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diff --git a/33326-h/33326-h.htm b/33326-h/33326-h.htm new file mode 100644 index 0000000..3b04bc3 --- /dev/null +++ b/33326-h/33326-h.htm @@ -0,0 +1,2367 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Die Amazone</title> +<!-- AUTHOR="Kasimir Edschmid" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; } +h1 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 5%; } +h2 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 10%; page-break-before: always} +h3 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 2%; page-break-before: always} +p { margin-left: 0%; + margin-right: 0%; + margin-top: 0%; + margin-bottom: 0%; + text-align: justify; + text-indent: 4% + } +p.noindent { text-indent: 0%; } +p.right { text-indent: 0%; + text-align: right; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; + } +p.lyrics {text-align:left; + text-indent: 0%; + margin-left: 0%; margin-right: 0%; + margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; + font-size: small; + } +p.signature {text-indent: 0%; + text-align: left; + margin-left: 0%; margin-right: 20%; + margin-top: 1%; margin-bottom: 2%; + font-size: small; + } +p.blockquote {text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } + +p.first { text-indent: 0% } +p.first:first-letter { +float:left;font-size:50px;line-height:24px;padding-top:4px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; +} + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Die Amazone, by Kasimir Edschmid + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Amazone + +Author: Kasimir Edschmid + +Release Date: August 2, 2010 [EBook #33326] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AMAZONE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<h1>Die Amazone</h1> + +<h1>Von Kasimir Edschmid</h1> + +<p>In den Auseinandersetzungskämpfen der östlichen Randstaaten +wurde um Weihnacht von den Polen Feuer auf dem +Gut des Großbesitzers Voß gelegt. Der alte Voß hatte +westfälisches Blut in sich. Der Vater war ein Eingeborener, +der bis an die Küste den Forst jagdbar gemacht hatte. +Frederik de Voß war ungefähr fünfzig Jahre und unter der +früheren Regierung Landschaftsdirektor. + +</p><p>Auf seinem Besitz gründete er die „Pania watja“, von der +eine große Bewegung für die nationale Sache ausging. +Bei den Abstimmungen in den Grenzgebieten, in denen auch +seine Äcker und Scheuern lagen, stand Frederik de Voß mit +allen Pferden und Dienern im Sattel vor den Lokalen und +hielt die nationale Fahne in der Hand. Neben ihm standen +in den Bügeln aufgerichtet seine Kinder, vier Söhne und +seine Tochter Granuella. Auf dem Gut verkehrte die gesamte +litauische Intelligenz. In Granuella bewegte sich das +baltische Blut und sie stand mitten in der Atmosphäre von +Haß und Freiheitslust, wie sie litauische Frauen nur schwer +aufzubringen vermögen. Um diese Zelt annektierte der +polnische Staatsstreich ihr Gebiet mit zwei anderen Grenzprovinzen. +Granuella war damals fünfzehn Jahre und vermochte +Helden zu entfachen mit dem weißgrauen Blick in +dem Madonnengesicht. Das Haus wurde ein Mittelpunktt +der Irredenta; einer der Brüder, Roland, reiste mit litauischen +Ministern zu einer Konferenz des Völkerbunds, die +anderen reizten die etwas stumpfe Bevölkerung gegen die +Eroberer auf. + +</p><p>Frederik de Voß, sagte man, vermochte diesen letzten +Schlag nie ganz zu verwinden und schwor überall, daß, +wenn die europäischen Mächte das polnische Unrecht sanktionierten, +er das ganze Terrain in eine Wüste verwandle. +Vierzehn Tage nach Abreise der Kommission zum Völkerbund +wurden Kisten auf den Hof gebracht. Nachts wurden +mit Fackeln Tiere herausgelassen und an Ketten gelegt. +Mit eisernen Maulkörben tobten sie in einem zementierten +Keller, bis durch einen Unglücksfall eines entwich und in +voller Flucht vom Voß-Hof herjagend ein polnisches Kind +zerbiß. Daß Voß Wölfe aussetzte, steigerte die Erregung der +Bevölkerung jenseits der Grenze. + +</p><p>„Schlangen und Haifische,“ sagte Voß, „sollen folgen,“ und +ritt mit seinen Söhnen quer über das blühende Ackerland, +das sie jahrhundertlang angebaut hatten. Er dachte es +preiszugeben. Sie ritten die Kanäle hinauf und schauten +mit den Pferdeköpfen kaum über den Mais. „Misericordia“, +schrie plötzlich eine Figur in einer Priestersoutane und +sprang entsetzt in die Höhe. Die Reiter warfen sich mehr, +als sie sprangen, von den Pferden auf den Bauch, und der +polnische Priester fing mit gebreiteten Armen die Salve +von zehn Kugeln auf, welche durch sein Signal die de Voß +erledigen sollten. Sie waren in fünf Minuten im Galopp +auf dem Hof und ließen die Wölfe hinter den Franktireuren +her. Drei warfen sie vor dem Dorf und fraßen die Weichteile +heraus. Die Polen, die sich am Abend heranschlichen, +zitterten vor Wut. In der Nacht zündeten sie die Scheuern +um das Gut herum an. + +</p><p>Vor Granuellas Augen fielen die drei Brüder. Zu Zweien +gingen die litauischen Knechte durch den Feuerschein über +den Hof durch ein Detachement polnischer Soldaten, die +ihre Uniformen nur oberflächlich mit Radmänteln und +Säcken, durch die sie Kopflöcher geschnitten hatten, verdeckten. +Ihre Blicke waren alle auf einen Mann gerichtet, +der einen leicht ergrauten Schnurrbart trug und auf einem +Maultier saß und unbeirrt in den Brand schaute. + +</p><p>Er war voll in der blutigen Flammenpracht erleuchtet +und setzte sich allen möglichen Schüssen aus. Man sah über +sein totenblasses Gesicht die Scheine unaufhörlich hinwehn. +Sein Pelz deckte nicht den Säbel seines Regiments, und die +Epauletten stießen Beulen in den Mantel über seinen +Schultern. + +</p><p>Der junge Oberst ritt nun bis dicht vor das Gebäude, um +dessen Holzsäulen das Feuer wie ein Karussel sich drehte +und rief ein paar Worte zu dem Balkon hinauf, wo der +alte Voß stand. Der hatte keine Kugeln mehr in seinem +Gewehr, warf die beiden Pistolen nach dem Polen und rief: +„Verdammt will ich sein, Fürst Gagarin, wenn ich davonkomme, +so ich nicht die Kanäle morgen bis Warschau übers +Land laufen lasse.“ Er fing bitter zu lachen an, als gleichzeitig +die Flammen sich gegen den Balkon warfen. Er sah +den Tod sicher. + +</p><p>Wieder sagte darauf der junge polnische Oberst etwas, +das Voß in eine Art Raserei brachte. Er suchte herunterzuspringen, +woran ihn Granuella hinderte, die an dem +Gitter herangelaufen kam, dem einzigen feuerfreien Platz. +Der junge Oberst ward fast wahnsinnig, als er sie sah. + +</p><p>Er ritt so nahe, daß sein Tier sich auf den Hinterbeinen +hob, sah fest in die Augen des Mädchens und ritt mit gesenktem +Kopf wieder weg, als habe man ihn zwischen die +Schultern geschossen. Er liebte das Mädchen wie ein Verrückter, +aber wie sollte er sie gewinnen, wo er ihre drei +Brüder getötet hatte. Er schalt sich feig, daß er sie nicht +gezwungen hatte vor dem Brand sich retten zu lassen, aber +es war unmenschlich, in die Flamme zu springen, um jemand +herauszuziehen, der lieber starb als ihn ansah. Er watete +mit dem Maultier in einen Kanal, ließ sein Detachement +mit den gefangenen Litauern, die rekrutiert werden sollten, +an sich vorbeiziehen und war nahe daran, sich hinter ihnen +eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Nach einer halben +Stunde war er wohl wieder bei sich, aber er hatte das Gefühl, +keine Frau je wieder ansehen zu können. + +</p><p>Der Brand hatte sich auf alle Scheuern und Schober ausgebreitet. +Das Vieh verbrannte unter großem Lärm in den +Ställen. Die Schober brannten viel heller und höher, acht +Stück, im Kreis um das Herrenhaus, wo man in immer +rasenderen Stößen am Zittern des Bodens die Stöße +empfand, mit denen die Bullen ihre Steinwände einzurennen +versuchten. + +</p><p>Der Platz zwischen den Scheuern und der Mauer, die die +Hofsiedelung im Viereck umgab, war hundert Meter weit, +der Zwischenraum zwischen den Scheunen und dem Gutshaus +zweihundert, und alles war so hell, daß man die +Mäuse am Boden herumspringen sah. Das Tor war verrammelt +mit Wagen, die übereinandergestürzt in der Einfahrt +lagen, und der eiserne Teilflügel des Tors hing +riesenhaft, schräg, nur in einer Achse in die Luft und spießte +mit seinem Hellebardenabschluß ein Schwein, das von einem +turmhohen Furagewagen hineingesprungen war. Plötzlich +ritt eine Abteilung eines Litauerregiments über die Äcker +und Kanäle heran. + +</p><p>Sie saßen ab, steckten die Köpfe über die Mauer, hoben +die Nasen neugierig und sprangen auf einen Befehl hinüber. +Der junge Leuchtenberg, der sie führte, kam mit dem Pferd +über die Mauer und war der erste auf der Leiter, mit der +man Granuella und den Vater rettete. Er trug sie selbst +Schritt um Schritt und nicht sehr eilig über den dreihundert +Meter taghellen Hof nach dem Kanal hinter der Mauer. Als +er sie niederlegte, um sie mit Wasser an den Schläfen zu +waschen, ward sie, die immer in seinen Blicke hineingeschaut +hatte, ohnmächtig. + +</p><p>Das Detachement suchte die Polen noch zu erreichen. Die +hatten die alte Polengrenze bereits überschritten, man +kehrte daher auf das umstrittene Gebiet zurück, das dem +Recht nach wohl den Litauern, der Macht zufolge den Polen +gehörte, das eine Art Freikampfplatz der irregulären +Truppen darstellte und um dessen Schicksal seit zwei Jahren +in Lausanne beraten ward. Mit gesenkten Karabinern +kamen sie zurück. + +</p><p>Voß schwur, als er seine Söhne sah, wie sie nebeneinander +lagen, durch und durchgeschossen, mit einer plötzlich weinerlichen +Stimme, nicht eher zurückzukehren, bis das Terrain +wieder litauisch sei und er in einem schauerlichen Kreuzzug +durch Europa an den Polen seine Rache genommen habe. +Mit den drei Leichen auf einem Leiterwagen, neben jedem +ein Bauer, der ihn umarmt aufrecht hielt, fuhr er über +den Dünensand in die Fichtenwälder nach Kowno, Soldaten +vor und hinter sich. + +</p><p>Neben dem Wagen Granuellas ritt der junge Herzog von +Leuchtenberg eine Weile, salutierte dann und ritt zurück, +denn das Mädchen schien immer noch in einer Ohnmacht, +obwohl sie sprach und auf Anruf sich bewegte. Ihre Aufmerksamkeit +schien völlig in der Feuersbrunst zurück gebannt +zu sein und es war seltsam, wie sie mit einer eigenartig +zarten Bewegung sich hinderte, den Kopf dahin zu +wenden, woher sie kamen. Er beobachtete sie einige Augenblicke, nahm die Mütze von seinem ganz blonden Scheitel, +unter dem eine angenehm gebogene Adlernase hervorsprang, +pfiff den Rest des Detachements zusammen und sprengte die +Grenze lang zurück, während der Trauerzug aus dem Wald +ins freie Feld torkelte. Solange man ihn am hellen Himmelsrand +sehen konnte, blickte Granuella, stehend, im Wagen +ihm nach. + +</p><p>Der alte Voß hielt sich monatelang in Lausanne auf. Er +richtete sich umständlich ein, mietete ein altes Hotel und +stellte eine Wache davor. Er suchte durch seine Versipptheit +mit belgischen Adelsfamilien einen Einfluß auf den Gang +der Verhandlungen auszuüben und machte den Aufwand +eines Fürsten. Die ständig arbeitenden Bureaus sahen in +der Ruhe ihrer Arbeiten dem kleinen Kriegsspiel im Osten +nicht ohne Neugier aber ohne jedes Interesse zu. Man erwartete +Entscheidungen, die man selbst zu fällen vermied. +Man hatte durch Zufall diese Randvölker, deren Namen man +früher nicht wußte, befreit und hätte lieber gesehen, daß +sie aus dem Erlös ihrer Schweine eine Börse bauten und +sich mit Parfum bespritzten, statt daß sie die westlichen Ehrbegriffe +mit übertriebener Entzündlichkeit nachmachten. +Diese Kriegstüchtigkeit war allerdings ein Rechnungsposten +gegen die Macht Lenins und man ehrte sie dadurch, daß +man die Sache hinhielt und sich für keinen vorderhand +entschied. Da Voß leidenschaftlich seine Sache liebte, langweilte +er alle Instanzen zu Tode. Man gab ihm den Rat +zu verschwinden. Zu seinem Unheil befolgte er ihn nicht. + +</p><p>Die jungen Attachés, die an seinem Tisch saßen, fingen +an, hinter den Servietten ihn zu verspotten. In den Stuben +ihrer Sekretäre wurde er vertröstet, wie man jemanden +traitiert, der der Ansicht ist, die Welt sei der Gerechtigkeit +halber da. Er schadete seiner Sache, weil niemand mehr +davon hören wollte. Die Reisenden fanden es imposant, +wenn er als Freiheitsheld ihnen gezeigt wurde, wie er mit +Granuella am Quai des eaux vives mit seinem mächtigen +Körper und dem Blond seiner Rasse herunterkam, aber +seine Politik hatte gar keinen Transport. + +</p><p>Da der Alte mit Wagen und Pferden wirtschaftete wie zu +Hause, konnte er auf die Dauer die Differenz zwischen der +litauischen Mark und dem schweizer Franken nicht aushalten +und begab sich nach Paris. Er war halb von Sinnen +über die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen. Revenüen aus +den Gütern bezog er nicht mehr. Von einem Teil des Barvermögens +lebte der letzte Sohn in London als Beirat immer +zweckloser sich gestaltender Konferenzen. Man schien