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+The Project Gutenberg EBook of Die Amazone, by Kasimir Edschmid
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Amazone
+
+Author: Kasimir Edschmid
+
+Release Date: August 2, 2010 [EBook #33326]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AMAZONE ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Die Amazone
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+Von Kasimir Edschmid
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+In den Auseinandersetzungskämpfen der östlichen Randstaaten wurde um
+Weihnacht von den Polen Feuer auf dem Gut des Großbesitzers Voß gelegt. Der
+alte Voß hatte westfälisches Blut in sich. Der Vater war ein Eingeborener,
+der bis an die Küste den Forst jagdbar gemacht hatte. Frederik de Voß war
+ungefähr fünfzig Jahre und unter der früheren Regierung
+Landschaftsdirektor.
+
+Auf seinem Besitz gründete er die »Pania watja«, von der eine große
+Bewegung für die nationale Sache ausging. Bei den Abstimmungen in den
+Grenzgebieten, in denen auch seine Äcker und Scheuern lagen, stand Frederik
+de Voß mit allen Pferden und Dienern im Sattel vor den Lokalen und hielt
+die nationale Fahne in der Hand. Neben ihm standen in den Bügeln
+aufgerichtet seine Kinder, vier Söhne und seine Tochter Granuella. Auf dem
+Gut verkehrte die gesamte litauische Intelligenz. In Granuella bewegte sich
+das baltische Blut und sie stand mitten in der Atmosphäre von Haß und
+Freiheitslust, wie sie litauische Frauen nur schwer aufzubringen vermögen.
+Um diese Zelt annektierte der polnische Staatsstreich ihr Gebiet mit zwei
+anderen Grenzprovinzen. Granuella war damals fünfzehn Jahre und vermochte
+Helden zu entfachen mit dem weißgrauen Blick in dem Madonnengesicht. Das
+Haus wurde ein Mittelpunktt der Irredenta; einer der Brüder, Roland, reiste
+mit litauischen Ministern zu einer Konferenz des Völkerbunds, die anderen
+reizten die etwas stumpfe Bevölkerung gegen die Eroberer auf.
+
+Frederik de Voß, sagte man, vermochte diesen letzten Schlag nie ganz zu
+verwinden und schwor überall, daß, wenn die europäischen Mächte das
+polnische Unrecht sanktionierten, er das ganze Terrain in eine Wüste
+verwandle. Vierzehn Tage nach Abreise der Kommission zum Völkerbund wurden
+Kisten auf den Hof gebracht. Nachts wurden mit Fackeln Tiere herausgelassen
+und an Ketten gelegt. Mit eisernen Maulkörben tobten sie in einem
+zementierten Keller, bis durch einen Unglücksfall eines entwich und in
+voller Flucht vom Voß-Hof herjagend ein polnisches Kind zerbiß. Daß Voß
+Wölfe aussetzte, steigerte die Erregung der Bevölkerung jenseits der
+Grenze.
+
+»Schlangen und Haifische,« sagte Voß, »sollen folgen,« und ritt mit seinen
+Söhnen quer über das blühende Ackerland, das sie jahrhundertlang angebaut
+hatten. Er dachte es preiszugeben. Sie ritten die Kanäle hinauf und
+schauten mit den Pferdeköpfen kaum über den Mais. »Misericordia«, schrie
+plötzlich eine Figur in einer Priestersoutane und sprang entsetzt in die
+Höhe. Die Reiter warfen sich mehr, als sie sprangen, von den Pferden auf
+den Bauch, und der polnische Priester fing mit gebreiteten Armen die Salve
+von zehn Kugeln auf, welche durch sein Signal die de Voß erledigen sollten.
+Sie waren in fünf Minuten im Galopp auf dem Hof und ließen die Wölfe hinter
+den Franktireuren her. Drei warfen sie vor dem Dorf und fraßen die
+Weichteile heraus. Die Polen, die sich am Abend heranschlichen, zitterten
+vor Wut. In der Nacht zündeten sie die Scheuern um das Gut herum an.
+
+Vor Granuellas Augen fielen die drei Brüder. Zu Zweien gingen die
+litauischen Knechte durch den Feuerschein über den Hof durch ein
+Detachement polnischer Soldaten, die ihre Uniformen nur oberflächlich mit
+Radmänteln und Säcken, durch die sie Kopflöcher geschnitten hatten,
+verdeckten. Ihre Blicke waren alle auf einen Mann gerichtet, der einen
+leicht ergrauten Schnurrbart trug und auf einem Maultier saß und unbeirrt
+in den Brand schaute.
+
+Er war voll in der blutigen Flammenpracht erleuchtet und setzte sich allen
+möglichen Schüssen aus. Man sah über sein totenblasses Gesicht die Scheine
+unaufhörlich hinwehn. Sein Pelz deckte nicht den Säbel seines Regiments,
+und die Epauletten stießen Beulen in den Mantel über seinen Schultern.
+
+Der junge Oberst ritt nun bis dicht vor das Gebäude, um dessen Holzsäulen
+das Feuer wie ein Karussel sich drehte und rief ein paar Worte zu dem
+Balkon hinauf, wo der alte Voß stand. Der hatte keine Kugeln mehr in seinem
+Gewehr, warf die beiden Pistolen nach dem Polen und rief: »Verdammt will
+ich sein, Fürst Gagarin, wenn ich davonkomme, so ich nicht die Kanäle
+morgen bis Warschau übers Land laufen lasse.« Er fing bitter zu lachen an,
+als gleichzeitig die Flammen sich gegen den Balkon warfen. Er sah den Tod
+sicher.
+
+Wieder sagte darauf der junge polnische Oberst etwas, das Voß in eine Art
+Raserei brachte. Er suchte herunterzuspringen, woran ihn Granuella
+hinderte, die an dem Gitter herangelaufen kam, dem einzigen feuerfreien
+Platz. Der junge Oberst ward fast wahnsinnig, als er sie sah.
+
+Er ritt so nahe, daß sein Tier sich auf den Hinterbeinen hob, sah fest in
+die Augen des Mädchens und ritt mit gesenktem Kopf wieder weg, als habe man
+ihn zwischen die Schultern geschossen. Er liebte das Mädchen wie ein
+Verrückter, aber wie sollte er sie gewinnen, wo er ihre drei Brüder getötet
+hatte. Er schalt sich feig, daß er sie nicht gezwungen hatte vor dem Brand
+sich retten zu lassen, aber es war unmenschlich, in die Flamme zu springen,
+um jemand herauszuziehen, der lieber starb als ihn ansah. Er watete mit dem
+Maultier in einen Kanal, ließ sein Detachement mit den gefangenen Litauern,
+die rekrutiert werden sollten, an sich vorbeiziehen und war nahe daran,
+sich hinter ihnen eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Nach einer halben
+Stunde war er wohl wieder bei sich, aber er hatte das Gefühl, keine Frau je
+wieder ansehen zu können.
+
+Der Brand hatte sich auf alle Scheuern und Schober ausgebreitet. Das Vieh
+verbrannte unter großem Lärm in den Ställen. Die Schober brannten viel
+heller und höher, acht Stück, im Kreis um das Herrenhaus, wo man in immer
+rasenderen Stößen am Zittern des Bodens die Stöße empfand, mit denen die
+Bullen ihre Steinwände einzurennen versuchten.
+
+Der Platz zwischen den Scheuern und der Mauer, die die Hofsiedelung im
+Viereck umgab, war hundert Meter weit, der Zwischenraum zwischen den
+Scheunen und dem Gutshaus zweihundert, und alles war so hell, daß man die
+Mäuse am Boden herumspringen sah. Das Tor war verrammelt mit Wagen, die
+übereinandergestürzt in der Einfahrt lagen, und der eiserne Teilflügel des
+Tors hing riesenhaft, schräg, nur in einer Achse in die Luft und spießte
+mit seinem Hellebardenabschluß ein Schwein, das von einem turmhohen
+Furagewagen hineingesprungen war. Plötzlich ritt eine Abteilung eines
+Litauerregiments über die Äcker und Kanäle heran.
+
+Sie saßen ab, steckten die Köpfe über die Mauer, hoben die Nasen neugierig
+und sprangen auf einen Befehl hinüber. Der junge Leuchtenberg, der sie
+führte, kam mit dem Pferd über die Mauer und war der erste auf der Leiter,
+mit der man Granuella und den Vater rettete. Er trug sie selbst Schritt um
+Schritt und nicht sehr eilig über den dreihundert Meter taghellen Hof nach
+dem Kanal hinter der Mauer. Als er sie niederlegte, um sie mit Wasser an
+den Schläfen zu waschen, ward sie, die immer in seinen Blicke
+hineingeschaut hatte, ohnmächtig.
+
+Das Detachement suchte die Polen noch zu erreichen. Die hatten die alte
+Polengrenze bereits überschritten, man kehrte daher auf das umstrittene
+Gebiet zurück, das dem Recht nach wohl den Litauern, der Macht zufolge den
+Polen gehörte, das eine Art Freikampfplatz der irregulären Truppen
+darstellte und um dessen Schicksal seit zwei Jahren in Lausanne beraten
+ward. Mit gesenkten Karabinern kamen sie zurück.
+
+Voß schwur, als er seine Söhne sah, wie sie nebeneinander lagen, durch und
+durchgeschossen, mit einer plötzlich weinerlichen Stimme, nicht eher
+zurückzukehren, bis das Terrain wieder litauisch sei und er in einem
+schauerlichen Kreuzzug durch Europa an den Polen seine Rache genommen habe.
+Mit den drei Leichen auf einem Leiterwagen, neben jedem ein Bauer, der ihn
+umarmt aufrecht hielt, fuhr er über den Dünensand in die Fichtenwälder nach
+Kowno, Soldaten vor und hinter sich.
+
+Neben dem Wagen Granuellas ritt der junge Herzog von Leuchtenberg eine
+Weile, salutierte dann und ritt zurück, denn das Mädchen schien immer noch
+in einer Ohnmacht, obwohl sie sprach und auf Anruf sich bewegte. Ihre
+Aufmerksamkeit schien völlig in der Feuersbrunst zurück gebannt zu sein und
+es war seltsam, wie sie mit einer eigenartig zarten Bewegung sich hinderte,
+den Kopf dahin zu wenden, woher sie kamen. Er beobachtete sie einige
+Augenblicke, nahm die Mütze von seinem ganz blonden Scheitel, unter dem
+eine angenehm gebogene Adlernase hervorsprang, pfiff den Rest des
+Detachements zusammen und sprengte die Grenze lang zurück, während der
+Trauerzug aus dem Wald ins freie Feld torkelte. Solange man ihn am hellen
+Himmelsrand sehen konnte, blickte Granuella, stehend, im Wagen ihm nach.
+
+Der alte Voß hielt sich monatelang in Lausanne auf. Er richtete sich
+umständlich ein, mietete ein altes Hotel und stellte eine Wache davor. Er
+suchte durch seine Versipptheit mit belgischen Adelsfamilien einen Einfluß
+auf den Gang der Verhandlungen auszuüben und machte den Aufwand eines
+Fürsten. Die ständig arbeitenden Bureaus sahen in der Ruhe ihrer Arbeiten
+dem kleinen Kriegsspiel im Osten nicht ohne Neugier aber ohne jedes
+Interesse zu. Man erwartete Entscheidungen, die man selbst zu fällen
+vermied. Man hatte durch Zufall diese Randvölker, deren Namen man früher
+nicht wußte, befreit und hätte lieber gesehen, daß sie aus dem Erlös ihrer
+Schweine eine Börse bauten und sich mit Parfum bespritzten, statt daß sie
+die westlichen Ehrbegriffe mit übertriebener Entzündlichkeit nachmachten.
+Diese Kriegstüchtigkeit war allerdings ein Rechnungsposten gegen die Macht
+Lenins und man ehrte sie dadurch, daß man die Sache hinhielt und sich für
+keinen vorderhand entschied. Da Voß leidenschaftlich seine Sache liebte,
+langweilte er alle Instanzen zu Tode. Man gab ihm den Rat zu verschwinden.
+Zu seinem Unheil befolgte er ihn nicht.
+
+Die jungen Attachés, die an seinem Tisch saßen, fingen an, hinter den
+Servietten ihn zu verspotten. In den Stuben ihrer Sekretäre wurde er
+vertröstet, wie man jemanden traitiert, der der Ansicht ist, die Welt sei
+der Gerechtigkeit halber da. Er schadete seiner Sache, weil niemand mehr
+davon hören wollte. Die Reisenden fanden es imposant, wenn er als
+Freiheitsheld ihnen gezeigt wurde, wie er mit Granuella am Quai des eaux
+vives mit seinem mächtigen Körper und dem Blond seiner Rasse herunterkam,
+aber seine Politik hatte gar keinen Transport.
+
+Da der Alte mit Wagen und Pferden wirtschaftete wie zu Hause, konnte er auf
+die Dauer die Differenz zwischen der litauischen Mark und dem schweizer
+Franken nicht aushalten und begab sich nach Paris. Er war halb von Sinnen
+über die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen. Revenüen aus den Gütern bezog
+er nicht mehr. Von einem Teil des Barvermögens lebte der letzte Sohn in
+London als Beirat immer zweckloser sich gestaltender Konferenzen. Man
+schien plötzlich überhaupt die ganze Frage suspendieren zu wollen und
+wartete auf einen Zufall, der das Grenzabkommen endgültig von selbst
+erledigte Für jemanden, dessen Güter während des Krieges sechsmal die
+Deutschen und fünfmal die Russen erobert und annektiert hatten, war die
+wirtschaftliche Lage mehr als ein Kartenspiel wert. Plötzlich galt es zu
+leben. Man hatte alle Energie nötig, den Unterhalt auf der Höhe zu halten.
+Seither kamen dem Besitzer von hunderttausend Morgen, der eine Provinz
+beherrschte, Gedanken derart nicht im Traume vor. Mitten in seinen
+Unternehmungen, die eine fixe Idee der Gerechtigkeit umkreisten, sah er
+sich mit ungeheuerlicher Energie in die Enge getrieben und fand sich in
+einer Situation gefangen, die schon fast verzweifelt war, als sie ihm
+bekannt wurde.
+
+Seine Eitelkeit litt in dieser Nacht erstaunliche Qualen. Man war
+mittlerweile nach London übergesiedelt. Er stürmte im Salon seiner
+Hotelwohnung mit sich redend auf und ab, bestellte um drei Uhr Allasch und
+Tee, durchmaß die Wohnung knurrend in schräger Richtung hin und her. Um
+vier Uhr stürzte er plötzlich an das Balkonfenster, zog den Vorhang zurück
+und blieb, die abgerissene Schnur in der Hand, über dem Frühnebel stehen.
