „Dutare“, einer langgebauten Mandoline aus dem Holze des +Maulbeerbaumes, mit zwei in dem Intervall einer Quarte gestimmten Saiten +aus fest gedrehter Seide; der „Kobiz“, eine Art offenes Violoncell, dessen +Pferdehaarsaiten mittels eines Bogens in Schwingungen versetzt wurden; die +„Tschibyzga“, eine lange Flöte aus Rosenholz; dazu Trompeten, Tambourins, +Tamtams u. dgl., und das Alles begleitet von den Kehltönen zahlreicher +Sänger. Hierzu kam noch das dann und wann hörbare, leise Erklingen eines +besonderen Concertes in der Luft, das von einem Dutzend Papierdrachen +herrührte, vor deren durchbrochenem Mitteltheile Saiten gespannt waren, +welche von dem Winde gleich Aeolsharfen erklangen. + +Sofort begann nun der Tanz. + +Die Theilnehmerinnen waren Alle von persischer Abkunft, aber nicht etwa +Sklavinnen, sondern trieben ihr Gewerbe freiwillig. + +Früher fungirten sie officiell bei den Festen am Hofe zu Teheran, wurden +aber seit der Thronbesteigung der jetzigen Herrscherfamilie entlassen und +aus dem Reiche verbannt, so daß sie ihr Glück in andern Ländern suchen +mußten. Sie trugen ihr von Schmuck aller Art überladenes Nationalcostüm. +Kleine goldene Dreiecke mit langen Gehängen schaukelten an ihren Ohren, +Spangen von Niellosilber zierten ihren Hals, um die Arme und Beine +schlangen sich Bracelets mit einer doppelten Gemmenreihe, während an den +Enden ihrer langen Flechten eine Art Rosette von Perlen, Türkisen und +Karneolen erglänzte. Den Taillengürtel schloß eine Art Diamant-Agraffe, in +der Form des Großkreuzes eines europäischen Ordens. + +Diese Tänzerinnen führten ihre Spiele, bald einzeln, bald in Gruppen, mit +vollendeter Grazie auf. Sie trugen das Gesicht unverhüllt, von Zeit zu +Zeit aber zogen sie einen feinen Schleier vor das Antlitz, so daß es +schien, als lege sich eine Wolke von Gaze über alle diese lächelnden +Augen, wie eine zarte Wolke den sternbesäeten Himmel bedeckt. Einzelne +dieser Perserinnen trugen ferner als Schärpe eine Art Wehrgehänge aus +perlengesticktem Leder, an welchem mit der Spitze nach unten eine +dreikantige Tasche hing, welche sie zu bestimmter Zeit öffneten. Aus +diesen von Goldfiligran gewebten Taschen holten sie lange schmale Bänder +von scharlachrother Farbe hervor, auf welche Sprüche aus dem Koran +gestickt waren. + +Sie spannten diese Bänder zwischen sich aus und bildeten so einen Ring, +unter welchem andere Tänzerinnen hindurchschlüpften, und je nach dem Verse +über ihnen sich entweder zur Erde warfen oder in leichten Sprüngen +dahinflogen, so als wollten sie unter den Houris des Himmels Mohamed’s +verschwinden. + +Auffallend erschien bei diesen Bewegungen, und vorzüglich fühlte sich +Alcide Jolivet dadurch betroffen, daß sich diese Perserinnen weit eher +ruhig als wild zeigten. Es mangelte ihnen alles berauschende Feuer, und +sie erinnerten ebenso durch die Art ihrer Tänze, wie durch deren +Ausführung, weit mehr an die stillen, decenten Bajaderen Indiens, als etwa +an die leidenschaftlichen Almes (Tänzerinnen) Egyptens. + +Nach Schluß dieses ersten Schauspieles ließ sich neben Michael Strogoff +eine ernste Stimme vernehmen: + +„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“ + +Der Mann, welcher diese Worte wiederholte, ein hochgewachsener Tartar, war +der Vollstrecker der peinlichen Befehle Feofar-Khan’s. Er hatte hinter dem +Verurtheilten Platz genommen und hielt einen langen, gekrümmten Säbel in +der Faust, eine jener Damascenerklingen, wie sie die berühmten +Waffenschmiede von Karschi oder Hissar liefern. + +An seiner Seite hatten einige Garden ein Kohlenbecken aufgestellt, in dem, +ohne irgend welchen Rauch zu verbreiten, ein Haufen Kohlen glühte. Der +leichte, empor steigende Dampf rührte nur von der Verbrennung einer +harzigen, wohlriechenden Substanz, einer Mischung von Weihrauch und +Bernstein, her, welche man zeitweilig darauf streute. + +Auf die Perserinnen war inzwischen eine andere von ihren Vorgängerinnen +sehr verschiedene Gruppe Tänzerinnen gefolgt, die Michael Strogoff sehr +bald erkannte. + +Die beiden Journalisten zweifelten offenbar keinen Augenblick, wen sie vor +sich hätten, denn Harry Blount sagte zu seinem Collegen: + +„Da, die Zigeunerinnen aus Nishny-Nowgorod! + +— Wahrhaftig, bestätigte Alcide Jolivet; ich meine aber, im Dienste als +Spioninnen werden ihnen die Augen wohl mehr Geld einbringen, als hier ihre +Beine!“ + +Wenn Alcide Jolivet vermuthete, daß Jene im Solde des Emirs standen, so +täuschte er sich, wie wir wissen, nicht. In den ersten Reihen der +Zigeunerinnen sah man Sangarre in einem wunderlichen, aber prächtigen +Anzuge, der ihre Schönheit vortheilhaft hervorhob. + +Sangarre selbst tanzte nicht, sondern setzte sich, einer Herrscherin +vergleichbar, in die Mitte ihrer Balleteusen, deren phantastische Pas +Reminiscenzen an alle in Europa von ihnen durchzogene Länder, an Böhmen, +Italien, Spanien, sowie auch an Egypten wach riefen. + +Sie erregten sich gegenseitig durch den Lärmen der Cymbeln an ihren Armen, +und durch das Schnarren der „Daïres“, eine Art baskischer Trommeln, welche +sie mit den Fingern schlugen. + +Sangarre hielt ebenfalls einen solchen Daïre in der Hand, durch dessen +Schall sie diese Truppe wahrhaftiger Korybanten noch mehr anfeuerte. + +Dann trat ein junger Zigeuner von kaum fünfzehn Jahren vor. Er trug eine +Dutare, deren Saiten er durch das Anschlagen mit den Nägeln eine leise +Melodie entlockte. Er sang. Eine Tänzerin nahm neben ihm Platz und +verhielt sich ruhig, so lange er einen Vers seines Liedes vortrug; nur +wenn der Refrain desselben von den Lippen des jugendlichen Sängers +erklang, sprang sie zum rasenden Tanze auf, schlug ihren Daïre und suchte +Jenen durch das Getöse ihrer Schellentrommel zu übertönen. + +Nach dem letzten Refrain umschwärmten die Zigeunerinnen alle den Sänger +und verflochten ihn gleichsam in die verworrenen Falten ihres Tanzes. + +Als Belohnung fiel ein Regen von Goldstücken aus den Händen des Emirs, +seiner Verbündeten und denen der Officiere aller Grade nieder, und zu dem +Klingen der Münzen, welche die Cymbeln der Tänzerinnen trafen, mischten +sich noch die letzten Töne der Dutares und der Tambourins. + +„Verschwenderisch, wie die Räuber gewöhnlich!“ raunte Alcide Jolivet +seinem Gefährten in’s Ohr. + +Und es war auch wirklich gestohlenes Geld, welches hier niederfiel, denn +mit den tartarischen Tomans und Sequies regnete es auch Ducaten und +russische Rubelstücke. + +Dann ward es einen Augenblick still, und die Stimme des Henkers, der seine +Hand auf Michael Strogoff’s Schulter legte, sprach noch einmal die Worte, +deren Wiederholung sie um so unheilvoller klingen ließ: + +„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“ + +Diesesmal bemerkte Alcide Jolivet aber, daß der Henker nicht mehr seinen +blanken Säbel in der Hand hatte. + +Indeß sank die Sonne langsam unter den Horizont. Ein sanftes Helldunkel +verhüllte schon die entfernten Theile des Platzes. Der Cedern- und +Pinienwald erschien schwärzer und die in der Ferne dunkel fluthenden +Wellen des Tom verschwanden in dem Abendnebel. Die Stadt ruhte im +Schatten, der auch bald das Plateau erreichen mußte. + +Jetzt drangen plötzlich mehrere hundert Sklavinnen mit Fackeln in den +Händen auf den Platz. Von Sangarre geführt, traten die Zigeunerinnen und +Perserinnen wieder vor dem Throne des Emirs auf und suchten durch den +Contrast gegen ihre früheren Tänze und Evolutionen noch mehr zu ergötzen. +Alle musikalischen Instrumente des tartarischen Orchesters vereinigten +sich zu wilderen Harmonien, begleitet von den rauhen Kehltönen der Sänger. +Die Drachen, welche man vorher herabgezogen hatte, flogen, geschmückt mit +einem ganzen Sternbild buntfarbiger Lampen, wieder auf, und ihre Saiten +erklangen mitten in dieser Luftillumination heller und voller. + +Dann schloß sich eine Escadron Tartaren in Kriegsuniform dem Tanze an, der +an Wildheit allmälig zunahm, und bald begann eine Vorstellung, die den +fremdartigsten Eindruck hervorbrachte. + +Während des Springens und Tanzens erfüllten diese Soldaten mit blanken +Waffen die Luft durch das Knallen ihrer langen Pistolen, das Knattern der +Musketen, das sich mit dem rollenden Ton der Tambourins, dem Schnarren der +Daïres und dem Knirschen der Doutaren mischte. Ihre Schießwaffen waren +dabei, nach chinesischer Art, mit einem durch gewisse metallische Zusätze +farbig abbrennenden Pulver geladen und sprühten lange rothe, grüne und +blaue Feuerstrahlen in die Luft, so daß es schien, als wogten alle diese +lebenden Gruppen in einem Meere von Feuer. Dieses Divertissement erinnerte +gewissermaßen an die Cybistik (Springkünste) der Alten, eine Art +militärischen Tanzes, bei dem die Theilnehmer sich mitten zwischen Säbel- +und Dolchspitzen hindurchwanden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß +die Berichte davon sich bis auf die Völker Centralasiens fortgeerbt haben; +diese tartarische Cybistik aber erschien noch weit märchenhafter durch die +farbigen Flammen, welche über den Tänzerinnen loderten und die ganze +Gruppe mit glitzernden Funken schmückten. Es war wie ein Kaleidoskop von +Blitzen, das in seinen Zusammenstellungen mit jeder Bewegung der Tanzenden +wechselte. So satt ein pariser Journalist auch gegenüber derartigen +Vorstellungen sein mag, in denen es die moderne Bühnentechnik ja so weit +gebracht hat, so konnte Alcide Jolivet doch eine leichte Bewegung mit dem +Kopfe nicht unterlassen, die zwischen dem Boulevard Montmartre und La +Madelaine etwa: „Nicht übel, nicht übel!“ bedeutet hätte. + +Plötzlich verloschen wie auf ein Signal alle Flammen dieses Feuermeeres, +die Tänze hörten auf, die Tänzerinnen verschwanden. Die Ceremonie war +vorbei und nur die Fackeln leuchteten noch auf dem Plateau, das vorher in +tausend Lichtern erglänzte. + +Auf ein Zeichen des Emirs ward Michael Strogoff mitten auf den Platz +geführt. + +„Blount, sagte Alcide Jolivet zu seinem Begleiter, wollen Sie auch das +Ende hiervon noch ansehen? + +— Nicht um Alles in der Welt, erwiderte Harry Blount. + +— Ihre Leser des Daily-Telegraph werden nicht so sehr darauf erpicht sein, +die Einzelheiten einer Gerichtsvollstreckung nach Sitte der Tartaren +kennen zu lernen. + +— Nicht mehr als Ihre Cousine. + +— Armer Kerl! fügte Alcide Jolivet hinzu mit einem Blicke auf Michael +Strogoff. Dieser wackere Soldat hätte einen besseren Tod auf dem Felde der +Ehre verdient! + +— Können wir etwas zu seiner Rettung thun? sagte Harry Blount. + +— Nein, leider gar nichts.“ + +Die beiden Journalisten erinnerten sich des uneigennützigen +Entgegenkommens Michael Strogoff’s, sie wußten nun, welche Prüfung er, ein +Sklave seiner Pflicht, hatte über sich ergehen lassen, und nichts konnten +sie für den Gefangenen in der grausamen Hand der Tartaren, gar nichts für +ihn thun! + +Da sie keineswegs begierig waren, der Vollstreckung des Urtheils an dem +Unglücklichen beizuwohnen, so kehrten sie nach der Stadt zurück. + +Eine Stunde später trabten sie schon auf der Straße nach Irkutsk, um unter +dem russischen Heere „den Revanchekrieg“, wie Alcide Jolivet schon zu +sagen beliebte, weiter zu verfolgen. + +Inzwischen stand Michael Strogoff aufrecht da, mit einem Blicke voll +männlichen Stolzes auf den Emir, voll Verachtung gegen Iwan Ogareff. Er +erwartete sterben zu müssen, und doch hätte man vergeblich ein Zeichen der +Schwäche an ihm zu entdecken gesucht. + +Die Zuschauer am Rande des Platzes ebenso wie der Generalstab +Feofar-Khan’s, für welche diese Hinrichtung nur ein Lockmittel zum +Ausharren war, erwarteten die Vollstreckung des Urtheils. Nach Stillung +ihrer Neugier brannte diese wilde Horde vor Verlangen, sich thierisch zu +berauschen. + +Der Emir gab ein Zeichen. Von Garden gedrängt näherte sich Michael +Strogoff mehr der Terrasse, und Feofar-Khan sprach zu ihm in der auch ihm +verständlichen tartarischen Mundart: + +„Du kamst, um zu sehen, Spion der Russen. Du hast zum letzten Mal gesehen. +Nach Verlauf einer Minute werden Deine Augen dem Lichte für immer +verschlossen sein!“ + +Nicht den Tod sollte Michael Strogoff also erleiden, aber von ewiger +Blindheit geschlagen werden. Ist der Verlust des Gesichts vielleicht nicht +noch schrecklicher, als der des Lebens? Der Unglückliche war verdammt, +geblendet zu werden. + +Auch als Michael Strogoff das über ihn gefällte Urtheil aus dem Munde des +Emirs vernahm, erbleichte er nicht. Er blieb unerschüttert, die Augen weit +geöffnet, stehen, als wollte er sein ganzes Leben in diesen letzten Blick +zusammendrängen. Diese Unmenschen um Gnade anzuflehen erschien nicht nur +unnütz, sondern auch seiner unwürdig. Er dachte überhaupt gar nicht daran. +Alle seine Geistesthätigkeit condensirte sich, so zu sagen, in seiner +unwiderruflich verfehlten Mission, in seiner Mutter und Nadia, die er nie +wiedersehen sollte. Dennoch ließ er äußerlich nichts von der tiefen +Erregung seines Innern blicken. + +Sein ganzes Wesen durchzuckte der Gedanke, sich noch einmal auf irgend +eine Weise zu rächen. Er kehrte sich zu Iwan Ogareff um. + +„Iwan, begann er mit drohender Stimme, Iwan, elender Verräther, die letzte +Drohung meiner Augen wird für Dich sein!“ + +Iwan Ogareff zuckte mit den Achseln. + +Aber Michael Strogoff täuschte sich. Nicht mit einem Blicke der Wuth auf +Iwan Ogareff sollten sich seine Augen für immer schließen. + +Marfa Strogoff näherte sich ihm. + +„Meine Mutter! rief er, Dir, ja Dir sollen meine letzten Blicke noch +gelten, nicht jenem Schurken dort! + +— O bleibe vor mir stehen! Laß mich Dein geliebtes Angesicht noch sehen! +Mögen sich meine Augen mit diesem letzten Bilde schließen!...“ + +Die alte Sibirerin schritt ohne ein Wort auf ihn zu. + +„Fort mit diesem Weibe!“ befahl Iwan Ogareff. + +Zwei Soldaten suchten Marfa Strogoff fortzureißen. Sie wich zurück, blieb +aber wenige Schritte vor ihrem Sohne stehen. + +Der Henker erschien. Jetzt trug er wieder den bloßen Säbel in der Hand, +aber dieser leuchtete in heller Weißgluth, wie er ihn aus dem Becken mit +wohlriechenden Kohlen gezogen hatte. + +Michael Strogoff sollte nach der gewöhnlichen Sitte der Tartaren geblendet +werden, indem man eine weißglühende Klinge dicht vor seinen Augen +vorbeiführte. + +Michael Strogoff leistete keinen Widerstand. Für seinen Blick war nichts +vorhanden, als seine Mutter, die er mit den Augen zu verzehren suchte! +All’ sein Leben drängte sich in diesem letzten Liebesblick zusammen! + +Mit weit geöffneten Augen, die Arme nach ihm ausbreitend, sah Marfa +Strogoff ihn an ... + +Die glühende Klinge streifte die Augen Michael Strogoff’s. + +Ein Schrei der Verzweiflung. Leblos sank die alte Marfa zu Boden. + +Michael Strogoff war blind. + +Nach Ausführung seines Befehls zog sich der Emir mit seinem ganzen Hofe +zurück. Bald waren nur noch Iwan Ogareff und die Fackelträger auf dem +Platze. + +Iwan Ogareff zog das kaiserliche Schreiben aus der Tasche, öffnete es und +hielt dasselbe in grausamem Spott dem Courier des Czaaren vor die Augen. + +„Lies doch nun, Michael Strogoff, lies, und gehe nach Irkutsk, zu melden, +was Du gesehen hast! Der wahrhafte Courier des Czaaren, das bin ich, das +ist Iwan Ogareff!“ Mit diesen Worten verbarg der Verräther den Brief +wieder an seiner Brust. Dann verließ er, ohne sich umzuwenden, den Platz, +und lautlos folgten ihm die Fackelträger. + +Michael Strogoff war allein, wenig Schritte von seiner Mutter, welche noch +leblos, vielleicht wirklich todt, auf der Erde lag. + +In der Ferne hörte man das Schreien und Singen, das Lärmen der Orgie. +Festlich erleuchtet prangte die unglückliche Stadt. + +Michael Strogoff lauschte; der Platz schien ihm still und verlassen. + +Tastend suchte er die Stelle zu erreichen, auf der seine Mutter +niedersank. Seine Hand fand sie, er neigte sich über sie, er legte sein +Antlitz auf das ihre, er hörte die Schläge ihres Herzens. Dann schien es, +als flüsterte er ihr einige Worte zu. + +Lebte die alte Marfa noch, und hörte sie, was ihr Sohn zu ihr sagte? + +Jedenfalls machte sie nicht die geringste Bewegung. + +Michael Strogoff küßte ihr die Stirn und das weiße Haar. Dann erhob er +sich, tastete mit den Füßen, suchte seine Hand auszustrecken, um den Weg +zu finden, und schritt langsam nach dem Ende des Platzes. + +Plötzlich erschien Nadia. + +Sie ging gerade auf ihren Gefährten zu. Ein Dolch, den sie bei sich trug, +diente ihr, die Fesseln zu durchschneiden, welche Michael Strogoff’s Arme +drückten. + +Bei seiner Blindheit wußte dieser nicht, wer ihn befreite, denn Nadia +hatte noch kein Wort gesprochen. + +Nachher erst flüsterte sie: + +„Bruder, mein Bruder! + +— Nadia, erwiderte Michael Strogoff, Du, Nadia! + +— Komm, Bruder! antwortete sie. Meine Augen werden nun die Deinigen sein, +ich werde Dich nach Irkutsk führen!“ + + + + + Sechs tes Capitel. + + + Ein Freund unterwegs. + + +Nach Verlauf einer halben Stunde hatten Michael Strogoff und Nadia Tomsk +verlassen. + +Ueberhaupt gelang es im Laufe dieser Nacht einer ganzen Anzahl Gefangenen +zu entweichen, da Soldaten und Officiere im Taumel der wilden +Festlichkeiten die bisher gewohnte strenge Ueberwachung jenes +Menschenknäuels vernachlässigten. Nadia vermochte also, nachdem man sie +erst mit den anderen Gefangenen weggeführt hatte, zu entfliehen und nach +dem Plateau zurück zu kehren, gerade als Michael Strogoff vor den Emir +geschleppt wurde. + +Unter der Zuschauermenge verloren, hatte sie Alles mit angesehen. Nicht +ein Schrei entfuhr ihr, als die weißglühende Säbelklinge die Augen ihres +Begleiters streifte. Sie erzwang sich die Kraft, unbeweglich und lautlos +zu verharren. Eine providentielle Ahnung gab ihr den Rath ein, sich zurück +zu halten, um ihre Freiheit zu sichern und den Sohn Marfa Strogoff’s nach +dem Ziele zu geleiten, das er zu erreichen geschworen hatte. Einen +Augenblick wohl stand das Herz ihr still, als sie die alte Sibirerin +ohnmächtig niedersinken sah, aber _ein_ Gedanke reichte hin, ihr all’ die +frühere Entschlossenheit zurück zu geben. + +„Ich werde der treue Hund des Blinden sein!“ sagte sie sich. + +Als Iwan Ogareff sich entfernte, suchte Nadia sich im Dunkel zu verbergen. +Sie wartete gelassen, bis die Menge sich vom Plateau verlief. Verlassen, +wie ein elendes Geschöpf, das man nicht weiter zu fürchten hatte, war +Michael Strogoff allein gelassen worden. Sie sah, wie er sich zu seiner +Mutter hin tastete, sich über sie beugte, ihre Stirn voll heißer Liebe +küßte und dann zu entfliehen suchte ... + +Einige Minuten später verließen Beide Hand in Hand den Abhang des Hügels, +folgten bis zum Ende der Stadt den Ufern des Tom und gelangten unbemerkt +durch eine Oeffnung des Umfassungswalles. + +Nur die eine Straße nach Irkutsk verlief dort in östlicher Richtung. Nadia +führte Michael Strogoff möglichst schnell mit sich fort, in der Besorgniß, +es möchten die Plänkler des Emirs nach Schluß der thierischen Orgie, die +sie jetzt feierten, wieder ausschwärmen und jeden Weg verlegen. Ihr galt +es also, Jenen zuvor zu kommen, und Krasnojarsk, das übrigens 500 Werst +von Tomsk entfernt liegt, eher als sie zu erreichen. Sich seitwärts von +der Straße zu wagen, das hieß dem Ungewissen, Unbekannten, wahrscheinlich +aber dem drohenden Verderben entgegen zu gehen. + +Wie Nadia die Anstrengungen der Nacht vom 16. zum 17. August zu ertragen +vermochte; woher sie die Kräfte nahm, eine so lange Tagereise auszuhalten; +wie ihre von dem anstrengenden Marsche der vorhergehenden Tage noch +blutenden Füße sie bis dahin tragen konnten, – wohl ist das kaum +begreiflich. Aber trotzdem erreichte sie am nächsten Tage, zwölf Stunden +nach dem Aufbruch aus Tomsk, mit Michael Strogoff den Flecken Semilowskoë, +– nach einem Wege von fünfzig Werst Länge. + +Michael Strogoff hatte noch keine Silbe gesprochen. Nicht Nadia hielt +seine Hand, sondern er schloß sich die ganze Nacht über an die seiner +Begleiterin; aber Dank dieser treuen Hand, die ihn, wenn auch leise +zitternd, leitete, war er gewohnten schnellen Schrittes gegangen. + +Semilowskoë erwies sich fast vollständig verlassen. Aus Furcht vor den +Tartaren waren die Einwohner nach der Provinz Yeniseïsk entflohen, und nur +zwei oder drei Häuser bewohnt geblieben. Allen Reichthum der Stadt an +nützlichen und werthvollen Gegenständen hatte man auf Karren fort +geschafft. + +Dennoch konnte Nadia nicht umhin, hier einige Stunden Halt zu machen. +Beide bedurften nothwendig der Nahrung und der Ruhe. + +Das junge Mädchen führte seinen Begleiter also nach dem Ende des +Marktfleckens. Dort fand sich ein Haus mit offen stehender Thür. Sie +traten ein. Neben dem in sibirischen Häusern gebräuchlichen ungeheuren +Ofen stand mitten in der Stube eine einfache hölzerne Bank. Beide setzten +sich dort nieder. + +Jetzt erst schaute Nadia ihrem geblendeten Gefährten in’s Gesicht, wie sie +ihn wohl noch nie angesehen hatte. Aus ihrem Blicke sprach noch mehr als +Dankbarkeit, mehr als Mitleid mit dem Unglück. Hätte nur Michael Strogoff +sie sehen können, er hätte in ihrem verzweifelten Blick den Ausdruck der +Ergebenheit ohne Grenzen, der innigsten Zärtlichkeit lesen müssen. + +Die von der hellglühenden Klinge gerötheten Lider bedeckten zur Hälfte die +trockenen Augen des Blinden. Die Sklerotika (die weiße Augenhaut) erschien +leicht gefaltet, wie verhornt, die Pupille auffallend vergrößert; die Iris +(Regenbogenhaut) zeigte ein dunkleres Blau als vordem; Wimpern und +Augenbrauen waren zum Theil verbrannt und versengt, – scheinbar aber hatte +der so durchdringende Blick des jungen Mannes sich keineswegs verändert. +Wenn er nicht sehen konnte, wenn seine Blindheit vollständig war, so +rührte das von der totalen Zerstörung der Lichtempfindlichkeit der +Netzhäute und Sehnerven durch die Hitze des glühenden Stahles her. + +Jetzt streckte Michael Strogoff seine hilflosen Hände aus. + +„Du bist hier, Nadia? fragte er. + +— Ja, ich bin bei Dir, erwiderte das junge Mädchen, ich werde Dich niemals +verlassen, Michael.“ + +Michael Strogoff erzitterte im Innern, als Nadia zum ersten Male seinen +wahren Namen aussprach. Er begriff, daß seine Gefährtin Alles wußte, wer +er sei und welche Bande ihn mit der alten Marfa verknüpften. + +„Nadia, fuhr er fort, wir werden uns trennen müssen. + +— Uns trennen? Und warum, Michael? + +— Ich will Dir kein Hinderniß Deiner Reise sein. Dein Vater erwartet Dich +in Irkutsk. Du mußt zu ihm eilen. + +— Mein Vater würde mir fluchen, Michael, wenn ich Dich, nach dem, was Du +für mich gethan, verlassen wollte. + +— Nadia, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und drückte die Hand, welche +das junge Mädchen in die seinige gelegt hatte, Du hast an Niemand als an +Deinen Vater zu denken. + +— Michael, antwortete Nadia fast bitter, Du bedarfst meiner jetzt mehr, +als mein Vater! Willst Du denn darauf verzichten, nach Irkutsk zu kommen? + +— Niemals! sagte Michael Strogoff schnell und in einem Tone, der seine +ganze frühere Energie durchklingen ließ. + +— Du besitzest aber jenen Brief nicht mehr ... + +— Den Brief, den Iwan Ogareff mir raubte!... Ja wohl, doch auch das soll +mich nicht abhalten, Nadia! – Sie haben mich als Spion verurtheilt, – gut, +so werde ich handeln wie ein Spion. In Irkutsk will ich Alles sagen, was +ich gesehen, was ich gehört habe, und, beim allmächtigen Gott, ich schwöre +es, daß der Verräther mich noch einmal zu Gesicht bekommen soll; nur muß +ich vor ihm in Irkutsk ankommen. + +— Und doch sprichst Du von Trennung, Michael! + +— Die Nichtswürdigen haben mir Alles gestohlen, Nadia. + +— Mir blieben noch einige Rubel und meine Augen. Ich kann für Dich mit +ihnen sehen und Dich dahin führen, wohin Du allein niemals gelangen +würdest. + +— Und wie sollen wir weiter reisen? + +— Zu Fuß. + +— Und wovon leben? + +— Wir betteln. + +— Nun denn, mit Gott! + +— Komm, Michael.“ + +Die beiden jungen Leute nannten sich nicht mehr Bruder und Schwester, das +gemeinsame Unglück kettete sie noch inniger an einander. Beide verließen +das Haus, nachdem sie eine Stunde geruht hatten. Nadia durcheilte vorher +die Straßen des kleinen Ortes, und es war ihr geglückt, einige Stücken +„Tschornekhleb“, d. i. eine Art Gerstenbrod, und etwas Meth, der in +Rußland mit dem Namen „Meed“ bezeichnet wird, zu erlangen. Beides kostete +ihr nichts, denn sie hatte sich bezwungen, als Bettlerin anzuklopfen. Das +Brod und der Meth sättigten nothdürftig Michael Strogoff’s Hunger und +Durst. Nadia hatte ihm den größeren Theil des kärglichen Mahles +aufgenöthigt. Er aß die Brodbissen, die ihm seine Gefährtin einen nach dem +andern reichte; er trank aus der Kürbisflasche, die sie an seine Lippen +setzte. + +„Ißt Du auch, Nadia? fragte er wiederholt. + +— Ja wohl, Michael“, beruhigte ihn das junge Mädchen, während es sich doch +mit den Ueberresten begnügte. + +Michael Strogoff und Nadia verließen Semilowskoë und begaben sich wieder +auf den mühseligen Weg nach Irkutsk. Energisch widerstand das junge +Mädchen jeder Ermüdung. Hätte Michael Strogoff sie gesehen, es wäre ihm +wohl der Muth gesunken, weiter zu ziehen. Nadia aber beklagte sich nicht, +und da Michael Strogoff keinen leisen Seufzer hörte, so ging er mit einer +Hast, die er selbst nicht zu zügeln vermochte. Und warum? Durfte er +hoffen, den Tartaren zuvor zu kommen? Er war zu Fuß, ohne Geld und – +blind, und wenn Nadia, seine einzige Führerin, ihm entrissen werden +sollte, blieb ihm ja nichts Anderes übrig, als sich an die Seite der +Straße zu legen und elend zu verderben. Konnte er dagegen durch ungebeugte +Energie nach Krasnojarsk gelangen, so war vielleicht noch nicht Alles +verloren, da der Gouverneur, dem er sich zu entdecken gedachte, ihm ohne +Zweifel die nöthigen Mittel gewähren würde, um Irkutsk zu erreichen. + +Michael Strogoff wanderte also karg an Worten und versunken in Gedanken +weiter. Er hielt Nadia’s Hand. Beide blieben ununterbrochen vereinigt. Es +schien, als bedürften sie der Sprache zum Austausch ihrer Gedanken gar +nicht mehr. Von Zeit zu Zeit unterbrach Michael Strogoff wohl das +Schweigen. + +„Sprich doch zu mir, Nadia, sagte er. + +— Wozu das, Michael? Wir denken ja zusammen!“ antwortete die junge +Liefländerin und bemühte sich, ihre Erschöpfung nicht durch ihre Stimme zu +verrathen. + +Manchmal aber sanken ihre Füße zusammen, als stände ihr Puls schon still, +ihr Schritt verlangsamte sich und mit flehend geöffneten Armen blieb sie +ein wenig zurück, dann hemmte auch Michael Strogoff seine Schritte und +richtete die Augen auf das junge Mädchen, so als könne er es in der +Dunkelheit, die ihn umgab, erkennen. Seine Brust hob sich; er suchte seine +Begleiterin noch besser zu unterstützen und nahm den ermüdenden Weg wieder +auf. + +Diese ununterbrochenen Anstrengungen sollten aber heute eine überaus +glückliche Wendung erfahren, welche Beiden für die Zukunft eine große +Erleichterung versprach. + +Seit zwei Stunden hatten sie Semilowskoë verlassen, als Michael Strogoff +stehen blieb und fragte: + +„Ist die Straße menschenleer? + +— Vollständig verlassen, antwortete Nadia. + +— Hörst Du nicht hinter uns irgend ein Geräusch? + +— Ja, wirklich. + +— Das könnten Tartaren sein; wir werden uns verbergen müssen. Passe wohl +auf! + +— Warte ein wenig, Michael!“ erwiderte Nadia und ging die Straße einige +Schritte, bis zu einer nahen Biegung rückwärts. + +Michael Strogoff blieb, angestrengt lauschend, einige Augenblicke allein. + +Nadia kehrte sehr bald zurück und meldete: + +„Es ist ein Wagen hinter uns, den ein junger Mann führt. + +— Ist er allein? + +— So viel ich sehen kann, ja.“ + +Michael Strogoff zögerte einen Moment. Sollte er sich verbergen? – oder +sollte er im Gegentheil bei der sich bietenden Gelegenheit versuchen, auf +diesem Wagen, wenn auch nicht für sich selbst, so doch vielleicht für sie, +einen Platz zu erhalten? Er würde sich damit begnügen, eine Hand auf den +Wagen zu stützen; ja, er würde diesen selbst mit schieben, denn seine Füße +versagten ihm voraussichtlich niemals den Dienst, aber er fühlte wohl, daß +Nadia durch die lange, achttägige Wanderung vom Obi bis hierher am Ende +ihrer Kräfte sein müsse. + +Er wartete. + +Der Wagen zeigte sich bald an dem Knie der Straße. + +Es war ein sehr verfallenes, für höchstens drei Personen eingerichtetes +Fuhrwerk, eine in der dortigen Gegend sogenannte Kibitka. + +Gewöhnlich bilden drei Pferde die Bespannung einer solchen Kibitka; diese +wurde aber nur von einem Pferde mit langer Behaarung und dickbuschiger +Mähne und Schweif gezogen, dessen offenbar mongolische Abstammung seine +Stärke und Ausdauer verrieth. + +Als Führer saß ein junger Mann auf dem Wagen, neben welchem ein Hund +neugierig hervorguckte. + +Nadia erkannte bald, daß der junge Mann ein Russe sei. Er hatte ein +freundliches, ruhiges, Vertrauen erweckendes Gesicht. Besondere Eile +schien er auch nicht zu haben. Er trottete ruhigen Schrittes dahin, um +sein Pferd nicht überanzustrengen, und wer ihn so sah, hätte gewiß nie +geglaubt, daß er auf einem Wege fahre, den die wilden Horden der Tartaren +jederzeit abschneiden konnten. + +Nadia faßte Michael Strogoff’s Hand sicherer und trat zur Seite. + +Die Kibitka hielt; lächelnd sah deren Führer das junge Mädchen an. + +„Ei, wo wandert Ihr denn hin?