diff options
Diffstat (limited to '33418-8.txt')
| -rw-r--r-- | 33418-8.txt | 4106 |
1 files changed, 4106 insertions, 0 deletions
diff --git a/33418-8.txt b/33418-8.txt new file mode 100644 index 0000000..1bc271a --- /dev/null +++ b/33418-8.txt @@ -0,0 +1,4106 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Entwicklung des Berliner +Flaschenbiergeschäfts, by Gustav Stresemann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts + +Author: Gustav Stresemann + +Release Date: August 13, 2010 [EBook #33418] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ENTWICKLUNG DES BERLINER *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + + DIE ENTWICKLUNG + DES BERLINER FLASCHENBIERGESCHAEFTS. + + + + INAUGURAL-DISSERTATION + + ZUR + + ERLANGUNG DER DOKTORWÜRDE + + DER + + HOHEN PHILOSOPHISCHEN FAKULTÄT + + DER + + UNIVERSITÄT LEIPZIG + + VORGELEGT VON + + GUSTAV STRESEMANN + + STUD. PHIL. + + + + + GEDRUCKT BEI R. F. FUNCKE, BERLIN SO. 16. KÖPENICKERSTR. 114 + + + + + Inhaltsverzeichnis. + + + Seite + + Vorwort V + + Das Flaschenbiergeschäft und seine Entstehung 1 + + Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts I. Periode + (bis 1868) 5 + + Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts II. Periode + (1868 bis zur Gegenwart) 19 + + Die gegenwärtige Lage der Berliner Bierverleger 50 + + + + + Vorwort. + + +Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft ist in den letzten +Jahrzehnten gekennzeichnet durch ein überall bemerkbares Vordringen der +Grossunternehmung, welche die kleinen Betriebe im Handel und Gewerbe +verdrängt. Den unleugbaren Vorteilen, welche diese Entwicklung auf der +einen Seite den Konsumenten gebracht hat, steht als Kehrseite gegenüber +die Vernichtung vieler, bis dahin selbstständiger Existenzen, die +anstatt eines später, wenn auch nur durch angestrengte Arbeit zu +erreichenden Wohlstandes, vielfach ein Zurücksinken in die Klasse der +Lohnarbeiter erleben müssen. Die Statistik zeigt in deutlicher Weise, +dass die Aussicht auf eine selbständige Stellung in demselben Masse +geringer wird, wie die Zahl der Personen, auf welche ein selbständiger +Gewerbe- oder Handeltreibender kommt, sich vergrössert. Die +Stellungnahme zu den durch diese Entwicklung herbeigeführten +Erscheinungen wird verschieden sein je nach dem Ausgangspunkt, den der +Betrachtende wählt. Wer vor allem die Interessen oder auch nur das +Selbstbestimmungsrecht der grossen Klasse der Konsumenten berücksichtigt +wissen will, wird ihr wohlwollend gegenüberstehen, wer in der +Vernichtung oder Verdrängung der sogenannten Mittelstandsklassen eine +Gefahr für das Allgemeinwohl erblickt, wird sie rückhaltslos bekämpfen. + +In der Gegenwart hat die letztere Richtung in der Verfechtung ihrer +Interessen sich besonders rührig gezeigt und die von ihr betriebene +Agitation scheint nicht ohne Eindruck auf die massgebenden Kreise +geblieben zu sein, wie u. a. das Gesetz über die Besteuerung der +Warenhäuser erkennen lässt. Aus dem Bestreben ferner, einen Einblick in +die Lage der Kleinbetriebe zu erhalten, sind die Erhebungen über die +Lage des Kleinhandels hervorgegangen, welche die Handelskammer zu +Hannover in Verbindung mit anderen Interessenvertretungen veranstaltet +hat; allerdings ist sie über die Veröffentlichung zweier kleiner +Bändchen nicht herausgekommen. + +Die vorliegende Arbeit möchte nun auch als ein Beitrag zu diesen +Erhebungen angesehen werden. Den äusseren Anlass zu ihrer Entstehung +gaben die vielfachen Beziehungen, welche der Verfasser mit Angehörigen +des Brauer- und Bierverleger-Berufes in Berlin anknüpfen konnte. Sie ist +nicht in der Absicht geschrieben für oder gegen die Zweckmässigkeit der +sogenannten Mittelstandspolitik einzutreten, sie will vielmehr lediglich +auf Grund einer durch praktische Bethätigung und mannigfache Erkundigung +gewonnenen Erfahrung eine Darstellung der Lage der Berliner Bierverleger +(Flaschenbierhändler) zu geben versuchen, eine Darstellung welche +zugleich die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts und seine +Ueberführung in den Grossbetrieb einschliesst. Ein gewisser Wert der +vorliegenden Skizze liegt vielleicht darin, dass sie eine Entwicklung +schildert, welche in mancher Beziehung eine typische genannt werden +kann, denn ein Kennzeichen der Entwicklung zum Grossbetrieb ist +entschieden die Ausschaltung der Zwischenglieder dadurch, dass Produzent +und Konsument in direkte Verbindung treten, wie es sich in dem hier +behandelten Falle zeigt. + +Was die Fragebogen anbelangt, von denen in der Arbeit die Rede ist, so +erfolgte deren Ausfüllung nicht durch die betreffenden Bierverleger. +Eine Zustellung an die einzelnen Geschäfte mit der Bitte um Auskunft +über die darin gestellten Fragen hätte voraussichtlich gar keinen Erfolg +gehabt. Die Erkundigungen geschahen daher durch den Verfasser auf +mündlichem Wege und auf Grund der hierbei erhaltenen Angaben sind sodann +die einzelnen Bogen ausgefüllt worden. Es war mir möglich, von 46 +Bierverlegern, deren Geschäfte in den verschiedensten Stadtteilen liegen +und deren Adressen mit Absicht ganz willkürlich aus dem Adressbuch +gewählt worden waren, detaillierte Auskünfte zu erlangen, die namentlich +in den Ausführungen des II. Teiles vielfach zur Illustrierung und zum +Beweise für die behaupteten Thatsachen angezogen worden sind. + +Wenn es mir gelungen sein sollte, die mir gestellte Aufgabe zu lösen, so +danke ich dies vor allem der Unterstützung, welche mir seitens der +beteiligten Kreise zu teil geworden ist. In der bereitwilligsten Weise +sind mir sowohl aus Bierverleger- als auch aus Brauerkreisen oft ins +Detail gehende mündliche und schriftliche Auskünfte gegeben worden, ganz +besonders fühle ich mich dadurch dem Dozenten am Institut für +Gährungs-Gewerbe und Sekretär des Verbandes der Brauereien von Berlin +und Umgegend, Herrn Dr. Struve, zu Dank verpflichtet. + +Schliesslich ist es mir Bedürfnis, Herrn Professor Dr. Bücher dafür Dank +zu sagen, dass er mich nicht nur zu dieser Arbeit angeregt, sondern mich +auch während der Herstellung derselben mit Rat und That unterstützt hat. + + _Leipzig_, Dezember 1900. + + $Der Verfasser.$ + + + + + I. + + Das Flaschenbiergeschäft und seine Entstehung. + + +Um eine Grundlage für die folgenden Ausführungen zu schaffen, wird es +nötig sein, zunächst den Begriff des zu untersuchenden Gegenstandes +festzulegen. Unter einem Flaschenbiergeschäft werden wir ein Unternehmen +zu verstehen haben, welches sich mit dem Vertrieb von auf Flaschen +gefüllten Bieren abgiebt. Zwei Formen kommen bei diesem Vertrieb +hauptsächlich in Frage: der Verkauf über die Strasse und die auf +Bestellung erfolgende Lieferung ins Haus. Bei letzterer Form handelt es +sich naturgemäss um grössere Quantitäten, da sonst die Lieferung, zumal +wenn der Kunde weit entfernt wohnt, unlohnend sein würde. Wir können +diese Lieferung von auf Flaschen gefülltem Bier in grösseren Quantitäten +gegenüber der allgemeinen Definition als Flaschenbierlieferungsgeschäft +bezeichnen. + +Die Vorbedingung jedes Flaschenbiervertriebes ist die Möglichkeit des +Abzuges von Bier auf Flaschen. Die Natur des Bieres ist dabei das +Entscheidende. In Deutschland liegen in dieser Beziehung die +Verhältnisse derartig, dass im allgemeinen zwischen untergährigem und +obergährigem Bier unterschieden werden muss. Das untergährige Lagerbier, +welches vornehmlich in Süddeutschland, speziell in Bayern fast +ausschliesslich genossen wird, _kann_ auf Flaschen gezogen werden, aber +fast allgemein ist die Ueberzeugung, dass dieses Bier »frisch vom Fass« +weit bekömmlicher und besser ist, als das auf Flaschen gezogene. Das in +Norddeutschland und speziell in Berlin früher allgemein, aber auch heute +noch im grossen Masse konsumierte obergährige Bier _muss_ auf Flaschen +gezogen werden, weil es in diesen noch eine Gährung durchzumachen hat, +ehe es genussreif wird, eine Gährung, welche im Fass nicht vor sich +gehen kann. Die Grundlagen für das Flaschenbiergeschäft sind also +durchaus verschiedene, je nachdem es sich um ober- oder untergähriges +Bier handelt. In einer Gegend, in der ausschliesslich obergähriges Bier +genossen wird und daher der Abzug des Bieres auf Flaschen eine +Notwendigkeit ist, wird sich auch der Verkauf über die Strasse bald +einbürgern, und das Flaschenbierlieferungsgeschäft findet einen äusserst +günstigen Boden. Umgekehrt wird da, wo ausschliesslich untergähriges +Bier konsumiert wird, schon der Abzug auf Flaschen und der Verkauf von +Flaschenbier über die Strasse auf Schwierigkeiten stossen, man wird +vorziehen, das Bier direkt in der Wirtschaft zu verzehren, oder aber es +in Krügen, in welche das Bier vom Fass ausgefüllt wird, holen zu +lassen.[1] In Gegenden, in denen beide Bierarten getrunken werden, wird +die allgemeine Einbürgerung des Flaschenbieres davon abhängig sein, +welches Bier _zuerst_ in den Konsum eingeführt wurde. Es ist Thatsache, +dass beim untergährigen Bier der Abzug auf Flaschen dort weniger auf +Widerstand stösst, wo man schon vorher durch den Genuss obergährigen +Bieres daran gewöhnt war, Flaschenbier zu geniessen. An Orten, wo das +obergährige Bier später auftritt, ist die Rückwirkung auf die Abzugsart +des untergährigen Bieres eine geringere. + +Die Gründe, welche von dem Abzuge des Bieres auf Flaschen zum Verkauf +über die Strasse und weiterhin zum Lieferungsgeschäft führen, sind zum +Teil durch die Natur des Aufbewahrungsgefässes gegeben. Dieselbe +ermöglicht eine längere Haltbarkeit des Flaschenbieres und macht dadurch +den Bezug grösserer Quantitäten überhaupt möglich; die bequeme Form der +Flaschen erleichtert die nötige Aufbewahrung. Eine Verfälschung durch +Neig- oder Tropfbier ist ausgeschlossen, ebenso ist ein »Schneiden« wie +es in manchen Gastwirtschaften wohl geübt wird, beim Flaschenbier nicht +möglich. Die Etikettierung der Flaschen gestattet dem Biertrinker eine +Kontrolle über Herkunft des Bieres; beim direkten Bezug aus der Brauerei +ist natürlich jeder Zweifel ausgeschlossen. Vor allem aber kommt die +_Bequemlichkeit der Zustellung_ in Betracht. Der Flaschenbierhändler +oder die Brauerei liefert bereitwilligst die Flaschen ohne Pfand und +drängt nicht auf sofortige Wiedergabe. Man ist nicht an das Bier des in +der Nachbarschaft wohnenden Gastwirts gebunden, sondern kann es dort +bestellen, wo es einem beliebt. Die Entfernung kommt nicht in Betracht, +da eine schriftliche oder telephonische Bestellung genügt, um innerhalb +kurzer Zeit das Bier im Hause zu haben. Hauptsächlich fällt ins Gewicht, +dass durch diese Zustellung das Lästige des Bierholens an sich vermieden +wird. Den Frauen oder erwachsenen Töchtern war das Selbsteinholen des +Bieres oft unbequem oder direkt peinlich, namentlich wenn kein +Kolonialwarengeschäft in der Nähe war und das Bier infolgedessen aus +einer benachbarten Gastwirtschaft oder Restauration geholt werden +musste. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, dass durch die +Zusendung des Bieres in Verbindung mit der ebenfalls üblich gewordenen +Zustellung anderer Genussmittel manche Familien mit bescheidenem +Einkommen einen Dienstboten ersparen. + +Neben diesen Gründen sind es dann weiter wohl hauptsächlich der manchmal +fühlbare _Mangel einer in der Nähe gelegenen Bezugsquelle_, welcher sich +namentlich in vornehmen Stadtgegenden zeigen wird, sowie die +_Rabattbewilligung_ gewesen, welche speziell das Lieferungsgeschäft +gefördert haben. Von Wichtigkeit war bei der ganzen Entwicklung des +Flaschenbiergeschäftes, dass die _Qualität des Flaschenbieres_ ihr +_nicht_ im Wege stand. Vom hygienischen Standpunkt aus können gegen das +Flaschenbier keine Bedenken obwalten: denn es enthält die nämlichen +Bestandteile, die nämliche Kohlensäuremenge wie das Fassbier. Ein +Verderben, »Altwerden« des Bieres durch zu langes Lagern ist bei der +Minimalgrenze, bei welcher das Bier von den Händlern schon »frei ins +Haus« gesandt wird, so gut wie ausgeschlossen, namentlich da es ja dem +Lieferanten bei einigermassen geregeltem Absatz leicht ist, seinen +Kunden das Bier möglichst frisch zu liefern. Andererseits besteht +gerade bei dem Bezug von Fassbier oft die Gefahr »nicht frisches« Bier +zu erhalten. Die Gastwirte sind bemüht, möglichst grosse Fässer +aufzulegen, weil sie bei dem Bezuge von Bier umso besser fortkommen, je +grösseres Gemäss sie nehmen (eine ganze Tonne kostet weniger als 4 +Vierteltonnen) und infolgedessen lässt sich tagelanges Lagern nicht +vermeiden. Auch liegt die Regulierung der Temperatur in den Händen des +Empfängers, während dieselbe bei dem Bezuge von Bier vom Fass nur schwer +ist. So dürfte ersichtlich sein, dass die _Qualität_ des Flaschenbieres +seiner Verbreitung nicht hinderlich sein kann. + +Eine Thatsache lässt sich allerdings gegen den Flaschenbierversand +anführen, die ihm vielleicht bei einem Teile der Konsumenten nicht zur +Empfehlung gereicht: er beruht fast durchweg auf _Barzahlung_. Der +kleine Viktualienhändler, der das Bier selbst erst in Flaschen vom +Bierhändler bezieht, mag seinen Kunden, die bei ihm neben anderen Waren +auch Bier holen, Kredit gewähren, ebenso der Kolonialwarenhändler und +der Gastwirt. Sie alle haben Gelegenheit, sich über die Kreditwürdigkeit +ihrer Kunden näher zu unterrichten, sie vielleicht täglich zu sehen und +wenden deshalb nichts dagegen ein, wenn vom 20. des Monats oder von der +Mitte der Woche ab »angeschrieben« und nach Empfang des Gehaltes oder +des Lohnes gezahlt wird. Der Bierhändler, der in den meisten Fällen den +Kunden nur dem Namen nach kennt, kann sich hierauf natürlich nicht +einlassen, wenigstens nicht, soweit es sich, wie in diesen Ausführungen, +um Privatkunden handelt. Geht dem Flaschenbiergeschäft hierdurch auf der +einen Seite ein Teil der Kundschaft verloren, so trägt doch andererseits +das Prinzip der Barzahlung auch zu seiner Konsolidierung bei. + +Fußnoten: + +[1] Es kommt hierbei noch besonders in Betracht, dass infolge des +stärkeren Bierkonsums in Süddeutschland und weil die süddeutschen +Bierwirtschaften meist nur _eine_ Sorte Bier zu führen pflegen, die +Wirtschaften pro Tag mehrere Gefässe ausschänken und infolgedessen das +Bier meist frisch ist. In Norddeutschland dagegen, beispielsweise in +Berlin, dauert bei den meisten Gastwirtschaften der Ausschank eines +Hektoliters mehrere Tage, währenddessen steht das Bier unter +Kohlensäuredruck, um es »frisch« zu erhalten. Hier ist also das +Flaschenbier kein »Notbehelf« sondern wird von manchen direkt aus +ästhetischen Gründen vorgezogen. + + + + + II. + + Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts. + + I. Periode (bis 1868.) + + +Mit der Thatsache, dass bis in die ersten Jahrzehnte unseres +Jahrhunderts hinein in Berlin nur obergähriges Bier produziert wurde +erübrigt sich die Aufgabe, die _Entstehung_ des _Flaschenbiergeschäfts_ +für Berlin zu begründen. Schon Krünitz[2] erwähnt im fünften Bande +seiner Encyklopädie in dem Artikel über das Bier, der nebenbei bemerkt +287 Seiten umfasst, »das Weissbier wird in Berlin _selten vom Fass_ +verkauft, sondern insgemein an die Bierschänker abgeliefert und von +diesen auf Bouteillen gezogen«. Bei der hier erwähnten Ausnahme handelt +es sich wahrscheinlich um das Koffent von dem Professor Holtze in seiner +Skizze »Berlin vor zwei Menschenaltern« schreibt: »Der gemeine Haustrunk +war ein mattherziges Weiss- oder Braunbier, die Quartflasche zu 1 +Silbergroschen. Ein noch viel wohlfeileres und viel dünneres Getränk gab +es in dem südlichen Teile der Wilhelmstrasse und gewiss auch anderwärts +unter dem Namen Koffent. Wenn der Koffent, über dessen Geschmack und +Wirkungen ich nicht mitreden kann, vom Fass gezapft wurde, wie ich mich +zu erinnern glaube, _so war es das einzige Bier, welches in anderer +Gestalt als in Flaschen aus dem Keller kam_.« In welcher Weise der +Koffent mit dem Weissbier verwandt und wie es möglich war, ihn vom +Fasse zu verzapfen, oder ob es sich bei den hier von Krünitz und Holtze +in allerdings sehr unbestimmter Form ausgesprochenen Beobachtungen um +eine Art Frischbierverkauf (vgl. sp. S. 57) handelte, soll an dieser +Stelle nicht näher untersucht werden, zumal ja aus beiden Aeusserungen +hervorgeht, dass der Koffent nur eine geringe Rolle unter den Berliner +Bierarten gespielt hat. Wenn wir von dem Koffent absehen, so bleibt also +die Thatsache bestehen, dass bis weit in unser Jahrhundert hinein in +Berlin nur obergähriges Bier produziert wurde, das, wie es bei Krünitz +heisst, »auf Bouteillen« gezogen wurde. Die Produktion lag im +achtzehnten Jahrhundert in Berlin, wie auch sonst in Brandenburg, in den +Händen der Brauberechtigten, d. h. die Braugerechtigkeit war als +Realrecht mit gewissen Grundstücken verbunden. Geschah das Brauen +zunächst in den Häusern selbst, so wurden später, angeblich aus +feuerpolizeilichen, vornehmlich aber wohl aus fiskalischen Gründen +eigene Brauhäuser vom Magistrat errichtet, in denen die Bürger reihum +brauten. Doch machten gegen den Anfang unseres Jahrhunderts viele +Brau_eigner_ -- wie sie im Adressbuch bezeichnet wurden -- von ihren +Braurechten keinen Gebrauch mehr, noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts +wurden in Berlin 426 Braustellen gezählt, im Jahre 1800 war ihre Zahl +schon auf 85 gesunken. In dem Jahrzehnt zwischen 1770 bis 1780 verliert +die Brauerei den ihr bis dahin eigenen Charakter eines Nebengewerbes und +tritt als alleiniges Gewerbe ohne Berufsvereinigung auf, wenigstens +ergiebt die Statistik in diesen Jahren zum ersten Mal, dass die Zahl der +im Brauereigewerbe beschäftigten Personen _grösser_ ist, als die der +Braueigner, während früher beide Zahlen mit einander stets +übereinstimmten.[3] Die älteste von den noch heute bestehenden +Brauereien, die Weissbierbrauerei von Albert Bier, führt ihre Gründung +auf das Jahr 1792 zurück. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit +verschwindet das Eigenbrauen nach und nach vollständig und das +Brauereigewerbe entwickelt sich in ungehinderter Weise. + +Mit dem Vorherrschen des obergährigen Bieres war nun zunächst der +Flaschenbierhandel in der Form des Verkaufs über die Strasse verbunden. +Wenn das Bier von den Bierschänkern auf »Bouteillen« gezogen wurde, so +wird es nicht nur in der Wirtschaft zum Ausschank gekommen, sondern auch +von den Bürgersleuten zum Teil zu Hause getrunken worden sein. +Wahrscheinlich war dieser Absatz zunächst nicht gross, da es nach den +Schilderungen, die wir über das Berlin des vorigen Jahrhunderts +besitzen, den Anschein hat, als ob der Hauptabsatz des Bieres in den +Gastwirtschaften lag und das Bier überhaupt mehr für die _männliche_ +Bevölkerung reserviert und noch nicht in dem Masse wie heute als +tägliches Genussmittel in die Familie eingedrungen gewesen wäre. +Immerhin bleibt auch dann für den Verkauf über die Strasse noch eine +andere Art der Bierverwendung übrig, nämlich der Zusatz von Bier zu +Biersuppen, ferner zum Karpfenkochen, wovon übrigens auch schon Krünitz +berichtet. + +Frühzeitig fand nun in Berlin schon ein Import von allerlei Bieren +statt, aus verschiedenen Teilen der Mark, ebenso wie aus Pommern (bes. +Stettin), und im Jahre 1711 findet man in der Jahresrechnung der +Steuerbehörde schon 52 Sorten fremder Biere, die in 40464 Tonnen zum +Ausschank kamen; kurze Zeit darauf sind es gar 72 Sorten geworden, +während später dieser Import wieder auf ca. 20000 Tonnen herabsank. Ob +sich unter den eingeführten Sorten auch untergährige Biere befanden, +lässt sich schwer feststellen, überwiegend waren wohl die eingeführten +Biere auch obergährig. Für den Fall, dass auch untergährige Bierarten +mit eingeführt wurden, lässt sich als sicher annehmen, dass auch bei +diesem Bier der Abzug auf Flaschen oder Kruken sich eingebürgert hat, da +die Berliner durch das Weissbier an den Genuss von Bier in der Form von +Flaschenbier gewohnt waren. + +In welcher Weise sich nun der Verkauf über die Strasse erweitert hat, +welche der vorher angegebenen _allgemeinen_ Gründe für die Entwicklung +des Berliner Flaschenbierversandgeschäftes besonders massgebend gewesen +sind, dass lässt sich bei dem vollständigen Mangel an irgendwelchem +Material weder nachweisen noch konstruieren. Thatsache ist jedenfalls, +dass wir schon sehr früh authentische Nachrichten über das Bestehen +eines Flaschenbierhandels haben und zwar durch folgende, der Vossischen +Zeitung entnommene Inserate: + +Aus dem Jahrgang 1820: + + Stettiner Doppelbier von A. Bergemanns Erben ist in Gefässen und + Flaschen in deren Niederlage zu haben. R. Bettge, Gertraudt- u. + Rossstr.-Ecke. Lautersack, Jägerstr. 52. + + Stettiner Bier in grossen und kleinen Gebinden, in Quart und + Flaschen zu haben bei G. C. Elgeti. + + Porter Bier à Fl. 6 Gr. »bei mehreren Flaschen billiger«. + Friedrichsgracht 60. + +Diese Anzeigen bedeuten nur eine Stichprobe und liessen sich leicht +vervielfachen. Während in ihnen zunächst nur die vage Ankündigung »in +Partieen billiger«, »bei mehreren Flaschen Rabatt« sich findet, geben +spätere Anzeigen darüber genauere Angaben: + + 1823. Bergemanns Stettiner Doppelbier, die grosse Flasche 5 Gr. 10 + gr. Fl. für 1 2/3 Thl. ferner Süssrahmbutter empfiehlt Dittmann, + Zimmerstr. 78. + + 1828. Wir liefern 22 Fl. à 3/8 oder 12 Fl. à ¾ Quart für 1 Thlr. + und senden es jedem frei in seine Wohnung. Ostermann & Co., + Spandauerstr. 29. + +Ein anderer Bierhändler führt mehrere Biersorten und empfiehlt in seiner +Anzeige aus dem Jahre 1836: Bayrisches Felsenkeller-Bier, Grünthaler, +Ale und Porter; schon 6 Jahre früher, 1830, findet sich eine Annonce, +welche speziell auf Wiederverkäufer berechnet ist: + + Den Herren _Gastwirten_ und _Restaurateuren_ liefere ich frei ins + Haus: für 1 Thlr. 18 ¾ Fl. auch 42 2/8 Fl.; die To. zu 7 Thlr. + Einfach-Bier To. 3 Thlr., bei mehreren To. billiger. Niederlage bei + Ostermann, Brüderstr. 7, Philipson, Poststr. 1. + +Es ist diesen Anzeigen eines gemeinsam: fast durchweg empfehlen sie +auswärtige Biere, es wird Stettiner, Kottbuser, Potsdamer, +Fürstenwalder, Augsburger, Crossener und Köstritzer Bier empfohlen, +daneben Porter und Ale. Jedoch wäre es falsch, aus dieser Thatsache +folgern zu wollen, dass das Flaschenbierlieferungsgeschäft sich zuerst +bei den auswärtigen Bieren eingebürgert hätte. Auch in den Zeiten, als +das Flaschenbierlieferungsgeschäft längst eine grössere Bedeutung +erlangt hatte, wird man vergebens nach Anzeigen suchen, welche das +Berliner Weissbier empfehlen. Wenn in diesen frühen Jahren und auch +später in den Annoncen nur von auswärtigen Bieren die Rede ist, so +beweist dies nur, dass diese Biere zu ihrer Einführung fortgesetzter +Reklame bedurften, während die Weissbierlieferungsgeschäfte eine solche +für unnötig hielten. Auf der anderen Seite lässt die zum Teil intensive +Benutzung der Reklame seitens der Niederlagen für auswärtige Biere auch +einen Schluss auf ihre kaufmännische Ueberlegenheit zu. + +Zu gleicher Zeit geben diese Anzeigen aber auch nach einer anderen +Richtung hin wertvolle Fingerzeige; sie lassen in Verbindung mit anderen +Quellen erkennen, wie es in Berlin in jenen Jahren mit den +Bierverhältnissen überhaupt bestellt war. Was zunächst den Konsum von +Bier ausser dem Hause anbetraf, so konnte er geschehen beim Gastwirt +(auch Bierschänker genannt), im Restaurant und im Café oder Kaffeehaus. +Dabei war die Bedeutung dieser Bezeichnung eine ähnliche wie heute: +unter Restaurant verstand man ein Lokal für das bessere Publikum, die +Verabreichung warmer Speisen bildete bei ihm, im Gegensatz zur +Gastwirtschaft die Regel. Im Café erhielt man ausser dem Getränk, von +welchem der Name des Betriebes sich herleitet meist nur Bayrische oder +»echte« Biere. Vielfach scheint in diesen Café's weibliche Bedienung +vorgewaltet zu haben, denn in dem Inseratenanhang des Berliner +Adressbuches findet sich in diesen Jahren bei einer Annonce die +vielsagende Ueberschrift: Wo findet man ein Café mit gutem bayrischen +Bier _ohne_ weibliche Bedienung? welche Frage vom Fragesteller dann in +beruhigender Weise beantwortet wird. Das Kaffeehaus trägt einen +gemütlicheren Charakter, es verhält sich zum Café etwa wie der Gasthof +zum Hotel, das feinere giebt der Deutsche natürlich durch den +französischen Ausdruck wieder! Im Kaffeehaus gab es auch Weissbier, wie +aus einer Annonce in dem Jahrgang 1829 der Vossischen Zeitung +hervorgeht. Zum Teil besassen auch die Viktualienhändler die +Ausschankgerechtigkeit für Bier, wenigstens kann man es nicht anders +verstehen, wenn es im Adressbuch unter dem Branchenverzeichnis heisst: +Bierschänker s. a. Viktualienhändler. Schliesslich erhielt man Bier +auch in den Hotels und Gasthöfen, wenn auch deren Betriebsvereinigung +mit der Restauration wohl noch nicht so allgemein geworden war, wie +heute. In den Konditoreien dagegen, die gegenwärtig fast sämtlich Bier +führen, manche sogar »vom Fass«, scheint man bis in die vierziger Jahre +hinein kein Bier erhalten zu haben. Destillation bedeutet damals noch +einen reinen Branntweinausschank, der erst später mit dem Bierausschank +vereinigt wurde, sodass noch heute für ein Lokal, in dem neben Bier auch +Schnaps ausgeschänkt wird, die Bezeichnung »Destillation« gebräuchlicher +ist als Gastwirtschaft. + +Was die Zahl der hier angeführten Geschäfte anbelangt, so gab es in +Berlin 1840 etwa 80 »Cafétiers und Restaurateure« und 380 Schankwirte, +1850 dagegen 450 Cafétiers und Restaurateure und 700 Schankwirte, die +Zahl der Viktualienhändler betrug 1840 etwa 700, 1850 gegen 1000. Doch +sind letztere Zahlen für uns ohne Wert, da wir nicht wissen, wie viele +Viktualienhändler Bierausschank betrieben. In einem Aufsatz, der in der +Wochenschrift für Brauerei veröffentlicht wurde,[4] werden bereits für +das Jahr 1825 984 Speise- und Schankwirte gezählt, allerdings erwähnt der +Verfasser, dass deren Zahl während der nächsten Jahre fortdauernd +zurückgegangen wäre. + +Für den Flaschenbierhandel kommen diese Geschäfte -- mit Ausnahme der +Cafés und wohl auch der Hotels -- insofern in Frage, als sie Bier über +die Strasse verkaufen. Die Cafés bezogen das Bier, dessen Absatz bei +ihnen ja noch mehr als heute Nebengeschäft war, selbst erst vom +Bierhändler und beschäftigten sich nur mit dem Ausschank, ebenso die +Hoteliers und Gasthofbesitzer. Die »Kaffeehäuser« dagegen (deren es +allerdings wohl nur wenige gab), verkauften auch Bier über die Strasse +und zwar kostet nach einer Annonce aus dem Jahre 1828 die Flasche +Weissbier »im Hause« 2 ½ Sgr. »ausser dem Hause« 2 Sgr. Bei den +Restaurateuren, die besser durch die damals auch noch übliche +Bezeichnung »_Speisewirte_« gekennzeichnet werden, spielt der Verkauf +über die Strasse nur eine geringe Rolle, manche verzichten ganz darauf. +In der Hauptsache lag also der Verkauf über die Strasse in den Händen +der Schankwirte und Viktualienhändler, bei welchen letzteren das Bier +unter den zum Verkauf gelangenden Viktualien an erster Stelle gestanden +zu haben scheint. Neben den Viktualienhändlern kommt schliesslich noch +der Material- oder Kolonialwarenhändler, auch wohl einfach »Kaufmann« +genannt, in Betracht. + +Diese drei letzteren Geschäftszweige müssen wir näher ins Auge fassen, +um über die Natur des Bierlieferungsgeschäftes in den ersten Jahren +seiner Entwicklung Klarheit zu erhalten. Es sind vorher die sachlichen +Gründe namhaft gemacht worden, welche für den Bierbezug in grösseren +Quantitäten sprechen. Der _äussere Anlass_ zu einem solchen Bierbezug +konnte ja leicht gegeben sein, z. B. bei Festlichkeiten in der Familie +oder sonstigen besonderen Gelegenheiten, welche einen starken Bierkonsum +voraussehen liessen. Da es sich in einem solchen Fall wohl um die +Abnahme von 15-20 Flaschen handelte, so berechnete der Lieferant auch +einen ermässigten Preis bezw. gab eine oder zwei Flaschen mehr, als er +nach dem Detailpreis zu liefern verpflichtet war. Eine gewisse +Bequemlichkeit[5] und die Absicht, dauernd diesen Rabatt zu erhalten, +waren unter den angeführten Gründen wohl die augenfälligsten und daher +zunächst wirkenden, welche den Einzelfall zu einer dauernden +Gepflogenheit machten. In der ersten Zeit hat sich der Kundenkreis des +Bierhändlers gewiss nur über die nächste Nachbarschaft erstreckt. Dann +konnte es aber wohl vorkommen, dass jemand aus der Nachbarschaft +fortzog, das Bier aber noch von seinem früheren Lieferanten beziehen +wollte; Verwandte und Bekannte des Bierhändlers aus anderen Stadtteilen +kamen hinzu, und so begann das Lieferungsgeschäft seinen anfänglichen +Charakter als _Gelegenheitsgeschäft_ aufzugeben und ein planmässig auf +Erwerbung von Kunden zum Zwecke des Absatzes grösserer Quantitäten Bier +gerichteter Geschäftsbetrieb zu werden. + +Dass für Berlin dieser Charakter dem Bierlieferungsgeschäft schon +frühzeitig aufgeprägt wurde, ist vorher gezeigt worden. Wenn man nun die +Namen derjenigen, welche die citierten Annoncen veröffentlicht haben, im +Adressbuch nachschlägt, so findet man bei der Mehrzahl von ihnen die +Bezeichnung »Kaufmann«. Im Berliner Sprachgebrauch ist diese +Bezeichnung damals, wie z. T. auch noch heute, gleichbedeutend gewesen +mit _Materialwarenhändler_, während man in den meisten Fällen, heute den +Begriff von Handlungsgehülfen, Komptoirpersonal, überhaupt +kaufmännischer _Angestellten_ damit verbindet. Hinter den Namen einiger +der Inserenten finden wir die Berufsbezeichnung »Handelsmann«, einer +wird als Posamentier (!) bezeichnet, mehrere als Restaurateure, wobei +hinzugesetzt ist »und Niederlage fremder Biere«. Fügen wir hinzu, dass +schon Ende der dreissiger Jahre der Begriff des Viktualienhändlers mit +dem des Bier_händlers_ identisch ist (nicht mehr mit dem des +Bier_schänkers_), so ergiebt sich für die Gestaltung des +Bierversandgeschäftes folgendes Bild: + +Es ist schon damals zu unterscheiden zwischen den Geschäften, welche +sich mit dem Vertrieb des Berliner obergährigen Weissbiers und denen, +welche sich hauptsächlich mit dem Vertrieb auswärtiger, z. T. +untergähriger Biere abgeben. Die Inhaber der ersteren, die grosse +Mehrzahl, setzen sich zusammen aus Viktualienhändlern und Gastwirten, +die der letzteren aus Kaufleuten (d. h. Kolonialwarenhändlern) und +Restaurateuren. Aus diesen Bezeichnungen lässt sich schon ersehen, dass +die obergährigen _Berliner Biere_ das Volksgetränk darstellten, während +die auswärtigen Biere von den feineren Kreisen genossen wurden, die ja +auch sonst ihre Bedürfnisse zumeist nicht beim Viktualien-, sondern beim +Kolonialwarenhändler deckten und ihr Glas Bier nicht beim Bierschänker, +sondern im Restaurant tranken. In der ersteren Kategorie scheint das +_Lieferungs_geschäft zumeist bei den Viktualienhändlern ausgebildet +gewesen zu sein, vielleicht schon deshalb, weil dem Viktualiengeschäft +für sich die Frau allein viel besser vorstehen konnte, als der +Gastwirtschaft. Während der Mann die Bestellungen auf Bier ausführte und +mit dem Handwagen oder einem primitiven Gefährt (Hundewagen) das Bier an +die Kunden ablieferte, ebenso zu Hause den Abzug, die Reinigung der +Flaschen etc. besorgte, verkaufte die Frau Gemüse, Obst, Kartoffeln, +Bier in einzelnen Flaschen und die übrigen zum Haushalt gehörenden +Artikel des Geschäfts, vermietete die Drehrolle für das Rollen der +Wäsche etc., alles Obliegenheiten, die ihrer Natur nach der Frau viel +eher anstehen, als dem Mann. In der Gastwirtschaft dagegen, ist das +Bedienen der Gäste, die Unterhaltung mit ihnen u. a. wieder durchaus +Sache des Mannes, sodass dieser, wenn er neben der Gastwirtschaft noch +Bierverlag betreibt, immer in Gefahr kommt, eines der Geschäfte auf +Kosten des anderen zu vernachlässigen. + +So ist die erste Geschäftsart für die Ausbildung des +Bierlieferungsgeschäftes günstiger als die letztere und die Loslösung +des Bierverlages aus der Betriebsvereinigung ist in ihr wahrscheinlich +eher erfolgt, als in den wenigen Gastwirtschaften, welche einen über die +nächste Nachbarschaft hinausgehenden Bierversand betrieben. + +Was nun die »Bier-Niederlagen« angeht, welche schon früh als besondere +Rubrik im Berliner Adressbuch auftauchen, so tragen sie einen ähnlichen +Charakter, wie heute die »Vertretungen« oder »Generalagenturen« der +auswärtigen Brauereien. Allerdings mit zwei Ausnahmen. Die heutigen +Vertreter oder Generalagenten auswärtiger Brauereien beschränken sich +_meist_ auf den Fassbierhandel und überlassen den Verschleiss in +Flaschen an Zwischenglieder; jene Bierniederlagen gaben zwar auch das +Bier in Fässern ab, wenn es verlangt wurde; das Hauptgeschäft aber +bildete der Vertrieb von Flaschenbier und zwar sowohl in der Form der +_Lieferung_ als auch in der des Verkaufes über die Strasse. Die +Verbindung mit dem Verkauf über die Strasse, der bei manchen vielleicht +den beträchtlicheren Teil des Gesamtumsatzes ausmachte, giebt auch den +zweiten Hauptunterschied: die Bierniederlage trat damals nur in +Berufsvereinigung mit anderen Geschäften auf, die heutige Vertretung +bildet ein Geschäft für sich. Die Aehnlichkeit auf der anderen Seite +liegt darin, dass beide das Bier in Fässern von einer auswärtigen +Brauerei beziehen und vertreiben, ebenso dass diese Bierniederlagen, wie +heute die Vertretungen, im Gegensatz zu den übrigen Bierhandlungen schon +frühzeitig _kaufmännisch_ betrieben wurden. So wird nicht nur die +Reklame von ihnen zuerst ausschliesslich und planmässig zur Gewinnung +von Kunden betrieben, sondern es muss auch auffallen, dass unter ihnen +zuerst ein Geschäftsinhaber auftritt, der zur Korporation der Berliner +Kaufmannschaft gehört (C. W. Hoffmann 1830); ebenso wie zuerst unter +ihnen Kompagniegeschäfte sich bilden (Ostermann & Co., 1828). + +In der weiteren Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels tritt nun +bis zu dem Jahre, das wir als Schlusspunkt der ersten Periode angenommen +haben, in den Konsumtionsverhältnissen ein Moment auf, welches _damals_ +auf die Entwicklung des Flaschenbierhandels noch keinen tiefgehenden +Einfluss ausgeübt hat, wegen seiner Wichtigkeit aber doch an dieser +Stelle schon erwähnt werden muss. Es betrifft die Einführung des nach +bayrischer Art gebrauten Bieres in Berlin. Nach der von uns gegebenen +Darstellung war der Konsum der Berliner Einwohnerschaft bis dahin +gedeckt worden durch in Berlin gebrautes obergähriges (Weiss- und +Braunbier) und durch auswärtiges Bier, das sowohl obergährigen als auch +untergährigen Charakters sein konnte. Nun wird im Jahre 1838 in Berlin +durch den früheren bayrischen Weinküfer Hopf zum ersten Male Bier nach +bayrischer Art gebraut und in seinen, am Tempelhofer Berg gelegenen +Lokalitäten zum Ausschank gebracht[6]. Das neue Bier mundet den +Berlinern zum grossen Teile ausserordentlich und findet daher leichten +Eingang in den Konsum, verschiedene Braumeister, die anfänglich bei Hopf +angestellt waren, machen sich selbständig. Ebenso wie der erste +Hersteller des bayrischen Bieres aus einer Weinhandlung hervorgegangen +ist, so soll auch in den Weinstuben zuerst das bayrische Bier neben dem +Wein eingeführt worden sein[7]. Eine besondere Anziehungskraft übte auf +die Berliner die von Hopf seit 1840 eingeführte, auch von Bayern +importierte Sitte des »Bock«-Anstiches im Frühjahr aus; bis in die +achtziger Jahre war der Bock-Ausschank am Tempelhofer Berg ein +Wallfahrtsort für die Berliner und der erste Tag des Bock-Anstiches +bedeutete ein Ereignis. Eine Anzahl von grossen Ausschänken wurde +gegründet, sogenannte »Bayrische Bierhallen«. In welcher Weise der +Konsum von bayrischem Bier seit seiner Einführung zugenommen hat, +darüber fehlen uns leider zuverlässige Zahlen, wie ja die ersten Zahlen +über die Berliner Bierproduktion überhaupt erst für das Jahr 1860 aus +dem Jahresberichte der Aeltesten der Kaufmannschaft erhältlich sind. Im +Jahre 1860 hatte die Produktion des Lagerbieres beinahe die Hälfte von +der des Weissbieres erreicht: sie betrug 150421 hl; die +Weissbierproduktion 370284 hl. Schon 1865 hatte sich das Verhältnis auf +324108 zu 544723 verschoben und vom Jahre 1869 an begann die Produktion +des nach bayrischer Art gebrauten Lagerbieres die der obergährigen Biere +zu überholen, und hat sich bis in die Gegenwart hinein aus ihrer +führenden Stellung nicht mehr verdrängen lassen. + +_Zunächst_ wurde, wie schon bemerkt, eine auffallende Aenderung in der +Form des Flaschenbierhandels durch die Einführung und schnelle +Ausbreitung des Konsums von »bayrischem Bier«, wie es in Berlin genannt +wurde, nicht bewirkt. Eine Konkurrenz wurde dadurch den +Weissbierbrauereien und den auswärtigen Brauereien geschaffen, die Bier +nach Berlin exportierten. Diese Konkurrenz wirkte auch auf die +Bier-Niederlagen ein, denn es ist ersichtlich, dass z. B. der Absatz +auswärtiger untergähriger Biere durch die Konkurrenz des neuen Berliner +untergährigen Bieres bedroht sein musste. Die übrigen Bierhändler +schwankten eine Zeit lang in ihrer Stellungnahme zu dem neuen Biere; ein +Teil unter ihnen beschränkte sich bis in den Anfang der sechsziger Jahre +hinein auf den Absatz von Weiss- und Braunbier. Die Mehrzahl jedoch kam +dem Verlangen ihrer Kunden nach, zog auch das »bayrische Bier«[8] auf +Flaschen und versuchte dadurch den Ausfall der durch die Zurückdrängung +des Konsums von Weissbier herbeigeführt wurde, zu kompensieren. +Allerdings waren ja von vornherein für den Flaschenbiervertrieb die +Chancen bei dem bayrischen Biere erheblich ungünstigere als bei dem +Weissbier. Da das Weissbier auf Flaschen gezogen werden _musste_, so war +bei ihm der Absatz in Flaschen gleich 100 %. Das bayrische Bier dagegen +kam zu etwa 70 % vom Fass zum Ausschank und nur der kleinere Teil wurde +in der Form des Flaschenbieres genossen. Neben den grossen +Ausschanklokalen, in denen -- schon der Bequemlichkeit halber -- das +bayrische Bier sich äusserst schnell einbürgerte, begannen auch die +Gastwirte nach und nach mit dem Ausschank und wenn es auch gewiss in den +sechsziger Jahren noch keine Gastwirtschaften gab, welche _nur_ +bayrisches Bier ausschänkten, so verringerte sich doch andererseits auch +ständig die Zahl derjenigen, welche nur Weissbier führten und +allmählich begannen diejenigen Geschäfte zu überwiegen, bei denen das +Hauptgewicht auf dem Ausschank des bayrischen Bieres lag. + +Auf den ersten Blick scheint es, als wenn diese Veränderung in den +Konsumtionsverhältnissen den Bierhändlern nur Nachteile hätte bringen +können. Vor allen ging die Lieferung an die grossen Ausschanklokale in +Berlin und Umgegend zurück; eine Kompensation durch Lieferung von +bayrischem Bier war hier ausgeschlossen, denn wenn diese +Ausschankstätten bayrisches Bier verschänkten, so bezogen sie es in +Fässern von den Brauereien. Doch stand dieser Absatzminderung zunächst +die _absolute_ Steigerung der Weissbierkonsumtion entgegen, die im +Zusammenhang mit der Bevölkerungszunahme auch damals anhält. Dazu kommt +aber noch ein anderes Moment. In vielen Gastwirtschaften hatte, wie +schon bemerkt, der Ausschank von bayrischem Bier den des Weissbieres bei +weitem überflügelt. Unter diesen Umständen hielt es der betreffende +Gastwirt nicht mehr für nötig, das Weissbier selbst abzuziehen, sondern +bezog es in Flaschen vom Bierverleger. Es hängt dies damit zusammen, +dass der Abzug des bayrischen Bieres, das Verschänken des in der +Brauerei genussreif hergestellten Bieres durchaus keine Schwierigkeiten +macht, im Vergleich zu dem Abzug von Weissbier, das zumal früher eine +individuelle Behandlung verlangte (vgl. später S. 58). So kam es denn, +dass mit der Einführung des bayrischen Bieres viele Leute aus allerlei +Berufen ohne irgend welche Vorkenntnisse eine »Kneipe« aufmachten, denen +das Abziehen des Weissbieres nicht nur wegen des geringeren Absatzes +unnötig, sondern in den meisten Fällen _unbequem_ erschien und die es +deshalb vorzogen, das Bier vom Flaschenbierhändler zu beziehen. War +früher der Gastwirt fast in allen Fällen ein Konkurrent des +Flaschenbierhändlers, so wurde jetzt eine grosse Anzahl zu Kunden ihres +früheren Konkurrenten. Eine ähnliche Erscheinung finden wir bei den +Viktualienhändlern. Ein Teil derselben betrieb den Absatz von Bier als +Hauptgeschäft und bildete das Hauptkontingent für den neu sich bildenden +Stand der Bierverleger, die übrigen jedoch gaben den Abzug des Bieres +auf und zogen es vor, das Bier in Flaschen vom Flaschenbierhändler zu +beziehen. + +Es ist anzunehmen, dass diese Umwandlungen in der Gastwirtschaft und im +Viktualienhandel die durch die Einführung des bayrischen Bieres +bedingte teilweise Ungunst der Geschäftslage aufhoben. Nimmt man hinzu, +dass der Bedarf fortwährend im Steigen begriffen war, eine Uebersetzung +in dem Gewerbe des Flaschenbierhandels aber nicht eintrat, so konnte die +Lage der Flaschenbierhändler ohne Uebertreibung als eine sehr günstige +bezeichnet werden. Diese Gunst der Geschäftslage führt dazu, dass +zunächst schon in den fünfziger, in stärkerem Massstabe dann in den +sechsziger Jahren aus den verschiedenen Betriebsvereinigungen der +Flaschenbierhandel als _selbstständige Unternehmung_ sich loszulösen +beginnt. Und zwar aus dem Viktualiengeschäft und der Gastwirtschaft der +Bier-Verlag, aus der in Verbindung mit Restauration oder +Kolonialwarenhandlung betriebenen Bier-Niederlage die selbständige +Vertretung. Im Jahre 1868 finden wir im Branchenregister des Berliner +Adressbuches zum ersten Male die Rubrik »Bier-Verleger« und zwar werden +in ihr 102 Namen aufgeführt mit Inbegriff der Vertretungen auswärtiger +Brauereien. Dieser Umstand ist natürlich nicht dahin zu deuten, als ob +im Jahre 1868 oder überhaupt in einem Zeitraum von wenigen Jahren die +Umwandlung aus der Betriebsvereinigung in den selbständigen Bierverlag +vor sich gegangen sei, es wurde schon darauf hingewiesen, dass bereits +in den fünfziger Jahren Bierverlagsgeschäfte als solche bestanden.[9] +Andererseits ist als ebenso sicher anzunehmen, dass der Prozess der +Loslösung des Bierverlages aus der Betriebsvereinigung auch im Jahre +1868 noch nicht abgeschlossen war und namentlich die Form der +Betriebsvereinigung des Bier-Verlages mit der Gastwirtschaft vielfach +noch bestand. Immerhin ist die Thatsache, dass im Jahre 1868 die +Bierverleger durch die Aufnahme ihres Gewerbes im Berliner Adressbuch +als besonderer Berufsstand gewissermassen legitimiert wurden, wichtig +genug, um in ihr einen gewissen Abschluss des ersten Teiles der +Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels zu sehen. Noch aus einem +anderen Grunde. Um dieselbe Zeit, in welcher der Bierverlag immer mehr +selbständig wurde, entsteht gleichzeitig in Berlin die erste +Lagerbrauerei für bayrisches Bier _in der Form der Aktiengesellschaft_, +welche versucht, die als Zwischenglieder zwischen Brauerei und Publikum +stehenden Bierverleger dadurch auszuschalten, dass sie, und zwar +im Jahre 1868, _ihr Flaschenbier direkt an die Konsumenten +absetzt_. Der Bierverlag als selbständiges Unternehmen auf der einen +-- die Lagerbierbrauerei als Aktiengesellschaft, welche den +Flaschenbiervertrieb in eigene Regie nimmt, auf der anderen Seite -- +eröffnen für unsere Betrachtung ganz neue Ausblicke, die von selbst in +die zweite Periode der Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels +hinüberleiten. + +Fußnoten: + +[2] Oekonomische Encyklopädie, oder allgemeines System der Land-, Haus- +und Staats-Wissenschaft etc. In 242 Bänden von 1772-1858. + +[3] Vergl. Wiedfeldt, Statistische Studien zur Entwicklungsgeschichte +der Berliner Industrie von 1720-1890. Schmollers Forschungen, Band XVI, +Heft 2. + +[4] Berlin im Zeichen des Gambrinus vom Jahre 1319 bis zum Jahre 1848. +(Ohne Nennung des Verfassers.) Wochenschrift für Brauerei, Berlin. XVI. +Jahrgang. + +[5] Z. B. die Unlust des Treppensteigens bei dem Aufkommen der hohen +vierstöckigen Häuser. + +[6] Schon 1829 hatte übrigens die preussische Regierung auf ihre Kosten +und wohl auf Anregung der Königin Elisabeth, einer bayrischen Prinzessin +2 (Potsdamer) Brauer nach München zur Erlernung der bayr. Brauerei +geschickt. Vgl. Struve, Bayr. Braugewerbe, pag. 60. + +[7] Wie anderwärts, so liessen auch in Berlin Weinhändler und +Hotelbesitzer ihre Söhne oft Brauer werden und in München lernen. Die +Familien Habel und Happold gehören hierher, erstere eine Weinhandlungs-, +letztere eine Hotelbesitzersfamilie, die zuerst auch eine sogenannte +»bayerische Bierstube« führte. + +[8] Diese Bezeichnung ist sprachlich unrichtig, aber da sie in Berlin +eingeführt ist (das aus Bayern eingeführte Bier bezeichnet man im +Gegensatz zu dem nach bayrischer Art gebrauten Berliner Lagerbier als +»echtes«), so ist sie auch in dieser Arbeit beibehalten worden. + +[9] Als der älteste Bierverleger wurde mir ein gewisser Lange, +Barnimstrasse, bezeichnet, der bereits 1842 sein Viktualiengeschäft +aufgegeben und sich lediglich mit dem Vertrieb von Flaschenbier befasst +haben soll. + + + + + Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts. + + II. Periode (1868 bis zur Gegenwart). + + +Bei unseren Betrachtungen über die weitere Entwicklung des Berliner +Flaschenbiergeschäfts werden wir von der Entwicklung des Berliner +Bierkonsums im allgemeinen auszugehen haben. Anschliessend hieran wird +es uns leicht sein, die Einwirkung dieser Entwicklung auf den Genuss von +Flaschenbier und so auf das Flaschenbiergeschäft selbst zu ersehen. Die +Weiterbildung des Berliner Brauereigewerbes wird uns die Anteilnahme der +Brauereien an der Befriedigung des Flaschenbierkonsums zeigen, ebenso +die Entstehung der Kannenbier- und Syphongeschäfte und deren Bedeutung. +Die Verschiebungen in der Lage des Bierverlegerstandes durch die +Einwirkung der vorerwähnten Momente werden dann deutlich erkannt werden +können. + + + Die Entwicklung des Berliner Bierkonsums. + +In erster Linie werden hierbei die Vorgänge in der Bewegung der +Bevölkerung ins Auge zu fassen sein. Denn naturgemäss kommt die +Bevölkerung nach Zahl und Zusammensetzung vor allem _da_ in Betracht, wo +es sich um den Konsum von Genussmitteln handelt. Berlins Bevölkerung ist +nun, wie bekannt, in einer selbst für eine Grossstadt überraschenden +Weise gestiegen. Noch 1858 hatte Berlin kaum eine halbe Million +Einwohner (448000), zehn Jahre später zählte es bereits 700000 und 1876 +erreichte es fast die Million (964000). Rechnet man die Vororte im +Umkreise von 2 Meilen hinzu, die ja bei der Ausbildung der +Verkehrsverhältnisse de facto längst zu Berlin gehören, so hat Berlin +bereits 1875: 1131000, 1885: 1559000 und 1895: 2255000 Einwohner. Die +Konsumfähigkeit wird dabei durch ihre Alterszusammensetzung noch erhöht. +Es werden in einer Grossstadt wohl in den meisten Fällen Leute im +erwerbsfähigen Alter in den »besten Jahren« zahlreicher zu finden sein, +als in der Mittel- oder Kleinstadt und gar auf dem Lande, weil die in +den Städten dominierende Grossindustrie auf der einen Seite diese Leute +braucht und auf der anderen Seite bei diesen selbst der Trieb zu +wandern, der Wunsch, die Arbeitskraft möglichst teuer zu verkaufen und +gleichzeitig das Einerlei des Landes oder der Kleinstadt mit dem lebhaft +pulsierenden Leben der Grossstadt zu vertauschen, besonders in jungen +Jahren stark ausgebildet ist. Wie sich diese Thatsache in dem +Altersaufbau der Bevölkerung bemerkbar macht, zeigt nachfolgende +Tabelle, welche ebenso wie die meisten auf Berlin bezüglichen +statistischen Angaben, Wiedfeldt's vorzüglichem Werke entnommen ist. Es +standen danach 1890 von 100 Personen im Alter von: + + ------------------------------------------------------------------- + | unter|10 bis|20 bis|30 bis|40 bis|50 bis|60 bis|über + | 10 | 20 | 30 | 40 | 50 | 60 | 70 | 70 + ------------+------+------+------+------+------+------+------+----- + in Preussen | 24,8 | 20,7 | 16,2 | 12,9 | 10,1 | 7,6 | 5,0 | 2,7 + in Berlin | 19,1 | 17,5 | 23,1 | 17,1 | 11,5 | 6,5 | 3,6 | 1,6 + | | |\------------v------------/| | + | | |+ 6,9 |+ 4,2 |+ 1,4 | | | + +Nun stellen die Altersklassen vom 20. bis zum 50. Jahre gewiss +denjenigen Teil der Bevölkerung dar, welcher produktiv am thätigsten ist +und auch für den Bierkonsum in erster Linie in Betracht kommt. Da nun +gerade diese Bevölkerungsklassen in Berlin um 12,5 % stärker vertreten +sind, als in der gesamten preussischen Monarchie so kann es im +Zusammenhang mit der raschen Bevölkerungszunahme nicht auffallen, wenn +auch der Bierkonsum absolut und relativ in erheblichem Maasse gestiegen +ist. Er zeigt im allgemeinen eine stetige Aufwärtsbewegung, wenn auch +die Durchschnittszahlen der Gründerjahre in den darauffolgenden Jahren +wirtschaftlicher Depression nicht erreicht wurden, wie ja in gewisser +Beziehung die Verhältniszahlen des Bierkonsums gleichzeitig ein Bild des +jeweiligen Wohlstandes der Bevölkerung abgeben.[10] Wenn wir nun die +Produktionszahlen betrachten (vgl. Tabelle), so zeigen dieselben neben +dem Steigen der Produktion zugleich eine Verschiebung der +Verhältniszahlen beider Arten des produzierten Bieres. + + _Bierproduktion in Berlin_. + + ----------------------------------------------------------------------- + | | | | pro Kopf + | untergähriges | obergähriges | Gesamt- | der + Jahr | Bier | Bier | Produktion | Bevölkerung + | hl | hl | hl | l + -------+-----------------+---------------+--------------+-------------- + 1860 | 150421 | 370284 | 520705 | 110 + 1865 | 324108 | 544723 | 868831 | 132 + 1870 | 536840 | 512878 | 1049718 | 133 + 1875 | 1112283 | 874317 | 1986600 | 206 + 1880 | 1983357 | 708267 | 1799624 | 160 + 1885 | 1492487 | 805927 | 2308414 | 176 + 1890 | 1939023 | 1060001 | 2999024 | 189 + 1895 | 2379368 | 1234153 | 3613521 | 202 + +Schon vorher ist darauf hingewiesen worden, wie das erst um das Jahr +1840 eingeführte bayrische Lagerbier sich in kurzer Zeit in allen +Kreisen der Bevölkerung Eingang zu verschaffen wusste, sodass um die +Mitte der sechziger Jahre bereits nur noch doppelt soviel Weissbier +gebraut wurde als Lagerbier. Den stärksten Umschwung aber brachte der +Anfang der siebziger Jahre. Es wurden produziert: + + ----------------------------------- + | untergährig | obergährig + Jahr | hl | hl + --------+-------------+------------ + 1860 | 150421 | 370284 + 1865 | 324108 | 544723 + 1868 | 417340 | 418169 + 1869 | 525534 | 462711 + 1870 | 536840 | 512878 + 1871 | 614231 | 526660 + 1872 | 917813 | 654718 + 1873 | 1088155 | 766099 + 1874 | 1148421 | 785115 + 1875 | 1112283 | 874317 + +Bereits um die Mitte der siebziger Jahre hat also das bayrische Bier +beinahe jenen Anteil an der Gesamtproduktion zu erlangen gewusst, den +es bis zum Ausgang der neunziger Jahre behauptet und noch um ein +geringes überschritten hat (von 61,1 auf 64,9 %). Verschiedene Gründe +sind dafür maassgebend gewesen, dass gerade Anfang der siebziger Jahre +dieser Umschwung in den Berliner Bierkonsumtionsverhältnissen eintrat, +zunächst die gesteigerte Kaufkraft des Publikums, welches durch die +ausserordentlich günstige Geschäftslage in den »Gründerjahren« in den +Stand gesetzt wurde das _teurere_ bayrische Lagerbier zu bezahlen; denn +das Glas Bayrisch à 3/10 Liter kostete 10 Pfg., während die für +denselben Preis abgegebene »kleine Weisse« 5/10 Liter enthielt und von +dem »einfachen« Weiss- und Braunbier 8/10 oder oft auch 10/10 Liter nur +auf 10 Pfg. kamen. Dann sind aber auch hier vor allem Aenderungen in der +Bevölkerungszusammensetzung in Betracht zu ziehen. Gewisslich ist gerade +in diesen Jahren die Berliner Bevölkerung am stärksten in ihrer +Zusammensetzung in der Richtung des Vorwiegens der jüngeren +Altersklassen und in der Tendenz einer Zurückdrängung des Berlinertums +beeinflusst worden. Ebenso wie der erstere Umstand im Zusammenhang mit +der Bevölkerungszunahme den Konsum im allgemeinen steigerte, so trug die +Thatsache, dass das Berlinertum innerhalb der Berliner Bevölkerung an +Einfluss und Zahl verlor, auf der anderen Seite dazu bei, das +Ueberwiegen des Konsums von bayrischem Bier zu bewirken. Denn das +Berliner Weissbier ist, wie u. a. auch der Name besagt ein spezifisch +berlinisches Getränk und seine Eigenart wie seine Vorzüge werden +infolgedessen auch nur von »echten« Berlinern in richtiger Weise +eingeschätzt und gewürdigt. Wie die Form der Gläser und die Natur des +Bieres ein hastiges Heruntergiessen verbieten, vielmehr Ruhe und +Behaglichkeit zum Geniessen des Weissbieres Vorbedingung sind, so kann +man vielleicht sagen, dass in der Eigenart dieses Bieres sich das Bild +des behäbigen, bedächtigen und etwas philiströsen alten Berliner +Bürgertums spiegelt. Welcher Gegensatz zwischen einer Weissbierstube im +alten Berlin und den in den letzten Jahren entstandenen berühmten +Aschinger'schen Bierquellen! Dort die Bürger etwas ehrwürdig an den +einfachen Tischen vor den runden grossen Gläsern vereinigt, Zeitung +lesend oder in Ruhe und Behäbigkeit sich unterhaltend. Hier ein ewiges +Hasten und Treiben, Kommen und Gehen, die Einzelnen kaum sich Zeit +lassend, um Platz zu nehmen, sondern im Stehen eines der obligaten +belegten Brödchen essend oder einen Schnitt echten Bieres +herunterstürzend und mit dem Blick auf die Uhr nach einigen Minuten +wieder forteilend, um anderen Platz zu machen, welche ebenso wie sie »in +der Eile« etwas »geniessen« wollen. Es ist interessant und gewiss nicht +Zufall, dass in denselben Jahren, in welchen in Berlin das bayrische +Bier eingeführt wurde, auch in den meisten Schichten der Bevölkerung die +_Cigarre_ an die Stelle der _Pfeife_ trat. Wenn wir noch einen Schritt +weiter gehen und an die Cigarette denken, so wird man unbedingt +beipflichten müssen, dass die Vorbedingungen für den Genuss bei beiden +ganz verschiedenartige sind und dass aus dem Genuss des Tabaks in der +einen oder der anderen Form sehr wohl Rückschlüsse auf den Charakter der +Rauchenden oder doch wenigstens, auf die Umstände gemacht werden können, +unter denen das Rauchen geschieht. Aehnlich steht es mit dem Genuss von +Weiss- oder bayrischem Bier. Allerdings darf man nicht Ursache und +Wirkung verwechseln, wie Prof. Hoppe es thut, wenn er den unruhigen Sinn +der Berliner in