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+The Project Gutenberg EBook of Die Entwicklung des Berliner
+Flaschenbiergeschäfts, by Gustav Stresemann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts
+
+Author: Gustav Stresemann
+
+Release Date: August 13, 2010 [EBook #33418]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ENTWICKLUNG DES BERLINER ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
+
+ DIE ENTWICKLUNG
+ DES BERLINER FLASCHENBIERGESCHAEFTS.
+
+
+
+ INAUGURAL-DISSERTATION
+
+ ZUR
+
+ ERLANGUNG DER DOKTORWÜRDE
+
+ DER
+
+ HOHEN PHILOSOPHISCHEN FAKULTÄT
+
+ DER
+
+ UNIVERSITÄT LEIPZIG
+
+ VORGELEGT VON
+
+ GUSTAV STRESEMANN
+
+ STUD. PHIL.
+
+
+
+
+ GEDRUCKT BEI R. F. FUNCKE, BERLIN SO. 16. KÖPENICKERSTR. 114
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis.
+
+
+ Seite
+
+ Vorwort V
+
+ Das Flaschenbiergeschäft und seine Entstehung 1
+
+ Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts I. Periode
+ (bis 1868) 5
+
+ Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts II. Periode
+ (1868 bis zur Gegenwart) 19
+
+ Die gegenwärtige Lage der Berliner Bierverleger 50
+
+
+
+
+ Vorwort.
+
+
+Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft ist in den letzten
+Jahrzehnten gekennzeichnet durch ein überall bemerkbares Vordringen der
+Grossunternehmung, welche die kleinen Betriebe im Handel und Gewerbe
+verdrängt. Den unleugbaren Vorteilen, welche diese Entwicklung auf der
+einen Seite den Konsumenten gebracht hat, steht als Kehrseite gegenüber
+die Vernichtung vieler, bis dahin selbstständiger Existenzen, die
+anstatt eines später, wenn auch nur durch angestrengte Arbeit zu
+erreichenden Wohlstandes, vielfach ein Zurücksinken in die Klasse der
+Lohnarbeiter erleben müssen. Die Statistik zeigt in deutlicher Weise,
+dass die Aussicht auf eine selbständige Stellung in demselben Masse
+geringer wird, wie die Zahl der Personen, auf welche ein selbständiger
+Gewerbe- oder Handeltreibender kommt, sich vergrössert. Die
+Stellungnahme zu den durch diese Entwicklung herbeigeführten
+Erscheinungen wird verschieden sein je nach dem Ausgangspunkt, den der
+Betrachtende wählt. Wer vor allem die Interessen oder auch nur das
+Selbstbestimmungsrecht der grossen Klasse der Konsumenten berücksichtigt
+wissen will, wird ihr wohlwollend gegenüberstehen, wer in der
+Vernichtung oder Verdrängung der sogenannten Mittelstandsklassen eine
+Gefahr für das Allgemeinwohl erblickt, wird sie rückhaltslos bekämpfen.
+
+In der Gegenwart hat die letztere Richtung in der Verfechtung ihrer
+Interessen sich besonders rührig gezeigt und die von ihr betriebene
+Agitation scheint nicht ohne Eindruck auf die massgebenden Kreise
+geblieben zu sein, wie u. a. das Gesetz über die Besteuerung der
+Warenhäuser erkennen lässt. Aus dem Bestreben ferner, einen Einblick in
+die Lage der Kleinbetriebe zu erhalten, sind die Erhebungen über die
+Lage des Kleinhandels hervorgegangen, welche die Handelskammer zu
+Hannover in Verbindung mit anderen Interessenvertretungen veranstaltet
+hat; allerdings ist sie über die Veröffentlichung zweier kleiner
+Bändchen nicht herausgekommen.
+
+Die vorliegende Arbeit möchte nun auch als ein Beitrag zu diesen
+Erhebungen angesehen werden. Den äusseren Anlass zu ihrer Entstehung
+gaben die vielfachen Beziehungen, welche der Verfasser mit Angehörigen
+des Brauer- und Bierverleger-Berufes in Berlin anknüpfen konnte. Sie ist
+nicht in der Absicht geschrieben für oder gegen die Zweckmässigkeit der
+sogenannten Mittelstandspolitik einzutreten, sie will vielmehr lediglich
+auf Grund einer durch praktische Bethätigung und mannigfache Erkundigung
+gewonnenen Erfahrung eine Darstellung der Lage der Berliner Bierverleger
+(Flaschenbierhändler) zu geben versuchen, eine Darstellung welche
+zugleich die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts und seine
+Ueberführung in den Grossbetrieb einschliesst. Ein gewisser Wert der
+vorliegenden Skizze liegt vielleicht darin, dass sie eine Entwicklung
+schildert, welche in mancher Beziehung eine typische genannt werden
+kann, denn ein Kennzeichen der Entwicklung zum Grossbetrieb ist
+entschieden die Ausschaltung der Zwischenglieder dadurch, dass Produzent
+und Konsument in direkte Verbindung treten, wie es sich in dem hier
+behandelten Falle zeigt.
+
+Was die Fragebogen anbelangt, von denen in der Arbeit die Rede ist, so
+erfolgte deren Ausfüllung nicht durch die betreffenden Bierverleger.
+Eine Zustellung an die einzelnen Geschäfte mit der Bitte um Auskunft
+über die darin gestellten Fragen hätte voraussichtlich gar keinen Erfolg
+gehabt. Die Erkundigungen geschahen daher durch den Verfasser auf
+mündlichem Wege und auf Grund der hierbei erhaltenen Angaben sind sodann
+die einzelnen Bogen ausgefüllt worden. Es war mir möglich, von 46
+Bierverlegern, deren Geschäfte in den verschiedensten Stadtteilen liegen
+und deren Adressen mit Absicht ganz willkürlich aus dem Adressbuch
+gewählt worden waren, detaillierte Auskünfte zu erlangen, die namentlich
+in den Ausführungen des II. Teiles vielfach zur Illustrierung und zum
+Beweise für die behaupteten Thatsachen angezogen worden sind.
+
+Wenn es mir gelungen sein sollte, die mir gestellte Aufgabe zu lösen, so
+danke ich dies vor allem der Unterstützung, welche mir seitens der
+beteiligten Kreise zu teil geworden ist. In der bereitwilligsten Weise
+sind mir sowohl aus Bierverleger- als auch aus Brauerkreisen oft ins
+Detail gehende mündliche und schriftliche Auskünfte gegeben worden, ganz
+besonders fühle ich mich dadurch dem Dozenten am Institut für
+Gährungs-Gewerbe und Sekretär des Verbandes der Brauereien von Berlin
+und Umgegend, Herrn Dr. Struve, zu Dank verpflichtet.
+
+Schliesslich ist es mir Bedürfnis, Herrn Professor Dr. Bücher dafür Dank
+zu sagen, dass er mich nicht nur zu dieser Arbeit angeregt, sondern mich
+auch während der Herstellung derselben mit Rat und That unterstützt hat.
+
+ _Leipzig_, Dezember 1900.
+
+ $Der Verfasser.$
+
+
+
+
+ I.
+
+ Das Flaschenbiergeschäft und seine Entstehung.
+
+
+Um eine Grundlage für die folgenden Ausführungen zu schaffen, wird es
+nötig sein, zunächst den Begriff des zu untersuchenden Gegenstandes
+festzulegen. Unter einem Flaschenbiergeschäft werden wir ein Unternehmen
+zu verstehen haben, welches sich mit dem Vertrieb von auf Flaschen
+gefüllten Bieren abgiebt. Zwei Formen kommen bei diesem Vertrieb
+hauptsächlich in Frage: der Verkauf über die Strasse und die auf
+Bestellung erfolgende Lieferung ins Haus. Bei letzterer Form handelt es
+sich naturgemäss um grössere Quantitäten, da sonst die Lieferung, zumal
+wenn der Kunde weit entfernt wohnt, unlohnend sein würde. Wir können
+diese Lieferung von auf Flaschen gefülltem Bier in grösseren Quantitäten
+gegenüber der allgemeinen Definition als Flaschenbierlieferungsgeschäft
+bezeichnen.
+
+Die Vorbedingung jedes Flaschenbiervertriebes ist die Möglichkeit des
+Abzuges von Bier auf Flaschen. Die Natur des Bieres ist dabei das
+Entscheidende. In Deutschland liegen in dieser Beziehung die
+Verhältnisse derartig, dass im allgemeinen zwischen untergährigem und
+obergährigem Bier unterschieden werden muss. Das untergährige Lagerbier,
+welches vornehmlich in Süddeutschland, speziell in Bayern fast
+ausschliesslich genossen wird, _kann_ auf Flaschen gezogen werden, aber
+fast allgemein ist die Ueberzeugung, dass dieses Bier »frisch vom Fass«
+weit bekömmlicher und besser ist, als das auf Flaschen gezogene. Das in
+Norddeutschland und speziell in Berlin früher allgemein, aber auch heute
+noch im grossen Masse konsumierte obergährige Bier _muss_ auf Flaschen
+gezogen werden, weil es in diesen noch eine Gährung durchzumachen hat,
+ehe es genussreif wird, eine Gährung, welche im Fass nicht vor sich
+gehen kann. Die Grundlagen für das Flaschenbiergeschäft sind also
+durchaus verschiedene, je nachdem es sich um ober- oder untergähriges
+Bier handelt. In einer Gegend, in der ausschliesslich obergähriges Bier
+genossen wird und daher der Abzug des Bieres auf Flaschen eine
+Notwendigkeit ist, wird sich auch der Verkauf über die Strasse bald
+einbürgern, und das Flaschenbierlieferungsgeschäft findet einen äusserst
+günstigen Boden. Umgekehrt wird da, wo ausschliesslich untergähriges
+Bier konsumiert wird, schon der Abzug auf Flaschen und der Verkauf von
+Flaschenbier über die Strasse auf Schwierigkeiten stossen, man wird
+vorziehen, das Bier direkt in der Wirtschaft zu verzehren, oder aber es
+in Krügen, in welche das Bier vom Fass ausgefüllt wird, holen zu
+lassen.[1] In Gegenden, in denen beide Bierarten getrunken werden, wird
+die allgemeine Einbürgerung des Flaschenbieres davon abhängig sein,
+welches Bier _zuerst_ in den Konsum eingeführt wurde. Es ist Thatsache,
+dass beim untergährigen Bier der Abzug auf Flaschen dort weniger auf
+Widerstand stösst, wo man schon vorher durch den Genuss obergährigen
+Bieres daran gewöhnt war, Flaschenbier zu geniessen. An Orten, wo das
+obergährige Bier später auftritt, ist die Rückwirkung auf die Abzugsart
+des untergährigen Bieres eine geringere.
+
+Die Gründe, welche von dem Abzuge des Bieres auf Flaschen zum Verkauf
+über die Strasse und weiterhin zum Lieferungsgeschäft führen, sind zum
+Teil durch die Natur des Aufbewahrungsgefässes gegeben. Dieselbe
+ermöglicht eine längere Haltbarkeit des Flaschenbieres und macht dadurch
+den Bezug grösserer Quantitäten überhaupt möglich; die bequeme Form der
+Flaschen erleichtert die nötige Aufbewahrung. Eine Verfälschung durch
+Neig- oder Tropfbier ist ausgeschlossen, ebenso ist ein »Schneiden« wie
+es in manchen Gastwirtschaften wohl geübt wird, beim Flaschenbier nicht
+möglich. Die Etikettierung der Flaschen gestattet dem Biertrinker eine
+Kontrolle über Herkunft des Bieres; beim direkten Bezug aus der Brauerei
+ist natürlich jeder Zweifel ausgeschlossen. Vor allem aber kommt die
+_Bequemlichkeit der Zustellung_ in Betracht. Der Flaschenbierhändler
+oder die Brauerei liefert bereitwilligst die Flaschen ohne Pfand und
+drängt nicht auf sofortige Wiedergabe. Man ist nicht an das Bier des in
+der Nachbarschaft wohnenden Gastwirts gebunden, sondern kann es dort
+bestellen, wo es einem beliebt. Die Entfernung kommt nicht in Betracht,
+da eine schriftliche oder telephonische Bestellung genügt, um innerhalb
+kurzer Zeit das Bier im Hause zu haben. Hauptsächlich fällt ins Gewicht,
+dass durch diese Zustellung das Lästige des Bierholens an sich vermieden
+wird. Den Frauen oder erwachsenen Töchtern war das Selbsteinholen des
+Bieres oft unbequem oder direkt peinlich, namentlich wenn kein
+Kolonialwarengeschäft in der Nähe war und das Bier infolgedessen aus
+einer benachbarten Gastwirtschaft oder Restauration geholt werden
+musste. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, dass durch die
+Zusendung des Bieres in Verbindung mit der ebenfalls üblich gewordenen
+Zustellung anderer Genussmittel manche Familien mit bescheidenem
+Einkommen einen Dienstboten ersparen.
+
+Neben diesen Gründen sind es dann weiter wohl hauptsächlich der manchmal
+fühlbare _Mangel einer in der Nähe gelegenen Bezugsquelle_, welcher sich
+namentlich in vornehmen Stadtgegenden zeigen wird, sowie die
+_Rabattbewilligung_ gewesen, welche speziell das Lieferungsgeschäft
+gefördert haben. Von Wichtigkeit war bei der ganzen Entwicklung des
+Flaschenbiergeschäftes, dass die _Qualität des Flaschenbieres_ ihr
+_nicht_ im Wege stand. Vom hygienischen Standpunkt aus können gegen das
+Flaschenbier keine Bedenken obwalten: denn es enthält die nämlichen
+Bestandteile, die nämliche Kohlensäuremenge wie das Fassbier. Ein
+Verderben, »Altwerden« des Bieres durch zu langes Lagern ist bei der
+Minimalgrenze, bei welcher das Bier von den Händlern schon »frei ins
+Haus« gesandt wird, so gut wie ausgeschlossen, namentlich da es ja dem
+Lieferanten bei einigermassen geregeltem Absatz leicht ist, seinen
+Kunden das Bier möglichst frisch zu liefern. Andererseits besteht
+gerade bei dem Bezug von Fassbier oft die Gefahr »nicht frisches« Bier
+zu erhalten. Die Gastwirte sind bemüht, möglichst grosse Fässer
+aufzulegen, weil sie bei dem Bezuge von Bier umso besser fortkommen, je
+grösseres Gemäss sie nehmen (eine ganze Tonne kostet weniger als 4
+Vierteltonnen) und infolgedessen lässt sich tagelanges Lagern nicht
+vermeiden. Auch liegt die Regulierung der Temperatur in den Händen des
+Empfängers, während dieselbe bei dem Bezuge von Bier vom Fass nur schwer
+ist. So dürfte ersichtlich sein, dass die _Qualität_ des Flaschenbieres
+seiner Verbreitung nicht hinderlich sein kann.
+
+Eine Thatsache lässt sich allerdings gegen den Flaschenbierversand
+anführen, die ihm vielleicht bei einem Teile der Konsumenten nicht zur
+Empfehlung gereicht: er beruht fast durchweg auf _Barzahlung_. Der
+kleine Viktualienhändler, der das Bier selbst erst in Flaschen vom
+Bierhändler bezieht, mag seinen Kunden, die bei ihm neben anderen Waren
+auch Bier holen, Kredit gewähren, ebenso der Kolonialwarenhändler und
+der Gastwirt. Sie alle haben Gelegenheit, sich über die Kreditwürdigkeit
+ihrer Kunden näher zu unterrichten, sie vielleicht täglich zu sehen und
+wenden deshalb nichts dagegen ein, wenn vom 20. des Monats oder von der
+Mitte der Woche ab »angeschrieben« und nach Empfang des Gehaltes oder
+des Lohnes gezahlt wird. Der Bierhändler, der in den meisten Fällen den
+Kunden nur dem Namen nach kennt, kann sich hierauf natürlich nicht
+einlassen, wenigstens nicht, soweit es sich, wie in diesen Ausführungen,
+um Privatkunden handelt. Geht dem Flaschenbiergeschäft hierdurch auf der
+einen Seite ein Teil der Kundschaft verloren, so trägt doch andererseits
+das Prinzip der Barzahlung auch zu seiner Konsolidierung bei.
+
+Fußnoten:
+
+[1] Es kommt hierbei noch besonders in Betracht, dass infolge des
+stärkeren Bierkonsums in Süddeutschland und weil die süddeutschen
+Bierwirtschaften meist nur _eine_ Sorte Bier zu führen pflegen, die
+Wirtschaften pro Tag mehrere Gefässe ausschänken und infolgedessen das
+Bier meist frisch ist. In Norddeutschland dagegen, beispielsweise in
+Berlin, dauert bei den meisten Gastwirtschaften der Ausschank eines
+Hektoliters mehrere Tage, währenddessen steht das Bier unter
+Kohlensäuredruck, um es »frisch« zu erhalten. Hier ist also das
+Flaschenbier kein »Notbehelf« sondern wird von manchen direkt aus
+ästhetischen Gründen vorgezogen.
+
+
+
+
+ II.
+
+ Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts.
+
+ I. Periode (bis 1868.)
+
+
+Mit der Thatsache, dass bis in die ersten Jahrzehnte unseres
+Jahrhunderts hinein in Berlin nur obergähriges Bier produziert wurde
+erübrigt sich die Aufgabe, die _Entstehung_ des _Flaschenbiergeschäfts_
+für Berlin zu begründen. Schon Krünitz[2] erwähnt im fünften Bande
+seiner Encyklopädie in dem Artikel über das Bier, der nebenbei bemerkt
+287 Seiten umfasst, »das Weissbier wird in Berlin _selten vom Fass_
+verkauft, sondern insgemein an die Bierschänker abgeliefert und von
+diesen auf Bouteillen gezogen«. Bei der hier erwähnten Ausnahme handelt
+es sich wahrscheinlich um das Koffent von dem Professor Holtze in seiner
+Skizze »Berlin vor zwei Menschenaltern« schreibt: »Der gemeine Haustrunk
+war ein mattherziges Weiss- oder Braunbier, die Quartflasche zu 1
+Silbergroschen. Ein noch viel wohlfeileres und viel dünneres Getränk gab
+es in dem südlichen Teile der Wilhelmstrasse und gewiss auch anderwärts
+unter dem Namen Koffent. Wenn der Koffent, über dessen Geschmack und
+Wirkungen ich nicht mitreden kann, vom Fass gezapft wurde, wie ich mich
+zu erinnern glaube, _so war es das einzige Bier, welches in anderer
+Gestalt als in Flaschen aus dem Keller kam_.« In welcher Weise der
+Koffent mit dem Weissbier verwandt und wie es möglich war, ihn vom
+Fasse zu verzapfen, oder ob es sich bei den hier von Krünitz und Holtze
+in allerdings sehr unbestimmter Form ausgesprochenen Beobachtungen um
+eine Art Frischbierverkauf (vgl. sp. S. 57) handelte, soll an dieser
+Stelle nicht näher untersucht werden, zumal ja aus beiden Aeusserungen
+hervorgeht, dass der Koffent nur eine geringe Rolle unter den Berliner
+Bierarten gespielt hat. Wenn wir von dem Koffent absehen, so bleibt also
+die Thatsache bestehen, dass bis weit in unser Jahrhundert hinein in
+Berlin nur obergähriges Bier produziert wurde, das, wie es bei Krünitz
+heisst, »auf Bouteillen« gezogen wurde. Die Produktion lag im
+achtzehnten Jahrhundert in Berlin, wie auch sonst in Brandenburg, in den
+Händen der Brauberechtigten, d. h. die Braugerechtigkeit war als
+Realrecht mit gewissen Grundstücken verbunden. Geschah das Brauen
+zunächst in den Häusern selbst, so wurden später, angeblich aus
+feuerpolizeilichen, vornehmlich aber wohl aus fiskalischen Gründen
+eigene Brauhäuser vom Magistrat errichtet, in denen die Bürger reihum
+brauten. Doch machten gegen den Anfang unseres Jahrhunderts viele
+Brau_eigner_ -- wie sie im Adressbuch bezeichnet wurden -- von ihren
+Braurechten keinen Gebrauch mehr, noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts
+wurden in Berlin 426 Braustellen gezählt, im Jahre 1800 war ihre Zahl
+schon auf 85 gesunken. In dem Jahrzehnt zwischen 1770 bis 1780 verliert
+die Brauerei den ihr bis dahin eigenen Charakter eines Nebengewerbes und
+tritt als alleiniges Gewerbe ohne Berufsvereinigung auf, wenigstens
+ergiebt die Statistik in diesen Jahren zum ersten Mal, dass die Zahl der
+im Brauereigewerbe beschäftigten Personen _grösser_ ist, als die der
+Braueigner, während früher beide Zahlen mit einander stets
+übereinstimmten.[3] Die älteste von den noch heute bestehenden
+Brauereien, die Weissbierbrauerei von Albert Bier, führt ihre Gründung
+auf das Jahr 1792 zurück. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit
+verschwindet das Eigenbrauen nach und nach vollständig und das
+Brauereigewerbe entwickelt sich in ungehinderter Weise.
+
+Mit dem Vorherrschen des obergährigen Bieres war nun zunächst der
+Flaschenbierhandel in der Form des Verkaufs über die Strasse verbunden.
+Wenn das Bier von den Bierschänkern auf »Bouteillen« gezogen wurde, so
+wird es nicht nur in der Wirtschaft zum Ausschank gekommen, sondern auch
+von den Bürgersleuten zum Teil zu Hause getrunken worden sein.
+Wahrscheinlich war dieser Absatz zunächst nicht gross, da es nach den
+Schilderungen, die wir über das Berlin des vorigen Jahrhunderts
+besitzen, den Anschein hat, als ob der Hauptabsatz des Bieres in den
+Gastwirtschaften lag und das Bier überhaupt mehr für die _männliche_
+Bevölkerung reserviert und noch nicht in dem Masse wie heute als
+tägliches Genussmittel in die Familie eingedrungen gewesen wäre.
+Immerhin bleibt auch dann für den Verkauf über die Strasse noch eine
+andere Art der Bierverwendung übrig, nämlich der Zusatz von Bier zu
+Biersuppen, ferner zum Karpfenkochen, wovon übrigens auch schon Krünitz
+berichtet.
+
+Frühzeitig fand nun in Berlin schon ein Import von allerlei Bieren
+statt, aus verschiedenen Teilen der Mark, ebenso wie aus Pommern (bes.
+Stettin), und im Jahre 1711 findet man in der Jahresrechnung der
+Steuerbehörde schon 52 Sorten fremder Biere, die in 40464 Tonnen zum
+Ausschank kamen; kurze Zeit darauf sind es gar 72 Sorten geworden,
+während später dieser Import wieder auf ca. 20000 Tonnen herabsank. Ob
+sich unter den eingeführten Sorten auch untergährige Biere befanden,
+lässt sich schwer feststellen, überwiegend waren wohl die eingeführten
+Biere auch obergährig. Für den Fall, dass auch untergährige Bierarten
+mit eingeführt wurden, lässt sich als sicher annehmen, dass auch bei
+diesem Bier der Abzug auf Flaschen oder Kruken sich eingebürgert hat, da
+die Berliner durch das Weissbier an den Genuss von Bier in der Form von
+Flaschenbier gewohnt waren.
+
+In welcher Weise sich nun der Verkauf über die Strasse erweitert hat,
+welche der vorher angegebenen _allgemeinen_ Gründe für die Entwicklung
+des Berliner Flaschenbierversandgeschäftes besonders massgebend gewesen
+sind, dass lässt sich bei dem vollständigen Mangel an irgendwelchem
+Material weder nachweisen noch konstruieren. Thatsache ist jedenfalls,
+dass wir schon sehr früh authentische Nachrichten über das Bestehen
+eines Flaschenbierhandels haben und zwar durch folgende, der Vossischen
+Zeitung entnommene Inserate:
+
+Aus dem Jahrgang 1820:
+
+ Stettiner Doppelbier von A. Bergemanns Erben ist in Gefässen und
+ Flaschen in deren Niederlage zu haben. R. Bettge, Gertraudt- u.
+ Rossstr.-Ecke. Lautersack, Jägerstr. 52.
+
+ Stettiner Bier in grossen und kleinen Gebinden, in Quart und
+ Flaschen zu haben bei G. C. Elgeti.
+
+ Porter Bier à Fl. 6 Gr. »bei mehreren Flaschen billiger«.
+ Friedrichsgracht 60.
+
+Diese Anzeigen bedeuten nur eine Stichprobe und liessen sich leicht
+vervielfachen. Während in ihnen zunächst nur die vage Ankündigung »in
+Partieen billiger«, »bei mehreren Flaschen Rabatt« sich findet, geben
+spätere Anzeigen darüber genauere Angaben:
+
+ 1823. Bergemanns Stettiner Doppelbier, die grosse Flasche 5 Gr. 10
+ gr. Fl. für 1 2/3 Thl. ferner Süssrahmbutter empfiehlt Dittmann,
+ Zimmerstr. 78.
+
+ 1828. Wir liefern 22 Fl. à 3/8 oder 12 Fl. à ¾ Quart für 1 Thlr.
+ und senden es jedem frei in seine Wohnung. Ostermann & Co.,
+ Spandauerstr. 29.
+
+Ein anderer Bierhändler führt mehrere Biersorten und empfiehlt in seiner
+Anzeige aus dem Jahre 1836: Bayrisches Felsenkeller-Bier, Grünthaler,
+Ale und Porter; schon 6 Jahre früher, 1830, findet sich eine Annonce,
+welche speziell auf Wiederverkäufer berechnet ist:
+
+ Den Herren _Gastwirten_ und _Restaurateuren_ liefere ich frei ins
+ Haus: für 1 Thlr. 18 ¾ Fl. auch 42 2/8 Fl.; die To. zu 7 Thlr.
+ Einfach-Bier To. 3 Thlr., bei mehreren To. billiger. Niederlage bei
+ Ostermann, Brüderstr. 7, Philipson, Poststr. 1.
+
+Es ist diesen Anzeigen eines gemeinsam: fast durchweg empfehlen sie
+auswärtige Biere, es wird Stettiner, Kottbuser, Potsdamer,
+Fürstenwalder, Augsburger, Crossener und Köstritzer Bier empfohlen,
+daneben Porter und Ale. Jedoch wäre es falsch, aus dieser Thatsache
+folgern zu wollen, dass das Flaschenbierlieferungsgeschäft sich zuerst
+bei den auswärtigen Bieren eingebürgert hätte. Auch in den Zeiten, als
+das Flaschenbierlieferungsgeschäft längst eine grössere Bedeutung
+erlangt hatte, wird man vergebens nach Anzeigen suchen, welche das
+Berliner Weissbier empfehlen. Wenn in diesen frühen Jahren und auch
+später in den Annoncen nur von auswärtigen Bieren die Rede ist, so
+beweist dies nur, dass diese Biere zu ihrer Einführung fortgesetzter
+Reklame bedurften, während die Weissbierlieferungsgeschäfte eine solche
+für unnötig hielten. Auf der anderen Seite lässt die zum Teil intensive
+Benutzung der Reklame seitens der Niederlagen für auswärtige Biere auch
+einen Schluss auf ihre kaufmännische Ueberlegenheit zu.
+
+Zu gleicher Zeit geben diese Anzeigen aber auch nach einer anderen
+Richtung hin wertvolle Fingerzeige; sie lassen in Verbindung mit anderen
+Quellen erkennen, wie es in Berlin in jenen Jahren mit den
+Bierverhältnissen überhaupt bestellt war. Was zunächst den Konsum von
+Bier ausser dem Hause anbetraf, so konnte er geschehen beim Gastwirt
+(auch Bierschänker genannt), im Restaurant und im Café oder Kaffeehaus.
+Dabei war die Bedeutung dieser Bezeichnung eine ähnliche wie heute:
+unter Restaurant verstand man ein Lokal für das bessere Publikum, die
+Verabreichung warmer Speisen bildete bei ihm, im Gegensatz zur
+Gastwirtschaft die Regel. Im Café erhielt man ausser dem Getränk, von
+welchem der Name des Betriebes sich herleitet meist nur Bayrische oder
+»echte« Biere. Vielfach scheint in diesen Café's weibliche Bedienung
+vorgewaltet zu haben, denn in dem Inseratenanhang des Berliner
+Adressbuches findet sich in diesen Jahren bei einer Annonce die
+vielsagende Ueberschrift: Wo findet man ein Café mit gutem bayrischen
+Bier _ohne_ weibliche Bedienung? welche Frage vom Fragesteller dann in
+beruhigender Weise beantwortet wird. Das Kaffeehaus trägt einen
+gemütlicheren Charakter, es verhält sich zum Café etwa wie der Gasthof
+zum Hotel, das feinere giebt der Deutsche natürlich durch den
+französischen Ausdruck wieder! Im Kaffeehaus gab es auch Weissbier, wie
+aus einer Annonce in dem Jahrgang 1829 der Vossischen Zeitung
+hervorgeht. Zum Teil besassen auch die Viktualienhändler die
+Ausschankgerechtigkeit für Bier, wenigstens kann man es nicht anders
+verstehen, wenn es im Adressbuch unter dem Branchenverzeichnis heisst:
+Bierschänker s. a. Viktualienhändler. Schliesslich erhielt man Bier
+auch in den Hotels und Gasthöfen, wenn auch deren Betriebsvereinigung
+mit der Restauration wohl noch nicht so allgemein geworden war, wie
+heute. In den Konditoreien dagegen, die gegenwärtig fast sämtlich Bier
+führen, manche sogar »vom Fass«, scheint man bis in die vierziger Jahre
+hinein kein Bier erhalten zu haben. Destillation bedeutet damals noch
+einen reinen Branntweinausschank, der erst später mit dem Bierausschank
+vereinigt wurde, sodass noch heute für ein Lokal, in dem neben Bier auch
+Schnaps ausgeschänkt wird, die Bezeichnung »Destillation« gebräuchlicher
+ist als Gastwirtschaft.
+
+Was die Zahl der hier angeführten Geschäfte anbelangt, so gab es in
+Berlin 1840 etwa 80 »Cafétiers und Restaurateure« und 380 Schankwirte,
+1850 dagegen 450 Cafétiers und Restaurateure und 700 Schankwirte, die
+Zahl der Viktualienhändler betrug 1840 etwa 700, 1850 gegen 1000. Doch
+sind letztere Zahlen für uns ohne Wert, da wir nicht wissen, wie viele
+Viktualienhändler Bierausschank betrieben. In einem Aufsatz, der in der
+Wochenschrift für Brauerei veröffentlicht wurde,[4] werden bereits für
+das Jahr 1825 984 Speise- und Schankwirte gezählt, allerdings erwähnt der
+Verfasser, dass deren Zahl während der nächsten Jahre fortdauernd
+zurückgegangen wäre.
+
+Für den Flaschenbierhandel kommen diese Geschäfte -- mit Ausnahme der
+Cafés und wohl auch der Hotels -- insofern in Frage, als sie Bier über
+die Strasse verkaufen. Die Cafés bezogen das Bier, dessen Absatz bei
+ihnen ja noch mehr als heute Nebengeschäft war, selbst erst vom
+Bierhändler und beschäftigten sich nur mit dem Ausschank, ebenso die
+Hoteliers und Gasthofbesitzer. Die »Kaffeehäuser« dagegen (deren es
+allerdings wohl nur wenige gab), verkauften auch Bier über die Strasse
+und zwar kostet nach einer Annonce aus dem Jahre 1828 die Flasche
+Weissbier »im Hause« 2 ½ Sgr. »ausser dem Hause« 2 Sgr. Bei den
+Restaurateuren, die besser durch die damals auch noch übliche
+Bezeichnung »_Speisewirte_« gekennzeichnet werden, spielt der Verkauf
+über die Strasse nur eine geringe Rolle, manche verzichten ganz darauf.
+In der Hauptsache lag also der Verkauf über die Strasse in den Händen
+der Schankwirte und Viktualienhändler, bei welchen letzteren das Bier
+unter den zum Verkauf gelangenden Viktualien an erster Stelle gestanden
+zu haben scheint. Neben den Viktualienhändlern kommt schliesslich noch
+der Material- oder Kolonialwarenhändler, auch wohl einfach »Kaufmann«
+genannt, in Betracht.