+Schon in der Frühe begab er sich auf die Bank von England mit einem Diener,
+der zwei große Aktienpakete unterm Arm trug. Er rechnete damit, eine Rente
+in Pfunden oder Sterling aufzunehmen über einen Teil seiner Besitzungen,
+die in Rußland lagen. Die englischen Banken übernahmen gern die
+Besitzrechte zu einundfünfzig Prozent auf ertraglose Werte, um sie bei
+einer Kursänderung der Arbeiterstaaten gewaltig unter der englischen Flagge
+auszubeuten. Trotzdem man in London an das baldige Ende Lenins glaubte,
+hatte man kein Interesse für die von Voß angebotenen Werte. Man empfahl
+ihm, seine litauischen Güter zu beleihen. Die Herren der Prokura, die ihn
+empfingen, sollten eine große Szene erleben. Der alte Seigneur riß seinen
+Kragen vom Hals und sagte, er werde eher Portier der Bank. Darauf wandte er
+sich um, winkte dem Boten und warf die Tür hinter sich zu. Obwohl die
+Offerte der Bank verständig war, fühlte er sich tagelang beschimpft. Das
+Gefühl, den Boden, um dessen politische Freiheit er sich in ihm
+unerträgliche Prozesse gestürzt hatte, geschäftlich benutzen zu müssen, gab
+ihm einen Schlag ins Gesicht. Er wankte in seinem ganzen Seelenbezirk. Mit
+irren Augen sah er die Ereignisse herankommen, die er nicht begriff und die
+ihn, pfui Teufel, noch weniger zu begreifen schienen. Mit zitternden Händen
+rückte er seinen Zylinder zurecht, als er Granuella den Mittag bei ihrer
+Freundin abholte, der Lady Douglas, die, zehn Jahre älter als sie, sie
+unter ihren Schutz genommen hatte. Die Douglas war eine entfernte Verwandte
+und hatte ihr Haus und ihre Anmut den Flüchtlingen geöffnet. Voß verschwieg
+ihr seine Lage. Wenn er von seiner Provinz in Zukunft sprach, hatte er
+mitten in seinem blondumbarteten Mund eine gewisse Weichheit bei der
+Artikulation. Im Herzen war er verzweifelt. Natürlich wären viel
+Hilfsmittel zu seiner Verfügung gewesen, allein durch seine Eigenart verlor
+er die Freiheit, sich ihrer zu bedienen. Wo es ihm gepaßt hätte, sich
+Freunden zu eröffnen, war das fragliche Vermögen zu gering. Die Blicke des
+Hoteldirektors zwangen ihn zu Entscheidungen im Hinblick auf seine lang
+aufnotierte Rechnung. Von allen Seiten bestürmten ihn nunmehr
+Schwierigkeiten, denen er nicht gewachsen war mit seiner herrischen Natur
+und Erziehung. Das englische Pfund begann sich gegen den Dollar stark zu
+senken, die Gläubiger holten ihre Ausstände ein. Er ging an der Börse ein
+Baisseengagement auf die polnische Mark ein, die sich besserte und ihn
+zerschlug.
+
+Man verkaufte sein Auto, seine Pferde. Solange reiste er nach Brüssel und
+kam zurück, als sei in der Tat nichts geschehen. Auf seinem Tisch lag ein
+Telegramm seines Sohnes Roland, das nichts über die Verhandlungen enthielt,
+jedoch Schweizer Franks wünschte. Er konnte nicht helfen. Zum erstenmal im
+Leben empfand er Heimatlosigkeit. Er fühlte seine Umgebung feindlich und
+unzugänglich. Als er plötzlich sich an seine Gärten und die flache
+braungelbe Schonung erinnerte, zerriß ihn fast die Verzweiflung. Mit
+dröhnenden Schritten stolperte er in die Gassen hinein, die Vorstädte
+umgaben ihn mit dem Nachtgewölb. Das Elend, die Hilflosigkeit übermannten
+ihn. Seitdem er den Boden seiner Heimat verlassen, der ihm Sicherheit durch
+das Leben hindurch gewährleistet hatte, sprangen lauter unglückselige Dinge
+hinter ihm her. Er bewegte die Arme alle paar Minuten vom Körper weg. Es
+kam ihm vor, als sei er gefesselt. Er war von einer Hilflosigkeit
+zerschmettert, die ihn kindisch machte. Er hatte nur noch Gedanken nach
+Geld. Die Schatten der Vorbeihuschenden türmten sich über ihn, alles
+drückte ihn zu Boden, was ihm begegnete. Er kam über eine Brücke mit
+gurgelndem Wasser und sah sich plötzlich in einer bekannten Straße. Mit
+Erstaunen bemerkte er, daß er nach einigen Schritten sich an der Tür eines
+Emigrantenklubs befand. Er stieg hinauf, riskierte seine Ehre, indem er auf
+Wort spielte und gewann die Nacht tausend Pfund und fuhr nächsten Tags nach
+Paris. Daß er gerettet war, machte ihn glücklich und heiter.
+
+Sie machten die Reise in kleinen Stationen über Antwerpen, Gent, Calais. Er
+beabsichtigte, für seine Tochter etwas zu tun, die ihm in den letzten
+Monaten aus dem Gesicht gekommen war. Das Unternehmen dieser Reise war
+heiter. Er nahm seine Tochter vor Rührung in die Arme, als sie zum
+erstenmal Buchenwald wieder an das Meer heranrücken sahen. Dahinter flogen
+Windmühlen und eine Herde Kühe kam ihnen entgegen. Sie waren beide
+hingerissen. De Voß, mit Tränen in den Augen, begann aus voller Kehle im
+Auto halbstehend, die nationale Hymne zu singen. Die Ebenen und Wiesen mit
+den Arbeitenden und dem Vieh hätten ihn fast zum Jüngling gemacht.
+
+In Paris scharte er entschlossen die Jugend seines Randstaats um sich. Da
+die Verhandlungen in der Schweiz keine Fortschritte machten, verlegte er
+einige Wochen seinen Wohnsitz wiederum in die Schweiz, ohne indes etwas zu
+erreichen. Er hatte allerdings die Ehre, daß Lord Chamberlain ihn empfing,
+der das britische Reich damals vertrat und ein Vetter der Douglas war. Die
+Unterredung war kurz, aber er vermochte den Diplomaten an die besten
+Traditionen seines Volkes zu erinnern und sah ihn in einem majestätischen
+Moment bewegt, als er ihm die geschäftliche Feigheit der europäischen
+Staaten vorwarf, aber ein furchtbarer Schlag zwang ihn nach Paris zurück.
+Er vermochte sein Vermögen nicht mehr zu retten.
+
+Er fuhr direkt zur Börse. Der Krach war entgültig und erledigte ihn. Es
+blieben lediglich einige südafrikanische Shares. Diesmal schien es keine
+Rettung mehr zu geben. Er wurde tiefsinnig. Er erholte sich wohl auch nie
+mehr von der Demütigung, die ihn zwang, wieder dem Gelde nachzulaufen. Bei
+einem Spaziergang in den Tuilerien fiel ihm ein Bankier ein, den ihm Lady
+Douglas als ihren Vertrauensmann in Geldsachen bezeichnet hatte. Hier griff
+zum erstenmal die Douglas in das Leben dieser Familie ein, die um ein
+Lebensrecht kämpfte, das sie seit einem Jahrhundert schon verloren hatte.
+Er ging zur Avenue Wagram zu Fuß und widerrief seine Absicht bei jedem
+dritten Schritt. Aber beim vierten entschloß er sich wieder von neuem.
+Schließlich trat er in das Privatbureau des Präsidenten.
+
+Als dieser eintrat, hatte er sofort solchen Widerwillen gegen den Mann, daß
+er versuchte, mit einer Ausrede ihn zu verlassen, dann sah er ihn einige
+Sekunden an von dem schlechten Scheitel bis zu den falsch geknöpften
+Schuhen. Er nahm seinen Hut ab, verneigte sich und sagte: »Sie sehen in mir
+einen Mann, der sein Vaterland über alles liebte und der vernichtet ist.«
+
+»Bedecken Sie sich,« sagte der andere, der einen kleinen Sprachfehler
+hatte, »ich will sie retten.« Der Mann hielt ihn trotz seiner imposanten
+Ausgaben drei Monate über Wasser, bis die Baisse nachließ und die Kurse der
+Unternehmungen, an denen er ihn gegen gute Prozente beteiligt hatte, wie
+die Affen kletterten. »Mein verehrter Baron,« sagte der Bankier, »Sie sind
+saniert und ich hatte das Vergnügen dabei, einer verehrten Frau eine
+Gefälligkeit erweisen zu dürfen. Jetzt kehren Sie auf Ihre Besitzungen
+zurück.«
+
+Darauf nahm Voß den Hut mit einer feierlichen Bewegung, als ob er etwas in
+tiefster Ehrerbietung heimlich grüße, bekam einen Kopf wie ein
+Schlagflüssiger und verließ ohne Dankeswort den Sprecher. Er schüttelte die
+Faust über diesen Zeloten. Er gewann seinen ganzen Stolz zurück. Es war
+prächtig, wie er damit sich selbst zurückgewann und mit sich prunkte. Einen
+Teil seines Gewinns sandte er in aufsehenerregender Weise an Roland de Voß
+nach Lausanne und eiferte ihn an, aufs heftigste tätig zu sein. Einige
+Wochen ging es ausgezeichnet.
+
+Die Fürstin Trobetzkoi kam aus Nizza zu Besuch. Das Haupt der von ihm
+gegründeten Pania Watja, der jüngere St. Goar, ein Vetter der Fürstin, die
+den letzten polnischen Marschall auf der Promenade zur Rede gestellt hatte,
+traf ein. Noch einmal flatterten die kleinen Litauerfahnen an seinem Wagen
+mit der aufsehenmachenden Silberfaust zwischen den drei roten Kugeln. Auf
+den Wunsch St. Goars fuhren sie ans Meer. Sie standen am Vormittag lang auf
+der Düne und sahen in den starken Wind. Es war ein angenehmer Tag. In der
+Nacht tappte Voß an seinen Safe, der in einen suite-case eingebaut war. Er
+fand nichts mehr darin, Die Hände fingen ihm an zu zittern. Man war wieder
+am Ende. Von nun ab trug er das eine Auge etwas geschlossen.
+
+In der Frühe beeilte er sich zu Granuella hinüberzugehen. Die war erstaunt,
+daß er ohne sich anzumelden, kam, weil das noch nie geschehen war, solang
+sie denken konnte. Selbst als ganz kleines Kind wurde sie jeweils erst von
+einem Mädchen auf seinen Besuch aufmerksam gemacht. Sie bemerkte, daß er
+eine graue Haut hatte. Daraufhin richtete sie sich auf. Im Zimmer flogen
+aus drei hängenden Käfigen Kanarienvögel hin und her und sangen. Die Zofe
+hatte die aufgewellten Cremegardinen halb hochgezogen und eilte hinaus.
+
+»Packe alles,« sagte er und sah sie mit aufgerissenen Lidern an. »Wir
+werden uns in Zukunft einzuschränken haben. Entlasse das Personal. Ich
+werde gehen, eine unseren Verhältnissen angemessene Wohnung zu finden.«
+
+»Wie,« sagte Granuella, »wir müssen anfangen zu verzichten? O, wie danke
+ich Dir, daß wir endlich dazu bereit sind.«
+
+Voß war es in diesem Augenblick, als müsse er sterben. Denn er sah zum
+erstenmal seine Tochter so. Er hatte gedacht, daß sie toben würde. Diese
+Hingabe rührte ihn derart, daß er sich aus Schwäche auf ihren Bettrand
+setzen mußte, und immer wieder ihre Hand nahm und sie an sein Herz preßte.
+Er war restlos besiegt und erschüttert und küßte ihre Haare.
+
+Als er allein war, machte das ihn unsicher. Er wollte seine Tochter das
+Opfer in Wirklichkeit nicht erleben lassen. Wie er in den Spiegel sah und
+dachte, daß er alle die Monate und Jahre an seiner Tochter vorbeigelebt
+hatte, brach er sogar in Tränen aus. Um Geld herbeizuschaffen, lief er zu
+dem Bankier, erreichte aber nichts, da er verreist war. Er suchte ihn gegen
+Abend noch einmal auf. Er hatte wieder keinen Erfolg, trotzdem dachte er
+nur daran, Granuella das seitherige Leben fortführen zu lassen. Als
+Granuella den Zurückkehrenden gedrückt sah, durchschaute sie alles,
+überraschte ihn mit fertigen Tatsachen, das Personal war entlassen, das
+Etablissement gekündigt, manches zum Verkauf ausgeschrieben und das meiste
+schon gepackt. Am nächsten Mittag zogen sie in eine kleine Wohnung am
+Friedhof Pair La Chaise.
+
+Eine Weile lebten sie, daß es Granuella später vorkam, es sei die beste
+Zeit gewesen in ihrem Leben. Wenn Voß die Treppe herunterkam, sprang
+jedesmal der Concièrge aus seiner Loge und schlug mit dem Holzbein an den
+Schellenbaum, den er bei Verdun getragen. Voß pflegte kurz zu grüßen.
+Trotzdem war der Mann über die Frische begeistert, die da die Treppe
+herunterkam, und hinter der er einen General vermutete. Sein Herz schlug
+höher, er salutierte noch hinter ihm her, manchmal verfolgte er ihn mit
+seiner Krücke ein Stück auf der Straße und rief hinter ihm her: »So sehen
+Sie doch, mein Herr, wie frisch die Bäume sind. Es muß einen neuen Krieg
+geben, sapristi . . .« Er blies sogar in die Hände über diesen Mieter und
+drehte sich vor Vergnügen im Kreis, wenn man ihn nicht sah.
+
+Es war für Vater und Tochter eine entzückende Sache sich einzuschränken,
+weil sie es nicht gewohnt waren. Man machte Entdeckungen. Es war mehr eine
+Robinsonade und ein unterhaltendes Spiel als die Not. Was war das für ein
+Leben ohne Telephon und Diener. St. Goars Blicke wurden bei diesem Anblick
+der rührenden Sparsamkeit glücklich. Man gründete die Pania watja mit neuen
+Formeln, ein Strom von Belebung ging von beiden aus. Zu ihrem Glück setzten
+die polnischen Studenten-Manipel durch, daß die Pania watja aufgelöst
+werden mußte. Sie bestand unter anderem Namen verstärkt fort.
+
+»Man muß arm sein, um eine Sache richtig machen zu können,« wagte eines
+Tages sogar Voß zu sagen, als er erfreut zurückkam. Zu seinem Unheil war
+das bescheidene Leben aber ebenfalls zu knapp. Man streifte wieder die Not.
+In diesen Tagen mußte Rolands Scheck erneuert werden. Es blieb nur die
+Möglichkeit, den Sohn zurückzurufen. Granuella sagte: »Wir dürfen unseren
+Stolz nicht so sehr wachsen lassen. Wir müssen des Erfolges halber auf die
+Revenüen der Güter zurückgreifen, auch wenn die Polen darum herumsitzen.
+Man schmeckt es dem Gelde nicht nach, daß es nach den Schwarzbeinigen
+riecht.« Sie hatten sich angewöhnt, nach den Landarbeitern in den Kanälen
+die ganze Station so zu nennen. Zu ihrem Erstaunen widersprach der von Geld
+durch die Not wieder ganz bezauberte Voß kaum. Es war umsonst. Denn bald
+kam die Nachricht, daß ein Semjimbeschluß die Ausfuhr von Geld aus dem
+annektierten Gebiet verboten habe. Das zertrümmerte Voß. An Rückkehr war
+nicht zu denken. Er wäre eher vom Dach des Hotels gesprungen.
