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Langkau, Peter Simon, and the Project +Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden + übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden + korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet + sich am Ende des Textes. + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + + + + + +WALDEMAR BONSELS + +EROS UND DIE EVANGELIEN + +Aus den Notizen eines Vagabunden + + +67. bis 90. Tausend + + +1922 + +* * * * * + +Verlag der Literarischen Anstalt +Rütten & Loening +Frankfurt a. M. + +Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten. +Copyright 1920 by Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M. +Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann. +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. + +Die holländische Ausgabe im Verlag »Patria«, Amersfort. + + + +Kapitelfolge + +Seite +Der Tod 7 +Das Meer 109 + + + + +Erstes Kapitel + +Der Tod + + +Eines Morgens machte ich die Entdeckung, daß sich am Deckleder eines +meiner Stiefel eine Naht zu lösen begann, so daß eine Spalte klaffte, +wenn ich den Fuß streckte. Es setzte mich in Erstaunen, da meine +Stiefel, mit Ausnahme der Sohlen, eigentlich noch in einem recht +brauchbaren Zustand waren, zumal, wenn man nicht absichtlich den Blick +auf die Absätze richtete, die nicht mehr ganz grade aussahen. Da ich +damals eine für meine Verhältnisse und Ansprüche angesehene Stellung in +einer Buchdruckerei bekleidete, mußte ich Wert auf meine äußere +Erscheinung legen und begab mich deshalb zu einem Schuhmacher, der +Stevenhagen hieß und in der Nähe meiner Behausung auf einem Hofe wohnte. + +Er war, wie alle Schuhmacher, ein Mann von Nachdenklichkeit und Bildung, +besonders für die erste seiner Eigenschaften gaben meine Stiefel ihm +Gelegenheit. Er hielt sie mit einer Unnachsichtigkeit ans Licht, die +etwas Rohes an sich hatte, und sah mich dann mit einem Ernst an, der +meiner Meinung nach in keinem Verhältnis zur Bedeutung des vorliegenden +Falls stand. + +»Es handelt sich vorläufig nur um die Naht, ich springe nur eben so auf +meinem Weg zu Ihnen herein« sagte ich. + +»So,« antwortete er mit genauer Beachtung meiner Worte, »lange werden +Sie auf diesen Stiefeln nicht mehr springen.« + +Der Mann war ohne Takt, er sprach nur zur Sache, ohne in Betracht zu +ziehen, daß zu dieser Sache auch eine Person gehörte. Zudem kostete er +die zufällige Überlegenheit, die die Lage ihm einbrachte, zu auffällig +aus. Ich hätte auch vielleicht besser daran getan, nichts davon zu +sagen, daß ich nur auf einen Sprung zu ihm gekommen sei. Wenn ich die +Stiefel mürrisch und wortlos hingehalten, ins Zimmer gespuckt und +geflucht hätte, so wäre ihm von mir und meinen Stiefeln ein Gesamtbild +entstanden, das er besser überblickt und ohne inneren Widerstand +hingenommen hätte. Offenbar war er jetzt der Meinung, daß ich +beabsichtigt hatte, mehr zu scheinen, als ich war, daß ich gewissermaßen +den schlimmen Zustand meiner Bekleidung als zufällig hinzustellen +beabsichtigte, und mich für etwas besseres hielt, als andere Leute mit +zerschlissenen Stiefeln. + +Ich dachte, am besten ist es, man spricht offen mit dem Mann über diese +Dinge, und ich hätte es sicher getan, wenn draußen nicht der Regen vom +grauen Himmel geströmt wäre. Die eintönige Pflicht meines Tages lag mir +schwer im Sinn. Der Sommer ging zur Neige und die ratlose Trauer über +mein Geschick und meine Zukunft quälte mich. Welch eine Kluft gähnte +zwischen meinen Erwartungen und den Aussichten, die sich mir boten, ich +lebte Tag um Tag nur von meiner Hoffnung, sie war mein Brot. Solche +Leute sind vom Sonnenschein abhängig, wer dagegen weiß, was er zu tun +hat, tut es auch im Regen, und ein Ziel läßt sich selbst im Sturm +verfolgen, aber die Hoffnung hängt vom Licht und von der Wärme ab, wie +ein Keim in der Erde. + +Ich fühlte, während die Geräte des Handwerkers erklangen, die Unruhe mit +ihrem tödlichen Nachbarn, dem Hang zu zerstören, in mir wachsen. So +erhob ich mich von meinem Sitz auf der Fensterbank und schritt auf +Strümpfen durch die angelegte Tür auf den Hausflur hinaus, nur um mich +zu bewegen, in meinem hilflosen Ungenügen. Die Stube des Schuhmachers +lag zu ebener Erde, ein finsterer Gang führte weiter in das eng und +dürftig gebaute Hinterhaus hinein, rechts und links waren Türen und am +Ende eine Treppe, auf der es zum ersten Stockwerk emporging. Da vernahm +ich in der Dämmerung ein hoffnungsloses Weinen, es wurde durch kein +Schluchzen unterbrochen, es klang wie ein öder, stiller Gesang. Unter +diesen Lauten, die mich festhielten, wo ich stand, brach in meiner Brust +eine Quelle auf und mir war, als sei ihre Leere, an der ich eben noch +gelitten hatte, ausgefüllt wie durch eine jähe Begünstigung. Es wurde +mir warm und ich empfand Dankbarkeit, ohne daß ich mir darüber klar zu +werden vermochte, wie dies geschah, aber wie im Gehorsam gegen einen +inneren Befehl, öffnete ich die Tür, hinter der die Stimme zu klagen +schien, und trat in ein niedriges Zimmer ein, in dem eine Frau an einem +Herd vor dem erlöschenden Feuer kniete und dicht am Fenster ein Bett +stand, in dem ein Mädchen schlief. Aber es war alles still im Raum. + +Von den nur leicht verhangenen Scheiben fiel der glanzlose Tagesschein, +eine stille Lichtdecke, auf das Gesicht der Ruhenden, das weiß und +unwirklich schimmernd in das lose Haar eingebettet lag, das schwarz wie +Kohle war. Die Arme waren zur Rechten und zur Linken an den Körper +angelegt, der sich unter der leichten Decke abhob, grade gebettet wie +bei einer Toten. Aber die Ruhende lebte, denn ich sah, wie ihre Brust +sich unter ihren Atemzügen hob und senkte, aber ich erkannte zugleich, +daß sie krank war und an der Grenze ihres Lebens stand. Ich sagte zu der +Frau, die sich langsam aufrichtete und mich wortlos ansah: + +»Wenn Sie erlauben, werde ich Sie besuchen.« + +Die Frau gab mir zögernd die Hand, nickte langsam und schob mir einen +Stuhl hin, den sie mit ihrer Schürze abwischte. + +»Schickt Sie jemand zu uns?« fragte sie. + +Die anfängliche Ratlosigkeit ihres von Entbehrungen elenden Gesichts +wich einer ruhigen Aufmerksamkeit, die ohne Neugier in meinen Zügen zu +lesen trachtete. Ich antwortete nicht auf ihre Frage, weil sie meine +Antwort nicht verstanden hätte und weil ich keine Worte machen wollte, +die meinem inneren Zustand nicht entsprachen. Die Traurigkeit gibt den +Menschen eine eigenartige Freiheit, weil sie die Augen aus dem Wirrsal +der kleinen Sorgen auf ein einziges Ziel richtet, so dunkel es auch sein +mag, sie hat mit der Freude die Ausschließlichkeit gemeinsam und richtet +unsere innere Haltung aus den Regionen der täglichen Beengung in eine +Welt höherer Erwartung empor. Vielleicht vermochte diese Frau deshalb +das Seltsame meiner unvermuteten Ankunft nicht als etwas Ungewöhnliches +oder Hinderndes zu betrachten, sie nahm sie gleichmütiger hin als es +andere, in ihren Gewohnheiten gesicherte Menschen, getan hätten. + +»Wie geht es Ihrer Tochter?« fragte ich. + +Diese Frage wirkte nicht ungewöhnlich, denn eine Mutter setzt immer +voraus, daß die Welt von ihrem Kummer um ihr Kind erfüllt ist, so +antwortete sie einfach: + +»Wenn Asja nur ein einziges Mal eine Klage aussprechen wollte, wäre mir +wohler. Ich habe immer gedacht, diese Krankheit bliebe den Leidenden +verborgen, aber sie weiß sie und spricht ohne Kummer von ihrem Tod.« + +»Vielleicht ist dies eine Erleichterung«, antwortete ich. + +»Es ist doch mein Kind«, sagte sie und sah mich an. + +Darauf vermochte ich keine Antwort zu geben und sah zu Asja hinüber. Die +Ruhe ihres Gesichts erfüllte das Zimmer. Die Lider über den Augen waren +das hellste der bleichen Landschaft dieses Angesichts aus Menschenarmut, +Schlaf und Ferne. Neben dem Bett stand auf einem kleinen Tischchen eine +Tasse, eine Kerze und ein Krug. Ein Buch in rotem Einband, aus dem ein +paar lose Blätter Papier hervorschauten, lag zwischen einer Blumenvase +und einem Stück Brot. + +»Liest Asja viel?« fragte ich. + +Die Mutter nickte. »Ich gehe um Bücher, aber die Leute leihen sie +ungern. Wenn Sie Bücher hätten ...« + +»Ich kann bringen,« antwortete ich, »heute noch.« + +Die Mutter lächelte. + +»Das wäre wirklich schön, Asja wird mit Ihnen darüber sprechen, was in +den Büchern zu lesen steht. Wenn man Tag für Tag und Nacht für Nacht +auf einem Fleck daniederliegt, wird man dankbar und ist mit weniger +zufrieden, als die Menschen wissen, die alles haben, und gehen und +leben, wie sie wollen. Wenn die Toten noch Empfindungen hätten, so wären +sie sicher dankbar für jeden Wassertropfen, der durch ihre Sargwand +sickert. Ich hätte gewiß noch Kraft, vieles zu tun, was dem Kind Hilfe +brächte, aber es gibt keine mehr für uns, und das Warten, ohne etwas +bewirken zu können, macht mutlos, weil keine Hoffnung mehr da ist ... +Oft überwältigt mich dies Leben jetzt und ich meine, es nicht mehr +ertragen zu können.« + +»Als ich an Ihrer Tür vorüberging, dachte ich dasselbe.« + +»Wenn Sie noch bleiben wollen, bis Asja erwacht ...« sagte die Frau mit +zögernder Erwartung. Sie hatte ein Tuch um die Schultern gelegt, eine +Tasche über den Arm gehängt und schickte sich nun an, das Zimmer zu +verlassen. + +»Herr Stevenhagen hat meine Stiefel, es kann noch eine Weile dauern, so +bleibe ich also noch ...« + +»Asja wird sich freuen, daß man sie besucht.« + +Sie stellte noch eine kleine Glocke neben das Bett, seufzte auf, mit +einem langen Blick auf die Kranke, und gab mir die Hand. »Wenn Sie an +die Bücher denken wollen?« + +Ich versprach es und begleitete sie an die Tür. Sie kam noch einmal +zurück: Es stünde Kaffee im Rohr, wenn ich etwas wollte, oder vielleicht +auch, daß Asja darum bäte. Sie selbst ginge bis zum Mittag in die +Papierfabrik. + +Als die Tür sich geschlossen hatte, sah ich zu der Schlafenden hinüber +und begegnete ihrem Blick, der groß und dunkel auf mir ruhte. Ein kaum +bemerkbares Lächeln, ein wenig schelmisch, belebte ihre Züge und wurde +zu einem leisen Lachen, als ich meine Gegenwart zu begründen suchte. + +»Ich weiß schon,« sagte sie, »Sie warten auf Ihre Stiefel. Aber warum +tun Sie es bei uns?« + +»Sie haben gewacht?« + +»Die Mutter findet schwer fort, wenn ich nicht schlafe, und da es doch +sein muß, daß sie geht, schlafe ich, damit sie leichter fortfindet. Wie +kommen Sie zu uns?« + +»Als ich über den Hausflur ging, hörte ich jemanden weinen und trat ein, +man kann nie wissen ...« + +»Niemand hat in diesem Zimmer geweint.« + +»Mir schien es so.« + +»Sie wollen mir Bücher bringen? Da bin ich doch gespannt, was es sein +wird. Haben Sie viele Bücher?« + +»Wenn ich ehrlich sein soll, so habe ich überhaupt keine, sie sind mir +abhanden gekommen, oder liegen auf dem Dachboden meines Elternhauses, +das nicht in dieser Stadt ist. Aber ich werde welche beschaffen, das +wird mir nicht schwer.« + +»Machen Sie sich keine Mühe«, sagte sie langsam, lächelte und sah vor +sich nieder. In ihrer Ablehnung, die keinesfalls Bescheidenheit war, lag +trotzdem nichts von einer Kränkung. + +Mir war zumut, als habe die Welt, in der ich mich eben noch befunden +hatte, sich jählings gegen eine andere vertauscht, als sei ich aus einer +lauen, bedrückenden Luft, die von Bedürftigkeit und einem vagen Hang zu +bereitwilligem Mitleid gesättigt war, plötzlich in einen herben Windzug +geraten und in einen Bereich, in dem es nicht zu helfen galt, sondern zu +bestehen. Ein leiser Unwille, dessen ich mich schämte, machte mich +unsicher. Ich dachte: da sieht man es nun, jetzt sitzt du hier. + +Aber als ich dann den Blick hob und ihn ruhig in die Augen dieses +Mädchens senkte, begriff ich, auf welche Art ich ihr mit dem Gefühl des +Mitleids Unrecht getan hatte. Es wird das beste sein, ich sage es ihr, +dachte ich, und begann zögernd: + +»Als ich dies Zimmer betrat und Umschau in ihm gehalten hatte, als ich +Ihre Mutter und Sie gewahr geworden war, hatte ich das quälende +Schuldbewußtsein, in das uns Mitleid zu stürzen vermag, aber seit ich +nun in der ruhigen Helligkeit Ihrer Augen stehe, bin ich nichts mehr +schuldig, Ihre Augen machen das Herz frei.« + +Das Mädchen richtete sich auf, stützte sich auf ihre Ellenbogen und sah +mich in so großem Erstaunen an, daß ich, wie vor mir selbst, erschrak. +Was habe ich denn gesagt? dachte ich. Ein leiser Schwindel ergriff mich, +ich besann mich, als hätte ich jahrelang etwas Unnennbares vergessen, +das ich heimlich dennoch gesucht hatte. + +»So bist du nun doch gekommen,« sagte das Mädchen schüchtern und +langsam, aber mit großer Deutlichkeit, und als ich den Blick wieder hob, +sah ich, daß sie so bleich war, wie das Leinen ihres Betts. + +Da ich keinen Mut hatte, zu glauben, fragte ich zögernd: + +»Wen hast du erwartet?« + +»Es gibt für uns alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen.« + +Nie hat mein Herz so schmerzhaft geschwankt wie unter diesen Worten, nie +war es so von unfaßbaren Gewalten hin und her geworfen. Hoffnung und +Mut, Zweifel, Aberglauben und Zuversicht stürzten sich wie Lichtströme +und Nachtwolken über mich. Die Welt und die Menschen haben mich +verdorben, dachte ich, denn wie kann mein Glaube am Tor dieser Wohltat +zaudern, was hindert mich, den Garten zu betreten und zu sein, was ich +bin, und zugleich immer zu erweisen gehofft habe, mir selbst und allen? +Ich schäme mich, ein Mensch zu sein, dachte ich, daran sind wir alle +krank. Aber darüber ward die Helligkeit der Genesung, die mir +entgegenströmte und die zugleich aus mir hervorbrach, so mächtig in mir, +daß ihr Licht meine Augen blendete. + +Asja erhob sich von ihrem Lager, trat auf mich zu und legte ihren Arm um +meinen Hals. Ich sah ihr Gesicht dicht vor meinem und unter der nun +ruhig gewordenen und zuversichtlichen Aufmerksamkeit ihrer Blicke, wußte +ich, daß ich bestehen würde. Da begriff ich, was Dank ist; wieviel +erlebte ich doch in diesen Augenblicken, ein ganzes Leben vermag es +nicht auszumessen. Ich glaube, in Wahrheit leben wir alle nur ein paar +Augenblicke, alles andere ist Ahnung, Erinnerung und Hoffnung. Dies aber +war Wahrheit, und so sagte ich es Asja, denn sonst wußte ich im +drohenden Ernst meines Glücks nichts zu sagen. + +Die Lichtabgründe ihrer großen Augen schienen das einzige zu sein, vor +dem ich mich befand. Sie lag nun wieder still und grade vor mir auf +ihrem Lager und sah mich an. Eine Weile sprach keiner von uns, ich ließ +mich so an ihrem Bett nieder, daß ich ihr gegenüber saß, sie öffnete +meine Hand und legte die ihre hinein, warm und fest, mit dem Rücken nach +unten, als bettete sie sie in ein lebendiges Lager. + +»Bist du sehr krank?« fragte ich. + +Sie nickte und lächelte. + +»Wirst du gesund werden?« + +Sie schüttelte den Kopf, aber ihr Lächeln blieb. + +Ich befand mich in einem Zustand überbotenen Gefühls, wie in einem +Seelenraum, der weder Glück noch Schmerz zu fassen vermag, mir war +zumut, als zöge das Leben ohne mich an mir vorüber, und ich fühlte doch, +daß ich zum erstenmal ganz in seinem Strom trieb. Es sind die Ufer, die +dahinziehen, dachte ich, es erscheint mir als stünde ich selber still +und als zögen die Ufer dahin, aber in Wahrheit bin ich es, der zum +erstenmal in die Bewegung des Lebens geraten ist und ich sehe nun, wie +die Werte alten Bestands davonziehen. + +Sie ist krank und wird sterben, dachte ich dann, sonderbar nüchtern, +aber zu erfassen oder zu glauben vermochte ich den Sinn meines Gedankens +nicht. Es kann nicht wahr sein, wie ich es bisher für wahr gehalten +habe, sann ich schwerfällig, denn was bedeutet sonst dieses Lächeln, +dieses Lächeln, das ich aus alter Erinnerung her kenne? So lächelte +meine Mutter, wenn sie mir scherzend eine arge Botschaft brachte, hinter +der sich im Grunde doch eine frohe Verheißung verbarg, sie, die damals +noch alles möglich machen konnte, was mein Kinderherz begehrte, und von +der ich wußte, daß sie es zuletzt doch tun würde, da mein Leid ihr +schmerzlicher war als mir ... + +Da sagte Asja: + +»Die Gesunden ahnen das Wesen der Krankheit nicht und fürchten sie +immer. Wer aber krank gewesen ist, weiß, daß die Erinnerung an diese +Zeit nicht immer trüb und trostlos ist, wie vorher die Befürchtung war, +sondern daß eine Helligkeit über diesen Tagen und Nächten liegen kann, +die sogar die Schmerzen vergessen läßt. Dieses Licht bricht aus der +Freiheit, in die uns unsere Anspruchslosigkeit führt, die sich langsam +mehr und mehr mit unserem Daniederliegen einstellt. Krank zu werden ist +viel schmerzlicher, als krank zu sein, denn zu Anfang fühlt sich unsere +Seele noch an die Welt der Sinne gebunden, in der sie gefangen lag, und +wir verstehen ihre neue Freiheit nur langsam. Aber sie stellt sich wider +unseren Willen ein, und mehr und mehr gelangen wir aus den Regionen des +Vergänglichen in die Bereiche des Unvergänglichen. Alle Krankheiten sind +Entfesselungen der Seele aus der Welt der Sinne. Ich glaube, daß der Tod +der hellste Wipfel dieser Höhen der Freiheit für unser Bewußtsein zu +werden vermag.« + +Das Mädchen sprach eifrig und einfach, aber ohne den Wunsch zu +überzeugen, ich habe niemals im Leben etwas so deutlich gehört wie den +Sinn dieser Stimme. Es war als stünde eine aufrechte Gestalt hinter der +liegenden, eine andere, die doch dieselbe war, ein Wesen, das keiner +Worte bedurfte, um sich verständlich zu machen, sondern das klar und +selbstverständlich dadurch sprach, daß es so und nicht anders beschaffen +war. Eine schweigsame Herrlichkeit der Verkündigung ging von ihr aus, +wie von Wert und Unwert genesen. + +Draußen schien der Morgen sich ein wenig aufzuhellen, es regnete nicht +mehr und der Lichtschimmer, der ins Zimmer fiel, verriet, daß Wolken und +Sonnenschein sich hoch über uns im Freien vermischten. Die Gegenstände +des Zimmers, das sorgfältig geordnet war, nahmen in meinen Augen eine +nüchterne Selbständigkeit an, wie Wesen von Sinn und Lebendigkeit, die +in einer erstarrten Bereitschaft warteten. Ich betrachtete diese Dinge +und die Eigenart dieser Morgenstunde beschäftigte mich. Solche +Morgenstunden in einem Wohnzimmer sind mir fremd geworden, dachte ich, +wo war ich denn stets um diese Zeit? Seit meiner frühsten Kindheit habe +ich grade diese Stunden nicht mehr erlebt. Wenn ich krank war und nicht +zur Schule konnte, erfuhr ich sie, oder Sonntags, aber schon dann waren +sie anders. + +Asjas Hand lag immer noch in der meinen. Sie hatte die Augen geschlossen +und ich sah auf ihr Gesicht nieder. Das Lebenslicht der Züge floß über +die mattfarbigen Formen der Schläfen und Wangen, deren Töne sich nicht +unterschieden, alles war in ein ruhiges Blaß gebettet. Die Bogen der +Brauen waren breit und tiefschwarz und die Augenlider am hellsten. Die +Wimpern auf den Wangen ruhten dicht und dunkel, wie aus Samt, und der +Mund, dessen Lippen kaum einen Schimmer von rot trugen, war von einer +Lebendigkeit, die mich erbeben ließ. Ich sah mit Grauen und Andacht auf +diese schwermütige Süße, von der es wie Frühlingssonnenschein aufstieg. + +Mich ergriff ein Taumel von Armut und Gram, der mich durch und durch +verwandelte, aber zugleich blühte mein Herz. Da wußte ich: Dies ist der +Anfang und das Ende. Es ist die Bestätigung, dachte ich, und nahm das +Urteil hin. Ich hatte das Empfinden uralt zu sein, und maß und erkannte +dies Bewußtsein doch in der Allgewalt einer unbestürmbaren Jugend. +Schlag deine Augen auf und sprich wieder zu mir, ich bin verwirrt und +möchte doch meine Sicherheit nicht an Wesen und Dingen zurückgewinnen, +an die ich nun nicht mehr glauben kann, und die ich niemals wieder +lieben werde. In einem einzigen Augenblick hat das Lebenssinnbild deines +Mundes eine Welt in Trümmer geworfen. -- + +Wir haben noch mancherlei miteinander gesprochen, dieses und jenes, wie +der Augenblick es uns eingab, aber wenn auch von nichtigen Dingen die +Rede gewesen sein mag, so war doch alles, was uns im Geist begegnete, +von jener reinen Wichtigkeit des Wesens, die die Achtung und die +beglückende Vorsicht der Liebe schaffen. Ich ahnte die Durchsichtigkeit +der Welt, in der diese Seele lebte und meine Begierde wachte mächtig in +mir auf, wie Durst. Als ich gewahrte, daß das Mädchen müde wurde, ohne +daß sie die Erschöpfung ihres Körpers selbst spürte, verließ ich sie und +ging, ohne ihr zu versprechen, daß ich wiederkommen würde, denn es +verstand sich von selbst, und mir wäre eine solche Zusage vorgekommen, +als hätte ich gesagt, daß es Tag sei, oder wieder Nacht werden würde. -- + +Irgendwo, mir aus weiter Ferne der Erinnerung noch dunkel bekannt, wie +auf einem anderen Stern, saß der Schuster Stevenhagen, der meine Stiefel +in Kur genommen hatte. Er sah mich erstaunt an, als ich bei ihm +eintrat, wies nur schweigend in einen Zimmerwinkel und rückte den Schuh +auf seinen Knien wieder in den Lichtkegel der gläsernen Wasserkugel, +hinter der eine Lampe brannte. Ich suchte mein Eigentum unter den arg +mitgenommenen Fremdlingen heraus, die wie eine Schar flüchtig geordneter +Landstreicherpaare am Boden umherstanden, und fragte nach meiner +Schuldigkeit. + +»Das läßt sich aufbringen«, sagte der Alte. + +Ich ließ mich auf einem Hocker nieder und zog die Stiefel an. + +»Wo sind Sie gewesen?« fragte der Schuster. + +Ich sagte es ihm und er hielt in seiner Arbeit inne, wandte sich mir zu +und sah mich an. + +»Kennen Sie Asja?« + +»Ja,« sagte ich, »noch nicht lange, aber für immer.« + +Er fuhr fort mich prüfend zu betrachten, lächelte, scheinbar dankbar +über dieses Bekenntnis, schwieg aber und wandte sich endlich seiner +Arbeit wieder zu. Als ich ihm Geld zum Wechseln gab, schob er die Münze +fort, schüttelte den Kopf und forderte mich durch eine Bewegung auf, das +Geld zurückzunehmen. + +Ich verstand plötzlich, nahm die Münze und ging davon. + +Ist es so, dachte ich draußen, als ich ziellos und doch eilig die nasse +Straße durchschritt, daß es genügt mit dir bekannt zu sein, Asja, um +alle zu Freunden zu haben, die von dir wissen? + +Die Gesichter der Menschen, der Lärm der Straße und die Mauerwände der +Häuser begannen auf mich zu drücken. Wenn ich doch Horizonte, Wiesen +und Pflanzen sähe, dachte ich, ich würde meinen Glauben besser zu wahren +wissen und meine Fröhlichkeit würde standhalten. Was ruft ihr mich an, +bemächtigt euch meiner und zerrt mir die Seele aus dem Leib, ihr Namen +und Bilder, Inschriften und Auslagen, Glocken und Stimmen? Eure traurige +Hast und leere Mühe, eure Sucht ohne Sehnsucht und euer Weh ohne Heimweh +verführen und verraten mich und machen mir alles verächtlich, um dessen +willen ich allein leben möchte. Ihr betrügt die Seele um die Heimat. + +Über solchen Gedanken kam mir in den Sinn, daß ich Asja Bücher +versprochen hatte, und wenn ihre Worte, die mich gleichmütig und +zurückhaltend nach diesem Vorsatz gefragt hatten, auch kein sonderlich +starkes Vertrauen zum Wert dessen verraten haben mochten, was ich etwa +bringen würde, so beschloß ich doch mein Vorhaben auszuführen und das +Mädchen womöglich auf das angenehmste zu enttäuschen. + +Während ich über die Straße dahinschritt durch den Regen, überfiel mich +plötzlich der Gedanke an meine Beschäftigung, an meine Tagespflicht, an +die Druckerei und meinen Brotherrn. Seit drei Stunden wartete man auf +mich, ich war unentschuldigt ausgeblieben, in Gefahr ernstlich verstimmt +zu haben und entlassen zu werden. Aber als ich auf eine Erklärung sann +und erwog, ob ich die Angelegenheiten Asjas nicht besser in meinen +freien Mittagsstunden erledigen sollte, überkam mich ein jäher +Entschluß, der mir das Bewußtsein einer beseligenden Freiheit +einbrachte. Ich nahm mir vor, überhaupt nicht mehr in die Druckerei zu +gehen, und meine alte Verpflichtung gegen eine wertvollere +einzutauschen, gegen die, Asja zu Diensten zu sein so lange sie noch +lebte. Was galten mir äußerliche Verluste gegen das Glück der inneren +Entbundenheit, in der ich nach diesem Vorsatz, wie neugestärkt, +dahinschritt. Eine noch ungewisse Ahnung, daß ich Vergängliches gegen +Unvergängliches eintauschte, erfüllte mich durch und durch mit +Fröhlichkeit. Auch wußte ich, daß es mir für den Fall der Not nicht +schwer fallen würde, wieder irgendeine Beschäftigung zu finden, die mich +vor Hunger schützte, wie sie einem Menschen stündlich zu Gebote steht, +der bereit ist jede Arbeit zu übernehmen. + +Es mochte zwischen zehn und elf Uhr sein. Ich genoß für eine kurze Weile +diese ungewöhnliche Stunde, die ich in den letzten Wochen nur mit +Bedrücktheit und Verlangen von dem nüchternen Zifferblatt der +Geschäftsuhr abgelesen hatte. Es galt aber sie zu nützen, und ich +überdachte, auf welche Art ich mich am besten in den Besitz von Büchern +zu setzen vermöchte. Meine Barmittel waren gering und ich sah ein, daß +ich nicht nur der Gelegenheit, Bücher zu erwerben, sondern zugleich auch +eines wohlmeinenden Rates und teilnehmender Fürsorge bedurfte. Da +erinnerte ich mich dessen, daß ich zuweilen Korrekturbogen aus der +Buchdruckerei zu einem wohlgebildeten und sehr vermögenden Herrn +gebracht hatte, der Doktor der Philosophie, Kunsthistoriker und +Schriftsteller war. Ich war genötigt gewesen, im Vorzimmer dieses Herrn +auf dessen Einblick in die Satzproben zu warten und hatte, als der +Diener in das Arbeitszimmer trat, einmal durch die Tür eine gewaltige +Bücherwand erblickt, die bis an die Decke hinauf in den gedämpften +Gold- und Farbtönen alter und neuer Bücher glitzerte. Ohne Besinnen +entschloß ich mich einen Versuch zu machen, hier zu Büchern zu gelangen, +und indem das Ungewöhnliche meines Vorhabens mir die Brust ein wenig +beengte, erwachte zugleich jene unbändige Lust am Wagnis und am +Besonderen, jener Hang, alle Fesseln einer hergebrachten Lebensform +gegen die einfache Bewegung eines mutigen Menschentums einzutauschen, +der mir meine ganze Jugend hindurch viel Leid und Seligkeit eingebracht +hat, Erniedrigungen und Triumphe, Haß und Liebe. + +Während ich den Weg in die Gartenvorstadt nahm, in der das Landhaus des +wohlbekannten, ja auf seinem Gebiet berühmten Mannes lag, verbannte ich +alle Vorsätze zu einer bestimmten Art des Auftretens aus meinen +Erwägungen und beschloß, mich ganz der Gunst oder Ungunst des +Augenblicks zu überlassen und nur dem zu gehorchen, was die Lage mir +eingab und zumutete. Werde ich abgewiesen, dachte ich, so befinde ich +mich bald wieder an dieser Stelle der Straße, auf der ich mich jetzt +bewege, und ich befinde mich hier sehr wohl. Aber dann wurden meine +Gedanken in einen verschleierten Ernst hinübergezogen, denn Asjas +Gestalt stand vor ihnen auf und ihr Lächeln begleitete mich. Da glaubte +ich zu wissen, daß alles kommen würde, wie es kommen mußte, und fühlte +mich im Recht. + +Als ich an dem hohen, eisernen Gartentor anlangte, setzte ich die Glocke +in Bewegung und wartete darauf, daß der Hausdiener den Kiesweg +herabkommen würde, um die Gruppe der Lebensbäume herum, die den +seitlichen Eingang zum Haus verdeckte. Es war aber diesmal ein +Stubenmädchen. Sie machte nicht auf, sondern fragte mich durch das +Gitter, was ich wollte. + +»Hinein«, sagte ich einfach. + +»Ach so,« meinte sie und musterte mich, »Sie kommen von der Druckerei.« + +Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern zog die Gittertür auf, +schloß sie sorgfältig hinter mir und schritt mir dann voran, bis in das +Wartezimmer, das ich kannte. Vorsichtig begab sie sich dann an die Tür +zum Arbeitszimmer, beugte sich vor, zögerte eine Weile und pochte dann +leise und außerordentlich zurückhaltend dreimal. Es sah aus, als wäre +die schwere Eichentür zerbrechlich. Mir schien, daß der Gemeinte, wie +manche verwöhnten Leute, durch allzu große Rücksicht auf seine Wünsche +ungeduldig wurde, denn es ertönte ein sehr unfreundliches »Was ist los?« +und das Stubenmädchen wagte kaum die Tür zu öffnen. Sie tat es, nachdem +sie mir einen inhaltslosen Blick zugeworfen hatte, einen Blick, wie ihn +Leute haben, deren innere Augen anders gerichtet sind als die äußern. + +»Ein junger Mann von der Druckerei ist da«, sagte sie auf der Schwelle. + +»Also. Was bringt er? Geben Sie her!« + +Das Mädchen winkte mit der Hand eifrig zu mir hinüber, damit ich ihr +einhändigen sollte, was sie für ihren Herrn bei mir vermutete. + +»Ich bringe nichts,« sagte ich, »ich möchte den Herrn Doktor sprechen.« + +Jetzt trat sie ganz ein, lehnte aber die Tür nur hinter sich an, so daß +ich die laute männliche Stimme deutlich vernahm. + +»Etwas abholen? Ich habe nichts, es ist alles geschickt worden.« + +Als die Tür sich wieder öffnete, rief der Herr Doktor mich selbst an: + +»Was ist denn? So kommen Sie herein.« + +Ich trat ein und war erstaunt über die vornehme Pracht dieses großen +Zimmers. Ein schwerer roter Teppich fing mich auf, von den Erkerfenstern +brach gedämpftes Licht auf den mächtigen Schreibtisch, der mitten im +Raum stand, umlagert bis zur Decke hinauf von hohen Bücherschränken und +-borden, die in die Wände eingelassen waren. Ein dunkler Eichentisch mit +rundlehnigen Ledersesseln bot sich zur Rechten, aus dämmrigem +Hintergrund, den Augen dar, und neben ihm stand ein breites Ruhebett, +belastet mit gewirkten Decken und einer großen Menge vielfarbiger +Kissen, deren Zahl ich in der Eile auf etwa hundert schätzte. + +Der Herr Doktor saß an seinem Schreibtisch und hatte sich mir zugewandt, +die eine Hand auf die Lehne des Sessels aufgestützt, so daß er über +seinen emporgestemmten Ellenbogen hinweg nach mir hinübersah. Zwischen +den Fingern hielt er eine Zigarre, so groß und dick wie ein +Tannenzapfen, von der eine hellblaue Rauchlinie emporstieg, deren +lichtes Leben wundervoll über die Dämmerung des Hintergrunds dahinzog. + +Mir schien, als mißfiele dem Herrn die Aufmerksamkeit nicht, die ich +seinem Zimmer entgegenbrachte, erst nach einer Weile sagte er mit einem +etwas selbstgefälligen Lächeln: + +»Also, was ist denn?« + +Ich trug mein Anliegen in einfachen Worten vor, ohne daß ich ihnen durch +ungebührliche Wendungen oder unbescheidene Selbstverständlichkeit den +Anschein einer heimlichen Anmaßung verlieh, es war nicht meine Schuld, +daß unser Gespräch bald darauf einen Fortgang nahm, der den Hausherrn +aufbrachte. + +»Bücher wollen Sie von mir?« fragte er gedehnt und mit einer Betonung, +als hätte ich von einem Schreiner einen Schuh verlangt. »So ohne +weiteres, das ist denn doch ... muß ich sagen, ein höchst sonderbares +Anliegen. Wer sind Sie denn überhaupt, ich meine eigentlich ...« + +»Ich will Ihnen meinen Namen und meine Adresse später aufschreiben, wenn +Sie mir Bücher gegeben haben. Als ich im Auftrag der Druckerei einmal +bei Ihnen war, sah ich durch die Türspalte den Reichtum an Büchern, über +den Sie verfügen, und ich dachte an Sie, als ich heute früh bei der +Kranken war.« + +»Und daraufhin ... ich glaube, Sie sind verrückt. Nehmen Sie es mir +nicht übel, aber einem daraufhin ohne weiteres mit dieser Bitte zu +kommen, ist denn doch wohl mehr als ungewöhnlich. Sie glauben wohl in +mir einen Dummen gefunden zu haben?« + +»Nein,« sagte ich, »man kommt nicht immer gleich auf das Rechte.« + +Der Angeredete schien den Satz daraufhin zu prüfen, ob sein Sinn +eindeutig sei, und schaute dabei auf den Teppich nieder, als läse er ihn +noch einmal in seinen Ornamenten nach, dann erhob er sich und schritt +auf mich zu. + +»Das war allerdings kaum das Rechte, so mir nichts dir nichts bei mir +einzufallen. Gibt es nicht Buchhändler oder, wenn es Ihnen an +Barmitteln fehlen sollte, Leihbibliotheken genug? Aber es wird wohl +zuguterletzt auf etwas anderes herauskommen.« + +Er zog seine Geldbörse und begann mit kurzsichtigen Augen darin zu +suchen, während sein Finger die Münzen hin und her schob. »Wundert mich +nur, wie Sie es fertiggebracht haben, bei mir einzudringen. Sie haben +das Vertrauen Ihres Chefs mißbraucht, mein Lieber ... Bücher! Wie lange +kennen Sie denn dieses Mädchen schon?« + +Ich wollte bei der Auswahl des Geldstückes nicht stören und wartete +deshalb ab, auf welches die Wahl meines erzürnten und unfreiwilligen +Gastgebers fiele. In Erfahrung gebracht habe ich es niemals, denn es +wurde mir mit viel Takt in der geschlossenen Hand geboten; jeder andere +hätte die Münze sicherlich zwischen zwei Fingern erhoben dargereicht. + +»Sie sind sehr freundlich,« sagte ich ohne zurückzutreten, »aber mir ist +mit einer kleinen Geldsumme nicht gedient. Wenn Sie keine Bücher +verleihen wollen, so muß ich unverrichteter Sache wieder meines Wegs +gehen. Aber ich will es nicht tun, ohne einen letzten Versuch zu machen, +Sie davon zu überzeugen, daß weder ein unbedachter und leichtfertiger +Einfall, noch die Gier nach einem unverdienten Vorteil mich zu Ihnen +geführt haben. Wenn ich den Reichtum an Unterhaltung, Belehrung und +Erhebung, an menschlicher Freude und menschlichem Erleiden überdenke, +den Sie in Ihrem Zimmer angesammelt haben, all das erschlossene und +unerschlossene Glück, das diese Bände bergen, so erscheint es mir für +einen Augenblick ungerecht, daß diese farbige Welt mit ihren +Landschaften der Seele und der Erde hier verborgen und unbenutzt liegen +soll, während ein paar Häuser weiter ein Mensch, der dies alles und mehr +in kurzer Zeit für immer aufgeben muß, Verlangen danach trägt, für eine +Stunde seine Armut und sein Geschick zu vergessen.« + +Es entstand eine kleine Pause, als ich schwieg. Ein sonderbarer Blick +voll Gift und Staunen traf mich, haftete wider Willen an meinen Zügen, +umglitt mich, verächtlich geworden, und löste sich endlich in einem +Lächeln, voll Neugier und Herablassung. + +»Schon gut, schon gut,« sagte er, »Sie werden mich nicht beschwatzen.« + +Nach diesen häßlichen Worten brach plötzlich eine befangene Gutmütigkeit +im Ausdruck seines Gesichts durch, die ich nicht erwartet hatte, und die +ich mir nicht erklären konnte, obgleich sie das einzige war, was auf +mich wirkte. Wahrscheinlich hat er mir zuvor seine Kraft beweisen +wollen, ehe er mir seine Schwäche verrät, dachte ich und darüber wurde +ich mutlos, denn ich erkannte aufs neue, was unter den Menschen als +stark gilt und was als schwach. + +Da es in meiner Art und unbewußten Neigung lag, den Fortgang eines Wegs +immer dort zu suchen, wo ich am tiefsten durch das Wirrwarr der +Erscheinungswelt blickte, sprach ich als Antwort von dem, was ich +erkannte und sagte: + +»Nun Sie mir durch Ihr Wort bewiesen haben, wie wohl Sie gegen meine +Tücke gewappnet sind, wird Ihr Herz einen freien Weg für seine Güte +finden können.« + +Mein Gegenüber lachte breit und ungeschickt auf, so daß ich ihn für +einen Augenblick bedauerte, aber ich gab dieser Ablehnung nicht nach, +sondern wappnete mich aufs neue, ich war entschlossen, zu meinem Ziel zu +kommen. Ein leise quälender Zweifel nagte tief in mir und für einen +Augenblick haßte ich diesen Mann, der den Wert der feinen Fügung meiner +Gedanken verstieß, als spräche ein Narr zu ihm. Ich haßte die Kraft in +ihm, die nichts als Roheit war, die ich hassen werde, solange ich atme, +die am Tor aller Vernunft und Freiheit lauert und sich Männlichkeit +nennt. Da er nun auch noch sagte: »Das war nicht schlecht geantwortet«, +verzagte ich fast, denn ein Lob aus der Welt, die wir verachten, ist +ärger als ein Tadel aus der Welt, die wir lieben. + +»Woher kommen Sie denn eigentlich, wer sind Sie, haben Sie eine Schule +besucht? Nun antworten Sie einmal.« + +»Lassen Sie mich in Ruh«, sagte ich schroff. »So wohlfeil werden Sie Ihr +Gefühl der Überlegenheit, das Sie vermissen wie eine Krücke, nicht +zurückbekommen. Was geht Sie das an, woher ich komme? Wollen Sie mir ein +Mittel geben, Sie sichtbar zu täusche, damit es Ihnen leichter wird, mir +nicht zu glauben? Sie glauben mir längst. Ich lasse mich nicht auf ein +Gebiet locken, auf dem Sie schon deshalb recht behalten, weil Sie eine +hohe Haltung gegen eine niedrige vertauschen.« + +»Das ist also einfach eine Unverschämtheit«, sagte mein Gegner +freundlich, lachte und setzte sich breit und sicher mitten auf seinen +Sessel. + +»Nehmen Sie Platz«, fuhr er in einem veränderten Ton wohlwollenden +Befehls und skeptischer Neugier fort, in dem seine Niederlage lag. »Sie +haben vollständig recht. Ich müßte ein Lump sein, wenn ich das nicht +zugäbe. Aber Bücher bekommen Sie keine.« + +Welch ein armseliger Seitenweg ist diese halbe Freundlichkeit, dachte +ich. Er zieht die Pfeile aus seiner Brust, bricht sie ab, und tut, als +seien sie stumpf gewesen. Eher werden die Ströme zu den Bergen +zurückfließen, als daß einem Menschen meiner Zeit sein fanatischer +Glaube an den Triumph der Mittelmäßigkeit abhanden kommt. Ich fürchtete +den aufsteigenden Ekel, der mich noch immer entwaffnet hat, und warf +mich übereilig auf die Bahn eines neuen Mittels. Ich darf nicht auf +diese halbe Belustigung eingehen, wußte ich, dieser Mann reißt mich +anders in seine Niederlage hinein, und am Ende erhalte ich doch noch die +Münze, die er immer noch zwischen den Fingern drückt, als stammte sie +aus einem Taschendiebstahl. Zudem kam mir über dem Gedanken an diese +Münze in den Sinn, daß ein paar Bücher, die ich vielleicht doch endlich +leihweise erhielt, der Freundin wahrscheinlich wenig genug bedeuten +würden, denn nicht nur ihre Frage nach meinen Beständen, sondern auch +ihre Miene hatten mir verraten, wie schwer ihrem Anspruch Genüge getan +werden konnte. Auch erschien es mir, als sei der ganze Kraftaufwand +dieser Stunde schon viel zu groß, als daß ein paar entliehene Bände ihn +endlich zu rechtfertigen vermöchten. Ich mußte viel mehr erreichen. Mein +Mißerfolg lag daran, daß mein Kraftaufwand in keinem Verhältnis zu +meiner Forderung stand; was konnte diesen bedrängten Ungläubigen +mißtrauischer machen, als meine Anspruchslosigkeit? + +Während ich sann, betrachtete mein Gegenüber mich mit unverhohlener +Aufmerksamkeit, mit einer etwas benommenen Neugier, deren Lebenslicht +mir aber keineswegs die Furcht einjagte, er möchte mich mit diesen +aufgetanen Augäpfeln auch durchschauen. So sagte ich, meiner selbst +sicher: + +»Wenn ich den Ring betrachte, den Sie an Ihrem Finger tragen, der sicher +nur einen geringen Teil Ihres großen Besitzes ausmacht, und bedenke, daß +schon in ihm die Macht liegt, einem Menschen, der bald sterben wird, +noch einmal die irdische Landschaft in Freuden und Ruhe zu erhellen, so +meine ich, Sie müßten ihn mir geben, um Ihrer Freude und Ruhe willen.« + +Der Angeredete lächelte betroffen und überlegen, aber nicht mehr +mißbilligend. Vielleicht war er mir, ohne es zu wissen, dankbar dafür, +daß ich die Haltung nicht einnahm, die er vorgeschlagen hatte, und derer +er sich heimlich schämte. + +»An diesen Ring fesselt mich eine Erinnerung, ein teures Andenken. Nun?« + +Die Herausforderung in diesem letzten Wort empörte mich, die lässige +Aufforderung darin, in meiner Mühe fortzufahren, war herabwürdigend. + +»Und nun haben Sie dieses Andenken entweiht«, sagte ich rasch. + +»Was habe ich getan? Junger Mensch -- wenn eines mich wundert, so ist +es, daß ich Ihnen nicht längst die Tür gewiesen habe ...« + +»Ich will Ihnen sagen, wie ich denke, damit Sie sich nicht erzürnen«, +antwortete ich und faßte mich. »Ist dieser Ring ein teures Andenken an +einen Menschen, der Ihnen in Liebe nahesteht, oder gestanden hat, so ist +er ein Sinnbild der Gemeinschaft, unvergänglichen Guts, heiligen Daseins +über allem, das verfällt. So ist die Sendung, die ihn gehen und wirken +hieß, mit der er untrennbar behaftet ist, wie mit seinem Glanz, die des +wahrhaftigen Lebens, und nur indem es sich mit ihm erfüllt, ist die +Erinnerung an den Geber geheiligt. Ich nehme nach Ihren Worten an, +dieser Mensch liegt begraben, Ihnen oder uns allen; wird es nicht sein, +als sei er auferstanden, wenn die teure Glut in heimlicher Glorie um +seine Gabe neu ersteht, als fiele sie auf ihn zurück, nach dem Kreislauf +ihrer Bestimmung, und schlösse ihn in ihr Licht ein? Sie aber drängen +mit Ihrem Hang nach totem Besitz den lebendigen Geist in sein kaltes, +goldenes Grab zurück.« + +Es wurde still im Zimmer, der Angeredete sah starr vor sich hin, ohne +daß mir irgendein Zeichen verriet, ob meine Worte ihn im Guten bewegt +oder aufs neue erzürnt hatten. Dann sah er langsam auf, sein Blick +überging mit beinah trauriger Entschlossenheit die prächtigen Dinge +seines Raums, die Geräte seines Schreibtisches, die Blätter und Bücher +darauf, und wurde endlich, als habe er sein eigenes Leben verloren, in +das Leben des Lichts gezogen, das durch das Fenster eindrang, und dort +verirrte er sich im wesenlosen Geist der Helligkeit. + +Ich dachte daran, daß Asja nun auf ihrem Lager lag und in das gleiche +Tageslicht schaute, und mir wollte scheinen, als müßten sich die Blicke +dort drüben und draußen in der Höhe begegnen, so daß der Fremde von dem +Ausdruck in Asjas Zügen überwunden würde, wie vor kurzem ich selbst, +und mir so das Ende des schweren Wegs erspart bliebe. + +»Hören Sie einmal«, sagte da plötzlich die tiefe Stimme und das +langbärtige Gesicht wandte sich mir zu. »Sei das, wie es wolle, ich +möchte nicht dieses oder jenes, nicht Wohltaten tun, noch Segen stiften, +aber ich möchte einmal wieder glauben, auch an mich. Sie haben da eine +Erinnerung in mir wachgerufen, auf eine eigene Art wachgerufen, das will +ich Ihnen lassen. Weit mehr taucht mit ihr mein eigenes Leben vor mir +auf, als dasjenige der Toten, von der dieser Ring stammt. Ich weiß +nicht, wer Sie sind und welch merkwürdiges Unterpfand des Wesens Ihnen +diese Kraft gibt, ich möchte es nicht prüfen noch ergründen, denn ich +fürchte mich vor Eingeständnissen, für die ich noch nicht alt genug bin. +Ich will Ihnen glauben, lassen Sie sich daran genügen, ich will es, es +ist mir gleichgültig, ob Sie es verdienen. Diesen Ring selbst werde ich +nicht fortgeben, jetzt weniger als je, denn die Macht seiner Mahnung ist +von dieser Stunde ab größer geworden und ich bedarf ihrer, mehr +vielleicht als andere, mehr sicherlich als Sie. Aber der Sinn, den Sie +diesem Ring beimessen, soll sich nach Ihrer Erwartung erfüllen, und ich +werde Ihnen die Summe zur Verfügung stellen, die seinen bezahlbaren Wert +ausmacht. Es wird Ihnen gleichgültig sein, ob ich ihn Ihnen abkaufe oder +ein Händler. Dann können Sie Bücher und alles beschaffen, was Sie wollen +und brauchen, oder was Ihre bedürftige Freundin nötig hat.