+
+Diese drei letzteren Geschäftszweige müssen wir näher ins Auge fassen,
+um über die Natur des Bierlieferungsgeschäftes in den ersten Jahren
+seiner Entwicklung Klarheit zu erhalten. Es sind vorher die sachlichen
+Gründe namhaft gemacht worden, welche für den Bierbezug in grösseren
+Quantitäten sprechen. Der _äussere Anlass_ zu einem solchen Bierbezug
+konnte ja leicht gegeben sein, z. B. bei Festlichkeiten in der Familie
+oder sonstigen besonderen Gelegenheiten, welche einen starken Bierkonsum
+voraussehen liessen. Da es sich in einem solchen Fall wohl um die
+Abnahme von 15-20 Flaschen handelte, so berechnete der Lieferant auch
+einen ermässigten Preis bezw. gab eine oder zwei Flaschen mehr, als er
+nach dem Detailpreis zu liefern verpflichtet war. Eine gewisse
+Bequemlichkeit[5] und die Absicht, dauernd diesen Rabatt zu erhalten,
+waren unter den angeführten Gründen wohl die augenfälligsten und daher
+zunächst wirkenden, welche den Einzelfall zu einer dauernden
+Gepflogenheit machten. In der ersten Zeit hat sich der Kundenkreis des
+Bierhändlers gewiss nur über die nächste Nachbarschaft erstreckt. Dann
+konnte es aber wohl vorkommen, dass jemand aus der Nachbarschaft
+fortzog, das Bier aber noch von seinem früheren Lieferanten beziehen
+wollte; Verwandte und Bekannte des Bierhändlers aus anderen Stadtteilen
+kamen hinzu, und so begann das Lieferungsgeschäft seinen anfänglichen
+Charakter als _Gelegenheitsgeschäft_ aufzugeben und ein planmässig auf
+Erwerbung von Kunden zum Zwecke des Absatzes grösserer Quantitäten Bier
+gerichteter Geschäftsbetrieb zu werden.
+
+Dass für Berlin dieser Charakter dem Bierlieferungsgeschäft schon
+frühzeitig aufgeprägt wurde, ist vorher gezeigt worden. Wenn man nun die
+Namen derjenigen, welche die citierten Annoncen veröffentlicht haben, im
+Adressbuch nachschlägt, so findet man bei der Mehrzahl von ihnen die
+Bezeichnung »Kaufmann«. Im Berliner Sprachgebrauch ist diese
+Bezeichnung damals, wie z. T. auch noch heute, gleichbedeutend gewesen
+mit _Materialwarenhändler_, während man in den meisten Fällen, heute den
+Begriff von Handlungsgehülfen, Komptoirpersonal, überhaupt
+kaufmännischer _Angestellten_ damit verbindet. Hinter den Namen einiger
+der Inserenten finden wir die Berufsbezeichnung »Handelsmann«, einer
+wird als Posamentier (!) bezeichnet, mehrere als Restaurateure, wobei
+hinzugesetzt ist »und Niederlage fremder Biere«. Fügen wir hinzu, dass
+schon Ende der dreissiger Jahre der Begriff des Viktualienhändlers mit
+dem des Bier_händlers_ identisch ist (nicht mehr mit dem des
+Bier_schänkers_), so ergiebt sich für die Gestaltung des
+Bierversandgeschäftes folgendes Bild:
+
+Es ist schon damals zu unterscheiden zwischen den Geschäften, welche
+sich mit dem Vertrieb des Berliner obergährigen Weissbiers und denen,
+welche sich hauptsächlich mit dem Vertrieb auswärtiger, z. T.
+untergähriger Biere abgeben. Die Inhaber der ersteren, die grosse
+Mehrzahl, setzen sich zusammen aus Viktualienhändlern und Gastwirten,
+die der letzteren aus Kaufleuten (d. h. Kolonialwarenhändlern) und
+Restaurateuren. Aus diesen Bezeichnungen lässt sich schon ersehen, dass
+die obergährigen _Berliner Biere_ das Volksgetränk darstellten, während
+die auswärtigen Biere von den feineren Kreisen genossen wurden, die ja
+auch sonst ihre Bedürfnisse zumeist nicht beim Viktualien-, sondern beim
+Kolonialwarenhändler deckten und ihr Glas Bier nicht beim Bierschänker,
+sondern im Restaurant tranken. In der ersteren Kategorie scheint das
+_Lieferungs_geschäft zumeist bei den Viktualienhändlern ausgebildet
+gewesen zu sein, vielleicht schon deshalb, weil dem Viktualiengeschäft
+für sich die Frau allein viel besser vorstehen konnte, als der
+Gastwirtschaft. Während der Mann die Bestellungen auf Bier ausführte und
+mit dem Handwagen oder einem primitiven Gefährt (Hundewagen) das Bier an
+die Kunden ablieferte, ebenso zu Hause den Abzug, die Reinigung der
+Flaschen etc. besorgte, verkaufte die Frau Gemüse, Obst, Kartoffeln,
+Bier in einzelnen Flaschen und die übrigen zum Haushalt gehörenden
+Artikel des Geschäfts, vermietete die Drehrolle für das Rollen der
+Wäsche etc., alles Obliegenheiten, die ihrer Natur nach der Frau viel
+eher anstehen, als dem Mann. In der Gastwirtschaft dagegen, ist das
+Bedienen der Gäste, die Unterhaltung mit ihnen u. a. wieder durchaus
+Sache des Mannes, sodass dieser, wenn er neben der Gastwirtschaft noch
+Bierverlag betreibt, immer in Gefahr kommt, eines der Geschäfte auf
+Kosten des anderen zu vernachlässigen.
+
+So ist die erste Geschäftsart für die Ausbildung des
+Bierlieferungsgeschäftes günstiger als die letztere und die Loslösung
+des Bierverlages aus der Betriebsvereinigung ist in ihr wahrscheinlich
+eher erfolgt, als in den wenigen Gastwirtschaften, welche einen über die
+nächste Nachbarschaft hinausgehenden Bierversand betrieben.
+
+Was nun die »Bier-Niederlagen« angeht, welche schon früh als besondere
+Rubrik im Berliner Adressbuch auftauchen, so tragen sie einen ähnlichen
+Charakter, wie heute die »Vertretungen« oder »Generalagenturen« der
+auswärtigen Brauereien. Allerdings mit zwei Ausnahmen. Die heutigen
+Vertreter oder Generalagenten auswärtiger Brauereien beschränken sich
+_meist_ auf den Fassbierhandel und überlassen den Verschleiss in
+Flaschen an Zwischenglieder; jene Bierniederlagen gaben zwar auch das
+Bier in Fässern ab, wenn es verlangt wurde; das Hauptgeschäft aber
+bildete der Vertrieb von Flaschenbier und zwar sowohl in der Form der
+_Lieferung_ als auch in der des Verkaufes über die Strasse. Die
+Verbindung mit dem Verkauf über die Strasse, der bei manchen vielleicht
+den beträchtlicheren Teil des Gesamtumsatzes ausmachte, giebt auch den
+zweiten Hauptunterschied: die Bierniederlage trat damals nur in
+Berufsvereinigung mit anderen Geschäften auf, die heutige Vertretung
+bildet ein Geschäft für sich. Die Aehnlichkeit auf der anderen Seite
+liegt darin, dass beide das Bier in Fässern von einer auswärtigen
+Brauerei beziehen und vertreiben, ebenso dass diese Bierniederlagen, wie
+heute die Vertretungen, im Gegensatz zu den übrigen Bierhandlungen schon
+frühzeitig _kaufmännisch_ betrieben wurden. So wird nicht nur die
+Reklame von ihnen zuerst ausschliesslich und planmässig zur Gewinnung
+von Kunden betrieben, sondern es muss auch auffallen, dass unter ihnen
+zuerst ein Geschäftsinhaber auftritt, der zur Korporation der Berliner
+Kaufmannschaft gehört (C. W. Hoffmann 1830); ebenso wie zuerst unter
+ihnen Kompagniegeschäfte sich bilden (Ostermann & Co., 1828).
+
+In der weiteren Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels tritt nun
+bis zu dem Jahre, das wir als Schlusspunkt der ersten Periode angenommen
+haben, in den Konsumtionsverhältnissen ein Moment auf, welches _damals_
+auf die Entwicklung des Flaschenbierhandels noch keinen tiefgehenden
+Einfluss ausgeübt hat, wegen seiner Wichtigkeit aber doch an dieser
+Stelle schon erwähnt werden muss. Es betrifft die Einführung des nach
+bayrischer Art gebrauten Bieres in Berlin. Nach der von uns gegebenen
+Darstellung war der Konsum der Berliner Einwohnerschaft bis dahin
+gedeckt worden durch in Berlin gebrautes obergähriges (Weiss- und
+Braunbier) und durch auswärtiges Bier, das sowohl obergährigen als auch
+untergährigen Charakters sein konnte. Nun wird im Jahre 1838 in Berlin
+durch den früheren bayrischen Weinküfer Hopf zum ersten Male Bier nach
+bayrischer Art gebraut und in seinen, am Tempelhofer Berg gelegenen
+Lokalitäten zum Ausschank gebracht[6]. Das neue Bier mundet den
+Berlinern zum grossen Teile ausserordentlich und findet daher leichten
+Eingang in den Konsum, verschiedene Braumeister, die anfänglich bei Hopf
+angestellt waren, machen sich selbständig. Ebenso wie der erste
+Hersteller des bayrischen Bieres aus einer Weinhandlung hervorgegangen
+ist, so soll auch in den Weinstuben zuerst das bayrische Bier neben dem
+Wein eingeführt worden sein[7]. Eine besondere Anziehungskraft übte auf
+die Berliner die von Hopf seit 1840 eingeführte, auch von Bayern
+importierte Sitte des »Bock«-Anstiches im Frühjahr aus; bis in die
+achtziger Jahre war der Bock-Ausschank am Tempelhofer Berg ein
+Wallfahrtsort für die Berliner und der erste Tag des Bock-Anstiches
+bedeutete ein Ereignis. Eine Anzahl von grossen Ausschänken wurde
+gegründet, sogenannte »Bayrische Bierhallen«. In welcher Weise der
+Konsum von bayrischem Bier seit seiner Einführung zugenommen hat,
+darüber fehlen uns leider zuverlässige Zahlen, wie ja die ersten Zahlen
+über die Berliner Bierproduktion überhaupt erst für das Jahr 1860 aus
+dem Jahresberichte der Aeltesten der Kaufmannschaft erhältlich sind. Im
+Jahre 1860 hatte die Produktion des Lagerbieres beinahe die Hälfte von
+der des Weissbieres erreicht: sie betrug 150421 hl; die
+Weissbierproduktion 370284 hl. Schon 1865 hatte sich das Verhältnis auf
+324108 zu 544723 verschoben und vom Jahre 1869 an begann die Produktion
+des nach bayrischer Art gebrauten Lagerbieres die der obergährigen Biere
+zu überholen, und hat sich bis in die Gegenwart hinein aus ihrer
+führenden Stellung nicht mehr verdrängen lassen.
+
+_Zunächst_ wurde, wie schon bemerkt, eine auffallende Aenderung in der
+Form des Flaschenbierhandels durch die Einführung und schnelle
+Ausbreitung des Konsums von »bayrischem Bier«, wie es in Berlin genannt
+wurde, nicht bewirkt. Eine Konkurrenz wurde dadurch den
+Weissbierbrauereien und den auswärtigen Brauereien geschaffen, die Bier
+nach Berlin exportierten. Diese Konkurrenz wirkte auch auf die
+Bier-Niederlagen ein, denn es ist ersichtlich, dass z. B. der Absatz
+auswärtiger untergähriger Biere durch die Konkurrenz des neuen Berliner
+untergährigen Bieres bedroht sein musste. Die übrigen Bierhändler
+schwankten eine Zeit lang in ihrer Stellungnahme zu dem neuen Biere; ein
+Teil unter ihnen beschränkte sich bis in den Anfang der sechsziger Jahre
+hinein auf den Absatz von Weiss- und Braunbier. Die Mehrzahl jedoch kam
+dem Verlangen ihrer Kunden nach, zog auch das »bayrische Bier«[8] auf
+Flaschen und versuchte dadurch den Ausfall der durch die Zurückdrängung
+des Konsums von Weissbier herbeigeführt wurde, zu kompensieren.
+Allerdings waren ja von vornherein für den Flaschenbiervertrieb die
+Chancen bei dem bayrischen Biere erheblich ungünstigere als bei dem
+Weissbier. Da das Weissbier auf Flaschen gezogen werden _musste_, so war
+bei ihm der Absatz in Flaschen gleich 100 %. Das bayrische Bier dagegen
+kam zu etwa 70 % vom Fass zum Ausschank und nur der kleinere Teil wurde
+in der Form des Flaschenbieres genossen. Neben den grossen
+Ausschanklokalen, in denen -- schon der Bequemlichkeit halber -- das
+bayrische Bier sich äusserst schnell einbürgerte, begannen auch die
+Gastwirte nach und nach mit dem Ausschank und wenn es auch gewiss in den
+sechsziger Jahren noch keine Gastwirtschaften gab, welche _nur_
+bayrisches Bier ausschänkten, so verringerte sich doch andererseits auch
+ständig die Zahl derjenigen, welche nur Weissbier führten und
+allmählich begannen diejenigen Geschäfte zu überwiegen, bei denen das
+Hauptgewicht auf dem Ausschank des bayrischen Bieres lag.
+
+Auf den ersten Blick scheint es, als wenn diese Veränderung in den
+Konsumtionsverhältnissen den Bierhändlern nur Nachteile hätte bringen
+können. Vor allen ging die Lieferung an die grossen Ausschanklokale in
+Berlin und Umgegend zurück; eine Kompensation durch Lieferung von
+bayrischem Bier war hier ausgeschlossen, denn wenn diese
+Ausschankstätten bayrisches Bier verschänkten, so bezogen sie es in
+Fässern von den Brauereien. Doch stand dieser Absatzminderung zunächst
+die _absolute_ Steigerung der Weissbierkonsumtion entgegen, die im
+Zusammenhang mit der Bevölkerungszunahme auch damals anhält. Dazu kommt
+aber noch ein anderes Moment. In vielen Gastwirtschaften hatte, wie
+schon bemerkt, der Ausschank von bayrischem Bier den des Weissbieres bei
+weitem überflügelt. Unter diesen Umständen hielt es der betreffende
+Gastwirt nicht mehr für nötig, das Weissbier selbst abzuziehen, sondern
+bezog es in Flaschen vom Bierverleger. Es hängt dies damit zusammen,
+dass der Abzug des bayrischen Bieres, das Verschänken des in der
+Brauerei genussreif hergestellten Bieres durchaus keine Schwierigkeiten
+macht, im Vergleich zu dem Abzug von Weissbier, das zumal früher eine
+individuelle Behandlung verlangte (vgl. später S. 58). So kam es denn,
+dass mit der Einführung des bayrischen Bieres viele Leute aus allerlei
+Berufen ohne irgend welche Vorkenntnisse eine »Kneipe« aufmachten, denen
+das Abziehen des Weissbieres nicht nur wegen des geringeren Absatzes
+unnötig, sondern in den meisten Fällen _unbequem_ erschien und die es
+deshalb vorzogen, das Bier vom Flaschenbierhändler zu beziehen. War
+früher der Gastwirt fast in allen Fällen ein Konkurrent des
+Flaschenbierhändlers, so wurde jetzt eine grosse Anzahl zu Kunden ihres
+früheren Konkurrenten. Eine ähnliche Erscheinung finden wir bei den
+Viktualienhändlern. Ein Teil derselben betrieb den Absatz von Bier als
+Hauptgeschäft und bildete das Hauptkontingent für den neu sich bildenden
+Stand der Bierverleger, die übrigen jedoch gaben den Abzug des Bieres
+auf und zogen es vor, das Bier in Flaschen vom Flaschenbierhändler zu
+beziehen.
+
+Es ist anzunehmen, dass diese Umwandlungen in der Gastwirtschaft und im
+Viktualienhandel die durch die Einführung des bayrischen Bieres
+bedingte teilweise Ungunst der Geschäftslage aufhoben. Nimmt man hinzu,
+dass der Bedarf fortwährend im Steigen begriffen war, eine Uebersetzung
+in dem Gewerbe des Flaschenbierhandels aber nicht eintrat, so konnte die
+Lage der Flaschenbierhändler ohne Uebertreibung als eine sehr günstige
+bezeichnet werden. Diese Gunst der Geschäftslage führt dazu, dass
+zunächst schon in den fünfziger, in stärkerem Massstabe dann in den
+sechsziger Jahren aus den verschiedenen Betriebsvereinigungen der
+Flaschenbierhandel als _selbstständige Unternehmung_ sich loszulösen
+beginnt. Und zwar aus dem Viktualiengeschäft und der Gastwirtschaft der
+Bier-Verlag, aus der in Verbindung mit Restauration oder
+Kolonialwarenhandlung betriebenen Bier-Niederlage die selbständige
+Vertretung. Im Jahre 1868 finden wir im Branchenregister des Berliner
+Adressbuches zum ersten Male die Rubrik »Bier-Verleger« und zwar werden
+in ihr 102 Namen aufgeführt mit Inbegriff der Vertretungen auswärtiger
+Brauereien. Dieser Umstand ist natürlich nicht dahin zu deuten, als ob
+im Jahre 1868 oder überhaupt in einem Zeitraum von wenigen Jahren die
+Umwandlung aus der Betriebsvereinigung in den selbständigen Bierverlag
+vor sich gegangen sei, es wurde schon darauf hingewiesen, dass bereits
+in den fünfziger Jahren Bierverlagsgeschäfte als solche bestanden.[9]
+Andererseits ist als ebenso sicher anzunehmen, dass der Prozess der
+Loslösung des Bierverlages aus der Betriebsvereinigung auch im Jahre
+1868 noch nicht abgeschlossen war und namentlich die Form der
+Betriebsvereinigung des Bier-Verlages mit der Gastwirtschaft vielfach
+noch bestand. Immerhin ist die Thatsache, dass im Jahre 1868 die
+Bierverleger durch die Aufnahme ihres Gewerbes im Berliner Adressbuch
+als besonderer Berufsstand gewissermassen legitimiert wurden, wichtig
+genug, um in ihr einen gewissen Abschluss des ersten Teiles der
+Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels zu sehen. Noch aus einem
+anderen Grunde. Um dieselbe Zeit, in welcher der Bierverlag immer mehr
+selbständig wurde, entsteht gleichzeitig in Berlin die erste
+Lagerbrauerei für bayrisches Bier _in der Form der Aktiengesellschaft_,
+welche versucht, die als Zwischenglieder zwischen Brauerei und Publikum
+stehenden Bierverleger dadurch auszuschalten, dass sie, und zwar
+im Jahre 1868, _ihr Flaschenbier direkt an die Konsumenten
+absetzt_. Der Bierverlag als selbständiges Unternehmen auf der einen
+-- die Lagerbierbrauerei als Aktiengesellschaft, welche den
+Flaschenbiervertrieb in eigene Regie nimmt, auf der anderen Seite --
+eröffnen für unsere Betrachtung ganz neue Ausblicke, die von selbst in
+die zweite Periode der Entwicklung des Berliner Flaschenbierhandels
+hinüberleiten.
+
+Fußnoten:
+
+[2] Oekonomische Encyklopädie, oder allgemeines System der Land-, Haus-
+und Staats-Wissenschaft etc. In 242 Bänden von 1772-1858.
+
+[3] Vergl. Wiedfeldt, Statistische Studien zur Entwicklungsgeschichte
+der Berliner Industrie von 1720-1890. Schmollers Forschungen, Band XVI,
+Heft 2.
+
+[4] Berlin im Zeichen des Gambrinus vom Jahre 1319 bis zum Jahre 1848.
+(Ohne Nennung des Verfassers.) Wochenschrift für Brauerei, Berlin. XVI.
+Jahrgang.
+
+[5] Z. B. die Unlust des Treppensteigens bei dem Aufkommen der hohen
+vierstöckigen Häuser.
+
+[6] Schon 1829 hatte übrigens die preussische Regierung auf ihre Kosten
+und wohl auf Anregung der Königin Elisabeth, einer bayrischen Prinzessin
+2 (Potsdamer) Brauer nach München zur Erlernung der bayr. Brauerei
+geschickt. Vgl. Struve, Bayr. Braugewerbe, pag. 60.
+
+[7] Wie anderwärts, so liessen auch in Berlin Weinhändler und
+Hotelbesitzer ihre Söhne oft Brauer werden und in München lernen. Die
+Familien Habel und Happold gehören hierher, erstere eine Weinhandlungs-,
+letztere eine Hotelbesitzersfamilie, die zuerst auch eine sogenannte
+»bayerische Bierstube« führte.
+
+[8] Diese Bezeichnung ist sprachlich unrichtig, aber da sie in Berlin
+eingeführt ist (das aus Bayern eingeführte Bier bezeichnet man im
+Gegensatz zu dem nach bayrischer Art gebrauten Berliner Lagerbier als
+»echtes«), so ist sie auch in dieser Arbeit beibehalten worden.
+
+[9] Als der älteste Bierverleger wurde mir ein gewisser Lange,
+Barnimstrasse, bezeichnet, der bereits 1842 sein Viktualiengeschäft
+aufgegeben und sich lediglich mit dem Vertrieb von Flaschenbier befasst
+haben soll.
+
+
+
+
+ Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts.
+
+ II. Periode (1868 bis zur Gegenwart).
+
+
+Bei unseren Betrachtungen über die weitere Entwicklung des Berliner
+Flaschenbiergeschäfts werden wir von der Entwicklung des Berliner
+Bierkonsums im allgemeinen auszugehen haben. Anschliessend hieran wird
+es uns leicht sein, die Einwirkung dieser Entwicklung auf den Genuss von
+Flaschenbier und so auf das Flaschenbiergeschäft selbst zu ersehen. Die
+Weiterbildung des Berliner Brauereigewerbes wird uns die Anteilnahme der
+Brauereien an der Befriedigung des Flaschenbierkonsums zeigen, ebenso
+die Entstehung der Kannenbier- und Syphongeschäfte und deren Bedeutung.
+Die Verschiebungen in der Lage des Bierverlegerstandes durch die
+Einwirkung der vorerwähnten Momente werden dann deutlich erkannt werden
+können.
+
+
+ Die Entwicklung des Berliner Bierkonsums.
+
+In erster Linie werden hierbei die Vorgänge in der Bewegung der
+Bevölkerung ins Auge zu fassen sein. Denn naturgemäss kommt die
+Bevölkerung nach Zahl und Zusammensetzung vor allem _da_ in Betracht, wo
+es sich um den Konsum von Genussmitteln handelt. Berlins Bevölkerung ist
+nun, wie bekannt, in einer selbst für eine Grossstadt überraschenden
+Weise gestiegen. Noch 1858 hatte Berlin kaum eine halbe Million
+Einwohner (448000), zehn Jahre später zählte es bereits 700000 und 1876
+erreichte es fast die Million (964000). Rechnet man die Vororte im
+Umkreise von 2 Meilen hinzu, die ja bei der Ausbildung der
+Verkehrsverhältnisse de facto längst zu Berlin gehören, so hat Berlin
+bereits 1875: 1131000, 1885: 1559000 und 1895: 2255000 Einwohner. Die
+Konsumfähigkeit wird dabei durch ihre Alterszusammensetzung noch erhöht.
+Es werden in einer Grossstadt wohl in den meisten Fällen Leute im
+erwerbsfähigen Alter in den »besten Jahren« zahlreicher zu finden sein,
+als in der Mittel- oder Kleinstadt und gar auf dem Lande, weil die in
+den Städten dominierende Grossindustrie auf der einen Seite diese Leute
+braucht und auf der anderen Seite bei diesen selbst der Trieb zu
+wandern, der Wunsch, die Arbeitskraft möglichst teuer zu verkaufen und
+gleichzeitig das Einerlei des Landes oder der Kleinstadt mit dem lebhaft
+pulsierenden Leben der Grossstadt zu vertauschen, besonders in jungen
+Jahren stark ausgebildet ist. Wie sich diese Thatsache in dem
+Altersaufbau der Bevölkerung bemerkbar macht, zeigt nachfolgende
+Tabelle, welche ebenso wie die meisten auf Berlin bezüglichen
+statistischen Angaben, Wiedfeldt's vorzüglichem Werke entnommen ist. Es
+standen danach 1890 von 100 Personen im Alter von:
+
+ -------------------------------------------------------------------
+ | unter|10 bis|20 bis|30 bis|40 bis|50 bis|60 bis|über
+ | 10 | 20 | 30 | 40 | 50 | 60 | 70 | 70
+ ------------+------+------+------+------+------+------+------+-----
+ in Preussen | 24,8 | 20,7 | 16,2 | 12,9 | 10,1 | 7,6 | 5,0 | 2,7
+ in Berlin | 19,1 | 17,5 | 23,1 | 17,1 | 11,5 | 6,5 | 3,6 | 1,6
+ | | |\------------v------------/| |
+ | | |+ 6,9 |+ 4,2 |+ 1,4 | | |
+
+Nun stellen die Altersklassen vom 20. bis zum 50. Jahre gewiss
+denjenigen Teil der Bevölkerung dar, welcher produktiv am thätigsten ist
+und auch für den Bierkonsum in erster Linie in Betracht kommt. Da nun
+gerade diese Bevölkerungsklassen in Berlin um 12,5 % stärker vertreten
+sind, als in der gesamten preussischen Monarchie so kann es im
+Zusammenhang mit der raschen Bevölkerungszunahme nicht auffallen, wenn
+auch der Bierkonsum absolut und relativ in erheblichem Maasse gestiegen
+ist. Er zeigt im allgemeinen eine stetige Aufwärtsbewegung, wenn auch
+die Durchschnittszahlen der Gründerjahre in den darauffolgenden Jahren
+wirtschaftlicher Depression nicht erreicht wurden, wie ja in gewisser
+Beziehung die Verhältniszahlen des Bierkonsums gleichzeitig ein Bild des
+jeweiligen Wohlstandes der Bevölkerung abgeben.[10] Wenn wir nun die
+Produktionszahlen betrachten (vgl. Tabelle), so zeigen dieselben neben
+dem Steigen der Produktion zugleich eine Verschiebung der
+Verhältniszahlen beider Arten des produzierten Bieres.
+
+ _Bierproduktion in Berlin_.
+
+ -----------------------------------------------------------------------
+ | | | | pro Kopf
+ | untergähriges | obergähriges | Gesamt- | der
+ Jahr | Bier | Bier | Produktion | Bevölkerung
+ | hl | hl | hl | l
+ -------+-----------------+---------------+--------------+--------------
+ 1860 | 150421 | 370284 | 520705 | 110
+ 1865 | 324108 | 544723 | 868831 | 132
+ 1870 | 536840 | 512878 | 1049718 | 133
+ 1875 | 1112283 | 874317 | 1986600 | 206
+ 1880 | 1983357 | 708267 | 1799624 | 160
+ 1885 | 1492487 | 805927 | 2308414 | 176
+ 1890 | 1939023 | 1060001 | 2999024 | 189
+ 1895 | 2379368 | 1234153 | 3613521 | 202
+
+Schon vorher ist darauf hingewiesen worden, wie das erst um das Jahr
+1840 eingeführte bayrische Lagerbier sich in kurzer Zeit in allen
+Kreisen der Bevölkerung Eingang zu verschaffen wusste, sodass um die
+Mitte der sechziger Jahre bereits nur noch doppelt soviel Weissbier
+gebraut wurde als Lagerbier. Den stärksten Umschwung aber brachte der
+Anfang der siebziger Jahre. Es wurden produziert:
+
+ -----------------------------------
+ | untergährig | obergährig
+ Jahr | hl | hl
+ --------+-------------+------------
+ 1860 | 150421 | 370284
+ 1865 | 324108 | 544723
+ 1868 | 417340 | 418169
+ 1869 | 525534 | 462711
+ 1870 | 536840 | 512878
+ 1871 | 614231 | 526660
+ 1872 | 917813 | 654718
+ 1873 | 1088155 | 766099
+ 1874 | 1148421 | 785115
+ 1875 | 1112283 | 874317
+
+Bereits um die Mitte der siebziger Jahre hat also das bayrische Bier
+beinahe jenen Anteil an der Gesamtproduktion zu erlangen gewusst, den
+es bis zum Ausgang der neunziger Jahre behauptet und noch um ein
+geringes überschritten hat (von 61,1 auf 64,9 %). Verschiedene Gründe
+sind dafür maassgebend gewesen, dass gerade Anfang der siebziger Jahre
+dieser Umschwung in den Berliner Bierkonsumtionsverhältnissen eintrat,
+zunächst die gesteigerte Kaufkraft des Publikums, welches durch die
+ausserordentlich günstige Geschäftslage in den »Gründerjahren« in den
+Stand gesetzt wurde das _teurere_ bayrische Lagerbier zu bezahlen; denn
+das Glas Bayrisch à 3/10 Liter kostete 10 Pfg., während die für
+denselben Preis abgegebene »kleine Weisse« 5/10 Liter enthielt und von
+dem »einfachen« Weiss- und Braunbier 8/10 oder oft auch 10/10 Liter nur
+auf 10 Pfg. kamen. Dann sind aber auch hier vor allem Aenderungen in der
+Bevölkerungszusammensetzung in Betracht zu ziehen. Gewisslich ist gerade
+in diesen Jahren die Berliner Bevölkerung am stärksten in ihrer
+Zusammensetzung in der Richtung des Vorwiegens der jüngeren
+Altersklassen und in der Tendenz einer Zurückdrängung des Berlinertums
+beeinflusst worden. Ebenso wie der erstere Umstand im Zusammenhang mit
+der Bevölkerungszunahme den Konsum im allgemeinen steigerte, so trug die
+Thatsache, dass das Berlinertum innerhalb der Berliner Bevölkerung an
+Einfluss und Zahl verlor, auf der anderen Seite dazu bei, das
+Ueberwiegen des Konsums von bayrischem Bier zu bewirken. Denn das
+Berliner Weissbier ist, wie u. a. auch der Name besagt ein spezifisch
+berlinisches Getränk und seine Eigenart wie seine Vorzüge werden
+infolgedessen auch nur von »echten« Berlinern in richtiger Weise
+eingeschätzt und gewürdigt. Wie die Form der Gläser und die Natur des
+Bieres ein hastiges Heruntergiessen verbieten, vielmehr Ruhe und
+Behaglichkeit zum Geniessen des Weissbieres Vorbedingung sind, so kann
+man vielleicht sagen, dass in der Eigenart dieses Bieres sich das Bild
+des behäbigen, bedächtigen und etwas philiströsen alten Berliner
+Bürgertums spiegelt. Welcher Gegensatz zwischen einer Weissbierstube im
+alten Berlin und den in den letzten Jahren entstandenen berühmten
+Aschinger'schen Bierquellen! Dort die Bürger etwas ehrwürdig an den
+einfachen Tischen vor den runden grossen Gläsern vereinigt, Zeitung
+lesend oder in Ruhe und Behäbigkeit sich unterhaltend. Hier ein ewiges
+Hasten und Treiben, Kommen und Gehen, die Einzelnen kaum sich Zeit
+lassend, um Platz zu nehmen, sondern im Stehen eines der obligaten
+belegten Brödchen essend oder einen Schnitt echten Bieres
+herunterstürzend und mit dem Blick auf die Uhr nach einigen Minuten
+wieder forteilend, um anderen Platz zu machen, welche ebenso wie sie »in
+der Eile« etwas »geniessen« wollen. Es ist interessant und gewiss nicht
+Zufall, dass in denselben Jahren, in welchen in Berlin das bayrische
+Bier eingeführt wurde, auch in den meisten Schichten der Bevölkerung die
+_Cigarre_ an die Stelle der _Pfeife_ trat. Wenn wir noch einen Schritt
+weiter gehen und an die Cigarette denken, so wird man unbedingt
+beipflichten müssen, dass die Vorbedingungen für den Genuss bei beiden
+ganz verschiedenartige sind und dass aus dem Genuss des Tabaks in der
+einen oder der anderen Form sehr wohl Rückschlüsse auf den Charakter der
+Rauchenden oder doch wenigstens, auf die Umstände gemacht werden können,
+unter denen das Rauchen geschieht. Aehnlich steht es mit dem Genuss von
+Weiss- oder bayrischem Bier. Allerdings darf man nicht Ursache und
+Wirkung verwechseln, wie Prof. Hoppe es thut, wenn er den unruhigen Sinn
+der Berliner in den vierziger Jahren zum Teil auf das Konto der
+Einführung des bayrischen Bieres setzen will. Nein, weil Berlin infolge
+seiner Entwicklung zur Grossstadt aus dem behäbig ruhigen Leben
+aufgestört wurde, deshalb fügte sich das bayrische Bier viel besser in
+das Leben der Stadt ein, als es in früherer Zeit der Fall gewesen wäre.
+Und dass gerade der Charakter der Gründerjahre diese Wirkung in der
+Verschiebung des Konsums der beiden Biersorten am stärksten zum Ausdruck
+bringen musste, leuchtet ohne weiteres ein.
+
+In der Folgezeit hat sich, wie schon erwähnt, an dem Verhältnis der
+Produktion beider Biersorten wenig geändert. Im Jahre 1898, dem letzten,
+für das uns Zahlen vorliegen, wurden produziert 2480418 hl untergähriges
+und 1357993 hl obergähriges Bier, was einem Verhältnis von 64,9 zu 35,1
+entspricht. Noch ungünstiger aber stellt sich das Verhältnis, wenn die
+Zahlen der Ein- und Ausfuhr in Berücksichtigung gezogen werden. Es
+wurden im Jahre 1898 in Berlin eingeführt 607150, ausgeführt 626527 hl.
