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+The Project Gutenberg EBook of Der Neuen Gedichte, by Rainer Maria Rilke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Neuen Gedichte
+ Anderer Teil
+
+Author: Rainer Maria Rilke
+
+Release Date: October 15, 2010 [EBook #33864]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER NEUEN GEDICHTE ***
+
+
+
+
+Produced by Marc D'Hooghe at: http://www.freeliterature.org
+
+
+
+
+DER NEUEN GEDICHTE
+
+ANDERER TEIL
+
+Von
+
+RAINER MARIA RILKE
+
+LEIPZIG
+
+IM INSEL-VERLAG
+
+MCMXIX
+
+
+A MON GRAND AMI AUGUSTE RODIN
+
+
+
+
+ARCHAÏSCHER TORSO APOLLOS
+
+
+Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
+darin die Augenäpfel reiften. Aber
+sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
+in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,
+
+sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
+der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
+der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
+zu jener Mitte, die die Zeugung trug.
+
+Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
+unter der Schultern durchsichtigem Sturz
+und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle
+
+und bräche nicht aus allen seinen Rändern
+aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
+die dich nicht sieht. Du mßt dein Leben ändern.
+
+
+
+
+KRETISCHE ARTEMIS
+
+
+Wind der Vorgebirge: war nicht ihre
+Stirne wie ein lichter Gegenstand?
+Glatter Gegenwind der leichten Tiere,
+formtest du sie: ihr Gewand
+
+bildend an die unbewußten Brüste
+wie ein wechselvolles Vorgefühl?
+Während sie, als ob sie alles wüßte,
+auf das Fernste zu, geschürzt und kühl,
+
+stürmte mit den Nymphen und den Hunden,
+ihren Bogen probend, eingebunden
+in den harten hohen Gurt;
+
+manchmal nur aus fremden Siedelungen
+angerufen und erzürnt bezwungen
+von dem Schreien um Geburt.
+
+
+
+
+LEDA
+
+
+Als ihn der Gott in seiner Not betrat,
+erschrak er fast, den Schwall so schön zu finden;
+er ließ sich ganz verwirrt in ihm verschwinden.
+Schon aber trug ihn sein Betrug zur Tat,
+
+bevor er noch des unerprobten Seins
+Gefühle prüfte. Und die Aufgetane
+erkannte schon den Kommenden im Schwane
+und wußte schon: er bat um eins,
+
+das sie, verwirrt in ihrem Widerstand,
+nicht mehr verbergen konnte. Er kam nieder,
+und halsend durch die immer schwächre Hand
+
+ließ sich der Gott in die Geliebte los.
+Dann erst empfand er glücklich sein Gefieder
+und wurde wirklich Schwan in ihrem Schoß.
+
+
+
+
+DELPHINE
+
+
+Jene Wirklichen, die ihrem Gleichen
+überall zu wachsen und zu wohnen
+gaben, fühlten an verwandten Zeichen
+Gleiche in den aufgelösten Reichen,
+die der Gott, mit triefenden Tritonen,
+überströmt bisweilen übersteigt;
+denn da hatte sich das Tier gezeigt:
+anders als die stumme, stumpfgemute
+Zucht der Fische, Blut von ihrem Blute,
+und von fern dem Menschlichen geneigt.
+
+Eine Schar kam, die sich überschlug,
+froh, als fühlte sie die Fluten glänzend:
+Warme, Zugetane, deren Zug
+wie mit Zuversicht die Fahrt bekränzend,
+leichtgebunden um den runden Bug
+wie um einer Vase Rumpf und Rundung,
+selig, sorglos, sicher vor Verwundung,
+aufgerichtet, hingerissen, rauschend
+und im Tauchen mit den Wellen tauschend
+die Trireme heiter weitertrug.
+
+Und der Schiffer nahm den neugewährten
+Freund in seine einsame Gefahr
+und ersann für ihn, für den Gefährten,
+dankbar eine Welt und hielt für wahr,
+daß er Töne liebte, Götter, Gärten
+und das tiefe, stille Sternenjahr.
+
+
+
+
+DIE INSEL DER SIRENEN
+
+
+Wenn er denen, die ihm gastlich waren,
+spät, nach ihrem Tage noch, da sie
+fragten nach den Fahrten und Gefahren,
+still berichtete: er wußte nie,
+
+wie sie schrecken und mit welchem jähen
+Wort sie wenden, daß sie so wie er
+in dem blau gestillten Inselmeer
+die Vergoldung jener Inseln sähen,
+
+deren Anblick macht, daß die Gefahr
+umschlägt; denn nun ist sie nicht im Tosen
+und im Wüten, wo sie immer war:
+lautlos kommt sie über die Matrosen,
+
+welche wissen, daß es dort auf jenen
+goldnen Inseln manchmal singt--,
+und sich blindlings in die Ruder lehnen,
+wie umringt
+
+von der Stille, die die ganze Weite
+in sich hat und an die Ohren weht,
+so als wäre ihre andre Seite
+der Gesang, dem keiner widersteht.
+
+
+
+
+KLAGE UM ANTINOUS
+
+
+Keiner begriff mir von euch den bithynischen Knaben
+(daß ihr den Strom anfaßtet und von ihm hübt...).
+Ich verwöhnte ihn zwar. Und dennoch: wir haben
+ihn nur mit Schwere erfüllt und für immer getrübt.
+
+Wer vermag denn zu lieben? Wer kann es?--Noch keiner.
+Und so hab ich unendliches Weh getan--.
+Nun ist er am Nil der stillenden Götter einer,
+und ich weiß kaum welcher und kann ihm nicht nahn.
+
+Und ihr warfet ihn noch, Wahnsinnige, bis in die Sterne,
+damit ich euch rufe und dränge: meint ihr den?
+Was ist er nicht einfach ein Toter. Er wäre es gerne.
+Und vielleicht wäre ihm nichts geschehn.
+
+
+
+
+DER TOD DER GELIEBTEN
+
+
+Er wußte nur vom Tod, was alle wissen:
+daß er uns nimmt und in das Stumme stößt.
+Als aber sie, nicht von ihm fortgerissen,
+nein, leis aus seinen Augen ausgelöst,
+
+hinüberglitt zu unbekannten Schatten,
+und als er fühlte, daß sie drüben nun
+wie einen Mond ihr Mädchenlächeln hatten
+und ihre Weise wohlzutun:
+
+da wurden ihm die Toten so bekannt,
+als wäre er durch sie mit einem jeden
+ganz nah verwandt; er ließ die andern reden
+
+und glaubte nicht und nannte jenes Land
+das gutgelegene, das immersüße--.
+Und tastete es ab für ihre Füße.
+
+
+
+
+KLAGE UM JONATHAN
+
+
+Ach, sind auch Könige nicht von Bestand
+und dürfen hingehn wie gemeine Dinge,
+obwohl ihr Druck wie der der Siegelringe
+sich widerbildet in das weiche Land.
+
+Wie aber konntest du, so angefangen
+mit deines Herzens Initial,
+aufhören plötzlich: Wärme meiner Wangen.
+O daß dich einer noch einmal
+erzeugte, wenn sein Samen in ihm glänzt.
+
+Irgendein Fremder sollte dich zerstören,
+und der dir innig war, ist nichts dabei
+und muß sich halten und die Botschaft hören;
+wie wunde Tiere auf den Lagern löhren,
+möcht ich mich legen mit Geschrei:
+
+denn da und da, an meinen scheusten Orten,
+bist du mir ausgerissen wie das Haar,
+das in den Achselhöhlen wächst und dorten,
+wo ich ein Spiel für Frauen war,
+
+bevor du meine dort verfitzten Sinne
+aufsträhntest, wie man einen Knaul entflicht;
+da sah ich auf und wurde deiner inne:--
+jetzt aber gehst du mir aus dem Gesicht.
+
+
+
+
+TRÖSTUNG DES ELIA
+
+
+Er hatte das getan und dies, den Bund
+wie jenen Altar wieder aufzubauen,
+zu dem sein weitgeschleudertes Vertrauen
+zurück als Feuer fiel von ferne, und
+hatte er dann nicht Hunderte zerhauen,
+weil sie ihm stanken mit dem Baal im Mund,
+am Bache schlachtend bis ans Abendgrauen,
+
+das mit dem Regengrau sich groß verband?
+Doch als ihn von der Königin der Bote
+nach solchem Werktag antrat und bedrohte,
+da lief er wie ein Irrer in das Land,
+
+so lange, bis er unterm Ginsterstrauche
+wie weggeworfen aufbrach in Geschrei,
+das in der Wüste brüllte: Gott, gebrauche
+mich länger nicht. Ich bin entzwei.
+
+Doch grade da kam ihn der Engel ätzen
+mit einer Speise, die er tief empfing,
+so daß er lange dann an Weideplätzen
+und Wassern immer zum Gebirge ging,
+
+zu dem der Herr um seinetwillen kam:
+im Sturme nicht und nicht im Sich-Zerspalten
+der Erde, der entlang in schweren Falten
+ein leeres Feuer ging, fast wie aus Scham
+über des Ungeheuren ausgeruhtes
+Hinstürzen zu dem angekommnen Alten,
+der ihn im sanften Sausen seines Blutes
+erschreckt und zugedeckt vernahm.
+
+
+
+
+SAUL UNTER DEN PROPHETEN
+
+
+Meinst du denn, daß man sich sinken sieht?
+Nein, der König schien sich noch erhaben,
+da er seinen starken Harfenknaben
+töten wollte bis ins zehnte Glied.
+
+Erst da ihn der Geist auf solchen Wegen
+überfiel und auseinanderriß,
+sah er sich im Innern ohne Segen,
+und sein Blut ging in der Finsternis
+abergläubig dem Gericht entgegen.
+
+Wenn sein Mund jetzt troff und prophezeite,
+war es nur, damit der Flüchtling weit
+flüchten könne. So war dieses zweite
+Mal. Doch einst: er hatte prophezeit
+
+fast als Kind, als ob ihm jede Ader
+mündete in einen Mund aus Erz;
+alle schritten, doch er schritt gerader;
+alle schrieen, doch ihm schrie das Herz.
+
+Und nun war er nichts als dieser Haufen
+umgestürzter Würden, Last auf Last;
+und sein Mund war wie der Mund der Traufen,
+der die Güsse, die zusammenlaufen,
+fallen läßt, eh er sie faßt.
+
+
+
+
+SAMUELS ERSCHEINUNG VOR SAUL
+
+
+Da schrie die Frau zu Endor auf: Ich sehe--
+Der König packte sie am Arme: Wen?
+Und da die Starrende beschrieb, noch ehe,
+da war ihm schon, er hätte selbst gesehn:
+
+den, dessen Stimme ihn noch einmal traf:
+Was störst du mich? Ich habe Schlaf.
+Willst du, weil dir die Himmel fluchen,
+und weil der Herr sich vor dir schloß und schwieg,
+in meinem Mund nach einem Siege suchen?
+Soll ich dir meine Zähne einzeln sagen?
+Ich habe nichts als sie.... Es schwand. Da schrie
+das Weib, die Hände vors Gesicht geschlagen,
+als ob sie's sehen müßte: Unterlieg--
+
+Und er, der in der Zeit, die ihm gelang,
+das Volk wie ein Feldzeichen überragte,
+fiel hin, bevor er noch zu klagen wagte:
+so sicher war sein Untergang.
+Die aber, die ihn wider Willen schlug,
+hoffte, daß er sich faßte und vergäße;
+und als sie hörte, daß er nie mehr äße,
+ging sie hinaus und schlachtete und buk
+und brachte ihn dazu, daß er sich setzte;
+er saß wie einer, der zu viel vergißt:
+alles, was war, bis auf das Eine, Letzte.
+Dann aß er, wie ein Knecht zu Abend ißt.
+
+
+
+
+EIN PROPHET
+
+
+Ausgedehnt von riesigen Gesichten,
+hell vom Feuerschein aus dem Verlauf
+der Gerichte, die ihn nie vernichten,--
+sind die Augen, schauend unter dichten
+Brauen. Und in seinem Innern richten
+sich schon wieder Worte auf,
+
+nicht die seinen (denn was wären seine,
+und wie schonend wären sie vertan),
+andre, harte: Eisenstücke, Steine,
+die er schmelzen muß wie ein Vulkan,
+
+um sie in dem Ausbruch seines Mundes
+auszuwerfen, welcher flucht und flucht;
+während seine Stirne, wie des Hundes
+Stirne, das zu tragen sucht,
+
+was der Herr von seiner Stirne nimmt:
+Dieser, Dieser, den sie alle fänden,
+folgten sie den großen Zeigehänden,
+die Ihn weisen, wie Er ist: ergrimmt.
+
+
+
+
+JEREMIAS
+
+
+Einmal war ich weich wie früher Weizen,
+doch, du Rasender, du hast vermocht,
+mir das hingehaltne Herz zu reizen,
+daß es jetzt wie eines Löwen kocht.
+
+Welchen Mund hast du mir zugemutet,
+damals, da ich fast ein Knabe war:
+eine Wunde wurde er: nun blutet
+aus ihm Unglücksjahr um Unglücksjahr.
+
+Täglich tönte ich von neuen Nöten,
+die du, Unersättlicher, ersannst,
+und sie konnten mir den Mund nicht töten;
+sieh du zu, wie du ihn stillen kannst,
+
+wenn, die wir zerstoßen und zerstören,
+erst verloren sind und fernverlaufen
+und vergangen sind in der Gefahr:
+denn dann will ich in den Trümmerhaufen
+endlich meine Stimme Wiederhören,
+die von Anfang an ein Heulen war.
+
+
+
+
+EINE SIBYLLE
+
+
+Einst, vor Zeiten, nannte man sie alt.
+Doch sie blieb und kam dieselbe Straße
+täglich. Und man änderte die Maße,
+und man zählte sie wie einen Wald
+
+nach Jahrhunderten. Sie aber stand
+jeden Abend auf derselben Stelle,
+schwarz wie eine alte Zitadelle,
+hoch und hohl und ausgebrannt;
+
+von den Worten, die sich unbewacht
+wider ihren Willen in ihr mehrten,
+immerfort umschrieen und umflogen,
+während die schon wieder heimgekehrten
+dunkel unter ihren Augenbogen
+saßen, fertig für die Nacht.
+
+
+
+
+ABSALOMS ABFALL
+
+
+Sie hoben sie mit Geblitz:
+der Sturm aus den Hörnern schwellte
+seidene, breitgewellte
+Fahnen. Der herrlich Erhellte
+nahm im hoch offenen Zelte,
+das jauchzendes Volk umstellte,
+zehn Frauen in Besitz,
+
+die (gewohnt an des alternden Fürsten
+sparsame Nacht und Tat)
+unter seinem Dürsten
+wogten wie Sommersaat.
+
+Dann trat er heraus zum Rate,
+wie vermindert um nichts,
+und jeder, der ihm nahte,
+erblindete seines Lichts.
+
+So zog er auch den Heeren
+voran wie ein Stern dem Jahr;
+über allen Speeren
+wehte sein warmes Haar,
+das der Helm nicht faßte
+und das er manchmal haßte,
+weil es schwerer war
+als seine reichsten Kleider.
+
+Der König hatte geboten,
+daß man den Schönen schone.
+Doch man sah ihn ohne
+Helm an den bedrohten
+Orten die ärgsten Knoten
+zu roten Stücken von Toten
+auseinanderhaun.
+Dann wußte lange keiner
+von ihm, bis plötzlich einer
+schrie: Er hängt dort hinten
+an den Terebinthen
+mit hochgezogenen Braun.
+
+Das war genug des Winks.
+Joab, wie ein Jäger,
+erspähte das Haar--: ein schräger
+gedrehter Ast: da hings.
+Er durchrannte den schlanken Kläger,
+und seine Waffenträger
+durchbohrten ihn rechts und links.
+
+
+
+
+ESTHER
+
+
+Die Dienerinnen kämmten sieben Tage
+die Asche ihres Grams und ihrer Plage
+Neige und Niederschlag aus ihrem Haar
+und trugen es und sonnten es im Freien
+und speisten es mit reinen Spezereien
+noch diesen Tag und den: dann aber war
+
+die Zeit gekommen, da sie ungeboten,
+zu keiner Frist, wie eine von den Toten
+den drohend offenen Palast betrat,
+um gleich, gelegt auf ihre Kammerfrauen,
+am Ende ihres Weges _den_ zu schauen,
+an dem man stirbt, wenn man ihm naht.
+
+Er glänzte so, daß sie die Kronrubine
+aufflammen fühlte, die sie an sich trug;
+sie füllte sich ganz rasch mit seiner Miene
+wie ein Gefäß und war schon voll genug
+
+und floß schon über von des Königs Macht,
+bevor sie noch den dritten Saal durchschritt,
+der sie mit seiner Wände Malachit
+grün überlief. Sie hatte nicht gedacht,
+
+so langen Gang zu tun mit allen Steinen,
+die schwerer wurden von des Königs Scheinen
+und kalt von ihrer Angst. Sie ging und ging.
+
+Und als sie endlich fast von nahe ihn,
+aufruhend auf dem Thron von Turmalin,
+sich türmen sah, so wirklich wie ein Ding:
+
+empfing die rechte von den Dienerinnen
+die Schwindende und hielt sie zu dem Sitze.
+Er rührte sie mit seines Zepters Spitze;
+und sie begriff es ohne Sinne, innen.
+
+
+
+
+DER AUSSÄTZIGE KÖNIG
+
+
+Da trat auf seiner Stirn der Aussatz aus
+und stand auf einmal unter seiner Krone,
+als war er König über allen Graus,
+der in die andern fuhr, die fassungsohne
+
+hinstarrten nach dem furchtbaren Vollzug
+an jenem, welcher, schmal wie ein Verschnürter,
+erwartete, daß einer nach ihm schlug;
+doch noch war keiner Manns genug:
+als machte ihn nur immer unberührter
+die neue Würde, die sich übertrug.
+
+
+
+
+LEGENDE VON DEN DREI LEBENDIGEN UND DEN DREI TOTEN
+
+
+Drei Herren hatten mit Falken gebeizt
+und freuten sich auf das Gelag.
+Da nahm sie der Greis in Beschlag
+und führte. Die Reiter hielten gespreizt
+vor dem dreifachen Sarkophag,
+
+der ihnen dreimal entgegenstank,
+in den Mund, in die Nase, ins Sehn;
+und sie wußten es gleich: da lagen lang
+drei Tote mitten im Untergang
+und ließen sich gräßlich gehn.
+
+Und sie hatten nur noch ihr Jägergehör
+reinlich hinter dem Sturmbandlör;
+doch da zischte der Alte sein:
+--Sie gingen nicht durch das Nadelöhr
+und gehen niemals--hinein.
+
+Nun blieb ihnen noch ihr klares Getast,
+das stark war vom Jagen und heiß;
+doch das hatte ein Frost von hinten gefaßt
+und trieb ihm Eis in den Schweiß.
+
+
+
+
+DER KÖNIG VON MÜNSTER
+
+
+Der König war geschoren;
+nun ging ihm die Krone zu weit
+und bog ein wenig die Ohren,
+in die von Zeit zu Zeit
+
+gehässiges Gelärme
+aus Hungermäulern fand.
+Er saß, von wegen der Wärme,
+auf seiner rechten Hand,
+
+mürrisch und schwergesäßig.
+Er fühlte sich nicht mehr echt:
+der Herr in ihm war mäßig,
+und der Beischlaf war schlecht.
+
+
+
+
+TOTENTANZ
+
+
+Sie brauchen kein Tanz-Orchester;
+sie hören in sich ein Geheule,
+als wären sie Eulennester.
+Ihr Ängsten näßt wie eine Beule,
+und der Vorgeruch ihrer Fäule
+ist noch ihr bester Geruch.
+
+Sie fassen den Tänzer fester,
+den rippenbetreßten Tänzer,
+den Galan, den echten Ergänzer
+zu einem ganzen Paar.
+Und er lockert der Ordensschwester
+über dem Haar das Tuch;
+sie tanzen ja unter Gleichen.
+Und er zieht der wachslichtbleichen
+leise die Lesezeichen
+aus ihrem Stunden-Buch.
+
+Bald wird ihnen allen zu heiß,
+sie sind zu reich gekleidet;
+beißender Schweiß verleidet
+ihnen Stirne und Steiß
+und Schauben und Hauben und Steine;
+sie wünschen, sie wären nackt
+wie ein Kind, ein Verrückter und Eine:
+die tanzen noch immer im Takt.
+
+
+
+
+DAS JÜNGSTE GERICHT
+
+
+So erschrocken, wie sie nie erschraken,
+ohne Ordnung, oft durchlocht und locker,
+hocken sie in dem geborstnen Ocker
+ihres Ackers, nicht von ihren Laken
+
+abzubringen, die sie liebgewannen.
+Aber Engel kommen an, um Öle
+einzuträufeln in die trocknen Pfannen
+und um jedem in die Achselhöhle
+
+das zu legen, was er in dem Lärme
+damals seines Lebens nicht entweihte;
+denn dort hat es noch ein wenig Wärme,
+
+daß es nicht des Herren Hand erkälte
+oben, wenn er es aus jeder Seite
+leise greift, zu fühlen, ob es gälte.
+
+
+
+
+DIE VERSUCHUNG
+
+
+Nein, es half nicht, daß er sich die scharfen
+Stacheln einhieb in das geile Fleisch;
+alle seine trächtigen Sinne warfen
+unter kreißendem Gekreisch
+
+Frühgeburten: schiefe, hingeschielte
+kriechende und fliegende Gesichte,
+Nichte, deren nur auf ihn erpichte
+Bosheit sich verband und mit ihm spielte.
+
+Und schon hatten seine Sinne Enkel;
+denn das Pack war fruchtbar in der Nacht
+und in immer bunterem Gesprenkel
+hingehudelt und verhundertfacht.
+Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht:
+seine Hände griffen lauter Henkel,
+und der Schatten schob sich auf wie Schenkel
+warm und zu Umarmungen erwacht--.
+
+Und da schrie er nach dem Engel, schrie:
+und der Engel kam in seinem Schein
+und war da: und jagte sie
+wieder in den Heiligen hinein,
+
+daß er mit Geteufel und Getier
+in sich weiterringe wie seit Jahren
+und sich Gott, den lange noch nicht klaren,
+innen aus dem Jäsen destillier.
+
+
+
+
+DER ALCHIMIST
+
+
+Seltsam verlächelnd schob der Laborant
+den Kolben fort, der halbberuhigt rauchte.
+Er wußte jetzt, was er noch brauchte,
+damit der sehr erlauchte Gegenstand
+
+da drin entstände. Zeiten brauchte er.
+Jahrtausende für sich und diese Birne,
+in der es brodelte; im Hirn Gestirne
+und im Bewußtsein mindestens das Meer.
+
+Das Ungeheuere, das er gewollt,
+er ließ es los in dieser Nacht. Es kehrte
+zurück zu Gott und in sein altes Maß;
+
+er aber, lallend wie ein Trunkenbold,
+lag über dem Geheimfach und begehrte
+den Brocken Gold, den er besaß.
+
+
+
+
+DER RELIQUIENSCHREIN
+
+
+Draußen wartete auf alle Ringe
+und auf jedes Kettenglied
+Schicksal, das nicht ohne sie geschieht.
+Drinnen waren sie nur Dinge, Dinge,
+die er schmiedete; denn vor dem Schmied
+war sogar die Krone, die er bog,
+nur ein Ding, ein zitterndes und eines,
+das er finster wie im Zorn erzog
+zu dem Tragen eines reinen Steines.
+
+Seine Augen wurden immer kälter
+von dem kalten täglichen Getränk;
+aber als der herrliche Behälter
+(goldgetrieben, köstlich, vielkarätig)
+fertig vor ihm stand, das Weihgeschenk,
+daß darin ein kleines Handgelenk
+fürder wohne, weiß und wundertätig:
+
+blieb er ohne Ende auf den Knien,
+hingeworfen, weinend, nicht mehr wagend,
+seine Seele niederschlagend
+vor dem ruhigen Rubin,
+der ihn zu gewahren schien
+und ihn, plötzlich um sein Dasein fragend,
+ansah wie aus Dynastien.
+
+
+
+
+DAS GOLD
+
+
+Denk es wäre nicht: es hätte müssen
+endlich in den Bergen sich gebären
+und sich niederschlagen in den Flüssen
+aus dem Wollen, aus dem Gären
+
+ihres Willens; aus der Zwangidee,
+daß ein Erz ist über allen Erzen.
+Weithin warfen sie aus ihren Herzen
+immer wieder Meroë
+
+an den Rand der Lande, in den Äther,
+über das Erfahrene hinaus;
+und die Söhne brachten manchmal später
+das Verheißene der Väter,
+abgehärtet und verhehrt, nach Haus,
+
+wo es anwuchs eine Zeit, um dann
+fortzugehn von den an ihm Geschwächten,
+die es niemals liebgewann.
+Nur (so sagt man) in den letzten Nächten
+steht es auf und sieht sie an.
+
+
+
+
+DER STYLIT
+
+
+Völker schlugen über ihm zusammen,
+die er küren durfte und verdammen;
+und erratend, daß er sich verlor,
+klomm er aus dem Volksgeruch mit klammen
+Händen einen Säulenschaft empor,
+
+der noch immer stieg und nichts mehr hob,
+und begann, allein auf seiner Fläche,
+ganz von vorne seine eigne Schwäche
+zu vergleichen mit des Herren Lob;
+
+und da war kein Ende: er verglich;
+und der andre wurde immer größer.
+Und die Hirten, Ackerbauer, Flößer
+sahn ihn klein und außer sich
+
+immer mit dem ganzen Himmel reden,
+eingeregnet manchmal, manchmal licht;
+und sein Heulen stürzte sich auf jeden,
+so als heulte er ihm ins Gesicht.
+Doch er sah seit Jahren nicht,
+
+wie der Menge Drängen und Verlauf
+unten unaufhörlich sich ergänzte,
+und das Blanke an den Fürsten glänzte
+lange nicht so hoch hinauf.
+
+Aber wenn er oben, fast verdammt
+und von ihrem Widerstand zerschunden,
+einsam mit verzweifeltem Geschreie
+schüttelte die täglichen Dämonen:
+fielen langsam auf die erste Reihe
+schwer und ungeschickt aus seinen Wunden
+große Würmer in die offnen Kronen
+und vermehrten sich im Samt.
+
+
+
+
+DIE ÄGYPTISCHE MARIA
+
+
+Seit sie damals, bettheiß, als die Hure
+übern Jordan floh und, wie ein Grab
+gebend, stark und unvermischt das pure
+Herz der Ewigkeit zu trinken gab,
+
+wuchs ihr frühes Hingegebensein
+unaufhaltsam an zu solcher Größe,
+daß sie endlich, wie die ewige Blöße
+aller, aus vergilbtem Elfenbein
+
+dalag in der dürren Haare Schelfe.
+Und ein Löwe kreiste; und ein Alter
+rief ihn winkend an, daß er ihm helfe:
+
+(und so gruben sie zu zwein.)
+
+Und der Alte neigte sie hinein.
+Und der Löwe, wie ein Wappenhalter,
+saß dabei und hielt den Stein.
+
+
+
+
+KREUZIGUNG
+
+
+Längst geübt, zum kahlen Galgenplatze
+irgendein Gesindel hinzudrängen,
+ließen sich die schweren Knechte hängen,
+dann und wann nur eine große Fratze
+
+kehrend nach den abgetanen Drein.