plötzlich +überhaupt die ganze Frage suspendieren zu wollen und +wartete auf einen Zufall, der das Grenzabkommen endgültig +von selbst erledigte Für jemanden, dessen Güter +während des Krieges sechsmal die Deutschen und fünfmal +die Russen erobert und annektiert hatten, war die wirtschaftliche +Lage mehr als ein Kartenspiel wert. Plötzlich +galt es zu leben. Man hatte alle Energie nötig, den Unterhalt +auf der Höhe zu halten. Seither kamen dem Besitzer +von hunderttausend Morgen, der eine Provinz beherrschte, +Gedanken derart nicht im Traume vor. Mitten in seinen +Unternehmungen, die eine fixe Idee der Gerechtigkeit umkreisten, +sah er sich mit ungeheuerlicher Energie in die +Enge getrieben und fand sich in einer Situation gefangen, +die schon fast verzweifelt war, als sie ihm bekannt wurde. + +</p><p>Seine Eitelkeit litt in dieser Nacht erstaunliche Qualen. +Man war mittlerweile nach London übergesiedelt. Er +stürmte im Salon seiner Hotelwohnung mit sich redend auf +und ab, bestellte um drei Uhr Allasch und Tee, durchmaß die +Wohnung knurrend in schräger Richtung hin und her. Um +vier Uhr stürzte er plötzlich an das Balkonfenster, zog den +Vorhang zurück und blieb, die abgerissene Schnur in der +Hand, über dem Frühnebel stehen. Schon in der Frühe begab +er sich auf die Bank von England mit einem Diener, der +zwei große Aktienpakete unterm Arm trug. Er rechnete +damit, eine Rente in Pfunden oder Sterling aufzunehmen +über einen Teil seiner Besitzungen, die in Rußland lagen. +Die englischen Banken übernahmen gern die Besitzrechte zu +einundfünfzig Prozent auf ertraglose Werte, um sie bei +einer Kursänderung der Arbeiterstaaten gewaltig unter +der englischen Flagge auszubeuten. Trotzdem man in London +an das baldige Ende Lenins glaubte, hatte man kein +Interesse für die von Voß angebotenen Werte. Man empfahl +ihm, seine litauischen Güter zu beleihen. Die Herren der +Prokura, die ihn empfingen, sollten eine große Szene erleben. +Der alte Seigneur riß seinen Kragen vom Hals und +sagte, er werde eher Portier der Bank. Darauf wandte er +sich um, winkte dem Boten und warf die Tür hinter sich zu. +Obwohl die Offerte der Bank verständig war, fühlte er +sich tagelang beschimpft. Das Gefühl, den Boden, um dessen +politische Freiheit er sich in ihm unerträgliche Prozesse +gestürzt hatte, geschäftlich benutzen zu müssen, gab ihm +einen Schlag ins Gesicht. Er wankte in seinem ganzen +Seelenbezirk. Mit irren Augen sah er die Ereignisse herankommen, +die er nicht begriff und die ihn, pfui Teufel, noch +weniger zu begreifen schienen. Mit zitternden Händen +rückte er seinen Zylinder zurecht, als er Granuella den +Mittag bei ihrer Freundin abholte, der Lady Douglas, die, +zehn Jahre älter als sie, sie unter ihren Schutz genommen +hatte. Die Douglas war eine entfernte Verwandte und +hatte ihr Haus und ihre Anmut den Flüchtlingen geöffnet. +Voß verschwieg ihr seine Lage. Wenn er von seiner Provinz +in Zukunft sprach, hatte er mitten in seinem blondumbarteten +Mund eine gewisse Weichheit bei der Artikulation. Im +Herzen war er verzweifelt. Natürlich wären viel Hilfsmittel +zu seiner Verfügung gewesen, allein durch seine Eigenart +verlor er die Freiheit, sich ihrer zu bedienen. Wo es ihm +gepaßt hätte, sich Freunden zu eröffnen, war das fragliche +Vermögen zu gering. Die Blicke des Hoteldirektors zwangen +ihn zu Entscheidungen im Hinblick auf seine lang aufnotierte +Rechnung. Von allen Seiten bestürmten ihn nunmehr +Schwierigkeiten, denen er nicht gewachsen war mit +seiner herrischen Natur und Erziehung. Das englische Pfund +begann sich gegen den Dollar stark zu senken, die Gläubiger +holten ihre Ausstände ein. Er ging an der Börse ein Baisseengagement +auf die polnische Mark ein, die sich besserte und +ihn zerschlug. + +</p><p>Man verkaufte sein Auto, seine Pferde. Solange reiste +er nach Brüssel und kam zurück, als sei in der Tat nichts +geschehen. Auf seinem Tisch lag ein Telegramm seines +Sohnes Roland, das nichts über die Verhandlungen enthielt, +jedoch Schweizer Franks wünschte. Er konnte nicht +helfen. Zum erstenmal im Leben empfand er Heimatlosigkeit. +Er fühlte seine Umgebung feindlich und unzugänglich. +Als er plötzlich sich an seine Gärten und die flache braungelbe +Schonung erinnerte, zerriß ihn fast die Verzweiflung. +Mit dröhnenden Schritten stolperte er in die Gassen hinein, +die Vorstädte umgaben ihn mit dem Nachtgewölb. Das +Elend, die Hilflosigkeit übermannten ihn. Seitdem er den +Boden seiner Heimat verlassen, der ihm Sicherheit durch das +Leben hindurch gewährleistet hatte, sprangen lauter unglückselige +Dinge hinter ihm her. Er bewegte die Arme +alle paar Minuten vom Körper weg. Es kam ihm vor, als +sei er gefesselt. Er war von einer Hilflosigkeit zerschmettert, +die ihn kindisch machte. Er hatte nur noch Gedanken nach +Geld. Die Schatten der Vorbeihuschenden türmten sich über +ihn, alles drückte ihn zu Boden, was ihm begegnete. Er kam +über eine Brücke mit gurgelndem Wasser und sah sich plötzlich +in einer bekannten Straße. Mit Erstaunen bemerkte er, +daß er nach einigen Schritten sich an der Tür eines Emigrantenklubs +befand. Er stieg hinauf, riskierte seine Ehre, +indem er auf Wort spielte und gewann die Nacht tausend +Pfund und fuhr nächsten Tags nach Paris. Daß er gerettet +war, machte ihn glücklich und heiter. + +</p><p>Sie machten die Reise in kleinen Stationen über Antwerpen, +Gent, Calais. Er beabsichtigte, für seine Tochter +etwas zu tun, die ihm in den letzten Monaten aus dem Gesicht +gekommen war. Das Unternehmen dieser Reise war +heiter. Er nahm seine Tochter vor Rührung in die Arme, +als sie zum erstenmal Buchenwald wieder an das Meer +heranrücken sahen. Dahinter flogen Windmühlen und eine +Herde Kühe kam ihnen entgegen. Sie waren beide hingerissen. +De Voß, mit Tränen in den Augen, begann aus +voller Kehle im Auto halbstehend, die nationale Hymne zu +singen. Die Ebenen und Wiesen mit den Arbeitenden und +dem Vieh hätten ihn fast zum Jüngling gemacht. + +</p><p>In Paris scharte er entschlossen die Jugend seines Randstaats +um sich. Da die Verhandlungen in der Schweiz keine +Fortschritte machten, verlegte er einige Wochen seinen +Wohnsitz wiederum in die Schweiz, ohne indes etwas zu erreichen. +Er hatte allerdings die Ehre, daß Lord Chamberlain +ihn empfing, der das britische Reich damals vertrat und +ein Vetter der Douglas war. Die Unterredung war kurz, +aber er vermochte den Diplomaten an die besten Traditionen +seines Volkes zu erinnern und sah ihn in einem majestätischen +Moment bewegt, als er ihm die geschäftliche Feigheit +der europäischen Staaten vorwarf, aber ein furchtbarer +Schlag zwang ihn nach Paris zurück. Er vermochte sein +Vermögen nicht mehr zu retten. + +</p><p>Er fuhr direkt zur Börse. Der Krach war entgültig und +erledigte ihn. Es blieben lediglich einige südafrikanische +Shares. Diesmal schien es keine Rettung mehr zu geben. +Er wurde tiefsinnig. Er erholte sich wohl auch nie mehr von +der Demütigung, die ihn zwang, wieder dem Gelde nachzulaufen. +Bei einem Spaziergang in den Tuilerien fiel ihm +ein Bankier ein, den ihm Lady Douglas als ihren Vertrauensmann +in Geldsachen bezeichnet hatte. Hier griff zum +erstenmal die Douglas in das Leben dieser Familie ein, die +um ein Lebensrecht kämpfte, das sie seit einem Jahrhundert +schon verloren hatte. Er ging zur Avenue Wagram zu Fuß +und widerrief seine Absicht bei jedem dritten Schritt. Aber +beim vierten entschloß er sich wieder von neuem. Schließlich +trat er in das Privatbureau des Präsidenten. + +</p><p>Als dieser eintrat, hatte er sofort solchen Widerwillen +gegen den Mann, daß er versuchte, mit einer Ausrede ihn +zu verlassen, dann sah er ihn einige Sekunden an von dem +schlechten Scheitel bis zu den falsch geknöpften Schuhen. Er +nahm seinen Hut ab, verneigte sich und sagte: „Sie sehen +in mir einen Mann, der sein Vaterland über alles liebte +und der vernichtet ist.“ + +</p><p>„Bedecken Sie sich,“ sagte der andere, der einen kleinen +Sprachfehler hatte, „ich will sie retten.“ Der Mann hielt +ihn trotz seiner imposanten Ausgaben drei Monate über +Wasser, bis die Baisse nachließ und die Kurse der Unternehmungen, +an denen er ihn gegen gute Prozente beteiligt +hatte, wie die Affen kletterten. „Mein verehrter Baron,“ +sagte der Bankier, „Sie sind saniert und ich hatte das Vergnügen +dabei, einer verehrten Frau eine Gefälligkeit erweisen +zu dürfen. Jetzt kehren Sie auf Ihre Besitzungen +zurück.“ + +</p><p>Darauf nahm Voß den Hut mit einer feierlichen Bewegung, +als ob er etwas in tiefster Ehrerbietung heimlich +grüße, bekam einen Kopf wie ein Schlagflüssiger und verließ +ohne Dankeswort den Sprecher. Er schüttelte die Faust +über diesen Zeloten. Er gewann seinen ganzen Stolz zurück. +Es war prächtig, wie er damit sich selbst zurückgewann und +mit sich prunkte. Einen Teil seines Gewinns sandte er in +aufsehenerregender Weise an Roland de Voß nach Lausanne +und eiferte ihn an, aufs heftigste tätig zu sein. Einige +Wochen ging es ausgezeichnet. + +</p><p>Die Fürstin Trobetzkoi kam aus Nizza zu Besuch. Das +Haupt der von ihm gegründeten Pania Watja, der jüngere +St. Goar, ein Vetter der Fürstin, die den letzten polnischen +Marschall auf der Promenade zur Rede gestellt hatte, traf +ein. Noch einmal flatterten die kleinen Litauerfahnen an +seinem Wagen mit der aufsehenmachenden Silberfaust +zwischen den drei roten Kugeln. Auf den Wunsch St. Goars +fuhren sie ans Meer. Sie standen am Vormittag lang auf +der Düne und sahen in den starken Wind. Es war ein angenehmer +Tag. In der Nacht tappte Voß an seinen Safe, der +in einen suite-case eingebaut war. Er fand nichts mehr +darin, Die Hände fingen ihm an zu zittern. Man war +wieder am Ende. Von nun ab trug er das eine Auge etwas +geschlossen. + +</p><p>In der Frühe beeilte er sich zu Granuella hinüberzugehen. +Die war erstaunt, daß er ohne sich anzumelden, kam, weil +das noch nie geschehen war, solang sie denken konnte. Selbst +als ganz kleines Kind wurde sie jeweils erst von einem +Mädchen auf seinen Besuch aufmerksam gemacht. Sie bemerkte, +daß er eine graue Haut hatte. Daraufhin richtete +sie sich auf. Im Zimmer flogen aus drei hängenden Käfigen +Kanarienvögel hin und her und sangen. Die Zofe hatte die +aufgewellten Cremegardinen halb hochgezogen und eilte +hinaus. + +</p><p>„Packe alles,“ sagte er und sah sie mit aufgerissenen +Lidern an. „Wir werden uns in Zukunft einzuschränken +haben. Entlasse das Personal. Ich werde gehen, eine unseren +Verhältnissen angemessene Wohnung zu finden.“ + +</p><p>„Wie,“ sagte Granuella, „wir müssen anfangen zu verzichten? +O, wie danke ich Dir, daß wir endlich dazu bereit +sind.“ + +</p><p>Voß war es in diesem Augenblick, als müsse er sterben. +Denn er sah zum erstenmal seine Tochter so. Er hatte gedacht, +daß sie toben würde. Diese Hingabe rührte ihn derart, +daß er sich aus Schwäche auf ihren Bettrand setzen mußte, +und immer wieder ihre Hand nahm und sie an sein Herz +preßte. Er war restlos besiegt und erschüttert und küßte +ihre Haare. + +</p><p>Als er allein war, machte das ihn unsicher. Er wollte seine +Tochter das Opfer in Wirklichkeit nicht erleben lassen. Wie +er in den Spiegel sah und dachte, daß er alle die Monate und +Jahre an seiner Tochter vorbeigelebt hatte, brach er sogar +in Tränen aus. Um Geld herbeizuschaffen, lief er zu dem +Bankier, erreichte aber nichts, da er verreist war. Er suchte +ihn gegen Abend noch einmal auf. Er hatte wieder keinen +Erfolg, trotzdem dachte er nur daran, Granuella das seitherige +Leben fortführen zu lassen. Als Granuella den +Zurückkehrenden gedrückt sah, durchschaute sie alles, überraschte +ihn mit fertigen Tatsachen, das Personal war entlassen, +das Etablissement gekündigt, manches zum Verkauf +ausgeschrieben und das meiste schon gepackt. Am nächsten +Mittag zogen sie in eine kleine Wohnung am Friedhof Pair +La Chaise. + +</p><p>Eine Weile lebten sie, daß es Granuella später vorkam, +es sei die beste Zeit gewesen in ihrem Leben. Wenn Voß die +Treppe herunterkam, sprang jedesmal der Concièrge aus +seiner Loge und schlug mit dem Holzbein an den Schellenbaum, +den er bei Verdun getragen. Voß pflegte kurz zu +grüßen. Trotzdem war der Mann über die Frische begeistert, +die da die Treppe herunterkam, und hinter der er einen +General vermutete. Sein Herz schlug höher, er salutierte +noch hinter ihm her, manchmal verfolgte er ihn mit seiner +Krücke ein Stück auf der Straße und rief hinter ihm her: +„So sehen Sie doch, mein Herr, wie frisch die Bäume sind. +Es muß einen neuen Krieg geben, sapristi . . .