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+<title>Die Amazone</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Die Amazone, by Kasimir Edschmid
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Die Amazone
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+Author: Kasimir Edschmid
+
+Release Date: August 2, 2010 [EBook #33326]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AMAZONE ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+<h1>Die Amazone</h1>
+
+<h1>Von Kasimir Edschmid</h1>
+
+<p>In den Auseinandersetzungskämpfen der östlichen Randstaaten
+wurde um Weihnacht von den Polen Feuer auf dem
+Gut des Großbesitzers Voß gelegt. Der alte Voß hatte
+westfälisches Blut in sich. Der Vater war ein Eingeborener,
+der bis an die Küste den Forst jagdbar gemacht hatte.
+Frederik de Voß war ungefähr fünfzig Jahre und unter der
+früheren Regierung Landschaftsdirektor.
+
+</p><p>Auf seinem Besitz gründete er die &bdquo;Pania watja&ldquo;, von der
+eine große Bewegung für die nationale Sache ausging.
+Bei den Abstimmungen in den Grenzgebieten, in denen auch
+seine Äcker und Scheuern lagen, stand Frederik de Voß mit
+allen Pferden und Dienern im Sattel vor den Lokalen und
+hielt die nationale Fahne in der Hand. Neben ihm standen
+in den Bügeln aufgerichtet seine Kinder, vier Söhne und
+seine Tochter Granuella. Auf dem Gut verkehrte die gesamte
+litauische Intelligenz. In Granuella bewegte sich das
+baltische Blut und sie stand mitten in der Atmosphäre von
+Haß und Freiheitslust, wie sie litauische Frauen nur schwer
+aufzubringen vermögen. Um diese Zelt annektierte der
+polnische Staatsstreich ihr Gebiet mit zwei anderen Grenzprovinzen.
+Granuella war damals fünfzehn Jahre und vermochte
+Helden zu entfachen mit dem weißgrauen Blick in
+dem Madonnengesicht. Das Haus wurde ein Mittelpunktt
+der Irredenta; einer der Brüder, Roland, reiste mit litauischen
+Ministern zu einer Konferenz des Völkerbunds, die
+anderen reizten die etwas stumpfe Bevölkerung gegen die
+Eroberer auf.
+
+</p><p>Frederik de Voß, sagte man, vermochte diesen letzten
+Schlag nie ganz zu verwinden und schwor überall, daß,
+wenn die europäischen Mächte das polnische Unrecht sanktionierten,
+er das ganze Terrain in eine Wüste verwandle.
+Vierzehn Tage nach Abreise der Kommission zum Völkerbund
+wurden Kisten auf den Hof gebracht. Nachts wurden
+mit Fackeln Tiere herausgelassen und an Ketten gelegt.
+Mit eisernen Maulkörben tobten sie in einem zementierten
+Keller, bis durch einen Unglücksfall eines entwich und in
+voller Flucht vom Voß-Hof herjagend ein polnisches Kind
+zerbiß. Daß Voß Wölfe aussetzte, steigerte die Erregung der
+Bevölkerung jenseits der Grenze.
+
+</p><p>&bdquo;Schlangen und Haifische,&ldquo; sagte Voß, &bdquo;sollen folgen,&ldquo; und
+ritt mit seinen Söhnen quer über das blühende Ackerland,
+das sie jahrhundertlang angebaut hatten. Er dachte es
+preiszugeben. Sie ritten die Kanäle hinauf und schauten
+mit den Pferdeköpfen kaum über den Mais. &bdquo;Misericordia&ldquo;,
+schrie plötzlich eine Figur in einer Priestersoutane und
+sprang entsetzt in die Höhe. Die Reiter warfen sich mehr,
+als sie sprangen, von den Pferden auf den Bauch, und der
+polnische Priester fing mit gebreiteten Armen die Salve
+von zehn Kugeln auf, welche durch sein Signal die de Voß
+erledigen sollten. Sie waren in fünf Minuten im Galopp
+auf dem Hof und ließen die Wölfe hinter den Franktireuren
+her. Drei warfen sie vor dem Dorf und fraßen die Weichteile
+heraus. Die Polen, die sich am Abend heranschlichen,
+zitterten vor Wut. In der Nacht zündeten sie die Scheuern
+um das Gut herum an.
+
+</p><p>Vor Granuellas Augen fielen die drei Brüder. Zu Zweien
+gingen die litauischen Knechte durch den Feuerschein über
+den Hof durch ein Detachement polnischer Soldaten, die
+ihre Uniformen nur oberflächlich mit Radmänteln und
+Säcken, durch die sie Kopflöcher geschnitten hatten, verdeckten.
+Ihre Blicke waren alle auf einen Mann gerichtet,
+der einen leicht ergrauten Schnurrbart trug und auf einem
+Maultier saß und unbeirrt in den Brand schaute.
+
+</p><p>Er war voll in der blutigen Flammenpracht erleuchtet
+und setzte sich allen möglichen Schüssen aus. Man sah über
+sein totenblasses Gesicht die Scheine unaufhörlich hinwehn.
+Sein Pelz deckte nicht den Säbel seines Regiments, und die
+Epauletten stießen Beulen in den Mantel über seinen
+Schultern.
+
+</p><p>Der junge Oberst ritt nun bis dicht vor das Gebäude, um
+dessen Holzsäulen das Feuer wie ein Karussel sich drehte
+und rief ein paar Worte zu dem Balkon hinauf, wo der
+alte Voß stand. Der hatte keine Kugeln mehr in seinem
+Gewehr, warf die beiden Pistolen nach dem Polen und rief:
+&bdquo;Verdammt will ich sein, Fürst Gagarin, wenn ich davonkomme,
+so ich nicht die Kanäle morgen bis Warschau übers
+Land laufen lasse.&ldquo; Er fing bitter zu lachen an, als gleichzeitig
+die Flammen sich gegen den Balkon warfen. Er sah
+den Tod sicher.
+
+</p><p>Wieder sagte darauf der junge polnische Oberst etwas,
+das Voß in eine Art Raserei brachte. Er suchte herunterzuspringen,
+woran ihn Granuella hinderte, die an dem
+Gitter herangelaufen kam, dem einzigen feuerfreien Platz.
+Der junge Oberst ward fast wahnsinnig, als er sie sah.
+
+</p><p>Er ritt so nahe, daß sein Tier sich auf den Hinterbeinen
+hob, sah fest in die Augen des Mädchens und ritt mit gesenktem
+Kopf wieder weg, als habe man ihn zwischen die
+Schultern geschossen. Er liebte das Mädchen wie ein Verrückter,
+aber wie sollte er sie gewinnen, wo er ihre drei
+Brüder getötet hatte. Er schalt sich feig, daß er sie nicht
+gezwungen hatte vor dem Brand sich retten zu lassen, aber
+es war unmenschlich, in die Flamme zu springen, um jemand
+herauszuziehen, der lieber starb als ihn ansah. Er watete
+mit dem Maultier in einen Kanal, ließ sein Detachement
+mit den gefangenen Litauern, die rekrutiert werden sollten,
+an sich vorbeiziehen und war nahe daran, sich hinter ihnen
+eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Nach einer halben
+Stunde war er wohl wieder bei sich, aber er hatte das Gefühl,
+keine Frau je wieder ansehen zu können.
+
+</p><p>Der Brand hatte sich auf alle Scheuern und Schober ausgebreitet.
+Das Vieh verbrannte unter großem Lärm in den
+Ställen. Die Schober brannten viel heller und höher, acht
+Stück, im Kreis um das Herrenhaus, wo man in immer
+rasenderen Stößen am Zittern des Bodens die Stöße
+empfand, mit denen die Bullen ihre Steinwände einzurennen
+versuchten.
+
+</p><p>Der Platz zwischen den Scheuern und der Mauer, die die
+Hofsiedelung im Viereck umgab, war hundert Meter weit,
+der Zwischenraum zwischen den Scheunen und dem Gutshaus
+zweihundert, und alles war so hell, daß man die
+Mäuse am Boden herumspringen sah. Das Tor war verrammelt
+mit Wagen, die übereinandergestürzt in der Einfahrt
+lagen, und der eiserne Teilflügel des Tors hing
+riesenhaft, schräg, nur in einer Achse in die Luft und spießte
+mit seinem Hellebardenabschluß ein Schwein, das von einem
+turmhohen Furagewagen hineingesprungen war. Plötzlich
+ritt eine Abteilung eines Litauerregiments über die Äcker
+und Kanäle heran.
+
+</p><p>Sie saßen ab, steckten die Köpfe über die Mauer, hoben
+die Nasen neugierig und sprangen auf einen Befehl hinüber.
+Der junge Leuchtenberg, der sie führte, kam mit dem Pferd
+über die Mauer und war der erste auf der Leiter, mit der
+man Granuella und den Vater rettete. Er trug sie selbst
+Schritt um Schritt und nicht sehr eilig über den dreihundert
+Meter taghellen Hof nach dem Kanal hinter der Mauer. Als
+er sie niederlegte, um sie mit Wasser an den Schläfen zu
+waschen, ward sie, die immer in seinen Blicke hineingeschaut
+hatte, ohnmächtig.
+
+</p><p>Das Detachement suchte die Polen noch zu erreichen. Die
+hatten die alte Polengrenze bereits überschritten, man
+kehrte daher auf das umstrittene Gebiet zurück, das dem
+Recht nach wohl den Litauern, der Macht zufolge den Polen
+gehörte, das eine Art Freikampfplatz der irregulären
+Truppen darstellte und um dessen Schicksal seit zwei Jahren
+in Lausanne beraten ward. Mit gesenkten Karabinern
+kamen sie zurück.
+
+</p><p>Voß schwur, als er seine Söhne sah, wie sie nebeneinander
+lagen, durch und durchgeschossen, mit einer plötzlich weinerlichen
+Stimme, nicht eher zurückzukehren, bis das Terrain
+wieder litauisch sei und er in einem schauerlichen Kreuzzug
+durch Europa an den Polen seine Rache genommen habe.
+Mit den drei Leichen auf einem Leiterwagen, neben jedem
+ein Bauer, der ihn umarmt aufrecht hielt, fuhr er über
+den Dünensand in die Fichtenwälder nach Kowno, Soldaten
+vor und hinter sich.
+
+</p><p>Neben dem Wagen Granuellas ritt der junge Herzog von
+Leuchtenberg eine Weile, salutierte dann und ritt zurück,
+denn das Mädchen schien immer noch in einer Ohnmacht,
+obwohl sie sprach und auf Anruf sich bewegte. Ihre Aufmerksamkeit
+schien völlig in der Feuersbrunst zurück gebannt
+zu sein und es war seltsam, wie sie mit einer eigenartig
+zarten Bewegung sich hinderte, den Kopf dahin zu
+wenden, woher sie kamen. Er beobachtete sie einige Augenblicke, nahm die Mütze von seinem ganz blonden Scheitel,
+unter dem eine angenehm gebogene Adlernase hervorsprang,
+pfiff den Rest des Detachements zusammen und sprengte die
+Grenze lang zurück, während der Trauerzug aus dem Wald
+ins freie Feld torkelte. Solange man ihn am hellen Himmelsrand
+sehen konnte, blickte Granuella, stehend, im Wagen
+ihm nach.
+
+</p><p>Der alte Voß hielt sich monatelang in Lausanne auf. Er
+richtete sich umständlich ein, mietete ein altes Hotel und
+stellte eine Wache davor. Er suchte durch seine Versipptheit
+mit belgischen Adelsfamilien einen Einfluß auf den Gang
+der Verhandlungen auszuüben und machte den Aufwand
+eines Fürsten. Die ständig arbeitenden Bureaus sahen in
+der Ruhe ihrer Arbeiten dem kleinen Kriegsspiel im Osten
+nicht ohne Neugier aber ohne jedes Interesse zu. Man erwartete
+Entscheidungen, die man selbst zu fällen vermied.
+Man hatte durch Zufall diese Randvölker, deren Namen man
+früher nicht wußte, befreit und hätte lieber gesehen, daß
+sie aus dem Erlös ihrer Schweine eine Börse bauten und
+sich mit Parfum bespritzten, statt daß sie die westlichen Ehrbegriffe
+mit übertriebener Entzündlichkeit nachmachten.
+Diese Kriegstüchtigkeit war allerdings ein Rechnungsposten
+gegen die Macht Lenins und man ehrte sie dadurch, daß
+man die Sache hinhielt und sich für keinen vorderhand
+entschied. Da Voß leidenschaftlich seine Sache liebte, langweilte
+er alle Instanzen zu Tode. Man gab ihm den Rat
+zu verschwinden. Zu seinem Unheil befolgte er ihn nicht.
+
+</p><p>Die jungen Attachés, die an seinem Tisch saßen, fingen
+an, hinter den Servietten ihn zu verspotten. In den Stuben
+ihrer Sekretäre wurde er vertröstet, wie man jemanden
+traitiert, der der Ansicht ist, die Welt sei der Gerechtigkeit
+halber da. Er schadete seiner Sache, weil niemand mehr
+davon hören wollte. Die Reisenden fanden es imposant,
+wenn er als Freiheitsheld ihnen gezeigt wurde, wie er mit
+Granuella am Quai des eaux vives mit seinem mächtigen
+Körper und dem Blond seiner Rasse herunterkam, aber
+seine Politik hatte gar keinen Transport.
+
+</p><p>Da der Alte mit Wagen und Pferden wirtschaftete wie zu
+Hause, konnte er auf die Dauer die Differenz zwischen der
+litauischen Mark und dem schweizer Franken nicht aushalten
+und begab sich nach Paris. Er war halb von Sinnen
+über die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen. Revenüen aus
+den Gütern bezog er nicht mehr. Von einem Teil des Barvermögens
+lebte der letzte Sohn in London als Beirat immer
+zweckloser sich gestaltender Konferenzen. Man schien plötzlich
+überhaupt die ganze Frage suspendieren zu wollen und
+wartete auf einen Zufall, der das Grenzabkommen endgültig
+von selbst erledigte Für jemanden, dessen Güter
+während des Krieges sechsmal die Deutschen und fünfmal
+die Russen erobert und annektiert hatten, war die wirtschaftliche
+Lage mehr als ein Kartenspiel wert. Plötzlich
+galt es zu leben. Man hatte alle Energie nötig, den Unterhalt
+auf der Höhe zu halten. Seither kamen dem Besitzer
+von hunderttausend Morgen, der eine Provinz beherrschte,
+Gedanken derart nicht im Traume vor. Mitten in seinen
+Unternehmungen, die eine fixe Idee der Gerechtigkeit umkreisten,
+sah er sich mit ungeheuerlicher Energie in die
+Enge getrieben und fand sich in einer Situation gefangen,
+die schon fast verzweifelt war, als sie ihm bekannt wurde.
+
+</p><p>Seine Eitelkeit litt in dieser Nacht erstaunliche Qualen.
+Man war mittlerweile nach London übergesiedelt. Er
+stürmte im Salon seiner Hotelwohnung mit sich redend auf
+und ab, bestellte um drei Uhr Allasch und Tee, durchmaß die
+Wohnung knurrend in schräger Richtung hin und her. Um
+vier Uhr stürzte er plötzlich an das Balkonfenster, zog den
+Vorhang zurück und blieb, die abgerissene Schnur in der
+Hand, über dem Frühnebel stehen. Schon in der Frühe begab
+er sich auf die Bank von England mit einem Diener, der
+zwei große Aktienpakete unterm Arm trug. Er rechnete
+damit, eine Rente in Pfunden oder Sterling aufzunehmen
+über einen Teil seiner Besitzungen, die in Rußland lagen.
+Die englischen Banken übernahmen gern die Besitzrechte zu
+einundfünfzig Prozent auf ertraglose Werte, um sie bei
+einer Kursänderung der Arbeiterstaaten gewaltig unter
+der englischen Flagge auszubeuten. Trotzdem man in London
+an das baldige Ende Lenins glaubte, hatte man kein
+Interesse für die von Voß angebotenen Werte. Man empfahl
+ihm, seine litauischen Güter zu beleihen. Die Herren der
+Prokura, die ihn empfingen, sollten eine große Szene erleben.