+Die Einfuhr ist lediglich den untergährigen Bieren zuzuzählen mit
+Ausnahme der ca. 20-30000 hl obergährigen Grätzer Bieres, das aber auch
+mit dem Weissbier durchaus nicht verwandt ist. Nimmt man nun an, das
+Berliner Weissbier sei an der Ausfuhr nur mit demselben prozentualen
+Verhältnis beteiligt, wie an der Produktion, so sinkt der Anteil des
+Weissbieres an dem genannten Berliner Bierkonsum auf ca. 30 %. In
+Wirklichkeit dürfte sich aber das Ergebnis noch ungünstiger stellen,
+denn es ist bekannt, dass das Berliner Weissbier in grossen Mengen nach
+aussen versendet wird; sein Anteil an der Ausfuhr wird daher vermutlich
+bedeutend höher sein, als derjenige an der Produktion. Wenn in den
+letzten Jahren die _Produktion_ des Weissbieres absolut und z. T. auch
+relativ gestiegen ist (1883/84 war der Anteil des Weissbieres an der
+_Produktion_, d. h. ohne Berücksichtigung der Ausfuhr auf 30,06 %
+gefallen), so ist diese Erscheinung neben anderen Gründen vielleicht
+darauf zurückzuführen, dass die Berliner Weissbierbrauereien für den
+Rückgang des Berliner Weissbierkonsums in der Provinz einen Ersatz
+gesucht und gefunden haben. Ob mit dem Aussterben des alten Berlinertums
+auch der Konsum von Weissbier aufhören wird, kann dagegen stark
+bezweifelt werden. Vielfach wird das Weissbier heute von den weniger
+wohlhabenden Klassen schon wegen seiner Billigkeit dem bayrischen Biere
+vorgezogen, die Versendung kleiner und kleinster Gebinde, (allerdings
+handelt es sich bei dieser Versendung um schwächer eingebrautes
+(einfaches) Weiss- oder Braunbier) z. B. zum Preise von 1 Mark nebst
+pfandlosem Hingeben von Utensilien, welche zum Selbstabzug nötig sind,
+hat den Absatz des Weissbieres bedeutend gesteigert, auch scheint es,
+als ob ein Teil der Arbeiterschaft seit dem Boykott gegen die
+Lagerbier-Brauereien (1894) sich vielfach mit dem Weissbier wieder
+befreundet hätte. Namentlich in den Arbeitspausen wird von den Arbeitern
+auch heute noch vielfach beim Gastwirt Weissbier konsumiert, während in
+der Fabrik fast nur bayrisches Bier getrunken wird, hauptsächlich
+deshalb, weil das bayerische Bier bequem »aus der Flasche« getrunken
+werden kann, was beim Weissbier nicht der Fall ist. Es ist bedauerlich,
+dass in den Aufzeichnungen über Import und Export des in Berlin
+konsumierten bezw. produzierten Bieres ein Unterschied zwischen
+obergährigem und untergährigem Bier nicht gemacht wird. Eine solche
+Unterscheidung allein würde uns in den Stand setzen, genau den Anteil
+beider Bierarten am Berliner Konsum festzustellen. Jedenfalls ist bei
+Betrachtung der mitgeteilten Zahlen und für daraus später zu ziehende
+Schlüsse daran festzuhalten, dass die Höhe der Weissbierproduktion
+allein für den Anteil am Gesamtkonsum nicht genügende Anhaltspunkte
+bietet.
+
+
+ Einwirkung der Konsumtionsverhältnisse auf das
+ Flaschenbierlieferungsgeschäft.
+
+Die Erhöhung des Bierkonsums und die Veränderung des Anteils der beiden
+Biersorten an ihm beeinflusste das Flaschenbiergeschäft und speziell das
+_Flaschenbierlieferungsgeschäft_ in günstigem Sinne. Verschiedene Gründe
+wirkten in besonders günstiger Weise auf die Ausbreitung des letzteren.
+In erster Linie die _Vermehrung der Fabriketablissements_. Nach
+Wiedfeldt sind in den Jahren 1869-1892 nicht weniger als 1638
+polizeiliche Konzessionen zu Fabrikbauten erteilt worden, die grösste
+Zahl 204 bezw. 196 in den Jahren 1872 und 1873, die geringste 16 und 10
+in den Jahren 1879 und 1878. Gerade in den Fabriken wird aber fast nur
+Flaschenbier konsumiert. Es ist in jedem Betrieb mit einer grösseren
+Zahl von Arbeitern so gut wie ausgeschlossen, dass das Bier in Gläsern
+oder Krügen aus der benachbarten Gastwirtschaft geholt und nur in den
+allergrössten Etablissements wiederum ist es möglich, dass das Bier
+selbst abgezogen wird. So mussten die ausgedehnten Neugründungen und
+Hand in Hand damit die Vergrösserungen der bestehenden Fabriken den
+Flaschenbiervertrieb mächtig fördern, und den Flaschenbierhändlern
+regelmässige Abnehmer grösserer Quantitäten zuführen. Nicht so
+regelmässig und mit einem Risiko verknüpft, aber den Flaschenbierhandel
+auch sehr steigernd, war die Lieferung an die bei den _Bauten
+beschäftigten Arbeiter_. So lange in Berlin fast allein Weissbier
+produziert wurde, war der Konsum auf den Bauten nur gering. Direkt aus
+der Flasche konnte das Weissbier nicht genossen werden, es in Gläser zu
+schänken war zu umständlich, da der Standort der Arbeiter nicht derselbe
+blieb und die Gefahr bestand, dass bei etwaiger Ungeschicklichkeit das
+Glas mit dem Bier umgeworfen wurde. Der Genuss von Bier beschränkte sich
+daher meist auf die Arbeitspausen. Seit Einführung des bayrischen Bieres
+vollzieht sich der Konsum in viel einfacherer und bequemer Weise: der
+Arbeiter steckt eine oder mehrere Flaschen in die Tasche und trinkt je
+nach Bedürfnis. Da der Beruf der Bauarbeiter namentlich im Sommer, wo
+dieselben der sengenden Hitze schutzlos ausgesetzt sind, ein sehr
+schwerer und anstrengender, andererseits aber auch die Entlohnung in den
+meisten Fällen eine gute ist, so wird auf den Bauten sehr viel Bier
+getrunken, es kommen manchmal auf jeden Mann im täglichen Durchschnitt
+6 bis 10 Flaschen. Wenn diese Verhältnisse auch bereits in den ersten
+Jahrzehnten nach der Einführung des bayrischen Bieres sich eingebürgert
+haben, so haben sie doch erst seit den siebziger Jahren erhöhte
+Bedeutung erlangt. Einesteils aus dem Grunde, weil die Bauwut der
+Gründerjahre überhaupt den Berufszweig der Bau-Unternehmer und
+Bau-Arbeiter in den Vordergrund stellte,[11] andererseits weil infolge
+der grossen Nachfrage nach Bauarbeitern auch deren Disziplin in der
+Arbeit mehr gelockert und infolgedessen für den Biergenuss während der
+Arbeit keine hemmenden Vorschriften gegeben wurden. Seit den siebziger
+Jahren ist die Bauthätigkeit mit wenigen Ausnahmen eine geregelte
+gewesen, im Durchschnitt der Jahre 1869-1895 wurden jährlich in Berlin
+4795 Neubauten ausgeführt. Auf diesen Bauten wird durchweg Flaschenbier
+konsumiert, Lieferant ist nur in wenigen Fällen und bei »kleinen« Bauten
+der Gastwirt, in den meisten Fällen der Flaschenbierhändler. Ein Risiko
+ist mit der Lieferung allerdings insofern verbunden, als die
+Flaschenverluste in der Regel ziemlich bedeutende sind.
+
+Schliesslich ist noch eine Erscheinung zu erwähnen, welche an dieser
+Stelle kürzer behandelt werden kann, weil auf sie bereits in der
+allgemeinen Betrachtung über die Gründe zur Ausbreitung des
+Flaschenbierversandgeschäfts hingewiesen ist. Es war erwähnt worden,
+dass die weite Entfernung von einer Bezugsquelle für Fassbier, oder von
+einem Einzelverkauf von Flaschen das Flaschenbierversandgeschäft
+beförderte. In Berlin haben sich nun einige Stadtviertel abgesondert,
+welche speziell nur für die wohlhabenden Kreise bestimmt sind, da durch
+die Höhe der Miete schon jeder, der nicht zu den »oberen Zehntausend« --
+in Berlin sind es aber beträchtlich mehr! -- gehört, abgeschreckt wird,
+dort sein Heim aufzuschlagen. Es sind dies in Berlin sowohl das
+Bellevue-, als das Hansa- und Tiergartenviertel, ferner die Gegenden in
+der Nähe des Zoologischen Gartens bis Wilmersdorf hinauf und die
+Villenkolonie Grunewald. In diesen Stadtteilen giebt es wohl
+»Restaurateure« aber keine Gastwirte und da nur die letzteren in
+grösserem Maassstabe sich mit dem Verkauf über die Strasse befassen, so
+sind die Bewohner dieser Gegenden auf den Bezug von Flaschenbier aus
+einem Flaschenbierlieferungsgeschäft direkt angewiesen. Sie können zwar
+auch Bier in Flaschen einzeln vom Viktualien- oder Kolonialwarenhändler
+kommen lassen, letzterer bezieht aber sein Bier auch erst vom Händler,
+sodass auf alle Fälle eine Steigerung des Versandes von Flaschenbier
+erreicht wird. Dass ähnliche Erscheinungen auch in anderen Städten
+vorliegen, ergiebt sich aus dem Hinweis eines Leipziger Bierverlegers
+(des Vorsitzenden des dortigen Vereins), der die Existenz des
+Leipziger »Gewandhausviertels« als eine Stütze für das dortige
+Flaschenbiergeschäft bezeichnete.
+
+
+ Die Weiterentwicklung des Berliner Brauereigewerbes.
+
+Hand in Hand oder doch vielfach im Anschluss und im Zusammenhang mit den
+hier angeführten Thatsachen, hat nun diejenige Umwandlung sich
+vollzogen, welche für den Flaschenbiervertrieb im allgemeinen, für seine
+Form im speziellen von allerhöchster Wirkung wurde: _die Entwicklung der
+Berliner untergährigen Brauereien zum Grossbetrieb und infolge davon die
+Uebernahme des Flaschenbiervertriebes in eigene Regie_. Bis in die Mitte
+dieses Jahrhunderts trugen die Berliner Brauereien noch durchweg den
+Charakter von Kleinbetrieben an sich. 1845 produzierten die 12 Weiss- und
+18 Braunbierbrauereien im Ganzen 145355 t Bier, d. h. es kamen auf jede
+Brauerei noch nicht 5000 t im Durchschnitt. In welcher Weise das nach
+bayrischer Art gebraute Lagerbier sich in Berlin dann Eingang zu
+verschaffen wusste, ist an anderer Stelle bereits dargelegt worden.
+Hatte es 1838 3 bayrische Brauereien in Berlin gegeben, so ist ihre Zahl
+schon zehn Jahre später (1848) auf 14 gestiegen und gegen Ende der
+sechziger Jahre giebt es in Berlin 20 Brauereien, welche bayrisches Bier
+produzieren, darunter eine Aktiengesellschaft. In der Zeit, in welcher
+die Gesamtproduktion an bayrischem Bier der des Weissbieres gleichkommt,
+ist die _Durchschnitts_produktion bei den bayrischen Brauereien bereits
+höher als bei den Weissbierbrauereien, sie betrug bei ersteren im Jahre
+1870 26847, bei den letzteren 20513 hl.
+
+Als nun zu Anfang der siebziger Jahre das Gründungsfieber in Berlin
+grassierte, wandte sich die Spekulation in augenfälligem Maasse den
+Brauereibetrieben zu. Es konnte nicht überraschen, wenn sie dabei die
+untergährigen Brauereien bevorzugte. Einesteils deshalb, weil der Anteil
+des Weissbieres an der Konsumbefriedigung stetig zurückzugehen und bei
+der vorauszusehenden Entwicklung der Reichshauptstadt, dem Einströmen
+fremder Elemente zu dauernden Niederlassungen ebenso wie zu zeitweiligem
+Aufenthalt und jener übrigen erwähnten Momente, dem bayrischen Bier die
+Zukunft zu gehören schien. Dazu kam, dass bei den Besitzern der
+Weissbierbrauereien viel weniger Neigung bestand, ihre Hand zur
+Umwandlung ihres Betriebes in eine Aktiengesellschaft zu bieten als bei
+den Besitzern der z. T. selbst noch nicht lange bestehenden bayrischen
+Brauereien. Während daher die Weissbierbrauereien fast durchweg ihren
+privaten Charakter behielten, hat sich bei den bayrischen Brauereien die
+Umwandlung in Aktiengesellschaften so zu sagen _auf der ganzen Linie_
+vollzogen. Die 1868 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte
+Tivoli-Brauerei wurde schon erwähnt, es folgen 1870 die Brauerei
+Friedrichshain, 1871 die Brauereien Friedrichshöhe, Moabit und
+Schlossbrauerei Schöneberg, 1872 die Berg-, Bock-, Adler-,
+Schultheiss- und Vereins-Brauerei, das Berliner Brauhaus, insgesamt also
+13 Umwandlungen, von denen nicht weniger als 7 auf das eine Jahr 1872
+fallen.
+
+Es liess sich voraussehen, dass in der Folgezeit die Entwicklung der
+untergährigen Brauereien wesentlich von derjenigen der obergährigen
+verschieden sein würde. Ebenso wie die Aktiengesellschaft die modernste
+Form der Unternehmung ist, so lässt sich auch bei ihr voraussetzen, dass
+sie sich aller derjenigen Hilfsmittel bedienen wird, welche in modernen
+kaufmännischen Betrieben angewendet werden, um ein Geschäft in die Höhe
+zu bringen. Man hat versucht, die Hauptmerkzeichen dieses modernen
+Geschäftsbetriebes in die Worte: »Coulanz und Reklame« zu kleiden,
+ebenso den Unterschied zwischen alter und neuer Geschäftspraxis dahin zu
+kennzeichnen, dass früher der Geschäftsinhaber wartete, bis der Kunde zu
+ihm kam und dann erst lieferte, während heute der Lieferant den Kunden
+aufsucht und ihn zur Abnahme seiner Waren zu bestimmen sucht. Man kann
+darüber streiten, ob die gegebene Charakteristik auf alle
+Grossbetriebe passt, jedenfalls ist sie richtig in Bezug auf die
+Berliner Lagerbier-(bayrischen) Brauereien, welche in derselben
+Zeit alle Fortschritte der modernen Technik und Geschäftspraxis
+sich zu Nutze machen, in welcher die Weissbierbrauereien
+ihren alten konservativ-patriarchalischen Charakter behalten.
+Nicht als ob diese verschiedenartige Entwicklung allein der
+verschiedenen Natur der Unternehmungsform, dem Gegensatz zwischen
+Aktiengesellschaft und privatem Besitz zuzuschreiben wäre. Auch die
+im Privatbesitz befindlichen bayrischen Brauereien werden nach grossen
+kaufmännischen Gesichtspunkten geleitet, während andererseits die
+Weissbier-Aktienbrauereien nicht allzusehr von den übrigen sich
+unterscheiden. Es möchte scheinen, als wenn auch hier der Charakter des
+Bieres wieder seinen Einfluss zeigte. Noch vor nicht gar langer Zeit
+standen in einer der grössten Berliner Weissbierbrauereien alle Arbeiter
+in _Lohn_, _Kost_ und _Wohnung_, in einer anderen, deren
+Durchschnittsproduktion gewiss über 50000 hl beträgt, konnte sich der
+Besitzer nicht dazu entschliessen, sich Fernsprechanschluss zu besorgen.
+In manchen der grösseren Berliner Weissbierbrauereien wird die
+kaufmännische Buchführung auf das Notwendigste beschränkt und das
+Comptoirpersonal einer der grössten Berliner Weissbierbrauereien, deren
+Geschäftsumsatz sich gewiss auf über 1 Million Mark jährlich beläuft,
+besteht aus -- zwei Buchhaltern, welche alle Abrechnungen mit den
+Lieferanten, Kunden, Fahrern besorgen, die Bücher führen, überhaupt in
+Gemeinschaft mit dem Besitzer den Betrieb leiten. Oft reichen in diesen
+Brauereien die Betriebsräume nicht zu, man weiss manchmal nicht, wie man
+über den mit Fässern, Wagen und Utensilien aller Art angefüllten Hofraum
+zu dem Comptoir gelangen soll. Doch von solchen Aeusserlichkeiten
+abgesehen: es fehlte bei allen diesen Betrieben ein Streben nach Absatz
+und Vergrösserung des Geschäfts, sie hielten keine Reisenden und gaben
+wenig für Reklame aus; ihre Thätigkeit beschränkte sich darauf, die
+ihnen zugegangenen Aufträge auszuführen. Wie anders dagegen bei den
+bayrischen Brauereien! Von vornherein gross angelegt und mit einem
+Kapitalaufwand gegründet, der nur bei eintretender Vergrösserung
+rentieren konnte,[12] waren sie auf eine ganz andere Leitung
+zugeschnitten. Sie suchten auf alle nur denkbare Weise ihren Absatz zu
+vergrössern; weitestgehende Kreditbewilligungen, Verleihung von
+Geschäftsutensilien an ihre Abnehmer, Errichtung eigener
+Ausschankstätten, vornehme Reklame waren hauptsächlich die Mittel, deren
+sie sich bei diesem Streben bedienten. Im Verlauf dieser Entwicklung
+mussten die kleineren Betriebe, gegenüber den kapitalkräftigeren
+Unternehmungen, immer mehr in den Hintergrund treten. Hand in Hand mit
+dem Streben nach Erhöhung des Absatzes, ging die Tendenz auf Ausnutzung
+aller durch die Fortbildung der Technik erringbaren Vorteile, und auch
+hier konnten die kleineren Betriebe nicht mitkommen, die, wie es im
+Jahrbuch f. d. a. Statistik Preussen von 1876 heisst »ohne Eiskeller,
+ohne Maschinen, ohne spezielle Techniker mit den grossen Etablissements
+weder in Bezug auf die Güte noch in Bezug auf die Herstellungskosten des
+Bieres konkurrieren konnten«. Stellen wir diese fortschrittsfreudige und
+aller Hilfsmittel der modernen Technik und Reklame sich bedienende
+Leitung der grossen bayrischen Brauereien in Vergleich zu dem
+geschilderten Charakter der Weissbierbrauereien, so kann es nicht
+überraschen, dass schon früh die Durchschnittsziffern der Produktion
+bei den bayrischen Brauereien viel höher sind, als bei den
+Weissbierbrauereien. So heisst es bereits in dem Jahresb. d. Aelt. d.
+Kaufm. von 1875: »Von den 22 bayrischen Brauereien versteuerten je eine
+über 70000 und 60000 Centner Braumalz, je zwei über 40000 und 30000, 5
+zwischen 20-30000 und alle übrigen (11, also 50 %) unter 20000 Centner
+Braumalz. Von 26 obergährigen Brauereien versteuerten je zwei über 30000
+und 20000 Centner, alle übrigen (22, also beinahe 90 %) unter 20000
+Centner. Im Laufe der Jahre hat sich die Entwicklung der untergährigen
+Bierbrauereien immer weiter nach der Richtung eines Ueberwiegens der
+Grossunternehmungen ausgebildet, während auf dem Gebiete der
+Weissbierproduktion, die Vermehrung der Brauereien in gar keinem
+Verhältnis stand zu der Zunahme der Produktion und zwar infolge der
+Errichtung vielfacher kleiner Brauereien (sogenannte »Quetschen«),
+welche ihr Bier direkt an die Konsumenten in Gestalt von Frischbier oder
+in ganz kleinen Gebinden absetzten. Ihren Ausdruck findet die
+Entwicklung in den Zahlen für die gegenwärtige Durchschnittsproduktion,
+welche für die bayrischen Bierbrauereien 84384, für die
+Weissbierbrauereien 18269 hl[13] beträgt.«
+
+Im Zusammenhang mit der Entwicklung der bayrischen Brauereien zum
+Grossbetrieb steht nun als ein Glied in der Kette der auf die Erhöhung
+des Absatzes gerichteten Anstrengungen die _Uebernahme des
+Flaschenbiervertriebes[14] durch die untergährigen Brauereien_. Es wird
+vielfach behauptet, diese Uebernahme sei geschehen auf Anregung des
+Generaldirektors der Schultheissbrauerei, Roesicke, und zwar zum Schutze
+des biertrinkenden Publikums. Die Bierverleger, habe Herr Roesicke
+ausgeführt, »panschten« zu viel und deshalb müssten die Brauereien den
+Flaschenbiervertrieb in eigene Regie übernehmen, damit das Publikum
+unverfälschte Ware erhielte und die Brauereien nicht länger der Gefahr
+ausgesetzt seien, dass das von ihnen den Bierverlegern im reinen
+Zustande gelieferte Bier von diesen verfälscht und dadurch ohne Schuld
+der betreffenden Brauerei diese selbst in einen schlechten Ruf gebracht
+würde. Nun mag ohne weiteres zugegeben werden, dass in dieser und
+anderer Beziehung Missstände im Bierverlage vorhanden gewesen sein
+mögen, obwohl eine Verfälschung des bayrischen Bieres wohl seltener
+vorgekommen sein mag, als der Wasserzusatz zum Weissbier. Jedoch muss
+gegen die Auffassung Einspruch erhoben werden, als wenn die Brauereien
+lediglich aus dieser Fürsorge für das Publikum und aus Furcht vor
+Schädigung ihres Rufes zu der Einführung des Flaschenbiervertriebs
+gewissermassen gedrängt worden wären. Es mögen Erwägungen der vorher
+dargelegten Art mit obgewaltet haben, aber sie haben sicherlich nur eine
+nebensächliche Rolle gespielt gegenüber solchen von weit
+schwererwiegender Natur. Vor allem kam es darauf an, den Absatz und
+zugleich den Gewinn zu erhöhen, den man unzweifelhaft und wahrscheinlich
+in übertriebenem Maasse von der Einführung dieses Vertriebes erhoffte.
+Durch den direkten Verkehr mit den Konsumenten auf dem Wege der
+Flaschenbiersendung erwartete man weiter, das Bier der betreffenden
+Brauerei leichter einzuführen bezw. weiter zu verbreiten. Man rechnete
+darauf, dass diejenigen Familien, welche Bier von einer bestimmten
+Brauerei als Hausgetränk gewöhnt wären, auch in den Restaurants und
+Ausschankstätten dieses bevorzugen würden. Schliesslich aber und zwar
+wohl als ausschlaggebender Faktor sind Erwägungen volkswirtschaftlicher
+Natur massgebend gewesen. Schon 1879 war in dem Berichte der Aeltesten
+der Kaufmannschaft von Berlin darüber geklagt worden, dass die Unsitte
+des Uebermaasses unglaubliche Dimensionen angenommen hätte, »es ist dies
+nach jeder Hinsicht bedauerlich, denn einerseits werden dadurch nur die
+_sogenannten Bierverleger_, $deren Existenz$ mit wenigen Ausnahmen
+$weder für Fabrikanten$ _noch für Konsumenten von Nutzen_ ist,
+begünstigt, andererseits wird die Solidität und Rentabilität der
+Brauereien selbst dadurch untergraben«. Ebenso wie der Verfasser dieser
+Auslassungen in dem citierten Bericht sind wahrscheinlich auch manche
+der Brauereidirektoren der Meinung gewesen, dass die Existenz des
+Bier-Verlages als eines Zwischengliedes zwischen Produzenten und
+Konsumenten als volkswirtschaftliche Notwendigkeit nicht anzuerkennen
+sei. Sie glaubten, das Publikum mit Leichtigkeit davon überzeugen zu
+können, dass es sich bei dem direkten Bierbezug aus der Brauerei weit
+besser stände, als wenn es sich an die Bierhändler wendete. Es musste ja
+einleuchten: _besser_ konnte der Bierverleger das Bier seinen Kunden auf
+keinen Fall liefern, als die Brauerei, von der er es selbst bezog, wohl
+aber bestand die Gefahr der Verfälschung. _Billiger_ liefern konnte der
+Bierverleger auch nicht, denn er konkurrierte ja mit seinen eigenen
+Lieferanten. So schien bei dem geplanten Versuch jeder Vorteil auf
+Seiten der Brauereien, aller Nachteil auf Seiten der Bierverleger zu
+sein.
+
+Die weitere Entwickelung hat gezeigt, dass diese Kalkulationen richtige
+waren. Das Publikum kam den Brauereien mit grossem Vertrauen entgegen
+und begann, sich von den Bierverlegern abzuwenden. Eine intensive
+Reklame seitens der Bierbrauereien unterstützte diese in ihren
+Bemühungen. Annoncen in den Zeitungen, an den Scheiben der damaligen
+Pferdebahn und in den Stadtbahnwagen, Zustellung frankierter
+Bestellkarten, Neujahrsgeschenke auch an Nichtkunden (Abreisskalender,
+Tintenwischer, auch Aschenbecher in Tonnenform mit Firma etc.),
+schliesslich das Aeussere der Wagen, das höflichere Benehmen der
+Kutscher, alles wirkte zusammen, um den Kundenkreis der Brauerei
+fortgesetzt zu vermehren. Einen besonderen Vorteil sah das Publikum
+auch darin, dass auf den hübsch etiquettierten Flaschen durch eine
+besondere Etiquette auch der Tag des _Abzuges_ vermerkt war, sodass sich
+das Publikum jederzeit davon überzeugen konnte, ob es frisches Bier vor
+sich hatte oder nicht. Sobald erst ein geregelter Absatz nach den
+verschiedenen Stadtteilen sich entwickelt hatte, waren zudem die
+Brauereien in der Lage, das Bier in regelmässig guter Qualität, d. h.
+nicht zu »alt« und nicht zu »jung« zu liefern -- im Gegensatz zu vielen
+Bierverlegern, welche bei ihrem kleinen Absatz oft in die Lage kamen, zu
+frisches oder zu lange gelagertes Bier abgeben zu müssen. Vielfach wird
+von den Bierverlegern auch behauptet, die Brauereien hätten in der
+ersten Zeit das Bier, welches sie selbst auf Flaschen zogen, stärker
+eingebraut, als dasjenige, welches sie den Bierverlegern lieferten und
+diese so ausser Stand gesetzt, hinsichtlich der Qualität überhaupt zu
+konkurrieren. Der vom Standpunkt der Bierverleger an sich schon sehr
+anfechtbare Kampf -- insofern er nämlich von den Lieferanten gegen ihre
+eigenen Kunden geführt wurde -- bekäme dadurch einen allerdings sehr
+hässlichen Anstrich. Ob diese Behauptung richtig ist, lässt sich
+natürlich nicht entscheiden. Jedenfalls ist es falsch, sie wie es
+seitens der Bierverleger häufig geschieht, als alleinigen Grund für die
+Ueberlegenheit der Brauereien anzusehen; diese Ueberlegenheit war schon
+durch die angeführten Gründe hinlänglich gegeben. Thatsache ist denn
+auch, dass die ersten Versuche einzelner Brauereien zu einem äusserst
+günstigen Ergebnis führten, und nachdem diese ersten Versuche geglückt
+waren, folgten schnell die anderen nach. Einige Brauereien wurden zur
+Einführung des Flaschenbiervertriebes direkt gezwungen, indem
+fortgesetzt Bestellungen auf Flaschenbier bei ihnen einliefen, welche
+sie auf die Dauer nicht zurückweisen konnten und wollten. Von den jetzt
+in Berlin bestehenden 29 bayrischen Brauereien sind es nur noch 6 (und
+zwar die kleineren), welche auf den Vertrieb von Flaschenbier
+verzichten, die übrigen haben ihn in immer weiter steigendem Maasse
+eingeführt und man kann behaupten, dass die Versorgung Berlins mit
+Flaschenbier, soweit das bayrische Bier in Betracht kommt, fast ganz in
+ihren Händen ruht. In erster Linie haben sie die Privatkundschaft
+erobert. Es muss betont werden, dass sie diesen Teil ihrer Kundschaft
+den Bierverlegern nicht dadurch abnahmen, dass sie jene unterboten, denn
+sie lieferten ebenso wie die Bierverleger nur 32 Flaschen für 3 Mark. Es
+war bei diesen Kunden hauptsächlich das grössere Vertrauen zur Qualität
+des in der Brauerei abgezogenen Bieres, welches sie diesen zuführte. Die
+Kantinen der Fabriken dagegen, ebenso wie andere Geschäftskunden wurden
+durch Gewährung eines Rabattes gewonnen, welchen der Gastwirt oder
+Bierverleger nicht bewilligen konnte, ohne zu Grunde zu gehen. Auch
+heute, nachdem den Brauereien dieser Kundenkreis längst gesichert ist,
+dauert das Unterbieten im gegenseitigen Konkurrenzkampfe der Brauereien
+_unter sich_ noch fort. So bedauert eine der bedeutendsten Berliner
+Brauereien in einem an den Verfasser dieser Schrift gerichteten
+Schreiben, dass bei dem Verkauf von Lagerbier an Wiederverkäufer und
+Kantinen seitens mehrerer Brauereien eine Preisschleuderei eingetreten
+sei und verschiedene Brauereien 42-50 Flaschen für 3 Mark lieferten.
+
+Die Entstehung des Flaschenbiervertriebes seitens der Brauereien fällt
+in den Anfang der achtziger Jahre, in der Gegenwart hat die dadurch
+herbeigeführte Entwicklung gewissermassen ihren Abschluss gefunden.
+Ueber die Entwicklung des Absatzes bei einzelnen Brauereien selbst geben
+die nachfolgenden Zahlen Aufschluss, welche dem Verfasser von den
+betreffenden Brauereien freundlichst zur Verfügung gestellt wurden.
+
+ _Absatz von Flaschenbier._
+
+ 1. _Aktienbrauerei Königstadt_.
+
+ 1881/82: 2802 hl
+ 1898/99: 16157 "
+
+ 2. _Schlossbrauerei Schöneberg_, A.-G.
+
+ 1886/87 ? hl[15]
+ 1887/88 15875 "
+ 1888/89 25303 "
+ 1889/90 30147 "
+ 1890/91 33048 "
+ 1891/92 43170 "
+ 1892/93 52437 "
+ 1893/94 58706 "
+ 1894/95 68854 "
+ 1895/96 86551 "
+ 1896/97 95158 "
+ 1897/98 96200 "
+ 1898/99 94222 "
+
+ 3. _Aktien-Brauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe_
+ vorm. Patzenhofer.
+
+ 1889/90 3250000 Flaschen[16]
+ 1890/91 5000000 "
+ 1891/92 6050000 "
+ 1892/93 6700000 "
+ 1893/94 8450000 "
+ 1894/95 11000000 "
+ 1895/96 14000000 "
+ 1896/97 16540000 "
+ 1897/98 17816000 "
+ 1898/99 18159000 "
+ = 63335 hl.
+
+ 4. _Vereinsbrauerei Rixdorf_.
+
+ 1894/95 4476 hl[17]
+ 1895/96 14381 "
+ 1896/97 22802 "
+ 1897/98 28541 "
+ 1898/99 33096 "
+
+ 5. _Böhmisches Brauhaus_, Kommandit-Gesellschaft auf Aktien.
+
+ 1888/89 4135 hl[18]
+ 1889/90 8087 "
+ 1890/91 10617 "
+ 1891/92 12442 "
+ 1892/93 11795 "
+ 1893/94 13423 "
+ 1894/95 17163 "
+ 1895/96 19023 "
+ 1896/97 19904 "
+ 1897/98 23712 "
+ 1898/99 28721 "
+
+ 6. _Schultheiss-Brauerei_, A.-G.