“ Er blies +sogar in die Hände über diesen Mieter und drehte sich vor +Vergnügen im Kreis, wenn man ihn nicht sah. + +</p><p>Es war für Vater und Tochter eine entzückende Sache +sich einzuschränken, weil sie es nicht gewohnt waren. Man +machte Entdeckungen. Es war mehr eine Robinsonade und +ein unterhaltendes Spiel als die Not. Was war das für ein +Leben ohne Telephon und Diener. St. Goars Blicke wurden +bei diesem Anblick der rührenden Sparsamkeit glücklich. +Man gründete die Pania watja mit neuen Formeln, ein +Strom von Belebung ging von beiden aus. Zu ihrem Glück +setzten die polnischen Studenten-Manipel durch, daß die +Pania watja aufgelöst werden mußte. Sie bestand unter +anderem Namen verstärkt fort. + +</p><p>„Man muß arm sein, um eine Sache richtig machen zu +können,“ wagte eines Tages sogar Voß zu sagen, als er erfreut +zurückkam. Zu seinem Unheil war das bescheidene +Leben aber ebenfalls zu knapp. Man streifte wieder die +Not. In diesen Tagen mußte Rolands Scheck erneuert +werden. Es blieb nur die Möglichkeit, den Sohn zurückzurufen. +Granuella sagte: „Wir dürfen unseren Stolz nicht +so sehr wachsen lassen. Wir müssen des Erfolges halber auf +die Revenüen der Güter zurückgreifen, auch wenn die Polen +darum herumsitzen. Man schmeckt es dem Gelde nicht nach, +daß es nach den Schwarzbeinigen riecht.“ Sie hatten sich +angewöhnt, nach den Landarbeitern in den Kanälen die +ganze Station so zu nennen. Zu ihrem Erstaunen widersprach +der von Geld durch die Not wieder ganz bezauberte +Voß kaum. Es war umsonst. Denn bald kam die Nachricht, +daß ein Semjimbeschluß die Ausfuhr von Geld aus dem +annektierten Gebiet verboten habe. Das zertrümmerte Voß. +An Rückkehr war nicht zu denken. Er wäre eher vom Dach +des Hotels gesprungen. Wahrscheinlich hätte man sie ihm +nicht einmal erlaubt. Nun empfand er seine totale Losgelöstheit. +Es gab tatsächlich keinen Halt mehr für ihn, +man hatte die Heimat wie ein Stück Körper von ihm abgeschnitten +und er befand sich mitten in einer furchtbaren +unübersichtlichen Flut. Es konnte nur ein Ziel geben, das +gleichzeitig allein Halt verbürgte: Geld. Er bekam einen +Zug, der seine Nase schärfer machte, den Mund spitzte, im +Auge flackerte manchmal mit einem gelben Schein die Gier. +Die Hände schnellten oft wie bei einem Vogel, der einen Ast +ergreift, zusammen. Er war gemacht für Kämpfe, die eine +gewisse Höhe an Stolz und Anspruch voraussetzten. Zu +anderer Zeit wäre er ein großer Anführer für die Freiheit +gewesen. Zu seiner Verwunderung wurde er rücksichtslos +umgeworfen. Wo er an Adel sich klammerte, krachte die +Not. Er glitt fast widerstandslos in die Hände von Glückssrittern +und in die Fallen von Habenichtsen. Plötzlich war +er hilflos, aber auch unfähig wie ein Kind. Er ging einfach +glatt vor die Hunde in dieser Quälerei um die Existenz. +Sein Widerstand war so erstaunlich gering, weil er selber +fühlte, wie er abstarb in diesem Zeitalter, das seine Voraussetzungen +schon gar nicht mehr kannte. Man mußte Paris +verlassen. Er jagte hinter allen Möglichkeiten des Geldes +wie ein Besessener her. Im Grunde ward das die mächtigste +Bewegung in seiner Seele. Er hatte Angst in einem Vorstadthotel +zu krepieren. Aus dieser Furcht entwickelte sich +eine namenlose Habgier nach Geld. + +</p><p>Zuerst waren es noch korrekte Sachen, die an ihn heran +kamen. So war er zum Beispiel wohlgelitten bei der Großherzogin +von Luxemburg, die ihn ihr Gestüt beaufsichtigen +ließ. Wegen seiner Zugehörigkeit zur Pania watja erreichte +nach einigen Monaten diese Beziehung ein Ende. +Der polnische Geschäftsträger wies darauf hin, daß Voß Anwesenheit +am Hofe seine Regierung stark verstimme. Da der +luxemburgische Frank gut stand, mußte man den Alten +opfern. Zu allem Elend kam nun, daß die Polen, gegen die er +den „Kreuzzug durch Europa“ unternommen hatte, ihn wie +einen Fuchs zu jagen begannen, als sein Kreuzzug schon ein +erbärmliches Gehetz durch immer erschrecklichere Not wurde. +Das Halali des Staatschefs Pilsudski hinter ihm her brachte +ihn fast ins Grab in den nächsten Monaten. Er war zu +mürbe schon, um zu sterben an seiner Galle. Er war entschlossen +nicht Hungers zu sterben. Also starb er auch nicht +an Ehrgeiz, denn es fehlte die Zeit dazu. Ein Lichtblick +war, daß er in Kissingen einen abgesetzten deutschen Fürsten +am Brunnen traf, der auf seinem Gut übernachtet hatte +und ihm nun klagte, daß Auseinandersetzungen mit englischen +Banken sein Vermögen zerstörten. Er gewann Voß +dafür, durch eine Reise seine Londoner Beziehungen in den +Dienst seines Prozesses zu stellen. Voß fuhr nach Dover, +dann nach London. Er war zu ungeschickt, trotz besten +Drucks durch seine Bekannten, den Prozeß geschickt gegen +die gerissenen Advokaten des englischen Fiskus zu leiten. +Er nutzte Beziehungen falsch aus, bestach nicht und versprach, +wo man Tatsachen sehen wollte. Er verlor durch schlechte +Laune seine Beziehungen, denen er seine Unterlassungen +und Fehler empfindlich vorwarf. Er hatte mehr zerstört, +als vorher möglich schien. Gedrückt kam er nach Deutschland +zurück. In München wachte er auf und besaß noch für +drei Tage Geld. Das Gespenst saß schon auf seinem Bett. +Es hatte ihn eingeholt. Es hatte lange im Dunkel gedroht. +Da war es vor seinem Gesicht. Er war zerrissen und zerschlagen. +Hoffnungslos schlich er durch die Straßen. Da +drückte ein junger Mann dem Alten die Hand. Er sah St. +Goar in die Augen. Er mußte im ersten Augenblick einige +Schritte zurücktreten, dann frug er gierig: „Haben Sie +Geld.“ St. Goar hatte reichliche Mittel. Er sanierte Voß, +beteiligte ihn an schlesischen Werten, die gerade haussierten. +Das sollte St. Goar aber schlecht bekommen. + +</p><p>Als der Alte sich im Besitz starker Mittel sah, erwachte das +Gefühl für seine politische Aufgabe wieder in ihm, und +zwar in ungeheuerlichem Maße. Die Hälfte seiner Einkünfte +sandte er sofort an Roland de Voß, der gerade mit einer +Studienkommission im Osten war. Mit einem Stab junger +Feuerköpfe reiste er an allen Gouvernements und Börsen +herum. Er ließ Proklamationen an die Parlamente und +Bittschriften an die führenden Kabinette verfassen, Versammlungen +abhalten und die Presse beeinflussen, kurz er +machte soviel Wind und Redens um seine Angelegenheit, +daß er sich alle zu Feinden zuzog, die am Schweigen darüber +interessiert waren, und das waren die Mächtigsten und gerade +die, die allein hätten helfen können. + +</p><p>Voß hatte nunmehr einen neuen Plan ausgeheckt, die +Sache seiner Provinz zu beschleunigen, indem er sie in die +Hände der Großindustrie legte, und jeweils, wo er zu Konferenzen +erschien, sah man ihn von jungen Leuten und +Dienern begleitet, die Gesteinproben mitschleiften. Er suchte +nachzuweisen, daß gewaltige Schätze in dem umstrittenen +Terrain steckten, und daß ein faules Volk wie die Polen sie +vernichten würden oder zu dumm seien, sie zu verwenden. +Er war jedoch bereit, jeder ausländischen Interessentengruppe +alle Konzessionen, ja allen Verdienst, abzutreten, +wenn sie über ihre Regierung den Sieg seiner Nation durchsetzten. +Dieser Plan wurde damals von vielen Seiten ernstlich +in Betracht gezogen, und es war nicht unsinnig, an seine +Verwirklichung zu glauben. + +</p><p>Der treuste seiner Begleiter war ein junger Mann aus +der bürgerlichen Familie Romanoff, die in Litauen ansässig +war und eine hervorragende Menge von Begabungen in die +noch spärliche Intelligenz sandte. Er hatte veilchenblaue +Augen und ganz blonde Brauen. Sein Hals war fast klassisch, +sein Haar mehr blau wie schwarz. Mit dem Mund verstand +er so zu schweigen, daß es eine der anmutigsten Gesten +war, die es in dieser Zeit gab. Die Überzeugtheit des alten +Voß nahm damals eine solch riesenhafte Höhe an, daß sie wie +eine plötzliche Krankheit wirkte. Das machte den alten +Seigneur verdächtig bei aller Welt. Mit von Widerständen +krankhaft aufgereiztem Feuer begann er nach so langer +Pause des Verschollenseins und nach so atemloser Jagd nach +dem Geld sich wie ein Ertrinkender in ein Schlachtfeld von +neuen Plänen zu stürzen und sich daran zu verwirren. Unter +anderem zahlte er St. Goar auf eine peinliche Weise den +Dank für die Gutmütigkeit, mit der jener ihn an den +Haaren aus dem Dreck und Skandal gezogen. + +</p><p>In Lausanne überwarf er sich wegen einer technischen +Frage der Propaganda mit St. Goar beim Lunch und beleidigte +den Verblüfften auf eine gewaltsame Art, worauf +dieser mit einem langen Blick auf Granuella den Saal verließ. +Voß vermochte Widerspruch nicht mehr zu ertragen. +Genau so großartig, wie er knapp am Hunger lebend die +Erzlager seiner Provinz den internationalen Industriekapitänen +vor die Füße schmiß, genau so vergaß er, von +welchem Geld er überhaupt lebte, als er seinen besten Helfer +barbarisch traktierte. Es gelang allerdings, ihn zu einer +Aussprache mit St. Goar zu bringen. + +</p><p>Sie fand im Salon des Hotels statt und St. Goar bewies +viel Würde und Wille zur Verständigung. Er vermochte +allerdings nicht, sich einem Gesichtspunkt seines Gegners, +den er für verrückt hielt, anzuschließen. Leider ereiferte +sich Voß maßlos und, um St. Goar für seinen Gewaltplan +zu zwingen oder ihn unschädlich zu machen, drohte er einen +Augenblick, ihn wegen gewisser Unregelmäßigkeiten aus +der Bewegung auszuschiffen. In diesem Augenblick trat +Granuella ein. Sie führte ihren Vater in die Ecke und +sprach leis einige Worte zu ihm. Es schien, als ob sie ihn +um Mäßigung bitte. Voß ging darauf ganz weiß im Gesicht +an die Tür, öffnete sie und telephonierte im Nebenzimmer. +Nach zwei Minuten kam der Portier des Hotels mit zwei +Beamten der Fremdenpolizei. + +</p><p>„Dieser Herr hier,“ sagte Voß, und deutete auf St. Goar, +„besitzt einen falschen Paß. Ich teile das Ihnen mit im +Interesse des Landes, das mir Gastfreundschaft gewährt.“ +Voß war in furchtbarer Verfassung. Am liebsten hätte er +gesehen, daß man St. Goar an den Spiegel stellte und +füsilierte. Er beachtete überhaupt nicht, daß die beiden +Beamten ihn baten mit zur Präfektur zu kommen. Er +sah in ihm lediglich den Feind seiner Methoden und seiner +Sache, der zu vernichten sei. Er war durch die erbarmungslosen +Stöße des Lebens in den letzten Jahren von einer +fieberhaften seelischen Erkrankung begleitetet, die jedenfalls +kein Irrsinn war, ihn aber veranlaßte, aus Angst vor dem +raschen Ausgehn des Geldes alles mit einem bedeutenden +Größenwahn zu sehen. Ohne Zweifel war er überzeugt, daß +an der kleinen Differenz der Anschauungen mit St. Goar +das Schicksal seiner ganzen Mission hänge und daß noch +sicherer ohne seine eigene Hilfe die ganze Sache rettungslos +zerfalle. Diese Verantwortung brachte ihn fast zum +Wahnsinn. + +</p><p>Er bedachte dabei nicht, daß er mit St. Goar seine Börse +verhaften ließ. Er war bei aller Begeisterung eigentlich +ein Kind, dem entging, daß die Schicksale der Nationen +keineswegs auf den Rollschuhen entzündeter kleiner Patrioten +liefen. Er war der Trümmerhaufen einer abgeschiedenen +Zeit aber immerhin sehr interessant, wie er, +dampfend vor Zorn, mit seinem großen Körper über den +Klubsessel gebreitet dalag. Granuella stand noch an der +Wand. Nun kam sie herüber: „Ich vermute, daß Du sehr +unrecht getan hast,“ sagte sie und bemerkte daß sein linkes +Auge fast zugefallen war. + +</p><p>Daß seine Tochter, die nunmehr achtzehn Jahre alt war, +aus ihrer Anonymität heraustrat, ließ Voß zuerst erstarren. +Dann sprang er auf. Wie alle falsch Illuminierten entschloß +er sich sofort, alles, was ihm lieb war, in seinem +Herzen zu massakrieren und sich völlig zu isolieren. Er +dachte damit seine Kühnheit zu verstärken, während er sich +kastrierte. Auch konnte er seltsamerweise den Blick der +Tochter schwer ertragen, kurz, er brüllte sie plötzlich nach +einigem Schwanken wie ein Panther an. Sie wich zurück. +Dann sagte sie kalt, sie billige die Ansichten St. Goars. + +</p><p>Der Alte schlug die Hände zusammen. Er vermochte es +nicht zu fassen: „Meine Tochter! Meine Tochter!!“ . . . rief +er dauernd. Granuella sagte nun mit festem Ton: „Ich erwarte, +daß du St. Goar sofort deckst. Telephoniere zum +Präfekten. Schreibe der Polizei. Lauf zum Gesandten . . . +was Du vorziehst.“ Sie ereiferte sich. + +</p><p>„Wie . . .,“ schluchzte der Alte . . ., „wie — — Du sprichst +mit Deinem Vater . . . .“ + +</p><p>„Ich spreche,“ sagte Granuella, „mit einem Freund des +Vaterlandes, der einen anderen den Feinden ausgeliefert +hat, und ich weiß, was man in diesem Falle zu tun hat.“ +Sie dachte damit zu sagen, er solle sich entschuldigen und die +Sache wieder gut machen. Voß wurde im Übermaß der Erregung +völlig ruhig, trotzdem oder wahrscheinlich, weil er +den Sinn ihrer letzten Worte falsch als Rebellion verstand: +„Ich gebe Dir Gelegenheit, dich nicht zu übereilen,“ sagte er +und schloß sie ein. + +</p><p>Granuella war in einer furchtbaren Lage. Sie war entschlossen, +St. Goar zu befreien, indem sie sich für ihn verwandte. +Doch nach der Szene im Salon mußte der Gefangene +der Ansicht sein, daß sie wie stets ihres Vaters Mitwisserin +sei und seine Handlung billige. Dazu kam, daß Frederik de +Voß sie eingesperrt hielt und überhaupt nicht mehr sichtbar +ward. Sie mußte fürchten, wenn sie gewaltsam zu fliehen +versuchte, auch den Vater durch den Skandal zu belasten und +die Sache damit noch weit mehr zu verwickeln. + +</p><p>Nach etwa acht Tagen hörte sie ein Geräusch am Kamin, +und als sie sich umdrehte, sagte eine Stimme, sie möge nicht +erschrecken. Dann krümmte sich etwas, das zwischen den +Paravants herausfiel, sich überschlug und aufschnellte: +Romanoff. Sie vermochte ihr Staunen, ja ihr Zittern nicht +zu verbergen. + +</p><p>„Ich komme durch den Luftschacht,“ sagte er stolz. + +</p><p>„Schweigen Sie,“ flüsterte Granuella, und legte den +Finger auf die Lippen, „wenn mein Vater Sie erblickt, wäre +es aus.