+Wahrscheinlich hätte man sie ihm nicht einmal erlaubt. Nun empfand er seine
+totale Losgelöstheit. Es gab tatsächlich keinen Halt mehr für ihn, man
+hatte die Heimat wie ein Stück Körper von ihm abgeschnitten und er befand
+sich mitten in einer furchtbaren unübersichtlichen Flut. Es konnte nur ein
+Ziel geben, das gleichzeitig allein Halt verbürgte: Geld. Er bekam einen
+Zug, der seine Nase schärfer machte, den Mund spitzte, im Auge flackerte
+manchmal mit einem gelben Schein die Gier. Die Hände schnellten oft wie bei
+einem Vogel, der einen Ast ergreift, zusammen. Er war gemacht für Kämpfe,
+die eine gewisse Höhe an Stolz und Anspruch voraussetzten. Zu anderer Zeit
+wäre er ein großer Anführer für die Freiheit gewesen. Zu seiner
+Verwunderung wurde er rücksichtslos umgeworfen. Wo er an Adel sich
+klammerte, krachte die Not. Er glitt fast widerstandslos in die Hände von
+Glückssrittern und in die Fallen von Habenichtsen. Plötzlich war er
+hilflos, aber auch unfähig wie ein Kind. Er ging einfach glatt vor die
+Hunde in dieser Quälerei um die Existenz. Sein Widerstand war so
+erstaunlich gering, weil er selber fühlte, wie er abstarb in diesem
+Zeitalter, das seine Voraussetzungen schon gar nicht mehr kannte. Man mußte
+Paris verlassen. Er jagte hinter allen Möglichkeiten des Geldes wie ein
+Besessener her. Im Grunde ward das die mächtigste Bewegung in seiner Seele.
+Er hatte Angst in einem Vorstadthotel zu krepieren. Aus dieser Furcht
+entwickelte sich eine namenlose Habgier nach Geld.
+
+Zuerst waren es noch korrekte Sachen, die an ihn heran kamen. So war er zum
+Beispiel wohlgelitten bei der Großherzogin von Luxemburg, die ihn ihr
+Gestüt beaufsichtigen ließ. Wegen seiner Zugehörigkeit zur Pania watja
+erreichte nach einigen Monaten diese Beziehung ein Ende. Der polnische
+Geschäftsträger wies darauf hin, daß Voß Anwesenheit am Hofe seine
+Regierung stark verstimme. Da der luxemburgische Frank gut stand, mußte man
+den Alten opfern. Zu allem Elend kam nun, daß die Polen, gegen die er den
+»Kreuzzug durch Europa« unternommen hatte, ihn wie einen Fuchs zu jagen
+begannen, als sein Kreuzzug schon ein erbärmliches Gehetz durch immer
+erschrecklichere Not wurde. Das Halali des Staatschefs Pilsudski hinter ihm
+her brachte ihn fast ins Grab in den nächsten Monaten. Er war zu mürbe
+schon, um zu sterben an seiner Galle. Er war entschlossen nicht Hungers zu
+sterben. Also starb er auch nicht an Ehrgeiz, denn es fehlte die Zeit dazu.
+Ein Lichtblick war, daß er in Kissingen einen abgesetzten deutschen Fürsten
+am Brunnen traf, der auf seinem Gut übernachtet hatte und ihm nun klagte,
+daß Auseinandersetzungen mit englischen Banken sein Vermögen zerstörten. Er
+gewann Voß dafür, durch eine Reise seine Londoner Beziehungen in den Dienst
+seines Prozesses zu stellen. Voß fuhr nach Dover, dann nach London. Er war
+zu ungeschickt, trotz besten Drucks durch seine Bekannten, den Prozeß
+geschickt gegen die gerissenen Advokaten des englischen Fiskus zu leiten.
+Er nutzte Beziehungen falsch aus, bestach nicht und versprach, wo man
+Tatsachen sehen wollte. Er verlor durch schlechte Laune seine Beziehungen,
+denen er seine Unterlassungen und Fehler empfindlich vorwarf. Er hatte mehr
+zerstört, als vorher möglich schien. Gedrückt kam er nach Deutschland
+zurück. In München wachte er auf und besaß noch für drei Tage Geld. Das
+Gespenst saß schon auf seinem Bett. Es hatte ihn eingeholt. Es hatte lange
+im Dunkel gedroht. Da war es vor seinem Gesicht. Er war zerrissen und
+zerschlagen. Hoffnungslos schlich er durch die Straßen. Da drückte ein
+junger Mann dem Alten die Hand. Er sah St. Goar in die Augen. Er mußte im
+ersten Augenblick einige Schritte zurücktreten, dann frug er gierig: »Haben
+Sie Geld.« St. Goar hatte reichliche Mittel. Er sanierte Voß, beteiligte
+ihn an schlesischen Werten, die gerade haussierten. Das sollte St. Goar
+aber schlecht bekommen.
+
+Als der Alte sich im Besitz starker Mittel sah, erwachte das Gefühl für
+seine politische Aufgabe wieder in ihm, und zwar in ungeheuerlichem Maße.
+Die Hälfte seiner Einkünfte sandte er sofort an Roland de Voß, der gerade
+mit einer Studienkommission im Osten war. Mit einem Stab junger Feuerköpfe
+reiste er an allen Gouvernements und Börsen herum. Er ließ Proklamationen
+an die Parlamente und Bittschriften an die führenden Kabinette verfassen,
+Versammlungen abhalten und die Presse beeinflussen, kurz er machte soviel
+Wind und Redens um seine Angelegenheit, daß er sich alle zu Feinden zuzog,
+die am Schweigen darüber interessiert waren, und das waren die Mächtigsten
+und gerade die, die allein hätten helfen können.
+
+Voß hatte nunmehr einen neuen Plan ausgeheckt, die Sache seiner Provinz zu
+beschleunigen, indem er sie in die Hände der Großindustrie legte, und
+jeweils, wo er zu Konferenzen erschien, sah man ihn von jungen Leuten und
+Dienern begleitet, die Gesteinproben mitschleiften. Er suchte nachzuweisen,
+daß gewaltige Schätze in dem umstrittenen Terrain steckten, und daß ein
+faules Volk wie die Polen sie vernichten würden oder zu dumm seien, sie zu
+verwenden. Er war jedoch bereit, jeder ausländischen Interessentengruppe
+alle Konzessionen, ja allen Verdienst, abzutreten, wenn sie über ihre
+Regierung den Sieg seiner Nation durchsetzten. Dieser Plan wurde damals von
+vielen Seiten ernstlich in Betracht gezogen, und es war nicht unsinnig, an
+seine Verwirklichung zu glauben.
+
+Der treuste seiner Begleiter war ein junger Mann aus der bürgerlichen
+Familie Romanoff, die in Litauen ansässig war und eine hervorragende Menge
+von Begabungen in die noch spärliche Intelligenz sandte. Er hatte
+veilchenblaue Augen und ganz blonde Brauen. Sein Hals war fast klassisch,
+sein Haar mehr blau wie schwarz. Mit dem Mund verstand er so zu schweigen,
+daß es eine der anmutigsten Gesten war, die es in dieser Zeit gab. Die
+Überzeugtheit des alten Voß nahm damals eine solch riesenhafte Höhe an, daß
+sie wie eine plötzliche Krankheit wirkte. Das machte den alten Seigneur
+verdächtig bei aller Welt. Mit von Widerständen krankhaft aufgereiztem
+Feuer begann er nach so langer Pause des Verschollenseins und nach so
+atemloser Jagd nach dem Geld sich wie ein Ertrinkender in ein Schlachtfeld
+von neuen Plänen zu stürzen und sich daran zu verwirren. Unter anderem
+zahlte er St. Goar auf eine peinliche Weise den Dank für die Gutmütigkeit,
+mit der jener ihn an den Haaren aus dem Dreck und Skandal gezogen.
+
+In Lausanne überwarf er sich wegen einer technischen Frage der Propaganda
+mit St. Goar beim Lunch und beleidigte den Verblüfften auf eine gewaltsame
+Art, worauf dieser mit einem langen Blick auf Granuella den Saal verließ.
+Voß vermochte Widerspruch nicht mehr zu ertragen. Genau so großartig, wie
+er knapp am Hunger lebend die Erzlager seiner Provinz den internationalen
+Industriekapitänen vor die Füße schmiß, genau so vergaß er, von welchem
+Geld er überhaupt lebte, als er seinen besten Helfer barbarisch traktierte.
+Es gelang allerdings, ihn zu einer Aussprache mit St. Goar zu bringen.
+
+Sie fand im Salon des Hotels statt und St. Goar bewies viel Würde und Wille
+zur Verständigung. Er vermochte allerdings nicht, sich einem Gesichtspunkt
+seines Gegners, den er für verrückt hielt, anzuschließen. Leider ereiferte
+sich Voß maßlos und, um St. Goar für seinen Gewaltplan zu zwingen oder ihn
+unschädlich zu machen, drohte er einen Augenblick, ihn wegen gewisser
+Unregelmäßigkeiten aus der Bewegung auszuschiffen. In diesem Augenblick
+trat Granuella ein. Sie führte ihren Vater in die Ecke und sprach leis
+einige Worte zu ihm. Es schien, als ob sie ihn um Mäßigung bitte. Voß ging
+darauf ganz weiß im Gesicht an die Tür, öffnete sie und telephonierte im
+Nebenzimmer. Nach zwei Minuten kam der Portier des Hotels mit zwei Beamten
+der Fremdenpolizei.
+
+»Dieser Herr hier,« sagte Voß, und deutete auf St. Goar, »besitzt einen
+falschen Paß. Ich teile das Ihnen mit im Interesse des Landes, das mir
+Gastfreundschaft gewährt.« Voß war in furchtbarer Verfassung. Am liebsten
+hätte er gesehen, daß man St. Goar an den Spiegel stellte und füsilierte.
+Er beachtete überhaupt nicht, daß die beiden Beamten ihn baten mit zur
+Präfektur zu kommen. Er sah in ihm lediglich den Feind seiner Methoden und
+seiner Sache, der zu vernichten sei. Er war durch die erbarmungslosen Stöße
+des Lebens in den letzten Jahren von einer fieberhaften seelischen
+Erkrankung begleitetet, die jedenfalls kein Irrsinn war, ihn aber
+veranlaßte, aus Angst vor dem raschen Ausgehn des Geldes alles mit einem
+bedeutenden Größenwahn zu sehen. Ohne Zweifel war er überzeugt, daß an der
+kleinen Differenz der Anschauungen mit St. Goar das Schicksal seiner ganzen
+Mission hänge und daß noch sicherer ohne seine eigene Hilfe die ganze Sache
+rettungslos zerfalle. Diese Verantwortung brachte ihn fast zum Wahnsinn.
+
+Er bedachte dabei nicht, daß er mit St. Goar seine Börse verhaften ließ. Er
+war bei aller Begeisterung eigentlich ein Kind, dem entging, daß die
+Schicksale der Nationen keineswegs auf den Rollschuhen entzündeter kleiner
+Patrioten liefen. Er war der Trümmerhaufen einer abgeschiedenen Zeit aber
+immerhin sehr interessant, wie er, dampfend vor Zorn, mit seinem großen
+Körper über den Klubsessel gebreitet dalag. Granuella stand noch an der
+Wand. Nun kam sie herüber: »Ich vermute, daß Du sehr unrecht getan hast,«
+sagte sie und bemerkte daß sein linkes Auge fast zugefallen war.
+
+Daß seine Tochter, die nunmehr achtzehn Jahre alt war, aus ihrer Anonymität
+heraustrat, ließ Voß zuerst erstarren. Dann sprang er auf. Wie alle falsch
+Illuminierten entschloß er sich sofort, alles, was ihm lieb war, in seinem
+Herzen zu massakrieren und sich völlig zu isolieren. Er dachte damit seine
+Kühnheit zu verstärken, während er sich kastrierte. Auch konnte er
+seltsamerweise den Blick der Tochter schwer ertragen, kurz, er brüllte sie
+plötzlich nach einigem Schwanken wie ein Panther an. Sie wich zurück. Dann
+sagte sie kalt, sie billige die Ansichten St. Goars.
+
+Der Alte schlug die Hände zusammen. Er vermochte es nicht zu fassen: »Meine
+Tochter! Meine Tochter!!« . . . rief er dauernd. Granuella sagte nun mit
+festem Ton: »Ich erwarte, daß du St. Goar sofort deckst. Telephoniere zum
+Präfekten. Schreibe der Polizei. Lauf zum Gesandten . . . was Du
+vorziehst.« Sie ereiferte sich.
+
+»Wie . . .,« schluchzte der Alte . . ., »wie -- -- Du sprichst mit Deinem
+Vater . . . .«
+
+»Ich spreche,« sagte Granuella, »mit einem Freund des Vaterlandes, der
+einen anderen den Feinden ausgeliefert hat, und ich weiß, was man in diesem
+Falle zu tun hat.« Sie dachte damit zu sagen, er solle sich entschuldigen
+und die Sache wieder gut machen. Voß wurde im Übermaß der Erregung völlig
+ruhig, trotzdem oder wahrscheinlich, weil er den Sinn ihrer letzten Worte
+falsch als Rebellion verstand: »Ich gebe Dir Gelegenheit, dich nicht zu
+übereilen,« sagte er und schloß sie ein.
+
+Granuella war in einer furchtbaren Lage. Sie war entschlossen, St. Goar zu
+befreien, indem sie sich für ihn verwandte. Doch nach der Szene im Salon
+mußte der Gefangene der Ansicht sein, daß sie wie stets ihres Vaters
+Mitwisserin sei und seine Handlung billige. Dazu kam, daß Frederik de Voß
+sie eingesperrt hielt und überhaupt nicht mehr sichtbar ward. Sie mußte
+fürchten, wenn sie gewaltsam zu fliehen versuchte, auch den Vater durch den
+Skandal zu belasten und die Sache damit noch weit mehr zu verwickeln.
+
+Nach etwa acht Tagen hörte sie ein Geräusch am Kamin, und als sie sich
+umdrehte, sagte eine Stimme, sie möge nicht erschrecken. Dann krümmte sich
+etwas, das zwischen den Paravants herausfiel, sich überschlug und
+aufschnellte: Romanoff. Sie vermochte ihr Staunen, ja ihr Zittern nicht zu
+verbergen.
+
+»Ich komme durch den Luftschacht,« sagte er stolz.
+
+»Schweigen Sie,« flüsterte Granuella, und legte den Finger auf die Lippen,
+»wenn mein Vater Sie erblickt, wäre es aus.«
+
+Der junge Mann lachte leis: »Mit mir? Ich bin unabhängig und denke die
+Mittel zu kennen, die Ihren Vater fesseln.«
+
+Diese unklar anmaßende Sprache mißfiel Granuella, aber es war einiges an
+dem Jüngling, was sie anzog. Vor allem bewies er ihr in jeder Bewegung eine
+Verehrung, die weit das landläufige übertraf. Sie war damals durch die
+Umstände ihrer Flucht und ihr Leben, ohne daß sie sich überhaupt je
+besonders geäußert hätte, etwas wie eine kriegerische Heilige für die
+jungen Schwärmer ihrer Nation. Sie war stets völlig hinter Frederik de Voß
+zurückgestanden. Man dachte, wenn man sie mit ihrem elastischen, fast
+federnden Körper und dem beinahe wollüstigen Madonnengesicht sah, an eine
+blonde Amazone, die den Tod und den Genuß mit einer unendlich süßen Kraft
+in sich vereinigte. Er schied auf dem gleichen Wege von ihr, auf dem er
+gekommen war.