+Der alte Seigneur riß seinen Kragen vom Hals und
+sagte, er werde eher Portier der Bank. Darauf wandte er
+sich um, winkte dem Boten und warf die Tür hinter sich zu.
+Obwohl die Offerte der Bank verständig war, fühlte er
+sich tagelang beschimpft. Das Gefühl, den Boden, um dessen
+politische Freiheit er sich in ihm unerträgliche Prozesse
+gestürzt hatte, geschäftlich benutzen zu müssen, gab ihm
+einen Schlag ins Gesicht. Er wankte in seinem ganzen
+Seelenbezirk. Mit irren Augen sah er die Ereignisse herankommen,
+die er nicht begriff und die ihn, pfui Teufel, noch
+weniger zu begreifen schienen. Mit zitternden Händen
+rückte er seinen Zylinder zurecht, als er Granuella den
+Mittag bei ihrer Freundin abholte, der Lady Douglas, die,
+zehn Jahre älter als sie, sie unter ihren Schutz genommen
+hatte. Die Douglas war eine entfernte Verwandte und
+hatte ihr Haus und ihre Anmut den Flüchtlingen geöffnet.
+Voß verschwieg ihr seine Lage. Wenn er von seiner Provinz
+in Zukunft sprach, hatte er mitten in seinem blondumbarteten
+Mund eine gewisse Weichheit bei der Artikulation. Im
+Herzen war er verzweifelt. Natürlich wären viel Hilfsmittel
+zu seiner Verfügung gewesen, allein durch seine Eigenart
+verlor er die Freiheit, sich ihrer zu bedienen. Wo es ihm
+gepaßt hätte, sich Freunden zu eröffnen, war das fragliche
+Vermögen zu gering. Die Blicke des Hoteldirektors zwangen
+ihn zu Entscheidungen im Hinblick auf seine lang aufnotierte
+Rechnung. Von allen Seiten bestürmten ihn nunmehr
+Schwierigkeiten, denen er nicht gewachsen war mit
+seiner herrischen Natur und Erziehung. Das englische Pfund
+begann sich gegen den Dollar stark zu senken, die Gläubiger
+holten ihre Ausstände ein. Er ging an der Börse ein Baisseengagement
+auf die polnische Mark ein, die sich besserte und
+ihn zerschlug.
+
+</p><p>Man verkaufte sein Auto, seine Pferde. Solange reiste
+er nach Brüssel und kam zurück, als sei in der Tat nichts
+geschehen. Auf seinem Tisch lag ein Telegramm seines
+Sohnes Roland, das nichts über die Verhandlungen enthielt,
+jedoch Schweizer Franks wünschte. Er konnte nicht
+helfen. Zum erstenmal im Leben empfand er Heimatlosigkeit.
+Er fühlte seine Umgebung feindlich und unzugänglich.
+Als er plötzlich sich an seine Gärten und die flache braungelbe
+Schonung erinnerte, zerriß ihn fast die Verzweiflung.
+Mit dröhnenden Schritten stolperte er in die Gassen hinein,
+die Vorstädte umgaben ihn mit dem Nachtgewölb. Das
+Elend, die Hilflosigkeit übermannten ihn. Seitdem er den
+Boden seiner Heimat verlassen, der ihm Sicherheit durch das
+Leben hindurch gewährleistet hatte, sprangen lauter unglückselige
+Dinge hinter ihm her. Er bewegte die Arme
+alle paar Minuten vom Körper weg. Es kam ihm vor, als
+sei er gefesselt. Er war von einer Hilflosigkeit zerschmettert,
+die ihn kindisch machte. Er hatte nur noch Gedanken nach
+Geld. Die Schatten der Vorbeihuschenden türmten sich über
+ihn, alles drückte ihn zu Boden, was ihm begegnete. Er kam
+über eine Brücke mit gurgelndem Wasser und sah sich plötzlich
+in einer bekannten Straße. Mit Erstaunen bemerkte er,
+daß er nach einigen Schritten sich an der Tür eines Emigrantenklubs
+befand. Er stieg hinauf, riskierte seine Ehre,
+indem er auf Wort spielte und gewann die Nacht tausend
+Pfund und fuhr nächsten Tags nach Paris. Daß er gerettet
+war, machte ihn glücklich und heiter.
+
+</p><p>Sie machten die Reise in kleinen Stationen über Antwerpen,
+Gent, Calais. Er beabsichtigte, für seine Tochter
+etwas zu tun, die ihm in den letzten Monaten aus dem Gesicht
+gekommen war. Das Unternehmen dieser Reise war
+heiter. Er nahm seine Tochter vor Rührung in die Arme,
+als sie zum erstenmal Buchenwald wieder an das Meer
+heranrücken sahen. Dahinter flogen Windmühlen und eine
+Herde Kühe kam ihnen entgegen. Sie waren beide hingerissen.
+De Voß, mit Tränen in den Augen, begann aus
+voller Kehle im Auto halbstehend, die nationale Hymne zu
+singen. Die Ebenen und Wiesen mit den Arbeitenden und
+dem Vieh hätten ihn fast zum Jüngling gemacht.
+
+</p><p>In Paris scharte er entschlossen die Jugend seines Randstaats
+um sich. Da die Verhandlungen in der Schweiz keine
+Fortschritte machten, verlegte er einige Wochen seinen
+Wohnsitz wiederum in die Schweiz, ohne indes etwas zu erreichen.
+Er hatte allerdings die Ehre, daß Lord Chamberlain
+ihn empfing, der das britische Reich damals vertrat und
+ein Vetter der Douglas war. Die Unterredung war kurz,
+aber er vermochte den Diplomaten an die besten Traditionen
+seines Volkes zu erinnern und sah ihn in einem majestätischen
+Moment bewegt, als er ihm die geschäftliche Feigheit
+der europäischen Staaten vorwarf, aber ein furchtbarer
+Schlag zwang ihn nach Paris zurück. Er vermochte sein
+Vermögen nicht mehr zu retten.
+
+</p><p>Er fuhr direkt zur Börse. Der Krach war entgültig und
+erledigte ihn. Es blieben lediglich einige südafrikanische
+Shares. Diesmal schien es keine Rettung mehr zu geben.
+Er wurde tiefsinnig. Er erholte sich wohl auch nie mehr von
+der Demütigung, die ihn zwang, wieder dem Gelde nachzulaufen.
+Bei einem Spaziergang in den Tuilerien fiel ihm
+ein Bankier ein, den ihm Lady Douglas als ihren Vertrauensmann
+in Geldsachen bezeichnet hatte. Hier griff zum
+erstenmal die Douglas in das Leben dieser Familie ein, die
+um ein Lebensrecht kämpfte, das sie seit einem Jahrhundert
+schon verloren hatte. Er ging zur Avenue Wagram zu Fuß
+und widerrief seine Absicht bei jedem dritten Schritt. Aber
+beim vierten entschloß er sich wieder von neuem. Schließlich
+trat er in das Privatbureau des Präsidenten.
+
+</p><p>Als dieser eintrat, hatte er sofort solchen Widerwillen
+gegen den Mann, daß er versuchte, mit einer Ausrede ihn
+zu verlassen, dann sah er ihn einige Sekunden an von dem
+schlechten Scheitel bis zu den falsch geknöpften Schuhen. Er
+nahm seinen Hut ab, verneigte sich und sagte: &bdquo;Sie sehen
+in mir einen Mann, der sein Vaterland über alles liebte
+und der vernichtet ist.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Bedecken Sie sich,&ldquo; sagte der andere, der einen kleinen
+Sprachfehler hatte, &bdquo;ich will sie retten.&ldquo; Der Mann hielt
+ihn trotz seiner imposanten Ausgaben drei Monate über
+Wasser, bis die Baisse nachließ und die Kurse der Unternehmungen,
+an denen er ihn gegen gute Prozente beteiligt
+hatte, wie die Affen kletterten. &bdquo;Mein verehrter Baron,&ldquo;
+sagte der Bankier, &bdquo;Sie sind saniert und ich hatte das Vergnügen
+dabei, einer verehrten Frau eine Gefälligkeit erweisen
+zu dürfen. Jetzt kehren Sie auf Ihre Besitzungen
+zurück.&ldquo;
+
+</p><p>Darauf nahm Voß den Hut mit einer feierlichen Bewegung,
+als ob er etwas in tiefster Ehrerbietung heimlich
+grüße, bekam einen Kopf wie ein Schlagflüssiger und verließ
+ohne Dankeswort den Sprecher. Er schüttelte die Faust
+über diesen Zeloten. Er gewann seinen ganzen Stolz zurück.
+Es war prächtig, wie er damit sich selbst zurückgewann und
+mit sich prunkte. Einen Teil seines Gewinns sandte er in
+aufsehenerregender Weise an Roland de Voß nach Lausanne
+und eiferte ihn an, aufs heftigste tätig zu sein. Einige
+Wochen ging es ausgezeichnet.
+
+</p><p>Die Fürstin Trobetzkoi kam aus Nizza zu Besuch. Das
+Haupt der von ihm gegründeten Pania Watja, der jüngere
+St. Goar, ein Vetter der Fürstin, die den letzten polnischen
+Marschall auf der Promenade zur Rede gestellt hatte, traf
+ein. Noch einmal flatterten die kleinen Litauerfahnen an
+seinem Wagen mit der aufsehenmachenden Silberfaust
+zwischen den drei roten Kugeln. Auf den Wunsch St. Goars
+fuhren sie ans Meer. Sie standen am Vormittag lang auf
+der Düne und sahen in den starken Wind. Es war ein angenehmer
+Tag. In der Nacht tappte Voß an seinen Safe, der
+in einen suite-case eingebaut war. Er fand nichts mehr
+darin, Die Hände fingen ihm an zu zittern. Man war
+wieder am Ende. Von nun ab trug er das eine Auge etwas
+geschlossen.
+
+</p><p>In der Frühe beeilte er sich zu Granuella hinüberzugehen.
+Die war erstaunt, daß er ohne sich anzumelden, kam, weil
+das noch nie geschehen war, solang sie denken konnte. Selbst
+als ganz kleines Kind wurde sie jeweils erst von einem
+Mädchen auf seinen Besuch aufmerksam gemacht. Sie bemerkte,
+daß er eine graue Haut hatte. Daraufhin richtete
+sie sich auf. Im Zimmer flogen aus drei hängenden Käfigen
+Kanarienvögel hin und her und sangen. Die Zofe hatte die
+aufgewellten Cremegardinen halb hochgezogen und eilte
+hinaus.
+
+</p><p>&bdquo;Packe alles,&ldquo; sagte er und sah sie mit aufgerissenen
+Lidern an. &bdquo;Wir werden uns in Zukunft einzuschränken
+haben. Entlasse das Personal. Ich werde gehen, eine unseren
+Verhältnissen angemessene Wohnung zu finden.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wie,&ldquo; sagte Granuella, &bdquo;wir müssen anfangen zu verzichten?
+O, wie danke ich Dir, daß wir endlich dazu bereit
+sind.&ldquo;
+
+</p><p>Voß war es in diesem Augenblick, als müsse er sterben.
+Denn er sah zum erstenmal seine Tochter so. Er hatte gedacht,
+daß sie toben würde. Diese Hingabe rührte ihn derart,
+daß er sich aus Schwäche auf ihren Bettrand setzen mußte,
+und immer wieder ihre Hand nahm und sie an sein Herz
+preßte. Er war restlos besiegt und erschüttert und küßte
+ihre Haare.
+
+</p><p>Als er allein war, machte das ihn unsicher. Er wollte seine
+Tochter das Opfer in Wirklichkeit nicht erleben lassen. Wie
+er in den Spiegel sah und dachte, daß er alle die Monate und
+Jahre an seiner Tochter vorbeigelebt hatte, brach er sogar
+in Tränen aus. Um Geld herbeizuschaffen, lief er zu dem
+Bankier, erreichte aber nichts, da er verreist war. Er suchte
+ihn gegen Abend noch einmal auf. Er hatte wieder keinen
+Erfolg, trotzdem dachte er nur daran, Granuella das seitherige
+Leben fortführen zu lassen. Als Granuella den
+Zurückkehrenden gedrückt sah, durchschaute sie alles, überraschte
+ihn mit fertigen Tatsachen, das Personal war entlassen,
+das Etablissement gekündigt, manches zum Verkauf
+ausgeschrieben und das meiste schon gepackt. Am nächsten
+Mittag zogen sie in eine kleine Wohnung am Friedhof Pair
+La Chaise.
+
+</p><p>Eine Weile lebten sie, daß es Granuella später vorkam,
+es sei die beste Zeit gewesen in ihrem Leben. Wenn Voß die
+Treppe herunterkam, sprang jedesmal der Concièrge aus
+seiner Loge und schlug mit dem Holzbein an den Schellenbaum,
+den er bei Verdun getragen. Voß pflegte kurz zu
+grüßen. Trotzdem war der Mann über die Frische begeistert,
+die da die Treppe herunterkam, und hinter der er einen
+General vermutete. Sein Herz schlug höher, er salutierte
+noch hinter ihm her, manchmal verfolgte er ihn mit seiner
+Krücke ein Stück auf der Straße und rief hinter ihm her:
+&bdquo;So sehen Sie doch, mein Herr, wie frisch die Bäume sind.
+Es muß einen neuen Krieg geben, sapristi .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Er blies
+sogar in die Hände über diesen Mieter und drehte sich vor
+Vergnügen im Kreis, wenn man ihn nicht sah.
+
+</p><p>Es war für Vater und Tochter eine entzückende Sache
+sich einzuschränken, weil sie es nicht gewohnt waren. Man
+machte Entdeckungen. Es war mehr eine Robinsonade und
+ein unterhaltendes Spiel als die Not. Was war das für ein
+Leben ohne Telephon und Diener. St. Goars Blicke wurden
+bei diesem Anblick der rührenden Sparsamkeit glücklich.
+Man gründete die Pania watja mit neuen Formeln, ein
+Strom von Belebung ging von beiden aus. Zu ihrem Glück
+setzten die polnischen Studenten-Manipel durch, daß die
+Pania watja aufgelöst werden mußte. Sie bestand unter
+anderem Namen verstärkt fort.
+
+</p><p>&bdquo;Man muß arm sein, um eine Sache richtig machen zu
+können,&ldquo; wagte eines Tages sogar Voß zu sagen, als er erfreut
+zurückkam. Zu seinem Unheil war das bescheidene
+Leben aber ebenfalls zu knapp. Man streifte wieder die
+Not. In diesen Tagen mußte Rolands Scheck erneuert
+werden. Es blieb nur die Möglichkeit, den Sohn zurückzurufen.
+Granuella sagte: &bdquo;Wir dürfen unseren Stolz nicht
+so sehr wachsen lassen. Wir müssen des Erfolges halber auf
+die Revenüen der Güter zurückgreifen, auch wenn die Polen
+darum herumsitzen. Man schmeckt es dem Gelde nicht nach,
+daß es nach den Schwarzbeinigen riecht.&ldquo; Sie hatten sich
+angewöhnt, nach den Landarbeitern in den Kanälen die
+ganze Station so zu nennen. Zu ihrem Erstaunen widersprach
+der von Geld durch die Not wieder ganz bezauberte
+Voß kaum. Es war umsonst. Denn bald kam die Nachricht,
+daß ein Semjimbeschluß die Ausfuhr von Geld aus dem
+annektierten Gebiet verboten habe. Das zertrümmerte Voß.
+An Rückkehr war nicht zu denken. Er wäre eher vom Dach
+des Hotels gesprungen. Wahrscheinlich hätte man sie ihm
+nicht einmal erlaubt. Nun empfand er seine totale Losgelöstheit.
