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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:00:47 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Der Courier des Czaar (Michael Strogoff) by
+Jules Verne
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Der Courier des Czaar (Michael Strogoff)
+
+Author: Jules Verne
+
+Release Date: October 12, 2010 [Ebook #34064]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF‐8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER COURIER DES CZAAR (MICHAEL STROGOFF)***
+
+
+
+
+
+ Collection Verne. Band 22.
+
+
+ *Der Courier des Czaar.*
+
+ (Michael Strogoff.)
+
+ Von
+
+ *Julius Verne.*
+
+
+_Autorisirte Ausgabe_
+
+Erster Band.
+
+*Vierte Auflage.*
+
+Wien. Pest. Leipzig.
+
+_A. Hartleben’s Verlag._
+
+Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+
+
+ K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
+
+
+
+
+
+ INHALT.
+
+
+Erster Theil
+ 1. Ein Fest im Neuen Palais
+ 2. Russen und Tartaren
+ 3. Michael Strogoff
+ 4. Von Moskau nach Nishny-Nowgorod
+ 5. Eine Verordnung mit zwei Artikeln
+ 6. Bruder und Schwester
+ 7. Auf der Wolga stromabwärts
+ 8. Die Kama stromaufwärts
+ 9. Tag und Nacht im Tarantaß
+ 10. Ein Unwetter in den Uralbergen
+ 11. Reisende in Noth
+ 12. Eine Herausforderung
+ 13. Die Pflicht über Alles!
+ 14. Mutter und Sohn
+ 15. Der Barabinen-Sumpf
+ 16. Eine letzte Anstrengung
+ 17. Bibelsprüche und Liederverse
+Zweiter Theil
+ 1. Ein tartarisches Feldlager
+ 2. Alcide Jolivet’s Haltung
+ 3. Schlag für Schlag
+ 4. Der siegreiche Einzug
+ 5. Nun sieh’ Dich um
+ 6. Ein Freund unterwegs
+ 7. Die Ueberschreitung des Jeniseï
+ 8. Ein Hase, der über den Weg läuft
+ 9. In der Steppe
+ 10. Baikal und Angara
+ 11. Zwischen zwei Ufern
+ 12. Irkutsk
+ 13. Ein Courier des Czaar
+ 14. Die Nacht vom 5. zum 6. October
+ 15. Schluß
+[Bemerkungen zur Textgestalt]
+
+
+
+
+
+
+ MICHAEL STROGOFF.
+
+
+
+
+ Erstes Capitel.
+
+
+ Ein Fest im Neuen Palais.
+
+
+„Sire, eine neue Depesche.
+
+— Von woher?
+
+— Aus Tomsk.
+
+— Ueber diese Stadt hinaus ist die Leitung unterbrochen?
+
+— Sie ist seit gestern gestört.
+
+— General, Sie werden von Stunde zu Stunde ein Telegramm von Tomsk
+einfordern und mich auf dem Laufenden erhalten.
+
+— Zu Ew. Majestät Befehl“, antwortete der General Kissoff.
+
+Diese Worte wurden gegen zwei Uhr Morgens gewechselt, als ein im Neuen
+Palais abgehaltenes Fest eben in höchstem Glanze strahlte.
+
+Die Capellen der Regimenter von Preobrajensky und von Paulowsky spielten
+zu dieser Soirée die gewähltesten Nummern ihres Repertoires, Polkas,
+Mazurkas, Schottische und Walzer, ununterbrochen auf. Immer neue Paare von
+Tänzern und Tänzerinnen rauschten durch die prächtigen Salons dieses
+Palastes, der sich nur wenige Schritte entfernt von dem „alten Hause aus
+Stein“ erhebt, in welch’ letzterem sich so viele furchtbare Dramen
+abgespielt haben und das jetzt nur die flüchtigen Melodien der Quadrillen
+wiederhallte.
+
+Der Oberhofmarschall fand bei Erfüllung seiner delicaten Pflichten sehr
+beachtenswerthe Unterstützung. Die Großfürsten selbst, deren Adjutanten,
+die Kammerherren vom Dienst und die Hausofficiere des Palastes unterzogen
+sich des Arrangements der Tänze. Die von Diamanten strahlenden
+Großfürstinnen und die Hofdamen in gewähltester Galatoilette gingen den
+Frauen und Töchtern der höchsten Militär- und Civilbeamten mit
+aufmunterndem Beispiele voran. Als das Signal zur Polonaise ertönte, als
+die Eingeladenen jedes Ranges herbeieilten zu dieser rhythmischen
+Promenade, welche bei derartigen Festlichkeiten die volle Bedeutung eines
+Nationaltanzes erlangt, da bot das Gemisch der langen, spitzenüberwebten
+Roben und der an Ordensschmuck so reichen Uniformen bei dem Glanze der
+hundert Kronleuchter, deren Lichtmeer die ungeheuren Spiegel noch zu
+verdoppeln schienen, dem Auge ein entzückendes, kaum zu beschreibendes
+Bild.
+
+Dazu lieferte der große Salon, das schönste der Gemächer im Neuen Palais,
+für diese Versammlung hoher und höchster Personen und verschwenderisch
+geschmückter Frauen einen entsprechend prachtvollen Rahmen. Die reiche
+Decke mit ihren von der Zeit schon etwas gemilderten Vergoldungen erschien
+wie besäet mit blitzenden Sternen. Der Brokat der Gardinen und der in
+schweren Falten herabfallenden Portièren färbte sich mit warmen Tönen,
+welche sich nur an den schärferen Kanten des kostbaren Stoffs lebhafter
+heraushoben.
+
+Durch die Scheiben der großen Rundbogenfenster drang das Licht des Innern
+nur wenig geschwächt, ähnlich dem Wiederschein einer Feuersbrunst, nach
+außen, und stach grell ab von dem nächtlichen Dunkel, das seit wenig
+Stunden diesen glitzernden Palast umhüllte. Dieser Contrast mochte auch
+die Aufmerksamkeit zweier Ballgäste erregen, welche am Tanze keinen
+Antheil nahmen. In einer der Fensteröffnungen stehend, konnten sie mehrere
+jetzt nur undeutlich sichtbare Glockenthürme wahrnehmen, deren riesige
+Silhouetten sich am Himmel abzeichneten. Unten bewegten sich schweigend,
+das Gewehr wagrecht über die Schulter gelegt, zahlreiche Wachtposten auf
+und ab, und auf den Spitzen ihrer Pickelhauben blitzte es dann und wann
+von dem darauf fallenden Lichte aus dem Palaste. Jene vernahmen wohl auch
+den Schritt der Patrouillen auf den Steinplatten des Vorplatzes, der gewiß
+taktgerechter war, als manchmal die Bewegungen der Tanzenden auf dem
+Parket des Festsaales. Dann und wann hörte man den Zuruf der Schildwachen
+von Posten zu Posten und manchmal mischte sich ein hellschmetterndes
+Trompetensignal harmonisch mit den Accorden des Orchesters.
+
+Noch weiter unten erschienen dunkle Massen in den ungeheuren von den
+Fenstern des Neuen Palais ausgeströmten Lichtkegeln. Das waren Schiffe,
+die auf dem Strome herabglitten, dessen Wellen, überstrahlt von den
+grellen Lichtbündeln mehrerer kleiner Leuchtfeuer, den Fuß der Terrassen
+des Palastes bespülten.
+
+Die Hauptperson des Balles, der Festgeber des heutigen Abends, dem
+gegenüber General Kissoff jene nur den Souveränen zukommende Anrede
+benutzte, erschien einfach in der Uniform eines Officiers der Gardejäger.
+Seinerseits lag hierin keine Affectation, sondern die Gewohnheit eines
+Mannes, der für äußeren Pomp wenig empfindlich ist. Seine Erscheinung
+contrastirte demnach mit den prachtvollen Costümen, die sich um ihn
+drängten, und ebenso zeigte er sich auch gewöhnlich inmitten seiner
+Escorte von Georgiern, Kosaken und Lesghiern, jener prächtigen
+Reiterleibwache in den brillanten Uniformen des Kaukasus.
+
+Jener hochgewachsene Mann mit freundlichem Gesicht, ruhiger Physiognomie,
+aber bisweilen sorgenvoller Stirn, ging leutselig von einer Gruppe zur
+andern, sprach aber wenig und schien selbst weder den heitern Gesprächen
+der jüngern Welt eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, noch den
+ernsteren Worten seiner höchsten Staatsbeamten oder der Mitglieder des
+diplomatischen Corps, welche die Hauptstaaten Europas an seinem Hofe
+vertraten. Zwei oder drei dieser scharfsichtigen Politiker – geborene
+Physiognomiker, – glaubten auf dem Antlitz ihres hohen Wirths einige
+Zeichen von Unruhe bemerkt zu haben, deren Ursache ihnen zwar unerklärlich
+blieb, aber ohne daß Einer derselben sich erlaubt hätte, eingehender
+danach zu forschen. Auf jeden Fall lag es, daran war gar nicht zu
+zweifeln, in der Absicht des Officiers der Gardejäger, durch seine
+Geheimnisse die Festesfreude in keiner Weise zu beeinträchtigen, und da er
+einer der seltenen Fürsten war, dem fast eine ganze Welt, sogar im
+Gedanken, zu gehorchen sich gewöhnt hatte, so wurden auch die Vergnügungen
+des Balles nicht einen Augenblick unterbrochen.
+
+Indessen wartete General Kissoff von dem Officier, dem er das Telegramm
+aus Tomsk überreicht hatte, auf die Erlaubniß sich zurückziehen zu dürfen;
+aber jener verharrte in Schweigen. Er hatte das Blatt angenommen,
+durchlesen und mehr und mehr Wolken lagerten sich auf seine Stirn.
+Unwillkürlich faßte seine Hand nach dem Degengriff und erhob er diese
+wieder bis an die Augen, welche er einen Augenblick bedeckte. Es schien,
+als blende ihn der Schein der tausend Flammen und als suche er etwas
+Schatten, um besser in sein Inneres blicken zu können.
+
+„Wir sind also, begann er wieder, nachdem er den General Kissoff in eine
+Fensternische geführt, seit gestern ohne alle Verbindung mit dem
+Großfürsten?
+
+— Ohne Verbindung, Sire, und es steht zu befürchten, daß die Depeschen
+bald nicht einmal die Grenze Sibiriens mehr überschreiten können.
+
+— Aber die Truppen des Amurgebietes, sowie die von Transbaikalien haben
+die Ordre empfangen, sofort nach Irkutsk aufzubrechen?
+
+— Diesen Befehl enthielt das letzte Telegramm, welches über den Baikalsee
+hinaus zu senden möglich war.
+
+— Doch mit den Gouvernements Jeniseisk, Omsk, Semipalatinsk und Tobolsk
+stehen wir seit Beginn des Einfalls stets in directer Communication?
+
+— Gewiß, Sire, dahin gelangen unsere Depeschen und wir sind sicher, daß
+die Tartaren zur Stunde den Irtysch und Obi noch nicht überschritten
+haben.
+
+— Und von dem Verräther Iwan Ogareff hat man noch keine weitere Kunde?
+
+— Nein, antwortete General Kissoff; der Polizeichef vermag nicht zu sagen,
+ob jener die Grenze überschritten hat oder nicht.
+
+— Sein Signalement werde sofort nach Nishny-Nowgorod, Perm, Jekaterinburg,
+Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan, Tomsk und überhaupt nach
+allen Stationen gesandt, mit denen wir noch in telegraphischem Verkehr
+stehen.
+
+— Ew. Majestät Befehle werden unverzüglich ausgeführt werden, erwiderte
+der General.
+
+— Kein Wort über alles Dieses!“
+
+Nach einem stummen Zeichen ehrfurchtsvoller Ergebenheit verneigte sich der
+General, mischte sich erst unbefangen unter die Gäste, verließ aber bald
+die Salons, ohne daß sein Verschwinden irgend welches Aufsehen erregte.
+
+Der Officier blieb träumerisch noch kurze Zeit stehen, und als er sich den
+verschiedenen Gruppen von Diplomaten und Militärs wieder näherte, hatte
+sein Gesicht die einen Augenblick verlorene Ruhe vollständig
+wiedergefunden.
+
+Die sehr ernste Ursache jener schnell gewechselten Worte war aber
+keineswegs so unbekannt, als der Gardejägerofficier und der General
+Kissoff glauben mochten. Man sprach zwar nicht officiell davon, ja nicht
+einmal officiös, da die Zungen jetzt noch nicht gelöst waren, aber
+verschiedene hochgestellte Personen hatten doch mehr oder weniger genaue
+Berichte erhalten über die Vorgänge jenseit der Grenze.
+
+Was man nur so vom Hörensagen wußte, davon unterhielt man sich nicht,
+nicht einmal die Mitglieder der Diplomatie unter einander; zwei
+Eingeladene aber, welche weder eine Uniform, noch sonst welche
+Auszeichnung als berechtigt zu dieser Festlichkeit kennzeichnete, sprachen
+mit gedämpfter Stimme über diese Angelegenheit und schienen sehr genaue
+Informationen zu besitzen.
+
+Auf welchem Wege, durch welches Zwischenmittel wußten aber diese beiden
+einfachen Sterblichen das, was andere und selbst sehr einflußreiche
+Personen kaum muthmaßten? – Niemand hätte das sagen können. Waren sie mit
+einem Vorgefühl oder mit einer Voraussicht begabt? Besaßen sie noch einen
+sechsten Sinn, der es ihnen ermöglichte, über den begrenzten Horizont
+hinaus zu blicken, der sonst die Tragweite des Menschenauges abschließt?
+Hatten sie eine besonders scharfe Witterung, um die geheimsten Neuigkeiten
+auszuspüren? Sollte sich ihre Natur bei der tief eingewurzelten
+Gewohnheit, von und durch die Information zu leben, gänzlich verändert
+haben? Man wurde versucht, das zu glauben.
+
+Diese beiden Männer, der eine Engländer, der andere Franzose, waren lange,
+hagere Gestalten, – dieser gebräunt wie die Südländer der heißen Provence,
+– jener roth, wie ein Gentleman aus Lancashire. Der abgemessene, kalte,
+phlegmatische, mit Bewegungen und Worten haushälterische Anglo-Normanne
+schien nur bei der Auslösung einer Feder zu reden und zu gesticuliren, die
+von Zeit zu Zeit in ihm wirkte. Der lebhafte, fast ungestüme Gallo-Romane
+dagegen sprach gleichzeitig mit Lippen, Augen und Händen, und schien seine
+Gedanken auf zwanzigerlei Art mitzutheilen, während seinem Partner nur
+eine zu Gebote stand, welche stereotypisch in seinem Hirn fest saß.
+
+Diese physischen Unterschiede hätten des oberflächlichen Beobachters
+Urtheil gewiß leicht irre führen können; der Physiognomiker aber, der
+diese beiden Persönlichkeiten aus der Nähe beobachtete, hätte den
+physiologischen Contrast, der sie charakterisirte, gewiß in die Worte
+zusammen gefaßt, daß der Franzose „ganz Auge“ und der Engländer „ganz Ohr“
+sei.
+
+In der That hatte sich der Gesichtssinn des Einen durch den Gebrauch ganz
+außerordentlich geschärft. Seine Netzhaut besaß dieselbe
+Augenblicksempfindlichkeit, wie die der geübten Taschenspieler, welche
+eine Karte schon beim schnellen Mischen oder an einem so unscheinbaren
+Zeichen erkennen, daß es jedem Anderen zweifellos entgeht. Dieser Franzose
+besaß also in höchstem Grade das, was man so bezeichnend „das Gedächtniß
+des Auges“ nennt.
+
+Der Engländer im Gegentheil schien ganz speciell organisirt, nur zu hören
+und in sich aufzunehmen. Traf seinen Gehörapparat der Ton einer Stimme nur
+ein einzig Mal, so vergaß er diesen niemals mehr und hätte diese Stimme
+nach zehn, nach zwanzig Jahren unter tausend anderen wieder herausgehört.
+Seine Ohren besaßen zwar sicherlich nicht das Vermögen, sich so zu
+bewegen, wie die der Thiere, welche mit sehr entwickelten Ohrmuskeln
+versehen sind; da die Gelehrten aber außer Zweifel gesetzt haben, daß die
+äußeren Ohren des Menschen nur „nahezu“ unbeweglich sind, so wäre man
+anzunehmen berechtigt gewesen, daß die des genannten Engländers sich
+mußten strecken, verschieben und winden können, um die Schallwellen unter
+den günstigsten Verhältnissen aufzunehmen, so daß einem Sachverständigen
+ihre Bewegungen wohl nicht entgangen wären.
+
+Es sei gleich hierbei bemerkt, daß diese Vervollkommnung des Gesichts und
+Gehörs den beiden Männern bei ihrer Beschäftigung sehr zu Statten kam,
+denn der Engländer war ein Correspondent des Daily-Telegraph, der Franzose
+Correspondent des ... ja, welches oder welcher Journale, das sagte er
+nicht, und wenn man ihn darum fragte, so antwortete er scherzend, er
+correspondire mit „seiner Cousine Madelaine“. Im Grunde war dieser
+Franzose trotz seines legèren Auftretens ein sehr scharfer Beobachter, und
+wenn er so in den Tag hinein plauderte, vielleicht um seine eigentliche
+Absicht desto mehr zu verdecken, so gab er sich doch niemals eine Blöße.
+Gerade seine Redseligkeit diente ihm dazu, zu schweigen, und
+wahrscheinlich war er eigentlich verschlossener und discreter, als sein
+College vom Daily-Telegraph.
+
+Wenn Beide diesem in der Nacht vom 15. zum 16. Juli im Neuen Palais
+gegebenen Feste beiwohnten, so geschah das in ihrer Eigenschaft als
+Journalisten und zwar zur größten Erbauung ihrer Leserkreise.
+
+Es versteht sich ganz von selbst, daß diese beiden Männer für ihre Mission
+in der Welt wirklich begeistert waren; daß sie es liebten, sich wie
+Spürhunde auf die Fährte der unerwartetsten Neuigkeiten zu stürzen, daß
+Nichts sie zurückschreckte oder abhielt, zu ihrem Ziele zu gelangen, und
+daß sie das absolut unerregbare, kalte Blut und den wirklichen Muth dieser
+Helden von der Feder besaßen. Wahrhafte Jockeys dieser Steeple-chase,
+dieser Jagd nach Neuigkeiten, sprangen sie über die Hecken, flogen über
+die Flüsse, setzten über die Hürden mit dem unvergleichlichen Feuereifer
+jener Vollblutrenner, die entweder die Ersten am Ziele sein oder sterben
+wollen.
+
+Uebrigens geizten ihre Journale nicht mit dem Gelde, jenem bis jetzt
+sichersten, schnellsten und vollkommensten Mittel, sich zu informiren. Zu
+ihrer Ehre sei aber hier eingeflochten, daß weder der Eine noch der Andere
+je über die Mauer des Privatlebens sah oder horchte, und daß sie nur dann
+in Thätigkeit traten, wenn politische oder sociale Interessen in’s Spiel
+kamen. Mit einem Worte, sie waren, wie man seit den letzten Jahren zu
+sagen pflegt, „die großen politischen und militärischen Berichterstatter“.
+
+Indeß wird man bei näherer Betrachtung sehen, daß sie die Thatsachen und
+ihre Consequenzen meist auf besondere Art und Weise ansahen, da sie eben
+jeder seine besondere Manier hatten, zu sehen und zu urtheilen. Da sie
+jedoch stets mit Freimuth handelten und bei jeder Gelegenheit ihr
+Möglichstes thaten, so würde man Unrecht thun, sie deshalb zu tadeln.
+
+Der französische Correspondent hieß Alcide Jolivet. Harry Blount war der
+Name des englischen Reporters. Sie begegneten sich eben zum ersten Male
+bei dem Feste im Neuen Palais, über welches sie ihren Journalen Bericht
+erstatten wollten. Die Verschiedenheit ihres Charakters in Verbindung mit
+einer gewissen Geschäftsvorsicht, konnte ihnen nur wenig gegenseitige
+Sympathie einflößen. Jedoch, sie vermieden sich deshalb nicht, ja, sie
+suchten sich sogar, um Einer dem Anderen die Neuigkeiten des Tages
+abzulocken. Sie waren Alles in Allem zwei Nimrods, die auf dem nämlichen
+Gebiete jagten. Was der Eine fehlte, konnte ja dem Anderen zum Schusse
+gelegen kommen und ihr Interesse verlangte es, daß sie immer so weit
+Fühlung behielten, um einander zu sehen und zu hören.
+
+An diesem Abend befanden sich Beide auf dem Anstande. Offenbar lag etwas
+in der Luft.
+
+„Und wenn’s nur ein Volk Enten wäre, sagte sich Alcide Jolivet, einen
+Flintenschuß wird’s doch werth sein!“
+
+Die beiden Correspondenten kamen also in ein Gespräch während des Balles,
+kurze Zeit, nachdem General Kissoff die Salons verlassen hatte, und Beide
+klopften erst gegenseitig auf den Busch.
+
+„Wahrlich, mein Herr, dieses kleine Fest ist reizend! begann Alcide
+Jolivet, mit der liebenswürdigsten Miene von der Welt die Unterhaltung mit
+dieser ausgesprochen französischen Phrase einleitend.
+
+— Ich habe schon telegraphirt: splendid! antwortete frostig Harry Blount
+mit besonderer Betonung dieses Wortes, welches jeder Bürger des
+Vereinigten Königreichs als Ausdruck seiner Bewunderung zu gebrauchen
+pflegt.
+
+— Ich jedoch, fügte Alcide Jolivet hinzu, glaubte meiner Cousine ...
+
+— Ihrer Cousine?... wiederholte Harry Blount erstaunt, indem er seinen
+Collegen unterbrach.
+
+— Ja wohl, fuhr Alcide Jolivet fort, ich stehe mit meiner Cousine
+Madelaine in Briefwechsel, sie hat es gern, schnell Alles zu erfahren,
+meine Cousine!... Ich glaubte ihr also mittheilen zu müssen, daß die Stirn
+des Souveräns bei diesem Feste doch von einigen Wölkchen beschattet
+gewesen sei.
+
+— Mir dagegen schien sie strahlend frei, antwortete Harry Blount, der
+wahrscheinlich seine Ansicht über diesen Gegenstand zu verbergen suchte.
+
+— Und in Folge dessen haben Sie sie auch in den Spalten des
+Daily-Telegraph ‚strahlen‘ lassen?
+
+— Gewiß.
+
+— Erinnern Sie sich, Herr Blount, sprach Alcide Jolivet weiter, was im
+Jahre 1812 in Zakret vorgekommen ist?
+
+— So genau, als ob ich dabei gewesen wäre, erwiderte der englische
+Reporter.
+
+— Nun, sagte Alcide Jolivet, so ist Ihnen bekannt, daß man bei einem dem
+Kaiser Alexander zu Ehren gegebenen Feste diesem die Nachricht brachte,
+daß Napoleon mit der französischen Vorhut soeben den Niemen überschritten
+habe. Der Kaiser verließ jedoch das Fest nicht, trotz der Wichtigkeit
+dieser Nachricht, die ihm seine Herrschaft kosten konnte, und bekämpfte
+äußerlich jede Unruhe ...
+
+— So wenig wie unser Wirth eine solche zeigte, als ihm General Kissoff die
+Meldung machte, daß die telegraphischen Verbindungen zwischen der Grenze
+und dem Gouvernement von Irkutsk unterbrochen seien.
+
+— Ah, Sie kennen diese Einzelheiten?
+
+— Ich kenne sie.
+
+— Ich muß wohl davon unterrichtet sein, da mein letztes Telegramm bis
+Udinsk gelangt ist, bemerkte Alcide Jolivet mit einer gewissen
+Genugthuung.
+
+— Und die meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte Harry Blount etwas
+unwirsch.
+
+— So wissen Sie auch, daß schon Befehle an die Truppen von Nicolajewsk
+abgegangen sind?
+
+— Ja wohl, mein Herr, gleichzeitig als man den Kosaken des Gouvernements
+Tobolsk telegraphisch die Ordre zugehen ließ, sich zu sammeln.
+
+— Sehr richtig, Herr Blount, auch diese Maßnahmen sind mir vollkommen
+bekannt, und glauben Sie, meine liebenswürdige Cousine wird schon morgen
+Einiges davon zu erzählen wissen.
+
+— Ganz so wie die Leser des Daily-Telegraph davon unterrichtet sein
+werden, Herr Jolivet.
+
+— Das kommt davon, wenn man Alles sieht, was ringsum vorgeht ...
+
+— Und wenn man Alles hört, was gesprochen wird!
+
+— Da wird’s einen interessanten Feldzug zu verfolgen geben.
+
+— Dem ich mich anschließe, Herr Jolivet.
+
+— O, dann kann sich’s treffen, daß wir uns auf einem minder sicheren
+Terrain, als das Parket dieses Saales, wieder begegnen.
+
+— Wohl einem minder sicheren, aber auch ...
+
+— Einem weniger glatten!“ antwortete Alcide Jolivet, der seinen Collegen
+in den Armen auffing, als dieser eben beim Rückwärtsgehen fast umgefallen
+wäre.
+
+Später trennten sich die beiden Collegen, ganz zufrieden zu wissen, daß
+Keiner dem Andern um eine Nasenlänge voraus war.
+
+Jetzt sprangen die Thüren der anstoßenden Säle auf. Dort zeigten sich
+verschiedene große und prächtig servirte Tafeln, schwer beladen mit
+kostbarem Porzellan und goldenen Gefäßen. Auf der mittelsten, für die
+Prinzen, Prinzessinnen und die Mitglieder des diplomatischen Corps
+reservirten Tafel glänzte ein Tafelaufsatz von unschätzbarem Werthe aus
+Londoner Werkstätten und rund um dieses Meisterwerk der Juwelierarbeit
+spiegelten sich unter dem Glanze der Lustres die unzähligen Stücken des
+herrlichsten Geschirrs, das jemals die Manufacturen von Sèvres verlassen
+hatte.
+
+Die Gäste des Neuen Palais begaben sich nach den Speisesälen.
+
+In diesem Augenblicke näherte sich der General Kissoff, der inzwischen
+zurückgekehrt war, rasch dem Officier der Gardejäger.
+
+„Nun, wie steht’s? fragte dieser lebhaft.
+
+— Die Telegramme gehen nicht über Tomsk hinaus, Sire.
+
+— Sofort einen Courier!“
+
+Der Officier verließ den großen Saal und zog sich in ein daneben liegendes
+großes Gemach zurück. Es war das ein mit Eichenmöbeln sehr einfach
+ausgestattetes Arbeitscabinet an einer Ecke des Neuen Palais. Einige
+Bilder, darunter einzelne Oelgemälde von Horace Vernet, hingen an den
+Wänden.
+
+Der Officier riß schnell ein Fenster auf, als habe es seinen Lungen an
+Sauerstoff gemangelt, und sog auf einem mächtigen Balcon die laue Luft der
+schönen Julinacht ein.
+
+Vor seinen Augen breitete sich, in sanftes Mondlicht gebadet, eine Art
+Festungswerk aus, in welchem sich zwischen zwei Kathedralen drei Paläste
+und ein Arsenal erhoben. Rings um dasselbe die bestimmt unterschiedenen
+Städte: Kitaï-Gorod, Boloï-Gorod und Zemlianoï-Gorod, das ungeheure
+europäische, tartarische und chinesische Quartier, überragt von Thürmen
+und Minarets, von den Kuppeln der dreihundert Kirchen mit ihren grünen
+Dächern und dem silbernen Kreuz darauf. Ein kleiner Fluß mit
+vielgewundenem Laufe glänzte manchmal in den Strahlen des Mondes. Das
+Ensemble bildete eine wunderbare, verschieden gefärbte Mosaik, welche ein
+zehn Stunden langer Rahmen umschloß.
+
+Dieser Fluß war die Moskowa; diese Stadt war Moskau, jenes Festungswerk
+war der Kreml und jener Officier der Gardejäger, der mit gekreuzten Armen
+und träumerischer Stirn nur halb den Lärmen des Festes hörte, der sich aus
+dem Neuen Palais über die alte Stadt der Moskowiter verbreitete – das war
+der Czaar.
+
+
+
+
+ Zweites Capitel.
+
+
+ Russen und Tartaren.
+
+
+Wenn der Czaar so unerwartet und gerade in dem Augenblicke, als das Fest,
+welches er den Spitzen der Civil- und Militärbehörden gab, in schönstem
+Glanze strahlte, die Salons des Neuen Palais verließ, so kam das daher,
+daß sich jenseit des Ural sehr wichtige Ereignisse vorbereiteten. Es war
+gar nicht zu bezweifeln: eine furchtbare Invasion drohte die sibirischen
+Provinzen der russischen Autonomie zu entziehen.
+
+Das asiatische Rußland oder Sibirien bedeckt eine Oberfläche von 560,000
+Quadratmeilen (französische Lieues) und zählt etwa zwei Millionen
+Einwohner. Es erstreckt sich von dem Gebirgszuge des Ural, der es von dem
+europäischen Rußland trennt, bis nach dem Gestade des Pacifischen Oceans.
+Nach Süden zu schließt es Turkestan und das Chinesische Reich mit einer,
+häufig unbestimmten Grenze ab, im Norden der arktische Ocean von dem
+Karameere bis zur Behringsstraße. Es wird in Gouvernements oder Provinzen
+getheilt, nämlich die von Tobolsk, Jeniseisk, Irkutsk, Omsk und Jakutsk;
+ferner umfaßt es zwei Districte, die von Ochotsk und von Kamschatka, und
+besitzt endlich zwei Länder, welche jetzt dem moskowitischen Scepter
+unterthan sind, das Land der Kirghisen und das Land der Tschuktschen.
+
+Diese ungeheure Strecke von Steppen, in der Längenausdehnung über 110
+Graden von Westen nach Osten umfassend, bildet den Deportationsort für
+Verbrecher, das Exil für diejenigen, welche ein Ukas mit Verbannung
+belegte.
+
+Zwei Generalgouverneure vertreten die Oberherrschaft des Czaaren in diesem
+weiten Reiche. Der Eine residirt in Irkutsk, der Hauptstadt des westlichen
+Sibiriens. Der Tchuma, ein Nebenfluß des Jenisei, trennt die beiden
+Hälften des Territoriums.
+
+Noch furcht keine Eisenbahn diese unendlichen Ebenen, unter denen einige
+ausnehmend fruchtbar sind; kein Schienenweg entlastet die reichen Mienen,
+welche bei ihrer Ausdehnung über große Strecken den Boden Sibiriens unter
+der Erde kostbarer erscheinen lassen, als auf der Oberfläche. Im Sommer
+reist man daselbst im Tarantaß; im Winter im Schlitten.
+
+Eine einzige Verbindung, aber eine elektrische, verknüpft die beiden
+Grenzen im Westen und im Osten Sibiriens durch einen Draht, der nicht
+weniger als 8000 Werst (gleich 8536 Kilom.) lang ist. Nach Ueberschreitung
+des Ural passirt er Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk,
+Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk, Verkne-Nertschinsk,
+Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde, Orlomskaya, Alexandrowskoë,
+Nicolajewsk, und kostet jedes bis an das äußerste Ende zu befördernde Wort
+6 Rubel 19 Kopeken (= fast genau 20 Mark oder 10 Gulden östr.). Von
+Irkutsk aus verläuft eine Zweigleitung nach Kjachta an der mongolischen
+Grenze, von wo aus die Depeschen, das Wort für 30 Kopeken (= 96,7 Pf. oder
+48,3 Kreuzer), in weiteren vierzehn Tagen bis Peking befördert werden.
+
+Jene Drahtleitung war zuerst zwischen Jekaterinburg und Nicolajewsk,
+nachher vor Tomsk und einige Stunden später zwischen Tomsk und Kolyvan
+durchschnitten worden.
+
+Eben deshalb hatte der Czaar, nach der zweiten Mittheilung, welche General
+Kissoff ihm machte, nur geantwortet: „Sofort einen Courier!“
+
+Seit kurzer Zeit nun stand der Czaar bewegungslos am Fenster seines
+Cabinets, als die Huissiers wiederum dessen Thüren öffneten. Der erste
+Chef der Polizei erschien auf der Schwelle.
+
+„Tritt ein, sagte der Czaar kurz, und theile mir Alles mit, was Du über
+Iwan Ogareff weißt.
+
+— Es ist das ein sehr gefährlicher Mann, Sire, erwiderte der hohe
+Polizeibeamte.
+
+— Er hatte den Rang eines Obersten?
+
+— Ja, Sire.
+
+— Und war ein intelligenter Officier?
+
+— Gewiß, sehr intelligent, aber unmöglich zu zügeln und von sinnlosem
+Ehrgeiz, der vor nichts zurückschreckte. Er verwickelte sich sehr bald in
+verschiedene Intriguen und wurde damals von Sr. kaiserlichen Hoheit dem
+Großfürsten erst degradirt und später nach Sibirien verwiesen.
+
+— Wann ungefähr?
+
+— Vor etwa zwei Jahren. Nach sechsmonatlicher Verbannung durch Ew.
+Majestät Gnade erlöst, kehrte er nach Rußland zurück.
+
+— Und seit dieser Zeit wandte er sich nicht wieder nach Sibirien?
+
+— Doch, Sire, aber diesmal kehrte er freiwillig dahin zurück“, antwortete
+der Chef der Polizei.
+
+Dann fügte er mit etwas zurückgehaltener Stimme hinzu:
+
+„Es gab eine Zeit, Sire, da man nicht zurückkehrte, wenn man nach Sibirien
+ging!
+
+— Mag sein, so lange ich lebe, soll aber Sibirien ein Land sein, aus dem
+man auch wiederkehrt!“
+
+Der Czaar hatte wohl ein Recht, auf diese Worte einen besonderen Ausdruck
+zu legen, denn wiederholt hatte er durch seine Milde bewiesen, daß die
+russische Justiz auch zu verzeihen vermöge.
+
+Der Polizeichef erwiderte nichts, aber offenbar war er kein Freund von
+halben Maßregeln. Seiner Ansicht nach durfte Keiner, der den Ural unter
+Bedeckung von Gensdarmen überschritten hatte, jemals daran denken, es noch
+einmal zu thun. Anders war es aber jetzt unter der neuen Regierung, und
+der Chef der Polizei bedauerte das aufrichtig. Wie! Es sollte keine andere
+Verbannung auf Lebenszeit mehr geben, als für Verbrechen gegen das gemeine
+Recht? Politische Sträflinge kehrten von Tobolsk, von Jakutsk, von Irkutsk
+in das Vaterland zurück? Wahrlich, der Polizeichef, gewöhnt an die
+autokratischen Ukase, welche jede Amnestie ausschlossen, konnte sich mit
+dieser Art und Weise zu regieren niemals aussöhnen. Doch er schwieg und
+wartete es ab, daß der Czaar ihn weiter fragen werde.
+
+Das ließ nicht lange auf sich warten.
+
+„Ist Iwan Ogareff, begann der Czaar, nach dieser Reise nach den
+sibirischen Provinzen, einer Reise übrigens, deren eigentlicher Zweck wohl
+unerkannt blieb, nicht auch ein zweites Mal nach Rußland gekommen?
+
+— Gewiß, Sire.
+
+— Und seit dieser Rückkehr hat die Polizei seine Spur verloren?
+
+— O nein, denn ein Verbannter wird von dem Tage seiner Begnadigung an erst
+gefährlich!“
+
+Ueber die Stirn des Czaaren flog eine leichte Wolke. Vielleicht fürchtete
+der Polizeichef etwas zu weit gegangen zu sein, obwohl das Festhalten
+seiner Ideen gewiß nicht größer und stärker war, als seine unbegrenzte
+Ergebenheit gegen seinen Herrn. Der Czaar aber, der solche indirecte
+Vorwürfe bezüglich seiner innern Politik unbeachtet ließ, fuhr einfach in
+seiner Fragestellung fort:
+
+„Und wo befand sich Iwan Ogareff zuletzt?
+
+— Im Gouvernement von Perm.
+
+— In welcher Stadt?
+
+— In Perm selbst.
+
+— Was that er daselbst?
+
+— Er schien unbeschäftigt und erregte durch seine Lebensweise keinerlei
+Verdacht.
+
+— Er stand nicht unter polizeilicher Aufsicht?
+
+— Nein, Sire.
+
+— Zu welcher Zeit hat er Perm verlassen?
+
+— Etwa im März.
+
+— Und wandte sich wohin?
+
+— Das ist mir unbekannt.
+
+— Seit dieser Zeit weiß man auch nicht, was aus ihm geworden ist?
+
+— Niemand weiß es.
+
+— Recht schön, aber ich, ich weiß es! antwortete der Czaar. Geheime
+Nachrichten, welche die Bureaux der Polizei nicht passirten, sind an mich
+gelangt und in Berücksichtigung der Thatsachen, welche sich jetzt jenseit
+der Grenze vollziehen, habe ich allen Grund, an die Richtigkeit derselben
+zu glauben!
+
+— Wollen Sie damit sagen, Sire, rief der Polizeichef, daß Iwan Ogareff bei
+der Tartaren-Invasion die Hand im Spiele habe?
+
+— Ja, General, und ich will Dir auch sagen, was Du noch nicht weißt. Iwan
+Ogareff überschritt, nachdem er das Gouvernement Perm verlassen, den Ural.
+Er begab sich nach Sibirien, in die Steppen der Kirghisen, und hat dort
+nicht ohne Erfolg die Nomadenvölker aufzuwiegeln gesucht. Darauf hat er
+sich weiter nach Süden, bis nach dem unabhängigen Turkestan begeben. Dort
+fand er in den Khanaten von Bukhara, Khokhand und Kunduz Häuptlinge,
+welche bereit waren, ihre Tartarenhorden in die sibirischen Provinzen zu
+werfen und einen allgemeinen Aufstand gegen die russische Herrschaft in
+Asien hervorzurufen. Die ganze Bewegung ist sehr geheim geschürt worden,
+sie bricht aber jetzt wie ein Donnerschlag aus und schon sind alle Wege
+und Communicationsmittel zwischen dem östlichen und dem westlichen
+Sibirien abgeschnitten! Dazu trachtet Iwan Ogareff, von Rache getrieben,
+meinem Bruder nach dem Leben!“
+
+Als er so sprach, war der Czaar erregter geworden und ging mit raschen
+Schritten auf und nieder. Der erste Chef der Polizei erwiderte kein Wort,
+aber er sagte sich, daß Iwan Ogareff’s Pläne zur Zeit, als die
+Selbstherrscher aller Reußen niemals einen Exilirten begnadigten, nicht
+hätten zur Reife gedeihen können.
+
+Still vergingen einige Augenblicke, dann näherte er sich dem Czaaren, der
+sich in einen Fauteuil geworfen hatte.
+
+„Ew. Majestät, sagte er, haben unzweifelhaft Befehl gegeben, daß dieser
+Einfall so schnell als möglich zurückgewiesen wird?
+
+— Ja, antwortete der Czaar. Das letzte Telegramm, das Nishny-Udinsk hat
+erreichen können, hat auch die Truppen der Gouvernements Jeniseisk,
+Irkutsk und Jakutsk, sowie diejenigen der Amurprovinzen und des Baikalsees
+in Bewegung setzen müssen. Gleichzeitig ziehen die Regimenter von Perm und
+Nishny-Nowgorod in Eilmärschen nach der Grenze am Ural; leider brauchen
+sie aber mehrere Wochen, bevor ein Zusammentreffen mit den Tartarenhorden
+möglich ist!
+
+— Und Ew. Majestät Bruder, Se. kaiserl. Hoheit der Großfürst, der in
+diesem Augenblicke allein im Gouvernement Irkutsk weilt, steht mit Moskau
+in keiner directen Verbindung mehr?
+
+— Nein.
+
+— Er muß aus den letzten Depeschen aber die Maßregeln Ew. Majestät
+erfahren haben und auch wissen, welche Hilfe er aus den Irkutsk zunächst
+gelegenen Gouvernements zu erwarten hat?
+
+— Das ist ihm bekannt, erwiderte der Czaar, er weiß aber nicht, daß Iwan
+Ogareff sich unter falschem Namen bei ihm zu dienen anbieten wird. Gelang
+es ihm dann, sein Vertrauen zu gewinnen, so wird er, wenn die Tartaren
+Irkutsk angreifen, die Stadt ausliefern, nebst meinem Bruder, dessen Leben
+unmittelbar bedroht ist. Das sind die Nachrichten, welche ich erhielt, die
+aber der Großfürst nicht kennt und folglich sofort erfahren muß!
+
+— Nun wohl, Sire, ein tüchtiger, muthiger Courier ...
+
+— Den erwarte ich.
+
+— Und beeilen muß er sich, fügte der Chef der Polizei hinzu, denn Sie
+gestatten mir auszusprechen, Sire, daß dieses ganze Sibirien zur Rebellion
+sehr geneigt ist!
+
+— Glaubst Du, General, daß die Sträflinge mit den Feinden
+gemeinschaftliche Sache machen könnten? rief der Czaar, der bei dieser
+Andeutung des Polizeichefs ganz außer sich gerieth.
+
+— Verzeihung, Majestät!... entgegnete stammelnd der Chef des
+Polizeiwesens, denn wirklich war das der Gedanke gewesen, der in seinem
+unruhigen und mißtrauischen Kopfe aufgestiegen war.
+
+— Ich traue den Verbannten mehr Vaterlandsliebe zu! erwiderte der Czaar.
+
+— In Sibirien befinden sich auch andere Sträflinge, als die politischen
+Verbannten, antwortete der Polizeichef.
+
+— Die Verbrecher! O, General, die überlasse ich Dir! Das ist der Auswurf
+des menschlichen Geschlechts; diese haben überhaupt kein Vaterland. Die
+Erhebung, oder vielmehr der Einfall, ist aber nicht gegen den Kaiser
+gerichtet, sondern gegen Rußland, gegen die Heimat, welche die Verbannten
+doch noch einmal wieder zu sehen hoffen, und die sie wieder sehen
+werden!... Nein, nein, nie wird ein Russe sich auch nur eine Stunde lang
+mit einem Tartaren verbinden, um die moskowitische Macht zu untergraben
+und zu schwächen!“
+
+Der Czaar war berechtigt, an den Patriotismus Derjenigen zu glauben, die
+seine Politik zeitweilig verbannt hatte. Jene Milde, der Grundzug seiner
+Justiz, wenn er dieselbe selbst handhabte, die weitgehenden
+Erleichterungen bei Ausführung der früher so schrecklichen Ukase
+garantirten ihm, daß er sich hierin nicht täusche. Aber auch ohne diese
+mächtige Beihilfe zu einem Erfolge der Tartaren-Invasion gestaltete sich
+die Sachlage überaus ernst, denn es stand mindestens zu befürchten, daß
+sich ein großer Theil der Kirghisenbevölkerung den Angreifern anschließen
+werde.
+
+Die Kirghisen zerfallen in drei Horden, die Große, die Kleine und die
+Mittlere, und zählen etwa 40,000 „Zelte“, d. h. gegen 2,000,000 Seelen.
+Von diesen verschiedenen Tribus sind die Einen ganz unabhängig, Andere
+erkennen entweder die russische Oberhoheit an, oder die der Khanate von
+Khiwa, Khokhand oder Bukhara, d. h. der mächtigsten Häuptlinge von
+Turkestan. Die Mittlere Horde, die rechte, ist übrigens auch die
+bedeutendste und ihre Lager bedecken den ganzen Raum zwischen den
+Wasserläufen des Sara-Su, des Irtysch, des obern Thim und dem Hadisang-
+und Aksakalsee. Die Große Horde, welche die östlich von der Mittleren
+gelegenen Gegenden bewohnt, dehnt sich bis zu den Gouvernements Omsk und
+Tobolsk aus. Empörten sich diese Kirghisenvölker, so überschwemmten sie
+das asiatische Rußland und rissen Sibirien östlich vom Jenisei los.
+
+Zwar sind diese Kirghisen nur Neulinge in der Kriegskunst und weit mehr
+nächtliche Räuber oder gewohnt, die Karawanen zu überfallen, als reguläre
+Soldaten. Levchine sagte von ihnen: „Eine geschlossene Front oder ein
+Quarré tüchtiger Infanterie widersteht einer zehnfach größeren Anzahl
+Kirghisen und eine einzige Kanone richtet sie in Massen zu Grunde.“
+
+Das mag wohl wahr sein, aber erst ist es doch nöthig, daß ein Quarré
+Infanterie in dem empörten Lande bei der Hand sei und daß die
+Feuerschlünde die Artillerieparks der russischen Provinzen verlassen,
+welche immerhin zwei- bis dreitausend Werst entfernt sind. Außer auf der
+directen Straße von Jekaterinburg nach Irkutsk sind aber die häufig
+sumpfigen Steppen nur schwierig passirbar und mehrere Wochen mußten
+unzweifelhaft vergehen, bevor die russischen Truppen in die Lage kamen,
+die Tartarenhorden zu Paaren zu treiben.
+
+Omsk, das Centrum der Militärorganisation von Westsibirien, ist dazu
+bestimmt, die Kirghisenbevölkerung in Respect zu erhalten. Dort verlaufen
+die Grenzen, welche die halbunterjochten Nomaden wiederholt verletzt
+haben, und im Kriegsministerium nahm man nicht ohne Ursache an, daß Omsk
+schon sehr bedroht sei. Die Linie der Militärcolonien, d. h. der
+Kosakenposten, welche von Omsk bis Semipalatinsk vertheilt sind, war gewiß
+an verschiedenen Punkten durchbrochen, und es stand zu befürchten, daß die
+„Großsultane“, welche die Kirghisendistricte regieren, entweder freiwillig
+oder gezwungen die Herrschaft der Tartaren, Muselmänner so wie sie selbst,
+anerkannten und dabei der durch ihre Botmäßigkeit schon genährte Haß sich
+durch den Antagonismus der muselmännischen und griechischen Religion
+verstärkte.
+
+Schon seit langer Zeit suchten thatsächlich die Tartaren von Turkestan,
+und vor Allen die aus den Khanaten von Bukhara, Khiwa und Khokhand, durch
+Gewalt ebenso, wie durch Ueberredung, die Kirghisenhorden dem
+moskowitischen Scepter zu entreißen.
+
+Ueber diese Tartaren nur einige Worte.
+
+Speciell gehören die Tartaren zu zwei verschiedenen Racen, der
+kaukasischen und der mongolischen Menschenrace.
+
+Die kaukasische Race, diejenige, von der A. von Rémusat sagt, „daß sie in
+Europa als der Typus der Schönheit unserer Menschenklassen angesehen wird,
+weil alle Völker dieses Erdtheiles von ihr abstammen“, umfaßt unter
+demselben Namen die Türken und die Eingeborenen persischer Abkunft.
+
+Die rein mongolische Race finden wir bei den Mongolen, den Mandschus und
+den Thibetanern.
+
+Die Tartaren, welche damals das russische Reich bedrohten, gehörten zur
+kaukasischen Race und waren vorzüglich in Turkestan zu Hause. Dieses weite
+Gebiet wird in verschiedene Staaten getheilt, welche von Khans, daher auch
+der Name Khanat, regiert werden. Die wichtigsten Khanate sind die von
+Bukhara, Khokhand, Kunduz u. s. w.
+
+Das Khanat von Bukhara war jener Zeit das einflußreichste und mächtigste.
+Schon mehrmals hatte Rußland Krieg geführt mit seinen Häuptlingen, welche
+aus persönlichem Interesse und um sie unter ihr Joch zu beugen, die
+Unabhängigkeit der Kirghisen gegen die moskowitische Herrschaft
+vertheidigten. Der dermalige Häuptling, Feofar-Khan, folgte ganz den
+Fußstapfen seiner Vorgänger.
+
+Dieses Khanat von Bukhara erstreckt sich von Süden nach Norden vom 37. bis
+zum 41. Breitengrade, von Osten nach Westen vom 61. bis 66. Längengrade,
+d. h. über eine Fläche von gegen 10,000 Quadratmeilen.
+
+Die Bevölkerung des Staates schätzt man auf 2,500,000 Einwohner mit einer
+Armee von 60,000 Mann Fußvolk, welches in Kriegszeiten auf das Dreifache
+verstärkt wird, und etwa 30,000 Reitern. Es ist ein reiches Land mit
+großen Schätzen aus dem Thier-, Pflanzen- und Mineralreiche, und noch
+durch den Hinzutritt der Territorien von Balkh, Aukoï und Meïmaneh nicht
+unwesentlich vergrößert. Es besitzt neunzehn bemerkenswerthe Städte.
+Bukhara, umschlossen von einer acht englischen Meilen langen und von
+Thürmen flankirten Mauer, eine berühmte Stadt, deren schon die Ovicenna’s
+und andere Gelehrte des 10. Jahrhunderts erwähnen, wird als Mittelpunkt
+muselmännischer Wissenschaft betrachtet und zu den Hauptplätzen
+Centralasiens gerechnet; Samarkand, mit dem Grabe Tamerlan’s und jenem
+berühmten Palaste mit dem blauen Stein darin, auf welchen sich jeder Khan
+bei Antritt seiner Regierung setzen muß, wird von einer ungemein starken
+Citadelle vertheidigt; Karschi mit seiner dreifachen Mauer und gelegen in
+einer Oase mit sumpfiger, von Schildkröten und Eidechsen wimmelnden
+Umgebung, erscheint fast uneinnehmbar; Tscharoschui wird von einer
+Volksmenge von fast 20,000 Seelen vertheidigt; endlich Katta-Kurgan,
+Nurata, Djizah, Païkande, Karakul, Khuzar und andere, – sie alle bilden
+einen Kranz von schwer zu bändigenden Städten. Dieses durch seine Berge
+geschützte und durch seine Steppen isolirte Khanat von Bukhara ist demnach
+ein in Wahrheit zu fürchtender Staat, und Rußland muß ihm stets nicht
+unbeträchtliche Streitkräfte entgegenwerfen. Damals beherrschte nun der
+ehrgeizige und wilde Feofar diesen Winkel der Tartarei. Gestützt auf die
+andern Khans, – vorzüglich die von Khokhand und von Kunduz, zwei grausame
+und beutegierige Kriegsmänner, welche stets bereit waren, sich zu
+betheiligen, wo es ihr Interesse galt, – und unter Mitwirkung der
+Häuptlinge, welche alle die Horden in Centralasien befehligten, stellte er
+sich an die Spitze dieser Invasion, deren eigentliche Seele Iwan Ogareff
+war. Dieser Verräther hatte, getrieben durch einen sinnlosen Ehrgeiz und
+gestachelt von wildem Hasse, die Bewegung so geleitet, daß man zuerst die
+große sibirische Straße in seine Gewalt bekam. In Wahrheit ein
+Tollhäusler, glaubte er die russische Macht brechen zu können, und auf
+seine Anordnung überschritt der Emir, es ist das der Titel, den sich die
+Khans von Bukhara ausnehmend beilegen, die russische Grenze. Er fiel in
+das Gouvernement Semipalatinsk ein, woselbst die zu schwachen
+Kosakenposten sich vor seiner Uebermacht hatten zurückziehen müssen. Sogar
+über den Balkhachsee drang er vor und riß die Kirghisenbevölkerung mit
+sich fort. Raubend, sengend und brennend wälzte sich der Schwarm von Stadt
+zu Stadt. Wer sich unterwarf, ward eingereiht in’s Heer, wer Widerstand
+leistete, umgebracht. So drang er vor, gefolgt von den unausbleiblichen
+Anhängseln eines orientalischen Souveräns, seiner aus den Frauen und
+Sklaven bestehenden Hausdienerschaft, – immer mit der gedankenlosen
+Tollkühnheit eines modernen Gengis-Khan.
+
+Wo stand er in diesem Augenblicke? Bis wohin waren seine Schaaren zu der
+Stunde vorgedrungen, als die Nachricht von dem Einfall nach Moskau
+gelangte?
+
+Bis zu welchem Punkte in Sibirien hatten die russischen Truppen
+zurückweichen müssen? – Niemand vermochte das zu sagen. Die Verbindungen
+waren gestört. Hatten den Draht zwischen Kolyvan und Tomsk aber nur einige
+Reiter aus der Vorhut der Tartarenarmee zerschnitten oder überzog schon
+der Emir selbst die Provinzen von Jeniseisk? Stand das ganze südliche
+Westsibirien in Flammen? Reichte die Empörung schon bis nach den Gebieten
+im Osten? – Keiner wußte es. Der einzige Kundschafter, der weder die Kälte
+noch die Hitze fürchtet, weder die Rauhigkeit des Winters, noch die
+verdorrende Gluth des Sommers, und der dahin fliegt mit der rasenden
+Schnelligkeit des Blitzes, der elektrische Funke, konnte nicht mehr durch
+die Steppen laufen, war außer Stande, den Großfürsten zu benachrichtigen
+von der Gefahr, die ihm in Irkutsk durch den Verrath Iwan Ogareff’s
+bedrohte.
+
+Nur ein Courier konnte den unterbrochenen Strom einigermaßen ersetzen.
+Dieser Mann bedurfte einer gewissen Zeit, um die 5200 Werst (= 5523
+Kilom.) von Moskau bis Irkutsk zurückzulegen. Er mußte, um die Haufen der
+Rebellen und der Feinde zu durchbrechen, einen so zu sagen
+übermenschlichen Muth und eben solche Klugheit entwickeln. Doch, mit Kopf
+und Herz kommt man ja weit!
+
+„Werde ich diesen Kopf und dieses Herz finden?“ fragte sich der Czaar.
+
+
+
+
+ Drittes Capitel.
+
+
+ Michael Strogoff.
+
+
+Bald öffnete sich die Thür des kaiserlichen Cabinets und der Huissier
+meldete den General Kissoff.
+
+„Nun, der verlangte Courier? fragte rasch der Czaar.
+
+— Ist schon da, Sire, antwortete der General.
+
+— Du hast einen geeigneten Mann gefunden?
+
+— Ich wage, mich Ew. Majestät dafür zu verbürgen.
+
+— Stand er in Palastdiensten?
+
+— Ja, Sire.
+
+— Du kennst ihn?
+
+— Persönlich; und mehrmals hat er schon schwierige Missionen zur
+Zufriedenheit ausgeführt.
+
+— Im Auslande?
+
+— Gerade in Sibirien.
+
+— Woher ist er?
+
+— Aus Omsk, also selbst ein Sibirier.
+
+— Er besitzt kaltes Blut, Intelligenz und Muth?
+
+— Gewiß, Sire, er besitzt alle Eigenschaften, auch da zu reussiren, wo
+Andere vielleicht scheitern könnten.
+
+— Wie alt?
+
+— Dreißig Jahre.
+
+— Es ist ein gesunder, kräftiger Mann?
+
+— Sire, er vermag Frost, Hunger, Durst und Anstrengung bis zum Aeußersten
+zu ertragen.
+
+— Er hat einen Körper von Stahl?
+
+— Ohne Zweifel, Sire.
+
+— Und ein Herz?...
+
+— Ein Herz von Gold.
+
+— Sein Name?
+
+— Michael Strogoff.
+
+— Er ist bereit abzureisen?
+
+— Im Saale der Garden erwartet er Ew. Majestät Befehle.
+
+— Er soll hierher kommen“, sagte der Czaar.
+
+Einige Augenblicke später trat Michael Strogoff in das Cabinet des Kaisers
+ein.
+
+Michael Strogoff war hochgewachsen, kräftig, hatte breite Schultern und
+eine volle Brust. Sein mächtiger Kopf zeigte die besten Merkmale
+kaukasischer Race. Seine wohlgebildeten Gliedmaßen erschienen wie eben so
+viel mechanische Hebel zur sicheren Ausführung kräftiger Bewegungen. Der
+äußerlich ansprechende Mann mit gewinnendem Auftreten schien nicht leicht
+wider Willen aus seiner Stellung gebracht werden zu können, denn wenn er
+seine Füße auf den Boden gesetzt hatte, schienen sie schon mehr darin zu
+wurzeln. Auf seinem nicht eben kleinen Kopf mit breiter Stirn kräuselte
+sich üppiges Haar, das in Locken herabfiel, wenn er es mit der
+moskowitischen Mütze bedeckte. Veränderte sich sein gewöhnlich etwas
+blasses Gesicht, so geschah das nur, wenn ihm das Herz schneller schlug,
+unter dem Einflusse einer beschleunigten Blutcirculation, welche jenes
+lebhafter färbte. Seine tiefblauen Augen mit geradem, offenem und sicherem
+Blicke glänzten unter dem vollen Bogen der durch ihre Muskeln etwas
+zusammengezogenen Augenbrauen und verriethen seinen Muth, „jenen Muth ohne
+Zorn, den die Helden besitzen“, wie die Physiologen sagen. Seine nicht zu
+kleine Nase beherrschte einen symmetrischen Mund mit ein wenig
+hervorspringenden Lippen, jenem Zeichen eines edelmüthigen und guten
+Charakters.
+
+Michael Strogoff besaß das Temperament des entschiedenen Mannes, der
+seinen Entschluß schnell zu fassen gewöhnt ist, der nicht in der
+Ungewißheit die Nägel zernagt, sich nicht im Zweifel hinter den Ohren
+kraut und nicht unentschlossen mit den Füßen stampft. Karg in Bewegungen
+und Worten, stand er vor seinem Vorgesetzten still wie ein Soldat; wenn er
+jedoch ging, so zeigte seine Haltung eine große Leichtigkeit, eine
+auffallende Sicherheit der Bewegungen – ein Zeichen des Selbstvertrauens
+und der Lebhaftigkeit seines Geistes. Er gehörte zu den Leuten, die immer
+etwas vorzuhaben scheinen und die Ausführung nicht zu verzögern pflegen.
+
+Michael Strogoff trug eine elegante Uniform, ähnlich jener des
+Officiercorps der berittenen Feldjäger, Stiefeln, Sporen, anliegende
+Beinkleider und einen pelzverbrämten Dolman mit gelben Schnüren auf
+braunem Grunde. Auf seiner breiten Brust glänzten ein Kreuz und
+verschiedene Medaillen.
+
+Michael Strogoff gehörte zu der Specialabtheilung der Couriere des Czaaren
+und stand bei dieser Elitetruppe in Officiersrang. Ganz zweifellos
+erkannte man an seinem Gange, seiner Physiognomie, seiner ganzen Person,
+und leicht genug erkannte es auch der Czaar, daß dieser Mann gewöhnt war,
+einem erhaltenen Befehl unbedingt nachzukommen. Er besaß also eine der in
+Rußland schätzenswerthesten Eigenschaften, eine Eigenschaft, welche, nach
+Aussage des berühmten Schriftstellers Turgénjew, im Moskowitenreiche die
+Staffel nach den höchsten Ehrenstellen bildet.
+
+Gewiß, wenn Einer diese Reise von Moskau nach Irkutsk glücklich vollenden,
+in jenem empörten Gebiete alle Hindernisse besiegen, alle Gefahren
+überwinden konnte, so war es Michael Strogoff.
+
+Ein für das Gelingen jenes Vorhabens sehr günstiger Umstand war es, daß
+Michael Strogoff das zu durchziehende Land vollkommen kannte und die
+verschiedenen Sprachen desselben verstand; nicht weil er jenes schon
+bereist hatte, sondern weil er, wie erwähnt, von Geburt selbst Sibirier
+war.
+
+Sein Vater, der vor zehn Jahren verstorbene Peter Strogoff, bewohnte die
+in dem gleichnamigen Gouvernement gelegene Stadt Omsk, woselbst seine
+Mutter, Marfa Strogoff, noch jetzt lebte. Dort, in jenen wilden Steppen
+der Provinzen Omsk und Tobolsk, war es, wo der furchtbare sibirische Jäger
+seinen Sohn Michael „verstählt“ hatte, wie der landläufige Ausdruck hieß.
+Sommer und Winter, im glühenden Sonnenbrande, wie in der grimmigsten
+Kälte, streifte er über die endlosen Ebenen, durch die Lärchen- und
+Weidengebüsche, durch die düstern Kiefernwälder, legte seine Fallen aus,
+verfolgte das kleinere Wild mit dem Gewehre, das große mit dem Spieße und
+dem Waidmesser. Unter großem Wilde verstand man hierbei aber den
+sibirischen Bären, eine furchtbare und sehr wilde Art, welche an Größe
+ihren Verwandten in den Polargegenden vollständig gleichkommt. Peter
+Strogoff hatte mehr als neununddreißig Bären erlegt, das will sagen, daß
+auch schon der vierzigste unter seiner Hand gefallen war, – und man weiß
+ja, wenn den Jagdgeschichten aus Rußland einigermaßen zu trauen ist, wie
+viele Jäger bis zum neununddreißigsten Bären glücklich davon kamen und
+beim vierzigsten unterliegen mußten!
+
+Peter Strogoff hatte diese Unglückszahl also überschritten, ohne auch nur
+eine Schramme davon zu tragen. Von da ab unterließ es der damals
+elfjährige Michael Strogoff niemals, seinen Vater bei den Jagdausflügen zu
+begleiten, wobei er die „Ragatina“ trug, d. h. eine Art Gabelspieß, um
+seinem Vater, der meist nichts als ein Messer bei sich führte, im Nothfall
+zu Hilfe zu kommen. Mit dem vierzehnten Jahre hatte Michael Strogoff
+seinen ersten Bären erlegt, und zwar ganz allein, was nicht so gar viel
+heißen will; nachdem er diesen aber abgezogen, hatte er auch das Fell des
+riesigen Thieres bis nach dem mehrere Werst entfernten väterlichen Hause
+geschleppt, – was bei dem Kinde eine ungewöhnliche Kraft voraussetzen
+ließ.
+
+Diese Lebensweise bekam ihm gut, und als er das Mannesalter erreichte,
+vermochte er Alles zu ertragen, Frost und Hitze, Hunger und Durst, Mühsal
+und Plage.
+
+Er war mit einem Wort, so wie die Jakuten des unwirthbaren Nordens, ein
+ganzer Mann von Eisen. Er hielt leicht vierundzwanzig Stunden aus, ohne
+etwas zu essen, zehn Nächte, ohne zu schlafen, und begnügte sich mit einem
+Lager in der freien Steppe, wo tausend Andere sich zum Tode erkältet
+hätten. Begabt mit unendlich feinen Sinnen, durch die weiße Ebene geführt
+von einem reinen Delawareninstinct, wenn auch der Nebel den ganzen
+Horizont verhüllte, und das selbst in höhern Breiten, wo die Polarnacht
+schon mehrere Tage anhält, fand er doch immer seinen richtigen Weg, wo
+Andere nicht mehr gewußt hätten, wohin sie den Fuß setzen sollten. Alle
+Geheimnisse seines Vaters waren auch ihm bekannt. Er wußte sich nach kaum
+bemerkenswerthen Anzeichen zu richten, nach der Lage der Eisnadeln, der
+Stellung der dünnsten Baumzweige, nach schwachen Gerüchen, welche von
+außerhalb der Grenze des Horizontes herkamen, nach der Spur der Blätter im
+Walde, nach den schwächsten Geräuschen in der Luft oder nach entfernten
+Detonationen, wie nach dem Zuge der Vögel in der dunstigen Atmosphäre, –
+nach tausend Einzelheiten, welche für den Kenner eben so viel Wahrzeichen
+sind. Dabei hatte er, der von dem Schneetreiben abgehärtet war, wie der
+Stahl in den Wassern von Damascus, wirklich eine Gesundheit von Eisen, und
+doch, wie der General Kissoff ganz richtig gesagt hatte, dabei ein Herz
+von Gold.
+
+Eine einzige Leidenschaft besaß Michael Strogoff, die Liebe zu seiner
+alten Mutter Marfa, welche nicht zu bewegen gewesen war, das alte Haus der
+Strogoff’s in Omsk, an der Grenze von Irtysch, zu verlassen, in dem sie so
+lange Zeit mit dem alten Jäger vereint gelebt hatte. Als der Sohn sie
+verließ, geschah es, um seinem Triebe nach einem größeren Wirkungskreise
+zu genügen; aber er versprach ihr dabei, stets zeitweilig zu ihr
+zurückzukehren, sobald die Umstände es erlaubten – ein Versprechen, das
+mit religiöser Strenge eingehalten wurde.
+
+Es war beschlossen worden, daß Michael Strogoff mit seinem zwanzigsten
+Jahre in den persönlichen Dienst des Kaisers von Rußland eintreten sollte,
+und zwar in das Corps der Couriere des Czaaren. Der kühne, intelligente,
+eifrige und sich wacker aufführende junge Sibirier fand die erste
+Gelegenheit, sich auszuzeichnen, bei einer Sendung nach dem Kaukasus,
+mitten durch das von einigen unruhigen Nachfolgern Schamyl’s aufgewühlte
+Land; später bei einer wichtigen Mission, welche ihn bis Petropolawsk in
+Kamtschatka, nach den äußersten Grenzen des asiatischen Rußland, führte.
+Während dieser so weiten Reisen legte er wiederholte Proben seiner
+ausgezeichneten Eigenschaften, seiner Kaltblütigkeit, Klugheit und seines
+Muthes ab, welche ihm die Anerkennung und das Wohlwollen seiner
+Vorgesetzten erwarben und seine Carrière beschleunigten. Den ihm nach so
+mühseligen Expeditionen mit Recht zukommenden Urlaub versäumte er nie
+seiner alten Mutter zu widmen – und wenn er auch Tausende von Wersten
+entfernt war von ihr, und der Winter alle Wege fast ungangbar machte.
+Jetzt hatte Michael Strogoff, der im Süden des Reichs vielfach beschäftigt
+wurde, die alte Marfa zum ersten Male seit drei Jahren, für ihn drei
+Jahrhunderte – nicht gesehen! In wenig Tagen sollte er seinen
+reglementsmäßigen Urlaub antreten und hatte auch schon alle Vorbereitungen
+zur Reise nach Omsk getroffen, als die uns schon bekannten Ereignisse
+eintraten.
+
+Michael Strogoff wurde vor den Czaaren geführt, in vollständiger
+Unkenntniß dessen, was derselbe von ihm verlangen würde.
+
+Einige Augenblicke betrachtete ihn der Czaar, ohne ein Wort zu reden, mit
+durchdringendem Blicke, während Michael Strogoff unbeweglich stehen blieb.
+
+Dann wendete sich der Czaar, offenbar befriedigt von dieser Vorprüfung,
+nach seinem Schreibtische, machte dem Chef der Polizei ein Zeichen, sich
+dahin zu setzen, und dictirte ihm mit leiser Stimme einen Brief von wenig
+Zeilen.
+
+Nach Vollendung des Schreibens durchlas es der Kaiser noch einmal mit
+größter Aufmerksamkeit und unterzeichnete es, nachdem er seinem Namen noch
+die Worte: „_Byt po semu_“, welche „So geschehe es“ bedeuten und eine
+gewöhnliche Bestätigungsformel der russischen Kaiser ausmachen, vorgesetzt
+hatte.
+
+Der Brief ward dann in ein Couvert gesteckt und mit einem Siegel mit dem
+kaiserlichen Wappen verschlossen.
+
+Der Czaar erhob das Schriftstück und winkte Michael Strogoff, sich zu
+nähern.
+
+Dieser that dann einige Schritte vorwärts und blieb wieder unbeweglich vor
+seinem Kaiser stehen.
+
+Noch einmal sah der Czaar ihn durchdringend, Auge in Auge, in’s Gesicht.
+Dann begann er:
+
+„Dein Name?
+
+— Michael Strogoff, Sire.
+
+— Deine Stellung?
+
+— Kapitän bei den Courieren des Czaaren.
+
+— Du kennst Sibirien?
+
+— Ich stamme daher.
+
+— Du bist geboren?
+
+— In Omsk.
+
+— Hast Du Verwandte in Omsk?
+
+— Meine alte Mutter.“
+
+Der Czaar unterbrach einen Augenblick die Reihe seiner Anfragen. Dann fuhr
+er fort, indem er dem Courier den Brief zeigte, den er in der Hand hielt:
+
+„Hier ist ein Brief, den ich Dich, Michael Strogoff, beauftrage, dem
+Großfürsten eigenhändig, keinem, keinem Anderen! – zu überliefern.
+
+— Ich werde ihn besorgen, Sire.
+
+— Der Großfürst befindet sich in Irkutsk.
+
+— Ich werde nach Irkutsk gehen.
+
+— Es handelt sich hier aber darum, ein von Rebellen unsicher gemachtes,
+von den Tartaren überfallenes Land zu durchreisen, in welchem jene
+Meuterer ein Interesse haben könnten, diesen Brief aufzufangen.
+
+— Ich werde hindurch kommen.
+
+— Und wirst Dich vor Allem vor einem Verräther, Iwan Ogareff, zu hüten
+haben, dem Du auf dem Wege vielleicht begegnen könntest.
+
+— Ich werde ihm auszuweichen wissen.
+
+— Kommst Du über Omsk?
+
+— Mein Weg führt mich dahin.
+
+— Wenn Du Deine Mutter sehen wolltest, würdest Du Gefahr laufen, erkannt
+zu werden. Du darfst Deine Mutter nicht besuchen!“
+
+Michael Strogoff zögerte einen Augenblick mit seiner Antwort.
+
+„Ich werde sie nicht sehen, sagte er.
+
+— Schwöre mir, daß nichts Dich vermögen wird, Dir zu entlocken, wer Du
+bist und wohin Du gehst.
+
+— Ich schwöre es.
+
+— Michael Strogoff, fuhr der Czaar fort, indem er dem jungen Courier das
+Schreiben einhändigte, so nimm diesen Brief, von dem das Heil Sibiriens
+und vielleicht das Leben meines Bruders, des Großfürsten, abhängt.
+
+— Dieser Brief wird in die Hand Sr. Hoheit des Großfürsten gelangen.
+
+— Du wirst also auf jeden Fall durchzudringen suchen?
+
+— Ich dringe hindurch überall, bis man mich tödtet.
+
+— Ich bedarf aber Deines Lebens.
+
+— Ich werde auch lebend durch Sibirien kommen“, antwortete Michael
+Strogoff.
+
+Der Czaar schien mit der einfachen und ruhigen Sicherheit der Antworten
+Michael Strogoff’s wohl zufrieden.
+
+„So geh’ also, Michael Strogoff, sagte er, geh’ mit Gott für Rußland, für
+meinen Bruder und für mich!“
+
+Michael Strogoff grüßte militärisch, verließ sofort das Cabinet des
+Kaisers und wenige Minuten später das Neue Palais.
+
+„Ich glaube, Du hast eine glückliche Hand gehabt, General, sagte der
+Czaar.
+
+— Ich glaube es, Sire, antwortete General Kissoff, und Ew. Majestät können
+versichert sein, daß Michael Strogoff alles thun wird, was ein Mann zu
+leisten vermag.
+
+— In der That, das schien ein ganzer Mann zu sein!“ bemerkte der Czaar.
+
+
+
+
+ Viertes Capitel.
+
+
+ Von Moskau nach Nishny-Nowgorod.
+
+
+Die Entfernung, welche Michael Strogoff von Moskau nach Irkutsk
+zurückzulegen hatte, betrug 5200 Werst (= 5523 Kilom.). Als noch kein
+Telegraphendraht den Zwischenraum zwischen den Bergen des Ural und der
+Ostküste Sibiriens überspannte, wurde der Depeschendienst durch Couriere
+versehen, deren schnellster mindestens achtzehn Tage bedurfte, um sich von
+Moskau nach Irkutsk zu begeben. Das war aber nur eine Ausnahme und dauerte
+die Reise durch das asiatische Rußland gewöhnlich vier bis fünf Wochen,
+obwohl alle Beförderungsmittel den Abgesandten des Czaaren zur Verfügung
+gestellt wurden.
+
+Als ein Mann, der weder Frost noch Schnee fürchtete, hätte es Michael
+Strogoff vorgezogen, während der rauhen Winterszeit zu reisen, welche es
+erlaubt, die ganze Strecke zu Schlitten zurückzulegen. Dann sind alle
+Schwierigkeiten, mit denen man sonst des Fortkommens wegen zu kämpfen hat,
+bei der Nivellirung der endlosen Steppen durch den Schnee, merklich
+vermindert. Kein Wasserlauf tritt hindernd in den Weg. Ueberall die glatte
+Eisfläche, auf welcher der Schlitten leicht und schnell dahin gleitet.
+Zwar sind zu dieser Zeit gelegentlich wohl verschiedene Naturerscheinungen
+zu fürchten, wie andauernde, dicke Nebel, sehr strenge Kälte, lange
+andauerndes, furchtbares Schneetreiben, dessen Wirbel manchmal ganze
+Karawanen verwehen und begraben. Es kommt wohl auch vor, daß von Hunger
+gequälte Wölfe die Ebenen zu Tausenden bedecken. Doch immer wäre es noch
+besser gewesen, sich diesen Gefahren auszusetzen, denn bei solch’ hartem
+Winter mußten die tartarischen Eindringlinge sich vorzugsweise in den
+Städten aufhalten, ihre Marodeure hätten die Steppen nicht unsicher
+gemacht, jede Truppenbewegung wäre unausführbar gewesen und Michael
+Strogoff leichter hindurch gekommen. Indeß er konnte weder Zeit noch
+Stunde selbst wählen. Wie auch die Umstände lagen, er mußte sie hinnehmen
+und abreisen.
+
+Derart war also die Lage, welche Michael Strogoff klar überschaute, und er
+richtete sich darauf ein, sich mit ihr abzufinden.
+
+Dazu kamen ihm nicht die gewöhnlichen Verhältnisse eines Couriers des
+Czaaren zu Statten. Im Gegentheil durfte Niemand während seiner Fahrt
+diese Eigenschaft vermuthen. In einem von Feinden überschwemmten Lande
+wimmelt es auch von Spionen. Ward er erkannt, so war auch seine Mission
+compromittirt. Auch als General Kissoff ihm eine bedeutende Summe
+einhändigte, welche zur Reise hinreichen und dieselbe nach Möglichkeit
+erleichtern mußte, gab er ihm keinerlei schriftliche Ordre mit der
+Bezeichnung: „Specialdienst des Kaisers“, das Sesam, dessen Kräfte nie
+versagen. Er begnügte sich, ihm nur einen „Podaroshna“ auszustellen.
+
+Dieser Podaroshna lautete auf den Namen eines Kaufmanns, Nicolaus
+Korpanoff, wohnhaft in Irkutsk. Er berechtigte denselben, sich gegebenen
+Falles von einer oder mehreren Personen begleiten zu lassen, und daneben
+enthielt er die ausdrückliche Bemerkung, daß er selbst dann giltig sei,
+wenn das Gouvernement von Moskau auch jedem Anderen den Austritt aus
+Rußland verbieten sollte.
+
+Der Podaroshna war nichts Anderes, als ein Erlaubnißschein, Postpferde zu
+requiriren; Michael Strogoff aber sollte davon nur Gebrauch machen in dem
+Falle, wenn dieser Schein keinen Verdacht bezüglich seiner Eigenschaft
+hervorrufen konnte, d. h. so lange er sich auf europäischem Boden befand.
+Hieraus folgte, daß er in Sibirien, wenn er die aufständischen Provinzen
+durchreiste, sich nicht als Gebieter den Postrelais gegenüber benehmen,
+noch sich vor Anderen Pferde verschaffen, noch endlich Transportmittel für
+seine eigene Person requiriren konnte. Michael Strogoff durfte das nicht
+vergessen; er war nicht mehr ein Courier, sondern ein einfacher Kaufmann,
+Nicolaus Korpanoff, der sich von Moskau nach Irkutsk begab, und als
+solcher allen Zufälligkeiten einer gewöhnlichen Reise unterworfen.
+
+Unbemerkt hindurch zu kommen – ob mehr oder weniger schnell, – aber
+jedenfalls hindurch zu kommen, darin lag seine Aufgabe.
+
+Vor dreißig Jahren bestand die Escorte eines Reisenden von Stand aus nicht
+weniger als zweihundert berittenen Kosaken, zweihundert Mann Fußvolk,
+fünfundzwanzig Baskiren zu Pferde, dreihundert Kameelen, vierhundert
+Pferden, fünfundzwanzig Wagen, zwei tragbaren Booten und zwei Stück
+Kanonen. Das war das nöthige Material bei einer Reise durch Sibirien.
+
+Michael Strogoff freilich sollte weder Reiter, noch Fußsoldaten oder
+Saumthiere haben. Er reiste zu Wagen, zu Pferde, wenn das möglich war; zu
+Fuß, wenn es nicht anders anging.
+
+Die ersten 1400 Werst (= 1493 Kilom.), die Strecke zwischen Moskau und der
+Grenze Rußlands, konnten keine besonderen Schwierigkeiten bieten.
+Eisenbahnen, Postwagen, Pferde zum Wechseln an verschiedenen Stationen,
+Dampfschiffe – standen hier Jedermann zur Verfügung und waren folglich
+auch dem Courier des Czaaren zur Hand.
+
+Am Morgen des 16. Juli begab sich Michael Strogoff ohne jede Uniform, aber
+mit einem Reisesack, den er auf dem Rücken trug, bekleidet mit einem
+gewöhnlichen russischen Anzug, einem an der Taille geschlossenen Oberrock,
+dem herkömmlichen Mujik (Gürtel), weiten Beinkleidern und an den Knöcheln
+anschließenden Stiefeln, nach dem Bahnhofe, um den nächsten Zug zu
+benutzen. Er führte, wenigstens dem Anscheine nach, keine Waffen bei sich,
+unter dem Gürtel aber stak ein Revolver und in seiner Tasche einer jener
+langen Dolche, welche das Mittel zwischen dem Messer und dem Yatagan
+bilden und mit dem ein sibirischer Jäger einen Bären sauber auszuweiden im
+Stande ist, ohne dessen kostbares Fell zu beschädigen.
+
+Auf dem Bahnhofe in Moskau war ein ansehnliches Menschengedränge. Die
+Perrons der russischen Eisenbahnen bilden häufig gewissermaßen
+Versammlungsörter ebensowohl für Diejenigen, welche abreisen, als für
+Solche, welche der Abfahrt nur zusehen. Dort ist fast eine kleine Börse
+für Neuigkeiten.
+
+Der Zug, den Michael Strogoff benutzte, sollte ihn nach Nishny-Nowgorod
+führen. Dort war jener Zeit das Ende des Schienenweges, der Moskau mit St.
+Petersburg verbindet und bis zur Grenze Rußlands fortgeführt werden soll.
+Die Strecke bis dahin maß etwa 400 Werst (= 426 Kilom.), welche der Zug in
+ungefähr zehn Stunden zurücklegen mußte. In Nishny-Nowgorod angelangt,
+wollte Michael Strogoff je nach den Umständen entweder zu Lande weiter
+reisen oder die Wolgadampfboote benutzen, um die Berge des Ural so schnell
+als möglich zu erreichen.
+
+Michael Strogoff machte es sich in seiner Ecke so bequem, wie ein braver
+Bürger, den seine Geschäfte nicht übermäßig beunruhigen und der sich die
+Zeit durch Schlafen zu vertreiben sucht.
+
+Da er in dem Coupé aber nicht allein war, schlief er auch nur mit einem
+Auge, hörte aber dabei mit beiden Ohren.
+
+Der Aufstand der Kirghisenhorden und der Einfall der Tartaren machte doch
+schon einigermaßen von sich reden. Die Leute, mit denen der Zufall ihn
+zusammenwürfelte, plauderten ebenfalls davon, doch immer noch mit einer
+gewissen Zurückhaltung.
+
+Diese Reisenden waren ebenso, wie die meisten Insassen des Zuges,
+Kaufleute, die sich zur großen Messe nach Nishny-Nowgorod begaben, eine
+erklärlicher Weise sehr gemischte Gesellschaft, welche aus Juden, Türken,
+Kosaken, Russen, Georgiern, Kalmücken und Anderen bestand, die sich
+indessen Alle der Nationalsprache bedienten.
+
+Man besprach das Für und Wider der ernsthaften Ereignisse, welche sich
+eben jenseit des Ural abspielten; auch schienen diese Kaufleute zu
+fürchten, daß die russische Regierung sich veranlaßt sehen könnte, einige
+beschränkende Maßregeln, mindestens in den Nachbarprovinzen der
+asiatischen Grenze, zu ergreifen, – Maßregeln, unter denen der Handel ohne
+Zweifel leiden mußte.
+
+Diese unverbesserlichen Egoisten betrachteten den Krieg, d. h. die
+Unterdrückung der Rebellion und die Abwehr jenes Einfalls, nur von dem
+einen Standpunkte ihrer bedrohten Interessen. Die Anwesenheit eines
+einfachen Soldaten in Uniform – man weiß ja, wie groß der Einfluß der
+Uniform gerade in Rußland ist, – hätte gewiß hingereicht, die Zungen
+dieser Handelsleute zu zügeln. In dem von Michael Strogoff benutzten Coupé
+ließ nichts die Gegenwart einer Militärperson vermuthen, und der Courier
+des Czaaren, der sein Incognito bewahren mußte, hütete sich wohl, seinen
+wahren Charakter zu verrathen.
+
+Er horchte gespannt.
+
+„Man spricht von einer Preissteigerung des Karawanenthees, sagte ein
+Perser, den man an seiner mit Astrachan besetzten Mütze und dem
+abgetragenen braunen und weitfaltigen Rocke erkannte.
+
+— O, der Thee hat auch keine Baisse zu fürchten, erwiderte ein alter Jude
+mit verschmitzten Zügen. Was davon in Nishny-Nowgorod am Markte ist, wird
+nach Westen hin willigen Absatz finden; leider steht es mit den Teppichen
+aus Bukhara aber anders.
+
+— Wie? Sie erwarten eine Sendung aus Bukhara? fragte ihn der Perser.
+
+— Das zwar nicht, wohl aber aus Samarkand, und Waarensendungen von dorther
+sind eher noch mehr gefährdet. Verlassen Sie sich einmal auf Zufuhren aus
+einem Lande, das durch die Khans von Khiva bis zur chinesischen Grenze in
+helle Empörung gebracht ist.
+
+— Gut! meinte der Perser, wenn die Teppiche nicht ankommen, so ist das von
+den Verräthern noch weniger zu erwarten, denke ich.
+
+— Und der Profit? heiliger Gott Israels, rief der Jude, rechnen Sie den
+für nichts?
+
+— Sie haben Recht, mischte sich ein anderer Reisender in das Gespräch,
+asiatische Artikel werden am Platze empfindlich fehlen; die Teppiche aus
+Samarkand ebenso, wie die Wollenwaaren, die Seifen, Oele und die Shawls
+aus dem Morgenlande.
+
+— Ei, nehmen Sie sich in Acht, Väterchen, antwortete ein russischer
+Reisender mit spöttelnder Miene, Sie werden sich furchtbare Fettflecke in
+ihre Shawls bringen, wenn Sie sie mit den Seifen und Oelen zusammenpacken!
+
+— Das kommt Ihnen wohl sehr komisch vor! versetzte etwas spitzig der
+Kaufmann, der solche Scherze nicht besonders liebte.
+
+— Nun, und wenn man sich die Haare ausraufen und Asche auf’s Haupt streuen
+wollte, fuhr jener Reisende fort, würde das den Lauf der Dinge ändern?
+Nein! Um keinen Deut mehr als den Transport der Meßgüter.
+
+— Man erkennt es, daß Sie kein Kaufmann sind, bemerkte der kleine Jude.
+
+— Meiner Treu, nein, würdiger Nachkomme Abraham’s! Ich verkaufe weder
+Hopfen noch Theer, Honig oder Wachs, weder Hanfsamen noch Pökelfleisch,
+Caviar, Holz, Wolle, Bänder, nicht Hanf oder Leinen, keine Maroquins oder
+Pelzwaaren!...
+
+— Aber kaufen Sie vielleicht davon? fragte der Perser, den Redestrom des
+Reisenden unterbrechend.
+
+— So wenig als möglich und nur für meinen Privatbedarf, antwortete jener
+mit den Augen zwinkernd.
+
+— Das ist ein Spaßvogel, raunte der Jude dem Perser zu.
+
+— Oder ein Spion! erwiderte dieser mit gedämpfter Stimme. Hüten wir uns
+und sprechen nicht mehr als nöthig. Die Polizei ist bei jetzigen Zeiten
+nicht sehr zart, und man weiß nie, mit wem man zusammen sitzt.“
+
+In einer andern Ecke der Wagenabtheilung sprach man etwas weniger über
+Handelsgeschäfte, aber etwas mehr von dem Einfalle der Tartaren und dessen
+möglichen Folgen.
+
+„Man wird in Sibirien die Pferde requiriren, äußerte sich ein Reisender,
+und die Communicationen zwischen den verschiedenen Provinzen Centralasiens
+werden sehr erschwert sein!
+
+— Bestätigt es sich, fragte sein Nachbar, daß die Kirghisen der Mittleren
+Horde mit den Tartaren gemeinschaftliche Sache gemacht haben?
+
+— Man sagt es, antwortete der Reisende halblaut, wer kann sich aber in
+diesem Lande rühmen, etwas Bestimmtes zu wissen!
+
+— Ich hörte schon von Truppenzusammenziehungen an der Grenze sprechen. Die
+Donischen Kosaken sollen bereits längs der Wolga versammelt sein und man
+will sie den aufrührerischen Kirghisen entgegen werfen.
+
+— Wenn die Kirghisen dem Ufer des Irtysch gefolgt sind, wird auch die
+Straße nach Irkutsk unsicher sein, bemerkte der Nachbar. Uebrigens wollte
+ich gestern ein Telegramm nach Krasnojarsk senden, das hat aber nicht bis
+dahin gelangen können. Es steht zu befürchten, daß die Tartarenhaufen
+binnen Kurzem das ganze östliche Sibirien isolirt haben werden!
+
+— In Summa, Väterchen, sprach sich der erste Frager aus, diese
+Handelsleute da haben alle Ursache, wegen ihrer Geschäftsabwickelung
+besorgt zu sein. Nach Requisition der Pferde werden die Schiffe an die
+Reihe kommen, dann die Wagen und überhaupt alle Transportmittel, bis es
+endlich nicht mehr erlaubt sein wird, im ganzen Reiche einen Fuß zu
+bewegen.
+
+— Ich fürchte sehr, in Nishny-Nowgorod werde die Messe nicht so brillant
+enden, wie sie begonnen hat, antwortete der Zweite kopfschüttelnd. Aber
+die Sicherheit und Integrität des russischen Gebietes geht über Alles!
+Geschäfte sind eben doch nur Geschäfte!“
+
+Wenn in diesem Coupé der Gegenstand der Unterhaltung nicht sehr wechselte,
+so war das auch nicht mehr der Fall in den anderen Wagen des Zuges; ein
+strenger Beobachter würde aber in allen Reden der Reisenden unschwer eine
+ungemeine Zurückhaltung entdeckt haben. Wagten diese sich einmal auf das
+Gebiet der Thatsachen, so gingen sie niemals so weit, weder die Absichten
+der moskowitischen Regierung vorauszusehen, noch deren Maßnahmen zu
+kritisiren.
+
+Dieselbe Beobachtung machte auch ein Reisender in einem der vorderen Wagen
+des Zuges. Dieser – offenbar ein Ausländer, – hatte seine Augen überall
+und warf zwanzigerlei Fragen auf, welche nur ausweichende Beantwortung
+fanden. Fortwährend betrachtete er dabei auch durch das Wagenfenster,
+dessen Scheibe er stets zum großen Unbehagen seiner Reisegefährten
+niedergelassen hielt, die Gegend bis zum fernen Horizont. Er erkundigte
+sich nach den Namen der unbedeutendsten Ortschaften, ihrer Lage, ihren
+Handelsbeziehungen und Gewerbsverhältnissen, nach den Einwohnerzahlen, der
+mittleren Sterblichkeit beider Geschlechter u. s. w., und Alles, was er
+erfahren konnte, schrieb er in ein mit Bemerkungen überladenes Notizbuch.
+
+Unsere Leser erkannten in ihm wohl schon den Correspondenten Alcide
+Jolivet, der so viele Fragen in der Hoffnung stellte, unter den Antworten
+doch dann und wann etwas Interessantes „für seine Cousine“ zu erhaschen.
+Natürlich sah man ihn deshalb für einen Spion an und sprach vor ihm keine
+Sylbe bezüglich der Tagesereignisse.
+
+Als er sich überzeugt, daß er über den Tartareneinfall hier nichts zu
+erfahren vermöge, schrieb er in das Notizbuch: „Die Reisenden absolut
+discret. Schießen über Politik nur sehr schwer los.“
+
+Während aber Alcide Jolivet seine Reiseeindrücke mit peinlicher
+Gewissenhaftigkeit schriftlich fixirte, lag sein College, der in demselben
+Zuge saß und in derselben Absicht reiste, in einem andern Coupé ganz der
+nämlichen Beschäftigung ob. Beide waren sich am Morgen im Bahnhofe zu
+Moskau nicht begegnet, und Keiner wußte von des Andern Aufbruche nach dem
+voraussichtlichen Kriegsschauplatze, um den Ereignissen näher zu stehen.
+
+Dabei hatte nur der allzeit schweigsame Harry Blount bei seinen
+Reisegefährten nicht denselben Verdacht erweckt, wie Alcide Jolivet. Ihn
+hatte man nicht für einen Spion gehalten, und seine Nachbarn plauderten
+vor ihm ohne jede Zurückhaltung, wobei sie sich sogar weiter gehen ließen,
+als man es von ihrer anerzogenen Zaghaftigkeit erwartet hätte. Der
+Correspondent des Daily-Telegraph konnte also beobachten, wie sehr die
+Ereignisse des Tages alle nach Nishny-Nowgorod ziehenden Kaufleute
+berührten und wie stark der Handel mit Central-Asien dadurch bedroht sei.
+
+Er zögerte also nicht, seinem Notizbuch die ganz gerechtfertigte Bemerkung
+einzuverleiben:
+
+„Die Reisenden sehr beunruhigt. Der Krieg steht in Aussicht und man
+behandelt dieses Thema mit einer Freimüthigkeit, welche zwischen Weichsel
+und Wolga erstaunlich zu nennen ist.“
+
+Die Leser des Daily-Telegraph mußten demnach ebenso gut unterrichtet
+werden, wie „die Cousine“ Alcide Jolivet’s.
+
+Weiter, da Harry Blount an der linken Seite des Zuges saß, hatte er nur
+den einen Theil der hier ziemlich hügeligen Landschaft überblicken können,
+ohne daß er es der Mühe werth erachtete, sein Auge einmal nach der rechten
+Seite, welche vollkommen eben war, zu wenden, und somit fügte er seiner
+Notiz kurz und bündig hinzu:
+
+„Zwischen Moskau und Wladimir Bergland.“
+
+Inzwischen lag es auf der Hand, daß die russische Regierung angesichts der
+ernsten Verwickelungen selbst im Innern des Reiches einige strenge
+Maßregeln nehmen werde. Die Empörung griff zwar noch nicht über die Grenze
+Sibiriens hinüber, doch in den dem Lande der Kirghisen so nahe liegenden
+Wolgaprovinzen durfte man sich leicht eines übeln Einflusses jener
+Ereignisse versehen.
+
+Noch hatte die Polizei Iwan Ogareff’s Spuren nicht wieder zu finden
+vermocht. Ob dieser Verräther, der die Fremden aufhetzte, um seine
+persönliche Rache zu befriedigen, sich wieder mit Feofar-Khan verbunden
+habe, oder im Gouvernement Nishny-Nowgorod heimlich die Empörung schüre,
+wo sich zu dieser Jahreszeit eine aus so bunten Elementen zusammen
+gewürfelte Bevölkerung tummelte, – kein Mensch wußte es.
+
+Hatte er vielleicht unter diesen bei der Messe so zahlreich vertretenen
+Persern, Armeniern und Kalmücken Vertraute, welche die Bewegung im Innern
+des Reiches in Fluß bringen sollten? Alle diese Hypothesen waren,
+vorzüglich in einem Lande wie das Reich des Herrschers aller Reußen, nicht
+zurück zu weisen.
+
+In der That kann dieses ungeheure Ländergebiet von zwölf Millionen
+Quadratkilometern die Homogenität der westlichen Staaten Europas überhaupt
+nicht besitzen. Zwischen den verschiedenen Völkerschaften desselben
+herrschen mehr tiefere Unterschiede, als oberflächliche Nuancen. In
+Europa, Asien und Amerika (unsere Erzählung spielt in der Zeit, da das
+russische Amerika noch nicht an die Vereinigten Staaten abgetreten war)
+erstreckt sich sein Gebiet vom 35. Grade östl. Länge (von Ferro) bis zum
+110. Grade westlicher Länge und vom 38. bis zum 81. Grade nördl. Breite.
+Es zählt nicht weniger als siebenzig Millionen Einwohner, welche dreißig
+verschiedene Sprachen sprechen. Die herrschende Race ist zwar die der
+Slaven, aber außer den eigentlichen Russen zählen zu dieser auch die
+Polen, Litthauer und die Kurländer. Rechne man zu diesen noch die Finnen,
+Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken, Permiaken, die Deutschen,
+die Griechen, Tartaren, die kaukasischen Stämme, die Mongolenhorden,
+Kalmücken, Samojeden, Kamtschadalen und Alëuten, so sieht man leicht ein,
+wie schwierig es sein muß, die Einheit eines so ungeheuren Reiches
+aufrecht zu erhalten, und daß diese dereinst nur von der Zeit und der
+Weisheit der Regierung wirklich geschaffen werden kann.
+
+Wie dem auch sei, jedenfalls hatte Iwan Ogareff sich bisher allen
+Nachforschungen zu entziehen gewußt. Auf jeder Station aber, wo der Zug
+anhielt, erschienen Inspectoren, welche die Reisenden musterten und Alle
+scharf in’s Auge faßten, denn sie hatten auf Befehl des Großmeisters der
+Polizei nach Iwan Ogareff zu fahnden. Die Regierung glaubte zu wissen, daß
+dieser Verräther das europäische Rußland noch nicht habe verlassen können.
+Erschien ein Reisender verdächtig, so mußte er sich im Polizeibureau
+ausweisen, während der Zug weiter sauste, ohne sich um solche
+unfreiwillige Nachzügler zu bekümmern.
+
+Es ist völlig nutzlos, mit der russischen Polizei bei ihrer bekannten
+Rücksichtslosigkeit verhandeln zu wollen. Ihre Beamten stehen in
+militärischem Range und handeln als Soldaten. Hierin liegt das Mittel,
+womit ein Souverän sich unbedingten Gehorsam erzwingt, der das Recht hat,
+an die Spitze seiner Ukase zu setzen: „Wir, von Gottes Gnaden Kaiser und
+Selbstherrscher aller Reußen, von Moskau, Kiew, Wladimir und Nowgorod,
+Czaar von Kasan, Astrachan, Polen, Sibirien und des Taurischen Chersones,
+Fürst von Skof, Großherzog von Smolensk, Litthauen, Wolhinien, Podolien
+und Finnland, Herzog von Esthland, Liefland, Kurland und Samland, von
+Bialystock, Karelien, Jugrien, Perm, Viatka, Bulgarien und von anderen
+Ländern, Herrscher und Großfürst der Territorien von Nishny-Nowgorod,
+Tschernikow, Riatsan, Polotzk, Restow, Jeroslaw, Bielozersk, Udorien,
+Obdorien, Kondinien, Witepsk und Mtislaw, Machthaber über die
+hyperboräischen Lande, Herr der Lande von Iberien, der Kartalinie,
+Gruzinien, Kabardinien, Armenien, Erbherr und Souverän der
+Tscherkessenfürsten der Berge und der Ebenen, Erbe von Norwegen,
+Schleswig-Holstein, Stormarn, Dithmarschen und Oldenburg.“ In der That ein
+mächtiger Herrscher, dessen Wappen, ein zweiköpfiger Adler mit Scepter und
+Erdkugel in den Klauen, umgeben ist von den Wappenschildern von Nowgorod,
+Wladimir, Kiew, Kasan, Astrachan und Sibirien, und umrahmt von dem großen
+Bande des St. Andreasordens, über dem eine Kaiserkrone schwebt! –
+
+Michael Strogoff entging auf Grund seiner Papiere allen polizeilichen
+Scheerereien.
+
+Auf der Station Wladimir verweilte der Zug einige Minuten, die dem
+Reporter des Daily-Telegraph hinreichend erschienen, eine umfassende
+Skizze dieser alten Hauptstadt Rußlands zu entwerfen.
+
+Im Bahnhofe zu Wladimir kamen neue Passagiere. Unter Anderen erschien auch
+ein junges Mädchen an der Thür von Michael Strogoff’s Coupé.
+
+Vor dem Couriere des Czaaren war noch ein Platz leer. Das junge Mädchen
+nahm diesen ein, nachdem sie eine bescheidene, rothlederne Reisetasche,
+scheinbar ihr ganzes Gepäck, neben sich gestellt hatte. Dann setzte sie
+sich mit niedergeschlagenen Augen und ohne ihren zufälligen Reisegefährten
+auch nur einmal angesehen zu haben, für eine mehrstündige Fahrt zurecht.
+
+Michael Strogoff konnte sich nicht enthalten, seine neue Nachbarin
+theilnehmend zu betrachten. Da sie einen Rücksitz einnahm, bot er ihr
+seinen Platz an, wenn sie diesen vorzöge, aber sie lehnte das mit einer
+leichten Verbeugung dankend ab.
+
+Das junge Mädchen mochte sechzehn bis siebenzehn Jahre zählen. Ihr
+wirklich hübscher Kopf verrieth den rein slavischen Typus, – einen etwas
+strengen Typus, nach welchem sie einst mehr schön als hübsch werden mußte,
+wenn einige Jahre die Züge ihres Gesichtes weiter befestigt haben würden.
+Aus einer Art Fanchon quoll ihr eine Fülle goldblonden Haares. Ihre
+braunen Augen erstrahlten von einem ungemein sanften Blicke. Die gerade
+Nase verband mit beweglichen Flügeln ihre etwas schmalen und blassen
+Wangen. Ihr sehr fein geschnittener Mund schien seit längerer Zeit alles
+Lächeln verlernt zu haben.
+
+Die junge Reisende war, so weit man das vor dem faltigen Pelze, den sie
+trug, erkennen konnte, groß und schlank. Obwohl sie noch im vollen Sinne
+des Wortes als „ein sehr junges, unschuldiges Kind“ erschien, so war doch
+ihre Stirn gut entwickelt und die bestimmte Form der unteren Partien des
+Gesichtes ließ auf eine ungewöhnliche Energie schließen, – Einzelheiten,
+welche Michael Strogoff nicht entgingen. Offenbar hatte das junge Mädchen
+früher schon manches gelitten und auch die Zukunft schien ihr nicht in
+rosigem Lichte zu winken; aber ebenso sicher hatte sie gegen die
+Widerwärtigkeiten des Lebens sowohl anzukämpfen gewußt, als sie die
+Entschlossenheit besaß, es auch in Zukunft zu thun. Ihre Willenskraft
+schien ebenso lebhaft als ausdauernd zu sein, ihre Ruhe unerschütterlich,
+vielleicht selbst unter Umständen, welche einen Mann in Verlegenheit
+gebracht hätten.
+
+Diesen Eindruck erweckte das junge Mädchen auf den ersten Blick. Michael
+Strogoff, selbst ein energischer Charakter, mußte sich von einer solchen
+Erscheinung getroffen fühlen und beobachtete, bei aller Vorsicht, sie
+dadurch nicht zu belästigen, seine Nachbarin doch mit einer gewissen
+Aufmerksamkeit.
+
+Die Kleidung der jungen Reisenden zeichnete sich durch die größte
+Einfachheit und Sauberkeit aus. Von reichem Herkommen konnte sie offenbar
+nicht sein; aber man hätte vergeblich nach einer Spur von Nachlässigkeit
+an ihr gesucht. Ihr ganzes Gepäck barg jene rothe Tasche, die sie aus
+Mangel an Platz auf den Knieen hielt.
+
+Sie trug einen langen, ärmellosen Pelz von dunkelbrauner Farbe, der sich
+mit einem blauen Saume anmuthig um ihren Hals schloß. Unter demselben
+bedeckte eine ebenfalls dunkelfarbige Tunica das bis zum Fußgelenk
+reichende Kleid, dessen unterer Saum wiederum mit wenig auffälliger
+Stickerei geziert war. Lederne Halbstiefel mit starken Sohlen, so als
+wären sie für eine lange Reise bestimmt, schützten die kleinen Füßchen.
+
+Michael Strogoff glaubte an manchen Details dieses Costüms die Tracht der
+Liefländerinnen zu erkennen und setzte also voraus, daß seine Nachbarin in
+den baltischen Provinzen zu Hause sei.
+
+Doch wohin ging dieses Kind, allein, in diesem Alter ohne Unterstützung
+des Vaters oder der Mutter, ohne den Schutz eines Bruders? Kam sie
+wirklich schon nach Zurücklegung einer längeren Reise aus den westlichen
+Provinzen des Reiches? Begab sie sich nur nach Nishny-Nowgorod oder lag
+ihr Ziel noch über den östlichen Grenzen? Erwartete sie ein Anverwandter,
+ein Freund bei Ankunft des Zuges? War es nicht vielmehr wahrscheinlich,
+daß sie sich nach Verlassen des Waggons in der Stadt ebenso vereinsamt
+befinden werde, wie in diesem Coupé, wo sich, ihrer Ansicht nach, keine
+Seele um sie kümmerte?
+
+Das Auftreten, welches man sich in der Vereinsamung anzugewöhnen pflegt,
+zeigte sich zu deutlich in dem Wesen der jungen Reisenden. Die Art und
+Weise, wie sie in das Coupé einstieg und sich für die Fahrt einrichtete,
+das Vermeiden jeder Belästigung Anderer, welches an eine gewisse
+Schüchternheit grenzte, Alles zeigte ihre Gewohnheit, allein zu sein und
+nur auf sich selbst zu rechnen.
+
+Michael Strogoff beobachtete sie mit zurückhaltendem Interesse und suchte
+nicht einmal ein Gespräch anzuknüpfen, wiewohl die Fahrt bis
+Nishny-Nowgorod noch mehrere Stunden dauerte.
+
+Nur einmal, als der Nachbar des jungen Mädchens, – jener Kaufmann, welcher
+so unvorsichtig Oele und Shawls durch einander warf, – im Einschlafen
+seine Nachbarin mit dem großen, auf den Schultern hin und her taumelnden
+Kopfe zu belästigen drohte, weckte er diesen etwas barsch auf und gab ihm
+zu verstehen, daß er gerade sitzen und sich etwas rücksichtsvoller
+betragen solle.
+
+Der Kaufmann, von etwas grobem Schrot und Korn, knurrte einige Worte „von
+Leuten, die sich in Sachen mischen, welche ihnen nichts angehen“; Michael
+Strogoff warf ihm aber einen so viel versprechenden Blick zu, daß der
+Schlaftrunkene sich nach der andern Seite neigte und die junge Reisende
+von seiner unliebsamen Nachbarschaft befreite.
+
+Diese richtete das Auge einen Moment auf den jungen Mann mit einem Blicke,
+der ihm einen stummen, bescheidenen Dank ausdrückte.
+
+Es sollte aber noch ein Umstand eintreten, der Michael Strogoff den
+Charakter des jungen Mädchens noch klarer erkennen ließ.
+
+Etwa zwölf Werst vor Nishny-Nowgorod erhielt der Zug bei einer sehr kurzen
+Curve des Geleises einen sehr heftigen Stoß. Dann lief er noch eine Minute
+neben der Böschung eines Dammes hin.
+
+Ein tüchtiges Schütteln der Passagiere, Geschrei, Verwirrung, allgemeine
+Unordnung in den Waggons bezeichneten die ersten Folgen des Unfalls. Man
+konnte wohl noch ein schweres Unglück befürchten. Noch bevor der Zug zum
+Stehen kam, sprangen schon die Waggonthüren auf, die entsetzten Reisenden
+suchten ihr Heil in der Flucht und stürzten aus den Coupés.
+
+Michael Strogoff dachte zunächst an seine Nachbarin; doch während die
+übrigen Insassen sich schreiend und stoßend hinaus drängten, hielt das
+junge Mädchen, deren Gesicht kaum etwas blässer geworden war, ruhig auf
+ihrem Platze aus.
+
+Sie wartete. Michael Strogoff ebenfalls.
+
+Sie hatte gar keinen Versuch gemacht, den Waggon zu verlassen. Kein Laut
+kam über ihre Lippen.
+
+Beide blieben ganz ruhig.
+
+„Eine energische Natur!“ dachte Michael Strogoff.
+
+Inzwischen war jede Gefahr vorüber. Ein Radreifensprung am Gepäckwagen
+hatte erst den Stoß und dann das Anhalten des Zuges veranlaßt, doch hätte
+nicht viel gefehlt, daß er in Folge einer Entgleisung von dem hohen Damme
+in die Tiefe gestürzt wäre. Es entstand eine Stunde Aufenthalt. Endlich,
+nach Freilegung der Fahrbahn, setzte der Train seinen Weg fort und
+gelangte um halb neun Uhr Abends nach Nishny-Nowgorod.
+
+Bevor Jemand die Waggons verlassen durfte, erschienen wieder die
+unvermeidlichen Polizisten und inquirirten die Reisenden.
+
+Michael Strogoff wies seinen auf den Namen Nicolaus Korpanoff lautenden
+Podaroshna vor, der ihn genügend legitimirte.
+
+Auch die andern Insassen des Coupés, welche alle nur nach Nishny-Nowgorod
+gingen, schienen zu ihrem Glücke unverdächtig.
+
+Das junge Mädchen für ihre Person brachte keinen eigentlichen Reisepaß
+hervor, der ja im Innern Rußlands jetzt nicht mehr verlangt wird, sondern
+einen Schein mit besonderem Siegel, welcher ganz specieller Art zu sein
+schien.