“ fragte er mit freundlich theilnehmendem +Blicke. + +Der Ton dieser Stimme belehrte Michael Strogoff, daß er dieselbe irgendwo +schon einmal gehört habe. Ohne Zweifel genügte ihm dieser Anhaltepunkt, um +den Führer der Kibitka wieder zu erkennen, denn seine sorgenvolle Stirn +heiterte sich plötzlich auf. + +„Nun, wohin wollt Ihr denn? wiederholte der junge Mann, indem er sich +direct an Michael Strogoff wandte. + +— Wir gehen nach Irkutsk, antwortete dieser. + +— Aber, Väterchen, Du weißt wohl gar nicht, daß es noch viele, viele Werst +bis Irkutsk ist. + +— O ja, das weiß ich. + +— Und Du reisest zu Fuß? + +— Wie Du siehst. + +— Für Dich mag das angehen, aber die junge Dame ... + +— Das ist meine Schwester, fiel Michael Strogoff ein, der es für +gerathener hielt, ihr diese Bezeichnung wieder beizulegen. + +— Ja, das ist ganz gut, Väterchen. Aber traue meinem Worte, sie wird zu +Fuß niemals nach Irkutsk kommen. + +— Guter Freund, begann Michael Strogoff und näherte sich dem Wagen, die +Tartaren haben uns geplündert und ich besitze keine Kopeke, sie Dir +anzubieten; doch wenn Du nur meine Schwester mit auf den Wagen nehmen +willst, so werd’ ich Dir gern zu Fuß folgen, nöthigenfalls laufen, um Dich +keine Stunde aufzuhalten ... + +— Aber, Bruder, fiel ihm Nadia in’s Wort,... ich will das nicht, nein, ich +will nicht!... Mein Bruder ist blind, mein Herr! + +— Blind! rief der junge Mann mit bewegter Stimme. + +— Die Tartaren blendeten ihm die Augen durch Feuer! setzte Nadia dazu, +während sie die Hände ausstreckte, um sein Mitleid anzurufen. + +— Die Augen haben sie Dir ausgebrannt? – O, Du armes Väterchen! – Nun, ich +will nach Krasnojarsk. Warum willst Du nicht mit Deiner Schwester auf +meinem Wagen Platz nehmen? Wenn wir uns etwas einrichten, werden alle drei +Platz finden. Mein Hund wird nichts dagegen haben, weiter zu Fuß zu gehen. +Nur fahre ich nicht sehr schnell, um mein Pferd zu schonen. + +— Wie ist Dein Name, Freund? fragte Michael Strogoff. + +— Ich heiße Nicolaus Pigassof. + +— Diesen Namen werd’ ich niemals vergessen, betheuerte Michael Strogoff. + +— Nun komm, steig’ auf, blindes Väterchen. Hinten im Wagen mag Deine +Schwester neben Dir sitzen; ich werde davor Platz finden, um das Pferd zu +führen. Im Wagen liegt schöne Birkenrinde und Gerstenstroh – es ist wie +ein warmes Nest darin. Allons, Sersko, mach’ Platz!“ + +Der Hund sprang, ohne sich bitten zu lassen, herab. Er war von sibirischer +Race mit grauem Fell, von mittlerer Größe, mit großem, gutmüthigem Kopfe +und schien sehr an seinem Herrn zu hängen. + +Michael Strogoff und Nadia richteten sich schnell in der Kibitka ein. +Michael Strogoff hatte die Hände ausgestreckt, um die Nicolaus Pigassof’s +zu suchen. + +„Meine Hand willst Du drücken, Väterchen? sagte Nicolaus. Hier ist sie! +Drücke sie, soviel es Dir Vergnügen macht.“ + +Die Kibitka setzte sich wieder in Bewegung. Das Pferd, welches Nicolaus +Pigassof nie mit der Peitsche antrieb, war ein Paßgänger. Wenn Michael +Strogoff auch an Schnelligkeit nicht viel gewann, so blieben ihm und Nadia +doch weitere Körperanstrengungen erspart. + +Die Erschöpfung des jungen Mädchens war auch so groß, daß es, geschaukelt +von dem gleichmäßigen Schwanken der Kibitka, bald in tiefen, fast +todtenähnlichen Schlaf verfiel. Michael Strogoff und Nicolaus Pigassof +betteten die müde Schläferin so gut es ging auf Birkenlaub und Stroh. Der +mitleidige junge Mann war innig bewegt, und wenn sich aus Michael +Strogoff’s Lidern keine Thräne drängte, so lag es daran, daß das glühende +Eisen deren Quelle versiegen gemacht hatte. + +„Es ist ein nettes Mädchen, sagte Nicolaus. + +— O ja, erwiderte Michael Strogoff. + +— Die Püppchen wollen immer stark sein, Väterchen, immer muthig, und im +Grunde sind sie doch nur schwach. – Kommt Ihr von weit her? + +— Von sehr weit. + +— Arme Leutchen, – das mußte Dir sehr weh thun, als sie Deine Augen +verbrannten. + +— Ja gewiß, erwiderte Michael Strogoff sich umwendend, als hätte er +Nicolaus sehen können. + +— Und Du weintest dabei nicht? + +— Doch. + +— O, ich hätte wohl auch geweint. Zu denken, daß man seine Lieben niemals +wiedersehen soll! Aber, sie können Euch doch sehen, darin liegt ja +wenigstens _ein_ Trost. + +— Ja, vielleicht. – Sage mir, Freund, fragte Michael Strogoff, solltest Du +mich noch niemals gesehen haben? + +— Dich, Väterchen? Daß ich nicht wüßte. + +— Mir kommt der Ton Deiner Stimme so bekannt vor. + +— Sieh da! versetzte Nicolaus lächelnd. Er kennt den Klang meiner Stimme. +Du fragst mich das vielleicht, um zu erfahren, woher ich komme. O, das +will ich Dir sagen. Ich komme von Kolyvan. + +— Von Kolyvan? wiederholte Michael Strogoff. Dann bin ich Dir aber doch +begegnet. Du warst dort im Telegraphenamte? + +— Das trifft, bestätigte Nicolaus. Ich wohnte daselbst als Beamter. + +— Und bliebst dort bis zum letzten Augenblick? + +— Nun, ich war wohl verpflichtet, bis zum Aeußersten auszuharren. + +— Das geschah an dem Tage, da ein Engländer und ein Franzose, die Hände +voller Rubelstücke, sich um den Platz an Deinem Schalter stritten und der +Engländer die ersten Verse der Bibel abtelegraphiren ließ? + +— Das mag sein, Väterchen, doch ich entsinne mich dessen nicht. + +— Wie? Daran erinnerst Du Dich nicht? + +— Ich lese die abzusendenden Depeschen niemals. Es ist meine Pflicht, sie +zu vergessen, und das Kürzeste, gar keine Kenntniß von ihnen zu nehmen.“ + +Diese Antwort schloß Michael Strogoff den Mund. + +Inzwischen bewegte sich die Kibitka in ihrem mäßigen Tempo weiter, das +Michael Strogoff so gern etwas beschleunigt hätte. Doch Nicolaus und sein +Pferd erschienen an jenes so gewöhnt, daß weder der Eine noch das Andere +je davon abgingen. Drei Stunden lang zog das Pferd in gleichem Schritte +weiter, dann ruhte es während einer Stunde, – und das Tag und Nacht. An +den Haltestellen weidete das Thier und die Insassen der Kibitka nahmen in +Gesellschaft des treuen Sersko einen Imbiß ein. Die Kibitka war mindestens +für zwanzig Personen verproviantirt, und Nicolaus stellte opferwillig +seine Vorräthe den beiden Gästen, die er für Bruder und Schwester hielt, +zur Verfügung. + +Nach eintägiger Ruhe gewann Nadia ihre Kräfte so ziemlich wieder. Nicolaus +sorgte nach Kräften für ihr Wohlergehen. Die Reise ging, wenn auch +langsam, doch regelmäßig und unter ganz leidlichen Verhältnissen von +statten. Es kam auch vor, daß Nicolaus während der Nacht, die Zügel in den +Händen, einschlief, wobei sein ungestörtes Schnarchen ein beredtes Zeugniß +für sein ruhiges Gewissen ablegte. Dann hätte man beobachten können, daß +Michael Strogoff die Zügel des Pferdes zu erlangen und dieses in +schnelleren Gang zu bringen suchte, zum größten Erstaunen Sersko’s, der +das indeß schweigend geschehen ließ. Unwiderruflich verlangsamte sich +dieser Trab aber sofort wieder zu dem alten Paßgang, sobald Nicolaus +erwachte; nichtsdestoweniger hatte die Kibitka einige Werst über die +reglementmäßige Geschwindigkeit gewonnen. + +So kreuzte man den Ischimsk-Strom, durchzog die Flecken Ischimskoë, +Berikylskoë, Kuskoë, den Mariinsk-Fluß, die gleichnamige Ortschaft, +Bogostowskoë und kam endlich über den Tschula, einen unbedeutenderen +Wasserlauf, der Westsibirien von Ostsibirien scheidet. Die Straße +durchschnitt hier bald ungeheure Haiden, welche einen ausgedehnten +Ueberblick gestatteten, bald dichte Tannenwälder, die gar kein Ende zu +nehmen schienen. + +Alles war öde; die Wohnstätten der Menschen fast ausnahmslos verlassen. +Die Landleute flüchteten sich über den Yeniseï, in der Meinung, daß dieser +breite Strom den Tartaren Halt gebieten werde. + +Am 22. August erreichte die Kibitka den Flecken Atschinsk, 380 Werst von +Tomsk. Hundertzwanzig Werst trennten sie nun noch von Krasnojarsk. Kein +Zwischenfall hatte die Fahrt gestört. Seit sechs Tagen vereinigt waren +Nicolaus, Michael Strogoff und Nadia die nämlichen geblieben, jener +bezüglich seiner unerschütterlichen Ruhe, diese unruhig und besorgt wegen +der Stunde, in der sich ihr Gefährte von ihnen trennen würde. + +Michael Strogoff sah wirklich die durchfahrenen Landstrecken durch die +Augen Nicolaus’ und des jungen Mädchens. Abwechselnd beschrieben ihm Beide +die Gegenden, durch welche die Kibitka fuhr. Er wußte, ob in der Umgebung +ein Wald oder eine offene Ebene sei, ob sich ein verlorenes Häuschen in +der Steppe oder ein Sibirer in der Ferne zeigte. Nicolaus’ Zunge stand +selten still. Er liebte es, zu plaudern, und bei seiner eigenen +Anschauungsweise der Dinge hörte man ihm gern zu. + +Eines Tages fragte ihn Michael Strogoff, wie die Witterung sei. + +„O, recht schön, Väterchen, antwortete er, aber wir haben nun auch die +letzten angenehmen Sommertage. Der Herbst ist in Sibirien kurz und bald +genug werden sich die ersten Winterfröste melden. Vielleicht beschließen +die Tartaren, während der schlechten Jahreszeit Cantonnements zu +beziehen?“ + +Ungläubig schüttelte Michael Strogoff den Kopf. + +„Du glaubst es nicht, Väterchen, bemerkte Nicolaus. Du denkst, sie werden +bis Irkutsk vordringen? + +— Ich fürchte es, erwiderte Michael Strogoff. + +— Ja ... Du kannst Recht haben. Sie haben da einen Schurken bei sich, der +ihren Kriegseifer nicht auf halbem Wege erkalten lassen wird. – Hast Du +von Iwan Ogareff gehört? + +— Gewiß. + +— Weißt Du, daß es sehr schlecht ist, sein Vaterland zu verrathen? + +— Ja, das ist es ... antwortete Michael Strogoff, der seine Ruhe mühsam zu +bewahren suchte. + +— Väterchen, versetzte Nicolaus, mir scheint, es empört Dich gar nicht so +sehr, von Iwan Ogareff sprechen zu hören. Jedes russische Herz zittert +doch sonst vor Wuth, wenn man diesen Namen ausspricht. + +— Glaube mir, Freund, ich hasse ihn mehr, als Du ihn jemals hassen +könntest. + +— Das ist unmöglich, erklärte Nicolaus; nein, das ist nicht möglich! Wenn +ich an Iwan Ogareff denke, an das Böse, das er unserm heiligen Rußland +zugefügt hat, so übermannt mich der Zorn und wenn ich ihn unter den Händen +hätte ... + +— Nun, wenn Du ihn hättest, Freund? + +— Ich glaube, ich würde ihn umbringen. + +— Und ich, ich weiß das gewiß“, erklärte ruhig Michael Strogoff. + + + + + Siebentes Capitel. + + + Die Ueberschreitung des Jeniseï. + + +Am 25. August kam die Kibitka mit sinkendem Tage in Sicht von Krasnojarsk +an. Die Reise von Tomsk bis hierher hatte acht Tage in Anspruch genommen. +Wenn sie trotz aller Bemühungen Michael Strogoff’s nicht schneller vor +sich ging, kam das daher, daß Nicolaus nur sehr wenig schlief. Daraus +ergab sich die Unmöglichkeit, die Gangart seines Pferdes zu beschleunigen, +das unter anderen Händen nur sechzig Stunden zu dieser Strecke gebraucht +hätte. + +Zum Glück war von den Tartaren noch gar nichts zu spüren. Kein Plänkler +ließ sich bis jetzt auf der von der Kibitka verfolgten Straße sehen. Es +erschien das ganz unbegreiflich, und offenbar mußte ein sehr gewichtiger +Umstand die Truppen des Emirs verhindert haben, ohne Verzug nach Irkutsk +zu weiter zu marschiren. + +In der That war ein solches Hinderniß eingetreten. Ein neues in aller Eile +gesammeltes russisches Corps war aus dem Gouvernement Jeniseïsk auf Tomsk +gezogen, um diese Stadt womöglich wieder zu erobern. Freilich erwies es +sich der Heeresmacht Feofar-Khan’s gegenüber noch zu schwach und hatte +sich wieder zurückziehen müssen. Nach Vereinigung seiner eigenen Truppen +mit den Soldaten der Khanate von Khokhand und Kunduz verfügte Feofar-Khan +über eine Gesammtzahl von 250,000 Mann, denen die russische Regierung noch +keine hinreichende Truppenmacht entgegen zu stellen vermochte. So +frühzeitig die Invasion zu ersticken schien nicht ausführbar, und +jedenfalls konnten die Tartarenhaufen versuchen, nach Irkutsk +aufzubrechen. + +Am 22. August kam es zu jenem Treffen bei Tomsk, von dem Michael Strogoff +zunächst nichts wußte, das aber hinreichend erklärt, warum der Vortrab des +Emirs Krasnojarsk noch am 25. unbelästigt gelassen hatte. + +Kannte Michael Strogoff auch die jüngsten Ereignisse nicht, so wußte er +doch das Eine, daß er den Tartaren um mehrere Tage voraus war und nicht +daran zu verzweifeln brauchte, Irkutsk vor ihnen zu erreichen. Die +Hauptstadt Ostsibiriens lag jetzt noch 850 Werst (= 900 Kilometer) von ihm +entfernt. + +Er rechnete übrigens darauf, daß es ihm in Krasnojarsk, einer Stadt von +etwa 12,000 Seelen, an Transportmitteln nicht fehlen könne. Da Nicolaus +Pigassof in dieser Stadt bleiben wollte, machte sich die Beschaffung eines +Führers und eines anderen schnelleren Fuhrwerkes nöthig. Michael Strogoff +hoffte, es werde ihm, wenn er sich an den Gouverneur der Stadt wendete, +seine Identität und seine Eigenschaft als Courier des Czaaren nachwies, – +was ihm nicht schwer fallen konnte, – gewiß gelingen, mit dessen Hilfe +Irkutsk in kürzester Zeit zu erreichen. Er hatte dann dem wackeren +Nicolaus Pigassof nur noch seinen herzlichen Dank abzustatten und +unverzüglich mit Nadia abzureisen, denn diese wollte er nicht eher +verlassen, als bis er sie den Händen ihres Vaters übergeben hätte. + +Nicolaus’ Entschluß, in Krasnojarsk zu bleiben, galt freilich nur „unter +der Bedingung, dort Verwendung zu finden“. + +Dieses Muster eines Beamten strebte nur darnach, sich, nachdem er seinen +Posten in Kolyvan bis zum letzten Augenblick behauptet, der +Telegraphen-Verwaltung sofort wieder zur Verfügung zu stellen. + +„Wie könnte ich einen Gehalt angreifen, den ich nicht verdient hätte?“ +wiederholte er mehrfach. + +Für den Fall, daß man seiner Dienste auch in Krasnojarsk nicht benöthigte, +wollte er, da letztere Stadt mit Irkutsk noch immer in telegraphischer +Verbindung stehen mußte, sich entweder nach Udinsk, oder auch nach der +Hauptstadt Sibiriens begeben. Dann setzte er aber seine Reise mit dem +Bruder und der Schwester fort, und wo hätten diese einen sicherern Führer, +einen ergebeneren Freund finden können? + +Die Kibitka befand sich jetzt nur noch eine halbe Werst von Krasnojarsk. +Rechts und links bemerkte man jene zahlreichen Kreuze, wie sie sich hier +an den Straßen in der Nähe der Stadt finden. Es war um sieben Uhr des +Abends. An dem klaren Himmel zeichneten sich die Silhouetten der Kirchen +und die Profile der an dem steilen Abhange des Jeniseï erbauten Häuser ab. +Das Wasser des Flusses erglänzte in den letzten Lichtstrahlen der +Atmosphäre. + +Die Kibitka hielt an. + +„Wo sind wir, Schwester? fragte Michael Strogoff. + +— Eine halbe Werst von den ersten Häusern der Stadt, belehrte ihn Nadia. + +— Ist die ganze Stadt eingeschlafen? fuhr Michael Strogoff fort. Kein Laut +dringt zu meinen Ohren. + +— Und ich sehe auch kein Licht erglänzen, keinen Rauch in die Luft +emporsteigen, fügte Nadia hinzu. + +— Eine eigenthümliche Stadt! sagte Nicolaus. Hier macht man keinen Lärmen +und legt sich sehr zeitig nieder!“ + +In Michael Strogoff stieg eine böse Ahnung auf. Er hatte Nadia noch nicht +mitgetheilt, welche Hoffnung er auf Krasnojarsk setzte, wo er die Mittel +zur sicheren Fortsetzung ihrer Reise zu erlangen glaubte. Jetzt fürchtete +er, seine Hoffnung werde noch einmal getäuscht werden. Aber Nadia hatte +seine Gedanken errathen, obgleich sie nicht begriff, warum ihr Gefährte +jetzt, nach Verlust des kaiserlichen Handschreibens, so sehr eilte, nach +Irkutsk zu kommen. Eines Tages hatte sie mit Bezug hierauf auch einige +Worte fallen lassen. + +„Ich habe geschworen, nach Irkutsk zu gehen!“ Darauf beschränkte sich +seine ganze Antwort. + +Um jedoch den Zweck seiner Sendung zu erfüllen, mußte er in Krasnojarsk +noch ein schnelles Beförderungsmittel finden. + +„Nun, Freund, wandte er sich an Nicolaus, weshalb fahren wir nicht weiter? + +— Ich befürchte, die Bewohner der Stadt durch das Geräusch unsres Wagens +aus dem Schlafe zu stören.“ + +Durch einen leichten Streich mit der Peitsche setzte Nicolaus sein Pferd +wieder in Bewegung. Sersko schlug einige Male an und die Kibitka rollte +mäßig schnell die Straße hinab, die nach Krasnojarsk hinein führte. + +Zehn Minuten später befand sie sich in der Hauptstraße. + +Auch Krasnojarsk war verlassen! Kein Athener belebte „das nordische +Athen“, wie Frau von Bourboulon die Stadt genannt hat. Keine jener so +prächtig bespannten Equipagen rollte durch die breiten, reinlichen +Straßen. Kein Fußgänger wandelte auf den Trottoirs der schönen, in +monumentalem Style erbauten Holzhäuser. Keine elegante, nach neuester +Pariser Mode gekleidete Sibirerin, promenirte in jenem herrlichen Parke, +der, in einem Birkenwalde angelegt, sich bis an das Ufer des Jeniseï +fortsetzte. Die große Glocke der Kathedrale schwieg, die Glockenspiele der +Kirchen blieben stumm, während sonst nur selten der Gesang derselben in +den russischen Städten nicht ertönt. Doch hier war Alles erstorben. Kein +lebendes Wesen athmete mehr in der sonst so verkehrsreichen Stadt! + +Das letzte Telegramm aus dem Cabinet des Czaaren vor Unterbrechung der +telegraphischen Verbindung befahl dem Gouverneur, der Garnison, den +Einwohnern allen, Krasnojarsk zu verlassen, jeden werthvollen Gegenstand +und Alles, was den Tartaren hätte von Nutzen sein können, wegzuschaffen +und nach Irkutsk zu flüchten. Dieselbe Verordnung traf die Einwohner aller +kleineren Ortschaften der Provinz. Die russische Regierung suchte vor den +Schritten der Feinde eine Wüste herzustellen. Solche eines Rostopschin +würdige Befehle wurden nicht einen Augenblick lang kritisirt. Man kam +ihnen einfach nach, und deshalb blieb auch kein lebendes Wesen in +Krasnojarsk zurück. + +Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus durchwanderten schweigend die Straßen +der Stadt. Sie selbst verursachten das einzige Geräusch, das in dieser +todten Stadt ertönte. Von den Empfindungen, die ihn marterten, ließ +Michael Strogoff zwar äußerlich nichts merken, aber es kochte doch +manchmal auf in ihm über das unersättliche Mißgeschick, welches ihn +verfolgte und seine Hoffnungen noch einmal so bitter täuschte. + +„Großer Gott, jammerte Nicolaus, in dieser Wüstenei werde ich meinen +Gehalt nimmer ehrlich verdienen können. + +— Guter Freund, redete ihm Nadia zu, Sie werden mit uns den Weg nach +Irkutsk einschlagen müssen. + +— Freilich muß ich das! antwortete Nicolaus. Zwischen Udinsk und Irkutsk +muß die Leitung noch im Stande sein und da ... Wollen wir weiter, +Väterchen? + +— Warten wir bis morgen, erwiderte Michael Strogoff. + +— Du hast Recht, bestätigte Nicolaus. Wir müssen den Jeniseï passiren und +dazu sehen können. + +— Sehen können!“ murmelte Nadia mit einem Gedanken an ihren blinden +Gefährten. + +Nicolaus hatte doch ihre Bemerkung gehört und wendete sich an Michael +Strogoff. + +„Verzeihe, Väterchen, sagte er. Ach, Nacht und Tag, das ist für Dich ja +gleichgiltig! + +— Mache Dir keine Vorwürfe, Freund, beruhigte ihn Michael Strogoff und +strich dabei mit der Hand über seine Augen. Mit Dir als Führer kann ich +auch noch etwas nützen. Ruhe jetzt einige Stunden aus. Auch Nadia mag sich +durch den Schlummer stärken. Morgen wird es ja wieder Tag.“ + +Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus hatten nicht lange zu suchen, um eine +Ruhestätte zu finden. Das erste Haus, dessen Thüre sie öffneten, war ja +ebenso leer, wie alle die anderen. Nur einige Haufen Laubwerk fanden sich +darin vor. In Ermangelung besseren Futters mußte das Pferd sich mit diesem +begnügen. Von dem noch nicht erschöpften Proviant aus der Kibitka erhielt +jeder seinen Theil. Nachdem sie dann vor einem bescheidenen, an der Wand +hängenden Bilde der Panaghia, welches das letzte Flämmchen einer Lampe +beleuchtete, ihre Knie gebeugt, schliefen Nicolaus und das junge Mädchen +bald ein, während Michael Strogoff, den der Schlaf noch floh, neben ihnen +wachte. + +Am folgenden Tage, dem 26. August, fuhr die wieder angeschirrte Kibitka +durch den Birkenpark nach dem Ufer des Jeniseï. + +Michael Strogoff war sehr besorgt. Auf welche Weise sollte der Fluß +überschritten werden, wenn man, wie anzunehmen war, alle Boote und Fähren +zerstört hatte, um das Vordringen der Tartaren zu verzögern? Er kannte den +Jeniseï, den er schon manchmal passirte, sehr gut, ebenso die +beträchtliche Breite desselben, wie die heftigen Stromschnellen zwischen +den Inseln in seinem Bette. Unter gewöhnlichen Verhältnissen verlangt die +Ueberschreitung des Jeniseï mittels besonderer für den Transport von +Reisenden, Wagen und Pferden eingerichteter Fähren eine Zeit von drei +Stunden, und dabei erreichen diese Fährboote das rechte Ufer nur unter dem +Aufwande der größten Anstrengungen. Wie sollte nun, beim Mangel jedes +Transportmittels, die Kibitka von einem Ufer zum andern gelangen? + +„Und ich muß doch hinüber kommen!“ sagte sich Michael Strogoff wiederholt. + +Der Tag begann zu grauen, als die Kibitka an einer dort auslaufenden Allee +des Parkes das linke Stromufer erreichte. An dieser Stelle erhebt sich das +Uferland etwa hundert Fuß über der Wasserfläche, so daß diese bis auf +weite Entfernung hin zu übersehen ist. + +„Entdeckt Ihr eine Fähre? fragte Michael Strogoff, indem er seine Augen, +eine Folge früher Gewohnheit, hier- und dorthin wendete, als könne er +selbst noch sehen. + +— Noch ist es kaum Tag, antwortete Nadia. Auf dem Strome liegt ein so +dichter Dunst, daß man kaum das Wasser zu sehen vermag. + +— Doch ich höre das Rauschen der Wellen“, setzte Michael Strogoff noch +hinzu. + +Wirklich drang aus den tieferen Nebelschichten ein Brausen von auf +einander treffenden Strömungen und Gegenströmungen herauf. Das zu dieser +Jahreszeit sehr angeschwollene Wasser rauschte mit furchtbarer Gewalt +dahin. Alle Drei horchten und warteten auf das Verschwinden des +Nebelvorhanges. Rasch stieg nun die Sonne über den Horizont empor und ihre +ersten warmen Strahlen tranken die angesammelten Dünste weg. + +„Nun? fragte Michael Strogoff. + +— Der Nebel beginnt zu weichen, Bruder, antwortete ihm Nadia; schon +durchdringt ihn allmälig das Licht des Tages. + +— Das Niveau des Flusses siehst Du noch nicht? + +— Bis jetzt noch nicht. + +— Etwas Geduld, Väterchen, sagte Nicolaus. Es wird sich Alles machen. Da, +es erhebt sich schon ein frischer Wind; er wird die Nebel bald vertreiben. +Schon zeigen die hohen Hügel des andern Ufers ihre dichten Baumreihen. Die +dienstwilligen Sonnenstrahlen verzehren die angehäuften Wasserdünste. O, +wie schön das ist, Du armer Blinder, und welches Unglück für Dich, dies +prächtige Schauspiel nicht genießen zu können! + +— Siehst Du ein Fahrzeug? fragte Michael Strogoff. + +— Ich sehe keines, antwortete Nicolaus. + +— Sieh scharf hinaus, Freund, längs dieses Ufers und längs des anderen, +soweit Deine Augen reichen. Ein Boot! eine Barke, nur ein Canot aus +Baumrinde!“ + +Nicolaus und Nadia, die sich an den äußersten Birkenstämmen des steilen +Ufers anhielten, bogen sich fast bis über den Fluß hinaus. Ihr +Gesichtskreis gewann dadurch noch mehr an Ausdehnung. Der Jeniseï ist an +dieser Stelle nicht weniger als anderthalb Werst breit und bildet zwei +ungleich große Arme, in welchen die Wellen mit erstaunlicher Schnelligkeit +dahin schießen. Zwischen diesen Armen liegen mehrere Inseln zerstreut, die +mit ihren Erlen, Weiden und Pappeln wie eben so viele im Flusse verankerte +Fahrzeuge aussehen. Ueber diesen erheben sich die Hügel des östlichen +Ufers, gekrönt mit Wäldern, deren Baumgipfel jetzt in purpurnem +Morgenlichte flammten. Stromaufwärts und stromabwärts erstreckte sich der +Lauf des Jeniseï bis über Gesichtsweite hinaus. Das ganze wunderbar schöne +Panorama entrollte sich in einem Umfange von mindestens fünfzig Werst. + +Ein Boot aber zeigte sich weder am rechten noch am linken Ufer, noch auch +an dem Rande der Inseln. Schafften die Tartaren also das Material zum Bau +einer Schiffbrücke nicht selbst von Süden hierher, so mußte ihr Zug auf +Irkutsk durch den schwer überschreitbaren Jeniseï eine nicht +unbeträchtliche Verzögerung erfahren. + +„Ich erinnere mich, begann da Michael Strogoff, eines kleinen +Ausschiffungsplatzes, weiter oben, nahe den letzten Häusern von +Krasnojarsk. Dort legten die Fähren an. Laß uns den Fluß hinauf ziehen, +Freund, und sieh dabei zu, ob nicht eine einzige Barke vergessen worden +ist.“ + +Nicolaus wendete sich nach der angedeuteten Richtung. Nadia ergriff +Michael Strogoff’s Hand und führte ihn schnellen Schrittes dahin. Eine +Barke, nur ein hinreichend großes Boot, um die leichte Kibitka zu tragen, +und in Ermangelung dessen, nur ein Kahn, um die Insassen der letzteren +überzuführen, – und Michael Strogoff würde keinen Augenblick gezögert +haben, die Ueberschreitung des Stromes zu wagen. + +Zwanzig Minuten später hatten alle drei die beschränkte Landungsstelle +erreicht, einen kleinen Hafen, dessen letzte Häuser bis an das Niveau des +Flusses herab reichten, etwa wie ein sich an Krasnojarsk anschließender +kleiner Vorort. + +Auch hier fand sich jedoch kein Fahrzeug am Ufer, kein Kahn an der +Pfahlwand, ja, nicht das Geringste, aus dem sich ein für drei Personen +hinreichendes Floß hätte herstellen lassen. + +Michael Strogoff befragte Nadia über den Befund, und diese gab leider die +wenig trostreiche Antwort, daß ihr unter den gegebenen Verhältnissen eine +Ueberschreitung des Flusses schlechterdings unmöglich scheine. + +„Wir kommen hinüber“, erklärte Michael Strogoff. + +Die Nachsuchungen begannen auf’s Neue. Man durchstöberte die an dem +Abhange gelegenen Gebäude, welche ebenso verlassen waren, wie die in der +eigentlichen Stadt. Höchstens die Thüren hätte man dort ausheben können. +Es waren übrigens nur vollkommen leere Hütten ärmerer Leute. Nicolaus sah +sich in der einen um, Nadia durchsuchte die andere. Selbst Michael +Strogoff trat hier und da ein und tastete nach irgend einem Gegenstande, +der ihm jetzt hätte von Nutzen sein können. + +Nicolaus und das junge Mädchen hatten sich vergeblich in den Hütten +umgesehen und wollten schon jede fernere Nachsuchung aufgeben, als sie +ihre Namen rufen hörten. + +Beide sahen sich auf dem Abhange um und gewahrten Michael Strogoff auf der +Schwelle einer Hausthür. + +„Kommt hierher!“ rief dieser. + +Die Beiden folgten sofort seinem Rufe und traten in das Hüttchen ein. + +„Was ist das hier? fragte Michael Strogoff und berührte mit der Hand +verschiedene in einer Art Speisegewölbe liegende Gegenstände. + +— Das sind Schläuche, bedeutete ihm Nicolaus, wahrhaftig, ein volles +halbes Dutzend. + +— Sind sie gefüllt? + +— Ja wohl, mit Kumiß, ein Fund zu sehr gelegener Zeit, um unseren Proviant +zu erneuern.“ + +Der „Kumiß“ ist ein aus Stuten- oder Kameelmilch bereitetes stärkendes, +sogar berauschendes Getränk, und Nicolaus hatte alle Ursache, sich dieses +Fundes zu freuen. + +„Leg’ einen bei Seite, sagte Michael Strogoff zu ihm, aber entleere sofort +alle übrigen. + +— Sogleich, Väterchen. + +— Diese sollen uns den Jeniseï überschreiten helfen. + +— Und das Floß? + +— Das stellt die Kibitka selbst vor, welche ja leicht genug ist, um selbst +zu schwimmen. Uebrigens werden wir und das Pferd sie vermittels dieser +Schläuche halten. + +— Gut ausgedacht, Väterchen, rief Nicolaus, und mit Gottes Hilfe werden +wir glücklich den Hafen erreichen ... vielleicht nicht in gerader Linie, +denn die Strömung ist sehr stark. + +— Das thut nichts, versicherte Michael Strogoff. Laß uns nur erst hinüber +kommen, die Straße nach Irkutsk finden wir schon wieder. + +— An’s Werk also“, sagte Nicolaus, der sofort daran ging, die Schläuche zu +entleeren und sie nach der Kibitka zu schaffen. + +Nur ein mit Kumiß gefüllter Schlauch ward reservirt, die andern, mit Luft +aufgeblasen und sorgfältig verschlossen, sollten als schwimmende Träger +dienen. Zwei derselben band man an die Seiten des Pferdes, um dieses über +Wasser zu halten. Zwei andere wurden an dem Sitzkasten der Kibitka +zwischen den Rädern angebracht, um diese zu tragen und sie als Floß +benutzen zu können. + +Diese Arbeit war bald vollendet. + +„Du wirst Dich doch nicht fürchten, Nadia? fragte Michael Strogoff. + +— Nein, Bruder, erwiderte das junge Mädchen. + +— Und ich, rief Nicolaus, ich erreiche endlich die Erfüllung meiner +Träume, gleich in der Kutsche zu schwimmen.