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Zweiter Band</title> + <author><name reg="Dahn, Felix">Felix Dahn</name></author> + </titleStmt> + <publicationStmt> + <publisher>Project Gutenberg</publisher> + <date value="2010-07-05">July 5, 2010</date> + <idno type='etext-no'>33090</idno> + <availability> + <p>This eBook is for the use of anyone anywhere + at no cost and with almost no restrictions whatsoever. + You may copy it, give it away or re-use it under + the terms of the Project Gutenberg License online at + www.gutenberg.org/license</p> + </availability> + </publicationStmt> + <sourceDesc> + <bibl><author><name reg="Dahn, Felix">Felix Dahn</name></author> + <title>Ein Kampf um Rom: historischer Roman. Zweiter Band</title> + <edition>48. 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Langkau</name>, <name>Stefan Cramme</name>, + and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net</resp> + </respStmt> + <item>Project Gutenberg TEI edition 1</item> + </change> + </revisionDesc> + </teiHeader> + + <pgExtensions> + <pgStyleSheet> + .antiqua { font-style: italic } + .bold { font-weight: bold } + .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em } + head { text-align: center } + lg { margin-left: 2 } + </pgStyleSheet> + <pgCharMap formats="txt.iso-8859-1"> + <char id="U0x2013"> + <charName>ndash</charName> + <desc>EN DASH</desc> + <mapping>-</mapping> + </char> + <char id="U0x2019"> + <charName>rsquo</charName> + <desc>RIGHT SINGLE QUOTATION MARK</desc> + <mapping>'</mapping> + </char> + </pgCharMap> + </pgExtensions> + +<text lang="de"> +<front> + <div> + <divGen type="pgheader" /> + </div> + <titlePage rend="text-align: center; page-break-before: right"> +<pb/> + <docTitle> + <titlePart rend="font-size: xx-large">Ein Kampf um Rom.</titlePart><lb/><lb/> + <titlePart rend="font-size: x-large">Historischer Roman</titlePart> + </docTitle> + <lb/><lb/> + <byline>von<lb/><lb/> + <docAuthor rend="font-size: x-large">Felix Dahn.</docAuthor></byline> + <lb/><lb/> + <epigraph> + <lg> +<l rend="margin-left: 20"><hi rend='gesperrt'>Motto:</hi></l> +<l rend="margin-left: 10">»Wenn etwas ist, gewalt’ger als das Schicksal</l> +<l rend="margin-left: 10">So ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt«</l> +<l rend="margin-left: 30"><hi rend='gesperrt'>Geibel.</hi></l> +</lg> + </epigraph> +<lb/> +<titlePart> + Zweiter Band. +</titlePart> +<lb/><lb/> +<docEdition> + 48. 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Erste Abteilung."/> +<head type="sub">Fünftes Buch.</head> + +<head>Witichis.</head> + +<head type="sub">Erste Abteilung.</head> + +<epigraph><p>»Die Goten aber wählten zum König Witichis,<lb/> +einen Mann, zwar nicht von edlem Geschlecht,<lb/> +aber von hohem Ruhm der Tapferkeit.«</p> +<p rend="text-align: right">Prokopius, Gotenkrieg I. 11</p> +</epigraph> + <div type="kapitel" n="1" rend="page-break-before: right"> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<pb n='3'/><anchor id='Pg003'/> + +<head>Erstes Kapitel.</head> + +<p> +Langsam sank die Sonne hinter die grünen Hügel +von Fäsulä und vergoldete die Säulen vor dem schlichten +Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin schaltete. +</p> + +<p> +Die gotischen Knechte und die römischen Sklaven waren +beschäftigt, die Arbeit des Tages zu beschließen. Der +Mariskalk brachte die jungen Rosse von der Weide ein. +Zwei andere Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder +von dem Anger auf dem Hügel nach den Ställen, indes +der Ziegenbub mit römischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen +vorwärts trieb, die genäschig hier und da an +dem salzigen Steinbrech nagten, der auf dem zerbröckelten +Mauerwerk am Wege grünte. Andre germanische Knechte +räumten das Ackergerät im Hofraum auf: und ein römischer +Freigelassener, gar ein gelehrter und vornehmer Herr, +der Obergärtner selbst, verließ mit einem zufriedenen Blick +die Stätte seiner blühenden und duftenden Wissenschaft. +</p> + +<p> +Da kam aus dem Roßstall unser kleiner Freund Athalwin +im Kranze seiner hellgelben Locken. »Vergiß mir ja +nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in den Trinkkübel zu +werfen. Wachis hat’s noch besonders aufgetragen! Daß +er dich nicht wieder schlagen muß, wenn er heimkommt.« +<pb n='4'/><anchor id='Pg004'/>Und er warf die Thür zu. »Ewiger Verdruß mit diesen +welschen Knechten!« sprach der kleine Hausherr mit wichtigem +Stolz. »Seit der Vater fort ist und Wachis ihm +ins Lager gefolgt, liegt alles auf mir: denn die Mutter, +lieber Gott, ist wohl gut für die Mägde, aber die Knechte +brauchen den Mann.« +</p> +<p> +Und mit großem Ernst schritt das Büblein über den +Hof. +</p> + +<p> +»Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt,« +sprach er und warf die kirschroten Lippen auf und krauste +die weiße Stirn. »Woher soll er auch kommen? Mit +nächster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen +mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlöffel.« +Und verächtlich riß er an dem kleinen Schwert +von Holz in seinem Gurt. »Sie dürften mir keck ein Weidmesser +geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich nichts +ausrichten und sehe nichts gleich.« +</p> + +<p> +Und doch sah er so lieblich, einem zürnenden Eros +gleich, in seinem kniekurzen, ärmellosen Röckchen von feinstem +weißem Leinen, das die liebe Hand der Mutter gesponnen +und genäht und mit einem zierlichen roten Streifen +durchwirkt hatte. +</p> + +<p> +»Gern lief’ ich noch auf den Anger und brächte der +Mutter zum Abend die Waldblumen, die sie so liebt, mehr +als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber ich muß noch +Rundschau halten, ehe sie mir die Thore schließen: denn: +»Athalwin, hat der Vater gesagt, wie er ging, halt mir +das Erbe recht in acht und wahre mir die Mutter! Ich +verlaß mich auf dich!« Und ich gab ihm die Hand drauf. +So muß ich Wort halten.« +</p> + +<p> +Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite +des Wohnhauses vorüber, durchmusterte die Nebengebäude +zur Rechten und wollte sich eben nach der Rückseite des +<pb n='5'/><anchor id='Pg005'/>Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der jungen +Hunde zur Linken auf ein Geräusch an dem Holzzaun, der +das Ganze umfriedete, merksam wurde. +</p> + +<p> +Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte: +denn auf dem Zaune saß oder über denselben herein stieg +eine seltsame Gestalt. Es war ein großer, alter, hagrer +Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie +ihn die Berghirten trugen: als Mantel hing eine mächtige +Wolfsschur unverarbeitet von seinen Schultern nieder, und +in der Rechten trug er einen riesigen Bergstock mit scharfer +Stahlspitze, mit welchem er die Hunde abwehrte, die zornig +an dem Zaun hinaufsprangen. Eilends lief der Knabe +hinzu. »Halt, du landfremder Mann, was thust du auf +meinem Zaun? – willst du gleich hinaus und herab?« +</p> + +<p> +Der Alte stutzte und sah forschend auf den schönen +Knaben. »Herunter, sag’ ich!« wiederholte dieser. – »Begrüßt +man so in diesem Hof den wegmüden Wandrer?« +– »Ja, wenn der wegmüde Wandrer über den Hinterzaun +steigt. Bist du was Rechtes und willst du was +Rechtes, – da vorn steht das große Hofthor sperrangelweit +offen: da komm’ herein.« +</p> + +<p> +»Das weiß ich selbst, wenn ich das wollte.« Und er +machte Anstalt, in den Hof hereinzusteigen. +</p> + +<p> +»Halt,« rief zornig der Kleine, »da kommst du nicht +herab! Faß, Griffo! Faß, Wulfo! Und wenn du die zwei +jungen nicht scheust, so ruf’ ich die Alte. Dann gieb acht! +He Thursa, Thursa, leid’s nicht!« +</p> + +<p> +Auf diesen Ruf schoß um die Ecke des Roßstalles ein +riesiger, grau borstiger Wolfshund mit wütendem Gebell +herbei und schien ohne weiteres dem Eindringling an die +Gurgel springen zu wollen. +</p> + +<p> +Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, +<pb n='6'/><anchor id='Pg006'/>dem Alten gegenüber, so verwandelte sich seine Wut plötzlich +in Freude: sein Bellen verstummte und wedelnd sprang +er an dem Alten hinan, der nun ganz gemütlich herein +stieg. »Ja, Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen,« +sagte er. – – »Nun sage mir, kleiner Mann, +wie heißt du?« – »Athalwin heiß’ ich,« versetzte dieser, scheu +zurücktretend, »du aber, – ich glaube, du hast den Hund +behext – wie heißt du?« – »Ich heiße wie du,« sagte +der Alte freundlicher. »Und das ist hübsch von dir, daß +du heißest wie ich. Sei nur ruhig, ich bin kein Räuber! +führ’ mich zu deiner Mutter, daß ich ihr sage, wie tapfer +du deine Hofwehr verteidigt hast.« +</p> + +<p> +Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die +Halle, Thursa bellte freudig springend voran. +</p> + +<p> +Das korinthische Atrium der Römervilla mit seinen +Säulenreihen an den vier Wänden hatte die gotische Hausfrau +mit leichter Änderung in die große Halle des germanischen +Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des +Hausherrn war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt und +Rauthgundis hatte für diese Zeit ihre Mägde aus der +Frauenkammer hierher versetzt. In langer Reihe saßen +rechts die gotischen Mägde mit sausender Spule; ihnen +gegenüber einige römische Sklavinnen mit feineren Arbeiten +beschäftigt. In der Mitte der Halle schritt Rauthgundis +auf und nieder und ließ selbst die flinke Spule auf dem +glatten Mosaik des Estrichs tanzen, aber dabei auch nach +rechts und links stets die wachen Blicke gleiten. +</p> + +<p> +Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff +war über die Knie heraufgeschürzt und hing gebauscht über +den Gurt von stählernen Ringen, der ihren einzigen Schmuck, +ein Bündel von Schlüsseln, trug. Das dunkelblonde +Haar war rings an Stirn und Schläfen zurückgekämmt +und am Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschürzt. +<pb n='7'/><anchor id='Pg007'/>Es lag viel schlichte Würde in der Gestalt, wie sie mit +ernst prüfendem Blick auf und nieder schritt. +</p> + +<p> +Sie trat zu der jüngsten der gotischen Mägde, die zu +unterst in der Reihe saß und beugte sich zu ihr. »Brav, +Liuta,« sprach sie, »dein Faden ist glatt und du hast heut’ +nicht so oft aufgesehen nach der Thür wie sonst. Freilich,« +fügte sie lächelnd hinzu – »es ist jetzt kein Verdienst, da +doch kein Wachis zur Thür hereinkommen kann.« Die +junge Magd errötete. Rauthgundis legte die Hand auf +ihr glattes Haar: »Ich weiß,« sagte sie, »du hast mir im +stillen gegrollt, daß ich dich, die Verlobte, dieses Jahr +über täglich morgens und abends eine Stunde länger +spinnen ließ als die andern: es war grausam, nicht? Nun, +sieh: es war dein eigner Gewinn. Alles, was du dies +Jahr aus meinem besten Garn gesponnen, ist dein; ich +schenk’ es dir zur Aussteuer: so brauchst du nächstes Jahr, +das erste deiner Ehe, nicht zu spinnen.« +</p> + +<p> +Das Mädchen faßte ihre Hand und sah ihr dankbar +weinend ins Auge. »Und dich nennen sie streng und hart!« +war alles, was sie sagen konnte. – »Mild mit den Guten, +streng mit den Bösen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier +walte, ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. +Da heißt es genau sein.« +</p> + +<p> +Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Thür +sichtbar: der Knabe wollte rufen, aber sein Begleiter verhielt +ihm den Mund und sah eine Weile unbemerkt dem +Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Mägde +Arbeit prüfte, lobte und schalt und neue Aufträge gab. +</p> + +<p> +»Ja,« sprach der Alte endlich zu sich selbst, »stattlich +sieht sie aus, und sie scheint wohl die Herrin im Hause +– doch! wer weiß Alles?« Da war Athalwin nicht mehr +zu halten: »Mutter,« rief er, »ein fremder Mann, der +<pb n='8'/><anchor id='Pg008'/>Thursa behext und über den Zaun gestiegen und zu dir +will. Ich kann’s nicht begreifen.« +</p> + +<p> +Da wandte sich die stattliche Frauengestalt würdevoll +dem Eingang zu, die Hand vor die Augen haltend, die +blendende Abendsonne, die in die offne Thüre brach, abzuwehren. +»Was führst du den Gast hierher? Du weißt, +der Vater ist nicht hier. Führ’ ihn in die große Halle. +Sein Platz ist nicht bei mir.« +</p> + +<p> +»Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz,« +sprach der Alte vortretend. +</p> + +<p> +»Vater!« – rief die Frau und lag an der Brust des +Fremden. Verdutzt und nicht ohne Mißbehagen sah Athalwin +auf die Gruppe. »Du bist also der Großvater, der +da oben in den Nordbergen haust? Nun grüß Gott, Großvater! +Aber warum sagst du denn das nicht gleich? Und +warum kommst du nicht durchs Thor wie andre ehrliche +Leute?« +</p> + +<p> +Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Händen und +sah ihr scharf ins Auge. »Sie sieht glücklich aus und gedeihend,« +brummte er vor sich hin. +</p> + +<p> +Da faßte sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick +durch die Halle. Alle Spindeln ruhten – außer Liutas +– aller Augen musterten neugierig den Alten. +</p> + +<p> +»Ob ihr wohl spinnen wollt, fürwitzige Elstern?« rief +sie streng. »Du, Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs +herabfallen lassen, – du kennst den Brauch, du spinnst +eine Spule mehr, – ihr andern macht Feierabend. Komm, +Vater! Liuta, rüst’ ein laues Bad und Fleisch und Wein. –« +</p> + +<p> +»Nein!« sprach der Vater, »der alte Bauer hat am +Berg auch nur Bad und Trunk am Wasserfall. Und was +das Essen anlangt, – draußen, vor’m Hinterzaun, am +Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab ich +mein Speltbrot und meinen Schafkäse, den bringt mir. – +<pb n='9'/><anchor id='Pg009'/>Wieviel habt ihr Rinder im Stall und Rosse auf der +Weide?« Es war seine erste Frage. – +</p> + +<p> +Eine Stunde darauf – schon war es dunkel geworden +und der kleine Athalwin war kopfschüttelnd über den Großvater +zu Bett gegangen, – da wandelten Vater und Tochter +beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. »Ich hab’ +nicht Luft genug da drinnen,« hatte der Alte gesagt. +</p> + +<p> +Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof +und durch den Garten schritten. Mitten drein warf der +Alte immer wieder Fragen nach ihrer Wirtschaft auf, wie +sie ihm Gerät oder Gebäude nahe legten: und in seinem +Ton lag keine Zärtlichkeit: nur manchmal in dem Blick, +der verstohlen sein Kind musterte. +</p> + +<p> +»Laß doch endlich Roggen und Rosse,« lächelte Rauthgundis, +»und sage mir, wie’s dir gegangen ist die langen +Jahre? Und was dich endlich einmal herabgeführt hat +von den Bergen zu deinen Kindern?« – »Wie’s mir +gegangen? Nun: halt einsam, einsam! Und kalte Winter! +Ja, bei uns ist’s nicht so hübsch warm, wie hier im +Welschthale.« Und er sagte das wie einen Vorwurf. +»Und warum ich herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat +sich der Zuchtstier zerfallen auf dem Firnjoch. Und da +wollt’ ich mir einen andern kaufen hier unten.« +</p> + +<p> +Da hielt sich Rauthgundis nicht länger: mit warmer +Liebe warf sie sich an des Alten Brust und rief: »Und +den Zuchtstier hast du nicht näher gefunden als hier? +Lüge doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und +dein eigen Kind. Du bist gekommen, weil du gemußt, +weil du’s doch endlich nicht mehr ausgehalten vor Heimweh +nach deinem Kinde.« +</p> + +<p> +Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: »Woher +du’s nur weißt! Nun ja! ich mußte doch mal selbst sehen, +wie’s um dich steht und wie er dich hält, der Herr Gotengraf.« +</p> + +<pb n='10'/><anchor id='Pg010'/> + +<p> +»Wie seinen Augapfel,« sprach das Weib selig. – +»So? und warum ist er denn nicht daheim bei Hof und +Haus und Weib und Kind?« – »Er steht beim Heer in +des Königs Dienst.« +</p> + +<p> +»Ja, das ist’s ja eben. Was braucht er einen Dienst +und einen König? Doch – sage: warum trägst du keinen +goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem Welschthal +kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fünf Jahren, +die trug Gold handbreit: da dacht ich: so trägt’s deine +Tochter, und freute mich, und nun –« +</p> + +<p> +Rauthgundis lächelte: »Soll ich Gold tragen für +meiner Mägde Augen? Ich schmücke mich nur, wenn +Witichis es sieht.« – »So? mög’ er’s verdienen! Aber +du <hi rend='gesperrt'>hast</hi> doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen +hier unten?« – »Mehr als andre, truhenvoll. +Witichis brachte große Beute vom Gepidenkrieg.« – »So +bist du ganz glücklich?« – »Ganz, Vater, aber nicht +wegen der Goldspangen.« – »Hast du über nichts zu +klagen? Sag’s mir nur, Kind! Was es auch sei, sag’s +deinem alten Vater und er schafft dir dein Recht.« +</p> + +<p> +Da blieb Rauthgundis stehen. »Vater, sprich nicht so! +Das ist nicht recht von dir zu sprechen, nicht von mir zu +hören. Wirf ihn doch weg, den unglückseligen Irrwahn, +als müßte ich elend werden, weil ich zu Thal gezogen. +Ich glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgeführt.« +</p> + +<p> +»Nur sie!« rief der Alte hastig mit dem Stock aufstoßend. +»Und du nennst einen Wahn, was deines Vaters +tiefstes inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist’s ein Wahn, +daß sich’s schwer atme hier unten? Ein Wahn, daß unsre +hochgewachsenen, weißen Goten klein und braun geworden +hier unten im Thal? Ist es ein Wahn, daß alles Unheil +von jeher von Süden hergekommen, von diesem weichen, +falschen Thal? Woher kommen die Bergstürze über unsre +<pb n='11'/><anchor id='Pg011'/>Hütten? von Süden her. Von wo kommt der giftige +Wind, der Mensch und Vieh verdirbt? Von Süden. +Warum stürzt’ mir Kuh und Schaf, wann sie am Südhang +grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das +erstemal von unserm Berge nach Bolsanum herabkam, in +der schwülen Stadt? Ein Bruder von dir stieg auch herab, +trat in des Königs Theoderich Waffenschar zu Ravenna: +erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum +taugt kein Knecht mehr was, der je hier in den Süden +herabstieg, auch nur auf einen Winter? Wo hat unser +großer Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, +mit Steuern und Folter und Kerker und Schreiben? +Was haben unsre Väter von all’ dem gewußt? +</p> + +<p> +Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle +Üppigkeit, alle Unkraft, alle List? Von hier: aus dem +Welschthal, aus dem Süden, wo die Menschen zu Tausenden +beisammen nisten, wie unsauber Gewürm und einer dem +andern die Luft vergiftet. Und da kommt mir so einer +auf meinen Fels und holt mein frisches Kind herab in +dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was Gutes +und Klares, ich leugn’ es nicht; und hätte er sich droben +bei mir ein Gehöft gebaut, ich hätte ihm gern mein Kind +und das Joch der besten Ochsen dazu gegeben. Aber nein! +Da herunter mußte er sie führen ins heiße Sumpfthal. +Und er selbst bückt den Kopf in goldnen Sälen zu Rom +und in der Rabenstadt. Wohl hab’ ich mich lang gewehrt –« +</p> + +<p> +»Aber endlich gabst du nach –« +</p> + +<p> +»Was wollt’ ich machen? War doch mein kernfrisches +Mädel ganz herzenssiech geworden nach dem Unglücksmann.« +</p> + +<p> +»Und zehn Jahre hat der Unglücksmann dein Kind +beglückt.« – »Wenn’s nur auch wahr ist!« – »Vater!« +– »Und wahr bleibt. Es wäre das erstemal, daß Glück +von Süden käme. Sieh’, mein Abscheu ist so groß vor +<pb n='12'/><anchor id='Pg012'/>der Ebne, daß ich die sieben Jahr nicht niederstieg, gar +mein Enkelkind nie gesehn habe. Wenn ich es jetzt doch +gethan, hat’s schweren <anchor id="corr012"/><corr sic="Grund">Grund.</corr>« +</p> + +<p> +»Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?« +</p> + +<p> +»Freilich! doch mein banges Herz! Ein böses Zeichen +ist geschehen. Du denkst doch noch der freudigen Buche, +die am Felsbache stand, rechts vorm Hause? Ich pflanzte +sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren +wardst. Und prächtig, wie du selbst, gedieh der Baum. +In dem Jahr, da du fortzogst freilich, fand ich, er sehe +krank und traurig. Aber die andern sahen es nicht und +lachten mich aus. +</p> + +<p> +Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und grün. +Doch in der letzten Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, +so wütig, wie ich’s selten gehört da droben in den Felsen, +und als wir am Morgen vor das Thor treten, – ist der +Stamm vom Blitz zerspalten und die Krone hat der +Gießbach mit sich fortgerissen – nach Süden.« +</p> + +<p> +»Schad um den lieben Baum! Doch kann dich das +ängstigen?« +</p> + +<p> +»Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach +dem Tagewerk, den armen Stamm aus der Erde und +warf ihn ins Herdfeuer, daß er nicht verunehrt und elend +am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen +war. Und ich nahm mir’s sehr zu Herzen und ich sann +und sann mit schweren Sorgen über deinen Mann, und +meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter. Und ich +sah ins Feuer, drin der Stamm verkohlte. +</p> + +<p> +So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und +Witichis. Er tafelte im Goldsaal unter stolzen Männern +und schönen Frauen, in Glanz und Pracht gekleidet. Du +aber standest vor der Thür, im Bettlerkleid, und weintest +bittre Thränen und riefst ihn beim Namen. Er aber +<pb n='13'/><anchor id='Pg013'/>sprach: »wer ist das Weib? ich kenne sie nicht.« – Und +es ließ mich nicht mehr droben in den Bergen. Herab +zog’s mich: ich mußte sehen, wie mein Kind gehalten ist +im Thal und überraschen wollt’ ich ihn, – deshalb wollt’ +ich nicht durchs Thor ins Haus.« +</p> + +<p> +»Vater,« sprach Rauthgundis zornig, »dergleichen soll +man selbst im Traume nicht denken. Dein Mißtrauen –« +</p> + +<p> +»Mißtrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und +in dem Blitzschlag und in dem Traumgesicht hat sich’s mir +deutlich gemeldet: dir droht ein Unglück! Weich’ ihm aus! +Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge! +Nur auf kurze Zeit. Glaub’ mir, du wirst es bald wieder +schön finden in der freien Luft, wo man über aller Herren +Länder hinwegsieht.« +</p> + +<p> +»Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals.« – +»Hat er nicht dich verlassen? Ihm ist Hof und Königsdienst +mehr als Weib und Kind. So laß ihm seinen +Willen.« +</p> + +<p> +»Vater,« sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig +fassend, »kein Wort mehr! Hast du denn meine Mutter +nicht geliebt, daß du so reden kannst von Ehegatten? +Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. +Und er liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und +wir sind eins. +</p> + +<p> +Und wenn er für recht hält, fern von mir zu schaffen +– zu wirken, so <hi rend='gesperrt'>ist</hi> es recht. Er führt seines Volkes +Sache. Und zwischen mich und ihn soll kein Wort, kein +Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht.« +</p> + +<p> +Der Alte schwieg. Aber sein Mißtrauen schwieg nicht. +»Warum,« hob er nach einer Pause wieder an, »wenn er +am Hof so wichtige Geschäfte hat, warum nimmt er dich +nicht mit? Schämt er sich der Bauerntochter?« und zornig +stieß er seinen Stock auf die Erde. +</p> + +<pb n='14'/><anchor id='Pg014'/> + +<p> +»Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, daß er mich +vom Berg ins Thal der Welschen geführt – und grollst +ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten unter sie führt!« +</p> + +<p> +»Du sollst’s auch nicht thun! Aber er soll’s wollen. +Er soll dich nicht entbehren können. Aber des Königs +Feldherr wird sich des Bauernkindes schämen.« +</p> + +<p> +Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein +Reiter an das jetzt verschlossene Hofthor, vor dem sie eben +standen. »Auf, aufgemacht!« rief er, mit der Streitaxt +an die Pfosten schlagend. – »Wer ist da draußen?« fragte +der Alte vorsichtig. – »Aufgemacht! solang läßt man +einen Königsboten nicht warten!« +</p> + +<p> +»Es ist Wachis,« sprach Rauthgundis, den schweren +Riegelbalken im Ring zurückschiebend, »was bringt dich so +plötzlich zurück?« +</p> + +<p> +»Du bist es selbst, die mir öffnet!« rief der treue +Mann, »o Gruß und Heil, Frau Königin der Goten! +Der Herr ist zum König des Volks gewählt. Diese meine +Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er läßt +dich grüßen: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. +In zehn Tagen sollst du aufbrechen.« +</p> + +<p> +In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen +allen Fragen durch konnte sich Rauthgundis nicht enthalten +eines freudig stolzen Blicks auf ihren Vater: dann warf +sie sich an seine Brust und weinte. »Nun,« fragte sie endlich +sich losmachend, »Vater, was sagst du nun?« +</p> + +<p> +»Was ich sage? Jetzt ist das Unglück da, das mir +geahnt! Ich gehe noch heute Nacht zurück auf meinen +Berg.« +</p> + +</div><div type="kapitel" n="2"> +<pb n='15'/><anchor id='Pg015'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zweites Kapitel.</head> + +<p> +Während die Goten bei Regeta tagten, umklammerte +in weit geschwungenem Halbkreis das mächtige Heerlager +Belisars die hart bedrängte Stadt Neapolis. +</p> + +<p> +Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem +Heidegras, hatte sich das Heer der Byzantiner von der +äußersten Südostspitze Italiens bis vor die Mauern der +parthenopeischen Stadt gewälzt, ohne Widerstand zu finden. +Denn, dank den Befehlen Theodahads, waren nicht hundert +Gotenkrieger in jenen Gegenden zu finden. +</p> + +<p> +Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der +einzige Aufenthalt, auf den die Griechen stießen: die römische +Bevölkerung von Bruttien mit den Städten Regium, +Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und +Thurii, von Calabrien mit den Städten Gallipolis, Tarentum +und Brundusium, von Lucanien mit den Städten +Velia und Buxentum, von Apulien mit den Städten +Acheruntia und Canusium, Salernum, Nuceria und Campsä, +und viele andere Städte nahmen Belisar mit Jubel auf, +als er ihnen im Namen des rechtgläubigen Kaisers Justinian +die Befreiung von dem Joche der Ketzer und Barbaren +verkündete. Bis an den Aufĭdus im Osten, bis an +den Sarnus im Südwesten war Italien den Goten entrissen +und erst an den Wällen von Neapel brach sich der +Ungestüm dieser feindlichen Wogen. +</p> + +<p> +Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese +Heerlager Belisars zu nennen. Im Norden, vor der +Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes des Blutigen. +Diesem tapfern Führer war die Via Nolana anvertraut +und die Aufgabe, die Straße nach Rom zu erzwingen. +Hier in den breiten Wiesenflächen, auf den +<pb n='16'/><anchor id='Pg016'/>Saatfeldern fleißiger Goten, tummelten die Massageten und +die gelben Hunnen ihre kleinen, häßlichen Gäule. Daneben +lagerten leichte persische Söldner, in Linnenpanzern, mit +Pfeil und Bogen; dann schwere armenische Schildträger, +Makedonen mit zehn Fuß langen »Sarissen« (Lanzen) und +große Massen thessalischer und thrakischer, aber auch saracenischer +Reiter, zu verhaßter Unthätigkeit in diesem Belagerungskampf +verurteilt und ihre Muße nach Kräften +ausfüllend mit Streifzügen ins Innere des Landes. +</p> + +<p> +Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war +von dem Hauptheer erfüllt: Belisars großes Feldherrnzelt +von blauer sidonischer Seide, mit dem Purpurwimpel, ragte +in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache, die Belisar +selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten +Leute, die sich dreimal durch Todesverachtung im +Kampf ausgezeichnet, zugelassen wurden: – aus ihr gingen +Belisars Schüler und beste Heerführer hervor, – in reichvergoldeten +Helmen mit rothen Roßhaarkämmen, den besten +Brust- und Beinharnischen, ehernen Schilden, dem breiten +Schwert und der partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten +den Kern des Fußvolks achttausend Illyrier, die einzige +gute Truppe, die das Griechenreich noch selbst stellte: hier +aber lagerten auch unter dem Befehl ihrer Stammesfürsten +die avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch germanischen +Scharen, wie Heruler und Gepiden, die Byzanz +um schweres Geld werben mußte, den Mangel der kriegsfähigen +Mannschaft zu decken. Hier auch die ausgewanderten +und die vielen Tausend übergegangenen Italier. +</p> + +<p> +Endlich das südwestliche Lager, das sich dem Strand +entlang dehnte, befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen +vorstand: hier standen die Katapulten und +Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in Vorrat: +hier wogten die isaurischen Bundesgenossen und die +<pb n='17'/><anchor id='Pg017'/>Scharen, die das neu von den Vandalen zurückeroberte +Afrika stellte: maurische, numidische Reiter, libysche Schleuderer +durcheinander. +</p> + +<p> +Aber vereinzelt waren Abenteurer und Söldner fast +aus allen Barbarenstämmen der drei Erdteile vertreten: +Bajuvaren von der Donau, Alamannen vom Rhein, Franken +von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann +wieder Anten vom Dniester, Lazier vom Phasis, pfeilkundige +Abasgen, Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus Asien +und Afrika. So bunt zusammengesetzt aus barbarischen +Haufen war die Kriegsmacht, mit der Justinian die gotischen +»Barbaren« vertreiben und Italien befreien wollte. +Den Befehl über die Vorposten hatten immer und überall +die Leibwächter Belisars: und diese Kette zog sich um die +Stadt her von der Porta Capuana fast bis an die Wogen +des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt und +schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die +ausgedehnten Werke gegen ein Heer von vierzigtausend +Byzantinern und Italiern verteidigen sollten. +</p> + +<p> +Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein +tapfrer Mann und hatte bei seinem Bart geschworen, die +Feste nicht zu übergeben. Aber auch er hätte der überlegnen +Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange +widerstehen können, wäre nicht ein glücklicher Umstand ihm +zu Hilfe gekommen. Das war die unzeitige Rückkehr der +griechischen Flotte nach Byzanz. Als nämlich Belisar, +nachdem er sein gelandetes Heer in Regium eine Nacht +geruht und gemustert hatte, den allgemeinen Aufbruch mit +der Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl, sandte ihm +sein Nauarchos Konon einen bisher geheim gehaltnen Auftrag +des Kaisers, wonach die Flotte sofort nach der Landung +nach Nikopolis an der griechischen Küste zurücksegeln solle, +angeblich, neue Verstärkungen herüberzuholen, in Wahrheit +<pb n='18'/><anchor id='Pg018'/>aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen, mit +den kaiserlichen Lanzenträgern nach Italien zu führen, der +die Siegesschritte Belisars beobachten, überwachen, nötigenfalls +hemmen und, als Oberfeldherr, die Interessen des +kaiserlichen Mißtrauens gegen den Unterfeldherrn Belisar +wahren sollte. Zähneknirschend mußte Belisar seine Flotte +im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln +sehen: und nur mit vielen Bitten erlangte er, daß ihm +der Nauarch vier Kriegstrieren, die noch bei Sicilien +kreuzten, zu senden versprach. +</p> + +<p> +So hatte denn Belisar, als er sich anschickte Neapolis +zu belagern, die Stadt zwar von Nordost, Ost und Südost +mit seiner Landmacht eng einschließen können: – den +Westen, die Straße nach Rom, durch Castellum Tiberii +gedeckt, hielt Graf Uliaris mit höchster Kraft frei: – +aber den Hafen von Neapolis und seine Verbindung mit +der See hatte er nicht zu sperren vermocht. +</p> + +<p> +Anfangs zwar tröstete er sich damit, daß ja auch die +Belagerten keine Flotte hätten und also von ihrer Verbindung +mit dem Meer nicht eben viel Vorteil würden ziehen +können. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und die +Kühnheit eines Gegners in den Weg, den er später noch +mehr fürchten lernen sollte. Das war Totila. Kaum +hatte dieser Neapolis erreicht, der Leiche des alten Valerius +mit Julius die letzte Ehre erwiesen und die ersten +Thränen Valerias getrocknet, als er mit rastloser Thätigkeit +an der Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts +zu schaffen. +</p> + +<p> +Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: +aber dieses ganze Geschwader hatte König Theodahad schon +vor Wochen, trotz Totilas Vorstellungen, Belisar aus dem +Wege, nach Pisa beordert, wo es die Arnusmündung bewachen +sollte. So besaß Totila von Anfang nichts als +<pb n='19'/><anchor id='Pg019'/>drei leichte Wachtschiffe, von denen er zwei bei Sicilien +verloren hatte: und er war nach Neapolis gekommen, an +jedem Widerstand zur See verzweifelnd. Aber da er das +Unglaubliche vernahm, daß die byzantinische Flotte nach +Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine Hoffnung. +Und nun ruhte er nicht, bis er aus großen Fischerbooten, +Kaufmannsschiffen, Hafenkähnen und in der Eile notdürftig +seetüchtig gemachten Wracks der Werften sich eine kleine +Flottille von etwa zwölf Segeln gebildet, die freilich weder +einen Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff +Trotz bieten konnte, aber doch vortreffliche Dienste +leistete, die sonst völlig abgeschnittene Stadt von Bajä, +Cumä und anderen Städten im Nordwesten her mit Lebensmitteln +zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den +Küsten zu beobachten und mit unaufhörlichen Angriffen zu +quälen, indem Totila mit einer kleinen Schar oft im +Süden, im Rücken der griechischen Lager, landete, sich ins +Land schlich, bald hier, bald da einen Trupp der Feinde +überfiel und zersprengte und solche Unsicherheit verbreitete, +daß sich die Byzantiner nur in starken Abteilungen und +nie zu weit von ihren Lagern zu entfernen wagten, während +diese Erfolge die hart bedrängte, von steten Wachdiensten +und Kämpfen angegriffene Mannschaft des Uliaris +immer wieder ermutigten. +</p> + +<p> +Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, daß +die Lage schon jetzt eine höchst bedenkliche und, sowie einige +griechische Schiffe vor der Stadt erschienen, eine unhaltbare +werde. Er verwandte daher einen Teil seiner Boote dazu, +täglich eine Anzahl von wehrunfähigen Einwohnern aus +Neapolis aufwärts nach Bajä und Cumä zu schaffen, wobei +er die Anforderung der Reichen, daß diese Rettungsfahrten +nur gegen Bezahlung stattfinden sollten, streng zurückwies +und ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine +<pb n='20'/><anchor id='Pg020'/>rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens hatte Totila wiederholt +und immer dringender Valeria gebeten, unter dem +Schutz von Julius auf diesen Schiffen zu flüchten: noch +wollte sie sich nicht von dem Sarge ihres Vaters, noch +von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers +der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. +Und ruhig fuhr sie fort, in dem väterlichen Hause ihrer +Trauer und ihrer Liebe zu leben. +</p> +</div><div type="kapitel" n="3"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Drittes Kapitel.</head> + +<p> +In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch +Miriam die höchsten Freuden und die höchsten Schmerzen +ihrer Liebe. +</p> + +<p> +Häufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick +sonnen: denn die Porta Capuana war ein wichtiger +Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft besuchen mußte. +In der Turmstube des alten Isak hielt er täglich mit Graf +Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, +wann sie die Männer begrüßt und das schlichte Mahl von +Früchten und Wein auf den Tisch gestellt, hinunterzuschlüpfen +in das enge Gärtlein, das dicht hinter der Turmmauer +lag. Der Raum war ursprünglich ein kleiner Hof +im Tempel der Minerva, der Mauerbeschützerin, gewesen, +der man gern an den Hauptthoren der Städte einen Altar +errichtete. +</p> + +<p> +Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber +noch ragte hier der alte mächtige Olivenstamm, der einst +die der Göttin geweihte Statue beschattet hatte: und ringsum +dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle Hand +<pb n='21'/><anchor id='Pg021'/>hier gepflegt und oft für die Braut des Geliebten gebrochen +hatte. Gerade gegenüber dem riesigen Ölbaum, dessen +knorrige Wurzeln über die Erde hervorstarrten und eine +dunkle Öffnung in den Erdgeschossen des alten Tempels +zeigten, war von dem Christentum ein großes, schwarzes +Holzkreuz angebracht über einem kleinen Betschemel, der +aus einer Marmorstufe des Minervatempels gebildet war: +man liebte, die Stätten des alten Gottesdienstes dem neuen +zu unterwerfen und die alten Götter, die jetzt zu Dämonen +geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens +zu verscheuchen. +</p> + +<p> +Unter diesem Kreuz saß das schöne Judenmädchen oft +stundenlang mit der alten Arria, der halbblinden Witwe +des Unterpförtners, die, nach dem frühen Tod von Isaks +Weib, wie eine Mutter das Heranblühen der kleinen Miriam +mit ihren Blumen in dem öden Gestein der alten Mauern +überwacht hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still +lauschend zugehört, wie die fromme Alte in fleißigem Gebet +zu dem Gott der Christen flehte: und unwillkürlich war so +mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des Nazareners +in das Herz der Heranwachsenden gedrungen. +</p> + +<p> +Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedürftig +gemacht, vergalt Miriam mit liebevoller Treue der +Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Rührung nahm Arria diese +Treue hin; ihr altes Herz umschloß mit Dank und Liebe +und Mitleid das herrliche Geschöpf, dessen mächtige Liebe +zu dem jungen Goten sie längst erkannt und beklagt, aber +nie gegenüber der scheuen Jungfrau berührt hatte. +</p> + +<p> +Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt +Miriam nachdenklich die breiten Mauerstufen nieder, die +von der Turmpforte in den Garten führten: ihr edles, +seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, über +die duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe +<pb n='22'/><anchor id='Pg022'/>blieb sie träumend stehen, die linke Hand auf den Mauerrand +lehnend. Arria kniete auf dem Betschemel, ihr den +Rücken wendend, und betete laut. Sie würde die Nahende +nicht bemerkt haben, wenn nicht geflügeltes Leben plötzlich +den stillen Hof beseelt hätte: denn in den breiten Zweigen +der Olive nisteten die schönsten, weißen Tauben, der einsamen +Miriam einzige Gespielinnen. Als diese die vertraute +Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben +sie sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwärmend; +eine ließ sich auf des Mädchens linke Schulter nieder, die +andere auf das feine Gelenk der Rechten, die Miriam, aus +ihrem Traume geweckt, lächelnd ausstreckte. +</p> + +<p> +»Du bist’s, Miriam! deine Tauben verkünden dich!« +sprach Arria sich wendend. Und das schöne Mädchen stieg +die letzte Stufe nieder, langsam, die Vögel nicht zu verscheuchen: +die Abendsonne fiel durch die Blätter der Olive +auf ihre pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild. +</p> + +<p> +»Ich bin’s, Mutter!« sagte Miriam, sich zu ihr setzend. +»Und ich hab’ eine Bitte. Wie lautet,« fragte sie leiser, +»dein Spruch vom Leben nach dem Tode, dein Glaubensspruch? +– »ich glaube an die <anchor id="corr022"/><corr sic="Gemeinschaft«">Gemeinschaft««</corr> – – +</p> + +<p> +»An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des +Fleisches und ein ewiges Leben.« – »Wie kömmst du +auf diese Gedanken.« +</p> + +<p> +»Ei nun,« sagte Miriam, »mitten im Leben stehen +wir im Tode, sagt der Sänger von Zion. Und jetzt wir +besonders! Fliegen nicht täglich Pfeile und Steine in die +Straßen? Aber – ich will noch Blumen pflücken!« sprach +sie wieder aufstehend. +</p> + +<p> +Arria schwieg einen Augenblick. »Jedoch der Seegraf +war heute schon da: mir ist, ich hätte seine helle Stimme +gehört.« +</p> + +<p> +Miriam errötete leicht. »Sie sind nicht für ihn,« – +<pb n='23'/><anchor id='Pg023'/>sprach sie dann ruhig – »für sie.« – »Für sie?« – »Ja, +für seine Braut. Ich habe sie heute zum erstenmal gesehen. +Sie ist sehr schön. Ich will ihr Rosen schenken.« +– »Du hast sie gesprochen. Wie ist sie geartet?« +</p> + +<p> +»Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon +lange um den Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute +ward sie in die Sänfte gehoben, sie ward in die Basilika +getragen. Ich lehnte hinter der Säule ihres Hauses.« +</p> + +<p> +»Nun, ist sie seiner würdig?« +</p> + +<p> +»Sie ist sehr schön. Und vornehm. Und klug sieht +sie aus: auch gut. Aber,« seufzte Miriam, »nicht glücklich. +Ich will ihr Rosen schenken. – Mutter,« sagte sie, nach +einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr +setzend, »was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. +Sollen nur die Christen dann beisammen leben? Nein, +nein!« fuhr sie fort, ohne die Antwort abzuwarten, »das +kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder« – und +sie seufzte. »Mutter, in den Büchern Mosis steht nichts +davon, daß die Menschen erwachen aus dem Tode. O und +es wäre auch so schrecklich nicht,« sprach sie, die Rosen +zusammenfügend, »endlich ausruhn! Ganz ausruhn! In +süßer, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! +Denn giebt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne +leisen, niegestillten Wunsch? Ich kann’s nicht denken.« +</p> + +<p> +Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und +stützte das Haupt auf das Handgelenk. Die Tauben flogen +weg: denn die Herrin achtete ihrer nicht. +</p> + +<p> +»Den Seinen hat der Herr,« sprach Arria feierlich, +»die selige Stätte bereitet: sie wird nicht mehr hungern +noch dürsten. Es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne, +oder irgend eine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie +leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen +alle Thränen von ihren Augen.« +</p> + +<pb n='24'/><anchor id='Pg024'/> + +<p> +»Alle Thränen von ihren Augen,« sprach Miriam nach. +»Rede weiter. Es klingt so gut.« +</p> + +<p> +»Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: +und sie werden Gott schauen und sein Friede wird Palmenschatten +über sie breiten: sie werden vergessen Haß und +Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt +auf Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, für dich: +und auch deiner wird sich der Herr erbarmen und dich +versammeln zu den Seinen.« +</p> + +<p> +Aber Miriam schüttelte leise das Haupt. »Nein, Arria, +da ist fast besserer Trost der ewige Schlaf. Denn wie +kann deine Seele lassen von dem, was deiner Seele Leben +ist? Wie kannst du abthun dein tiefstes Sein und doch +dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen was +ich liebe? Ach, nur das, daß wir lieben, ist ja des Lebens +wert. Und hätt’ ich zu wählen: hier alle Seligkeit des +Himmels und sollte abthun meines Herzens einzig Gut: +oder behalten meines Herzens Liebe mit all’ ihrer ewigen +Sehnsucht, – ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. +Ich wählte meine Liebe und mein Weh.« +</p> + +<p> +»Kind, sprich nicht so! lästre nicht. Sieh, was geht +über Mutterliebe? nichts auf Erden! Doch wird auch sie +im Himmel nicht mehr leben! Die Liebe, die das Mädchen +zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold. +Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. +O mein Jucundus, mein Jucundus! Möchtest du bald +wieder kommen, daß ich dich noch schauen kann hienieden, +eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im +Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der +ewigen Liebe Gottes und der Heiligen. Und doch möcht’ +ich ihn noch einmal fassen und umfangen und mit den Händen +betasten sein geliebtes Haupt. Und höre nur, Miriam: +ich hoffe und vertraue: bald, bald werd’ ich ihn wiedersehen.« +</p> + +<pb n='25'/><anchor id='Pg025'/> + +<p> +»Du darfst mir nicht sterben, Arria.« – »Nein, so +mein’ ich’s nicht! hier auf Erden noch muß ich ihn wiedersehen. +Ich muß ihn wieder kommen sehen des Weges, den +er gegangen.« +</p> + +<p> +»Mutter,« sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde +einen Wahn ausredet, »wie magst du noch immer daran +glauben! Dein Jucundus ist seit dreißig Jahren verschwunden!« +</p> + +<p> +»Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht möglich, +daß der Herr all’ meiner Thränen nicht geachtet, all’ +meiner Gebete. Was war er für ein braver Sohn! Mit +seiner Hände Arbeit ernährte er mich, bis er erkrankte und +Axt und Schaufel nicht mehr führen konnte: und wir +litten Not. Da sprach er: »Mutter, ich kann’s nicht mehr +mit ansehen, daß du darbest. Du weißt, in den Gängen +des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind +Schätze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang +einmal hinein und brachte eine goldene Spange zurück. +Ich will hineinschlüpfen, so tief ich kann, ob ich von dem +verborgnen Gold nichts finde: und Gott wird mich beschützen.« +– Und ich sagte Amen. Denn die Not war +schwer: und ich wußte wohl, der Herr werde den frommen +Sohn der Witwe behüten. +</p> + +<p> +Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor +dem Kreuz. Und dann erhob sich mein Jucundus und +drang in die Höhlung dort unter den Wurzeln der Olive. +Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte. +</p> + +<p> +Er ist noch immer nicht zurückgekommen. +</p> + +<p> +Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, +daß ich nicht denke: heut’ führt ihn Gott zurück. War +nicht auch Joseph fern lange Jahre in Ägyptenland? und +doch haben Jakobs Augen ihn wieder gesehen. Und mir +ist, heut’ oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heute +<pb n='26'/><anchor id='Pg026'/>Nacht im Traum hab’ ich ihn gesehen, wie er im weißen +Gewand heraufschwebte aus der Höhlung dort: und beide +Arme breitete er aus: und ich rief ihn beim Namen und +wir waren vereint auf ewig. Und so wird’s werden: +denn der Herr erhöret das Flehen der Betrübten und wer +ihm traut, wird nicht zu Schanden werden.« +</p> + +<p> +Und die Alte erhob sich, drückte Miriams Hand und +ging in ihr kleines Häuschen. +</p> + +<p> +Allmählich war der Mond voll aufgegangen und erhellte +zauberisch das enge Gärtchen, in das des Turmes +schwere Schatten fielen: und stark dufteten die Rosen. +Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. »Welch +mächtiger Glaube! welch lebendiger Trost! welch milde +Lehre! Ist es so? Ist der Mann, der dort am Kreuz in +Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der Messias? Ist +er aufgefahren gen Himmel und sorget für die Seinen, +wie ein Hirt, der seine Lämmer weidet? – – – Ich +aber zähle nicht zu seiner Herde! An jenem Trost hat +Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all’ +ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich +sollte einst dort oben über den Sternen hinschweben, ohne +diese Liebe? Dann wär’ ich nicht Miriam mehr! Oder +soll ich sie mit hinauf tragen: und wieder zurückstehen? +und wieder durch alle Ewigkeit die Römerin an seiner +Seite sehen? Sollen sie dort wohnen und wandeln in +der Fülle des Glanzes und ich im trüben Nebel einsam +folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines +weißen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine +Blumen hier, erblühen am Sonnenblick der Liebe, duften +und glühen eine kurze Weile, bis sie die Sonne versengt, +die sie geweckt und geopfert hat: und verwehen in ewige +Ruhe, nachdem der weiche, süße, unselige Drang nach dem +Lichte gebüßt ...« – – +</p> + +<pb n='27'/><anchor id='Pg027'/> + +<p> +»Gute Nacht, Miriam, lebewohl!« rief eine melodische +Stimme. +</p> + +<p> +Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des +Goten weißen Mantel vor der Treppe um die Ecke verschwinden. +Uliaris ging nach der entgegengesetzten Seite. +Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem weißen +Mantel, der silbern im Mondlicht glänzte, nach, lang, lang, +bis er verschwand in fernen Schatten. +</p> +</div><div type="kapitel" n="4"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Viertes Kapitel.</head> + +<p> +Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, +berichteten ihre Erfolge, ihre Verluste und prüften +ihre Aussichten zur Rettung der Stadt. +</p> + +<p> +Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte +Uliaris vor Tagesanbruch auf das Verdeck von Totilas +»Admiralschiff«, eines morschen Muränenfängers, wo der +Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel gedeckt, +schlief. »Was ist?« rief Totila auffahrend, noch im +Traum, »der Feind? wo?« – »Nein, mein Junge, diesmal +ist’s noch Uliaris, nicht Belisar, der dich weckt. Aber +lange, beim Strahl, wird’s nicht mehr dauern.« – »Uliaris, +du blutest – dein Kopf ist verbunden!« – »Bah, war +nur ein Streifpfeil! Zum Glück kein giftiger. Ich holt’ +ihn mir heut’ Nacht. Du mußt wissen: die Dinge stehen +schlecht, schlechter als je seit gestern. Der blutige Johannes, +Gott hau’ ihn nieder, gräbt sich wie ein Dachs +an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute +Nacht, Neapolis! Gestern Abend hat er eine Schanze auf +dem Hügel über uns vollendet und wirft uns Brandpfeile +<pb n='28'/><anchor id='Pg028'/>auf die Köpfe. Ich wollt’ ihn heute Nacht aus seinem +Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen +einen und ich gewann nichts damit als diesen Schuß vor +meinen grauen Kopf.« +</p> + +<p> +»Die Schanze muß weg,« sagte Totila nachsinnend. +</p> + +<p> +»Den Teufel auch, aber sie will nicht! +</p> + +<p> +Allein mehr. Die Bürger, die Einwohner fangen an, +schwierig zu werden. Täglich schießt Belisar hundert +stumpfe Pfeile mit seinem »Aufruf zur Freiheit!« herein. +Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon +fliegt hier und da ein Steinwurf von den Dächern auf +meine armen Burschen. Wenn das wächst – –! – Wir +können nicht mit tausend Mann vierzigtausend Griechen +draußen abhalten und dreißigtausend Neapolitaner drinnen: +drum meine ich« – und sein Auge blickte finster – +</p> + +<p> +»Was meinst du?« +</p> + +<p> +»Wir brennen ein Stück der Stadt nieder! Die Vorstadt +wenigstens ...« – +</p> + +<p> +»Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, +sie sollen uns nicht mit Recht Barbaren schelten. Ich weiß +ein besser Mittel – sie hungern: ich habe gestern vier +Schiffsladungen Öl und Korn und Wein hereingeführt, +die will ich verteilen.« – »Öl und Korn, meinethalben! +aber den Wein, nein! Den fordre ich für meine Goten, +die trinken schon lang Cisternenwasser, pfui Teufel!« – +»Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein für euch haben.« +– »Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? von +Rom?« – »Keine! Mein fünfter Bote ist gestern fort.« +– »Gott hau’ ihn nieder, unsern König. +</p> + +<p> +Höre Totila, ich glaube nicht, daß wir lebendig aus +diesen wurmstichigen Mauern kommen!« +</p> + +<p> +»Ich auch nicht!« sagte Totila ruhig und bot seinem +Gast einen Becher Wein. +</p> + +<pb n='29'/><anchor id='Pg029'/> + +<p> +Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: »Goldjunge, +du bist echt und dein Cäkuber auch. Und muß ich +hier umkommen, wie ein alter Bär unter vierzig Hunden, +– mich freut’s doch, daß ich dich dabei so gut kennen +gelernt: dich und deinen Cäkuber.« Mit dieser rauhen +Freundlichkeit stieg der graue Gote vom Verdeck. +</p> + +<p> +Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn +und sie labten sich herzlich daran. Als aber Uliaris am +andern Morgen aus dem Turm des Kastells lugte, rieb +er sich die Augen. Denn auf der Hügelschanze wehte die +blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Rücken +der Feinde gelandet und hatte das Werk in kühnem Anlauf +genommen. +</p> + +<p> +Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. +Er schwur, den verwegnen Planken ein Ende zu +machen um jeden Preis. Höchst erwünscht trafen ihm zur +Stunde die vier Kriegsschiffe von Sicilien her aus der +Höhe von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in +den Hafen von Neapolis dringen und den Seeräubern das +Handwerk legen. Stolz rauschten noch am Abend des +gleichen Tages die vier mächtigen Trieren heran und legten +sich an der Einfahrt des Hafens vor Anker. Belisar +selbst eilte mit seinem Gefolge an die Küste und freute +sich, die Segel von der Abendsonne vergoldet zu sehen: +»Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt +fahren trotz jenem Tollkopf,« sprach er zu Antonina, die ihn +begleitete, und wandte seinen Schecken zurück nach dem Lager. +</p> + +<p> +Noch hatte er am andern Morgen <anchor id="corr029"/><corr sic="des">das</corr> Feldbett nicht +verlassen – Prokopius, sein Rechtsrat, stand vor ihm und +las ihm den entworfnen Bericht an Justinian – da erschien +in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Führer +der Leibwächter, und rief: »Die Schiffe, Feldherr, die +Schiffe sind genommen.« +</p> + +<pb n='30'/><anchor id='Pg030'/> + +<p> +Wütend sprang Belisar aus den Decken und rief: »Der +soll sterben, der das sagt.« +</p> + +<p> +»Besser wäre es,« meinte Prokopius, »der stürbe, der +es gethan.« – »Wer war es?« – »Ach Herr, der junge +Gote mit blitzenden Augen und dem leuchtenden Haar.« – +»Totila!« sprach Belisar, »schon wieder Totila.« +</p> + +<p> +»Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen +Vorposten, zum Teil schlaftrunken unter Deck. Plötzlich, +um Mitternacht, wird’s lebendig ringsum, als wären +hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht.« – +»Hundert Schiffe! Zehn Nußschalen hat er!« – »Im Augenblick +und lang, eh’ wir vom Strand zu Hilfe kommen +können, sind die Schiffe geentert, die Leute gefangen, eine +der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen war, in +Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis geführt.« +</p> + +<p> +»Sie sind noch früher in den Hafen gekommen, als +du dachtest, o Belisar,« sprach Prokopius. Aber Belisar +hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt. »Nun hat der +kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unerträglich werden. +Jetzt muß ein Ende werden.« Er drückte den prächtigen +Helm auf das majestätische Haupt: »Ich wollte der Stadt, +der römischen Einwohner schonen: es geht nicht länger. +Prokopius, geh und entbiete hierher die Feldherren Magnus, +Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, +und Martinus, den Geschützmeister; ich will ihnen zu thun +geben vollauf. Sie sollen ihres Sieges nicht froh werden, +die Barbaren, sie sollen Belisar kennen lernen.« +</p> + +<p> +Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, +der trotz des Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten +als einem Krieger glich. Martinus, der große +Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die lange +im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. +Er konnte kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber +<pb n='31'/><anchor id='Pg031'/>seine mathematischen und mechanischen Studien hatten ihn +eines Tages dahin geführt, eine neue Wurfmaschine von +furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu erfinden; +er legte den Plan Belisar vor und dieser, entzückt, ließ +ihn gar nicht mehr in sein Studierzimmer zurück, sondern +schleppte ihn sofort zum Kaiser und zwang ihn »Geschützmeister +des Magister-Militum per Orientem«, d. h. eben +Belisars, zu werden; er erhielt einen glänzenden Sold und +war kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine +herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte +Mathematiker jene gräßlichen Zerstörungswerkzeuge, welche +die Wälle der Festen, die Thore der Burgen niederschmetterten, +unlöschbares Feuer in die Städte der Feinde Justinians +schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. +Er hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der +mathematischen Aufgabe, die er in unermüdlichem Fleiß sich +stellte: aber war nun die Aufgabe gelöst, so dachte er mit +Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger +Miene erschien er deshalb vor Belisar. +</p> + +<p> +»Martine, Zirkeldreher,« rief dieser ihm zu, »jetzt zeige +deine Kunst! Wie viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen +im ganzen haben wir?« – »Dreihundertfünfzig, Herr!« – +»Gut! Verteile sie um unsre ganze Belagerungslinie! Oben +im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem Kastell, +die Mauerbrecher gegen die Wälle! Sie müssen nieder und +wären sie Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse +von oben, im Bogenwurf, in die Straßen der Stadt. +Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick aus, vierundzwanzig +Stunden lang! Laß die Truppen sich ablösen. +Laß alle Werkzeuge spielen.« +</p> + +<p> +»Alle, Herr?« sprach Martinus. »Auch die neuen? +Die Pyrobalisten, die Brandgeschosse?« – »Auch die! die +zumeist!« – »Herr, sie sind gräßlich! du kennst noch ihre +<pb n='32'/><anchor id='Pg032'/>Wirkung nicht.« – »Wohlan! Ich will sie kennen lernen +und erproben.« – »An dieser herrlichen Stadt? An des +Kaisers Stadt? Willst du Justinian einen Schutthaufen +erobern?« Die Seele Belisars war edel und groß. +</p> + +<p> +Er war unwillig über sich, über Martinus, über die +Goten. »Kann ich denn anders?« zürnte er, »diese eisenköpfigen +Barbaren, dieser tolldreiste Totila zwingen mich +ja. Fünfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist +Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Wällen. +Beim Haupte Justinians! warum stehen die dreißigtausend +Neapolitaner nicht auf und entwaffnen die Barbaren?« +</p> + +<p> +»Sie fürchten wohl deine Hunnen ärger als ihre Goten,« +meinte Prokop. »Schlechte Patrioten sind sie! Vorwärts +Martinus! In einer Stunde muß es brennen in Neapolis.« +</p> + +<p> +»In kürzerer Zeit,« seufzte der Geschützmeister, »wenn +es denn doch sein muß. Ich habe einen kundigen Mann +mitgebracht, der uns viel helfen kann und die Arbeit vereinfachen: +er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf ich +ihn bringen?« +</p> + +<p> +Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, jüdisch +aussehenden Mann herein. »Ah, Jochem, der Baumeister!« +sprach Belisar. »Ich kenne dich wohl, von Byzanz her. +Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward daraus?« +»Mit eurer Gunst, Herr: nichts.« – »Warum nichts?« +</p> + +<p> +»Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare +Goldes: das war der kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn +je mehr eine Christenkirche gekostet, desto heiliger und gottgefälliger +ist sie. Ein Christ forderte das Doppelte und +erhielt den Auftrag.« +</p> + +<p> +»Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?« +</p> + +<p> +»Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich +änderte ein wenig, nahm die Altarstelle heraus und baute +ihm danach eine Reitschule.« +</p> + +<pb n='33'/><anchor id='Pg033'/> + +<p> +»Du kennst Neapolis genau? Von außen und innen?« +</p> + +<p> +»Von außen und innen. Wie meinem Geldsack.« +</p> + +<p> +»Gut, du wirst dem Strategen die Geschütze richten +gegen die Wälle und in die Stadt. Die Häuser der Gotenfreunde +müssen zuerst nieder. Vorwärts! mache deine Sache +gut! sonst wirst du gepfählt. Fort!« – »Die arme Stadt!« +seufzte Martinus. »Aber du sollst sehen, Jochem, die +Pyrobalisten, sie sind höchst genau – und sie gehen so +leicht – ein Kind kann sie loslassen! Und sie wirken allerliebst.« +</p> + +<p> +Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure +und verderbenschwangere Thätigkeit. Die Gotenwachen +auf den Zinnen sahen herab, wie die schweren +Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreißig Rossen, +Kamelen, Eseln, Rindern bespannt, längs den Mauern +hingezogen und auf der ganzen Linie verteilt wurden. +Besorgt eilten Totila und Uliaris auf die Wälle und +suchten, Gegenmaßregeln zu treffen. Säcke mit Erde +wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen +herabgelassen: Feuerbrände bereit gehalten, die Maschinen, +wann sie nahten, in Brand zu stecken; siedendes Wasser, +Pfeile und Steine gegen die Bespannung und die Bedienung +gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen +Feinde, als sie bemerkten, wie die Maschinen, weit außer +der gewohnten Schußweite und den Belagerten völlig unerreichbar, +Halt machten. +</p> + +<p> +Aber Totila lachte nicht. +</p> + +<p> +Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung +abschirrten und ihre Maschinen spannten. Noch war kein +Geschoß entsandt. +</p> + +<p> +»Nun?« spottete der junge Agila neben Totila, »wollen +sie uns von da aus beschießen? Doch lieber gleich von +Byzanz her übers Meer! Es wäre noch sicherer!« Er hatte +<pb n='34'/><anchor id='Pg034'/>noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfündiger Stein ihn +und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: +Martinus hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. +Totila sah ein, daß sie völlig widerstandslos +sich von den Feinden mit Geschossen überhageln lassen +mußten. +</p> + +<p> +Entsetzt sprangen die Goten von den Wällen herab +und suchten Schutz in den Straßen, den Häusern, den +Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von Pfeilen, +Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten +und pfiffen im sichern Bogenschuß auf ihre Köpfe: ganze +Felstrümmer kamen geflogen und schlugen krachend durch +Holzwerk und Getäfel der festesten Dächer, während im +Norden gegen das Kastell unaufhörlich der Sturmbock mit +seinen zermürbenden Stößen donnerte. Indes der dichte +Hagel der Geschosse buchstäblich die Luft verfinsterte, betäubte +das prasselnde Niederfallen der Steine, das brechende +Gebälk, die zerschmetterten Zinnen und der Weheschrei +der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Lärm. Erschrocken +flüchtete die zitternde Bevölkerung in die Keller +und Gewölbe ihrer Häuser, Belisar und die Goten um die +Wette verfluchend. +</p> + +<p> +Aber noch hatte die bebende Stadt das Ärgste nicht +erfahren. +</p> + +<p> +Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe +dem Hafen, stand ein ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, +mit altem wohl getrocknetem Holz, Werg, Flachs, +Teer und dergleichen vollgefüllt. Da kam zischend und +dampfend ein <anchor id="corr034"/><corr sic="selsames">seltsames</corr> Geschoß gefahren, traf in das Holzwerk +und im Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd +die Flamme hervor und verbreitete sich, von dem +Schiffsmaterial genährt, mit Windeseile. Jubelnd begrüßten +draußen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm +<pb n='35'/><anchor id='Pg035'/>und richteten eifrig die Geschosse nach der Stelle, das +Löschen zu hindern. +</p> + +<p> +Belisar ritt zu Martinus heran. »Gut,« rief er, +»Mann der Zirkel, gut! Wer hat das Geschoß gerichtet?« +– »Ich,« sprach Jochem, »o ihr sollt zufrieden sein mit +mir. Gebt acht! Seht ihr da, rechts von der Brandstätte, +das hohe Haus mit den Statuen auf flachem Dach? +Das ist das Haus der Valerier, der größten Freunde des +Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen.« +</p> + +<p> +Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und +bald darauf schlug eine zweite Flamme aus der Stadt gen +Himmel. +</p> + +<p> +Da sprengte Prokop heran und rief: »Belisarius, dein +Feldherr Johannes läßt dich grüßen: das Kastell des Tiberius +brennt, der erste Wall liegt nieder.« Und so war +es und bald standen vier, sechs, zehn Häuser in allen +Teilen der Stadt in vollen Flammen. +</p> + +<p> +»Wasser!« rief Totila, durch eine brennende Straße +nach dem Hafen sprengend, »heraus, ihr Bürger von Neapolis! +Löscht eure Häuser. Ich kann keinen Goten von +dem Wall lassen. Schafft Fässer aus dem Hafen in alle +Straßen! Die Weiber in die Häuser! – was willst du +Mädchen? laß mich – Du bist’s, Miriam? Du hier? +Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?« +</p> + +<p> +»Dich,« sprach das Mädchen. »Erschrick nicht. Ihr +Haus brennt. Aber sie ist gerettet.« +</p> + +<p> +»Valeria! um Gott, wo ist sie?« – »Bei mir. In +unserm dichtgewölbten Turm: dort ist sie sicher. Ich sah +die Flamme aufsteigen. Ich eilte hin. Dein Freund mit +der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte +mit ihr in die Kirche. Ich rief ihn an und führte sie +unter unser Dach. Sie blutet. Ein Stein hat sie ver<pb n='36'/><anchor id='Pg036'/>letzt, an der Schulter. Aber es ist ohne Gefahr. Sie +will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!« +</p> + +<p> +»Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!« +</p> + +<p> +Und rasch faßte er sie und schwang sie vor sich auf +den Sattel. Zitternd schlang sie beide Arme um seinen +Nacken. Er aber hielt schützend mit der Linken den breiten +Schild über ihr Haupt und im Sturm sprengte er mit ihr +durch die dampfende Straße nach der Porta Capuana. +</p> + +<p> +»O jetzt – jetzt sterben – sterben an seiner Brust, +wenn nicht mit ihm!« betete Miriam. +</p> + +<p> +Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, +unter Julius’ und ihrer Sklavinnen Hut. Sie war +bleich und geschwächt vom Blutverlust, aber gefaßt und +ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens +stand Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in +die brennende Stadt. – – +</p> + +<p> +Kaum hatte sich Totila überzeugt, daß die Verwundung +ganz leicht, als er aufsprang und rief: »Du mußt fort! sogleich! +in dieser Stunde! In der nächsten vielleicht erstürmt +Belisar die Wälle. Ich habe alle meine Schiffe nochmals +mit Flüchtenden gefüllt: sie bringen dich nach Cajeta, von +da weiter nach Rom. Eile dann nach Taginä, wo ihr +Güter habt. Du mußt fort! Julius wird dich begleiten.« +</p> + +<p> +»Ja,« sprach dieser, »denn wir haben Einen Weg.« +</p> + +<p> +»Einen Weg? wohin willst du?« +</p> + +<p> +»Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren +Kampf nicht länger mit ansehn. Du weißt es selbst: +ganz Italien erhebt sich gegen euch, für eure Feinde: +Meine Mitbürger fechten unter Belisar: soll ich gegen sie, +soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe.« +</p> + +<p> +Schweigend wandte sich Totila zu Valeria. +</p> + +<p> +»Mein Freund,« sagte diese, »mir ist: der Glückstern +unsrer Liebe ist erloschen für immer! Kaum hat mein +<pb n='37'/><anchor id='Pg037'/>Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron genommen, so +fällt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs.« +</p> + +<p> +»So traust du unserm Schwerte nicht?« +</p> + +<p> +»Ich traue eurem Schwert, – nicht eurem Glück! +Mit den stürzenden Balken meines Vaterhauses sah ich die +Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Lebwohl, zu einem +Abschied für lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach +Taginä.« +</p> + +<p> +Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, +Plätze in einer der Trieren zu sichern. +</p> + +<p> +Valeria erhob sich vom Lager, da eilte Miriam herzu, +ihr die glänzenden Sandalen unter die Füße zu binden. +</p> + +<p> +»Laß, Mädchen! du sollst mir nicht dienen,« sprach +Valeria. – »Ich thue es gern,« sagte diese flüsternd. »Aber +gönne mir eine Frage.« Und mit Macht traf ihr blitzendes +Auge die ruhigen Züge Valerias. »Du bist schön und +klug und stolz – aber sage mir, liebst du ihn? – du +kannst ihn jetzt verlassen! – Liebst du ihn mit heißer, +alles verzehrender, allgewaltiger Glut, liebst du ihn mit +einer Liebe wie –« +</p> + +<p> +Da drückte Valeria das schöne, glühende Haupt des +Mädchens wie verbergend an ihre Brust: »Mit einer Liebe +wie du? Nein, meine süße Schwester! Erschrick nicht! +Ich ahnt’ es längst nach seinen Berichten über dich. Und +ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge +nicht; dein Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein +Mann soll darum erfahren. Weine nicht, bebe nicht, du +süßes Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe willen. +Ich fasse sie ganz. Glücklich, wer, wie du, in seinem Gefühl +ganz aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein +feindlicher Gott den vorschauenden Sinn gegeben, der stets +von der Stunde nach der Ferne blickt. Und so seh’ ich +vor uns dunkeln Schmerz und einen langen, finstern Pfad, +<pb n='38'/><anchor id='Pg038'/>der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz +nicht lassen, daß deine Liebe edler sei als meine, weil sie +hoffnungslos. Auch meine Hoffnung liegt in Schutt. +Vielleicht wäre es sein Glück geworden, die duftige Rose +deiner schönen Liebe zu entdecken: denn Valeria, – fürcht’ +ich – wird die Seine nie. Doch leb wohl, Miriam! Sie +kommen. Gedenke dieser Stunde. Gedenke mein als einer +Schwester und habe Dank, Dank für deine schöne Liebe.« +</p> + +<p> +Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und +vor der Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese +edle Sprache überwältigte die Scheu ihres Herzens: reich +flossen die Thränen über die glühendroten Wangen: und +heftig preßte sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, +das Haupt an der Freundin Brust. +</p> + +<p> +Da hörte man Julius kommen, Valeria abzurufen. +</p> + +<p> +Sie mußten sich trennen: nur einen einzigen raschen +Blick aus ihren innigen Augen wagte Miriam auf der +Römerin Antlitz. Dann sank sie rasch vor ihr nieder, umfaßte +ihre Knie, drückte einen brennenden Kuß auf Valerias +kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden. +</p> + +<p> +Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah +um sich. +</p> + +<p> +Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose. +</p> + +<p> +Sie küßte sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit +rascher Handbewegung die trauliche Stätte, die ihr ein +Asyl geboten, und folgte dann rasch entschlossen Julius +in einer gedeckten Sänfte nach dem Hafen, wo sie noch von +Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff +bestieg. Alsbald drehte sich dieses mit mächtiger Wendung +und rauschte zum Hafen hinaus. +</p> + +<p> +Totila sah ihnen wie träumend nach. +</p> + +<p> +Er sah Valeriens weiße Hand noch Abschied winken: +er sah und sah den fliehenden Segeln nach, nicht achtend +<pb n='39'/><anchor id='Pg039'/>der Geschosse, die jetzt immer dichter in den Hafen zu +rasseln begannen. Er lehnte an einer Säule und vergaß +einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles. +</p> + +<p> +Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen +Träumen. +</p> + +<p> +»Komm, Feldherr,« rief ihm dieser zu, »überall such’ +ich dich: Uliaris will dich sprechen. – Komm, was starrst +du hier in die See unter klirrenden Pfeilen?« +</p> + +<p> +Totila raffte sich langsam auf: »Siehst du,« sagte er, +»siehst du das Schiff? – Da fahren sie hin! –« +</p> + +<p> +»Wer?« fragte Thorismuth. +</p> + +<p> +»Mein Glück und meine Jugend,« sprach Totila und +wandte sich, Uliaris zu suchen. +</p> + +<p> +Dieser teilte ihm mit, daß er, Zeit zu gewinnen, soeben +einen Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um +Unterhandlungen zu führen, angetragen, angenommen habe. +»Ich werde nie übergeben! Aber wir müssen Ruhe haben, +unsere Wälle zu flicken und zu stützen. Kömmt denn +nirgends Entsatz? hast du noch keine Nachricht auf dem +Seeweg vom König? +</p> + +<p> +»Keine.« +</p> + +<p> +»Verflucht! Über sechshundert von meinen Goten sind +vor den höllischen Geschossen gefallen. Ich kann gar die +wichtigsten Posten nicht mehr besetzen! Wenn ich nur +wenigstens noch vierhundert Mann hätte!« +</p> + +<p> +»Nun,« sprach Totila nachsinnend, »die kann ich dir +schaffen, denk’ ich. In dem Castellum Aurelians, auf der +Straße nach Rom, liegen vierhundertfünfzig Mann Goten. +Sie haben bisher erklärt, vom König Theodahad den unsinnigen, +aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis +zu verstärken. Aber jetzt in dieser höchsten Not! – Ich +selbst will hin, während des Waffenstillstandes, und alles +aufbieten, sie zu holen.« +</p> + +<pb n='40'/><anchor id='Pg040'/> + +<p> +»Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes +zurück und die Straße ist dann nicht mehr frei. +Du kommst nicht durch.« +</p> + +<p> +»Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte +dich nur, bis ich zurück bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd.« +</p> + +<p> +Während Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern +zur Porta Capuana hinausjagte, war der alte Isak, der +unermüdlich auf den Wällen ausgeharrt hatte, die Pause +des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause zurückgekehrt, +die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und +Speise zu laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht +hatte und ängstlich dem Bericht Isaks von den Fortschritten +der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger, unsteter Schritt +auf der Treppe und Jochem stand vor dem erstaunten Paar. +</p> + +<p> +»Sohn Rachels, wo kommst du her zu übler Stunde, +wie der Rabe vor dem Unglück? Wie kommst du herein? +zu welchem Thor?« – »Das laß du meine Sorge sein. +Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner +Tochter Hand: – zum letztenmal in diesem Leben.« +</p> + +<p> +»Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?« +fragte Isak unwillig, »die Stadt brennt und die Straßen +liegen voll Leichen.« +</p> + +<p> +»Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen +die Straßen? Weil die Männer von Neapolis halten zu +dem Volk von Edom. Ja, jetzt <hi rend='gesperrt'>ist</hi> Zeit zu freien. Gieb +mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und <anchor id="corr040"/><corr sic="sie">sie.</corr> +Ich allein kann’s.« Und er griff nach Miriams Arm. +</p> + +<p> +»Du mich retten?« rief diese, mit Ekel zurücktretend. +»Lieber sterben!« +</p> + +<p> +»Ha, Stolze!« knirschte der grimmige Freier, »du +ließest dich wohl lieber retten von dem blondgelockten +Christen? Laß sehen, ob er dich retten wird, der Verfluchte, +vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren +<pb n='41'/><anchor id='Pg041'/>will ich ihn durch die Straßen schleifen und spucken in +sein bleich Gesicht.« +</p> + +<p> +»Hebe dich hinweg, Sohn Rachels,« rief Isak, aufstehend +und den Spieß fassend. »Ich merke, du hältst zu denen, +die da draußen liegen! Aber das Horn ruft, ich muß +hinab; das jedoch sag’ ich dir: noch mancher unter euch +wird rücklings fallen, eh’ ihr steigt über diese morschen +Mauern.« +</p> + +<p> +»Vielleicht,« grinste Jochem, »fliegen wir drüber wie +die Vögel der Luft. Zum letztenmal, Miriam, ich frage +dich: laß diesen Alten, laß den verfluchten Christen: – +ich sage dir, der Schutt dieser Wälle wird sie bald bedecken. +Ich weiß, du hast ihn getragen im Herzen: – ich will +dir’s verzeihen: – nur werde jetzt mein Weib.« Und +wieder griff er nach ihrer Hand. – »Du mir meine Liebe +verzeihn? Verzeihn, was so hoch über dir wie die leuchtende +Sonne über dem schleichenden Wurm? Wär ich’s wert, +daß ihn je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib würde? +Hinweg; hinweg von mir!« +</p> + +<p> +»Ha,« rief Jochem, »zu viel, zu viel! Mein Weib – +du sollst es nimmer werden! Aber winden sollst du dich +in diesen Armen und den Christen will ich dir aus dem +blutenden Herzen reißen, daß es zucken soll in Verzweiflung. +Auf Wiedersehen.« +</p> + +<p> +Und er war aus dem Hause und alsbald aus der +Stadt verschwunden. +</p> + +<p> +Miriam, von bangen Gefühlen bedrängt, eilte ins +Freie: es trieb sie zu beten: aber nicht in der dumpfen +Synagoge: sie betete ja für ihn: und es drängte sie, zu +seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fußes in +die nahe Basilika Sankt Mariä, aus der man an Friedenstagen +oft die Jüdin mit Flüchen verscheucht hatte. Aber +jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu fluchen. +</p> + +<pb n='42'/><anchor id='Pg042'/> + +<p> +Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Säulenganges +und vergaß in heißem Gebet bald sich selbst und die Stadt +und die Welt: sie war bei ihm und bei Gott. – +</p> + +<p> +Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; +schon neigte sich die Sonne dem Meeresspiegel zu. Die +Goten flickten und stopften nach Kräften die zertrümmerten +Mauerstellen, räumten den Schutt und die Toten aus dem +Wege und löschten die Brände. Da lief die Sanduhr +zum drittenmal ab, während Belisar vor seinem Zelte seine +Heerführer versammelt hielt, des Zeichens der Übergabe +auf dem Kastell des Tiberius harrend. »Ich glaub’ es +nicht!« flüsterte Johannes zu Prokop. »Wer solche Streiche +thut, wie ich von jenem Alten gesehen, giebt die Waffen +nicht ab. Es ist auch besser so: da giebt’s einen tüchtigen +Sturm und dann eine tüchtige Plünderung.« +</p> + +<p> +Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris +und schleuderte trotzig seinen Speer unter die harrenden +Vorposten. +</p> + +<p> +Belisar sprang auf. »Sie wollen ihr Verderben, die +Trotzigen; wohlan, sie sollen’s haben. Auf, meine Feldherrn, +zum Sturm. Wer mir zuerst unsre Fahne auf den +Wall pflanzt, dem geb’ ich ein Zehntel der Beute.« +</p> + +<p> +Nach allen Seiten eilten die Anführer auseinander: +Ehrgeiz und Habsucht spornten sie. Eben bog Johannes +um die zerstörten Bogen des Aquädukts, welchen Belisar +durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da +rief ihn eine leise Stimme. +</p> + +<p> +Schon dämmerte es so stark, daß er nur mit Mühe +den Rufenden erkannte. »Was willst du, Jude?« rief +Johannes eilig. – »Ich habe keine Zeit! Es gilt harte +Arbeit! Ich muß der erste sein in der Stadt.« +</p> + +<p> +»Das sollt ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt.« +</p> + +<pb n='43'/><anchor id='Pg043'/> + +<p> +»Dir folgen? weißt du einen Weg über die Mauer +durch die Luft?« +</p> + +<p> +»Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und +ich will ihn euch zeigen, wenn ihr mir tausend Solidi +schenkt und ein Mädchen zur Beute zusprecht, das ich fordre.« +</p> + +<p> +Johannes blieb stehen: »Was du willst, sei dein. Wo +ist der Weg?« – »Hier!« sagte Jochem und schlug mit +der Hand auf die Steine. – »Wie? die Wasserleitung? +woher weißt du?« – »Ich habe sie gebaut. Ein Mann +kann, gebückt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. +Eben komme ich auf diesem Wege aus der Stadt. Die +Leitung mündet in einem alten Tempelhaus an der Porta +Capuana; nimm dreißig Mann und folge mir.« +</p> + +<p> +Johannes sah ihn scharf an. »Und wenn du mich +verrätst?« +</p> + +<p> +»Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Lüge ich, +so stoßt mich nieder.« – »Warte!« rief Johannes und +eilte hinweg. +</p> +</div><div type="kapitel" n="5"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenftes Kapitel."/> +<head>Fünftes Kapitel.</head> + +<p> +Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem +Bruder Perseus und ungefähr dreißig entschlossenen armenischen +Söldnern, die außer ihren Schwertern kurze Handbeile +führten. »Wenn wir drin sind,« sprach Johannes, +»reißest du, Perseus, das Ausfallpförtchen auf, rechts von +der Porta Capuana, im Augenblick, da die andern unsre +Fahne auf dem Wall entfalten. Auf dies Zeichen stürzen +von außen meine Hunnen auf die Ausfallpforte. Aber +wer hütet den Turm an der Porta? Den müssen wir +haben.« +</p> + +<pb n='44'/><anchor id='Pg044'/> + +<p> +»Isak, ein großer Freund der Edomiten, der muß +fallen.« +</p> + +<p> +»Er fällt,« sprach Johannes und zog das Schwert: +»Vorwärts!« Er war der erste, der in den Hohlgang +der Wasserleitung stieg. »Ihr beiden, Paukaris und +Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten +Verdacht – nieder mit ihm!« +</p> + +<p> +Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebückt +tastend, bei völliger Dunkelheit, rutschten und schlichen die +Armenier ihm nach, sorgfältig jeden Lärm ihrer Waffen +vermeidend: lautlos krochen sie vorwärts. +</p> + +<p> +Plötzlich rief Johannes mit halber Stimme: »faßt den +Juden! Nieder mit ihm! – Feinde! Waffen! – – +Nein, laßt!« rief er rasch, »es war nur eine Schlange, +die vorüber rasselte! Vorwärts.« +</p> + +<p> +»Jetzt zur Rechten!« sprach Jochem, »hier mündet die +Wasserleitung in einen Tempelgang.« +</p> + +<p> +»Was liegt hier? – Knochen – ein Skelett! +</p> + +<p> +Ich halt’s nicht länger aus! der Modergeruch erstickt +mich! Hilfe!« seufzte einer der Männer. +</p> + +<p> +»Laßt ihn liegen! vorwärts!« befahl Johannes. »Ich +sehe einen Stern.« – »Das ist das Tageslicht in Neapolis,« +sagte der Jude – »nun nur noch wenige Ellen.« – +</p> + +<p> +Johannes’ Helm stieß an die Wurzeln eines hohen Ölbaums, +die sich im Atrium des Tempelhauses breit über +die Mündung des Tempelgangs spannten. +</p> + +<p> +Wir kennen den Baum. +</p> + +<p> +Den Wurzeln ausweichend, stieß er den Helm hell +klirrend an die Seitenwand: erschrocken hielt er an. Aber +er hörte zunächst nur den heftigen Flügelschlag zahlreicher +Tauben, die da hoch oben wild verscheucht aus den Zweigen +der Olive flogen. +</p> + +<p> +»Was war das?« fragte über ihm eine heisere Stimme. +</p> + +<pb n='45'/><anchor id='Pg045'/> + +<p> +»Wie der Wind in dem alten Gestein wühlt!« Es war +die Witwe Arria. »Ach Gott,« sprach sie, sich wieder vor +dem Kreuze niederwerfend: »erlöse uns von dem Übel und +laß die Stadt nicht untergehen, bis daß mein Jucundus +wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur und seine +Mutter nicht mehr findet. O laß ihn wieder des Weges +kommen, den er von mir gegangen: zeig ihn mir wieder, +wie ich ihn diese Nacht gesehen, aufsteigend aus den Wurzeln +des Baumes.« +</p> + +<p> +Und sie wandte sich nach der Höhlung. »O! dunkler +Gang, darin mein Glück verschwunden, gieb mir’s wieder +heraus! Gott, führ’ ihn mir zurück auf diesem Wege.« +Sie stand mit gefalteten Händen gerade vor der Höhlung, +die Augen fromm gen Himmel gewendet. +</p> + +<p> +Johannes stutzte. »Sie betet!« sagte er, »soll ich sie +im Gebet erschlagen?« – Er hielt inne; er hoffte, sie +solle aufhören und sich wenden. »Das dauert zu lange: +ich kann unserm Herrgott nicht helfen!« Und rasch hob +er sich aus den Wurzeln heraus. Da schaute die Betende +mit den halberblindeten Augen nieder; sie sah aus der +Erde steigen eine schimmernde Mannesgestalt. +</p> + +<p> +Ein Strahl der Verklärung spielte um ihre Züge. +Selig breitete sie die Arme aus. »Jucundus!« rief sie. +</p> + +<p> +Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners +Schwert ins Herz. +</p> + +<p> +Ohne Weheruf, ein Lächeln auf den Lippen, sank sie +auf die Blumen: – Miriams Blumen. +</p> + +<p> +Johannes aber wandte sich und half rasch seinem +Bruder Perseus, dann dem Juden und den ersten dreien +seiner Krieger herauf. »Wo ist das Pförtchen?