+
+Der Beamte las ihn aufmerksam durch. Dann sagte er nach sorgfältiger
+Musterung Derjenigen, deren Signalement der Schein enthielt:
+
+„Du bist aus Riga?
+
+— Ja, erwiderte das junge Mädchen.
+
+— Und willst nach Irkutsk?
+
+— Ja.
+
+— Auf welchem Wege?
+
+— Auf der Straße über Perm.
+
+— Gut, antwortete der Inspector. Vergiß in Nishny-Nowgorod nicht, Deinen
+Schein durch das Polizei-Amt visiren zu lassen.“
+
+Das junge Mädchen verneigte sich bejahend.
+
+Als er diese Fragen und Antworten hörte, empfand Michael Strogoff
+gleichzeitig eine gewisse Bewunderung und ein ehrliches Mitleid. Wie!
+Dieses Kind war auf der Reise nach dem entlegenen Sibirien, und noch dazu
+jetzt, wo zu den gewöhnlichen Unzuträglichkeiten noch alle Gefahren eines
+von Feinden überschwemmten, aufrührerischen Landes hinzutraten! Wie würde
+sie ankommen? – was aus ihr werden?...
+
+Nach Schluß der Inspection wurden die Waggonthüren geöffnet, doch bevor
+Michael Strogoff auch nur eine Bewegung gegen sie machen konnte, war die
+junge Liefländerin bereits ausgestiegen und unter der Menge, welche die
+Perrons bedeckte, verschwunden.
+
+
+
+
+ Fünftes Capitel.
+
+
+ Eine Verordnung mit zwei Artikeln.
+
+
+Nishny-Nowgorod, Unter-Nowgorod, am Zusammenflusse der Wolga und Oka, ist
+die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Hier mußte Michael
+Strogoff den Schienenweg verlassen, der jener Zeit über die Stadt noch
+nicht hinausreichte. Je weiter er vorwärts kam, desto langsamer und
+gleichzeitig desto unsicherer wurden die Communicationsmittel.
+
+Nishny-Nowgorod, das gewöhnlich nur 30-35,000 Einwohner zählt, beherbergte
+jetzt über 300,000 Seelen, d. h. die Kopfzahl hatte sich verzehnfacht.
+Dieser Zuwachs rührte von der weltberühmten Messe her, welche in seinen
+Mauern, eigentlich nur drei Wochen lang, abgehalten wurde. Früher erfreute
+sich die Stadt Makariew dieses Zusammenflusses so vieler Fremden, seit dem
+Jahre 1817 aber ward die große Messe hierher verlegt.
+
+Die sonst ziemlich düstere, einsame Stadt war jetzt der Schauplatz der
+lebhaftesten Bewegung. Zehn verschiedene Racen europäischer und
+asiatischer Kaufleute fraternisirten hier, so lange gegenseitige
+Handelsgeschäfte im Spiel waren.
+
+Trotz der vorgeschrittenen Stunde, zu welcher Michael Strogoff den Bahnhof
+verließ, regte sich doch in den beiden durch das Bett der Wolga getrennten
+Stadttheilen Nishny-Nowgorods noch ein ungeheures Leben. Von jenen Theilen
+ist die obere, auf einem abschüssigen Felsen erbaute Stadt von einer jener
+Festungsanlagen vertheidigt, die man in Rußland ganz allgemein „Kreml“ zu
+nennen pflegt.
+
+Wäre Michael Strogoff genöthigt gewesen, sich in Nishny-Nowgorod längere
+Zeit aufzuhalten, so hätte er wohl Mühe haben sollen, ein Hôtel oder doch
+eine halbwegs passende Herberge zu finden, – Alles war überfüllt. Da er
+indeß auch nicht unmittelbar weiter reisen, sondern nur den
+nächstabgehenden Wolgadampfer benutzen konnte, so mußte er sich doch wohl
+oder übel wenigstens ein Nachtlager suchen. Vorher trieb es ihn indeß,
+sich über die Abfahrtszeit des Dampfbootes zu unterrichten; deshalb begab
+er sich sofort nach den Bureaux der Gesellschaft, deren Schiffe den Dienst
+zwischen Nishny-Nowgorod und Perm versehen.
+
+Dort erfuhr er zu seinem großen Mißvergnügen, daß der „Kaukasus“ – so hieß
+das reisefertige Schiff – erst zu Mittag am nächsten Tage abgehen werde.
+Siebenzehn Stunden Aufenthalt! Das war unangenehm für einen Mann, der es
+eilig hatte, und doch mußte er sich darein finden. Er that es auch ruhig,
+da er nicht unnöthig zu außergewöhnlichen Mitteln greifen wollte.
+
+Uebrigens hätte ihn unter den gegebenen Umständen auch kein Teleg oder
+Tarantaß, keine Berline oder Postchaise und kein Reitpferd schneller nach
+Perm oder Kasan befördert. Immer blieb es das Beste, die Abfahrt des
+Steamers zu erwarten – jenes Beförderungsmittels, das ihn schneller als
+jedes andere vorwärts schaffen und die hier verlorene Zeit reichlich
+wieder einbringen mußte.
+
+Michael Strogoff schlenderte also durch die Stadt und suchte dabei ohne
+Uebereilung ein Unterkommen, in dem er die Nacht zubringen könnte. Der
+letztere Zweck lag ihm zwar gar nicht sonderlich am Herzen, und ohne das
+Gefühl des Hungers, das sich ihm etwas aufdringlich fühlbar machte, hätte
+er die Straßen Nishny-Nowgorods wohl auch die ganze Nacht über durchirrt.
+Es gelüstete ihn also weit mehr nach einem tüchtigen Abendimbiß, als nach
+einem Bette. Beides fand er noch unter dem Schilde der „Stadt
+Konstantinopel“.
+
+Hier konnte ihm der Wirth noch ein mittelmäßiges Zimmerchen ablassen, das
+zwar nur ein dürftiges Mobiliar enthielt, dem aber der gebräuchliche
+Wandschmuck, ein Bild der Jungfrau Maria und mehrere Heiligenbilder in
+Goldrahmen, nicht abging. Entenbraten mit einer Farce von säuerlichem
+Fleisch und rahmartig dicker Sauce, Gerstenbrod, saure Milch, klarer
+Zucker mit Zimmet, ein Krug „Kwaß“, d. i. eine in Rußland sehr verbreitete
+Art Bier, wurde ihm bald aufgetragen, und er brauchte gar nicht so viel,
+seinen Hunger zu stillen. Jedenfalls aß er sich aber satt, und das auch
+besser, als sein Tischnachbar, ein orthodoxer „Altgläubiger“ von der Secte
+der Raskolniks, der bei seinem Gelübde der Enthaltung gewisser Speisen die
+Kartoffeln von sich wies und sich weislich hütete, seinen Thee zu
+versüßen.
+
+Nach beendigter Mahlzeit nahm Michael Strogoff, statt sich nach seinem
+Zimmer zu begeben, ganz maschinenmäßig die unterbrochene Promenade durch
+die Stadt wieder auf. Trotz der noch andauernden langen Dämmerung
+lichteten sich doch schon die Mengen, die Straßen wurden allmälig öder und
+Jedermann suchte sein Lager.
+
+Warum Michael Strogoff sich nicht gemächlich in’s Bett begab, wie man es
+nach einem auf der Eisenbahn hingebrachten Tage wohl erwarten sollte?
+Dachte er vielleicht noch an die junge Liefländerin, seine Reisegenossin
+während einiger flüchtiger Stunden? Ja! Da er nichts Besseres zu thun
+wußte, dachte er wohl an diese. Kam ihm die Befürchtung an, daß sie in
+dieser geräuschvollen Stadt leicht einem Insulte ausgesetzt sein könnte? –
+Er fürchtete es, und gewiß mit Recht. Hoffte er etwa, ihr zu begegnen und
+im Nothfall sich zu ihrem Beschützer aufzuwerfen? Nein. Eine Begegnung war
+nur schwierig zu erwarten. Und was seinen Schutz betraf ... mit welchem
+Rechte durfte er ihn anbieten?
+
+„Allein, sprach er so für sich hin, allein inmitten dieser Nomaden! Und
+doch verschwinden die jetzigen Gefahren noch gegen die, welche die Zukunft
+birgt. Sibirien! Irkutsk! Das, was ich für Rußland, für den Czaaren wagen
+will, das unternimmt sie für ... Ja, für wen? Für was ... Sie hat einen
+Paß zur Ueberschreitung der Grenze! Und das Land über derselben ist in
+Empörung; Tartarenhorden jagen durch die Steppen!...“
+
+Michael Strogoff blieb einen Augenblick, wie überlegend, stehen.
+
+„Unzweifelhaft, dachte er bei sich, faßte sie den Plan zu dieser Reise vor
+dem Einfalle. Vielleicht weiß sie nicht einmal, was jetzt vorgeht. Doch
+nein, die Kaufleute haben ja vor ihr von den Unruhen in Sibirien
+gesprochen, und sie schien darüber nicht im Mindesten betroffen ... Sie
+verlangte keine näheren Erklärungen ... Aber dann wußte sie davon auch
+schon vorher ... und trotzdem brach sie auf? Das arme Kind! Der Grund
+dieser gefahrvollen Reise muß ein sehr zwingender sein! Doch so
+entschlossen sie auch sein mag – und sie ist es ganz gewiß, – die Kräfte
+werden ihr unterwegs ausgehen, und sie wird, von etwaigen Gefahren und
+Hindernissen ganz zu schweigen, die Anstrengungen einer solchen Reise gar
+nicht zu ertragen im Stande sein!... O, sie wird niemals bis Irkutsk
+gelangen!“
+
+Michael Strogoff ging hierbei immer auf’s Gerathewohl weiter. Bei seiner
+ausreichenden Localkenntniß konnte ihm die Wiederauffindung seiner
+Herberge ja nicht schwer fallen.
+
+Nach einstündigem Umherwandeln setzte er sich von ungefähr auf eine Bank
+an einer Art Holzhütte, die sich inmitten vieler anderer auf einem großen
+Platze erhob.
+
+Etwa fünf Minuten mochten verstrichen sein, als sich eine Hand schwer auf
+seine Schulter legte.
+
+„Was treibst Du hier? rief ihn die rauhe Stimme eines hochgewachsenen
+Mannes an, dessen Annäherung ihm entgangen war.
+
+— Ich ruhe aus, erwiderte Michael Strogoff.
+
+— Hast wohl die Absicht, die ganze Nacht hier auf der Bank zu bleiben?
+fragte der Mann.
+
+— Wenn mir das paßt, gewiß! versetzte Michael Strogoff in einem etwas
+bestimmteren Tone, als er seinem Aeußern, d. h. einem einfachen Kaufmanne,
+entsprach.
+
+— Tritt heran, daß ich Dich erkenne!“
+
+Michael Strogoff, der sich noch rechtzeitig erinnerte, daß er auf keinen
+Fall eine Unklugheit begehen dürfe, wich unwillkürlich aus.
+
+— „Mich hat Keiner nöthig zu erkennen“, erwiderte er.
+
+Ganz ruhig trat er etwa zehn Schritte von dem Anfragenden zurück.
+
+Bei genauerer Betrachtung überzeugte er sich, daß er es mit einer Art
+Zigeuner zu thun hatte, wie man sie häufig bei allen Messen und Märkten
+trifft, und deren Berührung nach keiner Seite hin angenehm ist. Weiter
+erkannte er auch noch trotz der zunehmenden Dunkelheit einen geräumigen
+Wagen, die gewöhnliche Wohnung dieser Zigeuner oder Tsiganen, die sich in
+Rußland überall in Massen umhertreiben, wo einige Kopeken zu erhaschen
+sind.
+
+Der Zigeuner war inzwischen einige Schritte vorgetreten und schickte sich
+eben an, Michael Strogoff weiter auszufragen, als sich die Thür der Bude
+öffnete. Ein Weib, welches kaum zu sehen war, trat rasch heraus und
+eiferte in einem rohen Dialect, den Michael Strogoff als ein Gemisch von
+mongolischer und sibirischer Sprache erkannte:
+
+„Wieder ein Spion! Laß ihn und komm zum Essen. Die ‚Papluka‘(1) wartet.“
+
+Michael Strogoff mußte unwillkürlich lachen, als er diesen Titel hörte,
+er, der vielmehr allen Spionen möglichst auswich.
+
+In derselben Sprache, aber mit wesentlich abweichendem Accente, antwortete
+der Zigeuner einige Worte, etwa des Inhalts:
+
+„Du hast recht, Sangarre; übrigens werden wir morgen weg sein!
+
+— Schon morgen? entgegnete das Weib halblaut und offenbar einigermaßen
+überrascht.
+
+— Ja wohl, Sangarre, bedeutete sie der Zigeuner, morgen, unser Vater
+selbst sendet uns weg ... wohin wir wollen!“
+
+Hiernach zogen sich Beide in die Bude zurück, deren Thür von Innen
+sorgfältig geschlossen wurde.
+
+„Recht nett, sagte sich Michael Strogoff; wenn diese Zigeuner aber hoffen,
+nicht verstanden zu werden, so rathe ich ihnen, sich in meiner Gegenwart
+einer andern Sprache zu bedienen.“
+
+Als geborener Sibirier, der seine ganze frühe Jugend in der Steppe verlebt
+hatte, kannte Michael Strogoff, wie erwähnt, fast alle gebräuchlichen
+Mundarten von der Tartarei bis zum Eismeere. Um die zwischen dem Zigeuner
+und dem Weibe gewechselten Worte selbst bekümmerte er sich blutwenig.
+Welches Interesse konnte er daran haben?
+
+Bei der schon vorgeschrittenen Nachtstunde gedachte er nun auch nach der
+Herberge zurückzukehren, um sich einige Ruhe zu gönnen. Er folgte auf
+seinem Rückwege dem Laufe der Wolga, deren Wasser unter der dunklen Masse
+unzähliger Fahrzeuge fast verschwand. An der Richtung des Flusses erkannte
+er genauer den eben verlassenen Ort. Diese Haufen von Fuhrwerken und Buden
+standen auf eben dem geräumigen Platze, auf dem alljährlich die große
+Messe von Nishny-Nowgorod abgehalten wurde – ein Erklärungsgrund für die
+Anwesenheit einer ganzen Menge von Gauklern und Zigeunern, welche der Wind
+von allen Ecken der Welt her hier zusammengeweht hatte.
+
+Eine Stunde später ruhte Michael Strogoff in etwas unruhigem Schlummer auf
+einem jener russischen Betten, welche dem Ausländer so hart vorkommen, und
+erwachte am andern Morgen, am 17. Juli, bei hellem Tage.
+
+Noch hatte er fünf Stunden in Nishny-Nowgorod auszuhalten, die ihm ein
+Jahrhundert dünkten. Womit konnte er diesen Vormittag anders hinbringen,
+als mit einer Wanderung durch die Straßen wie am Tage vorher? Hatte er
+sein Frühstück verzehrt, seinen Reisesack geschnallt, den Podaroshna von
+der Polizei visirt erhalten, so konnte er sofort abreisen. Er war aber
+nicht der Mann dazu, bei Sonnenschein sich im Bette zu wälzen; deshalb
+stand er auf, kleidete sich an, verbarg den Brief mit dem kaiserlichen
+Siegel sorgsam tief in der inneren Tasche seines Ueberkleides, um welches
+er den Gürtel schnallte. Dann schloß er seinen Reisesack und warf ihn über
+den Rücken. Da er nicht noch einmal nach „Stadt Konstantinopel“
+zurückkehren wollte und an dem Ufer der Wolga zu frühstücken gedachte, um
+nahe dem Dampfschifflandungsplatze zu sein, bezahlte er seine Rechnung und
+verließ das Gasthaus.
+
+Aus übergroßer Sorge begab sich Michael Strogoff nochmals nach den Bureaux
+der Steamer und versicherte sich, daß der „Kaukasus“ zur angegebenen
+Stunde abfahren werde. Da stieg ihm zum ersten Male der Gedanke auf, daß
+die junge Liefländerin, da sie ja ebenfalls über Perm reisen mußte, sich
+höchst wahrscheinlich auch auf dem „Kaukasus“ einschiffen würde, in
+welchem Fall Michael Strogoff sicher mit ihr zusammentreffen mußte.
+
+Die obere Stadt mit ihrem Kreml von zwei Werst Umfang, der dem in Moskau
+übrigens sehr ähnlich ist, erschien damals merkwürdig verödet. Selbst der
+Gouverneur hatte seinen Sitz daselbst nicht mehr. So todt aber die obere
+Stadt war, so belebt war dafür die untere.
+
+Michael Strogoff gelangte, nach Ueberschreitung einer von Kosakenpiquets
+bewachten Schiffbrücke über die Wolga, nach dem nämlichen Platze, wo er am
+Abend vorher den kleinen Auftritt neben der Zigeunerbude erlebt hatte. Die
+Messe von Nishny-Nowgorod, mit der sich nicht einmal die Leipziger Messe
+vergleichen kann, wird ein wenig außerhalb der Stadt abgehalten. Auf
+weiter Ebene jenseits der Wolga erhebt sich der provisorische Palast des
+Generalgouverneurs, in welchem derselbe auf hohen Befehl während der
+ganzen Dauer der Messe seinen Sitz hat, jener Messe, welche Dank den
+Elementen, die auf ihr vertreten sind, eine unaufhörliche Bewachung
+erfordert.
+
+Diese Ebene war jetzt bedeckt mit symmetrisch vertheilten Holzbauten und
+langen, breiten Gängen dazwischen, auf denen die Menschenmenge bequem auf-
+und abfluthen konnte. Eine gewisse Anzahl Buden der verschiedensten Größe
+und Form bildete allemal ein besonderes Quartier für je einen bestimmten
+Handelszweig. Da gab es Quartiere für den Handel mit Eisenwaaren,
+Quartiere für die Rauchwaaren, für Wolle, Holzwaaren, Gewebe, getrocknete
+Fische u. s. w. Manche dieser Bauwerke zeigten sich auch aus dem
+sonderbarsten Materiale errichtet, so die einen aus kleinen Theekistchen
+in Form von Ziegelsteinen, andere aus bruchsteinartig angeordnetem
+Salzfleische; – es galt das als Musterkarte für die Waaren, welche die
+Inhaber der Meßmagazine ihrer Kundschaft anboten. Eine etwas sonderbare,
+fast amerikanische Reclame!
+
+Der Menschenzudrang in diesen Budenreihen, über denen die früh um vier Uhr
+aufgegangene Sonne schon hoch am Himmel stand, war ein ungeheurer. Russen,
+Sibirier, Deutsche, Kosaken, Turkomanen, Perser, Georgier, Griechen,
+Ottomanen, Hindus, Chinesen, eine unentwirrbare Mischung von Europäern und
+Asiaten, – Alles plauderte, erörterte, stritt und feilschte daselbst.
+Träger, Pferde, Kameele, Esel, Boote und Fuhrwerke, was nur je zum
+Waarentransport dienen konnte, war auf und an diesem Meßplatze angehäuft.
+Pelzwerke, Edelsteine, Seidenstoffe, indische Kaschemirs, türkische
+Teppiche, kaukasische Waffen, Gewebe aus Ispahan, Rüstungen aus Tiflis,
+Karawanenthee, europäische Bronzen, Schweizer Uhren, Sammet und Seide aus
+Lyon, englische Baumwollwaaren, Sattler- und Wagenbauerarbeiten, Früchte,
+Gemüse, Mineralien vom Ural, Malachite, Lasursteine, Parfums,
+Arzneipflanzen, Holz, Pech, Tauwerk, Horn, Kürbisse, Wassermelonen u. s.
+w., alle Erzeugnisse Indiens, Chinas, Persiens, die vom Kaspischen und die
+vom Schwarzen Meer, aus Amerika und Europa, waren auf diesem einen Punkte
+der Erde zusammengehäuft.
+
+Das Leben und Treiben, das Toben und Schreien hier spottet jeder
+Beschreibung, denn die Eingeborenen der niederen Klassen sind von Natur
+sehr zum Lärmen geneigt, und die Fremden glaubten ihnen in dieser Hinsicht
+nichts nachgeben zu dürfen. Da waren Kaufleute aus Innerasien, die ein
+ganzes Jahr daran gesetzt hatten, ihre Waaren über die endlosen Ebenen zu
+bringen und welche vor Verlauf eines weiteren Jahres ihre Läden und
+Comptoirs gar nicht wieder sehen konnten. Ja die Bedeutung dieser Messe in
+Nishny-Nowgorod ist so groß, daß der Werth der Handelstransactionen
+daselbst sich auf mindestens hundert Millionen Rubel (= 314 Mill. Mark,
+also 157 Mill. Gulden) beziffert.
+
+Auf den Plätzen zwischen den Quartieren dieser improvisirten Stadt
+tummelten sich eine ganze Menge wandernder Künstler. Seiltänzer und
+Akrobaten betäubten mit dem Spektakel ihrer Orchester und dem Ausrufen
+ihrer Vorstellungen; Zigeuner aus den Gebirgen, welche den gedankenlosen
+Müßiggängern aus dem stets wechselnden Publicum wahrsagten, oder ihre
+ergreifendsten Weisen sangen und ihre originellsten Tänze producirten;
+Schauspieler von auswärtigen Gesellschaften, welche die Dramen
+Shakespeare’s aufführten, aber zugestutzt nach dem Geschmacke der Menge,
+die in hellen Haufen herzuströmte. In den langen Zwischengängen trieben
+sich Bärenführer mit ihren vierbeinigen Künstlern ganz sorglos umher, und
+aus den Menagerien tönten die Schreie der Bestien, wenn sie die scharfe
+Geißel oder das rothglühende Eisen des Thierbändigers in Wuth brachte;
+endlich in der Mitte des großen Centralplatzes, umrahmt von einem
+vierfachen Kreise enthusiastischer Kunstliebhaber, ein Chor „Seeleute der
+Wolga“, die auf dem Boden saßen, wie auf dem Verdeck ihrer Barken, und
+unter dem Taktstocke eines Orchesterdirigenten, eines wirklichen
+Untersteuermanns dieses imaginären Schiffes, gleichzeitig Ruderbewegungen
+nachahmten.
+
+Da, welch’ eigenthümliche und reizende Sitte! Ueber den Köpfen dieses
+Menschenknäuels flogen ganze Wolken von Vögeln aus den Käfigen, in denen
+man sie zu Markte gebracht hatte, davon. Nach einem in Nishny-Nowgorod
+sehr beliebten Gebrauche öffneten die Kerkermeister der Vögel gegen einige
+von gutmüthigen Seelen gespendete Kopeken ihren befiederten Gefangenen die
+Pforten und diese flatterten zu Hunderten mit freudigem Gezwitscher
+hinaus.
+
+Das etwa war das Bild dieses Platzes; so blieb es auch während der sechs
+Wochen, so lange die berühmte Messe zu Nishny-Nowgorod gewöhnlich dauert.
+Nach dieser geräuschvollen Periode erstirbt der ungeheure Lärm wie durch
+einen Zauber; die obere Stadt gewinnt ihren officiellen Charakter wieder,
+die untere versinkt zu ihrer gewöhnlichen Eintönigkeit, und von all’
+diesem ungeheuren Zusammenfluß von Kaufleuten, welcher aus aller Herren
+Ländern in Europa und Asien quillt, bleibt kein einziger Verkäufer zurück,
+der irgend etwas ausböte, noch auch nur ein einziger Einkäufer, der irgend
+etwas zu erhandeln suchte.
+
+Es verdient wohl bemerkt zu werden, daß England und Frankreich bei der
+dermaligen Nishny-Nowgoroder Messe durch zwei hervorragende
+Mustererzeugnisse der modernen Civilisation vertreten waren, – durch die
+Herren Harry Blount und Alcide Jolivet.
+
+Die beiden Correspondenten hatten sich nämlich zunächst hier eingefunden,
+um zum Besten ihrer Leserkreise Eindrücke zu sammeln, und nutzten auch die
+wenigen freien Stunden nach besten Kräften aus, denn sie wollten ebenfalls
+mit dem Dampfer „Kaukasus“ weiter reisen.
+
+Sie begegneten sich gerade auf dem Meßplatze, ohne sonderlich darüber zu
+erstaunen, denn der nämliche Instinct mußte sie ja auf ein und dieselbe
+Spur leiten. Diesmal wechselten sie aber keine Silbe mit einander, sondern
+beschränkten sich auf eine gegenseitige, etwas kühle Begrüßung.
+
+Alcide Jolivet, ein Optimist von Haus aus, glaubte zu finden, daß hier
+Alles nach Wunsch und Ordnung gehe, und da der Zufall ihm ein gutes
+Unterkommen und schmackhafte Tafel bescheert hatte, bereicherte er sein
+Notizbuch um einige für die Stadt Nishny-Nowgorod sehr empfehlende
+Anmerkungen.
+
+Harry Blount dagegen, der erst lange Zeit nach einem Abendbrode
+umhergetrollt war, hatte endlich gar unter freiem Himmel übernachten
+müssen. Er sah demnach Alles von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus und
+überlegte sich schon einen geharnischten Artikel über die Stadt, in der
+die Hôteliers die Reisenden von der Thür wiesen, welche doch bereit waren,
+sich „moralisch und physisch mißhandeln zu lassen.“
+
+Michael Strogoff schien, als er so die eine Hand in der Tasche und mit der
+andern eine lange Pfeife mit Vogelkirschbaumrohr hielt, der
+gleichgiltigste und am mindesten ungeduldige von Allen. Indeß hätte es ein
+feinerer Beobachter an dem leichten Runzeln seiner Brauen wohl erkannt,
+daß er an seinem Zaume nagte.
+
+Schon seit etwa zwei Stunden ging er zwecklos durch die Straßen der Stadt,
+um immer wieder nach dem Meßplatze zurückzukehren. Als er sich da so durch
+die Menge wand, bemerkte er an allen Kaufleuten aus den benachbarten
+asiatischen Ländern eine offenkundige Unruhe. Die Geschäfte lahmten
+sichtlich. Zwar setzten die verschiedenen Taschenspieler, Seiltänzer und
+Equilibristen ihr Geschrei keineswegs aus; das begreift sich wohl, da sie
+ja mit keinem Risico bei irgend einer Speculation betheiligt waren; die
+Händler aber zauderten, sich mit den Kaufleuten aus Central-Asien
+einzulassen, deren Heimat durch den Tartarenangriff bedroht erschien.
+
+Hier noch ein anderes Symptom, welches nicht mindere Beachtung verdiente.
+In Rußland erblickt man den Soldaten überall. Die Mitglieder des Heeres
+mischen sich mit Vorliebe unter die Menge, und vor Allem finden die
+Polizeibeamten gerade zur Zeit der Messe zu Nishny-Nowgorod eine allzeit
+bereite Hilfe an den zahlreichen Kosaken, welche mit der Lanze auf der
+Schulter für Aufrechterhaltung der Ordnung unter dieser Masse von 300,000
+Fremdlingen sorgen.
+
+Heute fehlte es auf dem Meßplatze sichtlich an Soldaten, an Kosaken wie an
+anderen. Ohne Zweifel blieben sie im Hinblick auf ein plötzliches
+Ausrücken in ihren Kasernen consignirt.
+
+Wenn aber keine Soldaten zu sehen waren, so lag das doch anders bezüglich
+der Officiere. Schon seit dem Tage vorher flogen die Feldjäger und
+Adjutanten aus dem Palaste des Gouverneurs nach allen Richtungen der
+Windrose. Ueberall verrieth sich eine ungewöhnliche Bewegung, welche man
+sich allein durch den Ernst der Ereignisse erklären konnte. Die Stafetten
+jagten einander auf den Straßen der Provinz, sowohl in der Richtung von
+Wladimir, als nach dem Ural zu. Zwischen Moskau und St. Petersburg
+wechselten die Telegramme unaufhörlich. Die Lage Nishny-Nowgorods, unfern
+der sibirischen Grenze, erheischte offenbar durchgreifende
+Vorsichtsmaßregeln. Man durfte nicht vergessen, daß die Stadt im 14.
+Jahrhundert zweimal von den Vorfahren jener Tartaren eingenommen worden
+war, welche Feofar-Khan’s Ehrgeiz jetzt durch die Kirghisensteppen jagte.
+
+Eine andere hohe Person, den Polizeipräfecten, drückte die Last der
+Geschäfte nicht weniger, als den Generalgouverneur. Seine Beamten und er
+selbst, denen es oblag, Ordnung zu erhalten, Beschwerden entgegen zu
+nehmen, die Ausführung aller Reglements zu überwachen, kamen nicht dazu,
+die Hände in den Schooß zu legen. Die Tag und Nacht geöffneten Räume des
+Polizeiamtes waren unaufhörlich belagert, ebenso von Einwohnern der Stadt,
+wie von Fremden aus Europa und Asien.
+
+Michael Strogoff befand sich gerade auf dem großen Mittelplatze, als sich
+das Gerücht verbreitete, der Polizeipräfect sei soeben durch Estafette zum
+Generalgouverneur berufen worden. Eine wichtige, von Moskau eingegangene
+Depesche solle die Veranlassung hierzu sein.
+
+Der Chef der Polizei begab sich also nach dem Palaste des
+Generalgouverneurs, und bald circulirte auch die Neuigkeit, wie in Folge
+einer allgemeinen Ahnung, daß eine eingreifende, ganz unerwartete und
+außergewöhnliche Maßnahme in Aussicht stehe.
+
+Michael Strogoff lauschte auf das Gerücht, um im Nothfall davon Nutzen zu
+ziehen.
+
+„Man will die Messe schließen! rief der Eine.
+
+— Das Regiment Nishny-Nowgorod hat den Befehl zum Ausrücken erhalten!
+meinte ein Anderer.
+
+— Man sagt, die Tartaren bedrohen schon Tomsk!
+
+— Da kommt der Polizeipräfect!“ scholl es von allen Seiten.
+
+Ein wüstes Geschrei hatte sich plötzlich erhoben, legte sich dann allmälig
+und machte einer lautlosen Stille Platz. Jeder fühlte, daß jetzt eine
+wichtige Mittheilung seitens des Generalgouvernements erfolgen werde.
+
+Der Chef der Polizei hatte eben, gefolgt von einem Troß Beamter, den
+Palast des Regierungsstellvertreters verlassen. Eine Abtheilung Kosaken
+begleitete ihn und brach ihm durch rücksichtslos ausgetheilte und geduldig
+hingenommene Rippenstöße Bahn durch die Menge.
+
+Der Polizeipräfect gelangte so nach der Mitte des centralen Platzes, wo
+Jedermann sehen konnte, daß er ein Papier in der Hand hielt.
+
+Dort angekommen, verlas er mit lauter Stimme:
+
+ _Verordnung des Gouverneurs von Nishny-Nowgorod._
+
+„1) Kein russischer Unterthan darf, es sei aus welchem Grunde es wolle,
+das Land verlassen.
+
+„2) Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden
+das Land zu verlassen.“
+
+
+
+
+ Sechstes Capitel.
+
+
+ Bruder und Schwester.
+
+
+In viele Privatinteressen mochten diese Verordnungen sehr unangenehm
+eingreifen; die Umstände rechtfertigten sie gewiß vollkommen.
+
+„Kein russischer Unterthan darf das Land verlassen“ – wenn sich Iwan
+Ogareff jetzt noch hier aufhielt, mußte er verhindert oder es ihm
+mindestens ungemein erschwert werden, sich Feofar-Khan wieder
+anzuschließen, womit Letzterem der beachtenswertheste Unterbefehlshaber
+entzogen wurde.
+
+„Alle Fremden asiatischer Herkunft haben binnen vierundzwanzig Stunden das
+Land zu verlassen“; damit schaffte man sich gründlich alle jenen Händler
+aus Innerasien vom Halse, alle Zigeuner und anderes Gesindel, welches mit
+den Tartaren und Mongolen mehr oder weniger verwandt ist und das die Messe
+hier zusammengehäuft hatte. So viele Köpfe, so viele Spione; ohne Zweifel
+erschien ihre Vertreibung bei der jetzigen Sachlage dringend angezeigt.
+
+Man begreift aber leicht den Eindruck dieser beiden Donnerschläge, welche
+auf die Stadt Nishny-Nowgorod niederfielen, die von denselben offenbar
+empfindlicher als jede andere getroffen wurde.
+
+Einheimische, deren Geschäftsangelegenheiten sie vielleicht über die
+sibirische Grenze gerufen hätten, konnten das Land also nicht verlassen,
+mindestens für den Augenblick nicht. An dem Tenor des ersten Artikels der
+Verordnung war nichts zu deuteln. Er gestattete keine Ausnahme. Jedes
+Privatinteresse mußte dem öffentlichen Wohle weichen.
+
+Auch der zweite Artikel der Verordnung ließ keinen Zweifel übrig. Er bezog
+sich nur auf diejenigen Fremden, welche asiatischen Ursprungs waren; diese
+hatten auch nichts anderes zu thun, als sofort ihre Waaren zu packen und
+des Wegs zu ziehen, auf dem sie gekommen. Für die Seiltänzer und derlei
+Volk, welche mehr als tausend Werst bis zur Grenze zurückzulegen hatten,
+erschien der Befehl als ein wahres Unglück.
+
+Zwar erhob sich zuerst gegen diese unerhörten Maßregeln ein Murmeln der
+Entrüstung, die Kosaken und Polizisten wußten dasselbe aber bald zum
+Schweigen zu bringen.
+
+Fast augenblicklich begann nun, was man etwa die Abrüstung dieses
+ungeheuren Lagers nennen könnte. Die vor und über den Buden ausgespannten
+Planen falteten sich zusammen; die fremden Theater gingen in Stücke; Tänze
+und Gesänge hörten auf; die Ausrufer verstummten; die Feuer verloschen;
+die Seile der Equilibristen glitten herab; die abgetriebenen alten Pferde
+der wandelnden Wohnungen kamen aus den Ställen wieder an die Deichseln.
+Beamte und Soldaten mit der Knute oder einem Stocke in der Hand trieben
+die Säumigen an und zögerten sogar nicht, die Zelte gleich selbst
+abzureißen, wenn sich auch die halbzerlumpten Insassen noch darin
+befanden. Offenbar mußte unter dem Einflusse dieser Maßregeln der Meßplatz
+von Nishny-Nowgorod bald vollständig geräumt sein, und dem geräuschvollen
+Leben das Schweigen der Wüste folgen.
+
+Und – um es noch einmal zu wiederholen, denn darin lag eine weitere
+Erschwerung bei dieser Verordnung – allen jenen Nomaden, welche der
+Ausweisungsbefehl direct anging, waren selbst die Steppen Sibiriens
+verboten, und diese mußten sich nach dem Süden des Kaspischen Meeres, nach
+Persien, der Türkei oder nach Turkestan wenden. Die Posten des Ural und
+der Berge, welche gewissermaßen eine Verlängerung dieses Flusses längs der
+russischen Grenze darstellten, hätten ihnen den Uebertritt verwehrt. Sie
+hatten also eine Strecke von tausend Werst zu durchziehen, bevor sie den
+Fuß auf freien Boden setzen konnten.
+
+Eben als der Polizeipräfect jene Verordnung verlesen hatte, wurde Michael
+Strogoff durch eine Erinnerung, welche sich seiner bemächtigte, sonderbar
+erregt.
+
+„Ein ungewöhnlicher Zufall! dachte er. Welche Uebereinstimmung zwischen
+dieser Verordnung bezüglich der Vertreibung der Fremden von asiatischer
+Herkunft und den in vergangener Nacht von den beiden Tsiganen gewechselten
+Worten! ‚Der Vater selbst ist es, der uns wegschickt ... wohin wir
+wollen‘, hatte der Alte gesagt. Aber ‚der Vater‘, das ist der Kaiser! Man
+bezeichnet ihn bei diesem Volke niemals anders. Wie konnten diese Leute
+die gegen sie ergriffenen Maßregeln voraussehen, so als hätten sie
+dieselben gekannt, und wohin wollten sie nun ziehen? Das scheinen mir
+verdächtige Leute, denen gegenüber die Verordnung des Generalgouverneurs
+weit mehr nützlich als schädlich sein wird.“
+
+Diese ganz zeitgemäße Reflexion wurde aber in Michael Strogoff’s Geist
+durch eine andere Gedankenreihe, welche sich plötzlich ihm aufdrängte,
+bald unterbrochen. Er vergaß die Tsiganen, ihre verdächtigen Aeußerungen,
+die sonderbare Uebereinstimmung mit dem Inhalte der Verordnung ... dafür
+trat das Bild und das Schicksal der jungen Liefländerin lebhaft vor sein
+Auge.
+
+„Das arme Kind! rief er ganz wider Willen, nun wird sie die Grenze nicht
+überschreiten können!“
+
+In der That, das junge Mädchen aus Riga war ja Liefländerin, also Russin
+und durfte demnach das russische Gebiet nicht verlassen. Ihr vor diesen
+neuesten Maßregeln ausgestellter Schein konnte jetzt unmöglich noch
+Giltigkeit haben. Alle Wege nach Sibirien wurden ihr nun unerbittlich
+verschlossen, und welche Ursache sie auch haben mochte, sich nach Irkutsk
+zu begeben, jetzt mußte es ihr unmöglich werden, dasselbe zu erreichen.
+
+Dieser Gedankengang beschäftigte Michael Strogoff nicht wenig. Er sagte
+sich zuerst so ganz oben hin, daß er, ohne bezüglich der wichtigen ihm
+anvertrauten Mission etwas zu verletzen, vielleicht im Stande sein könnte,
+dem guten Kinde einigermaßen behilflich zu sein, und er freute sich fast
+über diese Idee. Bekannt mit den Gefahren, denen er persönlich entgegen
+ging, konnte er, der energische und kraftvolle Mann, gar nicht verkennen,
+daß dieselben in einem Lande, dessen Wege und Stege er zwar aus dem Grunde
+kannte, für jenes junge Mädchen doch ungleich furchtbarer werden mußten.
+Da er sich nach Irkutsk begab, hatte er ja denselben Weg vor sich, wie
+Jene; auch sie würde durch die Horden der Feinde zu dringen suchen müssen,
+wie er es selbst versuchen wollte. Wenn ihr, wie höchst wahrscheinlich,
+nur die für eine Reise unter gewöhnlichen Umständen berechneten
+Hilfsmittel zu Gebote standen, wie sollte sie damit unter Verhältnissen
+auskommen, welche eine solche Reise nicht nur weit gefährlicher, sondern
+auch weit kostspieliger machten?
+
+„Nun gut, schloß er seine Selbstbetrachtung, da sie den Weg nach Perm
+einschlägt, ist es ja fast unmöglich, daß ich ihr nicht begegnen sollte.
+Dann werde ich über sie wachen können, ohne daß sie es weiß, und da sie es
+nicht minder eilig als ich zu haben scheint, nach Irkutsk zu gelangen,
+wird sie mir keine Ursache zur Verzögerung werden.“
+
+Doch ein Gedanke erzeugt ja immer einen andern. Michael Strogoff hatte bis
+jetzt nichts anderes im Sinne gehabt, als ein gutes Werk zu thun, einen
+Liebesdienst zu erweisen. Da kam ihm plötzlich ein anderer Gedanke, der
+die ganze Frage in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen ließ.
+
+„Ja, sagte er sich, ich könnte ihrer vielleicht doch noch mehr nöthig
+haben, als sie meiner Hilfe. Ihre Gegenwart kann mir nicht unnützlich sein
+und wird dazu beitragen, jeden Verdacht wegen meiner Person zu zerstreuen.
+Unter einem Manne, der ganz allein durch die Steppen zieht, könnte man
+weit eher einen Courier des Czaaren vermuthen. Begleitete mich dagegen
+jenes junge Mädchen, so müßte ich ja in aller Augen weit mehr als der
+Kaufmann Nicolaus Korpanoff meines Podaroshna erscheinen. Nun wohl, sie
+muß mich also begleiten, ich muß sie wiederfinden! Unmöglich kann sie sich
+seit gestern Abend einen Wagen verschafft haben, um Nishny-Nowgorod zu
+verlassen. Ich will sie suchen, und Gott leite meine Schritte!“
+
+Michael Strogoff verließ den großen Platz, wo der durch die Ausführung
+jener Verordnung erzeugte Tumult eben den höchsten Grad erreicht hatte.
+Die Einsprüche der vertriebenen Fremden, das Rufen der Agenten und der
+Kosaken, welche sich einmengten, mischte sich zu einem unbeschreiblichen
+Getöse. Hier konnte sich die Gesuchte unmöglich aufhalten.
+
+Es war jetzt neun Uhr Morgens. Der Dampfer sollte erst zu Mittag abgehen.
+Michael Strogoff konnte also wohl zwei Stunden verwenden, diejenige zu
+suchen, welche er so dringend als Begleiterin auf seiner Reise wünschte.
+
+Von Neuem überschritt er die Wolga und lief durch die Quartiere am anderen
+Ufer, wo die Menschenmenge minder beträchtlich war. Er durchforschte, man
+konnte sagen, Straße für Straße, die obere und die untere Stadt. Er trat
+in die Kirchen, jener natürliche Zufluchtsort aller Weinenden und
+Leidenden. Nirgends traf er auf eine Spur der jungen Liefländerin.
+
+„Und dennoch, redete er sich ein, kann sie Nishny-Nowgorod nicht verlassen
+haben. Ich muß weiter suchen!“
+
+So irrte Michael Strogoff zwei Stunden lang umher. Er eilte weiter ohne
+auszuruhen, er empfand keine Ermüdung, er gehorchte einem ihn ganz
+beherrschenden Gefühle, das ihm keine Zeit ließ, lange nachzudenken. Alles
+vergeblich!
+
+Da fiel ihm ein, daß das junge Mädchen vielleicht noch ohne alle Kenntniß
+war von der ergangenen Verordnung, – zwar ein unwahrscheinlicher Umstand,
+denn ein solcher Blitzschlag konnte sich gar nicht entladen, ohne von
+Allen gehört zu werden. Da sie ein offenbares Interesse haben mußte an
+Allem, was Sibirien betraf, wie hätten ihr die Maßnahmen des Gouverneurs
+entgehen können, Maßnahmen, welche ihr so direct angingen?
+
+Kannte sie dieselben indessen nicht, so mußte sie ja in wenig Stunden nach
+dem Landungsplatze kommen, wo ein unbarmherziger Beamter schon ihre
+Weiterreise hindern werde. Unbedingt mußte Michael Strogoff sie noch
+vorher sehen und sprechen, um mit seiner Hilfe diesem Schachzuge zu
+entgehen.
+
+Doch alle Nachforschungen schienen vergeblich, und schon gab er alle
+Hoffnung auf, sie je wieder zu finden.
+
+Die elfte Stunde kam heran. Michael Strogoff dachte daran, – was unter
+anderen Verhältnissen ganz unnöthig gewesen wäre, seinen Podaroshna im
+Bureau der Polizei zu präsentiren. Die Verordnung konnte ihn offenbar
+nicht treffen, da dieser Fall für ihn vorhergesehen war; aber er wollte
+sich überzeugen, daß seinem Austritt aus der Stadt nichts im Wege stehe.
+
+Der Courier mußte deshalb nach der andern Seite des Flusses zurückkehren,
+nach dem Quartiere, in dem sich die Bureaux des Polizeipräfecten zur Zeit
+befanden.
+
+Dort war ein großer Zusammenfluß von Menschen, denn wenn die Ausländer
+auch den Befehl erhalten hatten, die Provinzen zu verlassen, so ersparte
+ihnen das doch keineswegs gewisse Formalitäten vor der Abreise. Ohne dem
+hätte auch jeder bei dem Tartareneinfalle mehr oder weniger betheiligte
+Russe unter dem Schutze einer beliebigen Verkleidung das Land verlassen
+können, was die Verordnung ja gerade verhindern wollte. Man wies mit einem
+Worte die Leute fort, zwang sie aber auf der anderen Seite, sich die
+Erlaubniß zur Abreise erst zu beschaffen.
+
+Der Hof und die Bureaux des Polizeiamtes waren also von Gauklern,
+Bänkelsängern, Zigeunern und Tsiganen, außer diesen aber von Kaufleuten
+aus Persien, der Türkei, Turkestan und China buchstäblich vollgepfropft.
+
+Jeder beeilte sich, da die Transportmittel bei dieser Masse Ausgetriebener
+bald mangeln mußten, so daß Säumige leicht in die Lage kommen konnten, die
+festgesetzte Frist zu überschreiten und in Folge dessen sich einer
+brutalen Intervention der Beamten des Gouverneurs auszusetzen.
+
+Michael Strogoff vermochte, Dank seiner kräftigen Ellenbogen, durch den
+Hof zu dringen. Aber in die Expeditionen und bis zu den Schaltern der
+Beamten zu gelangen, das war ein weit schwereres Stück Arbeit. Indessen
+ein Wort, das er einem Inspector in’s Ohr flüsterte, und einige
+rechtzeitig in dessen Hand gedrückte Rubel besaßen die Macht, ihm den
+Durchgang zu erzwingen.
+
+Nachdem er den Courier in einen Wartesaal geleitet, meldete ihn der Agent
+bei einem Oberbeamten an.
+
+Michael Strogoff mußte also mit der Polizei bald in Ordnung und frei in
+seinen Bewegungen sein.
+
+Inzwischen sah er sich von ungefähr etwas um. Und was erblickte er?
+
+Da, mehr hingesunken als sitzend auf einer Bank ein junges Mädchen, ein
+Opfer der stummen Verzweiflung, deren Gesicht er nicht einmal ganz sehen
+konnte, da sich nur das Profil desselben von der weißgetünchten Mauer
+abhob.
+
+Michael Strogoff täuschte sich nicht; er hatte die junge Liefländerin
+wieder erkannt.
+
+Unbekannt mit der Verordnung des Gouverneurs war sie nach der Polizei
+gekommen, ihren Schein visiren zu lassen!... Man hatte ihr das Visum
+versagt. Ohne Zweifel war sie legitimirt, nach Irkutsk zu reisen, jene
+Verordnung war aber einmal bekannt gegeben, sie machte alle früher
+ausgestellten Legitimationen ungiltig und verschloß alle Wege nach
+Sibirien.
+
+Michael Strogoff, in seiner Freude sie endlich wieder gefunden zu haben,
+näherte sich dem jungen Mädchen.
+
+Diese sah ihn einen Moment an, und über ihr Gesicht flog ein leichter
+Schimmer, als sie den Reisegefährten wieder erkannte. Sie erhob sich fast
+instinctmäßig und wollte, so wie ein Schiffbrüchiger sich an jedes
+Trümmerstück klammert, ihn um seine Hilfe ansprechen ...
+
+In diesem Augenblick berührte der Agent Michael Strogoff’s Schulter.
+
+„Der Polizeipräfect erwartet Sie, sagte er.
+
+— Gut“, erwiderte Michael Strogoff.
+
+Und ohne ein Wort zu Der zu sprechen, welche er so lange in der ganzen
+Stadt gesucht hatte, ohne sie durch irgend eine Bewegung, welche ihn
+selbst oder auch sie hätte compromittiren können, zu beruhigen, folgte er
+dem Agenten durch die gedrängten Massen.
+
+Als die junge Liefländerin Den verschwinden sah, von dem sie allein einige
+Unterstützung erwartet hätte, sank sie auf die Bank zurück.
+
+Kaum drei Minuten verstrichen, als Michael Strogoff in Begleitung eines
+Agenten wieder im Saale erschien.
+
+In der Hand hielt er seinen Podaroshna, der ihm den Weg nach Sibirien
+öffnete.
+
+Er ging auf die junge Liefländerin zu, streckte ihr die Hand entgegen und
+sagte:
+
+„Schwester ...!“
+
+Sie verstand ihn; sie erhob sich, als ob eine plötzliche Eingebung ihr
+nicht erlaubte, zu zaudern.
+
+„Sei ruhig, Schwester, wiederholte Michael Strogoff, wir sind autorisirt,
+unsere Reise nach Irkutsk fortzusetzen. Kommst Du?
+
+— Ich folge Dir, Bruder“, antwortete das junge Mädchen und legte ihre Hand
+in die Michael Strogoff’s.
+
+Sofort verließen Beide das Gebäude des Polizeiamtes.
+
+
+
+
+ Siebentes Capitel.
+
+
+ Auf der Wolga stromabwärts.
+
+
+Kurz vor zwölf Uhr rief die Glocke des Dampfbootes zu dem Landungsplatze
+an der Wolga eine große Menschenmenge zusammen, weil sich daselbst nicht
+nur Die einfanden, welche wirklich abreisten, sondern auch Die, welche
+hatten abreisen wollen. Die Kessel des „Kaukasus“ besaßen schon
+hinreichende Dampfspannung. Ueber dem Schlote kräuselten sich nur leichte
+Rauchwirbel, während aus dem Dampfrohre und um die Sicherheitsventile der
+weiße Dampf brodelte.
+
+Selbstverständlich überwachte die Polizei die Abfahrt des Steamers und
+schritt unerbittlich gegen die Reisenden ein, welche sich nicht als
+ausreichend legitimirt zum Verlassen der Stadt erwiesen.
+
+Zahlreiche Kosaken ritten den Kai auf und ab, bereit die Polizeiagenten zu
+unterstützen; nirgends machte sich indessen ihre Intervention nöthig und
+Alles verlief ohne offenen Widerstand.
+
+Rechtzeitig ertönte das letzte Glockensignal; die Taue wurden gelöst, die
+mächtigen Räder des Dampfers peitschten das Wasser mit ihren beweglichen
+Schaufeln, und schnell glitt der „Kaukasus“ zwischen den beiden
+Stadttheilen, welche Nishny-Nowgorod bilden, dahin.
+
+Michael Strogoff und die junge Liefländerin hatten sich mit eingeschifft
+und waren ohne Schwierigkeiten an Bord gekommen. Man erinnert sich, daß
+der auf den Namen Nicolaus Korpanoff ausgestellte Podaroshna den Kaufmann
+berechtigte, sich auf der Reise durch Sibirien begleiten zu lassen. Unter
+dem Schutze der kaiserlichen Polizei reisten hier also Bruder und
+Schwester.
+
+Still saßen Beide auf dem Hinterdeck und sahen die durch den Erlaß des
+Gouverneurs so aufgeregte Stadt ihren Augen entfliehen.
+
+Michael Strogoff hatte kein Wort zu dem jungen Mädchen gesprochen, keine
+Frage an sie gestellt. Er wartete es ab, daß sie reden würde, wenn es ihr
+passend erschien. Ihr war es ja von Wichtigkeit, diese Stadt zu verlassen,
+in der sie ohne das wunderbare Dazwischentreten ihres unerwarteten
+Beschützers gefangen zurückgeblieben wäre. Sie sprach zwar nicht, aber
+ihre Augen dankten ihm.
+
+Die Wolga, die Rha der Alten, wird für den bedeutendsten Strom ganz
+Europas gehalten, und es erstreckt sich ihr Lauf auf nicht weniger als
+4000 Werst (= 4300 Kilom.). Das etwas ungesunde Wasser derselben wird bei
+Nishny-Nowgorod durch die Einmündung der Oka, eines schnell fließenden
+Nebenstromes aus den mittelrussischen Provinzen, wesentlich verbessert.
+
+Man hat die Gesammtheit der Kanäle und Wasserläufe Rußlands mit einem
+riesigen Baume verglichen, dessen Zweige sich in allen Theilen des
+Czaarenreiches verästeln. Die Wolga ist es, welche den Stamm dieses Baumes
+darstellt, den Stamm, der seinerseits wiederum mit siebenzig Mündungen in
+dem Küstengebiete des Kaspischen Meeres wurzelt. Sie ist von Rjef, einer
+Stadt im Gouvernement Tver, aus, d. h. im größten Theile ihres Laufes
+schiffbar.
+
+Die Schiffe der Speditions-Gesellschaft zwischen Perm und Nishny-Nowgorod
+legen die 350 Werst (373 Kilom.) lange Strecke zwischen letzterer Stadt
+und Kasan sehr schnell zurück. Freilich laufen die Dampfer dabei mit der
+Strömung, die ihrer eigenen Schnelligkeit noch mit zwei Meilen per Stunde
+zu Hilfe kommt. Erreichen sie aber die Einmündung der Kama, so vertauschen
+sie den Strom mit diesem Flusse, den sie dann bis Perm stromaufwärts
+fahren müssen. Alles in Allem gerechnet und trotz seiner mächtigen
+Maschine konnte der „Kaukasus“ nicht mehr als sechzehn Werst in der Stunde
+zurücklegen. Bei nur einstündigem Aufenthalt in Kasan nahm die Fahrt von
+Nishny-Nowgorod bis Perm doch sechzig bis zweiundsechzig Stunden in
+Anspruch.
+
+Der Steamer besaß übrigens sehr bequeme Einrichtungen für die Passagiere,
+welche je nach Gefallen oder nach ihren Mitteln in drei verschiedenen
+Klassen befördert wurden. – Michael Strogoff hatte zwei Cabinen erster
+Klasse belegt, um seiner Begleiterin zu gestatten, sich in die ihrige
+zurück zu ziehen und allein zu sein, soviel es ihr beliebte.
+
+Heut war der „Kaukasus“ von Passagieren aller Art überfüllt. Eine große
+Anzahl asiatischer Handelsleute mochten es für gerathen erachtet haben,
+Nishny-Nowgorod mit erster Gelegenheit zu verlassen. In der für die erste
+Klasse reservirten Abtheilung des Dampfers begegnete man Armeniern in
+langen Gewändern und einer Mitra ähnlichen Kopfbedeckungen, – Juden, mit
+ihren hohen, konischen Mützen, – reichen Chinesen in Landestracht, mit
+sehr weitem, blauem, violettem oder auch schwarzem, an der Vorder- und
+Rückseite offenem Oberkleide und bedeckt von einem zweiten, weitärmeligen
+Ueberwurf, der in seinem Schnitte an den Talar der Popen erinnerte, –
+Türken mit dem nationalen Turban, – Indier mit viereckiger Mütze, einem
+einfachen Stricke als Gürtel, von denen einige Stämme, vorzüglich aber die
+Shikapuris, den ganzen Handel Centralasiens in der Hand haben, – endlich
+Tartaren mit buntgestickten Stiefeln und über der Brust reichverzierten
+Kleidern. Diese Kaufleute alle mußten im Schiffsraume oder auf dem Verdeck
+ihr umfängliches Gepäck unterbringen, dessen Transport ihnen gewiß theuer
+zu stehen kam, da sie vorschriftsmäßig nur zwanzig Pfund Freigepäck
+mitführen durften.
+
+Im Vordertheile des „Kaukasus“ befanden sich noch weit zahlreichere
+Passagiere, nicht allein Ausländer, sondern auch Russen, denen die
+Verordnung nach den Heimatsstädten der Provinz zurückzukehren nicht
+verbot.
+
+Dort saßen oder standen Mujiks umher mit Kappen oder Mützen auf dem Kopfe,
+bekleidet mit einer Art Hemd aus kleinquarrirtem Stoffe unter dem Pelze;
+Bauern aus den Wolgadistricten, die blauen Beinkleider in den Stiefeln,
+das Hemd von röthlichem Baumwollengewebe mit einem Strick gegürtet, und
+mit flacher Kappe oder Filzmütze. Einige Frauen in geblümten
+Baumwollkleidern trugen Schürzen mit möglichst lebhaften Farben und
+grellroth gemusterte Tücher um den Kopf. Hieraus setzten sich meist die
+Passagiere der dritten Klasse zusammen, welche die Aussicht auf eine
+langdauernde Rückfahrt nicht sonderlich zu belästigen schien. Jedenfalls
+war dieser Theil des Decks dicht mit Menschen besetzt. Die Insassen des
+Hinterdecks vermieden es auch, sich unter Jene zu mischen, deren Bereich
+übrigens durch Bezeichnung auf den Klappen der Luken begrenzt war.
+
+Mit der vollen Kraft seiner Schaufeln eilte der „Kaukasus“ indessen
+zwischen den Ufern der Wolga dahin. Er kreuzte sich mit vielen durch
+Remorqueure stromaufwärts geschleppten Booten, welche noch allerlei Waaren
+nach Nishny-Nowgorod beförderten. Dann schwammen Holzflöße daher, so lang
+wie die unmeßbaren Sargassobündel im Atlantischen Ocean, und bis zum
+Versinken beladene Flachschiffe, die bis zum Dahlbord im Wasser gingen.
+Uebrigens sehr unnütze Waarentransporte, insofern ja die Messe bald nach
+ihrem Anfang plötzlich geschlossen worden war.
+
+Die von dem Wellenschlage des Dampfers überspülten Ufer der Wolga zeigten
+sich mit großen Entenschwärmen besetzt, welche mit betäubendem Geschnatter
+aufflogen. Darüber hinaus weideten auf den dürren, von Birken, Weiden und
+Espen umrahmten Ebenen einzelne rothbraune Kühe, Heerden von Schafen mit
+bräunlichem Fell und ganze Haufen von weißen und schwarzen Schweinen und
+Ferkeln. Einige mit magerem Buchweizen oder dürftigem Korn bestandene
+Felder dehnten sich bis über kleine Landerhebungen aus, welche indeß
+nirgends eine bemerkenswerthe Aussicht bildeten. In diesen einförmigen
+Landstrichen hätte der Stift des Zeichners, wenn er pittoreske Bilder
+suchte, gewiß nichts zu thun gefunden.
+
+Zwei Stunden nach der Abfahrt des „Kaukasus“ wandte sich die junge
+Liefländerin an Michael Strogoff und fragte:
+
+„Du gehst nach Irkutsk, Bruder?
+
+— Ja, Schwester, erwiderte der junge Mann. Wir haben Beide den nämlichen
+Weg. Wo ich hindurchkomme, wirst auch Du hindurchkommen.
+
+— Morgen, Bruder, sollst Du erfahren, warum ich die Küste der Ostsee
+verließ, um nach jenseits der Berge des Ural zu ziehen.
+
+— Ich frage nach Nichts, Schwester.
+
+— Du sollst Alles wissen, antwortete das junge Mädchen, auf deren Lippen
+ein schmerzliches Lächeln spielte. Eine Schwester darf ihrem Bruder nichts
+verheimlichen. Heute könnte ich aber nicht!... Die Anstrengung, die
+Verzweiflung haben meine Kräfte verzehrt.
+
+— Willst Du in Deiner Cabine ausruhen? fragte Michael Strogoff.
+
+— Ja ... ja ... und morgen ...
+
+— So komm ...!“
+
+Er brach den Satz ab, so als hätte er ihn mit dem ihm noch unbekannten
+Namen seiner Begleiterin schließen wollen.
+
+„Nadia, sagte sie und reichte ihm die Hand.
+
+— Komm, Nadia, und verfüge über Deinen Bruder Nicolaus Korpanoff ohne alle
+Umstände.“
+
+Er geleitete das junge Mädchen nach ihrer Cabine nahe dem Salon des
+Hintertheils.
+
+Michael Strogoff kehrte nach dem Deck zurück und mischte sich, begierig zu
+hören, doch ohne sich an den Gesprächen zu betheiligen, unter die Gruppen
+der Passagiere, aus deren Worten er Das oder Jenes zu vernehmen hoffte,
+was seine Reiseprojecte vielleicht zu beeinflussen im Stande wäre. Sollte
+er zufällig selbst gefragt und zu einer Antwort genöthigt werden, so
+wollte er sich für den Kaufmann Nicolaus Korpanoff ausgeben, den der
+„Kaukasus“ nur nach der Grenze zurücktrug, denn Niemand sollte vermuthen,
+daß ihn eine specielle Mission berechtigte, nach Sibirien zu reisen.
+
+Die Ausländer auf dem Dampfer konnten offenbar nur von den
+Tagesereignissen, jener Verordnung und ihren Folgen, sprechen. Die armen
+Leute, welche kaum die Strapazen einer Reise durch das innere Asien hinter
+sich hatten, sahen sich gezwungen, wieder umzukehren, und wenn sie ihrem
+Zorn nicht in lautem Ausbruche Luft machten, so lag die Ursache nur darin,
+daß sie das nicht wagten. Eine respectvolle Furcht hielt sie zurück.
+Möglicher Weise befanden sich zur Ueberwachung der Reisenden auch auf dem
+„Kaukasus“ geheime Polizisten; da galt es, die Zunge im Zaum zu halten,
+denn diese Austreibung war der Einsperrung in einer Festung doch immer
+noch vorzuziehen. Deshalb schwiegen auch die meisten Gruppen oder
+flüsterten sich die Worte gegenseitig nur so vorsichtig zu, daß daraus im
+Zusammenhange nichts zu entnehmen war.
+
+Konnte Michael Strogoff aber von dieser Seite nichts vernehmen, oder
+schwiegen die Leute wohl auch ganz und gar – denn man kannte ihn ja nicht,
+– so traf sein Ohr dafür der Laut einer Stimme, welche ziemlich unbesorgt
+zu sein schien, ob sie gehört wurde oder nicht.
+
+Der Mann mit der hellen Stimme sprach russisch, aber mit fremdem Accente,
+und sein mehr zugeknöpfter Nachbar antwortete ihm in derselben Mundart,
+welche offenbar auch seine Muttersprache nicht war.
+
+„Wie! rief der Erste, wie, auf diesem Schiffe, Herr College, Sie, den ich
+bei dem Feste des Kaisers in Moskau und dann erst in Nishny-Nowgorod
+wieder sah?
+
+— Gewiß, ich selbst! entgegnete trocken der Andere.
+
+— Nun, frei heraus gesagt, ich erwartete nicht, daß Sie mir so
+unmittelbar, so auf den Fersen folgen würden.
+
+— Ich folge Ihnen nicht, mein Herr, ich gehe Ihnen voraus.
+
+— Vorausgehen! Vorausgehen! Wir wollen wenigstens sagen, wir marschiren
+gleichen Schrittes in der Front, wie zwei Soldaten bei der Parade, und
+vorläufig könnten wir übereinkommen, Keiner dem Andern zuvor zu kommen.
+
+— Ich werde es doch thun!
+
+— Das wird sich erst auf dem Kriegsschauplatze zeigen; doch bis dahin
+können wir, zum Teufel, doch Reisegenossen sein. Später werden wir noch
+Zeit genug finden, gelegentlich Rivalen zu werden.
+
+— Feinde!
+
+— Meinetwegen auch Feinde! Ihre Worte, Herr College, besitzen eine
+Klarheit des Ausdrucks, welche mich höchst angenehm berührt. Bei Ihnen
+weiß Einer doch, woran er ist.
+
+— Nun, was ist daran so schlimm?
+
+— O nichts, gar nichts! Erlauben Sie, daß auch ich mir die Freiheit nehme,
+unseren gegenseitigen Standpunkt fest zu stellen.
+
+— Nach Belieben.
+
+— Sie gehen nach Perm ... wie ich?
+
+— Wie Sie.
+
+— Und begeben sich von Perm aus wahrscheinlich nach Jekaterinburg, auf dem
+besten und sichersten Wege zur Ueberschreitung des Uralkammes.
+
+— Wahrscheinlich.
+
+— Nach Ueberschreitung der Grenze werden wir in Sibirien, d. h. inmitten
+des überfallenen Gebietes sein.
+
+— So ist es.
+
+— Nun dann, aber auch erst dann wird es Zeit sein, zu sagen: ‚Jeder für
+sich und Gott mit ...‘
+
+— Gott mit mir!
+
+— Gott mit Ihnen! Ganz allein! Sehr schön! Da wir indeß noch acht neutrale
+Tage vor uns haben und es unterwegs voraussichtlich keine Neuigkeiten
+regnen dürfte, so lassen Sie uns Freunde sein, bis wir zu Rivalen werden.
+
+— Zu Feinden!
+
+— Ja wohl, das ist richtiger: Zu Feinden! Bis dahin können wir aber in
+Uebereinstimmung handeln und brauchen uns gegenseitig nicht zu verzehren!
+Ich verspreche Ihnen überdies, Alles für mich zu behalten, was ich etwa
+sehe ...
+
+— Und ich Alles, was ich etwa höre.
+
+— Abgemacht?
+
+— Abgemacht!
+
+— Ihre Hand darauf?
+
+— Hier ist sie!“
+
+Und die Hand des ersten Sprechers, d. h. fünf weit offene Finger,
+schüttelte kräftig die beiden Finger, welche der Zweite phlegmatisch
+hinhielt.
+
+„Was ich noch sagen wollte, begann der Erste, es gelang mir noch, den
+Inhalt der Verordnung diesen Morgen um 10 Uhr 17 Minuten an meine Cousine
+zu telegraphiren.
+
+— Und ich habe dem Daily-Telegraph dieselbe Nachricht um 10 Uhr 13
+gesendet.
+
+— Bravo, Herr Blount!
+
+— Zu gütig, Herr Jolivet!
+
+— Bis ich mich revanchire!
+
+— Dürfte Ihnen schwer fallen!
+
+— Man versucht eben Alles!“
+
+Bei diesen Worten grüßte der französische Correspondent vertraulich den
+englischen Reporter, der ihm mit vollem britannischen Stolze dankte.
+
+Diese beiden Neuigkeitsjäger, welche ja weder Russen, noch Fremde von
+asiatischer Herkunft waren, traf die Verordnung des Generalgouverneurs
+nicht. Sie reisten also ab, und wenn sie Nishny-Nowgorod zu derselben
+Stunde verließen, so geschah das, weil der nämliche Instinct sie vorwärts
+trieb. Ganz natürlich bedienten sie sich also derselben Fahrgelegenheit
+und folgten bis zu den sibirischen Steppen demselben Wege. Ob als einfache
+Reisegefährten, als Freunde oder Feinde, noch hatten sie acht Tage „bis
+zum Aufgang der Jagd“ vor sich. Dann hieß es: Dran und drauf! Jetzt hatte
+Jolivet die ersten Zwischenvorschläge gemacht und der Brite sie, wenn auch
+so kühl als möglich, angenommen.
+
+Jedenfalls saßen Beide, der Franzose immer offenherzig bis zur
+Schwatzhaftigkeit, der Engländer immer verschlossen, an derselben Tafel
+und probirten, zu sechs Rubel die Flasche, einen sogenannten echten
+Cliquot, offenbar den Abkömmling des frischen Birkensaftes der Umgegend.
+
+Als Michael Strogoff Alcide Jolivet und Harry Blount so reden hörte,
+sprach er für sich:
+
+„Das sind ein Paar neugierige und indiscrete Leute, denen ich auf der
+Reise jedenfalls noch ferner begegne. Mir scheint es geboten, sich diese
+drei Schritt vom Leibe zu halten.“
+
+Die junge Liefländerin erschien nicht bei Tische. Sie schlummerte in ihrer
+Cabine und Michael Strogoff wollte sie nicht wecken lassen. Der Abend kam
+heran, ohne daß sie wieder auf Deck erschienen wäre.
+
+Mit der langen Dämmerung gewann die Atmosphäre eine wohlthuende Frische,
+an welcher sich nach der Hitze des Tages Alle gern erquickten. Selbst in
+vorgeschrittener Nachtstunde dachten die Meisten gar nicht daran, die
+Salons oder Cabinen aufzusuchen. Auf die Bänke gestreckt, athmeten sie
+behaglich in dem Luftzuge, den die schnelle Bewegung des Schiffes erregte.
+Der Himmel verfinsterte sich in dieser Jahreszeit und in diesen Breiten
+zwischen Abend und Morgen nicht allzu sehr und erleichterte es dem
+Steuermann, zwischen den vielen Schiffen hindurch zu gleiten, welche die
+Wolga stromauf und stromab befuhren.
+
+Inzwischen ward es, da gerade Neumond war, in der Zeit von elf und ein Uhr
+doch nahezu Nacht. Die meisten Deckpassagiere schliefen schon und das
+Schweigen wurde nur durch das regelmäßige Klatschen der Schaufelräder
+unterbrochen.
+
+Eine eigenthümliche Unruhe hielt Michael Strogoff wach. Er ging, doch
+meist nur auf dem Hinterdeck, auf und ab. Einmal jedoch streifte er auch
+über den Maschinenraum hinaus. Er befand sich damit in der für die
+Passagiere zweiter und dritter Klasse bestimmten Abtheilung.
+
+Dort schlief Alles nicht nur auf den Bänken, sondern auch auf Ballen und
+Gepäckstücken, selbst auf dem Brettboden des Verdecks. Nur die Matrosen
+der Wache standen auf dem Vordercastell. Zwei Laternen, eine grüne und
+eine rothe, vom Backbord und vom Steuerbord, warfen einige schiefe
+Strahlen auf die Wand des Dampfers.
+
+Es erforderte eine gewisse Aufmerksamkeit, die ganz beliebig umher
+liegenden Schläfer nicht zu treten. Es waren das meist Mujiks, denen bei
+ihrer Gewöhnung an ein hartes Lager auch das Verdeck des Schiffes schon
+genügte, die aber doch Jeden schlecht empfangen hätten, der sie vorzeitig
+durch einen Fußtritt erweckte.
+
+Michael Strogoff hütete sich also wohl, an Jemand zu stoßen. Bei seiner
+Wanderung bis an das Ende des Schiffes hatte er keine andere Absicht, als
+sich durch eine längere Promenade des Schlafes zu erwehren.
+
+Auf dem Vorderdeck angelangt, wollte er schon die Stufen nach dem
+Vordercastell hinaufsteigen, als er neben sich sprechen hörte. Er hielt
+an. Die Stimmen schienen aus einer Gruppe Passagiere zu kommen, welche mit
+allerhand Shawls und Decken verhüllt dasaß, die er aber bei der Dunkelheit
+nicht weiter zu erkennen vermochte. Nur manchmal gelang es ihm ein wenig,
+wenn dem Rauchfange des Dampfers zwischen den schwarzen Wolken einige
+röthliche Flammen entstiegen; dann schien es, als wirbelten Funken mitten
+durch die Gruppe oder als erglänzten Tausende von Metallflitterchen in dem
+ungewissen Lichte.
+
+Michael Strogoff wollte schon weiter gehen, als er einige Worte deutlicher
+vernahm und noch dazu in dem auffallenden Idiome, das schon auf dem
+Meßplatze in vergangener Nacht an sein Ohr gedrungen war.
+
+Unwillkürlich drängte es ihn, zu lauschen. In dem Schatten des
+Vordercastells konnte er nicht gesehen werden, so wenig, wie er die mit
+einander redenden Fahrgäste eigentlich sehen konnte. Er mußte sich demnach
+begnügen, zu horchen.
+
+Die anfänglich gewechselten Worte besaßen, – wenigstens für ihn, – keine
+besondere Bedeutung, doch genügten sie ihm, unzweifelhaft die Stimmen der
+Frau und des Mannes wieder zu erkennen, die er schon in Nishny-Nowgorod
+gehört hatte. Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Es schien nicht
+unmöglich, daß jene Tsiganen, von deren Gespräch er einige Brocken
+aufgefangen, jetzt nach der Austreibung sammt ihren Landsleuten, an Bord
+des „Kaukasus“ Passage genommen hätten.
+
+Wie gut es war, daß er horchte, ergab sich aus folgenden in tartarischer
+Mundart gewechselten Worten:
+
+„Man sagt, es sei ein Courier auf dem Wege von Moskau nach Irkutsk.
+
+— Das sagt man wohl, Sangarre, aber dieser Bote wird entweder zu spät oder
+auch gar nicht ankommen!“
+
+Michael Strogoff fühlte, wie diese ihn persönlich so nahe angehende
+Antwort ihn durchzuckte. Er versuchte sich zu vergewissern, ob der Mann
+und die Frau, welche eben sprachen, dieselben seien, die er unter ihnen
+vermuthete; aber die tiefe Dunkelheit vereitelte seine Bemühungen.
+
+Bald nachher war Michael Strogoff unbemerkt wieder nach dem Hinterdeck
+gelangt und setzte sich, den Kopf in die Hände gestützt, nieder. Man hätte
+meinen sollen, er schliefe.
+
+Er schlief aber weder, noch dachte er überhaupt daran. Er überlegte sich
+vielmehr, nicht ohne eine gewisse Besorgniß, was er gehört hatte.
+
+„Wer in aller Welt weiß von meiner Abreise und wer hat ein Interesse
+daran, sie zu kennen?“
+
+
+
+
+ Achtes Capitel.
+
+
+ Die Kama stromaufwärts.
+
+
+Am Morgen des 18. Juli kam der „Kaukasus“ um sechs Uhr vierzig Minuten an
+dem Landeplatze für Kasan, sieben Werst von dieser Stadt, wohlbehalten an.
+
+Kasan liegt am Zusammenflusse der Wolga und der Kazanka. Ein Hauptort des
+Gouvernements, ist es gleichzeitig Sitz einer Universität und eines
+griechischen Erzbischofs. Die gemischte Bevölkerung dieser
+Provinzialhauptstadt besteht aus Tscheremissen, Mordwinen, Tschuwaken,
+Wolsaken, Wipulitschen und Tartaren, von denen der letzte Stamm sich den
+asiatischen Charakter am reinsten bewahrt hat.
+
+Trotz der großen Entfernung der Stadt vom Landungsplatze drängte sich eine
+ungeheure Menge auf dem Kai. Man war gespannt auf Neuigkeiten. Der
+Gouverneur der Provinz hatte eine gleichlautende Verordnung erlassen, wie
+sein College in Nishny-Nowgorod. Da sah man Tartaren in kurzärmeligem
+Kaftan und mit spitzen Mützen, deren breite Krempen an den gewöhnlichen
+Hut des Pierrot erinnerten. Andere in langem Ueberrock und auf dem Kopfe
+ein kleines Scheitelkäppchen, wie es die polnischen Juden tragen.
+Frauengestalten mit glitzerndem Schmucke auf der Brust und einem sich
+halbmondförmig erhebenden Diadem auf dem Kopfe, standen plaudernd in
+Gruppen bei einander.
+
+Polizei-Officianten inmitten der Volksmenge und Kosaken, die Lanze in der
+Faust, hielten auf Ordnung und schafften Raum, sowohl für die Passagiere,
+die den „Kaukasus“ hier verließen, als auch für andere, welche hier das
+Schiff bestiegen, Alles aber erst nach sorgfältiger Musterung jedes
+Einzelnen. Zum Theil waren das von dem Ausweisungsdecret betroffene
+Asiaten, zum andern Theil verschiedene Mujiks, die in Kasan verblieben.
+
+Gleichgiltig betrachtete Michael Strogoff dieses Ab- und Zuströmen, das
+man an jedem Dampfschifflandungsplatze ebenso sieht. Der „Kaukasus“ sollte
+behufs Einnahme neuen Brennmaterials in Kasan eine Stunde rasten.
+
+An’s Land zu gehen, kam Michael Strogoff gar nicht in den Sinn. Er hätte
+die bis jetzt noch nicht wieder erschienene junge Liefländerin nicht auf
+dem Schiffe allein lassen können.
+
+Die beiden Journalisten hatten sich schon mit Tagesanbruch erhoben, wie
+sich’s eben für eifrige Jäger schickt. Sie begaben sich auf das Ufer und
+mischten sich, jeder auf eigene Hand, unter die Menge. Michael Strogoff
+beobachtete sowohl Harry Blount mit dem Notizbuche in der Hand, wie er
+entweder einige Erscheinungen flüchtig skizzirte oder Bemerkungen eintrug,
+als auch Alcide Jolivet, der im Vertrauen auf die Treue seines
+Gedächtnisses nur plaudernd umher lief.
+
+Längs der ganzen Ostgrenze Rußlands schwirrte das Gerücht durch die Luft,
+daß die Empörung und der Einfall sehr gefährliche Dimensionen annähmen.
+Schon wurden die Verbindungen zwischen Sibirien und dem Reiche ungemein
+schwierig. Michael Strogoff erfuhr das, ohne den „Kaukasus“ verlassen zu
+haben, von verschiedenen neuen Ankömmlingen.
+
+Erfüllten ihn diese Nachrichten auch mit einer gewissen Unruhe, so
+erweckten sie doch gleichzeitig desto gebieterischer das Verlangen, die
+Uralkette zu überschreiten, um selbst über die Bedeutung der Ereignisse
+urtheilen und Vorbereitungen zur Beseitigung etwaiger Hindernisse treffen
+zu können. Fast hätte er einen Eingeborenen aus Kasan um weitere
+Einzelheiten gefragt, als seine Aufmerksamkeit plötzlich abgelenkt wurde.
+
+Unter den Reisenden, welche den „Kaukasus“ verließen, erkannte Michael
+Strogoff jene Tsiganen, die gestern noch auf der Messe in Nishny-Nowgorod
+figurirten. Auf dem Verdecke standen der alte Zigeuner und das Weib, die
+ihn einen Spion genannt hatte. Mit ihnen, und jedenfalls unter ihrer
+Führung, schifften sich etwa zwanzig Tänzerinnen und Sängerinnen im Alter
+von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, deren elende Lumpen nur nothdürftig
+den Flitterstaat darunter verhüllten.
+
+Diese glitzernden Stoffe, auf welche eben die Strahlen der Sonne fielen,
+erinnerten Michael Strogoff lebhaft an den Eindruck der vergangenen Nacht.
+Es war der nämliche Zigeunerputz, der im Dunklen aufblitzte, wenn aus dem
+Rauchfang des Steamers einige Flammen emporlohten.
+
+„Offenbar, so sagte er sich, hielt sich dieser Tsiganentrupp tagsüber
+unter dem Verdeck auf und wollte sich während der Nacht unter dem
+Vordercastell verkriechen. Hielten die Leute es für gut, möglichst wenig
+gesehen zu werden? Das ist aber doch sonst ihre Art nicht!“
+
+Michael Strogoff schwand nun jeder Zweifel, daß der ihn besonders
+angehende Redesatz von dieser dunklen Gruppe hergerührt habe, die nur dann
+und wann ein Glitzern und Funkeln verrieth, und daß jene Worte zwischen
+dem alten Tsiganen und dem Weibe, das er Sangarre nannte, gewechselt
+worden seien.
+
+Wider Willen näherte sich Michael Strogoff der Austrittsstelle des
+Steamers, gerade als die Zigeunertruppe diesen verließ, um nicht wieder zu
+kehren.
+
+Dort stand der Alte in sehr demüthiger, mit der natürlichen
+Unverschämtheit seiner Stammesgenossen wenig übereinstimmender Haltung. Er
+sah aus, als meide er es möglichst gesehen zu werden, statt die Blicke
+Anderer auf sich zu lenken. Sein schäbiger, von der Sonne des ganzen
+Erdballs verbrannter Hut saß tief in dem runzeligen Gesicht. Ueber seinem
+breiten Rücken bauschte sich trotz der Wärme der Sonne ein weiter Kittel.
+Es wäre schwierig gewesen, unter dieser erbärmlichen Hülle seine Figur
+deutlich zu erkennen.
+
+Neben ihm stand die Tsiganerin Sangarre, eine große Frau von dreißig
+Jahren, mit braunem Teint, guter Constitution, prächtigen Augen und
+üppigem Haar in stolzer Haltung.
+
+Einige der jungen Tänzerinnen waren von auffallender Schönheit, und Alle
+zeigten die ausgesprochenen Merkmale ihrer Race. Die Tsiganenfrauen sind
+im Allgemeinen anziehend und mehr als einer der russischen Großen, welche
+mit den Engländern gern an Excentricität wetteifern, hat sich nicht
+entblödet, ein Weib aus diesem Stamme zu wählen.
+
+Eine von Jenen sang ein Liedchen von eigenthümlichem Rhythmus vor sich
+hin, dessen erste Verse man etwa so übersetzen könnte:
+
+ Am braunen Hals die Koralle blinkt,
+ Die goldene Nadel im Haar;
+ Ich ziehe, wo immer das Glück mir winkt,
+ Zum Lande der ...
+
+Die lustige Dirne sang gewiß weiter, doch Michael Strogoff hörte sie nicht
+mehr.
+
+Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre’s mit besonderer
+Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Züge
+ihrem Gedächtniß unauslöschlich einprägen.
+
+Einige Minuten später verließ dann auch Sangarre den „Kaukasus“, als der
+Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.
+
+„Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich
+als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit ‚Spion‘
+titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch
+deutlich in der Nacht, und Diese könnte wohl wissen ...“
+
+Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu
+folgen, aber er bezwang sich noch.
+
+„Nein, nein, dachte er, keinen unüberlegten Schritt! Lasse ich den alten
+Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito
+aufgeben zu müssen. Sie sind ja fort, und bevor sie über die Grenze
+gelangen können, werde ich schon weit über den Ural hinaus sein. Ich weiß
+wohl, daß sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen können, aber
+dieser bietet keinerlei Beförderungsmittel, und ein Tarantaß mit tüchtigen
+sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig,
+bleib’ ruhig, Freund Korpanoff!“
+
+Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge
+verschwunden.
+
+Wenn Kasan mit Recht „das Thor Asiens“ genannt wird, wenn man diese Stadt
+als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt
+das von den zwei hier zusammenlaufenden Straßenzügen her, welche über die
+Pässe des Uralwalles führen. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den
+über Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die große
+Poststraße, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit
+Relais und setzt sich über Tschim bis Irkutsk fort.
+
+Daneben verbindet freilich eine zweite Straße, – eben jene von Michael
+Strogoff erwähnte, – Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges
+über Perm, welche über Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie
+Europa verläßt, und über Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne führt. Mag
+sie auch etwas kürzer sein, als jene, so hält der Mangel an Posthäusern,
+der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Dörfern diesem
+Vortheil gewiß die Wage. Michael Strogoff mußte mit seiner Wahl um so
+zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach
+Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.
+
+Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“,
+rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurück. Es mochte bald acht
+Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der
+Kessel zitterten unter der Pressung der Dämpfe. Das Schiff konnte jeden
+Augenblick abfahren.
+
+Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plätze an Bord schon
+eingenommen.
+
+Da fiel es Michael Strogoff auf, daß von den beiden Journalisten nur der
+eine, Harry Blount, nach dem Dampfer zurück gekehrt war.
+
+Sollte Alcide Jolivet die Abfahrt versäumen?
+
+Aber gerade in dem Augenblick, als man die Taue löste, erschien Alcide
+Jolivet in vollem Laufe. Schon war der Steamer etwas abgestoßen und die
+Landungsbrücke auf den Kai zurück gerollt, der leichtfüßige Held der Feder
+bekümmerte sich darum nicht viel, mit der Gewandtheit eines Clown setzte
+er über die Lücke und fiel auf dem Deck des „Kaukasus“, fast in die Hände
+seines Collegen, nieder.
+
+„Ich glaubte schon, der ‚Kaukasus‘ sollte ohne Sie weiter gehen, sagte
+Dieser mit einem Gesicht, das halb einer Feige und halb einer Weintraube
+ähnelte.
+
+— Was da! antwortete Alcide Jolivet, ich hätte Sie schon einzuholen gewußt
+und sollte ich deshalb auch auf Kosten meiner Cousine ein Extraschiff
+chartern oder mit Extrapost, per Pferd und Werst für zwanzig Kopeken,
+nachreisen. Was meinen Sie? Vom Landungsplatze bis zum Telegraphenbureau
+ist’s eine tüchtige Strecke.
+
+— Sie waren nach dem Telegraphen, fragte Harry Blount, dessen Lippen sich
+dabei zusammenzogen.
+
+— Ja, ich bin dahin gegangen! erwiderte Alcide Jolivet mit dem
+liebenswürdigsten Lächeln.
+
+— Nun, er ist bis Kolyvan noch in Ordnung?
+
+— Das weiß ich nicht, kann Ihnen dafür aber versichern, daß er z. B. von
+Kasan nach Paris noch bestens in Gang ist.
+
+— Sie gaben eine Depesche auf ... an Ihre Cousine?...
+
+— Mit reinem Feuereifer!
+
+— Sie haben also gehört ...
+
+— Erlauben Sie, Väterchen, um wie die Russen zu sprechen, antwortete
+Alcide Jolivet; ich bin wirklich ein gutes Kind und mag kein Geheimniß vor
+Ihnen haben. Die Tartaren, Feofar-Khan an der Spitze, sind über
+Semipalatinsk hinaus gedrungen und schwärmen in hellen Haufen längs der
+Ufer des Irtysch. Benutzen Sie das nach Gefallen!“
+
+Wie! Eine so wichtige Neuigkeit, und Harry Blount kannte sie noch nicht,
+während sein Rival, der sie von irgend einem Einwohner aus Kasan haben
+mochte, sie schon telegraphisch nach Paris gemeldet hatte! Die englische
+Zeitung war um zwei Pferdelängen geschlagen!
+
+Der arme Harry Blount wandelte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, nach
+dem Hinterdeck und setzte sich dort nieder, ohne eine Sylbe zu sprechen.
+
+Gegen zehn Uhr Morgens verließ die junge Liefländerin ihre Cabine und
+erschien auf dem Verdeck.
+
+Michael Strogoff ging ihr entgegen und bot ihr die Hand.
+
+„Sieh Dich hier um, Schwester“, mahnte er, als Beide nach dem Vordertheile
+des Schiffes gelangt waren.
+
+Die Umgegend lohnte wirklich eine aufmerksamere Betrachtung.
+
+Der „Kaukasus“ erreichte jetzt den Zusammenfluß der Wolga und Kama. Hier
+verließ er nach einer Thalfahrt von über 400 Werst jenen Strom, um den
+immerhin bedeutenden Fluß 460 Werst (= 490 Kilom.) weit stromauf zu
+durchpflügen.
+
+An dieser Vereinigungsstelle der beiden Wasserläufe mischten sich deren
+verschieden gefärbte Fluthen, wobei die klarere Kama hier dem linken Ufer
+denselben Dienst leistete, wie bei Nishny-Nowgorod die Oka dem rechten,
+und zur Verbesserung des Wassers sichtbar beitrug.
+
+Die Kama endigte in weitgeöffneter Mündung, umrahmt von lieblich
+bewaldeten Ufern. Einige weiße Segel belebten das reinliche Wasser, auf
+dem die Sonne in vollem Glanze lag. Mit Espen, Erlen und dann und wann mit
+mächtigen Eichen geschmückte Hügel schlossen den Horizont in harmonischer
+Linie ab, die bei dem blendenden Mittagslichte da und dort mit den Tiefen
+des Himmels zu verschmelzen schien.
+
+Und doch schien es, als blieben diese Naturschönheiten ohne allen Eindruck
+auf den Gedankengang des jungen Mädchens. Sie hatte nur Eins im Auge: ihr
+Reiseziel zu erreichen! – Die Kama bildete für sie nur einen leichteren
+Weg, dahin zu gelangen. Wie glänzten ihre Augen in schönem Feuer auf, wenn
+sie diese nach Westen richtete, so als wollte sie den fernen Horizont
+durchbohren.
+
+Nadia hatte die Hand in der ihres Gefährten gelassen und fragte, indem sie
+sich zu ihm hinwendete:
+
+„Wie weit sind wir jetzt von Moskau weg?
+
+— Neunhundert Werst, antwortete Michael Strogoff.
+
+— Neunhundert auf sieben Tausend!“ seufzte das junge Mädchen.
+
+Die Zeit zum Frühstücken war gekommen; das Läuten einer Glocke meldete es
+den Reisenden. Nadia folgte Michael Strogoff nach den Restaurationsräumen
+des Steamers. Sie berührte die auf einer seitlichen Tafel servirten
+Vorspeisen nicht, unter denen sich Caviar, Häring in Stücken, anishaltiger
+Kornbranntwein u. dergl. zur Anregung des Appetites befand, eine Sitte,
+der man in allen nördlichen Ländern, in Rußland ebenso wie in Schweden und
+Norwegen begegnet. Nadia aß nur wenig, etwa wie ein armes Mädchen, deren
+beschränkte Mittel sie nicht weiter gehen ließen. Michael Strogoff glaubte
+sich also auch mit den Gerichten zufrieden geben zu sollen, welche seiner
+Gefährtin genügten, nämlich ein wenig „Kulbat“, eine Art Pastete aus Reis,
+Eidotter und geklopftem Fleisch; Rothkohl mit Caviar und als Getränk etwas
+Thee.
+
+Diese Mahlzeit war weder lang noch kostspielig, und kaum zwanzig Minuten,
+nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, betraten Michael Strogoff und
+Nadia wieder das Deck des „Kaukasus“.
+
+Sie setzten sich auf dem Hinterdeck nieder, und Nadia begann ohne alle
+Umschweife, aber mit leiser Stimme, um nur von ihrem Nachbar gehört zu
+werden:
+
+„Bruder, ich bin die Tochter eines Verbannten. Ich heiße Nadia Fedor. Vor
+kaum einem Monat starb in Riga meine Mutter, und ich begebe mich jetzt
+nach Irkutsk, um meinen Vater aufzusuchen und sein Exil zu theilen.
+
+— Auch ich gehe nach Irkutsk, antwortete Michael Strogoff, und werde es
+als eine Gnade des Himmels betrachten, Nadia Fedor frisch und gesund in
+die Arme ihres Vaters zu führen.
+
+— Ich danke, Bruder!“ erwiderte Nadia.
+
+Michael Strogoff fügte noch hinzu, daß er für Sibirien einen speciellen
+Podaroshna erhalten habe und ihrer Reise seitens der russischen Behörden
+kein Hinderniß im Wege stehen werde.
+
+Nadia fragte nicht weiter. Sie sah in der zufälligen Begegnung dieses
+einfachen, gutherzigen jungen Mannes nur Eins: das Hilfsmittel zu ihrem
+Vater zu gelangen!
+
+„Ich besaß, fuhr sie fort, einen Paß, der mir erlaubte, nach Irkutsk zu
+gehen; ihn hat der Erlaß des Generalgouverneurs zu Nishny-Nowgorod
+ungiltig gemacht, und ohne Dich, Bruder, hätte ich die Stadt, in der Du
+mich wieder fandest und in welcher ich umgekommen wäre, nicht verlassen
+können.
+
+— Und allein, Nadia, bemerkte Michael Strogoff, ganz allein wolltest Du
+Dich durch die Steppen Sibiriens wagen?
+
+— Es war meine Pflicht, Bruder.
+
+— Wußtest Du aber nicht, daß das empörte und von Feinden überschwemmte
+Land kaum zu passiren ist?
+
+— Der Tartareneinfall war, als ich Riga verließ, noch nicht bekannt,
+erwiderte die junge Liefländerin. In Moskau erst erfuhr ich diese
+Neuigkeiten.
+
+— Und setztest trotzdem Deine Reise fort?
+
+— Es war meine Pflicht.“
+
+Aus diesem Worte sprach der ganze Charakter des muthigen, jungen Mädchens.
+Was sie für ihre Pflicht erkannte, zögerte Nadia niemals auszuführen.
+
+Sie sprach dann von ihrem Vater, Wassili Fedor. Er war in Riga ein
+geschätzter Arzt, betrieb seine Kunst mit Erfolg und lebte glücklich im
+Kreise der Seinen. Nach seinem Beitritt zu einer ausländischen geheimen
+Gesellschaft aber erhielt er den Befehl zugestellt, nach Irkutsk zu gehen
+und die Gensdarmen, welche jene Ordre überbrachten, geleiteten ihn ohne
+Verzug über die Grenze.
+
+Wassili Fedor ließ man kaum Zeit, sein damals schon leidendes Weib und
+seine hilflos zurückbleibende Tochter zu umarmen, und er vergoß heiße
+Thränen beim Abschiede von den beiden, ihm so theuren Wesen.
+
+Seit zwei Jahren bewohnte er nun die Hauptstadt Ostsibiriens und hatte
+dort, aber fast ohne pecuniären Vortheil, seine Praxis weiter betreiben
+können. Und doch wäre er wohl so glücklich gewesen, wie das einem
+Verbannten überhaupt möglich ist, hätte er Weib und Kind um sich haben
+können. Frau Fedor vermochte es ihrer Schwächlichkeit wegen aber auch
+schon damals nicht, Riga zu verlassen. Zwanzig Monate nach der Abreise des
+Gatten hauchte sie in den Armen der Tochter, welche nun ganz verwaist
+dastand, ihre Seele aus. Nadia Fedor ging die Behörden nun um die bald
+zugestandene Erlaubniß an, ihren Vater in Irkutsk aufzusuchen. Sie schrieb
+Diesem, daß sie abreisen werde. Kaum vermochte sie die Mittel zu dieser
+weiten Reise aufzubringen, zauderte aber doch nicht, sie zu unternehmen.
+Sie that, was sie konnte!... Gott würde das Uebrige thun!
+
+Indeß arbeitete sich der „Kaukasus“ gegen den Strom vorwärts. Die Nacht
+brach an und die Luft kühlte sich erquickend ab. Zu Tausenden sprangen die
+Funken aus dem Rauchfange der Fichtenholzfeuerung des Dampfers, und zu dem
+Murmeln der an seinem Vordersteven gebrochenen Wellen gesellte sich das
+Geheul der Wölfe, die sich am rechten Kama-Ufer umhertrieben.
+
+
+
+
+ Neuntes Capitel.
+
+
+ Tag und Nacht im Tarantaß.
+
+
+Am folgenden Tage, dem 19. Juli, legte der „Kaukasus“ am Landungsplatze in
+Perm an, der letzten Station, die er an der Kama berührte.
+
+Das Gouvernement, dessen Hauptstadt Perm bildet, ist eines der
+umfänglichsten in ganz Rußland und greift über das Uralgebirge hinweg bis
+nach Sibirien hinüber. Marmorbrüche, Salinen, Platin- und Goldlager, sowie
+Steinkohlengruben werden dort in großem Maßstabe ausgebeutet. Perm mag
+allen Umständen nach dereinst eine Stadt ersten Ranges werden; vorläufig
+aber ist es wenig anziehend, schmutzig und bietet keinerlei Hilfsquellen.
+Für Diejenigen, welche von Rußland nach Sibirien gehen, fällt jener Mangel
+an Comfort nicht allzu sehr in’s Gewicht, denn Diese sind gewöhnlich mit
+allem Nöthigen hinlänglich versehen; den Ankömmlingen aus Centralasien
+dagegen würde es nach ihrer langen und beschwerlichen Reise gewiß recht
+angenehm sein, die erste europäische Stadt des Reiches an der asiatischen
+Grenze reichlicher mit den verschiedensten Gegenständen des Bedarfs
+versorgt zu sehen.
+
+In Perm pflegen die Reisenden ihre bei der langen Fahrt durch die Steppen
+meist mehr oder weniger beschädigten Wagen zu veräußern; andererseits
+kauft hier, wer von Europa nach Asien gehen will, im Sommer Wagen, im
+Winter Schlitten, bevor er sich für mehrere Monate in die verlassenen
+Steppenwüsten wagt.
+
+Michael Strogoff hatte schon sein umfassendes Reiseprogramm entworfen und
+durfte dasselbe nur erfüllen.
+
+Gewöhnlich besteht zwar ein Postverkehr, der die Uralkette ziemlich
+schnell überschreitet; unter dem Druck der augenblicklichen Verhältnisse
+hatte man diesen aber einstellen müssen. Auch ohnedem hätte Michael
+Strogoff, dem es auf die größte Eile ankam, auf dieses Beförderungsmittel
+verzichtet, und würde er es, um von Niemand abhängig zu sein, vorgezogen
+haben, selbst einen Wagen zu kaufen und auf jeder Station die Pferde zu
+wechseln, wobei er durch splendide „_na vodku_“ (Trinkgelder) den Eifer
+der Postillone anzuspornen hoffen durfte.
+
+Zum Unglück hatten in Folge der gegen die Fremden asiatischer Herkunft
+beliebten Maßnahmen schon sehr viele Reisende Perm verlassen, in Folge
+dessen Transportmittel sehr selten geworden waren. Michael Strogoff kam
+also in die Lage, sich mit dem von Anderen Verschmähten zu begnügen.
+Bezüglich der Spannkraft konnte der Courier des Czaaren außerhalb
+Sibiriens wohl seinen Podaroshna in’s Treffen führen, auf welchen hin ihn
+die Postmeister ohne Widerspruch und vor allen Uebrigen befriedigen
+würden. Einmal außer dem europäischen Reiche aber sah er sich gleich jedem
+Andern auf die Hilfe der blinkenden Silberrubel beschränkt.
+
+An welche Art Wagen sollten aber die Pferde gespannt werden, an einen
+Tarantaß oder einen Teleg?
+
+Der Teleg ist ein vollkommen offenes, vierräderiges Wägelchen und durchweg
+aus Holz construirt. Räder, Axen, Schlußnägel, Sitze und Deichsel, alles
+stammt von den Bäumen der Nachbarschaft her, wobei die Verbindung der
+einzelnen Theile eines solchen Teleg nur durch haltbare Stricke
+hergestellt ist. Es giebt nichts Primitiveres, Nichts, was so sehr alles
+Comforts entbehrt, aber auch Nichts, was unterwegs im Fall einer
+Beschädigung leichter wieder in Stand zu setzen wäre. An Tannen fehlt es
+längs der russischen Grenze nicht, und die Schlußnägel wachsen in den
+Wäldern. Mittels solcher Telegs, denen alle Wege gut genug sind, werden
+die unter dem Namen „Perekladnoï“ bekannten Extraposten befördert.
+Manchmal reißen zwar die Seile, welche das Ganze zusammenhalten, und
+während der Hintertheil irgend wo ruhig stecken bleibt, kommt nur der
+Vordertheil des Fuhrwerks bei dem nächsten Relais auf zwei Rädern an; aber
+man ist auch mit dieser Errungenschaft schon zufrieden.
+
+Michael Strogoff hätte sich ebenfalls zu einem solchen Teleg bequemen
+müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch einen Tarantaß aufzutreiben.
+
+Es glaube aber Niemand, daß ein derartiges Gefährt auf der obersten
+Staffel der Wagenbaukunst stehe. Federn z. B. gehen ihm ebenso ab, wie dem
+Teleg; wegen Mangels an Eisen ist auch bei ihm das Holz nicht gespart;
+aber seine am Ende jeder Axe acht bis neun Fuß von einander entfernten
+Räder sichern ihm wenigstens auf den holperigen und oft sehr unebenen
+Straßen ein gewisses Gleichgewicht. Ein Schirm schützt die Insassen vor
+dem aufspritzenden Kothe des Weges, eine starke Lederdecke, welche
+herabgezogen das Gefährt fast hermetisch verschließt, vor dem Sonnenbrande
+und den nicht seltenen Windstößen im Sommer. Im Uebrigen ist der Tarantaß
+ebenso solid gebaut und leicht reparirbar, wie der Teleg, und andererseits
+weniger dem Unfall ausgesetzt, einen Theil im Schlamme stecken zu lassen.
+
+Michael Strogoff gelang es nur mit großer Mühe, einen solchen Tarantaß
+aufzufinden; vielleicht gab’s in der ganzen Stadt Perm jetzt keinen
+zweiten mehr. Trotzdem feilschte er der Form wegen bei dessen Einkaufe
+nicht wenig, um seiner Rolle als einfacher Kaufmann Nicolaus Korpanoff
+auch hier treu zu bleiben.
+
+Nadia folgte ihrem Reisegefährten bei seinen Nachsuchungen nach einem
+Fuhrwerke. Trotz ihres verschiedenen Zweckes hatten doch Beide dieselbe
+Eile, an das Ziel zu gelangen und demnach baldigst abzureisen. Man könnte
+sagen, daß sie ein und derselbe Wille drängte.
+
+„Schwester, begann Michael Strogoff, ich hätte für Dich gerne eine
+bequemere Fahrgelegenheit gesucht.
+
+— Du sagst das zu mir, Bruder, zu mir, die ich im Nothfalle auch zu Fuß
+aufgebrochen wäre, um meinen Vater zu finden.
+
+— An Deinem Muthe, Nadia, zweifele ich nicht, aber es giebt physische
+Anstrengungen, denen ein Weib nicht gewachsen ist.
+
+— Ich würde sie aber ertragen, welcher Art sie auch seien! entgegnete das
+junge Mädchen. Wenn Du eine Klage über meine Lippen kommen hörst, so
+verlaß mich und setze Deinen Weg allein fort!“
+
+Eine halbe Stunde später standen, nach Vorzeigung des Podaroshna, drei
+Postpferde vor dem Tarantaß angeschirrt. Diese langhaarigen Thiere
+ähnelten fast den Bären. Sie waren, wie die sibirische Race überhaupt,
+klein, aber feurig. Der Postillon, der Jemschik, hatte sie folgendermaßen
+angespannt: das eine, etwas größere, stand zwischen einer Gabeldeichsel
+mit einem Bogen am vorderen Ende, der mit Schellen und Glöckchen behangen
+war, d. i. der russische „_duga_“; die beiden andern waren einfach mittels
+Seilen an das Fußgestell des Tarantaß gekoppelt. Von Zaum und Gebiß keine
+weitere Spur; als Zügel diente einfache Hanfschnur.
+
+Weder Michael Strogoff noch die junge Liefländerin führten vieles Gepäck
+mit sich. Die Hauptbedingung der Schnelligkeit, mit der der Eine reisen
+mußte, und die mehr als bescheidenen Mittel der Anderen hatten jede
+Ueberlastung mit Collis von vornherein verhindert. Jetzt kam ihnen das
+sehr zu Statten, denn der Tarantaß hätte entweder das Gepäck oder die
+Reisenden nicht aufnehmen können. Er war, den Postillon ungerechnet, nur
+für zwei Personen eingerichtet, und Jener hielt sich auf seinem Sitze auch
+nur wie durch ein Wunder von Gleichgewicht aufrecht.
+
+Dieser Jemschik wechselt übrigens bei jedem Relais. Der Führer des
+Tarantaß auf der ersten Strecke war ein geborener Sibirier, gleich seinen
+Rossen, auch nicht minder behaart wie diese und trug die im Uebrigen
+langen Haare über der Stirn viereckig beschnitten, einen breitkrempigen
+Hut, rothen Gürtel und einen Capot mit kreuzweisen Schnüren an Knöpfen mit
+dem kaiserlichen Abzeichen.
+
+Als der Jemschik mit seiner Bespannung ankam, musterte er die Reisenden
+des Tarantaß erst mit prüfendem Blicke. Kein Gepäck! – Aber wo zum Teufel
+hätte er solches unterbringen wollen? – Magere Aussichten! Er machte eine
+nicht mißzudeutende Bewegung.
+
+„Ein Paar Raben, sagte er halb für sich und unbekümmert darum, ob er
+verstanden wurde oder nicht, Raben für sechs Kopeken die Werst.
+
+— Nein, Adler, antwortete Michael Strogoff, der seinen Postillonsjargon
+recht wohl verstand, Adler, hörst Du, zu neun Kopeken die Werst, ohne das
+Trinkgeld!“
+
+Ein lustiger Peitschenknall antwortete ihm. Der „Rabe“ bedeutet in der
+Sprache der russischen Postillone den geizigen oder unbemittelten
+Reisenden, der bei den Bauernrelais die Pferde nur mit zwei oder drei
+Kopeken per Werst bezahlt. Ein „Adler“ dagegen ist der Reisende, der auch
+vor hohen Preisen nicht zurückschreckt und reichlich Trinkgelder wegwirft.
+Deshalb kann auch der Rabe nicht Anspruch machen, ebenso schnell dahin zu
+fliegen, wie der König der Vögel.
+
+Nadia und Michael Strogoff nahmen sofort ihre Plätze in dem Tarantaß ein.
+Einiger wenig umfänglicher Proviant, der in den Sitzkästen untergebracht
+wurde, gewährte ihnen die Sicherheit, auch eine Verzögerung erleiden zu
+können, wenn sie einmal die durch Fürsorge des Staates wohlversehenen
+Posthäuser nicht sogleich erreichen sollten. Die Wagendecke wurde
+übergezogen zum Schutz gegen die unausstehliche Hitze, und gegen Mittag
+verließ der Tarantaß, von drei schnaubenden Rossen gezogen, Perm, und flog
+in eine dichte Staubwolke gehüllt dahin.
+
+Die Manier, wie der Jemschik seine Pferde im Gang hielt, hätte jedem
+Reisenden, der nicht geborener Russe oder Sibirier ist, höchlichst
+verwundern müssen. Das etwas größere Pferd in der Gabel hielt ungestört,
+wie abschüssig der Weg auch war, einen gestreckten Trab von untadelhafter
+Regelmäßigkeit ein. Die beiden Seitenpferde schienen eine andere Gangart
+als Galop gar nicht zu kennen und sprangen ganz nach Laune nebenher. Der
+Jemschik schlug sie niemals, sondern trieb sie nur durch den scharfen
+Knall seiner Peitsche an. Wie viele Schmeichelnamen verschwendete er aber,
+wenn sie sich als gelehrige und einsichtige Thiere erwiesen, die Namen der
+Heiligen gar nicht zu rechnen, welche er für sie borgte! Die Schnur, die
+ihm als Zügel diente, wäre gegenüber den ausgelassenen Thieren wohl ganz
+nutzlos gewesen, aber „_na pravo_“, rechts, oder „_na levo_“, links,
+diese, von einer rauhen Kehlstimme gesprochenen Worte thaten hier mehr
+Wirkung, als Zügel und Zaum.
+
+Und welche Liebesnamen gebrauchte gelegentlich der würdige Rosselenker!
+
+„Vorwärts, meine Tauben! rief der Jemschik, vorwärts meine artigen
+Schwalben! Fliegt zu, meine Turteltäubchen! Immer dran, mein Vetter zur
+Linken! Greif’ aus, Väterchen zur Rechten!“
+
+Wenn sie aber nachließen im Laufe, traten an diese Stelle ebenso
+vielseitige Verwünschungen, deren Werth die Thiere recht wohl zu kennen
+schienen.