“ + +Das hier sanfter geneigte Ufer begünstigte den Stapellauf (wenn man so +sagen darf) der Kibitka. Das Pferd zog sie bis zum Rande des Wassers, und +bald schwamm der ganze Apparat sammt dem Pferde auf den Wellen des +Flusses. Sersko schwamm dabei munter nebenher. + +Die drei in dem Sitzkasten stehenden Passagiere hatten aus Vorsicht die +Fußbekleidung abgelegt, doch reichte ihnen, Dank der Tragkraft jener +Schläuche, das Wasser kaum bis an die Knöchel. + +Michael Strogoff führte die Zügel des Pferdes und lenkte es, nach den +Anweisungen, welche ihm Nicolaus gab, schief gegen den Strom, ohne das +Thier im vorzeitigen Kampfe gegen das Wasser zu sehr anzustrengen. So +lange die Kibitka sich direct mit der Strömung bewegte, ging Alles ganz +gut von statten, und schon nach wenigen Minuten hatte sie die Quais von +Krasnojarsk passirt. Sie wich dabei nach Norden zu ab, und es lag auf der +Hand, daß sie das jenseitige Ufer nur weit stromabwärts von der Stadt +erreichen werde. Doch hierauf legte man kein besonderes Gewicht. + +Die Fahrt über den Jeniseï wäre nun, trotz der sehr mangelhaften +Hilfsmittel, ohne zu große Schwierigkeit ausgeführt worden, wenn sich die +Strömung in ihren gewöhnlichen, regelrechten Verhältnissen bewegt hätte. +Unglücklicher Weise kreuzten sich aber mehrere Wirbel auf der Oberfläche +des schäumenden Wassers, und bald wurde die Kibitka, trotz aller +Anstrengungen Michael Strogoff’s, sie in einer andern Linie zu erhalten, +unwiderstehlich in einen dieser Trichter hinein gezogen. + +Die Gefahr war groß. Die Kibitka hielt nicht mehr die Richtung nach dem +östlichen Ufer ein, sie ging nicht ferner stromab, sondern drehte sich mit +ungemeiner Schnelligkeit und nahm eine nach dem Mittelpunkte dieser +Bewegung geneigte Stellung an, wie der Reiter auf der Bahn eines engen +Circus. Ihre Schnelligkeit wuchs noch mehr. Das Pferd vermochte kaum noch +den Kopf über dem Wasser zu halten und lief Gefahr, in dem Wirbel erstickt +zu werden. Auch Sersko hatte einen Stützpunkt an der Kibitka suchen +müssen. + +Michael Strogoff begriff recht wohl, was hier vorging. Er fühlte sich in +einer immer enger werdenden Spirale dahin gezogen, der er nicht entgehen +konnte. Er sprach kein Wort. Seine Augen schienen die Gefahr sehen zu +wollen, um sie leichter zu vermeiden – sie konnten es nicht! + +Auch Nadia schwieg. Ihre Hände klammerten sich krampfhaft an das Gerüst +des Wagens, und so sicherte sie sich gegen die ungeordneten Bewegungen +desselben, als er sich immer mehr dem Depressionscentrum zuneigte. + +Begriff auch Nicolaus den ganzen Ernst der Lage? Ueberwog in ihm das +Phlegma oder die Verachtung der Gefahr, der Muth oder die +Gleichgiltigkeit? Hatte das Leben keinen Werth für ihn und galt es ihm, +nach einem Ausdrucke der Orientalen, so viel, „wie eine Hotelwohnung für +fünf Tage“, die man wohl oder übel am sechsten Tage räumen muß? Jedenfalls +zeigte sein immer lächelndes Gesicht keine Spur einer Veränderung. + +Die Kibitka verblieb also in dem reißenden Strudel und das Pferd stand am +Ende seiner Kräfte. Plötzlich warf Michael Strogoff alle Kleidungsstücke, +die ihm hinderlich sein konnten, ab und stürzte sich in das Wasser; dann +ergriff er mit mächtigem Arme den Zügel des halb scheu gewordenen Pferdes +und riß es so mächtig fort, daß es sich bis über den anziehenden +Kreiswirbel hinaus arbeitete, und sobald die Kibitka wieder in die +geordnete Strömung kam, trieb sie mit erneuter Schnelligkeit weiter. + +„Hurrah!“ rief Nicolaus. + +Nur zwei Stunden nach dem Verlassen des Landungsplatzes hatte die Kibitka +den größeren Arm des Stromes überschritten und landete, freilich sechs +Werst stromab von der Abfahrtsstelle, an dem Ufer einer Insel. + +Das Pferd zog nun den Wagen vollends hinauf auf das Land, wo dem wackeren +Thiere gern eine Stunde Ruhe gegönnt wurde. Dann fuhr die Kibitka unter +dem schützenden Dache prächtiger Birken quer über das ganze Eiland und +langte an dem schmäleren Arme des Jeniseï an. + +Hier vollzog sich die Ueberfahrt leichter. Kein Wasserwirbel unterbrach +den Strom des zweiten Bettes, die Bewegung des Wassers war aber eine so +schnelle, daß die Kibitka das rechte Ufer erst fünf Werst stromabwärts +erreichte. Im Ganzen war sie also um elf Werst verschlagen worden. + +Diese großen Stromadern des sibirischen Gebietes, welche bis jetzt noch +nirgends überbrückt sind, bilden überall sehr fühlbare Hindernisse der +Communication. Alle erwiesen sich auch Michael Strogoff mehr oder weniger +verderblich. Auf dem Irtysch hatten die Tartaren die Fähre, welche ihn und +Nadia trug, angefallen. Beim Obi war er, nachdem sein Pferd einer Kugel +erlag, nur wie durch ein Wunder den ihn verfolgenden Reitern entkommen. +Alles in Allem lief diese Ueberschreitung des Jeniseï noch verhältnißmäßig +am glücklichsten ab. + +„Das wäre gar nicht so amüsant gewesen, äußerte Nicolaus, als er, sich die +Hände reibend, das rechte Ufer hinauf stieg, wenn es nicht solche +Schwierigkeiten geboten hätte. + +— Und was für uns nur schwer durchzuführen war, antwortete Michael +Strogoff, das, guter Freund, wird für die Tartaren nahezu unmöglich sein!“ + + + + + Achtes Capitel. + + + Ein Hase, der über den Weg läuft. + + +Michael Strogoff konnte nun endlich glauben, daß die Straße bis nach +Irkutsk frei sei. Er hatte die bei Tomsk zurückgehaltenen Tartaren gewiß +weit überholt, und wenn die Soldaten des Emirs nach Krasnojarsk kamen, +fanden sie da nur eine verlassene Stadt und außerdem keinerlei Hilfsmittel +zur Ueberschreitung des Jeniseï. Einige Tage Aufenthalt ergaben sich +hieraus unzweifelhaft, da man erst eine hier noch dazu schwer +anzubringende Schiffsbrücke schlagen mußte, um sich einen Uebergang +herzustellen. + +Zum ersten Male seit dem traurigen Zusammentreffen mit Iwan Ogareff in +Omsk fühlte sich der Courier des Czaaren weniger beunruhigt und durfte +hoffen, daß sich kein neues Hinderniß zwischen ihm und seinem Ziel erheben +werde. + +Die Kibitka rollte nun schräg nach Südosten und traf nach einem Wege von +etwa fünfzehn Werst wieder auf die lange Straße durch die Steppe. + +Der Weg hier war gut, ja dieser Theil der Straße zwischen Krasnojarsk und +Irkutsk wird sogar für den besten gehalten. Der Wagen erlitt keine Stöße +durch unebenen Boden mehr, dichter Schatten schützte die Reisenden vor den +Strahlen der Sonne, und manchmal erhoben sich hier Wälder von Fichten und +Cedern, die sich wohl hundert Werst weit erstrecken. Hier dehnt sich nicht +mehr die unendliche Steppe aus, deren Grenzlinie am Horizont mit der des +Himmels verschmilzt. Doch dieses reiche Land war jetzt leer, alle Flecken +und Dörfer verlassen. Hier gab es keine sibirischen Bauern mehr, die zum +größten Theil einen slavischen Typus zeigen. Rings gähnte eine Wüste und, +wie wir wissen, eine künstliche Wüste auf Befehl der Regierung. + +Das Wetter hielt sich schön; bei den schon kühleren Nächten aber erwärmte +sich die Luft nur schwer an den Strahlen der Sonne. Schon rückten die +ersten Tage des Septembers heran, und in dieser in ziemlich hoher Breite +gelegenen Gegend verkürzte sich zusehends der Bogen des Tagesgestirns über +dem Horizont. Der Herbst währt hier nicht lange, obwohl dieser Theil des +sibirischen Gebietes nicht über dem 55. Grade der Breite, also etwa so +hoch wie Kopenhagen oder Edinburgh, liegt. Manchmal folgt sogar der Winter +so gut wie unvermittelt auf den Sommer. Und hart treten diese Winter des +asiatischen Rußlands auch auf, wenn man bedenkt, daß sie das Quecksilber +im Thermometer nicht selten zum Gefrieren bringen (was ja erst bei +ungefähr 42° unter Null geschieht) und man eine Temperatur von -20° für +eine ganz erträgliche hält. + +Die Witterung begünstigte also die Reisenden; sie war weder stürmisch noch +regnerisch, die Hitze nur mäßig, die Nächte frisch. Nadia’s und Michael +Strogoff’s Gesundheit erhielt sich stets gut, ja seit der Abreise aus +Tomsk hatten sie fast alle früheren Beschwerden vergessen. + +Nicolaus Pigassof befand sich niemals besser als jetzt. + +Ihm galt diese Reise für einen Spazierweg, eine angenehme Excursion, mit +der er seine freie Zeit als dienstloser Beamter ausfüllte. + +„Ganz entschieden, behauptete er, ist das weit besser, als zwölf Stunden +des Tages auf dem Stuhle am Schalter zu sitzen oder mit dem Manipulator +(der Handgriff an den Telegraphenapparaten, mit dem die elektrischen +Zeichen gegeben werden) zu arbeiten.“ + +Inzwischen gelang es Michael Strogoff auch, Nicolaus zu vermögen, daß er +das Pferd in etwas schnelleren Gang brachte. Um das zu erreichen, hatte er +ihm anvertraut, daß Nadia und er im Begriffe seien, ihren nach Irkutsk +verbannten Vater aufzusuchen, und daß sie große Eile hätten, dahin zu +kommen. Natürlich durfte man dem Pferde nicht zu viel zumuthen, denn +wahrscheinlich traf man auf dem Wege kein anderes, um dasselbe zu +ersetzen; wurde ihm aber nach etwa je fünfzehn Werst genügend Ruhe +gegönnt, so konnte man in vierundzwanzig Stunden doch bequem sechzig Werst +zurücklegen. Uebrigens war das Pferd gut bei Kräften und schon seiner Race +nach für längere Anstrengungen besonders geeignet. An reichlichem Futter +fehlte es ihm längs der Straße nicht, überall sproßte fettes, frisches +Gras fast im Ueberfluß. Also konnte man ihm ein solches Arbeitsquantum +wohl zumuthen. + +Nicolaus fügte sich diesen Gründen. Ihm ging die Lage dieser jungen Leute, +welche sich anschickten, das Exil ihres Vaters zu theilen, herzlich nahe. +Nichts erschien ihm rührender. Mit zufriedenem Lächeln sagte er auch zu +Nadia: + +„Himmlische Güte, wie wird sich auch Herr Korpanoff freuen, wenn seine +Augen Euch wahrnehmen, seine Arme sich zum Empfange öffnen. Wenn ich bis +Irkutsk mitgehe, und wie die Sachen liegen, wird mir das immer +wahrscheinlicher, werdet Ihr mir gestatten, Zeuge dieses Wiedersehens zu +sein? Ja, nicht wahr?“ + +Dann schlug er sich vor die Stirn. + +„Aber wenn ich an seinen Schmerz denke, fuhr er fort, zu sehen, daß sein +armer Sohn geblendet worden ist! O, in dieser Welt mischt sich Freude und +Schmerz doch immer!“ + +Jedenfalls bewegte sich die Kibitka jetzt schneller vorwärts und legte, +Michael Strogoff’s Rechnung nach, zehn bis zwölf Werst in der Stunde +zurück. + +Am 28. August kamen die Reisenden durch den Flecken Balaïsk, achtzig Werst +von Krasnojarsk, und am 29. durch Ribinsk, vierzig Werst von Balaïsk. + +Am folgenden Tage erreichte die kleine Gesellschaft in einer Entfernung +von fünfunddreißig Werst Kamsk, einen größeren Ort, den der gleichnamige +Fluß, ein kleiner von den Sayanskbergen herabkommender Nebenarm des +Jeniseï, bespült. Die Stadt bildet eigentlich nur eine rings um einen +großen Platz errichtete Gruppe von hölzernen Häusern; über diese hinaus +ragt aber der hohe Glockenthurm einer Kathedrale, deren goldenes Kreuz +hell in der Sonne funkelte. + +Die Häuser waren verlassen. Kein Relais war bedient, kein Gasthof bewohnt; +kein Pferd in den Ställen, kein Hausthier auf der Steppe. Man hatte die +Befehle des moskowitischen Gouvernements mit peinlicher Strenge vollzogen. +Was nicht fortgeschafft werden konnte, wurde zerstört. + +Als sie Kamsk verließen, theilte Michael Strogoff seinen beiden +Reisegefährten mit, daß sie nun bis Irkutsk nur noch ein kleines +Städtchen, Nishny-Udinsk, antreffen würden. Nicolaus antwortete, daß er +dasselbe um so besser kenne, weil sich daselbst eine Telegraphenstation +befinde. Erwies sich also auch Nishny-Udinsk so menschenleer wie Kamsk, so +blieb ihm gar nichts anderes übrig, als in der Hauptstadt Ostsibiriens +Beschäftigung zu suchen. + +Die Kibitka konnte den Fluß an einer seichten Stelle ohne viel Beschwerde +passiren und gelangte wieder auf die Straße, auf welcher nun, zwischen +Jeniseï und einem seiner größten Zuflüsse, der Angara, die Irkutsk selbst +berührt, wenigstens bezüglich der Wasserläufe, ein ernsthaftes Hinderniß +nicht mehr zu gewärtigen war, wenn nicht vielleicht die Dinka noch ein +solches bot. Die Reise konnte also aus diesen Gründen nicht mehr besonders +verzögert werden. + +Zwischen Kamsk und dem nächsten Dorfe lag eine große Strecke von etwa +einhundertdreißig Werst. Natürlich wurden unterwegs die nöthigen Pausen +nicht versäumt, „ohne welche man sich, wie Nicolaus sagte, einen sehr +gerechtfertigten Widerspruch des Pferdes zuziehen würde“. Nach +stillschweigender Uebereinkunft wußte das treue Thier, daß es nach je +fünfzehn Werst ausruhen durfte, und wenn man, sei es auch mit einem +Thiere, einen Vertrag abschließt, so muß er von beiden Theilen auch streng +beobachtet werden. + +Nach Ueberschreitung des kleinen Biriusaflusses erreichte die Kibitka +Biriusinsk am Morgen des 4. Septembers. + +Dort entdeckte Nicolaus, als er sich nach Vervollständigung seines +Mundvorraths umsah, glücklicher Weise ein Dutzend „Pogatchas“, das ist +eine Art Kuchen aus Hammelfett mit einer großen Menge in Wasser gekochtem +Reis. Dieser Zuwachs paßte recht gut zu dem Vorrath an Kumiß, mit dem die +Kibitka in Krasnojarsk hinreichend versehen worden war. + +Hier wurde längere Zeit Station gemacht und die Reise erst am Nachmittag +des 5. September fortgesetzt. Die Entfernung bis Irkutsk betrug nun +fünfhundert Werst. Von dem Vortrab des Tartarenheeres zeigte sich keine +Spur. Michael Strogoff glaubte also gegründete Aussicht zu haben, seine +Reise binnen acht, höchstens zehn Tagen zu vollenden und vor dem +Großfürsten zu erscheinen. + +Bei der Abfahrt aus Biriusinsk lief ein Hase, etwa dreißig Schritt vor der +Kibitka, über den Weg. + +„O weh! rief Nicolaus. + +— Was ist Dir, Freund? fragte Michael Strogoff, wie es Blinde thun, welche +das geringste Geräusch erregt. + +— Siehst Du nicht“ ... antwortete Nicolaus, dessen heiteres Gesicht sich +plötzlich verdüstert hatte. + +Doch er unterbrach sich. + +„Ach nein, fuhr er fort, Du kannst ja nicht sehen; das ist gut für Dich, +Väterchen. + +— Ich sehe aber auch nichts, sagte Nadia. + +— Desto besser, desto besser! Aber ich ... ich sah ... + +— Nun was denn? fragte Michael Strogoff dringender. + +— Einen Hasen, der unsern Weg kreuzte!“ antwortete Nicolaus. + +Wenn ein Hase Jemand über den Weg läuft, so hält das der Volksglaube in +Rußland allgemein für das Vorzeichen eines drohenden Unglücks. + +Abergläubisch wie alle Russen hatte Nicolaus die Kibitka angehalten. + +Michael Strogoff verstand recht gut das Zögern seines Gefährten, obgleich +er den Glauben an eine gewisse Vorbedeutung bezüglich des vorüberlaufenden +Hasen keineswegs theilte. Er suchte also Jenen zu beruhigen. + +„O, deshalb ist nichts zu fürchten, Freund, sagte er. + +— Für Dich nichts, für sie auch nicht, Väterchen, das weiß ich, erwiderte +Nicolaus, wohl aber für mich!“ + +Dann fuhr er fort: + +„Dem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen!“ + +Er trieb das Pferd wieder an. + +Trotz des unglücklichen Vorzeichens verlief der Tag doch ohne jede +Störung. + +Am nächsten Tage, dem 6. September, gegen Mittag, hielt die Kibitka in +Alsalewsk, das ebenso verlassen war, wie die ganze Umgebung. + +Hier fand Nadia auf der Schwelle eines Hauses zwei solche starke Messer, +wie sie die sibirischen Jäger zu gebrauchen pflegen. Sie gab das eine +Michael Strogoff, der es unter seinen Kleidern verbarg, und bewahrte +selbst das andere. + +Die Kibitka befand sich nun noch fünfundsiebzig Werst von Nishny-Udinsk +entfernt. + +Während dieser beiden Tage hatte Nicolaus niemals seine frühere gute Laune +wiederfinden können. Das üble Vorzeichen hatte ihn tiefer berührt, als man +hätte glauben sollen, und wenn er früher fast unaufhörlich plauderte, so +verfiel er jetzt manchmal in so düsteres Schweigen, daß Nadia Mühe hatte, +ihn zu erwecken. Sein ganzes Innere erschien wie umgewandelt, was bei +einem Bewohner des Nordens weniger auffallen darf, von dessen +abergläubischen Vorfahren die düstere hyperboräische Mythologie herrührt. + +Von Jekaterinenburg aus verläuft die Straße nach Irkutsk fast stets +parallel dem 55. Breitengrade, hinter Biriusinsk aber wendet sie sich +herab nach Südosten, so daß sie den 100. Meridian schief durchschneidet. +Sie hält nun die kürzeste Linie nach der Hauptstadt Sibiriens ein und +wendet sich über den letzten Auslauf der Sayanskberge. Dieses Gebirge +stellt selbst nur einen Vorwall der großen Altaïkette dar, welche man hier +schon in einer Entfernung von zweihundert Werst vor sich sieht. + +Die Kibitka eilte also auf dieser Straße hin. Ja, sie eilte. Man fühlte +recht wohl, daß Nicolaus jetzt nicht mehr daran dachte, sein Pferd zu +schonen, und daß er selbst Eile hatte, anzukommen. Ein wenig Fatalist +trotz seiner Resignation, hielt er sich nirgends mehr für sicher, als in +den Mauern von Irkutsk. Gewiß hätten viele Russen dieselbe Empfindung +gehabt, und nicht wenige von ihnen hätten wohl gar das Pferd gewendet, um +die Stelle nicht zu überschreiten, an der ihnen ein Hase über den Weg +gelaufen war! + +Den Beobachtungen nach, welche Jener machte und von deren Richtigkeit sich +Nadia überzeugte, bevor sie dieselben Michael Strogoff mittheilte, schien +es allerdings möglich, daß die Reihe der ihnen bevorstehenden Prüfungen +noch immer nicht abgeschlossen sei. + +Von Krasnojarsk bis hierher zeigte sich das Aussehen des Landes nicht +sonderlich verändert, hier aber trugen die Wälder Spuren von Zerstörungen +durch Feuer und Schwert, die Wiesen auf beiden Seiten der Straße waren +verwüstet, und es lag auf der Hand, daß daselbst eine bedeutende +Truppenmacht vorüber gekommen sein mußte. + +Dreißig Werst vor Nishny-Udinsk wurde die Spur einer erst neuerdings +stattgefundenen Zerstörung immer deutlicher, die ihrer Natur nach nur von +der Hand der Tartaren herrühren konnte. + +Hier waren in der That die Felder nicht allein von den Hufen der Pferde +zertreten, die Wälder von der Axt des Holzhauers gefällt. Die in weiten +Zwischenräumen längs der Straße verstreuten Häuser standen nicht nur leer, +nein, zum Theil sah man sie verheert, zum Theil durch Feuer zerstört. Die +Wände verriethen noch durch ihre Vertiefungen das Anschlagen von Kugeln. + +Michael Strogoff’s Beunruhigung kann man sich leicht vorstellen. Es +schwand ihm jeder Zweifel, daß ein Tartarencorps vor nicht langer Zeit auf +dieser Straße gehaust hatte, und doch konnten das unmöglich Soldaten des +Emirs gewesen sein, denn sie hätten ihn, wenn sie den Wagen einholten, +ganz bestimmt treffen müssen. Aber wer sollten diese neuen Eindringlinge +sein, auf welchem Wege durch die Steppe waren sie bis zur Hauptstraße nach +Irkutsk vorgedrungen? Welchen neuen Feinden ging der Courier des Czaaren +noch entgegen? + +Michael Strogoff theilte seine Befürchtungen weder Nadia, noch Nicolaus +mit, um diese nicht vor der Zeit oder vielleicht überhaupt unnöthig zu +beunruhigen. Im Uebrigen war er ja entschlossen, seinen Weg fortzusetzen, +so lange ihn kein unbesiegbares Hinderniß aufhielt. Dann wollte er sehen, +was sich noch thun ließe. + +Am folgenden Tage kennzeichnete sich ein neuerlicher Durchzug einer +starken Reiterschaar immer deutlicher. Ueber dem Horizonte lagerten +verdächtige Rauchwolken. Die Kibitka bewegte sich nur vorsichtig weiter. +Da und dort brannten in einem Dorfe wohl noch einige Häuser, die gewiß +erst innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden angezündet worden waren. + +Am 8. September endlich stand die Kibitka plötzlich still; das Pferd +scheute zurück. Sersko bellte Klagelaute. + +„Was giebt es, fragte Michael Strogoff. + +— Hier liegt ein Leichnam!“ antwortete Nicolaus, der sofort vom Wagen +sprang. + +Es war der Körper eines gräßlich verstümmelten Mujiks. + +Nicolaus bekreuzte sich. Mit Michael Strogoff’s Hilfe schleppte er den +Todten nach der Böschung der Straße. Er gedachte ihn auch ordentlich zu +begraben und wenigstens tief zu verscharren, um die Raubthiere der Steppe +von den Resten dieses Körpers abzuhalten, doch Michael Strogoff ließ ihm +nicht die Zeit dazu. + +„Vorwärts, Freund, rief er, vorwärts, wir dürfen uns auch nicht eine +Stunde aufhalten.“ + +Die Kibitka setzte ihren Weg fort. + +Hätte Nicolaus übrigens allen Leichen, welchen sie weiterhin begegneten, +die letzte Ehre erweisen wollen, er wäre nimmer fertig geworden. Mehr in +der Nähe von Nishny-Udinsk fand man die Körper der Ermordeten zu Fünfzigen +auf der Erde liegend. + +Dennoch mußte man diesem Wege so lange folgen, als es ausführbar war, ohne +den Feinden in die Hand zu fallen. Die Richtung wurde also unverändert +beibehalten, obgleich sich die Zeichen einer entsetzlichen Zerstörung mit +jedem Dorfe mehrten. + +Alle diese Ortschaften, deren Namen auf ihre Gründung durch verbannte +Polen hinwiesen, waren allen Schrecken der Verwüstung und Plünderung +ausgesetzt gewesen. Noch war das Blut der armen Opfer nicht getrocknet. +Wie es überhaupt zu diesem furchtbaren Ereigniß gekommen war, das konnte +Niemand erklären, da sich keine lebende Seele fand, die es hätte sagen +können. + +An demselben Tage Nachmittag gegen vier Uhr erkannte Nicolaus am Horizonte +die hohen Thürme der Kirchen von Nishny-Udinsk. Rings um sie wälzten sich +dichte Dunstmassen, welche von Wolken offenbar nicht herrührten. + +Nicolaus und Nadia sahen sich aufmerksam um und theilten Michael Strogoff +die Ergebnisse ihrer Beobachtungen mit. Ein Entschluß mußte gefaßt werden. +War die Stadt verlassen, so konnte man sie wohl ohne Gefahr passiren, +hielten sie aber die Tartaren unbegreiflicher Weise besetzt, so galt es, +sie um jeden Preis zu umgehen. + +„Laßt uns vorsichtig weiter fahren, empfahl Michael Strogoff, aber +jedenfalls vorsichtig.“ + +Noch eine Werst wurde zurückgelegt. + +„Das sind keine Wolken, Bruder, das ist Rauch! rief Nadia, ach, Bruder, +man zündet dort die Stadt an!“ + +Leider wurde das mit jedem Schritte deutlicher. Mitten durch die +Dunstmassen züngelten rauchige Flammen. Immer dichter stieg der Qualm auf +und wälzte sich gen Himmel. Einen Flüchtling sah man aber nicht. +Wahrscheinlich fanden die Brandstifter die Stadt, welche sie der +Zerstörung weihten, schon verlassen. Waren es aber Tartaren, die diese +Verwüstung anrichteten, oder thaten es Russen nur auf höheren Befehl? Lag +es in der Absicht der Regierung des Czaaren, daß keine Stadt, kein Flecken +vom Jeniseï und von Krasnojarsk aus den Soldaten des Emirs eine Zuflucht +bieten solle? Sollte Michael Strogoff, wenn er diese Fragen erwog, nun +zurückbleiben oder seinen Weg fortsetzen? + +Erst vermochte er sich nicht zu entscheiden. Nach gründlicher Erwägung des +Für und Wider hielt er es aber doch für das Wichtigste, selbst um den +Preis einer Reise durch die unwirthliche Steppe, nur den Tartaren nicht in +die Hände zu fallen. Eben gedachte er Nicolaus vorzuschlagen, die Straße +zu verlassen und erst nach Umgehung von Nishny-Udinsk nach derselben +zurückzukehren, als von der rechten Seite her ein Schuß krachte. Eine +Kugel pfiff herüber, und zu Tode getroffen stürzte das Pferd der Kibitka +zusammen. + +Gleichzeitig sprengten wohl ein Dutzend Reiter auf die Straße und +umringten die Kibitka. Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus waren, ehe sie +recht zur Besinnung kommen konnten, gefangen und wurden eiligst nach +Nishny-Udinsk abgeführt. + +Auch bei diesem unerwarteten Angriff verlor Michael Strogoff seine +Kaltblütigkeit nicht. Da er seine Feinde nicht sehen konnte, war es ihm +auch unmöglich, sich irgendwie zu vertheidigen. Hätte er seine Augen +gebrauchen können, er würde es wohl versucht haben, obwohl das nur zu +einem schrecklichen Blutvergießen geführt hätte. Doch wenn er nichts sah, +so konnte er doch hören und verstehen, was Jene sagten. + +An ihrer Sprache erkannte er, daß diese Soldaten Tartaren waren, und an +ihren Worten, daß sie der Armee der Feinde vorausschwärmten. + +Aus den kurzen Reden, welche Jene jetzt führten, und aus einigen Brocken +ihrer späteren Unterhaltung erfuhr Michael Strogoff Folgendes: + +Diese Soldaten standen nicht unter dem directen Befehl des Emirs, der noch +immer hinter dem Jeniseï zurückgehalten war. Sie bildeten eine Abtheilung +einer dritten Colonne, zusammengesetzt aus Tartaren der Khanate von +Khokhand und Kunduz, mit welcher sich die Armee Feofar-Khan’s nächstens in +der Nähe von Irkutsk zu vereinigen gedachte. + +Auf Iwan Ogareff’s Rath hatte sich diese Abtheilung, um den Erfolg des +Einfalls in die östlichen Provinzen zu sichern, nach Ueberschreitung der +Grenze des Gouvernements Semipalatinsk längs der Südküste des +Balkhachsee’s und dem Fuße des Altaïgebirges hingeschlichen. Geführt von +einem Officier des Khans von Kunduz erreichte sie sengend und brennend den +oberen Lauf des Jeniseï. Dort hatte der Officier in Voraussicht der durch +den Czaaren getroffenen Maßregeln zur Erleichterung des Uebergangs der +Armee des Emirs eine ganze Flotille von Barken angesammelt, welche +entweder als solche oder als Brückenmaterial dienen sollten. Nach Umgehung +des Gebirges war diese dritte Abtheilung dann im Thale des Jeniseï +herabgezogen und hatte die Straße nach Irkutsk erst in der Nähe von +Alsalewsk wieder betreten. Hieraus erklärte sich die Anhäufung von Ruinen +jenseit dieser Stadt, das unzweifelhafte Merkmal der Kriegführung dieser +Horden. Nishny-Udinsk verfiel eben demselben Schicksal, und die Tartaren, +in einer Gesammtstärke von 50,000 Mann, hatten es schon verlassen, um sich +einiger wichtiger Stellungen vor Irkutsk zu bemächtigen. In kurzer Zeit +sollten sie mit den Truppen des Emirs zusammentreffen. + +So lagen die Dinge zu jener Zeit, – gewiß eine gefährliche Lage für den +vollständig isolirten Theil des östlichen Sibiriens und für die +verhältnißmäßig wenigen Vertheidiger seiner Hauptstadt. + +Michael Strogoff erfuhr also von der Ankunft einer dritten Colonne der +Tartaren vor Irkutsk, sowie von der bevorstehenden Vereinigung des Emirs +und Iwan Ogareff’s mit der Hauptmacht ihrer Truppen. Ein Angriff auf +Irkutsk und die Eroberung der Stadt erschien hiernach nur noch als eine +Frage der Zeit. + +Welche Gedanken bestürmten hierbei Michael Strogoff! Wer würde erstaunen, +wenn er in dieser Lage endlich allen Muth, alle Hoffnung verlor? Und doch +war das nicht der Fall, denn seine Lippen murmelten immer und immer wieder +die Worte: + +„Ich werde dennoch ankommen!“ + +Eine halbe Stunde nach jenem Ueberfall durch die Reiter betraten Michael +Strogoff, Nicolaus und Nadia Nishny-Udinsk. In einiger Entfernung folgte +der treue Hund ihnen nach. In dieser ringsum brennenden Stadt, welche eben +die letzten Marodeure verließen, sollten sie nicht bleiben. + +Die Gefangenen wurden auf Pferde geworfen und eiligst weiter geschleppt. +Nicolaus verhielt sich resignirt, wie immer, Nadia unerschüttert in ihrem +Glauben an Michael Strogoff, und dieser zwar äußerlich gleichgiltig, aber +immer bereit zu entfliehen, sobald sich eine Gelegenheit böte. + +Den Tartaren entging es keineswegs, daß einer ihrer Gefangenen blind war, +und ihre natürliche Rohheit benutzte diesen Umstand, um mit dem armen +Unglücklichen noch ihr Spiel zu treiben. Man ritt in schnellem Schritte. +Michael Strogoff’s Pferd, das nur von ihm geleitet wurde, machte öfters +Seitensprünge, welche den Zug in Unordnung setzten. Dann regnete es +Injurien und Rohheiten, die das Herz des jungen Mädchens brachen und +Nicolaus empörten. Aber was vermochten sie dagegen? Die Sprache der +Tartaren war ihnen nicht geläufig und ihr Dazwischentreten wurde barsch +zurückgewiesen. + +Um ihrer Bosheit die Krone aufzusetzen, kamen die Soldaten auf den +Gedanken, Michael Strogoff’s Pferd zu wechseln und ihm auch noch ein +blindes Thier zu geben. Die Ursache hierzu gab die Vermuthung eines der +Reiter, den Michael Strogoff sagen hörte: + +„Vielleicht kann der verdammte Russe da aber doch sehen!“ + +Dieses geschah etwa sechzig Werst von Nishny-Udinsk, zwischen den Dörfern +Tatan und Chibarlinskoë. Michael Strogoff wurde also auf dieses Pferd +gesetzt, dessen Zügel man ihm in die Hand gab. Dann trieb man es durch +Peitschenschläge, Steinwürfe und lautes Schreien in Galop. + +Das blinde Pferd stieß, da es von seinem ebenfalls blinden Reiter nicht in +gerader Richtung erhalten werden konnte, einmal gegen einen Baum, das +andere Mal kam es ganz vom Wege ab. Dann jagten sie es mit Hieben und +Stößen wieder zurück. + +Michael Strogoff widersprach nicht. Er ließ keine Klage hören. Stürzte +sein Pferd, so wartete er, bis man es wieder auf die Füße brachte. Das +geschah dann auch, und das grausame Spiel begann von Neuem. + +Bei dieser wahrhaft unmenschlichen Behandlung konnte Nicolaus sich nicht +mehr zurückhalten. Er wollte seinem Begleiter zu Hilfe eilen. Man hielt +ihn zurück und mißhandelte ihn. + +Gewiß hätte dieses Spiel noch lange Zeit zum größten Ergötzen der Tartaren +fortgedauert, als ihm ein ernster Zwischenfall ein Ende machte. + +Im Laufe des 10. Septembers brach das blinde Pferd auch wieder aus und +lief geraden Wegs auf eine etwa vierzig Fuß tiefe Schlucht neben der +Straße zu. + +Nicolaus wollte ihm nach, – man hielt ihn zurück. Das führerlose blinde +Pferd stürzte mit seinem Reiter in die Tiefe. + +Nadia und Nicolaus schrieen voll Entsetzen auf; sie mußten glauben, daß +ihr unglücklicher Gefährte bei diesem Fall zerschmettert sei. + +Als endlich nachgesehen wurde, traf man Michael Strogoff außer dem Sattel +und unverwundet, während das Pferd zwei Füße gebrochen hatte und völlig +dienstuntauglich geworden war. + +Man ließ es an der Stelle verenden, ohne ihm den Gnadenstoß zu geben, und +band Michael Strogoff an den Sattel eines Tartaren fest, so daß er dem +Detachement zu Fuße folgen mußte. + +Ihm entlockte es keine Klage, keinen Widerspruch! Er wanderte schnellen +Schrittes, so daß sich der Strick, der ihn mit dem Reiter verband, kaum +anspannte. Er blieb immer „der Mann von Eisen“, von dem General Kissoff +dem Czaaren gesprochen hatte. + +Am nächsten Tage, dem 11. September, erreichte der kleine Zug den Flecken +Chibarlinskoë. + +Hier trug sich ein Ereigniß zu, das von sehr ernsten Folgen werden sollte. + +Die Nacht war gekommen. Während einer Stunde der Rast hatten die +tartarischen Reiter sich mehr oder weniger betrunken. Sie wollten jetzt +wieder aufbrechen. + +Da wurde Nadia, welche bis jetzt wie durch ein Wunder von den Soldaten +achtungsvoll behandelt worden war, von einem derselben insultirt. + +Michael Strogoff zwar sah weder die Beleidigung, noch den Beleidiger, aber +Nicolaus hatte diesen für ihn gesehen. + +Ganz ruhig, ohne es sich weiter zu überlegen und ohne sich von seiner That +Rechenschaft zu geben, schritt Nicolaus gerade auf den frechen Burschen +zu, und bevor dieser eine Bewegung machen konnte, ihn aufzuhalten, ergriff +Jener eine in der Satteltasche steckende Pistole und schoß sie dem +Tartaren mitten auf die Brust ab. + +Der die Abtheilung commandirende Officier kam auf den Knall des Schusses +herzugelaufen. + +Die Reiter wollten den unglücklichen Nicolaus erwürgen, doch auf ein +Zeichen des Officiers begnügte man sich, ihn zu fesseln, band ihn quer auf +ein Pferd, und fort ging es wieder in tollem Galop. + +Der Strick, mit dem Michael Strogoff angebunden war und der schon halb +durchnagt sein mochte, riß bei der unerwartet heftigen Bewegung des +Pferdes, und sein halb betrunkener Reiter sprengte in wildem Laufe hinaus, +ohne es nur gewahr zu werden. + +Michael Strogoff und Nadia befanden sich allein auf der Landstraße. + + + + + Neuntes Capitel. + + + In der Steppe. + + +Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie während +ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich +aber Alles verändert! Damals gewährleisteten ihnen ein bequemer Tarantaß, +eine häufig gewechselte Bespannung und mit allem Nothwendigen +ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt +zogen sie zu Fuß dahin, ohne die Möglichkeit, sich ein Beförderungsmittel +zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise +sie nur die dringendsten Lebensbedürfnisse befriedigen würden, – und dabei +trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch, +daß Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia’s sah. + +Den Freund, den ihnen ein glücklicher Zufall zuführte, hatten sie unter +den traurigsten Umständen wieder verloren. + +Michael Strogoff lagerte auf der Böschung der Straße; Nadia stand daneben +und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen. + +Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon +verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Hütte zeigte +sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und +Nadia standen ganz, ganz allein. + +„Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus! +Das Zusammentreffen mit uns mußte Dir so verhängnißvoll werden!