« + +»Gut. Handeln Sie so.« + +»Sie danken mir nicht, nun das ist wohl auch in Ordnung so ... Mir liegt +die Zeit im Sinn, in der ich noch so jung und so erwartungsvoll, so +zuversichtlich und gläubig war, wie Sie. Damals, als ich diesen Ring +erhielt, stand ich im Beginn meiner Laufbahn, ich fing damals an berühmt +zu werden, man las mein erstes Buch, es ist jetzt vergessen. Die Zeit +geht eben rasch; nun, es kamen andere Werke und trugen meinen Namen in +die Welt, aber wissen Sie, was mir über Ihren Worten vorhin so durch den +Sinn gegangen ist -- daß diese anderen Bücher auch einmal -- vergessen +sein könnten ... Aber nicht das allein, sondern vielmehr eine seltsame +Gewißheit, als sei jene vergangene Zeit, ohne Ruhm und Besitz, durch +einen ganz bestimmten Wohlstand reicher gewesen, als die heutige es ist, +mit ihrem Erfolg.« + +»Sagen Sie mir das nicht,« lehnte ich ab, »ich wollte Sie nicht +demütigen.« + +»Demütigen? Sonderbarer Mensch ...« + +Unsicher und gequält sah ich ins Leere. Mir war, als habe ich unrecht +getan, aber erst später sollte ich erfahren, worin dies Unrecht +bestanden hatte. + +»Also gut denn,« hörte ich ihn wieder sprechen, »lassen wir ruhen, was +ruht, und leben, was leben soll. Ich biete Ihnen tausend Mark an Stelle +des Rings und der Bücher; sind Sie einverstanden?« + +»Ja, aber Sie sind es nicht.« + +»Ich bin es. Sie hatten recht, meine Anwandlung zu Eingeständnissen, +meine melancholische Selbstbetrachtung, abzulehnen. Vielleicht hoffte +ich, mich von einer Niederlage wiederherzustellen, indem ich ein +geringes Bild von mir entwarf, um, wenn Sie davongingen, in dem +Bewußtsein zurückbleiben zu können, daß ich doch um einiges mehr sei, +als ich Sie zuzugestehen genötigt hatte. Der Ruhm verdirbt, wir sind +unehrliche Leute vor uns selbst geworden, um die Ehrlichkeit zu retten, +um derer willen uns die anderen, die Welt, Bekenner und Eroberer nennt. +Sie hat noch keinen Wahrhaftigen ihren Erlöser genannt ...« + +»Also tausend Mark wollen Sie geben?« + +Er schwieg, mit schräg gesenktem Blick. + +»Sie nehmen mir die Freude daran«, sagte er langsam und in erkennbarem +Verdruß über sein erneutes, unfreiwilliges Geständnis. Aber er holte +dann zögernd, mit zurückgelegtem Oberkörper seine Schlüssel hervor, +öffnete ein Schubfach des Schreibtisches, räumte etwas zur Seite, als +seien es seine lästigen Gedanken, und entnahm einer Stahlkassette eine +lederne Brieftasche. + +»Hier,« sagte er kurz und unsicher, als fürchtete er durch sich selbst +bei einem Diebstahl überrascht zu werden, »nehmen Sie und stiften Sie +Segen und Gutes.« Er tastete an den Geldscheinen herum, als wollte er +ihnen noch einmal, vor dieser Willkür, seine ganze besorgte Neigung +zukommen lassen, und doch schien er diese Finger zu verachten, die den +Wert des Papiers zu genießen trachteten. »Möge das Geld auf einen Acker +fallen, besser bereitet, als es mein Herz noch ist. Und Sie, Sie +selbst ... Wer sind Sie denn, so reden Sie doch. Dies alles ist doch +höchst eigentümlich. -- In die Hosentasche stecken Sie die Scheine?« + +Plötzlich befiel mich eine wilde, heiße Fröhlichkeit. Es war mir, als +erwachte ich mit dem Bewußtsein dieses Erfolges endlich aus einer Welt +von Beziehungen, Kräften und Verstrickungen, die nichts mit jener zu +schaffen hatte, in die ich nun gehen wollte, um der Freundin den Weg zu +ihrer Gesundheit und zu glücklichen Tagen zu ebnen. + +»Ich ----?« fragte ich plötzlich wie verwandelt, »ich komme mir vor wie +Einer, der sich beim Satan eine Leiter geliehen hat, um Gott in den +Himmel steigen zu lassen.« + +»Auch ein Dank«, sagte er verständnislos und sah mich beinahe gierig an, +mit einem Ausdruck, den ich so wenig auf seinen Ursprung zu prüfen +vermochte, wie er meine Worte. + +»Grüßen Sie Ihre Freundin,« sagte mein Gastgeber, als er sah, daß ich +meinen Hut nahm, »berichten Sie mir, lassen Sie sich einmal wieder +sehen, tun Sie es, vielleicht wird Ihre Teufelsleiter doch noch zu einer +Brücke zwischen uns zwei.« + +Ich ließ es offen. + +»Weiß der Kuckuck, was mir dies bedeuten soll, nun, was geschehen ist, +soll recht bleiben, leben Sie wohl. Wie eilig Sie es haben.« + +Er gab mir die Hand, als sollte ich ihr Gewicht prüfen, ich fühlte mich +erlöst und eilte rasch von dannen, seltsam benommen in einem +merkwürdigen Unterbewußtsein, in dem mir zumut war, als freute meine +Freude mich nicht, und als sei ich für meine Kraft nicht stark genug +gewesen. -- + +Wohl drängte es mich, mit meinem Schatz zu Asja zu eilen, aber ich +wartete und begab mich zuvor in meine Behausung. Ich beschloß, eine +Reihe nützlicher und erfreuender Einkäufe zu machen, führte meinen +Vorsatz jedoch nicht aus, da alles mir in heimlichem Widerspruch zu den +Bedürfnissen dieses Mädchens zu stehen schien. Auch fehlte es mir an +Erfahrungen, und ich schämte mich, an jene belanglosen oder nur +äußerlich nützlichen Dinge zu denken, für deren Beschaffung den Frauen +ein so sonderbares Talent eigentümlich ist, das in gleichem Maße von +Liebesbereitschaft, wie von glückhafter Schamlosigkeit zeugt. Sie +bringen es fertig, Pulswärmer, Zahnstocher, Pfeifenreiniger, oder +unbedeutende Bruchteile von Nahrungsmitteln durch Ankauf in ihren Besitz +und durch Schenkung in die Hände geschätzter Persönlichkeiten zu +bringen. Auch auf kleinere Vasen, auf Löschblätter oder Bleistifte +verfallen sie zuweilen, und die Anmut ihrer Darbietungen läßt uns in +bestürzter Rührung erkennen, daß diese Dinge in kleinen, schwachen +Händen zu Sinnbildern der großen, ewigen Liebe zu werden vermögen. Wir +Verdorbenen und Ungläubigen dagegen vermögen uns nur auf Blumen oder +Bücher zu beschränken, weil wir an die Allmacht der Liebe nicht glauben +können, wenn unsere Gabe nicht schon ein Sinnbild der Geisteswelt ist. + +Als ich meine Dachkammer betrat, erschien sie mir so fremdartig, daß ich +lächeln mußte, es war gewissermaßen notwendig, daß ich mich allen +Einrichtungsgegenständen erneut vorstellen mußte, was nicht lange +dauerte. Ich warf meinen Hut aufs Bett, das noch nicht geordnet war, und +sah in das Buch hinein, das von der letzten Nacht her noch aufgeschlagen +neben der Kerze lag. Dies alles steht jenseits, dachte ich, eine neue +Welt beginnt, es hat sich eine Straße vor mir aufgetan, ich weiß den +Weg. Eine unbestimmte Traurigkeit machte mich ruhlos, ein plötzlich +erwachtes Bewußtsein für die Sinnlosigkeit alles dessen, was ich bisher +zur Erhaltung meines Daseins begonnen hatte, überfiel mich und füllte +mich mit Zweifeln am Wert alles Zukünftigen. Auch du wirst alle Fragen +der Brust nicht beantworten, Asja, dachte ich, du selbst bist die +Antwort, und wenn ich dich nicht habe, so werden meine Kämpfe nicht +enden. + +Gegen Mittag kam ein Bote aus der Druckerei, um sich nach mir zu +erkundigen. Ich schrieb auf einen Zettel, daß ich nicht mehr käme, +siegelte den Brief mit dem Wachs der Kerze und war sicher, daß man mich +in Ruhe lassen würde. Da draußen im Hof die Sonne schien, entschloß ich +mich fortzugehen, aber mein Gewand machte mich nachdenklich und ich nahm +den Spiegel von der Wand. Offenbar mußte der Kragen gewechselt werden, +aber der andere war in der Wäsche. So nahm ich auch seinen ausdauernden +Gefährten ab, suchte mein Halstuch, ergriff Stock und Hut und ging +davon. Das Tuch machte mich fröhlich, ich weiß nicht weshalb. Ich, dein +Bruder, dachte ich und sprach zu Asja, möchte in Armut und Schande, in +Lumpen zu dir kommen. Ist es denn wahr, daß ich von ganzem Herzen +glaube, daß deine Augen es nicht einmal sehen würden, es sei denn aus +Erbarmen? Ist es wahr, daß die Tage der Menschenwertung nach Erfolg und +Besitz eine solche Zuflucht haben, wie dein Sinn es ist? + +Ich vergaß über solchen Gedanken die Geldsumme, die ich bei mir trug, +wie man auf einem Feldweg die Straßen der Stadt vergißt. Auch als ich zu +Asja kam, dachte ich lange Zeit nicht daran, aber als ich mich an ihrem +Bett niederließ, empfand ich eine große Müdigkeit, die mir fremd war, +und ich atmete tief auf und mußte seufzen, ohne daß ich Kummer hatte. + +Sie nickte und sagte: »Du ruhst dich nun von allem aus, was dir bisher +schwer gewesen ist, weil du allein warst, deshalb bist du jetzt müde.« +Da verlor ich unter dem Frühling ihrer Augen meine Beherrschung, aber +sie schien kaum darauf zu achten, sondern blieb von wunderbarer +Festigkeit, weil sie die Kraft hatte, die Gabe ihres Wesens nicht zu +verkleinern. + +Ich sagte nach einer Weile, indem ich das Geld hervorzog und vor ihr auf +die Decke des Betts legte: + +»Nun werden gute Tage für dich kommen, du wirst dieses dunkle Zimmer +gegen ein helles mit Sonne vertauschen, die Stadt gegen das Land. Du +wirst gesund werden.« + +In ihr Gesicht kam ein Zug von Schrecken, ihr Lächeln verschwand, ihre +Augen sahen mich forschend an und sie unterbrach mich ängstlich: + +»Woher hast du das Geld? Du hattest kein Geld.« + +Ich erzählte von Anfang bis zu Ende alles. Sie störte meinen Bericht +durch kein Wort und keine Frage, und schwieg auch noch, als ich am Ende +war und, unsicher mit den Geldscheinen spielend, mein Verlangen verriet, +eine Zustimmung von ihr zu hören. + +»Nimm es und bring es zurück«, sagte sie. + +Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte auf mich kaum, sondern schien +nun vielmehr durch etwas anderes beschäftigt und bewegt; sie fragte +unvermutet: + +»Hast du von dem fremden Herrn diese Summe nur deshalb bekommen, weil du +mit ihm gesprochen hast, hast du ihn überwunden, sie dir zu geben, nur +durch den Willen, hat sich alles so zugetragen, wie du es mir gesagt +hast?« + +»Denke doch jetzt nicht an das Geld, Asja, denke daran, was es für dich +tun soll.« + +»Ach, es war so, wie du gesagt hast! -- Ich denke nicht an das Geld, ich +denke an dich.« + +Sie sah mich schweigend an, dann kam Sorge in ihren Zügen auf und sie +bat noch einmal: + +»So nimm es und bring es wieder fort.« + +»Du weist das Geld zurück, Asja?« + +»Alles, was man für Geld haben kann, ist nichts wert. Ja, ich weise das +Geld zurück.« + +»Du wirst sterben, Asja.« + +»Wie wir alle«, sagte sie einfach. + +»O Asja, du machst aus der Not, daß du nicht leben sollst, die Tugend, +daß du sterben willst.« + +Das Mädchen sah mich an, aber ich spürte wohl, daß sie nicht über den +Sinn meiner Worte nachdachte, sondern daß sie nur die Gesinnung prüfte, +die hinter ihnen stand. Ich empfand plötzlich, daß es bei ihr immer so +gewesen war, und als läge in solcher Prüfung und ihrem Ergebnis der +Ursprung der Harmonie und Gemeinschaftlichkeit, die zwischen uns +geherrscht hatten, und die nicht zu beugen waren. Ist es dies, dachte +ich, und ward abgelenkt, liegt der Grund aller Mißverständnisse und der +Verwirrung, die so viele befällt, die sich vor anderen erweisen oder +bewähren möchten, darin, daß sie die Gesinnung nicht zu ermessen +vermögen, und sich daher an das unredliche und mißbrauchte Gezücht der +Worte halten, die der Augenblick eingibt? Asja war nicht in die +Befangenheit eines meiner Worte geraten, sondern sie hatte darüber +hinausgesehen, wie sie auch über die Erscheinungs- und Tatsachenwelt des +Lebens fortzublicken schien -- wohin nur? Ich wußte es noch nicht, aber +ich fühlte, daß ich ihre Freiheit bedroht hatte. + +»Ich will dir antworten,« sagte sie endlich ohne Aufwand und, wie +meistens, mit einem beinahe schmerzlichen Zögern, »ich mache aus keiner +Not eine Tugend, aber es ist ganz gleichgültig, ob du es so nennst. Wie +könnte ich dir aber so unrecht tun, daß ich dort deine Kräfte zu recht +bestehen ließe, wo sie dich verderben werden? Du bist so jung, wie +willst du verstehen, wieviel du mir bedeutest? Du kennst dich nicht, und +nun sollte ich dieses Geld nehmen und dir dadurch antworten: So bist du. +-- Ich weiß, daß ich sterben werde, aber ich weiß, daß es so gut ist, und +daß ich zu meiner Stunde sterbe und mit Willen.« + +»Liebst du das Leben nicht, Asja?« + +»Oh, über alles,« sagte sie und ihre Augen glänzten, »aber ich denke +anders darüber als du. Laß uns doch nicht von diesen Dingen sprechen. +Wenn du bei mir bleibst, wirst du bald alles wissen, auch wenn ich +schweige.« + +»Wie meinst du das?« + +»Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen, was ich aber bin, +wirst du fühlen, ohne daß ich es sage, und nachher wird dir sein, als +hätte ich zu dir gesprochen. Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand +und öffne dein Herz, laß mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du +bald empfinden, wie gut und groß du bist.« + +»O Asja,« sagte ich und erbebte tief, »nun weiß ich, wie sehr du das +Leben liebst, Asja.« + +»Nicht wahr?« sagte sie glücklich, »und ich habe dir nichts erklärt.« + +Sie lächelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung ausgesprochen +hatte, als sei es etwas Geringes, die Fröhlichkeit ihres Lächelns war +von einer Bescheidung, daß ich sie empfand, als stünde ich über und über +in Licht. Welch ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein +heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses Erlebnis, nicht +die alten Dinge der Welt kommen darin vor. Mir war, als wendete ich mich +fort, zu Anderen, zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir doch +bisher, ihr und ich! + +Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun, was Menschen zu tun +vermögen, um dies Leben dem Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen. +Ich empfand, daß ich irrte, aber ich wußte nicht worin. Welchen Opfers +wäre ich nicht in dieser Stunde fähig gewesen! So sprach ich denn aufs +neue und bat von Herzen darum, sie möchte ihr Leben zu erhalten suchen. +Sie antwortete mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dächte. + +»Sieh,« sagte sie, »was ist denn Leben und was nennst du so? Ist das +kleine Maß deines Daseins vom Aufgang bis zum Niedergang das Leben? Je +mehr wir solch bemessene Tage, und unseren vergänglichen Wohlstand +darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben. Das ist +sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.« + +»Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du nicht, daß meine +Liebe sich wünscht, daß du bei mir bleibst? Ich habe dich erst heute +gefunden.« + +»Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben. Aber hindere +mich nicht, laß mir mein Wesen. Ich bin nur ein Weg. Was über mich hin +zu dir kommt, ist viel mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch +befriedigt, obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen und +mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen, wenn ich dem Licht +nicht zugewandt wäre? Weshalb ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit +du fröhlich sein kannst.« + +»Du willst immer bei mir bleiben?« fragte ich, als habe ich nur diesen +Satz gehört. Eine schmerzhafte, verräterische Neugier bewegte mich, ich +zitterte vor Begierde und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht, +das Mädchen möchte mir eine Antwort geben, die mir ein Recht zur +spöttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete mir nicht. + +So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich: + +»Ich will das Geld nun fortbringen«, und erhob mich, um zu gehen. + +In diesem Augenblick haßte ich das Angesicht, den Menschen, der vor mir +lag, der, ohne mich anzuschauen, mich doch zu sehen schien, der sich mit +seinem Schweigen von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing, und +dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es der kühnste +Eifer vermocht hätte. Aber mein Trotz war mächtiger als alles andere in +mir, und ich sagte: + +»Nein, Asja!« + +Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt. Es klang rauh und +böse, wie eine ewige Absage, in dem stillen, einfachen Raum, und +erschütterte mich so mächtig, als hätte ich den schwachen Körper vor mir +durch einen Schlag verwundet. Da sah das Mädchen zu mir auf, voll +Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und küßte sie. Es war kein +Kuß der Andacht oder Demut, sondern ein kindlicher Kuß, eifrig und +innig, ein herzliches Tun. + + * * * * * + +Das Alter wünscht sich noch froh zu sein, aber die Jugend liebt es, für +ihr Glück zu leiden. Der in meiner Natur ruhende Widerspruch gegen die +Freundin vertiefte sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das +Bedürfnis nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen Harmonie +fremd, sie ist im Eigenen befangen und je echter sie ist, um so mehr +scheut sie sich vor frühzeitiger Abrundung oder unerprobter Zustimmung. +So ist ihr Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es häufig +denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen überzeugt sind, sondern +es ist das Recht der schlummernden Kraft. Oft erscheint es, als bedürfe +diese werdende Kraft zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst +bereitet, und manche Herzen suchen es. + +So verstehe ich heute, daß mein Gemüt vor dem Wesen Asjas schwankte, in +Sorge sich zu verlieren oder in Begierde zu begreifen und sich +hinzugeben. Aber ich segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief +die Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals Klage führen, +daß ihrem Licht widerstanden worden ist. Ihr Wesen ist frei von jeder +Absicht, und ihre Wirkung ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer +diese Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewußtsein +teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt. + +Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich schon von dem +Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte, denn es wäre unrichtig +zu sagen, daß sie es nur verwaltete, wußte oder besaß. Heute erkenne ich +gut, daß zweierlei Dinge mein Gemüt zu Anfang verschlossen, es waren die +Sorge, mich in ihr völlig zu verlieren und die Scham. Ich schämte mich +ihres Menschentums, der Allmacht ihres unverhüllten Fühlens und ihrer +Tränen. Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von allen, +von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden geglaubt hatte. Welch +ein geringes Tun war doch mein Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu +meiden und meine Ansprüche nicht preiszugeben. + +Wie ungern denke ich an jene Stunde zurück, in der ich am Tage darauf +meinem vornehmen Freund in der Villenstraße sein Geld zurückbrachte. Er +empfing mich freundlich, aber seine Entrüstung stieg ins Maßlose, als +ich ihm sein verschmähtes Gut überreichte. Ich verließ ihn eilig, da es +mir widerstand, etwas zu erklären, unter dessen Walten ich selber noch +litt, ohne volle Klarheit zu haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn +von den Beweggründen meiner Handlungsweise überzeugen zu können. Es mag +ihm erschienen sein, als wäre er zum Spielball einer Laune entwürdigt +worden, vielleicht auch, daß eine Ahnung des Geistes ihn quälte, dem ich +gehorsam war. + +»Narr!« schrie er, bleich vor Wut. + +Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer anlangte, +wiederholte ich es mir ohne zu denken, starrte vor mich hin und ließ die +Stunden verstreichen. Ich muß fort, dachte ich, wieder durch Wälder, +über Heidehügel dahin, an Flußufern entlang, wo das Wasser mich lebendig +begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne über der Landschaft vergessen, +den glitzernden März, die Sommersonne im Schilf oder die schweigsame +Herrlichkeit der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles ist es +nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis, ein +wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr. Warum bin ich so +mutlos? Bin ich nicht durch die Pracht des Vielerlei dahingeschritten, +Jahre um Jahre, um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als +ein Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus Zuversicht +trunken? Nun scheint sein Licht aus einem Herzen, es ruft mich und ich +zaudere. Ach, ich ahne, wieviel es ist, dachte ich, weil es längst in +mir glimmt. -- + +So geschah es, daß ich mit diesen Gedanken eines Tages zu Asja kam. Sie +hob mir beide Arme entgegen und ich beugte mich, zitternd vor innerer +Not, unter ihren Liebesgruß. + +»Asja, glaubst du an Gott?« + +»Wie fragst du so rasch, so böse?« sagte sie erschrocken. + +»Antworte mir!« + +»O Freund, ich kann nicht sprechen.« + +»So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber antworte.« + +»Du Lieber, wie es dich quält! Ach, wäre ich, was du ersehnst!« + +»Du bist es. Sieh mich an.« + +»Ich glaube an die Liebe«, sagte sie und mir war, als habe sie mich +vergessen. »Ich will kein Bild von Gott. In der Liebe ist alles +beschlossen, der Vater, das ist der Gehorsam in uns, der Sohn, das ist +die Offenbarung in uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei +doch ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein. Es ist +alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwählen sondern sie hat uns +erwählt.« + +»O Asja, du machst das Herz froh.« + +»Ich tue nichts.« + +»Glaubst du an Christus, sag' es mir.« + +»Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten. Ich glaube nicht an +ihn, aber ich glaube wie er. Er war reinen Geistes, ein freier Weg der +Liebe, die vor ihm war und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der +Weg? Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die Welt, +sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und viele nach ihm. Zuweilen +erwählt sie einen Menschen, in dem sie sich ohne Makel offenbart, dann +ist es, als sähest du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, daß +wer ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, daß Gott die Liebe sei? +Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein Wesen! Aber alles, was uns +von ihm bekannt ist, ist uns durch Menschengedanken und -sinne +übermacht, es ist besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus +wirst du ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater die +Quelle.« + +»Der Vater, Asja?« + +»Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?« + +»Was nennst du Gehorsam?« + +»Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder spät, ich aber +möchte mich irren, wer wird einem Wort vertrauen, das so schnell gesagt +ist, wie eine Antwort es herausfordert? Gehorsam sein heißt der Liebe +kein Hindernis bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen +Gehorsam.« + +»Und alle Gesetze, die Kirche?« + +»Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben die Kirche +erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als Luther die Gesetze der +alten Kirche zertrümmerte, trieb ihn die Liebe, als er neue erschuf, +quälte ihn der Zweifel. Aber wie spreche ich denn, du drängst mich in +meine Armut.« + +»Oh, sprich weiter, Asja.« + +»Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor dem Eigenen in mir. +Immer wieder drängt es sich noch herzu. Es muß aus mir sprechen, ohne +mich. Komm, sieh die Sonne an, erzähle mir. Sprich von dir. Wie du bei +mir von dir sprechen mußt, wird es dich frei und glücklich machen, denn +unter meinen Augen verstehst du dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du +durstig bist.« + +»So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe? Ist sie ein +Element, außerhalb unserer, eine Kraft, die in uns einzieht, eine Gnade, +der wir teilhaftig werden? Wo ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr +Sinn?« + +Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weißen Kissenlager, neigte sich mir +zu und sah mich an. Mir war, als bedrohte ihr Auge mich in einem +unirdischen Schein, ich erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und +still war. Ein unbeschreibbares Lächeln voll süßer Traurigkeit trug +diese Stille zu mir. Da fühlte ich mein Herz wie Feuer brennen, schwieg +und wußte, daß ich nie mehr im Leben diese Frage stellen würde. + + * * * * * + +Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen, Wind und Sternbilder, Raum +und Stunden aus dieser Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefüllt von innerem +Erleben und Gesichten, getragen von Fülle und Licht ohne Ende, und wußte +es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen fremd an mir vorüber, ich beachtete +sie nicht und begreife heute schwer, wie es hat möglich sein können, daß +ich mein äußeres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen Wunder, aber ich +empfand sie nicht, merkwürdige Umstände traten ein, die mir alles +erleichterten und möglich machten, ich nahm sie hin, als seien sie +selbstverständlich, wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute +zurückdenke, so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich einst +kleine Geschehnisse verwundert belächelte und ihnen kaum Beachtung +schenkte, wo Fügungen eintraten, die ich Zufälle nannte, ohne mehr als +einen Blick auf sie zu verlieren, die ich rasch vergaß und ohne Dank +hinnahm, da sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht +Abgründe überbrückten und Berge versetzten, die die Nacht zum Tage +machten und meine Augen vor allzu blendendem Erstrahlen schützten. Heute +erkenne ich das Gesetz, das über meinem Leben waltete, das mich, aus mir +stammend, in sich verwob und ward, indem ich war. Du Eines und du Alles, +was suche ich nach deinem Namen? Es war alles gut! Das ist dein Name. + +Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine Zimmerwirtin mich +wartend in meiner Kammer. Sie schien sich im Raum umgesehen zu haben, +der Schrank stand offen, ich verschloß ihn für gewöhnlich nicht, da er +leer war. Sie hatte ein paar Wäschestücke in der Hand, die aber +wahrscheinlich nicht mir gehörten, und schien auf dem Tisch umhergesucht +zu haben. Als sie mich ansah, erstarben der Unwille und die Besorgnis +auf ihren Zügen, sie lächelte und setzte sich auf den Bettrand. + +»Soll das so weiter gehen?« fragte sie mütterlich. + +Ich beschloß alles einzusehen, um den Wohlstand ihres Gesichts nicht zu +stören und sagte eifrig: + +»Ich werde es ändern, es wird schon gehen.« + +»Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?« + +»Nein, das nicht, ich habe zu tun.« + +»Ich weiß nicht, auf was für Wege Sie so plötzlich geraten sind,« sagte +sie, »aber Abwege sind es nicht.« + +Ich schwieg. + +»Ich möchte Sie um etwas bitten«, fuhr die Frau fort und sah ein Bild an +der Wand an. + +»Es soll alles bezahlt werden«, entgegnete ich rasch. »Noch ein paar +Tage und ich habe Geld. Ich werde es bestimmt bekommen.« + +»Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor ein paar Tagen haben +Sie mir von ihrer neuen Freundin erzählt, von der Kranken. Wie geht es +ihr?« + +»Krank?« fragte ich erstaunt, aber dann besann ich mich, und antwortete +auf ihre Frage. + +Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren Namen habe ich +vergessen, aber ihres Gesichts erinnere ich mich noch gut, jedoch nur +deshalb, weil in seinen Zügen einst ein Widerschein meines inneren +Erlebens stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort: + +»Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mädchen erzählt. Wie war +doch ihr Name?« + +»Asja.« + +»Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschäftige mich damit. Ich wollte +Sie nicht wegen Ihrer Schuld mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen; +meine Bitte geht dahin, Sie möchten von Asja noch erzählen, nur so dies +und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.« + +»Gewiß,« sagte ich rasch, »aber natürlich.« + +»Früher«, fuhr sie fort, »waren Sie stumm und fast verschlossen, gingen +und kamen wie ein Schatten, aber Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt +sind Sie ärmer als ein Straßenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung +verkommt, Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind fröhlich. Nicht daß Sie +lachten oder scherzten, aber man spürt es und weiß nicht wie, es bleibt +im Zimmer zurück, wenn Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen +herauf, wenn Ihr Schritt klingt.« + +Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als schäme sie sich, +oder als habe sie sich verirrt. »Ich meine ja nur so,« sagte sie und +lächelte ausgleichend, »nehmen Sie es nicht übel, junger Herr. Ich bin +nicht arm, lebe mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts +Besonderes für unsereinen ab und man hört gern solche Dinge, wie Sie +erzählt haben. Daß einer glücklich ist in seiner Lebensnot, wie dies +Mädchen ... Sie werden schon verstehen.« + +Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs hinaus. Die +gegenüberliegende rötliche Ziegelwand mit ihren kahlen Fenstern lag im +spätherbstlichen Dämmerlicht, und vom Hofe herauf drangen Geräusche und +Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen Lärm der Fuhrwerke +drangen Kinderstimmen, dieser grelle, leere Jubel, der sinnlos und +wehmütig klingt, wie das Zwitschern gefangener Vögel hinter den Stäben +ihrer Käfige. + +Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr selber kaum +verständlichen Bitte noch etwas schuldig. + +»Denken Sie nicht an die Miete und das Essen,« sagte sie, »wer entbehrt +denn etwas, es wird schon ins Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend +mit der Lampe kommen darf und Sie erzählen mir, sprechen wie damals, aus +der Seele und froh, so soll es gut sein.« + +Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden Glas sah ich, +wie die Alte sich vorbeugte und zur Seite, um zu erkunden, ob ich mit +Wohlwollen oder widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. -- + +Ich fand Asja am andern Nachmittag schlafend. Das Zimmer schimmerte +still im Licht des ersten Schnees, der vorzeitig gefallen war und auf +den schrägen Dächern draußen lag, den grauen Himmelsschein über sich. Im +Herd brannte ein Holzfeuer, das Zimmer war warm und licht und schien +sonderbar leer. Ich war darin nun längst ein vertrauter Gast, und auch +die Mutter hatte sich an meine Gegenwart gewöhnt, froh darüber, daß ihr +Kind in den langen Stunden ihres Fortseins Gesellschaft und Unterhaltung +fand. Sie achtete unsere Angelegenheiten mit einer Art ehrfürchtiger +Scheu, ohne Eifersucht, aber ein klein wenig zögernd und ablenkend, als +gäben wir uns Hoffnungen hin, die enttäuschen müßten. Aber sie schien +längst damit abgefunden, daß ihre Tochter in einer anderen Welt lebte +als sie selbst, und so wenig sie früher besondere Teilnahme gezeigt +hatte, so gleichmütig beachtete sie die meine; zumal da Asja in ihrer +Gegenwart mit derselben Gelassenheit und Selbstverständlichkeit sprach, +in der sie früher geschwiegen hatte. Sie empfand meine Schonung und +Sorgfalt gegen ihr Kind, und nur zuweilen sah sie erstaunt in Asjas +leicht erglühtes Gesicht, lächelte nachsichtig, wohl auch ein wenig +stolz, und riet zu Ruhe und Schlaf, wie der Arzt es sie gelehrt hatte. +Mit den ein wenig aufs Materielle gerichteten Sinnen einer alternden +Frau, die die Last des täglichen Erwerbs und den Wert der kleinsten +Münze kennt, vermutete sie hinter meiner Erscheinung mehr und anderes, +als sich ihr durch den Augenschein bot, denn sie hatte Sinn für den +Gegensatz, in dem meine Sprechweise und mein Benehmen zu meinem +bedürftigen Wandel standen. + +Ich war an jenem Tag noch von der Frühe her bekümmert und sorgenvoll, +wie so manchen Morgen hindurch, den ich allein verbrachte und nicht zu +verwenden wußte, da er ein einziges Warten auf die Stunde war, in der +ich Asja zu Gesicht bekommen sollte. Auch war ich zu jung und +ungebärdig, als daß ich in solchen Stunden des Alleinseins ein volles +Genüge an meinem Leben und Denken empfand; mächtiger als je drängte +alles in mir zu Entschlüssen und Taten, ziellos stand ich im Walten +eines bohrenden Triebs, und meine Ruhlosigkeit peinigte mich +übermächtig, solange ich nicht Asjas Hand und Augenlicht auf meiner +Stirn fühlte. Es war ein erstes Bewußtsein von Verantwortlichkeit, das +sich vor ihrem Herzensgut erhob; ich war voll seligen Eifers, aber ohne +Geduld. Meine hohen Entschlüsse setzten mich oft in heiliges Feuer, aber +es lohte sinnlos in mir empor, wie ein Reisigfeuer auf einer +Frühlingswiese, dessen Glut nur die Überreste des verflossenen Jahrs +verzehrt, aber keinen Keim des Bodens fördert. + +Ich schritt leise durchs Zimmer, legte lautlos Holz aufs Feuer und sah +kniend zu Asja hinüber: sie schlief fest. Wie meistens lag sie grade +ausgestreckt auf dem Rücken, und die leichte Decke ließ die Linien ihres +Körpers erkennen. Sie war nicht groß, und das farblose Gesicht mit dem +überschmalen Kinn lag im Nachtgrund des offenen Haars, das den Scheitel +mit den Schultern verband, und grade von der Decke abgeschnitten wurde, +merkwürdig feierlich, wie nach einem Gesetz. Das Schneelicht machte das +Zimmer seltsam unwirklich, es lag jene Erneuerung aller Dinge im Raum, +die mit dem ersten erkennbaren Wechsel der Jahreszeiten eintritt, und +die solchen Menschen, die allein leben, oft wie ein Rücken des Zeigers +an der großen Lebensuhr des Daseins erscheinen kann. + +Ich nahm meinen Stuhl sacht vom Tisch fort, stellte ihn an Asjas Bett +und ließ mich nieder. Auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett lag ein +Stück Brot, von dem die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Obgleich +ich in Armut lebte und das Brot in dieser Gestalt kannte, bewegte mich +sein Anblick an Asjas Bettstatt bis in die Tiefen der Seele, ich +begriff nicht, woher die schmerzhafte Bestürzung voll Rührung kam, und +sah das Brot an, als verklagte es mich. + +Aber je länger ich es betrachtete, zur Stille genötigt durch die +gleichförmige Lebensmelodie der Atemzüge der Schlafenden, und je +andächtiger ich in dies Gesicht sah, um so inbrünstiger begannen dies +Brot und dies Angesicht zu mir zu reden und trösteten mich. + +Du Brot bewegst mich nicht, weil du Armut verrätst, dachte ich, denn es +ist meiner Rührung eine Gewißheit zugetan, die keine Bekümmernis ist. Du +bist das ewige Maß, nicht Fülle noch Entbehrung, sondern ein edles und +einfaches Genug. Du bist das Sinnbild der mächtigen Ausmaße der Seele +und des Geistes, du erhältst, ohne zu gefallen und ohne zu schmeicheln, +du befriedigst, ohne daß Aufwand oder Fülle die Kräfte beanspruchen, du +forderst keine Beachtung, und die Selbstverständlichkeit deines Gebens +wehrt dem Unfrieden. Wie begreife ich, daß einst Christus dich und dein +Wesen mit dem seinen verglich, daß er dich brach und gab, wie auch sich, +als er das Opfer seiner Liebe und Erkenntnis feierte. Du bist das +Sinnbild der Erhaltung, der Wandlung und Wiedergeburt, Abschied und +Auferstehung. + +»Warum siehst du das Brot an?« fragte Asjas Stimme plötzlich in mein +verlorenes Sinnen hinein, »bist du hungrig?« + +»Ich habe ewig, ewig Hunger!« + +Sie richtete sich auf, kam mir nah mit dem durchscheinenden Licht ihrer +unstillbaren Augen, und verlangend, fast zornig, sah es mich unter den +angstvoll zusammengezogenen Brauen an. Die forschende Gier ließ mich +erschauern. Da senkte sie mit einem unaussprechlichen Lächeln ihre Stirn +auf meine Hand: + +»Ach, Bruder ...« + + * * * * * + +Aber die schwermütigen Bewegungen, in die mein Geist geriet, und die +Beunruhigungen, die mit meiner Liebe zu Asja über mich kamen, zerstörten +mir die letzte Eintracht, in der ich mich zu den Dingen meines Lebens +geglaubt hatte, und so gering meine Zufriedenheit gewesen sein mochte, +nun erst spürte ich, daß ich aufgescheucht worden war. Wie handle ich +nun töricht, dachte ich oft, daß ich mich auf einen fremden Weg locken +lasse. Stehe ich denn im Zeichen des Abschieds, oder im Zeichen des +Beginns? Aber dann war mir, als begänne mit allem bewußten Leben in uns +Menschen der Abschied und als erwachten wir nur zur Erde, um Abschied +von ihr zu nehmen. War denn, gemessen am Gang der Tage und Jahre, das +Stündlein Zeit, das ich vielleicht länger verweilte, als diese zum +Abschied so froh Gerüstete, gar so groß und gewichtig, und flogen die +Stunden nicht eilig und unaufhaltsam dahin, von Hoffnung zu Hoffnung +getrieben, und rissen mich mit auf einem fremden Weg, der nicht der +meine war? Und so beschäftigte mich der Sinn dieses eigenen Wegs, den +ich suchte, und ich sagte es Asja: + +»Ich finde den Weg nicht!« + +Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen schienen zu fragen, zu +forschen, weit in die Welt hinaus, und nichts von der Antwort zu +wissen, die sie gab. Es war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von +draußen hörte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett war ein +wenig vom Fenster abgerückt worden, das von unten her zum Teil verhängt +worden war, so daß es kleiner und höher erschien. Wir waren allein und +hatten lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts +mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen Lebensunruhe ward und +mich zugleich ermutigte, das Schweigen zu brechen. + +»Den Weg?« fragte sie langsam, »du suchst etwas vor dir und um dich her, +was du selbst sein sollst. Wenn nicht du selbst der Weg bist, so findest +du keinen, bist du es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg für was +oder für wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg der Liebe. Mehr +kann niemand finden und sein, und alles andere Suchen verlohnt sich +keiner Lebensmühe, es macht arm und führt mehr und mehr zur +Verlassenheit. + +Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen und längst +vergessen hast. Aber dann sieh weit, weit hinaus, und betrachte das +Verlangen und die Worte der Erkenntnis derer, deren Namen die +Erinnerungskraft der Menschen bewahrt hat. Aus ältester Zeit her klingt +das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder nannte den Weg; +forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der Weg! Begreife nun, welche +Gewißheit diese Worte bergen, die Flut der Liebeskraft zog durch sie in +den großen, lebendigen Strom der Liebe zurück, den wir Gott nennen. So +nur ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft, erst +du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis zu bereiten, das ist der +Gehorsam, der zur Vollendung führt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin +der Weg? Die Menschen verstehen dies Wort, als hieße es: Ich bin der Weg +für euch. Nicht so ist Wahrheit darin, sondern es bedeutet, daß er +selbst der Weg der Liebe ist, die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in +die Welt scheint. Und fährt er nicht fort, in der Zuversicht jener +Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich bin die Wahrheit +und das Leben? Seine Worte bedeuten: Ich habe der Liebe kein Hindernis +bereitet, sie strömt durch mich, ihren Weg, so rein in die Welt, daß ihr +Wesen offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er frohen Sinns +zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott, der sieht die Liebe. Meinst +du, dies sei sein Vorrecht gewesen? Es ist das deine. So suche nun +keinen Weg mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe führen, aber du +bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung und Auferstehung, sein +Leben ... die Seele ist Maria. + +Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit der +dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen zu mir, wie Lichtvögel, +farbige Bilder voll Helligkeit und Gewißheiten, die mich so erfreuen, +daß ich schluchze. Ich liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der +Sonne, fühle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in +unfaßlicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen Stunden und die +Zeit ist nicht mehr. Dann weiß ich, daß ich nicht sterbe und nicht den +Tod sehe, sondern daß ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke. +Das ist kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwäche noch +rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener Gemeinschaft, +wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum Weg der Liebe mache. Bin ich nun +ganz in ihr, der Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang +und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das sei mein irdischer Tod.