+
+„Lauf zu, Du Höllenschnecke, Du! Weh Dir, Du Blindschleiche! ich erwürge
+Dich bei lebendigem Leibe, Du Schildkröte! Du sollst noch in jener Welt
+verdammt sein!“
+
+Was man aber auch denken möge über diese Art der Pferdeführung, welche
+mehr die Solidität der Kehle als die Kraft der Arme des Kutschers in
+Anspruch nahm, jedenfalls flog der Tarantaß nur so dahin und bewältigte
+zwölf bis vierzehn Werst in der Stunde.
+
+Michael Strogoff war ebenso an diese Art Wagen, wie an dessen Beförderung
+gewöhnt. Weder das Schütteln noch das Hüpfen des Gefährtes belästigte ihn.
+Er wußte, daß ein russisches Gespann weder Feldsteine, noch Gleise oder
+tiefe Löcher vermeidet, so wenig wie umgestürzte Baumstämme oder Gräben,
+die den Weg sperren. Ihm war das nicht neu. Seine Gefährtin freilich lief
+Gefahr, durch dieses Stoßen des Tarantaß verletzt zu werden, doch sie
+beklagte sich nicht.
+
+Die erste Zeit der Fahrt verhielt sich Nadia, als sie so schnell dahin
+gerissen wurde, ganz stumm. Endlich, immer von dem Gedanken: Ankommen, nur
+ankommen! verfolgt, begann sie:
+
+„Von Perm nach Jekaterinenburg rechnete ich 300 Werst, Bruder. Habe ich
+mich geirrt?
+
+— Gewiß nicht, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und in Jekaterinenburg
+werden wir den Fuß des jenseitigen Uralabhanges erreicht haben.
+
+— Wie lange wird die Fahrt durch die Berge dauern?
+
+— Achtundvierzig Stunden, da wir Tag und Nacht reisen, – ich sage Tag und
+Nacht, denn ich darf keinen Augenblick verlieren und muß ohne Säumen nach
+Irkutsk eilen.
+
+— Ich werde Dich nicht aufhalten, Bruder, nicht eine Stunde; wir wollen
+Tag und Nacht fahren.
+
+— Nun, Nadia, wenn uns der Einfall der Tartaren nicht die Wege verlegt, so
+können wir vor Verlauf einer Woche angekommen sein.
+
+— Du hast diese Reise schon einmal gemacht?
+
+— Schon mehrere Male.
+
+— Im Winter würden wir schneller und sicherer vorwärts kommen, nicht wahr?
+
+— Schneller gewiß, doch würdest Du von der Kälte und dem Schnee schwer
+gelitten haben.
+
+— Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.
+
+— Ja wohl, Nadia, aber es gehört doch ein gewisses Temperament dazu, diese
+Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kälte in den Steppen
+Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner
+Kleidung aus Rennthierfell(2) mein Herz sich mit Eis überziehen, meine
+Glieder sich zusammenkrümmen, meine Füße unter dreifacher wollener
+Umhüllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt
+mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nüstern erstarren. Ich sah es,
+wie der Branntwein in meiner Kürbisflasche zu Stein wurde, so daß kein
+Messer ihn schneiden konnte!... Mein Schlitten aber flog dahin wie ein
+Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglätteten und unübersehbar
+weißen Ebene! Keine Wasserläufe, durch die man sonst eine passirbare Furth
+suchen mußte! Keine Seen, welche Schiffe nöthig machten! Allüberall das
+harte Eis, die freie, sichere Straße. Aber um den Preis welcher Leiden,
+Nadia! Die allein könnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren
+Leichname der wehende Schnee begrub!
+
+— Und doch bist Du zurück gekehrt, Bruder! sagte Nadia.
+
+— Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei
+seinen Jagdzügen folgte, gewöhnte ich mich an all’ diese harten Proben.
+Als Du, Nadia, mir aber sagtest, daß der Winter Dich nicht zurück gehalten
+hätte, daß Du abgereist wärst mit dem Vorsatze, gegen das fürchterliche,
+unwirthbare Klima Sibiriens anzukämpfen, da sah ich Dich schon im Geiste
+verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!
+
+— Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge
+Liefländerin.
+
+— Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.
+
+— Und was thatest Du in Omsk?
+
+— Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.
+
+— Und ich, ich gehe nach Irkutsk, wo mein Vater meiner harrt. Ich will ihm
+die letzten Worte meiner Mutter bringen! Glaubst Du nun, Bruder, daß mich
+Nichts hätte zurückhalten können?
+
+— Du bist ein braves Kind, Nadia, antwortete Michael Strogoff, und Gott
+würde Dir geholfen haben!“
+
+Diesen Tag über wurde der Tarantaß durch die bei jedem Relais wechselnden
+Jemschiks sehr schnell weiter befördert. Die Adler der Berge hätten ihren
+Namen durch jene „Adler“ der Landstraße nicht als entehrt ansehen können.
+Der hohe Preis für jedes Pferd, die reichlich gespendeten Trinkgelder
+dienten den Reisenden als ganz besonders wirksame Empfehlung. Den
+Postmeistern mochte es nach Veröffentlichung jener Verordnung wohl
+auffallen, daß ein junger Mann nebst seiner Schwester, beide offenbar
+Russen, dennoch frei durch Sibirien reisen konnten; indeß waren ihre
+Papiere in Ordnung und gaben ihnen das Recht, zu passiren. So standen denn
+auch die Kilometer-(Werst-)Pfähle bald im Rücken des Tarantaß.
+
+Uebrigens waren Michael Strogoff und Nadia nicht die einzigen Reisenden
+auf der Straße von Perm nach Jekaterinenburg. Schon von den ersten Relais
+ab hatte der Courier des Czaar bemerkt, daß ein Wagen ihm vorausging, ohne
+sich, da an Pferden kein Mangel eintrat, darüber besondere Sorge zu
+machen.
+
+Im Verlaufe dieses Tages ward nur einige Male angehalten, um die nöthigen
+Mahlzeiten einzunehmen. Die Posthäuser boten Unterkunft und
+Stärkungsmittel; auch wenn man kein Relais erreicht hätte, wäre das Haus
+jedes russischen Bauern nicht minder gastlich geöffnet gewesen. In diesen
+einander überaus ähnlichen Dörfern mit ihren weißen steinernen Capellen
+und grünlichen Dächern kann der Reisende wohl an jede Thür klopfen; sie
+wird sich gewiß öffnen. Dann erscheint der Mujik lächelnden Gesichts und
+giebt seinem Gaste die Hand. Man bietet ihm Brod und Salz an, rückt den
+„Samowar“ über’s Feuer und er wird sich bald ganz heimisch fühlen. Die
+Familie würde im Nothfalle das Haus räumen, um ihm Platz zu machen. Der
+ankommende Fremdling ist der Verwandte Aller; er ist der „den Gott selbst
+sendet“.
+
+Bei der Ankunft gegen Abend fragte Michael Strogoff, von einem
+unbestimmbaren Instincte getrieben, den betreffenden Postmeister, vor wie
+viel Stunden der ihm vorausgehende Wagen das Relais passirt habe.
+
+„Vor zwei Stunden, Väterchen, berichtete der Postmeister.
+
+— Es ist eine Berline?
+
+— Nein, ein Teleg.
+
+— Wie viel Reisende?
+
+— Zwei.
+
+— Sie haben es eilig?
+
+— Es sind Adler!
+
+— Laßt schleunigst anspannen.“
+
+Michael Strogoff und Nadia, entschlossen, sich keine Stunde lang
+aufzuhalten, fuhren die ganze Nacht hindurch.
+
+Noch hielt sich die Witterung zwar gut, doch fühlte man, daß die
+drückender gewordene Luft sich allmälig mit Elektricität sättigte. Kein
+Wölkchen unterbrach die Strahlen der Sonne, und es schien, als stiege ein
+warmer Dunst aus dem Erdboden auf. Es stand zu befürchten, daß in den
+Bergen ein dort meist sehr heftiges Unwetter ausbrechen werde. Michael
+Strogoff, der gewöhnt war, alle atmosphärischen Vorzeichen zu deuten,
+fühlte einen nahen Kampf der Elemente voraus, der ihn mit einiger
+Besorgniß erfüllte. Die Nacht verging ohne Zwischenfall. Trotz der Stöße
+des Tarantaß vermochte Nadia einige Stunden zu schlummern. Die halb
+zurückgeschlagene Wagendecke gestattete etwas Luft zu schöpfen, nach der
+die Lungen in dieser erstickenden Atmosphäre begierig verlangten.
+
+Michael Strogoff durchwachte die ganze Nacht; er mißtraute den Jemschiks,
+weil sie so leicht auf ihrem Sitze einschlafen. Keine Stunde wurde auf den
+Relais verloren, keine Stunde unterwegs.
+
+Am folgenden Tage, dem 20. Juli, zeigten sich gegen acht Uhr Morgens die
+ersten Wellenlinien der Uralberge im Osten. Diese mächtige Kette, die
+Grenzmauer zwischen dem europäischen Rußland und Sibirien, lag jedoch noch
+in weiter Ferne und vor Ende des Tages durfte man sie kaum zu erreichen
+hoffen. Die Ueberschreitung der Berge konnte also voraussichtlich erst
+während der folgenden Nacht stattfinden.
+
+Im Laufe dieses Tages blieb der Himmel durchgängig bedeckt und in Folge
+dessen auch die Luftwärme erträglicher, doch wurde die Witterung immer
+gewitterschwüler.
+
+Mit solchen Aussichten erschien es eigentlich rathsamer, sich nicht mitten
+in der Nacht in die Berge zu wagen, und Michael Strogoff würde es gewiß
+unterlassen haben, wenn er Zeit zum Verweilen gehabt hätte; als ihn der
+Jemschik des letzten Relais aber auf einen fern im Gebirge verrollenden
+Donner aufmerksam machte, fragte er nur:
+
+„Ein Teleg fährt uns noch immer voraus?
+
+— Ja.
+
+— Welchen Vorsprung mag es jetzt etwa haben?
+
+— Ungefähr eine Stunde.
+
+— Vorwärts! – Das dreifache Trinkgeld, wenn wir morgen früh in
+Jekaterinenburg sind.“
+
+
+
+
+ Zehntes Capitel.
+
+
+ Ein Unwetter in den Uralbergen.
+
+
+Die Uralkette erstreckt sich auf einer Länge von nahe 3000 Werst (3200
+Kilometer) zwischen Europa und Asien hin. Ob man den Namen Ural gebraucht,
+der tartarischen Ursprungs ist, oder die Bezeichnung „Poyas“ aus
+russischem Sprachstamme, immer sind beide Namen treffend, denn in den
+betreffenden Sprachen bedeuten diese Worte gleichmäßig den „Gürtel“. Mit
+dem einen Fuße an der unwirthlichen Küste des Arktischen Oceans netzen sie
+den andern am lieblichen Gestade der Kaspisee.
+
+Das war die Grenze, welche Michael Strogoff überschreiten mußte, um von
+Rußland nach Sibirien zu gelangen, und indem er, wie erwähnt, die Straße
+einschlug, die auf der östlichen Abdachung des Ural von Perm nach
+Jekaterinenburg führt, that er deshalb sehr wohl daran, weil das der
+leichtere und sicherere Weg ist, der auch dem Verkehr des gesammten
+centralasiatischen Handels dient.
+
+Eine Nacht konnte, im Fall kein Hinderniß eintrat, wohl zum Passiren der
+Berge ausreichen. Leider kündigte das erste Grollen des Donners ein
+Unwetter an, das bei dem dermaligen Zustand der Atmosphäre furchtbar zu
+werden drohte. Die elektrische Spannung war so groß, daß sie sich nur
+durch heftige Entladungen ausgleichen konnte.
+
+Michael Strogoff achtete darauf, daß seine junge Begleiterin bestmöglich
+versorgt war. Die Wagendecke, die ein schärferer Windstoß leicht hätte
+wegreißen können, wurde durch über und hinter ihr gekreuzte Stricke besser
+gesichert. Man verdoppelte die Zugstränge der Pferde und polsterte aus
+übergroßer Vorsicht das Stoßeisen der Naben mit Stroh aus, sowohl um die
+Haltbarkeit der Räder zu vergrößern, als auch um die Stöße zu mildern, die
+in einer so dunklen Nacht doch einmal nicht zu vermeiden sein würden.
+Endlich verband man noch den Vorder- und den Hintertheil des Gefährtes,
+deren Achsen einfach an den Kasten des Tarantaß angepflöckt waren, mit
+einander durch eine mittels Bolzen und Schraubenmuttern befestigte Stange.
+Dieser Langbaum vertrat die Stelle des gebogenen Holzstückes, das an den
+Berlinen die beiden Achsen des Gestells verbindet.
+
+Nadia nahm ihren Platz im Wagen wieder ein, und Michael Strogoff setzte
+sich neben sie. Vor der vollkommen niedergelassenen Wagendecke hingen zwei
+Ledervorhänge herab, welche die Insassen bis zu gewisser Grenze vor dem
+Regen und Sturme schützen mußten.
+
+An der linken Seite des Kutschersitzes wurden zwei große Laternen
+angebracht, deren fahler Schein mit seinen schiefen Strahlen den Weg nicht
+gerade sonderlich erhellte; sie bezeichneten aber Stellung und Richtung
+des Fuhrwerks, und wenn sie auch die Dunkelheit nur wenig zerstreuten, so
+dienten sie doch zum Schutze gegen das Zusammenstoßen mit einem etwa
+entgegenkommenden Wagen.
+
+Man erkennt hieraus, daß keine Vorsichtsmaßregel versäumt wurde, und
+gegenüber einer so drohenden Nacht waren sie gewiß am Platze.
+
+„Wir sind bereit, Nadia, begann Michael Strogoff.
+
+— So wollen wir fahren“, antwortete das junge Mädchen.
+
+Der Jemschik erhielt Befehl, und der Tarantaß schwankte die ersten
+Vorberge des Urals hinan.
+
+Es war acht Uhr und die Sonne nahe ihrem Untergange. Dennoch wurde es,
+trotz der in jenen Breiten länger andauernden Dämmerung, schon recht
+dunkel. Enorme Dunstmassen schienen die Wölbung des Himmels herab zu
+drücken, doch bewegte sie bis jetzt noch kein Lufthauch. Doch wenn sie
+auch in der Richtung von Horizont zu Horizont unbewegt blieben, so war das
+doch nicht in der vom Zenith zum Nadir der Fall, indem ihre Entfernung vom
+Erdboden fast sichtbar abnahm. Einzelne Streifen schimmerten in einer Art
+phosphorescirenden Lichtes und erschienen dem Auge in Bogenform von
+sechzig bis achtzig Grad Spannweite. Schichtenweise näherten sie sich der
+Erde und verengten die Maschen ihres Netzes, so als sollten sie den
+Gebirgsstock umstricken und als jagte sie ein Orkan in den höheren
+Luftschichten von oben nach unten. Die Straße führte diesen gewaltigen,
+dichten und ihrer Condensirung offenbar nahen Wolken gerade entgegen.
+Binnen Kurzem mußten Straße und Dunstmassen einander begegnen, und lösten
+die Wolken sich dann nicht in Regen auf, so drohten sie mit einem Nebel,
+durch welchen der Tarantaß nicht vorzudringen wagen durfte, ohne Gefahr zu
+laufen in einen Abgrund zu stürzen.
+
+Die Kette der Uralberge erreicht übrigens nur eine mittlere Höhe; ihr
+bedeutendster Gipfel übersteigt noch nicht 5000 Fuß. Der ewige Schnee ist
+daselbst unbekannt, und die Schneemassen, welche der sibirische Winter
+über das Gebirge schüttet, schmelzen vollständig bei der Sonnenwärme des
+Sommers. Pflanzen und Bäume gedeihen noch in beträchtlicher Höhenlage. Die
+Ausbeutung der Eisen- und Kupferminen, der Lagerstätten kostbarer
+Edelsteine versammelt hier eine ansehnliche Menge fleißiger Hände. So
+begegnet man denn auch den „Zarody“ genannten Dorfschaften ziemlich häufig
+und der durch die gewaltigen Engpässe geführte Weg ist für die Postwagen
+in gut fahrbarem Zustande.
+
+Was aber bei guter Witterung und vollem Tageslichte leicht ist, bietet
+Schwierigkeiten und Gefahren, sobald die Elemente mit einander kämpfen und
+man sich in diesem Gewühle befindet.
+
+Aus Erfahrung wußte Michael Strogoff schon, was ein Gewitter in den Bergen
+bedeuten will, und vielleicht hielt er, ganz mit Recht, dieses Meteor für
+ebenso gefahrbringend, als die fürchterlichen Schneestürme, die hier
+während des Winters mit unvergleichlicher Heftigkeit wüthen.
+
+Zur Zeit der Abfahrt fiel noch kein Regen. Michael Strogoff hatte die das
+Wageninnere schützenden Ledervorhänge aufgehoben, sah hinaus und achtete
+scharf auf beide Seiten des Weges, die der zitternde Laternenschein mit
+phantastischen Schattenbildern belebte.
+
+Unbeweglich, mit gekreuzten Armen schaute Nadia ebenfalls hinaus, während
+ihr Begleiter mit halbem Körper aus dem Wagen herausgelehnt, den Himmel
+und die Erde musterte.
+
+Die Atmosphäre war ganz still, aber drohend ruhig. Kein Lufttheilchen
+rührte sich vom Platze. Man hätte sagen mögen, daß die halberstickte Natur
+nicht mehr athmete, und ihre Lungen, d. h. jene düsteren, dichten Wolken,
+aus irgend welchem Grunde gelähmt, nicht mehr functioniren konnten. Das
+Schweigen wäre ein absolutes gewesen ohne das Knirschen der Räder des
+Tarantaß, die die Kiesel der Straße zerrieben, ohne das Seufzen der Naben
+und überhaupt des Holzwerkes am Gefährte, ohne den keuchenden Athem des
+Gespanns und das Aufschlagen ihrer Hufe auf die Steine, die dabei lebhafte
+Funken sprühten.
+
+Uebrigens war die Straße vollkommen öde. Der Tarantaß begegnete weder
+einem Fußgänger, noch einem Reiter oder einem Wagen bei dieser drohenden
+Nacht in den engen Schluchten des Urals. Kein Feuer eines Köhlers rauchte
+im Walde, keine Lagerstätte von Arbeitern eines Steinbruchs ward sichtbar,
+keine einzige im Gehölz verlorene Hütte. Es bedurfte solcher Gründe,
+welche kein Zweifeln und kein Zaudern erlauben, um eine Fahrt durch die
+Gebirgskette unter den gegebenen Verhältnissen zu unternehmen. Michael
+Strogoff hatte nicht gezaudert. Ihm war das wohl unmöglich; aber – und das
+fing doch an ihm eine sonderbare Besorgniß einzuflößen, – wer in aller
+Welt konnten die beiden Reisenden in dem seinem Tarantaß vorausgehenden
+Teleg sein; welch’ gewichtige Gründe hatten sie, eben so tollkühn zu
+handeln?
+
+Eine Zeit lang versank Michael Strogoff in tiefes Sinnen. Gegen elf Uhr
+begannen die Blitze den Himmel zu erleuchten und setzten dann nicht mehr
+aus. Bei ihrem schnellen Scheine sah man die Silhouetten mächtiger Kiefern
+auftauchen und verschwinden, die an verschiedenen Stellen die Straße
+gruppenweise flankirten. Näherte sich der Tarantaß dem Rande der Straße,
+dann beleuchteten die brennenden Wolken tiefe Abgründe neben jener. Von
+Zeit zu Zeit verrieth ein heftigeres Rollen und Stoßen, daß der Wagen eine
+Brücke aus Baumstämmen passirte, welche kaum zugehauen eine Höhlung des
+Weges überdeckten. Je höher sie hinauf kamen, desto mehr ertönte ein
+monotones Brausen in der Luft. Dazu mischten sich die aufmunternden Rufe
+des Jemschik, der bald Schmeichelworte, bald Schmähreden an seine Thiere
+verschwendete, welche mehr durch die Schwere der Atmosphäre als durch den
+Weg selbst ermattet schienen. Auch die Schellen des Deichselbogens
+vermochten sie nicht mehr aufzumuntern, und manchmal knickten sie fast
+zusammen.
+
+„Wann werden wir auf dem Gipfel des Kammes anlangen? fragte Michael
+Strogoff den Jemschik.
+
+— Um ein Uhr früh ... wenn wir überhaupt hinkommen! antwortete dieser mit
+ungläubigem Kopfschütteln.
+
+— Sag’ doch, Freund, das ist doch nicht Dein erstes Gewitter hier in den
+Bergen, nicht wahr?
+
+— Nein, und gebe Gott, daß es auch nicht mein letztes ist.
+
+— Hast Du Furcht?
+
+— Ich habe keine Furcht, aber ich wiederhole, daß Du unrecht handeltest,
+abzufahren.
+
+— Ich hätte noch mehr unrecht gehandelt, wenn ich blieb.
+
+— Na, dann vorwärts, meine Täubchen!“ erwiderte der Jemschik, als ein
+Mann, der nicht da war zu discutiren, sondern zu gehorchen.
+
+In diesem Augenblicke ließ sich ein entferntes Geräusch vernehmen; es
+glich einem tausendfachen gellenden und betäubenden Pfeifen in der bisher
+noch halb ruhigen Atmosphäre. Bei dem blendenden Scheine eines Blitzes,
+dem ein entsetzlicher Donnerschlag folgte, bemerkte Michael Strogoff
+einige große Kiefern, die auf einem kahlen Gipfel schwankten. Der Sturm
+brach los, jagte aber bis jetzt nur die höhern Luftschichten
+durcheinander. Ein trockenes Geknatter ließ erkennen, daß einige alte oder
+schlecht bewurzelte Bäume schon dem ersten Anprall der Windsbraut nicht
+hatten Widerstand leisten können. Eine Lawine gebrochener Stämme rollte
+bald über die Straße, schlug hüpfend auf die Felsenvorsprünge und verlor
+sich, zweihundert Schritte vor dem Tarantaß, in den Tiefen zur Linken.
+
+Stutzend hielten die Pferde still.
+
+„Immer vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik, und munter
+knallte seine Peitsche zwischen dem Rollen des Donners.
+
+Michael Strogoff ergriff Nadia’s Hand.
+
+„Schläfst Du, Schwester? fragte er.
+
+— Nein, Bruder.
+
+— Sei bereit für Alles. Jetzt kommt das Unwetter!
+
+— Ich bin bereit.“
+
+Michael Strogoff hatte kaum Zeit, die Ledervorhänge zu schließen.
+
+Wild tobte der Sturmwind heran.
+
+Der Jemschik war mit einem Sprunge von seinem Sitze herab und eilte, die
+Pferde am Kopfe zu halten, denn dem ganzen Gespann drohte eine
+schreckliche Gefahr.
+
+Unbeweglich stand der Tarantaß an einer Biegung des Weges, durch welche
+der Sturm hereintobte. Der Wagen mußte also dem Winde gerade entgegen
+gehalten werden, denn ergriff jener ihn von der Seite, so wäre er
+unfehlbar umgeworfen und in den benachbarten Abgrund geschleudert worden.
+Von den Windstößen zurückgedrängt bäumten sich die Pferde, ohne daß es
+ihrem Führer gelang, sie wieder zur Ruhe zu bringen. Auf die
+Schmeichelworte folgten die kräftigsten Flüche. Nichts half. Die armen,
+von den elektrischen Entladungen geblendeten, von dem schrecklichen,
+Artilleriesalven ähnlichen Donner betäubten Thiere drohten die Stränge zu
+zerreißen und durchzugehen. Der Jemschik war nicht mehr Herr seines
+Gespannes.
+
+Da sprang Michael Strogoff aus dem Tarantaß und kam dem Kutscher zu Hilfe.
+Seiner außergewöhnlichen Körperkraft gelang es, wenn auch nicht ohne Mühe,
+die Thiere zu bändigen.
+
+Aber die Wuth des Orkanes verdoppelte sich. Die Straße erweiterte sich an
+der eben erreichten Stelle tonnenartig, so daß sich der Wind hineinpreßte,
+etwa wie in die Zugrohre, welche man auf dem Verdeck der Dampfer sieht.
+Gleichzeitig begann eine Lawine von Steinen und Baumstämmen den Abhang
+herab zu poltern.
+
+„Hier können wir nicht bleiben, sagte Michael Strogoff.
+
+— Wir werden auch gar nicht länger hier sein! rief der Jemschik, während
+er ganz bestürzt sich mit aller Macht gegen die mit entsetzlicher Wucht
+einherstürmenden Luftmassen stemmte. Der Sturm war schon sehr nahe daran,
+uns bergab zu befördern und das auf dem kürzesten Wege.
+
+— Nimm das Handpferd beim Zügel, Memme! antwortete Michael Strogoff; für
+das linke werde ich stehen!“
+
+Ein neuer heftiger Windstoß unterbrach Michael Strogoff. Der Kutscher und
+er mußten sich fast bis zur Erde niederbeugen, um nicht umgeweht zu
+werden; aber trotz ihrer eigenen und der Anstrengung der Pferde, die sie
+jetzt direct gegen den Wind hielten, rollte der Wagen doch eine kleine
+Strecke zurück, und hätte ihn dann nicht ein querliegender Baumstamm
+aufgehalten, so wäre er wohl vom Wege abgedrängt worden.
+
+„Fürchte Dich nicht, Nadia! rief Michael Strogoff.
+
+— Ich habe keine Furcht“, erwiderte die junge Liefländerin, ohne daß ihre
+Stimme irgend eine besondere Erregtheit verrathen hätte.
+
+Einen Augenblick verstummte das Rollen des Donners und der brausende Sturm
+verlor sich weiter unten in den Tiefen des Hohlweges.
+
+„Willst Du wieder hinunterfahren? fragte der Jemschik.
+
+— Nein, wir müssen hinauf; es gilt nur, diese Wendung des Weges zu
+überwinden, höher oben kommen wir unter den Schutz der Bergwand.
+
+— Aber die Pferde wollen nicht vorwärts.
+
+— Mach’ es wie ich, ziehe sie!
+
+— Diese Windstöße werden sich wiederholen.
+
+— Wirst Du gehorchen?
+
+— Du willst es.
+
+— Der ‚Vater‘ selbst befiehlt es! setzte Michael Strogoff hinzu, der zum
+ersten Male den jetzt in drei Welttheilen allmächtigen Namen des Kaisers
+gebrauchte.
+
+— Dann also vorwärts, meine Schwalben!“ rief der Jemschik und ergriff das
+Pferd zur Rechten, während Michael Strogoff die Zügel des linken packte.
+
+So geleitet kamen die Thiere langsam wieder in Gang. Sie konnten nicht
+mehr seitwärts ausbiegen, und das Mittelpferd in der Gabeldeichsel, das
+nun nicht weiter gezerrt wurde, konnte die Mitte der Straße einhalten.
+Menschen und Thiere aber vermochten dem Sturme gerade entgegen nicht drei
+Schritte vorwärts zu thun, ohne davon einen oder zwei wieder zu verlieren.
+Sie glitten aus, fielen und erhoben sich wieder. Auch das ganze Gefährt
+schwebte jeden Augenblick in Gefahr, außer Ordnung zu kommen. Wäre die
+Wagendecke nicht so besonders sorgsam befestigt gewesen, so hätte sie der
+erste Anprall des Sturmes gewiß schon entführt.
+
+Michael Strogoff und der Jemschik brauchten mehr als zwei Stunden, diese
+kaum eine halbe Werst lange Wegstrecke zurückzulegen, welche der Geißel
+des Orkanes so sehr preisgegeben war. Und dazu lag die Gefahr nicht allein
+in diesem fessellosen Sturmwinde, sondern vorzüglich auch in jenem Hagel
+von Geröll und geknickten Stämmen, welchen der Berg um sie herum
+niederschüttete.
+
+Plötzlich zeigte sich in dem Bette eines Wildbachs ein größerer
+Steinblock, der mit wachsender Schnelligkeit in der Richtung auf den
+Tarantaß herabstürzte.
+
+Der Jemschik schrie entsetzt laut auf.
+
+Michael Strogoff wollte die Pferde mit einem wuchtigen Peitschenhiebe
+antreiben.
+
+Nur wenige Schritte, und das Felsstück wäre hinter ihnen niedergeschlagen.
+
+In einer Zwanzigstelsecunde sah es Michael Strogoff ein, daß der Tarantaß
+getroffen, seine Gefährtin zerschmettert werden müßte! Er fühlte, daß er
+sie lebend nicht mehr herauszuholen vermöchte ...
+
+Da sprang er schnell hinter den Wagen, aus der Gefahr schöpfte er eine
+fast übermenschliche Kraft, stemmte den Rücken gegen die Achse, die Füße
+fest auf den Boden und drängte das schwerfällige Fuhrwerk einige Schritte
+vorwärts.
+
+Der gewaltige Block flog vorüber, streifte dem jungen Manne fast die Brust
+und benahm ihm den Athem, wie eine vorbeisausende Kanonenkugel. Knisternd
+und Funken sprühend zersprangen die Steine auf der Straße.
+
+„Bruder!“ hatte zum Tode erschrocken Nadia gerufen, welche die ganze Scene
+beim Leuchten eines Blitzes mit angesehen hatte.
+
+— Nadia! antwortete Michael Strogoff, keine Furcht, Nadia!
+
+— Um meinetwillen könnte ich mich niemals fürchten.
+
+— Gott ist mit uns, Schwester!
+
+— Mit mir gewiß, Bruder, da er mich auf Deinen Weg geleitet hat!“ sagte
+halblaut das junge Mädchen.
+
+Der Anstoß, den der Tarantaß durch Michael Strogoff’s Anstrengung erhielt,
+sollte nicht verloren sein. Er ward zur Anregung für die stutzenden
+Pferde, die frühere Richtung wieder einzuschlagen. Von Michael Strogoff
+und dem Jemschik so zu sagen gezerrt, klommen sie bergauf bis zu einem
+schmalen von Norden nach Süden verlaufenden Kamme, wo sie gegen den
+directen Anprall des Unwetters einigermaßen gesichert waren. Die Berglehne
+zur Rechten bildete hier eine Art Sägewerk durch einen vorspringenden
+Felsen, der sich mitten in einem schäumenden Wildwasser erhob. Hier
+wüthete wenigstens kein gefahrdrohender Wirbelwind und der Platz schien
+einigermaßen haltbar, während in der Peripherie dieser scheinbaren Cyclone
+sich gewiß kein Mensch oder Thier hätte aufrecht erhalten können.
+
+Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel
+überragten, in einem Augenblick geköpft, so als sauste eine Riesensense
+über die Hochfläche dahin.
+
+Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in
+den Engpaß hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der
+Boden schien unter den furchtbaren Schlägen zu erzittern, so als würde die
+ganze Uralkette erschüttert.
+
+Zum Glück hatte man den Tarantaß in einer tiefen Felsenaushöhlung ziemlich
+gut unterbringen können, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf;
+doch war er nicht so vollkommen geschützt, daß er nicht manchmal durch
+einige von den Bergvorsprüngen abgeleitete Seitenströmungen tüchtig
+geschüttelt worden wäre. Dabei stieß er wohl gegen die Felsmauer, daß man
+befürchten mußte, ihn in tausend Trümmer zersplittert zu sehen.
+
+Nadia mußte den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff
+fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushöhlung,
+die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrührte und in
+welche sich das junge Mädchen verkriechen mußte, bis es möglich würde, die
+Fahrt wieder fortzusetzen.
+
+Jetzt begann – es war gegen ein Uhr Morgens – der Regen in Strömen
+herabzustürzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten
+Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu
+verlöschen. Unter diesen Verhältnissen war an den Wiederaufbruch natürlich
+gar nicht zu denken.
+
+Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff’s – und man begreift wohl, wie groß
+diese war – mußte er doch das schlimmste Unwetter erst vorübergehen
+lassen. Da übrigens der Bergrücken, über den die Straße von Perm nach
+Jekaterinenburg führt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch
+darum, die Bergabhänge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt,
+jetzt, über einen von unzähligen Bergbächen durchwühlten Boden, mitten in
+dem Sturm und den Regenschauern, hieß wirklich das Leben auf’s Spiel
+setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.
+
+„Abwarten – es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch
+gegen vielleicht noch längere Verzögerungen. Die Heftigkeit des Gewitters
+läßt mich annehmen, daß es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr
+muß der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen dürfen, in der
+Finsterniß bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch
+nicht leicht, so doch mindestens ausführbar sein.
+
+— So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt
+aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu
+ersparen.
+
+— Ich weiß es, Nadia, daß Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich
+uns Beide aber bloßstelle, dann setze ich einen noch höheren Preis ein,
+als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und
+dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfüllen habe.
+
+— Einer Pflicht!...“ murmelte Nadia.
+
+Eben zerriß ein grellleuchtender Blitz den Himmel und schien den Regen
+gleichsam zu zerstäuben. Gleichzeitig vernahm man einen kurzen, trockenen
+Krach. Die Luft erfüllte sich mit schwefeligem, fast erstickendem Geruche
+und eine zwanzig Schritte von dem Tarantaß entfernte Gruppe alter Kiefern
+flammte, von dem elektrischen Fluidum entzündet, gleich einer
+Gigantenfackel lodernd in die Höhe.
+
+Der Jemschik stürzte, wie von einem Rückschlag getroffen, zu Boden, erhob
+sich aber glücklicher Weise unverletzt wieder.
+
+Hierauf, als das letzte Rollen des Donners sich in den Tiefen des Gebirges
+verloren hatte, fühlte Michael Strogoff seine Hand fest von der Nadia’s
+ergriffen und hörte sie die Worte in sein Ohr sprechen:
+
+„Hilferufe, Bruder! Hörst Du sie?“
+
+
+
+
+ Elftes Capitel.
+
+
+ Reisende in Noth.
+
+
+Wirklich vernahm man in der kurzen Ruhepause weiter oben von der Straße
+her und unfern der Aushöhlung, welche den Tarantaß deckte, wiederholtes
+Hilferufen.
+
+Es klang wie ein verzweifelter letzter Rettungsversuch, der offenbar von
+irgend einem gefährdeten Reisenden ausging.
+
+Michael Strogoff lauschte aufmerksam.
+
+Der Jemschik horchte gleichfalls auf, aber mit einem Kopfschütteln, so als
+scheine es ihm unmöglich, hier Beistand zu leisten.
+
+„Das sind Reisende, welche um Hilfe bitten, rief Nadia.
+
+— Auf uns werden sie nicht zählen dürfen!... fiel rasch der Jemschik ein.
+
+— Und warum das nicht? fragte Michael Strogoff etwas streng. Was Jene
+unter gleichen Verhältnissen gewiß für uns thun würden, sollen wir das
+unversucht lassen?
+
+— Ihr setzt aber Pferde und Wagen auf’s Spiel!...
+
+— Ich werde zu Fuß gehen, unterbrach Michael Strogoff den besorgten
+Geschirrführer.
+
+— Und ich begleite Dich, Bruder, erbot sich die junge Liefländerin.
+
+— Nein, bleibe, Nadia. Der Jemschik wird bei Dir sein. Ich möchte diesen
+nicht allein lassen ...
+
+— So werd’ ich dableiben, erwiderte Nadia.
+
+— Was auch geschehe, verlasse diese geschützte Stelle nicht!
+
+— Du wirst mich da wieder finden, wo ich jetzt bin.“
+
+Michael Strogoff drückte dankend die Hand seiner Gefährtin, eilte nach der
+Ecke des Abhangs und verschwand bald im Dunklen.
+
+„Dein Bruder handelt unrecht, sagte der Jemschik zu dem jungen Mädchen.
+
+— Er handelt recht“, antwortete einfach Nadia.
+
+Inzwischen klomm Michael Strogoff rasch bergan. Wenn er große Eile hatte
+den Bedrängten, welche jene Rufe erschallen ließen, helfend beizuspringen,
+so war doch auch sein Wunsch nicht minder groß, zu erfahren, wer jene
+Reisenden sein möchten, die auch dieses Unwetter nicht abgehalten hatte,
+sich in die Berge zu wagen, denn er zweifelte gar nicht daran, daß es
+dieselben Leute seien, deren Teleg immer seinem Tarantaß vorausrollte.
+
+Der Regen hatte jetzt nachgelassen, aber der Sturm tobte eher mit
+verdoppelter Wuth. Die Ausrufe, welche der Wind mit dahertrug, wurden
+immer deutlicher. Von der Stelle, an der Michael Strogoff Nadia zurück
+gelassen hatte, war nichts zu sehen. Die Straße verlief mehrfach gekrümmt
+und der bläuliche Schein der Blitze erleuchtete nur den Bergvorsprung, der
+sich in einen solchen Straßenbogen hineinschob. Der Wind bildete, indem er
+sich an allen jenen Ecken und Kanten brach, sehr schwer zu passirende
+Wirbel, denen Michael Strogoff nur mit dem Aufgebot aller Kräfte zu
+widerstehen vermochte.
+
+Jedoch, es zeigte sich sehr bald, daß die Reisenden, von denen jene
+Hilferufe ausgingen, nicht mehr sehr fern sein konnten. Waren sie für
+Michael Strogoff auch noch nicht sichtbar – ob das nun daher kam, daß Jene
+sich nicht auf der Straße selbst befanden, oder daß nur die herrschende
+Dunkelheit sie seinen Blicken noch verbarg, – jedenfalls verstand er ihre
+Worte schon ganz deutlich.
+
+Da hörte er denn, – natürlich zu seiner nicht geringen Verwunderung, –
+Folgendes:
+
+„Wirst Du wohl zurückkommen, Schlingel?
+
+— Dich erwartet die Knute auf dem nächsten Relais.
+
+— Hörst Du, Du Postillon der Hölle! He! Du, da unten!
+
+— So wird man in diesem verwünschten Lande befördert.
+
+— Und das nennen sie einen Teleg!
+
+— He, Du dreifacher Erztölpel! – Da reißt er aus und scheint’s gar nicht
+zu bemerken, daß er uns hier sitzen gelassen hat!
+
+— Nein, mich so zu behandeln! Mich, einen wohlbeglaubigten Engländer! Ich
+werde mich beim Kanzleramte beklagen und den Burschen dingfest machen
+lassen!“
+
+Der, welcher diese Worte herauspolterte, schäumte vor Wuth. Aber plötzlich
+schien es Michael Strogoff, als ob ein Zweiter die Situation von ganz
+anderer Seite betrachtete, denn er hörte nach einem hellen, bei solcher
+Scene gewiß unerwarteten Gelächter die Worte:
+
+„Bei Gott, diese Geschichte ist gar zu drollig!
+
+— Was? Sie wagen auch noch zu lachen? entgegnete in ärgerlichem Tone der
+Bürger des Vereinigten Königreichs.
+
+— Natürlich, lieber College, und ganz aus vollem Herzen; was soll ich denn
+Besseres dabei thun! Ich rathe Ihnen, es ebenso zu machen! Auf Ehrenwort!
+Das ist gar zu drollig, das ist noch gar nicht dagewesen!...“
+
+Da erfüllte ein heftiger Donnerschlag den Engpaß mit schrecklichem
+Krachen, das der Widerhall der Berge noch mächtig verstärkte. Dann, als
+das letzte schwache Rollen verlöscht war, ließ sich wiederum die lustige
+Stimme vernehmen:
+
+„Ja, ja, ganz ausnehmend drollig! Das könnte in Frankreich wahrlich nicht
+passiren!
+
+— In England auch nicht!“ antwortete der Brite.
+
+Beim Scheine der Blitze sah jetzt Michael Strogoff auf der Straße und
+gegen zwanzig Schritt vor sich zwei Männer auf dem hohen Rücksitz eines
+sonderbaren Fuhrwerks, das in dem tiefen Schlamme eines ausgefahrenen
+Geleises fest zu sitzen schien.
+
+Michael Strogoff näherte sich den beiden Reisenden, deren Einer immer
+weiter lachte, der Andre unverdrossen weiter schimpfte, und erkannte bald
+die beiden Zeitungscorrespondenten, welche auf dem „Kaukasus“ den Weg von
+Nishny-Nowgorod nach Perm mit ihm zurückgelegt hatten.
+
+„Ei guten Tag, mein Herr! rief der Franzose. Sehr erfreut, Sie unter
+diesen Umständen wieder zu sehen! Erlauben Sie, Ihnen meinen intimsten
+Feind, Herrn Blount, hier vorzustellen.“
+
+Der englische Reporter grüßte und vielleicht wollte er nach allen Regeln
+des Anstandes eben seinerseits seinen Collegen Alcide Jolivet vorstellen,
+als ihn Michael Strogoff unterbrach:
+
+„Nicht nöthig, meine Herren, wir kennen uns ja wohl, da wir die Wolga
+gemeinschaftlich befahren haben.
+
+— Ah, sehr gut! Ganz richtig! Herr ...?
+
+— Nicolaus Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff.
+Aber wollen Sie mich wissen lassen, welcher für den Einen so erheiternde,
+für den Andern so beklagenswerthe Unfall sich hier zugetragen hat?
+
+— Gut, ich rufe Sie als Richter an, Herr Korpanoff, entgegnete Alcide
+Jolivet. Stellen Sie sich vor, daß unser Postillon mit dem Vordertheile
+seines vermaledeiten Fuhrwerks davon gefahren ist und hat uns hier ruhig
+sitzen lassen mit sammt dem Hintertheile seines nichtswürdigen Fahrzeugs.
+Da haben wir nun die schlechtere Hälfte eines Telegs für uns Zwei, aber
+keinen wegekundigen Kutscher, keine Pferde mehr! Ist das nicht unbedingt
+und über alle Maßen drollig?
+
+— Ich finde gar nichts Lächerliches dabei! knurrte der Engländer.
+
+— Und doch, College! Sie verstehen die Sache nur nicht von ihrer besten
+Seite anzusehen.
+
+— Aber wie denken Sie denn, daß es möglich werden soll, unsern Weg
+fortzusetzen? fragte Harry Blount.
+
+— Nichts einfacher als das, spottete Alcide Jolivet. Sie spannen sich
+beispielsweise vor das uns verbliebene Restchen des Wagens; ich ergreife
+die Zügel, ich nenne Sie ‚mein Täubchen‘, wie ein leibhaftiger Jemschik,
+und Sie trotten dann drauf los, ganz wie ein ...
+
+— Herr Jolivet, fiel der Engländer ein, ein solcher Scherz geht zu weit
+und ...
+
+— O, beruhigen Sie sich, Herr College. Sobald Sie sich verfangen haben,
+trete ich an Ihre Stelle und Sie mögen mich dann als engbrüstige Schnecke
+oder ohnmächtige Schildkröte behandeln, wenn ich Sie nicht in einem
+Höllengalop dahinfahre!“
+
+Alcide Jolivet schüttelte das Alles mit einem so liebenswürdigen Humor
+hervor, daß Michael Strogoff sich eines Lächelns nicht enthalten konnte.
+
+„Meine Herren, nahm er darauf das Wort, da weiß ich doch besseren Rath.
+Wir befinden uns jetzt hier sehr nahe dem höchsten Kamme des Ural und
+folglich haben wir den Gebirgsabhang nur noch hinabzufahren. Mein Wagen
+befindet sich fünfhundert Schritt weiter rückwärts. Ich will Ihnen eines
+meiner Pferde abtreten, das spannen wir vor den Rest Ihres Telegs und
+kommen, wenn uns kein Zwischenfall abhält, morgen zusammen in
+Jekaterinenburg an.
+
+— Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet verbindlich, das ist ein Vorschlag,
+der aus sehr edelmüthigem Herzen kommt.
+
+— Ich bemerke noch, mein Herr, daß ich Ihnen deshalb nicht anbiete meinen
+Tarantaß mit zu benutzen, weil er nur zwei Plätze enthält, die ich mit
+meiner Schwester nothwendiger Weise selbst brauche.
+
+— O, keine Entschuldigungen, mein Herr, antwortete Alcide Jolivet, mein
+College und ich würden mit Ihrem Pferde und dem Hintertheil unsers
+Halbtelegs nöthigenfalls bis an’s Ende der Welt kommen.
+
+— Mein Herr, fiel nun auch Harry Blount ein, wir nehmen Ihren großmüthigen
+Vorschlag an. Aber jener Jemschik ...
+
+— O glauben Sie, es wird nicht das erste Mal gewesen sein, daß ihm solch’
+kleiner Unfall zustieß, bemerkte Michael Strogoff.
+
+— Nun, warum kehrt er dann aber nicht zurück? Er wird recht gut wissen,
+daß er uns hier im Stiche gelassen hat, der Elende!
+
+— Er!? Er weiß sicher kein Sterbenswörtchen davon.
+
+— Was? Dieser brave Kerl sollte die Zerreißung des Telegs in zwei Hälften
+gar nicht bemerkt haben?
+
+— Nein, sicherlich nicht; der bringt seinen Vordertheil im besten Glauben
+von der Welt nach Jekaterinenburg hinein.
+
+— Sagt’ ich es Ihnen nicht vorher, Herr College, rief lachend Alcide
+Jolivet, daß uns nur die allerlustigste Geschichte passirt sei?
+
+— Nun denn, meine Herren, mahnte Michael Strogoff, wenn es Ihnen gefällig
+ist mir zu folgen und meinen Wagen aufzusuchen ...
+
+— Aber der Teleg? bemerkte der Engländer.
+
+— Fürchten Sie nicht, daß er uns davon fliege, mein lieber Blount,
+tröstete Alcide Jolivet, der steht hier so gut im Erdboden fest gewurzelt,
+daß er kommendes Frühjahr Knospen treiben müßte, wenn man ihn stehen
+ließe.
+
+— Kommen Sie also, meine Herren, sagte Michael Strogoff, wir wollen den
+Tarantaß nun hierher schaffen.“
+
+Der Franzose und der Engländer verließen ihre Bank, die aus einem Rücksitz
+zum Vordersitz geworden war, und folgten Michael Strogoff.
+
+Auch unterwegs plauderte Alcide Jolivet immer weiter in seiner
+rosenfarbenen Laune, welche eben Nichts zu zerstören im Stande war.
+
+„Meiner Treu, Herr Korpanoff, wandte er sich an Michael Strogoff, Sie
+ziehen uns hier allerdings aus einer argen Verlegenheit.
+
+— Ich that noch weiter nichts, mein Herr, erwiderte Michael Strogoff, als
+was jeder Andere an meiner Stelle ebenfalls gethan hätte. Wenn sich
+Reisende erst nicht mehr gegenseitig unterstützen wollen, möge man lieber
+gleich die Landstraßen sperren.
+
+— Wir bleiben Ihnen zu Gegendiensten verbunden, mein Herr. Im Fall Sie
+weit durch die Steppe reisen, könnten wir uns wohl auch noch einmal
+begegnen, und ...“
+
+Alcide Jolivet fragte zwar nicht direct, wohin Michael Strogoff ginge,
+dieser aber erwiderte, um sich nicht den Schein der Heimlichthuerei zu
+geben:
+
+„Ich reise nach Omsk, meine Herren.
+
+— Und Herr Blount und ich, erklärte Alcide Jolivet, wir reisen eigentlich
+nur der Nase nach, dahin, wo es vielleicht eine Kugel, jedenfalls aber
+Neuigkeiten zu erwischen giebt.
+
+— Nach den empörten Provinzen? fragte Michael Strogoff mit einem gewissen
+Eifer.
+
+— Ganz recht, Herr Korpanoff, und wahrscheinlich begegnen wir uns dort
+wohl nicht wieder!
+
+— Wahrlich, mein Herr, antwortete Michael Strogoff, ich bin gar nicht
+lüstern nach einer Büchsenkugel oder einem Lanzenstiche und zu
+friedliebender Natur, um mich unnöthig dahin zu begeben, wo man sich
+herumschlägt.
+
+— Bedaure, mein Herr, bedaure, es sollte uns gewiß leid thun, so schnell
+von Ihnen wieder Abschied zu nehmen. Vielleicht will es unser guter Stern
+aber doch, daß wir wenigstens von Jekaterinenburg aus noch ein Stück Weges
+zusammen zurücklegen, und wäre es nur während weniger Tage?
+
+— Sie gehen vielleicht auch nach Omsk? fragte Michael Strogoff nach kurzer
+Ueberlegung.
+
+— Das wissen wir freilich selbst noch nicht, erwiderte Alcide Jolivet.
+Jedenfalls wenden wir uns direct nach Ichim und dort werden die
+Verhältnisse unseren weiteren Weg bestimmen.
+
+— Nun wohl, meine Herren, sagte Michael Strogoff, bis nach Ichim werden
+wir also zusammen sein.“
+
+Michael Strogoff hätte es gewiß vorgezogen, allein zu reisen, er konnte
+sich aber, ohne damit aufzufallen, nicht wohl von den beiden Reisenden
+absondern, welche des nämlichen Weges zogen wie er. Bei der von Alcide
+Jolivet ausgesprochenen Absicht, sammt seinem Begleiter in Ichim Halt zu
+machen und nicht unmittelbar nach Omsk weiter zu gehen, lag für ihn
+übrigens kein besonderer Grund vor, diesen Theil der Reise in ihrer
+Gesellschaft zurück zu legen.
+
+„Also, meine Herren, es ist abgemacht. Wir reisen zusammen.“
+
+Dann setzte er mit möglichst gleichgiltigem Tone hinzu:
+
+„Haben Sie vielleicht einige sicherere Nachrichten über den
+Tartareneinfall?
+
+— Leider nein, erwiderte Alcide Jolivet, wir wissen davon ebenso viel, als
+in Perm allgemein bekannt war. Die Tartarenhaufen Feofar-Khan’s haben die
+ganze Provinz Semipalatinsk überschwemmt und dringen jetzt in Eilmärschen
+längs des Bettes des Irtysch vor. Sie werden sich also ein wenig beeilen
+müssen, ihnen bis Omsk noch zuvorzukommen.
+
+— Ja, Sie haben Recht, bemerkte Michael Strogoff.
+
+— Dazu geht das Gerücht, es sei dem Oberst Ogareff gelungen, verkleidet
+die Grenze zu passiren, und er werde sich, in der Mitte der insurgirten
+Provinz, dem Tartarenchef unverzüglich anschließen.
+
+— Wie will man das aber wissen? warf Michael Strogoff ein, den diese mehr
+oder weniger begründeten Neuigkeiten selbstverständlich sehr
+interessirten.
+
+— Ei, so wie man eben Alles weiß, antwortete Alcide Jolivet; das liegt so
+in der Luft.
+
+— Und Sie haben begründete Ursache zu glauben, daß Colonel Ogareff in
+Sibirien sei?
+
+— Ich habe mindestens davon sprechen hören, daß er den Weg von Kasan nach
+Jekaterinenburg eingeschlagen habe.
+
+— O, Sie wüßten das, Herr Jolivet? ließ sich da Harry Blount vernehmen,
+den jene Bemerkung des französischen Correspondenten aus seiner
+Schweigsamkeit aufrüttelte.
+
+— Ich wußte es, erwiderte Alcide Jolivet.
+
+— Und es war Ihnen auch bekannt, daß er als Zigeuner verkleidet ging?
+fragte Harry Blount.
+
+— Als Zigeuner! rief Michael Strogoff fast unwillkürlich, da er sich der
+Anwesenheit des alten Tsiganen in Nischny-Nowgorod, seiner Fahrt auf dem
+„Kaukasus“ und seiner Ausschiffung in Kasan erinnerte.
+
+— Ich hatte davon eben genug erfahren, um darüber einen Brief an meine
+Cousine zu richten, antwortete lächelnd Alcide Jolivet.
+
+— Sie haben in Kasan Ihre Zeit nicht verloren! bemerkte der Engländer in
+trockenem Tone.
+
+— Gewiß nicht, liebster College, und während der ‚Kaukasus‘ sich
+verproviantirte, that ich ganz dasselbe!“
+
+Michael Strogoff achtete ferner nicht auf das Wortgeplänkel, das sich
+zwischen Harry Blount und Alcide Jolivet entsponnen hatte. Er gedachte
+jener Zigeunergruppe, jenes alten Tsiganen, dessen Gesicht er nicht
+ordentlich sehen konnte, des fremden Weibes in seiner Begleitung, die
+jenen sonderbaren Blick auf ihn geworfen hatte, und er bemühte sich, alle
+Details jenes Zusammentreffens wieder im Gedächtniß aufzufrischen, als in
+geringer Entfernung ein Knall hörbar wurde.
+
+„Ah, vorwärts, meine Herren! rief Michael Strogoff.
+
+— Sieh da, ein braver Kaufmann, der die Flintenschüsse flieht, meinte
+Alcide Jolivet, der läuft über Hals und Kopf dahin, wo er solche hört!“
+
+Schnell eilte er aber sowohl selbst, als hinter ihm Harry Blount, der auch
+nicht der Mann dazu war, feig zurück zu bleiben, Michael Strogoff
+furchtlos nach.
+
+Nach wenig Augenblicken befanden sich Alle bei dem Felsenvorsprunge, der
+den Tarantaß deckte.
+
+Noch loderten die Flammen aus der durch den Blitzschlag entzündeten
+Fichtengruppe empor. Die Straße war leer. Und doch, Michael Strogoff
+konnte sich unmöglich getäuscht haben; das mußte ein Gewehrschuß sein, der
+vorher an sein Ohr schlug.
+
+Da hörte man plötzlich ein schreckliches Brummen und am Abhange krachte
+ein zweiter Schuß.
+
+„Ein Bär! rief Michael Strogoff, dem jenes Brummen ja bekannt genug war.
+Nadia! Nadia!“
+
+Sein Dolchmesser aus dem Gürtel reißend stürzte Michael Strogoff hastig
+vorwärts und lief um den Felsen, hinter dem das junge Mädchen zu warten
+versprochen hatte.
+
+Grell beleuchteten die von der Wurzel bis zum Gipfel brennenden Fichten
+den Schauplatz.
+
+In dem Augenblicke, als Michael Strogoff den Tarantaß erreichte, wälzte
+sich ihm eine enorme Masse entgegen.
+
+Es war ein ungeheurer Bär. Der Sturm mochte ihn aus dem Gehölz, das diese
+Abhänge der Uralberge bedeckt, vertrieben und er eine Zuflucht in seiner
+gewohnten Höhle gesucht haben, in derselben, welche eben Nadia deckte.
+
+Zwei von den Pferden zerrissen da, erschreckt über den Anblick des
+furchtbaren Raubgesellen, ihre Stränge und entflohen; der Jemschik, dem
+nur seine Thiere am Herzen lagen und der dabei ganz vergaß, daß das junge
+Mädchen nun allein dem Angriffe des Bären ausgesetzt blieb, jagte ihnen
+nach.
+
+Die muthige Nadia verlor den Kopf aber nicht. Das Thier mochte sie zuerst
+nicht bemerkt haben, denn es stürzte sich auf das dritte Pferd. Nadia
+schlüpfte aus der Höhlung, welche sie verbarg, lief nach dem Wagen,
+ergriff einen von Michael Strogoff’s Revolvern, ging kaltblütig auf den
+Bären los und feuerte auf ihn aus unmittelbarer Nähe.
+
+Leicht an der Schulter verwundet hatte sich das Thier gegen das junge
+Mädchen gewendet, die ihm auszuweichen suchte und um den Tarantaß lief,
+dessen einzig übrig gebliebenes Pferd sich ebenfalls loszureißen suchte.
+Verirrten sich diese Pferde aber alle in dem Gebirge, so war die ganze
+Weiterfahrt zunächst in Frage gestellt. Nadia war also dem Bären wieder
+entgegen getreten und gab mit bewunderungswürdig ruhigem Blute, gerade als
+jener die gewaltigen Tatzen erhob, um auf sie niederzuschlagen, zum
+zweiten Male Feuer.
+
+Das war jener zweite Schuß, welcher ganz in der Nähe Michael Strogoff’s
+aufblitzte. Mit einem Satze warf sich dieser zwischen den Bären und das
+junge Mädchen. Sein Arm machte nur eine Bewegung von unten nach oben, und
+das gewaltige Thier fiel, aufgeschlitzt vom Bauch bis zur Gurgel, eine
+leblose Masse, vor ihm zusammen.
+
+Es war ein hübsches Pröbchen jener Methode der sibirischen Jäger, die
+stets darauf achten, das kostbare und von ihnen hoch im Preise gehaltene
+Fell eines Bären nicht zu beschädigen.
+
+„Du bist nicht verletzt, Schwester? war Michael Strogoff’s erste Frage,
+als er sich zu dem jungen Mädchen wandte.
+
+— Nein, Bruder“, antwortete Nadia.
+
+Gerade jetzt kamen auch die beiden Journalisten zur Stelle.
+
+Alcide Jolivet sprang nach dem Kopfe des Pferdes, und er mußte wohl eine
+kräftige Faust haben, denn es gelang ihm, jenes zu bändigen. Sein
+Begleiter und er hatten den kurzen Kampf Michael Strogoff’s mit angesehen.
+
+„Zum Teufel! platzte Alcide Jolivet heraus, für einen einfachen Kaufmann,
+Herr Korpanoff, wissen Sie mit dem Jagdmesser doch recht leidlich
+umzugehen.
+
+— Sogar sehr geschickt, fügte Harry Blount hinzu.
+
+— In Sibirien, meine Herren, antwortete Michael Strogoff, sind wir
+genöthigt, uns um Alles ein wenig zu bekümmern.“
+
+Alcide Jolivet betrachtete den jungen Mann.
+
+Wie er so in voller Beleuchtung dastand, das blutige Waidmesser fest in
+der Hand, den einen Fuß auf dem Körper des erlegten Bären, sah Michael
+Strogoff bei seinem hohen Wuchse und dem entschlossenen Blicke wirklich
+schön aus.
+
+„Ein famoser Kerl!“ sagte Alcide Jolivet für sich.
+
+Dann trat er respectvoll, den Hut in der Hand, vor und begrüßte das junge
+Mädchen.
+
+Nadia verneigte sich leicht.
+
+Alcide Jolivet kehrte sich darauf nach seinem Begleiter um und sagte:
+
+„Die Schwester ist des Bruders werth! Wenn ich ein Bär wäre, ich riebe
+mich nicht an diesem ebenso achtunggebietenden als liebenswürdigen
+Pärchen!“
+
+Harry Blount stand, gerade wie eine Hopfenstange, mit abgezogenem Hute in
+einiger Entfernung. Die zwanglose Höflichkeit seines Collegen vermehrte
+nur seine natürliche Steifheit.
+
+Jetzt erschien auch der Jemschik wieder, dem es gelungen war, seine beiden
+Pferde wieder einzufangen. Er warf zuerst einen bedauernden Blick auf das
+prächtige, am Boden liegende Thier, das hier als Beute für die Raubvögel
+liegen bleiben sollte, und machte sich dann erst daran, das Geschirr
+wieder in Ordnung zu bringen.
+
+Michael Strogoff setzte ihn von der Lage der beiden andern Reisenden in
+Kenntniß und sagte, daß er diesen ein Pferd vom Tarantaß zur Verfügung
+stellen wolle.
+
+„Ganz wie es Dir beliebt, entgegnete der Jemschik. Indeß, zwei Wagen statt
+des einen ...
+
+— Schon gut, Freundchen, fiel Alcide Jolivet, der dieses Zögern schnell
+genug verstand, ihm in’s Wort, Du wirst natürlich auch doppelte Bezahlung
+erhalten.
+
+— Nun denn vorwärts, meine Turteltäubchen!“ rief der Jemschik.
+
+Nadia hatte den Tarantaß wieder bestiegen, während Michael Strogoff und
+seine Begleiter diesem zu Fuße nachfolgten.
+
+Es mochte gegen drei Uhr sein. Der Sturm war nun im Abnehmen und jagte
+nicht mehr mit unwiderstehlicher Gewalt durch den Hohlweg, so daß man
+leidlich schnell vorwärts kam.
+
+Mit dem ersten Schimmer des Morgenrothes hatte der Tarantaß das
+Telegrestchen erreicht, das gewissenhaft bis zur Mitte der Räder in den
+Schlamm eingesunken war. Man erkannte jetzt recht wohl, daß ein heftiger
+Ruck der Bespannung die Trennung der beiden Wagentheile veranlaßt hatte.
+
+Das eine der Seitenpferde des Tarantaß ward nun so gut es eben anging mit
+Stricken an den Sitzkasten des Teleg gespannt. Die beiden Journalisten
+nahmen auf der Bank ihres etwas sonderbaren Fahrzeugs Platz, und
+gleichzeitig setzten sich beide Wagen in Bewegung. Uebrigens hatte man ja
+nur die Bergabhänge des Ural hinunter zu fahren, was keine besondere
+Schwierigkeit bot.
+
+Sechs Stunden später langten die beiden Fuhrwerke eines dicht nach dem
+anderen in Jekaterinenburg an, ohne daß ein weiterer Unfall diesen zweiten
+Theil der Fahrt noch einmal unterbrochen hätte.
+
+Das erste Individuum, das den Journalisten schon am Thore des Posthauses
+in die Augen fiel, war ihr eigener Jemschik, der sie mit der größten
+Gemüthsruhe zu erwarten schien.
+
+Ohne alle Verlegenheit ging der gutmüthige Russe seinen Passagieren
+lächelnd entgegen und streckte die Hand hin, um sein Trinkgeld
+einzuheimsen.
+
+Die Wahrheit verlangt es nicht zu verschweigen, daß Harry Blount’s Zorn
+dabei mit voller britannischer Heftigkeit zum Ausbruch kam, und wäre der
+Jemschik nicht klüglich zurückgewichen, so hätte ihm ein nach allen Regeln
+der edlen Boxkunst geführter Faustschlag wohl sein ‚_na vodku_‘ mitten
+in’s Gesicht gezeichnet.
+
+Als Alcide Jolivet diesen Zornesausbruch sah, wand er sich fast vor Lachen
+und jubelte auf, wie er vielleicht früher noch nie gelacht hatte.
+
+„Er hat ja ganz Recht, der arme Teufel da! rief er. Er ist in seinem
+vollen Rechte, lieber College! Das ist doch seine Schuld nicht, wenn wir
+keine Mittel fanden, ihm zu folgen!“
+
+Er zog einige Kopeken aus der Tasche.
+
+„Da, Freundchen, sagte er, indem er sie dem Jemschik hinreichte, da,
+steck’ sie ein. Wenn Du sie nicht verdient hast, war’s ja Deine Schuld
+nicht!“
+
+Das verdoppelte aber nur noch die Aufregung Harry Blount’s, der sich an
+dem Postmeister schadlos halten und ihm einen Prozeß an den Hals werfen
+wollte.
+
+„Einen Prozeß! Und in Rußland! rief Alcide Jolivet; aber unter den
+obwaltenden Verhältnissen, bester College, wären Sie nicht im Stande,
+dessen Ende abzusehen. Da ist Ihnen die herrliche Geschichte von jener
+russischen Amme wohl nicht bekannt, welche der Familie ihres Säuglings
+gegenüber klagbar wurde, daß sie jenen weiter nähren wollte?
+
+— Ich kenne sie nicht, entgegnete Harry Blount.
+
+— Dann wissen Sie auch nicht, was aus jenem Säugling geworden war, als das
+Gericht das Endurtheil zu seinen Gunsten fällte?
+
+— Und was, wenn ich bitten darf?
+
+— Ja, mein Gott, ein Oberst der Gardehusaren war aus ihm geworden!“
+
+Alle brachen in helles Gelächter aus.
+
+Alcide Jolivet holte in dieser lustigen Stimmung sein Notizbuch hervor und
+bereicherte es, um einst in einem moskowitischen Wörterbuche zu figuriren,
+durch folgende Bemerkung:
+
+„Teleg, ein in Rußland gebräuchlicher Wagen, wenn er abfährt mit vier, –
+wenn er ankommt mit zwei Rädern!“
+
+
+
+
+ Zwölftes Capitel.
+
+
+ Eine Herausforderung.
+
+
+Jekaterinenburg ist seiner geographischen Lage nach eine Stadt Asiens,
+denn es erhebt sich jenseit des Ural, auf den letzten Ausläufern der
+östlichen Berglehne. Trotzdem gehört es zu dem Gouvernement von Perm und
+bildet also einen Theil des ausgedehnten Gebietes des europäischen
+Rußlands. Dieser administrative Uebergriff muß wohl seinen Grund haben. Er
+betrifft ein Stück Sibirien, das zwischen den Kinnbacken Rußlands
+verblieb.
+
+Weder Michael Strogoff noch die beiden Berichterstatter konnten in einer
+so großen, schon im Jahre 1723 gegründeten Stadt um die Beschaffung der
+nöthigen weiteren Reisegelegenheit in Verlegenheit kommen.
+
+In Jekaterinenburg befindet sich die erste und bedeutendste Münzstätte des
+ganzen Reiches; dort domicilirt auch die kaiserliche Generaldirection der
+Erzbergwerke. Die Stadt bildet also einen wichtigen industriellen
+Mittelpunkt in einem Lande, wo Erzhütten, Gold- und Platinwäschereien fast
+im Ueberfluß vorhanden sind.
+
+Zu jener Zeit hatte die Bevölkerung Jekaterinenburgs sich ganz
+ausnahmsweise stark vermehrt. Von dem feindlichen Einfall bedrohte Russen
+und Sibirier strömten dort zusammen nach ihrer Flucht aus den von
+Feofar-Khan’s Horden schon überflutheten Provinzen und vorzüglich aus dem
+Lande der Kirghisen, das sich im Südwesten des Irtysch bis zu den Grenzen
+von Turkestan ausdehnt.
+
+Fehlten also die Beförderungsmittel sehr, um nach Jekaterinenburg zu
+gelangen, so waren sie dagegen im Ueberfluß vorhanden, um diese Stadt
+verlassen zu können. Bei der jetzigen Lage der Dinge fühlten die meisten
+Fremden kein besonderes Verlangen, sich nach Sibirien hinein zu begeben.
+
+Unter eben diesen Umständen gelang es Alcide Jolivet und Harry Blount
+natürlich leicht, ihren Halbteleg durch einen completen Teleg zu ersetzen.
+Was Michael Strogoff betrifft, so gehörte der Tarantaß ja ihm an;
+letzterer hatte durch die Ueberschreitung der Uralkette auch nicht
+sonderlich gelitten, und es bedurfte nur des Vorspanns dreier flotter
+Pferde, um ihn schnell auf der Straße nach Irkutsk weiter zu befördern.
+
+Bis Tiumen und selbst bis Novo-Zaimskoë verlief diese Straße noch sehr
+hügelig, denn sie wand sich bis dahin über die launenhaften
+Bodenerhebungen, welche die ersten Stufenwellen der Uralkette bilden.
+Jenseit der Etappe Novo-Zaimskoë aber begann die grenzenlose Steppe, die
+sich bis in die Nähe von Krasnojarsk erstreckt, d. h. über einen Raum von
+1700 Werst (= 1815 Kilom.) Durchmesser.
+
+Nach Ischim wollten sich die beiden Berichterstatter, wie wir es im
+Vorigen erfahren haben, zunächst begeben; diese Stadt liegt 630 Werst von
+Jekaterinenburg entfernt. Dort gedachten sie sich näher über den Verlauf
+der Ereignisse zu unterrichten, und beabsichtigten von hier aus nach den
+im Aufstand begriffenen Gegenden weiter zu ziehen, getrennt oder vereint,
+je nachdem ihr Jägerinstinct sie auf die eine oder die andere Fährte
+leiten würde.
+
+Dieselbe Straße von Jekaterinenburg nach Ischim, – die sich auch nach
+Irkutsk fortsetzt, – war aber auch diejenige, welche Michael Strogoff
+unbedingt benutzen mußte. Da er jedoch nicht dem Einsammeln von
+Tagesneuigkeiten nachging und das von den Rebellen besetzte Land eher zu
+vermeiden als aufzusuchen alle Ursache hatte, so war er für seinen Theil
+fest entschlossen, nirgends unnöthig eine Stunde zu verweilen.
+
+„Meine Herrn, begann er also zu seinen neuen Begleitern, es wird mir sehr
+angenehm sein, einen Theil der bevorstehenden Reise in Ihrer Gesellschaft
+zurückzulegen, doch muß ich Sie im Voraus darauf aufmerksam machen, daß
+ich die größte Eile habe, in Omsk anzukommen, denn meine Schwester und ich
+wollen dort unsere Mutter treffen. Wer weiß, ob es uns überhaupt möglich
+werden wird, diese Stadt zu erreichen, bevor sie den Tartaren in die Hände
+fällt! Ich werde mich also auf den Relais nie längere Zeit aufhalten, als
+das Umspannen der Pferde erfordert, und werde Tag und Nacht reisen.
+
+— Wir denken vorläufig nicht anders zu verfahren, bemerkte Harry Blount.
+
+— Nun gut, erwiderte Michael Strogoff, so verlieren Sie auch keinen
+Augenblick. Miethen oder kaufen Sie einen Wagen, der ...
+
+— Der so freundlich ist, fügte Alcide Jolivet hinzu, mit wohl verbundenem
+Vorder- und Hintertheil bei der nächsten Station anzukommen.“
+
+Eine halbe Stunde später hatte der rührige Franzose denn auch ohne
+besondere Mühe einen Tarantaß aufgetrieben, der dem Michael Strogoff’s
+ziemlich ähnlich war und in welchem er mit seinem Begleiter sich sofort
+bequem einrichtete.
+
+Michael Strogoff und Nadia nahmen ihre Plätze im Tarantaß ebenfalls wieder
+ein, und zu Mittag verließen beide Fuhrwerke zusammen Jekaterinenburg.
+
+Nadia war endlich in Sibirien, auf jenem langen, weiten Wege, der nach
+Irkutsk führt! Welcher Art mochten die Gedanken der jungen Liefländerin da
+wohl sein? Drei hurtige Rosse zogen sie durch dieses Land der Verbannten,
+in dem ihr Vater, vielleicht lange und so unendlich weit von der geliebten
+Heimat zu leben verurtheilt war! Aber sie sah die unendlichen Steppen sich
+kaum vor ihrem Auge entrollen, jene Steppen, die sie beinahe selbst nicht
+einmal hätte betreten dürfen; ihr Blick schweifte hinaus über den
+entfernten Horizont, hinter dem sie das Gesicht des Verbannten suchte. Sie
+beobachtete nichts von der Landschaft, die sie mit einer Schnelligkeit von
+sechzehn Werst die Stunde durchflog, nichts von den Gegenden des
+westlichen Sibiriens, die sich von dem des östlichen so merklich
+unterscheiden. Hier begegnet man nur sehr selten angebauten Feldern,
+einem, mindest auf der Oberfläche, sehr mageren Boden, denn in seinem
+Innern birgt er neben einem Ueberfluß von Eisen auch viel Kupfer, Gold und
+Platin. Deshalb sieht man wiederholt wohl hüttengewerbliche Anlagen, aber
+fast nirgends landwirthschaftliche Ansiedelungen. Woher sollte man auch
+die nöthigen Arme nehmen, die Erde zu pflügen, die Felder zu besäen, die
+Erndten einzuholen, wenn es einträglicher ist, die Eingeweide der Erde mit
+Spitzhaue und Schlägel zu durchwühlen? Hier hat der Landbauer dem Bergmann
+den Platz geräumt. Die Hacke trifft man überall, den Spaten nirgends.
+
+Manchmal lösten sich Nadia’s Gedanken indeß doch von den entlegenen
+Provinzen am Baikalsee los und richteten sich mit Interesse auf ihre
+gegenwärtige Lage. Das Bild ihres Vaters verwischte sich ein wenig und sie
+sah wieder ihren edelmüthigen Reisegefährten zuerst auf der Eisenbahn von
+Wladimir, wo sie die Vorsehung zum ersten Male mit ihm zusammen geführt
+hatte. Sie erinnerte sich seiner Aufmerksamkeit während der Fahrt, seines
+Erscheinens auf dem Polizei-Amte von Nishnij-Nowgorod, der wohlthuenden
+Einfachheit, mit der er sie mit der Bezeichnung Schwester anredete, seiner
+Sorgfalt für sie während der Fahrt auf der Wolga, endlich alles dessen,
+was er in der schrecklichen Gewitternacht im Ural gethan hatte, um mit
+Gefahr seines Lebens das ihrige zu retten!
+
+Nadia dachte also an Michael Strogoff. Sie dankte Gott dafür, daß er ihr
+gerade diesen wachsamen Beschützer, diesen edelmüthigen und verschwiegenen
+Freund zugeführt hatte. Sie fühlte sich neben ihm, unter seinem Schutze
+vollkommen in Sicherheit. Ein wirklicher Bruder hätte nicht besser an ihr
+handeln können. Sie fürchtete jetzt kein Hinderniß mehr; sie war
+überzeugt, ihr Endziel zu erreichen.
+
+Michael Strogoff selbst sprach nur wenig und gab sich vielmehr seinen
+Gedanken hin. Er dankte seinerseits Gott, daß er ihm durch diese Begegnung
+mit Nadia erstens ein Mittel gegeben habe, seine Individualität gegen
+Entdeckung besser zu sichern, und dann auch eine Gelegenheit, ein gutes
+Werk zu thun. Die ruhige Unerschrockenheit des jungen Mädchens erweckte
+die Sympathie seines muthigen Herzens. War sie nicht in der That seine
+Schwester? Er empfand für seine schöne heroische Begleiterin ebenso viel
+Hochachtung als Zuneigung. Er fühlte es, daß in ihr eines jener reinen und
+seltenen Herzen pulsire, auf welche man in jedem Fall zählen kann.
+
+Seitdem er indeß den Boden Sibiriens durchzog, begannen für Michael
+Strogoff erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Wenn die beiden
+Journalisten sich nicht etwa täuschten, wenn Iwan Ogareff wirklich die
+Grenze überschritten hatte, so mußte er überall mit der größten Vorsicht
+auftreten. Die Verhältnisse lagen hier umgekehrt, denn in den sibirischen
+Provinzen wimmelte es gewiß von tartarischen Spionen. Wurde sein Incognito
+gelüftet, seine Eigenschaft als Courier des Czaar erkannt, so war es um
+seine Mission, ja vielleicht um sein Leben geschehen. Michael Strogoff
+empfand die Verantwortlichkeit immer schwerer, die jetzt auf ihm lastete.
+
+So gestalteten sich die Umstände in dem ersten Wagen, und wie sah es denn
+in dem zweiten aus? Ganz und gar wie gewöhnlich. Alcide Jolivet sprach in
+lustigen Sätzen, Harry Blount antwortete mit einsylbigen Brocken. Jeder
+sah die Sachen von dem ihm eigenen Standpunkte aus an und notirte sich
+Anmerkungen über Vorkommnisse während der Reise, Ereignisse, welche
+übrigens während dieses Zuges durch die ersten Gebietstheile Westsibiriens
+nicht von besonderem Gewichte waren.
+
+Auf jedem Relais stiegen die beiden Berichterstatter aus und suchten
+Michael Strogoff auf. Sollte im Posthause nicht eine Mahlzeit eingenommen
+werden, so verließ Nadia den Tarantaß gar nicht. Beabsichtigte man zu
+frühstücken oder zu Mittag zu speisen, so nahm sie zwar mit an der Tafel
+Platz, hielt sich aber sehr zurückgezogen und betheiligte sich möglichst
+wenig bei der Unterhaltung.
+
+Ohne jemals die Grenzen gebildeter Höflichkeit zu überschreiten, zeigte
+Alcide Jolivet doch für die junge Liefländerin, die er übrigens reizend
+fand, stets die größte Sorgsamkeit. Er bewunderte die schweigsame Energie,
+die sie den Strapazen einer unter so beschwerlichen Umständen ausgeführten
+Reise gegenüber zeigte.
+
+Diese Zeiten gezwungenen Aufenthaltes gefielen Michael Strogoff nur sehr
+mittelmäßig. Auf jedem Relais trieb er zuerst zur Weiterfahrt, feuerte die
+Postmeister an, ließ die Jemschiks nicht zu Athem kommen und beeilte das
+Anspannen. War dann die Mahlzeit im Fluge verzehrt – gewöhnlich zu schnell
+und zum großen Leidwesen Harry Blount’s, der nun einmal ein methodischer
+Esser war, – so fuhr man ab, die Journalisten gleichfalls als Adler, denn
+sie bezahlten fürstlich und, wie Alcide Jolivet sagte, „als und mit
+russischen Adlern(3)“.
+
+Es versteht sich von selbst, daß Harry Blount sich des jungen Mädchens
+wegen in keinerlei Unkosten steckte. Es war das einer der wenigen
+Unterhaltungsgegenstände, über welche er mit seinem Gefährten nicht gern
+plauderte. Der ehrenwerthe Gentleman hatte nicht die Gewohnheit, zwei
+Sachen auf einmal zu thun.
+
+Als Alcide Jolivet ihn einmal so nebenbei fragte, wie alt die junge
+Liefländerin wohl sein möge, antwortete er ganz ernsthaft und mit
+halbgeschlossenen Augen:
+
+„Welche junge Liefländerin?
+
+— Nun, zum Kukuk, die Schwester Nicolaus Korpanoff’s.
+
+— Das ist seine Schwester?
+
+— Nein, seine Großmutter! versetzte Alcide Jolivet, den dieses Phlegma
+außer Fassung brachte. — Nun, welches Alter trauen Sie ihr zu?
+
+— Wäre ich bei ihrer Geburt anwesend gewesen, so würde ich es wissen!“
+antwortete einfach Harry Blount, der sich offenbar nicht weiter einlassen
+wollte.
+
+Der Landstrich, durch den die beiden Tarantaß dahinrollten, war fast
+vollkommen verlassen. Das Wetter blieb ziemlich gut, der Himmel leicht
+bewölkt, die Temperatur erträglich. Mit besser auf Federn befestigten
+Wagen hätten sich die Reisenden nach keiner Seite zu beklagen gehabt. Sie
+kamen wie mit den Berlinen der russischen Post, d. h. ungemein schnell
+vorwärts.
+
+Wenn das Land aber verlassen schien, so lag das nur in den gegenwärtigen
+Verhältnissen. Auf den seltenen Feldern fanden sich nur wenig oder gar
+keine sibirischen Bauern mit ihrem bleichen und ernstem Gesicht, welche
+Bauern eine berühmte Reisende mit den Castiliern verglichen hat, nur fehlt
+ihnen deren trotziger Stolz. Da und dort verriethen auch schon einige
+verlassene Dörfer die Annäherung der tartarischen Heerhaufen. Die
+Einwohner waren unter Mitführung ihrer Heerden von Schafen, Kameelen und
+Pferden nach den nördlicheren Ebenen entflohen. Einige treu gebliebene
+Stämme der großen Kirghisenhorde hatten ihre Zelte gleichfalls über den
+Irtysch und Obi hinaus geschafft, um den Plünderungen der Eindringlinge zu
+entgehen.
+
+Glücklicher Weise erlitt der Postbetrieb hier noch keine Störung, so wenig
+wie das Telegraphenwesen, so weit der ununterbrochene Draht eben noch
+reichte. Auf jedem Relais lieferten die Postmeister Pferde zu den
+vorschriftsmäßigen Bedingungen. Auf jeder Station befanden sich die
+Beamten an ihren Schaltern zur Beförderung der aufgegebenen Telegramme,
+welche höchstens durch die vielen Staatsdepeschen einige Verzögerung
+erfuhren. Auch Harry Blount und Alcide Jolivet machten von dem Telegraphen
+ausgiebigen Gebrauch.
+
+Bis hierher ging Michael Strogoff’s Reise also unter befriedigenden
+Umständen von Statten. Der Courier des Czaar hatte sich nirgends
+verspätet, und wenn es ihm gelang, die Spitze der von Feofar-Khan über
+Krasnojarsk hinaus geschobenen Heereshaufen noch zu umgehen, war er auch
+sicher, vor ihnen und in der kürzesten bis jetzt gebrauchten Zeit in
+Irkutsk anzulangen.
+
+Am folgenden Tage, nachdem die beiden Tarantaß Jekaterinenburg verließen,
+erreichten sie um sieben Uhr Morgens die kleine Stadt Tuluguisk nach
+Zurücklegung einer Strecke von 220 Werst, ohne daß sich dabei ein irgend
+nennenswerther Zufall ereignet hätte.
+
+Dort wurde dem Frühstück ein halbes Stündchen gegönnt. Gleich darauf
+eilten die Reisenden mit einer Geschwindigkeit weiter, welche nur das
+Versprechen einer gewissen Summe Kopeken erklärlich machte.
+
+Denselben Tag, den 22. Juli, langten die beiden Fuhrwerke sechzig Werst
+weiter in Tiumen an.
+
+Tiumen, dessen normale Bevölkerung gegen 10,000 Seelen zählt, beherbergte
+jetzt wohl die doppelte Zahl. Diese Stadt, übrigens das erste von den
+Russen in Sibirien gegründete Industriestädtchen, dessen schöne
+metallurgische Werkstätten und Glockengießereien weithin bekannt sind, bot
+noch nie vorher einen so belebten Anblick.
+
+Die beiden Correspondenten begaben sich sofort auf die Jagd nach
+Neuigkeiten. Was die sibirischen Flüchtlinge vom Kriegsschauplatze
+mittheilten, klang nicht eben sehr tröstlich.
+
+Man sagte unter Anderem, die Armee Feofar-Khan’s nähere sich in
+Eilmärschen dem Thale des Ischim, und man bestätigte mehrfach, daß der
+Tartarenchef sich sehr bald mit dem Oberst Iwan Ogareff die Hand bieten
+werde, wenn das nicht gar schon geschehen sei. Man folgerte daraus ganz
+richtig, daß die Operationen bald mit mehr Nachdruck im Osten Sibiriens
+geführt werden würden.
+
+Die russischen Truppen mußten ihrer Mehrzahl nach erst aus den
+europäischen Provinzen herangezogen werden, und standen noch viel zu
+entfernt, um sich dem Einfall entgegen werfen zu können. Dagegen bewegten
+sich die Kosaken des Gouvernements Tobolsk in forcirten Märschen auf Tomsk
+zu und hofften die Tartarenschwärme dort abzuschneiden.
+
+Um acht Uhr Abends hatten die Tarantaß weitere fünfundsiebzig Werst
+zurückgelegt und kamen in Jalutorowsk an.
+
+Man wechselte rasch die Pferde und passirte gleich außerhalb der Stadt auf
+einer Fähre den Tobolfluß. Sein sehr friedliches Gewässer erleichterte
+diese Ueberfahrt, welche sich im weiteren Verlauf der Fahrt noch mehrmals,
+und dann wohl unter minder günstigen Umständen wiederholen mußte.
+
+Gegen Mitternacht wurde, fünfundfünfzig Werst weiter, der Flecken
+Novo-Saimsk erreicht und nun ließen die Reisenden endlich den leicht
+wellenförmigen Boden mit seinen waldbedeckten Hügeln, den letzten Wurzeln
+der Uralberge, hinter sich.
+
+Hier begann nun wirklich die eigentliche sibirische Steppe, die sich bis
+in die Nachbarschaft von Krasnojarsk ausdehnt. Das war die Ebene ohne
+Grenzen, eine Art mit Gräsern bestandener Wüste, an deren Umfang sich
+Himmel und Erde, wie in einem mit dem Zirkel geschlagenen Bogen berührten.
+Diese Steppe bot dem Auge keine anderen Haltepunkte, als die
+Telegraphenpfähle zu beiden Seiten der Straße, längs der die Drähte leise,
+wie die Saiten einer riesigen Aeolsharfe, bei dem sanften Winde erklangen.
+Der Weg unterschied sich im Uebrigen von der weiten Ebene nur durch den
+feinen Staub, der unter den Rädern der Tarantaß aufwirbelte. Ohne dieses
+weißliche Band, das sich hinzog, so weit man sehen konnte, hätte man
+geglaubt, in der Wüste zu sein.
+
+Durch die Steppe jagten Michael Strogoff und seine Gefährten mit noch
+größerer Schnelligkeit. Die von den Jemschiks angetriebenen Pferde hatten
+kein besonderes Hinderniß zu überwinden, und der Weg verschwand sichtbar
+hinter ihnen. Die Tarantaß flogen direct auf Ischim zu, woselbst die
+beiden Correspondenten zunächst bleiben wollten, wenn kein besonderer
+Zwischenfall ihre Absichten kreuzte.
+
+Zweihundert Werst etwa trennen Novo-Saimsk von der Stadt Ischim, und am
+Morgen des andern Tages sollten und konnten diese zurückgelegt sein,
+vorausgesetzt, daß man eben keinen Augenblick verlor. In den Augen der
+Jemschiks verdienten die Reisenden, wenn sie nicht wirklich große Herren
+oder hohe Beamte waren, doch, es zu sein, mochte diese Ansicht auch nur in
+der Freigebigkeit bezüglich der vertheilten Trinkgelder begründet sein.
+
+Am andern Tage, dem 23. Juli, befanden sich die beiden Tarantaß in der
+That nur noch dreißig Werst von Ischim.
+
+Da bemerkte Michael Strogoff auf der Straße und vor einer wallenden
+Staubwolke kaum sichtbar, daß noch ein Wagen dem seinigen vorausfuhr. Da
+seine weniger ermüdeten Pferde sehr schnell liefen, mußte er diesen
+offenbar bald einholen.
+
+Jenes war weder ein Tarantaß, noch ein Teleg, sondern eine Postkutsche;
+über und über mit Staub bedeckt, schien sie einen weiten Weg hinter sich
+zu haben. Der Postillon schlug unausgesetzt auf seine Gäule los und suchte
+sie mit Zurufen und mit der Peitsche im Galop zu erhalten. Diese Berline
+hatte Novo-Saimsk offenbar nicht passirt. Sie mußte auf die Straße nach
+Irkutsk über irgend einen verlorenen Weg durch die Steppe gelangt sein.
+
+Als Michael Strogoff und seine Begleiter die Berline sahen, hatten sie
+Alle nur den nämlichen Gedanken, sie zu überholen, vor ihr beim Relais
+anzukommen und sich der disponiblen Pferde zu versichern. Nur eines Wortes
+an ihre Jemschiks bedurfte es, und sie befanden sich bald zur Seite der
+von ihren ermatteten Rossen dahin geschleppten Berline.
+
+Michael Strogoff langte zuerst neben ihr an.
+
+Eben wurde ein Kopf hinter dem Vorhang der Berline sichtbar.
+
+Michael Strogoff hatte kaum Zeit diesen wahrzunehmen. So schnell er
+indessen vorübereilte, so hörte er den Fremden doch mit befehlendem Tone
+ihm zurufen:
+
+„Anhalten!“
+
+Die Wagen hielten aber nicht an, im Gegentheil ward die Berline schnell
+überholt.
+
+Nun kam es zu einem wahren Wettrennen, denn die durch den schnellen Lauf
+der vorübersausenden Pferde jedenfalls angeregte Bespannung der Berline
+gewann die Kraft, einige Minuten mit Curs zu halten. Die drei Fuhrwerke
+verschwanden in einer Wolke von Staub. Aus dieser weißlich-grauen Masse
+erschallte wie ein Raketenfeuer das Knallen der Peitschen, vermischt mit
+den aufmunternden oder scheltenden Zurufen der Kutscher.
+
+Alles in Allem blieb aber Michael Strogoff mit seinen Begleitern im
+Vorsprung, – ein Vorsprung, der von Bedeutung werden konnte, wenn das
+Relais mit nur wenigen Pferden versehen war. Zwei Wagen zu bespannen, das
+verlangte vielleicht mehr, als der Postmeister, wenigstens kurze Zeit nach
+einander, wohl zu leisten vermochte.
+
+Eine halbe Stunde später sah man die weit überholte Berline kaum noch als
+ein Pünktchen am Horizonte der Steppe.
+
+Es war acht Uhr Abends, als die beiden Tarantaß am Posthause, gleich am
+Eingange der Stadt Ischim anlangten.
+
+Die Nachrichten über den Einfall lauteten immer und immer schlimmer. Die
+Stadt selbst war schon unmittelbar von der Vorhut der Tartarenhaufen
+bedroht und schon vor zwei Tagen hatten sich die Staatsbehörden auf
+Tobolsk zurückgezogen. Ischim besaß jetzt weder einen Beamten noch einen
+Soldaten.
+
+Michael Strogoff verlangte sofort nach der Ankunft bei dem Relais für sich
+frische Pferde.
+
+Er hatte sehr wohl daran gethan, die Berline noch auszustechen. Gerade
+drei Pferde nur waren in dem Zustande, sogleich angeschirrt zu werden. Die
+andern lagen erschöpft von irgend einem kurz zuvor zurückgelegten langen
+Wege in den Stallungen.
+
+Der Postmeister gab Befehl, den Tarantaß zu bespannen.
+
+Die beiden Correspondenten brauchten sich um sofortige
+Weiterbeförderungsmittel nicht zu sorgen, da sie es für gerathen hielten,
+vorläufig in Ischim zu verweilen; sie ließen also nur ihren Wagen in einer
+Remise des Posthofes unterbringen.
+
+Zehn Minuten nach der Einfahrt in das Relais erhielt Michael Strogoff die
+Meldung, daß sein Tarantaß zum Abfahren bereit sei.
+
+„Gut“, erwiderte er.
+
+Dann wendete er sich zu den beiden Journalisten.
+
+„Meine Herren, begann er, da Sie in Ischim zu bleiben gedenken, ist wohl
+die Zeit des Abschieds für uns gekommen.
+
+— Wie, Herr Korpanoff, antwortete Alcide Jolivet, werden Sie sich nicht
+ein Stündchen lang auch in Ischim aufhalten?
+
+— Nein, Herr Jolivet, es liegt mir etwas daran, das Posthaus verlassen zu
+haben, bevor die von uns überholte Berline hier eintrifft.
+
+— Fürchten Sie, daß der nachkommende Reisende Ihnen die Postpferde
+streitig machen könnte?
+
+— Ich suche gern jede Schwierigkeit zu vermeiden.
+
+— Dann, Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, hätten wir nur nochmals für
+den uns geleisteten Dienst zu danken, sowie für das Vergnügen, welches es
+uns bereitete, mit Ihnen zu reisen.
+
+— Es ist übrigens möglich, setzte Harry Blount hinzu, daß wir uns nach
+Verlauf einiger Tage in Omsk wieder begegnen.
+
+— Das könnte wohl sein, bestätigte Michael Strogoff, da ich direct dorthin
+abgehe.
+
+— Also glückliche Reise, lieber Herr Korpanoff, sagte Alcide Jolivet, und
+Gott bewahre Sie vor allen Telegs.“
+
+Die beiden Correspondenten ergriffen die Hände Michael Strogoff’s, um sie
+ihm zum Abschiede recht warm und herzlich zu drücken, als von draußen das
+Heranrollen eines Wagens hörbar wurde.
+
+Fast gleichzeitig ward das Thor des Gebäudes stürmisch aufgerissen und
+erschien in demselben eine männliche Gestalt.
+
+Es war das der Insasse jener Berline, ein Mann von militärischem Aussehen,
+der gegen vierzig Jahre zählen mochte, von hoher, kräftiger Gestalt,
+mächtigem Kopfe, breiten Schultern und mit einem martialischen
+Schnurrbart, der unmittelbar in den röthlichen Backenbart überging. Er
+trug eine Uniform ohne Gradabzeichen. Ein Cavalleriesäbel hing an seiner
+Seite und eine Peitsche mit kurzem Stiel hatte er in der Hand.
+
+„Pferde!“ rief er mit herrischem Tone, aus dem man seine Gewohnheit zu
+befehlen leicht heraushörte.
+
+— Ich habe augenblicklich keine Pferde zur Verfügung, antwortete der
+Postmeister mit einer höflichen Verbeugung.
+
+— Ich brauche solche aber im Augenblick.
+
+— Es ist unmöglich.
+
+— Was sind das für Pferde, welche ich eben vor der Thür des Relais an den
+Tarantaß gespannt sah?
+
+— Sie sind von diesem Reisenden belegt, erwiderte der Postmeister mit
+einem Hinweis auf Michael Strogoff.
+
+— So spanne man sie wieder ab!...“ sagte der Reisende in einem Tone, der
+jeden Widerspruch fast abschnitt.
+
+Michael Strogoff trat einen Schritt vor.
+
+„Jene Pferde sind von mir bestellt, sagte er.
+
+— Thut nichts! Ich brauche sie! Vorwärts – lebhaft! Ich habe keine Zeit zu
+verlieren.
+
+— Mir ist jeder Augenblick nicht minder kostbar“, erwiderte Michael
+Strogoff, der ruhig bleiben wollte und sich doch nur mit Mühe zurückhalten
+konnte.
+
+Nadia trat an seine Seite. Auch sie erschien äußerlich ruhig und doch
+fürchtete sie innerlich einen Auftritt, den sie gern vermieden gesehen
+hätte.
+
+„Genug der Worte!“ versetzte der fremde Reisende.
+
+Dann wandte er sich an den Postmeister:
+
+„Sie lassen jenen Tarantaß wieder abschirren, rief er und bekräftigte
+seinen Befehl durch eine drohende Geberde; die Pferde werden sofort vor
+meine Berline gespannt.“
+
+In seiner Verlegenheit wußte der Postmeister jetzt nicht, wem er gehorchen
+sollte, und sah Michael Strogoff an, dessen Sache es doch war, den
+unberechtigten Anforderungen des Fremden entgegenzutreten.
+
+Michael Strogoff zauderte einen Augenblick. Er wollte sich der Hilfe
+seines Podaroshna, der die Aufmerksamkeit Aller auf ihn lenken mußte,
+nicht bedienen, er wollte aber ebenso wenig durch Ueberlassung der Pferde
+seine Reise verzögern, und außerdem lag es ihm am Herzen, keinen
+zwecklosen Streit zu provociren, der die Ausführung seiner Mission hätte
+in Frage stellen können.
+
+Die beiden Journalisten hielten die Blicke auf ihn gerichtet, offenbar
+bereit ihm beizustehen, wenn er ihre Unterstützung anrufen sollte.
+
+„Meine Pferde werden an meinem Wagen bleiben“, sagte Michael Strogoff,
+aber ohne den Ton dabei mehr zu erheben, als es für einen einfachen
+sibirischen Kaufmann passend erschien.
+
+Der Fremdling schritt auf Michael Strogoff zu und sprach, indem er seine
+Hand derb auf dessen Schulter fallen ließ: „Also so steht es! Du weigerst
+Dich, mir Deine Pferde abzutreten?
+
+— Gewiß, antwortete Michael Strogoff.
+
+— Nun gut, so werden sie dem gehören, der nachher noch im Stande ist
+weiter zu reisen! Vertheidige Dich – ich schone Dich nicht!“
+
+Bei diesen Worten riß der Fremde hastig seinen Pallasch aus der Scheide
+und legte sich zum Fechten aus.
+
+Nadia stürzte sich zwischen ihn und Michael Strogoff.
+
+Harry Blount und Alcide Jolivet traten an seine Seite.
+
+„Ich werde mich nicht schlagen, antwortete Michael Strogoff gelassen, und
+kreuzte, wie um sich sicherer zu bezwingen, die Arme vor der Brust.
+
+— Du wirst Dich nicht schlagen?
+
+— Nein.
+
+— Auch hiernach nicht?“ schrie der Reisende.
+
+Und bevor man ihn zurückhalten konnte, traf der Griff seiner Hetzpeitsche
+Michael Strogoff’s Schulter.
+
+Bei dieser frechen Beleidigung schwand jeder Tropfen Blut aus den Wangen
+des jungen Mannes. Seine Hände hoben sich krampfhaft, als wollten sie den
+rohen Gegner zermalmen. Nur mit äußerster Anstrengung blieb er seiner
+mächtig. Ein Duell, – das war mehr, als eine Verzögerung, das konnte ihn
+seine Mission gänzlich verfehlen lassen!... Es schien ihm besser, einige
+Stunden zu opfern!... Gut, aber diesen Insult sollte er still verwinden!
+
+„Nein! antwortete Michael Strogoff auf jene Herausforderung, ohne den
+Raufbold eines weiteren Wortes zu würdigen, während er dem Fremden aber
+fest in’s Auge sah.
+
+— Die Pferde für mich! Und augenblicklich!“ herrschte Jener.
+
+Er verließ mit diesen Worten das Zimmer.
+
+Der Postmeister folgte ihm sofort, zuckte aber verwundert mit den
+Schultern und warf Michael Strogoff einen keineswegs zustimmenden Blick
+zu.
+
+Die Wirkung, welche dieser Zwischenfall auf die beiden Journalisten
+hervorbrachte, konnte Michael Strogoff nicht besonders günstig sein. Sie
+erschienen sichtlich enttäuscht. Dieser kraftstrotzende junge Mann ließ
+sich schlagen und forderte auch für eine solche rohe Beleidigung keine
+Genugthuung! Sie grüßten zum Abschied etwas verlegen und zogen sich
+zurück, wobei Alcide Jolivet zu Harry Blount sagte:
+
+„Das hätte ich nimmermehr geglaubt von einem Manne, der die Bären des Ural
+so im Handumdrehen aufschlitzt! Sollte es doch wahr sein, daß der Muth
+seine Stunden und seine gewissen Formen hat? Die Sache ist mir
+unverständlich. Uns Andern könnte hier vielleicht nur das Eine abgehen,
+daß wir niemals Leibeigene gewesen sind.“
+
+Kurze Zeit darauf verrieth das Rollen von Rädern und das Knallen einer
+Peitsche, daß die mit den Pferden des Tarantaß bespannte Berline das
+Posthaus verließ.
+
+Nadia blieb gelassen, Michael Strogoff noch leise vor Aufregung zitternd
+in dem Wartesaale des Relais zurück.
+
+Der Courier des Czaar hatte sich mit noch immer untergeschlagenen Armen
+niedergesetzt. Er unterschied sich kaum von einer Bildsäule. Nur hatte
+eine tiefe Röthe, welche einer Schamröthe dennoch nicht ähnlich sah, die
+frühere Blässe seines Gesichtes verdrängt.
+
+Für Nadia lag es außer allem Zweifel, daß nur die gewichtigsten Gründe
+einen solchen Mann veranlassen konnten, einen derartigen Bubenstreich
+ungestraft hingehen zu lassen.
+
+Ruhig ging sie auf ihn zu, ganz so, wie er sich ihr auf dem Polizeiamte in
+Nishnij-Nowgorod genähert hatte.
+
+„Deine Hand, Bruder!“ redete sie ihn an.
+
+Dabei fing ihre Hand bei einer fast mütterlich-zärtlichen Bewegung eine
+Thräne auf, die sich aus dem Auge ihres Begleiters hervordrängte.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Capitel.
+
+
+ Die Pflicht über Alles!
+
+
+Nadia hatte es durchschaut, daß irgend ein wichtiges Geheimniß die
+Handlungsweise Michael Strogoff’s bestimmte, daß dieser, aus welchem
+Grunde wußte sie nicht, sich nicht selbst angehörte, nicht das Recht
+hatte, über seine Person zu verfügen, und daß er unter diesen Umständen
+sich heroisch seiner Pflicht zum Opfer brachte, selbst gegenüber einer so
+frechen, tödtlichen Beleidigung.
+
+Nadia vermied es, von Michael Strogoff irgend eine Erklärung zu
+beanspruchen. Der Postmeister vermochte frische Pferde vor dem kommenden
+Morgen nicht zu beschaffen; man mußte demnach die ganze Nacht auf dem
+Relais zubringen. Für Nadia hatte das den Vortheil, ihr einmal die so
+nöthige Ruhe nach den Strapazen der letzten Tage zu gewähren. Es wurde für
+sie also ein Zimmer zurecht gemacht.
+
+Gewiß wäre das junge Mädchen lieber bei ihrem Reisegefährten geblieben,
+aber sie fühlte doch auch die Nothwendigkeit, allein zu sein, und schickte
+sich an, das für sie bestimmte Zimmer aufzusuchen.
+
+Unmöglich war es ihr aber, sich zurück zu ziehen, ohne sich von Jenem
+wenigstens zu verabschieden.
+
+„Lieber Bruder ...“, flüsterte sie noch einmal.
+
+Aber Michael Strogoff unterbrach sie durch eine abwehrende Bewegung. Ein
+Seufzer entrang sich der Brust des jungen Mädchens, und schweigend verließ
+sie das Zimmer.
+
+Michael Strogoff legte sich nicht nieder. Er hätte unmöglich Schlaf finden
+können. Die Stelle seiner Schulter, welche die Peitsche des brutalen
+Reisenden getroffen hatte, brannte ihm wie Feuer.
+
+„Für das Vaterland und für dessen Vater!“ murmelte er endlich am Schlusse
+eines stillen Abendgebetes.
+
+Jedenfalls empfand er aber eine unbesiegbare Begierde, zu wissen, wer der
+Mann sein möge, der ihn zu schlagen gewagt hatte, woher er käme, wohin er
+ginge. Die Gesichtszüge desselben hatten sich seinem Gedächtniß so tief
+eingeprägt, daß er nie zu befürchten brauchte, dieselben zu vergessen.
+
+Michael Strogoff ließ den Postmeister rufen.
+
+Dieser, ein Sibirier von altem Schlage, kam sofort, sah den jungen Mann
+etwas über die Achsel an und erwartete dessen Begehren.
+
+„Du bist selbst aus diesem Lande?
+
+— Ja.
+
+— Kennst Du den Mann, der meine Pferde nahm?
+
+— Nein.
+
+— Du hast ihn nie vorher gesehen?
+
+— Niemals.
+
+— Wer glaubst Du mochte jener Fremde sein?
+
+— Ein großer Herr, der seinen Willen durchzusetzen weiß!“
+
+Wie ein Dolchstoß traf Michael Strogoff’s Blick den Sibirier bis in’s
+Herz, aber der Postmeister rührte die Augenlider nicht.
+
+„Du unterstehst Dich, über mich abzuurtheilen? rief Michael Strogoff.
+
+— Ja, antwortete der Sibirier, denn es handelte sich hier um Dinge, die
+auch ein einfacher Kaufmann nicht ohne Abwehr hinnimmt.
+
+— Den Schlag mit der Peitsche meinst Du?
+
+— Den Peitschenschlag, junger Mann! Ich bin in den Jahren und in der Lage,
+Dir das sagen zu können.“
+
+Michael Strogoff näherte sich dem Postmeister und legte ihm seine beiden
+wuchtigen Hände auf die Schultern.
+
+Dann sagte er mit besonders gemäßigter Stimme:
+
+„Geh’ Deines Weges, guter Freund! – Geh’, ich könnte Dich umbringen!“
+
+Diesmal hatte der Postmeister ihn nicht mißverstanden. „So sehe ich Dich
+lieber“, sagte er noch halblaut.
+
+Ohne ein weiteres Wort verließ er den Wartesaal.
+
+Andern Tags, am 24. Juli, stand der Tarantaß Morgens acht Uhr mit drei
+muthigen Rossen bespannt bereit. Michael Strogoff und Nadia nahmen Platz,
+und Ischim, für Beide eine Stadt mit so betrübender Erinnerung, verschwand
+bald hinter einer Biegung der Straße.
+
+Auf den verschiedenen Relais, welche Michael Strogoff im Laufe des Tages
+berührte, konnte er sich überzeugen, daß die Berline ihm immerfort auf dem
+Wege nach Irkutsk vorausfuhr und daß der Reisende, der es offenbar ebenso
+eilig hatte wie er, keinen Augenblick verlor, die Steppe zu durchjagen.
+
+Gegen vier Uhr Abends mußte, fünfundsiebzig Werst weiter, bei der Station
+Abatskaja, der Ischimfluß, einer der bedeutendsten Nebenarme des Irtysch,
+überschritten werden.
+
+Die Ueberfahrt war etwas schwieriger, als jene über den Tobol. Die
+Strömung des Ischim ist nämlich gerade an dieser Stelle eine besonders
+heftige. Während des sibirischen Winters sind alle diese Steppenflüsse,
+welche der Frost mit mehrere Fuß dickem Eise belegt, leicht zu passiren;
+ihr Bett verschwindet dann unter der ungeheuren weißen Decke, welche sich
+über die ganze Hälfte des größten Erdtheils lagert; im Sommer können sie
+dagegen dem Verkehr nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereiten.
+
+Zwei volle Stunden gingen mit der Ueberfahrt über den Ischim hin, – zwei
+Stunden, welche Michael Strogoff schon an sich fast zur Verzweiflung
+brachten, noch viel mehr aber, als die Ruderknechte ihm sehr beunruhigende
+Nachrichten von dem Tartareneinfalle mittheilten.
+
+Diese lauteten etwa folgendermaßen:
+
+Einzelne Plänkler von Feofar-Khan’s Truppen waren schon an beiden Ufern
+des unteren Ischim, in den südlichen Landstrichen des Gouvernements
+Tobolsk erschienen. Omsk war sehr bedroht. Man sprach unter der Hand von
+einem Treffen zwischen den sibirischen und tartarischen Heerhaufen an der
+Grenze des Gebietes der großen Kirghisenhorde, – ein Treffen, das für die
+auf diesem Punkte viel zu schwachen Russen nicht zum Vortheile ausgefallen
+sein konnte, denn deren Truppen wandten sich zum Rückzug, der gleichzeitig
+eine allgemeine Auswanderung der in jenen Gegenden ansässigen Bauern zur
+Folge hatte. Man erzählte sich von haarsträubenden Frevelthaten der
+Eindringlinge, von Plünderungen, Diebstählen, Brandstiftungen und
+Mordthaten. Das war die gewohnte Kriegführung der Tartaren. Von allen
+Seiten suchte man also den Vortruppen Feofar-Khan’s zu entfliehen. Bei
+dieser Entvölkerung der Flecken und Dörfer fürchtete Michael Strogoff vor
+Allem, daß es ihm an den nöthigen Vorspannpferden zur Weiterreise fehlen
+könne. Er beeilte also seine Ankunft in Omsk auf jede mögliche Weise.
+Jenseits dieser Stadt schien es eher möglich, den tartarischen Plänklern,
+die längs des Irtysch herabkamen, zuvor zu kommen und die noch freie
+Straße nach Irkutsk zu erreichen.