den vierziger Jahren zum Teil auf das Konto der +Einführung des bayrischen Bieres setzen will. Nein, weil Berlin infolge +seiner Entwicklung zur Grossstadt aus dem behäbig ruhigen Leben +aufgestört wurde, deshalb fügte sich das bayrische Bier viel besser in +das Leben der Stadt ein, als es in früherer Zeit der Fall gewesen wäre. +Und dass gerade der Charakter der Gründerjahre diese Wirkung in der +Verschiebung des Konsums der beiden Biersorten am stärksten zum Ausdruck +bringen musste, leuchtet ohne weiteres ein. + +In der Folgezeit hat sich, wie schon erwähnt, an dem Verhältnis der +Produktion beider Biersorten wenig geändert. Im Jahre 1898, dem letzten, +für das uns Zahlen vorliegen, wurden produziert 2480418 hl untergähriges +und 1357993 hl obergähriges Bier, was einem Verhältnis von 64,9 zu 35,1 +entspricht. Noch ungünstiger aber stellt sich das Verhältnis, wenn die +Zahlen der Ein- und Ausfuhr in Berücksichtigung gezogen werden. Es +wurden im Jahre 1898 in Berlin eingeführt 607150, ausgeführt 626527 hl. +Die Einfuhr ist lediglich den untergährigen Bieren zuzuzählen mit +Ausnahme der ca. 20-30000 hl obergährigen Grätzer Bieres, das aber auch +mit dem Weissbier durchaus nicht verwandt ist. Nimmt man nun an, das +Berliner Weissbier sei an der Ausfuhr nur mit demselben prozentualen +Verhältnis beteiligt, wie an der Produktion, so sinkt der Anteil des +Weissbieres an dem genannten Berliner Bierkonsum auf ca. 30 %. In +Wirklichkeit dürfte sich aber das Ergebnis noch ungünstiger stellen, +denn es ist bekannt, dass das Berliner Weissbier in grossen Mengen nach +aussen versendet wird; sein Anteil an der Ausfuhr wird daher vermutlich +bedeutend höher sein, als derjenige an der Produktion. Wenn in den +letzten Jahren die _Produktion_ des Weissbieres absolut und z. T. auch +relativ gestiegen ist (1883/84 war der Anteil des Weissbieres an der +_Produktion_, d. h. ohne Berücksichtigung der Ausfuhr auf 30,06 % +gefallen), so ist diese Erscheinung neben anderen Gründen vielleicht +darauf zurückzuführen, dass die Berliner Weissbierbrauereien für den +Rückgang des Berliner Weissbierkonsums in der Provinz einen Ersatz +gesucht und gefunden haben. Ob mit dem Aussterben des alten Berlinertums +auch der Konsum von Weissbier aufhören wird, kann dagegen stark +bezweifelt werden. Vielfach wird das Weissbier heute von den weniger +wohlhabenden Klassen schon wegen seiner Billigkeit dem bayrischen Biere +vorgezogen, die Versendung kleiner und kleinster Gebinde, (allerdings +handelt es sich bei dieser Versendung um schwächer eingebrautes +(einfaches) Weiss- oder Braunbier) z. B. zum Preise von 1 Mark nebst +pfandlosem Hingeben von Utensilien, welche zum Selbstabzug nötig sind, +hat den Absatz des Weissbieres bedeutend gesteigert, auch scheint es, +als ob ein Teil der Arbeiterschaft seit dem Boykott gegen die +Lagerbier-Brauereien (1894) sich vielfach mit dem Weissbier wieder +befreundet hätte. Namentlich in den Arbeitspausen wird von den Arbeitern +auch heute noch vielfach beim Gastwirt Weissbier konsumiert, während in +der Fabrik fast nur bayrisches Bier getrunken wird, hauptsächlich +deshalb, weil das bayerische Bier bequem »aus der Flasche« getrunken +werden kann, was beim Weissbier nicht der Fall ist. Es ist bedauerlich, +dass in den Aufzeichnungen über Import und Export des in Berlin +konsumierten bezw. produzierten Bieres ein Unterschied zwischen +obergährigem und untergährigem Bier nicht gemacht wird. Eine solche +Unterscheidung allein würde uns in den Stand setzen, genau den Anteil +beider Bierarten am Berliner Konsum festzustellen. Jedenfalls ist bei +Betrachtung der mitgeteilten Zahlen und für daraus später zu ziehende +Schlüsse daran festzuhalten, dass die Höhe der Weissbierproduktion +allein für den Anteil am Gesamtkonsum nicht genügende Anhaltspunkte +bietet. + + + Einwirkung der Konsumtionsverhältnisse auf das + Flaschenbierlieferungsgeschäft. + +Die Erhöhung des Bierkonsums und die Veränderung des Anteils der beiden +Biersorten an ihm beeinflusste das Flaschenbiergeschäft und speziell das +_Flaschenbierlieferungsgeschäft_ in günstigem Sinne. Verschiedene Gründe +wirkten in besonders günstiger Weise auf die Ausbreitung des letzteren. +In erster Linie die _Vermehrung der Fabriketablissements_. Nach +Wiedfeldt sind in den Jahren 1869-1892 nicht weniger als 1638 +polizeiliche Konzessionen zu Fabrikbauten erteilt worden, die grösste +Zahl 204 bezw. 196 in den Jahren 1872 und 1873, die geringste 16 und 10 +in den Jahren 1879 und 1878. Gerade in den Fabriken wird aber fast nur +Flaschenbier konsumiert. Es ist in jedem Betrieb mit einer grösseren +Zahl von Arbeitern so gut wie ausgeschlossen, dass das Bier in Gläsern +oder Krügen aus der benachbarten Gastwirtschaft geholt und nur in den +allergrössten Etablissements wiederum ist es möglich, dass das Bier +selbst abgezogen wird. So mussten die ausgedehnten Neugründungen und +Hand in Hand damit die Vergrösserungen der bestehenden Fabriken den +Flaschenbiervertrieb mächtig fördern, und den Flaschenbierhändlern +regelmässige Abnehmer grösserer Quantitäten zuführen. Nicht so +regelmässig und mit einem Risiko verknüpft, aber den Flaschenbierhandel +auch sehr steigernd, war die Lieferung an die bei den _Bauten +beschäftigten Arbeiter_. So lange in Berlin fast allein Weissbier +produziert wurde, war der Konsum auf den Bauten nur gering. Direkt aus +der Flasche konnte das Weissbier nicht genossen werden, es in Gläser zu +schänken war zu umständlich, da der Standort der Arbeiter nicht derselbe +blieb und die Gefahr bestand, dass bei etwaiger Ungeschicklichkeit das +Glas mit dem Bier umgeworfen wurde. Der Genuss von Bier beschränkte sich +daher meist auf die Arbeitspausen. Seit Einführung des bayrischen Bieres +vollzieht sich der Konsum in viel einfacherer und bequemer Weise: der +Arbeiter steckt eine oder mehrere Flaschen in die Tasche und trinkt je +nach Bedürfnis. Da der Beruf der Bauarbeiter namentlich im Sommer, wo +dieselben der sengenden Hitze schutzlos ausgesetzt sind, ein sehr +schwerer und anstrengender, andererseits aber auch die Entlohnung in den +meisten Fällen eine gute ist, so wird auf den Bauten sehr viel Bier +getrunken, es kommen manchmal auf jeden Mann im täglichen Durchschnitt +6 bis 10 Flaschen. Wenn diese Verhältnisse auch bereits in den ersten +Jahrzehnten nach der Einführung des bayrischen Bieres sich eingebürgert +haben, so haben sie doch erst seit den siebziger Jahren erhöhte +Bedeutung erlangt. Einesteils aus dem Grunde, weil die Bauwut der +Gründerjahre überhaupt den Berufszweig der Bau-Unternehmer und +Bau-Arbeiter in den Vordergrund stellte,[11] andererseits weil infolge +der grossen Nachfrage nach Bauarbeitern auch deren Disziplin in der +Arbeit mehr gelockert und infolgedessen für den Biergenuss während der +Arbeit keine hemmenden Vorschriften gegeben wurden. Seit den siebziger +Jahren ist die Bauthätigkeit mit wenigen Ausnahmen eine geregelte +gewesen, im Durchschnitt der Jahre 1869-1895 wurden jährlich in Berlin +4795 Neubauten ausgeführt. Auf diesen Bauten wird durchweg Flaschenbier +konsumiert, Lieferant ist nur in wenigen Fällen und bei »kleinen« Bauten +der Gastwirt, in den meisten Fällen der Flaschenbierhändler. Ein Risiko +ist mit der Lieferung allerdings insofern verbunden, als die +Flaschenverluste in der Regel ziemlich bedeutende sind. + +Schliesslich ist noch eine Erscheinung zu erwähnen, welche an dieser +Stelle kürzer behandelt werden kann, weil auf sie bereits in der +allgemeinen Betrachtung über die Gründe zur Ausbreitung des +Flaschenbierversandgeschäfts hingewiesen ist. Es war erwähnt worden, +dass die weite Entfernung von einer Bezugsquelle für Fassbier, oder von +einem Einzelverkauf von Flaschen das Flaschenbierversandgeschäft +beförderte. In Berlin haben sich nun einige Stadtviertel abgesondert, +welche speziell nur für die wohlhabenden Kreise bestimmt sind, da durch +die Höhe der Miete schon jeder, der nicht zu den »oberen Zehntausend« -- +in Berlin sind es aber beträchtlich mehr! -- gehört, abgeschreckt wird, +dort sein Heim aufzuschlagen. Es sind dies in Berlin sowohl das +Bellevue-, als das Hansa- und Tiergartenviertel, ferner die Gegenden in +der Nähe des Zoologischen Gartens bis Wilmersdorf hinauf und die +Villenkolonie Grunewald. In diesen Stadtteilen giebt es wohl +»Restaurateure« aber keine Gastwirte und da nur die letzteren in +grösserem Maassstabe sich mit dem Verkauf über die Strasse befassen, so +sind die Bewohner dieser Gegenden auf den Bezug von Flaschenbier aus +einem Flaschenbierlieferungsgeschäft direkt angewiesen. Sie können zwar +auch Bier in Flaschen einzeln vom Viktualien- oder Kolonialwarenhändler +kommen lassen, letzterer bezieht aber sein Bier auch erst vom Händler, +sodass auf alle Fälle eine Steigerung des Versandes von Flaschenbier +erreicht wird. Dass ähnliche Erscheinungen auch in anderen Städten +vorliegen, ergiebt sich aus dem Hinweis eines Leipziger Bierverlegers +(des Vorsitzenden des dortigen Vereins), der die Existenz des +Leipziger »Gewandhausviertels« als eine Stütze für das dortige +Flaschenbiergeschäft bezeichnete. + + + Die Weiterentwicklung des Berliner Brauereigewerbes. + +Hand in Hand oder doch vielfach im Anschluss und im Zusammenhang mit den +hier angeführten Thatsachen, hat nun diejenige Umwandlung sich +vollzogen, welche für den Flaschenbiervertrieb im allgemeinen, für seine +Form im speziellen von allerhöchster Wirkung wurde: _die Entwicklung der +Berliner untergährigen Brauereien zum Grossbetrieb und infolge davon die +Uebernahme des Flaschenbiervertriebes in eigene Regie_. Bis in die Mitte +dieses Jahrhunderts trugen die Berliner Brauereien noch durchweg den +Charakter von Kleinbetrieben an sich. 1845 produzierten die 12 Weiss- und +18 Braunbierbrauereien im Ganzen 145355 t Bier, d. h. es kamen auf jede +Brauerei noch nicht 5000 t im Durchschnitt. In welcher Weise das nach +bayrischer Art gebraute Lagerbier sich in Berlin dann Eingang zu +verschaffen wusste, ist an anderer Stelle bereits dargelegt worden. +Hatte es 1838 3 bayrische Brauereien in Berlin gegeben, so ist ihre Zahl +schon zehn Jahre später (1848) auf 14 gestiegen und gegen Ende der +sechziger Jahre giebt es in Berlin 20 Brauereien, welche bayrisches Bier +produzieren, darunter eine Aktiengesellschaft. In der Zeit, in welcher +die Gesamtproduktion an bayrischem Bier der des Weissbieres gleichkommt, +ist die _Durchschnitts_produktion bei den bayrischen Brauereien bereits +höher als bei den Weissbierbrauereien, sie betrug bei ersteren im Jahre +1870 26847, bei den letzteren 20513 hl. + +Als nun zu Anfang der siebziger Jahre das Gründungsfieber in Berlin +grassierte, wandte sich die Spekulation in augenfälligem Maasse den +Brauereibetrieben zu. Es konnte nicht überraschen, wenn sie dabei die +untergährigen Brauereien bevorzugte. Einesteils deshalb, weil der Anteil +des Weissbieres an der Konsumbefriedigung stetig zurückzugehen und bei +der vorauszusehenden Entwicklung der Reichshauptstadt, dem Einströmen +fremder Elemente zu dauernden Niederlassungen ebenso wie zu zeitweiligem +Aufenthalt und jener übrigen erwähnten Momente, dem bayrischen Bier die +Zukunft zu gehören schien. Dazu kam, dass bei den Besitzern der +Weissbierbrauereien viel weniger Neigung bestand, ihre Hand zur +Umwandlung ihres Betriebes in eine Aktiengesellschaft zu bieten als bei +den Besitzern der z. T. selbst noch nicht lange bestehenden bayrischen +Brauereien. Während daher die Weissbierbrauereien fast durchweg ihren +privaten Charakter behielten, hat sich bei den bayrischen Brauereien die +Umwandlung in Aktiengesellschaften so zu sagen _auf der ganzen Linie_ +vollzogen. Die 1868 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte +Tivoli-Brauerei wurde schon erwähnt, es folgen 1870 die Brauerei +Friedrichshain, 1871 die Brauereien Friedrichshöhe, Moabit und +Schlossbrauerei Schöneberg, 1872 die Berg-, Bock-, Adler-, +Schultheiss- und Vereins-Brauerei, das Berliner Brauhaus, insgesamt also +13 Umwandlungen, von denen nicht weniger als 7 auf das eine Jahr 1872 +fallen. + +Es liess sich voraussehen, dass in der Folgezeit die Entwicklung der +untergährigen Brauereien wesentlich von derjenigen der obergährigen +verschieden sein würde. Ebenso wie die Aktiengesellschaft die modernste +Form der Unternehmung ist, so lässt sich auch bei ihr voraussetzen, dass +sie sich aller derjenigen Hilfsmittel bedienen wird, welche in modernen +kaufmännischen Betrieben angewendet werden, um ein Geschäft in die Höhe +zu bringen. Man hat versucht, die Hauptmerkzeichen dieses modernen +Geschäftsbetriebes in die Worte: »Coulanz und Reklame« zu kleiden, +ebenso den Unterschied zwischen alter und neuer Geschäftspraxis dahin zu +kennzeichnen, dass früher der Geschäftsinhaber wartete, bis der Kunde zu +ihm kam und dann erst lieferte, während heute der Lieferant den Kunden +aufsucht und ihn zur Abnahme seiner Waren zu bestimmen sucht. Man kann +darüber streiten, ob die gegebene Charakteristik auf alle +Grossbetriebe passt, jedenfalls ist sie richtig in Bezug auf die +Berliner Lagerbier-(bayrischen) Brauereien, welche in derselben +Zeit alle Fortschritte der modernen Technik und Geschäftspraxis +sich zu Nutze machen, in welcher die Weissbierbrauereien +ihren alten konservativ-patriarchalischen Charakter behalten. +Nicht als ob diese verschiedenartige Entwicklung allein der +verschiedenen Natur der Unternehmungsform, dem Gegensatz zwischen +Aktiengesellschaft und privatem Besitz zuzuschreiben wäre. Auch die +im Privatbesitz befindlichen bayrischen Brauereien werden nach grossen +kaufmännischen Gesichtspunkten geleitet, während andererseits die +Weissbier-Aktienbrauereien nicht allzusehr von den übrigen sich +unterscheiden. Es möchte scheinen, als wenn auch hier der Charakter des +Bieres wieder seinen Einfluss zeigte. Noch vor nicht gar langer Zeit +standen in einer der grössten Berliner Weissbierbrauereien alle Arbeiter +in _Lohn_, _Kost_ und _Wohnung_, in einer anderen, deren +Durchschnittsproduktion gewiss über 50000 hl beträgt, konnte sich der +Besitzer nicht dazu entschliessen, sich Fernsprechanschluss zu besorgen. +In manchen der grösseren Berliner Weissbierbrauereien wird die +kaufmännische Buchführung auf das Notwendigste beschränkt und das +Comptoirpersonal einer der grössten Berliner Weissbierbrauereien, deren +Geschäftsumsatz sich gewiss auf über 1 Million Mark jährlich beläuft, +besteht aus -- zwei Buchhaltern, welche alle Abrechnungen mit den +Lieferanten, Kunden, Fahrern besorgen, die Bücher führen, überhaupt in +Gemeinschaft mit dem Besitzer den Betrieb leiten. Oft reichen in diesen +Brauereien die Betriebsräume nicht zu, man weiss manchmal nicht, wie man +über den mit Fässern, Wagen und Utensilien aller Art angefüllten Hofraum +zu dem Comptoir gelangen soll. Doch von solchen Aeusserlichkeiten +abgesehen: es fehlte bei allen diesen Betrieben ein Streben nach Absatz +und Vergrösserung des Geschäfts, sie hielten keine Reisenden und gaben +wenig für Reklame aus; ihre Thätigkeit beschränkte sich darauf, die +ihnen zugegangenen Aufträge auszuführen. Wie anders dagegen bei den +bayrischen Brauereien! Von vornherein gross angelegt und mit einem +Kapitalaufwand gegründet, der nur bei eintretender Vergrösserung +rentieren konnte,[12] waren sie auf eine ganz andere Leitung +zugeschnitten. Sie suchten auf alle nur denkbare Weise ihren Absatz zu +vergrössern; weitestgehende Kreditbewilligungen, Verleihung von +Geschäftsutensilien an ihre Abnehmer, Errichtung eigener +Ausschankstätten, vornehme Reklame waren hauptsächlich die Mittel, deren +sie sich bei diesem Streben bedienten. Im Verlauf dieser Entwicklung +mussten die kleineren Betriebe, gegenüber den kapitalkräftigeren +Unternehmungen, immer mehr in den Hintergrund treten. Hand in Hand mit +dem Streben nach Erhöhung des Absatzes, ging die Tendenz auf Ausnutzung +aller durch die Fortbildung der Technik erringbaren Vorteile, und auch +hier konnten die kleineren Betriebe nicht mitkommen, die, wie es im +Jahrbuch f. d. a. Statistik Preussen von 1876 heisst »ohne Eiskeller, +ohne Maschinen, ohne spezielle Techniker mit den grossen Etablissements +weder in Bezug auf die Güte noch in Bezug auf die Herstellungskosten des +Bieres konkurrieren konnten«. Stellen wir diese fortschrittsfreudige und +aller Hilfsmittel der modernen Technik und Reklame sich bedienende +Leitung der grossen bayrischen Brauereien in Vergleich zu dem +geschilderten Charakter der Weissbierbrauereien, so kann es nicht +überraschen, dass schon früh die Durchschnittsziffern der Produktion +bei den bayrischen Brauereien viel höher sind, als bei den +Weissbierbrauereien. So heisst es bereits in dem Jahresb. d. Aelt. d. +Kaufm. von 1875: »Von den 22 bayrischen Brauereien versteuerten je eine +über 70000 und 60000 Centner Braumalz, je zwei über 40000 und 30000, 5 +zwischen 20-30000 und alle übrigen (11, also 50 %) unter 20000 Centner +Braumalz. Von 26 obergährigen Brauereien versteuerten je zwei über 30000 +und 20000 Centner, alle übrigen (22, also beinahe 90 %) unter 20000 +Centner. Im Laufe der Jahre hat sich die Entwicklung der untergährigen +Bierbrauereien immer weiter nach der Richtung eines Ueberwiegens der +Grossunternehmungen ausgebildet, während auf dem Gebiete der +Weissbierproduktion, die Vermehrung der Brauereien in gar keinem +Verhältnis stand zu der Zunahme der Produktion und zwar infolge der +Errichtung vielfacher kleiner Brauereien (sogenannte »Quetschen«), +welche ihr Bier direkt an die Konsumenten in Gestalt von Frischbier oder +in ganz kleinen Gebinden absetzten. Ihren Ausdruck findet die +Entwicklung in den Zahlen für die gegenwärtige Durchschnittsproduktion, +welche für die bayrischen Bierbrauereien 84384, für die +Weissbierbrauereien 18269 hl[13] beträgt.« + +Im Zusammenhang mit der Entwicklung der bayrischen Brauereien zum +Grossbetrieb steht nun als ein Glied in der Kette der auf die Erhöhung +des Absatzes gerichteten Anstrengungen die _Uebernahme des +Flaschenbiervertriebes[14] durch die untergährigen Brauereien_. Es wird +vielfach behauptet, diese Uebernahme sei geschehen auf Anregung des +Generaldirektors der Schultheissbrauerei, Roesicke, und zwar zum Schutze +des biertrinkenden Publikums. Die Bierverleger, habe Herr Roesicke +ausgeführt, »panschten« zu viel und deshalb müssten die Brauereien den +Flaschenbiervertrieb in eigene Regie übernehmen, damit das Publikum +unverfälschte Ware erhielte und die Brauereien nicht länger der Gefahr +ausgesetzt seien, dass das von ihnen den Bierverlegern im reinen +Zustande gelieferte Bier von diesen verfälscht und dadurch ohne Schuld +der betreffenden Brauerei diese selbst in einen schlechten Ruf gebracht +würde. Nun mag ohne weiteres zugegeben werden, dass in dieser und +anderer Beziehung Missstände im Bierverlage vorhanden gewesen sein +mögen, obwohl eine Verfälschung des bayrischen Bieres wohl seltener +vorgekommen sein mag, als der Wasserzusatz zum Weissbier. Jedoch muss +gegen die Auffassung Einspruch erhoben werden, als wenn die Brauereien +lediglich aus dieser Fürsorge für das Publikum und aus Furcht vor +Schädigung ihres Rufes zu der Einführung des Flaschenbiervertriebs +gewissermassen gedrängt worden wären. Es mögen Erwägungen der vorher +dargelegten Art mit obgewaltet haben, aber sie haben sicherlich nur eine +nebensächliche Rolle gespielt gegenüber solchen von weit +schwererwiegender Natur. Vor allem kam es darauf an, den Absatz und +zugleich den Gewinn zu erhöhen, den man unzweifelhaft und wahrscheinlich +in übertriebenem Maasse von der Einführung dieses Vertriebes erhoffte. +Durch den direkten Verkehr mit den Konsumenten auf dem Wege der +Flaschenbiersendung erwartete man weiter, das Bier der betreffenden +Brauerei leichter einzuführen bezw. weiter zu verbreiten. Man rechnete +darauf, dass diejenigen Familien, welche Bier von einer bestimmten +Brauerei als Hausgetränk gewöhnt wären, auch in den Restaurants und +Ausschankstätten dieses bevorzugen würden. Schliesslich aber und zwar +wohl als ausschlaggebender Faktor sind Erwägungen volkswirtschaftlicher +Natur massgebend gewesen. Schon 1879 war in dem Berichte der Aeltesten +der Kaufmannschaft von Berlin darüber geklagt worden, dass die Unsitte +des Uebermaasses unglaubliche Dimensionen angenommen hätte, »es ist dies +nach jeder Hinsicht bedauerlich, denn einerseits werden dadurch nur die +_sogenannten Bierverleger_, $deren Existenz$ mit wenigen Ausnahmen +$weder für Fabrikanten$ _noch für Konsumenten von Nutzen_ ist, +begünstigt, andererseits wird die Solidität und Rentabilität der +Brauereien selbst dadurch untergraben«. Ebenso wie der Verfasser dieser +Auslassungen in dem citierten Bericht sind wahrscheinlich auch manche +der Brauereidirektoren der Meinung gewesen, dass die Existenz des +Bier-Verlages als eines Zwischengliedes zwischen Produzenten und +Konsumenten als volkswirtschaftliche Notwendigkeit nicht anzuerkennen +sei. Sie glaubten, das Publikum mit Leichtigkeit davon überzeugen zu +können, dass es sich bei dem direkten Bierbezug aus der Brauerei weit +besser stände, als wenn es sich an die Bierhändler wendete. Es musste ja +einleuchten: _besser_ konnte der Bierverleger das Bier seinen Kunden auf +keinen Fall liefern, als die Brauerei, von der er es selbst bezog, wohl +aber bestand die Gefahr der Verfälschung. _Billiger_ liefern konnte der +Bierverleger auch nicht, denn er konkurrierte ja mit seinen eigenen +Lieferanten. So schien bei dem geplanten Versuch jeder Vorteil auf +Seiten der Brauereien, aller Nachteil auf Seiten der Bierverleger zu +sein. + +Die weitere Entwickelung hat gezeigt, dass diese Kalkulationen richtige +waren. Das Publikum kam den Brauereien mit grossem Vertrauen entgegen +und begann, sich von den Bierverlegern abzuwenden. Eine intensive +Reklame seitens der Bierbrauereien unterstützte diese in ihren +Bemühungen. Annoncen in den Zeitungen, an den Scheiben der damaligen +Pferdebahn und in den Stadtbahnwagen, Zustellung frankierter +Bestellkarten, Neujahrsgeschenke auch an Nichtkunden (Abreisskalender, +Tintenwischer, auch Aschenbecher in Tonnenform mit Firma etc.), +schliesslich das Aeussere der Wagen, das höflichere Benehmen der +Kutscher, alles wirkte zusammen, um den Kundenkreis der Brauerei +fortgesetzt zu vermehren. Einen besonderen Vorteil sah das Publikum +auch darin, dass auf den hübsch etiquettierten Flaschen durch eine +besondere Etiquette auch der Tag des _Abzuges_ vermerkt war, sodass sich +das Publikum jederzeit davon überzeugen konnte, ob es frisches Bier vor +sich hatte oder nicht. Sobald erst ein geregelter Absatz nach den +verschiedenen Stadtteilen sich entwickelt hatte, waren zudem die +Brauereien in der Lage, das Bier in regelmässig guter Qualität, d. h. +nicht zu »alt« und nicht zu »jung« zu liefern -- im Gegensatz zu vielen +Bierverlegern, welche bei ihrem kleinen Absatz oft in die Lage kamen, zu +frisches oder zu lange gelagertes Bier abgeben zu müssen. Vielfach wird +von den Bierverlegern auch behauptet, die Brauereien hätten in der +ersten Zeit das Bier, welches sie selbst auf Flaschen zogen, stärker +eingebraut, als dasjenige, welches sie den Bierverlegern lieferten und +diese so ausser Stand gesetzt, hinsichtlich der Qualität überhaupt zu +konkurrieren. Der vom Standpunkt der Bierverleger an sich schon sehr +anfechtbare Kampf -- insofern er nämlich von den Lieferanten gegen ihre +eigenen Kunden geführt wurde -- bekäme dadurch einen allerdings sehr +hässlichen Anstrich. Ob diese Behauptung richtig ist, lässt sich +natürlich nicht entscheiden. Jedenfalls ist es falsch, sie wie es +seitens der Bierverleger häufig geschieht, als alleinigen Grund für die +Ueberlegenheit der Brauereien anzusehen; diese Ueberlegenheit war schon +durch die angeführten Gründe hinlänglich gegeben. Thatsache ist denn +auch, dass die ersten Versuche einzelner Brauereien zu einem äusserst +günstigen Ergebnis führten, und nachdem diese ersten Versuche geglückt +waren, folgten schnell die anderen nach. Einige Brauereien wurden zur +Einführung des Flaschenbiervertriebes direkt gezwungen, indem +fortgesetzt Bestellungen auf Flaschenbier bei ihnen einliefen, welche +sie auf die Dauer nicht zurückweisen konnten und wollten. Von den jetzt +in Berlin bestehenden 29 bayrischen Brauereien sind es nur noch 6 (und +zwar die kleineren), welche auf den Vertrieb von Flaschenbier +verzichten, die übrigen haben ihn in immer weiter steigendem Maasse +eingeführt und man kann behaupten, dass die Versorgung Berlins mit +Flaschenbier, soweit das bayrische Bier in Betracht kommt, fast ganz in +ihren Händen ruht. In erster Linie haben sie die Privatkundschaft +erobert. Es muss betont werden, dass sie diesen Teil ihrer Kundschaft +den Bierverlegern nicht dadurch abnahmen, dass sie jene unterboten, denn +sie lieferten ebenso wie die Bierverleger nur 32 Flaschen für 3 Mark. Es +war bei diesen Kunden hauptsächlich das grössere Vertrauen zur Qualität +des in der Brauerei abgezogenen Bieres, welches sie diesen zuführte. Die +Kantinen der Fabriken dagegen, ebenso wie andere Geschäftskunden wurden +durch Gewährung eines Rabattes gewonnen, welchen der Gastwirt oder +Bierverleger nicht bewilligen konnte, ohne zu Grunde zu gehen. Auch +heute, nachdem den Brauereien dieser Kundenkreis längst gesichert ist, +dauert das Unterbieten im gegenseitigen Konkurrenzkampfe der Brauereien +_unter sich_ noch fort. So bedauert eine der bedeutendsten Berliner +Brauereien in einem an den Verfasser dieser Schrift gerichteten +Schreiben, dass bei dem Verkauf von Lagerbier an Wiederverkäufer und +Kantinen seitens mehrerer Brauereien eine Preisschleuderei eingetreten +sei und verschiedene Brauereien 42-50 Flaschen für 3 Mark lieferten. + +Die Entstehung des Flaschenbiervertriebes seitens der Brauereien fällt +in den Anfang der achtziger Jahre, in der Gegenwart hat die dadurch +herbeigeführte Entwicklung gewissermassen ihren Abschluss gefunden. +Ueber die Entwicklung des Absatzes bei einzelnen Brauereien selbst geben +die nachfolgenden Zahlen Aufschluss, welche dem Verfasser von den +betreffenden Brauereien freundlichst zur Verfügung gestellt wurden. + + _Absatz von Flaschenbier._ + + 1. _Aktienbrauerei Königstadt_. + + 1881/82: 2802 hl + 1898/99: 16157 " + + 2. _Schlossbrauerei Schöneberg_, A.-G. + + 1886/87 ? hl[15] + 1887/88 15875 " + 1888/89 25303 " + 1889/90 30147 " + 1890/91 33048 " + 1891/92 43170 " + 1892/93 52437 " + 1893/94 58706 " + 1894/95 68854 " + 1895/96 86551 " + 1896/97 95158 " + 1897/98 96200 " + 1898/99 94222 " + + 3. _Aktien-Brauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe_ + vorm. Patzenhofer. + + 1889/90 3250000 Flaschen[16] + 1890/91 5000000 " + 1891/92 6050000 " + 1892/93 6700000 " + 1893/94 8450000 " + 1894/95 11000000 " + 1895/96 14000000 " + 1896/97 16540000 " + 1897/98 17816000 " + 1898/99 18159000 " + = 63335 hl. + + 4. _Vereinsbrauerei Rixdorf_. + + 1894/95 4476 hl[17] + 1895/96 14381 " + 1896/97 22802 " + 1897/98 28541 " + 1898/99 33096 " + + 5. _Böhmisches Brauhaus_, Kommandit-Gesellschaft auf Aktien. + + 1888/89 4135 hl[18] + 1889/90 8087 " + 1890/91 10617 " + 1891/92 12442 " + 1892/93 11795 " + 1893/94 13423 " + 1894/95 17163 " + 1895/96 19023 " + 1896/97 19904 " + 1897/98 23712 " + 1898/99 28721 " + + 6. _Schultheiss-Brauerei_, A.