« – »Hier +links, ich gehe zu öffnen!« Perseus wies die Krieger an. – +»Wo ist die Treppe zum Turm!« – »Hier rechts,« sprach +Jochem – es war die Treppe, die zu Miriams Gemach +<pb n='46'/><anchor id='Pg046'/>führte, wie oft war Totila hier hereingeschlüpft! – »still! +der Alte läßt sich hören.« +</p> + +<p> +Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Geräusch +vernommen: er trat mit Fackel und Speer an die +Treppe: »Wer ist da unten? bist du’s, Miriam, wer +kommt?« fragte er. +</p> + +<p> +»Ich, Vater Isak,« antwortete Jochem, »ich wollte +euch nochmal fragen ...« – und er stieg katzenleise eine +Stufe höher. Aber Isak hörte Waffen klirren. +</p> + +<p> +»Wer ist bei dir?« rief er und trat vorleuchtend um +die Ecke. Da sah er die Bewaffneten hinter Jochem +kauern. »Verrat, Verrat!« schrie er, »stirb, Schandfleck +der Hebräer!« Und wütend stieß er Jochem, der nicht +zurück konnte, die breite Partisane in die Brust, daß +dieser rücklings hinabstürzte. »Verrat!« schrie er noch +einmal. +</p> + +<p> +Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang +über die Leiche hinweg, eilte auf die Zinne des Turmes +und entfaltete die Fahne von Byzanz. Da krachten unten +Beilschläge: das Pförtchen fiel, von innen eingeschlagen, +hinaus und mit gellendem Jauchzen jagten – schon war +es ganz dunkel geworden – die Hunnen zu Tausenden in +die Stadt. +</p> + +<p> +Da war alles aus. +</p> + +<p> +Ein Teil stürzte sich mordend in die Straßen, ein +Haufe brach die nächsten Thore ein, den Brüdern draußen +Eingang schaffend. +</p> + +<p> +Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Häuflein aus +dem Kastell herbei: er hoffte, die Eingedrungenen noch +hinauszutreiben: umsonst: ein Wurfspeer streckte ihn nieder. +Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert +treuen Goten, die ihn noch umgaben. +</p> + +<p> +Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Wällen +<pb n='47'/><anchor id='Pg047'/>flattern sahen, erhoben sich – unter Führung alter Römerfreunde, +wie Stephanos und Antiochos des Syrers, – +ein eifriger Anhänger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, +ward, da er sie hemmen wollte, erschlagen – auch +die Bürger von Neapolis: sie entwaffneten die einzelnen +Goten in den Straßen und schickten, glückwünschend und +dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine Gesandtschaft +an Belisar, der, von seinem glänzenden Stab +umgeben, zur Porta Capuana hereinritt. +</p> + +<p> +Aber finster furchte er die majestätische Stirn und ohne +seinen Rotscheck anzuhalten, sprach er: »Fünfzehn Tage +hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst lag ich längst vor +Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, daß das dem +Kaiser an Recht und mir an Ruhm entzieht? Fünfzehn +Tage lang hat sich eure Feigheit, eure schlechte Gesinnung +von einer handvoll Barbaren beherrschen lassen. Die +Strafe für diese fünfzehn Tage seien nur fünfzehn Stunden +– Plünderung. Ohne Mord: – die Einwohner sind +Kriegsgefangene des Kaisers – ohne Brand: denn die +Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der Führer +der Goten? Tot?« +</p> + +<p> +»Ja,« sprach Johannes, »hier ist sein Schwert, Graf +Uliaris fiel.« +</p> + +<p> +»Den meine ich nicht!« sprach Belisar. »Ich meine +den jungen, den Totila. Was ward aus ihm? Ich muß +ihn haben.« +</p> + +<p> +»Herr,« sprach einer der Neapolitaner, der reiche +Kaufherr Asklepiodot, vortretend, »wenn ihr mein Haus +und Warenlager von der Plünderung ausnehmt, will ich’s +euch wohl sagen.« +</p> + +<p> +Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen +den Zitternden. »Rebell, willst du mir Bedingungen +machen? Sprich, oder die Folter macht dich sprechen.« +</p> + +<pb n='48'/><anchor id='Pg048'/> + +<p> +»Erbarmen! Gnade!« schrie der Geängstigte. »Der Seegraf +eilte mit wenigen Reitern während der Waffenruhe +hinaus, Verstärkung zu holen vom Castellum Aurelians: +er kann jeden Augenblick zurückkehren.« +</p> + +<p> +»Johannes,« rief Belisar, »der Mann wiegt so schwer +wie ganz Neapolis. Wir müssen ihn fangen! Du hast, wie +ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt? das Thor besetzt?« +</p> + +<p> +»Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen +können.« sprach Johannes. +</p> + +<p> +»Auf! Blitzesschnell! wir müssen ihn hereinlocken! +</p> + +<p> +Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des +Tiberius wieder auf und auf der Porta Capuana. Die +gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet auf die +Wälle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des +Todes. Zieht meinen Leibwächtern gotische Waffen an. +Ich selbst will dabei sein! dreihundert Mann in der Nähe +des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie er das +Fallgitter hinter sich hat, läßt man’s nieder. Ich will +ihn lebend fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug +in Byzanz.« +</p> + +<p> +»Gieb mir das Amt, mein Feldherr,« bat Johannes. +»Ich schuld’ ihm noch Vergeltung für einen Kernhieb.« +Und er flog zurück zur Porta Capuana, ließ die Leichen +und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst +seine Maßregeln. +</p> + +<p> +Da drängte sich eine verschleierte Gestalt heran: »Um +der Güte Gottes willen,« flehte eine liebliche Stimme, +»ihr Männer, laßt mich heran! Ich will ja nur seine +Leiche, – o gebt Acht! sein weißer Bart! o mein Vater.« +Es war Miriam, die der Lärm plündernder Hunnen aus +der Kirche nach Hause gescheucht hatte. Und mit der Kraft +der Verzweiflung schob sie die Speere zurück und nahm +das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme. +</p> + +<pb n='49'/><anchor id='Pg049'/> + +<p> +»Weg, Mädel!« rief der nächste Krieger, ein sehr langer +Bajuvare, ein Söldner von Byzanz: – Garizo hieß er. +»Halt uns nicht auf! wir müssen den Weg säubern! In +den Graben mit dem Juden!« +</p> + +<p> +»Nein, nein!« rief Miriam und stieß den Mann zurück. +</p> + +<p> +»Weib!« schrie dieser zornig und hob das Beil. – +</p> + +<p> +Aber die Arme schützend über des Vaters Leiche breitend +und mit leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam +furchtlos stehen: – wie gelähmt hielt der Krieger inne: +»Du hast Mut, Mädel!« sagte er, das Beil senkend. »Und +schön bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was +kann ich dir Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen.« +– »Wenn der Gott meiner Väter dein Herz +gerührt,« bat Miriams herzgewinnende Stimme, »hilf mir +die Leiche dort im Garten bergen: – das Grab hat er +sich lange selbst geschaufelt, – neben Sarah, meiner +Mutter, das Haupt gegen Osten.« – »Es sei!« sprach +der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er +faßte die Knie der Leiche: wenige Schritte führten sie in +den kleinen Garten: da lag ein Stein unter Trauerweiden: +der Mann wälzte ihn weg und sie senkten die Leiche hinein, +das Antlitz gegen Osten. – +</p> + +<p> +Ohne Worte, ohne Thränen starrte Miriam in die +Grube: sie fühlte sich so arm jetzt, so allein; mitleidig, +leise schob der Bajuvare die Steinplatte darüber. »Komm!« +sagte er dann. – »Wohin?« fragte Miriam tonlos. – +»Ja, wohin willst du?« – »Das weiß ich nicht! – Hab +Dank,« sprach sie und nahm ein Amulett vom Halse und +reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumünze vom +Jordan, aus dem Tempel. +</p> + +<p> +»Nein!« sagte der Mann und schüttelte das Haupt. +</p> + +<p> +Er nahm ihre Hand und legte sie über seine Augen. +</p> + +<p> +»So,« sagte er, »das wird mir gut thun mein Leben +<pb n='50'/><anchor id='Pg050'/>lang. Jetzt muß ich fort, wir müssen den Grafen fangen, +den Totila. Leb wohl.« +</p> + +<p> +Dieser Name schlug in Miriams Herz: – noch einen +Blick warf sie auf das stille Grab und hinaus schlüpfte +sie aus dem Gärtchen. Sie wollte zum Thore hinaus auf +die Straße: aber das Fallgitter war gesenkt, an den +Thoren standen Männer mit gotischen Helmen und Schilden. +Erstaunt sah sie um sich. +</p> + +<p> +»Ist alles vollzogen, Chanaranges?« – »Alles, er +ist so gut wie gefangen.« – »Horch, vor dem Wall, – +Pferdegetrappel – sie sind’s! zurück, Weib.« +</p> + +<p> +Draußen aber sprengten einige Reiter die Straße heran +gegen das Thor. +</p> + +<p> +»Auf! auf, das Thor,« rief Totila von weitem. Da +spornte Thorismuth sein Roß heran. »Ich weiß nicht, +ich traue nicht!« rief er, »die Straße war wie ausgestorben +und ebenso drüben das Lager der Feinde: kaum ein paar +Wachtfeuer brennen.« +</p> + +<p> +Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. +»Der Bursch bläst ja gräßlich!« sprach Thorismuth zürnend. +»Es wird ein Welscher sein,« meinte Totila. »Gebt die +Losung,« rief’s herab auf lateinisch. »Neapolis,« antwortete +Totila entgegen. »Hörst du’s? Uliaris hat die Bürger +bewaffnen müssen. Auf das Thor! ich bringe frohe Kunde,« +fuhr er fort zu den oben Aufgestellten, »vierhundert Goten +folgen mir auf dem Fuß: und Italien hat einen neuen +König.« +</p> + +<p> +»Wer ist’s?« fragte es leise drinnen. »Der auf dem +weißen Roß, der erste.« Da sprangen die Thorflügel auf, +gotische Helme füllten den Eingang, Fackeln glänzten, Stimmen +flüsterten. +</p> + +<p> +»Auf mit dem Fallgitter,« rief Totila, dicht heranreitend. +Spähend blickte Thorismuth vor, die Hand vor +<pb n='51'/><anchor id='Pg051'/>den Augen. »Sie haben gestern getagt zu Regeta,« fuhr +Totila fort, <anchor id="corr051"/><corr sic="Theodahad">»Theodahad</corr> ist abgesetzt und Graf Witichis <corr sic="...">...«</corr> – +</p> + +<p> +Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte +eben dem Roß den Sporn geben, da warf sich vor die +Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe der Krieger. +»Flieh,« rief sie, »Feinde über dir! die Stadt ist gefallen!« +Aber sie konnte nicht vollenden: ein Lanzenstoß durchbohrte +ihre Brust. +</p> + +<p> +»Miriam!« schrie Totila entsetzt und riß sein Pferd +zurück. +</p> + +<p> +Doch Thorismuth, der längst Argwohn geschöpft, zerhieb, +rasch entschlossen, mit dem Schwert, durch das Gitter +hindurch, das haltende Seil, an dem das Thor auf und +nieder ging, daß es dröhnend vor Totila niederschlug. +</p> + +<p> +Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das +Gitter. »Auf das Gitter! Hinaus auf sie!« rief Johannes +von innen: aber Totila wich nicht. +</p> + +<p> +»<anchor id="corr051a"/><corr sic="Mirim">Miriam</corr>, Miriam,« rief er im tiefsten Schmerz. Da +schlug sie nochmal die Augen auf, mit einem brechenden, +von Liebe und Schmerz verklärten Blick: – dieser Blick +sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. »Für dich!« +hauchte sie und fiel zurück. – Da vergaß er Neapolis und +die Todesgefahr. »Miriam,« rief er nochmals, beide Hände +gegen sie ausbreitend. – +</p> + +<p> +Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell +prallte das edle Tier hochbäumend zurück. Das +Fallgitter fing an, sich zu heben: da faßte Thorismuth +nach Totilas Zügel, riß das Pferd herum und gab ihm +einen Schlag mit der flachen Klinge, daß es hinwegschoß. +»Auf und davon, Herr,« rief er, »ja, sie müssen flink sein, +die uns einholen.« Und brausend sprengten die Reiter +auf der Via Capuana den Weg zurück, den sie gekommen; +nicht weit verfolgte sie Johannes, im Dunkel der Nacht +<pb n='52'/><anchor id='Pg052'/>und des Wegs unkundig. Bald begegnete ihnen die heranziehende +Besatzung vom Kastell Aurelians: auf einem Hügel +machten sie Halt, von wo man die Stadt mit ihren Zinnen, +in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Wällen, +liegen sah. +</p> + +<p> +Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus +seiner Betäubung auf. »Uliaris!« seufzte er, »Miriam!« +»Neapolis, – wir sehen uns wieder.« Und er winkte +zum Aufbruch gen Rom. +</p> + +<p> +Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des +jungen Goten Seele: mit dem heiligen Recht des Schmerzes +hatte sich Miriam in sein Herz gegraben für immerdar. +</p> + +<p> +Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen +Verfolgung heimkehrte, rief er, vom Pferde springend, mit +wütiger Stimme: »Wo ist die Dirne, die ihn gewarnt? +Werft sie vor die Hunde.« Und er eilte zu Belisar, das +Mißgeschick zu melden. +</p> + +<p> +Aber niemand wußte zu sagen, wohin der schöne +Leichnam geraten. Die Rosse hätten sie zertreten, meinte +die Menge. Aber einer wußte es besser: Garizo, der +Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend +Kind, auf seinen starken Armen davongetragen in das +nahe Gärtchen, hatte die Steinplatte von dem kaum geschlossenen +Grabe gewälzt und die Tochter sorglich an des +Vaters Seite gelegt: dann hatte er sie still betrachtet. +</p> + +<p> +Aus der Ferne scholl das Getöse der geplünderten +Stadt, in der die Massageten Belisars, trotz seines Verbots, +brannten und mordeten und sogar die Kirchen nicht +verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert unter +sie fahrend, Einhalt schuf. – +</p> + +<p> +Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, daß er +nicht wagte, wie er so gern gewollt, sie zu küssen. So +legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und brach eine Rose, +<pb n='53'/><anchor id='Pg053'/>die neben dem Grabe blühte, und legte sie ihr auf die +Brust. Dann wollte er fort, seinen Teil an der Plünderung +zu nehmen. Aber es ließ ihn nicht fort: er wandte +sich wieder um. Und er hielt die Nacht über, an seinen +Speer gelehnt, Totenwacht am Grabe des schönen Mädchens. +</p> + +<p> +Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten +heidnischen Totensegen, den ihn die Mutter daheim an +der Liusacha gelehrt. Aber es war ihm nicht genug: andächtig +betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und +als die Sonne emporstieg, schob er sorgfältig den Stein +über das Grab und ging. +</p> + +<p> +So war Miriam spurlos verschwunden. +</p> + +<p> +Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an +Totila hing, erzählte, schönheitstrahlend sei sein Schutzengel +herabgestiegen, ihn zu retten, und wieder aufgefahren gen +Himmel. +</p> +</div><div type="kapitel" n="6"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechstes Kapitel.</head> + +<p> +Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach +der Versammlung zu Regeta. +</p> + +<p> +Und Totila stieß schon bei Formiä auf seinen Bruder +Hildebad, den König Witichis mit einigen Tausendschaften +schleunig abgesandt hatte, die Besatzung der Stadt zu verstärken, +bis er selbst mit einem größeren Heere zum Entsatz +herbeieilen könne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten +die Brüder nichts andres thun, als sich auf die Hauptmacht, +nach Regeta, zurückziehen, wo Totila seinen traurigen +Bericht von den letzten Stunden von Neapolis erstattete. +Der Verlust der dritten Stadt des Reiches, des dritten +Hauptbollwerks Italiens, mußte den ganzen Kriegsplan der +Goten verändern. +</p> + +<pb n='54'/><anchor id='Pg054'/> + +<p> +Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen +gemustert: es waren gegen zwanzigtausend Mann. Diese, +mit der kleinen Schar, die Graf Teja eigenmächtig zurückgeführt, +waren im Augenblick die ganze verfügbare Macht: +bis die starken Heere, die Theodahad weit weg nach Südgallien +und Noricum, nach Istrien und Dalmatien entsendet, +wiewohl sofort zur schnellen Rückkehr aufgefordert, +einzutreffen vermochten, konnte ganz Italien verloren sein. +</p> + +<p> +Gleichwohl hatte der König beschlossen, sich mit diesen +zwanzig Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu +werfen und hier dem durch den Zufluß der Italier auf +mehr als die dreifache Übermacht angeschwollenen Heere +der Feinde bis zum Eintreffen der Verstärkungen Widerstand +zu leisten. Aber jetzt, da jene feste Stadt in Belisars +Hand gefallen, gab Witichis den Plan, sich ihm entgegenzustellen, +auf. Sein ruhiger Mut war ebensoweit von +Tollkühnheit wie von Zagheit entfernt. +</p> + +<p> +Ja, der König mußte seiner Seele noch einen andern +schmerzlicheren Entschluß abringen. Während in den Tagen +nach dem Eintreffen Totilas in dem Lager vor Rom sich +der Schmerz und der Grimm der Goten in Verwünschungen +über den Verräter Theodahad, über Belisar, über die Italier +Luft machte, während schon die kecke Jugend hier und da +anhob, auf das Zaudern des Königs zu schelten, der sie +nicht gegen diese Griechlein führen wolle, deren je vier +auf einen Goten gingen, während der Ungestüm des Heeres +schon über den Stillstand grollte, gestand sich der König +mit schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurückzuweichen +und selbst Rom vorübergehend preiszugeben. +</p> + +<p> +Tag für Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer +anwachse: aus Neapolis allein führte er zehntausend Mann +– als Geiseln zugleich und Kampfgenossen, – von allen +Seiten strömten die Welschen zu seinen Fahnen: von Nea<pb n='55'/><anchor id='Pg055'/>polis bis Rom war kein Waffenplatz fest genug, Schutz +gegen solche Übermacht zu gewähren und die kleineren +Städte an der Küste öffneten dem Feind mit Jubel die +Thore. +</p> + +<p> +Die gotischen Familien aus diesen Gegenden flüchteten +in das Lager des Königs und berichteten, wie gleich am +Tage nach dem Falle von Neapolis Cumä und Atella sich +ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das starke +Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische, +saracenische und maurische Reiter, bei Formiä. Das Gotenheer +erwartete und verlangte eine Schlacht vor den Thoren +Roms. +</p> + +<p> +Aber längst hatte Witichis die Unmöglichkeit erkannt, +mit zwanzigtausend Mann einem Belisar, der bis dahin +hunderttausend zählen konnte, im offnen Feld entgegenzutreten. +Eine Zeit lang hegte er die Hoffnung, die mächtigen +Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cethegus, +gegen die byzantinische Überflutung halten zu können: aber +bald mußte er auch diesen Gedanken aufgeben. +</p> + +<p> +Die Bevölkerung Roms zählte, dank dem Präfekten, +mehr waffenfähige und waffengeübte Männer denn seit +manchem Jahrhundert: und stündlich überzeugte sich der +König, von welcher Gesinnung diese beseelt waren. Schon +jetzt hielten die Römer kaum noch ihren Haß wider die +Barbaren zurück: es blieb nicht bei feindlichen und höhnischen +Blicken: schon konnten sich Goten in den Straßen +nur in guter Bewaffnung und großen Scharen blicken +lassen: täglich fand man vereinzelte gotische Wachen von +hinten erdolcht. +</p> + +<p> +Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, daß diese +Elemente des Volksgeistes gegliedert und geleitet waren +von schlauen und mächtigen Häuptern: den Spitzen des +römischen Adels und des römischen Klerus. Er mußte +<pb n='56'/><anchor id='Pg056'/>sich sagen, daß, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen +werde, das Volk von Rom sich erheben und mit dem Belagerer +vereint die kleine gotische Besatzung erdrücken würde. +</p> + +<p> +So hatte Witichis den schweren Entschluß gefaßt, Rom, +ja ganz Mittelitalien aufzugeben, sich nach dem festen und +verlässigen Ravenna zu werfen, hier die mangelhaften +Rüstungen zu vollenden, alle gotischen Streitkräfte an sich +zu ziehen und dann mit einem gleich starken Heere den +Feind aufzusuchen. +</p> + +<p> +Er war ein Opfer, dieser Entschluß. +</p> + +<p> +Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen +Rauflust und es war seinem Mut eine herbe Zumutung, +anstatt frisch drauf loszuschlagen, zurückweichend +seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht +rühmlich war es für den König, der um seiner Tapferkeit +willen auf den Thron des feigen Theodahad gehoben worden, +wenn er sein Regiment mit schimpflicher Flucht begann: +er hatte Neapolis verloren in den ersten Tagen +seiner Herrschaft: sollte er jetzt freiwillig Rom, die Stadt +der Herrlichkeiten, sollte er mehr als die Hälfte von Italien +preisgeben? Und wenn er seinen Stolz bezwang um des +Volkes willen, – wie mußte das Volk von ihm denken? +Diese Goten mit ihrem Ungestüm, ihrer Verachtung der +Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu erzwingen? +Denn ein germanischer König hatte mehr zu +raten, vorzuschlagen, als zu befehlen und zu gebieten. +Schon mancher germanische König war von seinem Volksheer +wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen +worden. Er fürchtete ein Gleiches: und schweren +Herzens wandelte er einst des Nachts im Lager zu Regeta +in seinem Zelte auf und ab. +</p> + +<p> +Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes +ward aufgerissen: »Auf, König der Goten,« rief eine +<pb n='57'/><anchor id='Pg057'/>leidenschaftliche Stimme, »jetzt ist nicht Zeit, zu schlafen!« +– »Ich schlafe nicht, Teja,« sprach Witichis, »seit wann +bist du zurück? Was bringst du?« – »Eben schritt ich ins +Lager, der Tau der Nacht ist noch auf mir. Wisse zuerst: +sie sind tot.« – »Wer?« – »Der Verräter und die +Mörderin!« – »Wie? du hast sie beide erschlagen?« – +»Ich schlage keine Weiber. Theodahad, dem Schandkönig, +folgte ich zwei Tage und zwei Nächte. Er war auf dem +Weg nach Ravenna, er hatte starken Vorsprung. Aber mein +Haß war noch rascher als seine Todesangst. Schon bei +Narnia holte ich ihn ein: zwölf Sklaven begleiteten seine +Sänfte: sie hatten nicht Lust, für den Elenden zu sterben: +sie warfen die Fackeln weg und flohn. +</p> + +<p> +Ich riß ihn aus der Sänfte und drückte ihm sein eigenes +Schwert in die Faust: er aber fiel nieder, bat um sein +Leben und führte zugleich einen heimtückischen Stoß nach +mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit drei +Streichen. Einen für das Reich: und zwei für meine +Eltern. Und ich hing ihn an seinem goldenen Gürtel auf, +an der offenen Heerstraße, an einem dürren Eibenbaum: +da mag er hangen, ein Fraß für die Vögel des Himmels, +eine Warnung für die Könige der Erde.« +</p> + +<p> +»Und was ward aus ihr?« +</p> + +<p> +»Sie fand ein schrecklich Ende!« sprach Teja schaudernd. +</p> + +<p> +»Als ich von hier nach Rom kam, wußte man nur, +daß sie verschmäht, den Feigling zu begleiten: er floh allein. +Gothelindis aber rief seine kappadokische Leibwache zusammen +und verhieß den Männern goldne Berge, wenn sie +zu ihr halten und mit ihr nach Dalmatien und in das +feste Salona sich werfen wollten. +</p> + +<p> +Die Söldner schwankten und wollten erst das verheißne +Gold sehen. Da versprach Gothelindis, es zu bringen und +ging. Seitdem war sie verschwunden. Wie ich wieder +<pb n='58'/><anchor id='Pg058'/>durch Rom kam, war sie freilich gefunden.« – »Nun?« – +»Sie hatte sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne +Führer, einen dort vergrabnen Schatz zu holen. Sie muß +sich in diesem Labyrinth verirrt haben, sie fand den Ausgang +nicht mehr. Suchende Söldner trafen sie noch lebend: +ihre Fackel war nicht herabgebrannt, sondern fast völlig +erhalten: sie mußte alsbald erloschen sein, nachdem sie die +Höhlung beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: +lange Todesangst, Verzweiflung haben dieses böse Weib +zermürbt: sie starb, sowie sie ans Tageslicht gebracht war.« +</p> + +<p> +»Schrecklich!« rief Witichis. – »Gerecht!« sagte Teja. +»Aber höre weiter.« +</p> + +<p> +Eh’ er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand +und andre gotische Führer ins Zelt: »Weiß er’s?« +fragte Totila. – »Noch nicht,« sagte Teja. – »Empörung!« +rief Hildebad! »Empörung! Auf, König Witichis, wehre dich +deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Füße.« +</p> + +<p> +»Was ist geschehn« fragte Witichis ruhig. +</p> + +<p> +»Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich empört. +Er ist gleich nach deiner Wahl davongeritten gegen +Florentia, wo sein älterer Bruder, der stolze Herzog von +Tuscien, Guntharis, haust und herrscht. Da haben die +Wölsungen viel Anhang gefunden, haben die Goten überall +aufgerufen gegen dich zum Schutz der »Königslilie«, wie +sie sie nennen: <anchor id="corr058"/><corr sic="Mathaswintha">Mataswintha</corr> sei die Erbin der Krone. +Sie haben sie als Königin ausgerufen. Sie weilte in +Florentia, fiel also gleich in ihre Gewalt. Man weiß nicht, +ist sie Guntharis Gefangene oder Arahads Weib. Nur +das weiß man, daß sie avarische und gepidische Söldner +geworben, den ganzen Anhang der Amaler und ihre ganze +Sippe und Gefolgschaft, zu all’ dem großen Anhang der +Wölsungen, bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernkönig: +sie wollen Ravenna gewinnen!« +</p> + +<pb n='59'/><anchor id='Pg059'/> + +<p> +»O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften!« +rief Hildebad zornig. »Ich will dir diese Königin +der Goten samt ihrem adeligen Buhlen in einem +Vogelkäfig gefangen bringen.« +</p> + +<p> +Aber die andern machten besorgte Gesichter. »Es sieht +finster her!« sprach Hildebrand. »Belisar mit seinen Hunderttausenden +vor uns: – im Rücken das schlangenhafte +Rom, – all’ unsre Macht noch fünfzig Meilen fern – +und jetzt noch Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des +Reiches! der Donner schlag’ in dieses Land.« +</p> + +<p> +Aber Witichis blieb ruhig und gefaßt wie immer. Er +strich mit der Hand über die Stirn. »Es ist vielleicht gut +so,« sagte er dann. »Jetzt bleibt uns keine Wahl. Jetzt +<hi rend='gesperrt'>müssen</hi> wir zurück.« – »Zurück?« fragte Hildebad zürnend. +– »Ja! Wir dürfen keinen Feind im Rücken lassen. +Morgen brechen wir das Lager ab und gehn ...« – +»Gegen Neapolis vor?« sagte Hildebad. – »Nein! Zurück +nach Rom! Und weiter, nach Florentia, nach Ravenna! +Der Brand der Empörung muß zertreten sein, eh’ er noch +recht entglommen.« – »Wie? du weichst vor Belisar zurück?« +– »Ja, um desto stärker vorzugehen, Hildebad! +Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurück, den tödlichen +Pfeil zu schnellen.« – »Nimmermehr!« sprach Hildebad, +»das kannst – das darfst du nicht.« +</p> + +<p> +Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm +die Hand auf die Schulter: »Ich bin dein König. Du hast +mich selbst gewählt. Hell klang vor andern <hi rend='gesperrt'>dein</hi> Ruf: +»Heil König Witichis!« Du weißt es, Gott weiß es: nicht +ich habe die Hand ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr +habt sie mir auf das Haupt gedrückt: nehmt sie herunter, +wenn ihr sie mir nicht mehr anvertraut. Aber solang +ich sie trage, traut mir und gehorcht: sonst seid ihr mit +mir verloren.« +</p> + +<pb n='60'/><anchor id='Pg060'/> + +<p> +»Du hast recht,« sagte der lange Hildebad und senkte +das Haupt. »Vergieb mir! Ich mach’ es gut im nächsten +Gefecht.« +</p> + +<p> +»Auf, meine Feldherrn,« schloß Witichis, den Helm aufsetzend, +»du, Totila, eilst mir in wicht’ger Sendung zu +den Frankenkönigen nach Gallien: ihr andern, fort zu +euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang +geht’s nach Rom.« +</p> +</div><div type="kapitel" n="7"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebentes Kapitel.</head> + +<p> +Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der +Goten in Rom, finden wir die jungen »Ritter«: Lucius +und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus, den +Feisten, Julianus, den jungen Juristen, bei Cethegus dem +Präfekten in vertrautem Gespräch. +</p> + +<p> +»Das also ist die Liste der blinden Anhänger des künftigen +Papstes Silverius, meiner schlimmsten Argwöhner? +Ist sie vollständig?« – »Sie ist es. Es ist ein hartes +Opfer,« rief Lucius Licinius, »das ich dir bringe, Feldherr. +Hätt’ ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar +aufgesucht, ich hätte jetzt schon Neapolis mit belagert und +bestürmt, statt daß ich hier die Katzentritte der Priester belausche +und die Plebejer marschieren und in Manipeln +schwenken lehre.« – »Sie lernen’s doch nie wieder,« +meinte Marcus. +</p> + +<p> +»Geduldet euch,« sagte Cethegus ruhig, ohne von einer +Papyrusrolle aufzublicken, die er in der Hand hielt. »Ihr +werdet euch bald genug und lang genug mit diesen gotischen +Bären balgen dürfen. Vergeßt nicht, daß das Raufen +doch nur Mittel ist, nicht Zweck.« +</p> + +<pb n='61'/><anchor id='Pg061'/> + +<p> +»Weiß nicht,« zweifelte Lucius. +</p> + +<p> +»Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht,« +sprach Cethegus; »wir müssen diese Römer wieder an +Schild und Schwert gewöhnen, sonst –« der Ostiarius +meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten +die jungen Römer. +</p> + +<p> +»Laß ihn ein!« sprach Cethegus, seine Schreibereien +in einer Kapsel bergend. Da eilte ein junger Mann im +braunen Mantel der gotischen Krieger, einen gotischen Helm +auf dem Haupt, herein und warf sich an des Präfekten +Brust. +</p> + +<p> +»Julius!« sprach dieser kalt zurücktretend. »Wie sehn +wir uns wieder! Bist du denn ganz ein Barbar geworden. +Wie kamst du nach Rom?« +</p> + +<p> +»Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: +ich komme aus dem rauchenden Neapolis.« – »Ei,« grollte +Cethegus, <anchor id="corr061"/><corr sic="hast">»hast</corr> du mit deinem blonden Freund gegen Italien +gestritten? Das steht einem Römer gut! Nicht wahr, +Lucius?« – »Ich habe nicht gefochten und werde nicht +fechten in diesem Krieg, dem unseligen. Weh denen, die +ihn entzündet.« +</p> + +<p> +Cethegus maß ihn mit kalten Blicken. »Es ist unter +meiner Würde und über meiner Geduld, einem Römer die +Schande solcher Gesinnung vorzuhalten. Wehe, daß ein +solcher Abtrünniger mein Julius. Schäme dich vor diesen +deinen Altersgenossen. Seht, römische Ritter, hier ist ein +Römer ohne Freiheitsdurst, ohne Zorn auf die Barbaren!« +</p> + +<p> +Aber ruhig schüttelte Julius das Haupt. »Du hast +sie noch nicht gesehen, die Hunnen und Massageten Belisars, +die euch die Freiheit bringen sollen. Wo sind denn die +Römer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben +seine Fesseln abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? +<pb n='62'/><anchor id='Pg062'/>Justinian kämpft mit den Goten, nicht wir. Wehe dem +Volk, das ein Tyrann befreit.« +</p> + +<p> +Cethegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte +solche Worte nicht billigen vor Fremden: »Ich muß allein +mit diesem Philosophen disputieren. Berichtet mir, wenn +bei den Frommen etwas geschieht.« +</p> + +<p> +Und die Kriegstribunen gingen, mit verächtlichen Blicken +auf Julius. +</p> + +<p> +»Ich möchte nicht hören, was die von dir reden!« +sagte Cethegus, ihnen nachsehend. – »Das gilt mir gleich. +Ich folge meinen eignen und nicht fremden Gedanken.« +– »Er ist Mann geworden,« sagte Cethegus zu sich selbst. +</p> + +<p> +»Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen +Krieg verfluchen, führen mich hierher. Ich komme, dich +zu retten und zu entführen aus dieser schwülen Luft, aus +dieser Welt von Falschheit und Lüge. Ich bitte dich, mein +Freund, mein Vater: folge mir nach Gallien.« – »Nicht +übel,« lächelte Cethegus. »Ich soll Italien aufgeben im +Augenblick, da die Befreier nahen! Wisse: ich war es, +der sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht, den +du verfluchst.« – »Ich dacht’ es wohl,« sprach Julius +schmerzlich. »Aber wer befreit uns von den Befreiern, wer +endet diesen Kampf?« +</p> + +<p> +»Ich,« sprach Cethegus ruhig und groß. »Und du, +mein Sohn, sollst mir dabei helfen. Ja, Julius, dein +väterlicher Freund, den du so kalt und nüchtern schiltst, +hat auch eine begeisterte Schwärmerei, wenn auch nicht für +Mädchenaugen und gotische Freundschaften. Laß diese +Knabenspiele jetzt, du bist ein Mann. Gieb mir die letzte +Freude meines öden Lebens und sei der Genosse meiner +Kämpfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom, Freiheit, +Macht! Jüngling, können dich diese Worte nicht +rühren? Denk’ dir,« fuhr er, wärmer werdend, fort, »diese +<pb n='63'/><anchor id='Pg063'/>Goten, diese Byzantiner – ich hasse sie wie du – die +einen durch die andern erschöpft, aufgerieben, und über den +Trümmern ihrer Macht erhebt sich Italien, Rom in alter +Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Hügel thront wieder +der Herrscher über Morgen- und Abendland: eine neue +römische Weltherrschaft, stolzer als sie dein cäsarischer Namensvetter +geträumt, verbreitet Zucht, Segen und Furcht +über die Erde ...« – +</p> + +<p> +»Und der Herrscher dieses Weltreichs heißt – Cethegus +Cäsarius!« +</p> + +<p> +»Ja – und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, +du bist kein Mann, wenn dich dies Ziel nicht lockt!« +</p> + +<p> +Julius sprach bewundernd: »Mir schwindelt! Das +Ziel ist sternenhoch: aber deine Wege, – sie sind nicht +gerade. Ja, wären sie gerade, bei Gott, ich teilte deinen +Gang. +</p> + +<p> +Ja, rufe die römische Jugend zu den Waffen, herrsche +beiden Barbarenheeren zu: »Räumt das heilige Latium!« +führe einen offnen Krieg gegen die Barbaren und gegen die +Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und fallen!« +– »Du weißt recht gut, daß dieser Weg unmöglich +ist.« – »Und deshalb – ist’s dein Ziel!« – »Thor, +erkennst du nicht, daß es gewöhnlich ist, aus gutem Stoff +ein Gebilde fertigen, daß es aber göttlich ist, aus dem +Nichts, nur mit eigner schöpferischer Kraft, eine neue Welt +schaffen.« – »Göttlich? durch List und Lüge? Nein.« – +»Julius!« – »Laß mich offen sprechen, deshalb bin ich +gekommen. +</p> + +<p> +O könnt ich dich zurückrufen von dem dämonischen +Pfade, der dich sicher in Nacht und Verderben führt. Du +weißt, – wie ich dein Bild verehre und liebe. Es will +mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, +Goten, Römer von dir flüstern.« +</p> + +<pb n='64'/><anchor id='Pg064'/> + +<p> +»Was flüstern sie?« fragte Cethegus stolz. +</p> + +<p> +»Ich mag’s nicht denken: aber alles, was in diesen +Zeiten Furchtbares geschehen: Athalarichs, Kamillas, Amalaswinthens +Untergang, der Byzantiner Landung, – du +wirst dabei genannt, wie der Dämon, der alles Böse schafft. +Sage mir, schlicht und treu, daß du frei bist von dunkeln« – +</p> + +<p> +»Knabe!« fuhr Cethegus auf, »willst du mir zur +Beichte sitzen und zu Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, +eh du die Mittel schiltst. +</p> + +<p> +Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und +Lilien? Wer das Große will, muß das Große thun, +nennen’s die Kleinen gut oder schlecht.« – »Nein und +dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch +dem Ziel, zu dem nur Frevel führen. Hier scheiden sich +unsre Pfade.« +</p> + +<p> +»Julius, geh nicht! Du verschmähst, was noch nie +einem Sterblichen geboten ward. Laß mich einen Sohn +haben, für den ich ringe, dem ich die Erbschaft meines Lebens +hinterlassen kann.« – »Fluch und Lüge und Blut +kleben daran. Und sollt ich sie schon jetzt antreten: – +ich will sie nie! Ich gehe, daß sich dein Bild nicht noch +mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um Eins: +wann der Tag kommt (und er wird kommen), da dich +ekelt all des Blutes und des frevlen Trachtens und des +Zieles selbst, das solche Thaten fordert, – – dann rufe +mir: ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und will dich +losringen und loskaufen von den dämonischen Mächten und +sei’s um den Preis meines Lebens.« +</p> + +<p> +Leichter Spott zuckte zuerst um des Präfekten Lippe, +aber er dachte: »Er liebt mich noch immer. – Gut, ich +werde ihn rufen, wenn das Werk vollendet: laß sehen, ob +er ihm dann widerstehen kann, ob er den Thron des Erd<pb n='65'/><anchor id='Pg065'/>kreises ausschlägt.« – »Wohl,« sagte er, »ich werde dich +rufen, wenn ich dein bedarf. Leb wohl.« Und mit kalter +Handbewegung entließ er den Heißbewegten. +</p> + +<p> +Aber als die Thüre hinter ihm zugefallen, nahm der +eisige Präfekt ein kleines Relief von getriebenem Erz aus +einer Kapsel und betrachtete es lang. Dann wollte er es +küssen. Aber plötzlich flog der höhnische Zug wieder um +seine Lippen. »Schäme dich vor Cäsar, Cethegus,« sagte +er, und legte das Medaillon wieder in die Kapsel. Es +war ein Frauenkopf und Julius sehr ähnlich. +</p> +</div><div type="kapitel" n="8"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Achtes Kapitel.</head> + +<p> +Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der +Sklave brachte die zierliche Bronzelampe, korinthische Arbeit: +ein Adler, der im Schnabel den Sonnenball trägt, +gefüllt mit persischem Duftöl. »Ein gotischer Krieger steht +draußen, Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr +unscheinbar aus. Soll er die Waffen ablegen?« »Nein,« +sagte Cethegus, »wir fürchten die Barbaren nicht. Laß +ihn kommen.« Der Sklave ging und Cethegus legte die +Rechte an den Dolch im Busen seiner Tunika. +</p> + +<p> +Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze über +den Kopf geschlagen: er warf sie jetzt zurück. +</p> + +<p> +Cethegus trat erstaunt einen Schritt näher. »Was +führt den König der Goten zu mir?« +</p> + +<p> +»Leise!« sprach Witichis. »Es braucht niemand zu +wissen, was wir beide verhandeln. Du weißt: seit gestern +und heute ist mein Heer von Regeta in Rom eingezogen. +Du weißt noch nicht, daß wir Rom morgen wieder räumen +werden.« +</p> + +<pb n='66'/><anchor id='Pg066'/> + +<p> +Cethegus horchte hoch auf. +</p> + +<p> +»Das befremdet dich?« – »Die Stadt ist fest,« sagte +Cethegus ruhig. »Ja, aber nicht die Treue der Römer. +Benevent ist schon abgefallen zu Belisar. Ich habe nicht +Lust, mich zwischen Belisar und euch erdrücken zu lassen.« +</p> + +<p> +Vorsichtig schwieg Cethegus, er wußte nicht, wo das +hinaus sollte. »Weshalb bist du gekommen, König der +Goten?« – »Nicht um dich zu fragen, wie weit man den +Römern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, daß wir +ihnen so wenig trauen können, die doch Theoderich und +seine Tochter mit Wohltaten überhäuft; – sondern um +grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir zu schlichten, zu +eurem wie zu unsrem Frommen.« +</p> + +<p> +Cethegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses +Mannes lag etwas, das er beneidete. Er hätte es gern +verachtet. »Wir werden Rom verlassen, und alsbald werden +die Römer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. +Ich kann’s nicht hindern. Man hat mir geraten, die +Häupter des Adels als Geiseln mit hinwegzuführen.« +</p> + +<p> +Cethegus erschrak und hatte Mühe, das zu verbergen. +</p> + +<p> +»Dich vor allen, den Princeps Senatus.« – »Mich!« +lächelte Cethegus. – »Ich werde dich hier lassen. Ich weiß +es wohl: du bist die Seele von Rom.« +</p> + +<p> +Cethegus schlug die Augen nieder. »Ich nehme das +Orakel an,« dachte er. +</p> + +<p> +»Aber eben deshalb laß’ ich dich hier. Hunderte, die +sich Römer nennen, wollen die Byzantiner zu ihren Herren, +– du, du willst das nicht.« +</p> + +<p> +Cethegus sah ihn fragend an. +</p> + +<p> +»Täusche mich nicht! Wolle mich nicht täuschen. Ich +bin der Mann verschlagner Künste nicht. Aber mein Auge +sieht der Menschen Art. Du bist zu stolz, um Justinian +zu dienen. Ich weiß, du hassest uns. Aber du liebst auch +<pb n='67'/><anchor id='Pg067'/>diese Griechen nicht und wirst sie nicht länger hier dulden +als du mußt. Deshalb laß ich dich hier: vertritt du Rom +gegen die Tyrannen: ich weiß, du liebst die Stadt.« +</p> + +<p> +Es war etwas an diesem Mann, das Cethegus zum +Staunen zwang. »König der Goten,« sagte er, »du sprichst +klar und groß wie ein König: ich danke dir. Man soll +nicht sagen von Cethegus, daß er die Sprache der Größe +nicht versteht. Es ist, wie du sagst: ich werde mein Rom +nach Kräften römisch erhalten.« +</p> + +<p> +»Gut,« sagte Witichis, »sieh, man hat mich gewarnt +vor deiner Tücke: ich weiß viel von deinen schlauen Plänen: +ich ahne noch mehr: und ich weiß, daß ich gegen Falschheit +keine Waffe habe. Aber du bist kein Lügner. Ich +wußte, ein männlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und +Vertrauen entwaffnet einen Feind, der ein Mann.« +</p> + +<p> +»Du ehrst mich, König der Goten. +</p> + +<p> +Ich will dich warnen: weißt du, wer die wärmsten +Freunde Belisars?« – »Ich weiß es: Silverius und die +Priester.« – »Richtig. Und weißt du, daß Silverius, +sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofstuhl +von Rom besteigen wird?« +</p> + +<p> +»So hör’ ich. +</p> + +<p> +Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzuführen. Ich +werd’ es nicht thun. Die Italier hassen uns genug. Ich +will nicht noch in das Wespennest der Pfaffen stoßen. Ich +fürchte die Märtyrer.« +</p> + +<p> +Aber Cethegus wäre den Priester gern los geworden. +»Er wird gefährlich auf dem Stuhl Petri,« meinte er. +</p> + +<p> +»Laß ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht +durch Priesterkunst entschieden.« – »Wohlan,« sprach +Cethegus, die Papyrusrolle vorzeigend, <anchor id="corr067"/><corr sic="ich">»ich</corr> habe hier die +Namen seiner wärmsten Freunde zufällig beisammen. Es +sind wichtige Männer.« +</p> + +<pb n='68'/><anchor id='Pg068'/> + +<p> +Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die +Goten sollten so seine gefährlichsten Feinde als Geiseln mitführen. +</p> + +<p> +Aber Witichis wies ihn ab. »Laß das! Ich werde gar +keine Geiseln nehmen. Was nützt es, ihnen die Köpfe +abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir für Rom bürgen.« +</p> + +<p> +»Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten.« +</p> + +<p> +»Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verlaß’ +dich drauf: er wird auch wieder gehn. Wir Goten werden +diesen Feind bezwingen: vielleicht erst nach hartem Kampf: +aber gewiß. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um +Rom.« +</p> + +<p> +»Einen zweiten?« fragte Cethegus ruhig, »mit wem?« +</p> + +<p> +Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter +und sah ihm ins Antlitz mit einem Auge wie die Sonne: +»Mit dir, Präfekt von Rom!« +</p> + +<p> +»Mit mir!« Und er wollte lächeln, aber er konnte +nicht. +</p> + +<p> +»Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner +nicht würdig. Ich weiß es, für wen du die Türme und +Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht für uns und nicht +für die Griechen! für dich! Ruhig! Ich weiß, was du +sinnest, oder ich ahn’ es: kein Wort! Es sei! Sollen +Griechen und Goten um Rom kämpfen und kein Römer? +Aber höre: Laß nicht einen zweiten jahrelangen Krieg +unsre Völker hinraffen. +</p> + +<p> +Wenn wir die Byzantiner niedergekämpft, hinausgeworfen +aus unserm Italien, – dann, Cethegus, will ich +dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur Schlacht +unsrer Völker, – zum Zweikampf: Mann gegen Mann, +du und ich, wir wollen’s um Rom entscheiden.« +</p> + +<p> +Und in des Königs Blick und Ton lag eine Größe, +eine Würde und Hoheit, die den Präfekten verwirrte. Er +<pb n='69'/><anchor id='Pg069'/>wollte heimlich spotten der einfältigen Schlichtheit des +Barbaren. Aber es war ihm, als könne er sich selbst nie +mehr achten, wenn er diese Größe nicht zu achten, nicht +zu ehren, nicht zu erwidern fähig sei. So sprach er ohne +Spott: »Du träumst, Witichis, wie ein gotischer Knabe.« +</p> + +<p> +»Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. +Cethegus, du bist der einzige Römer, den ich würdige, so +mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten sehen im Gepidenkrieg: +du bist meines Schwertes würdig. Du bist älter +als ich, wohlan: ich gebe dir den Schild voraus!« +</p> + +<p> +»Seltsam seid ihr Germanen,« sagte Cethegus unwillkürlich: +»was für Phantasien!« +</p> + +<p> +Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: »Phantasien? +Wehe dir, wenn du nicht fähig bist, zu fühlen, was aus +mir spricht. Wehe dir, wenn Teja recht behält! Er lachte +zu meinem Plan und sprach: »das faßt der Römer nicht!« +Und er riet mir, dich gefangen mitzuführen. Ich dachte +größer von dir und Rom. Aber wisse: Teja hat dein +Haus umstellt: und bist du so klein oder so feig, mich +nicht zu fassen, – in Ketten führen wir dich aus deinem +Rom. Schmach dir, daß man dich zwingen muß zur Ehre +und zur Größe.« +</p> + +<p> +Da ergrimmte Cethegus. Er fühlte sich beschämt. +Jenes Ritterliche war ihm fremd und es ärgerte ihn, daß +er es nicht verhöhnen konnte. Es ärgerte ihn, daß man +ihn mit Gewalt nötigte, daß man seiner freien Wahl mißtraut +habe. Wütender Haß gegen Tejas Mißachtung wie +gegen des Königs brutale Offenheit loderte in ihm auf. +All diese Eindrücke rangen in ihm, er hätte gern den Dolch +in des Germanen breite Brust gestoßen. Fast hätte er +vorhin aus soldatischem Ehrgefühl im vollen Ernst sein +Wort gegeben. Jetzt durchzuckte ihn ein davon sehr verschiedenes, +unschönes Gefühl der Schadenfreude. Sie hatten +<pb n='70'/><anchor id='Pg070'/>ihm nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn gering +erachtet: nun sollten sie gewiß betrogen sein! Und mit +scharfem Blick vortretend faßte er des Königs Hand. »Es +gilt,« rief er. +</p> + +<p> +»Es gilt,« sprach Witichis, fest seine Hand drückend. +</p> + +<p> +»Mich freut es, daß ich recht behielt und nicht Teja. +Leb wohl! hüte mir unser Rom. Von dir fordre ich es +wieder in ehrlichem Kampf.« Und er ging. +</p> + +<p> +»Nun,« sprach Teja draußen mit den andern Goten +rasch vortretend, »soll ich das Haus stürmen?« +</p> + +<p> +»Nein,« sagte Witichis, »er gab mir sein Wort.« +</p> + +<p> +»Wenn er’s nur hält!« +</p> + +<p> +Da trat Witichis heftig zurück. »Teja! dich macht +dein finstrer Sinn ungerecht! +</p> + +<p> +Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. +Cethegus ist ein Held.« +</p> + +<p> +»Er ist ein Römer. Gute Nacht!« sagte Teja, das +Schwert einsteckend. Und er ging mit seinen Goten andren +Weges. +</p> + +<p> +Cethegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs +Lager. Er war uneins in sich. Er grollte mit Julius. +Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch mit Teja. Am +bittersten mit sich selbst. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal +Volk, Senat und Klerus der Stadt bei den Thermen des +Titus. Von der höchsten Stufe der Marmortreppe des +stolzen Gebäudes herab, die von den Großen des Heeres +besetzt war, hielt der König eine schlichte Ansprache an die +Römer. Er erklärte, daß er auf kurze Zeit die Stadt +räumen und zurückweichen werde. Bald aber werde er +wiederkehren. +</p> + +<pb n='71'/><anchor id='Pg071'/> + +<p> +Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der +Wohlthaten Theoderichs und Amalaswinthens, und forderte +sie auf, Belisar, falls er heranrücke, mutig zu widerstehen, +bis die Goten zum Entsatz wieder heranrückten: der Römer +wieder an die Waffen gewöhnte Legionare und ihre starken +Mauern machten langen Widerstand möglich. +</p> + +<p> +Zuletzt forderte er den Eid der Treue und ließ sie +nochmals feierlich schwören, daß sie ihre Stadt auf Leben +und Tod gegen Belisar verteidigen wollten. Die Römer +zögerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager +Belisars und sie scheuten den Meineid. +</p> + +<p> +Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via +her: und an dem flavischen Amphitheater vorbei zog eine +große Prozession von Priestern mit Psalmengesang und +Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet +gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den +Archidiakon, zu seinem Nachfolger gewählt. +</p> + +<p> +Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern +heran: die Insignien der Bischofswürde von Rom wurden +vorausgetragen: silberstimmige Knaben sangen in süßen und +doch weihevollen Weisen. +</p> + +<p> +Endlich nahte die Sänfte des Papstes: offen, breit, +reichvergoldet, einem Schiffe nachgebildet. Die Träger +gingen langsam, Schritt für Schritt, nach dem Takt der +Musik, von ringsum drängendem Volk umwogt, das nach +dem Segen seines neuen Bischofs verlangte. +</p> + +<p> +Silverius spendete unablässig denselben, mit seinem +klugen Haupte rechts und links hin nickend. +</p> + +<p> +Eine große Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden +Söldnern schloß die Prozession. Sie hielt inne, +als sie in die Mitte des Platzes gelangt war. +</p> + +<p> +Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, +gotischen Krieger, die alle Mündungen des Platzes besetzt +<pb n='72'/><anchor id='Pg072'/>hielten, den stolzen, prachtentfaltenden Aufzug der ihnen +feindlichen Kirche, indes die Römer die Ankunft ihres +Seelenhirten um so freudiger begrüßten, als seine Stimme +ihre Gewissenszweifel wegen des zu leistenden Eides lösen +sollte. +</p> + +<p> +Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte +Volk beginnen, als der Arm eines turmlangen +Goten, über die Brüstung der Sänfte hereinlangend, ihn +an dem goldbrokatnen Mantel zupfte. +</p> + +<p> +Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Störung wandte +Silverius das strenge Gesicht, aber uneingeschüchtert sprach +der Gote, den Ruck wiederholend: »Komm, Priester, du +sollst hinauf zum König.« +</p> + +<p> +Silverius hätte es angemessener gefunden, wenn der +König zu ihm heruntergekommen wäre, und Hildebad +schien etwas dergleichen in seinen Mienen zu lesen. Denn +er rief: »’s ist nicht anders! duck’ dich, Pfäfflein!« +</p> + +<p> +Und damit drückte er einen der die Sänfte tragenden +Priester an der Schulter nieder: die Träger ließen sich +nun auf die Kniee herab und seufzend stieg Silverius heraus, +Hildebad auf die Treppe folgend. +</p> + +<p> +Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine +Hand, trat mit ihm vor, an den Rand der Treppe, und +sprach: »Ihr Männer von Rom, diesen hier haben eure +Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die +Wahl: er sei Papst, sobald er mir Gehorsam geschworen +und euch den Eid der Treue für mich abgenommen hat. +Schwöre, Priester!« +</p> + +<p> +Nur einen Augenblick war Silverius betroffen. +</p> + +<p> +Aber sogleich wieder gefaßt, wandte er sich mit salbungsvollem +Lächeln zu dem Volk, dann zum König. »Du +befiehlst?« sprach er. +</p> + +<p> +»Schwöre,« rief Witichis, »daß du in unsrer Abwesen<pb n='73'/><anchor id='Pg073'/>heit alles aufbieten wirst, diese Stadt Rom in Treue zu +den Goten zu erhalten, denen sie soviel verdankt; in allen +Stücken uns zu fördern, unsre Feinde aber zu schädigen. +Schwöre Treue den Goten.« +</p> + +<p> +»Ich schwöre,« sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. +»Und so fordre ich, der ich die Macht habe, die +Seelen zu binden und zu lösen, euch, ihr Römer, umstarret +rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu +schwören, wie ich geschworen habe.« +</p> + +<p> +Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden +zu haben und erhoben unbedenklich die Finger zum +Schwur. Da besann sich auch die Menge nicht länger und +der Platz erscholl von dem lauten Ruf: »Wir schwören +Treue den Goten.« +</p> + +<p> +»Es ist gut, Bischof von Rom,« sprach der König. +<anchor id="corr073"/><corr sic="Wir">»Wir</corr> bauen auf euren Schwur. Lebt wohl, ihr Römer! +Bald werden wir uns wieder sehen.« Und er schritt die +breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm. +</p> + +<p> +»Jetzt bin ich nur begierig ...« – sagte Teja. +</p> + +<p> +»Ob sie es halten?« meinte Hildebad. +</p> + +<p> +»Nein. Gar nicht. Aber wie sie’s brechen. Nun, +der Priester wird’s schon finden.« +</p> + +<p> +Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur +Porta Flaminia hinaus, die Stadt ihrem Papst und dem +Präfekten überlassend, während Belisar in Eilmärschen auf +der Via Latina nahte. +</p> + +</div><div type="kapitel" n="9"> +<pb n='74'/><anchor id='Pg074'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Neuntes Kapitel.</head> + +<p> +In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches +Leben. Die Thore waren geschlossen: auf den Zinnen +und Mauerkronen schritten zahlreiche Wachen, in den +Straßen klirrte es von Zügen reisiger Goten und bewaffneter +Söldner: denn die Wölsungen Guntharis und +Arahad hatten sich in diese Stadt geworfen und sie einstweilen +zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes gegen Witichis +gemacht. +</p> + +<p> +In der schönen Villa, die sich Theoderich in einer Vorstadt +am Ufer des Arnus, aber noch in den Ringmauern +der Stadt, gebaut, hausten die beiden Brüder. +</p> + +<p> +Herzog Guntharis von Tuscien, der ältere, war ein +gefürchteter Kriegsmann und seit Jahren Graf der Stadt +Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen die Güter des +mächtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und +Hintersassen bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und +Landschaft war ohne Schranken und Herzog Guntharis +war entschlossen, sie völlig zu gebrauchen. +</p> + +<p> +In voller Rüstung, den Helm auf dem Haupt, schritt +der stattliche Mann unwillig durch das marmorgetäfelte +Zimmer, indes der jüngere Bruder in schmucker Feiertracht, +ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem Citrustisch +lehnte, der von Briefen und Pergamenten bedeckt war. +</p> + +<p> +»Entschließe dich, mach’ vorwärts, mein Junge!« sprach +Guntharis: »es ist mein letztes Wort. Noch heute bringst +du mir das Ja des störrigen Kindes oder ich – hörst +du? – ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe +ihr. Ich weiß besser als du umzuspringen mit einem +launischen Mädchenkopf.« +</p> + +<p> +»Bruder, das wirst du nicht.« +</p> + +<pb n='75'/><anchor id='Pg075'/> + +<p> +»Beim Donner, das werd’ ich. Meinst du, ich wage +meinen Kopf, ich versäume das Glück unsres Hauses um +deine schmachtende Zartheit? Jetzt oder nie ist der Augenblick, +den Wölsungen endlich die erste Stelle im Volk zu +schaffen, die ihnen gebührt und von der Amaler und Balten +sie seit Jahrhunderten ausgeschlossen. Wird die letzte +Amalungentochter dein Weib, kann niemand dir die Krone +bestreiten: und mein Schwert soll sie schon schützen auf +deinem Haupt gegen diesen Bauernkönig Witichis. +</p> + +<p> +Aber nicht zu lange mehr darf’s währen. Ich habe +noch keine Nachricht von Ravenna: doch ich fürchte, die +Stadt wird nur Mataswintha, nicht uns, zufallen, das +heißt, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien, +nachdem Neapolis und Rom verloren: die mächtige Festung +müssen <hi rend='gesperrt'>wir</hi> haben. Deshalb muß sie dein Weib sein, eh’ +wir vor die Rabenmauern ziehen: sonst wird ruchbar, daß +sie mehr unsre Gefangene als unsre Königin.« +</p> + +<p> +»Wer wünscht das mehr, heißer als ich? aber ich kann +sie doch nicht zwingen?« – »Nicht? warum nicht? Suche +sie auf und gewinne sie im guten oder bösen. Ich gehe, +die Wachen auf den Wällen zu verstärken. Bis ich zurück +bin, will ich Antwort!« +</p> + +<p> +Herzog Guntharis ging: und seufzend machte sich sein +Bruder nach dem Garten auf, Mataswintha zu suchen. +</p> + +<p> +Der Garten war von einem kunstverständigen Freigelassenen +aus Kleinasien angelegt. Er hatte im Hintergrund +einen waldähnlichen Abschluß, der, frei von Beeten +und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengrün noch +erhalten hatte. Diese blumigen Wiesenufer und dichte +Oleanderbüsche durchrieselte ein klarer Bach, mit anmutigem +Gewoge. +</p> + +<p> +Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase +hingegossen, lag eine jugendliche Frauengestalt. Sie hatte +<pb n='76'/><anchor id='Pg076'/>von dem rechten Arm das Gewand zurückgeschlagen und +schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den +nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie +vor sich hin und warf wie träumend hier und da ein +Veilchen oder einen Krokus in die Wellen, mit leise geöffneten +Lippen der Blüte nachsehend, die rasch die klaren +Wellen entführten. +</p> + +<p> +Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Mädchen +in maurischer Sklaventracht, eifrig beschäftigt, einen Kranz +fertig zu flechten, an welchem nur die letzten Verbindungen +fehlten: sorgsam spähte die anmutfeine Kleine manchmal, +ob die Träumende ihre heimliche Arbeit nicht gewahre. +</p> + +<p> +Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren. +</p> + +<p> +Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden +Augen drückte sie ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar +der Herrin und bog sich um ihre Schulter, deren Blick zu +suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie die Blumen +ihr Haupt berührten. Da ward die Kleine unwillig und +rief mit schmollend aufgeworfnen <anchor id="corr076"/><corr sic="Lippen.">Lippen:</corr> »Aber Herrin, +bei den Palmenwipfeln des Auras, was denkest du wieder? +Bei wem bist du?« +</p> + +<p> +Mataswintha schlug die leuchtenden Augen auf: »Bei +ihm!« flüsterte sie. +</p> + +<p> +»Weiße Göttin, das trag’ ich nicht mehr!« rief die +Kleine aufspringend, »es ist zu arg, die Eifersucht bringt +mich um! Nicht mich, deine Gazelle nur, auch die eigne +Schönheit vergißt du – über dem unsichtbaren Mann: +schau’ doch nur einmal in die Wellen und sieh, wie reizend +dein Haar von den dunkeln Veilchen und weißen Anemonen +sich <anchor id="corr076a"/><corr sic="hebt.">hebt.«</corr> +</p> + +<p> +»Dein Kranz ist schön!« sagte Mataswintha, ihn +herunterlangend und dann leicht in die Wellen werfend, +»welch’ süße Blumen! Grüßt ihn von mir.« +</p> + +<pb n='77'/><anchor id='Pg077'/> + +<p> +»Ach, meine armen Blumen!« rief die Sklavin, ihnen +nachblickend; aber sie wagte nicht, weiter zu schelten. »Sag’ +mir nur,« rief sie, sich wieder niederlassend, »wie all’ +dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele Tage, wir +wissen nicht recht, Königin oder Gefangne? Jedenfalls in +fremder Gewalt: haben den Fuß nicht aus deinem Gemach +oder diesem hochummauerten Garten gesetzt und wissen nichts +von der ganzen Welt. Du aber bist immer still und selig, +als müßte das alles so sein.« +</p> + +<p> +»Es muß auch alles so sein.« +</p> + +<p> +»So? und wie wird es enden?« +</p> + +<p> +»Er wird kommen und wird mich befreien.« +</p> + +<p> +»Nun, Weißlilie! du hast einen starken Glauben. +Wären wir daheim im Mauretanierland und sähe ich dich +Nachts zu den Sternen blicken, so sagte ich wohl: du habest +das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich begreife +das nicht« – und sie schüttelte die schwarzen Locken – +»ich werde dich nie begreifen.« +</p> + +<p> +»Doch, Aspa! du wirst und sollst,« sprach Mataswintha +sich aufraffend, und zärtlich den weißen Arm um den +braunen Nacken schlingend, »deine treue Liebe verdient +längst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe.« +</p> + +<p> +In der Sklavin dunkles Auge trat eine Thräne. »Lohn?« +sprach sie. »Aspa ward geraubt von wilden Männern mit +roten, fliegenden Locken. Aspa ist eine Sklavin. Alle +haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich gekauft +wie man eine Blume kauft. Und du streichelst mir Wange +und Haar. Und bist so schön wie die Göttin der Sonne +und sprichst von Lohn?« Und sie schmiegte das Köpfchen +an der Herrin Busen. +</p> + +<p> +»Du bist meine Gazelle!« sagte diese »und hast ein +Herz wie Gold. Du sollst alles wissen, was niemand weiß, +außer mir. Höre also. Ich hatte eine Kindheit ohne +<pb n='78'/><anchor id='Pg078'/>Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge Seele +nach Weichheit, nach Liebe. Meine arme Mutter hatte +einen Knaben, einen Thronerben heiß gewünscht und sicher +erwartet: – und mit Widerwillen, mit Kälte und Härte +behandelte sie das Mädchen. Als Athalarich geboren war, +nahm die Härte ab, aber die Kälte nahm zu: dem Erben +der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich hätte +es nicht empfunden, hätte ich nicht in meinem weichen +Vater den Gegensatz gesehen: ich fühlte, wie auch er litt +unter der kalten Härte seiner Gattin: und oft drückte mich +der kranke Mann mit Seufzen, mit Thränen an die Brust. +</p> + +<p> +Und als er gestorben und begraben war, da war mir +alle Liebe in der Welt erstorben. Wenig sah ich Athalarich, +der von andern Lehrern und im andern Teil des +Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, +wenn sie mich zu strafen hatte. Und doch liebte ich sie so +sehr: und doch sah ich, wie meine Wärterinnen und Lehrerinnen +ihre eignen Kinder liebten, herzten und küßten: +und nach gleicher Wärme verlangte mit aller Macht +mein Herz. +</p> + +<p> +So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne +Sonnenlicht! +</p> + +<p> +Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab +meines Vaters Eutharich im stillen Königsgarten zu Ravenna. +Da suchte ich bei dem Toten die Liebe, die ich +bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Wärtern +entrinnen konnte, eilte ich dorthin, zu sehnen und zu +weinen. Und dies Sehnen wuchs, je älter ich ward: in +Gegenwart der Mutter mußte ich all’ meine Gefühle zusammenpressen: +sie verachtete es, wenn ich sie zeigte. +</p> + +<p> +Und wie ich vom Kind zum Mädchen heranwuchs, +merkte ich wohl, daß die Augen der Menschen oft wie +bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie bedauerten +<pb n='79'/><anchor id='Pg079'/>mich: und das that mir weh. Und öfter und öfter flüchtete +ich zum Grabe des Vaters, bis es der Mutter gemeldet +ward: und ich ward verklagt, daß ich dort weinte und +ganz verstört zurückkäme. +</p> + +<p> +Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab +wieder zu besuchen: und sprach von verächtlicher Schwäche. +</p> + +<p> +Aber dawider empörte sich mein Herz und ich besuchte +das Grab trotz dem Verbot. Da überraschte sie mich einst +daselbst: und schlug mich: und ich war doch kein Kind +mehr: und führte mich in den Palast zurück: und schalt +mich schwer: und drohte, mich zu verstoßen für immer: +und fragte im Scheiden zürnend den Himmel, warum er +sie mit einem solchen Kinde gestraft. +</p> + +<p> +Das war zu viel. +</p> + +<p> +Namenlos elend beschloß ich, dieser Mutter zu entrinnen, +der ich zur Strafe leben sollte, und davonzugehen, +wo mich niemand kennte: ich wußte nicht wohin: +am liebsten in das Grab zu meinem Vater. +</p> + +<p> +Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, +ich eilte nochmals an das geliebte Grab zu langem thränenreichem +Abschied. Schon gingen die Sterne auf: da huschte +ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch die +dunkeln Straßen der Stadt an das faventinische Thor. +Glücklich schlüpfte ich an der Wache vorbei ins Freie und +lief nun eine Strecke auf der Straße fort, gradaus in die +Nacht, ins Elend. +</p> + +<p> +Aber auf der Straße kam mir entgegen ein Mann im +Kriegsgewand. Als ich an ihm vorüber wollte, schritt er +plötzlich heran, sah mir ins Antlitz und legte die Hand +leicht auf meine Schulter: »Wohin, Jungfrau Mataswintha, +allein, in so später Nacht?« +</p> + +<p> +Ich erbebte unter seiner Hand, Thränen brachen aus +<pb n='80'/><anchor id='Pg080'/>meinen Augen und schluchzend rief ich: »In die Verzweiflung!« +</p> + +<p> +Da faßte der Mann meine beiden Hände und sah mich +an, so freundlich, so mild, so besorgt. Dann trocknete er +meine Thränen mit seinem Mantel und sprach in weichem +Ton der tiefsten Güte: »Und warum? Was quält dich so?« +</p> + +<p> +<anchor id="corr080"/><corr sic="»Mir">Mir</corr> ward so weh und wohl ums Herz beim Klange +dieser Stimme. Und wie ich in sein mildes Auge sah, +war ich meiner selbst nicht mehr mächtig. »Weil mich die +eigne Mutter haßt, weil’s keine Liebe für mich giebt auf +Erden.« – »Kind! Kind! Du bist krank,« sagte er, »und +redest irr. Komm, komm mit mir zurück! Du? warte +nur! du wirst noch eine Königin der Liebe werden.« +</p> + +<p> +<anchor id="corr080a"/><corr sic="»Ich">Ich</corr> verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich +für diese Worte, diese Milde. Fragend, staunend, hilflos +sah ich ihm ins Auge. Ich bebte und zitterte. Es mußte +ihn rühren; oder er dachte, es sei die Kälte. +</p> + +<p> +Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um +meine Schultern und führte mich langsam zurück durchs +Thor, auf unbelebten Straßen, durch die Stadt nach dem +Palast. +</p> + +<p> +Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte +ich ihm, das Haupt, das er mir sorglich verhüllte, an +seine Brust gelehnt. Er schwieg und trocknete mir nur +manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte, gelangten +wir an die Thüre der Palasttreppe: er öffnete sie, +schob mich sanft hinein: dann drückte er mir die Hand. +»Gut sein,« sagte er, »und ruhig. Dein Glück wird dir +schon kommen. Und Liebe genug.« Und er legte leise +die Hand auf mein Haupt, schloß die Thüre hinter mir +und stieg die Treppe hinab. +</p> + +<p> +Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Thür und +konnte nicht fort. Mein Fuß versagte, mein Herz pochte. +</p> + +<pb n='81'/><anchor id='Pg081'/> + +<p> +Da hört’ ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach: +</p> + +<p> +»Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schloß, +mein Freund?« Er aber antwortete: »Du bist’s, Hildebrand? +Du verrätst sie nicht! Es war das Kind Mataswintha: +sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, +und fürchtete den Zorn ihrer Mutter.« – »Mataswintha!« +sprach der andre, »die wird täglich schöner.« Und mein +Beschützer sprach« – und sie stockte und flammend Rot +schoß über ihre Wangen ... – +</p> + +<p> +»Nun,« fragte Aspa, sie groß ansehend, »was sagte er?« +</p> + +<p> +Aber Mataswintha drückte Aspas Köpfchen nieder an +ihre Brust. »Er sagte,« flüsterte sie – »er sagte: – die +wird das schönste Weib auf Erden!« +</p> + +<p> +»Da hat er recht gesagt,« sprach die Kleine, »was +brauchst du da rot zu werden? Ist’s doch so! Nun aber +weiter! Was thatest du?« +</p> + +<p> +»Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Thränen +der Trauer, der Wonne, der Liebe, alles durcheinander. +In jener Nacht stieg eine Welt, ein Himmel in mir auf: +er war mir gut, das fühlte ich, und er nannte mich schön. +Ja, jetzt wußt’ ich es: ich war schön, und ich war selig +darüber: ich wollte schön sein: für ihn! O wie glücklich +war ich! seine Begegnung brachte Glanz in mein Dunkel, +Segen in mein Leben. Ich wußte jetzt, man konnte mir +gut sein, man konnte mich lieben! Sorglich pflegte ich des +Leibes, den er gelobt. Die süße Macht in meinem Herzen +breitete eine milde Wärme über mein ganzes Wesen: ich +ward weicher und inniger: und selbst der Mutter strenger +Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich, seit ich nur sanfte +Liebe ihrer Härte entgegengab: und täglich wurden alle +Herzen gütiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle. +</p> + +<p> +Und all’ das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht +in Schmach und Elend erspart und mir eine ganze Welt +<pb n='82'/><anchor id='Pg082'/>von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe ich nur für +ihn.« Und sie hielt inne und legte die Linke auf die +wogende Brust. +</p> + +<p> +»Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? +gesprochen? Lebt deine Liebe von so karger Kost?« +</p> + +<p> +»Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am +Todestage Theoderichs befehligte er die Palastwache, da +sagte mir Athalarich seinen Namen: denn nie hätte ich +gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, +ach, mein Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: +und wann er dort erscheinen mochte, war ich auf den +Villen.« +</p> + +<p> +»So weißt du weiter gar nichts von ihm, von seinem +Leben, von seiner Vergangenheit.« +</p> + +<p> +»Wie hätt’ ich forschen können! glühende Scham hätte +mich verraten! Lieb’ ist des Schweigens Tochter und der +Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer Zukunft weiß ich.« +</p> + +<p> +»Von eurer Zukunft?« lächelte Aspa. +</p> + +<p> +»An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun +und erhielt von König Theoderich fremde Kräuter und +Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen ließ und vom Nil. +Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafür, +daß sie ihm als Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt +hatte: und war alles eingetroffen aufs Haar: sie braute +Salben und mischte Tränke: »das Waldweib« nannte man +sie laut: aber leise: »die Wala, das Zauberweib«. Und +wir alle am Hof wußten – außer den Priestern, die +hätten es gewehrt – daß jede Sommersonnenwende, wann +sie kam, der König sich das Jahr vorhersagen ließ. Und +kam sie von ihm heraus, so riefen sie, das wußte ich, meine +Mutter und Theodahad und Gothelindis und fragten sie +aus: und nie blieb noch aus, was sie verkündet. +</p> + +<p> +Da, in der nächsten Sonnenwende, faßte auch ich mir +<pb n='83'/><anchor id='Pg083'/>ein Herz, lauerte der Alten auf und lockte sie, wie ich sie +allein fand, in mein Gemach und bot ihr Gold und lichte +Steine, wenn sie mir weissagen wollte. +</p> + +<p> +Aber sie lachte und zog ein Fläschchen von Bernstein +hervor und sprach: »Nicht um Gold! Aber um Blut! Um +mächtig Blut von einem reinen Königskind.« +</p> + +<p> +Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing +den Strahl in ihrem Bernstein. Dann sah sie forschend +in meine beiden Hände und sang endlich tonlos: »Den +du hältst im Herzen hoch, der giebt dir größten Glanz und +größtes Glück, schafft dir allerschärfsten Schmerz, wird +dein Gemahl, dein Gatte nicht.« Und damit war sie +hinaus.« +</p> + +<p> +»Das ist wenig tröstlich: – soviel ich’s fasse.« +</p> + +<p> +»Du kennst der Alten Sprüche nicht: sie sind alle so +dämmerdunkel: sie fügt jeder Verheißung eine Drohung +bei, für alle Fälle: ich aber halte mich an das Helle, nicht +an das Dunkle. Weissagung erfüllt sich, wie man sie faßt: +ich weiß: er wird mein und bringt mir Glanz und Glück: +den Schmerz daneben will ich tragen: Schmerz um ihn ist +Wonne.« +</p> + +<p> +»Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und +auf den Spruch der Hexe hin hast du ausgeschlagen all’ +die Könige und Fürsten, vom Vandalen- und Westgoten-, +Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst +Germanus, den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? +und harrst auf ihn?« +</p> + +<p> +»Und harr’ auf ihn! Aber nicht des Spruches allein +wegen. In meinem Herzen lebt ein Vögelein, das singt +mir alle Tage: »er wird dein, er muß dein werden.« Ich +weiß es sternengewiß,« schloß sie, das Auge zum Himmel +aufschlagend und in die frühere Träumerei versinkend. +</p> + +<p> +Rasche Schritte tönten von der Villa her. »Ah,« rief +<pb n='84'/><anchor id='Pg084'/>Aspa, »dein schmucker Freier! Armer Arahad, du verlierst +deine Mühe!« +</p> + +<p> +»Ich will dem Spiel ein Ende machen heut’!« sprach +Mataswintha, sich erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren +Augen lag jetzt eine zornige Strenge, die das Blut der +Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine seltsame +Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender +Weichheit in dem Mädchen. Aspa staunte oft über das +verhaltne Feuer in ihrer Herrin. »Du bist wie die Götterberge +in meiner Heimat,« sagte sie: »Schnee auf dem +Gipfel: Rosen um den Gürtel: aber im Innern versengendes +Feuer: das oft über Schnee und Rosen strömt.« +</p> + +<p> +Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und +neigte sich vor dem schönen Weibe mit einem Erröten, das +ihm wohl anstand. »Ich komme,« sagte er, »Königin ...« – +</p> + +<p> +Aber herb unterbrach sie ihn. »Hoffentlich, Graf von +Asta, kommst du, endlich diesem schnöden Spiel von Gewalt +und Lüge ein Ende zu machen. +</p> + +<p> +Nicht länger will ich’s tragen. Dein kecker Bruder +überfällt mich plötzlich, die wehrlose, in die Trauer um +ihre Mutter versunkene Waise, in meinen Gemächern, nennt +mich in einem Atem seine Königin und seine Gefangene +und hält mich wochenlang in unwürdiger Haft. Er bringt +mir den Purpur und nimmt mir die Freiheit. Darauf +kommst du und verfolgst mich mit deiner eiteln Werbung, +die dich nie zum Ziele führt. Ich habe dich verschmäht +in der Freiheit: glaubst du, gefangen, in deiner Zwanggewalt, +wird dich, du Thor, das Kind der Amaler erhören? +Du schwörst, du liebest mich? Wohlan, so achte +mich. Ehre meinen Willen, laß mich frei. Oder zittre, +wenn mein Befreier naht.« Und drohend trat sie auf den +Bestürzten zu, der keine Worte finden konnte. +</p> + +<pb n='85'/><anchor id='Pg085'/> + +<p> +Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntharis herbei, +mit funkelnden Augen. +</p> + +<p> +»Auf, Arahad,« rief er, »komm zu Ende. Wir müssen +fort, sogleich. Er naht, er dringt mit Macht heran.« – +»Wer?« fragte Arahad hastig. – »Er sagt, er kommt sie +zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernkönig, und unsre +Vorposten geschlagen bei Castrum Sivium.« +</p> + +<p> +»Wer?« fragte jetzt Mataswintha eifrig. +</p> + +<p> +»Nun,« antwortete Guntharis zornig, »jetzt magst du’s +erfahren: es ist doch nicht mehr zu bergen: Graf Witichis +von Fäsulä.« +</p> + +<p> +»Witichis!« hauchte Mataswintha mit leuchtenden Augen +und hochaufatmend. +</p> + +<p> +»Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht +des Adels vergessend, zum König der Goten erhoben.« +</p> + +<p> +»Er! er mein König!« sprach Mataswintha wie im +Traume. +</p> + +<p> +»Ich hätte dir’s gesagt, schon da ich dich als Königin +begrüßte; aber in deinem Gemach stand seine Marmorbüste, +bekränzt. Das war mir verdächtig. Später sah +ich’s: es war ein Zufall: es ist ein <anchor id="corr085"/><corr sic="Areskopf.">Areskopf.«</corr> +</p> + +<p> +Mataswintha schwieg und suchte die glühende Röte zu +verbergen, die ihr Antlitz überflog. +</p> + +<p> +»Nun,« rief Arahad, »was ist zu thun?« +</p> + +<p> +»Wir müssen fort. Wir müssen ihm zuvorkommen in +Ravenna. Florentia, die Feste, hält ihn eine Weile auf: +indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du Beilager +gehalten in der Burg Theoderichs mit dessen Enkelin, ist +alles Volk der Goten unser. Auf, Königin! Ich lasse +deinen Wagen schirren: in einer Stunde gehst du nach +Ravenna in der Mitte unsrer Scharen.« Und die Brüder +eilten hinweg. +</p> + +<p> +Blitzenden Auges sah ihnen Mataswintha nach: +</p> + +<pb n='86'/><anchor id='Pg086'/> + +<p> +»Ja, führt mich fort, gefangen und gebunden; wie der +Adler aus der Höhe wird mein König auf euch niederstoßen +und mich retten aus eurer Gewalt. Komm, Aspa, +der Befreier naht.« +</p> +</div><div type="kapitel" n="10"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zehntes Kapitel.</head> + +<p> +Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Rücken +gewendet, so berief Papst Silverius – es war am Tage +nach seinem Eide – die Spitzen der Priesterschaft, des +Adels, der Beamten und der Bürgerschaft der Stadt in +die Thermen des Caracalla zu einer Beratung über Heil +und Gedeihen der Stadt des heiligen Petrus. Auch Cethegus +war geladen und erschienen. +</p> + +<p> +Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, +da endlich die Stunde gekommen sei, das Joch der +Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an Belisarius, den +Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian, des einzig +rechtmäßigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schlüssel +der ewigen Stadt zu überreichen und ihm und seinem +Heere den Schutz der Kirche und der Gläubigen gegen die +Rache der Barbaren zu empfehlen. +</p> + +<p> +Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters +und eines ehrlichen Schmiedemeisters wegen des gestern +geleisteten Eides beseitigte er lächelnden Mundes mit der +Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu binden, so +zu lösen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, +unter deren Eindruck sie den Schwur geleistet. Darauf +ging der Antrag einstimmig durch: und der Papst selbst, +Scävola, Albinus und Cethegus wurden als die Gesandten +gewählt. +</p> + +<pb n='87'/><anchor id='Pg087'/> + +<p> +Aber Cethegus widersprach: schweigend hatte er die +Verhandlung mit angehört und sich der Abstimmung enthalten: +jetzt stand er auf und sprach: »Ich bin gegen den +Beschluß. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb +apostolische Lösungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. +Denn ich habe nicht geschworen. Aber um der Stadt +willen. Das heißt: uns ohne Not dem gerechten Zorn +der Goten aussetzen, die wohl einmal wiederkommen +können und dann solch offnen Abfall nicht mit apostolischer +Lösung entschuldigen werden. Laßt uns gebeten oder gezwungen +werden von Belisar: wer sich wegwirft, wird mit +Füßen getreten.« +</p> + +<p> +Silverius und Scävola tauschten bedeutsame Blicke. +</p> + +<p> +»Solche Gesinnung,« sprach der Jurist, »wird dem +Feldherrn des Kaisers gewiß sehr gefallen, kann aber an +dem Beschluß nichts ändern. Du gehst also nicht mit uns +zu Belisar?« +</p> + +<p> +Cethegus stand auf: »Ich gehe zu Belisar. Aber nicht +mit euch,« sagte er und ging hinaus. +</p> + +<p> +Als die übrigen die Thermen verlassen, sprach der +Papst zu Scävola: »Das giebt ihm den Rest. Er hat sich +vor Zeugen gegen die Übergabe erklärt!« – »Und er geht +selbst in die Höhle des Löwen.« – »Er soll sie nicht +mehr verlassen. Du hast doch die Anklageakte aufgesetzt?« +– »Schon längst. Ich fürchtete, er werde die Gewalt +in der Stadt an sich reißen: und er geht selbst zu Belisar! +Er ist verloren, der Stolze.« – »Amen!« sagte +Silverius. »Und so mag jeder untergehen, der in weltlichem +Trachten dem heiligen Petrus widerstreitet. Übermorgen +um die vierte Stunde machen wir uns auf.« +</p> + +<p> +Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der +Stolze noch nicht untergehen. +</p> + +<p> +Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der +<pb n='88'/><anchor id='Pg088'/>gallische Reisewagen angeschirrt seiner wartete. »Gleich +brechen wir auf,« rief er dem Sklaven zu, der auf dem +vordersten Rosse saß, »ich hole nur mein Schwert.« +</p> + +<p> +Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig +erwarteten. »Heut’ kam der Tag,« rief ihm Lucius entgegen, +»auf den du uns solang vertröstet!« – »Wo ist +die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser Geschick, +unsre Treue?« fragte Marcus. – »Geduld!« sprach +Cethegus mit erhobenem Zeigefinger und schritt in sein +Gemach. +</p> + +<p> +Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere +Pergamente unterm linken Arm, eine versiegelte Rolle in +der Rechten: sein Auge leuchtete: »Ist das äußerste Eisenthor +der Moles Hadriani fertig?« fragte er. – »Fertig,« +sprach Lucius Licinius. – »Ist das Getreide aus Sicilien +in dem Kapitol geborgen?« – »Geborgen.« – »Sind die +Waffen verteilt und die Schanzen am Kapitol vollendet, +wie ich befahl?« – »Vollendet,« antwortete Marcus. – +»Gut. Nehmt diese Rolle. Entsiegelt sie morgen, sowie +Silverius die Stadt verlassen, und erfüllt jedes ihrer +Worte genau. Es gilt nicht nur mein Leben und das +eure –: es gilt Rom! Die Stadt Cäsars wird eure +Thaten sehen. Geht: auf Wiedersehen!« +</p> + +<p> +Und aus seinen Augen sprühte Feuer in die Herzen +der jungen Römer. – »Du sollst zufrieden sein!« – »Du +und Cäsar!« riefen sie und eilten hinweg. Mit einem +Lächeln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit +spielte, sprang Cethegus in seinen Wagen. »Heiliger +Vater,« sagte er zu sich selbst, »ich bin noch in deiner +Schuld für die letzte Versammlung in den Katakomben: +ich will sie zahlen! – Die Via latina hinab!« rief er +rasch dem Sklaven zu, »und laß die Rosse jagen, was sie +können.« +</p> + +<pb n='89'/><anchor id='Pg089'/> + +<p> +Der Präfekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem +Tag vor der langsamer reisenden Gesandtschaft. Und er +nutzte ihn wohl. +</p> + +<p> +Er hatte in seinem unermüdlichen Geist einen Plan +ersonnen, trotz Belisars Landung in Italien, doch in Rom +Herr und Meister zu bleiben. Und er ging jetzt mit all +seiner Umsicht an die Ausführung. +</p> + +<p> +Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten +der Byzantiner bei Capua traf, deren Führer, <anchor id="corr089"/><corr sic="Johannes">Johannes,</corr> +ihn durch einige Reiter und seinen eignen jüngeren Bruder, +Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten ließ. Im +Lager angekommen fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, +sondern ließ sich sofort nach dem Zelt des Rechtsrats +Prokopius von Cäsarea führen. +</p> + +<p> +Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der +Juristenschule gewesen: und die beiden bedeutenden Geister +hatten sich mächtig angezogen. Aber nicht die Wärme der +Freundschaft führte den Präfekten vor allem zu diesem +Mann: dieser Mann war der beste Kenner von Belisars +ganzer politischer Vergangenheit, wohl auch der Vertraute +seiner Pläne für die Zukunft. +</p> + +<p> +Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius. +</p> + +<p> +Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, +einer von den wenigen Gelehrten jener Zeit, +denen die gekünstelte Bildung in den Rhetorenschulen nicht +die Fähigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu fühlen, +unter den Schnörkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt +hatte. Heller Verstand lag auf der offnen Stirn und in +dem noch jugendlich leuchtenden Auge glänzte die Freude +an allem Guten. +</p> + +<p> +Nachdem Cethegus Staub und Mühsal der Reise in +einem sorgfältigen Bad abgespült, machte sein Wirt, ehe +er ihn zur Abendtafel in sein Zelt führte, mit ihm die +<pb n='90'/><anchor id='Pg090'/>Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der wichtigsten +Truppenteile, der bedeutendsten Heerführer weisend und mit +ein paar Worten deren Eigenart, Verdienste und oft bunt +zusammengesetzte Vergangenheit erläuternd. +</p> + +<p> +Da waren die Söhne des rauhen Thrakiens, Constantinus +und Bessas, die sich aus rohem Söldnerhandwerk +emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne Bildung, +mit dem ganzen Eigendünkel selbstgemachter Männer: – +sie betrachteten sich als Belisars unentbehrliche Stützen und +ihn vollersetzende Nachfolger. +</p> + +<p> +Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem +Königsgeschlecht der Iberier, der feindlichen Nachbarn der +Perser, der aus Haß gegen die persischen Überwinder Vaterland +und Hoffnung des Thrones aufgegeben und Dienste +in des Kaisers Heer genommen hatte. +</p> + +<p> +Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene +Führer der Reiterei, Paulus, Demetrius, Ursicinus, die +Führer des Fußvolks, Ennes, der isaurische Häuptling und +Heerführer der Isaurier Belisars, Aigan und Askan, die +Führer der Massageten, Alamundarus und König Abocharabus, +die Saracenen, Ambazuch und Bleda, die Hunnen, +Arsakes, Amazaspes und Artabanes, die Armenier – der +Arsakide Phaza war mit dem Rest der Armenier in Neapolis +zurückgelassen werden – Azarethas und Barasmanes, die +Perser, Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle +kannte und nannte Prokopius, karg sein Lob, reichlich und +mit Behagen spitzen, aber geistvollen Tadel spendend. +</p> + +<p> +Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, +des friedlichen Städteverbrenners, zur Rechten, da fragte +Cethegus, stehen bleibend: »Und wessen ist das Seidenzelt +dort auf dem Hügel, mit den goldnen Sternen und dem +Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?