+
+ 1876/77 ? hl[19]
+ 1877/78 ? "
+ 1880/81 6700 "
+ 1881/82 6800 "
+ 1882/83 9350 "
+ 1883/84 11426 "
+ 1884/85 13976 "
+ 1885/86 16251 "
+ 1886/87 18442 "
+ 1887/88 19810 "
+ 1888/89 24072 "
+ 1889/90 31752 "
+ 1890/91 48644 "
+ 1891/92 57849 "
+ 1892/93 78753 "
+ 1893/94 94547 "
+ 1894/95 104271 "
+ 1895/95 120906 "
+ 1896/97 128228 "
+ 1897/98 156290 "
+ 1898/99 183990 "[20]
+
+Der Gesamtumsatz der zum Verband der Berliner Brauereien gehörenden
+untergährigen Brauereien betrug nach den Berichten des Verbandes im
+Jahre 1897/98: 531947, im Jahre 1898/99: 599502 hl, welche sich auf die
+einzelnen Brauereien folgendermassen verteilen:
+
+ ---------------------------------------------------
+ | 1897/98 | 1898/99
+ ----------------------------+-----------+----------
+ Schultheissbrauerei | 139140 | 167250
+ Schlossbrauerei Schöneberg | 96200 | 94222
+ Friedrichshöhe | 62377 | 63335
+ Viktoria-Brauerei | 28654 | 32445
+ Vereinsbrauerei | 28541 | 33096
+ Böhmisches Brauhaus | 23712 | 28721
+ Unions-Brauerei | 23400 | 26800
+ Oswald Berliner | 22921 | 26800
+ Friedrichshain | 21792 | 24373
+ Happoldt | 18626 | 24351
+ Bock-Brauerei | 15920 | 20640
+ Moabit | 15133 | 16826
+ Norddeutsche Brauerei | 13812 | 15839
+ Königsstadt | 13680 | 16157
+ Gregory | 11732 | 13092
+ Werm | 8000 | 9251
+ Versuchsbrauerei | 5952 | 6506
+ Germania | 5033 | 5222
+ Gambrinus | 243 | 1017
+
+Zu dieser gewaltigen Zahl von beinahe 600000 hl ist noch der Absatz
+derjenigen Brauereien hinzuzurechnen, welche dem Verbande nicht
+angehören, und deshalb in der Tabelle nicht angeführt sind. Es sind dies
+u. a. die Vereinigten Werder'schen Brauereien, welche ihren Hauptabsatz
+in Berlin haben, sowie die grösste der bestehenden bayrischen
+Brauereien, soweit diese noch in Privathänden sind, die von Julius
+Bötzow. Der Absatz von Flaschenbier der letzten Brauerei ist allein auf
+ca. 50-60000 hl jährlich zu schätzen. Dazu kommen nun noch die
+Generalvertreter auswärtiger Brauereien, welche ebenfalls einen
+schwunghaften Flaschenbierhandel treiben, wie die Haasebrauerei in
+Breslau und die Radeberger Exportbrauerei. Der Gesamtumsatz von
+Flaschenbier seitens der Berliner Brauereien ist somit auf ca. 7-800000
+hl jährlich zu schätzen. Berechnet man, dass ein Bierverleger bei einem
+jährlichen Absatz von 800-1000 hl schon verhältnismässig gut bestehen
+kann, so ist ersichtlich, wie viele solcher Betriebe ein einziges
+Grossunternehmen, wie die Schultheissbrauerei, überflüssig macht.
+
+Die _Berliner Weissbierbrauereien_ haben in ihrer Mehrzahl aus den
+Gründen, die auch ihrer allgemeinen Entwicklung zu Grossunternehmen
+entgegenstanden, die Uebernahme des Flaschenbiervertriebes _abgelehnt_.
+Einige, die es versucht hatten, den Flaschenbiervertrieb in grösserem
+Massstabe in eigene Regie zu übernehmen, wurden durch einen Boykott der
+Bierverleger zur Aufgabe desselben gezwungen. Der Boykott liess sich in
+diesem Falle durchführen, weil die betreffenden Brauereien den
+Bierverlegern nicht, wie die bayrischen Brauereien als _eine_
+geschlossene Macht gegenübertraten, sondern vereinzelt dastanden und
+zudem auch einzeln nicht über ein derartiges Kapital verfügten, wie
+jene. Von den grösseren Brauereien betreiben nur zwei den Selbstabzug
+und Vertrieb von Flaschenbier, nämlich die Weissbierbrauerei vorm.
+Albert Bier, und die vor kurzem in eine Aktiengesellschaft umgewandelte
+Brauerei von Gebhardt. Die Bier'sche Brauerei begann mit dem Vertrieb
+von Flaschenbier im Jahre 1890, ihr jetziger Absatz beziffert sich auf
+ca. 15000 hl, der Absatz der Gebhardt'schen Brauerei soll etwa 30000 hl
+betragen. Die Kundschaft der letzteren Brauerei setzt sich überhaupt zum
+grössten Teile aus Abnehmern von Flaschenbier zusammen, wenigstens wurde
+der Brauereibesitzer Gebhardt früher von den Berliner Bierverlegern
+charakterisiert als »ein Bierverleger, der sich sein Bier selbst
+abzieht.«
+
+Es ist eine eigenartige Erscheinung, wie auch in diesem
+Falle die Weissbierbrauerei in Berlin ihren eigentümlich
+konservativ-patriarchalischen Charakter sich bewahrt hat. In der Natur
+des obergährigen Bieres liegt durchaus nichts, was die Brauereien hätte
+abhalten können, den Selbstabzug und Vertrieb in eigene Hand zu nehmen.
+Die Gefahr der Verfälschung des Bieres, von der in Bezug auf die
+bayrischen Brauereien gesprochen wurde, bestand bei ihnen in weit
+höherem Masse als bei jenen; der Erfolg hätte sie bei ihrem Bestreben,
+auf Uebernahme des Flaschenbiervertriebes vermutlich ebenso unterstützt,
+wie die bayrischen Brauereien. Aber die Art des Betriebes, die Furcht
+vor einer ungewissen Vergrösserung des Absatzes und damit der Uebernahme
+eines Risikos, endlich aber und entscheidend, der noch ziemlich
+ausgebildete persönliche Verkehr des Weissbierbrauereibesitzers mit
+seinen Kunden trat dem entgegen. Erwägungen volkswirtschaftlicher Natur
+wie sie bei den kaufmännischen Direktoren der bayrischen
+Aktienbrauereien vorwalteten, waren ihnen gewisslich fremd, sie sahen
+die Sachlage nur von dem Gesichtspunkte an, dass sie ihren eigenen
+Kunden Konkurrenz machen sollten, und das widerstrebte ihnen. Solange
+daher die Weissbierbrauereien in den Händen ihrer jetzigen Besitzer
+bleiben, ist eine Aenderung der bestehenden Verhältnisse kaum
+wahrscheinlich.
+
+Ob aber die nach ihnen folgende zweite Generation das Geschäft in alter
+Weise fortführen wird, ist mehr als zweifelhaft. Verschiedene der jetzt
+bestehenden, grossen Weissbierbrauereien werden daher in absehbarer Zeit
+auch wohl in Aktiengesellschaften umgewandelt werden, und ob dann, wenn
+ein genügendes Kapital, verbunden mit Unternehmungslust an die Stelle
+des jetzigen Betriebes tritt, nicht auch die Geschäftsprinzipien
+wesentlich andere, auch in Bezug auf den Flaschenbiervertrieb werden,
+muss abgewartet werden.
+
+
+ Die Syphon- und Kannenbiergesellschaften.
+
+Von einer geringeren Bedeutung als die Uebernahme des
+Flaschenbiervertriebes durch die Brauereien ist für die Form des
+Flaschenbiergeschäftes die Einführung des Syphon- und Kannenbieres
+gewesen, an die man anfänglich grosse Erwartungen geknüpft hatte. Im
+wesentlichen kommen alle Konstruktionen dieser Apparate darauf hinaus,
+durch Zuführung von Kohlensäure, die bei den einfachen Flaschen nicht
+möglich ist, das Bier bis zum letzten Tropfen frisch zu halten.
+Hierdurch bieten die Syphons (die gebräuchlichste Form hat einen Inhalt
+von 5 l) noch den Vorteil, dass man nicht gezwungen ist, eine bestimmte
+Quantität zu trinken, wie beim Flaschenbier, man kann sich so viel oder
+wenig abzapfen als man will. Auch Raumersparnis bietet der
+Syphon-Apparat, da er nicht soviel Platz fortnimmt wie etwa 12 Flaschen
+à 0,4 l Inhalt, die seinem Gesamtgehalt entsprächen. Diese Vorzüge
+bieten die _Bierkannen_ nicht, die wesentlich nur durch einen
+luftdichten Verschluss die Kohlensäure im Bier besser erhalten und
+ausserdem durch elegantes Aussehen, die Tafel vor einer Verunreinigung
+bewahren wollen. Man glaubte in den beteiligten Kreisen, dass diese
+neuen Gefässe eine Umwälzung im Bierhandel herbeiführen würden. Es kam
+darauf an, wer den Verkauf des Syphon-Bieres in die Hand nahm. An vielen
+Orten haben die Bierverleger sofort die Gefahr erkannt, die ihnen daraus
+erwachsen müsste, wenn der Vertrieb von Syphon-Bier durch die
+Brauereien, oder eigene Syphon-Versandgesellschaften geschähe und
+infolgedessen selbst den Vertrieb von Bier in Syphons übernommen. In
+manchen Städten, z. B. Hamburg, hat sich nach den Berichten des dortigen
+Bierverleger-Vereins der Bezug von Bier in Syphons auch eingebürgert,
+anderwärts wieder verschwand mit dem Reiz der Neuheit auch die Nachfrage
+und zahlreich sind die Anzeigen im »Bierverleger«, in denen grössere und
+kleinere Syphons, gebraucht, zum Kauf angeboten werden. In _Berlin_
+hatten die Bierverleger nicht dasselbe Interesse an der Einführung der
+Syphons und des Kannenbieres, wie an anderen Orten. Es erhellt, dass die
+Syphons nur für die Lagerbiere in Betracht kommen, da sich das Weissbier
+nicht aus diesen Gefässen, wie überhaupt nicht vom Fass in Verbindung
+mit Kohlensäure-Druckapparaten verschänken lässt. Allerdings hätte man
+meinen sollen, dass vielleicht einige kapitalkräftige Gastwirte und
+Bierverleger sich ebenfalls die Einführung von Syphons oder Kannen
+hätten angelegen sein lassen, um dadurch zu versuchen, dem
+Flaschenbiervertrieb der Brauereien entgegenzutreten und wenigstens die
+Nachbarkundschaft wieder an sich zu ziehen. Aber das geschah nur in
+wenigen Fällen. Auch von den Brauereien haben nur wenige neben der
+Flaschenbier- eine Syphonbierabteilung eingerichtet; so die
+Schloss-Brauerei Schöneberg, in deren Bilanz eine »Abteilung für Versand
+von Syphonbier«, mit 51000 Mark zu Buch steht. Ausser dieser Brauerei
+betreiben speziell 5 Gesellschaften Verkauf und Versand von Syphonbier,
+darunter die als Genossenschaft m. b. H. begründete Deutsche
+Syphongesellschaft (Kapital 300000 Mark). Doch ist zu beachten, dass
+sich diese Gesellschaften ausser mit dem Versand von Bier in
+Syphon-Gefässen auch mit der Herstellung dieser Gefässe selbst befassen.
+
+Bei dem Kannenbier, das anscheinend in den vornehmeren Gegenden vielfach
+das Flaschenbier verdrängt hat, liegt der Vertrieb in den Händen der
+Kannenbierversand-Aktiengesellschaft, welche seinerzeit mit einem
+Kapital von 1 Million Mark gegründet wurde ca. 12-15 Wagen im Betrieb
+hat und für die ersten beiden Jahre ihres Bestehens je 16 % Dividende zu
+verteilen in der Lage war. Geschädigt werden durch diesen Versand sowohl
+Brauereien als auch Bierverleger, welche in jenen westlichen Gegenden
+Kunden besassen und diese nun verloren haben. Bei den Berliner
+Bierverlegern haben sich ebenso wie die Syphons auch die Kannen sehr
+wenig eingebürgert; vor allem wohl haben die grossen Kosten die meisten
+von einer Anschaffung zurückgeschreckt. Ein Syphonapparat von 5 l Inhalt
+kostet im Durchschnitt 10-12 Mark, eine Kanne etwa 1-1,50 Mark; die
+Anschaffung einiger hundert Stück, wie sie doch für einen einigermassen
+ausgedehnten Betrieb unbedingt notwendig ist, bedingt also erhebliche
+Anschaffungskosten.
+
+
+ Die Bierverlagsgeschäfte im Kampfe mit den Grossbetrieben.
+
+Wie haben die hier geschilderten Aenderungen des Bierkonsums ebenso wie
+die neuen Formen des Biervertriebs nun auf die Lage der Bierverleger
+eingewirkt? Wir hatten unsere Betrachtungen über die Entwicklung des
+Flaschenbierhandels bis zu jener Zeit geführt, in welcher aus der
+Berufsvereinigung von Gastwirtschaft oder Viktualiengeschäft mit
+Flaschenbierhandel der Bierverlag als selbständiges Gewerbe sich
+entwickelt hat. Seit dem Jahre 1868 findet sich im Berliner
+Adressbuch die Rubrik »Bierverleger« ständig, im Jahre 1879 wird eine
+Unterscheidung zwischen Bierverlegern und Bier-Engroshandlungen gemacht,
+hierunter sind die grösseren Bierhandlungen zusammen mit den
+Brauereivertretern aufgeführt. Die Zahl der Eintragungen in beide
+Rubriken ergiebt sich aus der nachfolgenden Tabelle:
+
+ ---------------------------------
+ Jahr | Verleger | Engrosgeschäfte
+ -----+----------+----------------
+ 1868 | 102 | --
+ 1869 | 115 | --
+ 1870 | 108 | --
+ 1871 | 116 | --
+ 1872 | 120 | --
+ 1873 | 158 | --
+ 1874 | 185 | --
+ 1875 | 266 | --
+ 1876 | 257 | --
+ 1877 | 289 | --
+ 1878 | 289 | --
+ 1879 | 302 | 23
+ 1880 | 302 | 17
+ 1881 | 309 | 24
+ 1882 | 308 | 26
+ 1883 | 324 | 32
+ 1884 | 337 | 47
+ 1885 | 323 | 47
+ 1886 | 311 | 51
+ 1887 | 329 | 71
+ 1888 | 344 | 76
+ 1889 | 363 | 70
+ 1890 | 321 | 67
+ 1891 | 385 | 67
+ 1892 | 332 | 76
+ 1893 | 242 | 91
+ 1894 | 326 | 96
+ 1895 | 353 | 94
+ 1896 | 391 | 104
+ 1897 | 416 | 112
+ 1898 | 414 | 102
+ 1899 | 404 | 96
+ 1900 | 367 | 97
+
+Es lässt sich aus diesen Zahlen nicht unmittelbar auf die Lage und die
+Entwicklung der Berliner Bierverlags- oder Bierengrosgeschäfte
+schliessen. Dafür sind sie zu unsicher, weil namentlich diejenigen
+Bierverleger, welche nebenbei noch Gastwirtschaft betreiben, in der
+Berufseintragung für das Adressbuch durchaus nicht immer gleich
+bleibende Angaben machen. Immerhin geben sie doch Illustrationen zu der
+jeweiligen Lage des Berufszweiges, sie zeichnen die wechselnden
+Konjunkturen ab, welche er durchgemacht hat. Welcher Gegensatz zwischen
+der Bewegung der Zahlen von 1870-1885 und von da ab bis 1900! In der
+ersten Periode ein nur selten durch kleine Oscillationen unterbrochenes
+stetiges Aufsteigen, (1870: 108, 1875: 266, 1880: 319, 1885: 370), in
+jenem zweiten Abschnitt ein ewiges Hin- und Herschwanken, Aufsteigen und
+Absteigen nebeneinander, ohne dass eine bestimmte _Tendenz_ sich
+herausarbeitete (1885: 370, 1890: 388, 1894: 322, 1895: 447, 1897: 528,
+1900: 464). In jener ersteren Zeit steigt die Zahl der Bierverleger um
+das Dreieinhalbfache (von 108 auf 370), in der gleichen Zeit steigt aber
+auch der Konsum des Bieres in Berlin um mehr als das Doppelte (von
+1049718 hl auf 2308414 hl). Dabei ist noch zu bemerken, dass der
+Bierbezug auf dem Wege der Lieferung durch den Verleger gerade in dieser
+Zeit in immer mehr steigendem Masse sich ausbildete, dass der
+Bierverleger vielfach an solche Leute Bier lieferte, welche es früher
+vom Gastwirt bezogen, oder allgemeiner ausgedrückt, dass das
+Bierlieferungsgeschäft den »Verkauf über die Strasse« zum Teil
+zurückzudrängen begann. Jede Förderung des Lieferungsgeschäftes, mochte
+dieselbe sich nun auf das bayrische oder Weissbier beziehen, kam aber
+dem Bierverleger zu Gute, da das Lieferungsgeschäft noch fast völlig in
+ihren Händen ruhte, wenn auch einzelne Brauereien bereits mit dem
+Vertrieb von Flaschenbier begonnen hatten.[21] So ist es erklärlich,
+dass die Verhältnisse für den Bierverlag äusserst günstig waren. Seine
+Entwicklung aus der Betriebsvereinigung zwischen Viktualien- und
+Flaschenbierhandel hatte sich bereits gegen die Mitte der siebziger
+Jahre vollständig durchgesetzt, und teilweise wohl unter einem Druck der
+Bierverleger hörten die Brauereien überhaupt auf, den übrigen
+Viktualienhändlern noch Bier in Fässern zu liefern, sodass diese behufs
+Deckung ihres Bedarfs, ebenfalls an die Bierverleger gewiesen waren.
+Wenn wir annehmen, dass damals ebenso wie heute ca. 30 % des
+untergährigen Bieres in der Form des Flaschenbieres konsumiert werden,
+so würde sich beispielsweise für 1875 ein Gesamtflaschenbierkonsum von
+1255078, für 1885 ein solcher von 1303423 hl ergeben. Wenn wir diese
+Ziffern vergleichen mit der Zahl der Bierverleger und für das Jahr 1885
+20000 hl bereits als Flaschenbierabsatz der Brauereien in Abzug bringen,
+so ergiebt sich, dass im Jahre 1875 ein Bierverlag auf je 4719 hl
+Flaschenbierkonsum kommt, im Jahre 1885 infolge Steigerung der Zahl der
+Bierverleger und des relativen Sinkens der Weissbierproduktion ein
+Bierverlag auf 3472 hl. Diese Ziffern bedeuten natürlich nicht, dass
+jeder Bierverlag in den betreffenden Jahren einen durchschnittlichen
+jährlichen Absatz von 4719 bezw. 3472 hl Flaschenbier gehabt habe, denn
+in den Zahlen für den Absatz von Flaschenbier spielt natürlich auch
+_der_ Verkauf über die Strasse eine grosse Rolle, welcher in den Händen
+der Gastwirte liegt. Der durchschnittliche Umsatz eines
+Bierlieferungsgeschäftes dürfte also nur einen Bruchteil dieser Zahlen
+betragen, die ja auch an sich, da es sich um Schätzung handelt, ziemlich
+unsicher sind, aber doch durch die _Vergleichung_ ihren Wert erhalten.
+
+Die Veränderung in der Geschäftslage hat angefangen mit dem Jahre, in
+welchem die bayrischen Brauereien mit dem Vertrieb des Flaschenbieres
+begannen, und wie die mitgeteilten Ziffern zeigten, in ihrem Bemühen,
+direkt als Produzenten mit den Konsumenten in Verbindung zu treten, so
+ausserordentlich erfolgreich waren. Es war den Bierverlegern unmöglich,
+in Preis oder Qualität mit ihren Lieferanten zu konkurrieren und so
+verminderte sich ihr Absatz an untergährigem Biere in demselben Masse
+und derselben Relation wie die mitgeteilten Ziffern einzelner Brauereien
+steigen. Eine planmässige Zusammenstellung der Absatzziffer in Bezug auf
+das Flaschenbier ist seitens des Verbandes der Berliner Brauereien
+leider erst vor 2 Jahren angeregt und durchgeführt worden, sodass sich
+zuverlässige, vollständige Berichte über das Fortschreiten dieses
+Absatzes der Brauereien leider nicht bringen lassen. Soviel aber scheint
+für die derzeitige Lage der Dinge festzustehen, dass in Bezug auf den
+Absatz von bayrischem Lagerbier in Flaschen mindestens neun Zehntel
+dieses Absatzes durch die Brauereien besorgt werden. Wenn fast alle
+Bierverleger noch Lagerbier neben dem Weissbier beziehen, so geschieht
+dies, weil sie zum Teil über die Strasse noch bayrisches Bier in
+Flaschen verkaufen, andererseits einige alte Privatleute oder
+Viktualienhändler zu Kunden haben, die, weil sie jahrelang das
+Weissbier von dem betreffenden Verleger bezogen haben, aus einer Art
+Pietät auch das bayrische Bier von ihm entnehmen.
+
+Nach dem Verlust des Absatzes von bayrischem Bier blieb den
+Bierverlegern in der Hauptsache noch der Versand von Weissbier und da
+der Konsum von Weissbier wenigstens _absolut_ gestiegen ist, so liesse
+sich vermuten, dass der Absatz von Weissbier bei den einzelnen Verlegern
+mindestens gleichgeblieben sei. Nehmen wir die Zahlen von 1880 und 1898
+zum Vergleich, so ergiebt sich, dass die Zahl der Verleger um ca. 63 %,
+die Produktion des Weissbieres dagegen in derselben Zeit um 78 %
+gestiegen ist. Doch müssen wir uns zunächst erinnern, dass von dieser
+Produktion ein erheblicher Bruchteil abzuziehen ist, welcher in die
+Provinz ausgeführt[22] wird, und dass zudem der Umsatz derjenigen
+Weissbierbrauereien in Abzug zu bringen ist, welche ebenfalls den
+Vertrieb von Flaschenbier selbst besorgen.
+
+Schliesslich aber ist eine Verschlechterung der Lage dadurch bedingt
+worden, dass in immerhin beträchtlichem Masse der _Selbstabzug_ von
+Weissbier bei der arbeitenden Bevölkerung sich eingebürgert hat. Dieser
+Selbstabzug geschieht entweder durch den Bezug von Frisch- oder
+Jungbier, oder durch den Bezug von kleineren Gebinden, die bis auf den
+Umfang von ca. 5 l zurückgehen. Das Frischbier wird gewöhnlich auf dem
+Hofe der Brauerei an die Hausfrauen verkauft, welche es sich in Eimern
+oder Kannen literweise holen und auf Flaschen ziehen, nachdem sie je
+nach ihrem Geschmack noch Wasser oder Zucker hinzugesetzt haben. Dieser
+Frischbierverkauf wird von vielen Weissbierbrauereien, namentlich aber
+von den in letzterer Zeit aufgekommenen Braunbierquetschen betrieben, er
+ist erst in neuerer Zeit zu grösserer Bedeutung gekommen. Bei den
+kleineren Weissbierbrauereien bildet er einen beträchtlichen Anteil
+ihres Gesamtumsatzes, aber auch bei den grossen Brauereien ist er
+bedeutend; so schätzt man in Bierverlegerkreisen den täglichen Verkauf
+von Frischbier in der Brauerei von Albert Bier auf 12/2 t, in der
+Weissbierbrauerei von Gabriel & Jäger auf 36/2 t pro Tag. Der Versand
+von Bier in kleinen Gebinden geschieht hauptsächlich seitens jener
+grossen Zahl neu entstandener »Quetschen«, welche überhaupt keine
+grossen Gebinde führen, weil sie Wiederverkäufer niemals zu Kunden
+haben, ihr Absatz sich vielmehr auf den Verkauf an die Konsumenten
+beschränkt. Das von ihnen »gebraute« Bier ist ein leichtes obergähriges
+Bier und wird als Braunbier bezeichnet, in der Statistik jedoch
+jederzeit zusammen mit dem Weissbier aufgeführt, wie wir auch in unseren
+Betrachtungen, wenn wir vom Weissbier sprachen, das Braunbier stets
+eingeschlossen hatten. Das Braunbier[23] unterschied sich von dem
+Weissbier durch einen starken Zusatz von Zucker und zuckerhaltigen
+Stoffen, durch den es im Verhältnis zu seinem geringen Preis einen
+immerhin merklichen Nährwert erhielt und so in Verbindung mit seinem
+süssen Geschmack ein beliebtes Getränk für Frauen und Kinder, namentlich
+als Stärkungsmittel wurde.[24] Doch hielt diese Beliebtheit des
+Braunbieres nur bis zum Ende der siebziger Jahre an, dann kam es immer
+mehr aus dem Verkehr. In neuerer Zeit ist es jedoch zu neuem Leben
+erwacht und zwar dadurch, dass einesteils die Verwendung von Saccharin
+an Stelle des teuren Malzes oder Zuckers die Herstellung des Bieres
+verbilligte, anderenteils die früher infolge der zuckerhaltigen Stoffe
+oft stürmische Nachgährung in den Flaschen bei längerem Lagern (das Bier
+wurde »wild«) vermieden wurde. Ueber 40 Brauereien sind in kurzer Zeit
+entstanden, welche sich mit der Herstellung dieses Braunbieres abgeben,
+ihre Produktion wird auf ca. 400000 hl jährlich geschätzt, welche
+Schätzung mir allerdings übertrieben erscheint! Ueber die Art, wie die
+Herstellung dieses Bieres oft vor sich geht -- in einem
+waschküchenähnlichen Raum! -- wie aus einem Centner Malz 12 hl »Bier«
+hergestellt werden (bei dem Weissbier aus einem Centner ca. 3 hl), giebt
+das citierte Gutachten, welches diese Art der Braunbierbrauerei als
+»Pseudobraugewerbe« bezeichnet, erbauliche Angaben. Diese Brauereien
+sind es nun, welche, da ihre Produkte stets mit denjenigen der
+Weissbierbrauereien zusammen aufgeführt werden, oft ein falsches Bild
+geben. _Einesteils_ in Bezug auf die Durchschnittsproduktion der
+obergährigen Brauereien, welche ohne diese Quetschen doch nicht jenen
+ausserordentlich niedrigen Stand haben würde, den sie in der Statistik
+einnimmt, anderenteils in Bezug auf die Lage der Bierverleger, welche
+von der Steigerung der Produktion obergähriger Biere durchaus nicht in
+vollem Masse profitiert haben, da die gesamte Produktion dieser Braun-
+und Bitterbierbrauereien davon abzurechnen ist. Der Absatz dieser
+Brauereien an ihre Abnehmer vollzieht sich meist derart, dass das
+benötigte Bier in Kannen oder kleine Gebinde gefüllt, oft aber auch
+direkt vom Fass mittels Ablasshahnes abgefüllt und so in einer Art
+»Strassenhandel« abgesetzt wird. Das Feilhalten von losem Bier mit einem
+Extraktgehalt von unter 2 % ist zwar polizeilich verboten, jedoch soll
+nach Aeusserungen aus Fachkreisen diese Bestimmung völlig auf dem
+Papiere geblieben sein.
+
+Durch die Art des direkten Absatzes dieser kleinen Brauereien ist
+natürlich den Bierverlegern ebenfalls eine empfindliche Konkurrenz
+entstanden. Während früher die Braunbierbrauereien ihr Bier ebenso wie
+die Weissbierbrauereien den Bierverlegern in Fässern lieferten und diese
+den Absatz in Flaschen besorgten, welcher oft einen bedeutenden Teil des
+Gesamtabsatzes ausmachte -- namentlich an die Viktualienhändler wurde
+viel Braunbier geliefert -- ist ihnen heute dieser Absatz fast gänzlich
+aus den Händen genommen. Dazu kommt als letztes Moment noch, dass die
+Gastwirte aus ihrem Kundschaftsverhältnis zu den Bierverlegern
+heraustraten. Seitdem in den achtziger Jahren die Weissbierbrauereien,
+um den Wünschen nicht nur der Gastwirte, sondern auch eines Teiles der
+jüngeren Bierverleger nachzukommen, immer mehr dazu schritten, den
+letzten Gährungsprozess beim Weissbier in ihren eigenen Kellereien
+vorzunehmen, begannen auch die Gastwirte mehr und mehr das Bier wieder
+selbst von der Brauerei zu beziehen und so ging auch dieser Kundenkreis
+den Bierverlegern verloren.
+
+Es ist daher wohl ersichtlich, dass der Einfluss, welchen die Steigerung
+des Konsums obergähriger Biere auf die Lage der Bierverleger ausübte,
+durch die übrigen namhaft gemachten Momente mehr als aufgewogen werden
+musste. Nur ein Gebiet blieb den Bierverlegern, auf dem sie, von
+drückender Konkurrenz befreit, ihre frühere Stellung nicht nur
+behaupten, sondern sogar verstärken konnten: dasjenige der sogen.
+»echten« Biere. Es war bereits dargelegt worden, wie der Vertrieb der
+auswärtigen Biere zuerst in den Händen jener Bier-Niederlagen
+sich befand, welche daneben meist noch mit einem besseren
+Kolonialwarengeschäft oder einem Restaurant verbunden waren. Später
+entwickelten sich aus dieser Betriebsvereinigung die General-Agenturen
+der auswärtigen Brauereien als selbständige Gewerbe und zwar zum
+grössten Teil mit der Beschränkung auf den Absatz in Fässern, während
+der Vertrieb des Flaschenbieres in die Hände der Bierverleger überging.
+Im wesentlichen liegen die Dinge auch heute noch so, nur dass viele
+Bierverleger, angesichts der Verringerung der Absatzmöglichkeit auch
+eigene Brauereivertretungen übernommen haben und z. T. neben ihrem
+Flaschen- auch Fassbierhandel treiben. Für die Mehrheit der Bierverleger
+wichtiger als diese einzelnen Vertretungen ist jedoch der Absatz
+derjenigen sogenannten »echten«, d. h. auswärtigen Biere, welche
+allgemein eingeführt sind und deren Vertrieb durch die Bierverleger
+geschieht, da die betr. Generalvertretungen sich auf den Fassbierhandel
+beschränken. In Betracht kommen hier vor allem das Grätzer und das
+Kulmbacher Bier. Von den 46 Bierverlegern, über deren Geschäftsbetrieb
+mir Auskünfte vorliegen, führten 36 Grätzer und 21 Kulmbacher Bier,
+Münchener Bier wurde in 3, Pilsener Bier in 5 Fällen geführt. Das
+Grätzer Bier (aus Grätz in der Provinz Posen) wurde Mitte der achtziger
+Jahre in Berlin eingeführt, es ist ein obergähriges Bier, das sehr lange
+Lagerung erfordert, (mindestens 14 Tage), der Geschmack ist ein
+eigentümlich rauchiger. Es wird meist in den Nachtcafés geführt. Die
+jährliche Einfuhr von Grätzer Bier soll nach den Angaben des
+Generalvertreters einer der bekannteren Grätzer Brauereien etwa 25000 hl
+betragen. Eine Zeit lang hatte der Vertreter der Brauerei Bähnisch in
+Grätz den Flaschenbiervertrieb selbst übernommen, doch wurde er durch
+einen Boykott der Berliner Bierverleger gezwungen, ihn wieder
+aufzugeben, da er mehr Fassbierkunden verlor, als er an den
+neugewonnenen Flaschenbierkunden verdiente. So ist der Absatz des
+gesamten in Berlin eingeführten Grätzer Bieres in den Händen der
+Bierverleger geblieben.
+
+Allerdings konnten die 25000 hl, welche der Absatz von Grätzer Bier
+ausmachte, keinen Ersatz bieten für dasjenige Absatzfeld, welches ihnen
+die Brauereien entrissen hatten. Wir hatten vorher Berechnungen
+angestellt, welche die Zahl der Bierverleger in Vergleich setzten mit
+dem gesamten Berliner Flaschenbierkonsum. Danach kam ein Bierverlag im
+Jahre 1875 auf 4719 hl Flaschenbierabsatz, im Jahre 1885 auf 3472 hl
+Flaschenbierabsatz. Stellen wir dieselbe Berechnung für das Jahr 1898
+auf, so ergiebt sich folgendes: Es kommen als Flaschenbierkonsum in
+Betracht: 1357993 hl obergähriges Bier und 30 % der auf 2480418 hl
+angegebenen Produktion von untergährigem Bier = 826806 hl, also zusammen
+2184799 hl. Hiervon sind jedoch in Abzug zu bringen 1. derjenige Teil
+dieses Konsums, welcher durch die Brauereien gedeckt wird mit mindestens
+700000 hl, 2. derjenige Teil der Weissbierproduktion, welcher unter
+Uebergehung der Zwischenhand in der Form von Frischbier oder in kleinen
+Gebinden an die Konsumenten geliefert wird, mit mindestens 400000
+hl.[25] Nach Abzug dieses Absatzes von 1100000 hl, welcher bei
+Gleichbleiben der früheren Verhältnisse zum grossen Teile den
+Bierverlegern zugefallen wäre, bleiben noch 1084799 hl oder angesichts
+der Zahl von 516 Bierverlegern, ein Bierverlag gegenüber 2102 hl Absatz
+an Flaschenbier! Es gilt von dieser Zahl dasselbe, wie von den vorher
+genannten: sie ist an sich ziemlich unsicher, aber sie erhält ihren Wert
+durch die Vergleichung. Wenn man noch in Berücksichtigung zieht, dass
+der Anteil der Bierverleger an der hier berechneten Höhe des Absatzes
+infolge der früher nicht in diesem Masse aufgetretenen Konkurrenz der
+Gastwirte eine geringere ist, als früher, so dürfte die in den an sich
+ungewissen Zahlen 4719 und 2102 gegebene Relation mit dem Verhältnis des
+einstigen zu dem heutigen Durchschnittsumsatz ziemlich übereinstimmen.