+
+Der Tarantaß überschritt den Fluß übrigens gerade am Ende der Stelle,
+welche man in der Militärsprache als „die Ischimsperre“ bezeichnet, eine
+Reihe von hölzernen Thürmen und Fortificationsanlagen, die sich von der
+südlichen Grenze Sibiriens in einer Länge von 400 Werst (= 427 Kilometer)
+nach Norden ausdehnt. Sonst waren die Blockhäuser u. s. w. von
+Kosakenabtheilungen besetzt und sicherten die Umgebung ebenso wohl gegen
+Uebergriffe der Kirghisen, wie gegen solche der Tartaren. Als die
+moskowitische Regierung diese Horden aber für vollständig unterworfen
+hielt, hatte man sie verlassen, und sie konnten nun nichts mehr nützen,
+obschon sie gerade jetzt hätten recht vortheilhaft vertheidigt werden
+können. Der größte Theil dieser Blockhäuser lag in Asche, und einige
+Rauchwolken, auf welche die Ruderer Michael Strogoff aufmerksam machten,
+bezeugten, am fernen Horizonte aufziehend, die Annäherung der tartarischen
+Vorhut.
+
+Sobald die Fähre den Tarantaß nebst Bespannung an das rechte Flußufer
+befördert hatte, ward der Weg durch die Steppe in möglichster
+Geschwindigkeit weiter fortgesetzt.
+
+Es war sieben Uhr Abends, der Himmel gleichmäßig verschleiert. Wiederholt
+fiel ein kurzer, aber heftiger Regen, der den Vortheil hatte, den Staub zu
+löschen und den Weg eher zu bessern.
+
+Von dem Relais in Ischim aus verharrte Michael Strogoff in trübem
+Schweigen, ohne daß er deshalb die gewohnte Sorgfalt aus den Augen verlor,
+Nadia die Anstrengungen einer solchen Fahrt ohne Ruhe und Rast möglichst
+zu erleichtern, wenn auch nie eine Klage über des jungen Mädchens Lippen
+kam. Wie gern hätte sie den Pferden des Tarantaß Flügel verliehen! Ein
+unbekanntes Etwas rief ihr zu, daß ihr Begleiter wohl noch mehr Eile habe,
+in Irkutsk anzukommen, als sie selbst; und wie viele Werst trennten sie
+jetzt noch von diesem Ziele!
+
+In ihr stieg auch der Gedanke auf, daß bei einer Besetzung von Omsk durch
+die Tartaren Michael Strogoff’s alte Mutter, welche ja in dieser Stadt
+wohnte, manchen Gefahren ausgesetzt war, die ihren Sohn auf’s
+schmerzlichste beunruhigen mußten, und daß hierin wohl ein hinreichender
+Erklärungsgrund zu finden sei für seine Ungeduld, möglichst schnell bei
+ihr einzutreffen.
+
+Nadia hielt es also für gerathen, gelegentlich von der alten Marfa zu ihm
+zu sprechen, von der Vereinsamung, in der sie sich inmitten dieser so
+ernsthaften Ereignisse befand.
+
+„Du hast seit dem Anfange des Tartareneinfalles von Deiner Mutter keine
+Nachricht erhalten? fragte sie.
+
+— Nein, Nadia. Der letzte Brief meiner Mutter datirt schon von vor zwei
+Monaten, dieser enthielt jedoch nur günstige Nachrichten. Marfa ist eine
+energische Frau, eine Sibirierin mit offenem Auge. Trotz ihres Alters
+bewahrte sie bis jetzt noch ihre ganze moralische Energie. Sie weiß sich
+auch in mißliche Umstände zu schicken.
+
+— Ich werde sie besuchen, Bruder, versetzte lebhaft das junge Mädchen. Da
+Du mir den Namen Schwester gegeben hast, bin ich auch Marfa’s Tochter!“
+
+Michael Strogoff antwortete nicht sofort.
+
+„Vielleicht hat Deine Mutter Omsk schon verlassen können? fügte sie hinzu.
+
+— Das ist wohl möglich, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und ich hoffe
+sogar, daß es ihr schon gelungen ist, in Tobolsk Zuflucht zu suchen. Die
+alte Marfa ist von Haß gegen die Tartaren erfüllt. Sie kennt die Steppe,
+sie hat keine Furcht, und ich wünschte, sie hätte ihren Stab ergriffen und
+wäre längs des Irtysch nach Norden gewandert. In der Provinz giebt es
+keinen Ort, der ihr unbekannt wäre. Wie oft hat sie das ganze Land an der
+Seite meines alten Vaters durchzogen, und wie oft bin ich, selbst noch als
+Kind, bei ihnen gewesen auf diesen Jagdzügen durch die sibirische
+Wüstenei! Gewiß, Nadia, ich hoffe, meine Mutter wird Omsk glücklich
+verlassen haben.
+
+— Und wann denkst Du sie wieder zu sehen?
+
+— Jedenfalls ... auf der Rückreise.
+
+— Wenn Deine Mutter aber noch in Omsk wäre, wirst Du ein Stündchen opfern,
+sie zu umarmen?
+
+— Ich werde nicht erst zu ihr gehen.
+
+— Du willst sie nicht einen Augenblick sehen?
+
+— Nein, Nadia ...! entgegnete Michael Strogoff, dessen Brust sich mühsam
+hob und der wohl einsah, daß er die Fragen des jungen Mädchens noch weiter
+zu beantworten nicht im Stande sei.
+
+— Du sagst: Nein! Ach, Bruder, welche Ursachen könnten Dich, wenn Deine
+Mutter in Omsk ist, hindern sie zu sehen und zu besuchen?
+
+— Welche Ursachen, Nadia? Du fragst mich nach den Gründen meiner
+Handlungsweise! rief Michael Strogoff mit einer so auffallend veränderten
+Stimme, daß das junge Mädchen fast dabei erzitterte. Aber wegen der
+Ursachen, die mich meinen Zorn überwinden ließen gegenüber jenem Elenden,
+dessen ...“
+
+Er konnte den Satz nicht vollenden, die Zunge versagte ihren Dienst.
+
+„Beruhige Dich, mein Bruder, redete ihn Nadia mit sanftester Stimme zu.
+Ich weiß nur Eines, oder vielmehr ich weiß es nicht, aber ich fühle es,
+daß jetzt nur ein Gefühl Dich ganz und gar beherrscht, das Gefühl einer
+noch heiligeren Pflicht, als die, welche den Sohn gegen die Mutter
+bindet!“
+
+Nadia schwieg und vermied auch von diesem Augenblicke ab jedes Gespräch,
+welches zu der gegenwärtigen eigenthümlichen Lage Michael Strogoff’s
+irgend Bezug haben konnte. Hier lag ein Geheimniß, gewiß ein wichtiges,
+vor. Sie achtete es aufrichtig.
+
+Am andern Tage, dem 25. Juli, langte der Tarantaß um drei Uhr früh bei dem
+Postrelais zu Tjukalinsk an, nachdem er von der Ueberfahrtsstelle am
+Ischim gegen 120 Werst zurückgelegt hatte.
+
+Schnell wurden die Pferde gewechselt. Indeß erhob hier zum ersten Male der
+Jemschik Einspruch gegen die Weiterfahrt mit dem Bemerken, daß
+Tartarenabtheilungen durch die Steppe streiften und daß Reisende, Pferde
+und Wagen für jenes Raubgesindel eine erwünschte Beute sein würden.
+
+Michael Strogoff besiegte den Widerwillen des Jemschiks nur mit klingender
+Münze, denn in diesem wie in mehreren anderen Fällen wollte er von seinem
+Podaroshna keinen Gebrauch machen. Der letzte, durch den Telegraphen
+übermittelte Ukas war in den sibirischen Provinzen bekannt, und auf einen
+Russen lenkte sich dadurch, daß er von der Befolgung der in jenem
+enthaltenen Vorschriften speciell dispensirt war, schon die allgemeine
+Aufmerksamkeit, die der Courier des Czaar doch vor Allem zu vermeiden
+suchte. Sollten die ausgesprochenen Befürchtungen des Jemschiks vielleicht
+nur daher rühren, daß der Schlaukopf seine Rechnung auf die Ungeduld des
+Reisenden gründete? Oder war in der That jetzt ein unliebsames Abenteuer
+zu befürchten?
+
+Endlich fuhr der Tarantaß ab und bewegte sich mit einer solchen
+Schnelligkeit weiter, daß er um drei Uhr Nachmittags Kulatsinskoë, in
+einer Entfernung von 80 Werst, glücklich erreichte. Eine Stunde später
+befand er sich an dem Ufer des Irtysch. Omsk lag von hier aus nur noch 20
+Werst entfernt.
+
+Dieser Irtysch ist ein bedeutender Strom, eine der sibirischen
+Hauptarterien, die ihre Wässer nach dem Norden Asiens hinabrollen.
+Entsprungen in den Altaïbergen, wendet er sich schräg von Südosten nach
+Nordwesten und mündet zuletzt, nach einem Stromlaufe von 700 Werst, in den
+Obi ein.
+
+Zu dieser Zeit des Jahres, der Periode des Hochwassers aller Ströme der
+sibirischen Niederung, war auch der Wasserstand des Irtysch ein
+ungewöhnlich hoher, so daß die heftige, fast reißende Strömung die
+Ueberschreitung des Flusses ziemlich schwierig machte. Auch der beste
+Schwimmer hätte sich wohl nicht hindurch zu arbeiten vermocht; ja, selbst
+eine Fähre, das einzige Mittel zur Ueberfahrt über den Irtysch, bot jetzt
+einige Gefahren.
+
+Diese Gefahren aber konnten, ebenso wenig wie alle anderen, Michael
+Strogoff und Nadia auch nur einen Augenblick aufhalten, da Beide
+entschlossen waren, all’ und jedem Hinderniß ohne Besinnen zu trotzen.
+
+Inzwischen machte Michael Strogoff seiner jungen Begleiterin den
+Vorschlag, erst allein über den Fluß zu gehen, indem er sich auf der mit
+dem Fuhrwerk und der Bespannung beladenen Fähre einschiffen wollte, denn
+er fürchtete, daß das Gewicht dieser Ladung die Sicherheit der Fähre
+einigermaßen in Frage stellen könne. Nachdem er Pferde und Wagen am
+jenseitigen Ufer gelandet, wollte er zurückkehren, um Nadia abzuholen.
+
+Nadia verweigerte diese Rücksichtnahme, welche eine volle Stunde
+Zeitverlust veranlaßt hätte, und sie wollte um ihrer persönlichen
+Sicherheit halber nie die Ursache einer Verzögerung sein.
+
+Die Einschiffung ging nicht gar so leicht von statten, denn das Ufer stand
+jetzt theilweise unter Wasser und die Fähre konnte in Folge dessen nicht
+so nahe anlegen.
+
+Nach halbstündiger Anstrengung brachte der Fährmann den Tarantaß und die
+drei Pferde glücklich auf dem Fahrzeug unter. Michael Strogoff, Nadia und
+der Jemschik schifften sich ein, und man stieß nun vom Ufer.
+
+Während der ersten Minuten ging Alles ganz gut. Der Strom des Irtysch, der
+sich weiter stromauf an einer weit vorspringenden Landzunge brach, bildete
+hier eine Art Wirbel, welchen die Fähre leicht überwand. Die beiden
+Schiffer stießen das Fahrzeug mit zwei langen Stangen, deren sie sich sehr
+geschickt bedienten, vorwärts; je mehr sie sich aber der Mitte des Stromes
+näherten, desto mehr vertiefte sich dessen Bett, so daß von den Stangen
+kaum noch der obere Theil frei blieb, auf den jene sich mit der Schulter
+stemmten. Dieser Kopf der Stange ragte zuletzt kaum noch einen Fuß aus dem
+Wasser, was die Arbeit der Leute natürlich nicht wenig erschwerte.
+
+Michael Strogoff und Nadia hatten im hinteren Theile der Fähre Platz
+genommen und beobachteten, immer in der Furcht eine Verzögerung zu
+erleiden, aufmerksam die Anstrengungen der Bootsführer.
+
+„Achtung!“ rief da der Eine hastig seinem Kameraden zu.
+
+Diesen Zuruf veranlaßte eine unerwartete Wendung der Fähre, welche mit
+großer Geschwindigkeit vor sich ging. Sie ward direct von der Strömung des
+Flusses ergriffen und von dieser stromabwärts mit fortgerissen. Es
+handelte sich also darum, durch geschickte Handhabung der Stangen die
+Fähre wieder in schräge Linie gegen die Richtung der Wellenbewegung zu
+bringen. Die Bootsführer ließen nichts unversucht, und es gelang ihnen,
+wenn auch mit einiger Mühe, die Direction des Fahrzeugs wieder zu
+verändern und nach dem rechten Ufer zu etwas an Weg zu gewinnen.
+
+Man konnte schon mit Sicherheit berechnen, daß das Fährboot fünf bis sechs
+Werst stromab von der Abfahrtsstelle das Ufer erreichen würde, was ja
+nicht von zu großer Bedeutung war, wenn nur Menschen und Thiere glücklich
+das Land erreichten.
+
+Die beiden Bootsführer, kräftige Männer, welche noch das Versprechen eines
+reichlichen Fährgeldes besonders antrieb, setzten nicht den mindesten
+Zweifel in das glückliche Ueberschreiten des angeschwollenen Irtysch.
+
+Dabei ließen sie freilich einen Zwischenfall außer Acht, den sie unmöglich
+voraussehen konnten, und weder ihr Eifer noch ihr Geschick hätten eben
+gegen diesen etwas auszurichten vermocht.
+
+Die Fähre befand sich inmitten der Strömung, etwa in gleicher Entfernung
+von beiden Ufern, und schwamm mit der Schnelligkeit von zwei Werst in der
+Stunde mit jener thalabwärts, als Michael Strogoff sich erhob und mit
+gespannter Aufmerksamkeit die Blicke stromaufwärts richtete.
+
+Er bemerkte in dieser Richtung einige Barken, die der Strom mit ungeheurer
+Schnelligkeit herabtrug, denn zu der der Wasserbewegung gesellte sich noch
+der Druck der Ruder, mit denen sie ausgerüstet waren.
+
+Auf Michael Strogoff’s Stirn bildeten sich plötzlich einige Falten und ein
+leiser Schrei kam unwillkürlich über seine Lippen.
+
+„Was giebt es?“ fragte das junge Mädchen.
+
+Aber bevor Michael Strogoff noch Zeit fand zu antworten, rief einer der
+Bootsführer mit erschrockener Stimme:
+
+„Die Tartaren! Die Tartaren!“
+
+Wirklich glitten einige von Bewaffneten besetzte Barken den Irtysch in
+größter Schnelligkeit hinab und mußten binnen wenigen Minuten die Fähre
+erreichen, welche viel zu tief im Wasser ging, um jenen schnell genug
+entweichen zu können.
+
+Erschreckt durch diesen Anblick schrieen die Fährleute verzweifelt auf und
+verließen ihre Bootshaken.
+
+„Muth, Muth, Freunde! rief ihnen Michael Strogoff zu! Fünfzig Rubel sind
+euer, wenn wir das Ufer noch vor der Ankunft jenes Raubgesindels
+erreichen!“
+
+Dieses Versprechen belebte noch einmal die kleinmüthigen Fährleute so
+weit, daß sie mit dem Aufgebot aller Kräfte die scharfe Strömung zu
+durchschneiden suchten, aber dennoch zeigte sich bald die Unmöglichkeit,
+vor Ankunft der Tartaren zu landen.
+
+Würden diese nun vorüberfahren, ohne die Fähre und ihre Insassen zu
+belästigen? Wahrscheinlich nicht! Im Gegentheil hatte man von diesen
+Barbaren Alles zu fürchten.
+
+„Hab’ keine Furcht, Nadia, sagte Michael Strogoff, aber bereite Dich vor
+auf Alles!
+
+— Ich bin es, antwortete Nadia.
+
+— Selbst Dich in den Fluß zu stürzen, wenn ich es verlangte?
+
+— Auf Dein erstes Wort.
+
+— Vertraue mir, Nadia.
+
+— Ich vertraue Dir stets.“
+
+Die Tartarenboote schwammen jetzt nur noch in einer Entfernung von hundert
+Schritten daher. Sie trugen eine Abtheilung bukharischer Soldaten, welche
+offenbar eine Recognoscirung von Omsk beabsichtigten.
+
+Die Fähre befand sich jetzt noch zwei Schiffslängen weit vom Ufer. Die
+Schiffer verdoppelten ihre Anstrengungen. Auch Michael Strogoff sprang
+ihnen noch bei und ergriff einen Bootshaken, den er mit übermenschlicher
+Kraft handhabte. Vermochte er den Tarantaß noch auszuschiffen und im Galop
+davon zu fahren, so schimmerte ihm doch noch einige Hoffnung, den nicht
+berittenen Tartaren zu entgehen.
+
+Aber alle Mühe, alle Anstrengung sollte vergeblich sein!
+
+„_Sarin na kitschu!_“ riefen die Soldaten aus dem ersten Boote.
+
+Michael Strogoff verstand das Kriegsgeschrei der tartarischen Piraten, auf
+das es keine andere Antwort gab, als sich platt auf den Boden zu werfen.
+
+Und da weder er selbst noch die Bootsführer diesem Befehle gehorchten,
+knatterte eine kräftige Gewehrsalve, von der zwei der Pferde tödtlich
+getroffen wurden.
+
+Da – in diesem Augenblick, – folgte auch ein heftiger Stoß: die Barken
+waren an der Langseite der Fähre angelangt.
+
+„Komm, Nadia!“ rief Michael Strogoff, bereit sich mit ihr über Bord zu
+stürzen.
+
+Eben wollte das junge Mädchen ihm nachfolgen, als Michael Strogoff von
+einem Lanzenstoße getroffen in den Strom fiel. Das Wasser riß ihn mit weg;
+einen Augenblick noch kämpften seine Arme über den Fluthen, dann
+verschwand er unter den wirbelnden Wellen.
+
+Nadia hatte es mit einem Schrei gesehen; doch bevor sie noch Zeit gewann,
+sich Michael Strogoff nachzustürzen, ward sie ergriffen, weggeschleppt und
+in eines der Boote gefangen gesetzt.
+
+Einen Augenblick nachher fielen die Bootsführer, von Lanzenstichen
+durchbohrt, und die Fähre trieb steuerlos weiter, während die Tartaren den
+Lauf des Irtysch weiter stromab ruderten.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Capitel.
+
+
+ Mutter und Sohn.
+
+
+Omsk ist die officielle Hauptstadt des westlichen Sibiriens. Es ist zwar
+nicht die bedeutendste Stadt des gleichnamigen Gouvernements, da Tomsk
+mehr Einwohner zählt und einen beträchtlicheren Umfang hat, in Omsk
+residirt jedoch der Generalgouverneur dieser ersten Hälfte des asiatischen
+Rußlands.
+
+Omsk besteht genau genommen aus zwei verschiedenen Städten, von denen die
+eine ausschließlich von den Behörden eingenommen und von den zugehörigen
+Beamten bewohnt ist, während die andere vorzüglich die sibirischen
+Kaufleute, deren Handelsbeziehungen freilich von keiner besonderen
+Bedeutung sind, beherbergt.
+
+Die Einwohnerzahl dieser Stadt mag sich auf 12-13,000 Seelen belaufen. Sie
+wird durch eine von Bastionen verstärkte Umwallung vertheidigt; freilich
+bestehen diese Befestigungen nur aus Erdwerken und bieten nur einen sehr
+unzulänglichen Schutz. Die Tartaren gingen, wohl bekannt mit obiger
+Sachlage, eben jetzt daran, die Stadt durch einen Sturmangriff in ihre
+Gewalt zu bringen, was ihnen auch nach einer Einschließung von nur wenigen
+Tagen gelingen sollte.
+
+Die kaum 2000 Mann zählende Besatzung von Omsk hatte mannhaften Widerstand
+geleistet. Das obere Quartier von Omsk war hierbei in eine Art Citadelle
+umgewandelt, die Häuser und Kirchen mit Schießscharten versehen worden,
+und in diesem improvisirten Kreml hielten sich die Truppen zur Zeit noch,
+trotz der mangelnden Aussicht auf eine baldige Entsetzung. Die
+tartarischen Truppen dagegen erhielten unter Benutzung des Wasserweges auf
+dem Irtysch tagtäglich neuen Zuzug und wurden, – hier ein besonders
+wichtiger Umstand, – von einem Officier angeführt, der zwar ein Verräther
+an seinem Vaterlande, aber doch ein Mann von hohem Verdienste und
+beispielloser Kühnheit war.
+
+Iwan Ogareff befehligte die feindlichen Schaaren.
+
+Iwan Ogareff, ebenso furchtbar, wie der Tartarenchef, den er vorwärts
+drängte, zeichnete sich durch tiefe militärische Kenntnisse aus. In seinen
+Adern rollte, ein Erbtheil von seiner Mutter, welche von asiatischer
+Herkunft war, auch etwas mongolisches Blut; er liebte jede List, legte
+gern Hinterhalte und schreckte vor keinem Mittel zurück, wenn es ihm
+darauf ankam, dem Gegner eine Falle zu stellen. Arglistig von Natur,
+bediente er sich bald der gemeinsten Verkleidungen und trat gelegentlich
+selbst als Bettler auf, wobei ihn seine außerordentliche Geschicklichkeit
+der Verstellung des äußern Ansehens und des ganzen Benehmens wesentlich
+unterstützte. Dabei befähigte ihn seine Grausamkeit, im Nothfall den
+Henker selbst zu spielen. Feofar-Khan besaß in ihm einen Stellvertreter,
+der es vollkommen verdiente, ihm bei jenem wilden Kriegszuge beizustehen.
+
+Als Michael Strogoff an den Ufern des Irtysch anlangte, war Iwan Ogareff
+schon Herr in Omsk und beeilte die Belagerung des höher gelegenen
+Stadtviertels um so mehr, als er Eile hatte, sich nach Tomsk zu begeben,
+wo sich die Hauptmacht der Tartarenhorden concentrirte.
+
+Tomsk war nämlich vor einigen Tagen in Feofar-Khan’s Hände gefallen und
+von hier aus wollten die Eindringlinge, nach der Besitznahme der
+centralsibirischen Gebiete, nach Irkutsk aufbrechen.
+
+Irkutsk bildete das eigentliche Ziel Iwan Ogareff’s.
+
+Der Plan des erbärmlichen Verräthers ging dahin, sich dem Großfürsten
+daselbst unter falschem Namen anzuschließen, sein Vertrauen zu
+erschleichen und ihn zur gegebenen Stunde sammt der Stadt den Tartaren in
+die Hände zu liefern.
+
+Mit dieser Stadt und einer solchen Geißel im Besitz mußte das ganze
+asiatische Sibirien in die Gewalt der Eindringlinge kommen.
+
+Wir wissen ja von früher, daß dieser Anschlag zur Kenntniß des Czaaren
+gelangt war, und um ihn zu vereiteln, hatte man Michael Strogoff mit der
+hochwichtigen Mission betraut. Deshalb erhielt der junge Mann seiner Zeit
+auch die gemessensten Befehle, das von den Feinden überschwemmte Land
+unter falschem Namen zu durchreisen.
+
+Bis hierher hatte er seine Mission getreulich erfüllt – würde er sie aber
+auch jetzt noch ebenso zu Ende führen können?
+
+Der Lanzenstoß, den Michael Strogoff empfing, war nicht tödtlich gewesen.
+Unter dem Wasser schwimmend erreichte er ungesehen das rechte Flußufer und
+brach in dem Gebüsch daselbst kraftlos zusammen.
+
+Als er wieder zum Bewußtsein kam, sah er sich zu seiner Verwunderung in
+der Hütte eines Mujik, der ihn aufgehoben und verpflegt hatte, und dem er
+zunächst die Rettung seines Lebens dankte. Seit wie lange mochte er der
+Gast des braven Sibiriers sein? – er vermochte sich darüber keine
+Rechenschaft zu geben. Als er die Augen öffnete, bemerkte er über sich ein
+bärtiges, aber freundliches Gesicht, auf dem ein theilnehmendes Lächeln
+spielte. Schon wollte er fragen, wo er sich befinde, als der besorgte
+Mujik ihm zuvorkam:
+
+„Sprich nicht, Väterchen, sprich nicht! Du bist noch zu schwach. Ich werde
+Dir sagen, wo Du bist, und erzählen, was sich zugetragen hat, seitdem ich
+Dich in mein Häuschen schaffte.“
+
+Der redliche Landmann erzählte hierauf den Verlauf des kurzen Kampfes,
+dessen Augenzeuge er zufällig geworden, den Angriff der Tartarenboote, die
+Plünderung des Tarantaß, die Ermordung der Fährleute ...
+
+Doch darauf hörte Michael Strogoff kaum, er fuhr mit der Hand unter seine
+Kleidung und fühlte den kaiserlichen Brief noch immer unversehrt auf
+seiner Brust.
+
+Er athmete auf, noch war er indeß nicht jeder Sorge ledig.
+
+„Mich begleitete ein junges Mädchen, sagte er.
+
+— Sie wurde nicht getödtet! antwortete der Mujik, der die Unruhe zu
+beschwichtigen suchte, die aus den Augen seines Pflegebefohlenen
+leuchtete. In einer Barke haben sie jene entführt, als sie den Irtysch
+weiter stromab ruderten! Sie ist jetzt eine Gefangene mehr, welche man mit
+ihren Leidensgefährtinnen nach Tomsk schleppt!“
+
+Michael Strogoff konnte keine Sylbe erwidern, er preßte seine Hand auf’s
+Herz, um dessen stürmisches Klopfen zu bewältigen.
+
+Und doch, trotz aller Prüfungen, beherrschte nur ein Gefühl seine ganze
+Seele, das Gefühl seiner heiligen Pflicht.
+
+„Wo bin ich? fragte er.
+
+— Auf dem rechten Ufer des Irtysch und nur fünf Werst von Omsk entfernt,
+antwortete ihm der Mujik.
+
+— Was für eine Wunde empfing ich damals, daß sie mich so lange
+besinnungslos machen konnte? Vielleicht einen Flintenschuß?
+
+— Nein, einen jetzt vernarbten Lanzenstich am Kopfe, erwiderte der Mujik.
+Nach einigen Tagen der Ruhe, Väterchen, wirst Du, denk’ ich, Deinen Weg
+fortsetzen können. Du warst in’s Wasser gestürzt. Die Tartaren haben Dich
+weder berührt noch geplündert; auch Deine Börse steckt noch in Deiner
+Tasche.“
+
+Michael Strogoff reichte dem ehrlichen Bauer die Hand. Dann richtete er
+sich mit einer plötzlichen Anstrengung auf und fragte:
+
+„Wie lange liege ich schon in Deinem Hause, guter Freund?
+
+— Seit drei Tagen.
+
+— Drei ganze Tage verloren!
+
+— Drei Tage, während der Du bewußtlos dalagst.
+
+— Kannst Du mir ein Pferd verkaufen?
+
+— Du willst weiter reisen?
+
+— Womöglich noch diesen Augenblick.
+
+— Ich habe weder ein Pferd, noch einen Wagen, Väterchen. Wo die Tartaren
+vorüber zogen, da ist von solchen Dingen nichts übrig geblieben.
+
+— So werde ich nach Omsk zu Fuß gehen müssen, um dort ein Pferd zu kaufen.
+
+— Pflege Dich nur noch einige Stunden, dann wirst Du besser im Stande
+sein, Deinen Weg fortzusetzen.
+
+— Keine Stunde länger!
+
+— So komm, antwortete der Mujik, da er einsah, daß er vergeblich dem
+festen Willen seines Gastes entgegen trat. Ich werde Dir selbst das Geleit
+geben, fügte er hinzu. Uebrigens befinden sich noch viele Russen in Omsk
+und vielleicht gelangst Du noch unbemerkt hindurch.
+
+— Vergelte Dir der Himmel, wackrer Freund, erwiderte Michael Strogoff,
+lohne er Dir, was Du Alles für mich gethan hast!
+
+— Eine Belohnung! versetzte der Mujik, nur die Thoren erwarten eine solche
+auf der Erde.“
+
+Michael Strogoff trat aus der Hütte. Als er gehen wollte, übermannte ihn
+ein so heftiger Schwindel, daß er ohne die hilfreiche Unterstützung des
+Bauern wohl umgesunken wäre, aber bald stärkte ihn der Genuß der freien
+Luft sichtlich. Jetzt fühlte er erst die Nachwehen jenes gegen seinen Kopf
+geführten Stoßes, dessen Heftigkeit seine Pelzmütze glücklicher Weise
+gebrochen hatte. Bei der bekannten, ihm innewohnenden Energie war er nicht
+der Mann, sich viel um diese Kleinigkeit zu kümmern. Vor seinen Augen sah
+er nur das eine Ziel, das entlegene Irkutsk, welches er erreichen mußte!
+Omsk mußte er deshalb ohne jeden Aufenthalt passiren.
+
+„Gott schütze meine Mutter und Nadia, murmelte er, jetzt habe ich kein
+Recht, an Beide zu denken.“
+
+Michael Strogoff und der Bauer kamen bald in dem Kaufmannsviertel der
+Unterstadt an, in welche sie trotz der militärischen Besetzung derselben
+unschwer hineingelangten. Der Erdwall um jene zeigte sich an vielen
+Stellen zerstört, die ebenso viele Breschen darstellten, durch welche sich
+die Marodeurs der Armee Feofar-Khan’s eindrängten.
+
+Im Innern von Omsk, auf den Straßen und Plätzen, wimmelte es von
+tartarischen Soldaten, aber man konnte dabei doch leicht wahrnehmen, daß
+eine eiserne Faust sie hier in den Fesseln einer Disciplin hielt, an
+welche Jene wohl nur wenig gewöhnt waren. Sie liefen auch nie einzeln
+umher, sondern marschirten in bewaffneten Abtheilungen, um in der Lage zu
+sein, jeden Angriff abzuwehren.
+
+Auf dem zu einem Lager umgestalteten und dicht mit Wachposten besetzten
+Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren in guter Ordnung. An eingerammten
+Pfählen standen die Pferde angebunden, aber stets in voller Ausrüstung, um
+beim ersten Befehl zum Aufbruch fertig zu sein. Immerhin bildete Omsk nur
+einen provisorischen Halteplatz für die Tartarenreiter, welche die
+reicheren Ebenen Ostsibiriens vorziehen mußten, weil dort die Städte
+bedeutender, die Landschaften fruchtbarer, die Raubzüge also jedenfalls
+ergiebiger wurden.
+
+Ueber dem Handelsviertel erhaben thronte die obere Stadt, welche Iwan
+Ogareff trotz mehrerer stürmischer Angriffe, die immer standhaft
+abgewiesen worden waren, in seine Gewalt noch nicht hatte bringen können.
+Von den in Vertheidigungszustand gesetzten Gebäuden flatterten noch immer
+die Fahnen mit den russischen Farben.
+
+Nicht ohne einen gewiß berechtigten Stolz begrüßten Michael Strogoff’s und
+seines Führers Wünsche das wehende Banner.
+
+Michael Strogoff kannte die Stadt Omsk natürlich vollständig. Während er
+scheinbar seinem Führer folgte, wußte er doch geschickt die lebhaftesten
+Straßen zu vermeiden. Das geschah nicht aus Besorgniß erkannt zu werden.
+In dieser Stadt hätte nur seine alte Mutter ihn bei seinem wahren Namen
+rufen können; aber er hatte geschworen, sie nicht zu sehen, er war
+entschlossen, an diesem Versprechen zu halten. Uebrigens war diese
+vielleicht – was er von ganzem Herzen wünschte, – nach irgend einem
+ruhigeren Theil der Steppe entflohen.
+
+Zum Glück kannte der Mujik persönlich einen Postmeister, der es seiner
+Annahme nach für gute Bezahlung nicht ausschlagen würde, einen Wagen und
+Pferde entweder zu verleihen oder zu verkaufen. Dann blieb nur noch die
+Schwierigkeit übrig, die Stadt selbst zu verlassen, wobei die zahlreichen
+Breschen in der Umwallung freilich Michael Strogoff’s Entkommen
+einigermaßen erleichtern mußten.
+
+Der Mujik führte seinen Gast also geraden Weges nach dem Relais, als
+Michael Strogoff plötzlich in einer engen Straße stehen blieb und sich
+hinter einem Mauervorsprunge verbarg.
+
+„Was ist Dir? fragte der Bauer, erstaunt über dieses unerklärliche
+Benehmen.
+
+— Still, still!“ flüsterte ihm Michael Strogoff hastig zu, indem er noch
+den Finger auf seine Lippen legte.
+
+Eben schwenkte eine Abtheilung Tartaren von dem Hauptplatze ab und bog in
+dieselbe Gasse ein, welche Michael Strogoff und sein Begleiter ganz kurz
+vorher betreten hatten.
+
+An der Spitze der aus etwa zwanzig Berittenen bestehenden Schaar trabte
+ein Officier in sehr einfacher Uniform. Obwohl seine Augen immer von einer
+Seite zur andern schweiften, konnte er Michael Strogoff, der seinen
+Rückzug ebenso schnell als geschickt bewerkstelligte, unmöglich gesehen
+haben.
+
+Das Detachement zog in scharfem Trabe durch die enge Straße. Weder der
+Officier noch seine Leute achteten besonders auf die Bewohner. Die
+Unglücklichen gewannen kaum Zeit, der Reiterabtheilung genügenden Platz zu
+machen. Da und dort wurde auch ein halb erstickter Schrei mit einem
+rücksichtslosen Lanzenstoße beantwortet und der Weg auf diese Weise in
+kürzester Zeit gesäubert.
+
+„Wer war dieser Officier?“ fragte Michael Strogoff, als die Abtheilung
+vorüber getrabt war, den Bauer, dem er sich jetzt wieder anschloß.
+
+Schon als er diese Frage stellte, ward sein Gesicht so bleich, wie das
+einer Leiche.
+
+„Das war Iwan Ogareff, antwortete der Sibirier mit leiser Stimme, aus der
+man einen verhaltenen Haß heraushörte.
+
+— Er!“ rief Michael Strogoff, dem dieses Wort mit einem Accente des Zornes
+entfuhr, den er nicht zu bemeistern vermochte.
+
+Er hatte in dem Officier jenen Reisenden wieder erkannt, der ihn auf dem
+Relais zu Ischim geschlagen hatte.
+
+Und gleichzeitig, so als ob ihm plötzlich ein Licht aufging, erinnerte ihn
+dieser Reisende, trotzdem er ihn nur ganz kurze Zeit gesehen hatte, an den
+alten Zigeuner, von dem er jene Worte auf der Messe in Nischnij-Nowgorod
+vernommen hatte.
+
+Michael Strogoff täuschte sich nicht. Diese beiden Erscheinungen gehörten
+nur einer Person an. In der Verkleidung als Zigeuner hatte Iwan Ogareff
+unter der Truppe der alten Sangarre die Provinz Nischnij-Nowgorod zu
+verlassen gewußt, wo er unter den zahllosen Fremden, welche die Messe nach
+jener Stadt aus Centralasien heranzieht, Spießgesellen zur Ausführung
+seines fluchwürdigen Vorhabens gesucht haben mochte. Sangarre nebst der
+ganzen übrigen Gesellschaft standen nur als Spione in seinem Sold und
+waren ihm auf Leben und Tod ergeben. Er war es gewesen, der in der Nacht
+auf dem Meßplatze jene auffallenden Worte gesprochen hatte, deren Sinn
+Michael Strogoff jetzt erst ordentlich verstand; er reiste damals mit der
+ganzen Zigeunerbande auf dem Dampfer „Kaukasus“; er überschritt den Ural
+jedenfalls auf einem andern Wege von Kasan nach Ischim und erreichte
+endlich Omsk, das jetzt unter seinem Befehle seufzte.
+
+Iwan Ogareff war selbst vor kaum drei Tagen erst in Omsk eingetroffen und
+ohne jenes unangenehme Zusammentreffen in Ischim und dem beklagenswerthen
+Vorfalle, der ihn drei Tage lang am Ufer des Irtysch festhielt, hätte
+Michael Strogoff Jenen auf dem Wege nach Irkutsk gewiß weit überholt.
+
+Und wer weiß, wie viel Unglück in der nächsten Zeit dadurch vermieden
+worden wäre!
+
+Jedenfalls, ja, mehr als je vorher mußte Michael Strogoff Iwan Ogareff
+ausweichen, um von Letzterem nicht gesehen zu werden. Kam einst der
+Zeitpunkt, ihm Auge in Auge gegenüber zu treten, so würde er ihn wieder zu
+finden wissen, wenn Jener sich auch zum Herrn von ganz Sibirien
+aufgeworfen hätte.
+
+Der Mujik und er nahmen also ihren Weg durch die Stadt wieder auf und
+gelangten unbelästigt nach dem Posthause. Nach Einbruch der Nacht konnte
+es nicht allzu schwierig sein, Omsk durch eine der Breschen zu verlassen.
+Dagegen stellte sich die Unmöglichkeit heraus, an Stelle des Tarantaß ein
+anderes Fuhrwerk zu erhalten. Es fand sich weder ein Wagen zu miethen,
+noch zu kaufen. Aber bedurfte denn Michael Strogoff jetzt wirklich eines
+Wagens? War er für den übrigen Theil der Reise nicht allein? Ihm mußte
+auch schon ein Reitpferd genügen, und ein solches war glücklicher Weise zu
+beschaffen. Er bekam ein tüchtiges, zum Ertragen schwerer Strapazen
+offenbar geeignetes Thier, von dem sich Michael Strogoff, ein gewandter,
+ausdauernder Reiter, den größten Nutzen versprach.
+
+Das Pferd kostete eine bedeutende Summe; nach einigen Minuten schon stand
+es zum Aufbruch bereit.
+
+Es war jetzt etwa um vier Uhr Nachmittags.
+
+Da Michael Strogoff die Nacht abwarten mußte, um die Umwallung zu
+passiren, sich in den Straßen von Omsk aber doch nicht zeigen wollte, so
+blieb er gleich im Posthause und ließ sich daselbst einige Stärkungsmittel
+besorgen.
+
+In dem öffentlichen Wartesaale des Hauses ging es sehr lebhaft zu. So wie
+wir es von den russischen Bahnhöfen kennen gelernt haben, liefen die
+ängstlichen Einwohner hier zusammen, um neue Nachrichten zu erhaschen. Man
+sprach von der bevorstehenden Ankunft eines Corps russischer Truppen, zwar
+nicht in Omsk, aber in Tomsk, – eines Corps, das diese Stadt den Tartaren
+Feofar-Khan’s wieder entreißen sollte.
+
+Michael Strogoff lauschte gespannt auf jedes in seiner Umgebung
+gesprochene Wort, vermied es aber, sich selbst in ein Gespräch
+einzulassen.
+
+Plötzlich machte ein Aufschrei ihn erzittern, ein Schrei, der hinabdrang
+bis zum Grunde seiner Seele, und an sein Ohr schlugen die beiden Worte:
+
+„Mein Sohn! Mein Sohn!“
+
+Seine Mutter, die alte Marfa, stand vor ihm. Sie lächelte und sie zitterte
+doch vor Freude und streckte ihm sehnsüchtig die Arme entgegen.
+
+Michael Strogoff erhob sich. Er wollte ihr entgegenfliegen ....
+
+Da hielt ihn der Gedanke an seine Pflicht, an die ernsthafte Gefahr für
+seine Mutter und ihn bei dieser bedauerlichen Begegnung plötzlich zurück,
+und er gewann so viel Herrschaft über sich, daß auch nicht ein Muskel
+seines Gerichtes zuckte.
+
+Zwanzig Personen füllten jetzt den Wartesaal. Unter ihnen konnten recht
+wohl einige Spione sein, und wußte man denn nicht auch, daß Marfa
+Strogoff’s Sohn zu dem Specialcorps der Couriere des Czaaren gehörte?
+
+Michael Strogoff sprach kein Wort.
+
+„Michael! rief seine Mutter.
+
+— Wer sind Sie, geehrte Dame? fragte Michael Strogoff, der die Worte mehr
+hervorstammelte als aussprach.
+
+— Wer ich bin? Das fragst Du? Mein Kind, erkennst Du Deine Mutter nicht
+mehr wieder?
+
+— Sie täuschen sich! ... antwortete Michael Strogoff kalt, eine
+Aehnlichkeit führt Sie irre ....“
+
+Die alte Marfa ging gerade auf ihn zu und stellte sich ihm Aug’ in Auge
+gegenüber.
+
+„Du bist nicht Peter und Marfa Strogoff’s Sohn?“ sagte sie.
+
+Michael Strogoff hätte sein Leben darum gegeben, seine Mutter offen in die
+Arme schließen zu dürfen, aber wenn er nachgab, war es nicht nur um ihn,
+sondern auch um sie, um seinen Auftrag, um seinen Eid geschehen! Er
+bezwang sich nach Kräften, er schloß die Augen, um nicht die angsterregten
+Züge in dem Antlitz der kindlich verehrten Mutter sehen zu müssen; er zog
+seine Hände zurück, um nicht unwillkürlich den zitternden Händen, die nach
+ihm verlangten, zu begegnen.
+
+„Ich weiß in der That nicht, liebe Frau, was ich aus Ihren Worten machen
+soll, antwortete er, einige Schritte zurückweichend.
+
+— Michael! rief noch einmal die bejahrte Mutter.
+
+— Ich heiße nicht Michael! Ich bin nie Ihr Sohn gewesen. Ich bin Nicolaus
+Korpanoff, Kaufmann aus Irkutsk!...“
+
+Hastig verließ er den Wartesaal, in dem noch einmal die Worte
+wiedertönten:
+
+„Mein Sohn! Mein Sohn!“
+
+Michael Strogoff war abgereist, so schwer es ihm wurde. Er sah seine alte
+Mutter, welche bewußtlos auf einer Bank zusammen gebrochen war, für jetzt
+nicht mehr. Gerade als der Postmeister ihr zu Hilfe eilen wollte, erhob
+sich die alte Frau selbst schon wieder. In ihrem Geiste war es plötzlich
+hell geworden. Sie, – verleugnet von ihrem leiblichen Sohne, – das war
+unmöglich! Ebenso unmöglich erschien es ihr aber, sich getäuscht und einen
+Anderen für ihn gehalten zu haben. Ohne Zweifel war es ihr Sohn gewesen,
+den sie eben gesehen hatte, und wenn Dieser sie nicht wieder erkannte, so
+wollte er es nicht, so durfte er sie nicht erkennen, so hatte er triftige,
+zwingende Gründe, so zu handeln. Dann unterdrückte sie allen Mutterschmerz
+in ihrer Brust und peinigte sich mit dem einzigen Gedanken: „Sollte ich
+ihn wider Willen in’s Verderben gestürzt haben?“
+
+„Ich bin eine Thörin! antwortete sie Allen, die sie fragten. Meine Augen
+haben mich betrogen! Dieser junge Mann ist mein Kind nicht! Er hatte ja
+gar nicht dessen Stimme! Lassen wir es. Zuletzt werde ich meinen Sohn noch
+in Jedermann zu sehen glauben.“
+
+Kaum zehn Minuten später erschien ein Tartarenofficier im Posthause.
+
+„Marfa Strogoff? fragte er laut.
+
+— Das bin ich, antwortete die betagte Frau so ruhig im Ton und im Antlitz,
+daß die Zeugen der vorigen Scene sie kaum wieder erkannten.
+
+— Komm mit mir!“ sagte der Officier.
+
+Mit sicherem Schritte folgte Marfa Strogoff dem tartarischen Officier und
+verließ das Posthaus.
+
+Wenige Minuten später befand sich Marfa Strogoff mitten in dem
+Truppenlager des Hauptplatzes und gegenüber dem gefürchteten Iwan Ogareff,
+dem alle Einzelheiten der oben erzählten Scene unverweilt berichtet worden
+waren.
+
+Iwan Ogareff muthmaßte ebenfalls den wahren Sachverhalt und hatte die alte
+Sibirierin selbst darüber befragen wollen.
+
+„Dein Name? leitete er das Verhör in strengem Tone ein.
+
+— Marfa Strogoff.
+
+— Du hast einen Sohn?
+
+— Ja.
+
+— Er ist Courier des Czaaren?
+
+— Ja.
+
+— Wo befindet er sich?
+
+— In Moskau.
+
+— Du bist von ihm ohne Nachrichten?
+
+— Ohne jede Nachricht.
+
+— Seit wie lange?
+
+— Seit zwei Monaten.
+
+— Wer ist aber der junge Mann, den Du noch vor wenig Augenblicken im
+Posthause Deinen Sohn nanntest?
+
+— Ein junger Sibirier, den ich für ihn hielt, antwortete Marfa Strogoff.
+Das ist der Zehnte, in dem ich meinen Sohn zu finden glaubte, seit die
+Stadt voller Fremden ist. Ich glaube ihn eben überall zu erkennen.
+
+— Jener junge Mann war demnach Michael Strogoff nicht?
+
+— Er war es leider nicht.
+
+— Weißt Du, alte Frau, daß ich Dich foltern lassen kann, bis Du die
+Wahrheit eingestehst?
+
+— Ich spreche die Wahrheit, und keine Folter würde meine Aussage
+abzuändern vermögen.
+
+— Jener Sibirier war Michael Strogoff wirklich nicht? fragte zum zweiten
+Male und eindringlicher Iwan Ogareff.
+
+— Nein! Er war es nicht! antwortete Marfa Strogoff zum zweiten Male.
+Glaubt Ihr, ich würde um Alles in der Welt einen solchen Sohn, wie mir ihn
+Gott gegeben hat, verleugnen?“
+
+Mit boshaftem Auge fixirte Iwan Ogareff die Frau, die ihm in’s Gesicht zu
+trotzen wagte. Er zweifelte keinen Augenblick, daß sie in dem jungen
+Sibirier ihren Sohn wirklich erkannt habe. Und wenn dennoch der Sohn
+zuerst die Mutter verleugnet hatte, wie es die Mutter jetzt ihrerseits
+that, so mußten dem unzweifelhaft sehr ernste Ursachen zu Grunde liegen.
+
+Iwan Ogareff galt es als unbestreitbare Thatsache, daß der angebliche
+Nicolaus Korpanoff kein Anderer sei, als Michael Strogoff, der Courier des
+Czaaren, der sich unter einem falschen Namen verbarg und der einen Auftrag
+haben mußte, dessen Kenntniß für ihn von der weitgehendsten Bedeutung sein
+konnte. Er gab also sofort Befehl, Jenen zu verfolgen.
+
+Dann wendete er sich gegen Marfa Strogoff zurück und sagte:
+
+„Diese Frau soll sofort nach Tomsk übergeführt werden!“
+
+Und während die Soldaten Jene roh und grausam fortdrängten, murmelte er
+zwischen den Zähnen:
+
+„Zur passenden Zeit werde ich ihr schon die Zunge zu lösen wissen, der
+alten Hexe!“
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Capitel.
+
+
+ Der Barabinen-Sumpf.
+
+
+Es war Michael Strogoff’s Glück gewesen, daß er das Posthaus so schnell
+als möglich verließ. Auf Iwan Ogareff’s Befehl wurden sofort alle Ausgänge
+der Stadt scharf bewacht und sein Signalement allen Postmeistern
+mitgetheilt, um sein Entkommen aus Omsk zu verhindern. Als das aber
+geschah, hatte er schon eine Bresche des Erdwalls hinter sich, sein Pferd
+jagte durch die Steppe, und da er keine unmittelbaren Verfolger hinter
+sich sah, durfte er auf das Gelingen seiner Flucht wohl hoffen. Am 29.
+Juli, Abends gegen acht Uhr, hatte Michael Strogoff Omsk verlassen. Diese
+Stadt liegt ungefähr in der Mitte des Weges von Moskau nach Irkutsk,
+woselbst er vor Ablauf von zehn Tagen eintreffen mußte, wenn er die
+tartarischen Horden hinter sich lassen wollte. Offenbar hatte der
+beklagenswerte Zufall, welcher ihn seiner Mutter vor Augen führte, sein
+Incognito verrathen. Iwan Ogareff konnte nicht mehr darüber im Unklaren
+sein, daß ein Courier des Czaaren auf dem Wege nach Irkutsk durch Omsk
+gekommen sei. Die Depeschen dieses Eilboten mußten von besonderer
+Wichtigkeit sein. Michael Strogoff ahnte also auch, daß man Alles daran
+setzen werde, sich seiner Person zu bemächtigen.
+
+Was er aber nicht wußte, was er nicht wissen konnte, war, daß Marfa
+Strogoff sich in Iwan Ogareff’s Gewalt befand, daß sie büßen, vielleicht
+mit ihrem Leben bezahlen sollte für die Erregung ihres Mutterherzens, die
+sie bei dem unerwarteten Anblick ihres Sohnes nicht zu unterdrücken im
+Stande gewesen war. Ein Glück für ihn, daß er davon nichts wußte! Hätte er
+dieser neuen Prüfung widerstehen können?
+
+Michael Strogoff trieb sein Roß an, er flößte ihm gleichsam dieselbe
+fieberhafte Ungeduld ein, die ihn verzehrte; er verlangte nur das Eine von
+dem Thiere, ihn so schnell als möglich nach dem nächsten Relais zu tragen,
+wo er es gegen ein noch schnelleres Beförderungsmittel einzutauschen
+hoffte.
+
+Um Mitternacht hatte er siebzig Werst zurückgelegt und machte bei der
+Station Kulikowo Halt. Doch auch hier fand er, eine Bestätigung seiner
+Besorgniß, weder Pferde noch Wagen. Einzelne Abtheilungen Tartaren waren
+schon auf der Hauptstraße durch die Steppe dahin gezogen. In den Dörfern
+und den Postrelais hatte man Alles requirirt oder geradezu gestohlen.
+Michael Strogoff konnte kaum einige Nahrung für sich und etwas Futter für
+sein Pferd erhalten.
+
+Er mußte dieses Pferd, für das sich kein Ersatz mehr zu bieten schien,
+etwas schonender behandeln. Da er aber zwischen sich und den ihm von Iwan
+Ogareff jedenfalls nachgesendeten Reitern den größtmöglichen Zwischenraum
+sehen wollte, beschloß er, möglichst schnell weiter zu eilen. Nach einer
+nur einstündigen Ruhe schlug er also den Weg durch die Steppe schon wieder
+ein.
+
+Bisher hatten die Witterungsverhältnisse die Reise des Czaarencouriers
+auffallend begünstigt. Die Lufttemperatur hielt sich in erträglichen
+Grenzen. Die zu dieser Jahreszeit kurze, aber von den durch einen leichten
+Wolkenschleier dringenden Mondstrahlen mit einem angenehmen Dämmerlichte
+gemilderte Nacht machte die Straße leidlich gangbar. Michael Strogoff zog
+übrigens, als ein seines Weges kundiger Mann, sicher, ohne Zweifel, ohne
+Zögern dahin. Trotz der schmerzlichen Gedanken, die ihn hartnäckig
+verfolgten, hatte er sich doch eine außerordentliche Klarheit des Geistes
+bewahrt und steuerte auf sein Ziel zu, als ob dieses Ziel schon am
+Horizonte sichtbar sei. Hielt er, vielleicht bei einer Biegung des Weges,
+einen Augenblick an, so geschah es, um sein Pferd etwas Athem schöpfen zu
+lassen. Dann stieg er, zur Erleichterung des Thieres, einmal ab, drückte
+das Ohr auf den Erdboden und lauschte, ob sich der Schall von galopirenden
+Pferden an der Oberfläche der Steppe fortleitete. Hatte er nichts
+Verdachterweckendes wahrgenommen, so setzte er seinen Weg wieder fort.
+
+O, breitete sich jetzt doch die Polarnacht über diese weite sibirische
+Ebene, diese mehrere Monate andauernde Nacht! Es wäre viel leichter
+gewesen, jene sicher zu durchreisen.
+
+Am 30. Juli, gegen neun Uhr Morgens, passirte Michael Strogoff die Station
+Turumoff und begab sich von hier aus nun in die Sumpfdistricte der
+Barabinen-Steppe.
+
+Auf einem Gebiete von 300 Werst Länge konnten hier schon die natürlichen
+Hindernisse allein große Schwierigkeiten verursachen. Der Courier wußte
+das, aber er wußte auch, daß er alle siegreich überwinden werde.
+
+Die ausgedehnten, von Norden nach Süden zwischen dem 60. und 52.
+Breitengrade liegenden Barabinen-Sümpfe bilden das große Sammelbassin
+derjenigen atmosphärischen Niederschläge, welche weder durch den Obi noch
+durch den Irtysch einen Abfluß finden. Der Boden dieser ungeheuren
+Tiefebene besteht aus fast ganz undurchlässigem Lehm, so daß das Wasser
+darüber stehen bleibt und eine während der warmen Jahreszeit schwer zu
+passirende Gegend darstellt.
+
+Gerade durch diesen Landstrich führt aber die Straße nach Irkutsk, mitten
+durch die zahlreichen Sümpfe, Teiche, Seen, deren gesundheitsgefährliche
+Ausdünstungen bei der heißen Sommersonne den Reisenden mindestens mit
+schweren Mühseligkeiten, wenn nicht gar mit tückischer Gefahr bedrohen.
+
+Im Winter freilich, wenn der Frost Alles, was sonst flüssig war, erstarren
+ließ, wenn der dichte Schnee den Boden geebnet und geglättet, die
+schädlichen Miasmen condensirt und unter sich begraben hat, dann fliegen
+die leichten Schlitten gefahrlos über die erhärtete Kruste der
+Barabinen-Steppe. Dann durchziehen fleißig die Jäger die wildreichen
+Gründe und verfolgen die Marder, die Zobel und die kostbaren Füchse, deren
+Felle so gesucht sind. Während des Sommers dagegen wird diese Sumpfgegend
+kothig, brütet gefährliche Krankheiten aus und ist bei einigermaßen hohem
+Wasserstande überhaupt gar nicht zu passiren.
+
+Michael Strogoff lenkte sein Pferd quer durch einen Torfmoor, der nicht
+mehr mit jenem kurzen, glatten Rasen bedeckt erschien, von welchem sich
+die zahllosen sibirischen Heerden sonst fast ausschließlich ernähren. Hier
+dehnte sich nicht mehr eine Wiese ohne Grenzen vor seinen Blicken aus,
+sondern eine Art ungeheurer Haide mit baumartigem Gesträuch.
+
+Der Rasen stieg hier bis fünf und sechs Fuß Höhe auf. Das feine Gras hatte
+den Platz geräumt vor üppigen Sumpfpflanzen, denen die andauernde
+Feuchtigkeit im Verein mit der brennenden Hitze des Sommers wahrhaft
+gigantische Formen verlieh. Vorzugsweise waren es Binsen und Schilf,
+welche ein unentwirrbares Netz, ein undurchdringliches Gitter bildeten,
+geschmückt mit Tausenden von Blumen von ungemein lebhaften Farben,
+darunter vor Allem Lilien und Irisarten, deren Wohlgerüche sich mit den
+warmen, dem Boden entsteigenden Dünsten mischten.
+
+Michael Strogoff galopirte zwischen den hohen Binsen dahin, wobei ihn von
+den die Straße begleitenden Sümpfen aus Niemand mehr sehen konnte. Die
+großen Stengel überragten ihn sammt dem Pferde, und nur das Aufflattern
+unzähliger Wasservögel, die sich neben seinem Pferde erhoben und in
+schreienden Gruppen in der Luft zertheilten, verrieth, daß sich Etwas in
+jenem Dickicht bewege.
+
+Die Straße selbst war übrigens in leidlichem Zustande. Hier schnitt sie in
+gerader Linie durch das dichte Gewirr der Sumpfpflanzen, dort wand sie
+sich um das gekrümmte Ufer ausgedehnter Teiche, von denen einige bei einer
+Länge von mehreren Wersten und ebenso großer Breite schon den Namen von
+Seen verdient hätten. An anderen Stellen endlich hatte man einzelne
+stehende Gewässer nicht umgehen können; für Ueberschreitung derselben
+dienten aber keine Brücken in unserem gewohnten Sinne, sondern eine Art
+Plateform mit übergelegten Bohlen, welche ebenso leicht schwankten, wie
+ein zu dünner über einen Graben gelegter Steg. Einige dieser primitiven
+Straßenbrücken dehnten sich bis auf zwei- und dreihundert Schritte Länge
+aus, und man erzählt sich, daß Reisende, mindestens reisende Damen beim
+Fahren über einen solchen schwankenden Weg nicht gar so selten eine Art
+Seekrankheit bekommen hätten.
+
+Michael Strogoff jagte, ob er nun festen oder schwankenden Boden unter
+sich hatte, immer mit derselben Schnelligkeit dahin und setzte in kühnem
+Sprunge über die Lücken hinweg, welche die halb verfaulten Planken an
+manchen Stellen zwischen sich ließen; so schnell aber Roß und Reiter auch
+dahin flogen, so konnten sie doch den belästigenden Stichen der
+zweiflügeligen Insecten nicht entfliehen, die in jenen sumpfreichen
+Gegenden zur wahren Landplage werden.
+
+Sind Reisende gezwungen, im Sommer durch die Barabinen-Steppe zu fahren,
+so versehen sie sich mit Masken aus Pferdehaar, an welche sich ein Stück
+feinmaschiges Panzerhemd zum Schutze der Schultern anschließt. Doch trotz
+dieser Vorsichtsmaßregeln kommen nur Wenige wieder, ohne zahllose rothe
+Tüpfel im Gesicht, auf dem Hals und den Händen davon getragen zu haben,
+aus diesem Sumpfdistricte heraus. Die ganze Atmosphäre erscheint dort wie
+erfüllt mit haarfeinen Nadeln, und man wird zu dem Glauben verführt, daß
+kaum eine complete Ritterrüstung zum Schutz gegen die Stacheln dieser
+Zweiflügler hinreichen könne. Hier ist eine traurige Gegend, die der
+Mensch den Mücken, Schnaken und Stechfliegen nur mit Aufwand vieler Mittel
+streitig macht, – ganz zu schweigen von den Milliarden mikroskopischer
+Insecten, welche man mit unbewaffnetem Auge überhaupt nicht wahrzunehmen
+im Stande ist; doch wenn man sie auch nicht sieht, so fühlt man sie desto
+mehr wegen ihrer unerträglich quälenden feinen Stiche, gegen welche auch
+hartgesottene sibirische Jäger niemals gleichgiltig werden.
+
+Michael Strogoff’s Pferd sprang, von den giftigen Dipteren überfallen,
+häufig auf, als würden ihm tausend Sporen auf einmal in die Flanke
+gedrückt. Dann jagte es, raste und flog es in toller Wuth Werst für Werst
+mit der Schnelligkeit eines Eilzuges dahin, peitschte die Seiten mit dem
+Schweife und suchte in der Flucht eine Linderung seiner Qualen.
+
+Es gehörte ein so sattelfester Reiter wie Michael Strogoff dazu, um durch
+die unerwarteten Bewegungen des Pferdes, durch dessen Aufbäumen und
+Sprünge, zu denen die unausgesetzten Fliegenstiche es reizten, nicht
+abgeworfen zu werden. Fast unempfindlich geworden gegen physischen
+Schmerz, nur beseelt von dem einen Verlangen, um jeden Preis sein Ziel zu
+erreichen, sah er in dieser sinnlosen Jagd nichts weiter, als daß er
+seinen Weg mit glücklicher Eile zurücklegte.
+
+Wer würde nun glauben, daß diese in der heißen Jahreszeit so ungesunde
+Barabinen-Steppe doch noch einer Anzahl Menschen Asyl böte?
+
+Und doch ist es an dem. In großen Zwischenräumen tauchen da und dort
+sibirische Weiler auf zwischen den gigantischen Binsen. Männer, Frauen,
+Kinder und Greise, in Thierfelle gekleidet und das Gesicht mit einer
+pechüberzogenen Maske bedeckt, führen ihre dürftigen Heerden zur Weide; um
+die Thiere aber vor den Angriffen der Insecten zu schützen, halten sie
+dieselben stets unter dem Winde in der Nähe von Feuern aus grünem Holze,
+die sie Tag und Nacht unterhalten und deren beißende Rauchsäulen sich
+schwerfällig über die morastige Niederung ausbreiten.
+
+Als Michael Strogoff bemerkte, daß sein Pferd auf dem Punkte stand, vor
+Erschöpfung zusammen zu brechen, machte er in einem jener elenden Dörfchen
+halt, und rieb, seine eigene Ermüdung vergessend, die vielen Stiche des
+armen Thieres nach sibirischer Sitte mit warmem Fett ein; dann gab er ihm
+eine tüchtige Ration Futter, und erst als er es den Umständen nach
+bestmöglich untergebracht und mit Allem versorgt hatte, dachte er an seine
+Person, verzehrte zur Wiederherstellung seiner Kräfte etwas Brod und
+Fleisch und trank einige Gläser Kwaß dazu. Nach einer, höchstens zwei
+Stunden der Ruhe begab er sich wieder auf seinen endlosen Weg nach dem
+fernen Irkutsk.
+
+Von Turumoff aus hatte er auf diese Weise neunzig Werst zurück gelegt und
+kam am 30. Juli, gegen vier Uhr Nachmittags, unempfindlich für jede
+Anstrengung, in Elamsk an.
+
+Daselbst mußte er seinem Pferde eine Nacht Ruhe gönnen. Das muthige Thier
+hätte jetzt die Reise unmöglich fortzusetzen vermocht.
+
+In Elamsk fand sich ebenso wenig als anderswo ein bequemeres
+Beförderungsmittel. Aus den nämlichen Gründen, wie in den andern kleinen
+Städten und Flecken, fehlte es auch hier vollkommen an Wagen oder Pferden.
+
+Elamsk, eine kleine Stadt, in welche die Tartaren noch nicht eingedrungen
+waren, erwies sich fast ganz entvölkert, denn es konnte von Süden her sehr
+leicht überfallen, aber von Norden her nur sehr schwierig beschützt
+werden. Auf höheren Befehl waren das Posthaus, das Polizeiamt, das
+Regierungsgebäude ebenfalls verlassen, und Beamte ebenso wie Einwohner
+nach dem nördlicher gelegenen Kamsk, in der Mitte der Barabinen-Steppe,
+ausgewandert.
+
+Michael Strogoff mußte sich also darauf beschränken, in Elamsk die Nacht
+zuzubringen und seinem Pferde zwölf Stunden Ruhe zu gönnen. Er erinnerte
+sich der ihm in Moskau an’s Herz gelegten Instructionen, Sibirien
+unerkannt zu durchreisen, auf jeden Fall und sobald als möglich Irkutsk zu
+erreichen, aber, wenigstens bis zu einer gewissen Grenze, den Erfolg
+seiner Fahrt nicht der Schnelligkeit wegen auf’s Spiel zu setzen, – in
+Anbetracht dieser Umstände hatte er die Verpflichtung, das einzige ihm
+noch verbliebene Beförderungsmittel, das Reitpferd, vernünftig zu schonen.
+
+Am folgenden Tage verließ Michael Strogoff Elamsk wieder, eben als man das
+Erscheinen tartarischer Plänkler, auf der Straße durch die
+Barabinen-Steppe, etwa zehn Werst jenseit der Stadt, anmeldete, und trabte
+wieder in die sumpfige Niederung hinaus. Die Straße lief zwar ganz eben
+hin, wodurch das Fortkommen erleichtert, aber in vielfachen Windungen,
+wodurch der Weg sehr verlängert wurde. Uebrigens verboten es die
+Bodenverhältnisse unbedingt, etwa die Einhaltung einer geraden Linie quer
+durch diese Tümpel und Teiche zu versuchen.
+
+Am darauf folgenden Tage, am 1. August, erreichte Michael Strogoff gegen
+Mittag den 120 Werst weiter gelegenen Flecken Spaskoë, und um zwei Uhr
+hielt er bei der darauf folgenden kleinen Ortschaft, Pokrowskoë, zum
+ersten Male wieder an.
+
+Sein durch den langen Ritt von Elamsk bis hierher über Gebühr
+angestrengtes Roß hätte auch keinen Schritt mehr vorwärts thun können.
+
+Bei dieser ihm aufgezwungenen Ruhe verlor Michael Strogoff zwar den Rest
+des Tages und die darauf folgende Nacht, aber er gelangte am nächsten
+Tage, dem 2. August, nach einem 75 Werst langen Wege durch das halb unter
+Wasser stehende Gebiet doch bis zu dem Städtchen Kamsk.
+
+Hier bot die Landschaft ein wesentlich anderes Bild. Der kleine Flecken
+Kamsk liegt wie eine wohnliche, gesunde Insel mitten in diesem
+unheilvollen Gebiete. Er nimmt gerade den Mittelpunkt der Barabinen-Steppe
+ein. Dort haben sich, eine heilsame Folge der Kanalisirung des Tom, eines
+bei Kamsk vorbeiziehenden Nebenflusses des Irtysch, die pestaushauchenden
+Sümpfe in üppige, fette Weiden verwandelt. Dennoch vermochten diese
+Bodenmeliorationen noch nicht völlig jene Fieber zu besiegen, welche den
+Aufenthalt in dieser Stadt während des Herbstes noch einigermaßen
+gefährden. Immerhin flüchten sich hierher die wenigen Bewohner der
+Barabinen-Steppe, wenn die verderblichen Sumpfmiasmen sie aus den übrigen
+Theilen der Provinz vertreiben.
+
+Die durch die Tartaren-Invasion verursachte allgemeine Auswanderung hatte
+Kamsk doch noch nicht entvölkert. Die Bewohner glaubten sich in der Mitte
+ihres für größere Truppenmassen so schwer zugänglichen Landes
+verhältnißmäßig sicher, mindestens waren sie der Ansicht, zur Flucht noch
+immer Zeit zu haben, wenn sie unmittelbar bedroht würden.
+
+Michael Strogoff konnte hier, so sehr er es auch wünschte, keinerlei
+neuere Nachrichten erhalten. Jedenfalls hätte sich der Gouverneur vielmehr
+an ihn gewendet, wäre ihm der wirkliche Charakter dieses angeblichen
+Kaufmanns aus Irkutsk bekannt gewesen. Kamsk schien in Folge seiner
+besonders günstigen Lage der übrigen sibirischen Welt in der That nicht
+anzugehören und gänzlich außerhalb der ernsten Ereignisse zu stehen, die
+jene erschütterten.
+
+Uebrigens zeigte sich Michael Strogoff möglichst wenig oder gar nicht. Ihm
+genügte es nicht, jedes Aufsehen zu vermeiden, er wünschte überhaupt gar
+nicht gesehen zu werden. Die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit
+verdoppelten seine Vorsicht in der Gegenwart wie für die Zukunft. So hielt
+er sich denn ganz zurückgezogen, trug gar kein Verlangen, die wenigen
+Straßen des Städtchens zu durchlaufen, und wollte das Gasthaus, in dem er
+abgestiegen war, überhaupt nicht verlassen.
+
+In Kamsk hätte Michael Strogoff wohl einen Wagen kaufen und das Reitpferd,
+welches ihn von Omsk bis hierher getragen, durch ein bequemeres
+Beförderungsmittel ersetzen können. Nach reiflicher Ueberlegung sagte er
+sich aber, daß das Einhandeln eines Tarantaß doch die Aufmerksamkeit mehr,
+als ihm lieb war, auf ihn lenken mußte, und da er die von den Tartaren
+besetzte Linie noch nicht überschritten hatte, eine Linie, welche etwa mit
+dem Irtyschstrome abschnitt, so wollte er es nicht wagen, irgend welchen
+Verdacht zu erwecken.
+
+Um übrigens diese Barabinen-Steppe zu durcheilen, durch diese
+Sumpfniederung zu fliehen, im Fall ihn eine directere Gefahr bedrohen
+sollte, um den zu seiner Verfolgung entsendeten Reitern einen Vorsprung
+abzugewinnen, um sich im Nothfall auch durch das dichteste Binsenmeer
+hindurchzuschlagen, war ein Pferd offenbar mehr werth, als ein Wagen.
+Später, vielleicht jenseit Tomsk oder gar hinter Krasnojarsk, hoffte
+Michael Strogoff in irgend einer bedeutenderen Stadt Sibiriens passendere
+Gelegenheit zu finden, sich mehr Bequemlichkeit zu verschaffen.
+
+Sein jetziges Reitpferd aber gegen ein anderes umzutauschen, dieser
+Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn. Er hatte sich an dieses ausdauernde
+Thier schon gewöhnt; er wußte, was er von ihm verlangen konnte. Als er es
+in Omsk erkaufte, hatte er eine glückliche Hand gehabt, und dankbar pries
+er noch immer jenen Mujik, der ihn dort zu dem betreffenden Posthalter
+führte. Doch nicht nur Michael Strogoff fühlte eine gewisse Anhänglichkeit
+seinem Pferde gegenüber, auch dieses schien sich allgemach an die
+Strapazen einer solchen Parforce-Reise zu gewöhnen, und wenn ihm nur je
+einige Stunden Ruhe gegönnt wurden, konnte sein Reiter wohl hoffen, bis
+über die überfallenen Provinzen hinaus zu gelangen.
+
+Während dieses Abends und der Nacht vom 2. zum 3. August verhielt sich
+Michael Strogoff also in seinem Gasthause am Eingange des Städtchens,
+einem wenig besuchten Gasthause ohne zudringliche und neugierige Gäste.
+
+Von Ermüdung übermannt, legte er sich zwar bald, aber doch nicht eher
+nieder, als bis er wußte, daß es seinem Pferde an nichts fehle; trotzdem
+vermochte er nur einen häufig unterbrochenen Schlummer zu finden. Zu viele
+Erinnerungen, zu viele Sorgen für die Zukunft regten sich in ihm. Die
+Bilder seiner betagten Mutter und seiner schutzlos verlassenen, muthigen,
+jungen Gefährtin zogen abwechselnd vor seinem Geiste auf oder verschmolzen
+in ihm wohl auch zu einem einzigen sorgenden Gedanken.
+
+Dann erinnerte er sich wieder seiner Sendung, an deren Ausführung ein Eid
+ihn band. Was er seit seinem Aufbruche von Moskau selbst gesehen, ließ ihn
+immer mehr die Wichtigkeit derselben erkennen. Fielen dann seine Blicke
+einmal auf den mit dem kaiserlichen Siegel verschlossenen Brief, diesen
+Brief, der ohne Zweifel das Heilmittel gegen so zahllose Uebel des von
+einem wilden, blutigen Kriege zerrissenen Landes enthielt, – dann
+bemächtigte sich Michael Strogoff’s fast unbesiegbares Verlangen, sofort
+wieder durch die Steppe weiter zu jagen, mit der Hast eines Vogels die
+Strecke zu überfliegen, die ihn noch von Irkutsk trennte, ein Adler zu
+sein, um alle Hindernisse überwinden zu können, ein Orkan, um mit der
+Schnelligkeit von hundert Werst die Stunde über der Erde dahin zu rasen
+und endlich vor den Großfürsten zu treten und ihm zuzurufen: „Kaiserliche
+Hoheit, von Seiner Majestät dem Czaaren!“
+
+Am andern Morgen um sechs Uhr früh ritt Michael Strogoff wieder mit der
+Absicht weiter, an diesem Tage die 84 Werst (= 89 Kilometer) von Kamsk bis
+Ubinsk zurückzulegen. Jenseit eines Kreises von etwa 20 Werst fand er ganz
+die sumpfige Barabinen-Steppe wieder, welche hier kein Ableitungsgraben
+mehr trocken legte, so daß der Erdboden manchmal einen Fuß hoch unter
+Wasser stand. Dann war die Straße nur schwierig zu erkennen, aber er legte
+diesen Wegtheil, Dank seiner umsichtigen Aufmerksamkeit, doch ohne Unfall
+zurück.
+
+In Ubinsk angelangt ließ Michael Strogoff sein Pferd die ganze Nacht über
+rasten, denn er wollte am folgenden Tag die 100 Werst betragende
+Entfernung zwischen Ubinsk und Ikulskoë durchmessen. Er brach also mit der
+Morgenröthe auf, aber leider gestaltete sich die Straße durch diesen Theil
+der Barabinen-Steppe immer unwegsamer.
+
+Zwischen Ubinsk und Kamakowa hatten sich nämlich die reichlichen
+Regenniederschläge der letztvergangenen Wochen wie in einer
+undurchlässigen Schüssel in der verhältnißmäßig engen Bodensenkung
+angesammelt. Das unentwirrbare Netz von Sümpfen, Teichen und Seen hing
+fast ohne Unterbrechung zusammen. Einen dieser Seen, – übrigens einer von
+solcher Größe, daß er in der geographischen Nomenclatur wohl einen Platz
+verdient hätte, – den Tschang (ein von den Chinesen ihm beigelegter Name),
+mußte Michael Strogoff auf einer Strecke von 20 Werst längs seines Ufers
+unter den größten Schwierigkeiten umreiten, was nothwendiger Weise einige
+Verzögerungen veranlaßte, die er trotz seiner Ungeduld doch nicht zu
+vermeiden vermochte. Er sah recht deutlich ein, wie gut er daran gethan,
+sich in Kamsk nicht einen Wagen zu nehmen, denn sein Pferd kam hier unter
+Verhältnissen noch vorwärts, die jeden Wagen unbedingt aufgehalten hätten.
+
+Abends gegen neun Uhr in Ikulskoë angekommen, verweilte Michael Strogoff
+daselbst die ganze Nacht. In diesem in der Barabinen-Steppe verlorenen
+Flecken fehlten die Nachrichten vom Kriegsschauplatze natürlich gänzlich.
+Dieser Theil der Provinz war durch seine natürliche Lage, mitten in der
+Gabel, welche die tartarischen Heerestheile durch ihr verschiedenseitiges
+Abschwenken einerseits nach Omsk, andrerseits nach Tomsk zu, bildeten, von
+den Schrecken des Einfalls noch gänzlich verschont geblieben.
+
+Bald mußten sich nun auch die natürlichen Schwierigkeiten des Weges
+vermindern, denn im Fall er keine Verzögerung erlitt, hoffte Michael
+Strogoff am nächsten Tage über die Barabinen-Steppe hinauszukommen. Später
+bot sich ihm wieder ein weit besserer Weg, wenn er die 125 Werst, die ihn
+noch von Kolywan trennten, zurückgelegt hatte.
+
+Von diesem etwas bedeutenderen Städtchen aus rechnete man bis Tomsk nur
+noch die gleiche Entfernung. Dann mußte er eine weitere Entscheidung
+treffen, die höchst wahrscheinlich in dem Sinne ausfiel, letztere von
+Feofar-Khan schon besetzte Stadt ganz zu umgehen.
+
+Wenn sich aber diese kleinen Städtchen, wie Ikulskoë, Karguinsk u. a., in
+Folge ihrer Lage mitten in der sumpfigen Steppe, die der Entwickelung der
+tartarischen Streitkräfte unüberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzte,
+noch einer glücklichen Ruhe erfreuten, lag da nicht die Befürchtung nahe,
+daß Michael Strogoff von den reichen, fruchtbaren Ufern des Obi an an
+Stelle der natürlichen Hindernisse allerlei Schwierigkeiten und Gefahren
+von Seiten der Menschen zu erwarten haben werde? Jedenfalls durfte er
+keinen Anstand nehmen, in dieser Gegend von der Straße nach Irkutsk
+abzuweichen. Bei einem Ritte durch die einsame Steppe lief er freilich
+Gefahr, sich von allen Hilfsmitteln zu entblößen. Dort fand sich nämlich
+keine weitere Straße, keine Stadt, kein Dorf mehr. Nur ganz einzeln traf
+man auf isolirte Farmen, oder vielmehr auf Hütten ärmlicher Leute, bei
+denen trotz ihrer unzweifelhaften Gastfreundlichkeit sich doch kaum das
+Nothwendigste finden mochte. Und dennoch, er durfte nicht zaudern!
+
+Endlich gegen halb vier Uhr Nachmittags verließ Michael Strogoff, nachdem
+er noch durch die kleine Station Kargatsk gekommen war, die letzte
+Niederung der Barabinen-Steppe und der Hufschlag seines Pferdes verrieth
+durch den Schall wieder den harten, trockenen Boden des sibirischen
+Landes.
+
+Er hatte Moskau am 15. Juli verlassen. Unter Einrechnung der am Ufer des
+Irtysch verlorenen zweiundsiebzig Stunden ergab das bis heute, den 5.
+August, eine Reisedauer von einundzwanzig Tagen.
+
+Fünfzehnhundert Werst trennten ihn nun noch von Irkutsk.
+
+
+
+
+ Sechzehntes Capitel.
+
+
+ Eine letzte Anstrengung.
+
+
+Michael Strogoff hatte ganz Recht, in den Ebenen, welche sich östlich an
+die Barabinen-Steppe anschließen, ein unliebsames Zusammentreffen zu
+fürchten. Die von Pferdehufen zertretenen Felder bewiesen, daß die
+Tartaren hier vorüber gekommen waren, und auf diese Barbaren passen auch
+die zuerst auf die Türken angewendeten Worte: „Auf dem Boden, den der
+Türke betrat, wächst kein Grashalm wieder!“
+
+Bei seinem Zuge durch diese Gegend mußte Michael Strogoff also die größte
+Vorsicht beachten. Einige am fernen Horizonte lagernde Rauchwolken sagten
+ihm, daß hier die Weiler und Flecken angesteckt worden waren. Rührten
+diese Feuersbrünste nun von den Vortruppen her oder marschirte die ganze
+Armee des Emir schon nach den äußersten Grenzen der Provinz? Befand sich
+Feofar-Khan selbst in dem Gouvernement von Jeniseïsk? Michael Strogoff
+wußte hierüber nichts und konnte, bevor er nicht weitere Nachrichten
+erhielt, nach keiner Seite eine Entscheidung treffen. Sollte das Land so
+menschenleer geworden sein, daß er keinen einzigen Sibirier mehr fände, um
+von ihm Auskunft zu erlangen?
+
+Michael Strogoff ritt auf der ganz leeren Straße etwa zwei Werst weiter.
+Nach rechts und links schweiften seine Augen und suchten ein noch nicht
+verlassenes Haus, aber alle, alle fand er öde und leer.
+
+Eine einzelne Hütte, welche er zwischen einer Gruppe Bäume entdeckte,
+rauchte noch. Als er sich näherte, fand er wenige Schritte von den
+Trümmern seines Hauses einen Greis von weinenden Kindern umringt. Eine
+noch ziemlich junge Frau, offenbar die Tochter jenes Mannes und die Mutter
+der Kinder, lag knieend auf dem Boden, den verzweifelten Blick starr auf
+diese Scene der Verwüstung geheftet. Ein zarter Säugling von wenigen
+Monaten ruhte noch an ihrer Brust. Alles rings um diese Aermsten war Ruine
+und Zerstörung!
+
+Michael Strogoff ging auf den Greis zu.
+
+„Bist Du im Stande, mir zu antworten? fragte er mit ernster Stimme.
+
+— Rede, erwiderte der alte Mann.
+
+— Sind die Tartaren hier vorüber gekommen?
+
+— Gewiß, sonst stände mein Haus nicht in Flammen.
+
+— Ein ganzes Heer oder nur eine Abtheilung?
+
+— Ein ganzes Heer, denn so weit der Blick reicht, sind unsere Felder
+verwüstet!
+
+— Commandirt von dem Emir?...
+
+— Von ihm, denn das Wasser des Obi färbte sich roth.
+
+— Und Feofar-Khan ist in Tomsk eingezogen?
+
+— Gewiß.
+
+— Weißt Du, ob die Tartaren sich schon der Stadt Kolywan bemächtigt haben?
+
+— Nein, denn Kolywan steht noch nicht in Flammen.
+
+— Ich danke, Freund. – Kann ich Etwas für Dich und die Deinen thun?
+
+— Nichts.
+
+— Auf Wiedersehen!
+
+— Leb’ wohl!“
+
+Nachdem Michael Strogoff noch fünfundzwanzig Rubel niedergelegt hatte vor
+dem unglücklichen Weibe, welches nicht einmal im Stande war, ihm zu
+danken, gab er seinem Pferde die Sporen und setzte den einen Augenblick
+unterbrochenen Weg fort.
+
+Er wußte nun Eines: daß er es um jeden Preis zu vermeiden habe, Tomsk zu
+passiren. Eher schien es möglich, nach Kolywan zu gehen, wo die Tartaren
+noch nicht herrschten. Auch in dieser Stadt hatte er nichts Anderes zu
+thun, als sich zu stärken und mit dem Nöthigsten für eine sehr lange
+Tagereise zu versehen. Dann mußte er die Straße nach Irkutsk verlassen, um
+nach Ueberschreitung des Obi Tomsk zu umgehen, – einen anderen Ausweg sah
+er nicht vor sich.
+
+Nach Feststellung dieses neuen Reiseplans durfte Michael Strogoff nicht
+einen Augenblick zögern. Er zögerte auch nicht, sondern trieb sein Pferd
+zu einer noch schnelleren Gangart an und folgte dem directen Wege, der an
+das linke Ufer des Stromes führte und bis zu dem noch eine Strecke von 40
+Werst zurückzulegen war. Würde er eine Fähre finden, um dort überzusetzen,
+oder sollte das Tartarenheer alle Fahrzeuge zerstört, weggeschleppt haben
+und er gezwungen sein, schwimmend den Strom zu überschreiten? Die Zukunft
+mußte diese Fragen bald beantworten.
+
+Was sein nun auf’s Aeußerste erschöpftes Pferd betraf, so wollte es
+Michael Strogoff, nach Vollendung der bevorstehenden langen und höchst
+anstrengenden Tagereise, in Kolywan womöglich gegen ein anderes
+vertauschen. Er fühlte wohl, daß das arme Thier binnen Kurzem unter ihm
+zusammenbrechen mußte. Kolywan bildete also für ihn gleichsam einen neuen
+Ausgangspunkt, da er von dieser Stadt aus seine Reise unter sehr
+veränderten Verhältnissen fortzusetzen hatte. So lange sein Weg ihn durch
+die von den Eindringlingen besetzten Gebiete führte, mußten die
+Schwierigkeiten offenbar große sein; nach glücklicher Umgehung von Tomsk
+aber konnte er die Straße nach Irkutsk wieder benutzen, und da die Provinz
+Jeniseïsk den Verwüstungen der Feinde noch entzogen geblieben war, durfte
+er wohl hoffen, sein Ziel in wenigen Tagen zu erreichen.
+
+Nach einem recht warmen Tage senkte sich die Nacht herab. Um Mitternacht
+hüllte tiefe Finsterniß die weite Steppe ein. Der Wind, der sich mit
+Sonnenuntergang gelegt hatte, hinterließ in der Atmosphäre eine
+vollkommene Stille. Nur den Hufschlag des Pferdes hörte man auf der
+verlassenen Straße, und dann und wann einige Worte, mit denen der Reiter
+es aufzumuntern suchte. Mitten in dieser Finsterniß bedurfte es der
+äußersten Vorsicht, um nicht von dem Wege abzukommen; denn immer
+begleiteten diesen einzelne Teiche oder kleine Nebenarme des Obi.
+
+Michael Strogoff trabte also möglichst schnell, aber immer mit größter
+Aufmerksamkeit weiter. Er verließ sich dabei nicht allein auf die große
+Schärfe seiner Augen, die auch die Finsterniß durchdrangen, sondern
+daneben auch auf die Klugheit seines Pferdes, dessen scharfen Spürsinn er
+kannte.
+
+Eben war Michael Strogoff einmal abgestiegen, um sich über die genaue
+Richtung der Straße zu vergewissern, als er von Westen her ein verworrenes
+Geräusch zu vernehmen glaubte. Es klang wie entferntes Pferdegetrappel auf
+der trockenen Erde. Ohne Zweifel; ein bis zwei Werst weiter rückwärts
+hörte er die regelmäßigen Hufschläge von Pferden.
+
+Michael Strogoff lauschte, das Ohr auf dem Boden, mit gespanntester
+Aufmerksamkeit.
+
+„Das ist eine Reiterabtheilung, sagte er sich, welche auf der Straße von
+Omsk daherkommt. Sie scheint sich schnell zu bewegen, denn das Geräusch
+nimmt merkbar zu. Sind das nun Russen oder Tartaren?“
+
+Michael Strogoff lauschte noch immer.
+
+„Ja, ja, sprach er halblaut für sich, sie nähern sich in scharfem Trabe!
+Vor Ablauf von zehn Minuten müssen sie hier sein. Mein Pferd wird
+schwerlich mit ihnen Schritt halten können. Sind es Russen, so würde ich
+mich ihnen anschließen. Sind es Tartaren, so muß ich ihnen entweichen.
+Aber wie? Wo könnt’ ich mich verbergen in dieser Steppe?“
+
+Michael Strogoff sah sich forschend um, und sein scharfes Auge entdeckte
+eine bei der herrschenden Finsterniß kaum erkennbare dunklere Masse etwa
+hundert Schritt vor sich zur Linken der Straße.
+
+„Da ist ein kleines Gehölz, sagte er. Wenn ich mich darin verberge, laufe
+ich zwar Gefahr, den Reitern in die Hände zu fallen, wenn sie es
+durchsuchen sollten. Indeß, ich habe keine Wahl. Da, in der Ferne kommen
+sie schon!“
+
+Wenige Minuten später erreichte Michael Strogoff, sein Pferd am Zügel
+führend, ein kleines Gehölz von Lärchenbäumen, das einen Zugang von der
+Straße aus hatte. Vor und hinter demselben zog sie sich ganz frei von
+Bäumen zwischen den Löchern und Tümpeln hin, welche aus Stechginster und
+Haidekraut bestehende Gruppen von Zwergbäumen trennten. Zu beiden Seiten
+war das Terrain also völlig ungangbar und die Reiterschaar mußte
+zweifellos an dem kleinen Gehölz vorüber kommen, da sie offenbar der
+Hauptstraße nach Irkutsk folgte.
+
+Michael Strogoff wand sich also zwischen diese Lärchenbäume hinein, bis er
+sich etwa nach vierzig Schritten von einem Wasserlauf aufgehalten sah, der
+den Hain im Halbkreise begrenzte.
+
+Die Dunkelheit war hier aber eine so tiefe, daß Michael Strogoff nicht im
+Geringsten Gefahr lief entdeckt zu werden, wenn das Gehölz nicht ganz
+peinlich durchsucht wurde. Er führte sein Pferd also bis an jenes Wasser,
+band es daselbst an einen Baum und schlich sich selbst wieder an den Rand
+des Dickichts, um bestimmen zu können, wie er sich zu verhalten habe.
+
+Kaum hatte er hinter einigen buschartigen Lärchen Platz genommen, als ihm
+ein Lichtschein in’s Auge fiel, aus dem da und dort einige glänzende
+Punkte in lebhafter Bewegung aufleuchteten.
+
+„Wie? Fackeln!“ murmelte er.
+
+Schnell wich er wieder weiter zurück und schlüpfte wie ein Wilder
+geräuschlos in das Gebüsch, wo es am dichtesten war.
+
+Bei ihrer Annäherung an das Gehölz nahmen die Pferde einen langsameren
+Schritt an. Recognoscirten die Reiter etwa die Straße, um sie in allen
+Einzelheiten genau kennen zu lernen?
+
+Michael Strogoff mußte das befürchten und begab sich wenigstens bis nach
+dem steilen Uferrand jenes Wasserlaufs zurück, entschlossen, sich im
+Nothfalle auch hinein zu stürzen.
+
+Als die Reiterschaar bei dem Gehölz ankam, machte sie Halt. Die Männer
+stiegen ab. Es mochten gegen fünfzig sein. Mehrere derselben trugen
+Fackeln, welche die Straße in weitem Umkreise beleuchteten.
+
+An gewissen Vorbereitungen bemerkte Michael Strogoff zu seinem Glücke, daß
+es keineswegs in der Absicht der Berittenen liege, das Gehölz zu
+durchsuchen, sondern nur an dessen Rande zu bivouakiren, den Pferden
+einige Ruhe zu gönnen und den Mannschaften etwas Nahrung zu sich nehmen zu
+lassen.
+
+Die abgezäumten Pferde begannen bald das saftige Gras abzuweiden, das hier
+den Boden bedeckte. Die Reiter selbst ließen sich längs der Straße nieder
+und vertheilten die Rationen aus ihren Fouragetaschen.
+
+Michael Strogoff hatte seine vollkommene Kaltblütigkeit bewahrt. Er
+schlich wieder näher, erst um Etwas zu sehen, dann um womöglich einige
+Worte zu vernehmen.
+
+Die hier gelagerte Reiterabtheilung kam von Omsk her. Sie bestand aus
+usbeckischen Soldaten, einer in der Tartarei vorherrschenden Race, deren
+Typus auf ihre Verwandtschaft mit den Mongolen hinweist. Diese
+wohlgebauten, alle über mittelgroßen Männer mit rohem, wildem
+Gesichtsausdrucke trugen auf dem Kopfe einen „Talpak“, eine Art Mütze aus
+schwarzem Schafpelz, und gelbe, hochschaftige Stiefeln, deren vordere
+Spitze aufgebogen war, wie man das an den Schuhen aus gewissen Perioden
+des Mittelalters zu sehen gewöhnt ist. Ihren Rock aus mit grobem
+Baumwollenstoffe gefüttertem Kattun umschloß ein Ledergürtel mit rother
+Stickerei. Als Vertheidigungswaffe führten sie einen Schild, als
+Angriffswaffen einen krummen Säbel, ein langes Dolchmesser und ein am
+Sattelknopfe hängendes Steinschloßgewehr. Ihre Schultern bedeckte noch ein
+Filzmantel in grellen Farben.
+
+Die in voller Freiheit am Saume des Gehölzes grasenden Pferde waren von
+usbeckischer Race, ebenso wie ihre Reiter. Bei dem Scheine der Fackeln,
+die ein lebhaftes Licht durch die Aeste der Lärchen verbreiteten, konnte
+man das recht gut erkennen. Etwas kleiner als die Pferde der
+turkomanischen Race, aber ungemein kräftig und ausdauernd, sind diese doch
+als echte Vollblutthiere anzusehen, die eine andere Gangart als scharfen
+Trab oder Galop gar nicht zu kennen scheinen.
+
+Die Abtheilung selbst führte ein „Pendja-Baschi“, d. h. ein Befehlshaber
+über fünfzig Mann, dem noch ein „Deh-Baschi“, ein Anführer von einer Rotte
+zu zehn Mann, untergeordnet war. Diese Officiere trugen Panzerhauben und
+Waffenröcke; außerdem bildeten kleine, am Sattelknopfe hängende Trompeten
+ihre verschiedene Gradauszeichnung.
+
+Der Pendja-Baschi wollte seine von einem weiten Ritte ermüdeten
+Mannschaften etwas ausruhen lassen. Plaudernd und den „Beng“ (d. i. ein
+Hanfblatt, der Hauptbestandtheil des „Haschich“, von dem die Asiaten einen
+so ausgedehnten Gebrauch machen), rauchend, gingen die beiden Officiere am
+Rande des Gehölzes so auf und ab, daß Michael Strogoff ihre Unterhaltung
+hören und auch die Worte verstehen konnte, da sie sich der tartarischen
+Sprache bedienten.
+
+Schon die ersten Worte ihres Gesprächs erregten die Aufmerksamkeit Michael
+Strogoff’s im höchsten Grade.
+
+Zu seinem Erstaunen war von ihm selbst die Rede.
+
+„Jener Courier kann einen so großen Vorsprung vor uns unmöglich haben,
+sagte der Pendja-Baschi, und außerdem konnte er bestimmt keinen andern Weg
+einschlagen, als die Straße durch die Barabinen-Steppe.
+
+— Wer weiß, ob er Omsk überhaupt verlassen hat? erwiderte der Deh-Baschi.
+Vielleicht hält er sich noch jetzt in irgend einem Hause der Stadt
+versteckt.
+
+— Wahrlich, das wäre nur zu wünschen! Dann brauchte der Oberst Ogareff
+nicht zu fürchten, daß die Depeschen, deren Träger der Courier doch ohne
+Zweifel ist, an ihren Bestimmungsort gelangten!
+
+— Man behauptet, Jener solle ein Landeskind, ein Sibirier sein, fuhr der
+Deh-Baschi fort. Als solchen muß ihm wohl die Provinz bekannt sein und er
+konnte recht wohl von der Landstraße nach Irkutsk abweichen in der
+Rechnung, sie erst später wieder aufzusuchen.
+
+— Dann wären wir ihm aber voraus, antwortete der Pendja-Baschi, denn wir
+haben Omsk kaum eine Stunde nach seiner Abreise aus der Stadt ebenfalls
+verlassen und sind bei der größten Schnelligkeit der Pferde dem kürzesten
+Wege gefolgt. Ob er also in Omsk ganz zurück geblieben oder wir vor ihm in
+Tomsk ankommen, um ihm den Weg zu verlegen, jedenfalls wird er Irkutsk
+nicht zu erreichen vermögen.
+
+— Eine derbe Frau übrigens, jene alte Sibirierin, die offenbar seine
+Mutter ist!“ bemerkte der Deh-Baschi.
+
+Bei diesen Worten klopfte Michael Strogoff’s Herz, als wollte es springen.
+
+„Ja wohl, erwiderte der Pendja-Baschi, sie versuchte es zwar abzuleugnen,
+daß dieser vermeintliche Kaufmann ihr Sohn sei, aber es gelang ihr nicht.
+Der Oberst Ogareff hat sich dadurch nicht täuschen lassen, denn er sprach
+es wenigstens aus, er werde die alte Hexe zur passenden Zeit schon zum
+Geständniß der Wahrheit zu bringen wissen.“
+
+So viele Worte, so viele Dolchstiche waren das für Michael Strogoff. Er
+war also sicher als Courier des Czaar erkannt. Eine zu seiner Verfolgung
+ausgesendete Reiterabtheilung mußte ihm unfehlbar den Weg verlegen! Dazu
+befand sich, zu seinem tiefsten Schmerze, seine Mutter in der Gewalt der
+Tartaren, und der grausame Ogareff rühmte sich, er werde sie zum Sprechen
+zu bringen wissen, wenn es ihm beliebte.
+
+Michael Strogoff wußte recht gut, daß die energische Sibirierin Nichts
+aussagen und daß ihr diese Weigerung jedenfalls das Leben kosten werde!...
+
+Michael Strogoff glaubte zwar, daß er Iwan Ogareff niemals mehr zu hassen
+im Stande sei, als er ihn bis jetzt gehaßt habe, und doch drang ihm auf’s
+Neue ein bitteres Gefühl des Hasses in’s Herz. Der Schurke, der sein
+Vaterland verrieth, drohte nun auch noch seine alte Mutter zu foltern!
+
+Das Gespräch der beiden Officiere dauerte noch länger fort, und Michael
+Strogoff glaubte zu verstehen, daß in der Umgebung von Kolywan ein
+Zusammenstoß zwischen den von Norden herabziehenden russischen Truppen und
+den Tartarenhorden zu erwarten sei. Ein schwaches russisches Corps von
+2000 Mann näherte sich, den vom unteren Obi eingegangenen Nachrichten
+zufolge, in Eilmärschen der Stadt Tomsk. Wenn sich das bestätigte, so
+mußte jenes Corps, welches von der Hauptmacht des Heeres unter Feofar-Khan
+aufgefangen wurde, ohne Zweifel vernichtet werden, und dann gehörte die
+Straße nach Irkutsk unbestritten den frechen Feinden.
+
+Seine eigene Person betreffend entnahm Michael Strogoff aus einigen
+Aeußerungen des Pendja-Baschi, daß auf seinen Kopf ein Preis gesetzt und
+Befehl ergangen sei, ihn lebend oder todt einzuliefern.
+
+Daraus ergab sich aber die Nothwendigkeit, den usbeckischen Reitern zuvor
+zu kommen und auf der Straße nach Irkutsk den Obi zwischen den Courier und
+seine Verfolger zu bringen. Zur Erreichung dieser Absicht mußte er aber
+vor Aufhebung des Bivouaks zu entkommen suchen.
+
+Michael Strogoff bereitete sich sofort, diesen Entschluß auszuführen.
+
+Die Rast konnte unmöglich lange währen, und dem Pendja-Baschi durfte es
+kaum beikommen, seinen Leuten mehr als eine Stunde Ruhe zu gönnen, obwohl
+ihre seit dem Aufbruche aus Omsk sicherlich nicht gegen frische
+verwechselten Pferde gewiß in demselben Maße und aus denselben Gründen
+erschöpft sein mußten, wie das Reitpferd Michael Strogoff’s.
+
+Er hatte also keinen Augenblick zu verlieren. Es war jetzt um ein Uhr
+Morgens. Er mußte sich die Dunkelheit, welche bald der Morgenröthe zu
+weichen drohte, zu Nutze machen, um das kleine Gehölz wieder zu verlassen
+und die Straße zu gewinnen; doch trotz der Begünstigung durch die dunkle
+Nacht erschien der Erfolg einer solchen Flucht doch im höchsten Grade
+unsicher.
+
+Um Nichts vom blinden Zufall abhängig zu machen, nahm sich Michael
+Strogoff Zeit zu überlegen und erwog sorgsam die Aussichten für und wider,
+um einen Entschluß zu fassen, der ihm noch die besten bot.
+
+Aus den örtlichen Verhältnissen ergab sich Folgendes: An der der Straße
+entgegen gesetzten Seite des Gehölzes vermochte er nicht zu entweichen,
+denn um die Bogenlinie der Lärchenbäume, deren Sehne eben die Landstraße
+darstellte, lief jener nicht nur tiefe, sondern auch breite und schlammige
+Wasserarm. Große Stechginstern machten ein Passiren desselben fast zur
+Unmöglichkeit. Unter der schäumenden Wasserfläche befand sich offenbar
+eine steile Vertiefung, in der der Fuß keinen Stützpunkt finden würde.
+Außerdem erschien das Land jenseit des Wasserlaufs mit seinen zerstreuten
+Gebüschen für eine eilige Flucht auch mehr als ungeeignet. Erweckte er
+einmal die Aufmerksamkeit, so wurde Michael Strogoff gewiß mit Aufwendung
+aller Mittel und Kräfte verfolgt, eingeschlossen und zuletzt von den
+tartarischen Reitern gefangen.
+
+Es gab für ihn also nur einen einzigen benutzbaren Weg, einen einzigen,
+die große Landstraße. Diese zu erreichen, indem er am Rande des Hölzchens
+hinschlich, und ohne die Aufmerksamkeit seiner Feinde zu erwecken,
+wenigstens eine Viertelwerft Vorsprung zu gewinnen, den letzten Rest der
+Kraft und Schnelligkeit seines Pferdes zu benutzen, und sollte es am Ufer
+des Obi auch todt zusammenbrechen, diesen bedeutenden Strom mittels eines
+Bootes zu überfahren, oder wenn es an jederlei Transportmittel mangeln
+sollte, zu durchschwimmen, – das war es, was Michael Strogoff versuchen
+und wagen mußte.
+
+Seine Thatkraft, sein Muth verzehnfachte sich im Angesicht der Gefahr. Es
+handelte sich um sein Leben, um seinen Auftrag, um die Ehre seines Landes,
+vielleicht um das Wohl seiner Mutter. Er konnte nicht zögern, er ging an’s
+Werk.
+
+Er hatte nun keinen Augenblick mehr zu verlieren. Schon entstand wieder
+einige Bewegung unter den Mannschaften der Abtheilung. Einige Reiter
+gingen auf der Straße, an dem Saume des Wäldchens hin und her. Die Andern
+lagen noch am Fuße der Bäume ausgestreckt, aber ihre Pferde fanden sich
+nach und nach wieder zusammen.
+
+Erst kam Michael Strogoff der Gedanke, sich eines dieser Pferde zu
+bemächtigen, aber er sagte sich doch, daß diese nicht minder erschöpft
+sein müßten, als das seinige. Es schien ihm also gerathener, sich dem
+Thiere anzuvertrauen, dessen er sicher war und das ihm bis hierher so
+vortreffliche Dienste geleistet hatte. Das muthige Thier entging, verdeckt
+von hohem Haidekraute, glücklich den Blicken der Tartaren. Diese selbst
+drangen ja auch gar nicht in die Tiefe des Hölzchens ein.
+
+Auf dem Boden hinkriechend, näherte sich Michael Strogoff seinem Pferde,
+das sich gelagert hatte. Er streichelte es mit der Hand, sprach ihm leise
+freundlich zu und brachte es geräuschlos wieder auf die Füße.
+
+Eben jetzt verlöschten zu Michael Strogoff’s Glück die völlig
+niedergebrannten Fackeln, und es herrschte, mindestens unter den Gipfeln
+der Lärchenbäume, die dichteste Finsterniß.
+
+Nachdem Michael Strogoff das Gebiß wieder eingelegt, den Sattelgurt
+festgeschnallt und die Riemen der Steigbügel geprüft hatte, begann er sein
+Pferd langsam am Zügel fortzuziehen. Uebrigens folgte das intelligente
+Thier, so als verstände es, was man von ihm wolle, willig seinem Herrn,
+ohne nur ein einziges Mal zu wiehern.
+
+Dennoch hoben einige usbeckische Pferde neugierig die Köpfe und wandten
+sich dem Rande des Gehölzes zu.
+
+In der rechten Hand hielt Michael Strogoff seinen Revolver, bereit, dem
+ersten tartarischen Reiter, der sich nähern würde, den Kopf zu
+zerschmettern. Glücklicher Weise hörte er aber keinen Weckruf und konnte
+den rechts auslaufenden Winkel des Wäldchens, da wo dieser an die Straße
+herantrat, erreichen.
+
+Um womöglich nicht gesehen zu werden, beabsichtigte Michael Strogoff sich
+erst so spät als möglich in den Sattel zu schwingen, und jedenfalls erst,
+nachdem er über eine Wendung des Weges, die sich etwa 200 Schritte jenseit
+des Gehölzes befand, hinter sich haben würde.
+
+Zum Unglück aber witterte ihn, als Michael Strogoff eben den Waldrand
+überschritt, das Roß eines Usbeck, wieherte und trabte auf ihn zu.
+
+Sein Reiter lief ihm nach, es zurück zu führen, als er aber beim ersten
+schwachen Tagesgrauen ein unerwartetes Schattenbild bemerkte, rief er
+laut:
+
+„Achtung!“
+
+Auf diesen Ruf erhob sich die ganze Mannschaft des Bivouaks und stürzte
+hervor auf die Straße.
+
+Michael Strogoff hatte sich nur in den Sattel zu schwingen und im Galop
+davon zu jagen.
+
+Die beiden Officiere des Detachements hatten sich an die Spitze ihrer
+Leute gestellt und trieben diese an, sich schnell fertig zu machen.
+
+Jetzt saß Michael Strogoff schon auf dem Pferde.
+
+Da krachte ein Schuß und eine Kugel durchlöcherte den Mantel des Couriers.
+
+Ohne den Kopf zu wenden und ohne den Angriff zu erwidern, gab er beide
+Sporen, erreichte mit einem kühnen Sprunge vom Waldrande aus die Straße
+und jagte mit verhängtem Zügel in der Richtung nach dem Obi davon.
+
+Die usbeckischen Pferde waren abgezäumt worden, er mußte also vor den
+Reitern des Detachements einigen Vorsprung gewinnen können; freilich
+beeilten auch diese sich, ihm nachzusetzen, und wirklich hörte er, kaum
+zwei Minuten nachdem er das Hölzchen verlassen, die schnellen Tritte
+mehrerer Pferde, welche ihm nach und nach näher kamen.
+
+Schon begann es im Osten zu tagen und deutlicher traten in einem weiteren
+Umkreise alle Gegenstände hervor.
+
+Michael Strogoff sah, als er sich einmal umwendete, daß ein Reiter ihn
+besonders schnell einzuholen drohte.
+
+Es war der Deh-Baschi. Dieser vorzüglich berittene Officier sprengte der
+ganzen Abtheilung voraus und mußte den Flüchtling bald erreichen.
+
+Ohne anzuhalten schlug Michael Strogoff mit gewohnter sicherer Hand den
+Revolver auf ihn an, zielte einen Augenblick, und mitten in die Brust
+getroffen sank der Officier vom Pferde.
+
+Aber die andern Reiter folgten ihm auf dem Fuße nach, und ohne sich wegen
+ihres gefallenen Führers aufzuhalten, sausten sie unter wildem
+Rachegeschrei, die Sporen fest in die Flanken der Pferde gedrückt, weiter,
+und mehr und mehr verminderte sich die Distanz zwischen ihnen und Michael
+Strogoff.
+
+Etwa eine halbe Stunde lang vermochte sich Letzterer außerhalb der
+Tragweite ihrer Schießwaffen zu halten, aber er bemerkte leider, daß die
+Kräfte seines Pferdes nun zu Ende gingen, und fürchtete mit Recht, daß
+dieses, wenn es gegen irgend ein Hinderniß stieße, stürzen würde, um nicht
+wieder aufzustehen.
+
+Jetzt war es schon ziemlich tageshell geworden, wenn auch die Sonne noch
+nicht über dem Horizonte stand.
+
+In einer Entfernung von etwa zwei Werst schlängelte sich eine durch Bäume
+begrenzte hellere Linie hin.
+
+Das war der Obi, der fast im gleichen Niveau mit dem Erdboden von
+Südwesten nach Nordosten dahinfloß und als dessen Thalbett man füglich die
+ganze umgebende Steppe ansehen mußte.
+
+Wiederholt knatterten die Gewehre hinter Michael Strogoff her, ohne daß
+eine Kugel ihn verletzte, und mehrmals mußte auch er gegen Reiter, die ihm
+zu gefährlich nahe kamen, von seinem Revolver Gebrauch machen. Jedesmal
+rollte ein Usbeck, unter dem Wuthgeheul seiner Kameraden, schwerverwundet
+in den Sand.