« +</p> + +<p> +»Dort,« sprach Prokop, »wohnt seine unüberwindliche +<pb n='91'/><anchor id='Pg091'/>Köstlichkeit, des römischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, +Prinz Areobindos, den Gott erleuchte.« +</p> + +<p> +»Des Kaisers Neffe, nicht?« +</p> + +<p> +»Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: +sein höchstes und einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet +mit der Kaisergarde, uns zu ärgern und dafür zu +sorgen, daß wir nicht so leicht siegen. Er ist Belisarius +gleichgestellt, versteht vom Krieg sowenig, wie Belisar von +den Purpurschnecken, und soll Statthalter von Italien +werden.« +</p> + +<p> +»So,« sprach Cethegus. +</p> + +<p> +»Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur +Rechten Belisars haben. Wir gaben nicht nach. Zum +Glück hat Gott in seiner Allweisheit jenen Hügel zur +Lösung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier +aufgeworfen: nun lagert der Prinz zwar links, aber höher +als Belisarius.« – »Und wessen sind die bunten Zelte dort, +hinter Belisars Quartier? Wer wohnt darin?« – »Dort,« +seufzte Prokop, »ein sehr unglückliches Weib: Antonina, +Belisars Gemahlin.« – »Sie unglücklich? die Gefeierte, +die zweite Kaiserin? warum?« – »Davon ist nicht gut +reden in offner Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der +Wein wird genug gekühlt sein.« +</p> +</div><div type="kapitel" n="11"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Elftes Kapitel.</head> + +<p> +Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts +um einen niedern Bronzetisch von durchbrochner +Arbeit gelegt, den Cethegus lobte. +</p> + +<p> +»Das ist ein afrikanisches Beutestück aus dem +<pb n='92'/><anchor id='Pg092'/>Vandalenkrieg: ich nahm es aus Karthago mit. Und +diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des Perserkönigs: +ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara.« +</p> + +<p> +»Du bist mir ein praktischer Gelehrter!« lächelte Cethegus. +»Wie bist du so anders geworden seit den Tagen +von Athen.« +</p> + +<p> +»Das will ich hoffen!« sprach Prokop und zerschnitt +selbst – er hatte die aufwartenden Sklaven entfernt – +die dampfende Hirschkeule vor ihm. »Du mußt wissen: +ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser +werden. Drei Jahre hörte ich die Platoniker, die Stoiker, +die Akademiker zu Athen, – und studirte mich krank und +dumm. Auch blieb es nicht bei der Philosophie. Nach +löblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts mußte auch +die Theologie beigezogen werden: und ein weiteres Jahr +hatte ich darüber nachzudenken, ob Christus, als Gott +Vater, zugleich seiner eignen jungfräulichen Mutter Vater, +also sein eigner Großvater sei. Nun, über all’ diesen Studien +drohte mir mein von Natur gar nicht zu verachtender +Verstand abhanden zu kommen. +</p> + +<p> +Zum Glück ward ich sterbenskrank und die Ärzte verboten +mir Athen und alle Bücher. Sie schickten mich nach +Kleinasien. Ich rettete nur einen Thukydides in meinen +Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich. +</p> + +<p> +Ich las und las in der Langeweile der Reise seine +herrliche Geschichte von der Hellenen Thaten in Krieg und +Frieden: und nun bemerkte ich mit Staunen, daß der +Menschen Thun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre +Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und +denkwürdiger seien als alle Formeln und Figuren heidnischer +Logik – von der christlichen Logik vollends zu +schweigen! +</p> + +<p> +Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die +<pb n='93'/><anchor id='Pg093'/>Straßen schlenderte, kam plötzlich über mich eine wunderbare +Erleuchtung. Denn ich wandelte über einen großen +Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: +und war erbaut auf den Trümmern des alten Dianatempels. +Und zur Linken stand ein zerfallner Altar der +Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden. +</p> + +<p> +Da ergriff mich plötzlich der Gedanke: »Die alle +glaubten und glauben nun steif und fest, sie allein wüßten +das Rechte von dem höchsten Wesen. +</p> + +<p> +Und das ist doch unmöglich: das höchste Wesen hat, +wie es scheint, gar kein Bedürfnis, von uns erkannt zu +werden – ich hätte es auch nicht, an seiner Statt! – +und es hat die Menschen geschaffen, daß sie leben, tüchtig +handeln und sich wacker umtreiben auf Erden. Und dies +Leben, Handeln, Genießen und Sichumtreiben ist eigentlich +alles, worauf es ankömmt. Und wenn einer forschen und +denken will, so soll er der Menschen Leben und Treiben +erforschen.« +</p> + +<p> +Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: +ein glänzender Reiterzug trabte heran: an seiner +Spitze ein herrlicher Mann auf einem Rotscheck, schön +und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten +und die Fahnen flogen und die Rößlein sprangen. Und +ich dachte mir: »Die wissen, warum sie leben: und brauchen +keinen Philosophen darum zu fragen.« +</p> + +<p> +Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, +schlug mich ein Bürger von Ephesos auf die Schulter +und sprach: »Ihr scheint nicht zu wissen, wer das war, +und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius, der +zieht in den Perserkrieg.« – »Gut,« sagte ich, »Freund! +Und ich ziehe mit!« Und so geschah’s zur selben Stunde. +</p> + +<p> +Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat +und Geheimschreiber. Und seither habe ich einen doppelten +<pb n='94'/><anchor id='Pg094'/>Beruf: bei Tage mach’ ich Weltgeschichte oder helfe sie +machen: und bei Nacht schreibe ich Weltgeschichte.« – »Und +welches ist deine bessere Arbeit?« – »Freund, leider das +Schreiben! Und das Schreiben wäre noch besser, wenn die +Geschichte besser wäre. Denn ich bin meistens gar nicht +einverstanden mit dem was wir thun: und thu’s nur mit, +weil’s doch besser ist, als gar nichts thun oder philosophieren. +Bringe den Tacitus, Sklave!« rief er zur Zeltthür +hinaus. +</p> + +<p> +»Den Tacitus?« +</p> + +<p> +»Ja Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. +Du mußt wissen: ich nenne meine Weine je nach +ihrer geschichtlichen Eigenart. – Zum Beispiel dieses lärmende +Stück Weltgeschichte, das wir hier aufführen, dieser +Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat +ganz recht, erst sollten wir die Perser abwehren, eh wir +die Goten angreifen.« +</p> + +<p> +»Narses! was treibt mein kluger Freund?« +</p> + +<p> +»Er beneidet Belisar und läßt sich’s selbst nicht merken. +Außerdem macht er Kriegs- und Schlachtenpläne. Ich +wette, er hatte Italien schon erobert ehe wir landeten.« +</p> + +<p> +»Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher +Geist. Warum ziehst du Belisar vor?« +</p> + +<p> +»Das will ich dir sagen,« sprach Prokop, den Tacitus +einschenkend. »Mein Unglück ist, daß ich nicht Geschichtschreiber +Alexanders oder Scipios geworden. Mein ganzes +Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie – und Theologie! – +genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, +mit Fleisch und Blut. Da widern mich diese spindeldürren +Kaiser und Bischöfe und Feldherrn an, die alles mit dem +Verstand erklügeln; wir sind ein verkrüppeltes Geschlecht +geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur Belisarius, +der Biedre, ist noch ein Heros, wie aus der alten Zeit. +<pb n='95'/><anchor id='Pg095'/>Er könnte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er ist nicht +dumm; er hat Verstand; aber nur den Naturverstand des +edeln, wilden Tieres zu seinem Beutefang, zu seinem Handwerk. +Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft! +</p> + +<p> +Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust +und seinen blitzenden Augen und den mächtigen Schenkeln, +mit denen er die stärksten Hengste zwingt. Und mich +freut’s, wenn ihm manchmal die blinde Lust, dreinzuschlagen, +durch alle seine Feldherrnpläne braust. Mich +freut’s, wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die +Feinde jagen sehe und kämpfen, wie ein schäumender +Eber haut. +</p> + +<p> +Freilich, sagen darf ich’s ihm nicht, daß mir das +gefällt; denn sonst wär’s nicht auszuhalten: in drei Tagen +wär’ er in Stücke gehauen. Im Gegenteil; ich halte ihn +zurück: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt. Und er +läßt sich meine Verständigkeit gefallen, weil er weiß, daß +sie nicht Feigheit ist. Hab’ ich ihn doch mehr als einmal +mit meiner Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen +müssen, in die ihn der Trotz seines Heldentums gebracht! +Die lustigste dieser Geschichten ist die von Horn und Tuba.« +</p> + +<p> +»Welche von beiden bläsest du, o mein Prokopius?« +</p> + +<p> +»Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife +des Spottes!« +</p> + +<p> +»Aber was war’s mit Horn und Trompete?« +</p> + +<p> +»Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das +wir haben mußten, weil es die Straße beherrscht. Wir +hatten uns aber schon mehrmals unsere heroischen Köpfe +übel daran zerstoßen: und mein zorniger Herr schwor »bei +dem Schlummer Justinians« –, das ist nämlich sein +höchstes Heiligtum – er werde nie vor dieser Burg +Anglon zum Rückzug blasen lassen. Nun wurden aber +unsre Vorposten sehr oft aus der Festung überfallen: wir, +<pb n='96'/><anchor id='Pg096'/>im hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer aus der +Burg brechen sehen, nicht aber konnten das unsre Vorposten +am Fuße des Berges. Ich riet nun, daß wir vom +Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum Rückzug geben +lassen sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen. +</p> + +<p> +Aber da kam ich übel an! +</p> + +<p> +Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, +daß man an einem darauf geleisteten Schwur nicht makeln +dürfe! Und so mußten sich denn unsre armen Burschen +von den Persern unversehens überrumpeln lassen! Bis ich +auf den scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, +er solle, um die Unsern zum Rückzug zu mahnen, +das Angriffszeichen mit dem Horn, statt mit der Tuba, +blasen lassen. +</p> + +<p> +Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius. +</p> + +<p> +Und wenn wir nun lustig die Hörner zum Angriff +schmettern ließen, liefen unsre Leute schleunigst wie geschreckte +Hasen davon! Es war zum Todlachen, jene mutigen +Klänge so schnöde wirken zu sehen! Aber es half: +Justinians Schlummer und Belisars Eid blieben ungeschwächt, +unsre Vorposten wurden nicht mehr abgeschlachtet +und das Felsnest fiel endlich. Also schelt’ ich ihn immer +spottend aus für seine Heroenthaten. Aber im stillen +erwärme und erfreue ich mein tiefstes Herz dran: er ist +der letzte Heros!« +</p> + +<p> +»Nun,« meinte Cethegus, »bei den Goten findest du +gar manchen solchen Schlagetot.« +</p> + +<p> +Prokop nickte bedächtig: »Kann auch nicht leugnen, daß +ich großes Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind +aber doch zu dumm.« +</p> + +<p> +»Wie? Warum?« +</p> + +<p> +»Dumm sind sie, daß sie, anstatt hübsch langsam, Schritt +für Schritt, im Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen +<pb n='97'/><anchor id='Pg097'/>Brüdern, sich gegen uns vorzuschieben – sie wären unaufhaltsam! +– in dieses Italien sich ohne allen Verstand +vereinzelt hereingedrängt haben, wie ein Stück Holz mitten +in einen glimmenden Herd. Daran werden sie untergehen: +sie werden verbrennen, du wirst es sehen.« – »Ich hoffe, +es zu sehen. Und was dann?« fragte Cethegus ruhig. +</p> + +<p> +»Ja,« antwortete Prokop verdrießlich, »was dann! +Das ist das Ärgerliche! Dann wird Belisar Statthalter +von Italien – denn mit dem Schneckenprinzen dauert es kein +Jahr – und er verliegt hier seine schönste Kraft, während +es Arbeit vollauf gäbe bei den Persern. Und ich werde +dann als sein Hofhistoriograph nur zu schreiben haben, +wie viele Schläuche Wein wir jährlich vertilgen.« +</p> + +<p> +»Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar +wieder fort haben aus Italien?« +</p> + +<p> +»Freilich! Im Perserland blühn seine Lorbeern und die +meinen! Ich sinne schon lange auf ein Mittel, ihn von +hier dann wieder fortzubringen.« +</p> + +<p> +Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen +Bundesgenossen für seinen Plan gefunden zu haben. »Und +so beherrscht also sein Verstand Prokopius den Löwen +Belisar,« sagte er laut. – »Nein!« seufzte Prokop, »vielmehr +sein Unverstand, sein Weib.« – »Antonina! Sage, weshalb +nanntest du sie unglücklich.« +</p> + +<p> +»Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur +hat sie zu einem braven, treuen Weib angelegt: und Belisar +liebt sie mit der vollen Kraft seiner Heroenseele. Da kam +sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schöne +Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie +Antonina zur Tugend. Die Cirkusdirne hat gewiß noch +nie einen Stachel des Gewissens empfunden. Aber ich +glaube, sie erträgt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer +nächsten Nähe zu haben, das sie verachten müßte. Sie +<pb n='98'/><anchor id='Pg098'/>ruhte nicht, bis es ihr gelungen, durch ihr höllisches Beispiel +Antoninas Gefallsucht zu wecken. Gewissensqual +empfindet diese über ihr Spiel mit ihren Verehrern: denn +sie liebt ihren Mann, sie betet ihn an.« +</p> + +<p> +»Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht +genügen?« – +</p> + +<p> +»Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, +bei all seiner Liebe. Sie konnt’ es nicht tragen, die Buhler +der Kaiserin in Versen, Blumen, Geschenken sich erschöpfen +zu sehen und selbst solcher Huldigung zu entbehren. Eitelkeit +ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht wohl +bei all dem Getändel.« +</p> + +<p> +»Und ahnt Belisar?« – +</p> + +<p> +»Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen römischen +Kaiserreich, der es nicht weiß, was ihn doch zumeist +angeht. Ich glaube, es wäre sein Tod. Und auch +deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter +von Italien werden. Im Lager, im Getümmel des +Krieges, da fehlen dem gefallsüchtigen Weib die Schmeichler +und auch die Muße, sie zu hören. Denn, gleichsam zur +freiwilligen Buße für jene süßen Verbrechen der heimlichen +Gedichte und Blumen – gröberer Schuld ist sie gewiß +nicht fähig – überbietet Antonina alle Frauen an Pflichtstrenge; +sie ist Belisars Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt +die Beschwerden und Gefahren des Meeres, der Wüste, des +Krieges mit ihm: sie arbeitet mit ihm Tag und Nacht, +wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre schönen Augen +liest! – Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen +seiner Feinde am Hofe zu Byzanz. Kurz, nur im Krieg, +im Lager thut sie gut, da wo auch seine Größe allein gedeiht.« +</p> + +<p> +»Nun,« sprach Cethegus, »weiß ich genug, wie die +Dinge hier stehen. Laß mich offen mit dir reden: du willst +<pb n='99'/><anchor id='Pg099'/>Belisar nach seinem Sieg aus Italien wieder fort haben; +ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du +weißt, ich war von jeher Republikaner ....« – – – +</p> + +<p> +Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen +Gast bedeutsam an: »Das sind alle jungen Leute zwischen +vierzehn und einundzwanzig Jahren. Aber daß du’s noch +bist – find’ ich – sehr – sehr – unhistorisch. Aus +diesem italischen Gesindel, unsern höchst liebwerten Bundesgenossen +gegen die Goten, willst du Bürger einer Republik +machen? Sie sind zu nichts mehr gut als zur Tyrannis!« +</p> + +<p> +»Ich will darüber nicht streiten!« lächelte Cethegus. +»Aber vor <hi rend='gesperrt'>eurer</hi> Tyrannis möcht ich mein Vaterland +bewahren.« +</p> + +<p> +»Kann dir’s nicht verdenken!« lächelte Prokop, »die +Segnungen unsrer Herrschaft sind – erdrückend!« +</p> + +<p> +»Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von +Byzanz genügt zunächst.« +</p> + +<p> +»Jawohl, und dieser würde Cethegus heißen!« +</p> + +<p> +»Wenn’s sein muß, – auch das!« +</p> + +<p> +»Höre,« sprach Prokop ernsthaft, »ich warne dich dabei +nur vor einem. Die Luft von Rom heckt stolze Pläne aus. +Man ist dort, als Herr von Rom, nicht gern der zweite +auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts +mehr mit der Weltherrschaft Roms.« +</p> + +<p> +Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung +König Theoderichs. »Historikus von Byzanz, meine römischen +Dinge kenne ich besser als du. Laß dich jetzt einweihen +in unsre römischen Geheimnisse; dann verschaffe mir +morgen früh, eh’ die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein +Gespräch mit Belisar und – sei eines großen Erfolges +gewiß.« Und nun begann er dem staunenden Prokop mit +raschen Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der jüngsten +<pb n='100'/><anchor id='Pg100'/>Vergangenheit und seine Pläne der Zukunft zu entwerfen, +sein letztes Ziel wohlweislich verhüllend. +</p> + +<p> +»Bei den Manen des Romulus!« rief Prokop, als er +geendet hatte. »Ihr macht noch immer Weltgeschichte an +dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe hast +du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; +darauf laß uns noch einen Krug herben Sallustius +leeren!« +</p> + +<p> +Früh am andern Tage vermittelte Prokop seinem +Freunde eine Unterredung mit Belisar, von welcher jener +sehr befriedigt zurückkam. +</p> + +<p> +»Nun, hast du ihm alles gesagt?« fragte der Historiker. +</p> + +<p> +»Nicht eben alles!« sprach Cethegus mit feinem Lächeln: +»man muß immer noch etwas zu sagen übrig behalten.« +</p> +</div><div type="kapitel" n="12"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Zwoelftes Kapitel."/> +<head>Zwölftes Kapitel.</head> + +<p> +Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung +erfüllt. +</p> + +<p> +Das Gerücht von der Ankunft des heiligen Vaters, +das seiner reich vergoldeten Sänfte voranflog, riß die Tausende +von Soldaten mit Kräften der Andacht, der Ehrfurcht, +des Aberglaubens, der Neugier aus ihren Zelten, von +Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. +Kaum, daß die Anführer die Mannschaft im Dienst und auf +den Wachen zurückhalten konnten; meilenweit waren ihm die +Gläubigen entgegengeeilt und geleiteten jetzt, mit Haufen des +Landvolks der Umgegend gemischt, seinen Zug ins Lager. +Längst hatten sich Bauern und Soldaten an der Eselinnen +Statt, die seine Sänfte trugen, eingespannt: – vergebens +<pb n='101'/><anchor id='Pg101'/>hatte sich die Bescheidenheit des Papstes dagegen gesträubt +– und unter unaufhörlichem Jubelruf: »Heil dem Bischof +von Rom, Heil dem heiligen Petrus!« wälzte sich der +Strom der Tausende heran, über die Silverius unermüdlich +Segen sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scävola +und Albinus, dachte kein Mensch. +</p> + +<p> +Belisar sah von seinem Zelthügel aus mit ernsten +Augen das mächtige Schauspiel. »Der Präfekt hat Recht!« +sprach er dann: »dieser Priester ist gefährlicher als die +Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, laß die byzantinische +Leibwache an meinem Zelt ablösen, sowie die Unterredung +beginnt: sie sind allzugute Christen. Laß die Hunnen +aufziehn und die heidnischen Gepiden.« +</p> + +<p> +Damit schritt er in sein Zelt zurück, wo er alsbald, +von seinen Heerführern umgeben, die römische Gesandtschaft +empfing. Den Prinzen Areobindos hatte Prokop von der +Notwendigkeit einer Rekognoscierung überzeugt, die nur +heute und nur von ihm vorgenommen werden konnte. +</p> + +<p> +Umwogt von einem glänzenden geistlichen Gefolge nahte +der Papst dem Feldherrnzelt. Große Massen Volkes drängten +nach, aber sowie der Papst mit Scävola und Albinus +die Mündung der engen Lagergasse hinter sich hatten, +sperrten die Wachen mit gefällten Lanzen den Weg und +ließen weder Priester noch Soldaten folgen. +</p> + +<p> +Lächelnd wandte sich Silverius zu dem Führer der +Schar und hielt ihm eine schöne Rede über den Text: +»lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret ihnen nicht.« +Aber der Germane schüttelte den zottigen Kopf und wandte +ihm den Rücken: der Gepide verstand kein Latein, außer +dem Kommando. +</p> + +<p> +Da lächelte Silverius wieder, segnete nochmals seine +Getreuen und schritt dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar +saß auf einem Feldsessel: darüber war eine Löwenhaut +<pb n='102'/><anchor id='Pg102'/>gebreitet: ihm zur Linken thronte die schöne Antonina auf +einem Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger +des heiligen Petrus einen Arzt und Helfer zu finden +gehofft. Aber bei dem Anblick der weltklugen Züge des +Silverius zog sich ihr Herz zusammen. +</p> + +<p> +Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes. +</p> + +<p> +Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu +und legte ihm – er mußte sich mühsam dazu aufrichten +– wie segnend beide Hände auf die Schultern. Er wollte +ihn leise niederdrücken auf die Kniee: – aber eichenfest +blieb der Feldherr aufrecht stehen: und Silverius mußte +dem Stehenden den Segen erteilen. +</p> + +<p> +»Ihr kommt als Gesandte der Römer?« begann Belisar. +</p> + +<p> +»Ich komme,« unterbrach Silverius, »im Namen des +heiligen Petrus, als Bischof von Rom dir und dem Kaiser +Justinian meine Stadt zu übergeben. Diese guten Leute,« +fuhr er fort, auf Scävola und Albinus weisend, »haben +sich mir angeschlossen wie die Glieder dem Haupt.« Unwillig +wollte Scävola einfallen, – so hatte er seinen Bund +mit der Kirche nicht verstanden! – aber Belisar winkte +ihm, zu schweigen. +</p> + +<p> +»Und so heiße ich dich willkommen in Italien und +Rom im Namen des Herrn. Ziehe ein in die Mauern +der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der Gläubigen +wider die Ketzer! Erhöhe dort den Namen des +Herrn und das Kreuz Jesu Christi und vergiß nie, daß +es die heilige Kirche war, die dir die Wege gebahnt und +die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum +Werkzeug gewählt, die Goten in thörichte Sicherheit zu +wiegen und blinden Auges aus der Stadt zu führen: ich +bin es gewesen, der die schwankende Stadt, die Bürger +für dich gewonnen und die Anschläge deiner Feinde vernichtet +hat. Der heilige Petrus ist es, der dir mit meiner +<pb n='103'/><anchor id='Pg103'/>Hand die Schlüssel seiner Stadt überreicht, auf daß du sie +ihm beschirmest und beschützest. Vergiß niemals dieser +Worte.« Und er reichte ihm die Schlüssel des asinarischen +Thores. +</p> + +<p> +»Ich werde sie nie vergessen!« sprach Belisar und +winkte Prokop, der den Schlüssel aus der Hand des Papstes +nahm. »Du sprachst von Anschlägen meiner Feinde. Hat +der Kaiser Feinde in Rom?« +</p> + +<p> +Da sprach Silverius mit Seufzen: »Laß ab, Feldherr, +zu fragen. +</p> + +<p> +Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschädlich und der +Kirche steht nicht an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen +und alles zum besten zu kehren.« +</p> + +<p> +»Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtgläubigen +Kaiser die Verräter zu entdecken, die unter seinen römischen +Unterthanen sich bergen und ich fordre dich auf, seinen +Feind zu entlarven.« +</p> + +<p> +Silverius seufzte: »die Kirche dürstet nicht nach Blut.« +– »Aber sie darf den Arm der weltlichen Gerechtigkeit +nicht hemmen,« sprach Scävola. Und der Jurist trat vor +und überreichte Belisar eine Papyrusrolle. »Ich hebe +Klage gegen Cornelius Cethegus Cäsarius, den Präfekten +von Rom, wegen Majestätsbeleidigung und Empörung +gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift enthält die Klagepunkte +und die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung +eine Tyrannei gescholten. Er hat sich der Landung kaiserlicher +Heere nach Kräften widersetzt. Er hat endlich noch +vor wenig Tagen, er allein, dafür gestimmt, die Thore +Roms dir nicht zu öffnen.« +</p> + +<p> +»Und welche Strafe beantragt ihr?« fragte Belisar, +in die Schrift blickend. +</p> + +<p> +»Nach dem Gesetz den Tod,« sprach Scävola. – »Und +seine Güter verfallen nach dem Gesetz,« sprach Albinus, +<pb n='104'/><anchor id='Pg104'/>»halb dem Fiskus, halb den Klägern.« – »Und seine Seele +der Barmherzigkeit Gottes,« schloß der Bischof von Rom. +</p> + +<p> +»Wo ist der Angeklagte?« fragte Belisar. +</p> + +<p> +»Er verhieß, dich aufzusuchen; aber ich fürchte, sein +böses Gewissen wird ihn nicht haben kommen lassen.« +</p> + +<p> +»Du irrst, Bischof von Rom,« sprach Belisar, »er ist +schon hier.« +</p> + +<p> +Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund +des Zeltes und vor den erstaunten Anklägern stand Cethegus +der Präfekt. Überrascht fuhren die Ankläger auf; +schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cethegus einige +Schritte vor, bis er zur Rechten Belisars stand. +</p> + +<p> +»Cethegus hat mich früher aufgesucht als du,« fuhr +der Feldherr nach einer Pause fort: »und er ist dir zuvorgekommen +– auch im Anklagen. Du stehst als schwer +Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du +verklagst.« +</p> + +<p> +»Ich als Beschuldigter?« lächelte der Papst. »Wo wäre +ein Kläger oder ein Richter für den Nachfolger des heiligen +Petrus?« +</p> + +<p> +»Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers +Statt.« +</p> + +<p> +»Und der Kläger?« fragte Silverius. +</p> + +<p> +Cethegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: +»Der Kläger bin ich! Ich habe Silverius, den Bischof +von Rom, des Verbrechens der verletzten Majestät des +Kaisers und des Hochverrats am römischen Reich geziehen. +Ich beweise sofort meine Klage. Silverius hat die Absicht, +die Herrschaft der Stadt Rom und einen großen Teil +Italiens dem Kaiser Justinian zu entreißen und – lächerlich +zu sagen! – ein Priesterreich zu gründen in dem +Vaterlande der Cäsaren. Und schon hat er den nächsten +Versuch gethan zur Ausführung dieses – soll ich sagen: +<pb n='105'/><anchor id='Pg105'/>seines Wahnsinns oder seines Verbrechens? Hier überreiche +ich einen Vertrag, – hier steht die Unterschrift seiner +Hand – den er mit Theodahad, dem letzten Fürsten der +Barbaren, geschlossen. Der König verkauft darin für ewige +Zeiten für die Summe von tausend Pfund Gold an den +heiligen Petrus und seine Nachfolger, für den Fall, daß +Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der +Stadt und das Weichbild von Rom und dreißig Meilen +in der Runde. Es sind aufgezählt alle Hoheitsrechte: +Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung, Steuern, Zölle +und selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem +Datum drei Monate alt. Also im selben Augenblick, da +der fromme Archidiakon, hinter Theodahads Rücken, die +Waffen des Kaisers herbeirief, schloß er, hinter des Kaisers +Rücken, einen Vertrag, der diesem die Früchte seiner Anstrengung +rauben und den Papst für alle Fälle sichern +sollte. Ich überlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, +wie solche Klugheit zu würdigen sei. Für die Erwählten +des Herrn gilt als besondre Klugheit der Schlangen Moral: +– unter uns Laien ist solches Thun ...« – +</p> + +<p> +»Der schändlichste Verrat!« fiel Belisar donnernd ein, +sprang auf und nahm die Urkunde aus des Präfekten +Hand. – »Hier sieh, Priester, deinen Namen: kannst du +noch leugnen?« +</p> + +<p> +Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle +Anwesenden war ein gewaltiger. Staunen und Unwillen, +gemischt mit Spannung auf des Papstes Verteidigung, +lag auf den Zügen aller Gesichter; am meisten aber war +Scävola, der kurzsichtige Republikaner, überrascht von diesen +Herrscherplänen seines gefährlichen Verbündeten. Er hoffte, +Silverius werde die Verleumdung siegreich niederschlagen. +</p> + +<p> +Die Lage des Papstes war in der That höchst gefährlich, +die Anklage schien unwiderleglich und das zornlohende +<pb n='106'/><anchor id='Pg106'/>Antlitz Belisars hätte manch’ tapfres Herz erschreckt. Aber +Silverius zeigte in diesem Augenblick, daß er kein unebenbürtiger +Gegner des Präfekten und des Helden von Byzanz +war. Nicht eine Sekunde hatte er die Fassung verloren: +nur als Cethegus die Urkunde aus dem Gewand hervorzog, +hatte er einen Moment die Augen niedergeschlagen, wie +aus Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den blitzenden +Augen Belisars hielt er ein unerschütterlich ruhiges +Angesicht entgegen. Er fühlte, daß er in dieser Stunde +den Gedanken seines Lebens verfechten mußte: dies gab +ihm kühne Kraft, keine Wimper zuckte ihm. +</p> + +<p> +»Wie lange wirst du noch schweigen?« fuhr ihn +Belisar an. +</p> + +<p> +»Bis du fähig und würdig bist, mich zu hören. Du +bist besessen von Urchitophel, dem Dämon des Zornes.« +</p> + +<p> +»Sprich! Verteidige dich!« sagte Belisar, sich setzend. +</p> + +<p> +»Die Klage dieses gottlosen Mannes,« hob Silverius +an, »bringt nur ein Recht der heiligen Kirche noch früher +ans Licht, als sie es in dieser unruhigen Zeit geltend +machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag mit +dem Barbarenkönig geschlossen.« +</p> + +<p> +Eine Bewegung der Entrüstung ging durch die Reihen +der Byzantiner. +</p> + +<p> +»Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues +Recht zu erwerben, habe ich mit dem König der Goten, +als dem damaligen Besitzer der Stadt, verhandelt. Nein! +die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht, +ein uraltes Recht des heiligen Petrus nicht fallen zu +lassen.« +</p> + +<p> +»Ein uraltes Recht?« fragte Belisar unwillig. +</p> + +<p> +»Ein uraltes Recht!« wiederholte Silverius, <anchor id="corr106"/><corr sic="das">»das</corr> geltend +zu machen die Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre +Feinde nötigen sie, in diesem Augenblick damit hervor<pb n='107'/><anchor id='Pg107'/>zutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers, höret es, +ihr Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die +Kirche von Theodahad hat einräumen lassen, ist schon seit +zwei Jahrhunderten ihr Eigentum: der Gote hat es nur +bestätigt. +</p> + +<p> +An demselben Ort, wo des Präfekten tempelschänderische +Hand diese Bestätigung entwendet, hätte er auch die Urkunde +finden können, die ursprünglich unser Recht begründet hat. +Der fromme Kaiser Constantinus, der sich zuerst von den +Vorgängern Justinians der Lehre des Heils zugewandt, hat +auf Bitten seiner gottseligen Mutter Helena, nachdem er alle +seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der Heiligen, besonders +des heiligen Petrus, unter seine Füße getreten, zur dankbaren +Anerkenntnis solchen Beistandes und um vor aller +Welt zu bezeugen, daß Krone und Schwert sich vor dem +Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit +ihrem Weichbild und die benachbarten Städte und Marken +durch eine feierliche Schenkungsurkunde für ewige Zeiten +dem heiligen Petrus zu eigen übertragen, mit Gericht und +Verwaltung, Steuer und Zoll und allen Kronrechten irdischer +Herrschaft, auf daß die Kirche auch einen weltlichen +Boden habe zur leichteren Vollführung ihrer weltlichen +Aufgaben. Diese Schenkung ist durch eine rechtsgültige +Urkunde in aller Form verbrieft: der Fluch von Gehenna +ist jedem gedroht, der sie anstreitet. Und ich frage, im +Namen des dreieinigen Gottes, den Kaiser Justinian, ob +er diese Rechtshandlung seines Vorgängers, des in Gott +seligen Kaisers Constantinus, anerkennen oder ob er sie, +aus weltlicher Habgier, umstoßen und damit den Fluch +der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt +laden will?« +</p> + +<p> +Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft +geistlicher Würde und aller Kunst weltlicher Rhetorik vor<pb n='108'/><anchor id='Pg108'/>getragen, war von unwiderstehlicher Wirkung. Belisar, +Prokop und die Feldherren, die eben noch über den verräterischen +Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, +fühlten sich jetzt durch den plötzlich ihnen entgegengehaltenen +Rechtstitel selbst wie verurteilt. +</p> + +<p> +Der Kern Italiens schien unwiederbringlich dem Kaiser +verloren und der Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein +banges Schweigen lagerte über den jüngst noch so herrischen +Byzantinern und triumphierend stand der Priester +als Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der +die Aufgabe der Bekämpfung oder die Schmach der Niederlage +von sich abwälzen wollte: »Präfekt von Rom, was +hast du zu erwidern?« +</p> + +<p> +Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um +die feinen Lippen verneigte sich Cethegus und begann: +»Der Angeklagte beruft sich auf eine Urkunde. +</p> + +<p> +Ich könnte, glaub’ ich, ihn in große Verlegenheit versetzen, +wenn ich ihr Vorhandensein bestritte, und die sofortige +Vorlage der Urschrift von ihm verlangte. Indessen +will ich dem Manne, der sich das Haupt der Christenheit +nennt, nicht wie ein gehässiger Anwalt begegnen. Ich +räume ein, die Urkunde existiert.« +</p> + +<p> +Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses. +</p> + +<p> +»Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Mühe +der Vorlage derselben, die ihm sonst sehr schwer fallen +dürfte, erspart und die Urkunde selbst mitgebracht in meiner +tempelschänderischen Hand.« Er zog ein vergilbtes Pergament +aus dem Sinus und sah lächelnd bald in dessen +Zeilen, bald auf des Papstes, bald auf Belisars Gesicht, +an deren Spannung sich weidend. +</p> + +<p> +»Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage +lang mit feindselig forschenden Augen, mit Zuziehung noch +schärferer Juristen, als ich es leider nur bin, – so meines +<pb n='109'/><anchor id='Pg109'/>jungen Freundes Salvius Julianus, – bis auf jeden +Buchstaben nach ihrer formellen Gültigkeit geprüft. Vergebens. +– Selbst der Scharfsinn meines verehrten und +gelehrten Freundes Scävola könnte keinen Mangel herausinterpretieren. +Alle Formen des Rechts, alle Klauseln +höchster unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte +haarscharf gewahrt; und in der That: ich hätte den +Protonotarius des Kaisers Constantin kennen mögen, er +muß ein Jurist ersten Ranges gewesen sein.« Er hielt +inne: – höhnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des +Silverius, der sich den Schweiß von den Schläfen wischte. +</p> + +<p> +»Also,« fragte Belisar in höchster Aufregung: »die +Urkunde ist formell ganz richtig – daher beweiskräftig?« +</p> + +<p> +»Jawohl!« seufzte Cethegus, »die Schenkung ist in +ganz makelloser Ordnung. Schade nur, daß ... –« +</p> + +<p> +»Nun?« unterbrach Belisar. +</p> + +<p> +»Schade nur, daß sie falsch ist.« +</p> + +<p> +Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina +sprangen auf, alle Anwesenden traten einen Schritt +näher zu dem Präfekten. Nur Silverius wankte einen +Schritt zurück. +</p> + +<p> +»Falsch?« fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein +Jubel klang. »Präfekt, – Freund, – kannst du das +beweisen?« +</p> + +<p> +»Sonst hätte ich mich gehütet es zu behaupten. Das +Pergament, auf das die Schenkung geschrieben ist, zeigt +alle Spuren eines hohen Alters: Brüche, Wurmstiche, +Flecken jeder Art, – alles, was man von Ehrwürdigkeit +verlangen kann, – so daß es manchmal sogar schwierig +ist, die Buchstaben zu erkennen. Gleichwohl stellt sich die +Urkunde nur so alt; mit so großem Aufwand von Kunst, +als manche Frauen sich den Schein der Jugend geben, +lügt sie die Heiligkeit des Alters. Es ist echtes Perga<pb n='110'/><anchor id='Pg110'/>ment aus der alten, von Constantin begründeten, noch +heute bestehenden kaiserlichen Pergamentfabrik zu Byzanz.« +</p> + +<p> +»Zur Sache,« rief Belisar. +</p> + +<p> +»Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, – und es scheint +auch leider dem heiligen Bischof entgangen zu sein! – +daß bei diesen Pergamenten ganz unten – links, am +Rande – durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung +durch Angabe der Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren +Buchstaben bezeichnet wird. Nun gieb wohl +acht, o Feldherr! +</p> + +<p> +Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein +im sechzehnten Jahre von Constantins Regierung, im gleichen +Jahre, da er die Heidentempel schließen ließ, wie das +fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der Erhebung +von Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig +die richtigen Konsuln dieses Jahres, Dalmatius und Xenophilos. +</p> + +<p> +Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklären, +– aber hier hat Gott der Herr ein Wunder <hi rend='gesperrt'>gegen</hi> +seine Kirche gethan! – daß man in jenem Jahre, also +im Jahre dreihundertfünfunddreißig nach der Geburt des +Herrn, schon ganz genau wußte, wer im Jahr nach dem +Tode des Kaisers Justinus und des Königs Theoderich +Konsul sein würde; denn seht, hier unten am Rande der +Stempel besagt: der Schreiber hatte ihn nicht beachtet – +er ist auch wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man +das Pergament nicht gegen das Licht hält – so etwa, +siehst du, Belisar? – und er hatte blindlings drei Kreuze +darauf gemalt; ich aber habe diese Kreuze mit meiner – +wie hieß es doch? – »tempelschänderischen«, aber geschickten +Hand weggewischt und siehe, da steht eingestempelt: +</p> + +<p> +»VI. Indiktion: Justinianus Augustus, allein Konsul im +ersten Jahre seiner Herrschaft.« +</p> + +<pb n='111'/><anchor id='Pg111'/> + +<p> +Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den +man für ihn bereit gestellt. +</p> + +<p> +»Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar +des Kaisers Konstantin vor zweihundert Jahren +die Schenkung niederschrieb, ist also erst vor einem Jahre +zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden. +Gesteh, o Feldherr, daß hier das Gebiet des Begreiflichen +endet, und des Übernatürlichen beginnt, daß hier ein +Wunder der Heiligen geschah und verehre das Walten des +Himmels.« Er reichte Belisar die Urkunde. +</p> + +<p> +»Das ist auch ein tüchtig Stück Weltgeschichte, heilige und +profane, was wir da erleben!« sagte Prokop zu sich selbst. +</p> + +<p> +»Es ist so, beim Schlummer Justinians!« frohlockte +Belisar. »Bischof von Rom, was hast du zu erwidern?« +</p> + +<p> +Mühsam hatte sich Silverius gefaßt; er sah den Bau +seines Lebens vor seinen Augen in die Erde versinken. +Mit halb versagender Stimme antwortete er: +</p> + +<p> +»Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen +Monden. Ist dem so, wie ihr sagt, so bin ich getäuscht, +wie ihr.« +</p> + +<p> +»Wir sind aber nicht getäuscht,« lächelte Cethegus. +</p> + +<p> +»Ich wußte nichts von jenem Stempel, ich schwöre es +bei den Wunden Christi.« – »Das glaub ich dir ohne +Schwur, heiliger Vater,« fiel Cethegus ein. – »Du wirst +einsehn, Priester,« sprach Belisar, sich erhebend, »daß über +diese Sache die strengste Untersuchung ...« – +</p> + +<p> +»Ich verlange sie,« sprach Silverius, »als mein Recht.« +</p> + +<p> +»Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich +darf es wagen, hier zu richten: nur die Weisheit des +Kaisers selbst kann hier das Recht finden. Vulkaris, mein +getreuer Heruler, dir übergeb ich die Person des Bischofs. +Du wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach +Byzanz führen.« +</p> + +<pb n='112'/><anchor id='Pg112'/> + +<p> +»Ich lege Verwahrung ein,« sprach Silverius. »Über +mich kann niemand richten auf Erden als ein Konzil der +ganzen rechtgläubigen Kirche. Ich verlange, nach Rom +zurückzukehren.« +</p> + +<p> +»Rom siehst du niemals wieder! Und über deine +Rechtsverwahrung wird der Kaiser Justinian, der Kaiser +des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber auch deine +Genossen, Scävola und Albinus, die falschen Mitankläger +des Präfekten, der sich als des Kaisers treusten, klügsten +Freund erwiesen, sind hoch verdächtig. Justinian entscheide, +wie weit sie unschuldig. Auch sie führt in Ketten +nach Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hinterthür +des Zeltes, nicht durchs Lager. Vulkaris, dieser Priester +aber ist des Kaisers gefährlichster Feind. Du bürgst für +ihn mit deinem Kopf.« +</p> + +<p> +»Ich bürge,« sprach der riesige Heruler, vortretend und +die gepanzerte Hand auf des Bischofs Schulter legend. +»Fort mit dir, Priester! zu Schiff. Er stirbt, eh’ er mir +entrissen wird.« +</p> + +<p> +Silverius sah ein, daß weiteres Widerstreben nur seine +Würde gefährdende Gewalt hervorrufen werde. Er fügte +sich und schritt neben dem Germanen, der die Hand nicht +von seiner Schulter löste, nach der Thür im Hintergrund +des Zeltes, die eine der Wachen aufthat. +</p> + +<p> +Er mußte hart an Cethegus vorbei. Er beugte das +Haupt und sah ihn nicht an: aber er hörte, wie dieser ihm +zuflüsterte: »Silverius, diese Stunde vergilt deinen Sieg +in den Katakomben. Nun sind wir wett!« +</p> + +</div><div type="kapitel" n="13"> +<pb n='113'/><anchor id='Pg113'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Dreizehntes Kapitel.</head> + +<p> +Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar +lebhaft von seinem Sitze, eilte auf den Präfekten zu, umarmte +und küßte ihn: »Nimm meinen Dank, Cethegus +Cäsarius! Ich werde dem Kaiser berichten, daß du ihm +heute Rom gerettet hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben.« +</p> + +<p> +Aber Cethegus lächelte: »Meine Thaten belohnen sich +selbst.« +</p> + +<p> +Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser +Stunde, der rasche Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung +und Triumph mehr als ein halber Tag des Kampfes +unter Helm und Schild angestrengt und erschöpft. Er +verlangte nach Erholung und Labung und entließ seine +Heerführer, von denen keiner ohne ein Wort der Anerkennung +an den Präfekten das Zelt verließ. Dieser sah +seine Überlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; +es that ihm wohl, in einer Stunde den schlauen Bischof +vernichtet und die stolzen Byzantiner gedemütigt zu haben. +Aber er wiegte sich nicht müßig in dieser Siegesfreude. +Dieser Geist kannte die Gefährlichkeit des Schlafes auf +Lorbeer: Lorbeer betäubt. +</p> + +<p> +Er beschloß, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige +Übergewalt, die er in diesem Augenblick über den Helden +von Byzanz unverkennbar besaß, jetzt, unter ihrem ersten +frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den +lang vorbereiteten Hauptstreich zu führen. Während er +mit solchen Gedanken dem Zug der Heerführer nachsah, +die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte er nicht, daß +zwei Augen mit eigentümlichem Ausdruck auf ihm ruhten. +Es waren Antoninas Augen. Die Vorgänge, deren Zeugin +<pb n='114'/><anchor id='Pg114'/>sie gewesen, hatten einen seltsam gemischten Eindruck auf +sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie den Abgott ihrer +Bewunderung, ihren Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu +helfen und zu wehren, in den Schlingen eines andern, +des klugen Priesters, liegen und nur durch die überlegne +Kraft dieses dämonischen Römers gerettet gesehen. Anfangs +hatte ihr in dem Gatten verletzter Stolz diese Demütigung +mit schmerzlichem Haß gegen den Übermächtigen empfunden. +</p> + +<p> +Aber dieser Haß hielt nicht vor und unwillkürlich trat, +wie immer gewaltiger sich die Macht seiner Überlegenheit +entfaltete, Bewunderung an des Verdrusses Stelle und +erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch das Eine: +ihren Belisar hatte die Kirche und Cethegus hatte ihren +Belisar und die Kirche verdunkelt. Und daran knüpfte +sich unzertrennlich der ängstliche Wunsch, diesen Mann nie +zum Feind, immer zum Verbündeten ihres Gatten zu haben. +Kurz, Cethegus hatte an dem Weibe Belisars eine geistige +Eroberung von größter Wichtigkeit gemacht: und er sollte +es, noch dazu, sofort merken. +</p> + +<p> +Mit gesenkten Augen trat das schöne, sonst so sichre +Weib auf ihn zu; er sah auf: da errötete sie über und +über und reichte ihm eine zitternde Hand. »Präfekt von +Rom,« sagte sie, »Antonina dankt dir. Du hast dir ein +großes Verdienst erworben um Belisarius und den Kaiser. +Wir wollen gute Freundschaft halten.« +</p> + +<p> +Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurückgeblieben, +diesen Vorgang: »Mein Odysseus überzaubert die Zauberin +Circe,« dachte er. +</p> + +<p> +Cethegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese +Seele vor ihm beugte und welche Gewalt er dadurch über +Belisar gewonnen. »Schöne Magistra Militum,« sagte er, +sich hoch aufrichtend, »deine Freundschaft ist der reichste +Lorbeer meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die +<pb n='115'/><anchor id='Pg115'/>Probe. Ich bitte dich und Prokop, meine Zeugen, meine +Verbündeten zu sein in der Unterredung, die ich jetzt mit +Belisar zu führen habe.« +</p> + +<p> +»Jetzt?« sagte Belisar ungeduldig. »Kommt, laßt uns +erst zu Tische und im Cäkuber den Sturz des Priesters +feiern.« Und er schritt zur Thüre. +</p> + +<p> +Aber Cethegus blieb ruhig stehen in der Mitte des +Zeltes, und Antonina und Prokop lagen so ganz unter +dem Bann seines Einflusses, daß sie nicht ihrem Herrn zu +folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: +»Muß es denn jetzt gerade sein?« +</p> + +<p> +»Es muß,« sagte Cethegus und er führte Antonina +an der Hand nach ihrem Sitz zurück. +</p> + +<p> +Da schritt auch Belisar wieder zurück. »Nun so sprich,« +sagte er, »aber kurz.« +</p> + +<p> +»So kurz als möglich. Ich habe immer gefunden, +daß gegenüber großen Freunden oder großen Feinden +Aufrichtigkeit das stärkste Band oder die beste Waffe. +Danach werd’ ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich +sagte: mein Thun lohnt sich selbst, so wollt’ ich damit +ausdrücken, daß ich dem falschen Priester die Herrschaft +über Rom nicht eben um des Kaisers Willen entrissen.« +</p> + +<p> +Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken über +diese allzukühne Offenheit seines Freundes, machte ihm +ein abmahnendes Zeichen. +</p> + +<p> +Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, +mißtrauisch über das Einverständnis der beiden. Cethegus +entging dies nicht. »Nein, Prokop,« sagte er zu Belisars +Erstaunen: »unsre Freunde hier würden doch allzubald +erkennen, daß Cethegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz +in einem Lächeln Justinians befriedigt zu finden. Ich +habe Rom nicht für den Kaiser gerettet.« +</p> + +<p> +»Für wen sonst?« fragte Belisar ernst. +</p> + +<pb n='116'/><anchor id='Pg116'/> + +<p> +»Zunächst für Rom. Ich bin ein Römer. Ich liebe +mein ewiges Rom. Es sollte nicht dem Priester dienstbar +werden. Aber auch nicht die Sklavin des Kaisers. Ich +bin Republikaner,« sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend. +</p> + +<p> +Über Belisars Antlitz flog ein Lächeln: der Präfekt +schien ihm nicht mehr so bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: +»Unbegreiflich.« Aber Antoninen gefiel dieser +Freimut. +</p> + +<p> +»Zwar sah ich ein, daß wir nur mit dem Schwerte +Belisars die Barbaren niederschlagen können. Leider auch, +daß unsere Zeit nicht ganz reif ist, mein Traumbild +republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Römer +müssen erst wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht +muß aussterben und ich erkenne, daß Rom einstweilen nur +unter dem Schilde Justinians Schutz findet gegen die +Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen +– einstweilen.« +</p> + +<p> +»Nicht übel!« dachte Prokop, »der Kaiser soll sie +solang schützen, bis sie stark genug sind, ihn zum Dank +davonzujagen.« +</p> + +<p> +»Das sind Träume, mein Präfekt,« sagte Belisar mitleidig, +»was haben sie für praktische Folgen?« +</p> + +<p> +»Die, daß Rom nicht mit gebundenen Händen, ohne +Bedingung, der Willkür des Kaisers überliefert werden +soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum Diener. Denke, +wenn der herzlose Narses dein Nachfolger würde!« – +Die Stirn des Helden faltete sich. – »Deshalb will ich +dir die Bedingungen nennen, unter denen die Stadt +Cäsars dich und dein Heer in ihre Mauern aufnehmen +wird.« +</p> + +<p> +Aber das war Belisar zu viel. Zürnend sprang er +auf, sein Antlitz glühte, sein Auge blitzte. »Präfekt von +Rom,« rief er mit seiner rollenden Löwenstimme, »du +<pb n='117'/><anchor id='Pg117'/>vergißt dich und deine Stellung. Morgen brech’ ich auf +mit meinem Heer von siebzigtausend Mann nach Rom. +Wer wird mich hindern, einzuziehen in die Stadt, ohne +Bedingung?« +</p> + +<p> +»Ich,« sagte Cethegus ruhig. »Nein, Belisar, ich +rase nicht. Sieh hier, diesen Plan der Stadt und ihrer +Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher, besser als das +meine, ihre Stärke erkennen.« Er zog ein Pergament +hervor und breitete es auf dem Zelttische aus. +</p> + +<p> +Belisar warf einen gleichgültigen Blick darauf, aber +sofort rief er: »Der Plan ist <anchor id="corr117"/><corr sic="irrig!«">irrig!</corr> Prokop, reiche mir +unsern Plan aus jener Capsula. – +</p> + +<p> +Sieh her, diese Gräben sind ja jetzt ausgefüllt, diese +Türme eingefallen, hier die Mauer niedergerissen, diese +Thore wehrlos. – Dein Plan stellt sie alle noch in +furchtbarer Stärke dar. Er ist veraltet, Präfekt von Rom.« +</p> + +<p> +»Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, +Gräben, Thore sind hergestellt.« – »Seit wann?« – +»Seit Jahresfrist.« – »Von wem?« – »Von mir.« +Betroffen sah Belisar auf den Plan. +</p> + +<p> +Antoninas Blick hing ängstlich an den Zügen ihres +Gatten. +</p> + +<p> +»Präfekt,« sagte dieser endlich, »wenn dem so ist, so +verstehst du den Krieg, den Festungskrieg. Aber zum +Krieg gehört ein Heer und deine leeren Wälle werden +mich nicht aufhalten.« +</p> + +<p> +»Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einräumen, +daß mehr als zwanzigtausend Mann Rom, – nämlich +dies <hi rend='gesperrt'>mein</hi> Rom hier auf dem Plan, – über Jahr und +Tag selbst gegen Belisar zu halten vermögen. Gut: so +wisse denn, daß jene Werke in diesem Augenblick von +fünfunddreißigtausend Bewaffneten gedeckt sind.« +</p> + +<pb n='118'/><anchor id='Pg118'/> + +<p> +»Sind die Goten zurück?« rief Belisar. Prokop trat +erstaunt näher. +</p> + +<p> +»Nein, jene fünfunddreißigtausend stehen unter meinem +Befehl. Ich habe seit Jahren die lang verweichlichten +Römer zu den Waffen zurückgerufen und unablässig in den +Waffen geübt. So habe ich zur Zeit dreißig Kohorten, +jede fast zu tausend Mann, schlagfertig.« +</p> + +<p> +Belisar bekämpfte seinen Unmut und zuckte verächtlich +die Achseln. +</p> + +<p> +»Ich geb’ es zu,« – fuhr Cethegus fort – »diese +Scharen würden in offner Feldschlacht einem Heere Belisars +nicht stehen. Aber ich versichre dich: von diesen Mauern +herab werden sie ganz tüchtig fechten. Außerdem hab’ ich +aus meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische +und abasgische Söldner geworben und allmählich in kleinen +Abteilungen ohne Aufsehen nach Ostia, nach Rom und in +die Umgegend gebracht. Du zweifelst? hier sind die Listen +der dreißig Kohorten, hier der Vertrag mit den Isauriern. +Du siehst deutlich, wie die Sachen stehen. Entweder du +nimmst meine Bedingung an: – dann sind jene fünfunddreißigtausend +dein, dein ist Rom, mein Rom, dieses Rom +auf dem Plan, von dem du sagtest, es sei von furchtbarer +Stärke, und dein ist Cethegus. Oder du verwirfst meine +Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen +Gelingen auf der Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. +Du mußt Rom belagern, viele Monde lang. Die +Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen +sie zurück: sie ziehen in dreifacher Übermacht zum Entsatz +der Stadt heran, und nichts errettet dich vom Verderben +als ein Wunder.« +</p> + +<p> +»Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel,« +donnerte Belisar, und riß, seiner nicht mehr mächtig, das +Schwert aus der Scheide. »Auf, Prokop, in des Kaisers +<pb n='119'/><anchor id='Pg119'/>Namen! Ergreife den Verräter! Er stirbt in dieser +Stunde!« +</p> + +<p> +Entsetzt, unschlüssig trat Prokop zwischen die beiden, +indes Antonina ihrem Gatten in den Arm fiel und seine +rechte Hand zu fassen suchte. +</p> + +<p> +»Seid ihr mit im Bunde?« schrie der Ergrimmte. +»Wachen, Wachen herbei!« +</p> + +<p> +Aus jeder der beiden Thüren traten zwei Lanzenträger +in das Zelt: aber noch zuvor hatte sich Belisar von +Antonina losgerissen und mit dem linken Arm den starken +Prokop, als wär’ er ein Kind, zur Seite geschleudert. +Mit dem Schwert zu furchtbarem Stoß ausholend, stürzte +er auf den Präfekten los. +</p> + +<p> +Aber plötzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die +schon des Bedrohten Brust streifte. +</p> + +<p> +Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene +zu verziehen, den kalten Blick durchbohrend auf den +Wütenden gerichtet, war Cethegus stehen geblieben, ein +Lächeln unsäglicher Verachtung um die Lippen. +</p> + +<p> +»Was soll der Blick und dieses Lachen?« fragte Belisar +innehaltend. +</p> + +<p> +Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten. +</p> + +<p> +»Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick +des Jähzorns für immer verderben sollte. Wenn +dein Stoß traf, warst du verloren.« +</p> + +<p> +»Ich!« lachte Belisar. »Ich sollte meinen du.« +</p> + +<p> +»Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den +Kopf in den Rachen des Löwen? Daß einem Helden +deiner Art zu allererst der feine Einfall kommen werde, +dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das +vorauszusehen war nicht schwer. Dagegen hab’ ich mich +geschützt. Wisse: seit diesem Morgen ist infolge eines +versiegelten Auftrages, den ich zurückließ, Rom in den +<pb n='120'/><anchor id='Pg120'/>Händen, in der Gewalt meiner blindergebnen Freunde. +Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und alle Thore +und Türme der Umwallung sind besetzt von meinen +Isauriern und Legionaren. Meinen Kriegstribunen, todesmutigen +Jünglingen, hab’ ich diesen Befehl hinterlassen +für den Fall, daß du ohne mich vor Rom eintriffst.« Er +reichte Prokop eine Papyrusrolle. +</p> + +<p> +Dieser las: »An Lucius und Marcus die Licinier +Cethegus der Präfekt. Ich bin gefallen, ein Opfer der +Tyrannei der Byzantiner. Rächet mich! Ruft sofort die +Goten zurück. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die +Barbaren als die Schergen Justinians. Haltet euch bis +auf den letzten Mann. Übergebt die Stadt eher den +Flammen als dem Heer des Tyrannen.« +</p> + +<p> +»Du siehst also,« fuhr Cethegus fort, »daß dir mein +Tod die Thore Roms nicht öffnet, sondern für immer +sperrt. Du mußt die Stadt belagern: oder mit mir abschließen.« +</p> + +<p> +Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der +Bewunderung auf den kühnen Mann, der ihm mitten +unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb. Dann +steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen +Stuhl und fragte: »Welches sind deine Bedingungen für +die Übergabe?« »Nur zwei. Erstens giebst du mir Befehl +über einen kleinen Teil deines Heeres. Ich darf +deinen Byzantinern kein Fremder sein.« +</p> + +<p> +»Zugestanden. Du erhältst als Archon zweitausend +Mann illyrischen Fußvolks und eintausend saracenische und +maurische Reiter. Genügt das?« +</p> + +<p> +»Vollkommen. Zweitens. +</p> + +<p> +Meine Unabhängigkeit vom Kaiser und von dir ruht +einzig auf der Beherrschung Roms. Diese darf durch deine +Anwesenheit nicht aufhören. Deshalb bleibt das ganze +<pb n='121'/><anchor id='Pg121'/>rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf dem +linken aber das Kapitol, die Umwallung im Süden bis +zum Thore Sankt Pauls einschließlich, bis zum Ende des +Krieges in der Hand meiner Isaurier und Römer; von +dir aber wird der ganze Rest der Stadt auf dem linken +Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Thor im Norden +bis zum appischen Thor im Süden.« +</p> + +<p> +Belisar warf einen Blick auf den Plan. »Nicht übel +gedacht! Von jenen Punkten aus kannst du mich jeden +Augenblick aus der Stadt drängen oder den Fluß absperren. +Das geht nicht an.« +</p> + +<p> +»Dann rüste dich zum Kampf mit den Goten und mit +Cethegus zusammen vor den Mauern Roms.« +</p> + +<p> +Belisar sprang auf. »Geht! laßt mich allein mit +Prokop! Cethegus, erwarte meine Entscheidung.« +</p> + +<p> +»Bis morgen,« sagte dieser. »Bei Sonnenaufgang kehr’ +ich nach Rom zurück, mit deinem Heer oder – allein.« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in +der ewigen Stadt ein durch das asinarische Thor. +</p> + +<p> +Endloser Jubel begrüßte den Befreier, Blumenregen +überschüttete ihn und seine Gattin, die auf einem zierlichen +weißen Zelter an seiner Linken ritt. Alle Häuser hatten +ihren Festschmuck von Teppichen und Kränzen angethan. +</p> + +<p> +Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte +er das Haupt und warf finstre Blicke nach den Wällen und +dem Kapitol, von denen, den alten römischen Adlern nachgebildet, +die Banner der städtischen Legionare, nicht die +Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten. +</p> + +<p> +Am asinarischen Thor hatte der junge Lucius Licinius +den Vortrapp des kaiserlichen Heeres zurückgewiesen: und +nicht eher hob sich das wuchtige Fallgitter, bis neben +<pb n='122'/><anchor id='Pg122'/>Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen Rappen, +Cethegus der Präfekt erschienen war. Lucius staunte über +die Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde +vorgegangen. Die kalte, strenge Verschlossenheit war gewichen: +er erschien größer, jugendlicher: ein leuchtender +Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung +und seiner Erscheinung. Er trug einen hohen, reichvergoldeten +Helm, von dem der purpurne Roßschweif niederwallte +bis auf den Panzer: dieser aber war ein kostbares +Kunstwerk aus Athen und zeigte auf jeder seiner Rundplatten +ein fein gearbeitetes Relief von getriebenem Silber, +jedes einen Sieg der Römer darstellend. +</p> + +<p> +Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine +stolze Haltung und sein schimmernder Waffenschmuck überstrahlte, +wie Belisar, den kaiserlichen Magister Militum +selbst, so das glänzende Gefolge von Heerführern, das sich, +geführt von Johannes und Prokop, hinter den beiden anschloß. +Und dies Überstrahlen war so augenfällig, daß +sich, sowie der Zug einige Straßen durchmessen hatte, der +Eindruck auch der Menge mitteilte und der Ruf »Cethegus!« +bald so laut und lauter als der Name »Belisar« ertönte. +</p> + +<p> +Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: +mit Unruhe lauschte sie bei jeder Stockung des Zugs auf +das Rufen und Reden des Volks. Als sie die Thermen +des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen +Amphitheater die sacra Via erreicht hatten, wurden sie +durch das Wogen der Menge zum Verweilen gezwungen: +ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur +langsam durchschreiten konnte. +</p> + +<p> +»Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem +Feldherrn,« stand darauf geschrieben. Während Antonina +die Aufschrift las, hörte sie einen Alten, der wenig in den +Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen +<pb n='123'/><anchor id='Pg123'/>der jungen Legionare des Cethegus, Fragen um Auskunft +stellen. »Also, mein Gajus, der Finstre mit dem verdrießlichen +Gesicht auf dem Rotscheck ... –« »Ja, +das ist Belisarius, wie ich dir sage,« antwortete der Sohn. +»So? Nun – aber der stattliche Held, ihm zur Linken, +mit dem triumphierenden Blick, der auf dem Rappen, das +ist gewiß Justinianus selbst, sein Herr, der Imperator?« +– »Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen +Gemach zu Byzanz und schreibt Gesetze. Nein, das ist ja +Cethegus, <hi rend='gesperrt'>unser</hi> Cethegus, mein Cethegus, der Präfekt, +der mir das Schwert geschenkt. Ja, das ist ein Mann. +Licinius, mein Tribun, sagte neulich: wenn der nicht +wollte, Belisar sähe nie ein römisch Thor von innen.« +</p> + +<p> +Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag +mit dem Silberstäbchen und sprengte rasch durch den +Triumphbogen. +</p> + +<p> +Cethegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis +an den Palast der Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme +in stand gesetzt war. Hier verabschiedete er sich, +den byzantinischen Heerführern seinen Beistand zu leihen, +die Truppen teils in den Häusern der Bürger und den +öffentlichen Gebäuden, teils vor den Thoren in Zelten +unterzubringen. +</p> + +<p> +»Wenn du dich von den Mühen – und Ehren! – +dieses Tages erholt, Belisarius, erwarte ich dich und +Antonina und deine ersten Heerführer zum Mahl in meinem +Hause.« +</p> + +<p> +Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso +und Balbus, die Geladenen abzuholen. Sie begleiteten +die Sänften, in denen Antonina und Belisar getragen +wurden, die Heerführer gingen zu Fuß. +</p> + +<p> +»Wo wohnt der Präfekt?« fragte Belisar beim Einsteigen +in die Sänfte. +</p> + +<pb n='124'/><anchor id='Pg124'/> + +<p> +»So lang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, +und nachts – auf dem Kapitol.« +</p> + +<p> +Belisar stutzte. Der kleine Zug näherte sich dem Kapitol. +</p> + +<p> +Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und +Wälle, die seit mehr denn zweihundert Jahren in Schutt +gelegen waren, zu gewaltiger Stärke wieder hergestellt. +</p> + +<p> +Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln +Zickzackgang, den engen Zugang zu der Feste, sich gewunden, +gelangten sie an ein gewaltiges Eisenthor, das fest geschlossen +war, wie in Kriegszeit. +</p> + +<p> +Marcus Licinius rief die Wachen an. +</p> + +<p> +»Gieb die Losung!« sprach eine Stimme von innen. +</p> + +<p> +»Cäsar und Cethegus!« antwortete der Kriegstribun. +Da sprangen die Thorflügel auf: ein langes Spalier der +römischen Legionare und der isaurischen Söldner ward +sichtbar, letztere in Eisen gehüllt bis an die Augen und +mit Doppeläxten bewaffnet. Lucius Licinius stand an der +Spitze der Römer, mit gezücktem Schwert in der Hand: +Sandil, der isaurische Häuptling, an der Spitze seiner +Landsleute. Einen Augenblick blieben die Byzantiner unentschlossen +stehen, von dem Eindruck dieser Machtentfaltung +von Granit und Eisen überwältigt. +</p> + +<p> +Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: +man vernahm Musik aus dem Hintergrund des Ganges: +und, von Fackelträgern und Flötenspielern begleitet, nahte +Cethegus, ohne Rüstung, einen Kranz auf dem Haupt, +wie ihn der Wirt eines Festgelages zu tragen pflegte, im +reichen Hausgewand von Purpurseide. So trat er lächelnd +vor und sprach: »Willkommen! und Flötenspiel und Tubaschall +verkünde laut: daß die schönste Stunde meines Lebens +kam: Belisar, <hi rend='gesperrt'>mein Gast</hi> im Kapitol.« +</p> + +<p> +Und unter schmetterndem Klang der Trompeten führte +er den Schweigenden in die Burg. +</p> + +</div><div type="kapitel" n="14"> +<pb n='125'/><anchor id='Pg125'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Vierzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Während dieser Vorgänge bei den Römern und Byzantinern +bereiteten sich auch auf Seite der Goten entscheidende +Ereignisse vor. +</p> + +<p> +In Eilmärschen waren Herzog Guntharis und Graf +Arahad von Florentia, wo sie eine kleine Besatzung zurückließen, +mit ihrer gefangenen Königin nach Ravenna aufgebrochen. +Wenn sie diese für uneinnehmbar geltende +Feste vor Witichis, der heftig nachdrängte, erreichten und +gewannen, so mochten sie dem König jede Bedingung vorschreiben. +Zwar hatten sie noch einen starken Vorsprung +und hofften, die Verfolger durch die Belagerung von +Florentia noch eine gute Weile aufzuhalten. Aber sie +büßten jenen Vorsprung beinahe völlig dadurch ein, daß +die auf der nächsten Straße nach Ravenna gelegenen +Städte und Kastelle sich für Witichis erklärten und so die +Empörer nötigten, auf großem Umweg im rechten Winkel +zuerst nördlich nach Bononia (Bologna), das zu ihnen abgefallen +war, und dann erst östlich nach Ravenna zu +marschieren. +</p> + +<p> +Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der +Seefestung anlangten und nur noch einen halben Tagemarsch +von ihren Thoren entfernt waren, von dem Heer +des Königs nichts zu sehen. Guntharis gönnte seinen stark +ermüdeten Truppen den Rest des ohnehin schon gegen +Abend neigenden Tages und schickte nur eine kleine Schar +Reiter unter seines Bruders Befehl voraus, den Goten in +der Festung ihre Ankunft zu verkünden. +</p> + +<p> +Aber schon in den ersten Morgenstunden des nächsten +Tages kam Graf Arahad mit seiner stark gelichteten Reiter<pb n='126'/><anchor id='Pg126'/>schar flüchtend ins Lager zurück. »Bei Gottes Schwert,« +rief Guntharis, »wo kommst du her?« +</p> + +<p> +»Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die äußersten +Werke der Stadt erreicht und Einlaß begehrt, wurden aber +entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst mich zeigte und +den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen ließ. +Der erklärte trotzig, morgen würden wir seine und der +Goten in Ravenna Entscheidung erfahren: wir sowohl wie +das Heer des Königs, dessen Spitzen sich bereits von Südosten +her der Stadt näherten.« +</p> + +<p> +»Unmöglich!« rief Guntharis ärgerlich. +</p> + +<p> +»Mir blieb nichts übrig, als abzuziehen, so wenig ich +dies Benehmen unseres Freundes begriff. Die Nachricht +von der Nähe des Königs hielt auch ich für eine leere +Drohung des Alten, bis meine im Süden der Stadt +schwärmenden Reiter, die nach einer trockenen Beiwachtstelle +suchten, plötzlich von feindlichen Reitern unter dem schwarzen +Grafen Teja von Tarentum mit dem Ruf: »Heil König +Witichis!« angegriffen und nach scharfem Gefecht zurückgeworfen +<anchor id="corr126"/><corr sic="wurden.">wurden.«</corr> +</p> + +<p> +»Du rasest,« rief Guntharis. »Haben sie Flügel? ist +Florentia aus ihrem Wege fortgeblasen?« +</p> + +<p> +»Nein! aber ich erfuhr von picentinischen Bauern, daß +Witichis auf dem Küstenweg über Auximum und Ariminum +nach Ravenna eilt.« – »Und Florentia ließ er im Rücken, +ungezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen.« – <anchor id="corr126a"/><corr sic="Florentia">»Florentia</corr> +ist gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, +der sie im Sturme nahm. Er rannte mit eigener Hand +das Marsthor ein, – der wütige Stier!« +</p> + +<p> +Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntharis diese +Unglücksbotschaften; aber rasch faßte er seinen Entschluß. +Er brach sofort mit all seinen Truppen gegen die Stadt +auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen. +</p> + +<pb n='127'/><anchor id='Pg127'/> + +<p> +Der Überfall mißlang. +</p> + +<p> +Aber die Empörer hatten die Befriedigung, zu sehen, +daß die Festung, deren Besitz den Bürgerkrieg entschied, +wenigstens auch dem Feind sich nicht geöffnet hatte. Im +Südosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der König +gelagert. Des Herzogs Guntharis geübter Blick erkannte +alsbald, daß auch die Sümpfe im Nordwesten eine sichere +Stellung gewährten, und rasch schlug er hier ein wohlverschanztes +Lager auf. +</p> + +<p> +So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestüme +Freier um eine spröde Braut, hart an beide Seiten der +gotischen Königsstadt gedrängt, die keinem ein günstiges +Gehör schenken zu wollen schien. +</p> + +<p> +Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten +und Goten bestehend, aus dem nordwestlichen +und aus dem südöstlichen Thor der Festung, dem Thor +des Honorius und dem des Theoderich, und brachten, jene +in das Lager der Wölsungen, diese zu den Königlichen, +den verhängnisvollen Entscheid von Ravenna. +</p> + +<p> +Dieser mußte sehr seltsam lauten. Denn die beiden +Heerführer, Guntharis und Witichis, hielten ihn, in merkwürdiger +Übereinstimmung, streng geheim und sorgten eifrig +dafür, daß kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte. +Die Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten +beider Lager unter Bedeckung von Heerführern, die jede +Unterredung mit den Heermännern verwehrten, nach den +Thoren der Stadt zurückgebracht. +</p> + +<p> +Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den +beiden Heerlagern auffallend genug. Bei den Empörern +kam es zu einem heftigen Streit zwischen den beiden +Führern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von +Herzog Guntharis mit seiner schönen Gefangenen, die, wie +es hieß, nur durch Graf Arahad vor dem Zorne seines +<pb n='128'/><anchor id='Pg128'/>Bruders geschützt worden war. Darauf versank das Lager +der Rebellen in die Ruhe der Ratlosigkeit. +</p> + +<p> +Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen +Gesandten in dem Lager gegenüber. Die erste Antwort, +die König Witichis auf die Botschaft erließ, war der +Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt. +</p> + +<p> +Überrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm +das ganze Heer diesen Auftrag. Man hatte gehofft, in +Bälde die Thore der starken Festung sich freiwillig aufthun +zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen +seine sonst so leutselige Art gab der König niemand, auch +seinen Freunden nicht, Rechenschaft von der Mitteilung +der Gesandten und von den Gründen dieses zornigen +Angriffs. +</p> + +<p> +Schweigend, aber kopfschüttelnd und mit wenig Hoffnung +auf Erfolg, rüstete sich das Heer zu dem unvorbereiteten +Sturm: er ward blutig zurückgeschlagen. Vergebens +trieb der König seine Goten immer wieder aufs +neue die steilen Felswälle hinan. Vergebens bestieg er, +dreimal der erste, die Sturmleitern: vom frühen Morgen +bis zum Abendrot hatten die Angreifer gestürmt ohne +Fortschritte zu machen: die Festung bewährte ihren alten +Ruhm der Unbezwingbarkeit. +</p> + +<p> +Und als endlich der König, von einem Schleuderstein +schwer betäubt, aus dem Getümmel getragen wurde, +führten Teja und Hildebrand die ermüdeten Scharen ins +Lager zurück. +</p> + +<p> +Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden +Nacht war sehr trübe und gedrückt. Man hatte empfindliche +Verluste zu beklagen und nichts gewonnen, als die +Überzeugung, daß die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen +sei. Die gotische Besatzung von Ravenna hatte neben den +Bürgern auf den Wällen gefochten; der König der Goten +<pb n='129'/><anchor id='Pg129'/>lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor der besten Festung +seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur Rüstung +gegen Belisar zu finden gehofft! +</p> + +<p> +Das Schlimmste aber war, daß das Heer die Schuld +des ganzen Unglückskampfes, die Notwendigkeit des Bruderstreits +auf den König schob. Warum hatte man die Verhandlung +mit der Stadt plötzlich abgebrochen? Warum +nicht wenigstens die Ursache dieses Abbrechens, war sie +eine gerechte, dem Heere mitgeteilt? Warum scheute der +König das Licht? +</p> + +<p> +Mißmutig saßen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder +lagen in den Zelten, ihre Wunden pflegend, ihre Waffen +flickend: nicht, wie sonst, scholl Gesang der alten Heldenlieder +von den Lagertischen, und wenn die Führer durch +die Zeltgassen schritten, hörten sie manches Wort des +Ärgers und des Zornes wider den König. +</p> + +<p> +Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften +von Florentia her im Lager ein. Er vernahm mit +zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen Schlappe +und wollte sofort zum König; aber da dieser noch bewußtlos +unter Hildebrands Pflege lag, nahm ihn Teja in sein +Zelt, und beantwortete seine unwilligen Fragen. +</p> + +<p> +Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit +einem Ausdruck in den Zügen, daß Hildebad erschrocken +von seinem Bärenfell, das ihm zum Lager diente, aufsprang +und auch Teja hastig fragte: »Was ist mit dem König? +Seine Wunde? Stirbt er?« +</p> + +<p> +Der Alte schüttelte schmerzlich sein Haupt: »Nein: aber +wenn ich richtig rate, wie ich ihn kenne und sein wackres +Herz, wär’ ihm besser, er stürbe.« +</p> + +<p> +»Was meinst du? was ahnest du?« +</p> + +<p> +»Still, still,« sprach Hildebrand traurig, sich setzend, +<pb n='130'/><anchor id='Pg130'/>»armer Witichis! es kommt noch, fürcht’ ich, früh genug +zur Sprache.« Und er schwieg. +</p> + +<p> +»Nun,« sagte Teja, »wie ließest du ihn?« – »Das +Wundfieber hat ihn verlassen, dank meinen Kräutern. Er +wird morgen wieder zu Roß können. Aber er sprach +wunderbare Dinge in seinen wirren Träumen – ich +wünsche ihm, daß es nur Träume sind, sonst: weh dem +treuen Manne.« +</p> + +<p> +Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. +Nach einigen Stunden ließ Witichis die drei +Heerführer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu ihrem Staunen +in voller Rüstung, obwohl er sich im Stehen auf sein +Schwert stützen mußte; seitwärts auf einem Tisch lag sein +königlicher Kronhelm und der heilige Königsstab von weißem +Eschenholz mit goldner Kugel. Die Freunde erschraken +über den Verfall dieser sonst so ruhigen, männlich schönen +Züge. Er mußte innerlich schwer gekämpft haben. Diese +kernige, schlichte Natur aus Einem Guß konnte ein +Ringen zweifelvoller Pflichten, widerstreitender Empfindungen +nicht ertragen. +</p> + +<p> +»Ich hab’ euch rufen lassen,« sprach er mit Anstrengung, +»meinen Entschluß in dieser schlimmen Lage zu vernehmen +und zu unterstützen. Wie groß ist unser Verlust in diesem +Sturm?« +</p> + +<p> +»Dreitausend Tote,« sagte Teja sehr ernst. »Und über +sechstausend Verwundete,« fügte Hildebrand hinzu. +</p> + +<p> +Witichis drückte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach +er: »Es geht nicht anders. Teja, gieb sogleich Befehl +zu einem zweiten Sturm.« +</p> + +<p> +»Wie? Was?« riefen die drei Führer wie aus Einem +Munde. +</p> + +<p> +»Es geht nicht anders,« <anchor id="corr130"/><corr sic="widerholte">wiederholte</corr> der König. »Wie +viele Tausendschaften führst du uns zu, Hildebad?« – +<pb n='131'/><anchor id='Pg131'/>»Drei, aber sie sind totmüde vom Marsch. Heut’ können +sie nicht fechten.« +</p> + +<p> +»So stürmen wir wieder allein,« sagte Witichis nach +seinem Speer langend. +</p> + +<p> +»König,« sagte Teja, »wir haben gestern nicht einen +Stein der Festung gewonnen und heute hast du neuntausend +weniger ..« – +</p> + +<p> +»Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und +ihr Mut zerbrochen,« mahnte der alte Waffenmeister. +</p> + +<p> +»Wir müssen Ravenna haben!« +</p> + +<p> +»Wir werden es nicht mit Sturm nehmen!« sagte Teja. +</p> + +<p> +»Das wollen wir sehen!« meinte Witichis. +</p> + +<p> +»Ich lag vor der Stadt mit dem großen König,« +warnte Hildebrand: »er hat sie siebzigmal umsonst bestürmt: +wir nahmen sie nur durch Hunger – nach drei +Jahren.« – +</p> + +<p> +»Wir <hi rend='gesperrt'>müssen</hi> stürmen,« sagte Witichis, »gebt den Befehl.« +Teja wollte das Zelt verlassen. Hildebrand hielt +ihn. »Bleib,« sagte er, »wir dürfen ihm nichts verschweigen. +König! die Goten murren: sie würden dir heut’ +nicht folgen: der Sturm ist unmöglich.« +</p> + +<p> +»Steht es so?« sagte Witichis bitter. »Der Sturm +ist unmöglich? Dann ist nur eins noch möglich: der +Weg, den ich gestern schon hätte einschlagen sollen: – +dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, +nimm dort Krone und Stab! +</p> + +<p> +Geh ins Lager der Empörer, lege sie dem jungen Arahad +zu Füßen: er soll sich mit Mataswintha vermählen; +ich und mein Heer, wir grüßen ihn als König.« Und er +warf sich erschöpft aufs Lager. +</p> + +<p> +»Du sprichst wieder im Wundfieber,« sagte der Alte. +»Das ist unmöglich!« schloß Teja. +</p> + +<p> +»Unmöglich! Alles unmöglich? der Kampf unmöglich? +<pb n='132'/><anchor id='Pg132'/>und die Entsagung? Ich sage dir, Alter: es giebt nichts +andres nach der Botschaft aus Ravenna.« Er schwieg. +</p> + +<p> +Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu. +</p> + +<p> +Endlich forschte der Alte: »Wie lautet sie? vielleicht +findet sich doch ein Ausweg? Acht Augen sehen mehr +als zwei.« +</p> + +<p> +»Nein,« sagte Witichis, »hier nicht, hier ist nichts zu +sehen: sonst hätt’ ich’s euch längst gesagt: aber es konnte +zu nichts führen. Ich hab’s allein erwogen. Dort liegt +das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor dem Heer.« +</p> + +<p> +Der Alte nahm die Rolle und las: »Die gotischen +Krieger und das Volk von Ravenna an den Grafen Witichis +von Fäsulä!« – +</p> + +<p> +»Die Frechen!« rief Hildebad dazwischen. +</p> + +<p> +»Den Herzog Guntharis von Tuscien und den Grafen +Arahad von Asta. Die Goten und die Bürger dieser +Stadt erklären den beiden Heerlagern vor ihren Thoren, +daß sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und +eingedenk der unvergeßlichen Wohlthaten des großen Königs +Theoderich, bei diesem Herrscherstamm ausharren werden, solang +noch ein Reis desselben grünt. Wir erkennen deswegen +nur Mataswintha als Herrin der Goten und Italier an: +nur der Königin Mataswintha werden wir diese festen +Thore öffnen und gegen jeden andern unsre Stadt bis +zum äußersten verteidigen.« +</p> + +<p> +»Diese Rasenden,« sagte Teja. »Unbegreiflich,« versetzte +Hildebad. +</p> + +<p> +Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und +sagte: »Ich begreife es wohl. Was die Goten anlangt, +so wißt ihr, daß Theoderichs ganze Gefolgschaft die Besatzung +der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem +König geschworen, seinem Stamm nie einen fremden König +vorzuziehen: auch ich hab’ diesen Eid gethan: aber ich +<pb n='133'/><anchor id='Pg133'/>habe dabei immer an die Speerseite, nicht an die Spindeln, +nicht an die Weiber, gedacht: darum mußt’ ich damals +für Theodahad stimmen: darum konnt’ ich nach dessen +Verrat Witichis huldigen. Der alte Graf Grippa von +Ravenna nun und seine Gesellen glauben sich auch an die +Weiber des Geschlechts durch jenen Eid gebunden: und +verlaßt euch darauf, diese grauen Recken, die ältesten im +Gotenreich und Theoderichs Waffengenossen, lassen sich in +Stücke hauen, Mann für Mann, eh’ sie von ihrem Eide +lassen, wie sie ihn einmal deuten. Und, bei Theoderich! +sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur +dankbar, sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner +sollen den Strauß vor ihren Wällen ausfechten. +Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswintha zu rächen +kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer +Tochter gehalten: und siegen wir, so hat sie die Besatzung +in der Burg gezwungen, die Thore zu sperren.« +</p> + +<p> +»Wie immer dem sei,« fiel der König ein, »ihr werdet +jetzt mein Verfahren verstehn. Erfuhr das Heer von jenem +Bescheid, so mochten viele mutlos werden und zu den +Wölsungen übergehn, in deren Gewalt die Fürstin ist. +Mir blieben nur zwei Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen +– oder nachgeben: jenes haben wir gestern vergebens versucht +und ihr sagt, man könne es nicht wiederholen. So +erübrigt nur das andre: nachgeben. Arahad mag die +Jungfrau freien und die Krone tragen; ich will der erste +sein, ihm zu huldigen und mit seinem tapfren Bruder sein +Reich zu schirmen.« +</p> + +<p> +»Nimmermehr!« rief Hildebad, »du bist unser König +und sollst es bleiben. Nie beug’ ich mein Haupt vor +jenem jungen Fant. Laß uns morgen hinüber rücken +gegen die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager +treiben und das Königskind, vor dessen Hand wie durch +<pb n='134'/><anchor id='Pg134'/>Zauber jene festen Thore aufspringen sollen, in <hi rend='gesperrt'>unsre</hi> +Zelte tragen.« +</p> + +<p> +»Und wenn wir sie haben?« sagte Teja, »was dann? +Sie nützt uns nichts, wenn wir sie nicht als Königin begrüßen. +Willst du das? Hast du nicht genug an Amalaswintha +und Godelindis? Nochmals Weiberherrschaft?« +</p> + +<p> +»Gott soll uns davor schützen!« lachte Hildebad. +</p> + +<p> +»So denke ich auch,« sprach der König, »sonst hätt’ +ich längst diesen Weg ergriffen.« +</p> + +<p> +»Ei, so laß uns hier liegen und warten bis die Stadt +mürbe wird.« +</p> + +<p> +»Geht nicht,« sagte Witichis, »wir <hi rend='gesperrt'>können</hi> nicht +warten. In wenigen Tagen kann Belisar von jenen +Hügeln steigen und nacheinander mich, Herzog Guntharis +und die Stadt bezwingen: dann ist’s dahin, das Reich +und Volk der Goten. Es giebt nur zwei Wege: Sturm –« +</p> + +<p> +»Unmöglich,« sprach Hildebrand. +</p> + +<p> +»Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich +sehe keinen Ausweg.« +</p> + +<p> +Die beiden jungen Männer zauderten. +</p> + +<p> +Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der +Liebe auf den König der alte Hildebrand: »Ich sehe den +Ausweg, den schmerzvollen, den einzigen. Du mußt ihn +gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das Herz.« +Witichis sah ihn fragend an: auch Teja und Hildebad +staunten ob der Weichheit des felsharten Alten. +</p> + +<p> +»Geht ihr hinaus,« fuhr dieser fort, »ich muß allein +sprechen mit dem König.« +</p> + +</div><div type="kapitel" n="15"> +<pb n='135'/><anchor id='Pg135'/> +<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenfzehntes Kapitel."/> +<head>Fünfzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Schweigend verließen die beiden Goten das Zelt und +schritten draußen, den Ausgang abwartend, die Lagergasse +auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin und wieder +Hildebrands Stimme, der in langer Rede den König zu +ermahnen und zu drängen schien: und hin und wieder +ein Ausruf des Königs. +</p> + +<p> +»Was kann nur der Alte sinnen?« fragte Hildebad, +still haltend, »weißt du’s nicht?« »Ich ahn’ es,« +seufzte Teja, »armer Witichis!« – »Zum Teufel, was +meinst du?« »Laß,« sagte Teja, »es wird bald genug +auskommen.« +</p> + +<p> +So verging geraume Zeit. +</p> + +<p> +Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Königs, +der sich der Reden Hildebrands mächtig zu erwehren schien. +</p> + +<p> +»Was quält der Eisbart den wackern Helden?