+
+Die vorhergegangen Betrachtungen umfassten die Entstehung und
+Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts bis zum gegenwärtigen
+Zeitpunkt. Die Ausführungen mussten sich dabei auf allgemeine
+Gesichtspunkte beschränken und konnten die geschilderte Entwicklung nur
+in grossen Zügen geben. Zu ihrer Vervollständigung soll daher die
+nachfolgende Darstellung dienen, welche im Rahmen der Detailschilderung
+die gegenwärtige Lage des Berliner Bierverlegerstandes im besonderen
+schildern will, als desjenigen Gliedes im Berliner Flaschenbiergeschäft,
+dessen Entwicklung eine typische Bedeutung beanspruchen kann, welche
+über das Interesse an dem vorliegenden Einzelfall hinausgeht.
+Gleichzeitig wird diese Einzelschilderung aber auch Rückschlüsse auf die
+Ausführungen des ersten Teiles dieser Arbeit gestatten und zur
+Bestätigung der darin ausgesprochenen Behauptungen dienen.
+
+Fußnoten:
+
+[10] In dem »Arbeiterfreund«, Jahrgang 1877, ist eine Studie
+veröffentlicht: »Der Bierverbrauch in Berlin ein Spiegel der sozialen
+Lage des Volkes.« Die Voraussetzungen, von denen der Verf. der betr.
+Arbeit ausgeht, sind jedoch ziemlich willkürlich und seine Folgerungen
+daher mit Vorsicht aufzunehmen.
+
+[11] Es wurden Neubauten genehmigt: 1869: 2473, 1870: 2576, 1871: 3789,
+1872: 6331, 1873: 6076, 1874: 6556, 1875: 6278; die 1874 erreichte Zahl
+ist bis in die Gegenwart nur einmal überschritten worden.
+
+[12] Vergl. Jahresbericht der Aeltesten der Kaufmannschaft von 1880:
+»Die Berliner Brauereien haben in den Jahren 1871-1875 eine selbst über
+das _damalige_ Bedürfnis hinausgehende Erweiterung ihrer Anlagen
+erfahren und steht deshalb ihr Absatz nicht im richtigen Verhältnis zu
+ihrer Einrichtung.« Der Sachlage nach können sich diese Worte nur auf
+die bayrischen Brauereien beziehen.
+
+[13] Letztere Zahl würde allerdings _etwas_ höher sein (ca. 25000 hl),
+wenn man nur die Produktion der _Weiss_bierbrauereien berücksichtigte
+und nicht, wie es regelmässig in den Berechnungen geschieht, Weiss- und
+Braunbierbrauereien zusammen betrachtete. Vgl. weiter Seite 45.
+
+[14] Der gewöhnliche Ausdruck lautet auch hier »Flaschenbier_handel_«
+doch kann man im volkswirtschaftlichen Sinne nicht von Handel sprechen.
+
+[15] Erstes Jahr des Vertriebes.
+
+[16] Erstes Jahr des Vertriebes.
+
+[17] Erstes Jahr des Vertriebes.
+
+[18] Erstes Jahr des Vertriebes.
+
+[19] Erstes Jahr des Vertriebes.
+
+[20] Die Zahlen verstehen sich incl. des Flaschenbierversandes nach
+ausserhalb. Den Anteil dieser Sendungen n. a. an der Gesamtziffer sieht
+man aus einer Vergleichung für die beiden letzten Jahre, für welche mir
+beide Ziffern vorliegen.
+
+ Absatz einschliesslich Sendungen für Berlin allein
+ nach ausserhalb
+
+ 1897/98: 156290 hl 139140 hl
+ 1898/99: 183990 " 167250 "
+
+ also Sendungen nach auswärts:
+ 1897/98: 17150 hl = ca. 11 %
+ 1898/99: 16740 " = ca. 9 %.
+
+[21] Doch betrug sogar der Umsatz der Schultheiss-Brauerei 1885 erst
+gegen 15000 hl.
+
+[22] Vergl. Seite 23.
+
+[23] Vielfach auch Lübbener Bier genannt, weil in Lübben eine beliebte
+Art Braunbier gebraut wurde.
+
+[24] Vergl. Gutachten des Vereins der Brauereien Berlins und der
+Umgegend, erstattet an den Polizeipräsidenten von Berlin betr. Wässerung
+und Verfälschung von Bieren.
+
+[25] Incl. des Flaschenbiervertriebs der Weissbierbrauereien.
+
+
+
+
+ III.
+
+ Die gegenwärtige Lage der Berliner Bierverleger.
+
+ Begriff und Form der Bierverlagsgeschäfte.
+
+
+_Begriff_. Der Bierverlag als besondere Form des Flaschenbiergeschäfts
+stellt, wie aus den vorhergehenden Aeusserungen erhellt, ein Unternehmen
+dar, welches von einer oder mehreren Brauereien Bier in Fässern bezieht,
+es _bis zur_ Genussreife lagern lässt und an Geschäfte, die sich mit dem
+Ausschank oder Einzelverkauf von Flaschenbier befassen, sowie an
+Privatleute in grösseren und kleineren Quantitäten abgiebt, wobei als
+Minimum gewöhnlich die Entnahme von 10-20 Flaschen gefordert wird. Es
+ist nötig, auf diese Minimalgrenze hinzuweisen, denn sonst würden wir
+jeden Kleinhandel mit Flaschenbier, sofern nur der betr. Händler das
+Bier vom Brauer in Fässern bezieht als »Bierverlag« ansprechen müssen.
+
+Für einen kleinen Teil der Berliner Bierverleger würde die obige
+Definition noch in einer Hinsicht zu erweitern sein, indem dieselben von
+der durch die Brauereien eingeführten Lieferung des Berliner Weissbieres
+in demjenigen Zustande, welcher nur noch mehrtägiges Lagern verlangt, um
+in Genussreife überzugehen, keinen Gebrauch machen, sondern die letzte
+Nachgährung noch in ihrem eigenen Keller sich vollziehen lassen. Ihre
+Thätigkeit bei der Bierbereitung geht also in diesem Falle über das
+»Lagern bis zur Genussreife« hinaus, bewirkt allerdings andrerseits
+keine Formveränderung von Rohstoffen, sodass von »Gewerbe« im
+nationalökonomischen Sinne auch bei ihnen nicht gesprochen werden kann.
+
+_Name_. Die Bezeichnung »Bierverleger« für den hier behandelten
+Geschäftszweig ist nicht überall gebräuchlich. Am verbreitetsten ist
+vielmehr der Name »Flaschenbierhändler«, wenigstens führt ihn die
+Mehrzahl der unter den betreffenden Unternehmern bestehenden Vereine,
+auch der seit Jahresfrist bestehende _Verband_ nennt sich »Verband
+deutscher Bierhändler«, das offizielle Verbandsorgan, welches in Lübeck
+erscheint, heisst dagegen wieder: »Der Bier-Verleger«. Der Berliner
+Sprachgebrauch unterscheidet ferner zwischen »Biergrosshandlung« und
+»Bier-Verlag«, im Berliner Adressbuch ist diese Unterscheidung durch die
+Bezeichnungen Bier-Engrosgeschäft und Bierverlag zum Ausdruck gekommen.
+Ein Wesensunterschied besteht zwischen beiden Formen nicht, im
+allgemeinen haben sich nur die grösseren Geschäfte unter der ersteren
+Bezeichnung eintragen lassen,[26] ebenso sind unter ihr die
+Brauereivertretungen aufgeführt.
+
+_Zahl der Berliner Bierverleger_. In dem Berliner Adressbuch von 1900
+sind 97 Biergrossgeschäfte und 367 Bierverleger verzeichnet. In Abzug zu
+bringen sind von diesen 464 Geschäften 22 Fassbierhandlungen, welche
+unter der Rubrik Bier-Engrosgeschäfte sich verzeichnet finden, und 10
+Geschäfte, welche unter beiden Rubriken zugleich verzeichnet sind. Wir
+erhalten also im ganzen die Zahl von 432 Bierverlegern. Von diesen 432
+Geschäften sind 23 in das Handelsregister eingetragen.
+
+_Formen des Bierverlages_. In der reinen Form findet sich der Bierverlag
+nur selten. Abgesehen von der Vereinigung mit dem Bier-Kleinhandel,
+welche sich bei dem Vorhandensein der erforderlichen Räume, d. h. bei
+einem bequemen Zugang zum Keller sozusagen von selbst ergiebt, findet
+sich der Bierverlag hauptsächlich in folgenden Formen der
+Betriebsvereinigung:
+
+1. _Bier-Verlag in Verbindung mit Fassbierhandel_. Diese Verbindung
+findet sich in denjenigen Fällen, in welchen ein Bierverleger
+gleichzeitig Vertreter irgend einer auswärtigen Brauerei ist und deren
+Bier nicht nur in Flaschen, sondern auch in Fässern abgiebt. Die
+Vertretung auswärtiger Brauereien findet sich in Berlin in verschiedenen
+Formen. Entweder bezieht der betr. Vertreter nur Bier von einer oder
+mehreren _auswärtigen_ Brauereien (führt also kein _Berliner_ Bier) und
+giebt dieses nur in Fässern ab. In diesem Falle handelt es sich
+ausschliesslich um Fassbierhandel, der mit dem Flaschenbiergeschäft
+nichts zu thun hat. In denjenigen Fällen, in welchen ein solcher
+Brauereivertreter die Biere dieser auswärtigen Brauereien auch in
+Flaschen absetzt, ist er den Flaschenbierhändlern zuzuzählen, wenn er
+auch deren Typus durchaus nicht entspricht. Für denjenigen Teil der
+Berliner Flaschenbierhändler, welcher für uns hauptsächlich in Betracht
+kommt, tritt diese Vertretung nur in der Form auf, _dass der
+Flaschenbierhändler, dessen Hauptgeschäft in dem Vertrieb einheimischer
+Biere liegt, nebenbei die Vertretung einer auswärtigen Brauerei hat und
+deren Bier auch in Fässern abgiebt_. Doch tritt diese Form der
+Betriebsvereinigung nicht in vielen Fällen auf. In der Regel haben
+nämlich die auswärtigen Brauereien in Berlin meist einen
+General-Vertreter, der ihr Bier _nur in Fässern_ abgiebt, während auf
+der anderen Seite wieder diejenigen Bierverleger, welche nebenbei noch
+die Vertretung auswärtiger Brauereien übernehmen, deren Bier meist nur
+in Flaschen vertreiben.
+
+2. _Betriebsvereinigung mit Gastwirtschaft_. Schon an früherer Stelle
+ist dieser Art der Betriebsvereinigung gedacht worden. Wieviele der
+Berliner Bierverleger zugleich Gastwirte sind, lässt sich schwer
+bestimmen. Das Berliner Adressbuch giebt keine Anhaltspunkte. Denn da
+die Eintragung in mehr als eine Branchebezeichnung für jede Branche und
+Zeile 1 Mark kostet, so lassen sich die meisten Berliner
+Gewerbetreibenden nur unter einer Rubrik eintragen. Daher kann es sehr
+wohl sein, dass mancher Name unter der Rubrik »Gastwirte« zu finden ist,
+der eigentlich unter »Bierverleger« gehörte und umgekehrt. Unter den 46
+Bierverlegern, von denen ich Auskünfte erhielt, waren 5 zugleich
+Gastwirte. Man könnte vielleicht aus dem Umstande auf ein häufigeres
+Vorkommen dieser Verbindung schliessen, dass der Verein der Berliner
+Bierverleger vor wenigen Jahren seinen Namen in »Verein der Berliner
+Bierverleger, Gast- und Schankwirte« umgeändert hat. Doch ist dies wohl
+weniger aus dem Grunde geschehen, weil eine grössere Anzahl von
+Vereinsmitgliedern nicht nur Bierverleger, sondern auch zugleich
+Schankwirte waren, als vielmehr deshalb, weil ein grosser Teil der
+Vereinsmitglieder überhaupt das Bierverlagsgeschäft an den Nagel gehängt
+und sich lediglich auf die Gastwirtschaft beschränkt hat.
+
+3. _Betriebsvereinigung mit Viktualien-(Spezerei-)Handel_. Diese
+Verbindung, welche zu Anfang der siebziger Jahre, nachdem die Bildung
+des Bierverlages als selbständiges Unternehmen vollzogen war, ganz
+aufgehört hatte, beginnt jetzt, bei der schlechten Lage des
+Bierverlegerstandes, wieder in den Vordergrund zu treten. Insofern zeigt
+sich allerdings ein Unterschied gegenüber der alten Form, als in dieser
+der Viktualienhandel das ursprüngliche war und aus ihm allmählich der
+Flaschenbierhandel sich entwickelte, während bei den jetzigen Gründungen
+das Geschäft als Bierverlag gedacht ist, der Kleinhandel mit Bier und
+Viktualien jedoch als Unterstützung für das ganze Unternehmen dienen
+soll, das auf dem Bierverlag, bei dem namentlich in der ersten Zeit
+nur geringen Umsatz, doch zu unsicher aufgebaut wäre. Hauptsächlich
+findet sich diese Verbindung bei vielen der neueren Geschäfte und es
+scheint, als wenn sie für Neugründungen von Bierverlagsgeschäften
+typisch werden sollte. Von der Weiterentwicklung des Geschäfts hängt es
+dann ab, ob dieses mehr nach der Seite des Flaschenbier- oder
+Viktualienhandels hinneigt. In letzterem Falle wird vielfach an die
+Stelle des Bezuges von Fassbier derjenige von Flaschenbier aus der
+Brauerei oder vom Verleger treten, womit dann der Begriff des
+Bierverlages aufgegeben ist.
+
+Als andere Arten der Betriebsvereinigung kommen in Betracht der
+Nebenhandel mit Mineralwasser (inkl. Limonaden), Eis und Kohlensäure. An
+kleineren Orten ist die Verbindung von Bier-Verlag mit Mineralwasser-
+und Eishandlung viel häufiger als in Berlin; die Zahl der verschiedenen
+Verbindungsarten ist dort auch mannigfaltiger. So soll in einigen
+Städten der Bierverlag in Verbindung mit Holz- und Kohlenhandel sich
+finden, ebenso wird im Organ des Verbandes deutscher Bierhändler den
+Bier-Verlegern empfohlen, den Petroleumhandel als Nebengeschäft
+einzuführen, namentlich um -- ebenso wie bei dem Holz und Kohlenhandel
+-- während der Winterszeit, wenn der Bierkonsum naturgemäss geringer
+ist, nicht ganz ohne Absatz zu sein. In Berlin sind mir derartige Formen
+von Betriebsvereinigung nicht bekannt geworden. Dagegen ist darauf
+hinzuweisen, dass bei denjenigen Bierverlegern, welche den
+Nachgährungsprozess des Berliner Weissbieres in ihren eigenen Kellereien
+vornehmen, Hefe als Nebenprodukt gewonnen wird, welche in der Regel ein
+in der Nähe wohnender Bäcker dem betr. Bierverleger abkauft. Bei einem
+Umsatz von etwa 1000 hl Weissbier beziffert sich der Erlös für diese
+Hefe (Bärme) auf 150-200 Mark.
+
+Die verschiedenen skizzierten Nebengeschäfte können natürlich in allen
+möglichen Kombinationen zum Flaschenbiergeschäft hinzutreten. So finden
+sich beispielsweise bei einem Berliner Bierverleger Flaschenbierhandel,
+Gastwirtschaft, Fassbierhandel und Kohlensäure-Niederlage zusammen.
+
+
+ Verschiedenartigkeit der Berliner Bierverlagsunternehmungen.
+
+Abgesehen von den verschiedenen Formen der Betriebsvereinigung ist noch
+eine prinzipielle Scheidung unter den Berliner Bierverlegern
+vorzunehmen. Es handelt sich dabei um den Gegensatz zwischen denjenigen
+Geschäften, welche nach modernen, kaufmännischen Prinzipien geleitet
+werden zu den Betrieben, welche eine solche Leitung durchaus vermissen
+lassen. Zu den ersten gehören natürlich die Generalvertretungen der
+auswärtigen Brauereien, soweit sie einen Flaschenbiervertrieb haben,
+ausserdem aber auch eine Anzahl von Biergrosshandlungen. Wenn ihre Zahl
+auch gering ist und sie gegenüber der grossen Zahl der übrigen
+Bierverleger nicht in Betracht kommen, so ist es doch nötig, an dieser
+Stelle eine kurze Schilderung der Art ihrer Betriebe zu geben, zumal
+sich unsere weiteren Ausführungen auf denjenigen Teil der Berliner
+Bierverleger beschränken sollen, welcher die typischen Merkmale des
+Berliner Flaschenbierhandels an sich trägt. Der Gegensatz dieser
+Geschäfte zu den übrigen Betrieben wird am besten gekennzeichnet durch
+ihre Entstehungsart. Zunächst stammen sie fast sämtlich aus neuerer
+Zeit. Sie richteten von vornherein ihr Hauptaugenmerk auf die
+untergährigen Biere, und zwar führten sie neben den Berliner Lagerbieren
+besonders auswärtige, während der Absatz von Weissbier dagegen weit
+zurücktrat. Fast alle liefern das Bier auch in kleinen Gebinden, doch
+kommt dieser Fassbierhandel nur als Gelegenheitsgeschäft (bei
+Familienfestlichkeiten etc.) in Betracht. Bezeichnend ist auch, dass der
+Absatz sich meist auf Detailkunden beschränkt, wie auch der ganze
+Betrieb auf diese Art des Absatzes eingerichtet ist (keine zweispännigen
+grossen, sondern kleinere einspännige Wagen, dafür aber eine grössere
+Anzahl für die entsprechend grössere Anzahl von Kunden). Der Abdruck
+einer Bestellkarte eines dieser Geschäfte möge das hier gesagte
+illustrieren.
+
+ Bitte mir am ...................... 1
+ zu senden
+
+ .... Fl. Englisch Porter 8 Fl. 3 Mk.
+ .... " Englisch Pale Ale 8 " 3 "
+ .... " Pfungstädter Bock-Ale 12 " 3 "
+ .... " Münchener Spatenbräu 15 " 3 "
+ .... " Nürnberger, Henninger 15 " 3 "
+ .... " Kulmbacher Exportbier 15 " 3 "
+ .... " Pilsener, Bürgerliches 15 " 3 "
+ .... " Grätzer, Gesundheitsbier 24 " 3 "
+ .... " Schultheiss-Versand 26 " 3 "
+ .... " Schultheiss-Märzen, hell, 26 gr. oder 30 " 3 "
+ .... " Bockbrauerei, hell 26 gr. oder 30 " 3 "
+ .... " Bock-Versand 26 " 3 "
+ .... " Breslauer Weizenbier 30 " 3 "
+ .... " Patzenhofer 26 gr. oder 30 " 3 "
+ .... " Weissbier, Landré, Akt.-Ges. 30 " 3 "
+ .... " do. grosse 15 " 3 "
+ 1/8 hl Lagerbier Mk. 3,--
+ 1/8 hl Versandbier " 3,--
+ 1/8 hl Patzenhofer " 3,50
+ Nürnberger Original-Gebinde von ca. 30 Liter an
+ Spaten do. " " 30 " "
+ Löwenbräu do. " " 15 " "
+ Kulmbacher do. " " 25 " "
+
+ Name: .............................
+
+ Wohnung: ..........................
+
+ $Berlin$, den .......................
+
+ $N.B. Um pünktlich liefern zu können, ersuche höflichst Bestellungen
+ Tags zuvor aufzugeben.$
+
+ $Die Kutscher sind angewiesen, die leeren Flaschen stets mitzunehmen.$
+
+Ebenso wie die Brauereien machen diese Unternehmungen oft Reklame durch
+Inserate, Zeitungsbeilagen, Plakate, Zusendung von Prospekten etc., ihre
+Wagen fallen durch eine gewisse Gefälligkeit des äusseren Anstrichs
+sogar noch gegenüber den Brauereiwagen auf. Die Inhaber dieser Geschäfte
+sind ebenso wie die Brauereivertreter meist Leute, die niemals in der
+Brauerei oder im Bierverlag gearbeitet haben, sie besitzen lediglich
+kaufmännische Bildung. Zu ihnen gehören auch die neuen kaufmännischen
+Betriebe für den Vertrieb von Syphonbier, sowie ein oder der andere
+grosse Weissbierverlag, deren Absatz im Gegensatz zu den übrigen
+hauptsächlich bei der Privatkundschaft liegt.
+
+Innerhalb der Mehrzahl nicht kaufmännisch betriebener Geschäfte, welche
+im wesentlichen die typische Form des Berliner Bierverlegers erkennen
+lassen, sind Unterscheidungen nur nach der Höhe des Umsatzes zu machen.
+Das Gemeinsame tritt jedoch gegenüber dieser Verschiedenheit
+ausserordentlich hervor, namentlich was die Entstehung und allmähliche
+Entwicklung des Geschäftes anbelangt. Die älteren Geschäfte sind
+zumeist, wie ausgeführt, aus der Gastwirtschaft oder dem
+Viktualienhandel entstanden; im ersteren Falle haben manche die
+Gastwirtschaft als Nebengeschäft noch behalten. Die Inhaber derjenigen
+Geschäfte, welche aus neuerer Zeit stammen, waren zu einem grossen Teil
+früher Kutscher bei einer Brauerei oder einem Bierverleger und wagten es
+dann, auf ihre Ersparnisse und den von den Lieferanten gewährten Kredit
+sich stützend, einen Bierverlag zu gründen. Die Kunden wurden entweder
+durch persönliche Bekanntschaft gewonnen (die Kutscher haben ja viel
+mehr Gelegenheit die Kunden kennen zu lernen als die Bierverleger oder
+die Brauerei selbst!) oder durch direktes Aufsuchen, man kann sagen
+hausieren. Während noch Anfang der achtziger Jahre der Hauptnachdruck,
+auch bei allen Neugründungen auf das Lieferungsgeschäft gelegt wurde,
+ist es bei denjenigen Geschäften, welche in den letzten Jahren
+entstanden, namentlich im Anfang, wesentlich anders. Die Hauptstütze des
+Geschäftes bildet hier der Kleinhandel mit Bier, der Detailverkauf über
+die Strasse, z. T. wird auch von der Brauerei bezogenes Frischbier
+literweise verkauft. Weiterhin werden vielfach auch noch Spezereiwaren
+geführt, eine Wäscherolle steht zur Verfügung der Hausfrauen, und von
+aussen unterscheidet sich ein solches Geschäft von einer
+Viktualienhandlung (»Grünkramkeller«) nur dadurch, dass die langen
+senkrechten Tafeln, auf denen die Preise der einzelnen Biersorten
+verzeichnet sind, darauf hinweisen, dass das Bier in dieser Handlung als
+Verkaufsobjekt eine grössere Rolle spielt, als in den übrigen Kellern
+dieses Charakters.
+
+Was das durchschnittliche Alter der heute bestehenden Bierhandlungen
+anbelangt, so stammte von den 46 Geschäften, welche mir hierüber
+Auskunft erteilten, das älteste aus dem Jahre 1849, im übrigen waren
+begründet worden:
+
+ in den Jahren 1860-1870: 5
+ " " " 1870-1880: 8
+ " " " 1880-1890: 12
+ " " " 1890-1896: 20
+
+Aus diesen Zahlen geht zunächst hervor, dass eine grosse Anzahl der
+früheren Geschäfte eingegangen sein muss, denn sonst wäre es nicht zu
+erklären, dass aus der so günstigen Zeit 1860-1880 nur eine geringe
+Anzahl von Bierverlagsgeschäften noch bestände. Manche der Inhaber
+dieser Geschäfte haben vielleicht, nachdem sie in den guten Jahren
+genügend zurückgelegt hatten, ihr Geschäft aufgegeben und die
+»Kundschaft« an irgend einen anderen Bierverleger verkauft; manche,
+welche früher neben dem Bierverlag noch eine Gastwirtschaft betrieben,
+beschränken sich heute auf letztere. Die Thatsache, dass die Mehrzahl
+der heute bestehenden Bierverlagsgeschäfte aus den letzten Jahren
+stammen, ist für die Umwandlung in dem Charakter des Bierverlages von
+grösster Bedeutung.
+
+
+ Personalverhältnisse im Bierverlag.
+
+ A. Thätigkeit des Geschäftsinhabers und seiner Familie.
+
+Die Personalverhältnisse sind abhängig von der verschiedenen Höhe und
+Ausbreitung des Umsatzes. Zunächst giebt sich dies darin kund, dass in
+den Geschäften mit grösserem Umsatz der Inhaber das Bier nicht mehr
+selbst ausfährt, sondern seine Thätigkeit auf die Aufsicht im Geschäft
+und den Verkehr mit den Kunden und Lieferanten beschränkt. Zur
+Illustrierung dieser Thätigkeit ist es nötig, sich von den
+Räumlichkeiten eines solchen Bierverlages eine Vorstellung zu machen.
+Der meist im Kellergeschoss sich befindende Bier-Verkaufsraum enthält in
+der Hauptsache Regale und Eisschränke mit gefüllten Bierflaschen, auf
+dem Erdboden haben die zurückgebrachten leeren Flaschen Platz gefunden.
+In den grösseren Geschäften ist ein Teil dieses Raumes abgetrennt und
+als Comptoir mit den dazu gehörigen Utensilien hergerichtet; in vielen
+Fällen genügt der Pultaufsatz, in dessen Innern sich die Geschäftsbücher
+befinden, während die eingegangenen Rechnungen angeheftet daneben
+hängen. In diesem Raum geht der Verkauf in Flaschen vor sich, werden
+Reisende und Lieferanten empfangen etc. Von ihnen führen nun zwei oder
+drei Stufen in diejenigen Kellerräume, in denen das Bier »abgezogen«,
+d. h. auf Flaschen gefüllt wird. Diese Kellerräume sind angefüllt mit den
+Bottichen, meist Zuber oder im Berliner Dialekt Zober genannt, in welche
+das Weissbier von den Tonnen ausgegossen wird, ferner stehen gefüllte
+und leere Fässer umher, eine Korkmaschine, Flaschenspül- und
+Bierabfüllapparate oder ähnliches. Vielfach behilft man sich auch ohne
+jedwede mechanischen Apparate und Maschinen, an Stelle der
+Flaschenspülmaschine tritt in diesem Falle eine einfache, mit warmem
+Wasser gefüllte Wanne, in welcher die Flaschen durch Ausspülen mit
+Stahlschrotkörnern gereinigt werden. Den Hauptraum nehmen die Holzlagen
+ein, auf denen das auf Flaschen gefüllte Bier sich befindet, welches aus
+diesen Kellerräumlichkeiten in die Kästen und dann auf den Wagen
+gebracht wird, um verladen und ausgefahren zu werden.
+
+Die Thätigkeit des Bierabziehens ist eine äusserst einfache. Sie besteht
+bei dem bayrischen Lagerbier ebenso wie bei den auswärtigen »echten«
+Bieren nur darin, dass es vom Fass abgelassen und in Flaschen gefüllt
+wird. Eine vorsichtigere Behandlung verdient das Grätzer Bier, aber auch
+nur insofern, als es je nach der Beschaffenheit und Jahreszeit 14 Tage
+bis 6 Wochen lagern muss, ehe es zum Genusse reif ist. Sobald dies der
+Fall ist, muss wieder für nicht zu langsamen Absatz gesorgt werden,
+damit das Bier nicht verdirbt. Die grösste Sorgfalt verlangte früher der
+Abzug von Weissbier und verlangt sie noch jetzt bei denjenigen
+Bierverlegern, welche darauf verzichten, sich das Bier von der Brauerei
+genussreif liefern zu lassen. Diese Bierverleger empfangen das Weissbier
+von der Brauerei, nachdem es in deren Keller die erste Gährung
+durchgemacht hat, welche die Zersetzung des Malzzuckers bewirkt, als
+sogenanntes »Frischbier«. Dieses Frischbier musste der Bierverleger in
+seinem Keller einer Nachgährung unterziehen, es wurde in die Zuber
+gegossen und blieb dort etwa 2-3 Tage (im Winter 3-5 Tage) stehen,
+während dieser Zeit setzte sich die im Biere enthaltene, schon in der
+Brauerei zugesetzte Hefe ab. Nachdem sie abgefüllt worden war, wurde das
+Bier in Eimer abgelassen und in einen neuen Zuber geschüttet. Der jetzt
+gewonnene »reine Ausstoss« wird mit Frischbier gemischt in der Weise,
+dass auf 5 Teile Ausstoss ein Teil Frischbier kommt. Das so erhaltene
+Bier wird dann auf Flaschen gezogen und hat bis zur Genussreife noch
+6-10 Tage zu lagern. Die meisten Bierverleger nehmen Weissbier von
+mehreren Brauereien, jedes verlangt seiner Natur nach eine besondere
+Behandlung, die sich namentlich auf das Mischungsverhältnis beim
+sogenannten »Anstellen« mit Frischbier bezieht; auch werden vielfach die
+Biere aus den verschiedenen Brauereien miteinander gemischt. Diese
+Behandlung erfordert also eine gewisse Sachkenntnis und in früherer
+Zeit, als alle Bierverleger das Bier noch selbst anstellten war auch die
+Qualität des von den Einzelnen gelieferten Bieres sehr verschieden und
+manche Bierverleger besassen wegen ihres guten Weissbieres einen
+besonderen Ruf. In der Gegenwart, wo über ¾ der in Betracht kommenden
+Bierverleger das Bier schon »angestellt« von der Brauerei beziehen,
+hängen die Qualitätsunterschiede natürlich nur von der Art der
+Herstellung in der Brauerei ab, dafür ist die dem Bierverleger
+verbleibende Thätigkeit eine viel einfachere geworden, da sie sich auch
+bei diesem Biere nunmehr auf das einfache Abziehen beschränkt.
+
+Das Nebeneinanderliegen des Detailverkaufsraumes und des Abzieh- und
+Lagerkellers ermöglicht eine leichte Kontrolle seitens des
+Geschäftsinhabers. Es ist ihm möglich, im Keller zu arbeiten und
+gleichzeitig dem Detailverkauf vorzustehen, da er zu diesem Zwecke nur
+die Thür zwischen beiden Räumen offen lassen und in den Verkaufsraum
+einzutreten braucht, wenn ein Käufer kommt. So kann also auch ein
+unverheirateter Mann, wenn er sich einen Kutscher hält, das Geschäft
+betreiben. Die überwiegende Mehrzahl der Berliner Bierverleger ist
+jedoch natürlich -- ebenso wie die Mehrzahl aller Kleingewerbetreibenden
+-- verheiratet und infolgedessen in der Lage, die Familienmitglieder zur
+Thätigkeit im Geschäft heranzuziehen. So liegt der Detailverkauf meist
+in den Händen der Frau, die sich während der Zeit, in welcher sie in der
+Wirtschaft zu thun hat, von ihren älteren Kindern vertreten lässt. Die
+Mitarbeit auch der Kinder ist im Bierverlag überall Sitte, auch bei
+denjenigen Bierverlegern, welche wohlhabend zu nennen sind. Oft müssen
+die Kinder des Abends »fragen gehen«, d. h. zu den Grünkram- und kleinen
+Kolonialwarenhändlern gehen, um zu fragen, was am nächsten Tage
+gebraucht wird, da diese kleinen Geschäfte, die pro Tag ca. 20 bis 60
+Flaschen Bier verkaufen, erst am Abend feststellen können, was sie am
+nächsten Tage gebrauchen werden. Auch zur Führung der Bücher pflegt der
+Bierverleger seine Kinder oft zu verwenden, da seine schwere Hand des
+Schreibens ungewohnt ist und er im allgemeinen ein Misstrauen dagegen
+hat, einen Fremden in seine Bücher sehen zu lassen. Bei den kleineren
+Geschäften tritt die Mitarbeit der Familienangehörigen, namentlich der
+Frau, natürlich noch stärker hervor. Nicht nur der Detailverkauf von
+Flaschenbier über die Strasse gehört zu ihren Obliegenheiten, sondern in
+manchen Fällen wird es auch vorkommen, dass sie beim Bierabzug mithilft.
+Namentlich dann wird dies nötig sein, wenn in dem betr. Betriebe
+überhaupt kein Arbeiter beschäftigt ist, was in 12 von 46 untersuchten
+Fällen vorkam.
+
+
+ B. Angestellte im Bierverlag, Arbeits- und Lohnverhältnisse.