+Aber oben war das schlechte Henkern
+rasch getan; und nach dem Fertigsein
+ließen sich die freien Männer schlenkern.
+
+Bis der eine (fleckig wie ein Selcher)
+sagte: Hauptmann, dieser hat geschrien.
+Und der Hauptmann sah vom Pferde: Welcher?
+und es war ihm selbst, er hätte ihn
+
+den Elia rufen hören. Alle
+waren zuzuschauen voller Lust,
+und sie hielten, daß er nicht verfalle,
+gierig ihm die ganze Essiggalle
+an sein schwindendes Gehust.
+
+Denn sie hofften noch ein ganzes Spiel
+und vielleicht den kommenden Elia.
+Aber hinten ferne schrie Maria,
+und er selber brüllte und verfiel.
+
+
+
+
+DER AUFERSTANDENE
+
+
+Er vermochte niemals bis zuletzt
+ihr zu weigern oder abzuneinen,
+daß sie ihrer Liebe sich berühme;
+und sie sank ans Kreuz in dem Kostüme
+eines Schmerzes, welches ganz besetzt
+war mit ihrer Liebe größten Steinen.
+
+Aber da sie dann, um ihn zu salben,
+an das Grab kam, Tränen im Gesicht,
+war er auferstanden ihrethalben,
+daß er seliger ihr sage: Nicht--
+
+Sie begriff es erst in ihrer Höhle,
+wie er ihr, gestärkt durch seinen Tod,
+endlich das Erleichternde der Öle
+und des Rührens Vorgefühl verbot,
+
+um aus ihr die Liebende zu formen,
+die sich nicht mehr zum Geliebten neigt,
+weil sie, hingerissen von enormen
+Stürmen, seine Stimme übersteigt.
+
+
+
+
+MAGNIFIKAT
+
+
+Sie kam den Hang herauf, schon schwer, fast ohne
+an Trost zu glauben, Hoffnung oder Rat;
+doch da die hohe tragende Matrone
+ihr ernst und stolz entgegentrat
+
+und alles wußte ohne ihr Vertrauen,
+da war sie plötzlich an ihr ausgeruht;
+vorsichtig hielten sich die vollen Frauen,
+bis daß die junge sprach: Mir ist zumut,
+
+als wär ich, Liebe, von nun an für immer.
+Gott schüttet in der Reichen Eitelkeit
+fast ohne hinzusehen ihren Schimmer;
+doch sorgsam sucht er sich ein Frauenzimmer
+und füllt sie an mit seiner fernsten Zeit.
+
+Daß er mich fand. Bedenk nur; und Befehle
+um meinetwillen gab von Stern zu Stern--.
+Verherrliche und hebe, meine Seele,
+so hoch du kannst: den Herrn.
+
+
+
+
+ADAM
+
+
+Staunend steht er an der Kathedrale
+steilem Aufstieg, nah der Fensterrose,
+wie erschreckt von der Apotheose,
+welche wuchs und ihn mit einem Male
+
+niederstellte über die und die.
+Und er ragt und freut sich seiner Dauer
+schlicht entschlossen; als der Ackerbauer,
+der begann und der nicht wußte, wie
+
+aus dem fertig-vollen Garten Eden
+einen Ausweg in die neue Erde
+finden. Gott war schwer zu überreden;
+
+und er drohte ihm, statt zu gewähren,
+immer wieder, daß er sterben werde.
+Doch der Mensch bestand: sie wird gebären.
+
+
+
+
+EVA
+
+
+Einfach steht sie an der Kathedrale
+großem Aufstieg, nah der Fensterrose,
+mit dem Apfel in der Apfelpose,
+schuldlos-schuldig ein für alle Male
+
+an dem Wachsenden, das sie gebar,
+seit sie aus dem Kreis der Ewigkeiten
+liebend fortging, um sich durchzustreiten
+durch die Erde, wie ein junges Jahr.
+
+Ach, sie hätte gern in jenem Land
+noch ein wenig weilen mögen, achtend
+auf der Tiere Eintracht und Verstand.
+
+Doch da sie den Mann entschlossen fand,
+ging sie mit ihm, nach dem Tode trachtend,
+und sie hatte Gott noch kaum gekannt.
+
+
+
+
+IRRE IM GARTEN
+
+DIJON
+
+
+Noch schließt die aufgegebene Karthause
+sich um den Hof, als würde etwas heil.
+Auch die sie jetzt bewohnen, haben Pause
+und nehmen nicht am Leben draußen teil.
+
+Was irgend kommen konnte, das verlief.
+Nun gehn sie gerne mit bekannten Wegen
+und trennen sich und kommen sich entgegen,
+als ob sie kreisten, willig, primitiv.
+
+Zwar manche pflegen dort die Frühlingsbeete,
+demütig, dürftig, hingekniet;
+aber sie haben, wenn es keiner sieht,
+eine verheimlichte, verdrehte
+
+Gebärde für das zarte frühe Gras,
+ein prüfendes, verschüchtertes Liebkosen:
+denn das ist freundlich, und das Rot der Rosen
+wird vielleicht drohend sein und Übermaß
+
+und wird vielleicht schon wieder übersteigen,
+was ihre Seele wiederkennt und weiß.
+Dies aber läßt sich noch verschweigen:
+wie gut das Gras ist und wie leis.
+
+
+
+
+DIE IRREN
+
+
+Und sie schweigen, weil die Scheidewände
+weggenommen sind aus ihrem Sinn,
+und die Stunden, da man sie verstände,
+heben an und gehen hin.
+
+Nächtens oft, wenn sie ans Fenster treten:
+plötzlich ist es alles gut.
+Ihre Hände liegen im Konkreten,
+und das Herz ist hoch und könnte beten,
+und die Augen schauen ausgeruht
+
+auf den unverhofften, oftentstellten
+Garten im beruhigten Geviert,
+der im Widerschein der fremden Welten
+weiterwächst und niemals sich verliert.
+
+
+
+
+AUS DEM LEBEN EINES HEILIGEN
+
+
+Er kannte Ängste, deren Eingang schon
+wie Sterben war und nicht zu überstehen.
+Sein Herz erlernte, langsam durchzugehen;
+er zog es groß wie einen Sohn.
+
+Und namenlose Nöte kannte er,
+finster und ohne Morgen wie Verschläge;
+und seine Seele gab er folgsam her,
+da sie erwachsen war, auf daß sie läge
+
+bei ihrem Bräutigam und Herrn; und blieb
+allein zurück an einem solchen Orte,
+wo das Alleinsein alles übertrieb,
+und wohnte weit und wollte niemals Worte.
+
+Aber dafür, nach Zeit und Zeit, erfuhr
+er auch das Glück, sich in die eignen Hände,
+damit er eine Zärtlichkeit empfände,
+zu legen wie die ganze Kreatur.
+
+
+
+
+DIE BETTLER
+
+
+Du wußtest nicht, was den Haufen
+ausmacht. Ein Fremder fand
+Bettler darin. Sie verkaufen
+das Hohle aus ihrer Hand.
+
+Sie zeigen dem Hergereisten
+ihren Mund voll Mist,
+und er darf (er kann es sich leisten)
+sehn, wie ihr Aussatz frißt.
+
+Es zergeht in ihren zerrührten
+Augen sein fremdes Gesicht;
+und sie freuen sich des Verführten
+und speien, wenn er spricht.
+
+
+
+
+FREMDE FAMILIE
+
+
+So wie der Staub, der irgendwie beginnt
+und nirgends ist, zu unerklärtem Zwecke
+an einem leeren Morgen in der Ecke,
+in die man sieht, ganz rasch zu Grau gerinnt,
+
+so bildeten sie sich, wer weiß aus was,
+im letzten Augenblick vor deinen Schritten
+und waren etwas Ungewisses mitten
+im nassen Niederschlag der Gasse, das
+
+nach dir verlangte. Oder nicht nach dir.
+Denn eine Stimme, wie vom vorigen Jahr,
+sang dich zwar an und blieb doch ein Geweine;
+und eine Hand, die wie geliehen war,
+kam zwar hervor und nahm doch nicht die deine.
+Wer kommt denn noch? Wen meinen diese vier?
+
+
+
+
+LEICHEN WÄSCHE
+
+
+Sie hatten sich an ihn gewöhnt. Doch als
+die Küchenlampe kam und unruhig brannte
+im dunkeln Luftzug, war der Unbekannte
+ganz unbekannt. Sie wuschen seinen Hals,
+
+und da sie nichts von seinem Schicksal wußten,
+so logen sie ein anderes zusamm,
+fortwährend waschend. Eine mußte husten
+und ließ solang den schweren Essigschwamm
+
+auf dem Gesicht. Da gab es eine Pause
+auch für die zweite. Aus der harten Bürste
+klopften die Tropfen; während seine grause
+gekrampfte Hand dem ganzen Hause
+beweisen wollte, daß ihn nicht mehr dürste.
+
+Und er bewies. Sie nahmen wie betreten
+eiliger jetzt mit einem kurzen Huster
+die Arbeit auf, so daß an den Tapeten
+ihr krummer Schatten in dem stummen Muster
+
+sich wand und wälzte wie in einem Netze,
+bis daß die Waschenden zu Ende kamen.
+Die Nacht im vorhanglosen Fensterrahmen
+war rücksichtslos. Und einer ohne Namen
+lag bar und reinlich da und gab Gesetze.
+
+
+
+
+EINE VON DEN ALTEN
+
+PARIS
+
+
+Abends manchmal (weißt du, wie das tut?)
+wenn sie plötzlich stehn und rückwärts nicken
+und ein Lächeln, wie aus lauter Flicken,
+zeigen unter ihrem halben Hut.
+
+Neben ihnen ist dann ein Gebäude,
+endlos, und sie locken dich entlang
+mit dem Rätsel ihrer Räude,
+mit dem Hut, dem Umhang und dem Gang.
+
+Mit der Hand, die hinten unterm Kragen
+heimlich wartet und verlangt nach dir:
+wie um deine Hände einzuschlagen
+in ein aufgehobenes Papier.
+
+
+
+
+DER BLINDE
+
+PARIS
+
+
+Sieh, er geht und unterbricht die Stadt,
+die nicht ist auf seiner dunkeln Stelle,
+wie ein dunkler Sprung durch eine helle
+Tasse geht. Und wie auf einem Blatt
+
+ist auf ihm der Widerschein der Dinge
+aufgemalt; er nimmt ihn nicht hinein.
+Nur sein Fühlen rührt sich, so als finge
+es die Welt in kleinen Wellen ein:
+
+eine Stille, einen Widerstand--,
+und dann scheint er wartend wen zu wählen:
+hingegeben hebt er seine Hand,
+festlich fast, wie um sich zu vermählen.
+
+
+
+
+EINE WELKE
+
+
+Leicht, wie nach ihrem Tode
+trägt sie die Handschuh, das Tuch.
+Ein Duft aus ihrer Kommode
+verdrängte den lieben Geruch,
+
+an dem sie sich früher erkannte,
+Jetzt fragte sie lange nicht, wer
+sie sei (:eine ferne Verwandte),
+und geht in Gedanken umher
+
+und sorgt für ein ängstliches Zimmer,
+das sie ordnet und schont,
+weil es vielleicht noch immer
+dasselbe Mädchen bewohnt.
+
+
+
+
+ABENDMAHL
+
+
+Ewiges will zu uns. Wer hat die Wahl
+und trennt die großen und geringen Kräfte?
+Erkennst du durch das Dämmern der Geschäfte
+im klaren Hinterraum das Abendmahl:
+
+wie sie sich's halten und wie sie sich's reichen
+und in der Handlung schlicht und schwer beruhn.
+Aus ihren Händen heben sich die Zeichen;
+sie wissen nicht, daß sie sie tun
+
+und immer neu mit irgendwelchen Worten
+einsetzen, was man trinkt und was man teilt.
+Denn da ist keiner, der nicht allerorten
+heimlich von hinnen geht, indem er weilt.
+
+Und sitzt nicht immer einer unter ihnen,
+der seine Eltern, die ihm ängstlich dienen,
+wegschenkt an ihre abgetane Zeit?
+(Sie zu verkaufen, ist ihm schon zu weit.)
+
+
+
+
+DIE BRANDSTÄTTE
+
+
+Gemieden von dem Frühherbstmorgen, der
+mißtrauisch war, lag hinter den versengten
+Hauslinden, die das Heidehaus beengten,
+ein Neues, Leeres. Eine Stelle mehr,
+
+auf welcher Kinder, von Gott weiß woher,
+einander zuschrien und nach Fetzen haschten.
+Doch alle wurden stille, sooft er,
+der Sohn von hier, aus heißen, halbveraschten
+
+Gebälken Kessel und verbogne Tröge
+mit einem langen Gabelaste zog,--
+um dann mit einem Blick, als ob er löge,
+die andern anzusehn, die er bewog
+
+zu glauben, was an dieser Stelle stand.
+Denn seit es nicht mehr war, schien es ihm so
+seltsam: phantastischer als Pharao.
+Und er war anders, wie aus fernem Land.
+
+
+
+
+DIE GRUPPE
+
+PARIS
+
+
+Als pflückte einer rasch zu einem Strauß:
+ordnet der Zufall hastig die Gesichter,
+lockert sie auf und drückt sie wieder dichter,
+ergreift zwei ferne, läßt ein nahes aus,
+
+tauscht das mit dem, bläst irgendeines frisch,
+wirft einen Hund, wie Kraut, aus dem Gemisch
+und zieht, was niedrig schaut, wie durch verworrne
+Stiele und Blätter, an dem Kopf nach vorne
+
+und bindet es ganz klein am Rande ein;
+und streckt sich wieder, ändert und verstellt
+und hat nur eben Zeit, zum Augenschein
+
+zurückzuspringen mitten auf die Matte,
+auf der im nächsten Augenblick der glatte
+Gewichteschwinger seine Schwere schwellt.
+
+
+
+
+SCHLANGENBESCHWÖRUNG
+
+
+Wenn auf dem Markt, sich wiegend, der Beschwörer
+die Kürbisflöte pfeift, die reizt und lullt,
+so kann es sein, daß er sich einen Hörer
+herüberlockt, der ganz aus dem Tumult
+
+der Buden eintritt in den Kreis der Pfeife,
+die will und will und will und die erreicht,
+daß das Reptil in seinem Korb sich steife
+und die das steife schmeichlerisch erweicht,
+
+abwechselnd immer schwindelnder und blinder
+mit dem, was schreckt und streckt, und dem, was löst--;
+und dann genügt ein Blick: so hat der Inder
+dir eine Fremde eingeflößt,
+
+in der du stirbst. Es ist, als überstürze
+glühender Himmel dich. Es geht ein Sprung
+durch dein Gesicht. Es legen sich Gewürze
+auf deine nordische Erinnerung,
+
+die dir nichts hilft. Dich feien keine Kräfte,
+die Sonne gärt, das Fieber fällt und trifft;
+von böser Freude steilen sich die Schäfte,
+und in den Schlangen glänzt das Gift.
+
+
+
+
+SCHWARZE KATZE
+
+
+Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle,
+dran dein Blick mit einem Klange stößt;
+aber da an diesem schwarzen Felle
+wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:
+
+wie ein Tobender, wenn er in vollster
+Raserei ins Schwarze stampft,
+jählings am benehmenden Gepolster
+einer Zelle aufhört und verdampft.
+
+Alle Blicke, die sie jemals trafen,
+scheint sie also an sich zu verhehlen,
+um darüber drohend und verdrossen
+zuzuschauern und damit zu schlafen.
+Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,
+ihr Gesicht und mitten in das deine:
+und da triffst du deinen Blick im geelen
+Amber ihrer runden Augensteine
+unerwartet wieder: eingeschlossen
+wie ein ausgestorbenes Insekt.
+
+
+
+
+VOR-OSTERN
+
+NEAPEL
+
+
+Morgen wird in diesen tiefgekerbten
+Gassen, die sich durch getürmtes Wohnen
+unten dunkel nach dem Hafen drängen,
+hell das Gold der Prozessionen rollen;
+statt der Fetzen werden die ererbten
+Bettbezüge, welche wehen wollen,
+von den immer höheren Balkonen
+(wie in Fließendem gespiegelt) hängen.
+
+Aber heute hämmert an den Klopfern
+jeden Augenblick ein voll Bepackter,
+und sie schleppen immer neue Käufe;
+dennoch stehen strotzend noch die Stände.
+An der Ecke zeigt ein aufgehackter
+Ochse seine frischen Innenwände,
+und in Fähnchen enden alle Läufe.
+Und ein Vorrat wie von tausend Opfern
+
+drängt auf Bänken, hängt sich rings um Pflöcke,
+zwängt sich, wölbt sich, wälzt sich aus dem Dämmer
+aller Türen, und vor dem Gegähne
+der Melonen strecken sich die Brote.
+Voller Gier und Handlung ist das Tote;
+doch viel stiller sind die jungen Hähne
+und die abgehängten Ziegenböcke
+und am allerleisesten die Lämmer,
+
+die die Knaben um die Schultern nehmen
+und die willig von den Schritten nicken;
+während in der Mauer der verglasten
+spanischen Madonna die Agraffe
+und das Silber in den Diademen
+von dem Lichter-Vorgefühl beglänzter
+schimmert. Aber drüber in dem Fenster
+zeigt sich blickverschwenderisch ein Affe
+und führt rasch in einer angemaßten
+Haltung Gesten aus, die sich nicht schicken.
+
+
+
+
+DER BALKON
+
+NEAPEL
+
+
+Von der Enge, oben, des Balkones
+angeordnet wie von einem Maler
+und gebunden wie zu einem Strauß
+alternder Gesichter und ovaler,
+klar im Abend, sehn sie idealer,
+rührender und wie für immer aus.
+
+Diese aneinander angelehnten
+Schwestern, die, als ob sie sich von weit
+ohne Aussicht nacheinander sehnten,
+lehnen, Einsamkeit an Einsamkeit;
+
+und der Bruder mit dem feierlichen
+Schweigen, zugeschlossen, voll Geschick,
+doch von einem sanften Augenblick
+mit der Mutter unbemerkt verglichen;
+
+und dazwischen, abgelebt und länglich,
+längst mit keinem mehr verwandt,
+einer Greisin Maske, unzugänglich,
+wie im Fallen von der einen Hand
+aufgehalten, während eine zweite,
+welkere, als ob sie weitergleite,
+unten vor den Kleidern hängt zur Seite
+
+von dem Kinder-Angesicht,
+das das Letzte ist, versucht, verblichen,
+von den Stäben wieder durchgestrichen
+wie noch unbestimmbar, wie noch nicht.
+
+
+
+
+AUSWANDERER-SCHIFF
+
+NEAPEL
+
+Denk, daß einer heiß und glühend flüchte,
+und die Sieger wären hinterher,
+und auf einmal machte der
+Flüchtende kurz, unerwartet, Kehr
+gegen Hunderte--: so sehr
+warf sich das Erglühende der Früchte
+immer wieder an das blaue Meer,
+
+als das langsame Orangenboot
+sie vorübertrug bis an das große
+graue Schiff, zu dem, von Stoß zu Stoße,
+andre Boote Fische hoben, Brot,--
+während es voll Flohn in seinem Schöße
+Kohlen aufnahm, offen wie der Tod.
+
+
+
+
+LANDSCHAFT
+
+
+Wie zuletzt, in einem Augenblick
+aufgehäuft aus Hängen, Häusern, Stücken
+alter Himmel und zerbrochnen Brücken,
+und von drüben her, wie vom Geschick,
+von dem Sonnenuntergang getroffen,
+angeschuldigt, aufgerissen, offen--
+ginge dort die Ortschaft tragisch aus:
+
+fiele nicht auf einmal in das Wunde,
+drin zerfließend, aus der nächsten Stunde
+jener Tropfen kühlen Blaus,
+der die Nacht schon in den Abend mischt,
+so daß das von ferne Angefachte
+sachte, wie erlöst, erlischt.
+
+Ruhig sind die Tore und die Bogen,
+durchsichtige Wolken wogen
+über blassen Häuserreihn,
+die schon Dunkel in sich eingesogen;
+aber plötzlich ist vom Mond ein Schein
+durchgeglitten, licht, als hätte ein
+Erzengel irgendwo sein Schwert gezogen.
+
+
+
+
+RÖMISCHE CAMPAGNA
+
+
+Aus der vollgestellten Stadt, die lieber
+schliefe, träumend von den hohen Thermen,
+geht der grade Gräberweg ins Fieber;
+und die Fenster in den letzten Fermen
+
+sehn ihm nach mit einem bösen Blick.
+Und er hat sie immer im Genick,
+wenn er hingeht, rechts und links zerstörend,
+bis er draußen atemlos beschwörend
+
+seine Leere zu den Himmeln hebt,
+hastig um sich schauend, ob ihn keine
+Fenster treffen. Während er den weiten
+
+Aquädukten zuwinkt herzuschreiten,
+geben ihm die Himmel für die seine
+ihre Leere, die ihn überlebt.
+
+
+
+
+LIED VOM MEER
+
+CAPRI. PICCOLA MARINA
+
+
+Uraltes Wehn vom Meer,
+Meerwind bei Nacht:
+du kommst zu keinem her;
+wenn einer wacht,
+so muß er sehn, wie er
+dich übersteht:
+uraltes Wehn vom Meer,
+welches weht
+nur wie für Urgestein,
+lauter Raum
+reißend von weit herein.
+
+O wie fühlt dich ein
+treibender Feigenbaum
+oben im Mondschein.
+
+
+
+
+NÄCHTLICHE FAHRT
+
+SANKT PETERSBURG
+
+
+Damals als wir mit den glatten Trabern
+(schwarzen, aus dem Orloffschen Gestüt)--,
+während hinter hohen Kandelabern
+Stadtnachtfronten lagen, angefrüht
+stumm und keiner Stunde mehr gemäß--,
+fuhren, nein: vergingen oder flogen
+und um lastende Paläste bogen
+in das Wehn der Newa-Quais,
+
+hingerissen durch das wache Nachten,
+das nicht Himmel und nicht Erde hat,--
+als das Drängende von unbewachten
+Gärten gärend aus dem Ljetnij-Ssad
+aufstieg, während seine Steinfiguren
+schwindend mit ohnmächtigen Konturen
+hinter uns vergingen, wie wir fuhren--:
+
+damals hörte diese Stadt
+auf zu sein. Auf einmal gab sie zu,
+daß sie niemals war, um nichts als Ruh
+flehend; wie ein Irrer, dem das Wirrn
+plötzlich sich entwirrt, das ihn verriet,
+
+und der einen jahrelangen kranken
+gar nicht zu verwandelnden Gedanken,
+den er nie mehr denken muß: Granit--
+aus dem leeren schwankenden Gehirn
+fallen fühlt, bis man ihn nicht mehr sieht.
+
+
+
+
+PAPAGEIENPARK
+
+PARIS
+
+
+Unter türkischen Linden, die blühen, an Rasenrändern,
+in leise von ihrem Heimweh geschaukelten Ständern
+atmen die Ära und wissen von ihren Ländern,
+die sich, auch wenn sie nicht hinsehn, nicht verändern.
+
+Fremd im beschäftigten Grünen wie eine Parade,
+zieren sie sich und fühlen sich selber zu schade,
+und mit den kostbaren Schnäbeln aus Jaspis und Jade
+kauen sie Graues, verschleudern es, finden es fade.
+
+Unten klauben die duffen Tauben, was sie nicht mögen,
+während sich oben die höhnischen Vögel verbeugen
+zwischen den beiden fast leeren vergeudeten Trögen.
+
+Aber dann wiegen sie wieder und schläfern und äugen,
+spielen mit dunkelen Zungen, die gerne lögen,
+zerstreut an den Fußfesselringen. Warten auf Zeugen.
+
+
+
+
+DIE PARKE
+
+
+I
+
+
+Unaufhaltsam heben sich die Parke
+aus dem sanft zerfallenden Vergehn;
+überhäuft mit Himmeln, überstarke
+Überlieferte, die überstehn,
+
+um sich auf den klaren Rasenplänen
+auszubreiten und zurückzuziehn,
+immer mit demselben souveränen
+Aufwand, wie beschützt durch ihn,
+
+und den unerschöpflichen Erlös
+königlicher Größe noch vermehrend,
+aus sich steigend, in sich wiederkehrend:
+huldvoll, prunkend, purpurn und pompös.
+
+
+
+
+II
+
+
+Leise von den Alleen
+ergriffen, rechts und links,
+folgend dem Weitergehen
+irgendeines Winks,
+
+trittst du mit einem Male
+in das Beisammensein
+einer schattigen Wasserschale
+mit vier Bänken aus Stein;
+
+in eine abgetrennte
+Zeit, die allein vergeht.
+Auf feuchte Postamente,
+auf denen nichts mehr steht,
+
+hebst du einen tiefen
+erwartenden Atemzug;
+während das silberne Triefen
+vor dem dunkeln Bug
+
+dich schon zu den Seinen
+zählt und weiterspricht.
+Und du fühlst dich unter Steinen,
+die hören, und rührst dich nicht.
+
+
+
+III
+
+
+Den Teichen und den eingerahmten Weihern
+verheimlicht man noch immer das Verhör
+der Könige. Sie warten unter Schleiern,
+und jeden Augenblick kann Monseigneur
+
+vorüberkommen; und dann wollen sie
+des Königs Laune oder Trauer mildern
+und von den Marmorrändern wieder die
+Teppiche mit alten Spiegelbildern
+
+hinunterhängen, wie um einen Platz:
+auf grünem Grund, mit Silber, Rosa, Grau,
+gewährtem Weiß und leicht gerührtem Blau
+und einem Könige und einer Frau
+und Blumen in dem wellenden Besatz.
+
+
+
+IV
+
+
+Und Natur, erlaucht und als verletze
+sie nur unentschloßnes Ungefähr,
+nahm von diesen Königen Gesetze,
+selber selig, um den Tapis-vert
+
+ihrer Bäume Traum und Übertreibung
+aufzutürmen aus gebauschtem Grün
+und die Abende nach der Beschreibung
+von Verliebten in die Avenün
+
+einzumalen mit dem weichen Pinsel,
+der ein firnisklares aufgelöstes
+Lächeln glänzend zu enthalten schien:
+
+der Natur ein liebes, nicht ihr größtes,
+aber eines, das sie selbst verliehn,
+um auf rosenvoller Liebes-Insel
+es zu einem größern aufzuziehn.
+
+
+
+V
+
+
+Götter von Alleen und Altanen,
+niemals ganzgeglaubte Götter, die
+altern in den gradbesehnittnen Bahnen,
+höchstens angelächelte Dianen,
+wenn die königliche Venerie
+
+wie ein Wind die hohen Morgen teilend
+aufbrach, übereilt und übereilend--;
+höchstens angelächelte, doch nie
+
+angeflehte Götter. Elegante
+Pseudonyme, unter denen man
+sich verbarg und blühte oder brannte,--
+leichtgeneigte, lächelnd angewandte
+Götter, die noch manchmal dann und wann
+
+das gewähren, was sie einst gewährten,
+wenn das Blühen der entzückten Gärten
+ihnen ihre kalte Haltung nimmt;
+wenn sie ganz von ersten Schatten beben
+und Versprechen um Versprechen geben,
+alle unbegrenzt und unbestimmt.