« + +Ihre Worte waren in ein Flüstern übergegangen und ihre Augen waren +geschlossen, als schliefe sie. Im Schein der Kerze sah ihr Angesicht wie +Stein aus, alt und jung, zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne +und so rein wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und +Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit eines +Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der Natur, die Quelle und +die Mündung ihrer Fülle, das Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den +Wiesen bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg! Und der +Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich, und zum erstenmal war mir, als +formte sich in meiner Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten, +sondern im Geist und in der Wahrheit. -- + +Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die Mutter längst in ihrer +Kammer schlief, wenn die Nacht zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr +erkannte, war mir, als sähe ich Asja deutlicher, als jemals am Tage. +Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen beide, sie auf ihrem +Lager, ich in meinem alten Korbsessel, der bei jeder Bewegung knisterte. +Brannte im Herd noch das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von +den Wänden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer Nähe taten +Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie war im Schlaf und Wachen der +Zustand unsres Daseins. + +Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte und sandte meine +Gedanken erneut zu den Dingen hinüber, die uns zuvor beschäftigt hatten, +als seien sie mir nun verständlicher geworden und nähergerückt, obgleich +nichts zu ihrer Erklärung getan war, als jene von allem Denken +unabhängige Hingabe, die in der Wohltat der Ruhe lag, Hand in Hand. + +Mir kamen über solcher Erfahrung merkwürdige Gedanken, wunderartig und +flüchtig, Visionen und geheimnisvollen Einsichten vergleichbar, voll +Trost. Eine neue Macht erhob ihr Morgenglühn an den fernen Horizonten +meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang des Lichts und +vergaß alles, was nicht von diesem Licht beschienen wurde. Krankheit, +Schmerz und Tod, dachte ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem +Lächeln der hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben, die +aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering erscheinen lassen, +was nicht im Glauben an die Allmacht der Liebe liegt. -- + +So erstand uns in den armen vier Wänden dieses kleinen Raums eine Welt, +die keiner andern Welt zu vergleichen war, die uns von Himmel und Erde +abschloß, aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte. +Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverständlich heran, wie das +Tageslicht anbricht, sie war von großer Herbheit und so ernst, wie nur +die Jugend zu sein vermag. + +Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt verließ, so kam ich mir +verirrt vor und wie ein verstoßener Fremdling, aber so zuversichtlich +und geborgen zugleich, wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe. +Ich wußte das große Geheimnis, daß die Welt nicht an den +Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermeßbar ist, sie wurde +mir frühzeitig zu einem Gleichnis und ich fühlte, was uns allein heiter +und wahrhaft gerecht macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren +Gegenstand mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher, und wußte +doch, daß ich nicht verzichtete und kein Opfer brachte. Darüber begriff +ich, daß nicht der Verzicht uns beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will +in der Welt nur wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von +ihr empfangen, damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht +fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr. + +Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe ich denn? so wußte ich +nur zu sagen, ich liebe aus tiefster Seele und habe Gemeinschaft. Und +darüber begriff ich mit heißem Erzittern, daß dies alles sei. So sagte +ich denn zu meinem Herzen für immer: Was dich die Liebe nicht lehrt, das +sollst du nicht wissen. + +Aber es kamen Stunden, in denen mich der glühende Wunsch ergriff, Herz +und Mund zu öffnen, um alle an dem teilnehmen zu lassen, was mich +erfüllte. Mir erschien es, als brenne und verlösche ein Licht im +Verborgenen, und ich müsse aufstehen und seinen Schein verkünden. Ich +sprach darüber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit und betört von Eifer. +Sie sah mich an, als verstünde sie mich nicht, endlich erfaßte sie, was +ich meinte und sagte: + +»Hast du etwas zu sagen, das schön und wahr ist, so ereifere dich nicht, +sage einfach und geduldig, was dich bewegt, und bemühe dich nicht, der +Wahrheit Flügel zu verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das +ist die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit ist, ist es nur +deshalb, weil es längst Teil und Gut aller Wahrhaftigen und Erkennenden +ist. So sprich nur, als sprächest du zu Brüdern. Alles andere ist +Torheit. + +Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen, darauf kommt es +nicht an, sondern darauf, daß du sie verstehst. Wappne dein Herz nicht, +gib es ruhig dahin, sein Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die +sich hell und wehrlos in die Täler stürzen, wird der große Strom, das +Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz preisgibt, weiß, was +er tut, wenn er spricht: Dein Reich komme. + +Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen Menschen unsrer +Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung, heute noch nicht +weiter gekommen, als bis zu dieser Bitte. Das Vaterunser mißt die ganze +Geschichte des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens. Es +betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen der Welt und dein +Wesen, von der Geburt bis zum Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein +Wort und einfältig wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich von +Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie es ein Sinnbild der +Bahnen aller Geisteskulturen ist, und endlich der Menschheitsgeschichte +selbst. Liegt nicht das >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch +und Domen hinter uns, so sichtbar, als stünde es mit großen Zeichen über +der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach uns kommen, die wird im +Zeichen des dritten Worts stehn, das lautet: »Dein Wille geschehe.« Wie +weit, weit liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tägliche Brot +die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen Guts mehr +bedürfen, wie nah werden sie der Liebe sein! Welch eine Zeit aber wird +endlich anbrechen, die mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich, +die Kraft und die Herrlichkeit.« + +Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie im Bannkreis eines +deutlichen Bildes: + +»Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht an Zeit, sondern im +Wesen, das ist das Geheimnis. So sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und +Ewigkeit einig, einig in einem Sinn, der sie läutert und der ich bin.« + + * * * * * + +Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch dauerte, durchschritt +ich die Straßen der lauten Stadt, mischte mich unter Menschen und +betrachtete ihr Tun und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt +verschlagen, auf einen fremden Stern. Und ich empfand, wie gut es sei, +dies hier und da zu können, der große Abstand tat mir wohl und öffnete +meine Augen. Es war kein Unfriede in meinem Bewußtsein, ihnen in der +Nähe des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen und mir +ohne Groll. + +Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehörigkeit, bei langem +Verweilen unter ihnen, in mir neu erwachte, kam ein sonderbares Lächeln +auf, das ich fürchtete. Es entstand gewissermaßen ohne mich in mir, und +ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge. + +Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken, diese große +Welt, die nur der Jugend aufglüht. Bin ich nicht einzig fähig und +erbötig, in ihr zu wandeln, weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie +aber vermag ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das +allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Bestätigung? An +Stelle deiner Güter werden mich die Tage mit ihrer Wirklichkeit, mit +Stundengewalt und nüchternem Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen +und beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine, +verächtliche Lächeln einstimmen, in dem Satan triumphiert und das den +Tod so gewaltig erscheinen läßt, daß wir ihn nicht bedenken können. Die +nahen Menschen mit ihren wohlbegründeten Rechten, die Uhren und die +Pflichten, der Ernst dem Geringen gegenüber, das vergeht, und die +zugeständnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle werden sie +wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige Macht. Ich werde denken, wo +war ich nur, was trieb und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet +abschweifen können und mich so weit verirren? Und ich werde vergessen, +daß ich in der Heimat war, denn ich weiß nicht, was dir Kraft gibt, +allein zu sein und im Hellen zu verharren. + +So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie groß doch mein Vertrauen +war. Ja, es ist die Zeit meines Lebens gewesen, in der ich nicht allein +war, aber ich wußte es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr +Sinn für das, was uns fehlt, als für das, was wir besitzen. Die wahrhaft +Einsamen aber wissen für gewöhnlich nicht, daß sie es sind. + +Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst viel später, als +ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen erinnerte, tauchte auch +ihre weiße Stirn wieder vor mir auf, der farblose Mund und die +übergroßen Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft, die von +ihr ausströmte, und nahm sie gierig und wie mein Recht an. Es war gut so +und nach ihrem Willen, und es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu +sehen und nicht den dahinwelkenden Docht. + +Sie sagte mir auf meine Frage: + +»Ein rechtfühlendes Herz ist der Mittelpunkt der ganzen Welt, es gibt +kein Bett der Ordnung und Ruhe, das ihm zu vergleichen ist, und vor +seiner Echtheit ordnet sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur +daran, sonst wäre die Erde längst ein Trümmermeer und die Menschen +hätten einander vernichtet. Auch das Wissen ist ohne das Herz kein +Trost, es ist wie eine Leiter, die in die Helligkeit gebaut wird und +endet bald. Erst wenn sein Geistesweg ein echtes Gemüt umkreist, ist es +ein seliger Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber durch +das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist das Ziel, nicht aber +ein Ziel als Ende und Zweck. Ein echtes Gemüt aber ist Quelle und Weg +der Liebe, sieh, so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt. + +Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der Besten nicht wahr und +erhaben gewesen ist, es kann keinen Gott gegeben haben, der nicht aus +dieser ordnenden Kraft der Liebe war. Die Bilder der Götter, die +versunken sind, verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist älter als +alle Götter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist die +Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die meisten Menschen +brauchen ein Bild von Gott, das sich in der Schwäche ihrer Herzen +spiegelt, aber in einem starken Gemüt haftet kein Bild, sondern nur +Licht und Wärme. Darum sorge dich nicht, daß du vergessen oder dich +verlieren möchtest, denn das Herz weiß das Gleichnis vom Wesen zu +unterscheiden und den Schattenriß vom Angesicht. + +Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach Ursprung und Ende! Wir +wandern durch den Sonnenschein, die Hand voll Wiesenblumen, hören die +Lerche -- und suchen den Frühling. Verwirf alles, alles, Bruder, und +schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem Herzen, so +offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du aus: Es ist alles geschehen, +es ist alles gut, es ist vollbracht.« + +»So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort über die Auferstehung, Asja!« + +Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut, als sei meine Wißbegier +in ein Mißverhältnis zu meiner Andacht geraten, als kniete ich nicht am +Altar, sondern als lüftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich +empfand, daß ich falsch fragte, daß ich kleine und törichte Maße der +Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte. So beruhigte es mich +fast, daß Asja nicht antwortete, obgleich meine persönlichen +Liebespflichten und mein unpersönliches Verlangen nach den Wundern ihrer +Worte sich oft miteinander vermischten, so daß ich sie nicht mehr zu +scheiden vermochte. + +Asja wandte sich ab gegen die Wand, die Linie ihres Nackens und der +Schulter, unter dem Haar, verrieten mir eine Miene schweren Leides. Ein +unerklärliches Schuldbewußtsein machte mich unsicher, und aus solcher +Unsicherheit heraus wiederholte ich meine Frage beinahe unfreundlich. +Aber die Herausforderung meiner Stimme weckte nicht ihren Unwillen, +sondern ihre Güte. Sie wandte sich mir wieder zu und sah mich an: + +»Wie mag ein Mensch fragen, was Auferstehung ist, dessen Seele nicht in +der Schmerzensfinsternis ihres Grabes liegt? Fragt derjenige, der nicht +gefallen ist, die Vorübergehenden, wie er sich erheben könnte? Wer aber +nur deshalb fragt, weil er fürchtet, er möchte einmal fallen, der wird +keine Antwort erhalten, denn er fragt aus Furcht, und Furcht ist nicht +in der Liebe. Aber die Liebe, die in der Welt allein zu antworten +vermag, kann nur der Liebe antworten. Sieh, das ist der Irrtum der +Jahrhunderte, in denen unsere Geschlechter um Freiheit ringen, daß sie +hoffen, die Liebe möchte der Lieblosigkeit Antwort geben. Nur wer aus +der Wahrheit ist, hört die Stimme der Wahrheit, nur wer aus der Liebe +ist, hört die Stimme der Liebe. Ich kann dir auf deine Frage nicht +antworten, denn meine Antwort ist heilig, aber deine Frage ist es nicht. +Jedoch die Stunde wird kommen, in der die Finsternis der Welt über dir +zusammenschlägt, wo du im geistigen Tode am Boden liegst und weder +fragen noch hoffen kannst. Dann will ich zu dir kommen, ich, deine +Liebe, und zu dir sagen: Stehe auf!« + + * * * * * + +Erst darüber, daß ein Widerschein von Asjas Wesen sich in dem meinen +kundtat, und daß andere ihn wahrnahmen, begriff ich recht, welch +wahrhaftige Heiterkeit von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner +Kindheit und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen und +kampflos bescheidenen Frömmigkeit geraten, als daß ich nicht eine +leidende Abwehr und einen an Widerwillen grenzenden Zorn vor jener +Bescheidung in einer Gottseligkeit empfand, die nur Bestand hatte, weil +ihren Trägern alle wahrhaftigen Ansprüche fehlten, und weil sie die +Natur dadurch zu überwinden glaubten, daß sie sie leugneten und +verrieten oder verachteten. So erhoben sich meine Forschungen vor den +Quellen des Glücks dieser Seele oft bis zum Haß und mein Widerspruch bis +zur Bosheit, ich wollte ihre Ansprüche kennen, bevor ich ihr Genügen +guthieß, und war darin um so stürmischer und ungerechter, als ich die +meinen noch nicht kannte. + +Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen Verkündigung mich +überwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht und meinen Trotz verwünschend +meine Zweifel ab, aber sie zürnte mir nicht und war weit eher erstaunt +als nachsichtig. + +»Nie wird die Liebe Klage darüber führen, daß ihrem Licht widerstanden +wird«, sagte sie einfach und ohne ihre Worte in den Widerstreit meiner +Gedanken zu führen. Sie sagte sie wie für sich, und ihre beinahe arme +Gebärde der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie sprach, +gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom Himmelsschein auf fernen Angern +der Welt, die nie ein Mensch betritt. + +Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen unsern Geist +weit lebendiger anzieht und mächtiger fesselt, als alle, noch so +leidenschaftlich und glühend ins Feld geführte Überredung, so erwachte +und entflammte meine Wißbegier weit lebendiger in Asjas herber +Zurückhaltung, als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden +wäre. + +Am meisten beschäftigte mich nach allem, was ich gehört hatte, Asjas +Stellung zu den Worten und zur Gestalt Christi, dessen Name und +Aussprüche sie oft in so merkwürdigen Zusammenhängen erwähnte, daß es +mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernünftigen Auffassung +willen, fast praktisch und ins tägliche Dasein verwoben, dann wieder von +solcher Inbrunst der Liebe erhoben vorkam, daß ich lange kein klares +Bild zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um ihre von +keinem Vorurteil bedrängte Art, seine Erscheinung und seine Wirkung +nicht anders zu nehmen, als sie die irgend eines sonstigen weisen und +großen Menschen hinnahm, verehrte und wiedergab. + +Sie war auf eine für unsere Zeit ungewöhnliche und durch keinerlei +Vorurteil beeinträchtigte Art an die Evangelien gekommen, erst in +gereifter Jugend, und ohne in ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus +vernommen zu haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies Buch +eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks, als das Haus ihres +wohlhabenden Vaters nach seinem Tode mit seiner ganzen Habe in die Hände +fremder Menschen überging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und +eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige, welche der +Durst nach geistigem Gut in einem echten Gemüt hervorbringt. + +Wohl hatten Asjas Worte an mich, einst zu Beginn, ein fruchtbares Leben +in meiner Gedankenwelt entfacht, aber ich begriff die Einheit dieser in +ihr wirksamen Erscheinung Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu +betrachten und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch die +Vorstellungen getrübt, die man mich anzuerkennen gelehrt hatte, und +durch die Bilder, die mich von Kind auf begleitet hatten. Ich entschloß +mich schwer zu einer direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus, +die die erklärliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter +denen wir genötigt waren, uns seinem Bild zu nähern. Es mochte +hinzukommen, daß mein Gemüt in dieser Zurückhaltung den Anschein +vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft mit allen denen, die den +großen Namen nennen, um ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu +bemänteln. + +Aber die Natur unserer Gespräche brachte es doch mit sich, daß ich meine +heißen Fragen, denen schon so klare Antwort gegeben worden war, +zweiflerisch wiederholte, denn einem jungen Menschen ist eine allzu +endgültige und umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im +Gebilde seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht und nicht mit +Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen lehrt, die sich niemals +in einer eigenen, sondern nur in fremden Welten bewegt haben. + +Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas, ihre Züge nahmen +an Trauer und Hilflosigkeit zu und sie begann stockend: + +»Ich denke wohl darüber dies und jenes, aber ich vertraue meinen +Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie dahinziehende Wolken, und was sie +mir an Klarheit bringen, liegt nicht in ihnen, sondern über ihnen und +scheint erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist dann, +als sei diese Helligkeit über ihnen immer vorhanden, vielleicht gewinnt +sie ihre Gestalt durch die Gedanken, aber nicht ihr Wesen. Dann fürchte +ich mich aber auszusprechen, was ich erschaue, denn mir ist, als sei es +längst und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen und entstünde +nicht durch mich, sondern käme nur auch zu mir, in jenem kleinen Teil, +den ich zu bergen vermag. Zu reden aber verstehe ich immer nur zu jenem +kleinen Teil, und bin voll Furcht, das hohe Wesen über mir zu +entstellen. Ich glaube nicht, daß ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen +vermag, die nicht längst vor ihm Wahrheit gewesen ist und immer sein +wird, glücklich sind oft Schweigende, die schauen und entbehren. Sieh, +wer nicht zu glauben vermag, wähnt die Wahrheit abhängig von seiner +Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben abhängig, von einem +Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit haben müssen. + +Die Menschen rühmen, wie nun auch du, den Gedanken. Was aber nennen sie +ihre Gedanken? Sie lassen den Wind der vergänglichen Geschehnisse durch +die Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertönt, so sagen +sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur seinen Leib mit der Welt der +Sinne zum Bogen, um die Kräfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht +emporzuschleudern? Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der Welt? Wer +denkt, indem er Leib und Seele der Flamme seines Geistes zur Nahrung +gibt, vor Kühnheit hilflos und arm vor Ehrlichkeit? + +Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem Mark des Selbst, ist +noch nichtig, mein Freund, es bleibt ein lichtloses Gleichnis, das in +Gleichnissen irrt, wenn nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten +Geist befällt. Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der Gedanken zu +locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber ihr Kommen ist Gnade. Ich +glaube nicht, daß die Lichtblumen dieser Gnade nach dem Wert des Ackers +fragen, auf dem sie emporblühen. Sie keimen geheimnisvoll, mit +Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf, wo sie wollen, +nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die Kraft des Gedankens allein hat +noch kein bleibendes Geisteswerk, das schön, gut oder erhaben ist, +hervorgebracht, glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung +im göttlichen Spiel der Gnade, heiter und mühelos, und der Empfangende, +der erwählte Herd, sprach seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist. + +Begreifst du nun, was es bedeutet, erwählt zu sein? Die Erwählten sind +der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz unserer Beschaffenheit, in dessen +Erkenntnis Erlösung ruht. Nur Erlösung, kein anderer Vorteil, wie ihn +die Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine Welt +ihrer Begierden vor vergänglichem Bestand getragen haben. Wie soll sich +dort bewähren, wie soll dort trösten, was der Erlösung gilt? + +Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwählten, den ich eben in +meine Worte verwoben habe, bezeichnet ihn, von ihm aus wird er +auferstehen, nicht einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und +morgen, überall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner +Beschaffenheit gleicht, nicht aber dort, wo seine Größe, entstellt und +zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird. + +Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze und sprach sie +aus, obgleich sie Bestehendes zerstörten, allein um der Wahrheit willen. +Niemals aber wird ein Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht +ist. Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der Gottheit, das +Licht von der Finsternis. Er ist der Weg, auf dem die Liebe sich +offenbart, er ist die Gestalt der Offenbarung. Sagte ich dir nicht, daß +in der großen Dreieinigkeit der Liebe der Sohn die Offenbarung sei? + +Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne Willkür und ohne +Tun unter denen ist, die beschaffen sind, zum Weg der Liebe zu werden. +Ihr Schein ist von _einer_ Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es +gibt kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwählten wissen +voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und solche Gemeinschaft hat +nichts mit jener Wärme und Nähe zu tun, die wir Armen, gekettet an die +Welt der Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen. Sie sind +alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht laues Erwärmen, sie +richtet sich nicht in unsern Wohnzelten ein und hat keine Zuflucht, sie +fürchtet die Berührung der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das +bedeutet es, daß auch der Sohn kein Obdach auf der Erde hatte, keine +Mutter, keine Brüder. In solcher Gemeinschaft aber, wie ich sie nenne, +ist der Tod überwunden, sie überdauert das Dahinsinken der Leiber, sie +ist Auferstehung. Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der +Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen, der nicht +in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr Wesen nicht, ihm ist der Tod +mächtiger und er fürchtet ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht +erfüllt zu sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist +mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm, das ich ausstrahle, +trete ich aus mir heraus, was bleibt dem Tod noch, als jene Hülle, die +längst nicht mehr ich ist? + +Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder dort sein, die +irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die Heimat. Gemeinschaft ist das +große, das eine Wort des Bewußtseins, der Heilige Geist; die Quelle in +der Höhe, nicht die Mündung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern Dasein, +das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als ein Tag. Es gibt keine +andere Erlösung. Ich war gehorsam und die Offenbarung kam zu mir, die +zur Gemeinschaft führte, so sind Vater, Sohn und Geist mir zum Bild der +Liebe geworden und ich sage Gott, ohne Zweifel und Angst, heiter und +wahrhaftig, unaussprechlich gewiß.« + +Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung der Unerwählten?« + +»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die wiederkehren, nicht +die Erwählten, denn die Unerwählten sind es, die noch der vergänglichen +Gestalt allein angehören, dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende +Becher, die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der Hoffnung auf +eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch zur Erde, zur Mutter. In diese +Wehmut hat die Welt die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses +Irrtums, dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die sein +Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben, sondern die die +Hoffnung der innerlich Toten unter den lebendigen Menschen auf die +Gräber wies. Erkennst du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie +Maria, die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus selbst +verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn zum Kinde wird? -- Er +wird wieder zum Mann werden, und aus den Schleiern jener Wehmut treten, +die die Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um seine helle +Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab gegeben und das Schwert +der Entscheidung genommen, von welchem er gesprochen hat, als er vom +Geisteswesen seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete. + +Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch hat er nichts mit +denen gemein, die von ihrer Hoffnung sprechen, irdisch, nach dunkler +Wandlung, in erneuter Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in +dieser Zuflucht, keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat keine +Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der Geist. Er hat das +Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung, seine erste Gestalt ist der +Glaube, als eine Beschaffenheit, ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone +die Offenbarung ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die +Liebe, sie ist Anfang und Ende, das heilige >Gut<, sie ist Gott. Wehe +einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich in ihrem Wandel bis zu +Gott empor. Niemals! Auch unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe +erwählt, sondern die Liebe hat uns erwählt. + +Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge, die sich dem +Feuer zu verbinden trachtet. Kein Strahl aber fragt nach dem Wesen +seiner Sonne, denn er ist ihr Wesen.« + + * * * * * + +Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam in mir ein eigenes Leben +begann, als hätte ihr Geist in meinem Einkehr gehalten, in einer +mystischen Hochzeit. Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der +Offenbarung fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein Gemüt, keimten +und blühten. Ich verlor bald den Sinn dafür, ob ein Gedanke nach ihren +Berührungen aus dem Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich +ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf wunderbare Art +verschmolzen mir die Grenzen unsrer Beschaffenheit in ein Lichtgebilde +schöpferischer Vereinigung, und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft. + +Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen des Bluts waren, seine +Verschmelzung und Auferstehung zu einer neuen Einheit, war das im +höheren Sinn die Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen +durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier Gottes Wiege, wie +dort die Wiege des Menschen war, und waren Gott und Mensch in jenem +heiligen Sinn eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt wird +und des Menschen Sohn? + +Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch Weib, ich begriff mit +Erschauern den einfachen Sinn dieser einst so dunklen Worte vom Reich, +von der Ewigkeit, von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen der +Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie stets gegenwärtig +zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige Auffassung des Worts, daß +tausend Jahre wie ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen. + +So gingen die Monate des Winters herum, Tag nach Tag, nicht gemessen an +Daten und Stunden, nicht an Wachen und Schlafen, sondern an den +Schritten in die Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand +mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die durch unsere +Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs- und Tatsachenwelt +entstehen, und lebte. Meine Freiheit und Heiterkeit war zumeist +unaussprechlich, die Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von +vielen, wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und Finsternis. +Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer flammenden Inbrunst, ohne +sagen zu können, an wen oder an was, ich glaubte an das Licht in mir, +und an meine Liebe. + +So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an ihrem Dasein genug +sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb, weil sie einmal eine Frage +mit Zorn von sich gewiesen hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist +wahr gewesen: + +»Meinst du, es läge mir daran, dich zu überzeugen, oder ich gäbe dir +Ratschläge? Niemals, nimmermehr! Ich spreche, wie ein Baum blüht, aber +nicht, damit jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens macht +sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist sie ein Lohn. Ein +Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst, der Triumph von Kräften, die +längst zurückliegen, ein Ende, auf daß begonnen werde. + +Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem Zweck gemacht, und haben +die Liebe dadurch entheiligt. So möchten sie sie nun überall finden -- +bei Anderen, und traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch +die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Ungläubigen und +Lieblosen, den Bedrängten oder Traurigen. Als die Kriegsknechte das +Haupt des Heiligen bespieen, waren sie schuldloser, als diese Propheten +der Liebe, die niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der +Finsternis zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele zu erhalten, +und nennen sich die Priester dessen, der gesagt hat: Wer da sucht seine +Seele zu erhalten, der wird sie verlieren. + +Weißt du, was das heißt? Es ist der gleiche Geist, aus dem du zweifelst. +Wer seine Seele zu erhalten sucht, hat nichts gemein mit der Liebe. Das +Reich kommt nicht mit äußerlichen Gebärden ...« + +Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an. Und langsam füllten +sich ihre Augen mit Tränen, mir war, als erblickten diese Augen nichts +mehr um sich her. Sie saß still und aufrecht in ihrem Bett und weinte, +wie ohne Grund und Anlaß, ein verlorenes Kind in der traurigen Welt, +deren Wege voll Steine sind. + +Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages in Tränen ausbrechen, +weil es ihnen an Kraft gefehlt hat, sich zu erweisen. Aber du, Asja, +weinst nicht deshalb, denn du weißt nichts von diesem Wunsch, du weißt +nicht einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie der Klang +einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf den Bergen. Wir sind geistig +reich, wir wissen von Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber +das Reich ist nicht unser. -- + +Darüber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und ihre Art das +Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr und mehr deutlich, daß jenes +geheimnisvolle Wort der Evangelien, das von den Berufenen und Erwählten +handelt, wie ein aufklärender Stern der Einsicht über ihren +Betrachtungen und Einschätzungen stand. Meine Jugend und ihr Innenleben +waren zu tief von jenem tätigen Mitleidsgedanken der Nächstenliebe +durchtränkt, der alle Wohlgesinnten leitet, die unsere Kindheit bewacht +haben, als daß Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll +unerhörten, kindlichen Hochmuts erschienen wäre. Mir war, als läge viel +Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in solcher unerprobten Gewißheit. Wo +blieb bei solchem Glauben und solcher Heilsgewißheit die unübersehbare +Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwählt waren? Mein Sinn +empörte sich oft bis zum Haß, wenn ich lange allein war, aber ich +schwieg beharrlich, im selbstsüchtigen Genuß einer vermeintlichen +heimlichen Überlegenheit. Du liegst auf deinem weißen, stillen +Ehrenlager des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekümmert dich +das große, allmächtige Leben, der heiße Strom, der unter dem Lichthorst +deiner traumhaften Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hörst das +Geschrei der Gebärenden so wenig, wie das Seufzen der Sterbenden, das +gepeitschte Glutmeer des Kampfs der Geschlechter ist dir wie das +seelenlose Brausen des Meers, und wer ist dein Nächster, den du lieben +sollst, wie dich selbst? + +Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und die Schweigende fuhr +fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt, dein Nächster sei der, welcher +dir, Körper an Körper, örtlich am nächsten steht? Gehörst auch du zu +denen, die der Buchstabe tötet und die der Geist nicht zu befreien +vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die Gassen des Alltags, und wenn +ihr ihn darin zertreten und beschmutzt, verkleinert und geschändet habt, +so verhöhnt ihr ihn und vermeint, seine Lüge erwiesen zu haben. Wenn der +Falke im Gitterwerk des Hühnerstalls verdirbt, so fragt ihr den +Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug über den Wäldern? Dein Nächster ist +nicht der, welcher dir örtlich am nächsten steht, sondern der, dessen +Wesen deinem Wesen am nächsten ist, dessen Seelenkraft und +Geistestugend, dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen gleichen, +und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und Schmach, Beseligung +und Zuversicht, ein Weckruf und ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich +selbst, das ist kein Befehl, sondern eine glückhafte Notwendigkeit, ein +erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht. Gott aber, +den du über alles stellen sollst, das ist die Liebe selbst, und ohne ihn +ist auch dein Nächster dir fremd. Nur in der Liebe gibt es einen +Nächsten, nicht in der Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem +Bestand, Vorteil oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergnügen im Leben +des Alltäglichen. Welch ein Widerspruch entstünde zu der wahrsagerischen +Verkündigung, daß der Erwählte Vater und Mutter verlassen würde, wenn +sein Nächster, der Mensch seiner örtlichen Nähe wäre? Denn wer steht dem +Menschen näher, als sein Vater und seine Mutter? Du wirst sie +verlassen, wenn sie nicht im Geist deine Nächsten sind, um deinen +Nächsten zu suchen. + +Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor den besonnten +Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit, die einst mit +Schmerzen und Jubel, die kein Sinn ermißt, eine Liebesforderung +sondergleichen, aus blendend erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume +eines schweren Lächelns blühte mir aus den Wolkenzügen des Abendhimmels +meines unruhigen Tags und meiner Zeit entgegen, ich ging ziellos und +allein weit vor die Stadt hinaus, und ich verstand Asjas Wort des +Willkommens, als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: »Wir haben +alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen«, und ihr einfaches +Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt sich mir langsam in die +Verheißung: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. + +Als ich in der Abenddämmerung heimschritt, begegnete mir auf einem +verlassenen Feldweg, der auf öde Bauplätze und so auf die Vorstadt +zurückführte, ein Mann, der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem +Weg stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht hatte, +bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen, hielt im Schreiten inne +und sah ihn an. Er fragte mich auf eine Art nach dem Weg, der ich +anmerkte, daß er keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war +schon zu dunkel, als daß der Anstand von Wesen oder Kleidung für uns +beide deutlich festzustellen gewesen wäre, bevor wir uns einander nicht +ganz genähert hatten, und ich empfand nun, daß ich enttäuschte, und mir +schien, als gäbe mein Gegenüber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung +preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besaß. So wurde seine +Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf eine vertraulichere Stufe +kameradschaftlicher Mitteilung gehoben. + +»Hast du Geld?« + +Ich durchsuchte meine Taschen in großer Verlegenheit, und um sie zu +verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts mit meinem Betreiben zu tun +hatten. Er betrachtete mich verdrossen und abwartend. Als ich endlich +ein paar Münzen fand und sie hinreichte, trat er zurück und winkte mir +ab. + +»Hast du mehr?« fragte er. + +»Nein«, sagte ich. + +»Ist das alles?« wiederholte er seine Frage. + +»Ja.« + +»Behalt's«, sagte er und schritt ohne Gruß davon. + +Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen Weg fortzusetzen, +aber als ich die Münzen wieder in meinem Rock bergen wollte, hatte ich +nicht die Kraft dazu; ich wußte nicht, wem sie gehörten. + +Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich das Haus, in dem +Asja wohnte, und sah, daß Licht in ihrem Zimmer brannte, es war gegen +zehn Uhr abends. Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausführte, +durch den Mauerspalt zweier Häuser von der Straße aus sehen. Der +Schuster Stevenhagen, der neben dem Eingang im Hinterhaus seine Wohnung +hatte, öffnete mir auf mein Pochen, wie schon oft, und ließ mich ein. + +»Wie geht es Asja?« fragte er, ohne über mein spätes Eindringen ein Wort +zu verlieren. + +Ich mußte mich besinnen und erschrak fast darüber, wie ungewiß meine +Vorstellungen von ihrem körperlichen Zustand waren. + +»Wir werden sie bald verlieren«, fuhr er auf meine unsichere Auskunft +hin fort. »Ihre Mutter war heute bei mir.« Er sah mich an, als erwarte +er von mir irgendein ungewöhnliches Wort der Erklärung, eine rasche und +zuversichtliche Mitteilung, die seine Befürchtung zunichte machte, als +müsse irgendein Wunder geschehen, von dessen Art und Wirkung niemand +einen Begriff hatte. Ich war mutlos und schwieg, alles, was mich auf +meinem Wege beruhigt und erhoben hatte, verflog. + +»Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der Frühling kommt«, +fügte der Alte hinzu, als sei es nun an ihm, ein Wort der Beruhigung zu +sagen, da von mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied zu und +ließ mich auf dem dunklen Gang allein. Ich lehnte mich an die Wand und +dachte: Es wird Frühling. Unter Asjas Tür glomm eine schmale, rötliche +Lichtlinie, es war totenstill im Haus. Es wird Frühling, dachte ich, von +den Bergen fallen warme Winde ins Land, über die Wiesen. Die Wipfel der +Buchen färben sich rötlich, und die Bäche rauschen trüb und eilig +zwischen ihren Ufern dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die +Nächte sind voll warmer, glücklicher Unruhe. In der ländlichen +Abgeschiedenheit krähen die Hähne von Hof zu Hof, da nun die Sonne schon +eher aufgeht, über den Feldern mit grünem Winterkorn. An besonnten +Hängen erklingt über den stäubenden, gelben Weidenblüten das erste +Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrünten Landschaft, +zwischen den braunen Winterfarben der Büsche und Wege, taucht in der +glitzernden Märzsonne ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken. + +Aber Frühling, mein Bruder, was tue ich in deiner Gemeinschaft, wenn +Asja begraben liegt? Ich fürchtete mich vor dem Eintritt in den grauen +Raum der Entbehrung, des Verzichts und des Abschieds, der plötzlich zu +einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal, als ich ihn vor +Monaten betreten hatte. Ich versuchte, mir gewaltsam jene Güter als +meinen und Asjas Besitz ins Gedächtnis zurückzurufen, die in hohen +Stunden unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen, die +Finsternis erwürgte mich. + +Wie eine unüberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben und Tod brannte am +Boden die Lichtlinie der Tür und ich vergaß, wo ich mich befand und +erschauerte, wie in einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines +Entschlusses nicht mehr, die Tür zu öffnen, wohl aber erblickte ich +gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht der nahen Kerze, +die es beschien, als wäre es allein in der Welt, und ich taumelte vor +Ergriffenheit, wie über alles Vergleichen und Ermessen schön dies +Angesicht war. Es sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und +klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen +Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still, ein Bild der +Heimat. Und der Frühling, mein Bruder, den ich fern vermutet und weit +von dieser Stätte verbannt hatte, kam mir aus der warmen Nacht der +großen Augen entgegen, die Lerchenlieder über den Feldern, feuchter Wind +und der süße Duft aus Schollen und Keimen, aus dem das lichte +Blütenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung, sein unruhiges Wesen, war +hier in eine lautlose, mächtige Zuversicht verwandelt. Da wußte ich, daß +ich es war, der zurück mußte, daß aber Asja in Frieden blieb. + +»Hilf mir,« sagte ich, »wer hat dich erwählt? Ich kann mich nicht von +dir trennen und weiß doch, daß es meine Armut und Schwäche sind, die +mich von dir scheiden werden.