+Es gab tatsächlich keinen Halt mehr für ihn,
+man hatte die Heimat wie ein Stück Körper von ihm abgeschnitten
+und er befand sich mitten in einer furchtbaren
+unübersichtlichen Flut. Es konnte nur ein Ziel geben, das
+gleichzeitig allein Halt verbürgte: Geld. Er bekam einen
+Zug, der seine Nase schärfer machte, den Mund spitzte, im
+Auge flackerte manchmal mit einem gelben Schein die Gier.
+Die Hände schnellten oft wie bei einem Vogel, der einen Ast
+ergreift, zusammen. Er war gemacht für Kämpfe, die eine
+gewisse Höhe an Stolz und Anspruch voraussetzten. Zu
+anderer Zeit wäre er ein großer Anführer für die Freiheit
+gewesen. Zu seiner Verwunderung wurde er rücksichtslos
+umgeworfen. Wo er an Adel sich klammerte, krachte die
+Not. Er glitt fast widerstandslos in die Hände von Glückssrittern
+und in die Fallen von Habenichtsen. Plötzlich war
+er hilflos, aber auch unfähig wie ein Kind. Er ging einfach
+glatt vor die Hunde in dieser Quälerei um die Existenz.
+Sein Widerstand war so erstaunlich gering, weil er selber
+fühlte, wie er abstarb in diesem Zeitalter, das seine Voraussetzungen
+schon gar nicht mehr kannte. Man mußte Paris
+verlassen. Er jagte hinter allen Möglichkeiten des Geldes
+wie ein Besessener her. Im Grunde ward das die mächtigste
+Bewegung in seiner Seele. Er hatte Angst in einem Vorstadthotel
+zu krepieren. Aus dieser Furcht entwickelte sich
+eine namenlose Habgier nach Geld.
+
+</p><p>Zuerst waren es noch korrekte Sachen, die an ihn heran
+kamen. So war er zum Beispiel wohlgelitten bei der Großherzogin
+von Luxemburg, die ihn ihr Gestüt beaufsichtigen
+ließ. Wegen seiner Zugehörigkeit zur Pania watja erreichte
+nach einigen Monaten diese Beziehung ein Ende.
+Der polnische Geschäftsträger wies darauf hin, daß Voß Anwesenheit
+am Hofe seine Regierung stark verstimme. Da der
+luxemburgische Frank gut stand, mußte man den Alten
+opfern. Zu allem Elend kam nun, daß die Polen, gegen die er
+den &bdquo;Kreuzzug durch Europa&ldquo; unternommen hatte, ihn wie
+einen Fuchs zu jagen begannen, als sein Kreuzzug schon ein
+erbärmliches Gehetz durch immer erschrecklichere Not wurde.
+Das Halali des Staatschefs Pilsudski hinter ihm her brachte
+ihn fast ins Grab in den nächsten Monaten. Er war zu
+mürbe schon, um zu sterben an seiner Galle. Er war entschlossen
+nicht Hungers zu sterben. Also starb er auch nicht
+an Ehrgeiz, denn es fehlte die Zeit dazu. Ein Lichtblick
+war, daß er in Kissingen einen abgesetzten deutschen Fürsten
+am Brunnen traf, der auf seinem Gut übernachtet hatte
+und ihm nun klagte, daß Auseinandersetzungen mit englischen
+Banken sein Vermögen zerstörten. Er gewann Voß
+dafür, durch eine Reise seine Londoner Beziehungen in den
+Dienst seines Prozesses zu stellen. Voß fuhr nach Dover,
+dann nach London. Er war zu ungeschickt, trotz besten
+Drucks durch seine Bekannten, den Prozeß geschickt gegen
+die gerissenen Advokaten des englischen Fiskus zu leiten.
+Er nutzte Beziehungen falsch aus, bestach nicht und versprach,
+wo man Tatsachen sehen wollte. Er verlor durch schlechte
+Laune seine Beziehungen, denen er seine Unterlassungen
+und Fehler empfindlich vorwarf. Er hatte mehr zerstört,
+als vorher möglich schien. Gedrückt kam er nach Deutschland
+zurück. In München wachte er auf und besaß noch für
+drei Tage Geld. Das Gespenst saß schon auf seinem Bett.
+Es hatte ihn eingeholt. Es hatte lange im Dunkel gedroht.
+Da war es vor seinem Gesicht. Er war zerrissen und zerschlagen.
+Hoffnungslos schlich er durch die Straßen. Da
+drückte ein junger Mann dem Alten die Hand. Er sah St.
+Goar in die Augen. Er mußte im ersten Augenblick einige
+Schritte zurücktreten, dann frug er gierig: &bdquo;Haben Sie
+Geld.&ldquo; St. Goar hatte reichliche Mittel. Er sanierte Voß,
+beteiligte ihn an schlesischen Werten, die gerade haussierten.
+Das sollte St. Goar aber schlecht bekommen.
+
+</p><p>Als der Alte sich im Besitz starker Mittel sah, erwachte das
+Gefühl für seine politische Aufgabe wieder in ihm, und
+zwar in ungeheuerlichem Maße. Die Hälfte seiner Einkünfte
+sandte er sofort an Roland de Voß, der gerade mit einer
+Studienkommission im Osten war. Mit einem Stab junger
+Feuerköpfe reiste er an allen Gouvernements und Börsen
+herum. Er ließ Proklamationen an die Parlamente und
+Bittschriften an die führenden Kabinette verfassen, Versammlungen
+abhalten und die Presse beeinflussen, kurz er
+machte soviel Wind und Redens um seine Angelegenheit,
+daß er sich alle zu Feinden zuzog, die am Schweigen darüber
+interessiert waren, und das waren die Mächtigsten und gerade
+die, die allein hätten helfen können.
+
+</p><p>Voß hatte nunmehr einen neuen Plan ausgeheckt, die
+Sache seiner Provinz zu beschleunigen, indem er sie in die
+Hände der Großindustrie legte, und jeweils, wo er zu Konferenzen
+erschien, sah man ihn von jungen Leuten und
+Dienern begleitet, die Gesteinproben mitschleiften. Er suchte
+nachzuweisen, daß gewaltige Schätze in dem umstrittenen
+Terrain steckten, und daß ein faules Volk wie die Polen sie
+vernichten würden oder zu dumm seien, sie zu verwenden.
+Er war jedoch bereit, jeder ausländischen Interessentengruppe
+alle Konzessionen, ja allen Verdienst, abzutreten,
+wenn sie über ihre Regierung den Sieg seiner Nation durchsetzten.
+Dieser Plan wurde damals von vielen Seiten ernstlich
+in Betracht gezogen, und es war nicht unsinnig, an seine
+Verwirklichung zu glauben.
+
+</p><p>Der treuste seiner Begleiter war ein junger Mann aus
+der bürgerlichen Familie Romanoff, die in Litauen ansässig
+war und eine hervorragende Menge von Begabungen in die
+noch spärliche Intelligenz sandte. Er hatte veilchenblaue
+Augen und ganz blonde Brauen. Sein Hals war fast klassisch,
+sein Haar mehr blau wie schwarz. Mit dem Mund verstand
+er so zu schweigen, daß es eine der anmutigsten Gesten
+war, die es in dieser Zeit gab. Die Überzeugtheit des alten
+Voß nahm damals eine solch riesenhafte Höhe an, daß sie wie
+eine plötzliche Krankheit wirkte. Das machte den alten
+Seigneur verdächtig bei aller Welt. Mit von Widerständen
+krankhaft aufgereiztem Feuer begann er nach so langer
+Pause des Verschollenseins und nach so atemloser Jagd nach
+dem Geld sich wie ein Ertrinkender in ein Schlachtfeld von
+neuen Plänen zu stürzen und sich daran zu verwirren. Unter
+anderem zahlte er St. Goar auf eine peinliche Weise den
+Dank für die Gutmütigkeit, mit der jener ihn an den
+Haaren aus dem Dreck und Skandal gezogen.
+
+</p><p>In Lausanne überwarf er sich wegen einer technischen
+Frage der Propaganda mit St. Goar beim Lunch und beleidigte
+den Verblüfften auf eine gewaltsame Art, worauf
+dieser mit einem langen Blick auf Granuella den Saal verließ.
+Voß vermochte Widerspruch nicht mehr zu ertragen.
+Genau so großartig, wie er knapp am Hunger lebend die
+Erzlager seiner Provinz den internationalen Industriekapitänen
+vor die Füße schmiß, genau so vergaß er, von
+welchem Geld er überhaupt lebte, als er seinen besten Helfer
+barbarisch traktierte. Es gelang allerdings, ihn zu einer
+Aussprache mit St. Goar zu bringen.
+
+</p><p>Sie fand im Salon des Hotels statt und St. Goar bewies
+viel Würde und Wille zur Verständigung. Er vermochte
+allerdings nicht, sich einem Gesichtspunkt seines Gegners,
+den er für verrückt hielt, anzuschließen. Leider ereiferte
+sich Voß maßlos und, um St. Goar für seinen Gewaltplan
+zu zwingen oder ihn unschädlich zu machen, drohte er einen
+Augenblick, ihn wegen gewisser Unregelmäßigkeiten aus
+der Bewegung auszuschiffen. In diesem Augenblick trat
+Granuella ein. Sie führte ihren Vater in die Ecke und
+sprach leis einige Worte zu ihm. Es schien, als ob sie ihn
+um Mäßigung bitte. Voß ging darauf ganz weiß im Gesicht
+an die Tür, öffnete sie und telephonierte im Nebenzimmer.
+Nach zwei Minuten kam der Portier des Hotels mit zwei
+Beamten der Fremdenpolizei.
+
+</p><p>&bdquo;Dieser Herr hier,&ldquo; sagte Voß, und deutete auf St. Goar,
+&bdquo;besitzt einen falschen Paß. Ich teile das Ihnen mit im
+Interesse des Landes, das mir Gastfreundschaft gewährt.&ldquo;
+Voß war in furchtbarer Verfassung. Am liebsten hätte er
+gesehen, daß man St. Goar an den Spiegel stellte und
+füsilierte. Er beachtete überhaupt nicht, daß die beiden
+Beamten ihn baten mit zur Präfektur zu kommen. Er
+sah in ihm lediglich den Feind seiner Methoden und seiner
+Sache, der zu vernichten sei. Er war durch die erbarmungslosen
+Stöße des Lebens in den letzten Jahren von einer
+fieberhaften seelischen Erkrankung begleitetet, die jedenfalls
+kein Irrsinn war, ihn aber veranlaßte, aus Angst vor dem
+raschen Ausgehn des Geldes alles mit einem bedeutenden
+Größenwahn zu sehen. Ohne Zweifel war er überzeugt, daß
+an der kleinen Differenz der Anschauungen mit St. Goar
+das Schicksal seiner ganzen Mission hänge und daß noch
+sicherer ohne seine eigene Hilfe die ganze Sache rettungslos
+zerfalle. Diese Verantwortung brachte ihn fast zum
+Wahnsinn.
+
+</p><p>Er bedachte dabei nicht, daß er mit St. Goar seine Börse
+verhaften ließ. Er war bei aller Begeisterung eigentlich
+ein Kind, dem entging, daß die Schicksale der Nationen
+keineswegs auf den Rollschuhen entzündeter kleiner Patrioten
+liefen. Er war der Trümmerhaufen einer abgeschiedenen
+Zeit aber immerhin sehr interessant, wie er,
+dampfend vor Zorn, mit seinem großen Körper über den
+Klubsessel gebreitet dalag. Granuella stand noch an der
+Wand. Nun kam sie herüber: &bdquo;Ich vermute, daß Du sehr
+unrecht getan hast,&ldquo; sagte sie und bemerkte daß sein linkes
+Auge fast zugefallen war.
+
+</p><p>Daß seine Tochter, die nunmehr achtzehn Jahre alt war,
+aus ihrer Anonymität heraustrat, ließ Voß zuerst erstarren.
+Dann sprang er auf. Wie alle falsch Illuminierten entschloß
+er sich sofort, alles, was ihm lieb war, in seinem
+Herzen zu massakrieren und sich völlig zu isolieren. Er
+dachte damit seine Kühnheit zu verstärken, während er sich
+kastrierte. Auch konnte er seltsamerweise den Blick der
+Tochter schwer ertragen, kurz, er brüllte sie plötzlich nach
+einigem Schwanken wie ein Panther an. Sie wich zurück.
+Dann sagte sie kalt, sie billige die Ansichten St. Goars.
+
+</p><p>Der Alte schlug die Hände zusammen. Er vermochte es
+nicht zu fassen: &bdquo;Meine Tochter! Meine Tochter!!&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. rief
+er dauernd. Granuella sagte nun mit festem Ton: &bdquo;Ich erwarte,
+daß du St. Goar sofort deckst. Telephoniere zum
+Präfekten. Schreibe der Polizei. Lauf zum Gesandten .&nbsp;.&nbsp;.
+was Du vorziehst.&ldquo; Sie ereiferte sich.
+
+</p><p>&bdquo;Wie .&nbsp;.&nbsp;.,&ldquo; schluchzte der Alte .&nbsp;.&nbsp;., &bdquo;wie &mdash; &mdash; Du sprichst
+mit Deinem Vater .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich spreche,&ldquo; sagte Granuella, &bdquo;mit einem Freund des
+Vaterlandes, der einen anderen den Feinden ausgeliefert
+hat, und ich weiß, was man in diesem Falle zu tun hat.&ldquo;
+Sie dachte damit zu sagen, er solle sich entschuldigen und die
+Sache wieder gut machen. Voß wurde im Übermaß der Erregung
+völlig ruhig, trotzdem oder wahrscheinlich, weil er
+den Sinn ihrer letzten Worte falsch als Rebellion verstand:
+&bdquo;Ich gebe Dir Gelegenheit, dich nicht zu übereilen,&ldquo; sagte er
+und schloß sie ein.
+
+</p><p>Granuella war in einer furchtbaren Lage. Sie war entschlossen,
+St. Goar zu befreien, indem sie sich für ihn verwandte.
+Doch nach der Szene im Salon mußte der Gefangene
+der Ansicht sein, daß sie wie stets ihres Vaters Mitwisserin
+sei und seine Handlung billige. Dazu kam, daß Frederik de
+Voß sie eingesperrt hielt und überhaupt nicht mehr sichtbar
+ward. Sie mußte fürchten, wenn sie gewaltsam zu fliehen
+versuchte, auch den Vater durch den Skandal zu belasten und
+die Sache damit noch weit mehr zu verwickeln.
+
+</p><p>Nach etwa acht Tagen hörte sie ein Geräusch am Kamin,
+und als sie sich umdrehte, sagte eine Stimme, sie möge nicht
+erschrecken. Dann krümmte sich etwas, das zwischen den
+Paravants herausfiel, sich überschlug und aufschnellte:
+Romanoff. Sie vermochte ihr Staunen, ja ihr Zittern nicht
+zu verbergen.
+
+</p><p>&bdquo;Ich komme durch den Luftschacht,&ldquo; sagte er stolz.
+
+</p><p>&bdquo;Schweigen Sie,&ldquo; flüsterte Granuella, und legte den
+Finger auf die Lippen, &bdquo;wenn mein Vater Sie erblickt, wäre
+es aus.&ldquo;
+
+</p><p>Der junge Mann lachte leis: &bdquo;Mit mir? Ich bin unabhängig
+und denke die Mittel zu kennen, die Ihren Vater
+fesseln.&ldquo;
+
+</p><p>Diese unklar anmaßende Sprache mißfiel Granuella, aber
+es war einiges an dem Jüngling, was sie anzog. Vor allem
+bewies er ihr in jeder Bewegung eine Verehrung, die weit
+das landläufige übertraf. Sie war damals durch die Umstände
+ihrer Flucht und ihr Leben, ohne daß sie sich überhaupt
+je besonders geäußert hätte, etwas wie eine kriegerische
+Heilige für die jungen Schwärmer ihrer Nation. Sie
+war stets völlig hinter Frederik de Voß zurückgestanden.