+
+Trotz alledem konnte diese Hetzjagd endlich nur zum Nachtheil Michael
+Strogoff’s ausfallen. Sein Pferd keuchte athemlos und bis zum Tode
+erschöpft, doch gelang es ihm noch, dasselbe bis an das Flußufer zu
+treiben.
+
+Die Abtheilung Usbecks befand sich jetzt kaum noch fünfzig Schritte hinter
+ihm.
+
+Auf dem vollständig verlassenen Obi erblickte er weder eine Fähre, noch
+ein Fahrzeug, die zum Uebersetzen über den Strom hätten dienen können.
+
+„Jetzt Muth, mein wackres Roß! rief Michael Strogoff. Vorwärts! Jetzt
+gilt’s die letzte Anstrengung!“
+
+Er stürzte sich in den Fluß, dessen Breite hier wohl eine halbe Werst
+betragen mochte.
+
+Gegen die rasche Strömung war nur schwer anzukämpfen. Michael Strogoff’s
+Pferd konnte nirgends Fuß fassen. Ohne jeden Stützpunkt mußte es die
+brausend schnell dahinziehenden Wellen also nur durchschwimmen. Ein Wunder
+von Muth gehörte für Michael Strogoff dazu, diesem Wasserschwalle zu
+trotzen.
+
+Die Reiter hatten am Ufer des Stromes Halt gemacht; sie zauderten, sich
+ebenfalls in denselben nachzustürzen.
+
+In diesem Augenblick aber ergriff der Pendja-Baschi sein Gewehr und zielte
+sorgfältig auf den Flüchtling, der sich schon in der Mitte der Strömung
+befand. Der Schuß krachte, und tödtlich in der Flanke getroffen versank
+das Pferd Michael Strogoff’s unter seinem Reiter.
+
+Noch zeitig genug befreite sich dieser aus den Steigbügeln, eben als sein
+treues Thier unter den Wellen des Flusses verschwand. Endlich gelangte er
+unter fortwährendem Niedertauchen und nur auf Augenblicke an der
+Oberfläche Athem schöpfend trotz des nachgesendeten Kugelregens glücklich
+an das rechte Flußufer und verschwand hinter den Gebüschen, die sich längs
+des Obirandes hinzogen.
+
+
+
+
+ Siebenzehntes Capitel.
+
+
+ Bibelsprüche und Liederverse.
+
+
+Michael Strogoff befand sich einigermaßen in Sicherheit; immerhin war
+seine Lage noch eine schreckliche.
+
+Jetzt, da das treue Thier, das ihm bis hierher so muthig gedient, in den
+Wellen des Stromes den Tod gefunden hatte, wie sollte er seine Reise
+fortsetzen können?
+
+Er war zu Fuß, ohne Lebensmittel, in einem durch die Empörung verwüsteten,
+durch die Plänkler des Emir schon ausgesaugten Lande und dabei noch eine
+große Strecke von dem Ziele, das er erreichen mußte, entfernt.
+
+„Bei Gott, ich komme doch noch dahin! rief er wie als Antwort auf alle
+Einwände der Ohnmacht, die in seinem Geiste einen Augenblick aufstiegen.
+Der Herr schützt das heilige Rußland!“
+
+Michael Strogoff befand sich jetzt außerhalb des Bereichs der usbeckischen
+Reiter. Diese hatten nicht gewagt, ihn durch den Fluß weiter zu verfolgen,
+und mußten auch annehmen, daß er ertrunken sei, da sie ihn nach dem
+letzten Verschwinden unter dem Wasser am rechten Ufer des Obi nicht wieder
+auftauchen sahen.
+
+Aber Michael Strogoff erreichte, unter dem mannshohen Schilfe des Ufers
+hinschlüpfend eine höhere Stelle des Abhanges, wenn auch nur mit großer
+Mühe, da ein tiefer, von dem Austreten des Stromes zurückgebliebener
+Schlamm seinen Weg sehr schlüpfrig machte.
+
+Als er festen Grund und Boden unter sich fühlte, hielt Michael Strogoff an
+und überlegte, was nun zu thun sei. Vor Allem war er mit sich darüber
+einig, Tomsk, das von tartarischen Truppen besetzt war, bestimmt zu
+vermeiden. Dennoch mußte er einen bewohnten Ort, mindestens ein Postrelais
+zu treffen suchen, um sich daselbst wieder ein paar Pferde zu verschaffen.
+Mit diesen wollte er sich außerhalb der besetzten Wege halten und die
+Straße nach Irkutsk erst in der Gegend von Krasnojarsk wieder einschlagen.
+Wenn er sich beeilte, durfte er hoffen, den Weg noch frei zu finden, so
+daß er nach dem Südosten der Provinzen am Baïkalsee herabgelangen konnte.
+
+Zunächst begann Michael Strogoff sich zu orientiren.
+
+Zwei Werst vor ihm längs des Obi erhob sich eine kleine Stadt in
+pittoresken Stufen auf einem leichten Landrücken. Einige Kirchen mit
+byzantinischen, grün und goldig verzierten Kuppeln zeichneten sich am
+grauen Himmelsgrunde ab.
+
+Das war Kolywan, wohin die niederen und höheren Beamten aus Kamsk und
+anderen Städten sich zu wenden pflegen, um dem ungesunden Klima der
+Barabinen-Steppe zu entfliehen. Kolywan konnte nach den letzten Berichten,
+die der Courier des Czaar vernommen hatte, noch nicht in den Händen der
+Eindringlinge sein. Die in zwei Colonnen einherziehenden Tartarenhaufen
+hatten sich links nach Omsk, rechts nach Tomsk gewendet, das Land in der
+Mitte aber frei liegen lassen.
+
+Das einfache und logische Project, das Michael Strogoff entwarf, bestand
+darin, Kolywan vor den usbeckischen Reitern, die dem linken Ufer des
+Flusses folgten, zu erreichen. Dort wollte er sich, und wäre es auch um
+den zehnfachen Preis, Kleider und ein Pferd verschaffen und den Weg nach
+Irkutsk durch die innere Steppe wieder einschlagen. Es war drei Uhr
+Morgens. Die zur Zeit noch ganz ruhigen Umgebungen von Kolywan schienen
+vollkommen verlassen. Offenbar hatte sich die Landbevölkerung auf der
+Flucht vor dem Einfall, dem sie keinen Widerstand entgegen zu setzen
+vermochte, mehr nach Norden in das Gouvernement Jeniseïsk zurückgezogen.
+
+Michael Strogoff wandte sich demnach raschen Schrittes nach Kolywan, als
+entfernte Detonationen an sein Ohr schlugen.
+
+Er stand still und unterschied deutlich ein dumpfes Rollen, welches die
+Luftschichten erschütterte, und dazu ein trockenes Knattern, über dessen
+Natur er sich nicht täuschen konnte.
+
+„Das ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer! sprach er für sich. Das
+kleine russische Corps ist also mit der Tartarenarmee zusammengetroffen! O
+gebe der Himmel, daß ich vor ihnen in Kolywan ankomme!“
+
+Michael Strogoff täuschte sich nicht. Bald wurden die Detonationen
+deutlicher, und weiter rückwärts, links von Kolywan, lagerten sich weiße
+Dämpfe unten am Horizonte, keine Rauchwolken, sondern jene dichten, scharf
+abgegrenzten Dampfwolken, wie sie das Feuer der Artillerie erzeugt.
+
+Am linken Ufer des Obi hatten die usbeckischen Reiter Halt gemacht, um den
+Ausgang der Schlacht abzuwarten.
+
+Von dieser Seite hatte Michael Strogoff also nichts zu fürchten und
+beeilte deshalb seinen Marsch nach der Stadt.
+
+Inzwischen wurde der Kanonendonner stärker und näherte sich merklich. Es
+war kein verschwimmendes Rollen mehr, sondern eine Folge deutlich
+unterscheidbarer Donnerschläge. Gleichzeitig erhob sich der vom Winde
+entführte Dampf in die Luft, und man erkannte, daß die Kämpfer im Süden
+offenbar an Terrain gewannen. Kolywan war somit einem Angriff von der
+Westseite ausgesetzt. Vertheidigten es aber die Russen gegen die
+Tartarenhorden oder suchten sie es den Soldaten des Feofar-Khan wieder zu
+entreißen? Das ließ sich für jetzt unmöglich erkennen und setzte Michael
+Strogoff in nicht geringe Verlegenheit.
+
+Nur eine halbe Werst von Kolywan befand er sich, als ein hoher Feuerstrahl
+mitten aus den Häusern der Stadt aufleuchtete und der Thurm einer Kirche
+unter einem Wirbel von Staub und Flammen zusammenbrach.
+
+Tobte der Streit schon in Kolywan? Michael Strogoff mußte es wohl glauben;
+in diesem Falle kämpften die Russen und Tartaren also in den Straßen der
+Stadt. Bot sie ihm jetzt noch eine Zuflucht? Lief Michael Strogoff nicht
+Gefahr, daselbst gefangen zu werden, und durfte er hoffen, daß es ihm
+gelingen werde, aus Kolywan ebenso glücklich zu entfliehen, wie vorher aus
+Omsk?
+
+Alle diese Gedanken flogen durch seinen Kopf. Er zauderte; er stand einen
+Augenblick still.
+
+Erschien es nicht besser, sich zu Fuß nach Süden oder Osten, bis zu irgend
+einem Flecken, vielleicht nach Diachinsk oder einem andern,
+durchzuschlagen, und sich dort um jeden Preis ein Pferd zu verschaffen?
+
+Jedenfalls war das der einzige Ausweg, und sofort wandte sich Michael
+Strogoff, indem er das Ufer des Obi verließ, nach der rechten Seite von
+Kolywan.
+
+Gerade jetzt krachten die Geschütze lauter als je. Bald züngelten Flammen
+an der rechten Seite der Stadt in die Höhe; die Feuersbrunst ergriff ein
+ganzes Stadtviertel von Kolywan.
+
+Michael Strogoff lief, was er laufen konnte, quer durch die Steppe und
+suchte den Schutz einiger Bäume zu erlangen, welche da und dort verstreut
+standen, als eine Abtheilung tartarischer Cavallerie auf dem rechten
+Stromufer erschien.
+
+Michael Strogoff konnte seine Flucht in der vorigen Richtung nicht mehr
+fortsetzen; die Reiter sprengten auf die Stadt zu, und es wäre ihm schwer
+geworden, ihnen zu entgehen.
+
+Da bemerkte er neben einem kleinen, aber dichten Gebüsch ein isolirtes
+Häuschen, das er wohl zu erreichen hoffen durfte, bevor jene ihn sahen.
+
+Michael Strogoff hatte nichts Anderes zu thun, als dort hin zu eilen, sich
+daselbst zu verstecken, um Etwas zu bitten, nöthigenfalls sich anzueignen,
+womit er seine Kräfte wieder herstellen könnte, denn er war nun wirklich
+erschöpft von Hunger und Strapazen.
+
+Er stürzte also auf dieses höchstens eine halbe Werst entfernte Häuschen
+zu. Näher gekommen sah er erst, daß dieses Gebäude ein Telegraphenbureau
+war. Zwei Drähte liefen davon nach Osten und Westen aus und ein dritter
+Draht war in der Richtung nach Kolywan gespannt.
+
+Wohl hätte man voraussetzen können, daß dieses Bureau unter den jetzigen
+Verhältnissen verlassen sei, doch mochte dem sein wie ihm wollte, Michael
+Strogoff konnte dahin fliehen, im Nothfalle die Nacht abwarten und sich
+dann wieder in die Steppe hinaus wagen, welche die tartarischen Plänkler
+durchirrten.
+
+Michael Strogoff eilte geraden Wegs auf die Thür des Hauses zu und stieß
+sie schnell und heftig auf.
+
+Eine einzige Person befand sich in dem Zimmer, in dem die
+Telegraphenleitungen zusammenliefen.
+
+Es war ein Beamter, der in seiner Ruhe, in seinem Phlegma sich nicht um
+das Geringste kümmerte, was in der Außenwelt vorging. Treu auf seinem
+Posten ausharrend, wartete er, daß das Publicum seine Dienste in Anspruch
+nehme.
+
+Michael Strogoff rannte auf ihn zu und fragte mit vor Erschöpfung
+gebrochener Stimme:
+
+„Was wissen Sie Neues?
+
+— Ei nichts, erwiderte der Beamte lächelnd.
+
+— Es sind doch Russen und Tartaren handgemein geworden?
+
+— Man sagt es.
+
+— Aber wer ist Sieger?
+
+— Das weiß ich selbst nicht.“
+
+So viel Gemütlichkeit unter so schrecklichen Verhältnissen, so viel
+Indifferenz erschien doch kaum glaublich. „Und der Draht ist noch nicht
+zerschnitten? fragte Michael Strogoff.
+
+— Zwischen Kolywan und Krasnojarsk ist die Leitung zerstört, sie
+functionirt aber noch zwischen Kolywan und der russischen Grenze.
+
+— Für die Regierung?
+
+— Für die Regierung, wenn sie es für nöthig erachtet, für das Publicum,
+wenn dasselbe zahlt. Das Wort kostet zehn Kopeken. Wenn es Ihnen beliebt,
+mein Herr?“
+
+Michael Strogoff wollte eben diesem Beamten ohne Gleichen antworten, daß
+er keine Depesche abzusenden habe, sondern nur gekommen sei, um etwas Brod
+und Wasser zu erbitten, als die Thür des Hauses wieder hastig aufgerissen
+wurde.
+
+Michael Strogoff bereitete sich schon, in dem Glauben, das Haus sei von
+Tartaren überfallen, zu einem Sprunge durch das Fenster, als er noch sah,
+daß nur zwei einzelne Männer in den Raum eintraten, die tartarischen
+Soldaten nicht im Geringsten ähnelten.
+
+Mit einem leicht erklärlichen Erstaunen erkannte Michael Strogoff in
+diesen zwei Männern zwei Persönlichkeiten wieder, an die er jetzt nicht im
+Entferntesten dachte und die er überhaupt niemals wieder zu sehen geglaubt
+hatte.
+
+Es waren die beiden Berichterstatter Harry Blount und Alcide Jolivet,
+jetzt keine Reisegefährten mehr, sondern Rivalen, ja Feinde, seitdem sie
+ihre Thätigkeit auf dem Kriegsschauplatze begannen.
+
+Ischim verließen sie seiner Zeit nur wenige Stunden nach Michael
+Strogoff’s Weiterreise, und wenn sie auf derselben Straße Kolywan vor ihm
+erreichten, ja, ihn selbst unterwegs überholten, so kam das daher, daß
+Michael Strogoff am Ufer des Irtysch drei Tage eingebüßt hatte.
+
+Jetzt, nach Beobachtung des Kampfes zwischen den russischen und
+tartarischen Truppen dicht vor der Stadt, hatten sie Kolywan in dem
+Augenblicke verlassen, als der Streit sich in die Straßen der Stadt hinein
+fortsetzte, waren nach der Telegraphenstation gelaufen, um ihre
+rivalisirenden Depeschen nach Europa abzulassen und Einer dem Andern die
+erste Meldung der Tagesereignisse streitig zu machen.
+
+Michael Strogoff trat etwas bei Seite an eine dunklere Stelle und konnte
+von hier aus, ohne selbst gesehen zu werden, Alles sehen und hören.
+Jedenfalls durfte er auf wichtige Neuigkeiten hoffen, um aus diesen
+abnehmen zu können, ob er sich nach Kolywan hinein wagen dürfe oder nicht.
+
+Harry Blount, der sich noch mehr beeilte, als sein College, hatte den
+Platz am Schalter eingenommen, während Alcide Jolivet ganz gegen seine
+Gewohnheit ungeduldig mit den Füßen stampfte.
+
+„Jedes Wort kostet zehn Kopeken“, sagte der Beamte, die Depesche entgegen
+nehmend.
+
+Harry Blount stapelte auf einer Zähltafel eine kleine Säule Rubel auf, die
+sein College mit einer gewissen Verwunderung betrachtete.
+
+„Schön, schön“, sagte der Beamte.
+
+Und mit der unerschütterlichsten Kaltblütigkeit der Welt begann er
+folgende Depesche abzutelegraphiren:
+
+ _„Daily-Telegraph, London._
+
+_„Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._
+
+_„Gefecht zwischen russischen Truppen und Tartaren ...“_
+
+Da die Worte laut vorgelesen wurden, hörte Michael Strogoff auch Alles,
+was der englische Correspondent seinem Journale mittheilte.
+
+_„Die russischen Truppen mit großen Verlusten zurückgedrängt. Tartaren an
+demselben Tage in Kolywan eingezogen ...“_
+
+Diese Worte beendigten die Depesche.
+
+„Nun ist die Reihe an mir, rief Alcide Jolivet, der eine an seine Cousine
+im Faubourg Montmartre adressirte Depesche aufgeben wollte.
+
+Das wollte aber dem englischen Reporter keineswegs passen; denn dieser
+dachte gar nicht daran, den Schalter zu verlassen, um alle Ereignisse, die
+er von hier aus etwa noch beobachten konnte, sofort nach Hause berichten
+zu können. Er machte also seinem Gefährten nicht Platz.
+
+„Sie sind aber doch fertig! ... rief Alcide Jolivet.
+
+— Ich bin noch nicht zu Ende“, antwortete einfach Harry Blount.
+
+Er schrieb sofort eine Reihe Worte auf, die er dem Beamten übergab,
+welcher sie mit stets gleichmäßig ruhiger Stimme durchlas:
+
+ _„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!...“_
+
+Es waren die ersten Verse aus der Bibel, welche Harry Blount
+telegraphirte, um die Zeit auszufüllen und seinem Collegen gegenüber den
+einmal eingenommenen Platz zu behaupten. Dieser Ausweg kostete seinem
+Journal vielleicht einige tausend Rubel, aber es erhielt dafür auch die
+allerersten Berichte. Frankreich konnte warten!
+
+Man begreift wohl den Aerger und die Wuth Alcide Jolivet’s. Unter allen
+anderen Verhältnissen hätte er zwar begriffen, daß dieses Verfahren ein
+gesetzlich vollkommen begründetes war, jetzt suchte er aber den Beamten
+womöglich zu nöthigen, daß er seiner Depesche vor der Fortsetzung der
+seines Collegen den Vorzug gebe.
+
+„Der Herr ist in seinem Recht“, bedeutete ihn ruhig der Beamte, indem er
+auf Harry Blount wies und ihm liebenswürdig zulächelte.
+
+Und er fuhr pflichtgetreu fort, an den Daily-Telegraph den ersten Vers der
+heiligen Schrift zu telegraphiren.
+
+Während der Manipulationen an den Apparaten begab sich Harry Blount ruhig
+an’s Fenster und beobachtete mit einem Fernglase, was etwa um Kolywan
+vorging, um seine Berichte zu vervollständigen.
+
+Einige Augenblicke später nahm er seinen Platz am Schalter wieder ein und
+fügte seinem Telegramm hinzu:
+
+_„Zwei Kirchen stehen in Flammen. Die Feuersbrunst scheint sich nach dem
+rechten Flußufer zu auszubreiten. Und die Erde __war wüste und leer und es
+war finster auf der Tiefe ...“_
+
+In Alcide Jolivet stieg eine höllische Lust auf, den ehrenwerthen
+Correspondenten des Daily-Telegraph einfach zu erwürgen.
+
+Wiederholt interpellierte er den Beamten, der ihm stets mit der nämlichen
+Ruhe die Antwort gab:
+
+„Der Herr ist in seinem Recht, vollkommen in seinem Recht ... Das Wort
+kostet zehn Kopeken.“
+
+Und unverdrossen telegraphirte er die folgende Neuigkeit, die ihm Harry
+Blount brachte.
+
+_„Russische Flüchtlinge drängen sich aus der Stadt. Und Gott sprach, es
+werde Licht und es ward Licht!...“_
+
+Alcide Jolivet wollte buchstäblich vor Wuth bersten.
+
+Inzwischen war Harry Blount wieder zum Fenster zurückgekehrt, zog aber
+seine Beobachtung, wahrscheinlich gefesselt von Interesse an dem
+Schauspiel, das sich vor seinen Augen abspielte, etwas zu sehr in die
+Länge. Sobald der Telegraphist also den dritten Vers der Bibel abgesendet
+hatte, nahm Alcide Jolivet geräuschlos am Schalter Platz und übergab, nach
+Deponirung einiger recht anständiger Rubelrollen, seine Depesche dem
+Beamten, der sie wiederum mit lauter Stimme verlas:
+
+ _„Madeleine Jolivet,_
+
+_„10, Faubourg Montmartre (Paris)._
+
+_„Aus Kolywan, Gouvernement Omsk in Sibirien, am 6. August._
+
+_„Flüchtlinge entweichen aus der Stadt. Die Russen geschlagen. Heftige
+Verfolgung durch die tartarische Cavallerie ...“_
+
+Und als Harry Blount nach dem Schalter zurückkehrte, vernahm er nur, wie
+Alcide Jolivet sein Telegramm in halb singendem, lustigem Tone
+vervollständigte:
+
+ _„Es ist ein kleines Männchen,_
+ _Gekleidet ganz in Grau,_
+ _In Paris!...“_
+
+Da er es für unpassend hielt, Profanes und Heiliges unter einander zu
+mengen, so benutzte er den Refrain eines lustigen Liedes Béranger’s an
+Stelle der Bibelverse.
+
+„Oha! platzte Harry Blount heraus.
+
+— Ja ja, so geht’s“, erwiderte lachend Alcide Jolivet.
+
+Inzwischen gestalteten sich die Verhältnisse in den Umgebungen Kolywans
+immer bedrohlicher. Die Schlacht wälzte sich näher heran, der
+Geschützdonner krachte immer entsetzlicher.
+
+Da erzitterte plötzlich das ganze Telegraphenamt in allen Fugen.
+
+Eine Granate hatte die Mauer durchschlagen und eine dichte Staubwolke
+erfüllte den ganzen Raum.
+
+Alcide Jolivet schrieb erst noch folgende Zeilen vollends nieder:
+
+ _„Bausbäckig, wie ein Apfel,_
+ _Doch ohn’ ein’n Heller Geld ...“_
+
+Dann hielt er inne, stürzte auf die Granate zu, erfaßte sie noch vor der
+Explosion derselben mit beiden Händen, warf sie zum Fenster hinaus und
+trat wieder an den Schalter – Alles das Werk eines Augenblicks.
+
+Fünf Secunden später zersprang die Granate vor dem Hause in tausend
+Stücke.
+
+Alcide Jolivet ließ sich im weiteren Aufsetzen seines Telegramms gar nicht
+stören und fügte dem völlig ruhig und kaltblütig hinzu:
+
+_„Eine sechspfündige Granate schlug soeben durch die Mauer des
+Telegraphenamtes. In Erwartung noch weiterer von gleichem Kaliber ...“_
+
+Michael Strogoff schwand jeder Zweifel, daß die Russen aus Kolywan
+vertrieben seien. Sein einziger Ausweg blieb es also, sich durch die
+südliche Steppe zu wagen.
+
+Da knatterte eine furchtbare Gewehrsalve nahe dem Telegraphenamte und ein
+Hagelschauer von Kugeln zersplitterte die Fensterscheiben.
+
+An der Schulter getroffen fiel Harry Blount zur Erde.
+
+Alcide Jolivet eilte, seiner Depesche noch einen Anhang hinzuzufügen.
+
+_„Harry Blount, Correspondent des Daily-Telegraph, an meiner Seite von
+einer Kugel getroffen ...“_
+
+Da unterbrach ihn der kaltblütige Beamte und sagte mit seiner
+unerschütterlichen Ruhe:
+
+„Mein Herr, die Leitung ist unterbrochen.“
+
+Den Schalter schließend griff er ganz ruhig nach seinem Hute, bürstete ihn
+sorgfältig mit dem Ellbogen und verließ, immer lächelnd, das Haus durch
+eine kleine Nebenthür, welche Michael Strogoff bis dahin entgangen war.
+
+Das Gebäude ward unmittelbar darauf von tartarischen Truppen besetzt, so
+daß weder Michael Strogoff noch die beiden Journalisten ihren Rückzug zu
+bewerkstelligen vermochten.
+
+Mit seiner nun zwecklosen Depesche in der Hand eilte Alcide Jolivet zu dem
+auf dem Boden liegenden Harry Blount und gab sich Mühe, letzteren auf die
+Schultern zu nehmen in der Absicht, mit ihm zu entkommen ... Zu spät!
+
+Beide wurden gefangen und gleichzeitig mit ihnen fiel Michael Strogoff,
+als er sich eben anschickte, zu einem Fenster hinaus zu springen, in die
+Hände der Tartaren!
+
+
+
+ Ende des ersten Bandes.
+
+
+
+
+
+ Collection Verne. Band 23.
+
+
+ *Der Courier des Czaar.*
+
+ (Michael Strogoff.)
+
+ Von
+
+ *Julius Verne.*
+
+
+_Autorisirte Ausgabe_
+
+Zweiter Band.
+
+*Vierte Auflage.*
+
+Wien. Pest. Leipzig.
+
+_A. Hartleben’s Verlag._
+
+Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+
+ K. u. K. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
+
+
+
+
+
+
+ MICHAEL STROGOFF.
+
+
+ Zweiter Theil.
+
+
+
+
+ Erstes Capitel.
+
+
+ Ein tartarisches Feldlager.
+
+
+Eine Tagereise von Kolyvan und einige Werst jenseit des Fleckens Diachinsk
+breitet sich eine große Ebene aus, auf der sich einige hohe Bäume,
+vorzüglich Tannen und Cedern, erheben.
+
+Während der warmen Jahreszeit wird dieser Theil der Steppe gewöhnlich von
+sibirischen Hirten besucht und gewährt auch den zahlreichen Heerden
+derselben hinlängliche Nahrung. Jetzt hätte man wohl vergeblich nach einem
+dieser nomadisirenden Bewohner gesucht. Nicht daß diese fruchtbare Ebene
+verlassen und öde gewesen wäre, – im Gegentheil, sie zeigte ein ganz
+außergewöhnliches Leben.
+
+Hier erhoben sich nämlich die Zelte der Tartaren, hier lagerte
+Feofar-Khan, der grausame Emir von Bukhara, und eben an diesem Morgen, am
+7. August, wurden die bei Kolyvan nach der Zersprengung des kleinen
+russischen Corps gemachten Gefangenen hierher eingebracht. Von jenen 2000
+Mann, welche sich zwischen die zwei auf Omsk und Tomsk gestützten,
+feindlichen Heersäulen gewagt hatten, waren nur noch einige hundert
+Soldaten davon gekommen.
+
+Der Verlauf der Ereignisse war also kein günstiger, und die kaiserliche
+Regierung erschien jenseit des Ural ernstlich bedrängt, – mindestens für
+den Augenblick, denn früher oder später mußte es den Russen ja wohl
+gelingen, die Eindringlinge zu Paaren zu treiben. Jedenfalls hatten die
+räuberischen Horden das Herz Sibiriens erreicht und drohte der feindliche
+Einfall sich über das empörte Land entweder nach den Provinzen im Westen,
+oder nach denen im Osten zu verbreiten. Irkutsk war jetzt von aller
+Verbindung mit Europa abgeschnitten. Wenn die Truppen vom Amur und aus der
+Provinz Jakutsk nicht rechtzeitig eintrafen, um diese Hauptstadt Sibiriens
+zu besetzen, so mußte sie wohl, bei den mangelhaften Kräften zu ihrer
+Vertheidigung, den Tartaren in die Hände fallen, und bevor es dann möglich
+wurde, sie diesen wiederum zu entreißen, blieb der Großfürst, der Bruder
+des Kaisers, den Rachegelüsten Iwan Ogareff’s preis gegeben.
+
+Was war nun mit Michael Strogoff geschehen? Beugte er sich unter der Last
+so vieler Prüfungen? Betrachtete er sich als besiegt durch so viel
+Hindernisse, die ihn seit dem Unfalle von Ichim unausgesetzt verfolgten?
+Gab er seine Partie verloren, sah er seine Sendung für verfehlt, die
+Ueberlieferung seines Mandats für unmöglich an?
+
+Michael Strogoff gehörte zu den Menschen, die sich erst dann nicht mehr
+regen, wenn sie todt zusammengebrochen sind. Jetzt lebte er noch, war
+sogar ganz unverwundet geblieben, das kaiserliche Handschreiben verwahrte
+er noch immer, sein Incognito war noch unverletzt. Gewiß befand er sich
+unter den zahlreichen Gefangenen, welche die Tartaren wie eine Heerde Vieh
+daher trieben; aber mit der Annäherung an Tomsk kam er auch Irkutsk näher,
+und jedenfalls blieb Iwan Ogareff immer hinter ihm zurück.
+
+„Ich werde noch ankommen!“ wiederholte er sich immer wieder.
+
+Seit jener Affaire bei Kolyvan drängte sich seine ganze Lebenskraft
+zusammen in dem einen Gedanken, seine Freiheit zu erlangen. Wie er den
+Soldaten des Emirs entrinnen würde? – Das wollte er sehen, wenn der
+passende Zeitpunkt da wäre.
+
+Feofar’s Feldlager bot einen prächtigen Anblick. Zahllose Zelte aus
+Thierfellen, Filz oder Seidenstoffen schillerten in den Strahlen der
+Sonne. Lange, reiche Troddeln auf ihren schlank zulaufenden Spitzen
+wiegten sich zwischen buntfarbigen Fahnen, Standarten und Feldzeichen hin
+und her. Die am reichsten ausgestatteten Zelte gehörten den Seids und den
+Khodjas, den vornehmsten Männern des Khanates, an. Eine besondere Flagge,
+mit einem Pferdeschweif als Schmuck, deren Lanzenschaft sich aus einem
+kunstvoll geordneten Bündel rother und weißer Stäbe erhob, bezeichnete den
+hohen Rang dieser Tartarenhäuptlinge. Weit über Sehweite hinaus
+erstreckten sich endlich die Reihen jener turkomanischen Zelte, „Karaoys“
+genannt, die auf dem Rücken der Kameele mitgeführt wurden.
+
+Das ganze Lager zählte mindestens 150,000 Mann Soldaten, sowohl Fußvolk
+als auch Reiterei. Unter diesen sah man, als die Urtypen von Turkestan,
+zuerst die Tadjiks mit ihren schönen, regelmäßigen Zügen, weißer
+Hautfarbe, schwarzen Augen und Haaren und dem hohen, mächtigen Wuchse, –
+die Hauptmacht der Tartarenarmee, zu der die Khanate von Khokhand und
+Kunduz nahezu ein gleich großes Contingent wie Bukhara geliefert hatten.
+Neben diesen Tadjiks fanden sich die Vertreter anderer Stämme, welche
+entweder in Turkestan seßhaft waren oder deren Heimat doch an jene Gebiete
+grenzte. Da sah man Usbecks von kleiner Gestalt und mit brennend rothem
+Barte, ganz ähnlich denen, welche zur Verfolgung Michael Strogoff’s
+ausgesendet worden waren. Ferner Kirghisen mit abgeplattetem, dem der
+Kalmücken ähnlichen Gesicht, in Panzerhemden gekleidet, von denen ein
+Theil Lanzen, Bogen und Pfeile asiatischer Herkunft führte, ein anderer
+mit dem Säbel, einem Luntengewehre und dem „Tschakane“, d. i. eine kurz
+gestielte Axt, welche leicht tödtliche Wunden verursacht, ausgerüstet
+erschien. Dazu mittelgroße Mongolen mit schwarzem, langem Haar, das in
+einen Zopf geflochten auf den Rücken hinabfiel, mit rundlichem,
+sonnenverbranntem Gesicht, dunklen, lebhaften Augen und mangelndem oder
+sehr spärlichem Barte, gekleidet in blaue, mit schwarzem Pelz verbrämte
+Nankingstoffe, geschmückt mit Ledergürteln, mit Silberschnallen,
+Schnürstiefeln und seidenen, wiederum mit Pelz garnirten Mützen, von denen
+nach rückwärts drei Bänder hinausflatterten. Endlich sah man auch
+tiefdunkle Afghanen; Araber, wahre Musterbilder der schönen semitischen
+Racen und Turkomanen mit engen gedrückten Augen, an denen die Lider ganz
+zu fehlen schienen, – Alle vereinigt unter der Kriegsfahne des Emirs,
+einer Fahne von Mordbrennern und zerstörungssüchtigen Horden.
+
+Neben diesen freien Soldaten fand sich auch noch eine gewisse Anzahl
+Sklavenhaufen, vorzüglich Perser, welche von eingeborenen Anführern
+befehligt und in der Armee Feofar-Khans keineswegs gering geschätzt
+wurden.
+
+Rechne man hierzu noch die als Diener fungirenden Juden in ihrem mittels
+eines Strickes zusammengehaltenen langen Rocke, den Kopf, an Stelle des
+ihnen verbotenen Turbans, bedeckt mit einem dunkelfarbigen Tuchkäppchen,
+und endlich darunter gemischt noch Hunderte „Kalender“, eine Art
+religiöser Bettler in zerfetzter, mit einem Leopardenfelle nothdürftig
+bedeckter Kleidung, so wird man zu einer nahezu vollständigen Vorstellung
+des fast unübersehbaren Gemisches der verschiedenen Völker und Stämme
+gelangen, welche die Tartarenarmee bildeten.
+
+Fünfzigtausend Soldaten der Armee waren beritten und die Pferde derselben
+nicht minder verschieden, als die Mannschaften. Unter den Thieren, die zu
+je zehn an zwei parallelen Stricken angebunden und deren Schweife in
+Knoten geknüpft, deren Rücken aber mit einem seidenen Netze bedeckt waren,
+unterschied man die feingebauten, großen Turkomanen mit glänzendem Haar
+und stolzer Haltung; die ausdauernden, kräftigen Usbecks; die
+Khokhandiner, welche außer ihrem Reiter noch zwei Zelte und eine ganze
+Kücheneinrichtung tragen; die hellfarbigen Kirghisenrosse, die von den
+Ufern des Emba-Flusses herstammen, wo man sie mittels „Arkan“, d. i. der
+Lasso der Tartaren, einfängt, und endlich viele andere Abkömmlinge
+gekreuzter Racen von geringerem Werthe.
+
+Lastthiere zählten hier ebenfalls nach Tausenden. Hier fanden sich
+kleinere, aber wohlgebaute Kameele mit langer Behaarung, deren dichte
+Mähne ihren Hals verhüllte, gelehrige und leichter als die Dromedare
+zähmbare Thiere; ferner einhöckerige „Nars“ mit rothgelbem, gelocktem
+Felle; endlich eine Menge Esel, welche unverdrossen ihre Arbeit leisten
+und deren sehr geschätztes Fleisch zum nicht geringen Theile die Nahrung
+der Tartaren ausmacht.
+
+Ueber diese ganze Masse von Menschen und Thieren, über diese ungeheuren
+Haufen von Zelten verbreiteten in größeren Gruppen zusammen stehende
+Cedern und Fichten einen angenehmen, erfrischenden Schatten, der da und
+dort durch einige besonnte Stellen unterbrochen wurde. Das Bild bot einen
+höchst pittoresken Anblick, zu dessen Wiedergabe ein Maler wohl alle
+Farben seiner Palette hätte erschöpfen müssen.
+
+Als die bei Kolyvan gemachten Gefangenen vor den Zelten Feofar’s und der
+Großwürdenträger des Khanates anlangten, wirbelten die Trommeln und
+schmetterten die Trompeten. Zu dem entsetzlichen Getöse mischte sich aber
+auch noch das Knattern von Gewehrfeuer und der Donner vier- und
+sechspfündiger Geschütze, welche die Artillerie des Emirs bildeten.
+
+Feofar lebte hier unter rein militärischer Umgebung und Lebensweise. Seine
+Haushaltung und sein Harem befanden sich, ebenso wie die seiner
+Bundesgenossen, jetzt in Tomsk, das in den Händen der Tartaren war.
+
+Nach Aufhebung des Lagers sollte der Sitz des Emirs ebendahin verlegt
+werden, bis er diese Residenz endlich mit der Hauptstadt von Ostsibirien
+endgiltig zu vertauschen hoffte.
+
+Feofar’s Fürstenzelt überragte die Zelte seiner Nachbarn. Errichtet aus
+breiten Stücken eines prachtvollen Seidenstoffes, den Schnuren mit
+goldenen Fransen zusammenhielten, überragt von dichten Troddeln, welche
+der Luftzug fächerartig hin und her wiegte, nahm es den Mittelpunkt einer
+weiten Lichtung ein, die im Vordergrunde durch prächtige Birken und
+gigantische Fichten abgeschlossen war. Vor diesem Zelte lag auf einem
+glänzenden, feinen, mit Edelsteinen ausgelegten Tische geöffnet der
+heilige Koran, dessen Blätter aus ganz dünnen, fein gravirten
+Goldplättchen bestanden. Darüber flatterte die tartarische Fahne.
+
+Am Umfange der Lichtung erhoben sich im Halbkreise die Zelte der höchsten
+Beamten von Bukhara. Da wohnten der Großstallmeister, dem das Recht
+zusteht, dem Emir bis in den Hof seines Palastes zu Pferde zu folgen; der
+Groß-Falkenier, der „Housch-Begui“, d. i. der Siegelbewahrer des
+Herrschers, der „Toptschi-Baschi“, d. i. der Oberbefehlshaber der
+Artillerie, der „Khodja“ oder Vorsitzende des Großen Rathes, der von dem
+Fürsten geküßt wird und sich vor ihm mit offenem Gürtel zeigen darf, der
+„Scheik-ul-Islam“, der Erste der Ulemas und Vertreter der Priesterkaste,
+der „Cazi-Askev“, der in Abwesenheit des Emirs über alle Streitfragen
+zwischen Militärs zu entscheiden hat, und endlich der Chef der Astrologen,
+deren Hauptgeschäft es ist, die Sterne zu befragen, sobald der Khan
+beabsichtigt, seinen Aufenthalt zu wechseln.
+
+Der Emir befand sich, als die Gefangenen in das Lager getrieben wurden,
+glücklicher Weise in seinem Zelte. Eine Handbewegung, ein Wort von ihm
+hätte wohl hingereicht, ein blutiges Strafgericht in Scene zu setzen. Er
+hielt sich aber zurück in jener Isolirtheit, welche zum Theil die Majestät
+der orientalischen Fürsten erhält. Man bewundert Den, der sich nicht
+zeigt, und fürchtet ihn mehr.
+
+Die Gefangenen selbst wurden in einer Umzäunung eingepfercht, wo sie
+mißhandelt, nur nothdürftig ernährt und allen verderblichen Einflüssen des
+Klimas ausgesetzt, der Entscheidung Feofar’s entgegen harrten.
+
+Der gelehrigste von Allen, wenn auch nicht der geduldigste, war gewiß
+Michael Strogoff. Er ließ sich gern führen, denn man führte ihn dahin,
+wohin er selbst wollte, und das in verhältnißmäßiger Sicherheit, die er,
+frei und allein reisend, auf dem Wege von Kolyvan nach Tomsk nie hätte
+finden können. Eine Flucht vor Erreichung letzterer Stadt hätte ihn
+unzweifelhaft in die Hände der Plänkler zurück geliefert, welche die
+umgebende Steppe durchschwärmten. Die östlichste, von den Schaaren der
+Meuterer zur Zeit besetzte Linie lag nicht über dem zweiundachtzigsten
+Meridian, welcher Tomsk durchschneidet, hinaus. Nach Ueberschreitung
+dieses Meridianes durfte Michael Strogoff darauf rechnen, sich außerhalb
+des von Feinden überschwemmten Gebietes zu befinden, den Yeniseï gefahrlos
+zu passiren und Krasnojarsk zu erreichen, bevor Feofar-Khan auch diese
+Provinz besetzte.
+
+„Einmal in Tomsk, wiederholte er sich manchmal, um einige Regung seiner
+Ungeduld, deren er nicht völlig Meister werden konnte, zu unterdrücken,
+werde ich binnen wenigen Minuten über die Vorpostenkette hinaus sein, und
+zwölf Stunden vor Feofar, zwölf Stunden nur vor Ogareff voraus zu sein,
+das genügt mir, um ihnen nach Irkutsk zuvor zu kommen!“
+
+Was Michael Strogoff am meisten fürchtete und wohl auch fürchten mußte,
+das war die Anwesenheit Iwan Ogareff’s in dem tartarischen Lager.
+Abgesehen von der Gefahr, erkannt zu werden, verrieth ihm ein gewisser
+Instinct, daß es für ihn von besonderer Wichtigkeit sei, gerade diesem
+Verräther zuvor zu kommen. Er sah auch recht wohl ein, daß durch die
+Vereinigung der Heeresabtheilungen Iwan Ogareff’s und Feofar-Khan’s die
+feindliche Armee nun vollzählig wurde und mit aller Macht nach der
+ostsibirischen Hauptstadt zu aufbrechen werde. Eben diese Aussicht erregte
+in ihm aber die schwersten Befürchtungen, und aufmerksam lauschte er auf
+jeden schmetternden Trompetenstoß, ob dieser etwa das Eintreffen jenes
+Unterbefehlshabers des Emirs verkünde.
+
+An solche Gedanken reihten sich dann noch die Erinnerungen an seine Mutter
+und an Nadia, deren Erstere in Omsk zurück geblieben, die Andere auf den
+Barken des Irtysch weggeschleppt worden war. Unzweifelhaft seufzte diese
+ebenso wie Marfa Strogoff in harter Gefangenschaft. Und er vermochte
+Nichts für sie zu thun! Würde er jene Zwei überhaupt wiedersehen?
+Krampfhaft zuckte ihm das Herz bei dieser Frage, welche er sich nicht zu
+beantworten wagte.
+
+Gleichzeitig mit Michael Strogoff und vielen anderen Gefangenen waren auch
+Harry Blount und Alcide Jolivet in das Tartarenfeldlager transportirt
+worden. Ihr früherer Reisegefährte wußte zwar, daß Jene in derselben dicht
+mit Wachtposten besetzten Umzäunung untergebracht waren, er hatte sich
+ihnen aber nicht zu nähern gesucht. Nur wenig kümmerte es ihn jedoch, was
+sie über ihn bezüglich des Auftrittes im Posthofe zu Ichim denken möchten;
+er wollte vielmehr allein sein, um im gegebenen Fall schneller allein
+handeln zu können. Deshalb hielt er sich stets mehr bei Seite.
+
+Alcide Jolivet hatte seit dem Augenblick, da sein College an seiner Seite
+fiel, diesem die größte Sorgfalt gewidmet. Von Kolyvan bis nach dem Lager,
+daher auf einem Wege von mehreren Stunden, konnte Harry Blount dadurch,
+daß er sich auf den Arm seines Rivalen stützte, dem Gefangenenzuge folgen.
+Erst wollte er sich in seiner Eigenschaft als Engländer legitimiren, das
+hätte ihm aber gegenüber diesen Barbaren, welche nur mit Lanzenstößen und
+Säbelhieben antworteten, nicht im mindesten genützt. Der ehrenwerthe
+Correspondent des Daily-Telegraph theilte also zunächst das Schicksal
+aller Uebrigen, und blieb es ihm überlassen, später zu reclamiren und
+Satisfaction für die erlittene Behandlung zu verlangen. Diesen Weg legte
+er aber seiner Wunde wegen nur mit der größten, schmerzlichen Anstrengung
+zurück, und ohne Alcide Jolivet’s Hilfe wäre er wohl kaum im Stande
+gewesen, das Lager zu erreichen.
+
+Alcide Jolivet, den seine praktische Philosophie niemals im Stiche ließ,
+hatte seinen Genossen physisch und moralisch durch alle ihm zu Gebote
+stehenden Mittel möglichst gestärkt. Als er sich unabwendbar in jene Hürde
+eingeschlossen sah, eilte er zunächst, Harry Blount’s Wunde zu
+untersuchen. Es gelang ihm recht gut, Jenen zu entkleiden, und er
+überzeugte sich, daß dessen Schulter nur von dem Sprengstück einer Kugel
+gestreift worden war.
+
+„O, es ist nichts! sagte er. Eine ganz einfache Schramme. Nach zwei oder
+drei kühlen Aufschlägen ist die ganze Sache vorüber.
+
+— Aber diese nothwendigen Umschläge?... fragte Harry Blount.
+
+— Die mache ich Ihnen selbst.
+
+— Sie sind also ein wenig Arzt?
+
+— Alle Franzosen sind halbe Aerzte!“
+
+Nach dieser dreisten Versicherung zerriß Alcide Jolivet sein Taschentuch,
+zupfte aus einem Stücke desselben Charpie, legte ein anderes zu einem
+Tampon zusammen, holte aus einem in der Mitte des Platzes gelegenen
+Ziehbrunnen Wasser, wusch die glücklicher Weise nur leichte Wunde
+sorgfältig aus und legte mit großer Geschicklichkeit die feuchten
+Leinenstücke auf Harry Blount’s Schulter.
+
+„Ich behandle Sie mit Wasser, sagte er. Diese Flüssigkeit ist das
+wirksamste Sedativum, das man bei der Behandlung von Verwundungen kennt,
+und wird jetzt auch ganz allgemein angewendet. Die Aerzte haben nur 6000
+Jahre gebraucht, um das zu entdecken! Ja, in runder Zahl so gegen 6000
+Jahre!
+
+— Ich danke Ihnen, Herr Jolivet, erwiderte Harry Blount, indem er sich auf
+ein Lager von dürren Blättern hinstreckte, das sein Begleiter ihm im
+Schatten einer Birke zurecht gemacht hatte.
+
+— Ei, das ist ja nicht der Rede werth. Sie hätten an meiner Stelle
+dasselbe gethan.
+
+— Ja, ich weiß nicht ... antwortete Harry Blount ziemlich naiv.
+
+— Sie Spaßvogel! Alle Engländer sind edelmüthig!
+
+— Gewiß, aber die Franzosen ...?
+
+— Nun ja, die Franzosen sind gut, vielleicht sogar etwas einfältig; aber
+was das wieder gut macht, ist, daß sie eben Franzosen sind. Doch sprechen
+wir nicht mehr davon, oder noch besser, sprechen wir jetzt lieber gar
+nicht mehr. Sie brauchen nun vor allen Dingen Ruhe.“
+
+Harry Blount hatte aber verzweifelt wenig Lust zu schweigen. Wenn er als
+Verwundeter vernünftiger Weise daran denken konnte, zu schlafen, so war
+das doch mit ihm als Correspondenten des Daily-Telegraph keineswegs der
+Fall.
+
+„Herr Jolivet, begann er, glauben Sie, daß unsere letzten Depeschen noch
+über die russische Grenze befördert worden sind?
+
+— Wie kommen Sie darauf? antwortete Alcide Jolivet. Um die jetzige Stunde
+wird meine glückselige Cousine schon wissen, was von dem Treffen bei
+Kolyvan zu halten ist.
+
+— Wie viele Exemplare dieser Depeschen druckt Ihre Cousine? forschte Harry
+Blount, der diese Frage zum ersten Male unumwunden an seinen Collegen
+richtete.
+
+— Sehr gut! erwiderte lachend Alcide Jolivet. Meine Cousine ist eine
+ungemein discrete Person, die nicht gern von sich reden hört und
+unglücklich sein würde, wenn sie Ihnen den so nothwendigen Schlummer
+störte.
+
+— Ich mag nicht schlafen, versetzte der Engländer. — Was urtheilt Ihre
+Cousine wohl über die Sachlage?
+
+— Nun, daß es mit den Russen augenblicklich nicht am besten steht. Doch,
+was da! die moskowitische Regierung ist mächtig, sie braucht sich wegen
+eines Barbareneinfalls nicht ernstlich zu beunruhigen, und Sibirien wird
+und kann ihr nicht verloren gehen.
+
+— Ueberhebung hat schon die größten Reiche gestürzt! antwortete Harry
+Blount, der von einer gewissen „englischen“ Eifersüchtelei wegen der
+russischen Prätensionen in Centralasien nicht ganz frei war.
+
+— O bitte, nur keine Politik treiben, rief Alcide Jolivet. Das ist von der
+Facultät untersagt! Für Schulterwunden giebt es gar nichts Gefährlicheres!
+... Sie müßten denn dadurch einschlummern wollen!
+
+— So sprechen wir davon, was uns zu thun übrig bleibt, lenkte Harry Blount
+ein. Ich, Herr Jolivet, verspüre nicht die mindeste Lust, hier unbedingt
+Gefangener der Tartaren zu bleiben.
+
+— Ich bei Gott auch nicht!
+
+— Wir werden uns bei erster bester Gelegenheit davon zu machen suchen.
+
+— Ja, wenn’s zur Wiedererlangung unserer Freiheit kein anderes Mittel
+giebt.
+
+— Wissen Sie ein anderes? fragte Harry Blount und sah seinen Begleiter
+erwartungsvoll an.
+
+— Gewiß! Wir sind keine Combattanten, wir sind neutral und werden
+reclamiren.
+
+— Bei Feofar-Khan? Bei diesem wilden Thiere?
+
+— Nein, er verstände das nicht, erwiderte Alcide Jolivet; aber bei Iwan
+Ogareff, seinem Untergeneral.
+
+— Der ist ein Schurke!
+
+— Zugegeben; aber dieser Schurke ist wenigstens ein Russe. Er weiß, daß er
+mit dem Völkerrecht nicht spielen darf, und hat auch kein Interesse, uns
+zurückzuhalten. Von dem Herrn etwas zu verlangen, das soll mir nicht
+schwer werden.
+
+— Dieser Herr befindet sich aber nicht im Lager, mindestens habe ich ihn
+noch nicht bemerkt, äußerte Harry Blount.
+
+— Er wird hierher kommen. Das kann nicht fehlen. Er muß sich hier dem Emir
+anschließen. Jetzt ist Sibirien in zwei Kriegstheater getheilt, und
+offenbar erwartet ihn nur Feofar’s Armee, um nach Irkutsk abzumarschiren.
+
+— Und was thun wir, wenn wir frei sind?
+
+— Ei nun, wir setzen ebenfalls unsern Feldzug fort und folgen den
+Tartaren, bis sich Gelegenheit bietet, in das Lager der Gegner
+überzugehen. Zum Teufel, man darf doch nicht fahnenflüchtig werden! Wir
+stehen ja erst im Anfang. Sie, Herr College, haben schon das Glück gehabt,
+im Dienste des Daily-Telegraph eine Wunde davon zu tragen, aber ich, – ich
+habe im Dienste meiner Cousine noch gar nichts geleistet. Vorwärts!
+Vorwärts! – Ach, schön, fuhr Alcide Jolivet leiser fort, er schlummert
+ein. Einige Stunden Schlaf und ein Paar Compressen mit frischem Wasser,
+mehr bedarf es nicht, um einen Engländer wieder auf die Beine zu bringen.
+Diese Leute sind aus Eisenblech construirt!“
+
+Und während Harry Blount der Ruhe genoß, wachte Alcide Jolivet an seiner
+Seite, nachdem er ein Taschenbuch hervor geholt hatte, das er mit Notizen
+bedeckte, gleichzeitig fest entschlossen, diese mit seinem Begleiter,
+gewiß zur größten Befriedigung der Abonnenten des Daily-Telegraph, ehrlich
+zu theilen. Der Gang der Ereignisse hatte die beiden Männer an einander
+geknüpft und sie weiterer Eifersüchtelei enthoben.
+
+Was also Michael Strogoff vor Allem fürchtete, gerade das wünschten die
+beiden Journalisten sehnsüchtig herbei. Das Erscheinen Iwan Ogareff’s
+mußte für diese offenbar von Vortheil sein, denn sobald ihre Eigenschaft
+eines englischen und französischen Correspondenten erst festgestellt war,
+mußten sie höchst wahrscheinlich sofort in Freiheit gesetzt werden. Der
+Stellvertreter des Emirs würde Feofar schon zu belehren wissen, wenn es
+dessen Charakter auch entsprochen hätte, die Gefangenen einfach als Spione
+abzuurtheilen. Das Interesse Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s lief also
+dem Michael Strogoff’s direct entgegen, und darin lag ein weiterer, zu den
+früheren noch hinzutretender Grund, der ihn jede Annäherung an die alten
+Reisegefährten sorgfältig vermeiden ließ. Er richtete sich also möglichst
+so ein, daß Jene ihn nicht zu Gesicht bekommen konnten.
+
+Vier Tage verstrichen ohne irgend welche Veränderung der Sachlage. Von der
+Aufhebung des Lagers hörten die Gefangenen kein Wort sprechen. Sie wurden
+strengstens überwacht. Es wäre thatsächlich unmöglich gewesen, den Cordon
+von Fußvolk und Reitern, der sich um die Hürde schloß, zu durchbrechen.
+Die ihnen gebotene Nahrung schützte eben nur vor dem Verhungern. Zweimal
+binnen vierundzwanzig Stunden erhielt Jeder ein Stück auf Kohlen
+geröstetes Ziegenfleisch gereicht, oder eine Ration von jenem „Krut“
+genannten Käse, der aus saurer Schafmilch gewonnen wird und in Stutenmilch
+geweicht die gewöhnlich „Kumiß“ genannte Speise der Kirghisen darstellt.
+Das war Alles. Hierzu kam, daß die Witterung wahrhaft abscheulich wurde.
+Heftige Störungen in der Atmosphäre führten stürmische Winde mit
+Regenschauern herbei. Schutzlos mußten die Unglücklichen diesen ungesunden
+Witterungswechsel aushalten, ohne daß man ihre Leiden irgendwie zu mindern
+gesucht hätte. Einige Verwundete, mehrere Frauen und Kinder starben dabei,
+deren Leichen die Gefangenen selbst einscharren mußten, da ihre Peiniger
+jenen sogar ein Grab verweigerten.
+
+Während dieser harten Prüfungen machten sich Alcide Jolivet und Harry
+Blount, jeder auf seine Weise, doppelt nützlich und waren zu jedem Dienste
+bereit, den sie nur irgend zu leisten vermochten. Da sie früher keinen
+harten Entbehrungen ausgesetzt und demnach gesund und kräftig waren, so
+widerstanden sie auch den jetzigen üblen Einflüssen besser und konnten
+sich durch ihren Rath und ihre sorgende Pflege Denen nützlich erweisen,
+welche jetzt empfindlicher litten und der Verzweiflung verfielen.
+
+Sollte dieser Jammerzustand länger andauern? Wollte Feofar-Khan,
+befriedigt durch die ersten glücklichen Erfolge, einige Zeit rasten, bevor
+er auf Irkutsk marschirte? Man hätte das wohl befürchten können, es kam
+indeß anders. Das von Alcide Jolivet und Harry Blount so herbeigesehnte,
+von Michael Strogoff so gefürchtete Ereigniß trat am Morgen des 12. August
+wirklich ein.
+
+An diesem Tage schmetterten die Trompeten, wirbelten die Trommeln und
+knatterten die Musketen. Eine ungeheure Staubwolke wälzte sich langsam
+über der Straße von Kolyvan dahin.
+
+Iwan Ogareff hielt, gefolgt von vielen Tausend Mann, seinen Einzug in das
+Lager der Tartaren.
+
+
+
+
+ Zweites Capitel.
+
+
+ Alcide Jolivet’s Haltung.
+
+
+Es war ein ganzes Armeecorps, das Iwan Ogareff dem Emir zuführte. Diese
+Reiter und Fußsoldaten bildeten einen Theil der Heeresabtheilung, welche
+sich der Stadt Omsk bemächtigt hatte. Da Iwan Ogareff nicht im Stande
+gewesen war, die obere Stadt einzunehmen, in welche sich, wie erzählt, der
+Gouverneur zurückgezogen hatte, so entschloß er sich, weiter zu ziehen, um
+die Operationen, welche im östlichen Sibirien geplant waren, nicht
+aufzuhalten. So ließ er nur eine hinreichende Garnison in Omsk zurück.
+Dann sammelte er seine Horden, verstärkte sich unterwegs durch die Sieger
+von Kolyvan und stellte seine Verbindung mit der Armee Feofar’s her.
+
+Die Truppen Iwan Ogareff’s hielten vor den Außenposten des Lagers. Sie
+erhielten keinen Befehl zum Bivouaquiren. Die Absicht ihrer Führer ging
+offenbar dahin, sich gar nicht aufzuhalten, sondern sofort weiter zu
+dringen und in kürzester Zeit Tomsk, die bedeutendere Stadt, in ihre
+Gewalt zu bringen, welche von Natur zum Centrum der zukünftigen
+Operationen bestimmt schien.
+
+Gleichzeitig mit den Soldaten brachte Iwan Ogareff auch einen Transport
+russischer und sibirischer Gefangener, die bei Omsk oder Kolyvan in
+Feindeshand gefallen waren. Diese Unglücklichen wurden gar nicht erst in
+die Umzäunung geführt, welche ohnedies schon zu klein für alle die
+erschien, welche darin schmachteten, sondern hielten bei den Vorposten,
+ohne jeden Schutz, fast ohne Nahrung. Welches Loos stand diesen wohl durch
+Feofar-Khan bevor? Würde er sie in Tomsk einkerkern oder sollte sie
+vielleicht eine blutige Execution, das gewöhnliche Verfahren der
+Tartarenhäuptlinge, decimiren? Noch blieb das ein Geheimniß des launischen
+Emirs.
+
+Dieses Armeecorps war nicht von Omsk und Kolyvan abgezogen, ohne einen
+großen Haufen Bettler, Marodeurs und Zigeuner mitzubringen, welche
+gewöhnlich den Nachtrab einer Armee auf dem Marsche zu bilden pflegen.
+Diese ganze Volksmenge lebte auf Kosten der durchzogenen Landschaften und
+ließ wenig zu plündern hinter sich zurück. Schon hieraus ergab sich die
+Nothwendigkeit, weiter vorzudringen, und geschehe es nur, um für die
+Expeditions-Colonnen den nöthigen Proviant zu verschaffen. Der ganze
+Landstrich zwischen dem Laufe des Ichim und des Obi war schon verwüstet
+und bot keinerlei Hilfsquellen mehr. Hinter sich ließen die Tartaren eine
+Wüste, welche die Russen gewiß nur mit größter Schwierigkeit zu
+durchziehen im Stande sein konnten.
+
+Unter den Zigeunerschaaren, welche von Westen her mitgekommen waren,
+befand sich auch jene Truppe, die Michael Strogoff bis Perm begleitet
+hatte. Sangarre zählte auch noch zu dieser. Diese wilde Spionin, der böse
+Geist Iwan Ogareff’s, verließ ihren Herrn und Meister niemals. Wir haben
+sie schon beide gesehen, wie sie, noch in Rußland selbst, im Gouvernement
+von Nishny-Nowgorod, ihre Pläne schmiedeten. Nach Ueberschreitung des Ural
+hatten sie sich nur auf einige Tage getrennt. Iwan Ogareff suchte damals
+Ichim so schnell als möglich zu erreichen, während Sangarre und ihre
+Gesellschaft durch den Süden der Provinz auf Omsk zu zogen.
+
+Man wird leicht begreifen, welche Hilfe dieses Weib Iwan Ogareff leistete.
+Durch ihre Tsiganen drang sie überall ein, hörte und beobachtete Alles.
+Iwan Ogareff wurde von jedem Vorfalle in den besetzten Gebietstheilen auf
+dem Laufenden erhalten. Hundert Augen, hundert Ohren waren stets in seinem
+Dienst geöffnet. Uebrigens gewährte er für diese Spionendienste, deren
+Vortheil ihm genügend einleuchtete, gern einen hohen Lohn.
+
+Als Sangarre früher einmal in eine sehr bedenkliche Sache verwickelt
+gewesen war, hatte sie der russische Offizier gerettet. Nie vergaß sie,
+was sie ihm schuldete, und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Als
+Iwan Ogareff dann den Verbrecherpfad des Verräthers beschritt, erkannte er
+recht gut, welchen Nutzen er aus der Ergebenheit dieser Frau ziehen
+konnte. Er mochte einen Befehl geben, welchen er wollte, – Sangarre führte
+ihn aus; ein wahrhaft außergewöhnlicher Instinct, noch mächtiger
+entwickelt als selbst das Gefühl ihrer Dankbarkeit, hatte sie fast
+gedrängt, sich dem Verräther als Sklavin zu ergeben, an den sie sich seit
+den ersten Tagen seiner Verbannung nach Sibirien anschloß. Geschmeichelt
+durch sein Vertrauen, gefiel sich die vaterlandslose Sangarre darin, ihr
+Vagabundenleben den Empörern zu widmen, welche Iwan Ogareff nach Sibirien
+führte. Mit der natürlichen Arglist ihrer Race verband sie eine wilde
+Energie, welche keine Vergebung und kein Mitleid kannte. Sie war eine
+Wilde, würdig die Hütte eines Apachen oder den Wigwam eines Andamiers zu
+theilen.
+
+Seit seiner Ankunft in Omsk, wo sie sich ihm mit ihren Zigeunern wieder
+anschloß, hatte Sangarre Iwan Ogareff nicht mehr verlassen. Der Zufall,
+welcher Michael und Marfa Strogoff zusammengeführt hatte, war ihr bekannt.
+Die Befürchtungen Iwan Ogareff’s wegen des Durchzugs eines Couriers des
+Czaaren wußte und theilte sie. Für die gefangene Marfa Strogoff wäre sie
+die geeignete Furie gewesen, diese mit der Bosheit einer Rothhaut zu
+peinigen, um ihr ihr Geheimniß zu entreißen. Noch war aber die Stunde
+nicht gekommen, da Iwan Ogareff die alte Sibirerin zum Reden zwingen
+wollte. Sangarre mußte warten, und sie wartete, ohne Diejenige aus den
+Augen zu verlieren, welche sie wider ihr Wissen belauschte, deren
+geringste Geste, deren unschuldigstes Wort sie beobachtete, die sie Tag
+und Nacht bewachte, um das Wort „Sohn“ einmal ihren Lippen entschlüpfen zu
+hören, während Marfa Strogoff’s außerordentliche Kaltblütigkeit vorläufig
+noch alle diese Bemühungen vereitelte.
+
+Inzwischen hatten sich bei dem Schmettern der Fanfaren der
+Oberbefehlshaber der Artillerie und der Großstallmeister des Emirs,
+begleitet von einer glänzenden Escorte, zum Empfange Iwan Ogareff’s vor
+das Feldlager hinaus begeben.
+
+Als sie diesem nahe kamen, erwiesen sie ihm die höchsten Ehrenbezeigungen
+und luden ihn ein, ihnen nach dem Zelte Feofar-Khan’s zu folgen.
+
+Ruhig und gemessen wie immer erwiderte Iwan Ogareff nur sehr kühl die
+Höflichkeiten der zu seinem Empfange entgegengesendeten hohen
+Staatsbeamten. Er war nur sehr einfach gekleidet, trug aber, – fast
+erschien es wie ein Ausdruck etwas prahlerischer Frechheit, – noch
+russische Uniform.
+
+Gerade als er die Zügel seines Rosses faßte, um in den Kreis des Lagers zu
+reiten, drängte sich Sangarre durch die Reiter der Escorte, näherte sich
+ihm und blieb unbeweglich stehen.
+
+„Nichts? fragte Iwan Ogareff.
+
+— Nichts.
+
+— Sei geduldig.
+
+— Nähert sich die Stunde noch nicht, wo Du die alte Frau zum Reden zwingen
+wirst?
+
+— Sie kommt, Sangarre.
+
+— Wann wird das Weib sprechen sollen?
+
+— Sobald wir in Tomsk sind.
+
+— Und dahin kommen wir ...?
+
+— Binnen drei Tagen.“
+
+Wie ein Blitz leuchtete es auf in Sangarre’s großen, schwarzen Augen, dann
+zog sie sich still und geschmeidig zurück.
+
+Iwan Ogareff gab seinem Pferde die Sporen und wendete sich, mit seinem
+Generalstabe im Gefolge, nach dem Zelte des Fürsten.
+
+Feofar-Khan war ein hochgewachsener Mann von vierzig Jahren, mit einem
+bleichen Gesicht, drohenden Augen und wilder Physiognomie. Der schwarze
+Bart wallte in kleinen Ringeln bis auf seine Brust herab. In seiner
+Kriegerkleidung, dem gold- und silbermaschigen Panzerhemd, dem von edeln
+Steinen glitzernden Degengehänge, mit dem krummen, einem Yatagan ähnlichen
+Säbel, dessen Scheide mit prächtigen Gemmen eingelegt war, den
+schnurenbesetzten Sporenstiefeln und der asiatischen Mütze, an der eine
+Aigrette feuerstrahlender Diamanten funkelte, bot Feofar-Khan mehr das
+fremdartige, als ehrfurchtgebietende Bild eines tartarischen Sardanapal,
+eines unumschränkten Herrschers, der über Leib und Blut seiner Unterthanen
+ganz nach Gutdünken verfügt, dessen persönliche Macht ohne Grenzen ist,
+und dem man, nach der in Bukhara lange herrschenden Sitte, ausschließlich
+den Namen „Emir“ beilegte.
+
+Als Iwan Ogareff erschien, blieben die Großwürdenträger auf ihren
+goldbetreßten Kissen ruhig sitzen; Feofar-Khan dagegen erhob sich von dem
+reichen Divan im Hintergrunde des Zeltes, dessen Fußboden der weiche
+Sammet eines bukharischen Teppichs verhüllte.
+
+Der Emir näherte sich Iwan Ogareff und gab ihm einen Kuß; ein Zeichen,
+dessen Bedeutung Jener sehr wohl kannte. Dieser Kuß erhob den
+Unterbefehlshaber zum Vorsitzenden des Raths und stellte ihn zeitweilig
+über den Khodja.
+
+Hierauf wendete sich Feofar-Khan zu Iwan Ogareff.
+
+„Ich habe Dich nichts zu fragen, begann er, sprich Du selbst, Iwan, Du
+wirst hier nur Ohren finden, welche bereit sind, Deine Reden zu hören.
+
+— Takhsir(4), erwiderte Iwan Ogareff, so höre, was ich zu sagen habe.“
+
+Iwan Ogareff sprach tartarisch und drückte sich mit dem emphatischen
+Schwunge aus, der die Sprache der Orientalen auszeichnet.
+
+„Takhsir, die Zeit ist unnützen Worten nicht hold! Du weißt, was ich an
+der Spitze Deiner Truppen gethan habe. Die Linien des Ichim und Irtysch
+sind in unserer Macht und die Turkomanenreiter können ihre Pferde in dem
+nun tartarisch gewordenen Strome tränken. Die Kirghisenhorden erheben sich
+auf den Ruf Feofar-Khan’s, und Dein ist die Hauptstraße Sibiriens vom
+Ichim bis nach Tomsk. Du kannst von hier aus Deine Heersäulen ebenso wohl
+nach dem Osten entsenden, wo die Sonne aufgeht, als hinaus nach dem
+Westen, wo sie sich niederlegt.
+
+— Und wenn ich mit der Sonne marschire? fragte der Emir, ohne daß ein Zug
+des Gesichts die Gedanken seines Innern verrieth.
+
+— Wenn Du mit der Sonne gehst, antwortete Iwan Ogareff, so wirst Du nach
+Europa zu gelangen und in schnellem Siegeslaufe die sibirischen Provinzen
+von Tobolsk bis nach den Bergen des Ural gewinnen.
+
+— Und wenn ich der Fackel des Himmels entgegen ziehe?
+
+— So wirst Du mit Irkutsk die reichen Gebiete des mittleren Asiens der
+tartarischen Herrschaft unterwerfen.
+
+— Doch die Armeen des Sultans von Petersburg? fragte Feofar-Khan, der mit
+diesem sonderbaren Titel den Kaiser von Rußland bezeichnete.
+
+— Von ihnen hast Du nichts zu fürchten, weder nach Sonnenaufgang, noch
+nach Sonnenuntergang zu, entgegnete Iwan Ogareff. Unser Einfall erfolgte
+zu plötzlich, und bevor die russische Armee im Stande ist, ihnen Hilfe zu
+leisten, werden Irkutsk oder Tobolsk in Deine Hände gefallen sein. Die
+Truppen des Czaaren sind bei Kolyvan aufgerieben worden, wie es überall
+geschehen wird, wo die Deinen gegen jene verächtlichen Heerhaufen des
+Occidentes streiten werden.
+
+— Und welchen Rath giebt Dir Deine Ergebenheit für die Sache der Tartaren
+ein? fragte der Emir nach einer kurzen Pause.
+
+— Mein Rath, entgegnete Iwan Ogareff lebhaft und schnell, geht dahin, der
+Sonne entgegen zu ziehen! Das Gras der östlichen Steppen sollen die Rosse
+der Turkomanen abweiden. Jetzt gilt es, Irkutsk einzunehmen, die
+Hauptstadt der Provinz des Ostens, und mit ihr eine Geißel zu gewinnen,
+welche den Besitz eines großen Landes aufwiegt. Jetzt muß, da es der Czaar
+nicht selbst sein kann, an seiner Stelle der Großfürst, sein Bruder, in
+Deine Hände fallen.“
+
+Das war das letzte Ziel, dem Iwan Ogareff nachstrebte. Hörte man ihn so
+reden, so hätte man ihn wohl für einen Abkommen jenes grausamen Stephan
+Razine halten können, der das südliche Rußland im 18. Jahrhundert
+verwüstete. Sich des Großfürsten zu bemächtigen, ihn ohne Mitleid in
+Fesseln zu schlagen, nach dieser Befriedigung seines Hasses geizte er
+unablässig. Die Einnahme von Irkutsk unterwarf übrigens gleichzeitig das
+ganze östliche Sibirien der Herrschaft der Tartaren.
+
+„Es geschehe, wie Du sagst, Iwan, erwiderte Feofar-Khan.
+
+— Wie lauten Deine Befehle, Takhsir?
+
+— Noch heute soll unser Hauptquartier nach Tomsk verlegt werden.“
+
+Iwan Ogareff verneigte sich und zog sich in Begleitung des Housch-Begui
+zurück, um die Befehle des Emirs auszuführen.
+
+Eben als er zu Pferde steigen wollte, nach den Vorposten zurückzukehren,
+entstand in einiger Entfernung, in dem von den Gefangenen eingenommenen
+Theil des Lagers, ein gewisser Tumult. Man vernahm wüstes Geschrei, dem
+zwei oder drei Gewehrschüsse folgten. Handelte es sich hier um den Versuch
+einer Revolte oder einer Massenflucht, welche summarisch zurückgewiesen
+wurde?
+
+Iwan Ogareff und der Housch-Begui gingen ein wenig nach der Gegend zu und
+fast gleichzeitig erschienen zwei Männer, trotz der Anstrengung der
+Soldaten, sie zu halten, vor den beiden Officieren.
+
+Der Housch-Begui machte ohne weitere Nachforschungen ein Zeichen mit der
+Hand, welches einem Todesbefehl gleichkam, der die Köpfe der Gefangenen
+wohl schnell hätte in den Sand rollen lassen, als Iwan Ogareff einige
+Worte fallen ließ, die dem schon über Jenen geschwungenen Säbel Halt
+geboten.
+
+Der Russe hatte schnell erkannt, daß die beiden Gefangenen Fremde waren,
+und befahl, sie ihm vorzuführen.
+
+Man ließ nun Harry Blount und Alcide Jolivet vortreten.
+
+Seit der Ankunft Iwan Ogareff’s im Lager hatten sie schon verlangt, vor
+ihn gebracht zu werden. Die Soldaten schlugen ihren Wunsch einfach ab.
+Daraus entspann sich ein Streit, der mit einem Fluchtversuche und einigen
+Gewehrschüssen endigte, denen die Journalisten noch ohne Verwundung
+entgingen; immerhin hätten sie ohne das Dazwischentreten des
+Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiß bald mit dem Leben zu
+büßen gehabt.
+
+Letzterer examinirte die ihm vollständig unbekannten Gefangenen einige
+Augenblicke. Dieselben hatten zwar dem Auftritt im Relais zu Ichim
+beigewohnt, als Michael Strogoff von Iwan Ogareff geschlagen wurde. Der
+brutale Reisende von damals hatte indeß den mit anwesenden Personen
+keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt.
+
+Harry Blount und Alcide Jolivet dagegen erkannten Jenen vollkommen wieder
+und Letzterer sagte halblaut:
+
+„Sieh da! Es scheint, der Oberst Ogareff und der grobe Reisende von Ichim
+sind ein und dieselbe Person!“
+
+Dann raunte er seinem Begleiter noch ins Ohr:
+
+„Setzen Sie ihm unsere Angelegenheit auseinander, Blount, Sie erweisen mir
+einen großen Gefallen. Dieser russische Oberst in einem Tartarenlager
+mißfällt mir gar zu sehr, und wenn mein Kopf auch nur Dank seiner
+Vermittelung noch auf seinen Schultern sitzt, so würden sich meine Augen
+doch eher verächtlich von ihm abwenden, als ihm in’s Angesicht zu sehen.“
+
+In Alcide Jolivet’s Zügen malte sich die vollständigste und hochmüthigste
+Gleichgiltigkeit.
+
+Empfand es Iwan Ogareff, daß diese Haltung des Gefangenen etwas
+Beleidigendes für ihn hatte? Jedenfalls ließ er nichts davon bemerken.
+
+„Wer sind Sie, meine Herren? fragte er rasch mit zwar sehr kaltem, aber
+minder als gewöhnlich rauhem Tone.
+
+— Zwei Correspondenten englischer und französischer Journale, erwiderte
+Harry Blount lakonisch.
+
+— Sie besitzen jedenfalls Papiere, ihre Identität nachzuweisen?
+
+— Hier sind Schriftstücke, welche uns in Rußland bei den Kanzlern Englands
+und Frankreichs accreditiren.“
+
+Iwan Ogareff nahm die Papiere, die ihm Harry Blount hinreichte, entgegen
+und las sie mit Aufmerksamkeit durch.
+
+„Sie begehren die Erlaubniß, unseren militärischen Operationen in Sibirien
+zu folgen? begann er darauf.
+
+— Wir begehren nichts als frei zu sein, entgegnete lakonisch der englische
+Reporter.
+
+— Sie sind es, meine Herren, antwortete Iwan Ogareff, und ich bin sehr
+begierig, Ihre Berichte im Daily-Telegraph zu lesen.
+
+— Mein Herr, versetzte Harry Blount, mit seinem nie aus dem Gleichgewicht
+kommenden Phlegma, die Nummer kostet sechs Pence ohne das Postporto.“
+
+Dabei wendete sich Harry Blount nach seinem Begleiter zurück, der seine
+Worte stillschweigend zu bestätigen schien.
+
+Iwan Ogareff lächelte nicht, gab seinem Pferde die Sporen und verschwand
+an der Spitze seiner Escorte bald in einer Staubwolke.
+
+„Nun, Herr Jolivet, was meinen Sie über Iwan Ogareff, den Oberanführer der
+Tartarenheere? fragte Harry Blount.
+
+— Ich denke noch daran, lieber College, erwiderte lächelnd Alcide Jolivet,
+daß jener Housch-Begui eine recht hübsche Geste machte, als er den Befehl
+gab, uns um einen Kopf kürzer zu machen!“
+
+Welche Empfindung Iwan Ogareff auch bei seinem Verfahren gegen die
+Journalisten leiten mochte, jedenfalls waren diese frei und konnten den
+Kriegsschauplatz nach Belieben durchwandern. Nun kam es ihnen gewiß nicht
+in den Sinn, die Flinte in’s Korn zu werfen. Auch die Antipathie, welche
+sie früher wohl gegen einander fühlten, hatte einer innigen Freundschaft
+Platz gemacht. Durch die Umstände einander genähert, dachten sie gar nicht
+daran, sich zu trennen. Die leidigen Fragen einer unnützen Eifersucht
+waren für immer gelöscht. Harry Blount konnte niemals vergessen, was er
+seinem Begleiter schuldete, der es jedoch vermied, ihn irgend wie daran zu
+erinnern; die gegenseitige Annäherung erleichterte die Zwecke der
+Reportage, gewiß zum Vortheile der beiderseitigen Leser.
+
+„Und nun, begann Harry Blount, was werden wir nun mit unserer Freiheit
+anfangen?
+
+— Zum Teufel, wir werden sie ausnutzen und ruhig nach Tomsk gehen, um zu
+sehen, was dort geschieht.
+
+— Bis zu dem, hoffentlich nicht mehr fernen Augenblick, der es gestattet,
+uns einem russischen Corps anzuschließen? –
+
+— Ganz recht, mein lieber Blount; man darf sich nicht zu sehr
+tartarisiren! Die bessere Rolle spielen immer diejenigen, deren Waffen die
+Civilisation verbreiten, und offenbar hätten die Volksstämme Centralasiens
+Alles zu verlieren und gar nichts bei diesem Einfalle der Halbwilden zu
+gewinnen; die Russen werden sie aber schon zu vertreiben wissen; das kann
+nur eine Frage der Zeit sein.“
+
+Das Erscheinen Iwan Ogareff’s, dem Alcide Jolivet und Harry Blount ihre
+Freiheit verdankten, stellte im Gegentheil aber eine große Gefahr für
+Michael Strogoff dar. Wenn der Zufall den Courier des Czaaren Iwan Ogareff
+vor Augen führte, mußte dieser ohne Zweifel den Reisenden wiedererkennen,
+den er auf dem Relais zu Ichim so brutal behandelt hatte, und wenn Michael
+Strogoff damals auch sich nicht, wie er es in jedem andern Falle gethan
+hätte, gegen die ihm angethane Schmach vertheidigte, so mußte er doch der
+Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit werden, – was der Erreichung seiner
+Ziele gewiß nicht förderlich sein konnte.
+
+Hierin lag die bedenklichere Seite der Anwesenheit Iwan Ogareff’s. Dagegen
+durfte es als eine glückliche Folge seiner Ankunft betrachtet werden, daß
+noch an demselben Tage der Befehl zur Aufhebung des Lagers und zur
+Verlegung des Quartiers nach Tomsk erging.
+
+Michael Strogoff’s lebhafter Wunsch ging hiermit in Erfüllung. Seine
+Absicht war es, wie bekannt, Tomsk inmitten der übrigen Gefangenen zu
+erreichen, d. h. ohne dabei Gefahr zu laufen, Plänklern in die Hände zu
+fallen, welche die Umgegend jener wichtigen Stadt in großer Anzahl
+umschwärmten. In Folge der Ankunft Iwan Ogareff’s aber und der Furcht, von
+diesem erkannt zu werden, entstand ihm doch die Frage, ob er nicht lieber
+auf den ersteren Vortheil verzichten und unterwegs zu entfliehen versuchen
+solle.
+
+Michael Strogoff hätte sich wahrscheinlich noch für das letztere
+entschieden, als ihm zu Ohren kam, daß Feofar-Khan und Iwan Ogareff an der
+Spitze mehrerer tausend Reiter schon nach jener Stadt abgegangen seien.
+
+„Ich werde es also abwarten, sagte er sich, wenn sich nicht eine ganz
+ausnahmsweise günstige Gelegenheit zur Flucht darbietet. Diesseit Tomsk
+überwiegen ja die schlechten Chancen, jenseit desselben nehmen die guten
+immer zu, da ich dort binnen wenig Stunden über die am meisten nach Osten
+vorgeschobenen Posten der Tartaren hinausgelangen kann. Noch drei Tage
+Geduld und dann stehe Gott mir bei!“
+
+In der That brauchte es nur einer Reise von drei Tagen, welche die
+Gefangenen unter strenger Aufsicht einer starken Abtheilung Tartaren durch
+die Steppe zurückzulegen hatten. Zwischen dem Lager und der Stadt lag eine
+Entfernung von einhundertfünfzig Werst. Den Soldaten des Emirs, die an
+nichts Mangel litten, ward dieser Weg zwar leicht genug, desto schwerer
+aber den unglücklichen, durch Entbehrungen aller Art geschwächten
+Gefangenen. Mehr als eine Leiche sollte ihren Zug über die sibirische
+Heerstraße bezeichnen.
+
+Am 12. August um zwei Uhr Nachmittags, bei großer Hitze und wolkenlosem
+Himmel, gab der Toptschi-Baschi Befehl zum Aufbruch.
+
+Nachdem sie sich Pferde gekauft hatten, waren Alcide Jolivet und Harry
+Blount schon auf dem Wege nach Tomsk, wo die Logik der Thatsachen die
+wichtigsten Personen dieser Geschichte voraussichtlich vereinigen mußte.
+Unter den von Iwan Ogareff nach dem tartarischen Lager geschleppten
+Gefangenen befand sich auch eine bejahrte Frau, deren Schweigsamkeit sie
+von allen Uebrigen, welche ihr Loos theilten, auffallend unterschied. Kein
+Klagelaut kam über ihre Lippen. Man hätte sie eine Bildsäule des Schmerzes
+nennen können. Diese fast stets unbewegliche, ruhige und aufmerksamer als
+die Andern bewachte Frau wurde, ohne daß sie es ahnte oder sich darum zu
+kümmern schien, stets von Sangarre beobachtet. Trotz ihres Alters hatte
+auch sie dem Gefangenentransporte zu Fuße folgen müssen, ohne daß Jemand
+versucht hätte, ihr irgend eine Erleichterung zu gewähren.
+
+Dagegen sendete die weise Vorsehung ein muthiges, liebenswürdiges anderes
+Wesen an ihre Seite, das ganz dazu geschaffen schien, ihr Beistand zu
+leisten. Unter ihren Unglücksgefährten befand sich ein junges, durch seine
+Schönheit und Kaltblütigkeit ausgezeichnetes Mädchen, das es sich zur
+Aufgabe machte, über sie zu wachen. Noch war zwischen den beiden
+Gefangenen kaum ein Wort gewechselt worden, und doch war das junge Mädchen
+stets zur Hand, wenn es der alten Frau nur den geringsten Dienst leisten
+konnte. Letztere hatte von Anfang an die stumme Sorgfalt der Unbekannten
+nicht ohne einiges Mißtrauen gesehen. Nach und nach besiegte aber der
+gerade, offene Blick des Mädchens, ihre Zurückhaltung und die
+geheimnißvolle Sympathie, welche die Gemeinsamkeit des Schmerzes zwischen
+zwei gleichmäßig Unglücklichen so leicht hervorruft, die stolze, halb
+abweisende Kälte Marfa Strogoff’s. Nadia, – denn sie war es, – hatte auf
+diese Weise unbewußt der Mutter einen Theil der Wohlthaten zurückzahlen
+können, die sie dem Sohne schuldete. Ihr von Natur gutes Herz hatte sie
+hier doppelt gut geleitet. Dadurch, daß sie Jener gern diente, erwarb sich
+Nadia für ihre Jugend und Schönheit den Schutz der älteren Gefangenen.
+Mitten in dieser Menge elender, durch ihre Leiden gereizter Leute wußten
+sich diese beiden schweigsamen weiblichen Wesen, deren Eine die
+Großmutter, die Andere die Enkelin zu sein schien, doch immer eine Art
+Hochachtung zu sichern.
+
+Nadia war, nachdem sie die tartarischen Plänkler in die Barken auf dem
+Irtysch geschleppt hatten, nach Omsk gebracht worden. In der Stadt
+gefangen gehalten, theilte sie das Loos aller derjenigen, welche die
+Truppen Iwan Ogareff’s bis dahin eingebracht hatten, und folglich auch das
+Marfa Strogoff’s.
+
+Ohne ihre unbeugsame Energie wäre Nadia wohl dem doppelten Schlage, der
+sie traf, unterlegen. Die Unterbrechung ihrer Reise und der Tod Michael
+Strogoff’s drückten und empörten sie zu gleicher Zeit. Vielleicht für
+immer getrennt von ihrem Vater, nach so unsäglichen glücklich
+überstandenen Mühen, die sie ihm genähert hatten, und, um ihren Schmerz
+auf’s Höchste zu steigern, der Verlust des unerschrockenen Begleiters, den
+Gott selbst ihr auf den Weg gesendet zu haben schien, um sie zum Ziel zu
+geleiten, – Alles hatte sie mit einem Schlage verloren. Nie schwand das
+Bild Michael Strogoff’s, der vor ihren Augen von einem Lanzenstoße
+getroffen in den Fluthen des Irtysch versank, aus ihren Gedanken. Mußte
+ein solcher Mann einen so traurigen Tod finden? Für wen sparte Gott seine
+Wunder, wenn dieser Gerechte, der gewiß einem edlen Zwecke diente, so
+jammervoll auf seinem Wege aufgehalten werden sollte? Manchmal gewann der
+Zorn die Oberhand über ihren Schmerz. Die schmachvolle Behandlung, die ihr
+Begleiter auf dem Relais zu Ichim so unerwartet ruhig über sich ergehen
+ließ, kam ihr wieder in den Sinn. Ihr Herzblut kochte bei dieser
+Erinnerung.
+
+„Wer wird wohl diesen Todten rächen, sagte sie zu sich selbst, da er es
+selbst nicht mehr kann?“
+
+Und dann richtete sie heimlich ihr Gebet zu Gott und rief:
+
+„Mach es, Herr, daß ich es sein darf!“
+
+Hätte ihr Michael Strogoff nur noch vor seinem Tode sein Geheimniß
+anvertraut, wie gern hätte sie, wenn auch ein Weib und noch ein halbes
+Kind, den Auftrag des Bruders zu erledigen versucht, eines Bruders, den
+Gott ihr nicht erst hätte schenken sollen, wenn sie ihn so zeitig wieder
+verlieren sollte!...
+
+Man begreift, daß Nadia, von solchen Gedanken erfüllt, für die Leiden
+ihrer Gefangenschaft fast unempfindlich wurde.
+
+Da hatte sie der Zufall, ohne die geringste Ahnung ihrerseits, mit Marfa
+Strogoff zusammengeführt. Wie konnte sie auf den Gedanken kommen, daß
+diese alte Frau, ihre Mitgefangene, die Mutter ihres früheren Begleiters
+sein könne, der für sie ja stets der Kaufmann Nicolaus Korpanoff gewesen
+war. Und wie hätte Marfa auf der andern Seite ahnen können, welches Band
+der Erkenntlichkeit das junge Mädchen an ihren Sohn fesselte?
+
+Was Nadia zuerst an Marfa auffiel, das war eine Art geheimer
+Uebereinstimmung, womit Jede von ihnen sich ihrem bedauernswerthen Loose
+unterwarf. Der stoische Gleichmuth der alten Frau gegenüber den Leiden und
+Entbehrungen ihres täglichen Lebens, diese Verachtung aller körperlichen
+Beschwerden, konnte Marfa nur aus einem geheimen Schmerze gewinnen, der
+dem ihrigen an Größe gleichkam. Das waren die Gedanken Nadia’s, und wir
+wissen, daß sie sich damit nicht täuschte. Eine instinctive Sympathie für
+jene Schmerzen, welche Marfa Strogoff nicht zeigte, zog Nadia zuerst zu
+ihr hin. Diese Art und Weise, ihr Leid und Weh zu tragen, harmonirte mit
+der stolzen Seele des jungen Mädchens. Sie bot Jener ihre Dienste nicht
+erst an, sie leistete sie ihr. Marfa kam nicht dazu, diese annehmen oder
+abschlagen zu können. An beschwerlicheren Stellen des Weges war das junge
+Mädchen da und unterstützte sie mit ihren Armen. Wenn Nahrungsmittel
+ausgetheilt wurden, hätte die alte Frau wohl nie etwas geholt, aber Nadia
+theilte mit ihr die eigenen kärglichen Mahlzeiten, so daß sie Beide den
+qualvollen Zug durch das Land auf gleiche Weise zurücklegten. Dank ihrer
+jungen Begleiterin vermochte Marfa Strogoff den Soldaten, welche den
+Gefangenentransport leiteten, zu folgen, ohne an einen Sattelknopf
+gefesselt zu werden, wie manche andere Unglückliche, welche so auf ihrem
+Schmerzenswege dahin geschleppt wurden.
+
+„Gott lohne es Dir, meine Tochter, was Du für meine alten Tage gethan
+hast!“ sagte einmal Marfa Strogoff, das einzige Wort, das während einer
+langen Zeit zwischen den beiden armen Wesen gewechselt worden war.
+
+Man hätte meinen sollen, daß die ältere Frau und das junge Mädchen im
+Verlaufe mehrerer Tage, die ihnen wie Jahrhunderte erschienen, sich einmal
+über ihre Verhältnisse ausgesprochen hätten. Marfa Strogoff hatte aber aus
+leicht begreiflichen Gründen, und auch das nur möglichst kurz, von sich
+allein gesprochen. Sie hatte nie ihres Sohnes oder des traurigen
+Augenblicks erwähnt, der sie mit ihm zusammenführte.
+
+Ebenso verhielt sich Nadia lange Zeit fast stumm, vermied wenigstens jedes
+unnütze Wort. Erst als sie eines Tages immer deutlicher fühlte, daß sie
+eine hohe, edle Seele in ihrer Begleiterin vor sich hatte, ging ihr das
+Herz über und sie erzählte, ohne etwas zu verheimlichen, Alles, was ihr
+seit der Abreise von Wladimir bis zum Tode Nicolaus Korpanoff’s begegnet
+war. Was sie von ihrer jungen Begleiterin hörte, erregte die lebhafteste
+Theilnahme der alten Sibirerin.
+
+„Nicolaus Korpanoff, sagte sie, erzähle mir noch mehr von diesem Nicolaus!
+Ich kenne nur einen Mann, nur einen einzigen unter der jetzigen Jugend,
+von dem mich ein solches Benehmen nicht Wunder genommen hätte! Nicolaus
+Korpanoff? War das auch sein Name? Bist Du dessen sicher, meine Tochter?
+
+— Warum sollte er mich hierin getäuscht haben, erwiderte Nadia, da er in
+allen andern Dingen die Wahrheit sprach?“
+
+Dennoch trieb ein ungewisses Gefühl Marfa Strogoff, an Nadia immer weitere
+Fragen zu stellen.
+
+„Du sagst mir er sei unerschrocken gewesen, meine Tochter; Du hast mir
+versichert, daß er es war, sagte sie.
+
+— Gewiß, unerschrocken, bestätigte Nadia.
+
+— So wäre mein Sohn auch gewesen“, murmelte Marfa Strogoff halb für sich.
+
+Dann fuhr sie fort:
+
+„Du sagst mir auch, daß Nichts ihn aufhalten konnte, daß Nichts ihn
+erschreckte, daß er so mild war, bei aller Kraft, daß Du in ihm ebenso gut
+eine Schwester, wie einen Bruder hattest, daß er über Dich wachte, wie
+eine Mutter?
+
+— Ja, ja, erwiderte Nadia, Bruder, Schwester, Mutter, o, er war mir Alles!
+
+— Und auch ein Löwe, Dich zu vertheidigen?
+
+— Wahrhaftig, ein Löwe! antwortete Nadia; ja ein Löwe, ein Held!
+
+— Mein Sohn, mein Sohn! dachte die alte Sibirierin. Du sagst auch, daß er
+im Posthofe zu Ichim sich eine so unwürdige Behandlung gefallen ließ?
+
+— Ja, er ertrug sie, meinte Nadia und senkte das Haupt.
+
+— Er hat sie ertragen? murmelte zitternd Marfa Strogoff.
+
+— Mutter, Mutter! rief Nadia, verdammt ihn nicht! Er trug ein Geheimniß
+mit sich, worüber heut nur Gott noch Richter sein kann.
+
+— Und damals, fuhr Marfa Strogoff fort, den Kopf wieder aufrichtend und
+Nadia scharf ansehend, als wolle sie im tiefsten Grund ihrer Seele lesen,
+in jener Stunde der Erniedrigung, hast Du damals jenen Nicolaus Korpanoff
+verachtet?
+
+— Ich habe ihn bewundert, ohne ihn zu verstehen! erwiderte das junge
+Mädchen. Ich habe niemals mehr Hochachtung für ihn gefühlt.“
+
+Die alte Frau schwieg einen Augenblick.
+
+„Er war groß? fragte sie hierauf.
+
+— Sehr groß.
+
+— Und sehr schön, nicht wahr? Sprich nur meine Tochter.
+
+— Er war sehr schön, antwortete Nadia leicht erröthend.
+
+— Das war mein Sohn! Ich sage Dir, das ist mein Sohn gewesen! rief die
+alte Frau überwältigt und schloß Nadia in ihre Arme.
+
+— Dein Sohn? versetzte Nadia ganz erstaunt, Dein Sohn!
+
+— Weiter, drängte Marfa, komme zum Ende, mein Kind. Dein Begleiter, Dein
+Freund, Dein Beschützer, er hatte doch eine Mutter. Hat er Dir niemals von
+seiner Mutter gesprochen?
+
+— Von seiner Mutter? Er hat mir von seiner Mutter gesprochen, wie ich ihm
+von meinem Vater. O, er betete sie an, diese Mutter!
+
+— Nadia, Nadia! Du hast mir die Geschichte meines eigenen Sohnes erzählt“,
+schluchzte die alte Frau.
+
+Dann fügte sie ruhiger hinzu:
+
+„Schien es denn gar nicht in seiner Absicht zu liegen, diese Mutter,
+welche er, wie Du sagst, so sehr liebte, bei seiner Durchreise in Omsk
+einmal zu sehen?
+
+— Nein, erwiderte Nadia, das wollte er nicht.
+
+— Wie, rief Marfa, Du wagst mir Nein zu sagen?
+
+— Ja gewiß, aber ich muß wohl noch hinzufügen, daß Nicolaus Korpanoff aus
+Gründen, die ihm über Alles gingen und die ich auch selbst nicht kenne,
+gezwungen schien, das Land möglichst unerkannt zu durchziehen. Es war für
+ihn eine Frage auf Tod und Leben, und noch mehr, eine Frage der Ehre und
+Gewissenspflicht.
+
+— Eine Frage der Pflicht, der gebieterischen Pflicht, meinte die alte
+Sibirierin, einer solchen Pflicht, der man Alles aufopfert, für deren
+Erfüllung man alles Andere aufgiebt, sogar die Freude, sich einen Kuß, ach
+vielleicht den letzten, von seiner alten Mutter zu holen! Ich weiß jetzt
+Alles, Nadia, was Dir und mir bis zu dieser Stunde unbekannt blieb. Du
+hast es mir klar gemacht. Dennoch darf ich Dir das Licht, das Du mir
+angezündet hast, nicht auch leuchten lassen. Da mein Sohn Dir sein
+Geheimniß nicht mittheilte, so muß auch ich es ihm bewahren. Verzeihe mir,
+Nadia, ich kann die Wohlthat, die Du mir erwiesen, nicht ebenso vergelten.
+
+— Ich verlange keine Belohnung, Mutter“, antwortete Nadia.
+
+Der alten Sibirerin war nun Alles klar geworden. Alles, bis auf das
+unerklärliche Benehmen ihres Sohnes bei ihrem Anblick in dem Gasthause zu
+Omsk, in Gegenwart der Zeugen ihres Zusammentreffens. Sie zweifelte keinen
+Augenblick mehr, daß der Begleiter des jungen Mädchens Michael Strogoff
+gewesen sei, daß eine geheime Mission, eine wichtige Depesche, die er
+durch das überfallene Gebiet zu besorgen hatte, ihn zwang, seine
+Eigenschaft als Courier des Czaaren zu verheimlichen.
+
+„O mein braves Kind! dachte Marfa Strogoff; nein, ich werde dich nicht
+verrathen und keine Tortur soll mir das Geständniß ablocken, daß Du es
+wirklich warst, den ich in Omsk gesehen habe!“
+
+Marfa Strogoff hätte Nadia mit einem Worte für ihre erwiesene Ergebenheit
+belohnen können. Sie konnte ihr mittheilen, daß ihr Begleiter Nicolaus
+Korpanoff, oder vielmehr Michael Strogoff, nicht in den Wellen des Irtysch
+umgekommen sei, da sie selbst ihn mehrere Tage nachher gesehen und selbst
+gesprochen hatte!...
+
+Sie hielt aber an sich; sie schwieg und begnügte sich zu sagen:
+
+„Gieb die Hoffnung nicht auf, mein Kind! Das Unglück kann Dich nicht für
+immer verfolgen. Du wirst Deinen Vater wiedersehen, ich fühle es, und
+vielleicht ist auch der, der Dich Schwester nannte, noch nicht todt! Gott
+kann es nicht gestatten, daß Dein edler Gefährte umgekommen sei!... Hoffe
+noch immer, meine Tochter! Mach’ es wie ich! Die Trauerkleidung, welche
+ich trage, gilt meinem Sohne noch nicht!“
+
+
+
+
+ Drittes Capitel.
+
+
+ Schlag für Schlag.
+
+
+In dieser Weise gestaltete sich also das Verhältniß Marfa Strogoff’s und
+Nadia’s zu einander. Die alte Sibirerin hatte Alles durchschaut, und wenn
+dem jungen Mädchen auch nicht bekannt war, daß ihr so aufrichtig
+betrauerter Begleiter noch lebte, so wußte sie doch, was seiner kindlich
+verehrten Mutter geschah, und sie dankte Gott dafür, daß er ihr die Freude
+gewährte, der Gefangenen den verlorenen Sohn einigermaßen zu ersetzen.
+
+Weder die Eine noch die Andere konnten aber wissen, daß der bei Kolyvan
+gefangene Michael Strogoff sich in demselben Zuge befinde und gleichzeitig
+mit ihnen nach Tomsk transportirt werde.
+
+Die von Iwan Ogareff weiter zugeführten Gefangenen wurden mit denen,
+welche der Emir schon in dem tartarischen Lager bewachen ließ, vereinigt.
+Nach Tausenden zählten diese Unglücklichen, Russen oder Sibirier, Militärs
+oder Civilpersonen, und bildeten einen Zug von mehreren Werst Länge.
+Diejenigen derselben, welche man für die gefährlichsten hielt, waren
+mittels Handschellen an eine lange Kette geschlossen. Frauen und Kinder
+band oder hängte man an die Sattelknöpfe, um sie ohne Erbarmen auf der
+Straße hinzuschleppen. Man trieb sie wie eine Heerde Vieh vor sich her.
+Die begleitenden Reiter sahen auf die Einhaltung einer gewissen Ordnung,
+so daß es hier keine Nachzügler gab, außer denjenigen, welche zusammen
+brachen, um nicht wieder aufzustehen.
+
+In Folge dieser Ordnung kam es, daß Michael Strogoff, der sich in den
+ersten Reihen befand, die das Feldlager verließen, d. h. unter den
+Gefangenen von Kolyvan, nicht unter die zuletzt aus Omsk angelangten
+Gefangenen gemischt wurde. Er konnte also die Anwesenheit seiner Mutter
+und Nadia’s in demselben Gefangenenzuge ebenso wenig ahnen, wie diese die
+seinige.
+
+Dieser Zug vom Lager bis nach Tomsk, unter der Knute der Soldaten und
+solch’ traurigen Verhältnissen, wurde für nicht Wenige tödtlich, für Alle
+furchtbar. Man marschirte quer durch die Steppe, auf einer Straße, die
+durch den mit seiner Avantgarde vorausziehenden Emir nur noch staubiger
+geworden war. Dazu war Befehl gegeben, möglichst schnell nachzurücken, so
+daß nur selten und dann nur kurze Zeit Halt gemacht wurde. Diese 150 Werst
+unter brennender Sonne zurückzulegen schien, trotz der Schnelligkeit der
+Bewegung, ein endloser Weg zu sein!
+
+Es ist eine ganz unfruchtbare Gegend, die sich dort vom rechten Ufer des
+Obi bis zum Fuße der Vorberge erstreckt, welche zu dem von Norden nach
+Süden verlaufenden Sayanskgebirge gehören. Kaum unterbrechen einige
+magere, halb verbrannte Gebüsche die Einförmigkeit dieser grenzenlosen
+Ebene. Von Bodencultur ist bei dem Wassermangel hier keine Rede, und auch
+den von dem anstrengenden Marsche erschöpften Gefangenen fehlte es vor
+allen Dingen an dem erquickenden Wasser. Um einen Fluß anzutreffen, hätte
+man sich etwa fünfzig Werst weiter nach Osten begeben müssen, bis zu dem
+Fuße jenes Landrückens, der die Wasserscheide zwischen dem Obi und Jeniseï
+darstellt. Dort läuft der Tom, ein kleiner Nebenfluß des Obi, der auch die
+Stadt Tomsk durchfließt, bevor er sich in einer der großen Wasseradern des
+Nordens verliert. Dort wäre Wasser in Ueberfluß, die Steppe minder dürr,
+die Hitze nicht so drückend gewesen. Die Führer des Zuges hatten aber die
+gemessensten Befehle erhalten, auf dem kürzesten Wege nach Tomsk zu
+marschiren, denn der Emir mußte jede Stunde fürchten, in der Flanke gefaßt
+und von einer aus den nördlichen Provinzen herab dringenden russischen
+Colonne abgeschnitten zu werden. Die große sibirische Heerstraße berührte
+nun aber die Ufer des Tom nicht, wenigstens nicht mit dem Tracte zwischen
+Kolyvan und dem nächsten kleinen, Zabediero genannten Flecken, – und von
+der Straße durfte nicht abgewichen werden.
+
+Wir wollen uns nicht unnützer Weise bei den Leiden so vieler unglücklicher
+Gefangener aufhalten. Mehrere Hundert fielen auf der Steppe, wo ihre
+Leichen einfach liegen blieben, bis die vom Winter wieder hierher
+getriebenen hungrigen Wölfe den Rest ihrer Gebeine verzehrten.
+
+So wie Nadia jeden Augenblick bei der Hand war, der alten Sibirerin
+helfend beizuspringen, so erwies auch Michael Strogoff, da er sich frei
+bewegen konnte, seinen schwächlicheren Leidensgefährten alle unter diesen
+Verhältnissen möglichen Dienste. Er sprach den Einen Muth zu, unterstützte
+die Andern, schonte sich selbst nach keiner Seite, ging ab und zu, bis ihn
+die Lanze eines Reiters zwang, den ihm in seiner Reihe angewiesenen Platz
+wieder einzunehmen.
+
+Weshalb versuchte er nicht zu fliehen? – Weil jetzt sein Entschluß fest
+stand, sich nicht eher in die Steppe hinaus zu wagen, als bis sie ihm die
+nothwendige Sicherheit böte. Er hatte sich nun einmal vorgenommen, „auf
+Unkosten des Emirs“ bis Tomsk zu gelangen, und wählte hiermit wohl auch
+den besten Theil. Wenn er die zahlreichen kleinen Abtheilungen
+berücksichtigte, welche die Ebene auf beiden Seiten des Zuges, bald im
+Süden und bald im Norden umschwärmten, so mußte er zu der Ueberzeugung
+gelangen, daß er gewiß kaum zwei Werst vorwärts gekommen wäre, ohne von
+diesen wieder aufgegriffen zu werden. Ueberall schwärmten die
+Tartarenreiter umher und schienen manchmal aus der Erde hervor zu kommen,
+wie die lästigen Insecten, welche nach einem Platzregen den Boden
+bedecken. Uebrigens erschien ein Fluchtversuch unter den obwaltenden
+Verhältnissen sehr schwer, wenn nicht ganz unausführbar. Die escortirenden
+Soldaten wachten mit äußerster Strenge, denn für eine erwiesene
+Nachlässigkeit stand ihr eigener Kopf auf dem Spiele.
+
+Am 15. August erreichte der Zug mit sinkendem Tage endlich den kleinen
+Flecken Zabediero, etwa dreißig Werst von Tomsk. Hier vereinigte sich die
+Straße mit dem Laufe des Tom.
+
+Gern wären die Gefangenen zuerst nach dem Wasser des Flusses geeilt, ihre
+Wächter gestatteten ihnen aber nicht eher aus den Reihen zu treten, als
+bis ein provisorisches Lager eingerichtet war. Trotz der zu jener Zeit
+gerade überaus heftigen Strömung des Tom hätte der Fluß doch die Flucht
+einiger Wagehälse oder Halbverzweifelter begünstigen können, weshalb die
+sorgsamsten Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden. Auf den Fluß verlegte man
+eine Reihe aus Zabediero requirirter Boote, die eine Kette unmöglich zu
+durchbrechender Hindernisse bildeten. Die Außenlinie der an die ersten
+Häuser des Städtchens gelehnten Lagerstätte umschloß dagegen ein lückenlos
+dichter Cordon von Feldwachen.
+
+Wenn Michael Strogoff auch einen Augenblick daran denken mochte, sich von
+hier aus in die Steppe zu flüchten, so sah er doch, nachdem er sich über
+die Sachlage unterrichtet, leicht ein, daß unter diesen Verhältnissen
+jeder Fluchtversuch unmöglich sei, und beschloß, sich in Geduld zu fassen,
+um nicht Alles auf’s Spiel zu setzen.
+
+Die Gefangenen lagerten die ganze Nacht über an den Ufern des Tom. Der
+Emir hatte den Befehl erlassen, seine Truppen am folgenden Tage nach Tomsk
+hinein zu führen. Dort sollte die Verlegung des Hauptquartiers nach jener
+wichtigen Stadt durch ein großes militärisches Fest gefeiert werden.
+Feofar-Khan residirte schon in dem Fort derselben, während das Gros der
+Armee vor den Mauern bivouakirte, um vereint mit der nachfolgenden
+Abtheilung einen imposanten Einzug zu halten.
+
+Iwan Ogareff hatte den Emir in Tomsk gelassen, woselbst Beide am Tage
+vorher eingetroffen waren, und war nach dem Lager von Zabediero zurück
+gekehrt. Von dort wollte er am folgenden Tage mit der Arrièregarde des
+tartarischen Heeres aufbrechen. Zu seinem Nachtquartier fand er daselbst
+ein eigenes Haus vorgerichtet. Mit Sonnenaufgang setzte sich die
+Infanterie und Cavallerie der Truppe unter seinem Befehle nach Tomsk in
+Bewegung, wo der Emir Alle mit dem bei den asiatischen Souveränen
+gebräuchlichen Pompe empfangen wollte.