+
+Sie hatte ihm ihre Ansicht über St. Goar übermittelt; er erreichte es, bei
+einer Gegenüberstellung, die er zu einem anderen Zweck herbeiführte, ihn zu
+sprechen und überbrachte ihr die Nachricht, St. Goar habe nie an ihr
+gezweifelt. Seine Sache stand nicht gut, da Voß sich wie ein altes Raubtier
+in diesen Haß verbissen hatte und auf irgendeine geheime Art immer neues
+Material gegen ihn den Behörden zufließen ließ, die in einer panischen
+Furcht vor dem Eindringen revolutionärer Subjekte in die Schweiz lebten.
+
+Granuella verabredete, daß sie bei der Lady Douglas interpellieren wolle,
+die den Schweizer Gesandten in England auf den Fall verweisen könne, und
+daß St. Goar infolge dieses mächtigen Protektorats frei werde, ohne daß Voß
+in die Sache hineingezogen werde.
+
+»Er ist mein Vater, den ich wohl verehre,« sagte sie lächelnd, »aber er ist
+närrisch geworden über die Liebe zum Vaterland, daß er es bald verdirbt.«
+Romanoff schwieg nach dieser Äußerung betreten. Die ganze Unschuld und
+Unwissenheit des Mädchens ging ihm mit einer wundervollen Weichheit auf.
+Doch äußerte er nichts, er ließ sein Auge sprechen. Ihm war wichtiger als
+das Politische, daß Granuella seine Leidenschaft spürte. Doch hemmte ihn
+seine Verehrung und er kam nicht weit.
+
+Voß verspielte im Kasino den Rest seines Geldes, während seine Tochter über
+den Speicher an einem Seil Besuch empfing. Doch war das Glück ihm plötzlich
+günstiger, er gewann zeitweise, und fand Gelegenheit, schon auf der
+schiefen Bahn, dennoch seiner fixen Idee mit der Hartnäckigkeit des schon
+halb gefällten Alters nachzugehen. Als er einmal Romanoff im Vorzimmer sah,
+schöpfte er, mißtrauisch wie er geworden war, Verdacht. Romanoff mußte nun
+nachts kommen. Das gab dem Zusammentreffen eine gewisse Heimlichkeit und
+Intimität. Granuella erwartete mit Herzklopfen den Moment um Mitternacht,
+wo es dreimal zirpte. Das andere ging mit jeweils neu bestaunter Energie
+vor sich, fast lautlos.
+
+Diese beiden jungen Leute erglühten an dem Eifer, der ihre Ziele
+zusammenhielt. Diese Familien, die nur teilweise litauisches Blut in sich
+trugen, meistens Baltenfamilien entstammten, aber alle litauische
+Mischungen bis in die letzte Zeit in sich trugen, waren alle von einem
+unaufhörlichen blonden Haß gegen alles Polnische erfaßt. Diese
+mittelalterlichen Ritter waren durchaus von der sauberen Heiligkeit ihrer
+Kreuzzüge überzeugt. Hätte man einen ihrer Führer im Dialekt des zwölften
+Jahrhunderts angesprochen, er hätte vermutlich ebenso geantwortet. An der
+Wiege einer jungen Nation wiederholen sich in verkürztem Tempo aber ohne
+ein Überspringen alle Tugenden, aber auch alle Irrtümer der alten. Die
+Geschichte der Völker ist eine Kartothek des gleichen Unsinns, der, wo er
+tragisch wird, eine besondere Größe erreicht. Hinter diesem Glanz rennen
+die jungen Völker wie Verzauberte her. Die Gelehrten vermöchten von Babylon
+bis nach Karthago oder jenem Augenblick, wo von Byzanz die Macht an Rom
+überging, oder wo die Souveränität des Westens nach New York wanderte und
+die Idee der Völker in Moskau statt in Paris proklamiert ward, ihren
+Nationen zur Belehrung Beispiele in Haufen vorzuführen. Die Randstaaten,
+die am Kreisbogen des alten Europa entstanden, hätten eine Welt vor Staunen
+erstarren lassen, wenn sie den tausendsten Teil eines durchschnittlich
+klugen Gedankens gehabt hätten, als sie ihr Nest etablierten. Sie zogen es
+vor, statt die westlichen Demokratien einfach zu kopieren, deren
+Säuglingsniveau noch einmal darzustellen. An der Wiege neuer oder befreiter
+Nationen entstehen alle Dummheiten, aber sie werden durchgeführt mit den
+blendendsten Eigenschaften, deren das menschliche Geschlecht fähig ist.
+Diese beiden jungen Menschen, die nie über das Reich Gottes und nie über
+die furchtbaren Probleme der Einzelnen und der Massen nachgedacht hatten,
+erglühten einfach in schwärmerischer Hingabe an die Idee ihres Staates.
+
+Eines nachts kam er wie außer sich. Er vermochte aus irgendeinem Grunde
+seine Leidenschaft nicht zurückzuhalten. Granuella fand seinen Kopf in
+ihrem Schoß. Seine Hände suchten immer über ihre Arme zu streifen. Sie
+sprang zurück und sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie empfand die
+Liebe, die ihr entgegenschlug, aber sie dachte in diesem Augenblick nicht
+an Romanoff, sondern an den Herzog von Leuchtenberg, der sie aus dem
+brennenden Haus geholt.
+
+»Was wollen Sie?« schrie sie, »was wagen Sie?«
+
+Der junge Mann war zerschmettert. Sie suchte ihn aufzurichten, als sie ihn
+so blaß sah.
+
+»Verzeihen Sie,« meinte er mit zuckenden Lippen, »ich habe Sie nicht
+beleidigt. Man zwingt mich abzureisen und ich vermag nicht ohne ein Wort
+der Zuneigung von Ihnen zu gehen. Lieber erschieße ich mich vor Ihrer Tür.«
+
+Das Mädchen war tief gerührt. Sie nahm ihm die Pistole aus der Hand, die er
+ihr wie gelähmt überließ:
+
+»Ich vermöchte keinen Mann zu lieben, der sich nicht um die Heimat die
+unausdenkbarsten Verdienste gemacht hätte. Aber ich spüre nichts für Sie,
+als jene Zärtlichkeit, die ich Ihnen schulde.«
+
+»So lieben Sie einen andern,« schrie Romanoff und schlug die Faust auf die
+Brust, als wolle er sie zerschmettern. Er dachte an St. Goar und fühlte
+sich plötzlich schmählich mißbraucht. Granuella war an die Wand getreten
+und so hinreißend, daß er sich unwillkürlich vor Bewunderung aufrichtete.
+Sie sagte fast tonlos etwas, das nicht vernommen werden konnte und
+schüttelte den Kopf.
+
+Er stürzte auf ihre Hand und überströmte sie mit Küssen. Sie forderte ihn
+auf, zu bleiben und seine Reise aufzuschieben. Er sagte düster, er könne
+nicht.
+
+»Warum?« Er wandte sich um. Er suchte auszuweichen, etwas zu erfinden. Er
+fluchte auf sich, daß ihm nichts einfiel und verwirrte sich. Schließlich
+erfuhr sie, daß sie von St. Goars Geld gelebt hatten, daß Voß durch
+monatelange Versäumnisse das Vertrauen seiner Kreise eingebüßt habe, daß er
+sogar gewisse wichtige Akten und Namensverzeichnisse ohne Skrupel aus
+Rachelust mit St. Goar zusammen hatte verhaften lassen. Romanoff war auf
+dem Wege, daraus folgernden Schwierigkeiten vorzubeugen. Es traf sie fast
+tödlich. Sie hatte die Augen lange geschlossen und zitterte am Körper, als
+hinge sie im Wind. Zuletzt fragte sie mit harten Augen: »Warum habe ich das
+nicht lange bereits erfahren. Es wäre Ihre Pflicht gewesen, mich
+aufzuklären. Warum blieben Sie in seiner Gesellschaft?«
+
+»Ihretwegen,« sagte Romanoff und sah sie mit aller leidenschaftlichen
+Erregung an. »Ich konnte nicht vor Sie treten und sagen: »Frederik de Voß
+ist ein vom Geld zermorschter Habenichts, ein Verräter und ein
+gewissenloser Freund der Nation. Gott hilf mir. Ich habe es nun gesagt.«
+
+»Gehen Sie, gehen Sie,« rief sie und schlug mit der Faust in die Hand. »Es
+ist genug.« Er wollte sich ihr zu Füßen werfen, da wurden sie unterbrochen.
+Es klopfte, sie öffnete. Ihr Vater trat ein.
+
+Er sah Romanoff mit großen Augen an. Dann wandte er sich an seine Tochter.
+Er hatte Wind davon, daß sie St. Goar irgendwie stützte und mit dem
+erbarmungslosen Haß des Greises suchte er ihr diese Betätigung zu
+zerschlagen. Jedoch nach einigen Sätzen hielt er inne, als schraube ihm
+jemand die Rede von den Lippen ab. »Gehen Sie,« sagte Granuella zu
+Romanoff. Der junge Mann kettete sein Auge an sie, bis die Tür sich hinter
+ihm schloß.
+
+Vater und Tochter sprachen ungefähr eine halbe Stunde miteinander. Es
+gelang Voß noch einmal zu einem günstigen Resultat zu kommen. Sie
+beschlossen am Ende des Gesprächs die Wohnung zu verlassen. Voß sah sich
+plötzlich zwar seiner Autorität beraubt, aber von der Tochter mehr als
+früher verehrt. Es gelang ihr, ihr Herz dazu zu bringen, seine Fehler zu
+verzeihen. Infolgedessen gab sie ihm St. Goar preis und versprach, Romanoff
+nicht mehr zu sehen. Sie glaubte, wie auch als Kind schon, als sie den
+gewaltigen Mann vor sich weinen sah, wie an das Sakrament von neuem an
+seine Liebe zum Vaterland. Ihre Herzen einigten sich wieder, unter Tränen
+lächelnd schätzte Granuella sich glücklich, einen solchen Vater zu haben.
+Bei all ihrer Weltunkenntnis konnte ihr nicht entgehen, daß Voß überzeugt
+war von dem, was ihn bewegte. Als sie auf die Straße traten, trafen sie
+einen Trupp der polnischen Delegation, der, den Fürsten Gagarin in der
+Mitte, aus einem Konferenzgebäude über den Reitweg herüberkam. Das Gesicht
+des Fürsten war von Erregung so blaß wie damals, als die Flammen ihres
+Hauses sein Gesicht beleuchteten. Wie er vorbeiging, mit einer tiefen
+Verbeugung und aschfahlen Augen, drückten Vater und Tochter sich die Hände.
+Sie wünschten ihm einen fürchterlichen Tod.
+
+Granuella war so, daß sie einmal vertrauen konnte. Eine zweite Enttäuschung
+würde sie töten oder zur Rasenden machen. Sie war zu ungewandt in der
+Kenntnis der Charaktere und hatte keine Erfahrung in der Gesellschaft, um
+die Schwäche ihres Vaters als unheilbar zu erkennen. Sie beschränkte sich
+darauf, mit dem ganzen Edelmut ihres Herzens an ihn zu glauben, eine
+Fähigkeit, die ebenso großartig wie verrückt war. Voß verlor wieder
+dauernd. Ohne Geld und Anhang verstrickte er sich an suspekte Kerle. Der
+Kampf ums Geld wurde riesenhaft für ihn. Eines Abends war er im Kasino
+aufgesprungen, hatte die Brusttaschen seines Fracks gewendet und das Futter
+in den Händen, als ihn jemand in seiner Verzweiflung anstieß. Der Mann war
+ihm dem Namen nach irgendwie bekannt und er folgte ihm hinaus. Dort sagte
+er ihm, die Provinzen seien den Polen zugesprochen worden. Darauf ging er
+schlendernd wieder weg, Voß war wie ein Pferd zusammengestürzt. Sein
+Zustand war um so entsetzlicher, als er sich auch wegen des Zustands seiner
+Kasse die entsetzlichsten Vorwürfe machen mußte. Er sah sich in jeder
+Hinsicht vernichtet und wäre für einen guten Tod dankbar gewesen. Die ganze
+Nacht weinte er mit Granuella, die ihn tröstete. Wirklich stellte sich
+anderen Tags heraus, daß die Zuteilung der Provinzen an Polen nur
+provisorisch war. Voß hatte aber nicht mehr Kraft genug, das auszuhalten.
+Das linke Auge schloß sich von dieser Nacht ab völlig. Er war seelisch zu
+sehr verludert, als daß der Schlag ihn nicht mitten durchgebrochen hätte.
+Sein Stolz ging mit diesem Unglück für allemale in den Kot. Er wurde fast
+kindisch und dachte überhaupt nur noch an Geld. Die Habgier wurde mit einer
+phantastischen Leidenschaft von ihm betrieben. In seinen Träumen weinte und
+bebte er um ungeheure Summen. Der Geiz saß in seinen Augen, die Geldlust
+machte seine Finger zittern. Dazu wurde er greisenhaft launisch, wackelte
+mit dem Kopf und fürchtete immer, er könne nicht mehr leben, während sich
+sein Kopf mit wirren Plänen quälte. Dabei verwaltete Granuella ohne sein
+Wissen die Ausgaben ihres Hausstandes mit Darlehen, die Lady Douglas ihr
+besorgte und für die sie mittlerweile ihre russischen Besitzungen
+verpfändet hatte.
+
+Die Lebenshaltung des alten Voß war außerhalb des Hauses sehr trist
+geworden. Er verlor, je tollere Träume von großen Vermögen und
+ungewöhnlichen Verdiensten ihn juckten, in der Wirklichkeit auch die letzte
+Kritik. Er vernachlässigte seine Kleidung, um auf das Mitleid der Reichen
+spekulieren zu können. In seinen Rücken hatte sich ein devoter Zug
+eingeschlichen, er war entsetzlich unsicher und weinerlich geworden und
+seine Gesellschaft war abscheulich. Einmal sagte im Kasino ein Mann, der in
+der Diplomatie sehr bekannt und sein zynischster Gegner war, als er
+seinerzeit mit Wagen und Pferden das erstemal in Lausanne eingezogen war:
+»Dieser Mann da schien uns jungen Leuten der Konferenz albern, aber wir
+beneideten ihn. Er ist noch alberner geworden, aber man kann ihn nicht mehr
+beneiden und ich glaube man sollte ihn deshalb totschlagen.« Die
+Umstehenden lächelten, weil, ohne ihr Gespräch zu beachten, Frederik de Voß
+mitten durch sie gegangen kam, aber der Sprecher schien es zu erbärmlich zu
+finden, um zu lachen, schob den hohen Hut in die Stirn und ging aus dem
+Foyer. Frederik de Voß las aus den Gesichtern der Menschen nur noch wie an
+einem Thermometer, wie weit sie für Geld in Betracht kamen. Alles andere
+übersah er bereits, er war nicht mehr zu kränken. Er hatte den Vogelblick
+mit seinem rechten Auge bekommen, mit dem er nach Beute spähte. Er dürstete
+so nach Geld, daß er alles an Geschäften annahm, was herbeikam, um es
+wieder zu verspielen. Die Briefe seines Sohnes schob er zitternd in eine
+Schublade, um sie aus dem Gesicht zu bekommen. Er hatte wahrscheinlich gar
+keine Vorstellung mehr davon, daß er Buchenwälder besaß, die bis ans Meer
+grenzten, und daß seine Maisfelder zwischen den Kanälen flimmerten.