+Man dachte, wenn man sie mit ihrem elastischen, fast federnden
+Körper und dem beinahe wollüstigen Madonnengesicht
+sah, an eine blonde Amazone, die den Tod und den Genuß
+mit einer unendlich süßen Kraft in sich vereinigte. Er schied
+auf dem gleichen Wege von ihr, auf dem er gekommen war.
+
+</p><p>Sie hatte ihm ihre Ansicht über St. Goar übermittelt; er
+erreichte es, bei einer Gegenüberstellung, die er zu einem
+anderen Zweck herbeiführte, ihn zu sprechen und überbrachte
+ihr die Nachricht, St. Goar habe nie an ihr gezweifelt. Seine
+Sache stand nicht gut, da Voß sich wie ein altes Raubtier in
+diesen Haß verbissen hatte und auf irgendeine geheime Art
+immer neues Material gegen ihn den Behörden zufließen
+ließ, die in einer panischen Furcht vor dem Eindringen
+revolutionärer Subjekte in die Schweiz lebten.
+
+</p><p>Granuella verabredete, daß sie bei der Lady Douglas
+interpellieren wolle, die den Schweizer Gesandten in England
+auf den Fall verweisen könne, und daß St. Goar infolge
+dieses mächtigen Protektorats frei werde, ohne daß Voß in
+die Sache hineingezogen werde.
+
+</p><p>&bdquo;Er ist mein Vater, den ich wohl verehre,&ldquo; sagte sie
+lächelnd, &bdquo;aber er ist närrisch geworden über die Liebe zum
+Vaterland, daß er es bald verdirbt.&ldquo; Romanoff schwieg
+nach dieser Äußerung betreten. Die ganze Unschuld und Unwissenheit
+des Mädchens ging ihm mit einer wundervollen
+Weichheit auf. Doch äußerte er nichts, er ließ sein Auge
+sprechen. Ihm war wichtiger als das Politische, daß Granuella
+seine Leidenschaft spürte. Doch hemmte ihn seine Verehrung
+und er kam nicht weit.
+
+</p><p>Voß verspielte im Kasino den Rest seines Geldes, während
+seine Tochter über den Speicher an einem Seil Besuch
+empfing. Doch war das Glück ihm plötzlich günstiger, er gewann
+zeitweise, und fand Gelegenheit, schon auf der schiefen
+Bahn, dennoch seiner fixen Idee mit der Hartnäckigkeit des
+schon halb gefällten Alters nachzugehen. Als er einmal Romanoff
+im Vorzimmer sah, schöpfte er, mißtrauisch wie er
+geworden war, Verdacht. Romanoff mußte nun nachts
+kommen. Das gab dem Zusammentreffen eine gewisse Heimlichkeit
+und Intimität. Granuella erwartete mit Herzklopfen
+den Moment um Mitternacht, wo es dreimal zirpte.
+Das andere ging mit jeweils neu bestaunter Energie vor
+sich, fast lautlos.
+
+</p><p>Diese beiden jungen Leute erglühten an dem Eifer, der
+ihre Ziele zusammenhielt. Diese Familien, die nur teilweise
+litauisches Blut in sich trugen, meistens Baltenfamilien entstammten,
+aber alle litauische Mischungen bis in die letzte
+Zeit in sich trugen, waren alle von einem unaufhörlichen
+blonden Haß gegen alles Polnische erfaßt. Diese mittelalterlichen
+Ritter waren durchaus von der sauberen Heiligkeit
+ihrer Kreuzzüge überzeugt. Hätte man einen ihrer Führer
+im Dialekt des zwölften Jahrhunderts angesprochen, er
+hätte vermutlich ebenso geantwortet. An der Wiege einer
+jungen Nation wiederholen sich in verkürztem Tempo aber
+ohne ein Überspringen alle Tugenden, aber auch alle Irrtümer
+der alten. Die Geschichte der Völker ist eine Kartothek
+des gleichen Unsinns, der, wo er tragisch wird, eine
+besondere Größe erreicht. Hinter diesem Glanz rennen die
+jungen Völker wie Verzauberte her. Die Gelehrten vermöchten
+von Babylon bis nach Karthago oder jenem Augenblick,
+wo von Byzanz die Macht an Rom überging, oder wo
+die Souveränität des Westens nach New York wanderte und
+die Idee der Völker in Moskau statt in Paris proklamiert
+ward, ihren Nationen zur Belehrung Beispiele in Haufen
+vorzuführen. Die Randstaaten, die am Kreisbogen des
+alten Europa entstanden, hätten eine Welt vor Staunen erstarren
+lassen, wenn sie den tausendsten Teil eines durchschnittlich
+klugen Gedankens gehabt hätten, als sie ihr Nest
+etablierten. Sie zogen es vor, statt die westlichen Demokratien
+einfach zu kopieren, deren Säuglingsniveau noch
+einmal darzustellen. An der Wiege neuer oder befreiter
+Nationen entstehen alle Dummheiten, aber sie werden durchgeführt
+mit den blendendsten Eigenschaften, deren das
+menschliche Geschlecht fähig ist. Diese beiden jungen Menschen,
+die nie über das Reich Gottes und nie über die furchtbaren
+Probleme der Einzelnen und der Massen nachgedacht
+hatten, erglühten einfach in schwärmerischer Hingabe an die
+Idee ihres Staates.
+
+</p><p>Eines nachts kam er wie außer sich. Er vermochte aus
+irgendeinem Grunde seine Leidenschaft nicht zurückzuhalten.
+Granuella fand seinen Kopf in ihrem Schoß. Seine Hände
+suchten immer über ihre Arme zu streifen. Sie sprang
+zurück und sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie empfand
+die Liebe, die ihr entgegenschlug, aber sie dachte in
+diesem Augenblick nicht an Romanoff, sondern an den Herzog
+von Leuchtenberg, der sie aus dem brennenden Haus
+geholt.
+
+</p><p>&bdquo;Was wollen Sie?&ldquo; schrie sie, &bdquo;was wagen Sie?&ldquo;
+
+</p><p>Der junge Mann war zerschmettert. Sie suchte ihn aufzurichten,
+als sie ihn so blaß sah.
+
+</p><p>&bdquo;Verzeihen Sie,&ldquo; meinte er mit zuckenden Lippen, &bdquo;ich
+habe Sie nicht beleidigt. Man zwingt mich abzureisen und
+ich vermag nicht ohne ein Wort der Zuneigung von Ihnen
+zu gehen. Lieber erschieße ich mich vor Ihrer Tür.&ldquo;
+
+</p><p>Das Mädchen war tief gerührt. Sie nahm ihm die Pistole
+aus der Hand, die er ihr wie gelähmt überließ:
+
+</p><p>&bdquo;Ich vermöchte keinen Mann zu lieben, der sich nicht
+um die Heimat die unausdenkbarsten Verdienste gemacht
+hätte. Aber ich spüre nichts für Sie, als jene Zärtlichkeit,
+die ich Ihnen schulde.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;So lieben Sie einen andern,&ldquo; schrie Romanoff und schlug
+die Faust auf die Brust, als wolle er sie zerschmettern. Er
+dachte an St. Goar und fühlte sich plötzlich schmählich mißbraucht.
+Granuella war an die Wand getreten und so hinreißend,
+daß er sich unwillkürlich vor Bewunderung aufrichtete.
+Sie sagte fast tonlos etwas, das nicht vernommen
+werden konnte und schüttelte den Kopf.
+
+</p><p>Er stürzte auf ihre Hand und überströmte sie mit Küssen.
+Sie forderte ihn auf, zu bleiben und seine Reise aufzuschieben.
+Er sagte düster, er könne nicht.
+
+</p><p>&bdquo;Warum?&ldquo; Er wandte sich um. Er suchte auszuweichen,
+etwas zu erfinden. Er fluchte auf sich, daß ihm nichts einfiel
+und verwirrte sich. Schließlich erfuhr sie, daß sie von
+St. Goars Geld gelebt hatten, daß Voß durch monatelange
+Versäumnisse das Vertrauen seiner Kreise eingebüßt habe,
+daß er sogar gewisse wichtige Akten und Namensverzeichnisse
+ohne Skrupel aus Rachelust mit St. Goar zusammen hatte
+verhaften lassen. Romanoff war auf dem Wege, daraus
+folgernden Schwierigkeiten vorzubeugen. Es traf sie fast tödlich.
+Sie hatte die Augen lange geschlossen und zitterte am
+Körper, als hinge sie im Wind. Zuletzt fragte sie mit harten
+Augen: &bdquo;Warum habe ich das nicht lange bereits erfahren.
+Es wäre Ihre Pflicht gewesen, mich aufzuklären. Warum
+blieben Sie in seiner Gesellschaft?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ihretwegen,&ldquo; sagte Romanoff und sah sie mit aller leidenschaftlichen
+Erregung an. &bdquo;Ich konnte nicht vor Sie treten
+und sagen: &bdquo;Frederik de Voß ist ein vom Geld zermorschter
+Habenichts, ein Verräter und ein gewissenloser Freund der
+Nation. Gott hilf mir. Ich habe es nun gesagt.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Gehen Sie, gehen Sie,&ldquo; rief sie und schlug mit der Faust
+in die Hand. &bdquo;Es ist genug.&ldquo; Er wollte sich ihr zu Füßen
+werfen, da wurden sie unterbrochen. Es klopfte, sie öffnete.
+Ihr Vater trat ein.
+
+</p><p>Er sah Romanoff mit großen Augen an. Dann wandte er
+sich an seine Tochter. Er hatte Wind davon, daß sie St. Goar
+irgendwie stützte und mit dem erbarmungslosen Haß des
+Greises suchte er ihr diese Betätigung zu zerschlagen. Jedoch
+nach einigen Sätzen hielt er inne, als schraube ihm jemand
+die Rede von den Lippen ab. &bdquo;Gehen Sie,&ldquo; sagte Granuella
+zu Romanoff. Der junge Mann kettete sein Auge an sie, bis
+die Tür sich hinter ihm schloß.
+
+</p><p>Vater und Tochter sprachen ungefähr eine halbe Stunde
+miteinander. Es gelang Voß noch einmal zu einem günstigen
+Resultat zu kommen. Sie beschlossen am Ende des Gesprächs
+die Wohnung zu verlassen. Voß sah sich plötzlich zwar seiner
+Autorität beraubt, aber von der Tochter mehr als früher
+verehrt. Es gelang ihr, ihr Herz dazu zu bringen, seine
+Fehler zu verzeihen. Infolgedessen gab sie ihm St. Goar preis
+und versprach, Romanoff nicht mehr zu sehen. Sie glaubte,
+wie auch als Kind schon, als sie den gewaltigen Mann vor sich
+weinen sah, wie an das Sakrament von neuem an seine Liebe
+zum Vaterland. Ihre Herzen einigten sich wieder, unter
+Tränen lächelnd schätzte Granuella sich glücklich, einen solchen
+Vater zu haben. Bei all ihrer Weltunkenntnis konnte ihr
+nicht entgehen, daß Voß überzeugt war von dem, was ihn
+bewegte. Als sie auf die Straße traten, trafen sie einen
+Trupp der polnischen Delegation, der, den Fürsten Gagarin
+in der Mitte, aus einem Konferenzgebäude über den Reitweg
+herüberkam. Das Gesicht des Fürsten war von Erregung
+so blaß wie damals, als die Flammen ihres Hauses
+sein Gesicht beleuchteten. Wie er vorbeiging, mit einer
+tiefen Verbeugung und aschfahlen Augen, drückten Vater
+und Tochter sich die Hände. Sie wünschten ihm einen
+fürchterlichen Tod.
+
+</p><p>Granuella war so, daß sie einmal vertrauen konnte.
+Eine zweite Enttäuschung würde sie töten oder zur Rasenden
+machen. Sie war zu ungewandt in der Kenntnis der
+Charaktere und hatte keine Erfahrung in der Gesellschaft,
+um die Schwäche ihres Vaters als unheilbar zu erkennen.
+Sie beschränkte sich darauf, mit dem ganzen Edelmut ihres
+Herzens an ihn zu glauben, eine Fähigkeit, die ebenso großartig
+wie verrückt war. Voß verlor wieder dauernd. Ohne
+Geld und Anhang verstrickte er sich an suspekte Kerle. Der
+Kampf ums Geld wurde riesenhaft für ihn. Eines Abends
+war er im Kasino aufgesprungen, hatte die Brusttaschen
+seines Fracks gewendet und das Futter in den Händen, als
+ihn jemand in seiner Verzweiflung anstieß. Der Mann war
+ihm dem Namen nach irgendwie bekannt und er folgte
+ihm hinaus. Dort sagte er ihm, die Provinzen seien den
+Polen zugesprochen worden. Darauf ging er schlendernd
+wieder weg, Voß war wie ein Pferd zusammengestürzt. Sein
+Zustand war um so entsetzlicher, als er sich auch wegen des
+Zustands seiner Kasse die entsetzlichsten Vorwürfe machen
+mußte. Er sah sich in jeder Hinsicht vernichtet und wäre für
+einen guten Tod dankbar gewesen. Die ganze Nacht weinte
+er mit Granuella, die ihn tröstete. Wirklich stellte sich anderen
+Tags heraus, daß die Zuteilung der Provinzen an
+Polen nur provisorisch war. Voß hatte aber nicht mehr
+Kraft genug, das auszuhalten. Das linke Auge schloß sich
+von dieser Nacht ab völlig. Er war seelisch zu sehr verludert,
+als daß der Schlag ihn nicht mitten durchgebrochen
+hätte. Sein Stolz ging mit diesem Unglück für allemale in
+den Kot. Er wurde fast kindisch und dachte überhaupt nur
+noch an Geld. Die Habgier wurde mit einer phantastischen
+Leidenschaft von ihm betrieben. In seinen Träumen weinte
+und bebte er um ungeheure Summen. Der Geiz saß in
+seinen Augen, die Geldlust machte seine Finger zittern.
+Dazu wurde er greisenhaft launisch, wackelte mit dem Kopf
+und fürchtete immer, er könne nicht mehr leben, während
+sich sein Kopf mit wirren Plänen quälte. Dabei verwaltete
+Granuella ohne sein Wissen die Ausgaben ihres Hausstandes
+mit Darlehen, die Lady Douglas ihr besorgte und für die sie
+mittlerweile ihre russischen Besitzungen verpfändet hatte.
+
+</p><p>Die Lebenshaltung des alten Voß war außerhalb des
+Hauses sehr trist geworden. Er verlor, je tollere Träume
+von großen Vermögen und ungewöhnlichen Verdiensten ihn
+juckten, in der Wirklichkeit auch die letzte Kritik. Er vernachlässigte
+seine Kleidung, um auf das Mitleid der Reichen
+spekulieren zu können. In seinen Rücken hatte sich ein
+devoter Zug eingeschlichen, er war entsetzlich unsicher und
+weinerlich geworden und seine Gesellschaft war abscheulich.
+Einmal sagte im Kasino ein Mann, der in der Diplomatie
+sehr bekannt und sein zynischster Gegner war, als er seinerzeit
+mit Wagen und Pferden das erstemal in Lausanne eingezogen
+war: &bdquo;Dieser Mann da schien uns jungen Leuten
+der Konferenz albern, aber wir beneideten ihn. Er ist noch
+alberner geworden, aber man kann ihn nicht mehr beneiden
+und ich glaube man sollte ihn deshalb totschlagen.&ldquo; Die
+Umstehenden lächelten, weil, ohne ihr Gespräch zu beachten,
+Frederik de Voß mitten durch sie gegangen kam, aber der
+Sprecher schien es zu erbärmlich zu finden, um zu lachen,
+schob den hohen Hut in die Stirn und ging aus dem Foyer.
+Frederik de Voß las aus den Gesichtern der Menschen nur
+noch wie an einem Thermometer, wie weit sie für Geld in
+Betracht kamen. Alles andere übersah er bereits, er war
+nicht mehr zu kränken. Er hatte den Vogelblick mit seinem
+rechten Auge bekommen, mit dem er nach Beute spähte.