« rief +Hildebad ungeduldig. »Es ist, als wollt’ er ihn ermorden. +Ich will hinein und helf’ ihm.« +</p> + +<p> +Aber Teja hielt ihn an der Schulter. +</p> + +<p> +»Bleib,« sagte er. »Es muß wohl sein.« +</p> + +<p> +Während sich Hildebad losmachen wollte, nahte Lärm +von Stimmen aus dem obern Ende der Lagergasse. Zwei +Wachen bemühten sich vergebens, einen starken Goten zurückzuhalten, +der mit allen Zeichen langen und eiligen +Rittes bedeckt, sich gegen das Zelt des Königs drängte. +</p> + +<p> +»Laß mich los,« rief er, »guter Freund, oder ich +schlage dich nieder.« +</p> + +<p> +Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt. +</p> + +<p> +»Es geht nicht. Du mußt warten. Die großen Heerführer +sind bei ihm im Zelt.« +</p> + +<p> +»Und wären alle großen Götter Walhalls samt dem +<pb n='136'/><anchor id='Pg136'/>Herrn Christus bei ihm im Zelt, ich muß zu ihm. Erst +ist der Mensch Vater und Gatte und dann König. Laß’ +los, rat’ ich dir.« +</p> + +<p> +»Die Stimme kenn’ ich,« sagte Graf Teja, nähertretend +– »und den Mann. Wachis, was suchst du hier im +Lager?« +</p> + +<p> +»O Herr,« rief der treue Knecht, »wohl mir, daß ich +euch treffe. Sagt diesen guten Leuten, daß sie mich loslassen. +Dann brauch’ ich sie nicht niederzuschlagen. Ich +muß gleich zu meinem armen Herrn.« +</p> + +<p> +»Laßt ihn los: sonst hält er Wort: ich kenne ihn. +Nun, was willst du bei dem König?« +</p> + +<p> +»Führt mich nur gleich zu ihm. Ich bring ihm schwarze, +schwere Kunde von Weib und Kind.« +</p> + +<p> +»Von Weib und Kind?« fragte Hildebad erstaunt. +»Ei, hat Witichis ein Weib?« +</p> + +<p> +»Die wenigsten wissen es,« sagte Teja. »Sie verließ +fast nie ihr Gut, kam nie zu Hof. Fast niemand kennt +sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch. Ich weiß nicht +ihresgleichen.« +</p> + +<p> +»Da habt ihr recht, Herr, wenn ihr je recht gehabt,« +sprach Wachis mit erstickter Stimme. »Die arme, arme +Frau und ach, der arme Vater. Aber laßt mich hinein. +Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fuß. Ich muß ihn +vorbereiten.« +</p> + +<p> +Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das +Zelt, und folgte ihm mit Hildebad. +</p> + +<p> +Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, +auf dem Lager des Königs sitzen, das Kinn +mit dem mächtigen Bart in die Hand und diese auf das +Steinbeil gestützt. So saß er unbeweglich und richtete fest +die Augen auf den König, der, in höchster Aufregung, mit +hastigen Schritten, auf und nieder ging und im Sturm +<pb n='137'/><anchor id='Pg137'/>seiner Gefühle die Eintretenden gar nicht bemerkte: »Nein! +nein! niemals!« rief er, »das ist grausam! frevelhaft! unmöglich!« +</p> + +<p> +»Es muß sein,« sagte Hildebrand, ohne sich zu rühren. +</p> + +<p> +»Nein, sag’ ich,« rief der König und wandte sich. +</p> + +<p> +Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr +an: da warf sich der Knecht laut weinend vor ihm nieder. +</p> + +<p> +»Wachis,« rief erschreckend der König, »was bringst du? +Du kömmst von ihr! Steh’ auf – was ist geschehen?« +</p> + +<p> +»Ach Herr,« jammerte dieser immer noch knieend, »euch +sehen, zerreißt mein Herz! Ich kann nichts dafür! Ich +hab’s vergolten und gerächt nach Kräften.« +</p> + +<p> +Da riß ihn Witichis bei den Schultern auf: »Rede, +Mensch, was ist zu rächen? Mein Weib –?« +</p> + +<p> +»Sie lebt, sie kommt hierher, aber euer Kind ...« – +</p> + +<p> +»Mein Kind,« sprach er erbleichend, »Athalwin, was +ist mit ihm –?« +</p> + +<p> +»Tot, Herr, – ermordet!« +</p> + +<p> +Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus +des gequälten Vaters Brust. Er bedeckte das Antlitz mit +beiden Händen, teilnehmend traten Teja und Hildebad +näher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr +auf die Gruppe. +</p> + +<p> +Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. +Er suchte die Hände seines Herrn zu fassen. Da senkte +sie dieser von selbst. Zwei große Thränen standen auf +den braunen Wangen des Helden: er schämte sich ihrer +nicht. +</p> + +<p> +»Ermordet!« sagte er, »mein schuldlos Kind! von den +Römern!« »Die feigen Teufel,« rief Hildebad. +</p> + +<p> +Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich +lautlos. +</p> + +<pb n='138'/><anchor id='Pg138'/> + +<p> +»Calpurnius!« sprach Witichis mit einem Blick auf +Wachis. +</p> + +<p> +»Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl +war aufs Gut gelangt und dein Weib und Sohn in dein +Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, daß er nun +ein Königssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen +schlug! Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und +auch Drachen schlagen und wilde Riesen. Da kam der +Nachbar von Rom zurück. Ich merkt’ es wohl, daß er +noch finsterer sah und neidischer als je und hütete dir +Haus und Stall. Aber das Kind hüten – wer hätte +daran gedacht, daß Kinder nicht mehr sicher!« +</p> + +<p> +Witichis schüttelte schmerzlich das Haupt. +</p> + +<p> +»Der Knabe konnte nicht erwarten, daß er seinen +Vater sehen solle im Kriegslager und all’ die Tausende +von gotischen Heermännern und daß er Schlachten solle in +der Nähe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund +an, und sagte: ein Königssohn müsse ein eisernes tragen, +zumal in Kriegszeiten. Und ich mußte ihm ein Jagdmesser +suchen und schleifen dazu. Mit diesem seinem Schwert +nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen früh +davon. Und fragte sie, »wohin?« so lachte er: »auf +Abenteuer, lieb’ Mutter!« und sprang in den Wald. Dann +kam er mittags müd und zerrissenen Gewandes heim: +und ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und +meinte nur, er habe Siegfried gespielt. +</p> + +<p> +Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich +gar einst an seinem Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich +ihm nach zu Walde. Richtig, es war, wie ich gedacht. +</p> + +<p> +Ich hatte ihm einst warnend eine Höhle im schroffen Felsgeklüft +gezeigt, das steil über den Gießbach hangt, weil +dort die giftigen Vipern zu Dutzenden nisten. +</p> + +<p> +Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich +<pb n='139'/><anchor id='Pg139'/>sagte, jeder Biß sei tödlich, und gleich gestorben sei eine +arme Beerensammlerin, die der Beißwurm in den nackten +Fuß gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert und wollte +mitten darunter springen. Mit Mühe und schwer erschrocken +hielt ich ihn damals ab. +</p> + +<p> +Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, +daß ich ihm eine Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich +ihn im Walde, mitten im Steingeklüft, unter Dornen und +Gestrüpp: da holte er einen mächtigen Holzschild hervor, +den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte. Und +eine Krone war frisch drauf gemalt. +</p> + +<p> +Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in +die Höhle. +</p> + +<p> +Ich sah mich um: da lag das lang mächtige Gewürm +zu halben Dutzenden von frühern Schlachten her mit zerhauenen +Häuptern umhergestreut: ich folgte, und so besorgt +ich war, ich konnt’ ihn nicht stören, wie er so heldenmütig +focht! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwürfen +aus ihrem Loch, daß sie sich züngelnd aufringelte: +gerade wie sie zischend gegen ihn sprang, warf er blitzschnell +den Schild vor und hieb sie mit einem Streich mitten +entzwei. Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er +aber sah gar trotzig drein und rief: »Sag’s nur der +Mutter nicht! denn ich thu’s doch! bis der letzte der +Drachen tot ist!« Ich sagte, ich würde ihm sein Schwert +nehmen. »Dann fecht’ ich mit dem hölzernen, wenn dir +das lieber ist!« rief er. »Und welche Schmach für einen +Königssohn!« +</p> + +<p> +Da nahm ich ihn die nächsten Tage mit mir zum +Einfangen der Rosse auf die Wildweide. Das vergnügte +ihn sehr: und nächstens, dacht’ ich, brechen wir ja auf. +</p> + +<p> +Aber eines Morgens war er mir wieder entschlüpft +und ich ging allein an die Arbeit. Den Rückweg nahm +<pb n='140'/><anchor id='Pg140'/>ich den Fluß entlang, gewiß, ihn an der Felshöhle zu +finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehäng seines +Schwertes, zerrissen, an den Dornen hangen und seinen +Holzschild zertreten auf der Erde. Erschrocken sah ich +umher und suchte, aber –« +</p> + +<p> +»Rascher, weiter,« rief der König. +</p> + +<p> +»Aber?« fragte Hildebad. +</p> + +<p> +»Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte +ich große Fußspuren eines Mannes im weichen +Sande. Ich folgte ihnen. +</p> + +<p> +Sie führten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich +sah hinab. Und unten« – +</p> + +<p> +Witichis wankte. +</p> + +<p> +»Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses +hingestreckt die kleine Gestalt. +</p> + +<p> +Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiß es +nicht, im Flug war ich unten. – Da lag er, das kleine +Schwert noch fest in der Hand, von den Felsspitzen zerrissen, +das lichte Haar von Blut überströmt –« +</p> + +<p> +»Halt ein,« sprach Teja, die Hand auf seine Schultern +legend, indes Hildebad des armen Vaters Hand faßte, der +stöhnend auf sein Lager sank. +</p> + +<p> +»Mein Kind, mein süßes Kind, mein Weib!« rief er. +</p> + +<p> +»Ich fühlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser +aus dem Fluß brachte ihn nochmal zu sich. Er schlug die +Augen auf und erkannte <anchor id="corr140"/><corr sic="mich.«">mich.</corr> »Du bist herabgefallen, +mein Kind,« klagte ich. +</p> + +<p> +»Nein,« sagte er, »nicht gefallen, geworfen.« Ich +war starr vor Entsetzen. »Calpurnius,« hauchte er, +»trat plötzlich um die Felsecke, wie ich auf die Vipern +einhieb. »Komm mit mir,« sagte er und griff nach mir. +Er sah bös aus und falsch. Ich sprang zurück. »Komm,« +sagte er, »oder ich binde dich.« »Mich <anchor id="corr140a"/><corr sic="binden!">binden!«</corr> rief ich. +<pb n='141'/><anchor id='Pg141'/><anchor id="corr141"/><corr sic="Mein">»Mein</corr> Vater ist der Goten König und der deine. Wag’ +es und rühr’ mich an!« Da ward er ganz wütig und +schlug nach mir mit dem Stock und kam näher; ich aber +wußte, daß in der Nähe unsere Knechte Holz fällten und +schrie um Hilfe und wich zurück bis an den Rand der +Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute +mußten mich gehört haben: ihre Axtschläge ruhten plötzlich. +Doch plötzlich vorspringend, sagte er: »Stirb, kleine Natter!« +und stieß mich über den <anchor id="corr141a"/><corr sic="Fels.«">Fels.««</corr> +</p> + +<p> +Teja biß die Lippen. »O der Neiding,« rief Hildebad. +Und Witichis riß sich mit einem Schrei des Schmerzes los. +</p> + +<p> +»Mach’s kurz,« sagte Teja. – »Er verlor wieder die +Sinne. Ich trug ihn auf meinen Armen nach Hause zur +Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf, in ihrem +Schos. Ein Gruß an dich war sein letzter Hauch.« +</p> + +<p> +»Und mein Weib – ist sie nicht verzweifelt?« +</p> + +<p> +»Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber +auch von Stahl. Wie der Knabe die Augen geschlossen, +zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus, nach rechts. +</p> + +<p> +Ich verstand sie: dort stand des Mörders Haus. +</p> + +<p> +Und ich waffnete alle deine Knechte und führte sie +hinüber zur Rache: und wir legten den ermordeten Knaben +auf deinen Schild, und trugen ihn in unsrer Mitte zur +Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in +der Hand, hinter der Leiche. Vor dem Thor der Villa +legten wir den Knaben nieder. +</p> + +<p> +Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Roß +zu Belisar. Aber sein Bruder und sein Sohn und zwanzig +Sklaven standen im Hof: sie wollten eben zu Pferd steigen +und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf. +Dann brachen wir ein. +</p> + +<p> +Wir haben sie <hi rend='gesperrt'>alle</hi> erschlagen, alle: und das Haus +niedergebrannt über den Bewohnern. Frau Rauthgundis +<pb n='142'/><anchor id='Pg142'/>aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht haltend, auf +ihr Schwert gestützt, und sprach kein Wort. Und mich +schickte sie Tags darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie +folgte mir bald darauf, sowie sie die kleine Leiche verbrannt. +Und da ich einen Tag verloren, durch die Empörer +vom nächsten Wege abgesperrt, so kann sie stündlich +da sein.« +</p> + +<p> +»Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das +ist der erste Ertrag, den mir diese Krone bringt. Und +nun,« rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes den Alten +an, »willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?« +</p> + +<p> +Hildebrand stand langsam auf: »Nichts ist untragbar, +was notwendig ist. Auch der Winter ist tragbar. Und das +Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne zu fragen, wollt +ihr’s tragen? Sie kommen. Und wir tragen’s. Weil +wir müssen. Aber ich höre Frauenstimmen und rauschende +Gewande. Gehen wir.« +</p> + +<p> +Witichis wandte sich von ihm zur Thür. +</p> + +<p> +Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand +und schwarzem Schleier Rauthgundis sein Weib, eine kleine +schwarze Marmorurne an die Brust drückend. +</p> + +<p> +Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: +– – und die Gatten hielten sich umfangen. +</p> + +<p> +Schweigend verließen die Männer das Zelt. +</p> + +</div><div type="kapitel" n="16"> +<pb n='143'/><anchor id='Pg143'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: +»Du quälst den König umsonst,« sagte er. »Er wird nie +darein willigen. Er kann’s auch nicht. Jetzt am wenigsten.« +</p> + +<p> +»Woher weißt du ...? –« unterbrach der Greis. +– »Still: ich ahn’ es: wie ich alles Unglück ahne.« +– »Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.« – »Er, +– er wird’s nie thun.« – »Aber – du meinst sie selbst?« +– »Vielleicht!« – »Sie wird,« sagte Hildebrand. +</p> + +<p> +»Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib,« schloß Teja. +</p> + +<p> +Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose +Paar seinem stillen Schmerze lebte und Witichis kaum +sein Zelt verließ, geschah es, daß die Vorposten der königlichen +Belagerer und die Außenwachen der gotischen Besatzung +von Ravenna, den eingetreten thatsächlichen Waffenstillstand +benutzend, in mannigfachen Verkehr traten. +</p> + +<p> +Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die +Schuld an diesem Bürgerkriege vor. +</p> + +<p> +Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der +höchsten Not des Reiches dem gewählten König der Goten +seine Königsburg verschlossen. Die Ravennaten schmähten +auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne, +was ihr gebühre. +</p> + +<p> +Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte +Graf Grippa von Ravenna selber zu, der die Runde auf +den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und rief zu den +Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und +rühmten: +</p> + +<p> +»So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, daß +er statt aller Antwort auf unsern billigen Spruch Sturm +lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein so leichtes +<pb n='144'/><anchor id='Pg144'/>Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, +daß Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb +nicht König bleiben? Ist’s ein zu hartes Opfer, mit dem +schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin Schönhaar, von +deren Reiz die Sänger singen aus den Straßen, Thron +und Lager zu teilen? Mußten lieber so viel tausend +tapferer Goten sterben? Nun, er soll nur so fortstürmen! +Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn oder diese +Felsen.« +</p> + +<p> +Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck +auf die Goten vor den Wällen. +</p> + +<p> +Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. +Von seiner Ehe wußten sie so wenig wie das +ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens Anwesenheit +im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer +Königin war sie eingezogen. +</p> + +<p> +In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und +erzählten, was sie vernommen, wie der Eigensinn des +Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum also hat er die +Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie! +</p> + +<p> +Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, +lebhaft bewegte, die anfangs leiser, bald immer lauter die +Sache besprachen und auf den König schalten. Die Germanen +jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem Freimut +der Rede, der die Byzantiner entsetzte. +</p> + +<p> +Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, +die Schmach der Niederlage vor Ravenna, der Schmerz +um die geopferten Brüder, der Zorn über sein Geheimtun +zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König +zu erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch +nicht offen ausgebrochen. +</p> + +<p> +Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann +sie durch die Gassen des Lagers schritten und bei ihrem +<pb n='145'/><anchor id='Pg145'/>Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten. Aber sie +konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend sie +beim Namen nannten. +</p> + +<p> +Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend +einschreiten wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück. +</p> + +<p> +»Laßt es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn’s +genug ist, werd’ ich’s dämmen.« »Die einzige Gefahr +wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin – +</p> + +<p> +»Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« +sagte Teja. +</p> + +<p> +»Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute +Wege. Überläufer erzählen, daß sich die Fürstin standhaft +weigert. Sie droht, sich eher zu töten als Arahad die +Hand zu reichen.« +</p> + +<p> +»Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd’ ich’s wagen.« +</p> + +<p> +»Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, +das Amalungenkind. Sie hat das Blut und die Feuerseele +Theoderichs und wird auch uns am Ende böses +Spiel machen.« +</p> + +<p> +»Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von +Asta,« flüsterte Teja. »Darauf vertrau ich auch,« meinte +Hildebad. »Gönnt ihm noch einige Tage Ruhe,« riet der +Alte. »Er muß seinem Schmerz sein Recht anthun: eh’ +ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt +ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich +werde sie bald genug stören müssen.« +</p> + +<p> +Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König +früher und anders als er gemeint aus seinem Schmerz +aufzurufen. +</p> + +<p> +Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen +Goten, die zu den Byzantinern übergingen, ein +Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte. Solche Fälle +kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, +<pb n='146'/><anchor id='Pg146'/>wo wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und +häufige Mischheiraten stattgefunden hatten, häufiger vor. +</p> + +<p> +Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich +und ihr Volk entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte +jenes Gesetz beantragt gegen Heereslitz und Fahnenwechsel. +Noch war eine Anwendung desselben nicht nötig gewesen +und man hatte der Bestimmung fast vergessen. +</p> + +<p> +Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden. +</p> + +<p> +Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer +noch nicht verlassen. Aus mehr als Einem Grunde wollte +er vorläufig noch diese Stadt zum Stützpunkt all’ seiner +Bewegungen in Italien machen. +</p> + +<p> +Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen +nachgesandt, sie zu verfolgen, zu beunruhigen und +insbesondre die zahlreichen Kastelle, Burgen und Städte +zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen +Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von +keiner Besatzung im Zaum gehalten, einfach zum »Kaiser +der Romäer,« wie er sich auf griechisch nannte, abgefallen +waren. +</p> + +<p> +Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der +gotische König in vollem Rückzug und nach Ausbruch der +Empörung die gotische Sache halb verloren schien, fast alle +Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck oder +die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren +ergaben sich viele Schlösser und Städte an Belisar. +</p> + +<p> +Da nun die meisten doch lieber den Schein einer +Nötigung abwarteten, um, falls die Goten gleichwohl +unverhofft wieder siegen sollten, eine Entschuldigung zu +finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund, +solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern +gemischt, unter Führung der Überläufer, die der +Gegend und der Verhältnisse kundig waren, auszusenden. +<pb n='147'/><anchor id='Pg147'/>Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten Rückzug +der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene +Kastell wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen. +</p> + +<p> +Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum +Marcianum gewonnen, das bei Cäsena, ganz in der Nähe +des königlichen Lagers, eine Felshöhe oberhalb des großen +Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den +Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, +sah diese gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat +der Italier mit Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen +nicht gegen Herzog Guntharis oder gegen Ravenna beschäftigen +wollte, – er hoffte auf eine friedliche Lösung +des Knotens – beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen +einen züchtigenden Streich zu thun. +</p> + +<p> +Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens +Ankunft im Lager, die neue, byzantinische Besatzung +von Castellum Marcianum sogar Cäsena, diese wichtige +Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte. +</p> + +<p> +Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen +das Verderben. Er selbst stellte sich an die Spitze einer +Tausendschaft von Reitern, die in der Stille der Nacht, +Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der Richtung +gegen Cäsena aufbrachen. +</p> + +<p> +Der Überfall gelang vollkommen. +</p> + +<p> +Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß +des hoch auf dem Fels gelegenen Kastells. Hier verteilte +Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf alle Seiten des +Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie +leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am +Thor ward überrascht und die Byzantiner, von einer überlegenen +Macht überfallen, flohen nach allen Seiten den +Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den +<pb n='148'/><anchor id='Pg148'/>Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden +Schlosses erleuchteten die Nacht. +</p> + +<p> +Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das +Flüßchen am Fuß des Felsens zurück, über das nur eine +schmale Brücke führte. Hier wurden die verfolgenden Reiter +Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem Anführer, +nach dem Glanz der Rüstung zu schließen. +</p> + +<p> +Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch +junge Mann – sein Visier war dicht geschlossen – focht +wie ein Verzweifelter, deckte die Flucht der Seinen und +hatte schon vier Goten niedergestreckt. +</p> + +<p> +Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine +Weile den ungleichen Kampf mit an. »Gieb dich gefangen, +tapferer Mann!« rief er dem einsamen Krieger zu, »dein +Leben sichr’ ich dir.« +</p> + +<p> +Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen +Augenblick senkte er das Schwert und sah auf den Alten. +Aber schon im nächsten Moment sprang er wütend vor +und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit +gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt +wichen die Goten etwas zurück. +</p> + +<p> +Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, +»jetzt keine Gnade mehr! Zielt mit den Speeren.« »Er +ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der Goten, ein Vetter +Tejas, »dreimal hab’ ich ihn getroffen – er ist nicht zu +verwunden.« +</p> + +<p> +»Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »laß +sehen, ob er auch gegen Stein gefeit ist.« +</p> + +<p> +Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – +er war fast der einzige, der nicht von dieser heidnisch alten +Waffe gelassen – sausend gegen den Byzantiner. +</p> + +<p> +Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den +stolz geschweiften Helm und wie blitzgetroffen fiel der +<pb n='149'/><anchor id='Pg149'/>Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch hinzu und +lösten ihm den Helm. +</p> + +<p> +»Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war +kein Byzantiner.« »Und kein Italier,« sagte Gunthamund. +»Sieh die Goldlocken – das war ein Gote!« +meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak +zusammen. +</p> + +<p> +»Fackeln her,« rief er – »Licht! – – Ja,« sprach +er finster, seinen Steinhammer wieder aufhebend, »das +war ein Gote. Und ich! – ich hab’ ihn erschlagen,« fügte +er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am +Hammerschaft. +</p> + +<p> +»Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur +betäubt! Er schlägt die Augen auf.« +</p> + +<p> +»Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das woll’n +die Götter nicht!« »Ja, er lebt!« wiederholten die +Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. – »Dann weh über +ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der +Goten in meine Gewalt! Bind’ ihn auf dein Roß, +Gunthamund, aber fest! Und wenn er entwischt, gilt es +deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach +Hause!« +</p> + +<p> +Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, +was sie für diesen Gefangenen rüsten sollten. +</p> + +<p> +»Einen Bund Stroh für heute Nacht,« sagte der, »und +für morgen früh – einen Galgen.« Mit diesen Worten +ging er in das Zelt des Königs und berichtete den Erfolg +seines Zuges. +</p> + +<p> +»Wir haben unter den Gefangenen« schloß er finster, +»einen gotischen Überläufer. Er muß hängen, ehe die +Sonne morgen niedergeht.« »Das ist sehr traurig,« sagte +Witichis seufzend. – »Ja, aber notwendig. Ich berufe +das Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du +<pb n='150'/><anchor id='Pg150'/>den Vorsitz führen?« »Nein,« sagte Witichis, »erlaß +mir’s: ich bestelle Hildebad an meiner Statt.« »Nein,« +sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, +solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als +mein Recht.« Witichis sah ihn an: »du siehst grimmig +und so kalt! Ist’s ein alter Feind deiner Sippe?« +»Nein,« sprach Hildebrand. – »Wie heißt der Gefangene?« +– »Wie ich, Hildebrand.« – »Höre, du scheinst ihn zu +hassen, diesen Hildebrand! Du magst ihn richten, aber +hüte dich vor übertriebener Strenge. Vergiß nicht, daß +ich gern begnadige.« +</p> + +<p> +»Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte +Hildebrand ruhig »und er wird sterben.« +</p> + +</div><div type="kapitel" n="17"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten +Hauptes hinausgeführt auf eine Wiese, im Norden, +»an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die Heerführer +und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten. +</p> + +<p> +»Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, +»ist der alte Hildebrand auf dem Dingplatz?« +</p> + +<p> +»Er ist das Haupt des Dings.« +</p> + +<p> +»Barbaren sind und bleiben sie! Thu’ mir den Gefallen, +Freund – ich schenke dir dafür diese purpurne +Binde – und geh zu dem Alten. Sag ihm: ich wisse, +daß ich sterben muß. +</p> + +<p> +Aber er möge doch mir – und mehr noch meinem +Geschlecht – hörst du? – meinem Geschlecht – die +Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich +<pb n='151'/><anchor id='Pg151'/>eine Waffe senden.« Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand +zu suchen, der das Gericht bereits eröffnet hatte. +Das Verfahren war sehr einfach. Der Alte ließ zuerst +das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen feststellen, +wie man sich des Gefangenen bemächtigt, darauf +diesen selbst vorführen. Noch immer bedeckte ein Wollsack +sein Haupt und seine Schultern. Eben sollte dieser abgenommen +werben, als Gunthamund sich zu Hildebrand +drängte und in sein Ohr flüsterte. +</p> + +<p> +»Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich laß’ +ihm sagen: die Schmach für sein Geschlecht sei seine That, +nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er fort: »Zeigt das +Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des +Hildegis!« +</p> + +<p> +Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die +Menge. +</p> + +<p> +»Sein eigner Enkel!« »Alter, du sollst nicht weiter +richten! Du bist grausam gegen dein Fleisch und Blut!« +rief Hildebad aufspringen. »Nur gerecht, aber gegen +alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde stoßend. +»Armer Witichis!« flüsterte Graf Teja. +</p> + +<p> +Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem +Lager. +</p> + +<p> +»Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« +fragte Hildebrand. +</p> + +<p> +Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von +Zorn gerötet, nicht von Scham: keine Spur von Furcht +lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes Haar flog im +Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon +der Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die +Entdeckung seines Namens, endlich jetzt seine Jugend und +Schönheit sprachen mächtig für ihn. Er ließ sein Auge +<pb n='152'/><anchor id='Pg152'/>flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem +Alten haften. +</p> + +<p> +»Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich +nicht! Ich bin Römer, kein Gote! Mein Vater starb vor +meiner Geburt, meine Mutter war eine Römerin, die edle +Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab’ ich nie als mir +verwandt empfunden. Seine Strenge hab’ ich verachtet +wie seine Liebe. Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, +aufgezwungen, mich meiner Mutter entrissen. Ich aber +entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand, Flavus +Cloelius habe ich mich von je genannt. Römisch waren +meine Freunde, römisch von jeher meine Gedanken, römisch +mein Leben. All meine Freunde gingen zu Belisar und +Cethegus: sollt’ ich zurückbleiben? Tötet mich, ihr könnt’ +es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht +Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet +einen gefangenen Römer. Denn römisch ist meine Seele.« +</p> + +<p> +Schweigend, mit gemischten Empfindungen hörte die +Menge diese Verteidigung. +</p> + +<p> +Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte +Blitze, seine Hand zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. +»Elender!« schrie er, »du bist eines gotischen Mannes +Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: +und wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du schon +dafür, zu sterben. Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.« +</p> + +<p> +Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der +Stufe. »So sei verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes +Volk! Verflucht, ihr Barbaren allesamt, und zumeist +du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, daß all +eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt +sollt ihr werden aus diesem schönen Land und +keine Spur soll von euch künden.« +</p> + +<p> +Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten +<pb n='153'/><anchor id='Pg153'/>wieder die Hülle ums Haupt und führten ihn ab nach +einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller seiner Zweige +und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der +Menge von ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lärm +und Hufschlag eilender Rosse nahte. +</p> + +<p> +Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, +Witichis und Hildebad an der Spitze. »Haltet ein,« rief +der König von weitem, »schont den Enkel Hildebrands: +Gnade, Gnade!« +</p> + +<p> +Aber der Alte wies nach dem Hügel. +</p> + +<p> +»Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit +dem Verräter. So geh es jedem, der seines Volks vergißt. +Erst kommt das Reich, König Witichis, und dann +kommt Weib und Kind und Kindeskind.« +</p> + +<p> +Groß war der Eindruck dieser That Hildebrands auf +das Heer, größer noch auf den König. Witichis fühlte +das Gewicht, das durch dieses Opfer jede Forderung des +Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, daß jetzt +jeder Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein +Zelt zurück. Und Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die +Stimmung. Er trat am Abend mit Teja in das Zelt des +Königs. +</p> + +<p> +Schweigend, Hand in Hand saßen die Gatten auf dem +Feldbett; auf dem Tisch vor ihnen stand die schwarze +Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art der Amulette +an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete +nur trübes Licht. Als Hildebrand dem König die +Hand reichte, sah ihm dieser ins Antlitz: ein Blick sagte +ihm, daß Hildebrand mit dem festen Entschluß eingetreten +sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden Preis. +</p> + +<p> +Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck +des bevorstehenden Seelenringens durchschauert. +</p> + +<p> +»Frau Rauthgundis,« hob der Alte an, »ich habe +<pb n='154'/><anchor id='Pg154'/>Hartes mit dem König zu reden. Es wird euch kränken, +es zu hören.« +</p> + +<p> +Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der +Ausdruck tiefen Schmerzes und tiefer Liebe zu ihrem Gatten +gab den regelmäßigen festen Zügen eine edle Weihe. Sie +legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, +leise die Linke auf seine Schulter. +</p> + +<p> +»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und +fordre die Hälfte dieser Härte.« +</p> + +<p> +»Frau,« – mahnte der Alte nochmal. +</p> + +<p> +»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, +ihr ins Angesicht deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? +nein! und sollt ich einem Gott ins Antlitz sagen, das Volk +der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne Furcht: +Wisse denn ...« – +</p> + +<p> +»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, +den Arm um seine Frau schlingend. Aber Rauthgundis +sah ihn groß und fest an: »Ich weiß alles, mein Witichis. +Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte, unerkannt, +im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an +den Feuern auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. +Ich lauschte und hörte alles, was dieser fordert und was +du weigerst.« +</p> + +<p> +»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine +Gefahr. Weiß ich doch, daß du dein Weib nicht verstoßen +wirst. Nicht um eine Krone und nicht um jenes +zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen +Alten drohn: ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am +Himmel fester als ich an deinem Herzen.« +</p> + +<p> +Diese Sicherheit wirkte auf den Alten. +</p> + +<p> +Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu +rechten. Witichis, ich frage dich vor Teja: – du weißt, +wie es steht. Ohne Ravenna sind wir verloren – +<pb n='155'/><anchor id='Pg155'/>Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst +du diese Hand fassen oder nicht?« +</p> + +<p> +Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben +Recht! Wir sind Barbaren! Da steht vor diesem fühllosen +Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an +Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten +Kindes und er will von diesem Weib, von dieser Asche +weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. Nie, niemals!« +</p> + +<p> +»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften +des Heeres auf dem Weg in dein Zelt,« sprach +der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich fordere. Ich +hielt sie mit Mühe ab.« +</p> + +<p> +»Laß sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur +die Krone nehmen, nicht mein Weib.« +</p> + +<p> +»Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, nicht mehr +sein eigen.« +</p> + +<p> +»Hier,« – da ergriff Witichis den Kronhelm und legte +ihn auf den Tisch vor Hildebrand, – »noch einmal geb’ +ich euch und zum letztenmal die Krone zurück. – Ich +habe sie nicht verlangt, weiß Gott. – Sie hat mir nichts +gebracht als diese Aschenurne. – Nehmt sie zurück: – +laßt König sein wer will und Mataswintha frein.« +</p> + +<p> +Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weißt, +das führt zum sichersten Verderben. Schon jetzt sind wir +in drei Parteien gespalten. Viele Tausende würden Arahad +nie anerkennen. Du bist’s allein, der noch alles zusammenhält. +Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein +Bündel losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. +Willst du das?« +</p> + +<p> +»Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen für +dein Volk?« sprach Teja näher tretend. +</p> + +<p> +»Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine +Freundschaft?« »Rauthgundis,« sprach dieser ruhig, »ich +<pb n='156'/><anchor id='Pg156'/>ehre dich vor allen Frauen hoch, und Hohes fordre ich +darum von dir.« – +</p> + +<p> +Hildebrand aber begann, »du bist die Königin dieses +Volkes. Ich weiß von einer Gotenkönigin aus unsrer +Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen lasteten auf ihrem +Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten +den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes +und die Wellen des Meeres und sie rauschten zur Antwort: +</p> + +<lg> +<l>»Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.</l> +<l>Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.«</l> +</lg> + +<p> +Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause. +Sie dankte den Göttern und sprang in die Flut. Aber +freilich, das war die Heidenzeit.« +</p> + +<p> +Rauthgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein +Volk,« sprach sie, »und seit von Athalwin nur diese Locke +übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub’ ich, gäb’ ich mein +Leben für mein Volk. Sterben will ich – ja,« rief sie, +»aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer +Liebe wissen – nein.« +</p> + +<p> +»In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir +so? Weißt du’s denn nicht, wie ewig dies gequälte Herz +nur nach dem Wohlklang deines Namens schlägt? Hast +du’s denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne +nicht, wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne +deine Liebe? Reißt mir das Herz aus der Brust, setzt +mir ein andres ein: dann etwa laß ich von dieser Seele. +Ja, wahrlich,« rief er den beiden Männern zu, »ihr wißt +nicht was ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr +wißt nicht, daß meine Liebe zu diesem Weib und dieses +Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis. Sie ist +mein guter Stern. Ihr wißt nicht, daß ihr zu danken +ist, ihr allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie +denk’ ich im Getümmel der Schlacht und ihr Bild stärkt +<pb n='157'/><anchor id='Pg157'/>meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele, klar und +ruhig, an ihre makellose Treu, wenn’s gilt, im Rat das +Edelste zu finden. – O, dieses Weib ist meines Lebens +Seele, nehmt sie hinweg und ein Schatte ohne Glück und +Kraft ist euer König.« +</p> + +<p> +Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis +in die Arme. Sie war erstaunt, selig erschrocken. +Noch nie hatte der stete, ruhige Mann, der sein Gefühl +gern scheu in sich verschloß, so von ihr, von seiner Liebe +gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er +sie lassen sollte. +</p> + +<p> +Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: +»Dank, Dank, Gott, für diese Schmerzenstunde,« flüsterte +sie, »ja, jetzt weiß ich, dein Herz, deine Seele sind ewig +mein.« +</p> + +<p> +»Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine +andre seine Königin heißt! Sie teilt nur seine Krone, +nicht sein Herz.« +</p> + +<p> +Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen +von diesem Wort, mit großen Augen auf Teja. +</p> + +<p> +Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt +seinen Hauptschlag zu führen. +</p> + +<p> +»Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach +er. »Ein Schatte ohne Glück und Kraft – das wirst +du nur, wenn du mein Wort verwirfst und brichst deinen +heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler +als ein Schatte.« +</p> + +<p> +»Seinen Eid?« fragte Rauthgundis erbebend. »Was +hast du geschworen?« +</p> + +<p> +Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf +seine Hände. +</p> + +<p> +»Was hat er geschworen?« wiederholte sie. +</p> + +<pb n='158'/><anchor id='Pg158'/> + +<p> +Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die +Seele der Gatten zielend. »Wenige Jahre sind’s. Da +schloß ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit vier +Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche +ward der Rasen geritzt und er that einen Eid bei der +alten Erde, dem wallenden Wasser, dem flackernden Feuer +und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes Blut +zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und +alle Tage. +</p> + +<p> +Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles +Eigen: Sohn und Sippe, Leib und Leben: Waffen und +Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der Goten. +Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid +zu ehren mit allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen +ungerächt wie dies Wasser unter den Waldwasen. Auf +sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn +erdrücken. Und wer vergißt dieses Eides und wer sich +weigert, alles zu opfern dem Volk der Goten, wenn die +Not es gebeut und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen +sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da hausen +unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten +über des Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen +sein spurlos in die Tiefe: – oder wer seiner gedenkt, gedenke +sein mit Fluchen: und verdammt soll sein seine Seele +zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit +Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, +so weit der Wind weht über die weite Welt. +</p> + +<p> +So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: +von Hildebrand und Hildebad, von Totila und Teja. +Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris Sohn.« +</p> + +<p> +Und – rasch streifte er dem König das Gewand über +den linken Knöchel zurück. »Sieh her, Rauthgundis, noch +ist die Narbe des Blutschnitts nicht verwischt. Aber der +<pb n='159'/><anchor id='Pg159'/>Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er damals, +als er noch nicht König war. +</p> + +<p> +Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf +dem Feld von Regeta auf den Schild erhoben, da that er +einen zweiten Schwur: »Mein Leben, mein Glück, mein +alles, euch will ich’s weihn, dem Volk der Goten, das +schwör ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner +Treue.« Nun, Witichis, Waltaris Sohn, König der Goten, +ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu dieser Stunde. +Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein +alles, dein Glück und dein Weib, dem Volk der Goten? +Siehe, auch ich habe drei Söhne verloren für dies Volk. +</p> + +<p> +Und habe meinen Enkel, den letzten Sproß meines +Geschlechts, geopfert, gerichtet für die Goten, ohne Zucken +mit den Wimpern. Sprich, willst du das Gleiche thun? +willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos +unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, +willst du?« +</p> + +<p> +Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des +furchtbaren Alten. +</p> + +<p> +Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres +Mannes Herz gelegt, die Rechte wie abwehrend gegen +Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein. Laß ab +von ihm. Es ist genug, schon längst. Er thut, was du begehrst. +Er wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem +Volke, um sein Weib.« +</p> + +<p> +Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie, als wollte +man ihm sein Weib sogleich entreißen. +</p> + +<p> +»Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »laßt mich +allein mit ihm.« +</p> + +<p> +Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte. +</p> + +<p> +»Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf +<pb n='160'/><anchor id='Pg160'/>die Marmorurne legend, »bei der Asche meines Kindes: +mit Sonnenaufgang ist er frei.« +</p> + +<p> +»Nein,« sprach Witichis, »ich stoße mein Weib nicht +von mir, nie.« +</p> + +<p> +»Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich +wende mich von dir. Rauthgundis geht, ihr Volk zu +retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein Herz nie +von mir lösen: ich weiß es, es bleibt mein, seit heute +mehr denn je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu +leben ist, trägt keinen Zeugen.« +</p> + +<p> +Schweigend verließen die Männer das Zelt, schweigend +gingen sie miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke +hielt der Alte. +</p> + +<p> +»Gut Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist’s gethan.« +</p> + +<p> +»Ja, doch wer weiß, ob wohlgethan. Ein edles, edles +Opfer: noch viele andre werden folgen und mir ist: dort +in den Sternen steht geschrieben: umsonst. Doch gilt’s +die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.« +</p> + +<p> +Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter +und verschwand wie ein Schatten in der Nacht. +</p> +</div><div type="kapitel" n="18"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Achtzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein +verhülltes Weib aus dem Gotenlager. Ein Mann im +braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß am +Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz +schauend. Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, +ein Bündel hinter sich auf dem Sattel, an dem die schwere +Streitaxt hing. +</p> + +<pb n='161'/><anchor id='Pg161'/> + +<p> +Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg. +</p> + +<p> +Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen +die breite Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt +Ravenna ruhten, vor ihnen die Straße, die nach der Via +Aemilia im Nordwesten führte. +</p> + +<p> +Da hielt das Weib den Zügel an. +</p> + +<p> +»Die Sonne steigt soeben auf: ich hab’s gelobt, daß +sie dich frei und ledig findet. Leb wohl, mein Witichis.« +»Eile nicht so hinweg von mir,« sagte er, ihre Hand +drückend. »Wort muß man halten, Freund, und bricht +das Herz darob. Es muß <anchor id="corr161"/><corr sic="sein. «--">sein.« –</corr> »Du gehst leichter, als +ich bleibe.« Sie lächelte schmerzlich. »Ich lasse mein +Leben hinter dieser Waldhöhe: Du hast noch ein Leben +vor dir.« – »Was für ein Leben!« – »Das Leben eines +Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.« – »Unseliger +Eid.« – »Es war recht, ihn zu schwören: es ist +Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst mein gedenken in +den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte +tief im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn +Jahre der Lieb’ und Treu, und unsern süßen Knaben.« +</p> + +<p> +»O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und +umschlang sie mit beiden Armen, das Haupt auf den Sattelknopf +gedrückt. Sie beugte das Haupt über ihn und legte +die Rechte auf sein braunes Haar. +</p> + +<p> +Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der +Gruppe eine Weile zu, dann hielt er’s nicht mehr aus. +Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr, paßt auf, +ich weiß euch guten Rat, hört ihr <anchor id="corr161a"/><corr sic="nicht?">nicht?«</corr> +</p> + +<p> +»Was kannst du raten?« +</p> + +<p> +»Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein +Pferd und reitet frisch davon mit Frau Rauthgundis. Ich +komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so quälen, daß +euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch +<pb n='162'/><anchor id='Pg162'/>den ganzen Plunder von Kron’ und Reich. Euch hat’s +kein Glück gebracht: sie meinen’s nicht gut mit euch: wer +will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone? Auf +und davon, sag ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo +euch nur der Adler findet oder der Steinbock.« +</p> + +<p> +»Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie +ein schlechter Sklave aus der Mühle? Leb wohl Witichis, +hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: des Kindes +Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die +Stirn küssend und das Medaillon umhängend, »und eine +von Rauthgundis. Leb wohl, du mein Leben!« +</p> + +<p> +Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen. +</p> + +<p> +Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« +und sprengte hinweg: Wachis folgte im Galopp, Witichis +stand regungslos und sah ihr nach. +</p> + +<p> +Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte: +– nochmal winkte sie mit der Hand und war gleich darauf +verschwunden. +</p> + +<p> +Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der +eilenden Rosse. Erst als diese verhallt, wandte er sich. +</p> + +<p> +Aber es ließ ihn nicht von der Stelle. +</p> + +<p> +Er trat seitab der Straße: dort lag jenseit des Grabens +ein großer moosiger Felsblock: darauf setzte sich der +König der Goten, und stützte die Arme auf die Knie, das +Haupt in beide Hände. Fest drückte er die Finger vor die +Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von +seinem Schmerz. +</p> + +<p> +Thränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. +Reiter sprengten vorüber, er hörte es <anchor id="corr162"/><corr sic="kann">kaum</corr>. So saß er +stundenlang regungslos, so daß die Vögel des Waldes bis +dicht an ihn heran spielten. +</p> + +<p> +Schon stand die Sonne im Mittag. +</p> + +<pb n='163'/><anchor id='Pg163'/> + +<p> +Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah +auf: Teja stand vor ihm. +</p> + +<p> +»Ich wußt es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig +entflohn. Komm mit zurück und rette das Reich. Als +man dich heut nicht in deinem Zelte fand, kam’s gleich im +ganzen Lager aus: <anchor id="corr163"/><corr sic="da">du</corr> habest, an Krone und Glück verzweifelnd, +dich davon gemacht. +</p> + +<p> +Bald drang’s in die Stadt und zu Guntharis: die +Ravennaten drohen einen Ausfall, sie wollen zu Belisar +übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um die Krone. +Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer +auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.« +</p> + +<p> +»Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es +brach das beste Herz um diese Krone: sie ist geheiligt und +sie soll’n sie nicht entweihn. Komm, Teja, zurück ins Lager.« +</p> + +<pb n='164'/><anchor id='Pg164'/> + +</div></div><div n="5.2" type="buch" rend="page-break-before: right"> +<pb n='165'/><anchor id='Pg165'/> +<index index="toc" level1="Fünftes Buch. Witichis. Zweite Abteilung."/><index index="pdf" level1="Fuenftes Buch. Witichis. Zweite Abteilung."/> +<head type="sub">Fünftes Buch.</head> + <head>Witichis.</head> + <head type="sub">Zweite Abteilung.</head> +<pb n='166'/><anchor id='Pg166'/> + + <div type="kapitel" n="1" rend="page-break-before: right"> +<pb n='167'/><anchor id='Pg167'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Erstes Kapitel.</head> + +<p> +Im Lager angelangt fand König Witichis alles in +höchster Verwirrung; gewaltsam riß ihn die drängende +Not des Augenblicks aus seinem Gram und gab ihm vollauf +zu thun. +</p> + +<p> +Er traf das Heer in voller Auflösung und in zahlreiche +Parteiungen zerspalten. Deutlich erkannte er, daß +der Fall der ganzen gotischen Sache die Folge gewesen +wäre, hätte er die Krone niedergelegt oder das Heer verlassen. +</p> + +<p> +Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit. +</p> + +<p> +Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in +Ravenna anschließen. Andere zu den Empörern sich wenden, +andere Italien verlassend über die Alpen flüchten. Endlich +fehlte es nicht an Stimmen, die für eine neue Königswahl +sprachen: und auch hierin standen sich die Parteien waffendrohend +gegenüber. +</p> + +<p> +Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, +die an des Königs Flucht nicht glauben wollten. +Der Alte hatte erklärt, wenn Witichis wirklich entflohen, +wolle er nicht ruhen, bis der eidbrüchige König wie +Theodahad geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, +der also von Witichis denke. Sie hatten die Wege zur +<pb n='168'/><anchor id='Pg168'/>Stadt und nach dem Wölsungenlager besetzt und drohten, +jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt zurückzuweisen, +während auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung +Kunde erhalten hatte und langsam gegen das +Lager der Königlichen anrückte. +</p> + +<p> +Überall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende +Scharen, Drohungen, Scheltworte, erhobene Waffen: – +jeden Augenblick konnte auf allen Punkten des Lagers ein +Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein +Zelt, schmückte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen +Stab, stieg auf Boreas, das mächtige Schlachtroß, und +sprengte, gefolgt von Teja, der die blaue Königsfahne +Theoderichs über ihm hielt, durch die Gassen. +</p> + +<p> +In der Mitte des Lagers stieß er auf einen Trupp +von Männern, Weibern und Kindern, – denn ein gotisches +Volksheer führte auch diese mit sich – der sich drohend +gegen das Westthor wälzte. +</p> + +<p> +Hildebad ließ die Seinen mit gefällten Speeren in +die Thore treten. +</p> + +<p> +»Laßt uns hinaus,« schrie die Menge, »der König ist +geflohen, der Krieg ist aus, alles ist verloren, wir wollen +das Leben retten.« »Der König ist kein Tropf wie du,« +sagte Hildebad, den Vordersten zurückstoßend. »Ja, er ist +ein Verräter,« schrie dieser, »er hat uns alle verlassen und +verraten um ein paar Weiberthränen.« +</p> + +<p> +»Ja,« schrie ein anderer: »er hat dreitausend von +unseren Brüdern hingeschlachtet und ist dann entflohn.« +</p> + +<p> +»Du lügst,« sprach eine ruhige Stimme und Witichis +bog um die Lagerecke. +</p> + +<p> +»Heil dir, König Witichis!« schrie der riesige Hildebad, +»seht ihr ihn da! – Hab’ ich’s nicht immer gesagt, ihr +Gesindel? Aber Zeit war’s, daß du kamst – sonst ward +es schlimm.« +</p> + +<pb n='169'/><anchor id='Pg169'/> + +<p> +Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern +heran: »Heil dir, König, und der Krone auf deinem Helm. +– Reitet durch das Lager, Herolde, und kündet, was ihr +saht: und alles Volk soll rufen: »Heil König Witichis, +dem <anchor id="corr169"/><corr sic="Vielgetreuen.«">Vielgetreuen.««</corr> +</p> + +<p> +Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. – +</p> + +<p> +Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus +allen Gassen der donnernde Ruf: »Heil König Witichis,« +und von allen Seiten stimmten die jüngst noch Hadernden +einig in diesen Ruf zusammen. +</p> + +<p> +Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes über +die Tausende. Und Teja sprach hinter ihm leise: »du +siehst, du hast das Reich gerettet.« +</p> + +<p> +»Auf, führ uns zum Sieg!« rief Hildebad, »denn +Guntharis und Arahad rücken an: sie wähnen, uns ohne +Haupt in offenem Zwist zu überraschen! heraus auf sie! +sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder +die Empörer.« – »Nieder die Empörer!« donnerten die +Heermänner nach, froh, einen Ausweg ihrer tieferregten +Leidenschaft zu finden. +</p> + +<p> +Aber der König winkte mit edler Ruhe: »Stille! nicht +noch einmal soll gotisch Blut fließen von gotischen Waffen. +Ihr harret hier in Geduld: du, Hildebad, thu’ mir auf +das Thor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den +Gegnern. Du, Graf Teja, hältst das Lager in Zucht, bis +ich wiederkehre. Du aber, Hildebrand,« – er rief’s mit +erhobener Stimme, – »reit’ an die Thore von Ravenna +und künde laut: sie sollen sie öffnen. Erfüllt ist ihr +Begehr, und noch vor Abend ziehen wir ein: der König +Witichis und die Königin Mataswintha.« +</p> + +<p> +So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, daß das +Heer sie mit lautloser Ehrfurcht vernahm. +</p> + +<p> +Hildebad öffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen +<pb n='170'/><anchor id='Pg170'/>der Empörer im Sturmschritt heraneilen: laut scholl ihr +Kriegsruf, als sich das Thor öffnete. +</p> + +<p> +König Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt +ihnen langsam entgegen. Hinter ihm schloß sich das Thor. +</p> + +<p> +»Er sucht den Tod,« flüsterte Hildebrand. »Nein,« +sprach Teja, »er sucht und bringt das Heil der Goten.« +</p> + +<p> +Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter +erkannten: neben den wölsungischen Brüdern, die an der +Spitze zogen, ritt ein Führer avarischer Pfeilschützen, die +sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand vor die +kleinen, blinzenden Augen und rief: »Beim Rosse des +Roßgotts, das ist der König selbst! jetzt, meine Burschen, +pfeilkundige Söhne der Steppe, zielt haarscharf und der +Krieg ist aus.« Und er riß den krummen Hornbogen von +der Schulter. +</p> + +<p> +»Halt, Chan Warchun,« sprach Herzog Guntharis, eine +eherne Hand auf seine Schulter legend. »Du hast zweimal +schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst den Grafen +Witichis König: das sei dir verziehn. Und du willst ihn +morden, der im Botenfrieden naht: Das mag avarisch +sein: es ist nicht Gotensitte. Hinweg mit dir und deiner +Schar aus meinem Lager.« +</p> + +<p> +Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: »Hinweg, +sogleich!« wiederholte Herzog Guntharis. Der Avare lachte +und winkte seinen Reitern: »Mir gleich! Kinder: wir gehn +zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber +– Kinderherzen.« +</p> + +<p> +Indessen war Witichis herangeritten. Guntharis und +Arahad musterten ihn mit forschenden Blicken. In seinem +Wesen lag neben der alten, schlichten Würde eine ernste +Hoheit: die Majestät des höchsten Schmerzes. +</p> + +<p> +»Ich komme, mit euch zu reden, zum Heil der Goten. +Nicht weiter sollen Brüder sich zerfleischen. Laßt uns +<pb n='171'/><anchor id='Pg171'/>zusammen einziehen in Ravenna und zusammen Belisar +bekämpfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide +sollt am nächsten stehen an meinem Thron.« +</p> + +<p> +»Nimmermehr!« rief Arahad leidenschaftlich. »Du +vergißt,« sprach Herzog Guntharis stolz, »daß deine Braut +in unsern Zelten ist.« +</p> + +<p> +»Herzog Guntharis von Tuscien, ich könnte dir erwidern, +daß bald wir in euren Zelten sein werden. Wir +sind zahlreicher und nicht feiger als ihr, und, o Herzog +Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also +sprechen. Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks. +Selbst wenn du siegen solltest, – du wirst zu schwach, +um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind wir ihm gewachsen. +Gieb nach!« +</p> + +<p> +»Gieb du nach!« sprach der Wölsung, »wenn dir’s +ums Gotenvolk zu thun. Lege diese Krone nieder: kannst +du kein Opfer bringen deinem Volk?« – »Ich kann’s – +ich hab’s gethan. Hast du ein Weib, o Guntharis?« +</p> + +<p> +»Ein teures Weib habe ich.« – »Nun wohl: auch ich +hatte ein teures Weib. Ich hab’s geopfert meinem Volk: +ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen zu freien.« +</p> + +<p> +Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: »dann +hast du sie nicht geliebt.« +</p> + +<p> +Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe +wuchsen riesengroß: Glut deckte seine Wangen, und einen +vernichtenden Blick warf er auf den erschrockenen Jüngling: +»Schwatze mir nicht von Liebe, lästre nicht, du thörichter +Knabe! Weil dir ein paar rote Lippen und weiße Glieder +in deinen Träumen vor den Blicken glänzen, sprichst du +von Liebe? Was weißt du von dem, was ich an diesem +Weib verloren, der Mutter meines süßen Kindes! Eine +Welt von Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine +Seele ist wund: in mir liegen Schmerz und Verzweiflung +<pb n='172'/><anchor id='Pg172'/>mit Mühe gebändigt: reizt sie nicht, laßt sie nicht losbrechen.« +</p> + +<p> +Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden. +</p> + +<p> +»Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah +ich unadeligen Mann so adelige Streiche thun. Ich weiß, +es ist kein Falsch an dir. Ich weiß, wie Liebe bindet an +ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk +geopfert? Das ist viel.« +</p> + +<p> +»Bruder! was sinnest du?« rief Arahad, »was hast +du vor?« – »Ich habe vor, das Haus der Wölsungen +an Edelmut nicht beschämen zu lassen. Edle Geburt, +Arahad, heischt edle That! +</p> + +<p> +Sag’ mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber +die Krone hingegeben, ja dein Leben, als dein Weib?« +</p> + +<p> +»Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal +wollt’ ich die Krone Graf Arahad abtreten: zweimal +schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie anzuerkennen. +Drei, vier Gegenkönige würden gewählt, aber, bei meinem +Wort, Graf Arahad würde niemals anerkannt. Da rang +ich mein Weib von mir ab, vom blutenden Herzen. Und +nun, Herzog Guntharis, gedenk’ auch du des Gotenvolks. +Verloren ist das Haus der Wölsungen, wenn die Goten +verloren. Die edelste Blüte des Stammes fällt mit dem +Stamm, wenn Belisar die Axt an die Wurzel legt. Ich +habe mein Weib dahingegeben, meines Lebens Krone: gieb +du die Hoffnung einer Krone auf.« +</p> + +<p> +»Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der +Gemeinfreie Witichis war edler, als des Adels Edelste! +Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein König.« Und +der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn +aufhob und an seine Brust zog. +</p> + +<p> +»Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche +Schmach!« rief Arahad. »Ich rechn’ es mir zur Ehre!« +<pb n='173'/><anchor id='Pg173'/>sprach Guntharis ruhig. »Und zum Zeichen, daß mein +König nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der +Huldigung, erbitt’ ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen +haben unser Geschlecht zurückgedrängt von dem Platz, der +ihm gebührt im Volke der Goten.« »In dieser Stunde,« +sprach Witichis, »kaufst du ihn zurück: die Goten sollen +nie vergessen, daß Wölsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf +erspart hat.« – »Und des zum Zeichen sollst du +uns das Recht verleihen, daß die Wölsungen der Goten +Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht.« +»So sei’s,« sagte der König, ihm die Rechte reichend, +»und keine Hand wird sie mir würdiger führen.« »Wohlan, +jetzt auf zu Mataswintha,« sprach Guntharis. +</p> + +<p> +»Mataswintha!« rief Arahad, der bisher wie betäubt +der Versöhnung zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. +»Mataswintha!« wiederholte er. »Ha, zur rechten +Zeit gemahnt ihr mich. Ihr könnt mir die Krone +nehmen: – sie fahre hin, – nicht meine Liebe und +nicht die Pflicht, die Geliebte zu beschützen. Sie hat +mich verschmäht: ich aber liebe sie bis zum Tode. Ich +habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen +wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich +sie beschützen, wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhaßten +Feindes zu werden. Frei soll sie bleiben, diese +Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde.« Und +rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhängtem +Zügel seinem Lager zu. +</p> + +<p> +Witichis sah ihm besorgt nach. »Laß ihn,« sprach Herzog +Guntharis, »wir beide, einig, haben nichts zu fürchten. +Gehen wir die Heere zu versöhnen, wie die Führer.« +</p> + +<p> +Während Guntharis zuerst den König durch seine +Reihen führte und diese aufforderte, gleich ihm zu huldigen, +was sie mit Freuden thaten, und darauf Witichis den +<pb n='174'/><anchor id='Pg174'/>Wölsungen und seine Anführer mit in sein Lager nahm, +wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte +als ein Wunderwerk des Königs angesehen wurde, sammelte +Arahad aus den Reitern im Vordertreffen eine kleine Schar +von etwa hundert ihm treu ergebenen Gefolgen und sprengte +mit ihnen nach seinem Lager zurück. +</p> + +<p> +Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei +seinem Eintreten unwillig erhob. »Zürne nicht, schilt nicht, +Fürstin! diesmal hast du kein Recht dazu. Arahad kommt, +die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfüllen. Flieh, du mußt +mir folgen.« Und im Ungestüm seiner Aufregung griff er +nach der weißen, schmalen Hand. +</p> + +<p> +Mataswintha trat einen Schritt zurück und legte die +Rechte an den breiten Goldgürtel, der ihr weißes Untergewand +umschloß: »fliehen?« sagte sie, »wohin fliehen?« +</p> + +<p> +»Übers Meer! Über die Alpen! gleichviel: in die +Freiheit. Denn deiner Freiheit droht höchste Gefahr.« +</p> + +<p> +»Von euch allein droht sie.« – »Nicht mehr von mir! +Und ich kann dich nicht mehr beschirmen. Solang du +mein werden solltest, konnte ich es, konnte grausam sein +gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun –« +</p> + +<p> +»Aber nun?« sprach Mataswintha erbleichend. +</p> + +<p> +»Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, +mein Heer und meine Feinde im Königslager und in +Ravenna, alle sind darin einig. – Bald werden sie dich +tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich +kann’s nicht denken! Diese Seele, diese Schönheit entweiht +als Opfer in ungeliebtem Ehebund.« +</p> + +<p> +»Laß sie kommen,« sagte Mataswintha, »laß sehen, ob +sie mich zwingen!« Und sie drückte den Dolch, den sie im +Gürtel trug, an sich. – »Wer ist er, der neue Zwingherr, +der mir droht.« +</p> + +<p> +»Frage nicht!« rief Arahad, »dein Feind, der dein +<pb n='175'/><anchor id='Pg175'/>nicht wert, der dich nicht liebt; der – folge mir! – flieh’, +schon kommen sie!« Man hörte von draußen nahenden Hufschlag. +</p> + +<p> +»Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?« +</p> + +<p> +»Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Hände fallen, +der Fühllosen, die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, +nur dein Recht auf die Krone! Folge mir ... –« +</p> + +<p> +Da ward der Thürvorhang des Zeltes zur Seite +geschoben: Graf Teja trat ein. Zwei Gotenknaben mit +ihm, in weißer Seide, festlich gekleidet. +</p> + +<p> +Sie trugen ein mit einem Schleier verhülltes Purpurkissen. +Er trat bis an die Mitte des Zeltes und beugte +das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie die Knaben, +einen grünen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge +und seine Stirne war düster, – als er sprach: »Ich grüße +dich, der Goten und Italier Königin!« +</p> + +<p> +Mit erstauntem Blick maß sie ihn. Teja erhob sich, +trat zurück zu den Knaben, nahm von dem Kissen einen +goldenen Reif und den grünen Rautenkranz und sprach: +»Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, +und lade dich zur Hochzeit und zur Krönung – +die Sänfte steht bereit.« +</p> + +<p> +Arahad griff ans Schwert. +</p> + +<p> +»Wer sendet dich?« fragte Mataswintha mit klopfendem +Herzen, aber die Hand am Dolch. »Wer sonst, als +Witichis, der Goten König.« Da leuchtete ein Strahl der +Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie +erhob beide Arme gen Himmel und sprach: »Dank, Himmel, +deine Sterne lügen nicht: und nicht das treue Herz. Ich +wußt es wohl.« Und mit beiden schimmernden Händen +ergriff sie das bekränzte Diadem und drückte es fest auf +das dunkelrote Haar. »Ich bin bereit. Geleite mich,« +sprach sie, »zu deinem Herrn und meinem.« Und mit +<pb n='176'/><anchor id='Pg176'/>königlicher Wendung reichte sie Graf Teja die Linke, der +sie ehrerbietig hinausführte. +</p> + +<p> +Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, +noch immer die Hand am Schwert. Da trat Eurich, +einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und legte ihm die +Hand auf die Schulter: »Was nun?« fragte er, »die +Rosse stehen und harren: wohin?« »Wohin?« rief +Arahad auffahrend – »wohin? Es giebt nur noch Einen +Weg: wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner +und der Tod?« +</p> + </div><div type="kapitel" n="2"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zweites Kapitel.</head> + +<p> +Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete +sich ein glanzvolles Fest auf den Fora und in dem Königspalast +zu Ravenna. +</p> + +<p> +Die Bürger der Stadt und die Goten aller drei +Parteien wogten in gemischten Scharen durch die Straßen +und fuhren durch die Lagunenkanäle, – denn Ravenna +war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, +wie heute Venedig – die riesigen Kränze, Blumenbogen +und Fahnen zu bewundern, die von allen Zinnen und +Dächern niederwehten: denn es galt, Vermählung des +gotischen Königspaares zu feiern. +</p> + +<p> +Am frühen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte +Heer der Goten vor den Thoren der Stadt zu feierlicher +Volksversammlung geschart. Der König und die Königin +erschienen auf milchweißen Rossen: abgestiegen waren sie +vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: +dort hatte Witichis seiner Braut die rechte Hand +<pb n='177'/><anchor id='Pg177'/>auf das Haupt gelegt: sie aber trat mit dem entblößten +linken Fuß in den Goldschuh des Königs. +</p> + +<p> +Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe +nach Volksrecht geschlossen. Darauf bestieg das Paar +einen mit grünen Zweigen geschmückten Wagen, der von +vier weißen Rindern gezogen ward; der König schwang +die Geißel und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die +Stadt. Dort schloß sich an die halb heidnische, germanische, +eine zweite, die christliche Feier: der arianische Bischof erteilte +seinen Segen über das Paar in der Basilika Sancti +Vitalis und ließ es die Ringe wechseln. +</p> + +<p> +Rauthgundens wurde nicht gedacht. +</p> + +<p> +Noch war die Kirche nicht mächtig genug, ihre Forderung +der Unauflöslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe überall +durchzusetzen: vornehme Römer und vollends Germanen +verstießen noch häufig in voller Willkür ihre Frauen. Und +wenn gar ein König aus Gründen des Staatswohls und +ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschloß, erhob sich +kein Widerstand. – +</p> + +<p> +Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in +dessen Hallen und Gärten ein großes Festmahl gerüstet war. +</p> + +<p> +Das ganze Gotenheer und die ganze Bevölkerung der +Stadt fand hier, dann auf den Fora des Herkules und +des Honorius und in den nächsten Straßen und Kanälen +auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, während +die Großen des Reiches und die Vornehmen der Stadt +mit dem Königspaar in der Gartenrotunde oder in der +weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem römischen +Palast anbringen lassen, tafelten. +</p> + +<p> +So wenig die Lage des Landes und des Königs +Stimmung zu rauschenden Festen passen mochten, – es +galt, die Ravennaten mit den Goten und die verschiedenen +Parteien der Goten unter sich zu versöhnen: und man +<pb n='178'/><anchor id='Pg178'/>hoffte, in Strömen des Festweins die letzten feindseligen +Erinnerungen hinwegzuspülen. +</p> + +<p> +Am besten übersah man den Königstisch und die festlichen +Tafeln, die sich über den weiten Garten und Park +verteilten, von dem zum Brautgemach Mataswinthens bestimmten +kleinen Gelaß, dessen einziges Fenster auf die +Rotunde vor dem Garten und, über den Garten hin, bis +auf das Meer ausblicken ließ. +</p> + +<p> +In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmückend +zu schalten und zu walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, +als Lohn treuer Dienste ausgebeten. »Denn diese ernsten, +finstern Römer wissen ebensowenig wie die rauhen Goten, +dem schönsten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: +in Afrika, im Land der Wunder, lernt man das.« +</p> + +<p> +Und wohl war ihr’s gelungen, wenn auch im Sinn +der schwülen, phantastischen Üppigkeit ihrer Heimat. Sie +hatte das enge und niedre Gemach wie zu einem kleinen +Zauberkistchen umgeschaffen! Wände und Decke waren von +glänzend weißen Marmorplatten gefügt. +</p> + +<p> +Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach +aufeinandergelegten Gehängen von dunkelroter Seide +verhüllt, die in schweren Falten von den Wänden niederfloß, +sich über die Getäfeldecke wie ein Rundbogen wölbte +und den Marmorboden so dicht verhüllte, daß jeder Tritt +lautlos drüber hin glitt und alles Geräusch sich im Entstehen +brach. Nur an der Fensterbrüstung sah man den +schimmernd weißen Marmor sich prachtvoll von der Glut +der Seide heben. +</p> + +<p> +Das Fenster von weißem Frauenglas war mit einem +Vorhang von mattgelber Seide verhangen und alles Licht +in dem kleinen Raum strömte aus von einer Ampel, die +von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube +mit goldnen Flügeln schwebte aus einem Füllhorn von +<pb n='179'/><anchor id='Pg179'/>Blumengewinden: in den Füßen trug sie eine flache Schale +aus einem einzigen großen Karneol, der, ein Geschenk des +Vandalenkönigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als +ein seltenes Wunder galt. +</p> + +<p> +Und in dieser Schale glühte ein rotes Flämmchen, +genährt von stark duftendem Cederöl. Ein gebrochenes, +träumerisches Dämmerlicht ergoß sich von hier aus über +das phantastische Doppelpfühl, das, halb von Blumen verschüttet, +darunter stand. Aspa hatte sich das bräutliche +Lager als die aufgeschlagnen Schalen einer Muschel gedacht, +die an der innern Seite zusammenhängen, zwei +ovale muschelförmige Klinen von Citrusholz erhoben sich +nur wenig von dem Teppich des Bodens. Über die weißen +Kissen und Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem +Glanz gegossen. +</p> + +<p> +Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fülle +von Blumen, welche die Hand der Numiderin mit poesiereichem, +wenn auch phantastischem Geschmack über das +ganze Gemach verstreut und über die Wände, Decken, Vorhänge, +die Thüre und das Lager verteilt hatte. +</p> + +<p> +Ein Bogen von starkduftigen Geißblattranken überwölbte +laubenartig die einzige Thüre, den schmalen Eingang. +Zwei mächtige Rosenbäume standen zu Häupten des Lagers +und streuten ihre roten und weißen Blüten auf die Teppiche. +Die Ampel hing, wie erwähnt, aus einem kunstvoll gewundnen +Füllhorn von Blumen herab. Und überall sonst, +wo eine Falte, eine Biegung der Teppiche das Auge zu +verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume glücklich angeschmiegt. +Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die +sicilische Myrte, das schöne Rhododendron der Alpen und +die glühenden Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: +– alle lauschten je am gelegensten Ort und doch, wie es +schien, vom Zufall hingeworfen. – +</p> + +<pb n='180'/><anchor id='Pg180'/> + +<p> +Schon standen die Sterne am Himmel. +</p> + +<p> +Es dämmerte draußen: im Gemach hatte Aspa die +Flamme in der veilchendunkeln Schale entzündet und war +nur noch beschäftigt, hier und da eine Falte zu glätten, +indes sie eine römische Sklavin anwies, in den Silberkrügen +auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit +Schnee zu kühlen, eine andre, das Gemach mit Balsam +zu durchsprengen. +</p> + +<p> +»Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! +So!« rief Aspa, eine volle Libation über das +Lager spritzend. +</p> + +<p> +»Laß ab,« mahnte die Römerin, »es ist zu viel! +Schon der Duft der Blumen betäubt: die Rose und das Geißblatt +berauschen fast die Sinne: mir würde schwindeln hier.« +</p> + +<p> +»Ah,« lachte Aspa, »wie singt der Dichter: »Nüchternen +nimmer nahet das Glück: nur in seligem Rausche.« +Laß uns jetzt das Fenster <anchor id="corr180"/><corr sic="schließen«">schließen.«</corr> – »Nur ein wenig +noch laß mich lauschen,« bat eine dritte junge Sklavin, +die dort lehnte. »Es ist zu schön! Komm, Frithilo,« +sprach sie zu einer gotischen Magd, die neben ihr stand, +»du kennst ja all die stolzen Männer und Frauen: sage, wer +ist der zur Linken der Königin mit dem goldnen Schuppenpanzer? +er trinkt dem König zu.« – »Herzog Guntharis +von Tuscien, der Wölsung. Sein Bruder, Graf Arahad +von Asta ... – wo mag der sein zu dieser Stunde?« +</p> + +<p> +»Und der Alte neben dem König, mit dem grauen +Bart?« +</p> + +<p> +»Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna +befehligt. Er spricht die Fürstin an. Wie sie lacht und +errötet! Nie war sie so schön.« – »Ja, aber auch der +Bräutigam – welch herrlicher Mann! Der Kopf des +Mars, der Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht fröhlich: +– vorhin starrte er lange sprachlos in seinen Becher +<pb n='181'/><anchor id='Pg181'/>und furchte die Stirn: – die Königin sah es: – bis +der alte Hildebrand, gegenüber, ihm zurief. Da sah er +seufzend auf. Was hat der Mann zu seufzen? neben +diesem Götterweib.« +</p> + +<p> +»Nun,« sprach die Gotin, »er hat dann doch nicht ein +ganz steinern Herz. Er denkt dann vielleicht an die, die +sein rechtes Weib vor Gott und Menschen, die er verstoßen.« +</p> + +<p> +»Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen +zugleich. Aber urplötzlich fuhr Aspa zwischen die Mädchen: +»Willst du wohl schweigen mit dem dummen Gerede, +Barbarin! Mach, daß du fortkommst! Ein solches Wort: +– eine Silbe, daß es die Königin hört und du sollst der +Afrikanerin gedenken.« +</p> + +<p> +Frithilo wollte erwidern. »Still,« rief eine der Römerinnen. +»Die Königin bricht auf.« – »Sie wird hier +herauf kommen.« – »Der König bleibt noch.« – »Nur +die Frauen folgen ihr.« – »Sie geben ihr das Geleit +bis hierher,« sprach Aspa. »Gleich kann sie hier sein: +bereitet euch, sie zu empfangen.« +</p> + +<p> +Bald nahte der Zug, von Fackelträgern und Flötenbläsern +eröffnet. Darauf eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: +neben Mataswintha, der Braut oder jungen Frau, +schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und +Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen +von Ravenna schlossen den Zug. +</p> + +<p> +An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha +ihr Gefolge, an die jungen Mädchen ihren Schleier, +an die Frauen ihren Gürtel verschenkend. +</p> + +<p> +Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den +Garten, andre nach Hause zurück. Sechs Gotinnen aber, +drei Frauen und drei Jungfrauen, ließen sich als Ehrenwache +vor der Thüre des Brautgemaches nieder, wo Teppiche +für sie bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen +<pb n='182'/><anchor id='Pg182'/>Zahl gotischer Männer, die den Bräutigam geleiteten, die +Nacht zu verbringen: so wollt’ es die gotische Sitte. +</p> + +<p> +Mataswintha überschritt die Schwelle mit einem Ausruf +des Staunens. »Aspa,« rief sie, »das hast du schön +gemacht! – zauberisch!« – +</p> + +<p> +Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme über die Brust +und beugte den Nacken. Sie an sich ziehend, flüsterte die +Braut: +</p> + +<p> +»Du kanntest mein Herz und seine Träume! Aber,« +fuhr sie aufatmend fort, »wie schwül! Deine glühenden +Blumen berauschen.« +</p> + +<p> +»In Glut und Rausch nahen die Götter!« sprach Aspa. +</p> + +<p> +»Wie schön jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir +ist, die Göttin Flora flog durchs Zimmer und dachte einen +Liebestraum und verlor darüber ihre schönsten Blumen. +Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier erlebe. +Es durchrieselt mich heiß. – Es ist schwül. – Nehmt +mir den schweren Prunk ab.« Und sie nahm die goldne +Krone aus dem Haar. +</p> + +<p> +Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter +das feine Ohr und zog die goldne Nadel heraus, die sie +am Hinterkopf zusammenhielt: frei wallte das Haar in +den Nacken. Die andern Sklavinnen lösten die Spange, +die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren +Purpurmantel mit seinen reichen Goldstreifen auf der linken +Schulter zusammenhielt. Der Mantel fiel und zeigte die +edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem ärmellosen +wallenden Unterkleid von weißer persischer Seide. Ihre +schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: +– Erbstücke aus dem alten Schatz der Amalungen: +grüne Schlangen von Smaragden waren darin eingelegt. +</p> + +<p> +Mit Entzücken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie +<pb n='183'/><anchor id='Pg183'/>diese vor den in den Marmor eingelassenen Metallspiegel +trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu schlichten. +</p> + +<p> +»Wie schön du bist! wie zauberschön! – wie Astaroth, +die Liebesgöttin: – nie warst du so schön, wie in +dieser Stunde.« Mataswintha warf einen raschen Blick +in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fühlte, daß Aspa +recht hatte: und sie errötete. +</p> + +<p> +»Geht,« sagte sie, »laßt mich allein mit meinem Glück.« +Die Sklavinnen gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, +das sie rasch öffnete, wie um ihren Gedanken zu entfliehen. +Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der unten vom Schein +der Hängelampen im Garten voll beleuchtet war. +</p> + +<p> +»Er! Wieder er. – Wohin entflieh ich vor ihm, dem +süßen Tod?« +</p> + +<p> +Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem +Fenster gegenüber, glänzte im Ampellicht eine weiße Marmorbüste. +Sie kannte sie wohl: Aspa hatte den Areskopf nicht +vergessen, den treuen Begleiter lang harrender Sehnsucht. +Heute aber schlang sich ein Kranz von weißen und roten +Rosen um sein Haar. »Und wieder du!« flüsterte die +Braut, süß erschrocken und legte die weiße Hand vor die +Augen. »Und schließ ich die Augen und wend’ ich sie +nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein +im tiefsten Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem +Bilde! Ach, und ich will’s!