-G. + + 1876/77 ? hl[19] + 1877/78 ? " + 1880/81 6700 " + 1881/82 6800 " + 1882/83 9350 " + 1883/84 11426 " + 1884/85 13976 " + 1885/86 16251 " + 1886/87 18442 " + 1887/88 19810 " + 1888/89 24072 " + 1889/90 31752 " + 1890/91 48644 " + 1891/92 57849 " + 1892/93 78753 " + 1893/94 94547 " + 1894/95 104271 " + 1895/95 120906 " + 1896/97 128228 " + 1897/98 156290 " + 1898/99 183990 "[20] + +Der Gesamtumsatz der zum Verband der Berliner Brauereien gehörenden +untergährigen Brauereien betrug nach den Berichten des Verbandes im +Jahre 1897/98: 531947, im Jahre 1898/99: 599502 hl, welche sich auf die +einzelnen Brauereien folgendermassen verteilen: + + --------------------------------------------------- + | 1897/98 | 1898/99 + ----------------------------+-----------+---------- + Schultheissbrauerei | 139140 | 167250 + Schlossbrauerei Schöneberg | 96200 | 94222 + Friedrichshöhe | 62377 | 63335 + Viktoria-Brauerei | 28654 | 32445 + Vereinsbrauerei | 28541 | 33096 + Böhmisches Brauhaus | 23712 | 28721 + Unions-Brauerei | 23400 | 26800 + Oswald Berliner | 22921 | 26800 + Friedrichshain | 21792 | 24373 + Happoldt | 18626 | 24351 + Bock-Brauerei | 15920 | 20640 + Moabit | 15133 | 16826 + Norddeutsche Brauerei | 13812 | 15839 + Königsstadt | 13680 | 16157 + Gregory | 11732 | 13092 + Werm | 8000 | 9251 + Versuchsbrauerei | 5952 | 6506 + Germania | 5033 | 5222 + Gambrinus | 243 | 1017 + +Zu dieser gewaltigen Zahl von beinahe 600000 hl ist noch der Absatz +derjenigen Brauereien hinzuzurechnen, welche dem Verbande nicht +angehören, und deshalb in der Tabelle nicht angeführt sind. Es sind dies +u. a. die Vereinigten Werder'schen Brauereien, welche ihren Hauptabsatz +in Berlin haben, sowie die grösste der bestehenden bayrischen +Brauereien, soweit diese noch in Privathänden sind, die von Julius +Bötzow. Der Absatz von Flaschenbier der letzten Brauerei ist allein auf +ca. 50-60000 hl jährlich zu schätzen. Dazu kommen nun noch die +Generalvertreter auswärtiger Brauereien, welche ebenfalls einen +schwunghaften Flaschenbierhandel treiben, wie die Haasebrauerei in +Breslau und die Radeberger Exportbrauerei. Der Gesamtumsatz von +Flaschenbier seitens der Berliner Brauereien ist somit auf ca. 7-800000 +hl jährlich zu schätzen. Berechnet man, dass ein Bierverleger bei einem +jährlichen Absatz von 800-1000 hl schon verhältnismässig gut bestehen +kann, so ist ersichtlich, wie viele solcher Betriebe ein einziges +Grossunternehmen, wie die Schultheissbrauerei, überflüssig macht. + +Die _Berliner Weissbierbrauereien_ haben in ihrer Mehrzahl aus den +Gründen, die auch ihrer allgemeinen Entwicklung zu Grossunternehmen +entgegenstanden, die Uebernahme des Flaschenbiervertriebes _abgelehnt_. +Einige, die es versucht hatten, den Flaschenbiervertrieb in grösserem +Massstabe in eigene Regie zu übernehmen, wurden durch einen Boykott der +Bierverleger zur Aufgabe desselben gezwungen. Der Boykott liess sich in +diesem Falle durchführen, weil die betreffenden Brauereien den +Bierverlegern nicht, wie die bayrischen Brauereien als _eine_ +geschlossene Macht gegenübertraten, sondern vereinzelt dastanden und +zudem auch einzeln nicht über ein derartiges Kapital verfügten, wie +jene. Von den grösseren Brauereien betreiben nur zwei den Selbstabzug +und Vertrieb von Flaschenbier, nämlich die Weissbierbrauerei vorm. +Albert Bier, und die vor kurzem in eine Aktiengesellschaft umgewandelte +Brauerei von Gebhardt. Die Bier'sche Brauerei begann mit dem Vertrieb +von Flaschenbier im Jahre 1890, ihr jetziger Absatz beziffert sich auf +ca. 15000 hl, der Absatz der Gebhardt'schen Brauerei soll etwa 30000 hl +betragen. Die Kundschaft der letzteren Brauerei setzt sich überhaupt zum +grössten Teile aus Abnehmern von Flaschenbier zusammen, wenigstens wurde +der Brauereibesitzer Gebhardt früher von den Berliner Bierverlegern +charakterisiert als »ein Bierverleger, der sich sein Bier selbst +abzieht.« + +Es ist eine eigenartige Erscheinung, wie auch in diesem +Falle die Weissbierbrauerei in Berlin ihren eigentümlich +konservativ-patriarchalischen Charakter sich bewahrt hat. In der Natur +des obergährigen Bieres liegt durchaus nichts, was die Brauereien hätte +abhalten können, den Selbstabzug und Vertrieb in eigene Hand zu nehmen. +Die Gefahr der Verfälschung des Bieres, von der in Bezug auf die +bayrischen Brauereien gesprochen wurde, bestand bei ihnen in weit +höherem Masse als bei jenen; der Erfolg hätte sie bei ihrem Bestreben, +auf Uebernahme des Flaschenbiervertriebes vermutlich ebenso unterstützt, +wie die bayrischen Brauereien. Aber die Art des Betriebes, die Furcht +vor einer ungewissen Vergrösserung des Absatzes und damit der Uebernahme +eines Risikos, endlich aber und entscheidend, der noch ziemlich +ausgebildete persönliche Verkehr des Weissbierbrauereibesitzers mit +seinen Kunden trat dem entgegen. Erwägungen volkswirtschaftlicher Natur +wie sie bei den kaufmännischen Direktoren der bayrischen +Aktienbrauereien vorwalteten, waren ihnen gewisslich fremd, sie sahen +die Sachlage nur von dem Gesichtspunkte an, dass sie ihren eigenen +Kunden Konkurrenz machen sollten, und das widerstrebte ihnen. Solange +daher die Weissbierbrauereien in den Händen ihrer jetzigen Besitzer +bleiben, ist eine Aenderung der bestehenden Verhältnisse kaum +wahrscheinlich. + +Ob aber die nach ihnen folgende zweite Generation das Geschäft in alter +Weise fortführen wird, ist mehr als zweifelhaft. Verschiedene der jetzt +bestehenden, grossen Weissbierbrauereien werden daher in absehbarer Zeit +auch wohl in Aktiengesellschaften umgewandelt werden, und ob dann, wenn +ein genügendes Kapital, verbunden mit Unternehmungslust an die Stelle +des jetzigen Betriebes tritt, nicht auch die Geschäftsprinzipien +wesentlich andere, auch in Bezug auf den Flaschenbiervertrieb werden, +muss abgewartet werden. + + + Die Syphon- und Kannenbiergesellschaften. + +Von einer geringeren Bedeutung als die Uebernahme des +Flaschenbiervertriebes durch die Brauereien ist für die Form des +Flaschenbiergeschäftes die Einführung des Syphon- und Kannenbieres +gewesen, an die man anfänglich grosse Erwartungen geknüpft hatte. Im +wesentlichen kommen alle Konstruktionen dieser Apparate darauf hinaus, +durch Zuführung von Kohlensäure, die bei den einfachen Flaschen nicht +möglich ist, das Bier bis zum letzten Tropfen frisch zu halten. +Hierdurch bieten die Syphons (die gebräuchlichste Form hat einen Inhalt +von 5 l) noch den Vorteil, dass man nicht gezwungen ist, eine bestimmte +Quantität zu trinken, wie beim Flaschenbier, man kann sich so viel oder +wenig abzapfen als man will. Auch Raumersparnis bietet der +Syphon-Apparat, da er nicht soviel Platz fortnimmt wie etwa 12 Flaschen +à 0,4 l Inhalt, die seinem Gesamtgehalt entsprächen. Diese Vorzüge +bieten die _Bierkannen_ nicht, die wesentlich nur durch einen +luftdichten Verschluss die Kohlensäure im Bier besser erhalten und +ausserdem durch elegantes Aussehen, die Tafel vor einer Verunreinigung +bewahren wollen. Man glaubte in den beteiligten Kreisen, dass diese +neuen Gefässe eine Umwälzung im Bierhandel herbeiführen würden. Es kam +darauf an, wer den Verkauf des Syphon-Bieres in die Hand nahm. An vielen +Orten haben die Bierverleger sofort die Gefahr erkannt, die ihnen daraus +erwachsen müsste, wenn der Vertrieb von Syphon-Bier durch die +Brauereien, oder eigene Syphon-Versandgesellschaften geschähe und +infolgedessen selbst den Vertrieb von Bier in Syphons übernommen. In +manchen Städten, z. B. Hamburg, hat sich nach den Berichten des dortigen +Bierverleger-Vereins der Bezug von Bier in Syphons auch eingebürgert, +anderwärts wieder verschwand mit dem Reiz der Neuheit auch die Nachfrage +und zahlreich sind die Anzeigen im »Bierverleger«, in denen grössere und +kleinere Syphons, gebraucht, zum Kauf angeboten werden. In _Berlin_ +hatten die Bierverleger nicht dasselbe Interesse an der Einführung der +Syphons und des Kannenbieres, wie an anderen Orten. Es erhellt, dass die +Syphons nur für die Lagerbiere in Betracht kommen, da sich das Weissbier +nicht aus diesen Gefässen, wie überhaupt nicht vom Fass in Verbindung +mit Kohlensäure-Druckapparaten verschänken lässt. Allerdings hätte man +meinen sollen, dass vielleicht einige kapitalkräftige Gastwirte und +Bierverleger sich ebenfalls die Einführung von Syphons oder Kannen +hätten angelegen sein lassen, um dadurch zu versuchen, dem +Flaschenbiervertrieb der Brauereien entgegenzutreten und wenigstens die +Nachbarkundschaft wieder an sich zu ziehen. Aber das geschah nur in +wenigen Fällen. Auch von den Brauereien haben nur wenige neben der +Flaschenbier- eine Syphonbierabteilung eingerichtet; so die +Schloss-Brauerei Schöneberg, in deren Bilanz eine »Abteilung für Versand +von Syphonbier«, mit 51000 Mark zu Buch steht. Ausser dieser Brauerei +betreiben speziell 5 Gesellschaften Verkauf und Versand von Syphonbier, +darunter die als Genossenschaft m. b. H. begründete Deutsche +Syphongesellschaft (Kapital 300000 Mark). Doch ist zu beachten, dass +sich diese Gesellschaften ausser mit dem Versand von Bier in +Syphon-Gefässen auch mit der Herstellung dieser Gefässe selbst befassen. + +Bei dem Kannenbier, das anscheinend in den vornehmeren Gegenden vielfach +das Flaschenbier verdrängt hat, liegt der Vertrieb in den Händen der +Kannenbierversand-Aktiengesellschaft, welche seinerzeit mit einem +Kapital von 1 Million Mark gegründet wurde ca. 12-15 Wagen im Betrieb +hat und für die ersten beiden Jahre ihres Bestehens je 16 % Dividende zu +verteilen in der Lage war. Geschädigt werden durch diesen Versand sowohl +Brauereien als auch Bierverleger, welche in jenen westlichen Gegenden +Kunden besassen und diese nun verloren haben. Bei den Berliner +Bierverlegern haben sich ebenso wie die Syphons auch die Kannen sehr +wenig eingebürgert; vor allem wohl haben die grossen Kosten die meisten +von einer Anschaffung zurückgeschreckt. Ein Syphonapparat von 5 l Inhalt +kostet im Durchschnitt 10-12 Mark, eine Kanne etwa 1-1,50 Mark; die +Anschaffung einiger hundert Stück, wie sie doch für einen einigermassen +ausgedehnten Betrieb unbedingt notwendig ist, bedingt also erhebliche +Anschaffungskosten. + + + Die Bierverlagsgeschäfte im Kampfe mit den Grossbetrieben. + +Wie haben die hier geschilderten Aenderungen des Bierkonsums ebenso wie +die neuen Formen des Biervertriebs nun auf die Lage der Bierverleger +eingewirkt? Wir hatten unsere Betrachtungen über die Entwicklung des +Flaschenbierhandels bis zu jener Zeit geführt, in welcher aus der +Berufsvereinigung von Gastwirtschaft oder Viktualiengeschäft mit +Flaschenbierhandel der Bierverlag als selbständiges Gewerbe sich +entwickelt hat. Seit dem Jahre 1868 findet sich im Berliner +Adressbuch die Rubrik »Bierverleger« ständig, im Jahre 1879 wird eine +Unterscheidung zwischen Bierverlegern und Bier-Engroshandlungen gemacht, +hierunter sind die grösseren Bierhandlungen zusammen mit den +Brauereivertretern aufgeführt. Die Zahl der Eintragungen in beide +Rubriken ergiebt sich aus der nachfolgenden Tabelle: + + --------------------------------- + Jahr | Verleger | Engrosgeschäfte + -----+----------+---------------- + 1868 | 102 | -- + 1869 | 115 | -- + 1870 | 108 | -- + 1871 | 116 | -- + 1872 | 120 | -- + 1873 | 158 | -- + 1874 | 185 | -- + 1875 | 266 | -- + 1876 | 257 | -- + 1877 | 289 | -- + 1878 | 289 | -- + 1879 | 302 | 23 + 1880 | 302 | 17 + 1881 | 309 | 24 + 1882 | 308 | 26 + 1883 | 324 | 32 + 1884 | 337 | 47 + 1885 | 323 | 47 + 1886 | 311 | 51 + 1887 | 329 | 71 + 1888 | 344 | 76 + 1889 | 363 | 70 + 1890 | 321 | 67 + 1891 | 385 | 67 + 1892 | 332 | 76 + 1893 | 242 | 91 + 1894 | 326 | 96 + 1895 | 353 | 94 + 1896 | 391 | 104 + 1897 | 416 | 112 + 1898 | 414 | 102 + 1899 | 404 | 96 + 1900 | 367 | 97 + +Es lässt sich aus diesen Zahlen nicht unmittelbar auf die Lage und die +Entwicklung der Berliner Bierverlags- oder Bierengrosgeschäfte +schliessen. Dafür sind sie zu unsicher, weil namentlich diejenigen +Bierverleger, welche nebenbei noch Gastwirtschaft betreiben, in der +Berufseintragung für das Adressbuch durchaus nicht immer gleich +bleibende Angaben machen. Immerhin geben sie doch Illustrationen zu der +jeweiligen Lage des Berufszweiges, sie zeichnen die wechselnden +Konjunkturen ab, welche er durchgemacht hat. Welcher Gegensatz zwischen +der Bewegung der Zahlen von 1870-1885 und von da ab bis 1900! In der +ersten Periode ein nur selten durch kleine Oscillationen unterbrochenes +stetiges Aufsteigen, (1870: 108, 1875: 266, 1880: 319, 1885: 370), in +jenem zweiten Abschnitt ein ewiges Hin- und Herschwanken, Aufsteigen und +Absteigen nebeneinander, ohne dass eine bestimmte _Tendenz_ sich +herausarbeitete (1885: 370, 1890: 388, 1894: 322, 1895: 447, 1897: 528, +1900: 464). In jener ersteren Zeit steigt die Zahl der Bierverleger um +das Dreieinhalbfache (von 108 auf 370), in der gleichen Zeit steigt aber +auch der Konsum des Bieres in Berlin um mehr als das Doppelte (von +1049718 hl auf 2308414 hl). Dabei ist noch zu bemerken, dass der +Bierbezug auf dem Wege der Lieferung durch den Verleger gerade in dieser +Zeit in immer mehr steigendem Masse sich ausbildete, dass der +Bierverleger vielfach an solche Leute Bier lieferte, welche es früher +vom Gastwirt bezogen, oder allgemeiner ausgedrückt, dass das +Bierlieferungsgeschäft den »Verkauf über die Strasse« zum Teil +zurückzudrängen begann. Jede Förderung des Lieferungsgeschäftes, mochte +dieselbe sich nun auf das bayrische oder Weissbier beziehen, kam aber +dem Bierverleger zu Gute, da das Lieferungsgeschäft noch fast völlig in +ihren Händen ruhte, wenn auch einzelne Brauereien bereits mit dem +Vertrieb von Flaschenbier begonnen hatten.[21] So ist es erklärlich, +dass die Verhältnisse für den Bierverlag äusserst günstig waren. Seine +Entwicklung aus der Betriebsvereinigung zwischen Viktualien- und +Flaschenbierhandel hatte sich bereits gegen die Mitte der siebziger +Jahre vollständig durchgesetzt, und teilweise wohl unter einem Druck der +Bierverleger hörten die Brauereien überhaupt auf, den übrigen +Viktualienhändlern noch Bier in Fässern zu liefern, sodass diese behufs +Deckung ihres Bedarfs, ebenfalls an die Bierverleger gewiesen waren. +Wenn wir annehmen, dass damals ebenso wie heute ca. 30 % des +untergährigen Bieres in der Form des Flaschenbieres konsumiert werden, +so würde sich beispielsweise für 1875 ein Gesamtflaschenbierkonsum von +1255078, für 1885 ein solcher von 1303423 hl ergeben. Wenn wir diese +Ziffern vergleichen mit der Zahl der Bierverleger und für das Jahr 1885 +20000 hl bereits als Flaschenbierabsatz der Brauereien in Abzug bringen, +so ergiebt sich, dass im Jahre 1875 ein Bierverlag auf je 4719 hl +Flaschenbierkonsum kommt, im Jahre 1885 infolge Steigerung der Zahl der +Bierverleger und des relativen Sinkens der Weissbierproduktion ein +Bierverlag auf 3472 hl. Diese Ziffern bedeuten natürlich nicht, dass +jeder Bierverlag in den betreffenden Jahren einen durchschnittlichen +jährlichen Absatz von 4719 bezw. 3472 hl Flaschenbier gehabt habe, denn +in den Zahlen für den Absatz von Flaschenbier spielt natürlich auch +_der_ Verkauf über die Strasse eine grosse Rolle, welcher in den Händen +der Gastwirte liegt. Der durchschnittliche Umsatz eines +Bierlieferungsgeschäftes dürfte also nur einen Bruchteil dieser Zahlen +betragen, die ja auch an sich, da es sich um Schätzung handelt, ziemlich +unsicher sind, aber doch durch die _Vergleichung_ ihren Wert erhalten. + +Die Veränderung in der Geschäftslage hat angefangen mit dem Jahre, in +welchem die bayrischen Brauereien mit dem Vertrieb des Flaschenbieres +begannen, und wie die mitgeteilten Ziffern zeigten, in ihrem Bemühen, +direkt als Produzenten mit den Konsumenten in Verbindung zu treten, so +ausserordentlich erfolgreich waren. Es war den Bierverlegern unmöglich, +in Preis oder Qualität mit ihren Lieferanten zu konkurrieren und so +verminderte sich ihr Absatz an untergährigem Biere in demselben Masse +und derselben Relation wie die mitgeteilten Ziffern einzelner Brauereien +steigen. Eine planmässige Zusammenstellung der Absatzziffer in Bezug auf +das Flaschenbier ist seitens des Verbandes der Berliner Brauereien +leider erst vor 2 Jahren angeregt und durchgeführt worden, sodass sich +zuverlässige, vollständige Berichte über das Fortschreiten dieses +Absatzes der Brauereien leider nicht bringen lassen. Soviel aber scheint +für die derzeitige Lage der Dinge festzustehen, dass in Bezug auf den +Absatz von bayrischem Lagerbier in Flaschen mindestens neun Zehntel +dieses Absatzes durch die Brauereien besorgt werden. Wenn fast alle +Bierverleger noch Lagerbier neben dem Weissbier beziehen, so geschieht +dies, weil sie zum Teil über die Strasse noch bayrisches Bier in +Flaschen verkaufen, andererseits einige alte Privatleute oder +Viktualienhändler zu Kunden haben, die, weil sie jahrelang das +Weissbier von dem betreffenden Verleger bezogen haben, aus einer Art +Pietät auch das bayrische Bier von ihm entnehmen. + +Nach dem Verlust des Absatzes von bayrischem Bier blieb den +Bierverlegern in der Hauptsache noch der Versand von Weissbier und da +der Konsum von Weissbier wenigstens _absolut_ gestiegen ist, so liesse +sich vermuten, dass der Absatz von Weissbier bei den einzelnen Verlegern +mindestens gleichgeblieben sei. Nehmen wir die Zahlen von 1880 und 1898 +zum Vergleich, so ergiebt sich, dass die Zahl der Verleger um ca. 63 %, +die Produktion des Weissbieres dagegen in derselben Zeit um 78 % +gestiegen ist. Doch müssen wir uns zunächst erinnern, dass von dieser +Produktion ein erheblicher Bruchteil abzuziehen ist, welcher in die +Provinz ausgeführt[22] wird, und dass zudem der Umsatz derjenigen +Weissbierbrauereien in Abzug zu bringen ist, welche ebenfalls den +Vertrieb von Flaschenbier selbst besorgen. + +Schliesslich aber ist eine Verschlechterung der Lage dadurch bedingt +worden, dass in immerhin beträchtlichem Masse der _Selbstabzug_ von +Weissbier bei der arbeitenden Bevölkerung sich eingebürgert hat. Dieser +Selbstabzug geschieht entweder durch den Bezug von Frisch- oder +Jungbier, oder durch den Bezug von kleineren Gebinden, die bis auf den +Umfang von ca. 5 l zurückgehen. Das Frischbier wird gewöhnlich auf dem +Hofe der Brauerei an die Hausfrauen verkauft, welche es sich in Eimern +oder Kannen literweise holen und auf Flaschen ziehen, nachdem sie je +nach ihrem Geschmack noch Wasser oder Zucker hinzugesetzt haben. Dieser +Frischbierverkauf wird von vielen Weissbierbrauereien, namentlich aber +von den in letzterer Zeit aufgekommenen Braunbierquetschen betrieben, er +ist erst in neuerer Zeit zu grösserer Bedeutung gekommen. Bei den +kleineren Weissbierbrauereien bildet er einen beträchtlichen Anteil +ihres Gesamtumsatzes, aber auch bei den grossen Brauereien ist er +bedeutend; so schätzt man in Bierverlegerkreisen den täglichen Verkauf +von Frischbier in der Brauerei von Albert Bier auf 12/2 t, in der +Weissbierbrauerei von Gabriel & Jäger auf 36/2 t pro Tag. Der Versand +von Bier in kleinen Gebinden geschieht hauptsächlich seitens jener +grossen Zahl neu entstandener »Quetschen«, welche überhaupt keine +grossen Gebinde führen, weil sie Wiederverkäufer niemals zu Kunden +haben, ihr Absatz sich vielmehr auf den Verkauf an die Konsumenten +beschränkt. Das von ihnen »gebraute« Bier ist ein leichtes obergähriges +Bier und wird als Braunbier bezeichnet, in der Statistik jedoch +jederzeit zusammen mit dem Weissbier aufgeführt, wie wir auch in unseren +Betrachtungen, wenn wir vom Weissbier sprachen, das Braunbier stets +eingeschlossen hatten. Das Braunbier[23] unterschied sich von dem +Weissbier durch einen starken Zusatz von Zucker und zuckerhaltigen +Stoffen, durch den es im Verhältnis zu seinem geringen Preis einen +immerhin merklichen Nährwert erhielt und so in Verbindung mit seinem +süssen Geschmack ein beliebtes Getränk für Frauen und Kinder, namentlich +als Stärkungsmittel wurde.[24] Doch hielt diese Beliebtheit des +Braunbieres nur bis zum Ende der siebziger Jahre an, dann kam es immer +mehr aus dem Verkehr. In neuerer Zeit ist es jedoch zu neuem Leben +erwacht und zwar dadurch, dass einesteils die Verwendung von Saccharin +an Stelle des teuren Malzes oder Zuckers die Herstellung des Bieres +verbilligte, anderenteils die früher infolge der zuckerhaltigen Stoffe +oft stürmische Nachgährung in den Flaschen bei längerem Lagern (das Bier +wurde »wild«) vermieden wurde. Ueber 40 Brauereien sind in kurzer Zeit +entstanden, welche sich mit der Herstellung dieses Braunbieres abgeben, +ihre Produktion wird auf ca. 400000 hl jährlich geschätzt, welche +Schätzung mir allerdings übertrieben erscheint! Ueber die Art, wie die +Herstellung dieses Bieres oft vor sich geht -- in einem +waschküchenähnlichen Raum! -- wie aus einem Centner Malz 12 hl »Bier« +hergestellt werden (bei dem Weissbier aus einem Centner ca. 3 hl), giebt +das citierte Gutachten, welches diese Art der Braunbierbrauerei als +»Pseudobraugewerbe« bezeichnet, erbauliche Angaben. Diese Brauereien +sind es nun, welche, da ihre Produkte stets mit denjenigen der +Weissbierbrauereien zusammen aufgeführt werden, oft ein falsches Bild +geben. _Einesteils_ in Bezug auf die Durchschnittsproduktion der +obergährigen Brauereien, welche ohne diese Quetschen doch nicht jenen +ausserordentlich niedrigen Stand haben würde, den sie in der Statistik +einnimmt, anderenteils in Bezug auf die Lage der Bierverleger, welche +von der Steigerung der Produktion obergähriger Biere durchaus nicht in +vollem Masse profitiert haben, da die gesamte Produktion dieser Braun- +und Bitterbierbrauereien davon abzurechnen ist. Der Absatz dieser +Brauereien an ihre Abnehmer vollzieht sich meist derart, dass das +benötigte Bier in Kannen oder kleine Gebinde gefüllt, oft aber auch +direkt vom Fass mittels Ablasshahnes abgefüllt und so in einer Art +»Strassenhandel« abgesetzt wird. Das Feilhalten von losem Bier mit einem +Extraktgehalt von unter 2 % ist zwar polizeilich verboten, jedoch soll +nach Aeusserungen aus Fachkreisen diese Bestimmung völlig auf dem +Papiere geblieben sein. + +Durch die Art des direkten Absatzes dieser kleinen Brauereien ist +natürlich den Bierverlegern ebenfalls eine empfindliche Konkurrenz +entstanden. Während früher die Braunbierbrauereien ihr Bier ebenso wie +die Weissbierbrauereien den Bierverlegern in Fässern lieferten und diese +den Absatz in Flaschen besorgten, welcher oft einen bedeutenden Teil des +Gesamtabsatzes ausmachte -- namentlich an die Viktualienhändler wurde +viel Braunbier geliefert -- ist ihnen heute dieser Absatz fast gänzlich +aus den Händen genommen. Dazu kommt als letztes Moment noch, dass die +Gastwirte aus ihrem Kundschaftsverhältnis zu den Bierverlegern +heraustraten. Seitdem in den achtziger Jahren die Weissbierbrauereien, +um den Wünschen nicht nur der Gastwirte, sondern auch eines Teiles der +jüngeren Bierverleger nachzukommen, immer mehr dazu schritten, den +letzten Gährungsprozess beim Weissbier in ihren eigenen Kellereien +vorzunehmen, begannen auch die Gastwirte mehr und mehr das Bier wieder +selbst von der Brauerei zu beziehen und so ging auch dieser Kundenkreis +den Bierverlegern verloren. + +Es ist daher wohl ersichtlich, dass der Einfluss, welchen die Steigerung +des Konsums obergähriger Biere auf die Lage der Bierverleger ausübte, +durch die übrigen namhaft gemachten Momente mehr als aufgewogen werden +musste. Nur ein Gebiet blieb den Bierverlegern, auf dem sie, von +drückender Konkurrenz befreit, ihre frühere Stellung nicht nur +behaupten, sondern sogar verstärken konnten: dasjenige der sogen. +»echten« Biere. Es war bereits dargelegt worden, wie der Vertrieb der +auswärtigen Biere zuerst in den Händen jener Bier-Niederlagen +sich befand, welche daneben meist noch mit einem besseren +Kolonialwarengeschäft oder einem Restaurant verbunden waren. Später +entwickelten sich aus dieser Betriebsvereinigung die General-Agenturen +der auswärtigen Brauereien als selbständige Gewerbe und zwar zum +grössten Teil mit der Beschränkung auf den Absatz in Fässern, während +der Vertrieb des Flaschenbieres in die Hände der Bierverleger überging. +Im wesentlichen liegen die Dinge auch heute noch so, nur dass viele +Bierverleger, angesichts der Verringerung der Absatzmöglichkeit auch +eigene Brauereivertretungen übernommen haben und z. T. neben ihrem +Flaschen- auch Fassbierhandel treiben. Für die Mehrheit der Bierverleger +wichtiger als diese einzelnen Vertretungen ist jedoch der Absatz +derjenigen sogenannten »echten«, d. h. auswärtigen Biere, welche +allgemein eingeführt sind und deren Vertrieb durch die Bierverleger +geschieht, da die betr. Generalvertretungen sich auf den Fassbierhandel +beschränken. In Betracht kommen hier vor allem das Grätzer und das +Kulmbacher Bier. Von den 46 Bierverlegern, über deren Geschäftsbetrieb +mir Auskünfte vorliegen, führten 36 Grätzer und 21 Kulmbacher Bier, +Münchener Bier wurde in 3, Pilsener Bier in 5 Fällen geführt. Das +Grätzer Bier (aus Grätz in der Provinz Posen) wurde Mitte der achtziger +Jahre in Berlin eingeführt, es ist ein obergähriges Bier, das sehr lange +Lagerung erfordert, (mindestens 14 Tage), der Geschmack ist ein +eigentümlich rauchiger. Es wird meist in den Nachtcafés geführt. Die +jährliche Einfuhr von Grätzer Bier soll nach den Angaben des +Generalvertreters einer der bekannteren Grätzer Brauereien etwa 25000 hl +betragen. Eine Zeit lang hatte der Vertreter der Brauerei Bähnisch in +Grätz den Flaschenbiervertrieb selbst übernommen, doch wurde er durch +einen Boykott der Berliner Bierverleger gezwungen, ihn wieder +aufzugeben, da er mehr Fassbierkunden verlor, als er an den +neugewonnenen Flaschenbierkunden verdiente. So ist der Absatz des +gesamten in Berlin eingeführten Grätzer Bieres in den Händen der +Bierverleger geblieben. + +Allerdings konnten die 25000 hl, welche der Absatz von Grätzer Bier +ausmachte, keinen Ersatz bieten für dasjenige Absatzfeld, welches ihnen +die Brauereien entrissen hatten. Wir hatten vorher Berechnungen +angestellt, welche die Zahl der Bierverleger in Vergleich setzten mit +dem gesamten Berliner Flaschenbierkonsum. Danach kam ein Bierverlag im +Jahre 1875 auf 4719 hl Flaschenbierabsatz, im Jahre 1885 auf 3472 hl +Flaschenbierabsatz. Stellen wir dieselbe Berechnung für das Jahr 1898 +auf, so ergiebt sich folgendes: Es kommen als Flaschenbierkonsum in +Betracht: 1357993 hl obergähriges Bier und 30 % der auf 2480418 hl +angegebenen Produktion von untergährigem Bier = 826806 hl, also zusammen +2184799 hl. Hiervon sind jedoch in Abzug zu bringen 1. derjenige Teil +dieses Konsums, welcher durch die Brauereien gedeckt wird mit mindestens +700000 hl, 2. derjenige Teil der Weissbierproduktion, welcher unter +Uebergehung der Zwischenhand in der Form von Frischbier oder in kleinen +Gebinden an die Konsumenten geliefert wird, mit mindestens 400000 +hl.