+Er dürstete so nach Geld, daß er alles an Geschäften annahm,
+was herbeikam, um es wieder zu verspielen. Die
+Briefe seines Sohnes schob er zitternd in eine Schublade,
+um sie aus dem Gesicht zu bekommen. Er hatte wahrscheinlich
+gar keine Vorstellung mehr davon, daß er Buchenwälder
+besaß, die bis ans Meer grenzten, und daß seine
+Maisfelder zwischen den Kanälen flimmerten.
+
+</p><p>Alle Welt wußte bereits über diesen Zusammenbruch Bescheid
+und man erzählte sich von ihm die abenteuerlichsten
+Geschichten der Erniedrigung. Als ein skrupelloser Agent,
+dem er mit seinem Namen ein übles Geschäft über die
+Grenze gedeckt hatte, ihm ein Drittel der Verdienste auszahlte,
+stürzte Voß vor ihm auf die Knie. &bdquo;Väterchen&ldquo;,
+rief er und schüttelte die Hand des Agenten mit seinen
+beiden Armen, &bdquo;meine Kinder verhungern&ldquo;. &bdquo;Was wollen
+Sie&ldquo;, fragte der Spediteur, der einen unglaublichen Namen
+trug. &bdquo;Fünftausend Franks&ldquo;, wimmerte der Alte in seinen
+Bart. Er war tiefunglücklich. Der andere trommelte mit
+den Fingern auf dem Tisch und starb bald vor Lachen. Er
+kannte die Verhältnisse genau. In seinen Karpfenaugen
+glomm eine diabolische Idee, er warf eine Hand voll Silbermünzen
+durch sein Bureau und schlug die Arme über dem
+Kopf zusammen, so strengte ihn das Lachen an, um Luft zu
+bekommen, als der Edelmann wie ein Narr herumlief, und
+die Stücke einsammelte. Dieser Mann benutzte ihn nun zu
+seinem Vergnügen zu allen möglichen Peinigungen und
+Quälereien. Er hatte eine schwere Jugend gehabt und genoß
+nun, daß einer der Herrenkaste in seiner Hand war. So
+ließ er ihn die grauenhaftesten Dinge vornehmen, die Voß
+für das Geld, das ihn verzauberte, ohne Besinnen machte.
+Von alle dem ahnte Granuella nichts.
+
+</p><p>Granuella war überzeugt, daß die Sorgen ihren Vater
+abmagern ließen, gab keinem Zweifel in ihrem Herzen Platz
+und verdoppelte ihre Liebe zu ihm. Eines Abends fand sie
+Abschriften von Briefen. Es war kein Zweifel, daß ihr
+Vater mit den Polen verhandelte. Aus Goldgier hatte
+der Alte den besessenen Vorschlag gemacht, zurückzukehren.
+Er beabsichtigte die Okkupation anzuerkennen und verlangte
+dafür Rückgabe seines Vermögens und Auslieferung
+der beschlagnahmten Guthaben. Es war offensichtlich, daß
+dieses Vorgehen nur aus einem völlig zerrütteten Hirn
+kommen konnte. Die Erkenntnis war aber für Granuella
+so grausam, daß sie das Mädchen, da sie sie nicht tötete,
+furchtbar hellsichtig machte. Sie erkannte mit einem Blitzschlag
+alles. Sie fiel wortlos zu Boden.
+
+</p><p>Als sie die Augen aufschlug, kam die Dämmerung über
+den See. Sie glaubte diese Verhöhnung des Lebens nicht
+ertragen zu können. &bdquo;Welch ein erbärmliches Schicksal&ldquo;,
+dachte sie voll Wut. Darüber geriet sie so außer sich, daß sie
+aus ihrer tötlichen Müdigkeit aufsprang. Das rettete ihr
+wahrscheinlich das Leben, denn als sie mit geschlossenen
+Lidern die Stirn an das Fenster drückte, war sie mehr
+eine Wölfin wie eine Sterbende. Sie fühlte einen ungeheuren
+Zorn. Von einem Geräusch aufmerksam gemacht,
+drehte sie sich um. Voß stand in der Tür mit weißem Gesicht,
+schielend, nicht ganz nüchtern. &bdquo;Du bist toll,&ldquo; sagte sie und
+ging hinaus.
+
+</p><p>Er folgte ihr durch zwei Zimmer. Sie stampfte auf, als
+er nicht zurückging. Sie konnte ihn nicht sehen, so außer
+sich war sie. Schließlich hielt sie sich mit der Hand fest an
+dem Vorhang, der an der Tür niederfiel und sagte: &bdquo;Folge
+mir nun nicht weiter. Du zwingst mich sonst, einiges mit Dir
+zu reden, was ich Dir ersparen könnte,&ldquo; und setzte rasch
+hinzu: &bdquo;Ich vermag es Dir aber auch zu sagen.&ldquo;
+Er schwieg und sah sie mit flackernden Augen wütend
+an. Da ging sie mit einer stürmischen Bewegung bis dicht
+an sein Gesicht heran. Ihre Kieferknochen strafften sich vor
+Energie und wurden weiß wie Seile: &bdquo;Erbärmliche Geschichten,
+die Du machst,&ldquo; rief sie, &bdquo;Du verhandelst mit den
+Polen. Du warst imstande, das Beste unseres Lebens unter
+deine Füße zu schmeißen. Ich wäre lieber gestorben, als dies
+erleben zu müssen.&ldquo; Das junge Mädchen war in einem
+Schmerz, der sie nichts mehr ertragen ließ: &bdquo;Geh weg von
+mir. Ich ertrage Deinen Anblick nicht länger. Gott helfe
+mir,&ldquo; schluchzte sie.
+
+</p><p>Voß blickte sich im Zimmer um, er sah, daß er sie besänftigen
+müsse. Sein Auge blieb an dem Schreibtisch
+hängen. Er verwünschte seine Nachlässigkeit: &bdquo;Du hast in
+falschen Sachen geblättert,&ldquo; sagte er und suchte zu lachen,
+obwohl seine Kniee deutlich zitierten. Er beschloß rasch, sich
+herauszuwinden, indem er ihr bewies, daß die Listen eine
+Falle für das polnische Gouvernement wären. Es gelang
+ihm gar nicht zu reden. Er hatte die unklare Vorstellung,
+daß er im Begriff stand, etwas sehr Wertvolles zu verlieren
+und krallte die Hände immer auf und zu. Aber die Angst,
+die in seinem Gesicht herumzuckte, schnürte ihm die Gurgel
+zu. Das junge Mädchen sah ihn an, ein Wrack, eine Leiche.
+Er hatte sie ohne Zweifel wieder getäuscht.
+
+</p><p>&bdquo;Das will ich Dir sagen,&ldquo; flüsterte sie, &bdquo;daß ich Dich durchschaue
+und entschlossen bin, ein Ende zu machen.&ldquo; Sie erstickte
+fast vor Tränen. Trotzdem war in diesen Sekunden
+das unerfahrene Mädchen zur Furie verwandelt. &bdquo;Ich bin
+entschlossen, ein Ende zu machen, eh Du alles ruinierst. Du
+hast unsere große Sache zertrümmert. Du hast Dich an der
+Idee der Freiheit, für die wir heute gelebt haben, wie ein
+Wahnsinniger vergangen. Du hast uns von St. Goar leben
+lassen, ohne daß ich es ahnte. Ich habe Romanoff abreisen
+sehen wegen Verrätereien von Dir, die er einzurenken
+bestimmt war. Unser Geld fließt zu Roland, der es mit
+Dirnen vertut. Du verspielst es beim Roulette. Meinst Du,
+ich ahne die Posse nicht, die ihr alle mit meinem Herzen
+getrieben. Wir sind Bettler geworden, aber kein Strolch
+kann uns Ehre erweisen, und wenn wir noch leben, so ist
+es das Glück, das wir hatten, immer mit edlen Menschen
+zusammengetroffen zu sein.&ldquo; Sie warf sich auf den Divan
+und schlang die Arme um die Kniee. &bdquo;Dieser alte Mann ist
+mein Vater&ldquo;, dachte sie. &bdquo;Ich erkenne ihn nicht in diesem
+scheinheiligen Greise, der sich abmüht, mich durch Winseln
+zu rühren. Wie schändlich hat diesen edlen Mann das Leben
+zerstört. Warum ist er nicht gestorben, als unsere Jugend
+in die Pania watja ihm noch zulief.&ldquo; Der alte Voß war
+gekränkt. Er verstand nicht, warum ihr Herz blutete, und
+um welcher erhabener Ideen willen sie litt. Er vermutete,
+daß sie ihm wegen seiner Bettelarmut Vorwürfe mache und
+murmelte vor Angst gröhlend: &bdquo;Halte an Dich, sprich nicht
+über Dinge, von denen Du keine Kenntnis hast, denn ich
+habe mit Silberminen ein Vermögen gestern erworben in
+einer Spekulation, die einen anderen wie mich vernichtet
+hätte.&ldquo; Es war offensichtlich, daß er log. &bdquo;Du wirst es
+morgen wieder verlieren. Ich will Dir etwas sagen,&ldquo; meinte
+Granuella, die plötzlich aus ihrer Vereisung erwachte, &bdquo;ich
+bin Deine Tochter,&ldquo; und sie ging ungestüm auf ihn zu und
+küßte ihn .&nbsp;.&nbsp;., &bdquo;aber ich sehe keinen Kameraden mehr in
+Dir. Es ist wahr, daß ich Dich verlasse.&ldquo;
+
+</p><p>Sie trat zurück. In diesem Augenblick geschah etwas
+Seltsames. Langsam öffnete sich das linke Auge des Alten
+und wurde ganz groß, weiter als das rechte. Das Mädchen
+überlief ihn mit einem Blick. Sie war plötzlich von einer
+wundervollen Fremdheit. Sie mußte das hinzufügen, was sie
+noch zu sagen hatte: &bdquo;Ich möchte nicht,&ldquo; sagte sie und merkte,
+wie sein linkes Auge starr und entsetzt sie ansah, &bdquo;daß
+ich vergäße, Du seist mein Vater, wenn ich Dir entgegentreten
+müßte.&ldquo; Sie fügte diesen Satz kalt hinzu und ging
+hinaus. Nach einer halben Stunde erst fand der alte Voß
+nach einer ihm unerklärlichen Aufregung die Kraft in ihr
+Zimmer zu laufen und nachzusehen, ob sie Schmuck zurückgelassen
+hätte. Sie besaß schon lange keinen mehr, er nahm
+aber an, sie hätte ihn darum betrogen und wühlte verzweifelt
+und auf sie fluchend in den Fächern. Sein linkes
+Zuge schloß sich wieder völlig. Granuella ballte auf dem
+Schiff währenddem die Hände um die Börse, die sie mitgenommen,
+im Anblick von Genf, das sie erreichen wollte:
+
+</p><p>&bdquo;Dieses Metall hat vermocht, einen glühenden Geist wie
+meinen Vater zu zerstören,&ldquo; dachte sie voll heißem Kummer.
+Sie war kindlich genug, es wie Gift zu hassen. Drei Schritte
+weiter auf dem Verdeck kam St. Goar auf sie zu.
+
+</p><p>Dieser junge Mann hatte sich in anmutiger Ehrerbietung
+ihr gegenüber jederzeit bewährt. Sie hatte keinen Grund
+sich ihm nicht anzuvertrauen, zumal sie ja sich nicht verschwieg,
+daß er Grund hatte, ihrer Familie aufs heftigste
+zu zürnen: &bdquo;Ich würde mich wundern, wenn Sie die Abscheulichkeiten
+ganz verwunden hätten, denen Sie durch
+unsere Schuld ausgesetzt waren,&ldquo; sagte sie, worauf er sehr
+unglücklich war und heftig errötete, denn er verehrte sie so,
+daß er ganz andere Dinge auf sich genommen hätte. Sie
+gab sich ihm vollständig in die Hände, als ob Vertrauen
+das natürlichste sei. Er besaß die Ritterlichkeit und Kraft
+genug, seine tiefe Leidenschaft zu verbergen oder wenigstens
+sich nicht zu erklären. Sie gestattete ihm, sie zu Lady Douglas
+zu begleiten. Er war stolz, von dieser schönen, hin und
+wieder verzagten Frau als Beschützer ausgewählt zu sein.
+Wenn sie über die vergangenen Dinge erschauerte, nahm er
+ihre Partei gegen den Schatten ihres Vaters, indem er
+diesen aber zu schonen verstand. Er hatte den Takt ihr eine
+wirkliche Hilfe zu sein. Der arme Bursche starb aus Anstand
+fast vor Leidenschaft, aber seine gute Gesinnung hinderte
+ihn wirklich daran, zu sprechen, bis sie bei der
+Douglas ankamen und er das Mädchen dem Schutz der
+erfahrenen Frau übergab. Er lief darauf einige Tage
+herum, ehe er sich zu erklären wagte. Dabei machte er eine
+so seltsame Figur, daß es sich bei den Gästen des Landgutes
+herumsprach und alle eher als Granuella wußten, wie
+es um ihn stand.
+
+</p><p>Entschlossen lauerte er ihr im Park eines Abends auf
+und sah sie herzklopfend einen der Wege hinuntergehen,
+an deren Ende schon der Mond zwischen blauen Schatten
+und Düften stand. Er wartete, bis sie umdrehte und nun
+voll Gewölk und den Abglanz des sie im Rücken treffenden
+und umhüllenden Mondlichts zurückkam. Da hielt ihn
+wieder eine geheimnisvolle Scheu zurück. Er flüchtete in
+eine Fliederlaube und fühlte den Abendtau sein Gesicht
+überströmen. Halb von Sinnen eröffnete er sich der Lady,
+die mit Granuella sprach. Sein Vermögen war in der Lage,
+ihr Leben vollständig zu ändern, er sagte auch über die Behandlung
+ihres Vaters das Vornehmste. &bdquo;Sagen Sie ihm,&ldquo;
+meinte Granuella nach einer besinnlichen langen Pause und
+wandte sich brüsk herum, daß die Douglas ihr fast nachlaufen
+mußte, und kaum das folgende Flüstern Granuellas
+hörte. Es schien jedoch dem Gesicht St. Goars zufolge, der
+den Abend abreiste, daß sie ihn nicht ohne Hoffnung gelassen
+hatte. Diese Vermutung hatte einen weiteren seltsamen
+Grund. Seit dieses Mädchen mit einem Male so entsetzlich
+hellsichtig geworden war, schien sie überhaupt nicht
+mehr ihr Leben von den Hoffnungen ihres nationalen
+Ehrgeizes trennen zu können. Sie wurde dabei und wahrscheinlich
+dadurch immer weicher und frauenhafter.
+
+</p><p>Manchmal brach sie in Tränen aus über das Geschickt
+ihres Vaters, aber während sie in Weinen zerging, stand
+eine Zornfalte ihr wie einer gerührten Amazone auf der
+Stirn. Lady Douglas vermochte ihr leicht die Selbstvorwürfe
+zu nehmen. Sie bewies ihr durch Briefe alten und
+neuen Datums, daß die fürchterliche Gier nach Geld den
+Alten bis zur Besinnungslosigkeit beherrschte. Das war entsetzlich,
+nahm ihr aber den Alpdruck der Härte. &bdquo;Man hätte
+Sie diesem Mann entrissen, wenn Sie nicht gekommen
+wären,&ldquo; meinte die Douglas mit einem etwas hochmütigen
+Gesicht. Granuella hatte eine Art, unerhört zu gefallen, daß
+es ihre Freundin ängstete, zumal das Mädchen selbst es überhaupt
+nicht zu bemerken schien.