+
+Alle Welt wußte bereits über diesen Zusammenbruch Bescheid und man erzählte
+sich von ihm die abenteuerlichsten Geschichten der Erniedrigung. Als ein
+skrupelloser Agent, dem er mit seinem Namen ein übles Geschäft über die
+Grenze gedeckt hatte, ihm ein Drittel der Verdienste auszahlte, stürzte Voß
+vor ihm auf die Knie. »Väterchen«, rief er und schüttelte die Hand des
+Agenten mit seinen beiden Armen, »meine Kinder verhungern«. »Was wollen
+Sie«, fragte der Spediteur, der einen unglaublichen Namen trug.
+»Fünftausend Franks«, wimmerte der Alte in seinen Bart. Er war
+tiefunglücklich. Der andere trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und
+starb bald vor Lachen. Er kannte die Verhältnisse genau. In seinen
+Karpfenaugen glomm eine diabolische Idee, er warf eine Hand voll
+Silbermünzen durch sein Bureau und schlug die Arme über dem Kopf zusammen,
+so strengte ihn das Lachen an, um Luft zu bekommen, als der Edelmann wie
+ein Narr herumlief, und die Stücke einsammelte. Dieser Mann benutzte ihn
+nun zu seinem Vergnügen zu allen möglichen Peinigungen und Quälereien. Er
+hatte eine schwere Jugend gehabt und genoß nun, daß einer der Herrenkaste
+in seiner Hand war. So ließ er ihn die grauenhaftesten Dinge vornehmen, die
+Voß für das Geld, das ihn verzauberte, ohne Besinnen machte. Von alle dem
+ahnte Granuella nichts.
+
+Granuella war überzeugt, daß die Sorgen ihren Vater abmagern ließen, gab
+keinem Zweifel in ihrem Herzen Platz und verdoppelte ihre Liebe zu ihm.
+Eines Abends fand sie Abschriften von Briefen. Es war kein Zweifel, daß ihr
+Vater mit den Polen verhandelte. Aus Goldgier hatte der Alte den besessenen
+Vorschlag gemacht, zurückzukehren. Er beabsichtigte die Okkupation
+anzuerkennen und verlangte dafür Rückgabe seines Vermögens und Auslieferung
+der beschlagnahmten Guthaben. Es war offensichtlich, daß dieses Vorgehen
+nur aus einem völlig zerrütteten Hirn kommen konnte. Die Erkenntnis war
+aber für Granuella so grausam, daß sie das Mädchen, da sie sie nicht
+tötete, furchtbar hellsichtig machte. Sie erkannte mit einem Blitzschlag
+alles. Sie fiel wortlos zu Boden.
+
+Als sie die Augen aufschlug, kam die Dämmerung über den See. Sie glaubte
+diese Verhöhnung des Lebens nicht ertragen zu können. »Welch ein
+erbärmliches Schicksal«, dachte sie voll Wut. Darüber geriet sie so außer
+sich, daß sie aus ihrer tötlichen Müdigkeit aufsprang. Das rettete ihr
+wahrscheinlich das Leben, denn als sie mit geschlossenen Lidern die Stirn
+an das Fenster drückte, war sie mehr eine Wölfin wie eine Sterbende. Sie
+fühlte einen ungeheuren Zorn. Von einem Geräusch aufmerksam gemacht, drehte
+sie sich um. Voß stand in der Tür mit weißem Gesicht, schielend, nicht ganz
+nüchtern. »Du bist toll,« sagte sie und ging hinaus.
+
+Er folgte ihr durch zwei Zimmer. Sie stampfte auf, als er nicht zurückging.
+Sie konnte ihn nicht sehen, so außer sich war sie. Schließlich hielt sie
+sich mit der Hand fest an dem Vorhang, der an der Tür niederfiel und sagte:
+»Folge mir nun nicht weiter. Du zwingst mich sonst, einiges mit Dir zu
+reden, was ich Dir ersparen könnte,« und setzte rasch hinzu: »Ich vermag es
+Dir aber auch zu sagen.« Er schwieg und sah sie mit flackernden Augen
+wütend an. Da ging sie mit einer stürmischen Bewegung bis dicht an sein
+Gesicht heran. Ihre Kieferknochen strafften sich vor Energie und wurden
+weiß wie Seile: »Erbärmliche Geschichten, die Du machst,« rief sie, »Du
+verhandelst mit den Polen. Du warst imstande, das Beste unseres Lebens
+unter deine Füße zu schmeißen. Ich wäre lieber gestorben, als dies erleben
+zu müssen.« Das junge Mädchen war in einem Schmerz, der sie nichts mehr
+ertragen ließ: »Geh weg von mir. Ich ertrage Deinen Anblick nicht länger.
+Gott helfe mir,« schluchzte sie.
+
+Voß blickte sich im Zimmer um, er sah, daß er sie besänftigen müsse. Sein
+Auge blieb an dem Schreibtisch hängen. Er verwünschte seine Nachlässigkeit:
+»Du hast in falschen Sachen geblättert,« sagte er und suchte zu lachen,
+obwohl seine Kniee deutlich zitierten. Er beschloß rasch, sich
+herauszuwinden, indem er ihr bewies, daß die Listen eine Falle für das
+polnische Gouvernement wären. Es gelang ihm gar nicht zu reden. Er hatte
+die unklare Vorstellung, daß er im Begriff stand, etwas sehr Wertvolles zu
+verlieren und krallte die Hände immer auf und zu. Aber die Angst, die in
+seinem Gesicht herumzuckte, schnürte ihm die Gurgel zu. Das junge Mädchen
+sah ihn an, ein Wrack, eine Leiche. Er hatte sie ohne Zweifel wieder
+getäuscht.
+
+»Das will ich Dir sagen,« flüsterte sie, »daß ich Dich durchschaue und
+entschlossen bin, ein Ende zu machen.« Sie erstickte fast vor Tränen.
+Trotzdem war in diesen Sekunden das unerfahrene Mädchen zur Furie
+verwandelt. »Ich bin entschlossen, ein Ende zu machen, eh Du alles
+ruinierst. Du hast unsere große Sache zertrümmert. Du hast Dich an der Idee
+der Freiheit, für die wir heute gelebt haben, wie ein Wahnsinniger
+vergangen. Du hast uns von St. Goar leben lassen, ohne daß ich es ahnte.
+Ich habe Romanoff abreisen sehen wegen Verrätereien von Dir, die er
+einzurenken bestimmt war. Unser Geld fließt zu Roland, der es mit Dirnen
+vertut. Du verspielst es beim Roulette. Meinst Du, ich ahne die Posse
+nicht, die ihr alle mit meinem Herzen getrieben. Wir sind Bettler geworden,
+aber kein Strolch kann uns Ehre erweisen, und wenn wir noch leben, so ist
+es das Glück, das wir hatten, immer mit edlen Menschen zusammengetroffen zu
+sein.« Sie warf sich auf den Divan und schlang die Arme um die Kniee.
+»Dieser alte Mann ist mein Vater«, dachte sie. »Ich erkenne ihn nicht in
+diesem scheinheiligen Greise, der sich abmüht, mich durch Winseln zu
+rühren. Wie schändlich hat diesen edlen Mann das Leben zerstört. Warum ist
+er nicht gestorben, als unsere Jugend in die Pania watja ihm noch zulief.«
+Der alte Voß war gekränkt. Er verstand nicht, warum ihr Herz blutete, und
+um welcher erhabener Ideen willen sie litt. Er vermutete, daß sie ihm wegen
+seiner Bettelarmut Vorwürfe mache und murmelte vor Angst gröhlend: »Halte
+an Dich, sprich nicht über Dinge, von denen Du keine Kenntnis hast, denn
+ich habe mit Silberminen ein Vermögen gestern erworben in einer
+Spekulation, die einen anderen wie mich vernichtet hätte.« Es war
+offensichtlich, daß er log. »Du wirst es morgen wieder verlieren. Ich will
+Dir etwas sagen,« meinte Granuella, die plötzlich aus ihrer Vereisung
+erwachte, »ich bin Deine Tochter,« und sie ging ungestüm auf ihn zu und
+küßte ihn . . ., »aber ich sehe keinen Kameraden mehr in Dir. Es ist wahr,
+daß ich Dich verlasse.«
+
+Sie trat zurück. In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames. Langsam
+öffnete sich das linke Auge des Alten und wurde ganz groß, weiter als das
+rechte. Das Mädchen überlief ihn mit einem Blick. Sie war plötzlich von
+einer wundervollen Fremdheit. Sie mußte das hinzufügen, was sie noch zu
+sagen hatte: »Ich möchte nicht,« sagte sie und merkte, wie sein linkes Auge
+starr und entsetzt sie ansah, »daß ich vergäße, Du seist mein Vater, wenn
+ich Dir entgegentreten müßte.« Sie fügte diesen Satz kalt hinzu und ging
+hinaus. Nach einer halben Stunde erst fand der alte Voß nach einer ihm
+unerklärlichen Aufregung die Kraft in ihr Zimmer zu laufen und nachzusehen,
+ob sie Schmuck zurückgelassen hätte. Sie besaß schon lange keinen mehr, er
+nahm aber an, sie hätte ihn darum betrogen und wühlte verzweifelt und auf
+sie fluchend in den Fächern. Sein linkes Zuge schloß sich wieder völlig.
+Granuella ballte auf dem Schiff währenddem die Hände um die Börse, die sie
+mitgenommen, im Anblick von Genf, das sie erreichen wollte:
+
+»Dieses Metall hat vermocht, einen glühenden Geist wie meinen Vater zu
+zerstören,« dachte sie voll heißem Kummer. Sie war kindlich genug, es wie
+Gift zu hassen. Drei Schritte weiter auf dem Verdeck kam St. Goar auf sie
+zu.
+
+Dieser junge Mann hatte sich in anmutiger Ehrerbietung ihr gegenüber
+jederzeit bewährt. Sie hatte keinen Grund sich ihm nicht anzuvertrauen,
+zumal sie ja sich nicht verschwieg, daß er Grund hatte, ihrer Familie aufs
+heftigste zu zürnen: »Ich würde mich wundern, wenn Sie die
+Abscheulichkeiten ganz verwunden hätten, denen Sie durch unsere Schuld
+ausgesetzt waren,« sagte sie, worauf er sehr unglücklich war und heftig
+errötete, denn er verehrte sie so, daß er ganz andere Dinge auf sich
+genommen hätte. Sie gab sich ihm vollständig in die Hände, als ob Vertrauen
+das natürlichste sei. Er besaß die Ritterlichkeit und Kraft genug, seine
+tiefe Leidenschaft zu verbergen oder wenigstens sich nicht zu erklären. Sie
+gestattete ihm, sie zu Lady Douglas zu begleiten. Er war stolz, von dieser
+schönen, hin und wieder verzagten Frau als Beschützer ausgewählt zu sein.
+Wenn sie über die vergangenen Dinge erschauerte, nahm er ihre Partei gegen
+den Schatten ihres Vaters, indem er diesen aber zu schonen verstand. Er
+hatte den Takt ihr eine wirkliche Hilfe zu sein. Der arme Bursche starb aus
+Anstand fast vor Leidenschaft, aber seine gute Gesinnung hinderte ihn
+wirklich daran, zu sprechen, bis sie bei der Douglas ankamen und er das
+Mädchen dem Schutz der erfahrenen Frau übergab. Er lief darauf einige Tage
+herum, ehe er sich zu erklären wagte. Dabei machte er eine so seltsame
+Figur, daß es sich bei den Gästen des Landgutes herumsprach und alle eher
+als Granuella wußten, wie es um ihn stand.
+
+Entschlossen lauerte er ihr im Park eines Abends auf und sah sie
+herzklopfend einen der Wege hinuntergehen, an deren Ende schon der Mond
+zwischen blauen Schatten und Düften stand. Er wartete, bis sie umdrehte und
+nun voll Gewölk und den Abglanz des sie im Rücken treffenden und
+umhüllenden Mondlichts zurückkam. Da hielt ihn wieder eine geheimnisvolle
+Scheu zurück. Er flüchtete in eine Fliederlaube und fühlte den Abendtau
+sein Gesicht überströmen. Halb von Sinnen eröffnete er sich der Lady, die
+mit Granuella sprach. Sein Vermögen war in der Lage, ihr Leben vollständig
+zu ändern, er sagte auch über die Behandlung ihres Vaters das Vornehmste.
+»Sagen Sie ihm,« meinte Granuella nach einer besinnlichen langen Pause und
+wandte sich brüsk herum, daß die Douglas ihr fast nachlaufen mußte, und
+kaum das folgende Flüstern Granuellas hörte. Es schien jedoch dem Gesicht
+St. Goars zufolge, der den Abend abreiste, daß sie ihn nicht ohne Hoffnung
+gelassen hatte. Diese Vermutung hatte einen weiteren seltsamen Grund. Seit
+dieses Mädchen mit einem Male so entsetzlich hellsichtig geworden war,
+schien sie überhaupt nicht mehr ihr Leben von den Hoffnungen ihres
+nationalen Ehrgeizes trennen zu können. Sie wurde dabei und wahrscheinlich
+dadurch immer weicher und frauenhafter.
+
+Manchmal brach sie in Tränen aus über das Geschickt ihres Vaters, aber
+während sie in Weinen zerging, stand eine Zornfalte ihr wie einer gerührten
+Amazone auf der Stirn. Lady Douglas vermochte ihr leicht die Selbstvorwürfe
+zu nehmen. Sie bewies ihr durch Briefe alten und neuen Datums, daß die
+fürchterliche Gier nach Geld den Alten bis zur Besinnungslosigkeit
+beherrschte. Das war entsetzlich, nahm ihr aber den Alpdruck der Härte.
+»Man hätte Sie diesem Mann entrissen, wenn Sie nicht gekommen wären,«
+meinte die Douglas mit einem etwas hochmütigen Gesicht. Granuella hatte
+eine Art, unerhört zu gefallen, daß es ihre Freundin ängstete, zumal das
+Mädchen selbst es überhaupt nicht zu bemerken schien.
+
+Manche Dummköpfe von jungen Leuten, fürchtete die Douglas, würden aus
+Verzweiflung oder aus Ehrgeiz vielleicht skandalöse Dinge wagen, und sie
+sprach mit dem Mädchen vorsichtig darüber. Sie wollte sie wappnen. Es war
+überflüssig. Sie kam zur Einsicht, daß Granuella, je weniger sie sich aktiv
+an den politischen Dingen beteiligte, um so leidenschaftlicher mit der
+ganzen Glut ihrer Frauenhaftigkeit auf deren Erfolg zu warten und in einem
+unbestimmbaren Sinne sich als Preis für den kühnsten der Feuerköpfe zu
+betrachten schien. Irgend etwas Geheimnisvolles dieser Art bestimmte
+jedenfalls ihr Leben völlig und gab ihr auch den Reiz phantastischer
+Sicherheit. Bestimmt waren ihre Kindheitseindrücke mit grandioser Größe in
+ihr aufgerichtet und alles Spätere war geneigt, dagegen abzufallen oder von
+ihr leicht vergessen zu werden. Sie war ohne Zweifel im Innern nur darauf
+gerichtet, daß ihr Schicksal notwendigerweise mit dem ihrer Heimat
+zusammenfiele.