« + +Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand, in dem ich +mich befand, sie war weder zu täuschen, noch irrte sie sich, und die +göttlich-dämonische Macht ihrer Einsicht bestand darin, daß sie niemals +bei ihren Schlüssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung, von +etwas anderem ausging, als von dem unerschütterlichen Glauben an eines +Menschen Wert, Güte und Lebensrecht. Es ist unausdenkbar, daß jemals ein +Mensch, selbst der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas +geringeres hätte entgegensetzen können, als ein erschrockenes Glück. Wer +hoffte nicht darauf, er möchte einer Erlösung wert sein, wenn er leidet? +Wer aber vermag einer Seele diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu +bringen, als der, welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehörigkeit zur +Liebe glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er wahrhaftig ist, +vermag Berge von Schmach und Finsternis, von Selbsterniedrigung und +Verarmung zu versetzen, und auf den befreiten Boden bricht wieder das +Himmelslicht, keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens, groß +genug, vermag Wüsten der Herzen in fruchtbares Land zu verwandeln, vom +trocknen Firmament brechen die feuchten Schauer, und der Sand begrünt +sich. + +»Was quält dich?« fragte Asja mich. Oh, über diesen unvergeßbaren Ernst +ihrer Fragen, ich habe ihn niemals im Leben wiedergefunden. Warum +lächeln diejenigen, welche sich für stärker oder erfahrener halten, und +wieviel ist eine Gabe unter solchem Lächeln noch wert? Ihr rechnet alle +auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die Hälfte gebt, und weil ihr +die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs zu glauben verlernt habt. Euer +Lächeln dieser Art ist der Erweis, daß ihr weder an eine echte +Zugehörigkeit, noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verständnis, nur +an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes Mitleid der +Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres Erleiden nicht erlaubt, +und als sei ihm durch Herablassung am sichersten beizukommen. An diesem +Lächeln gleitet ihr aneinander vorüber und gebt eure herrliche Liebe in +der armen, kleinen Münze der Freundlichkeit aus, die jeder selber hat. + +Asjas Augen öffneten mein Herz unter ihrer Frage bis auf den Grund, und +ich sagte einfach, als wüßte sie schon alles: + +»Das Wort von den Berufenen und Erwählten quält mich wieder und wieder. +Du hast einmal davon gesprochen, daß das Wesen und Schicksal des +Menschen mit diesem Gesetz offenbar würde, und daß seine furchtbare +Wahrheit der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du hast gesagt, +dies Wort vor allen andern bezeichnete die Erkenntnis und Lehre Christi, +aber mich läßt die Frage nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen +soll, die weder berufen noch erwählt sind. Sind es nicht Menschen wie +wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber schließt aus und +sondert, entscheidet und verwirft. Ist das das Wesen der Liebe?« + +»Ja,« antwortete Asja, »ich habe es gesagt.« + +Ich wartete und hoffte darauf, daß die Sicherheit ihrer Antwort mir die +innere Haltung schenkte, selbst zu sehen, was ihre Augen schauten, aber +es blieb alles ungewiß in mir, und die Wege meiner Gedanken verirrten +sich im Dunkeln. + +»Sag' mir das Licht, in dem die Unerwählten stehen, und ich will +schweigen und warten«, sagte ich. + +»Sie stehen im Licht der Erwählten«, antwortete Asja. »Die Liebe +scheidet und läßt sich nicht vermischen, das ist ihre Kraft und +Herrlichkeit. Satan mischt und legt die Namen der Liebe an die laue und +falsche Gestalt. Wer sind die Erwählten, daß du von ihnen sprichst, als +seien sie im Sinn der Welt bevorteilt? Erwählt sein, heißt von der Liebe +erwählt sein, zum Weg ihres Lichts. Glaubst du, solch heilige Gunst +raffte den Wert an sich, um ihn für sich zu besitzen, gesättigt, +zufrieden, selbstsüchtig? Sie strahlt ihn aus! Und je reiner ein Herz +dies Licht ausstrahlt, um so eher ist es erwählt. Wer hat das große Wort +auf Gunst und Wohlstand des zeitlichen Lebens ausgelegt? Wer hat es +unter den Schein von kleiner Tugend und armseligen Lohn gestellt und in +einen Rangstreit des Vorteils gezogen? Ich bin betrübt. Wieviel Angst +muß in der Welt sein! Was von der Erlösung galt, das haben die Menschen +in den Widerstreit von Vorteil und Besitz getragen. Ich habe Angst vor +der Macht des Satan!« + +»Wer ist Satan?« + +»Steht er neben dir, daß du so fragst? Satans Reich ist überall, wo +Gottes Reich nicht ist. Wenn du zum Bild der Liebe das Bild Gottes +setzt, so setze für das Bild der Nichtliebe das Bild Satans. Sagt nicht +der Böse von ihm! Er möchte euch im Bild dessen überlisten, was ihr das +Gute nennt.« + +Ich raffte mich zu einer raschen Frage auf, aber sie sah mich drohend an +und rief laut: + +»Schweig!« + +Und wieder, wie einst, als eine harte Absage mich betroffen hatte, +neigte sie sich über meine Hand und drückte ihre Lippen darauf. Erst +nach einer Weile hob sie die Stirn und sagte fröhlich: + +»Ich kenne ein altes Lied, willst du es hören? Es lautet so: + + Ich möchte dich beglücken + und kann nicht dunkel sein. + So tritt mit deinem Zweifel + in meiner Liebe Schein. + + Mich quält nur eine Frage: + Hast du mich lieb, sag an?! + So bleib in diesem Lichte, + das ich nicht trüben kann. + + Frag nicht, weshalb ich frage. + Aus Zweifel frag ich nicht. + Es gibt nur eine Klage + der Liebe, die um Licht.« + + * * * * * + +Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern der Stadt und +verkündete seine Gegenwart überall. Meinem Kammerfenster gegenüber, an +der Hofseite des Nachbarhauses, hoch am Giebel, begann ein altes +Mütterchen ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale +Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein kleines grünes +Gitter, und die Alte arbeitete mit einem Blechlöffel in der Erde, unter +dem Giebel ihres Dachfensters. Wenn mittags die Sonne schien, hing sie +ihren Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme schmetterte in +warmen Stunden durch die öden Hallen der Höfe. Man hörte auch wieder +Kinderstimmen, und überall standen die Fenster offen. Die Weiber +schnatterten auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des +Morgens erwachte. + +Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen umwehte, sehnte ich +mich danach, die Stadt zu verlassen. Wohl entfloh ich zuweilen ihren +Häusermauern, aber das öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht, +sondern stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen und +Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer Stimme, die mich +überwältigte. Ihr Gesang war überredender und süßer, als ich ihn jemals +in der Freiheit der Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß +ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern wie eine +Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und plötzlich verstand ich in +einem ganz neuen Sinn das Wort: »Wer da sucht seine Seele zu erhalten, +der wird sie verlieren.« + +Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und ihre Beengung. Nun +blüht draußen der Frühling über Wäldern und Wiesen, dachte ich, die +Sonne scheint auf den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im +Wind begrünen sich. Ich möchte über den nassen Acker gehen und +Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen, ich möchte die Saat mit +meinen Tränen benetzen und auf dem dunklen Grund niederknien und zu +Gott, dem Vater, beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es wäre +ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam wie das Blühen, das +mich umweht und überkommt. Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der +mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o Vater, du Liebe! -- + +Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner kurzen Jugend auf der +Erde, in denen Asja starb. Ich habe außer der Nacht, in der sie Abschied +von mir nahm, kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und weiß +in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen äußerer Gewißheiten +zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen, wie ich auch mein Alter nicht +mehr weiß, denn es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem +uferlosen Meer des Lebens für mich. + +Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die Stunde des Tags an +ihr nicht festzustellen vermag, so gibt es Ereignisse in unserm Dasein, +deren Einwirkung so stark ist, daß wir den Widerschein auf den +erkennbaren Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen +in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie Grabhügel auf den +Feldern. + +Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt, wenn der Pflug +ihn für die Saat aufreißt, und die Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen, +nichts mehr als ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen. +Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand unseres +Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen werden, der zum lebendigen +Sein und Schauen führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist, +der nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern durch jene +Macht, die auch den Gedanken zu wollen scheint. + +Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen, unsere Bewegung hat +diesen Sinn. Es gibt Augenblicke, in denen wir ihn wissen, von ihnen +schweigt jeder Mund. Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung +und Verkündigung und ein erlösendes Glück. + +Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht dahingegangen; auf dem +Acker meines Herzens ist nun die Saat dieser Stunden aufgebrochen und +blüht. Ihr sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was ich +auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner, wie sie einst +fielen, sondern die Felder in der Mittagssonne des Lebens. + +Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut und gequält hatte, +am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig in ihrem Bett und richtete ihre +Blicke auf mich, als sei sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage +ihrer Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl. + +So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds, und ich vermochte +mich nicht zu fassen, obgleich ich äußerlich gelassen und geduldig +erschienen sein mag. Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit +denen die meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu trösten +hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang, und sie gelangen mir +nicht, denn Asjas Seele war von jener Unverführbarkeit, wie nur die +aufrichtigen Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen +Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit willen. + +Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich sprach über dieses und +jenes mit ihr, aber ohne daß meine Gedanken bei meinen Worten waren, und +ich war in einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde, +sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in Asjas Gegenwart mit +mir von dem zu sprechen, was sie auf dem Herzen hatte, und ihren +heimlichen Andeutungen, ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier +Augen Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am Tage +eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn sie auch nicht ahnte, wie +nahe der Tod ihrer Tochter bevorstand, so war sie doch voll jener +schwankenden Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig +täuschen lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften des +Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß Asja sich, ohne +Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher und lebendiger +gezeigt hatte, als zuvor, besonders in Dingen, die das äußerliche Dasein +betrafen und in ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte mich +tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die von ihrer Krankheit +Befallenen so oft durchmachen, obgleich die Hoffnungsfreudigkeit, die +sie zur Schau trug, kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in +einem andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges Aufatmen +ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert fühlte. + +Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und lächelte zuweilen +flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre Gedanken schienen auf den Wiesen zu +sein, auf denen die Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten. Sie +schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit ohne Trauer an, +wie in einer zögernden Erwägung, wie überhaupt ihr Hang zu allen schönen +Gebilden der Natur wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war. + +Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein, das ich mit ihrer +Mutter führte: + +»Geh nicht fort.« + +Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die Blumen zur Erde +niederfielen. Ihre Mutter ging zur Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie +zu wecken, wenn es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht, +da die Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen Augenblick in +das Gesicht Asjas, und ich hatte den Wunsch es zu verhüllen. Auch legte +sie noch eine Kerze neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen +beinahe zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl allein. + +Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu gehen oder zu +kommen, und ich dachte an ihr Wort und hörte Hof und Haus ruhig werden, +während ich gegen meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft +überwältigte, da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und wenig +Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein tiefes, merkwürdiges Gefühl +einer fast lieblosen Furcht hatte, wie sie mich fast immer befallen hat, +bevor es galt sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien, +daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen, die ihnen +neu sind, Zuversicht und gedankenlosen Mut an den Tag legen, sich für +gewöhnlich nicht darin bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu +bestehen, der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die es zu bewältigen +gilt, darum erscheinen die wahrhaft Fühlenden zuweilen so kalt und +herzlos, wenn es sich um ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme +handelt. Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt, die +als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich geringeres Vertrauen, +als derjenige, der zu ihr gerufen wird, und unter denen, die der Wille +der Andern erwählt, wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der +sich am längsten sträubt. + +Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser Ermattung dies und +das, ich fühlte den Schlaf nahen und kämpfte in willenloser Absicht +gegen seine wohltuenden Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die Kerze, +um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen könnte, wenn sie ohne +unsere Beachtung niederbrennen müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein +Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die Hand ein Stückchen +abgebrochen hatte. Hoch am Fenster war ein gelblicher Lichtschein +erkennbar, der, durch die Hauswände fallend, von einer Straßenlampe +herrührte, und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft +sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn die Kerze brannte nur +trüb und flackernd. Ich dachte: Wenn die Morgendämmerung hereinbricht, +so werde ich, wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den +Frühschlummer auf das umgewandte Kissen betten, sie wird mich anlächeln, +und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort werde ich durch die leeren +Straßen gehen, die Amseln in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft +des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so wird es auch +diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich der unfaßbare und +entscheidende Tod uns nahen, um uns zu trennen? + +Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler Allmacht ein +Schatten von großer Liebesangst, so daß ich meine Hände mit bebender +Gewalt vor mein Gesicht schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht +und Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich Asja hatte, +befreite meine heißen Augen und sah sie wieder an, von einer furchtbaren +Ahnung überwältigt. Ich erblickte ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht, +und Grauen und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt. Ich +mußte mich wieder abwenden, um nicht laut nach ihr zu rufen. Dies +Kinderhaupt in Gottes ganzer Güte war von einer unirdischen Schönheit, +wie nur das Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren und +eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen und bereit zu +ertragen, was immer die Fremde bot. Aber die Last der Erde wurde auf +dieser Stirn zur Glorie und das Kindertum der Züge zu einer so freien +Weisheit der Liebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich +wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte. Ist es so, +dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie in einen Traum, daß das +Erbarmen, das die Unschuld in uns hervorruft, wenn sie sich von der +Lieblosigkeit der Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in +einen Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der Segen eines +hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und müssen wir um dieser Allmacht +willen zu Kindern werden, um das Reich zu finden? + +Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße aus einen großen, +dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein verschwiegenes totenstilles Haus +stand. Vor den Fenstern erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie +Säulen, und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in +geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe mußte es stürmen, +denn trotz der toten Versunkenheit dieses Bildes sah ich die Äste der +Bäume sich in den Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen, +schwarzgrün in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme, +unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier wohnt der edle Geist +der Menschenfamilie, hier ist Glaube an den Bestand des Irdischen, und +wer es wagt vom Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und +gilt als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden nicht +achtet und Zerstörung sät. + +Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man mußte sie von den Fenstern +aus fast berühren können. Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume +gepflanzt hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleich +gehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus. Die Fahnen der +Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln der Scheiben; es quälte mich zu +erfahren, wer dies Haus bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft +bewußt, wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße war, und +wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir haben unrecht, dachte ich, +darum ist es so schwer. Unsere Liebe ist der Feind der Welt, und wir +bringen Unfrieden in die Seelen und Gärten. + +Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert, daß sich mein +Herz bäumte. Nur die Seele, die durch den Schlaf ungerüstet zum +Widerstand ist, empfängt so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem +Zauber und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine Geige aus dem +Schlaf und war mir nicht, als sänke ein farbiger Himmel von +unaussprechlicher Wohltat auf mich nieder? + +»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!« + +Das war Asjas Stimme. + +Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und streckte ihr meine Arme +entgegen, aber sie sanken mir nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie +kniete in ihrem Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in +eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen im Schoß, aber +nicht gefaltet, sondern leblos und still, als habe sie sie für immer +vergessen, und als wäre ihrem Bereich entrückt und ungreifbar, was die +Augen schauten. Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in +dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen in unser Zimmer +fiel. Es war ein Ausdruck von so großer Hilflosigkeit, ja so voller +Verzweiflung in ihren Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und +schweigen mußte. + +Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme, mit einem tiefen +Seufzer: + +»Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer kann mir helfen? Es ist +dunkel umher und wird bald noch dunkler sein. O, es war alles gering, +ich habe es nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und für +das Licht gewesen.« + +Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor Schwäche nieder, ohne +noch darauf achten zu können, wie sie lag, als sei sie tödlich +verwundet. + +»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es besser? Ich bin nicht +gewesen und habe nicht getan, was ich sein und tun sollte, im Raum ohne +Ende, bei den fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß es? +Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es nicht ertragen kann.« + +Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert. Ihr Gesicht, das +nun in meiner Hand lag, flog und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein +schwarzer Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres Lebens +lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen, dann warf ein furchtbarer +Schmerz, dessen Ursprung schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie +sah mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das spärliche +Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und totenstill rang das +Elend des armen Gesichts und Leibes wie mit einer gefesselten und +gelästerten Seele. + +»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein Herz, erblickende Augen, +Tränen für mich! O sei Gestalt, du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als +alle, so schwach, so elend, daß ich schreie.« + +Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie in meinem Leben. +In meinem Fühlen und Wollen riß ich sie wieder und wieder in meine Arme, +preßte sie an meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren +Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es nicht. Alle Untat, +Angst und Müdigkeit der Welt lagen in meinen Gliedern, keine Tränen +lösten die Erstarrung und kein Seufzer brach den Bann. + +Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort zu mir gesagt, so +deutlich vernahm ich aus aufgewühlten Gründen der Seele tief in mir +einen Ausspruch ihrer Lippen, den sie vor langer Zeit in einer +versunkenen Stunde vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe +am nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses Worts kam zu +uns und hüllte uns voll Erbarmen in einen großen Glanz ein, als eine +unnennbare und übersinnliche Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun +allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle, die in +Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die den Abschied von ganzem +Herzen gewollt haben. + +Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas Zügen, derweil der +Morgen am Fenster herandämmerte und die Stube spärlich aufhellte. Der +Körper wurde schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen den +Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung. Ein leiser Hauch +streifte meine Stirn, er erklang und rief mich: »Mein Bruder«. Darauf +sank ihr Gesicht zur Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied. + + * * * * * + +Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem zu Anfang, dort wo +das eiserne Tor hineinführte, die Tannen hoch und dicht standen, wie in +einem Wald, kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte, nur +zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen bemooste Steinkreuze unter +ihnen. Als die Bäume niedriger und die Wege zur rechten und linken +schmäler wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in Blüte +standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden farbigen Dickichten, von +denen ein berauschender Duft aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel, +glänzten die Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische +erklangen die Stimmen der Singvögel. + +Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche immer spärlicher, der +Garten lichtete sich zusehends und die Grabsteine und Kreuze umher +hatten helle Farben, standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und +bunt da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen, +durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich verletzt. So aber +standen sie geweiht unter dem warmen, trüben Himmel, der am Horizont +einen rötlichen Lichtstrich zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage +war, es mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein. + +Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her, der Schuster +Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu haben uns zu folgen, obgleich der +kleine Zug sich langsam dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar +in seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn doch, denn +mein eigenes Gewand war weder feierlich noch auch nur ansehnlich. Ich +hatte meinen Stock mit mir und nur ein Tuch um den Hals geschlungen, +meine Habseligkeiten führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich +wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt zurückkehren, sondern +hinausgehen, dem Sommer entgegen. + +Es begleiteten uns noch einige Leute, die mir fremd waren, es mochten +Bewohner des Hauses sein, in dem Asja gestorben war, arme, fremde +Gestalten, wie wir, die niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein +junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner Amtstracht, +mich beschäftigten. Da der Weg schmaler wurde, blieb er stehen, ließ den +Wagen an sich vorüber und trat an meine Seite. + +»Wir sind gleich am Grab,« sagte er zu mir, »haben Sie die Tote +gekannt?« + +»Ja.« + +»So können Sie mir vielleicht irgend etwas sagen, das Beziehung zu ihrem +verflossenen Leben hat, und das ich in meinen Worten am Grab zum Trost +der Mutter anführen könnte.« + +Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen; ich werde +freundlich und höflich antworten, dachte ich, aber mir kam nichts in den +Sinn, das mir, in Worte gefaßt, nicht sinnlos erschienen wäre. So +schwieg ich unbeholfen und fühlte den Blick des Mannes forschend auf mir +ruhen. + +»Es ist gut«, sagte er endlich nachsichtig, und, wie um auszugleichen, +daß ich nicht vor ihm bestanden hatte, fügte er herbeilassend hinzu, +ohne daß es mitteilsam wirkte: + +»So will ich denn das Wort aus Johannes über dieser Toten sagen: Ihr +habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.« + +Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen Sarg. »Asja«, sagte +ich. + +»Warum lächeln Sie?« sagte der Geistliche betroffen. + +Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten. + +»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein, »ja ...« + +Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen hielt, der Sarg wurde +herausgehoben und ein paar Schritt weit vor ein offenes Grab getragen. +Aber man hatte sich geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein +Stückchen weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir uns +befanden. + +In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang ein Vogel. Ich +lauschte und wartete, denn ich kannte ihn nicht, er sang überhell und in +klaren, gejubelten Tönen, ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein +Gefieder war hellbraun und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über +das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der große alte +Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln, Kreuzen und Buschwerk +langsam zum hohen Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten +sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben stehen, als +die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft scholl, und sahen zu uns +hinüber. + +Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar auf, mich ergriff ein +mächtiger Zorn, den ich nicht zu meistern wußte und der meinen Körper +wie Fieber schüttelte, mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und +hinfällig ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein Verlangen, +mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten, denn ich kannte mich nicht +mehr. Vielleicht war dieser Zorn auch nichts als Bewegung, die einen +Ausweg suchte, da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen +Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag von Erde auf dem +Holzsarg, ein jeder warf anfänglich ein Häuflein hinab. Der Geistliche +führte der Mutter die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich, +denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber die Beendigung +dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten. Langsam bewegte sich unser +Häuflein wieder auf den Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der +Vogelgesang aus den Waldlauben erklang immer noch und es hatte aufgehört +zu regnen. Ich nahm Abschied von der Mutter, sie sah mich ängstlich an, +als ob sie eine Frage stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den +Arm des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser Abkehr ein Wort +anklagender Enttäuschung, als spräche sie: »Seht nun, es hat euch nichts +genützt, ihr Kinder. Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und +waret so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh sein zu +dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter, so ...« Aber hier brach +ihre stumme Gedankenrede ab, denn dort wie hier stand für sie der Tod, +und mutlos senkte sie die geröteten Augen auf den Weg. + +Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen schmalen Seitenpfad, +den ich einschlug, um so, von den andern getrennt, einen Ausweg aus dem +Garten zu suchen. Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben und +ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen warfen Tropfen auf +mich, hier und da hoben sich graue Steinkreuze im feuchten +Frühlingsschatten, sie standen in Duft und Stille feierlich in den +Tannendomen und sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel, +deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten, wie ein +klingender Schleier. + +Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile wieder den Hauptweg +erreichte, auf dem mancherlei Besucher des Gartens einherschritten, sah +ich, daß der junge Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand +und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne Gruß an ihm +vorüberschritt, trat er auf mich zu. + +»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch ein Wort mit Ihnen +sprechen.« + +Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück, denn er schien den +begangenen Weg und die Nähe der Menschen vermeiden zu wollen, und ich +folgte ihm. Nach einer Weile begann er zögernd: + +»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt, noch ein paar Worte an +Sie zu richten. Sagen Sie mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie +führt.« + +»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht. Was sollen solche +Fragen, was kümmert es Sie, wer ich bin und wohin ich gehe? Wenn Sie +etwas zu sagen haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen +Sie mich gehen.« + +»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach einer Pause. »Wer war +diese Tote?« + +»Ich weiß es noch nicht.« + +»Sie weichen mir aus.« + +»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten sich nicht danach.« + +»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein. Ich habe kraft +meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht, bekannte und unbekannte, aber +niemals hat eine Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich +Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen bin, den +ich nicht verstehe.« + +Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine offene Stirn über +suchenden Augen und ein Angesicht, in dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre +Linien zurückgelassen hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen von +allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der Menschen aufweisen. +Aber mein Mund blieb versiegelt. Da fuhr er fort und lächelte befangen: + +»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten, sagte ich +Ihnen, fast wider meinen Willen, das Wort, über das ich am Grab zu +sprechen vorhatte, es ist mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war +tief erregt über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher. Sie +legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen der Toten und lächelten +so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort auf ein Wort, das aus diesem Sarg +zu Ihnen hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich nicht +für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten Empfindlichen, der das +Wunderliche an Stelle des Vernünftigen setzt und sich darin gefällt, +mehr sehen zu wollen als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber +die Helligkeit in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem +Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht bin ...« + +Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand auf meine Augen, Asja, +und hilfst mir, daß sich endlich ihr Brennen löst. -- Aber meine Kraft +war zu Ende. + +Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer Bank. Mein Nachbar +hatte übereifrige Worte der Entschuldigung gefunden, als sei er es +gewesen, der mich bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und +wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten vermag, und die +mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch meines Schmerzes sicherer +und unbeteiligter geworden, ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte +ich mein Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff, daß +wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der Kraft sein kann, die heilt. + +»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten, »mach' mich +fröhlich!« + +Vorsichtig begann mein Nachbar wieder: + +»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu eindringlich +erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der Toten zu erzählen.« + +»Niemals«, sagte ich. + +Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer geworden. + +»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute schweigen, wie Sie es +wollen, aber ich möchte doch, Sie verstünden mich recht. Glauben Sie an +Wunder?« + +»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein Knabe. Entweder glaubt ein +Mensch, oder er glaubt nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn +unmöglich wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen. +Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der vergänglichen +Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts achten. Die Welt des +Glaubens ist einfältig und wunderbar, wie alles Glück.« + +Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied. + +»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen, was mich bitten +läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet in mir, mir ist als müßte dieser +Tag mir etwas Unnennbares bringen. So hören Sie denn, was Sie hören +müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir das Eine, was ich +durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem Eifer, damit die Tropfen +fallen und der Himmel klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie? +Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen muß ...« + +»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten aber, was Sie +hören. Jenes Wort, das Sie am Grabe gesprochen haben, ist mehr und +größer, als die Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen +vermag. Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in mein Leben +trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch wenn sie stürbe. Das +ist das Geheimnis jener Ergriffenheit, deren Zeuge Sie gewesen sind, ich +begriff über Ihrem Ausspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der +Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich weiß, daß sie lebt, +denn ihr Wesen war nichts anderes mehr, als jenes Licht, das heute und +morgen in die Menschenfinsternis scheint, und ewig.« + +Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank in sich. Er schien nicht +zu bemerken, daß ich davonschritt, vielleicht auch war es ihm recht, daß +ich ihn nun allein ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen +Weg, den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft mit den Menschen +finden sollen. + + + + +Zweites Kapitel + +Das Meer + + +Nach Asjas Tod vermochte ich mein Leben auf der Landstraße nicht zu +ertragen, mir war, als schleppte ich auf Schritt und Tritt eine Last mit +mir herum, die zu schwer drückte. Dabei empfand ich weder Trauer noch +Schmerz, sondern nur Verlassenheit und die Tage flossen mir in einem +Gleichmut herum, der mich ängstigte. Ich kann nicht wahrhaft traurig +werden, dachte ich. Dann wieder fürchtete ich, der Verlust dieses +Menschen habe etwas für alle Zeit in mir zerstört, meine Ruhlosigkeit +war furchtbar und verfolgte mich bis in den Schlaf, der nicht mehr tief +und dunkel war, wie einst, sondern voll nebelhaften Lichts und ohne +Versunkenheit. In ihm erlitt ich zuweilen eine gegenstandslose +Traurigkeit von solcher Inbrunst, daß ich durch mein Schluchzen geweckt +wurde und zornig im Erwachen eine Gestalt zu erhaschen trachtete, die +ich nicht gesehen hatte. Ich besann mich mühsam und war bekümmert, diese +Traurigkeit verloren zu haben, die mir in meiner Traumerinnerung wie ein +unirdischer Reichtum vorkam. + +Den Vögeln, den Blumen, den Bäumen sagte ich oft: ich kenne euch alle +längst. Menschen mied ich; gesellte sich mir hier und da auf der +Wanderschaft einer zu, so vertrieb ich ihn durch meine Schweigsamkeit, +denn da ich nicht alles zu sagen vermochte, sagte ich nichts. Nur eines +Mädchens entsinne ich mich aus dieser Zeit noch, zwar habe ich auch mit +ihr nur ein paar Worte gewechselt, aber ich kann sie nicht vergessen und +immer, wenn ich ihrer gedenke, ist mir zumut, als hätte ich an jenem +Tage mir selbst und ihr wichtige Eingeständnisse gemacht, die mich +beruhigten. Bilder und Gestalten dieses Erlebnisses haben sich mir +sonderbar eingeprägt, wie ein Abschied; wenn ich an sie zurückdenke, so +ermesse ich daran den Zustand meiner Seele, die beziehungslos aufnahm, +was sich ihr bot, wohl aber deutlich, sinnbildhaft, ein fremder Spiegel. + +Es war ein heißer Tag des Frühlings, der schon in den Sommer überging, +und mein Weg hatte mich durch eine verlassene Moorlandschaft geführt, in +der ich den Vormittag hindurch niemandem begegnet war. Als ich das von +Weiden- und Erlengebüsch bewachsene Ufer eines Flusses erreicht hatte, +warf ich mich ins Gras nieder, das in der feuchten Erde so hoch stand, +daß es mich wie eine grüne Flut aufnahm. Es war so still, daß man die +Flügel der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und die +geheimnisvollen Stimmen des träge dahinziehenden Wassers. Die +Rohrspatzen schrieen im Schilf, in einer nahen Sumpfniederung, in der +das tote Wasser zwischen den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Ich +dachte an das heiße Leidensband der Straße, wie an eine überstandene +schmerzhafte Krankheit, trocknete meine Stirn und atmete tief. + +Der sanfte Wind bewegte über meinen Augen die Halme, sie schaukelten im +Himmel. Eine Biene zog daher, summte bekümmert und ließ sich am Rand des +Kelches einer Blume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine Tier +zog in die farbige Helligkeit der Blüte ein, in den strahlenden +Sonnentempel, in dessen reiner Halle das Leben einander suchte und sich +begegnete. Langsam wanderte eine Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete, +ward kleiner und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der Erlen von einem +Windhauch berührt wurden, begann für eine Weile ein geschäftiger Eifer +in den Blättern, ein silberner Strom umfloß sie, der die Augen lockte +und in glückhafte Gefangenschaft nahm. Die Düfte, die vom durchwärmten +Wasser und aus dem feuchten Grund der Ufer strömten, schläferten ein und +führten merkwürdige Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit mit sich, +die zugleich gegenwärtig und vergessen waren, wie ein von Träumen +befangener Blick. + +Ich ließ die Stunden verstreichen, als habe ich mein ganzes Leben lang +auf sie gewartet. Als die Gnadenbahn der Sonne ihren Höhepunkt +überschritten hatte, vernahm ich ein gedämpftes hölzernes Poltern und +ein Plätschern des Wassers, das nicht von der Strömung kommen konnte. +Ich richtete meinen Kopf empor und sah auf der Silberleiste des Flusses +einen Kahn dahintreiben, in dem ein Mädchen stand, das mit einem groben +Ruder steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem ich lag. Ich betrachtete +ihre von Licht umflossene Gestalt, die jungen Glieder, die das dürftige +und arme Sommerkleid kaum verhüllte, und das feuchte Haar, das in einem +nachlässigen Knoten in den gebräunten Nacken hing. Es war von einem +seltsamen, farblosen Blond, als hätten Sonne und Regen ihm seinen Glanz +genommen, und doch lag ein matter Schein darauf. Dicht an meinem +Ruheplatz sah ich nun einen Holzsteg im Sumpf, der, auf morschen +Pfählen, ein wenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schilf. + +Als das Mädchen den Kahn an die Bretter treiben ließ und ihn befestigen +wollte, erblickte sie mich und sah mich mit großen, überhellen Augen +starr und erschrocken an. Die Helligkeit dieses Blaus hatte etwas +tierhaft Leeres und Einschüchterndes, es flackerte über dem matten Braun +der Wangen wie ein gespenstiges Lebenswahrzeichen von sagenhafter +Unberührbarkeit. Die Strömung drehte langsam den Kahn, das Mädchen hielt +einen der Pfähle, etwas geneigt, mit der Hand fest, beugte sich vor und +staunte, bis der Ausdruck meines Gesichts ein ratloses Lächeln in ihren +Zügen hervorbrachte. + +»Was liegst du dort? Woher kommst du?