+
+</p><p>Manche Dummköpfe von jungen Leuten, fürchtete die
+Douglas, würden aus Verzweiflung oder aus Ehrgeiz
+vielleicht skandalöse Dinge wagen, und sie sprach mit dem
+Mädchen vorsichtig darüber. Sie wollte sie wappnen. Es
+war überflüssig. Sie kam zur Einsicht, daß Granuella, je
+weniger sie sich aktiv an den politischen Dingen beteiligte,
+um so leidenschaftlicher mit der ganzen Glut ihrer Frauenhaftigkeit
+auf deren Erfolg zu warten und in einem unbestimmbaren
+Sinne sich als Preis für den kühnsten der
+Feuerköpfe zu betrachten schien. Irgend etwas Geheimnisvolles
+dieser Art bestimmte jedenfalls ihr Leben völlig und
+gab ihr auch den Reiz phantastischer Sicherheit. Bestimmt
+waren ihre Kindheitseindrücke mit grandioser Größe in ihr
+aufgerichtet und alles Spätere war geneigt, dagegen abzufallen
+oder von ihr leicht vergessen zu werden. Sie war
+ohne Zweifel im Innern nur darauf gerichtet, daß ihr
+Schicksal notwendigerweise mit dem ihrer Heimat zusammenfiele.
+
+</p><p>So empfand sie es mehr schändlich als mitleiderregend,
+daß Briefe ihres Vaters an sie selbst einzulaufen begannen,
+der sie mit fieberhaften Beschwörungen um Geld anging,
+ohne etwas hinzuzufügen, als einen Haufen von wirren
+Spekulationen, in die er sich stürzen wollte. Sie antwortete,
+sie besäße nichts, als was die Douglas ihr spende. Sie vermöge
+nur sich selbst anzubieten, schrieb sie voll Wut. Er
+antwortete wie ein Verrückter, er wolle kommen, sie anzusehen.
+Sie brauchte einen ganzen Tag, den sie im Garten
+herumlief, aufgescheucht und fassungslos, bis sie erfaßte,
+daß das Hirn dieses Mannes, der sie erzeugt hatte, unrettbar
+verworren sei. Sie verbot ihm zu kommen. Diesen
+Brief las die Douglas über ihrer Schulter in der Fliederlaube,
+deren Blätter sich duftig bewegten: &bdquo;Ich glaube nicht,
+daß es eine Zeit gab, wo die edlen Charaktere so grenzenlos
+vor dem Geld kapitulieren mußten. Es hat die Kraft
+die besten Gebete zu zerbrechen.&ldquo; Die Lady hatte Grund,
+in anklagenden Metaphern sich über die Welt, die sie zu
+verstehen glaubte, aber doch wohl nur aus der Klugheit des
+Schmerzes heraus ablehnte, zu äußern. Sie mußte England
+verlassen, da ihr Gatte mit einer Person aus der Filmindustrie
+von schlechtem Wuchs und miserablen Zähnen
+öffentlich zusammenlebte, um vom Ausland her die Scheidung
+gegen diesen Mann in Gang zu bringen. Sie nahm
+Granuella mit auf ein großes schlesisches Besitztum, das sie
+mit nicht viel englischen Pfunden gekauft hatte aus dem
+fiskalischen Nachlaß einer Adelsfamilie, die infolge der
+Kriege und Teuerung ausgestorben war.
+
+</p><p>Die Erntezeit im Osten hatte einen entzückenden Glanz.
+Nach Jahren der Vagabondage durch Europa war es eine
+erstaunliche Erfrischung. Zwei Schritt über die Allee hinaus
+sahen sie einen riesigen Horizont überall auf das Land
+fallen. In offener Sicht war alles von der Helligkeit der
+Sonne bewegt und das Licht flutete in diesem unermeßlichen
+Raum herauf und herunter. Man sah wie die Sensen tief
+in das Korn einschnitten und hörte die Mägde schreien. Die
+ganze Ebene durchbrochen breite Wagen voll getürmter
+Garben. Die Farben waren unbeschreiblich. Niemand spürte,
+daß Granuella sich vor Sehnsucht verzehrte. Eines abends
+näherte sich mit hier seltenem Geschrei eine Verfolgung dem
+Park, über dem die Gesellschaft auf den Stufen der erleuchteten
+Terrasse thronte. Der Raum bis zu den Springbrunnen
+war nur ein paar Schritte weit. Dahinter lag das
+massive Dunkel der Bäume, durch die nur manchmal leuchtende
+Käfer schnurrten. Plötzlich trat ein junger Mann mit
+einer Dogge ins Helle und lachte über die Schulter ins
+Dunkle zurück, wo sofort wieder Stille anbrach. &bdquo;Das Gesindel
+war toll genug, mich zu verfolgen,&ldquo; sagte er, indem
+er mit großer Liebenswürdigkeit zur Terrasse hinaufgrüßte.
+Man war erstaunt über diese Sprache. Lady Douglas
+machte ihn, als er heraufkam, aufmerksam, daß er von
+ihren Leuten spreche. Er nahm den Tadel nicht an, sondern
+bat um Gastfreundschaft. Es war ihm nicht zu widerstehen.
+Er war Flüchtling vor den Polen und wollte zu seinen litauischen
+Gütern zurück. Schon als er die Helligkeit betreten
+hatte, hörte Granuella ihr Herz schlagen. Er amüsierte die
+Frauen sehr mit seiner Erzählungsart. Die Männer wurden
+durch seine abenteuerliche Überlegenheit verärgert. Einer
+versuchte sogar eine Ungezogenheit, doch der Fremde gab
+ihm nur gesteigerte Höflichkeit zurück. Er hatte tolle Dinge
+zu erzählen dabei. Seit drei Jahren hatte sich unter dem
+Dach des von den Interalliierten Nationen geschützten Friedens
+ein kleiner Guerillakrieg entsponnen. Es war ein
+trojanisches Heldenleben, das man um die Grenze herum
+führte. Die Geschlechter, Städte und Stände hatten eine Art
+Turniere eingerichtet mit für jeden von ihnen passendem
+Ehrenkodex, je nachdem man die Unterlegenen bewirtete
+oder beraubte. Die Miniatur eines kleinen Mittelalters mit
+ebenso wahnsinnigen wie tugendhaften Manieren lag genau
+hier zwischen den Arbeiterzaren und den westlichen Demokratien
+in leidenschaftlichem Ausbruch, und es war kein
+Zweifel, daß, so kindisch im Grunde es ihnen klang, alle
+Männer den jungen Mann beneideten. Die Probleme Europas
+und der einzelnen hatten ihre Glatzen beschwert und
+ihre Nächte schlaflos gemacht, ohne daß diese überlegenen
+Standpunkte ihnen schließlich etwas anderes als einen ungeheuren
+Zynismus geboren hätte. Der junge Mann hatte
+eine Trompetenstimme, die ohne Hemmung in den Park
+hinausschmetterte. Er nannte Namen um Namen, die Granuella
+kannte. Sie äußerte kein Wort. Glücklicherweise
+beherrschte der Fremde die Situation so völlig, daß niemand
+etwas auffiel. Bald schilderte er die Rettung von Frederik
+de Voß. Ohne Zweifel hatte er daran teilgenommen.
+
+</p><p>Granuella sank fast zur Erde. Sie hielt in der Dunkelheit
+ihres Platzes ihr Herz mit den Händen bedeckt. Sie vermochte
+keine Silbe zu sprechen. Als der junge Mann ins
+Innere des Gutshauses trat, sich verabschiedete, um sein
+Zimmer aufzusuchen, erhielt er einen Zettel in die Hand gedrückt.
+Mit demselben Blick, mit dem er las &bdquo;Kommen Sie&ldquo;,
+verfolgte er die Dame, ging ihr nach und erkundete ihr
+Zimmer. Als er nach einer Weile mit geschmeicheltem
+Lächeln und ein wenig prahlerisch eintrat, fand er eine
+Dame, die ihm sagte:
+
+</p><p>&bdquo;Mein Herr, ziehen Sie keine falschen Schlüsse und verurteilen
+Sie nicht meine Handlungsweise. Ich bin die
+Tochter von Frederik de Voß. Sagen Sie mir die Adresse
+und den Aufenthalt des Herzogs von Leuchtenberg und
+führen Sie mich hin.&ldquo; Mit Blut übergossen vermochte der
+junge Offizier kaum seine Haltung zu wahren. Er verneigte
+sich tief und nannte, was sie wollte. Am anderen Tag
+erzählten die Domestiken, Fräulein von Voß sei in großer
+Eile abgereist und habe einen Teil ihrer Wäsche vergessen.
+
+</p><p>Lady Douglas gab ihrer Freundin einen großen Beweis
+der Zärtlichkeit, daß sie sie nach Kowno begleitete. Sie
+folgte Granuella fast auf dem Fuße. Dort lernte sie den
+Herzog von Leuchtenberg kennen, dessen leichte sichere Art
+ihr gefiel und dessen Männlichkeit fast wie ein Nationalheld
+gefeiert ward, als er ankam. Mit einer schicksalhaften Bestimmtheit
+wußte Granuella auf den Mann zu treffen, der
+sie aus dem Feuer gerissen und für den sie sich, ohne daß sie
+es wußte, bestimmt hatte. Sie galt als die schönste Frau
+der Gesellschaft und die Neidischsten konnten ihm nicht versagen,
+daß er an der Spitze der Tugenden des jungen Landes
+stand. Hätte er nicht eine Frau besessen, mit der er in
+Scheidung lag, sie hätten sich wohl auf der Stelle vermählt.
+Es war ein beispiellos schönes und auffallendes Paar. Lady
+Douglas deckte ihre Beziehungen, es hätte niemand ihnen
+irgendeinen Vorwurf zu machen vermocht. Die Douglas war
+nicht nur eine der feinsinnigsten, sondern auch der instinktvollsten
+Frauen, was sie aber mit großer äußerer Überlegenheit
+verbarg. Ihre Eleganz war so ungewöhnlich raffiniert,
+daß man sie nicht schildern konnte, aber sie genau
+spürte. Sie hatte Granuella, als Leuchtenberg in die Stadt
+einfuhr, mit ihrem Wagen an den seinen gedrängt und er
+hatte sie sofort wiedererkannt. Sie reiste auch mit, als der
+Herzog, der in türkischen Diensten stand, zurück mußte.
+
+</p><p>Damals ging die Taktik seiner Gesinnungsgenossen
+darauf hin, durch Schwierigkeiten am Balkan die Polen
+mürbe zu machen zu Konzessionen in den immer noch umstrittenen
+Gebieten. Er hatte einige Erfolge erzielt und
+wollte versuchen, seine Stellung, soweit es ihm die Ehre,
+wie er glaubte, gestattete, abzuwickeln. Seine Rückkehr
+stand in aussichtsreicher Nähe. Inzwischen rollte sich seine
+Scheidung ab. Die Douglas behandelte er mit jener schroffen
+Ritterlichkeit, die nicht verhehlte, daß er sie haßte. Sie
+nahm an, daß es sein Kollektivhaß auf die interalliierten
+Völker sei, die sein Land verschacherten und die Gerechtigkeit
+nicht ehrten. Sie verschwieg auch, daß diese ewige
+Ritterlichkeit ihr auf die Nerven ging. Sie fuhr mit bis
+Florenz, man machte einen Umweg, um sich dort zu trennen.
+Als sein Schiff abfuhr in der Frühe, stand Granuella auf
+dem Balkon ihres Hotels. Sie winkte mit einem Taschentuch
+hinunter nach dem Meer, auf dem das Schiff groß wie
+eine Hand langsam hinausfuhr. Sie vermochte Lady Douglas
+nicht zu verbergen, daß ihre Lippen weiß waren wie
+Kalk. Sie wäre beinah über das Geländer gestürzt.
+
+</p><p>Nach einigen Monaten begab sich Leuchtenberg über Beirut
+nach dem Kaukasus, er hatte diese Expedition nicht verhindern
+und nicht ausschlagen können. Die Nachrichten
+hörten auf. Das dauerte ein Jahr. Es gab ein Dutzend
+Gründe, es zu erklären. Das Frühjahr verbrachte die Douglas
+auf ihrem schlesischen Gut. Im Mai tratschten die
+Pferdeknechte eines Besuchs von einer abenteuerlichen Karriere
+Leuchtenbergs im Osten. Den Sommer ging man ans
+Meer. Dort tauchte Romanoff auf und machte Granuella in
+fast einfältiger Weise den Hof. Man mußte ihn darauf hinweisen,
+wie albern es sei, bei ihrem Anblick zu erröten, beim
+Verabschieden blaß zu werden und nachts unter ihrem
+Zimmerfenster herumzurennen und die Beete zu zerstampfen.
+Die Douglas erwartete immer einen Gewaltstreich und
+hatte sich darauf eingerichtet. Eines Tages war er verschwunden.
+Bald darauf traf Granuella, die spazieren ging,
+hinter den Dünen einen Mann, der sich ihr zu Füßen warf.
+Man sah sie nunmehr viel mit St. Goar.
+
+</p><p>Sie machten Ausflüge zusammen, schwammen oder lagen
+in den Stühlen am Strand. Das Badevolk sprach über sie,
+das Einvernehmen schien eng. St. Goar war ein Mann von
+heldischen Schultern und schmalen Hüften. Er ging sehr
+elastisch und mit Haltung und hatte unstreitig Geist. Er
+war einer der nobelsten Männer und nicht ohne den Charme,
+der verbindet. Vielleicht besaß er zuviel Vorzüge und nicht
+genug Bestimmtheit. Er pflegte ohne Ursache gern angenehm
+zu lachen, was ihn sehr beliebt machte. Das ging
+wochenlang ohne Trübung. Beim Lunch wurde plötzlich ein
+Billet für St. Goar abgegeben, woraufhin er sich empfahl.
+Als Granuella ihren Abendgang nach der Mole machte, fand
+sie ihn auf der Landungsbrücke ganz vorn an der Dampferanlage
+in heftigem Wortwechsel mit einem Mann. Es hatte
+tags und die Nacht vorher gestürmt. Die Brechwellen überrannten,
+ohne daß die beiden es merkten, mit Gischtwolken
+die Barriere und hüllten hinter ihnen den Himmel in eine
+Schale von wildem Schaum. Granuella hielt einen Augenblick
+an. Die rote Sonnenglut lag prall auf dem Meer gerade
+vor dem Erlöschen des Gestirns, das in die Gischt
+hineinstürzte mit ungeheurer Majestät. Das junge Mädchen
+bebte vor Zorn. Als sie zu ihnen trat, standen Tränen der
+Güte in ihren Augen: &bdquo;Ist es Ihnen zuviel geworden Romanoff&ldquo;,
+fragte sie, &bdquo;ich wähnte Sie bei meinem Vater, den
+zu bewachen Sie mir vorschlugen.&ldquo; Er konnte ihr Auge
+nicht ertragen und stammelte: &bdquo;Mein Fräulein&ldquo;, er bediente
+sich der malenden litauischen Ausdrucksweise, obwohl er vor
+Aufregung bebte, &bdquo;Frederik de Voß benötigt nur selten noch
+eines Wärters. Er geht in seinem Garten herum, wo man
+blitzende Glaskugeln aufgestellt hat, in die er vernarrt ist.
+Er würde sie nie mehr verlassen. Vergessen Sie diesen
+Mann, Herrn de Voß, und wenn Sie ihn rasch in Ihrem
+Herzen vergessen, um so besser, um so besser. Er hat seinen
+Frieden.&ldquo; Das Mädchen drehte sich herum, daß es in die
+Röte sehen mußte und unwillkürlich die Augen zukniff:
+
+</p><p>&bdquo;Man hat ihm drei Söhne vor den Augen erschossen&ldquo;, sagte
+sie hart. Die zwei standen wie Soldaten vor ihr. Ja, sie
+wären auf ihren Wunsch ins Meer gesprungen, obwohl es
+wohl das Sinnloseste gewesen wäre. Sie gingen dann langsam
+die Landungsbrücke nach dem Strand zurück. St. Goar
+versuchte ihr zuzureden, da ihn ihre Härte erstaunte, er
+konnte in der Dunkelheit nicht sehen, daß sie Tränen in
+den Augen hatte und deshalb schwieg, um sich nicht zu verraten.