“ + +</p><p>Der junge Mann lachte leis: „Mit mir? Ich bin unabhängig +und denke die Mittel zu kennen, die Ihren Vater +fesseln.“ + +</p><p>Diese unklar anmaßende Sprache mißfiel Granuella, aber +es war einiges an dem Jüngling, was sie anzog. Vor allem +bewies er ihr in jeder Bewegung eine Verehrung, die weit +das landläufige übertraf. Sie war damals durch die Umstände +ihrer Flucht und ihr Leben, ohne daß sie sich überhaupt +je besonders geäußert hätte, etwas wie eine kriegerische +Heilige für die jungen Schwärmer ihrer Nation. Sie +war stets völlig hinter Frederik de Voß zurückgestanden. +Man dachte, wenn man sie mit ihrem elastischen, fast federnden +Körper und dem beinahe wollüstigen Madonnengesicht +sah, an eine blonde Amazone, die den Tod und den Genuß +mit einer unendlich süßen Kraft in sich vereinigte. Er schied +auf dem gleichen Wege von ihr, auf dem er gekommen war. + +</p><p>Sie hatte ihm ihre Ansicht über St. Goar übermittelt; er +erreichte es, bei einer Gegenüberstellung, die er zu einem +anderen Zweck herbeiführte, ihn zu sprechen und überbrachte +ihr die Nachricht, St. Goar habe nie an ihr gezweifelt. Seine +Sache stand nicht gut, da Voß sich wie ein altes Raubtier in +diesen Haß verbissen hatte und auf irgendeine geheime Art +immer neues Material gegen ihn den Behörden zufließen +ließ, die in einer panischen Furcht vor dem Eindringen +revolutionärer Subjekte in die Schweiz lebten. + +</p><p>Granuella verabredete, daß sie bei der Lady Douglas +interpellieren wolle, die den Schweizer Gesandten in England +auf den Fall verweisen könne, und daß St. Goar infolge +dieses mächtigen Protektorats frei werde, ohne daß Voß in +die Sache hineingezogen werde. + +</p><p>„Er ist mein Vater, den ich wohl verehre,“ sagte sie +lächelnd, „aber er ist närrisch geworden über die Liebe zum +Vaterland, daß er es bald verdirbt.“ Romanoff schwieg +nach dieser Äußerung betreten. Die ganze Unschuld und Unwissenheit +des Mädchens ging ihm mit einer wundervollen +Weichheit auf. Doch äußerte er nichts, er ließ sein Auge +sprechen. Ihm war wichtiger als das Politische, daß Granuella +seine Leidenschaft spürte. Doch hemmte ihn seine Verehrung +und er kam nicht weit. + +</p><p>Voß verspielte im Kasino den Rest seines Geldes, während +seine Tochter über den Speicher an einem Seil Besuch +empfing. Doch war das Glück ihm plötzlich günstiger, er gewann +zeitweise, und fand Gelegenheit, schon auf der schiefen +Bahn, dennoch seiner fixen Idee mit der Hartnäckigkeit des +schon halb gefällten Alters nachzugehen. Als er einmal Romanoff +im Vorzimmer sah, schöpfte er, mißtrauisch wie er +geworden war, Verdacht. Romanoff mußte nun nachts +kommen. Das gab dem Zusammentreffen eine gewisse Heimlichkeit +und Intimität. Granuella erwartete mit Herzklopfen +den Moment um Mitternacht, wo es dreimal zirpte. +Das andere ging mit jeweils neu bestaunter Energie vor +sich, fast lautlos. + +</p><p>Diese beiden jungen Leute erglühten an dem Eifer, der +ihre Ziele zusammenhielt. Diese Familien, die nur teilweise +litauisches Blut in sich trugen, meistens Baltenfamilien entstammten, +aber alle litauische Mischungen bis in die letzte +Zeit in sich trugen, waren alle von einem unaufhörlichen +blonden Haß gegen alles Polnische erfaßt. Diese mittelalterlichen +Ritter waren durchaus von der sauberen Heiligkeit +ihrer Kreuzzüge überzeugt. Hätte man einen ihrer Führer +im Dialekt des zwölften Jahrhunderts angesprochen, er +hätte vermutlich ebenso geantwortet. An der Wiege einer +jungen Nation wiederholen sich in verkürztem Tempo aber +ohne ein Überspringen alle Tugenden, aber auch alle Irrtümer +der alten. Die Geschichte der Völker ist eine Kartothek +des gleichen Unsinns, der, wo er tragisch wird, eine +besondere Größe erreicht. Hinter diesem Glanz rennen die +jungen Völker wie Verzauberte her. Die Gelehrten vermöchten +von Babylon bis nach Karthago oder jenem Augenblick, +wo von Byzanz die Macht an Rom überging, oder wo +die Souveränität des Westens nach New York wanderte und +die Idee der Völker in Moskau statt in Paris proklamiert +ward, ihren Nationen zur Belehrung Beispiele in Haufen +vorzuführen. Die Randstaaten, die am Kreisbogen des +alten Europa entstanden, hätten eine Welt vor Staunen erstarren +lassen, wenn sie den tausendsten Teil eines durchschnittlich +klugen Gedankens gehabt hätten, als sie ihr Nest +etablierten. Sie zogen es vor, statt die westlichen Demokratien +einfach zu kopieren, deren Säuglingsniveau noch +einmal darzustellen. An der Wiege neuer oder befreiter +Nationen entstehen alle Dummheiten, aber sie werden durchgeführt +mit den blendendsten Eigenschaften, deren das +menschliche Geschlecht fähig ist. Diese beiden jungen Menschen, +die nie über das Reich Gottes und nie über die furchtbaren +Probleme der Einzelnen und der Massen nachgedacht +hatten, erglühten einfach in schwärmerischer Hingabe an die +Idee ihres Staates. + +</p><p>Eines nachts kam er wie außer sich. Er vermochte aus +irgendeinem Grunde seine Leidenschaft nicht zurückzuhalten. +Granuella fand seinen Kopf in ihrem Schoß. Seine Hände +suchten immer über ihre Arme zu streifen. Sie sprang +zurück und sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie empfand +die Liebe, die ihr entgegenschlug, aber sie dachte in +diesem Augenblick nicht an Romanoff, sondern an den Herzog +von Leuchtenberg, der sie aus dem brennenden Haus +geholt. + +</p><p>„Was wollen Sie?“ schrie sie, „was wagen Sie?“ + +</p><p>Der junge Mann war zerschmettert. Sie suchte ihn aufzurichten, +als sie ihn so blaß sah. + +</p><p>„Verzeihen Sie,“ meinte er mit zuckenden Lippen, „ich +habe Sie nicht beleidigt. Man zwingt mich abzureisen und +ich vermag nicht ohne ein Wort der Zuneigung von Ihnen +zu gehen. Lieber erschieße ich mich vor Ihrer Tür.“ + +</p><p>Das Mädchen war tief gerührt. Sie nahm ihm die Pistole +aus der Hand, die er ihr wie gelähmt überließ: + +</p><p>„Ich vermöchte keinen Mann zu lieben, der sich nicht +um die Heimat die unausdenkbarsten Verdienste gemacht +hätte. Aber ich spüre nichts für Sie, als jene Zärtlichkeit, +die ich Ihnen schulde.“ + +</p><p>„So lieben Sie einen andern,“ schrie Romanoff und schlug +die Faust auf die Brust, als wolle er sie zerschmettern. Er +dachte an St. Goar und fühlte sich plötzlich schmählich mißbraucht. +Granuella war an die Wand getreten und so hinreißend, +daß er sich unwillkürlich vor Bewunderung aufrichtete. +Sie sagte fast tonlos etwas, das nicht vernommen +werden konnte und schüttelte den Kopf. + +</p><p>Er stürzte auf ihre Hand und überströmte sie mit Küssen. +Sie forderte ihn auf, zu bleiben und seine Reise aufzuschieben. +Er sagte düster, er könne nicht. + +</p><p>„Warum?“ Er wandte sich um. Er suchte auszuweichen, +etwas zu erfinden. Er fluchte auf sich, daß ihm nichts einfiel +und verwirrte sich. Schließlich erfuhr sie, daß sie von +St. Goars Geld gelebt hatten, daß Voß durch monatelange +Versäumnisse das Vertrauen seiner Kreise eingebüßt habe, +daß er sogar gewisse wichtige Akten und Namensverzeichnisse +ohne Skrupel aus Rachelust mit St. Goar zusammen hatte +verhaften lassen. Romanoff war auf dem Wege, daraus +folgernden Schwierigkeiten vorzubeugen. Es traf sie fast tödlich. +Sie hatte die Augen lange geschlossen und zitterte am +Körper, als hinge sie im Wind. Zuletzt fragte sie mit harten +Augen: „Warum habe ich das nicht lange bereits erfahren. +Es wäre Ihre Pflicht gewesen, mich aufzuklären. Warum +blieben Sie in seiner Gesellschaft?“ + +</p><p>„Ihretwegen,“ sagte Romanoff und sah sie mit aller leidenschaftlichen +Erregung an. „Ich konnte nicht vor Sie treten +und sagen: „Frederik de Voß ist ein vom Geld zermorschter +Habenichts, ein Verräter und ein gewissenloser Freund der +Nation. Gott hilf mir. Ich habe es nun gesagt.“ + +</p><p>„Gehen Sie, gehen Sie,“ rief sie und schlug mit der Faust +in die Hand. „Es ist genug.“ Er wollte sich ihr zu Füßen +werfen, da wurden sie unterbrochen. Es klopfte, sie öffnete. +Ihr Vater trat ein. + +</p><p>Er sah Romanoff mit großen Augen an. Dann wandte er +sich an seine Tochter. Er hatte Wind davon, daß sie St. Goar +irgendwie stützte und mit dem erbarmungslosen Haß des +Greises suchte er ihr diese Betätigung zu zerschlagen. Jedoch +nach einigen Sätzen hielt er inne, als schraube ihm jemand +die Rede von den Lippen ab. „Gehen Sie,“ sagte Granuella +zu Romanoff. Der junge Mann kettete sein Auge an sie, bis +die Tür sich hinter ihm schloß. + +</p><p>Vater und Tochter sprachen ungefähr eine halbe Stunde +miteinander. Es gelang Voß noch einmal zu einem günstigen +Resultat zu kommen. Sie beschlossen am Ende des Gesprächs +die Wohnung zu verlassen. Voß sah sich plötzlich zwar seiner +Autorität beraubt, aber von der Tochter mehr als früher +verehrt. Es gelang ihr, ihr Herz dazu zu bringen, seine +Fehler zu verzeihen. Infolgedessen gab sie ihm St. Goar preis +und versprach, Romanoff nicht mehr zu sehen. Sie glaubte, +wie auch als Kind schon, als sie den gewaltigen Mann vor sich +weinen sah, wie an das Sakrament von neuem an seine Liebe +zum Vaterland. Ihre Herzen einigten sich wieder, unter +Tränen lächelnd schätzte Granuella sich glücklich, einen solchen +Vater zu haben. Bei all ihrer Weltunkenntnis konnte ihr +nicht entgehen, daß Voß überzeugt war von dem, was ihn +bewegte. Als sie auf die Straße traten, trafen sie einen +Trupp der polnischen Delegation, der, den Fürsten Gagarin +in der Mitte, aus einem Konferenzgebäude über den Reitweg +herüberkam. Das Gesicht des Fürsten war von Erregung +so blaß wie damals, als die Flammen ihres Hauses +sein Gesicht beleuchteten. Wie er vorbeiging, mit einer +tiefen Verbeugung und aschfahlen Augen, drückten Vater +und Tochter sich die Hände. Sie wünschten ihm einen +fürchterlichen Tod. + +</p><p>Granuella war so, daß sie einmal vertrauen konnte. +Eine zweite Enttäuschung würde sie töten oder zur Rasenden +machen. Sie war zu ungewandt in der Kenntnis der +Charaktere und hatte keine Erfahrung in der Gesellschaft, +um die Schwäche ihres Vaters als unheilbar zu erkennen. +Sie beschränkte sich darauf, mit dem ganzen Edelmut ihres +Herzens an ihn zu glauben, eine Fähigkeit, die ebenso großartig +wie verrückt war. Voß verlor wieder dauernd. Ohne +Geld und Anhang verstrickte er sich an suspekte Kerle. Der +Kampf ums Geld wurde riesenhaft für ihn. Eines Abends +war er im Kasino aufgesprungen, hatte die Brusttaschen +seines Fracks gewendet und das Futter in den Händen, als +ihn jemand in seiner Verzweiflung anstieß. Der Mann war +ihm dem Namen nach irgendwie bekannt und er folgte +ihm hinaus. Dort sagte er ihm, die Provinzen seien den +Polen zugesprochen worden. Darauf ging er schlendernd +wieder weg, Voß war wie ein Pferd zusammengestürzt. Sein +Zustand war um so entsetzlicher, als er sich auch wegen des +Zustands seiner Kasse die entsetzlichsten Vorwürfe machen +mußte. Er sah sich in jeder Hinsicht vernichtet und wäre für +einen guten Tod dankbar gewesen. Die ganze Nacht weinte +er mit Granuella, die ihn tröstete. Wirklich stellte sich anderen +Tags heraus, daß die Zuteilung der Provinzen an +Polen nur provisorisch war. Voß hatte aber nicht mehr +Kraft genug, das auszuhalten. Das linke Auge schloß sich +von dieser Nacht ab völlig. Er war seelisch zu sehr verludert, +als daß der Schlag ihn nicht mitten durchgebrochen +hätte. Sein Stolz ging mit diesem Unglück für allemale in +den Kot. Er wurde fast kindisch und dachte überhaupt nur +noch an Geld. Die Habgier wurde mit einer phantastischen +Leidenschaft von ihm betrieben. In seinen Träumen weinte +und bebte er um ungeheure Summen. Der Geiz saß in +seinen Augen, die Geldlust machte seine Finger zittern. +Dazu wurde er greisenhaft launisch, wackelte mit dem Kopf +und fürchtete immer, er könne nicht mehr leben, während +sich sein Kopf mit wirren Plänen quälte. Dabei verwaltete +Granuella ohne sein Wissen die Ausgaben ihres Hausstandes +mit Darlehen, die Lady Douglas ihr besorgte und für die sie +mittlerweile ihre russischen Besitzungen verpfändet hatte. + +</p><p>Die Lebenshaltung des alten Voß war außerhalb des +Hauses sehr trist geworden. Er verlor, je tollere Träume +von großen Vermögen und ungewöhnlichen Verdiensten ihn +juckten, in der Wirklichkeit auch die letzte Kritik. Er vernachlässigte +seine Kleidung, um auf das Mitleid der Reichen +spekulieren zu können. In seinen Rücken hatte sich ein +devoter Zug eingeschlichen, er war entsetzlich unsicher und +weinerlich geworden und seine Gesellschaft war abscheulich. +Einmal sagte im Kasino ein Mann, der in der Diplomatie +sehr bekannt und sein zynischster Gegner war, als er seinerzeit +mit Wagen und Pferden das erstemal in Lausanne eingezogen +war: „Dieser Mann da schien uns jungen Leuten +der Konferenz albern, aber wir beneideten ihn. Er ist noch +alberner geworden, aber man kann ihn nicht mehr beneiden +und ich glaube man sollte ihn deshalb totschlagen.