« rief sie die Hand fallen +lassend und dicht vor die Büste tretend: »ich will’s! Wie +oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab’ ich zu dir +aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe +aus deinen klaren, großen Zügen drang in die schwanke +Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen, dieses Sehnen, +dieses Hoffen sich erfüllt! Wie er einst dem weinenden +Kinde die Thränen getrocknet und die Ratlose nach Hause +<pb n='184'/><anchor id='Pg184'/>geführt, so wird er auch jetzt all mein Klagen stillen und +mir die wahre Heimat bauen in seinem Herzen. Und +durch all diese öden Jahre, durch all die letzten Monate +voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefühl: +»Es wird! Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein +Retter kommt und birgt dich sicher an der starken Brust.« +Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des Himmels: +– es ward. Ich bin sein! Dank, glühenden, seligen +Dank, wer immer du bist, beglückende Macht, die über +den Sternen die Bahn der Menschen lenkt mit weiser, mit +liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich will’s +verdienen, dieses Glück. Er soll im Himmel wandeln. +Sie sagen, ich bin schön: ich weiß es, daß ich’s bin: ich +weiß es ja durch ihn: – ich will’s für ihn sein. Laß +mir, Himmel, diese Schöne. Sie sagen: ich habe einen +mächtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Flügel, Gott, +daß ich seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhöhen. +Aber, o Gott, laß mich auch abthun meine Fehler, den +spröden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den Trotz des +zornigen Eigenwillens, den unbändigen Drang nach Freiheit ... +– O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmütiger +Geist: ihm sich zu beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich +gebunden, Herz, und verloren auf ewig an ihn, deinen +starken und herrlichen Herrn. O Witichis,« rief sie und +sank fortgerissen vom Gefühl halb aufs Knie, sich an das +Lager lehnend und zu der Büste aufblickend mit schwimmenden +Augen – »ich bin dein. Thu wie du willst mit +meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, daß du glücklich +bist, glücklich durch mich.« +</p> + +<p> +Und sie beugte das schöne Haupt vor, nach den gefaltenen +Händen. +</p> + +<p> +Doch plötzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floß +ins Gemach. An der offenen Thüre stand der König: +<pb n='185'/><anchor id='Pg185'/>draußen auf dem Gang zeigten sich zahlreiche Goten und +Ravennaten mit hellen Fackeln. +</p> + +<p> +»Dank, meine Freunde,« sprach der König mit ernster +Stimme. »Dank, für das Festgeleit. Geht nun und vollendet +die Nacht,« und er wollte die Thüre schließen. +</p> + +<p> +»Halt,« sprach Hildebrand, mit der Hand die Thüre +wieder öffnend, so daß Mataswintha sichtbar ward, »hier +seht ihr, alles Volk: der Mann und das Weib, die heut +wir vermählt, sind glücklich geeint im Ehegemach. Ihr +sehet Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen +Kuß.« +</p> + +<p> +Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug erglühend +die Augen nieder. +</p> + +<p> +Unschlüssig stand der König in der Thür. »Du kennst +der Goten Brauch,« sprach Hildebrand laut, »so thu’ danach.« +</p> + +<p> +Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde +Linke Mataswinthens, führte sie schnell einen Schritt vorwärts +und berührte mit den Lippen ihre Stirn. Mataswintha +zuckte. +</p> + +<p> +»Heil euch!« rief Hildebrand. »Wir haben gesehen +den bräutlichen Kuß. Wir bezeugen hinfort den ehelichen +Bund! Heil König Witichis und seinem schönen Weib, +der Königin Mataswintha.« +</p> + +<p> +Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf +Grippa, Herzog Guntharis, Hildebad, Aligern und der +tapfere Bandalarius (Bannerträger) des Königs, Graf +Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen +und Mädchen vor der Thüre des Brautgemachs, welche +Witichis nun schloß. +</p> + +<p> +Sie waren allein. +</p> + +<p> +Witichis warf einen langen, prüfenden Blick durch das +Gemach. Das erste, was Mataswintha that, war, – sein +<pb n='186'/><anchor id='Pg186'/>Kuß brannte auf ihrer Stirn, – daß sie unwillkürlich +soweit als möglich von ihm hinwegglitt. So war sie – +sie wußte nicht wie – in die fernste Ecke des Zimmers, +an das Fenster, gelangt. Witichis mochte es bemerken. +Er stand hart an der Schwelle, die Hände auf das mächtige, +breite und fast brusthohe Schwert gestützt, das er, aus +dem Wehrgehäng genommen, in der Scheide, wie einen +Stab, in der Rechten führte. +</p> + +<p> +Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das +Auge ruhig auf Mataswintha gerichtet. »Königin,« sprach +er und seine Stimme drang ernst und feierlich aus seiner +Brust, »sei getrost! Ich ahne, was du fürchtend fühlst in +zarter Mädchenbrust. Es mußte sein. Ich durfte dein +nicht schonen. Das Wohl des Volks gebot’s: ich griff +nach deiner Hand: sie muß mein sein und bleiben. Doch +hab’ ich schon in allen diesen Tagen dir gezeigt, daß deine +Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden: – und wir +sind jetzt zum ersten Mal allein. Auch diese gepreßte +bange Stunde hätt’ ich dir gern erspart: es ging nicht an. +Du kennst, glaube ich, die alte Sitte des Brautgeleits. +Und du weißt, in unserem Fall liegt alles daran, sie nicht +zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat, und die Röte +in deinen Wangen aufflammen sah, – lieber hätt’ ich im +ödesten Berggeklüft dieses müde Haupt auf harten Fels zur +Ruhe gelegt. Es ging nicht: Hildebrand und Graf Grippa +und Herzog Guntharis hüten diese Schwelle. Sonst ist +kein Ausgang aus diesem Gemach. +</p> + +<p> +Wollt’ ich dich verlassen, es gäbe Lärm und Spott +und Streit: und neuen Zwist vielleicht. Du mußt mich +diese Nacht in deiner Nähe dulden.« +</p> + +<p> +Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die +schwere Krone ab: auch den Purpurmantel, den er, ähnlich +dem Mataswinthens, über der Schulter trug, warf er ab. +</p> + +<pb n='187'/><anchor id='Pg187'/> + +<p> +Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand. +</p> + +<p> +Witichis drückte dies Schweigen: so schwer er selber +litt, ihn dauerte des Mädchens. »Komm, Mataswintha,« +sprach er. »Verharre nicht in unversöhntem Zorn. Es +mußte sein, sag’ ich dir. Laß uns, was sein muß, edel +tragen und nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich mußte +deine Hand nehmen, – dein Herz bleibt frei. +</p> + +<p> +Ich weiß, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, +du darfst mich nicht lieben. Doch glaub’ mir: redlich ist +mein Herz und achten sollst du immerdar den Mann, mit +dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft, Königin +der Goten!« +</p> + +<p> +Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte. +</p> + +<p> +Nicht länger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie +seine Hand und sank zugleich zu seinen Füßen nieder, daß +Witichis überrascht zurücktrat. +</p> + +<p> +»Nein, weiche nicht zurück, du Herrlicher!« rief sie. +»Es ist doch kein Entrinnen vor dir! Nimm alles hin +und wisse alles. Du sprichst von Zwang und Furcht und +Unrecht, das du mir gethan. O Witichis, wohl hat man +mich gelehrt, – das Weib soll immer klug verbergen, was +es fühlt, soll sich bitten lassen und erweichen und nur +genötigt geben, was es aus Liebe giebt, auch wenn ihr +ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... – +Hinweg mit diesen niedrigen Plänen armer Klugheit! Laß +mich thöricht sein! Nicht thöricht! Offen und groß, wie +deine Seele! +</p> + +<p> +Nur Größe kann dich verdienen, nur das Ungewöhnliche. +Du sprichst von Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! +– Es brauchte keines Zwangs! – gern ...« – +</p> + +<p> +Staunend hatte sie Witichis eine Zeit lang angesehen. +</p> + +<p> +Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. »Das ist +schön und groß, Mataswintha, daß du feurig fühlest für +<pb n='188'/><anchor id='Pg188'/>dein Volk, die eigene Freiheit ohne Zwang ihm opfernd. +Glaub’ mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer +darum nicht niedriger an. That ich doch desgleichen! +Nur um des Gotenreiches willen griff ich nach deiner +Hand und nun und nie kann ich dich lieben.« +</p> + +<p> +Da erstarrte Mataswintha. +</p> + +<p> +Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme +fielen ihr schlaff herab: sie starrte ihn mit großen, offnen +Augen an. »Du liebst mich nicht? du kannst mich nicht +lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch +kein Gott? Sag, bin ich denn nicht Mataswintha, die du +das schönste Weib der Erde genannt?« +</p> + +<p> +Aber der König beschloß, dieser Aufregung, die er nicht +verstand und nicht erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. +»Ja, du bist Mataswintha, und teilst meine Krone, nicht +mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Königs, aber +nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein +Herz, mein Leben ist auf ewig einer andern gegeben. Es +lebt ein Herz, ein Weib, das sie von mir gerissen: und +dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis, +mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!« +</p> + +<p> +»Ha!« rief Mataswintha, wie von Fieber geschüttelt +und beide Arme erhebend, »und du hast es gewagt ... –« +</p> + +<p> +Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen +loderte Feuer auf den König. »Du wagst es!« rief sie +nochmals – »Hinweg, hinweg von mir!« +</p> + +<p> +»Still,« sprach Witichis, »willst du die Lauscher draußen +herbeirufen? Fasse dich, ich verstehe dich nicht.« +</p> + +<p> +Und rasch zog er das mächtige Schwert aus der +Scheide, trat damit an das Doppelpfühl und legte es +auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng aneinanderstießen. +</p> + +<p> +»Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, +<pb n='189'/><anchor id='Pg189'/>eherne, kalte Grenze zwischen uns! Zwischen deinem +Wesen und dem meinen. +</p> + +<p> +Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden. +</p> + +<p> +Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, – ich +bleibe links. So teile, wie ein Schwertschnitt, diese Nacht +für immer unser Leben!« +</p> + +<p> +Aber in Mataswinthens Busen wogten die mächtigsten +Gefühle, furchtbar ringend, drohend: Scham und Zorn, +Liebe und glühender Haß. Die Stimme versagte ihr. +»Nur fort, fort aus seiner Nähe,« konnte sie noch denken. +Sie eilte gegen die Thür. +</p> + +<p> +Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm. +</p> + +<p> +»Du mußt bleiben.« Da zuckte sie zusammen: das +Blut schoß in ihr auf: bewußtlos sank sie nieder. +</p> + +<p> +Ruhig sah Witichis auf sie herab. »Armes Kind,« +sprach er, »der schwüle Duft in diesem Gelaß hat sie ganz +verwirrt! Sie wußte nicht, was sie sinnlos sprach! +</p> + +<p> +Was ist deine kleine mädchenhafte Verwirrung gegen +Rauthgundens Herzzerreißung und die meine.« +</p> + +<p> +Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfühl +zur Rechten des Schwertes. +</p> + +<p> +Er <anchor id="corr189"/><corr sic="sebst">selbst</corr> setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf +den Bodenteppich zur Linken und lehnte den Rücken an +das Lager. +</p> + +<p> +Lang saß er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen +auf ein blondes Haargeflecht gedrückt, das er in kleiner +Kapsel auf dem Herzen trug. Es kam kein Schlaf in seine +kummervollen Augen. – +</p> + +<p> +Mit dem ersten Hahnenschrei verließ die Brautwache +ihren Posten, von Flötenbläsern abgeholt. Gleich darauf +schritt der König aus dem Gemach, in voller Rüstung. +</p> + +<p> +Die Flöten hatten auch Mataswintha geweckt. +</p> + +<p> +Aspa, die sich leise heranschlich, hörte plötzlich einen +<pb n='190'/><anchor id='Pg190'/>dumpfen Schlag. Sie eilte in das Gemach. Da stand +die Königin, auf des Königs langes Schwert gestützt, und +starrte vor sich zur Erde. +</p> + +<p> +Der Areskopf lag zertrümmert zu ihren Füßen. +</p> + </div><div type="kapitel" n="3"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Drittes Kapitel.</head> + +<p> +Im friedlichen Licht des späten Nachmittags schimmerten +die Kirche und das Kloster, die am Fuß des +Apenninus nordöstlich von Perusia und Asisium, südlich +von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb +des kleinen Fleckens Taginä, Valerius gebaut, seine +Tochter vom Dienst des Jenseits einzulösen. +</p> + +<p> +Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend +aufgeführt, umfriedete mit seinen Geviertmauern einen +stillen Garten von dichtem grünem Laubwerk. An den +vier Seiten desselben liefen kühle Bogengänge hin mit +Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem +Grund geschmückt. All dies Bildwerk hatte den freudlosen +byzantinischen Ernst: es waren sinnbildliche Darstellungen +aus der heiligen Schrift, zumal aus der Offenbarung +Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit. +</p> + +<p> +Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien +weithin ausgeschlossen von diesen hohen und starken Mauern. +Cypressen und Thuien herrschten vor in den Baumgruppen +des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen +ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Vöglein +nicht: der Nachtigall süßes Rufen sollte nicht die frommen +Seelen in ihren Gebeten stören. +</p> + +<p> +Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs +<pb n='191'/><anchor id='Pg191'/>einer streng kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit +voll, seinem Freunde Valerius den ganzen +Plan der äußeren und inneren Einrichtung seiner Stiftung +entworfen – ähnlich der Regel des Männerklosters, das +er selbst zu Squillacium in Unteritalien gegründet – und +dessen Ausführung überwacht hatte. Und sein frommer, +aber strenger, der Welt und dem Fleisch feindlich abgewendeter +Geist drückte sich denn im größten wie im +kleinsten dieser Schöpfung aus. Die zwanzig Jungfrauen +und Witwen, welche hier als Religiosä lebten, verbrachten +in Beten und Psalmensingen, in Buße und Kasteiung ihre +Tage. Doch auch in werkthätiger christlicher Liebe, indem +sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Hütten +aufsuchten und ihnen Seele und Leib trösteten und pflegten. +</p> + +<p> +Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr +ernsten Eindruck, wenn durch die dunkeln Cypressengänge +hin eine dieser frommen Beterinnen wandelte, in dem +faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt +die weiße enganschließende Kalantika, eine Tracht, die das +Christentum von den ägyptischen Isispriestern überkommen. +Vor den oft in Kreuzesform geschnittenen Buchsgebüschen +blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf der Brust. +Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten +sie bei jeder Begegnung aneinander vorüber. Denn das +Gespräch war auf das Unerläßliche beschränkt. +</p> + +<p> +In der Mitte des Gartens floß ein Quell aus dunklem +Gestein von Cypressen überragt. Ein Paar Sitze waren +in den Marmor gehauen. +</p> + +<p> +Es war ein stilles, schönes Plätzchen: wilde Rosen +bildeten dort eine Art Laube und verbargen beinahe +völlig ein finsteres, rohes Steinrelief, das die Steinigung +des heiligen Stephanus darstellte. +</p> + +<p> +An diesem Quell saß, eifrig lesend in aufgerollten +<pb n='192'/><anchor id='Pg192'/>Papyrusrollen, eine schöne, jungfräuliche Gestalt in schneeweißem +Gewand, das eine goldne Spange über der linken +Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in weichen +Wellen zurückgelegt, umflocht eine fein geschlungene Epheuranke: +– Valeria war’s, die Römerin. +</p> + +<p> +Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht +gefunden, seit die Säulen ihres Vaterhauses zu +Neapolis niedergestürzt. Sie war bleicher und ernster +geworden in diesen einsamen Räumen. Aber ihr Auge +leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schönheit. +</p> + +<p> +Sie las mit großem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft +fortzureißen, die feingeschnittenen Lippen bewegten +sich unwillkürlich und zuletzt ward die Stimme der Lesenden +leise vernehmlich: +</p> + +<lg> +<l>– – »Und er vermählte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. –</l> + <l>Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr,</l> + <l>Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmündige Knäblein,</l> + <l>Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar.</l> + <l>Schweigend betrachtete Hektor mit lächelndem Blicke den Knaben.</l> + <l>Aber Andromache trat mit thränenden Augen ihm näher,</l> + <l>Drückt’ ihm zärtlich die Hand und begann die geflügelten Worte:</l> + <l>»Böser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knäbleins</l> + <l>Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor</l> + <l>Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich töten,</l> + <l>Alle mit Macht einstürmend auf dich. Dann wär’ mir das beste,</l> + <l>Daß mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft</l> + <l>Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal:</l> + <l>Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter:</l> + <l>Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... <anchor id="corr192"/><corr sic="–«">–««</corr></l> +</lg> + +<p> +Sie las nicht weiter: die großen runden Augen wurden +feucht, ihre Stimme versagte; sie neigte das blasse Haupt. +</p> + +<p> +»Valeria,« sprach eine milde Stimme, und Cassiodor +beugte sich über ihre Schulter. »Thränen über dem Buch +<pb n='193'/><anchor id='Pg193'/>des Trostes? Aber was sehe ich: – die Ilias! Kind! +ich gab dir doch die Evangelien.« +</p> + +<p> +»Verzeih mir, Cassiodor. Es hängt mein Herz noch +andern Göttern an als deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger +von allen Seiten her die Schatten ernster Entsagung +auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen +Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende +Seele an die letzten Fäden, die mich mit einer +andern Welt verbinden. Und zwischen Grau’n und Liebe +ratlos schwankt der Sinn.« +</p> + +<p> +»Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des +Friedens gefunden. Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja +frei und Herrin deines Willens. Kehre zurück zu jener +bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glück zu finden.« +</p> + +<p> +Sie aber schüttelte das schöne Haupt. »Es geht nicht +mehr. Feindlich ringen in meiner Seele zwei Gewalten. +Welche auch siege, – ich verliere immer.« +</p> + +<p> +»Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Mächte, +Erdenlust und Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche +Dinge in einer Wage wiegen.« +</p> + +<p> +»Weh’ denen,« fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, +»welchen das Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die +Seele gepflanzt, der bald zu den Sternen nach oben, bald +nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines der beiden +froh.« +</p> + +<p> +»In dir, mein Kind,« sprach Cassiodor, sich zu ihr +setzend, »walten freilich unversöhnt deines weltlichen Vaters +und deiner frommen Mutter Sinn. Dein Vater, ein +Römer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen Welt, +kühn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht +strebend, wenig, allzuwenig, fürcht’ ich, ergriffen von dem +Geist unseres Glaubens, der nur im Jenseits unsere +Heimat sucht, – in der That Valerius, mein Freund, +<pb n='194'/><anchor id='Pg194'/>war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben +deine Mutter, fromm, sanft, aus einem Martyrergeschlecht, +den Himmel suchend und der Erde vergessen, auch sie hat +wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... –« +</p> + +<p> +»Nein,« sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt +kräftig zurückwerfend, »ich fühle nur des Vaters Art in +mir. Kein Tropfen Blut neigt jener Seite zu. Die +Mutter war viel krank und starb schon früh. Unter meines +Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone +und Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren +die Freundinnen meiner Jugend. Nicht viele Priester sah +man in des Kaufherrn Haus und wenn er abends mit +mir saß und las, so waren’s Livius und Tacitus und +Vergilius, nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs +ich heran bis in mein siebzehntes Jahr, den Sinn allein +auf diese Welt gerichtet. Denn auch die Tugenden, die +der Vater pries und übte, sie galten nur dem Staat, dem +Haus, den Freunden. Glücklich war ich in jener Zeit, +ungespalten meine Seele.« +</p> + +<p> +»Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers.« +</p> + +<p> +»Ich war glücklich. Da kamen wir auf einer Reise +zuerst in diese Mauern mit ihrem Grabesernst und dunkle +schwere Schatten fielen hier zuerst in meine Seele. Dich +fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher +sorgfältig verborgen hatte, daß die Mutter in schwerer +Krankheit mich schon vor meiner Geburt durch ein Gelübde +dem ehelosen Leben im Kloster geweiht, wenn Gott sie und +ihr Kind am Leben erhalte, und daß mein Vater, dem +dieser Gedanke unerträglich, später mich vom Himmel eingelöst, +indem er, freilich mit Zustimmung des Bischofs +von Rom, statt die Tochter hinzugeben, Kirche und Kloster +hier gebaut.« +</p> + +<p> +»So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Ver<pb n='195'/><anchor id='Pg195'/>mögens! Darüber kannst du dich beruhigen. Der Nachfolger +des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu binden +und zu lösen, hat den Tausch, die Umwandlung des Gelübdes +gebilligt. Du bist frei!« – »Aber ich fühle mich +nicht frei! Nicht mehr seit jener Stunde! Was auch du, +was auch der Vater gesagt, tief, tief in meinem Herzen +spricht eine Stimme: »der Himmel nimmt nicht totes Gold +statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal läßt sich nicht +abkaufen, was einmal ihm verwirkt war.« Die finstre, +ernste, drohende Macht jenes heiligen Glaubens, der meiner +Seele fremd gewesen und geblieben ist, die in diesem feierlichen +Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend Herrschaftsrecht +über meine Seele und läßt nicht davon. Ich +bin ihr verfallen. Ihr gehör’ ich an, nicht wollend, widerstrebend, +aber sicher doch. Der Welt der Entsagung, des +Schmerzes, der Dornen: nicht jener goldnen Welt meines +Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch +immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich’s +auch vergessen will, immer ziehen wieder die Wolkenschatten +über meine Seele. Sie drohen im Hintergrunde +aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den +roten Rosen.« +</p> + +<p> +»Valeria, du hassest, scheint’s, was du verehren solltest.« +</p> + +<p> +»Ich hasse es nicht. Ich fürchte es. Wohl war eine +Zeit,« – und ein Strahl der Freude flog über ihre Züge +– »da glaubte ich den dunkeln Schatten für immer besiegt +von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst +des jungen Goten lachend Auge sah und seine sonnige +Seele mich umschloß, als soviel Jugend, Schönheit, Liebe +und Glück mich umfluteten, da wähnte ich wohl, für immer +sei jener Bann gelöst. Aber es währte nicht lang. +</p> + +<p> +Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an +die goldne Wand, die ich zwischen ihn und mich gebaut +<pb n='196'/><anchor id='Pg196'/>und immer näher drangen seine Schläge. Der Krieg +bricht aus, mein teurer Vater fällt und nimmt einen verhängnisvollen +Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In +Schutt versinkt das Haus meiner Ahnen und ich muß +flüchten aus meiner Vaterstadt. Sie fällt dem Feinde zu. +Nur das Opfer eines köstlichen Lebens rettet mir den Geliebten. +Die Woge des Krieges verschlägt ihn fern von mir. +</p> + +<p> +Und wie ich erwache aus der Betäubung dieses Streichs, +– find’ ich mich hier, in diesem großen Grabe, dem Ort +meiner Bestimmung. Ach, du wirst sehen, der Himmel +begnügt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch +die Leiche, die hinein gehört.« +</p> + +<p> +»Valeria! du solltest Kassandra heißen.« +</p> + +<p> +»Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte +trafen ein!« +</p> + +<p> +»Du weißt, wir erkennen einer Seele den Preis zu, +die der Erde vergißt über dem Himmel. Aber Gott will +erzwungne Opfer nicht. Und so sag’ ich dir, du quälst +dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich gelöst, so +bist du frei.« +</p> + +<p> +»Die Seele löst kein Papst. Der Papst nimmt Gold, +das Schicksal nicht. Du wirst erfüllt sehen, was ich dir +ahnend vorhersage – nie werd ich glücklich, nie werd ich +Totilas und diese Stätte wird ... –« +</p> + +<p> +»Und wenn’s so wäre? Hängst du denn noch gar so +fest an Glück und Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. +Aber Kind, ich sage dir: je früher du dich losmachst, desto +größerem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und ihre +falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel +und treulos erfunden. Nichts auf Erden füllt die Seele +aus, die nicht von dieser Erde ist. Wer das erkennt, der +sehnt sich hinweg aus dieser Welt der Unrast und der +<pb n='197'/><anchor id='Pg197'/>Sünde. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine +Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... –« +</p> + +<p> +»Nein, nein, Cassiodor,« rief die Römerin, »meine +ganze Seele verlangt nach Glück auf dieser schönen Erde! +Ihr gehör’ ich an! Auf ihr fühl’ ich mich heimisch. +Blauer Himmel, weißer Marmor, rote Rosen, linde, duftgefüllte +Abendluft: – wie seid ihr schön! +</p> + +<p> +Das will ich einatmen mit entzückten Sinnen! Wer +das genießt, ist glücklich! Weh dem, der es verloren! +Von deinem Jenseits hab’ ich kein Bild in meiner bangen +Seele! Nebel, Schatten – graues Ungewiß allein liegt +jenseit des Grabes. Wie spricht Achilleus? +</p> + +<lg> +<l>»Tröste mich doch nicht über den Tod! Du kannst nicht, <anchor id="corr197"/><corr sic="Odysseus">Odysseus.</corr></l> + <l>Lieber ja möcht’ ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen</l> + <l>Für den bedürftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden,</l> + <l>Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen.«</l> +</lg> + +<p> +So empfind’ auch ich. Weh’ dem, den nicht die goldne +Sonne mehr bescheint. O wie gern, wie gern wär’ ich +glücklich in dieser schönen Welt, in meinem schönen Heimatland: +wie fürcht ich das Unheil, das doch unaufhaltsam +näher dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden +Sonne die Schatten unhörbar, doch unhemmbar wachsen. +O, wer ihn aufhielte, den furchtbar nahenden Schatten +meines Lebens!« +</p> + +<p> +Da drang vom Eingang her ein heller, kräftiglust’ger +Schall, ein fremder Ton in diesen stillen Mauern, die nur +vom leisen Choral der Jungfraun wiedertönten. Die +Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der +gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele +Valerias. +</p> + +<p> +Aus dem Wohngebäude aber eilte der alte Pförtner +herbei. »Herr,« rief er, »keckes Reitervolk lagert vor den +<pb n='198'/><anchor id='Pg198'/>Mauern. Sie lärmen und verlangen Fleisch und Wein. +Sie lassen sich nicht abweisen und der Führer: – da ist +er schon« – +</p> + +<p> +»Totila!« jauchzte Valeria und flog dem Geliebten +entgegen, der in schimmernder Rüstung, vom weißen Mantel +umwallt, waffenklirrend, heranschritt. +</p> + +<p> +»O du bringst Luft und Leben!« »Und neues +Hoffen und die alte Liebe,« rief Totila. Und sie hielten +sich umschlungen. +</p> + +<p> +»Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern +geblieben!« – »Ich komme geradeswegs von Paris +und Aurelianum, von den Höfen der Frankenkönige. O +Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie +leicht haben sie’s! Da kämpft nicht Himmel und Boden +und Erinnerung gegen ihre Germanenart. Nahe ist der +Rhenus und Danubius und ungezählte Germanenstämme +wohnen dort in alter ungebrochner Kraft: – wir dagegen +sind wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner +Felsblock, den rings feindliches Element benagt. +</p> + +<p> +Doch desto größer,« sprach er, sich aufrichtend, »ist der +Ruhm, hier, mitten im Römerland, Germanen ein Reich +zu bauen und zu erhalten. +</p> + +<p> +Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, +Valeria. Es ist das unsre auch geworden! Wie frohlockte +mein Herz, als mich wieder Oliven und Lorbeer begrüßten +und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fühlte +klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhält in diesem +edlen Land, dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde +hier erstehen sehn.« +</p> + +<p> +Valeria drückte dem Begeisterten die Hand. +</p> + +<p> +»Und was hast du ausgerichtet?« fragte Cassiodor. +</p> + +<p> +»Viel! – Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen +Childibert Gesandte von Byzanz, die ihn schon halb ge<pb n='199'/><anchor id='Pg199'/>wonnen, als sein Bundesgenosse in Italien einzufallen. +Die Götter – vergieb mir, frommer Vater – der Himmel +war mit mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. +Schlimmstenfalls ruhen seine Waffen ganz. +Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe.« +</p> + +<p> +»Wo ließest du Julius?« +</p> + +<p> +»Ich geleitete ihn bis in seine schöne Heimatstadt Avenio. +Dort ließ ich ihn unter blühenden Mandelbäumen und +Oleandern. Dort wandelt er, fast nie mehr den Platon, +meist den Augustinus in der Hand und träumt und träumt +vom ewigen Völkerfrieden, vom höchsten Gut und von dem +Staate Gottes! Wohl ist es schön in jenen grünen +Thälern: – doch neid’ ich ihm die Muße nicht. Das +Höchste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt’s, +für dieses Volk der Goten zu kämpfen und zu ringen. +Überall, wo ich des Rückwegs kam, trieb ich die Männer +zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich +auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber führe eine vierte +dem wackern König zu. Dann geht es endlich vorwärts +gegen diese Griechen, und dann: Rache für Neapolis!« +Und mit blitzenden Augen hob er den Speer – er war +sehr schön zu schauen. +</p> + +<p> +Entzückt warf sich Valeria an seine Brust. »O sieh, +Cassiodor, das ist <hi rend='gesperrt'>meine</hi> Welt! <hi rend='gesperrt'>meine</hi> Freude! <hi rend='gesperrt'>mein</hi> +Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und Volkesliebe +und die Seele in Lieb’ und Haß bewegt – füllt das die +Menschenbrust nicht aus?« +</p> + +<p> +»Jawohl: im Glück und in der Jugend! Es ist der +Schmerz, der uns zum Himmel führt.« +</p> + +<p> +»Mein frommer Vater,« sagte Totila, mit der Linken +Valeria an sich drückend, mit der Rechten an seine Schulter +rührend, »schlecht steht mir an, mit dir, dem Ältern, +Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist mein Herz +<pb n='200'/><anchor id='Pg200'/>geartet. Wenn ich je zweifeln könnte an eines gütigen +Gottes Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet +Leiden sehe. Als ich der edeln Miriam Auge +brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: »lebt denn +kein Gott?« +</p> + +<p> +Im Glück, im Sonnenschein fühl’ ich den Gott und +seine Gnade wird mir offenbar. Er will gewiß der +Menschen Glück und Freude: – der Schmerz ist sein +heiliges Geheimnis – ich vertraue: dereinst wird uns auch +dies Rätsel klar. Einstweilen aber laß uns auf der Erde +freudig das Unsere thun und keinen Schatten uns allzulang +verdunkeln. +</p> + +<p> +In diesem Glauben, Valeria, laß uns scheiden. Denn +ich muß fort zu König Witichis mit meinen Reitern.« +</p> + +<p> +»Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd’ +ich dich wiedersehn?« +</p> + +<p> +»Ich seh’ dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand! +</p> + +<p> +Ich weiß, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht +dich aus diesen ernsten Mauern führen darf ins sonnige +Leben. Laß dich indes nicht allzusehr verdüstern. Es +kommt der Tag des Sieges und des Glücks: und mich +erhebt’s, daß ich zugleich das Schwert für mein Volk und +meine Liebe führe.« +</p> + +<p> +Inzwischen war der Pförtner mit einem Schreiben an +Cassiodor wiedergekommen. +</p> + +<p> +»Auch ich muß dich verlassen, Valeria,« sprach der. +</p> + +<p> +»Rusticiana, des Boëthius Witwe, ruft mich dringend +an ihr Sterbebett: sie will ihr Herz erleichtern von alter +Schuld. Ich gehe nach Tifernum.« +</p> + +<p> +»Dahin führt auch unser Weg, du ziehst mit mir, +Cassiodor. Leb wohl, Valeria!« +</p> + +<p> +Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten +gehn. Sie bestieg ein Türmchen der Gartenmauer und +<pb n='201'/><anchor id='Pg201'/>sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller Rüstung sich in +den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine +Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im +Abendlicht, die blaue Fahne flatterte lustig im Winde: +alles war voll Leben, Kraft und Jugend. +</p> + +<p> +Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend. +</p> + +<p> +Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der +frohe Mut, den sein Erscheinen gebracht, wieder von ihr. +Bange Ahnungen stiegen ihr auf und unwillkürlich sprachen +sich ihre Gefühle aus in den Worten ihres Homeros: +</p> + +<lg> +<l>»Siehest du nicht wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus?</l> +<l>Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis,</l> +<l>Wann auch ihm in des Kampfes Gewühl das Leben <anchor id="corr201"/><corr sic="entschwindet.">entschwindet,</corr></l> +<l>Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer.«</l> +</lg> + +<p> +Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem +rasch sich verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern +zurück. +</p> + </div><div type="kapitel" n="4"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Viertes Kapitel.</head> + +<p> +Inzwischen hatte König Witichis in seinem Waffenplatz +Ravenna jede Kunst und Thätigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes +entfaltet. +</p> + +<p> +Während jede Woche, ja jeden Tag vor und in der +Stadt größere und kleinere Scharen von den gotischen +Heeren eintrafen, die der Verrat Theodahads an die +Grenzen gesendet hatte, arbeitete der König unablässig +daran, das ganze große Heer, das allmählich bis auf einhundertundfünfzig +Tausendschaften gebracht werden sollte, +auszurüsten, zu waffnen, zu gliedern und zu üben. +<pb n='202'/><anchor id='Pg202'/>Denn die Regierung Theoderichs war eine äußerst +friedliche gewesen: nur die Besatzungen der Grenzprovinzen, +kleine Truppenmassen, hatten mit Gepiden, Bulgaren und +Avaren zu thun gehabt, und in den mehr als dreißig +Jahren der Ruhe waren die kriegerischen Ordnungen eingerostet. +</p> + +<p> +Da hatte der tüchtige König, von seinen Freunden und +Feldherren eifrig unterstützt, Arbeit vollauf. Die Arsenale +und Werften wurden geleert, in Ravenna ungeheure +Vorratspeicher angelegt und zwischen der dreifachen Umwallung +der Stadt endlose Reihen von Werkstätten für +Waffenschmiede aller Art aufgeschlagen, die Tag und Nacht +unablässig zu arbeiten hatten, den Forderungen des kampfbegierigen +Königs, des massenhaft anschwellenden Heeres +zu genügen. Ganz Ravenna ward ein Kriegslager. Man +hörte nichts als die Hammerschläge der Schmiede, das +Wiehern der Rosse, den Sturmruf und Waffenlärm der +sich übenden Heerscharen. +</p> + +<p> +In diesem Getöse, in dieser rastlosen Thätigkeit betäubte +Witichis, so gut es gehen wollte, den Schmerz seiner +Seele und begierig sah er dem Tag entgegen, da er sein +schönes Heer zum Angriff gegen den Feind führen könne. +Doch hatte er bei allem Drange, im Kampfgewühl sich +selber zu verlieren, seiner Königspflicht nicht vergessen, +und durch Herzog Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten +an Belisar gesendet mit den mäßigsten Vorschlägen. +</p> + +<p> +So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, +hatte er kaum einen Blick und Gedanken für seine Königin, +der er auch, wie er meinte, kein größeres Gut als die +ungestörteste Freiheit zuwenden konnte. +</p> + +<p> +Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht +an von einem Dämon erfüllt, von dem Dämon un<pb n='203'/><anchor id='Pg203'/>ersättlicher Rache. In Haß übergeschlagene Liebe ist der +giftigste Haß. +</p> + +<p> +Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit +an das Ideal dieses Mannes hoch zu den Sternen erhöht. +Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre Liebe, war einzig an +dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang der +Sonne, hatte sie die Erfüllung ihrer Sehnsucht durch +diesen Mann erwartet. +</p> + +<p> +Und nun mußte sie sich gestehn, daß er ihre Liebe +hatte ans Licht gebracht und nicht erwidert: daß sie, obwohl +seine Königin, mit dieser Liebe wie eine Verbrecherin +dem verstoßenen und doch ewig allein in seinem Herzen +wohnenden Weibe gegenüberstehe. Und er, auf den sie als +Retter und Befreier von unwürdigem Zwang gehofft, er +hatte ihr die höchste Schmach angethan: eine Ehe ohne +Liebe. Er hatte ihr die Freiheit genommen und kein Herz +dafür gegeben. Und warum? was war der letzte Grund +dieses Frevels? +</p> + +<p> +Das Gotenreich, die Gotenkrone! +</p> + +<p> +Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer +Mataswintha Leben zu verderben. »Hätte er meine Liebe +nicht erwidert – ich wäre zu stolz, ihn darum zu hassen. +Aber er zieht mich an sich, behängt mich, wie zum Hohne, +mit dem Namen seines Weibes, führt diese Liebe bis hart +an den Gipfel der Erfüllung und stößt mich dann achtlos +hinunter in die Nacht unaussprechlicher Beschämung. Und +warum? warum das alles. Um einen eiteln leeren Schall: +»Gotenreich!« Um einen toten Reif von Gold. Weh ihm, +und wehe seinem Götzen, dem er dies Herz geschlachtet. +Er soll es büßen. An seinem Götzenbilde soll er’s büßen. +Hat er mir ohne Schonung mein Idol, sein eigen Bild, +meine schöne Liebe mit Füßen getreten, – wohlan, Götze +gegen Götze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu sehen, +<pb n='204'/><anchor id='Pg204'/>diese Krone zerstückt. Zerschlagen will ich ihm seinen +Lieblingswahn, um den er die Blüte meiner Seele geknickt, +zerschlagen dieses Reich wie seine Büste. Und wenn er +verzweifelnd, händeringend vor den Trümmern steht, will +ich ihm zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Götzen aus.« +</p> + +<p> +So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, +beschuldigte und verfolgte Mataswintha den unseligen Mann, +der mehr als sie gelitten, der nicht nur sie, der sein und +des geliebten Weibes Glück dem Vaterland geopfert. +</p> + +<p> +Vaterland, Gotenreich: – der Name schlug ohne Klang +an das Ohr des Weibes, das von Kindheit auf unter +diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen für ihre Freiheit +zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht +ihres Einen Gefühls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, +und zur Rache, Rache für die Hinopferung ihrer Seele, +dies Gotenreich zu verderben, war ihre höchste, grimmige +Lust. O hätte sie, wie jene Marmorbüste, mit Einem +Streich, dies Reich zerschmettern können! +</p> + +<p> +Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber +deren ganze dämonische Klugheit. Sie wußte ihren tödlichen +Haß und ihre geheimen Rachegedanken so tief vor dem +König zu verbergen, – so tief wie sie sich selbst die geheime +Liebe verbarg, die sie noch immer für den grimmig +Verfolgten im tiefsten Busen trug. +</p> + +<p> +Auch wußte sie dem König ein Interesse an der +gotischen Sache zu zeigen, welches das einzige Band +zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn auch in +feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl +begriff sie, daß sie dem gehaßten König nur dann schaden, +seine Sache nur dann verderben konnte, wenn sie in alle +Geheimnisse derselben genau eingeweiht, mit ihren Stärken +wie mit ihren Blößen genau vertraut war. +</p> + +<p> +Ihre hohe Stellung machte ihr leicht möglich, alles, +<pb n='205'/><anchor id='Pg205'/>was sie wissen wollte, zu erfahren: schon aus Rücksicht +auf ihren großen Anhang konnte man der Amalungentochter, +der Königin, Kenntnis der Lage ihres Reiches, +ihres Heeres nicht vorenthalten. Der alte Graf Grippa +versah sie mit allen Nachrichten, die er selbst erfuhr. In +wichtigeren Fällen wohnte sie selbst den Beratungen bei, +die in den Gemächern des Königs gehalten wurden. +</p> + +<p> +So war Mataswintha über die Stärke, Beschaffenheit +und Einteilung des Heeres, die nächsten Angriffspläne der +Feldherren und alle Hoffnungen und Befürchtungen der +Goten so gut wie der König selbst unterrichtet. Und sehnlich +wünschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen +sobald und so verderblich wie möglich zu verwerten. +</p> + +<p> +Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht +hoffen. Naturgemäß richteten sich ihre Augen auf die aus +Furcht vor den Goten neutralen, im Herzen aber ausnahmlos +byzantinisch-gesinnten Italier ihrer Umgebung, mit +denen sie leichten und unverdächtigen Verkehr pflegen konnte. +</p> + +<p> +Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, – da +war keiner, dessen Thatkraft und Klugheit sie das tödliche +Geheimnis hätte vertrauen mögen, daß die Königin der +Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten wolle. +Diese feigen und unbedeutenden Menschen – die Tüchtigeren +waren längst zu Cethegus oder Belisar gegangen – waren +ihr weder des Vertrauens würdig, noch schienen sie Witichis +und seinen Freunden gewachsen. +</p> + +<p> +Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den König +und die Goten selbst zu erkunden, welchen unter allen +Römern sie für ihren gefährlichsten, bedeutendsten Feind +hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen +hörte sie immer nur Einen Mann nennen, immer und +immer wieder einen einzigen. Und der saß ihr unerreich<pb n='206'/><anchor id='Pg206'/>bar fern im Kapitol von Rom: Cethegus der Präfekt. +Es war ihr unmöglich, sich in Verbindung mit ihm zu +setzen. Keinem ihrer römischen Sklaven wagte sie einen +so verhängnisvollen Auftrag, als ein Brief nach Rom +war, anzuvertrauen. +</p> + +<p> +Die kluge und mutige Numiderin, die den Haß ihrer +angebeteten Herrin gegen den rohen Barbaren, der diese +verschmäht, vollauf teilte, ungeschwächt bei ihr durch heimliche +Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu +Cethegus zu finden. Aber Mataswintha wollte das Mädchen +nicht den Gefahren einer Wanderung durch Italien, mitten +durch den Krieg, aussetzen. Und schon gewöhnte sie sich +an den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom +zu verschieben, ohne inzwischen in ihrem Eifer in Erforschung +der gotischen Pläne und Rüstungen zu erkalten. +</p> + +<p> +So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurück +von dem Kriegsrat, der draußen im Lager, im Zelt des +Königs war gehalten worden. Denn seit die Rüstungen +ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs +gewärtig waren, hatte Witichis, wohl auch um +Mataswintha aus dem Wege zu sein, seine Gemächer im +Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung mitten +unter seinen Kriegern aufgeschlagen. +</p> + +<p> +Langsam, das Vernommene ihrem Gedächtnis einprägend +und über die Verwertung nachsinnend, wandelte +die Königin, nur von Aspa begleitet, durch die äußersten +Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur +Linken, die weißen Zelte zur Rechten. Sie mied das +Gedränge und den Lärm der innern Gassen des Lagers. +</p> + +<p> +Während sie bedächtig und ihrer Umgebung nicht achtend +dahinschritt, musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe +von Goten und Italiern, die sich hier um den Tisch eines +Gauklers geschart hatte, der unerhörte und nie gesehene +<pb n='207'/><anchor id='Pg207'/>Künste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und +Lachen der Zuschauer zu schließen. +</p> + +<p> +Aspa zögerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder +mit anzusehen. Es war ein junger, schlanker Bursch: +nach der blendend weißen Haut des Gesichts und der +bloßen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen +Zuschnitts ein Kelte, wozu die kohlschwarzen Augen nicht +stimmen wollten. Er verrichtete wirklich Wunderdinge auf +seiner einfachen Bühne. Bald sprang er in die Höhe, +überschlug sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald +wieder auf die Füße, bald auf die Hände, zu stehen. Dann +schien er brennende Kohlen mit sichtlichem Behagen zu verspeisen +und dafür Münzen auszuspeien: dann verschluckte +er einen fußlangen Dolch und zog ihn später wieder aus +seinen Haaren hervor, um ihn mit drei, vier andern +scharfgeschliffenen Messern in die Luft zu werfen und eins +nach dem andern mit nie fehlender Behendigkeit am Griff +aufzufangen, wofür ihn Gelächter und Rufe der Bewunderung +von Seite seiner Zuschauer belohnten. +</p> + +<p> +Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt. +</p> + +<p> +Sie sah nach der Herrin und bemerkte, daß ihr Weg +gesperrt war von einer Schar italischer Lastträger und +Troßknechte, welche die Gotenkönigin offenbar nicht kannten +und gerade an ihr vorbei, über den Weg hin, nach dem +Wasser zu, lärmende Kurzweil trieben. Sie schienen sich +einen Gegenstand, den Aspa nicht wahrnahm, zu zeigen +und ihn mit Steinen zu werfen. +</p> + +<p> +Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler +neben ihr auf dem Tisch einen gellenden Schrei ausstieß; +Aspa wandte sich erschrocken und sah den Gallier in ungeheurem +Satz über die Köpfe der Zuschauer weg wie +einen Pfeil durch die Luft auf die Italier losschießen. +<pb n='208'/><anchor id='Pg208'/>Schon stand er mitten in dem Haufen und schien, sich +bückend, einen Augenblick unter ihnen verschwunden. +</p> + +<p> +Aber plötzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich +darauf ein zweiter der Italier stürzte von seinen Faustschlägen +nieder. +</p> + +<p> +Im Augenblick war Aspa an der Königin Seite, die +sich schnell aus der Nähe der Schlägerei entfernt hatte, +aber, zu der Sklavin Befremden, stehen blieb, mit dem +Finger auf die Gruppe weisend. +</p> + +<p> +Und seltsam in der That war das Schauspiel. +</p> + +<p> +Mit unglaublicher Kraft und noch größerer Gewandtheit +wußte der Gaukler das Dutzend der Angreifer sich +vom Leibe zu halten. Die Gegner anspringend, sich +wendend und duckend, weichend, dann wieder plötzlich vorspringend +und den nächsten am Fuß niederreißend oder +mit kräftigem Faustschlag vor Brust oder Gesicht niederstreckend, +wehrte er sich. +</p> + +<p> +Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten +Hand: denn die linke hielt er, wie etwas bergend und +schützend, dicht an die Brust. So währte der ungleiche +Kampf minutenlang. Der Gaukler ward näher und näher +von der wütenden lärmenden Menge dem Wasser zugedrängt. +Da blitzte eine Klinge. Einer der Troßknechte, +zornig über einen schweren Schlag, zuckte ein Messer und +sprang den Gaukler von hinten an. Mit einem Schrei +stürzte dieser zusammen: die Feinde über ihn her. +</p> + +<p> +»Auf! reißt sie auseinander! helft dem Armen,« rief +Mataswintha den Kriegern zu, die jetzt von dem verlassenen +Tisch der Goten herankamen, »ich befehle es! die +Königin!« +</p> + +<p> +Die Goten eilten nach dem Knäuel der Streitenden: +aber noch ehe sie herankamen, sprang der Gaukler, der +sich für einen Moment von allen Feinden losgemacht, hoch +<pb n='209'/><anchor id='Pg209'/>aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon, gerade +auf die beiden Frauen zu – verfolgt von den Italiern, +welche die wenigen Goten nicht aufzuhalten vermochten. +</p> + +<p> +Welch’ ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm +in Fetzen vom Leibe: ein Stück seiner gelben Haare schleifte +am Rücken und siehe, unter der gelben Perücke kam +schwarzes glänzendes Haar zum Vorschein und der weiße +Hals verlief in eine bronzebraune Brust. +</p> + +<p> +Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte +er Mataswintha. »Schütze mich, rette mich, weiße Göttin!« +schrie er und brach zusammen vor Mataswinthas Füßen. +Schon waren die Italier heran, und der vorderste schwang +sein Messer. – +</p> + +<p> +Aber Mataswintha breitete ihren blauen Mantel über +den Gefallenen: »Zurück!« sprach sie mit Hoheit, »laßt ab +von ihm. Er steht im Schutz der Gotenkönigin.« Verblüfft +wichen die Troßknechte zurück. »So?« rief nach +einer Pause der mit dem Dolch, »straflos soll er ausgehn, +der Hund und Sohn eines Hundes? und fünf von uns +liegen am Boden halbtot? und ich habe fortan drei Zähne +zu wenig? Und keine Strafe?« »Er ist gestraft genug,« +sagte Mataswintha, auf die tiefe Dolchwunde am Halse +deutend. »Und all das um einen Wurm,« schrie ein +zweiter, »um eine Schlange, die aus seinem Ranzen +schlüpfte und die wir mit Steinen warfen.« – »Da seht! +er hat die Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt +sie ihm.« »Schlagt ihn tot,« schrien die andern. +</p> + +<p> +Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und +schafften ihrer Königin Gehorsam, die Italier unsanft +zurückstoßend und einen Kreis um den Gefallnen schließend. +Aspa blickte scharf zu und plötzlich sank sie mit gekreuzten +Armen neben dem Gaukler nieder. +</p> + +<p> +»Was ist dir, Aspa? steh auf!« sprach Mataswintha +<pb n='210'/><anchor id='Pg210'/>staunend. »O Herrin!« stammelte diese, »der Mann ist +kein Gallier! Er ist ein Sohn meines Volkes. Er betet +zu dem Schlangengott! Sieh hier seine braune Haut unter +dem Halse. Braun wie Aspa, – und hier – hier, eine +Schrift; Schriftzeichen eingeritzt über seiner Brust: die +heilige Geheimschrift meiner Heimat,« jubelte sie. Und, mit +dem Finger deutend, hob sie an zu lesen. +</p> + +<p> +»Der Gaukler scheint verdächtig. – Warum diese Verstellung?« +sprach Mataswintha. »Man muß ihn in Haft +nehmen.« +</p> + +<p> +»Nein, nein, o Herrin,« flüsterte Aspa. »Weißt du, +wie die Inschrift lautet? – Kein Auge als meines kann +sie dir deuten.« – »Nun?« fragte Mataswintha. »Sie +lautet,« flüsterte Aspa leise: »Syphax schuldet ein Leben +seinem Herrn, Cethegus dem Präfekten.« Ja, ja ich +erkenne ihn, das ist Syphax, Hiempsals Sohn, ein Gastfreund +meines Stammes: die Götter senden ihn zu uns.« +</p> + +<p> +»Aspa,« sprach Mataswintha rasch, »ja, ihn senden die +Götter: die Götter der Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen +wunden Mann auf eine Bahre, und folgt damit meiner +Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem Dienst.« +</p> + </div><div type="kapitel" n="5"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenftes Kapitel."/> +<head>Fünftes Kapitel.</head> + +<p> +Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder +ins Lager, diesmal nicht von Aspa begleitet. Denn diese +wich Tag und Nacht nicht von dem Bette ihres verwundeten +Landsmannes, der unter ihren Händen, ihren +Kräutern und Sprüchen sich rasch erholte. +</p> + +<p> +König Witichis selbst hatte diesmal die Königin abgeholt +<pb n='211'/><anchor id='Pg211'/>mit dem ganzen Geleit seines Hofes. In seinem Zelte +sollte der wichtigste Kriegsrat gehalten werden. Das Eintreffen +der letzten Verstärkungen war auf heute angekündet: +und auch Guntharis und Hildebad wurden zurückerwartet +mit der Antwort Belisars auf das Friedensanerbieten. +</p> + +<p> +»Ein verhängnisvoller Tag!« sagte Witichis zu seiner +Königin. »Bete zum Himmel um den Frieden.« +</p> + +<p> +»Ich bete um den Krieg,« sprach Mataswintha, starr +vor sich hinblickend. »Verlangt dein Frauenherz so sehr +nach Rache?« – »Nach Rache nur noch ganz allein – +und sie wird mir werden.« +</p> + +<p> +Damit traten sie in das Zelt, welches schon von +gotischen Heerführern erfüllt war. Mataswintha dankte +mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen Gruß. »Sind +die Gesandten zurück?« fragte der König, sich setzend, den +alten Hildebrand, »so führt sie ein.« +</p> + +<p> +Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhänge +und Herzog Guntharis und Hildebad traten ein, +sich tief verneigend. +</p> + +<p> +»Was bringt ihr? Frieden oder Krieg?« fragte +Witichis eifrig. »Krieg! Krieg, König Witichis!« riefen +beide Männer mit Einem Munde. – »Wie? Belisar verwirft +die Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich, +eindringlich, meine Vorschläge mitgeteilt?« +</p> + +<p> +Herzog Guntharis trat vor, und sprach: »Ich traf den +Feldherrn im Kapitol als Gast des Präfekten und sprach +zu ihm: »Der Gotenkönig Witichis entbietet dir seinen +Gruß. +</p> + +<p> +In dreißig Tagen kann er mit hundertfünfzig Tausendschaften +wehrhafter Goten vor diesen Thoren stehn. Und +ein Schlachten und Ringen um diese ehrwürdige Stadt +wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut +getränkten Gefilde nie geschaut. +</p> + +<pb n='212'/><anchor id='Pg212'/> + +<p> +Der König der Goten liebt den Frieden mehr als +selbst den Sieg: und er gelobt, Kaiser Justinian die Insel +Sicilien abzutreten und ihm in jedem seiner Kriege mit +dreißigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort +Rom und Italien räumt, das uns gehört nach dem Recht +der Eroberung wie nach dem Vertrag mit Kaiser Zeno, +der es Theoderich überließ, wenn er den Odovakar stürzen +könne.« So sprach ich, deinem Auftrag gemäß. +</p> + +<p> +Belisar aber lachte und rief: »Witichis ist sehr gnädig, +mir die Insel Sicilien abzutreten, die ich schon habe und +er nicht mehr hat. Ich schenke ihm dafür die Insel Thule! +Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war abgezwungen +und das Recht der Eroberung, – nun das spricht +jetzt für uns. Kein Friede, als unter der Bedingung: +das ganze Gotenheer streckt die Waffen, und das ganze +Volk zieht über die Alpen und sendet König und Königin +als Geiseln nach <anchor id="corr212"/><corr sic="Byzanz.«">Byzanz.««</corr> +</p> + +<p> +Ein Murren der Entrüstung ging durch das Zelt. +</p> + +<p> +»Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten +wir ihm den Rücken und schritten <anchor id="corr212a"/><corr sic="hinaus.«">hinaus.</corr> »Auf Wiedersehen +in Ravenna,« rief er uns nach. <anchor id="corr212b"/><corr sic="»Da">Da</corr> wandt’ ich +mich,« sprach Hildebad <anchor id="corr212d"/><corr sic="und">»und</corr> rief: »Auf Wiedersehen vor +<anchor id="corr212c"/><corr sic="Rom!">Rom!«</corr> Auf, König Witichis, jetzt zu den Waffen. Du +hast das Äußerste versucht an Friedensliebe und Schmach +geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezögert und +gerüstet! Jetzt führ’ uns an, zum Kampf.« +</p> + +<p> +Da tönten Trompetenstöße aus dem Lager: man hörte +den Hufschlag eilig nahender Rosse. Alsbald hob sich der +Vorhang des Zeltes und eintrat Totila in glänzenden +Waffen, vom weißen Mantel umwallt. »Heil meinem +König, Heil dir Königin,« sprach er huldigend. »Mein +Auftrag ist erfüllt: ich bringe dir den Freundesgruß des +Frankenkönigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde von +<pb n='213'/><anchor id='Pg213'/>Byzanz, dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. +Sein Heer wird nicht gegen die Goten in Italien einrücken. +Graf Markja von Mediolanum, der bisher die Cottischen +Alpen gegen die Franken gedeckt, ward dadurch frei mit +seinen Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im Rückweg +hab ich aufgerafft, was ich irgend von waffenfähigen +Männern fand und die Besatzungen der Burgen an mich +gezogen. Ferner: +</p> + +<p> +Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein +König: ich führe dir sechstausend Reiter zu, auf herrlichen +Rossen. Sie verlangen, sich zu tummeln in den Ebenen +von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: führ uns +zum Kampf, zum Kampf nach Rom.« +</p> + +<p> +»Hab Dank, mein Freund, für dich und deine Reiter. +</p> + +<p> +Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres +Macht? Sagt an, ihr Feldherren, wie viele führt ein jeder +von euch? Ihr Notare, zeichnet auf!« +</p> + +<p> +»Ich führe drei Tausendschaften Fußvolk,« rief Hildebad. +»Ich vierzig Tausendschaften zu Fuß und zu Roß mit +Schild und Speer,« sprach Herzog Guntharis. »Ich vierzig +Tausendschaften zu Fuß: Bogenschützen, Schleuderer, +Speerträger,« sagte Graf Grippa von Ravenna. »Ich +sieben Tausendschaften mit Messer und Keule,« zählte Hildebrand. +»Und dazu Totilas sechs Tausendschaften Reiter +und vierzehn erlesene Tausendschaften Tejas mit der Streitaxt +– wo ist er? ich vermisse ihn hier! – Und ich +habe meine Scharen zu Fuß und zu Roß auf fünfzig +Tausendschaften erhöht,« schloß der König. +</p> + +<p> +»Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften,« +schrieb der Protonotar, die Pergamentrolle dem König +überreichend. +</p> + +<p> +Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes über +des Königs ernstes Angesicht. »Einhundertsechzig Tausend<pb n='214'/><anchor id='Pg214'/>schaften gotische Männer: Belisar, sollen sie vor dir die +Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr noch +Rast, um aufzubrechen?« +</p> + +<p> +Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim +Eintreten die letzte Frage vernommen. Sein Auge sprühte +Blitze, er bebte vor Zorn. »Rast? Keine Stunde Rast +mehr: auf zur Rache, König Witichis! Ein ungeheurer +Frevel ist geschehn, der laut um Rache gegen Himmel +schreit. Führ’ uns sofort zum Kampf!« +</p> + +<p> +»Was ist geschehn?« +</p> + +<p> +»Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschloß, +wie du weißt, seit lange mit Hunnen und Armeniern das +feste Petra. Kein Entsatz war nah und fern. Der junge +Graf Arahad nur – er suchte wohl den Tod – überfiel +mit seiner kleinen Gefolgschaft die Übermacht; er fiel im +tapfersten Gefecht. Verzweifelt widerstand das Häuflein +gotischer Männer in der Burg. Denn alles wehrlose Volk +der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen +Land in Tuscien, Valeria und Picenum war hierher geflüchtet +vor dem Feind, wohl viele Tausend. Endlich +zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die Thore zu +öffnen. Der Hunne schwor allen Goten in der Stadt, +ihr Blut nicht zu vergießen. Er zog ein und befahl den +Goten sich in der großen Basilika Sankt Zenos zu versammeln. +Das thaten sie, über fünftausend Köpfe, Greise, +Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als +sie alle beisammen ... –« Teja hielt schaudernd inne. +</p> + +<p> +»Nun?« fragte Mataswintha, erblassend. +</p> + +<p> +»Da schloß der Hunne die Thüren, umstellte das Haus +mit seinem Heer und – verbrannte sie alle fünftausend, +samt der Kirche.« +</p> + +<p> +»Und der Vertrag?« rief Witichis. +</p> + +<p> +»Ja, so schrieen auch die Verzweifelten ihn an durch +<pb n='215'/><anchor id='Pg215'/>Qualm und Flammen. »Der Vertrag,« lachte der Hunne, +»sei erfüllt: kein Tropfe Blutes sei vergossen. Ausbrennen +müsse man die Goten aus Italien wie die Feldmäuse und +schlechtes Gewürm.« Und so sahen die Byzantiner zu, wie +fünftausend Goten, Greise, Weiber, Kranke, Kinder – +König Witichis, hörst du’s? Kinder! – elend erstickten +und verbrannten. Solches geschieht und du – du sendest +Friedensboten! Auf, König Witichis,« rief der Ergrimmte, +das Schwert aus der Scheide reißend, »wenn du ein +Mann bist, brich jetzt auf zur Rache. Die Geister der +Erwürgten ziehen vorauf: – Führ’ uns zum Kampf! zur +Rache führ’ uns an!« +</p> + +<p> +»Führ’ uns zum Kampf! zur Rache führ’ uns an!« +wiederhallte das Zelt vom Ruf der Goten. +</p> + +<p> +Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft. +</p> + +<p> +»So soll’s sein. Das Äußerste geschah. Und unsere +beste Rüstung ist unser Recht: jetzt auf, zum Kampf.« +</p> + +<p> +Und er reichte seiner Königin die Pergamentrolle, die +er in der Hand hielt, die über seinem Stuhl hängende +Königsfahne, das blaue Bandum, zu ergreifen. +</p> + +<p> +»Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner +Hand, das er von Sieg zu Sieg getragen. Wohl ruht +es jetzt in schlechtrer Hand als seine war: – doch zaget +nicht. Ihr wisset: übermütige Zuversicht ist meine Sache +nicht, doch diesmal sag ich euch voraus: in dieser Fahne +rauscht ein naher Sieg, ein großer, stolzer, rachefroher +Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht auf, sogleich. +Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!« +</p> + +<p> +»Nach Rom,« wiederhallte das Zelt. »Nach Rom!« +</p> + +</div><div type="kapitel" n="6"> +<pb n='216'/><anchor id='Pg216'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechstes Kapitel.</head> + +<p> +Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht +seines Heeres die Stadt zu verlassen: Johannes hatte er +deren Bewachung übertragen. +</p> + +<p> +Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. +Sein bisher von keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und +die Erfolge seiner vorausgeschickten Streifscharen, die durch +den Übergang der Italier alles flache Land, auch alle +Festen und Burgen und Städte, bis nahe bei Ravenna, +gewonnen, hatten in ihm die Zuversicht erzeugt, daß der +Feldzug bald beendigt und nur das Erdrücken der ratlosen +Barbaren in ihrem letzten Schlupfwinkel übrig sei. +</p> + +<p> +Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Süden der +Halbinsel: Bruttien, Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: +dann Rom mit Samnium und die Valeria durchzogen +und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas +und Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des +Feldherrn, die unter Führung des Armeniers Zanter, des +Persers Chanaranges und des Massageten Äschman standen, +vorausgesendet worden, Tuscien zu unterwerfen. +</p> + +<p> +Bessas rückte vor das sturmfeste Narnia: für die damaligen +Belagerungsmittel war die Burgstadt fast uneinnehmbar: +– sie thront auf hohem Berge, dessen Fuß der +tiefe Nar umspült. Die beiden einzigen Zugänge, vom +Osten und vom Westen, sind ein enger Felsenpaß und die +hohe, alte, von Kaiser Augustus gebaute, befestigte Brücke. – +Aber die römische Bevölkerung überwältigte die halbe gotische +Hundertschaft, die hier lag, und öffnete den Thrakiern des +Bessas die Thore. Dem Constantinus erschlossen sich ebenso +ohne Schwertstreich Spoletium und Perusia. Auf der östlichen +Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein +<pb n='217'/><anchor id='Pg217'/>andrer Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli +Constantinus, den Tod zweier byzantinischer Heerführer, +des Magister Militum für Illyrien, Mundus, und seines +Sohnes Mauricius, die gleich im Anfang des Krieges bei +Salona in Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen +waren, gerächt, Salona besetzt und durch ihre große Übermacht +die geringen gotischen Scharen zum Rückzug auf +Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien war +darauf den Byzantinern zugefallen. Von Tuscien aus +streiften, wie wir sahen, die Hunnen Justinians schon durch +Picenum und bis in die Ämilia. +</p> + +<p> +Die Friedensvorschläge des Gotenkönigs hielt Belisar +daher für Zeichen der Schwäche. Daß die Barbaren zum +Angriff übergehen könnten, fiel ihm nicht ein. Dabei trieb +es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast +des Präfekten zu heißen; im freien Felde mußte sein Übergewicht +bald wieder hervortreten. +</p> + +<p> +Der Präfekt ließ das Kapitol in der treuen Hut des +Lucius Licinius und folgte dem Zuge Belisars. Vergebens +warnte er diesen vor allzugroßer Zuversicht. +</p> + +<p> +»Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn +du die Barbaren fürchtest,« hatte dieser stolz geantwortet. +</p> + +<p> +»Nein,« erwiderte dieser. »Eine Niederlage Belisars +ist ein zu seltnes Schauspiel, man darf es nicht versäumen.« +In der That, Cethegus hätte eine Demütigung des großen +Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog, gern +gesehen. +</p> + +<p> +Belisar hatte sein Heer aus den nördlichen Thoren der +Stadt geführt und wenige Stadien vor der Stadt in einem +Lager versammelt, es hier zu mustern und neu zu ordnen +und zu gliedern. Schon der starke Zufluß von Italiern, +die zu seinen Fahnen geeilt waren, machte das nötig. Auch +Ambazuch, Bessas und Constantinus hatte er mit dem +<pb n='218'/><anchor id='Pg218'/>größten Teil ihrer Truppen wieder in dies Lager herangezogen: +sie ließen in den von ihnen gewonnenen Städten +nur kleine Besatzungen zurück. +</p> + +<p> +Dunkle Gerüchte von einem anrückenden Gotenheer +hatten sich in das Lager verbreitet. Aber Belisar schenkte +ihnen keinen Glauben. »Sie wagen es nicht,« hatte er +dem warnenden Prokop entgegnet. »Sie liegen in Ravenna +und zittern vor Belisarius.« +</p> + +<p> +Spät in der Nacht lag Cethegus schlaflos auf dem +Lager in seinem Zelt. Er ließ die Ampel brennen. »Ich +kann nicht schlafen,« sagte er –: »in den Lüften klirrt es +wie Waffen und riecht’s wie Blut. Die Goten kommen. +Sie rücken wohl durch die Sabina, die Via casperia und +salara herab.« +</p> + +<p> +Da rauschten seine Zeltvorhänge zurück und Syphax +stürzte atemlos an sein Lager. +</p> + +<p> +»Ich weiß es schon,« sagte Cethegus aufspringend, »was +du meldest: die Goten kommen.« – »Ja, Herr, morgen +sind sie da. Sie zielen auf das salarische Thor. Ich hatte +das beste Roß der Königin, aber dieser Totila, der den +Vortrab führt, jagt wie der Wind durch die Wüste. Und +hier im Lager ahnt niemand etwas.« +</p> + +<p> +»Der große Feldherr,« lächelte Cethegus, »hat keine +Vorposten ausgestellt.« – »Er verließ sich ganz auf den +festen Turm an der Aniusbrücke<note place="foot">Prokop Gotenkrieg I. 17. 18. setzt hier aus Verwechslung +den Tiber statt des Anio.</note> aber ... –« +</p> + +<p> +»Nun? der Turm ist fest.« – »Ja, aber die Besatzung, +römische Bürger aus Neapolis, ging zu den Goten über, +als sie der junge Totila, der Führer des Vortrabs, anrief. +Die Leibwächter Belisars, welche sich widersetzten, wurden +gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der +Turm und die Brücke ist in der Goten Hand.« +</p> + +<pb n='219'/><anchor id='Pg219'/> + +<p> +»Es wird hübsch werden! Hast du eine Ahnung, wie +stark der Feind?« – »Keine Ahnung, Herr: ich weiß es +so genau wie König Witichis selbst. Hier die Liste ihrer +Truppen. Sie schickt dir Mataswintha, seine Königin.« +</p> + +<p> +Cethegus sah ihn forschend an. »Geschehen Wunder, +die Barbaren zu verderben?« +</p> + +<p> +»Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschöne Weib +will ihres Volkes Untergang um des Einen willen. Und +dieser Eine ist ihr Gatte.« +</p> + +<p> +»Du irrst:« sagte Cethegus, »sie liebte ihn schon als +Mädchen und kaufte seine Büste.« +</p> + +<p> +»Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbüste +ward zerschlagen in der Brautnacht.« +</p> + +<p> +»Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt.« +</p> + +<p> +»Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. +Sie sagt mir alles. Sie liebt mich. Und sie liebt ihre +Herrin, fast wie ich dich. Und Mataswintha will mit dir +das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa alles +schreiben in den Zauberzeichen unseres Stammes. Und ich +würde diese Sonnenkönigin zu meinem Weibe nehmen, wenn +ich Cethegus wäre.« +</p> + +<p> +»Ich auch, wenn ich Syphax wäre. Aber deine Botschaft +ist eine Krone wert! Ein listig, rachedürstend Weib +wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch, Belisar, Witichis +und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht +deine Freiheit: – ich brauche dich noch.« +</p> + +<p> +»Meine Freiheit ist – dir dienen. Eine Gunst: laß +mich morgen neben dir fechten.« +</p> + +<p> +»Nein, mein hübscher Panther, deine Klauen kann ich +noch nicht brauchen: – nur deinen Leisegang. Du schweigst +gegen jedermann von der Goten Nähe und Stärke. Lege +mir die Rüstung an und gieb den Plan der salarischen +Straße dort aus der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus +<pb n='220'/><anchor id='Pg220'/>Licinius und den Führer meiner Isaurier, Sandil.« Syphax +verschwand. Cethegus warf einen Blick auf den Plan. +»Also dort her, von Nordwesten, kommen sie, die Hügel +herab. Wehe dem, der sie dort aufhalten will. Darauf +folgt der tiefe Thalgrund, in dem wir lagern. Hier wird +die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns, südöstlich, +zieht sich unsre Stellung entlang dem tiefen Bach; +in diesen werden wir unfehlbar geworfen: die Brücken +werden nicht zu halten sein. Darauf eine Strecke flachen +Landes – welch schönes Feld für die gotischen Reiter, uns +zu verfolgen! – Noch weiter rückwärts endlich ein dichter +Wald und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell +Hadrians ... – Marcus,« rief er dem Eintretenden +entgegen, »meine Scharen brechen auf. Wir ziehn hinab +den Bach in den Wald und jeden, der dich frägt, dem +sagst du: wir ziehn zurück nach Rom.« +</p> + +<p> +»Nach Hause? ohne Kampf?« fragte Marcus erstaunt, +»du weißt doch: es steht der Kampf bevor?« +</p> + +<p> +»Ebendeswegen!« Damit schritt er hinaus, Belisar in +seinem Zelt zu wecken. Aber er fand ihn schon wach: +Prokop stand bei ihm. »Weißt du’s schon, Präfekt? +flüchtendes Landvolk meldet, ein Häuflein gotischer Reiter +naht: die Tollkühnen reiten in ihr Verderben: sie wähnen +die Straße frei bis Rom.« Und er fuhr fort sich zu +rüsten. +</p> + +<p> +»Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die +Vorhut. Es folge ein furchtbares Heer von Barbaren,« +warnte Prokop. +</p> + +<p> +»Eitle Schrecken! Sie fürchten sich, diese Goten. – +Witichis wagt gar nicht, mich aufzusuchen. Endlich habe +ich ja, vierzehn Stadien vor Rom, die Aniobrücke durch +einen Turm geschützt: – Martinus hat ihn gebaut nach +meinem Gedanken: – der allein hält der Barbaren Fuß<pb n='221'/><anchor id='Pg221'/>volk mehr als eine Woche auf – mögen auch ein paar +Gäule durch den Fluß geschwommen sein.« +</p> + +<p> +»Du irrst, Belisarius! ich weiß es gewiß: das ganze +Heer der Goten naht,« sprach Cethegus. – »So geh’ nach +Hause, wenn du es fürchtest.« – »Ich mache Gebrauch +von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen +Tagen das Fieber geholt. Auch meine Isaurier leiden +daran: – ich ziehe mit deiner Gunst nach Rom zurück.« +</p> + +<p> +»Ich kenne dieses Fieber,« sagte Belisar – »das heißt: +– an andern. Es vergeht, sowie man Graben und Wall +zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh ab, wir brauchen +dich so wenig wie deine Isaurier.« +</p> + +<p> +Cethegus verneigte sich und ging. »Auf Wiedersehen,« +sprach er, »o Belisarius. Gieb das Zeichen zum Aufbruch +meinen Isauriern,« sprach er im Lager laut zu Marcus. +»Und meinen Byzantinern auch,« setzte er leiser bei. +</p> + +<p> +»Aber Belisar hat ...« – +</p> + +<p> +»Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd.« Während +er aufstieg, sprengte ein Zug römischer Reiter heran: Fackeln +leuchteten dem Anführer vorauf. +</p> + +<p> +»Wer da? Ah du, Cethegus? wie, du reitest ab? +Deine Leute ziehn sich nach dem Fluß? Du wirst uns +doch nicht verlassen, jetzt, in dieser höchsten Gefahr?« +Cethegus beugte sich vor. »Sieh, du, Calpurnius! ich +erkannte dich nicht: du siehst so bleich. Was bringst du +von den Vorposten?« +</p> + +<p> +»Flüchtige Bauern sagen,« sprach Calpurnius ängstlich, +»es sei gewiß mehr als eine Streifschar. Es sei der +König der Barbaren, Witichis selbst, im raschen Anzug +durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer: +Widerstand ist dann .. – Wahnsinn – Verderben. +Ich folge dir, ich schließe mich dir an.« +</p> + +<p> +»Nein,« sagte Cethegus herb, »du weißt, ich bin aber<pb n='222'/><anchor id='Pg222'/>gläubisch: ich reite nicht gern mit den Furien verfallnen +Männern. Dich wird die Strafe für deinen feigen Knabenmord +sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit dir +zu teilen.« +</p> + +<p> +»Doch flüstern Stimmen in Rom, auch Cethegus verschmähe +manchmal einen bequemen Mord nicht,« sprach +Calpurnius grimmig. +</p> + +<p> +»Calpurnius ist nicht Cethegus,« sprach der Präfekt, +stolz davon sprengend. »Grüße mir einstweilen den Hades!« +rief er. +</p> +</div><div type="kapitel" n="7"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebentes Kapitel.</head> + +<p> +»Verfluchtes Omen!« knirschte Calpurnius. Und er eilte +zu Belisar: »Befiehl den Rückzug, rasch, Magister Militum.« +– »Warum, Vortrefflicher?« – »Es ist der Gotenkönig +selbst.« »Und ich bin Belisar selbst,« sagte dieser, den +prachtvollen Helm mit dem weißen Roßschweif aufsetzend. +»Wie konntest du deinen Posten im Vordertreffen verlassen?« +– »Herr, um dir das zu melden.« – »Das +konnte wohl kein Bote? Höre, Römer, ihr seid nicht wert, +daß man euch befreit. Du zitterst ja, Mann des Schreckens. +Zurück mit dir ins Vordertreffen. +</p> + +<p> +Du führst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine +Leibwächter Antallas und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte. +Er <hi rend='gesperrt'>muß</hi> tapfer sein, hört ihr? Weicht er, – nieder mit +ihm. So lehrt man Römer Mut. +</p> + +<p> +Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht +an. In einer Stunde geht die Sonne auf. Sie muß +unser ganzes Heer auf jenen Hügeln finden. +</p> + +<pb n='223'/><anchor id='Pg223'/> + +<p> +Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das +ganze Lager bricht auf, dem Feind entgegen.« +</p> + +<p> +»<anchor id="corr223"/><corr sic="Feldher">Feldherr</corr>, es ist wie sie sagen,« meldete Maxentius, der +treueste der Leibwächter, »zahllose Goten rücken an.« +</p> + +<p> +»Sie sind zwei Heere gegen uns,« meldete Salomo, +Belisars Hypaspisten-Führer. +</p> + +<p> +»Ich rechne Belisar ein ganzes Heer.« +</p> + +<p> +»Und der Schlachtplan?« fragte Bessas. +</p> + +<p> +»Im Angesicht des Feindes entwerf’ ich ihn, während +des Calpurnius Reiter ihn aufhalten. Vorwärts, gebt die +Zeichen, führt Phalion vor.« Und er schritt aus dem +Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerführer, die Hypaspisten, +Prätorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, +Befehle gebend, verteilend, empfangend. +</p> + +<p> +In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen +die Hügel. Man nahm sich nicht Zeit, das Lager abzubrechen. +Aber der plötzliche Aufbruch brachte vielfache +Verwirrung. Fußvolk und Reiter gerieten in der dunkeln, +mondlosen Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde +von der Übermacht der vordringenden Barbaren Mutlosigkeit +verbreitet. +</p> + +<p> +Es waren nur zwei nicht sehr breite Straßen, die +gegen die Hügel führten: so gab es manche Stockung und +Hemmung. Viel später als Belisar gerechnet, langte das +Heer im Angesicht der Hügel an: und als die ersten Sonnenstrahlen +sie beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab +führte, von allen Höhen gotische Waffen blitzen. +</p> + +<p> +Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken +machte Calpurnius Halt und sandte Belisar +Nachricht. +</p> + +<p> +Dieser sah ein, daß Calpurnius mit seinen Reitern +nicht die Berge stürmen könne. Er schickte Ambazuch und +Bessas mit dem Kern des armenischen Fußvolks ab, um +<pb n='224'/><anchor id='Pg224'/>auf der breitern Straße zu stürmen. Den linken und den +rechten Flügel führten Constantinus und Demetrius, er +selbst brachte im Mitteltreffen seine Leibwachen als Rückhalt +heran. Calpurnius, froh des Wechsels im Plan, stellte +seine Reiter unter den steilsten Abfall der Hügel, links +seitab der Straße, von wo kein Angriff zu befürchten schien, +den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm abzuwarten +und die fliehenden Goten zu verfolgen oder die weichenden +Armenier aufzunehmen. +</p> + +<p> +Oben auf den Höhen aber stellten sich die Goten in +langer Ausdehnung in Schlachtordnung. Totilas Reiter +waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich Teja, zu Pferd, +vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: – sein beiltragendes +Fußvolk war noch weit zurück: – er hatte sich +ausgebeten, ohne Befehlführung, überall, wo es ihn reizte, +ins Handgemenge zu greifen. Darauf war Hildebrand +eingetroffen und hierauf der König mit der Hauptmacht +gefolgt. Herzog Guntharis mit seinen und Tejas Leuten +wurden noch erwartet. +</p> + +<p> +Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurückgeflogen. +</p> + +<p> +»König,« sagte er, »unter jenen Hügeln steht Belisar. +</p> + +<p> +Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den +Wahnsinn gehabt, vorzurücken. Dulde nicht die Schmach, +daß er uns zuvorkömmt im Angriff.« +</p> + +<p> +»Vorwärts!« rief König Witichis, »gotische Männer +vor!« In wenigen Minuten hatte er den Rand der Hügel +erreicht und übersah das Thalgefild vor ihm. »Hildebad +– den linken Flügel! Du, Totila, brichst mit deinen +Reitern hier im Mitteltreffen, die Straße herunter, vor. +Ich halte rechts seitab der Straße, bereit, dir zu folgen +oder dich zu decken.« +</p> + +<p> +»Das wird’s nicht brauchen,« sagte Totila, sein Schwert +<pb n='225'/><anchor id='Pg225'/>ziehend. »Ich bürge dir, sie halten meinen Ritt diesen +Hügel herab nicht auf.« +</p> + +<p> +»Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurück,« fuhr +der König fort, »nehmen das Lager, werfen sie in den +Bach, der dicht hinter dem Lager glänzt: was übrig ist, +können eure Reiter, Totila und Teja, über die Ebene +jagen bis Rom.« +</p> + +<p> +»Ja, wenn wir erst den Paß gewonnen haben, dort +in den Waldhügeln, hinter dem Fluß,« sagte Teja mit dem +Schwert hinüberdeutend. +</p> + +<p> +»Er ist noch unbesetzt, scheint’s: ihr müßt ihn mit den +Flüchtigen zugleich erreichen.« +</p> + +<p> +Da ritt der Bannerträger, Graf Wisand von <anchor id="corr225"/><corr sic="Vulsinii">Volsinii</corr>, +der Bandalarius des Heeres, an den König heran. »Herr +König, ihr habt mir eine Bitte zu erfüllen zugesagt.« – +»Ja, weil du bei Salona den Magister Militum für Illyrien, +Mundus, und seinen Sohn vom Roß gestochen.« +</p> + +<p> +»Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. +Ich möchte denselben Speer auch an Belisar erproben. +Nimm mir, nur für heute, das Banner ab und laß mich +den Magister Belisar aufsuchen. Sein Roß, der Rotscheck +Phalion oder Balian, wird so sehr gerühmt: und mein +Hengst wird steif. Und du kennst das alte gotische Reiterrecht: +»wirf den Reiter und nimm sein <anchor id="corr225a"/><corr sic="Roß.«">Roß«.«</corr> +</p> + +<p> +»Gut gotisch Recht!« raunte der alte Hildebrand. +</p> + +<p> +»Ich muß die Bitte gewähren,« sprach Witichis, das +Banner aus der Hand Wisands nehmend. Dieser sprengte +eilig hinweg. »Guntharis ist nicht zur Stelle, so trage +du es heute, Totila.« +</p> + +<p> +»Herr König,« entgegnete dieser, »ich kann’s nicht +tragen, wenn ich meinen Reitern den Weg in die Feinde +zeigen soll.« Witichis winkte Teja. +</p> + +<p> +»Vergieb,« sagte dieser: »heut’ denk’ ich beide Arme +<pb n='226'/><anchor id='Pg226'/>sehr zu brauchen.« – »Nun, Hildebad.« – »Danke für +die Ehre: ich hab’s nicht schlechter vor als die andern!« +»Wie,« sagte Witichis, fast zürnend, »muß ich mein +eigner Bannerträger sein, will keiner meiner Freunde mein +Vertrauen ehren?« +</p> + +<p> +»So gieb mir die Fahne Theoderichs,« sprach der alte +Hildebrand, den mächtigen Schaft ergreifend. »Mich lüstet +weitern Kampfes nicht so sehr. Aber mich freut’s, wie +die Jungen nach Ruhme dürsten. Gieb mir das Banner, +ich will’s heute wahren wie vor vierzig Sommern.« Und +er ritt sofort an des Königs rechte Seite. +</p> + +<p> +»Der Feinde Fußvolk rückt den Berg hinan,« sprach +Witichis, sich im Sattel hebend. »Es sind Hunnen und +Armenier,« sagte Teja, mit seinem Falkenauge spähend, +»ich erkenne die hohen Schilde!« Und den Rappen vorwärts +spornend rief er: »Ambazuch führte sie, der eidbrüchige +Brandmörder von Petra.« +</p> + +<p> +»Vorwärts, Totila,« sprach der König, »und aus diesen +Scharen – – keine Gefangnen.« +</p> + +<p> +Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an +der Mündung der aufsteigenden Straße auf der Höhe aufgestellt +waren. Mit scharfem Blick musterte er die Bewaffnung +der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam +bergauf rückten. Sie trugen schwere, mannshohe Schilde +und kurze Speere zu Stoß und Wurf. +</p> + +<p> +»Sie dürfen nicht zum Werfen kommen,« rief er seinen +Reitern zu. Er ließ sie die leichten Schilde auf den +Rücken binden und befahl, im Augenblick des Anpralls die +langen Lanzen, statt, wie üblich, in der Rechten, in der +Linken, der Zügelhand, zu führen, den Zügel einfach um +das Handgelenk geschlungen und über die Mähne weg die +Lanze aus der rechten in die linke Faust werfend. Dadurch +trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht gedeckte Seite +<pb n='227'/><anchor id='Pg227'/>der Feinde. »Sowie der Stoß angeprallt – sie werden +ihm nicht stehen! – werft die Lanze im Armriem zurück, +zieht das Schwert und haut nieder, was noch steht.« +</p> + +<p> +Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts +und links überflügelnd, auf beiden Seiten neben der +Straße auf. +</p> + +<p> +Er selbst führte den Keil auf der Straße. Er beschloß, +den Feind die Hälfte des Hügels herankommen zu lassen. +Mit atemloser Spannung sahen beide Heere dem Zusammenstoß +entgegen. +</p> + +<p> +Ruhig rückte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwärts. +</p> + +<p> +»Laßt sie nur dicht heran, Leute,« sagte er, »bis ihr +das Schnauben der Rosse im Gesicht spürt. Dann, – +und nicht eher, – werft: und zielt mir tief, auf die +Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab’ ich +noch alle Reiter geschlagen.« +</p> + +<p> +Aber es kam anders. +</p> + +<p> +Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum +Angriff gab, schien eine donnernde Lawine vom Berg herab +über die erschrocknen Feinde einzubrechen. Wie der Sturmwind +jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, dröhnende +Masse heran: und eh’ die erste Reihe der Armenier Zeit +gefunden, die Wurfspeere nur zu heben, lag sie schon, von +den langen Lanzen auf der schildlosen Seite durchbohrt, +niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als wären sie nie +gestanden. +</p> + +<p> +Blitzschnell war das geschehen: und während noch +Ambazuch seiner zweiten Reihe, in der er selber stand, +Befehl geben wollte, zu knieen und die Speere einzustemmen, +sah er schon auch seine zweite Reihe überritten, die dritte +auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum +noch Widerstand leistend gegen die furchtbaren Reiter, die +jetzt erst dazu kamen, die Schwerter zu ziehen. Er wollte +<pb n='228'/><anchor id='Pg228'/>das Gefecht stellen: er flog zurück und rief seinen wankenden +Scharen Mut zu. +</p> + +<p> +Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug +ihm den Helm. Er stürzte in die Knie und streckte den +Griff seines Schwertes dem Goten entgegen. »Nimm +Lösegeld,« rief er, »ich bin dein.