[25] Nach Abzug dieses Absatzes von 1100000 hl, welcher bei +Gleichbleiben der früheren Verhältnisse zum grossen Teile den +Bierverlegern zugefallen wäre, bleiben noch 1084799 hl oder angesichts +der Zahl von 516 Bierverlegern, ein Bierverlag gegenüber 2102 hl Absatz +an Flaschenbier! Es gilt von dieser Zahl dasselbe, wie von den vorher +genannten: sie ist an sich ziemlich unsicher, aber sie erhält ihren Wert +durch die Vergleichung. Wenn man noch in Berücksichtigung zieht, dass +der Anteil der Bierverleger an der hier berechneten Höhe des Absatzes +infolge der früher nicht in diesem Masse aufgetretenen Konkurrenz der +Gastwirte eine geringere ist, als früher, so dürfte die in den an sich +ungewissen Zahlen 4719 und 2102 gegebene Relation mit dem Verhältnis des +einstigen zu dem heutigen Durchschnittsumsatz ziemlich übereinstimmen. + +Die vorhergegangen Betrachtungen umfassten die Entstehung und +Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts bis zum gegenwärtigen +Zeitpunkt. Die Ausführungen mussten sich dabei auf allgemeine +Gesichtspunkte beschränken und konnten die geschilderte Entwicklung nur +in grossen Zügen geben. Zu ihrer Vervollständigung soll daher die +nachfolgende Darstellung dienen, welche im Rahmen der Detailschilderung +die gegenwärtige Lage des Berliner Bierverlegerstandes im besonderen +schildern will, als desjenigen Gliedes im Berliner Flaschenbiergeschäft, +dessen Entwicklung eine typische Bedeutung beanspruchen kann, welche +über das Interesse an dem vorliegenden Einzelfall hinausgeht. +Gleichzeitig wird diese Einzelschilderung aber auch Rückschlüsse auf die +Ausführungen des ersten Teiles dieser Arbeit gestatten und zur +Bestätigung der darin ausgesprochenen Behauptungen dienen. + +Fußnoten: + +[10] In dem »Arbeiterfreund«, Jahrgang 1877, ist eine Studie +veröffentlicht: »Der Bierverbrauch in Berlin ein Spiegel der sozialen +Lage des Volkes.« Die Voraussetzungen, von denen der Verf. der betr. +Arbeit ausgeht, sind jedoch ziemlich willkürlich und seine Folgerungen +daher mit Vorsicht aufzunehmen. + +[11] Es wurden Neubauten genehmigt: 1869: 2473, 1870: 2576, 1871: 3789, +1872: 6331, 1873: 6076, 1874: 6556, 1875: 6278; die 1874 erreichte Zahl +ist bis in die Gegenwart nur einmal überschritten worden. + +[12] Vergl. Jahresbericht der Aeltesten der Kaufmannschaft von 1880: +»Die Berliner Brauereien haben in den Jahren 1871-1875 eine selbst über +das _damalige_ Bedürfnis hinausgehende Erweiterung ihrer Anlagen +erfahren und steht deshalb ihr Absatz nicht im richtigen Verhältnis zu +ihrer Einrichtung.« Der Sachlage nach können sich diese Worte nur auf +die bayrischen Brauereien beziehen. + +[13] Letztere Zahl würde allerdings _etwas_ höher sein (ca. 25000 hl), +wenn man nur die Produktion der _Weiss_bierbrauereien berücksichtigte +und nicht, wie es regelmässig in den Berechnungen geschieht, Weiss- und +Braunbierbrauereien zusammen betrachtete. Vgl. weiter Seite 45. + +[14] Der gewöhnliche Ausdruck lautet auch hier »Flaschenbier_handel_« +doch kann man im volkswirtschaftlichen Sinne nicht von Handel sprechen. + +[15] Erstes Jahr des Vertriebes. + +[16] Erstes Jahr des Vertriebes. + +[17] Erstes Jahr des Vertriebes. + +[18] Erstes Jahr des Vertriebes. + +[19] Erstes Jahr des Vertriebes. + +[20] Die Zahlen verstehen sich incl. des Flaschenbierversandes nach +ausserhalb. Den Anteil dieser Sendungen n. a. an der Gesamtziffer sieht +man aus einer Vergleichung für die beiden letzten Jahre, für welche mir +beide Ziffern vorliegen. + + Absatz einschliesslich Sendungen für Berlin allein + nach ausserhalb + + 1897/98: 156290 hl 139140 hl + 1898/99: 183990 " 167250 " + + also Sendungen nach auswärts: + 1897/98: 17150 hl = ca. 11 % + 1898/99: 16740 " = ca. 9 %. + +[21] Doch betrug sogar der Umsatz der Schultheiss-Brauerei 1885 erst +gegen 15000 hl. + +[22] Vergl. Seite 23. + +[23] Vielfach auch Lübbener Bier genannt, weil in Lübben eine beliebte +Art Braunbier gebraut wurde. + +[24] Vergl. Gutachten des Vereins der Brauereien Berlins und der +Umgegend, erstattet an den Polizeipräsidenten von Berlin betr. Wässerung +und Verfälschung von Bieren. + +[25] Incl. des Flaschenbiervertriebs der Weissbierbrauereien. + + + + + III. + + Die gegenwärtige Lage der Berliner Bierverleger. + + Begriff und Form der Bierverlagsgeschäfte. + + +_Begriff_. Der Bierverlag als besondere Form des Flaschenbiergeschäfts +stellt, wie aus den vorhergehenden Aeusserungen erhellt, ein Unternehmen +dar, welches von einer oder mehreren Brauereien Bier in Fässern bezieht, +es _bis zur_ Genussreife lagern lässt und an Geschäfte, die sich mit dem +Ausschank oder Einzelverkauf von Flaschenbier befassen, sowie an +Privatleute in grösseren und kleineren Quantitäten abgiebt, wobei als +Minimum gewöhnlich die Entnahme von 10-20 Flaschen gefordert wird. Es +ist nötig, auf diese Minimalgrenze hinzuweisen, denn sonst würden wir +jeden Kleinhandel mit Flaschenbier, sofern nur der betr. Händler das +Bier vom Brauer in Fässern bezieht als »Bierverlag« ansprechen müssen. + +Für einen kleinen Teil der Berliner Bierverleger würde die obige +Definition noch in einer Hinsicht zu erweitern sein, indem dieselben von +der durch die Brauereien eingeführten Lieferung des Berliner Weissbieres +in demjenigen Zustande, welcher nur noch mehrtägiges Lagern verlangt, um +in Genussreife überzugehen, keinen Gebrauch machen, sondern die letzte +Nachgährung noch in ihrem eigenen Keller sich vollziehen lassen. Ihre +Thätigkeit bei der Bierbereitung geht also in diesem Falle über das +»Lagern bis zur Genussreife« hinaus, bewirkt allerdings andrerseits +keine Formveränderung von Rohstoffen, sodass von »Gewerbe« im +nationalökonomischen Sinne auch bei ihnen nicht gesprochen werden kann. + +_Name_. Die Bezeichnung »Bierverleger« für den hier behandelten +Geschäftszweig ist nicht überall gebräuchlich. Am verbreitetsten ist +vielmehr der Name »Flaschenbierhändler«, wenigstens führt ihn die +Mehrzahl der unter den betreffenden Unternehmern bestehenden Vereine, +auch der seit Jahresfrist bestehende _Verband_ nennt sich »Verband +deutscher Bierhändler«, das offizielle Verbandsorgan, welches in Lübeck +erscheint, heisst dagegen wieder: »Der Bier-Verleger«. Der Berliner +Sprachgebrauch unterscheidet ferner zwischen »Biergrosshandlung« und +»Bier-Verlag«, im Berliner Adressbuch ist diese Unterscheidung durch die +Bezeichnungen Bier-Engrosgeschäft und Bierverlag zum Ausdruck gekommen. +Ein Wesensunterschied besteht zwischen beiden Formen nicht, im +allgemeinen haben sich nur die grösseren Geschäfte unter der ersteren +Bezeichnung eintragen lassen,[26] ebenso sind unter ihr die +Brauereivertretungen aufgeführt. + +_Zahl der Berliner Bierverleger_. In dem Berliner Adressbuch von 1900 +sind 97 Biergrossgeschäfte und 367 Bierverleger verzeichnet. In Abzug zu +bringen sind von diesen 464 Geschäften 22 Fassbierhandlungen, welche +unter der Rubrik Bier-Engrosgeschäfte sich verzeichnet finden, und 10 +Geschäfte, welche unter beiden Rubriken zugleich verzeichnet sind. Wir +erhalten also im ganzen die Zahl von 432 Bierverlegern. Von diesen 432 +Geschäften sind 23 in das Handelsregister eingetragen. + +_Formen des Bierverlages_. In der reinen Form findet sich der Bierverlag +nur selten. Abgesehen von der Vereinigung mit dem Bier-Kleinhandel, +welche sich bei dem Vorhandensein der erforderlichen Räume, d. h. bei +einem bequemen Zugang zum Keller sozusagen von selbst ergiebt, findet +sich der Bierverlag hauptsächlich in folgenden Formen der +Betriebsvereinigung: + +1. _Bier-Verlag in Verbindung mit Fassbierhandel_. Diese Verbindung +findet sich in denjenigen Fällen, in welchen ein Bierverleger +gleichzeitig Vertreter irgend einer auswärtigen Brauerei ist und deren +Bier nicht nur in Flaschen, sondern auch in Fässern abgiebt. Die +Vertretung auswärtiger Brauereien findet sich in Berlin in verschiedenen +Formen. Entweder bezieht der betr. Vertreter nur Bier von einer oder +mehreren _auswärtigen_ Brauereien (führt also kein _Berliner_ Bier) und +giebt dieses nur in Fässern ab. In diesem Falle handelt es sich +ausschliesslich um Fassbierhandel, der mit dem Flaschenbiergeschäft +nichts zu thun hat. In denjenigen Fällen, in welchen ein solcher +Brauereivertreter die Biere dieser auswärtigen Brauereien auch in +Flaschen absetzt, ist er den Flaschenbierhändlern zuzuzählen, wenn er +auch deren Typus durchaus nicht entspricht. Für denjenigen Teil der +Berliner Flaschenbierhändler, welcher für uns hauptsächlich in Betracht +kommt, tritt diese Vertretung nur in der Form auf, _dass der +Flaschenbierhändler, dessen Hauptgeschäft in dem Vertrieb einheimischer +Biere liegt, nebenbei die Vertretung einer auswärtigen Brauerei hat und +deren Bier auch in Fässern abgiebt_. Doch tritt diese Form der +Betriebsvereinigung nicht in vielen Fällen auf. In der Regel haben +nämlich die auswärtigen Brauereien in Berlin meist einen +General-Vertreter, der ihr Bier _nur in Fässern_ abgiebt, während auf +der anderen Seite wieder diejenigen Bierverleger, welche nebenbei noch +die Vertretung auswärtiger Brauereien übernehmen, deren Bier meist nur +in Flaschen vertreiben. + +2. _Betriebsvereinigung mit Gastwirtschaft_. Schon an früherer Stelle +ist dieser Art der Betriebsvereinigung gedacht worden. Wieviele der +Berliner Bierverleger zugleich Gastwirte sind, lässt sich schwer +bestimmen. Das Berliner Adressbuch giebt keine Anhaltspunkte. Denn da +die Eintragung in mehr als eine Branchebezeichnung für jede Branche und +Zeile 1 Mark kostet, so lassen sich die meisten Berliner +Gewerbetreibenden nur unter einer Rubrik eintragen. Daher kann es sehr +wohl sein, dass mancher Name unter der Rubrik »Gastwirte« zu finden ist, +der eigentlich unter »Bierverleger« gehörte und umgekehrt. Unter den 46 +Bierverlegern, von denen ich Auskünfte erhielt, waren 5 zugleich +Gastwirte. Man könnte vielleicht aus dem Umstande auf ein häufigeres +Vorkommen dieser Verbindung schliessen, dass der Verein der Berliner +Bierverleger vor wenigen Jahren seinen Namen in »Verein der Berliner +Bierverleger, Gast- und Schankwirte« umgeändert hat. Doch ist dies wohl +weniger aus dem Grunde geschehen, weil eine grössere Anzahl von +Vereinsmitgliedern nicht nur Bierverleger, sondern auch zugleich +Schankwirte waren, als vielmehr deshalb, weil ein grosser Teil der +Vereinsmitglieder überhaupt das Bierverlagsgeschäft an den Nagel gehängt +und sich lediglich auf die Gastwirtschaft beschränkt hat. + +3. _Betriebsvereinigung mit Viktualien-(Spezerei-)Handel_. Diese +Verbindung, welche zu Anfang der siebziger Jahre, nachdem die Bildung +des Bierverlages als selbständiges Unternehmen vollzogen war, ganz +aufgehört hatte, beginnt jetzt, bei der schlechten Lage des +Bierverlegerstandes, wieder in den Vordergrund zu treten. Insofern zeigt +sich allerdings ein Unterschied gegenüber der alten Form, als in dieser +der Viktualienhandel das ursprüngliche war und aus ihm allmählich der +Flaschenbierhandel sich entwickelte, während bei den jetzigen Gründungen +das Geschäft als Bierverlag gedacht ist, der Kleinhandel mit Bier und +Viktualien jedoch als Unterstützung für das ganze Unternehmen dienen +soll, das auf dem Bierverlag, bei dem namentlich in der ersten Zeit +nur geringen Umsatz, doch zu unsicher aufgebaut wäre. Hauptsächlich +findet sich diese Verbindung bei vielen der neueren Geschäfte und es +scheint, als wenn sie für Neugründungen von Bierverlagsgeschäften +typisch werden sollte. Von der Weiterentwicklung des Geschäfts hängt es +dann ab, ob dieses mehr nach der Seite des Flaschenbier- oder +Viktualienhandels hinneigt. In letzterem Falle wird vielfach an die +Stelle des Bezuges von Fassbier derjenige von Flaschenbier aus der +Brauerei oder vom Verleger treten, womit dann der Begriff des +Bierverlages aufgegeben ist. + +Als andere Arten der Betriebsvereinigung kommen in Betracht der +Nebenhandel mit Mineralwasser (inkl. Limonaden), Eis und Kohlensäure. An +kleineren Orten ist die Verbindung von Bier-Verlag mit Mineralwasser- +und Eishandlung viel häufiger als in Berlin; die Zahl der verschiedenen +Verbindungsarten ist dort auch mannigfaltiger. So soll in einigen +Städten der Bierverlag in Verbindung mit Holz- und Kohlenhandel sich +finden, ebenso wird im Organ des Verbandes deutscher Bierhändler den +Bier-Verlegern empfohlen, den Petroleumhandel als Nebengeschäft +einzuführen, namentlich um -- ebenso wie bei dem Holz und Kohlenhandel +-- während der Winterszeit, wenn der Bierkonsum naturgemäss geringer +ist, nicht ganz ohne Absatz zu sein. In Berlin sind mir derartige Formen +von Betriebsvereinigung nicht bekannt geworden. Dagegen ist darauf +hinzuweisen, dass bei denjenigen Bierverlegern, welche den +Nachgährungsprozess des Berliner Weissbieres in ihren eigenen Kellereien +vornehmen, Hefe als Nebenprodukt gewonnen wird, welche in der Regel ein +in der Nähe wohnender Bäcker dem betr. Bierverleger abkauft. Bei einem +Umsatz von etwa 1000 hl Weissbier beziffert sich der Erlös für diese +Hefe (Bärme) auf 150-200 Mark. + +Die verschiedenen skizzierten Nebengeschäfte können natürlich in allen +möglichen Kombinationen zum Flaschenbiergeschäft hinzutreten. So finden +sich beispielsweise bei einem Berliner Bierverleger Flaschenbierhandel, +Gastwirtschaft, Fassbierhandel und Kohlensäure-Niederlage zusammen. + + + Verschiedenartigkeit der Berliner Bierverlagsunternehmungen. + +Abgesehen von den verschiedenen Formen der Betriebsvereinigung ist noch +eine prinzipielle Scheidung unter den Berliner Bierverlegern +vorzunehmen. Es handelt sich dabei um den Gegensatz zwischen denjenigen +Geschäften, welche nach modernen, kaufmännischen Prinzipien geleitet +werden zu den Betrieben, welche eine solche Leitung durchaus vermissen +lassen. Zu den ersten gehören natürlich die Generalvertretungen der +auswärtigen Brauereien, soweit sie einen Flaschenbiervertrieb haben, +ausserdem aber auch eine Anzahl von Biergrosshandlungen. Wenn ihre Zahl +auch gering ist und sie gegenüber der grossen Zahl der übrigen +Bierverleger nicht in Betracht kommen, so ist es doch nötig, an dieser +Stelle eine kurze Schilderung der Art ihrer Betriebe zu geben, zumal +sich unsere weiteren Ausführungen auf denjenigen Teil der Berliner +Bierverleger beschränken sollen, welcher die typischen Merkmale des +Berliner Flaschenbierhandels an sich trägt. Der Gegensatz dieser +Geschäfte zu den übrigen Betrieben wird am besten gekennzeichnet durch +ihre Entstehungsart. Zunächst stammen sie fast sämtlich aus neuerer +Zeit. Sie richteten von vornherein ihr Hauptaugenmerk auf die +untergährigen Biere, und zwar führten sie neben den Berliner Lagerbieren +besonders auswärtige, während der Absatz von Weissbier dagegen weit +zurücktrat. Fast alle liefern das Bier auch in kleinen Gebinden, doch +kommt dieser Fassbierhandel nur als Gelegenheitsgeschäft (bei +Familienfestlichkeiten etc.) in Betracht. Bezeichnend ist auch, dass der +Absatz sich meist auf Detailkunden beschränkt, wie auch der ganze +Betrieb auf diese Art des Absatzes eingerichtet ist (keine zweispännigen +grossen, sondern kleinere einspännige Wagen, dafür aber eine grössere +Anzahl für die entsprechend grössere Anzahl von Kunden). Der Abdruck +einer Bestellkarte eines dieser Geschäfte möge das hier gesagte +illustrieren. + + Bitte mir am ...................... 1 + zu senden + + .... Fl. Englisch Porter 8 Fl. 3 Mk. + .... " Englisch Pale Ale 8 " 3 " + .... " Pfungstädter Bock-Ale 12 " 3 " + .... " Münchener Spatenbräu 15 " 3 " + .... " Nürnberger, Henninger 15 " 3 " + .... " Kulmbacher Exportbier 15 " 3 " + .... " Pilsener, Bürgerliches 15 " 3 " + .... " Grätzer, Gesundheitsbier 24 " 3 " + .... " Schultheiss-Versand 26 " 3 " + .... " Schultheiss-Märzen, hell, 26 gr. oder 30 " 3 " + .... " Bockbrauerei, hell 26 gr. oder 30 " 3 " + .... " Bock-Versand 26 " 3 " + .... " Breslauer Weizenbier 30 " 3 " + .... " Patzenhofer 26 gr. oder 30 " 3 " + .... " Weissbier, Landré, Akt.-Ges. 30 " 3 " + .... " do. grosse 15 " 3 " + 1/8 hl Lagerbier Mk. 3,-- + 1/8 hl Versandbier " 3,-- + 1/8 hl Patzenhofer " 3,50 + Nürnberger Original-Gebinde von ca. 30 Liter an + Spaten do. " " 30 " " + Löwenbräu do. " " 15 " " + Kulmbacher do. " " 25 " " + + Name: ............................. + + Wohnung: .......................... + + $Berlin$, den ....................... + + $N.B. Um pünktlich liefern zu können, ersuche höflichst Bestellungen + Tags zuvor aufzugeben.$ + + $Die Kutscher sind angewiesen, die leeren Flaschen stets mitzunehmen.$ + +Ebenso wie die Brauereien machen diese Unternehmungen oft Reklame durch +Inserate, Zeitungsbeilagen, Plakate, Zusendung von Prospekten etc., ihre +Wagen fallen durch eine gewisse Gefälligkeit des äusseren Anstrichs +sogar noch gegenüber den Brauereiwagen auf. Die Inhaber dieser Geschäfte +sind ebenso wie die Brauereivertreter meist Leute, die niemals in der +Brauerei oder im Bierverlag gearbeitet haben, sie besitzen lediglich +kaufmännische Bildung. Zu ihnen gehören auch die neuen kaufmännischen +Betriebe für den Vertrieb von Syphonbier, sowie ein oder der andere +grosse Weissbierverlag, deren Absatz im Gegensatz zu den übrigen +hauptsächlich bei der Privatkundschaft liegt. + +Innerhalb der Mehrzahl nicht kaufmännisch betriebener Geschäfte, welche +im wesentlichen die typische Form des Berliner Bierverlegers erkennen +lassen, sind Unterscheidungen nur nach der Höhe des Umsatzes zu machen. +Das Gemeinsame tritt jedoch gegenüber dieser Verschiedenheit +ausserordentlich hervor, namentlich was die Entstehung und allmähliche +Entwicklung des Geschäftes anbelangt. Die älteren Geschäfte sind +zumeist, wie ausgeführt, aus der Gastwirtschaft oder dem +Viktualienhandel entstanden; im ersteren Falle haben manche die +Gastwirtschaft als Nebengeschäft noch behalten. Die Inhaber derjenigen +Geschäfte, welche aus neuerer Zeit stammen, waren zu einem grossen Teil +früher Kutscher bei einer Brauerei oder einem Bierverleger und wagten es +dann, auf ihre Ersparnisse und den von den Lieferanten gewährten Kredit +sich stützend, einen Bierverlag zu gründen. Die Kunden wurden entweder +durch persönliche Bekanntschaft gewonnen (die Kutscher haben ja viel +mehr Gelegenheit die Kunden kennen zu lernen als die Bierverleger oder +die Brauerei selbst!) oder durch direktes Aufsuchen, man kann sagen +hausieren. Während noch Anfang der achtziger Jahre der Hauptnachdruck, +auch bei allen Neugründungen auf das Lieferungsgeschäft gelegt wurde, +ist es bei denjenigen Geschäften, welche in den letzten Jahren +entstanden, namentlich im Anfang, wesentlich anders. Die Hauptstütze des +Geschäftes bildet hier der Kleinhandel mit Bier, der Detailverkauf über +die Strasse, z. T. wird auch von der Brauerei bezogenes Frischbier +literweise verkauft. Weiterhin werden vielfach auch noch Spezereiwaren +geführt, eine Wäscherolle steht zur Verfügung der Hausfrauen, und von +aussen unterscheidet sich ein solches Geschäft von einer +Viktualienhandlung (»Grünkramkeller«) nur dadurch, dass die langen +senkrechten Tafeln, auf denen die Preise der einzelnen Biersorten +verzeichnet sind, darauf hinweisen, dass das Bier in dieser Handlung als +Verkaufsobjekt eine grössere Rolle spielt, als in den übrigen Kellern +dieses Charakters. + +Was das durchschnittliche Alter der heute bestehenden Bierhandlungen +anbelangt, so stammte von den 46 Geschäften, welche mir hierüber +Auskunft erteilten, das älteste aus dem Jahre 1849, im übrigen waren +begründet worden: + + in den Jahren 1860-1870: 5 + " " " 1870-1880: 8 + " " " 1880-1890: 12 + " " " 1890-1896: 20 + +Aus diesen Zahlen geht zunächst hervor, dass eine grosse Anzahl der +früheren Geschäfte eingegangen sein muss, denn sonst wäre es nicht zu +erklären, dass aus der so günstigen Zeit 1860-1880 nur eine geringe +Anzahl von Bierverlagsgeschäften noch bestände. Manche der Inhaber +dieser Geschäfte haben vielleicht, nachdem sie in den guten Jahren +genügend zurückgelegt hatten, ihr Geschäft aufgegeben und die +»Kundschaft« an irgend einen anderen Bierverleger verkauft; manche, +welche früher neben dem Bierverlag noch eine Gastwirtschaft betrieben, +beschränken sich heute auf letztere. Die Thatsache, dass die Mehrzahl +der heute bestehenden Bierverlagsgeschäfte aus den letzten Jahren +stammen, ist für die Umwandlung in dem Charakter des Bierverlages von +grösster Bedeutung. + + + Personalverhältnisse im Bierverlag. + + A. Thätigkeit des Geschäftsinhabers und seiner Familie. + +Die Personalverhältnisse sind abhängig von der verschiedenen Höhe und +Ausbreitung des Umsatzes. Zunächst giebt sich dies darin kund, dass in +den Geschäften mit grösserem Umsatz der Inhaber das Bier nicht mehr +selbst ausfährt, sondern seine Thätigkeit auf die Aufsicht im Geschäft +und den Verkehr mit den Kunden und Lieferanten beschränkt. Zur +Illustrierung dieser Thätigkeit ist es nötig, sich von den +Räumlichkeiten eines solchen Bierverlages eine Vorstellung zu machen. +Der meist im Kellergeschoss sich befindende Bier-Verkaufsraum enthält in +der Hauptsache Regale und Eisschränke mit gefüllten Bierflaschen, auf +dem Erdboden haben die zurückgebrachten leeren Flaschen Platz gefunden. +In den grösseren Geschäften ist ein Teil dieses Raumes abgetrennt und +als Comptoir mit den dazu gehörigen Utensilien hergerichtet; in vielen +Fällen genügt der Pultaufsatz, in dessen Innern sich die Geschäftsbücher +befinden, während die eingegangenen Rechnungen angeheftet daneben +hängen. In diesem Raum geht der Verkauf in Flaschen vor sich, werden +Reisende und Lieferanten empfangen etc. Von ihnen führen nun zwei oder +drei Stufen in diejenigen Kellerräume, in denen das Bier »abgezogen«, +d. h. auf Flaschen gefüllt wird. Diese Kellerräume sind angefüllt mit den +Bottichen, meist Zuber oder im Berliner Dialekt Zober genannt, in welche +das Weissbier von den Tonnen ausgegossen wird, ferner stehen gefüllte +und leere Fässer umher, eine Korkmaschine, Flaschenspül- und +Bierabfüllapparate oder ähnliches. Vielfach behilft man sich auch ohne +jedwede mechanischen Apparate und Maschinen, an Stelle der +Flaschenspülmaschine tritt in diesem Falle eine einfache, mit warmem +Wasser gefüllte Wanne, in welcher die Flaschen durch Ausspülen mit +Stahlschrotkörnern gereinigt werden. Den Hauptraum nehmen die Holzlagen +ein, auf denen das auf Flaschen gefüllte Bier sich befindet, welches aus +diesen Kellerräumlichkeiten in die Kästen und dann auf den Wagen +gebracht wird, um verladen und ausgefahren zu werden. + +Die Thätigkeit des Bierabziehens ist eine äusserst einfache. Sie besteht +bei dem bayrischen Lagerbier ebenso wie bei den auswärtigen »echten« +Bieren nur darin, dass es vom Fass abgelassen und in Flaschen gefüllt +wird. Eine vorsichtigere Behandlung verdient das Grätzer Bier, aber auch +nur insofern, als es je nach der Beschaffenheit und Jahreszeit 14 Tage +bis 6 Wochen lagern muss, ehe es zum Genusse reif ist. Sobald dies der +Fall ist, muss wieder für nicht zu langsamen Absatz gesorgt werden, +damit das Bier nicht verdirbt. Die grösste Sorgfalt verlangte früher der +Abzug von Weissbier und verlangt sie noch jetzt bei denjenigen +Bierverlegern, welche darauf verzichten, sich das Bier von der Brauerei +genussreif liefern zu lassen. Diese Bierverleger empfangen das Weissbier +von der Brauerei, nachdem es in deren Keller die erste Gährung +durchgemacht hat, welche die Zersetzung des Malzzuckers bewirkt, als +sogenanntes »Frischbier«. Dieses Frischbier musste der Bierverleger in +seinem Keller einer Nachgährung unterziehen, es wurde in die Zuber +gegossen und blieb dort etwa 2-3 Tage (im Winter 3-5 Tage) stehen, +während dieser Zeit setzte sich die im Biere enthaltene, schon in der +Brauerei zugesetzte Hefe ab. Nachdem sie abgefüllt worden war, wurde das +Bier in Eimer abgelassen und in einen neuen Zuber geschüttet. Der jetzt +gewonnene »reine Ausstoss« wird mit Frischbier gemischt in der Weise, +dass auf 5 Teile Ausstoss ein Teil Frischbier kommt. Das so erhaltene +Bier wird dann auf Flaschen gezogen und hat bis zur Genussreife noch +6-10 Tage zu lagern. Die meisten Bierverleger nehmen Weissbier von +mehreren Brauereien, jedes verlangt seiner Natur nach eine besondere +Behandlung, die sich namentlich auf das Mischungsverhältnis beim +sogenannten »Anstellen« mit Frischbier bezieht; auch werden vielfach die +Biere aus den verschiedenen Brauereien miteinander gemischt. Diese +Behandlung erfordert also eine gewisse Sachkenntnis und in früherer +Zeit, als alle Bierverleger das Bier noch selbst anstellten war auch die +Qualität des von den Einzelnen gelieferten Bieres sehr verschieden und +manche Bierverleger besassen wegen ihres guten Weissbieres einen +besonderen Ruf. In der Gegenwart, wo über ¾ der in Betracht kommenden +Bierverleger das Bier schon »angestellt« von der Brauerei beziehen, +hängen die Qualitätsunterschiede natürlich nur von der Art der +Herstellung in der Brauerei ab, dafür ist die dem Bierverleger +verbleibende Thätigkeit eine viel einfachere geworden, da sie sich auch +bei diesem Biere nunmehr auf das einfache Abziehen beschränkt. + +Das Nebeneinanderliegen des Detailverkaufsraumes und des Abzieh- und +Lagerkellers ermöglicht eine leichte Kontrolle seitens des +Geschäftsinhabers. Es ist ihm möglich, im Keller zu arbeiten und +gleichzeitig dem Detailverkauf vorzustehen, da er zu diesem Zwecke nur +die Thür zwischen beiden Räumen offen lassen und in den Verkaufsraum +einzutreten braucht, wenn ein Käufer kommt. So kann also auch ein +unverheirateter Mann, wenn er sich einen Kutscher hält, das Geschäft +betreiben. Die überwiegende Mehrzahl der Berliner Bierverleger ist +jedoch natürlich -- ebenso wie die Mehrzahl aller Kleingewerbetreibenden +-- verheiratet und infolgedessen in der Lage, die Familienmitglieder zur +Thätigkeit im Geschäft heranzuziehen. So liegt der Detailverkauf meist +in den Händen der Frau, die sich während der Zeit, in welcher sie in der +Wirtschaft zu thun hat, von ihren älteren Kindern vertreten lässt. Die +Mitarbeit auch der Kinder ist im Bierverlag überall Sitte, auch bei +denjenigen Bierverlegern, welche wohlhabend zu nennen sind. Oft müssen +die Kinder des Abends »fragen gehen«, d. h. zu den Grünkram- und kleinen +Kolonialwarenhändlern gehen, um zu fragen, was am nächsten Tage +gebraucht wird, da diese kleinen Geschäfte, die pro Tag ca. 20 bis 60 +Flaschen Bier verkaufen, erst am Abend feststellen können, was sie am +nächsten Tage gebrauchen werden. Auch zur Führung der Bücher pflegt der +Bierverleger seine Kinder oft zu verwenden, da seine schwere Hand des +Schreibens ungewohnt ist und er im allgemeinen ein Misstrauen dagegen +hat, einen Fremden in seine Bücher sehen zu lassen. Bei den kleineren +Geschäften tritt die Mitarbeit der Familienangehörigen, namentlich der +Frau, natürlich noch stärker hervor. Nicht nur der Detailverkauf von +Flaschenbier über die Strasse gehört zu ihren Obliegenheiten, sondern in +manchen Fällen wird es auch vorkommen, dass sie beim Bierabzug mithilft. +Namentlich dann wird dies nötig sein, wenn in dem betr. Betriebe +überhaupt kein Arbeiter beschäftigt ist, was in 12 von 46 untersuchten +Fällen vorkam. + + + B. Angestellte im Bierverlag, Arbeits- und Lohnverhältnisse. + +_Kaufmännische Hilfskräfte_. Die kaufmännisch geleiteten Geschäfte +werden wohl durchgängig kaufmännisches Personal beschäftigen, unter den +übrigen Bierverlegern kommt dies nur vereinzelt vor. Von unseren 46 +Bierverlegern beschäftigte einer einen Geschäftsführer und einen +Buchhalter ständig, ein zweiter einen Buchhalter und einen Reisenden, +zwei dauernd je einen Buchhalter, die übrigen besorgten die Buchhaltung +selbst. Im allgemeinen lässt die Art der Buchhaltung seitens der +Bierverleger viel zu wünschen übrig, sie erstreckt sich meist nur auf +die Eintragung des ausgefahrenen Bieres und auf Kontoführung für die +Kunden, dagegen werden die Lieferungen der Brauereien etc. meist vom +Bierverleger nicht besonders gebucht, ebensowenig wie vielfach Einnahmen +und Ausgaben generell eingetragen zu werden pflegen. Auch Haushaltungs- +und Geschäftskasse werden selten getrennt. Selbst unter den grösseren +Geschäften fand ich manche, die ihre Einnahmen und Ausgaben zu buchen +nicht für nötig hielten. + +_Der Arbeiter im Bierverlag_. Aus der vorher gegebenen Beschreibung des +Bierverlagbetriebes erhellt, dass wir es hier mit ungelernten Arbeitern +zu thun haben. Zwar findet man oft in Berliner Blättern Annoncen des +Inhalts: »ein Arbeiter gesucht, der schon im Bierverlag gearbeitet hat«, +doch ist dies mehr nur die übliche Form der Annonce, denn die Arbeit im +Bierverlag erfordert so wenig Kenntnisse und ist so leicht zu begreifen, +dass sie von jedem Handlanger verrichtet werden kann. Höchstens wird +durch die Gewöhnung wohl ein _schnelleres_ Arbeiten ermöglicht. Manche +Arbeiter bleiben auch Jahre hindurch im Bierverlag, doch ist es stets +nur eine bestimmte Klasse von Arbeitern, welche mit der Stellung im +Bierverlag zufrieden ist. Zunächst handelt es sich fast ausschliesslich +um ledige Leute, was damit zusammenhängt, dass die Mehrzahl der +Bierverleger von ihren Arbeitern verlangt, dass sie im Hause wohnen. Da +die an höhere Ansprüche gewöhnten Arbeiter nur in seltenen Fällen +geneigt sind, sich der Kontrolle zu unterwerfen, welche mit diesem »in +Lohn und Kost stehen« (wobei man das Wohnen beim Arbeitgeber als +selbstverständlich hinzudenkt) verbunden ist, so kann es nicht +befremden, dass die Mehrzahl der im Bierverlag beschäftigten Arbeiter +aus den Ostprovinzen (Ostpreussen, Westpreussen, Pommern, Posen) stammt, +während die übrigen Provinzen dahinter weit zurücktreten und die +westlichen fast garnicht vertreten sind. Aus den Büchern des +Arbeitsnachweises für den Verein der Berliner Bierverleger habe ich mich +über die Herkunft der dort sich meldenden Arbeiter zu informieren +gesucht und dabei Folgendes gefunden: + +Von 190 in Berlin im Bierverlag beschäftigten Personen waren geboren: + + in den Ostprovinzen 96 + " Brandenburg 34 + " Schlesien 26 + " Stadt Berlin 21 + " anderen Provinzen 13 + +Nun ist bekanntlich der Anteil der östlichen Provinzen an der Berliner +Bevölkerung ein grosser; dennoch muss es überraschen, dass _über die +Hälfte_ der hier in Betracht kommenden Arbeiter aus diesen Provinzen +stammt. Im Gegensatz hierzu steht die geringe Beteiligung geborener +Berliner. Im Jahre 1890 waren nach dem Ergebnis der Volkszählung von +1000 Einwohnern in Berlin 405 daselbst auch geboren, also 40 %, während +bei den hier genannten Arbeitern der Anteil der geborenen Berliner nur +etwas über 10 % ausmacht. + +Ueber das Alter dieser Arbeiter habe ich gleichfalls versucht, einige +authentische Angaben zu erhalten und infolgedessen aus den An- und +Abmeldebüchern verschiedener Bierverleger Auszüge gemacht. Zu Grunde +gelegt ist das Alter in dem der Betreffende die Arbeit antrat. Von 103 +Arbeitern standen danach im Alter von: + + 35-40 Jahren 3 + 30-35 " 10 + 25-30 " 30 + 20-25 " 36 + unter 20 " 24 (!) + +Der älteste der betreffenden Arbeiter zählte 39 Jahre, in der letzten +Altersklasse fanden sich zwei Arbeiter im Alter von 16 Jahren, das +Durchschnittsalter würde sich auf 23,8 Jahre belaufen. Es würde noch +geringer sein, wenn man unterscheiden wollte zwischen Kellerarbeitern +und Kutschern; denn nur unter den letzteren finden sich ältere und +verheiratete Leute häufiger. Was die frühere Beschäftigung der +betreffenden Arbeiter anlangt, so hat etwa die Hälfte schon vorher im +Bierverlag gearbeitet; die übrigen haben alle möglichen Stellungen inne +gehabt; als Hausdiener bei Fabriken oder Transportunternehmungen, +Handlanger auf Bauten etc. Auch frühere Handwerker finden sich des +öfteren unter ihnen, besonders häufig, und zwar namentlich im Sommer, +frühere Schlächter. Es lässt sich diese Erscheinung einesteils wohl +daraus erklären, dass gerade zu der Zeit, in welcher der Bierkonsum +ausserordentlich hoch ist, der Fleischverbrauch zurückzugehen pflegt, in +Berlin schon durch die grosse Anzahl derjenigen, welche verreisen. +Andererseits sehen es die _Gastwirte_, und unter ihnen natürlich auch +diejenigen, welche nebenbei Bierverleger sind, sehr gern, wenn sie +Arbeiter erhalten, die einige Kenntnis von der Schlächterei besitzen, da +sie dieselben bei verschiedenen Anlässen, z. B. bei der Abteilung von +Portionen in der Küche, ferner dann, wenn »frische Wurst« gemacht wird, +sehr gut gebrauchen können. Hinzuzufügen wäre noch, dass diese Arbeiter +nach ihrer Verheiratung gewöhnlich ihre Arbeit im Bierverlag aufgeben +und sich nach anderer Beschäftigung umsehen.[27] Da die Arbeiter im +Bierverlag zur »Ortskrankenkasse der im Gewerbebetrieb der Kaufleute, +Handelsleute und Apotheker beschäftigten Personen« gehören, so lassen +sich aus den statistischen Angaben dieser Krankenkasse, welche sich auf +sämtliche Mitglieder beziehen, natürlich keine Rückschlüsse auf die +Arbeiter im Bierverlag machen. + +_Lohnverhältnisse_. Entweder stehen die Arbeiter in Lohn und Kost und +erhalten ausserdem das _Logis_ vom Brotherrn zugewiesen, oder sie +erhalten Lohn und Kost, wohnen aber ausserhalb der Betriebsstätte, oder +endlich, sie erhalten nur Geldlohn ohne Kost[28] und Logis. Im ersteren +Falle bewegt sich der Lohn zwischen 24 bis 32 Mark monatlich (nur bei +jugendlichen Arbeitern geringer). Der zweite Fall kommt praktisch nur +für die geringe Zahl der verheirateten Arbeiter in Betracht, der +Lohnsatz beträgt hier 10-12 Mark wöchentlich. Der Lohn schliesslich +ohne Kost und Logis beläuft sich in der Regel auf 16,50 Mark pro Woche. +Allerdings kann man von einem festen Satze in keinem Falle reden, denn +bei der äusserst schwankenden Konjunktur wechselt auch das Verhältnis +von Angebot und Nachfrage und damit die Höhe der Entlohnung sehr häufig. +Im Sommer 1900 beispielsweise, als Arbeiter für den Bierverlag überhaupt +nur sehr schwer zu erhalten waren, wurden von verschiedenen +Bierverlegern neben Kost und Logis 36 Mark pro Monat gegeben, oder +_ohne_ Kost und Logis 24 Mark pro Woche. In den meisten Fällen ist dem +Bierverleger sehr daran gelegen, dass die Arbeiter bei ihm wohnen, denn +er kann sie in diesem Falle weit besser beaufsichtigen. Vielfach hat er +eine gesonderte Wohnung in dem Hause, in welchem er selbst wohnt, für +seine Leute gemietet, oder ihre Wohnräume stossen direkt an die seinen. +Die Wohnungen der Arbeiter, werden von der Frau des Bierverlegers oder +dem Dienstmädchen in Stand gehalten. Mit dem Logis bei dem Brodherrn ist +auch die Beköstigung von seiner Seite fast stets verbunden. Namentlich +wenn mehrere Arbeiter beschäftigt werden, steht sich der Bierverleger +besser dabei, als wenn er nur Geldlohn bezahlen würde, ausserdem glaubt +er aber auch hierdurch der allzu langen Ausdehnung der Mittagpausen +vorbeugen zu können. Ist es so auf der einen Seite praktische +Geschäftserwägung, welche die Bierverleger veranlasst, an diesem System +festzuhalten, so haben doch auch andererseits die Arbeiter Vorteile +davon, denn sie erhalten gutes und kräftiges Essen. Es wäre nicht +wirtschaftlich, wenn zweierlei gekocht würde und deshalb bekommt der +Arbeiter dieselbe Kost wie sein Brotgeber und dessen Familie. Allerdings +ziehen die Arbeiter trotzdem den reinen Geldlohn vor, vor allem aus dem +Grunde, weil er sie in den Stand versetzt, ausserhalb des Geschäfts +wohnen zu können und nach Feierabend ebenso wie in den Pausen zwischen +den einzelnen Mahlzeiten Gelegenheit zu erhalten, an die frische Luft zu +kommen. Ausserdem bietet das Wohnen ausserhalb der Betriebsstätte für +die Arbeiter noch den Vorteil, dass sie nicht so leicht zu Nebenarbeiten +verwendet werden können. So ist es z. B. bei manchen Bierverlegern, und +namentlich bei solchen, welche nebenbei Gastwirtschaft betreiben, Sitte, +dass einer der Arbeiter sich auch des Abends bis zum Geschäftsschluss, +der oft erst nach 10 Uhr, bei den Gastwirten noch später erfolgt, zur +Verfügung halten muss, um event. eintreffende Bestellungen aus der +Nachbarschaft erledigen zu können. Trotz der Abneigung, die so bei den +Arbeitern gegen das Wohnen beim Brotherrn herrscht, ist es dem +Bierverleger in den meisten Fällen doch gelungen, dieses durchzusetzen. +Von 34 Bierverlegern, welche Arbeiter beschäftigen, hatten nach ihren +Aussagen 21 ihre Leute in Kost und Logis, in 11 Fällen wurde nur +Geldlohn gezahlt und bei zwei Bierverlegern bestanden beide Formen der +Entlohnung nebeneinander. + +_Arbeitszeit_. Von den in Betracht kommenden 34 Bierverlegern haben 6 in +Bezug auf die Arbeitszeit mitgeteilt, dass dieselbe fest bestimmt wäre; +in den übrigen Betrieben waren Anfang oder Ende der Arbeitszeit ebenso +wie die Mahlzeitpausen nicht fest geregelt. Von den 6 Bierverlegern, +welche feste Normen in Bezug auf die Arbeitszeit eingeführt haben, geben +4 den Anfang der Arbeitszeit auf 6 Uhr morgens an, einer auf 7 Uhr, ein +anderer »im Sommer um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr«. Die Arbeit endet nach +denselben Angaben in einem Falle um 6 Uhr abends, in zwei Fällen um 7 +Uhr, in je einem um 8 bezw. 9 Uhr abends. Einer der betreffenden +Bierverleger giebt als Ende der Arbeitszeit an »5-10 Uhr abends!« Es +bedarf keiner näheren Auseinandersetzung darüber, dass eine feste +Regelung der Arbeitszeit sich am ehesten in denjenigen Betrieben +erreichen lässt, in denen die Arbeiter in Geldlohn stehen, in 5 von den +hier angeführten 6 Betrieben war dies der Fall, die Ausnahme bildete +bezeichnender Weise derjenige Bierverleger, welcher das Ende der +Arbeitszeit als »unbestimmt, zwischen 5-10 Uhr abends« angegeben hatte. +Die Unbestimmtheit der Arbeitszeit ist im übrigen Regel in allen +Bierverlagsgeschäften, »wenn viel zu thun ist, müssen die Leute eben +länger bleiben, sonst können sie gehen, sobald das Bier abgezogen ist.« +Gewöhnlich beginnt die Arbeit um 6 Uhr morgens und dauert mindestens bis +7 Uhr abends, bei geringen Unterbrechungen. In denjenigen Geschäften, +welche ihren Arbeitern Geldlohn geben, beträgt die Mittagspause 1 +Stunde, die Frühstücks- und Vesperpause je ½ Stunde; wenn die Arbeiter +in Kost stehen, sind diese Pausen nur halb so lang. Während die Arbeit +im Winter oft zeitig aufhört, wird im Sommer nicht selten bis 9 oder 10 +Uhr abends durchgearbeitet, namentlich wenn einige Tage hintereinander +die Hitze auftritt, wodurch namentlich der im Sommer besonders starke +Weissbierkonsum ausserordentlich gesteigert wird. In Zeiten günstiger +Geschäftslage pflegt überhaupt der Bierverleger hohe Anforderungen an +seine Leute in Bezug auf Leistungsfähigkeit und Ausdauer zu stellen und +würde etwaigen Forderungen der Arbeiter gegenüber in dieser Hinsicht +sehr wenig zugänglich sein. Die stereotype Antwort, namentlich bei +älteren Bierverlegern, würde lauten: »Wir haben in unserer Jugend noch +viel schwerer arbeiten müssen«. Es ist dies keine Phrase, sondern +entspricht wohl der Wahrheit, es soll früher, bis in den Anfang der +achtziger Jahre hinein, im Bierverlag vom frühen Morgen bis zum späten +Abend gearbeitet worden sein, wobei noch zu bedenken ist, dass die +Arbeit damals viel schwerer war. Denn während heute mit Glasflaschen +gearbeitet wird, deren Patentverschlüsse mit einem einzigen Fingerdruck +zum Anliegen an die Flasche, d. h. zum Verschluss zu bringen sind, hatte +man früher ziemlich unförmige Thonkruken, welche mit Korken verschlossen +werden mussten. Diese Manipulation geschah dadurch, dass die Korke +durch die Korkmaschine direkt in den Flaschenhals hineingepresst wurden, +worauf dann noch die Korke durch mehrere Bindfaden befestigt werden +mussten, was sich nicht ohne Geschicklichkeit und Anstrengung ausführen +liess. Auch der Transport dieser Kruken war viel schwieriger als das +heutige Fortbringen der Glasflaschen. Heute geschieht dieses Fortbringen +in Flaschenkästen, die genau abgemessene Fächer für jede Flasche +enthalten und so eingerichtet sind, dass sie höchstens 30 kleine +Flaschen enthalten, sodass der Kasten bequem auf die Schulter genommen +werden kann; damals hatte man grosse geflochtene Körbe mit Holzeinsatz. +Dass im übrigen eine übermässige Ausnutzung der Arbeiter nicht damit +entschuldigt werden kann, es sei früher noch schlimmer gewesen, liegt +auf der Hand. Es ist zu hoffen, dass mit der Ausbreitung des Wohnens +ausserhalb der Betriebsstätte und des reinen Geldlohnes als Lohnform +etwaige Uebelstände in dieser Hinsicht -- auf welche auch der »Vorwärts« +vor Jahren einmal hinwies -- verschwinden werden. Eine Organisation der +Arbeiter zur Erzwingung der Forderungen auf feste Arbeitszeit, Bezahlung +der Ueberstunden, Wohnen ausser dem Hause, wie sie damals der »Vorwärts« +empfahl, dürfte wohl auf erhebliche Schwierigkeiten stossen, die in dem +Mangel eines festen Zusammenhalts innerhalb dieser Schar ungelernter +Arbeiter, die bald hier bald dort ihre Dienste anbieten, begründet +liegen. + +_Die Kutscher_ nehmen eine Sonderstellung ein. In den kleineren +Geschäften wird einer der Arbeiter als Kutscher angenommen -- d. h. +soweit der Herr nicht selbst fährt --, der in seiner freien Zeit bei der +Kellerarbeit mit zu helfen hat. In den grösseren Geschäften hat der +Kutscher mit den Arbeiten im Keller nichts zu thun. Die Zahl der +verheirateten ist bei ihnen viel grösser als bei den Kellerarbeitern, +und deshalb erhalten sie meist nur Geldlohn, auch von solchen +Bierverlegern, deren übrige Arbeiter in Kost und Wohnung stehen. Von den +34 Bierverlegern, welche unter 46 überhaupt Arbeiter beschäftigen, +befanden sich 26, die eigene Kutscher hatten, darunter 10 die je 2, 4 +die je 3, und einer der 4 Kutscher beschäftigte, 10 fuhren selbst. Von +diesen 26 Betrieben zahlten 18 ihren Kutschern Geldlohn und nur in 6 +Fällen standen auch die Kutscher in Lohn und Kost. Der Lohn war im +Durchschnitt etwas höher, als derjenige, welchen die in Geld entlohnten +Arbeiter erhielten, nämlich 18-24 Mark pro Woche. In 7 Fällen wurde +ausserdem pro 3 Mark ausgefahrenes Bier noch 10 Pfg. als Gewinnanteil +ausbezahlt. Diese Gewinnbeteiligung der Kutscher ist erst neueren +Datums, sie soll zuerst von den Brauereien eingeführt worden sein. +Allerdings findet sie sich bei den Brauereien in etwas anderer Form; sie +wird nämlich nicht berechnet nach der Menge und dem Wert des +ausgefahrenen Bieres, sondern nach der Menge der zurückgebrachten leeren +Flaschen, um auf diese Weise den Kutscher anzuhalten, auch seinerseits +dafür zu sorgen, dass die Flaschen möglichst vollzählig zurückgegeben +werden. Unter den Bierverlegern ist dieses System der Gewinnbeteiligung +der Kutscher zumeist von solchen Geschäftsinhabern eingeführt, denen es +namentlich in der ersten Zeit des Bestehens ihres Betriebes darauf +ankam, neue Kunden zu erhalten und die deshalb ihre Kutscher anwiesen, +einen gewissen Hausierhandel mit Bier zu treiben. Sobald ein gewisser +Kundenkreis gewonnen war, hörte auch diese Art des Absatzsuchens auf, +die Gewinnbeteiligung erhielt sich jedoch; in den Fällen, in welchen +dieser Anteil gewährt wird, ist jedoch meist der Lohn geringer. In +manchen Fällen erhalten die Kutscher keinen bestimmten Anteil am Umsatz, +wohl aber eine Gratifikation für jeden neu gewonnenen Kunden. Zu dem +gezahlten Lohn tritt dann noch die oft nicht unbeträchtliche Summe von +Trinkgeldern hinzu, wodurch sich das Einkommen dieser Kutscher oft auf +1500-1700 Mark erhöht, während der Durchschnittssatz etwa 1300 Mark +ist. Zusammen mit den Brauereikutschern, welche zuverlässigen +Nachrichten zufolge jährlich _mindestens_ 2100-2400 Mark verdienen, +bilden sie den Nachwuchs für das Bierverlags- und Gastwirtsgewerbe, zu +dem die Mehrzahl von ihnen im höheren Alter überzugehen pflegt. + +In den hier geschilderten Arbeitsverhältnissen im Bierverlag wird eine +wesentliche Aenderung durch den Hinzutritt irgend eines der namhaft +gemachten Fälle der Betriebsvereinigung nicht bewirkt. In denjenigen, +vorläufig noch wenigen Fällen, in welchen der Viktualienhandel neben dem +Kleinhandel und Versand von Bier eine irgendwie bedeutende Rolle spielt, +ist die Thätigkeit der Frau eine ausgedehntere, ebenso werden bei der +Verbindung von Bierverlag mit Gastwirtschaft alle Familienangehörigen in +weitestem Maasse zur Mitarbeit herangezogen, da sich ihnen ja auch hier +weit mehr Gelegenheit zur Bethätigung bietet. Was die Arbeiter +anbetrifft, so stehen diese im Falle der Betriebsvereinigung mit der +Gastwirtschaft stets in _Kost_, schon aus dem Grunde, weil der Wirt oft +Mittagsgäste hat und es deshalb für ihn mit keiner Unbequemlichkeit +verbunden ist, für die Arbeiter mit kochen zu lassen. Die freie Zeit der +Arbeiter ist noch mehr beschränkt, als im Bierverlag. So muss bezw. +abwechselnd jeden Sonntag einer der Arbeiter zu Hause bleiben, um +etwaige Bestellungen aus der Nachbarschaft auszuführen, ebenso wie auch +an Wochentagen abends, worauf schon hingewiesen wurde. Es wird nach dem +hier Gesagten nicht verwunderlich erscheinen, dass für solche Geschäfte, +namentlich bei günstiger wirtschaftlicher Konjunktur Arbeiter noch +schwerer zu erhalten sind, als für den Bierverlag. + + + Der Geschäftsbetrieb im Bierverlag. + + A. Der Einkauf. + +_Die Lieferanten_. Der Eigenart seines Geschäftes nach hat der +Bierverleger nur mit wenigen Lieferanten zu thun. Da die Käufer bei den +Lagerbieren auf die Herkunft aus einer bestimmten Brauerei Gewicht legen +(man fordert Böhmisches -- Schultheiss- -- Union-Bier, indem man damit +Lagerbier aus dem Böhmischen Brauhaus, der Schultheiss- oder der +Union-Brauerei meint), so wird der Bierverleger bei grösserem Umsatz von +mehreren »bayrischen« Brauereien Bier beziehen müssen, meist kommt er +jedoch, bei dem geringen Bedarf an bayr. Bier mit einer Brauerei aus. Zu +dieser Brauerei für »bayrisches« Bier tritt hinzu der Generalvertreter +für eine der Grätzer Brauereien, ebenso der einer Münchener oder in +wenigen Fällen Pilsener Brauerei, ferner einige Weissbier-Brauereien. +Ausser mit diesen Brauereien steht der Bierverleger noch im +Einkaufsverkehr mit dem Fouragehändler, der das Futter für die Pferde +liefert, der Flaschenfabrik, welche zumeist auch die Lieferung der +Verschlüsse übernimmt, der Flaschenkästenfabrik und vielleicht dem +Korkenlieferanten, wenn für gewisse Biersorten der Korkverschluss noch +eingeführt ist, schliesslich mit einer der Firmen, welche sich mit der +Lieferung von Bedarfsartikeln für den Bierabzug und die Füllung auf +Flaschen befassen. + +_Zahlungsbedingungen gegenüber den Lieferanten_. Barzahlung bildet die +Ausnahme. Sie wird in der Regel von denjenigen Brauereien verlangt, von +denen der Bierverleger nur geringe Quantitäten bezieht. Dagegen kommt +den übrigen Brauereien gegenüber entweder die in das Belieben des +Bierverlegers gestellte, oder die monatliche, oder die Bezahlung nach +der jeweiligen Entnahme von einem »Stock« Bier in Betracht. Unter einem +»Stock« versteht man die Zahl von 20 halben Tonnen; auf einen Stock +giebt es 2-4 halbe Tonnen gratis. Es herrscht diese Bezeichnung und die +damit zusammenhängende Zahlungsart übrigens _nur beim Weissbier_; von +einem Stock bayrischen Bieres wird nicht gesprochen. Im übrigen ist +dieser Zahlungsmodus nur bei den kleineren Geschäften üblich, die +mittleren und grösseren Bierverlagsgeschäfte sehen sich einer äusserst +weitgehenden Koulanz der Brauereien gegenüber, und sind an die +Innehaltung bestimmter Zahlungsfristen nicht gebunden. In manchen Fällen +sieht es die Brauerei, wenn der Kunde ihr nur irgend welche Sicherheit +bietet, garnicht ungern, wenn auf seinem Konto eine nicht zu geringe +Summe zu Gunsten der Brauerei steht, da sie dadurch in die Lage gesetzt +ist, ihn viel fester an sich zu fesseln. Hat die Summe, welche der +Bierverleger schuldet, eine bestimmte Höhe erreicht, so lässt sich die +Brauerei einen Schuldschein darüber geben, der Bierverleger verpflichtet +sich vielfach zur Zinszahlung, oftmals aber, und das ist der springende +Punkt, lässt die Brauerei auch von dem Bierverleger einen Revers +unterschreiben, wodurch er sich weiterhin verpflichtet, wöchentlich oder +monatlich mindestens so und so viele Tonnen von der betreffenden +Brauerei zu entnehmen. In vielen Fällen wird auch gleichzeitig eine +Amortisationsquote gefordert in der Form eines Aufschlages auf jede +fernerhin gelieferte Tonne Bier; allerdings wird diese Forderung der +Amortisation nicht so häufig bei Schulden gestellt, welche aus der +Lieferung von Bier resultieren, als bei Darlehen, die oftmals schon bei +Errichtung des Geschäftes in Anspruch genommen werden, ebenso bei +Lokalmiete in einem der Brauerei gehörigen Hause. Auf diese Darlehen +ebenso wie auf die Eigenart der Kreditverhältnisse zwischen Brauerei und +Bierverlegern überhaupt ist an anderer Stelle näher eingegangen. Bei der +Lieferung von Flaschen, welche nächst den Bierlieferungen den grössten +Posten im Ausgabenkonto des Bierverlegers ausmachen, herrschen die +vorher gekennzeichneten Verhältnisse nicht, die Lieferung erfolgt hier +bei den meisten Firmen gegen 3 Monat Ziel oder 2 % Sconto. + + + B. Der Absatz des Bieres. + +Der geringen Anzahl von Lieferanten steht eine sehr grosse und +mannichfache Zahl von Abnehmern gegenüber. Dieser Kundenkreis ist +verschieden, je nachdem es sich um die vorher gekennzeichneten +modern-kaufmännischen Geschäfte oder um das Gros der übrigen +Bierverleger handelt. Jene ersteren liefern an wohlhabende Beamten- und +Kaufmannsfamilien in kleinen Quantitäten (in den meisten Fällen im +Betrage von 3 Mark). Von Kreditgewährung ist natürlich nicht die Rede, +der Kutscher hat das volle Geld für das ausgefahrene Bier abzugeben und +haftet dafür, falls er etwa in Abwesenheit der Herrschaften das Bier +ohne Bezahlung abgegeben hat. Ebenso ruhig und glatt vollzieht sich der +Verkehr der übrigen Bierverleger mit ihren Abnehmern, soweit es sich um +Privatkundschaft handelt. Anders steht es dagegen mit den +Geschäftskunden. Sie setzen sich, soweit der Absatz von Weissbier in +Betracht kommt, zusammen aus Restaurateuren, Gastwirten, Destillationen +im alten Sinne des Wortes[29], Kolonialwaren- und Grünkramhandlungen, +ferner Kantinen in grossen Fabriketablissements oder beim Militär. Bei +den Restaurateuren und Gastwirten handelt es sich um die geringe Zahl +derjenigen, welche trotz der gebotenen Erleichterung beim Abzug des +Weissbieres auch gegenwärtig auf den Selbstabzug verzichten, sei es, +dass es ihnen an den geeigneten Kellerräumen fehlt oder der Selbstabzug +bei dem geringen Absatz sich nicht lohnen würde. Dasselbe gilt von den +wenigen Cafés und Hôtels, welche Weissbier führen. Trotz der oft +geringfügigen Entnahme von Bier halten sich diese Geschäftskunden in den +meisten Fällen nicht zur Barzahlung verpflichtet, sondern verlangen, +dass der Bierverleger in gewissen Zwischenräumen sie besucht, um das +Geld selbst abzuholen, wobei er natürlich eine nicht zu geringe Zeche +machen soll. Die Kolonial- und Grünkramhandlungen pflegen sofort zu +bezahlen. Die letzteren waren früher Abnehmer oft _grosser Quantitäten_ +Braunbieres, welches die ärmeren Volksklassen aus den Grünkramkellern +holten, heute ist der Absatz von Braunbier in Flaschen aus den vorher +angeführten Gründen auf ein Minimum gesunken. Bei den Kantinen und +Konsumvereinen für Angestellte bildet die monatweise Abrechnung die +Regel; sie verlangen häufig einen sehr grossen Rabatt, zeigen sich aber +sehr koulant in Bezug auf den Ersatz von Flaschen, welche in der Fabrik +abhanden kommen oder zerbrochen werden. Mit einem gewissen Risiko ist +die Lieferung an kleinere Fabriken verbunden, in denen der Verkauf des +Bieres meist in der Hand eines dazu bestimmten Arbeiters liegt. Oft +bezahlt dieser Arbeiter bei der wöchentlich erfolgenden Abrechnung nicht +die ganze Summe, behauptet, er hätte selbst kreditieren müssen, oder er +verlässt die Arbeit; es wird ein neuer Bierverkäufer gewählt und dem +Bierverleger liegt ob, sich mit dem früheren Abnehmer, der oft +»unbekannt verzogen« ist, auseinandersetzen etc. Dazu treten die +bedeutenden Flaschenverluste, welche dadurch verursacht werden, dass die +Arbeiter häufig die Bierflaschen zum Kaffee und Schnapsholen verwenden, +sie auch mit in ihre Wohnung nehmen, wo sie im Haushalt in Gebrauch +genommen werden. Diese Missstände bewirken, dass den Bierverlegern an +der Lieferung für solche kleineren Fabriken meist wenig liegt und +vielfach beziehen diese deshalb auch ihr Bier von dem in der Nähe +wohnenden Gastwirt, bei dem sie zu verkehren gewohnt sind; die Lieferung +und Kontrolle seitens des Lieferanten regelt sich hier viel leichter, +auch können Nachbestellungen z. B. an heissen Tagen eher ausgeführt +werden. + +Die Kunden auf _Grätzer Bier_ setzen sich zusammen aus: Hôteliers, +Restaurateuren, Cafétiers und Gastwirten. Der Selbstabzug des Grätzer +Bieres ist bei den Gastwirten noch weniger verbreitet, als der des +Weissbieres; diejenigen Gastwirte, welche es führen, beziehen es deshalb +stets vom Bierverleger in Flaschen. Doch ist der Absatz an die Gastwirte +nur gering. Mehr schon wird das Grätzer Bier in den Restaurants und +Hôtels genossen; der Hauptabsatz aber entfällt auf die Berliner +Nachtcafés, welche den Treffpunkt für die Halbwelt abgeben. Ueber die +Gewohnheit der Cafétiers von möglichst vielen Lieferanten zu beziehen, +selten bar zu bezahlen, dagegen sehr oft die Kontrahierung einer grossen +Zeche zu verlangen, ehe sie die Rechnung begleichen, wird in +Bierverlegerkreisen sehr geklagt. Ebenso wie in diesen Cafés wird auch +in den Kneipen mit Damenbedienung Grätzer Bier konsumiert, in manchen +Fällen wird an solche Kneipen und Cafés auch Weissbier geliefert. +Schliesslich sei noch erwähnt, dass auch die Konditoreien für den Absatz +von Weiss- und Grätzer Bier in manchen Fällen in Betracht kommen, bei +ihnen sind die gerügten Zahlungsverhältnisse der Cafébesitzer jedoch +nicht Regel. + + + Einnahmen und Ausgaben im Bierverlage. + + A. Einnahmen. + +_Die Absatzpreise der Biere_. Die Preise sind verschieden, je nachdem es +sich um Privat- oder Geschäftskunden handelt. So lange die Brauereien +den Flaschenbiervertrieb nicht