“ Die +Umstehenden lächelten, weil, ohne ihr Gespräch zu beachten, +Frederik de Voß mitten durch sie gegangen kam, aber der +Sprecher schien es zu erbärmlich zu finden, um zu lachen, +schob den hohen Hut in die Stirn und ging aus dem Foyer. +Frederik de Voß las aus den Gesichtern der Menschen nur +noch wie an einem Thermometer, wie weit sie für Geld in +Betracht kamen. Alles andere übersah er bereits, er war +nicht mehr zu kränken. Er hatte den Vogelblick mit seinem +rechten Auge bekommen, mit dem er nach Beute spähte. +Er dürstete so nach Geld, daß er alles an Geschäften annahm, +was herbeikam, um es wieder zu verspielen. Die +Briefe seines Sohnes schob er zitternd in eine Schublade, +um sie aus dem Gesicht zu bekommen. Er hatte wahrscheinlich +gar keine Vorstellung mehr davon, daß er Buchenwälder +besaß, die bis ans Meer grenzten, und daß seine +Maisfelder zwischen den Kanälen flimmerten. + +</p><p>Alle Welt wußte bereits über diesen Zusammenbruch Bescheid +und man erzählte sich von ihm die abenteuerlichsten +Geschichten der Erniedrigung. Als ein skrupelloser Agent, +dem er mit seinem Namen ein übles Geschäft über die +Grenze gedeckt hatte, ihm ein Drittel der Verdienste auszahlte, +stürzte Voß vor ihm auf die Knie. „Väterchen“, +rief er und schüttelte die Hand des Agenten mit seinen +beiden Armen, „meine Kinder verhungern“. „Was wollen +Sie“, fragte der Spediteur, der einen unglaublichen Namen +trug. „Fünftausend Franks“, wimmerte der Alte in seinen +Bart. Er war tiefunglücklich. Der andere trommelte mit +den Fingern auf dem Tisch und starb bald vor Lachen. Er +kannte die Verhältnisse genau. In seinen Karpfenaugen +glomm eine diabolische Idee, er warf eine Hand voll Silbermünzen +durch sein Bureau und schlug die Arme über dem +Kopf zusammen, so strengte ihn das Lachen an, um Luft zu +bekommen, als der Edelmann wie ein Narr herumlief, und +die Stücke einsammelte. Dieser Mann benutzte ihn nun zu +seinem Vergnügen zu allen möglichen Peinigungen und +Quälereien. Er hatte eine schwere Jugend gehabt und genoß +nun, daß einer der Herrenkaste in seiner Hand war. So +ließ er ihn die grauenhaftesten Dinge vornehmen, die Voß +für das Geld, das ihn verzauberte, ohne Besinnen machte. +Von alle dem ahnte Granuella nichts. + +</p><p>Granuella war überzeugt, daß die Sorgen ihren Vater +abmagern ließen, gab keinem Zweifel in ihrem Herzen Platz +und verdoppelte ihre Liebe zu ihm. Eines Abends fand sie +Abschriften von Briefen. Es war kein Zweifel, daß ihr +Vater mit den Polen verhandelte. Aus Goldgier hatte +der Alte den besessenen Vorschlag gemacht, zurückzukehren. +Er beabsichtigte die Okkupation anzuerkennen und verlangte +dafür Rückgabe seines Vermögens und Auslieferung +der beschlagnahmten Guthaben. Es war offensichtlich, daß +dieses Vorgehen nur aus einem völlig zerrütteten Hirn +kommen konnte. Die Erkenntnis war aber für Granuella +so grausam, daß sie das Mädchen, da sie sie nicht tötete, +furchtbar hellsichtig machte. Sie erkannte mit einem Blitzschlag +alles. Sie fiel wortlos zu Boden. + +</p><p>Als sie die Augen aufschlug, kam die Dämmerung über +den See. Sie glaubte diese Verhöhnung des Lebens nicht +ertragen zu können. „Welch ein erbärmliches Schicksal“, +dachte sie voll Wut. Darüber geriet sie so außer sich, daß sie +aus ihrer tötlichen Müdigkeit aufsprang. Das rettete ihr +wahrscheinlich das Leben, denn als sie mit geschlossenen +Lidern die Stirn an das Fenster drückte, war sie mehr +eine Wölfin wie eine Sterbende. Sie fühlte einen ungeheuren +Zorn. Von einem Geräusch aufmerksam gemacht, +drehte sie sich um. Voß stand in der Tür mit weißem Gesicht, +schielend, nicht ganz nüchtern. „Du bist toll,“ sagte sie und +ging hinaus. + +</p><p>Er folgte ihr durch zwei Zimmer. Sie stampfte auf, als +er nicht zurückging. Sie konnte ihn nicht sehen, so außer +sich war sie. Schließlich hielt sie sich mit der Hand fest an +dem Vorhang, der an der Tür niederfiel und sagte: „Folge +mir nun nicht weiter. Du zwingst mich sonst, einiges mit Dir +zu reden, was ich Dir ersparen könnte,“ und setzte rasch +hinzu: „Ich vermag es Dir aber auch zu sagen.“ +Er schwieg und sah sie mit flackernden Augen wütend +an. Da ging sie mit einer stürmischen Bewegung bis dicht +an sein Gesicht heran. Ihre Kieferknochen strafften sich vor +Energie und wurden weiß wie Seile: „Erbärmliche Geschichten, +die Du machst,“ rief sie, „Du verhandelst mit den +Polen. Du warst imstande, das Beste unseres Lebens unter +deine Füße zu schmeißen. Ich wäre lieber gestorben, als dies +erleben zu müssen.“ Das junge Mädchen war in einem +Schmerz, der sie nichts mehr ertragen ließ: „Geh weg von +mir. Ich ertrage Deinen Anblick nicht länger. Gott helfe +mir,“ schluchzte sie. + +</p><p>Voß blickte sich im Zimmer um, er sah, daß er sie besänftigen +müsse. Sein Auge blieb an dem Schreibtisch +hängen. Er verwünschte seine Nachlässigkeit: „Du hast in +falschen Sachen geblättert,“ sagte er und suchte zu lachen, +obwohl seine Kniee deutlich zitierten. Er beschloß rasch, sich +herauszuwinden, indem er ihr bewies, daß die Listen eine +Falle für das polnische Gouvernement wären. Es gelang +ihm gar nicht zu reden. Er hatte die unklare Vorstellung, +daß er im Begriff stand, etwas sehr Wertvolles zu verlieren +und krallte die Hände immer auf und zu. Aber die Angst, +die in seinem Gesicht herumzuckte, schnürte ihm die Gurgel +zu. Das junge Mädchen sah ihn an, ein Wrack, eine Leiche. +Er hatte sie ohne Zweifel wieder getäuscht. + +</p><p>„Das will ich Dir sagen,“ flüsterte sie, „daß ich Dich durchschaue +und entschlossen bin, ein Ende zu machen.“ Sie erstickte +fast vor Tränen. Trotzdem war in diesen Sekunden +das unerfahrene Mädchen zur Furie verwandelt. „Ich bin +entschlossen, ein Ende zu machen, eh Du alles ruinierst. Du +hast unsere große Sache zertrümmert. Du hast Dich an der +Idee der Freiheit, für die wir heute gelebt haben, wie ein +Wahnsinniger vergangen. Du hast uns von St. Goar leben +lassen, ohne daß ich es ahnte. Ich habe Romanoff abreisen +sehen wegen Verrätereien von Dir, die er einzurenken +bestimmt war. Unser Geld fließt zu Roland, der es mit +Dirnen vertut. Du verspielst es beim Roulette. Meinst Du, +ich ahne die Posse nicht, die ihr alle mit meinem Herzen +getrieben. Wir sind Bettler geworden, aber kein Strolch +kann uns Ehre erweisen, und wenn wir noch leben, so ist +es das Glück, das wir hatten, immer mit edlen Menschen +zusammengetroffen zu sein.“ Sie warf sich auf den Divan +und schlang die Arme um die Kniee. „Dieser alte Mann ist +mein Vater“, dachte sie. „Ich erkenne ihn nicht in diesem +scheinheiligen Greise, der sich abmüht, mich durch Winseln +zu rühren. Wie schändlich hat diesen edlen Mann das Leben +zerstört. Warum ist er nicht gestorben, als unsere Jugend +in die Pania watja ihm noch zulief.“ Der alte Voß war +gekränkt. Er verstand nicht, warum ihr Herz blutete, und +um welcher erhabener Ideen willen sie litt. Er vermutete, +daß sie ihm wegen seiner Bettelarmut Vorwürfe mache und +murmelte vor Angst gröhlend: „Halte an Dich, sprich nicht +über Dinge, von denen Du keine Kenntnis hast, denn ich +habe mit Silberminen ein Vermögen gestern erworben in +einer Spekulation, die einen anderen wie mich vernichtet +hätte.“ Es war offensichtlich, daß er log. „Du wirst es +morgen wieder verlieren. Ich will Dir etwas sagen,“ meinte +Granuella, die plötzlich aus ihrer Vereisung erwachte, „ich +bin Deine Tochter,“ und sie ging ungestüm auf ihn zu und +küßte ihn . . ., „aber ich sehe keinen Kameraden mehr in +Dir. Es ist wahr, daß ich Dich verlasse.“ + +</p><p>Sie trat zurück. In diesem Augenblick geschah etwas +Seltsames. Langsam öffnete sich das linke Auge des Alten +und wurde ganz groß, weiter als das rechte. Das Mädchen +überlief ihn mit einem Blick. Sie war plötzlich von einer +wundervollen Fremdheit. Sie mußte das hinzufügen, was sie +noch zu sagen hatte: „Ich möchte nicht,“ sagte sie und merkte, +wie sein linkes Auge starr und entsetzt sie ansah, „daß +ich vergäße, Du seist mein Vater, wenn ich Dir entgegentreten +müßte.“ Sie fügte diesen Satz kalt hinzu und ging +hinaus. Nach einer halben Stunde erst fand der alte Voß +nach einer ihm unerklärlichen Aufregung die Kraft in ihr +Zimmer zu laufen und nachzusehen, ob sie Schmuck zurückgelassen +hätte. Sie besaß schon lange keinen mehr, er nahm +aber an, sie hätte ihn darum betrogen und wühlte verzweifelt +und auf sie fluchend in den Fächern. Sein linkes +Zuge schloß sich wieder völlig. Granuella ballte auf dem +Schiff währenddem die Hände um die Börse, die sie mitgenommen, +im Anblick von Genf, das sie erreichen wollte: + +</p><p>„Dieses Metall hat vermocht, einen glühenden Geist wie +meinen Vater zu zerstören,“ dachte sie voll heißem Kummer. +Sie war kindlich genug, es wie Gift zu hassen. Drei Schritte +weiter auf dem Verdeck kam St. Goar auf sie zu. + +</p><p>Dieser junge Mann hatte sich in anmutiger Ehrerbietung +ihr gegenüber jederzeit bewährt. Sie hatte keinen Grund +sich ihm nicht anzuvertrauen, zumal sie ja sich nicht verschwieg, +daß er Grund hatte, ihrer Familie aufs heftigste +zu zürnen: „Ich würde mich wundern, wenn Sie die Abscheulichkeiten +ganz verwunden hätten, denen Sie durch +unsere Schuld ausgesetzt waren,“ sagte sie, worauf er sehr +unglücklich war und heftig errötete, denn er verehrte sie so, +daß er ganz andere Dinge auf sich genommen hätte. Sie +gab sich ihm vollständig in die Hände, als ob Vertrauen +das natürlichste sei. Er besaß die Ritterlichkeit und Kraft +genug, seine tiefe Leidenschaft zu verbergen oder wenigstens +sich nicht zu erklären. Sie gestattete ihm, sie zu Lady Douglas +zu begleiten. Er war stolz, von dieser schönen, hin und +wieder verzagten Frau als Beschützer ausgewählt zu sein. +Wenn sie über die vergangenen Dinge erschauerte, nahm er +ihre Partei gegen den Schatten ihres Vaters, indem er +diesen aber zu schonen verstand. Er hatte den Takt ihr eine +wirkliche Hilfe zu sein. Der arme Bursche starb aus Anstand +fast vor Leidenschaft, aber seine gute Gesinnung hinderte +ihn wirklich daran, zu sprechen, bis sie bei der +Douglas ankamen und er das Mädchen dem Schutz der +erfahrenen Frau übergab. Er lief darauf einige Tage +herum, ehe er sich zu erklären wagte. Dabei machte er eine +so seltsame Figur, daß es sich bei den Gästen des Landgutes +herumsprach und alle eher als Granuella wußten, wie +es um ihn stand. + +</p><p>Entschlossen lauerte er ihr im Park eines Abends auf +und sah sie herzklopfend einen der Wege hinuntergehen, +an deren Ende schon der Mond zwischen blauen Schatten +und Düften stand. Er wartete, bis sie umdrehte und nun +voll Gewölk und den Abglanz des sie im Rücken treffenden +und umhüllenden Mondlichts zurückkam. Da hielt ihn +wieder eine geheimnisvolle Scheu zurück. Er flüchtete in +eine Fliederlaube und fühlte den Abendtau sein Gesicht +überströmen. Halb von Sinnen eröffnete er sich der Lady, +die mit Granuella sprach. Sein Vermögen war in der Lage, +ihr Leben vollständig zu ändern, er sagte auch über die Behandlung +ihres Vaters das Vornehmste. „Sagen Sie ihm,“ +meinte Granuella nach einer besinnlichen langen Pause und +wandte sich brüsk herum, daß die Douglas ihr fast nachlaufen +mußte, und kaum das folgende Flüstern Granuellas +hörte. Es schien jedoch dem Gesicht St. Goars zufolge, der +den Abend abreiste, daß sie ihn nicht ohne Hoffnung gelassen +hatte. Diese Vermutung hatte einen weiteren seltsamen +Grund. Seit dieses Mädchen mit einem Male so entsetzlich +hellsichtig geworden war, schien sie überhaupt nicht +mehr ihr Leben von den Hoffnungen ihres nationalen +Ehrgeizes trennen zu können. Sie wurde dabei und wahrscheinlich +dadurch immer weicher und frauenhafter. + +</p><p>Manchmal brach sie in Tränen aus über das Geschickt +ihres Vaters, aber während sie in Weinen zerging, stand +eine Zornfalte ihr wie einer gerührten Amazone auf der +Stirn. Lady Douglas vermochte ihr leicht die Selbstvorwürfe +zu nehmen. Sie bewies ihr durch Briefe alten und +neuen Datums, daß die fürchterliche Gier nach Geld den +Alten bis zur Besinnungslosigkeit beherrschte. Das war entsetzlich, +nahm ihr aber den Alpdruck der Härte. „Man hätte +Sie diesem Mann entrissen, wenn Sie nicht gekommen +wären,“ meinte die Douglas mit einem etwas hochmütigen +Gesicht. Granuella hatte eine Art, unerhört zu gefallen, daß +es ihre Freundin