« +</p> + +<p> +Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe +abzunehmen, da rief Tejas Stimme: »Denk’ an Burg +Petra.« +</p> + +<p> +Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. +Da stob die letzte Reihe der Armenier, Bessas +mit fortreißend, entsetzt auseinander, – das Vordertreffen +Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten +König Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit +angesehn. +</p> + +<p> +»Sieh, jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier +gerade unter uns stehen, gegen Totila,« sagte der König +zu dem alten Bannerträger. »Totila wendet sich gegen +sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die +Straße hinunter, ihm zu Hilfe.« +</p> + +<p> +»Ah,« rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und +über den Felsrand spähend, »wer ist der Reitertribun da +unten zwischen den zwei Leibwächtern Belisars?« +</p> + +<p> +Witichis beugte sich vor. »Calpurnius!« rief er mit +gellendem Schrei. +</p> + +<p> +Und siehe, urplötzlich sprengte der König, keinen Pfad +suchend, gerade wo er stand, hinab die Felshöhe auf den +Verhaßten. Die Furcht, er möchte ihm entrinnen, ließ +ihn alles vergessen. Und als hätte er Flügel, als hätte +der Gott der Rache ihn herabgeführt über Gebüsch und +spitze Felsspalten und Schroffen und Gräben sauste der +König hinunter. +</p> + +<p> +Einen Augenblick faßte den alten Waffenmeister Ent<pb n='229'/><anchor id='Pg229'/>setzen: solchen Ritt hatte er noch nie geschaut. Aber im +nächsten Moment schwang er die blaue Fahne und rief: +»Nach! nach eurem König!« Und das berittene Gefolge +voran, das Fußvolk, springend und auf den Schilden +rutschend, hinterher, brach das Mitteltreffen der Goten +plötzlich steil von oben auf die hunnischen Reiter. +</p> + +<p> +Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein +Name, gellend gerufen, an sein Ohr schlüge. Ihm klang +der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts. +</p> + +<p> +Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und +davon. Aber der maurische Leibwächter zur Rechten fiel +ihm in den Zügel: »Halt, Tribun!« sagte Antallas, auf +Totilas Reiter deutend – »<hi rend='gesperrt'>dort</hi> ist der Feind!« Ein +Schmerzenschrei riß ihn und Calpurnius zur Linken herum. +Denn da stürzte der zweite der Leibwächter, der Hunne +Kuturgur, zu seiner Linken, klirrend vom Pferd, unter dem +Schwerthieb eines Goten, der plötzlich wie vom Himmel +gefallen schien. Und hinter diesem Goten drein sprang +und kletterte und wogte es den steilen Felshang hinab, +der doch pfadlos schien: und die Reiter waren von diesem +plötzlich von oben gekommenen Feind in der Flanke umfaßt, +während sie gleichzeitig in der Stirnseite mit den +Geschwadern Totilas zusammenstießen. +</p> + +<p> +Calpurnius erkannte den Goten. »Witichis!« rief er +entsetzt, und ließ den Arm sinken. Aber sein Pferd rettete +ihn; verwundet und scheu geworden durch den Fall des +hunnischen Leibwächters zur Linken, setzte es in wilden +Sprüngen davon. +</p> + +<p> +Der maurische Leibwächter zu seiner Rechten warf sich +wütend auf den König der Goten, der ganz allein den +Seinigen weit vorausgeeilt war. »Nieder, Tollkühner!« +schrie er. Aber im nächsten Augenblick hatte ihn das +Schwert des Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles +<pb n='230'/><anchor id='Pg230'/>vor sich niederzuwerfen schien, was ihn von Calpurnius +jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm Witichis nach. +Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die, entsetzt +vor diesem Anblick, auseinanderstoben. +</p> + +<p> +Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und +suchte jetzt Schutz hinter den stärksten Geschwadern seiner +Reiter. Umsonst. Witichis verlor ihn nicht aus dem +Auge und ließ nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter +seinen Reitern barg, wie rasch er floh, – er entging nicht +dem Blicke des Königs, der alles erschlug, was sich zwischen +ihn und den Mörder seines Sohnes drängte. +</p> + +<p> +Knäuel auf Knäuel, Gruppe auf Gruppe löste sich vor +dem furchtbaren Schwert des rächenden Vaters: die ganze +Masse der Hunnen war quer geteilt von dem Flüchtenden +und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder +zu schließen. Denn ehe noch Totila ganz heran war, +hatte der alte Bannerträger mit Reitern und Fußvolk ihre +rechte Flanke durchbrochen, in zwei Teile gespalten. +</p> + +<p> +Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Flüchtlinge +zu verfolgen. Der Teil zur Rechten wurde alsbald von +Totila und Hildebrand in die Mitte genommen und vernichtet. +</p> + +<p> +Der größere Teil zur Linken floh zurück auf Belisar. +</p> + +<p> +Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, über +das Schlachtfeld. Er hatte einen großen Vorsprung, da +sich Witichis siebenmal erst hatte Bahn hauen müssen. +Aber ein Dämon schien Boreas, des Goten Roß, zu +treiben: näher und näher kam er seinem Opfer. Schon +vernahm der Flüchtling den Ruf, zu stehen und zu fechten. +Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da brach es unter +ihm zusammen. Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis +vor ihm, der vom Sattel gesprungen war. Er stieß ihm, +ohne ein Wort, mit dem Fuß das Schwert hin, das ihm +<pb n='231'/><anchor id='Pg231'/>entfallen. Da faßte sich Calpurnius mit dem Mut der +Verzweiflung. +</p> + +<p> +Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem +Tigersprung auf den Goten. Aber mitten im Sprung +stürzte er rücklings nieder. +</p> + +<p> +Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. +Der König setzte den Fuß auf die Brust der Leiche und +sah in das verzerrte Gesicht. Dann seufzte er tief auf: +»Jetzt hab’ ich die Rache. O hätt’ ich mein Kind.« +</p> + +<p> +Mit Ingrimm hatte Belisar die so ungünstige Eröffnung +des Kampfes mit angesehen. Aber seine Ruhe, +seine Zuversicht verließ ihn nicht, als er Ambazuchs und +Bessas’ Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter +durchbrochen und geworfen sah. +</p> + +<p> +Er erkannte jetzt die Übermacht und Überlegenheit des +Feindes. Allein er beschloß, auf der ganzen Linie vorzurücken, +eine Lücke lassend, um den Rest der fliehenden +Reiter aufzunehmen. +</p> + +<p> +Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und drängten, +Witichis voran, Totila und Hildebrand, welche die Umzingelten +vernichtet hatten, folgend, den Flüchtlingen jetzt +so ungestüm nach, daß sie mit ihnen zugleich die Linie +Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten. +</p> + +<p> +Das durfte nicht sein. Belisar füllte diese Lücke selbst +durch seine Leibwache zu Fuß und schrie den fliehenden +Reitern entgegen, zu halten und zu wenden. +</p> + +<p> +Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen +Führers sie alle ergriffen hätte. Sie scheuten das Schwert +des Gotenkönigs hinter sich mehr als den drohenden Feldherrn +vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten sie, als +wollten sie ihr eignes Fußvolk niederreiten, im vollen +Galopp heran. +</p> + +<p> +Einen Augenblick ein furchtbarer Stoß: – ein tausend<pb n='232'/><anchor id='Pg232'/>stimmiger Schrei der Angst und Wut: – ein wirrer +Knäuel von Reitern und Fußvolk minutenlang: – darunter +einhauende Goten: – und plötzlich ein Auseinanderstieben +nach allen Seiten unter gellendem Siegesruf der +Feinde. – +</p> + +<p> +Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie +durchbrochen. – Er befahl den Rückzug ins +Lager. +</p> + +<p> +Aber es war kein Rückzug mehr: es war eine Flucht. +Hildebads, Guntharis und Tejas Fußvolk waren jetzt auf +dem Schlachtfeld eingetroffen: die Byzantiner sahen ihre +Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am Widerstand +und mit großer Unordnung eilten sie nach dem Lager +zurück. Gleichwohl hätten sie dasselbe noch in guter Zeit +vor den Verfolgern erreicht, hätte nicht ein unerwartetes +Hindernis alle Wege gesperrt. +</p> + +<p> +So siegesgewiß war Belisar ausgezogen, daß er das +ganze Fuhrwerk, die Wagen und das Gepäck des Heeres, +ja selbst die Herden, die ihm nachgetrieben wurden nach +der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen Straßen zu +folgen befohlen hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen +und schwer zu entfernenden Körper stießen nun +überall die weichenden Truppen und grenzenlose Hemmung +und Verwirrung trat ein. +</p> + +<p> +Soldaten und Troßknechte wurden handgemein: die +Reihen lösten sich zwischen den Karren, Kisten und Wagen. +Bei vielen erwachte die Beutelust und sie fingen an, das +Gepäck zu plündern, ehe es in die Hände der Barbaren +falle. Überall ein Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen +das Krachen der Lastwagen, die zerbrochen wurden, +und das Blöken und Brüllen der erschrocknen Herden. +</p> + +<p> +»Gebt den Troß Preis! Feuer in die Wagen! schickt +die Reiter durch die Herden!« befahl Belisar, der mit dem +<pb n='233'/><anchor id='Pg233'/>Rest seiner Leibwachen in guter Ordnung mit dem Schwert +sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer unentwirrbarer, +immer dichter wurde der Knäuel: – nichts schien +ihn mehr lösen zu können. +</p> + +<p> +Da zerriß ihn die Verzweiflung. +</p> + +<p> +Der Schrei, »die Barbaren über uns!« erscholl aus +den hintersten Reihen. Und es war kein leerer Schreck. +Hildebad mit dem Fußvolk war jetzt in die Ebene hinabgestiegen +und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen +Knäuel. +</p> + +<p> +Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach +vorn: ein tausendstimmiger Schrei der Angst – der Wut +– des Schmerzes der Angegriffenen, der Leibwachen, die, +alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht konnten: +– der Zertretenen und Zerdrückten – und plötzlich stürzte +der größte Teil der Wagen, mit ihrer Bespannung, und +mit den Tausenden, die darauf und dazwischen zusammengedrängt +waren, mit donnerndem Krachen in die Gräben +links und rechts neben der Hochstraße. +</p> + +<p> +So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos +ergoß sich der Strom der Flüchtigen nach dem Lager. – +</p> + +<p> +Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fußvolk, +ohne Mühe mit den Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern +und Wurfspeeren, in dem dichten Gewühl seine Ziele treffend, +während Belisar mit Mühe die unaufhörlichen Angriffe +der Reiter Totilas und des Königs abwehrte. »Hilf, +Belisar,« rief Aigan, der Führer der massagetischen Söldner, +aus dem eben gesprengten Knäuel heranreitend, das Blut +aus dem Gesicht wischend: »meine Landsleute haben heut’ +den schwarzen Teufel unter den Feinden gesehen. Sie +stehn mir nicht. Hilf: dich fürchten sie sonst mehr als den +Teufel!« +</p> + +<p> +Mit Knirschen sah Belisar hinüber nach seinem rechten +<pb n='234'/><anchor id='Pg234'/>Flügel, der aufgelöst über das Blachfeld jagte, von den +Goten gehetzt. +</p> + +<p> +»O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfüll’ ich schlecht +mein Wort!« +</p> + +<p> +Und die weitere Deckung des Rückzugs ins Lager dem +erprobten Demetrius überlassend, – denn das hügelige +Terrain, das jetzt erreicht war, schwächte die Kraft der verfolgenden +Reiter – sprengte er mit Aigan und seiner +berittenen Garde querfeldein mitten unter die Flüchtenden. +</p> + +<p> +»Halt!« donnerte er ihnen zu, »halt, ihr feigen Hunde. +Wer flieht, wo Belisar streitet? +</p> + +<p> +Ich bin mitten unter euch, kehrt und siegt!« +</p> + +<p> +Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen +das majestätische, das löwengewaltige Antlitz. +</p> + +<p> +Und so mächtig war die Macht dieser Heldenpersönlichkeit, +so groß das Vertrauen auf sein sieghaftes Glück, daß +in der That alle, welche die hohe Gestalt des Feldherrn +auf seinem Rotscheck erkannten, stutzten, hielten, und mit +einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten +wieder entgegenwandten. An dieser Stelle wenigstens +war die Flucht zu Ende. +</p> + +<p> +Da schritt ein gewaltiger Gote heran, leicht sich Bahn +brechend. »Heia, das ist fein, daß ihr einmal des Laufens +müde seid, ihr flinken Griechlein. Ich konnt’ euch nicht +mehr nach vor Schnaufen. In den Beinen seid ihr uns +überlegen. Laßt sehn, ob auch in den Armen. Ha, was +weicht ihr, Bursche! Vor dem, auf dem Braunscheck? +Was ist’s mit dem?« +</p> + +<p> +»Herr, das muß ein König sein unter den Welschen, +kaum kann man sein zornig Auge tragen.« +</p> + +<p> +»Das wäre! Ah – das muß Belisarius sein! Freut +mich,« schrie er ihm hinüber, »daß wir uns treffen, du +kühner Held. Nun spring vom Roß und laß uns die +<pb n='235'/><anchor id='Pg235'/>Kraft der Arme messen. Wisse, ich bin Hildebad, des Tota +Sohn. Sieh, auch ich bin ja zu Fuß. Du willst nicht?« +rief er zornig. »Muß man dich vom Gaule holen?« +Und dabei schwang er in der Rechten wiegend den ungeheuren +Speer. +</p> + +<p> +»Wende, Herr, weich’ aus,« rief Aigan, »der Riese +wirft ja junge Mastbäume.« »Wende, Herr,« wiederholten +seine Hypaspisten ängstlich. +</p> + +<p> +Aber Belisar ritt, das kurze Schwert gezückt, ruhig +dem Goten um eine Pferdelänge näher. Sausend flog der +balkengleiche Speer heran, grad gegen Belisars Brust. +</p> + +<p> +Aber grad’, ehe er traf, – ein kräftiger Hieb von +Belisars kurzem Römerschwert und drei Schritte seitwärts +fiel der Speer harmlos nieder. +</p> + +<p> +»Heil Belisarius! Heil,« schrieen die Byzantiner ermutigt +und drangen auf die Goten ein. +</p> + +<p> +»Ein guter Hieb,« lachte Hildebad grimmig. »Laß +sehen, ob dir deine Fechtkunst auch gegen den hilft.« Und +sich bückend hob er aus dem Ackerfeld einen alten zackigen +Grenzstein, schwang ihn mit zwei Armen erst langsam hin +und her, hob ihn dann über den Kopf mit beiden Händen +und schleuderte ihn mit aller Kraft auf den heransprengenden +Helden –: ein Schrei des Gefolges: – rücklings +stürzte Belisar vom Pferd. – +</p> + +<p> +Da war es aus. +</p> + +<p> +»Belisarius tot! wehe! Alles verloren, wehe!« schrieen +sie, als die hochragende Gestalt verschwunden, und jagten +besinnungslos nach dem Lager zu. Einzelne flohen unaufhaltsam +bis an und in die Thore Roms. +</p> + +<p> +Umsonst war’s, daß sich die Lanzen- und Schildträger +todesmutig den Goten entgegenwarfen: sie konnten nur +ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr retten. +</p> + +<p> +Den ersten tödlichen Schwerthieb Hildebads, der heran<pb n='236'/><anchor id='Pg236'/>gestürmt war, fing der treue Maxentius auf mit der eignen +Brust. Aber hier sank auch ein gotischer Reiter endlich +vom Roß, der erst nach Hildebad Belisar erreicht und +sieben Leibwächter erschlagen hatte, um bis zum Magister +Militum durchzudringen. Mit dreizehn Wunden fanden +ihn die Seinen. Aber er blieb am Leben. Und er war +einer der wenigen, welche den ganzen Krieg durchkämpften +und überlebten –, Wisand, der Bandalarius. +</p> + +<p> +Belisar, von Aigan und Valentinus, seinem Hippokomos +(Roßwart), wieder auf den Rotschecken gehoben und rasch +von der Betäubung erholt, erhob umsonst den Feldherrnstab +und Feldherrnruf: sie hörten nicht mehr und wollten +nicht hören. Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die +Flüchtigen: er wurde fortgerissen von ihren Wogen bis +ans Lager. +</p> + +<p> +Hier gelang es ihm noch einmal, an einem festen Thor, +die nachdringenden Goten aufzuhalten. »Die Ehre ist hin,« +sagte er unwillig, »laßt uns das Leben wahren.« Mit +diesen Worten ließ er die Lagerthore schließen, ohne Rücksicht +auf die großen Massen der noch Ausgeschlossenen. +</p> + +<p> +Ein Versuch des ungestümen Hildebad, ohne weiteres +einzudringen, scheiterte an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks, +das dem Speerwurf und den Schleudersteinen trotzte. +Unmutig auf seinen Speer gelehnt kühlte er sich einen +Augenblick von der Hitze. +</p> + +<p> +Da bog Teja, der längst, wie der König und Totila, +abgesessen, prüfend und das Pfahlwerk messend, um die +Ecke des Walls. +</p> + +<p> +»Die verfluchte Holzburg,« rief ihm Hildebad entgegen. +»Da hilft nicht Stein, nicht Eisen.« +</p> + +<p> +»Nein,« sagte Teja, »aber Feuer!« Er stieß mit dem +Fuß in einen Aschenhaufen, der neben ihm lag. »Das +sind die Wachtfeuer, samt dem Reisig, von heute Nacht. +<pb n='237'/><anchor id='Pg237'/>Hier glimmen noch Gluten! Hierher, ihr Männer, steckt +die Schwerter ein, entzündet das Reisig! werft Feuer in +das Lager!« +</p> + +<p> +»Prachtjunge,« jubelte Hildebad, »flugs, ihr Bursche, +brennt sie aus, wie den Fuchs aus dem Bau! der +frische Nordwind hilft.« Rasch waren die Wachtfeuer +wieder entfacht, Hunderte von Bränden flogen in das +trockne Sparrenwerk der Schanze. Und bald schlugen die +Flammen lodernd gen Himmel. Der dichte Qualm, vom +Wind ins Lager getragen, schlug den Byzantinern ins +Gesicht und machte die Verteidigung der Wälle unmöglich. +Sie wichen in das Innere des Lagers. +</p> + +<p> +»Wer jetzt sterben dürfte!« seufzte Belisar. – »Räumt +das Lager! Hinaus zur Porta decumana. In gut geschlossener +Ordnung zu den Brücken hinter uns!« +</p> + +<p> +Aber der Befehl, das Lager zu räumen, zerriß das +letzte Band der Zucht, der Ordnung und des Mutes. +Während unter Tejas dröhnenden Axthieben die verkohlten +Thorbalken niederkrachten und mitten durch Flammen +und Qualm der schwarze Held, wie ein Feuerdämon, der +erste, durch das prätorische Thor ins Lager sprang, +rissen die Flüchtenden alle Thore, auch die seitwärts aus +dem Lager nach Rom zu führten, die Portä prinzipales +rechts und links, auf einmal auf und strömten in wirren +Massen nach dem Fluß. Die ersten erreichten noch sicher +und unverfolgt die beiden Brücken; sie hatten großen Vorsprung, +bis Hildebad und Teja Belisar aus dem brennenden +Lager herausgedrängt. +</p> + +<p> +Aber plötzlich – neues Entsetzen! – schmetterten die +gotischen Reiterhörner ganz nahe. +</p> + +<p> +Witichis und Totila hatten sich, sowie sie das Lager +genommen wußten, sogleich wieder zu Pferd geworfen und +<pb n='238'/><anchor id='Pg238'/>führten nun ihre Reiter von beiden Seiten, links und +rechts vom Lager her, den Flüchtenden in die Flanken. +</p> + +<p> +Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagerthor +gesprengt und eilte nach der einen Brücke zu, als er von +links und rechts die verderblichen Reitermassen heransausen +sah. Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann die +Fassung nicht. »Vorwärts im Galopp an die Brücken!« +befahl er seinen Saracenen, »deckt sie!« – +</p> + +<p> +Es war zu spät: ein dumpfer Krach, gleich darauf ein +zweiter, – die beiden schmalen Brücken waren unter der +Last der Flüchtenden eingebrochen und zu Hunderten stürzten +die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzenträger, +Justinians Stolz, in das sumpfige Gewässer. +</p> + +<p> +Ohne Bedenken spornte Belisar, an dem steilen Ufer +angelangt, sein Pferd in die schäumende und blutig gefärbte +Flut. Schwimmend erreichte er das andere Ufer. +»Salomo, Dagisthäos,« sagte er, sowie er drüben gelandet, +zu seinen raschesten Prätorianern, »auf, nehmt hundert aus +meinen Reiterwachen und jagt was ihr könnt nach dem +Engpaß. Überreitet alle Flüchtigen. Ihr müßt ihn vor +den Goten erreichen, hört ihr? <hi rend='gesperrt'>ihr müßt!</hi> Er ist unser +letzter Strohhalm.« +</p> + +<p> +Beide gehorchten, und sprengten blitzschnell davon. +</p> + +<p> +Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen +erreichen konnte. Die Goten waren wie die Byzantiner +durch den Fluß eine Weile aufgehalten. Aber plötzlich rief +Aigan: »Da sprengt Salomo zurück!« »Herr,« rief +dieser heranjagend: »alles ist verloren! Waffen blitzen +im Engpaß. Er ist schon besetzt von den Goten.« +</p> + +<p> +Da, zum erstenmale an diesem Tage des Unglücks, +zuckte Belisar zusammen. »Der Engpaß verloren? – Dann +entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers. Dann +fahrt wohl: Ruhm, Antonina und Leben. Komm, Aigan, +<pb n='239'/><anchor id='Pg239'/>zieh’ das Schwert, – laß mich nicht lebend fallen in +Barbarenhand.« +</p> + +<p> +»Herr,« sagte Aigan, »so hört’ ich euch nie reden.« +</p> + +<p> +»So war’s auch noch nie. Laß uns absteigen und +sterben.« Und schon hob er den rechten Fuß aus dem +Bügel, vom Roß zu springen, da sprengte Dagisthäos +heran –: »Getrost, mein Feldherr!« – »Nun?« – »Der +Engpaß ist unser – römische Waffen sind’s, die wir dort +sahen. Es ist Cethegus, der Präfekt! Er hielt ihn geheim +besetzt.« +</p> + +<p> +»Cethegus?« rief Belisar. »Ist’s möglich? Ist’s gewiß?« +</p> + +<p> +»Ja, mein Feldherr. Und seht, es war hoch an der +Zeit.« Das war es. Denn eine Schar gotischer Reiter, +von König Witichis gesendet, den Flüchtenden am Engpaß +vorauszukommen, hatte durch eine Furt den Fluß durchschritten, +den Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und +vor ihnen den verhängnisvollen Paß erreicht. Aber eben +als sie dort einmünden wollten, brach Cethegus an der +Spitze seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht hervor +und warf die überraschten Goten nach kurzem Gefecht in +die Flucht. – +</p> + +<p> +»Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen +Tag!« rief Belisar. »Auf, nach dem Engpaß!« Und +mit besserer Ordnung und Ruhe führte der Feldherr seine +gesammelten Scharen an die Waldhügel. +</p> + +<p> +»Willkommen in Sicherheit, Belisarius,« rief ihm +Cethegus zu, seine Schwertklinge säubernd. »Ich warte +hier auf dich seit Tagesanbruch. Ich wußte wohl, daß +du mir kommen würdest.« +</p> + +<p> +»Präfekt von Rom,« sprach Belisar, ihm vom Pferd +herunter die Hand reichend: »du hast des Kaisers Heer +gerettet, das ich verloren hatte: ich danke dir.« +</p> + +<p> +Die frischen Truppen des Präfekten hielten, eine un<pb n='240'/><anchor id='Pg240'/>durchdringliche Mauer, den Paß besetzt, die zerstreut heranflüchtenden +Byzantiner durchlassend und Angriffe der ersten +ermüdeten Verfolger, die über den Fluß gedrungen, – +sie hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich – +in der günstigen Stellung ohne Mühe abwehrend. +</p> + +<p> +Vor Einbruch der Dunkelheit nahm König Witichis +seine Scharen zurück, auf dem Schlachtfeld ihres Sieges +zu übernachten, während Belisar mit seinen Feldherren +einstweilen im Rücken des Passes, so gut es gehen wollte, +die aufgelösten Heeresmassen, wie sie zerstreut und vereinzelt +eintrafen, ordneten. Als Belisar wieder einige tausend +Mann beisammen hatte, ritt er zu Cethegus heran und +sprach: »Was meinst du, Präfekt von Rom? Deine +Truppen sind noch frisch. Und die Unsern müssen ihre +Scharte auswetzen. Laß uns hervorbrechen nocheinmal – +die Sonne geht noch nicht gleich unter – und das Los +des Tages wenden.« +</p> + +<p> +Mit Staunen sah ihn Cethegus an und sprach die +Worte Homers: »Wahrlich, ein schreckliches Wort, du +Gewaltiger, hast du gesprochen. Unersättlicher! So schwer +erträgst du’s, ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehn? +Nein, Belisarius! dort winken die Zinnen Roms: dahin +führe deine todesmatten Völker. Ich halte diesen Paß, +bis ihr die Stadt erreicht. Und froh will ich sein, wenn +mir das gelingt.« +</p> + +<p> +Und so war’s geschehn. Belisar vermochte unter den +dermaligen Umständen weniger als je den Präfekten gegen +dessen Willen zu bewegen. So gab er nach und führte +sein Heer nach Rom zurück, das er mit dem Einbruch der +Nacht erreichte. +</p> + +<p> +Lange wollte man ihn nicht einlassen. Den von Staub +und Blut Bedeckten erkannte man nur schwer. Auch hatten +Versprengte die Nachricht aus der Schlacht in die Stadt +<pb n='241'/><anchor id='Pg241'/>getragen, der Feldherr sei gefallen und alles verloren. +Endlich erkannte ihn Antonina, die ängstlich auf den +Wällen seiner harrte. Durch das pincianische Thor ließ +man ihn ein; es hieß seitdem Porta belisaria. +</p> + +<p> +Feuerzeichen auf den Wällen zwischen dem flaminischen +und dem pincianischen Thor verkündeten die Erreichung +Roms dem Präfekten, der nun, in guter Ordnung und +von den ermüdeten Siegern kaum verfolgt, im Schutze der +Nacht seinen Rückzug bewerkstelligte. +</p> + +<p> +Nur Teja drängte nach mit einigen seiner Reiter bis +an das Hügelland, wo heute Villa Borghese liegt, und +bis zur Aqua Acetosa. +</p> +</div><div type="kapitel" n="8"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Achtes Kapitel.</head> + +<p> +Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer +der Goten vor der ewigen Stadt, die es in sieben Lagern +umschloß. +</p> + +<p> +Und nun begann jene denkwürdige Belagerung, die nicht +minder das Feldherrntalent und die Erfindungsgabe +Belisars als den Mut der Belagerer entfalten sollte. +</p> + +<p> +Mit Schrecken hatten die Bürger Roms von ihren +Mauern herab mit angesehen, wie die Scharen der Goten +nicht enden wollten. »Sieh hin, o Präfekt, sie überflügeln +alle deine Mauern.« – »Ja! in die Breite! laß sehen, +ob sie sie in der Höhe überflügeln. Ohne Flügel kommen +sie nicht herüber.« +</p> + +<p> +Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna +zurückgelassen, acht hatte er unter den Grafen Uligis von +Urbssalvia und Ansa von Asculum nach Dalmatien ent<pb n='242'/><anchor id='Pg242'/>sendet, diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu +entreißen und zumal das wichtige Salona wieder zu gewinnen; +durch Söldner, in Savien geworben, sollten sie +sich verstärken. +</p> + +<p> +Auch die gotische Flotte sollte – gegen Tejas Rat! +– dort, nicht gegen den Hafen von Rom, Portus, wirken. +</p> + +<p> +Den Umkreis der Stadt Rom aber, und ihre weit +hinausgestreckten Wälle, die Mauern Aurelians und des +Präfekten, umgürtete nun der König mit einhundertundfünfzig +Tausendschaften. +</p> + +<p> +Rom hatte damals fünfzehn Hauptthore und einige +kleinere. +</p> + +<p> +Von diesen umschlossen die Goten den schwächeren Teil +der Umwallung, den Raum, der von dem flaminischen +Thor im Norden (östlich von der jetzigen Porta del Popolo) +bis zum pränestinischen Thor reicht, vollständig mit sechs +Heerlagern; nämlich die Wälle vom flaminischen Thor +gegen Osten bis ans pincianische und salarische, dann bis +an das nomentanische Thor (südöstlich von Porta pia), +ferner bis gegen das »geschlossene Thor«, die Porta clausa, +endlich südlich von da das tiburtinische Thor (heute Porta +San Lorenzo) und das asinarische, metronische, latinische +(an der Via latina), das appische (an der Via appia) und +das Sankt Pauls-Thor, das zunächst dem Tiberufer lag. +Alle diese sechs Lager waren auf dem linken Ufer des +Flusses. +</p> + +<p> +Um aber zu verhüten, daß die Belagerten durch Zerstörung +der milvischen Brücke den Angreifern den Übergang +über den Fluß und das ganze Gebiet auf dem rechten +Tiberufer bis an die See abschnitten, schlugen die Goten +ein siebentes Lager auf dem rechten Tiberufer: »auf dem +Felde Neros,« vom vatikanischen Hügel bis gegen die +milvische Brücke hin (unter dem »Monte Mario«). So +<pb n='243'/><anchor id='Pg243'/>war die milvische Brücke durch ein Gotenlager gedeckt und +die Brücke Hadrians bedroht, sowie der Weg nach der +Stadt durch die »Porta Sancti Petri«, wie man damals +schon, nach Prokops Bericht, das innere Thor Aurelians +nannte. Es war das nächste an dem Grabmal Hadrians. +Aber auch das Thor von Sankt Pankratius rechts des +Tibers war von den Goten scharf beobachtet. +</p> + +<p> +Dies Lager auf dem neronischen Feld, auf dem rechten +Tiberufer, zwischen dem pankratischen und dem Petrus-Thor, +überwies Witichis dem Grafen Markja von Mediolanum, +der aus den Cottischen Alpen und der Beobachtung +der Franken zurückgerufen worden war. Aber der König +selbst weilte oft hier, das Grabmal Hadrians mit scharfen +Blicken prüfend. +</p> + +<p> +Er hatte kein einzelnes Lager übernommen, sich die +Gesamtleitung vorbehaltend, vielmehr die sechs übrigen an +Hildebrand, Totila, Hildebad, Teja, Guntharis und Grippa +verteilt. Jedes der sieben Lager ließ der König mit einem +tiefen Graben <anchor id="corr243"/><corr sic="umziehn">umziehn,</corr> die dadurch ausgehobne Erde zu +einem hohen Wall zwischen Graben und Lager aufhäufen +und diesen mit Pfahlwerk verstärken, – sich gegen Ausfälle +zu sichern. +</p> + +<p> +Aber auch Belisar und Cethegus verteilten ihre Feldherren +und Mannschaften nach den Thoren und Regionen +Roms. Belisar übertrug das pränestinische Thor im Osten +der Stadt (heute Porta maggiore) Bessas, das stark bedrohte +flaminische, dem ein gotisches Lager, das Totilas, +in gefährlicher Nähe lag, Constantinus, der es durch Marmorquadern, +aus römischen Tempeln und Palästen gebrochen, +fast ganz zubauen ließ. +</p> + +<p> +Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden +der Stadt. Dieser war unter den ihm von Cethegus eingeräumten +Teilen der Festung Rom der schwächste. +</p> + +<pb n='244'/><anchor id='Pg244'/> + +<p> +Den Westen und Süden hielt eifersüchtig, unentfernbar +und unentbehrlich, der Präfekt. +</p> + +<p> +Aber hier im Norden war Belisar Herr: zwischen dem +flaminischen und dem pincianischen – oder nun »belisarischen« +– Thor, dem schwächsten Teil der Umwallung, +ließ er sich nieder, zugleich Ausfälle gegen die Barbaren +planend. Die übrigen Thore überwies er den Führern +des Fußvolks Peranius, Magnus, Ennes, Artabanes, +Azarethas und Chilbudius. +</p> + +<p> +Der Präfekt hatte übernommen alle Thore auf dem +rechten Tiberufer, die neue Porta aurelia an der älischen +Brücke bei dem Grabmal Hadrians, die Porta septimiana, +das alte aurelische Thor, das nun das pankratische hieß, +und die Porta portuensis: auf dem linken Ufer aber noch +das Thor Sankt Pauls. Erst das nächste Thor weiter +östlich, das ardeatinische, stand unter byzantinischer Besatzung: +Chilbudius befehligte hier. +</p> + +<p> +Gleich unermüdlich und gleich erfinderisch erwiesen sich +die Belagerer und die Belagerten in Plänen des Angriffs +und der Verteidigung. Lange Zeit handelte es sich nur +um Maßregeln, welche die Bedrängung der Römer ohne +Sturm, vor dem Sturm, bezweckten und andrerseits, sie +abwehren sollten. +</p> + +<p> +Die Goten, Herren und Meister der Campagna, suchten +die Belagerten auszudursten: sie schnitten alle die prachtvollen +vierzehn Wasserleitungen ab, welche die Stadt +speisten. Belisar ließ vor allem, als er dies wahrnahm, +die Mündungen innerhalb der Stadt verschütten und vermauern. +»Denn,« hatte ihm Prokop gesagt, »nachdem +du, o großer Held Belisarius, durch eine solche Wasserrinne +nach Neapolis hineingekrochen bist, könnte es den +Barbaren einfallen, – und kaum schimpflich scheinen, – +<pb n='245'/><anchor id='Pg245'/>auf dem gleichen Heldenpfad sich nach Rom hinein zu +krabbeln.« +</p> + +<p> +Den Genuß des geliebten Bades mußten die Belagerten +entbehren: kaum reichten die Brunnen in <anchor id="corr245"/><corr sic="dem">den</corr> vom Fluß +entlegenen Stadtteilen für das Trinkwasser aus. +</p> + +<p> +Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die +Barbaren den Römern auch das Brot abgeschnitten. – +Wenigstens schien es so. Denn die sämtlichen Wassermühlen +Roms versagten nun. Das aufgespeicherte Getreide, das +Cethegus aus Sicilien gekauft, das Belisar aus der Umgegend +Roms zwangsweise hatte in die Stadt schaffen +lassen, trotz des Murrens der Pächter und Colonen, dieses +Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden. +</p> + +<p> +»Laßt die Mühlen durch Esel und Rinder drehen!« +rief Belisar. »Die meisten Esel waren klug genug und +die Rinder, ach Belisarius,« sprach Prokop, »sich nicht mit +uns hier einsperren zu lassen. Wir haben nur soviel, als +wir brauchen, sie zu schlachten. Sie können unmöglich erst +Mühlen drehen und dann noch Fleisch genug haben, das +gemahlene Brot selbst zu belegen.« +</p> + +<p> +»So rufe mir Martinus. Ich habe gestern an dem +Tiber, die Gotenzelte zählend, zugleich einen Gedanken gehabt ... –« +</p> + +<p> +»Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das +Mögliche übersetzen muß. Armer Mann! Aber ich gehe, +ihn zu holen.« +</p> + +<p> +Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und +Martinus durch zusammengelegte Boote im Tiber die erste +Schiffsmühle herstellten, welche die Welt kannte, da sprach +bewundernd Prokopius: »Das Brot der Schiffsmühle wird +länger die Menschen erfreu’n, als deine größten Thaten. +Dies so gemahlene Mehl schmeckt nach – Unsterblichkeit.« +Und wirklich ersetzten die von Belisar erdachten, von +<pb n='246'/><anchor id='Pg246'/>Martinus ausgeführten Schiffsmühlen den Belagerten +während der ganzen Dauer der Einschließung die gelähmten +Wassermühlen. +</p> + +<p> +Hinter der Brücke nämlich, die jetzt Ponte San Sisto +heißt, auf der Senkung des Janiculus, befestigte Belisar +zwei Schiffe mit Seilen und legte Mühlen über deren +flaches Deck, so daß die Mühlenräder durch den Fluß, der +aus dem Brückenbogen mit verstärkter Gewalt hervorströmte, +von selbst getrieben wurden. +</p> + +<p> +Eifrig trachteten alsbald die Belagerer, diese Vorrichtungen, +die ihnen Überläufer schilderten, zu zerstören. +Balken, Holzflöße, Bäume warfen sie oberhalb der Brücke +von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Fluß und +zertrümmerten so in Einer Nacht wirklich alle Mühlen. +Aber Belisar ließ sie wieder herstellen und nun oberhalb +der Brücke starke Ketten gerade über den Fluß ziehen und +so auffangen, was, die Mühlen bedrohend, herabtrieb. +</p> + +<p> +Nicht nur seine Mühlen sollten diese eisernen Stromriegel +decken: sie sollten auch verhindern, daß die Goten +auf Kähnen und Flößen den Fluß herab und, ohne die +Brücke, in die Stadt drängen. +</p> + +<p> +Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum +Sturm. +</p> + +<p> +Er ließ hölzerne Türme bauen, höher als die Zinnen +der Stadtmauer, die auf vier Rädern von Rindern gezogen +werden sollten. Dann ließ er Sturmleitern in großer +Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher, +die je eine halbe Hundertschaft schob und bediente. +Mit unzähligen Bündeln von Reisig und Schilf sollten +die tiefen Gräben ausgefüllt werden. +</p> + +<p> +Dagegen pflanzten Belisar und Cethegus, jener im +Norden und Osten, dieser im Westen und Süden die Verteidigung +der Stadt überwachend, Ballisten und Wurf<pb n='247'/><anchor id='Pg247'/>bogen auf die Wälle, die auf große Entfernung balkenähnliche +Speergeschosse schleuderten mit solcher Kraft, daß +sie einen gepanzerten Mann völlig durchbohrten. Die +Thore schützten sie durch »Wölfe«, d. h. Querbalken, mit +eisernen Stacheln besetzt, die man auf die Angreifer niederschmettern +ließ, wann sie dicht bis an das Thor gelangt +waren. Und endlich streuten sie zahlreiche Fußangeln und +Stachelkugeln auf den Vorraum zwischen den Gräben der +Stadt und dem Lager der Barbaren. +</p> +</div><div type="kapitel" n="9"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Neuntes Kapitel.</head> + +<p> +Trotz alledem, sagten die Römer, hätten längst die +Goten die Mauern erstiegen, wäre nicht des Präfekten +Egeria gewesen. +</p> + +<p> +Denn es war merkwürdig: so oft die Barbaren einen +Sturm vorbereiteten –: Cethegus ging zu Belisar und +warnte und bezeichnete im voraus den Tag. So oft Teja +oder Hildebad in kühnem Handstreich ein Thor zu überrumpeln, +eine Schanze wegzunehmen gedachten: – Cethegus +sagte es vorher, und die Angreifer stießen auf das Zweifache +der gewöhnlichen Besatzung der Punkte. So oft in +nächtigem Überfall die Kette des Tibers gesprengt werden +sollte: – Cethegus schien es geahnt zu haben und schickte +den Schiffen der Feinde Brander und Feuerkähne entgegen. +</p> + +<p> +So ging es viele Monate hin. Die Goten konnten +sich nicht verhehlen, daß sie, trotz unablässiger Angriffe, seit +Anfang der Belagerung keinerlei Fortschritte gemacht. +</p> + +<p> +Lange trugen sie diese Unfälle, die Entdeckung und +Vereitelung all ihrer Pläne, mit ungebeugtem Mut. Aber +<pb n='248'/><anchor id='Pg248'/>allmählich bemächtigte sich nicht bloß der großen Masse +Verdrossenheit, insbesondere da Mangel an Lebensmitteln +fühlbar zu werden begann, – auch des Königs klarer +Sinn wurde von trüber Schwermut verdüstert, als er all’ +seine Kraft, all’ seine Ausdauer, all’ seine Kriegskunst wie +von einem bösen Dämon vereitelt sah. Und kam er von +einem fehlgeschlagenen Unternehmen, von einem verunglückten +Sturm, matt und gebeugt, in sein Königszelt, so ruhten +die stolzen Augen seiner schweigsamen Königin mit einem +ihm unverständlichen, aber grauenvoll unheimlichen Ausdruck +auf ihm, daß er sich schaudernd abwandte. +</p> + +<p> +»Es ist nicht anders,« sagte er finster zu Teja, »es ist +gekommen, wie ich vorausgesagt. Mit Rauthgundis ist +mein Glück von mir gewichen, wie die Freudigkeit meiner +Seele. Es ist, als läge ein Fluch auf meiner Krone. +Und diese Amalungentochter wandelt um mich her, schweigend +und finster, wie mein lebendiges Unglück.« +</p> + +<p> +»Du könntest Recht haben,« sprach Teja. »Vielleicht +lös’ ich diesen Zauberbann. Gieb mir Urlaub für heut’ +Nacht.« +</p> + +<p> +Am selben Tage, fast in derselben Stunde, forderte +drinnen in Rom Johannes, der Blutige, von Belisar +Urlaub für diese Nacht. Belisar schlug es ab. »Jetzt ist +nicht Zeit zu nächtlichen Vergnügen,« sagte er. +</p> + +<p> +»Wird kein groß Vergnügen sein, in der Nacht zwischen +alten feuchten Mauern und gotischen Lanzen einem Fuchs +nachspüren, der zehnmal schlauer ist als wir beide.« +</p> + +<p> +»Was hast du vor?« fragte Belisar, aufmerksam +werdend. +</p> + +<p> +»Was ich vorhabe? Ein Ende zu machen der verfluchten +Stellung, in der wir alle, in der du, o Feldherr, +nicht zum mindesten stehst. Es ist schon alles ganz recht. +<pb n='249'/><anchor id='Pg249'/>Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern +und haben nichts dabei gewonnen. Wir erschießen sie wie +Knaben die Dohlen vom Hinterhalt und können ihrer lachen. +Aber wer ist es eigentlich, der all dies vollbringt? Nicht, +wie es sein sollte, du, des Kaisers Feldherr, noch des +Kaisers Heer: sondern dieser eisige Römer, der nur lachen +kann, wenn er höhnt. Der sitzt da oben im Kapitol und +verlacht den Kaiser und die Goten und uns und, mit +Verlaub zu sagen, dich selber am meisten. Woher weiß +dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle Gotenpläne +so scharf, als säße er mit im Rat des Königs Witichis? +Durch sein Dämonium, sagen die einen. Durch seine +Egeria, sagen die andern. Er hat einen Raben, der hören +und sprechen kann wie Menschen, meinen wieder andere: +den schickt er alle Nacht ins Gotenlager. Das mögen die +alten Weiber glauben und die Römer, nicht meiner Mutter +Sohn. Ich glaube, den Raben zu kennen und das Dämonium. +Gewiß ist, er kann die Kunde nur aus dem +Gotenlager selbst holen; laß uns doch sehen, ob wir nicht +selbst an seiner Statt aus dieser Quelle schöpfen können.« +</p> + +<p> +»Ich habe das längst bedacht, aber ich sah kein Mittel.« +</p> + +<p> +»Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern +lassen. Es ist verdammt schwer: denn dieser braune +Maurenteufel folgt ihm wie ein Schatte. Aber tagelang +ist Syphax fern: – und dann gelingt es eher. Nun, ich +habe erspäht, daß Cethegus so manche Nacht die Stadt +verließ, bald aus der Porta portuensis, rechts vom Tiber, +bald aus der Porta Sankt Pauls, links vom Tiber im +Süden, die er beide besetzt hält. Weiter wagten ihm die +Späher nicht zu folgen. Ich aber denke heute Nacht – +denn heute muß es wieder treffen, – ihm so nicht von +den Fersen zu weichen. Doch muß ich ihn <hi rend='gesperrt'>vor</hi> dem +Thore erwarten: seine Isaurier ließen mich nicht durch; +<pb n='250'/><anchor id='Pg250'/>ich werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der +Gräben zurückbleiben.« +</p> + +<p> +»Gut. Es sind aber, wie du sagst, zwei Thore zu +beobachten.« – »Deshalb hab’ ich mir Perseus, meinen +Bruder, zum Genossen erkoren; er hütet das paulinische, +ich das portuensische Thor; verlaß dich drauf – bis morgen +vor Sonnenaufgang kennt einer von uns das Dämonium +des Präfekten.« – Und wirklich: einer von ihnen sollte +es kennen lernen. +</p> + +<p> +Gerade gegenüber dem Sankt Pauls-Thor, etwa drei +Pfeilschüsse von den äußersten Gräben der Stadt, lag ein +mächtiges altertümliches Gebäude, die Basilika Sancti +Pauli extra muros, die Paulskapelle vor den Mauern, +deren letzte Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch +den Connetable von Bourbon völlig verschwanden. Ursprünglich +ein Tempel des Jupiter Stator war der Bau +seit zwei Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden: aber +noch stand die bronzene Kolossalstatue des bärtigen Gottes +aufrecht: man hatte ihm nur den flammenden Donnerkeil +aus der Rechten genommen und dafür ein Kreuz hineingeschoben: +im übrigen paßte die breite und bärtige Gestalt +gut zu ihrem neuen Namen. +</p> + +<p> +Es war um die sechste Stunde der Nacht. Der Mond +stand glanzvoll über der ewigen Stadt und goß sein +silbernes Licht über die Mauerzinnen und über die Ebene, +zwischen den römischen Schanzen und der Basilika, deren +schwarze Schatten nach dem Gotenlager hin fielen. +</p> + +<p> +Eben hatte die Wache am Sankt Pauls-Thor gewechselt. +</p> + +<p> +Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten und nur +sechs kamen herein. Der siebente wandte der Pforte den +Rücken und schritt heraus ins freie Feld. +</p> + +<p> +Vorsichtig wählte er seinen Weg: vorsichtig vermied +er die zahlreichen Fußangeln, Wolfsgruben, Selbstschüsse +<pb n='251'/><anchor id='Pg251'/>vergifteter Pfeile, die hier überall umhergestreut waren +und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt +Verderben gebracht hatten. Der Mann schien sie alle zu +kennen und wich ihnen leicht aus. Aber er vermied auch +das Mondlicht sorgfältig, den Schatten der Mauervorsprünge +suchend und oft von Baum zu Baum springend. +</p> + +<p> +Als er aus dem äußersten Graben auftauchte, sah er +sich um und blieb im Schatten einer Cypresse stehen, deren +Zweige die Ballistengeschosse zerschmettert hatten. Er entdeckte +nichts Lebendes weit und breit: und er eilte nun +mit raschen Schritten der Kirche zu. +</p> + +<p> +Hätte er nochmal umgeblickt, er hätte es wohl nicht +gethan. +</p> + +<p> +Denn, sowie er den Baum verließ, tauchte aus dem +Graben eine zweite Gestalt hervor, die in drei Sprüngen +ihrerseits den Schatten der Cypresse erreicht hatte. »Gewonnen, +Johannes! du stolzer Bruder, diesmal war das +Glück dem jüngeren Bruder hold. Jetzt ist Cethegus mein +und sein Geheimnis.« Und vorsichtig folgte er dem rasch +Voranschreitenden. +</p> + +<p> +Aber plötzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden, +als habe ihn die Erde verschlungen. Es war hart an +der äußern Mauer der Kirche, die doch dem Armenier, als +er sie erreicht, keine Thür oder Öffnung zeigte. +</p> + +<p> +»Kein Zweifel,« sagte der Lauscher, »das Stelldichein +ist drinnen im Tempel: ich muß nach.« +</p> + +<p> +Allein an dieser Stelle war die Mauer unübersteiglich. +</p> + +<p> +Tastend und suchend bog der Späher um die Ecke derselben. +Umsonst, die Mauer war überall gleich hoch. – +Im Suchen verstrich ihm fast eine Viertelstunde. +</p> + +<p> +Endlich fand er eine Lücke in dem Gestein: mühsam +zwängte er sich hindurch. Und er stand nun im Vorhofe +des alten Tempels, in dem die dicken dorischen Säulen +<pb n='252'/><anchor id='Pg252'/>breite Schatten warfen, in deren Schutz er von der rechten +Seite her bis an das Hauptgebäude gelangte. +</p> + +<p> +Er spähte durch einen Riß des Gemäuers, den ihm +die Zugluft verraten hatte. Drinnen war alles finster. +Aber plötzlich wurde sein Auge von einem grellen Lichtstrahl +geblendet. Als er es wieder aufschlug, sah er einen hellen +Streifen in der Dunkelheit: – er rührte von einer Blendlaterne +her, deren Licht sich plötzlich gezeigt hatte. +</p> + +<p> +Deutlich erkannte er, was in dem Bereich der Laterne +stand, den Träger derselben aber nicht: wohl dagegen +Cethegus den Präfekten, der hart vor der Statue des +Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien: vor ihm +stand eine zweite Gestalt: ein schlankes Weib, auf dessen +dunkelrotes Haar schimmernd das Licht der Laterne fiel. +</p> + +<p> +»Die schöne Gotenkönigin, bei Eros und Anteros!« +dachte der Lauscher: »kein schlechtes Stelldichein, sei’s nun +Liebe, sei’s Politik! Horch, sie spricht. Leider kam ich +zu spät, auch den Anfang der Unterredung zu hören.« +</p> + +<p> +»Also: merk’ es dir wohl! übermorgen auf der Straße +vor dem Thor von Tibur wird etwas gefährliches geplant.« +– »Gut: aber was?« frug des Präfekten Stimme. – +»Genaueres konnte ich nicht erkunden: und ich kann es dir +auch nicht mehr mitteilen, wenn ich es noch erfahre. Ich +wage nicht mehr, dich hier wieder zu sehen: denn« ... – +Sie sprach nun leiser. +</p> + +<p> +Perseus drückte das Ohr hart an die Spalte: da +klirrte seine Schwertscheide an das Gestein und nun traf +ihn ein Strahl des Lichts. +</p> + +<p> +»Horch!« rief eine dritte Stimme – es war eine +Frauenstimme, die der Trägerin der Laterne, die sich jetzt +in dem Strahl ihres eigenen Blendlichts gezeigt hatte, da +sie sich rasch gegen die Richtung des Schalles gekehrt hatte. +Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer Tracht. +</p> + +<pb n='253'/><anchor id='Pg253'/> + +<p> +Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel. Perseus +hielt den Atem an. Er fühlte, es galt das Leben. Denn +Cethegus griff ans Schwert. +</p> + +<p> +»Alles still,« sagte die Sklavin. »Es fiel wohl nur +ein Stein auf den Erzbeschlag draußen.« +</p> + +<p> +»Auch in das Grab vor dem portuensischen Thor geh’ +ich nicht mehr. Ich fürchte, man ist uns gefolgt.« – »Wer?« +– »Einer, der niemals schläft, wie es scheint: Graf +Teja.« Des Präfekten Lippe zuckte. +</p> + +<p> +»Und er ist auch bei einem rätselhaften Eidbund +gegen Belisars Leben: der bloße Scheinangriff gilt dem +Sankt Pauls-Thor.« »Gut!« sagte Cethegus nachdenklich. +»Belisar würde nicht entrinnen, wenn nicht gewarnt. Sie +liegen irgendwo, – aber ich weiß nicht, wo – fürcht’ +ich, im Hinterhalt, mit Übermacht, Graf Totila führt sie.« +</p> + +<p> +»Ich will ihn schon warnen!« sagte Cethegus langsam. +</p> + +<p> +»Wenn es gelänge ..!« – »Sorge nicht, Königin! +Mir liegt an Rom nicht weniger denn dir. Und wenn +der nächste Sturm fehlschlägt, – so müssen sie die Belagerung +aufgeben, so zähe sie sind. Und das, Königin, +ist dein Verdienst. Laß mich in dieser Nacht – vielleicht +der letzten, da wir uns treffen, – dir mein ganzes +staunendes Herz enthüllen. Cethegus staunt nicht leicht +und nicht leicht gesteht er’s, wenn er staunen muß. Aber +dich – bewundere ich, Königin. Mit welch’ totverachtender +Kühnheit, mit welch’ dämonischer List hast du alle +Pläne der Barbaren vereitelt! Wahrlich: viel that Belisar, +– mehr that Cethegus, – das meiste: Mataswintha.« +</p> + +<p> +»Sprächst du wahr!« sagte Mataswintha mit funkelnden +Augen. <anchor id="corr253"/><corr sic="Und">»Und</corr> wenn die Krone diesem Frevler vom +Haupte fällt ... – –« +</p> + +<p> +»War es <hi rend='gesperrt'>deine</hi> Hand, deren sich das Schicksal Roms +bedient hat. Aber, Königin, nicht damit kannst du enden! +<pb n='254'/><anchor id='Pg254'/>Wie ich dich erkannte, in diesen Monaten – darfst du +nicht als gefangene Gotenkönigin nach Byzanz. Diese +Schönheit, dieser Geist, diese Kraft muß herrschen – nicht +dienen, in Byzanz. Darum bedenke, wenn er nun gestürzt +ist – dein Tyrann, – willst du nicht dann den Weg +gehn, den ich dir gezeigt?« +</p> + +<p> +»Ich habe noch nie über seinen Fall hinaus gedacht,« +sagte sie düster. +</p> + +<p> +»Aber ich – für dich! Wahrlich, Mataswintha,« – +und sein Auge ruhte mit Bewunderung auf ihr, – »du +bist – wunderschön. Ich rechn’ es mir zum größten Stolz, +daß selbst du mich nicht in Liebe entzündet und von meinen +Plänen abgebracht hast. Aber du bist zu schön, zu köstlich, +nur der Rache und dem Haß zu leben. Wenn unser +Ziel erreicht, – dann nach Byzanz! +</p> + +<p> +Als mehr denn Kaiserin: – als Überwinderin der +Kaiserin!« +</p> + +<p> +»Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. +Glaubst du, ich ertrüge den Gedanken, aus eitel Herrschsucht +mein Volk zu verderben, um kluger Zwecke willen? +Nein: ich konnt’ es nur, weil ich mußte. Die Rache ist +jetzt meine Liebe und mein Leben und« ... – – +</p> + +<p> +Da scholl von der Fronte des Gebäudes her, aber noch +innerhalb der Mauer, laut und schrillend der Ruf des +Käuzchens, einmal – zweimal rasch nach einander. +</p> + +<p> +Wie staunte Perseus, als er den Präfekten eilig an +die Kehle der Bildsäule drücken sah, an der er lehnte, und +wie sich diese geräuschlos in zwei Hälften auseinander +schlug. Cethegus schlüpfte in die Öffnung: die Statue +klappte wieder zusammen. Mataswintha aber und Aspa +sanken wie betend auf die Stufen des Altars. +</p> + +<p> +»Also war’s ein Zeichen! Es droht Gefahr:« dachte +der Späher; »aber wo ist die Gefahr? und wo der +<pb n='255'/><anchor id='Pg255'/>Warner?« Und er wandte sich, trat vor und sah nach +links, nach der Seite der Goten. +</p> + +<p> +Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: +und in den Blick des Mauren Syphax, der vor der Eingangsthür +des Hauptgebäudes in einer leeren Nische +Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der +gotischen, Seite hin, gespäht hatte. +</p> + +<p> +Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann +heran. Seine Streitaxt blitzte im Mondlicht. +</p> + +<p> +Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es +war der Maure, der leise sein Schwert aus der Scheide zog. +</p> + +<p> +»Ha,« lachte Perseus, »bis die beiden mit einander +fertig sind, bin ich in Rom, mit meinem Geheimnis.« +</p> + +<p> +Und in raschen Sprüngen eilte er nach der Mauerlücke +des Vorhofs, durch die er eingedrungen. Zweifelnd blickte +Syphax einen Augenblick nach rechts und nach links. Zur +Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt erst +ganz entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger +herein in den Tempelhof. Er konnte nicht hoffen, beide +zu erreichen und zu töten. +</p> + +<p> +Da plötzlich schrie er laut: »Teja, Graf Teja! Hilfe! +zu Hilfe! Ein Römer! rettet die Königin! dort rechts an +der Mauer, ein Römer!« +</p> + +<p> +Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. »Dort! rief +dieser: »ich schütze die Frauen in der Kirche!« Und er +eilte in den Tempel. +</p> + +<p> +»Steh, Römer!« rief Teja, und sprang dem fliehenden +Perseus nach. +</p> + +<p> +Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er +erreichte die Lücke, durch welche er hereingekommen war: +doch er konnte sich in der Eile nicht wieder hindurchzwängen: +so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung +auf die Mauerkrone: und schon hob er den Fuß, sich jen<pb n='256'/><anchor id='Pg256'/>seits hinabzulassen: da traf ihn Tejas Axt im Wurf +ans Haupt und rücklings stürzte er nieder, samt seinem +erlauschten Geheimnis. – +</p> + +<p> +Teja beugte sich über ihn: deutlich erkannte er die Züge +des Toten. »Der Archon Perseus,« sagte er, »der Bruder +des Johannes.« Und sofort schritt er die Stufen hinan, +die zur Kirche führten. An der Schwelle trat ihm Mataswintha +entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der +Blendlaterne. Einen Moment maßen sich beide schweigend +mit mißtrauischen Blicken. +</p> + +<p> +»Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum,« +sagte endlich die Fürstin. »Ich war bedroht in meiner +einsamen Andacht.« +</p> + +<p> +»Seltsam wählst <hi rend='gesperrt'>du</hi> Ort und Stunde für deine Gebete. +Laß sehen, ob dieser Römer der einzige Feind war.« +</p> + +<p> +Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in +das Innere der Kapelle. Nach einer Weile kam er wieder, +einen mit Gold eingelegten Lederschuh in der Hand. »Ich +fand nichts als – diese Sandale am Altar, dicht vor dem +Apostel. Es ist ein Mannesfuß.« +</p> + +<p> +»Eine Votivgabe von mir,« sagte Syphax rasch. Der +Apostel heilte meinen Fuß, ich hatte mir einen Dorn eingetreten.« +</p> + +<p> +»Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott?« – +»Ich verehre, was da hilft.« – »In welchem Fuße stak +der Dorn.« Syphax schwankte einen Augenblick. »Im +rechten,« sagte er dann, rasch entschlossen. +</p> + +<p> +»Schade,« sprach Teja, »die Sandale ist auf den linken +geschnitten.« Und er steckte sie in den Gürtel. »Ich +warne dich, Königin, vor solcher nächtlichen Andacht.« +</p> + +<p> +»Ich werde thun, was meine Pflicht,« sagte Mataswintha +herb. +</p> + +<p> +»Und ich, was meine.« Mit diesen Worten schritt +<pb n='257'/><anchor id='Pg257'/>Teja voran, zurück zum Lager: schweigend folgte die +Königin und ihre Sklaven. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete +ihm alles. +</p> + +<p> +»Was du sagst, ist kein Beweis,« sagte der König. – +»Aber schwerer Verdacht. Und du sagtest selbst, die Königin +sei dir unheimlich.« +</p> + +<p> +»Gerade deshalb hüt’ ich mich, nach bloßem Verdacht +zu handeln. Ich zweifle manchmal, ob wir an ihr nicht +Unrecht gethan. Fast so schwer, wie an Rauthgundis.« – +»Wohl, aber diese nächtlichen Gänge?« – »Werd’ ich +verhindern. Schon um ihretwillen.« +</p> + +<p> +»Und der Maure? Ich trau’ ihm nicht. Ich weiß, daß +er tagelang abwesend: dann taucht er wieder auf im Lager. +Er ist ein Späher.« +</p> + +<p> +»Ja, Freund,« lächelte Witichis. »Aber der meine. +Er geht mit meinem Wissen in Rom aus und ein. Er +ist es, der mir noch alle Gelegenheiten verraten.« +</p> + +<p> +»Und noch keine hat genützt! Und die falsche Sandale?« +</p> + +<p> +»Ist wirklich ein Votivopfer. Aber für Diebstahl; er +hat mir, noch ehe du kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei +der Begleitung der Königin sich langweilend, in einem +Gewölbe der Kirche herumgestöbert und da unten allerlei +Priestergewänder und vergrabnen Schmuck gefunden und +behalten. Aber später, den Zorn des Apostels fürchtend, +wollt’ er ihn beschwichtigen, und opferte, in seinem Heidensinn, +diese Goldsandale aus seiner Beute. Er beschrieb +sie mir ganz genau: mit goldnen Seitenstreifen und einem +Achatknopf, oben mit einem <hi rend='antiqua'>C</hi> –. Du siehst, es trifft +alles zu. Er kannte sie also: sie kann nicht von einem +Flüchtenden verloren sein. Und er versprach, als Beweis +<pb n='258'/><anchor id='Pg258'/>die dazu gehörige Sandale des rechten Fußes zu bringen. +Aber vor allem: er hat mir einen neuen Plan verraten, +der all’ unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst +in unsre Hände liefern soll.« +</p> +</div><div type="kapitel" n="10"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zehntes Kapitel.</head> + +<p> +Während der Gotenkönig diesen Plan seinem Freunde +mitteilte, stand Cethegus, in frühester Stunde nach dem +belisarischen Thor beschieden, vor Belisar und Johannes. +</p> + +<p> +»Präfekt von Rom,« herrschte ihn der Feldherr beim +Eintreten an, »wo warst du heute Nacht?« +</p> + +<p> +»Auf meinem Posten. Wohin ich gehöre. Am Thor +Sankt Pauls.« +</p> + +<p> +»Weißt du, daß in dieser Nacht einer der besten meiner +Anführer, Perseus der Archon, des Johannes Bruder, die +Stadt verlassen hat und seitdem verschwunden ist?« +</p> + +<p> +»Thut mir leid. Aber du weißt: es ist verboten, ohne +Erlaubnis die Mauer zu überschreiten.« +</p> + +<p> +»Ich habe aber Grund zu glauben,« fuhr Johannes +auf, »daß du recht gut weißt, was aus meinem Bruder +geworden, daß sein Blut an deinen Händen klebt.« »Und +beim Schlummer Justinians!« brauste Belisar auf, »das +sollst du büßen. Nicht länger sollst du herrschen über des +Kaisers Heer und Feldherrn. Die Stunde der Abrechnung +ist gekommen. Die Barbaren sind so gut wie vernichtet. +Und laß sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das Kapitol +fällt.« +</p> + +<p> +»Steht es so?« dachte Cethegus, »jetzt sieh dich vor, +Belisarius.« Doch er schwieg. +</p> + +<pb n='259'/><anchor id='Pg259'/> + +<p> +»Rede!« rief Johannes. »Wo hast du meinen Bruder +ermordet?« Ehe Cethegus antworten konnte, trat Artasines, +ein persischer Leibwächter Belisars, herein. »Herr,« sagte +er, »draußen stehn sechs gotische Krieger. Sie bringen die +Leiche Perseus, des Archonten. König Witichis läßt dir +sagen: er sei heut’ Nacht vor den Mauern durch Graf +Tejas Beil gefallen. Er sendet ihn zur ehrenden Bestattung.« +</p> + +<p> +»Der Himmel selbst,« sprach Cethegus stolz hinausschreitend, +»straft eure Bosheit Lügen.« Aber langsam +und nachdenklich ging der Präfekt über den Quirinal und +das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. »Du drohst, +Belisarius? Dank’ für den Wink! Laß sehn, ob wir dich +nicht entbehren können.« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig +erwartet hatte und ihm raschen Bericht ablegte. »Vor +allem, Herr,« schloß er nun, »laß also deinen Sandalenbinder +peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist, ist +Syphax fern: – und gieb mir gütigst deinen rechten +Schuh.« +</p> + +<p> +»Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen +für dein freches Lügen,« lachte der Präfekt. »Dieses Stück +Leder ist jetzt dein Leben wert, mein Panther. Womit +willst du’s lösen?« +</p> + +<p> +»Mit wichtiger Kunde. Ich weiß nun alles ganz genau +von dem Plan gegen Belisars Leben: Ort und Zeit: und +die Namen der Eidbrüder. Es sind: Teja, Totila und +Hildebad.« +</p> + +<p> +»Jeder allein genug für den Magister Militum,« +murmelte Cethegus vergnüglich. +</p> + +<p> +»Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder +<pb n='260'/><anchor id='Pg260'/>eine schöne Falle gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, +entdeckt, daß Belisar selbst morgen zum tiburtinischen +Thor hinausziehen will, um Vorräte aufzutreiben.« +</p> + +<p> +»Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen +Hunnen nicht mehr allein hinauswagen; er führt nur vierhundert +Mann.« +</p> + +<p> +»Es werden nun die drei Eidbrüder am Grab der +Fulvier einen Hinterhalt von tausend Mann gegen Belisar +legen. »Das verdient wirklich den Schuh!« sagte Cethegus +und warf ihm denselben zu. +</p> + +<p> +»König Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff +machen lassen auf das Thor Sankt Pauls, die Gedanken +der Unsern von Belisar abzulenken. Ich eile nun also zu +Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, daß er +drei Tausend mit sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen +vernichtet.« +</p> + +<p> +»Halt!« sagte Cethegus ruhig, »nicht so eilfertig! Du +meldest nichts.« +</p> + +<p> +»Wie?« fragte Syphax erstaunt. »Ungewarnt ist er +verloren!« – +</p> + +<p> +»Man muß dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon +wieder, nicht immer, ins Amt greifen. Belisar mag +morgen seinen Stern erproben.« +</p> + +<p> +»Ei,« sagte Syphax mit pfiffigem Lächeln, »solches +gefällt dir? Dann bin ich lieber Syphax, der Sklave, +als Belisarius, der Magister Militum. Arme Witwe Antonina!« +</p> + +<p> +Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete +Fidus, der Ostiarius: »Kallistratos von Korinth.« +</p> + +<p> +»Immer willkommen.« +</p> + +<p> +Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein. +</p> + +<p> +Ein Hauch anmutiger Röte von Scham oder Freude +<pb n='261'/><anchor id='Pg261'/>färbte seine Wangen: es war ersichtlich, daß ihn ein besonderer +Anlaß herführte. +</p> + +<p> +»Was bringst du des Schönen noch außer dir selbst?« +so fragte Cethegus in griechischer Sprache. +</p> + +<p> +Der Jüngling schlug die leuchtenden Augen auf: »Ein +Herz voll Bewunderung für dich: und den Wunsch, dir +diese zu bewähren. Ich bitte um die Gunst, wie die +beiden Licinier und Piso, für dich und Rom fechten zu +dürfen.« +</p> + +<p> +»Mein Kallistratos! was kümmern dich, unsern Friedensgast, +den liebenswürdigsten der Hellenen, unsre blutigen +Händel mit den Barbaren? Bleibe du von diesem schweren +Ernst und pflege deines heitern Erbes: der Schönheit.« +</p> + +<p> +»Ich weiß es wohl, die Tage von Salamis sind ferne +wie ein Mythos: und ihr eisernen Römer habt uns niemals +Kraft zugetraut. Das ist hart – aber doch leichter +zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und +edle Sitte verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, +das heißt Rom und Rom heißt mir Cethegus. So faß +ich diesen Kampf und so gefaßt, siehst du, so geht er wohl +auch den Hellenen an.« +</p> + +<p> +Erfreut lächelte der Präfekt. »Nun, wenn dir Rom +Cethegus ist, so nimmt Rom gern die Hilfe des Hellenen +an: du bist fortan Tribun der Milites Romani wie +Licinius.« +</p> + +<p> +»In Thaten will ich dir danken! Aber eins noch muß +ich dir gestehn – denn ich weiß: du liebst nicht überrascht +zu sein. Oft hab’ ich gesehen, wie teuer dir das Grabmal +Hadrians und seine Zier von Götterstatuen ist. Neulich +hab’ ich diese marmornen Wächter gezählt und zweihundertachtundneunzig +gefunden. Da macht’ ich denn das dritte +Hundert voll und habe meine beiden Letoiden, die du so +<pb n='262'/><anchor id='Pg262'/>hoch gelobt, den Apollon und die Artemis, dort aufgestellt, +dir und Rom zu einem Weihgeschenk.« +</p> + +<p> +»Junger lieber Verschwender,« sprach Cethegus, »was +hast du da gethan!« +</p> + +<p> +»Das Gute und Schöne,« antwortete Kallistratos einfach. +</p> + +<p> +»Aber bedenke – das Grabmal ist jetzt eine Schanze: – +</p> + +<p> +»Wenn die Goten stürmen –« – »Die Letoiden stehen +auf der zweiten, der innern Mauer. Und soll ich fürchten, +daß je Barbaren wieder den Lieblingsplatz des Cethegus +erreichen? Wo sind die schönen Götter sichrer als in deiner +Burg? Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster +Tempel. Mein Weihgeschenk sei zugleich ein glücklich +Omen.« +</p> + +<p> +»Das soll es sein,« rief Cethegus lebhaft, »und ich +glaube selber: dein Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte +mir dagegen« – +</p> + +<p> +»Du hast mir schon dafür erlaubt, für dich zu kämpfen. +Chaire!« lachte der Grieche und war hinaus. +</p> + +<p> +»Der Knabe hat mich sehr lieb,« sagte Cethegus, ihm +nachsehend. »Und mir geht’s wie andern Menschenthoren: +– mir thut das wohl. Und nicht bloß, weil ich ihn dadurch +beherrsche.« +</p> + +<p> +Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums +und ein Tribun der Milites ward gemeldet. +</p> + +<p> +Es war ein junger Krieger mit edeln, aber über seine +Jahre hinaus ernsten Zügen. In echt römischem Schnitt +setzten die Wangenknochen, fast im rechten Winkel, an die +gerade strenge Stirn: in dem tief eingelassenen Auge lag +römische Kraft und – in dieser Stunde – entschlossener +Ernst und rücksichtsloser Wille. +</p> + +<p> +»Siehe da, Severinus, des Boëthius Sohn, willkommen +mein junger Held und Philosoph. Viele Monate habe ich +dich nicht gesehen – woher kommst du?« +</p> + +<pb n='263'/><anchor id='Pg263'/> + +<p> +»Vom Grabe meiner Mutter,« sagte Severinus mit +festem Blick auf den Frager. +</p> + +<p> +Cethegus sprang auf. »Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! +meines Boëthius Weib!« +</p> + +<p> +»Sie ist tot,« sagte der Sohn kurz. Der Präfekt +wollte seine Hand fassen. Severinus entzog sie. +</p> + +<p> +»Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie +– ohne ein Wort für mich?« +</p> + +<p> +»Ich bringe dir ihr letztes Wort – es galt dir!« +</p> + +<p> +»Wie starb sie? an welchem Leiden?« – »An Schmerz +und Reue.« – »Schmerz –« seufzte Cethegus, »das begreif’ +ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir galt +ihr letztes Wort! – sag’ an, wie lautet es?« +</p> + +<p> +Da trat Severinus hart an den Präfekten, daß er sein +Knie berührte und blickte ihm bohrend ins Auge. »Fluch, +Fluch über Cethegus, der meine Seele vergiftet und mein +Kind.« +</p> + +<p> +Ruhig sah ihn Cethegus an. »Starb sie im Irrsinn?« +fragte er kalt. +</p> + +<p> +»Nein, Mörder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir +vertraute. In ihrer Todesstunde hat sie Cassiodor und +mir gestanden, daß ihre Hand dem jungen Tyrannen das +Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzählte uns den +Hergang. Der alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion +stützten sie. »Spät erst erfuhr ich,« schloß sie, »daß mein +Kind aus dem tödlichen Becher getrunken. Und niemand +war da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie trinken +wollte. Denn ich war noch im Boot auf dem Meere und +Cethegus noch in dem Platanengang.« Da rief der alte +Corbulo erbleichend: »Wie? der Präfekt wußte, daß der +Becher Gift enthielt?« – »Gewiß,« antwortete meine +Mutter. »Als ich ihn im Garten traf, sagt’ ich es ihm: +»es ist <anchor id="corr263"/><corr sic="geschehen.«">geschehen.««</corr> Corbulo verstummte vor Entsetzen: +<pb n='264'/><anchor id='Pg264'/>aber Daphnidion schrie in wildem Schmerz: »Weh! meine +arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er stand +dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank.« – +»Er sah zu, wie sie trank?« fragte meine Mutter mit +einem Tone, der ewig durch mein Leben gellen wird. +</p> + +<p> +»Er sah zu, wie sie trank!« wiederholten der Freigelassene +und sein Kind. »O so sei den untern Dämonen +sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott, in der Hölle, +Rache, meine Söhne, auf Erden für Kamilla! Fluch über +Cethegus!« Und sie fiel zurück und war tot.« +</p> + +<p> +Der Präfekt blieb unerschüttert stehen. Nur griff er +leise an den Dolch unter den Brustfalten der Tunika. +»Du aber« – fragte er nach einer Pause – »was thatest +du?« +</p> + +<p> +»Ich aber kniete nieder an der Leiche und küßte ihre +kalte Hand und schwor ihr’s zu, ihr Sterbewort zu vollenden. +Wehe dir, Präfekt von Rom: Giftmischer, Mörder +meiner Schwester – du sollst nicht leben.« +</p> + +<p> +»Sohn des Boëthius, willst du zum Mörder werden +um die Wahnworte eines läppischen Sklaven und seiner +Dirne? Würdig des Helden und des Philosophen!« +</p> + +<p> +»Nichts von Mord. Wäre ich ein Germane, nach dem +Brauche dieser Barbaren: – er dünkt mir heute sehr vortrefflich! +– rief’ ich dich zum Zweikampf, du verhaßter +Feind. Ich aber bin ein Römer und suche meine Rache +auf dem Wege des Rechts. Hüte dich, Präfekt, noch giebt +es Richter in Italien. Lange Monate hielt mich der +Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. – Erst heute +habe ich Rom, von der See her, erreicht: und morgen +erheb’ ich die Klage bei den Senatoren, die deine Richter +sind – dort finden wir uns wieder.« +</p> + +<p> +Cethegus vertrat ihm plötzlich den Weg an die Thüre. +</p> + +<p> +Aber Severinus rief: »Gemach, man sieht sich vor bei +<pb n='265'/><anchor id='Pg265'/>Mördern. Drei Freunde haben mich an dein Haus begleitet: +– Sie werden mich mit den Liktoren suchen, komm’ +ich nicht wieder, noch in dieser Stunde.« +</p> + +<p> +»Ich wollte dich nur,« sagte Cethegus wieder ganz +ruhig, »vor dem Wege der Schande warnen. Willst du +den ältesten Freund deines Hauses um der Fieberreden +einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen, +– thu’s: ich kann’s nicht hindern. Aber noch einen +Auftrag zuvor: du bist mein Ankläger geworden: aber du +bleibst Soldat: und mein Tribun. Du wirst gehorchen, +wenn dein Feldherr befiehlt.« +</p> + +<p> +»Ich werde gehorchen.« +</p> + +<p> +»Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein +Sturm der Barbaren. Ich muß die Stadt beschirmen. +Doch ahnt mir Gefahr für den löwenkühnen Mann: – +ich muß ihn treu gehütet wissen. Du wirst morgen, – +ich befehl’ es, – den Feldherrn begleiten und sein Leben +decken.« +</p> + +<p> +»Mit meinem eignen.« +</p> + +<p> +»Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort.« +</p> + +<p> +»Bau’ du auf meines: auf Wiedersehn: nach der +Schlacht: vor dem Senat. Nach beiden Kämpfen lüstet +mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: – – vor dem Senat.« +</p> + +<p> +»Auf Nimmerwiedersehn,« sprach Cethegus, als sein +Schritt verhallte. »Syphax,« rief er laut, »bringe Wein +und das Hauptmahl. Wir müssen uns stärken: – auf +morgen.« +</p> + +</div><div type="kapitel" n="11"> +<pb n='266'/><anchor id='Pg266'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Elftes Kapitel.</head> + +<p> +Früh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als +in dem Lager der Goten geschäftige Bewegung. +</p> + +<p> +Mataswintha und Syphax hatten zwar einiges entdeckt +und gemeldet: – – aber nicht alles. Sie hatten von +dem Gelübde der drei Männer gegen Belisar erfahren und +den früheren Plan eines bloßen Scheinangriffs gegen das +Sankt Pauls-Thor, um von dem Gedanken an Belisars +Geschick abzulenken. Aber nicht hatten sie erfahren, daß +der König, in Änderung jenes Planes eines bloßen Scheinangriffs, +für diesen Tag der Abwesenheit des großen Feldherrn +einen in tiefstes Geheimnis gehüllten Beschluß gefaßt +hatte: es sollte ein letzter Versuch gemacht werden, ob nicht +gotisches Heldentum doch dem Genius Belisars und den +Mauern des Präfekten überlegen sei. Man hatte sich im +Kriegsrat des Königs nicht über die Wichtigkeit des Unternehmens +getäuscht: wenn es wie alle früheren, vereinzelten +Angriffe – achtundsechzig Schlachten, Ausfälle, Stürme +und Gefechte hatte Prokop während der Belagerung bis +dahin aufgezählt – scheiterte, so war von dem ermüdeten, +stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu +erwarten. Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich +verpflichtet, über den Plan gegen jedermann ohne Ausnahme +zu schweigen. +</p> + +<p> +Daher hatte auch Mataswintha nichts vom König erfahren, +und selbst ihres Mauren Spürnase konnte nur +wittern, daß auf jenen Tag etwas Großes gerüstet werde; +– die gotischen Krieger wußten selbst nicht was. +</p> + +<p> +Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht +mit ihren Reitern geräuschlos aufgebrochen und hatten sich +südlich von der valerischen Straße bei dem Grabmal der +<pb n='267'/><anchor id='Pg267'/>Fulvier, an dem in einer Hügelfalte Belisar vorbeikommen +mußte, in Hinterhalt gelegt: sie hofften, mit ihrer Aufgabe +bald genug fertig zu sein, um noch wesentlich an den +Dingen bei Rom teilnehmen zu können. +</p> + +<p> +Während der König mit Hildebrand, Guntharis und +Markja die Scharen innerhalb der Lager ordnete, zog um +Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil seiner Leibwächter +umgeben, zum tiburtinischen Thor hinaus. Prokop und +Severinus ritten ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der +Massagete, trug sein Banner, das bei allen Gelegenheiten +den Magister Militum zu begleiten hatte. Constantinus, +dem er an seiner Statt die Sorge für den »belisarischen +Teil« von Rom übertragen, besetzte alle Posten längs der +Mauern doppelt, und ließ die Truppen hart an den +Wällen unter den Waffen bleiben. Er übersandte den +gleichen Befehl dem Präfekten für die Byzantiner, die +dieser führte. +</p> + +<p> +Der Bote traf ihn auf den Wällen zwischen dem +paulinischen und dem appischen Thor. »Belisar meint +also:« höhnte Cethegus, während er gehorchte, »mein Rom +ist nicht sicher, wenn er es nicht behütet: ich aber meine: +Er ist nicht sicher, wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. +Komm, Lucius Licinius,« flüsterte er diesem zu, »wir +müssen an den Fall denken, daß Belisar einmal nicht +wiederkehrt von seinen Heldenfahrten: dann muß ein andrer +sein Heer mit fester Hand ergreifen.« +</p> + +<p> +»Ich kenne die Hand.« +</p> + +<p> +»Vielleicht giebt es alsdann einen kurzen Kampf mit +seinen in Rom belassenen Leibwächtern: in den Thermen +des Diokletian oder am tiburtinischen Thore. Sie müssen +dort in ihrem Lager erdrückt sein, ehe sie sich recht besinnen. +Nimm dreitausend meiner Isaurier und verteile sie, ohne +Aufsehen, rings um die Thermen her: auch besetze mir vor +<pb n='268'/><anchor id='Pg268'/>allem das tiburtinische Thor.« – »Von wo aber soll ich +sie fortziehen?« – »Von dem Grabmal Hadrians,« sagte +Cethegus nach einigem Besinnen. »Und die Goten, Feldherr?« +– »Bah! das Grabmal ist fest, es schützt sich +selbst. Erst müssen vom Süden her die Stürmenden über +den Fluß: und dann diese eisglatten Wände von parischem +Marmor hinan, meine und des Korinthers Freude. Und +zudem,« lächelte er, »sieh’ nur hinauf: da oben steht ein +Heer von marmornen Göttern und Heroen: sie mögen +selber ihren Tempel schirmen gegen die Barbaren. <anchor id="corr268"/><corr sic="»Siehst">Siehst</corr> +du, – ich sagte es ja – es geht nur hier gegen das +Sankt Pauls-Thor,« schloß er, auf das Lager der Goten +deutend, aus welchem eben eine starke Abteilung in dieser +Richtung aufbrach. +</p> + +<p> +Licinius gehorchte und führte alsbald dreitausend +Isaurier, etwa die Hälfte der Deckung, ab: von dem Grabmal +über den Fluß und den Viminalis hinab gegen die +Thermen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen +Thor löste er dann auch durch dreihundert Isaurier und +Legionare ab. +</p> + +<p> +Cethegus aber wandte sich nach dem salarischen Thor, +wo jetzt Constantinus als Vertreter Belisars hielt. »Ich +muß ihn aus dem Wege haben,« dachte er, »wenn die Nachricht +eintrifft.« – »Sobald du die Barbaren zurückgeworfen,« +sprach er ihn an, »wirst du doch wohl einen Ausfall machen +müssen? Welche Gelegenheit, Lorbeern zu sammeln, während +der Feldherr fern ist!« – »Jawohl,« rief Constantinus, +»sie sollen’s erfahren, daß wir sie auch ohne Belisarius +schlagen können.« +</p> + +<p> +»Ihr müßt aber ruhiger zielen,« sagte Cethegus, einem +persischen Schützen den Bogen abnehmend. »Seht den +Goten dort, den Führer zu Pferd! Er soll fallen.« +Cethegus schoß; der Gote fiel vom Roß, durch den Hals +<pb n='269'/><anchor id='Pg269'/>geschossen. »Und meine Wallbogen, – ihr braucht sie +schlecht! Seht ihr dort die Eiche? ein Tausendführer der +Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht!« Und er richtete +den Wallbogen, zielte und schoß: durchbohrt war der gepanzerte +Gote an den Baum genagelt. +</p> + +<p> +Da sprengte ein saracenischer Reiter heran: »Archon,« +redete er Constantinus an, »Bessas läßt dich bitten, Verstärkungen +an das Vivarium, das pränestinische Thor: die +Goten rücken an.« +</p> + +<p> +Zweifelnd sah Constantinus auf Cethegus. »Possen:« +sagte dieser, »der einzige Angriff droht an meinem Thore +von Sankt Paul: und das ist gut gehütet: ich weiß es +gewiß: laß Bessas sagen: er fürchte sich zu früh. Übrigens, +im Vivarium habe ich noch sechs Löwen, zehn Tiger und +zwölf Bären für mein nächstes Cirkusfest! Laßt sie einstweilen +los auf die Barbaren! Es ist auch ein Schauspiel +für die Römer dann!« +</p> + +<p> +Aber schon eilte ein Leibwächter den Mons Pincius +herab: »Zu Hilfe, Herr, zu Hilfe! Constantinus, dein +eignes, das flaminische Thor! Unzählige Barbaren! Ursicinus +bittet um Hilfe!« +</p> + +<p> +»Auch dort?« fragte sich Cethegus ungläubig. +</p> + +<p> +»Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen +und dem pincianischen Thor!« rief ein zweiter Bote +des Ursicinus. +</p> + +<p> +»Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wißt, +sie steht unter Sankt Peters besonderem Schutz: das reicht!« +sprach beruhigend Constantinus. Cethegus lächelte: »Ja, +heute gewiß: denn sie wird gar nicht angegriffen.« +</p> + +<p> +Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. »Präfekt, +rasch aufs Kapitol, von wo ich eben komme. Alle sieben +Lager der Feinde speien Barbaren zugleich aus allen +<pb n='270'/><anchor id='Pg270'/>Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle +Thore Roms.« +</p> + +<p> +»Schwerlich!« lächelte Cethegus. »Aber ich will hinauf. +Du aber, Marcus Licinius, stehst mir ein für das +tiburtiner Thor. Mein muß es sein, nicht Belisars! Fort +mit dir! Führe deine zweihundert Legionare dorthin!« +</p> + +<p> +Er stieg zu Pferd und ritt zunächst gegen das Kapitol +zu, um den Fuß des Viminal. Hier traf er auf Lucius +Licinius und seine Isaurier. »Feldherr,« sprach ihn dieser +an, »es wird Ernst da draußen. Sehr Ernst! Was ist’s +mit den Isauriern? Bleibt es bei deinem Befehl?« +</p> + +<p> +»Habe ich ihn zurückgenommen?« sagte Cethegus streng. +»Lucius, du folgst mir und ihr andern Tribunen. Ihr +Isaurier rückt unter eurem Häuptling Asgares zwischen +die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Thor.« +</p> + +<p> +Er glaubte an keine Gefahr für Rom. Meinte er doch +zu wissen, was allein in diesem Augenblick die Goten wirklich +beschäftigte. «Dieser Schein eines allgemeinen Angriffs +soll,« dachte er, »die Byzantiner nur abhalten, ihres +bedrohten Feldherrn vor den Thoren zu gedenken.« +</p> + +<p> +Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von +welchem er die ganze Ebene überschauen konnte. Sie war +erfüllt von gotischen Waffen. Es war ein herrliches Schauspiel. +Aus allen Lagerthoren wogte die ganze Streitmacht +des gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der +Stadt umgürtend. Der Angriff sollte offenbar gegen alle +Thore zugleich unternommen werden und war nach Einem +Gedanken entworfen. +</p> + +<p> +Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen +Kreise schritten Bogenschützen und Schleuderer, in leichten +Plänklerschwärmen, die Zinnen und Brustwehren von Verteidigern +zu säubern. Darauf folgten Sturmböcke, Widder, +Mauerbrecher aus römischen Arsenalen entnommen oder +<pb n='271'/><anchor id='Pg271'/>römischen Mustern, wiewohl oft ungeschlacht genug, nachgebildet, +mit Pferden und Rindern bespannt, bedient von +Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur mit breiten +Schilden sich und die Bespannung gegen die Geschosse der +Belagerten decken sollten. Dicht hinter ihnen schritten die +zum eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen +Gliedern, mit voller Bewaffnung, zum Handgemeng mit +Beilen und starken Messern gerüstet, und lange, schwere +Sturmleitern schleppend. In großer Ordnung und Ruhe +rückten diese drei Angriffslinien überall gleichmäßigen +Schrittes vor: die Sonne glitzerte auf ihren Helmen: in +gleichen Zwischenräumen erschollen die langgezognen Rufe +der gotischen Hörner. +</p> + +<p> +»Sie haben etwas von uns gelernt,« rief Cethegus in +kriegerischer Freude. Der Mann, der diese Reihen geordnet +hat, versteht den Krieg.« »Wer ist es wohl?« fragte +Kallistratos, der, in reicher Rüstung, neben Lucius Licinius +hielt. »Ohne Zweifel, Witichis, der König,« sagte Cethegus. +– »Das hätte ich dem schlichten Mann mit den bescheidnen +Zügen nie zugetraut.« – »Diese Barbaren haben manches +Unergründliche.« +</p> + +<p> +Und vom Kapitol herab ritt er nun, über den Fluß, +nach der Umwallung am pankratischen Thor, wo der nächste +Angriff zu drohen schien, und bestieg mit seinem Gefolge +den dortigen Eckturm. +</p> + +<p> +»Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der +mit dem Steinbeil den Seinen voranschreitet? Er sieht +aus, als hätte ihn der Blitz des Zeus vergessen in der +Gigantenschlacht,« forschte der Grieche. +</p> + +<p> +»Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rückt +gegen das pankratische Thor,« antwortete der Präfekt. +</p> + +<p> +»Und wer ist der Reichgerüstete dort, auf dem Braunen, +mit dem Wolfsrachen auf dem Helm? Er zieht gegen die +<pb n='272'/><anchor id='Pg272'/>Portuensis.« – »Das ist Herzog Guntharis, der Wölsung,« +sprach Lucius Licinius. »Und sieh, auch drüben auf der +Ostseite der Stadt, überm Fluß, so weit man schauen +kann, gegen alle Thore, rücken Sturmreihen der Barbaren,« +sagte Piso. +</p> + +<p> +»Aber wo ist der König selbst?« fragte Kallistratos. +</p> + +<p> +»Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: +dort hält er, oberhalb des pankratischen Thors,« +erwiderte der Präfekt. »Er allein steht regungslos mit +seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurück, +hinter der Linie,« sprach Salvius Julianus, der junge +Jurist. »Sollte er nicht mit kämpfen?« meinte Massurius. +»Wäre gegen seine Weise. Aber laß uns vom Turm aus +den Wall hinab: das Gefecht beginnt,« schloß Cethegus. +»Hildebrand hat den Graben erreicht.« – »Dort stehen +meine Byzantiner, unter Gregor. Die Gotenschützen zielen +gut. Die Zinnen am pankratischen Thor werden leer. +Auf, Massurius, schicke meine abasgischen Jäger und von +den römischen Legionaren die besten Pfeilschützen dorthin: +sie sollen auf die Rinder und Rosse der Sturmböcke zielen.« +</p> + +<p> +Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und +mit Verdruß bemerkte Cethegus, daß die Goten überall +Fortschritte machten. Die Byzantiner schienen ihren Feldherrn +zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen von +den Wällen, indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung +vordrangen. Schon hatten sie an mehreren +Stellen den Graben überschritten und Herzog Guntharis +hatte sogar schon Leitern angelegt an den Wällen bei dem +portuensischen Thore, während der alte Waffenmeister einen +starken Widderkopf herangeschleppt und denselben durch ein +Schirmdach gegen die Feuergeschosse von oben gesichert +hatte. Bereits donnerten die ersten Stöße laut durch das +Getümmel des Kampfes gegen die Balken des pankratischen +<pb n='273'/><anchor id='Pg273'/>Thors. Dieser wohlbekannte Ton erschütterte den Präfekten, +der eben hier anlangte: »Offenbar,« sagte er zu sich selbst, +»machen sie jetzt bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch +so gut gelungen.« +</p> + +<p> +Und wieder ein dröhnender Stoß. Gregor, der Byzantiner, +sah ihn fragend an. »Das darf nicht lange währen!« +rief Cethegus zürnend, entriß dem nächsten Schützen Bogen +und Köcher und eilte auf den Mauerkranz an dem Thore: +»Hierher, ihr Schützen und Schleuderer! Mir nach!« rief +er, »schafft schwere Steine bei. Wo ist der nächste Ballist? +Wo die Skorpionen? das Schirmdach muß entzwei.« +</p> + +<p> +Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schützen, +die eifrig durch die Schießscharten nach den Zacken der +Mauerzinnen lugten. »Es ist umsonst, Haduswinth,« schalt +der junge Gunthamund, »zum drittenmal leg’ ich vergeblich +an! es wagt ja keiner nur die Nase über die Brustwehr.