hatten, waren die Preise vom Standpunkt +der Bierverleger aus als sehr angemessene zu bezeichnen. Die Konkurrenz +der Berufsgenossen war nicht allzu drückend, und da der Markt so gross +war, dass alle genügend Absatz fanden, so hielten sie sich auf einer +gewissen herkömmlichen Höhe, von der nicht abgewichen wurde. Zum Teil +sind diese Verhältnisse noch in dem Handel mit bayrischem Bier, soweit +es sich um den Absatz an Privatkundschaft handelt, dieselben +geblieben. Wenn es den Brauereien gelungen ist, fast den gesamten +Flaschenbierhandel in Lagerbier in ihre Hände zu bekommen, so haben sie +dieses Resultat, soweit es sich um den Absatz an Privatkunden handelt, +nicht durch Preisdrückerei erzielt. Die Bierverleger gaben an +Privatkunden 32 Flaschen Lagerbier für 3 M. und mehr boten die +Brauereien auch nicht. Welche Umstände den Brauereien in diesem Kampfe +um die Privatkundschaft den Sieg verschafften, wurde schon früher +dargelegt. Ebenso ist andererseits auch der Preisschleuderei Erwähnung +gethan worden, welche demgegenüber in den Lieferungen an Fabriken, +Kantinen etc. zu Tage trat. So berichtet eine Brauerei auf eine von mir +gestellte Anfrage, dass sie an Wiederverkäufer und Kantinen 40 Flaschen +von 3/8 Liter Inhalt für 3 M. abgäbe, beklagt sich aber gleichzeitig, +dass andere Brauereien 42-50 Flaschen für 3 M. lieferten. Zum Vergleich +sei angeführt, dass die Bierverleger früher 36 Flaschen für 3 M. +lieferten. Nun stellt sich der Preis eines Hektoliters Lagerbier in +Berlin auf durchschnittlich 16 M. Gäben die Bierverleger 40 (3/8 Ltr.) +Flaschen für 3 M., so blieben ihnen bei dieser Lieferung 68 Pf. +Bruttogewinn, d. h. nur etwas über 10 pCt. Dabei zu bestehen, ist dem +Bierverleger bei seinen verhältnismässig hohen Geschäftsunkosten kaum +möglich, bei einer Ueberschreitung dieses Rabattsatzes in der erwähnten +Höhe hört natürlich jede Konkurrenzmöglichkeit für ihn auf. Verlor er +also auf der einen Seite die frühere Privatkundschaft auf bayrisches +Bier, weil das Publikum den Brauereien mehr Vertrauen entgegenbrachte, +so büsste er auf der anderen Seite seine Geschäftskundschaft ein, weil +er in Bezug auf Rabattbewilligung nicht konkurrieren konnte. Aber der +Verlust der Kundschaft auf bayrisches Bier war nicht die einzige Folge +des Eintretens der Lagerbierbrauereien in den Konkurrenzkampf. Denn +dieser Verlust führte im Zusammenhang mit der Uebernahme des +Flaschenbiervertriebs seitens einzelner Weissbierbrauereien dazu, dass +jeder Bierverleger ihn durch erhöhten Absatz von Weissbier auszugleichen +versuchte, und die Folge war ein rapides Sinken der Preise. Abgesehen +von dem einfachen Weissbier, das nur noch wenig abgesetzt und zum Preise +von 40 (1 Ltr.) Flaschen für 3 M. abgegeben wird, unterscheidet man bei +dem Weissbier zwei Sorten: Weissbier mit -- und Weissbier ohne +Wasserzusatz. Noch gegen Ende der achtziger Jahre waren die Preise für +Weissbier folgende: + + I. Qualität Privatkunden 26 Fl. für 3 M. + Geschäftskunden 30 " " 3 " + II. " Privatkunden 32 " " 3 " + Geschäftskunden 40 " " 3 " + +Heute sind die Preise im Durchschnitt folgende: + + I. Qualität Privatkunden 30 Fl. für 3 M. + Geschäftskunden 36-42 " " 3 " + II. " Privatkunden 36 " " 3 " + Geschäftskunden 45-58 " " 3 " + +Zur Berechnung der Rentabilität des Weissbierhandels muss man wissen, +dass eine halbe Tonne etwa 60-70 Ltr. enthält und durchschnittlich 6 M. +kostet. Bei dem heutigen Flascheninhalt ergiebt eine halbe Tonne etwa +160 Flaschen ohne, und 200 Flaschen mit Wasserzusatz. Nehmen wir ferner +an, ein Bierverleger hätte je zur Hälfte Privatkunden und zur Hälfte +Geschäftskunden, so würde also sein Bruttogewinn an einer halben Tonne +Weissbier sich folgendermassen berechnen: + + früher jetzt + I. Qualität 11,00 M. pro ½ t 8,00 M. + II. " 10,50 " " " " 7,50 " + +Also auch hier ist der Verdienst sehr gesunken, obwohl die Annahme, dass +der Absatz sich je zur Hälfte auf Privat- und Geschäftskunden verteilte, +noch zu günstig gegriffen ist; der Anteil der Geschäftskundschaft ist +wahrscheinlich ein weit beträchtlicherer und infolgedessen verringert +sich auch der Bruttogewinn. Auch beim Absatz von Grätzer Bier ist der +Verdienst gegen früher gesunken. Der Preis des Grätzer Bieres stellte +sich früher auf 16 M. pro hl. Die Bierverleger lieferten ihren +Privatkunden 25 Flaschen für 3 M., ihren Geschäftskunden 100 Flaschen +für 11 M. Später fiel der Preis für 100 Flaschen Grätzer Bier für die +Geschäftskunden erst auf 10 M. dann fast allgemein auf 9 M. einige +Bierverleger lieferten dann sogar 100 Flaschen für 8 M. Im Jahre 1899 +schlossen sich nun die in Grätz vereinigten Brauereien zu einem Verbande +zusammen und setzten, da sie angeblich bei einem Preis von 16 M. pro hl +Bier nicht mehr bestehen konnten, den Preis auf 18 M. pro hl fest. +Infolgedessen beschloss der Verein Berliner Bierverleger seinerseits, +mit den Generalvertretern der Brauereien in Grätz ein Abkommen dahin zu +treffen, dass sich die Vertreter der Grätzer Brauereien verpflichteten, +an keinen Bierverleger fernerhin Bier zu liefern, welcher nicht durch +Namensunterschrift erklären würde, für 100 Flaschen Grätzer Bier +mindestens 10 M. zu verlangen. Die Konventionalstrafe wurde für jede zur +Anzeige kommende und nachzuweisende Uebertretung auf 50 M. festgesetzt. +Der grösste Teil der Mitglieder des Vereins unterschrieb sofort, die +übrigen wurden ebenso wie die Nichtmitglieder dazu gezwungen, da keiner +der Vertreter ihnen weiterhin Bier lieferte. War durch die erwähnten +Preisreduktionen der Bruttogewinn pro hl allmählich von 13,30 auf +5,30-8,00 M. gefallen, so beträgt derselbe jetzt trotz der erfolgten +Preiserhöhung der Brauereien im Minimum (d. h. wenn wie vorher nur die +Rabattsätze für Geschäftskunden berücksichtigt werden) 8,60 M. pro hl, +d. h. ca. 50 pCt. Im allgemeinen wird sich aber hier durch die Lieferung +an Privatleute, denen das Grätzer Bier wohl manchmal ärztlich verordnet +wird, der Bruttogewinn erhöhen. + + + B. Ausgaben. + +1. _Flaschenverluste_. Abgesehen von den Ausgaben für das Bier selbst, +deren Höhe aus den Betrachtungen über den Brutto- und Nettogewinn im +Bierverlag zu ersehen ist, spielen die Flaschenverluste mit die grösste +Rolle bei den Ausgaben. Dieselben entstehen auf verschiedene Weise. +Einesteils werden beim Füllen des Bieres auf Flaschen, beim Reinigen und +beim Transport, manchmal vielleicht mit Mutwillen, Flaschen zerbrochen. +Anderenteils erhält der Bierverleger von seinen Kunden oft nicht die +gelieferte Anzahl zurück, sei es, dass sie in der Haushaltung in +Gebrauch genommen und zu anderen Zwecken benutzt oder beim Kunden +zerschlagen sind, sei es, dass ein Konkurrent, falls der betr. Kunde von +mehreren Geschäften Bier bezog, sich einen Teil derselben angeeignet +hätte. Die an ersterer Stelle genannten Flaschenverluste pflegen +gegenüber den letzteren in den Hintergrund zu treten und wenn in den +Fachblättern von Flaschenverlusten und Mitteln zu ihrer Abhilfe +gesprochen wird, so sind fast stets die Verluste gemeint, welche durch +Zurückbehalten der Flaschen seitens der Kunden, und durch absichtliches +oder unabsichtliches Vertauschen der Flaschen entstehen. Wenn man die +Klagen der Bierverleger über die Grösse der Flaschenverluste hört, so +möchte man dieselben für übertrieben halten. Wer jedoch Gelegenheit +gehabt hat, die hier beklagten Zustände aus eigener Anschauung kennen zu +lernen, der wird der Behauptung zustimmen müssen, dass in Bezug auf den +Missbrauch von Bier- (und auch u. a. Mineralwasser-)Flaschen in vielen +Kreisen des Publikums eine Laxheit der Ansichten herrscht, welche nicht +scharf genug verurteilt werden kann. Die Hausfrauen oder Dienstmädchen +machen sich in vielen Fällen gar kein Gewissen daraus, die Bierflaschen +zu allen möglichen Zwecken zu gebrauchen, sie holen Spiritus, Oel, +Fleckwasser etc. darin, und in der Küche prangen die dem Bierhändler +gehörenden Flaschen ganz ungeniert neben anderen Utensilien. Die +Arbeiter betrachten es als ihr selbstverständliches Recht, die +Bierflaschen zum Einholen von Schnaps oder Kaffee zu gebrauchen. Am +tollsten geht es auf den Bauten zu, da wird die Flasche oft, wenn sie +ausgetrunken ist, einfach auf den Boden geworfen, ob sie dabei entzwei +geht oder nicht, ist ganz gleichgültig, wenn der Kutscher des +Bier-Lieferanten am nächsten Tage kommt, so kann er sich die leeren +Flaschen aus allen Ecken und Winkeln des Bauplatzes zusammensuchen. Ganz +raffiniert verfahren oft diejenigen Familien, welche das Bier selbst +abziehen, indem sie solange von den Viktualienhändlern, Gastwirten oder +Bierverlegern Bier in Flaschen holen lassen, bis sie diejenige Zahl von +Flaschen »erworben« haben, welche zum Abzug nötig ist. Zerbricht später +mal eine Flasche, so wird eine dadurch ergänzt, dass zur Abwechselung +wieder einmal eine Flasche Bier beim Gastwirt etc. geholt und die leere +Flasche zurückbehalten wird. Non olet! + +Sind die hierdurch den Bierverlegern zugefügten Flaschenverluste +lediglich dem Publikum und seiner skrupellosen Auffassung vom +Eigentumsrechte zuzuschreiben, so tragen die Bierverleger an der +Vertauschung der Flaschen und etwaigen dadurch entstandenen Verlusten +selbst die Schuld. Allerdings werden Vertauschungen in manchen Fällen +vielleicht dadurch begünstigt, dass die Flaschen der verschiedenen +Lieferanten, welche an _einen_ Kunden liefern, überhaupt keinen Aufdruck +tragen und in der Form gleich sind. Diese Vertauschungen, wenn sie auch +gewiss unangenehm sind, bergen allerdings noch keine Verluste in sich, +vorausgesetzt, dass die Zahl der zurückgegebenen fremden Flaschen ebenso +gross ist, wie die der gelieferten eigenen. Oft stimmt dieses Verhältnis +allerdings nicht, und es hat den Anschein, als ob die Vertauschung nicht +durch Zufall oder Nachlässigkeit des Kunden, sondern durch ganz +bestimmte Nebenabsichten des betr. Konkurrenten herbeigeführt sei. + +Wie gross die Gesamtheit der Bierflaschenverluste aller derer ist, die +ein Flaschenbiergeschäft betreiben, erhellt aus einer Mitteilung der +Berliner »Wochenschrift für Brauerei« (Jahrgang 1900, No. 1). Diese +teilt mit, dass ein lokaler Brauereiverein (_wahrscheinlich_ der Verband +der Berliner Brauereien) in einem bestimmten mehrmonatlichen Zeitraum +eine Enquête über den Verlust von Bierflaschen anstellte. Von den +abgesetzten Flaschen kamen weniger zurück 3,37 %, beim Austausch kamen +weniger zurück 0,48 %, der Flaschenbruch bezifferte sich auf 2,51 %, der +Gesamtverlust also im Durchschnitt auf 6,05 %! Der höchste Gesamtverlust +betrug 14,23 %, der niedrigste 4,3 %! Der Durchschnittsatz von 3,37 % für +nicht zurückgekommene Flaschen wurde von acht Brauereien überschritten. +Das Maximum _dieses_ Verlustes lag bei 7,43 %, das Minimum bei 1,38 %. +Wenn auch die Verhältnisse in Bezug auf den Flaschenverlust bei den +Brauereien nicht überall die gleichen sind, wie bei den Bierverlegern, +so können doch die hier angeführten Zahlen vielleicht als +Durchschnittsziffern für die Flaschenverluste auch der Bierverleger +angesehen werden. + +Irgendwelche Maassnahmen sind bisher gegen den Flaschenmissbrauch +seitens der Berliner Bierverleger noch nicht getroffen worden. Die +Einführung des Flaschenpfandes ist in Berlin auf dieselben +Schwierigkeiten gestossen, wie in anderen Städten. Die Brauereien haben +jüngst in den gelesensten Zeitungen grosse Erklärungen abgegeben, wonach +sie jedem Flaschenmissbrauch gerichtlich entgegentreten würden. Ob diese +Erklärungen Erfolg haben werden, ist zweifelhaft, zumal die Gerichte die +Verwendung und Füllung von Bierflaschen mit anderen Flüssigkeiten etc. +bei erfolgender Anzeige in den seltensten Fällen bestrafen[30]. Gegen +die unlautere Konkurrenz von Berufsgenossen (Vertauschen und Fortnehmen +von Flaschen) hat die Mehrzahl der zum Verband deutscher Bierhändler +gehörenden Vereine bereits das Mittel der Errichtung von +Flaschen-Austauschlagern angewandt, und ist z. T. mit _Recht_ energisch +vorgegangen gegen diejenigen Bierverleger, welche ihre Beteiligung etwa +ablehnten. In Berlin ist ähnliches seitens des Vereins Berliner +Bierverleger (der auch nicht zum Verbande gehört) noch nicht geschehen. +Allerdings hat der Verein vor kurzer Zeit seinen Vorsitzenden delegiert, +in einen vom Bund der Industriellen niedergesetzten Ausschuss +einzutreten, welcher speziell die Bekämpfung des Flaschenmissbrauches +zur Aufgabe hat, und zu dem u. a. auch Vertreter des Brauerei-Verbandes, +des Vereins Berliner Weissbierwirte, des deutschen Gastwirtsverbands, +des Berliner Gastwirte-Vereins und des Verbandes deutscher +Mineralwasser-Fabrikanten gehören. Irgendwelche positiven Beschlüsse +liegen jedoch seitens des Ausschusses, der sich eben erst konstituiert +hat, noch nicht vor. + +2. _Spesen_. Es ist nötig, näher auf sie einzugehen, da sie oft nicht +unbeträchtlich sind. Wenn in Bierverlegerkreisen von Spesen gesprochen +wird, so sind damit nicht nur diejenigen Unkosten gemeint, welche +dadurch entstehen, dass die Geschäftskunden der Bierverleger oft in +längeren Zwischenräumen bezahlen und die letzteren gezwungen sind, beim +Abholen der Rechnungsbeträge grössere Zechen zu machen. Oft besteht ja +auch hierbei ein Missverhältnis zwischen dem Verdienst an der +gelieferten Ware und dem durch die Zeche gewährten Rabatt, und manche +Gastwirte besitzen eine gewisse Virtuosität darin, ihre Lieferanten bei +solchen Besuchen durch Vermittelung ihrer Kunden, anreizen zu lassen, +recht viel »zum Besten zu geben«. Die raffinierteste Form der Erzwingung +eines ausserordentlichen Rabatts von den Lieferanten besteht jedoch in +der Veranstaltung der sogenannten »Abendtische«. Man versteht darunter +Abendessen mit Weinzwang, zu denen hauptsächlich die Lieferanten +eingeladen werden, Fleischer, Bäcker, Liqueur- und Schnapslieferanten, +vor allen aber die Brauer und Bierverleger. Die Stammgäste dienen oft +nur als Dekoration, sie lassen sich in Bezug auf das Weintrinken +vielleicht noch von den Lieferanten freihalten. Gleichmässig werden +durch diese Veranstaltungen Brauer und Bierverleger getroffen. Wie tief +eingerissen diese Unsitte ist, beweist der Umstand, dass in der hier in +Betracht kommenden, »hohen Saison« (Dezember-Januar) bei den Brauereien +manchmal das Comptoirpersonal kaum ausreicht, um den Einladungen folgen +zu können. Handelt es sich um einen Kunden, der wenig braucht, so kaufen +sich wohl auch die Brauereien einfach von ihren Verpflichtungen los, +indem sie an Stelle der Entsendung irgend jemandes dem betr. Gastwirt +ein Gefäss Bier »vergüten«, dessen Grösse sich nach der Höhe des +Absatzes an den betr. Kunden richtet. Dem Bierverleger sind diese +Verpflichtungen natürlich noch drückender, da seine Lieferungen in den +weitaus meisten Fällen viel geringer sind, als diejenigen der +Brauereien. Handelt es sich um Kunden, welche Abnehmer grösserer +Quantitäten sind, so kann der Bierverleger ohne grosse Skrupel 10-20 +Mark ausgeben; als drückend, aber empfindet er die Verpflichtung, wenn +eine solche Einladung beispielsweise von einem Kunden kommt, der +vielleicht alle 2-3 Wochen einmal 100 Flaschen Grätzer Bier von ihm +bezieht! Dazu kommt, dass viele Gastwirte und Cafétiers sich an der +Veranstaltung _eines_ Abendtisches im Winter nicht genügen lassen, +sondern ihre Lieferanten mehrmals um sich versammeln, sei es zum +Wurstessen, zum Frühschoppen mit Musik, zur Geburtstagsfeier des +Inhabers (die oft zweimal im Jahre stattfindet) etc. Ebenso wie die +Brauereien, kaufen sich in solchen Fällen auch die Bierverleger manchmal +los, indem sie gleichfalls, anstatt zu erscheinen, einige Kästen oder +einen Kasten Bier gratis senden. Wenn derartige Einladungen sich +allzuhäufig wiederholen und dem Bierverleger klar wird, dass sein +Verdienst durch die von ihm verlangten Gegenleistungen fast völlig +ausgeglichen wird, so wird er auch wohl in manchen Fällen auf einen +solchen Kunden verzichten. In jedem Falle hat ein Bierverleger mit +diesen Spesen als einem ansehnlichen Posten in seinem Ausgabenkonto zu +rechnen. Welche Anteilnahme die Bierverleger dieser ganzen Frage +entgegenbringen, geht daraus hervor, dass in dem ersten Jahrgange (1899) +ihres Fachorgans nicht weniger als sechs Einsendungen aus +Bierverlegerkreisen über diese Frage sich finden, ohne dass allerdings +diskutable Vorschläge darin gemacht worden wären, wie den allseitig +erkannten Missständen entgegenzutreten sei. + +3. _Andere Ausgaben_. Neben den Flaschenverlusten und Spesen kommen für +den Bierverlag als Ausgaben noch in Betracht: die Löhne, die Miete, +Reparaturen, die Unterhaltung von Pferd und Wagen, Gewerbesteuer, +Beiträge zur Krankenkasse sowie für Alters- und Invaliditätsversicherung +der Arbeiter, schliesslich Anzeigen und Reklame. Wenn diese Ausgaben +hier lediglich aufgezählt werden im Gegensatz zu der eingehenden +Besprechung der Ausgaben für Flaschen und für Spesen, so geschieht dies +deshalb, weil sie einer näheren Erläuterung kaum bedürfen. Ueber die +Löhne ist vorher schon gesprochen worden, die Reparaturen beziehen sich +beispielsweise auf die Flaschenkästen oder die Holzlager in den +Kellereien, ferner etwaige im Keller angewandte Maschinen. Für Anzeigen +und Reklame pflegt der Bierverleger in der Regel so wenig wie möglich +auszugeben: immerhin muss er Rechnungen mit Firmenaufdruck, oft auch +Bestellkarten, ferner Etiquetten, Plakate, Preiskourante u. dergl. +führen. + + + Brutto- und Nettogewinn beim Bierverlag. + +Aus der Vergleichung des Bruttogewinns mit den skizzierten Ausgabeposten +liesse sich sehr leicht ein Gewinn- und Verlustkonto für einzelne +Umsatzhöhen konstruieren. Jedoch sind solche theoretische Konstruktionen +immer sehr angreifbar und an ihrer Stelle möge deshalb hier ein +praktisches Beispiel gesetzt werden. Es ist der Jahresabschluss eines +Bierverlags mit etwa 20000 Mark Umsatz aus dem Jahre 1899. + + _Einnahmen:_ + + Erlös aus 1200 halben Tonnen Weissbier à 12 Mark = 14400 Mark + " " 120 hl Grätzer Bier à 27 " = 3240 " + " " 32 " Bayrisch " à 27 " = 864 " + " " 20 " echtes " à 44 " = 880 " + ----------- + 19384 Mark + + _Ausgaben_. + + A. _Bierkonto_. + + 1200 halbe Tonnen Weissbier à 6 Mark = 7200 Mark + 120 hl Grätzer Bier à 16 " = 1920 " + 32 " Bayrisch Bier à 20 " = 640 " + 20 " echtes Bier à 25 " = 500 " + ------------ + (inkl. Fracht) 10260 Mark + Demnach Bruttogewinn 9124 Mark. + +Von diesem Bruttogewinn waren in Abzug zu bringen für: + + Miete 1200 Mark + Unterhalt eines Pferdes 700 " + Ergänzung an Flaschen und Verschlüssen 650 " + Reparaturen 65 " + Telephon 150 " + Reklame und Spesen 200 " + Gas, Heizung, Gewerbesteuer, Beiträge zur + Versicherung u. a. 150 " + Löhne: 1 Kutscher 1248 " + 3 Arbeiter im Durchschnitt[31] 2964 " + ---------- + 7327 Mark + Demnach Bruttogewinn 9124 " + Reingewinn 1797 " + +Zu dieser Aufstellung ist zu bemerken, dass einerseits die gewährten +Rabattpreise beim Weissbier sehr hoch waren, da sich dessen Absatz im +wesentlichen auf grosse Abnehmer verteilte, dafür genügte jedoch auch +ein Pferd und ein Wagen zur Fortschaffung des Bieres, während bei einer +Zersplitterung der Kundschaft mindestens zwei Wagen mit je einem Pferd +bespannt, in Betrieb hätten sein müssen. Im übrigen soll die Aufstellung +weniger zur Illustration des Rein- als vielmehr des Bruttogewinnes +dienen. Es ergiebt sich aus ihr beim Weissbier ein Bruttogewinn von +genau 100 %, d. h. weniger, als wir vorher angenommen hatten, was sich +aus den angegebenen Gründen erklärt, dagegen ist der Verdienst an +Grätzer Bier höher als in unserer Annahme, da in dem betr. Bierverlag +auch zu der Zeit, als der hl Grätzer Bier nur 16 Mark kostete 100 +Flaschen nicht unter 10 Mark fortgegeben wurden. Die Flaschenverluste +betrugen nur ca. 2,5 %, was ebenfalls mit der geringen Zahl der Abnehmer +zusammenhängt. Aus den Aeusserungen einer grossen Zahl von Bierverlegern +ist anzunehmen, dass der Reingewinn -- von individuellen Zufälligkeiten +abgesehen -- da, wo Weissbier und Grätzer Bier den überwiegenden Teil +des Absatzes bilden, in der Regel nicht unter 10 und nicht über 15 % des +Umsatzes beträgt. Es scheint dabei nicht, als wenn mit der Erhöhung des +Umsatzes der Reingewinn verhältnismässig höher würde: vielmehr wird ein +verhältnismässiges Steigen desselben dadurch, dass bei höherem Umsatz +der Geschäftsinhaber nicht mehr mitarbeiten kann, sondern sich auf die +Beaufsichtigung des Geschäftsbetriebes beschränken muss, ferner durch +Erhöhung der Spesen u. a. in der Regel kompensiert. + + + Der durchschnittliche Jahresumsatz der Berliner Bierverlagsgeschäfte. + +Als Maassstab können uns zwei Momente dienen: + +1. die Anzahl der im Betriebe beschäftigten Arbeiter, + +2. die Anzahl der Pferde, welche zur Fortschaffung des Bieres nötig +sind. Aus den gemachten Erkundigungen ergiebt sich nun zunächst, dass +von 46 Bierverlegern im Durchschnitt beschäftigten + + keinen Arbeiter 14 Betriebe + einen " 11 " + zwei " 8 " + drei bis vier Arbeiter 8 " + mehr als vier Arbeiter 5 " (Maximum 9 Arbeiter). + + Pferde wurden gebraucht: + + ein Pferd in 15 Betrieben + zwei Pferde in 10 " + drei bis vier Pferde in 7 " + über vier Pferde in 3 " (Maximum 6 Pferde) + ohne Pferd behalfen sich 11 Bierverleger. + +Aus diesen Angaben lassen sich allerdings keine zahlenmässig genauen +Rückschlüsse auf die Höhe des Umsatzes der einzelnen Geschäfte machen, +immerhin geben sie uns dazu gewisse Anhaltspunkte. Ich möchte auf Grund +dieser Aufstellungen die Bierverlagsgeschäfte in drei Kategorieen teilen: + +1. in solche Betriebe, welche ohne Arbeiter und ohne Pferd auskommen, + +2. in solche, welche 1 bis 2 Arbeiter beschäftigen und 1 bis 2 Wagen mit +1 bis 2 Pferden gebrauchen, + +3. in solche, welche 3 Arbeiter und darüber beschäftigen und 3 und mehr +Pferde gebrauchen. + +Man könnte diese Kategorien etwa als kleine, mittlere und grössere +Bierhandlungen bezeichnen. Ein charakteristisches Unterscheidungsmoment +werden die kleinen Geschäfte vor denen der zweiten und dritten Kategorie +haben, welche letzteren ihrer Art nach wenig von einander verschieden +sein werden. Aus dem Umstande nämlich, dass die kleinen Bierhandlungen +ohne Pferde, d. h. ausschliesslich mit einem Handwagen auskommen, geht +deutlich hervor, dass ihr Absatz sich zum grossen Teile auf den Verkauf +über die Strasse beschränkt und das Lieferungsgeschäft daneben nur eine +geringere Rolle spielt. Diese Geschäfte stammen meist aus neuerer Zeit +(unter den 11 Geschäften, welche ohne Pferd auskamen, sind 7 in den +Jahren 1890-96 gegründet), entweder hat sich das Lieferungsgeschäft +noch nicht oder doch kaum über die nächste Nachbarschaft ausgebildet, +oder sie verzichteten überhaupt darauf und beschränken sich auf den +Kleinhandel mit Bier. Als Nebengeschäft kommt für sie in allerdings nur +wenigen Fällen der Verkauf von Frischbier in Betracht, das von den +Weissbierbrauereien bezogen wird, häufiger der Spezereiwarenhandel. Der +Bierabsatz schwankt pro Tag zwischen 10 bis 40 Mark, der +Durchschnittssatz beträgt etwa 20 Mark. Ihrer ganzen Art nach erinnern +diese Geschäfte an denjenigen Viktualienhandel der ersten Jahrzehnte, +der in der Hauptsache zum Kleinhandel von Bier geworden war, nur dass +damals die Entwicklung eine zum Lieferungsgeschäft _aufsteigende_ war, +während wir es heute in diesen Geschäften mit Rückbildungen zu thun +haben, welche den Viktualienhandel zur Stütze gebrauchen, weil sie vom +Bierhandel allein nicht existieren können. + +Im Gegensatz zu den Geschäften dieser Art haben die Bierhändler der +zweiten und dritten Kategorie mehr die alte Form des Bierverlags als +Lieferungsgeschäft bewahrt. Der Verkauf über die Strasse bildet bei +ihnen nur eine Ergänzung zum Versandgeschäft; unter sich sind sie nur +durch die Höhe des Umsatzes von einander unterschieden. Diejenigen +Bierverleger, welche einen Wagen in Betrieb haben, sei es nur mit einem +oder zwei Pferden bespannt, fahren im Sommer pro Tag etwa für 40-50, im +Winter etwa für 30 Mark Bier pro Tag aus, d. h. ihr jährlicher Umsatz im +Versandgeschäft beziffert sich auf 12-15000 Mark jährlich; der +Reingewinn welchen ein solches Geschäft abwirft, ist also an sich kaum +höher als der Lohn, den die Kutscher im Bierverlag und geringer als der +Lohn, den die Brauereikutscher erhalten. Allerdings ist zu dem +Reingewinn aus dem Versandgeschäft noch derjenige aus dem Verkauf über +die Strasse hinzuzuzählen, immerhin dürfte das Einkommen eines solchen +Bierverlegers selten über 1800-2400 Mark betragen, in den meisten +Fällen aber unter diesem Satze sich bewegen. + +Was nun die Geschäfte der dritten Kategorie betrifft, so haben diese +ihren verhältnismässig hohen Umsatz verschiedenen Umständen zu +verdanken. Entweder sind es _alte_ Geschäfte, die zugleich mit dem guten +Ruf aus früheren Zeiten auch einen Stamm von Weissbierkunden behalten +haben, welcher ihnen treu geblieben ist. Oder sie werden von irgend +einer Weissbierbrauerei unterstützt, in der Weise, dass dieselbe die +Bestellungen auf Flaschenbier, welche bei ihr gemacht werden, dem +betreffenden Bierverleger zuweist; allerdings führen solche Bierverleger +nur Bier von _einer_ Weissbierbrauerei. Der Umsatz dieser Geschäfte +schwankt zwischen 20 bis 75000 Mark jährlich, der Verdienst ist also als +sehr auskömmlich zu bezeichnen. + +_Der Umsatz früher und jetzt_. Auf die Frage, wie sich der heutige +Umsatz zu dem früheren stellt, habe ich in 4 Fällen die Antwort +erhalten, derselbe sei _gestiegen_, in 10 Fällen war er _gleich +geblieben_, in 32 Fällen _zurückgegangen_. Es ist kaum nötig, darauf +hinzuweisen, dass es sich bei den ersteren Fällen meist um Geschäfte +handelt, welche in neuerer Zeit entstanden sind, während diejenigen, +welche noch aus den achtziger Jahren stammen, durchweg einen Rückgang +des Umsatzes zu beklagen hatten. + +Wie sich dieser in einzelnen Fällen gestaltet hat, davon hier einige +frappante Beispiele: Bierverleger A.