ängstete, zumal das Mädchen selbst es überhaupt +nicht zu bemerken schien. + +</p><p>Manche Dummköpfe von jungen Leuten, fürchtete die +Douglas, würden aus Verzweiflung oder aus Ehrgeiz +vielleicht skandalöse Dinge wagen, und sie sprach mit dem +Mädchen vorsichtig darüber. Sie wollte sie wappnen. Es +war überflüssig. Sie kam zur Einsicht, daß Granuella, je +weniger sie sich aktiv an den politischen Dingen beteiligte, +um so leidenschaftlicher mit der ganzen Glut ihrer Frauenhaftigkeit +auf deren Erfolg zu warten und in einem unbestimmbaren +Sinne sich als Preis für den kühnsten der +Feuerköpfe zu betrachten schien. Irgend etwas Geheimnisvolles +dieser Art bestimmte jedenfalls ihr Leben völlig und +gab ihr auch den Reiz phantastischer Sicherheit. Bestimmt +waren ihre Kindheitseindrücke mit grandioser Größe in ihr +aufgerichtet und alles Spätere war geneigt, dagegen abzufallen +oder von ihr leicht vergessen zu werden. Sie war +ohne Zweifel im Innern nur darauf gerichtet, daß ihr +Schicksal notwendigerweise mit dem ihrer Heimat zusammenfiele. + +</p><p>So empfand sie es mehr schändlich als mitleiderregend, +daß Briefe ihres Vaters an sie selbst einzulaufen begannen, +der sie mit fieberhaften Beschwörungen um Geld anging, +ohne etwas hinzuzufügen, als einen Haufen von wirren +Spekulationen, in die er sich stürzen wollte. Sie antwortete, +sie besäße nichts, als was die Douglas ihr spende. Sie vermöge +nur sich selbst anzubieten, schrieb sie voll Wut. Er +antwortete wie ein Verrückter, er wolle kommen, sie anzusehen. +Sie brauchte einen ganzen Tag, den sie im Garten +herumlief, aufgescheucht und fassungslos, bis sie erfaßte, +daß das Hirn dieses Mannes, der sie erzeugt hatte, unrettbar +verworren sei. Sie verbot ihm zu kommen. Diesen +Brief las die Douglas über ihrer Schulter in der Fliederlaube, +deren Blätter sich duftig bewegten: „Ich glaube nicht, +daß es eine Zeit gab, wo die edlen Charaktere so grenzenlos +vor dem Geld kapitulieren mußten. Es hat die Kraft +die besten Gebete zu zerbrechen.“ Die Lady hatte Grund, +in anklagenden Metaphern sich über die Welt, die sie zu +verstehen glaubte, aber doch wohl nur aus der Klugheit des +Schmerzes heraus ablehnte, zu äußern. Sie mußte England +verlassen, da ihr Gatte mit einer Person aus der Filmindustrie +von schlechtem Wuchs und miserablen Zähnen +öffentlich zusammenlebte, um vom Ausland her die Scheidung +gegen diesen Mann in Gang zu bringen. Sie nahm +Granuella mit auf ein großes schlesisches Besitztum, das sie +mit nicht viel englischen Pfunden gekauft hatte aus dem +fiskalischen Nachlaß einer Adelsfamilie, die infolge der +Kriege und Teuerung ausgestorben war. + +</p><p>Die Erntezeit im Osten hatte einen entzückenden Glanz. +Nach Jahren der Vagabondage durch Europa war es eine +erstaunliche Erfrischung. Zwei Schritt über die Allee hinaus +sahen sie einen riesigen Horizont überall auf das Land +fallen. In offener Sicht war alles von der Helligkeit der +Sonne bewegt und das Licht flutete in diesem unermeßlichen +Raum herauf und herunter. Man sah wie die Sensen tief +in das Korn einschnitten und hörte die Mägde schreien. Die +ganze Ebene durchbrochen breite Wagen voll getürmter +Garben. Die Farben waren unbeschreiblich. Niemand spürte, +daß Granuella sich vor Sehnsucht verzehrte. Eines abends +näherte sich mit hier seltenem Geschrei eine Verfolgung dem +Park, über dem die Gesellschaft auf den Stufen der erleuchteten +Terrasse thronte. Der Raum bis zu den Springbrunnen +war nur ein paar Schritte weit. Dahinter lag das +massive Dunkel der Bäume, durch die nur manchmal leuchtende +Käfer schnurrten. Plötzlich trat ein junger Mann mit +einer Dogge ins Helle und lachte über die Schulter ins +Dunkle zurück, wo sofort wieder Stille anbrach. „Das Gesindel +war toll genug, mich zu verfolgen,“ sagte er, indem +er mit großer Liebenswürdigkeit zur Terrasse hinaufgrüßte. +Man war erstaunt über diese Sprache. Lady Douglas +machte ihn, als er heraufkam, aufmerksam, daß er von +ihren Leuten spreche. Er nahm den Tadel nicht an, sondern +bat um Gastfreundschaft. Es war ihm nicht zu widerstehen. +Er war Flüchtling vor den Polen und wollte zu seinen litauischen +Gütern zurück. Schon als er die Helligkeit betreten +hatte, hörte Granuella ihr Herz schlagen. Er amüsierte die +Frauen sehr mit seiner Erzählungsart. Die Männer wurden +durch seine abenteuerliche Überlegenheit verärgert. Einer +versuchte sogar eine Ungezogenheit, doch der Fremde gab +ihm nur gesteigerte Höflichkeit zurück. Er hatte tolle Dinge +zu erzählen dabei. Seit drei Jahren hatte sich unter dem +Dach des von den Interalliierten Nationen geschützten Friedens +ein kleiner Guerillakrieg entsponnen. Es war ein +trojanisches Heldenleben, das man um die Grenze herum +führte. Die Geschlechter, Städte und Stände hatten eine Art +Turniere eingerichtet mit für jeden von ihnen passendem +Ehrenkodex, je nachdem man die Unterlegenen bewirtete +oder beraubte. Die Miniatur eines kleinen Mittelalters mit +ebenso wahnsinnigen wie tugendhaften Manieren lag genau +hier zwischen den Arbeiterzaren und den westlichen Demokratien +in leidenschaftlichem Ausbruch, und es war kein +Zweifel, daß, so kindisch im Grunde es ihnen klang, alle +Männer den jungen Mann beneideten. Die Probleme Europas +und der einzelnen hatten ihre Glatzen beschwert und +ihre Nächte schlaflos gemacht, ohne daß diese überlegenen +Standpunkte ihnen schließlich etwas anderes als einen ungeheuren +Zynismus geboren hätte. Der junge Mann hatte +eine Trompetenstimme, die ohne Hemmung in den Park +hinausschmetterte. Er nannte Namen um Namen, die Granuella +kannte. Sie äußerte kein Wort. Glücklicherweise +beherrschte der Fremde die Situation so völlig, daß niemand +etwas auffiel. Bald schilderte er die Rettung von Frederik +de Voß. Ohne Zweifel hatte er daran teilgenommen. + +</p><p>Granuella sank fast zur Erde. Sie hielt in der Dunkelheit +ihres Platzes ihr Herz mit den Händen bedeckt. Sie vermochte +keine Silbe zu sprechen. Als der junge Mann ins +Innere des Gutshauses trat, sich verabschiedete, um sein +Zimmer aufzusuchen, erhielt er einen Zettel in die Hand gedrückt. +Mit demselben Blick, mit dem er las „Kommen Sie“, +verfolgte er die Dame, ging ihr nach und erkundete ihr +Zimmer. Als er nach einer Weile mit geschmeicheltem +Lächeln und ein wenig prahlerisch eintrat, fand er eine +Dame, die ihm sagte: + +</p><p>„Mein Herr, ziehen Sie keine falschen Schlüsse und verurteilen +Sie nicht meine Handlungsweise. Ich bin die +Tochter von Frederik de Voß. Sagen Sie mir die Adresse +und den Aufenthalt des Herzogs von Leuchtenberg und +führen Sie mich hin.“ Mit Blut übergossen vermochte der +junge Offizier kaum seine Haltung zu wahren. Er verneigte +sich tief und nannte, was sie wollte. Am anderen Tag +erzählten die Domestiken, Fräulein von Voß sei in großer +Eile abgereist und habe einen Teil ihrer Wäsche vergessen. + +</p><p>Lady Douglas gab ihrer Freundin einen großen Beweis +der Zärtlichkeit, daß sie sie nach Kowno begleitete. Sie +folgte Granuella fast auf dem Fuße. Dort lernte sie den +Herzog von Leuchtenberg kennen, dessen leichte sichere Art +ihr gefiel und dessen Männlichkeit fast wie ein Nationalheld +gefeiert ward, als er ankam. Mit einer schicksalhaften Bestimmtheit +wußte Granuella auf den Mann zu treffen, der +sie aus dem Feuer gerissen und für den sie sich, ohne daß sie +es wußte, bestimmt hatte. Sie galt als die schönste Frau +der Gesellschaft und die Neidischsten konnten ihm nicht versagen, +daß er an der Spitze der Tugenden des jungen Landes +stand. Hätte er nicht eine Frau besessen, mit der er in +Scheidung lag, sie hätten sich wohl auf der Stelle vermählt. +Es war ein beispiellos schönes und auffallendes Paar. Lady +Douglas deckte ihre Beziehungen, es hätte niemand ihnen +irgendeinen Vorwurf zu machen vermocht. Die Douglas war +nicht nur eine der feinsinnigsten, sondern auch der instinktvollsten +Frauen, was sie aber mit großer äußerer Überlegenheit +verbarg. Ihre Eleganz war so ungewöhnlich raffiniert, +daß man sie nicht schildern konnte, aber sie genau +spürte. Sie hatte Granuella, als Leuchtenberg in die Stadt +einfuhr, mit ihrem Wagen an den seinen gedrängt und er +hatte sie sofort wiedererkannt. Sie reiste auch mit, als der +Herzog, der in türkischen Diensten stand, zurück mußte. + +</p><p>Damals ging die Taktik seiner Gesinnungsgenossen +darauf hin, durch Schwierigkeiten am Balkan die Polen +mürbe zu machen zu Konzessionen in den immer noch umstrittenen +Gebieten. Er hatte einige Erfolge erzielt und +wollte versuchen, seine Stellung, soweit es ihm die Ehre, +wie er glaubte, gestattete, abzuwickeln. Seine Rückkehr +stand in aussichtsreicher Nähe. Inzwischen rollte sich seine +Scheidung ab. Die Douglas behandelte er mit jener schroffen +Ritterlichkeit, die nicht verhehlte, daß er sie haßte. Sie +nahm an, daß es sein Kollektivhaß auf die interalliierten +Völker sei, die sein Land verschacherten und die Gerechtigkeit +nicht ehrten. Sie verschwieg auch, daß diese ewige +Ritterlichkeit ihr auf die Nerven ging. Sie fuhr mit bis +Florenz, man machte einen Umweg, um sich dort zu trennen. +Als sein Schiff abfuhr in der Frühe, stand Granuella auf +dem Balkon ihres Hotels. Sie winkte mit einem Taschentuch +hinunter nach dem Meer, auf dem das Schiff groß wie +eine Hand langsam hinausfuhr. Sie vermochte Lady Douglas +nicht zu verbergen, daß ihre Lippen weiß waren wie +Kalk. Sie wäre beinah über das Geländer gestürzt. + +</p><p>Nach einigen Monaten begab sich Leuchtenberg über Beirut +nach dem Kaukasus, er hatte diese Expedition nicht verhindern +und nicht ausschlagen können. Die Nachrichten +hörten auf. Das dauerte ein Jahr. Es gab ein Dutzend +Gründe, es zu erklären. Das Frühjahr verbrachte die Douglas +auf ihrem schlesischen Gut. Im Mai tratschten die +Pferdeknechte eines Besuchs von einer abenteuerlichen Karriere +Leuchtenbergs im Osten. Den Sommer ging man ans +Meer. Dort tauchte Romanoff auf und machte Granuella in +fast einfältiger Weise den Hof. Man mußte ihn darauf hinweisen, +wie albern es sei, bei ihrem Anblick zu erröten, beim +Verabschieden blaß zu werden und nachts unter ihrem +Zimmerfenster herumzurennen und die Beete zu zerstampfen. +Die Douglas erwartete immer einen Gewaltstreich und +hatte sich darauf eingerichtet. Eines Tages war er verschwunden. +Bald darauf traf Granuella, die spazieren ging, +hinter den Dünen einen Mann, der sich ihr zu Füßen warf. +Man sah sie nunmehr viel mit St. Goar. + +</p><p>Sie machten Ausflüge zusammen, schwammen oder lagen +in den Stühlen am Strand. Das Badevolk sprach über sie, +das Einvernehmen schien eng. St. Goar war ein Mann von +heldischen Schultern und schmalen Hüften. Er ging sehr +elastisch und mit Haltung und hatte unstreitig Geist. Er +war einer der nobelsten Männer und nicht ohne den Charme, +der verbindet. Vielleicht besaß er zuviel Vorzüge und nicht +genug Bestimmtheit. Er pflegte ohne Ursache gern angenehm +zu lachen, was ihn sehr beliebt machte. Das ging +wochenlang ohne Trübung. Beim Lunch wurde plötzlich ein +Billet für St. Goar abgegeben, woraufhin er sich empfahl. +Als Granuella ihren Abendgang nach der Mole machte, fand +sie ihn auf der Landungsbrücke ganz vorn an der Dampferanlage +in heftigem Wortwechsel mit einem Mann. Es hatte +tags und die Nacht vorher gestürmt. Die Brechwellen überrannten, +ohne daß die beiden es merkten, mit Gischtwolken +die Barriere und hüllten hinter ihnen den Himmel in eine +Schale von wildem Schaum. Granuella hielt einen Augenblick +an. Die rote Sonnenglut lag prall auf dem Meer gerade +vor dem Erlöschen des Gestirns, das in die Gischt +hineinstürzte mit ungeheurer Majestät. Das junge Mädchen +bebte vor Zorn. Als sie zu ihnen trat, standen Tränen der +Güte in ihren Augen: „Ist es Ihnen zuviel geworden Romanoff“, +fragte sie, „ich wähnte Sie bei meinem Vater, den +zu bewachen Sie mir vorschlugen.“ Er konnte ihr Auge +nicht ertragen und stammelte: „Mein Fräulein“, er bediente +sich der malenden litauischen Ausdrucksweise, obwohl er vor +Aufregung bebte, „Frederik de Voß benötigt nur selten noch +eines Wärters. Er geht in seinem Garten herum, wo man +blitzende Glaskugeln aufgestellt hat, in die er vernarrt ist. +Er würde sie nie mehr verlassen. Vergessen Sie diesen +Mann, Herrn de Voß, und wenn Sie ihn rasch in Ihrem +Herzen vergessen, um so besser, um so besser. Er hat seinen +Frieden.