« fragte sie langsam mit einer +tiefen Altstimme. + +Sie zögerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu betreten, vielleicht, +weil ich nicht sogleich antwortete. Endlich erhob ich mich halb unter +der Last des schweren goldenen Sonnenmantels, der lange auf meinen +Gliedern und Gedanken gelegen hatte, und sagte: + +»Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den Himmel an, und nun +auch dich.« + +Mit leichter Verwirrung sah sie auf mich nieder, sie schien zu +empfinden, daß sich mit mir nicht auf die Art reden ließ, wie sie es mit +den Leuten ihrer Gegend und Heimat konnte. Aber in einem bescheidenen +Stolz verbarg sie ihre Scheu vor dem Fremden, es war, als wünschte sie +zu bestehen, und ihre heimliche Sorge, ohne Angst, war rührend und voll +kindlicher Gefaßtheit. + +»Du bist müde, oder vielleicht hungrig, auch lange unterwegs ...« Ihre +Augen musterten mich aufmerksam, aber ihr Forschen verletzte nicht. +Diese Sinne suchten nach anderen Merkmalen und Zeichen, als die Menschen +es tun, die die Städte in toter Gemeinschaft bewohnen. Vorsichtig, klug +und heiter umwanderten mich die hellen Lichter der Augen, voll +freundlicher Neugier und bereit zu verstehen. + +Die Würde ihrer Armut rührte mich tief. Mir schien, als entstammte ihre +Gestalt dieser Landschaft so unmittelbar, wie eine Pflanze dem +Wiesengrund. Die Sonnenglut verwob mir alles zu einem einzigen Teppich +des Lebens, in dem das eine soviel wie das andere galt, Pflanzen und +Wind, Mädchen und Hecken. Ich tat mir Gewalt an, erhob mich und machte +einen Schritt auf den Steg zu. + +»Komm herüber zu mir,« sagte ich, »ich werde dir helfen.« + +Sie antwortete nicht, sah mich voll und ruhig an und löste die Hand vom +Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß der Fluß den Kahn langsam vom Steg +abtrieb. Ich sah ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf +stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So entfernte sie sich +mehr und mehr von mir, aber sie lächelte mich an, als käme sie mir +entgegen. + +»Komm doch wieder«, sagte ich und trat vom Steg zurück. Da sie sah, wie +ich mich an meinen alten Platz ins Gras sinken ließ und daß kein +Anzeichen von Groll in meinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das +Ruder ein und stieß den Kahn wieder gegen die Flut, bis ihre Hand den +Pfahl im Wasser erreichte, der sich ein wenig neigte, als sie sich und +den Kahn aufs neue daran festhielt. Er war schwarz und schien so alt wie +die Welt, wie lange mochte er an dieser Stelle im morastigen Grund +stecken? Das Schilf rührte sich unter einem kaum spürbaren Luftzug, der +sich vom Wasser erhob und wieder auf die ziehende Silberbahn sank. + +»Was wolltest du hier tun?« fragte ich. + +»In der Bachmündung liegt die Fischreuse. Die Fischreuse ...« +wiederholte sie erschrocken. Es mochte ihr in den Sinn gekommen sein, +daß sie mir mit dieser Aussage das Versteck ihres Geräts verraten hatte. +Aber da ich weder danach suchte noch ihr antwortete, sah sie mit +Befangenheit in meine Augen, als habe sie mir mit ihrer Besorgnis +unrecht getan. + +Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es gibt eine fröhliche +Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht getan, weshalb wächst deine +Unsicherheit? Ich will nicht mehr mit dir reden, denn ich weiß alles. +Was ich aber nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie +die Zukunft, süß wie die Keime der Pflanzen, wie die Liebe des Bluts und +wie die Nacht. + +Da löste das Mädchen, wie geängstigt durch mein Schweigen, in einer kaum +sichtbaren Regung die Hand vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und +schlug die Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke sie +nicht erreichen konnte. Die willkommene Strömung faßte wieder den Kahn, +drehte ihn langsam und nahm ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon +die Schilfwände sie zur Hälfte meinen Blicken verdeckten, hob sie die +Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite hinein. + +Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun wieder die Stimmen +der Rohrspatzen und eine Libelle mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf +einem Schilfhalm dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und mehr sank, +wehte es kühler vom Wasser her. Der Sonnenschein umher bekam auf allen +Blättern, auf dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des Waldes, jenen +Goldglanz ohne Frische, wie er die Nachmittage so klar und sonderbar +macht in ihrer Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter +Schwarm kleiner, weißgeflügelter Insekten spielte über dem toten +Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich tausendfach im Spiegel seiner +Lebenswelt: ein blanker, dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege +und Grab ... + +So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde empor, die in den +Stunden dieser Tage und Nächte merkwürdig geschieden und in gesonderter +Deutlichkeit in mir zurückgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und +Verheißung für mich geworden und steht zwischen Trennung und Erneuerung, +ein wahrsagendes Lebensbild. + +Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist, aber zuweilen scheint +es, als dächte es in uns, ohne uns, wir werden zu Zuschauern unserer +selbst, schreiten neben uns dahin und lassen neben uns geschehen und +über uns dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist dann, +als ob ein uraltes Vermächtnis in uns zu einer milden Ungeduld erwachte, +wir empfinden später, daß wir Erben sind, die ihr Teil, obgleich sie es +nicht erkennen, doch verwalten. + +Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich verspürte mit der +herabsinkenden Dämmerung keine Müdigkeit und schritt durch ein Dorf, in +dem ich niemanden sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es +bildeten sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem Herd des +Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden Sterne verschleierten. +Sie und die schmale Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor +dahinzueilen, fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem +Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne wandern. Sie +stehen still und scheinen doch zu ziehen, dachte ich, aber hinter dieser +Gewißheit gibt es eine andere, die, daß sie wandern, hoch im Weltall, +obgleich es uns so erscheint, als stünden sie still. Was wir mit unseren +Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder unrichtig, aber +Wahrheit ist nicht durch die Welt der Sinne zu erkennen, erst die Geist +gewordene Seele lebt in Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das +Ziel. Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe, wer von +euch weiß es, ich weiß es nicht. Ruhe sanft, schlaf wohl, Asja, du ewig +Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit deines lebendigen Lebens tief in +mir und aller Liebe. + +Es wurde so dunkel, daß ich kaum noch den Weg erkannte, obgleich die +Augen sich leicht an Finsternis gewöhnen, wenn sie sich langsam mit +ihrem Hereinbrechen, wie von innen her, öffnen. Ein dichter Buchenwald +begann, dessen Stämme, glatt wie Säulen, ihr schwarzes nächtiges +Blätterdach wie ein Domgewölbe trugen. In einer Lichtung hörte ich +Eulenstimmen, und die Nacht wurde mir plötzlich lieb und voller +Geheimnisse. Ein sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und +mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar, ich kannte +diesen Hauch, aber er entsank immer wieder meinen Gedanken, so daß ich +mich nicht sammelte, um ihn zu prüfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging +langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg führte sanft bergan, +sandig und über kahles Gelände. + +Als ich die Anhöhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne, es ging ein +kühler, gleichmäßiger Windzug und ich hörte ein sonderbares gedämpftes +Rauschen, als ob der Wind durch Tannenwipfel zöge. Vor mir lag ein +matter, großer Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war, +als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber zugleich die +Blicke von mir fort, so daß ich die Gewalt über sie verlor, und ein +leiser Schwindel befiel mich. Da erkannte ich jählings, was vor mir lag, +und erschrak sehr, taumelte gegen ein Bäumchen der Straße und schrie +laut auf -- das Meer! + +Da lag es vor mir, über sich den mächtigen Dom der Nacht. Ein Schauer +voller Freiheit und Erhobenheit faßte mich wie Wind, mein Glück war so +groß, daß ich bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestüm eine +grüblerische Sehnsucht und ein unnennbares Ungenügen. Nie war ich +kleiner und ärmer, nie so wenig dem Glück gewachsen, das sich in mir und +vor mir weitete, als sei das Meer das Unfaßbarste und zugleich das +Ersehnteste des Lebens. So lehnte ich an dem Straßenbaum in der +Dunkelheit und sah das graue Meer leben und matt leuchten. Ich schloß +die Augen, als trüge nun der Strom der Seele mich, aus mir selber +stammend, über die Weite. Tief hinter der düsteren Meerwölbung, in +Weltenfernen, mußten bunte Küsten flammen, überhell in der zornigen +Sonne des Orients, heiß und wunderbar ... + +Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich die Augen öffnete, +mir war als sähe ich sie. Das hellere Band des nahen Strands zog sich +zur Linken in einem weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der +Wald sich bis an die Flut drängte, und dort schimmerte in seiner +schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot wie ein Farbfleck, +seltsam trüb und leblos in der silbrigen Dämmerwelt der Küstennacht. + +Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und sieht am Horizont endlich +die starre, graufarbige Leiste der Küste, so ist man nicht weniger +ergriffen, als wenn sich unerwartet die lebendigen Wassermassen des +Meers vor uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne, das auch +ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank sein könnte, je nach +der Beschaffenheit der Luft, ein Anblick voll sonderbar erregender +Kräfte, es vollzieht sich ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und +keinem anderen Gefühl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine alte, +törichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln gelegt hatte. In +gnädiger Einfalt zeigt sich uns nun die Erde, unser Stern, für eine +kurze Weile in der ungeheuren Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer. +Wie eine Last, wie ein häßliches bestaubtes Reisekleid sinkt das +Bewußtsein von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen an uns nieder, +unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum berührten Boden, und wir +wissen, wie feierlich es ist, ein Mensch zu sein. + +So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am fernen Waldrand mich +aufs neue in die Gefangenschaft seines Daseins nahm, und ohne es recht +zu wissen, ging ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerböschung +wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu gewinnen, denn das +Schreiten im Sand ermüdete. Am Rand eines Kartoffelackers führte ein +schmaler Fußweg entlang, auf der Höhe des Deichs, auf seinem Kamm ging +ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine mächtige, ruhende +Silbersichel zog sich der Bogen der Bucht mit seiner helleren Brandung +dahin, sie leuchtete stärker als Himmel und Meer und lebendiger. Die +Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller Dämmerung und +duftete nach sommerlicher Abendnässe. Ich kam an ein Roggenfeld, dessen +Halme spärlich standen, aber im nächtlichen Licht war dieser silbrige +Lebensteppich von beglückender Fülle. Ich strich mit der Hand über die +Ähren, sie rauschten geheimnisvoll und füllten durch ihre Berührung mein +Blut mit einem wunderbaren Dank. + +Der Wald vor mir wuchs an, ich näherte mich langsam seinem Bereich, und +nun schien der rote Lichtschein bald zu erlöschen, bald wieder +aufzuglimmen, jenachdem die Baumzweige und Büsche ihn meinen Augen +verdeckten. Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben, +genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen waren und +die teilweise lose niederhingen. Es war so dunkel hinter der Buschhecke, +daß ich nichts erkannte, und still, wie auf einem Kirchhof. Dies mußten +Haselnußsträucher sein, hier duftete Hollunder, oder war es Jasmin? Die +schweren, kühlen Duftwogen standen wie Wolken über den Schattengründen +der Gartentiefe, und erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie +zu mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein glomm immer +noch geheimnisvoll in naher Ferne, höher nun als vorher, und zuweilen +sah ich die Zweige eines Ahornbaums mit dem gezackten Blätterwerk gegen +den viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem das Licht +brach. + +Nahe am Haus hörten die Büsche auf, so daß unter den Bäumen ein freierer +Platz entstand, vielleicht ein breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich +erkannte eine schmale Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bäume +geführt war, und beschloß dort zu ruhen und zu prüfen, ob menschliches +Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte, dessen Ruf ich gefolgt war, +und dessen viereckiges Tor, wie ein rosa Vorhang, totenstill in der +Nacht schwebte. + +Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt zögernd auf die +Bank zu, jeden Augenblick konnte ein Hund hinter dem Haus hervorstürzen, +das hätte mühevolle Beschäftigung gegeben, die ich kannte. Ich wußte aus +Erfahrung, daß man in solchem Fall nicht flüchten darf, sondern +standhalten muß und sich erst nach kurzer, ruhiger Haltung, langsam, +Schritt für Schritt und rückwärts schreitend, auf den Zaun zurückziehen +durfte. Einmal hatte ich auf einem Hof in der Einöde in einer +pechschwarzen Regennacht mehr als eine Stunde lang einem großen Hund +gegenüber gestanden, der mich gestellt hatte, und von dem ich nichts +sah, als seine Augen. Keiner von uns rührte sich, wir waren zwei Statuen +in der verlorenen Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste +Bewegung des anderen. Das Tier und ich, wir beide wußten, es ging um +unser Leben, diese Gewißheit verdichtete sich in unserm Bewußtsein zu +einem graunhaft einsamen und einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die +langsam waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein Messer in +die Hand zu bekommen und den Arm weit hinter mich zurückzustrecken, wozu +ich mehr als eine Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der +Verzweiflung und dem Todesgrauen, die wie ein langes, atemloses Sterben +gewesen waren, stieß ich jählings im Dunkeln das Messer unter die beiden +glühenden Augen. Der Zustand mußte ein Ende haben, so oder so. Und meine +Hand war glücklich, es röchelte, wälzte sich scharrend am Erdboden und +ward still. Aber auch ich sank zur Erde und fand erst, als der Morgen +dämmerte, die Kraft mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem +ich lange schlief. -- + +Aber hier, unter den Ahornbäumen, blieb es still, nur die Erinnerung +jagte meinen Geist für eine Weile vor sich her, als verfolgte ihn das +Gespenst jenes Erstochenen in einer gleichen, finstern Nacht, wie es die +Nacht seines Todes gewesen war. Tröste mich in der dunkeln Verlorenheit, +du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in deinem Bereich atmen, +ein Mann, ein Weib, vielleicht ein Kind, das bei der brennenden Kerze +eingeschlafen ist. Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen +Abständen von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch das +Wenden der Buchblätter beim Lesen entsteht. Das war mir ein gutes +Zeichen. Menschen, die nachts in Büchern mit den Geistern anderer +verkehren, sind dem meinen verwandt, wer in einem Buche liest, ist schon +mein Bruder. + +Da fragte ich laut zum Fenster empor: »Was liest du für ein Buch?« + +»Himmel, Tod und Wolkenbruch,« antwortete eine Mädchenstimme, als riefe +sie um Hilfe, »wer ist denn da?« + +»Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie dein Geist das Buch.« + +»Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als käme sie von der +Decke herab.« + +»Ich bin im Garten, unter den Ahornbäumen.« + +»Merkwürdig ...« + +»Sprich von dem Buch, in dem du liest.« + +»Warum nicht gar! Soll ich etwa den ganzen Inhalt erzählen? Er würde +dich kaum erfreuen, denn du gehst auf besseren Wegen als ich, draußen +durch die Sommernacht, vom Strand her ... Dies Buch dagegen ist von +Tante Mimsey, da wirst du dir schon denken können.« + +»Hast du keine anderen Bücher?« + +»Sag' erst, wer du bist.« + +»Ich bin einer, der die Bücher von Tante Mimsey nicht liest.« + +»Dann bist du also Vetter Eberhard.« + +»Ich denke nicht daran.« + +»Ach ... er wollte kommen.« + +»Kommt er immer nachts?« + +»Ich kenne ihn noch gar nicht, er ist Student, vielleicht kommt er +nachts und erschreckt mich wie du es getan hast. Sag' jetzt, wer du +bist, sonst muß ich die Unterhaltung abbrechen. Ich liege hier im Bett, +habe nicht einmal ein Hemd an und spreche mit einem fremden Mann. +Gottlob schläft Tante Mimsey an der andern Seite des Hauses, wegen der +Sperlinge, die hier im Efeu nisten.« + +»So werde ich also zu ihr hinübergehen.« + +»Da kannst du allerlei erleben. Außerdem ist sie schwerhörig, sie hat +eine Ohrentrompete, die auf ihrem Nachttisch liegt.« + +»So soll ich bleiben?« + +»Sag' erst, wer du bist.« + +»Gut, ich will es sagen, aber versprich mir, wenn du mich anerkennst, +nachdem ich mich dir vorgestellt habe, daß du zu mir herunterkommst.« + +»Was fällt dir ein, niemals werde ich herunterkommen.« + +»Warte ab, was ich dir sage. Wenn ich gesprochen habe und du willst +nicht herabkommen, so verlangt auch mich nicht mehr danach, und ich +werde meines Wegs gehen.« + +»Wie unhöflich du bist.« + +»Unhöflich ...« + +»Natürlich! Seit wann kommt eine Dame zuerst zu einem Herrn? Könntest +denn nicht du heraufkommen zu mir?« + +Nun war es eine Weile still. + +»Geht denn das?« fragte ich endlich. So armselig kann ein Mensch aus +seiner Rolle fallen. Welch eine törichte Frage das doch war. Die Stimme +antwortete ohne Eifer: + +»Wenn ich dir sagen muß, ob es geht, so geht es sicher nicht. Aber erst +wolltest du dich vorstellen. Ich verspreche dir getrost alles, was du +willst, denn ich weiß, daß du schon bei der ersten Bedingung versagst, +unter der ich meine Versprechungen mache. Wenn du dich vorgestellt hast, +so werde ich dich nicht einladen, sondern verabschieden.« + +Was war doch das? Ein mühsam unterdrücktes Gähnen scholl zu mir herab. +Jetzt geht noch das Licht aus und das Fenster wird geschlossen, dachte +ich mutlos. Aber es geschah etwas weit Schlimmeres: Ich hörte wieder, +wie eine Seite im Buch umgeblättert wurde. + +Nun galt es, einen neuen Anfang zu finden. Ach, wollte Gott, ich fände +einst das Ende so leicht und froh, wie ich alle Anfänge gefunden habe. + +»Leg' dein Buch fort!« sagte ich laut. + +Es rauschte aus dem Fenster heraus jählings durch die Luft, raschelte +wild im Gezweig und schlug klatschend neben mir am Boden auf. Das war +das Buch. + +»Und jetzt?« fragte es schläfrig aus dem Licht. + +»Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, daß du meine Kräfte +beeinträchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel Sinn du doch dafür +hast, daß einem Mann vor einem jungen Weib das Herz schüchtern wird, +wenn sie ihm seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum +Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen willst, wer ich bin, +so darf ich nicht über mich, sondern ich muß über dich sprechen. Du +wirst mich hören, als hörte mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus +der Nacht in ein ungewisses Licht empor und glaube immer und immer +wieder, es sei der Morgen, der heraufdämmert? Von mir ist nichts zu +sagen, als daß ich immer geglaubt habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt +werde ich es glauben, und dann wird er es sein. + +Aber jetzt ist noch Nacht für mich, und du stehst mitten darin, so schön +wie die Ahnung des Morgens und oft viel mächtiger. Wenn ich auf dich +zugehe, so ist es auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du +füllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist in Wahrheit ein +Morgenschein. In der Welt ist es wie eine Nacht in der Nacht, und es +gibt zwei Morgen. Der eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus +dem Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in beiden sind +Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr, der Dauer, der +Ewigkeit und Freiheit. + +Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht unser einziges Leid? +Seit ich nun deine Stimme gehört habe, ist jeder Morgen aus meinen +Sinnen und Gedanken entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen +Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich weiß nicht, ob du gut oder schön +bist, häßlich oder böse, aber ich weiß, wie klar und feierlich die Liebe +ist, die in meiner Brust erwachen könnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen +als einen strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist, das +große Meer aller Lichtwogen der Freude und aller Tränenströme. Sieh, so +stehe ich hier in meinem Licht, das von dem deinen angelockt worden ist, +in der irdischen Nacht, keine Sorge quält das Herz, das bereit ist, sich +abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weißt du noch von ihm? + +Ihr wißt nichts von ihm, nur wie im Traum hört ihr von ihm reden und +seht ihn fern leuchten, regt euch sehnsüchtig, lauscht wohl auch, und +seid gläubig nach der Art der Mädchen und Frauen, ein wenig bestürzt, +wie vom Licht benommen und rührender, als daß ein erkennendes Auge es +ohne Tränen zu schauen vermöchte. Aber unsere Morgenhoffnung lebt nicht +als Quelle in eurem Gemüt, und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so +war schon euer Willkommen ein Abschied. Versündige ich mich nun, oder +bin ich gehorsam? Sieh, ich möchte mehr wissen, als nur, daß du hell +bist.« + +So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und sonderbar traurig, +bald von einer jubelnden Gewißheit des Glücks und des Triumphs erhoben, +und stets dachte ich heimlich, als dächte es neben mir ein anderer: Du +kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und Held, und niemand +wird wissen, wer geredet hat. + +Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hörte ein sonderbares fernes +Geräusch und lauschte. Es war das Meer. Ein ungestümer Frohsinn ergriff +mich jählings. Da draußen wogt und rauscht es, die mächtige Wasserebene, +unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer, dachte ich und schritt +auf das Haus zu. Ich will am Strand schlafen und mich von den Stimmen +des Meers einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohltätig sein, ohne +Wissen und Urteil, ohne Einschätzung, wie schon die Toten ihn vor +tausend Jahren vernommen haben und wie die Kommenden ihn vernehmen, wenn +wir unter der Erde sind. + +Ja, es war ein kräftiger alter Efeustock, der am Hause emporrankte und +dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerk verwachsen, wohl einen Menschen +tragen konnten, ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin +schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich würden +einige von ihnen aufgescheucht werden. Wenn ich im Klettern innehielt, +hörte ich mein Blut und das Meer brausen und klopfen. »Wenn wir unter +der Erde sind ...« Wie bald wird es sein, Mut, meine Seele! Noch bist du +über der Erde und schon ein erhebliches Stückchen höher, als eben noch. +Wenn dieser knorrige Arm der alten, guten Efeustaude standhält, so +erreicht meine Hand das Fensterbrett. Daß die fremde Freundin dieser +Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach! Sollte ich vor ihr +bestanden haben, mit meiner sonderbaren Rede? Was hatte ich denn +gesagt ... + +Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor, saß auf dem Brett und +schaute in den erhellten Schlafraum. Ich sah wenig darin, da meine +Blicke zuerst allein durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der +Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden Lichttal der Haare, +etwas zur Seite geneigt, in tiefem Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht +verstellte sie sich, wer wollte es wissen, in dieser holden, +schrecklichen Welt von Nacht, Fremde und süßem Weltzauber aus Kühnheit, +Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das Fensterbrett, wartete +still ein wenig, ob das Zittern meiner Glieder sich legen würde und +darüber die hellen Lider vor mir im Lichtschein sich öffnen möchten, +aber beides blieb, wie es war, und so ließ ich mich leise in den Raum +nieder, trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hölzernen Rand. + +Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun saß. Wie mit einem tiefen +Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind wir nun beieinander, zwei Menschen +in der Nacht, was sonst? Aber langsam überkam mich eine immer tiefer +erregende Angst davor, das Mädchen möchte erwachen, auch beschämte es +mich, sie zu betrachten und in ihren Zügen zu forschen, ohne daß sie es +wußte und hindern konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen +sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese Seele einzudringen, +deren unbewachtes Bild das junge Antlitz spiegelte, widerstand mir +schmerzlich. Du sollst mir das Bild von dir geben, das du selber willst, +dachte ich. So strich ich ruhig mit der Hand über die schöne, klare +Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die Haut der Schläfe und +das sich nicht von ihr unterschied, nicht in der Berührung und nicht im +Licht. Ich erzitterte vor der Unschuld dieser Züge, die ich nicht mit +dem kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang zu bringen +vermochte, die ich vernommen, und die mich kühn und selbstvergessen +gemacht hatten. Die Kinderseligkeit dieses Angesichts nahm mir jede +Willkür und führte mich mächtig zu mir zurück, als wäre alle Erinnerung +meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden. + +Da öffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken auf und +nahm mit beiden Händen meine Hand: + +»Oh, verzeih!« sagte sie herzlich, »du hast so schön gesprochen, und ich +bin eingeschlafen. Wie häßlich von mir. Aber glaube doch, ich habe das +meiste gehört, es war wirklich sehr schön, besonders der Anfang. Bist du +böse?« + +»Wer bist du?« + +»Sicher kein Gespenst -- du schaust mich an, als sei ich eins. Bitte gib +mir mein Hemd.« + +Ich sah mich um. + +»Dort am Waschtisch.« + +Ich fand dort etwas Helles, leichter als ein Taschentuch, und reichte es +ihr, wie im Traum. Es flatterte auf wie ein Nebelwölkchen im Licht, +senkte sich zwischen den erhobenen Armen, und das blonde Haar flimmerte +wieder im Kerzenschein. Aus dem losen goldenen Rahmen, aus betörend +zartem Lebensblaß, sahen die Augen mich groß und sicher an, zugleich +hell und dunkel, mit lächelndem Forschen, ohne Schüchternheit, aber +ernst. + +»Also ich heiße Kaja, von Geburt und Titel bin ich Baronesse, +Freifräulein und »gnädige Frau«. Das tut aber nichts zur Sache, ich lege +keinen Wert darauf, und wer bist du?« + +»Worauf legst du Wert?« + +»Das ist einfach zu sagen: Auf Sonnenschein, auf ein gutes Buch und +kluge Männer.« + +»Ich würde wenigstens sagen: Auf gute Bücher und einen klugen Mann.« + +»Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst du in Kammerfenster zu +den Mädchen ein, um Predigten über Moral zu halten?« + +»Setzt du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn man zu einem Mädchen +einsteigt?« + +»Du weißt zu antworten. Ich setze es nicht voraus, aber ihr, ihr alle! +Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt habe, so hoffe ich, nicht +enttäuscht zu werden.« + +Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung und erschrak +heiß. + +»Ich weiß, daß ich dich enttäuschen werde«, sagte ich abweisend. + +»Woher weißt du das? Wie siehst du überhaupt aus? Dein Gesicht und deine +Stimme sind anders als dein Gewand. Aber sag', wie willst du wissen, daß +du mich enttäuschen wirst?« + +»Du kannst nicht lieben, Kaja.« + +Sie lachte laut und fröhlich auf: »Ich -- nicht -- lieben!? Weißt du, ich +habe mir zuweilen mancherlei Vorstellungen davon zu machen versucht, wie +ich wohl auf einen Menschen wirken würde, dem ich mich durch einen +gnädigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermöchte, wie ich wirklich +bin. Aber so kühn meine Phantasie die Wirkung ermessen hat, auf deine +Antwort war ich nicht gefaßt! Ich soll nicht lieben können? Weshalb +nicht?« + +»Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich, Kaja, der diese +Erde betritt: Wenn nur erst sein Fuß ihren Boden berührt, so umhüllt er +sich mit einer Wolkenwoge von Traurigkeit, Angst und Zögern. So geht es +der Liebe, wenn sie unser Herz befällt.« + +Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein schönes, lebensvolles +Tier, das zugleich erschrickt und seine Kraft ermißt zu Flucht oder +Angriff. + +»Höre doch,« sagte sie herzlich und nahm meine Hand, »du bist ja +verrückt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament. Da wärst du doch besser +bei Tante Mimsey hereingeklettert. Jetzt machst du mich ganz befangen, +fromme Leute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung +recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstüchtigkeit und Dummheit +sind eine schreckliche Mischung. Dumm bist du nicht -- aber +gesinnungstüchtig? Wie gut, daß ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an, +das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich umgibt. Es wird dich +beruhigen.« + +Ich wollte antworten: >Du verspottest mich<, aber ein trotziger, wilder +Geist ergriff Besitz von mir und gewann Gewalt über mich. Ist es mein +Lebensamt, Klage zu führen, dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu +sein, die ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen +entscheiden, aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine Flucht +meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel weiter, in großer Ferne, +dachte ich bebend, ich werde nicht umkehren. Lieber nenne ich meine +Lebensbegier meine Pflicht, als daß ich meine Feigheit meine Tugend +nenne. Aber ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel +geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges Erdenlicht sah. +Die blinde Kraft macht jede Schuld heilig, es gab nur noch diese Kraft +oder die rasche Abkehr, tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und +drohten mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen +Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige Schar der geflügelten +Spötter und Versucher und sagte: + +»Du verstellst dich, Kaja.« + +»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier auf. »Ich sollte +mich verstellen? Bin ich denn häßlich? Wenn eine schöne Frau sich +verstellt, so hat sie immer einen schwachen oder albernen Mann vor +sich.« + +»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau sagt: Du verstellst +dich, so meint er damit, sie sei immer noch nicht frei und offen genug +für ihre Schönheit.« + +»Ach -- so --« + +»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst, Kaja, wie du es eben +getan hast, so gehört er zu denen, die ohne Wolkenwoge schöner sind.« + +Sie verstand sofort: + +»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie bekümmert. Sie +lachte leise auf, wie über sich selbst, als zwänge mein Verhalten sie +sonderbare und unnütze Dinge zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst +weder bedurft hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt +gewesen wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog ihre Lippen, +in kindlicher Herablassung, erstaunt und schüchtern. + +Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit ihnen ein warmer +Himmelsschein, tief her aus meiner Seele, wo sie noch schlief und dem +Licht vertraute. Ein Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier +war, bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen und +Trotz. + +»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte. + +-- Du große Frühlingsfrage! + +Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch weite Landschaften +voller Blüten und Gram hast du nicht überflogen? Und immer wieder wird +die Antwort die gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den +großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern zwischen Angst +und Pflicht und das Beben der beseligten Schwäche, aus der die größte, +die eine Kraft emporsteigt, ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in +die Zukunft zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich +zurücklassend. -- + +Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden Hand, um ein +übermächtiges Licht in uns emporströmen zu lassen, das uns blendete. + +Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken, diese Nacht, und +ich weiß nichts von ihr und alles. Ich lasse sie in meinem Geiste +emporsteigen und rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im +nächtlichen Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene Stunde +nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt von der Nacht, die sanft zu mir +hereinscheint, an tausend Orten der Welt gegenwärtig, wie ein +Blütenkranz um die kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre +Blumen und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht, wovon ich +rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken, fremd, in +heiliger Torheit. Und der Schritt der Kraft, das lebendige Leben, geht +über mein Herz, seinen Boden, und über die ihren, und fort und fort. + + * * * * * + +Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten, wahrhaftig, es +war das irdische Leben, das helle, gleiche, namenlose wie zuvor. Mein +erster Gedanke, der wie ein Schreck über mich herfiel, war die +Gewißheit, daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich nicht +in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang den goldumsponnenen +Nacken neben mir, als stieße dies helle Fenstertor der fremden Welt +draußen mich zurück, aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort. + +»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch schlafen, geh doch +nun, es wird ja schon hell, siehst du nicht? Schau doch hin!« + +Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab, als hoffte sie +darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang empor und sah den Morgen, +sah den schimmernden Körper und sah wieder den Morgen und taumelte mit +tiefen Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag alles voll +Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie mich. Der kühle Seewind +trug den Geruch des Gartens zu mir herein, er legte sich auf Stirn, +Gesicht und Brust. Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu +können. Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom von +Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles von übergroßer +Erwartung so voll, so rein vor Licht, so kühl vor Frieden, so erfüllt +vom Blühen, daß meine Seele nicht Raum darin findet? + +Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus und die +Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im Ahornwipfel, auf dem leeren Weg +lag das Buch, am Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht, +beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den ich lachen +mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand hinab, es ging noch eine gute +Weile durch alten Park. Rosengruppen und farbige Beete von Blumen +wechselten ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen +wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch unter, das +schon auf sandigem Boden stand. Nur ein schmaler Weg führte, deutlich +geschieden, zum Strand nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das +Meer und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel. + +Vom flachen Deich aus sah ich die ruhigen großen Wellen nahen und sich +im Morgenrot auf den Strand werfen. Es roch nach Seetang und mir war, +als schmeckte ich den Salzgeruch auf den Lippen. Zur Linken sah ich die +in Deichhügel geduckten Strohdächer eines Dorfs, auf deren Giebeln +bräunliches Licht lag. Es war kein Segel am Horizont zu sehen, kein +Inselland, nur fern vor dem Ort am Strand machten Fischer ein großes +Boot flott, um auf den Fischfang auszufahren, sie sahen klein wie +Spielzeug aus und bewegten sich träge. + +Ich warf meine Kleider ab und stieg langsam ins Wasser. Der kalte nasse +Sand an meinen Füßen rann mit den kommenden und weichenden Wellen unter +mir fort, mir war, als schwebte ich, die Erde trug hier nicht mehr den +Menschen, wo das Reich des fremden Elements begann. Ein Möwenschrei ließ +mich den Kopf wenden, da sah ich die Landschaft liegen, schlafend und +bräunlichrot, noch stieg kein Rauch aus den Hütten. + +Die Bewegung des Meeres und die bebenden Jubelrufe meiner Seele +erschütterten mich so mächtig, daß ich aufsingen mußte, einen hilflosen, +wilden, jauchzenden Gesang, voll Gram und Andacht, Finsternis und Licht, +Gebet und Blut. Wie oft sang ich doch einst diese armen, mächtigen +Lieder ohne Sinn, die die Natur und die Einsamkeit mich gelehrt hatten, +und die meiner schlafenden Seele entsprangen, wie Quellen dem Erdgrund. +Nun habe ich längst begonnen zu denken, und wie manches weiß ich nun, +und meine Lust und Trauer sind nicht mehr mein Teil allein. Aber mein +Gesang von einst bleibt wie ein Grundakkord in allem, und wenn ich ihn +fern höre, so weiß ich wieder, daß unsere Seele niemals völlig wach sein +wird, unser Leib ist ihr Reisegewand und Totenhemd, ein heiliges Kleid. + +Ich schwamm weit hinaus, geblendet von der aufgehenden Sonne, die aus +dem Meer emporstieg und Himmel und Wasser in goldenen Glutströmen +miteinander vereinte. Sie schwebte in den durchhellten Elementen, und +erst mit ihrem Aufstieg schied sie wieder Erde, Wasser und Himmel +voneinander. + +Als ich wieder den Strand erreichte, fand ich ein altes Boot, das +umgekehrt im Sand lag, aber so, daß die Morgensonne unter sein schwarzes +Dach schien. Ich kroch unter diese mächtige Höhlung, wie in den Rachen +eines großen Fisches und wühlte mich ein wenig in den Sand, um zu +schlafen. Langsam nahmen die Musik der Wogen, das Morgensonnenlicht und +der tragende Boden sich meiner an, und ich wurde ein Teil dieser +Elemente und gab versinkend auf, was mich von ihnen unterschied. Aber im +Traum erwachte mein Geist zu einem eigenmächtigen Leben, und ich sah +große Bilder und weite Landschaften von solcher Freiheit, daß ich +schluchzte. Ein breiter ruhiger Strom trennte mich von ihnen, die Welt +bestand aus zwei Hälften, auf der einen befand ich selbst mich, wie im +leeren Raum, der sonderbar wogte und spiegelte, auf der anderen lag bunt +und deutlich die Fülle der irdischen Erscheinungen in ihrer Pracht. Ich +sah beblühte Wiesen, Täler und Berge, Wohnstätten und Baumgruppen, +Quellen und Ströme. Und mitten darin, wie geboren und erblüht aus diesem +lieblichen und mächtigen Wesen der Natur, stand das Weib, das Haar +funkelte, ihr Leib schimmerte heller als die fernen Wipfel der +Schneeberge und blühte und duftete holdseliger, als alle Pflanzen im +Land. Um ihre Lippen lagen die Stimmen der Bäume, das Flüstern der +Gräser und der Vogelgesang. Schattige Gründe der Triften, Kelche und +Früchte waren umher, um zu verschönen und den Sinnen nahe zu bringen, +was diese Schultern und Hüften trugen, die reinen Glieder und der +unnennbare Grund und Wesenssinn des ganzen Leibes, den kein Name benennt +und kein Auge schaut, keine Nähe erreicht und keine Hingabe überwindet. +Es war mir, als gehöre dies lichthafte Locken und diese betörende +Mahnung schon einer zukünftigen Zeit an, Vergangenheit aber und Ewigkeit +lagen, wie eine Einheit, auf meiner Seite der Welt, die erhaben und +traurig war. + +Die spiegelnden Lichtwellen, die mich in meiner heiteren und klaren +Leere umgaben, jener Welt, die ich drüben erblickte, so nah, und doch +von ihr geschieden, sprachen zu mir und waren ich. Geh hinüber -- bleibe +hier. Und so fort und fort erklang es und wiegte mich und lud mich ein +und warnte mich und war mir unaussprechlich wohlgesinnt. -- + +Als ich nach vielen Stunden eines tiefen Schlafs erwachte, mochte es, +dem Stand der Sonne nach, gegen elf Uhr Mittags sein. Ich kroch fröhlich +und alsbald völlig wach und wunderbar belebt aus meiner dunklen +Bootmuschel hervor und taumelte vor Glück und Licht in der Sonne, die +über dem Meer und Strand erstrahlte. Ich schüttelte den Sand aus meinen +Kleidern und brachte sie in Ordnung und Anstand, wie der schöne Festtag +der Natur es erheischte und vor allem der Besuch, den ich im +freiherrlichen Hause plante. Ich war mir völlig darüber klar, daß dieser +Besuch stattfinden mußte, vermochte mir allerdings über die Art keine +Vorstellung zu machen. + +Es wird sonderbar genug sein, dachte ich, wenn ich nun nach allen +Vorschriften der Sitte dieser jungen Dame vorgestellt werde, die ich +besser kenne, als alle, die ihr Leben von Anfang an mit ihr geteilt +haben. Eine heiße Liebe zum wunderartigen Dasein überkam mich. Wie +sollte ich nicht Mut zum Gewöhnlichen finden, sann ich, da ich doch das +Ungewöhnliche bestanden habe? + +Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot, in dem ich meine +zukünftige Herberge erblickte, und das ich nach meinen Gewohnheiten +einzurichten beschloß, und begab mich dann auf gut Glück in den Park +zurück. Es war zwischen den Büschen schon sommerlich warm, und überall +strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten durch den heißen Duft, +und die Reiser der Büsche blühten. Auch sangen noch Vögel in der Kühle +der Baumkronen, denn es war zu Sommers Beginn, die schönste Zeit im +Jahr. + +Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in den gepflegteren Garten +übergingen, und die Wege sogar mit Kies bestreut waren, standen alte, +grüne Bänke, manche waren rund um die Stämme der Buchen herumgeführt. +Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam auf mich zukommen, die +ein zerzaustes Huhn an einer Kette hinter sich herführte. Als sie näher +kam, erkannte ich, daß es kein Huhn war, sondern ein Schoßhündchen. Der +Anblick dieser alten, würdigen Dame beruhigte mich tief und machte mich +fröhlich. Sie war in ein helles Seidentuch gehüllt und trug einen +breitrandigen Hut aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken +bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schläfen fielen +schneeweiße Ringellöckchen auf die Schultern nieder, und zwischen ihnen +lächelte ein feines, zartes Angesicht von süßer Welkheit, aller Welt +fern, und voll kindlich hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz +ihres späten Lebenstages. + +Als wir auf dem Weg einander näher gekommen waren, blieb ich stehen, +verbeugte mich tief und zog meinen Hut, so daß er einen großen Bogen +machte und den Kies am Boden berührte. Die alte Dame blieb gleichfalls +stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine große, +schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt war, vor ihre +Augen. Ich trat näher herzu, um ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie +sich stellte, und sagte mit großer Höflichkeit, daß mein Weg mich an +ihrem Garten vorübergeführt habe, und daß ich um Verzeihung bäte, ihn +ohne Erlaubnis betreten zu haben. + +Sie nickte bedächtig ein paarmal, betrachtete mich aufmerksam von oben +bis unten durch ihre Brille und sagte dann leise, mit feiner, +gebrechlicher Stimme: + +»Guten Morgen, guten Morgen.