+
+So empfand sie es mehr schändlich als mitleiderregend, daß Briefe ihres
+Vaters an sie selbst einzulaufen begannen, der sie mit fieberhaften
+Beschwörungen um Geld anging, ohne etwas hinzuzufügen, als einen Haufen von
+wirren Spekulationen, in die er sich stürzen wollte. Sie antwortete, sie
+besäße nichts, als was die Douglas ihr spende. Sie vermöge nur sich selbst
+anzubieten, schrieb sie voll Wut. Er antwortete wie ein Verrückter, er
+wolle kommen, sie anzusehen. Sie brauchte einen ganzen Tag, den sie im
+Garten herumlief, aufgescheucht und fassungslos, bis sie erfaßte, daß das
+Hirn dieses Mannes, der sie erzeugt hatte, unrettbar verworren sei. Sie
+verbot ihm zu kommen. Diesen Brief las die Douglas über ihrer Schulter in
+der Fliederlaube, deren Blätter sich duftig bewegten: »Ich glaube nicht,
+daß es eine Zeit gab, wo die edlen Charaktere so grenzenlos vor dem Geld
+kapitulieren mußten. Es hat die Kraft die besten Gebete zu zerbrechen.« Die
+Lady hatte Grund, in anklagenden Metaphern sich über die Welt, die sie zu
+verstehen glaubte, aber doch wohl nur aus der Klugheit des Schmerzes heraus
+ablehnte, zu äußern. Sie mußte England verlassen, da ihr Gatte mit einer
+Person aus der Filmindustrie von schlechtem Wuchs und miserablen Zähnen
+öffentlich zusammenlebte, um vom Ausland her die Scheidung gegen diesen
+Mann in Gang zu bringen. Sie nahm Granuella mit auf ein großes schlesisches
+Besitztum, das sie mit nicht viel englischen Pfunden gekauft hatte aus dem
+fiskalischen Nachlaß einer Adelsfamilie, die infolge der Kriege und
+Teuerung ausgestorben war.
+
+Die Erntezeit im Osten hatte einen entzückenden Glanz. Nach Jahren der
+Vagabondage durch Europa war es eine erstaunliche Erfrischung. Zwei Schritt
+über die Allee hinaus sahen sie einen riesigen Horizont überall auf das
+Land fallen. In offener Sicht war alles von der Helligkeit der Sonne bewegt
+und das Licht flutete in diesem unermeßlichen Raum herauf und herunter. Man
+sah wie die Sensen tief in das Korn einschnitten und hörte die Mägde
+schreien. Die ganze Ebene durchbrochen breite Wagen voll getürmter Garben.
+Die Farben waren unbeschreiblich. Niemand spürte, daß Granuella sich vor
+Sehnsucht verzehrte. Eines abends näherte sich mit hier seltenem Geschrei
+eine Verfolgung dem Park, über dem die Gesellschaft auf den Stufen der
+erleuchteten Terrasse thronte. Der Raum bis zu den Springbrunnen war nur
+ein paar Schritte weit. Dahinter lag das massive Dunkel der Bäume, durch
+die nur manchmal leuchtende Käfer schnurrten. Plötzlich trat ein junger
+Mann mit einer Dogge ins Helle und lachte über die Schulter ins Dunkle
+zurück, wo sofort wieder Stille anbrach. »Das Gesindel war toll genug, mich
+zu verfolgen,« sagte er, indem er mit großer Liebenswürdigkeit zur Terrasse
+hinaufgrüßte. Man war erstaunt über diese Sprache. Lady Douglas machte ihn,
+als er heraufkam, aufmerksam, daß er von ihren Leuten spreche. Er nahm den
+Tadel nicht an, sondern bat um Gastfreundschaft. Es war ihm nicht zu
+widerstehen. Er war Flüchtling vor den Polen und wollte zu seinen
+litauischen Gütern zurück. Schon als er die Helligkeit betreten hatte,
+hörte Granuella ihr Herz schlagen. Er amüsierte die Frauen sehr mit seiner
+Erzählungsart. Die Männer wurden durch seine abenteuerliche Überlegenheit
+verärgert. Einer versuchte sogar eine Ungezogenheit, doch der Fremde gab
+ihm nur gesteigerte Höflichkeit zurück. Er hatte tolle Dinge zu erzählen
+dabei. Seit drei Jahren hatte sich unter dem Dach des von den
+Interalliierten Nationen geschützten Friedens ein kleiner Guerillakrieg
+entsponnen. Es war ein trojanisches Heldenleben, das man um die Grenze
+herum führte. Die Geschlechter, Städte und Stände hatten eine Art Turniere
+eingerichtet mit für jeden von ihnen passendem Ehrenkodex, je nachdem man
+die Unterlegenen bewirtete oder beraubte. Die Miniatur eines kleinen
+Mittelalters mit ebenso wahnsinnigen wie tugendhaften Manieren lag genau
+hier zwischen den Arbeiterzaren und den westlichen Demokratien in
+leidenschaftlichem Ausbruch, und es war kein Zweifel, daß, so kindisch im
+Grunde es ihnen klang, alle Männer den jungen Mann beneideten. Die Probleme
+Europas und der einzelnen hatten ihre Glatzen beschwert und ihre Nächte
+schlaflos gemacht, ohne daß diese überlegenen Standpunkte ihnen schließlich
+etwas anderes als einen ungeheuren Zynismus geboren hätte. Der junge Mann
+hatte eine Trompetenstimme, die ohne Hemmung in den Park hinausschmetterte.
+Er nannte Namen um Namen, die Granuella kannte. Sie äußerte kein Wort.
+Glücklicherweise beherrschte der Fremde die Situation so völlig, daß
+niemand etwas auffiel. Bald schilderte er die Rettung von Frederik de Voß.
+Ohne Zweifel hatte er daran teilgenommen.
+
+Granuella sank fast zur Erde. Sie hielt in der Dunkelheit ihres Platzes ihr
+Herz mit den Händen bedeckt. Sie vermochte keine Silbe zu sprechen. Als der
+junge Mann ins Innere des Gutshauses trat, sich verabschiedete, um sein
+Zimmer aufzusuchen, erhielt er einen Zettel in die Hand gedrückt. Mit
+demselben Blick, mit dem er las »Kommen Sie«, verfolgte er die Dame, ging
+ihr nach und erkundete ihr Zimmer. Als er nach einer Weile mit
+geschmeicheltem Lächeln und ein wenig prahlerisch eintrat, fand er eine
+Dame, die ihm sagte:
+
+»Mein Herr, ziehen Sie keine falschen Schlüsse und verurteilen Sie nicht
+meine Handlungsweise. Ich bin die Tochter von Frederik de Voß. Sagen Sie
+mir die Adresse und den Aufenthalt des Herzogs von Leuchtenberg und führen
+Sie mich hin.« Mit Blut übergossen vermochte der junge Offizier kaum seine
+Haltung zu wahren. Er verneigte sich tief und nannte, was sie wollte. Am
+anderen Tag erzählten die Domestiken, Fräulein von Voß sei in großer Eile
+abgereist und habe einen Teil ihrer Wäsche vergessen.
+
+Lady Douglas gab ihrer Freundin einen großen Beweis der Zärtlichkeit, daß
+sie sie nach Kowno begleitete. Sie folgte Granuella fast auf dem Fuße. Dort
+lernte sie den Herzog von Leuchtenberg kennen, dessen leichte sichere Art
+ihr gefiel und dessen Männlichkeit fast wie ein Nationalheld gefeiert ward,
+als er ankam. Mit einer schicksalhaften Bestimmtheit wußte Granuella auf
+den Mann zu treffen, der sie aus dem Feuer gerissen und für den sie sich,
+ohne daß sie es wußte, bestimmt hatte. Sie galt als die schönste Frau der
+Gesellschaft und die Neidischsten konnten ihm nicht versagen, daß er an der
+Spitze der Tugenden des jungen Landes stand. Hätte er nicht eine Frau
+besessen, mit der er in Scheidung lag, sie hätten sich wohl auf der Stelle
+vermählt. Es war ein beispiellos schönes und auffallendes Paar. Lady
+Douglas deckte ihre Beziehungen, es hätte niemand ihnen irgendeinen Vorwurf
+zu machen vermocht. Die Douglas war nicht nur eine der feinsinnigsten,
+sondern auch der instinktvollsten Frauen, was sie aber mit großer äußerer
+Überlegenheit verbarg. Ihre Eleganz war so ungewöhnlich raffiniert, daß man
+sie nicht schildern konnte, aber sie genau spürte. Sie hatte Granuella, als
+Leuchtenberg in die Stadt einfuhr, mit ihrem Wagen an den seinen gedrängt
+und er hatte sie sofort wiedererkannt. Sie reiste auch mit, als der Herzog,
+der in türkischen Diensten stand, zurück mußte.
+
+Damals ging die Taktik seiner Gesinnungsgenossen darauf hin, durch
+Schwierigkeiten am Balkan die Polen mürbe zu machen zu Konzessionen in den
+immer noch umstrittenen Gebieten. Er hatte einige Erfolge erzielt und
+wollte versuchen, seine Stellung, soweit es ihm die Ehre, wie er glaubte,
+gestattete, abzuwickeln. Seine Rückkehr stand in aussichtsreicher Nähe.
+Inzwischen rollte sich seine Scheidung ab. Die Douglas behandelte er mit
+jener schroffen Ritterlichkeit, die nicht verhehlte, daß er sie haßte. Sie
+nahm an, daß es sein Kollektivhaß auf die interalliierten Völker sei, die
+sein Land verschacherten und die Gerechtigkeit nicht ehrten. Sie verschwieg
+auch, daß diese ewige Ritterlichkeit ihr auf die Nerven ging. Sie fuhr mit
+bis Florenz, man machte einen Umweg, um sich dort zu trennen. Als sein
+Schiff abfuhr in der Frühe, stand Granuella auf dem Balkon ihres Hotels.
+Sie winkte mit einem Taschentuch hinunter nach dem Meer, auf dem das Schiff
+groß wie eine Hand langsam hinausfuhr. Sie vermochte Lady Douglas nicht zu
+verbergen, daß ihre Lippen weiß waren wie Kalk. Sie wäre beinah über das
+Geländer gestürzt.
+
+Nach einigen Monaten begab sich Leuchtenberg über Beirut nach dem Kaukasus,
+er hatte diese Expedition nicht verhindern und nicht ausschlagen können.
+Die Nachrichten hörten auf. Das dauerte ein Jahr. Es gab ein Dutzend
+Gründe, es zu erklären. Das Frühjahr verbrachte die Douglas auf ihrem
+schlesischen Gut. Im Mai tratschten die Pferdeknechte eines Besuchs von
+einer abenteuerlichen Karriere Leuchtenbergs im Osten. Den Sommer ging man
+ans Meer. Dort tauchte Romanoff auf und machte Granuella in fast
+einfältiger Weise den Hof. Man mußte ihn darauf hinweisen, wie albern es
+sei, bei ihrem Anblick zu erröten, beim Verabschieden blaß zu werden und
+nachts unter ihrem Zimmerfenster herumzurennen und die Beete zu
+zerstampfen. Die Douglas erwartete immer einen Gewaltstreich und hatte sich
+darauf eingerichtet. Eines Tages war er verschwunden. Bald darauf traf
+Granuella, die spazieren ging, hinter den Dünen einen Mann, der sich ihr zu
+Füßen warf. Man sah sie nunmehr viel mit St. Goar.
+
+Sie machten Ausflüge zusammen, schwammen oder lagen in den Stühlen am
+Strand. Das Badevolk sprach über sie, das Einvernehmen schien eng. St. Goar
+war ein Mann von heldischen Schultern und schmalen Hüften. Er ging sehr
+elastisch und mit Haltung und hatte unstreitig Geist. Er war einer der
+nobelsten Männer und nicht ohne den Charme, der verbindet. Vielleicht besaß
+er zuviel Vorzüge und nicht genug Bestimmtheit. Er pflegte ohne Ursache
+gern angenehm zu lachen, was ihn sehr beliebt machte. Das ging wochenlang
+ohne Trübung. Beim Lunch wurde plötzlich ein Billet für St. Goar abgegeben,
+woraufhin er sich empfahl. Als Granuella ihren Abendgang nach der Mole
+machte, fand sie ihn auf der Landungsbrücke ganz vorn an der Dampferanlage
+in heftigem Wortwechsel mit einem Mann. Es hatte tags und die Nacht vorher
+gestürmt. Die Brechwellen überrannten, ohne daß die beiden es merkten, mit
+Gischtwolken die Barriere und hüllten hinter ihnen den Himmel in eine
+Schale von wildem Schaum. Granuella hielt einen Augenblick an. Die rote
+Sonnenglut lag prall auf dem Meer gerade vor dem Erlöschen des Gestirns,
+das in die Gischt hineinstürzte mit ungeheurer Majestät. Das junge Mädchen
+bebte vor Zorn. Als sie zu ihnen trat, standen Tränen der Güte in ihren
+Augen: »Ist es Ihnen zuviel geworden Romanoff«, fragte sie, »ich wähnte Sie
+bei meinem Vater, den zu bewachen Sie mir vorschlugen.« Er konnte ihr Auge
+nicht ertragen und stammelte: »Mein Fräulein«, er bediente sich der
+malenden litauischen Ausdrucksweise, obwohl er vor Aufregung bebte,
+»Frederik de Voß benötigt nur selten noch eines Wärters. Er geht in seinem
+Garten herum, wo man blitzende Glaskugeln aufgestellt hat, in die er
+vernarrt ist. Er würde sie nie mehr verlassen. Vergessen Sie diesen Mann,
+Herrn de Voß, und wenn Sie ihn rasch in Ihrem Herzen vergessen, um so
+besser, um so besser. Er hat seinen Frieden.« Das Mädchen drehte sich
+herum, daß es in die Röte sehen mußte und unwillkürlich die Augen zukniff:
+
+»Man hat ihm drei Söhne vor den Augen erschossen«, sagte sie hart. Die zwei
+standen wie Soldaten vor ihr. Ja, sie wären auf ihren Wunsch ins Meer
+gesprungen, obwohl es wohl das Sinnloseste gewesen wäre. Sie gingen dann
+langsam die Landungsbrücke nach dem Strand zurück. St. Goar versuchte ihr
+zuzureden, da ihn ihre Härte erstaunte, er konnte in der Dunkelheit nicht
+sehen, daß sie Tränen in den Augen hatte und deshalb schwieg, um sich nicht
+zu verraten. Ihr glühendes Herz litt furchtbar aus Stolz, aber auch aus
+Mitleid mit dem Alten. Romanoff verschwand in der gleichen Nacht. Man geht
+nicht fehl zu vermuten, daß er innerlich befreiter abfuhr. Er konnte nach
+seinen Erfahrungen sicher sein, daß er auf St. Goar nicht eifersüchtig zu
+sein brauchte. Es war wohl, wie er dachte, vorteilhafter für ihn, um den
+Alten herum und also ihrem Herzen doch nah auf die Dauer zu sein, als sich
+in ihrer britischen Nähe zu befinden, wo er täglich sie verlieren, aber nie
+augenblicklich gewinnen konnte. St. Goar dagegen versuchte einen anderen
+Weg der Hoffnung.