“ Das Mädchen drehte sich herum, daß es in die +Röte sehen mußte und unwillkürlich die Augen zukniff: + +</p><p>„Man hat ihm drei Söhne vor den Augen erschossen“, sagte +sie hart. Die zwei standen wie Soldaten vor ihr. Ja, sie +wären auf ihren Wunsch ins Meer gesprungen, obwohl es +wohl das Sinnloseste gewesen wäre. Sie gingen dann langsam +die Landungsbrücke nach dem Strand zurück. St. Goar +versuchte ihr zuzureden, da ihn ihre Härte erstaunte, er +konnte in der Dunkelheit nicht sehen, daß sie Tränen in +den Augen hatte und deshalb schwieg, um sich nicht zu verraten. +Ihr glühendes Herz litt furchtbar aus Stolz, aber +auch aus Mitleid mit dem Alten. Romanoff verschwand in +der gleichen Nacht. Man geht nicht fehl zu vermuten, daß +er innerlich befreiter abfuhr. Er konnte nach seinen Erfahrungen +sicher sein, daß er auf St. Goar nicht eifersüchtig +zu sein brauchte. Es war wohl, wie er dachte, vorteilhafter +für ihn, um den Alten herum und also ihrem Herzen doch +nah auf die Dauer zu sein, als sich in ihrer britischen Nähe +zu befinden, wo er täglich sie verlieren, aber nie augenblicklich +gewinnen konnte. St. Goar dagegen versuchte einen +anderen Weg der Hoffnung. + +</p><p>Er war in dem Jahr, das ihm die Douglas seinerzeit in +England nicht aussichtslos gelassen hatte, vor Sehnsucht bald +schwindsüchtig geworden. Er stand eines Nachts auf, lief +mit zwei Pistolen am Strand herum, schrie und delierierte, +kehrte gegen Morgen zurück und begann plötzlich offenkundig +zu werben. Er ging völlig tollkühn vor und überraschte +Granuella ganz und gar. Sie waren etwa eine +Stunde in der Dämmerung nach dem Leuchtturm zu gegangen +und an den ersten Büschen der Anlage erst bemerkte +sie seine völlige Verstörung. Er gebärdete sich auch bald wie +ein Rasender. Was kann ich anderes tun als ihn beruhigen, +dachte sie und stieß ihn sanft zurück. Sie bekam feuchte +Lippen und ein fast vor dunklem Glanz perlmutternes Auge, +was der Besinnungslose für ein gutes Zeichen hielt. Natürlich +vermochte Granuella sich dem Geheimnis der Gelegenheit +und der sinnlichen Kraft dieser Erklärung nicht ganz zu entziehen. +Sie war innerlich ohne Zweifel weit entfernt auf +ihn zu hören. Ihre Hand fuhr über seinen Kopf, aber sie +dachte nicht an ihn. Das brachte ihn zur Verzweiflung. +Sie war, seitdem sie einem Manne zugehörte, empfänglicher +geworden für Leidenschaft und trotz der silbernen Dämmerung +sah er, daß ihre Nasenflügel sich strafften. Er warf +sich zu Boden, als er ihre Erregung sah und empfand, daß +er sie dennoch nicht haben werde. Er war jedoch klug +genug, sich zu mäßigen, da er ihr Gesicht voll Tränen sah. +Es entsprach dem mystischen Glauben, der sie beide an ihre +Nation band, daß sie keine Scheu hatte, ihm von Leuchtenberg +zu sprechen. Die Angelegenheiten ihres Lebens und +ihrer Leidenschaft waren mit einer bestimmten und fast vorgeschriebenen +Planmäßigkeit in die Ziele ihrer politischen +Absichten verwebt, und in diesem Dämmerklar der Gefühle +verstand es sich von selbst, daß St. Goar begriff, daß +ihr Leben nur dem Mann gehöre, der sie aus den Flammen +gerissen hatte und auf dessen Lebenslauf ihr Herz als den +vornehmsten und ersten horchte. Sobald er Gewißheit hatte, +ließ ihn das nicht ohne Hoffnung, denn er war sich der Zuneigung +und der vertrauensvollen Ergebenheit dieser Frau +sicher. Fast zu eilig verließ er sie, als sie ihn bat zurückzukehren, +um mit ihren Gedanken allein zu sein. + +</p><p>Während er mit fast zu Sicherheiten sich spannenden Hoffnungen +den Strand entlang mit aufgewühlter Seele lief, +ging Granuella die zweihundert Stufen zu dem Leuchtturm +hinauf. Sie stand mit einem Herzen da, das die Erlebnisse +dieser leidenschaftlichen Szene mit ungeheurer Empfindlichkeit +nach der Richtung seines eigentlichen Ziels gewandt +hatte, ja man hätte sie für eine Wahnsinnige halten müssen, +wie sie, die Arme aufgerissen, auf der Brüstung stand. Mit +der Energie einer Tollen erlebte sie das phantastische Glück +der Gegenwart ihres entfernten Geliebten. Sie wäre fast +von der Zinne gestürzt. Trotzdem der Herzog tausende Kilometer +von ihr entfernt war, empfand sie in der Tat eine +ungeheuerliche Bewegung. Seine Anwesenheit hätte sie nicht +verstärkten können und die Verbindung, die sie auf der Höhe +dieser Minute mit aller Tiefe ihres Wesens durchatmete, +war fast tötlich schön. Das Meer lag unter ihr wie Getreide. +Der Mond spannte mit seinen Lichtfurchen die Kanäle ihrer +Heimaterde dazwischen. Was blieb ihr, als zu erstarren vor +Glück, obwohl sie immer den eiligen kaum mehr vor Eile +wahrnehmbaren Herzschlag in sich vernahm. Sie war keine +eigentlich schwärmerische Natur und eher mit Geduld begabt, +auf Genuß zu warten, als sich an Visionen zu begeistern +in der Abwesenheit des Gegenstands ihrer Wünsche +und ihres Schicksals. Sie hatte aber die bestimmte hellsichtige +Zuversicht in dieser Nacht, daß ein ungeheures +Glück nahe. + +</p><p>Dieses junge Mädchen mußte am Morgen hören, Leuchtenberg +sei gefallen. Sie nahm es ohne Gefühlsäußerung auf, +vielleicht lächelte sie sogar in den Winkeln ihres kühlen +und doch wollüstigen Mundes. Sie sagte am Abend zu St. +Goar, als er kam und sich stumm zu ihr setzte: „Ich glaube +nicht, daß ich vergessen kann, Sie eine kleine Freude bei der +Nachricht empfinden zu sehen.“ Ihre Offenheit beschämte +ihn grenzenlos und öffnete wieder das Tor des Verstehens +zwischen ihnen, das durch seine Unsicherheit einen Augenblick +zugeschlagen war. Natürlich konnte er weder jetzt +noch je in seinem Leben den Gedanken verlieren, daß er der +natürliche Nachfolger Leuchtenbergs sein müsse und die Hoffnung +auf eine Füsilierung des Herzogs war eines der sichersten +Besitztümer seiner Seele. Er hätte den Triumph meistern +müssen, denn er setzte damit alles, nämlich ihr Stück +Zuneigung zu ihm, aufs Spiel. Er klagte sich fassungslos +an. Sie war sehr gütig und entschuldigte ihn selbst. St. +Goar empfand an diesem Tag die Furchtbarkeit seiner Lage, +die ihm Granuella für immer nahm. Das einzige, was ihm +den Weg zu ihr frei machte, würde als Gespenst sie ihm mit +der Pistole noch weigern. Er verfiel in eine tragische Melancholie, +in der der Entschluß in ihm reifte, sein Leben lang +für dieses Stück Zuneigung bei ihr zu werben, auch wenn er +sie nicht besitzen solle, zufrieden, wenn ihm das wenigstens +bliebe. Von ihm wurde sie wohl am meisten und besten geliebt, +obwohl er nicht wie andere dafür in den Tod hineinjagte. +Sie zeigte ihm dafür eine nachsichtige Freundschaft +nicht ohne Zärtlichkeit bis zu ihrem Sterben. + +</p><p>Niemand vermochte ihr abzuraten, als sie sich entschloß +in die Heimat zu fahren. Ihre Familie galt immer noch als +Mittelpunkt der Irredenta der Provinz. Sie begab sich, alle +Warnungen freundlich ablehnend, am festgesetzten Tag auf +die Reise. Jedermann sah einen schlechten Ausgang, sie +allein tat es nicht im mindesten. In der Tat sah sie den +Wind mit den Maisfeldern spielen, roch den Duft, den beseligenden +träumerischen Duft der Gartenerde und sah die +Sonne zwischen dem kühlen Schatten der Kastanienallee. +Aber nur mit geschlossenen Augen in ihrem Kupee. Man +fing sie gleich hinter der Grenze ab und gab ihr ein anständiges +aber sie völlig abschließendes Gefängnis in einer +Festung, von deren Namen sie keine Ahnung hatte. Man +transportierte sie nachts und in geschlossenem Auto. Sie +vermochte sich nicht mit der Douglas in Verbindung zu setzen, +und die Nachforschungen, die diese anstellte, zogen sich wochenlang +resultatlos hinaus. + +</p><p>Granuella suchte verhört zu werden, verfaßte Proteste, +bat um Erklärungen. Es war, als verschwände jedes Zeichen +von ihr in der Luft. Sie konnte über nichts klagen, aber +sie kam nicht aus der geheimnisvollen Isolierung heraus. +Es blieb nichts übrig, als sich auf den Stolz zurückzuziehen +und die Dinge mit Hochmut abzuwarten. Das war nicht +immer leicht, wenn man die Vögel und die Wolken ansehn +mußte. Zu ihrem Glück liebte die Wärterin sie ebenso umständlich +wie tief. Sie hatte die Neigung eines ergebenen +Haustiers zu ihr gefaßt und sie tat ihren Dienst unter +Schmerzensausbrüchen über ihre schöne Gefangene. Wenn +sie Granuella in schwachen Stunden zart und in Tränen +aufgelöst fand, küßte sie ihr das Kleid wie einer Heiligen. + +</p><p>Nach einer Zeit von etwa zwei Monaten kam eine Kontrolle +der Regierung in die Festung. Der Führer benahm +sich äußerst seltsam, prallte an der kaum geöffneten Tür +Granuellas, die schlief, zurück, hauchte den Atem scharf aus +und verschloß die Tür rasch hinter sich. In dieses Zimmer +trat er überhaupt nicht ein, ließ sich die Listen vorlegen, +tobte durch die anderen Zellen, steckte drei Pförtner sofort +in strengen Arrest, fluchte über die Unsauberkeit und ließ +den Kommandeur kommen: „Pfui Teufel, Sie Schwein“, +schrie er ihn an, „schreiben Sie Ihren Abschied“, und warf +ihm ein Papier auf den Tisch und schlug die Reitpeitsche +quer über das Blatt. Weiter äußerte er nichts, ließ einen +seiner Leute als Kommandeur zurück und reiste ab. Nach +zwei Tagen kam er nachts wieder zurück. Man sagte, er +hätte den Berg selbst wie ein Rasender hinauf gelenkt. Er +blieb da, ob in Urlaub ob in einer Mission war nicht klar. +Täglich ging er mit entschlossenem Schritt bis an die Tür +der Gefangenen. Es war um die Zeit, wo sich niemand auf +den Gängen befand. Wenn er die Klinke fassen wollte, griff +er höher, bis sein Arm senkrecht stand. Dann drehte er +um, ließ den Arm herunterfallen und verschloß sich im +Bureau, wo er Akten studierte. + +</p><p>Nach einiger Zeit ging in dem Augenblick, wo er anmarschierte, +die Tür weit auf. Die Wärterin, die nicht in +dem Zimmer zu sein hatte, warf sich ihm zu Füßen und +bettelte, ob sie ihm einen Brief übergeben dürfe. Das war +verboten und er schob sie mit einem Tritt bei Seite. Granuella +sah in das Gesicht des Obersten Gagarin. Ihre Blicke, +die aus dem Wolfshaß heraufkamen, hatten einige Zeit, +sich ineinander zu verketten. Der Fürst war General geworden +und noch tiefer ergraut. Sein Gesicht war marmorweiß +und fast jung geblieben. Zugleich nahm sie in seinem +Blick, der die schrankenlose Energie der Soldaten seiner +Zeit hatte, die gleiche Energie eines schmerzlichen Zugs +wahr, der eigentlich sein ganzes Gesicht nun erfüllte. +Plötzlich griff er an die Schläfe, grüßte und begann zu +sprechen: „Es ist meine Aufgabe, Ihre Angelegenheit zu +prüfen und zu bedenken, welchen Wert Ihre Anwesenheit +für meine Nation hier haben kann. Die Verantwortung +darüber ist völlig in meine Hände gelegt, auch inwieweit +man sich Ihrer als Geisel für zukünftige Fälle bedienen +kann. Diese Verantwortung ist ungeheuer, da ich jeden Tag +meines Lebens für das Wohl der Nation nur atme. Ich +würde mich eher in den Kasematten auf meinen eigenen +Befehl erdrosseln lassen, als daß ich nicht auch in diesem Falle +lediglich für die Nation handelte. Sie werden begreifen, wie +entsetzlich mir die unerwartete Aufgabe über Sie zu entschließen +geworden ist.“ Sie sah in den Hof hinab, wo man +aufgeregt hin und her lief und dachte nach, welche Vorbereitung +zu welchen Schrecken das sein solle. „Es ist meine +Pflicht, Ihnen diese Briefe zu übergeben, die eingelaufen +sind.“ Er hielt sie ihr hin und da sie nicht zugriff, legte +er sie auf den Tisch. Sie standen sich wieder gegenüber. +Er rang mit etwas, hielt es aber zurück. + +</p><p>„Obwohl es nicht mein eigentliches Amt ist, habe ich +Ihnen eine weitere Mitteilung zu machen.“ Es war offensichtlich, +daß er sich trotz seiner eisigen Ruhe in tiefster Bewegung +befand. Sie dachte, indem sie ihn mit halbgesenkten +Lidern ansah: er hat meine Brüder erschossen. Möge Gott +ihn bei der ersten Gelegenheit töten . . . und schloß die +Augen. Er hob die Hand an sein Käppi und salutierte: +„Ich bringe Ihnen die Nachricht Ihrer Freiheit, Baroneß.“ +Sie sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie glaubte, er +wolle ihr Herz langsam martern. Es war klar, daß er noch +etwas, worauf es ihm überhaupt ankam, im Hintergrund +habe. Er sagte langsam: „Wenn Sie die Grenze nicht innerhalb +fünf Stunden überschreiten, werden Sie heute Abend erschossen +sein. Bis zur Grenze kann Sie mein Auto bringen. +Eilen Sie sich, je eiliger, um so besser. Es geht um Ihr +Leben. Später wird die Grenze geschlossen sein, da man Unruhen +befürchtet. Ich werde in der Zwischenzeit einen Brief +nach Warschau zu telephonieren haben, den ich, an Sie gerichtet, +öffnen mußte. Noch einmal, beeilen Sie sich.“ + +</p><p>Sie wurde totenfahl. Sie erkannte die Schriftzüge +Leuchtenbergs. Es wurde ihr klar, daß der Mann ein furchtbares +Spiel gegen sie vorhaben müsse. Er reichte ihr ungeöffnet +das Schreiben. Sie öffnete es aber nicht, sondern +legte es auf den Tisch zurück. In diesem Augenblick empfand +sie, daß dieser Mensch sich in einem grauenvollen Zwiespalt +wand. Er war so unglaublich, daß sie ihn kaum anzusehen +wagte. Seine Augen bohrten sich förmlich in ihr Herz +hinein. Es wäre dem Fürsten ein Leichtes gewesen, mit ihr +als Angelhaken den Leuchtenberg heranzulocken, den er +mehr haßte, als er hätte sagen können. Er hatte den Entschluß +gefaßt, die Frau loszulassen, mit der er als Geisel +seiner Karriere einen starken Dienst hätte tun können. +In der Tat hatte er sich geschworen für das, was er seinem +Edelmut nachgab, sich zu rächen und den Herzog sofort zu +töten, wo er ihn erreichen konnte, wenn dessen Ankunft den +Beginn neuer Schwierigkeiten in den Provinzen bedeutete. +Das Mädchen begriff in der einen Sekunde alles und schlug +die Hände vor das Gesicht. So schlich sie bis an die Tür. +Als sie diese erreicht hatte, blieb sie einen Augenblick stehen. +Fürst Gagarin salutierte noch immer, obwohl ihm der Hals +bald sprang. Sie sah ihm auf die Zähne. Er sagte aber +nichts mehr. + +</p><p>Da sie aber an die Hölle, die sie in ein paar Minuten +durchlebt hatte, nicht mehr glauben konnte, als sie im Auto +saß, sondern alles für einen Traum hielt, fragte sie den +Chauffeur, der sie an die Grenze fuhr: „Höre, ist Dein Herr, +der General, der Herzog von Leuchtenberg?