« + +Ich wiederholte meinen Gruß und nahm wieder den Hut ab, wobei ich ein +wenig zurücktreten mußte, damit mein Gruß dies zweite Mal nicht weniger +ehrerbietig ausfiel. + +Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin nicht, kaum ein wenig +zögernd, keinesfalls aber ablehnend. Sie hob nun mit der feinen Hand ein +merkwürdiges Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer +Seite hing, und das jenen Hörnern glich, die die alten Germanen nach der +Sage zum Trinken verwandt haben sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer +schneeweißen Ärmelkrause von Spitzen hervorschaute, rührte mich tief, +ich hätte diese Hand an meine Lippen ziehen mögen, um meine Ehrfurcht +kundzutun, vor diesem lieblichen, welken Lebensgebilde, im warmen +Dämmerlicht von vielen, vielen Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer +Demut gegen sein letztes Wirken. + +Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung eingesetzt werden +konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung forderte, er ging von +dem Begleiter der Dame aus, von dem bereits erwähnten Schoßhündchen, das +sich offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen entsann. Das +Tier ging, offenbar durch meinen Gruß irre gemacht, zum Angriff gegen +mich vor. Mit einem heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren +unterbrochen wurde, kam es zur Hälfte unter dem schwarzen Seidenrock +seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort wieder, als seine +Gebieterin es durch einen entrüsteten Zuruf aufklärte. Sie lächelte +versöhnlich und sah mich an. + +»Er ist nicht bissig«, teilte sie mit. + +Ich sagte rasch ein paar Worte über seine Anhänglichkeit, die +offenkundig sei, und über seinen Gehorsam. Inzwischen war das Horn +erhoben worden und seine Spitze hatte die weißen Löckchen zur Seite +geschoben und den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich +Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm erneut Haltung an. + +Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr freundliches: »Guten +Morgen«; diesmal fügte sie hinzu: »Was führt Sie zu uns?« + +Unmittelbar darauf wurde die breite Öffnung des Horns auf mich +gerichtet, man erwartete eine Aufklärung. + +»Ich bin ein wenig schwerhörig«, sagte die alte Dame freundlich und zog +mit dem Augenglas eine wagrechte Linie durch die Luft, die diesen +Umstand ausglich. + +Ich wiederholte mit großem Aufwand meine erklärenden Worte über meinen +Eintritt in diesen Garten, aber ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante +Mimsey ließ ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurück. + +»So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brüllen ja!« + +Ich entschuldigte mich rasch: + +»Ich werde künftig leiser sprechen«, sagte ich. + +Tante Mimsey schüttelte nachsichtig den Kopf: + +»Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen, ich bin etwas +schwerhörig.« + +Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos. + +Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm das Gespräch +bereitwillig wieder auf und schien in keiner Weise durch mein Ungeschick +enttäuscht zu sein. Sie mußte von meinen Worten so viel verstanden +haben, daß sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und daß +meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten, die über eine +kleine Morgenunterhaltung hinausgingen. + +»Was sind Sie und was führt Sie denn zu uns hier ans Meer? Hier +verkehren nicht viele Menschen, wir wohnen hier einsam.« + +Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu werden. + +»Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften«, sagte ich rasch und +schnell gefaßt, denn ich sah ein, daß ich der Vorstellungswelt meiner +prüfenden Gastgeberin ein wenig entgegenkommen mußte. »Ja, ich bin ein +Student, ein armer, ein ärmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise, +es sind zugleich die Sommerferien.« + +Sie ließ es sich noch einmal sagen und schien leicht zu zweifeln. Ich +nahm wahr, daß ich doch sehr laut sprechen mußte, wenn ich verstanden +werden wollte. + +»Was erforschen Sie?« fragte sie. Wir gingen nun langsam nebeneinander +die Gartenwege entlang. + +»Seetiere!«, schrie ich in das Rohr. + +»So, so ...« sagte sie nachdenklich. »Seetiere. Wohl auch Algen?« + +Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und musterte mich +glücklich mit den lieben, stillen Augen, voll heiterer Bescheidung. + +»Auch Algen!« rief ich. + +»Wie?« fragte sie bestürzt. + +»Algen auch«, wiederholte ich deutlicher. + +»Nun ja,« meinte sie verwundert, »das sagte ich ja schon.« + +Wir ließen uns auf eine Bank nieder, die ganz von Flieder und Jasmin +überschattet war. Die Büsche hatten hier unter den hohen Bäumen lange, +hagere Triebe geschossen und blühten nur spärlich, ihr blattloses +Gestänge um uns her wirkte wie ein Gitterwerk. + +Das Hündchen mußte vorsichtig unter der Bank untergebracht werden, damit +die Kette sich nicht verwickelte. Das kleine Tier trug schwer an dieser +Fessel und schien verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die +Fransen einer Reisedecke über seine Augen und die Schnauze fielen, es +zuließen, warf es hier und da einen melancholischen Blick auf seine +Herrin und einen äußerst mißtrauischen auf mich. + +»Nieder, Niko!« rief die alte Dame entschlossen. »Nieder mit dir!« + +Niko verkroch sich. + +»Wollen Sie hier verweilen?« fragte mich das alte Fräulein. Sie sah mich +liebevoll und aufmunternd an, ich hatte deutlich den Eindruck, nicht +abstoßend auf sie zu wirken. + +»Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft«, antwortete ich. + +»Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem mutigen, jungen +Menschen, der vorlieb nimmt und nicht auf Äußerlichkeiten sieht. Der +Jugend ist kein Lager hart.« + +»Sie wohnen hier sehr schön«, sagte ich und maß Haus und Park mit einer +Armbewegung. + +»Ja,« sagte sie dankbar, »ein schöner Tag.« + +Zuweilen rückte sie plötzlich ein wenig mit der Schulter beiseite, als +erwartete sie einen jähen Überfall der Rede, der ihr entgehen möchte, +oder der zu laut sein könnte. Sie ist nur noch Grobheiten gewohnt, +dachte ich, denn wie kann man Zartheiten brüllen? Aber ich beschloß doch +den Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit großem Aufwand +von Lungenkraft auszustoßen und ihnen im Rahmen ihres Schallumfangs +Milde und Anstand zu verleihen. Man muß die Verhältnisse berechnen und +alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ... ich begann zu +grübeln. + +»Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen Landsitz,« erzählte mir +Tante Mimsey, »ich und meine Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes +Kind. Ich ertrage die Großstadt nicht, die Menschen beängstigen mich, +und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht mehr. Einmal sah +ich eine edle Taube -- mein Bruder hielt Tauben --, die in einen +Fabriksaal geraten war, in dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter +bohrten und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin und her +und war außer sich! So fühle ich mich in der Großstadt. Meine Brüder +bewohnen den Erbsitz, auch hierzulande, so habe ich mich auf diese +kleine Besitzung zurückgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag.« Sie +lächelte nachsichtig. + +Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung des Kopfes, die ich +jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen wurde. Da ich nicht zu +antworten brauchte, konnte ich überdenken, auf welche Art es mir am +besten gelingen möchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten +Fräuleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschluß war gefaßt, +unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen auf irgendeine Art die +natürliche Dauer eines gesellschaftlichen Verkehrs zu geben. So wählte +ich unbewußt durch das Schweigen, in das mein Grübeln mich senkte, den +besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit, sich ungestört +mitzuteilen. Wie ich sie später kennenlernte, hätte ich kein +geeigneteres Mittel ersinnen können, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es +schien ziemlich gleichgültig, ob ich zuhörte, denn oft, mitten in mein +Schweigen hinein, stieß sie mit einem erschrockenen »Wie?« gegen mich +vor, während sie meine zustimmenden Bemerkungen überhörte. Einmal schien +es mir jedoch notwendig, deutlich und freundlich beizupflichten, aber +sie schrie nur: + +»Nieder Niko!« + +Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und verlor nicht einen +Augenblick die Geduld, denn ich wußte, worauf ich wartete. Immer begann +die sanfte Klage an meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und +unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die Unzuträglichkeiten +einer kleinen Alltagssorge. Wie bei manchen gealterten Gemütern, deren +Herkommen mit der unantastbaren Autorität ihres Standes verknüpft ist, +bewegte auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch um die Achse einer +anerkannten Richterlichkeit und eines oft gefragten Urteils. Sie hatte +den Zusammenhang mit den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft +der neuen Generation verloren, hielt aber diese Generation für verloren, +da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur ihre Nichte Kaja war +für sie der Inbegriff einer im erwiesenen Geist gesicherter Lebensform +heranreifenden Persönlichkeit, sie erklärte den Charakter und +Lebensanstand ihrer Schutzbefohlenen für das Resultat ihrer Einwirkung +und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen. Bewegend war die +innige und selbstlose Liebe, die aus allen Einwänden sprach, die sie +selber schüchtern wagte, mehr um für die hellen Tugenden einen +Hintergrund zu haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des +jungen Mädchens in Frage zu stellen. + +»Nur eines bereitet mir Sorge,« sagte sie nachdenklich und sah mich +streng an, »daß das Kind sich nicht entschließen will, beim Baden in der +See den üblichen Badeanzug anzulegen. Sie tut es nicht, ich weiß es, +obgleich ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas +kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen muß, ist nachher +gewöhnlich trocken. Sie erklärt mir, die Sonne habe ihn getrocknet, aber +nein, nein ... da soll sie ihre alte Tante doch nicht zum Narren +haben. -- Kaja, ich spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich +kommen, dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden und muß +hier vorüberkommen. Vorher ... vorher stelle ich sie Ihnen vor.« + +Sie richtete ihr Horn auf mich. + +»Ich werde mich sehr freuen«, rief ich. + +»Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim Bade eine +angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide darunter und hege die +Befürchtung, ein unberufenes Auge möchte Zeuge dieser kindlichen +Vorurteile sein. So pflege ich denn während ihres Bades hier im Park und +auch am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und Passanten +abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es wäre ja auch schrecklich!« + +Sie erhob sich, nach einem ängstlichen Blick zur Seeseite, zerrte Niko, +der eingeschlafen war, unter der Bank hervor und drängte auf das Haus +zu. + +»Sie nehmen vielleicht gern einen Imbiß?« fragte sie herzlich, aber +deutlich in jener befangenen Besorgnis, die entsteht, wenn eine gute +Absicht noch nicht die Form ihrer Durchführung gefunden hat. Sie zerrte +an Nikos Kette, die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er +erst unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm hervor, so +daß er dadurch genötigt war mit schrägem Kurs unsere Richtung +einzuhalten, aber deutlich war es nicht zu unterscheiden. + +»Helfen Sie!« rief Tante Mimsey, aber Niko schnarrte und drohte vor +Grimm zu ersticken, als ich mich ihm näherte. Obgleich Tiere mir lieb +sind, habe ich für diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen vermocht, +er war mir nicht angenehm. Wir kamen an einer Grotte vorüber, in der ich +später oft mit Kaja gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer, ohne +den Strand zu erblicken, durch die Stämme der Buchen hindurch und unter +ihrem Dach dahin. Es ist ein goldgrüner Rahmen, in dem niemals etwas +anderes erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder Sterne, Licht +oder Nacht. Ich sehe seine Form noch heute, ein unruhig gerändertes Tor, +durch das die Lichtbahnen der Augen nur unveränderbaren Dingen begegnet +sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin, der Mond schien und sie +fröstelte leicht im Mantel ihres Haars ... + +»Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so machen Sie mich bitte +darauf aufmerksam«, sagte Tante Mimsey. »Hier können wir warten, später +werden wir dann etwas zu uns nehmen.« + +Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern und mein Herz +schlug übermächtig. Hell, rasch, eine weiße Seligkeit von Sein und +Kommen, glitt es wie ein Frühlingslied hinter dem Vorhang der Büsche +dahin, und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag um die +Schläfen und tief im Nacken. Wie groß sie war! + +»Vielleicht ist sie das ...« stammelte ich und fühlte deutlich, daß es +verächtlich klang. + +»Ja, ja, ja!« rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung verstanden +hatte, und dann laut: »Kaja, Kaja!« + +Das Mädchen sah mich groß und heiter an, als sie nun auf uns zutrat. +Ohne Überraschung musterte sie mich, nähertretend, aufmerksam und +abweisend, und sah dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen. + +»Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen?« fragte ihr Blick die +Tante. + +Ich rückte meinen Hut zurecht und brachte mein eines Bein in eine +gefällige und vornehme Haltung. + +Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenkuß, aber er ging zu Ende +und nun mußte sie sich rechtfertigen. + +»Ein unerwarteter Gast,« sagte sie, »zwar unerwartet, aber ein junger +Student auf der Reise. Er ist Naturforscher und hier fremd.« + +Kaja machte einen strengen Knicks. + +»Geh zu deinem Bad, mein Kind,« fuhr die Tante fort, »wir unterhalten +uns hier noch ein Weilchen.« + +»Jetzt wirst du zum Christentum bekehrt,« sagte Kaja zu mir, »nachher +komm schwimmen. Du siehst schrecklich aus im Tageslicht, man schämt sich +ja. Also auf Wiedersehen.« + +Es war mir ein Rätsel, wie ein Mensch diese Worte aussprechen konnte und +dazu ein Gesicht machen, als sagte er, betroffen und verlegen: »Guten +Morgen, mein Herr, ich danke Ihnen für die Ehre Ihres Besuchs und hoffe, +daß Sie sich in diesem Hause wohlbefinden werden.« + +Tante Mimsey schien zufrieden, sie nickte gewissermaßen in sich hinein, +und man sah den Bewegungen ihrer Hände an, daß ihr ein Hindernis als +überwunden galt. + +»Eine reizende junge Dame«, sagte ich zurückhaltend. + +»Ja, ja, ja ...« sagte Tante Mimsey leise, als sei es die Schlußzeile +eines Gedichts; sie dachte an etwas anderes. + +Ich bat um die Erlaubnis, mir jetzt im Dorf eine Unterkunft suchen zu +dürfen, und half ihr damit aus ihrer kleinen Verlegenheit. Während sie +sich zu Niko niederbeugte, schnitt ich mit dem Taschenmesser ihre +gestielte Brille von der Seidenschnur, an der sie befestigt war, und +steckte sie ein, denn ich wollte mit Kaja baden. Auch hatte ich damit +für alle Fälle einen Anlaß später wiederzukommen, um als glücklicher und +ehrlicher Finder empfangen zu werden. -- + +Kaja saß auf einer schmalen Sandbank, im harten Gras des Strandes und +zog sich aus. Sie hatte einen Platz gewählt, der vom Land aus nicht zu +sehen war, da die Buchen dort bis dicht ans Wasser wuchsen, auf einem +unterspülten Hang. + +»Ich bewundere dich«, sagte sie. »Daß du mit mir fertig geworden bist, +ist keine Heldentat, denn ich habe es dir leicht gemacht, aber mit Tante +Mimsey -- das will etwas heißen. Es war deutlich, daß sie dir +wohlgesinnt ist.« + +»Ich hatte erwartet, sie würde sich vor mir fürchten. Bist du noch +einmal eingeschlafen?« + +»Wie hast du es nur angefangen? Deine Reden versteht sie nicht.« + +Ich überwand mit Gewalt meine törichte Unsicherheit, die sich in meiner +lächerlichen Frage kundgetan hatte, und begriff, daß um Kaja der Seewind +strich. Aber die Allmacht ihrer Unbefangenheit war eine furchtbare +Prüfung. Mir war, als bewürfe mich eine Göttin mit Sonnenstrahlen, je +mehr ihr schimmernder Leib aus den sinkenden Hüllen emporstieg. Als sie +ihr Hemd fortwarf, kehrte sie mir den Rücken zu und sagte nachsichtig: + +»Man muß dich ja schonen, du Armer.« + +Ich hätte die Hälfte meines Lebens für eine Faust voll Roheit gegeben, +als ich da nun im Sand lag, das Gesicht in den Händen und bebte. + +»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte sie und versuchte durch die Buchen +zu spähen. + +»Ich hab' die Brille«, antwortete ich schluchzend. + +Sie starrte mich an und brach in Lachen aus. + +»Mit der einen Hand betest du, und mit der anderen raubst du«, stellte +sie nachdenklich fest. »Aus dir wird man nicht klug. Aber vor allen +Dingen mußt du jetzt etwas essen. Sieh das Päckchen dort, es ist für +dich.« + +»Daran hast du gedacht, Kaja?« + +Sie sah mich fragend an. + +Ich merkte erst nun, wie hungrig ich war, und unter diesen Augen war ich +es ohne Arg. Ich werde niemals zu schildern vermögen, woher die Gefahr +und Wohltat dieser Seele kamen, sie strömten auf mich über und +verwandelten mich. Diese Welt ohne Pflichten, Dank und Schuld war +ungreifbar, von heiliger, uranfänglicher Freiheit. Man vermochte in ihr +zu sein, beglückt oder traurig, aber erreichbar war sie nicht. + +Sie saß nackt im Sand, die Augen gegen das Meer gerichtet, mitten in der +Sonne, und rauchte. Ihr Haar fiel hinter ihr bis auf den Boden nieder, +als schiene die Sonne durch ihre Stirn und verlöre sich, selig ermüdet, +in mattem goldenen Fluß, im Schatten dieser hellen Schultern. Nun hob +sie es langsam, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, mit beiden +Händen, und barg es unter einer roten Kappe aus dichtem Stoff, um es +beim Bad vor dem Meerwasser zu schützen. Eine feine blaue Rauchsäule +erhob sich lebendig über ihr und wanderte, sich leicht zerteilend, +lautlos ins Buchengrün empor. + +Kaja legte sich nun langsam auf den Sand zurück und öffnete sich ganz +den Sonnenstrahlen, wie eine blühende Pflanze. Sie breitete ihre Arme +aus, und als sie die leicht erhobenen Knie ein wenig öffnete, wandte sie +mir gleichzeitig langsam ihr Gesicht zu, und ihre Blicke suchten und +umfaßten mich, zugleich entschuldigend, lauernd und durstig. Aber von +einer Offenheit sondergleichen und gebieterisch, ja verächtlich, so daß +mir war, als saugte das Lebenslicht ihres Wesens mich in einen blassen +Abgrund von ewiger Selbstverlorenheit. + +Sie gab mir ihr Päckchen Zigaretten herüber, als würfe sie es fort. +Keine Geste schien ihr verächtlicher zu sein, als die der Darbietung. +Dankbar ist sie nicht, dachte ich, als dächte ein anderer für mich. +Eines guten Mannes gute Frau wird sie niemals, denn wie vermöchte heute +eine brave Männerseele sich leicht das Zelt seiner Ehe anders zu denken, +als im Talgrund der Dankbarkeit eines durch ihn begnadeten Weibes. Ich +mußte lachen, und Kaja sah sich nach mir um. + +»Was ist geschehen?« + +»Ich mußte lachen, weil ich mir dich als Ehegattin eines braven Mannes +vorstellte.« + +»Ja,« sagte sie, »ich weiß schon von heute nacht her, wie ausschweifend +du in deinen Gedanken bist.« + +»Erzähle mir von dir, Kaja.« + +»Hast du noch nicht genug erfahren? Du möchtest mich endlich +kennenlernen, nicht wahr? Wie leichtsinnig ihr doch seid, daß ihr den +Mädchen erlaubt sich zu beschreiben, wie sie gesehen sein möchten. Es +geschieht, weil ihr nicht selbst sehen könnt, wie sie sind, oder weil +ihr es nicht wagt. Auch in den Büchern, die ich lese ... es ist immer +dasselbe. Erst flehen sie einander um Schonung an und nennen es +Verständnis, dann verstehen sie einander endlich und werfen sich +Täuschung vor. Ein lächerliches Volk. Jetzt geh ich ins Wasser.« + +Sie erhob sich, und der Sand blühte. Langsam, Schritt für Schritt, maß +sie den feuchten Teppich, ging in Meer und Himmel über und schien die +helle Welt, das schöne Leben selbst zu sein, dessen Beglückung sie +annahm. Als eine größere Welle heraneilte, deren blendender Schaumkamm +ihre Brust erreicht hätte, warf sie sich ihr entgegen und verschmolz mit +dem kühlen Wasser wie für immer. + +Ich aß und rauchte und zitterte vor Wut, daß ich beides zu dieser Stunde +vermochte, aber es ging, und ich fühlte eine schmerzende Zweiheit +wunderbar in mir heilen. Zugleich aber sank es um mich her nieder, als +fielen die Sterne vom Himmelszelt, als wären alle Wunder zu Dingen +geworden. Habe ich einst gesündigt, oder sündige ich nun? fragte ich +mein Herz, aber als Antwort hörte ich nur den fühllosen Frohsinn der +großen Wellen erklingen, die sich bildeten und zerwarfen, zergingen und +sich erneuten unter der gleichen Sonne, in deren Himmelsflut meine Brust +sich hob und senkte. Im gleichen Sonnenschein, Asja, liegt weit in der +Ferne, bei der großen Stadt, dein Grabhügel. -- + +In einem frohen Taumel von Glück und Müdigkeit stampfte ich bald darauf +durch die Mittagssonne am Strand dahin auf das kleine Dorf zu. Ich war +nicht ratlos noch auch nur besorgt, wie es sich einrichten möchte, daß +ich bei Unterkunft und unter gutem Vorwand im Lande blieb. Ist so +Wichtiges, so Lebendiges, so viel glückliches Tun mir gelungen, so wird +sich das Beiwerk dieser Tage ihrem Sinn fügen, dachte ich und war nach +Art der Seelen frei und unbekümmert, die ein Ziel haben, einen +Mittelpunkt, um den ihr Tun kreist. + +Aber, sonderbar genug, mein Vertrauen wollte immer wieder von mir hören, +wie groß es sei. Ich hatte es nie zuvor gekannt, daß man Zuversicht +gewinnen kann im glückseligen Aberglauben und wie im Selbstbetrug einer +beinahe heiligen Oberflächlichkeit. Wenn ich mir sagte, daß ich Kaja +liebte mit der ganzen Inbrunst und aus tiefster Seele, so erschien es +mir in der eroberten Gewißheit und im Wohlstand meines hohen Rechts +doch, als zöge ich diese Liebe herbei, um mich freizusprechen. Sonderbar +und mütterlich lächelte der Weltgeist mich an, gnädig und zögernd, als +sei ihm ein Irrtum gefällig. + +Es ist die Mittagsstunde im Sand am Meer, dachte ich, diese gewalttätige +Verlassenheit, die die begrünte Erde vergessen macht. Ich blieb stehen +und hörte den Wellen zu, ihre magischen Stimmen bemächtigten sich +meiner, und ich empfand die Wohltaten, die mit ihrem Ausgleich in uns +mächtig werden. Hart am Strand lag ein verwittertes Wrack, das schwarze +Rippen in den fahlen Sonnenglanz emporreckte. + +Ich schrieb mit dem Stock ein Wort in den weichen nassen Sand, den die +Flut bespülte, und beobachtete, wie die Wogen es auslöschten. Ich grub +die Buchstaben tiefer ein und sah abwartend und begierig auf die sanft +heraneilenden, durchsichtigen Wasserhügel, die sich dicht über den +Schriftzügen hoben, als wollten sie ihr Opfer bedrohen, niederbrachen, +wie mit Gelächter, und sich breit und gelassen verebbend ausbreiteten +und zerteilten. Sie löschten aus, was ich geschrieben hatte und rannen +zu sich selbst zurück. Sie kamen und gingen immer auf die gleiche Art, +ob ich ihnen eine Beute zur Vernichtung bot oder ob ich stumm ihr +geglättetes Sandbett betrachtete. + +Ich begriff ihre gefährliche Weisheit und beschloß mein Herz zu hüten, +aber ihre Macht war eindringlich und der Gehorsam gegen ihr Gesetz eine +süße Wollust. Und plötzlich mußte ich über alles lächeln, was ich auf +der bewohnten Erde zu beginnen im Sinn hatte, über den Knabenernst +meiner Absichten, über das Lebensgewicht der kommenden Jahre, voll +Streben, Erfolg und Wirken, über Ziele, Zukunft und Ende. Ihr Wellen +werdet euch im Sonnenlicht oder im ruhigen Mond, bei Regengüssen oder +im Wind erheben, neigen und auf den Sand niederbrechen, zurückfluten und +aufs neue in vergänglichem Gebilde erstehen, um wiederum zu zerfließen. + +Ich trat hinzu und schrieb Kajas Namen in den Sand. Die erste Woge +verwischte ihn, als sei er tiefer eingeschnitten und verblaßt, die +zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjährigen +Strand in seiner alten Wesenheit. Da schrieb ich mit zitternder Hand, +ein leidender Mörder, Asjas Namen in den Sand. Die erste Woge verwischte +ihn, als sei er tiefer eingesunken und verblaßt, die zweite Woge nahm +ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner +alten Wesenheit. + +Aber kaum hatte sich auf meinen Lippen ein ungewisses Lächeln gebildet, +als mir sonderbar deutlich Asjas Worte über den Wandel der Natur zum +Bewußtsein kamen, und zum erstenmal verstand ich den Sinn: »Der Wandel +der Natur hat keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der +Geist.« + + * * * * * + +Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine mit Stroh +gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffeläckern, hinter den Deich geduckt, +mit ihren Fenstern, wie mit Augen, eben noch auf die Meerweite +hinaussah. Ein Vorgärtchen, dicht gedrängt voller Buschnelken, Phlox und +Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land ein Ziehbrunnen machten +den sichtbaren Bestand des kleinen bäuerlichen Anwesens aus. In langen +durchsichtigen Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht am +Strand, zwischen alten geteerten Pfählen ausgespannt, und zwei Boote +lagen im Sand. Ein Geruch von Seetang und verdunstendem Meerwasser +hauchte mir warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie Engel, +zu mir und ermutigten mich. + +Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang war eine Ziege +angebunden, die still vor sich hinsah und auf das Meerrauschen zu achten +schien. Als ich mich ihr näherte, sah sie mich an und begann eifrig zu +wedeln. Da ich nicht gewußt hatte, daß Ziegen diese Gewohnheit an den +Tag legen, blieb ich stehen und beschäftigte mich eine Weile mit ihr. Es +schien mir jedoch bald, als ob dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in +einer Beziehung zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und +erneuerte sich ruckweise und willkürlich und ging auch dann vor sich, +wenn mein Verhalten und meine Einwirkung auf das Tier unterblieben, oder +jedenfalls derart waren, daß sie keine Zustimmung herausforderten. + +Dagegen ließen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit feststellen, +denn als ich den Nacken der Ziege zu streicheln versuchte, senkte sie +mit einer sonderbar störrischen Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren +Hörnern gegen mich vor. Das Seil verhinderte die Ausführung ihres +Vorhabens, jedoch beschloß ich vorsichtiger zu sein und den Abstand zu +wahren, auf den sie Gewicht zu legen schien. + +Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen Tür hervor und +musterte mich mit listigen Augen, wobei sein Gesicht einen Ausdruck +zeigte, als lache er mich heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart +eingerahmt, der wie ein gelblich-weißer, gleichmäßiger Halbkreis von +Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug zwei Transtiefel, groß wie +Gießkannen, und die kurze Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem +Verhältnis zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nährte er sich von +ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich ihm Feuer an, mußte aber +zurücktreten, als er mir gemächlich eine Rauchwolke ins Gesicht blies. +Er fragte mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da ich seine +Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer auch zu bedienen wußte, +glaubte ich daran, daß ich mit ihm übereinkommen und ein Obdach in +seinem Hause finden würde. Aber merkwürdigerweise verstand er mich +nicht. Ob ich ein Franzose sei. + +»Ein Franzose? Nein«, sagte ich auf hochdeutsch. + +»Na, sieh an, es geht ja,« meinte er ermutigend in seinem Kauderwelsch, +»warum sprichst du nicht gleich vernünftig?« + +»Ich habe plattdeutsch gesprochen.« + +Seine winzigen Augen wurden so groß wie Taler. + +»Also das adelige alte Fräulein vom Wasserschloß schickt Sie zu mir?« +fragte er. + +»Ja, die Baronin, meine Freundin ...« + +»Sieh an,« meinte er und blinzelte, aber es schien ihm keinen besonderen +Eindruck zu machen. »Ich würde mich an die Junge halten, wenn ich in +deiner Haut steckte.« + +»Dazu ist die Haut nicht mehr heil genug,« antwortete ich und wies auf +meinen Rock. + +Der Alte spie aus. Es pfiff, ganz bestimmt traf er irgend ein Ziel +draußen auf dem Deich. + +»Die Weiber, um die es sich lohnt, haben noch keinen Mann nach seinem +Rock gewählt, das bilden sich nur die Laffen ein, die nichts als ihren +Frack besitzen. Aber was man Grünschnäbeln sagt, ist in den Wind +geredet. Eine Kammer habe ich, was gibst du mir?« + +Wir einigten uns, da ich keinen Grund hatte, eine Summe zu hoch zu +finden, die ich doch nicht bezahlen konnte. + +»Melden sich Herrschaften als Badegäste bei mir an,« sagte der Alte, »so +kannst du Unterkunft bei deiner Baronin suchen.« + +Damit war ich einverstanden. Die kleine Kammer zu ebener Erde enthielt +nicht viel mehr als ein Bett, aber der Boden war mit weißem Sand +bestreut, und das Fenster führte auf das Meer hinaus. Ich legte mein +Bündel gewichtig auf den Holztisch, als sei es schwer von irdischen +Gütern, aber der Alte hob es gelassen auf, wog es, um das Gewicht +nachzuprüfen, und ließ es wieder nieder. Er sagte: »Nun ja ... wirst +auch nur eine Mutter gehabt haben.« + +Das verstand ich nicht ganz, aber es berührte mich wohlwollend, denn es +stellte eine Art Gemeinschaft zwischen ihm und mir her, als habe er nach +etwas gesucht, das wir sicherlich beide einmal aufzuweisen gehabt +hatten. + +»Ich habe eine Nichte, die das Haus versieht,« teilte er mir auf meine +Frage mit, ob er allein lebe, »aber halt dich an deine Schloßmuhme,« +fügte er hinzu, »sonst hat's gespukt.« Er nahm die Kissen vom Bett, um +sie fortzutragen, und ließ nur ein Tuch aus grobem Leinen über dem +Rapsstroh liegen, mit dem die Lade angefüllt war wie eine Krippe. + +Dann gingen wir miteinander durch die zwei andern Stuben des Hauses und +durch den Garten, der Alte zeigte mir alles. Der Brunnen befand sich +weiter draußen im Feld, die Kartoffelbüschel waren schon groß, wie +kleine Sträuße, bald würden sie blühen. Ja, der sandige Boden sei für +die Kartoffel gerade das rechte. Aber seine Netze und die Boote waren +ihm doch das wichtigste. Ich bot ihm meine Hilfe beim Fischen an, aber +er spie nur aus, und wir sahen miteinander dem Vogel seiner schmalen +Lippen nach, wie er das Weite suchte. -- + +Ich verschlief den Mittag nah am Strand im Halbschatten eines struppigen +Busches. Da ich am Nachmittag mit dem Alten im Kartoffelacker arbeitete, +dessen Pflanzen gehäufelt werden mußten, verstand es sich von selbst, +daß ich auch sein Brot und seine geräucherten Fische mit ihm teilte. +Gegen fünf Uhr kam seine Nichte aus dem Dorf zurück, ein +siebzehnjähriges Mädchen mit blondem Haar, so hell wie Flachs. Ihre +blauen Augen sahen ernst und mit Zurückhaltung auf mich, aber ohne +andere Einschätzung, als die einer natürlichen Neugier. Ich wechselte +nur ein paar Worte mit ihr, als wäre es Geld, denn sie war von +unwahrscheinlicher Schüchternheit und nicht gewohnt, andere Menschen als +die Dorfbewohner zu sehen. Auch wollte ich mich aufmachen, um im +Wasserschlößchen meinen geplanten Besuch zu machen. Gottlob war ein +schöner Tag, denn ich fürchtete mich davor, in den Rahmen eines +wohlbestellten Zimmers treten zu müssen, der Garten war mir lieber. Ich +ließ das Fenster meiner Kammer leicht angelehnt offen stehen und +verabschiedete mich ohne Erklärungen. + +»Nimm den Butt mit«, sagte der Alte und gab mir einen großen Fisch. + +Die gestielte Brille Tante Mimseys und dieser platte Fisch waren mir +Gewähr, eine gute Aufnahme zu finden. Die Sonne stand nun hinter dem +Land und das Meer hatte sein Wesen geändert. Mir war, als sähe man viel +weiter hinaus über seine silberblaue Ebene, und die Möwen waren blendend +weiß und schwebten klar geschieden und ruhig im farbigen Himmel. Alles +war wirklicher und verständlicher, die Lichtmysterien des Sonnenaufgangs +und die blendenden Bewegungen der Elemente, die brausenden Wogen aus +Glanz und Flut waren gestillt und schienen sich voneinander getrennt zu +haben. + +Ich sah in der Landschaft, hinter Kartoffel- und Buchweizenfeldern, eine +Mühle am Horizont, deren Flügel sich bewegten, wie Sonntagsspaziergänger. +Es verband sich mit dieser Gestilltheit eine leichte Enttäuschung, wie sie +der erste Tag in einer neuen Lebenswelt in seinem Verlauf mit sich zu +bringen pflegt. Auch sollte ich nun bleiben und mich einrichten, das war +mir fremd. + +Kajas Bild gaukelte in blauen Nachtschleiern und in den Stürzen der Flut +vor meinen Augen, verwoben in die Elemente der Natur, zugleich Plan und +Entzückung, unerreichbar, um mich her und tief in mir. Wie ruhlos machst +du mich durch die Trennung, Kaja, und welche Trennung von mir selbst ist +die Beruhigung deiner Nähe. + +Als ich beim Garten angelangt war, sah ich Tante Mimsey an einem +gedeckten Kaffeetisch sitzen. Ich blickte durch die Büsche, die die +Gartenpforte übergrünten, und erkannte Niko auf ihrem Schoß, der +schlief. Etwas abseits stand Kaja vor einer Staffelei und malte. Es war +ein friedliches Bild von ländlichem Ruhn und Tun, und ich fand in der +Gewohnheit dieser Stunde die innere Haltung mich ihr einzufügen. + +»Unser Student!« rief Tante Mimsey sichtlich erfreut und hielt mir ihre +liebe alte Hand hin, als gäbe es nichts in der Welt, das je zwischen uns +treten könnte. Kaja drehte sich um, knixte steif und wischte ihren +Pinsel am Rasen ab, als ob sie einen Zaun anstriche. Niko sah den Fisch +und flüchtete. Er verschwand lautlos unter dem Tisch, als ob er +herabfiele und kam nicht mehr zum Vorschein. + +Auch Tante Mimsey verriet Entfremdung, als sie den Butt erblickte, den +sie mit meinen Forschungen in Zusammenhang brachte, und an dessen Tod +sie erst glaubte, als sie seine Bestimmung erfuhr. Sie dankte mir +zärtlich, ja, der alte Lüdersen sei ihr guter Freund und seine Tochter +Han habe sie auf den Armen getragen. Diese Erinnerung rührte sie, sie +verbarg ihre Bewegung. Als sie nun den Fisch für tot hielt und ihre +Brille mit frohem Dank zurückgenommen hatte, fragte sie mich, wie ich zu +Gott stünde. Darauf vermochte ich nicht rasch zu antworten, am wenigsten +laut, ich sagte zunächst nur: »Danke gut«, und überlegte mir die Sache. +Kaja erschwerte mir den geforderten Ernst, denn sie rief, ohne sich +umzudrehen, gleichmütig: + +»Brüll' einen Bibelspruch, sonst sind wir verloren!« + +Ich faßte mich und schrie: »Der Spruch meiner Einsegnung war: Der Herr +ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Bisher hat er sich bewährt.« + +»Er wird es auch künftig tun«, sagte Tante Mimsey liebevoll und schob +mir ein großes Stück Kuchen hin. + +War ich nun anfänglich der Meinung, die Stellung der alten Dame zu +religiösen Dingen sei von jener beziehungslosen Äußerlichkeit, wie sie +so oft in welken Gemütern angetroffen wird, die eher eines +undurchdachten Trostes als eines trostreichen Gedankens bedürfen, so +irrte ich mich, denn das alte Fräulein lebte in den Bildern und +Gestalten der Bibel, wie in ihrem Haus und Garten, still, heiter und in +kindlicher Anhänglichkeit. Ihr Fehler bestand in der Hauptsache nur +darin, daß sie niemanden für glücklich zu halten vermochte, der ihre +Welt nicht teilte. Da ihr aber das ausgesagte Zugeständnis einer +aufrichtigen Teilnahme genügte, um eine Gemeinschaft für erwiesen zu +halten, war es leicht, ihr Wohlwollen zu finden, ohne deshalb eine +Unwahrheit zu sagen. Ich ärgerte mich oft über Kaja, die ihre Zustimmung +übertrieb, um zu spotten, und in ihrer ironischen Bereitwilligkeit viel +weiter ging, als nötig war, um im Guten zu befriedigen. Aber ihr Hohn +war von so feiner Schärfe, er verriet eine solche Kraft der +Unterscheidung und des Anspruchs, daß ich an meinem heimlichen Tadel +irre wurde, denn ich empfand sie als kalt, mich aber als lau. + +Sie ließ an jenem Nachmittag ihre Arbeit, kehrte ihr Bild auf der +Staffelei um und setzte sich zu uns. Ihr Ausdruck von Arglosigkeit und +Unschuld war so vollkommen, so ohne einen Schatten von Verstellung oder +Willkür, daß ich heiß erschrak und oft in einem Gefühl so schmerzlicher +Wehmut in die Reinheit dieser Züge sah, daß ich glaubte, mein Herz +schmerzen zu fühlen, wie in einem kalten Ring ewiger Rätsel. Ihr leicht +geöffneter Mund, die holde Senkung der Stirn und das liebe Forschen +ihrer Augen überredeten mich so unmittelbar zu einem wehen und süßen +Gehorsam der Hingabe, daß keine Macht im Himmel und auf Erden mich vom +heiligen Stolz dieser Pflicht geheilt hätte. Ich suchte mit Angst nach +den Merkmalen ihrer schrankenlosen Sinnenfreiheit, nach den Wahrzeichen +ihrer dämonischen Lust zur Erde, nach den Todesrunen der Wollust ohne +Halt -- kein Hauch von Schwüle oder Glut lag um die klare Stirn, kein +Feuer unheiliger Gier des Bluts zeichnete das reine Weiß der Haut, die +Kinderbläue des heiteren Blicks, den Frieden ihres feinen Wohlstands. + +Diese Kindschaft der Natur, dieser Frohsinn, der dem farbigen Odem einer +Wiesenblume im Morgentau vergleichbar war, hatte eine furchtbare Wirkung +auf die schmerzenden Glutwunden meiner Seele, und ich begriff mit +Erbeben den höllischen Geist dieser Entstellung aller Werte, in der die +heiligen Feuer meiner Leidenschaft und Liebe mir unrein erschienen, und +ihre dämonische Priesterin von himmlischer Reinheit. Gott ward in meiner +entflammten und gequälten Vorstellung bald zu einem grausamen und +betrügerischen Spieler, bald zu einem Götzen, der weit höheren Gesetzen +unterworfen war, als sein Schöpferwesen sie umfaßte. + +Tante Mimseys biblischer Eifer ließ nicht zu, daß ich mich mit Kaja oder +meinem Gedanken beschäftigte, diesen beiden Elementen, um derer willen +mir das Leben allein lobenswert erschien. Ich fühlte mich unter den +Belehrungen und Darbietungen der alten Dame wie in einer gemütlichen +Tortur, die mich zugleich in Erstaunen setzte und ungeduldig machte. +Wenn ich von ihren Erörterungen und Erklärungen religiöser Fragen für +einen Augenblick abschweifte und, durch den Gegenstand angeregt, an Asja +dachte, so war mir, als sähe ich von einem einfältigen Kartenspiel, auf +dessen Blättern bunte, biblische Figuren prangten, über einen dunklen +See zu den Bergen, deren Wipfel in der Sonne lagen. + +»Wir müssen einander lieben,« sagte Tante Mimsey innig, »die Welt ist an +Liebe arm, erst wenn wir diese Absicht an den Tag legen, wird es +besser.