“ + +Michael Strogoff erwiderte nichts. + +„Michael, fuhr Nadia fort, weißt Du es nicht, daß er Dich zu schützen +suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, daß er sein Leben für +Dich wagte?“ + +Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand +gestützt, hing er seinen Gedanken nach. Hörte er überhaupt, da er keine +Antwort gab, was das junge Mädchen zu ihm sprach? + +Gewiß, denn als Nadia hinzufügte: + +„Wohin soll ich Dich führen, Michael? antwortete er: + +— Nach Irkutsk. + +— Auf der großen Landstraße? + +— Ja, Nadia.“ + +Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekräftigten Vorhaben, +sein Ziel unter allen Umständen zu erreichen, abzubringen. Auf der +Landstraße gelangte er auf kürzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde +von Feofar-Khan’s Heere zeigte, würde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu +verlassen. + +Nadia faßte Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf. + +Am folgenden Morgen, dem 12. September, gönnten sie sich nach einem +Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoë eine kurze Rast. Die +ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus’ +Leichnam vielleicht an der Straße liegen geblieben sei; doch vergeblich +durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen +Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiß +sparte man ihn für eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers +bei Irkutsk auf. + +Erschöpft vom Hunger, der ihren Gefährten ebenso schrecklich quälte, war +Nadia so glücklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas +trockenes Fleisch und mehrere „Sukharis“ (d. s. Brode, welche durch +Verdunstung ausgetrocknet ihre Nährfähigkeit auf unbegrenzte Zeit +bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem +so großen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung +war also für mehrere Tage gesichert, und Wasser konnte ja in einer Gegend, +welche tausend kleine Zuflüsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht +fehlen. + +Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren +Schrittes weiter und verlangsamte diesen höchstens ein wenig mit Rücksicht +auf seine Begleiterin, während diese sich eifrig bemühte, nicht zurück zu +bleiben. Glücklicher Weise konnte ihr Gefährte ja nicht sehen, in welch’ +beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte. + +Michael Strogoff schien es jedoch zu fühlen. + +„Deine Kräfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal. + +— O nein, antwortete sie. + +— Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia. + +— Ja wohl, Michael.“ + +Im Laufe dieses Tages mußten sie einen kleinen Fluß, die Oka, +überschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so daß sie ohne +Schwierigkeiten an’s andere Ufer kamen. + +Der Himmel war bedeckt, die Temperatur erträglich; freilich drohte die +Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fußreise sicher nur +vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber +ziemlich schnell vorüber. + +So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu +wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rückwärts sorgsam auslugte. +Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang während +der Nacht. In einigen Hütten entdeckte Nadia auch noch einiges +Schaffleisch, welches hier so gewöhnlich ist, daß ein Pfund desselben nur +zwei und eine halbe Kopeke kostet. + +Aber ganz wider Michael Strogoff’s noch immer genährte Hoffnung fand sich +kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren +alle getödtet oder geraubt. Zu Fuß mußten sie die Reise durch die +grenzenlose Steppe fortsetzen. + +Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf +Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort +stand ein verlassener Wagen. Die Körper der unglücklichen Sibirer +bezeichneten die Straße und häuften sich in der Nähe der Dörfer. Nadia +kämpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen. + +Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rücken her. +Die von Iwan Ogareff geführte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte +jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jeniseï hinunter +gesendeten Barken bei Krasnojarsk längst bereit, um den Uebergang über den +Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg für die Eindringlinge frei. +Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches +Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fürchtete also stündlich das +Auftauchen der tartarischen Plänkler. + +Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine höher gelegene Stelle +und blickte aufmerksam über die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt +verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes. + +Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff +bemerkte, daß er die arme Nadia zog, so verzögerte er seine Schritte. Sie +sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus. Das junge Mädchen erinnerte +an Alles, was ihnen jener Begleiter während weniger Tage gewesen war. + +Michael Strogoff suchte dem jungen Mädchen durch seine Antworten immer +einige Hoffnung einzuflößen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er +wußte recht gut, daß der Arme dem Tode gewiß nicht entgehen würde. + +Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin: + +„Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?“ + +Von seiner Mutter! Nadia hatte das ängstlich vermieden. Warum sollte sie +seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drückte der +Sohn damals nicht den letzten Kuß auf die stummen Lippen, als ihre Leiche +auf dem Plateau bei Tomsk lag? + +„Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir +dadurch ein Vergnügen.“ + +Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles, +was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in +Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie +gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten +Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie +sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit +hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff. + +„Der ich immer hätte bleiben sollen“, fiel da der Blinde ein, um dessen +Stirn sich düstere Wolken lagerten. + +Nach einer Pause fügte er dann hinzu: + +„Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter +nicht zu sehen. + +— Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen, +der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt. + +— Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen! + +— Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa +Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen +Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen. + +— Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff +traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben. + +— Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte +mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich +nichts. + +— Sprich, Nadia! + +— Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch +immer so dringend nach Irkutsk?“ + +Michael Strogoff drückte die Hand seiner Führerin wärmer, aber er gab +keine weitere Antwort. + +„Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau? + +— Nein, er war mir unbekannt. + +— Soll ich annehmen, Michael, daß nur das Verlangen, mich meinem Vater +zuzuführen, Dich jetzt nach Irkutsk treibt? + +— Nein, Nadia, ich würde Dich täuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir +erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann +ich Dich nach Irkutsk führen, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil +mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hält mich nicht Deine +Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste +vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiß nicht, +wann das Unglück müde sein wird, uns zu prüfen, aber ich weiß, daß ich an +dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hände Deines Vaters geführt +zu haben, Dir innig danken werde für Deine treue Leitung auf meinem Wege! + +— Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das +ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drängst Du jetzt so, in +Irkutsk einzutreffen? + +— Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muß! gestand ihr Michael Strogoff. + +— Auch jetzt noch? + +— Auch jetzt, und es wird mir gelingen!“ + +Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Haß gegen den +Verräther. Aber Nadia merkte es, daß ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte, +nicht Alles sagen durfte. + +Drei Tage später, am 15. September, erreichten Beide den Flecken +Kuitunskoë, siebzig Werst von Tulunowskoë. + +Das junge Mädchen hielt sich nur mit äußerster Anstrengung noch aufrecht. +Ihre wunden Füße versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem +Schmerze, sie bekämpfte die Ermüdung; ihr einziger Gedanke war: + +„Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!“ + +Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes Hinderniß, keine +Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste +Erschöpfung fühlten sie. + +So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach +Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen längs des Weges, die +Brandstätten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung +übergehenden Leichname an den Seiten der Straße. + +Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht. +Michael Strogoff erschöpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen, +diese Verzögerung zu erklären. Bedrohten schon hinreichende russische +Streitkräfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte +isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle +mußte es dem Großfürsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen, +und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenüber als ein +Fortschritt zu seiner Abwehr. + +Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber +trat ihm das Trügerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele, +und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als läge die Rettung des +Großfürsten nur allein in seinen Händen. + +Sechzig Werst trennen Kuitunskoë von Kimilteïskoë, einem kleinen Flecken +unweit der Dinka, welche der Angara zuströmt. Nicht ohne Besorgniß dachte +Michael Strogoff an das Hinderniß, welches dieser nicht so unbedeutende +Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fähren oder Boote zu finden, darauf +durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen +Reisen in günstigeren Jahreszeiten, daß dieser Fluß nur mit Gefahr zu +durchwaten war. Dafür unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein +weiterer Strom oder Fluß die Straße, welche in einer Länge von noch 230 +Werst nach Irkutsk führte. + +Um Kimilteïskoë zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage. +Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie +verließen sie die physischen Kräfte. Michael Strogoff wußte das nur zu +gut. + +Wäre er nicht blind gewesen, Nadia hätte gewiß zu ihm gesagt: + +„Geh’, Michael, laß mich in einer Hütte zurück. Geh’ nach Irkutsk! Richte +Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag’ +ihm, daß ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden +wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fürchte mich nicht. Vor den +Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich für ihn, für +Dich! Geh’ Du, Michael, – ich kann es nicht mehr!...“ + +Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael +Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermüdung des +jungen Mädchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so +schneller. + +Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide +Kimilteïskoë. Von dem Gipfel eines Hügels bemerkte Nadia eine minder +dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten +sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis +erhellten. + +Nadia führte ihren Begleiter quer durch die verwüstete Ortschaft. Die +Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fünf bis +sechs Tagen hier durchpassirt sein. + +Bei den letzten Häusern sank Nadia auf eine steinerne Bank. + +„Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff. + +— Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch +einige Stunden ruhen? + +— Ich wäre gern noch bis über die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich +hätte den Fluß gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewußt. Aber Du +kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia? + +— Komm, Michael!“ lautete Nadia’s Antwort, mit der sie die Hand ihres +Gefährten ergriff und ihn weiter führte. + +In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Straße +nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte, +wollte das junge Mädchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim +Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine +grenzenlose Wüste, in der sich der kleine Fluß verlor. Kein Baum, kein +Hügel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische +Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre, durch deren +ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt +hätte. + +Plötzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Füße in +eine Aushöhlung des Bodens gekommen wären. + +Aus der Steppe her ertönte Gebell. + +„Hörst Du das?“ fragte Nadia. + +Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie ein verzweifelter, letzter +Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist. + +„Nicolaus! Nicolaus!“ rief das junge Mädchen, von einer düsteren Ahnung +erfüllt. + +Michael Strogoff horchte und schüttelte den Kopf. + +„Komm, Michael, komm!“ bat Nadia. + +Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich +eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kräfte wieder. + +„Wir sind von der Straße abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht +mehr den feinsandigen Fußboden, sondern ein dürres Gras unter seinen Füßen +fühlte. + +— Ja, es muß sein!... erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener +Hilferuf.“ + +Einige Minuten später befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom +Flusse entfernt. + +Ein zweites Bellen ließ sich hören, das zwar schwächer, aber unzweifelhaft +näher erscholl. + +Nadia blieb stehen. + +„Ja, sagte Michael, das war Sersko’s Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt. + +— Nicolaus!“ rief das junge Mädchen. + +Keine Antwort ließ sich vernehmen. + +Nur einige Raubvögel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des +Himmels. + +Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete +Ebene zu überschauen, sah aber nichts. + +Doch noch einmal erklang eine Stimme in kläglichem Tone. + +„Michael!“ verstanden sie deutlich. + +Dann sprang ein Hund, über und über blutig, an Nadia heran. Es war Sersko. + +Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael +stammeln können. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen. + +Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Händen. + +Da erhob Sersko ein neues Gebell und stürzte auf einen ungeheuren +Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich. + +Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stück auf, +kehrte aber zurück und stieß auf den Hund. + +Noch einmal stürzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der +furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier +zusammen. + +Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens. + +„Da ... da!“ rief sie. + +Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die +Steppe erhellte, hätte sie mit dem Fuße daran gestoßen. + +Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie. + +Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals +eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu +sterben oder unter dem Zahne der Wölfe oder den Schnäbeln der Raubvögel +umzukommen. Eine schreckliche Todesart für das Opfer, welches der Boden +gefangen hält, welches die Erde halb erdrückt, die der Verurtheilte nicht +von sich zu stoßen vermag, da ihm die Arme am Körper befestigt werden, wie +die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in +der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so +langsam naht! + +Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt! + +... Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun +leider zu spät werden sollte. + +Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert, +und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die +gefräßigen Vögel. + +Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus +dem Grabe zu befreien. + +Nicolaus’ schon geschlossene Augen öffneten sich noch einmal. + +Er erkannte Michael und Nadia. + +„Lebt wohl, meine Freunde, flüsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch +einmal gesehen zu haben ... Betet für mich!...“ + +Das waren seine letzten Worte. + +Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureißen, welche durch festes +Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich, +den Körper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch +schlüge. – Es schlug nicht mehr. + +Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der +Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrößerte das Loch, Nicolaus +Pigassof’s Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe für den Entseelten. Der +treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden. + +Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstraße ein lauter +Tumult. + +Michael Strogoff horchte. + +Aus dem Geräusch erkannte er, daß sich eine Abtheilung Berittener nach der +Dinka zu bewege. + +„Nadia, Nadia!“ sagte er heimlich. + +Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge +Liefländerin. + +„Dort, sieh dort! raunte er ihr zu. + +— Ah, die Tartaren!“ flüsterte sie. + +Jene Reiter gehörten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell +auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte. + +„Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen“, sagte Michael +Strogoff. + +Schweigend setzte er seine Arbeit fort. + +Bald ward der Körper des armen Nicolaus mit über der Brust gekreuzten +Händen in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael +Strogoff und Nadia ein letztes Gebet für das harmlose und gute Geschöpf, +das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte. + +„Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde überfüllte, +nun sollen die Steppenwölfe Dich nicht verzehren!“ + +Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorüberziehenden +Reiterschwarm. + +„Vorwärts, Nadia!“ sagte er. + +Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstraße +nicht mehr einhalten, sondern mußte sich quer durch die Steppe schlagen, +um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der +Dinka keine besondere Eile. + +Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch für ihn sehen. Er +nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Südwesten der Provinz. + +Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurück? Wie kam +es, daß ihn die Anstrengung nicht überwältigte? Wie konnte er sich +unterwegs ernähren? Welch übermenschliche Energie half ihm, die ersten +Abhänge der Sayanskberge zu überklettern? – Weder Nadia noch er hätten auf +diese Fragen die Antwort gewußt. + +Und doch, – zwölf Tage später, am 2. October, breitete sich eine ungeheure +Wasserfläche vor Michael Strogoff’s Füßen aus. + +Er stand am Baïkalsee. + + + + + Zehntes Capitel. + + + Baikal und Angara. + + +Der Baikalsee liegt 1700 Fuß über dem Meere. Seine Länge beträgt gegen 900 +Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von +Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, daß derselbe „Frau +Meer“ genannt sein will und in Wuth geräth, wenn man ihn „Herr See“ +titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in +demselben ertrunken. + +Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zuflüssen ernährte Süßwasserbecken wird +von einem prächtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen +anderen Abfluß als die Angara, welche bei Irkutsk vorüber strömt und sich +etwas oberhalb der Stadt in den Jeniseï ergießt. Die Berge, welche den See +einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des +orographischen Systems des Altaïgebirges. + +In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kälte schon bemerkbar. Der +Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthümlichen +klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann +vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man +schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um +fünf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank während der langen Nacht wohl +bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis +Anfang des nächsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des +Baïkal. Während des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuß +tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach +belebt. + +Geschehe es nun wegen des Verstoßes gegen die gute Lebensart, wenn man ihn +„Herr See“ nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde, +jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stürmen bewegt. Seine, gleich +denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Flößen, den +Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpflügen, nicht wenig +gefürchtet. + +An der Südwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen +Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was +konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten, +als hier erschöpft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch +übrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren +zurücklegen mußte, um sein Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst längs +der Südküste bis zum Abfluß der Angara, und achtzig Werst von diesem +Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine +Reise von drei Tagen für einen kräftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch +zu Fuße zurücklegen sollte. + +Konnte aber Michael Strogoff noch für einen solchen Mann gelten? + +Der Himmel schien ihm diese letzte Prüfung ersparen zu wollen. Das +Unglück, sein hartnäckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende +des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er öde und verlassen glaubte +und der es auch sonst immer ist, – heut’ war er es nicht. + +Etwa fünfzig Personen standen an dem Winkel, der die südwestliche Spitze +des Sees bildet. + +Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die +letzten Abhänge eines Berges herunterstieg. + +Einen Augenblick konnte das junge Mädchen wohl fürchten, hier wieder nur +eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet wäre, an den +Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes +Entfliehen unmöglich sein mußte. + +Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt. + +„Das sind Russen!“ rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber +fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael +Strogoff’s nieder. + +Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie +zukamen, führten den Blinden und das junge Mädchen nach einer Stelle des +Ufers, an der ein Floß befestigt lag. + +Das Floß schien zur Abfahrt bereit. + +Diese Russen, Leute aus allen Ständen, waren Flüchtlinge, welche die +nämliche Absicht hier an der Küste des Baikal vereinigt hatte. Von den +tartarischen Plänklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen, +und da das zu Lande ziemlich unmöglich war, seitdem die Feinde sich auf +beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel +dadurch zu erreichen, daß sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die +Stadt durchströmt. + +Wie hüpfte Michael Strogoff’s Herz vor Freude, als er diese Absicht +vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten für ihn auf. Er hatte +aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er für +angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren. + +Der Plan der Flüchtlinge war sehr einfach. Nahe dem nördlichen Ufer des +Sees zeigte sich eine Strömung bis zum Abfluß der Angara hin, und diese +wollten sie zunächst benutzen, um nach jenem Ausgußthore des Baikal zu +gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit +einer Schnelligkeit von zehn bis zwölf Werst die Stunde dahin. Binnen +anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein. + +Am Seeufer fehlte es natürlich an jedem Schiff oder Boot. Man mußte diese +zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floß, wie man deren häufig auf den +sibirischen Strömen begegnet. Das nöthige Holz lieferte ein Tannenwald in +der Nähe. Die mittels Weidenzweigen so gut als möglich verbundenen Stämme +bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden +hätten. + +Auf dieses Floß führte man auch Michael Strogoff und Nadia. Das junge +Mädchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter +etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf +dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel. + +Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm +bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich für einen Bewohner von +Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen +des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fügte nur hinzu, +daß die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der +Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde. + +Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kälte +empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der +Oberfläche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das +Floß auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das +doch zwischen den Ufern der Angara mißlicher zu gestalten, wenn sich die +Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhäuften. + +Alle Umstände drängten also darauf hin, daß die Flüchtlinge baldmöglichst +abreisten. + +Um acht Uhr Abends löste man die Seile und von der Strömung geführt folgte +das Floß dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte +Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten. + +Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando übernommen. Es war ein +Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebräuntem Gesicht. Ein dichter weißer +Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmütze trug er auf dem Kopfe und +zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen +Gürtel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Füßen. +Schweigend saß er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch +Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens +reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floß in der +Strömung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung +nach der offenen See zu hindern. + +Wir erwähnten schon, daß Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse +Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl +Männer, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen +Einfalle auf der Reise überraschte Pilger, einige Mönche und ein Pope. Die +Pilger trugen den Reisestab, die Kürbisflasche im Gürtel und sangen mit +klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom +Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein +schon bejahrter Mann, trug am Gürtel eine kleine Sammelbüchse mit +Vorlegeschloß, wie man sie an den Eingängen der Kirchen trifft. Alles, was +er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehörte nicht +ihm, und er besaß nicht einmal den Schlüssel zu der Büchse, welche erst +bei seiner Rückkehr geöffnet werden sollte. + +Die Mönche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie +die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, daß sie +einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln +nahe der Küste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von +Troïtsa, die des heiligen Antonius und des heiligen Theodosius in Kiew, +der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das +von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altgläubigen, und begaben sich +nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach +Irkutsk. + +Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren, +welche das russische Reich zählt. Seine Kleidung sah erbärmlicher aus, als +die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich +nicht überragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und +sein Stück Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schließt und +Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten +der Tartaren dadurch zu entziehen gewußt, daß er sie nach den nördlichen +Provinzen schaffte, während er in seiner Parochie bis zum letzten +Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen müssen, und da die +Straße nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht. + +Diese verschiedenen kirchlichen Personen saßen auf dem Vordertheil des +Flosses zusammen, beteten in regelmäßigen Zwischenräumen, erhoben ihre +Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres +Gebets hörte man ihre Lippen ein „Slava Bogu“, das ist Ehre sei Gott, +flüstern. + +Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in +tiefer Erschöpfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur +sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer. + +Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes, +der die Wirkung der Strömung hemmte, noch vierzig Werst von dem Ausflusse +der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr +Nachmittag nicht erreichen. Den Flüchtlingen kam das insofern zu statten, +als sie den Fluß hinunter während der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre +Reise nach Irkutsk begünstigen mußte. + +Die einzige Besorgniß des alten Schiffers betraf nur die Bildung von +Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden +schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach +Westen ziehen. Diese waren nicht zu fürchten, da sie in die Angara, deren +Mündung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden +vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der +Strömung angezogen und preßten sich zwischen die Flußufer. Das brachte +dann wohl Schwierigkeiten, Verzögerungen oder gar unübersteigliche +Hindernisse hervor, die das Floß aufzuhalten drohten. + +Michael Strogoff war es also vom höchsten Interesse, den Zustand des Sees +zu kennen, für den Fall, daß Eisschollen in größerer Anzahl auftreten +sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und ließ sich von +ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserfläche vorging. + +Während dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem +Baikalsee noch mancherlei eigenthümliche Erscheinungen, unter andern das +Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees +gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersäulen erhoben sich +zu beträchtlicher Höhe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen +Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von +der Kälte verdichtet wurden. Gewiß hätte dieses Schauspiel das Auge jedes +Touristen ergötzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum +Vergnügen bereiste. + +Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluß der +Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Küste zur Rechten +erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die +wenigen am steilen Strande erbauten Häuser. + +Leider wälzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen +zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch +erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluß zu verstopfen, +sowie die Kälte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren. + +Das Floß erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann +wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen +vorzunehmen. Die Stämme drohten aus einander zu weichen und mußten +nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Strömung der +Angara sicherer zu widerstehen. + +Während der schönen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein- +und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier +entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der +russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl +durch Dampfboote, als auch durch Küstenfahrer aller Art sehr belebt. + +Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den +Verwüstungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten. +Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst in ihrem Hafen +überwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig, +reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt +Ostsibiriens zurückgezogen. + +Der alte Seemann erwartete also gewiß nicht, hier noch weitere Flüchtlinge +aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floß nur anlegte, zwei +Passagiere mit aller Hast aus einem verödeten Hause herabgelaufen. + +Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin. + +Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff’s, +der verwundert den Kopf emporrichtete. + +„Was hast Du, Nadia? fragte er. + +— Unsere beiden Reisegefährten, Michael. + +— Jener Franzose und jener Engländer, denen wir in dem Engpasse des Ural +begegneten? + +— Dieselben.“ + +Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus +dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthüllt zu werden. + +Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr für den +Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael +Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf +dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine +Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute über +das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt +wurde. Sie wußten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste. + +Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse. + +„Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Engländer sich eingeschifft +haben, so bitte sie, zu mir zu kommen.“ + +Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der +Zufall, sondern die Gewalt der Umstände, ebenso wie Michael Strogoff, nach +dem Hafen von Livenitchnaia geführt hatte. + +Man erinnert sich, daß sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor +der gräßlichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloß, abreisten. +Sie zweifelten gar nicht daran, daß ihr alter Reisegefährte um’s Leben +gebracht worden sei, und wußten also nicht, daß er auf Befehl des Emirs +damals nur geblendet wurde. + +Noch an demselben Abend verließen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten, +Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte über den Feldzug nur aus dem +Lager der Russen zu entsenden. + +Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in größter Eile nach Irkutsk. +Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und hätten das auch unzweifelhaft +durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres, +welche durch das Thal des Jeniseï ganz unerwartet aus Süden heraufzog, +aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der +Dinka abgeschnitten und mußten in Folge dessen nach dem Baikalsee +herabziehen. + +Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen. +Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmöglich, nach Irkutsk +hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee belagert +wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floß ankam. + +Die Absicht der Flüchtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel +vermehrte der Umstand, daß es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen +glücklichen Erfolg und auf die Möglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen. +Sie beschlossen also, die Sache zu wagen. + +Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um +für sich und seinen Begleiter Erlaubniß mitzufahren zu erlangen, und bot +ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern würde, an. + +„Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt +nur sein Leben, nichts weiter.“ Die beiden Journalisten schifften sich ein +und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen. + +Harry Blount war noch immer der steife, frostige Engländer, der während +der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte. + +Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewöhnlich, was unter den +gegebenen Verhältnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte. + +Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet, +als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte. + +Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes früheren +Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren. + +Fast hätte er vor Verwunderung einen Schrei ausgestoßen, als er das junge +Mädchen einen Finger an ihre Lippen legen sah. + +„Kommen Sie mit mir“, bat Nadia. + +Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm +nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr. + +War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon groß genug, Nadia auf +dem Flosse zu begegnen, so überschritt es alle Grenzen, als sie auch +Michael Strogoff’s ansichtig wurden, den sie längst nicht mehr am Leben +glaubten. + +Michael Strogoff sprach bei ihrer Annäherung nicht. + +Alcide Jolivet wendete sich an das junge Mädchen. + +„Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die +Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!“ + +Das lebhafte Gefühl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet’s und seines +Gefährten Zügen. Einen Augenblick später saßen Beide neben Michael +Strogoff, drückten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen +habe. + +„Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie dürfen nicht +wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben +hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniß zu bewahren. Versprechen Sie mir +das? + +— Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet. + +— Auf Gentlemans Wort, fügte Harry Blount hinzu. + +— Ich danke, meine Herren. + +— Können wir Ihnen nach irgend welcher Seite nützlich sein? fragte Harry +Blount. Wünschen Sie, daß wir Sie bei der Ausführung Ihrer Aufträge +unterstützen? + +— Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff. + +— Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstört, sagte Alcide Jolivet. + +— Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind für mich genug!“ + +Eine halbe Stunde später trieb das Floß, nachdem es den kleinen Hafen +verlassen, in den Fluß hinein. Es war gegen fünf Uhr Abends. Schon brach +die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die +Temperatur sank schon jetzt bis unter Null. + +Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael +Strogoff’s Geheimniß zu bewahren, so verließen sie ihn doch nicht. Sie +plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der +Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wußte, eine vollständige +Vorstellung von dem thatsächlichen Zustande der Dinge. + +Es lag außer Zweifel, daß die Tartaren Irkutsk bedrängten und die drei +Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Höchst wahrscheinlich standen +der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt. + +Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren +zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem +Großfürsten noch zu übergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal +bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso +wenig als früher Nadia. + +Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide +Jolivet zu Michael Strogoff folgendermaßen begann: + +„Wir müssen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf +dem Relais zu Ichim zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben. + +— Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich für einen Feigling zu halten! + +— Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes +Schurken verdientermaßen mit der Knute bearbeitet, so daß er noch lange +die Spuren davon tragen wird. + +— Nein, nicht mehr lange!“ antwortete einfach Michael Strogoff. + +Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein +Gefährte alle die harten Prüfungen des Schicksals, welche Michael Strogoff +nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rückhalt bewunderten sie +seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Mädchens einigermaßen +die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben +Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau äußerte: „In der That, das ist +ein Mann!“ + +Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floß ungemein schnell +mit der Strömung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich +zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Täuschung +schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker +Bilder ziehe unaufhörlich an ihm vorüber. Hier zeigten sich sonderbar +gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein +schäumender Bergstrom hervorsprang, manchmal öffnete sich ein weites Thal +vor ihren Blicken, in dem ein zerstörtes Dorf noch rauchte, oder ein +dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterließen +auch die Tartaren überall hinreichend erkennbare Spuren, so sah man sie +doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den näheren Umgebungen +von Irkutsk zusammendrängten. + +Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und +der alte Seemann hielt das Floß, von dem er die zu nahe heran treibenden +Eisschollen mit kräftiger Hand abstieß, immer streng in der Mitte der +Strömung der Angara. + + + + + Elftes Capitel. + + + Zwischen zwei Ufern. + + +Gegen acht Uhr Abends hüllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus +sehen ließ, eine tiefe Finsterniß die ganze Umgebung ein. Da es jetzt +Neumond war, stieg auch dieser nicht über den Horizont empor. Von der +Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen +Felsen an den Seiten verschwammen in mäßiger Höhe mit den schwarzen, tief +herabhängenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu +Zeit rauschte ein Windstoß von Osten her und schien in dem engen Thale der +Angara zu ersterben. + +Die Dunkelheit begünstigte nach der einen Seite gewiß das Vorhaben der +Flüchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren längs der +Ufer, so ließ sich doch annehmen, daß das Floß ungesehen von ihnen +vorübergleiten werde. Ebenso wenig stand zu befürchten, daß die Belagerer +stromaufwärts von Irkutsk den Fluß gesperrt haben sollten, da sie recht +gut wußten, daß die Russen aus dem Süden der Provinz keine Hilfe zu +erwarten hatten. In kurzer Zeit mußte freilich die Natur schon allein +diese Flußsperre herstellen, wenn die Kälte die einzelnen Schollen fest +aneinander löthete. + +Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter +in den Fluß eindrang, ließen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr +vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem +Gemurmel, daß dasselbe am Ufer unmöglich gehört werden konnte. Auf der +Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Körper der Flüchtlinge kaum +die ebene Fläche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am +Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnügte sich, nur die +Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geräusch zu erreichen war. + +Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer günstiger +Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum +unübersteigbaren Hinderniß wurde. Wäre es überhaupt möglich gewesen, den +Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn +jetzt zum Theil die Schollen jeder Größe und Form und das +Aneinanderprallen und Krachen derselben übertönte gleichzeitig jedes sonst +vielleicht hörbare verdächtige Geräusch. + +Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Flüchtlinge, deren +Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie +drängten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der äußeren +Temperatur, welche während der Nacht bis auf 10° unter Null herabging, +besser zu ertragen. Der schwache Wind, der über die schneebedeckten Berge +im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln. + +Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses +gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten +Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters +nach Kräften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern +sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwärtige Situation +beschäftigte vollständig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein +Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche +Allen verderblich werden mußte. + +Für einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein längst erstrebtes +Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch +in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er +sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein würde, +an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fürchtete nur noch +eine einzige letzte Störung, das Floß möchte durch die Anhäufung von +Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte +nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch +durch ein letztes kühnes Wagstück seine Absicht durchzusetzen. + +Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kräfte wieder +gewonnen, welche das Unglück wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals +den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, daß Michael Strogoff +nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und daß +sie bei der Hand sein müsse, ihn zu führen. Je mehr sie sich aber Irkutsk +näherte, desto deutlicher trat ihr auch das Bild ihres Vaters vor das +geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er +liebte, jedoch – woran sie niemals zweifelte, – mit dem ganzen Feuer +seines Patriotismus kämpfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr +jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen, +ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts +sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor’s +niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie +ganz natürlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater überhaupt +wieder zu sehen, ihres edelmüthigen Reisegefährten, ihres „Bruders“, der +nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen +würde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!... + +Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschäftigten sich nur mit dem +einen Gedanken, daß die Situation höchst dramatisch sei und, gut in Scene +gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben müsse. Der Engländer +dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner +Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit +doch nicht ganz erwehren. + +„Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muß selbst bewegt sein, um +Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem +berühmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich +nicht ...“ + +Dabei suchte er mit seinen berühmten Reporteraugen immer das Dunkel zur +Seite des Flusses zu durchdringen. + +Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein die Finsterniß und +zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Wälder hervor. Hier stand ein +ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die +traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur daß diese +gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara +war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten +ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben +wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Strömung +wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Körper zog das Floß +unbemerkt dahin. + +Hier drohte also keine besondere Gefahr. + +Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen +und vorzüglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz +zufällig und zwar durch folgenden Umstand: + +Auf der rechten Seite des Floßes liegend, ließ derselbe einmal seine Hand +in’s Wasser hängen. Plötzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine +klebrige Substanz, etwa ein Mineralöl, seine Haut benetzte. + +Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, – er konnte sich nicht +täuschen. Das war eine Lage flüssiger Naphtha, welche auf der Oberfläche +der Angara schwamm und mit der Strömung hinabtrieb. + +Schwamm das Floß also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so +ungemein leicht entzündlich ist? Woher rührte diese Naphtha? Hatte sie ein +natürliches Phänomen an die Oberfläche der Angara geführt, oder sollte sie +als Zerstörungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in +Brand zu setzen suchten? Eine Art der Kriegführung freilich, welche unter +gesitteten Völkern nicht wohl vorkommen könnte. + +Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt +er es für gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu +machen, und Beide kamen auch überein, ihre Reisegefährten nicht unnöthig +durch diese neue Gefahr zu ängstigen. + +Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm imprägnirt von +flüssigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen +Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China, +in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die +Oberfläche. Dort ist das „Oelgebiet“, ein Pendant zu dem Theile +Nordamerikas, der diesen Namen wirklich trägt. + +Bei gewissen religiösen Festen gießen die Eingebornen im Hafen zu Baku, +welche Feueranbeter sind, flüssige Naphtha auf die Oberfläche des Meeres, +die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat +sich die brennbare Schicht dann über das Wasser verbreitet, so zünden sie +dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das +unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde +auf und niederbewegt. + +Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das mußte zum Unheil auf den +Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht +oder aus Unvorsichtigkeit angezündet wurde, jedenfalls hätte es sich in +einem Augenblicke bis über Irkutsk hinaus verbreitet. + +Auf dem Floße selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher +sein; desto mehr waren die verschiedenen Feuersbrünste an beiden Ufern der +Angara zu fürchten, denn es genügte ja schon ein brennendes Holzstückchen, +vielleicht ein bloßer Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen. + +Die Besorgnisse Harry Blount’s und Alcide Jolivet’s gegenüber dieser neuen +Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht +rathsamer, vorläufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen +und eine Zeit lang zu warten? – Sie legten sich wohl diese Frage vor. + +„Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiß +ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen würde.“ + +Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an. + +Inzwischen schwamm das Floß schnell zwischen den Eisschollen hinab, die +sich immer enger und enger zusammendrängten. + +Bisher hatte man an den Uferabhängen der Angara noch nirgends tartarische +Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, daß das Floß deren +Vorpostenkette noch nicht erreicht haben könne. Gegen zehn Uhr Abends +glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die +sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der +andern sprangen, schnell näher herankamen. + +„Tartaren!“ dachte er. + +Er schlich sich in die Nähe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und +lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdächtigen Bewegungen. + +Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf. + +„Das sind nur Wölfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch +werden wir uns zu vertheidigen suchen müssen, ohne dabei Geräusch zu +machen.“ + +Wirklich mußten die Flüchtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen +die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kälte nach diesen Gegenden +verschlagen hatte. Die Wölfe witterten das Floß, und bald fielen sie +dasselbe an. Die Flüchtlinge mußten sich also, ohne von Feuerwaffen +Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte +des Floßes untergebracht, die Männer bewaffneten sich mit Stangen, Messern +oder einfachen Stöcken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu +schicken. Kein Ausruf ließ sich hören, nur das Geheul der Wölfe +erschütterte die Luft. + +Michael Strogoff hatte nicht unthätig bleiben wollen. Er streckte sich an +der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Floßes nieder, ergriff +sein furchtbares Messer, und wußte dieses allemal, wenn ein Wolf in +erreichbarer Nähe vorüberkam, demselben in den Hals zu stoßen. Harry +Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre übrigen muthigen +Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich +mehrere der Flüchtlinge ernsthafte Bißwunden davon trugen. + +Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Lücken in +der Bande der Wölfe füllten sich immer von Neuem und jedenfalls war die +ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht. + +„Das hat auch gar kein Ende!“ sagte Alcide Jolivet, während er den +bluttriefenden Dolch schwang. + +Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Wölfe noch immer +in ganzen Banden über das Treibeis. + +Die erschöpften Flüchtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu +ihrem Nachtheil. Eben stürzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende +Wölfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie glühende Kohlen +leuchteten, auf die Plattform des Floßes. Ohne Zögern eilten Alcide +Jolivet und Harry Blount auf diese zu, während Michael Strogoff sich +denselben kriechend zu nähern suchte, als die Scene sich plötzlich +veränderte. + +Binnen wenigen Secunden hatten die Wölfe nicht nur das Floß, sondern auch +die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten +verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten +Flußufers. + +Es rührte das daher, daß Wölfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen, +und jetzt die ganze Fläche der Angara plötzlich in hellem Lichte glänzte. + +Es war der Wiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken +Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwärmten also Tartaren umher, +die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flußabwärts die +beiden Ufer besetzt hielten. Die Flüchtlinge traten jetzt in die +gefährliche Zone ihrer nächtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt +noch dreißig Werst von ihnen entfernt. + +Es war jetzt gegen halb zwölf Uhr Nachts. Das Floß glitt wieder versteckt +zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur +dann und wann flog ein heller Lichtschein über dasselbe hin. Auf der +Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen, +die sie hätte verrathen können. + +Die erwähnte Ortschaft brannte außerordentlich schnell nieder. Ihre aus +Fichtenholz erbauten Häuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen +fünfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und +Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebrüll der Tartaren. + +Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den größeren Eisschollen +einsetzte, das Floß mehr nach der rechten Seite, so daß sie eine +Entfernung von drei- bis vierhundert Fuß von dem durch den Brand +erleuchteten Flußufer trennte. + +Nichtsdestoweniger hätten die Flüchtlinge, auf die zuweilen ein greller +Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden müssen, wenn die Brandstifter nicht +allzu eifrig mit der Zerstörung des Ortes beschäftigt gewesen wären. Jeder +wird sich aber leicht die Besorgniß Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s +vorstellen können, wenn diese an den so flüchtigen Brennstoff dachten, auf +dem das Floß noch immer schwamm. + +Ganze Funkengarben sprühten aus den Häusern auf, welche ebenso vielen +brennenden Schmelzöfen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese +Funken fünf- bis sechshundert Fuß hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer +selbst schienen die Bäume, im Widerscheine des röthlichen Lichtes, selbst +in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die +Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und +Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstörung des Floßes und der +Tod seiner Insassen mußte dann die nothwendige Folge sein. + +Zum Glück wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies +fortwährend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab. +Möglicherweise konnten die Flüchtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr +entgehen. + +Wirklich ließen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und +nach erblaßte der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und +bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara, +welche hier einen scharfen Bogen bildet. + +So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniß schützte wieder das +Floß. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie +zwar nicht, hörte sie aber, übrigens glänzten auch die Feuer der äußersten +Vorposten hell durch die Nacht. + +Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedrängten +Eisschollen nöthig, mit größter Vorsicht weiter zu fahren. + +Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle +waren vollauf beschäftigt, da die Führung des Floßes immer schwieriger und +das Bett des Flusses immer enger wurde. + +Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen. + +Alcide Jolivet folgte ihm. + +Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten +gewechselten Worte. + +„Achtung, dort rechts! + +— Links drängen ein paar Schollen heran! + +— Stoß’ ab, fest mit der Stange! + +— Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest ... + +— Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist +nichts zu thun. + +— Hören Sie Jene? fragte Alcide Jolivet. + +— Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!“ + +Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floß wirklich +aufgehalten, so gelangten die Flüchtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk, +sondern mußten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen, +das von den Eisschollen gedrückt bald unter ihnen in Stücke gehen würde. +Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Bänder zu reißen, die +von einander weichenden Fichtenstämme unter das Eis zu gerathen und den +Unglücklichen wäre nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die +schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages hätten sie dann die +Tartaren ohne Zweifel entdecken müssen, von deren Hand keine Gnade zu +hoffen war. + +Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt, +zurück. Er näherte sich derselben, faßte ihre Hand und legte ihr die oft +wiederholte Frage vor: „Bist Du bereit, Nadia?“ – welche sie wie immer mit + +„Ich bin stets und zu Allem bereit!“ beantwortete. + +Noch einige Werst drängte sich das Floß zwischen dem Schollengewirr dahin. +Verengerte sich die Angara noch mehr, so mußte sich ein Eisschutz bilden, +der die Weiterbenutzung der Wasserstraße so gut wie unmöglich machte. +Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fühlte +man Stöße und sah, wie das Floß abwich. Hier mußte man sich vor dem +vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren. +Immer wiederholten sich unerwünschte Verzögerungen. + +Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige Stunden. Erreichten die +Flüchtlinge Irkutsk nicht vor fünf Uhr des Morgens, so konnten sie auch +alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen. + +Gegen halb zwei Uhr stieß das Floß trotz aller Anstrengungen gegen einen +compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrückenden Schollen +drängten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich +fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wäre. + +An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so daß die Breite +ihres Bettes nur noch die Hälfte der gewöhnlichen betrug. Hieraus erklärte +sich diese Anhäufung von Schollen, welche allmälig mit einander +verlötheten, sowohl durch den ganz beträchtlichen Druck, unter dem sie +standen, als auch durch die Kälte, welche fühlbar zunahm. Fünfhundert +Schritt weiter unten dehnte sich das Flußbett wieder aus, und hier trieben +einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lösten, in +der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annäherung der Ufer hätte sich +die Schollenwand nicht bilden können und das Floß wäre nach wie vor von +der Strömung fortgetragen worden. Gegen den unglücklichen Zufall war aber +nicht das Geringste zu thun, und die Flüchtlinge mußten eben auf jede +Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen. + +Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um +sich Kanäle durch das Eisfeld zu brechen, hätten sie vielleicht gerade +noch Zeit gehabt, das Hinderniß bis zu der wieder erweiterten Stelle des +Stromes zu beseitigen. Aber keine Säge, keine Spitzhaue war zur Hand, um +die von der Kälte granitartig verhärtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg +anzugreifen. + +Was nun? + +In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara. +Ein ganzer Kugelregen war auf das Floß gerichtet. Man hatte die Armen also +noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestätigung, daß es jetzt +auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt +dienten die Flüchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs. +Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden +Dunkelheit nur durch Zufall trafen. + +„Komm, Nadia“, raunte Michael Strogoff dem jungen Mädchen in’s Ohr. + +Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia „bereit zu Allem“ Michael +Strogoff’s Hand. + +„Wir müssen jetzt die Eisbank übersteigen, flüsterte er, aber Keiner darf +gewahr werden, daß wir das Floß verlassen!“ + +Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschützt von +der Finsterniß, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach, +auf die Eisfläche. + +Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln +rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke +mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riß ihnen die Hände +auf, aber sie kamen doch vorwärts. + +Zehn Minuten später erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier +ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier +und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter. + +Nadia verstand Michael Strogoff’s Absichten. + +Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest +hing. „Komm“, sagte Nadia. + +Beide legten sich auf das Eisstück, das sich nach einigem Schwanken von +der Bank ablöste. + +Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich, +der Weg stand offen. + +Michael Strogoff und Nadia hörten noch das Knallen der Gewehre, die +Ausrufe der Verzweiflung, das Brüllen der Tartaren ... Dann verstummten +langsam diese Ausbrüche der entsetzlichen Angst und der teuflischen +Freude. + +„Unsre armen Gefährten!“ seufzte Nadia. + +Während einer Stunde trug die Strömung jene Eisscholle mit Michael +Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu +befürchten, daß sie unter ihnen in Stücke gehen könne. Von der stärksten +Strömung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserfläche erhalten, und doch +handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an +einem der Quais in Irkutsk landen sollte. + +Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres. +Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fühlte jetzt, daß er es erreichen +werde!... + +Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen +Horizonte neben den beiden Ufern der Angara. + +Zur Rechten rührte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den +Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers. + +Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt. + +„Endlich!“ murmelte er für sich. + +Aber plötzlich stieß Nadia einen furchtbaren Schrei aus. + +Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden +Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von +bläulichen Reflexen überstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck +an, und dann rief er, als hätten sich seine Augen auf’s Neue dem Lichte +erschlossen: + +„Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!“ + + + + + Zwölftes Capitel. + + + Irkutsk. + + +Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zählt unter gewöhnlichen +Verhältnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an +der rechten Seite der Angara trägt seine von einer hohen Kathedrale +überragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten +Häuser. + +Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Höhe des Berges, über den +in einer Entfernung von zwanzig Werst die große sibirische Heerstraße +führt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthürmen, seinen den +Minarets ähnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische +Art ausgehöhlten Dächern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese +Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt +selbst betritt. Zur Hälfte in byzantinischem, zur Hälfte in chinesischem +Stile erbaut, wird sie doch zu einer europäischen durch die macadamisirten +Straßen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanäle in denselben, die +reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebäude aus Ziegelstein und +Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die +zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur +Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat, +endlich durch eine große Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der +Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser +Moden nichts Fremdes sind. + +Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstätte der Bewohner einer +ganzen Provinz, furchtbar überfüllt. Alle Bedürfnisse fanden hier dennoch +reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen +Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht +werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale, +den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fürchten, und +konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwüsten lassen. + +Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm +fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Händen die +Verwaltungsgeschäfte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer +Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich +ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des +unerklärlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende +Persönlichkeit. + +Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuß, in der +Stärke von etwa 2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit +Helm und blauer, silberbesetzter Uniform. + +Außerdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge +eigenthümlicher Verhältnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt +eingeschlossen. + +Ueber jene Verhältnisse nur einige Worte. + +Eine wichtige politische Reise hatte den Großfürsten in diese entlegenen +Provinzen Ostasiens geführt. + +Der Großfürst berührte die hauptsächlichsten Städte Sibiriens, reiste mehr +als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen +Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den +transbaïkalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische +Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt. + +An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der +Großfürst nach Irkutsk zurück, von wo er den Weg nach Europa wieder +einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso +gefährlichen, als urplötzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die +Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die +Verbindung mit Rußland schon unterbrochen. Einige Telegramme von +Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort +zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umständen +zerstört worden. + +Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt. + +Dem Großfürsten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu +organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchführte, von der er +bei anderer Gelegenheit hinlängliche Proben gegeben hat. + +Die Nachrichten über die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine +nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens +mußte auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht +rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk +zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrückten, nicht aus, den +tartarischen Heersäulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe +offenbar nicht entgehen konnte, so mußte die Stadt vor allen Dingen in den +Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten. + +Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in +die Hände der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der +Großfürst, daß der Emir von Bukhara und die verbündeten Khans in Person +die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, daß der zweite Führer +dieser Barbarenhäuptlinge, Iwan Ogareff, ein früherer russischer Officier +war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte. + +Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen, +veranlaßt, alle Städte und Dörfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der +Hauptstadt suchte, mußte sich noch weiter hinaus, jenseit des Baïkalsees, +begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde höchst wahrscheinlich nicht +gelangen konnte. Die Vorräthe an Getreide und Fourrage wurden für die +Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft +in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten. + +Irkutsk, gegründet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und +der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende +Holzbrücken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des +Fahrwassers öffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstädten am +linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine +Schwierigkeiten. Die Vorstädte wurden geräumt, die Brücken abgebrochen. +Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara wäre unter dem Feuer der +Belagerten nicht leicht auszuführen gewesen. + +Der Fluß konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt +überschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines +Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schützte. + +Alle kräftigen Arme wurden nun zunächst zu Fortificationsarbeiten +verwendet. Man war Tag und Nacht thätig. Der Großfürst fand eine überaus +eifrige Bevölkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch +ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern – +Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der +Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwälle aufgeworfen. Außerdem +war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara +speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht +weggenommen werden. Sie mußte belagert und gestürmt werden. + +Das dritte tartarische Armeecorps, – dasselbe, welches im Thale des +Jeniseï hinaufgezogen war, – erschien am 24. September vor Irkutsk. Es +besetzte sofort die verlassenen Vorstädte, deren Häuser übrigens meist +niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des +Großfürsten keine Hindernisse zu bieten. + +Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen +von dem Emir und seinen Verbündeten geführten Heerhaufen. + +Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das +Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der +in den größeren Städten zurückgelassenen Besatzungen unter dem Befehle +Feofar-Khan’s vereinigt. + +Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst für +unausführbar erklärte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst +stromabwärts mittels Schiffbrücken über den Fluß. Der Großfürst griff +hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stören, aus Mangel +an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so +blieb er, gewiß mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk. + +Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flußseite; dann marschirten +sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des +Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Wäldchen +nieder, und begannen nach völliger Einschließung der Stadt die regelrechte +Belagerung. + +Iwan Ogareff bemühte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu +leiten, nur gingen ihm die nöthigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu +erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines +Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen. + +Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geändert. +Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem +Marsche auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Großfürst die +jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wußte. An diesen beiden Ursachen +scheiterte seine ursprüngliche Absicht und er sah sich zu einer +regelrechten Belagerung genöthigt. + +Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Rücksicht auf +die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stürmen. Er warf seine +Truppen auf die scheinbar schwächsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe +wurden aber muthig abgeschlagen. Der Großfürst und seine Officiere setzten +sich bei dieser Gelegenheit rücksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit +ihrer eigenen Person ein und führten die Civilbevölkerung mit auf die +Wälle. Bürger und Mujiks erfüllten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem +zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den +Wällen zu erobern. An dem einen Ende der großen, zwei Werst langen und +oben und unten an der Angara ausmündenden Straße von Bolchaïa kam es zu +einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Bürger setzten den Tartaren +einen so hartnäckigen Widerstand entgegen, daß sich diese zuletzt in ihre +früheren Stellungen zurückziehen mußten. + +Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt +nicht erlangen konnte. Wir wissen, daß seine Absicht dahin ging, in die +Stadt einzudringen, sich dem Großfürsten zu nähern, dessen Vertrauen zu +erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu +überliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des +Czaar stillen. + +Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis in das Lager an der Angara, +trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszuführen. + +In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus +dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der +Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In höchstens sechs Tagen mußten +sie eintreffen, also wurde es nöthig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch +Verrath zu überwältigen. + +Iwan Ogareff zögerte keinen Augenblick. – + +Eines Abends, am 2. October, wurde in dem großen Salon des +Gouvernementspalastes, in dem der Großfürst residirte, ein Kriegsrath +abgehalten. + +Dieses am Ende der Bolchaïastraße gelegene Gebäude beherrscht weithin den +Lauf des Flusses. Gegenüber den Fenstern seiner Hauptfaçade sah man das +Lager der Tartaren; hätten letztere weiter tragende Belagerungsgeschütze +besessen, so wäre dieses Gebäude ganz unhaltbar gewesen. + +Der Großfürst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef +der Kaufleute und eine Anzahl höhere Officiere besprachen eben +verschiedene nothwendige Maßregeln. + +„Meine Herren, begann der Großfürst, unsere dermalige Lage ist Ihnen +hinlänglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß wir Irkutsk bis +zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir +leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an +mir soll es gewiß nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser +Gebiet nicht sehr theuer bezahlen. + +— Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der General Voranzoff, daß Sie +auf die Bevölkerung von Irkutsk zählen können. + +— Gewiß, General, antwortete der Großfürst, und ich erkenne diesen +eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die +Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth +verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den +Wällen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern können. Sie hören +meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie, +dieselben weiter zu verbreiten. + +— Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete. +Darf ich wohl auch fragen, nach welchem längsten Zeitraume auf das +Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist? + +— Höchstens nach sechs Tagen, erklärte der Großfürst. Erst heute Morgen +ist ein gewandter und kühner Emissär in die Stadt gekommen, der mir +mittheilt, daß fünfzigtausend russische Truppen unter Führung des Generals +Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am +Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kälte ihren Zug +aufzuhalten vermögen. Fünfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren +in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien. + +— Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß wir sofort, wenn Eure kaiserliche +Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu +folgen. + +— Ich danke, mein Herr, sagte der Großfürst. Warten wir es ab, bis die +Spitzen unserer Colonnen auf den nächsten Höhen erscheinen, dann wollen +wir die Feinde zerschmettern.“ + +Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff. + +„Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen. +Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke +erhalten und den Tartaren den Uebergang ermöglichen. + +— Würden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der +Kaufleute. + +— Sprechen Sie. + +— Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreißig und vierzig Grade unter +Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen +Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Strömung Schuld zu +sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den +Fluß zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, daß sie auf diesem Wege +nie nach Irkutsk hinein gelangen werden.“ + +Der Generalgouverneur bestätigte die Bemerkung des Chefs der +Kaufmannschaft. + +„Das ist gewiß ein recht glücklicher Umstand, äußerte der Großfürst. +Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualität in’s Auge zu +fassen.“ + +Er wandte sich dann an den Director der Polizei. + +„Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er. + +— Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der +Polizeidirector, daß mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift +übergeben wurde ... + +— Ausgehend von ...? + +— Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich +hier auf Fünfhundert beläuft.“ + +Die politischen Verbannten, welche sonst über die ganze Provinz verbreitet +sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem +Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die +Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschäften +oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der +japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der +Großfürst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und +sie als tüchtige Vertheidiger erkannt. + +„Was wünschen die Verbannten? fragte der Großfürst. + +— Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniß, ein besonderes +Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu dürfen. + +— O, erwiderte der Großfürst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen, +ich wußte es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das +Recht, sich für ihr Vaterland zu schlagen. + +— Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu können, sagte der +Generalgouverneur, daß Sie keine besseren Soldaten zu finden vermögen. + +— Doch sie brauchen dann einen Führer, bemerkte der Großfürst. Wer soll +das sein? + +— Sie wünschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen, +antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten +ausgezeichnet hat. + +— Ist es ein Russe? + +— Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen. + +— Sein Name ...? + +— Wassili Fedor.“ + +Der Verbannte war der Vater Nadia’s. + +Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk seinem Berufe als +Arzt. Ein kenntnißreicher und im Umgange liebenswürdiger Mann, war er +gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede +Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er +den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen +zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der übrigen +Bevölkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit +des Großfürsten zu erregen. Bei mehreren Ausfällen hatten sie mit dem +Blute ihre Schuld an das heilige Rußland bezahlt. Wassili Fedor benahm +sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt, +doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die +Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, daß +sie beabsichtigen könnten, ihn zu ihrem Führer auszuersehen. + +Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der +Großfürst, daß ihm derselbe nicht unbekannt sei. + +„In der That, bestätigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein +muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluß auf die anderen +Verbannten von großer Bedeutung. + +— Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Großfürst. + +— Seit zwei Jahren. + +— Und seine Aufführung ...? + +— Er fügt sich, antwortete der Polizeidirector, als verständiger Mann den +Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt. + +— General, antwortete der Großfürst, lassen Sie mir denselben ohne Zögern +zuführen.“ + +Der Befehl des Großfürsten ward ausgeführt, und noch vor Ablauf einer +halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein. + +Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster, +gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, daß sein ganzes Leben sich in +dem Worte: Kampf! zusammen fassen ließ, und daß er gekämpft, aber auch +gelitten hatte. Seine Züge erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia +Fedor. + +Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persönlich +schmerzlich berührt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der +achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief +hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise +seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniß ausgewirkt hatte, +ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten. + +Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli. +Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze überschritten hatte, was war +aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe +mußte der unglückliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine +Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte! + +Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Großfürsten und erwartete +von diesem angesprochen zu werden. + +„Wassili Fedor, begann der Großfürst, Deine Genossen in der Verbannung +haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu dürfen. Sie vergessen doch +nicht, daß in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben +bereit sein muß? + +— Sie sind sich dessen bewußt, erwiderte Wassili Fedor. + +— Sie wünschen Dich als Anführer? + +— Ja, kaiserliche Hoheit. + +— Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen? + +— Wenn das Heil Rußlands es erheischt, gewiß. + +— Commandant Fedor, sagte der Großfürst, Du bist nicht mehr verbannt. + +— Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann über Solche den Befehl führen, die +es noch sind? + +— Sie sind es nicht mehr.“ + +In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten +Genossen, jetzt seiner Waffengefährten. + +Tief bewegt drückte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Großfürsten +und verließ das Gemach. + +Der Letztere wendete sich an seine Officiere. + +„Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen +ausstelle, sagte er lächelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt +Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen.“ + +Diese den Verbannten von Irkutsk gewährte Gnade entsprach in der That +ebenso einer großherzigen Justiz, wie einer klugen Politik. + +Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die +Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara +wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen +einige an den alten Pfeilern der früheren hölzernen Brücke hängen blieben. +Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar +konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt +hatte, nur schwer in der ganzen Oberfläche zufrieren. Die Gefahr eines +Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also +nicht sonderlich zu fürchten. + +Eben schlug es zehn Uhr. Der Großfürst verabschiedete seine Officiere und +wollte sich gerade in seine Gemächer zurückziehen, als vor dem Palaste ein +auffallender Tumult entstand. + +Fast gleichzeitig öffnete sich die Thür des Salons, ein Feldjäger trat ein +und ging auf den Großfürsten zu. + +„Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!