« +– »Geduld,« sagte der Alte, »halte den Bogen +nur gespannt! Es kommt schon einer, den der Fürwitz +plagt. Auch mir leg’ einen Bogen bereit. Nur Geduld.« +– »Die hat man leichter mit deinen siebzig als mit meinen +zwanzig Jahren.« +</p> + +<p> +Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: +er warf einen Blick in die Ebene: da sah er den König, +in der weiten Ferne, unbeweglich, im Centrum stehen der +gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das störte +und beunruhigte ihn. »Was hat er vor? Sollte er gelernt +haben, daß der Feldherr nicht fechten soll? Komm, +Gajus,« rief er dem jungen Schützen zu, der ihm kühn +gefolgt war, »deine jungen Augen sehen scharf, blick’ mit +mir über die Zinne hier – was treibt der König dort?« +Und er beugte sich über die Brustwehr, Gajus folgte, +eifrig spähend, seinem Beispiel. +</p> + +<pb n='274'/><anchor id='Pg274'/> + +<p> +»Jetzt, Gunthamund!« rief Haduswinth unten. Zwei +Sehnen klangen und die beiden Späher fuhren zurück. +</p> + +<p> +Gajus stürzte, in die Stirn geschossen, nieder: und +unter des Präfekten Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. +Cethegus strich mit der Hand über die Stirn. +</p> + +<p> +»Du lebst, mein Feldherr?« rief Piso, heranspringend. +</p> + +<p> +»Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die +Götter brauchen mich noch: nur die Haut ist geritzt,« +sprach Cethegus und schob den Helm zurecht. +</p> +</div><div type="kapitel" n="12"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Zwoelftes Kapitel."/> +<head>Zwölftes Kapitel.</head> + +<p> +Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng +hatte ihm sein Herr verboten, sich am Kampf zu beteiligen: +»die Barbaren sollen dich mir nicht töten und auch dich +nicht erkennen: – du bist unersetzlich als Sklave Mataswinthens +und Kundschafter des Königs Witichis,« hatte +Cethegus gesagt. +</p> + +<p> +»Wehe, wehe,« schrie er so überlaut, daß es seinem +Herrn auffiel, der des Mauren kluge Ruhe kannte, <anchor id="corr274"/><corr sic="welch'">»welch’</corr> +ein Unglück!« – »Was ist geschehen?« – »Constantinus +ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall führen aus +dem salarischen Thor und stieß sogleich auf die gotischen +Sturmreihen. Ein Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit +Mühe rettete man ihn auf den Wall. Dort fing ich den +Sinkenden auf: – er ernannte den Präfekten zu seinem +Vertreter. Hier ist sein Feldherrnstab.« +</p> + +<p> +»Das ist nicht möglich!« schrie Bessas, der auf Syphax’ +Ferse folgte. Er hatte in Person selbst neue Verstärkungen +<pb n='275'/><anchor id='Pg275'/>verlangen wollen und kam eben recht, die Nachricht zu +hören. »Oder er war schon sinnlos als er’s that.« +</p> + +<p> +»Hätte er dich bestellt, jedenfalls,« sprach Cethegus, +ruhig das Scepter ergreifend und dem schlauen Sklaven +mit einem raschen Wink des Auges dankend. Mit einem +wütenden Blicke sprang Bessas von der Brüstung und eilte +davon. »Folg’ ihm, Syphax, und beacht’ ihn wohl,« +flüsterte der Präfekt. +</p> + +<p> +Da eilte ein isaurischer Söldner herbei: »Verstärkung, +Präfekt, ans portuensische Thor. Herzog Guntharis hat +zahllose Leitern angelegt.« Da sprengte Cabao, der Führer +der maurischen berittnen Schützen heran: »Constantinus +ist tot. Vertritt du Constantinus.« +</p> + +<p> +»Belisar vertret’ ich,« sprach Cethegus stolz: »fünfhundert +Armenier ziehet ab vom appischen und schickt sie +ans portuensische Thor.« +</p> + +<p> +»Hilfe, Hilfe ans appische Thor! alle Verteidiger auf +den Zinnen sind erschossen!« meldete ein persischer Reiter, +»die Vorschanze ist halb verloren: vielleicht ist sie noch zu +halten: aber schwer! Aber unmöglich wär’s, sie wieder zu +nehmen!« +</p> + +<p> +Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius +Julianus, jetzt seinem Kriegstribun: »Auf, mein Jurist: +»<hi rend='antiqua'>beati possidentes</hi>«! – Nimm hundert Legionare und +halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe +kommt.« – +</p> + +<p> +Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter +seinen Füßen tobte das Gefecht, donnerte der Mauerbrecher +Hildebrands. Aber ihn kümmerte mehr die rätselhafte +Ruhe, in welcher der König im Hintergrund unbeweglich +stand. »Was hat er nur vor?« +</p> + +<p> +Da dröhnte von unten ein furchtbar krachender Stoß +<pb n='276'/><anchor id='Pg276'/>und lauter Siegesjubel der Barbaren: Cethegus brauchte +nicht zu fragen: in drei Sprüngen war er unten. – +</p> + +<p> +»Das Thor ist eingestoßen!« riefen ihm entsetzt die +Seinigen entgegen. »Ich weiß es: jetzt sind wir selbst +der Riegel Roms.« Und den Schild fester andrückend, +trat er hart an den rechten Thorflügel, in dem in der +That ein breiter Riß klaffte; und schon stieß der Widder +an die splitternden Platten neben der Öffnung. »Noch +ein solcher Stoß und das Thor liegt ganz,« sagte Gregor, +der Byzantiner. »Richtig, deshalb darf es nicht mehr +dazu kommen. Her zu mir, Gregor und Lucius: stellt +euch, Milites! die Speere gefällt! Fackeln und Brände! +zum Ausfall! Winke ich, so öffnet das Thor und werft +Widder und Schirmdach und alles in den Graben.« +</p> + +<p> +»Du bist sehr kühn, mein Feldherr!« rief Lucius Licinius, +entzückt neben ihn springend. +</p> + +<p> +»Ja, jetzt hat die Kühnheit Vernunft, mein Freund!« +</p> + +<p> +Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der +Präfekt das Schwert zum Zeichen des Angriffs erheben +–: da erscholl vom Rücken her ein Lärm, größer selbst +als der der stürmenden Goten: Wehegeschrei und Pferdegetrappel: +– und Bessas drängte sich heran: er faßte den +Arm des Präfekten: – seine Stimme versagte. +</p> + +<p> +»Was hemmst du mich in diesem Augenblick?« rief +dieser und stieß ihn zurück. – »Belisars Truppen,« +stammelte entsetzt der Thraker, »stehen schwer geschlagen +vor dem tiburtinischen Thor: – sie flehen um Einlaß: – +wütende Goten hinter ihnen – Belisar ist in einen Hinterhalt +gefallen: – er ist tot.« +</p> + +<p> +»Belisar ist gefangen!« schrie ein Türmer vom tiburtinischen +Thor, atemlos heraneilend. »Die Goten! die +Goten sind da! sie stehn vor dem nomentanischen und vor +dem tiburtinischen Thor!« scholl’s aus der Tiefe der +<pb n='277'/><anchor id='Pg277'/>Straße. »Belisars Fahne ist genommen! Prokop verteidigt +seine Leiche!« »Laß das tiburtinische Thor öffnen, +Präfekt!« drängte Bessas, »deine Isaurier stehen plötzlich +dort. Wer hat sie dorthin geschickt?« +</p> + +<p> +»Ich!« sagte Cethegus, überlegend. +</p> + +<p> +»Sie woll’n nicht öffnen ohne deinen Befehl! rette +doch seine – Belisars! – Leiche!« +</p> + +<p> +Cethegus zauderte – er hielt das Schwert halb erhoben +– er schwankte. »Die <hi rend='gesperrt'>Leiche</hi>,« dachte er, »rett’ ich +gern.« Da flog Syphax heran. »Nein! er lebt noch!« +rief er seinem Herrn ins Ohr, »ich hab ihn gesehen von +der Zinne: er regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: +die gotischen Reiter brausen heran: – Totila, Teja, gleich +sind sie bei ihm!« +</p> + +<p> +»Gieb Befehl, laß das tiburtiner Thor öffnen!« mahnte +Bessas. Aber des Präfekten Auge blitzte: sein Antlitz überflog +jener Ausdruck stolzer, kühner Entschlossenheit, der es +mit dämonischer Schönheit verklären konnte. Er schlug +mit dem Schwert an den zertrümmerten Thorflügel vor +sich: »Auf, zum Ausfall. Erst Rom: dann Belisar! Rom +und Triumph!« Das Thor flog auf. +</p> + +<p> +Die stürmenden Goten, schon des Sieges sicher, hätten +alles eher erwartet als dies Wagnis der, wie sie wähnten, +ganz verzagten Byzantiner. Sie waren ohne Fechtordnung +um das Thor herum zerstreut, wurden völlig überrascht +und durch den Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in +den hinter ihnen klaffenden Graben geworfen. +</p> + +<p> +Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen. +</p> + +<p> +Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem +Byzantiner, mit seinem Steinhammer den hochgeschweiften +Helm und das Haupt. Aber gleichzeitig fast stieß ihn +selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel in den Graben. +<pb n='278'/><anchor id='Pg278'/>Cethegus zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine, +die krachend auf den Alten stürzte. +</p> + +<p> +»Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen,« +befahl Cethegus. Rasch loderten deren Balken auf in +Flammen. Sogleich kehrten die siegreichen Römer zurück +in die Wälle. Da rief Syphax dem Präfekten entgegen: +»Gewalt, Herr, Aufruhr und Empörung! Die Byzantiner +gehorchen dir nicht mehr! Bessas rief sie auf, das tiburtinische +Thor mit Gewalt zu öffnen. Seine Leibwächter +drohen, Marcus Licinius anzugreifen und deine Legionare +und Isaurier zu schlachten durch die Hunnen.« +</p> + +<p> +»Das büßen sie!« rief Cethegus grimmig. »Wehe +Bessas! Ich will’s ihm gedenken! Auf, Lucius Licinius, +nimm den halben Rest der Isaurier! Nein, nimm sie alle! +alle! du weißt wo sie stehn: fasse die Leibwächter des +Thrakers von Porta Clausa her im Rücken. Und stehn +sie nicht ab, – so hau’ sie nieder, ohne Schonung. Hilf +deinem Bruder! Ich folge gleich!« +</p> + +<p> +Lucius Licinius zauderte. »Und das tiburtinische +Thor?« – »Bleibt geschlossen.« – »Und Belisar?« +</p> + +<p> +»Bleibt draußen.« – »Teja und Totila sind schon +heran.« – »Desto weniger kann man öffnen. Erst Rom: +dann alles andere. Gehorche, Tribun!« +</p> + +<p> +Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen +Thores anzuordnen. Das währte sehr geraume Zeit. +»Wie ging es, Syphax?« fragte er leise. »Lebt er wirklich?« +– »Er lebt noch.« – »Tölpel, diese Goten!« +</p> + +<p> +Da kam ein Bote von Lucius. »Dein Tribun läßt +melden: Bessas giebt nicht nach: – schon ist das Blut +deiner Legionare am tiburtiner Thor geflossen. Und Asgares +und deine Isaurier zögern, einzuhauen. Sie zweifeln +an deinem Ernst.« »Ich will ihnen meinen Ernst +<pb n='279'/><anchor id='Pg279'/>zeigen!« rief Cethegus, warf sich aufs Pferd, verließ diesen +Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind davon. +</p> + +<p> +Weit war sein Weg: über die Tiberbrücke des Janiculum, +am Kapitol vorbei, über das Forum Romanum, +durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die Thermen +des Titus rechts lassend, über den Esquilin hinaus, endlich +durch das esquilinische Thor an das tiburtinische Außenthor: +– ein Weg vom äußersten Westen an den äußersten +Osten der weitgestreckten Stadt. +</p> + +<p> +Hier, hinter dem Thore, standen die Leibwächter von +Bessas und Belisar mit gedoppelter Front. Die eine +Schar schickte sich an, die Legionare und Isaurier des +Präfekten unter Marcus Licinius an der Thorwache zu +überwältigen und das Thor mit Gewalt zu öffnen, während +die zweite Fronte mit gefällten Speeren der Masse der +andern Isaurier gegenüberstand, die Lucius vergeblich +zum Angriff befehligte. +</p> + +<p> +»Söldner,« rief Cethegus, das schnaubende Roß dicht +vor deren Linie anhaltend, »wem habt ihr geschworen: +mir oder Belisar?« »Dir, Herr,« sprach Asgares, ein +Anführer, vortretend, »aber ich dachte« – Da blitzte das +Schwert des Präfekten und tödlich getroffen stürzte der +Mann. »Zu gehorchen habt ihr, eidbrüchige Schurken, +nicht zu denken!« +</p> + +<p> +Entsetzt standen die Söldner. Aber Cethegus befahl +ruhig: »Die Speere gefällt! zum Angriff! mir nach!« +Und die Isaurier gehorchten ihm und nun, – ein Augenblick +noch, und es begann in Rom selbst der Kampf. +</p> + +<p> +Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des +aurelischen Thores, her ein furchtbares, alles übertäubendes +Geschrei: »Wehe, Wehe, alles verloren! Die Goten über +uns! Die <anchor id="corr279"/><corr sic="Sadt">Stadt</corr> ist genommen!« +</p> + +<p> +Cethegus erbleichte und blickte zurück. Da sprengte +<pb n='280'/><anchor id='Pg280'/>Kallistratos heran, Blut floß ihm über Gesicht und Hals. +»Cethegus,« rief er, »es ist aus! Die Barbaren sind in +Rom! Die Mauer ist erstiegen.« »Wo?« fragte der +Präfekt tonlos. »Am Grabmal Hadrians!« – »O mein +Feldherr!« rief Lucius Licinius, »ich habe dich gewarnt.« +</p> + +<p> +»Das war Witichis!« sagte Cethegus, die Augen zusammendrückend. +</p> + +<p> +»Woher weißt du das!« staunte Kallistratos. »Genug, +ich weiß es.« Es war ein furchtbarer Augenblick für den +Präfekten. +</p> + +<p> +Er mußte sich sagen, daß er, rücksichtslos seinen Plan +zum Verderben Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit +Rom übersehen hatte. Er biß die Zähne in die Unterlippe. +</p> + +<p> +»Cethegus hat das Grabmal Hadrians entblößt! Cethegus +hat Rom ins Verderben gestürzt!« rief Bessas an +der Spitze der Leibwächter. +</p> + +<p> +»Und Cethegus wird es retten!« rief dieser, sich hoch +im Sattel ausrichtend. »Mir nach, alle Isaurier und +Legionare.« »Und Belisar?« flüsterte Syphax. – »Laßt +ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt mir!« +Und im Sturmflug sprengte er zurück, des Weges, den er +gekommen. Nur wenige Berittene konnten ihm folgen: im +Lauf eilte sein Fußvolk, Isaurier und Legionare, nach. +</p> +</div><div type="kapitel" n="13"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Dreizehntes Kapitel.</head> + +<p> +Draußen vor dem tiburtinischen Thore ward es zu +gleicher Zeit stiller. Ein Bote hatte die gotischen Reiter +von dem überflüssigen Gefechte abgerufen. Sie sollten hier +<pb n='281'/><anchor id='Pg281'/>innehalten und alle verfügbare Mannschaft um die Stadt +und über den Fluß eilig an das aurelische Thor senden, +durch welches man soeben in die Stadt gedrungen sei: +dort brauche man alle Kräfte. Die Reiter jagten, rechtsum +schwenkend, nach jenem Thor, wo sich jetzt alles zusammendrängte: +aber ihr eigenes Fußvolk, stürmend an den +zwischenliegenden fünf Thoren: der Porta clausa, nomentana, +salaria, pinciana und flaminia, versperrte ihnen den +Weg so lange, daß sie zu der Entscheidung zu spät kamen, +die am Grabmal des Hadrian gefallen war. +</p> + +<p> +Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes +des Präfekten: dem vatikanischen Hügel gegenüber, einen +Steinwurf etwa vor dem aurelischen Thor gelegen, mit +diesem durch Seitenmauern verbunden und überall, außer +im Süden, wo der Fluß decken sollte, durch neue Wälle +geschützt, ragte die »<hi rend='antiqua'>moles Hadriani</hi>«, ein gewaltiger runder +Turm von festestem Bau. Eine Art Hofraum umgab das +eigentliche Gebäude: vor der ersten, äußeren Deckungsmauer +im Süden floß der Tiber. Auf den Zinnen dieser +Außenmauer, in dem Hofraum und auf den Zinnen der +Innenmauer lagerten sonst die Isaurier, die der Präfekt +zu übler Stunde hinweggezogen hatte, seinen Plan gegen +Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der Innenmauer +aber standen die zahlreichen Statuen von Marmor und +Erz, deren drittes Hundert das Geschenk des Kallistratos +vervollständigt hatte. +</p> + +<p> +Der König der Goten hatte sich für heute in der Mitte +des großen Halbkreises, den die Barbaren auch um die +Westseite, auf dem rechten Tiberufer, um die Stadt gezogen, +auf dem Felde Neros zwischen dem pankratischen +(alten aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Thor, +wo sonst nur Graf Markja von Mediolanum lagerte, eine +zurückgenommene, abwartende Stellung gewählt. Er baute +<pb n='282'/><anchor id='Pg282'/>seinen Plan darauf, daß der allgemeine Sturm gegen alle +Thore notwendig die Kräfte der Belagerten werde zersplittern +müssen: und sowie an irgend einem Punkt durch +Hinwegziehung der Verteidiger eine Blöße entstehen würde, +gedachte er, sie sofort zu benützen. +</p> + +<p> +In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten +Treffen weit hinter den Sturmkolonnen. Er hatte allen +Anführern Auftrag gegeben, ihn schleunig herbeizurufen, +wo sich eine Lücke der Verteidigung zeige. +</p> + +<p> +Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort +der Ungeduld hatte er von seinen Scharen zu tragen gehabt, +die müßig stehen sollten, während die Genossen +überall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten +sie auf einen Boten, der sie abriefe zur Teilnahme am +Kampf. +</p> + +<p> +Da bemerkte endlich des Königs scharfes Auge selbst +zuerst, wie von den Zinnen der Außenmauer am Grabmal +Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen und die dichten +Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er +hin: sie wurden nicht abgelöst, die Lücken nicht ersetzt. Da +sprang er aus dem Sattel, gab seinem Rosse einen Schlag +mit der flachen Hand auf den stolzen Bug, sprach: »Nach +Hause, Boreas!« und das kluge Tier lief geradeaus in +das Lager zurück. »Jetzt, vorwärts meine Goten! vorwärts, +Graf Markja!« rief der König, »dort über den +Fluß – die Mauerbrecher laßt hier zurück: nur die Schilde +und die Sturmleitern nehmt mit. Und die Beile. Voran!« +Und im Lauf erreichte er den steilen Uferhang an der +südlichen Biegung des Flusses und eilte den Hügel hinab. +</p> + +<p> +»Keine Brücke, König, und keine Furt?« fragte ein +Gote hinter ihm. +</p> + +<p> +»Nein, Freund Iffamer, schwimmen!« und der König +sprang in die gelbe schmutzige Flut, daß sie zischend hoch +<pb n='283'/><anchor id='Pg283'/>über seinem Helmbusch zusammenschlug. In wenigen +Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die vordersten +seiner Leute mit ihm. Bald standen sie hart vor der +hohen Außenmauer des Grabmals und die Männer blickten +fragend, besorgt hinauf. »Leitern her!« rief Witichis, +»seht ihr nicht? Die Verteidiger fehlen ja! Fürchtet ihr +euch vor hohen Steinen?« Rasch waren die Leitern angelegt, +rasch die Außenwälle erstiegen, die wenigen Wachen +hinabgestürzt, die Leitern nachgezogen und an der Innenseite +der Außenmauer in den Hof hinabgelassen. +</p> + +<p> +Der König war der erste in dem Hofraum. +</p> + +<p> +Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine +Weile gehemmt. Denn auf den Zinnen der Innenmauer +standen, vom pankratischen Thore hierher geeilt, Quintus +Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur +ein Paar Isauriern: und diese schleuderten einen dichten +Hagel von Speeren und Pfeilen auf die nur vereinzelt in +den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch ihre Ballisten +und Katapulten wirkten verheerend. »Schickt um Hilfe, +um Hilfe zu Cethegus!« rief oben auf der Mauer Piso. +Und Kallistratos flog davon. +</p> + +<p> +Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben +Witichis. »Was thun?« fragte Markja an seiner Seite. +»Warten, bis sie sich verschossen haben,« sagte dieser ruhig. +»Es kann nicht lange mehr währen. Sie werfen und +schießen viel zu hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: +schon fliegen mehr Steine denn Pfeile. Und die Speere +bleiben aus.« – »Aber die Ballisten, die Katapulten –« +– »Werden uns bald nicht mehr schaden. Ordnet euch +zum Sturm. Seht, der Hagel wird sehr spärlich. So, +nun die Leitern bereit und die Beile. – Jetzt, rasch mir +nach.« Und in schnellem Anlauf rannten die Goten über +den Hof. +</p> + +<pb n='284'/><anchor id='Pg284'/> + +<p> +Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen +sie hart an der zweiten, der inneren Mauer: und hundert +Leitern waren angelegt. Jetzt aber waren alle Ballisten +und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum Schuß +in die Weite gespannt, konnten sie nicht ohne große Mühe +und lange Zeit zu senkrechtem Schuß gerichtet werden. +Piso bemerkte es wohl und erbleichte. »Wurfspeere her! +Speere! Speere! oder alles ist hin!« – »Alle verschossen,« +keuchte trostlos neben ihm der dicke Balbus. +</p> + +<p> +»Dann ist’s vorbei!« seufzte Piso, den rechten Arm +totmüde senkend. »Komm, Massurius, laß uns fliehn,« +mahnte Balbus. »Nein, laßt uns hier sterben,« rief Piso. +Und schon tauchte der erste gotische Helm über den Rand +der Mauer. +</p> + +<p> +Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite +herauf: »Cethegus! Cethegus der Präfekt!« +</p> + +<p> +Und er war’s; rasch sprang er auf die Zinne vor +und hieb dem Goten, der eben die Hand auf die Brustwehr +stützte, sich heraufzuschwingen, die Hand samt dem +Arme ab. – Der Mann schrie und stürzte. +</p> + +<p> +»O Cethegus,« sagte Piso, »du kommst zu rechter Zeit!« +– »Ich hoffe es,« sprach dieser und stieß die Leiter um, +die vor ihm angelegt stand. Witichis war darauf gestanden, +– behend sprang er hinab. »Aber jetzt Geschosse +her, Speere, Lanzen. Sonst hilft alles nichts,« rief Cethegus. +»Kein Geschoß mehr weit und breit,« antwortete +Balbus. »Du kommst, hofften wir, mit deinen Isauriern?« +»Die sind noch weit, weit hinter mir!« rief Kallistratos, +der eben als der erste nach Cethegus wieder erschien. +</p> + +<p> +Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der +aufsteigenden Helme. Und es wuchs die dringendste Gefahr. +</p> + +<p> +Wild blickte Cethegus um sich. »Geschosse,« rief er +mit dem Fuße stampfend, »es müssen Geschosse herbei!« Da +<pb n='285'/><anchor id='Pg285'/>fiel sein Auge auf die riesige Marmorstatue Zeus, des Erretters, +die zu seiner Linken auf der Zinne stand. Ein +Gedanke durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu +und <anchor id="corr285"/><corr sic="schug">schlug</corr> mit einem Handbeil den rechten Arm der Statue +mitsamt dem Donnerkeil in ihrer Faust herab. »Zeus,« +rief er, »leih mir deinen Blitz! – Was hältst du ihn so +müßig? Auf! zerschlagt die Statuen: und schleudert sie +den Feinden auf die Köpfe.« Und rascher, als er dies +gesagt, ward sein Beispiel befolgt. Mit Äxten und Beilen +fielen die geängstigten Verteidiger über die Götter und +Heroen her und im Augenblick waren all’ die herrlichen +Gestalten zertrümmert. +</p> + +<p> +Es war ein grausenhafter Anblick: da barst ein erhabner +Hadrian, eine Reiterstatue, Roß und Reiter mitten +auseinander: da stürzte eine lächelnde Aphrodite in die +Knie: da flog der schöne Marmorkopf eines Antinous vom +Rumpfe und sauste, von zwei Händen geschleudert, auf +einen gotischen Büffelschild. Und weithin spritzten, die +Zinnen bedeckend, Splitter und Trümmer von Marmor +und Erz, von Bronze und Gold. Krachend und dröhnend +schlugen die gewaltigen Lasten von Stein und Metall von +den Zinnen herab und zerschmetterten die Helme und +Schilde, die Panzer und die Glieder der stürmenden Goten +und die Leitern selber, die sie trugen. +</p> + +<p> +Mit Grauen blickte Cethegus auf das furchtbare Werk +der Zerstörung, das sein Wort angerichtet. Aber es hatte +gerettet. Zwölf, fünfzehn, zwanzig Leitern standen leer +von den hart aufeinander folgenden Männern, die sie kurz +zuvor ameisendicht besetzt hatten: ebensoviel lagen zerbrochen +am Fuß der Mauer: überrascht von diesem unerwarteten +Erz- und Marmorhagel, wichen die Goten einen Augenblick. +Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas zum Sturm: +und wieder sausten die centnerschweren Lasten hernieder. +</p> + +<pb n='286'/><anchor id='Pg286'/> + +<p> +»Unseliger, was hast du gethan?« jammerte Kallistratos +und starrte auf die Trümmer. +</p> + +<p> +»Das Notwendige!« antwortete Cethegus und schleuderte +den Rest von Zeus dem Erretter über den Wall. »Siehst +du, wie das traf? – zwei Barbaren auf Einen Schlag« +– und zufrieden blickte er hinab. +</p> + +<p> +Da hörte er den Korinther rufen: »Nein, nein. Nicht +diesen! Nicht den Apoll!« +</p> + +<p> +Und Cethegus wandte sich und sah, wie ein riesiger +Isaurier sein Beil gegen das Haupt des Latoniden schwang. +»Narr, sollen die Goten herauf?« fragte der Barbar und +holte wieder aus. +</p> + +<p> +»Nicht meinen Apollon!« wiederholte der <anchor id="corr286"/><corr sic="Helene">Hellene</corr> und +umschlang den Gott schützend mit beiden Armen, weit sich +vorbeugend. +</p> + +<p> +Das ersah auf der nächsten Leiter Graf Markja: und +glaubend, jener wolle die Statue auf ihn niederschleudern, +kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog und traf den Griechen +mitten in die Brust. »Ach – Cethegus!« seufzte er und +starb. Der Präfekt sah ihn fallen und preßte die Brauen +zusammen. »Rettet die Leiche und seine beiden Götter +verschont!« sprach er kurz – und stieß die Leiter um, auf +der Markja gestanden: mehr konnte er nicht sagen und +nicht thun: denn schon rief ihn eine neue, die drohendste +Gefahr. +</p> + +<p> +Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb +herabgesprungen, war seither hart an der Mauer gestanden +unter dem Hagel der Stein- und Metalltrümmer nach neuen +Mitteln spähend. Denn seit der erste Versuch der Sturmleitern +durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Götter +und Herren, abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den +Wall zu gewinnen. Während er sann und spähte, schlug +das schwere Marmorfußgestell eines Mars gradivus dicht +<pb n='287'/><anchor id='Pg287'/>neben ihm auf die Erde, prallte nochmal empor und traf +dabei an eine Mauerplatte. Und siehe, diese Platte, die +ein Quader von härtestem Stein geschienen hatte, zersprang +zerbröckelnd in kleine Stücke von Mörtel und Lehm: und +an ihrer Stelle wurde sichtbar eine schmale Holzpforte, die +von jener Masse nur locker verkleidet und verdeckt, den +Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang gedient +hatte, wenn sie an dem großen Gebäude arbeiteten +und nachbesserten. +</p> + +<p> +Kaum ersah Witichis die Holzthür, als er jubelnd ausrief: +»Hierher, hierher, ihr Goten! Beile zur Hand!« +Und schon schlug seine eigne Streitaxt donnernd an die +dünnen Bretter, die nichts weniger als stark schienen. +</p> + +<p> +Verhängnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des +Präfekten Ohr! er hielt oben inne in der Blutarbeit und +lauschte. »Das ist Eisen gegen Holz! Bei Cäsar!« sagte +er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab, +die an der Innenseite der zweiten Mauer in den schwach +durch Öl-Lampen beleuchteten Innenraum des Grabmals +führte. +</p> + +<p> +Da dröhnte ein Schlag lauter als alle früheren, ein +dumpfes Krachen und helles Splittern folgte und jauchzendes +Siegesgeschrei der Goten. Wie Cethegus auf die letzte +Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend nach +innen in den Hof und König Witichis ward sichtbar auf +der Schwelle. +</p> + +<p> +»Mein ist Rom!« jubelte er, das Beil fallen lassend +und das Schwert aus der Scheide ziehend. »Du lügst, +Witichis! zum erstenmal im Leben!« rief Cethegus grimmig +und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel stoßend +gegen des Goten Brust, daß dieser überrascht einen Schritt +zurücktrat. +</p> + +<p> +Diesen Schritt benutzte der Präfekt und stellte sich selbst +<pb n='288'/><anchor id='Pg288'/>auf die Schwelle, die ganze enge Pforte füllend. »Wo +bleiben die Isaurier!« rief er. +</p> + +<p> +Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, +bis er ihn erkannte. »So treffen wir uns doch im +Zweikampf um Rom.« Und nun war das Anspringen +an ihm. Cethegus, bemüht die ganze Öffnung der Pforte +zu verschließen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein +rechter Arm mit dem kurzen Römerschwert vermochte nicht +genug, seine rechte Seite zu decken. Der Stoß des langen +Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug von +Cethegus abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend, +tief in seine rechte Brust. +</p> + +<p> +Der Präfekt wankte nach links: schon neigte er sich zu +fallen: aber er fiel nicht. »Rom! Rom!« sagte er tonlos, +und krampfhaft hielt er sich noch aufrecht. +</p> + +<p> +Witichis war einen Schritt zurückgetreten, um in neuem +Ansprung dem gefährlichen Feind den Rest zu geben. Aber +in diesem Augenblick erkannte ihn oben auf der Zinne Piso +und schleuderte einen prachtvollen schlafenden Faun, der +bereits mit abgehauenen Füßen auf dem Walle lag, auf +den König herab; er traf die Schulter und Witichis stürzte +nieder. Graf Markja, Iffamer und Aligern trugen ihn +aus dem Gefecht. +</p> + +<p> +Cethegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst +auf der Schwelle der Pforte zusammen; schützende Arme +eines Freundes fingen ihn auf: – aber er erkannte diesen +nicht mehr: sein Bewußtsein schwand. +</p> + +<p> +Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, +der seine Seele entzückte: es war die Tuba seiner Legionare, +das Feldgeschrei seiner Isaurier, die jetzt – endlich – im +Sturmschritt eintrafen und, von den Liciniern geführt, in +dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres Königs +erschütterten Goten stürzten. Sie drängten sie siegreich zu +<pb n='289'/><anchor id='Pg289'/>einer (einstweilen von den eingedrungenen Goten von Innen +hinausgebrochenen) Bresche der ersten Mauer unter großem +Blutvergießen hinaus. +</p> + +<p> +Der Präfekt sah die letzten Barbaren flüchten: – da +schlossen sich abermals seine Augen. »Cethegus!« rief der +Freund, der ihn im Arme hielt, »Belisar im Sterben: und +so bist auch du verloren?« Cethegus erkannte jetzt die +Stimme Prokops. »Ich weiß nicht,« sprach er mit letzter +Kraft, »aber Rom, – Rom ist gerettet!« Und damit vergingen +ihm die Sinne. +</p> +</div><div type="kapitel" n="14"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Vierzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Nach der Anspannung aller Kräfte zu dem allgemeinen +Sturm und seiner Abwehr, der mit dem Morgenrot begonnen +und bei sinkender Sonne erst beendet war, trat bei +Goten und Römern eine lange Pause der Erschlaffung ein. +Die drei Führer Belisar, Cethegus und Witichis lagen +wochenlang an ihren Wunden danieder. +</p> + +<p> +Aber noch mehr wurde die thatsächliche Waffenruhe +veranlaßt durch die tiefe Niedergeschlagenheit und Entmutigung, +die das Heer der Germanen befallen hatten, +nachdem der mit höchster Anstrengung angestrebte Sieg in +dem Augenblick, da er bereits gewonnen schien, ihnen entrissen +wurde. +</p> + +<p> +Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes gethan: +ihre Helden hatten an Tapferkeit gewetteifert: und doch +waren beide Pläne, der gegen Belisar und der gegen die +Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch +König Witichis in seinem steten Mute die Gedrücktheit des +<pb n='290'/><anchor id='Pg290'/>Heeres nicht teilte, so erkannte er dafür desto klarer, daß +er seit jenem blutigen Tage das ganze System der Belagerung +ändern mußte. +</p> + +<p> +Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schätzt +ihn auf dreißigtausend Tote und mehr als ebensoviele Verwundete: +sie hatten sich im ganzen Umkreis der Stadt mit +äußerster Todesverachtung den Geschossen der Belagerten +ausgesetzt und am pankratischen Thor und bei dem Grabmal +Hadrians waren sie zu Tausenden gefallen. +</p> + +<p> +Da nun auch in den achtundsechzig früheren Gefechten +die Angreifenden immer viel mehr als die hinter Mauer +und Turm gedeckten Verteidiger gelitten hatten, so war das +große Heer, das Witichis vor Monden gegen die ewige +Stadt geführt, furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, +daß schon seit geraumer Zeit Seuchen und Hunger in ihren +Zelten wüteten. Bei dieser Entmutigung und Abnahme +seiner Truppen mußte Witichis den Gedanken, die Stadt +mit Sturm zu nehmen, aufgeben und seine letzte Hoffnung +– er verhehlte sich ihre Schwäche nicht – bestand in der +Möglichkeit, der Mangel werde den Feind zur Übergabe +zwingen. Die Gegend um Rom war völlig ausgesogen: +und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei die +Entbehrung länger würde ertragen oder welche sich aus +der Ferne würde Vorräte verschaffen können. Schwer fehlte +den Goten die an der Küste von Dalmatien beschäftigte +Flotte. – +</p> + +<p> +Der Erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der +Präfekt. +</p> + +<p> +Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, +bewußtlos weggetragen, lag er anderthalb Tage in einem +Zustand, der halb Schlaf, halb Ohnmacht war. +</p> + +<p> +Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, +traf sein erster Blick auf den treuen Mauren, der +<pb n='291'/><anchor id='Pg291'/>am Fußende des Lagers auf der Erde kauerte und kein +Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen +Arm gerollt. +</p> + +<p> +»Die Holzpforte!« war des Präfekten erstes, noch schwach +gehauchtes Wort, »die Holzpforte muß fort – ersetzt durch +Marmorquadern .. –« +</p> + +<p> +»Danke, danke dir, Schlangengott!« jubelte der Sklave, +»jetzt ist der Mann gerettet. Und auch du selbst. Und +ich, ich, Herr, habe dich gerettet.« Und er warf sich mit +gekreuzten Armen nieder und küßte das Lagergestell seines +Herrn. – Er wagte nicht, dessen Füße zu berühren. »Du +mich gerettet? – Wodurch?« +</p> + +<p> +»Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, +habe ich den Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt +und gesprochen: »Du siehst, starker Gott, des Herrn Augen +sind geschlossen. Hilf, daß er sie wieder aufschlägt. Bis +du geholfen, erhältst du keine Krume Brot und keinen Tropfen +Milch. Und wenn er die Augen nicht wieder aufschlägt +– an dem Tage, da sie ihn verbrennen, verbrennt Syphax +mit: aber du, o großer Schlangengott, desgleichen. Du +kannst helfen: also hilf: oder brenne.« So sprach ich, +und er hat geholfen.« +</p> + +<p> +»Die Stadt ist sicher – das fühl’ ich, sonst hätte ich +nicht entschlafen können. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?« +</p> + +<p> +»In der Bibliothek mit deinen Tribunen. Sie erwarten +nach des Arztes Ausspruch noch heute dein Erwachen oder +deinen ... –« – »Tod? Diesmal hat dein Gott noch +geholfen, Syphax. Laß die Tribunen ein.« +</p> + +<p> +Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus +und einige andere vor ihm; sie wollten bewegt an sein +Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. »Rom dankt euch, +durch mich. Ihr habt gefochten wie – wie Römer. Mehr, +Stolzeres kann ich euch nicht sagen.« Und er übersah wie +<pb n='292'/><anchor id='Pg292'/>nachsinnend die Reihe, dann sagte er: »Einer fehlt mir – +ah mein Korinther! Die Leiche ist gerettet. Denn ich +empfahl sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt ihm +als Denkmal eine schwarze Platte von korinthischem +Marmor an die Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des +Apollo über die Aschenurne und schreibt darauf: »Kallistratos +von Korinth ist hier für Rom gestorben; er hat den Gott, +der Gott nicht ihn gerettet.« Jetzt geht, bald sehen wir +uns wieder – auf den Wällen. Syphax, nun sende mir +Prokop. Und bring einen großen Becher Falernerwein.« +»Freund,« rief er dem eintretenden Prokopius entgegen, +»mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch flüstern +hören: »Prokop hat den großen Belisar gerettet.« Ein +unsterblich Verdienst! Die ganze Nachwelt wird dir’s +danken – so brauch’ ich’s nicht zu thun. Setze dich hierher +und erzähle mir das Ganze ... – Aber halt: erst +schiebe die Kissen zurecht, daß ich meinen Cäsar wieder +sehen kann. Sein Anblick stärkt mehr als Arzneien. Nun +sprich.« +</p> + +<p> +Prokopius sah den Liegenden durchdringend an. +</p> + +<p> +»Cethegus,« sagte er dann, ernsten Tones, »Belisar +weiß alles.« »Alles?« lächelte der Präfekt, »das ist +viel.« – »Laß den Spott und versage Bewunderung nicht +dem Edelsinn: du, der du selber edel bist.« – »Ich? +Nicht daß ich wüßte.« – »Sowie er zum Bewußtsein +kam, hat ihm Bessas natürlich sofort alles mitgeteilt: hat +ihm haarklein erzählt, wie du befohlen, das Thor gesperrt +zu halten, als Belisar in seinem Blute davor lag, den +wütigen Teja auf den Fersen: daß du befohlen, seine Leibwächter +niederzuhauen, die mit Gewalt öffnen wollten: +jedes Wort von dir hat er berichtet, auch deinen Ausruf: +»Erst Rom, dann Belisar«: und hat deinen Kopf verlangt +im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius +<pb n='293'/><anchor id='Pg293'/>sprach: »er hat recht gethan! hier, Prokop, bring ihm mein +eigen Schwert und die ganze Rüstung, die ich an jenem +Tage trug, zum Dank.« Und in dem Bericht an den +Kaiser hat er mir die Worte diktiert: »Cethegus hat Rom +gerettet und nur Cethegus! Schick’ ihm den Patriciat +von <anchor id="corr293"/><corr sic="Byzanz!«">Byzanz!««</corr> +</p> + +<p> +»Ich danke: ich habe Rom nicht für Byzanz gerettet.« +– »Das brauchst du mir nicht erst zu sagen, unattischer +Römer.« +</p> + +<p> +»Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was +war dein Dank?« +</p> + +<p> +»Still. Er weiß nichts davon. Und soll es nie erfahren.« +</p> + +<p> +»Syphax, Wein. – Soviel Edelsinn kann ich nicht +vertragen! Es macht mich schwach. Nun, wie war der +Reiterspaß?« +</p> + +<p> +»Freund, das war kein Spaß. Sondern der furchtbarste +Ernst, der mir noch begegnet. Um ein Haar fehlte +es, so war Belisar verloren.« +</p> + +<p> +»Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt +bei diesen Goten! Dumme Tölpel sind sie samt und +sonders.« +</p> + +<p> +»Du sprichst, als wär’ es dir sehr leid, daß Belisar +nicht umgekommen.« +</p> + +<p> +»Recht wär ihm geschehn. Ich hab ihn dreimal gewarnt. +Er sollte endlich wissen, was einem alten Feldherrn +ziemt und was einem jungen Raufbold.« +</p> + +<p> +»Höre,« sagte Prokop, ihn ernsthaft betrachtend, »du +hast dir ein Recht erworben, so zu sprechen, vor dem +Grabmal Hadrians. Früher, wenn du des Mannes Heldentum +herabzogst ...« – »Dachtest du, ich spräche aus +Neid gegen den tapfern Belisar! Hört es, ihr unsterblichen +Götter.« +</p> + +<pb n='294'/><anchor id='Pg294'/> + +<p> +»Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ...« – +</p> + +<p> +»Laß mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, +wenn es gilt, muß man den Tod verachten, sonst aber +vorsichtig das Leben lieben. Denn nur die Lebendigen +herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist +meine Weisheit, und nenn’ es meine Feigheit, wenn du +willst. Also – euer Überfall – mach’s kurz! Wie +ging’s?« +</p> + +<p> +»Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, +– alles schien frei vom Feind und sicher zum Futter +holen – da wandten wir die Rosse allmählich wieder +gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern +Schafe, dir wir aufgetrieben, in der Mitte, Belisar voran, +der junge Severinus, Johannes und ich an seiner Seite. +Plötzlich, wie wir aus dem Dorf <hi rend='antiqua'>ad aras Bacchi</hi> ins Freie +kommen, jagen aus den Gehölzen zu beiden Seiten der +valerischen Straße von links und rechts gotische Reiter +auf uns zu. Ich sah, daß sie uns stark überlegen waren +und riet die Flucht mitten durch sie hindurch auf der Straße +nach Rom zu versuchen. Aber Belisar meinte: »Viele sind +es, doch nicht allzuviele,« und sprengte gegen die Angreifer +zur Linken, ihre Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen +wir übel an: die Goten ritten besser und fochten besser +als unsere mauretanischen Reiter: und ihre Führer, Totila +und Hildebad – jenen erkannte ich an den langflatternden +gelben Haaren und diesen an der ungeschlachten Größe – +hielten sichtlich scharf auf den Feldherrn selbst. »Wo ist +Belisar und sein Mut?« schrie der lange Hildebad vernehmlich +durch das Klirren der Waffen. +</p> + +<p> +»Hier!« antwortete dieser unverzüglich: und ehe wir +ihn abhalten konnten, hielt er schon dem Riesen gegenüber. +Der war nicht faul und hieb ihm mit seinem wuchtigen +Beil auf den Helm, daß der goldene Kamm mit dem +<pb n='295'/><anchor id='Pg295'/>weißen Roßhaarbüschel zerschmettert zur Erde rollte und +Belisars Haupt bis auf den Kopf des Pferdes niederfuhr. +Und schon holte jener zum zweiten, dem tödlichen Streiche +aus: da war der junge Severinus, des Boëthius Sohn, +heran und fing den Hieb mit dem runden Schilde auf. +Aber das Beil des Barbaren drang durch den Schild und +flog noch tief in den Hals des edeln Jünglings. Er +stürzte« – Prokop stockte in schmerzlichen Gedanken. +</p> + +<p> +»Tot?« fragte Cethegus ruhig. +</p> + +<p> +»Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, +trug ihn aus dem Gefecht. Doch starb er schon, +so hört’ ich, eh’ er das Dorf erreichte.« +</p> + +<p> +»Ein schöner Tod!« sagte Cethegus. »Syphax, einen +neuen Becher Wein!« +</p> + +<p> +»Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stieß +nun in großem Zorn mit seinem Speer dem Goten so +gewaltig auf die Brustplatte seines Harnisches, daß er der +Länge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf, aber +der junge Totila« – +</p> + +<p> +»Nun?« +</p> + +<p> +»Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig +durch die Lanzen der Leibwächter Bahn brach zu Belisar. +Aigan, sein Bannerträger, wollte ihn decken, aber des +Goten Schwert traf seinen linken Arm: er riß ihm die +Fahne aus der erschlafften Hand und warf sie dem nächsten +Goten zu. Laut auf schrie Belisar vor Zorn und wandte +sich gegen ihn: aber der junge Totila ist rasch wie der +Blitz und zwei scharfe Hiebe trafen, eh’ er sich’s versah, +des Feldherrn beide Schultern: der wankte im Sattel und +sank langsam vom Pferd, das im selben Augenblick ein +Wurfspeer traf und niederwarf. »Gieb dich gefangen, +Belisar!« rief Totila. +</p> + +<p> +Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt +<pb n='296'/><anchor id='Pg296'/>verneinend zu schütteln, da sank er vollends zur Erde. +Rasch war ich abgesprungen, hatte ihn auf mein eigen +Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, +der fünfzig Leibwächter um ihn scharte und ihn schnell +aus dem Getümmel flüchtend nach der Stadt hin brachte.« +– »Und du?« +</p> + +<p> +»Ich focht zu Fuß weiter. Und es gelang mir, da +jetzt unsere Nachhut eintraf, – die Vorräte in der Mitte +hatten wir preisgegeben – das Gefecht gegen Totila zu +stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die +zweite Schar der gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind +sauste der schwarze Teja herzu, durchbrach unsern +rechten Flügel, der ihm zunächst stand, von vorn, durchbrach +dann meine eigene gegen Totila gerichtete Front +von der Flanke und zersprengte unsern ganzen Schlachthaufen. +Ich gab das Gefecht verloren, ergriff ein ledig +Roß und eilte dem Feldherrn nach. Aber auch Teja hatte +die Richtung von dessen Flucht erkannt und jagte uns +wütend nach. An der fulvischen Brücke holte er die Bedeckung +ein; Johannes und ich hatten mehr als die Hälfte +der noch übrigen Leibwächter an der Brücke aufgestellt, +den Übergang zu wehren, unter Principius, dem tapfern +Pisidier, und Tarmuth, dem riesigen Isaurier. Dort +fielen sie alle dreißig, zuletzt auch die beiden treuen Führer, +von dem Schwerte des Teja allein, wie ich vernahm. +Dort fiel die Blüte von Belisars Leibwächtern: darunter +viele meiner nächsten Waffenfreunde, Alamundarus der +Saracene, Artasines der Perser, Zanter der Armenier, +Longinus der Isaurier, Bucha und Chorsamantes die +Massageten, Kutila der Thrakier, Hildeger der Vandale, +Juphrut der Maure, Theodoritos und Georgios die +Kappadokier. Aber ihr Tod erkaufte unsere Rettung. +Wir holten hinter der Brücke unser hier zurückgelassenes +<pb n='297'/><anchor id='Pg297'/>Fußvolk ein, das dann noch die feindlichen Reiter so lang +beschäftigte, bis das tiburtinische Thor sich, – spät genug! +– dem wunden Feldherrn öffnete. Dann eilt’ ich, als +wir ihn auf einer Sänfte Antoninens Pflege zugesandt, +an das Grabmal Hadrians, wo, wie es hieß, die Stadt +genommen sei und fand dich dem Tode nah.« +</p> + +<p> +»Und was hat jetzt Belisar beschlossen?« +</p> + +<p> +»Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine +und doch die Heilung langsamer. Er hat den Goten den +Waffenstillstand gewährt, den sie verlangten, ihre vielen +Toten zu bestatten.« +</p> + +<p> +Cethegus fuhr auf von den Kissen. »Er hätte ihn +verweigern sollen! Keine unnütze Verzögerung der Entscheidung +mehr! ich kenne diese gotischen Stiere; nun haben +sie sich die Hörner stumpf gestürmt: jetzt sind sie müd und +mürbe. +</p> + +<p> +Jetzt kam die Zeit für einen letzten Schlag, den ich +schon lang ersonnen. Die Hitze draußen in der glühenden +Ebene werden ihre großen Leiber schlecht ertragen: schlechter +den Hunger: am schlechtesten den Durst. – Denn der +Germane muß saufen, wenn er nicht schnarcht oder prügelt. +Nun braucht man nur ihren vorsichtigen König noch ein +wenig einzuschüchtern. Sage Belisar meinen Gruß: und +mein Dank für sein Schwert sei mein Rat: Er solle noch +heute den gefürchteten Johannes mit acht Tausend Mann +durch das Picenum gegen Ravenna schicken: die flaminische +Straße ist frei und wird wenig gedeckt sein: denn Witichis +hat die Besatzungen aller Festungen hierher gezogen: +und leichter gewinnen wir jetzt Ravenna, als die Barbaren +Rom. Sowie aber der König Ravenna, seinen allerletzten +Hort, bedroht sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis +zu retten. Er wird sein Heer hinwegziehen von diesen +uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte statt +<pb n='298'/><anchor id='Pg298'/>des Verfolgers sein.« »Cethegus,« sprach Prokop aufspringend, +»du bist ein großer Feldherr.« – »Nur nebenbei, +Prokopius! geh jetzt und grüße mir den großen Sieger +Belisar.« +</p> +</div><div type="kapitel" n="15"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenfzehntes Kapitel."/> +<head>Fünfzehntes Kapitel.</head> + +<p> +An dem letzten Tage des Waffenstillstands konnte +Cethegus bereits wieder auf den Wällen des Grabmals +Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare und Isaurier +mit lautem Zuruf begrüßten. Sein erster Gang war +zu dem Grabmal des Kallistratos; er legte auf die schwarze +Marmorplatte einen Kranz von Lorbeern und von Rosen +nieder. Während er von hier aus die Verstärkung der +Befestigungen anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben +von Mataswintha. +</p> + +<p> +Es lautete lakonisch genug: »Mach’ bald ein Ende. +Nicht länger kann ich den Jammer ansehn. Die Bestattung +von vierzig Tausend Männern meines Volks hat +mir die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich +anzuklagen. Währt das noch länger, so erlieg ich. Der +Hunger wütet furchtbar in dem Lager. Ihre letzte Hoffnung +ist eine große Zufuhr von Getreide und Vieh, die aus +Südgallien unter Segel ist. An den nächsten Calenden +wird sie auf der Höhe von Portus erwartet. Handle +danach – aber mach’ rasch ein Ende.« +</p> + +<p> +»Triumph,« sprach der Präfekt, »die Belagerung ist +aus. Unsre kleine Flotte lag bisher fast müßig zu +Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden. Diese Königin +ist die Erinnys der Barbaren.« Und er ging selbst zu +Belisar, der ihn mit edler Großheit empfing. – +</p> + +<pb n='299'/><anchor id='Pg299'/> + +<p> +In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog +Johannes zum pincianischen Thore hinaus, dann links +nach der flaminischen Straße schwenkend. Ravenna war +sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit raschen +Segeln nach Populonium, wo sich ein kleines römisches +Geschwader gesammelt hatte. Der Kampf um die Stadt +ruhte, trotz Ablauf des Waffenstillstands, fast ganz. Eine +Woche darauf etwa, machte der König, der sein Schmerzenslager +zum erstenmal verließ, in Begleitung seiner Freunde +den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den sieben +vormals menschenwimmelnden Lagern waren völlig verödet +und aufgegeben: auch die übrigen vier waren nur noch +spärlich bevölkert. Todmüde, ohne Klage, aber auch ohne +Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger +und Fieber verzehrt, vor ihren Zelten. +</p> + +<p> +Kein Zuruf, kein Gruß erfreute den wackern König +auf seinem schmerzensreichen Gang: kaum daß sie die +müden Augen aufschlugen bei dem Schall der nahenden +Schritte. +</p> + +<p> +Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stöhnen +der Kranken, der Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, +den Seuchen erlagen. Kaum fand man die hinlängliche +Zahl von Gesunden, die nötigsten Posten zu beziehen. Die +Wachen schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie +aufrecht oder auf der Schulter zu tragen. +</p> + +<p> +Die Heerführer kamen an die Schanzen vor dem +aurelischen Thor; im Wallgraben lag ein junger Schütz +und kaute an dem bittern Gras. Hildebad rief ihm zu: +»Beim Hammer! Gunthamund, was ist das? deine Sehne +ist ja gesprungen, was ziehst du keine andre auf?« – +»Kann nicht, Herr, die Sehne sprang gestern bei meinem +letzten Schuß. Und ich und die drei Bursche neben mir, +wir haben die Kraft nicht, eine neue aufzuziehen.« Hilde<pb n='300'/><anchor id='Pg300'/>bad gab ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche: »hast +du auf einen Römer geschossen?« »O nein, Herr,« +sagte der Mann, »eine Ratte nagte dort an der Leiche. +Ich traf sie glücklich und wir teilten sie zu viert.« +</p> + +<p> +»Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer?« fragte der +König. »Tot, Herr. +</p> + +<p> +Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem +verfluchten Marmorgrab.« +</p> + +<p> +»Und dein Vater Iffamuth?« – »Auch tot. Er vertrug’s +nicht mehr, das giftige Wasser aus den Pfützen. +Der Durst, König, brennt noch heißer als der Hunger. +Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel.« +»Ihr seid alle aus dem Athesisthal?« »Ja, Herr König, +vom Iffinger-Berg. O welch köstlich Quellwasser dort +daheim!« +</p> + +<p> +Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger +aus seiner Sturmhaube trinken. Seine Züge verfinsterten +sich noch mehr. »He du, Arulf!« rief er ihm zu, »du +scheinst nicht Durst zu leiden?« – »Nein, ich trinke oft,« +sprach der Mann. »Was trinkst du?« – »Das Blut +von den Wunden der Frischgefallnen. Anfangs ekelt’s sehr: +aber man gewöhnt’s in der Verzweiflung.« +</p> + +<p> +Schaudernd schritt Witichis weiter. »Schick’ all’ meinen +Wein ins Lager, Hildebad. Die Wachen sollen ihn +teilen.« – »All deinen Wein? O König, mein Schenkamt +ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb +Krüge. Und Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich +stärken.« +</p> + +<p> +»Und wer stärkt diese, Hildebad? Die Not macht sie +zu wilden Tieren!« +</p> + +<p> +»Komm mit nach Hause,« mahnte Totila, des Königs +Mantel ergreifend. »Hier ist nicht gut sein.« +</p> + +<p> +Im Zelt des Königs angelangt, setzten sich die Freunde +<pb n='301'/><anchor id='Pg301'/>schweigend um den schönen Marmortisch, der auf goldnen +Gefäßen steinhartes verschimmeltes Brot aufwies und +wenige Stücke Fleisch. »Es war das letzte Pferd aus den +königlichen Ställen,« sagte Hildebad, – »bis auf Boreas.« +– »Boreas wird nicht geschlachtet! – mein Weib, mein +Kind sind auf seinem Rücken gesessen.« +</p> + +<p> +Und er stützte das müde Haupt auf die beiden Hände: +eine neue schwere Pause trat ein. »Freunde,« hob er endlich +an, »das geht nicht länger also. Unser Volk verdirbt vor +diesen Mauern. Mein Entschluß ist schwer und schmerzlich +gereift –« +</p> + +<p> +»Sprich’s noch nicht aus, o König!« rief Hildebad. +»In wenig Tagen trifft Graf Odoswinth von Cremona +ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem Guten.« +</p> + +<p> +»Er ist noch nicht da!« sprach Teja. +</p> + +<p> +»Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist,« +ermutigte Totila, »wird er nicht durch frische Mannschaft +ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum eintrifft, mit den +Besatzungen, die der König aus den Festen von Ravenna +bis Rom weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu füllen?« +</p> + +<p> +»Auch Ulithis ist noch nicht da,« sprach Teja. »Er +soll noch in Picenum stehen. Und kommt er glücklich an, +so wird der Mangel im Lager noch größer.« +</p> + +<p> +»Doch auch die Römerstadt muß fasten!« meinte Hildebad, +das harte Brot mit der Faust auf dem Steintisch +zerschlagend. »Laß sehn, wer’s länger aushält!« +</p> + +<p> +»Oft hab’ ich’s überdacht in schweren Tagen und +schlummerlosen Nächten,« fuhr der König langsam fort. +</p> + +<p> +»Warum? warum das alles so kommen mußte? Nach +bestem Gewissen hab’ ich immer wieder Recht und Unrecht +abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns: und ich +kann’s nicht anders finden, als daß Recht und Treue +<pb n='302'/><anchor id='Pg302'/>auf unsrer Seite stehen. Und wahrlich, an Kraft und +Mut haben wir’s nicht fehlen lassen.« +</p> + +<p> +»Du am wenigsten,« sagte Totila. +</p> + +<p> +»Und an keinem schwersten Opfer!« seufzte der König. +»Und wenn nun doch, wie wir alle sagen, ein Gott im +Himmel waltet, gerecht und gut und allgewaltig, warum +läßt er all’ dies ungeheure, unverdiente Elend zu? Warum +müssen wir erliegen vor Byzanz?« +</p> + +<p> +»Wir dürfen aber nicht erliegen,« schrie Hildebad. »Ich +habe nie viel gegrübelt über unsern Herrgott. Aber wenn +er das geschehen ließe, müßte man Sturm laufen gegen den +Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen zerschlagen.« +</p> + +<p> +»Lästre nicht, mein Bruder!« sprach Totila. »Und du, +mein edler König, Mut und Vertrauen. +</p> + +<p> +Ja, es waltet ein gerechter Gott dort über den Sternen. +Drum muß zuletzt die gute Sache siegen. Mut, mein +Witichis, und Hoffnung bis ans Ende.« +</p> + +<p> +Aber der Tiefgebeugte schüttelte das Haupt. »Ich gestehe +es euch, ich habe aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen +Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit, nur einen Ausweg +gefunden. Es kann nicht sein, daß wir all’ dies schuldlos +leiden. Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, +so muß verborgne Schuld an mir, an eurem König haften. +Wiederholt, erzählen unsre Lieder aus der Heidenzeit, hat +sich ein König für sein Volk selbst den Göttern geopfert, +wenn Unsieg, Seuche, Mißwachs jahrelang den Stamm +verfolgte. Er hat die verborgne Schuld auf sich genommen, +die auf den Volksgenossen zu lasten schien und sie durch +Tod gebüßt, oder indem er ohne die Krone ins Elend +ging, ein friedloser Landflüchtiger. – Laßt mich die Krone +abthun von diesem Haupt ohne Glück noch Stern. Wählt +einen andern, dem Gott nicht zürnt: wählt Totila, <anchor id="corr302"/><corr sic="oder –">oder –«</corr> +</p> + +<p> +»Das Wundfieber faselt noch aus dir!« unterbrach ihn +<pb n='303'/><anchor id='Pg303'/>der alte Waffenmeister. <anchor id="corr303"/><corr sic="Du">»Du</corr> mit Schuld beladen! du, der +Treueste von uns allen! Nein, ich will’s euch sagen, ihr +Kinder allzujunger Tage, die ihr der Väter alte Kraft mit +der Väter altem Glauben verloren habt, und nun keinen +Trost wißt für eure Herzen. Mich erbarmt eurer Reden +ohne Zuversicht.« – Und seine grauen Augen leuchteten +in seltnem Glanze über die Freunde hin. »Alles was hier +auf Erden erfreut und schmerzt, ist kaum der Freude noch +des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es hier unten +an: ein treuer Mann gewesen sein, kein Neiding, und den +Schlachttot sterben, nicht den Strohtot. Den treuen Helden +aber tragen die Walküren aus dem blutigen Feld auf +roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar +mit vollen Bechern ihn begrüßen. Dann reitet er alltäglich +mit ihnen hinaus zu Jagd und Waffenspiel beim +Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und Skaldensang +in goldner Halle beim Abendlicht. Und schöne Schildjungfrauen +kosen mit den Jungen: und weise Vorzeitrunen +raunen wir Alten mit den alten Helden der Vorzeit. Und +ich werde sie alle wiederfinden, die starken Gesellen meiner +Jugend, den kühnen Winithar und Herrn Waltharis von +Aquitanien und Guntharis den Burgunden. Und schauen +werd’ ich auch ihn, dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn +Beowulf, den Geaten, und aus grauen Urtagen den +Cherusken, der zuerst die Römer schlug, von dem noch die +Sänger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag’ +ich Schild und Speer meinem Herrn, dem König mit den +Adleraugen. Und so leben wir fort in alle Ewigkeit in +Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten +und alles ihres Wehs.« +</p> + +<p> +»Ein schön Gedicht, alter Heide,« lächelte Totila. »Wenn +uns aber das nicht mehr tröstet für wirkliches, herznagendes +Leid? Sprich du doch auch, Teja, du finstrer Gast. Was +<pb n='304'/><anchor id='Pg304'/>ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie fehlt uns +dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt +dein tröstender Harfenschlag, du liederkundiger Sänger?« +</p> + +<p> +»Mein Wort,« sagte Teja aufstehend, »mein Wort und +Gedanke wäre euch vielleicht schwerer zu tragen als all’ +dies Leid. Laß mich noch schweigen, mein sonnenheller +Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir Antwort +gebe. Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann +noch eine Saite daran hält.« Und er schritt aus dem Zelte. +</p> + +<p> +Denn draußen in dem Lager hatte sich ein wirrer, +rätselhafter Lärm von rufenden, fragenden Stimmen erhoben. +</p> + +<p> +Die Freunde sahen ihm schweigend nach. »Ich weiß +wohl, was er denkt,« sagte der alte Hildebrand endlich. +»Denn ich kenne ihn vom Knaben auf: Er ist nicht wie +andere. Auch im Nordland denken manche so, die nicht +an Thor und Odhin glauben, sondern nur an die Not +und ihre eigene Kraft und Stärke. Es ist fast zu schwer +für ein Menschenherz. Und glücklich, – glücklich macht +es nicht, wie er zu denken. Mich wundert, daß er singt +und Harfe schlägt dabei.« +</p> + +<p> +Da riß Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhänge auf: +sein Antlitz war noch bleicher als zuvor: seine dunkeln +Augen blitzten: aber seine Stimme war ruhig wie sonst, +da er sprach: »Brich das Lager ab, König Witichis. +Unsere Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. +Sie haben Graf Odoswinths Kopf ins Lager geschickt. +Und sie lassen auf den Wällen Roms, vor den Augen +unserer Wachen, von den gefangenen Goten die erbeuteten +Rinder schlachten. Große Verstärkungen aus Byzanz unter +Valerian und Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, +hat eine segelreiche Flotte aus Byzanz in den Tiber geführt. +Denn der blutige Johannes hat das Picenum durchzogen ... –« +</p> + +<pb n='305'/><anchor id='Pg305'/> + +<p> +»Und Graf Ulithis?« +</p> + +<p> +»Er hat Ulithis geschlagen und getötet, Ancona und +Ariminum genommen. Und –« +</p> + +<p> +»Ist das noch nicht alles?« rief der König. +</p> + +<p> +»Nein, Witichis! Eile thut not! Er bedroht Ravenna: +er steht nur noch wenige Meilen von der Stadt.« +</p> +</div><div type="kapitel" n="16"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Am Tage nach dem Eintreffen dieser für die Goten +so verhängnisvollen Nachrichten hatte Witichis die Belagerung +Roms aufgegeben und sein tief entmutigtes Heer +aus den vier noch übrigen Lagern herausgezogen. +</p> + +<p> +Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschließung +gewährt. So viel Mut und Kraft, so viele Anstrengungen +und Opfer waren vergeblich gewesen. +</p> + +<p> +Schweigend zogen die Goten an den stolzen Wällen +vorüber, an denen ihr Glück und ihre Macht zerschellt +waren. Schweigend trugen sie die höhnenden Worte, die +Römer und »Romäer« (Byzantiner) ihnen von den sichern +Zinnen herab zuriefen. Ihr Zorn und ihre Trauer waren +zu groß, um durch solchen Spott getroffen zu werden. +</p> + +<p> +Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen +Thore brechend, die Abziehenden verfolgen wollte, wurde +sie grimmig zurückgewiesen. Denn Graf Teja führte die +gotische Nachhut. +</p> + +<p> +So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Straße +durch Picenum in raschen Märschen (obwohl den von den +Feinden besetzten Plätzen Narnia, Spoletium und Perusium +ausgewichen werden mußte) nach Ravenna, wo Witichis +<pb n='306'/><anchor id='Pg306'/>zur rechten Zeit eintraf, die gefährliche Stimmung der +Bevölkerung, die auf die Kunde von dem Unglück der +Barbaren schon mit dem drohenden Johannes in geheime +Verhandlungen getreten war, zu unterdrücken. +</p> + +<p> +Johannes zog sich bei der Annäherung der Goten in +seine letzte wichtige Eroberung Ariminum zurück. In +Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit den +thrakischen Speerträgern und mit Kriegsschiffen. +</p> + +<p> +Der König führte aber keineswegs sein ganzes, von +der Belagerung Roms aufgebrochenes Heer nach Ravenna, +sondern hatte unterwegs viele Mannschaften in Festungen +verteilt. Eine Tausendschaft ließ er unter Gibimer in +Clusium in Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter +Albila, eine halbe in Tudertum unter Wulfgis: in +Auximum vier Tausendschaften unter Graf Wisand, dem +tapfern Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in +Caesena und Monsferetrus je eine halbe. Hildebrand entsandte +er nach Verona, Totila nach Tarvisium und Teja +nach Ticinum, da auch der Nordosten der Halbinsel durch +byzantinische, von Istrien aus drohende Truppen gefährdet +wurde. +</p> + +<p> +Er that dies übrigens noch aus andern Gründen. +</p> + +<p> +Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. +Dann, um im Fall einer Einschließung nicht +wieder sobald durch die große Stärke des Heeres dem +Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um für den nämlichen +Fall die Belagerer auch vom Rücken und zwar von +mehreren Seiten her beunruhigen zu können. Sein Plan +war zunächst, die seinem Hauptstützpunkt Ravenna drohende +Gefahr abzuwenden, und sich mit seinen zerrütteten Streitkräften +auf die Verteidigung zu beschränken, bis fremde +Hilfstruppen, langobardische und fränkische, die er erwartete, +<pb n='307'/><anchor id='Pg307'/>ihn in den Stand setzen würden, wieder das offne Feld +zu halten. +</p> + +<p> +Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach +Ravenna durch diese gotischen Burgen hinzuhalten, erfüllte +sich nicht. Er begnügte sich, sie durch beobachtende Truppen +einzuschließen und zog ohne weiteres gegen die Hauptstadt +und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. »Habe +ich das Herz zum Tode getroffen,« sagte er, »werden sich +die geballten Fäuste von selbst öffnen.« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Und so dehnten sich alsbald um die Königsstadt +Theoderichs in weit gestrecktem Bogen die Zelte der +Byzantiner, an allen drei Landseiten, von der Hafenstadt +Classis an bis zu den Kanälen und Zweigarmen des Padus, +die im Westen besonders die Verteidigung der Festungslinien +bildeten. +</p> + +<p> +Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon +viel verloren von dem Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten +fast strahlte als Residenz der Imperatoren: und +auch das letzte Abendrot, das die glorreiche Regierung +Theoderichs über sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des +Krieges verschwunden. +</p> + +<p> +Aber gleichwohl. Welch andern Eindruck muß damals +die immer noch volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende +Wasserstadt gemacht haben als heute, wo es den Wandrer +aus den ausgestorbnen Straßen, den leeren Plätzen, den +einsam schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch +anhaucht als draußen, vor den Mauern der Stadt, wo +sich weithin die öde Sumpflandschaft der Padusniederungen +dehnt, bis sie in den Schlamm des weit zurückgetretenen +Meeres auslaufen. +</p> + +<p> +Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu +<pb n='308'/><anchor id='Pg308'/>Lande geschäftiges Leben wogte, wo die stolzen Trieren der +kaiserlichen Adria-Flotte tief schaukelnd sich wiegten, da +liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem Schilf und +Riedgras verwilderte Büffel grasen; versumpft die Straßen, +versandet der Hafen, verschollen das Volk, das hier freudig +geherrscht: – nur ein riesiger runder Turm aus der +Gotenzeit steht noch neben der allein erhaltnen, einsamen +Basilika San Apollinare in Classe fuori, die, von Witichis +begonnen, von Justinian vollendet, nun eine Stunde +fern von aller Menschenwohnung auf der sumpfigen Ebene +trauernd ragt. +</p> + +<p> +Die starke Seefestung galt für uneinnehmbar: darum +hatten sie seit dem Sinken ihrer Macht, und der wachsenden +Gefährdung Italiens durch die Barbaren, die Kaiser zur +Residenz gewählt. Die Südost-Seite deckte das damals +noch bis an und in ihre und der Hafenstadt Mauern +spülende Meer. +</p> + +<p> +Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst +ein labyrinthisches Netz von Kanälen, Gräben und Sümpfen +des vielarmigen Padus gesponnen, in welchem sich der +Belagerer rettungslos verstricken mußte. Und diese Mauern! +noch jetzt erfüllen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre +ungeheure Dicke und – weniger ihre Höhe als – die +Anzahl von starken Rundtürmen, die von ihren Zinnen +noch heute aufsteigen, trotzten vor der Erfindung der Feuerwaffe +jedem Sturm, jedem gewaltsamen Angriff. Nur +durch Aushungerung hatte nach fast vierjährigem Widerstand +der große Theoderich diese letzte Zuflucht Odovakars +bezwungen. +</p> + +<p> +Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner +Ankunft die Stadt mit Sturm zu nehmen. Kräftig ward +sein Angriff abgewiesen und die Belagerer mußten sich begnügen, +die Festung enge zu umschließen und, wie einst +<pb n='309'/><anchor id='Pg309'/>der Gotenkönig, durch Mangel zur Übergabe zu nötigen. +Dem aber konnte Witichis getrost entgegensehn. Denn +er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in diesem seinem +Haupt-Bollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorräte +aller Art, namentlich aber Getreide, in außerordentlicher +Menge in besonders von ihm (mit Benutzung und in +den Räumen des ungeheuren Marmorcirkus des Theodosius) +erbauten Kornspeichern von Holzgezimmer aufgehäuft. Diese +ausgedehnten Holzbauten, gerade gegenüber dem Palast und +der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Königs Stolz, +Freude und Trost. Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln +hatte man durch das von den Feinden durchstreifte +Land nach dem Lager vor Rom führen können: und bei +einiger Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel +für die Bevölkerung und das nicht mehr zahlreiche Heer +leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis dahin aber +war das Eintreffen eines fränkischen Hilfsheeres infolge +der aufs neue angeknüpften Verhandlungen sicher zu erwarten. +Und dieser Entsatz mußte notwendig die Aufhebung der +Belagerung herbeiführen. +</p> + +<p> +Dies wußten – oder ahnten doch – Belisar und +Cethegus so gut wie Witichis: und rastlos spähten sie nach +allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall der Stadt zu +beschleunigen. Der Präfekt suchte natürlich vor allem seine +geheime Verbindung mit der Gotenkönigin zu diesem Zwecke +zu benutzen. Aber einmal war der Verkehr mit ihr jetzt +sehr erschwert, da die Goten alle Ausgänge der Stadt +sorgfältig überwachten. Und dann schien auch Mataswintha +wesentlich verändert und keineswegs mehr so bereit und +willfährig, sich als Werkzeug gebrauchen zu lassen, wie +ehedem. +</p> + +<p> +Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demütigung +des Königs erwartet. Das lange Hinzögern ermüdete sie: +<pb n='310'/><anchor id='Pg310'/>und zugleich hatten die großen Leiden ihres Volkes in +Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschüttern. +</p> + +<p> +Dazu kam endlich, daß die traurige Verwandlung in +dem sonst so kräftigen und gesundfreudigen Wesen des +Königs, der stille, aber tiefe und finstre Gram, der über +seiner Seele lag, mächtig an ihrem Herzen rüttelte. Wenn +sie auch mit der ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit +dem bittern Stolz gekränkter Liebe ihn verklagte, daß er +ihr Herz verworfen und doch, um der Krone willen, mit +Gewalt ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie ihn +dafür auch mit der ganzen leidenschaftlichen Glut ihres +Wesens zu hassen glaubte und zum Teil auch wirklich +haßte, so war doch dieser Haß nur umgeschlagene Liebe. +Und als sie ihn nun von dem schweren Unglück der gotischen +Waffen, von dem Fehlschlagen all’ seiner Pläne – an dem +ihr heimtückischer Verrat so großen Anteil trug, – tief, +bis zur krankhaft-schwermütigen Verfinsterung des Geistes, +zu marternder Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte +dieser Anblick gewaltig auf ihre aus Härte und Glut seltsam +gemischte Natur. +</p> + +<p> +Sie hätte im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit +Entzücken sein Blut fließen sehen. Aber mondenlang ihn +mit bohrendem Gram sich selbst zerstören sehen, – das +ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug aber +endlich wesentlich bei, daß sie seit der Ankunft in Ravenna +auch eine Veränderung in des Königs Benehmen gegen +sie selbst bemerkt zu haben glaubte. Spuren von Reue, +dachte sie, von Reue über die Gewaltsamkeit, mit welcher +er in ihr Leben eingegriffen hatte. +</p> + +<p> +Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes +Auftreten bei den selten und immer nur vor Dritten +erfolgenden Begegnungen unwillkürlich gemildert hatte, +<pb n='311'/><anchor id='Pg311'/>erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des Entgegenkommens, +den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren +Formen anerkannte und lohnte. Grund genug für +Mataswinthens beweglich flutende Gedanken, die Anträge +des Präfekten, selbst wenn diese manchmal noch durch des +klugen Mauren Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen. +</p> + +<p> +Doch hatte der Präfekt aus dieser Quelle schon während +des Zuges gegen Ravenna erfahren, was später auch sonst +bekannt wurde, daß die Goten Hilfe von den Franken +erwarteten. Unverzüglich hatte er deshalb seine alten Verbindungen +mit den Vornehmen und Großen, die an den +Höfen zu Mettis (Metz), Aurelianum (Orleans), und +Suessianum (Soissons) im Namen der merowingischen +Schattenkönige herrschten, wieder angeknüpft, um die Franken, +deren damals sprichwörtlich gewordne Falschheit gute Aussicht +auf Gelingen solcher Versuche gewährte, von dem +gotischen Bündnis wieder abzuziehen. +</p> + +<p> +Und als die Sache durch diese Freunde gehörig vorbereitet +war, hatte er an König Theudebald, der zu Mettis +Hof hielt, selbst geschrieben und ihn dringend gewarnt, bei +einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem Scheitern +der Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen. +Diesen Brief hatten reiche Geschenke an seinen alten Freund, +den Majordomus des schwachen Königs, begleitet: und +sehnlich erwartete der Präfekt von Tag zu Tag die Antwort +auf denselben: um so sehnlicher, als das veränderte +Benehmen Mataswinthens die Hoffnung auf raschere Überwältigung +der Goten abgeschnitten hatte. +</p> + +<p> +Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen +Schreiben aus Byzanz, an einem für die Helden in und +außer Ravenna gleich verhängnisvollen Tage. +</p> +</div><div type="kapitel" n="17"> +<pb n='312'/><anchor id='Pg312'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Hildebad, ungeduldig über das lange Müßigliegen, +hatte aus der ihm zu besonderer Obhut anvertrauten Porta +Faventina mit Tagesanbruch einen heftigen Ausfall auf +das byzantinische Lager gemacht, anfangs in ungestümem +Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der Belagerungswerkzeuge +verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet. +</p> + +<p> +Er hätte unfehlbar noch viel größern Schaden angerichtet, +wenn nicht der rasch herbeieilende Belisar an +diesem Tage all’ seine Feldherrnschaft und all’ sein Heldentum +zugleich entfaltet hätte. Ohne Helm und Harnisch, +wie er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen +eignen fliehenden Vorposten, dann den gotischen Verfolgern +entgegengeworfen und durch äußerste persönliche Anstrengung +und Aufopferung das Gefecht zum Stehen gebracht. Darauf +aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt verwendet, +daß Hildebads Rückzug ernstlich bedroht war und die Goten, +um nicht abgeschnitten zu werden, all’ ihre errungenen +Vorteile aufgeben und schleunigst in die Stadt zurückeilen +mußten. +</p> + +<p> +Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta +Honoriana lag und zur Hilfe herbeikam, fand das Treffen +schon beendet und konnte nicht umhin, nachher Belisar +in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie +als Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, +das Antonina begierig einsog. »Wirklich, Belisarius,« +schloß der Präfekt, »Kaiser Justinian kann dir das nicht +vergelten.« +</p> + +<p> +»Da sprichst du wahr,« antwortete Belisar stolz: »er +vergilt mir nur durch seine Freundschaft. Für seinen Feldherrnstab +könnte ich nicht thun, was ich für ihn schon +<pb n='313'/><anchor id='Pg313'/>gethan habe und noch immer thue. Ich thu’s, weil ich +ihn wirklich liebe. Denn er ist ein großer Mann mit +allen seinen Schwächen. Wenn er nur Eins noch lernte: +mir vertrau’n. Aber getrost: – er wird’s noch lernen.« +</p> + +<p> +Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, +der soeben von einem kaiserlichen Gesandten überbracht +worden. Mit freudestrahlendem Antlitz sprang Belisar, +aller Müdigkeit vergessen, vom Polster auf, küßte die purpurnen +Schnüre, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und +öffnete das Schreiben mit den Worten: »Von meinem +Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun wird er mir die Leibwächter +senden und den lang geschuldeten Sold, den ich +erwarte, und das vorgeschossene Gold.« +</p> + +<p> +Und er begann zu lesen. +</p> + +<p> +Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und +Cethegus: seine Züge verfinsterten sich mehr und mehr: +seine breite Brust fing an, sich wie in schwerem Krampf +zu heben: die beiden Hände, mit welchen er das Schreiben +hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe +sie fragen konnte, stieß Belisar einen dumpfen Schrei der +Wut aus, schleuderte das kaiserliche Schreiben auf die Erde +und stürzte außer sich aus dem Gezelt; eilend folgte ihm +seine Gattin. +</p> + +<p> +»Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen,« sagte +Prokop, den Brief aufhebend. »Laß sehn: wohl wieder +ein Stücklein kaiserlichen Dankes,« – und er las: »Der +Eingang ist Redensart, wie gewöhnlich – aha, jetzt kommt +es besser: +</p> + +<p> +»Wir können gleichwohl nicht verhehlen, daß wir, nach +deinen eignen früheren Berühmungen, eine raschere Beendigung +des Krieges gegen diese Barbaren erwartet hätten +und glauben auch, daß eine solche bei größerer Anstrengung +nicht unmöglich gewesen wäre. Deshalb können wir deinem +<pb n='314'/><anchor id='Pg314'/>wiederholt geäußerten Wunsche nicht entsprechen, dir deine +übrigen fünftausend Mann Leibwächter, die noch in Persien +stehen, sowie die vier Centenare Goldes nachzusenden, die +in deinem Palaste in Byzanz liegen. +</p> + +<p> +Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich +überflüssigermaßen bemerkst, dein Eigentum: und dein +in demselben Brief geäußerter Entschluß, du wollest diesen +Gotenkrieg bei dermaliger Erschöpftheit des kaiserlichen +Säckels aus eignen Mitteln zu Ende führen, verdient, daß +wir ihn als pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in +gleichem Briefe richtiger hinzugefügt, all dein Hab’ und +Gut deines Kaisers Majestät zu Diensten steht und kaiserliche +Majestät die erbetene Verwendung deiner Leibwächter +und deines Goldes in Italien für überflüssig halten muß, +so haben wir, deiner Zustimmung gewiß, anderweitig +darüber verfügt und bereits Truppen und Schätze, zur +Beendung des Perserkriegs, deinem Kollegen Narses übergeben.« +– <anchor id="corr314"/><corr sic="»Ha,">Ha,</corr> unerhört!« unterbrach sich Prokop. +</p> + +<p> +Cethegus lächelte: »Das ist Herrendank für Sklavendienst.« +</p> + +<p> +»Auch das Ende scheint hübsch,« fuhr Prokopius fort. +– »Eine Vermehrung deiner Macht in Italien aber scheint +uns um so minder wünschbar, als man uns wieder täglich +vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt. +</p> + +<p> +Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das +Scepter sei aus dem Feldherrnstab und dieser aus dem +Stock entstanden: – gefährliche Gedanken und ungeziemende +Worte. +</p> + +<p> +Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Träumen +unterrichtet. +</p> + +<p> +Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber +wir haben nicht Lust, dir noch mehr Holz zu deinem +Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich, daß die +<pb n='315'/><anchor id='Pg315'/>stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nächsten +stehn.« +</p> + +<p> +»Das ist schändlich!« rief Prokop. »Nein, das ist +schlimmer: es ist dumm!« sagte Cethegus. »Das heißt +die Treue selbst zum Aufruhr peitschen.« +</p> + +<p> +»Recht hast du,« schrie Belisar, der, wieder hereinstürmend, +diese Worte noch gehört hatte. »Oh, er verdient +Aufruhr und Empörung, der undankbare, boshafte, +schändliche Tyrann.« +</p> + +<p> +»Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich +zu Grunde!« beschwor ihn Antonina, die mit ihm wieder +eingetreten war und suchte, seine Hand zu fassen. +</p> + +<p> +»Nein, ich will nicht schweigen,« rief der Zornige, an +der offenen Zeltthür auf und niederrennend, vor welcher +Bessas, Acacius, Demetrius und viele andere Heerführer +mit Staunen lauschend standen. »Alle Welt soll’s hören. +Er ist ein undankbarer, heimtückischer Tyrann! Ja du +verdientest, daß ich dich stürzte! Daß ich dir thäte nach +dem Argwohn deiner falschen Seele, Justinianus!« +</p> + +<p> +Cethegus warf einen Blick auf die draußen Stehenden: +sie hatten offenbar alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen +winkend, schritt er an den Eingang und zog die Vorhänge +zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie trat +wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben +dem Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten +Fäuste gegen seine Brust und stammelte: »O Justinianus, +hab’ ich das um dich verdient? O zu viel, zu viel!« +Und plötzlich brach der gewalt’ge Mann in einen Strom +von hellen Thränen aus. Da wandte sich Cethegus verächtlich +ab: »Lebwohl,« sagte er leise zu Prokopius, »mich +ekelt es, wenn Männer heulen.« +</p> + +</div><div type="kapitel" n="18"> +<pb n='316'/><anchor id='Pg316'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Achtzehntes Kapitel.</head> + +<p> +In schweren Gedanken schritt der Präfekt aus dem +Zelt und ging, das Lager umwandelnd, nach der ziemlich +entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen Isauriern sich +eingegraben hatte vor dem Thor des Honorius. Es war +auf der Südseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von +Classis, und der Weg führte zum Teil am Meeresstrand +entlang. +</p> + +<p> +So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick +der große Gedanke, der der Pulsschlag seines Lebens geworden +war, beschäftigte, so schwer die Unberechenbarkeit +Belisars, dieses gefühlsüberschwenglichen Gemütsmenschen, +und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade +jetzt auf ihm lastete, – doch ward seine Merksamkeit, +wenn auch nur vorübergehend, auf das außergewöhnliche +Aussehen der Landschaft, des Himmels, der See, der ganzen +Natur abgezogen. +</p> + +<p> +Es war Oktober: – aber die Jahreszeit schien seit +langen Wochen ihr Gesetz geändert zu haben. Seit zwei +Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein Gewölk, kein +Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dünstereichen +Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt plötzlich – es war gegen +Sonnenuntergang – bemerkte Cethegus im Osten, über +dem Meer, am fernsten Horizont, eine einzelne rundgeballte, +rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen sein +mußte. +</p> + +<p> +Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von +Nebeln, zeigte keine Strahlen. Kein Lufthauch kräuselte +die bleierne Flut des Meeres. +</p> + +<p> +Keine noch so leise Welle spülte an den Strand. In +der weitgestreckten Ebene regte sich kein Blatt an den +<pb n='317'/><anchor id='Pg317'/>Olivenbäumen. Ja, nicht einmal das Schilf in den +Sumpfgräben bebte. +</p> + +<p> +Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: +und ein fremdartiger, erstickender Qualm, wie Schwefel, +schien drückend über Land und Meer zu liegen und hemmte +das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen unruhig gegen +die Bretter der Planken, an welchen sie im Lager angebunden +waren. Einige Kamele und Dromedare, die Belisar +aus Afrika mitgebracht, wühlten den Kopf in den Sand. – +</p> + +<p> +Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf +und blickte befremdet um sich. »Das ist schwül: wie vor +dem »Wind des Todes« in den Wüsten Ägyptens,« sagte +er zu sich selber. – »Schwül überall – außen und innen. +– Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur +und Leidenschaft entladen?« +</p> + +<p> +Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, +»Herr, wär’ ich daheim, ich glaubte heute: der Gifthauch +des Wüstengottes sei im Anzug,« und er reichte ihm einen +Brief. +</p> + +<p> +Es war die Antwort des Frankenkönigs! Hastig riß +Cethegus das große, prunkende Siegel auf. +</p> + +<p> +»Wer hat ihn gebracht?« +</p> + +<p> +Ein Gesandter, der, nachdem er den Präfekten nicht +getroffen, sich zu Belisar hatte führen lassen. Er hatte +den nächsten Weg – den durchs Lager – verlangt. Deshalb +hatte ihn Cethegus verfehlt. +</p> + +<p> +Er las begierig: »Theudebald, König der Franken, +Cethegus dem Präfekten Roms. Kluge Worte hast du +uns geschrieben. Noch klügere nicht der Schrift vertraut, +sondern uns durch unsern Majordomus kundgethan. Wir +sind nicht übel geneigt, danach zu thun. Wir nehmen +deinen Rat und die Geschenke, die ihn begleiten, an. Den +<pb n='318'/><anchor id='Pg318'/>Bund mit den Goten hat ihr Unglück gelöst. Dies, nicht +unsere Wandelung, mögen sie verklagen. +</p> + +<p> +Wen der Himmel verläßt, von dem sollen auch die +Menschen lassen, wenn sie fromm und klug. Zwar haben +sie uns den Sold für das Hilfsheer in mehreren Centenaren +Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern +Augen kein Hindernis. +</p> + +<p> +Wir behalten diese Schätze als Pfand, bis sie uns die +Städte in Südgallien abgetreten, welche in die von Gott +und der Natur dem Reich der Franken vorgezeichnete +Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits +vorbereitet und unser tapferes Heer, das schon den Kampf +erwartet, nur mit gefährlichem Murren die Langeweile des +Friedens tragen würde, sind wir gewillt, unsere siegreichen +Scharen gleichwohl über die Alpen zu schicken. Nur anstatt +für: gegen die Goten. +</p> + +<p> +Aber freilich, auch nicht für den Kaiser Justinianus, der +uns fortwährend den Königstitel vorenthält, sich auf seinen +Münzen Herrn von Gallien nennt, uns keine Goldmünzen +mit eigenem Brustbild prägen lassen will und uns noch +andere höchst unerträgliche Kränkungen unserer Ehre angethan. +Wir gedenken vielmehr, unsere eigene Macht nach +Italien auszudehnen. +</p> + +<p> +Da wir nun wohl wissen, daß des Kaisers ganze +Stärke in diesem Lande auf seinem Feldherrn Belisar +beruht, dieser aber eine große Zahl alter und neuer Beschwerden +gegen seinen undankbaren Herrn zu führen hat: +so werden wir diesem Helden antragen, sich zum Kaiser +des Abendlandes aufzuwerfen, wobei wir ihm ein Heer +von hunderttausend Franken-Helden zu Hilfe senden und +uns dafür nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen +bis Genua hin abtreten lassen werden. +</p> + +<p> +Wir halten für unmöglich, daß ein Sterblicher dieses +<pb n='319'/><anchor id='Pg319'/>Anerbieten ablehne. Falls du zu diesem Plane mitwirken +willst, verheißen wir dir eine Summe von zwölf Centenaren +Goldes und werden, gegen eine Rückzahlung von zwei +Centenaren, deinen Namen in die Liste unserer Tischgenossen +aufnehmen. Der Gesandte, der dir diesen Brief +gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern Antrag Belisar mitzuteilen.