+
+
+
+VI
+
+
+Fühlst du, wie keiner von allen
+Wegen steht und stockt;
+von gelassenen Treppen fallen,
+durch ein Nichts von Neigung
+leise weitergelockt,
+über alle Terrassen
+die Wege, zwischen den Massen
+verlangsamt und gelenkt,
+bis zu den weiten Teichen,
+wo sie (wie einem Gleichen)
+der reiche Park verschenkt
+
+an den reichen Raum: den Einen,
+der mit Scheinen und Widerscheinen
+seinen Besitz durchdringt,
+aus dem er von allen Seiten
+Weiten mit sich bringt,
+wenn er aus schließenden Weihern
+zu wolkigen Abendfeiern
+sich in die Himmel schwingt.
+
+
+
+VII
+
+
+Aber Schalen sind, drin der Najaden
+Spiegelbilder, die sie nicht mehr baden,
+wie ertrunken liegen, sehr verzerrt;
+die Alleen sind durch Balustraden
+in der Ferne wie versperrt.
+
+Immer geht ein feuchter Blätterfall
+durch die Luft hinunter wie auf Stufen,
+jeder Vogelruf ist wie verrufen,
+wie vergiftet jede Nachtigall.
+
+Selbst der Frühling ist da nicht mehr gebend,
+diese Büsche glauben nicht an ihn;
+ungern duftet trübe, überlebend
+abgestandener Jasmin
+
+alt und mit Zerfallendem vermischt.
+Mit dir weiter rückt ein Bündel Mücken,
+so als würde hinter deinem Rücken
+alles gleich vernichtet und verwischt.
+
+
+
+
+BILDNIS
+
+
+Daß von dem verzichtenden Gesichte
+keiner ihrer großen Schmerzen fiele,
+trägt sie langsam durch die Trauerspiele
+ihrer Züge schönen welken Strauß,
+wild gebunden und schon beinah lose;
+manchmal fällt, wie eine Tuberose,
+ein verlornes Lächeln müd heraus.
+
+Und sie geht gelassen drüber hin,
+müde, mit den schönen blinden Händen,
+welche wissen, daß sie es nicht fänden,
+
+und sie sagt Erdichtetes, darin
+Schicksal schwankt, gewolltes, irgendeines,
+und sie gibt ihm ihrer Seele Sinn,
+daß es ausbricht wie ein Ungemeines:
+wie das Schreien eines Steines--
+
+und sie läßt mit hochgehobnem Kinn
+alle diese Worte wieder fallen,
+ohne bleibend; denn nicht eins von allen
+ist der wehen Wirklichkeit gemäß,
+ihrem einzigen Eigentum,
+das sie wie ein fußloses Gefäß
+halten muß, hoch über ihren Ruhm
+und den Gang der Abende hinaus.
+
+
+
+
+VENEZIANISCHER MORGEN
+
+RICHARD BEER-HOFMANN ZUGEEIGNET
+
+
+Fürstlich verwöhnte Fenster sehen immer,
+was manchesmal uns zu bemühn geruht:
+die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer
+von Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut,
+
+sich bildet, ohne irgendwann zu sein.
+Ein jeder Morgen muß ihr die Opale
+erst zeigen, die sie gestern trug, und Reihn
+von Spiegelbildern ziehn aus dem Kanale,
+und sie erinnern an die andern Male:
+dann gibt sie sich erst zu und fällt sich ein
+
+wie eine Nymphe, die den Zeus empfing.
+Das Ohrgehäng erklingt an ihrem Ohre;
+sie aber hebt San Giorgio Maggiore
+und lächelt lässig in das schöne Ding.
+
+
+
+
+SPÄTHERBST IN VENEDIG
+
+
+Nun treibt die Stadt schon nicht mehr wie ein Köder,
+der alle aufgetauchten Tage fängt.
+Die gläsernen Paläste klingen spröder
+an deinen Blick. Und aus den Gärten hängt
+
+der Sommer wie ein Haufen Marionetten
+kopfüber, müde, umgebracht.
+Aber vom Grund aus alten Waldskeletten
+steigt Willen auf: als sollte über Nacht
+
+der General des Meeres die Galeeren
+verdoppeln in dem wachen Arsenal,
+um schon die nächste Morgenluft zu teeren
+
+mit einer Flotte, welche ruderschlagend
+sich drängt und jäh, mit allen Flaggen tagend,
+den großen Wind hat, strahlend und fatal.
+
+
+
+
+SAN MARCO
+
+VENEDIG
+
+
+In diesem Innern, das wie ausgehöhlt
+sich wölbt und wendet in die goldnen Smalten,
+rundkantig, glatt, mit Köstlichkeit geölt,
+ward dieses Staates Dunkelheit gehalten
+
+und heimlich aufgehäuft, als Gleichgewicht
+des Lichtes, das in allen seinen Dingen
+sich so vermehrte, daß sie fast vergingen.
+Und plötzlich zweifelst du: vergehn sie nicht?
+
+und drängst zurück die harte Galerie,
+die wie ein Gang im Bergwerk nah am Glanz
+der Wölbung hängt; und du erkennst die heile
+
+Helle des Ausblicks: aber irgendwie
+wehmütig messend ihre müde Weile
+am nahen Überstehn des Viergespanns.
+
+
+
+
+EIN DOGE
+
+
+Fremde Gesandte sahen, wie sie geizten
+mit ihm und allem, was er tat;
+während sie ihn zu seiner Größe reizten,
+umstellten sie das goldene Dogat
+
+mit Spähern und Beschränkern immer mehr,
+bange, daß nicht die Macht sie überfällt,
+die sie in ihm (so wie man Löwen hält)
+vorsichtig nährten. Aber er,
+
+im Schutze seiner halbverhängten Sinne,
+ward dessen nicht gewahr und hielt nicht inne,
+größer zu werden. Was die Signorie
+
+in seinem Innern zu bezwingen glaubte,
+bezwang er selbst. In seinem greisen Haupte
+war es besiegt. Sein Antlitz zeigte wie.
+
+
+
+
+DIE LAUTE
+
+
+Ich bin die Laute. Willst du meinen Leib
+beschreiben, seine schön gewölbten Streifen:
+sprich so, als sprächest du von einer reifen
+gewölbten Feige. Übertreib
+
+das Dunkel, das du in mir siehst. Es war
+Tullias Dunkelheit. In ihrer Scham
+war nicht so viel, und ihr erhelltes Haar
+war wie ein heller Saal. Zuweilen nahm
+
+sie etwas Klang von meiner Oberfläche
+in ihr Gesicht und sang zu mir.
+Dann spannte ich mich gegen ihre Schwäche,
+und endlich war mein Inneres in ihr.
+
+
+
+
+DER ABENTEURER
+
+
+
+I
+
+
+Wenn er unter jene, welche waren,
+trat: der Plötzliche, der schien,
+war ein Glanz wie von Gefahren
+in dem ausgesparten Raum um ihn,
+
+den er lächelnd überschritt, um einer
+Herzogin den Fächer aufzuheben:
+diesen warmen Fächer, den er eben
+wollte fallen sehen. Und wenn keiner
+
+mit ihm eintrat in die Fensternische
+(wo die Parke gleich ins Träumerische
+stiegen, wenn er nur nach ihnen wies),
+ging er lässig an die Kartentische
+und gewann. Und unterließ
+
+nicht, die Blicke alle zu behalten,
+die ihn zweifelnd oder zärtlich trafen,
+und auch die in Spiegel fielen, galten.
+Er beschloß, auch heute nicht zu schlafen,
+
+wie die letzte lange Nacht, und bog
+einen Blick mit seinem rücksichtslosen,
+welcher war: als hätte er von Rosen
+Kinder, die man irgendwo erzog.
+
+
+
+II
+
+
+In den Tagen--(nein, es waren keine),
+da die Flut sein unterstes Verlies
+ihm bestritt, als war es nicht das seine,
+und ihn, steigend, an die Steine
+der daran gewöhnten Wölbung stieß,
+
+fiel ihm plötzlich einer von den Namen
+wieder ein, die er vor Zeiten trug.
+Und er wußte wieder: Leben kamen,
+wenn er lockte; wie im Flug
+
+kamen sie: noch warme Leben Toter,
+die er, ungeduldiger, bedrohter,
+weiterlebte mitten drin;
+oder die nicht ausgelebten Leben,
+und er wußte sie hinaufzuheben,
+und sie hatten wieder Sinn.
+
+Oft war keine Stelle an ihm sicher,
+und er zitterte: Ich bin ----
+doch im nächsten Augenblicke glich er
+dem Geliebten einer Königin.
+
+Immer wieder war ein Sein zu haben:
+die Geschicke angefangner Knaben,
+die, als hätte man sie nicht gewagt,
+abgebrochen waren, abgesagt,
+nahm er auf und riß sie in sich hin;
+denn er mußte einmal nur die Gruft
+solcher Aufgegebener durchschreiten,
+und die Düfte ihrer Möglichkeiten
+lagen wieder in der Luft.
+
+
+
+
+FALKEN-BEIZE
+
+
+Kaiser sein heißt unverwandelt vieles
+überstehen bei geheimer Tat:
+wenn der Kanzler nachts den Turm betrat,
+fand er ihn, des hohen Federspieles
+kühnen fürstlichen Traktat
+
+in den eingeneigten Schreiber sagen;
+denn er hatte im entlegnen Saale
+selber nächtelang und viele Male
+das noch ungewohnte Tier getragen,
+
+wenn es fremd war, neu und aufgebräut.
+Und er hatte dann sich nie gescheut,
+Pläne, welche in ihm aufgesprungen
+oder zärtlicher Erinnerungen
+tieftiefinneres Geläut
+zu verachten, um des bangen jungen
+
+Falken willen, dessen Blut und Sorgen
+zu begreifen er sich nicht erließ.
+Dafür war er auch wie mitgehoben,
+wenn der Vogel, den die Herren loben,
+glänzend von der Hand geworfen, oben
+in dem mitgefühlten Frühlingsmorgen
+wie ein Engel auf den Reiher stieß.
+
+
+
+
+CORRIDA
+
+IN MEMORIAM MONTEZ, 1830
+
+
+Seit er, klein beinah, aus dem Toril
+ausbrach, aufgescheuchten Augs und Ohrs,
+und den Eigensinn des Picadors
+und die Bänderhaken wie im Spiel
+
+hinnahm, ist die stürmische Gestalt
+angewachsen--sieh: zu welcher Masse,
+aufgehäuft aus altem schwarzen Hasse,
+und das Haupt zu einer Faust geballt,
+
+nicht mehr spielend gegen irgendwen,
+nein: die blutigen Nackenhaken hissend
+hinter den gefällten Hörnern, wissend
+und von Ewigkeit her gegen den,
+
+der in Gold und mauver Rosaseide
+plötzlich umkehrt und, wie einen Schwärm
+Bienen und als ob er's eben leide,
+den Bestürzten unter seinem Arm
+
+durchläßt,--während seine Blicke heiß
+sich noch einmal heben, leichtgelenkt,
+und als schlüge draußen jener Kreis
+sich aus ihrem Glanz und Dunkel nieder
+und aus jedem Schlagen seiner Lider,
+
+ehe er gleichmütig, ungehässig,
+an sich selbst gelehnt, gelassen, lässig
+in die wiederhergerollte große
+Woge über dem verlornen Stoße
+seinen Degen beinah sanft versenkt.
+
+
+
+
+DON JUANS KINDHEIT
+
+
+In seiner Schlankheit war, schon fast entscheidend,
+der Bogen, der an Frauen nicht zerbricht;
+und manchmal, seine Stirne nicht mehr meidend,
+ging eine Neigung durch sein Angesicht
+
+zu einer, die vorüberkam, zu einer,
+die ihm ein fremdes altes Bild verschloß:
+er lächelte. Er war nicht mehr der Weiner,
+der sich ins Dunkel trug und sich vergoß.
+
+Und während ein ganz neues Selbstvertrauen
+ihn öfter tröstete und fast verzog,
+ertrug er ernst den ganzen Blick der Frauen,
+der ihn bewunderte und ihn bewog.
+
+
+
+
+DON JUANS AUSWAHL
+
+
+Und der Engel trat ihn an: Bereite
+dich mir ganz. Und da ist mein Gebot.
+Denn daß einer jene überschreite,
+die die Süßesten an ihrer Seite
+bitter machen, tut mir not.
+Zwar auch du kannst wenig besser lieben,
+(unterbrich mich nicht: du irrst),
+doch du glühest, und es steht geschrieben,
+daß du viele führen wirst
+zu der Einsamkeit, die diesen
+tiefen Eingang hat. Laß ein
+die, die ich dir zugewiesen,
+daß sie wachsend Heloïsen
+überstehn und Überschrein.
+
+
+
+
+SANKT GEORG
+
+
+Und sie hatte ihn die ganze Nacht
+angerufen, hingekniet, die schwache
+wache Jungfrau: Siehe, dieser Drache,
+und ich weiß es nicht, warum er wacht.
+
+Und da brach er aus dem Morgengraun
+auf dem Falben, strahlend Helm und Haubert,
+und er sah sie, traurig und verzaubert
+aus dem Knieen aufwärtsschaun
+
+zu dem Glänze, der er war.
+Und er sprengte glänzend längs der Länder
+abwärts mit erhobnem Doppelhänder
+in die offene Gefahr,
+
+viel zu furchtbar, aber doch erfleht.
+Und sie kniete knieender, die Hände
+fester faltend, daß er sie bestände;
+denn sie wußte nicht, daß der besteht,
+
+den ihr Herz, ihr reines und bereites,
+aus dem Licht des göttlichen Geleites
+niederreißt. Zu Seiten seines Streites
+stand, wie Türme stehen, ihr Gebet.
+
+
+
+
+DAME AUF EINEM BALKON
+
+
+Plötzlich tritt sie, in den Wind gehüllt,
+licht in Lichtes, wie herausgegriffen,
+während jetzt die Stube wie geschliffen
+hinter ihr die Türe füllt
+
+dunkel wie der Grund einer Kamee,
+die ein Schimmern durchläßt durch die Ränder;
+und du meinst, der Abend war nicht, ehe
+sie heraustrat, um auf das Geländer
+
+noch ein wenig von sich fortzulegen,
+noch die Hände,--um ganz leicht zu sein:
+wie dem Himmel von den Häuserreihn
+hingereicht, von allem zu bewegen.
+
+
+
+
+BEGEGNUNG IN DER KASTANIEN-ALLEE
+
+
+Ihm ward des Eingangs grüne Dunkelheit
+kühl wie ein Seidenmantel umgegeben,
+den er noch nahm und ordnete: als eben
+am andern transparenten Ende, weit,
+
+aus grüner Sonne, wie aus grünen Scheiben,
+weiß eine einzelne Gestalt
+aufleuchtete, um lange fern zu bleiben
+und schließlich, von dem Lichterniedertreiben
+bei jedem Schritte überwallt,
+
+ein helles Wechseln auf sich herzutragen,
+das scheu im Blond nach hinten lief.
+Aber auf einmal war der Schatten tief,
+und nahe Augen lagen aufgeschlagen
+
+in einem neuen deutlichen Gesicht,
+das wie in einem Bildnis verweilte
+in dem Moment, da man sich wieder teilte:
+erst war es immer, und dann war es nicht.
+
+
+
+
+DIE SCHWESTERN
+
+
+Sieh, wie sie dieselben Möglichkeiten
+anders an sich tragen und verstehn,
+so als sähe man verschiedne Zeiten
+durch zwei gleiche Zimmer gehn.
+
+Jede meint die andere zu stützen,
+während sie doch müde an ihr ruht;
+und sie können nicht einander nützen,
+denn sie legen Blut auf Blut,
+
+wenn sie sich wie früher sanft berühren
+und versuchen, die Allee entlang
+sich geführt zu fühlen und zu führen:
+ach, sie haben nicht denselben Gang.
+
+
+
+
+ÜBUNG AM KLAVIER
+
+
+Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde;
+sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid
+und legte in die triftige Etüde
+die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,
+
+die kommen konnte morgen, heute abend,
+die vielleicht da war, die man nur verbarg;
+und vor den Fenstern, hoch und alles habend,
+empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.
+
+Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte
+die Hände, wünschte sich ein langes Buch
+und schob auf einmal den Jasmingeruch
+erzürnt zurück. Sie fand, daß er sie kränkte.
+
+
+
+
+DIE LIEBENDE
+
+
+Das ist mein Fenster. Eben
+bin ich so sanft erwacht.
+Ich dachte, ich würde schweben.
+Bis wohin reicht mein Leben,
+und wo beginnt die Nacht?
+
+Ich könnte meinen, alles
+wäre noch ich ringsum;
+durchsichtig wie eines Kristalles
+Tiefe, verdunkelt, stumm.
+
+Ich könnte auch noch die Sterne
+fassen in mir; so groß
+scheint mir mein Herz; so gerne
+ließ es ihn wieder los,
+
+den ich vielleicht zu lieben,
+vielleicht zu halten begann.
+Fremd wie niebeschrieben
+sieht mich mein Schicksal an.
+
+Was bin ich unter diese
+Unendlichkeit gelegt,
+duftend wie eine Wiese,
+hin und her bewegt,
+
+rufend zugleich und bange,
+daß einer den Ruf vernimmt,
+und zum Untergange
+in einem andern bestimmt.
+
+
+
+
+DAS ROSENINNERE
+
+
+Wo ist zu diesem Innen
+ein Außen? Auf welches Weh
+legt man solches Linnen?
+Welche Himmel spiegeln sich drinnen
+in dem Binnensee
+dieser offenen Rosen,
+dieser sorglosen, sieh:
+wie sie lose im Losen
+liegen, als könnte nie
+eine zitternde Hand sie verschütten.
+Sie können sich selber kaum
+halten; viele ließen
+sich überfüllen und fließen
+über von Innenraum
+in die Tage, die immer
+voller und voller sich schließen,
+bis der ganze Sommer ein Zimmer
+wird, ein Zimmer in einem Traum.
+
+
+
+
+DAMEN-BILDNIS AUS DEN ACHTZIGER JAHREN
+
+
+Wartend stand sie an den schwergerafften
+dunklen Atlasdraperien,
+die ein Aufwand falscher Leidenschaften
+über ihr zu ballen schien;
+
+seit den noch so nahen Mädchenjahren
+wie mit einer anderen vertauscht:
+müde unter den getürmten Haaren,
+in den Rüschen-Roben unerfahren
+und von allen Falten wie belauscht
+
+bei dem Heimweh und dem schwachen Planen,
+wie das Leben weiter werden soll:
+anders, wirklicher, wie in Romanen,
+hingerissen und verhängnisvoll,--
+
+daß man etwas erst in die Schatullen
+legen dürfte, um sich im Geruch
+von Erinnerungen einzulullen;
+daß man endlich in dem Tagebuch
+
+einen Anfang fände, der nicht schon
+unterm Schreiben sinnlos wird und Lüge,
+und ein Blatt von einer Rose trüge
+in dem schweren leeren Medaillon,
+
+welches liegt auf jedem Atemzug.
+Daß man einmal durch das Fenster winkte
+diese schlanke Hand, die neuberingte,
+hätte dran für Monate genug.
+
+
+
+
+DAME VOR DEM SPIEGEL
+
+
+Wie in einem Schlaftrunk Spezerein,
+löst sie leise in dem flüssigklaren
+Spiegel ihr ermüdetes Gebaren;
+und sie tut ihr Lächeln ganz hinein.
+
+Und sie wartet, daß die Flüssigkeit
+davon steigt; dann gießt sie ihre Haare
+in den Spiegel und, die wunderbare
+Schulter hebend aus dem Abendkleid,
+
+trinkt sie still aus ihrem Bild. Sie trinkt,
+was ein Liebender im Taumel tränke,
+prüfend, voller Mißtraun; und sie winkt
+
+erst der Zofe, wenn sie auf dem Grunde
+ihres Spiegels Lichter findet, Schränke
+und das Trübe einer späten Stunde.
+
+
+
+
+DIE GREISIN
+
+
+Weiße Freundinnen mitten im Heute
+lachen und horchen und planen für morgen
+abseits erwägen gelassene Leute
+langsam ihre besonderen Sorgen,
+
+das Warum und das Wann und das Wie,
+und man hört sie sagen: Ich glaube--;
+aber in ihrer Spitzenhaube
+ist sie sicher, als wüßte sie,
+
+daß sie sich irren, diese und alle.
+Und das Kinn, im Niederfalle,
+lehnt sich an die weiße Koralle,
+die den Schal zur Stirne stimmt.
+
+Einmal aber, bei einem Gelache,
+holt sie aus springenden Lidern zwei wache
+Blicke und zeigt diese harte Sache,
+wie man aus einem geheimen Fache
+schöne ererbte Steine nimmt.
+
+
+
+
+DAS BETT
+
+
+Laß sie meinen, daß sich in privater
+Wehmut löst, was einer dort bestritt.
+Nirgend sonst als da ist ein Theater;
+reiß den hohen Vorhang fort--; da tritt
+
+vor den Chor der Nächte, der begann
+ein unendlich breites Lied zu sagen,
+jene Stunde auf, bei der sie lagen,
+und zerreißt ihr Kleid und klagt sich an,
+
+um der andern, um der Stunde willen,
+die sich wehrt und wälzt im Hintergrunde;
+denn sie konnte sie mit sich nicht stillen.
+Aber da sie zu der fremden Stunde
+
+sich gebeugt: da war auf ihr,
+was sie am Geliebten einst gefunden,
+nur so drohend und so groß verbunden
+und entzogen wie in einem Tier.
+
+
+
+
+DER FREMDE
+
+
+Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten,
+die er müde nicht mehr fragen hieß,
+ging er wieder fort; verlor, verließ--.
+Denn er hing an solchen Reisenächten
+
+anders als an jeder Liebesnacht.
+Wunderbare hatte er durchwacht,
+die mit starken Sternen überzogen
+enge Fernen auseinanderbogen
+und sich wandelten wie eine Schlacht;
+
+andre, die mit in den Mond gestreuten
+Dörfern, wie mit hingehaltnen Beuten,
+sich ergaben, oder durch geschonte
+Parke graue Edelsitze zeigten,
+die er gerne in dem hingeneigten
+Haupte einen Augenblick bewohnte,
+tiefer wissend, daß man nirgends bleibt;
+und schon sah er bei dem nächsten Biegen
+wieder Wege, Brücken, Länder liegen
+bis an Städte, die man übertreibt.
+
+Und dies alles immer unbegehrend
+hinzulassen, schien ihm mehr als seines
+Lebens Lust, Besitz und Ruhm.
+Doch auf fremden Plätzen war ihm eines
+täglich ausgetretnen Brunnensteines
+Mulde manchmal wie ein Eigentum.
+
+
+
+
+DIE ANFAHRT
+
+
+War in des Wagens Wendung dieser Schwung?
+War er im Blick, mit dem man die barocken
+Engelfiguren, die bei blauen Glocken
+im Felde standen voll Erinnerung,
+
+annahm und hielt und wieder ließ, bevor
+der Schloßpark schließend um die Fahrt sich drängte,
+an die er streifte, die er überhängte
+und plötzlich freigab: denn da war das Tor,
+
+das nun, als hätte es sie angerufen,
+die lange Front zu einer Schwenkung zwang,
+nach der sie stand. Aufglänzend ging ein Gleiten
+die Glastür abwärts; und ein Windhund drang
+aus ihrem Aufgehn, seine nahen Seiten
+heruntertragend von den flachen Stufen.
+
+
+
+
+DIE SONNENUHR
+
+
+Selten reicht ein Schauer feuchter Fäule
+aus dem Gartenschatten, wo einander
+Tropfen fallen hören und ein Wander-
+vogel lautet, zu der Säule,
+die in Majoran und Koriander
+steht und Sommerstunden zeigt;
+
+nur sobald die Dame (der ein Diener
+nachfolgt) in dem hellen Florentiner
+über ihren Rand sich neigt,
+wird sie schattig und verschweigt--.
+
+Oder wenn ein sommerlicher Regen
+aufkommt aus dem wogenden Bewegen
+hoher Kronen, hat sie eine Pause;
+denn sie weiß die Zeit nicht auszudrücken,
+die dann in den Frucht- und Blumenstücken
+plötzlich glüht im weißen Gartenhause.
+
+
+
+
+SCHLAFMOHN
+
+
+Abseits im Garten blüht der böse Schlaf,
+in welchem die, die heimlich eingedrungen,
+die Liebe fanden junger Spiegelungen,
+die willig waren, offen und konkav,
+
+und Träume, die mit aufgeregten Masken
+auftraten, riesiger durch die Kothurne--:
+das alles stockt in diesen oben flasken
+weichlichen Stengeln, die die Samenurne
+
+(nachdem sie lang, die Knospe abwärts tragend
+zu welken meinten) festverschlossen heben:
+gefranste Kelche auseinanderschlagend,
+die fieberhaft das Mohngefäß umgeben.
+
+
+
+
+DIE FLAMINGOS
+
+PARIS, JARDIN DES PLANTES
+
+
+In Spiegelbildern wie von Fragonard
+ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte
+nicht mehr gegeben, als dir einer böte,
+wenn er von seiner Freundin sagt: sie war
+
+noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüne
+und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht,
+beisammen, blühend, wie in einem Beet,
+verführen sie verführender als Phryne
+
+sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche
+hinhalsend bergen in der eignen Weiche,
+in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.
+
+Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière;
+sie aber haben sich erstaunt gestreckt
+und schreiten einzeln ins Imaginäre.
+
+
+
+
+PERSISCHES HELIOTROP
+
+
+Es könnte sein, daß dir der Rose Lob
+zu laut erscheint für deine Freundin: nimm
+das schön gestickte Kraut und überstimm
+mit dringend flüsterndem Heliotrop
+
+den ßülbül, der an ihren Lieblingsplätzen
+sie schreiend preist und sie nicht kennt.
+Denn sieh: wie süße Worte nachts in Sätzen
+beisammenstehn ganz dicht, durch nichts getrennt,
+aus der Vokale wachem Violett
+hindüftend durch das stille Himmelbett--:
+
+so schließen sich vor dem gesteppten Laube
+deutliche Sterne zu der seidnen Traube
+und mischen, daß sie fast davon verschwimmt,
+die Stille mit Vanille und mit Zimt.
+
+
+
+
+SCHLAFLIED
+
+
+Einmal, wenn ich dich verlier,
+wirst du schlafen können, ohne
+daß ich wie eine Lindenkrone
+mich verflüstre über dir?
+
+Ohne daß ich hier wache und
+Worte, beinah wie Augenlider,
+auf deine Brüste, auf deine Glieder
+niederlege, auf deinen Mund?
+
+Ohne daß ich dich verschließ
+und dich allein mit Deinem lasse,
+wie einen Garten mit einer Masse
+von Melissen und Sternanis?
+
+
+
+
+DER PAVILLON
+
+
+Aber selbst noch durch die Flügeltüren
+mit dem grünen, regentrüben Glas
+ist ein Spiegeln lächelnder Allüren
+und ein Glanz von jenem Glück zu spüren,
+das sich dort, wohin sie nicht mehr führen,
+einst verbarg, verklärte und vergaß.
+
+Aber selbst noch in den Steingirlanden
+über der nicht mehr berührten Tür
+ist ein Hang zur Heimlichkeit vorhanden
+und ein stilles Mitgefühl dafür,
+
+und sie schauern manchmal wie gespiegelt,
+wenn ein Wind sie schattig überlief;
+auch das Wappen, wie auf einem Brief
+viel zu glücklich, überstürzt gesiegelt,
+
+redet noch. Wie wenig man verscheuchte:
+alles weiß noch, weint noch, tut noch weh.