“ + + + + + Dreizehntes Capitel. + + + Ein Courier des Czaar. + + +Eine unwillkürliche Bewegung führte alle Theilnehmer der Berathung nach +der halb offenen Thür zurück. Ein Courier des Czaar, in Irkutsk +angekommen! Wenn die Officiere nur einen Augenblick über die +Wahrscheinlichkeit dieser Thatsache nachgedacht hätten, mußten sie +dieselbe für unmöglich ansehen. + +Der Großfürst war lebhaft auf seinen Feldjäger zugeschritten. + +„Laß den Courier eintreten!“ sagte er. + +An der Schwelle erschien ein Mann. Seine äußere Erscheinung zeugte von +großer Erschöpfung. Er trug die abgenutzte, halb zerrissene Kleidung eines +sibirischen Bauern, an der sogar einige Löcher von Kugeln sichtbar waren. +Seinen Kopf bedeckte eine moskowitische Mütze. Auf der Wange sah man eine +kaum verharschte Schramme. Offenbar hatte dieser Mann einen langen und +beschwerlichen Weg hinter sich. Seine in schlechtem Stande befindliche +Fußbekleidung verrieth auch, daß er einen Theil seiner Reise zu Fuß +zurückgelegt haben mußte. + +„Seine kaiserliche Hoheit der Großfürst?“ fragte er eintretend. + +Der Großfürst ging auf ihn zu. + +„Du bist Courier des Czaar? fragte er. + +— Ja, Hoheit. + +— Und kommst ...? + +— Aus Moskau. + +— Und hast Moskau verlassen? + +— Am 15. Juli. + +— Dein Name ...? + +— Michael Strogoff.“ + +Es war Iwan Ogareff. Er hatte den Namen und Charakter desjenigen +angenommen, den er unschädlich gemacht zu haben glaubte. In Irkutsk kannte +ihn weder der Großfürst, noch irgend Jemand Anderes, so daß er sein +Gesicht nicht einmal zu entstellen brauchte. Da er in der Lage war, seine +etwa angezweifelte Identität zu beweisen, hatte er keine Entdeckung zu +fürchten. Er schickte sich jetzt also an, nachdem er das Ziel durch seinen +eisernen Willen erreicht hatte, durch Verrath und Meuchelmord das Drama +des feindlichen Einfalles zu krönen. + +Nach der Antwort Iwan Ogareff’s gab der Großfürst seinen Officieren ein +Zeichen mit der Hand, worauf sich diese zurückzogen. + +Der falsche Michael Strogoff und er blieben allein in dem Salon zurück. + +Der Großfürst betrachtete Iwan Ogareff einige Augenblicke mit scharfer +Aufmerksamkeit. Dann begann er: + +„Du hast Moskau am 15. Juli verlassen? + +— Ja, Hoheit, und habe Seine Majestät den Czaaren in der Nacht vom 14. zum +15. Juli im Neuen Palais gesprochen. + +— Du hast einen Brief des Czaar? + +— Ja, hier ist er.“ + +Iwan Ogareff übergab dem Großfürsten das kaiserliche Schreiben, das er auf +das kleinste Format zusammengebrochen hatte. + +„Dieser Brief ist Dir in diesem Zustande übergeben worden? + +— Nein, Hoheit, doch mußte ich das Couvert zerstören, um ihn vor den +Soldaten des Emirs besser verbergen zu können. + +— Warst Du Gefangener der Tartaren? + +— Ja, kaiserliche Hoheit, wenigstens einige Tage lang. Daher kommt es +auch, daß ich trotz meiner Abreise am 15. Juli von Moskau, wie sie dieser +Brief auch angiebt, erst am 2. October in Irkutsk eingetroffen bin, d. h. +also, nach einer Reise von neunundsiebenzig Tagen.“ + +Der Großfürst nahm den Brief. Er faltete ihn auseinander, erkannte die +Signatur des Czaar, nebst der von dessen eigener Hand geschriebenen +Eingangsformel. An der Authenticität dieses Schreibens, wie an der +Identität des Ueberbringers konnte also kein Zweifel sein. Hatte sein +wildes Antlitz auch erst einiges Mißtrauen in dem Großfürsten erweckt, so +schwand dieses doch jetzt vollständig. + +Einige Augenblicke verhielt sich der Großfürst schweigend. Er durchlas +langsam den Brief, wie um seinen Sinn recht scharf zu fassen. + +Endlich nahm er wieder das Wort. + +„Michael Strogoff, sagte er, Du kennst den Inhalt dieses Schreibens? + +— Ja, Hoheit, ich konnte in die Lage kommen, dasselbe vernichten zu +müssen, um es nicht den Tartaren in die Hände fallen zu lassen, und war +für diesen Fall bedacht, dessen Text Eurer kaiserlichen Hoheit möglichst +genau mittheilen zu können. + +— Du weißt also, daß dieser Brief uns auferlegt, eher in Irkutsk zu +sterben, als die Stadt auszuliefern? + +— Ich weiß es. + +— Und weißt auch, daß er mir die Bewegungen der Truppen mittheilt, welche +aufgeboten worden sind, den Einfall zu bekämpfen? + +— Ja, Hoheit, aber diese Bewegungen sind verunglückt. + +— Wie so? + +— Nun Ichim, Omsk, Tomsk, um nur von den bedeutendsten Städten Sibiriens +zu sprechen, sind den Soldaten Feofar-Khan’s nach und nach in die Hände +gefallen. + +— Ohne daß es zu Gefechten gekommen wäre? Sollten unsere Kosaken nicht auf +die Tartaren getroffen sein? + +— Mehrmals, kaiserliche Hoheit. + +— Und sie sind zurückgeschlagen worden? + +— Sie verfügten nur über ungenügende Kräfte. + +— Wo haben die Treffen, von denen Du sprichst, stattgefunden? + +— Bei Kolyvan, Tomsk ...“ + +Bis hierher hatte Iwan Ogareff nur die Wahrheit gesagt, um aber die +Vertheidiger von Irkutsk zu entmuthigen, übertrieb er die durch die +Truppen des Emirs erlangten Vortheile und fügte hinzu: + +„Und ein drittes Mal vor Krasnojarsk. + +— Und das letzte Treffen?... fragte der Großfürst, über dessen Lippen kaum +die Worte kamen. + +— Das war mehr als ein Treffen, Hoheit, das war eine Schlacht. + +— Eine Schlacht? + +— Zwanzigtausend Russen, die aus den Grenzprovinzen und dem Gouvernement +Tobolsk heranzogen, stürzten sich 150,000 Tartaren entgegen und wurden +trotz ihres verzweifelten Muthes fast aufgerieben. + +— Du lügst, rief der Großfürst, der vergeblich seinen Zorn zu bemeistern +suchte. + +— Ich spreche die Wahrheit, Hoheit, antwortete frostig Iwan Ogareff. Ich +war selbst bei der Schlacht von Krasnojarsk gegenwärtig und gerieth eben +da in Gefangenschaft!“ + +Der Großfürst ward wieder ruhiger und gab Iwan Ogareff durch ein Zeichen +zu erkennen, daß er nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifle. + +„An welchem Tage fand die Schlacht von Krasnojarsk statt? fragte er. + +— Am 2. September. + +— Und jetzt sind alle tartarischen Truppen um Irkutsk concentrirt? + +— Alle. + +— Und Du schätzest diese ...? + +— Auf 400,000 Mann.“ + +Diese Angabe beruhte wiederum auf einer zu demselben Zwecke vorgebrachten +Uebertreibung Iwan Ogareff’s. + +„Und aus den westlichen Provinzen habe ich keinen Entsatz zu erwarten? +fragte der Großfürst. + +— Nein, kaiserliche Hoheit, mindestens nicht vor Ausgang des Winters. + +— Nun wohl, so höre, Michael Strogoff. Sollte ich auch weder von Osten +noch von Westen her Unterstützung bekommen, und zählten die Barbaren +600,000 Mann, ich werde Irkutsk niemals übergeben!“ + +Das boshafte Auge Iwan Ogareff’s bedeckte sich ein wenig. Der Verräther +schien sagen zu wollen, daß der Bruder des Czaar seine Rechnung ohne +Rücksicht auf Verrätherei machte. + +Der Großfürst hatte bei seinem nervösen Temperament alle Mühe, bei diesen +Unglücksbotschaften seine Ruhe zu bewahren. Er ging im Salon auf und ab +vor den Augen Iwan Ogareff’s, die ihm wie einer schon seiner Rache +verfallenen Beute folgten. Er blieb an den Fenstern stehen, blickte nach +den Wachtfeuern der Tartaren und suchte sich über ein Geräusch +aufzuklären, das ja meist nur von den in der Angara dahintreibenden und +aneinander prallenden Eisschollen herrührte. + +Eine Viertelstunde verging, ohne daß er eine weitere Frage stellte. Dann +nahm er den Brief nochmals zur Hand und durchlas eine besondere Stelle +desselben. + +„Du weißt, Michael Strogoff, daß hierin von einem Verräther die Rede ist, +vor dem ich mich hüten soll? + +— Ja, Hoheit. + +— Er soll unter irgend einer Verkleidung nach Irkutsk einzudringen suchen +und sich um mein Vertrauen bewerben, um zur gegebenen Zeit die Stadt den +Tartaren zu überliefern. + +— Ich kenne das Alles, kaiserliche Hoheit, und weiß auch, daß Iwan Ogareff +geschworen hat, persönlich an dem Bruder des Czaar seine Rache zu nehmen. + +— Warum? + +— Man sagt, dieser Officier sei von dem Großfürsten zu einer entehrenden +Degradation verurtheilt worden. + +— Ja, richtig, ... ich entsinne mich ... doch, er verdiente es, dieser +Elende, der später gegen sein Vaterland diente, um einen Einfall der +Barbaren zu organisiren. + +— Seiner Majestät dem Czaar, fuhr Iwan Ogareff fort, kam es vor allem +darauf an, Sie, kaiserliche Hoheit, von den verbrecherischen Absichten +gegen Ihre Person in Kenntniß zu setzen. + +— Ja, der Brief enthält die nöthigen Aufschlüsse ... + +— Und Seine Majestät haben das mir auch selbst mitgetheilt und mir +vorzüglich eingeschärft, mich bei meiner Reise durch Sibirien ja vor +diesem Verräther zu hüten. + +— Bist Du ihm begegnet? + +— Ja, Hoheit, nach der Schlacht von Krasnojarsk. Hätte er vermuthen +können, daß ich der Träger eines an Eure kaiserliche Hoheit gerichteten +Schreibens war, das seine abscheulichen Pläne enthüllte, so würde er mir +keine Gnade gewährt haben. + +— Gewiß, dann wärst Du verloren gewesen, antwortete der Großfürst. Doch +wie bist Du überhaupt entkommen? + +— Dadurch, daß ich mich in den Irtysch stürzte. + +— Und wie kamst Du nach Irkutsk herein? + +— Bei Gelegenheit eines an diesem Abende unternommenen Ausfalles, welcher +der Vertreibung einer Tartarenabtheilung galt. Ich mischte mich unter die +Vertheidiger der Stadt, es gelang mir, mich zu erkennen zu geben, und so +führte man mich sofort vor Eure kaiserliche Hoheit. + +— Gut, Michael Strogoff, antwortete der Großfürst. Du hast bei Deiner +Schwierigen Reise Muth und Eifer gezeigt. Ich werde Dich nicht vergessen. +Hast Du mir einen Wunsch vorzutragen? + +— Nein, außer dem, mich an der Seite Eurer kaiserlichen Hoheit schlagen zu +dürfen. + +— Es sei, Michael Strogoff, ich nehme Dich von heute ab in meinen +persönlichen Dienst und Du wirst auch in diesem Palaste Wohnung erhalten. + +— Und wenn nun Iwan Ogareff sich, wie er die Absicht haben soll, Eurer +kaiserlichen Hoheit unter einem falschen Namen vorstellt? ... + +— So wird er mit Deiner Hilfe, da Du ihn ja kennst, entlarvt werden, und +soll den Tod unter der Knute erleiden. Geh!“ + +Iwan Ogareff salutirte vor dem Großfürsten militärisch, indem er nicht +vergaß, daß er Kapitän bei dem Corps der Couriere des Czaar sei, und zog +sich zurück. + +Iwan Ogareff begann seine Rolle also mit unleugbarem Erfolge zu spielen. +Das Vertrauen des Großfürsten hatte er schnell und im vollsten Maße +errungen. Er konnte dasselbe mißbrauchen, wo und wann es ihm beliebte. Er +sollte ja gar in dem Palaste selbst wohnen, würde in alle Geheimnisse der +Vertheidigung eingeweiht sein. Er hatte demnach die Situation vollständig +in der Hand. Niemand in Irkutsk kannte ihn, Niemand konnte ihm seine Maske +abreißen. Er beschloß also ohne Zögern an’s Werk zu gehen. + +Die Zeit drängte in der That. Jedenfalls mußte die Auslieferung der Stadt +vor Eintreffen der aus dem Norden und Osten erwarteten Russen erfolgen; +letzteres konnte sich aber nur um wenige Tage handeln. Waren die Tartaren +erst Herren von Irkutsk, so wären sie gewiß nur schwer wieder daraus zu +vertreiben gewesen. Und wenn sie auch gezwungen würden, es später wieder +aufzugeben, so würde das doch nicht geschehen, als bis sie es von Grund +aus zerstört und den Kopf des Großfürsten zu Feofar-Khan’s Füßen gelegt +hätten. + +Da Iwan Ogareff jetzt nichts hinderte, zu sehen, zu beobachten und zu +handeln, so beschäftigte er sich schon vom andern Tage an damit, die Wälle +zu besichtigen. Ueberall ward er von den Glückwünschen der Officiere, +Soldaten und Bürger begrüßt. Dieser Courier des Czaaren erschien ihnen wie +ein Band, welches sie auf’s Neue mit dem Kaiserreiche verknüpfte. Iwan +Ogareff erzählte bei dieser Gelegenheit mit einer Sicherheit, welche ihn +niemals im Stiche ließ, von den Drangsalen seiner Reise. Dann sprach er, +ohne das zu Anfange zu sehr zu betonen, von dem Ernste der Lage, wobei er, +ebenso wie vor dem Großfürsten, die Erfolge der Tartaren und die Kräfte, +über welche sie verfügten, absichtlich übertrieb. Seiner Darstellung nach +waren die bevorstehenden Zuzüge, selbst wenn sie rechtzeitig eintrafen, +gewiß unzureichend, und es stand zu befürchten, daß eine Schlacht unter +den Mauern von Irkutsk ebenso verderblich ausfallen würde, wie die Treffen +bei Kolyvan, Tomsk und Krasnojarsk. + +Mit solchen Hiobsposten ging Iwan Ogareff aber keineswegs verschwenderisch +um. Er ließ diese mit kluger Berechnung nur nach und nach hören. Er schien +nur zu antworten, wenn man ihn fragte, und dann scheinbar nur mit +Widerwillen. Allemal aber fügte er hinzu, daß man sich bis auf den letzten +Mann vertheidigen und die Stadt eher in die Luft sprengen müsse, bevor man +sie übergebe. + +Auf jede Weise suchte er die üble Lage schlimmer darzustellen. Die +Garnison und die Bevölkerung von Irkutsk waren glücklicher Weise aber viel +zu patriotisch, um sich einschüchtern zu lassen. Von allen diesen Soldaten +und Bürgern einer am Ende der asiatischen Welt isolirten Stadt dachte auch +kein Einziger nur entfernt an eine Uebergabe. Die Verachtung der Russen +gegen jene Barbaren kannte eben keine Grenzen. + +Dagegen argwöhnte auch Keiner die häßliche Rolle, welche Iwan Ogareff +spielte, Keiner konnte vermuthen, daß dieser scheinbare Courier des Czaar +ein erbärmlicher Verräther war. + +Ganz erklärlicher Weise trat Iwan Ogareff seit seiner Ankunft in Irkutsk +bald in nähere Beziehungen zu einem der begeistertsten Vertheidiger der +Stadt, zu Wassili Fedor. + +Es ist dem Leser bekannt, von welch’ verzehrender Unruhe der unglückliche +Vater gequält ward. Wenn seine Tochter, wie er der Datumsangabe ihres +letzten Briefes nach annehmen mußte, Rußland wirklich zu jener Zeit +verlassen hatte, was mochte dann jetzt aus ihr geworden sein? Würde sie +dennoch versuchen, die von den Feinden überschwemmten Provinzen zu +bereisen, oder schmachtete sie vielleicht schon lange in Gefangenschaft? +Wassili Fedor fand kein anderes Betäubungsmittel für seinen Schmerz, als +sich gegen die Tartaren zu schlagen, eine Gelegenheit, die sich leider +viel zu selten darbot. + +Als Fedor da die so unerwartete Ankunft eines Couriers des Czaar vernahm, +sagte ihm ein Vorgefühl, daß er von diesem werde Nachrichten über seine +Tochter einziehen können. Wenn er sich auch nicht verhehlte, daß diese +Hoffnung auf sehr schwachen Füßen stehe, so klammerte er sich doch gern an +sie an. War dieser Courier nicht auch gefangen gewesen, wie es Nadia +vielleicht heute noch war? + +Wassili Fedor suchte also Iwan Ogareff auf, der begierig diese Gelegenheit +ergriff, mit dem Commandanten in tägliche Berührung zu kommen. Dachte der +Renegat wohl daran, auch diese Gelegenheit auszunützen? + +Wie dem auch sei, jedenfalls entsprach Iwan Ogareff mit geschickt +verstelltem Eifer dem Entgegenkommen des Vaters Nadia’s. Schon am Morgen +nach der Ankunft des vermeintlichen Couriers begab jener sich nach dem +Palaste des Großfürsten. Dort theilte er Iwan Ogareff die Umstände mit, +unter welchen seine Tochter höchst wahrscheinlich das europäische Rußland +verlassen hatte, und sagte ihm, welche Unruhe er jetzt um ihretwillen +empfinde. + +Iwan Ogareff kannte Nadia nicht, trotzdem er sie ja auf dem Relais zu +Ichim an jenem Tage gesehen hatte, wo sie sich mit Michael Strogoff +daselbst befand. Damals hatte er aber weder auf sie noch auf die beiden +Journalisten geachtet, die sich gleichzeitig auf jenem Posthofe +aufhielten. Er war also außer Stande, Wassili Fedor die gewünschten +Nachrichten über seine Tochter mitzutheilen. + +„Wann hat Ihre Tochter, fragte Iwan Ogareff, das russische Gebiet etwa +verlassen? + +— Ungefähr zu derselben Zeit, wie Sie, antwortete Wassili Fedor. + +— Ich verließ Moskau am 15. Juli. + +— Nadia wahrscheinlich ganz zu derselben Zeit, wenigstens gab mir ihr +letzter Brief diesen Termin an. + +— Sie war am 15. Juli in Moskau? + +— Ja gewiß, an eben diesem Tage. + +— Richtig ...“ sagte zögernd Iwan Ogareff. + +Dann aber schien er seine Meinung zu ändern. + +„Nein, nein, ich täusche mich doch ... ich verwechsele jetzt das Datum, +fügte er hinzu, leider ist es zu wahrscheinlich, daß ihre Tochter die +Grenze noch überschritten hat, und Sie können nun höchstens die einzige +Hoffnung hegen, daß sie sich hat zurückhalten lassen, wenn sie von dem +Einfall der Tartaren Nachricht erhielt. + +Wassili Fedor neigte betrübt den Kopf. Er kannte Nadia zu gut und wußte, +daß nichts im Stande sein würde, sie von ihrem Vorsatz abzubringen. + +Iwan Ogareff beging hier eine unnöthige Grausamkeit. Er hätte Wassili +Fedor mit einem Worte beruhigen können. Hatte Nadia auch, wie wir wissen, +die sibirische Grenze unter ganz besondern Umständen passirt, so hätte +Wassili Fedor doch, wenn Jener ihm die Uebereinstimmung jenes Datums und +des ergangenen Verbotes erwähnte, glauben müssen, daß sie nicht den +Gefahren der Invasion ausgesetzt gewesen sei und sich, wenn auch +gezwungen, doch noch auf europäischem Gebiete befinden werde. + +Iwan Ogareff, ein Mann, der von Anderer Leiden niemals berührt wurde, +folgte dabei nur seiner Natur, er hätte jenes Wort sprechen können ... er +sprach es nicht. Wassili Fedor zog sich mit gebrochenem Herzen zurück. +Nach dieser Erkundigung schwand ihm die letzte Hoffnung. + +An den beiden folgenden Tagen, dem 3. und 4. October, ließ der Großfürst +den vermeintlichen Michael Strogoff wiederholt zu sich bescheiden und +befahl ihm, alles zu wiederholen, was er im kaiserlichen Cabinet des Neuen +Palais gehört hatte. Iwan Ogareff antwortete, da er sich auf solche Fragen +vorbereitet hatte, stets ohne Zögern. Er verheimlichte dabei absichtlich +nicht, daß die Regierung des Czaar durch den Einfall vollständig +überrascht und der Aufstand in tiefster Verschwiegenheit vorbereitet +worden sei, da die Tartaren schon die Linie des Obi besetzt hatten, als +die ersten Nachrichten davon nach Moskau gelangten, und endlich, daß in +den russischen Provinzen Nichts bereit sei, eine zur Vertreibung der +Feinde hinreichende Truppenmacht schnell nach Sibirien zu werfen. + +Da er übrigens vollkommen sein freier Herr war, begann Iwan Ogareff nun +Irkutsk recht eigentlich zu studiren, den Zustand der Befestigungen und +vorzüglich deren schwächste Punkte auszuspähen, um davon Nutzen ziehen zu +können, wenn irgend ein Umstand ihn an der Ausführung der geplanten +Verrätherei hindern sollte. Ganz besonders nahm das Thor von Bolchaïa +seine Aufmerksamkeit in Anspruch, da er dieses zu überliefern +beabsichtigte. + +An diesem Abend kam er zwei Mal an das Thor. Er ging hier auf und ab ohne +die Kugeln der Belagerer zu fürchten, deren erste Posten noch keine Werst +weit von demselben entfernt waren; er wußte recht gut, daß ihm nichts +widerfahren könne, ja, daß man ihn sogar erkenne. + +Da bemerkte er einen Schatten, der geräuschlos bis an den Fuß der Erdwerke +heranschlich. + +Sangarre war es, die ihr Leben auf’s Spiel setzte, um von Iwan Ogareff +Nachricht zu erlangen. + +Uebrigens erfreuten sich die Belagerten seit zwei Tagen einer Ruhe, an +welche die Tartaren sie bisher nicht gewöhnt hatten. + +Es geschah das auf Anordnung Iwan Ogareff’s. Der Lieutenant Feofar-Khan’s +wollte alle Versuche, die Stadt mit Gewalt zu erobern, aufgeschoben +wissen. Deshalb schwieg die Artillerie seit seiner Ankunft in Irkutsk +vollkommen. Vielleicht, – wenigstens setzte er noch einige Hoffnung +hierauf, – ließ die Wachsamkeit der Belagerten doch etwas nach. Für jeden +Fall hielten sich bei den Vorposten einige tausend Tartaren bereit, seiner +Zeit gegen das von seinen Vertheidigern entblößte Thor vorzugehen, wenn +von Iwan Ogareff die Stunde für den Angriff bestimmt worden wäre. + +Das konnte ja nicht lange dauern. Die Entscheidung mußte fallen, bevor die +russischen Hilfstruppen vor Irkutsk anlangten. Iwan Ogareff’s Beschluß war +gefaßt und an diesem Abend glitt ein Billet den Wall hinab in die Hand +Sangarre’s. + +Am andern Tage, in der Nacht vom 5. zum 6. October, wollte Iwan Ogareff +Irkutsk den Todfeinden seines Vaterlandes überliefern. + + + + + Vierzehntes Capitel. + + + Die Nacht vom 5. zum 6. October. + + +Iwan Ogareff’s Plan war mit größter Sorgfalt vorbereitet und mußte, im +Falle nicht ganz unvorhergesehene Ereignisse dazwischen traten, gewiß +gelingen, wenn er nur dafür sorgen konnte, das Thor von Bolchaïa zur Zeit, +wo er es ausliefern wollte, von Vertheidigern entblößt zu halten. +Gleichzeitig sollte die Aufmerksamkeit der Belagerten nach einer andern +Seite der Stadt abgelenkt werden. So hatte er mit dem Emir verabredet. + +Ein Scheinangriff flußauf- und flußabwärts auf dem rechten Ufer der Angara +sollte an beiden Stellen mit möglichster Kraftaufwendung ausgeführt und +auch eine Ueberschreitung des Stromes nach dem linken Ufer versucht +werden. Dabei durfte man voraussetzen, daß das Thor von Bolchaïa ziemlich +verlassen werden würde, zumal da die tartarischen Vorposten vor demselben +weiter zurückgezogen werden sollten, um den Glauben zu erregen, sie wären +an anderen Stellen verwendet worden. + +Der 5. October war herangekommen. Vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden +sollte die Hauptstadt von Sibirien in den Händen des Emirs, der Großfürst +in der Gewalt Iwan Ogareff’s sein. + +Im Laufe dieses Tages entstand in dem Thale der Angara eine ganz +ungewöhnliche Bewegung. Von den Fenstern des Palastes und der Häuser am +Ufer erkannte man deutlich, daß daselbst sehr umfassende Vorbereitungen +betrieben wurden. Viele tartarische Abtheilungen marschirten nach einem +Punkte zusammen und verstärkten die Truppenmacht, welche der Emir +persönlich befehligte. Alles das gehörte zu der verabredeten Diversion und +wurde möglichst auffällig in’s Werk gesetzt. + +Iwan Ogareff verhehlte auch dem Großfürsten nicht, daß von jener Seite ein +Angriff zu befürchten sei. Er glaube annehmen zu müssen, sagte er, daß von +beiden Seiten der Stadt ein Sturmangriff geplant werde, und rieth dem +Großfürsten, die bedrohten Punkte möglichst zu verstärken. + +Alles, was man sehen konnte, bestätigte Iwan Ogareff’s Ansicht, der man +sich bald Rechnung zu tragen entschloß. Nach einem im Palais abgehaltenen +Kriegsrathe erging der Befehl, die verfügbare Hauptmacht an beiden Enden +der Stadt, wo sich deren Wälle auf den Strom stützten, zu concentriren. + +Das war es, was Iwan Ogareff vor Allem wünschte. Er rechnete zwar bestimmt +nicht darauf, daß das Thor von Bolchaïa ganz von Mannschaften entblößt +würde, aber diese konnten doch nur in geringer Stärke daselbst verbleiben. +Iwan Ogareff suchte der Diversion der Tartaren eine solche Bedeutung zu +geben, daß der Großfürst sich genöthigt sehen sollte, alle disponiblen +Kräfte gegen dieselbe aufzubieten. + +Die Verhältnisse wurden übrigens durch ein Ereigniß von ungewöhnlicher +Bedeutung, wiederum einer Erfindung Iwan Ogareff’s, ungemein erschwert, +ein Ereigniß, welches jedoch sehr wesentlich zur Erreichung seiner +Absichten beitragen mußte. Wenn auch kein Angriff auf Irkutsk an den von +dem Thore von Bolchaïa entferntestem Punkte unternommen wurde, so hätte +jener Zwischenfall hingereicht, alle Kräfte der Vertheidiger dahin zu +concentriren, wo es Iwan Ogareff wünschte. Gleichzeitig mußte es eine +entsetzliche Katastrophe über die arme Stadt herbeiführen. + +Es waren also alle Aussichten vorhanden, jenes Thor zur bestimmten Stunde +fast unbedeckt zu finden, während mehrere tausend Tartaren in Verstecken +bereit lagen, gegen dasselbe anzustürmen. + +Während dieser Tage hielten sich die Garnison und die Bevölkerung von +Irkutsk immerfort auf jedes Ereigniß gefaßt. Alle Maßnahmen zur +Vertheidigung bei dem erwarteten Angriff auf bisher weniger beunruhigte +Punkte wurden eiligst getroffen. Der Großfürst und der General Voranzoff +visitirten die auf ergangenen Befehl verstärkten Posten. Das Elitecorps +Wassili Fedor’s hielt den nördlichen Theil der Stadt besetzt, aber mit der +Weisung, immer dahin beizuspringen, wo die Gefahr am größten wäre. Mit +diesen rechtzeitigen und auf Befehl Iwan Ogareff’s getroffenen Maßregeln +wuchs die Hoffnung, den beabsichtigten Angriff abzuschlagen. Das Ufer der +Angara war mit der geringen Menge Artillerie besetzt worden, über die man +eben verfügte. Wenn die Tartaren aber abgewiesen wurden, so konnte man +erwarten, daß sie für den Augenblick entmuthigt, einen erneuten Angriff +doch mindestens einige Tage verschieben würden. Die von dem Großfürsten +erwarteten Truppen mußten aber doch nun jede Stunde eintreffen. Das Heil +oder das Verderben von Irkutsk hing also nur an einem Fädchen. + +An diesem Tage ging die Sonne um sechs Uhr zwanzig Minuten auf und um fünf +Uhr vierzig Minuten unter, nach Beschreibung eines Tagesbogens von elf +Stunden. Zwei Stunden noch kämpfte die Dämmerung gegen das Dunkel der +Nacht. Dann hüllte sich Alles in Finsterniß, und auch auf das Erscheinen +des Mondes, der sich gerade in Conjunction befand, war ja nicht zu +rechnen. + +Die tiefe Dunkelheit mußte offenbar Iwan Ogareff’s Pläne begünstigen. + +Schon seit mehreren Tagen leitete eine ziemlich heftige Kälte auf die +bevorstehende Strenge des sibirischen Winters über und an eben diesem +Abend war sie doppelt fühlbar. Die auf der rechten Seite der Angara +aufgestellten Truppen, welche ihre Anwesenheit nicht verrathen sollten, +hatten deshalb kein Wachtfeuer angezündet. Sie litten von der auffälligen +Erniedrigung der Temperatur ganz entsetzlich. Wenige Schritte unter ihnen +schwammen die Eisschollen hin, welche der Strom mit herantrieb. Den ganzen +Tag über sah man sie in gedrängten Massen in breitem Zuge zwischen beiden +Ufern. Dieser von dem Großfürsten und seinen Officieren beobachtete +Umstand ward für besonders glücklich angesehen. Es lag auf der Hand, daß +an eine Ueberschreitung der Angara gar nicht zu denken sei, so lange +dieses Gewirr von Eisstücken das Bett derselben bedeckte. Die Tartaren +konnten weder Boote noch Flöße benutzen. Dabei brauchte man nicht zu +befürchten, daß sie einen Uebergang auf dem etwa frisch aneinander +gefrorenen Eise versuchen würden, da dieses für die Passage einer starken +Colonne offenbar zu wenig haltbar war. + +Wenn diese Verhältnisse auch den Vertheidigern von Irkutsk ganz +vortheilhaft erschienen, so hätte Iwan Ogareff sie doch bedauern müssen. +Doch im Gegentheil! Der Verräther wußte ja recht gut, daß die Tartaren gar +nicht ernstlich daran dachten, die Angara zu passiren, und daß alle ihre +hierauf abzielenden Bewegungen nur eine Kriegslist seien. + +Gegen zehn Uhr Abends veränderte sich die Oberfläche des Flusses zum +größten Erstaunen und auch zum Nachtheile der Belagerten ganz wunderbar. +Der bisher unpraktikable Uebergang wurde frei. Das ganze Bett des Stromes +reinigte sich. Die Eisschollen, die seit einigen Tagen schon in großer +Menge dahinjagten, verschwanden plötzlich stromabwärts, und nur fünf bis +sechs schwankten noch vereinzelt zwischen den beiden Ufern. Sogar ihre +Structur veränderte sich gegenüber denjenigen, welche man zu sehen gewohnt +war, ganz auffallend. Sie erschienen nur als einzelne von einem größeren +Eisfelde mit glatten Rändern abgelöste Splitter. + +Die russischen Officiere meldeten, als sie die Veränderungen am Flusse +wahrnahmen, dieselben dem Großfürsten. Sie erklärten sich übrigens +dadurch, daß das Eis sich an einer engern Stelle der Angara gestaut hatte +und einen festen Schutz bildete. + +Man weiß, daß dem so war. + +Die Passage der Angara mußte also jetzt leichter zu forciren sein, was die +Russen nun zu noch größerer Vorsicht nach dieser Seite nöthigte. + +Bis Mitternacht blieb Alles ruhig. Gerade an der Ostseite, vor dem Thore +von Bolchaïa, konnte man nicht die geringste Bewegung wahrnehmen. Kein +Feuerschein glühte in dem Walde, der in der Entfernung mit den niedrigen +Wolken des Horizontes verschmolz. + +Im Thale der Angara verrieth dagegen ein vielfacher Wechsel der Feuer eine +allgemeine Bewegung des Heeres. + +Etwa eine Werst stromauf- und stromabwärts von den Stellen, wo die +Erdwerke sich den Abhängen des Flußufers anschlossen, ließ sich ein +dumpfes Geräusch vernehmen, ein Beweis dafür, daß daselbst tartarische +Truppenmassen aufgestellt waren, welche irgend eines Befehles harrten. + +Noch eine Stunde verging. Alles blieb wie vorher. + +Es schlug zwei Uhr auf dem Glockenthurme der Kathedrale in Irkutsk, und +auch nicht eine ernsthafte Bewegung der Belagerer deutete auf weitere +feindliche Absichten. + +Der Großfürst und seine Officiere fragten sich, ob sie nicht in einer +Täuschung befangen wären, zu glauben, daß die Tartaren einen Versuch zur +Ueberrumpelung der Stadt wagen wollten. Fast in keiner der vorhergehenden +Nächte ging es so ruhig zu. Immer blitzten sonst in der Vorpostenkette +einzelne Flintenschüsse auf und brausten einige gröbere Geschosse durch +die Luft, – heute blieb Alles still. + +Dennoch verweilten der Großfürst, der General Voranzoff und deren +Adjutanten Jeder auf seinem Posten, bereit je nach den Umständen die +nöthigen Befehle zu geben und zu ertheilen. + +Wir wissen, daß Iwan Ogareff ein Zimmer des Palastes bewohnte. Eigentlich +war dasselbe ein geräumiger Saal im Erdgeschoß, dessen Fenster nach einer +Seitenterrasse zu lagen. Mit nur wenigen Schritten über diese Terrasse +gewann man einen Standpunkt, von welchem aus die Angara weithin zu +übersehen war. + +In jenem Saale herrschte eben tiefe Finsterniß. + +Der Entscheidungsstunde ungeduldig entgegensehend, stand Iwan Ogareff +darin an einem Fenster. Offenbar sollte das Signal zum Losbrechen von ihm +ausgehen. Hatte er dasselbe einmal gegeben und die meisten Vertheidiger +von Irkutsk nach den offen angegriffenen Stellen gelockt, so wollte er das +Palais verlassen, um sein Bubenstück zu vollenden. + +Er wartete also im Dunklen, lauernd wie ein Raubthier, das sich auf seine +Beute stürzen will. + +Einige Minuten vor zwei Uhr verlangte der Großfürst, daß Michael Strogoff, +– denn nur dieser Name war ihm ja bekannt, – vor ihn geführt werde. Ein +Adjutant begab sich nach dessen Wohnung, fand aber die Thür geschlossen. +Er rief ... + +Iwan Ogareff stand unbeweglich und im Dunklen nicht sichtbar am Fenster, +hütete sich aber zu antworten. + +Man meldete dem Großfürsten, daß der Courier des Czaar augenblicklich im +Palais nicht anwesend sei. + +Da schlug es zwei Uhr. Das war der Zeitpunkt für die mit den Tartaren +verabredete Diversion, zu welcher Letztere schon fertig aufmarschirt +waren. + +Iwan Ogareff öffnete das Fenster seines Zimmers und begab sich nach dem +nördlichen Ende der Seitenterrasse. + +Im Dunklen unter ihm rauschten die Fluthen der Angara, die sich hörbar an +den Pfeilern der früheren Brücke brachen. + +Iwan Ogareff zog ein Feuerzeug aus der Tasche, entzündete dadurch ein +Stückchen mit Pulver imprägnirten Schwamm und warf diesen in den Fluß ... + +Auf Iwan Ogareff’s Befehl waren jene Ströme Mineralöls auf die Oberfläche +der Angara geleitet worden. + +Auf dem rechten Ufer des Flusses befanden sich oberhalb Irkutsk, zwischen +dem Dorfe Poschkafsk und der Stadt, ergiebige Naphthaquellen. Iwan Ogareff +verdankte man den teuflischen Gedanken, mittels derselben Irkutsk in Brand +zu stecken. Er brachte also die ungeheuren Reservoirs, welche den +vorräthigen Brennstoff enthielten, in seine Gewalt. Die Durchbrechung +eines Stücks der Umfassungsmauer reichte hin, um jenen in starkem Strome +ausfließen zu lassen. + +Das war eben in dieser Nacht einige Stunden vorher geschehen, und war die +Ursache, weshalb das Floß mit dem wirklichen Couriere des Czaar, mit Nadia +und den übrigen Flüchtlingen in einem Strome von Mineralöl schwamm. Durch +die Oeffnungen jener, Millionen von Kubikmetern enthaltenden Reservoirs +hatte sich die flüssige Naphtha wie ein Sturzbach ergossen und sich, der +natürlichen Bodenneigung folgend, auf dem Wasser der Angara verbreitet, +auf dem sie ja in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes obenauf +schwimmen mußte. + +So führte Iwan Ogareff Krieg! Mit den Tartaren im Bunde handelte er wie +ein Tartar auch gegen seine eigenen Landsleute. – + +Der brennende Schwamm fiel in die Wellen der Angara. + +In einem Augenblick, so als ob der Strom aus Alkohol bestände, flammte die +ganze Fläche desselben fast mit elektrischer Geschwindigkeit auf. Zwischen +den beiden Ufern wälzten sich bläuliche Feuerwogen. Darüber wirbelten +dicke Rauchwolken empor. Die wenigen noch in der Strömung vorhandenen +Eisschollen wurden von der Gluth ergriffen, schmolzen wie Wachs am Ofen +und mit Zischen und Pfeifen schoß das verdampfende Wasser in die Höhe. + +Gleichzeitig knatterte am südlichen und nördlichen Ende der Stadt das +Kleingewehrfeuer. Die Batterien im Thale der Angara öffneten ihren groben +Mund. Mehrere Tausend Tartaren stürzten sich stürmend auf die Erdwerke. +Die hölzernen Gebäude am Flusse und dem Abhange daneben fingen an allen +Enden Feuer. Eine entsetzliche Helligkeit besiegte das Dunkel der Nacht. + +„Endlich!