« + +»Es tut schon jeder, was er kann«, sagte Kaja, die mir mit gefalteten +Händen gegenübersaß. + +Tante Mimsey zog eine Bibel aus ihrem Täschchen, gemeinsam mit einem +Päckchen von Schriften. Sie schien nach einem Gegenstand Umschau zu +halten, der ihr fehlte; endlich bat sie ihre Nichte um eine Nadel, und +Kaja zog eine aus ihrem Haar und reichte sie hinüber. Dann hielt Tante +Mimsey die Bibel zwischen beiden Händen so auf dem Tisch fest, daß sie +aufrecht emporstand und forderte mich auf, mit der Nadel in die leicht +zusammengehaltenen Blätter zu stechen. + +Das war mir neu, und ich zögerte. + +»Mutig«, sagte Kaja freundlich. + +Ich stach, das Buch öffnete sich an der Stelle des Spalts, und Tante +Mimsey nahm die Brille. + +»Nun werden wir sehen«, sagte sie. + +Ich hatte den alten Habakuk erwischt, von dem ich bisher nur gewußt +hatte, daß er vor Zephanja kommt. Tante Mimsey vergrößerte mit einer +Lupe, was von seinen Niederschriften gedruckt worden war, um das +Zehnfache, und begann zu lesen. + +»Komm um elf Uhr heute nacht«, sagte Kaja und sah mich an. + +Langsam, als buchstabierte sie, las das alte Fräulein: + +»Ihre Rosse sind schneller denn die Parder und behender, denn die Wölfe +des Abends. Ihre Reiter ziehen in großen Haufen von ferne daher, als +flögen sie, wie die Adler zum Aas ... Parder,« erklärte sie über die +Brille fort, »das sind wahrscheinlich Panther, früher sagte man Parder.« + +Ich nickte Kaja Antwort zu, und mir war, als verströmte ich mich in +meinem Blick, meine Lippen erstarrten mir wie unter einem herben +Schmerz. + +Kaja senkte die Augen, deutlich befangen gemacht durch meinen Blick, und +von ihren hellen Lidern strahlte mir mein unmögliches Wesen zurück, wie +ein Strom von Traurigkeit. + +Tante Mimsey begann nun, mir den Inhalt des gelesenen Kapitels +auszulegen, sie bezog die Wahrsagungen des alten Propheten auf das +kommende Reich des Heilands und verglich die angeführten Übeltäter mit +den Feinden der Kirche, mit den Gottlosen der argen Tage, in denen sie +lebte. Sie kam dann zu meiner Überraschung darauf zu sprechen, daß +deshalb die Wiederkunft des Herrn unmittelbar bevorstünde. + +Kaja sah auf die Uhr. + +»Er wird wie ein Dieb in der Nacht kommen«, teilte Tante Mimsey +geheimnisvoll mit und sah warnend drein. + +»Herr Habakuk macht Schule«, meinte Kaja. »Die Tante wird hellsichtig. +Nimm dir heute nacht ein Beispiel am Dieb und sei pünktlich.« + +Hiernach erhob sie sich artig, küßte der Tante die Hand und ging, +nachdem sie ihren Hofknicks vor mir gemacht hatte, ins Haus. Nun wäre +Andacht möglich gewesen, wenn es nicht Niko im Sinn gelegen hätte, Kaja +zu folgen. In traumwandlerischer Sinnlosigkeit galoppierte er unter +seiner befestigten Kette, ohne von der Stelle zu kommen, so daß der Kies +flog. Tante Mimsey gewahrte es nicht, weil sie sich wieder in Habakuk +versenkt hatte. Als ich sie endlich darauf aufmerksam machte, war Niko +atemlos, und sie geriet in große Bestürzung, denn sie hielt seine +stürmische Bestrebung für das Anzeichen einer Verrichtung, die nicht +hinausgeschoben werden durfte. Sie ließ alles stehen und liegen wie es +war, löste die Kette von der Banklehne und ließ sich von Niko +davonzerren. Beim Haus gab es eine flüchtige Störung, weil das Tier die +Ecke zu rasch umeilte, so daß die alte Dame nicht ohne Bedrängnis zu +folgen vermochte; aber dann entschwand auch sie meinen Blicken, und es +wurde still im sommerlichen Garten. + +Ich schritt unruhigen Sinns zum Meer hinab, erheitert und zugleich +unbefriedigt. Der Gleichmut der Meerstimmen zog mich an, und solange ich +nicht daran dachte, beruhigte er mich. Mein Ungenügen verwandelte sich +langsam in Traurigkeit, und ich sah den Lichtgang der sinkenden Sonne +auf dem Wasser. Ich glaubte den weiten Schattenteppich zu erkennen, den +die Parkbäume aufs Meer warfen, die Möwen flogen mit ruhigem +Flügelschlag, rot beschienen, es war so still, als sei die Welt +verlassen. Der Seetang duftete schwül und fremdartig. + +Ich war den kunterbunten Jahrmarkt der zurückliegenden Eindrücke nicht +mehr gewohnt und sah Kaja wie in einem Narrenkleid einhergehen. Die +Verführungen dieser arglosen Alltäglichkeiten bedrängten mich +bitterlich, obgleich ich wieder und wieder versuchte, sie als das zu +nehmen, was sie waren, als Stundentand und Sinnenreiz des raschen Tags. +Aber mir war, als gelte es etwas unsagbar Wichtiges zu retten, das in +diesen Einflüssen herabgesetzt wurde und verdarb. Es fiel Staub darauf, +und alles wurde kleiner und ärmer, es verlor die Feierlichkeit, und +umher standen hämische Verkünder der Erniedrigung. + +Einst fühlte ich die Nacht kommen wie einen Menschen und vermochte in +meinen Gedanken zu verweilen, wo immer ich wollte. Die Sterne und +Stunden waren meine Geschwister, und ich hatte Zeit, als verteilte ich +Ewigkeiten. Ich lebte allein und ging Gott entgegen, ich sah die Erde in +die Gestirne eingereiht, und es war selig beliebig, welcher von ihnen +mich trug. Jetzt war es die Erde ... Aber je länger ich im Sande lag, +die Stirn gegen den Himmel, und je weiter die Nacht in tiefer Klarheit +zum Meergesang hereinbrach, um so größer wurden die Sterne und um so +kleiner die Erde. -- + +Es mochte dicht vor Mitternacht sein, als Kaja mir im Garten +entgegenkam. Der Mond, eine schmale Silbersichel, schien nur spärlich +durch die Baumkronen zu uns nieder. Das Mädchen war groß und frauenhaft +in diesem geheimnisvollen Licht, ich erkannte ihre Gewandung nur +undeutlich. Wir sprachen unwillkürlich leise, obgleich kein äußerer +Grund dazu vorlag, das Haus war totenstill und dunkel und der Park im +leeren Land wie eine Insel. Das Gras duftete feucht, und die Grillen +feilten an ihren undeutbaren Stätten. + +»Wir wollen das Siebengestirn am Himmel suchen,« sagte Kaja, »komm ans +Meer. Ich weiß nicht, warum es mich vor allen anderen Gestirnen anzieht, +wir haben sicher alle irgendeine Beziehung zu einem besonderen Stern. Es +ist eine geheimnisvolle Undeutlichkeit um dieses Sternenbild, wenn du es +genau zu erkennen trachtest; schließt du aber die Augen halb, so +erstrahlt es am hellsten wie eine kleine Lichtwolke. Du weißt den +siebenten Stern und siehst ihn nicht, dann wieder siehst du ihn und +glaubst es nicht. Ich beschäftigte mich viel mit den Sternen.« + +Sie sprach mit großem Ernst und wichtigen Gebärden. Ihr Fuß auf dem +Boden war lautlos, es ging eine heimliche Wärme von ihr aus, ein +Sommerduft und -leid. Ich taumelte und verstand nicht auch nur ein Wort +zu sprechen. + +»Man sollte viel mehr an die Sterne denken, tust du es? Hast du nicht +gemerkt, daß man es immer nur ganz kurze Zeit kann, es ist doch schade. +Ich möchte die Sterne >tun<, verstehst du das? Wie man die Liebe tut, +daß das Verlangen einmal still wird, und die Seele freundlich atmet und +glücklich ausruht. Ich glaube, die Gestirne bewegen sich, um einander +näher zu kommen ... lachst du mich aus?« + +Sie nahm ihren Mantel von den Schultern und gab ihn mir. Sie trug +darunter nichts als ihre blasse Mädchenherrlichkeit. + +»Ist der Mantel schwer, daß du seufzt? Als ich ein kleines Mädchen war, +noch fast ein Kind, gab ich den Sternen Namen. Ein jeder hieß nach den +Empfindungen, die ich hatte, wenn er gerade über mir stand, wenn ich zu +mancherlei Stunden im Boot oder auf dem Küstensand lag. Dieser hieß +>Trauer<, jener >Unverstand<, dieser >Frohsinn<, und einer hieß >Sünde +der Nacht<. Ich haßte und liebte ihn, er erinnerte mich immer wieder an +das Blutheimweh der Einsamkeit, er flimmerte in allen Farben. Ich +verklagte ihn und sprach: Du hast mir alles gesagt. Einen anderen nannte +ich >Erlöser<, zu ihm betete ich, bis ich sie alle nicht mehr brauchte. +Das war auf einer Fahrt mit einem jungen Fischer in den Ferien. Ich war +sechzehn Jahre alt. -- Hier ist es gut, der Sand ist noch warm. Wie blaß +du in diesem Licht bist, Lieber. Nun leg deine Kleider ab, wir wollen +baden. Ich möchte dich ruhig betrachten, es tut so wohl, tröstet, kühlt +und heiligt mich. Ich sehe dich jede Nacht so, jede Nacht im Einschlafen +und Traum.« + +»Du hast noch keine Nacht verträumt, seit du mich kennst, Kaja.« + +»Dich? Habe ich von dir gesprochen? Nein, ich meine den Mann. Wie soll +ich es dir sagen, da ich doch nicht zu reden verstehe, wie ihr. Oft +staune ich über eure Worte und Reden, aber ich höre euch gerne +sprechen, es berührt so nah und wärmend, oft könnte ich mich in die +Worte der Männer betten, wie in ein Lager von Wohlklang. Ich verstehe +die Männer immer.« + +»Hast du auch mich in der letzten Nacht verstanden, als ich unter deinem +Fenster sprach?« + +»Ja, du wolltest zu mir hinauf, ist es nicht so?« + +»Ja, Kaja, ja. Ich habe nichts als das gesagt.« + +»Wie du glühst! Oh, du bist gut und schön.« + +»Ich weiß nichts mehr und will nichts mehr sagen, als daß ich zu dir +will.« + +»So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstürzt, so wirst du +mir viel sagen; auch das Schweigen ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch +ich liebe sehr, wenn ihr sprecht, ihr wißt ja so wenig, ach, so wenig, +ihr Beherrscher der Erde, ihr süßen, lieben Diener ihrer Weiden. Wenn +eure Worte dann ernst und wichtig erschallen, gnädig oder wohl auch +erzürnt, kühler oder gieriger, nach eurem Gehorsam, dann begleiten sie +die großen Melodien meines Bluts, klingen über dem Meer, kräuseln +freundlich die wogende Flut, die entzündete, die sich nicht +beschwichtigt, wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du mich küßt oder +schlägst ...« + +Sie erhob den zurückgelegten Kopf und sah mich verstört an: »Was sag ich +denn nur, sei nicht böse ...« Sie ließ sich langsam niedersinken und lag +nun, als sei sie an den linden Sandhügel gekreuzigt, die Arme weit +ausgebreitet, in reiner Kühle, ohne Durst. Sie sah mich Knienden mit +Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr Knie ein wenig hob und zur +Seite neigte, und Landschaft, Meer und Sterne stürzten in ihren +schaurigen Befehl. + + * * * * * + +Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch Sternlicht am Ufer, und +die Nacht war von majestätischer Größe. Sie erhob sich in einer blauen +Sternwand über dem bewegten Meer, das sich schwarz und mächtig vor uns +ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren in einen feinen Flor +gelegt, aus wärmeren Gründen stieg es zu herrlicher Klarheit auf. +Vielleicht schlief Kaja; oder lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des +Wassers? Ich fröstelte leicht in dieser Kühle der Nacht und sah das +edle, gesetzmäßige Raummaß des Orion über mir erstrahlen. Der lose Sand +gab jeder kleinen Regung des Körpers nach, und trug uns, als täte er es +leicht und gern. Langsam wich alles Gefühl für Zeit aus meinem +Bewußtsein, so daß ich nur mein Herz und Blut noch hörte, die Quelle +über dem Sand. + +Zuweilen hob ich die Stirn und schaute über Kajas entfesselten Leib hin. +Sie lag da, als erflehte sie in einem tiefen Weltentraum, mit allem Sein +und Sinnen, die Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie +verschmolz mit dem dämmrighellen Strand und bildete gegen den Meerhimmel +eine Landschaft. Diese vom Sternlicht sanft beschienenen Höhen und Täler +waren uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des zaghaften +Gemüts meines von Andacht und Ahnung wunden Wesens, dessen arme und +flüchtige Bewußtheit, haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis +bebte. + +Da überwältigte mich tief von innen her eine große Erschütterung, die +ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis ohne Klarheit, doch eine +mächtige Wahrheit in meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die +Hände, und ich kämpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das furchtbare, +wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es schüttelte mich, als wollte es +mich aus einem langen Schlaf der Seele erwecken, der aufhören mußte, um +nicht überzugehen in Erstarrung und Tod, und als es sich löste, in einer +Hilflosigkeit ohnegleichen, verströmend wie für immer, lag ich fest, +fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal darüber, daß Asja gestorben +war. + +Ich hörte Kajas tiefe, süße Stimme, sie sprach, ihren Mund dicht über +meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine Wand aus dunklem Nachtgold nah an +meiner Wange nieder. Ihr Körper deckte mich zur Hälfte, kühl und doch +wärmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nähe überströmend, ihre +Worte auf mich niederhauchte, daß Geist und Sinne sie bei meiner tiefen +Schwäche gleicherweise tranken. + +»Sag doch, o sag, was ich für dich tun kann, Lieber!« + +Ich schloß die Augen, die ganze Erde blühte. + +Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand, die die Lust so +lieblich regierte und die der Schmerz hilflos machte. Sie berührte mich +so ängstlich wie ein Kind: + +»Du bist ja ein Knabe,« sagte sie, »ein Kind. So sprich doch, ach, ich +bitte dich, sprich!« + +Nach einer Weile fuhr sie klagend fort: + +»Kannst du nicht sprechen? Betrübe ich dich? Ich bin dir ja gern zu +Willen, und du darfst nicht von mir glauben, daß ich arm und häßlich +bin. Ich gehöre ja dir, kannst du es nicht glauben? Geh doch nicht fort +tief innen, wohin treibt es dich denn? Aber sprich doch, sprich doch!« + +Sie schmiegte den leichten, suchenden Leib inniger an mich, und schaurig +still, wie Gewitter am Himmel, entzündeten Schmerz und Freiheit der +Seele in mir sich über Zorn und Haß zu einem gewalttätigen Opferdank. -- + +Sie lachte leise auf, zitternd im Gewinnen, tief erheitert, doch ohne +Stolz, plötzlich in den drohenden Ernst ihres unerbittlichen Rechts +gestellt, im Eigensinn der brennenden Begabung. In März- und Sommerglut +und hellen Frösten durcheilte ich die weiten Landschaften, die meine +Augen gesehen hatten, Jahre vergingen, in Sekunden gedrängt, Augenblicke +dehnten sich, in Silberfahnen gestaltgewordener Sehnsucht von Gestirn zu +Gestirn gespannt, das Meer stürzte über die schneidende Firn der +Ohnmacht aller Kraft, und mit der Rückkehr hallte es, mit der wieder +emporsteigenden Nacht, über die gleitenden Grenzen der Bewußtheit hin: +Tausend Jahre sind wie ein Tag. -- + +»Kaja, liebe Kaja, ich will einen weiten, stolzen Weg des Lebens machen, +anders als alle. Ich will einen guten Gürtel haben, rasche Füße, frohe +Augen. Wie offen liegt die Welt der Tage und Nächte, alles ist frei und +nichts getan.« + +»Du träumst ja schon«, sagte eine Stimme dicht über mir. + +Zwei Hände zogen liebevoll einen Mantel über mich, wie eine Decke. + +»Bald kommt der Morgen, Kaja ... sprach ich nicht vom Morgen zu dir, als +ich dich noch nicht kannte, als ich im Dunkeln zu dir kam, damals unter +dem Fenster?« + +»Friert dich nicht?« fragte die Stimme, »schlaf nun, bald wird es +hell.« -- + +Als ich erwachte, stand der Morgenstern über dem Meer. Er leuchtete so +hell am Horizont, daß mir war, als füllte sein ferner Glanz mich an, als +sei mein Leib durchscheinendes Glas. Das Meer war schon farbig, ein +leichter Wind strich über das Wasser. Neben mir im Sand sah ich die +Spuren des holden Lebens, das mich diese Nacht erfüllt hatte. Kaja war +fort, es war alles umher still und leer wie am ersten Tag. Eine +Fröhlichkeit ohnegleichen stieg in meiner Seele empor, meine Augen +empfingen das Bild von Meer und Erde im Morgenlicht, das zu immer +größerer Macht anwuchs. + + * * * * * + +Ein paar Tage darauf begleitete ich Han, Lüdersens Nichte, im Wind über +den Deich. Es war ein trüber, stürmischer Tag und das Meer tobte. Han +sah es selten an, es hatte schon in ihre Wiege geklungen, sie hatte es +schon als Kind im Boot ihres Vaters befahren, aber sie hörte mir gerne +zu, wenn ich über das Meer sprach. + +»Eigentlich sollte ich es dir erzählen«, sagte sie und lächelte +schüchtern. + +»Nein, Han, du gehörst dazu.« + +»Ja,« sagte sie, »so ist es.« + +»Kennst du die Leute vom Wasserschloß? Die alte Baronin, Proker, den +Diener, die Köchin mit der Haube wie ein Beduinenzelt und Niko? Aber +wie solltest du sie nicht kennen ... das ist ja natürlich.« + +»Ja, ich kenne sie alle,« sagte Han, »auch das junge Fräulein.« + +»Kaja, ach ja.« + +Han wandte den Kopf mit den braunen, festen Wangen; das helle Blau ihrer +Augen war farbig und hart wie Glas, ein untrübbares, leeres Licht ohne +Wehmut und Süße. Aber sie schlug die Augen nieder und sagte: + +»Also, dann sprich von ihr ...« + +Ich erschrak. + +»Was ist von ihr zu sagen, sie ist sehr schön. Wenn man neben ihr +dahingeht oder mit ihr redet, so verwandelt sich alles und bekommt +seinen Wert durch sie ...« Ich stockte und schwieg. + +Der Wind pfiff schneidend, wir gingen vom Deich hinab, um uns zu +schützen, und tappten weiter durch den losen Sand. An geschützteren +Stellen wuchsen Heidekraut und Ginster, da schritt es sich leichter. + +»Hier hat das Meer einmal den Deich durchbrochen«, erzählte Han. »Es war +eine Sturmflut, alles lag unter Wasser, und der Leuchtturm und die +Station standen auf einer Insel.« + +Sie erzählte mir dann von ihrem Onkel Lüdersen, der weite Reisen gemacht +hatte; ihre Eltern lebten in der Stadt. Alles kam herb und mühsam über +ihre Lippen, es war, als täte das Sprechen ihr weh; die Arbeit, die mit +dem ganzen Körper getan werden konnte, ging ihr gefälliger vonstatten, +Schreiten und Rudern und das Schaffen an den Netzen oder im Garten. Sie +sagte: + +»Sie kam vor vier Jahren das erstemal zu uns, ich habe die Hände falten +müssen, als ich sie sah. Ich brachte die Koffer auf der Schiebkarre.« + +»Wer? Wer kam?« + +»Das Fräulein doch ...« + +»Ach so, kam sie vor vier Jahren?« + +»Ja, für den Sommer. Das erstemal nur kurz, weil Veit Geesten ertrank.« + +»Wer war das?« + +»Ein Fischer.« + +»Was hat das mit ihrem Kommen und Gehen zu tun?« + +»Das war so.« + +»Sag mir doch, was du weißt, Han.« + +»Ich weiß nichts,« sagte sie böse, »ich hab auch nichts gesagt.« Wir +waren uns plötzlich fremd und schwiegen beide. So ließ ich sie denn +allein ihren Weg machen und legte mich in den Sand, bis der Abend und +der Regen mich heimtrieben. Eine Brigg kämpfte auf hoher See, sie hatte +wenig Segel gesetzt und sah merkwürdig zerzaust aus, ohne Licht und wie +auf einen Fleck gebannt, schaukelte sie in den grausamen Wasserbergen. +Die graue, große Seewelt um mich her breitete ihre Öde in meinem Gemüt +aus, und ich kämpfte gegen sie, wie draußen das Schiff gegen die Wogen. + +Wenn ich die Augen schloß, sah ich einen hell erleuchteten Saal von +großer Pracht, der mit festlich gekleideten Menschen angefüllt war. Eine +verborgene Musik spielte, fröhliches Lachen und das Klingen von +Weingläsern erschollen. Die Kleider der vornehmen Frauen waren aus +kostbaren Stoffen und es schien, als erleuchteten ihre Schultern und +Arme den Saal. Ich suchte mit meinen Augen Kaja. In einem Winkel der +Vorhalle lehnte sich eine dunkle Herrengestalt über ein Mädchen, das +fast noch ein Kind war. Da sie nicht zu ihm aufsah, musterten seine +Augen sie mit schleichender Habgier, verächtlich und begierig. Sie +lächelte schüchtern vor sich hin, und als sie die Blicke hob, fing er +sein Gesicht und schaute einfältig-gütig drein. Ein Diener mußte +Vorwürfe anhören, er schwieg, bleich und leblos, wie eine Säule. Endlich +kam Kaja. Sie ging sehr rasch und die geschmeidige Kraft ihres Körpers +wirkte aufreizend, aber ihr Verhalten gebot Ehrfurcht. Zwei junge Herren +begleiteten sie, ein greiser Ritterlicher empfing sie, und mit der +Huldigung, die er ihr bot, fügte sich der ganze Saal ihrem Zauber. + +Ich riß die Augen auf. Lüdersen hatte schon Licht, aber ich ging noch +ein paar Schritte über sein Haus hinaus, um nach dem Wasserschloß +auszuspähen. Ein dunkler Waldfleck in der grauen Strandöde war alles, +was ich sah. Der nasse Sturm trieb mich ins Haus. -- + +Aber die feuchten Schleier über der Welt wichen wieder dem Sommerwind, +und als eines Morgens die Sonne strahlend über dem Meer aufging, +glitzerte ihr Licht in der Feuchtigkeit der Buchenwälder. Der Strand +wurde wieder weiß und säumte das bewegte Meer. Man sah weit, weit hinaus +zur Rechten und Linken. Die Brust hob sich mit dem frischen Blick und +das Gemüt war wie verwandelt. Es war als würden Himmel, Meer und Erde +für ihre Geduld gelohnt, sie waren neu wie am ersten Tag, und keine +Entstellung aus einem Kampf gegen das Ungemach der trüben Zeit war an +ihnen zu finden. + +Ich traf Kaja im Wald, dicht am Strand, wo das Wasser blau durch die +Bäume glitzerte. Sie schritt hell und rasch durch die goldenen Lichtwege +der Sonne und sang. + +»Da bist du!« rief sie fröhlich, »wo warst du so lange?« + +Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne Entzücken und ohne +Enttäuschung, von einem beseligenden Wohlstand in sich selbst, und unter +ihrer heiteren Gelassenheit glitten rasch und schaurig die dunklen +Stunden der letzten Tage und Nächte an mir vorüber. Der Regen an den +trüben Scheiben, der quälende Seewind, der überall pfiff und rüttelte, +dieser unheilige Störenfried voll Beunruhigung, das feuchte Stroh meines +Betts, Hans tödlich geduldiges Mädchenwesen um mich her, diese +halbnackte, sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie ein +einfältiger Hohn auf meine Verlassenheit. + +»Was weiß ich«, antwortete Kaja wohlgemut auf meine Frage, wie sie die +Regenzeit verbracht hätte. »Die Sonne scheint ja, es ist ja vorüber. +Tante Mimsey hat täglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz +gewonnen, brich es nicht und geh zu ihr.« + +Sie sah mich neugierig an. + +»Ach, die Tante ...«, sagte ich. + +»Unterschätz' das nicht,« meinte Kaja, »mit den alten Weibern hast du +die halbe Welt, das wissen die wenigsten. Was kann dir an den Männern +liegen, du bist ja selber einer.« + +»Hast du Freundinnen, Kaja?« + +»Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht mehr zu fragen.« + +»Ich frag' auch nur, weil ich bestätigt haben möchte, daß du keine +hast.« + +»Ich hatte eine, damals vor ...« + +»... vor Veit Geesten.« + +»Ja. Wenn du sie gesehen hättest, so würdest du mich verlassen haben, +wie man ein Schiff verläßt, das am Ziel angelangt ist. Ihr Körper war +wie Glas und warme Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging +sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hände schienen nach Hilfe +zu suchen, und ihre Lippen mußte man berühren, um zu verstehen, was sie +verschwieg. Nachts blühte sie auf, im Dunkeln, und tanzte auf der +Waldwiese im Mond. Wenn ich über ihr Haar strich, es war weich, wie +laues Wasser und du fühltest es kaum über der Haut, dann ahnte ich mein +Liebesgeschick, den schmerzlichen Frühling.« + +»Ist sie auch tot?« + +»Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet, aus dessen zwei Wangen +du ihren Körper hättest formen können. Als wir uns wiedersahen, wandte +sie sich ab. Sie ist also glücklich. -- Du nimmst alles so ernst.« + +Ich dachte, sie weiß nicht, daß ich die Nächte unter ihrem Fenster +gestanden habe, daß ich ruhlos durch die Wälder geirrt bin und am Meer +dahin, bis ich mich im feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte +heimlich heißen Wein in meine Stube gebracht, sie sah die stumme Schmach +meines Leids mit blicklosen Augen, wie ein Spiegel, der doch das Bild +mit sich fortträgt. Oder weiß Kaja dies alles doch, fragte ich mich, +und hat es durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr +Fenster möge von den Steinchen erklingen, die ich im Dunkeln im Kies +ausgewählt und doch nicht emporgeworfen habe? + +Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick- und Sinnengestalt, im +Uferlosen meiner Gedanken war kein Halt zu finden. Der Wert meiner +Hoffnung erzitterte und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des +Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide, wie ein +verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem, hellem Stoff und fiel und +schmiegte sich, als sei der leichte Sommerwind ein Meister, der mit +diesen wehenden Hüllen den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren +nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft, wie der +Wert im Gold, gingen nicht nur ihre Frauenschritte auf dem weichen +Moosboden, sondern sie rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch, +die warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod. + +»Pflück' die Blume dort, Kaja!« + +Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir. + +»Wozu? Was willst du damit?« + +Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in einem tierhaften +Blick von Prüfung und Gunst. + +»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre Neigung des Kopfs, der +zaghafte Schritt voran und ihre Hand in meiner taten einen Himmel von +wilder Freiheit auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, warmer Wind +und ein Licht, das uns taumelnd machte und in eine herbe Verzücktheit +von Lust und Unschuld hob. + +Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht, sie lagen bald hier +und dort im Sand umher, bei meinen groben Stiefeln, die einst der +Schuster Stevenhagen geflickt hatte. + +Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in jener herben Kraft +der leichten Enttäuschung, die sie nach den schwülen und süßen Ahnungen +des Begehrens mit sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie +langsam ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt und +unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie nichts zu beachten, das +ihre Dargebotenheit milderte, sie lachte nicht und ihr besonnener Ernst +im Genuß aller Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht +gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb um und rief mir +etwas zu, das die Brandung verschlang. In der ungeheuerlichen Linie der +Meerbucht, im Sonnenall der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie +zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein. + +Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, die das +Meer mit sich bringt, sein herber Duft, die Wasserschwere, der Glanz der +grünlichen Wogenberge verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer +freieren Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere Seelen, wie +Wiedergeborene schwebten wir in gelinder Kampfesmühe über der +unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst, in weitausholenden Regungen der +Glieder befriedigt, berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element +aufzunehmen vermag. + +Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper, Kaja saß aufrecht und +sah in die Weite. Ihr frauenhaftes Mädchenhaupt mit der gehaltenen und +klargeschiedenen Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich +gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden Himmel ab, in +frommer Majestät. Die liebliche Vollendung der Natur in diesem +herrlichen Gebilde erschütterte mich tief und die Unnahbarkeit dieser +Pracht und Fülle nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt +habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, dachte ich, und +nun -- ist es denn Wahrheit? -- würdest du mir zürnen, wenn ich nicht mit +aller Macht meiner Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines +Wunsches würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück stärker als +meine andächtige Besinnung wird, ich kann nicht schuldig werden durch +Willkür und Tun, die Allmacht der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu +mir kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein, du Schmerz und +Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner Andacht soll deine Fackel brechen, +stärker als sie. + +»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte Kaja plötzlich und +lächelte fragend, »dann ist mir, als sammelte sich in dir dunkles Feuer, +und ich fürchte mich. Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich +deine Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen +Schwester. -- Wenn du mich berührst, wirst du ruhiger, ich fühle es ... +Wie nennst du mich? Ach, sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß +du gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich durch lauter +Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein Wort genügte, aber das gibt es +nicht unter den menschlichen Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer +alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort auch nicht, aber +seinen Sinn. Ich habe und weiß und behalte ihn heute. Ich bin da, und +ihr sagt es mit tausend Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht +bin ich klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du bist +jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich, obgleich du mich +ein Kind nennst. Ich höre dies und alles, als hätte ich es schon tausend +Jahre lang gehört!« + +»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, das Wasser glitzert und +trägt dein leichtes Boot. >Das Licht spiegelt sich in den Wellen und in +meinen Augen!< rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.« + +»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst. + +»Du weißt nichts von ihr, Kaja.« + +»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.« + +»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!« + +»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du, daß ich dich +manchmal beneide?« + +»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick. + +Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die Antwort geben, ihr +Kopf kam mir nah und ich spürte ihren Atem, den Lebensduft der Frage, +die sie tat, die Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen +Leib. + + * * * * * + +Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein, nach all den Tagen der +heißen und herrlichen Freiheit, die mich durch Wald und Wogen um ihr +stilles Haus geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht +gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter gepeinigt, +im Schein der großen Erinnerung, die wie die Sonne über allen Stunden +stand, war mir der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich +machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf. + +Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen am Teetisch ein junger +Herr. Was war natürlicher und was hätte mich mehr in eine planlose +Bestürzung werfen können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm +mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend aufzubringen +vermochte, beschleunigte meinen Schritt und tat, als wollte ich wieder +gehen, noch ehe ich recht angekommen war. + +Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung, Tante Mimseys zarte +Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten mich, ich fand darüber meinen +Weg, der als ein Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich +deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen, alten +Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu machen. Sie nahm sich meiner gütig +an, wie griff sie gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme +Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte. + +Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in meiner; sichere, +lebendige Augen prüften mich unbefangen, ein klein wenig spöttisch, aber +nicht mehr, als man einem Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das +Recht zugesteht, die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er war +groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller Blick glitzerte +ein wenig, aber nicht hart, sondern fröhlich und klug. Seine Züge, alles +andere als knabenhaft, waren eindringliche Lebensrunen, die von +Erlebnissen sprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ +mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es schien, als sei er +gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn herantraten, seine Zurückhaltung +war selbstbewußt. »Eberhard« verstand ich; wo war doch der Name schon +gefallen? + +Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht ein wenig +ernster als sonst. Was bedeutete dieser Ernst? Ich wappnete mein Herz in +bebenden Klammern des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft +nicht, die in mir erwachte. + +Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach den Resultaten +meiner Forschungen zu fragen, ich mußte so antworten, daß mir unter +gleichmütigeren Fragen einer späteren Prüfung von anderer Seite zwei +Wege offen blieben. + +»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet überfallen«, +erzählte mir Kaja und sah an mir vorüber, während sie sprach, so daß ich +nur eine törichte Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und +planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn in alle Richtungen +und verstand nur das, was nicht für sie bestimmt war. Endlich gab sie es +auf, teilzunehmen und kraute Niko. + +»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich Vetter Eberhard. + +Kaja sah mich an. + +Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger, wenn auch +durchaus liebenswürdiger Hohn. Er sah an meiner Kleidung so augenfällig +vorbei, daß sie mir auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung: + +»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen. In der Hauptsache +beschäftigt mich jedoch der Mensch, und an ihm vornehmlich sein +sonderbarer Hang, Fragen zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben +wünscht.« + +Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von einer noch so feinen +Regung ihrer Lippen hätte nehmen können. + +Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme erst nun +erwacht. + +»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner alten Tante eine +gediegene Grundlage, um Ihre Bildung zu vervollkommnen. Sie hört nur +leider etwas schwer.« + +»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft nicht immer +vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr liegt natürlich nahe. Es soll +dann gewöhnlich damit anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten +ihren Sinn versteht.« + +Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte sie mir helfen zu +müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab: + +»Warum lachen Sie?« fragte ich. + +»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der Menschen zu +erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?« antwortete sie kühl. + +Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich schwieg und sah vor +mich hin. Warum habe ich die Hand geschlagen, die sich mir bot, dachte +ich, warum vermute ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind? +Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst du, daß meine +schreckliche Hilflosigkeit in den Augen Gleichgültiger deutlich wird, +wie sie den Augen deiner Liebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht, +daß ich böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor +Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen? + +Plötzlich hätte ich lachen mögen und beiden die Hände reichen. Vetter +Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen. Mit heiterer Unbekümmertheit +betrachtete er mich, es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens +ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz zu bestehen, +von der Sorge zu unterliegen, trübte das kluge Gesicht. Er fragte mich +nicht mehr, da ich doch ungern zu antworten schien, auch so waren die +Welt und ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach mit ihr, +als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag auf dem Tisch. Ich maß die +Entfernung zwischen ihr und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit +erschien, war für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar. + +Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin. + +»Rauchen Sie?« fragte er freundlich. + +Ich lehnte ab, ohne zu danken. + +»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie rauchen ja, Kaja +erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre ganzen Tabakbestände vernichtet +haben. Oder ist das zuviel gesagt?« + +Ich sah ihn an und antwortete: + +»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich wissen lassen +wollten.« + +»Wieso? -- Also Sie rauchen jetzt nicht ...« + +Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch und durch von einer +großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine Augen sahen in ihren Zügen nur ein +gleichmäßig-holdes Lächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war +ein wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das unsere Rede +nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys leise Zurückgesetztheit, an +diese zärtliche Beachtung aller Einzelheiten, die das alte Fräulein so +rührend zur Schau trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun +und Sprechen zu verbergen trachtete. + +Nun sah Kaja mich an und sagte: + +»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst, vielleicht am +Strand, wie sonst?« + +»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,« sagte ich leichthin +zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen sehr dankbar. Für den Heimweg nehme +ich sie gern.« + +»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht, wie Sie +vielleicht glauben.« + + * * * * * + +Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister der Zuversicht und Not +wechselten miteinander ab, Wolken zogen über den Mond, der nur selten +sein klares Licht in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem +Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte die See +rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten, die sich zu mir drängten +oder weit abrückten. Bald rang ich um Schlaf und bald um Kraft, aber +beide mieden mich und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und +verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir. Was soll ich dir +gestehen, damit du mir Ruhe gibst? + +Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich erhob mich nicht, +weil ich die langen Morgenstunden fürchtete und die entkräftigenden +Schwankungen des Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres, +süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und an den hellen Gram +seiner Täler. Unter den beinahe finsteren Baumkronen ist es kühl, von +großer Weite und ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus den +bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie schweben als bunte, +lautlose Vögel durch den Frieden der Fluren. Bald dieser, bald jener +läßt sich auf unserer Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des +atmenden Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll sich am +Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen der Nebelstrich, das ist +der vergangene Tag. + +Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die Eimer klapperten, sie +ging zum Brunnen. Ich will gehen und ihr helfen, dachte ich, und blieb +liegen und begleitete sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der +seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab, langsam +gemeinsam herauf. Han hatte über dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock +an, und wir drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein wenig +und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern, die beiden Eimer +hoben sich mit ihr und sie ging langsam ins Haus. Nein, wir sprachen +nicht, Han war noch schweigsamer geworden. + +Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond noch. Der Horizont über dem +Meer war von mattem, bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob. +Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt sich aus. Ich +dachte an jenen Tag, den ich emporkommen sah, nachdem ich Kaja zum +erstenmal umarmt hatte. Endlich tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber +die Macht ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten Sinne, ihr +Licht betäubte mich und ich schlief ein. + +Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen Schlaf: Ich sah Kaja +nackt am Strand über den feuchten Sand laufen, dicht an der Brandung, +die ihre Schaumseen nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja +lief wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes Haar +wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ. Sie lief ein wenig +ungeschickt, und mir war, als schrie sie helle, kurze Schreie, wie über +ihr die Möwen. Es waren zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie +dahintrieben, bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand fallen +ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am fernen Strand liegen +blieb. -- + +Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen niedergelegt haben, +den Kaja mir genannt hatte, denn ich schrak von ihrer Stimme empor. Ihr +Blick in meine erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes +Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren Augen, dem ich +noch niemals begegnet war. Es war eine wehmütige Erwartung darin, als +wenn ihr Mund ein mütterliches Wort gesprochen hätte. + +»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich. + +»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.