+Und im Fortgehn durch die tränenfeuchte,
+abgelegene Allee
+
+fühlt man lang noch auf dem Rand des Dachs
+jene Urnen stehen, kalt, zerspalten,
+doch entschlossen, noch zusammzuhalten
+um die Asche alter Achs.
+
+
+
+
+DIE ENTFÜHRUNG
+
+
+Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen
+entwichen, um die Nacht und den Wind
+(weil sie drinnen so anders sind)
+draußen zu sehn an ihrem Beginnen;
+
+doch keine Sturmnacht hatte gewiß
+den riesigen Park so in Stücke gerissen,
+wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß,
+
+da er sie nahm von der seidenen Leiter
+und sie weitertrug, weiter, weiter:
+
+bis der Wagen alles war.
+
+Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,
+um den verhalten das Jagen stand
+und die Gefahr.
+Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;
+und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.
+Sie kroch in ihren Mantelkragen
+und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
+und hörte fremd einen Fremden sagen:
+Ichbinbeidir.
+
+
+
+
+ROSA HORTENSIE
+
+
+Wer nahm das Rosa an? Wer wußte auch,
+daß es sich sammelte in diesen Dolden?
+Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,
+entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.
+
+
+Daß sie für solches Rosa nichts verlangen,
+bleibt es für sie und lächelt aus der Luft?
+Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen,
+wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?
+
+Oder vielleicht auch geben sie es preis,
+damit es nie erführe vom Verblühn.
+Doch unter diesem Rosa hat ein Grün
+gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß.
+
+
+
+
+DAS WAPPEN
+
+
+Wie ein Spiegel, der, von ferne tragend,
+lautlos in sich aufnahm, ist der Schild;
+offen einstens, dann zusammenschlagend
+über einem Spiegelbild
+
+jener Wesen, die in des Geschlechts
+Weiten wohnen, nicht mehr zu bestreiten,
+seiner Dinge, seiner Wirklichkeiten
+(rechte links und linke rechts),
+
+die er eingesteht und sagt und zeigt.
+Drauf, mit Ruhm und Dunkel ausgeschlagen,
+ruht der Spangenhelm, verkürzt,
+
+den das Flügelkleinod übersteigt,
+während seine Decke wie mit Klagen
+reich und aufgeregt herniederstürzt.
+
+
+
+
+DER JUNGGESELLE
+
+
+Lampe auf den verlassenen Papieren,
+und ringsum Nacht bis weit hinein ins Holz
+der Schränke. Und er konnte sich verlieren
+an sein Geschlecht, das nun mit ihm zerschmolz;
+ihm schien, je mehr er las, er hätte ihren,
+sie aber hatten alle seinen Stolz.
+
+Hochmütig steiften sich die leeren Stühle
+die Wand entlang, und lauter Selbstgefühle
+machten sich schläfernd in den Möbeln breit;
+von oben goß sich Nacht auf die Pendüle,
+und zitternd rann aus ihrer goldnen Mühle,
+ganz fein gemahlen, seine Zeit.
+
+Er nahm sie nicht. Um fiebernd unter jenen,
+als zöge er die Laken ihrer Leiber,
+andre Zeiten wegzuzerrn.
+Bis er ins Flüstern kam; (was war ihm fern?)
+Er lobte einen dieser Briefeschreiber,
+als sei der Brief an ihn: wie du mich kennst;
+und klopfte lustig auf die Seitenlehnen.
+Der Spiegel aber, innen unbegrenzter,
+ließ leise einen Vorhang aus, ein Fenster--:
+denn dorten stand, fast fertig, das Gespenst.
+
+
+
+
+DER EINSAME
+
+
+Nein: ein Turm soll sein aus meinem Herzen
+und ich selbst an seinen Rand gestellt:
+wo sonst nichts mehr ist, noch einmal Schmerzen
+und Unsäglichkeit, noch einmal Welt.
+
+Noch ein Ding allein im Übergroßen,
+welches dunkel wird und wieder licht,
+noch ein letztes, sehnendes Gesicht
+in das Nie-zu-Stillende verstoßen,
+
+noch ein äußerstes Gesicht aus Stein,
+willig seinen inneren Gewichten,
+das die Weiten, die es still vernichten,
+zwingen, immer seliger zu sein.
+
+
+
+
+DER LESER
+
+
+Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
+wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
+das nur das schnelle Wenden voller Seiten
+manchmal gewaltsam unterbricht?
+
+Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
+ob er es ist, der da mit seinem Schatten
+Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
+was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis
+
+er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
+was unten in dem Buche sich verhielt,
+mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
+anstießen an die fertig-volle Welt:
+wie stille Kinder, die allein gespielt,
+auf einmal das Vorhandene erfahren;
+doch seine Züge, die geordnet waren,
+blieben für immer umgestellt.
+
+
+
+
+DER APFELGARTEN
+
+BORGEBY-GARD
+
+
+Komm gleich nach dem Sonnenuntergänge,
+sieh das Abendgrün des Rasengrunds;
+ist es nicht, als hätten wir es lange
+angesammelt und erspart in uns,
+
+um es jetzt aus Fühlen und Erinnern,
+neuer Hoffnung, halbvergeßnem Freun,
+noch vermischt mit Dunkel aus dem Innern,
+in Gedanken vor uns hinzustreun
+
+unter Bäume wie von Dürer, die
+das Gewicht von hundert Arbeitstagen
+in den überfüllten Früchten tragen,
+dienend, voll Geduld, versuchend, wie
+
+das, was alle Maße übersteigt,
+noch zu heben ist und hinzugeben,
+wenn man willig, durch ein langes Leben
+nur das Eine will und wächst und schweigt?
+
+
+
+
+DIE BERUFUNG
+
+
+Da aber als in sein Versteck der Hohe,
+sofort Erkennbare: der Engel, trat
+aufrecht, der lautere und lichterlohe,
+da tat er allen Anspruch ab und bat,
+
+bleiben zu dürfen, der von seinen Reisen
+innen verwirrte Kaufmann, der er war;
+er hatte nie gelesen und nun gar
+ein solches Wort, zu viel für einen Weisen.
+
+Der Engel aber, herrisch, wies und wies
+ihm, was geschrieben stand auf seinem Blatte,
+und gab nicht nach und wollte wieder: lies.
+
+Da las er: so, daß sich der Engel bog,
+und war schon einer, der gelesen _hatte_
+und konnte und gehorchte und vollzog.
+
+
+
+
+DER BERG
+
+
+Sechsunddreißigmal und hundertmal
+hat der Maler jenen Berg geschrieben,
+weggerissen, wieder hingetrieben
+(sechsunddreißigmal und hundertmal)
+
+zu dem unbegreiflichen Vulkane,
+selig, voll Versuchung, ohne Rat,--
+während der mit Umriß Angetane
+seiner Herrlichkeit nicht Einhalt tat:
+
+tausendmal aus allen Tagen tauchend,
+Nächte ohnegleichen von sich ab
+fallen lassend, alle wie zu knapp;
+jedes Bild im Augenblick verbrauchend,
+von Gestalt gesteigert zu Gestalt,
+teilnahmslos und weit und ohne Meinung--,
+um auf einmal wissend, wie Erscheinung,
+sich zu heben hinter jedem Spalt.
+
+
+
+
+DER BALL
+
+
+Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
+im Fliegen oben fortgibt, sorglos wie
+sein Eigenes; was in den Gegenständen
+nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,
+
+zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
+um nicht aus allem draußen Aufgereihten
+unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
+das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug
+
+noch Unentschlossener, der, wenn er steigt,
+als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
+den Wurf entführt und freiläßt--, und sich neigt
+und einhält und den Spielenden von oben
+auf einmal eine neue Stelle zeigt,
+sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,
+
+um dann, erwartet und erwünscht von allen,
+rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
+dem Becher hoher Hände zuzufallen.
+
+
+
+
+DAS KIND
+
+
+Unwillkürlich sehn sie seinem Spiel
+lange zu; zuweilen tritt das runde
+seiende Gesicht aus dem Profil,
+klar und ganz wie eine volle Stunde,
+
+welche anhebt und zu Ende schlägt.
+Doch die andern zählen nicht die Schläge,
+trüb von Mühsal und vom Leben träge;
+und sie merken gar nicht, wie es trägt--;
+
+wie es alles trägt, auch dann, noch immer,
+wenn es müde in dem kleinen Kleid
+neben ihnen wie im Wartezimmer
+sitzt und warten will auf seine Zeit.
+
+
+
+
+DER HUND
+
+
+Da oben wird das Bild von einer Welt
+aus Blicken immerfort erneut und gilt.
+Nur manchmal, heimlich, kommt ein Ding und stellt
+sich neben ihn, wenn er durch dieses Bild
+
+sich drängt, ganz unten, anders, wie er ist;
+nicht ausgestoßen und nicht eingereiht
+und wie im Zweifel seine Wirklichkeit
+weggebend an das Bild, das er vergißt,
+
+um dennoch immer wieder sein Gesicht
+hineinzuhalten, fast mit einem Flehen,
+beinah begreifend, nah am Einverstehen
+und doch verzichtend: denn er wäre nicht.
+
+
+
+
+DER KÄFERSTEIN
+
+
+Sind nicht Sterne fast in deiner Nähe,
+und was gibt es, das du nicht umspannst,
+da du dieser harten Skarabäe
+Karneolkern gar nicht fassen kannst
+
+ohne jenen Raum, der ihre Schilder
+niederhält, auf deinem ganzen Blut
+mitzutragen; niemals war er milder,
+näher, hingegebener. Er ruht
+
+seit Jahrtausenden auf diesen Käfern,
+wo ihn keiner braucht und unterbricht;
+und die Käfer schließen sich und schläfern
+unter seinem wiegenden Gewicht.
+
+
+
+
+BUDDHA IN DER GLORIE
+
+
+Mitte aller Mitten, Kern der Kerne,
+Mandel, die sich einschließt und versüßt,--
+dieses alles bis an alle Sterne
+ist dein Fruchtfleisch: Sei gegrüßt.
+
+Sieh, du fühlst, wie nichts mehr an dir hängt;
+im Unendlichen ist deine Schale,
+und dort steht der starke Saft und drängt.
+Und von außen hilft ihm ein Gestrahle,
+
+denn ganz oben werden deine Sonnen
+voll und glühend umgedreht.
+Doch in dir ist schon begonnen,
+was die Sonnen übersteht.
+
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Archaischer Torso Apollos
+Kretische Artemis
+Leda
+Delphine
+Die Insel der Sirenen
+Klage um Antinous
+Der Tod der Geliebten
+Klage um Jonathan
+Tröstung des Elia
+Saul unter den Propheten
+Samuels Erscheinung vor Saul
+Ein Prophet
+Jeremias
+Eine Sibylle
+Absaloms Abfall
+Esther
+Der aussätzige König
+Legende von den drei Lebendigen und den drei Toten
+Der König von Münster
+Totentanz
+Das Jüngste Gericht
+Die Versuchung
+Der Alchimist
+Der Reliquienschrein
+Das Gold
+Der Stylit
+Die ägyptische Maria
+Kreuzigung
+Der Auferstandene
+Magnifikat
+Adam
+Eva
+Irre im Garten (Dijon)
+Die Irren
+Aus dem Leben eines Heiligen
+Die Bettler
+Fremde Familie
+Leichenwäsche
+Eine von den Alten (Paris)
+Der Blinde (Paris)
+Eine Welke
+Abendmahl
+Die Brandstätte
+Die Gruppe (Paris)
+Schlangenbeschwörung
+Schwarze Katze
+Vor-Ostern (Neapel)
+Der Balkon (Neapel)
+Auswanderer-Schiff (Neapel)
+Landschaft
+Römische Campagna
+Lied vom Meer (Capri, Piccola Marina)
+Nächtliche Fahrt (Sankt Petersburg)
+Papageienpark (Paris)
+Die Parke I-VII
+Bildnis
+Venezianischer Morgen
+Spätherbst in Venedig
+San Marco (Venedig)
+Ein Doge
+Die Laute
+Der Abenteurer I, II
+Falkenbeize
+Corrida (In memoriam Montez, 1830)
+Don Juans Kindheit
+Don Juans Auswahl
+Sankt Georg
+Dame auf einem Balkon
+Begegnung in der Kastanien-Allee
+Die Schwestern
+Übung am Klavier
+Die Liebende
+Das Roseninnere
+Damen-Bildnis aus den achtziger Jahren
+Dame vor dem Spiegel
+Die Greisin
+Das Bett
+Der Fremde
+Die Anfahrt
+Die Sonnenuhr
+Schlafmohn
+Die Flamingos (Paris, Jardin des Plantes)
+Persisches Heliotrop
+Schlaflied
+Der Pavillon
+Die Entführung
+Rosa Hortensie
+Das Wappen
+Der Junggeselle
+Der Einsame
+Der Leser
+Der Apfelgarten (Borgeby-Gard)
+Die Berufung
+Der Berg
+Der Ball
+Das Kind
+Der Hund
+Der Käferstein
+Buddha in der Glorie
+
+
+
+
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+End of Project Gutenberg's Der Neuen Gedichte, by Rainer Maria Rilke
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+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER NEUEN GEDICHTE ***
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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+ The Project Gutenberg eBook of Der Neuen Gedichte, by AUTHOR.
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+The Project Gutenberg EBook of Der Neuen Gedichte, by Rainer Maria Rilke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Neuen Gedichte
+ Anderer Teil
+
+Author: Rainer Maria Rilke
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+Release Date: October 15, 2010 [EBook #33864]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER NEUEN GEDICHTE ***
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+Produced by Marc D'Hooghe at: http://www.freeliterature.org
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+
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+<h1>DER NEUEN GEDICHTE</h1>
+<h2>ANDERER TEIL</h2>
+
+<h3>Von</h3>
+
+<h2>RAINER MARIA RILKE</h2>
+
+<h4>LEIPZIG</h4>
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+<h4>IM INSEL-VERLAG</h4>
+
+<h4>MCMXIX</h4>
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+<h4><a href="#INHALT">INHALT</a></h4>
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+
+<h4>A MON GRAND AMI AUGUSTE RODIN</h4>
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+
+<p>
+<a name="ARCHAISCHER_TORSO_APOLLOS" id="ARCHAISCHER_TORSO_APOLLOS"></a>ARCHAÏSCHER TORSO APOLLOS<br />
+<br />
+<br />
+Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,<br />
+darin die Augenäpfel reiften. Aber<br />
+sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,<br />
+in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,<br />
+<br />
+sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug<br />
+der Brust dich blenden, und im leisen Drehen<br />
+der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen<br />
+zu jener Mitte, die die Zeugung trug.<br />
+<br />
+Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz<br />
+unter der Schultern durchsichtigem Sturz<br />
+und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle<br />
+<br />
+und bräche nicht aus allen seinen Rändern<br />
+aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,<br />
+die dich nicht sieht. Du mßt dein Leben ändern.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KRETISCHE_ARTEMIS" id="KRETISCHE_ARTEMIS"></a>KRETISCHE ARTEMIS<br />
+<br />
+<br />
+Wind der Vorgebirge: war nicht ihre<br />
+Stirne wie ein lichter Gegenstand?<br />
+Glatter Gegenwind der leichten Tiere,<br />
+formtest du sie: ihr Gewand<br />
+<br />
+bildend an die unbewußten Brüste<br />
+wie ein wechselvolles Vorgefühl?<br />
+Während sie, als ob sie alles wüßte,<br />
+auf das Fernste zu, geschürzt und kühl,<br />
+<br />
+stürmte mit den Nymphen und den Hunden,<br />
+ihren Bogen probend, eingebunden<br />
+in den harten hohen Gurt;<br />
+<br />
+manchmal nur aus fremden Siedelungen<br />
+angerufen und erzürnt bezwungen<br />
+von dem Schreien um Geburt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LEDA" id="LEDA"></a>LEDA<br />
+<br />
+<br />
+Als ihn der Gott in seiner Not betrat,<br />
+erschrak er fast, den Schwall so schön zu finden;<br />
+er ließ sich ganz verwirrt in ihm verschwinden.<br />
+Schon aber trug ihn sein Betrug zur Tat,<br />
+<br />
+bevor er noch des unerprobten Seins<br />
+Gefühle prüfte. Und die Aufgetane<br />
+erkannte schon den Kommenden im Schwane<br />
+und wußte schon: er bat um eins,<br />
+<br />
+das sie, verwirrt in ihrem Widerstand,<br />
+nicht mehr verbergen konnte. Er kam nieder,<br />
+und halsend durch die immer schwächre Hand<br />
+<br />
+ließ sich der Gott in die Geliebte los.<br />
+Dann erst empfand er glücklich sein Gefieder<br />
+und wurde wirklich Schwan in ihrem Schoß.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DELPHINE" id="DELPHINE"></a>DELPHINE<br />
+<br />
+<br />
+Jene Wirklichen, die ihrem Gleichen<br />
+überall zu wachsen und zu wohnen<br />
+gaben, fühlten an verwandten Zeichen<br />
+Gleiche in den aufgelösten Reichen,<br />
+die der Gott, mit triefenden Tritonen,<br />
+überströmt bisweilen übersteigt;<br />
+denn da hatte sich das Tier gezeigt:<br />
+anders als die stumme, stumpfgemute<br />
+Zucht der Fische, Blut von ihrem Blute,<br />
+und von fern dem Menschlichen geneigt.<br />
+<br />
+Eine Schar kam, die sich überschlug,<br />
+froh, als fühlte sie die Fluten glänzend:<br />
+Warme, Zugetane, deren Zug<br />
+wie mit Zuversicht die Fahrt bekränzend,<br />
+leichtgebunden um den runden Bug<br />
+wie um einer Vase Rumpf und Rundung,<br />
+selig, sorglos, sicher vor Verwundung,<br />
+aufgerichtet, hingerissen, rauschend<br />
+und im Tauchen mit den Wellen tauschend<br />
+die Trireme heiter weitertrug.<br />
+<br />
+Und der Schiffer nahm den neugewährten<br />
+Freund in seine einsame Gefahr<br />
+und ersann für ihn, für den Gefährten,<br />
+dankbar eine Welt und hielt für wahr,<br />
+daß er Töne liebte, Götter, Gärten<br />
+und das tiefe, stille Sternenjahr.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_INSEL_DER_SIRENEN" id="DIE_INSEL_DER_SIRENEN"></a>DIE INSEL DER SIRENEN<br />
+<br />
+<br />
+Wenn er denen, die ihm gastlich waren,<br />
+spät, nach ihrem Tage noch, da sie<br />
+fragten nach den Fahrten und Gefahren,<br />
+still berichtete: er wußte nie,<br />
+<br />
+wie sie schrecken und mit welchem jähen<br />
+Wort sie wenden, daß sie so wie er<br />
+in dem blau gestillten Inselmeer<br />
+die Vergoldung jener Inseln sähen,<br />
+<br />
+deren Anblick macht, daß die Gefahr<br />
+umschlägt; denn nun ist sie nicht im Tosen<br />
+und im Wüten, wo sie immer war:<br />
+lautlos kommt sie über die Matrosen,<br />
+<br />
+welche wissen, daß es dort auf jenen<br />
+goldnen Inseln manchmal singt&mdash;,<br />
+und sich blindlings in die Ruder lehnen,<br />
+wie umringt<br />
+<br />
+von der Stille, die die ganze Weite<br />
+in sich hat und an die Ohren weht,<br />
+so als wäre ihre andre Seite<br />
+der Gesang, dem keiner widersteht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KLAGE_UM_ANTINOUS" id="KLAGE_UM_ANTINOUS"></a>KLAGE UM ANTINOUS<br />
+<br />
+<br />
+Keiner begriff mir von euch den bithynischen Knaben<br />
+(daß ihr den Strom anfaßtet und von ihm hübt...).<br />
+Ich verwöhnte ihn zwar. Und dennoch: wir haben<br />
+ihn nur mit Schwere erfüllt und für immer getrübt.<br />
+<br />
+Wer vermag denn zu lieben? Wer kann es?&mdash;Noch keiner.<br />
+Und so hab ich unendliches Weh getan&mdash;.<br />
+Nun ist er am Nil der stillenden Götter einer,<br />
+und ich weiß kaum welcher und kann ihm nicht nahn.<br />
+<br />
+Und ihr warfet ihn noch, Wahnsinnige, bis in die Sterne,<br />
+damit ich euch rufe und dränge: meint ihr den?<br />
+Was ist er nicht einfach ein Toter. Er wäre es gerne.<br />
+Und vielleicht wäre ihm nichts geschehn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_TOD_DER_GELIEBTEN" id="DER_TOD_DER_GELIEBTEN"></a>DER TOD DER GELIEBTEN<br />
+<br />
+<br />
+Er wußte nur vom Tod, was alle wissen:<br />
+daß er uns nimmt und in das Stumme stößt.<br />
+Als aber sie, nicht von ihm fortgerissen,<br />
+nein, leis aus seinen Augen ausgelöst,<br />
+<br />
+hinüberglitt zu unbekannten Schatten,<br />
+und als er fühlte, daß sie drüben nun<br />
+wie einen Mond ihr Mädchenlächeln hatten<br />
+und ihre Weise wohlzutun:<br />
+<br />
+da wurden ihm die Toten so bekannt,<br />
+als wäre er durch sie mit einem jeden<br />
+ganz nah verwandt; er ließ die andern reden<br />
+<br />
+und glaubte nicht und nannte jenes Land<br />
+das gutgelegene, das immersüße&mdash;.<br />
+Und tastete es ab für ihre Füße.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KLAGE_UM_JONATHAN" id="KLAGE_UM_JONATHAN"></a>KLAGE UM JONATHAN<br />
+<br />
+<br />
+Ach, sind auch Könige nicht von Bestand<br />
+und dürfen hingehn wie gemeine Dinge,<br />
+obwohl ihr Druck wie der der Siegelringe<br />
+sich widerbildet in das weiche Land.<br />
+<br />
+Wie aber konntest du, so angefangen<br />
+mit deines Herzens Initial,<br />
+aufhören plötzlich: Wärme meiner Wangen.<br />
+O daß dich einer noch einmal<br />
+erzeugte, wenn sein Samen in ihm glänzt.<br />
+<br />
+Irgendein Fremder sollte dich zerstören,<br />
+und der dir innig war, ist nichts dabei<br />
+und muß sich halten und die Botschaft hören;<br />
+wie wunde Tiere auf den Lagern löhren,<br />
+möcht ich mich legen mit Geschrei:<br />
+<br />
+denn da und da, an meinen scheusten Orten,<br />
+bist du mir ausgerissen wie das Haar,<br />
+das in den Achselhöhlen wächst und dorten,<br />
+wo ich ein Spiel für Frauen war,<br />
+<br />
+bevor du meine dort verfitzten Sinne<br />
+aufsträhntest, wie man einen Knaul entflicht;<br />
+da sah ich auf und wurde deiner inne:&mdash;<br />
+jetzt aber gehst du mir aus dem Gesicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TROSTUNG_DES_ELIA" id="TROSTUNG_DES_ELIA"></a>TRÖSTUNG DES ELIA<br />
+<br />
+<br />
+Er hatte das getan und dies, den Bund<br />
+wie jenen Altar wieder aufzubauen,<br />
+zu dem sein weitgeschleudertes Vertrauen<br />
+zurück als Feuer fiel von ferne, und<br />
+hatte er dann nicht Hunderte zerhauen,<br />
+weil sie ihm stanken mit dem Baal im Mund,<br />
+am Bache schlachtend bis ans Abendgrauen,<br />
+<br />
+das mit dem Regengrau sich groß verband?<br />
+Doch als ihn von der Königin der Bote<br />
+nach solchem Werktag antrat und bedrohte,<br />
+da lief er wie ein Irrer in das Land,<br />
+<br />
+so lange, bis er unterm Ginsterstrauche<br />
+wie weggeworfen aufbrach in Geschrei,<br />
+das in der Wüste brüllte: Gott, gebrauche<br />
+mich länger nicht. Ich bin entzwei.<br />
+<br />
+Doch grade da kam ihn der Engel ätzen<br />
+mit einer Speise, die er tief empfing,<br />
+so daß er lange dann an Weideplätzen<br />
+und Wassern immer zum Gebirge ging,<br />
+<br />
+zu dem der Herr um seinetwillen kam:<br />
+im Sturme nicht und nicht im Sich-Zerspalten<br />
+der Erde, der entlang in schweren Falten<br />
+ein leeres Feuer ging, fast wie aus Scham<br />
+über des Ungeheuren ausgeruhtes<br />
+Hinstürzen zu dem angekommnen Alten,<br />
+der ihn im sanften Sausen seines Blutes<br />
+erschreckt und zugedeckt vernahm.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SAUL_UNTER_DEN_PROPHETEN" id="SAUL_UNTER_DEN_PROPHETEN"></a>SAUL UNTER DEN PROPHETEN<br />
+<br />
+<br />
+Meinst du denn, daß man sich sinken sieht?<br />
+Nein, der König schien sich noch erhaben,<br />
+da er seinen starken Harfenknaben<br />
+töten wollte bis ins zehnte Glied.<br />
+<br />
+Erst da ihn der Geist auf solchen Wegen<br />
+überfiel und auseinanderriß,<br />
+sah er sich im Innern ohne Segen,<br />
+und sein Blut ging in der Finsternis<br />
+abergläubig dem Gericht entgegen.<br />
+<br />
+Wenn sein Mund jetzt troff und prophezeite,<br />
+war es nur, damit der Flüchtling weit<br />
+flüchten könne. So war dieses zweite<br />
+Mal. Doch einst: er hatte prophezeit<br />
+<br />
+fast als Kind, als ob ihm jede Ader<br />
+mündete in einen Mund aus Erz;<br />
+alle schritten, doch er schritt gerader;<br />
+alle schrieen, doch ihm schrie das Herz.<br />
+<br />
+Und nun war er nichts als dieser Haufen<br />
+umgestürzter Würden, Last auf Last;<br />
+und sein Mund war wie der Mund der Traufen,<br />
+der die Güsse, die zusammenlaufen,<br />
+fallen läßt, eh er sie faßt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SAMUELS_ERSCHEINUNG_VOR_SAUL" id="SAMUELS_ERSCHEINUNG_VOR_SAUL"></a>SAMUELS ERSCHEINUNG VOR SAUL<br />
+<br />
+<br />
+Da schrie die Frau zu Endor auf: Ich sehe&mdash;<br />
+Der König packte sie am Arme: Wen?<br />
+Und da die Starrende beschrieb, noch ehe,<br />