[32] begründete seinen Bierverlag +1866 im Anschluss an die Gastwirtschaft, hatte anfangs der achtziger +Jahre 2 Wagen und 4 Pferde; ein Wagen fuhr nach ausserhalb, um an die +dortigen Ausschanklokale Weissbier zu liefern, der Umsatz betrug 50000 +Mark im Bierverlag jährlich. Gab 1893 das Bierverlagsgeschäft auf, +nachdem er fast alle Kunden verloren hatte, und ist jetzt nur noch +Gastwirt. -- Bierverleger B., dessen Geschäft seit 1879 besteht, hatte +früher 2 Pferde und 2 Wagen, jetzt genügt ein Handwagen, Arbeiter werden +nicht mehr beschäftigt. -- Bierverleger C. hatte früher 2 Wagen und 3 +Pferde, Umsatz 50 bis 60000 Mark, jetzt noch 1 Wagen, 1 Pferd, 20000 +Mark Umsatz. Geschäft besteht seit Anfang der sechsziger Jahre. -- +Bierverleger D. übernahm 1891 das früher von E. betriebene +Bierverlagsgeschäft. E. gebrauchte 3 Wagen und 6 Pferde und beschäftigte +12 Arbeiter. D. kommt im Sommer mit 2, im Winter mit 1 Pferd aus, er +beschäftigt noch 4 Arbeiter. Das Geschäft wäre ruiniert, wenn nicht 4 +Bataillonskantinen als Abnehmer geblieben wären. -- Bierverleger F. +beschäftigte früher 12 Arbeiter und hatte einen Absatz von 10-12000 hl +Bier jährlich, an heissen Tagen gebrauchte er 80 halbe Tonnen. Als er +starb, war nur noch ein Wagen im Betrieb, unter seiner Frau wurde der +Konkurs über das Geschäft eröffnet. -- Bierverleger G. besass Anfang der +achtziger Jahre 6-8 Pferde, bankerott seit 1895, H. früher 6 Pferde, +liess 1896 das Inventar seines Geschäfts versteigern. -- J., dessen +Geschäft seit 1882 besteht, beschäftigte 3 Arbeiter, jetzt fährt er das +Bier selbst am Vormittag aus, seine Frau und er ziehen nachmittags und +abends selbst ab, und besorgen den Verkauf über die Strasse. -- Im +Bierverlage von K. betrug der Absatz anfangs der neunziger Jahre u. a. +110 hl Braunbier, 1075 hl Weissbier, 300 hl Lagerbier, jetzt kein +Braunbier, 620 hl Weissbier, 110 hl Lagerbier. -- Bierverleger L. hatte +früher einen zweispännigen und einen einspännigen Wagen, jetzt noch +einen einspännigen. -- K., dessen Geschäft seit 1864 besteht, will jetzt +event. den Bierverlag ganz aufgeben und eine Gastwirtschaft übernehmen. +-- Bierverleger M. gab 1894 seinen seit 17 Jahren betriebenen Bierverlag +auf und lebt jetzt als Restaurateur. + +Es ist ein trauriges Bild, welches diese Stichproben aus den Notizen, +die ich mir gemacht habe, ergeben, sie liessen sich leicht verdoppeln +oder verdreifachen, aber sie genügen auch wohl so als Illustration. + + + Die Verschuldung der Bierverleger bei den Brauereien. + +Mit der äusserst gedrückten Lage der Berliner Bierverleger, welche sich +aus diesen Darlegungen ergiebt, hängt auch die übermässige Verschuldung +derselben bei den Brauereien zusammen. Diese Verschuldung kommt z. T. in +ganz eigentümlichen Formen der Kreditinanspruchnahme zum Ausdruck. Nicht +der Umstand, dass im Laufe der Jahre, bei der Unregelmässigkeit der +Bezahlung, die Schulden für geliefertes Bier oft eine abnorme Höhe +erreichen, ist das entscheidende. Oft beginnt vielmehr die Verschuldung +der Bierverleger bei der Brauerei schon in dem Augenblick, in welchem +das Geschäft überhaupt begründet wird. Selten hat der Betreffende, der +oft früher irgendwo Kutscher war, die genügenden Mittel und deshalb +wendet er sich an die Brauerei, welche dann die ganze Einrichtung +liefert: Pferd, Wagen, Flaschen, Flaschenkasten etc. Der Bierverleger +unterschreibt einen Leihkontrakt und verpflichtet sich, für jede von der +Brauerei zu entnehmende Tonne Bier einen Aufschlag von so und soviel zu +bezahlen, bis die Summe, welche die geliehene Einrichtung darstellt, +durch diese Aufschlagzahlungen (2-4 Mark pro ½ Tonne) gedeckt sei, +worauf das Inventar in seinen Besitz übergehen soll. Oft hört das +Geschäft nach wenigen Monaten auf zu existieren und es kommt überhaupt +nicht zur Uebergabe des Inventars, welche in anderen Fällen wiederum +dadurch ermöglicht wird, dass der betreffende Bierverleger nur diejenige +Brauerei pünktlich bezahlt, welche ihm das Inventar geliehen hat, +dagegen bei den übrigen das bezogene Bier schuldig bleibt. Besteht +zwischen der Brauerei und ihren Abnehmern schon ein nach Jahren +zählendes Geschäftsverhältnis, so muss sich die Brauerei darauf gefasst +machen, von ihren Kunden, und zwar den Gastwirten, in demselben Masse +wie den Bierverlegern als _der_ Kreditgeber angesehen zu werden. Will +der Bierverleger Neuanschaffungen machen, und es mangelt ihm an Geld, so +geht er zum Brauer und lässt es sich von ihm geben; wenn seine Tochter +sich verheiratet, so muss er, der Brauer, aushelfen, um die Ausstattung +zu bezahlen u. a. m. Ausser den Bierschulden haben die Bierverleger also +in sehr vielen Fällen noch private Schulden bei den Brauereien, ja +selbst in _den_ Fällen werden letztere in Anspruch genommen, wo der +Bierverleger sehr wohl das Geld auch von Anderen erhalten könnte, z. B. +bei Hypotheken. So wie die Verhältnisse heute liegen, muss eine +neugegründete Brauerei mindestens 1- bis 200000 Mark Kapital _flüssig_ +haben, um Darlehnsgesuche ihrer Kunden befriedigen zu können. Teilte mir +doch eine der kleineren Weissbierbrauereien, deren Produktion jährlich +etwa 20000 Tonnen beträgt, mit, dass sie an _zinslosen_ Darlehen allein +ca. 40000 Mark ausgeliehen habe, und der Geschäftsführer einer der +grösseren Berliner Weissbierbrauereien konstatierte, dass 7/8 +derjenigen Bierverleger, welche von der betreffenden Brauerei Weissbier +entnehmen, stark verschuldet wären. Um welche Summen es sich bei der +Kreditinanspruchnahme handelt, zeigt die Thatsache, dass die 18 Berliner +Brauerei-Aktiengesellschaften laut Bilanz vom 1. Oktober 1899 nicht +weniger als 8456000 Mark Forderungen an ihre Kunden hatten, d. h. im +Durchschnitt 469000 Mark, eine Summe, an der allerdings nicht nur die +Bierverleger beteiligt sind, sondern die sich vor allem auf die +Gastwirte, Restaurateure und Ausschanklokale bezieht (unter den 18 in +Betracht gezogenen Brauereien sind 14 für bayerisches Bier); doch würde +eine Statistik der Berliner Weissbierbrauereien in Bezug auf die +Bierverleger wohl verhältnismässig ähnliche Resultate ergeben! Nichts +ist bezeichnender für die Anschauung von der _Kreditpflicht_ der +Brauereien als eine kurze Annonce, die sich in No. 6 des »Bierverleger«, +Jahrgang 1900, findet: »Bierverleger, dem seine Brauerei nicht genügend +entgegenkommt, wünscht sich mit einer anderen leistungsfähigen in +Verbindung zu setzen.« + + + Der Versuch einer Genossenschafts-Brauerei. + +Die in den vorher gehenden Betrachtungen gekennzeichneten traurigen +Verhältnisse im Bierverlagsgeschäft waren es, welche gegen Ende der +achtziger Jahre in einer Anzahl von Bierverlegern den Plan entstehen +liessen, durch Gründung einer Genossenschaftsbrauerei dem anscheinend +unaufhaltsamen Rückgang des Geschäfts entgegenzutreten. Man hatte schon +vorher von Seiten des Vereins der Berliner Bierverleger und in der +Oeffentlichkeit versucht, gegen den Flaschenbiervertrieb der Brauereien +durch die Boykottierung derselben Stellung zu nehmen; aber die Versuche +dieser Art waren kläglich gescheitert. Einesteils war der Ring +derjenigen Brauereien, welche ihr Bier in Flaschen absetzten, zu stark, +anderenteils stand die tonangebende liberale Presse ebenso wie die +öffentliche Meinung den Versuchen der Bierverleger entweder teilnahmslos +oder direkt gegnerisch gegenüber. Die Bierverleger sahen ein, dass das +Gebiet des Flaschenbierhandels mit bayrischem Bier ihnen in absehbarer +Zeit ganz verloren gehen müsse und dass für sie nur der Absatz von +Weissbier übrig bliebe. Aber auf diesem Gebiete waren, wie schon +erwähnt, die Aussichten auf Verdienst immer geringere geworden, weil +namentlich diejenigen Bierverleger, welche vorher hauptsächlich +bayrisches Bier abgesetzt hatten, sich jetzt mit Nachdruck auf den +Absatz von Weissbier legten, durch Preisunterbietungen den übrigen +Weissbierverlegern scharfe Konkurrenz machten und sie zwangen, auch +ihrerseits mit den Preisen herunterzugehen. Unter diesen Umständen +musste der Gedanke einer Genossenschaftsbrauerei etwas Verführerisches +haben, man bezog das Bier zum Produktionspreis und konnte infolgedessen +auch bei dem Rückgang der Preise in erfolgreicher Weise mit den übrigen +konkurrieren. Im Jahre 1890 wurde die Genossenschaftsbrauerei unter dem +Namen Berliner Brauhaus E. G. m. u. H. gegründet. Man wählte die Form +der unbeschränkten Haftpflicht, um möglichst leicht Kredit erhalten zu +können. Fast durchgängig waren es alte Firmen, welche der Brauerei +beitraten; der Hauptabsatz hatte bei ihnen von vornherein auf dem +Weissbier gelegen. Dem Umfange nach würden sie sämtlich zur Kategorie +III gehören. Man berechnete in den Voranschlägen, dass die Brauerei +schon existieren könne, wenn sie nur die Genossen zu Abnehmern zähle. +Weissbier und Braunbier sollte gebraut werden. Leider bewährte sich der +theoretisch sehr gut ausgedachte Plan nicht in der Praxis. Ueber den +ersten Geschäftsjahren der Brauerei waltete ein ungünstiger Stern, und +das wurde ihr zum Verderben. Man hatte sich nicht dazu entschliessen +können, _geaichte_ Gefässe anzuschaffen, und so kam es zwischen den +»Genossen« fortwährend zu Eifersüchteleien, jeder hatte den anderen im +Verdacht, das grösste Gemäss zu erhalten und fühlte sich zurückgesetzt. +Gleichzeitig brachen Differenzen aus zwischen dem Geschäftsführer und +den Braumeistern, welche mehrmals wechselten; gleich im ersten Jahre +gingen auch mehrere der angekauften Pferde ein, und die Bilanz schloss +mit einem Verlust von ca. 9000 M. Auch in den nächsten Jahren schloss +das Gewinn- und Verlustkonto mit einer erheblichen Unterbilanz, und zwar +infolge der abnormen Steigerung der Getreidepreise, welche bekanntlich +Anfang der neunziger Jahre eine aussergewöhnliche Höhe erreichten. Die +Verluste wurden durch Umlagen bei den Mitgliedern gedeckt, und wenn es +sich auch um verhältnismässig wohlhabende Leute handelte, so wurde es +ihnen natürlich doch nicht leicht, jährlich 1-2000 M. zuzuzahlen, +anstatt eine Dividende für ihr angelegtes Kapital zu erhalten. Der +Absatz der Brauerei selbst ging nicht weit über den Kreis ihrer +Mitglieder hinaus und zwar lediglich deshalb, weil es ihr infolge +Kapitalmangels nicht möglich war, sich Kunden dadurch zu erwerben, dass +sie dieselben von ihren Lieferanten durch ein Darlehen auslöste. Es gab +viele auch unter den minder wohlhabenden Bierverlegern, welche zwar +nicht Mitglieder der Genossenschaftsbrauerei werden wollten, da sie +finanziell nicht in der Lage waren, das damit verbundene Risiko zu +tragen, die aber doch gern von der Genossenschaftsbrauerei ihr Bier +bezogen hätten, wenn sie nicht bei ihren Lieferanten infolge zu +weitgehender Kreditinanspruchnahme »festgesessen« hätten. Nach +vierjährigem Bestehen liquidierte das Berliner Brauhaus. Es schienen für +einen Rückgang der Getreidepreise keine günstigen Aussichten vorhanden +zu sein, ein Geldgeber hatte die geliehenen 30000 M. gekündigt, die +Genossen, deren Zahl übrigens auch zusammengeschmolzen war, verloren den +Mut. Das Inventar wurde versteigert, die Kundschaft wurde an eine grosse +Weissbierbrauerei verkauft; zur Deckung der vorhandenen Schulden (u. a. +musste die Miete für die Brauereiräumlichkeiten für die ganze Dauer des +Kontraktes, d. h. noch auf mehrere Jahre hinaus bezahlt werden) wurden +die Genossen mit 285 pCt. ihrer Anteile herangezogen. Ein Jahr darauf +sanken die Hopfenpreise so bedeutend (von 346,3 M. pro Doppelzentner auf +215,0 M.), dass die dadurch erzielte Ersparnis zugleich mit der aus dem +Sinken der Gerstenpreise erzielten Ersparnis genügt hätte, um eine +Unterbilanz im Durchschnitt der Geschäftsjahre nicht nur zu decken, +sondern darüber hinaus noch Dividende zu verteilen. So ist es nicht +unberechtigt, den Misserfolg dieses genossenschaftlichen Versuchs auf +das Zusammenwirken einer Reihe ungünstiger Umstände zurückzuführen, und +es wäre falsch, aus dem Misslingen dieses Versuchs irgendwie Gründe +gegen den Genossenschaftsgedanken oder seine Ausführbarkeit schlagen zu +wollen. + + + + + Ergebnisse, Schlussbetrachtungen. + + +Wenn wir die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung rückblickend +betrachten, so stehen wir vor einer Erscheinung, welche vom +nationalökonomischen Standpunkte nicht ohne Interesse ist, wenn sie +auch, im Zusammenhang mit der volkswirtschaftlichen Entwickelung der +letzten Jahrzehnte betrachtet, nichts Ueberraschendes bietet. Aus dem +kleinsten Krämerverhältnis heraus entstanden, anfangs nur als +Nebengeschäft auftretend, wird der Bierverlag im Laufe der Jahre zur +selbständigen Unternehmung. Als Zwischenglied zwischen den Brauereien +auf der einen und den Konsumenten auf der anderen Seite stehend, +übernimmt er die Funktion der Vermittelung zwischen beiden, eine +Funktion, welche der Sprachgebrauch vielfach als »Zwischenhandel« +bezeichnet, während die nationalökonomische Wissenschaft mit diesem +Worte einen anderen Begriff verbindet. Wenn wir einmal die Bezeichnung +Zwischenhandel im obigen Sinne gebrauchen wollen, so lässt sich wohl die +Behauptung aufstellen, dass ein Zwischenhandel solange berechtigt und +volkswirtschaftlich nützlich ist, als er die Verbindung zwischen +Produzenten und Konsumenten bequemer und wohlfeiler vermittelt, als es +den Produzenten selbst möglich wäre. Solange daher die Brauereien darauf +verzichteten bezw. verzichten mussten, den direkten Absatz ihrer +Produkte an die Konsumenten zu bewerkstelligen, solange konnte sich der +Bierverlag als volkswirtschaftlich berechtigter Zweig des Handels +ungehindert in günstiger Weise entwickeln. In dem Augenblick, als die +Brauereien den Versuch machten, sich des von ihnen bis dahin bedienenden +Zwischengliedes zu entledigen, kommt es für die Weiterentwicklung beider +Geschäftszweige darauf an, ob die Brauereien in der Lage sind, die +erforderlichen Leistungen mit einem geringeren ökonomischen +Kraftaufwand auszuführen und die Bedürfnisse der Konsumenten besser und +wohlfeiler zu befriedigen. Man wird zugestehen müssen, dass die +Brauereien, soweit sie den Flaschenbiervertrieb übernahmen, diese Probe +bestanden haben. In dem Augenblicke, wo die Konsumenten den +Zwischenhandel zu ignorieren begannen, sah sich dieser einer Krisis +ausgesetzt, welche sich in dem Masse verschärfte, als die Uebernahme des +Flaschenbiervertriebs durch die Brauereien fortschritt. Wahrscheinlich +hätte diese Entwicklung bereits zu einer fast völligen Ausschaltung +des Bierverlages geführt, wenn nicht als retardierendes Moment der +gekennzeichnete konservative Charakter der Weissbierbrauereien ihr +entgegengetreten wäre. Während so demnach die Bierverleger den grössten +Teil des Absatzes an Lagerbier an die Lagerbierbrauereien abgeben +müssen, bleibt ihnen der Absatz von Weissbier. Die naturgemässe +Verschärfung der Konkurrenz führt jedoch in Verbindung mit +ausserordentlichem Herabsinken des durchschnittlichen Absatzes eine +Herabsetzung der Preise und Hand in Hand damit eine ausserordentliche +Verschlechterung der Lage der Bierverleger herbei. Ein Teil früher +bestehender Geschäfte geht ein, ein anderer, der den Charakter als +Lieferungsgeschäft beibehält, sieht sich einem ausserordentlich +geminderten Absatz und Verdienst gegenüber, ein dritter Teil sucht eine +Stütze in der Anlehnung an die Gastwirtschaft, den Kleinhandel mit Bier +oder an den Viktualienhandel. Und da es gerade die neueren Geschäfte +sind, bei denen der Charakter als Lieferungsgeschäft mehr zurücktritt, +so lässt sich wohl behaupten, dass sich gegenwärtig im Bierverlagsgeschäft +eine Tendenz zu Rückbildungen in frühere Formen zeigt, welche man nach +dem Laufe der Entwicklung für überwunden hätte ansehen sollen. + +Wie die weitere Zukunft des Bierverlages sich in Berlin gestalten wird, +darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Im wesentlichen wird sie, +wie aus den vorhergegangenen Betrachtungen ersichtlich ist, von dem +Anteil abhängen, welchen der Weissbierkonsum in Berlin an dem gesamten +Bierkonsum haben wird und ferner von der Weiterentwicklung der Berliner +Weissbierbrauereien. In dem Augenblicke, wo diese ebenso allgemein, wie +gegenwärtig die Berliner Lagerbierbrauereien, den Flaschenbiervertrieb +in eigene Regie übernehmen, wäre meines Erachtens das Schicksal der +Bierverleger besiegelt, und an Stelle der heute noch bestehenden +Lieferungsgeschäfte mit grösserem Umsatz würden jene Unternehmungen der +ersten Kategorie treten, welche sich zu den Geschäften alten Stiles etwa +ebenso verhalten wie die gekennzeichneten Quetschen zu den soliden +Weissbierbrauereien. Von den Geschäften dieser Art zu jener Spezies des +Viktualienhandels, welcher nur nebenbei Bier führt und dieses nicht in +Fässern, sondern in Flaschen -- bei der von uns angenommenen +Voraussetzung also von den Brauereien -- bezieht, wäre nur noch ein +Schritt, und sobald dieser erst gethan, wäre natürlich das Ende des +Bierverlages in jeder Form besiegelt. + +Aufgabe der Bierverleger muss es von ihrem Standpunkt aus natürlich +sein, diese Entwicklung zu verlangsamen oder aufzuhalten. Der Einzelne +kann hierzu natürlich nicht viel thun, es kommt auf den Zusammenschluss, +die feste Organisation an. Unter diesem Gesichtspunkte ist es zu +bedauern, dass der Verein der Berliner Bierverleger bis heute noch nicht +dem Verbande deutscher Bierhändler angehört, vielmehr bei dem Verband +der Gast- und Schankwirte von Berlin und Umgegend Anschluss gesucht hat, +wie er ja auch laut Statut Gastwirte in seine Reihen aufnimmt. Die +Interessen der Gastwirte sind denen der Bierverleger in vielen Fällen +diametral entgegengesetzt, und ein Verein von Angehörigen beider Berufe +kann für die Interessen des einzelnen Berufszweiges -- in diesem Falle +für die Interessen der Bierverleger! -- oft nicht ungehemmt genug +auftreten. Der V. d. B. dagegen hat trotz seines erst kurzen Bestehens +bereits Beweise dafür gegeben, dass er seinem Berufe als +Interessenvertretung der Bierhändler in sachlicher und doch zugleich +energischerweise gerecht wird, wozu vor allem auch die vorzügliche +Redaktion seines Fachorgans beigetragen haben mag, in dem (1899 +begründet) fast alle bestehenden und empfundenen Missstände im +Bierverlagsberuf und etwaige Mittel zur Abhilfe in ernster sachlicher +Weise besprochen worden sind. Die Anregung, welche durch die hier +gebotenen Artikel gegeben wird in Verbindung mit den vielfachen +Versuchen der Berufsgenossen an anderen Orten würde vor allem dazu +beitragen, die Hoffnungslosigkeit zu bekämpfen, welche heute vielfach +unter den Berliner Bierverlegern herrscht und gewiss auch einen +ungünstigen Einfluss auf irgend welche Versuche zur Hebung der +bedrängten Lage ausübt. Solche Versuche liessen sich auf verschiedenen +Gebieten machen, z. B. durch gemeinsamen Einkauf von Flaschen, +Errichtung eines Flaschenaustauschlagers, gemeinsam erlassene Warnungen +gegen Flaschenmissbrauch, vor allem aber für die unabhängigen +Bierverleger: Durch einen abermaligen Versuch mit der _Gründung einer +Genossenschaftsbrauerei_, die allerdings von vornherein kapitalkräftig +genug sein müsste, um nicht aus denselben Gründen liquidieren zu müssen, +wie jene erste. Auch sonst sind die Lehren sehr wohl zu beherzigen, +welche jener erste Versuch gegeben hat. So müsste z. B. von vornherein +auf die Aichung der Fässer und gleiches Maass gesehen werden. Wird der +Genossenschaftsgedanke in _allen_ Punkten richtig erfasst, so kann der +Erfolg nicht ausbleiben und ev. auch durch geschlossenes Vorgehen +verhindert werden, dass die Weissbierbrauereien den Flaschenbiervertrieb +übernehmen. Die Ausbildung und Ausführung des Genossenschaftsgedankens +ist jedenfalls ein weit praktischeres Mittel, als eine Petition an +den Reichstag um Einführung der Konzessionspflicht für den +Flaschenbierhandel[33], die doch wahrscheinlich auch bei der heutigen +Zusammensetzung des Reichstags kaum eine Mehrheit finden würde. + +Wir sind am Schlusse unserer Betrachtungen angelangt. Vielleicht kein +Gebiet ist gerade in den letzten Jahren so oft Gegenstand der +öffentlichen Diskussion gewesen, als die Kleinhandelsfragen, sei es nun, +dass sie im Zusammenhang mit der Warenhausentwicklung oder anderen +Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens aufgetreten sind. Vielfach +wird man aber gerade in wissenschaftlichen Kreisen der Ansicht gewesen +sein, dass auf diesem Gebiete noch sehr viel Vorarbeit zu leisten ist, +ehe wir zu einem Urteil kommen können, und dass wir uns vor allgemeinen, +oft von einseitigen Gesichtspunkten ausgehenden Beurteilungen hüten +müssen. Der vorliegende Versuch der Monographie einer bestimmten Art des +Kleinhandels wird seinen Zweck erfüllt haben, wenn er einen Stein zu dem +Bau dieser Vorarbeiten geliefert hat. + +Fußnoten: + +[26] Es geht dies u. a. auch aus der verhältnismässig sehr verschiedenen +Anzahl derjenigen Geschäfte hervor, welche Fernsprechanschluss haben. +Unter den 97 Bier-Engrosgeschäften sind dies 49 (nach Abzug der +Fassbierhandlungen von 75 Biergrosshandlungen 27), von den 367 +Bierverlegern dagegen nur 21. Auch die im Handelsregister eingetragenen +Firmen finden sich nur unter der ersteren Rubrik. + +[27] Vielfach gehen sie zur Flaschenbierabteilung einer Brauerei, da +dort der Naturallohn und das Wohnen beim Brotherrn natürlich längst +abgeschafft ist. + +[28] Doch wird in allen Fällen der sogenannte Haustrunk gewährt, d. h. +die Arbeiter brauchen das im Betriebe getrunkene Bier nicht zu bezahlen. + +[29] D. h. Ausschankstätten von Branntwein, welche nur nebenbei Bier +führen. + +[30] Vgl. in dieser Hinsicht die sehr interessanten Verhandlungen des +Verbands deutscher Bierhändler. Abgedruckt in dem Verbandsorgan. Der +Bier-Verleger II. Jahrg. bes. S. 278 u. f. + +[31] D. h. es wurden im Sommer 4, im Winter nur 2 Arbeiter beschäftigt. +Die Lohnsumme ist nach den Buchungen angegeben. + +[32] Aus begreiflichen Gründen habe ich die wirklichen Anfangsbuchstaben +der betr. Namen durch fingierte ersetzt. + +[33] Wie sie u. a. auch auf dem Vertretertage des V. D. B. vorgeschlagen +wurde. + + + + + Vita. + + +Ich, Gustav Stresemann, evang. Konfession, wurde am 10. Mai 1878 als +Sohn des Biergrosshändlers Ernst Stresemann zu Berlin geboren. Von +Michaelis 1884 bis Ostern 1897 besuchte ich daselbst das +Andreas-Realgymnasium, das ich mit dem Zeugnis der Reife verliess. +Hierauf bezog ich die Universität Berlin und hörte während dreier +Semester die Vorlesungen der Herren Professoren Boeckh, Bornhak, Gierke, +Herrmann, Hintze, Jastrow, Lenz, Liesegang, Nandé, Pernice, Reinhold, +Schmoller und Wagner. Im Winter-Semester 1898 setzte ich meine Studien +in Leipzig fort und hörte während der folgenden vier Semester +Vorlesungen bei den Herren Professoren Bücher, Fricker, Friedberg, +Haepe, Pohle und Stieda. Ausserdem nahm ich an den Seminarübungen der +Herren Professoren Bücher und Fricker, sowie des Herrn Oberlehrer +Lambert teil. Allen meinen Lehrern fühle ich mich zu Danke verpflichtet +für die mir zu Teil gewordene Förderung, insbesondere Herrn Professor +Bücher dafür, dass ich in seinem Seminar zuerst systematisch arbeiten +lernte. + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Rechtschreibung +und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. + +Der vertikale Text auf beiden Seiten der Tabelle auf Seite 55 wurde +an das Ende der Tabelle gesetzt. + +Formatierung: + +Gesperrter Text wurde mit Unterstrich (_Text_) und fett gedruckter Text +wurde mit Dollarzeichen ($Text$) markiert. + +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + + S. 3: in der Nähe belegenen -> gelegenen + S. 5: In 242 Bänden von 1772-1858 -> 1858. + S. 6: in Berlin nur oberjähriges -> obergähriges + S. 7: Bevölkerung reserviert und und -> zweites 'und' überflüssig + S. 7: der vorher angebenen -> angegebenen + S. 7: Bier von den Bierschenkern -> Bierschänkern + S. 14: sie berug -> betrug + S. 20: Wiedfeld's -> Wiedfeldt's + S. 23: Bier eingeführt wurde -> wurde, + S. 23: lediglich den unterjährigen -> untergährigen + S. 25: steckt eine oder mehre -> mehrere + S. 26: 1869: 2473. -> 1869: 2473, + S. 26: 1874: 6556. -> 1874: 6556, + S. 27: Kleinbetrieben an sich, -> Kleinbetrieben an sich. + S. 29: zu ihrer Einrichtung« -> zu ihrer Einrichtung.« + S. 30: So heist -> heisst + S. 30: Errichtung vielfacher kleinen -> kleiner + S. 31: aber sie haben sicherich -> sicherlich + S. 31: dass diejenigen Familen -> Familien + S. 31: etwas höher sen -> sein + S. 31: den Berechnungen gescheht -> geschieht + S. 39: dass man nicht gezwungne -> gezwungen + S. 40: über die Entwiklung -> Entwicklung + S. 40: 1868 findet sich im im -> 1868 findet sich im + S. 50: ca. 9 % -> ca. 9 %. + S. 53: Unternehmen dienen sollen -> soll + S. 54: einem Berliner Bierverleger, -> einem Berliner Bierverleger + S. 55: .... " do -> do. + S. 55: Löwenbräu do -> do. + S. 70: zur Barzahlung verpflicht -> verpflichtet + S. 71: Hauptabsatz aber entfält -> entfällt + S. 76: bezifferte sich auf 2,51 -> 2,51 % + S. 76: betrug 14,23 -> 14,23 % + S. 79: in seinem Ausgabekonto -> Ausgabenkonto + S. 83: geht deutlich hervor- -> geht deutlich hervor, + S. 83: eines solchen Bierlegers -> Bierverlegers + S. 86: Masse wie pen -> den + S. 87: Verhältnisse im Bierverlaggeschäft -> Bierverlagsgeschäft + S. 88: Haftpflicht, um möglicht -> möglichst + S. 93: bedrängten Lage ausübt, -> bedrängten Lage ausübt. + S. 94: Ich -> Ich, + S. 94: Hierauf bezog -> bezog ich + + + + + +Transcriber's Notes: + +The original spelling and minor inconsistencies in the spelling and +formatting have been maintained. + +The text vertically aligned on both sides of the table was placed +at the end of it on page 55. + +Formatting: + +Spaced text was marked using underscores (_text_) and bold text using +the Dollar sign ($text$). + +The table below lists all corrections applied to the original text. + + p 3: in der Nähe belegenen -> gelegenen + p 5: In 242 Bänden von 1772-1858 -> 1858. + p 6: in Berlin nur oberjähriges -> obergähriges + p 7: Bevölkerung reserviert und und -> superfluous second 'und' + p 7: der vorher angebenen -> angegebenen + p 7: Bier von den Bierschenkern -> Bierschänkern + p 14: sie berug -> betrug + p 20: Wiedfeld's -> Wiedfeldt's + p 23: Bier eingeführt wurde -> wurde, + p 23: lediglich den unterjährigen -> untergährigen + p 25: steckt eine oder mehre -> mehrere + p 26: 1869: 2473. -> 1869: 2473, + p 26: 1874: 6556. -> 1874: 6556, + p 27: Kleinbetrieben an sich, -> Kleinbetrieben an sich. + p 29: zu ihrer Einrichtung« -> zu ihrer Einrichtung.« + p 30: So heist -> heisst + p 30: Errichtung vielfacher kleinen -> kleiner + p 31: aber sie haben sicherich -> sicherlich + p 31: dass diejenigen Familen -> Familien + p 31: etwas höher sen -> sein + p 31: den Berechnungen gescheht -> geschieht + p 39: dass man nicht gezwungne -> gezwungen + p 40: über die Entwiklung -> Entwicklung + p 40: 1868 findet sich im im -> 1868 findet sich im + p 50: ca. 9 % -> ca. 9 %. + p 53: Unternehmen dienen sollen -> soll + p 54: einem Berliner Bierverleger, -> einem Berliner Bierverleger + P 55: .... " do -> do. + p 55: Löwenbräu do -> do. + p 70: zur Barzahlung verpflicht -> verpflichtet + p 71: Hauptabsatz aber entfält -> entfällt + p 76: bezifferte sich auf 2,51 -> 2,51 % + p 76: betrug 14,23 -> 14,23 % + p 79: in seinem Ausgabekonto -> Ausgabenkonto + p 83: geht deutlich hervor- -> geht deutlich hervor, + p 83: eines solchen Bierlegers -> Bierverlegers + p 86: Masse wie pen -> den + p 87: Verhältnisse im Bierverlaggeschäft -> Bierverlagsgeschäft + p 88: Haftpflicht, um möglicht -> möglichst + p 93: bedrängten Lage ausübt, -> bedrängten Lage ausübt. + p 94: Ich -> Ich, + p 94: Hierauf bezog -> bezog ich + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Entwicklung des Berliner +Flaschenbiergeschäfts, by Gustav Stresemann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ENTWICKLUNG DES BERLINER *** + +***** This file should be named 33418-8.txt or 33418-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/3/4/1/33418/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