+
+Er war in dem Jahr, das ihm die Douglas seinerzeit in England nicht
+aussichtslos gelassen hatte, vor Sehnsucht bald schwindsüchtig geworden. Er
+stand eines Nachts auf, lief mit zwei Pistolen am Strand herum, schrie und
+delierierte, kehrte gegen Morgen zurück und begann plötzlich offenkundig zu
+werben. Er ging völlig tollkühn vor und überraschte Granuella ganz und gar.
+Sie waren etwa eine Stunde in der Dämmerung nach dem Leuchtturm zu gegangen
+und an den ersten Büschen der Anlage erst bemerkte sie seine völlige
+Verstörung. Er gebärdete sich auch bald wie ein Rasender. Was kann ich
+anderes tun als ihn beruhigen, dachte sie und stieß ihn sanft zurück. Sie
+bekam feuchte Lippen und ein fast vor dunklem Glanz perlmutternes Auge, was
+der Besinnungslose für ein gutes Zeichen hielt. Natürlich vermochte
+Granuella sich dem Geheimnis der Gelegenheit und der sinnlichen Kraft
+dieser Erklärung nicht ganz zu entziehen. Sie war innerlich ohne Zweifel
+weit entfernt auf ihn zu hören. Ihre Hand fuhr über seinen Kopf, aber sie
+dachte nicht an ihn. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Sie war, seitdem sie
+einem Manne zugehörte, empfänglicher geworden für Leidenschaft und trotz
+der silbernen Dämmerung sah er, daß ihre Nasenflügel sich strafften. Er
+warf sich zu Boden, als er ihre Erregung sah und empfand, daß er sie
+dennoch nicht haben werde. Er war jedoch klug genug, sich zu mäßigen, da er
+ihr Gesicht voll Tränen sah. Es entsprach dem mystischen Glauben, der sie
+beide an ihre Nation band, daß sie keine Scheu hatte, ihm von Leuchtenberg
+zu sprechen. Die Angelegenheiten ihres Lebens und ihrer Leidenschaft waren
+mit einer bestimmten und fast vorgeschriebenen Planmäßigkeit in die Ziele
+ihrer politischen Absichten verwebt, und in diesem Dämmerklar der Gefühle
+verstand es sich von selbst, daß St. Goar begriff, daß ihr Leben nur dem
+Mann gehöre, der sie aus den Flammen gerissen hatte und auf dessen
+Lebenslauf ihr Herz als den vornehmsten und ersten horchte. Sobald er
+Gewißheit hatte, ließ ihn das nicht ohne Hoffnung, denn er war sich der
+Zuneigung und der vertrauensvollen Ergebenheit dieser Frau sicher. Fast zu
+eilig verließ er sie, als sie ihn bat zurückzukehren, um mit ihren Gedanken
+allein zu sein.
+
+Während er mit fast zu Sicherheiten sich spannenden Hoffnungen den Strand
+entlang mit aufgewühlter Seele lief, ging Granuella die zweihundert Stufen
+zu dem Leuchtturm hinauf. Sie stand mit einem Herzen da, das die Erlebnisse
+dieser leidenschaftlichen Szene mit ungeheurer Empfindlichkeit nach der
+Richtung seines eigentlichen Ziels gewandt hatte, ja man hätte sie für eine
+Wahnsinnige halten müssen, wie sie, die Arme aufgerissen, auf der Brüstung
+stand. Mit der Energie einer Tollen erlebte sie das phantastische Glück der
+Gegenwart ihres entfernten Geliebten. Sie wäre fast von der Zinne gestürzt.
+Trotzdem der Herzog tausende Kilometer von ihr entfernt war, empfand sie in
+der Tat eine ungeheuerliche Bewegung. Seine Anwesenheit hätte sie nicht
+verstärkten können und die Verbindung, die sie auf der Höhe dieser Minute
+mit aller Tiefe ihres Wesens durchatmete, war fast tötlich schön. Das Meer
+lag unter ihr wie Getreide. Der Mond spannte mit seinen Lichtfurchen die
+Kanäle ihrer Heimaterde dazwischen. Was blieb ihr, als zu erstarren vor
+Glück, obwohl sie immer den eiligen kaum mehr vor Eile wahrnehmbaren
+Herzschlag in sich vernahm. Sie war keine eigentlich schwärmerische Natur
+und eher mit Geduld begabt, auf Genuß zu warten, als sich an Visionen zu
+begeistern in der Abwesenheit des Gegenstands ihrer Wünsche und ihres
+Schicksals. Sie hatte aber die bestimmte hellsichtige Zuversicht in dieser
+Nacht, daß ein ungeheures Glück nahe.
+
+Dieses junge Mädchen mußte am Morgen hören, Leuchtenberg sei gefallen. Sie
+nahm es ohne Gefühlsäußerung auf, vielleicht lächelte sie sogar in den
+Winkeln ihres kühlen und doch wollüstigen Mundes. Sie sagte am Abend zu St.
+Goar, als er kam und sich stumm zu ihr setzte: »Ich glaube nicht, daß ich
+vergessen kann, Sie eine kleine Freude bei der Nachricht empfinden zu
+sehen.« Ihre Offenheit beschämte ihn grenzenlos und öffnete wieder das Tor
+des Verstehens zwischen ihnen, das durch seine Unsicherheit einen
+Augenblick zugeschlagen war. Natürlich konnte er weder jetzt noch je in
+seinem Leben den Gedanken verlieren, daß er der natürliche Nachfolger
+Leuchtenbergs sein müsse und die Hoffnung auf eine Füsilierung des Herzogs
+war eines der sichersten Besitztümer seiner Seele. Er hätte den Triumph
+meistern müssen, denn er setzte damit alles, nämlich ihr Stück Zuneigung zu
+ihm, aufs Spiel. Er klagte sich fassungslos an. Sie war sehr gütig und
+entschuldigte ihn selbst. St. Goar empfand an diesem Tag die Furchtbarkeit
+seiner Lage, die ihm Granuella für immer nahm. Das einzige, was ihm den Weg
+zu ihr frei machte, würde als Gespenst sie ihm mit der Pistole noch
+weigern. Er verfiel in eine tragische Melancholie, in der der Entschluß in
+ihm reifte, sein Leben lang für dieses Stück Zuneigung bei ihr zu werben,
+auch wenn er sie nicht besitzen solle, zufrieden, wenn ihm das wenigstens
+bliebe. Von ihm wurde sie wohl am meisten und besten geliebt, obwohl er
+nicht wie andere dafür in den Tod hineinjagte. Sie zeigte ihm dafür eine
+nachsichtige Freundschaft nicht ohne Zärtlichkeit bis zu ihrem Sterben.
+
+Niemand vermochte ihr abzuraten, als sie sich entschloß in die Heimat zu
+fahren. Ihre Familie galt immer noch als Mittelpunkt der Irredenta der
+Provinz. Sie begab sich, alle Warnungen freundlich ablehnend, am
+festgesetzten Tag auf die Reise. Jedermann sah einen schlechten Ausgang,
+sie allein tat es nicht im mindesten. In der Tat sah sie den Wind mit den
+Maisfeldern spielen, roch den Duft, den beseligenden träumerischen Duft der
+Gartenerde und sah die Sonne zwischen dem kühlen Schatten der
+Kastanienallee. Aber nur mit geschlossenen Augen in ihrem Kupee. Man fing
+sie gleich hinter der Grenze ab und gab ihr ein anständiges aber sie völlig
+abschließendes Gefängnis in einer Festung, von deren Namen sie keine Ahnung
+hatte. Man transportierte sie nachts und in geschlossenem Auto. Sie
+vermochte sich nicht mit der Douglas in Verbindung zu setzen, und die
+Nachforschungen, die diese anstellte, zogen sich wochenlang resultatlos
+hinaus.
+
+Granuella suchte verhört zu werden, verfaßte Proteste, bat um Erklärungen.
+Es war, als verschwände jedes Zeichen von ihr in der Luft. Sie konnte über
+nichts klagen, aber sie kam nicht aus der geheimnisvollen Isolierung
+heraus. Es blieb nichts übrig, als sich auf den Stolz zurückzuziehen und
+die Dinge mit Hochmut abzuwarten. Das war nicht immer leicht, wenn man die
+Vögel und die Wolken ansehn mußte. Zu ihrem Glück liebte die Wärterin sie
+ebenso umständlich wie tief. Sie hatte die Neigung eines ergebenen
+Haustiers zu ihr gefaßt und sie tat ihren Dienst unter Schmerzensausbrüchen
+über ihre schöne Gefangene. Wenn sie Granuella in schwachen Stunden zart
+und in Tränen aufgelöst fand, küßte sie ihr das Kleid wie einer Heiligen.
+
+Nach einer Zeit von etwa zwei Monaten kam eine Kontrolle der Regierung in
+die Festung. Der Führer benahm sich äußerst seltsam, prallte an der kaum
+geöffneten Tür Granuellas, die schlief, zurück, hauchte den Atem scharf aus
+und verschloß die Tür rasch hinter sich. In dieses Zimmer trat er überhaupt
+nicht ein, ließ sich die Listen vorlegen, tobte durch die anderen Zellen,
+steckte drei Pförtner sofort in strengen Arrest, fluchte über die
+Unsauberkeit und ließ den Kommandeur kommen: »Pfui Teufel, Sie Schwein«,
+schrie er ihn an, »schreiben Sie Ihren Abschied«, und warf ihm ein Papier
+auf den Tisch und schlug die Reitpeitsche quer über das Blatt. Weiter
+äußerte er nichts, ließ einen seiner Leute als Kommandeur zurück und reiste
+ab. Nach zwei Tagen kam er nachts wieder zurück. Man sagte, er hätte den
+Berg selbst wie ein Rasender hinauf gelenkt. Er blieb da, ob in Urlaub ob
+in einer Mission war nicht klar. Täglich ging er mit entschlossenem Schritt
+bis an die Tür der Gefangenen. Es war um die Zeit, wo sich niemand auf den
+Gängen befand. Wenn er die Klinke fassen wollte, griff er höher, bis sein
+Arm senkrecht stand. Dann drehte er um, ließ den Arm herunterfallen und
+verschloß sich im Bureau, wo er Akten studierte.
+
+Nach einiger Zeit ging in dem Augenblick, wo er anmarschierte, die Tür weit
+auf. Die Wärterin, die nicht in dem Zimmer zu sein hatte, warf sich ihm zu
+Füßen und bettelte, ob sie ihm einen Brief übergeben dürfe. Das war
+verboten und er schob sie mit einem Tritt bei Seite. Granuella sah in das
+Gesicht des Obersten Gagarin. Ihre Blicke, die aus dem Wolfshaß
+heraufkamen, hatten einige Zeit, sich ineinander zu verketten. Der Fürst
+war General geworden und noch tiefer ergraut. Sein Gesicht war marmorweiß
+und fast jung geblieben. Zugleich nahm sie in seinem Blick, der die
+schrankenlose Energie der Soldaten seiner Zeit hatte, die gleiche Energie
+eines schmerzlichen Zugs wahr, der eigentlich sein ganzes Gesicht nun
+erfüllte. Plötzlich griff er an die Schläfe, grüßte und begann zu sprechen:
+»Es ist meine Aufgabe, Ihre Angelegenheit zu prüfen und zu bedenken,
+welchen Wert Ihre Anwesenheit für meine Nation hier haben kann. Die
+Verantwortung darüber ist völlig in meine Hände gelegt, auch inwieweit man
+sich Ihrer als Geisel für zukünftige Fälle bedienen kann. Diese
+Verantwortung ist ungeheuer, da ich jeden Tag meines Lebens für das Wohl
+der Nation nur atme. Ich würde mich eher in den Kasematten auf meinen
+eigenen Befehl erdrosseln lassen, als daß ich nicht auch in diesem Falle
+lediglich für die Nation handelte. Sie werden begreifen, wie entsetzlich
+mir die unerwartete Aufgabe über Sie zu entschließen geworden ist.« Sie sah
+in den Hof hinab, wo man aufgeregt hin und her lief und dachte nach, welche
+Vorbereitung zu welchen Schrecken das sein solle. »Es ist meine Pflicht,
+Ihnen diese Briefe zu übergeben, die eingelaufen sind.« Er hielt sie ihr
+hin und da sie nicht zugriff, legte er sie auf den Tisch. Sie standen sich
+wieder gegenüber. Er rang mit etwas, hielt es aber zurück.
+
+»Obwohl es nicht mein eigentliches Amt ist, habe ich Ihnen eine weitere
+Mitteilung zu machen.« Es war offensichtlich, daß er sich trotz seiner
+eisigen Ruhe in tiefster Bewegung befand. Sie dachte, indem sie ihn mit
+halbgesenkten Lidern ansah: er hat meine Brüder erschossen. Möge Gott ihn
+bei der ersten Gelegenheit töten . . . und schloß die Augen. Er hob die
+Hand an sein Käppi und salutierte: »Ich bringe Ihnen die Nachricht Ihrer
+Freiheit, Baroneß.« Sie sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie glaubte, er
+wolle ihr Herz langsam martern. Es war klar, daß er noch etwas, worauf es
+ihm überhaupt ankam, im Hintergrund habe. Er sagte langsam: »Wenn Sie die
+Grenze nicht innerhalb fünf Stunden überschreiten, werden Sie heute Abend
+erschossen sein. Bis zur Grenze kann Sie mein Auto bringen. Eilen Sie sich,
+je eiliger, um so besser. Es geht um Ihr Leben. Später wird die Grenze
+geschlossen sein, da man Unruhen befürchtet. Ich werde in der Zwischenzeit
+einen Brief nach Warschau zu telephonieren haben, den ich, an Sie
+gerichtet, öffnen mußte. Noch einmal, beeilen Sie sich.«
+
+Sie wurde totenfahl. Sie erkannte die Schriftzüge Leuchtenbergs. Es wurde
+ihr klar, daß der Mann ein furchtbares Spiel gegen sie vorhaben müsse. Er
+reichte ihr ungeöffnet das Schreiben. Sie öffnete es aber nicht, sondern
+legte es auf den Tisch zurück. In diesem Augenblick empfand sie, daß dieser
+Mensch sich in einem grauenvollen Zwiespalt wand. Er war so unglaublich,
+daß sie ihn kaum anzusehen wagte. Seine Augen bohrten sich förmlich in ihr
+Herz hinein. Es wäre dem Fürsten ein Leichtes gewesen, mit ihr als
+Angelhaken den Leuchtenberg heranzulocken, den er mehr haßte, als er hätte
+sagen können. Er hatte den Entschluß gefaßt, die Frau loszulassen, mit der
+er als Geisel seiner Karriere einen starken Dienst hätte tun können. In der
+Tat hatte er sich geschworen für das, was er seinem Edelmut nachgab, sich
+zu rächen und den Herzog sofort zu töten, wo er ihn erreichen konnte, wenn
+dessen Ankunft den Beginn neuer Schwierigkeiten in den Provinzen bedeutete.