+da war ihm schon, er hätte selbst gesehn:<br />
+<br />
+den, dessen Stimme ihn noch einmal traf:<br />
+Was störst du mich? Ich habe Schlaf.<br />
+Willst du, weil dir die Himmel fluchen,<br />
+und weil der Herr sich vor dir schloß und schwieg,<br />
+in meinem Mund nach einem Siege suchen?<br />
+Soll ich dir meine Zähne einzeln sagen?<br />
+Ich habe nichts als sie.... Es schwand. Da schrie<br />
+das Weib, die Hände vors Gesicht geschlagen,<br />
+als ob sie's sehen müßte: Unterlieg&mdash;<br />
+<br />
+Und er, der in der Zeit, die ihm gelang,<br />
+das Volk wie ein Feldzeichen überragte,<br />
+fiel hin, bevor er noch zu klagen wagte:<br />
+so sicher war sein Untergang.<br />
+Die aber, die ihn wider Willen schlug,<br />
+hoffte, daß er sich faßte und vergäße;<br />
+und als sie hörte, daß er nie mehr äße,<br />
+ging sie hinaus und schlachtete und buk<br />
+und brachte ihn dazu, daß er sich setzte;<br />
+er saß wie einer, der zu viel vergißt:<br />
+alles, was war, bis auf das Eine, Letzte.<br />
+Dann aß er, wie ein Knecht zu Abend ißt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EIN_PROPHET" id="EIN_PROPHET"></a>EIN PROPHET<br />
+<br />
+<br />
+Ausgedehnt von riesigen Gesichten,<br />
+hell vom Feuerschein aus dem Verlauf<br />
+der Gerichte, die ihn nie vernichten,&mdash;<br />
+sind die Augen, schauend unter dichten<br />
+Brauen. Und in seinem Innern richten<br />
+sich schon wieder Worte auf,<br />
+<br />
+nicht die seinen (denn was wären seine,<br />
+und wie schonend wären sie vertan),<br />
+andre, harte: Eisenstücke, Steine,<br />
+die er schmelzen muß wie ein Vulkan,<br />
+<br />
+um sie in dem Ausbruch seines Mundes<br />
+auszuwerfen, welcher flucht und flucht;<br />
+während seine Stirne, wie des Hundes<br />
+Stirne, das zu tragen sucht,<br />
+<br />
+was der Herr von seiner Stirne nimmt:<br />
+Dieser, Dieser, den sie alle fänden,<br />
+folgten sie den großen Zeigehänden,<br />
+die Ihn weisen, wie Er ist: ergrimmt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="JEREMIAS" id="JEREMIAS"></a>JEREMIAS<br />
+<br />
+<br />
+Einmal war ich weich wie früher Weizen,<br />
+doch, du Rasender, du hast vermocht,<br />
+mir das hingehaltne Herz zu reizen,<br />
+daß es jetzt wie eines Löwen kocht.<br />
+<br />
+Welchen Mund hast du mir zugemutet,<br />
+damals, da ich fast ein Knabe war:<br />
+eine Wunde wurde er: nun blutet<br />
+aus ihm Unglücksjahr um Unglücksjahr.<br />
+<br />
+Täglich tönte ich von neuen Nöten,<br />
+die du, Unersättlicher, ersannst,<br />
+und sie konnten mir den Mund nicht töten;<br />
+sieh du zu, wie du ihn stillen kannst,<br />
+<br />
+wenn, die wir zerstoßen und zerstören,<br />
+erst verloren sind und fernverlaufen<br />
+und vergangen sind in der Gefahr:<br />
+denn dann will ich in den Trümmerhaufen<br />
+endlich meine Stimme Wiederhören,<br />
+die von Anfang an ein Heulen war.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EINE_SIBYLLE" id="EINE_SIBYLLE"></a>EINE SIBYLLE<br />
+<br />
+<br />
+Einst, vor Zeiten, nannte man sie alt.<br />
+Doch sie blieb und kam dieselbe Straße<br />
+täglich. Und man änderte die Maße,<br />
+und man zählte sie wie einen Wald<br />
+<br />
+nach Jahrhunderten. Sie aber stand<br />
+jeden Abend auf derselben Stelle,<br />
+schwarz wie eine alte Zitadelle,<br />
+hoch und hohl und ausgebrannt;<br />
+<br />
+von den Worten, die sich unbewacht<br />
+wider ihren Willen in ihr mehrten,<br />
+immerfort umschrieen und umflogen,<br />
+während die schon wieder heimgekehrten<br />
+dunkel unter ihren Augenbogen<br />
+saßen, fertig für die Nacht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABSALOMS_ABFALL" id="ABSALOMS_ABFALL"></a>ABSALOMS ABFALL<br />
+<br />
+<br />
+Sie hoben sie mit Geblitz:<br />
+der Sturm aus den Hörnern schwellte<br />
+seidene, breitgewellte<br />
+Fahnen. Der herrlich Erhellte<br />
+nahm im hoch offenen Zelte,<br />
+das jauchzendes Volk umstellte,<br />
+zehn Frauen in Besitz,<br />
+<br />
+die (gewohnt an des alternden Fürsten<br />
+sparsame Nacht und Tat)<br />
+unter seinem Dürsten<br />
+wogten wie Sommersaat.<br />
+<br />
+Dann trat er heraus zum Rate,<br />
+wie vermindert um nichts,<br />
+und jeder, der ihm nahte,<br />
+erblindete seines Lichts.<br />
+<br />
+So zog er auch den Heeren<br />
+voran wie ein Stern dem Jahr;<br />
+über allen Speeren<br />
+wehte sein warmes Haar,<br />
+das der Helm nicht faßte<br />
+und das er manchmal haßte,<br />
+weil es schwerer war<br />
+als seine reichsten Kleider.<br />
+<br />
+Der König hatte geboten,<br />
+daß man den Schönen schone.<br />
+Doch man sah ihn ohne<br />
+Helm an den bedrohten<br />
+Orten die ärgsten Knoten<br />
+zu roten Stücken von Toten<br />
+auseinanderhaun.<br />
+Dann wußte lange keiner<br />
+von ihm, bis plötzlich einer<br />
+schrie: Er hängt dort hinten<br />
+an den Terebinthen<br />
+mit hochgezogenen Braun.<br />
+<br />
+Das war genug des Winks.<br />
+Joab, wie ein Jäger,<br />
+erspähte das Haar&mdash;: ein schräger<br />
+gedrehter Ast: da hings.<br />
+Er durchrannte den schlanken Kläger,<br />
+und seine Waffenträger<br />
+durchbohrten ihn rechts und links.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ESTHER" id="ESTHER"></a>ESTHER<br />
+<br />
+<br />
+Die Dienerinnen kämmten sieben Tage<br />
+die Asche ihres Grams und ihrer Plage<br />
+Neige und Niederschlag aus ihrem Haar<br />
+und trugen es und sonnten es im Freien<br />
+und speisten es mit reinen Spezereien<br />
+noch diesen Tag und den: dann aber war<br />
+<br />
+die Zeit gekommen, da sie ungeboten,<br />
+zu keiner Frist, wie eine von den Toten<br />
+den drohend offenen Palast betrat,<br />
+um gleich, gelegt auf ihre Kammerfrauen,<br />
+am Ende ihres Weges <i>den</i> zu schauen,<br />
+an dem man stirbt, wenn man ihm naht.<br />
+<br />
+Er glänzte so, daß sie die Kronrubine<br />
+aufflammen fühlte, die sie an sich trug;<br />
+sie füllte sich ganz rasch mit seiner Miene<br />
+wie ein Gefäß und war schon voll genug<br />
+<br />
+und floß schon über von des Königs Macht,<br />
+bevor sie noch den dritten Saal durchschritt,<br />
+der sie mit seiner Wände Malachit<br />
+grün überlief. Sie hatte nicht gedacht,<br />
+<br />
+so langen Gang zu tun mit allen Steinen,<br />
+die schwerer wurden von des Königs Scheinen<br />
+und kalt von ihrer Angst. Sie ging und ging.<br />
+<br />
+Und als sie endlich fast von nahe ihn,<br />
+aufruhend auf dem Thron von Turmalin,<br />
+sich türmen sah, so wirklich wie ein Ding:<br />
+<br />
+empfing die rechte von den Dienerinnen<br />
+die Schwindende und hielt sie zu dem Sitze.<br />
+Er rührte sie mit seines Zepters Spitze;<br />
+und sie begriff es ohne Sinne, innen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_AUSSATZIGE_KONIG" id="DER_AUSSATZIGE_KONIG"></a>DER AUSSÄTZIGE KÖNIG<br />
+<br />
+<br />
+Da trat auf seiner Stirn der Aussatz aus<br />
+und stand auf einmal unter seiner Krone,<br />
+als war er König über allen Graus,<br />
+der in die andern fuhr, die fassungsohne<br />
+<br />
+hinstarrten nach dem furchtbaren Vollzug<br />
+an jenem, welcher, schmal wie ein Verschnürter,<br />
+erwartete, daß einer nach ihm schlug;<br />
+doch noch war keiner Manns genug:<br />
+als machte ihn nur immer unberührter<br />
+die neue Würde, die sich übertrug.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LEGENDE_VON_DEN_DREI_LEBENDIGEN_UND_DEN_DREI_TOTEN" id="LEGENDE_VON_DEN_DREI_LEBENDIGEN_UND_DEN_DREI_TOTEN"></a>LEGENDE VON DEN DREI LEBENDIGEN UND DEN DREI TOTEN<br />
+<br />
+<br />
+Drei Herren hatten mit Falken gebeizt<br />
+und freuten sich auf das Gelag.<br />
+Da nahm sie der Greis in Beschlag<br />
+und führte. Die Reiter hielten gespreizt<br />
+vor dem dreifachen Sarkophag,<br />
+<br />
+der ihnen dreimal entgegenstank,<br />
+in den Mund, in die Nase, ins Sehn;<br />
+und sie wußten es gleich: da lagen lang<br />
+drei Tote mitten im Untergang<br />
+und ließen sich gräßlich gehn.<br />
+<br />
+Und sie hatten nur noch ihr Jägergehör<br />
+reinlich hinter dem Sturmbandlör;<br />
+doch da zischte der Alte sein:<br />
+&mdash;Sie gingen nicht durch das Nadelöhr<br />
+und gehen niemals&mdash;hinein.<br />
+<br />
+Nun blieb ihnen noch ihr klares Getast,<br />
+das stark war vom Jagen und heiß;<br />
+doch das hatte ein Frost von hinten gefaßt<br />
+und trieb ihm Eis in den Schweiß.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_KONIG_VON_MUNSTER" id="DER_KONIG_VON_MUNSTER"></a>DER KÖNIG VON MÜNSTER<br />
+<br />
+<br />
+Der König war geschoren;<br />
+nun ging ihm die Krone zu weit<br />
+und bog ein wenig die Ohren,<br />
+in die von Zeit zu Zeit<br />
+<br />
+gehässiges Gelärme<br />
+aus Hungermäulern fand.<br />
+Er saß, von wegen der Wärme,<br />
+auf seiner rechten Hand,<br />
+<br />
+mürrisch und schwergesäßig.<br />
+Er fühlte sich nicht mehr echt:<br />
+der Herr in ihm war mäßig,<br />
+und der Beischlaf war schlecht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TOTENTANZ" id="TOTENTANZ"></a>TOTENTANZ<br />
+<br />
+<br />
+Sie brauchen kein Tanz-Orchester;<br />
+sie hören in sich ein Geheule,<br />
+als wären sie Eulennester.<br />
+Ihr Ängsten näßt wie eine Beule,<br />
+und der Vorgeruch ihrer Fäule<br />
+ist noch ihr bester Geruch.<br />
+<br />
+Sie fassen den Tänzer fester,<br />
+den rippenbetreßten Tänzer,<br />
+den Galan, den echten Ergänzer<br />
+zu einem ganzen Paar.<br />
+Und er lockert der Ordensschwester<br />
+über dem Haar das Tuch;<br />
+sie tanzen ja unter Gleichen.<br />
+Und er zieht der wachslichtbleichen<br />
+leise die Lesezeichen<br />
+aus ihrem Stunden-Buch.<br />
+<br />
+Bald wird ihnen allen zu heiß,<br />
+sie sind zu reich gekleidet;<br />
+beißender Schweiß verleidet<br />
+ihnen Stirne und Steiß<br />
+und Schauben und Hauben und Steine;<br />
+sie wünschen, sie wären nackt<br />
+wie ein Kind, ein Verrückter und Eine:<br />
+die tanzen noch immer im Takt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_JUNGSTE_GERICHT" id="DAS_JUNGSTE_GERICHT"></a>DAS JÜNGSTE GERICHT<br />
+<br />
+<br />
+So erschrocken, wie sie nie erschraken,<br />
+ohne Ordnung, oft durchlocht und locker,<br />
+hocken sie in dem geborstnen Ocker<br />
+ihres Ackers, nicht von ihren Laken<br />
+<br />
+abzubringen, die sie liebgewannen.<br />
+Aber Engel kommen an, um Öle<br />
+einzuträufeln in die trocknen Pfannen<br />
+und um jedem in die Achselhöhle<br />
+<br />
+das zu legen, was er in dem Lärme<br />
+damals seines Lebens nicht entweihte;<br />
+denn dort hat es noch ein wenig Wärme,<br />
+<br />
+daß es nicht des Herren Hand erkälte<br />
+oben, wenn er es aus jeder Seite<br />
+leise greift, zu fühlen, ob es gälte.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_VERSUCHUNG" id="DIE_VERSUCHUNG"></a>DIE VERSUCHUNG<br />
+<br />
+<br />
+Nein, es half nicht, daß er sich die scharfen<br />
+Stacheln einhieb in das geile Fleisch;<br />
+alle seine trächtigen Sinne warfen<br />
+unter kreißendem Gekreisch<br />
+<br />
+Frühgeburten: schiefe, hingeschielte<br />
+kriechende und fliegende Gesichte,<br />
+Nichte, deren nur auf ihn erpichte<br />
+Bosheit sich verband und mit ihm spielte.<br />
+<br />
+Und schon hatten seine Sinne Enkel;<br />
+denn das Pack war fruchtbar in der Nacht<br />
+und in immer bunterem Gesprenkel<br />
+hingehudelt und verhundertfacht.<br />
+Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht:<br />
+seine Hände griffen lauter Henkel,<br />
+und der Schatten schob sich auf wie Schenkel<br />
+warm und zu Umarmungen erwacht&mdash;.<br />
+<br />
+Und da schrie er nach dem Engel, schrie:<br />
+und der Engel kam in seinem Schein<br />
+und war da: und jagte sie<br />
+wieder in den Heiligen hinein,<br />
+<br />
+daß er mit Geteufel und Getier<br />
+in sich weiterringe wie seit Jahren<br />
+und sich Gott, den lange noch nicht klaren,<br />
+innen aus dem Jäsen destillier.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_ALCHIMIST" id="DER_ALCHIMIST"></a>DER ALCHIMIST<br />
+<br />
+<br />
+Seltsam verlächelnd schob der Laborant<br />
+den Kolben fort, der halbberuhigt rauchte.<br />
+Er wußte jetzt, was er noch brauchte,<br />
+damit der sehr erlauchte Gegenstand<br />
+<br />
+da drin entstände. Zeiten brauchte er.<br />
+Jahrtausende für sich und diese Birne,<br />
+in der es brodelte; im Hirn Gestirne<br />
+und im Bewußtsein mindestens das Meer.<br />
+<br />
+Das Ungeheuere, das er gewollt,<br />
+er ließ es los in dieser Nacht. Es kehrte<br />
+zurück zu Gott und in sein altes Maß;<br />
+<br />
+er aber, lallend wie ein Trunkenbold,<br />
+lag über dem Geheimfach und begehrte<br />
+den Brocken Gold, den er besaß.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_RELIQUIENSCHREIN" id="DER_RELIQUIENSCHREIN"></a>DER RELIQUIENSCHREIN<br />
+<br />
+<br />
+Draußen wartete auf alle Ringe<br />
+und auf jedes Kettenglied<br />
+Schicksal, das nicht ohne sie geschieht.<br />
+Drinnen waren sie nur Dinge, Dinge,<br />
+die er schmiedete; denn vor dem Schmied<br />
+war sogar die Krone, die er bog,<br />
+nur ein Ding, ein zitterndes und eines,<br />
+das er finster wie im Zorn erzog<br />
+zu dem Tragen eines reinen Steines.<br />
+<br />
+Seine Augen wurden immer kälter<br />
+von dem kalten täglichen Getränk;<br />
+aber als der herrliche Behälter<br />
+(goldgetrieben, köstlich, vielkarätig)<br />
+fertig vor ihm stand, das Weihgeschenk,<br />
+daß darin ein kleines Handgelenk<br />
+fürder wohne, weiß und wundertätig:<br />
+<br />
+blieb er ohne Ende auf den Knien,<br />
+hingeworfen, weinend, nicht mehr wagend,<br />
+seine Seele niederschlagend<br />
+vor dem ruhigen Rubin,<br />
+der ihn zu gewahren schien<br />
+und ihn, plötzlich um sein Dasein fragend,<br />
+ansah wie aus Dynastien.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_GOLD" id="DAS_GOLD"></a>DAS GOLD<br />
+<br />
+<br />
+Denk es wäre nicht: es hätte müssen<br />
+endlich in den Bergen sich gebären<br />
+und sich niederschlagen in den Flüssen<br />
+aus dem Wollen, aus dem Gären<br />
+<br />
+ihres Willens; aus der Zwangidee,<br />
+daß ein Erz ist über allen Erzen.<br />
+Weithin warfen sie aus ihren Herzen<br />
+immer wieder Meroë<br />
+<br />
+an den Rand der Lande, in den Äther,<br />
+über das Erfahrene hinaus;<br />
+und die Söhne brachten manchmal später<br />
+das Verheißene der Väter,<br />
+abgehärtet und verhehrt, nach Haus,<br />
+<br />
+wo es anwuchs eine Zeit, um dann<br />
+fortzugehn von den an ihm Geschwächten,<br />
+die es niemals liebgewann.<br />
+Nur (so sagt man) in den letzten Nächten<br />
+steht es auf und sieht sie an.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_STYLIT" id="DER_STYLIT"></a>DER STYLIT<br />
+<br />
+<br />
+Völker schlugen über ihm zusammen,<br />
+die er küren durfte und verdammen;<br />
+und erratend, daß er sich verlor,<br />
+klomm er aus dem Volksgeruch mit klammen<br />
+Händen einen Säulenschaft empor,<br />
+<br />
+der noch immer stieg und nichts mehr hob,<br />
+und begann, allein auf seiner Fläche,<br />
+ganz von vorne seine eigne Schwäche<br />
+zu vergleichen mit des Herren Lob;<br />
+<br />
+und da war kein Ende: er verglich;<br />
+und der andre wurde immer größer.<br />
+Und die Hirten, Ackerbauer, Flößer<br />
+sahn ihn klein und außer sich<br />
+<br />
+immer mit dem ganzen Himmel reden,<br />
+eingeregnet manchmal, manchmal licht;<br />
+und sein Heulen stürzte sich auf jeden,<br />
+so als heulte er ihm ins Gesicht.<br />
+Doch er sah seit Jahren nicht,<br />
+<br />
+wie der Menge Drängen und Verlauf<br />
+unten unaufhörlich sich ergänzte,<br />
+und das Blanke an den Fürsten glänzte<br />
+lange nicht so hoch hinauf.<br />
+<br />
+Aber wenn er oben, fast verdammt<br />
+und von ihrem Widerstand zerschunden,<br />
+einsam mit verzweifeltem Geschreie<br />
+schüttelte die täglichen Dämonen:<br />
+fielen langsam auf die erste Reihe<br />
+schwer und ungeschickt aus seinen Wunden<br />
+große Würmer in die offnen Kronen<br />
+und vermehrten sich im Samt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_AGYPTISCHE_MARIA" id="DIE_AGYPTISCHE_MARIA"></a>DIE ÄGYPTISCHE MARIA<br />
+<br />
+<br />
+Seit sie damals, bettheiß, als die Hure<br />
+übern Jordan floh und, wie ein Grab<br />
+gebend, stark und unvermischt das pure<br />
+Herz der Ewigkeit zu trinken gab,<br />
+<br />
+wuchs ihr frühes Hingegebensein<br />
+unaufhaltsam an zu solcher Größe,<br />
+daß sie endlich, wie die ewige Blöße<br />
+aller, aus vergilbtem Elfenbein<br />
+<br />
+dalag in der dürren Haare Schelfe.<br />
+Und ein Löwe kreiste; und ein Alter<br />
+rief ihn winkend an, daß er ihm helfe:<br />
+<br />
+(und so gruben sie zu zwein.)<br />
+<br />
+Und der Alte neigte sie hinein.<br />
+Und der Löwe, wie ein Wappenhalter,<br />
+saß dabei und hielt den Stein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KREUZIGUNG" id="KREUZIGUNG"></a>KREUZIGUNG<br />
+<br />
+<br />
+Längst geübt, zum kahlen Galgenplatze<br />
+irgendein Gesindel hinzudrängen,<br />
+ließen sich die schweren Knechte hängen,<br />
+dann und wann nur eine große Fratze<br />
+<br />
+kehrend nach den abgetanen Drein.<br />
+Aber oben war das schlechte Henkern<br />
+rasch getan; und nach dem Fertigsein<br />
+ließen sich die freien Männer schlenkern.<br />
+<br />
+Bis der eine (fleckig wie ein Selcher)<br />
+sagte: Hauptmann, dieser hat geschrien.<br />
+Und der Hauptmann sah vom Pferde: Welcher?<br />
+und es war ihm selbst, er hätte ihn<br />
+<br />
+den Elia rufen hören. Alle<br />
+waren zuzuschauen voller Lust,<br />
+und sie hielten, daß er nicht verfalle,<br />
+gierig ihm die ganze Essiggalle<br />
+an sein schwindendes Gehust.<br />
+<br />
+Denn sie hofften noch ein ganzes Spiel<br />
+und vielleicht den kommenden Elia.<br />
+Aber hinten ferne schrie Maria,<br />
+und er selber brüllte und verfiel.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_AUFERSTANDENE" id="DER_AUFERSTANDENE"></a>DER AUFERSTANDENE<br />
+<br />
+<br />
+Er vermochte niemals bis zuletzt<br />
+ihr zu weigern oder abzuneinen,<br />
+daß sie ihrer Liebe sich berühme;<br />
+und sie sank ans Kreuz in dem Kostüme<br />
+eines Schmerzes, welches ganz besetzt<br />
+war mit ihrer Liebe größten Steinen.<br />
+<br />
+Aber da sie dann, um ihn zu salben,<br />
+an das Grab kam, Tränen im Gesicht,<br />
+war er auferstanden ihrethalben,<br />
+daß er seliger ihr sage: Nicht&mdash;<br />
+<br />
+Sie begriff es erst in ihrer Höhle,<br />
+wie er ihr, gestärkt durch seinen Tod,<br />
+endlich das Erleichternde der Öle<br />
+und des Rührens Vorgefühl verbot,<br />
+<br />
+um aus ihr die Liebende zu formen,<br />
+die sich nicht mehr zum Geliebten neigt,<br />
+weil sie, hingerissen von enormen<br />
+Stürmen, seine Stimme übersteigt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MAGNIFIKAT" id="MAGNIFIKAT"></a>MAGNIFIKAT<br />
+<br />
+<br />
+Sie kam den Hang herauf, schon schwer, fast ohne<br />
+an Trost zu glauben, Hoffnung oder Rat;<br />
+doch da die hohe tragende Matrone<br />
+ihr ernst und stolz entgegentrat<br />
+<br />
+und alles wußte ohne ihr Vertrauen,<br />
+da war sie plötzlich an ihr ausgeruht;<br />
+vorsichtig hielten sich die vollen Frauen,<br />
+bis daß die junge sprach: Mir ist zumut,<br />
+<br />
+als wär ich, Liebe, von nun an für immer.<br />
+Gott schüttet in der Reichen Eitelkeit<br />
+fast ohne hinzusehen ihren Schimmer;<br />
+doch sorgsam sucht er sich ein Frauenzimmer<br />
+und füllt sie an mit seiner fernsten Zeit.<br />
+<br />
+Daß er mich fand. Bedenk nur; und Befehle<br />
+um meinetwillen gab von Stern zu Stern&mdash;.<br />
+Verherrliche und hebe, meine Seele,<br />
+so hoch du kannst: den Herrn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ADAM" id="ADAM"></a>ADAM<br />
+<br />
+<br />
+Staunend steht er an der Kathedrale<br />
+steilem Aufstieg, nah der Fensterrose,<br />
+wie erschreckt von der Apotheose,<br />
+welche wuchs und ihn mit einem Male<br />
+<br />
+niederstellte über die und die.<br />
+Und er ragt und freut sich seiner Dauer<br />
+schlicht entschlossen; als der Ackerbauer,<br />
+der begann und der nicht wußte, wie<br />
+<br />
+aus dem fertig-vollen Garten Eden<br />
+einen Ausweg in die neue Erde<br />
+finden. Gott war schwer zu überreden;<br />
+<br />
+und er drohte ihm, statt zu gewähren,<br />
+immer wieder, daß er sterben werde.<br />
+Doch der Mensch bestand: sie wird gebären.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EVA" id="EVA"></a>EVA<br />
+<br />
+<br />
+Einfach steht sie an der Kathedrale<br />
+großem Aufstieg, nah der Fensterrose,<br />
+mit dem Apfel in der Apfelpose,<br />
+schuldlos-schuldig ein für alle Male<br />
+<br />
+an dem Wachsenden, das sie gebar,<br />
+seit sie aus dem Kreis der Ewigkeiten<br />
+liebend fortging, um sich durchzustreiten<br />
+durch die Erde, wie ein junges Jahr.<br />
+<br />
+Ach, sie hätte gern in jenem Land<br />
+noch ein wenig weilen mögen, achtend<br />
+auf der Tiere Eintracht und Verstand.<br />
+<br />
+Doch da sie den Mann entschlossen fand,<br />
+ging sie mit ihm, nach dem Tode trachtend,<br />
+und sie hatte Gott noch kaum gekannt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IRRE_IM_GARTEN" id="IRRE_IM_GARTEN"></a>IRRE IM GARTEN<br />
+<br />
+DIJON<br />
+<br />
+<br />
+Noch schließt die aufgegebene Karthause<br />
+sich um den Hof, als würde etwas heil.<br />
+Auch die sie jetzt bewohnen, haben Pause<br />
+und nehmen nicht am Leben draußen teil.<br />
+<br />
+Was irgend kommen konnte, das verlief.<br />
+Nun gehn sie gerne mit bekannten Wegen<br />
+und trennen sich und kommen sich entgegen,<br />
+als ob sie kreisten, willig, primitiv.<br />
+<br />
+Zwar manche pflegen dort die Frühlingsbeete,<br />
+demütig, dürftig, hingekniet;<br />
+aber sie haben, wenn es keiner sieht,<br />
+eine verheimlichte, verdrehte<br />
+<br />
+Gebärde für das zarte frühe Gras,<br />
+ein prüfendes, verschüchtertes Liebkosen:<br />
+denn das ist freundlich, und das Rot der Rosen<br />
+wird vielleicht drohend sein und Übermaß<br />
+<br />
+und wird vielleicht schon wieder übersteigen,<br />
+was ihre Seele wiederkennt und weiß.<br />
+Dies aber läßt sich noch verschweigen:<br />
+wie gut das Gras ist und wie leis.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_IRREN" id="DIE_IRREN"></a>DIE IRREN<br />
+<br />
+<br />
+Und sie schweigen, weil die Scheidewände<br />
+weggenommen sind aus ihrem Sinn,<br />
+und die Stunden, da man sie verstände,<br />
+heben an und gehen hin.<br />
+<br />
+Nächtens oft, wenn sie ans Fenster treten:<br />
+plötzlich ist es alles gut.<br />
+Ihre Hände liegen im Konkreten,<br />
+und das Herz ist hoch und könnte beten,<br />
+und die Augen schauen ausgeruht<br />
+<br />
+auf den unverhofften, oftentstellten<br />