“ sagte Iwan Ogareff für sich. + +Er konnte sich mit vollem Rechte Glück wünschen. Sein Angriffsplan ging +fürchterlich in Erfüllung. Die Vertheidiger von Irkutsk standen plötzlich +zwischen dem Sturmangriff der Tartaren und den Schrecken des Brandes. + +Die Glocken heulten und Alles, was in der Bevölkerung noch kräftige +Glieder hatte, eilte herbei nach den bedrohten Punkten und den von dem +Feuer zerstörten Häusern, um wenigstens die übrige Stadt zu retten. + +Das Thor von Bolchaïa entbehrte nun fast jeder Bedeckung. Nur wenige Mann +sah man an demselben. Diese waren noch dazu unter dem Einflusse des +Verräthers aus dem kleinen Corps der Verbannten erwählt, um die letzten +Ursachen der kommenden Ereignisse von sich abwälzen und eher durch den +politischen Haß jener Mannschaften erklären zu können. + +Iwan Ogareff ging nach seinem jetzt von der brennenden Angara hell +erleuchteten Zimmer zurück. Dann machte er sich bereit, auszugehen. + +Doch kaum öffnete er die Thür, als sich ein Weib mit durchnäßter Kleidung +und wild herab hängendem Haar in das Zimmer stürzte. + +„Sangarre!“ rief Iwan Ogareff im ersten Schrecken, da er kein anderes +weibliches Wesen, als die Zigeunerin, vermuthen konnte. + +Aber nicht Sangarre war es, sondern Nadia. + +In dem Augenblicke, als das junge Mädchen auf der Eisscholle, dem letzten +Zufluchtsorte, bei dem Aufleuchten des Feuers einen Schreckensruf +ausstieß, hatte Michael Strogoff sie mit den Armen umschlungen und sich +mit ihr in das Wasser gestürzt, um unter demselben einen Schutz gegen die +Flammen zu finden. Wie erwähnt befand sich die Scholle, welche sie trug, +nur etwa noch dreißig Klaftern oberhalb des ersten Quais von Irkutsk. + +Nachdem er unter dem Wasser hingeschwommen, gelang es Michael Strogoff, +daselbst mit Nadia an das Land zu kommen. + +Endlich winkte Michael Strogoff sein heißersehntes Ziel. Er war in +Irkutsk! + +„Zum Palaste des Gouverneurs!“ rief er Nadia zu. + +Kaum zehn Minuten später erreichten Beide den Eingang des Palais, um +dessen Grundmauern das Feuer gierig, aber unschädlich emporzüngelte. + +Weiterhin standen die Häuser am Ufer alle in Flammen. + +Michael Strogoff und Nadia traten ohne Hindernisse in das jetzt überall +offene Gebäude. Mitten in der allgemeinen Verwirrung bemerkte sie, trotz +ihrer triefenden Kleidung, Niemand. + +In dem großen Parterresaale drängte sich eine Anzahl Officiere, um sich +Befehle einzuholen, neben Soldaten, um letztere auszuführen. Hier wurden +Michael Strogoff und Nadia durch das Stoßen und Drängen der erregten Menge +von einander getrennt. + +Rathlos durchirrte Nadia die Säle des Erdgeschosses mit lautem Rufen nach +ihrem Begleiter und verlangte, vor den Großfürsten geführt zu werden. + +Da öffnete sich vor ihr die Thür zu einem vom Feuerscheine hell +erleuchteten Zimmer. Sie trat ein und stand unerwartet vor dem Manne, den +sie in Ichim, wie in Tomsk gesehen hatte, gegenüber Demjenigen, dessen +ruchlose Hand in der nächsten Stunde die Stadt ausliefern sollte. + +„Iwan Ogareff!“ rief sie entsetzt. + +Der Elende zitterte, als er seinen Namen hörte. Sein ganzer Plan mußte ja +scheitern, wenn dieser Name laut wurde. Ihm blieb nur Eines übrig: das +lebende Wesen, wer das auch sei, umzubringen, weil es seinen wahren Namen +kannte. + +Iwan Ogareff drang auf Nadia ein; aber in der Hand des jungen Mädchens, +das sich durch eine Mauer im Rücken zu decken suchte, blitzte schon ein +Messer, um sich zu vertheidigen. + +„Iwan Ogareff! rief sie nochmals lauter und im Bewußtsein, daß dieser +verabscheute Name ihr Hilfe herbeirufen werde. + +— Ah, Du wirst schweigen lernen! versetzte der Verräther. + +— Iwan Ogareff!“ rief das unerschrockene Mädchen zum dritten Male mit +einer Stimme, deren Stärke ihr tödtlicher Haß nur verdoppelte. + +In wahnsinniger Wuth riß Iwan Ogareff einen Dolch aus seinem Gürtel, +sprang auf Nadia zu und drängte sie nach einer Ecke des Raumes. + +Jetzt wäre es um sie geschehen gewesen, als eine unwiderstehliche Hand den +Schurken von ihr wegriß und zur Erde schleuderte. + +„Michael!“ rief Nadia. + +Es war Michael Strogoff. + +Die Ausrufe Nadia’s hatten ihm den Weg gewiesen; durch sie war er zu dem +Zimmer Iwan Ogareff’s gelangt und durch die halb offen gebliebene Thür +eingetreten. + +„Sei ohne Furcht, Nadia, sagte er, sich zwischen diese und Iwan Ogareff +stellend. + +— Nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, Bruder!... Der Verräther ist +bewaffnet ... Er kann auch sehen, und Du ...“ + +Iwan Ogareff war wieder aufgestanden, und da er mit dem Blinden leichtes +Spiel zu haben wähnte, rannte er auf Michael Strogoff zu. + +Dieser packte ihn aber mit der einen Hand am Arme, lenkte mit der andern +seine Waffe ab und warf ihn wieder zu Boden. + +Todtenbleich vor Wuth und Scham erinnerte sich Iwan Ogareff, daß er ja +einen Degen habe. Er riß diesen aus der Scheide und stellte sich wieder +zum Angriff bereit. + +Auch hatte er Michael Strogoff erkannt. Einen Blinden! Er hatte es ja nur +mit einem Blinden zu thun. Die Partie stand offenbar gut für ihn. + +Erschreckt durch die Gefahr, welche ihrem Freunde in einem so ungleichen +Kampfe drohte, eilte Nadia zur Thür, um nach Hilfe zu rufen. + +„Schließe die Thür, Nadia! sagte Michael Strogoff. Rufe Niemand, laß die +Rache mir allein! Jetzt braucht der Courier des Czaar diesen Schurken +nicht mehr zu fürchten. Er mag heran kommen, wenn er es wagt. Ich erwarte +ihn!“ + +Iwan Ogareff kauerte sich, ohne ein Wort zu sagen, wie ein Tiger zusammen. +Er suchte das Geräusch seines Trittes, selbst das Hauchen seines Athems +dem Ohre des Blinden zu verbergen. Er wollte ihn tödtlich treffen, bevor +er seine Annäherung gewahr würde. Der Schuft dachte nicht daran, sich +ehrlich zu schlagen, er wollte den, dessen Namen er gestohlen hatte, +einfach ermorden. + +Voll Entsetzen und doch voll Vertrauen betrachtete Nadia diese +fürchterliche Scene mit einer Art Bewunderung. Michael Strogoff’s +unerschütterliche Ruhe schien auch über sie gekommen zu sein. Als Waffe +besaß Michael Strogoff nur sein sibirisches Jägermesser, und seinen mit +dem Degen bewehrten Gegner sah er ja nicht einmal. Aber durch welche Gnade +des Himmels vertraute er so sicher seiner Ueberlegenheit über Jenen? Wie +konnte er, ohne daß ein Wort fiel, immer bereit sein, der Degenspitze des +Feindes zu begegnen? + +Iwan Ogareff starrte mit sichtlicher Angst auf seinen Gegner. Diese +übermenschliche Ruhe erdrückte ihn. Doch wenn er dann seinen Verstand zu +Rathe zog, sagte er sich wieder, daß ja der Vortheil ganz auf seiner Seite +sei. Diese Unbeweglichkeit des Blinden aber machte ihn erstarren. Er +suchte sich die Stelle aus, wo er sein Opfer treffen wollte ... Er glaubte +sie gefunden zu haben ... Was hielt denn seinen Arm zurück? + +Endlich sprang er auf und führte einen heftigen Stoß gegen Michael +Strogoff’s Brust. + +Eine geschickte und unerklärliche Bewegung des Messers Michael Strogoff’s +lenkte den Stahl ab. Der Blinde war nicht getroffen, und kaltblütig schien +er, ohne von der Stelle zu weichen, einen zweiten Angriff zu erwarten. + +Aus Iwan Ogareff’s Stirn perlte ein eiskalter Schweiß. Er trat erst einen +Schritt zurück und drang dann auf’s Neue vor. Aber der Todesstreich +mißlang ihm ebenso wie das erste Mal. Eine einfache Parade des breiten +Messers drängte den nutzlosen Degen zur Seite. + +Rasend vor Wuth und Schrecken gegenüber dieser lebenden Bildsäule heftete +der Verräther seinen Blick auf die weit geöffneten Augen des Geblendeten. +Diese Augen, welche in dem tiefsten Abgrund seiner Seele zu lesen schienen +und doch unmöglich sehen konnten, wirkten auf ihn mit einer Art +entsetzlicher Zauberkraft. + +Plötzlich stieß Iwan Ogareff einen Schrei aus. In seinem Innern ward es +unerwartet klar. + +„Er sieht, rief er, er kann sehen!...“ + +Und wie ein Raubthier scheu seine Höhle zu gewinnen sucht, wich er in den +Hintergrund des Saales zurück. + +Da belebte sich die Statue, der Blinde ging sicheren Schrittes auf Iwan +Ogareff zu und sagte: + +„Ja wohl, er kann sehen! Ich sehe noch den Knutenhieb, mit dem ich Dich +elenden Verräther gebrandmarkt habe. Ich sehe auch die Stelle, an der mein +Messer Dich treffen soll. Auf, wehre Dich Deines Lebens. Ich erweise Dir +noch die unverdiente Ehre eines Zweikampfes! Mein Messer genügt mir gegen +Deinen Degen! + +— Er sieht! rief freudig erschreckt Nadia. Gütiger, gerechter Gott, ist +das möglich?“ + +Iwan Ogareff fühlte sich verloren. Noch einmal aber raffte er den letzten +Muth zusammen und stürzte sich mit dem Degen auf seinen unerschütterlichen +Gegner. Die beiden Klingen kreuzten sich, aber ein Messerhieb Michael +Strogoff’s, geführt von der geübten Hand des sibirischen Jägers, sprengte +die Klinge in Stücke und durch das Herz getroffen sank der Elende leblos +zu Boden. + +In diesem Augenblick wurde die Zimmerthür von außen aufgestoßen. Begleitet +von einigen Officieren erschien der Großfürst auf der Schwelle. + +Letzterer trat vor. Auf dem Fußboden erkannte er die Leiche Desjenigen, +den er für den Courier des Czaar gehalten hatte. + +Mit drohender Stimme fragte er. + +„Wer hat diesen Mann getödtet? + +— Ich that es“, antwortete Michael Strogoff. + +Einer der Officiere setzte einen Revolver an dessen Schläfe. + +„Dein Name? fragte der Großfürst. + +— Kaiserliche Hoheit, erwiderte Michael Strogoff, fragen Sie mich lieber +zuerst nach dem Namen dessen, der vor Ihren Füßen liegt. + +— Diesen Mann erkenne ich. Es ist ein Diener meines Bruders, ein Courier +des Czaar. + +— Dieser Mann, Hoheit, ist kein Courier des Czaar! Das ist Iwan Ogareff! + +— Iwan Ogareff? rief der Großfürst. + +— Ja, Iwan, der Verräther seines Vaterlandes. + +— Aber Du, wer bist Du denn? + +— Ich bin Michael Strogoff.“ + + + + + Fünfzehntes Capitel. + + + Schluß. + + +Michael Strogoff war in der That jetzt weder blind, noch war er es jemals +gewesen. Eine rein menschliche, gleichzeitig moralische und physikalische +Ursache hatte die Wirkung der glühenden Säbelklinge vereitelt, die der +Scharfrichter Iwan Ogareff’s damals vor seinen Augen vorbeiführte. + +Der Leser erinnert sich, daß bei Vollziehung des grausamen Urtheils die +alte Marfa verzweifelt und mit erhobenen Armen unweit ihres Sohnes stand. +Michael Strogoff sah sie an, wie ein Sohn eben seine Mutter ansehen wird, +wenn er weiß, daß es zum letzten Male sein soll. Aus seinem Herzen quollen +ihm die Thränen in die Augen, die sein Stolz vergeblich zurück zu drängen +suchte. Diese sammelten sich unter den Augenlidern, und ihre Verdampfung +auf der Hornhaut rettete ihm die Sehkraft. Da sich die aus den Thränen +gebildete Dampfschicht zwischen der glühenden Klinge und den Augäpfeln +befand, vermochte sie die Wirkung der Hitze unschädlich zu machen. Es ist +das derselbe Vorgang, als wenn ein Gießer nach Anfeuchtung seiner Hand mit +Wasser diese ungestraft durch einen Strahl flüssigen Eisens führt. + +Michael Strogoff hatte die Gefahr schnell erkannt, welche ihm daraus +erwachsen könne, wenn er sein Geheimniß gegen irgend Jemand offenbarte. +Ebenso durchschaute er auch den Nutzen, den er aus diesem Umstande +bezüglich der Durchführung seiner Aufgabe ziehen könne. Nur daß er für +blind galt, schien seine persönliche Freiheit einigermaßen sicher zu +stellen. Er mußte also blind scheinen, er mußte es für Alle sein, selbst +für Nadia, und niemals durfte eine unbewachte Bewegung seinerseits an der +Wahrheit seiner Rolle einen Zweifel erregen. Sein Entschluß stand fest. Er +mußte selbst sein Leben wagen, um einen Beweis von seiner Erblindung zu +geben, und wir wissen, wie unbedenklich er es auf’s Spiel setzte. + +Nur seine Mutter allein kannte den wahren Sachverhalt, ihr hatte er es +damals auf dem Platze vor Tomsk in’s Ohr geflüstert, als er in der +Dunkelheit über jene gebeugt sie mit seinen heißen Küssen bedeckte. + +Man entsinnt sich auch, daß, als Iwan Ogareff in herzlosem Spotte das +kaiserliche Schreiben vor Michael Strogoff’s geblendete Augen hielt, +dieser dasselbe lesen konnte, und natürlich Alles gelesen hatte, was die +verruchten Pläne des Verräthers enthüllte. Hieraus erklärt sich auch sein +verdoppeltes Drängen, in Irkutsk anzukommen und sich daselbst seiner +Mission wenigstens mündlich zu entledigen. Er wußte, daß die Stadt +verrathen werden solle, daß des Großfürsten Leben in der ernstesten Gefahr +schwebe. Die Rettung des Bruders seines Czaar, ja das Heil ganz Sibiriens +ruhte also in seiner Hand. + +Mit wenigen Worten wurden dem Großfürsten alle die früheren Vorkommnisse +mitgetheilt, wobei Michael Strogoff mit Wärme den Antheil hervorhob, der +Nadia bei der Ueberwindung der zahlreichen Hindernisse gebührte. + +„Wer ist das junge Mädchen? fragte der Großfürst. + +— Die Tochter Wassili Fedor’s, eines Verbannten. + +— Die Tochter des Commandanten Fedor, fuhr aber der Großfürst fort, ist +nicht mehr die Tochter eines Verbannten. In Irkutsk giebt es jetzt keine +Verbannten mehr!“ + +Nadia fiel, überwältigt von der Freude, der sie leichter erlag als den +harten Schlägen des Schicksals, dem Großfürsten zu Füßen, der sie jedoch +mit der einen Hand wieder aufzog und die andere Michael Strogoff darbot. + +Eine Stunde später lag Nadia in den Armen ihres Vaters. + +Michael Strogoff, Nadia und Wassili Fedor waren vereinigt und hoch +schlugen ihre Herzen im Uebermaß des Glückes. + +Der Angriff der Tartaren auf die Stadt schlug gänzlich fehl. Wassili Fedor +hatte mit seiner kleinen Truppe die ersten Anstürmenden niedergemacht, die +vor dem Thore von Bolchaïa in der Meinung, dasselbe schon offen zu finden, +erschienen, während Jener mit instinctivem Vorgefühl darauf drang, hier +zur Vertheidigung zurück zu bleiben. + +Gleichzeitig mit der Zurückweisung der Tartaren gelang es den Belagerten +auch, die Feuersbrunst zu bewältigen. Die Naphtha auf der Oberfläche der +Angara war bald verbrannt, und die auf die Häuser längs des Flusses +concentrirten Flammen verschonten die übrigen Theile der Stadt. + +Noch vor Tagesanbruch zogen sich die Truppen Feofar-Khan’s, unter +Zurücklassung einer großen Anzahl auf den Wällen umherliegender Todter, in +ihr Lager zurück. + +Zu den Gefallenen gehörte auch die Zigeunerin Sangarre, welche sich +vergeblich mit Iwan Ogareff in Verbindung zu setzen versucht hatte. + +Die beiden folgenden Tage wagten die Belagerer keinen erneuten Angriff. +Iwan Ogareff’s Tod hatte sie entmuthigt. Dieser Mann war die Seele des +ganzen Kriegszuges, und er allein besaß durch seine unausgesetzten +Agitationen Einfluß genug auf die Khans und deren Heerhaufen, um sie zu +dem Versuch einer Eroberung des asiatischen Rußlands zu verleiten. + +Inzwischen blieben die Einwohner und die Besatzung von Irkutsk, angesichts +der noch andauernden Einschließung, stets gleichmäßig wachsam und +kampfbereit. + +Am 7. October aber donnerte beim ersten Tagesgrauen der eherne Mund von +Geschützen auf den umgebenden Höhen der Stadt. + +Es war der Gruß der Hilfsarmee, die unter der Führung des Generals +Kisselef heranrückte und dem Großfürsten ihr Eintreffen anmeldete. + +Die Tartaren bedachten sich nicht lange. Sie wollten nicht Gefahr laufen, +unter den Mauern von Irkutsk eine Schlacht annehmen zu müssen, und hoben +daher das Lager im Thale der Angara eiligst auf. + +Endlich konnte Irkutsk befreit wieder aufathmen. + +Mit den ersten russischen Truppen waren aber auch zwei Freunde Michael +Strogoff’s in die Stadt eingezogen, – die unzertrennlichen Collegen Harry +Blount und Alcide Jolivet. Es war ihnen gelungen, über den Eisschutz das +rechte Ufer der Angara zu erreichen und mit den übrigen Flüchtlingen zu +entkommen, bevor die brennende Angara das Floß ergriffen hatte. In Alcide +Jolivet’s Notizbuch fand sich hierüber die lakonische Bemerkung: + +„Beinahe umgekommen wie eine Citrone in der Punschbowle!“ + +Sie freuten sich herzlich, Nadia und Michael Strogoff heil und gesund +wieder zu treffen, vorzüglich als sie erfuhren, daß ihr muthiger Gefährte +nicht blind sei. Harry Blount fühlte sich veranlaßt, als eigene +Beobachtung zu notiren: + +„Rothglühendes Eisen scheint unzureichend zu sein, die Sensibilität des +Sehnerven zu zerstören. Das Verfahren bedarf der Modification.“ + +Nachdem sie in Irkutsk ein behagliches Unterkommen gefunden, gingen sie +an’s Werk, ihre Reiseerlebnisse in Ordnung nieder zu schreiben. Nach +London und nach Paris flogen dann zwei hochinteressante Berichte über den +Einfall der Tartaren, welche sich wunderbarer Weise kaum in den +untergeordnetsten Punkten widersprachen. + +Der ganze Feldzug verlief übrigens höchst unglücklich für den Emir und +seine Verbündeten. Dieser ebenso nutzlose Einfall, wie alle anderen gegen +den russischen Koloß gerichteten Angriffe, sollte ihnen sehr verderblich +werden. Bald sahen sie sich von den kaiserlichen Truppen abgeschnitten, +welche in rascher Folge alle eroberten Städte wieder in ihre Gewalt +brachten. Dazu trat der Winter mit ungewöhnlicher Strenge auf, so daß von +den durch die Kälte decimirten Horden nur ein schwacher Bruchtheil die +Steppen der Tartarei wieder erreichte. + +Die Straße von Irkutsk nach dem Uralgebirge war wieder frei. Den +Großfürsten drängte es, nach Moskau zurückzukehren, doch er verschob seine +Abreise, um einer rührenden Ceremonie beizuwohnen, die sich wenige Tage +nach dem Einzuge der russischen Truppen vollzog. + +Michael Strogoff befand sich an Nadia’s Seite und sagte zu ihr in +Gegenwart ihres Vaters: + +„Nadia, noch immer meine Schwester, hast Du bei Deiner Abreise von Riga +nach Irkutsk einen andern Kummer zurückgelassen, als die Trauer um Deine +Mutter? + +— Nein, antwortete Nadia, gar keinen andern. + +— Kein Stückchen Deines Herzens ist dort zurück geblieben? + +— Keines, Bruder. + +— Dann, Nadia, glaube ich nicht anders, als daß es Gottes Absicht war, uns +nicht nur zur vereinten Ueberwindung so schwerer Prüfungen, sondern wohl +für immer zusammen zu führen.“ + +Mit beseligter Freude sank Nadia in Michael Strogoff’s Arme. + +Dann wendete sich dieser zu Wassili Fedor. + +„Mein Vater! sagte er leicht erröthend. + +— Nadia, antwortete Wassili Fedor, mir wird es alle Zeit nur eine Freude +sein, Euch Beide meine Kinder zu nennen!“ + +Die Vermählungsfeier ging in der Kathedrale von Irkutsk vor sich. Sie war +nur einfach hinsichtlich des äußeren Pompes, aber erhebend durch die +ungeheure Theilnahme der ganzen Bevölkerung, welche ihrer tiefen +Dankbarkeit gegen die beiden jungen Leute Ausdruck verleihen wollte, deren +Irrfahrten schon in Aller Munde lebten. + +Selbstverständlich fehlten auch Alcide Jolivet und Harry Blount nicht bei +dieser Hochzeit, über die sie ihren Lesern doch Bericht erstatten wollten. + +„Nun, und das macht Ihnen noch keine Lust, das Gleiche zu thun? fragte +Alcide Jolivet seinen Collegen. + +— Pah, erwiderte Harry Blount, hätte ich freilich eine Cousine so wie +Sie ... + +— Meine Cousine ist nicht mehr zu haben! unterbrach ihn lachend Alcide +Jolivet. + +— Desto besser, meinte Harry Blount, denn man spricht unter der Hand von +Schwierigkeiten zwischen London und Peking. – Hätten Sie keine Lust +zuzusehen, was dort vorgeht? + +— Alle Wetter, liebster Blount, rief Alcide Jolivet, eben wollte ich Ihnen +diesen Vorschlag machen!“ + +Stehenden Fußes brachen die beiden Unzertrennlichen auf nach dem +Himmlischen Reiche. + +Einige Tage nach der Hochzeit begaben sich auch Michael Strogoff und +Nadia, natürlich begleitet von Wassili Fedor, auf die Rückreise nach +Europa. Diese Schmerzensstraße auf dem Herweg wurde zum Glückspfade für +den Rückweg. Sie eilten in größter Schnelligkeit dahin auf einem jener +prächtigen Schlitten, welche wie ein Eilzug über Sibiriens eisbedeckte +Steppen fliegen. + +Nur am Ufer der Dinka gönnten sie sich einen einzigen Rasttag. + +Michael Strogoff fand die Stelle wieder auf, an der er den armen Nicolaus +begraben hatte. Dort ward ein Kreuz aufgestellt, und Nadia verrichtete ein +letztes Gebet an der Ruhestätte des ergebenen, heldenmüthigen Freundes, +den Beide niemals vergessen konnten. + +In Omsk empfing sie die alte Marfa in dem kleinen Häuschen der Strogoff’s. +Mit inniger Liebe umarmte sie Die, welche sie im Herzen schon tausend Mal +ihre Tochter genannt hatte. Heute durfte die alte Sibirerin ihren Sohn +erkennen und ihrem mütterlichen Stolze genug thun. + +Nach einigen Tagen Aufenthalt in Omsk reisten Michael und Nadia Strogoff +nach Europa weiter. Wassili Fedor ließ sich in Petersburg nieder, und +weder sein Sohn noch seine Tochter verließen ihn jemals, außer wenn sie +der bejahrten Mutter in der Ferne einen Besuch abstatteten. + +Der junge Courier wurde vom Czaar empfangen, der ihm eine Stellung in +seiner unmittelbaren Umgebung anwies und ihm das Ritterkreuz des heiligen +Georg aushändigte. + +Michael Strogoff gelangte später zu hohen Ehren im Reiche. Aber nicht die +Geschichte seiner Erfolge wollten wir hier berichten, sondern nur die +seiner männlich überwundenen Prüfungen und Leiden. + + + + Ende des Courier des Czaar. + + + + + + + FUSSNOTEN + + + 1 Eine Art Blättergebackenes. + + 2 Dieses Kleidungsstück heißt „_dakha_“; es ist sehr leicht und doch + für Kälte fast undurchdringlich. + + 3 Eine russische Geldmünze im Werthe von 5 Rubeln. + + 4 Dieses Wort entspricht vollkommen dem in Europa gebräuchlichen „Sir“ + und wird gegenüber dem Sultan von Bukhara gewöhnlich angewendet. + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe erschien in zwei Bänden, die in der elektronischen +Fassung vereinigt sind. Die Inhaltsverzeichnisse am Schluß der beiden +Bände wurden an den Beginn des Textes gesetzt. + +Die Fußnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt. + +Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert: + + Seite 1-6: „Keliwan“ geändert in „Kolywan“ („Nishny-Nowgorod, Perm, + Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan, + Tomsk“) + Seite 1-12: „Krasnojask“ geändert in „Krasnojarsk“ („Und die + meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte“) + Seite 1-15: „Okfotsk“ geändert in „Ochotsk“ („es zwei Districte, die + von Ochotsk“) + Seite 1-16: „Elamks“ geändert in „Elamsk“, „Nishny, Udinsk“ in + „Nishny-Udinsk“, „Blagowestenks“ in „Blagoweshensk“, „Orloneskaga“ + in „Orlomskaya“ („Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, + Elamsk, Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk, + Verkne-Nertschinsk, Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde, + Orlomskaya, Alexandrowskoë, Nicolajewsk“) + Seite 1-26: „Ovirenna“ geändert in „Ovicenna“ („deren schon die + Ovicenna’s und andere Gelehrte“) + Seite 1-49: „Tschermissen“ geändert in „Tscheremissen“ („Finnen, + Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken“) + Seite 1-87: „spezielle“ geändert in „specielle“ („daß ihn eine + specielle Mission berechtigte“) + Seite 1-101: „Ordnnng“ geändert in „Ordnung“ („Nun, er ist bis + Kolyvan noch in Ordnung?“) + Seite 1-111: „Zaun“ geändert in „Zaum“ („Von Zaum und Gebiß keine + weitere Spur“) + Seite 1-137: „Nikolaus“ geändert in „Nicolaus“ („Nicolaus Korpanoff, + Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff“) + Seite 1-189: „bivuakirten“ geändert in „bivouakirten“ („mit + Wachposten besetzten Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren“) + Seite 1-216: „Omsk“ geändert in „Tomsk“ („nach glücklicher Umgehung + von Tomsk“) + Seite 1-218: „begehende“ geändert in „bestehende“ („und Haidekraut + bestehende Gruppen von Zwergbäumen“) + Seite 1-233: Anführungszeichen entfernt hinter „Gewehrfeuer!“ („Das + ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer!“) + Seite 1-234: „Diahinsk“ geändert in „Diachinsk“ („vielleicht nach + Diachinsk oder einem andern, durchzuschlagen“) + Seite 2-19: „Instinkt“ geändert in „Instinct“ („ein wahrhaft + außergewöhnlicher Instinct, noch mächtiger entwickelt“) + Seite 2-25: „Stellvertreters des“ hinzugefügt vor „Emirs“ („des + Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiß bald mit“) + Seite 2-38: Anführungszeichen ergänzt hinter „nicht!“ („gilt meinem + Sohne noch nicht!“) + Seite 2-43: „bivouaquirte“ geändert in „bivouakirte“ („während das + Gros der Armee vor den Mauern bivouakirte“) + Seite 2-76: „Daily Telegraph“ geändert in „Daily-Telegraph“ („Ihre + Leser des Daily-Telegraph werden“) + Seite 2-77: „Ein“ geändert in „Eine“ („Eine Stunde später trabten + sie schon auf der“) + Seite 2-99: „Hoffnnng“ geändert in „Hoffnung“ („glaubte. Jetzt + fürchtete er, seine Hoffnung werde“) + Seite 2-112: „slawischen“ geändert in „slavischen“ („die zum größten + Theil einen slavischen Typus zeigen“) + Seite 2-113: „20°“ geändert in „-20°“ („-20° für eine ganz + erträgliche hält“) + Seite 2-143: Punkt hinzugefügt hinter „Meere“ („Der Baikalsee liegt + 1700 Fuß über dem Meere.“) + Seite 2-206: „vorher gehenden“ geändert in „vorhergehenden“ („Fast + in keiner der vorhergehenden Nächte“) + +Nicht vereinheitlicht wurden mehr als einmal vorkommende +Schreibweisenvarianten: „Baikal“ und „Baïkal“; „Floße“ und „Flosse“; +„Ischim“ und „Ichim“; „Jeniseï“, „Jenisei“ und „Yeniseï“ bzw. „Jeniseïsk“, +„Jeniseisk“ und „Yeniseïsk“; „Kamtschatka“ und „Kamschatka“; „Kolywan“ und +„Kolyvan“; „Madeleine“ und „Madelaine“; „Nischny-Nowgorod“, +„Nishny-Nowgorod“, „Nischnij-Nowgorod“ und „Nishnij-Nowgorod“; „Officier“ +und „Offizier“; „Sibirier(in)“ und „Sibirer(in)“; „Sylbe“ und „Silbe“. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER COURIER DES CZAAR (MICHAEL STROGOFF)*** + + + + CREDITS + + +October 12, 2010 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by K.-F. Greiner, Markus Brenner, Ralf Stephan, + Stefan Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at + http://www.pgdp.net. + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 34064‐0.txt or 34064‐0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/4/0/6/34064/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. 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To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws. + +The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg™ +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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