+
+_Kaufmännische Hilfskräfte_. Die kaufmännisch geleiteten Geschäfte
+werden wohl durchgängig kaufmännisches Personal beschäftigen, unter den
+übrigen Bierverlegern kommt dies nur vereinzelt vor. Von unseren 46
+Bierverlegern beschäftigte einer einen Geschäftsführer und einen
+Buchhalter ständig, ein zweiter einen Buchhalter und einen Reisenden,
+zwei dauernd je einen Buchhalter, die übrigen besorgten die Buchhaltung
+selbst. Im allgemeinen lässt die Art der Buchhaltung seitens der
+Bierverleger viel zu wünschen übrig, sie erstreckt sich meist nur auf
+die Eintragung des ausgefahrenen Bieres und auf Kontoführung für die
+Kunden, dagegen werden die Lieferungen der Brauereien etc. meist vom
+Bierverleger nicht besonders gebucht, ebensowenig wie vielfach Einnahmen
+und Ausgaben generell eingetragen zu werden pflegen. Auch Haushaltungs-
+und Geschäftskasse werden selten getrennt. Selbst unter den grösseren
+Geschäften fand ich manche, die ihre Einnahmen und Ausgaben zu buchen
+nicht für nötig hielten.
+
+_Der Arbeiter im Bierverlag_. Aus der vorher gegebenen Beschreibung des
+Bierverlagbetriebes erhellt, dass wir es hier mit ungelernten Arbeitern
+zu thun haben. Zwar findet man oft in Berliner Blättern Annoncen des
+Inhalts: »ein Arbeiter gesucht, der schon im Bierverlag gearbeitet hat«,
+doch ist dies mehr nur die übliche Form der Annonce, denn die Arbeit im
+Bierverlag erfordert so wenig Kenntnisse und ist so leicht zu begreifen,
+dass sie von jedem Handlanger verrichtet werden kann. Höchstens wird
+durch die Gewöhnung wohl ein _schnelleres_ Arbeiten ermöglicht. Manche
+Arbeiter bleiben auch Jahre hindurch im Bierverlag, doch ist es stets
+nur eine bestimmte Klasse von Arbeitern, welche mit der Stellung im
+Bierverlag zufrieden ist. Zunächst handelt es sich fast ausschliesslich
+um ledige Leute, was damit zusammenhängt, dass die Mehrzahl der
+Bierverleger von ihren Arbeitern verlangt, dass sie im Hause wohnen. Da
+die an höhere Ansprüche gewöhnten Arbeiter nur in seltenen Fällen
+geneigt sind, sich der Kontrolle zu unterwerfen, welche mit diesem »in
+Lohn und Kost stehen« (wobei man das Wohnen beim Arbeitgeber als
+selbstverständlich hinzudenkt) verbunden ist, so kann es nicht
+befremden, dass die Mehrzahl der im Bierverlag beschäftigten Arbeiter
+aus den Ostprovinzen (Ostpreussen, Westpreussen, Pommern, Posen) stammt,
+während die übrigen Provinzen dahinter weit zurücktreten und die
+westlichen fast garnicht vertreten sind. Aus den Büchern des
+Arbeitsnachweises für den Verein der Berliner Bierverleger habe ich mich
+über die Herkunft der dort sich meldenden Arbeiter zu informieren
+gesucht und dabei Folgendes gefunden:
+
+Von 190 in Berlin im Bierverlag beschäftigten Personen waren geboren:
+
+ in den Ostprovinzen 96
+ " Brandenburg 34
+ " Schlesien 26
+ " Stadt Berlin 21
+ " anderen Provinzen 13
+
+Nun ist bekanntlich der Anteil der östlichen Provinzen an der Berliner
+Bevölkerung ein grosser; dennoch muss es überraschen, dass _über die
+Hälfte_ der hier in Betracht kommenden Arbeiter aus diesen Provinzen
+stammt. Im Gegensatz hierzu steht die geringe Beteiligung geborener
+Berliner. Im Jahre 1890 waren nach dem Ergebnis der Volkszählung von
+1000 Einwohnern in Berlin 405 daselbst auch geboren, also 40 %, während
+bei den hier genannten Arbeitern der Anteil der geborenen Berliner nur
+etwas über 10 % ausmacht.
+
+Ueber das Alter dieser Arbeiter habe ich gleichfalls versucht, einige
+authentische Angaben zu erhalten und infolgedessen aus den An- und
+Abmeldebüchern verschiedener Bierverleger Auszüge gemacht. Zu Grunde
+gelegt ist das Alter in dem der Betreffende die Arbeit antrat. Von 103
+Arbeitern standen danach im Alter von:
+
+ 35-40 Jahren 3
+ 30-35 " 10
+ 25-30 " 30
+ 20-25 " 36
+ unter 20 " 24 (!)
+
+Der älteste der betreffenden Arbeiter zählte 39 Jahre, in der letzten
+Altersklasse fanden sich zwei Arbeiter im Alter von 16 Jahren, das
+Durchschnittsalter würde sich auf 23,8 Jahre belaufen. Es würde noch
+geringer sein, wenn man unterscheiden wollte zwischen Kellerarbeitern
+und Kutschern; denn nur unter den letzteren finden sich ältere und
+verheiratete Leute häufiger. Was die frühere Beschäftigung der
+betreffenden Arbeiter anlangt, so hat etwa die Hälfte schon vorher im
+Bierverlag gearbeitet; die übrigen haben alle möglichen Stellungen inne
+gehabt; als Hausdiener bei Fabriken oder Transportunternehmungen,
+Handlanger auf Bauten etc. Auch frühere Handwerker finden sich des
+öfteren unter ihnen, besonders häufig, und zwar namentlich im Sommer,
+frühere Schlächter. Es lässt sich diese Erscheinung einesteils wohl
+daraus erklären, dass gerade zu der Zeit, in welcher der Bierkonsum
+ausserordentlich hoch ist, der Fleischverbrauch zurückzugehen pflegt, in
+Berlin schon durch die grosse Anzahl derjenigen, welche verreisen.
+Andererseits sehen es die _Gastwirte_, und unter ihnen natürlich auch
+diejenigen, welche nebenbei Bierverleger sind, sehr gern, wenn sie
+Arbeiter erhalten, die einige Kenntnis von der Schlächterei besitzen, da
+sie dieselben bei verschiedenen Anlässen, z. B. bei der Abteilung von
+Portionen in der Küche, ferner dann, wenn »frische Wurst« gemacht wird,
+sehr gut gebrauchen können. Hinzuzufügen wäre noch, dass diese Arbeiter
+nach ihrer Verheiratung gewöhnlich ihre Arbeit im Bierverlag aufgeben
+und sich nach anderer Beschäftigung umsehen.[27] Da die Arbeiter im
+Bierverlag zur »Ortskrankenkasse der im Gewerbebetrieb der Kaufleute,
+Handelsleute und Apotheker beschäftigten Personen« gehören, so lassen
+sich aus den statistischen Angaben dieser Krankenkasse, welche sich auf
+sämtliche Mitglieder beziehen, natürlich keine Rückschlüsse auf die
+Arbeiter im Bierverlag machen.
+
+_Lohnverhältnisse_. Entweder stehen die Arbeiter in Lohn und Kost und
+erhalten ausserdem das _Logis_ vom Brotherrn zugewiesen, oder sie
+erhalten Lohn und Kost, wohnen aber ausserhalb der Betriebsstätte, oder
+endlich, sie erhalten nur Geldlohn ohne Kost[28] und Logis. Im ersteren
+Falle bewegt sich der Lohn zwischen 24 bis 32 Mark monatlich (nur bei
+jugendlichen Arbeitern geringer). Der zweite Fall kommt praktisch nur
+für die geringe Zahl der verheirateten Arbeiter in Betracht, der
+Lohnsatz beträgt hier 10-12 Mark wöchentlich. Der Lohn schliesslich
+ohne Kost und Logis beläuft sich in der Regel auf 16,50 Mark pro Woche.
+Allerdings kann man von einem festen Satze in keinem Falle reden, denn
+bei der äusserst schwankenden Konjunktur wechselt auch das Verhältnis
+von Angebot und Nachfrage und damit die Höhe der Entlohnung sehr häufig.
+Im Sommer 1900 beispielsweise, als Arbeiter für den Bierverlag überhaupt
+nur sehr schwer zu erhalten waren, wurden von verschiedenen
+Bierverlegern neben Kost und Logis 36 Mark pro Monat gegeben, oder
+_ohne_ Kost und Logis 24 Mark pro Woche. In den meisten Fällen ist dem
+Bierverleger sehr daran gelegen, dass die Arbeiter bei ihm wohnen, denn
+er kann sie in diesem Falle weit besser beaufsichtigen. Vielfach hat er
+eine gesonderte Wohnung in dem Hause, in welchem er selbst wohnt, für
+seine Leute gemietet, oder ihre Wohnräume stossen direkt an die seinen.
+Die Wohnungen der Arbeiter, werden von der Frau des Bierverlegers oder
+dem Dienstmädchen in Stand gehalten. Mit dem Logis bei dem Brodherrn ist
+auch die Beköstigung von seiner Seite fast stets verbunden. Namentlich
+wenn mehrere Arbeiter beschäftigt werden, steht sich der Bierverleger
+besser dabei, als wenn er nur Geldlohn bezahlen würde, ausserdem glaubt
+er aber auch hierdurch der allzu langen Ausdehnung der Mittagpausen
+vorbeugen zu können. Ist es so auf der einen Seite praktische
+Geschäftserwägung, welche die Bierverleger veranlasst, an diesem System
+festzuhalten, so haben doch auch andererseits die Arbeiter Vorteile
+davon, denn sie erhalten gutes und kräftiges Essen. Es wäre nicht
+wirtschaftlich, wenn zweierlei gekocht würde und deshalb bekommt der
+Arbeiter dieselbe Kost wie sein Brotgeber und dessen Familie. Allerdings
+ziehen die Arbeiter trotzdem den reinen Geldlohn vor, vor allem aus dem
+Grunde, weil er sie in den Stand versetzt, ausserhalb des Geschäfts
+wohnen zu können und nach Feierabend ebenso wie in den Pausen zwischen
+den einzelnen Mahlzeiten Gelegenheit zu erhalten, an die frische Luft zu
+kommen. Ausserdem bietet das Wohnen ausserhalb der Betriebsstätte für
+die Arbeiter noch den Vorteil, dass sie nicht so leicht zu Nebenarbeiten
+verwendet werden können. So ist es z. B. bei manchen Bierverlegern, und
+namentlich bei solchen, welche nebenbei Gastwirtschaft betreiben, Sitte,
+dass einer der Arbeiter sich auch des Abends bis zum Geschäftsschluss,
+der oft erst nach 10 Uhr, bei den Gastwirten noch später erfolgt, zur
+Verfügung halten muss, um event. eintreffende Bestellungen aus der
+Nachbarschaft erledigen zu können. Trotz der Abneigung, die so bei den
+Arbeitern gegen das Wohnen beim Brotherrn herrscht, ist es dem
+Bierverleger in den meisten Fällen doch gelungen, dieses durchzusetzen.
+Von 34 Bierverlegern, welche Arbeiter beschäftigen, hatten nach ihren
+Aussagen 21 ihre Leute in Kost und Logis, in 11 Fällen wurde nur
+Geldlohn gezahlt und bei zwei Bierverlegern bestanden beide Formen der
+Entlohnung nebeneinander.
+
+_Arbeitszeit_. Von den in Betracht kommenden 34 Bierverlegern haben 6 in
+Bezug auf die Arbeitszeit mitgeteilt, dass dieselbe fest bestimmt wäre;
+in den übrigen Betrieben waren Anfang oder Ende der Arbeitszeit ebenso
+wie die Mahlzeitpausen nicht fest geregelt. Von den 6 Bierverlegern,
+welche feste Normen in Bezug auf die Arbeitszeit eingeführt haben, geben
+4 den Anfang der Arbeitszeit auf 6 Uhr morgens an, einer auf 7 Uhr, ein
+anderer »im Sommer um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr«. Die Arbeit endet nach
+denselben Angaben in einem Falle um 6 Uhr abends, in zwei Fällen um 7
+Uhr, in je einem um 8 bezw. 9 Uhr abends. Einer der betreffenden
+Bierverleger giebt als Ende der Arbeitszeit an »5-10 Uhr abends!« Es
+bedarf keiner näheren Auseinandersetzung darüber, dass eine feste
+Regelung der Arbeitszeit sich am ehesten in denjenigen Betrieben
+erreichen lässt, in denen die Arbeiter in Geldlohn stehen, in 5 von den
+hier angeführten 6 Betrieben war dies der Fall, die Ausnahme bildete
+bezeichnender Weise derjenige Bierverleger, welcher das Ende der
+Arbeitszeit als »unbestimmt, zwischen 5-10 Uhr abends« angegeben hatte.
+Die Unbestimmtheit der Arbeitszeit ist im übrigen Regel in allen
+Bierverlagsgeschäften, »wenn viel zu thun ist, müssen die Leute eben
+länger bleiben, sonst können sie gehen, sobald das Bier abgezogen ist.«
+Gewöhnlich beginnt die Arbeit um 6 Uhr morgens und dauert mindestens bis
+7 Uhr abends, bei geringen Unterbrechungen. In denjenigen Geschäften,
+welche ihren Arbeitern Geldlohn geben, beträgt die Mittagspause 1
+Stunde, die Frühstücks- und Vesperpause je ½ Stunde; wenn die Arbeiter
+in Kost stehen, sind diese Pausen nur halb so lang. Während die Arbeit
+im Winter oft zeitig aufhört, wird im Sommer nicht selten bis 9 oder 10
+Uhr abends durchgearbeitet, namentlich wenn einige Tage hintereinander
+die Hitze auftritt, wodurch namentlich der im Sommer besonders starke
+Weissbierkonsum ausserordentlich gesteigert wird. In Zeiten günstiger
+Geschäftslage pflegt überhaupt der Bierverleger hohe Anforderungen an
+seine Leute in Bezug auf Leistungsfähigkeit und Ausdauer zu stellen und
+würde etwaigen Forderungen der Arbeiter gegenüber in dieser Hinsicht
+sehr wenig zugänglich sein. Die stereotype Antwort, namentlich bei
+älteren Bierverlegern, würde lauten: »Wir haben in unserer Jugend noch
+viel schwerer arbeiten müssen«. Es ist dies keine Phrase, sondern
+entspricht wohl der Wahrheit, es soll früher, bis in den Anfang der
+achtziger Jahre hinein, im Bierverlag vom frühen Morgen bis zum späten
+Abend gearbeitet worden sein, wobei noch zu bedenken ist, dass die
+Arbeit damals viel schwerer war. Denn während heute mit Glasflaschen
+gearbeitet wird, deren Patentverschlüsse mit einem einzigen Fingerdruck
+zum Anliegen an die Flasche, d. h. zum Verschluss zu bringen sind, hatte
+man früher ziemlich unförmige Thonkruken, welche mit Korken verschlossen
+werden mussten. Diese Manipulation geschah dadurch, dass die Korke
+durch die Korkmaschine direkt in den Flaschenhals hineingepresst wurden,
+worauf dann noch die Korke durch mehrere Bindfaden befestigt werden
+mussten, was sich nicht ohne Geschicklichkeit und Anstrengung ausführen
+liess. Auch der Transport dieser Kruken war viel schwieriger als das
+heutige Fortbringen der Glasflaschen. Heute geschieht dieses Fortbringen
+in Flaschenkästen, die genau abgemessene Fächer für jede Flasche
+enthalten und so eingerichtet sind, dass sie höchstens 30 kleine
+Flaschen enthalten, sodass der Kasten bequem auf die Schulter genommen
+werden kann; damals hatte man grosse geflochtene Körbe mit Holzeinsatz.
+Dass im übrigen eine übermässige Ausnutzung der Arbeiter nicht damit
+entschuldigt werden kann, es sei früher noch schlimmer gewesen, liegt
+auf der Hand. Es ist zu hoffen, dass mit der Ausbreitung des Wohnens
+ausserhalb der Betriebsstätte und des reinen Geldlohnes als Lohnform
+etwaige Uebelstände in dieser Hinsicht -- auf welche auch der »Vorwärts«
+vor Jahren einmal hinwies -- verschwinden werden. Eine Organisation der
+Arbeiter zur Erzwingung der Forderungen auf feste Arbeitszeit, Bezahlung
+der Ueberstunden, Wohnen ausser dem Hause, wie sie damals der »Vorwärts«
+empfahl, dürfte wohl auf erhebliche Schwierigkeiten stossen, die in dem
+Mangel eines festen Zusammenhalts innerhalb dieser Schar ungelernter
+Arbeiter, die bald hier bald dort ihre Dienste anbieten, begründet
+liegen.
+
+_Die Kutscher_ nehmen eine Sonderstellung ein. In den kleineren
+Geschäften wird einer der Arbeiter als Kutscher angenommen -- d. h.
+soweit der Herr nicht selbst fährt --, der in seiner freien Zeit bei der
+Kellerarbeit mit zu helfen hat. In den grösseren Geschäften hat der
+Kutscher mit den Arbeiten im Keller nichts zu thun. Die Zahl der
+verheirateten ist bei ihnen viel grösser als bei den Kellerarbeitern,
+und deshalb erhalten sie meist nur Geldlohn, auch von solchen
+Bierverlegern, deren übrige Arbeiter in Kost und Wohnung stehen. Von den
+34 Bierverlegern, welche unter 46 überhaupt Arbeiter beschäftigen,
+befanden sich 26, die eigene Kutscher hatten, darunter 10 die je 2, 4
+die je 3, und einer der 4 Kutscher beschäftigte, 10 fuhren selbst. Von
+diesen 26 Betrieben zahlten 18 ihren Kutschern Geldlohn und nur in 6
+Fällen standen auch die Kutscher in Lohn und Kost. Der Lohn war im
+Durchschnitt etwas höher, als derjenige, welchen die in Geld entlohnten
+Arbeiter erhielten, nämlich 18-24 Mark pro Woche. In 7 Fällen wurde
+ausserdem pro 3 Mark ausgefahrenes Bier noch 10 Pfg. als Gewinnanteil
+ausbezahlt. Diese Gewinnbeteiligung der Kutscher ist erst neueren
+Datums, sie soll zuerst von den Brauereien eingeführt worden sein.
+Allerdings findet sie sich bei den Brauereien in etwas anderer Form; sie
+wird nämlich nicht berechnet nach der Menge und dem Wert des
+ausgefahrenen Bieres, sondern nach der Menge der zurückgebrachten leeren
+Flaschen, um auf diese Weise den Kutscher anzuhalten, auch seinerseits
+dafür zu sorgen, dass die Flaschen möglichst vollzählig zurückgegeben
+werden. Unter den Bierverlegern ist dieses System der Gewinnbeteiligung
+der Kutscher zumeist von solchen Geschäftsinhabern eingeführt, denen es
+namentlich in der ersten Zeit des Bestehens ihres Betriebes darauf
+ankam, neue Kunden zu erhalten und die deshalb ihre Kutscher anwiesen,
+einen gewissen Hausierhandel mit Bier zu treiben. Sobald ein gewisser
+Kundenkreis gewonnen war, hörte auch diese Art des Absatzsuchens auf,
+die Gewinnbeteiligung erhielt sich jedoch; in den Fällen, in welchen
+dieser Anteil gewährt wird, ist jedoch meist der Lohn geringer. In
+manchen Fällen erhalten die Kutscher keinen bestimmten Anteil am Umsatz,
+wohl aber eine Gratifikation für jeden neu gewonnenen Kunden. Zu dem
+gezahlten Lohn tritt dann noch die oft nicht unbeträchtliche Summe von
+Trinkgeldern hinzu, wodurch sich das Einkommen dieser Kutscher oft auf
+1500-1700 Mark erhöht, während der Durchschnittssatz etwa 1300 Mark
+ist. Zusammen mit den Brauereikutschern, welche zuverlässigen
+Nachrichten zufolge jährlich _mindestens_ 2100-2400 Mark verdienen,
+bilden sie den Nachwuchs für das Bierverlags- und Gastwirtsgewerbe, zu
+dem die Mehrzahl von ihnen im höheren Alter überzugehen pflegt.
+
+In den hier geschilderten Arbeitsverhältnissen im Bierverlag wird eine
+wesentliche Aenderung durch den Hinzutritt irgend eines der namhaft
+gemachten Fälle der Betriebsvereinigung nicht bewirkt. In denjenigen,
+vorläufig noch wenigen Fällen, in welchen der Viktualienhandel neben dem
+Kleinhandel und Versand von Bier eine irgendwie bedeutende Rolle spielt,
+ist die Thätigkeit der Frau eine ausgedehntere, ebenso werden bei der
+Verbindung von Bierverlag mit Gastwirtschaft alle Familienangehörigen in
+weitestem Maasse zur Mitarbeit herangezogen, da sich ihnen ja auch hier
+weit mehr Gelegenheit zur Bethätigung bietet. Was die Arbeiter
+anbetrifft, so stehen diese im Falle der Betriebsvereinigung mit der
+Gastwirtschaft stets in _Kost_, schon aus dem Grunde, weil der Wirt oft
+Mittagsgäste hat und es deshalb für ihn mit keiner Unbequemlichkeit
+verbunden ist, für die Arbeiter mit kochen zu lassen. Die freie Zeit der
+Arbeiter ist noch mehr beschränkt, als im Bierverlag. So muss bezw.
+abwechselnd jeden Sonntag einer der Arbeiter zu Hause bleiben, um
+etwaige Bestellungen aus der Nachbarschaft auszuführen, ebenso wie auch
+an Wochentagen abends, worauf schon hingewiesen wurde. Es wird nach dem
+hier Gesagten nicht verwunderlich erscheinen, dass für solche Geschäfte,
+namentlich bei günstiger wirtschaftlicher Konjunktur Arbeiter noch
+schwerer zu erhalten sind, als für den Bierverlag.
+
+
+ Der Geschäftsbetrieb im Bierverlag.
+
+ A. Der Einkauf.
+
+_Die Lieferanten_. Der Eigenart seines Geschäftes nach hat der
+Bierverleger nur mit wenigen Lieferanten zu thun. Da die Käufer bei den
+Lagerbieren auf die Herkunft aus einer bestimmten Brauerei Gewicht legen
+(man fordert Böhmisches -- Schultheiss- -- Union-Bier, indem man damit
+Lagerbier aus dem Böhmischen Brauhaus, der Schultheiss- oder der
+Union-Brauerei meint), so wird der Bierverleger bei grösserem Umsatz von
+mehreren »bayrischen« Brauereien Bier beziehen müssen, meist kommt er
+jedoch, bei dem geringen Bedarf an bayr. Bier mit einer Brauerei aus. Zu
+dieser Brauerei für »bayrisches« Bier tritt hinzu der Generalvertreter
+für eine der Grätzer Brauereien, ebenso der einer Münchener oder in
+wenigen Fällen Pilsener Brauerei, ferner einige Weissbier-Brauereien.
+Ausser mit diesen Brauereien steht der Bierverleger noch im
+Einkaufsverkehr mit dem Fouragehändler, der das Futter für die Pferde
+liefert, der Flaschenfabrik, welche zumeist auch die Lieferung der
+Verschlüsse übernimmt, der Flaschenkästenfabrik und vielleicht dem
+Korkenlieferanten, wenn für gewisse Biersorten der Korkverschluss noch
+eingeführt ist, schliesslich mit einer der Firmen, welche sich mit der
+Lieferung von Bedarfsartikeln für den Bierabzug und die Füllung auf
+Flaschen befassen.
+
+_Zahlungsbedingungen gegenüber den Lieferanten_. Barzahlung bildet die
+Ausnahme. Sie wird in der Regel von denjenigen Brauereien verlangt, von
+denen der Bierverleger nur geringe Quantitäten bezieht. Dagegen kommt
+den übrigen Brauereien gegenüber entweder die in das Belieben des
+Bierverlegers gestellte, oder die monatliche, oder die Bezahlung nach
+der jeweiligen Entnahme von einem »Stock« Bier in Betracht. Unter einem
+»Stock« versteht man die Zahl von 20 halben Tonnen; auf einen Stock
+giebt es 2-4 halbe Tonnen gratis. Es herrscht diese Bezeichnung und die
+damit zusammenhängende Zahlungsart übrigens _nur beim Weissbier_; von
+einem Stock bayrischen Bieres wird nicht gesprochen. Im übrigen ist
+dieser Zahlungsmodus nur bei den kleineren Geschäften üblich, die
+mittleren und grösseren Bierverlagsgeschäfte sehen sich einer äusserst
+weitgehenden Koulanz der Brauereien gegenüber, und sind an die
+Innehaltung bestimmter Zahlungsfristen nicht gebunden. In manchen Fällen
+sieht es die Brauerei, wenn der Kunde ihr nur irgend welche Sicherheit
+bietet, garnicht ungern, wenn auf seinem Konto eine nicht zu geringe
+Summe zu Gunsten der Brauerei steht, da sie dadurch in die Lage gesetzt
+ist, ihn viel fester an sich zu fesseln. Hat die Summe, welche der
+Bierverleger schuldet, eine bestimmte Höhe erreicht, so lässt sich die
+Brauerei einen Schuldschein darüber geben, der Bierverleger verpflichtet
+sich vielfach zur Zinszahlung, oftmals aber, und das ist der springende
+Punkt, lässt die Brauerei auch von dem Bierverleger einen Revers
+unterschreiben, wodurch er sich weiterhin verpflichtet, wöchentlich oder
+monatlich mindestens so und so viele Tonnen von der betreffenden
+Brauerei zu entnehmen. In vielen Fällen wird auch gleichzeitig eine
+Amortisationsquote gefordert in der Form eines Aufschlages auf jede
+fernerhin gelieferte Tonne Bier; allerdings wird diese Forderung der
+Amortisation nicht so häufig bei Schulden gestellt, welche aus der
+Lieferung von Bier resultieren, als bei Darlehen, die oftmals schon bei
+Errichtung des Geschäftes in Anspruch genommen werden, ebenso bei
+Lokalmiete in einem der Brauerei gehörigen Hause. Auf diese Darlehen
+ebenso wie auf die Eigenart der Kreditverhältnisse zwischen Brauerei und
+Bierverlegern überhaupt ist an anderer Stelle näher eingegangen. Bei der
+Lieferung von Flaschen, welche nächst den Bierlieferungen den grössten
+Posten im Ausgabenkonto des Bierverlegers ausmachen, herrschen die
+vorher gekennzeichneten Verhältnisse nicht, die Lieferung erfolgt hier
+bei den meisten Firmen gegen 3 Monat Ziel oder 2 % Sconto.
+
+
+ B. Der Absatz des Bieres.
+
+Der geringen Anzahl von Lieferanten steht eine sehr grosse und
+mannichfache Zahl von Abnehmern gegenüber. Dieser Kundenkreis ist
+verschieden, je nachdem es sich um die vorher gekennzeichneten
+modern-kaufmännischen Geschäfte oder um das Gros der übrigen
+Bierverleger handelt. Jene ersteren liefern an wohlhabende Beamten- und
+Kaufmannsfamilien in kleinen Quantitäten (in den meisten Fällen im
+Betrage von 3 Mark). Von Kreditgewährung ist natürlich nicht die Rede,
+der Kutscher hat das volle Geld für das ausgefahrene Bier abzugeben und
+haftet dafür, falls er etwa in Abwesenheit der Herrschaften das Bier
+ohne Bezahlung abgegeben hat. Ebenso ruhig und glatt vollzieht sich der
+Verkehr der übrigen Bierverleger mit ihren Abnehmern, soweit es sich um
+Privatkundschaft handelt. Anders steht es dagegen mit den
+Geschäftskunden. Sie setzen sich, soweit der Absatz von Weissbier in
+Betracht kommt, zusammen aus Restaurateuren, Gastwirten, Destillationen
+im alten Sinne des Wortes[29], Kolonialwaren- und Grünkramhandlungen,
+ferner Kantinen in grossen Fabriketablissements oder beim Militär. Bei
+den Restaurateuren und Gastwirten handelt es sich um die geringe Zahl
+derjenigen, welche trotz der gebotenen Erleichterung beim Abzug des
+Weissbieres auch gegenwärtig auf den Selbstabzug verzichten, sei es,
+dass es ihnen an den geeigneten Kellerräumen fehlt oder der Selbstabzug
+bei dem geringen Absatz sich nicht lohnen würde. Dasselbe gilt von den
+wenigen Cafés und Hôtels, welche Weissbier führen. Trotz der oft
+geringfügigen Entnahme von Bier halten sich diese Geschäftskunden in den
+meisten Fällen nicht zur Barzahlung verpflichtet, sondern verlangen,
+dass der Bierverleger in gewissen Zwischenräumen sie besucht, um das
+Geld selbst abzuholen, wobei er natürlich eine nicht zu geringe Zeche
+machen soll. Die Kolonial- und Grünkramhandlungen pflegen sofort zu
+bezahlen. Die letzteren waren früher Abnehmer oft _grosser Quantitäten_
+Braunbieres, welches die ärmeren Volksklassen aus den Grünkramkellern
+holten, heute ist der Absatz von Braunbier in Flaschen aus den vorher
+angeführten Gründen auf ein Minimum gesunken. Bei den Kantinen und
+Konsumvereinen für Angestellte bildet die monatweise Abrechnung die
+Regel; sie verlangen häufig einen sehr grossen Rabatt, zeigen sich aber
+sehr koulant in Bezug auf den Ersatz von Flaschen, welche in der Fabrik
+abhanden kommen oder zerbrochen werden. Mit einem gewissen Risiko ist
+die Lieferung an kleinere Fabriken verbunden, in denen der Verkauf des
+Bieres meist in der Hand eines dazu bestimmten Arbeiters liegt. Oft
+bezahlt dieser Arbeiter bei der wöchentlich erfolgenden Abrechnung nicht
+die ganze Summe, behauptet, er hätte selbst kreditieren müssen, oder er
+verlässt die Arbeit; es wird ein neuer Bierverkäufer gewählt und dem
+Bierverleger liegt ob, sich mit dem früheren Abnehmer, der oft
+»unbekannt verzogen« ist, auseinandersetzen etc. Dazu treten die
+bedeutenden Flaschenverluste, welche dadurch verursacht werden, dass die
+Arbeiter häufig die Bierflaschen zum Kaffee und Schnapsholen verwenden,
+sie auch mit in ihre Wohnung nehmen, wo sie im Haushalt in Gebrauch
+genommen werden. Diese Missstände bewirken, dass den Bierverlegern an
+der Lieferung für solche kleineren Fabriken meist wenig liegt und
+vielfach beziehen diese deshalb auch ihr Bier von dem in der Nähe
+wohnenden Gastwirt, bei dem sie zu verkehren gewohnt sind; die Lieferung
+und Kontrolle seitens des Lieferanten regelt sich hier viel leichter,
+auch können Nachbestellungen z. B. an heissen Tagen eher ausgeführt
+werden.
+
+Die Kunden auf _Grätzer Bier_ setzen sich zusammen aus: Hôteliers,
+Restaurateuren, Cafétiers und Gastwirten. Der Selbstabzug des Grätzer
+Bieres ist bei den Gastwirten noch weniger verbreitet, als der des
+Weissbieres; diejenigen Gastwirte, welche es führen, beziehen es deshalb
+stets vom Bierverleger in Flaschen. Doch ist der Absatz an die Gastwirte
+nur gering. Mehr schon wird das Grätzer Bier in den Restaurants und
+Hôtels genossen; der Hauptabsatz aber entfällt auf die Berliner
+Nachtcafés, welche den Treffpunkt für die Halbwelt abgeben. Ueber die
+Gewohnheit der Cafétiers von möglichst vielen Lieferanten zu beziehen,
+selten bar zu bezahlen, dagegen sehr oft die Kontrahierung einer grossen
+Zeche zu verlangen, ehe sie die Rechnung begleichen, wird in
+Bierverlegerkreisen sehr geklagt. Ebenso wie in diesen Cafés wird auch
+in den Kneipen mit Damenbedienung Grätzer Bier konsumiert, in manchen
+Fällen wird an solche Kneipen und Cafés auch Weissbier geliefert.
+Schliesslich sei noch erwähnt, dass auch die Konditoreien für den Absatz
+von Weiss- und Grätzer Bier in manchen Fällen in Betracht kommen, bei
+ihnen sind die gerügten Zahlungsverhältnisse der Cafébesitzer jedoch
+nicht Regel.
+
+
+ Einnahmen und Ausgaben im Bierverlage.
+
+ A. Einnahmen.