+Garten im beruhigten Geviert,<br />
+der im Widerschein der fremden Welten<br />
+weiterwächst und niemals sich verliert.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUS_DEM_LEBEN_EINES_HEILIGEN" id="AUS_DEM_LEBEN_EINES_HEILIGEN"></a>AUS DEM LEBEN EINES HEILIGEN<br />
+<br />
+<br />
+Er kannte Ängste, deren Eingang schon<br />
+wie Sterben war und nicht zu überstehen.<br />
+Sein Herz erlernte, langsam durchzugehen;<br />
+er zog es groß wie einen Sohn.<br />
+<br />
+Und namenlose Nöte kannte er,<br />
+finster und ohne Morgen wie Verschläge;<br />
+und seine Seele gab er folgsam her,<br />
+da sie erwachsen war, auf daß sie läge<br />
+<br />
+bei ihrem Bräutigam und Herrn; und blieb<br />
+allein zurück an einem solchen Orte,<br />
+wo das Alleinsein alles übertrieb,<br />
+und wohnte weit und wollte niemals Worte.<br />
+<br />
+Aber dafür, nach Zeit und Zeit, erfuhr<br />
+er auch das Glück, sich in die eignen Hände,<br />
+damit er eine Zärtlichkeit empfände,<br />
+zu legen wie die ganze Kreatur.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_BETTLER" id="DIE_BETTLER"></a>DIE BETTLER<br />
+<br />
+<br />
+Du wußtest nicht, was den Haufen<br />
+ausmacht. Ein Fremder fand<br />
+Bettler darin. Sie verkaufen<br />
+das Hohle aus ihrer Hand.<br />
+<br />
+Sie zeigen dem Hergereisten<br />
+ihren Mund voll Mist,<br />
+und er darf (er kann es sich leisten)<br />
+sehn, wie ihr Aussatz frißt.<br />
+<br />
+Es zergeht in ihren zerrührten<br />
+Augen sein fremdes Gesicht;<br />
+und sie freuen sich des Verführten<br />
+und speien, wenn er spricht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="FREMDE_FAMILIE" id="FREMDE_FAMILIE"></a>FREMDE FAMILIE<br />
+<br />
+<br />
+So wie der Staub, der irgendwie beginnt<br />
+und nirgends ist, zu unerklärtem Zwecke<br />
+an einem leeren Morgen in der Ecke,<br />
+in die man sieht, ganz rasch zu Grau gerinnt,<br />
+<br />
+so bildeten sie sich, wer weiß aus was,<br />
+im letzten Augenblick vor deinen Schritten<br />
+und waren etwas Ungewisses mitten<br />
+im nassen Niederschlag der Gasse, das<br />
+<br />
+nach dir verlangte. Oder nicht nach dir.<br />
+Denn eine Stimme, wie vom vorigen Jahr,<br />
+sang dich zwar an und blieb doch ein Geweine;<br />
+und eine Hand, die wie geliehen war,<br />
+kam zwar hervor und nahm doch nicht die deine.<br />
+Wer kommt denn noch? Wen meinen diese vier?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LEICHEN_WASCHE" id="LEICHEN_WASCHE"></a>LEICHEN WÄSCHE<br />
+<br />
+<br />
+Sie hatten sich an ihn gewöhnt. Doch als<br />
+die Küchenlampe kam und unruhig brannte<br />
+im dunkeln Luftzug, war der Unbekannte<br />
+ganz unbekannt. Sie wuschen seinen Hals,<br />
+<br />
+und da sie nichts von seinem Schicksal wußten,<br />
+so logen sie ein anderes zusamm,<br />
+fortwährend waschend. Eine mußte husten<br />
+und ließ solang den schweren Essigschwamm<br />
+<br />
+auf dem Gesicht. Da gab es eine Pause<br />
+auch für die zweite. Aus der harten Bürste<br />
+klopften die Tropfen; während seine grause<br />
+gekrampfte Hand dem ganzen Hause<br />
+beweisen wollte, daß ihn nicht mehr dürste.<br />
+<br />
+Und er bewies. Sie nahmen wie betreten<br />
+eiliger jetzt mit einem kurzen Huster<br />
+die Arbeit auf, so daß an den Tapeten<br />
+ihr krummer Schatten in dem stummen Muster<br />
+<br />
+sich wand und wälzte wie in einem Netze,<br />
+bis daß die Waschenden zu Ende kamen.<br />
+Die Nacht im vorhanglosen Fensterrahmen<br />
+war rücksichtslos. Und einer ohne Namen<br />
+lag bar und reinlich da und gab Gesetze.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EINE_VON_DEN_ALTEN" id="EINE_VON_DEN_ALTEN"></a>EINE VON DEN ALTEN<br />
+<br />
+PARIS<br />
+<br />
+<br />
+Abends manchmal (weißt du, wie das tut?)<br />
+wenn sie plötzlich stehn und rückwärts nicken<br />
+und ein Lächeln, wie aus lauter Flicken,<br />
+zeigen unter ihrem halben Hut.<br />
+<br />
+Neben ihnen ist dann ein Gebäude,<br />
+endlos, und sie locken dich entlang<br />
+mit dem Rätsel ihrer Räude,<br />
+mit dem Hut, dem Umhang und dem Gang.<br />
+<br />
+Mit der Hand, die hinten unterm Kragen<br />
+heimlich wartet und verlangt nach dir:<br />
+wie um deine Hände einzuschlagen<br />
+in ein aufgehobenes Papier.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_BLINDE" id="DER_BLINDE"></a>DER BLINDE<br />
+<br />
+PARIS<br />
+<br />
+<br />
+Sieh, er geht und unterbricht die Stadt,<br />
+die nicht ist auf seiner dunkeln Stelle,<br />
+wie ein dunkler Sprung durch eine helle<br />
+Tasse geht. Und wie auf einem Blatt<br />
+<br />
+ist auf ihm der Widerschein der Dinge<br />
+aufgemalt; er nimmt ihn nicht hinein.<br />
+Nur sein Fühlen rührt sich, so als finge<br />
+es die Welt in kleinen Wellen ein:<br />
+<br />
+eine Stille, einen Widerstand&mdash;,<br />
+und dann scheint er wartend wen zu wählen:<br />
+hingegeben hebt er seine Hand,<br />
+festlich fast, wie um sich zu vermählen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EINE_WELKE" id="EINE_WELKE"></a>EINE WELKE<br />
+<br />
+<br />
+Leicht, wie nach ihrem Tode<br />
+trägt sie die Handschuh, das Tuch.<br />
+Ein Duft aus ihrer Kommode<br />
+verdrängte den lieben Geruch,<br />
+<br />
+an dem sie sich früher erkannte,<br />
+Jetzt fragte sie lange nicht, wer<br />
+sie sei (:eine ferne Verwandte),<br />
+und geht in Gedanken umher<br />
+<br />
+und sorgt für ein ängstliches Zimmer,<br />
+das sie ordnet und schont,<br />
+weil es vielleicht noch immer<br />
+dasselbe Mädchen bewohnt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABENDMAHL" id="ABENDMAHL"></a>ABENDMAHL<br />
+<br />
+<br />
+Ewiges will zu uns. Wer hat die Wahl<br />
+und trennt die großen und geringen Kräfte?<br />
+Erkennst du durch das Dämmern der Geschäfte<br />
+im klaren Hinterraum das Abendmahl:<br />
+<br />
+wie sie sich's halten und wie sie sich's reichen<br />
+und in der Handlung schlicht und schwer beruhn.<br />
+Aus ihren Händen heben sich die Zeichen;<br />
+sie wissen nicht, daß sie sie tun<br />
+<br />
+und immer neu mit irgendwelchen Worten<br />
+einsetzen, was man trinkt und was man teilt.<br />
+Denn da ist keiner, der nicht allerorten<br />
+heimlich von hinnen geht, indem er weilt.<br />
+<br />
+Und sitzt nicht immer einer unter ihnen,<br />
+der seine Eltern, die ihm ängstlich dienen,<br />
+wegschenkt an ihre abgetane Zeit?<br />
+(Sie zu verkaufen, ist ihm schon zu weit.)<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_BRANDSTATTE" id="DIE_BRANDSTATTE"></a>DIE BRANDSTÄTTE<br />
+<br />
+<br />
+Gemieden von dem Frühherbstmorgen, der<br />
+mißtrauisch war, lag hinter den versengten<br />
+Hauslinden, die das Heidehaus beengten,<br />
+ein Neues, Leeres. Eine Stelle mehr,<br />
+<br />
+auf welcher Kinder, von Gott weiß woher,<br />
+einander zuschrien und nach Fetzen haschten.<br />
+Doch alle wurden stille, sooft er,<br />
+der Sohn von hier, aus heißen, halbveraschten<br />
+<br />
+Gebälken Kessel und verbogne Tröge<br />
+mit einem langen Gabelaste zog,&mdash;<br />
+um dann mit einem Blick, als ob er löge,<br />
+die andern anzusehn, die er bewog<br />
+<br />
+zu glauben, was an dieser Stelle stand.<br />
+Denn seit es nicht mehr war, schien es ihm so<br />
+seltsam: phantastischer als Pharao.<br />
+Und er war anders, wie aus fernem Land.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_GRUPPE" id="DIE_GRUPPE"></a>DIE GRUPPE<br />
+<br />
+PARIS<br />
+<br />
+<br />
+Als pflückte einer rasch zu einem Strauß:<br />
+ordnet der Zufall hastig die Gesichter,<br />
+lockert sie auf und drückt sie wieder dichter,<br />
+ergreift zwei ferne, läßt ein nahes aus,<br />
+<br />
+tauscht das mit dem, bläst irgendeines frisch,<br />
+wirft einen Hund, wie Kraut, aus dem Gemisch<br />
+und zieht, was niedrig schaut, wie durch verworrne<br />
+Stiele und Blätter, an dem Kopf nach vorne<br />
+<br />
+und bindet es ganz klein am Rande ein;<br />
+und streckt sich wieder, ändert und verstellt<br />
+und hat nur eben Zeit, zum Augenschein<br />
+<br />
+zurückzuspringen mitten auf die Matte,<br />
+auf der im nächsten Augenblick der glatte<br />
+Gewichteschwinger seine Schwere schwellt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SCHLANGENBESCHWORUNG" id="SCHLANGENBESCHWORUNG"></a>SCHLANGENBESCHWÖRUNG<br />
+<br />
+<br />
+Wenn auf dem Markt, sich wiegend, der Beschwörer<br />
+die Kürbisflöte pfeift, die reizt und lullt,<br />
+so kann es sein, daß er sich einen Hörer<br />
+herüberlockt, der ganz aus dem Tumult<br />
+<br />
+der Buden eintritt in den Kreis der Pfeife,<br />
+die will und will und will und die erreicht,<br />
+daß das Reptil in seinem Korb sich steife<br />
+und die das steife schmeichlerisch erweicht,<br />
+<br />
+abwechselnd immer schwindelnder und blinder<br />
+mit dem, was schreckt und streckt, und dem, was löst&mdash;;<br />
+und dann genügt ein Blick: so hat der Inder<br />
+dir eine Fremde eingeflößt,<br />
+<br />
+in der du stirbst. Es ist, als überstürze<br />
+glühender Himmel dich. Es geht ein Sprung<br />
+durch dein Gesicht. Es legen sich Gewürze<br />
+auf deine nordische Erinnerung,<br />
+<br />
+die dir nichts hilft. Dich feien keine Kräfte,<br />
+die Sonne gärt, das Fieber fällt und trifft;<br />
+von böser Freude steilen sich die Schäfte,<br />
+und in den Schlangen glänzt das Gift.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SCHWARZE_KATZE" id="SCHWARZE_KATZE"></a>SCHWARZE KATZE<br />
+<br />
+<br />
+Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle,<br />
+dran dein Blick mit einem Klange stößt;<br />
+aber da an diesem schwarzen Felle<br />
+wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:<br />
+<br />
+wie ein Tobender, wenn er in vollster<br />
+Raserei ins Schwarze stampft,<br />
+jählings am benehmenden Gepolster<br />
+einer Zelle aufhört und verdampft.<br />
+<br />
+Alle Blicke, die sie jemals trafen,<br />
+scheint sie also an sich zu verhehlen,<br />
+um darüber drohend und verdrossen<br />
+zuzuschauern und damit zu schlafen.<br />
+Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,<br />
+ihr Gesicht und mitten in das deine:<br />
+und da triffst du deinen Blick im geelen<br />
+Amber ihrer runden Augensteine<br />
+unerwartet wieder: eingeschlossen<br />
+wie ein ausgestorbenes Insekt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VOR-OSTERN" id="VOR-OSTERN"></a>VOR-OSTERN<br />
+<br />
+NEAPEL<br />
+<br />
+<br />
+Morgen wird in diesen tiefgekerbten<br />
+Gassen, die sich durch getürmtes Wohnen<br />
+unten dunkel nach dem Hafen drängen,<br />
+hell das Gold der Prozessionen rollen;<br />
+statt der Fetzen werden die ererbten<br />
+Bettbezüge, welche wehen wollen,<br />
+von den immer höheren Balkonen<br />
+(wie in Fließendem gespiegelt) hängen.<br />
+<br />
+Aber heute hämmert an den Klopfern<br />
+jeden Augenblick ein voll Bepackter,<br />
+und sie schleppen immer neue Käufe;<br />
+dennoch stehen strotzend noch die Stände.<br />
+An der Ecke zeigt ein aufgehackter<br />
+Ochse seine frischen Innenwände,<br />
+und in Fähnchen enden alle Läufe.<br />
+Und ein Vorrat wie von tausend Opfern<br />
+<br />
+drängt auf Bänken, hängt sich rings um Pflöcke,<br />
+zwängt sich, wölbt sich, wälzt sich aus dem Dämmer<br />
+aller Türen, und vor dem Gegähne<br />
+der Melonen strecken sich die Brote.<br />
+Voller Gier und Handlung ist das Tote;<br />
+doch viel stiller sind die jungen Hähne<br />
+und die abgehängten Ziegenböcke<br />
+und am allerleisesten die Lämmer,<br />
+<br />
+die die Knaben um die Schultern nehmen<br />
+und die willig von den Schritten nicken;<br />
+während in der Mauer der verglasten<br />
+spanischen Madonna die Agraffe<br />
+und das Silber in den Diademen<br />
+von dem Lichter-Vorgefühl beglänzter<br />
+schimmert. Aber drüber in dem Fenster<br />
+zeigt sich blickverschwenderisch ein Affe<br />
+und führt rasch in einer angemaßten<br />
+Haltung Gesten aus, die sich nicht schicken.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_BALKON" id="DER_BALKON"></a>DER BALKON<br />
+<br />
+NEAPEL<br />
+<br />
+<br />
+Von der Enge, oben, des Balkones<br />
+angeordnet wie von einem Maler<br />
+und gebunden wie zu einem Strauß<br />
+alternder Gesichter und ovaler,<br />
+klar im Abend, sehn sie idealer,<br />
+rührender und wie für immer aus.<br />
+<br />
+Diese aneinander angelehnten<br />
+Schwestern, die, als ob sie sich von weit<br />
+ohne Aussicht nacheinander sehnten,<br />
+lehnen, Einsamkeit an Einsamkeit;<br />
+<br />
+und der Bruder mit dem feierlichen<br />
+Schweigen, zugeschlossen, voll Geschick,<br />
+doch von einem sanften Augenblick<br />
+mit der Mutter unbemerkt verglichen;<br />
+<br />
+und dazwischen, abgelebt und länglich,<br />
+längst mit keinem mehr verwandt,<br />
+einer Greisin Maske, unzugänglich,<br />
+wie im Fallen von der einen Hand<br />
+aufgehalten, während eine zweite,<br />
+welkere, als ob sie weitergleite,<br />
+unten vor den Kleidern hängt zur Seite<br />
+<br />
+von dem Kinder-Angesicht,<br />
+das das Letzte ist, versucht, verblichen,<br />
+von den Stäben wieder durchgestrichen<br />
+wie noch unbestimmbar, wie noch nicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUSWANDERER-SCHIFF" id="AUSWANDERER-SCHIFF"></a>AUSWANDERER-SCHIFF<br />
+<br />
+NEAPEL<br />
+<br />
+Denk, daß einer heiß und glühend flüchte,<br />
+und die Sieger wären hinterher,<br />
+und auf einmal machte der<br />
+Flüchtende kurz, unerwartet, Kehr<br />
+gegen Hunderte&mdash;: so sehr<br />
+warf sich das Erglühende der Früchte<br />
+immer wieder an das blaue Meer,<br />
+<br />
+als das langsame Orangenboot<br />
+sie vorübertrug bis an das große<br />
+graue Schiff, zu dem, von Stoß zu Stoße,<br />
+andre Boote Fische hoben, Brot,&mdash;<br />
+während es voll Flohn in seinem Schöße<br />
+Kohlen aufnahm, offen wie der Tod.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LANDSCHAFT" id="LANDSCHAFT"></a>LANDSCHAFT<br />
+<br />
+<br />
+Wie zuletzt, in einem Augenblick<br />
+aufgehäuft aus Hängen, Häusern, Stücken<br />
+alter Himmel und zerbrochnen Brücken,<br />
+und von drüben her, wie vom Geschick,<br />
+von dem Sonnenuntergang getroffen,<br />
+angeschuldigt, aufgerissen, offen&mdash;<br />
+ginge dort die Ortschaft tragisch aus:<br />
+<br />
+fiele nicht auf einmal in das Wunde,<br />
+drin zerfließend, aus der nächsten Stunde<br />
+jener Tropfen kühlen Blaus,<br />
+der die Nacht schon in den Abend mischt,<br />
+so daß das von ferne Angefachte<br />
+sachte, wie erlöst, erlischt.<br />
+<br />
+Ruhig sind die Tore und die Bogen,<br />
+durchsichtige Wolken wogen<br />
+über blassen Häuserreihn,<br />
+die schon Dunkel in sich eingesogen;<br />
+aber plötzlich ist vom Mond ein Schein<br />
+durchgeglitten, licht, als hätte ein<br />
+Erzengel irgendwo sein Schwert gezogen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ROMISCHE_CAMPAGNA" id="ROMISCHE_CAMPAGNA"></a>RÖMISCHE CAMPAGNA<br />
+<br />
+<br />
+Aus der vollgestellten Stadt, die lieber<br />
+schliefe, träumend von den hohen Thermen,<br />
+geht der grade Gräberweg ins Fieber;<br />
+und die Fenster in den letzten Fermen<br />
+<br />
+sehn ihm nach mit einem bösen Blick.<br />
+Und er hat sie immer im Genick,<br />
+wenn er hingeht, rechts und links zerstörend,<br />
+bis er draußen atemlos beschwörend<br />
+<br />
+seine Leere zu den Himmeln hebt,<br />
+hastig um sich schauend, ob ihn keine<br />
+Fenster treffen. Während er den weiten<br />
+<br />
+Aquädukten zuwinkt herzuschreiten,<br />
+geben ihm die Himmel für die seine<br />
+ihre Leere, die ihn überlebt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LIED_VOM_MEER" id="LIED_VOM_MEER"></a>LIED VOM MEER<br />
+<br />
+CAPRI. PICCOLA MARINA<br />
+<br />
+<br />
+Uraltes Wehn vom Meer,<br />
+Meerwind bei Nacht:<br />
+du kommst zu keinem her;<br />
+wenn einer wacht,<br />
+so muß er sehn, wie er<br />
+dich übersteht:<br />
+uraltes Wehn vom Meer,<br />
+welches weht<br />
+nur wie für Urgestein,<br />
+lauter Raum<br />
+reißend von weit herein.<br />
+<br />
+O wie fühlt dich ein<br />
+treibender Feigenbaum<br />
+oben im Mondschein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="NACHTLICHE_FAHRT" id="NACHTLICHE_FAHRT"></a>NÄCHTLICHE FAHRT<br />
+<br />
+SANKT PETERSBURG<br />
+<br />
+<br />
+Damals als wir mit den glatten Trabern<br />
+(schwarzen, aus dem Orloffschen Gestüt)&mdash;,<br />
+während hinter hohen Kandelabern<br />
+Stadtnachtfronten lagen, angefrüht<br />
+stumm und keiner Stunde mehr gemäß&mdash;,<br />
+fuhren, nein: vergingen oder flogen<br />
+und um lastende Paläste bogen<br />
+in das Wehn der Newa-Quais,<br />
+<br />
+hingerissen durch das wache Nachten,<br />
+das nicht Himmel und nicht Erde hat,&mdash;<br />
+als das Drängende von unbewachten<br />
+Gärten gärend aus dem Ljetnij-Ssad<br />
+aufstieg, während seine Steinfiguren<br />
+schwindend mit ohnmächtigen Konturen<br />
+hinter uns vergingen, wie wir fuhren&mdash;:<br />
+<br />
+damals hörte diese Stadt<br />
+auf zu sein. Auf einmal gab sie zu,<br />
+daß sie niemals war, um nichts als Ruh<br />
+flehend; wie ein Irrer, dem das Wirrn<br />
+plötzlich sich entwirrt, das ihn verriet,<br />
+<br />
+und der einen jahrelangen kranken<br />
+gar nicht zu verwandelnden Gedanken,<br />
+den er nie mehr denken muß: Granit&mdash;<br />
+aus dem leeren schwankenden Gehirn<br />
+fallen fühlt, bis man ihn nicht mehr sieht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="PAPAGEIENPARK" id="PAPAGEIENPARK"></a>PAPAGEIENPARK<br />
+<br />
+PARIS<br />
+<br />
+<br />
+Unter türkischen Linden, die blühen, an Rasenrändern,<br />
+in leise von ihrem Heimweh geschaukelten Ständern<br />
+atmen die Ära und wissen von ihren Ländern,<br />
+die sich, auch wenn sie nicht hinsehn, nicht verändern.<br />
+<br />
+Fremd im beschäftigten Grünen wie eine Parade,<br />
+zieren sie sich und fühlen sich selber zu schade,<br />
+und mit den kostbaren Schnäbeln aus Jaspis und Jade<br />
+kauen sie Graues, verschleudern es, finden es fade.<br />
+<br />
+Unten klauben die duffen Tauben, was sie nicht mögen,<br />
+während sich oben die höhnischen Vögel verbeugen<br />
+zwischen den beiden fast leeren vergeudeten Trögen.<br />
+<br />
+Aber dann wiegen sie wieder und schläfern und äugen,<br />
+spielen mit dunkelen Zungen, die gerne lögen,<br />
+zerstreut an den Fußfesselringen. Warten auf Zeugen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_PARKE" id="DIE_PARKE"></a>DIE PARKE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+Unaufhaltsam heben sich die Parke<br />
+aus dem sanft zerfallenden Vergehn;<br />
+überhäuft mit Himmeln, überstarke<br />
+Überlieferte, die überstehn,<br />
+<br />
+um sich auf den klaren Rasenplänen<br />
+auszubreiten und zurückzuziehn,<br />
+immer mit demselben souveränen<br />
+Aufwand, wie beschützt durch ihn,<br />
+<br />
+und den unerschöpflichen Erlös<br />
+königlicher Größe noch vermehrend,<br />
+aus sich steigend, in sich wiederkehrend:<br />
+huldvoll, prunkend, purpurn und pompös.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+Leise von den Alleen<br />
+ergriffen, rechts und links,<br />
+folgend dem Weitergehen<br />
+irgendeines Winks,<br />
+<br />
+trittst du mit einem Male<br />
+in das Beisammensein<br />
+einer schattigen Wasserschale<br />
+mit vier Bänken aus Stein;<br />
+<br />
+in eine abgetrennte<br />
+Zeit, die allein vergeht.<br />
+Auf feuchte Postamente,<br />
+auf denen nichts mehr steht,<br />
+<br />
+hebst du einen tiefen<br />
+erwartenden Atemzug;<br />
+während das silberne Triefen<br />
+vor dem dunkeln Bug<br />
+<br />
+dich schon zu den Seinen<br />
+zählt und weiterspricht.<br />
+Und du fühlst dich unter Steinen,<br />
+die hören, und rührst dich nicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+<br />
+Den Teichen und den eingerahmten Weihern<br />
+verheimlicht man noch immer das Verhör<br />
+der Könige. Sie warten unter Schleiern,<br />
+und jeden Augenblick kann Monseigneur<br />
+<br />
+vorüberkommen; und dann wollen sie<br />
+des Königs Laune oder Trauer mildern<br />
+und von den Marmorrändern wieder die<br />
+Teppiche mit alten Spiegelbildern<br />
+<br />
+hinunterhängen, wie um einen Platz:<br />
+auf grünem Grund, mit Silber, Rosa, Grau,<br />
+gewährtem Weiß und leicht gerührtem Blau<br />
+und einem Könige und einer Frau<br />
+und Blumen in dem wellenden Besatz.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+IV<br />
+<br />
+<br />
+Und Natur, erlaucht und als verletze<br />
+sie nur unentschloßnes Ungefähr,<br />
+nahm von diesen Königen Gesetze,<br />
+selber selig, um den Tapis-vert<br />
+<br />
+ihrer Bäume Traum und Übertreibung<br />
+aufzutürmen aus gebauschtem Grün<br />
+und die Abende nach der Beschreibung<br />
+von Verliebten in die Avenün<br />
+<br />
+einzumalen mit dem weichen Pinsel,<br />
+der ein firnisklares aufgelöstes<br />
+Lächeln glänzend zu enthalten schien:<br />
+<br />
+der Natur ein liebes, nicht ihr größtes,<br />
+aber eines, das sie selbst verliehn,<br />
+um auf rosenvoller Liebes-Insel<br />
+es zu einem größern aufzuziehn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+V<br />
+<br />
+<br />
+Götter von Alleen und Altanen,<br />
+niemals ganzgeglaubte Götter, die<br />
+altern in den gradbesehnittnen Bahnen,<br />
+höchstens angelächelte Dianen,<br />
+wenn die königliche Venerie<br />
+<br />
+wie ein Wind die hohen Morgen teilend<br />
+aufbrach, übereilt und übereilend&mdash;;<br />
+höchstens angelächelte, doch nie<br />
+<br />
+angeflehte Götter. Elegante<br />
+Pseudonyme, unter denen man<br />
+sich verbarg und blühte oder brannte,&mdash;<br />
+leichtgeneigte, lächelnd angewandte<br />
+Götter, die noch manchmal dann und wann<br />
+<br />
+das gewähren, was sie einst gewährten,<br />
+wenn das Blühen der entzückten Gärten<br />
+ihnen ihre kalte Haltung nimmt;<br />
+wenn sie ganz von ersten Schatten beben<br />
+und Versprechen um Versprechen geben,<br />
+alle unbegrenzt und unbestimmt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+VI<br />
+<br />
+<br />
+Fühlst du, wie keiner von allen<br />
+Wegen steht und stockt;<br />
+von gelassenen Treppen fallen,<br />
+durch ein Nichts von Neigung<br />
+leise weitergelockt,<br />
+über alle Terrassen<br />
+die Wege, zwischen den Massen<br />
+verlangsamt und gelenkt,<br />
+bis zu den weiten Teichen,<br />
+wo sie (wie einem Gleichen)<br />
+der reiche Park verschenkt<br />
+<br />
+an den reichen Raum: den Einen,<br />
+der mit Scheinen und Widerscheinen<br />
+seinen Besitz durchdringt,<br />
+aus dem er von allen Seiten<br />
+Weiten mit sich bringt,<br />
+wenn er aus schließenden Weihern<br />
+zu wolkigen Abendfeiern<br />