“ Sie hatte sich +nach vorn gebeugt, er konnte aber in der rasenden Fahrt +nicht zurückschauen und sie mußte wiederholen und ihr Ohr +weit nach vorne schieben. „Nein, Frau“, sagte er kopfschüttelnd, +„es war nicht der Herzog von Leuchtenberg.“ +Darauf fragte sie: „Und nun? War es Fürst Gagarin?“ +Darauf erwiderte der Chauffeur, es wäre der General +Gagarin gewesen. Mittlerweile kamen sie an die Grenze. +Sie hielt den Brief noch in der Hand, sie hatte vergessen +ihn zu öffnen. Sie erbrach ihn und erbleichte. Das Blut +schoß ihr in die Schläfen. Als sie ausstieg, sandte sie durch +den Chauffeur dem General, der ihre Brüder erschossen hatte, +das Tuch, mit dem sie in Florenz ihrem ersten Geliebten +gewinkt hatte. Sie hätte es in der nächsten Sekunde lieber +mit den Zähnen zerrissen. Dieser Mann, dem sie das Tuch +sandte, hatte keinen anderen Gedankten, als den Herzog von +Leuchtenberg zu töten. Es kam jedoch anders, und Fürst +Gagarin kam nicht in die Lage, dafür, daß er Granuella de +Voß, die er wahnsinnig liebte, zu ihrem ersten Geliebten +entweichen ließ, zum Schutz seines Landes und als Sühne +für seine Tat den Herzog abzuschießen. Leuchtenberg kam +nicht in die Provinz. + +</p><p>Das junge Mädchen traf eine Woche nachher Lady Douglas +und reiste mit ihr Leuchtenberg entgegen nach Süden, +wo man sich besser traf als in der Nähe fanatisierter +Kugeln. Diese Reise war der Höhepunkt ihres Lebens. +Dieses Glück hatte sie nicht für möglich gehalten. Sie +mußte immer wieder innehalten und von vorne anfangen +zu denken, weil die Vorstellungen sich ihr verwirrten. Zu +manchen Zeiten wußte sie kaum, was sie sprach, und starrte +mit erschreckten Augen um sich, wo sie sich überhaupt befinde. +Diese Woche war so, als trete sie immer aus einem +Traum, um für Sekunden Wahrnehmungen zu machen, +worauf sie wieder in den Traum zurücksank. Ein Gefühl +von so maßlosem Entrücktsein hatte sie ergriffen, daß vor +dieser machtvollen Verzauberung Lady Douglas Beängstigung +empfand. Es schien unfaßlich, wie diese völlige Verwandlung +noch zu übertreffen, ja überhaupt je wieder ins einfache +Leben zurückzuleiten sei. Das Gespenst einer ungeheueren +Gefahr lebte in dieser Wonne alle acht Tage hindurch. +Die Douglas hatte eine Schatulle mit Papieren bei +sich, um die Eheschließung, wo auch immer sie sich träfen, +sofort vornehmen zu lassen. + +</p><p>Sie begegneten sich in Triest. Der Herzog kam mit einer +Art Janitscharenregiment auf einem eigenen Schiff. Die +Kapellen spielten, Schüsse wurden abgefeuert und Signale +gewechselt. Der Einzug hatte einen beinahe offiziellen +Anstrich, da die Souveränitäten von Dutzenden neuer östlicher +Staaten nie durchschaubar waren, solange die asiatischen +Auseinandersetzungskämpfe mit den Bolschewiken +dauerten. Der Herzog hatte offenbar ein kriegerisches und +abenteuerliches Dasein zu Ende gebracht. Er hatte so wilde +Sitten, daß die Douglas ihre ganze Autorität gebrauchte, +ihn kein Aufsehen erregen zu lassen. Granuella war fast +von Sinnen vor Aufgelöstheit. Sie sah nichts und hörte +nichts. Offenbar wußte sie gar nicht, wo sie sich befand. +In der Nacht raubte sie Leuchtenberg, nachdem er sie geschickt +während einer kurzen Abwesenheit der Engländerin +in den Garten geführt hatte. + +</p><p>Auf einem eigenen Motorboot, in das er Blumen hatte +werfen lassen, fuhr er sie nach einer kleinen Insel. Zwischen +einer Lichterkette gelangten sie zu einem Haus auf einem +Hügel. Er trug sie mehr, als sie ging. Was Granuella in +dieser Nacht erlebte, war das Süßeste und Unfaßbarste für +sie. Sie spürte selbst, alles Spätere sei überflüssig. Am +liebsten wäre sie nicht wieder erwacht. Sie erinnerte sich, +daß ihre Jugendträume alle auf etwas hingingen, das sie +noch nicht damals erfassen und erblicken konnte. Das war +es. Es war nun da. Sie empfand eine Bestätigung heute +für alles, was sie getan und unterlassen hatte in ihrem +Leben. Sie mußte Leuchtenberg wie einen Gott empfunden +haben, der sie besuchte. Bei diesen beiden Menschen schlug +das Feuer ihrer Begeisterung und ihrer Liebe immer wieder +zusammen, wenn sie sich die Nacht zurückriefen, wo er sie +aus ihrem Kindheitshause holte. Baroneß Granuella de +Voß war überzeugt, daß sie ihr Vaterland umarme, wenn sie +ihre Mädchenarme zärtlich um ihren Geliebten schlang, und +daß die Sehnsucht, um die sie Jahre hindurch in der Fremde +gewandert und die sie grauenhaft durchlitten, ihr nun mit +Dank in dem besten Mann ihrer glühenden Nation sich +erfülle. + +</p><p>Am Morgen vermochte sie von der Adlernase dieses +Mannes nicht mehr zu entdeckten als die ferne Spur seines +Schiffes, das wie ein Hauch in dem Meerblau schwebte. Der +Herzog hatte sich aus dem Hafen des Freistaats entfernt +und das Schiff wieder südlich gesteuert, nachdem er einen +diplomatischen Auftrag erledigt hatte. Gewiß war er nicht +ohne etwas wie Gewissen, obwohl bei Männern in Frauensachen +diese Tugend nicht viel mehr als eine angenehme Verlogenheit +bedeutet, aber er war keineswegs der Mann, ein +wildes und hartes männliches Leben für eine auf Jahre +verlängerte Schäferszene hinzugeben. Und er hatte in der +Tat, abgesehen davon, ob sein Ideal gewichtig oder erbärmlich +sei, wahrhaftig die Empfindung, Träger und Bringer +eines unsterblichen und nie wieder erreichbaren Glücks +gewesen zu sein. Granuella starb um eines Haares Breite, +als sie begriff. Sie hatte bis zum Mittag aufgerichtet im +Bett allein am Fenster gesessen. Als die Douglas sich über +sie beugte, sah sie diese einen Augenblick an. Die Engländerin, +die sie den Tag mit großer Ängstlichkeit gesucht +hatte, nickte. Granuella wurde weiß und fiel auf das Gesicht. +Sie hatte lange mit dem Tod zu kämpfen, und Lady +Douglas vermochte lange nicht, ihrem Nicken hinzuzufügen, +daß sie diese ganze Sache vorausgesehen habe. + +</p><p>Granuella wurde in der Folge sehr schön. Man sah nur +ihre Zähne nicht mehr. Früher hatte sie die Lippen stets +leicht geöffnet getragen. Sie hatte weniger Gelegenheit nunmehr +zu lächeln. Ihr Bruder war während ihrer Krankheit +auf eine unaufgeklärte Weise gestorben. Sie reiste daher, +als sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhielt, zu seiner +Beisetzung noch einmal nach Kowno. Wie der blonde Erzengel +stand sie mit dem wollüstigen Madonnengesicht +zwischen den Fahnen und Uniformen. Sie blieb allein am +Grab vor einem wilden Haufen Blumenkränzen: „Das da +unten ist der Mann, mit dem ich meine Jugend geduldet, +gelitten, gehofft,“ dachte sie. „Das Leben war zu schwer +für ihn und hat ihn zerbrochen. Habe ich ihm nicht Unrecht +getan, daß ich ihm deshalb zu zürnen wagte? Hat er diesen +Unsinn nicht einfach nur eher durchschaut wie ich?“ Sie +griff sich an die Stirn und fühlte die Traube blonden Haars, +die aus dem koketten Turbanhut und dem dicht unter dem +Kinn geführten Schleier herausquoll. Sie sah die letzten +Menschen um die Ecke des Friedhofgangs biegen. Sie hatten +dieses Wrack, das schon vor Jahren aus Leidenschaft zum +Geld die Sache der Nation verriet wie einen großen Führer +begraben. Sie war toll verliebt in diesen Vater, weil er +dem Leben unterlegen war, aber sie verachtete die Schreier, +die ihre Phrasen über seinen armseligen Tod geschwungen +hatten, als ob ein Heros für sie gefallen sei. „Man hätte +dieses Volk nie versuchen sollen zu retten. Es wäre vielleicht +zu seinem besten gewesen, wenn man es hätte rädern +lassen,“ dachte sie. Etwas fehlte nunmehr in ihrem Gesicht, +aber es war unbestimmt was. Sie ging bis dicht an das +Grab heran, dann drehte sie um. Um Weihnachstag heiratete +sie den General Gagarin. + +</p><p>Seinen Anweisungen und Wünschen verstand sie sich völlig +anzuschließen. Er vergötterte diese Frau. Er sprach auch in +Gesellschaft, wenn sie abwesend war, nur mit einer märchenhaften +Verehrung von ihr. Sie selbst wohnte des öfteren +mit ihm auf dem väterlichen Gut, das nun endgültig +polnisch war. Die interalliierten Mächte hatten schließlich +die Macht, die die Provinz halten konnte, sanktioniert. Sie +war auch bei allen Anweisungen auf der Seite ihres Gatten, +der in der rücksichtslosesten Weise vorging. Wenn man sie +gefragt hätte, was sie dabei empfinde, hätte sie voraussichtlich +mit der Duldung aber auch der Härte, die sie auszeichnete, +auf die Verachtung gedeutet, die sie für jene baltischen +Schwärmer empfand, die, ehemals deutschen Blutes, +mit ritterlichen und unklaren Gesten ihr Leben verkämpften, +das nichts als nebelhaften Inhalt hatte. Die Phrasen taten +ihr zu jeder Stunde weh. Sie konnte Begeisterungen nicht +mehr ertragen, da sie auf der Kehrseite die Dummheit sah. +Sie stand auf dem Boden ihres Mannes und hielt für recht, +daß er behielt, was er besaß und daß er besaß, was er zu +halten vermochte. Sie hatte Gelegenheit, sich in alle Geistesrichtungen +ihrer Zeit zu versenken, es ist nicht gesagt, daß +sie das primitive und wohl etwas kindische Ideal ihres +Gatten zu oberst stellte, auch wenn sie es billigte. Als Frau +war sie allen Schwingungen des Geistes ihrer Epoche zugänglich +und selbst den Geheimnissen offen, in deren Schoß +die Erde sich auf furchtbare Zeichen neu ankündigt. Aber +als Frau wiederum fühlte sie sich in der brutalen Gradheit +ihres Mannes geborgen, darüber mochte die Welt zerspringen. +Sie hielt nicht genügend von ihr, um in Ereiferung +darüber zu geraten. So war es ihr gleich, daß man +sie haßte, wo sie der besinnungslosen Liebe des Generals +sicher war. + +</p><p>„Gehen Sie,“ sagte sie, als sie sich unwohl fühlte, zu dem +General Fürst Gagarin, der den Vorzug hatte, ihr Gatte zu +sein, „dieses Telegramm bestellen.“ Nach zwei Tagen rannte, +den Krummsäbel in der Hand, um nicht zu stürzen, ein +fast weißhaariger litauischer General die Treppe herauf. +Er schien völlig verstört und irrte sich in den Zimmern. +Plötzlich riß er einen Teppich zurück. Sie war schon tot. +Neben ihrem Bett stand Gagarin. Er grüßte stumm und +nahm von ihrem Gesicht das Tuch, das sie ihm als erste +Sache geschenkt hatte. Der Mann, der ihre Brüder erschossen, +reichte es St. Goar, an dem sie ein wenig mit der +Zärtlichkeit ihrer Glutseele gehangen und der zu spät kam. +Er hatte die Nachfolgeschaft des Herzogs nie antreten +dürfen. Die Männer reichten sich die Hände in einem plötzlichen +Liebesempfinden, das wunderbar in ihren Augen +glühte. „Ich beschwöre Sie, mir zu gestatten, dieses auf +ihre Brust zu legen“, sagte St. Goar, und legte die Fahne +mit der Silberfaust und den drei roten Punkten nieder, +mit der sie zum erstenmal ans Meer gefahren waren. Er +ließ sie eine Sekunde liegen, dann nahm er sie zu sich. + +</p><p>Als er das Haus verließ, sanken überall die Standarten. +St. Goar schritt ein wenig torkelnd aus. Jemand lief +hinter ihm her. „Geben Sie mir die Fahne — ich beschwöre +Sie“, sagte Gagarin. St. Goar holte sie aus der +Tasche und gab sie ihm mit einem herzlichen Gefühl und +tiefer Verneigung. Sie mußten denselben Gedanken gehabt +haben, sie lächelten, als ob ihr Leben umsonst gewesen wäre +ohne diesen Augenblick oder vielmehr, als ob die ungeheure +Seligkeit dieser Vereinigung alles auslösche, was sie +im Guten und Schlechten gegeneinander getan hatten und +noch tun würden. + +</p><p>Die Straße schien leer. Es konnte aber St. Goar nicht +entgehen, daß das Volk der Toten fluchte. Er schaute seine +Hände an, die ihre Brust berührt hatten und wäre fast +darüber für immer stehen geblieben. „Sie hat mich ein +wenig geliebt“, dachte er. Er war der Ansicht, es sei das +glühendste Geschenk, daß sie ihn zum Sterben nicht missen +wollte. Er faßte das Tuch und preßte es gegen sein toll +gewordenes Herz. Der alte General war fast närrisch vor +Glück. Er bedurfte einer Menge Kraft sich zu fassen, da +er mit Uniform, in der er Hals über Kopf herübergejagt +war, auf fremdem Territorium sich befand, und seinen +Wagen herbeizuwinken. + +</p> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Amazone, by Kasimir Edschmid + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AMAZONE *** + +***** This file should be named 33326-h.htm or 33326-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/3/3/2/33326/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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