+
+_Die Absatzpreise der Biere_. Die Preise sind verschieden, je nachdem es
+sich um Privat- oder Geschäftskunden handelt. So lange die Brauereien
+den Flaschenbiervertrieb nicht hatten, waren die Preise vom Standpunkt
+der Bierverleger aus als sehr angemessene zu bezeichnen. Die Konkurrenz
+der Berufsgenossen war nicht allzu drückend, und da der Markt so gross
+war, dass alle genügend Absatz fanden, so hielten sie sich auf einer
+gewissen herkömmlichen Höhe, von der nicht abgewichen wurde. Zum Teil
+sind diese Verhältnisse noch in dem Handel mit bayrischem Bier, soweit
+es sich um den Absatz an Privatkundschaft handelt, dieselben
+geblieben. Wenn es den Brauereien gelungen ist, fast den gesamten
+Flaschenbierhandel in Lagerbier in ihre Hände zu bekommen, so haben sie
+dieses Resultat, soweit es sich um den Absatz an Privatkunden handelt,
+nicht durch Preisdrückerei erzielt. Die Bierverleger gaben an
+Privatkunden 32 Flaschen Lagerbier für 3 M. und mehr boten die
+Brauereien auch nicht. Welche Umstände den Brauereien in diesem Kampfe
+um die Privatkundschaft den Sieg verschafften, wurde schon früher
+dargelegt. Ebenso ist andererseits auch der Preisschleuderei Erwähnung
+gethan worden, welche demgegenüber in den Lieferungen an Fabriken,
+Kantinen etc. zu Tage trat. So berichtet eine Brauerei auf eine von mir
+gestellte Anfrage, dass sie an Wiederverkäufer und Kantinen 40 Flaschen
+von 3/8 Liter Inhalt für 3 M. abgäbe, beklagt sich aber gleichzeitig,
+dass andere Brauereien 42-50 Flaschen für 3 M. lieferten. Zum Vergleich
+sei angeführt, dass die Bierverleger früher 36 Flaschen für 3 M.
+lieferten. Nun stellt sich der Preis eines Hektoliters Lagerbier in
+Berlin auf durchschnittlich 16 M. Gäben die Bierverleger 40 (3/8 Ltr.)
+Flaschen für 3 M., so blieben ihnen bei dieser Lieferung 68 Pf.
+Bruttogewinn, d. h. nur etwas über 10 pCt. Dabei zu bestehen, ist dem
+Bierverleger bei seinen verhältnismässig hohen Geschäftsunkosten kaum
+möglich, bei einer Ueberschreitung dieses Rabattsatzes in der erwähnten
+Höhe hört natürlich jede Konkurrenzmöglichkeit für ihn auf. Verlor er
+also auf der einen Seite die frühere Privatkundschaft auf bayrisches
+Bier, weil das Publikum den Brauereien mehr Vertrauen entgegenbrachte,
+so büsste er auf der anderen Seite seine Geschäftskundschaft ein, weil
+er in Bezug auf Rabattbewilligung nicht konkurrieren konnte. Aber der
+Verlust der Kundschaft auf bayrisches Bier war nicht die einzige Folge
+des Eintretens der Lagerbierbrauereien in den Konkurrenzkampf. Denn
+dieser Verlust führte im Zusammenhang mit der Uebernahme des
+Flaschenbiervertriebs seitens einzelner Weissbierbrauereien dazu, dass
+jeder Bierverleger ihn durch erhöhten Absatz von Weissbier auszugleichen
+versuchte, und die Folge war ein rapides Sinken der Preise. Abgesehen
+von dem einfachen Weissbier, das nur noch wenig abgesetzt und zum Preise
+von 40 (1 Ltr.) Flaschen für 3 M. abgegeben wird, unterscheidet man bei
+dem Weissbier zwei Sorten: Weissbier mit -- und Weissbier ohne
+Wasserzusatz. Noch gegen Ende der achtziger Jahre waren die Preise für
+Weissbier folgende:
+
+ I. Qualität Privatkunden 26 Fl. für 3 M.
+ Geschäftskunden 30 " " 3 "
+ II. " Privatkunden 32 " " 3 "
+ Geschäftskunden 40 " " 3 "
+
+Heute sind die Preise im Durchschnitt folgende:
+
+ I. Qualität Privatkunden 30 Fl. für 3 M.
+ Geschäftskunden 36-42 " " 3 "
+ II. " Privatkunden 36 " " 3 "
+ Geschäftskunden 45-58 " " 3 "
+
+Zur Berechnung der Rentabilität des Weissbierhandels muss man wissen,
+dass eine halbe Tonne etwa 60-70 Ltr. enthält und durchschnittlich 6 M.
+kostet. Bei dem heutigen Flascheninhalt ergiebt eine halbe Tonne etwa
+160 Flaschen ohne, und 200 Flaschen mit Wasserzusatz. Nehmen wir ferner
+an, ein Bierverleger hätte je zur Hälfte Privatkunden und zur Hälfte
+Geschäftskunden, so würde also sein Bruttogewinn an einer halben Tonne
+Weissbier sich folgendermassen berechnen:
+
+ früher jetzt
+ I. Qualität 11,00 M. pro ½ t 8,00 M.
+ II. " 10,50 " " " " 7,50 "
+
+Also auch hier ist der Verdienst sehr gesunken, obwohl die Annahme, dass
+der Absatz sich je zur Hälfte auf Privat- und Geschäftskunden verteilte,
+noch zu günstig gegriffen ist; der Anteil der Geschäftskundschaft ist
+wahrscheinlich ein weit beträchtlicherer und infolgedessen verringert
+sich auch der Bruttogewinn. Auch beim Absatz von Grätzer Bier ist der
+Verdienst gegen früher gesunken. Der Preis des Grätzer Bieres stellte
+sich früher auf 16 M. pro hl. Die Bierverleger lieferten ihren
+Privatkunden 25 Flaschen für 3 M., ihren Geschäftskunden 100 Flaschen
+für 11 M. Später fiel der Preis für 100 Flaschen Grätzer Bier für die
+Geschäftskunden erst auf 10 M. dann fast allgemein auf 9 M. einige
+Bierverleger lieferten dann sogar 100 Flaschen für 8 M. Im Jahre 1899
+schlossen sich nun die in Grätz vereinigten Brauereien zu einem Verbande
+zusammen und setzten, da sie angeblich bei einem Preis von 16 M. pro hl
+Bier nicht mehr bestehen konnten, den Preis auf 18 M. pro hl fest.
+Infolgedessen beschloss der Verein Berliner Bierverleger seinerseits,
+mit den Generalvertretern der Brauereien in Grätz ein Abkommen dahin zu
+treffen, dass sich die Vertreter der Grätzer Brauereien verpflichteten,
+an keinen Bierverleger fernerhin Bier zu liefern, welcher nicht durch
+Namensunterschrift erklären würde, für 100 Flaschen Grätzer Bier
+mindestens 10 M. zu verlangen. Die Konventionalstrafe wurde für jede zur
+Anzeige kommende und nachzuweisende Uebertretung auf 50 M. festgesetzt.
+Der grösste Teil der Mitglieder des Vereins unterschrieb sofort, die
+übrigen wurden ebenso wie die Nichtmitglieder dazu gezwungen, da keiner
+der Vertreter ihnen weiterhin Bier lieferte. War durch die erwähnten
+Preisreduktionen der Bruttogewinn pro hl allmählich von 13,30 auf
+5,30-8,00 M. gefallen, so beträgt derselbe jetzt trotz der erfolgten
+Preiserhöhung der Brauereien im Minimum (d. h. wenn wie vorher nur die
+Rabattsätze für Geschäftskunden berücksichtigt werden) 8,60 M. pro hl,
+d. h. ca. 50 pCt. Im allgemeinen wird sich aber hier durch die Lieferung
+an Privatleute, denen das Grätzer Bier wohl manchmal ärztlich verordnet
+wird, der Bruttogewinn erhöhen.
+
+
+ B. Ausgaben.
+
+1. _Flaschenverluste_. Abgesehen von den Ausgaben für das Bier selbst,
+deren Höhe aus den Betrachtungen über den Brutto- und Nettogewinn im
+Bierverlag zu ersehen ist, spielen die Flaschenverluste mit die grösste
+Rolle bei den Ausgaben. Dieselben entstehen auf verschiedene Weise.
+Einesteils werden beim Füllen des Bieres auf Flaschen, beim Reinigen und
+beim Transport, manchmal vielleicht mit Mutwillen, Flaschen zerbrochen.
+Anderenteils erhält der Bierverleger von seinen Kunden oft nicht die
+gelieferte Anzahl zurück, sei es, dass sie in der Haushaltung in
+Gebrauch genommen und zu anderen Zwecken benutzt oder beim Kunden
+zerschlagen sind, sei es, dass ein Konkurrent, falls der betr. Kunde von
+mehreren Geschäften Bier bezog, sich einen Teil derselben angeeignet
+hätte. Die an ersterer Stelle genannten Flaschenverluste pflegen
+gegenüber den letzteren in den Hintergrund zu treten und wenn in den
+Fachblättern von Flaschenverlusten und Mitteln zu ihrer Abhilfe
+gesprochen wird, so sind fast stets die Verluste gemeint, welche durch
+Zurückbehalten der Flaschen seitens der Kunden, und durch absichtliches
+oder unabsichtliches Vertauschen der Flaschen entstehen. Wenn man die
+Klagen der Bierverleger über die Grösse der Flaschenverluste hört, so
+möchte man dieselben für übertrieben halten. Wer jedoch Gelegenheit
+gehabt hat, die hier beklagten Zustände aus eigener Anschauung kennen zu
+lernen, der wird der Behauptung zustimmen müssen, dass in Bezug auf den
+Missbrauch von Bier- (und auch u. a. Mineralwasser-)Flaschen in vielen
+Kreisen des Publikums eine Laxheit der Ansichten herrscht, welche nicht
+scharf genug verurteilt werden kann. Die Hausfrauen oder Dienstmädchen
+machen sich in vielen Fällen gar kein Gewissen daraus, die Bierflaschen
+zu allen möglichen Zwecken zu gebrauchen, sie holen Spiritus, Oel,
+Fleckwasser etc. darin, und in der Küche prangen die dem Bierhändler
+gehörenden Flaschen ganz ungeniert neben anderen Utensilien. Die
+Arbeiter betrachten es als ihr selbstverständliches Recht, die
+Bierflaschen zum Einholen von Schnaps oder Kaffee zu gebrauchen. Am
+tollsten geht es auf den Bauten zu, da wird die Flasche oft, wenn sie
+ausgetrunken ist, einfach auf den Boden geworfen, ob sie dabei entzwei
+geht oder nicht, ist ganz gleichgültig, wenn der Kutscher des
+Bier-Lieferanten am nächsten Tage kommt, so kann er sich die leeren
+Flaschen aus allen Ecken und Winkeln des Bauplatzes zusammensuchen. Ganz
+raffiniert verfahren oft diejenigen Familien, welche das Bier selbst
+abziehen, indem sie solange von den Viktualienhändlern, Gastwirten oder
+Bierverlegern Bier in Flaschen holen lassen, bis sie diejenige Zahl von
+Flaschen »erworben« haben, welche zum Abzug nötig ist. Zerbricht später
+mal eine Flasche, so wird eine dadurch ergänzt, dass zur Abwechselung
+wieder einmal eine Flasche Bier beim Gastwirt etc. geholt und die leere
+Flasche zurückbehalten wird. Non olet!
+
+Sind die hierdurch den Bierverlegern zugefügten Flaschenverluste
+lediglich dem Publikum und seiner skrupellosen Auffassung vom
+Eigentumsrechte zuzuschreiben, so tragen die Bierverleger an der
+Vertauschung der Flaschen und etwaigen dadurch entstandenen Verlusten
+selbst die Schuld. Allerdings werden Vertauschungen in manchen Fällen
+vielleicht dadurch begünstigt, dass die Flaschen der verschiedenen
+Lieferanten, welche an _einen_ Kunden liefern, überhaupt keinen Aufdruck
+tragen und in der Form gleich sind. Diese Vertauschungen, wenn sie auch
+gewiss unangenehm sind, bergen allerdings noch keine Verluste in sich,
+vorausgesetzt, dass die Zahl der zurückgegebenen fremden Flaschen ebenso
+gross ist, wie die der gelieferten eigenen. Oft stimmt dieses Verhältnis
+allerdings nicht, und es hat den Anschein, als ob die Vertauschung nicht
+durch Zufall oder Nachlässigkeit des Kunden, sondern durch ganz
+bestimmte Nebenabsichten des betr. Konkurrenten herbeigeführt sei.
+
+Wie gross die Gesamtheit der Bierflaschenverluste aller derer ist, die
+ein Flaschenbiergeschäft betreiben, erhellt aus einer Mitteilung der
+Berliner »Wochenschrift für Brauerei« (Jahrgang 1900, No. 1). Diese
+teilt mit, dass ein lokaler Brauereiverein (_wahrscheinlich_ der Verband
+der Berliner Brauereien) in einem bestimmten mehrmonatlichen Zeitraum
+eine Enquête über den Verlust von Bierflaschen anstellte. Von den
+abgesetzten Flaschen kamen weniger zurück 3,37 %, beim Austausch kamen
+weniger zurück 0,48 %, der Flaschenbruch bezifferte sich auf 2,51 %, der
+Gesamtverlust also im Durchschnitt auf 6,05 %! Der höchste Gesamtverlust
+betrug 14,23 %, der niedrigste 4,3 %! Der Durchschnittsatz von 3,37 % für
+nicht zurückgekommene Flaschen wurde von acht Brauereien überschritten.
+Das Maximum _dieses_ Verlustes lag bei 7,43 %, das Minimum bei 1,38 %.
+Wenn auch die Verhältnisse in Bezug auf den Flaschenverlust bei den
+Brauereien nicht überall die gleichen sind, wie bei den Bierverlegern,
+so können doch die hier angeführten Zahlen vielleicht als
+Durchschnittsziffern für die Flaschenverluste auch der Bierverleger
+angesehen werden.
+
+Irgendwelche Maassnahmen sind bisher gegen den Flaschenmissbrauch
+seitens der Berliner Bierverleger noch nicht getroffen worden. Die
+Einführung des Flaschenpfandes ist in Berlin auf dieselben
+Schwierigkeiten gestossen, wie in anderen Städten. Die Brauereien haben
+jüngst in den gelesensten Zeitungen grosse Erklärungen abgegeben, wonach
+sie jedem Flaschenmissbrauch gerichtlich entgegentreten würden. Ob diese
+Erklärungen Erfolg haben werden, ist zweifelhaft, zumal die Gerichte die
+Verwendung und Füllung von Bierflaschen mit anderen Flüssigkeiten etc.
+bei erfolgender Anzeige in den seltensten Fällen bestrafen[30]. Gegen
+die unlautere Konkurrenz von Berufsgenossen (Vertauschen und Fortnehmen
+von Flaschen) hat die Mehrzahl der zum Verband deutscher Bierhändler
+gehörenden Vereine bereits das Mittel der Errichtung von
+Flaschen-Austauschlagern angewandt, und ist z. T. mit _Recht_ energisch
+vorgegangen gegen diejenigen Bierverleger, welche ihre Beteiligung etwa
+ablehnten. In Berlin ist ähnliches seitens des Vereins Berliner
+Bierverleger (der auch nicht zum Verbande gehört) noch nicht geschehen.
+Allerdings hat der Verein vor kurzer Zeit seinen Vorsitzenden delegiert,
+in einen vom Bund der Industriellen niedergesetzten Ausschuss
+einzutreten, welcher speziell die Bekämpfung des Flaschenmissbrauches
+zur Aufgabe hat, und zu dem u. a. auch Vertreter des Brauerei-Verbandes,
+des Vereins Berliner Weissbierwirte, des deutschen Gastwirtsverbands,
+des Berliner Gastwirte-Vereins und des Verbandes deutscher
+Mineralwasser-Fabrikanten gehören. Irgendwelche positiven Beschlüsse
+liegen jedoch seitens des Ausschusses, der sich eben erst konstituiert
+hat, noch nicht vor.
+
+2. _Spesen_. Es ist nötig, näher auf sie einzugehen, da sie oft nicht
+unbeträchtlich sind. Wenn in Bierverlegerkreisen von Spesen gesprochen
+wird, so sind damit nicht nur diejenigen Unkosten gemeint, welche
+dadurch entstehen, dass die Geschäftskunden der Bierverleger oft in
+längeren Zwischenräumen bezahlen und die letzteren gezwungen sind, beim
+Abholen der Rechnungsbeträge grössere Zechen zu machen. Oft besteht ja
+auch hierbei ein Missverhältnis zwischen dem Verdienst an der
+gelieferten Ware und dem durch die Zeche gewährten Rabatt, und manche
+Gastwirte besitzen eine gewisse Virtuosität darin, ihre Lieferanten bei
+solchen Besuchen durch Vermittelung ihrer Kunden, anreizen zu lassen,
+recht viel »zum Besten zu geben«. Die raffinierteste Form der Erzwingung
+eines ausserordentlichen Rabatts von den Lieferanten besteht jedoch in
+der Veranstaltung der sogenannten »Abendtische«. Man versteht darunter
+Abendessen mit Weinzwang, zu denen hauptsächlich die Lieferanten
+eingeladen werden, Fleischer, Bäcker, Liqueur- und Schnapslieferanten,
+vor allen aber die Brauer und Bierverleger. Die Stammgäste dienen oft
+nur als Dekoration, sie lassen sich in Bezug auf das Weintrinken
+vielleicht noch von den Lieferanten freihalten. Gleichmässig werden
+durch diese Veranstaltungen Brauer und Bierverleger getroffen. Wie tief
+eingerissen diese Unsitte ist, beweist der Umstand, dass in der hier in
+Betracht kommenden, »hohen Saison« (Dezember-Januar) bei den Brauereien
+manchmal das Comptoirpersonal kaum ausreicht, um den Einladungen folgen
+zu können. Handelt es sich um einen Kunden, der wenig braucht, so kaufen
+sich wohl auch die Brauereien einfach von ihren Verpflichtungen los,
+indem sie an Stelle der Entsendung irgend jemandes dem betr. Gastwirt
+ein Gefäss Bier »vergüten«, dessen Grösse sich nach der Höhe des
+Absatzes an den betr. Kunden richtet. Dem Bierverleger sind diese
+Verpflichtungen natürlich noch drückender, da seine Lieferungen in den
+weitaus meisten Fällen viel geringer sind, als diejenigen der
+Brauereien. Handelt es sich um Kunden, welche Abnehmer grösserer
+Quantitäten sind, so kann der Bierverleger ohne grosse Skrupel 10-20
+Mark ausgeben; als drückend, aber empfindet er die Verpflichtung, wenn
+eine solche Einladung beispielsweise von einem Kunden kommt, der
+vielleicht alle 2-3 Wochen einmal 100 Flaschen Grätzer Bier von ihm
+bezieht! Dazu kommt, dass viele Gastwirte und Cafétiers sich an der
+Veranstaltung _eines_ Abendtisches im Winter nicht genügen lassen,
+sondern ihre Lieferanten mehrmals um sich versammeln, sei es zum
+Wurstessen, zum Frühschoppen mit Musik, zur Geburtstagsfeier des
+Inhabers (die oft zweimal im Jahre stattfindet) etc. Ebenso wie die
+Brauereien, kaufen sich in solchen Fällen auch die Bierverleger manchmal
+los, indem sie gleichfalls, anstatt zu erscheinen, einige Kästen oder
+einen Kasten Bier gratis senden. Wenn derartige Einladungen sich
+allzuhäufig wiederholen und dem Bierverleger klar wird, dass sein
+Verdienst durch die von ihm verlangten Gegenleistungen fast völlig
+ausgeglichen wird, so wird er auch wohl in manchen Fällen auf einen
+solchen Kunden verzichten. In jedem Falle hat ein Bierverleger mit
+diesen Spesen als einem ansehnlichen Posten in seinem Ausgabenkonto zu
+rechnen. Welche Anteilnahme die Bierverleger dieser ganzen Frage
+entgegenbringen, geht daraus hervor, dass in dem ersten Jahrgange (1899)
+ihres Fachorgans nicht weniger als sechs Einsendungen aus
+Bierverlegerkreisen über diese Frage sich finden, ohne dass allerdings
+diskutable Vorschläge darin gemacht worden wären, wie den allseitig
+erkannten Missständen entgegenzutreten sei.
+
+3. _Andere Ausgaben_. Neben den Flaschenverlusten und Spesen kommen für
+den Bierverlag als Ausgaben noch in Betracht: die Löhne, die Miete,
+Reparaturen, die Unterhaltung von Pferd und Wagen, Gewerbesteuer,
+Beiträge zur Krankenkasse sowie für Alters- und Invaliditätsversicherung
+der Arbeiter, schliesslich Anzeigen und Reklame. Wenn diese Ausgaben
+hier lediglich aufgezählt werden im Gegensatz zu der eingehenden
+Besprechung der Ausgaben für Flaschen und für Spesen, so geschieht dies
+deshalb, weil sie einer näheren Erläuterung kaum bedürfen. Ueber die
+Löhne ist vorher schon gesprochen worden, die Reparaturen beziehen sich
+beispielsweise auf die Flaschenkästen oder die Holzlager in den
+Kellereien, ferner etwaige im Keller angewandte Maschinen. Für Anzeigen
+und Reklame pflegt der Bierverleger in der Regel so wenig wie möglich
+auszugeben: immerhin muss er Rechnungen mit Firmenaufdruck, oft auch
+Bestellkarten, ferner Etiquetten, Plakate, Preiskourante u. dergl.
+führen.
+
+
+ Brutto- und Nettogewinn beim Bierverlag.
+
+Aus der Vergleichung des Bruttogewinns mit den skizzierten Ausgabeposten
+liesse sich sehr leicht ein Gewinn- und Verlustkonto für einzelne
+Umsatzhöhen konstruieren. Jedoch sind solche theoretische Konstruktionen
+immer sehr angreifbar und an ihrer Stelle möge deshalb hier ein
+praktisches Beispiel gesetzt werden. Es ist der Jahresabschluss eines
+Bierverlags mit etwa 20000 Mark Umsatz aus dem Jahre 1899.
+
+ _Einnahmen:_
+
+ Erlös aus 1200 halben Tonnen Weissbier à 12 Mark = 14400 Mark
+ " " 120 hl Grätzer Bier à 27 " = 3240 "
+ " " 32 " Bayrisch " à 27 " = 864 "
+ " " 20 " echtes " à 44 " = 880 "
+ -----------
+ 19384 Mark
+
+ _Ausgaben_.
+
+ A. _Bierkonto_.
+
+ 1200 halbe Tonnen Weissbier à 6 Mark = 7200 Mark
+ 120 hl Grätzer Bier à 16 " = 1920 "
+ 32 " Bayrisch Bier à 20 " = 640 "
+ 20 " echtes Bier à 25 " = 500 "
+ ------------
+ (inkl. Fracht) 10260 Mark
+ Demnach Bruttogewinn 9124 Mark.
+
+Von diesem Bruttogewinn waren in Abzug zu bringen für:
+
+ Miete 1200 Mark
+ Unterhalt eines Pferdes 700 "
+ Ergänzung an Flaschen und Verschlüssen 650 "
+ Reparaturen 65 "
+ Telephon 150 "
+ Reklame und Spesen 200 "
+ Gas, Heizung, Gewerbesteuer, Beiträge zur
+ Versicherung u. a. 150 "
+ Löhne: 1 Kutscher 1248 "
+ 3 Arbeiter im Durchschnitt[31] 2964 "
+ ----------
+ 7327 Mark
+ Demnach Bruttogewinn 9124 "
+ Reingewinn 1797 "
+
+Zu dieser Aufstellung ist zu bemerken, dass einerseits die gewährten
+Rabattpreise beim Weissbier sehr hoch waren, da sich dessen Absatz im
+wesentlichen auf grosse Abnehmer verteilte, dafür genügte jedoch auch
+ein Pferd und ein Wagen zur Fortschaffung des Bieres, während bei einer
+Zersplitterung der Kundschaft mindestens zwei Wagen mit je einem Pferd
+bespannt, in Betrieb hätten sein müssen. Im übrigen soll die Aufstellung
+weniger zur Illustration des Rein- als vielmehr des Bruttogewinnes
+dienen. Es ergiebt sich aus ihr beim Weissbier ein Bruttogewinn von
+genau 100 %, d. h. weniger, als wir vorher angenommen hatten, was sich
+aus den angegebenen Gründen erklärt, dagegen ist der Verdienst an
+Grätzer Bier höher als in unserer Annahme, da in dem betr. Bierverlag
+auch zu der Zeit, als der hl Grätzer Bier nur 16 Mark kostete 100
+Flaschen nicht unter 10 Mark fortgegeben wurden. Die Flaschenverluste
+betrugen nur ca. 2,5 %, was ebenfalls mit der geringen Zahl der Abnehmer
+zusammenhängt. Aus den Aeusserungen einer grossen Zahl von Bierverlegern
+ist anzunehmen, dass der Reingewinn -- von individuellen Zufälligkeiten
+abgesehen -- da, wo Weissbier und Grätzer Bier den überwiegenden Teil
+des Absatzes bilden, in der Regel nicht unter 10 und nicht über 15 % des
+Umsatzes beträgt. Es scheint dabei nicht, als wenn mit der Erhöhung des
+Umsatzes der Reingewinn verhältnismässig höher würde: vielmehr wird ein
+verhältnismässiges Steigen desselben dadurch, dass bei höherem Umsatz
+der Geschäftsinhaber nicht mehr mitarbeiten kann, sondern sich auf die
+Beaufsichtigung des Geschäftsbetriebes beschränken muss, ferner durch
+Erhöhung der Spesen u. a. in der Regel kompensiert.
+
+
+ Der durchschnittliche Jahresumsatz der Berliner Bierverlagsgeschäfte.
+
+Als Maassstab können uns zwei Momente dienen:
+
+1. die Anzahl der im Betriebe beschäftigten Arbeiter,
+
+2. die Anzahl der Pferde, welche zur Fortschaffung des Bieres nötig
+sind. Aus den gemachten Erkundigungen ergiebt sich nun zunächst, dass
+von 46 Bierverlegern im Durchschnitt beschäftigten
+
+ keinen Arbeiter 14 Betriebe
+ einen " 11 "
+ zwei " 8 "
+ drei bis vier Arbeiter 8 "
+ mehr als vier Arbeiter 5 " (Maximum 9 Arbeiter).
+
+ Pferde wurden gebraucht:
+
+ ein Pferd in 15 Betrieben
+ zwei Pferde in 10 "
+ drei bis vier Pferde in 7 "
+ über vier Pferde in 3 " (Maximum 6 Pferde)
+ ohne Pferd behalfen sich 11 Bierverleger.
+
+Aus diesen Angaben lassen sich allerdings keine zahlenmässig genauen
+Rückschlüsse auf die Höhe des Umsatzes der einzelnen Geschäfte machen,
+immerhin geben sie uns dazu gewisse Anhaltspunkte. Ich möchte auf Grund
+dieser Aufstellungen die Bierverlagsgeschäfte in drei Kategorieen teilen:
+
+1. in solche Betriebe, welche ohne Arbeiter und ohne Pferd auskommen,
+
+2. in solche, welche 1 bis 2 Arbeiter beschäftigen und 1 bis 2 Wagen mit
+1 bis 2 Pferden gebrauchen,
+
+3. in solche, welche 3 Arbeiter und darüber beschäftigen und 3 und mehr
+Pferde gebrauchen.
+
+Man könnte diese Kategorien etwa als kleine, mittlere und grössere
+Bierhandlungen bezeichnen. Ein charakteristisches Unterscheidungsmoment
+werden die kleinen Geschäfte vor denen der zweiten und dritten Kategorie
+haben, welche letzteren ihrer Art nach wenig von einander verschieden
+sein werden. Aus dem Umstande nämlich, dass die kleinen Bierhandlungen
+ohne Pferde, d. h. ausschliesslich mit einem Handwagen auskommen, geht
+deutlich hervor, dass ihr Absatz sich zum grossen Teile auf den Verkauf
+über die Strasse beschränkt und das Lieferungsgeschäft daneben nur eine
+geringere Rolle spielt. Diese Geschäfte stammen meist aus neuerer Zeit
+(unter den 11 Geschäften, welche ohne Pferd auskamen, sind 7 in den
+Jahren 1890-96 gegründet), entweder hat sich das Lieferungsgeschäft
+noch nicht oder doch kaum über die nächste Nachbarschaft ausgebildet,
+oder sie verzichteten überhaupt darauf und beschränken sich auf den
+Kleinhandel mit Bier. Als Nebengeschäft kommt für sie in allerdings nur
+wenigen Fällen der Verkauf von Frischbier in Betracht, das von den
+Weissbierbrauereien bezogen wird, häufiger der Spezereiwarenhandel. Der
+Bierabsatz schwankt pro Tag zwischen 10 bis 40 Mark, der
+Durchschnittssatz beträgt etwa 20 Mark. Ihrer ganzen Art nach erinnern
+diese Geschäfte an denjenigen Viktualienhandel der ersten Jahrzehnte,
+der in der Hauptsache zum Kleinhandel von Bier geworden war, nur dass
+damals die Entwicklung eine zum Lieferungsgeschäft _aufsteigende_ war,
+während wir es heute in diesen Geschäften mit Rückbildungen zu thun
+haben, welche den Viktualienhandel zur Stütze gebrauchen, weil sie vom
+Bierhandel allein nicht existieren können.
+
+Im Gegensatz zu den Geschäften dieser Art haben die Bierhändler der
+zweiten und dritten Kategorie mehr die alte Form des Bierverlags als
+Lieferungsgeschäft bewahrt. Der Verkauf über die Strasse bildet bei
+ihnen nur eine Ergänzung zum Versandgeschäft; unter sich sind sie nur
+durch die Höhe des Umsatzes von einander unterschieden. Diejenigen
+Bierverleger, welche einen Wagen in Betrieb haben, sei es nur mit einem
+oder zwei Pferden bespannt, fahren im Sommer pro Tag etwa für 40-50, im
+Winter etwa für 30 Mark Bier pro Tag aus, d. h. ihr jährlicher Umsatz im
+Versandgeschäft beziffert sich auf 12-15000 Mark jährlich; der
+Reingewinn welchen ein solches Geschäft abwirft, ist also an sich kaum
+höher als der Lohn, den die Kutscher im Bierverlag und geringer als der
+Lohn, den die Brauereikutscher erhalten. Allerdings ist zu dem
+Reingewinn aus dem Versandgeschäft noch derjenige aus dem Verkauf über
+die Strasse hinzuzuzählen, immerhin dürfte das Einkommen eines solchen
+Bierverlegers selten über 1800-2400 Mark betragen, in den meisten
+Fällen aber unter diesem Satze sich bewegen.
+
+Was nun die Geschäfte der dritten Kategorie betrifft, so haben diese
+ihren verhältnismässig hohen Umsatz verschiedenen Umständen zu
+verdanken. Entweder sind es _alte_ Geschäfte, die zugleich mit dem guten
+Ruf aus früheren Zeiten auch einen Stamm von Weissbierkunden behalten
+haben, welcher ihnen treu geblieben ist. Oder sie werden von irgend
+einer Weissbierbrauerei unterstützt, in der Weise, dass dieselbe die
+Bestellungen auf Flaschenbier, welche bei ihr gemacht werden, dem
+betreffenden Bierverleger zuweist; allerdings führen solche Bierverleger
+nur Bier von _einer_ Weissbierbrauerei. Der Umsatz dieser Geschäfte
+schwankt zwischen 20 bis 75000 Mark jährlich, der Verdienst ist also als
+sehr auskömmlich zu bezeichnen.
+
+_Der Umsatz früher und jetzt_. Auf die Frage, wie sich der heutige
+Umsatz zu dem früheren stellt, habe ich in 4 Fällen die Antwort
+erhalten, derselbe sei _gestiegen_, in 10 Fällen war er _gleich
+geblieben_, in 32 Fällen _zurückgegangen_. Es ist kaum nötig, darauf
+hinzuweisen, dass es sich bei den ersteren Fällen meist um Geschäfte
+handelt, welche in neuerer Zeit entstanden sind, während diejenigen,
+welche noch aus den achtziger Jahren stammen, durchweg einen Rückgang
+des Umsatzes zu beklagen hatten.
+
+Wie sich dieser in einzelnen Fällen gestaltet hat, davon hier einige
+frappante Beispiele: Bierverleger A.[32] begründete seinen Bierverlag
+1866 im Anschluss an die Gastwirtschaft, hatte anfangs der achtziger
+Jahre 2 Wagen und 4 Pferde; ein Wagen fuhr nach ausserhalb, um an die
+dortigen Ausschanklokale Weissbier zu liefern, der Umsatz betrug 50000
+Mark im Bierverlag jährlich. Gab 1893 das Bierverlagsgeschäft auf,
+nachdem er fast alle Kunden verloren hatte, und ist jetzt nur noch
+Gastwirt. -- Bierverleger B., dessen Geschäft seit 1879 besteht, hatte
+früher 2 Pferde und 2 Wagen, jetzt genügt ein Handwagen, Arbeiter werden
+nicht mehr beschäftigt. -- Bierverleger C. hatte früher 2 Wagen und 3
+Pferde, Umsatz 50 bis 60000 Mark, jetzt noch 1 Wagen, 1 Pferd, 20000
+Mark Umsatz. Geschäft besteht seit Anfang der sechsziger Jahre. --
+Bierverleger D. übernahm 1891 das früher von E. betriebene
+Bierverlagsgeschäft. E. gebrauchte 3 Wagen und 6 Pferde und beschäftigte
+12 Arbeiter. D. kommt im Sommer mit 2, im Winter mit 1 Pferd aus, er
+beschäftigt noch 4 Arbeiter. Das Geschäft wäre ruiniert, wenn nicht 4
+Bataillonskantinen als Abnehmer geblieben wären. -- Bierverleger F.