+sich in die Himmel schwingt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+VII<br />
+<br />
+<br />
+Aber Schalen sind, drin der Najaden<br />
+Spiegelbilder, die sie nicht mehr baden,<br />
+wie ertrunken liegen, sehr verzerrt;<br />
+die Alleen sind durch Balustraden<br />
+in der Ferne wie versperrt.<br />
+<br />
+Immer geht ein feuchter Blätterfall<br />
+durch die Luft hinunter wie auf Stufen,<br />
+jeder Vogelruf ist wie verrufen,<br />
+wie vergiftet jede Nachtigall.<br />
+<br />
+Selbst der Frühling ist da nicht mehr gebend,<br />
+diese Büsche glauben nicht an ihn;<br />
+ungern duftet trübe, überlebend<br />
+abgestandener Jasmin<br />
+<br />
+alt und mit Zerfallendem vermischt.<br />
+Mit dir weiter rückt ein Bündel Mücken,<br />
+so als würde hinter deinem Rücken<br />
+alles gleich vernichtet und verwischt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BILDNIS" id="BILDNIS"></a>BILDNIS<br />
+<br />
+<br />
+Daß von dem verzichtenden Gesichte<br />
+keiner ihrer großen Schmerzen fiele,<br />
+trägt sie langsam durch die Trauerspiele<br />
+ihrer Züge schönen welken Strauß,<br />
+wild gebunden und schon beinah lose;<br />
+manchmal fällt, wie eine Tuberose,<br />
+ein verlornes Lächeln müd heraus.<br />
+<br />
+Und sie geht gelassen drüber hin,<br />
+müde, mit den schönen blinden Händen,<br />
+welche wissen, daß sie es nicht fänden,<br />
+<br />
+und sie sagt Erdichtetes, darin<br />
+Schicksal schwankt, gewolltes, irgendeines,<br />
+und sie gibt ihm ihrer Seele Sinn,<br />
+daß es ausbricht wie ein Ungemeines:<br />
+wie das Schreien eines Steines&mdash;<br />
+<br />
+und sie läßt mit hochgehobnem Kinn<br />
+alle diese Worte wieder fallen,<br />
+ohne bleibend; denn nicht eins von allen<br />
+ist der wehen Wirklichkeit gemäß,<br />
+ihrem einzigen Eigentum,<br />
+das sie wie ein fußloses Gefäß<br />
+halten muß, hoch über ihren Ruhm<br />
+und den Gang der Abende hinaus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VENEZIANISCHER_MORGEN" id="VENEZIANISCHER_MORGEN"></a>VENEZIANISCHER MORGEN<br />
+<br />
+RICHARD BEER-HOFMANN ZUGEEIGNET<br />
+<br />
+<br />
+Fürstlich verwöhnte Fenster sehen immer,<br />
+was manchesmal uns zu bemühn geruht:<br />
+die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer<br />
+von Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut,<br />
+<br />
+sich bildet, ohne irgendwann zu sein.<br />
+Ein jeder Morgen muß ihr die Opale<br />
+erst zeigen, die sie gestern trug, und Reihn<br />
+von Spiegelbildern ziehn aus dem Kanale,<br />
+und sie erinnern an die andern Male:<br />
+dann gibt sie sich erst zu und fällt sich ein<br />
+<br />
+wie eine Nymphe, die den Zeus empfing.<br />
+Das Ohrgehäng erklingt an ihrem Ohre;<br />
+sie aber hebt San Giorgio Maggiore<br />
+und lächelt lässig in das schöne Ding.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SPATHERBST_IN_VENEDIG" id="SPATHERBST_IN_VENEDIG"></a>SPÄTHERBST IN VENEDIG<br />
+<br />
+<br />
+Nun treibt die Stadt schon nicht mehr wie ein Köder,<br />
+der alle aufgetauchten Tage fängt.<br />
+Die gläsernen Paläste klingen spröder<br />
+an deinen Blick. Und aus den Gärten hängt<br />
+<br />
+der Sommer wie ein Haufen Marionetten<br />
+kopfüber, müde, umgebracht.<br />
+Aber vom Grund aus alten Waldskeletten<br />
+steigt Willen auf: als sollte über Nacht<br />
+<br />
+der General des Meeres die Galeeren<br />
+verdoppeln in dem wachen Arsenal,<br />
+um schon die nächste Morgenluft zu teeren<br />
+<br />
+mit einer Flotte, welche ruderschlagend<br />
+sich drängt und jäh, mit allen Flaggen tagend,<br />
+den großen Wind hat, strahlend und fatal.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SAN_MARCO" id="SAN_MARCO"></a>SAN MARCO<br />
+<br />
+VENEDIG<br />
+<br />
+<br />
+In diesem Innern, das wie ausgehöhlt<br />
+sich wölbt und wendet in die goldnen Smalten,<br />
+rundkantig, glatt, mit Köstlichkeit geölt,<br />
+ward dieses Staates Dunkelheit gehalten<br />
+<br />
+und heimlich aufgehäuft, als Gleichgewicht<br />
+des Lichtes, das in allen seinen Dingen<br />
+sich so vermehrte, daß sie fast vergingen.<br />
+Und plötzlich zweifelst du: vergehn sie nicht?<br />
+<br />
+und drängst zurück die harte Galerie,<br />
+die wie ein Gang im Bergwerk nah am Glanz<br />
+der Wölbung hängt; und du erkennst die heile<br />
+<br />
+Helle des Ausblicks: aber irgendwie<br />
+wehmütig messend ihre müde Weile<br />
+am nahen Überstehn des Viergespanns.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EIN_DOGE" id="EIN_DOGE"></a>EIN DOGE<br />
+<br />
+<br />
+Fremde Gesandte sahen, wie sie geizten<br />
+mit ihm und allem, was er tat;<br />
+während sie ihn zu seiner Größe reizten,<br />
+umstellten sie das goldene Dogat<br />
+<br />
+mit Spähern und Beschränkern immer mehr,<br />
+bange, daß nicht die Macht sie überfällt,<br />
+die sie in ihm (so wie man Löwen hält)<br />
+vorsichtig nährten. Aber er,<br />
+<br />
+im Schutze seiner halbverhängten Sinne,<br />
+ward dessen nicht gewahr und hielt nicht inne,<br />
+größer zu werden. Was die Signorie<br />
+<br />
+in seinem Innern zu bezwingen glaubte,<br />
+bezwang er selbst. In seinem greisen Haupte<br />
+war es besiegt. Sein Antlitz zeigte wie.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_LAUTE" id="DIE_LAUTE"></a>DIE LAUTE<br />
+<br />
+<br />
+Ich bin die Laute. Willst du meinen Leib<br />
+beschreiben, seine schön gewölbten Streifen:<br />
+sprich so, als sprächest du von einer reifen<br />
+gewölbten Feige. Übertreib<br />
+<br />
+das Dunkel, das du in mir siehst. Es war<br />
+Tullias Dunkelheit. In ihrer Scham<br />
+war nicht so viel, und ihr erhelltes Haar<br />
+war wie ein heller Saal. Zuweilen nahm<br />
+<br />
+sie etwas Klang von meiner Oberfläche<br />
+in ihr Gesicht und sang zu mir.<br />
+Dann spannte ich mich gegen ihre Schwäche,<br />
+und endlich war mein Inneres in ihr.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_ABENTEURER" id="DER_ABENTEURER"></a>DER ABENTEURER<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+Wenn er unter jene, welche waren,<br />
+trat: der Plötzliche, der schien,<br />
+war ein Glanz wie von Gefahren<br />
+in dem ausgesparten Raum um ihn,<br />
+<br />
+den er lächelnd überschritt, um einer<br />
+Herzogin den Fächer aufzuheben:<br />
+diesen warmen Fächer, den er eben<br />
+wollte fallen sehen. Und wenn keiner<br />
+<br />
+mit ihm eintrat in die Fensternische<br />
+(wo die Parke gleich ins Träumerische<br />
+stiegen, wenn er nur nach ihnen wies),<br />
+ging er lässig an die Kartentische<br />
+und gewann. Und unterließ<br />
+<br />
+nicht, die Blicke alle zu behalten,<br />
+die ihn zweifelnd oder zärtlich trafen,<br />
+und auch die in Spiegel fielen, galten.<br />
+Er beschloß, auch heute nicht zu schlafen,<br />
+<br />
+wie die letzte lange Nacht, und bog<br />
+einen Blick mit seinem rücksichtslosen,<br />
+welcher war: als hätte er von Rosen<br />
+Kinder, die man irgendwo erzog.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+In den Tagen&mdash;(nein, es waren keine),<br />
+da die Flut sein unterstes Verlies<br />
+ihm bestritt, als war es nicht das seine,<br />
+und ihn, steigend, an die Steine<br />
+der daran gewöhnten Wölbung stieß,<br />
+<br />
+fiel ihm plötzlich einer von den Namen<br />
+wieder ein, die er vor Zeiten trug.<br />
+Und er wußte wieder: Leben kamen,<br />
+wenn er lockte; wie im Flug<br />
+<br />
+kamen sie: noch warme Leben Toter,<br />
+die er, ungeduldiger, bedrohter,<br />
+weiterlebte mitten drin;<br />
+oder die nicht ausgelebten Leben,<br />
+und er wußte sie hinaufzuheben,<br />
+und sie hatten wieder Sinn.<br />
+<br />
+Oft war keine Stelle an ihm sicher,<br />
+und er zitterte: Ich bin &mdash;&mdash;<br />
+doch im nächsten Augenblicke glich er<br />
+dem Geliebten einer Königin.<br />
+<br />
+Immer wieder war ein Sein zu haben:<br />
+die Geschicke angefangner Knaben,<br />
+die, als hätte man sie nicht gewagt,<br />
+abgebrochen waren, abgesagt,<br />
+nahm er auf und riß sie in sich hin;<br />
+denn er mußte einmal nur die Gruft<br />
+solcher Aufgegebener durchschreiten,<br />
+und die Düfte ihrer Möglichkeiten<br />
+lagen wieder in der Luft.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="FALKEN-BEIZE" id="FALKEN-BEIZE"></a>FALKEN-BEIZE<br />
+<br />
+<br />
+Kaiser sein heißt unverwandelt vieles<br />
+überstehen bei geheimer Tat:<br />
+wenn der Kanzler nachts den Turm betrat,<br />
+fand er ihn, des hohen Federspieles<br />
+kühnen fürstlichen Traktat<br />
+<br />
+in den eingeneigten Schreiber sagen;<br />
+denn er hatte im entlegnen Saale<br />
+selber nächtelang und viele Male<br />
+das noch ungewohnte Tier getragen,<br />
+<br />
+wenn es fremd war, neu und aufgebräut.<br />
+Und er hatte dann sich nie gescheut,<br />
+Pläne, welche in ihm aufgesprungen<br />
+oder zärtlicher Erinnerungen<br />
+tieftiefinneres Geläut<br />
+zu verachten, um des bangen jungen<br />
+<br />
+Falken willen, dessen Blut und Sorgen<br />
+zu begreifen er sich nicht erließ.<br />
+Dafür war er auch wie mitgehoben,<br />
+wenn der Vogel, den die Herren loben,<br />
+glänzend von der Hand geworfen, oben<br />
+in dem mitgefühlten Frühlingsmorgen<br />
+wie ein Engel auf den Reiher stieß.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="CORRIDA" id="CORRIDA"></a>CORRIDA<br />
+<br />
+IN MEMORIAM MONTEZ, 1830<br />
+<br />
+<br />
+Seit er, klein beinah, aus dem Toril<br />
+ausbrach, aufgescheuchten Augs und Ohrs,<br />
+und den Eigensinn des Picadors<br />
+und die Bänderhaken wie im Spiel<br />
+<br />
+hinnahm, ist die stürmische Gestalt<br />
+angewachsen&mdash;sieh: zu welcher Masse,<br />
+aufgehäuft aus altem schwarzen Hasse,<br />
+und das Haupt zu einer Faust geballt,<br />
+<br />
+nicht mehr spielend gegen irgendwen,<br />
+nein: die blutigen Nackenhaken hissend<br />
+hinter den gefällten Hörnern, wissend<br />
+und von Ewigkeit her gegen den,<br />
+<br />
+der in Gold und mauver Rosaseide<br />
+plötzlich umkehrt und, wie einen Schwärm<br />
+Bienen und als ob er's eben leide,<br />
+den Bestürzten unter seinem Arm<br />
+<br />
+durchläßt,&mdash;während seine Blicke heiß<br />
+sich noch einmal heben, leichtgelenkt,<br />
+und als schlüge draußen jener Kreis<br />
+sich aus ihrem Glanz und Dunkel nieder<br />
+und aus jedem Schlagen seiner Lider,<br />
+<br />
+ehe er gleichmütig, ungehässig,<br />
+an sich selbst gelehnt, gelassen, lässig<br />
+in die wiederhergerollte große<br />
+Woge über dem verlornen Stoße<br />
+seinen Degen beinah sanft versenkt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DON_JUANS_KINDHEIT" id="DON_JUANS_KINDHEIT"></a>DON JUANS KINDHEIT<br />
+<br />
+<br />
+In seiner Schlankheit war, schon fast entscheidend,<br />
+der Bogen, der an Frauen nicht zerbricht;<br />
+und manchmal, seine Stirne nicht mehr meidend,<br />
+ging eine Neigung durch sein Angesicht<br />
+<br />
+zu einer, die vorüberkam, zu einer,<br />
+die ihm ein fremdes altes Bild verschloß:<br />
+er lächelte. Er war nicht mehr der Weiner,<br />
+der sich ins Dunkel trug und sich vergoß.<br />
+<br />
+Und während ein ganz neues Selbstvertrauen<br />
+ihn öfter tröstete und fast verzog,<br />
+ertrug er ernst den ganzen Blick der Frauen,<br />
+der ihn bewunderte und ihn bewog.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DON_JUANS_AUSWAHL" id="DON_JUANS_AUSWAHL"></a>DON JUANS AUSWAHL<br />
+<br />
+<br />
+Und der Engel trat ihn an: Bereite<br />
+dich mir ganz. Und da ist mein Gebot.<br />
+Denn daß einer jene überschreite,<br />
+die die Süßesten an ihrer Seite<br />
+bitter machen, tut mir not.<br />
+Zwar auch du kannst wenig besser lieben,<br />
+(unterbrich mich nicht: du irrst),<br />
+doch du glühest, und es steht geschrieben,<br />
+daß du viele führen wirst<br />
+zu der Einsamkeit, die diesen<br />
+tiefen Eingang hat. Laß ein<br />
+die, die ich dir zugewiesen,<br />
+daß sie wachsend Heloïsen<br />
+überstehn und Überschrein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SANKT_GEORG" id="SANKT_GEORG"></a>SANKT GEORG<br />
+<br />
+<br />
+Und sie hatte ihn die ganze Nacht<br />
+angerufen, hingekniet, die schwache<br />
+wache Jungfrau: Siehe, dieser Drache,<br />
+und ich weiß es nicht, warum er wacht.<br />
+<br />
+Und da brach er aus dem Morgengraun<br />
+auf dem Falben, strahlend Helm und Haubert,<br />
+und er sah sie, traurig und verzaubert<br />
+aus dem Knieen aufwärtsschaun<br />
+<br />
+zu dem Glänze, der er war.<br />
+Und er sprengte glänzend längs der Länder<br />
+abwärts mit erhobnem Doppelhänder<br />
+in die offene Gefahr,<br />
+<br />
+viel zu furchtbar, aber doch erfleht.<br />
+Und sie kniete knieender, die Hände<br />
+fester faltend, daß er sie bestände;<br />
+denn sie wußte nicht, daß der besteht,<br />
+<br />
+den ihr Herz, ihr reines und bereites,<br />
+aus dem Licht des göttlichen Geleites<br />
+niederreißt. Zu Seiten seines Streites<br />
+stand, wie Türme stehen, ihr Gebet.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAME_AUF_EINEM_BALKON" id="DAME_AUF_EINEM_BALKON"></a>DAME AUF EINEM BALKON<br />
+<br />
+<br />
+Plötzlich tritt sie, in den Wind gehüllt,<br />
+licht in Lichtes, wie herausgegriffen,<br />
+während jetzt die Stube wie geschliffen<br />
+hinter ihr die Türe füllt<br />
+<br />
+dunkel wie der Grund einer Kamee,<br />
+die ein Schimmern durchläßt durch die Ränder;<br />
+und du meinst, der Abend war nicht, ehe<br />
+sie heraustrat, um auf das Geländer<br />
+<br />
+noch ein wenig von sich fortzulegen,<br />
+noch die Hände,&mdash;um ganz leicht zu sein:<br />
+wie dem Himmel von den Häuserreihn<br />
+hingereicht, von allem zu bewegen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEGEGNUNG_IN_DER_KASTANIEN-ALLEE" id="BEGEGNUNG_IN_DER_KASTANIEN-ALLEE"></a>BEGEGNUNG IN DER KASTANIEN-ALLEE<br />
+<br />
+<br />
+Ihm ward des Eingangs grüne Dunkelheit<br />
+kühl wie ein Seidenmantel umgegeben,<br />
+den er noch nahm und ordnete: als eben<br />
+am andern transparenten Ende, weit,<br />
+<br />
+aus grüner Sonne, wie aus grünen Scheiben,<br />
+weiß eine einzelne Gestalt<br />
+aufleuchtete, um lange fern zu bleiben<br />
+und schließlich, von dem Lichterniedertreiben<br />
+bei jedem Schritte überwallt,<br />
+<br />
+ein helles Wechseln auf sich herzutragen,<br />
+das scheu im Blond nach hinten lief.<br />
+Aber auf einmal war der Schatten tief,<br />
+und nahe Augen lagen aufgeschlagen<br />
+<br />
+in einem neuen deutlichen Gesicht,<br />
+das wie in einem Bildnis verweilte<br />
+in dem Moment, da man sich wieder teilte:<br />
+erst war es immer, und dann war es nicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_SCHWESTERN" id="DIE_SCHWESTERN"></a>DIE SCHWESTERN<br />
+<br />
+<br />
+Sieh, wie sie dieselben Möglichkeiten<br />
+anders an sich tragen und verstehn,<br />
+so als sähe man verschiedne Zeiten<br />
+durch zwei gleiche Zimmer gehn.<br />
+<br />
+Jede meint die andere zu stützen,<br />
+während sie doch müde an ihr ruht;<br />
+und sie können nicht einander nützen,<br />
+denn sie legen Blut auf Blut,<br />
+<br />
+wenn sie sich wie früher sanft berühren<br />
+und versuchen, die Allee entlang<br />
+sich geführt zu fühlen und zu führen:<br />
+ach, sie haben nicht denselben Gang.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="UBUNG_AM_KLAVIER" id="UBUNG_AM_KLAVIER"></a>ÜBUNG AM KLAVIER<br />
+<br />
+<br />
+Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde;<br />
+sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid<br />
+und legte in die triftige Etüde<br />
+die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,<br />
+<br />
+die kommen konnte morgen, heute abend,<br />
+die vielleicht da war, die man nur verbarg;<br />
+und vor den Fenstern, hoch und alles habend,<br />
+empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.<br />
+<br />
+Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte<br />
+die Hände, wünschte sich ein langes Buch<br />
+und schob auf einmal den Jasmingeruch<br />
+erzürnt zurück. Sie fand, daß er sie kränkte.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_LIEBENDE" id="DIE_LIEBENDE"></a>DIE LIEBENDE<br />
+<br />
+<br />
+Das ist mein Fenster. Eben<br />
+bin ich so sanft erwacht.<br />
+Ich dachte, ich würde schweben.<br />
+Bis wohin reicht mein Leben,<br />
+und wo beginnt die Nacht?<br />
+<br />
+Ich könnte meinen, alles<br />
+wäre noch ich ringsum;<br />
+durchsichtig wie eines Kristalles<br />
+Tiefe, verdunkelt, stumm.<br />
+<br />
+Ich könnte auch noch die Sterne<br />
+fassen in mir; so groß<br />
+scheint mir mein Herz; so gerne<br />
+ließ es ihn wieder los,<br />
+<br />
+den ich vielleicht zu lieben,<br />
+vielleicht zu halten begann.<br />
+Fremd wie niebeschrieben<br />
+sieht mich mein Schicksal an.<br />
+<br />
+Was bin ich unter diese<br />
+Unendlichkeit gelegt,<br />
+duftend wie eine Wiese,<br />
+hin und her bewegt,<br />
+<br />
+rufend zugleich und bange,<br />
+daß einer den Ruf vernimmt,<br />
+und zum Untergange<br />
+in einem andern bestimmt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_ROSENINNERE" id="DAS_ROSENINNERE"></a>DAS ROSENINNERE<br />
+<br />
+<br />
+Wo ist zu diesem Innen<br />
+ein Außen? Auf welches Weh<br />
+legt man solches Linnen?<br />
+Welche Himmel spiegeln sich drinnen<br />
+in dem Binnensee<br />
+dieser offenen Rosen,<br />
+dieser sorglosen, sieh:<br />
+wie sie lose im Losen<br />
+liegen, als könnte nie<br />
+eine zitternde Hand sie verschütten.<br />
+Sie können sich selber kaum<br />
+halten; viele ließen<br />
+sich überfüllen und fließen<br />
+über von Innenraum<br />
+in die Tage, die immer<br />
+voller und voller sich schließen,<br />
+bis der ganze Sommer ein Zimmer<br />
+wird, ein Zimmer in einem Traum.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAMEN-BILDNIS_AUS_DEN_ACHTZIGER_JAHREN" id="DAMEN-BILDNIS_AUS_DEN_ACHTZIGER_JAHREN"></a>DAMEN-BILDNIS AUS DEN ACHTZIGER JAHREN<br />
+<br />
+<br />
+Wartend stand sie an den schwergerafften<br />
+dunklen Atlasdraperien,<br />
+die ein Aufwand falscher Leidenschaften<br />
+über ihr zu ballen schien;<br />
+<br />
+seit den noch so nahen Mädchenjahren<br />
+wie mit einer anderen vertauscht:<br />
+müde unter den getürmten Haaren,<br />
+in den Rüschen-Roben unerfahren<br />
+und von allen Falten wie belauscht<br />
+<br />
+bei dem Heimweh und dem schwachen Planen,<br />
+wie das Leben weiter werden soll:<br />
+anders, wirklicher, wie in Romanen,<br />
+hingerissen und verhängnisvoll,&mdash;<br />
+<br />
+daß man etwas erst in die Schatullen<br />
+legen dürfte, um sich im Geruch<br />
+von Erinnerungen einzulullen;<br />
+daß man endlich in dem Tagebuch<br />
+<br />
+einen Anfang fände, der nicht schon<br />
+unterm Schreiben sinnlos wird und Lüge,<br />
+und ein Blatt von einer Rose trüge<br />
+in dem schweren leeren Medaillon,<br />
+<br />
+welches liegt auf jedem Atemzug.<br />
+Daß man einmal durch das Fenster winkte<br />
+diese schlanke Hand, die neuberingte,<br />
+hätte dran für Monate genug.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAME_VOR_DEM_SPIEGEL" id="DAME_VOR_DEM_SPIEGEL"></a>DAME VOR DEM SPIEGEL<br />
+<br />
+<br />
+Wie in einem Schlaftrunk Spezerein,<br />
+löst sie leise in dem flüssigklaren<br />
+Spiegel ihr ermüdetes Gebaren;<br />
+und sie tut ihr Lächeln ganz hinein.<br />
+<br />
+Und sie wartet, daß die Flüssigkeit<br />
+davon steigt; dann gießt sie ihre Haare<br />
+in den Spiegel und, die wunderbare<br />
+Schulter hebend aus dem Abendkleid,<br />
+<br />
+trinkt sie still aus ihrem Bild. Sie trinkt,<br />
+was ein Liebender im Taumel tränke,<br />
+prüfend, voller Mißtraun; und sie winkt<br />
+<br />
+erst der Zofe, wenn sie auf dem Grunde<br />
+ihres Spiegels Lichter findet, Schränke<br />
+und das Trübe einer späten Stunde.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_GREISIN" id="DIE_GREISIN"></a>DIE GREISIN<br />
+<br />
+<br />
+Weiße Freundinnen mitten im Heute<br />
+lachen und horchen und planen für morgen<br />
+abseits erwägen gelassene Leute<br />
+langsam ihre besonderen Sorgen,<br />
+<br />
+das Warum und das Wann und das Wie,<br />
+und man hört sie sagen: Ich glaube&mdash;;<br />
+aber in ihrer Spitzenhaube<br />
+ist sie sicher, als wüßte sie,<br />
+<br />
+daß sie sich irren, diese und alle.<br />
+Und das Kinn, im Niederfalle,<br />
+lehnt sich an die weiße Koralle,<br />
+die den Schal zur Stirne stimmt.<br />
+<br />
+Einmal aber, bei einem Gelache,<br />
+holt sie aus springenden Lidern zwei wache<br />
+Blicke und zeigt diese harte Sache,<br />
+wie man aus einem geheimen Fache<br />
+schöne ererbte Steine nimmt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_BETT" id="DAS_BETT"></a>DAS BETT<br />
+<br />
+<br />
+Laß sie meinen, daß sich in privater<br />
+Wehmut löst, was einer dort bestritt.<br />
+Nirgend sonst als da ist ein Theater;<br />
+reiß den hohen Vorhang fort&mdash;; da tritt<br />
+<br />
+vor den Chor der Nächte, der begann<br />
+ein unendlich breites Lied zu sagen,<br />
+jene Stunde auf, bei der sie lagen,<br />
+und zerreißt ihr Kleid und klagt sich an,<br />
+<br />
+um der andern, um der Stunde willen,<br />
+die sich wehrt und wälzt im Hintergrunde;<br />
+denn sie konnte sie mit sich nicht stillen.<br />
+Aber da sie zu der fremden Stunde<br />
+<br />
+sich gebeugt: da war auf ihr,<br />
+was sie am Geliebten einst gefunden,<br />
+nur so drohend und so groß verbunden<br />
+und entzogen wie in einem Tier.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_FREMDE" id="DER_FREMDE"></a>DER FREMDE<br />
+<br />
+<br />
+Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten,<br />
+die er müde nicht mehr fragen hieß,<br />
+ging er wieder fort; verlor, verließ&mdash;.<br />
+Denn er hing an solchen Reisenächten<br />
+<br />
+anders als an jeder Liebesnacht.<br />
+Wunderbare hatte er durchwacht,<br />
+die mit starken Sternen überzogen<br />
+enge Fernen auseinanderbogen<br />
+und sich wandelten wie eine Schlacht;<br />
+<br />
+andre, die mit in den Mond gestreuten<br />
+Dörfern, wie mit hingehaltnen Beuten,<br />
+sich ergaben, oder durch geschonte<br />
+Parke graue Edelsitze zeigten,<br />
+die er gerne in dem hingeneigten<br />
+Haupte einen Augenblick bewohnte,<br />
+tiefer wissend, daß man nirgends bleibt;<br />
+und schon sah er bei dem nächsten Biegen<br />
+wieder Wege, Brücken, Länder liegen<br />
+bis an Städte, die man übertreibt.<br />
+<br />
+Und dies alles immer unbegehrend<br />
+hinzulassen, schien ihm mehr als seines<br />
+Lebens Lust, Besitz und Ruhm.<br />
+Doch auf fremden Plätzen war ihm eines<br />
+täglich ausgetretnen Brunnensteines<br />
+Mulde manchmal wie ein Eigentum.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ANFAHRT" id="DIE_ANFAHRT"></a>DIE ANFAHRT<br />