+Ihr glühendes Herz litt furchtbar aus Stolz, aber
+auch aus Mitleid mit dem Alten. Romanoff verschwand in
+der gleichen Nacht. Man geht nicht fehl zu vermuten, daß
+er innerlich befreiter abfuhr. Er konnte nach seinen Erfahrungen
+sicher sein, daß er auf St. Goar nicht eifersüchtig
+zu sein brauchte. Es war wohl, wie er dachte, vorteilhafter
+für ihn, um den Alten herum und also ihrem Herzen doch
+nah auf die Dauer zu sein, als sich in ihrer britischen Nähe
+zu befinden, wo er täglich sie verlieren, aber nie augenblicklich
+gewinnen konnte. St. Goar dagegen versuchte einen
+anderen Weg der Hoffnung.
+
+</p><p>Er war in dem Jahr, das ihm die Douglas seinerzeit in
+England nicht aussichtslos gelassen hatte, vor Sehnsucht bald
+schwindsüchtig geworden. Er stand eines Nachts auf, lief
+mit zwei Pistolen am Strand herum, schrie und delierierte,
+kehrte gegen Morgen zurück und begann plötzlich offenkundig
+zu werben. Er ging völlig tollkühn vor und überraschte
+Granuella ganz und gar. Sie waren etwa eine
+Stunde in der Dämmerung nach dem Leuchtturm zu gegangen
+und an den ersten Büschen der Anlage erst bemerkte
+sie seine völlige Verstörung. Er gebärdete sich auch bald wie
+ein Rasender. Was kann ich anderes tun als ihn beruhigen,
+dachte sie und stieß ihn sanft zurück. Sie bekam feuchte
+Lippen und ein fast vor dunklem Glanz perlmutternes Auge,
+was der Besinnungslose für ein gutes Zeichen hielt. Natürlich
+vermochte Granuella sich dem Geheimnis der Gelegenheit
+und der sinnlichen Kraft dieser Erklärung nicht ganz zu entziehen.
+Sie war innerlich ohne Zweifel weit entfernt auf
+ihn zu hören. Ihre Hand fuhr über seinen Kopf, aber sie
+dachte nicht an ihn. Das brachte ihn zur Verzweiflung.
+Sie war, seitdem sie einem Manne zugehörte, empfänglicher
+geworden für Leidenschaft und trotz der silbernen Dämmerung
+sah er, daß ihre Nasenflügel sich strafften. Er warf
+sich zu Boden, als er ihre Erregung sah und empfand, daß
+er sie dennoch nicht haben werde. Er war jedoch klug
+genug, sich zu mäßigen, da er ihr Gesicht voll Tränen sah.
+Es entsprach dem mystischen Glauben, der sie beide an ihre
+Nation band, daß sie keine Scheu hatte, ihm von Leuchtenberg
+zu sprechen. Die Angelegenheiten ihres Lebens und
+ihrer Leidenschaft waren mit einer bestimmten und fast vorgeschriebenen
+Planmäßigkeit in die Ziele ihrer politischen
+Absichten verwebt, und in diesem Dämmerklar der Gefühle
+verstand es sich von selbst, daß St. Goar begriff, daß
+ihr Leben nur dem Mann gehöre, der sie aus den Flammen
+gerissen hatte und auf dessen Lebenslauf ihr Herz als den
+vornehmsten und ersten horchte. Sobald er Gewißheit hatte,
+ließ ihn das nicht ohne Hoffnung, denn er war sich der Zuneigung
+und der vertrauensvollen Ergebenheit dieser Frau
+sicher. Fast zu eilig verließ er sie, als sie ihn bat zurückzukehren,
+um mit ihren Gedanken allein zu sein.
+
+</p><p>Während er mit fast zu Sicherheiten sich spannenden Hoffnungen
+den Strand entlang mit aufgewühlter Seele lief,
+ging Granuella die zweihundert Stufen zu dem Leuchtturm
+hinauf. Sie stand mit einem Herzen da, das die Erlebnisse
+dieser leidenschaftlichen Szene mit ungeheurer Empfindlichkeit
+nach der Richtung seines eigentlichen Ziels gewandt
+hatte, ja man hätte sie für eine Wahnsinnige halten müssen,
+wie sie, die Arme aufgerissen, auf der Brüstung stand. Mit
+der Energie einer Tollen erlebte sie das phantastische Glück
+der Gegenwart ihres entfernten Geliebten. Sie wäre fast
+von der Zinne gestürzt. Trotzdem der Herzog tausende Kilometer
+von ihr entfernt war, empfand sie in der Tat eine
+ungeheuerliche Bewegung. Seine Anwesenheit hätte sie nicht
+verstärkten können und die Verbindung, die sie auf der Höhe
+dieser Minute mit aller Tiefe ihres Wesens durchatmete,
+war fast tötlich schön. Das Meer lag unter ihr wie Getreide.
+Der Mond spannte mit seinen Lichtfurchen die Kanäle ihrer
+Heimaterde dazwischen. Was blieb ihr, als zu erstarren vor
+Glück, obwohl sie immer den eiligen kaum mehr vor Eile
+wahrnehmbaren Herzschlag in sich vernahm. Sie war keine
+eigentlich schwärmerische Natur und eher mit Geduld begabt,
+auf Genuß zu warten, als sich an Visionen zu begeistern
+in der Abwesenheit des Gegenstands ihrer Wünsche
+und ihres Schicksals. Sie hatte aber die bestimmte hellsichtige
+Zuversicht in dieser Nacht, daß ein ungeheures
+Glück nahe.
+
+</p><p>Dieses junge Mädchen mußte am Morgen hören, Leuchtenberg
+sei gefallen. Sie nahm es ohne Gefühlsäußerung auf,
+vielleicht lächelte sie sogar in den Winkeln ihres kühlen
+und doch wollüstigen Mundes. Sie sagte am Abend zu St.
+Goar, als er kam und sich stumm zu ihr setzte: &bdquo;Ich glaube
+nicht, daß ich vergessen kann, Sie eine kleine Freude bei der
+Nachricht empfinden zu sehen.&ldquo; Ihre Offenheit beschämte
+ihn grenzenlos und öffnete wieder das Tor des Verstehens
+zwischen ihnen, das durch seine Unsicherheit einen Augenblick
+zugeschlagen war. Natürlich konnte er weder jetzt
+noch je in seinem Leben den Gedanken verlieren, daß er der
+natürliche Nachfolger Leuchtenbergs sein müsse und die Hoffnung
+auf eine Füsilierung des Herzogs war eines der sichersten
+Besitztümer seiner Seele. Er hätte den Triumph meistern
+müssen, denn er setzte damit alles, nämlich ihr Stück
+Zuneigung zu ihm, aufs Spiel. Er klagte sich fassungslos
+an. Sie war sehr gütig und entschuldigte ihn selbst. St.
+Goar empfand an diesem Tag die Furchtbarkeit seiner Lage,
+die ihm Granuella für immer nahm. Das einzige, was ihm
+den Weg zu ihr frei machte, würde als Gespenst sie ihm mit
+der Pistole noch weigern. Er verfiel in eine tragische Melancholie,
+in der der Entschluß in ihm reifte, sein Leben lang
+für dieses Stück Zuneigung bei ihr zu werben, auch wenn er
+sie nicht besitzen solle, zufrieden, wenn ihm das wenigstens
+bliebe. Von ihm wurde sie wohl am meisten und besten geliebt,
+obwohl er nicht wie andere dafür in den Tod hineinjagte.
+Sie zeigte ihm dafür eine nachsichtige Freundschaft
+nicht ohne Zärtlichkeit bis zu ihrem Sterben.
+
+</p><p>Niemand vermochte ihr abzuraten, als sie sich entschloß
+in die Heimat zu fahren. Ihre Familie galt immer noch als
+Mittelpunkt der Irredenta der Provinz. Sie begab sich, alle
+Warnungen freundlich ablehnend, am festgesetzten Tag auf
+die Reise. Jedermann sah einen schlechten Ausgang, sie
+allein tat es nicht im mindesten. In der Tat sah sie den
+Wind mit den Maisfeldern spielen, roch den Duft, den beseligenden
+träumerischen Duft der Gartenerde und sah die
+Sonne zwischen dem kühlen Schatten der Kastanienallee.
+Aber nur mit geschlossenen Augen in ihrem Kupee. Man
+fing sie gleich hinter der Grenze ab und gab ihr ein anständiges
+aber sie völlig abschließendes Gefängnis in einer
+Festung, von deren Namen sie keine Ahnung hatte. Man
+transportierte sie nachts und in geschlossenem Auto. Sie
+vermochte sich nicht mit der Douglas in Verbindung zu setzen,
+und die Nachforschungen, die diese anstellte, zogen sich wochenlang
+resultatlos hinaus.
+
+</p><p>Granuella suchte verhört zu werden, verfaßte Proteste,
+bat um Erklärungen. Es war, als verschwände jedes Zeichen
+von ihr in der Luft. Sie konnte über nichts klagen, aber
+sie kam nicht aus der geheimnisvollen Isolierung heraus.
+Es blieb nichts übrig, als sich auf den Stolz zurückzuziehen
+und die Dinge mit Hochmut abzuwarten. Das war nicht
+immer leicht, wenn man die Vögel und die Wolken ansehn
+mußte. Zu ihrem Glück liebte die Wärterin sie ebenso umständlich
+wie tief. Sie hatte die Neigung eines ergebenen
+Haustiers zu ihr gefaßt und sie tat ihren Dienst unter
+Schmerzensausbrüchen über ihre schöne Gefangene. Wenn
+sie Granuella in schwachen Stunden zart und in Tränen
+aufgelöst fand, küßte sie ihr das Kleid wie einer Heiligen.
+
+</p><p>Nach einer Zeit von etwa zwei Monaten kam eine Kontrolle
+der Regierung in die Festung. Der Führer benahm
+sich äußerst seltsam, prallte an der kaum geöffneten Tür
+Granuellas, die schlief, zurück, hauchte den Atem scharf aus
+und verschloß die Tür rasch hinter sich. In dieses Zimmer
+trat er überhaupt nicht ein, ließ sich die Listen vorlegen,
+tobte durch die anderen Zellen, steckte drei Pförtner sofort
+in strengen Arrest, fluchte über die Unsauberkeit und ließ
+den Kommandeur kommen: &bdquo;Pfui Teufel, Sie Schwein&ldquo;,
+schrie er ihn an, &bdquo;schreiben Sie Ihren Abschied&ldquo;, und warf
+ihm ein Papier auf den Tisch und schlug die Reitpeitsche
+quer über das Blatt. Weiter äußerte er nichts, ließ einen
+seiner Leute als Kommandeur zurück und reiste ab. Nach
+zwei Tagen kam er nachts wieder zurück. Man sagte, er
+hätte den Berg selbst wie ein Rasender hinauf gelenkt. Er
+blieb da, ob in Urlaub ob in einer Mission war nicht klar.
+Täglich ging er mit entschlossenem Schritt bis an die Tür
+der Gefangenen. Es war um die Zeit, wo sich niemand auf
+den Gängen befand. Wenn er die Klinke fassen wollte, griff
+er höher, bis sein Arm senkrecht stand. Dann drehte er
+um, ließ den Arm herunterfallen und verschloß sich im
+Bureau, wo er Akten studierte.
+
+</p><p>Nach einiger Zeit ging in dem Augenblick, wo er anmarschierte,
+die Tür weit auf. Die Wärterin, die nicht in
+dem Zimmer zu sein hatte, warf sich ihm zu Füßen und
+bettelte, ob sie ihm einen Brief übergeben dürfe. Das war
+verboten und er schob sie mit einem Tritt bei Seite. Granuella
+sah in das Gesicht des Obersten Gagarin. Ihre Blicke,
+die aus dem Wolfshaß heraufkamen, hatten einige Zeit,
+sich ineinander zu verketten. Der Fürst war General geworden
+und noch tiefer ergraut. Sein Gesicht war marmorweiß
+und fast jung geblieben. Zugleich nahm sie in seinem
+Blick, der die schrankenlose Energie der Soldaten seiner
+Zeit hatte, die gleiche Energie eines schmerzlichen Zugs
+wahr, der eigentlich sein ganzes Gesicht nun erfüllte.
+Plötzlich griff er an die Schläfe, grüßte und begann zu
+sprechen: &bdquo;Es ist meine Aufgabe, Ihre Angelegenheit zu
+prüfen und zu bedenken, welchen Wert Ihre Anwesenheit
+für meine Nation hier haben kann. Die Verantwortung
+darüber ist völlig in meine Hände gelegt, auch inwieweit
+man sich Ihrer als Geisel für zukünftige Fälle bedienen
+kann. Diese Verantwortung ist ungeheuer, da ich jeden Tag
+meines Lebens für das Wohl der Nation nur atme. Ich
+würde mich eher in den Kasematten auf meinen eigenen
+Befehl erdrosseln lassen, als daß ich nicht auch in diesem Falle
+lediglich für die Nation handelte. Sie werden begreifen, wie
+entsetzlich mir die unerwartete Aufgabe über Sie zu entschließen
+geworden ist.&ldquo; Sie sah in den Hof hinab, wo man
+aufgeregt hin und her lief und dachte nach, welche Vorbereitung
+zu welchen Schrecken das sein solle. &bdquo;Es ist meine
+Pflicht, Ihnen diese Briefe zu übergeben, die eingelaufen
+sind.&ldquo; Er hielt sie ihr hin und da sie nicht zugriff, legte
+er sie auf den Tisch. Sie standen sich wieder gegenüber.
+Er rang mit etwas, hielt es aber zurück.
+
+</p><p>&bdquo;Obwohl es nicht mein eigentliches Amt ist, habe ich
+Ihnen eine weitere Mitteilung zu machen.&ldquo; Es war offensichtlich,
+daß er sich trotz seiner eisigen Ruhe in tiefster Bewegung
+befand. Sie dachte, indem sie ihn mit halbgesenkten
+Lidern ansah: er hat meine Brüder erschossen. Möge Gott
+ihn bei der ersten Gelegenheit töten .&nbsp;.&nbsp;. und schloß die
+Augen. Er hob die Hand an sein Käppi und salutierte:
+&bdquo;Ich bringe Ihnen die Nachricht Ihrer Freiheit, Baroneß.&ldquo;
+Sie sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie glaubte, er
+wolle ihr Herz langsam martern. Es war klar, daß er noch
+etwas, worauf es ihm überhaupt ankam, im Hintergrund
+habe. Er sagte langsam: &bdquo;Wenn Sie die Grenze nicht innerhalb
+fünf Stunden überschreiten, werden Sie heute Abend erschossen
+sein. Bis zur Grenze kann Sie mein Auto bringen.
+Eilen Sie sich, je eiliger, um so besser. Es geht um Ihr
+Leben. Später wird die Grenze geschlossen sein, da man Unruhen
+befürchtet. Ich werde in der Zwischenzeit einen Brief
+nach Warschau zu telephonieren haben, den ich, an Sie gerichtet,
+öffnen mußte. Noch einmal, beeilen Sie sich.&ldquo;
+
+</p><p>Sie wurde totenfahl. Sie erkannte die Schriftzüge
+Leuchtenbergs. Es wurde ihr klar, daß der Mann ein furchtbares
+Spiel gegen sie vorhaben müsse. Er reichte ihr ungeöffnet
+das Schreiben. Sie öffnete es aber nicht, sondern
+legte es auf den Tisch zurück. In diesem Augenblick empfand
+sie, daß dieser Mensch sich in einem grauenvollen Zwiespalt
+wand. Er war so unglaublich, daß sie ihn kaum anzusehen
+wagte. Seine Augen bohrten sich förmlich in ihr Herz
+hinein. Es wäre dem Fürsten ein Leichtes gewesen, mit ihr
+als Angelhaken den Leuchtenberg heranzulocken, den er
+mehr haßte, als er hätte sagen können. Er hatte den Entschluß
+gefaßt, die Frau loszulassen, mit der er als Geisel
+seiner Karriere einen starken Dienst hätte tun können.