+Das Mädchen begriff in der einen Sekunde alles und schlug die Hände vor das
+Gesicht. So schlich sie bis an die Tür. Als sie diese erreicht hatte, blieb
+sie einen Augenblick stehen. Fürst Gagarin salutierte noch immer, obwohl
+ihm der Hals bald sprang. Sie sah ihm auf die Zähne. Er sagte aber nichts
+mehr.
+
+Da sie aber an die Hölle, die sie in ein paar Minuten durchlebt hatte,
+nicht mehr glauben konnte, als sie im Auto saß, sondern alles für einen
+Traum hielt, fragte sie den Chauffeur, der sie an die Grenze fuhr: »Höre,
+ist Dein Herr, der General, der Herzog von Leuchtenberg?« Sie hatte sich
+nach vorn gebeugt, er konnte aber in der rasenden Fahrt nicht zurückschauen
+und sie mußte wiederholen und ihr Ohr weit nach vorne schieben. »Nein,
+Frau«, sagte er kopfschüttelnd, »es war nicht der Herzog von Leuchtenberg.«
+Darauf fragte sie: »Und nun? War es Fürst Gagarin?« Darauf erwiderte der
+Chauffeur, es wäre der General Gagarin gewesen. Mittlerweile kamen sie an
+die Grenze. Sie hielt den Brief noch in der Hand, sie hatte vergessen ihn
+zu öffnen. Sie erbrach ihn und erbleichte. Das Blut schoß ihr in die
+Schläfen. Als sie ausstieg, sandte sie durch den Chauffeur dem General, der
+ihre Brüder erschossen hatte, das Tuch, mit dem sie in Florenz ihrem ersten
+Geliebten gewinkt hatte. Sie hätte es in der nächsten Sekunde lieber mit
+den Zähnen zerrissen. Dieser Mann, dem sie das Tuch sandte, hatte keinen
+anderen Gedankten, als den Herzog von Leuchtenberg zu töten. Es kam jedoch
+anders, und Fürst Gagarin kam nicht in die Lage, dafür, daß er Granuella de
+Voß, die er wahnsinnig liebte, zu ihrem ersten Geliebten entweichen ließ,
+zum Schutz seines Landes und als Sühne für seine Tat den Herzog
+abzuschießen. Leuchtenberg kam nicht in die Provinz.
+
+Das junge Mädchen traf eine Woche nachher Lady Douglas und reiste mit ihr
+Leuchtenberg entgegen nach Süden, wo man sich besser traf als in der Nähe
+fanatisierter Kugeln. Diese Reise war der Höhepunkt ihres Lebens. Dieses
+Glück hatte sie nicht für möglich gehalten. Sie mußte immer wieder
+innehalten und von vorne anfangen zu denken, weil die Vorstellungen sich
+ihr verwirrten. Zu manchen Zeiten wußte sie kaum, was sie sprach, und
+starrte mit erschreckten Augen um sich, wo sie sich überhaupt befinde.
+Diese Woche war so, als trete sie immer aus einem Traum, um für Sekunden
+Wahrnehmungen zu machen, worauf sie wieder in den Traum zurücksank. Ein
+Gefühl von so maßlosem Entrücktsein hatte sie ergriffen, daß vor dieser
+machtvollen Verzauberung Lady Douglas Beängstigung empfand. Es schien
+unfaßlich, wie diese völlige Verwandlung noch zu übertreffen, ja überhaupt
+je wieder ins einfache Leben zurückzuleiten sei. Das Gespenst einer
+ungeheueren Gefahr lebte in dieser Wonne alle acht Tage hindurch. Die
+Douglas hatte eine Schatulle mit Papieren bei sich, um die Eheschließung,
+wo auch immer sie sich träfen, sofort vornehmen zu lassen.
+
+Sie begegneten sich in Triest. Der Herzog kam mit einer Art
+Janitscharenregiment auf einem eigenen Schiff. Die Kapellen spielten,
+Schüsse wurden abgefeuert und Signale gewechselt. Der Einzug hatte einen
+beinahe offiziellen Anstrich, da die Souveränitäten von Dutzenden neuer
+östlicher Staaten nie durchschaubar waren, solange die asiatischen
+Auseinandersetzungskämpfe mit den Bolschewiken dauerten. Der Herzog hatte
+offenbar ein kriegerisches und abenteuerliches Dasein zu Ende gebracht. Er
+hatte so wilde Sitten, daß die Douglas ihre ganze Autorität gebrauchte, ihn
+kein Aufsehen erregen zu lassen. Granuella war fast von Sinnen vor
+Aufgelöstheit. Sie sah nichts und hörte nichts. Offenbar wußte sie gar
+nicht, wo sie sich befand. In der Nacht raubte sie Leuchtenberg, nachdem er
+sie geschickt während einer kurzen Abwesenheit der Engländerin in den
+Garten geführt hatte.
+
+Auf einem eigenen Motorboot, in das er Blumen hatte werfen lassen, fuhr er
+sie nach einer kleinen Insel. Zwischen einer Lichterkette gelangten sie zu
+einem Haus auf einem Hügel. Er trug sie mehr, als sie ging. Was Granuella
+in dieser Nacht erlebte, war das Süßeste und Unfaßbarste für sie. Sie
+spürte selbst, alles Spätere sei überflüssig. Am liebsten wäre sie nicht
+wieder erwacht. Sie erinnerte sich, daß ihre Jugendträume alle auf etwas
+hingingen, das sie noch nicht damals erfassen und erblicken konnte. Das war
+es. Es war nun da. Sie empfand eine Bestätigung heute für alles, was sie
+getan und unterlassen hatte in ihrem Leben. Sie mußte Leuchtenberg wie
+einen Gott empfunden haben, der sie besuchte. Bei diesen beiden Menschen
+schlug das Feuer ihrer Begeisterung und ihrer Liebe immer wieder zusammen,
+wenn sie sich die Nacht zurückriefen, wo er sie aus ihrem Kindheitshause
+holte. Baroneß Granuella de Voß war überzeugt, daß sie ihr Vaterland
+umarme, wenn sie ihre Mädchenarme zärtlich um ihren Geliebten schlang, und
+daß die Sehnsucht, um die sie Jahre hindurch in der Fremde gewandert und
+die sie grauenhaft durchlitten, ihr nun mit Dank in dem besten Mann ihrer
+glühenden Nation sich erfülle.
+
+Am Morgen vermochte sie von der Adlernase dieses Mannes nicht mehr zu
+entdeckten als die ferne Spur seines Schiffes, das wie ein Hauch in dem
+Meerblau schwebte. Der Herzog hatte sich aus dem Hafen des Freistaats
+entfernt und das Schiff wieder südlich gesteuert, nachdem er einen
+diplomatischen Auftrag erledigt hatte. Gewiß war er nicht ohne etwas wie
+Gewissen, obwohl bei Männern in Frauensachen diese Tugend nicht viel mehr
+als eine angenehme Verlogenheit bedeutet, aber er war keineswegs der Mann,
+ein wildes und hartes männliches Leben für eine auf Jahre verlängerte
+Schäferszene hinzugeben. Und er hatte in der Tat, abgesehen davon, ob sein
+Ideal gewichtig oder erbärmlich sei, wahrhaftig die Empfindung, Träger und
+Bringer eines unsterblichen und nie wieder erreichbaren Glücks gewesen zu
+sein. Granuella starb um eines Haares Breite, als sie begriff. Sie hatte
+bis zum Mittag aufgerichtet im Bett allein am Fenster gesessen. Als die
+Douglas sich über sie beugte, sah sie diese einen Augenblick an. Die
+Engländerin, die sie den Tag mit großer Ängstlichkeit gesucht hatte,
+nickte. Granuella wurde weiß und fiel auf das Gesicht. Sie hatte lange mit
+dem Tod zu kämpfen, und Lady Douglas vermochte lange nicht, ihrem Nicken
+hinzuzufügen, daß sie diese ganze Sache vorausgesehen habe.
+
+Granuella wurde in der Folge sehr schön. Man sah nur ihre Zähne nicht mehr.
+Früher hatte sie die Lippen stets leicht geöffnet getragen. Sie hatte
+weniger Gelegenheit nunmehr zu lächeln. Ihr Bruder war während ihrer
+Krankheit auf eine unaufgeklärte Weise gestorben. Sie reiste daher, als sie
+die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhielt, zu seiner Beisetzung noch
+einmal nach Kowno. Wie der blonde Erzengel stand sie mit dem wollüstigen
+Madonnengesicht zwischen den Fahnen und Uniformen. Sie blieb allein am Grab
+vor einem wilden Haufen Blumenkränzen: »Das da unten ist der Mann, mit dem
+ich meine Jugend geduldet, gelitten, gehofft,« dachte sie. »Das Leben war
+zu schwer für ihn und hat ihn zerbrochen. Habe ich ihm nicht Unrecht getan,
+daß ich ihm deshalb zu zürnen wagte? Hat er diesen Unsinn nicht einfach nur
+eher durchschaut wie ich?« Sie griff sich an die Stirn und fühlte die
+Traube blonden Haars, die aus dem koketten Turbanhut und dem dicht unter
+dem Kinn geführten Schleier herausquoll. Sie sah die letzten Menschen um
+die Ecke des Friedhofgangs biegen. Sie hatten dieses Wrack, das schon vor
+Jahren aus Leidenschaft zum Geld die Sache der Nation verriet wie einen
+großen Führer begraben. Sie war toll verliebt in diesen Vater, weil er dem
+Leben unterlegen war, aber sie verachtete die Schreier, die ihre Phrasen
+über seinen armseligen Tod geschwungen hatten, als ob ein Heros für sie
+gefallen sei. »Man hätte dieses Volk nie versuchen sollen zu retten. Es
+wäre vielleicht zu seinem besten gewesen, wenn man es hätte rädern lassen,«
+dachte sie. Etwas fehlte nunmehr in ihrem Gesicht, aber es war unbestimmt
+was. Sie ging bis dicht an das Grab heran, dann drehte sie um. Um
+Weihnachstag heiratete sie den General Gagarin.
+
+Seinen Anweisungen und Wünschen verstand sie sich völlig anzuschließen. Er
+vergötterte diese Frau. Er sprach auch in Gesellschaft, wenn sie abwesend
+war, nur mit einer märchenhaften Verehrung von ihr. Sie selbst wohnte des
+öfteren mit ihm auf dem väterlichen Gut, das nun endgültig polnisch war.
+Die interalliierten Mächte hatten schließlich die Macht, die die Provinz
+halten konnte, sanktioniert. Sie war auch bei allen Anweisungen auf der
+Seite ihres Gatten, der in der rücksichtslosesten Weise vorging. Wenn man
+sie gefragt hätte, was sie dabei empfinde, hätte sie voraussichtlich mit
+der Duldung aber auch der Härte, die sie auszeichnete, auf die Verachtung
+gedeutet, die sie für jene baltischen Schwärmer empfand, die, ehemals
+deutschen Blutes, mit ritterlichen und unklaren Gesten ihr Leben
+verkämpften, das nichts als nebelhaften Inhalt hatte. Die Phrasen taten ihr
+zu jeder Stunde weh. Sie konnte Begeisterungen nicht mehr ertragen, da sie
+auf der Kehrseite die Dummheit sah. Sie stand auf dem Boden ihres Mannes
+und hielt für recht, daß er behielt, was er besaß und daß er besaß, was er
+zu halten vermochte. Sie hatte Gelegenheit, sich in alle Geistesrichtungen
+ihrer Zeit zu versenken, es ist nicht gesagt, daß sie das primitive und
+wohl etwas kindische Ideal ihres Gatten zu oberst stellte, auch wenn sie es
+billigte. Als Frau war sie allen Schwingungen des Geistes ihrer Epoche
+zugänglich und selbst den Geheimnissen offen, in deren Schoß die Erde sich
+auf furchtbare Zeichen neu ankündigt. Aber als Frau wiederum fühlte sie
+sich in der brutalen Gradheit ihres Mannes geborgen, darüber mochte die
+Welt zerspringen. Sie hielt nicht genügend von ihr, um in Ereiferung
+darüber zu geraten. So war es ihr gleich, daß man sie haßte, wo sie der
+besinnungslosen Liebe des Generals sicher war.
+
+»Gehen Sie,« sagte sie, als sie sich unwohl fühlte, zu dem General Fürst
+Gagarin, der den Vorzug hatte, ihr Gatte zu sein, »dieses Telegramm
+bestellen.« Nach zwei Tagen rannte, den Krummsäbel in der Hand, um nicht zu
+stürzen, ein fast weißhaariger litauischer General die Treppe herauf. Er
+schien völlig verstört und irrte sich in den Zimmern. Plötzlich riß er
+einen Teppich zurück. Sie war schon tot. Neben ihrem Bett stand Gagarin. Er
+grüßte stumm und nahm von ihrem Gesicht das Tuch, das sie ihm als erste
+Sache geschenkt hatte. Der Mann, der ihre Brüder erschossen, reichte es St.
+Goar, an dem sie ein wenig mit der Zärtlichkeit ihrer Glutseele gehangen
+und der zu spät kam. Er hatte die Nachfolgeschaft des Herzogs nie antreten
+dürfen. Die Männer reichten sich die Hände in einem plötzlichen
+Liebesempfinden, das wunderbar in ihren Augen glühte. »Ich beschwöre Sie,
+mir zu gestatten, dieses auf ihre Brust zu legen«, sagte St. Goar, und
+legte die Fahne mit der Silberfaust und den drei roten Punkten nieder, mit
+der sie zum erstenmal ans Meer gefahren waren. Er ließ sie eine Sekunde
+liegen, dann nahm er sie zu sich.
+
+Als er das Haus verließ, sanken überall die Standarten. St. Goar schritt
+ein wenig torkelnd aus. Jemand lief hinter ihm her. »Geben Sie mir die
+Fahne -- ich beschwöre Sie«, sagte Gagarin. St. Goar holte sie aus der
+Tasche und gab sie ihm mit einem herzlichen Gefühl und tiefer Verneigung.
+Sie mußten denselben Gedanken gehabt haben, sie lächelten, als ob ihr Leben
+umsonst gewesen wäre ohne diesen Augenblick oder vielmehr, als ob die
+ungeheure Seligkeit dieser Vereinigung alles auslösche, was sie im Guten
+und Schlechten gegeneinander getan hatten und noch tun würden.
+
+Die Straße schien leer. Es konnte aber St. Goar nicht entgehen, daß das
+Volk der Toten fluchte. Er schaute seine Hände an, die ihre Brust berührt
+hatten und wäre fast darüber für immer stehen geblieben. »Sie hat mich ein
+wenig geliebt«, dachte er. Er war der Ansicht, es sei das glühendste
+Geschenk, daß sie ihn zum Sterben nicht missen wollte. Er faßte das Tuch
+und preßte es gegen sein toll gewordenes Herz. Der alte General war fast
+närrisch vor Glück. Er bedurfte einer Menge Kraft sich zu fassen, da er mit
+Uniform, in der er Hals über Kopf herübergejagt war, auf fremdem
+Territorium sich befand, und seinen Wagen herbeizuwinken.
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Amazone, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AMAZONE ***
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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+Foundation
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+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.