« + +»Doch nicht hier, die ganze Nacht?« + +»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett geschlafen.« + +»Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.« + +Sie sah sich um. + +»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge, wieviel erfuhr +ich doch da über dich, wie naiv du bist und zugleich wie listig, klug +und töricht, unvorsichtig und schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich +sprach rasch und beiläufig, als wollte ich erst auf das kommen, was mich +wesentlich bewegte. + +Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an: + +»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für mich wird sich alles +zu einem Ganzen vereinen, was dir, im Traum, wie du sagst, so +willkürlich zusammengesetzt erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich +meine oft,« fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu +leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst >tun<, nachdem sie es +geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend in grauer Mühe +verstreichen. Sie sind schwach, nichts als das.« Sie lachte leise vor +sich hin. »Im Grunde bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der +Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber mich laß in +Ruh.« + +»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre sie längst zerfallen. +Sie hat eine tiefe Beziehung zum Wert des Menschen.« + +»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh hin und sage das den +Männern. Ich bin ein Weib. Ich fühle mich eurer Gemeinschaft nicht +zugehörig, und solange ich keine Anforderungen an euch stelle, +versündige ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe. +Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen, weitere +Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.« + +Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den Stielen, um sie kürzer +zu machen. + +»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja? Das alles ist es ja +nicht, wenn du mich doch einmal anhören wolltest. Weißt du, was du tust, +wenn du dich außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich +gekränkt?« + +»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie zog die Hand über +ihr Haar und runzelte forschend die Brauen. + +»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte dich ändern, dich +bessern. Ich liebe dich!« + +»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte sie die +Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit es zu mildern. + +»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein Herz davon. Du sollst mich +anhören, weil ich nicht schweigen kann und reden muß, aber ich spreche +nicht in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer du bist, aber +ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich fügte in meinen Gedanken hinzu: +Töricht bin ich, töricht. + +»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja, »füge doch hinzu, +daß du glücklich wärst, wenn du mich verachten könntest.« + +»Du bist klug wie Feuer.« + +»Ist das Feuer klug?« + +»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts von der Liebe.« + +»Leuchtet es nicht?« + +»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen Dasein +braucht. Es >versteht< gleich dir alles, was es braucht, und alles, was +es hindert.« + +»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«, sagte sie, einen +Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein gefährlicher Mensch, du +raubst der Natur ihre Ruhe.« + +»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn begreife. Ich bin ein +Mensch, sonst nichts. Glaubst du denn, ich klagte dich an, um mich zu +verteidigen, oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein, es ist +umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug so sein, daß ich mich +gering mache, um zu rechtfertigen. Es soll nichts von mir gelten, als +daß ich hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied. In solcher +Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit des Vergänglichen +beginnt das Menschenbewußtsein, erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr +Wirken. Ich habe einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die +Lebensbereiche derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam +bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind haben werde, so ist es ihr +Frieden, wenn ich etwas zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe +zerstören, wenn meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen ihren +Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist tötet. Eine furchtbare +Macht wird auf meiner Seite sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar, +das ist die Jugend ...« + +Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem Blick an, der tief +sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein Herz blutete darunter, denn ich +fühlte eine Zustimmung voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne +Gemeinschaft. Aber sie wußte es nicht, sie sagte: + +»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch allein.« + +»Weshalb sagst du das?« + +»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist Gott, oder die +Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie willst du zu ihm kommen?« + +»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!« + +Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er schmerzte mich, als +sei meine Hoffnung unsühnbar und eine ewige Schuld. + +»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich dich mißachten +könnte, wenn ich dich nehmen und genießen könnte, wie du genommen und +genossen sein willst. Ich kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube +ich. Sieh, mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel +und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit lauter Klage vor +deinem Wesen auf, sie sucht die Augen ihrer selbst, ihren einzigen +Blick, und macht mich ungewiß und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du +bist, wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand oder +Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie Aussprechbare. Es ist +nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht Heimat, alles das ist zu wenig, es +gibt kein Wort. Das Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort, +Kaja.« + +»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie meine letzten Worte +überging, »so müßte doch dein Hinnehmen nicht abhängig sein von meiner +Tugend oder Untugend.« + +»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber meine Hingabe ist +davon abhängig! Nicht jenes Glück, von dem du sprichst, und das du reich +und beseligend austeilst, nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein +anderes, das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst mich +mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen Heimweh nach ewigem +Bestand.« + +Sie sah mich unruhig und böse an. + +»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie ungeduldig. + +»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem Augenblick begriff +ich, daß ein Mensch einen anderen zu töten vermag. Aber gleichzeitig +fühlte ich meine Liebe zu diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die +fernen blauen Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können und +Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses lieblichen süßen +Scheins, der auf ihrer nackten Schulter lag und im Fall ihres hellen +Haars. Aber weder die Berge noch der holde Schein weichen im Frühling +auf unser Geheiß von uns. + +Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich dieser Welt niemals +anders Herr zu werden vermöchte, als indem ich sie ganz erlitt. + +Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten Sonne auf das +Dorf zu. Die Möwen flogen über den Wellen und der Horizont über dem +Wasser verschmolz in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne waren +Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht die Dinge verschmelzen und +ineinander übergehen, sondern im Licht, in einem Glanz, der nicht +blendete. Ich bin wie jenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos +wanderte, um den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde +berührt. + +Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von Himmel und Erde der Trost +liegt, und nicht in der Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt, +wie ein Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt mir, +ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen, daß meine +Betrübnis daher stammte, daß sie mir verloren war, aber ich wußte in +heimlichen Gründen der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun +Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und daß sie nicht +allein sein würde. + +Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken, die über dem grünen +Bogen der Landschaft, im Blauen, auf das Meer zu wanderten, aber die +Betrübnis, die mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der +großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor Schmerzen blind +und taumelnd: Es muß etwas geben, es muß etwas geben ... warum quält +mich mein übergroßes Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen, +ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott ans Herz legen +und möchte es glauben, ohne Zweifel und ohne Not. Ich möchte es glauben, +wie das Wasser zu Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es +sein ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das ich habe, das +in mir oder bei mir ist, von dem ich sage: Ich und mein Glück. Ich will +es sein, ganz sein! Es darf keine Macht im Himmel und auf der Erde +geben, die es betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines +Liebesglücks willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen und +Traurigkeit. + +So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand, wie in +Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne scheint und warmer Regen +niedergeht, in denen der Acker taut und keimt, in denen die Quellen der +Berge sich im Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht, in denen +im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen und dahinsinken, die +nicht bestimmt waren, Früchte zu tragen. + +Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der Seele in jener holden +Ungewißheit verstreichen soll, die uns mit Ungeduld und unstillbarem +Verlangen erfüllt, und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des +Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß der Erde, die warme +Brust der Mutter, die Süßigkeit unseres Traums der Zugehörigkeit zu +ihrem dunkeln Reich der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem +Widerschein des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind, bis das +Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde und Himmel vor den +Augen unserer Seele öffnen. Das ist der Scheideweg, die Stunde unseres +Abschieds von der Mutter, um zum Vater emporzufinden. + +Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht nach unserem +Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne Hoffnung unter dem Kreuz und kennt +den auferstandenen Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist +groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach, sich im +Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit nur ein Gleichnis der +Wahrheit ist. Aber je weniger die hohe Forderung sich im Vergänglichen +bewähren kann, -- ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! -- _um so +mächtiger_ blüht ihr Glanz _über_ der Welt auf. Weil es auf der Erde +nicht hat sein können, wie ich gefordert habe, deshalb fordere ich +dreifach und hundertfach! Und wunderbar! Indem ich nicht ruhe, und mein +heiliger Eifer überhand nimmt, strahlt mir die schöne Welt der +vergänglichen Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht +doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und mir zugetan, +nicht aufgabst zu fordern? + + * * * * * + +Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und Han verbrachte, +nachts in den Garten des Wasserschlößchens schlich, kaum noch ein +Mensch, hörte ich Stimmen in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich +verdunkelt, dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still +geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und es tröpfelte aus dem +Ahorn auf mich nieder, die Kühle der Sommernacht war voller Gerüche, und +jeder barg ein Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl waren +die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über den wachsenden +Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung voller Hoffnung und Schicksal. + +Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch die nassen +beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit diesem Klang kam mich ein +schauriges Frieren an, es legte sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als +ob dieses unnennbare, zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen aus +ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von ihrem nackten Leib +aufstieg, der in einer furchtbaren Weise preisgegeben sein mußte. Wie +glühende Schneiden zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf +meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern und +Funken. + +Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den Schrei des Schmerzes +mit einem Jubelruf verwechseln können, den Seufzer der Erhobenheit mit +dem Stöhnen der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben oder Tod +gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu irren in der Stille der +Nacht oder im Trubel des Marktes dies eine, dies unfaßbare und doch so +überdeutliche Vibrieren im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige +Feuer der Lüsternheit entzündet hat. + +Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme eines Mannes, jenen +tiefen singenden Klang, der dem Ohr des Mannes zu den qualvollsten +Geräuschen des Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen +könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme. Ich entsinne +mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger Lustbarkeit mich viel +später im Leben mit einem Mädchen zusammenführte, um dessen billige +Gunst der Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches warb, +und über deren Schulter ich im Spiegel für einen kurzen Augenblick mein +unbewachtes Gesicht sah. Ich versteinerte über diesen Zügen und floh wie +vor einem geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus. + +Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu deutlich, zu wahr, +als daß ich sie schon im Bewußtsein verstand? Gibt es eine +Wahrnehmungsfähigkeit des Gemüts, rascher als die der Sinne, und sind +wir zuweilen eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es kam +mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein Lachen von grauser +Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht und mitleidig. Arme, kleine Kaja, +lachte ich vor mich hin, hat es dich in den Krallen und schüttelt es +dich, arme Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums? Und +über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas wie eine gutmütige +Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester da oben, du lieber Irgendwer. + +Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens in eine andere +Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen Kerl bei sich, einen Mann im Bett, +heimlich bei Nacht, wie ein Dienstbote, wie ---- wie einst mich. War ich +nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen gewesen? Und +nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und versuchte, mir die +Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit zuzuwerfen. Aber wohin +sollte ich mich wenden? Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich +allein auf der Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber +ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht flüchten, +sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir in der Schule hatten +singen müssen. + +Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von einem Menschen, der +sich im Zimmer bückte, zwei Hände zum Vorschein und zogen langsam und +leise die beiden Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir +und Kaja entstanden, für immer. + +Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch einen Wald gegangen ist, +vermag wenig Einzelheiten in seinem Gedächtnis festzuhalten, weil die +Bilder unvorhergesehen wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl +ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares Bild der +Natur hervorbringen. Es ist die grell, in bengalischem Grün aufflammende +Waldwildnis, ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht, +dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden Wasser und im betäubenden +Krachen des Donners verwildert. Der neue Eindruck folgt so rasch dem +kaum erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste bestreiten +und zu einem einzigen Gesamtempfinden von Grauen, Angst, Ergriffenheit +und Andacht verschmelzen. Wohl bleibt hier ein durchleuchteter +Wassersturz, dort eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte +Baumkronenwolke in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu stark von +allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente verwoben, als daß wir ihr +Beschauer und Beurteiler blieben. + +So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem Erlebnis vor Kajas +Zimmerfenster folgten. Es war schon morgendämmrig, als ich in mein +Fenster einstieg. Im unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden +erhob und zitternd vor mir stand. + +»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg bebend. + +Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer? dachte ich. Han ist +die Hausgenossin eines Fischers am Meer, am Meer, an dem ich weile, aus +diesem oder jenem Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet. + +»Geh, Han, und schlaf.« + +Sie faltete die Hände und rang sie, gebeugt, über ihren Knieen. + +»Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das Frühlicht auf deinem +Scheitel, der hell schimmert.« + +»Ja,« sagte sie gehorsam und dann stockend: »Du bist traurig ...« + +»Ja, Han, ich bin traurig, gewiß, sehr traurig. Auch traurig wird man +zuweilen, nimmt dies und das, ein Mensch, wie es kommt.« + +»Dort steht Brot und Milch,« sagte sie hilflos, »so iß doch, stärke +dich, ich habe Angst, aber ich weiß nicht warum.« + +So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein in der +leeren Morgenstunde im dämmrigen Raum. Ich sah sie an und hörte ihre +Worte, und es lief mir aus den Augen über mein Gesicht und tropfte auf +den Boden in der Stille, so daß ich es hörte. -- + +Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Ihre +Strahlen sanken schräg an meinem Fenster vorüber und streiften die +Hauswand, an der farbige Bohnen blühten. Eine der Blumen, an einer +beweglichen Ranke, saß wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und +schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten klang die Stimme +Lüdersens und verstummte, es herrschte draußen wieder die große +Sonnenstille des Sommers. + +Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war neu geteert worden und +duftete so stark, daß sein Hauch mich wie eine Glutwelle überfiel. Das +Wasser flüsterte kaum vernehmlich, die Wogen liefen träge und klein +nacheinander heran, niedrig und zögernd, wie von der Lichtflut +schläfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlößchen hinüber und erblickte +fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas rote Kappe leuchtete, und +hinter diesen bildhaft feinen, fernen Strandfigürchen war die Weite +lichtblau und verschwommen, ein Traumtal ohne Ende. + +Ich ging ins Haus zurück und rief Han, die im Garten arbeitete. + +»Heute Nacht ... vergib,« sagte sie, als sie schüchtern eintrat, »ich +wollte nur ...« + +»Hast du Geld, Han?« + +»Geld?« + +»Antworte.« + +»Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der Kommode.« + +»Und anderswo?« + +»In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr als hundert Taler.« + +»Gieb mir das Buch für die Sparkasse.« + +Ihr Angesicht hellte sich auf, als bräche die Sonne ins Zimmer. + +»Ach,« seufzte sie nur und preßte mit einem glücklichen Lächeln ihre von +der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust. »Gleich, sogleich, aber geh +derweil nicht fort.« + +Ich sah den Boden an, bis sie zurückkam und mir das schmale Heft gab, +das sorgfältig in eine Zeitung eingewickelt und mit einem Bändchen +verschnürt war. + +»Kommst du wieder?« fragte sie. + +Ich nickte, nahm das Buch und ging fort. + +Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Städtchen, es ging zwischen +Knicks dahin, über die reifenden Kornfelder, auch hier und da durch +Wald. Ich sah Windmühlen munter am Werk, und hörte die Stimmen der +Goldammern. Überall war das Vieh draußen. Unterwegs sagte ich mir, daß +ich Hans erspartes Geld nicht nehmen dürfte, aber woher sollte ich die +Mittel erlangen, um den Plan ausführen zu können, der mich beschäftige? +Und war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der sich meiner +bemächtigt hatte, als ließe sich ein fremder bunter Vogel auf der Tenne +eines Bauernhauses unter den Vögeln der Heimat nieder? Ich wußte nicht, +ob es mir ernst mit meinem Plan war, wie ich denn überhaupt nicht wußte, +was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht hätte +vollbringen können, wie eine gute Tat. Eine gnädige Führung meines +Geschicks ließ mich an jenem Tag diesen Weg finden, fort von der Stätte +meiner Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein törichtes und einfältiges +Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich im Bann der armen +lächerlichen Tatkraft meiner verwundeten Hoffnung, um mich so vor einer +Untat zu bewahren, die mich hätte verderben können. + +Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme und erstand mir +Kleider, Wäsche und Schuhe, alles, dessen ich bedurfte, um der äußeren +Erscheinung nach in einen Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir, +an mir wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich erschrak, +als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte und zog den Hut. +Es fehlte mir jetzt nichts mehr, sogar ein paar Handschuhe besaß ich und +einen Stock mit verziertem Griff. Gegen Mittag saß ich an einem alten +Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche und bemerkte plötzlich, +daß ich weinte. Darüber mußte ich lachen, und ich bemühte mich, diesen +Umstand der Tränen zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich +auffiel. Am liebsten hätte ich mich mit den Vorübergehenden über diesen +Fall in ernsten, gehaltenen Sätzen ausgesprochen, und ich würde es wohl +verstanden haben, mich, wie einen anvertrauten Schützling, an den mich +eine beiläufige Teilnahme band, in das rechte Licht zu rücken. Man würde +mich angehört haben, dessen war ich gewiß, denn wer verweigert einem +wohlgekleideten jungen Menschen jene flüchtige Aufmerksamkeit, die die +Höflichkeit vorschreibt, wenn er sittsam zu sprechen versteht? + +Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir geschah, und ein +heiteres Angesicht zur Schau zu tragen. Auf dem Heimweg schreckte mich +der Staub der Straße, weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie +aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte gegen vier Uhr +sein, als ich wieder in Lüdersens Fischerkate anlangte, er war zum +Fischfang draußen und Han empfing mich unter der offenen Tür des Hauses. + +»Oh Gott!« rief sie, »ja! ja!« Sie schlug jubelnd die Hände zusammen und +wagte nicht mehr, mich mit du anzureden. + +»Sind Sie jetzt fröhlich?« fragte sie stockend und schlug ihre Augen +nieder, um ihr Glück nicht zu verraten. + +Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer in mir +aufkeimenden Möglichkeit zu einer Bescheidung, ich fürchtete ihre +Zustimmung und Freude und mir graute davor, daß ein Trostschimmer in mir +aufflammte, als riefe ein freundlicher Lebensgeist mich zurück, und als +gäbe es im Schatten der Begnügsamkeit noch Lebensplätze. Aber schon ein +einziger Gedanke, der mich zu mir selbst hätte führen können, +erschütterte mich grausam, da er mich an die Abgründe der heimlichen +Gewißheit führte, die mich langsam verzehrte. Ich darf nicht denken, +dachte ich, es gilt doch, mein Eines zu retten. Und plötzlich erbebte +ich vor Zorn über dies Glück um dessen willen ich meine Gedanken töten +sollte. + +Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte, sie erschrak +heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen hatte, weit mehr erschien, +als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung gewesen war. Mit einem unbewußten +Lächeln der Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben, +barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf. Es gehörte +nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück schmälern. + + * * * * * + +Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse denke, die +nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich, der heute schreibt, der +gleiche, der einst neben mir herschritt, als ich zum Wasserschlößchen +ging, nicht aber der, der alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins +mit mir, wie wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig +dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und sah mich mit +spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute sehe ich mich noch +dahinschreiten, aber meine Augen spotten nicht mehr. Wohl denen, welchen +mit der Erinnerung Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und +nicht Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung +vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen glauben, der +mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen. Nur aus wahrhaftiger Glut und +Tränen steigt uns die Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie +beschämt, weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz unseres +Daseins. + +Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen, als den Menschen, die +ich kenne und die ich oft darum beneidet habe, daß sie sich ihrem +Schmerz ganz hinzugeben vermochten. Sie können schwer verlieren und +leicht vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen. +Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und euch, denn ich mag nicht +darüber sprechen. Auf einem schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah +ich einst einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen Körper von +Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine ruhigen Augen schienen seine +Peiniger zu betrachten. Mir war, als müsse ich die Pfeile aus seinem +Körper ziehen, damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber +ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden, darum wollte ich +es nicht, in meinen Gedanken, denn ich beneidete ihn glühend um das, was +er sah. -- + +So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele am Strand dahin, +den ich gut kannte. Die schwarzen Rippen des alten Wracks starrten aus +dem Sand empor und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht +am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene Staffelei, ein +kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom Meer her in den Garten +einzudringen, da mich dort die großen, verwilderten Baumgebüsche noch +eine Weile schützten. + +Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich Kajas Stimme in der +Nähe und blieb stehen. Ich erblickte sie neben Eberhard unter einer der +Buchen, deren Stamm von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich +am Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte. Sie trug ihr +leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist, und ihr Haar war nur +flüchtig, in einem feuchten Knoten, tief zwischen den Schultern +gehalten. Offenbar kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und +trug ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen hüllten ihre +Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe ihres Kleids verwob sich mit dem +Licht, das in Goldflecken durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle +ihres Körpers schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen +Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe gewährten. Ich +spürte ihren Duft und hörte den Schlag ihres Bluts, ich schmeckte die +bleichen Schatten dieses Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie +Wein. + +»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard mit böser, ein +wenig verschleierter Stimme. »Ich bin nicht dein Narr, und deine Späße +gefallen mir nicht. Für wen hältst du mich? -- Wo warst du?« + +Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung, zu der ihn sein +schmucker Reitanzug zu verpflichten schien, halb abgewandt und den +schönen Kopf schräg nach ihr hinübergerichtet, so daß ich sein +jugendlich kühnes Profil über seiner Schulter sah. + +Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre leise Art, eher +mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in Worten deutlich, und sonderbar +schüchtern, unterwürfig wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich +herausfordernd. Bat sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war +betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit getragen und +hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer Zurückhaltung. + +»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge Mann barsch. »Ich +habe mir deine Kammertür nicht geöffnet, um von dir eingeschlossen zu +werden. Glaubst du, deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache +mir aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne! Was dir noch +fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit du endlich zum Genuß +deiner Freiheit kommst. Das willst du! Und das ...« + +Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte über die Schulter ... +wieder, ein drittes Mal. Er stand da wie aus hartem Holz, unbeweglich. +Lau und hell, ohne Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen +nieder, umschlang deren eines und drückte ihre Lippen fest und heiß +darauf. + +»Schöner ... Lieber«, sagte sie deutlich und hob den Blick zu ihm empor. + +»Nicht jämmerlich werden, meine Kleine,« antwortete er, »wir wollen im +Stil bleiben. Steh auf! Komm mit!« + +Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so fest umschlingend, +daß ihr das Gehen beinahe unmöglich war, aber so schien es ihm recht zu +sein. Wie ein nachsichtiger Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr +herab, verächtlich und gierig. Aber so gewalttätig sich mir in Handlung +und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot, sah ich ihn doch als +einen gefügigen Sklaven und bebte vor Kajas Macht. »Das willst du! Und +das ...« klang sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines +Steins im zerspringenden Glas nachklingt. -- + + * * * * * + +Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie sah, daß ich mein +Bündel und meinen Stock bei mir hatte. Ich war stundenlang um das Haus +geirrt, um sie zu finden. + +»Du gehst?« fragte sie. + +»Ja, Kaja, ich gehe.« + +»Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...« + +Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen, solange ich lebe. + +Wir ließen uns auf einem Sandhügel nieder, ich begann damit, denn ich +vermochte mich nicht mehr aufrecht zu halten. + +»Wohin du wohl überall kommen magst, Lieber, dir steht die Welt offen, +nichts ist dir verschlossen, und vielleicht bringst du es zu etwas. Wer +weiß ...« + +»Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht immer. Es ist mir +nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen, und welche Gaben meiner +Natur erlaubten mir auch ein Freund meiner Gefährten zu werden? Wir +haben viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches über mich +gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden, auch ist es wohl so, +daß man über sich einem Menschen nicht viel mehr zu sagen vermag, als er +selber spürt.« + +»Ja, das ist wahr«, meinte Kaja. + +Es war ein trüber Tag geworden, doch regnete es nicht, aber das Meer +ging bewegt, und sein Rauschen fiel in unsere Stimmen. Kaja schien +leicht zu frösteln, denn sie war sommerlich bekleidet, und ihre Arme +waren unbedeckt, wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar +trugen, das heute kühl und farbiger wirkte und so schwer wie ein +lebendiges Gut. + +»Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ... oder?« + +Sie lächelte, als bedürfe ihre Frage der Nachsicht, und ihre Augen, +unberührt wie die eines Kindes, senkten sich und schienen ohne Eifer zu +warten. + +»Tante Mimsey möchte dir Lebewohl sagen, sie bat mich, es dir zu +bestellen. Willst du ihr nicht noch die Hand drücken? Sie hat dich sehr +ins Herz geschlossen.« + +»Weiß sie denn, daß ich fort will?« + +»Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...« + +»Du hast es ihr gesagt ...« + +»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und sich nach Westen hält, so +kommt man in eine schöne Gegend, die bewaldet ist und Seen hat. Ich war +mit einem ... mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne +Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...« + +»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel unterwegs ist wie +ich, der sieht mancherlei. Solche Orte haben Beschaulichkeit und +Besinnung für sich, und man verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln +oder zu rüsten, nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung. +Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie zuweilen +aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen, stillen Wasser +erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter diesen Bäumen, als müßte +ich mich auf ihre Wipfel stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu +schauen. Nein, das Meer ist es nicht.« + +»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte Kaja nach einer +Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde ich unabhängig sein. Hier ist es +still und langweilig.« + +Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine Weile vor uns +auf einen Halm des zähen Deichgrases nieder und gaukelte dann auf das +Meer hinaus. Er entschwand bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja +ließ den trockenen Sand durch die Finger gleiten. + +»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer Weile die +Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete ein haltloses Lächeln ihre +Worte, und diesmal war mir als verscheuche sie in ihm etwas wie eine +flüchtige Regung des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr +langsam fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast etwas +anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen, aber wie soll ich es +tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich es für unnütz halte, sondern weil +ich es nicht kann. Möchtest du doch scheiden und glauben, ich sei +glücklich; wenn du das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du +keine Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst, das ist +deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute Reise, Lieber.« + +Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten uns ab, und ich +schritt davon, ohne mich umzusehen. -- + +Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor Fuß, als träte ich eine +sinnlose Maschine. Ich muß wohl zu Boden geschaut haben, denn ich sehe +noch heute den Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße +unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen, +Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter, da der Sommer +vorgeschritten war. Ich häufe und mehre etwas zwischen ihr und mir, +dachte ich, es wird langsam, mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb +stehen, ohne den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas. Es +waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir längst gewohnt sind zu +überhören, die Wanderstimmen der Luft und das Flüstern von Pflanzen, +Insektensummen und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille. Auch +erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde bin ich, dachte ich, ach +könnte ich sie, die unerreichbare, unübersehbare, zwischen dich und mich +legen. Aber du sollst nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr +tragt schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach und Wut, und +ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen! + +Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen. Der eine Fuß am Boden +rief mit dumpfem Aufschlag: Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und +mir war, als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort auflesen, +sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust, und ich mußte die Last +schleppen. Wie licht hat es mir doch durch manche Träne des Abschieds +einst geschimmert, aber nun wird es umher dunkler und dunkler. + +Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der mich aufnahm. Ich +schritt tief gebeugt, und meine Hände hingen herab, mein Schritt klang +nicht mehr, denn ich hatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die +ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen können, mir war +zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende unter mir, die sich zwischen +mich und mein Leben legte, mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten +hatten. + +Der Geruch der dunklen Erde, mütterlich, umfing mich in der Waldtiefe so +mächtig, daß ich an einem Baumstamm niedersank. Die Berührung meines +ganzen Körpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie mich, mir war, +als sänke die gesammelte Last des Wegs neben mich in die Pflanzen, und +das Moos kühlte die Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen, +und die Augen schlossen sich. + +Ich schlief vor Schwäche ein, und langsam hellte die Luft um mich her +sich wunderartig auf, so daß die Umrisse der Bäume und Büsche im Licht +vergingen, das immer klarer wurde. Da trat Asja aus dem hellen Glanz, +als käme meine Liebe zu mir. Sie sah auf mich nieder, und als ihre Augen +den meinen begegneten, erstrahlte mein Wesen durch und durch. Sie hob +ihre Hand und rief laut: + +»Stehe auf! Stehe auf!« + + + + + * * * * * + + + + +Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei +jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte +Zeile steht. + + Stadt ist Aber ich werde welche beschaffen, das wird + Stadt ist. Aber ich werde welche beschaffen, das wird + + Windzug geraten und in ein Bereich, in dem es nicht zu + Windzug geraten und in einen Bereich, in dem es nicht zu + + und -borten, die in die Wände eingelassen + und -borden, die in die Wände eingelassen + + »Oh frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder + »Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder + + »Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde + »Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde es + + »Geheiligt werde dein Name« in Opfern, Weihrauch und + >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch und + + der Liebe, die um Licht. + der Liebe, die um Licht.« + + den naßen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im + den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im + + Wind begrünen sich. Ich möchte über den naßen Acker + Wind begrünen sich. Ich möchte über den nassen Acker + + Plätschern der Wassers, das nicht von der Strömung + Plätschern des Wassers, das nicht von der Strömung + + mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwand, + mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwandt, + + »Setzst du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn + »Setzt du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn + + dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey das + dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey -- das + + mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sein, und da + mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da + + die Möven waren blendend weiß und schwebten klar geschieden + die Möwen waren blendend weiß und schwebten klar geschieden + + »Ach, die Tante..«, sagte ich. + »Ach, die Tante ...«, sagte ich. + + schwieg und sah vor mir hin. Warum habe ich die Hand + schwieg und sah vor mich hin. Warum habe ich die Hand + + Plötzlich hätte ich lachen mögen und Beiden die Hände + Plötzlich hätte ich lachen mögen und beiden die Hände + + »Bleib, wir wollen jetzt nicht baden« + »Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.« + + »Also weißt du. Sieh ich möchte nicht ...« + »Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...« + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN*** + + +******* This file should be named 33603-8.txt or 33603-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/6/0/33603 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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