+<br />
+<br />
+War in des Wagens Wendung dieser Schwung?<br />
+War er im Blick, mit dem man die barocken<br />
+Engelfiguren, die bei blauen Glocken<br />
+im Felde standen voll Erinnerung,<br />
+<br />
+annahm und hielt und wieder ließ, bevor<br />
+der Schloßpark schließend um die Fahrt sich drängte,<br />
+an die er streifte, die er überhängte<br />
+und plötzlich freigab: denn da war das Tor,<br />
+<br />
+das nun, als hätte es sie angerufen,<br />
+die lange Front zu einer Schwenkung zwang,<br />
+nach der sie stand. Aufglänzend ging ein Gleiten<br />
+die Glastür abwärts; und ein Windhund drang<br />
+aus ihrem Aufgehn, seine nahen Seiten<br />
+heruntertragend von den flachen Stufen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_SONNENUHR" id="DIE_SONNENUHR"></a>DIE SONNENUHR<br />
+<br />
+<br />
+Selten reicht ein Schauer feuchter Fäule<br />
+aus dem Gartenschatten, wo einander<br />
+Tropfen fallen hören und ein Wander-<br />
+vogel lautet, zu der Säule,<br />
+die in Majoran und Koriander<br />
+steht und Sommerstunden zeigt;<br />
+<br />
+nur sobald die Dame (der ein Diener<br />
+nachfolgt) in dem hellen Florentiner<br />
+über ihren Rand sich neigt,<br />
+wird sie schattig und verschweigt&mdash;.<br />
+<br />
+Oder wenn ein sommerlicher Regen<br />
+aufkommt aus dem wogenden Bewegen<br />
+hoher Kronen, hat sie eine Pause;<br />
+denn sie weiß die Zeit nicht auszudrücken,<br />
+die dann in den Frucht- und Blumenstücken<br />
+plötzlich glüht im weißen Gartenhause.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SCHLAFMOHN" id="SCHLAFMOHN"></a>SCHLAFMOHN<br />
+<br />
+<br />
+Abseits im Garten blüht der böse Schlaf,<br />
+in welchem die, die heimlich eingedrungen,<br />
+die Liebe fanden junger Spiegelungen,<br />
+die willig waren, offen und konkav,<br />
+<br />
+und Träume, die mit aufgeregten Masken<br />
+auftraten, riesiger durch die Kothurne&mdash;:<br />
+das alles stockt in diesen oben flasken<br />
+weichlichen Stengeln, die die Samenurne<br />
+<br />
+(nachdem sie lang, die Knospe abwärts tragend<br />
+zu welken meinten) festverschlossen heben:<br />
+gefranste Kelche auseinanderschlagend,<br />
+die fieberhaft das Mohngefäß umgeben.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_FLAMINGOS" id="DIE_FLAMINGOS"></a>DIE FLAMINGOS<br />
+<br />
+PARIS, JARDIN DES PLANTES<br />
+<br />
+<br />
+In Spiegelbildern wie von Fragonard<br />
+ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte<br />
+nicht mehr gegeben, als dir einer böte,<br />
+wenn er von seiner Freundin sagt: sie war<br />
+<br />
+noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüne<br />
+und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht,<br />
+beisammen, blühend, wie in einem Beet,<br />
+verführen sie verführender als Phryne<br />
+<br />
+sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche<br />
+hinhalsend bergen in der eignen Weiche,<br />
+in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.<br />
+<br />
+Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière;<br />
+sie aber haben sich erstaunt gestreckt<br />
+und schreiten einzeln ins Imaginäre.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="PERSISCHES_HELIOTROP" id="PERSISCHES_HELIOTROP"></a>PERSISCHES HELIOTROP<br />
+<br />
+<br />
+Es könnte sein, daß dir der Rose Lob<br />
+zu laut erscheint für deine Freundin: nimm<br />
+das schön gestickte Kraut und überstimm<br />
+mit dringend flüsterndem Heliotrop<br />
+<br />
+den ßülbül, der an ihren Lieblingsplätzen<br />
+sie schreiend preist und sie nicht kennt.<br />
+Denn sieh: wie süße Worte nachts in Sätzen<br />
+beisammenstehn ganz dicht, durch nichts getrennt,<br />
+aus der Vokale wachem Violett<br />
+hindüftend durch das stille Himmelbett&mdash;:<br />
+<br />
+so schließen sich vor dem gesteppten Laube<br />
+deutliche Sterne zu der seidnen Traube<br />
+und mischen, daß sie fast davon verschwimmt,<br />
+die Stille mit Vanille und mit Zimt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SCHLAFLIED" id="SCHLAFLIED"></a>SCHLAFLIED<br />
+<br />
+<br />
+Einmal, wenn ich dich verlier,<br />
+wirst du schlafen können, ohne<br />
+daß ich wie eine Lindenkrone<br />
+mich verflüstre über dir?<br />
+<br />
+Ohne daß ich hier wache und<br />
+Worte, beinah wie Augenlider,<br />
+auf deine Brüste, auf deine Glieder<br />
+niederlege, auf deinen Mund?<br />
+<br />
+Ohne daß ich dich verschließ<br />
+und dich allein mit Deinem lasse,<br />
+wie einen Garten mit einer Masse<br />
+von Melissen und Sternanis?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_PAVILLON" id="DER_PAVILLON"></a>DER PAVILLON<br />
+<br />
+<br />
+Aber selbst noch durch die Flügeltüren<br />
+mit dem grünen, regentrüben Glas<br />
+ist ein Spiegeln lächelnder Allüren<br />
+und ein Glanz von jenem Glück zu spüren,<br />
+das sich dort, wohin sie nicht mehr führen,<br />
+einst verbarg, verklärte und vergaß.<br />
+<br />
+Aber selbst noch in den Steingirlanden<br />
+über der nicht mehr berührten Tür<br />
+ist ein Hang zur Heimlichkeit vorhanden<br />
+und ein stilles Mitgefühl dafür,<br />
+<br />
+und sie schauern manchmal wie gespiegelt,<br />
+wenn ein Wind sie schattig überlief;<br />
+auch das Wappen, wie auf einem Brief<br />
+viel zu glücklich, überstürzt gesiegelt,<br />
+<br />
+redet noch. Wie wenig man verscheuchte:<br />
+alles weiß noch, weint noch, tut noch weh.<br />
+Und im Fortgehn durch die tränenfeuchte,<br />
+abgelegene Allee<br />
+<br />
+fühlt man lang noch auf dem Rand des Dachs<br />
+jene Urnen stehen, kalt, zerspalten,<br />
+doch entschlossen, noch zusammzuhalten<br />
+um die Asche alter Achs.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ENTFUHRUNG" id="DIE_ENTFUHRUNG"></a>DIE ENTFÜHRUNG<br />
+<br />
+<br />
+Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen<br />
+entwichen, um die Nacht und den Wind<br />
+(weil sie drinnen so anders sind)<br />
+draußen zu sehn an ihrem Beginnen;<br />
+<br />
+doch keine Sturmnacht hatte gewiß<br />
+den riesigen Park so in Stücke gerissen,<br />
+wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß,<br />
+<br />
+da er sie nahm von der seidenen Leiter<br />
+und sie weitertrug, weiter, weiter:<br />
+<br />
+bis der Wagen alles war.<br />
+<br />
+Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,<br />
+um den verhalten das Jagen stand<br />
+und die Gefahr.<br />
+Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;<br />
+und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.<br />
+Sie kroch in ihren Mantelkragen<br />
+und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,<br />
+und hörte fremd einen Fremden sagen:<br />
+Ichbinbeidir.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ROSA_HORTENSIE" id="ROSA_HORTENSIE"></a>ROSA HORTENSIE<br />
+<br />
+<br />
+Wer nahm das Rosa an? Wer wußte auch,<br />
+daß es sich sammelte in diesen Dolden?<br />
+Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,<br />
+entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.<br />
+<br />
+<br />
+Daß sie für solches Rosa nichts verlangen,<br />
+bleibt es für sie und lächelt aus der Luft?<br />
+Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen,<br />
+wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?<br />
+<br />
+Oder vielleicht auch geben sie es preis,<br />
+damit es nie erführe vom Verblühn.<br />
+Doch unter diesem Rosa hat ein Grün<br />
+gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_WAPPEN" id="DAS_WAPPEN"></a>DAS WAPPEN<br />
+<br />
+<br />
+Wie ein Spiegel, der, von ferne tragend,<br />
+lautlos in sich aufnahm, ist der Schild;<br />
+offen einstens, dann zusammenschlagend<br />
+über einem Spiegelbild<br />
+<br />
+jener Wesen, die in des Geschlechts<br />
+Weiten wohnen, nicht mehr zu bestreiten,<br />
+seiner Dinge, seiner Wirklichkeiten<br />
+(rechte links und linke rechts),<br />
+<br />
+die er eingesteht und sagt und zeigt.<br />
+Drauf, mit Ruhm und Dunkel ausgeschlagen,<br />
+ruht der Spangenhelm, verkürzt,<br />
+<br />
+den das Flügelkleinod übersteigt,<br />
+während seine Decke wie mit Klagen<br />
+reich und aufgeregt herniederstürzt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_JUNGGESELLE" id="DER_JUNGGESELLE"></a>DER JUNGGESELLE<br />
+<br />
+<br />
+Lampe auf den verlassenen Papieren,<br />
+und ringsum Nacht bis weit hinein ins Holz<br />
+der Schränke. Und er konnte sich verlieren<br />
+an sein Geschlecht, das nun mit ihm zerschmolz;<br />
+ihm schien, je mehr er las, er hätte ihren,<br />
+sie aber hatten alle seinen Stolz.<br />
+<br />
+Hochmütig steiften sich die leeren Stühle<br />
+die Wand entlang, und lauter Selbstgefühle<br />
+machten sich schläfernd in den Möbeln breit;<br />
+von oben goß sich Nacht auf die Pendüle,<br />
+und zitternd rann aus ihrer goldnen Mühle,<br />
+ganz fein gemahlen, seine Zeit.<br />
+<br />
+Er nahm sie nicht. Um fiebernd unter jenen,<br />
+als zöge er die Laken ihrer Leiber,<br />
+andre Zeiten wegzuzerrn.<br />
+Bis er ins Flüstern kam; (was war ihm fern?)<br />
+Er lobte einen dieser Briefeschreiber,<br />
+als sei der Brief an ihn: wie du mich kennst;<br />
+und klopfte lustig auf die Seitenlehnen.<br />
+Der Spiegel aber, innen unbegrenzter,<br />
+ließ leise einen Vorhang aus, ein Fenster&mdash;:<br />
+denn dorten stand, fast fertig, das Gespenst.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_EINSAME" id="DER_EINSAME"></a>DER EINSAME<br />
+<br />
+<br />
+Nein: ein Turm soll sein aus meinem Herzen<br />
+und ich selbst an seinen Rand gestellt:<br />
+wo sonst nichts mehr ist, noch einmal Schmerzen<br />
+und Unsäglichkeit, noch einmal Welt.<br />
+<br />
+Noch ein Ding allein im Übergroßen,<br />
+welches dunkel wird und wieder licht,<br />
+noch ein letztes, sehnendes Gesicht<br />
+in das Nie-zu-Stillende verstoßen,<br />
+<br />
+noch ein äußerstes Gesicht aus Stein,<br />
+willig seinen inneren Gewichten,<br />
+das die Weiten, die es still vernichten,<br />
+zwingen, immer seliger zu sein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_LESER" id="DER_LESER"></a>DER LESER<br />
+<br />
+<br />
+Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht<br />
+wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,<br />
+das nur das schnelle Wenden voller Seiten<br />
+manchmal gewaltsam unterbricht?<br />
+<br />
+Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,<br />
+ob er es ist, der da mit seinem Schatten<br />
+Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,<br />
+was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis<br />
+<br />
+er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,<br />
+was unten in dem Buche sich verhielt,<br />
+mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend<br />
+anstießen an die fertig-volle Welt:<br />
+wie stille Kinder, die allein gespielt,<br />
+auf einmal das Vorhandene erfahren;<br />
+doch seine Züge, die geordnet waren,<br />
+blieben für immer umgestellt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_APFELGARTEN" id="DER_APFELGARTEN"></a>DER APFELGARTEN<br />
+<br />
+BORGEBY-GARD<br />
+<br />
+<br />
+Komm gleich nach dem Sonnenuntergänge,<br />
+sieh das Abendgrün des Rasengrunds;<br />
+ist es nicht, als hätten wir es lange<br />
+angesammelt und erspart in uns,<br />
+<br />
+um es jetzt aus Fühlen und Erinnern,<br />
+neuer Hoffnung, halbvergeßnem Freun,<br />
+noch vermischt mit Dunkel aus dem Innern,<br />
+in Gedanken vor uns hinzustreun<br />
+<br />
+unter Bäume wie von Dürer, die<br />
+das Gewicht von hundert Arbeitstagen<br />
+in den überfüllten Früchten tragen,<br />
+dienend, voll Geduld, versuchend, wie<br />
+<br />
+das, was alle Maße übersteigt,<br />
+noch zu heben ist und hinzugeben,<br />
+wenn man willig, durch ein langes Leben<br />
+nur das Eine will und wächst und schweigt?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_BERUFUNG" id="DIE_BERUFUNG"></a>DIE BERUFUNG<br />
+<br />
+<br />
+Da aber als in sein Versteck der Hohe,<br />
+sofort Erkennbare: der Engel, trat<br />
+aufrecht, der lautere und lichterlohe,<br />
+da tat er allen Anspruch ab und bat,<br />
+<br />
+bleiben zu dürfen, der von seinen Reisen<br />
+innen verwirrte Kaufmann, der er war;<br />
+er hatte nie gelesen und nun gar<br />
+ein solches Wort, zu viel für einen Weisen.<br />
+<br />
+Der Engel aber, herrisch, wies und wies<br />
+ihm, was geschrieben stand auf seinem Blatte,<br />
+und gab nicht nach und wollte wieder: lies.<br />
+<br />
+Da las er: so, daß sich der Engel bog,<br />
+und war schon einer, der gelesen <i>hatte</i><br />
+und konnte und gehorchte und vollzog.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_BERG" id="DER_BERG"></a>DER BERG<br />
+<br />
+<br />
+Sechsunddreißigmal und hundertmal<br />
+hat der Maler jenen Berg geschrieben,<br />
+weggerissen, wieder hingetrieben<br />
+(sechsunddreißigmal und hundertmal)<br />
+<br />
+zu dem unbegreiflichen Vulkane,<br />
+selig, voll Versuchung, ohne Rat,&mdash;<br />
+während der mit Umriß Angetane<br />
+seiner Herrlichkeit nicht Einhalt tat:<br />
+<br />
+tausendmal aus allen Tagen tauchend,<br />
+Nächte ohnegleichen von sich ab<br />
+fallen lassend, alle wie zu knapp;<br />
+jedes Bild im Augenblick verbrauchend,<br />
+von Gestalt gesteigert zu Gestalt,<br />
+teilnahmslos und weit und ohne Meinung&mdash;,<br />
+um auf einmal wissend, wie Erscheinung,<br />
+sich zu heben hinter jedem Spalt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_BALL" id="DER_BALL"></a>DER BALL<br />
+<br />
+<br />
+Du Runder, der das Warme aus zwei Händen<br />
+im Fliegen oben fortgibt, sorglos wie<br />
+sein Eigenes; was in den Gegenständen<br />
+nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,<br />
+<br />
+zu wenig Ding und doch noch Ding genug,<br />
+um nicht aus allem draußen Aufgereihten<br />
+unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:<br />
+das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug<br />
+<br />
+noch Unentschlossener, der, wenn er steigt,<br />
+als hätte er ihn mit hinaufgehoben,<br />
+den Wurf entführt und freiläßt&mdash;, und sich neigt<br />
+und einhält und den Spielenden von oben<br />
+auf einmal eine neue Stelle zeigt,<br />
+sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,<br />
+<br />
+um dann, erwartet und erwünscht von allen,<br />
+rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,<br />
+dem Becher hoher Hände zuzufallen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_KIND" id="DAS_KIND"></a>DAS KIND<br />
+<br />
+<br />
+Unwillkürlich sehn sie seinem Spiel<br />
+lange zu; zuweilen tritt das runde<br />
+seiende Gesicht aus dem Profil,<br />
+klar und ganz wie eine volle Stunde,<br />
+<br />
+welche anhebt und zu Ende schlägt.<br />
+Doch die andern zählen nicht die Schläge,<br />
+trüb von Mühsal und vom Leben träge;<br />
+und sie merken gar nicht, wie es trägt&mdash;;<br />
+<br />
+wie es alles trägt, auch dann, noch immer,<br />
+wenn es müde in dem kleinen Kleid<br />
+neben ihnen wie im Wartezimmer<br />
+sitzt und warten will auf seine Zeit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_HUND" id="DER_HUND"></a>DER HUND<br />
+<br />
+<br />
+Da oben wird das Bild von einer Welt<br />
+aus Blicken immerfort erneut und gilt.<br />
+Nur manchmal, heimlich, kommt ein Ding und stellt<br />
+sich neben ihn, wenn er durch dieses Bild<br />
+<br />
+sich drängt, ganz unten, anders, wie er ist;<br />
+nicht ausgestoßen und nicht eingereiht<br />
+und wie im Zweifel seine Wirklichkeit<br />
+weggebend an das Bild, das er vergißt,<br />
+<br />
+um dennoch immer wieder sein Gesicht<br />
+hineinzuhalten, fast mit einem Flehen,<br />
+beinah begreifend, nah am Einverstehen<br />
+und doch verzichtend: denn er wäre nicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_KAFERSTEIN" id="DER_KAFERSTEIN"></a>DER KÄFERSTEIN<br />
+<br />
+<br />
+Sind nicht Sterne fast in deiner Nähe,<br />
+und was gibt es, das du nicht umspannst,<br />
+da du dieser harten Skarabäe<br />
+Karneolkern gar nicht fassen kannst<br />
+<br />
+ohne jenen Raum, der ihre Schilder<br />
+niederhält, auf deinem ganzen Blut<br />
+mitzutragen; niemals war er milder,<br />
+näher, hingegebener. Er ruht<br />
+<br />
+seit Jahrtausenden auf diesen Käfern,<br />
+wo ihn keiner braucht und unterbricht;<br />
+und die Käfer schließen sich und schläfern<br />
+unter seinem wiegenden Gewicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BUDDHA_IN_DER_GLORIE" id="BUDDHA_IN_DER_GLORIE"></a>BUDDHA IN DER GLORIE<br />
+<br />
+<br />
+Mitte aller Mitten, Kern der Kerne,<br />
+Mandel, die sich einschließt und versüßt,&mdash;<br />
+dieses alles bis an alle Sterne<br />
+ist dein Fruchtfleisch: Sei gegrüßt.<br />
+<br />
+Sieh, du fühlst, wie nichts mehr an dir hängt;<br />
+im Unendlichen ist deine Schale,<br />
+und dort steht der starke Saft und drängt.<br />
+Und von außen hilft ihm ein Gestrahle,<br />
+<br />
+denn ganz oben werden deine Sonnen<br />
+voll und glühend umgedreht.<br />
+Doch in dir ist schon begonnen,<br />
+was die Sonnen übersteht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<br />
+<br />
+<br />
+<a href="#ARCHAISCHER_TORSO_APOLLOS">Archaischer Torso Apollos</a><br />
+<a href="#KRETISCHE_ARTEMIS">Kretische Artemis</a><br />
+<a href="#LEDA">Leda</a><br />
+<a href="#DELPHINE">Delphine</a><br />
+<a href="#DIE_INSEL_DER_SIRENEN">Die Insel der Sirenen</a><br />
+<a href="#KLAGE_UM_ANTINOUS">Klage um Antinous</a><br />
+<a href="#DER_TOD_DER_GELIEBTEN">Der Tod der Geliebten</a><br />
+<a href="#KLAGE_UM_JONATHAN">Klage um Jonathan</a><br />
+<a href="#TROSTUNG_DES_ELIA">Tröstung des Elia</a><br />
+<a href="#SAUL_UNTER_DEN_PROPHETEN">Saul unter den Propheten</a><br />
+<a href="#SAMUELS_ERSCHEINUNG_VOR_SAUL">Samuels Erscheinung vor Saul</a><br />
+<a href="#EIN_PROPHET">Ein Prophet</a><br />
+<a href="#JEREMIAS">Jeremias</a><br />
+<a href="#EINE_SIBYLLE">Eine Sibylle</a><br />
+<a href="#ABSALOMS_ABFALL">Absaloms Abfall</a><br />
+<a href="#ESTHER">Esther</a><br />
+<a href="#DER_AUSSATZIGE_KONIG">Der aussätzige König</a><br />
+<a href="#LEGENDE_VON_DEN_DREI_LEBENDIGEN_UND_DEN_DREI_TOTEN">Legende von den drei Lebendigen und den drei Toten</a><br />
+<a href="#DER_KONIG_VON_MUNSTER">Der König von Münster</a><br />
+<a href="#TOTENTANZ">Totentanz</a><br />
+<a href="#DAS_JUNGSTE_GERICHT">Das Jüngste Gericht</a><br />
+<a href="#DIE_VERSUCHUNG">Die Versuchung</a><br />
+<a href="#DER_ALCHIMIST">Der Alchimist</a><br />
+<a href="#DER_RELIQUIENSCHREIN">Der Reliquienschrein</a><br />
+<a href="#DAS_GOLD">Das Gold</a><br />
+<a href="#DER_STYLIT">Der Stylit</a><br />
+<a href="#DIE_AGYPTISCHE_MARIA">Die ägyptische Maria</a><br />
+<a href="#KREUZIGUNG">Kreuzigung</a><br />
+<a href="#DER_AUFERSTANDENE">Der Auferstandene</a><br />
+<a href="#MAGNIFIKAT">Magnifikat</a><br />
+<a href="#ADAM">Adam</a><br />
+<a href="#EVA">Eva</a><br />
+<a href="#IRRE_IM_GARTEN">Irre im Garten</a> (Dijon)<br />
+<a href="#DIE_IRREN">Die Irren</a><br />
+<a href="#AUS_DEM_LEBEN_EINES_HEILIGEN">Aus dem Leben eines Heiligen</a><br />
+<a href="#DIE_BETTLER">Die Bettler</a><br />
+<a href="#FREMDE_FAMILIE">Fremde Familie</a><br />
+<a href="#LEICHEN_WASCHE">Leichenwäsche</a><br />
+<a href="#EINE_VON_DEN_ALTEN">Eine von den Alten</a> (Paris)<br />
+<a href="#DER_BLINDE">Der Blinde</a> (Paris)<br />
+<a href="#EINE_WELKE">Eine Welke</a><br />
+<a href="#ABENDMAHL">Abendmahl</a><br />
+<a href="#DIE_BRANDSTATTE">Die Brandstätte</a><br />
+<a href="#DIE_GRUPPE">Die Gruppe</a> (Paris)<br />
+<a href="#SCHLANGENBESCHWORUNG">Schlangenbeschwörung</a><br />
+<a href="#SCHWARZE_KATZE">Schwarze Katze</a><br />
+<a href="#VOR-OSTERN">Vor-Ostern</a> (Neapel)<br />
+<a href="#DER_BALKON">Der Balkon</a> (Neapel)<br />
+<a href="#AUSWANDERER-SCHIFF">Auswanderer-Schiff</a> (Neapel)<br />
+<a href="#LANDSCHAFT">Landschaft</a><br />
+<a href="#ROMISCHE_CAMPAGNA">Römische Campagna</a><br />
+<a href="#LIED_VOM_MEER">Lied vom Meer</a> (Capri, Piccola Marina)<br />
+<a href="#NACHTLICHE_FAHRT">Nächtliche Fahrt</a> (Sankt Petersburg)<br />
+<a href="#PAPAGEIENPARK">Papageienpark</a> (Paris)<br />
+<a href="#DIE_PARKE">Die Parke</a> I-VII<br />
+<a href="#BILDNIS">Bildnis</a><br />
+<a href="#VENEZIANISCHER_MORGEN">Venezianischer Morgen</a><br />
+<a href="#SPATHERBST_IN_VENEDIG">Spätherbst in Venedig</a><br />
+<a href="#SAN_MARCO">San Marco</a> (Venedig)<br />
+<a href="#EIN_DOGE">Ein Doge</a><br />
+<a href="#DIE_LAUTE">Die Laute</a><br />
+<a href="#DER_ABENTEURER">Der Abenteurer</a> I, II<br />
+<a href="#FALKEN-BEIZE">Falkenbeize</a><br />
+<a href="#CORRIDA">Corrida</a> (In memoriam Montez, 1830)<br />
+<a href="#DON_JUANS_KINDHEIT">Don Juans Kindheit</a><br />
+<a href="#DON_JUANS_AUSWAHL">Don Juans Auswahl</a><br />
+<a href="#SANKT_GEORG">Sankt Georg</a><br />
+<a href="#DAME_AUF_EINEM_BALKON">Dame auf einem Balkon</a><br />
+<a href="#BEGEGNUNG_IN_DER_KASTANIEN-ALLEE">Begegnung in der Kastanien-Allee</a><br />
+<a href="#DIE_SCHWESTERN">Die Schwestern</a><br />
+<a href="#UBUNG_AM_KLAVIER">Übung am Klavier</a><br />
+<a href="#DIE_LIEBENDE">Die Liebende</a><br />
+<a href="#DAS_ROSENINNERE">Das Roseninnere</a><br />
+<a href="#DAMEN-BILDNIS_AUS_DEN_ACHTZIGER_JAHREN">Damen-Bildnis aus den achtziger Jahren</a><br />
+<a href="#DAME_VOR_DEM_SPIEGEL">Dame vor dem Spiegel</a><br />
+<a href="#DIE_GREISIN">Die Greisin</a><br />
+<a href="#DAS_BETT">Das Bett</a><br />
+<a href="#DER_FREMDE">Der Fremde</a><br />
+<a href="#DIE_ANFAHRT">Die Anfahrt</a><br />
+<a href="#DIE_SONNENUHR">Die Sonnenuhr</a><br />
+<a href="#SCHLAFMOHN">Schlafmohn</a><br />
+<a href="#DIE_FLAMINGOS">Die Flamingos</a> (Paris, Jardin des Plantes)<br />
+<a href="#PERSISCHES_HELIOTROP">Persisches Heliotrop</a><br />
+<a href="#SCHLAFLIED">Schlaflied</a><br />
+<a href="#DER_PAVILLON">Der Pavillon</a><br />
+<a href="#DIE_ENTFUHRUNG">Die Entführung</a><br />
+<a href="#ROSA_HORTENSIE">Rosa Hortensie</a><br />
+<a href="#DAS_WAPPEN">Das Wappen</a><br />
+<a href="#DER_JUNGGESELLE">Der Junggeselle</a><br />
+<a href="#DER_EINSAME">Der Einsame</a><br />
+<a href="#DER_LESER">Der Leser</a><br />
+<a href="#DER_APFELGARTEN">Der Apfelgarten</a> (Borgeby-Gard)<br />
+<a href="#DIE_BERUFUNG">Die Berufung</a><br />
+<a href="#DER_BERG">Der Berg</a><br />
+<a href="#DER_BALL">Der Ball</a><br />
+<a href="#DAS_KIND">Das Kind</a><br />
+<a href="#DER_HUND">Der Hund</a><br />
+<a href="#DER_KAFERSTEIN">Der Käferstein</a><br />
+<a href="#BUDDHA_IN_DER_GLORIE">Buddha in der Glorie</a><br />
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Neuen Gedichte, by Rainer Maria Rilke
+
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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