+
+Nach Organisirung des Lagers durften die von den drei Marschtagen auf’s
+Aeußerste erschöpften Gefangenen endlich ihren quälenden Durst löschen und
+einige Ruhe genießen.
+
+Schon war die Sonne untergegangen und der Horizont nur noch durch ein
+schwaches Dämmerlicht erhellt, als Nadia, am Arme Marfa Strogoff, am Ufer
+des Tom anlangten. Beide hatten vorher die dichten Massen der
+Verschmachteten, welche das Flußufer umdrängten, nicht zu durchbrechen
+vermocht und kamen jetzt erst dazu, sich einen erfrischenden Trank zu
+erobern.
+
+Die alte Sibirerin beugte sich erschöpft über das Wasser; Nadia schöpfte
+daraus mit ihrer Hand und führte diese an Marfa’s Lippen. Dann erst
+erquickte sie sich auch selbst. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen
+tranken ein neues Leben aus den wohlthätigen Fluthen.
+
+Da wandte sich Nadia, eben als sie das Ufer wieder verlassen wollten,
+plötzlich um. Ein unwillkürlicher Aufschrei entrang sich ihren Lippen.
+
+Michael Strogoff war da, nur wenige Schritte von ihr!
+
+Ja, er war es! Das letzte Tageslicht fiel auf ihn.
+
+Michael Strogoff erzitterte wohl bei jenem Schrei ... Er gewann aber genug
+Herrschaft über sich, um nicht ein Wort hören zu lassen, das ihn hätte
+compromittiren können.
+
+Gleichzeitig mit Nadia hatte er auch seine Mutter erkannt!...
+
+Tiefbewegt von diesem unerwarteten Zusammentreffen drückte Michael
+Strogoff, um seiner Herr zu bleiben, die Hand vor die Augen und entfernte
+sich.
+
+Nadia wollte instinctiv auf ihn zueilen, die alte Sibirerin aber hielt sie
+zurück und raunte ihr in’s Ohr:
+
+„Bleib’ hier, meine Tochter!
+
+— Er ist es! entgegnete Nadia mit vor Erregung unterdrückter Stimme. Er
+lebt, Mutter! Er ist es!
+
+— Ja, es ist mein Sohn, bestätigte Marfa Strogoff, das ist Michael
+Strogoff, und Du siehst, daß ich keinen Schritt zu ihm hin thue. Folge mir
+darin, meine Tochter!“
+
+Michael Strogoff war eine Beute der tief innerlichsten Bewegung, die wohl
+je ein Mann empfinden kann. Er wußte seine Mutter und Nadia hier. Diese
+beiden Gefangenen, welche vereint in seinem Herzen wohnten, hatte der
+Himmel zu gemeinschaftlichem Unglück zusammen geführt. Wußte Nadia nun,
+wer er war? Nein, denn er hatte Marfa Strogoff’s Handbewegung bemerkt, mit
+der sie jene zurückhielt, als sie auf ihn zueilen wollte. Marfa Strogoff
+hatte Alles durchschaut und sein Geheimniß bewahrt.
+
+Zwanzigmal während dieser Nacht stand Michael Strogoff auf dem Punkte,
+seine Mutter aufzusuchen, aber er sah immer wieder ein, daß er dem
+herzinnigen Wunsche widerstehen müsse, sie in seine Arme zu pressen und
+die Hand seiner jungen Gefährtin zu drücken. Die geringste Unklugheit
+konnte ihn ja verderben! Er hatte zudem geschworen, seine Mutter nicht zu
+sehen, und freiwillig wenigstens sollte es nicht geschehen. Einmal in
+Tomsk angekommen, wollte er, da es in dieser Nacht unmöglich war,
+hinausflüchten in die Steppe, ohne die beiden einzigen Wesen zu umarmen,
+an denen sein ganzes Leben hing und die er so vielen Gefahren ausgesetzt
+zurück ließ.
+
+Michael Strogoff durfte also hoffen, daß dieses neue Zusammentreffen im
+Lager zu Zabediero weder für seine Mutter noch für ihn nachtheilige Folgen
+haben werde. Er wußte aber nicht, daß gewisse Einzelheiten dieser Scene,
+trotz ihres schnellen Verlaufes, von Sangarre, der Spionin Iwan Ogareff’s,
+beobachtet wurden.
+
+Auch die Zigeunerin befand sich nämlich am Ufer, wo sie wie immer die alte
+Sibirerin ohne deren Wissen argwöhnisch überwachte. Michael Strogoff,
+welcher schon verschwunden war, als sie sich umsah, konnte sie damals zwar
+nicht gewahr werden, die hastige Bewegung seiner Mutter aber, als sie
+Nadia zurück hielt, entging ihr nicht, und ein Aufleuchten in den Augen
+Marfa’s sagte ihr Alles.
+
+Es stand ihr nun außer Zweifel, daß der Sohn Marfa Strogoff’s, der Courier
+des Czaaren, sich in dieser Stunde in Zabediero, unter den Gefangenen Iwan
+Ogareff’s befinden müsse.
+
+Sangarre kannte ihn nicht, aber sie wußte, daß er da war! Sie suchte ihn
+vorläufig also auch nicht zu entdecken, was bei der Dunkelheit und mitten
+in dieser zahlreichen Menschenmenge ohnehin unmöglich schien.
+
+Auch eine weitere Beobachtung Nadia’s und Marfa Strogoff’s hielt sie für
+nutzlos. Offenbar würden die beiden Frauen äußerst vorsichtig sein und
+Alles strengstens vermeiden, was den Courier des Czaaren nur irgend
+compromittiren könnte.
+
+Die Zigeunerin bewegte nur ein Gedanke, der, Iwan Ogareff Bericht zu
+erstatten. Sie verließ also sofort das Lager.
+
+Nach Verlauf einer Viertelstunde gelangte sie nach Zabediero und wurde in
+das von dem Oberbefehlshaber des Emirs bewohnte Haus eingelassen.
+
+Sofort empfing Iwan Ogareff die Zigeunerin.
+
+„Was willst Du von mir, Sangarre? fragte er.
+
+— Der Sohn Marfa Strogoff’s befindet sich im Lager, antwortete das Weib.
+
+— Als Gefangener?
+
+— Als Gefangener!
+
+— O, rief Iwan Ogareff, so werde ich wissen ...
+
+— Du wirst Nichts wissen, Iwan, fiel ihm die Zigeunerin in’s Wort, denn Du
+kennst ihn ja nicht.
+
+— Aber Du kennst ihn, Du! Du hast ihn gesehen, Sangarre!
+
+— Nein, noch sah ich ihn nicht, aber seine Mutter verrieth sich durch eine
+Bewegung, die mir Alles erklärte.
+
+— Täuschest Du Dich nicht?
+
+— Ich täusche mich nicht.
+
+— Du weißt, welches Gewicht ich auf die Einbringung dieses Couriers lege,
+sagte Iwan Ogareff. Wird das ihm in Moskau jedenfalls übergebene
+Cabinetsschreiben dem Großfürsten ausgehändigt, so wird dieser auf seiner
+Hut sein und ich werde mich ihm nicht zu nähern vermögen. Jenen Brief muß
+ich also um jeden Preis erlangen. Nun kommst Du mit der Meldung, der
+Ueberbringer jener kaiserlichen Botschaft befinde sich schon in meiner
+Gewalt. Ich frage Dich also noch einmal, Sangarre, täuschte Dich Deine
+Beobachtung nicht?“
+
+Iwan Ogareff hatte sehr lebhaft gesprochen. Seine Erregung bewies, welchen
+Werth er auf den Besitz jenes Briefes legte. Sangarre wurde von der
+bestimmten Wiederholung jener Frage keineswegs betroffen oder wankend in
+ihrer Ueberzeugung.
+
+„Ich täusche mich nicht, Iwan, antwortete sie mit Nachdruck.
+
+— Im Lager befinden sich aber mehrere Tausend Gefangene, und Du sagtest,
+daß Dir Michael Strogoff von Person nicht bekannt sei.
+
+— Nein, versetzte Sangarre, in deren Augen eine wilde Freude aufblitzte,
+ich, ich kenne ihn nicht, aber seine Mutter kennt ihn doch. Nun, Iwan, man
+wird seine Mutter zum Sprechen zwingen müssen.
+
+— Morgen soll das geschehen!“ erwiderte Iwan Ogareff.
+
+Dann streckte er der Zigeunerin seine Hand hin und diese küßte sie, ohne
+daß diese bei den Völkerschaften des Nordens so gebräuchliche
+Achtungsbezeugung den Anschein der dienerhaften Unterwürfigkeit zeigte.
+
+Sangarre kehrte nach dem Lager zurück. Sie spürte bald die Stelle aus, an
+der sich Nadia und Marfa Strogoff befanden, und ließ diese nun die ganze
+Nacht über nicht aus den Augen. Die bejahrte Frau und das junge Mädchen
+schliefen nicht, trotzdem daß die Erschöpfung sie fast übermannte. Eine
+fieberhafte Unruhe hielt sie munter. Michael Strogoff war am Leben, aber
+Gefangener gleich ihnen. Wußte das Iwan Ogareff, und wenn nicht, würde er
+es noch erfahren? Nadia beschäftigte sich nur mit dem einen Gedanken, daß
+ihr todt geglaubter Gefährte noch lebe. Marfa Strogoff’s Blick reichte
+weiter in die Zukunft, und wenn sie auch um sich selbst nicht besorgt war,
+so hatte sie doch Grund genug, für ihren Sohn das Schlimmste zu
+befürchten.
+
+Sangarre schlich sich im Dunkeln bis dicht an die beiden Frauen heran und
+verweilte so einige Stunden lang gespannt lauschend ... Vergeblich. Wie
+durch ein geheimes Gebot der Klugheit vermieden es Marfa Strogoff und
+Nadia, überhaupt ein Wort zu wechseln.
+
+Am folgenden Tage, dem 16. August, Morgens gegen zehn Uhr, schmetterten
+helle Fanfaren am Rande des Lagers. Die tartarischen Soldaten traten
+augenblicklich unter die Waffen.
+
+Aus Zabediero kam Iwan Ogareff, umgeben von einem zahlreichen Stabe
+tartarischer Officiere herangeritten. Sein Antlitz erschien noch
+finsterer, als gewöhnlich, und die strengen Züge verriethen einen
+verhaltenen Zorn, der nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch harrte.
+
+Unter einer Gruppe Gefangener verloren sah Michael Strogoff seinen Feind
+vorüber kommen. Er hatte das unbestimmte Vorgefühl, daß jetzt eine
+Katastrophe nahe sei, denn Iwan Ogareff wußte, daß Marfa Strogoff die
+Mutter Michael Strogoff’s, des Officiers im Corps der Czaarencouriere,
+sei.
+
+Als Iwan Ogareff in der Mitte des Lagers anlangte, stieg er vom Pferde,
+und die Officiere seiner Escorte bildeten einen weiten Kreis rings um ihn.
+
+Da näherte sich Sangarre wieder und sagte:
+
+„Ich habe Dir nichts Neues zu melden, Iwan!“
+
+Iwan Ogareff antwortete nur durch Ertheilung eines Befehles an einen der
+Officiere.
+
+Bald darauf drängten sich viele Soldaten mit roher Gewalt in die Reihen
+der Gefangenen. Von Peitschenschlägen getrieben oder von Lanzenschäften
+gestoßen, mußten die Armen sich eiligst erheben und an der Umfassung des
+Lagers Stellung nehmen. Ein vierfacher Cordon von Fußsoldaten, und hinter
+diesen von Reitern, machte jedes Entweichen unmöglich.
+
+Bald herrschte Schweigen ringsum, und auf ein Zeichen Iwan Ogareff’s begab
+sich Sangarre nach der Gruppe, in deren Mitte Marfa Strogoff sich befand.
+
+Die alte Sibirerin sah sie herankommen. Sie errieth, was geschehen solle.
+Ein verächtliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Dann neigte sie sich zu
+Nadia und sagte zu ihr mit gedämpfter Stimme:
+
+„Du kennst mich nicht mehr, meine Tochter! Was auch kommen und wie hart
+diese Prüfung werden möge, – kein Wort! keine Bewegung! Es handelt sich
+hier um ihn, nicht um mich!“
+
+Da legte, nachdem sie sie einen Augenblick angesehen, Sangarre die Hand
+auf die Schulter der alten Sibirerin.
+
+„Was begehrst Du? fragte Marfa Strogoff.
+
+— Komm’ mit mir!“ erwiderte Sangarre.
+
+Fortdrängend führte sie Jene in die Mitte des freien Raumes vor Iwan
+Ogareff.
+
+Michael Strogoff hielt die Lider halb geschlossen, um sich nicht durch das
+Aufflammen seiner Augen zu verrathen.
+
+Vor Iwan Ogareff angelangt, richtete Marfa Strogoff sich hoch und stolz
+empor, kreuzte die Arme und wartete.
+
+„Du bist ja wohl Marfa Strogoff? fragte sie Iwan Ogareff.
+
+— Die bin ich, antwortete ruhig die alte Sibirerin.
+
+— Erinnerst Du Dich noch Deiner Antwort, als ich Dich vor drei Tagen in
+Omsk um Etwas fragte?
+
+— Nein.
+
+— Du weißt also nicht, daß Dein Sohn als Courier des Czaaren durch Omsk
+gekommen ist?
+
+— Das weiß ich nicht.
+
+— Und jener Mann, den Du im Posthofe als Deinen Sohn zu erkennen
+glaubtest, das war Dein Sohn nicht?
+
+— Nein, das war er nicht.
+
+— Und seitdem ist er Dir auch hier unter den Gefangenen nicht zu Gesicht
+gekommen?
+
+— Nein.
+
+— Und wenn ich Dir ihn zeigte, würdest Du ihn wieder erkennen?
+
+— Nein.“
+
+Bei dieser Antwort, dem Beweise des unerschütterlichen Entschlusses,
+nichts zu gestehen, durchlief ein leises Murmeln die Umgebung.
+
+Iwan Ogareff konnte sich einer drohenden Bewegung nicht enthalten.
+
+„So höre: Dein Sohn ist hier und Du wirst ihn mir sofort bezeichnen.
+
+— Nein!
+
+— Alle die bei Omsk und Kolyvan gefangenen Männer werden Dir vorgeführt
+werden, und wenn Du dann Michael Strogoff nicht bezeichnest, erwarten Dich
+ebenso viele Knutenhiebe, als Gefangene vorüber gekommen sind.“
+
+Iwan Ogareff hatte wohl eingesehen, daß er die unbeugsame Sibirerin trotz
+aller Drohungen und Torturen nicht werde zum Reden bringen können. Um den
+Courier des Czaaren zu entdecken, rechnete er viel weniger auf jene, als
+auf Michael Strogoff selbst. Er hielt es für unmöglich, daß Mutter und
+Sohn, wenn sie einander gegenüber ständen, sich nicht durch irgend eine
+Bewegung verrathen sollten. Wäre es ihm nur allein um das kaiserliche
+Schreiben zu thun gewesen, so brauchte er ja nur einfach einen Befehl zur
+Durchsuchung aller Gefangenen zu erlassen. Michael Strogoff konnte das
+Schriftstück aber auch vernichtet haben, nachdem er seinen Inhalt
+durchlas; wurde er dann nicht erkannt und gelang es ihm vielleicht noch,
+nach Irkutsk zu flüchten, so waren Iwan Ogareff’s Pläne durchkreuzt. Der
+Verräther mußte sich also nicht nur des Briefes, sondern auch des
+Ueberbringers desselben versichern.
+
+Nadia hatte Alles mit angehört; sie wußte nun, wer Michael Strogoff sei
+und warum er die von den Feinden überfallenen Provinzen Sibiriens
+unerkannt durchreisen wollte.
+
+Auf Iwan Ogareff’s Befehl defilirten die Gefangenen Mann für Mann vor
+Marfa Strogoff, welche unbeweglich blieb, wie eine Bildsäule, und deren
+Blicke die vollständigste Gleichgiltigkeit heuchelten.
+
+Ihr Sohn befand sich unter den Letzten, welche herzutraten. Als er vor
+seiner Mutter vorüber schritt, schloß Nadia die Augen, um es nicht mit
+anzusehen.
+
+Auch Michael Strogoff war scheinbar ruhig geblieben, aber seine hohle Hand
+blutete, so fest hatten sich die Nägel eingepreßt.
+
+Iwan Ogareff war vorläufig besiegt durch die Mutter und den Sohn!
+
+Sangarre, welche neben ihm stand, äußerte nur ein Wort.
+
+„Die Knute herbei! sagte sie.
+
+— Ja! rief Iwan Ogareff, der sich nicht mehr bemeistern konnte, die Knute
+dieser alten Schurkin, bis sie den Geist aufgiebt!“
+
+Mit dem schrecklichen Zuchtinstrument in der Hand näherte sich ein
+tartarischer Soldat der Marfa Strogoff.
+
+Die Knute besteht aus einer gewissen Anzahl Lederriemen, deren Enden in
+geflochtene Drahtstücken auslaufen. Man nimmt an, daß eine Verurtheilung
+zu hundertzwanzig Knutenstreichen einem Todesurtheil gleich zu achten ist.
+Marfa Strogoff wußte das wohl, aber sie wußte auch, daß keine Tortur sie
+zum Sprechen zwingen werde, und ihr Leben wollte sie gern zum Opfer
+bringen.
+
+Marfa Strogoff ward von zwei Soldaten ergriffen und auf die Knie zu Boden
+geworfen. Man riß ihr das Kleid herunter und entblößte den Rücken. Nur
+wenige Zoll vor ihrer Brust wurde ein Säbel befestigt, so daß sie in
+dessen Spitze fallen mußte, wenn der Schmerz sie niederbeugte.
+
+Der Tartar stand bereit.
+
+Er wartete eines Zeichens.
+
+„Thu’ Deine Pflicht!“ sagte Iwan Ogareff.
+
+Die Geißel pfiff durch die Luft ...
+
+Aber bevor sie niederfiel hatte eine kräftige Faust sie der Hand des
+Tartaren entrissen.
+
+Michael Strogoff war am Platze, ihn hielt es nicht bei dieser
+entsetzlichen Scene. Wenn er sich auf dem Relais zu Ichim bezwungen hatte,
+als die Peitsche Iwan Ogareff’s ihn selbst traf, hier, wo sie seiner
+Mutter zugedacht war, konnte er sich nicht bemeistern.
+
+Iwan Ogareff hatte gesiegt.
+
+„Michael Strogoff!“ rief er.
+
+Dann trat er näher.
+
+„Ah, sagte er höhnisch, der Mann von Ichim?
+
+— Derselbe!“ schrie Michael Strogoff.
+
+Und schnell erhob er die Knute und schlug Iwan Ogareff wüthend mehrmals
+in’s Gesicht.
+
+„Schlag für Schlag! rief er.
+
+— Brav zurückerstattet!“ ließ sich die Stimme eines Zuschauers vernehmen,
+die sich glücklicher Weise in dem allgemeinen Tumulte verlor.
+
+Ein Haufe Soldaten stürzte sich auf Michael Strogoff, um ihn
+umzubringen ...
+
+Doch Iwan Ogareff, dem ein Schrei des Schmerzes und der Wuth entfuhr,
+hielt sie durch eine Handbewegung zurück.
+
+„Dieser Mann bleibe der Justiz des Emirs aufgespart, sagte er. Man
+durchsuche ihn!“
+
+Das Schreiben mit dem kaiserlichen Siegel ward auf der Brust Michael
+Strogoff’s gefunden, da dieser nicht Zeit gewonnen hatte, es zu
+vernichten. Man reichte es Iwan Ogareff.
+
+Der Zuschauer, von dem der Ausruf: „Brav zurückerstattet!“ herrührte, war
+kein Anderer, als Alcide Jolivet. Sein Gefährte und er wohnten, da sie
+sich noch in Zabediero aufhielten, dieser Scene bei.
+
+„Alle Teufel! sagte er zu Harry Blount, diese Leute aus dem Norden sind
+doch handfeste Männer. Sie geben doch zu, daß wir unsrem Reisegefährten
+nun eine Ehrenerklärung schulden. Korpanoff und Strogoff halten sich die
+Wage! Eine schöne Revanche für die Schmach in Ichim!
+
+— Gewiß, eine gerechte Vergeltung, erwiderte Harry Blount, aber dieser
+Strogoff ist nun ein Mann des Todes. In seinem Interesse hätte er wohl
+besser gethan, die Sache jetzt noch ruhen zu lassen.
+
+— Um seine Mutter unter der Knute verenden zu sehen!
+
+— Glauben Sie, daß er dieser und seiner Schwester durch seinen
+Zornesausbruch ein besseres Loos gesichert hat?
+
+— Ich glaube gar nichts, erwiderte Alcide Jolivet, ich weiß auch nichts,
+als daß ich an seiner Stelle schwerlich anders gehandelt hätte. O, zum
+Teufel, manchmal muß man wohl aufwallen im gerechten Zorn. Gott hätte
+Wasser in unsere Adern gegossen und kein Blut, wenn er wollte, daß wir
+stets und allezeit unerregt blieben.
+
+— Ein hübsches Thema für eine Erzählung! meinte Harry Blount. Nun sollte
+uns Iwan Ogareff nur den Inhalt jenes Briefes mittheilen!...“
+
+Nachdem er sich das Blut, das ihm über das Antlitz rann, abgewischt, hatte
+Iwan Ogareff das Siegel gebrochen. Er las den Brief lange und aufmerksam
+durch, so als wollte er seinem Gedächtniß jedes Wort des Inhaltes
+einprägen.
+
+Endlich gab er noch Befehl, Michael Strogoff sorgsam zu fesseln und mit
+den übrigen Gefangenen nach Tomsk zu transportiren; dann übernahm er den
+Befehl über die Truppen des Lagers von Zabediero und wendete sich, unter
+betäubendem Trommelschlag und gellendem Trompetenschall, der Stadt zu, in
+der der Emir ihn erwartete.
+
+
+
+
+ Viertes Capitel.
+
+
+ Der siegreiche Einzug.
+
+
+Tomsk, 1604, fast im Herzen der sibirischen Provinzen gegründet, ist eine
+der bedeutendsten Städte des asiatischen Rußlands. Tobolsk, das schon über
+den 60. Breitengrad, und Irkutsk, das über den 100. Meridian hinaus liegt,
+sahen Tomsk auf ihre Unkosten zunehmen und gedeihen.
+
+Dennoch ist, wie schon erwähnt, Tomsk nicht die officielle Hauptstadt
+dieser wichtigen Provinz. Der Generalgouverneur derselben residirt
+vielmehr mit den obersten Beamten in Omsk. Dennoch erhob sich Tomsk zur
+hervorragendsten Stadt jenes Landestheiles, der an die Altaïberge, d. h.
+an die chinesische Grenze des Landes der Khalkas, angrenzt. An den
+Abhängen dieses Gebirges verlaufen bis in das Thal des Tom herab ergiebige
+Adern von Platin, Gold, Silber, Kupfer und goldhaltigem Bleierz. Da das
+Land reich ist, ist es auch die Stadt, welche den Mittelpunkt der
+einträglichen Montanindustrie einnimmt. Hier kann der äußere und innere
+Luxus der Gebäude und ihrer Einrichtung, die Pracht der Equipagen wohl mit
+den größten Hauptstädten Europas in die Schranken treten. Es ist eben eine
+Stadt der Millionäre vom Schlägel und der Spitzhaue, und wenn ihr die Ehre
+nicht zu Theil ward, den Stellvertreter des Czaaren in ihren Mauern zu
+beherbergen, so tröstet sie sich damit, daß der erste Kaufmann der Stadt,
+der Hauptconcessionär der Minen der kaiserlichen Regierung, zum ersten
+Range der Notabeln des Reiches zählt.
+
+Früher huldigte man der Anschauung, Tomsk liege einfach am Ende der Welt.
+Wer sich dahin begeben wollte, wagte eine große Reise. Jetzt ist das,
+vorausgesetzt, daß keine wilden Feindeshorden die Straße umschwärmen,
+durch einen einfachen Spaziergang abzumachen. Bald wird auch der
+Schienenweg hergestellt sein, der es mit Ueberschreitung der Uralkette mit
+Perm in Verbindung setzen soll.
+
+Hält man Tomsk für eine schöne Stadt? Die Berichte der Reisenden stimmen
+in dieser Hinsicht nur wenig überein. Frau von Bourboulon, welche auf
+ihrer Reise von Shang-haï nach Moskau einige Tage daselbst verweilte,
+nennt es einen wenig malerischen Häuserhaufen. Ihrer Beschreibung nach ist
+es eine Stadt ohne besondere Physiognomie, mit alten Gebäuden aus Granit
+und Ziegelstein und engen, von den Gassen, wie man sie meist in
+sibirischen Städten findet, wenig abweichenden Straßen, mit schmutzigen
+Quartieren, den Hauptansiedelungsstellen der Tartaren, in welchen
+schweigsame Betrunkene umhertaumeln, „deren Trunkenheit ebenso apathisch
+erscheint, wie bei allen Völkern des Nordens“.
+
+Dagegen zollt der Reisende Henry Russel-Killough Tomsk seine ungetheilte
+Bewunderung. Sollte das nur daher rühren, daß er es mitten im Winter sah,
+wogegen Frau von Bourboulon es nur während des Sommers besuchte? Das ist
+wohl möglich und würde einen weiteren Beitrag zu der Behauptung liefern,
+daß man kalte Länder nur während der kalten Jahreszeit, warme nur während
+der heißen wirklich kennen und beurtheilen lernt.
+
+Wie dem auch sei, Russel-Killough sagt positiv, daß Tomsk nicht nur die
+schönste Stadt Sibiriens, sondern vielleicht eine der hübschesten Städte
+überhaupt sei. Er lobt ebenso ihre mit Säulengängen und Peristylen
+geschmückten Häuser, die bequemen Holztrottoirs, wie überhaupt die
+breiten, regelmäßigen Straßen, sammt den fünfzehn prächtigen Kirchen, die
+sich in den Wellen des Tom, eines hier schon sehr bedeutenden Flusses,
+wiederspiegeln.
+
+Die Wahrheit liegt wohl auch hier in der Mitte. Tomsk breitet sich, bei
+einer Einwohnerzahl von 25,000 Seelen, terrassenförmig über einen
+langgestreckten, aber steil abfallenden Hügel aus.
+
+Die hübscheste Stadt der Welt wird aber zur häßlichsten, wenn Feinde in
+ihr hausen. Wer hätte sie jetzt auch bewundern wollen? Vertheidigt von
+wenigen Bataillonen Kosaken zu Fuß hatte sie dem Anprall der tartarischen
+Heersäulen nicht Widerstand zu leisten vermocht. Ein gewisser Theil der
+Stadtbevölkerung von verwandtem Ursprunge hatte diese Horden nicht eben
+ungern empfangen, und für den Augenblick erschien Tomsk so wenig russisch
+oder sibirisch, als ob es mitten in die Khanate von Khokhand oder Bukhara
+versetzt worden wäre.
+
+In Tomsk wollte der Emir seine siegreichen Truppen empfangen. Diesen zu
+Ehren sollte ein Fest mit Gesängen, Tänzen und Schaugepränge abgehalten
+werden, dessen Ende wie gewöhnlich in eine lärmende, wilde Orgie auslief.
+
+Der für diese nach asiatischem Geschmacke vorbereiteten Belustigungen
+ausgewählte Platz nahm eine geräumige Ebene auf einem Theile des Hügels
+ein, der sich etwa hundert Fuß hoch über den Tom erhebt. Den Rahmen dieser
+Fläche bildeten einerseits die langen eleganten Häuserreihen, die vielen
+Kirchen mit ihren bauchigen Kuppeln, andrerseits die vielfachen Windungen
+des Stromes und entfernte, in warmem Dufte verschwimmende Wälder, oder in
+der Nähe dichte Haine von Fichten und riesigen Cedern.
+
+An der linken Seite des Festplatzes hatte man auf einer breiten Terrasse
+provisorisch eine blendende Decoration, die Nachahmung eines wunderlichen
+Palastes – wahrscheinlich eine Probe der bukharischen, halb maurischen,
+halb tartarischen Baudenkmäler, – in bizarrstem Style errichtet. Ueber
+diesem Palaste und den Spitzen seiner zahlreichen Minarets, zwischen den
+höchsten Zweigen der Bäume, die das Plateau beschatteten, schwebten zu
+Hunderten gezähmte Störche, welche der Tartarenarmee aus Bukhara gefolgt
+waren.
+
+Jene Terrasse blieb reservirt für den Hofstaat des Emirs, für die
+verbündeten Khans, die Großwürdenträger des Reiches und für die Harems
+eines jeden der turkomanischen Fürsten.
+
+Unter den Sultaninnen, zum größten Theile übrigens nur auf den Märkten von
+Transkaukasien und Persien gekaufte Sklavinnen, trugen Einige das Gesicht
+unverhüllt, während Andere fast vollständig unter einem dichten Schleier
+verborgen waren. Alle erschienen in der prächtigsten Kleidung. Reizende
+Oberkleider, deren weite Aermel auf der Rückseite aufgeschlagen, eine
+eigenthümliche Faltenordnung zeigten, ließen ihre entblößten Arme sehen,
+deren kostbare Bracelets durch Ketten von Edelsteinen verbunden
+erschienen, und ihre kleinen Hände, an denen die Fingernägel mit dem Safte
+der „Henneh“ gefärbt waren. Bei der geringsten Bewegung dieser Kleider,
+welche zum Theil aus Seide, so fein wie die Fäden des Spinnengewebes, zum
+Theil aus wundervoll weichem „Aladja“ (ein schmalgestreifter, herrlicher
+Baumwollstoff) bestanden, ließ sich jenes vornehme Rascheln hören, das den
+Ohren der Orientalen so lieblich klingt. Unter diesem Ueberwurfe
+erglänzten brocatne kurze Röckchen über den seidenen Beinkleidern, welche
+letztere ein wenig oberhalb der feinen, graziös geschweiften und mit
+echten Perlen geschmückten Stiefeln befestigt waren. An den schleierlos
+erscheinenden Frauen bewunderte man die langen, schwarzen Flechten, die
+unter dem Turban hervorquollen, ebenso wie die schönen Augen, die
+prächtigen Zähne, den blendenden Teint, der noch mehr durch die
+tiefschwarzen, mittels eines feinen Striches verbundenen Augenbrauen und
+die mit Bleiglätte gefärbten Lider hervorgehoben wurden.
+
+Am Fuße der mit Flaggen und Bannern bedeckten Terrasse standen die
+Leibgarden des Emirs Wache, mit ihren zwei gekrümmten Säbeln an der Seite,
+einem Dolch im Gürtel und der zehn Fuß langen Lanze in der Hand. Einige
+dieser Tartaren trugen weiße Stäbe, Andere ungeheure Hellebarden mit
+mächtigen Troddeln aus Gold- und Silberfäden.
+
+Ringsumher, bis zu den äußersten Enden dieses Plateaus, auf dem steilen
+Abhange, dessen Basis die Wellen des Tom badeten, drängte sich eine
+wahrhaft kosmopolitische Menge, zusammengewürfelt aus allen Eingeborenen
+Centralasiens. Da sah man die Usbecks mit ihren ungeheuren schwarzen
+Schaffellmützen, dem rothen Bart, grauen Augen und in dem „Arkaluk“, einer
+besondern Art nach tartarischer Mode geschnittenem Ueberwurf. Dort zeigten
+sich Turkomanen in ihrem Nationalcostüm, langen Beinkleidern von
+schreiender Farbe, Westen und Mänteln aus Kameelhaar, rothen entweder
+konisch oder auch oben erweiterten Mützen, hohen juchtenen Stiefeln,
+Seitengewehr und Messer an Riemen um die Taille geschnallt; in der Nähe
+ihrer Herren erschienen auch die turkomanischen Weiber, welche ihr von
+Natur üppiges Haar noch durch Schnurenschleifen aus Ziegenhaar zu
+verlängern pflegen, mit unter der „Tjuba“ offnem, blauem, purpurnem oder
+grünem Hemd, die Beine in farbige Bänder eingeschnürt, die sich bis herab
+über den Lederstiefeln kreuzten. Endlich begegnete man auch, – so als ob
+sich alle Völkerschaften der russisch-chinesischen Grenze auf den Ruf des
+Emirs erhoben hätten, – an der Stirn und den Schläfen rasirte Mandschus
+mit geflochtenem Haar, langen Ueberröcken, einem Gürtel, der die Taille
+über einem seidnen Hemd umschloß, mit ovalen kirschrothen Atlasmützen mit
+gleichfarbenen Fransen; neben ihnen auch jene herrlichen Typen von Frauen
+aus der Mandschurei, coquett mit künstlichen Blumen coiffirt, welche
+reizende Häubchen, durch goldene Nadeln befestigt, auf den pechschwarzen
+Haaren trugen. Außer diesen Allen aber noch Mongolen, Bukharier, Perser,
+Chinesen aus Turkestan, welche sich unter die zu dem tartarischen Feste
+Geladenen mischten.
+
+Nur die Sibirier fehlten unter diesem Schwarme von Feinden. Wer von ihnen
+nicht hatte fliehen können, hielt sich im Hause auf, aus Furcht, daß
+Feofar-Khan noch, zum würdigen Schluß dieser Siegesfestlichkeit, einen
+Befehl zum Plündern ergehen lassen könne.
+
+Um vier Uhr erst hielt der Emir seinen Einzug auf den Festplatz, begleitet
+von lustigen Fanfaren, Tamtamschlägen, von Kanonen- und Gewehrsalven.
+
+Feofar ritt sein Lieblingsroß, an dessen Kopfe eine Aigrette von Diamanten
+funkelte. Er erschien in seinem Kriegeranzuge. Ihm zur Seite marschirten
+die Khans von Khokhand und Kunduz, die Großwürdenträger des Khanates und
+als Gefolge ein zahlreicher Stab.
+
+Zu derselben Zeit betrat auch die erste Frau Feofar’s die Terrasse,
+gewissermaßen die Königin, wenn man diesen Namen den Sultaninnen der
+bukharischen Staaten beilegen darf. Aber ob Königin oder Sklavin,
+jedenfalls war diese Frau, eine geborne Perserin, von bewunderungswürdiger
+Schönheit. Ganz entgegen der mohamedanischen Gewohnheit und wahrscheinlich
+nur in Folge einer Laune des Emirs, erschien sie mit unverhülltem
+Gesichte. Ihr in vier Flechten vertheiltes Haar schmiegte sich um die
+blendendweißen Schultern, welche nur leicht von einem golddurchwirkten
+Schleier bedeckt waren, der sich rückwärts an eine Art mit den
+werthvollsten Gemmen geschmückte Haube anschloß. Unter der Tunica von
+blauer Seide, mit breiten, dunkleren Streifen fiel der „Zir-djameh“ von
+Seidengaze herab und über den Gürtel faltete sich der „Pirahn“, eine Art
+Hemd aus demselben Stoffe, welcher nach dem Halse zu graziös
+ausgeschnitten erschien. Vom Kopfe aber bis zu den persischen Pantoffeln
+an den Füßen glänzte eine solche verschwenderische Pracht von Geschmeide,
+goldenen Tomans an Silberschnüren, Kränze von Türkisen, Achate, Smaragde,
+Opale und Saphire, daß ihr ganzer Leib wie von kostbaren Steinen bedeckt
+erschien. Die Tausende von Diamanten, die farbenprächtig an ihrem Halse,
+den Armen, den Händen, am Gürtel und an den Füßen blitzten, wären mit
+Millionen von Rubeln wohl kaum bezahlt gewesen; ja, bei dem
+Strahlenkranze, den sie um sich verbreiteten, hätte man glauben können,
+daß sie unter einander durch einen aus Sonnenstrahlen gebildeten
+elektrischen Bogen verbunden seien.
+
+Der Emir und die Khans stiegen von den Pferden, ebenso wie die hohen
+Staatsbeamten und militärischen Würdenträger des Gefolges. Alle nahmen
+Platz unter einem prachtvollen Zelte, das sich in der Mitte der Terrasse
+erhob. Vor dem Zelte lag wie gewöhnlich der geöffnete Koran auf dem
+heiligen Tische.
+
+Feofar’s Befehlshaber ließ nicht lange auf sich warten, und noch vor fünf
+Uhr meldeten Trompetenstöße die Ankunft des Verbündeten.
+
+Iwan Ogareff, – „mit der Schmarre“, wie man ihn schon nannte – kam, jetzt
+in der Uniform eines Tartarenoffiziers, zu Pferde bis vor das Zelt des
+Emirs. Er war von einer Abtheilung Soldaten aus dem Lager von Zabediero
+begleitet, die sich zu beiden Seiten des Platzes aufstellten, so daß in
+der Mitte nur der für die Vorstellungen und Spiele bestimmte Raum frei
+blieb. Quer über das Gesicht des Verräthers zog sich eine blutig
+unterlaufene Strieme hin.
+
+Iwan Ogareff stellte dem Emir seine ersten Officiere vor, und Feofar-Khan
+empfing sie, wenn auch mit der seiner Würde entsprechenden Kälte, doch in
+einer sie scheinbar zufriedenstellenden Weise.
+
+Das glaubten wenigstens Harry Blount und Alcide Jolivet, die beiden jetzt
+unzertrennlichen Neuigkeitsjäger, zu bemerken. Von Zabediero aus hatten
+sich diese schnellstens nach Tomsk begeben. Ihre Absicht ging zwar dahin,
+sich sobald als möglich aus der Gesellschaft der Tartaren wegzustehlen,
+sich einem russischen Truppencorps anzuschließen und mit diesem Irkutsk zu
+erreichen. Was sie bis jetzt von dem feindlichen Einfalle, den
+Feuersbrünsten, Plünderungen, Mordthaten und dergleichen gesehen, konnte
+nur das Gefühl der Entrüstung in ihnen erwecken und trieb sie noch mehr,
+in der sibirischen Armee Aufnahme zu suchen.
+
+Alcide Jolivet machte aber seinem Begleiter begreiflich, daß er Tomsk
+nicht wohl eher verlassen könne, als bis er eine Skizze des zu erwartenden
+Triumpheinzuges der tartarischen Truppen entworfen habe, – und wäre es
+nur, um die Neugierde seiner Cousine zu befriedigen, – und Harry Blount
+hatte zugestimmt, noch einige Stunden zu verweilen; noch an demselben
+Abend wollten die Beiden jedoch den Weg nach Irkutsk schon wieder
+einschlagen, und hofften bei der Schnelligkeit ihrer guten Pferde auch den
+Plänklern des Emirs zuvorzukommen.
+
+Alcide Jolivet und Harry Blount hatten sich also unter die Zuschauermenge
+gemischt und wandten den Festlichkeiten alle Aufmerksamkeit zu, um sich
+kein Detail des Bildes entgehen zu lassen, das ihnen einen hübschen
+Artikel für die Chronik ihrer Journale versprach. Sie bewunderten
+Feofar-Khan in seiner Herrscherpracht, seine Frauen, seine Officiere, die
+Garden und allen diesen orientalischen Luxus, von dem die europäischen
+Ceremonien nicht die blasseste Vorstellung geben. Sie wendeten sich aber
+voll Abscheu ab, als Iwan Ogareff sich dem Emir nahte, und warteten nicht
+ohne einige Ungeduld auf den Beginn des eigentlichen Festes.
+
+„Sehen Sie, lieber Blount, sagte Alcide Jolivet, wir sind zu zeitig
+erschienen, so wie der brave Bürger, der für sein Geld auch etwas
+Ordentliches haben will. Das ist alles nur ein Vorspiel und es wäre besser
+gewesen, erst zum Ballet zu kommen.
+
+— Zu welchem Ballet? fragte Harry Blount.
+
+— Ei nun, zu dem obligatorischen Ballet! Ah, ich glaube der Vorhang hebt
+sich schon.“
+
+Alcide Jolivet sprach, als befinde er sich im Opernhause, zog sein
+Perspectiv aus dem Etui und schickte sich an, „die ersten Kräfte der
+Truppe Feofar-Khans“ möglichst genau kennen zu lernen.
+
+Den lustigen Tänzen sollte aber noch eine höchst peinliche Scene
+vorhergehen.
+
+Der Triumph der Sieger konnte ja ohne eine qualvolle Erniedrigung der
+Besiegten kein vollständiger sein. Es wurden also einige hundert Gefangene
+unter den Knuten der Soldaten vorgeführt. Diese sollten vor Feofar-Khan
+und seinen Verbündeten defiliren, bevor man sie in den Gefängnissen der
+Stadt einkerkerte.
+
+In erster Reihe unter diesen Armen befand sich auch Michael Strogoff. Dem
+Befehle Iwan Ogareff’s entsprechend war eine besondere Abtheilung Soldaten
+zu seiner Bewachung bestimmt. Seine Mutter und Nadia waren auch
+gegenwärtig.
+
+Das Gesicht der alten Sibirerin, welche stets, wenn es sich nur um sie
+allein handelte, eine unbeugsame Energie bewahrte, erschien ungemein
+bleich. Sie machte sich wohl gefaßt auf eine schreckliche Scene. Ihr Sohn
+ward gewiß nicht ohne besondere Ursache dem Emir vorgeführt, und sie
+zitterte leise für ihn. Iwan Ogareff, den vor den Augen Aller die schon
+für sie erhobene Knute getroffen, war sicherlich nicht der Mann dazu,
+solche Schmach zu verzeihen, und seine Rache würde wohl ohne Grenzen sein.
+Gewiß drohte Michael Strogoff ein entsetzliches Gericht, wie es die
+Barbaren Centralasiens gern abzuhalten pflegen. Wenn ihn Iwan Ogareff
+damals, als seine Knechte sich über ihn stürzen wollten, geschont hatte,
+so wußte er gewiß, was er damit that, ihn der Justiz des Emirs
+vorzubehalten.
+
+Seit dem traurigen Auftritt auf dem Felde zu Zabediero war es Mutter und
+Sohn unmöglich gewesen, auch nur ein Wort zu wechseln. Man hatte sie
+unerbittlich von einander getrennt. Welch harte Erschwerung ihrer Leiden,
+hier, wo es ihnen ein süßer Trost gewesen wäre, während einiger Tage der
+Gefangenschaft doch vereinigt zu sein. Wie gern hätte Marfa Strogoff ihren
+Sohn um Verzeihung wegen all’ des Uebels gebeten, das sie ihm wider Willen
+zugefügt hatte, denn sie klagte sich an, ihre mütterlichen Gefühle nicht
+gehörig im Zaum gehalten zu haben. Hätte sie sich damals im Posthofe zu
+Omsk bezwungen, als sie ihm gegenüber stand, so kam Michael Strogoff
+unerkannt hindurch, – und wie viel Unglück wäre dann verhütet worden!
+
+Michael Strogoff seinerseits quälte sich mit dem Gedanken, daß man seine
+Mutter mit hierher schleppe, um sie für sein Vergehen büßen zu lassen,
+vielleicht daß sie dieselbe schreckliche Todesart erleiden sollte, wie er
+selbst.
+
+Nadia endlich fragte sich, was sie thun könne, um den Einen oder die
+Andere zu retten, auf welche Weise sie der Mutter oder dem Sohne zu Hilfe
+kommen könne? Sie fand zwar kein Mittel, aber sie fühlte, daß es hier vor
+Allem darauf ankam, keine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken,
+sondern sich mehr zu verstecken und unsichtbar zu machen. Vielleicht wäre
+sie doch noch im Stande, die Gitter des Käfigs ihres Löwen zu zerbrechen.
+Jedenfalls wollte sie, wenn sich ihr eine Gelegenheit zum Handeln böte,
+gewiß nicht zögern, und nöthigenfalls ihr Leben für den Sohn der Marfa
+Strogoff opfern.
+
+Inzwischen zog der größte Theil der Gefangenen vor dem Emir vorüber, wobei
+jeder als Zeichen der Unterwerfung sich zu Boden beugen und den Sand mit
+der Stirn berühren mußte, das erniedrigende Merkmal für den Anfang der
+Sklaverei. Krümmten die Unglücklichen den Rücken zu langsam, so warf sie
+die rauhe Hand der Garden heftig zu Boden.
+
+Alcide Jolivet und sein Begleiter vermochten einem solchen Schauspiel
+nicht ohne die Gefühle der tiefsten Indignation beizuwohnen.
+
+„Dieser erbärmliche Kerl! Fort, fort von hier! sagte Alcide Jolivet.
+
+— Nein, entgegnete Harry Blount, nun wollen wir auch Alles sehen!
+
+— Alles sehen!... Ah, dort! rief plötzlich Alcide Jolivet und ergriff den
+Arm seines Gefährten.
+
+— Was haben Sie? fragte dieser.
+
+— Sehen Sie dorthin, Blount! Da ist sie!
+
+— Sie? – Welche sie?
+
+— Die Schwester unseres Reisegefährten! Hilflos und gefangen. Wir müssen
+sie retten ...
+
+— Geduld, entgegnete frostig Harry Blount. Unsere Intervention zu Gunsten
+des jungen Mädchens dürfte ihr eher schädlich als nützlich werden.“
+
+Alcide Jolivet, der sich schon zu Nadia drängen wollte, ließ sich
+belehren, und Letztere, welche die beiden Reporter nicht gesehen hatte,
+ging, von ihrem reichen Haar halb verschleiert, vor dem Emir vorüber, ohne
+dessen besondere Aufmerksamkeit zu erwecken.
+
+Nach Nadia kam Marfa Strogoff an die Reihe, und da sie sich nicht schnell
+genug in den Staub warf, drückten sie die Wachen mit rauher Faust nieder.
+
+Marfa Strogoff fiel zu Boden.
+
+Ihr Sohn schäumte auf vor Wuth, so daß ihn die bewachenden Soldaten kaum
+zu bändigen vermochten.
+
+Die alte Marfa erhob sich wieder und sollte eben fortgeführt werden, als
+Iwan Ogareff das verhinderte.
+
+„Dieses Weib bleibt hier!“ rief er.
+
+Nadia ward in den Haufen der Gefangenen zurückgeführt. Iwan Ogareff’s
+Blick hatte sie nicht erkannt.
+
+Jetzt wurde Michael Strogoff vor den Emir gebracht und blieb, ohne auch
+nur die Augen zu senken, vor diesem stehen.
+
+„Die Stirn auf die Erde! herrschte ihn Iwan Ogareff an.
+
+— Nein“, antwortete Michael Strogoff.
+
+Zwei Soldaten wollten ihn zwingen, sich zu beugen, doch die kräftige Hand
+des jungen Mannes drückte sie an seiner Statt zu Boden.
+
+Iwan Ogareff sprang auf Michael Strogoff zu.
+
+„Du verwirkst Dein Leben! rief er.
+
+— Ich werde ruhig sterben, erwiderte stolz Michael Strogoff, aber Deine
+Verrätherstirn, Iwan, wird für immer die schmachvolle Schramme von der
+Knute tragen!“
+
+Iwan Ogareff erbleichte bei diesen Worten.
+
+„Wer ist dieser Gefangene? fragte der Emir, dessen ruhige Stimme nur um so
+drohender war.
+
+— Ein russischer Spion“, antwortete Iwan Ogareff.
+
+Als er Michael Strogoff für einen Spion ausgab, wußte er recht wohl,
+welches entsetzliche Loos ihm bevorstand.
+
+Michael Strogoff hatte sich Iwan Ogareff genähert.
+
+Die Soldaten hielten ihn zurück.
+
+Der Emir machte eine Handbewegung, auf welche sich die ganze große Menge
+niederbeugte. Dann zeigte er nach dem Koran, den man ihm brachte. Er
+öffnete das Buch und legte einen Finger auf ein Blatt.
+
+Der Zufall, oder nach dem Glauben der Orientalen, Gott selbst, sollte das
+Schicksal Michael Strogoff’s entscheiden.
+
+Die Völker Centralasiens nennen dieses Gerichtsverfahren „Fal“. Nach der
+Auslegung des von dem Finger des Richters zufällig getroffenen Verses
+fällen sie das Urtheil.
+
+Der Emir ließ den Finger auf der einen Seite des Koran liegen.
+
+Der Erste der Ulemas trat hinzu und verlas mit lauter Stimme einen Vers,
+der mit den Worten schloß:
+
+„Und er wird die Dinge der Erde nicht mehr sehen.“
+
+„Spion der Russen, sagte der Emir, Du bist hierher gekommen, zu sehen, was
+im Tartarenlager vorgeht; nun sieh mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“
+
+
+
+
+ Fünftes Capitel.
+
+
+ Nun sieh’ Dich um.
+
+
+Michael Strogoff mußte mit gefesselten Händen vor dem Thron des Emirs am
+Fuße der Terrasse stehen bleiben.
+
+Ueberwältigt von physischen und moralischen Schmerzen war seine Mutter
+endlich zusammengesunken und wagte weder etwas zu sehen noch zu hören.
+
+„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“ hatte Feofar-Khan mit einer
+drohenden Handbewegung gegen Michael Strogoff gesagt.
+
+Ohne Zweifel verstand Iwan Ogareff bei seiner Kenntniß der tartarischen
+Sitte den Sinn dieser Worte genügend, denn um seine Lippen spielte einen
+Augenblick lang ein wahrhaft teuflisches Lächeln. Dann hatte er neben
+Feofar-Khan Platz genommen.
+
+Jetzt erklangen lustige Trompetenstöße, das Signal zum Beginn der
+Festspiele.
+
+„Da kommt ja das Ballet, sagte Alcide Jolivet zu Harry Blount, diese
+Barbaren führen es aber entgegen unserer Sitte vor dem Drama auf, statt
+nachher.“
+
+Michael Strogoff sollte sich Alles anschauen. Er that es. Eine Wolke von
+Tänzerinnen flog auf den Platz.
+
+Eine fremdartige Musik ertönte von den verschiedensten tartarischen
+Instrumenten, der „Dutare“, einer langgebauten Mandoline aus dem Holze des
+Maulbeerbaumes, mit zwei in dem Intervall einer Quarte gestimmten Saiten
+aus fest gedrehter Seide; der „Kobiz“, eine Art offenes Violoncell, dessen
+Pferdehaarsaiten mittels eines Bogens in Schwingungen versetzt wurden; die
+„Tschibyzga“, eine lange Flöte aus Rosenholz; dazu Trompeten, Tambourins,
+Tamtams u. dgl., und das Alles begleitet von den Kehltönen zahlreicher
+Sänger. Hierzu kam noch das dann und wann hörbare, leise Erklingen eines
+besonderen Concertes in der Luft, das von einem Dutzend Papierdrachen
+herrührte, vor deren durchbrochenem Mitteltheile Saiten gespannt waren,
+welche von dem Winde gleich Aeolsharfen erklangen.
+
+Sofort begann nun der Tanz.
+
+Die Theilnehmerinnen waren Alle von persischer Abkunft, aber nicht etwa
+Sklavinnen, sondern trieben ihr Gewerbe freiwillig.
+
+Früher fungirten sie officiell bei den Festen am Hofe zu Teheran, wurden
+aber seit der Thronbesteigung der jetzigen Herrscherfamilie entlassen und
+aus dem Reiche verbannt, so daß sie ihr Glück in andern Ländern suchen
+mußten. Sie trugen ihr von Schmuck aller Art überladenes Nationalcostüm.
+Kleine goldene Dreiecke mit langen Gehängen schaukelten an ihren Ohren,
+Spangen von Niellosilber zierten ihren Hals, um die Arme und Beine
+schlangen sich Bracelets mit einer doppelten Gemmenreihe, während an den
+Enden ihrer langen Flechten eine Art Rosette von Perlen, Türkisen und
+Karneolen erglänzte. Den Taillengürtel schloß eine Art Diamant-Agraffe, in
+der Form des Großkreuzes eines europäischen Ordens.
+
+Diese Tänzerinnen führten ihre Spiele, bald einzeln, bald in Gruppen, mit
+vollendeter Grazie auf. Sie trugen das Gesicht unverhüllt, von Zeit zu
+Zeit aber zogen sie einen feinen Schleier vor das Antlitz, so daß es
+schien, als lege sich eine Wolke von Gaze über alle diese lächelnden
+Augen, wie eine zarte Wolke den sternbesäeten Himmel bedeckt. Einzelne
+dieser Perserinnen trugen ferner als Schärpe eine Art Wehrgehänge aus
+perlengesticktem Leder, an welchem mit der Spitze nach unten eine
+dreikantige Tasche hing, welche sie zu bestimmter Zeit öffneten. Aus
+diesen von Goldfiligran gewebten Taschen holten sie lange schmale Bänder
+von scharlachrother Farbe hervor, auf welche Sprüche aus dem Koran
+gestickt waren.
+
+Sie spannten diese Bänder zwischen sich aus und bildeten so einen Ring,
+unter welchem andere Tänzerinnen hindurchschlüpften, und je nach dem Verse
+über ihnen sich entweder zur Erde warfen oder in leichten Sprüngen
+dahinflogen, so als wollten sie unter den Houris des Himmels Mohamed’s
+verschwinden.
+
+Auffallend erschien bei diesen Bewegungen, und vorzüglich fühlte sich
+Alcide Jolivet dadurch betroffen, daß sich diese Perserinnen weit eher
+ruhig als wild zeigten. Es mangelte ihnen alles berauschende Feuer, und
+sie erinnerten ebenso durch die Art ihrer Tänze, wie durch deren
+Ausführung, weit mehr an die stillen, decenten Bajaderen Indiens, als etwa
+an die leidenschaftlichen Almes (Tänzerinnen) Egyptens.
+
+Nach Schluß dieses ersten Schauspieles ließ sich neben Michael Strogoff
+eine ernste Stimme vernehmen:
+
+„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“
+
+Der Mann, welcher diese Worte wiederholte, ein hochgewachsener Tartar, war
+der Vollstrecker der peinlichen Befehle Feofar-Khan’s. Er hatte hinter dem
+Verurtheilten Platz genommen und hielt einen langen, gekrümmten Säbel in
+der Faust, eine jener Damascenerklingen, wie sie die berühmten
+Waffenschmiede von Karschi oder Hissar liefern.
+
+An seiner Seite hatten einige Garden ein Kohlenbecken aufgestellt, in dem,
+ohne irgend welchen Rauch zu verbreiten, ein Haufen Kohlen glühte. Der
+leichte, empor steigende Dampf rührte nur von der Verbrennung einer
+harzigen, wohlriechenden Substanz, einer Mischung von Weihrauch und
+Bernstein, her, welche man zeitweilig darauf streute.
+
+Auf die Perserinnen war inzwischen eine andere von ihren Vorgängerinnen
+sehr verschiedene Gruppe Tänzerinnen gefolgt, die Michael Strogoff sehr
+bald erkannte.
+
+Die beiden Journalisten zweifelten offenbar keinen Augenblick, wen sie vor
+sich hätten, denn Harry Blount sagte zu seinem Collegen:
+
+„Da, die Zigeunerinnen aus Nishny-Nowgorod!
+
+— Wahrhaftig, bestätigte Alcide Jolivet; ich meine aber, im Dienste als
+Spioninnen werden ihnen die Augen wohl mehr Geld einbringen, als hier ihre
+Beine!“
+
+Wenn Alcide Jolivet vermuthete, daß Jene im Solde des Emirs standen, so
+täuschte er sich, wie wir wissen, nicht. In den ersten Reihen der
+Zigeunerinnen sah man Sangarre in einem wunderlichen, aber prächtigen
+Anzuge, der ihre Schönheit vortheilhaft hervorhob.
+
+Sangarre selbst tanzte nicht, sondern setzte sich, einer Herrscherin
+vergleichbar, in die Mitte ihrer Balleteusen, deren phantastische Pas
+Reminiscenzen an alle in Europa von ihnen durchzogene Länder, an Böhmen,
+Italien, Spanien, sowie auch an Egypten wach riefen.
+
+Sie erregten sich gegenseitig durch den Lärmen der Cymbeln an ihren Armen,
+und durch das Schnarren der „Daïres“, eine Art baskischer Trommeln, welche
+sie mit den Fingern schlugen.
+
+Sangarre hielt ebenfalls einen solchen Daïre in der Hand, durch dessen
+Schall sie diese Truppe wahrhaftiger Korybanten noch mehr anfeuerte.
+
+Dann trat ein junger Zigeuner von kaum fünfzehn Jahren vor. Er trug eine
+Dutare, deren Saiten er durch das Anschlagen mit den Nägeln eine leise
+Melodie entlockte. Er sang. Eine Tänzerin nahm neben ihm Platz und
+verhielt sich ruhig, so lange er einen Vers seines Liedes vortrug; nur
+wenn der Refrain desselben von den Lippen des jugendlichen Sängers
+erklang, sprang sie zum rasenden Tanze auf, schlug ihren Daïre und suchte
+Jenen durch das Getöse ihrer Schellentrommel zu übertönen.
+
+Nach dem letzten Refrain umschwärmten die Zigeunerinnen alle den Sänger
+und verflochten ihn gleichsam in die verworrenen Falten ihres Tanzes.
+
+Als Belohnung fiel ein Regen von Goldstücken aus den Händen des Emirs,
+seiner Verbündeten und denen der Officiere aller Grade nieder, und zu dem
+Klingen der Münzen, welche die Cymbeln der Tänzerinnen trafen, mischten
+sich noch die letzten Töne der Dutares und der Tambourins.
+
+„Verschwenderisch, wie die Räuber gewöhnlich!“ raunte Alcide Jolivet
+seinem Gefährten in’s Ohr.
+
+Und es war auch wirklich gestohlenes Geld, welches hier niederfiel, denn
+mit den tartarischen Tomans und Sequies regnete es auch Ducaten und
+russische Rubelstücke.
+
+Dann ward es einen Augenblick still, und die Stimme des Henkers, der seine
+Hand auf Michael Strogoff’s Schulter legte, sprach noch einmal die Worte,
+deren Wiederholung sie um so unheilvoller klingen ließ:
+
+„Sieh’ mit allen Deinen Augen, sieh’ Dich um!“
+
+Diesesmal bemerkte Alcide Jolivet aber, daß der Henker nicht mehr seinen
+blanken Säbel in der Hand hatte.
+
+Indeß sank die Sonne langsam unter den Horizont. Ein sanftes Helldunkel
+verhüllte schon die entfernten Theile des Platzes. Der Cedern- und
+Pinienwald erschien schwärzer und die in der Ferne dunkel fluthenden
+Wellen des Tom verschwanden in dem Abendnebel. Die Stadt ruhte im
+Schatten, der auch bald das Plateau erreichen mußte.
+
+Jetzt drangen plötzlich mehrere hundert Sklavinnen mit Fackeln in den
+Händen auf den Platz. Von Sangarre geführt, traten die Zigeunerinnen und
+Perserinnen wieder vor dem Throne des Emirs auf und suchten durch den
+Contrast gegen ihre früheren Tänze und Evolutionen noch mehr zu ergötzen.
+Alle musikalischen Instrumente des tartarischen Orchesters vereinigten
+sich zu wilderen Harmonien, begleitet von den rauhen Kehltönen der Sänger.
+Die Drachen, welche man vorher herabgezogen hatte, flogen, geschmückt mit
+einem ganzen Sternbild buntfarbiger Lampen, wieder auf, und ihre Saiten
+erklangen mitten in dieser Luftillumination heller und voller.
+
+Dann schloß sich eine Escadron Tartaren in Kriegsuniform dem Tanze an, der
+an Wildheit allmälig zunahm, und bald begann eine Vorstellung, die den
+fremdartigsten Eindruck hervorbrachte.
+
+Während des Springens und Tanzens erfüllten diese Soldaten mit blanken
+Waffen die Luft durch das Knallen ihrer langen Pistolen, das Knattern der
+Musketen, das sich mit dem rollenden Ton der Tambourins, dem Schnarren der
+Daïres und dem Knirschen der Doutaren mischte. Ihre Schießwaffen waren
+dabei, nach chinesischer Art, mit einem durch gewisse metallische Zusätze
+farbig abbrennenden Pulver geladen und sprühten lange rothe, grüne und
+blaue Feuerstrahlen in die Luft, so daß es schien, als wogten alle diese
+lebenden Gruppen in einem Meere von Feuer. Dieses Divertissement erinnerte
+gewissermaßen an die Cybistik (Springkünste) der Alten, eine Art
+militärischen Tanzes, bei dem die Theilnehmer sich mitten zwischen Säbel-
+und Dolchspitzen hindurchwanden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß
+die Berichte davon sich bis auf die Völker Centralasiens fortgeerbt haben;
+diese tartarische Cybistik aber erschien noch weit märchenhafter durch die
+farbigen Flammen, welche über den Tänzerinnen loderten und die ganze
+Gruppe mit glitzernden Funken schmückten. Es war wie ein Kaleidoskop von
+Blitzen, das in seinen Zusammenstellungen mit jeder Bewegung der Tanzenden
+wechselte. So satt ein pariser Journalist auch gegenüber derartigen
+Vorstellungen sein mag, in denen es die moderne Bühnentechnik ja so weit
+gebracht hat, so konnte Alcide Jolivet doch eine leichte Bewegung mit dem
+Kopfe nicht unterlassen, die zwischen dem Boulevard Montmartre und La
+Madelaine etwa: „Nicht übel, nicht übel!“ bedeutet hätte.
+
+Plötzlich verloschen wie auf ein Signal alle Flammen dieses Feuermeeres,
+die Tänze hörten auf, die Tänzerinnen verschwanden. Die Ceremonie war
+vorbei und nur die Fackeln leuchteten noch auf dem Plateau, das vorher in
+tausend Lichtern erglänzte.
+
+Auf ein Zeichen des Emirs ward Michael Strogoff mitten auf den Platz
+geführt.
+
+„Blount, sagte Alcide Jolivet zu seinem Begleiter, wollen Sie auch das
+Ende hiervon noch ansehen?
+
+— Nicht um Alles in der Welt, erwiderte Harry Blount.
+
+— Ihre Leser des Daily-Telegraph werden nicht so sehr darauf erpicht sein,
+die Einzelheiten einer Gerichtsvollstreckung nach Sitte der Tartaren
+kennen zu lernen.
+
+— Nicht mehr als Ihre Cousine.
+
+— Armer Kerl! fügte Alcide Jolivet hinzu mit einem Blicke auf Michael
+Strogoff. Dieser wackere Soldat hätte einen besseren Tod auf dem Felde der
+Ehre verdient!
+
+— Können wir etwas zu seiner Rettung thun? sagte Harry Blount.
+
+— Nein, leider gar nichts.“
+
+Die beiden Journalisten erinnerten sich des uneigennützigen
+Entgegenkommens Michael Strogoff’s, sie wußten nun, welche Prüfung er, ein
+Sklave seiner Pflicht, hatte über sich ergehen lassen, und nichts konnten
+sie für den Gefangenen in der grausamen Hand der Tartaren, gar nichts für
+ihn thun!
+
+Da sie keineswegs begierig waren, der Vollstreckung des Urtheils an dem
+Unglücklichen beizuwohnen, so kehrten sie nach der Stadt zurück.
+
+Eine Stunde später trabten sie schon auf der Straße nach Irkutsk, um unter
+dem russischen Heere „den Revanchekrieg“, wie Alcide Jolivet schon zu
+sagen beliebte, weiter zu verfolgen.
+
+Inzwischen stand Michael Strogoff aufrecht da, mit einem Blicke voll
+männlichen Stolzes auf den Emir, voll Verachtung gegen Iwan Ogareff. Er
+erwartete sterben zu müssen, und doch hätte man vergeblich ein Zeichen der
+Schwäche an ihm zu entdecken gesucht.
+
+Die Zuschauer am Rande des Platzes ebenso wie der Generalstab
+Feofar-Khan’s, für welche diese Hinrichtung nur ein Lockmittel zum
+Ausharren war, erwarteten die Vollstreckung des Urtheils. Nach Stillung
+ihrer Neugier brannte diese wilde Horde vor Verlangen, sich thierisch zu
+berauschen.
+
+Der Emir gab ein Zeichen. Von Garden gedrängt näherte sich Michael
+Strogoff mehr der Terrasse, und Feofar-Khan sprach zu ihm in der auch ihm
+verständlichen tartarischen Mundart:
+
+„Du kamst, um zu sehen, Spion der Russen. Du hast zum letzten Mal gesehen.
+Nach Verlauf einer Minute werden Deine Augen dem Lichte für immer
+verschlossen sein!“
+
+Nicht den Tod sollte Michael Strogoff also erleiden, aber von ewiger
+Blindheit geschlagen werden. Ist der Verlust des Gesichts vielleicht nicht
+noch schrecklicher, als der des Lebens? Der Unglückliche war verdammt,
+geblendet zu werden.
+
+Auch als Michael Strogoff das über ihn gefällte Urtheil aus dem Munde des
+Emirs vernahm, erbleichte er nicht. Er blieb unerschüttert, die Augen weit
+geöffnet, stehen, als wollte er sein ganzes Leben in diesen letzten Blick
+zusammendrängen. Diese Unmenschen um Gnade anzuflehen erschien nicht nur
+unnütz, sondern auch seiner unwürdig. Er dachte überhaupt gar nicht daran.
+Alle seine Geistesthätigkeit condensirte sich, so zu sagen, in seiner
+unwiderruflich verfehlten Mission, in seiner Mutter und Nadia, die er nie
+wiedersehen sollte. Dennoch ließ er äußerlich nichts von der tiefen
+Erregung seines Innern blicken.
+
+Sein ganzes Wesen durchzuckte der Gedanke, sich noch einmal auf irgend
+eine Weise zu rächen. Er kehrte sich zu Iwan Ogareff um.
+
+„Iwan, begann er mit drohender Stimme, Iwan, elender Verräther, die letzte
+Drohung meiner Augen wird für Dich sein!“
+
+Iwan Ogareff zuckte mit den Achseln.
+
+Aber Michael Strogoff täuschte sich. Nicht mit einem Blicke der Wuth auf
+Iwan Ogareff sollten sich seine Augen für immer schließen.
+
+Marfa Strogoff näherte sich ihm.
+
+„Meine Mutter! rief er, Dir, ja Dir sollen meine letzten Blicke noch
+gelten, nicht jenem Schurken dort!
+
+— O bleibe vor mir stehen! Laß mich Dein geliebtes Angesicht noch sehen!
+Mögen sich meine Augen mit diesem letzten Bilde schließen!...“
+
+Die alte Sibirerin schritt ohne ein Wort auf ihn zu.
+
+„Fort mit diesem Weibe!“ befahl Iwan Ogareff.
+
+Zwei Soldaten suchten Marfa Strogoff fortzureißen. Sie wich zurück, blieb
+aber wenige Schritte vor ihrem Sohne stehen.
+
+Der Henker erschien. Jetzt trug er wieder den bloßen Säbel in der Hand,
+aber dieser leuchtete in heller Weißgluth, wie er ihn aus dem Becken mit
+wohlriechenden Kohlen gezogen hatte.
+
+Michael Strogoff sollte nach der gewöhnlichen Sitte der Tartaren geblendet
+werden, indem man eine weißglühende Klinge dicht vor seinen Augen
+vorbeiführte.
+
+Michael Strogoff leistete keinen Widerstand. Für seinen Blick war nichts
+vorhanden, als seine Mutter, die er mit den Augen zu verzehren suchte!
+All’ sein Leben drängte sich in diesem letzten Liebesblick zusammen!
+
+Mit weit geöffneten Augen, die Arme nach ihm ausbreitend, sah Marfa
+Strogoff ihn an ...
+
+Die glühende Klinge streifte die Augen Michael Strogoff’s.
+
+Ein Schrei der Verzweiflung. Leblos sank die alte Marfa zu Boden.
+
+Michael Strogoff war blind.
+
+Nach Ausführung seines Befehls zog sich der Emir mit seinem ganzen Hofe
+zurück. Bald waren nur noch Iwan Ogareff und die Fackelträger auf dem
+Platze.
+
+Iwan Ogareff zog das kaiserliche Schreiben aus der Tasche, öffnete es und
+hielt dasselbe in grausamem Spott dem Courier des Czaaren vor die Augen.
+
+„Lies doch nun, Michael Strogoff, lies, und gehe nach Irkutsk, zu melden,
+was Du gesehen hast! Der wahrhafte Courier des Czaaren, das bin ich, das
+ist Iwan Ogareff!“ Mit diesen Worten verbarg der Verräther den Brief
+wieder an seiner Brust. Dann verließ er, ohne sich umzuwenden, den Platz,
+und lautlos folgten ihm die Fackelträger.
+
+Michael Strogoff war allein, wenig Schritte von seiner Mutter, welche noch
+leblos, vielleicht wirklich todt, auf der Erde lag.
+
+In der Ferne hörte man das Schreien und Singen, das Lärmen der Orgie.
+Festlich erleuchtet prangte die unglückliche Stadt.
+
+Michael Strogoff lauschte; der Platz schien ihm still und verlassen.
+
+Tastend suchte er die Stelle zu erreichen, auf der seine Mutter
+niedersank. Seine Hand fand sie, er neigte sich über sie, er legte sein
+Antlitz auf das ihre, er hörte die Schläge ihres Herzens. Dann schien es,
+als flüsterte er ihr einige Worte zu.
+
+Lebte die alte Marfa noch, und hörte sie, was ihr Sohn zu ihr sagte?
+
+Jedenfalls machte sie nicht die geringste Bewegung.
+
+Michael Strogoff küßte ihr die Stirn und das weiße Haar. Dann erhob er
+sich, tastete mit den Füßen, suchte seine Hand auszustrecken, um den Weg
+zu finden, und schritt langsam nach dem Ende des Platzes.
+
+Plötzlich erschien Nadia.
+
+Sie ging gerade auf ihren Gefährten zu. Ein Dolch, den sie bei sich trug,
+diente ihr, die Fesseln zu durchschneiden, welche Michael Strogoff’s Arme
+drückten.
+
+Bei seiner Blindheit wußte dieser nicht, wer ihn befreite, denn Nadia
+hatte noch kein Wort gesprochen.
+
+Nachher erst flüsterte sie:
+
+„Bruder, mein Bruder!
+
+— Nadia, erwiderte Michael Strogoff, Du, Nadia!
+
+— Komm, Bruder! antwortete sie. Meine Augen werden nun die Deinigen sein,
+ich werde Dich nach Irkutsk führen!“
+
+
+
+
+ Sechs tes Capitel.
+
+
+ Ein Freund unterwegs.
+
+
+Nach Verlauf einer halben Stunde hatten Michael Strogoff und Nadia Tomsk
+verlassen.
+
+Ueberhaupt gelang es im Laufe dieser Nacht einer ganzen Anzahl Gefangenen
+zu entweichen, da Soldaten und Officiere im Taumel der wilden
+Festlichkeiten die bisher gewohnte strenge Ueberwachung jenes
+Menschenknäuels vernachlässigten. Nadia vermochte also, nachdem man sie
+erst mit den anderen Gefangenen weggeführt hatte, zu entfliehen und nach
+dem Plateau zurück zu kehren, gerade als Michael Strogoff vor den Emir
+geschleppt wurde.
+
+Unter der Zuschauermenge verloren, hatte sie Alles mit angesehen. Nicht
+ein Schrei entfuhr ihr, als die weißglühende Säbelklinge die Augen ihres
+Begleiters streifte. Sie erzwang sich die Kraft, unbeweglich und lautlos
+zu verharren. Eine providentielle Ahnung gab ihr den Rath ein, sich zurück
+zu halten, um ihre Freiheit zu sichern und den Sohn Marfa Strogoff’s nach
+dem Ziele zu geleiten, das er zu erreichen geschworen hatte. Einen
+Augenblick wohl stand das Herz ihr still, als sie die alte Sibirerin
+ohnmächtig niedersinken sah, aber _ein_ Gedanke reichte hin, ihr all’ die
+frühere Entschlossenheit zurück zu geben.
+
+„Ich werde der treue Hund des Blinden sein!“ sagte sie sich.
+
+Als Iwan Ogareff sich entfernte, suchte Nadia sich im Dunkel zu verbergen.
+Sie wartete gelassen, bis die Menge sich vom Plateau verlief. Verlassen,
+wie ein elendes Geschöpf, das man nicht weiter zu fürchten hatte, war
+Michael Strogoff allein gelassen worden. Sie sah, wie er sich zu seiner
+Mutter hin tastete, sich über sie beugte, ihre Stirn voll heißer Liebe
+küßte und dann zu entfliehen suchte ...
+
+Einige Minuten später verließen Beide Hand in Hand den Abhang des Hügels,
+folgten bis zum Ende der Stadt den Ufern des Tom und gelangten unbemerkt
+durch eine Oeffnung des Umfassungswalles.
+
+Nur die eine Straße nach Irkutsk verlief dort in östlicher Richtung. Nadia
+führte Michael Strogoff möglichst schnell mit sich fort, in der Besorgniß,
+es möchten die Plänkler des Emirs nach Schluß der thierischen Orgie, die
+sie jetzt feierten, wieder ausschwärmen und jeden Weg verlegen. Ihr galt
+es also, Jenen zuvor zu kommen, und Krasnojarsk, das übrigens 500 Werst
+von Tomsk entfernt liegt, eher als sie zu erreichen. Sich seitwärts von
+der Straße zu wagen, das hieß dem Ungewissen, Unbekannten, wahrscheinlich
+aber dem drohenden Verderben entgegen zu gehen.
+
+Wie Nadia die Anstrengungen der Nacht vom 16. zum 17. August zu ertragen
+vermochte; woher sie die Kräfte nahm, eine so lange Tagereise auszuhalten;
+wie ihre von dem anstrengenden Marsche der vorhergehenden Tage noch
+blutenden Füße sie bis dahin tragen konnten, – wohl ist das kaum
+begreiflich. Aber trotzdem erreichte sie am nächsten Tage, zwölf Stunden
+nach dem Aufbruch aus Tomsk, mit Michael Strogoff den Flecken Semilowskoë,
+– nach einem Wege von fünfzig Werst Länge.
+
+Michael Strogoff hatte noch keine Silbe gesprochen. Nicht Nadia hielt
+seine Hand, sondern er schloß sich die ganze Nacht über an die seiner
+Begleiterin; aber Dank dieser treuen Hand, die ihn, wenn auch leise
+zitternd, leitete, war er gewohnten schnellen Schrittes gegangen.
+
+Semilowskoë erwies sich fast vollständig verlassen. Aus Furcht vor den
+Tartaren waren die Einwohner nach der Provinz Yeniseïsk entflohen, und nur
+zwei oder drei Häuser bewohnt geblieben. Allen Reichthum der Stadt an
+nützlichen und werthvollen Gegenständen hatte man auf Karren fort
+geschafft.
+
+Dennoch konnte Nadia nicht umhin, hier einige Stunden Halt zu machen.
+Beide bedurften nothwendig der Nahrung und der Ruhe.
+
+Das junge Mädchen führte seinen Begleiter also nach dem Ende des
+Marktfleckens. Dort fand sich ein Haus mit offen stehender Thür. Sie
+traten ein. Neben dem in sibirischen Häusern gebräuchlichen ungeheuren
+Ofen stand mitten in der Stube eine einfache hölzerne Bank. Beide setzten
+sich dort nieder.
+
+Jetzt erst schaute Nadia ihrem geblendeten Gefährten in’s Gesicht, wie sie
+ihn wohl noch nie angesehen hatte. Aus ihrem Blicke sprach noch mehr als
+Dankbarkeit, mehr als Mitleid mit dem Unglück. Hätte nur Michael Strogoff
+sie sehen können, er hätte in ihrem verzweifelten Blick den Ausdruck der
+Ergebenheit ohne Grenzen, der innigsten Zärtlichkeit lesen müssen.
+
+Die von der hellglühenden Klinge gerötheten Lider bedeckten zur Hälfte die
+trockenen Augen des Blinden. Die Sklerotika (die weiße Augenhaut) erschien
+leicht gefaltet, wie verhornt, die Pupille auffallend vergrößert; die Iris
+(Regenbogenhaut) zeigte ein dunkleres Blau als vordem; Wimpern und
+Augenbrauen waren zum Theil verbrannt und versengt, – scheinbar aber hatte
+der so durchdringende Blick des jungen Mannes sich keineswegs verändert.
+Wenn er nicht sehen konnte, wenn seine Blindheit vollständig war, so
+rührte das von der totalen Zerstörung der Lichtempfindlichkeit der
+Netzhäute und Sehnerven durch die Hitze des glühenden Stahles her.
+
+Jetzt streckte Michael Strogoff seine hilflosen Hände aus.
+
+„Du bist hier, Nadia? fragte er.
+
+— Ja, ich bin bei Dir, erwiderte das junge Mädchen, ich werde Dich niemals
+verlassen, Michael.“
+
+Michael Strogoff erzitterte im Innern, als Nadia zum ersten Male seinen
+wahren Namen aussprach. Er begriff, daß seine Gefährtin Alles wußte, wer
+er sei und welche Bande ihn mit der alten Marfa verknüpften.
+
+„Nadia, fuhr er fort, wir werden uns trennen müssen.
+
+— Uns trennen? Und warum, Michael?
+
+— Ich will Dir kein Hinderniß Deiner Reise sein. Dein Vater erwartet Dich
+in Irkutsk. Du mußt zu ihm eilen.
+
+— Mein Vater würde mir fluchen, Michael, wenn ich Dich, nach dem, was Du
+für mich gethan, verlassen wollte.
+
+— Nadia, Nadia, erwiderte Michael Strogoff, und drückte die Hand, welche
+das junge Mädchen in die seinige gelegt hatte, Du hast an Niemand als an
+Deinen Vater zu denken.
+
+— Michael, antwortete Nadia fast bitter, Du bedarfst meiner jetzt mehr,
+als mein Vater! Willst Du denn darauf verzichten, nach Irkutsk zu kommen?
+
+— Niemals! sagte Michael Strogoff schnell und in einem Tone, der seine
+ganze frühere Energie durchklingen ließ.
+
+— Du besitzest aber jenen Brief nicht mehr ...
+
+— Den Brief, den Iwan Ogareff mir raubte!... Ja wohl, doch auch das soll
+mich nicht abhalten, Nadia! – Sie haben mich als Spion verurtheilt, – gut,
+so werde ich handeln wie ein Spion. In Irkutsk will ich Alles sagen, was
+ich gesehen, was ich gehört habe, und, beim allmächtigen Gott, ich schwöre
+es, daß der Verräther mich noch einmal zu Gesicht bekommen soll; nur muß
+ich vor ihm in Irkutsk ankommen.
+
+— Und doch sprichst Du von Trennung, Michael!
+
+— Die Nichtswürdigen haben mir Alles gestohlen, Nadia.
+
+— Mir blieben noch einige Rubel und meine Augen. Ich kann für Dich mit
+ihnen sehen und Dich dahin führen, wohin Du allein niemals gelangen
+würdest.
+
+— Und wie sollen wir weiter reisen?
+
+— Zu Fuß.
+
+— Und wovon leben?
+
+— Wir betteln.
+
+— Nun denn, mit Gott!
+
+— Komm, Michael.“
+
+Die beiden jungen Leute nannten sich nicht mehr Bruder und Schwester, das
+gemeinsame Unglück kettete sie noch inniger an einander. Beide verließen
+das Haus, nachdem sie eine Stunde geruht hatten. Nadia durcheilte vorher
+die Straßen des kleinen Ortes, und es war ihr geglückt, einige Stücken
+„Tschornekhleb“, d. i. eine Art Gerstenbrod, und etwas Meth, der in
+Rußland mit dem Namen „Meed“ bezeichnet wird, zu erlangen. Beides kostete
+ihr nichts, denn sie hatte sich bezwungen, als Bettlerin anzuklopfen. Das
+Brod und der Meth sättigten nothdürftig Michael Strogoff’s Hunger und
+Durst. Nadia hatte ihm den größeren Theil des kärglichen Mahles
+aufgenöthigt. Er aß die Brodbissen, die ihm seine Gefährtin einen nach dem
+andern reichte; er trank aus der Kürbisflasche, die sie an seine Lippen
+setzte.
+
+„Ißt Du auch, Nadia? fragte er wiederholt.
+
+— Ja wohl, Michael“, beruhigte ihn das junge Mädchen, während es sich doch
+mit den Ueberresten begnügte.
+
+Michael Strogoff und Nadia verließen Semilowskoë und begaben sich wieder
+auf den mühseligen Weg nach Irkutsk. Energisch widerstand das junge
+Mädchen jeder Ermüdung. Hätte Michael Strogoff sie gesehen, es wäre ihm
+wohl der Muth gesunken, weiter zu ziehen. Nadia aber beklagte sich nicht,
+und da Michael Strogoff keinen leisen Seufzer hörte, so ging er mit einer
+Hast, die er selbst nicht zu zügeln vermochte. Und warum? Durfte er
+hoffen, den Tartaren zuvor zu kommen? Er war zu Fuß, ohne Geld und –
+blind, und wenn Nadia, seine einzige Führerin, ihm entrissen werden
+sollte, blieb ihm ja nichts Anderes übrig, als sich an die Seite der
+Straße zu legen und elend zu verderben. Konnte er dagegen durch ungebeugte
+Energie nach Krasnojarsk gelangen, so war vielleicht noch nicht Alles
+verloren, da der Gouverneur, dem er sich zu entdecken gedachte, ihm ohne
+Zweifel die nöthigen Mittel gewähren würde, um Irkutsk zu erreichen.
+
+Michael Strogoff wanderte also karg an Worten und versunken in Gedanken
+weiter. Er hielt Nadia’s Hand. Beide blieben ununterbrochen vereinigt. Es
+schien, als bedürften sie der Sprache zum Austausch ihrer Gedanken gar
+nicht mehr. Von Zeit zu Zeit unterbrach Michael Strogoff wohl das
+Schweigen.
+
+„Sprich doch zu mir, Nadia, sagte er.
+
+— Wozu das, Michael? Wir denken ja zusammen!“ antwortete die junge
+Liefländerin und bemühte sich, ihre Erschöpfung nicht durch ihre Stimme zu
+verrathen.
+
+Manchmal aber sanken ihre Füße zusammen, als stände ihr Puls schon still,
+ihr Schritt verlangsamte sich und mit flehend geöffneten Armen blieb sie
+ein wenig zurück, dann hemmte auch Michael Strogoff seine Schritte und
+richtete die Augen auf das junge Mädchen, so als könne er es in der
+Dunkelheit, die ihn umgab, erkennen. Seine Brust hob sich; er suchte seine
+Begleiterin noch besser zu unterstützen und nahm den ermüdenden Weg wieder
+auf.
+
+Diese ununterbrochenen Anstrengungen sollten aber heute eine überaus
+glückliche Wendung erfahren, welche Beiden für die Zukunft eine große
+Erleichterung versprach.
+
+Seit zwei Stunden hatten sie Semilowskoë verlassen, als Michael Strogoff
+stehen blieb und fragte:
+
+„Ist die Straße menschenleer?
+
+— Vollständig verlassen, antwortete Nadia.
+
+— Hörst Du nicht hinter uns irgend ein Geräusch?
+
+— Ja, wirklich.
+
+— Das könnten Tartaren sein; wir werden uns verbergen müssen. Passe wohl
+auf!
+
+— Warte ein wenig, Michael!“ erwiderte Nadia und ging die Straße einige
+Schritte, bis zu einer nahen Biegung rückwärts.
+
+Michael Strogoff blieb, angestrengt lauschend, einige Augenblicke allein.
+
+Nadia kehrte sehr bald zurück und meldete:
+
+„Es ist ein Wagen hinter uns, den ein junger Mann führt.
+
+— Ist er allein?
+
+— So viel ich sehen kann, ja.“
+
+Michael Strogoff zögerte einen Moment. Sollte er sich verbergen? – oder
+sollte er im Gegentheil bei der sich bietenden Gelegenheit versuchen, auf
+diesem Wagen, wenn auch nicht für sich selbst, so doch vielleicht für sie,
+einen Platz zu erhalten? Er würde sich damit begnügen, eine Hand auf den
+Wagen zu stützen; ja, er würde diesen selbst mit schieben, denn seine Füße
+versagten ihm voraussichtlich niemals den Dienst, aber er fühlte wohl, daß
+Nadia durch die lange, achttägige Wanderung vom Obi bis hierher am Ende
+ihrer Kräfte sein müsse.
+
+Er wartete.
+
+Der Wagen zeigte sich bald an dem Knie der Straße.
+
+Es war ein sehr verfallenes, für höchstens drei Personen eingerichtetes
+Fuhrwerk, eine in der dortigen Gegend sogenannte Kibitka.
+
+Gewöhnlich bilden drei Pferde die Bespannung einer solchen Kibitka; diese
+wurde aber nur von einem Pferde mit langer Behaarung und dickbuschiger
+Mähne und Schweif gezogen, dessen offenbar mongolische Abstammung seine
+Stärke und Ausdauer verrieth.
+
+Als Führer saß ein junger Mann auf dem Wagen, neben welchem ein Hund
+neugierig hervorguckte.
+
+Nadia erkannte bald, daß der junge Mann ein Russe sei. Er hatte ein
+freundliches, ruhiges, Vertrauen erweckendes Gesicht. Besondere Eile
+schien er auch nicht zu haben. Er trottete ruhigen Schrittes dahin, um
+sein Pferd nicht überanzustrengen, und wer ihn so sah, hätte gewiß nie
+geglaubt, daß er auf einem Wege fahre, den die wilden Horden der Tartaren
+jederzeit abschneiden konnten.
+
+Nadia faßte Michael Strogoff’s Hand sicherer und trat zur Seite.
+
+Die Kibitka hielt; lächelnd sah deren Führer das junge Mädchen an.
+
+„Ei, wo wandert Ihr denn hin?“ fragte er mit freundlich theilnehmendem
+Blicke.
+
+Der Ton dieser Stimme belehrte Michael Strogoff, daß er dieselbe irgendwo
+schon einmal gehört habe. Ohne Zweifel genügte ihm dieser Anhaltepunkt, um
+den Führer der Kibitka wieder zu erkennen, denn seine sorgenvolle Stirn
+heiterte sich plötzlich auf.
+
+„Nun, wohin wollt Ihr denn? wiederholte der junge Mann, indem er sich
+direct an Michael Strogoff wandte.
+
+— Wir gehen nach Irkutsk, antwortete dieser.
+
+— Aber, Väterchen, Du weißt wohl gar nicht, daß es noch viele, viele Werst
+bis Irkutsk ist.
+
+— O ja, das weiß ich.
+
+— Und Du reisest zu Fuß?
+
+— Wie Du siehst.
+
+— Für Dich mag das angehen, aber die junge Dame ...
+
+— Das ist meine Schwester, fiel Michael Strogoff ein, der es für
+gerathener hielt, ihr diese Bezeichnung wieder beizulegen.
+
+— Ja, das ist ganz gut, Väterchen. Aber traue meinem Worte, sie wird zu
+Fuß niemals nach Irkutsk kommen.
+
+— Guter Freund, begann Michael Strogoff und näherte sich dem Wagen, die
+Tartaren haben uns geplündert und ich besitze keine Kopeke, sie Dir
+anzubieten; doch wenn Du nur meine Schwester mit auf den Wagen nehmen
+willst, so werd’ ich Dir gern zu Fuß folgen, nöthigenfalls laufen, um Dich
+keine Stunde aufzuhalten ...
+
+— Aber, Bruder, fiel ihm Nadia in’s Wort,... ich will das nicht, nein, ich
+will nicht!... Mein Bruder ist blind, mein Herr!
+
+— Blind! rief der junge Mann mit bewegter Stimme.
+
+— Die Tartaren blendeten ihm die Augen durch Feuer! setzte Nadia dazu,
+während sie die Hände ausstreckte, um sein Mitleid anzurufen.
+
+— Die Augen haben sie Dir ausgebrannt? – O, Du armes Väterchen! – Nun, ich
+will nach Krasnojarsk. Warum willst Du nicht mit Deiner Schwester auf
+meinem Wagen Platz nehmen? Wenn wir uns etwas einrichten, werden alle drei
+Platz finden. Mein Hund wird nichts dagegen haben, weiter zu Fuß zu gehen.
+Nur fahre ich nicht sehr schnell, um mein Pferd zu schonen.
+
+— Wie ist Dein Name, Freund? fragte Michael Strogoff.
+
+— Ich heiße Nicolaus Pigassof.
+
+— Diesen Namen werd’ ich niemals vergessen, betheuerte Michael Strogoff.
+
+— Nun komm, steig’ auf, blindes Väterchen. Hinten im Wagen mag Deine
+Schwester neben Dir sitzen; ich werde davor Platz finden, um das Pferd zu
+führen. Im Wagen liegt schöne Birkenrinde und Gerstenstroh – es ist wie
+ein warmes Nest darin. Allons, Sersko, mach’ Platz!“
+
+Der Hund sprang, ohne sich bitten zu lassen, herab. Er war von sibirischer
+Race mit grauem Fell, von mittlerer Größe, mit großem, gutmüthigem Kopfe
+und schien sehr an seinem Herrn zu hängen.
+
+Michael Strogoff und Nadia richteten sich schnell in der Kibitka ein.
+Michael Strogoff hatte die Hände ausgestreckt, um die Nicolaus Pigassof’s
+zu suchen.
+
+„Meine Hand willst Du drücken, Väterchen? sagte Nicolaus. Hier ist sie!
+Drücke sie, soviel es Dir Vergnügen macht.“
+
+Die Kibitka setzte sich wieder in Bewegung. Das Pferd, welches Nicolaus
+Pigassof nie mit der Peitsche antrieb, war ein Paßgänger. Wenn Michael
+Strogoff auch an Schnelligkeit nicht viel gewann, so blieben ihm und Nadia
+doch weitere Körperanstrengungen erspart.
+
+Die Erschöpfung des jungen Mädchens war auch so groß, daß es, geschaukelt
+von dem gleichmäßigen Schwanken der Kibitka, bald in tiefen, fast
+todtenähnlichen Schlaf verfiel. Michael Strogoff und Nicolaus Pigassof
+betteten die müde Schläferin so gut es ging auf Birkenlaub und Stroh. Der
+mitleidige junge Mann war innig bewegt, und wenn sich aus Michael
+Strogoff’s Lidern keine Thräne drängte, so lag es daran, daß das glühende
+Eisen deren Quelle versiegen gemacht hatte.
+
+„Es ist ein nettes Mädchen, sagte Nicolaus.
+
+— O ja, erwiderte Michael Strogoff.
+
+— Die Püppchen wollen immer stark sein, Väterchen, immer muthig, und im
+Grunde sind sie doch nur schwach. – Kommt Ihr von weit her?
+
+— Von sehr weit.
+
+— Arme Leutchen, – das mußte Dir sehr weh thun, als sie Deine Augen
+verbrannten.
+
+— Ja gewiß, erwiderte Michael Strogoff sich umwendend, als hätte er
+Nicolaus sehen können.
+
+— Und Du weintest dabei nicht?
+
+— Doch.
+
+— O, ich hätte wohl auch geweint. Zu denken, daß man seine Lieben niemals
+wiedersehen soll! Aber, sie können Euch doch sehen, darin liegt ja
+wenigstens _ein_ Trost.
+
+— Ja, vielleicht. – Sage mir, Freund, fragte Michael Strogoff, solltest Du
+mich noch niemals gesehen haben?
+
+— Dich, Väterchen? Daß ich nicht wüßte.
+
+— Mir kommt der Ton Deiner Stimme so bekannt vor.
+
+— Sieh da! versetzte Nicolaus lächelnd. Er kennt den Klang meiner Stimme.
+Du fragst mich das vielleicht, um zu erfahren, woher ich komme. O, das
+will ich Dir sagen. Ich komme von Kolyvan.
+
+— Von Kolyvan? wiederholte Michael Strogoff. Dann bin ich Dir aber doch
+begegnet. Du warst dort im Telegraphenamte?
+
+— Das trifft, bestätigte Nicolaus. Ich wohnte daselbst als Beamter.
+
+— Und bliebst dort bis zum letzten Augenblick?
+
+— Nun, ich war wohl verpflichtet, bis zum Aeußersten auszuharren.
+
+— Das geschah an dem Tage, da ein Engländer und ein Franzose, die Hände
+voller Rubelstücke, sich um den Platz an Deinem Schalter stritten und der
+Engländer die ersten Verse der Bibel abtelegraphiren ließ?
+
+— Das mag sein, Väterchen, doch ich entsinne mich dessen nicht.
+
+— Wie? Daran erinnerst Du Dich nicht?
+
+— Ich lese die abzusendenden Depeschen niemals. Es ist meine Pflicht, sie
+zu vergessen, und das Kürzeste, gar keine Kenntniß von ihnen zu nehmen.“
+
+Diese Antwort schloß Michael Strogoff den Mund.
+
+Inzwischen bewegte sich die Kibitka in ihrem mäßigen Tempo weiter, das
+Michael Strogoff so gern etwas beschleunigt hätte. Doch Nicolaus und sein
+Pferd erschienen an jenes so gewöhnt, daß weder der Eine noch das Andere
+je davon abgingen. Drei Stunden lang zog das Pferd in gleichem Schritte
+weiter, dann ruhte es während einer Stunde, – und das Tag und Nacht. An
+den Haltestellen weidete das Thier und die Insassen der Kibitka nahmen in
+Gesellschaft des treuen Sersko einen Imbiß ein. Die Kibitka war mindestens
+für zwanzig Personen verproviantirt, und Nicolaus stellte opferwillig
+seine Vorräthe den beiden Gästen, die er für Bruder und Schwester hielt,
+zur Verfügung.
+
+Nach eintägiger Ruhe gewann Nadia ihre Kräfte so ziemlich wieder. Nicolaus
+sorgte nach Kräften für ihr Wohlergehen. Die Reise ging, wenn auch
+langsam, doch regelmäßig und unter ganz leidlichen Verhältnissen von
+statten. Es kam auch vor, daß Nicolaus während der Nacht, die Zügel in den
+Händen, einschlief, wobei sein ungestörtes Schnarchen ein beredtes Zeugniß
+für sein ruhiges Gewissen ablegte. Dann hätte man beobachten können, daß
+Michael Strogoff die Zügel des Pferdes zu erlangen und dieses in
+schnelleren Gang zu bringen suchte, zum größten Erstaunen Sersko’s, der
+das indeß schweigend geschehen ließ. Unwiderruflich verlangsamte sich
+dieser Trab aber sofort wieder zu dem alten Paßgang, sobald Nicolaus
+erwachte; nichtsdestoweniger hatte die Kibitka einige Werst über die
+reglementmäßige Geschwindigkeit gewonnen.
+
+So kreuzte man den Ischimsk-Strom, durchzog die Flecken Ischimskoë,
+Berikylskoë, Kuskoë, den Mariinsk-Fluß, die gleichnamige Ortschaft,
+Bogostowskoë und kam endlich über den Tschula, einen unbedeutenderen
+Wasserlauf, der Westsibirien von Ostsibirien scheidet. Die Straße
+durchschnitt hier bald ungeheure Haiden, welche einen ausgedehnten
+Ueberblick gestatteten, bald dichte Tannenwälder, die gar kein Ende zu
+nehmen schienen.
+
+Alles war öde; die Wohnstätten der Menschen fast ausnahmslos verlassen.
+Die Landleute flüchteten sich über den Yeniseï, in der Meinung, daß dieser
+breite Strom den Tartaren Halt gebieten werde.
+
+Am 22. August erreichte die Kibitka den Flecken Atschinsk, 380 Werst von
+Tomsk. Hundertzwanzig Werst trennten sie nun noch von Krasnojarsk. Kein
+Zwischenfall hatte die Fahrt gestört. Seit sechs Tagen vereinigt waren
+Nicolaus, Michael Strogoff und Nadia die nämlichen geblieben, jener
+bezüglich seiner unerschütterlichen Ruhe, diese unruhig und besorgt wegen
+der Stunde, in der sich ihr Gefährte von ihnen trennen würde.
+
+Michael Strogoff sah wirklich die durchfahrenen Landstrecken durch die
+Augen Nicolaus’ und des jungen Mädchens. Abwechselnd beschrieben ihm Beide
+die Gegenden, durch welche die Kibitka fuhr. Er wußte, ob in der Umgebung
+ein Wald oder eine offene Ebene sei, ob sich ein verlorenes Häuschen in
+der Steppe oder ein Sibirer in der Ferne zeigte. Nicolaus’ Zunge stand
+selten still. Er liebte es, zu plaudern, und bei seiner eigenen
+Anschauungsweise der Dinge hörte man ihm gern zu.
+
+Eines Tages fragte ihn Michael Strogoff, wie die Witterung sei.
+
+„O, recht schön, Väterchen, antwortete er, aber wir haben nun auch die
+letzten angenehmen Sommertage. Der Herbst ist in Sibirien kurz und bald
+genug werden sich die ersten Winterfröste melden. Vielleicht beschließen
+die Tartaren, während der schlechten Jahreszeit Cantonnements zu
+beziehen?“
+
+Ungläubig schüttelte Michael Strogoff den Kopf.
+
+„Du glaubst es nicht, Väterchen, bemerkte Nicolaus. Du denkst, sie werden
+bis Irkutsk vordringen?
+
+— Ich fürchte es, erwiderte Michael Strogoff.
+
+— Ja ... Du kannst Recht haben. Sie haben da einen Schurken bei sich, der
+ihren Kriegseifer nicht auf halbem Wege erkalten lassen wird. – Hast Du
+von Iwan Ogareff gehört?
+
+— Gewiß.
+
+— Weißt Du, daß es sehr schlecht ist, sein Vaterland zu verrathen?
+
+— Ja, das ist es ... antwortete Michael Strogoff, der seine Ruhe mühsam zu
+bewahren suchte.
+
+— Väterchen, versetzte Nicolaus, mir scheint, es empört Dich gar nicht so
+sehr, von Iwan Ogareff sprechen zu hören. Jedes russische Herz zittert
+doch sonst vor Wuth, wenn man diesen Namen ausspricht.
+
+— Glaube mir, Freund, ich hasse ihn mehr, als Du ihn jemals hassen
+könntest.
+
+— Das ist unmöglich, erklärte Nicolaus; nein, das ist nicht möglich! Wenn
+ich an Iwan Ogareff denke, an das Böse, das er unserm heiligen Rußland
+zugefügt hat, so übermannt mich der Zorn und wenn ich ihn unter den Händen
+hätte ...
+
+— Nun, wenn Du ihn hättest, Freund?
+
+— Ich glaube, ich würde ihn umbringen.
+
+— Und ich, ich weiß das gewiß“, erklärte ruhig Michael Strogoff.
+
+
+
+
+ Siebentes Capitel.
+
+
+ Die Ueberschreitung des Jeniseï.
+
+
+Am 25. August kam die Kibitka mit sinkendem Tage in Sicht von Krasnojarsk
+an. Die Reise von Tomsk bis hierher hatte acht Tage in Anspruch genommen.
+Wenn sie trotz aller Bemühungen Michael Strogoff’s nicht schneller vor
+sich ging, kam das daher, daß Nicolaus nur sehr wenig schlief. Daraus
+ergab sich die Unmöglichkeit, die Gangart seines Pferdes zu beschleunigen,
+das unter anderen Händen nur sechzig Stunden zu dieser Strecke gebraucht
+hätte.
+
+Zum Glück war von den Tartaren noch gar nichts zu spüren. Kein Plänkler
+ließ sich bis jetzt auf der von der Kibitka verfolgten Straße sehen. Es
+erschien das ganz unbegreiflich, und offenbar mußte ein sehr gewichtiger
+Umstand die Truppen des Emirs verhindert haben, ohne Verzug nach Irkutsk
+zu weiter zu marschiren.
+
+In der That war ein solches Hinderniß eingetreten. Ein neues in aller Eile
+gesammeltes russisches Corps war aus dem Gouvernement Jeniseïsk auf Tomsk
+gezogen, um diese Stadt womöglich wieder zu erobern. Freilich erwies es
+sich der Heeresmacht Feofar-Khan’s gegenüber noch zu schwach und hatte
+sich wieder zurückziehen müssen. Nach Vereinigung seiner eigenen Truppen
+mit den Soldaten der Khanate von Khokhand und Kunduz verfügte Feofar-Khan
+über eine Gesammtzahl von 250,000 Mann, denen die russische Regierung noch
+keine hinreichende Truppenmacht entgegen zu stellen vermochte. So
+frühzeitig die Invasion zu ersticken schien nicht ausführbar, und
+jedenfalls konnten die Tartarenhaufen versuchen, nach Irkutsk
+aufzubrechen.
+
+Am 22. August kam es zu jenem Treffen bei Tomsk, von dem Michael Strogoff
+zunächst nichts wußte, das aber hinreichend erklärt, warum der Vortrab des
+Emirs Krasnojarsk noch am 25. unbelästigt gelassen hatte.
+
+Kannte Michael Strogoff auch die jüngsten Ereignisse nicht, so wußte er
+doch das Eine, daß er den Tartaren um mehrere Tage voraus war und nicht
+daran zu verzweifeln brauchte, Irkutsk vor ihnen zu erreichen. Die
+Hauptstadt Ostsibiriens lag jetzt noch 850 Werst (= 900 Kilometer) von ihm
+entfernt.
+
+Er rechnete übrigens darauf, daß es ihm in Krasnojarsk, einer Stadt von
+etwa 12,000 Seelen, an Transportmitteln nicht fehlen könne. Da Nicolaus
+Pigassof in dieser Stadt bleiben wollte, machte sich die Beschaffung eines
+Führers und eines anderen schnelleren Fuhrwerkes nöthig. Michael Strogoff
+hoffte, es werde ihm, wenn er sich an den Gouverneur der Stadt wendete,
+seine Identität und seine Eigenschaft als Courier des Czaaren nachwies, –
+was ihm nicht schwer fallen konnte, – gewiß gelingen, mit dessen Hilfe
+Irkutsk in kürzester Zeit zu erreichen. Er hatte dann dem wackeren
+Nicolaus Pigassof nur noch seinen herzlichen Dank abzustatten und
+unverzüglich mit Nadia abzureisen, denn diese wollte er nicht eher
+verlassen, als bis er sie den Händen ihres Vaters übergeben hätte.
+
+Nicolaus’ Entschluß, in Krasnojarsk zu bleiben, galt freilich nur „unter
+der Bedingung, dort Verwendung zu finden“.
+
+Dieses Muster eines Beamten strebte nur darnach, sich, nachdem er seinen
+Posten in Kolyvan bis zum letzten Augenblick behauptet, der
+Telegraphen-Verwaltung sofort wieder zur Verfügung zu stellen.
+
+„Wie könnte ich einen Gehalt angreifen, den ich nicht verdient hätte?“
+wiederholte er mehrfach.
+
+Für den Fall, daß man seiner Dienste auch in Krasnojarsk nicht benöthigte,
+wollte er, da letztere Stadt mit Irkutsk noch immer in telegraphischer
+Verbindung stehen mußte, sich entweder nach Udinsk, oder auch nach der
+Hauptstadt Sibiriens begeben. Dann setzte er aber seine Reise mit dem
+Bruder und der Schwester fort, und wo hätten diese einen sicherern Führer,
+einen ergebeneren Freund finden können?
+
+Die Kibitka befand sich jetzt nur noch eine halbe Werst von Krasnojarsk.
+Rechts und links bemerkte man jene zahlreichen Kreuze, wie sie sich hier
+an den Straßen in der Nähe der Stadt finden. Es war um sieben Uhr des
+Abends. An dem klaren Himmel zeichneten sich die Silhouetten der Kirchen
+und die Profile der an dem steilen Abhange des Jeniseï erbauten Häuser ab.
+Das Wasser des Flusses erglänzte in den letzten Lichtstrahlen der
+Atmosphäre.
+
+Die Kibitka hielt an.
+
+„Wo sind wir, Schwester? fragte Michael Strogoff.
+
+— Eine halbe Werst von den ersten Häusern der Stadt, belehrte ihn Nadia.
+
+— Ist die ganze Stadt eingeschlafen? fuhr Michael Strogoff fort. Kein Laut
+dringt zu meinen Ohren.
+
+— Und ich sehe auch kein Licht erglänzen, keinen Rauch in die Luft
+emporsteigen, fügte Nadia hinzu.
+
+— Eine eigenthümliche Stadt! sagte Nicolaus. Hier macht man keinen Lärmen
+und legt sich sehr zeitig nieder!“
+
+In Michael Strogoff stieg eine böse Ahnung auf. Er hatte Nadia noch nicht
+mitgetheilt, welche Hoffnung er auf Krasnojarsk setzte, wo er die Mittel
+zur sicheren Fortsetzung ihrer Reise zu erlangen glaubte. Jetzt fürchtete
+er, seine Hoffnung werde noch einmal getäuscht werden. Aber Nadia hatte
+seine Gedanken errathen, obgleich sie nicht begriff, warum ihr Gefährte
+jetzt, nach Verlust des kaiserlichen Handschreibens, so sehr eilte, nach
+Irkutsk zu kommen. Eines Tages hatte sie mit Bezug hierauf auch einige
+Worte fallen lassen.
+
+„Ich habe geschworen, nach Irkutsk zu gehen!“ Darauf beschränkte sich
+seine ganze Antwort.
+
+Um jedoch den Zweck seiner Sendung zu erfüllen, mußte er in Krasnojarsk
+noch ein schnelles Beförderungsmittel finden.
+
+„Nun, Freund, wandte er sich an Nicolaus, weshalb fahren wir nicht weiter?
+
+— Ich befürchte, die Bewohner der Stadt durch das Geräusch unsres Wagens
+aus dem Schlafe zu stören.“
+
+Durch einen leichten Streich mit der Peitsche setzte Nicolaus sein Pferd
+wieder in Bewegung. Sersko schlug einige Male an und die Kibitka rollte
+mäßig schnell die Straße hinab, die nach Krasnojarsk hinein führte.