+beschäftigte früher 12 Arbeiter und hatte einen Absatz von 10-12000 hl
+Bier jährlich, an heissen Tagen gebrauchte er 80 halbe Tonnen. Als er
+starb, war nur noch ein Wagen im Betrieb, unter seiner Frau wurde der
+Konkurs über das Geschäft eröffnet. -- Bierverleger G. besass Anfang der
+achtziger Jahre 6-8 Pferde, bankerott seit 1895, H. früher 6 Pferde,
+liess 1896 das Inventar seines Geschäfts versteigern. -- J., dessen
+Geschäft seit 1882 besteht, beschäftigte 3 Arbeiter, jetzt fährt er das
+Bier selbst am Vormittag aus, seine Frau und er ziehen nachmittags und
+abends selbst ab, und besorgen den Verkauf über die Strasse. -- Im
+Bierverlage von K. betrug der Absatz anfangs der neunziger Jahre u. a.
+110 hl Braunbier, 1075 hl Weissbier, 300 hl Lagerbier, jetzt kein
+Braunbier, 620 hl Weissbier, 110 hl Lagerbier. -- Bierverleger L. hatte
+früher einen zweispännigen und einen einspännigen Wagen, jetzt noch
+einen einspännigen. -- K., dessen Geschäft seit 1864 besteht, will jetzt
+event. den Bierverlag ganz aufgeben und eine Gastwirtschaft übernehmen.
+-- Bierverleger M. gab 1894 seinen seit 17 Jahren betriebenen Bierverlag
+auf und lebt jetzt als Restaurateur.
+
+Es ist ein trauriges Bild, welches diese Stichproben aus den Notizen,
+die ich mir gemacht habe, ergeben, sie liessen sich leicht verdoppeln
+oder verdreifachen, aber sie genügen auch wohl so als Illustration.
+
+
+ Die Verschuldung der Bierverleger bei den Brauereien.
+
+Mit der äusserst gedrückten Lage der Berliner Bierverleger, welche sich
+aus diesen Darlegungen ergiebt, hängt auch die übermässige Verschuldung
+derselben bei den Brauereien zusammen. Diese Verschuldung kommt z. T. in
+ganz eigentümlichen Formen der Kreditinanspruchnahme zum Ausdruck. Nicht
+der Umstand, dass im Laufe der Jahre, bei der Unregelmässigkeit der
+Bezahlung, die Schulden für geliefertes Bier oft eine abnorme Höhe
+erreichen, ist das entscheidende. Oft beginnt vielmehr die Verschuldung
+der Bierverleger bei der Brauerei schon in dem Augenblick, in welchem
+das Geschäft überhaupt begründet wird. Selten hat der Betreffende, der
+oft früher irgendwo Kutscher war, die genügenden Mittel und deshalb
+wendet er sich an die Brauerei, welche dann die ganze Einrichtung
+liefert: Pferd, Wagen, Flaschen, Flaschenkasten etc. Der Bierverleger
+unterschreibt einen Leihkontrakt und verpflichtet sich, für jede von der
+Brauerei zu entnehmende Tonne Bier einen Aufschlag von so und soviel zu
+bezahlen, bis die Summe, welche die geliehene Einrichtung darstellt,
+durch diese Aufschlagzahlungen (2-4 Mark pro ½ Tonne) gedeckt sei,
+worauf das Inventar in seinen Besitz übergehen soll. Oft hört das
+Geschäft nach wenigen Monaten auf zu existieren und es kommt überhaupt
+nicht zur Uebergabe des Inventars, welche in anderen Fällen wiederum
+dadurch ermöglicht wird, dass der betreffende Bierverleger nur diejenige
+Brauerei pünktlich bezahlt, welche ihm das Inventar geliehen hat,
+dagegen bei den übrigen das bezogene Bier schuldig bleibt. Besteht
+zwischen der Brauerei und ihren Abnehmern schon ein nach Jahren
+zählendes Geschäftsverhältnis, so muss sich die Brauerei darauf gefasst
+machen, von ihren Kunden, und zwar den Gastwirten, in demselben Masse
+wie den Bierverlegern als _der_ Kreditgeber angesehen zu werden. Will
+der Bierverleger Neuanschaffungen machen, und es mangelt ihm an Geld, so
+geht er zum Brauer und lässt es sich von ihm geben; wenn seine Tochter
+sich verheiratet, so muss er, der Brauer, aushelfen, um die Ausstattung
+zu bezahlen u. a. m. Ausser den Bierschulden haben die Bierverleger also
+in sehr vielen Fällen noch private Schulden bei den Brauereien, ja
+selbst in _den_ Fällen werden letztere in Anspruch genommen, wo der
+Bierverleger sehr wohl das Geld auch von Anderen erhalten könnte, z. B.
+bei Hypotheken. So wie die Verhältnisse heute liegen, muss eine
+neugegründete Brauerei mindestens 1- bis 200000 Mark Kapital _flüssig_
+haben, um Darlehnsgesuche ihrer Kunden befriedigen zu können. Teilte mir
+doch eine der kleineren Weissbierbrauereien, deren Produktion jährlich
+etwa 20000 Tonnen beträgt, mit, dass sie an _zinslosen_ Darlehen allein
+ca. 40000 Mark ausgeliehen habe, und der Geschäftsführer einer der
+grösseren Berliner Weissbierbrauereien konstatierte, dass 7/8
+derjenigen Bierverleger, welche von der betreffenden Brauerei Weissbier
+entnehmen, stark verschuldet wären. Um welche Summen es sich bei der
+Kreditinanspruchnahme handelt, zeigt die Thatsache, dass die 18 Berliner
+Brauerei-Aktiengesellschaften laut Bilanz vom 1. Oktober 1899 nicht
+weniger als 8456000 Mark Forderungen an ihre Kunden hatten, d. h. im
+Durchschnitt 469000 Mark, eine Summe, an der allerdings nicht nur die
+Bierverleger beteiligt sind, sondern die sich vor allem auf die
+Gastwirte, Restaurateure und Ausschanklokale bezieht (unter den 18 in
+Betracht gezogenen Brauereien sind 14 für bayerisches Bier); doch würde
+eine Statistik der Berliner Weissbierbrauereien in Bezug auf die
+Bierverleger wohl verhältnismässig ähnliche Resultate ergeben! Nichts
+ist bezeichnender für die Anschauung von der _Kreditpflicht_ der
+Brauereien als eine kurze Annonce, die sich in No. 6 des »Bierverleger«,
+Jahrgang 1900, findet: »Bierverleger, dem seine Brauerei nicht genügend
+entgegenkommt, wünscht sich mit einer anderen leistungsfähigen in
+Verbindung zu setzen.«
+
+
+ Der Versuch einer Genossenschafts-Brauerei.
+
+Die in den vorher gehenden Betrachtungen gekennzeichneten traurigen
+Verhältnisse im Bierverlagsgeschäft waren es, welche gegen Ende der
+achtziger Jahre in einer Anzahl von Bierverlegern den Plan entstehen
+liessen, durch Gründung einer Genossenschaftsbrauerei dem anscheinend
+unaufhaltsamen Rückgang des Geschäfts entgegenzutreten. Man hatte schon
+vorher von Seiten des Vereins der Berliner Bierverleger und in der
+Oeffentlichkeit versucht, gegen den Flaschenbiervertrieb der Brauereien
+durch die Boykottierung derselben Stellung zu nehmen; aber die Versuche
+dieser Art waren kläglich gescheitert. Einesteils war der Ring
+derjenigen Brauereien, welche ihr Bier in Flaschen absetzten, zu stark,
+anderenteils stand die tonangebende liberale Presse ebenso wie die
+öffentliche Meinung den Versuchen der Bierverleger entweder teilnahmslos
+oder direkt gegnerisch gegenüber. Die Bierverleger sahen ein, dass das
+Gebiet des Flaschenbierhandels mit bayrischem Bier ihnen in absehbarer
+Zeit ganz verloren gehen müsse und dass für sie nur der Absatz von
+Weissbier übrig bliebe. Aber auf diesem Gebiete waren, wie schon
+erwähnt, die Aussichten auf Verdienst immer geringere geworden, weil
+namentlich diejenigen Bierverleger, welche vorher hauptsächlich
+bayrisches Bier abgesetzt hatten, sich jetzt mit Nachdruck auf den
+Absatz von Weissbier legten, durch Preisunterbietungen den übrigen
+Weissbierverlegern scharfe Konkurrenz machten und sie zwangen, auch
+ihrerseits mit den Preisen herunterzugehen. Unter diesen Umständen
+musste der Gedanke einer Genossenschaftsbrauerei etwas Verführerisches
+haben, man bezog das Bier zum Produktionspreis und konnte infolgedessen
+auch bei dem Rückgang der Preise in erfolgreicher Weise mit den übrigen
+konkurrieren. Im Jahre 1890 wurde die Genossenschaftsbrauerei unter dem
+Namen Berliner Brauhaus E. G. m. u. H. gegründet. Man wählte die Form
+der unbeschränkten Haftpflicht, um möglichst leicht Kredit erhalten zu
+können. Fast durchgängig waren es alte Firmen, welche der Brauerei
+beitraten; der Hauptabsatz hatte bei ihnen von vornherein auf dem
+Weissbier gelegen. Dem Umfange nach würden sie sämtlich zur Kategorie
+III gehören. Man berechnete in den Voranschlägen, dass die Brauerei
+schon existieren könne, wenn sie nur die Genossen zu Abnehmern zähle.
+Weissbier und Braunbier sollte gebraut werden. Leider bewährte sich der
+theoretisch sehr gut ausgedachte Plan nicht in der Praxis. Ueber den
+ersten Geschäftsjahren der Brauerei waltete ein ungünstiger Stern, und
+das wurde ihr zum Verderben. Man hatte sich nicht dazu entschliessen
+können, _geaichte_ Gefässe anzuschaffen, und so kam es zwischen den
+»Genossen« fortwährend zu Eifersüchteleien, jeder hatte den anderen im
+Verdacht, das grösste Gemäss zu erhalten und fühlte sich zurückgesetzt.
+Gleichzeitig brachen Differenzen aus zwischen dem Geschäftsführer und
+den Braumeistern, welche mehrmals wechselten; gleich im ersten Jahre
+gingen auch mehrere der angekauften Pferde ein, und die Bilanz schloss
+mit einem Verlust von ca. 9000 M. Auch in den nächsten Jahren schloss
+das Gewinn- und Verlustkonto mit einer erheblichen Unterbilanz, und zwar
+infolge der abnormen Steigerung der Getreidepreise, welche bekanntlich
+Anfang der neunziger Jahre eine aussergewöhnliche Höhe erreichten. Die
+Verluste wurden durch Umlagen bei den Mitgliedern gedeckt, und wenn es
+sich auch um verhältnismässig wohlhabende Leute handelte, so wurde es
+ihnen natürlich doch nicht leicht, jährlich 1-2000 M. zuzuzahlen,
+anstatt eine Dividende für ihr angelegtes Kapital zu erhalten. Der
+Absatz der Brauerei selbst ging nicht weit über den Kreis ihrer
+Mitglieder hinaus und zwar lediglich deshalb, weil es ihr infolge
+Kapitalmangels nicht möglich war, sich Kunden dadurch zu erwerben, dass
+sie dieselben von ihren Lieferanten durch ein Darlehen auslöste. Es gab
+viele auch unter den minder wohlhabenden Bierverlegern, welche zwar
+nicht Mitglieder der Genossenschaftsbrauerei werden wollten, da sie
+finanziell nicht in der Lage waren, das damit verbundene Risiko zu
+tragen, die aber doch gern von der Genossenschaftsbrauerei ihr Bier
+bezogen hätten, wenn sie nicht bei ihren Lieferanten infolge zu
+weitgehender Kreditinanspruchnahme »festgesessen« hätten. Nach
+vierjährigem Bestehen liquidierte das Berliner Brauhaus. Es schienen für
+einen Rückgang der Getreidepreise keine günstigen Aussichten vorhanden
+zu sein, ein Geldgeber hatte die geliehenen 30000 M. gekündigt, die
+Genossen, deren Zahl übrigens auch zusammengeschmolzen war, verloren den
+Mut. Das Inventar wurde versteigert, die Kundschaft wurde an eine grosse
+Weissbierbrauerei verkauft; zur Deckung der vorhandenen Schulden (u. a.
+musste die Miete für die Brauereiräumlichkeiten für die ganze Dauer des
+Kontraktes, d. h. noch auf mehrere Jahre hinaus bezahlt werden) wurden
+die Genossen mit 285 pCt. ihrer Anteile herangezogen. Ein Jahr darauf
+sanken die Hopfenpreise so bedeutend (von 346,3 M. pro Doppelzentner auf
+215,0 M.), dass die dadurch erzielte Ersparnis zugleich mit der aus dem
+Sinken der Gerstenpreise erzielten Ersparnis genügt hätte, um eine
+Unterbilanz im Durchschnitt der Geschäftsjahre nicht nur zu decken,
+sondern darüber hinaus noch Dividende zu verteilen. So ist es nicht
+unberechtigt, den Misserfolg dieses genossenschaftlichen Versuchs auf
+das Zusammenwirken einer Reihe ungünstiger Umstände zurückzuführen, und
+es wäre falsch, aus dem Misslingen dieses Versuchs irgendwie Gründe
+gegen den Genossenschaftsgedanken oder seine Ausführbarkeit schlagen zu
+wollen.
+
+
+
+
+ Ergebnisse, Schlussbetrachtungen.
+
+
+Wenn wir die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung rückblickend
+betrachten, so stehen wir vor einer Erscheinung, welche vom
+nationalökonomischen Standpunkte nicht ohne Interesse ist, wenn sie
+auch, im Zusammenhang mit der volkswirtschaftlichen Entwickelung der
+letzten Jahrzehnte betrachtet, nichts Ueberraschendes bietet. Aus dem
+kleinsten Krämerverhältnis heraus entstanden, anfangs nur als
+Nebengeschäft auftretend, wird der Bierverlag im Laufe der Jahre zur
+selbständigen Unternehmung. Als Zwischenglied zwischen den Brauereien
+auf der einen und den Konsumenten auf der anderen Seite stehend,
+übernimmt er die Funktion der Vermittelung zwischen beiden, eine
+Funktion, welche der Sprachgebrauch vielfach als »Zwischenhandel«
+bezeichnet, während die nationalökonomische Wissenschaft mit diesem
+Worte einen anderen Begriff verbindet. Wenn wir einmal die Bezeichnung
+Zwischenhandel im obigen Sinne gebrauchen wollen, so lässt sich wohl die
+Behauptung aufstellen, dass ein Zwischenhandel solange berechtigt und
+volkswirtschaftlich nützlich ist, als er die Verbindung zwischen
+Produzenten und Konsumenten bequemer und wohlfeiler vermittelt, als es
+den Produzenten selbst möglich wäre. Solange daher die Brauereien darauf
+verzichteten bezw. verzichten mussten, den direkten Absatz ihrer
+Produkte an die Konsumenten zu bewerkstelligen, solange konnte sich der
+Bierverlag als volkswirtschaftlich berechtigter Zweig des Handels
+ungehindert in günstiger Weise entwickeln. In dem Augenblick, als die
+Brauereien den Versuch machten, sich des von ihnen bis dahin bedienenden
+Zwischengliedes zu entledigen, kommt es für die Weiterentwicklung beider
+Geschäftszweige darauf an, ob die Brauereien in der Lage sind, die
+erforderlichen Leistungen mit einem geringeren ökonomischen
+Kraftaufwand auszuführen und die Bedürfnisse der Konsumenten besser und
+wohlfeiler zu befriedigen. Man wird zugestehen müssen, dass die
+Brauereien, soweit sie den Flaschenbiervertrieb übernahmen, diese Probe
+bestanden haben. In dem Augenblicke, wo die Konsumenten den
+Zwischenhandel zu ignorieren begannen, sah sich dieser einer Krisis
+ausgesetzt, welche sich in dem Masse verschärfte, als die Uebernahme des
+Flaschenbiervertriebs durch die Brauereien fortschritt. Wahrscheinlich
+hätte diese Entwicklung bereits zu einer fast völligen Ausschaltung
+des Bierverlages geführt, wenn nicht als retardierendes Moment der
+gekennzeichnete konservative Charakter der Weissbierbrauereien ihr
+entgegengetreten wäre. Während so demnach die Bierverleger den grössten
+Teil des Absatzes an Lagerbier an die Lagerbierbrauereien abgeben
+müssen, bleibt ihnen der Absatz von Weissbier. Die naturgemässe
+Verschärfung der Konkurrenz führt jedoch in Verbindung mit
+ausserordentlichem Herabsinken des durchschnittlichen Absatzes eine
+Herabsetzung der Preise und Hand in Hand damit eine ausserordentliche
+Verschlechterung der Lage der Bierverleger herbei. Ein Teil früher
+bestehender Geschäfte geht ein, ein anderer, der den Charakter als
+Lieferungsgeschäft beibehält, sieht sich einem ausserordentlich
+geminderten Absatz und Verdienst gegenüber, ein dritter Teil sucht eine
+Stütze in der Anlehnung an die Gastwirtschaft, den Kleinhandel mit Bier
+oder an den Viktualienhandel. Und da es gerade die neueren Geschäfte
+sind, bei denen der Charakter als Lieferungsgeschäft mehr zurücktritt,
+so lässt sich wohl behaupten, dass sich gegenwärtig im Bierverlagsgeschäft
+eine Tendenz zu Rückbildungen in frühere Formen zeigt, welche man nach
+dem Laufe der Entwicklung für überwunden hätte ansehen sollen.
+
+Wie die weitere Zukunft des Bierverlages sich in Berlin gestalten wird,
+darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Im wesentlichen wird sie,
+wie aus den vorhergegangenen Betrachtungen ersichtlich ist, von dem
+Anteil abhängen, welchen der Weissbierkonsum in Berlin an dem gesamten
+Bierkonsum haben wird und ferner von der Weiterentwicklung der Berliner
+Weissbierbrauereien. In dem Augenblicke, wo diese ebenso allgemein, wie
+gegenwärtig die Berliner Lagerbierbrauereien, den Flaschenbiervertrieb
+in eigene Regie übernehmen, wäre meines Erachtens das Schicksal der
+Bierverleger besiegelt, und an Stelle der heute noch bestehenden
+Lieferungsgeschäfte mit grösserem Umsatz würden jene Unternehmungen der
+ersten Kategorie treten, welche sich zu den Geschäften alten Stiles etwa
+ebenso verhalten wie die gekennzeichneten Quetschen zu den soliden
+Weissbierbrauereien. Von den Geschäften dieser Art zu jener Spezies des
+Viktualienhandels, welcher nur nebenbei Bier führt und dieses nicht in
+Fässern, sondern in Flaschen -- bei der von uns angenommenen
+Voraussetzung also von den Brauereien -- bezieht, wäre nur noch ein
+Schritt, und sobald dieser erst gethan, wäre natürlich das Ende des
+Bierverlages in jeder Form besiegelt.
+
+Aufgabe der Bierverleger muss es von ihrem Standpunkt aus natürlich
+sein, diese Entwicklung zu verlangsamen oder aufzuhalten. Der Einzelne
+kann hierzu natürlich nicht viel thun, es kommt auf den Zusammenschluss,
+die feste Organisation an. Unter diesem Gesichtspunkte ist es zu
+bedauern, dass der Verein der Berliner Bierverleger bis heute noch nicht
+dem Verbande deutscher Bierhändler angehört, vielmehr bei dem Verband
+der Gast- und Schankwirte von Berlin und Umgegend Anschluss gesucht hat,
+wie er ja auch laut Statut Gastwirte in seine Reihen aufnimmt. Die
+Interessen der Gastwirte sind denen der Bierverleger in vielen Fällen
+diametral entgegengesetzt, und ein Verein von Angehörigen beider Berufe
+kann für die Interessen des einzelnen Berufszweiges -- in diesem Falle
+für die Interessen der Bierverleger! -- oft nicht ungehemmt genug
+auftreten. Der V. d. B. dagegen hat trotz seines erst kurzen Bestehens
+bereits Beweise dafür gegeben, dass er seinem Berufe als
+Interessenvertretung der Bierhändler in sachlicher und doch zugleich
+energischerweise gerecht wird, wozu vor allem auch die vorzügliche
+Redaktion seines Fachorgans beigetragen haben mag, in dem (1899
+begründet) fast alle bestehenden und empfundenen Missstände im
+Bierverlagsberuf und etwaige Mittel zur Abhilfe in ernster sachlicher
+Weise besprochen worden sind. Die Anregung, welche durch die hier
+gebotenen Artikel gegeben wird in Verbindung mit den vielfachen
+Versuchen der Berufsgenossen an anderen Orten würde vor allem dazu
+beitragen, die Hoffnungslosigkeit zu bekämpfen, welche heute vielfach
+unter den Berliner Bierverlegern herrscht und gewiss auch einen
+ungünstigen Einfluss auf irgend welche Versuche zur Hebung der
+bedrängten Lage ausübt. Solche Versuche liessen sich auf verschiedenen
+Gebieten machen, z. B. durch gemeinsamen Einkauf von Flaschen,
+Errichtung eines Flaschenaustauschlagers, gemeinsam erlassene Warnungen
+gegen Flaschenmissbrauch, vor allem aber für die unabhängigen
+Bierverleger: Durch einen abermaligen Versuch mit der _Gründung einer
+Genossenschaftsbrauerei_, die allerdings von vornherein kapitalkräftig
+genug sein müsste, um nicht aus denselben Gründen liquidieren zu müssen,
+wie jene erste. Auch sonst sind die Lehren sehr wohl zu beherzigen,
+welche jener erste Versuch gegeben hat. So müsste z. B. von vornherein
+auf die Aichung der Fässer und gleiches Maass gesehen werden. Wird der
+Genossenschaftsgedanke in _allen_ Punkten richtig erfasst, so kann der
+Erfolg nicht ausbleiben und ev. auch durch geschlossenes Vorgehen
+verhindert werden, dass die Weissbierbrauereien den Flaschenbiervertrieb
+übernehmen. Die Ausbildung und Ausführung des Genossenschaftsgedankens
+ist jedenfalls ein weit praktischeres Mittel, als eine Petition an
+den Reichstag um Einführung der Konzessionspflicht für den
+Flaschenbierhandel[33], die doch wahrscheinlich auch bei der heutigen
+Zusammensetzung des Reichstags kaum eine Mehrheit finden würde.
+
+Wir sind am Schlusse unserer Betrachtungen angelangt. Vielleicht kein
+Gebiet ist gerade in den letzten Jahren so oft Gegenstand der
+öffentlichen Diskussion gewesen, als die Kleinhandelsfragen, sei es nun,
+dass sie im Zusammenhang mit der Warenhausentwicklung oder anderen
+Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens aufgetreten sind. Vielfach
+wird man aber gerade in wissenschaftlichen Kreisen der Ansicht gewesen
+sein, dass auf diesem Gebiete noch sehr viel Vorarbeit zu leisten ist,
+ehe wir zu einem Urteil kommen können, und dass wir uns vor allgemeinen,
+oft von einseitigen Gesichtspunkten ausgehenden Beurteilungen hüten
+müssen. Der vorliegende Versuch der Monographie einer bestimmten Art des
+Kleinhandels wird seinen Zweck erfüllt haben, wenn er einen Stein zu dem
+Bau dieser Vorarbeiten geliefert hat.
+
+Fußnoten:
+
+[26] Es geht dies u. a. auch aus der verhältnismässig sehr verschiedenen
+Anzahl derjenigen Geschäfte hervor, welche Fernsprechanschluss haben.
+Unter den 97 Bier-Engrosgeschäften sind dies 49 (nach Abzug der
+Fassbierhandlungen von 75 Biergrosshandlungen 27), von den 367
+Bierverlegern dagegen nur 21. Auch die im Handelsregister eingetragenen
+Firmen finden sich nur unter der ersteren Rubrik.
+
+[27] Vielfach gehen sie zur Flaschenbierabteilung einer Brauerei, da
+dort der Naturallohn und das Wohnen beim Brotherrn natürlich längst
+abgeschafft ist.
+
+[28] Doch wird in allen Fällen der sogenannte Haustrunk gewährt, d. h.
+die Arbeiter brauchen das im Betriebe getrunkene Bier nicht zu bezahlen.
+
+[29] D. h. Ausschankstätten von Branntwein, welche nur nebenbei Bier
+führen.
+
+[30] Vgl. in dieser Hinsicht die sehr interessanten Verhandlungen des
+Verbands deutscher Bierhändler. Abgedruckt in dem Verbandsorgan. Der
+Bier-Verleger II. Jahrg. bes. S. 278 u. f.
+
+[31] D. h. es wurden im Sommer 4, im Winter nur 2 Arbeiter beschäftigt.
+Die Lohnsumme ist nach den Buchungen angegeben.
+
+[32] Aus begreiflichen Gründen habe ich die wirklichen Anfangsbuchstaben
+der betr. Namen durch fingierte ersetzt.
+
+[33] Wie sie u. a. auch auf dem Vertretertage des V. D. B. vorgeschlagen
+wurde.
+
+
+
+
+ Vita.
+
+
+Ich, Gustav Stresemann, evang. Konfession, wurde am 10. Mai 1878 als
+Sohn des Biergrosshändlers Ernst Stresemann zu Berlin geboren. Von
+Michaelis 1884 bis Ostern 1897 besuchte ich daselbst das
+Andreas-Realgymnasium, das ich mit dem Zeugnis der Reife verliess.
+Hierauf bezog ich die Universität Berlin und hörte während dreier
+Semester die Vorlesungen der Herren Professoren Boeckh, Bornhak, Gierke,
+Herrmann, Hintze, Jastrow, Lenz, Liesegang, Nandé, Pernice, Reinhold,
+Schmoller und Wagner. Im Winter-Semester 1898 setzte ich meine Studien
+in Leipzig fort und hörte während der folgenden vier Semester
+Vorlesungen bei den Herren Professoren Bücher, Fricker, Friedberg,
+Haepe, Pohle und Stieda. Ausserdem nahm ich an den Seminarübungen der
+Herren Professoren Bücher und Fricker, sowie des Herrn Oberlehrer
+Lambert teil. Allen meinen Lehrern fühle ich mich zu Danke verpflichtet
+für die mir zu Teil gewordene Förderung, insbesondere Herrn Professor
+Bücher dafür, dass ich in seinem Seminar zuerst systematisch arbeiten
+lernte.
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Rechtschreibung
+und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Der vertikale Text auf beiden Seiten der Tabelle auf Seite 55 wurde
+an das Ende der Tabelle gesetzt.
+
+Formatierung:
+
+Gesperrter Text wurde mit Unterstrich (_Text_) und fett gedruckter Text
+wurde mit Dollarzeichen ($Text$) markiert.
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+ S. 3: in der Nähe belegenen -> gelegenen
+ S. 5: In 242 Bänden von 1772-1858 -> 1858.
+ S. 6: in Berlin nur oberjähriges -> obergähriges
+ S. 7: Bevölkerung reserviert und und -> zweites 'und' überflüssig
+ S. 7: der vorher angebenen -> angegebenen
+ S. 7: Bier von den Bierschenkern -> Bierschänkern
+ S. 14: sie berug -> betrug
+ S. 20: Wiedfeld's -> Wiedfeldt's
+ S. 23: Bier eingeführt wurde -> wurde,
+ S. 23: lediglich den unterjährigen -> untergährigen
+ S. 25: steckt eine oder mehre -> mehrere
+ S. 26: 1869: 2473. -> 1869: 2473,
+ S. 26: 1874: 6556. -> 1874: 6556,
+ S. 27: Kleinbetrieben an sich, -> Kleinbetrieben an sich.
+ S. 29: zu ihrer Einrichtung« -> zu ihrer Einrichtung.«
+ S. 30: So heist -> heisst
+ S. 30: Errichtung vielfacher kleinen -> kleiner
+ S. 31: aber sie haben sicherich -> sicherlich
+ S. 31: dass diejenigen Familen -> Familien
+ S. 31: etwas höher sen -> sein
+ S. 31: den Berechnungen gescheht -> geschieht
+ S. 39: dass man nicht gezwungne -> gezwungen
+ S. 40: über die Entwiklung -> Entwicklung
+ S. 40: 1868 findet sich im im -> 1868 findet sich im
+ S. 50: ca. 9 % -> ca. 9 %.
+ S. 53: Unternehmen dienen sollen -> soll
+ S. 54: einem Berliner Bierverleger, -> einem Berliner Bierverleger
+ S. 55: .... " do -> do.
+ S. 55: Löwenbräu do -> do.
+ S. 70: zur Barzahlung verpflicht -> verpflichtet
+ S. 71: Hauptabsatz aber entfält -> entfällt
+ S. 76: bezifferte sich auf 2,51 -> 2,51 %
+ S. 76: betrug 14,23 -> 14,23 %
+ S. 79: in seinem Ausgabekonto -> Ausgabenkonto
+ S. 83: geht deutlich hervor- -> geht deutlich hervor,
+ S. 83: eines solchen Bierlegers -> Bierverlegers
+ S. 86: Masse wie pen -> den
+ S. 87: Verhältnisse im Bierverlaggeschäft -> Bierverlagsgeschäft
+ S. 88: Haftpflicht, um möglicht -> möglichst
+ S. 93: bedrängten Lage ausübt, -> bedrängten Lage ausübt.
+ S. 94: Ich -> Ich,
+ S. 94: Hierauf bezog -> bezog ich
+
+
+
+
+
+Transcriber's Notes:
+
+The original spelling and minor inconsistencies in the spelling and
+formatting have been maintained.
+
+The text vertically aligned on both sides of the table was placed
+at the end of it on page 55.
+
+Formatting:
+
+Spaced text was marked using underscores (_text_) and bold text using
+the Dollar sign ($text$).
+
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+ p 3: in der Nähe belegenen -> gelegenen
+ p 5: In 242 Bänden von 1772-1858 -> 1858.
+ p 6: in Berlin nur oberjähriges -> obergähriges
+ p 7: Bevölkerung reserviert und und -> superfluous second 'und'
+ p 7: der vorher angebenen -> angegebenen
+ p 7: Bier von den Bierschenkern -> Bierschänkern
+ p 14: sie berug -> betrug
+ p 20: Wiedfeld's -> Wiedfeldt's
+ p 23: Bier eingeführt wurde -> wurde,
+ p 23: lediglich den unterjährigen -> untergährigen
+ p 25: steckt eine oder mehre -> mehrere
+ p 26: 1869: 2473. -> 1869: 2473,
+ p 26: 1874: 6556. -> 1874: 6556,
+ p 27: Kleinbetrieben an sich, -> Kleinbetrieben an sich.
+ p 29: zu ihrer Einrichtung« -> zu ihrer Einrichtung.«
+ p 30: So heist -> heisst
+ p 30: Errichtung vielfacher kleinen -> kleiner
+ p 31: aber sie haben sicherich -> sicherlich
+ p 31: dass diejenigen Familen -> Familien
+ p 31: etwas höher sen -> sein
+ p 31: den Berechnungen gescheht -> geschieht
+ p 39: dass man nicht gezwungne -> gezwungen
+ p 40: über die Entwiklung -> Entwicklung
+ p 40: 1868 findet sich im im -> 1868 findet sich im
+ p 50: ca. 9 % -> ca. 9 %.
+ p 53: Unternehmen dienen sollen -> soll
+ p 54: einem Berliner Bierverleger, -> einem Berliner Bierverleger
+ P 55: .... " do -> do.
+ p 55: Löwenbräu do -> do.
+ p 70: zur Barzahlung verpflicht -> verpflichtet
+ p 71: Hauptabsatz aber entfält -> entfällt
+ p 76: bezifferte sich auf 2,51 -> 2,51 %
+ p 76: betrug 14,23 -> 14,23 %
+ p 79: in seinem Ausgabekonto -> Ausgabenkonto
+ p 83: geht deutlich hervor- -> geht deutlich hervor,
+ p 83: eines solchen Bierlegers -> Bierverlegers
+ p 86: Masse wie pen -> den
+ p 87: Verhältnisse im Bierverlaggeschäft -> Bierverlagsgeschäft
+ p 88: Haftpflicht, um möglicht -> möglichst
+ p 93: bedrängten Lage ausübt, -> bedrängten Lage ausübt.
+ p 94: Ich -> Ich,
+ p 94: Hierauf bezog -> bezog ich
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Entwicklung des Berliner
+Flaschenbiergeschäfts, by Gustav Stresemann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ENTWICKLUNG DES BERLINER ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
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+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
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+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
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+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
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+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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