+In der Tat hatte er sich geschworen für das, was er seinem
+Edelmut nachgab, sich zu rächen und den Herzog sofort zu
+töten, wo er ihn erreichen konnte, wenn dessen Ankunft den
+Beginn neuer Schwierigkeiten in den Provinzen bedeutete.
+Das Mädchen begriff in der einen Sekunde alles und schlug
+die Hände vor das Gesicht. So schlich sie bis an die Tür.
+Als sie diese erreicht hatte, blieb sie einen Augenblick stehen.
+Fürst Gagarin salutierte noch immer, obwohl ihm der Hals
+bald sprang. Sie sah ihm auf die Zähne. Er sagte aber
+nichts mehr.
+
+</p><p>Da sie aber an die Hölle, die sie in ein paar Minuten
+durchlebt hatte, nicht mehr glauben konnte, als sie im Auto
+saß, sondern alles für einen Traum hielt, fragte sie den
+Chauffeur, der sie an die Grenze fuhr: &bdquo;Höre, ist Dein Herr,
+der General, der Herzog von Leuchtenberg?&ldquo; Sie hatte sich
+nach vorn gebeugt, er konnte aber in der rasenden Fahrt
+nicht zurückschauen und sie mußte wiederholen und ihr Ohr
+weit nach vorne schieben. &bdquo;Nein, Frau&ldquo;, sagte er kopfschüttelnd,
+&bdquo;es war nicht der Herzog von Leuchtenberg.&ldquo;
+Darauf fragte sie: &bdquo;Und nun? War es Fürst Gagarin?&ldquo;
+Darauf erwiderte der Chauffeur, es wäre der General
+Gagarin gewesen. Mittlerweile kamen sie an die Grenze.
+Sie hielt den Brief noch in der Hand, sie hatte vergessen
+ihn zu öffnen. Sie erbrach ihn und erbleichte. Das Blut
+schoß ihr in die Schläfen. Als sie ausstieg, sandte sie durch
+den Chauffeur dem General, der ihre Brüder erschossen hatte,
+das Tuch, mit dem sie in Florenz ihrem ersten Geliebten
+gewinkt hatte. Sie hätte es in der nächsten Sekunde lieber
+mit den Zähnen zerrissen. Dieser Mann, dem sie das Tuch
+sandte, hatte keinen anderen Gedankten, als den Herzog von
+Leuchtenberg zu töten. Es kam jedoch anders, und Fürst
+Gagarin kam nicht in die Lage, dafür, daß er Granuella de
+Voß, die er wahnsinnig liebte, zu ihrem ersten Geliebten
+entweichen ließ, zum Schutz seines Landes und als Sühne
+für seine Tat den Herzog abzuschießen. Leuchtenberg kam
+nicht in die Provinz.
+
+</p><p>Das junge Mädchen traf eine Woche nachher Lady Douglas
+und reiste mit ihr Leuchtenberg entgegen nach Süden,
+wo man sich besser traf als in der Nähe fanatisierter
+Kugeln. Diese Reise war der Höhepunkt ihres Lebens.
+Dieses Glück hatte sie nicht für möglich gehalten. Sie
+mußte immer wieder innehalten und von vorne anfangen
+zu denken, weil die Vorstellungen sich ihr verwirrten. Zu
+manchen Zeiten wußte sie kaum, was sie sprach, und starrte
+mit erschreckten Augen um sich, wo sie sich überhaupt befinde.
+Diese Woche war so, als trete sie immer aus einem
+Traum, um für Sekunden Wahrnehmungen zu machen,
+worauf sie wieder in den Traum zurücksank. Ein Gefühl
+von so maßlosem Entrücktsein hatte sie ergriffen, daß vor
+dieser machtvollen Verzauberung Lady Douglas Beängstigung
+empfand. Es schien unfaßlich, wie diese völlige Verwandlung
+noch zu übertreffen, ja überhaupt je wieder ins einfache
+Leben zurückzuleiten sei. Das Gespenst einer ungeheueren
+Gefahr lebte in dieser Wonne alle acht Tage hindurch.
+Die Douglas hatte eine Schatulle mit Papieren bei
+sich, um die Eheschließung, wo auch immer sie sich träfen,
+sofort vornehmen zu lassen.
+
+</p><p>Sie begegneten sich in Triest. Der Herzog kam mit einer
+Art Janitscharenregiment auf einem eigenen Schiff. Die
+Kapellen spielten, Schüsse wurden abgefeuert und Signale
+gewechselt. Der Einzug hatte einen beinahe offiziellen
+Anstrich, da die Souveränitäten von Dutzenden neuer östlicher
+Staaten nie durchschaubar waren, solange die asiatischen
+Auseinandersetzungskämpfe mit den Bolschewiken
+dauerten. Der Herzog hatte offenbar ein kriegerisches und
+abenteuerliches Dasein zu Ende gebracht. Er hatte so wilde
+Sitten, daß die Douglas ihre ganze Autorität gebrauchte,
+ihn kein Aufsehen erregen zu lassen. Granuella war fast
+von Sinnen vor Aufgelöstheit. Sie sah nichts und hörte
+nichts. Offenbar wußte sie gar nicht, wo sie sich befand.
+In der Nacht raubte sie Leuchtenberg, nachdem er sie geschickt
+während einer kurzen Abwesenheit der Engländerin
+in den Garten geführt hatte.
+
+</p><p>Auf einem eigenen Motorboot, in das er Blumen hatte
+werfen lassen, fuhr er sie nach einer kleinen Insel. Zwischen
+einer Lichterkette gelangten sie zu einem Haus auf einem
+Hügel. Er trug sie mehr, als sie ging. Was Granuella in
+dieser Nacht erlebte, war das Süßeste und Unfaßbarste für
+sie. Sie spürte selbst, alles Spätere sei überflüssig. Am
+liebsten wäre sie nicht wieder erwacht. Sie erinnerte sich,
+daß ihre Jugendträume alle auf etwas hingingen, das sie
+noch nicht damals erfassen und erblicken konnte. Das war
+es. Es war nun da. Sie empfand eine Bestätigung heute
+für alles, was sie getan und unterlassen hatte in ihrem
+Leben. Sie mußte Leuchtenberg wie einen Gott empfunden
+haben, der sie besuchte. Bei diesen beiden Menschen schlug
+das Feuer ihrer Begeisterung und ihrer Liebe immer wieder
+zusammen, wenn sie sich die Nacht zurückriefen, wo er sie
+aus ihrem Kindheitshause holte. Baroneß Granuella de
+Voß war überzeugt, daß sie ihr Vaterland umarme, wenn sie
+ihre Mädchenarme zärtlich um ihren Geliebten schlang, und
+daß die Sehnsucht, um die sie Jahre hindurch in der Fremde
+gewandert und die sie grauenhaft durchlitten, ihr nun mit
+Dank in dem besten Mann ihrer glühenden Nation sich
+erfülle.
+
+</p><p>Am Morgen vermochte sie von der Adlernase dieses
+Mannes nicht mehr zu entdeckten als die ferne Spur seines
+Schiffes, das wie ein Hauch in dem Meerblau schwebte. Der
+Herzog hatte sich aus dem Hafen des Freistaats entfernt
+und das Schiff wieder südlich gesteuert, nachdem er einen
+diplomatischen Auftrag erledigt hatte. Gewiß war er nicht
+ohne etwas wie Gewissen, obwohl bei Männern in Frauensachen
+diese Tugend nicht viel mehr als eine angenehme Verlogenheit
+bedeutet, aber er war keineswegs der Mann, ein
+wildes und hartes männliches Leben für eine auf Jahre
+verlängerte Schäferszene hinzugeben. Und er hatte in der
+Tat, abgesehen davon, ob sein Ideal gewichtig oder erbärmlich
+sei, wahrhaftig die Empfindung, Träger und Bringer
+eines unsterblichen und nie wieder erreichbaren Glücks
+gewesen zu sein. Granuella starb um eines Haares Breite,
+als sie begriff. Sie hatte bis zum Mittag aufgerichtet im
+Bett allein am Fenster gesessen. Als die Douglas sich über
+sie beugte, sah sie diese einen Augenblick an. Die Engländerin,
+die sie den Tag mit großer Ängstlichkeit gesucht
+hatte, nickte. Granuella wurde weiß und fiel auf das Gesicht.
+Sie hatte lange mit dem Tod zu kämpfen, und Lady
+Douglas vermochte lange nicht, ihrem Nicken hinzuzufügen,
+daß sie diese ganze Sache vorausgesehen habe.
+
+</p><p>Granuella wurde in der Folge sehr schön. Man sah nur
+ihre Zähne nicht mehr. Früher hatte sie die Lippen stets
+leicht geöffnet getragen. Sie hatte weniger Gelegenheit nunmehr
+zu lächeln. Ihr Bruder war während ihrer Krankheit
+auf eine unaufgeklärte Weise gestorben. Sie reiste daher,
+als sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhielt, zu seiner
+Beisetzung noch einmal nach Kowno. Wie der blonde Erzengel
+stand sie mit dem wollüstigen Madonnengesicht
+zwischen den Fahnen und Uniformen. Sie blieb allein am
+Grab vor einem wilden Haufen Blumenkränzen: &bdquo;Das da
+unten ist der Mann, mit dem ich meine Jugend geduldet,
+gelitten, gehofft,&ldquo; dachte sie. &bdquo;Das Leben war zu schwer
+für ihn und hat ihn zerbrochen. Habe ich ihm nicht Unrecht
+getan, daß ich ihm deshalb zu zürnen wagte? Hat er diesen
+Unsinn nicht einfach nur eher durchschaut wie ich?&ldquo; Sie
+griff sich an die Stirn und fühlte die Traube blonden Haars,
+die aus dem koketten Turbanhut und dem dicht unter dem
+Kinn geführten Schleier herausquoll. Sie sah die letzten
+Menschen um die Ecke des Friedhofgangs biegen. Sie hatten
+dieses Wrack, das schon vor Jahren aus Leidenschaft zum
+Geld die Sache der Nation verriet wie einen großen Führer
+begraben. Sie war toll verliebt in diesen Vater, weil er
+dem Leben unterlegen war, aber sie verachtete die Schreier,
+die ihre Phrasen über seinen armseligen Tod geschwungen
+hatten, als ob ein Heros für sie gefallen sei. &bdquo;Man hätte
+dieses Volk nie versuchen sollen zu retten. Es wäre vielleicht
+zu seinem besten gewesen, wenn man es hätte rädern
+lassen,&ldquo; dachte sie. Etwas fehlte nunmehr in ihrem Gesicht,
+aber es war unbestimmt was. Sie ging bis dicht an das
+Grab heran, dann drehte sie um. Um Weihnachstag heiratete
+sie den General Gagarin.
+
+</p><p>Seinen Anweisungen und Wünschen verstand sie sich völlig
+anzuschließen. Er vergötterte diese Frau. Er sprach auch in
+Gesellschaft, wenn sie abwesend war, nur mit einer märchenhaften
+Verehrung von ihr. Sie selbst wohnte des öfteren
+mit ihm auf dem väterlichen Gut, das nun endgültig
+polnisch war. Die interalliierten Mächte hatten schließlich
+die Macht, die die Provinz halten konnte, sanktioniert. Sie
+war auch bei allen Anweisungen auf der Seite ihres Gatten,
+der in der rücksichtslosesten Weise vorging. Wenn man sie
+gefragt hätte, was sie dabei empfinde, hätte sie voraussichtlich
+mit der Duldung aber auch der Härte, die sie auszeichnete,
+auf die Verachtung gedeutet, die sie für jene baltischen
+Schwärmer empfand, die, ehemals deutschen Blutes,
+mit ritterlichen und unklaren Gesten ihr Leben verkämpften,
+das nichts als nebelhaften Inhalt hatte. Die Phrasen taten
+ihr zu jeder Stunde weh. Sie konnte Begeisterungen nicht
+mehr ertragen, da sie auf der Kehrseite die Dummheit sah.
+Sie stand auf dem Boden ihres Mannes und hielt für recht,
+daß er behielt, was er besaß und daß er besaß, was er zu
+halten vermochte. Sie hatte Gelegenheit, sich in alle Geistesrichtungen
+ihrer Zeit zu versenken, es ist nicht gesagt, daß
+sie das primitive und wohl etwas kindische Ideal ihres
+Gatten zu oberst stellte, auch wenn sie es billigte. Als Frau
+war sie allen Schwingungen des Geistes ihrer Epoche zugänglich
+und selbst den Geheimnissen offen, in deren Schoß
+die Erde sich auf furchtbare Zeichen neu ankündigt. Aber
+als Frau wiederum fühlte sie sich in der brutalen Gradheit
+ihres Mannes geborgen, darüber mochte die Welt zerspringen.
+Sie hielt nicht genügend von ihr, um in Ereiferung
+darüber zu geraten. So war es ihr gleich, daß man
+sie haßte, wo sie der besinnungslosen Liebe des Generals
+sicher war.
+
+</p><p>&bdquo;Gehen Sie,&ldquo; sagte sie, als sie sich unwohl fühlte, zu dem
+General Fürst Gagarin, der den Vorzug hatte, ihr Gatte zu
+sein, &bdquo;dieses Telegramm bestellen.&ldquo; Nach zwei Tagen rannte,
+den Krummsäbel in der Hand, um nicht zu stürzen, ein
+fast weißhaariger litauischer General die Treppe herauf.
+Er schien völlig verstört und irrte sich in den Zimmern.
+Plötzlich riß er einen Teppich zurück. Sie war schon tot.
+Neben ihrem Bett stand Gagarin. Er grüßte stumm und
+nahm von ihrem Gesicht das Tuch, das sie ihm als erste
+Sache geschenkt hatte. Der Mann, der ihre Brüder erschossen,
+reichte es St. Goar, an dem sie ein wenig mit der
+Zärtlichkeit ihrer Glutseele gehangen und der zu spät kam.
+Er hatte die Nachfolgeschaft des Herzogs nie antreten
+dürfen. Die Männer reichten sich die Hände in einem plötzlichen
+Liebesempfinden, das wunderbar in ihren Augen
+glühte. &bdquo;Ich beschwöre Sie, mir zu gestatten, dieses auf
+ihre Brust zu legen&ldquo;, sagte St. Goar, und legte die Fahne
+mit der Silberfaust und den drei roten Punkten nieder,
+mit der sie zum erstenmal ans Meer gefahren waren. Er
+ließ sie eine Sekunde liegen, dann nahm er sie zu sich.
+
+</p><p>Als er das Haus verließ, sanken überall die Standarten.
+St. Goar schritt ein wenig torkelnd aus. Jemand lief
+hinter ihm her. &bdquo;Geben Sie mir die Fahne &mdash; ich beschwöre
+Sie&ldquo;, sagte Gagarin. St. Goar holte sie aus der
+Tasche und gab sie ihm mit einem herzlichen Gefühl und
+tiefer Verneigung. Sie mußten denselben Gedanken gehabt
+haben, sie lächelten, als ob ihr Leben umsonst gewesen wäre
+ohne diesen Augenblick oder vielmehr, als ob die ungeheure
+Seligkeit dieser Vereinigung alles auslösche, was sie
+im Guten und Schlechten gegeneinander getan hatten und
+noch tun würden.
+
+</p><p>Die Straße schien leer. Es konnte aber St. Goar nicht
+entgehen, daß das Volk der Toten fluchte. Er schaute seine
+Hände an, die ihre Brust berührt hatten und wäre fast
+darüber für immer stehen geblieben. &bdquo;Sie hat mich ein
+wenig geliebt&ldquo;, dachte er. Er war der Ansicht, es sei das
+glühendste Geschenk, daß sie ihn zum Sterben nicht missen
+wollte. Er faßte das Tuch und preßte es gegen sein toll
+gewordenes Herz. Der alte General war fast närrisch vor
+Glück. Er bedurfte einer Menge Kraft sich zu fassen, da
+er mit Uniform, in der er Hals über Kopf herübergejagt
+war, auf fremdem Territorium sich befand, und seinen
+Wagen herbeizuwinken.
+
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Amazone, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AMAZONE ***
+
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+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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