+
+Zehn Minuten später befand sie sich in der Hauptstraße.
+
+Auch Krasnojarsk war verlassen! Kein Athener belebte „das nordische
+Athen“, wie Frau von Bourboulon die Stadt genannt hat. Keine jener so
+prächtig bespannten Equipagen rollte durch die breiten, reinlichen
+Straßen. Kein Fußgänger wandelte auf den Trottoirs der schönen, in
+monumentalem Style erbauten Holzhäuser. Keine elegante, nach neuester
+Pariser Mode gekleidete Sibirerin, promenirte in jenem herrlichen Parke,
+der, in einem Birkenwalde angelegt, sich bis an das Ufer des Jeniseï
+fortsetzte. Die große Glocke der Kathedrale schwieg, die Glockenspiele der
+Kirchen blieben stumm, während sonst nur selten der Gesang derselben in
+den russischen Städten nicht ertönt. Doch hier war Alles erstorben. Kein
+lebendes Wesen athmete mehr in der sonst so verkehrsreichen Stadt!
+
+Das letzte Telegramm aus dem Cabinet des Czaaren vor Unterbrechung der
+telegraphischen Verbindung befahl dem Gouverneur, der Garnison, den
+Einwohnern allen, Krasnojarsk zu verlassen, jeden werthvollen Gegenstand
+und Alles, was den Tartaren hätte von Nutzen sein können, wegzuschaffen
+und nach Irkutsk zu flüchten. Dieselbe Verordnung traf die Einwohner aller
+kleineren Ortschaften der Provinz. Die russische Regierung suchte vor den
+Schritten der Feinde eine Wüste herzustellen. Solche eines Rostopschin
+würdige Befehle wurden nicht einen Augenblick lang kritisirt. Man kam
+ihnen einfach nach, und deshalb blieb auch kein lebendes Wesen in
+Krasnojarsk zurück.
+
+Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus durchwanderten schweigend die Straßen
+der Stadt. Sie selbst verursachten das einzige Geräusch, das in dieser
+todten Stadt ertönte. Von den Empfindungen, die ihn marterten, ließ
+Michael Strogoff zwar äußerlich nichts merken, aber es kochte doch
+manchmal auf in ihm über das unersättliche Mißgeschick, welches ihn
+verfolgte und seine Hoffnungen noch einmal so bitter täuschte.
+
+„Großer Gott, jammerte Nicolaus, in dieser Wüstenei werde ich meinen
+Gehalt nimmer ehrlich verdienen können.
+
+— Guter Freund, redete ihm Nadia zu, Sie werden mit uns den Weg nach
+Irkutsk einschlagen müssen.
+
+— Freilich muß ich das! antwortete Nicolaus. Zwischen Udinsk und Irkutsk
+muß die Leitung noch im Stande sein und da ... Wollen wir weiter,
+Väterchen?
+
+— Warten wir bis morgen, erwiderte Michael Strogoff.
+
+— Du hast Recht, bestätigte Nicolaus. Wir müssen den Jeniseï passiren und
+dazu sehen können.
+
+— Sehen können!“ murmelte Nadia mit einem Gedanken an ihren blinden
+Gefährten.
+
+Nicolaus hatte doch ihre Bemerkung gehört und wendete sich an Michael
+Strogoff.
+
+„Verzeihe, Väterchen, sagte er. Ach, Nacht und Tag, das ist für Dich ja
+gleichgiltig!
+
+— Mache Dir keine Vorwürfe, Freund, beruhigte ihn Michael Strogoff und
+strich dabei mit der Hand über seine Augen. Mit Dir als Führer kann ich
+auch noch etwas nützen. Ruhe jetzt einige Stunden aus. Auch Nadia mag sich
+durch den Schlummer stärken. Morgen wird es ja wieder Tag.“
+
+Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus hatten nicht lange zu suchen, um eine
+Ruhestätte zu finden. Das erste Haus, dessen Thüre sie öffneten, war ja
+ebenso leer, wie alle die anderen. Nur einige Haufen Laubwerk fanden sich
+darin vor. In Ermangelung besseren Futters mußte das Pferd sich mit diesem
+begnügen. Von dem noch nicht erschöpften Proviant aus der Kibitka erhielt
+jeder seinen Theil. Nachdem sie dann vor einem bescheidenen, an der Wand
+hängenden Bilde der Panaghia, welches das letzte Flämmchen einer Lampe
+beleuchtete, ihre Knie gebeugt, schliefen Nicolaus und das junge Mädchen
+bald ein, während Michael Strogoff, den der Schlaf noch floh, neben ihnen
+wachte.
+
+Am folgenden Tage, dem 26. August, fuhr die wieder angeschirrte Kibitka
+durch den Birkenpark nach dem Ufer des Jeniseï.
+
+Michael Strogoff war sehr besorgt. Auf welche Weise sollte der Fluß
+überschritten werden, wenn man, wie anzunehmen war, alle Boote und Fähren
+zerstört hatte, um das Vordringen der Tartaren zu verzögern? Er kannte den
+Jeniseï, den er schon manchmal passirte, sehr gut, ebenso die
+beträchtliche Breite desselben, wie die heftigen Stromschnellen zwischen
+den Inseln in seinem Bette. Unter gewöhnlichen Verhältnissen verlangt die
+Ueberschreitung des Jeniseï mittels besonderer für den Transport von
+Reisenden, Wagen und Pferden eingerichteter Fähren eine Zeit von drei
+Stunden, und dabei erreichen diese Fährboote das rechte Ufer nur unter dem
+Aufwande der größten Anstrengungen. Wie sollte nun, beim Mangel jedes
+Transportmittels, die Kibitka von einem Ufer zum andern gelangen?
+
+„Und ich muß doch hinüber kommen!“ sagte sich Michael Strogoff wiederholt.
+
+Der Tag begann zu grauen, als die Kibitka an einer dort auslaufenden Allee
+des Parkes das linke Stromufer erreichte. An dieser Stelle erhebt sich das
+Uferland etwa hundert Fuß über der Wasserfläche, so daß diese bis auf
+weite Entfernung hin zu übersehen ist.
+
+„Entdeckt Ihr eine Fähre? fragte Michael Strogoff, indem er seine Augen,
+eine Folge früher Gewohnheit, hier- und dorthin wendete, als könne er
+selbst noch sehen.
+
+— Noch ist es kaum Tag, antwortete Nadia. Auf dem Strome liegt ein so
+dichter Dunst, daß man kaum das Wasser zu sehen vermag.
+
+— Doch ich höre das Rauschen der Wellen“, setzte Michael Strogoff noch
+hinzu.
+
+Wirklich drang aus den tieferen Nebelschichten ein Brausen von auf
+einander treffenden Strömungen und Gegenströmungen herauf. Das zu dieser
+Jahreszeit sehr angeschwollene Wasser rauschte mit furchtbarer Gewalt
+dahin. Alle Drei horchten und warteten auf das Verschwinden des
+Nebelvorhanges. Rasch stieg nun die Sonne über den Horizont empor und ihre
+ersten warmen Strahlen tranken die angesammelten Dünste weg.
+
+„Nun? fragte Michael Strogoff.
+
+— Der Nebel beginnt zu weichen, Bruder, antwortete ihm Nadia; schon
+durchdringt ihn allmälig das Licht des Tages.
+
+— Das Niveau des Flusses siehst Du noch nicht?
+
+— Bis jetzt noch nicht.
+
+— Etwas Geduld, Väterchen, sagte Nicolaus. Es wird sich Alles machen. Da,
+es erhebt sich schon ein frischer Wind; er wird die Nebel bald vertreiben.
+Schon zeigen die hohen Hügel des andern Ufers ihre dichten Baumreihen. Die
+dienstwilligen Sonnenstrahlen verzehren die angehäuften Wasserdünste. O,
+wie schön das ist, Du armer Blinder, und welches Unglück für Dich, dies
+prächtige Schauspiel nicht genießen zu können!
+
+— Siehst Du ein Fahrzeug? fragte Michael Strogoff.
+
+— Ich sehe keines, antwortete Nicolaus.
+
+— Sieh scharf hinaus, Freund, längs dieses Ufers und längs des anderen,
+soweit Deine Augen reichen. Ein Boot! eine Barke, nur ein Canot aus
+Baumrinde!“
+
+Nicolaus und Nadia, die sich an den äußersten Birkenstämmen des steilen
+Ufers anhielten, bogen sich fast bis über den Fluß hinaus. Ihr
+Gesichtskreis gewann dadurch noch mehr an Ausdehnung. Der Jeniseï ist an
+dieser Stelle nicht weniger als anderthalb Werst breit und bildet zwei
+ungleich große Arme, in welchen die Wellen mit erstaunlicher Schnelligkeit
+dahin schießen. Zwischen diesen Armen liegen mehrere Inseln zerstreut, die
+mit ihren Erlen, Weiden und Pappeln wie eben so viele im Flusse verankerte
+Fahrzeuge aussehen. Ueber diesen erheben sich die Hügel des östlichen
+Ufers, gekrönt mit Wäldern, deren Baumgipfel jetzt in purpurnem
+Morgenlichte flammten. Stromaufwärts und stromabwärts erstreckte sich der
+Lauf des Jeniseï bis über Gesichtsweite hinaus. Das ganze wunderbar schöne
+Panorama entrollte sich in einem Umfange von mindestens fünfzig Werst.
+
+Ein Boot aber zeigte sich weder am rechten noch am linken Ufer, noch auch
+an dem Rande der Inseln. Schafften die Tartaren also das Material zum Bau
+einer Schiffbrücke nicht selbst von Süden hierher, so mußte ihr Zug auf
+Irkutsk durch den schwer überschreitbaren Jeniseï eine nicht
+unbeträchtliche Verzögerung erfahren.
+
+„Ich erinnere mich, begann da Michael Strogoff, eines kleinen
+Ausschiffungsplatzes, weiter oben, nahe den letzten Häusern von
+Krasnojarsk. Dort legten die Fähren an. Laß uns den Fluß hinauf ziehen,
+Freund, und sieh dabei zu, ob nicht eine einzige Barke vergessen worden
+ist.“
+
+Nicolaus wendete sich nach der angedeuteten Richtung. Nadia ergriff
+Michael Strogoff’s Hand und führte ihn schnellen Schrittes dahin. Eine
+Barke, nur ein hinreichend großes Boot, um die leichte Kibitka zu tragen,
+und in Ermangelung dessen, nur ein Kahn, um die Insassen der letzteren
+überzuführen, – und Michael Strogoff würde keinen Augenblick gezögert
+haben, die Ueberschreitung des Stromes zu wagen.
+
+Zwanzig Minuten später hatten alle drei die beschränkte Landungsstelle
+erreicht, einen kleinen Hafen, dessen letzte Häuser bis an das Niveau des
+Flusses herab reichten, etwa wie ein sich an Krasnojarsk anschließender
+kleiner Vorort.
+
+Auch hier fand sich jedoch kein Fahrzeug am Ufer, kein Kahn an der
+Pfahlwand, ja, nicht das Geringste, aus dem sich ein für drei Personen
+hinreichendes Floß hätte herstellen lassen.
+
+Michael Strogoff befragte Nadia über den Befund, und diese gab leider die
+wenig trostreiche Antwort, daß ihr unter den gegebenen Verhältnissen eine
+Ueberschreitung des Flusses schlechterdings unmöglich scheine.
+
+„Wir kommen hinüber“, erklärte Michael Strogoff.
+
+Die Nachsuchungen begannen auf’s Neue. Man durchstöberte die an dem
+Abhange gelegenen Gebäude, welche ebenso verlassen waren, wie die in der
+eigentlichen Stadt. Höchstens die Thüren hätte man dort ausheben können.
+Es waren übrigens nur vollkommen leere Hütten ärmerer Leute. Nicolaus sah
+sich in der einen um, Nadia durchsuchte die andere. Selbst Michael
+Strogoff trat hier und da ein und tastete nach irgend einem Gegenstande,
+der ihm jetzt hätte von Nutzen sein können.
+
+Nicolaus und das junge Mädchen hatten sich vergeblich in den Hütten
+umgesehen und wollten schon jede fernere Nachsuchung aufgeben, als sie
+ihre Namen rufen hörten.
+
+Beide sahen sich auf dem Abhange um und gewahrten Michael Strogoff auf der
+Schwelle einer Hausthür.
+
+„Kommt hierher!“ rief dieser.
+
+Die Beiden folgten sofort seinem Rufe und traten in das Hüttchen ein.
+
+„Was ist das hier? fragte Michael Strogoff und berührte mit der Hand
+verschiedene in einer Art Speisegewölbe liegende Gegenstände.
+
+— Das sind Schläuche, bedeutete ihm Nicolaus, wahrhaftig, ein volles
+halbes Dutzend.
+
+— Sind sie gefüllt?
+
+— Ja wohl, mit Kumiß, ein Fund zu sehr gelegener Zeit, um unseren Proviant
+zu erneuern.“
+
+Der „Kumiß“ ist ein aus Stuten- oder Kameelmilch bereitetes stärkendes,
+sogar berauschendes Getränk, und Nicolaus hatte alle Ursache, sich dieses
+Fundes zu freuen.
+
+„Leg’ einen bei Seite, sagte Michael Strogoff zu ihm, aber entleere sofort
+alle übrigen.
+
+— Sogleich, Väterchen.
+
+— Diese sollen uns den Jeniseï überschreiten helfen.
+
+— Und das Floß?
+
+— Das stellt die Kibitka selbst vor, welche ja leicht genug ist, um selbst
+zu schwimmen. Uebrigens werden wir und das Pferd sie vermittels dieser
+Schläuche halten.
+
+— Gut ausgedacht, Väterchen, rief Nicolaus, und mit Gottes Hilfe werden
+wir glücklich den Hafen erreichen ... vielleicht nicht in gerader Linie,
+denn die Strömung ist sehr stark.
+
+— Das thut nichts, versicherte Michael Strogoff. Laß uns nur erst hinüber
+kommen, die Straße nach Irkutsk finden wir schon wieder.
+
+— An’s Werk also“, sagte Nicolaus, der sofort daran ging, die Schläuche zu
+entleeren und sie nach der Kibitka zu schaffen.
+
+Nur ein mit Kumiß gefüllter Schlauch ward reservirt, die andern, mit Luft
+aufgeblasen und sorgfältig verschlossen, sollten als schwimmende Träger
+dienen. Zwei derselben band man an die Seiten des Pferdes, um dieses über
+Wasser zu halten. Zwei andere wurden an dem Sitzkasten der Kibitka
+zwischen den Rädern angebracht, um diese zu tragen und sie als Floß
+benutzen zu können.
+
+Diese Arbeit war bald vollendet.
+
+„Du wirst Dich doch nicht fürchten, Nadia? fragte Michael Strogoff.
+
+— Nein, Bruder, erwiderte das junge Mädchen.
+
+— Und ich, rief Nicolaus, ich erreiche endlich die Erfüllung meiner
+Träume, gleich in der Kutsche zu schwimmen.“
+
+Das hier sanfter geneigte Ufer begünstigte den Stapellauf (wenn man so
+sagen darf) der Kibitka. Das Pferd zog sie bis zum Rande des Wassers, und
+bald schwamm der ganze Apparat sammt dem Pferde auf den Wellen des
+Flusses. Sersko schwamm dabei munter nebenher.
+
+Die drei in dem Sitzkasten stehenden Passagiere hatten aus Vorsicht die
+Fußbekleidung abgelegt, doch reichte ihnen, Dank der Tragkraft jener
+Schläuche, das Wasser kaum bis an die Knöchel.
+
+Michael Strogoff führte die Zügel des Pferdes und lenkte es, nach den
+Anweisungen, welche ihm Nicolaus gab, schief gegen den Strom, ohne das
+Thier im vorzeitigen Kampfe gegen das Wasser zu sehr anzustrengen. So
+lange die Kibitka sich direct mit der Strömung bewegte, ging Alles ganz
+gut von statten, und schon nach wenigen Minuten hatte sie die Quais von
+Krasnojarsk passirt. Sie wich dabei nach Norden zu ab, und es lag auf der
+Hand, daß sie das jenseitige Ufer nur weit stromabwärts von der Stadt
+erreichen werde. Doch hierauf legte man kein besonderes Gewicht.
+
+Die Fahrt über den Jeniseï wäre nun, trotz der sehr mangelhaften
+Hilfsmittel, ohne zu große Schwierigkeit ausgeführt worden, wenn sich die
+Strömung in ihren gewöhnlichen, regelrechten Verhältnissen bewegt hätte.
+Unglücklicher Weise kreuzten sich aber mehrere Wirbel auf der Oberfläche
+des schäumenden Wassers, und bald wurde die Kibitka, trotz aller
+Anstrengungen Michael Strogoff’s, sie in einer andern Linie zu erhalten,
+unwiderstehlich in einen dieser Trichter hinein gezogen.
+
+Die Gefahr war groß. Die Kibitka hielt nicht mehr die Richtung nach dem
+östlichen Ufer ein, sie ging nicht ferner stromab, sondern drehte sich mit
+ungemeiner Schnelligkeit und nahm eine nach dem Mittelpunkte dieser
+Bewegung geneigte Stellung an, wie der Reiter auf der Bahn eines engen
+Circus. Ihre Schnelligkeit wuchs noch mehr. Das Pferd vermochte kaum noch
+den Kopf über dem Wasser zu halten und lief Gefahr, in dem Wirbel erstickt
+zu werden. Auch Sersko hatte einen Stützpunkt an der Kibitka suchen
+müssen.
+
+Michael Strogoff begriff recht wohl, was hier vorging. Er fühlte sich in
+einer immer enger werdenden Spirale dahin gezogen, der er nicht entgehen
+konnte. Er sprach kein Wort. Seine Augen schienen die Gefahr sehen zu
+wollen, um sie leichter zu vermeiden – sie konnten es nicht!
+
+Auch Nadia schwieg. Ihre Hände klammerten sich krampfhaft an das Gerüst
+des Wagens, und so sicherte sie sich gegen die ungeordneten Bewegungen
+desselben, als er sich immer mehr dem Depressionscentrum zuneigte.
+
+Begriff auch Nicolaus den ganzen Ernst der Lage? Ueberwog in ihm das
+Phlegma oder die Verachtung der Gefahr, der Muth oder die
+Gleichgiltigkeit? Hatte das Leben keinen Werth für ihn und galt es ihm,
+nach einem Ausdrucke der Orientalen, so viel, „wie eine Hotelwohnung für
+fünf Tage“, die man wohl oder übel am sechsten Tage räumen muß? Jedenfalls
+zeigte sein immer lächelndes Gesicht keine Spur einer Veränderung.
+
+Die Kibitka verblieb also in dem reißenden Strudel und das Pferd stand am
+Ende seiner Kräfte. Plötzlich warf Michael Strogoff alle Kleidungsstücke,
+die ihm hinderlich sein konnten, ab und stürzte sich in das Wasser; dann
+ergriff er mit mächtigem Arme den Zügel des halb scheu gewordenen Pferdes
+und riß es so mächtig fort, daß es sich bis über den anziehenden
+Kreiswirbel hinaus arbeitete, und sobald die Kibitka wieder in die
+geordnete Strömung kam, trieb sie mit erneuter Schnelligkeit weiter.
+
+„Hurrah!“ rief Nicolaus.
+
+Nur zwei Stunden nach dem Verlassen des Landungsplatzes hatte die Kibitka
+den größeren Arm des Stromes überschritten und landete, freilich sechs
+Werst stromab von der Abfahrtsstelle, an dem Ufer einer Insel.
+
+Das Pferd zog nun den Wagen vollends hinauf auf das Land, wo dem wackeren
+Thiere gern eine Stunde Ruhe gegönnt wurde. Dann fuhr die Kibitka unter
+dem schützenden Dache prächtiger Birken quer über das ganze Eiland und
+langte an dem schmäleren Arme des Jeniseï an.
+
+Hier vollzog sich die Ueberfahrt leichter. Kein Wasserwirbel unterbrach
+den Strom des zweiten Bettes, die Bewegung des Wassers war aber eine so
+schnelle, daß die Kibitka das rechte Ufer erst fünf Werst stromabwärts
+erreichte. Im Ganzen war sie also um elf Werst verschlagen worden.
+
+Diese großen Stromadern des sibirischen Gebietes, welche bis jetzt noch
+nirgends überbrückt sind, bilden überall sehr fühlbare Hindernisse der
+Communication. Alle erwiesen sich auch Michael Strogoff mehr oder weniger
+verderblich. Auf dem Irtysch hatten die Tartaren die Fähre, welche ihn und
+Nadia trug, angefallen. Beim Obi war er, nachdem sein Pferd einer Kugel
+erlag, nur wie durch ein Wunder den ihn verfolgenden Reitern entkommen.
+Alles in Allem lief diese Ueberschreitung des Jeniseï noch verhältnißmäßig
+am glücklichsten ab.
+
+„Das wäre gar nicht so amüsant gewesen, äußerte Nicolaus, als er, sich die
+Hände reibend, das rechte Ufer hinauf stieg, wenn es nicht solche
+Schwierigkeiten geboten hätte.
+
+— Und was für uns nur schwer durchzuführen war, antwortete Michael
+Strogoff, das, guter Freund, wird für die Tartaren nahezu unmöglich sein!“
+
+
+
+
+ Achtes Capitel.
+
+
+ Ein Hase, der über den Weg läuft.
+
+
+Michael Strogoff konnte nun endlich glauben, daß die Straße bis nach
+Irkutsk frei sei. Er hatte die bei Tomsk zurückgehaltenen Tartaren gewiß
+weit überholt, und wenn die Soldaten des Emirs nach Krasnojarsk kamen,
+fanden sie da nur eine verlassene Stadt und außerdem keinerlei Hilfsmittel
+zur Ueberschreitung des Jeniseï. Einige Tage Aufenthalt ergaben sich
+hieraus unzweifelhaft, da man erst eine hier noch dazu schwer
+anzubringende Schiffsbrücke schlagen mußte, um sich einen Uebergang
+herzustellen.
+
+Zum ersten Male seit dem traurigen Zusammentreffen mit Iwan Ogareff in
+Omsk fühlte sich der Courier des Czaaren weniger beunruhigt und durfte
+hoffen, daß sich kein neues Hinderniß zwischen ihm und seinem Ziel erheben
+werde.
+
+Die Kibitka rollte nun schräg nach Südosten und traf nach einem Wege von
+etwa fünfzehn Werst wieder auf die lange Straße durch die Steppe.
+
+Der Weg hier war gut, ja dieser Theil der Straße zwischen Krasnojarsk und
+Irkutsk wird sogar für den besten gehalten. Der Wagen erlitt keine Stöße
+durch unebenen Boden mehr, dichter Schatten schützte die Reisenden vor den
+Strahlen der Sonne, und manchmal erhoben sich hier Wälder von Fichten und
+Cedern, die sich wohl hundert Werst weit erstrecken. Hier dehnt sich nicht
+mehr die unendliche Steppe aus, deren Grenzlinie am Horizont mit der des
+Himmels verschmilzt. Doch dieses reiche Land war jetzt leer, alle Flecken
+und Dörfer verlassen. Hier gab es keine sibirischen Bauern mehr, die zum
+größten Theil einen slavischen Typus zeigen. Rings gähnte eine Wüste und,
+wie wir wissen, eine künstliche Wüste auf Befehl der Regierung.
+
+Das Wetter hielt sich schön; bei den schon kühleren Nächten aber erwärmte
+sich die Luft nur schwer an den Strahlen der Sonne. Schon rückten die
+ersten Tage des Septembers heran, und in dieser in ziemlich hoher Breite
+gelegenen Gegend verkürzte sich zusehends der Bogen des Tagesgestirns über
+dem Horizont. Der Herbst währt hier nicht lange, obwohl dieser Theil des
+sibirischen Gebietes nicht über dem 55. Grade der Breite, also etwa so
+hoch wie Kopenhagen oder Edinburgh, liegt. Manchmal folgt sogar der Winter
+so gut wie unvermittelt auf den Sommer. Und hart treten diese Winter des
+asiatischen Rußlands auch auf, wenn man bedenkt, daß sie das Quecksilber
+im Thermometer nicht selten zum Gefrieren bringen (was ja erst bei
+ungefähr 42° unter Null geschieht) und man eine Temperatur von -20° für
+eine ganz erträgliche hält.
+
+Die Witterung begünstigte also die Reisenden; sie war weder stürmisch noch
+regnerisch, die Hitze nur mäßig, die Nächte frisch. Nadia’s und Michael
+Strogoff’s Gesundheit erhielt sich stets gut, ja seit der Abreise aus
+Tomsk hatten sie fast alle früheren Beschwerden vergessen.
+
+Nicolaus Pigassof befand sich niemals besser als jetzt.
+
+Ihm galt diese Reise für einen Spazierweg, eine angenehme Excursion, mit
+der er seine freie Zeit als dienstloser Beamter ausfüllte.
+
+„Ganz entschieden, behauptete er, ist das weit besser, als zwölf Stunden
+des Tages auf dem Stuhle am Schalter zu sitzen oder mit dem Manipulator
+(der Handgriff an den Telegraphenapparaten, mit dem die elektrischen
+Zeichen gegeben werden) zu arbeiten.“
+
+Inzwischen gelang es Michael Strogoff auch, Nicolaus zu vermögen, daß er
+das Pferd in etwas schnelleren Gang brachte. Um das zu erreichen, hatte er
+ihm anvertraut, daß Nadia und er im Begriffe seien, ihren nach Irkutsk
+verbannten Vater aufzusuchen, und daß sie große Eile hätten, dahin zu
+kommen. Natürlich durfte man dem Pferde nicht zu viel zumuthen, denn
+wahrscheinlich traf man auf dem Wege kein anderes, um dasselbe zu
+ersetzen; wurde ihm aber nach etwa je fünfzehn Werst genügend Ruhe
+gegönnt, so konnte man in vierundzwanzig Stunden doch bequem sechzig Werst
+zurücklegen. Uebrigens war das Pferd gut bei Kräften und schon seiner Race
+nach für längere Anstrengungen besonders geeignet. An reichlichem Futter
+fehlte es ihm längs der Straße nicht, überall sproßte fettes, frisches
+Gras fast im Ueberfluß. Also konnte man ihm ein solches Arbeitsquantum
+wohl zumuthen.
+
+Nicolaus fügte sich diesen Gründen. Ihm ging die Lage dieser jungen Leute,
+welche sich anschickten, das Exil ihres Vaters zu theilen, herzlich nahe.
+Nichts erschien ihm rührender. Mit zufriedenem Lächeln sagte er auch zu
+Nadia:
+
+„Himmlische Güte, wie wird sich auch Herr Korpanoff freuen, wenn seine
+Augen Euch wahrnehmen, seine Arme sich zum Empfange öffnen. Wenn ich bis
+Irkutsk mitgehe, und wie die Sachen liegen, wird mir das immer
+wahrscheinlicher, werdet Ihr mir gestatten, Zeuge dieses Wiedersehens zu
+sein? Ja, nicht wahr?“
+
+Dann schlug er sich vor die Stirn.
+
+„Aber wenn ich an seinen Schmerz denke, fuhr er fort, zu sehen, daß sein
+armer Sohn geblendet worden ist! O, in dieser Welt mischt sich Freude und
+Schmerz doch immer!“
+
+Jedenfalls bewegte sich die Kibitka jetzt schneller vorwärts und legte,
+Michael Strogoff’s Rechnung nach, zehn bis zwölf Werst in der Stunde
+zurück.
+
+Am 28. August kamen die Reisenden durch den Flecken Balaïsk, achtzig Werst
+von Krasnojarsk, und am 29. durch Ribinsk, vierzig Werst von Balaïsk.
+
+Am folgenden Tage erreichte die kleine Gesellschaft in einer Entfernung
+von fünfunddreißig Werst Kamsk, einen größeren Ort, den der gleichnamige
+Fluß, ein kleiner von den Sayanskbergen herabkommender Nebenarm des
+Jeniseï, bespült. Die Stadt bildet eigentlich nur eine rings um einen
+großen Platz errichtete Gruppe von hölzernen Häusern; über diese hinaus
+ragt aber der hohe Glockenthurm einer Kathedrale, deren goldenes Kreuz
+hell in der Sonne funkelte.
+
+Die Häuser waren verlassen. Kein Relais war bedient, kein Gasthof bewohnt;
+kein Pferd in den Ställen, kein Hausthier auf der Steppe. Man hatte die
+Befehle des moskowitischen Gouvernements mit peinlicher Strenge vollzogen.
+Was nicht fortgeschafft werden konnte, wurde zerstört.
+
+Als sie Kamsk verließen, theilte Michael Strogoff seinen beiden
+Reisegefährten mit, daß sie nun bis Irkutsk nur noch ein kleines
+Städtchen, Nishny-Udinsk, antreffen würden. Nicolaus antwortete, daß er
+dasselbe um so besser kenne, weil sich daselbst eine Telegraphenstation
+befinde. Erwies sich also auch Nishny-Udinsk so menschenleer wie Kamsk, so
+blieb ihm gar nichts anderes übrig, als in der Hauptstadt Ostsibiriens
+Beschäftigung zu suchen.
+
+Die Kibitka konnte den Fluß an einer seichten Stelle ohne viel Beschwerde
+passiren und gelangte wieder auf die Straße, auf welcher nun, zwischen
+Jeniseï und einem seiner größten Zuflüsse, der Angara, die Irkutsk selbst
+berührt, wenigstens bezüglich der Wasserläufe, ein ernsthaftes Hinderniß
+nicht mehr zu gewärtigen war, wenn nicht vielleicht die Dinka noch ein
+solches bot. Die Reise konnte also aus diesen Gründen nicht mehr besonders
+verzögert werden.
+
+Zwischen Kamsk und dem nächsten Dorfe lag eine große Strecke von etwa
+einhundertdreißig Werst. Natürlich wurden unterwegs die nöthigen Pausen
+nicht versäumt, „ohne welche man sich, wie Nicolaus sagte, einen sehr
+gerechtfertigten Widerspruch des Pferdes zuziehen würde“. Nach
+stillschweigender Uebereinkunft wußte das treue Thier, daß es nach je
+fünfzehn Werst ausruhen durfte, und wenn man, sei es auch mit einem
+Thiere, einen Vertrag abschließt, so muß er von beiden Theilen auch streng
+beobachtet werden.
+
+Nach Ueberschreitung des kleinen Biriusaflusses erreichte die Kibitka
+Biriusinsk am Morgen des 4. Septembers.
+
+Dort entdeckte Nicolaus, als er sich nach Vervollständigung seines
+Mundvorraths umsah, glücklicher Weise ein Dutzend „Pogatchas“, das ist
+eine Art Kuchen aus Hammelfett mit einer großen Menge in Wasser gekochtem
+Reis. Dieser Zuwachs paßte recht gut zu dem Vorrath an Kumiß, mit dem die
+Kibitka in Krasnojarsk hinreichend versehen worden war.
+
+Hier wurde längere Zeit Station gemacht und die Reise erst am Nachmittag
+des 5. September fortgesetzt. Die Entfernung bis Irkutsk betrug nun
+fünfhundert Werst. Von dem Vortrab des Tartarenheeres zeigte sich keine
+Spur. Michael Strogoff glaubte also gegründete Aussicht zu haben, seine
+Reise binnen acht, höchstens zehn Tagen zu vollenden und vor dem
+Großfürsten zu erscheinen.
+
+Bei der Abfahrt aus Biriusinsk lief ein Hase, etwa dreißig Schritt vor der
+Kibitka, über den Weg.
+
+„O weh! rief Nicolaus.
+
+— Was ist Dir, Freund? fragte Michael Strogoff, wie es Blinde thun, welche
+das geringste Geräusch erregt.
+
+— Siehst Du nicht“ ... antwortete Nicolaus, dessen heiteres Gesicht sich
+plötzlich verdüstert hatte.
+
+Doch er unterbrach sich.
+
+„Ach nein, fuhr er fort, Du kannst ja nicht sehen; das ist gut für Dich,
+Väterchen.
+
+— Ich sehe aber auch nichts, sagte Nadia.
+
+— Desto besser, desto besser! Aber ich ... ich sah ...
+
+— Nun was denn? fragte Michael Strogoff dringender.
+
+— Einen Hasen, der unsern Weg kreuzte!“ antwortete Nicolaus.
+
+Wenn ein Hase Jemand über den Weg läuft, so hält das der Volksglaube in
+Rußland allgemein für das Vorzeichen eines drohenden Unglücks.
+
+Abergläubisch wie alle Russen hatte Nicolaus die Kibitka angehalten.
+
+Michael Strogoff verstand recht gut das Zögern seines Gefährten, obgleich
+er den Glauben an eine gewisse Vorbedeutung bezüglich des vorüberlaufenden
+Hasen keineswegs theilte. Er suchte also Jenen zu beruhigen.
+
+„O, deshalb ist nichts zu fürchten, Freund, sagte er.
+
+— Für Dich nichts, für sie auch nicht, Väterchen, das weiß ich, erwiderte
+Nicolaus, wohl aber für mich!“
+
+Dann fuhr er fort:
+
+„Dem Schicksal kann man ja doch nicht entgehen!“
+
+Er trieb das Pferd wieder an.
+
+Trotz des unglücklichen Vorzeichens verlief der Tag doch ohne jede
+Störung.
+
+Am nächsten Tage, dem 6. September, gegen Mittag, hielt die Kibitka in
+Alsalewsk, das ebenso verlassen war, wie die ganze Umgebung.
+
+Hier fand Nadia auf der Schwelle eines Hauses zwei solche starke Messer,
+wie sie die sibirischen Jäger zu gebrauchen pflegen. Sie gab das eine
+Michael Strogoff, der es unter seinen Kleidern verbarg, und bewahrte
+selbst das andere.
+
+Die Kibitka befand sich nun noch fünfundsiebzig Werst von Nishny-Udinsk
+entfernt.
+
+Während dieser beiden Tage hatte Nicolaus niemals seine frühere gute Laune
+wiederfinden können. Das üble Vorzeichen hatte ihn tiefer berührt, als man
+hätte glauben sollen, und wenn er früher fast unaufhörlich plauderte, so
+verfiel er jetzt manchmal in so düsteres Schweigen, daß Nadia Mühe hatte,
+ihn zu erwecken. Sein ganzes Innere erschien wie umgewandelt, was bei
+einem Bewohner des Nordens weniger auffallen darf, von dessen
+abergläubischen Vorfahren die düstere hyperboräische Mythologie herrührt.
+
+Von Jekaterinenburg aus verläuft die Straße nach Irkutsk fast stets
+parallel dem 55. Breitengrade, hinter Biriusinsk aber wendet sie sich
+herab nach Südosten, so daß sie den 100. Meridian schief durchschneidet.
+Sie hält nun die kürzeste Linie nach der Hauptstadt Sibiriens ein und
+wendet sich über den letzten Auslauf der Sayanskberge. Dieses Gebirge
+stellt selbst nur einen Vorwall der großen Altaïkette dar, welche man hier
+schon in einer Entfernung von zweihundert Werst vor sich sieht.
+
+Die Kibitka eilte also auf dieser Straße hin. Ja, sie eilte. Man fühlte
+recht wohl, daß Nicolaus jetzt nicht mehr daran dachte, sein Pferd zu
+schonen, und daß er selbst Eile hatte, anzukommen. Ein wenig Fatalist
+trotz seiner Resignation, hielt er sich nirgends mehr für sicher, als in
+den Mauern von Irkutsk. Gewiß hätten viele Russen dieselbe Empfindung
+gehabt, und nicht wenige von ihnen hätten wohl gar das Pferd gewendet, um
+die Stelle nicht zu überschreiten, an der ihnen ein Hase über den Weg
+gelaufen war!
+
+Den Beobachtungen nach, welche Jener machte und von deren Richtigkeit sich
+Nadia überzeugte, bevor sie dieselben Michael Strogoff mittheilte, schien
+es allerdings möglich, daß die Reihe der ihnen bevorstehenden Prüfungen
+noch immer nicht abgeschlossen sei.
+
+Von Krasnojarsk bis hierher zeigte sich das Aussehen des Landes nicht
+sonderlich verändert, hier aber trugen die Wälder Spuren von Zerstörungen
+durch Feuer und Schwert, die Wiesen auf beiden Seiten der Straße waren
+verwüstet, und es lag auf der Hand, daß daselbst eine bedeutende
+Truppenmacht vorüber gekommen sein mußte.
+
+Dreißig Werst vor Nishny-Udinsk wurde die Spur einer erst neuerdings
+stattgefundenen Zerstörung immer deutlicher, die ihrer Natur nach nur von
+der Hand der Tartaren herrühren konnte.
+
+Hier waren in der That die Felder nicht allein von den Hufen der Pferde
+zertreten, die Wälder von der Axt des Holzhauers gefällt. Die in weiten
+Zwischenräumen längs der Straße verstreuten Häuser standen nicht nur leer,
+nein, zum Theil sah man sie verheert, zum Theil durch Feuer zerstört. Die
+Wände verriethen noch durch ihre Vertiefungen das Anschlagen von Kugeln.
+
+Michael Strogoff’s Beunruhigung kann man sich leicht vorstellen. Es
+schwand ihm jeder Zweifel, daß ein Tartarencorps vor nicht langer Zeit auf
+dieser Straße gehaust hatte, und doch konnten das unmöglich Soldaten des
+Emirs gewesen sein, denn sie hätten ihn, wenn sie den Wagen einholten,
+ganz bestimmt treffen müssen. Aber wer sollten diese neuen Eindringlinge
+sein, auf welchem Wege durch die Steppe waren sie bis zur Hauptstraße nach
+Irkutsk vorgedrungen? Welchen neuen Feinden ging der Courier des Czaaren
+noch entgegen?
+
+Michael Strogoff theilte seine Befürchtungen weder Nadia, noch Nicolaus
+mit, um diese nicht vor der Zeit oder vielleicht überhaupt unnöthig zu
+beunruhigen. Im Uebrigen war er ja entschlossen, seinen Weg fortzusetzen,
+so lange ihn kein unbesiegbares Hinderniß aufhielt. Dann wollte er sehen,
+was sich noch thun ließe.
+
+Am folgenden Tage kennzeichnete sich ein neuerlicher Durchzug einer
+starken Reiterschaar immer deutlicher. Ueber dem Horizonte lagerten
+verdächtige Rauchwolken. Die Kibitka bewegte sich nur vorsichtig weiter.
+Da und dort brannten in einem Dorfe wohl noch einige Häuser, die gewiß
+erst innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden angezündet worden waren.
+
+Am 8. September endlich stand die Kibitka plötzlich still; das Pferd
+scheute zurück. Sersko bellte Klagelaute.
+
+„Was giebt es, fragte Michael Strogoff.
+
+— Hier liegt ein Leichnam!“ antwortete Nicolaus, der sofort vom Wagen
+sprang.
+
+Es war der Körper eines gräßlich verstümmelten Mujiks.
+
+Nicolaus bekreuzte sich. Mit Michael Strogoff’s Hilfe schleppte er den
+Todten nach der Böschung der Straße. Er gedachte ihn auch ordentlich zu
+begraben und wenigstens tief zu verscharren, um die Raubthiere der Steppe
+von den Resten dieses Körpers abzuhalten, doch Michael Strogoff ließ ihm
+nicht die Zeit dazu.
+
+„Vorwärts, Freund, rief er, vorwärts, wir dürfen uns auch nicht eine
+Stunde aufhalten.“
+
+Die Kibitka setzte ihren Weg fort.
+
+Hätte Nicolaus übrigens allen Leichen, welchen sie weiterhin begegneten,
+die letzte Ehre erweisen wollen, er wäre nimmer fertig geworden. Mehr in
+der Nähe von Nishny-Udinsk fand man die Körper der Ermordeten zu Fünfzigen
+auf der Erde liegend.
+
+Dennoch mußte man diesem Wege so lange folgen, als es ausführbar war, ohne
+den Feinden in die Hand zu fallen. Die Richtung wurde also unverändert
+beibehalten, obgleich sich die Zeichen einer entsetzlichen Zerstörung mit
+jedem Dorfe mehrten.
+
+Alle diese Ortschaften, deren Namen auf ihre Gründung durch verbannte
+Polen hinwiesen, waren allen Schrecken der Verwüstung und Plünderung
+ausgesetzt gewesen. Noch war das Blut der armen Opfer nicht getrocknet.
+Wie es überhaupt zu diesem furchtbaren Ereigniß gekommen war, das konnte
+Niemand erklären, da sich keine lebende Seele fand, die es hätte sagen
+können.
+
+An demselben Tage Nachmittag gegen vier Uhr erkannte Nicolaus am Horizonte
+die hohen Thürme der Kirchen von Nishny-Udinsk. Rings um sie wälzten sich
+dichte Dunstmassen, welche von Wolken offenbar nicht herrührten.
+
+Nicolaus und Nadia sahen sich aufmerksam um und theilten Michael Strogoff
+die Ergebnisse ihrer Beobachtungen mit. Ein Entschluß mußte gefaßt werden.
+War die Stadt verlassen, so konnte man sie wohl ohne Gefahr passiren,
+hielten sie aber die Tartaren unbegreiflicher Weise besetzt, so galt es,
+sie um jeden Preis zu umgehen.
+
+„Laßt uns vorsichtig weiter fahren, empfahl Michael Strogoff, aber
+jedenfalls vorsichtig.“
+
+Noch eine Werst wurde zurückgelegt.
+
+„Das sind keine Wolken, Bruder, das ist Rauch! rief Nadia, ach, Bruder,
+man zündet dort die Stadt an!“
+
+Leider wurde das mit jedem Schritte deutlicher. Mitten durch die
+Dunstmassen züngelten rauchige Flammen. Immer dichter stieg der Qualm auf
+und wälzte sich gen Himmel. Einen Flüchtling sah man aber nicht.
+Wahrscheinlich fanden die Brandstifter die Stadt, welche sie der
+Zerstörung weihten, schon verlassen. Waren es aber Tartaren, die diese
+Verwüstung anrichteten, oder thaten es Russen nur auf höheren Befehl? Lag
+es in der Absicht der Regierung des Czaaren, daß keine Stadt, kein Flecken
+vom Jeniseï und von Krasnojarsk aus den Soldaten des Emirs eine Zuflucht
+bieten solle? Sollte Michael Strogoff, wenn er diese Fragen erwog, nun
+zurückbleiben oder seinen Weg fortsetzen?
+
+Erst vermochte er sich nicht zu entscheiden. Nach gründlicher Erwägung des
+Für und Wider hielt er es aber doch für das Wichtigste, selbst um den
+Preis einer Reise durch die unwirthliche Steppe, nur den Tartaren nicht in
+die Hände zu fallen. Eben gedachte er Nicolaus vorzuschlagen, die Straße
+zu verlassen und erst nach Umgehung von Nishny-Udinsk nach derselben
+zurückzukehren, als von der rechten Seite her ein Schuß krachte. Eine
+Kugel pfiff herüber, und zu Tode getroffen stürzte das Pferd der Kibitka
+zusammen.
+
+Gleichzeitig sprengten wohl ein Dutzend Reiter auf die Straße und
+umringten die Kibitka. Michael Strogoff, Nadia und Nicolaus waren, ehe sie
+recht zur Besinnung kommen konnten, gefangen und wurden eiligst nach
+Nishny-Udinsk abgeführt.
+
+Auch bei diesem unerwarteten Angriff verlor Michael Strogoff seine
+Kaltblütigkeit nicht. Da er seine Feinde nicht sehen konnte, war es ihm
+auch unmöglich, sich irgendwie zu vertheidigen. Hätte er seine Augen
+gebrauchen können, er würde es wohl versucht haben, obwohl das nur zu
+einem schrecklichen Blutvergießen geführt hätte. Doch wenn er nichts sah,
+so konnte er doch hören und verstehen, was Jene sagten.
+
+An ihrer Sprache erkannte er, daß diese Soldaten Tartaren waren, und an
+ihren Worten, daß sie der Armee der Feinde vorausschwärmten.
+
+Aus den kurzen Reden, welche Jene jetzt führten, und aus einigen Brocken
+ihrer späteren Unterhaltung erfuhr Michael Strogoff Folgendes:
+
+Diese Soldaten standen nicht unter dem directen Befehl des Emirs, der noch
+immer hinter dem Jeniseï zurückgehalten war. Sie bildeten eine Abtheilung
+einer dritten Colonne, zusammengesetzt aus Tartaren der Khanate von
+Khokhand und Kunduz, mit welcher sich die Armee Feofar-Khan’s nächstens in
+der Nähe von Irkutsk zu vereinigen gedachte.
+
+Auf Iwan Ogareff’s Rath hatte sich diese Abtheilung, um den Erfolg des
+Einfalls in die östlichen Provinzen zu sichern, nach Ueberschreitung der
+Grenze des Gouvernements Semipalatinsk längs der Südküste des
+Balkhachsee’s und dem Fuße des Altaïgebirges hingeschlichen. Geführt von
+einem Officier des Khans von Kunduz erreichte sie sengend und brennend den
+oberen Lauf des Jeniseï. Dort hatte der Officier in Voraussicht der durch
+den Czaaren getroffenen Maßregeln zur Erleichterung des Uebergangs der
+Armee des Emirs eine ganze Flotille von Barken angesammelt, welche
+entweder als solche oder als Brückenmaterial dienen sollten. Nach Umgehung
+des Gebirges war diese dritte Abtheilung dann im Thale des Jeniseï
+herabgezogen und hatte die Straße nach Irkutsk erst in der Nähe von
+Alsalewsk wieder betreten. Hieraus erklärte sich die Anhäufung von Ruinen
+jenseit dieser Stadt, das unzweifelhafte Merkmal der Kriegführung dieser
+Horden. Nishny-Udinsk verfiel eben demselben Schicksal, und die Tartaren,
+in einer Gesammtstärke von 50,000 Mann, hatten es schon verlassen, um sich
+einiger wichtiger Stellungen vor Irkutsk zu bemächtigen. In kurzer Zeit
+sollten sie mit den Truppen des Emirs zusammentreffen.
+
+So lagen die Dinge zu jener Zeit, – gewiß eine gefährliche Lage für den
+vollständig isolirten Theil des östlichen Sibiriens und für die
+verhältnißmäßig wenigen Vertheidiger seiner Hauptstadt.
+
+Michael Strogoff erfuhr also von der Ankunft einer dritten Colonne der
+Tartaren vor Irkutsk, sowie von der bevorstehenden Vereinigung des Emirs
+und Iwan Ogareff’s mit der Hauptmacht ihrer Truppen. Ein Angriff auf
+Irkutsk und die Eroberung der Stadt erschien hiernach nur noch als eine
+Frage der Zeit.
+
+Welche Gedanken bestürmten hierbei Michael Strogoff! Wer würde erstaunen,
+wenn er in dieser Lage endlich allen Muth, alle Hoffnung verlor? Und doch
+war das nicht der Fall, denn seine Lippen murmelten immer und immer wieder
+die Worte:
+
+„Ich werde dennoch ankommen!“
+
+Eine halbe Stunde nach jenem Ueberfall durch die Reiter betraten Michael
+Strogoff, Nicolaus und Nadia Nishny-Udinsk. In einiger Entfernung folgte
+der treue Hund ihnen nach. In dieser ringsum brennenden Stadt, welche eben
+die letzten Marodeure verließen, sollten sie nicht bleiben.
+
+Die Gefangenen wurden auf Pferde geworfen und eiligst weiter geschleppt.
+Nicolaus verhielt sich resignirt, wie immer, Nadia unerschüttert in ihrem
+Glauben an Michael Strogoff, und dieser zwar äußerlich gleichgiltig, aber
+immer bereit zu entfliehen, sobald sich eine Gelegenheit böte.
+
+Den Tartaren entging es keineswegs, daß einer ihrer Gefangenen blind war,
+und ihre natürliche Rohheit benutzte diesen Umstand, um mit dem armen
+Unglücklichen noch ihr Spiel zu treiben. Man ritt in schnellem Schritte.
+Michael Strogoff’s Pferd, das nur von ihm geleitet wurde, machte öfters
+Seitensprünge, welche den Zug in Unordnung setzten. Dann regnete es
+Injurien und Rohheiten, die das Herz des jungen Mädchens brachen und
+Nicolaus empörten. Aber was vermochten sie dagegen? Die Sprache der
+Tartaren war ihnen nicht geläufig und ihr Dazwischentreten wurde barsch
+zurückgewiesen.
+
+Um ihrer Bosheit die Krone aufzusetzen, kamen die Soldaten auf den
+Gedanken, Michael Strogoff’s Pferd zu wechseln und ihm auch noch ein
+blindes Thier zu geben. Die Ursache hierzu gab die Vermuthung eines der
+Reiter, den Michael Strogoff sagen hörte:
+
+„Vielleicht kann der verdammte Russe da aber doch sehen!“
+
+Dieses geschah etwa sechzig Werst von Nishny-Udinsk, zwischen den Dörfern
+Tatan und Chibarlinskoë. Michael Strogoff wurde also auf dieses Pferd
+gesetzt, dessen Zügel man ihm in die Hand gab. Dann trieb man es durch
+Peitschenschläge, Steinwürfe und lautes Schreien in Galop.
+
+Das blinde Pferd stieß, da es von seinem ebenfalls blinden Reiter nicht in
+gerader Richtung erhalten werden konnte, einmal gegen einen Baum, das
+andere Mal kam es ganz vom Wege ab. Dann jagten sie es mit Hieben und
+Stößen wieder zurück.
+
+Michael Strogoff widersprach nicht. Er ließ keine Klage hören. Stürzte
+sein Pferd, so wartete er, bis man es wieder auf die Füße brachte. Das
+geschah dann auch, und das grausame Spiel begann von Neuem.
+
+Bei dieser wahrhaft unmenschlichen Behandlung konnte Nicolaus sich nicht
+mehr zurückhalten. Er wollte seinem Begleiter zu Hilfe eilen. Man hielt
+ihn zurück und mißhandelte ihn.
+
+Gewiß hätte dieses Spiel noch lange Zeit zum größten Ergötzen der Tartaren
+fortgedauert, als ihm ein ernster Zwischenfall ein Ende machte.
+
+Im Laufe des 10. Septembers brach das blinde Pferd auch wieder aus und
+lief geraden Wegs auf eine etwa vierzig Fuß tiefe Schlucht neben der
+Straße zu.
+
+Nicolaus wollte ihm nach, – man hielt ihn zurück. Das führerlose blinde
+Pferd stürzte mit seinem Reiter in die Tiefe.
+
+Nadia und Nicolaus schrieen voll Entsetzen auf; sie mußten glauben, daß
+ihr unglücklicher Gefährte bei diesem Fall zerschmettert sei.
+
+Als endlich nachgesehen wurde, traf man Michael Strogoff außer dem Sattel
+und unverwundet, während das Pferd zwei Füße gebrochen hatte und völlig
+dienstuntauglich geworden war.
+
+Man ließ es an der Stelle verenden, ohne ihm den Gnadenstoß zu geben, und
+band Michael Strogoff an den Sattel eines Tartaren fest, so daß er dem
+Detachement zu Fuße folgen mußte.
+
+Ihm entlockte es keine Klage, keinen Widerspruch! Er wanderte schnellen
+Schrittes, so daß sich der Strick, der ihn mit dem Reiter verband, kaum
+anspannte. Er blieb immer „der Mann von Eisen“, von dem General Kissoff
+dem Czaaren gesprochen hatte.
+
+Am nächsten Tage, dem 11. September, erreichte der kleine Zug den Flecken
+Chibarlinskoë.
+
+Hier trug sich ein Ereigniß zu, das von sehr ernsten Folgen werden sollte.
+
+Die Nacht war gekommen. Während einer Stunde der Rast hatten die
+tartarischen Reiter sich mehr oder weniger betrunken. Sie wollten jetzt
+wieder aufbrechen.
+
+Da wurde Nadia, welche bis jetzt wie durch ein Wunder von den Soldaten
+achtungsvoll behandelt worden war, von einem derselben insultirt.
+
+Michael Strogoff zwar sah weder die Beleidigung, noch den Beleidiger, aber
+Nicolaus hatte diesen für ihn gesehen.
+
+Ganz ruhig, ohne es sich weiter zu überlegen und ohne sich von seiner That
+Rechenschaft zu geben, schritt Nicolaus gerade auf den frechen Burschen
+zu, und bevor dieser eine Bewegung machen konnte, ihn aufzuhalten, ergriff
+Jener eine in der Satteltasche steckende Pistole und schoß sie dem
+Tartaren mitten auf die Brust ab.
+
+Der die Abtheilung commandirende Officier kam auf den Knall des Schusses
+herzugelaufen.
+
+Die Reiter wollten den unglücklichen Nicolaus erwürgen, doch auf ein
+Zeichen des Officiers begnügte man sich, ihn zu fesseln, band ihn quer auf
+ein Pferd, und fort ging es wieder in tollem Galop.
+
+Der Strick, mit dem Michael Strogoff angebunden war und der schon halb
+durchnagt sein mochte, riß bei der unerwartet heftigen Bewegung des
+Pferdes, und sein halb betrunkener Reiter sprengte in wildem Laufe hinaus,
+ohne es nur gewahr zu werden.
+
+Michael Strogoff und Nadia befanden sich allein auf der Landstraße.
+
+
+
+
+ Neuntes Capitel.
+
+
+ In der Steppe.
+
+
+Noch einmal also waren Michael Strogoff und Nadia frei, so wie während
+ihrer Reise von Perm bis nach den Ufern des Irtysch. Wie sehr hatte sich
+aber Alles verändert! Damals gewährleisteten ihnen ein bequemer Tarantaß,
+eine häufig gewechselte Bespannung und mit allem Nothwendigen
+ausgestattete Poststationen eine gewisse Schnelligkeit der Fahrt. Jetzt
+zogen sie zu Fuß dahin, ohne die Möglichkeit, sich ein Beförderungsmittel
+zu verschaffen, ohne alle Hilfsmittel, ohne zu wissen, auf welche Weise
+sie nur die dringendsten Lebensbedürfnisse befriedigen würden, – und dabei
+trennten sie noch 400 Werst von ihrem endlichen Ziele. Hierzu kam noch,
+daß Michael Strogoff nur durch die Augen Nadia’s sah.
+
+Den Freund, den ihnen ein glücklicher Zufall zuführte, hatten sie unter
+den traurigsten Umständen wieder verloren.
+
+Michael Strogoff lagerte auf der Böschung der Straße; Nadia stand daneben
+und wartete auf ein Wort von ihm, um den Weg wieder fortzusetzen.
+
+Es war um zehn Uhr Abends. Vor drei und einer halben Stunde schon
+verschwand die Sonne unter dem Horizonte. Kein Haus, keine Hütte zeigte
+sich. In der Ferne verschwanden die letzten Tartaren. Michael Strogoff und
+Nadia standen ganz, ganz allein.
+
+„Was werden sie mit unserm Freunde anfangen? rief Nadia. Armer Nicolaus!
+Das Zusammentreffen mit uns mußte Dir so verhängnißvoll werden!“
+
+Michael Strogoff erwiderte nichts.
+
+„Michael, fuhr Nadia fort, weißt Du es nicht, daß er Dich zu schützen
+suchte, als Du ein Spielball der Tartaren warst, daß er sein Leben für
+Dich wagte?“
+
+Michael Strogoff schwieg noch immer. Regungslos, den Kopf in die Hand
+gestützt, hing er seinen Gedanken nach. Hörte er überhaupt, da er keine
+Antwort gab, was das junge Mädchen zu ihm sprach?
+
+Gewiß, denn als Nadia hinzufügte:
+
+„Wohin soll ich Dich führen, Michael? antwortete er:
+
+— Nach Irkutsk.
+
+— Auf der großen Landstraße?
+
+— Ja, Nadia.“
+
+Michael Strogoff vermochte nichts von dem eidlich bekräftigten Vorhaben,
+sein Ziel unter allen Umständen zu erreichen, abzubringen. Auf der
+Landstraße gelangte er auf kürzestem Wege dahin. Wenn sich die Avantgarde
+von Feofar-Khan’s Heere zeigte, würde es noch Zeit sein, den Hauptweg zu
+verlassen.
+
+Nadia faßte Michael Strogoff an der Hand und Beide brachen auf.
+
+Am folgenden Morgen, dem 12. September, gönnten sie sich nach einem
+Marsche von zwanzig Werst in dem Flecken Tulunowskoë eine kurze Rast. Die
+ganze Nacht hindurch hatte Nadia aufmerksam nachgesehen, ob Nicolaus’
+Leichnam vielleicht an der Straße liegen geblieben sei; doch vergeblich
+durchsuchte sie die Ruinen und musterte die da und dort angetroffenen
+Todten. Bis jetzt schien Nicolaus verschont geblieben zu sein. Gewiß
+sparte man ihn für eine grausame Hinrichtung nach Erreichung des Lagers
+bei Irkutsk auf.
+
+Erschöpft vom Hunger, der ihren Gefährten ebenso schrecklich quälte, war
+Nadia so glücklich, in einem Hause des halb abgebrannten Fleckens etwas
+trockenes Fleisch und mehrere „Sukharis“ (d. s. Brode, welche durch
+Verdunstung ausgetrocknet ihre Nährfähigkeit auf unbegrenzte Zeit
+bewahren) aufzufinden. Michael Strogoff und Nadia beluden sich mit einem
+so großen Vorrath hiervon, als sie eben zu tragen vermochten. Ihre Nahrung
+war also für mehrere Tage gesichert, und Wasser konnte ja in einer Gegend,
+welche tausend kleine Zuflüsse zur Angara durchrieselten, nicht leicht
+fehlen.
+
+Sie begaben sich wieder auf den Weg. Michael Strogoff ging sicheren
+Schrittes weiter und verlangsamte diesen höchstens ein wenig mit Rücksicht
+auf seine Begleiterin, während diese sich eifrig bemühte, nicht zurück zu
+bleiben. Glücklicher Weise konnte ihr Gefährte ja nicht sehen, in welch’
+beklagenswerthen Zustand die Anstrengung sie versetzt hatte.
+
+Michael Strogoff schien es jedoch zu fühlen.
+
+„Deine Kräfte gehen zu Ende, armes Kind, sagte er manchmal.
+
+— O nein, antwortete sie.
+
+— Wenn Du nicht mehr gehen kannst, werde ich Dich tragen, Nadia.
+
+— Ja wohl, Michael.“
+
+Im Laufe dieses Tages mußten sie einen kleinen Fluß, die Oka,
+überschreiten. Dieser bot aber eine passirbare Furth, so daß sie ohne
+Schwierigkeiten an’s andere Ufer kamen.
+
+Der Himmel war bedeckt, die Temperatur erträglich; freilich drohte die
+Witterung mit Regen, der die Beschwerden der Fußreise sicher nur
+vermehrte. Einige Regenschauer stellten sich auch schon ein, gingen aber
+ziemlich schnell vorüber.
+
+So zogen sie rastlos weiter, treulich Hand in Hand, ohne viele Worte zu
+wechseln, wobei Nadia stets nach vor- und nach rückwärts sorgsam auslugte.
+Zweimal des Tages machten sie Halt und ruhten sechs Stunden lang während
+der Nacht. In einigen Hütten entdeckte Nadia auch noch einiges
+Schaffleisch, welches hier so gewöhnlich ist, daß ein Pfund desselben nur
+zwei und eine halbe Kopeke kostet.
+
+Aber ganz wider Michael Strogoff’s noch immer genährte Hoffnung fand sich
+kein Zug- oder Saumthier in der ganzen Umgegend. Pferde und Kameele waren
+alle getödtet oder geraubt. Zu Fuß mußten sie die Reise durch die
+grenzenlose Steppe fortsetzen.
+
+Spuren von jener dritten tartarischen Heeresabtheilung, welche schon auf
+Irkutsk zu marschirte, fehlten nirgends. Hier lag ein todtes Pferd, dort
+stand ein verlassener Wagen. Die Körper der unglücklichen Sibirer
+bezeichneten die Straße und häuften sich in der Nähe der Dörfer. Nadia
+kämpfte ihren Widerwillen nieder und musterte alle diese Leichen.
+
+Alles in Allem drohte ihnen Gefahr nicht von vorn, sondern vom Rücken her.
+Die von Iwan Ogareff geführte Avantgarde der Hauptarmee des Emirs konnte
+jeden Augenblick erscheinen. Jedenfalls lagen die den Jeniseï hinunter
+gesendeten Barken bei Krasnojarsk längst bereit, um den Uebergang über den
+Strom zu bewerkstelligen. Dann war der Weg für die Eindringlinge frei.
+Zwischen Krasnojarsk und dem Baikalsee konnte sich ihnen kein russisches
+Corps entgegen werfen. Michael Strogoff fürchtete also stündlich das
+Auftauchen der tartarischen Plänkler.
+
+Bei jedem Ruhepunkte bestieg Nadia auch stets eine höher gelegene Stelle
+und blickte aufmerksam über die Gegend nach Westen hin, doch bis jetzt
+verrieth keine Staubwolke die Ankunft eines Reiterschwarmes.
+
+Dann nahmen Beide ihren Weg wieder auf, und wenn Michael Strogoff
+bemerkte, daß er die arme Nadia zog, so verzögerte er seine Schritte. Sie
+sprachen nur wenig, und dann nur von Nicolaus. Das junge Mädchen erinnerte
+an Alles, was ihnen jener Begleiter während weniger Tage gewesen war.
+
+Michael Strogoff suchte dem jungen Mädchen durch seine Antworten immer
+einige Hoffnung einzuflößen, obwohl er selbst keine mehr hatte, denn er
+wußte recht gut, daß der Arme dem Tode gewiß nicht entgehen würde.
+
+Eines Tages wandte sich Michael Strogoff an seine Begleiterin:
+
+„Du sprichst mir niemals von meiner Mutter, Nadia?“
+
+Von seiner Mutter! Nadia hatte das ängstlich vermieden. Warum sollte sie
+seine Schmerzen erneuern? War die alte Sibirerin nicht todt? Drückte der
+Sohn damals nicht den letzten Kuß auf die stummen Lippen, als ihre Leiche
+auf dem Plateau bei Tomsk lag?
+
+„Rede von ihr, Nadia, bat Michael Strogoff, rede nur! Du bereitest mir
+dadurch ein Vergnügen.“
+
+Dann wagte Nadia, was sie bis jetzt unterlassen hatte. Sie erzählte alles,
+was zwischen Marfa und ihr selbst seit dem zufälligen Zusammentreffen in
+Omsk geschehen war, als sie sich gegenseitig zum ersten Male sahen. Sie
+gestand, wie ein unerklärlicher Instinct sie zu der unbekannten, bejahrten
+Gefangenen hingezogen und wie gern sie für jene gesorgt, aber auch, wie
+sehr sie selbst dadurch an Muth und Vertrauen gewonnen habe. Zu jener Zeit
+hielt sie Michael Strogoff ja noch für Nicolaus Korpanoff.
+
+„Der ich immer hätte bleiben sollen“, fiel da der Blinde ein, um dessen
+Stirn sich düstere Wolken lagerten.
+
+Nach einer Pause fügte er dann hinzu:
+
+„Ich habe meinen Eid gebrochen, Nadia. Ich hatte geschworen, meine Mutter
+nicht zu sehen.
+
+— Du hast das auch nicht gewollt, Michael, suchte ihn Nadia zu beruhigen,
+der Zufall nur hat Dich ihr zugeführt.
+
+— Ich hatte geschworen, mich auf keinen Fall zu verrathen!
+
+— Michael, Michael! Konntest Du Dich bezwingen, als die Geißel über Marfa
+Strogoff geschwungen ward? Nein, nein! – Es giebt keinen Eid, der einen
+Sohn hindern könnte, seiner Mutter zu Hilfe zu eilen.
+
+— Ich habe meinen Eid verletzt, Nadia, wiederholte Michael Strogoff
+traurig. Gott und der Vater (d. i. der Czaar) mögen es mir vergeben.
+
+— Michael, sagte das junge Mädchen, ich habe eine Frage an Dich. Antworte
+mir nicht, wenn Du glaubst, es nicht zu dürfen. Von Dir beleidigt mich
+nichts.
+
+— Sprich, Nadia!
+
+— Warum eilst Du, nachdem Dir der Brief des Czaaren geraubt wurde, noch
+immer so dringend nach Irkutsk?“
+
+Michael Strogoff drückte die Hand seiner Führerin wärmer, aber er gab
+keine weitere Antwort.
+
+„Kanntest Du den Inhalt des Briefes schon vor Deiner Abreise aus Moskau?
+
+— Nein, er war mir unbekannt.
+
+— Soll ich annehmen, Michael, daß nur das Verlangen, mich meinem Vater
+zuzuführen, Dich jetzt nach Irkutsk treibt?
+
+— Nein, Nadia, ich würde Dich täuschen, wenn ich diesen Glauben in Dir
+erweckte. Ich gehe nur dahin, wohin meine Pflicht mir befiehlt! Wie kann
+ich Dich nach Irkutsk führen, bist Du es nicht, Nadia, die im Gegentheil
+mich jetzt leitet? Sehe ich nicht durch Deine Augen, hält mich nicht Deine
+Hand auf dem Wege? Hast Du mir nicht hundertfach die kleinen Dienste
+vergolten, die ich Dir vielleicht vorher leisten konnte? Ich weiß nicht,
+wann das Unglück müde sein wird, uns zu prüfen, aber ich weiß, daß ich an
+dem Tage, da Du mir danken willst, Dich in die Hände Deines Vaters geführt
+zu haben, Dir innig danken werde für Deine treue Leitung auf meinem Wege!
+
+— Armer Michael! sagte Nadia tief bewegt. Sprich nicht solche Worte! Das
+ist keine Antwort auf meine Frage. Warum, Michael, drängst Du jetzt so, in
+Irkutsk einzutreffen?
+
+— Weil ich vor Iwan Ogareff dort sein muß! gestand ihr Michael Strogoff.
+
+— Auch jetzt noch?
+
+— Auch jetzt, und es wird mir gelingen!“
+
+Diese letzten Worte betonte Michael Strogoff nicht nur aus Haß gegen den
+Verräther. Aber Nadia merkte es, daß ihr Begleiter ihr nicht Alles sagte,
+nicht Alles sagen durfte.
+
+Drei Tage später, am 15. September, erreichten Beide den Flecken
+Kuitunskoë, siebzig Werst von Tulunowskoë.
+
+Das junge Mädchen hielt sich nur mit äußerster Anstrengung noch aufrecht.
+Ihre wunden Füße versagten ihr fast den Dienst. Aber sie widerstand dem
+Schmerze, sie bekämpfte die Ermüdung; ihr einziger Gedanke war:
+
+„Da er mich nicht sehen kann, will ich gehen, bis ich zusammenbreche!“
+
+Uebrigens bot dieser Theil des Weges kein besonderes Hinderniß, keine
+Gefahren mehr, seit die Tartaren ihnen vorauszogen; nur die entsetzlichste
+Erschöpfung fühlten sie.
+
+So ging es wieder drei Tage lang fort. Offenbar gewannen die Tartaren nach
+Osten zu schnell an Terrain. Das bewiesen die Ruinen längs des Weges, die
+Brandstätten, welche nicht mehr rauchten, die schon in Verwesung
+übergehenden Leichname an den Seiten der Straße.
+
+Auch im Westen zeigte sich nichts. Der Vortrab des Emirs erschien nicht.
+Michael Strogoff erschöpfte sich in den unwahrscheinlichsten Vermuthungen,
+diese Verzögerung zu erklären. Bedrohten schon hinreichende russische
+Streitkräfte unmittelbar Tomsk oder Krasnojarsk? Dann liefe die dritte
+isolirte Abtheilung aber Gefahr, abgeschnitten zu werden. In diesem Falle
+mußte es dem Großfürsten leicht werden, Irkutsk wirksam zu vertheidigen,
+und jeder Gewinn an Zeit galt diesem feindlichen Einfall gegenüber als ein
+Fortschritt zu seiner Abwehr.
+
+Manchmal gab sich Michael Strogoff wohl solchen Hoffnungen hin, bald aber
+trat ihm das Trügerische derselben wieder desto deutlicher vor die Seele,
+und er rechnete dann nur noch auf sich selbst, als läge die Rettung des
+Großfürsten nur allein in seinen Händen.
+
+Sechzig Werst trennen Kuitunskoë von Kimilteïskoë, einem kleinen Flecken
+unweit der Dinka, welche der Angara zuströmt. Nicht ohne Besorgniß dachte
+Michael Strogoff an das Hinderniß, welches dieser nicht so unbedeutende
+Wasserlauf ihnen in den Weg legte. Fähren oder Boote zu finden, darauf
+durfte er gar nicht rechnen, und er erinnerte sich recht gut von seinen
+Reisen in günstigeren Jahreszeiten, daß dieser Fluß nur mit Gefahr zu
+durchwaten war. Dafür unterbrach nach Ueberschreitung desselben kein
+weiterer Strom oder Fluß die Straße, welche in einer Länge von noch 230
+Werst nach Irkutsk führte.
+
+Um Kimilteïskoë zu erreichen, brauchten sie nicht weniger als drei Tage.
+Nadia schleppte sich nur noch hin. Trotz ihrer moralischen Energie
+verließen sie die physischen Kräfte. Michael Strogoff wußte das nur zu
+gut.
+
+Wäre er nicht blind gewesen, Nadia hätte gewiß zu ihm gesagt:
+
+„Geh’, Michael, laß mich in einer Hütte zurück. Geh’ nach Irkutsk! Richte
+Deinen Auftrag aus! Suche meinen Vater auf. Sage ihm, wo ich bin. Sag’
+ihm, daß ich ihn erwarte, Ihr Beide werdet mich schon wieder zu finden
+wissen! Reise in Gottes Namen weiter! Ich fürchte mich nicht. Vor den
+Tartaren werde ich mich zu verbergen wissen. Ich erhalte mich für ihn, für
+Dich! Geh’ Du, Michael, – ich kann es nicht mehr!...“
+
+Wiederholt war Nadia gezwungen, stehen zu bleiben. Dann hob sie Michael
+Strogoff auf seine Arme, und da er, wenn er sie trug, an die Ermüdung des
+jungen Mädchens nicht mehr zu denken brauchte, ging er dann um so
+schneller.
+
+Endlich am 18. September, Abends gegen zehn Uhr, erreichten Beide
+Kimilteïskoë. Von dem Gipfel eines Hügels bemerkte Nadia eine minder
+dunkle Linie am Horizonte. Das war die Dinka. In ihrem Wasser spiegelten
+sich einige Blitze, denen kein Donner folgte, die aber doch den Umkreis
+erhellten.
+
+Nadia führte ihren Begleiter quer durch die verwüstete Ortschaft. Die
+Asche der Ruinen war kalt. Die letzten Tartaren mochten wohl vor fünf bis
+sechs Tagen hier durchpassirt sein.
+
+Bei den letzten Häusern sank Nadia auf eine steinerne Bank.
+
+„Machen wir Halt? fragte sie Michael Strogoff.
+
+— Die Nacht ist gekommen, Michael, antwortete Nadia. Willst Du nicht auch
+einige Stunden ruhen?
+
+— Ich wäre gern noch bis über die Dinka gekommen, antwortete Jener, ich
+hätte den Fluß gern zwischen uns und dem Vortrab des Emirs gewußt. Aber Du
+kannst Dich nicht mehr fortschleppen, meine arme Nadia?
+
+— Komm, Michael!“ lautete Nadia’s Antwort, mit der sie die Hand ihres
+Gefährten ergriff und ihn weiter führte.
+
+In der Entfernung von zwei bis drei Werst kreuzte die Dinka die Straße
+nach Irkutsk. Die letzte Anstrengung, welche ihr Begleiter forderte,
+wollte das junge Mädchen noch auszuhalten versuchen. Beide gingen beim
+Scheine des Wetterleuchtens weiter. Sie durchschritten nun eine
+grenzenlose Wüste, in der sich der kleine Fluß verlor. Kein Baum, kein
+Hügel erhob sich auf dieser ungeheuren Ebene, mit welcher die sibirische
+Steppe wieder begann. Kein Lufthauch bewegte die Atmosphäre, durch deren
+ruhige Schichten sich der geringste Ton unendlich weit fortgepflanzt
+hätte.
+
+Plötzlich hielten Michael Strogoff und Nadia inne, als ob ihre Füße in
+eine Aushöhlung des Bodens gekommen wären.
+
+Aus der Steppe her ertönte Gebell.
+
+„Hörst Du das?“ fragte Nadia.
+
+Dann folgte ein erbarmenswerther Schrei, wie ein verzweifelter, letzter
+Ruf eines Menschen, der dem Tode nahe ist.
+
+„Nicolaus! Nicolaus!“ rief das junge Mädchen, von einer düsteren Ahnung
+erfüllt.
+
+Michael Strogoff horchte und schüttelte den Kopf.
+
+„Komm, Michael, komm!“ bat Nadia.
+
+Und unter der Herrschaft einer heftigen Aufregung gewann sie, die sich
+eben noch kaum fort zu bewegen vermochte, ihre Kräfte wieder.
+
+„Wir sind von der Straße abgekommen, sagte Michael Strogoff, der nicht
+mehr den feinsandigen Fußboden, sondern ein dürres Gras unter seinen Füßen
+fühlte.
+
+— Ja, es muß sein!... erwiderte Nadia; dort von rechts her erklang jener
+Hilferuf.“
+
+Einige Minuten später befanden sich Beide nur noch eine halbe Werst vom
+Flusse entfernt.
+
+Ein zweites Bellen ließ sich hören, das zwar schwächer, aber unzweifelhaft
+näher erscholl.
+
+Nadia blieb stehen.
+
+„Ja, sagte Michael, das war Sersko’s Bellen. Er ist seinem Herrn gefolgt.
+
+— Nicolaus!“ rief das junge Mädchen.
+
+Keine Antwort ließ sich vernehmen.
+
+Nur einige Raubvögel flatterten auf und verschwanden in den Tiefen des
+Himmels.
+
+Michael Strogoff lauschte. Nadia suchte die auf Augenblicke erleuchtete
+Ebene zu überschauen, sah aber nichts.
+
+Doch noch einmal erklang eine Stimme in kläglichem Tone.
+
+„Michael!“ verstanden sie deutlich.
+
+Dann sprang ein Hund, über und über blutig, an Nadia heran. Es war Sersko.
+
+Nicolaus konnte nicht fern sein. Er allein hatte den Namen Michael
+stammeln können. Wo war er? Nadia fand kaum noch die Kraft, ihm zuzurufen.
+
+Michael Strogoff kroch auf der Erde hin und suchte mit den Händen.
+
+Da erhob Sersko ein neues Gebell und stürzte auf einen ungeheuren
+Raubvogel zu, der tief auf der Erde hinstrich.
+
+Es war ein Geier. Als Sersko auf ihn zusprang, flog er ein Stück auf,
+kehrte aber zurück und stieß auf den Hund.
+
+Noch einmal stürzte sich dieser gegen den Geier, da traf ihn der
+furchtbare Schnabel auf den Kopf und leblos brach das treue Thier
+zusammen.
+
+Zu gleicher Zeit entfuhr Nadia ein Schrei des Entsetzens.
+
+„Da ... da!“ rief sie.
+
+Aus der Erde ragte ein Kopf hervor. Ohne das Leuchten am Himmel, das die
+Steppe erhellte, hätte sie mit dem Fuße daran gestoßen.
+
+Nadia fiel neben diesem Kopfe auf die Knie.
+
+Nicolaus war, nach der schrecklichen Sitte der Tartaren, bis an den Hals
+eingescharrt in der Steppe verlassen worden, um hier elend Hungers zu
+sterben oder unter dem Zahne der Wölfe oder den Schnäbeln der Raubvögel
+umzukommen. Eine schreckliche Todesart für das Opfer, welches der Boden
+gefangen hält, welches die Erde halb erdrückt, die der Verurtheilte nicht
+von sich zu stoßen vermag, da ihm die Arme am Körper befestigt werden, wie
+die einer Leiche im Sarge. So lebt, so verschmachtet der Verurtheilte in
+der thonigen Erde und kann nur den Tod herbei rufen, der ihm doch so
+langsam naht!
+
+Hier hatten die Tartaren seit drei Tagen ihren Gefangenen eingescharrt!
+
+... Seit drei martervollen Tagen wartete Nicolaus auf Hilfe, die ihm nun
+leider zu spät werden sollte.
+
+Die Geier hatten schon das aus dem Boden hervorstehende Haupt gewittert,
+und seit mehreren Stunden vertheidigte der Hund seinen Herrn gegen die
+gefräßigen Vögel.
+
+Michael Strogoff brach mit seinem Messer die Erde auf, um den Lebenden aus
+dem Grabe zu befreien.
+
+Nicolaus’ schon geschlossene Augen öffneten sich noch einmal.
+
+Er erkannte Michael und Nadia.
+
+„Lebt wohl, meine Freunde, flüsterte er. O wie wohl ist mir, Euch noch
+einmal gesehen zu haben ... Betet für mich!...“
+
+Das waren seine letzten Worte.
+
+Michael Strogoff fuhr fort, die Erde aufzureißen, welche durch festes
+Zusammentreten fast felsenhart geworden war, und es gelang ihm endlich,
+den Körper des Armen heraus zu ziehen. Er horchte, ob sein Herz noch
+schlüge. – Es schlug nicht mehr.
+
+Er wollte ihn nun noch beerdigen, um die Leiche des Freundes nicht auf der
+Steppe liegen zu lassen, und erweiterte und vergrößerte das Loch, Nicolaus
+Pigassof’s Sarg bei seinen Lebzeiten, zum Grabe für den Entseelten. Der
+treue Sersko sollte neben ihm seinen Platz finden.
+
+Da entstand auf der eine halbe Werst entfernten Landstraße ein lauter
+Tumult.
+
+Michael Strogoff horchte.
+
+Aus dem Geräusch erkannte er, daß sich eine Abtheilung Berittener nach der
+Dinka zu bewege.
+
+„Nadia, Nadia!“ sagte er heimlich.
+
+Bei seiner Stimme erhob sich die noch immer im Gebet versunkene junge
+Liefländerin.
+
+„Dort, sieh dort! raunte er ihr zu.
+
+— Ah, die Tartaren!“ flüsterte sie.
+
+Jene Reiter gehörten in der That zur Avantgarde des Emirs, welche schnell
+auf dem Wege nach Irkutsk dahintrabte.
+
+„Sie werden mich nicht abhalten, ihn zu beerdigen“, sagte Michael
+Strogoff.
+
+Schweigend setzte er seine Arbeit fort.
+
+Bald ward der Körper des armen Nicolaus mit über der Brust gekreuzten
+Händen in die Grube gelegt. Auf die Knie geworfen sprachen Michael
+Strogoff und Nadia ein letztes Gebet für das harmlose und gute Geschöpf,
+das die Ergebenheit gegen sie mit seinem Leben bezahlt hatte.
+
+„Und nun, sagte Michael Strogoff, indem er die Leiche mit Erde überfüllte,
+nun sollen die Steppenwölfe Dich nicht verzehren!“
+
+Dann streckte er drohend die Hand aus gegen den vorüberziehenden
+Reiterschwarm.
+
+„Vorwärts, Nadia!“ sagte er.
+
+Michael Strogoff durfte nun die von den Tartaren betretene Hauptstraße
+nicht mehr einhalten, sondern mußte sich quer durch die Steppe schlagen,
+um Irkutsk zu umgehen. Jetzt hatte es demnach mit der Ueberschreitung der
+Dinka keine besondere Eile.
+
+Nadia konnte nicht weiter wandern, aber sie konnte doch für ihn sehen. Er
+nahm sie auf die Arme und wandte sich nach dem Südwesten der Provinz.
+
+Mehr als 200 Werst lagen noch vor ihnen. Wie legte er sie zurück? Wie kam
+es, daß ihn die Anstrengung nicht überwältigte? Wie konnte er sich
+unterwegs ernähren? Welch übermenschliche Energie half ihm, die ersten
+Abhänge der Sayanskberge zu überklettern? – Weder Nadia noch er hätten auf
+diese Fragen die Antwort gewußt.
+
+Und doch, – zwölf Tage später, am 2. October, breitete sich eine ungeheure
+Wasserfläche vor Michael Strogoff’s Füßen aus.
+
+Er stand am Baïkalsee.
+
+
+
+
+ Zehntes Capitel.
+
+
+ Baikal und Angara.
+
+
+Der Baikalsee liegt 1700 Fuß über dem Meere. Seine Länge beträgt gegen 900
+Werst und etwa 100 seine Breite. Seine Tiefe ist nicht bekannt. Frau von
+Bourboulon berichtet, nach den Sagen der Schiffer, daß derselbe „Frau
+Meer“ genannt sein will und in Wuth geräth, wenn man ihn „Herr See“
+titulirt. Nach der Legende ist indessen noch niemals ein Russe in
+demselben ertrunken.
+
+Dieses gewaltige, von mehr als 300 Zuflüssen ernährte Süßwasserbecken wird
+von einem prächtigen Rahmen vulkanischer Berge umschlossen. Es hat keinen
+anderen Abfluß als die Angara, welche bei Irkutsk vorüber strömt und sich
+etwas oberhalb der Stadt in den Jeniseï ergießt. Die Berge, welche den See
+einrahmen, bilden einen Arm der Tunzugen, einer Unterabteilung des
+orographischen Systems des Altaïgebirges.
+
+In der jetzigen Jahreszeit machte sich die Kälte schon bemerkbar. Der
+Herbst schien wirklich, wie es in diesem, ganz eigenthümlichen
+klimatischen Bedingungen unterworfenen Landstriche dann und wann
+vorzukommen pflegt, in einem vorzeitigen Winter zu verschwinden. Man
+schrieb jetzt die ersten Tage des Octobers. Die Sonne verschwand schon um
+fünf Uhr vom Himmel, und die Temperatur sank während der langen Nacht wohl
+bis auf den Gefrierpunkt herab. Schon deckte der erste Schnee, der nun bis
+Anfang des nächsten Sommers dauern sollte, die benachbarten Gipfel des
+Baïkal. Während des sibirischen Winters wird dieses leicht mehrere Fuß
+tief mit Eis bedeckte Binnenmeer von Schlitten und Karawanen vielfach
+belebt.
+
+Geschehe es nun wegen des Verstoßes gegen die gute Lebensart, wenn man ihn
+„Herr See“ nennt, oder aus irgend einem anderen meteorologischen Grunde,
+jedenfalls ist der Baikal oft von heftigen Stürmen bewegt. Seine, gleich
+denen aller Binnenmeere, nur kurzen Wellen werden von den Flößen, den
+Prahmen und Dampfern, die ihn im Sommer durchpflügen, nicht wenig
+gefürchtet.
+
+An der Südwestspitze des Sees langte Michael Strogoff an, auf den Armen
+Nadia, deren ganze Lebensenergie sich in ihren Augen concentrirte. Was
+konnten die Beiden in diesem wilden Theile der Provinz anders erwarten,
+als hier erschöpft und hilflos zu sterben? Und doch, wie wenig war noch
+übrig von der 6000 Werst langen Strecke, die der Courier des Czaaren
+zurücklegen mußte, um sein Ziel zu erreichen? Nur noch sechzig Werst längs
+der Südküste bis zum Abfluß der Angara, und achtzig Werst von diesem
+Punkte aus bis nach Irkutsk, zusammen einhundertvierzig Werst, d. h. eine
+Reise von drei Tagen für einen kräftigen, gesunden Mann, wenn er sie auch
+zu Fuße zurücklegen sollte.
+
+Konnte aber Michael Strogoff noch für einen solchen Mann gelten?
+
+Der Himmel schien ihm diese letzte Prüfung ersparen zu wollen. Das
+Unglück, sein hartnäckiger Begleiter, verschonte ihn einmal. Dieses Ende
+des Baikal, dieser Theil der Steppe, welchen er öde und verlassen glaubte
+und der es auch sonst immer ist, – heut’ war er es nicht.
+
+Etwa fünfzig Personen standen an dem Winkel, der die südwestliche Spitze
+des Sees bildet.
+
+Nadia bemerkte diese Gruppe erst, als Michael Strogoff sie tragend die
+letzten Abhänge eines Berges herunterstieg.
+
+Einen Augenblick konnte das junge Mädchen wohl fürchten, hier wieder nur
+eine Abtheilung Tartaren vor sich zu haben, welche entsendet wäre, an den
+Ufern des Baikal zu streifen, in welchem Falle ihnen Beiden jetzt jedes
+Entfliehen unmöglich sein mußte.
+
+Aber Nadia ward in dieser Hinsicht sehr bald beruhigt.
+
+„Das sind Russen!“ rief sie erfreut. Nach dieser letzten Anstrengung aber
+fielen ihre Augenlider zu und ihr Haupt sank an die Brust Michael
+Strogoff’s nieder.
+
+Doch auch sie waren bemerkt worden, und einige jener Leute, welche auf sie
+zukamen, führten den Blinden und das junge Mädchen nach einer Stelle des
+Ufers, an der ein Floß befestigt lag.
+
+Das Floß schien zur Abfahrt bereit.
+
+Diese Russen, Leute aus allen Ständen, waren Flüchtlinge, welche die
+nämliche Absicht hier an der Küste des Baikal vereinigt hatte. Von den
+tartarischen Plänklern vertrieben, suchten sie nach Irkutsk zu entkommen,
+und da das zu Lande ziemlich unmöglich war, seitdem die Feinde sich auf
+beiden Ufern der Angara festgesetzt hatten, so hofften sie ihr Ziel
+dadurch zu erreichen, daß sie den Weg auf dem Flusse benutzten, der die
+Stadt durchströmt.
+
+Wie hüpfte Michael Strogoff’s Herz vor Freude, als er diese Absicht
+vernahm! Noch einmal heiterten sich die Aussichten für ihn auf. Er hatte
+aber Selbstbeherrschung genug, diese Empfindung zu verbergen, da er für
+angezeigt hielt, sein Incognito mehr als je zu bewahren.
+
+Der Plan der Flüchtlinge war sehr einfach. Nahe dem nördlichen Ufer des
+Sees zeigte sich eine Strömung bis zum Abfluß der Angara hin, und diese
+wollten sie zunächst benutzen, um nach jenem Ausgußthore des Baikal zu
+gelangen. Von hier aus trugen sie die Wellen des Flusses bis Irkutsk mit
+einer Schnelligkeit von zehn bis zwölf Werst die Stunde dahin. Binnen
+anderthalb Tagen konnten sie in Sicht der Stadt sein.
+
+Am Seeufer fehlte es natürlich an jedem Schiff oder Boot. Man mußte diese
+zu ersetzen suchen und zimmerte ein Floß, wie man deren häufig auf den
+sibirischen Strömen begegnet. Das nöthige Holz lieferte ein Tannenwald in
+der Nähe. Die mittels Weidenzweigen so gut als möglich verbundenen Stämme
+bildeten eine Plattform, auf der hundert Menschen bequem Platz gefunden
+hätten.
+
+Auf dieses Floß führte man auch Michael Strogoff und Nadia. Das junge
+Mädchen war wieder zu sich gekommen. Man reichte ihr sowie ihrem Begleiter
+etwas Nahrung. Dann ward ihr ein Lager aus Laubwerk zurecht gemacht, auf
+dem sie bald in tiefen Schlaf verfiel.
+
+Denen, welche ihn ausfragten, sagte Michael Strogoff nichts von den ihm
+bekannten Ereignissen bei Tomsk. Er gab sich für einen Bewohner von
+Krasnojarsk aus, dem es nicht gelungen sei, vor dem Eintreffen der Truppen
+des Emirs auf dem linken Dinka-Ufer zu entkommen, und er fügte nur hinzu,
+daß die Hauptmacht des Tartarenheeres wahrscheinlich schon vor der
+Hauptstadt Sibiriens Stellung genommen haben werde.
+
+Es galt also keinen Augenblick zu verlieren. Uebrigens nahm die Kälte
+empfindlich zu. In der Nacht sank das Thermometer bis unter Null. Auf der
+Oberfläche des Baikal bildeten sich schon schwache Eisschollen. Fand das
+Floß auch auf dem See keine besonderen Schwierigkeiten, so drohte sich das
+doch zwischen den Ufern der Angara mißlicher zu gestalten, wenn sich die
+Schollen dort in dem engeren Fahrwasser anhäuften.
+
+Alle Umstände drängten also darauf hin, daß die Flüchtlinge baldmöglichst
+abreisten.
+
+Um acht Uhr Abends löste man die Seile und von der Strömung geführt folgte
+das Floß dem Ufer des Sees. Einige lange, von mehreren Mujiks regierte
+Stangen reichten hin, dasselbe in bestimmter Richtung zu halten.
+
+Ein alter Schiffer vom Baikal hatte das Commando übernommen. Es war ein
+Mann von sechzig Jahren, mit Wetter gebräuntem Gesicht. Ein dichter weißer
+Bart fiel auf seine Brust herab. Eine Pelzmütze trug er auf dem Kopfe und
+zeigte im Ganzen ein ernstes und strenges Aussehen. Der lange, durch einen
+Gürtel zusammengehaltene Ueberrock reichte ihm bis zu den Füßen.
+Schweigend saß er auf dem Hintertheile und ertheilte seine Weisungen durch
+Gesten, ohne binnen zehn Stunden zehn Worte zu sprechen. Uebrigens
+reducirten sich die ganzen Schiffsmanoeuvres darauf, das Floß in der
+Strömung zu erhalten, welche dem Ufer folgte, und es an einer Abweichung
+nach der offenen See zu hindern.
+
+Wir erwähnten schon, daß Russen der verschiedensten Art auf dem Flosse
+Platz gefunden hatten. Neben Landleuten aus der Umgegend, einer Anzahl
+Männer, Frauen und Kinder, fanden sich zwei oder drei von dem feindlichen
+Einfalle auf der Reise überraschte Pilger, einige Mönche und ein Pope. Die
+Pilger trugen den Reisestab, die Kürbisflasche im Gürtel und sangen mit
+klagender Stimme Psalmen. Der Eine kam aus der Ukraine, der Andere vom
+Todten Meere, ein Dritter aus den finnischen Provinzen. Der letztere, ein
+schon bejahrter Mann, trug am Gürtel eine kleine Sammelbüchse mit
+Vorlegeschloß, wie man sie an den Eingängen der Kirchen trifft. Alles, was
+er auf seiner langen und anstrengenden Reise einsammelte, gehörte nicht
+ihm, und er besaß nicht einmal den Schlüssel zu der Büchse, welche erst
+bei seiner Rückkehr geöffnet werden sollte.
+
+Die Mönche kamen aus dem hohen Norden. Vor drei Monaten schon hatten sie
+die Stadt Archangel verlassen, von der manche Reisende berichten, daß sie
+einen auffallend orientalischen Typus habe. Sie hatten die heiligen Inseln
+nahe der Küste Kareliens besucht, den Convent von Solowetsk, den von
+Troïtsa, die des heiligen Antonius und des heiligen Theodosius in Kiew,
+der Lieblingsstadt der Jagellonen, das Kloster des Simeonof in Moskau, das
+von Kasan, sowie die dortige Kirche der Altgläubigen, und begaben sich
+nun, bekleidet mit einer Kutte mit Capuchon aus Sarsche, endlich nach
+Irkutsk.
+
+Der Pope war ein einfacher Dorfpriester, einer der 600,000 Pastoren,
+welche das russische Reich zählt. Seine Kleidung sah erbärmlicher aus, als
+die der Mujiks, deren gesellschaftliche Stellung die seinige auch wirklich
+nicht überragte, da er in der Kirche weder Rang noch Macht besitzt, und
+sein Stück Land ebenso gut bebaut, wie er tauft, Ehen schließt und
+Beerdigungen leitet. Sein Weib und seine Kinder hatte er den Gewaltthaten
+der Tartaren dadurch zu entziehen gewußt, daß er sie nach den nördlichen
+Provinzen schaffte, während er in seiner Parochie bis zum letzten
+Augenblick aushielt. Dann hatte er jedenfalls fliehen müssen, und da die
+Straße nach Irkutsk versperrt war, den Baikalsee zu erreichen gesucht.
+
+Diese verschiedenen kirchlichen Personen saßen auf dem Vordertheil des
+Flosses zusammen, beteten in regelmäßigen Zwischenräumen, erhoben ihre
+Stimmen mitten in der schweigenden Nacht, und am Ende jedes Verses ihres
+Gebets hörte man ihre Lippen ein „Slava Bogu“, das ist Ehre sei Gott,
+flüstern.
+
+Kein Zwischenfall unterbrach diese Wasserfahrt. Nadia lag noch immer in
+tiefer Erschöpfung. Michael Strogoff wachte neben ihr. Der Schlaf kam nur
+sehr selten in seine Augen und seine Gedanken wachten dabei immer.
+
+Bei Tagesanbruch befand sich das Boot in Folge eines steifen Gegenwindes,
+der die Wirkung der Strömung hemmte, noch vierzig Werst von dem Ausflusse
+der Angara. Voraussichtlich konnte es dieselbe vor drei oder vier Uhr
+Nachmittag nicht erreichen. Den Flüchtlingen kam das insofern zu statten,
+als sie den Fluß hinunter während der Nacht fuhren, deren Dunkel ihre
+Reise nach Irkutsk begünstigen mußte.
+
+Die einzige Besorgniß des alten Schiffers betraf nur die Bildung von
+Eisschollen auf dem Wasser, da die Nacht ganz besonders kalt zu werden
+schien. Getrieben vom Winde, sah man zahlreiche Schollen schon jetzt nach
+Westen ziehen. Diese waren nicht zu fürchten, da sie in die Angara, deren
+Mündung sie schon passirt hatten, nicht gelangen konnten. Wohl aber wurden
+vielleicht diejenigen, welche aus dem Osten des Sees kamen, von der
+Strömung angezogen und preßten sich zwischen die Flußufer. Das brachte
+dann wohl Schwierigkeiten, Verzögerungen oder gar unübersteigliche
+Hindernisse hervor, die das Floß aufzuhalten drohten.
+
+Michael Strogoff war es also vom höchsten Interesse, den Zustand des Sees
+zu kennen, für den Fall, daß Eisschollen in größerer Anzahl auftreten
+sollten. Er fragte Nadia nach deren Erwachen wiederholt, und ließ sich von
+ihr Alles mittheilen, was auf der Wasserfläche vorging.
+
+Während dieses Dahintreibens der Eisschollen beobachtete man auf dem
+Baikalsee noch mancherlei eigenthümliche Erscheinungen, unter andern das
+Aufbrodeln siedender Quellen, welche aus mehreren im Bette des Sees
+gelegenen artesischen Brunnen aufsprangen. Diese Wassersäulen erhoben sich
+zu beträchtlicher Höhe und zertheilten sich in Dampfwolken, welche einen
+Augenblick lang in den Strahlen der Sonne irisirten und dann sofort von
+der Kälte verdichtet wurden. Gewiß hätte dieses Schauspiel das Auge jedes
+Touristen ergötzt, der in friedlichen Zeiten das sibirische Binnenmeer zum
+Vergnügen bereiste.
+
+Gegen vier Uhr Nachmittags signalisirte der alte Seemann den Abfluß der
+Angara zwischen den hohen Granitfelsen des Ufers. An der Küste zur Rechten
+erkannte man den kleinen Hafen Livenitchnaia, dessen Kirche und die
+wenigen am steilen Strande erbauten Häuser.
+
+Leider wälzten sich schon die ersten von Osten gekommenen Eisschollen
+zwischen die Ufer der Angara und schwammen also nach Irkutsk hinab. Doch
+erschien ihre Anzahl noch nicht hinreichend, um den Fluß zu verstopfen,
+sowie die Kälte nicht intensiv genug, um sie wesentlich zu vermehren.
+
+Das Floß erreichte den kleinen Hafen und hielt dort an. Der alte Seemann
+wollte hier eine Stunde verweilen, um einige unabweisliche Reparaturen
+vorzunehmen. Die Stämme drohten aus einander zu weichen und mußten
+nothwendig fester verbunden werden, um der sehr schnellen Strömung der
+Angara sicherer zu widerstehen.
+
+Während der schönen Jahreszeit dient der Hafen von Livenitchnaia als Ein-
+und Ausschiffungspunkt der Reisenden auf dem Baikalsee, die sich von hier
+entweder nach Kiachta begeben, nach der letzten Stadt an der
+russisch-chinesischen Grenze, oder von dort aus kommen. Er ist dann sowohl
+durch Dampfboote, als auch durch Küstenfahrer aller Art sehr belebt.
+
+Heut war auch Livenitchnaia verlassen. Seine Bewohner entflohen vor den
+Verwüstungen der Tartaren, welche beide Ufer der Angara unsicher machten.
+Die Flotille von Schiffen und Booten, welche sonst in ihrem Hafen
+überwinterte, hatten sie nach Irkutsk verlegt und sich noch rechtzeitig,
+reichlich mit allem Nothwendigen versorgt, nach der Hauptstadt
+Ostsibiriens zurückgezogen.
+
+Der alte Seemann erwartete also gewiß nicht, hier noch weitere Flüchtlinge
+aufnehmen zu sollen, und doch kamen, als das Floß nur anlegte, zwei
+Passagiere mit aller Hast aus einem verödeten Hause herabgelaufen.
+
+Nadia sah von ihrem Platze auf dem Hintertheile nur mit halbem Auge dahin.
+
+Da entfuhr ihr ein leiser Schrei. Sie ergriff die Hand Michael Strogoff’s,
+der verwundert den Kopf emporrichtete.
+
+„Was hast Du, Nadia? fragte er.
+
+— Unsere beiden Reisegefährten, Michael.
+
+— Jener Franzose und jener Engländer, denen wir in dem Engpasse des Ural
+begegneten?
+
+— Dieselben.“
+
+Michael Strogoff erzitterte, denn jetzt lief das strenge Incognito, aus
+dem er nicht heraustreten wollte, Gefahr, enthüllt zu werden.
+
+Jetzt konnten ihn Alcide Jolivet und Harry Blount ja nicht mehr für den
+Kaufmann Nicolaus Korpanoff erkennen, sondern als den wahren Michael
+Strogoff, den Courier des Czaaren. Schon zweimal seit ihrer Trennung auf
+dem Relais zu Ichim sahen ihn ja die beiden Journalisten wieder, das eine
+Mal auf dem Felde bei Zabediero, als er Iwan Ogareff mit der Knute über
+das Gesicht schlug, das andere Mal in Tomsk, als er vom Emir verurtheilt
+wurde. Sie wußten also, wer er war und in welcher Eigenschaft er reiste.
+
+Michael Strogoff kam bald zu einem nothwendigen Entschlusse.
+
+„Nadia, begann er, sobald der Franzose und der Engländer sich eingeschifft
+haben, so bitte sie, zu mir zu kommen.“
+
+Jene waren wirklich Harry Blount und Alcide Jolivet, welche nicht der
+Zufall, sondern die Gewalt der Umstände, ebenso wie Michael Strogoff, nach
+dem Hafen von Livenitchnaia geführt hatte.
+
+Man erinnert sich, daß sie bei dem Einzuge der Tartaren in Tomsk kurz vor
+der gräßlichen Gerichtsvollstreckung, welche jenes Fest schloß, abreisten.
+Sie zweifelten gar nicht daran, daß ihr alter Reisegefährte um’s Leben
+gebracht worden sei, und wußten also nicht, daß er auf Befehl des Emirs
+damals nur geblendet wurde.
+
+Noch an demselben Abend verließen sie damals, nachdem sie Pferde erhalten,
+Tomsk, entschlossen, ihre weiteren Berichte über den Feldzug nur aus dem
+Lager der Russen zu entsenden.
+
+Alcide Jolivet und Harry Blount wandten sich in größter Eile nach Irkutsk.
+Sie hofften Feofar-Khan zuvor zu kommen und hätten das auch unzweifelhaft
+durchgesetzt, wenn sie nicht die dritte Abtheilung des Tartarenheeres,
+welche durch das Thal des Jeniseï ganz unerwartet aus Süden heraufzog,
+aufhielt. Ebenso wie Michael Strogoff wurden sie vor Ueberschreitung der
+Dinka abgeschnitten und mußten in Folge dessen nach dem Baikalsee
+herabziehen.
+
+Bei ihrer Ankunft in Livenitchnaia fanden sie den Hafen schon verlassen.
+Von einer anderen Seite erwies es sich ihnen unmöglich, nach Irkutsk
+hinein zu gelangen, da die Stadt schon von der Tartarenarmee belagert
+wurde. Sie hielten sich hier bereits drei Tage auf, als das Floß ankam.
+
+Die Absicht der Flüchtlinge ward ihnen sofort mitgetheilt. Ohne Zweifel
+vermehrte der Umstand, daß es nun Nacht wurde, die Aussicht auf einen
+glücklichen Erfolg und auf die Möglichkeit, nach Irkutsk hinein zu kommen.
+Sie beschlossen also, die Sache zu wagen.
+
+Alcide Jolivet setzte sich sofort mit dem alten Seemann in Verbindung, um
+für sich und seinen Begleiter Erlaubniß mitzufahren zu erlangen, und bot
+ihm als Bezahlung jeden Preis, den er fordern würde, an.
+
+„Hier bezahlt man nicht, erwiderte ihm ernst der alte Seemann, man wagt
+nur sein Leben, nichts weiter.“ Die beiden Journalisten schifften sich ein
+und Nadia sah sie auf dem Vordertheile des Schiffes Platz nehmen.
+
+Harry Blount war noch immer der steife, frostige Engländer, der während
+der ganzen Fahrt durch den Ural kaum ein Wort an sie gerichtet hatte.
+
+Alcide Jolivet erschien etwas ernster als gewöhnlich, was unter den
+gegebenen Verhältnissen wohl nicht allzu sehr Wunder nehmen durfte.
+
+Kaum hatte Letzterer sich auf dem Vordertheile des Schiffes eingerichtet,
+als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte.
+
+Er drehte sich um und erkannte Nadia, die Schwester jenes früheren
+Nicolaus Korpanoff, jetzt Michael Strogoff, des Couriers des Czaaren.
+
+Fast hätte er vor Verwunderung einen Schrei ausgestoßen, als er das junge
+Mädchen einen Finger an ihre Lippen legen sah.
+
+„Kommen Sie mit mir“, bat Nadia.
+
+Mit gleichgiltigem Gesicht und einem Zeichen gegen Harry Blount, ihm
+nachzufolgen, ging Alcide Jolivet mit ihr.
+
+War das Erstaunen der beiden Journalisten aber schon groß genug, Nadia auf
+dem Flosse zu begegnen, so überschritt es alle Grenzen, als sie auch
+Michael Strogoff’s ansichtig wurden, den sie längst nicht mehr am Leben
+glaubten.
+
+Michael Strogoff sprach bei ihrer Annäherung nicht.
+
+Alcide Jolivet wendete sich an das junge Mädchen.
+
+„Er sieht Sie nicht, meine Herren, sagte sie. Die Tartaren haben ihm die
+Augen verbrannt! Mein armer Bruder ist blind!“
+
+Das lebhafte Gefühl des Mitleids malte sich in Alcide Jolivet’s und seines
+Gefährten Zügen. Einen Augenblick später saßen Beide neben Michael
+Strogoff, drückten ihm die Hand und erwarteten, was er ihnen zu sagen
+habe.
+
+„Meine Herren, begann dieser mit verhaltener Stimme, Sie dürfen nicht
+wissen, wer ich bin, noch zu welchem Zwecke ich mich nach Sibirien begeben
+hatte. Ich ersuche Sie, mein Geheimniß zu bewahren. Versprechen Sie mir
+das?
+
+— Auf Ehre, antwortete Alcide Jolivet.
+
+— Auf Gentlemans Wort, fügte Harry Blount hinzu.
+
+— Ich danke, meine Herren.
+
+— Können wir Ihnen nach irgend welcher Seite nützlich sein? fragte Harry
+Blount. Wünschen Sie, daß wir Sie bei der Ausführung Ihrer Aufträge
+unterstützen?
+
+— Ich ziehe es vor, allein zu handeln, erwiderte Michael Strogoff.
+
+— Aber jene Schurken haben Ihre Augen zerstört, sagte Alcide Jolivet.
+
+— Ich habe ja Nadia; ihre Augen sind für mich genug!“
+
+Eine halbe Stunde später trieb das Floß, nachdem es den kleinen Hafen
+verlassen, in den Fluß hinein. Es war gegen fünf Uhr Abends. Schon brach
+die Nacht herein. Sie versprach sehr dunkel und kalt zu werden, denn die
+Temperatur sank schon jetzt bis unter Null.
+
+Wenn Alcide Jolivet und Harry Blount sich verpflichtet hatten, Michael
+Strogoff’s Geheimniß zu bewahren, so verließen sie ihn doch nicht. Sie
+plauderten mit leiser Stimme und durch ihre Mittheilungen erlangte der
+Blinde, mit Zuhilfenahme dessen, was er schon wußte, eine vollständige
+Vorstellung von dem thatsächlichen Zustande der Dinge.
+
+Es lag außer Zweifel, daß die Tartaren Irkutsk bedrängten und die drei
+Colonnen ihre Vereinigung vollzogen hatten. Höchst wahrscheinlich standen
+der Emir und Iwan Ogareff schon jetzt im Angesichte der Stadt.
+
+Warum aber diese Eile, dorthin zu kommen, welche der Courier des Czaaren
+zeigte, jetzt wo er nicht im Stande war, jenen kaiserlichen Brief dem
+Großfürsten noch zu übergeben, den Brief, dessen Inhalt ihm nicht einmal
+bekannt war? Weder Alcide Jolivet noch Harry Blount begriffen das, ebenso
+wenig als früher Nadia.
+
+Der Vergangenheit wurde zuerst mit keinem Worte gedacht, bis Alcide
+Jolivet zu Michael Strogoff folgendermaßen begann:
+
+„Wir müssen uns wohl noch entschuldigen, Ihnen bei unserer Trennung auf
+dem Relais zu Ichim zum Abschiede nicht einmal die Hand geboten zu haben.
+
+— Nein, Sie waren ganz berechtigt, mich für einen Feigling zu halten!
+
+— Jedenfalls haben Sie, fuhr Alcide Jolivet fort, das Gesicht jenes
+Schurken verdientermaßen mit der Knute bearbeitet, so daß er noch lange
+die Spuren davon tragen wird.
+
+— Nein, nicht mehr lange!“ antwortete einfach Michael Strogoff.
+
+Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein
+Gefährte alle die harten Prüfungen des Schicksals, welche Michael Strogoff
+nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rückhalt bewunderten sie
+seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Mädchens einigermaßen
+die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben
+Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau äußerte: „In der That, das ist
+ein Mann!“
+
+Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floß ungemein schnell
+mit der Strömung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich
+zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Täuschung
+schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker
+Bilder ziehe unaufhörlich an ihm vorüber. Hier zeigten sich sonderbar
+gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein
+schäumender Bergstrom hervorsprang, manchmal öffnete sich ein weites Thal
+vor ihren Blicken, in dem ein zerstörtes Dorf noch rauchte, oder ein
+dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterließen
+auch die Tartaren überall hinreichend erkennbare Spuren, so sah man sie
+doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den näheren Umgebungen
+von Irkutsk zusammendrängten.
+
+Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und
+der alte Seemann hielt das Floß, von dem er die zu nahe heran treibenden
+Eisschollen mit kräftiger Hand abstieß, immer streng in der Mitte der
+Strömung der Angara.
+
+
+
+
+ Elftes Capitel.
+
+
+ Zwischen zwei Ufern.
+
+
+Gegen acht Uhr Abends hüllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus
+sehen ließ, eine tiefe Finsterniß die ganze Umgebung ein. Da es jetzt
+Neumond war, stieg auch dieser nicht über den Horizont empor. Von der
+Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen
+Felsen an den Seiten verschwammen in mäßiger Höhe mit den schwarzen, tief
+herabhängenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu
+Zeit rauschte ein Windstoß von Osten her und schien in dem engen Thale der
+Angara zu ersterben.
+
+Die Dunkelheit begünstigte nach der einen Seite gewiß das Vorhaben der
+Flüchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren längs der
+Ufer, so ließ sich doch annehmen, daß das Floß ungesehen von ihnen
+vorübergleiten werde. Ebenso wenig stand zu befürchten, daß die Belagerer
+stromaufwärts von Irkutsk den Fluß gesperrt haben sollten, da sie recht
+gut wußten, daß die Russen aus dem Süden der Provinz keine Hilfe zu
+erwarten hatten. In kurzer Zeit mußte freilich die Natur schon allein
+diese Flußsperre herstellen, wenn die Kälte die einzelnen Schollen fest
+aneinander löthete.
+
+Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter
+in den Fluß eindrang, ließen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr
+vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem
+Gemurmel, daß dasselbe am Ufer unmöglich gehört werden konnte. Auf der
+Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Körper der Flüchtlinge kaum
+die ebene Fläche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am
+Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnügte sich, nur die
+Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geräusch zu erreichen war.
+
+Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer günstiger
+Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum
+unübersteigbaren Hinderniß wurde. Wäre es überhaupt möglich gewesen, den
+Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn
+jetzt zum Theil die Schollen jeder Größe und Form und das
+Aneinanderprallen und Krachen derselben übertönte gleichzeitig jedes sonst
+vielleicht hörbare verdächtige Geräusch.
+
+Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Flüchtlinge, deren
+Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie
+drängten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der äußeren
+Temperatur, welche während der Nacht bis auf 10° unter Null herabging,
+besser zu ertragen. Der schwache Wind, der über die schneebedeckten Berge
+im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.
+
+Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses
+gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten
+Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters
+nach Kräften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern
+sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwärtige Situation
+beschäftigte vollständig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein
+Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche
+Allen verderblich werden mußte.
+
+Für einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein längst erstrebtes
+Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch
+in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er
+sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein würde,
+an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fürchtete nur noch
+eine einzige letzte Störung, das Floß möchte durch die Anhäufung von
+Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte
+nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch
+durch ein letztes kühnes Wagstück seine Absicht durchzusetzen.
+
+Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kräfte wieder
+gewonnen, welche das Unglück wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals
+den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, daß Michael Strogoff
+nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und daß
+sie bei der Hand sein müsse, ihn zu führen. Je mehr sie sich aber Irkutsk
+näherte, desto deutlicher trat ihr auch das Bild ihres Vaters vor das
+geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er
+liebte, jedoch – woran sie niemals zweifelte, – mit dem ganzen Feuer
+seines Patriotismus kämpfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr
+jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen,
+ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts
+sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor’s
+niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie
+ganz natürlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater überhaupt
+wieder zu sehen, ihres edelmüthigen Reisegefährten, ihres „Bruders“, der
+nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen
+würde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!...
+
+Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschäftigten sich nur mit dem
+einen Gedanken, daß die Situation höchst dramatisch sei und, gut in Scene
+gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben müsse. Der Engländer
+dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner
+Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit
+doch nicht ganz erwehren.
+
+„Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muß selbst bewegt sein, um
+Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem
+berühmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich
+nicht ...“
+
+Dabei suchte er mit seinen berühmten Reporteraugen immer das Dunkel zur
+Seite des Flusses zu durchdringen.
+
+Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein die Finsterniß und
+zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Wälder hervor. Hier stand ein
+ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die
+traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur daß diese
+gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara
+war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten
+ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben
+wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Strömung
+wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Körper zog das Floß
+unbemerkt dahin.
+
+Hier drohte also keine besondere Gefahr.
+
+Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen
+und vorzüglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz
+zufällig und zwar durch folgenden Umstand:
+
+Auf der rechten Seite des Floßes liegend, ließ derselbe einmal seine Hand
+in’s Wasser hängen. Plötzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine
+klebrige Substanz, etwa ein Mineralöl, seine Haut benetzte.
+
+Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, – er konnte sich nicht
+täuschen. Das war eine Lage flüssiger Naphtha, welche auf der Oberfläche
+der Angara schwamm und mit der Strömung hinabtrieb.
+
+Schwamm das Floß also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so
+ungemein leicht entzündlich ist? Woher rührte diese Naphtha? Hatte sie ein
+natürliches Phänomen an die Oberfläche der Angara geführt, oder sollte sie
+als Zerstörungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in
+Brand zu setzen suchten? Eine Art der Kriegführung freilich, welche unter
+gesitteten Völkern nicht wohl vorkommen könnte.
+
+Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt
+er es für gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu
+machen, und Beide kamen auch überein, ihre Reisegefährten nicht unnöthig
+durch diese neue Gefahr zu ängstigen.
+
+Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm imprägnirt von
+flüssigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen
+Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China,
+in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die
+Oberfläche. Dort ist das „Oelgebiet“, ein Pendant zu dem Theile
+Nordamerikas, der diesen Namen wirklich trägt.
+
+Bei gewissen religiösen Festen gießen die Eingebornen im Hafen zu Baku,
+welche Feueranbeter sind, flüssige Naphtha auf die Oberfläche des Meeres,
+die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat
+sich die brennbare Schicht dann über das Wasser verbreitet, so zünden sie
+dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das
+unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde
+auf und niederbewegt.
+
+Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das mußte zum Unheil auf den
+Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht
+oder aus Unvorsichtigkeit angezündet wurde, jedenfalls hätte es sich in
+einem Augenblicke bis über Irkutsk hinaus verbreitet.
+
+Auf dem Floße selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher
+sein; desto mehr waren die verschiedenen Feuersbrünste an beiden Ufern der
+Angara zu fürchten, denn es genügte ja schon ein brennendes Holzstückchen,
+vielleicht ein bloßer Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.
+
+Die Besorgnisse Harry Blount’s und Alcide Jolivet’s gegenüber dieser neuen
+Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht
+rathsamer, vorläufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen
+und eine Zeit lang zu warten? – Sie legten sich wohl diese Frage vor.
+
+„Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiß
+ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen würde.“
+
+Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.
+
+Inzwischen schwamm das Floß schnell zwischen den Eisschollen hinab, die
+sich immer enger und enger zusammendrängten.
+
+Bisher hatte man an den Uferabhängen der Angara noch nirgends tartarische
+Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, daß das Floß deren
+Vorpostenkette noch nicht erreicht haben könne. Gegen zehn Uhr Abends
+glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die
+sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der
+andern sprangen, schnell näher herankamen.
+
+„Tartaren!“ dachte er.
+
+Er schlich sich in die Nähe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und
+lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdächtigen Bewegungen.
+
+Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.
+
+„Das sind nur Wölfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch
+werden wir uns zu vertheidigen suchen müssen, ohne dabei Geräusch zu
+machen.“
+
+Wirklich mußten die Flüchtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen
+die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kälte nach diesen Gegenden
+verschlagen hatte. Die Wölfe witterten das Floß, und bald fielen sie
+dasselbe an. Die Flüchtlinge mußten sich also, ohne von Feuerwaffen
+Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte
+des Floßes untergebracht, die Männer bewaffneten sich mit Stangen, Messern
+oder einfachen Stöcken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu
+schicken. Kein Ausruf ließ sich hören, nur das Geheul der Wölfe
+erschütterte die Luft.
+
+Michael Strogoff hatte nicht unthätig bleiben wollen. Er streckte sich an
+der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Floßes nieder, ergriff
+sein furchtbares Messer, und wußte dieses allemal, wenn ein Wolf in
+erreichbarer Nähe vorüberkam, demselben in den Hals zu stoßen. Harry
+Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre übrigen muthigen
+Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich
+mehrere der Flüchtlinge ernsthafte Bißwunden davon trugen.
+
+Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Lücken in
+der Bande der Wölfe füllten sich immer von Neuem und jedenfalls war die
+ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.
+
+„Das hat auch gar kein Ende!“ sagte Alcide Jolivet, während er den
+bluttriefenden Dolch schwang.
+
+Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Wölfe noch immer
+in ganzen Banden über das Treibeis.
+
+Die erschöpften Flüchtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu
+ihrem Nachtheil. Eben stürzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende
+Wölfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie glühende Kohlen
+leuchteten, auf die Plattform des Floßes. Ohne Zögern eilten Alcide
+Jolivet und Harry Blount auf diese zu, während Michael Strogoff sich
+denselben kriechend zu nähern suchte, als die Scene sich plötzlich
+veränderte.
+
+Binnen wenigen Secunden hatten die Wölfe nicht nur das Floß, sondern auch
+die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten
+verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten
+Flußufers.
+
+Es rührte das daher, daß Wölfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen,
+und jetzt die ganze Fläche der Angara plötzlich in hellem Lichte glänzte.
+
+Es war der Wiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken
+Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwärmten also Tartaren umher,
+die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flußabwärts die
+beiden Ufer besetzt hielten. Die Flüchtlinge traten jetzt in die
+gefährliche Zone ihrer nächtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt
+noch dreißig Werst von ihnen entfernt.
+
+Es war jetzt gegen halb zwölf Uhr Nachts. Das Floß glitt wieder versteckt
+zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur
+dann und wann flog ein heller Lichtschein über dasselbe hin. Auf der
+Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen,
+die sie hätte verrathen können.
+
+Die erwähnte Ortschaft brannte außerordentlich schnell nieder. Ihre aus
+Fichtenholz erbauten Häuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen
+fünfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und
+Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebrüll der Tartaren.
+
+Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den größeren Eisschollen
+einsetzte, das Floß mehr nach der rechten Seite, so daß sie eine
+Entfernung von drei- bis vierhundert Fuß von dem durch den Brand
+erleuchteten Flußufer trennte.
+
+Nichtsdestoweniger hätten die Flüchtlinge, auf die zuweilen ein greller
+Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden müssen, wenn die Brandstifter nicht
+allzu eifrig mit der Zerstörung des Ortes beschäftigt gewesen wären. Jeder
+wird sich aber leicht die Besorgniß Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s
+vorstellen können, wenn diese an den so flüchtigen Brennstoff dachten, auf
+dem das Floß noch immer schwamm.
+
+Ganze Funkengarben sprühten aus den Häusern auf, welche ebenso vielen
+brennenden Schmelzöfen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese
+Funken fünf- bis sechshundert Fuß hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer
+selbst schienen die Bäume, im Widerscheine des röthlichen Lichtes, selbst
+in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die
+Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und
+Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstörung des Floßes und der
+Tod seiner Insassen mußte dann die nothwendige Folge sein.
+
+Zum Glück wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies
+fortwährend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab.
+Möglicherweise konnten die Flüchtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr
+entgehen.
+
+Wirklich ließen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und
+nach erblaßte der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und
+bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara,
+welche hier einen scharfen Bogen bildet.
+
+So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniß schützte wieder das
+Floß. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie
+zwar nicht, hörte sie aber, übrigens glänzten auch die Feuer der äußersten
+Vorposten hell durch die Nacht.
+
+Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedrängten
+Eisschollen nöthig, mit größter Vorsicht weiter zu fahren.
+
+Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle
+waren vollauf beschäftigt, da die Führung des Floßes immer schwieriger und
+das Bett des Flusses immer enger wurde.
+
+Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.
+
+Alcide Jolivet folgte ihm.
+
+Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten
+gewechselten Worte.
+
+„Achtung, dort rechts!
+
+— Links drängen ein paar Schollen heran!
+
+— Stoß’ ab, fest mit der Stange!
+
+— Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest ...
+
+— Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist
+nichts zu thun.
+
+— Hören Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.
+
+— Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!“
+
+Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floß wirklich
+aufgehalten, so gelangten die Flüchtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk,
+sondern mußten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen,
+das von den Eisschollen gedrückt bald unter ihnen in Stücke gehen würde.
+Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Bänder zu reißen, die
+von einander weichenden Fichtenstämme unter das Eis zu gerathen und den
+Unglücklichen wäre nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die
+schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages hätten sie dann die
+Tartaren ohne Zweifel entdecken müssen, von deren Hand keine Gnade zu
+hoffen war.
+
+Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt,
+zurück. Er näherte sich derselben, faßte ihre Hand und legte ihr die oft
+wiederholte Frage vor: „Bist Du bereit, Nadia?“ – welche sie wie immer mit
+
+„Ich bin stets und zu Allem bereit!“ beantwortete.
+
+Noch einige Werst drängte sich das Floß zwischen dem Schollengewirr dahin.
+Verengerte sich die Angara noch mehr, so mußte sich ein Eisschutz bilden,
+der die Weiterbenutzung der Wasserstraße so gut wie unmöglich machte.
+Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fühlte
+man Stöße und sah, wie das Floß abwich. Hier mußte man sich vor dem
+vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren.
+Immer wiederholten sich unerwünschte Verzögerungen.
+
+Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige Stunden. Erreichten die
+Flüchtlinge Irkutsk nicht vor fünf Uhr des Morgens, so konnten sie auch
+alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.
+
+Gegen halb zwei Uhr stieß das Floß trotz aller Anstrengungen gegen einen
+compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrückenden Schollen
+drängten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich
+fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wäre.
+
+An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so daß die Breite
+ihres Bettes nur noch die Hälfte der gewöhnlichen betrug. Hieraus erklärte
+sich diese Anhäufung von Schollen, welche allmälig mit einander
+verlötheten, sowohl durch den ganz beträchtlichen Druck, unter dem sie
+standen, als auch durch die Kälte, welche fühlbar zunahm. Fünfhundert
+Schritt weiter unten dehnte sich das Flußbett wieder aus, und hier trieben
+einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lösten, in
+der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annäherung der Ufer hätte sich
+die Schollenwand nicht bilden können und das Floß wäre nach wie vor von
+der Strömung fortgetragen worden. Gegen den unglücklichen Zufall war aber
+nicht das Geringste zu thun, und die Flüchtlinge mußten eben auf jede
+Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.
+
+Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um
+sich Kanäle durch das Eisfeld zu brechen, hätten sie vielleicht gerade
+noch Zeit gehabt, das Hinderniß bis zu der wieder erweiterten Stelle des
+Stromes zu beseitigen. Aber keine Säge, keine Spitzhaue war zur Hand, um
+die von der Kälte granitartig verhärtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg
+anzugreifen.
+
+Was nun?
+
+In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara.
+Ein ganzer Kugelregen war auf das Floß gerichtet. Man hatte die Armen also
+noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestätigung, daß es jetzt
+auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt
+dienten die Flüchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs.
+Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden
+Dunkelheit nur durch Zufall trafen.
+
+„Komm, Nadia“, raunte Michael Strogoff dem jungen Mädchen in’s Ohr.
+
+Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia „bereit zu Allem“ Michael
+Strogoff’s Hand.
+
+„Wir müssen jetzt die Eisbank übersteigen, flüsterte er, aber Keiner darf
+gewahr werden, daß wir das Floß verlassen!“
+
+Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschützt von
+der Finsterniß, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach,
+auf die Eisfläche.
+
+Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln
+rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke
+mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riß ihnen die Hände
+auf, aber sie kamen doch vorwärts.
+
+Zehn Minuten später erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier
+ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier
+und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.
+
+Nadia verstand Michael Strogoff’s Absichten.
+
+Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest
+hing. „Komm“, sagte Nadia.
+
+Beide legten sich auf das Eisstück, das sich nach einigem Schwanken von
+der Bank ablöste.
+
+Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich,
+der Weg stand offen.
+
+Michael Strogoff und Nadia hörten noch das Knallen der Gewehre, die
+Ausrufe der Verzweiflung, das Brüllen der Tartaren ... Dann verstummten
+langsam diese Ausbrüche der entsetzlichen Angst und der teuflischen
+Freude.
+
+„Unsre armen Gefährten!“ seufzte Nadia.
+
+Während einer Stunde trug die Strömung jene Eisscholle mit Michael
+Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu
+befürchten, daß sie unter ihnen in Stücke gehen könne. Von der stärksten
+Strömung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserfläche erhalten, und doch
+handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an
+einem der Quais in Irkutsk landen sollte.
+
+Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres.
+Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fühlte jetzt, daß er es erreichen
+werde!...
+
+Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen
+Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.
+
+Zur Rechten rührte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den
+Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.
+
+Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.
+
+„Endlich!“ murmelte er für sich.
+
+Aber plötzlich stieß Nadia einen furchtbaren Schrei aus.
+
+Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden
+Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von
+bläulichen Reflexen überstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck
+an, und dann rief er, als hätten sich seine Augen auf’s Neue dem Lichte
+erschlossen:
+
+„Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!“
+
+
+
+
+ Zwölftes Capitel.
+
+
+ Irkutsk.
+
+
+Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zählt unter gewöhnlichen
+Verhältnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an
+der rechten Seite der Angara trägt seine von einer hohen Kathedrale
+überragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten
+Häuser.
+
+Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Höhe des Berges, über den
+in einer Entfernung von zwanzig Werst die große sibirische Heerstraße
+führt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthürmen, seinen den
+Minarets ähnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische
+Art ausgehöhlten Dächern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese
+Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt
+selbst betritt. Zur Hälfte in byzantinischem, zur Hälfte in chinesischem
+Stile erbaut, wird sie doch zu einer europäischen durch die macadamisirten
+Straßen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanäle in denselben, die
+reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebäude aus Ziegelstein und
+Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die
+zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur
+Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat,
+endlich durch eine große Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der
+Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser
+Moden nichts Fremdes sind.
+
+Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstätte der Bewohner einer
+ganzen Provinz, furchtbar überfüllt. Alle Bedürfnisse fanden hier dennoch
+reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen
+Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht
+werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale,
+den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fürchten, und
+konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwüsten lassen.
+
+Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm
+fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Händen die
+Verwaltungsgeschäfte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer
+Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich
+ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des
+unerklärlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende
+Persönlichkeit.
+
+Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuß, in der
+Stärke von etwa 2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit
+Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.
+
+Außerdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge
+eigenthümlicher Verhältnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt
+eingeschlossen.
+
+Ueber jene Verhältnisse nur einige Worte.
+
+Eine wichtige politische Reise hatte den Großfürsten in diese entlegenen
+Provinzen Ostasiens geführt.
+
+Der Großfürst berührte die hauptsächlichsten Städte Sibiriens, reiste mehr
+als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen
+Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den
+transbaïkalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische
+Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.
+
+An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der
+Großfürst nach Irkutsk zurück, von wo er den Weg nach Europa wieder
+einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso
+gefährlichen, als urplötzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die
+Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die
+Verbindung mit Rußland schon unterbrochen. Einige Telegramme von
+Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort
+zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umständen
+zerstört worden.
+
+Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.
+
+Dem Großfürsten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu
+organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchführte, von der er
+bei anderer Gelegenheit hinlängliche Proben gegeben hat.
+
+Die Nachrichten über die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine
+nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens
+mußte auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht
+rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk
+zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrückten, nicht aus, den
+tartarischen Heersäulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe
+offenbar nicht entgehen konnte, so mußte die Stadt vor allen Dingen in den
+Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.
+
+Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in
+die Hände der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der
+Großfürst, daß der Emir von Bukhara und die verbündeten Khans in Person
+die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, daß der zweite Führer
+dieser Barbarenhäuptlinge, Iwan Ogareff, ein früherer russischer Officier
+war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.
+
+Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen,
+veranlaßt, alle Städte und Dörfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der
+Hauptstadt suchte, mußte sich noch weiter hinaus, jenseit des Baïkalsees,
+begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde höchst wahrscheinlich nicht
+gelangen konnte. Die Vorräthe an Getreide und Fourrage wurden für die
+Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft
+in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.
+
+Irkutsk, gegründet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und
+der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende
+Holzbrücken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des
+Fahrwassers öffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstädten am
+linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine
+Schwierigkeiten. Die Vorstädte wurden geräumt, die Brücken abgebrochen.
+Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara wäre unter dem Feuer der
+Belagerten nicht leicht auszuführen gewesen.
+
+Der Fluß konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt
+überschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines
+Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schützte.
+
+Alle kräftigen Arme wurden nun zunächst zu Fortificationsarbeiten
+verwendet. Man war Tag und Nacht thätig. Der Großfürst fand eine überaus
+eifrige Bevölkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch
+ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern –
+Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der
+Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwälle aufgeworfen. Außerdem
+war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara
+speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht
+weggenommen werden. Sie mußte belagert und gestürmt werden.
+
+Das dritte tartarische Armeecorps, – dasselbe, welches im Thale des
+Jeniseï hinaufgezogen war, – erschien am 24. September vor Irkutsk. Es
+besetzte sofort die verlassenen Vorstädte, deren Häuser übrigens meist
+niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des
+Großfürsten keine Hindernisse zu bieten.
+
+Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen
+von dem Emir und seinen Verbündeten geführten Heerhaufen.
+
+Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das
+Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der
+in den größeren Städten zurückgelassenen Besatzungen unter dem Befehle
+Feofar-Khan’s vereinigt.
+
+Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst für
+unausführbar erklärte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst
+stromabwärts mittels Schiffbrücken über den Fluß. Der Großfürst griff
+hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stören, aus Mangel
+an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so
+blieb er, gewiß mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.
+
+Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flußseite; dann marschirten
+sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des
+Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Wäldchen
+nieder, und begannen nach völliger Einschließung der Stadt die regelrechte
+Belagerung.
+
+Iwan Ogareff bemühte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu
+leiten, nur gingen ihm die nöthigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu
+erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines
+Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.
+
+Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geändert.
+Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem
+Marsche auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Großfürst die
+jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wußte. An diesen beiden Ursachen
+scheiterte seine ursprüngliche Absicht und er sah sich zu einer
+regelrechten Belagerung genöthigt.
+
+Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Rücksicht auf
+die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stürmen. Er warf seine
+Truppen auf die scheinbar schwächsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe
+wurden aber muthig abgeschlagen. Der Großfürst und seine Officiere setzten
+sich bei dieser Gelegenheit rücksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit
+ihrer eigenen Person ein und führten die Civilbevölkerung mit auf die
+Wälle. Bürger und Mujiks erfüllten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem
+zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den
+Wällen zu erobern. An dem einen Ende der großen, zwei Werst langen und
+oben und unten an der Angara ausmündenden Straße von Bolchaïa kam es zu
+einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Bürger setzten den Tartaren
+einen so hartnäckigen Widerstand entgegen, daß sich diese zuletzt in ihre
+früheren Stellungen zurückziehen mußten.
+
+Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt
+nicht erlangen konnte. Wir wissen, daß seine Absicht dahin ging, in die
+Stadt einzudringen, sich dem Großfürsten zu nähern, dessen Vertrauen zu
+erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu
+überliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des
+Czaar stillen.
+
+Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis in das Lager an der Angara,
+trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszuführen.
+
+In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus
+dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der
+Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In höchstens sechs Tagen mußten
+sie eintreffen, also wurde es nöthig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch
+Verrath zu überwältigen.
+
+Iwan Ogareff zögerte keinen Augenblick. –
+
+Eines Abends, am 2. October, wurde in dem großen Salon des
+Gouvernementspalastes, in dem der Großfürst residirte, ein Kriegsrath
+abgehalten.
+
+Dieses am Ende der Bolchaïastraße gelegene Gebäude beherrscht weithin den
+Lauf des Flusses. Gegenüber den Fenstern seiner Hauptfaçade sah man das
+Lager der Tartaren; hätten letztere weiter tragende Belagerungsgeschütze
+besessen, so wäre dieses Gebäude ganz unhaltbar gewesen.
+
+Der Großfürst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef
+der Kaufleute und eine Anzahl höhere Officiere besprachen eben
+verschiedene nothwendige Maßregeln.
+
+„Meine Herren, begann der Großfürst, unsere dermalige Lage ist Ihnen
+hinlänglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß wir Irkutsk bis
+zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir
+leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an
+mir soll es gewiß nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser
+Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.
+
+— Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der General Voranzoff, daß Sie
+auf die Bevölkerung von Irkutsk zählen können.
+
+— Gewiß, General, antwortete der Großfürst, und ich erkenne diesen
+eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die
+Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth
+verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den
+Wällen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern können. Sie hören
+meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie,
+dieselben weiter zu verbreiten.
+
+— Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete.
+Darf ich wohl auch fragen, nach welchem längsten Zeitraume auf das
+Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?
+
+— Höchstens nach sechs Tagen, erklärte der Großfürst. Erst heute Morgen
+ist ein gewandter und kühner Emissär in die Stadt gekommen, der mir
+mittheilt, daß fünfzigtausend russische Truppen unter Führung des Generals
+Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am
+Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kälte ihren Zug
+aufzuhalten vermögen. Fünfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren
+in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.
+
+— Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß wir sofort, wenn Eure kaiserliche
+Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu
+folgen.
+
+— Ich danke, mein Herr, sagte der Großfürst. Warten wir es ab, bis die
+Spitzen unserer Colonnen auf den nächsten Höhen erscheinen, dann wollen
+wir die Feinde zerschmettern.“
+
+Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.
+
+„Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen.
+Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke
+erhalten und den Tartaren den Uebergang ermöglichen.
+
+— Würden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der
+Kaufleute.
+
+— Sprechen Sie.
+
+— Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreißig und vierzig Grade unter
+Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen
+Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Strömung Schuld zu
+sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den
+Fluß zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, daß sie auf diesem Wege
+nie nach Irkutsk hinein gelangen werden.“
+
+Der Generalgouverneur bestätigte die Bemerkung des Chefs der
+Kaufmannschaft.
+
+„Das ist gewiß ein recht glücklicher Umstand, äußerte der Großfürst.
+Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualität in’s Auge zu
+fassen.“
+
+Er wandte sich dann an den Director der Polizei.
+
+„Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.
+
+— Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der
+Polizeidirector, daß mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift
+übergeben wurde ...
+
+— Ausgehend von ...?
+
+— Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich
+hier auf Fünfhundert beläuft.“
+
+Die politischen Verbannten, welche sonst über die ganze Provinz verbreitet
+sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem
+Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die
+Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschäften
+oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der
+japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der
+Großfürst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und
+sie als tüchtige Vertheidiger erkannt.
+
+„Was wünschen die Verbannten? fragte der Großfürst.
+
+— Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniß, ein besonderes
+Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu dürfen.
+
+— O, erwiderte der Großfürst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen,
+ich wußte es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das
+Recht, sich für ihr Vaterland zu schlagen.
+
+— Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu können, sagte der
+Generalgouverneur, daß Sie keine besseren Soldaten zu finden vermögen.
+
+— Doch sie brauchen dann einen Führer, bemerkte der Großfürst. Wer soll
+das sein?
+
+— Sie wünschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen,
+antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten
+ausgezeichnet hat.
+
+— Ist es ein Russe?
+
+— Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.
+
+— Sein Name ...?
+
+— Wassili Fedor.“
+
+Der Verbannte war der Vater Nadia’s.
+
+Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk seinem Berufe als
+Arzt. Ein kenntnißreicher und im Umgange liebenswürdiger Mann, war er
+gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede
+Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er
+den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen
+zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der übrigen
+Bevölkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit
+des Großfürsten zu erregen. Bei mehreren Ausfällen hatten sie mit dem
+Blute ihre Schuld an das heilige Rußland bezahlt. Wassili Fedor benahm
+sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt,
+doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die
+Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, daß
+sie beabsichtigen könnten, ihn zu ihrem Führer auszuersehen.
+
+Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der
+Großfürst, daß ihm derselbe nicht unbekannt sei.
+
+„In der That, bestätigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein
+muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluß auf die anderen
+Verbannten von großer Bedeutung.
+
+— Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Großfürst.
+
+— Seit zwei Jahren.
+
+— Und seine Aufführung ...?
+
+— Er fügt sich, antwortete der Polizeidirector, als verständiger Mann den
+Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.
+
+— General, antwortete der Großfürst, lassen Sie mir denselben ohne Zögern
+zuführen.“
+
+Der Befehl des Großfürsten ward ausgeführt, und noch vor Ablauf einer
+halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.
+
+Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster,
+gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, daß sein ganzes Leben sich in
+dem Worte: Kampf! zusammen fassen ließ, und daß er gekämpft, aber auch
+gelitten hatte. Seine Züge erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia
+Fedor.
+
+Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persönlich
+schmerzlich berührt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der
+achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief
+hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise
+seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniß ausgewirkt hatte,
+ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.
+
+Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli.
+Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze überschritten hatte, was war
+aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe
+mußte der unglückliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine
+Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!
+
+Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Großfürsten und erwartete
+von diesem angesprochen zu werden.
+
+„Wassili Fedor, begann der Großfürst, Deine Genossen in der Verbannung
+haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu dürfen. Sie vergessen doch
+nicht, daß in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben
+bereit sein muß?
+
+— Sie sind sich dessen bewußt, erwiderte Wassili Fedor.
+
+— Sie wünschen Dich als Anführer?
+
+— Ja, kaiserliche Hoheit.
+
+— Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?
+
+— Wenn das Heil Rußlands es erheischt, gewiß.
+
+— Commandant Fedor, sagte der Großfürst, Du bist nicht mehr verbannt.
+
+— Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann über Solche den Befehl führen, die
+es noch sind?
+
+— Sie sind es nicht mehr.“
+
+In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten
+Genossen, jetzt seiner Waffengefährten.
+
+Tief bewegt drückte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Großfürsten
+und verließ das Gemach.
+
+Der Letztere wendete sich an seine Officiere.
+
+„Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen
+ausstelle, sagte er lächelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt
+Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen.“
+
+Diese den Verbannten von Irkutsk gewährte Gnade entsprach in der That
+ebenso einer großherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.
+
+Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die
+Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara
+wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen
+einige an den alten Pfeilern der früheren hölzernen Brücke hängen blieben.
+Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar
+konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt
+hatte, nur schwer in der ganzen Oberfläche zufrieren. Die Gefahr eines
+Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also
+nicht sonderlich zu fürchten.
+
+Eben schlug es zehn Uhr. Der Großfürst verabschiedete seine Officiere und
+wollte sich gerade in seine Gemächer zurückziehen, als vor dem Palaste ein
+auffallender Tumult entstand.
+
+Fast gleichzeitig öffnete sich die Thür des Salons, ein Feldjäger trat ein
+und ging auf den Großfürsten zu.
+
+„Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!“
+
+
+
+
+ Dreizehntes Capitel.
+
+
+ Ein Courier des Czaar.
+
+
+Eine unwillkürliche Bewegung führte alle Theilnehmer der Berathung nach
+der halb offenen Thür zurück. Ein Courier des Czaar, in Irkutsk
+angekommen! Wenn die Officiere nur einen Augenblick über die
+Wahrscheinlichkeit dieser Thatsache nachgedacht hätten, mußten sie
+dieselbe für unmöglich ansehen.
+
+Der Großfürst war lebhaft auf seinen Feldjäger zugeschritten.
+
+„Laß den Courier eintreten!“ sagte er.
+
+An der Schwelle erschien ein Mann. Seine äußere Erscheinung zeugte von
+großer Erschöpfung. Er trug die abgenutzte, halb zerrissene Kleidung eines
+sibirischen Bauern, an der sogar einige Löcher von Kugeln sichtbar waren.
+Seinen Kopf bedeckte eine moskowitische Mütze. Auf der Wange sah man eine
+kaum verharschte Schramme. Offenbar hatte dieser Mann einen langen und
+beschwerlichen Weg hinter sich. Seine in schlechtem Stande befindliche
+Fußbekleidung verrieth auch, daß er einen Theil seiner Reise zu Fuß
+zurückgelegt haben mußte.
+
+„Seine kaiserliche Hoheit der Großfürst?“ fragte er eintretend.
+
+Der Großfürst ging auf ihn zu.
+
+„Du bist Courier des Czaar? fragte er.
+
+— Ja, Hoheit.
+
+— Und kommst ...?
+
+— Aus Moskau.
+
+— Und hast Moskau verlassen?
+
+— Am 15. Juli.
+
+— Dein Name ...?
+
+— Michael Strogoff.“
+
+Es war Iwan Ogareff. Er hatte den Namen und Charakter desjenigen
+angenommen, den er unschädlich gemacht zu haben glaubte. In Irkutsk kannte
+ihn weder der Großfürst, noch irgend Jemand Anderes, so daß er sein
+Gesicht nicht einmal zu entstellen brauchte. Da er in der Lage war, seine
+etwa angezweifelte Identität zu beweisen, hatte er keine Entdeckung zu
+fürchten. Er schickte sich jetzt also an, nachdem er das Ziel durch seinen
+eisernen Willen erreicht hatte, durch Verrath und Meuchelmord das Drama
+des feindlichen Einfalles zu krönen.
+
+Nach der Antwort Iwan Ogareff’s gab der Großfürst seinen Officieren ein
+Zeichen mit der Hand, worauf sich diese zurückzogen.
+
+Der falsche Michael Strogoff und er blieben allein in dem Salon zurück.
+
+Der Großfürst betrachtete Iwan Ogareff einige Augenblicke mit scharfer
+Aufmerksamkeit. Dann begann er:
+
+„Du hast Moskau am 15. Juli verlassen?
+
+— Ja, Hoheit, und habe Seine Majestät den Czaaren in der Nacht vom 14. zum
+15. Juli im Neuen Palais gesprochen.
+
+— Du hast einen Brief des Czaar?
+
+— Ja, hier ist er.“
+
+Iwan Ogareff übergab dem Großfürsten das kaiserliche Schreiben, das er auf
+das kleinste Format zusammengebrochen hatte.
+
+„Dieser Brief ist Dir in diesem Zustande übergeben worden?
+
+— Nein, Hoheit, doch mußte ich das Couvert zerstören, um ihn vor den
+Soldaten des Emirs besser verbergen zu können.
+
+— Warst Du Gefangener der Tartaren?
+
+— Ja, kaiserliche Hoheit, wenigstens einige Tage lang. Daher kommt es
+auch, daß ich trotz meiner Abreise am 15. Juli von Moskau, wie sie dieser
+Brief auch angiebt, erst am 2. October in Irkutsk eingetroffen bin, d. h.
+also, nach einer Reise von neunundsiebenzig Tagen.“
+
+Der Großfürst nahm den Brief. Er faltete ihn auseinander, erkannte die
+Signatur des Czaar, nebst der von dessen eigener Hand geschriebenen
+Eingangsformel. An der Authenticität dieses Schreibens, wie an der
+Identität des Ueberbringers konnte also kein Zweifel sein. Hatte sein
+wildes Antlitz auch erst einiges Mißtrauen in dem Großfürsten erweckt, so
+schwand dieses doch jetzt vollständig.
+
+Einige Augenblicke verhielt sich der Großfürst schweigend. Er durchlas
+langsam den Brief, wie um seinen Sinn recht scharf zu fassen.
+
+Endlich nahm er wieder das Wort.
+
+„Michael Strogoff, sagte er, Du kennst den Inhalt dieses Schreibens?
+
+— Ja, Hoheit, ich konnte in die Lage kommen, dasselbe vernichten zu
+müssen, um es nicht den Tartaren in die Hände fallen zu lassen, und war
+für diesen Fall bedacht, dessen Text Eurer kaiserlichen Hoheit möglichst
+genau mittheilen zu können.
+
+— Du weißt also, daß dieser Brief uns auferlegt, eher in Irkutsk zu
+sterben, als die Stadt auszuliefern?
+
+— Ich weiß es.
+
+— Und weißt auch, daß er mir die Bewegungen der Truppen mittheilt, welche
+aufgeboten worden sind, den Einfall zu bekämpfen?
+
+— Ja, Hoheit, aber diese Bewegungen sind verunglückt.
+
+— Wie so?
+
+— Nun Ichim, Omsk, Tomsk, um nur von den bedeutendsten Städten Sibiriens
+zu sprechen, sind den Soldaten Feofar-Khan’s nach und nach in die Hände
+gefallen.
+
+— Ohne daß es zu Gefechten gekommen wäre? Sollten unsere Kosaken nicht auf
+die Tartaren getroffen sein?
+
+— Mehrmals, kaiserliche Hoheit.
+
+— Und sie sind zurückgeschlagen worden?
+
+— Sie verfügten nur über ungenügende Kräfte.
+
+— Wo haben die Treffen, von denen Du sprichst, stattgefunden?
+
+— Bei Kolyvan, Tomsk ...“
+
+Bis hierher hatte Iwan Ogareff nur die Wahrheit gesagt, um aber die
+Vertheidiger von Irkutsk zu entmuthigen, übertrieb er die durch die
+Truppen des Emirs erlangten Vortheile und fügte hinzu:
+
+„Und ein drittes Mal vor Krasnojarsk.
+
+— Und das letzte Treffen?... fragte der Großfürst, über dessen Lippen kaum
+die Worte kamen.
+
+— Das war mehr als ein Treffen, Hoheit, das war eine Schlacht.
+
+— Eine Schlacht?
+
+— Zwanzigtausend Russen, die aus den Grenzprovinzen und dem Gouvernement
+Tobolsk heranzogen, stürzten sich 150,000 Tartaren entgegen und wurden
+trotz ihres verzweifelten Muthes fast aufgerieben.
+
+— Du lügst, rief der Großfürst, der vergeblich seinen Zorn zu bemeistern
+suchte.
+
+— Ich spreche die Wahrheit, Hoheit, antwortete frostig Iwan Ogareff. Ich
+war selbst bei der Schlacht von Krasnojarsk gegenwärtig und gerieth eben
+da in Gefangenschaft!“
+
+Der Großfürst ward wieder ruhiger und gab Iwan Ogareff durch ein Zeichen
+zu erkennen, daß er nicht an seiner Aufrichtigkeit zweifle.
+
+„An welchem Tage fand die Schlacht von Krasnojarsk statt? fragte er.
+
+— Am 2. September.
+
+— Und jetzt sind alle tartarischen Truppen um Irkutsk concentrirt?
+
+— Alle.
+
+— Und Du schätzest diese ...?
+
+— Auf 400,000 Mann.“
+
+Diese Angabe beruhte wiederum auf einer zu demselben Zwecke vorgebrachten
+Uebertreibung Iwan Ogareff’s.
+
+„Und aus den westlichen Provinzen habe ich keinen Entsatz zu erwarten?
+fragte der Großfürst.
+
+— Nein, kaiserliche Hoheit, mindestens nicht vor Ausgang des Winters.
+
+— Nun wohl, so höre, Michael Strogoff. Sollte ich auch weder von Osten
+noch von Westen her Unterstützung bekommen, und zählten die Barbaren
+600,000 Mann, ich werde Irkutsk niemals übergeben!“
+
+Das boshafte Auge Iwan Ogareff’s bedeckte sich ein wenig. Der Verräther
+schien sagen zu wollen, daß der Bruder des Czaar seine Rechnung ohne
+Rücksicht auf Verrätherei machte.
+
+Der Großfürst hatte bei seinem nervösen Temperament alle Mühe, bei diesen
+Unglücksbotschaften seine Ruhe zu bewahren. Er ging im Salon auf und ab
+vor den Augen Iwan Ogareff’s, die ihm wie einer schon seiner Rache
+verfallenen Beute folgten. Er blieb an den Fenstern stehen, blickte nach
+den Wachtfeuern der Tartaren und suchte sich über ein Geräusch
+aufzuklären, das ja meist nur von den in der Angara dahintreibenden und
+aneinander prallenden Eisschollen herrührte.
+
+Eine Viertelstunde verging, ohne daß er eine weitere Frage stellte. Dann
+nahm er den Brief nochmals zur Hand und durchlas eine besondere Stelle
+desselben.
+
+„Du weißt, Michael Strogoff, daß hierin von einem Verräther die Rede ist,
+vor dem ich mich hüten soll?
+
+— Ja, Hoheit.
+
+— Er soll unter irgend einer Verkleidung nach Irkutsk einzudringen suchen
+und sich um mein Vertrauen bewerben, um zur gegebenen Zeit die Stadt den
+Tartaren zu überliefern.
+
+— Ich kenne das Alles, kaiserliche Hoheit, und weiß auch, daß Iwan Ogareff
+geschworen hat, persönlich an dem Bruder des Czaar seine Rache zu nehmen.
+
+— Warum?
+
+— Man sagt, dieser Officier sei von dem Großfürsten zu einer entehrenden
+Degradation verurtheilt worden.
+
+— Ja, richtig, ... ich entsinne mich ... doch, er verdiente es, dieser
+Elende, der später gegen sein Vaterland diente, um einen Einfall der
+Barbaren zu organisiren.
+
+— Seiner Majestät dem Czaar, fuhr Iwan Ogareff fort, kam es vor allem
+darauf an, Sie, kaiserliche Hoheit, von den verbrecherischen Absichten
+gegen Ihre Person in Kenntniß zu setzen.
+
+— Ja, der Brief enthält die nöthigen Aufschlüsse ...
+
+— Und Seine Majestät haben das mir auch selbst mitgetheilt und mir
+vorzüglich eingeschärft, mich bei meiner Reise durch Sibirien ja vor
+diesem Verräther zu hüten.
+
+— Bist Du ihm begegnet?
+
+— Ja, Hoheit, nach der Schlacht von Krasnojarsk. Hätte er vermuthen
+können, daß ich der Träger eines an Eure kaiserliche Hoheit gerichteten
+Schreibens war, das seine abscheulichen Pläne enthüllte, so würde er mir
+keine Gnade gewährt haben.
+
+— Gewiß, dann wärst Du verloren gewesen, antwortete der Großfürst. Doch
+wie bist Du überhaupt entkommen?
+
+— Dadurch, daß ich mich in den Irtysch stürzte.
+
+— Und wie kamst Du nach Irkutsk herein?
+
+— Bei Gelegenheit eines an diesem Abende unternommenen Ausfalles, welcher
+der Vertreibung einer Tartarenabtheilung galt. Ich mischte mich unter die
+Vertheidiger der Stadt, es gelang mir, mich zu erkennen zu geben, und so
+führte man mich sofort vor Eure kaiserliche Hoheit.
+
+— Gut, Michael Strogoff, antwortete der Großfürst. Du hast bei Deiner
+Schwierigen Reise Muth und Eifer gezeigt. Ich werde Dich nicht vergessen.
+Hast Du mir einen Wunsch vorzutragen?
+
+— Nein, außer dem, mich an der Seite Eurer kaiserlichen Hoheit schlagen zu
+dürfen.
+
+— Es sei, Michael Strogoff, ich nehme Dich von heute ab in meinen
+persönlichen Dienst und Du wirst auch in diesem Palaste Wohnung erhalten.
+
+— Und wenn nun Iwan Ogareff sich, wie er die Absicht haben soll, Eurer
+kaiserlichen Hoheit unter einem falschen Namen vorstellt? ...
+
+— So wird er mit Deiner Hilfe, da Du ihn ja kennst, entlarvt werden, und
+soll den Tod unter der Knute erleiden. Geh!“
+
+Iwan Ogareff salutirte vor dem Großfürsten militärisch, indem er nicht
+vergaß, daß er Kapitän bei dem Corps der Couriere des Czaar sei, und zog
+sich zurück.
+
+Iwan Ogareff begann seine Rolle also mit unleugbarem Erfolge zu spielen.
+Das Vertrauen des Großfürsten hatte er schnell und im vollsten Maße
+errungen. Er konnte dasselbe mißbrauchen, wo und wann es ihm beliebte. Er
+sollte ja gar in dem Palaste selbst wohnen, würde in alle Geheimnisse der
+Vertheidigung eingeweiht sein. Er hatte demnach die Situation vollständig
+in der Hand. Niemand in Irkutsk kannte ihn, Niemand konnte ihm seine Maske
+abreißen. Er beschloß also ohne Zögern an’s Werk zu gehen.
+
+Die Zeit drängte in der That. Jedenfalls mußte die Auslieferung der Stadt
+vor Eintreffen der aus dem Norden und Osten erwarteten Russen erfolgen;
+letzteres konnte sich aber nur um wenige Tage handeln. Waren die Tartaren
+erst Herren von Irkutsk, so wären sie gewiß nur schwer wieder daraus zu
+vertreiben gewesen. Und wenn sie auch gezwungen würden, es später wieder
+aufzugeben, so würde das doch nicht geschehen, als bis sie es von Grund
+aus zerstört und den Kopf des Großfürsten zu Feofar-Khan’s Füßen gelegt
+hätten.
+
+Da Iwan Ogareff jetzt nichts hinderte, zu sehen, zu beobachten und zu
+handeln, so beschäftigte er sich schon vom andern Tage an damit, die Wälle
+zu besichtigen. Ueberall ward er von den Glückwünschen der Officiere,
+Soldaten und Bürger begrüßt. Dieser Courier des Czaaren erschien ihnen wie
+ein Band, welches sie auf’s Neue mit dem Kaiserreiche verknüpfte. Iwan
+Ogareff erzählte bei dieser Gelegenheit mit einer Sicherheit, welche ihn
+niemals im Stiche ließ, von den Drangsalen seiner Reise. Dann sprach er,
+ohne das zu Anfange zu sehr zu betonen, von dem Ernste der Lage, wobei er,
+ebenso wie vor dem Großfürsten, die Erfolge der Tartaren und die Kräfte,
+über welche sie verfügten, absichtlich übertrieb. Seiner Darstellung nach
+waren die bevorstehenden Zuzüge, selbst wenn sie rechtzeitig eintrafen,
+gewiß unzureichend, und es stand zu befürchten, daß eine Schlacht unter
+den Mauern von Irkutsk ebenso verderblich ausfallen würde, wie die Treffen
+bei Kolyvan, Tomsk und Krasnojarsk.
+
+Mit solchen Hiobsposten ging Iwan Ogareff aber keineswegs verschwenderisch
+um. Er ließ diese mit kluger Berechnung nur nach und nach hören. Er schien
+nur zu antworten, wenn man ihn fragte, und dann scheinbar nur mit
+Widerwillen. Allemal aber fügte er hinzu, daß man sich bis auf den letzten
+Mann vertheidigen und die Stadt eher in die Luft sprengen müsse, bevor man
+sie übergebe.
+
+Auf jede Weise suchte er die üble Lage schlimmer darzustellen. Die
+Garnison und die Bevölkerung von Irkutsk waren glücklicher Weise aber viel
+zu patriotisch, um sich einschüchtern zu lassen. Von allen diesen Soldaten
+und Bürgern einer am Ende der asiatischen Welt isolirten Stadt dachte auch
+kein Einziger nur entfernt an eine Uebergabe. Die Verachtung der Russen
+gegen jene Barbaren kannte eben keine Grenzen.
+
+Dagegen argwöhnte auch Keiner die häßliche Rolle, welche Iwan Ogareff
+spielte, Keiner konnte vermuthen, daß dieser scheinbare Courier des Czaar
+ein erbärmlicher Verräther war.
+
+Ganz erklärlicher Weise trat Iwan Ogareff seit seiner Ankunft in Irkutsk
+bald in nähere Beziehungen zu einem der begeistertsten Vertheidiger der
+Stadt, zu Wassili Fedor.
+
+Es ist dem Leser bekannt, von welch’ verzehrender Unruhe der unglückliche
+Vater gequält ward. Wenn seine Tochter, wie er der Datumsangabe ihres
+letzten Briefes nach annehmen mußte, Rußland wirklich zu jener Zeit
+verlassen hatte, was mochte dann jetzt aus ihr geworden sein? Würde sie
+dennoch versuchen, die von den Feinden überschwemmten Provinzen zu
+bereisen, oder schmachtete sie vielleicht schon lange in Gefangenschaft?
+Wassili Fedor fand kein anderes Betäubungsmittel für seinen Schmerz, als
+sich gegen die Tartaren zu schlagen, eine Gelegenheit, die sich leider
+viel zu selten darbot.
+
+Als Fedor da die so unerwartete Ankunft eines Couriers des Czaar vernahm,
+sagte ihm ein Vorgefühl, daß er von diesem werde Nachrichten über seine
+Tochter einziehen können. Wenn er sich auch nicht verhehlte, daß diese
+Hoffnung auf sehr schwachen Füßen stehe, so klammerte er sich doch gern an
+sie an. War dieser Courier nicht auch gefangen gewesen, wie es Nadia
+vielleicht heute noch war?
+
+Wassili Fedor suchte also Iwan Ogareff auf, der begierig diese Gelegenheit
+ergriff, mit dem Commandanten in tägliche Berührung zu kommen. Dachte der
+Renegat wohl daran, auch diese Gelegenheit auszunützen?
+
+Wie dem auch sei, jedenfalls entsprach Iwan Ogareff mit geschickt
+verstelltem Eifer dem Entgegenkommen des Vaters Nadia’s. Schon am Morgen
+nach der Ankunft des vermeintlichen Couriers begab jener sich nach dem
+Palaste des Großfürsten. Dort theilte er Iwan Ogareff die Umstände mit,
+unter welchen seine Tochter höchst wahrscheinlich das europäische Rußland
+verlassen hatte, und sagte ihm, welche Unruhe er jetzt um ihretwillen
+empfinde.
+
+Iwan Ogareff kannte Nadia nicht, trotzdem er sie ja auf dem Relais zu
+Ichim an jenem Tage gesehen hatte, wo sie sich mit Michael Strogoff
+daselbst befand. Damals hatte er aber weder auf sie noch auf die beiden
+Journalisten geachtet, die sich gleichzeitig auf jenem Posthofe
+aufhielten. Er war also außer Stande, Wassili Fedor die gewünschten
+Nachrichten über seine Tochter mitzutheilen.
+
+„Wann hat Ihre Tochter, fragte Iwan Ogareff, das russische Gebiet etwa
+verlassen?
+
+— Ungefähr zu derselben Zeit, wie Sie, antwortete Wassili Fedor.
+
+— Ich verließ Moskau am 15. Juli.
+
+— Nadia wahrscheinlich ganz zu derselben Zeit, wenigstens gab mir ihr
+letzter Brief diesen Termin an.
+
+— Sie war am 15. Juli in Moskau?
+
+— Ja gewiß, an eben diesem Tage.
+
+— Richtig ...“ sagte zögernd Iwan Ogareff.
+
+Dann aber schien er seine Meinung zu ändern.
+
+„Nein, nein, ich täusche mich doch ... ich verwechsele jetzt das Datum,
+fügte er hinzu, leider ist es zu wahrscheinlich, daß ihre Tochter die
+Grenze noch überschritten hat, und Sie können nun höchstens die einzige
+Hoffnung hegen, daß sie sich hat zurückhalten lassen, wenn sie von dem
+Einfall der Tartaren Nachricht erhielt.
+
+Wassili Fedor neigte betrübt den Kopf. Er kannte Nadia zu gut und wußte,
+daß nichts im Stande sein würde, sie von ihrem Vorsatz abzubringen.
+
+Iwan Ogareff beging hier eine unnöthige Grausamkeit. Er hätte Wassili
+Fedor mit einem Worte beruhigen können. Hatte Nadia auch, wie wir wissen,
+die sibirische Grenze unter ganz besondern Umständen passirt, so hätte
+Wassili Fedor doch, wenn Jener ihm die Uebereinstimmung jenes Datums und
+des ergangenen Verbotes erwähnte, glauben müssen, daß sie nicht den
+Gefahren der Invasion ausgesetzt gewesen sei und sich, wenn auch
+gezwungen, doch noch auf europäischem Gebiete befinden werde.
+
+Iwan Ogareff, ein Mann, der von Anderer Leiden niemals berührt wurde,
+folgte dabei nur seiner Natur, er hätte jenes Wort sprechen können ... er
+sprach es nicht. Wassili Fedor zog sich mit gebrochenem Herzen zurück.
+Nach dieser Erkundigung schwand ihm die letzte Hoffnung.
+
+An den beiden folgenden Tagen, dem 3. und 4. October, ließ der Großfürst
+den vermeintlichen Michael Strogoff wiederholt zu sich bescheiden und
+befahl ihm, alles zu wiederholen, was er im kaiserlichen Cabinet des Neuen
+Palais gehört hatte. Iwan Ogareff antwortete, da er sich auf solche Fragen
+vorbereitet hatte, stets ohne Zögern. Er verheimlichte dabei absichtlich
+nicht, daß die Regierung des Czaar durch den Einfall vollständig
+überrascht und der Aufstand in tiefster Verschwiegenheit vorbereitet
+worden sei, da die Tartaren schon die Linie des Obi besetzt hatten, als
+die ersten Nachrichten davon nach Moskau gelangten, und endlich, daß in
+den russischen Provinzen Nichts bereit sei, eine zur Vertreibung der
+Feinde hinreichende Truppenmacht schnell nach Sibirien zu werfen.
+
+Da er übrigens vollkommen sein freier Herr war, begann Iwan Ogareff nun
+Irkutsk recht eigentlich zu studiren, den Zustand der Befestigungen und
+vorzüglich deren schwächste Punkte auszuspähen, um davon Nutzen ziehen zu
+können, wenn irgend ein Umstand ihn an der Ausführung der geplanten
+Verrätherei hindern sollte. Ganz besonders nahm das Thor von Bolchaïa
+seine Aufmerksamkeit in Anspruch, da er dieses zu überliefern
+beabsichtigte.
+
+An diesem Abend kam er zwei Mal an das Thor. Er ging hier auf und ab ohne
+die Kugeln der Belagerer zu fürchten, deren erste Posten noch keine Werst
+weit von demselben entfernt waren; er wußte recht gut, daß ihm nichts
+widerfahren könne, ja, daß man ihn sogar erkenne.
+
+Da bemerkte er einen Schatten, der geräuschlos bis an den Fuß der Erdwerke
+heranschlich.
+
+Sangarre war es, die ihr Leben auf’s Spiel setzte, um von Iwan Ogareff
+Nachricht zu erlangen.
+
+Uebrigens erfreuten sich die Belagerten seit zwei Tagen einer Ruhe, an
+welche die Tartaren sie bisher nicht gewöhnt hatten.
+
+Es geschah das auf Anordnung Iwan Ogareff’s. Der Lieutenant Feofar-Khan’s
+wollte alle Versuche, die Stadt mit Gewalt zu erobern, aufgeschoben
+wissen. Deshalb schwieg die Artillerie seit seiner Ankunft in Irkutsk
+vollkommen. Vielleicht, – wenigstens setzte er noch einige Hoffnung
+hierauf, – ließ die Wachsamkeit der Belagerten doch etwas nach. Für jeden
+Fall hielten sich bei den Vorposten einige tausend Tartaren bereit, seiner
+Zeit gegen das von seinen Vertheidigern entblößte Thor vorzugehen, wenn
+von Iwan Ogareff die Stunde für den Angriff bestimmt worden wäre.
+
+Das konnte ja nicht lange dauern. Die Entscheidung mußte fallen, bevor die
+russischen Hilfstruppen vor Irkutsk anlangten. Iwan Ogareff’s Beschluß war
+gefaßt und an diesem Abend glitt ein Billet den Wall hinab in die Hand
+Sangarre’s.
+
+Am andern Tage, in der Nacht vom 5. zum 6. October, wollte Iwan Ogareff
+Irkutsk den Todfeinden seines Vaterlandes überliefern.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Capitel.
+
+
+ Die Nacht vom 5. zum 6. October.
+
+
+Iwan Ogareff’s Plan war mit größter Sorgfalt vorbereitet und mußte, im
+Falle nicht ganz unvorhergesehene Ereignisse dazwischen traten, gewiß
+gelingen, wenn er nur dafür sorgen konnte, das Thor von Bolchaïa zur Zeit,
+wo er es ausliefern wollte, von Vertheidigern entblößt zu halten.
+Gleichzeitig sollte die Aufmerksamkeit der Belagerten nach einer andern
+Seite der Stadt abgelenkt werden. So hatte er mit dem Emir verabredet.
+
+Ein Scheinangriff flußauf- und flußabwärts auf dem rechten Ufer der Angara
+sollte an beiden Stellen mit möglichster Kraftaufwendung ausgeführt und
+auch eine Ueberschreitung des Stromes nach dem linken Ufer versucht
+werden. Dabei durfte man voraussetzen, daß das Thor von Bolchaïa ziemlich
+verlassen werden würde, zumal da die tartarischen Vorposten vor demselben
+weiter zurückgezogen werden sollten, um den Glauben zu erregen, sie wären
+an anderen Stellen verwendet worden.
+
+Der 5. October war herangekommen. Vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden
+sollte die Hauptstadt von Sibirien in den Händen des Emirs, der Großfürst
+in der Gewalt Iwan Ogareff’s sein.
+
+Im Laufe dieses Tages entstand in dem Thale der Angara eine ganz
+ungewöhnliche Bewegung. Von den Fenstern des Palastes und der Häuser am
+Ufer erkannte man deutlich, daß daselbst sehr umfassende Vorbereitungen
+betrieben wurden. Viele tartarische Abtheilungen marschirten nach einem
+Punkte zusammen und verstärkten die Truppenmacht, welche der Emir
+persönlich befehligte. Alles das gehörte zu der verabredeten Diversion und
+wurde möglichst auffällig in’s Werk gesetzt.
+
+Iwan Ogareff verhehlte auch dem Großfürsten nicht, daß von jener Seite ein
+Angriff zu befürchten sei. Er glaube annehmen zu müssen, sagte er, daß von
+beiden Seiten der Stadt ein Sturmangriff geplant werde, und rieth dem
+Großfürsten, die bedrohten Punkte möglichst zu verstärken.
+
+Alles, was man sehen konnte, bestätigte Iwan Ogareff’s Ansicht, der man
+sich bald Rechnung zu tragen entschloß. Nach einem im Palais abgehaltenen
+Kriegsrathe erging der Befehl, die verfügbare Hauptmacht an beiden Enden
+der Stadt, wo sich deren Wälle auf den Strom stützten, zu concentriren.
+
+Das war es, was Iwan Ogareff vor Allem wünschte. Er rechnete zwar bestimmt
+nicht darauf, daß das Thor von Bolchaïa ganz von Mannschaften entblößt
+würde, aber diese konnten doch nur in geringer Stärke daselbst verbleiben.
+Iwan Ogareff suchte der Diversion der Tartaren eine solche Bedeutung zu
+geben, daß der Großfürst sich genöthigt sehen sollte, alle disponiblen
+Kräfte gegen dieselbe aufzubieten.
+
+Die Verhältnisse wurden übrigens durch ein Ereigniß von ungewöhnlicher
+Bedeutung, wiederum einer Erfindung Iwan Ogareff’s, ungemein erschwert,
+ein Ereigniß, welches jedoch sehr wesentlich zur Erreichung seiner
+Absichten beitragen mußte. Wenn auch kein Angriff auf Irkutsk an den von
+dem Thore von Bolchaïa entferntestem Punkte unternommen wurde, so hätte
+jener Zwischenfall hingereicht, alle Kräfte der Vertheidiger dahin zu
+concentriren, wo es Iwan Ogareff wünschte. Gleichzeitig mußte es eine
+entsetzliche Katastrophe über die arme Stadt herbeiführen.
+
+Es waren also alle Aussichten vorhanden, jenes Thor zur bestimmten Stunde
+fast unbedeckt zu finden, während mehrere tausend Tartaren in Verstecken
+bereit lagen, gegen dasselbe anzustürmen.
+
+Während dieser Tage hielten sich die Garnison und die Bevölkerung von
+Irkutsk immerfort auf jedes Ereigniß gefaßt. Alle Maßnahmen zur
+Vertheidigung bei dem erwarteten Angriff auf bisher weniger beunruhigte
+Punkte wurden eiligst getroffen. Der Großfürst und der General Voranzoff
+visitirten die auf ergangenen Befehl verstärkten Posten. Das Elitecorps
+Wassili Fedor’s hielt den nördlichen Theil der Stadt besetzt, aber mit der
+Weisung, immer dahin beizuspringen, wo die Gefahr am größten wäre. Mit
+diesen rechtzeitigen und auf Befehl Iwan Ogareff’s getroffenen Maßregeln
+wuchs die Hoffnung, den beabsichtigten Angriff abzuschlagen. Das Ufer der
+Angara war mit der geringen Menge Artillerie besetzt worden, über die man
+eben verfügte. Wenn die Tartaren aber abgewiesen wurden, so konnte man
+erwarten, daß sie für den Augenblick entmuthigt, einen erneuten Angriff
+doch mindestens einige Tage verschieben würden. Die von dem Großfürsten
+erwarteten Truppen mußten aber doch nun jede Stunde eintreffen. Das Heil
+oder das Verderben von Irkutsk hing also nur an einem Fädchen.
+
+An diesem Tage ging die Sonne um sechs Uhr zwanzig Minuten auf und um fünf
+Uhr vierzig Minuten unter, nach Beschreibung eines Tagesbogens von elf
+Stunden. Zwei Stunden noch kämpfte die Dämmerung gegen das Dunkel der
+Nacht. Dann hüllte sich Alles in Finsterniß, und auch auf das Erscheinen
+des Mondes, der sich gerade in Conjunction befand, war ja nicht zu
+rechnen.
+
+Die tiefe Dunkelheit mußte offenbar Iwan Ogareff’s Pläne begünstigen.
+
+Schon seit mehreren Tagen leitete eine ziemlich heftige Kälte auf die
+bevorstehende Strenge des sibirischen Winters über und an eben diesem
+Abend war sie doppelt fühlbar. Die auf der rechten Seite der Angara
+aufgestellten Truppen, welche ihre Anwesenheit nicht verrathen sollten,
+hatten deshalb kein Wachtfeuer angezündet. Sie litten von der auffälligen
+Erniedrigung der Temperatur ganz entsetzlich. Wenige Schritte unter ihnen
+schwammen die Eisschollen hin, welche der Strom mit herantrieb. Den ganzen
+Tag über sah man sie in gedrängten Massen in breitem Zuge zwischen beiden
+Ufern. Dieser von dem Großfürsten und seinen Officieren beobachtete
+Umstand ward für besonders glücklich angesehen. Es lag auf der Hand, daß
+an eine Ueberschreitung der Angara gar nicht zu denken sei, so lange
+dieses Gewirr von Eisstücken das Bett derselben bedeckte. Die Tartaren
+konnten weder Boote noch Flöße benutzen. Dabei brauchte man nicht zu
+befürchten, daß sie einen Uebergang auf dem etwa frisch aneinander
+gefrorenen Eise versuchen würden, da dieses für die Passage einer starken
+Colonne offenbar zu wenig haltbar war.
+
+Wenn diese Verhältnisse auch den Vertheidigern von Irkutsk ganz
+vortheilhaft erschienen, so hätte Iwan Ogareff sie doch bedauern müssen.
+Doch im Gegentheil! Der Verräther wußte ja recht gut, daß die Tartaren gar
+nicht ernstlich daran dachten, die Angara zu passiren, und daß alle ihre
+hierauf abzielenden Bewegungen nur eine Kriegslist seien.
+
+Gegen zehn Uhr Abends veränderte sich die Oberfläche des Flusses zum
+größten Erstaunen und auch zum Nachtheile der Belagerten ganz wunderbar.
+Der bisher unpraktikable Uebergang wurde frei. Das ganze Bett des Stromes
+reinigte sich. Die Eisschollen, die seit einigen Tagen schon in großer
+Menge dahinjagten, verschwanden plötzlich stromabwärts, und nur fünf bis
+sechs schwankten noch vereinzelt zwischen den beiden Ufern. Sogar ihre
+Structur veränderte sich gegenüber denjenigen, welche man zu sehen gewohnt
+war, ganz auffallend. Sie erschienen nur als einzelne von einem größeren
+Eisfelde mit glatten Rändern abgelöste Splitter.
+
+Die russischen Officiere meldeten, als sie die Veränderungen am Flusse
+wahrnahmen, dieselben dem Großfürsten. Sie erklärten sich übrigens
+dadurch, daß das Eis sich an einer engern Stelle der Angara gestaut hatte
+und einen festen Schutz bildete.
+
+Man weiß, daß dem so war.
+
+Die Passage der Angara mußte also jetzt leichter zu forciren sein, was die
+Russen nun zu noch größerer Vorsicht nach dieser Seite nöthigte.
+
+Bis Mitternacht blieb Alles ruhig. Gerade an der Ostseite, vor dem Thore
+von Bolchaïa, konnte man nicht die geringste Bewegung wahrnehmen. Kein
+Feuerschein glühte in dem Walde, der in der Entfernung mit den niedrigen
+Wolken des Horizontes verschmolz.
+
+Im Thale der Angara verrieth dagegen ein vielfacher Wechsel der Feuer eine
+allgemeine Bewegung des Heeres.
+
+Etwa eine Werst stromauf- und stromabwärts von den Stellen, wo die
+Erdwerke sich den Abhängen des Flußufers anschlossen, ließ sich ein
+dumpfes Geräusch vernehmen, ein Beweis dafür, daß daselbst tartarische
+Truppenmassen aufgestellt waren, welche irgend eines Befehles harrten.
+
+Noch eine Stunde verging. Alles blieb wie vorher.
+
+Es schlug zwei Uhr auf dem Glockenthurme der Kathedrale in Irkutsk, und
+auch nicht eine ernsthafte Bewegung der Belagerer deutete auf weitere
+feindliche Absichten.
+
+Der Großfürst und seine Officiere fragten sich, ob sie nicht in einer
+Täuschung befangen wären, zu glauben, daß die Tartaren einen Versuch zur
+Ueberrumpelung der Stadt wagen wollten. Fast in keiner der vorhergehenden
+Nächte ging es so ruhig zu. Immer blitzten sonst in der Vorpostenkette
+einzelne Flintenschüsse auf und brausten einige gröbere Geschosse durch
+die Luft, – heute blieb Alles still.
+
+Dennoch verweilten der Großfürst, der General Voranzoff und deren
+Adjutanten Jeder auf seinem Posten, bereit je nach den Umständen die
+nöthigen Befehle zu geben und zu ertheilen.
+
+Wir wissen, daß Iwan Ogareff ein Zimmer des Palastes bewohnte. Eigentlich
+war dasselbe ein geräumiger Saal im Erdgeschoß, dessen Fenster nach einer
+Seitenterrasse zu lagen. Mit nur wenigen Schritten über diese Terrasse
+gewann man einen Standpunkt, von welchem aus die Angara weithin zu
+übersehen war.
+
+In jenem Saale herrschte eben tiefe Finsterniß.
+
+Der Entscheidungsstunde ungeduldig entgegensehend, stand Iwan Ogareff
+darin an einem Fenster. Offenbar sollte das Signal zum Losbrechen von ihm
+ausgehen. Hatte er dasselbe einmal gegeben und die meisten Vertheidiger
+von Irkutsk nach den offen angegriffenen Stellen gelockt, so wollte er das
+Palais verlassen, um sein Bubenstück zu vollenden.
+
+Er wartete also im Dunklen, lauernd wie ein Raubthier, das sich auf seine
+Beute stürzen will.
+
+Einige Minuten vor zwei Uhr verlangte der Großfürst, daß Michael Strogoff,
+– denn nur dieser Name war ihm ja bekannt, – vor ihn geführt werde. Ein
+Adjutant begab sich nach dessen Wohnung, fand aber die Thür geschlossen.
+Er rief ...
+
+Iwan Ogareff stand unbeweglich und im Dunklen nicht sichtbar am Fenster,
+hütete sich aber zu antworten.
+
+Man meldete dem Großfürsten, daß der Courier des Czaar augenblicklich im
+Palais nicht anwesend sei.
+
+Da schlug es zwei Uhr. Das war der Zeitpunkt für die mit den Tartaren
+verabredete Diversion, zu welcher Letztere schon fertig aufmarschirt
+waren.
+
+Iwan Ogareff öffnete das Fenster seines Zimmers und begab sich nach dem
+nördlichen Ende der Seitenterrasse.
+
+Im Dunklen unter ihm rauschten die Fluthen der Angara, die sich hörbar an
+den Pfeilern der früheren Brücke brachen.
+
+Iwan Ogareff zog ein Feuerzeug aus der Tasche, entzündete dadurch ein
+Stückchen mit Pulver imprägnirten Schwamm und warf diesen in den Fluß ...
+
+Auf Iwan Ogareff’s Befehl waren jene Ströme Mineralöls auf die Oberfläche
+der Angara geleitet worden.
+
+Auf dem rechten Ufer des Flusses befanden sich oberhalb Irkutsk, zwischen
+dem Dorfe Poschkafsk und der Stadt, ergiebige Naphthaquellen. Iwan Ogareff
+verdankte man den teuflischen Gedanken, mittels derselben Irkutsk in Brand
+zu stecken. Er brachte also die ungeheuren Reservoirs, welche den
+vorräthigen Brennstoff enthielten, in seine Gewalt. Die Durchbrechung
+eines Stücks der Umfassungsmauer reichte hin, um jenen in starkem Strome
+ausfließen zu lassen.
+
+Das war eben in dieser Nacht einige Stunden vorher geschehen, und war die
+Ursache, weshalb das Floß mit dem wirklichen Couriere des Czaar, mit Nadia
+und den übrigen Flüchtlingen in einem Strome von Mineralöl schwamm. Durch
+die Oeffnungen jener, Millionen von Kubikmetern enthaltenden Reservoirs
+hatte sich die flüssige Naphtha wie ein Sturzbach ergossen und sich, der
+natürlichen Bodenneigung folgend, auf dem Wasser der Angara verbreitet,
+auf dem sie ja in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes obenauf
+schwimmen mußte.
+
+So führte Iwan Ogareff Krieg! Mit den Tartaren im Bunde handelte er wie
+ein Tartar auch gegen seine eigenen Landsleute. –
+
+Der brennende Schwamm fiel in die Wellen der Angara.
+
+In einem Augenblick, so als ob der Strom aus Alkohol bestände, flammte die
+ganze Fläche desselben fast mit elektrischer Geschwindigkeit auf. Zwischen
+den beiden Ufern wälzten sich bläuliche Feuerwogen. Darüber wirbelten
+dicke Rauchwolken empor. Die wenigen noch in der Strömung vorhandenen
+Eisschollen wurden von der Gluth ergriffen, schmolzen wie Wachs am Ofen
+und mit Zischen und Pfeifen schoß das verdampfende Wasser in die Höhe.
+
+Gleichzeitig knatterte am südlichen und nördlichen Ende der Stadt das
+Kleingewehrfeuer. Die Batterien im Thale der Angara öffneten ihren groben
+Mund. Mehrere Tausend Tartaren stürzten sich stürmend auf die Erdwerke.
+Die hölzernen Gebäude am Flusse und dem Abhange daneben fingen an allen
+Enden Feuer. Eine entsetzliche Helligkeit besiegte das Dunkel der Nacht.
+
+„Endlich!“ sagte Iwan Ogareff für sich.
+
+Er konnte sich mit vollem Rechte Glück wünschen. Sein Angriffsplan ging
+fürchterlich in Erfüllung. Die Vertheidiger von Irkutsk standen plötzlich
+zwischen dem Sturmangriff der Tartaren und den Schrecken des Brandes.
+
+Die Glocken heulten und Alles, was in der Bevölkerung noch kräftige
+Glieder hatte, eilte herbei nach den bedrohten Punkten und den von dem
+Feuer zerstörten Häusern, um wenigstens die übrige Stadt zu retten.
+
+Das Thor von Bolchaïa entbehrte nun fast jeder Bedeckung. Nur wenige Mann
+sah man an demselben. Diese waren noch dazu unter dem Einflusse des
+Verräthers aus dem kleinen Corps der Verbannten erwählt, um die letzten
+Ursachen der kommenden Ereignisse von sich abwälzen und eher durch den
+politischen Haß jener Mannschaften erklären zu können.
+
+Iwan Ogareff ging nach seinem jetzt von der brennenden Angara hell
+erleuchteten Zimmer zurück. Dann machte er sich bereit, auszugehen.
+
+Doch kaum öffnete er die Thür, als sich ein Weib mit durchnäßter Kleidung
+und wild herab hängendem Haar in das Zimmer stürzte.
+
+„Sangarre!“ rief Iwan Ogareff im ersten Schrecken, da er kein anderes
+weibliches Wesen, als die Zigeunerin, vermuthen konnte.
+
+Aber nicht Sangarre war es, sondern Nadia.
+
+In dem Augenblicke, als das junge Mädchen auf der Eisscholle, dem letzten
+Zufluchtsorte, bei dem Aufleuchten des Feuers einen Schreckensruf
+ausstieß, hatte Michael Strogoff sie mit den Armen umschlungen und sich
+mit ihr in das Wasser gestürzt, um unter demselben einen Schutz gegen die
+Flammen zu finden. Wie erwähnt befand sich die Scholle, welche sie trug,
+nur etwa noch dreißig Klaftern oberhalb des ersten Quais von Irkutsk.
+
+Nachdem er unter dem Wasser hingeschwommen, gelang es Michael Strogoff,
+daselbst mit Nadia an das Land zu kommen.
+
+Endlich winkte Michael Strogoff sein heißersehntes Ziel. Er war in
+Irkutsk!
+
+„Zum Palaste des Gouverneurs!“ rief er Nadia zu.
+
+Kaum zehn Minuten später erreichten Beide den Eingang des Palais, um
+dessen Grundmauern das Feuer gierig, aber unschädlich emporzüngelte.
+
+Weiterhin standen die Häuser am Ufer alle in Flammen.
+
+Michael Strogoff und Nadia traten ohne Hindernisse in das jetzt überall
+offene Gebäude. Mitten in der allgemeinen Verwirrung bemerkte sie, trotz
+ihrer triefenden Kleidung, Niemand.
+
+In dem großen Parterresaale drängte sich eine Anzahl Officiere, um sich
+Befehle einzuholen, neben Soldaten, um letztere auszuführen. Hier wurden
+Michael Strogoff und Nadia durch das Stoßen und Drängen der erregten Menge
+von einander getrennt.
+
+Rathlos durchirrte Nadia die Säle des Erdgeschosses mit lautem Rufen nach
+ihrem Begleiter und verlangte, vor den Großfürsten geführt zu werden.
+
+Da öffnete sich vor ihr die Thür zu einem vom Feuerscheine hell
+erleuchteten Zimmer. Sie trat ein und stand unerwartet vor dem Manne, den
+sie in Ichim, wie in Tomsk gesehen hatte, gegenüber Demjenigen, dessen
+ruchlose Hand in der nächsten Stunde die Stadt ausliefern sollte.
+
+„Iwan Ogareff!“ rief sie entsetzt.
+
+Der Elende zitterte, als er seinen Namen hörte. Sein ganzer Plan mußte ja
+scheitern, wenn dieser Name laut wurde. Ihm blieb nur Eines übrig: das
+lebende Wesen, wer das auch sei, umzubringen, weil es seinen wahren Namen
+kannte.
+
+Iwan Ogareff drang auf Nadia ein; aber in der Hand des jungen Mädchens,
+das sich durch eine Mauer im Rücken zu decken suchte, blitzte schon ein
+Messer, um sich zu vertheidigen.
+
+„Iwan Ogareff! rief sie nochmals lauter und im Bewußtsein, daß dieser
+verabscheute Name ihr Hilfe herbeirufen werde.
+
+— Ah, Du wirst schweigen lernen! versetzte der Verräther.
+
+— Iwan Ogareff!“ rief das unerschrockene Mädchen zum dritten Male mit
+einer Stimme, deren Stärke ihr tödtlicher Haß nur verdoppelte.
+
+In wahnsinniger Wuth riß Iwan Ogareff einen Dolch aus seinem Gürtel,
+sprang auf Nadia zu und drängte sie nach einer Ecke des Raumes.
+
+Jetzt wäre es um sie geschehen gewesen, als eine unwiderstehliche Hand den
+Schurken von ihr wegriß und zur Erde schleuderte.
+
+„Michael!“ rief Nadia.
+
+Es war Michael Strogoff.
+
+Die Ausrufe Nadia’s hatten ihm den Weg gewiesen; durch sie war er zu dem
+Zimmer Iwan Ogareff’s gelangt und durch die halb offen gebliebene Thür
+eingetreten.
+
+„Sei ohne Furcht, Nadia, sagte er, sich zwischen diese und Iwan Ogareff
+stellend.
+
+— Nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht, Bruder!... Der Verräther ist
+bewaffnet ... Er kann auch sehen, und Du ...“
+
+Iwan Ogareff war wieder aufgestanden, und da er mit dem Blinden leichtes
+Spiel zu haben wähnte, rannte er auf Michael Strogoff zu.
+
+Dieser packte ihn aber mit der einen Hand am Arme, lenkte mit der andern
+seine Waffe ab und warf ihn wieder zu Boden.
+
+Todtenbleich vor Wuth und Scham erinnerte sich Iwan Ogareff, daß er ja
+einen Degen habe. Er riß diesen aus der Scheide und stellte sich wieder
+zum Angriff bereit.
+
+Auch hatte er Michael Strogoff erkannt. Einen Blinden! Er hatte es ja nur
+mit einem Blinden zu thun. Die Partie stand offenbar gut für ihn.
+
+Erschreckt durch die Gefahr, welche ihrem Freunde in einem so ungleichen
+Kampfe drohte, eilte Nadia zur Thür, um nach Hilfe zu rufen.
+
+„Schließe die Thür, Nadia! sagte Michael Strogoff. Rufe Niemand, laß die
+Rache mir allein! Jetzt braucht der Courier des Czaar diesen Schurken
+nicht mehr zu fürchten. Er mag heran kommen, wenn er es wagt. Ich erwarte
+ihn!“
+
+Iwan Ogareff kauerte sich, ohne ein Wort zu sagen, wie ein Tiger zusammen.
+Er suchte das Geräusch seines Trittes, selbst das Hauchen seines Athems
+dem Ohre des Blinden zu verbergen. Er wollte ihn tödtlich treffen, bevor
+er seine Annäherung gewahr würde. Der Schuft dachte nicht daran, sich
+ehrlich zu schlagen, er wollte den, dessen Namen er gestohlen hatte,
+einfach ermorden.
+
+Voll Entsetzen und doch voll Vertrauen betrachtete Nadia diese
+fürchterliche Scene mit einer Art Bewunderung. Michael Strogoff’s
+unerschütterliche Ruhe schien auch über sie gekommen zu sein. Als Waffe
+besaß Michael Strogoff nur sein sibirisches Jägermesser, und seinen mit
+dem Degen bewehrten Gegner sah er ja nicht einmal. Aber durch welche Gnade
+des Himmels vertraute er so sicher seiner Ueberlegenheit über Jenen? Wie
+konnte er, ohne daß ein Wort fiel, immer bereit sein, der Degenspitze des
+Feindes zu begegnen?
+
+Iwan Ogareff starrte mit sichtlicher Angst auf seinen Gegner. Diese
+übermenschliche Ruhe erdrückte ihn. Doch wenn er dann seinen Verstand zu
+Rathe zog, sagte er sich wieder, daß ja der Vortheil ganz auf seiner Seite
+sei. Diese Unbeweglichkeit des Blinden aber machte ihn erstarren. Er
+suchte sich die Stelle aus, wo er sein Opfer treffen wollte ... Er glaubte
+sie gefunden zu haben ... Was hielt denn seinen Arm zurück?
+
+Endlich sprang er auf und führte einen heftigen Stoß gegen Michael
+Strogoff’s Brust.
+
+Eine geschickte und unerklärliche Bewegung des Messers Michael Strogoff’s
+lenkte den Stahl ab. Der Blinde war nicht getroffen, und kaltblütig schien
+er, ohne von der Stelle zu weichen, einen zweiten Angriff zu erwarten.
+
+Aus Iwan Ogareff’s Stirn perlte ein eiskalter Schweiß. Er trat erst einen
+Schritt zurück und drang dann auf’s Neue vor. Aber der Todesstreich
+mißlang ihm ebenso wie das erste Mal. Eine einfache Parade des breiten
+Messers drängte den nutzlosen Degen zur Seite.
+
+Rasend vor Wuth und Schrecken gegenüber dieser lebenden Bildsäule heftete
+der Verräther seinen Blick auf die weit geöffneten Augen des Geblendeten.
+Diese Augen, welche in dem tiefsten Abgrund seiner Seele zu lesen schienen
+und doch unmöglich sehen konnten, wirkten auf ihn mit einer Art
+entsetzlicher Zauberkraft.
+
+Plötzlich stieß Iwan Ogareff einen Schrei aus. In seinem Innern ward es
+unerwartet klar.
+
+„Er sieht, rief er, er kann sehen!...“
+
+Und wie ein Raubthier scheu seine Höhle zu gewinnen sucht, wich er in den
+Hintergrund des Saales zurück.
+
+Da belebte sich die Statue, der Blinde ging sicheren Schrittes auf Iwan
+Ogareff zu und sagte:
+
+„Ja wohl, er kann sehen! Ich sehe noch den Knutenhieb, mit dem ich Dich
+elenden Verräther gebrandmarkt habe. Ich sehe auch die Stelle, an der mein
+Messer Dich treffen soll. Auf, wehre Dich Deines Lebens. Ich erweise Dir
+noch die unverdiente Ehre eines Zweikampfes! Mein Messer genügt mir gegen
+Deinen Degen!
+
+— Er sieht! rief freudig erschreckt Nadia. Gütiger, gerechter Gott, ist
+das möglich?“
+
+Iwan Ogareff fühlte sich verloren. Noch einmal aber raffte er den letzten
+Muth zusammen und stürzte sich mit dem Degen auf seinen unerschütterlichen
+Gegner. Die beiden Klingen kreuzten sich, aber ein Messerhieb Michael
+Strogoff’s, geführt von der geübten Hand des sibirischen Jägers, sprengte
+die Klinge in Stücke und durch das Herz getroffen sank der Elende leblos
+zu Boden.
+
+In diesem Augenblick wurde die Zimmerthür von außen aufgestoßen. Begleitet
+von einigen Officieren erschien der Großfürst auf der Schwelle.
+
+Letzterer trat vor. Auf dem Fußboden erkannte er die Leiche Desjenigen,
+den er für den Courier des Czaar gehalten hatte.
+
+Mit drohender Stimme fragte er.
+
+„Wer hat diesen Mann getödtet?
+
+— Ich that es“, antwortete Michael Strogoff.
+
+Einer der Officiere setzte einen Revolver an dessen Schläfe.
+
+„Dein Name? fragte der Großfürst.
+
+— Kaiserliche Hoheit, erwiderte Michael Strogoff, fragen Sie mich lieber
+zuerst nach dem Namen dessen, der vor Ihren Füßen liegt.
+
+— Diesen Mann erkenne ich. Es ist ein Diener meines Bruders, ein Courier
+des Czaar.
+
+— Dieser Mann, Hoheit, ist kein Courier des Czaar! Das ist Iwan Ogareff!
+
+— Iwan Ogareff? rief der Großfürst.
+
+— Ja, Iwan, der Verräther seines Vaterlandes.
+
+— Aber Du, wer bist Du denn?
+
+— Ich bin Michael Strogoff.“
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Capitel.
+
+
+ Schluß.
+
+
+Michael Strogoff war in der That jetzt weder blind, noch war er es jemals
+gewesen. Eine rein menschliche, gleichzeitig moralische und physikalische
+Ursache hatte die Wirkung der glühenden Säbelklinge vereitelt, die der
+Scharfrichter Iwan Ogareff’s damals vor seinen Augen vorbeiführte.
+
+Der Leser erinnert sich, daß bei Vollziehung des grausamen Urtheils die
+alte Marfa verzweifelt und mit erhobenen Armen unweit ihres Sohnes stand.
+Michael Strogoff sah sie an, wie ein Sohn eben seine Mutter ansehen wird,
+wenn er weiß, daß es zum letzten Male sein soll. Aus seinem Herzen quollen
+ihm die Thränen in die Augen, die sein Stolz vergeblich zurück zu drängen
+suchte. Diese sammelten sich unter den Augenlidern, und ihre Verdampfung
+auf der Hornhaut rettete ihm die Sehkraft. Da sich die aus den Thränen
+gebildete Dampfschicht zwischen der glühenden Klinge und den Augäpfeln
+befand, vermochte sie die Wirkung der Hitze unschädlich zu machen. Es ist
+das derselbe Vorgang, als wenn ein Gießer nach Anfeuchtung seiner Hand mit
+Wasser diese ungestraft durch einen Strahl flüssigen Eisens führt.
+
+Michael Strogoff hatte die Gefahr schnell erkannt, welche ihm daraus
+erwachsen könne, wenn er sein Geheimniß gegen irgend Jemand offenbarte.
+Ebenso durchschaute er auch den Nutzen, den er aus diesem Umstande
+bezüglich der Durchführung seiner Aufgabe ziehen könne. Nur daß er für
+blind galt, schien seine persönliche Freiheit einigermaßen sicher zu
+stellen. Er mußte also blind scheinen, er mußte es für Alle sein, selbst
+für Nadia, und niemals durfte eine unbewachte Bewegung seinerseits an der
+Wahrheit seiner Rolle einen Zweifel erregen. Sein Entschluß stand fest. Er
+mußte selbst sein Leben wagen, um einen Beweis von seiner Erblindung zu
+geben, und wir wissen, wie unbedenklich er es auf’s Spiel setzte.
+
+Nur seine Mutter allein kannte den wahren Sachverhalt, ihr hatte er es
+damals auf dem Platze vor Tomsk in’s Ohr geflüstert, als er in der
+Dunkelheit über jene gebeugt sie mit seinen heißen Küssen bedeckte.
+
+Man entsinnt sich auch, daß, als Iwan Ogareff in herzlosem Spotte das
+kaiserliche Schreiben vor Michael Strogoff’s geblendete Augen hielt,
+dieser dasselbe lesen konnte, und natürlich Alles gelesen hatte, was die
+verruchten Pläne des Verräthers enthüllte. Hieraus erklärt sich auch sein
+verdoppeltes Drängen, in Irkutsk anzukommen und sich daselbst seiner
+Mission wenigstens mündlich zu entledigen. Er wußte, daß die Stadt
+verrathen werden solle, daß des Großfürsten Leben in der ernstesten Gefahr
+schwebe. Die Rettung des Bruders seines Czaar, ja das Heil ganz Sibiriens
+ruhte also in seiner Hand.
+
+Mit wenigen Worten wurden dem Großfürsten alle die früheren Vorkommnisse
+mitgetheilt, wobei Michael Strogoff mit Wärme den Antheil hervorhob, der
+Nadia bei der Ueberwindung der zahlreichen Hindernisse gebührte.
+
+„Wer ist das junge Mädchen? fragte der Großfürst.
+
+— Die Tochter Wassili Fedor’s, eines Verbannten.
+
+— Die Tochter des Commandanten Fedor, fuhr aber der Großfürst fort, ist
+nicht mehr die Tochter eines Verbannten. In Irkutsk giebt es jetzt keine
+Verbannten mehr!“
+
+Nadia fiel, überwältigt von der Freude, der sie leichter erlag als den
+harten Schlägen des Schicksals, dem Großfürsten zu Füßen, der sie jedoch
+mit der einen Hand wieder aufzog und die andere Michael Strogoff darbot.
+
+Eine Stunde später lag Nadia in den Armen ihres Vaters.
+
+Michael Strogoff, Nadia und Wassili Fedor waren vereinigt und hoch
+schlugen ihre Herzen im Uebermaß des Glückes.
+
+Der Angriff der Tartaren auf die Stadt schlug gänzlich fehl. Wassili Fedor
+hatte mit seiner kleinen Truppe die ersten Anstürmenden niedergemacht, die
+vor dem Thore von Bolchaïa in der Meinung, dasselbe schon offen zu finden,
+erschienen, während Jener mit instinctivem Vorgefühl darauf drang, hier
+zur Vertheidigung zurück zu bleiben.
+
+Gleichzeitig mit der Zurückweisung der Tartaren gelang es den Belagerten
+auch, die Feuersbrunst zu bewältigen. Die Naphtha auf der Oberfläche der
+Angara war bald verbrannt, und die auf die Häuser längs des Flusses
+concentrirten Flammen verschonten die übrigen Theile der Stadt.
+
+Noch vor Tagesanbruch zogen sich die Truppen Feofar-Khan’s, unter
+Zurücklassung einer großen Anzahl auf den Wällen umherliegender Todter, in
+ihr Lager zurück.
+
+Zu den Gefallenen gehörte auch die Zigeunerin Sangarre, welche sich
+vergeblich mit Iwan Ogareff in Verbindung zu setzen versucht hatte.
+
+Die beiden folgenden Tage wagten die Belagerer keinen erneuten Angriff.
+Iwan Ogareff’s Tod hatte sie entmuthigt. Dieser Mann war die Seele des
+ganzen Kriegszuges, und er allein besaß durch seine unausgesetzten
+Agitationen Einfluß genug auf die Khans und deren Heerhaufen, um sie zu
+dem Versuch einer Eroberung des asiatischen Rußlands zu verleiten.
+
+Inzwischen blieben die Einwohner und die Besatzung von Irkutsk, angesichts
+der noch andauernden Einschließung, stets gleichmäßig wachsam und
+kampfbereit.
+
+Am 7. October aber donnerte beim ersten Tagesgrauen der eherne Mund von
+Geschützen auf den umgebenden Höhen der Stadt.
+
+Es war der Gruß der Hilfsarmee, die unter der Führung des Generals
+Kisselef heranrückte und dem Großfürsten ihr Eintreffen anmeldete.
+
+Die Tartaren bedachten sich nicht lange. Sie wollten nicht Gefahr laufen,
+unter den Mauern von Irkutsk eine Schlacht annehmen zu müssen, und hoben
+daher das Lager im Thale der Angara eiligst auf.
+
+Endlich konnte Irkutsk befreit wieder aufathmen.
+
+Mit den ersten russischen Truppen waren aber auch zwei Freunde Michael
+Strogoff’s in die Stadt eingezogen, – die unzertrennlichen Collegen Harry
+Blount und Alcide Jolivet. Es war ihnen gelungen, über den Eisschutz das
+rechte Ufer der Angara zu erreichen und mit den übrigen Flüchtlingen zu
+entkommen, bevor die brennende Angara das Floß ergriffen hatte. In Alcide
+Jolivet’s Notizbuch fand sich hierüber die lakonische Bemerkung:
+
+„Beinahe umgekommen wie eine Citrone in der Punschbowle!“
+
+Sie freuten sich herzlich, Nadia und Michael Strogoff heil und gesund
+wieder zu treffen, vorzüglich als sie erfuhren, daß ihr muthiger Gefährte
+nicht blind sei. Harry Blount fühlte sich veranlaßt, als eigene
+Beobachtung zu notiren:
+
+„Rothglühendes Eisen scheint unzureichend zu sein, die Sensibilität des
+Sehnerven zu zerstören. Das Verfahren bedarf der Modification.“
+
+Nachdem sie in Irkutsk ein behagliches Unterkommen gefunden, gingen sie
+an’s Werk, ihre Reiseerlebnisse in Ordnung nieder zu schreiben. Nach
+London und nach Paris flogen dann zwei hochinteressante Berichte über den
+Einfall der Tartaren, welche sich wunderbarer Weise kaum in den
+untergeordnetsten Punkten widersprachen.
+
+Der ganze Feldzug verlief übrigens höchst unglücklich für den Emir und
+seine Verbündeten. Dieser ebenso nutzlose Einfall, wie alle anderen gegen
+den russischen Koloß gerichteten Angriffe, sollte ihnen sehr verderblich
+werden. Bald sahen sie sich von den kaiserlichen Truppen abgeschnitten,
+welche in rascher Folge alle eroberten Städte wieder in ihre Gewalt
+brachten. Dazu trat der Winter mit ungewöhnlicher Strenge auf, so daß von
+den durch die Kälte decimirten Horden nur ein schwacher Bruchtheil die
+Steppen der Tartarei wieder erreichte.
+
+Die Straße von Irkutsk nach dem Uralgebirge war wieder frei. Den
+Großfürsten drängte es, nach Moskau zurückzukehren, doch er verschob seine
+Abreise, um einer rührenden Ceremonie beizuwohnen, die sich wenige Tage
+nach dem Einzuge der russischen Truppen vollzog.
+
+Michael Strogoff befand sich an Nadia’s Seite und sagte zu ihr in
+Gegenwart ihres Vaters:
+
+„Nadia, noch immer meine Schwester, hast Du bei Deiner Abreise von Riga
+nach Irkutsk einen andern Kummer zurückgelassen, als die Trauer um Deine
+Mutter?
+
+— Nein, antwortete Nadia, gar keinen andern.
+
+— Kein Stückchen Deines Herzens ist dort zurück geblieben?
+
+— Keines, Bruder.
+
+— Dann, Nadia, glaube ich nicht anders, als daß es Gottes Absicht war, uns
+nicht nur zur vereinten Ueberwindung so schwerer Prüfungen, sondern wohl
+für immer zusammen zu führen.“
+
+Mit beseligter Freude sank Nadia in Michael Strogoff’s Arme.
+
+Dann wendete sich dieser zu Wassili Fedor.
+
+„Mein Vater! sagte er leicht erröthend.
+
+— Nadia, antwortete Wassili Fedor, mir wird es alle Zeit nur eine Freude
+sein, Euch Beide meine Kinder zu nennen!“
+
+Die Vermählungsfeier ging in der Kathedrale von Irkutsk vor sich. Sie war
+nur einfach hinsichtlich des äußeren Pompes, aber erhebend durch die
+ungeheure Theilnahme der ganzen Bevölkerung, welche ihrer tiefen
+Dankbarkeit gegen die beiden jungen Leute Ausdruck verleihen wollte, deren
+Irrfahrten schon in Aller Munde lebten.
+
+Selbstverständlich fehlten auch Alcide Jolivet und Harry Blount nicht bei
+dieser Hochzeit, über die sie ihren Lesern doch Bericht erstatten wollten.
+
+„Nun, und das macht Ihnen noch keine Lust, das Gleiche zu thun? fragte
+Alcide Jolivet seinen Collegen.
+
+— Pah, erwiderte Harry Blount, hätte ich freilich eine Cousine so wie
+Sie ...
+
+— Meine Cousine ist nicht mehr zu haben! unterbrach ihn lachend Alcide
+Jolivet.
+
+— Desto besser, meinte Harry Blount, denn man spricht unter der Hand von
+Schwierigkeiten zwischen London und Peking. – Hätten Sie keine Lust
+zuzusehen, was dort vorgeht?
+
+— Alle Wetter, liebster Blount, rief Alcide Jolivet, eben wollte ich Ihnen
+diesen Vorschlag machen!“
+
+Stehenden Fußes brachen die beiden Unzertrennlichen auf nach dem
+Himmlischen Reiche.
+
+Einige Tage nach der Hochzeit begaben sich auch Michael Strogoff und
+Nadia, natürlich begleitet von Wassili Fedor, auf die Rückreise nach
+Europa. Diese Schmerzensstraße auf dem Herweg wurde zum Glückspfade für
+den Rückweg. Sie eilten in größter Schnelligkeit dahin auf einem jener
+prächtigen Schlitten, welche wie ein Eilzug über Sibiriens eisbedeckte
+Steppen fliegen.
+
+Nur am Ufer der Dinka gönnten sie sich einen einzigen Rasttag.
+
+Michael Strogoff fand die Stelle wieder auf, an der er den armen Nicolaus
+begraben hatte. Dort ward ein Kreuz aufgestellt, und Nadia verrichtete ein
+letztes Gebet an der Ruhestätte des ergebenen, heldenmüthigen Freundes,
+den Beide niemals vergessen konnten.
+
+In Omsk empfing sie die alte Marfa in dem kleinen Häuschen der Strogoff’s.
+Mit inniger Liebe umarmte sie Die, welche sie im Herzen schon tausend Mal
+ihre Tochter genannt hatte. Heute durfte die alte Sibirerin ihren Sohn
+erkennen und ihrem mütterlichen Stolze genug thun.
+
+Nach einigen Tagen Aufenthalt in Omsk reisten Michael und Nadia Strogoff
+nach Europa weiter. Wassili Fedor ließ sich in Petersburg nieder, und
+weder sein Sohn noch seine Tochter verließen ihn jemals, außer wenn sie
+der bejahrten Mutter in der Ferne einen Besuch abstatteten.
+
+Der junge Courier wurde vom Czaar empfangen, der ihm eine Stellung in
+seiner unmittelbaren Umgebung anwies und ihm das Ritterkreuz des heiligen
+Georg aushändigte.
+
+Michael Strogoff gelangte später zu hohen Ehren im Reiche. Aber nicht die
+Geschichte seiner Erfolge wollten wir hier berichten, sondern nur die
+seiner männlich überwundenen Prüfungen und Leiden.
+
+
+
+ Ende des Courier des Czaar.
+
+
+
+
+
+
+ FUSSNOTEN
+
+
+ 1 Eine Art Blättergebackenes.
+
+ 2 Dieses Kleidungsstück heißt „_dakha_“; es ist sehr leicht und doch
+ für Kälte fast undurchdringlich.
+
+ 3 Eine russische Geldmünze im Werthe von 5 Rubeln.
+
+ 4 Dieses Wort entspricht vollkommen dem in Europa gebräuchlichen „Sir“
+ und wird gegenüber dem Sultan von Bukhara gewöhnlich angewendet.
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe erschien in zwei Bänden, die in der elektronischen
+Fassung vereinigt sind. Die Inhaltsverzeichnisse am Schluß der beiden
+Bände wurden an den Beginn des Textes gesetzt.
+
+Die Fußnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt.
+
+Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
+
+ Seite 1-6: „Keliwan“ geändert in „Kolywan“ („Nishny-Nowgorod, Perm,
+ Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk, Elamsk, Kolywan,
+ Tomsk“)
+ Seite 1-12: „Krasnojask“ geändert in „Krasnojarsk“ („Und die
+ meinigen nur bis Krasnojarsk, erwiderte“)
+ Seite 1-15: „Okfotsk“ geändert in „Ochotsk“ („es zwei Districte, die
+ von Ochotsk“)
+ Seite 1-16: „Elamks“ geändert in „Elamsk“, „Nishny, Udinsk“ in
+ „Nishny-Udinsk“, „Blagowestenks“ in „Blagoweshensk“, „Orloneskaga“
+ in „Orlomskaya“ („Jekaterinburg, Kassimow, Tiumen, Ichim, Omsk,
+ Elamsk, Kolyvan, Tomsk, Krasnojarsk, Nishny-Udinsk, Irkutsk,
+ Verkne-Nertschinsk, Strelink, Albazine, Blagoweshensk, Radde,
+ Orlomskaya, Alexandrowskoë, Nicolajewsk“)
+ Seite 1-26: „Ovirenna“ geändert in „Ovicenna“ („deren schon die
+ Ovicenna’s und andere Gelehrte“)
+ Seite 1-49: „Tschermissen“ geändert in „Tscheremissen“ („Finnen,
+ Esthen, Lappen, die Tscheremissen, Tschuwaken“)
+ Seite 1-87: „spezielle“ geändert in „specielle“ („daß ihn eine
+ specielle Mission berechtigte“)
+ Seite 1-101: „Ordnnng“ geändert in „Ordnung“ („Nun, er ist bis
+ Kolyvan noch in Ordnung?“)
+ Seite 1-111: „Zaun“ geändert in „Zaum“ („Von Zaum und Gebiß keine
+ weitere Spur“)
+ Seite 1-137: „Nikolaus“ geändert in „Nicolaus“ („Nicolaus Korpanoff,
+ Kaufmann aus Irkutsk, antwortete Michael Strogoff“)
+ Seite 1-189: „bivuakirten“ geändert in „bivouakirten“ („mit
+ Wachposten besetzten Platze bivouakirten gegen 2000 Tartaren“)
+ Seite 1-216: „Omsk“ geändert in „Tomsk“ („nach glücklicher Umgehung
+ von Tomsk“)
+ Seite 1-218: „begehende“ geändert in „bestehende“ („und Haidekraut
+ bestehende Gruppen von Zwergbäumen“)
+ Seite 1-233: Anführungszeichen entfernt hinter „Gewehrfeuer!“ („Das
+ ist Kanonendonner! Das ist Gewehrfeuer!“)
+ Seite 1-234: „Diahinsk“ geändert in „Diachinsk“ („vielleicht nach
+ Diachinsk oder einem andern, durchzuschlagen“)
+ Seite 2-19: „Instinkt“ geändert in „Instinct“ („ein wahrhaft
+ außergewöhnlicher Instinct, noch mächtiger entwickelt“)
+ Seite 2-25: „Stellvertreters des“ hinzugefügt vor „Emirs“ („des
+ Stellvertreters des Emirs ihren Widerstand gewiß bald mit“)
+ Seite 2-38: Anführungszeichen ergänzt hinter „nicht!“ („gilt meinem
+ Sohne noch nicht!“)
+ Seite 2-43: „bivouaquirte“ geändert in „bivouakirte“ („während das
+ Gros der Armee vor den Mauern bivouakirte“)
+ Seite 2-76: „Daily Telegraph“ geändert in „Daily-Telegraph“ („Ihre
+ Leser des Daily-Telegraph werden“)
+ Seite 2-77: „Ein“ geändert in „Eine“ („Eine Stunde später trabten
+ sie schon auf der“)
+ Seite 2-99: „Hoffnnng“ geändert in „Hoffnung“ („glaubte. Jetzt
+ fürchtete er, seine Hoffnung werde“)
+ Seite 2-112: „slawischen“ geändert in „slavischen“ („die zum größten
+ Theil einen slavischen Typus zeigen“)
+ Seite 2-113: „20°“ geändert in „-20°“ („-20° für eine ganz
+ erträgliche hält“)
+ Seite 2-143: Punkt hinzugefügt hinter „Meere“ („Der Baikalsee liegt
+ 1700 Fuß über dem Meere.“)
+ Seite 2-206: „vorher gehenden“ geändert in „vorhergehenden“ („Fast
+ in keiner der vorhergehenden Nächte“)
+
+Nicht vereinheitlicht wurden mehr als einmal vorkommende
+Schreibweisenvarianten: „Baikal“ und „Baïkal“; „Floße“ und „Flosse“;
+„Ischim“ und „Ichim“; „Jeniseï“, „Jenisei“ und „Yeniseï“ bzw. „Jeniseïsk“,
+„Jeniseisk“ und „Yeniseïsk“; „Kamtschatka“ und „Kamschatka“; „Kolywan“ und
+„Kolyvan“; „Madeleine“ und „Madelaine“; „Nischny-Nowgorod“,
+„Nishny-Nowgorod“, „Nischnij-Nowgorod“ und „Nishnij-Nowgorod“; „Officier“
+und „Offizier“; „Sibirier(in)“ und „Sibirer(in)“; „Sylbe“ und „Silbe“.
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER COURIER DES CZAAR (MICHAEL STROGOFF)***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+October 12, 2010
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by K.-F. Greiner, Markus Brenner, Ralf Stephan,
+ Stefan Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at
+ http://www.pgdp.net.
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 34064‐0.txt or 34064‐0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/4/0/6/34064/
+
+
+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
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+
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+ 1.A.
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+By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
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+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+„Project Gutenberg“ is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation („the Foundation“ or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg™ mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg™ works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg™ name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg™ License when you
+share it without charge with others.
+
+
+ 1.D.
+
+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
+downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating
+derivative works based on this work or any other Project Gutenberg™ work.
+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
+any work in any country outside the United States.
+
+
+ 1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+ 1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg™ License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg™ work (any work on which the phrase
+„Project Gutenberg“ appears, or with which the phrase „Project Gutenberg“
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
+
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
+
+
+ 1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase „Project Gutenberg“ associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg™ License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+ 1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg™.
+
+
+ 1.E.5.
+
+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg™ License.
+
+
+ 1.E.6.
+
+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format other than
+„Plain Vanilla ASCII“ or other format used in the official version posted
+on the official Project Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original „Plain Vanilla ASCII“ or other form.
+Any alternate format must include the full Project Gutenberg™ License as
+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+ 1.E.7.
+
+
+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg™ works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.8.
+
+
+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that
+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ „Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation.“
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg™ works.
+
+ - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain „Defects,“ such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+ 1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the „Right of
+Replacement or Refund“ described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg™
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+ 1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND — If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you ’AS-IS,’ WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY — You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg™ electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg™ electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg™
+
+
+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg™ electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
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+new filenames and etext numbers.
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