« +</p> + +<p> +Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen. +</p> + +<p> +Jetzt fuhr er auf. »Ein solcher Antrag zu dieser +Stunde: – in dieser Stimmung: – er nimmt ihn an! +Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend Franken-Kriegern! +Er darf nicht leben.« – +</p> + +<p> +Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber +blieb er plötzlich stehen: »Thor, der ich war!« lächelte er +kalt. »Heißblütig noch immer? Er ist ja Belisar und nicht +Cethegus! Er nimmt nicht an. Das wäre, wie wenn +der Mond sich gegen die Erde empören wollte, als ob der +zahme Haushund plötzlich zum grimmigen Wolfe würde. +Er nimmt nicht an! Aber nun laß sehen, wie wir die +Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen. Nein, +Frankenkönig,« und er lächelte bitter auf den zusammengeknitterten +Brief, »solang Cethegus lebt, – nicht einen +Fuß breit von Italiens Boden.« +</p> + +<p> +Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen +zweiten langsamern. Und einen dritten –: nun blieb er +stehen –: und über seine mächtige Stirn zuckt’ es hin. +»Ich hab’ es!« frohlockte er. »Auf, Syphax,« rief er, »geh’ +und rufe mir Prokop.« – +</p> + +<p> +Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel +sein Blick auf den zur Erde gefallenen Brief des Merowingen. +»Nein,« lächelte er triumphierend, ihn aufhebend, +<pb n='320'/><anchor id='Pg320'/>»nein, Frankenkönig, nicht soviel Raum als dieser Brief +bedeckt, sollst du haben von Italiens heiliger Erde.« +</p> + +<p> +Bald erschien Prokop. Die beiden Männer pflogen +über Nacht ernste, schwere Beratung. Prokop erschrak vor +den schwindelkühnen Plänen des Präfekten und weigerte +sich lange, darauf einzugehen. +</p> + +<p> +Aber mit überlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige +Mann umklammert und hielt ihn eisern fest mit +zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand, noch eh’ er +ausgesprochen, mit siegender Überredung nieder und ließ +nicht eher ab, seine unzerreißbaren und dichten Fäden um +den Widerstrebenden zu ziehen, bis dem Eingesponnenen +die Kraft des Widerstandes versagte. – +</p> + +<p> +Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte +den Osten mit blassem Streif, als Prokopius von +dem Freunde Abschied nahm. »Cethegus,« sagte er aufstehend, +»ich bewundere dich. +</p> + +<p> +Wär’ ich nicht Belisars, – ich möchte dein Geschichtschreiber +sein.« +</p> + +<p> +»Interessanter wäre es,« sagte der Präfekt ruhig, +»aber schwerer.« +</p> + +<p> +»Doch graut mir vor der ätzenden Schärfe deines +Geistes. Sie ist ein Zeichen der Zeit, in der wir leben. +Sie ist wie eine blendendfarbige Giftblume auf einem +Sumpfe. Wenn ich denke wie du den Gotenkönig durch +sein eigen Weib zu Grunde gerichtet ... –« +</p> + +<p> +»Ich mußte dir das jetzt sagen. Leider hab’ ich in +letzter Zeit wenig von meiner schönen Verbündeten gehört.« +</p> + +<p> +»Deine Verbündete! Deine Mittel sind ...« – +»Immer zweckmäßig.« +</p> + +<p> +»Aber nicht immer ..! – Gleichviel, ich gehe mit +dir: – noch eine Strecke Weges, weil ich meinen Helden +aus Italien fort haben will, sobald als möglich. Er soll +<pb n='321'/><anchor id='Pg321'/>in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber +ich gehe nicht weiter mit dir als bis ... –« +</p> + +<p> +»Zu deinem Ziel, das versteht sich.« +</p> + +<p> +»Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle +nicht am Erfolg. Sie langweilt sich hier aufs tödlichste. +Sie brennt vor Begierde, in Byzanz nicht nur so manchen +Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten zu +verderben.« +</p> + +<p> +»Eine gute schlechte Frau.« +</p> + +<p> +»Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Empörung +Belisars für möglich halten?« +</p> + +<p> +»König Witichis ist ein guter Soldat und schlechter +Psychologe. Ich kenne einen viel schärferen Kopf, der’s +doch einen Augenblick für möglich hielt. Und du zeigst +ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den +Franken im Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an +den Hals: – er greift nach jedem Strohhalm. Daran +also zweifle ich nicht: – versichre dich nur Antoninens.« – +</p> + +<p> +»Das laß meine Sorge sein. Bis Mittag hoff’ ich +als Gesandter in Ravenna einzuziehn.« +</p> + +<p> +»Wohl: – dann vergiß mir nicht, die schöne Königin +zu sprechen.« +</p> +</div><div type="kapitel" n="19"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Neunzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Und Mittags ritt Prokop in Ravenna ein. +</p> + +<p> +Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an +Belisar, die Briefe des Frankenkönigs an Cethegus und +an Belisar und einen Brief Belisars an Witichis. Diesen +letztern hatte Prokop geschrieben und Cethegus hatte ihn +diktiert. +</p> + +<pb n='322'/><anchor id='Pg322'/> + +<p> +Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung +er den König der Goten und seine Königin antraf. +Der gesunde, aber einfache Sinn des Königs hatte +schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck unausgesetzten +Unglücks zwar nicht zu verzagen, jedoch sich +zu verdüstern. Die Ermordung seines einzigen Kindes, +das herzzerfleischende Losreißen von seinem Weibe hatten +ihn schwer erschüttert: – aber er hatte es getragen für +den Sieg der Goten. Und nun war dieser Sieg hartnäckig +ausgeblieben. +</p> + +<p> +Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes +mit jedem Monat seiner Regierung tiefer gefallen: mit +einziger Ausnahme des Gefechts bei dem Zug nach Rom +hatte ihm nie das Glück gelächelt. +</p> + +<p> +Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung +von Rom hatte mit dem Verlust von drei Vierteln +seines Heeres und traurigem Rückzug geendet. Neue Unglücksschläge, +Nachrichten, die betäubend wie Keulenschläge +auf den Helm in dichter Folge sich drängten, mehrten +seine Niedergeschlagenheit und steigerten sie zu dumpfer +Hoffnungslosigkeit. +</p> + +<p> +Fast ganz Italien, außerhalb Ravenna, schien Tag für +Tag verloren zu gehen. Schon von Rom aus hatte +Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet, unter Mundila, +dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich +gewannen deren gelandete Truppen den seebeherrschenden +Hafen und von da aus fast ganz Ligurien. Nach dem +wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der Bischof dieser +Stadt, selbst: von dort aus gewannen sie Bergomum, +Comum, Novaria. Andrerseits ergaben sich die entmutigten +Goten in Clusium und dem halbverfallnen Dertona den +Belagerern und wurden gefangen aus Italien geführt. +Urbinum ward nach tapferm Widerstand von den Byzan<pb n='323'/><anchor id='Pg323'/>tinern erobert, ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft +Ämilia durch Johannes den Blutigen: die Versuche +der Goten, Ancona, Ariminum und Mediolanum wieder +zu nehmen, scheiterten. +</p> + +<p> +Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des +Königs weiches Gemüt. +</p> + +<p> +Denn inzwischen wütete der Hunger in den weiten +Landschaften Ämilia, Picenum, Tuscien. Dem Pfluge +fehlten Männer, Rinder und Rosse. +</p> + +<p> +Die Leute flüchteten in die Berge und Wälder, buken +Brot aus Eicheln und verschlangen das Gras und Unkraut. +Verheerende Krankheiten entstanden aus der mangelnden +oder ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen +fünfzig tausend Menschen, noch mehr jenseit des Ionischen +Meerbusens in Dalmatien, dem Hunger und den Seuchen. +Bleich und abgemagert wankten die noch Lebenden dem +Grabe zu: wie Leder ward die Haut und schwarz, die +glühenden Augen traten aus dem Kopf, die Eingeweide +brannten. Die Aasvögel verschmähten die Leichen dieser +Pestopfer: aber von Menschen ward das Menschenfleisch +gierig gegessen. Mütter töteten und verzehrten ihre neugebornen +Kinder. In einem Gehöft bei Ariminum waren +nur noch zwei römische Weiber übrig. Diese ermordeten +und verzehrten nacheinander siebzehn Menschen, die vereinzelt +bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der achtzehnte +erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwürgen vermochten, +tötete die werwölfischen Unholdinnen und brachte das +Schicksal der früheren Opfer ans Licht. +</p> + +<p> +Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken +gesetzte Hoffnung. Die letzteren, die große Summen für +das zugesagte Hilfsheer empfangen hatten, verharrten in +schweigender Ruhe. Die ungestüm zur Eile, zur Erfüllung +der versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnen<pb n='324'/><anchor id='Pg324'/>den Boten des Königs wurden zu Mettis, Aurelianum +und Paris festgehalten: keinerlei Antwort kam von diesen +Höfen. Der Langobardenkönig Audoin aber ließ sagen: +er wolle nichts entscheiden ohne seinen kriegsgewaltigen +Sohn Alboin, dieser jedoch sei mit großem Gefolge auf +Abenteuer ausgezogen. +</p> + +<p> +Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: +– er sei mit Narses eng befreundet. Dann werde er das +Land sich ansehn und seinem Vater und Volke raten, welche +Beschlüsse sie über dies Land Italia fassen sollten. +</p> + +<p> +Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang +allen Anstrengungen des starken Belagerungsheeres, das +Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor die Mauern geführt +hatte und während der Einschließung befehligte. +Aber es zerriß dem König das Herz, als ihm durch einen +Boten (der nur mit Mühe und verwundet sich durch die +Reihen beider einschließenden Heere in das drei Tagreisen +entfernte Ravenna schlich) der heldenmütige Graf Wisand +der Bandalarius die folgenden Worte sandte: »Als du +mir Auximum anvertrautest, sagtest du: ich sollte damit +die Schlüssel Ravennas, ja des Gotenreiches hüten. Ich +sollte männlich widerstehen, dann würdest du bald mit all’ +deinem Heer zu unsrem Entsatz heranziehen. Wir haben +männlich widerstanden Belisar und dem Hunger. Wo +bleibt dein Entsatz? Wehe, wenn du recht gesprochen und +mit unsrer Feste jene Schlüssel in der Feinde Hände fallen. +Deshalb komm und hilf: – mehr um des Reichs, als +unsrer willen.« +</p> + +<p> +Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem +Golde bestochner Soldat der Belagerer, Burcentius: sein +Auftrag lautete – mit Blut war der kurze Brief geschrieben: +– »Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, +das aus den Steinen wächst. Länger als fünf Tage +<pb n='325'/><anchor id='Pg325'/>können wir uns nicht mehr halten.« Der Bote fiel auf +der Rückkehr mit der Antwort des Königs in die Hand +der Belagerer, die ihn im Angesicht der Goten vor den +Wällen von Auximum lebendig verbrannten. +</p> + +<p> +Ach und der König konnte nicht helfen! +</p> + +<p> +Noch immer widerstand das Häuflein Goten in Auximum, +obwohl ihnen Belisar durch Zerstörung der Wasserleitung +das Wasser abschnitt und den letzten <anchor id="corr325"/><corr sic="Brunen">Brunnen</corr>, der +ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen +von Menschen und Tieren und Kalklösungen vergiftete. +Sturmangriffe schlug Wisand immer noch blutig ab: nur +durch Aufopferung eines Leibwächters entging einmal +Belisar hierbei dem ganz nahen Tode. +</p> + +<p> +Endlich fiel zuerst Cäsena, die letzte gotische Stadt in +der Ämilia, und dann Fäsulä, das Cyprianus und Justinus +belagerten. »Mein Fäsulä!« rief der König, als er es +erfuhr: – denn er war Graf dieser Stadt gewesen und +dicht dabei lag das Haus, das er mit Rauthgundis bewohnt +hatte. »Die Hunnen hausen wohl an meinem zerstörten +Herd!« +</p> + +<p> +Als aber die gefangene Besatzung von Fäsulä den Belagerten +in Auximum in Ketten vor Augen geführt und +von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von Ravenna +her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da nötigten den +Bandalarius seine verhungerten Scharen zur Übergabe. +</p> + +<p> +Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus. +</p> + +<p> +Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien +geführt. Ja, so tief gesunken war Mut und Volksgefühl +der endlich Bezwungenen, daß sie unter Graf Sisifrid von +Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen +unter Belisars Fahnen. +</p> + +<p> +Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald +die bisherigen Belagerer dieser Feste zurückgeführt in das +<pb n='326'/><anchor id='Pg326'/>Lager vor Ravenna, wo er Cethegus den bisher anvertrauten +Oberbefehl wieder abnahm. +</p> + +<p> +Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkönigs +hafte, auf dem so schwer die Krone lastete. Da er +nun den Grund seines Mißlingens keiner Schwäche, keinem +Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig +an dem guten Recht der Goten gegen die Byzantiner +zweifeln und da seine einfache Gottesfurcht in diesem Ausgang +nichts andres als das Walten des Himmels erblicken +konnte, so kam er immer wieder auf den quälenden Gedanken, +es sei um seiner unvergebenen Sündenschuld willen, +daß Gott die Goten züchtige: eine Verstellung, welche die +Anschauungen des die Zeit beherrschenden alten Testaments +ihm nicht minder nahe legten als viele Züge der alten +germanischen Königssage. +</p> + +<p> +Diese Gedanken verfolgten unablässig den tüchtigen +Mann und nagten Tag und Nacht an der Kraft seiner +Seele. Bald suchte er im selbstquälerischen Grübeln jene +seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, +wie er den ihn verfolgenden Fluch wenigstens von seinem +Volke wenden könne. Längst hätte er die Krone einem +andern abgetreten, wenn ein solcher Schritt in diesem +Augenblick nicht ihm und andern als Feigheit hätte erscheinen +müssen. So war ihm auch dieser Ausweg – der +nächste und liebste – aus seinen quälenden Gedanken verschlossen. +Gebeugt saß jetzt oft der sonst so stattliche Mann, +blickte lange starr und schweigend vor sich hin, nur manchmal +das Haupt schüttelnd oder tief aufseufzend. +</p> + +<p> +Der tägliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses +stummen und hilflosen Erduldens eines niederdrückenden +Geschickes blieb, wie wir gesehen, nicht ohne Eindruck auf +Mataswintha. Auch glaubte sie sich nicht darin getäuscht +zu haben, daß seit geraumer Zeit sein Auge milder als +<pb n='327'/><anchor id='Pg327'/>sonst, mit Wehmut, ja mit Wohlwollen auf ihr geruht +habe. Und so drängte sie teils uneingestandene Hoffnung, +die so schwer erlischt im liebenden Herzen, teils Reue und +Mitleid mächtiger als je zu dem leidenden König. +</p> + +<p> +Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk +der Barmherzigkeit vereint. Die Bevölkerung von Ravenna +hatte in den letzten Wochen angefangen, während die Belagerer +von Ancona aus das Meer beherrschten und aus +Calabrien und Sicilien reiche Vorräte bezogen, Mangel +zu leiden. Nur die Reichen vermochten noch die hohen +Preise des Getreides zu bezahlen. Des Königs mildes +Herz nahm keinen Anstand, aus dem Überfluß seiner +Magazine, die, wie gesagt, die doppelte Zeit bis zu dem +Eintreffen der Franken auszureichen versprachen, auch an +die Armen der Stadt wohlthätige Verteilungen zu machen, +nachdem er seine gotischen Tausendschaften versorgt hatte: +auch hoffte er auf eine große Menge von Getreideschiffen, +welche die Goten in den oberen Padus-Gegenden auf diesem +Flusse zusammengebracht hatten und in die Stadt zu +schaffen trachteten. +</p> + +<p> +Um aber jeden Mißbrauch und alles Übermaß bei +jenen Spenden fernzuhalten, überwachte der König selbst +diese Austeilungen: und Mataswintha, die ihn einmal +mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, +hatte sich neben ihn auf die Marmorstufen der +Basilika von Sankt Apollinaris gestellt und ihm geholfen, +die Körbe mit Brot verteilen. Es war ein schöner Anblick, +wie das Paar, er zur Rechten, die Königin zur Linken, +vor der Kirchenpforte standen und über die Stufen hinab +dem segenrufenden Volk die Spende reichten. +</p> + +<p> +Während sie so standen, bemerkte Mataswintha unter +der drängenden, flutenden Volksmasse, – denn es war +viel Landvolk ja auch von allen Seiten vor den Schrecken +<pb n='328'/><anchor id='Pg328'/>des Krieges in die rettenden Mauern zusammengeströmt, – +auf der untersten Stufe der Basilika seitwärts ein Weib +in schlichtem, braunem, halb über den Kopf gezogenem +Mantel. Dies Weib drängte nicht mit den andern die +Stufen hinan, um auch Brot für sich zu fordern: sondern +lehnte, vorgebeugt, den Kopf auf die linke Hand und diesen +Arm auf einen hohen Sarkophag gestützt, hinter der Ecksäule +der Basilika und blickte scharf und unverwandt auf +die Königin. +</p> + +<p> +Mataswintha glaubte, das Weib sei etwa von Furcht +oder Scham oder Stolz abgehalten, sich unter die keckern +Bettler zu mischen, die auf den Stufen sich stießen und +drängten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit +Brot, hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich +bemüht häufte sie mit mildem Blick und mit den beiden +weißen Händen thätig das duftende Gebäck. – +</p> + +<p> +Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Königs, +das, sanft und freundlich gerührt, wie noch nie, auf ihr +geruht hatte. – Heiß schoß ihr das Blut in die Wangen +und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern. +</p> + +<p> +Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen +Mantel blickte, war diese verschwunden. Der Platz am +Sarkophag war leer. +</p> + +<p> +Sie hatte, während sie den Korb füllte, nicht bemerkt, +wie ein Mann mit einem Büffelfell und einer Sturmhaube, +der hinter der Frau stand, sie beim Arme gefaßt und mit +sanfter Gewalt hinweggeführt hatte. »Komm,« hatte er +gesagt, »hier ist kein guter Ort für dich.« Und wie im +wachen Traum hatte das Weib geantwortet: »Bei Gott, +sie ist wunderschön.« +</p> + +<p> +»Ich danke dir, Mataswintha!« sprach der König +freundlich, als die für heute bestimmten Spenden verteilt +waren. +</p> + +<pb n='329'/><anchor id='Pg329'/> + +<p> +Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr +Herz. Nie hatte er sie bisher bei ihrem Namen genannt, +immer nur die Königin in ihr gesehen und angesprochen. +Wie beglückte sie das Wort aus seinem Munde – und +wie schwer lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewußten +Seele! Offenbar hatte sie sich zum Teil seine +wärmere Stimmung durch ihr werkthätiges Mitleid mit +den Armen erworben. »O er ist gut,« sagte sie, halb +weinend vor Erregung, »ich will auch gut sein.« +</p> + +<p> +Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr +angewiesenen linken Flügels des Palastes trat – Witichis +bewohnte den rechten – eilte ihr Aspa geschäftig entgegen. +»Ein Gesandter aus dem Lager,« flüsterte sie der Herrin +eifrig zu. »Er bringt geheime Botschaft vom Präfekten +– einen Brief, von Syphax Hand, in unsrer Sprache – +er harrt auf Antwort ...« – +</p> + +<p> +»Laß,« rief Mataswintha, die Stirne furchend, »ich +will nichts hören, nichts lesen. Aber wer sind diese?« +</p> + +<p> +Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle +in ihre Gemächer führte. Da kauerten auf den roten Steinplatten +Weiber, Kinder, Kranke, Goten und Italier durcheinander, +in Lumpen gehüllt – eine Gruppe des Elends. +</p> + +<p> +»Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. +Sie sind nicht zu verscheuchen.« – »Man soll sie nicht +verscheuchen!« sprach Mataswintha, näher tretend. +</p> + +<p> +»Brot, Königin! Brot, Tochter der Amalungen!« riefen +mehrere Stimmen ihr entgegen. »Gieb ihnen Gold, Aspa, +alles, was du bei dir trägst und hole .. –« – »Brot! +Brot! Königin, nicht Gold! um Gold ist kein Brot mehr +zu haben in der Stadt.« +</p> + +<p> +»Vor des Königs Speichern wird es umsonst verteilt. +Ich komme gerade davon her, warum wart ihr nicht dort?« +</p> + +<p> +»Ach Königin, wir können nicht durchdringen,« jammerte +<pb n='330'/><anchor id='Pg330'/>eine hagere Frau. »Ich bin alt und meine Tochter hier +ist krank und jener Greis dort ist blind. Die Gesunden, +die Jungen stoßen uns zurück. Drei Tage haben wir’s +umsonst versucht: wir dringen nicht durch.« – »Nein, wir +hungern,« grollte der Alte. »O Theoderich, mein Herr +und König, wo bist du? Unter deinem Scepter hatten +wir vollauf. – Da kamen die Armen und Siechen nicht +zu kurz. Aber dieser Unglückskönig ... –« +</p> + +<p> +»Schweig,« sprach Mataswintha, »der König, mein +Gemahl« – und hier flog ein wunderschönes Rot über +ihre Wangen – »thut mehr als ihr verdient. Wartet +hier, ich schaffe euch Brot. Folge mir, Aspa.« +</p> + +<p> +Und rasch schritt sie hinweg. »Wohin eilst du?« fragte +die Sklavin staunend. +</p> + +<p> +Und Mataswintha schlug den Schleier über ihr Antlitz, +als sie antwortete: »Zum König!« +</p> + +<p> +Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht, bat sie +der Thürsteher, der sie mit Befremden erkannte, zu verweilen. +»Ein Abgesandter Belisars habe geheime Audienz: +er sei schon lange im Gemach und werde es bald verlassen.« +</p> + +<p> +Da öffnete sich die Thüre: – und Prokop stand zögernd +auf der Schwelle. »König der Goten,« sprach er, sich nochmals +wendend, »ist das dein letztes Wort?« – »Mein +letztes, wie’s mein erstes war,« sprach der König voller +Würde. – »Ich gönne dir noch Zeit: – ich bleibe noch +bis morgen in Ravenna.« – »Von jetzt an bist du mir +als Gast willkommen, nicht mehr als Gesandter.« – »Ich +wiederhole: fällt die Stadt mit Sturm, so werden alle +Goten, die höher als Belisars Schwert, getötet – er hat’s +geschworen! – Weiber und Kinder als Sklaven verkauft +– Du begreifst: Belisar kann keine Barbaren brauchen +in <hi rend='gesperrt'>seinem</hi> Italien – Dich mag der Tod des Helden +<pb n='331'/><anchor id='Pg331'/>locken: aber bedenke die Hilflosen – ihr Blut wird vor +Gottes Thron –« – »Gesandter Belisars, ihr steht in +Gottes Hand wie wir; lebwohl.« Und so mächtig wurden +diese Worte gesprochen, daß der Byzantiner gehen mußte, +so ungern er es that. Die schlichte Würde dieses Mannes +wirkte stark auf ihn. Aber auch auf die Lauscherin. +</p> + +<p> +Als Prokop die Thüre schloß, sah er Mataswintha vor +sich stehn und trat bewundernd einen Schritt zurück, geblendet +von soviel Schönheit. Ehrerbietig begrüßte er sie. +»Du bist die Königin der Goten!« sagte er, sich fassend, +»du mußt es sein.« +</p> + +<p> +»Ich bin’s!« sagte Mataswintha, »hätt’ ich das nie +vergessen.« Und stolz rauschte sie an ihm vorüber. +</p> + +<p> +»Augen haben diese Germanen, Männer und Weiber,« +sagte Prokop im Hinausgehen, »wie ich sie nie gesehen.« +</p> +</div><div type="kapitel" n="20"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem +Gatten eingetreten. +</p> + +<p> +Witichis hatte alle Gemächer, welche die Amalungen, +Theoderich, Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen +im Mittelbau des weitläufigen Palastes) unberührt gelassen +und einige auch früher schon von ihm, wenn er die Wache +am Hofe hatte, bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen. +Er hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie +angelegt und aus seinen Zimmern allen königlichen Pomp +entfernt. Ein Feldbett auf niedern Eisenfüßen, auf welchem +sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden lagen, ein +<pb n='332'/><anchor id='Pg332'/>langer Eichentisch und wenig Holzgerät standen in dem +einfachen Gelaß. +</p> + +<p> +Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschöpft, +mit dem Rücken gegen die Thür in einen Stuhl geworfen +und stützte das müde Haupt in beiden Händen auf den +Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt der +Eintretenden nicht bemerkt. +</p> + +<p> +Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. +Sie hatte ihn noch niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte +mächtig. Sie konnte ihn nicht ansprechen: sie konnte nicht +näher treten. +</p> + +<p> +Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er +die regungslose Gestalt an der Thüre stehen. »Du hier +Königin?« sprach er staunend und trat ihr einen Schritt +entgegen. »Was kann dich zu mir führen?« +</p> + +<p> +»Die Pflicht – das Mitleid« – sagte Mataswintha +rasch. <anchor id="corr332"/><corr sic="Sonst">»Sonst</corr> hätte ich nicht – – ich habe eine Bitte +an dich.« +</p> + +<p> +»Es ist die erste,« sagte Witichis. – »Sie betrifft +nicht mich« – fiel sie schnell ein – »Ich bitte dich um +Brot für Arme, Kranke, welche« – +</p> + +<p> +Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. – +</p> + +<p> +Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: +und hätte es doch, o wie gerne, gethan. So faßte er +selbst ihre Hand und drückte sie leicht. +</p> + +<p> +»Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht +ab. Du hast dennoch ein Herz für dein Volk und +seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich habe hart +von dir gedacht.« +</p> + +<p> +»Hättest du von jeher anders von mir gedacht: – es +wäre vielleicht manches besser.« +</p> + +<p> +»Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. +Eben jetzt – du hast ein Recht, es zu wissen – brach +<pb n='333'/><anchor id='Pg333'/>meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf deren Hilfe ich +hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die +Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß. +Es bleibt nur noch ein letztes: ein freier Tod.« +</p> + +<p> +»Laß mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswintha, +und ihre Augen leuchteten. – »Du? nein; die Tochter +Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme finden am Hofe +von Byzanz. Man weiß, daß du gegen deinen Willen +meine Königin geworden .. – Du kannst dich laut darauf +<anchor id="corr333"/><corr sic="beraufen">berufen</corr>.« +</p> + +<p> +»Nimmermehr!« sprach Mataswintha begeistert. +</p> + +<p> +Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken +fort: »Aber die andern! Die Tausende! die Hunderttausende +von Weibern, von Kindern! Belisar hält, was +er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: – +eine einzige! Denn – alle Mächte der Natur verschwören +sich gegen mich. Der Padus ist plötzlich so seicht geworden, +daß zweihundert Getreideschiffe, die ich erwartete, +nicht rasch genug den Fluß herabgebracht werden konnten: +die Byzantiner haben sie aufgefangen! +</p> + +<p> +Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: +er soll seine Flotte senden. Die unsre ist ja in +Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen, so kann darauf +entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll. +Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien +entfliehen.« +</p> + +<p> +»Ich will mit dir –, mit euch sterben.« +</p> + +<p> +»In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor +der Stadt erscheinen. Bis dahin reichen meine Speicher +– der letzte Trost. Doch, das mahnt mich an deinen +Wunsch: – Hier ist der Schlüssel zu dem Hauptthor der +Speicher. Ich trag’ ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. +Bewahre ihn wohl: – er verwahrt meine letzte Hoffnung. +<pb n='334'/><anchor id='Pg334'/>Er schließt das Leben von vielen Tausenden ein. Es war +meine einzige Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb. +<anchor id="corr334"/><corr sic="»Mich">Mich</corr> wundert,« fügte er schmerzlich hinzu, »daß nicht +die Erde sich aufgethan hat oder Feuer vom Himmel gefallen +ist, diese meine Bauten zu verschlingen.« +</p> + +<p> +Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz +seines Wamses. »Hüt’ ihn wohl, es ist mein letzter +Schatz, Mataswintha.« +</p> + +<p> +»Ich danke dir, Witichis – König Witichis –« sagte +sie, verbessernd, und griff nach dem Schlüssel, aber ihre +Hand zitterte. Er fiel. +</p> + +<p> +»Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in +die Rechte drückend, – sie steckte ihn in den Gürtel ihres +weißseidnen Unterkleides – »du zitterst? Bist du krank?« +setzte er besorgt hinzu. +</p> + +<p> +»Nein – es ist nichts. – Aber sieh mich nicht an so +– so wie jetzt und wie heute morgen ... –« »Vergieb +mir, Königin,« sagte Witichis, sich abwendend. »Meine +Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht viel +Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit +welcher Schuld ich all dies Unglück verdient haben könnte ...« +– seine Stimme wurde weich. +</p> + +<p> +»Dann? o rede?« bat Mataswintha hingerissen. Denn +sie zweifelte nicht mehr an dem Sinn seines unausgesprochen +Gedankens. +</p> + +<p> +»Dann hab’ ich, unter all’ den ringenden Zweifeln, +oft auch gedacht, ob es nicht Strafe sei für eine harte, +harte That, die ich an einem herrlichen Geschöpf begangen. +An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert –« Und +unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin. +</p> + +<p> +Mataswinthens Wangen erglühten: sie faßte, sich aufrecht +zu halten, nach der Lehne des Stuhles neben ihr. +<pb n='335'/><anchor id='Pg335'/>»Endlich – endlich erweicht sein Herz und ich – was +habe ich ihm gethan!« dachte sie »und Er bereut. –« +</p> + +<p> +»Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich +gelitten, mehr als Worte sagen können.« – »Halt ein!« +flüsterte sie so leise, daß er es nicht vernahm. »Und wenn +ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher, +milder, weiblicher als je zuvor – Dann rührtest du mein +Herz mit Macht: und Thränen drangen in meine Augen.« – +</p> + +<p> +»O Witichis!« hauchte Mataswintha. +</p> + +<p> +»Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine +Seele. Denn du mahnst mich dann so ganz, so herzerschütternd +an –« +</p> + +<p> +»An wen?« fragte Mataswintha und wurde leichenblaß. +</p> + +<p> +»Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, +an mein Weib Rauthgundis, die Seele meiner +Seele.« Wie lange hatte er den geliebten Namen nicht +mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem +Klang die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und +in den Stuhl sinkend bedeckte er sein Gesicht mit beiden +Händen. +</p> + +<p> +Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich +durch die Gestalt der Königin zuckte, ihr schönes +Antlitz sich medusenhaft verzerrte. Doch hörte er einen +dumpfen Schlag und wandte sich. +</p> + +<p> +Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke +Hand klammerte sich in die durchbrochene Rücklehne des +Stuhls, an dem sie niedergeglitten war, während die Rechte +sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches Haupt +war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen +aus dem Scheitelband, über ihre Schultern: ihre +scharf geschnittenen Nüstern flogen. +</p> + +<p> +»Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was +hat dich befallen?« +</p> + +<pb n='336'/><anchor id='Pg336'/> + +<p> +Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine +Schlange empor und richtete sich hoch auf: »Es war eine +Schwäche,« sagte sie, »die jetzt vorbei: – leb wohl!« +Wankend erreichte sie die Thür und fiel draußen bewußtlos +in Aspas Arme. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen +der ganzen Natur noch gesteigert. +</p> + +<p> +Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage +zuvor bemerkt, war der Vorbote einer ungeheuren schwarzen +Wolkenwand gewesen, welche die Nacht über aus dem +Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen unbeweglich, +wie Verderben brütend, über dem Meere stand und +die Hälfte des Horizonts bedeckte. +</p> + +<p> +Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich +stechenden Strahlen aus dem unbewölkten Himmel. Die +gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch abgelegt: sie +setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser unleidlichen +Hitze aus. Kein Lüftchen regte sich mehr. Der +Ostwind, der jene Wolkenschicht heraufgeführt, war plötzlich +gefallen. Unbeweglich, bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln +im Schloßgarten standen regungslos. +</p> + +<p> +Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt +war Angst und Unruhe geraten. An dem heißen +Sand der Küste hin flatterten Schwalben, Möwen und +Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an +der Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. +In der Stadt aber liefen die Hunde winselnd aus den +Häusern: die Pferde rissen sich in den Ställen los und +schlugen, ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich; +kläglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den +Dromedaren Belisars rasten und schäumten sich drei zu +Tode in wütenden Anstrengungen, zu entkommen. – +</p> + +<pb n='337'/><anchor id='Pg337'/> + +<p> +Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald +unter den Horizont zu sinken. +</p> + +<p> +Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von +Ravenna auf der Marmorstufe vor seinem Hause. Er war +ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte Rebenzweig +über seiner Thür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem +Gewächs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk. +»Ich wollte, es käme Regen,« seufzte er. »Kömmt nicht +Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt vollends, was an +Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht zerstampft +haben.« +</p> + +<p> +»Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« +flüsterte sein Sohn, ein römischer Patriot. Aber leise. +Denn eben bog um die Ecke eine gotische Runde. +</p> + +<p> +»Ich wollte, der Orcus verschlänge sie alle miteinander, +Griechen und Barbaren! Die Goten haben wenigstens +immer Durst. Siehst du, da kömmt der lange Hildebadus, +der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, +wenn er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten +möchten vor Trockenheit.« +</p> + +<p> +Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte +nun langsam heran, den Helm im linken Arm, die lange +Lanze lässig über der Schulter. Er schritt an der Weinschenke +vorbei, zu großem Befremden ihres Herrn, bog in +die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen +und dicken Rundturm, – er hieß der Turm des Aëtius –, +in dessen Schatten oben auf dem Walle ein schöner junger +Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde Locken +rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiß und +Rot seines Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben +ihm ein fast mädchenhaftes Ansehn. +</p> + +<p> +»He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh! +<pb n='338'/><anchor id='Pg338'/>Blitzjunge, hältst du’s noch immer aus auf diesem Bratrost +da oben? Und mit Schild und Panzer – uf!« +</p> + +<p> +»Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling +sanft. +</p> + +<p> +»Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze +wird Belisar stürmen? Ich sage dir, der ist froh, +wenn er Luft hat und verlangt heute kein Blut. Komm +mit: ich kam dich zu holen – der dicke Ravennate auf +dem Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: – +laß uns beide zu Munde führen.« +</p> + +<p> +Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine +Stirn faltete sich. »Ich habe Dienst und keinen Sinn +für Mädchen. Durst habe ich freilich: – schicke mir einen +Becher Wein herauf.« +</p> + +<p> +»Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast +ja eine Braut über den Bergen am Danubius! Und du +glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei gebrochen, +wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. +O lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts +für ungut. Mir kann’s ja recht sein. Bist sonst ein +guter Gesell und wirst schon noch älter werden. Ich schicke +dir vom roten Massiker heraus: – da kannst du dann +allein Allgunthens Minne trinken.« +</p> + +<p> +Und er wandte sich und war rasch in der Schenke +verschwunden. Bald brachte ein Sklave dem jungen Goten +einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All Heil, Allgunthis!« +und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze +wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und +nieder, langsamen Schrittes. »Von ihr sinnen und träumen +darf ich wenigstens,« sagte er, »das wehrt kein Dienst. Wann +werd’ ich sie wohl wieder sehn?« Und er schritt weiter: +und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen +Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. – +</p> + +<pb n='339'/><anchor id='Pg339'/> + +<p> +Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. +Sie führten in der Mitte einen Mann mit verbundenen +Augen und ließen ihn zur Porta Honorii hinaus. +Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei +Stunden gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft +vom König kam: und mißmutig verließ der Gesandte die +Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so schien es, an +der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. – +</p> + +<p> +Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber +nicht kühler geworden. Da erhob sich vom Meere plötzlich +ein starker Windstoß aus Süden: er schob die schwarzen +Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten +jetzt dicht und schwer über der Stadt. +</p> + +<p> +Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch +nicht frei. Denn eine zweite, gleiche Wolkenmauer war +dort emporgestiegen und hatte sich unmittelbar an die erste +geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land war +jetzt ein schwarzes Gewölbe. +</p> + +<p> +Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an +der porta Honorii: »Noch immer auf Wache, Fridugern?« +rief er dem jungen Goten hinauf. »Und noch immer kein +Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muß! sie dauert +mich! Gute Wache!« +</p> + +<p> +In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der +Wind kam aus den heißen Sandwüsten Afrikas. +</p> + +<p> +Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden +Aussehen des Himmels, hinaus ins Freie, zogen in +dichten Haufen durch die Straßen oder lagerten sich in +Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken. +Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte +sich viel Volk zusammen. Und es ward, obwohl erst +Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<pb n='340'/><anchor id='Pg340'/> + +<p> +Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, +die Königin, mit todesbleichen Wangen, in +schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die weitgeöffneten +Augen starrten in die Dunkelheit. +</p> + +<p> +Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen +gesprochen und zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung +entlassen. +</p> + +<p> +Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die +Worte wieder. Witichis – Rauthgundis – Mataswintha! +Mataswintha – Rauthgundis – Witichis! +</p> + +<p> +Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen +Kreislauf dieser Worte unterbrechen zu können. +</p> + +<p> +Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend +durch das Gemach und im selben Augenblick schmetterte +ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner, wie sie ihn nie +vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über +die bebende Stadt. +</p> + +<p> +Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie +fuhr empor. Sie setzte sich aufrecht auf dem Ruhebett. +Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen. Sie trug +nur noch das weißseidne Unterkleid: sie warf die wallenden +Wogen ihres Haares über die Schultern und lauschte. +</p> + +<p> +Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und +noch ein Donnerschlag. +</p> + +<p> +Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas +auf, das nach dem Hofe führte. Mataswintha starrte in +die Finsternis hinaus, die jetzt jeden Augenblick von grellen +Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der Donner, +selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. +Der Kampf der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte +begierig, auf die Linke gestützt und mit der Rechten langsam +über die Stirne streichend. +</p> + +<pb n='341'/><anchor id='Pg341'/> + +<p> +Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, +deren Flamme in einer geschlossenen Glaskugel brannte. +</p> + +<p> +»Königin, du .. – Aber, bei allen Göttern, wie +siehst du aus! Wie eine Lemure. Wie die Rachegöttin!« +</p> + +<p> +»Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswintha – es +war das erste Wort seit langen Stunden, – ohne den +Blick vom Fenster zu wenden. +</p> + +<p> +Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa +schloß das Fenster. »O Königin, die Frommen unter deinen +Mägden sagen: das sei das Ende der Welt, das da +komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen +Wolken, zu richten die Lebendigen und die Toten. Huh, +welch’ ein Blitz! Und noch kein Tropfen Regen. Nie hab’ +ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen schwer.« +</p> + +<p> +»Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. +Sie können hassen und lieben, wie’s ihnen gefällt. Und +zermalmen den, der sie nicht wieder liebt.« +</p> + +<p> +»Ach Herrin, ich war auf der Straße: ich komme +gerade zurück. Alles Volk strömt in die Kirchen mit Beten +und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich bete zu +Kairu und Astarte – Herrin, betest du nicht auch?« +</p> + +<p> +»Ich fluche! Das ist auch gebetet.« +</p> + +<p> +»Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und +stürzte zitternd in die Knie’. Der dunkelblaue Mantel, +den sie trug, glitt von ihren Schultern. Der Blitz und +Donner war so stark gewesen, daß Mataswintha aus den +Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war. +</p> + +<p> +»Gnade, Gnade, ihr großen Götter! erbarmt euch der +Menschen!« flehte die Afrikanern. +</p> + +<p> +»Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die +elende Menschheit! +</p> + +<p> +Ha, das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen +<pb n='342'/><anchor id='Pg342'/>vor Angst auf der Straße? Noch einer, und noch ein +Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein Himmelsgott oder +Himmelsgötter sind – nur um eins beneid’ ich euch –: +um die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflügelten, +tödlichen Blitz! Ihr schwingt ihn mit der ganzen +Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde vergehn: +und ihr lacht dazu: – der Donner ist euer Gelächter! +Ha, was war das?« +</p> + +<p> +Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, +zuckte und krachte. Aspa fuhr vom Boden auf. +</p> + +<p> +»Was ist das für ein großes Haus, Aspa? die dunkle +Masse uns gegenüber? Der Blitz hat wohl gezündet: – +brennt es?« +</p> + +<p> +»Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der +Blitz hat sie nur beleuchtet. Es sind die Kornspeicher +des Königs.« +</p> + +<p> +»Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Götter?« So schrie +die Königin. »Auch die <anchor id="corr342"/><corr sic="Serblichen">Sterblichen</corr> führen den Blitz der +Rache.« +</p> + +<p> +Und sie sprang vom Fenster hinweg, – und das Gemach +war plötzlich dunkel. +</p> + +<p> +»Königin – Herrin – wo bist – wohin bist du +verschwunden?« rief Aspa. Und sie tastete an den Wänden. +Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst nach +ihrer Herrin. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von +Sankt Apollinaris hin ein frommer Zug. +</p> + +<p> +Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele +Frauen: Knaben mit Fackeln schritten voran, hinter ihnen +Priester mit Kreuzstangen und Fahnen. Und durch das +Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des Sturmes +scholl die alte, feierlich ergreifende Weise: +</p> + +<pb n='343'/><anchor id='Pg343'/> + +<lg> +<l><hi rend='antiqua'>dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:</hi></l> +<l><hi rend='antiqua'>malo mori quam foedari: major vis amoris est.</hi></l> +</lg> + +<p> +Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete: +</p> + +<lg> +<l><hi rend='antiqua'>parce, judex, contristatis parce pecatoribus,</hi></l> +<l><hi rend='antiqua'>qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus.</hi></l> +</lg> + +<p> +Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die +nächsten Aufseher der Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an. +</p> + +<p> +Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thür der +Speicher gegenüber, saß das Weib im braunen Mantel: +still und furchtlos im Aufruhr der Elemente, die Hände +nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann +in der Sturmhaube stand neben ihr. +</p> + +<p> +Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte +sie im Schein eines Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? +Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft genug +mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?« +</p> + +<p> +»Ich bin fremd. Doch hab’ ich Obdach.« – »Komm +mit in die Kirche und bete mit uns.« +</p> + +<p> +»Ich bete hier.« – »Du betest? Du singst nicht und +sprichst nicht?« +</p> + +<p> +»Gott hört mich doch.« – »Bete doch für die Stadt. +Sie fürchten, es komme das Ende der Welt.« +</p> + +<p> +»Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.« +</p> + +<p> +»Und bete für unsern guten König, der uns Brot +giebt alle Tage.« – »Ich bete für ihn.« +</p> + +<p> +Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen +Runden, die sich an der Basilika kreuzten. +</p> + +<p> +»Ei so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der +einen Schar, »aber brumme mir nicht in meinen Befehl. +</p> + +<p> +Haltet an. Wisand, du bist’s? Wo ist der König? +Auch in der Kirche?« +</p> + +<p> +»Nein, Hildebad, auf den Wällen.« +</p> + +<pb n='344'/><anchor id='Pg344'/> + +<p> +»Recht so, da gehört er hin! Vorwärts, Heil dem +König.« Und die Schritte verhallten. +</p> + +<p> +Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler +vorbei. »Aber, Magister,« mahnte der jüngste, »ich dachte, +du wolltest in die Kirche? Warum führst du uns sonst +aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?« +</p> + +<p> +»Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause +zu bringen. Was Kirche! Ich sage dir, je weniger ich +Dächer und Mauern um mich weiß, desto wohler ist mir. +Ich führ’ euch auf die große, freie Wiese in der Vorstadt. +Ich wollte, wir hätten Regen. Wäre der Vesuvius nahe +genug, wie in meiner Heimat, ich dächte, Ravenna werde +heut’ ein zweites Herculaneum. Ich kenne solche Luft, +wie sie heute weht – ich traue nicht!« Und sie gingen +vorüber. +</p> + +<p> +»Willst du nicht mit mir gehn, Frau?« sprach der +Mann in der Sturmhaube zu der Gotin. »Ich muß sehen, +Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen: sonst kommen +wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich +nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.« +</p> + +<p> +»Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh’ +nur, ich komme nach. Ich muß noch was zu Ende +denken –, zu Ende beten.« Und die Frau blieb allein. +Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen +den schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen. +</p> + +<p> +Da war es ihr, als sähe sie in den Hochgängen, +Galerien und Oberhallen des gewaltigen Holzbaues der +Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenüber lagen, aus +dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht +auftauchen und hin und wieder, auf und abwärts wandeln. +Es mußte wohl eine Täuschung durch die Blitze sein. +Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in den +nach außen offenen Galerien verlöscht. +</p> + +<pb n='345'/><anchor id='Pg345'/> + +<p> +Aber nein: es war doch ein Licht. +</p> + +<p> +Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein +Aufleuchten und sein Verschwinden, wie wenn es hastigen +Schrittes entlang den Gängen mit ihren verdeckenden +Pfeilern und Halbmauern getragen würde. Scharf sah die +Frau nach dem wechselnden Licht und Schatten ... – – +</p> + +<p> +Aber plötzlich – o Entsetzen – fuhr sie empor. +</p> + +<p> +Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie +gesessen, ein schlafend Tier gewesen, das, jetzt erwachend, +sich leise regte, lebendig wurde – und schwankte, – stark, +– von der Linken zur Rechten. – +</p> + +<p> +Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. – +</p> + +<p> +Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell +aufflammte das Licht und verschwand plötzlich. – +</p> + +<p> +Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen +Angstruf aus. Denn jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: +die Erde bebte unter ihr! – Ein leises Zucken: und plötzlich +zwei, drei starke Stöße: als hebe sich wellenförmig der +Boden von der Linken zur Rechten. +</p> + +<p> +Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den +Thüren der Basilika stürzte in Todesangst die laut kreischende +Schar der Beter. – Noch ein Stoß! – Die Frau +hielt sich mit Mühe aufrecht. +</p> + +<p> +Und fernher, von der Außenseite der Stadt, scholl ein +gewaltiges dumpfes Krachen, wie von massenhaft stürzenden, +schweren Lasten. +</p> + +<p> +Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht. +</p> +</div><div type="kapitel" n="21"> +<pb n='346'/><anchor id='Pg346'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Einundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen +Schlages wandte, drehte sie einen Augenblick den Speichern +den Rücken. Aber rasch wandte sie sich diesen wieder zu. +Denn es war ihr, als sei eine schwere Thüre zugefallen. +Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte +ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas +sacht an der Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. +Und sie glaubte, ein leises Seufzen zu vernehmen. +</p> + +<p> +»Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?« +</p> + +<p> +»Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde +hat darüber – vor Abscheu – sich geschüttelt, gebebt. +Die Erde bebt – die Toten stehen auf. – Es kommt +der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird +er’s wissen. – Oh. –« Und ein tiefgezogener Klagelaut +– und ein Rauschen von Gewändern – und Stille. +</p> + +<p> +»Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend. +</p> + +<p> +Da zuckte ein heller Blitz, – der erste seit dem Erdstoß +– und zeigte, vor ihren Füßen liegend, eine verhüllte +Gestalt. Weiße und dunkelblaue Frauenkleider. – Das +Weib langte nach dem Arm der Liegenden. +</p> + +<p> +Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und +war mit einem Schrei im Dunkel verschwunden. Das +Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein Traumgesicht: +nur eine breite goldene Armspange, mit einer +grünen Schlange von Smaragden, die in ihrer Hand +zurückgeblieben, war ein Pfand der Wirklichkeit dieser unheimlichen +Erscheinung. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<pb n='347'/><anchor id='Pg347'/> + +<p> +Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen +Wachen. »Hildebad, Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. +»Hier bin ich: – was ist? wohin soll ich?« fragte dieser +mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Thor des +Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke +Turm des Aëtius liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die +Lücke!« +</p> + +<p> +»Ich komme: – – armer Fridugern!« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager +der Byzantiner Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt +Belisars. Er war in voller Rüstung, der purpurdunkle +Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine Gestalt war +hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! +was säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner +Feinde stürzen von selber ein. +</p> + +<p> +Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. +– Und du? was thust du in deinem Zelt? – –« +</p> + +<p> +»Ich verehre die Größe des Allmächtigen!« sagte +Belisar mit edler Ruhe. Antonina stand neben ihm, den +Arm um seinen Nacken geschlungen. – Ein Betschemel und +ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut +des Präfekten das Paar gestört. »Das thu’ morgen. – +Nach dem Sieg. Jetzt aber: stürme!« +</p> + +<p> +»Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel! +</p> + +<p> +Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und +erschreckt. Denn Gott der Herr spricht in diesen Wettern!« +</p> + +<p> +»Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, +der Turm des Aëtius und ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt. +Ich frage dich, willst du stürmen?« +</p> + +<p> +»Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die +Kampflust erwachte. – »Aber es ist finstre Nacht. – –« +</p> + +<pb n='348'/><anchor id='Pg348'/> + +<p> +»Im Finstern find’ ich den Weg zum Sieg und in das +Herz von Ravenna. Auch leuchten die Blitze.« +</p> + +<p> +»Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar. +</p> + +<p> +»Ja, denn jetzt hat’s Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren +sind verblüfft. +</p> + +<p> +Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.« +</p> + +<p> +Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus +Licinius in das Zelt. »Belisar,« meldete der erste, »der +Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben umgestürzt und +eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!« – »Hilfe, +Hilfe! meine armen Leute!« rief Belisar und eilte aus +dem Zelte. »Cethegus,« berichtete Marcus, »auch eine +Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten verschüttet.« +Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd, frug der Präfekt: +»was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor +dem Aëtiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?« +– »Ja, das Wasser ist verschwunden – der Graben ist +ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine Isaurier +sind’s: sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung +und schreien um <anchor id="corr348"/><corr sic="Hilfe.">Hilfe.«</corr> +</p> + +<p> +»Laß sie schreien!« sprach Cethegus. – »Der Graben +ist wirklich trocken? So laß zum Sturm blasen. Folge +mir mit allen Söldnern, die noch leben.« +</p> + +<p> +Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich +rasten, eilte der Präfekt zu seinen Schanzen, wo +seine römischen Legionare und der Rest der Isaurier unter +Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu +wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber +er wußte, daß ein günstiger Erfolg alsbald Belisar mit +fortreißen würde. »Lichter, Fackeln her!« rief er und trat +mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte seiner +römischen Legionare. »Vorwärts,« befahl er, »die Schwerter +heraus!« +</p> + +<pb n='349'/><anchor id='Pg349'/> + +<p> +Aber kein Arm rührte sich. +</p> + +<p> +Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, +auch die Führer, auch die Licinier, auf den dämonischen +Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur nur an sein +Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur +als Mittel ansah zu seinem Zweck. +</p> + +<p> +»Nun, habt ihr auf mich zu hören, oder auf den +Donner?« rief er. +</p> + +<p> +»Feldherr,« mahnte ein Centurio vortretend, »sie beten. +Denn die Erde bebt.« +</p> + +<p> +»Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? +Nein, ihr Römer, seht: der Boden selbst von Italien erhebt +sich gegen die Barbaren. Er bäumt sich, sprengt ihr +Joch und ihre Mauern fallen. <hi rend='antiqua'>Roma! Roma aeterna!</hi>« +</p> + +<p> +Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, +welche die Männer und die Waffen fortreißen. +</p> + +<p> +»<hi rend='antiqua'>Roma! Roma aeterna!</hi>« riefen zuerst die Licinier, +dann die Tausende der römischen Jünglinge: und durch +Nacht und durch Grauen, durch Blitz und Donner und +Sturm, folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer +Schwung sie mit fortriß. Die Begeisterung lieh ihnen +Flügel. Rasch waren sie über den breiten Graben hinweg, +dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. – Cethegus der +erste am jenseitigen Rand. – Die Fackeln hatte der Sturm +gelöscht. – Im Finstern fand er den Weg. »Hierher, +Licinius,« rief er, »mir nach! hier muß die Lücke sein.« +</p> + +<p> +Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen +harten Körper und taumelte zurück. »Was ist das?« +fragte Lucius Licinius hinter ihm, »eine zweite Mauer?« +– »Nein,« sprach eine ruhige Stimme von drüben, »aber +gotische Schilde.« – »Das ist der König Witichis,« sagte +der Präfekt grimmig und maß mit bitterem Haß die +dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung gezählt. +<pb n='350'/><anchor id='Pg350'/>Seine Hoffnung war getäuscht. »Hätt’ ich ihn,« sprach er +grimmig in sich hinein, »er sollte nicht mehr schaden.« +</p> + +<p> +Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar und +die Trompeten schmetterten. Belisar führte sein Heer zum +Sturm gegen den Mauersturz. Prokop erreichte den Präfekten: +»Nun, was stockt ihr? Halten euch neue Wälle +auf?« +</p> + +<p> +»Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie,« und der Präfekt +deutete mit dem Schwert. »Unter den noch fallenden +Trümmern, diese Goten!« – +</p> + +<p> +»Nun wahrlich!« rief Prokop: »<hi rend='antiqua'>si fractus illabatur orbis, +impavidos ferient <anchor id="corr350"/><corr sic="ruinae!«">ruinae!</corr></hi> Das sind mutige Männer.« +</p> + +<p> +Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff +bereiten Scharen heran. Einen Augenblick, – nur die +Führer eilten noch, Befehle erteilend hin und wieder, – +einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden mußte +beginnen. +</p> + +<p> +Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der +Stadt. Eine Flammensäule schoß hoch empor, und zahllose +Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom Himmel +zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es +war ein furchtbar herrlicher Anblick. +</p> + +<p> +Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, +hielten inne. +</p> + +<p> +»Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis,« schrie jetzt +ein Reiter, der von der Stadt her jagte, »es brennt.« +</p> + +<p> +»Das sehen wir. Laß brennen, Markja! Erst fechten, +dann löschen.« +</p> + +<p> +»Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein +Getreide fliegt in Myriaden Funken durch die Luft.« +</p> + +<p> +»Die Speicher brennen!« schrien Goten und Byzantiner. +</p> + +<p> +Witichis versagte die Stimme, zu fragen. »Der Blitz +<pb n='351'/><anchor id='Pg351'/>muß schon lange im Innern gezündet haben. Es hat +von innen heraus alles zusammengebrannt. Da sieh, sieh +hin. –« +</p> + +<p> +Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe +und entfachte sie riesengroß. Die Flammen flogen auf die +nächsten Dächer. Zugleich schien der hölzerne Dachfirst +des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach einem +schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von +Funken empor. Es war ein Flammenmeer. +</p> + +<p> +Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: – +matt sank sein Arm herunter. +</p> + +<p> +Cethegus sah’s: »Jetzt,« rief er, »jetzt zum Sturm!« +</p> + +<p> +»Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. +»Der ist ein Feind des Kaisers, der ist des Todes, der +das Schwert erhebt. Zurück ins Lager – alle: jetzt ist +Ravenna mein – und morgen fällt’s von selbst.« +</p> + +<p> +Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. +Cethegus knirschte. Er allein war zu schwach. Er mußte +nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er hatte die Stadt +mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren +Hauptwerken festzusetzen. +</p> + +<p> +Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars +Hand werde geliefert werden. Grollend führte er die +Seinen zurück. +</p> + +<p> +Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als +Cethegus dachten. +</p> +</div><div type="kapitel" n="22"> +<pb n='352'/><anchor id='Pg352'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zweiundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm +des Aëtius Hildebad übertragen und war sofort auf die +Brandstätte geeilt. +</p> + +<p> +Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: +– aber nur aus Mangel an Nahrung. Der ganze Inhalt +der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und dem +Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den +letzten Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die +nackten, ruß- und rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen +Marmorbaus, des Cirkus des Theodosius, +starrten noch gen Himmel. +</p> + +<p> +Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. +Das Feuer mußte sehr lange Zeit von innen +heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben mochte, +unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume +des Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als +Flammen und Rauch aber zu den Dachlücken herausschlugen, +war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald darauf der +Rest des Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten +vollauf zu thun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer +ergriffenen Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des +Regens, der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und +dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein Ende machte. +</p> + +<p> +Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende +Sonne, als sie das Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen +Haufen Schutt und Asche in der Mitte des Marmorrundbaus. +</p> + +<p> +Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König +lange Zeit diesen Ruinen gegenüber an einer Säule der +Basilika. Ohne Regung, nur manchmal den Mantel auf +<pb n='353'/><anchor id='Pg353'/>der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im +Anblick dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm +gereift. Jetzt ward es grabesstill in seinem Innern. +</p> + +<p> +Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend +der verzweifelnden Armen von Ravenna betend, fluchend, +weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus uns!« – +»O, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das +ich noch gestern hier erhielt.« – »O, was werden wir +jetzt essen?« +</p> + +<p> +»Bah, der König muß aushelfen.« – »Ja, der König +muß Rat schaffen.« – »Der König?« +</p> + +<p> +»Ach, der arme Mann, woher soll er’s nehmen?« – +»Hat er doch selbst nichts mehr.« – »Das ist seine Sache.« +– »Er allein hat uns in all die Not gebracht.« – »Er +ist an allem Schuld.« – »Was hat er die Stadt nicht +lang dem Kaiser übergeben.« – »Jawohl, ihrem rechtmäßigen +Herrn!« – »Fluch den Barbaren!« – Sie sind +an allem Schuld.« – »Nicht alle, nein, der König allein. +Seht ihr’s denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!« – +»Strafe? wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem +Volke von Ravenna Brot!« – »So wißt ihr’s nicht? +Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der +sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen +Mataswintha hat ihn gelüstet. Und er ruhte nicht, bis +sie sein eigen war. – Sein ehlich Weib hat er verstoßen.« +</p> + +<p> +Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn +ekelte des Volkes. Aber sie erkannten seinen Schritt. +</p> + +<p> +»Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie +durcheinander und wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn +nicht. Ich fürchte den Hunger mehr als seinen Zorn. +Schaff’ uns Brot, König Witichis. Hörst du’s, wir +hungern!« sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am +Mantel. »Brot, König!« – »Guter König, Brot!« +<pb n='354'/><anchor id='Pg354'/>– »Wir verzweifeln!« – »Hilf uns!« Und wild drängte +sich die Menge um ihn. +</p> + +<p> +Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet +euch,« sprach er ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist +euch geholfen.« Und er eilte nach seinem Gemach. +</p> + +<p> +Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens +und ein römischer Arzt. +</p> + +<p> +»Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, +deine Gemahlin ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht +haben ihren Geist verwirrt. Sie spricht wirre Fieberreden. +Willst du sie nicht sehen?« +</p> + +<p> +»Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr +der Arzt fort, »mit größter Angst und Sorge diesen +Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden am meisten +zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. +Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand +zu geben, er sei von höchster Wichtigkeit.« +</p> + +<p> +Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel +und warf ihn zur Seite. »Er ist es nicht mehr. – Geht, +verlaßt mich und sendet meinen Schreiber.« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das +Zelt des Feldherrn eintreten. +</p> + +<p> +Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast’gen +Schritten auf und niederging, entgegen: »Das kömmt +von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen Künsten! von +deinen Lügen! Ich hab’ es immer gesagt: vom Lügen +kömmt Verderben: und ich verstehe mich nicht d’rauf! O, +warum bin ich dir gefolgt! Jetzt steck’ ich in Not und +Schande!« +</p> + +<p> +»Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cethegus +seinen Freund. +</p> + +<pb n='355'/><anchor id='Pg355'/> + +<p> +Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren +sind unergründlich in ihrer großartigen Einfalt. +Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; lies.« +</p> + +<p> +Und Cethegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern +drei Dinge zu wissen gethan: +</p> + +<p> +Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im +Bund mit den Franken das Westreich deinem undankbaren +Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten freien Abzug +über die Alpen ohne Waffen anbietest. +</p> + +<p> +Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten +geben nie ihre Waffen ab und räumen nicht Italien, die +Eroberung und Erbschaft ihres großen Königs: eher fall’ +ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern +gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, +Wasser, Luft und Erde gegen uns empörten. Aber was +ich immer dunkel gefühlt, hab’ ich heut’ Nacht unter den +Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch +auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin +das Unglück meines Volkes. Das soll nicht länger also +sein. Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg: +sie soll’s nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht +gegen Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. +Er ist unser Feind wie deiner. Wohlan: stütze dich, statt +auf ein Heer der falschen Franken: auf das ganze Volk +der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen +sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. +Laß mich den Ersten sein, der dich begrüßt wie +als Kaiser des Abendlands so als König der Goten. Alle +Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine +Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt +und wahrlich: kein Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst +du diesen Antrag: so mache dich gefaßt auf einen +Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann +<pb n='356'/><anchor id='Pg356'/>mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden +fallen. Aber auch dein ganzes Heer. Eins oder das +andre. Ich hab’s geschworen. Wähle. Witichis.« +</p> + +<p> +Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste +erschrocken. Rasch hatte er einen forschenden Blick auf +Belisar geworfen. Aber dieser Eine Blick beruhigte ihn +wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich abermals. +»Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. +Welche Versuchung! –« +</p> + +<p> +Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch +ein Einfall! Wozu doch die Verzweiflung führt.« +</p> + +<p> +»Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel +nicht, wenn .. –« +</p> + +<p> +»Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cethegus. +</p> + +<p> +»Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre +den Mann. Und es darf mich nicht mehr beleidigen, daß +er mich der Empörung fähig hält. Hab’ ich es ihm doch +selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuß. »Ratet +jetzt und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl +geführt. Ja sagen kann ich nicht. Und sag’ ich nein: – +darf ich des Kaisers Heer als vernichtet anseh’n. Und +muß obenein bekennen, daß ich die Empörung nur erlogen.« +</p> + +<p> +Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der +Linken langsam streichend. Plötzlich durchblitzte ihn ein +Gedanke. Ein Strahl der Freude flog verschönend über +sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war +in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst +wollte er Belisar ganz sicher machen. »Du kannst vernünftigerweise +nur zwei Dinge thun,« sagte er zaudernd. +</p> + +<p> +»Rede: ich sehe weder eins noch das andre.« +</p> + +<p> +»Entweder wirklich annehmen –« +</p> + +<p> +»Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. +<pb n='357'/><anchor id='Pg357'/>Prokop hemmte erschrocken seinen Arm. – »Keinen solchen +Scherz mehr, Cethegus, so lieb dir dein Leben.« +</p> + +<p> +»Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. +Ohne Schwertstreich einziehn in Ravenna. Und – – +die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach Byzanz schicken.« +</p> + +<p> +»Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« +rief Belisar. +</p> + +<p> +»Es ist beides,« sagte Cethegus ruhig. +</p> + +<p> +»Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen +sehen.« +</p> + +<p> +»Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen +König nach Byzanz. Das entwaffnete Volk hört auf, ein +Volk zu sein.« +</p> + +<p> +»Nein, nein, das thu’ ich nicht.« +</p> + +<p> +»Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. +Leb wohl, Belisar. Ich gehe nach Rom. Ich habe durchaus +nicht Lust, fünfzigtausend Goten in Verzweiflung +kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den +Verderber seines besten Heeres loben!« +</p> + +<p> +»Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar. +</p> + +<p> +Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. +»Belisar,« sprach er mit gemütvoller, tief aus der Brust +geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für deinen +Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. +Aber wer kann neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne +den Helden zu bewundern?« +</p> + +<p> +Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, +wie man sie nie an dem sarkastischen Präfekten sah. Belisar +war ergriffen und selbst Prokop erstaunte. +</p> + +<p> +»Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und +will dir diese Freundschaft in diesem Augenblick durch +meinen Rat bewähren. Glaubst du mir, Belisarius?« +Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, +<pb n='358'/><anchor id='Pg358'/>bot ihm treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins +Auge. +</p> + +<p> +»Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick mißtrauen.« +</p> + +<p> +»Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern +Herrn gehabt als du. – Der letzte Brief des +Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner Treue.« +</p> + +<p> +»Das weiß der Himmel.« +</p> + +<p> +»Und nie hat ein Mann,« – hier faßte er ihn an +beiden Händen – »herrlichere Gelegenheit gehabt, das +schnödeste Mißtrauen zu beschämen, sich aufs glorreichste +zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du bist verleumdet, +du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. +Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh’ in +Ravenna ein, laß dir von Goten und Italiern huldigen +und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. Ravenna dein, +dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier – wahrlich, +du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz +und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine +Macht. Du aber, der du all’ dies in Händen hast, – +du legst all’ die Macht und all’ die Herrlichkeit deinem +Herrn zu Füßen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar +ist lieber dein Knecht als der Herr des Abendlandes. So +glorreich, Belisar, ward Treue noch nie auf Erden erprobt.« +</p> + +<p> +Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. +Sein Auge leuchtete. +</p> + +<p> +»Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab’ +Dank. Das ist groß gedacht. O, Justinian, du sollst vor +Scham vergehn!« +</p> + +<p> +Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur +Thüre. +</p> + +<p> +»Armer <anchor id="corr358"/><corr sic="Witichis’«">Witichis,«</corr> flüsterte Prokop ihm zu: »er wird +<pb n='359'/><anchor id='Pg359'/>diesem Musterstück von Treue aufgeopfert. – Jetzt ist er +verloren.« +</p> + +<p> +»Ja,« sagte Cethegus, »er ist verloren, gewiß.« Und +draußen vor dem Zelt warf er den Mantel über die linke +Schulter und sprach: »Aber gewisser noch du selber, Belisar.« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet +entgegen. +</p> + +<p> +»Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht +übergeben. Wann geht’s zum Kampf?« +</p> + +<p> +»Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg’ deine Waffen +ab und gürte dich, zu reisen. Du gehst noch heute mit +geheimen Briefen von mir ab.« – »An wen?« – »An den +Kaiser und die Kaiserin.« – »Nach Byzanz?« – »Nein, +zum Glück sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. +Eile dich. In fünfzehn Tagen mußt du zurück +sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal harrt +auf deine Wiederkunft.« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem +Gotenkönig überbracht, berief dieser in seinen Palast die +Führer des Heeres, die vornehmsten Goten und eine Anzahl +von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das Geschehene +mit und forderte ihre Zustimmung. +</p> + +<p> +Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein +Schweigen des Staunens folgte auf seine Worte. Endlich +sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf den König +blickend: »Die letzte deiner Königsthaten, Witichis, ist so +edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu +haben werd’ ich ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, +es zu sühnen, indem ich dir blindlings folge. +<pb n='360'/><anchor id='Pg360'/>Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden: denn +du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer +als du König sein, – leichter mögen die Wölsungen +einem Fremden, einem Belisar als einem Goten nachstehn. +Und so folg’ ich dir und sage: ja, du hast gut +und groß gehandelt.« +</p> + +<p> +»Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. +»Bedenkt, was ihr thut! Ein Fremder an der Spitze +der Goten!« +</p> + +<p> +»Was ist das andres, als was andre Germanen vor +uns gethan, Quaden und Heruler und Markomannen, +auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?« sagte +Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsere glorreichsten +Könige und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten +dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafür Land. So +lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien von +Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als +Zeno und mich wahrlich nicht besser als Theoderich.« +</p> + +<p> +»Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntharis bei. +»Nie unterwerf’ ich mich dem feigen und falschen Tyrannen. +Aber Belisarius ist ein Held. – Kannst du das leugnen, +Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul gerannt?« +</p> + +<p> +»Schlag mich der Donner, wenn ich’s ihm vergesse. +Es ist das Einzige, was mir an ihm gefallen hat.« +</p> + +<p> +»Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück +war. Und wir bleiben im reichen Lande hier, bleiben frei +wie bisher und schlagen nur seine Schlachten gegen Byzanz. +Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind.« +</p> + +<p> +Und fast alle Versammelten stimmten bei. +</p> + +<p> +»Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief +Hildebad. – »Von je hab’ ich die Zunge ungefüger, als +die Axt geführt. – Aber ich fühl’ es deutlich: ihr habt +<pb n='361'/><anchor id='Pg361'/>unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier, +der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr’s +nie bereuen! Mir aber sei’s vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen +Mischreich davonzugehn. Ich will nicht leben +unter Belisar. Ich zieh’ auf Abenteuer in die Welt: mit +Schild und Speer und groben Hieben kömmt man weit.« +</p> + +<p> +Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem +Gespräch wohl noch umzustimmen. Er fuhr jetzt in der +Sache fort, die ihm so sehr am Herzen lag. »Vor allem +hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna +besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer +mit ihren Truppen von einer Empörung gegen +Justinian nichts wissen wollen. Diese, sowie die verdächtigen +Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten +und den verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe +die Entscheidung fällt.« +</p> + +<p> +»Hütet euch,« warnte Hildebad, »daß ihr nicht selbst +in diese Grube fallt! Wir Goten sollen uns nicht aufs +Feinspinnen verlegen. ’s ist, wie wenn der Waldbär auf +das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. +Lebt wohl: – mög’ es besser auffallen als ich ahne. +</p> + +<p> +Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. +Der, wie ich ihn kenne, wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate +sich versöhnen. Der schwarze Teja aber, denk’ +ich, zieht mit mir davon.« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer +Kapitulation. Die Bedingungen waren ungewiß. Aber +gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des Königs große +Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, +welche an die Armen verteilt wurden. »Er hat Wort +gehalten!« sagten diese und segneten den König. +</p> + +<pb n='362'/><anchor id='Pg362'/> + +<p> +Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der +Königin und erfuhr, daß sie sich langsam wieder beruhige +und erhole. »Geduld: – sprach Witichis aufatmend – +auch sie wird bald frei und meiner ledig.« +</p> + +<p> +Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener +Goten sich aus der innern Stadt nach der Mauerlücke am +Turm des Aëtius wandte. – Ein langer Reiter voran: +dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit +Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten +trug. Dann der Rest der stark gerüsteten Männer. +</p> + +<p> +»Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen +hinaus.« +</p> + +<p> +»Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf +Wisand, und gab Befehl zu öffnen. »Weißt du schon, die +Stadt wird morgen übergeben. Wo willst du hin?« +</p> + +<p> +»In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Roß +die Sporen. +</p> +</div><div type="kapitel" n="23"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Dreiundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Mehrere Tage waren vergangen, bis die Königin +Mataswintha sich aus den wirren Fieberphantasien und +aus dem von wilden Träumen gequälten Schlummer, der +auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte. +</p> + +<p> +Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Außenwelt +und den gewaltigen Entscheidungen gegenüber, die sich +damals vorbereiteten. Sie schien keine Empfindung mehr +zu haben, als das eine Gefühl ihrer ungeheuern frevelhaften +Thaten. +</p> + +<p> +Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph +des Hasses, mit dem sie die Fackel in der Hand durch die +<pb n='363'/><anchor id='Pg363'/>Nacht gestürmt war, in zerstörende Reue, in Grauen und +Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge +That gethan, hatte sie der Erdstoß in die Kniee geworfen: +und ihr von allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im +Augenblick des vollendeten Frevels erwachendes Gewissen +glaubte, die Erde wolle sich über ihre Unthat empören: +sie sah die Rache des Himmels hereinbrechen über ihr +schuldiges Haupt. +</p> + +<p> +Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, +alsbald die Lohe, die ihre Hand entzündet, riesengroß +emporsteigen sah, als sie das tausendstimmige Wehegeschrei +der Ravennaten und Goten vernahm, da schien jede Flamme +an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen +sie zu verfluchen. Sie verlor das Bewußtsein: sie brach +zusammen unter den Folgen ihrer That. +</p> + +<p> +Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmählich +des Geschehenen wieder erinnert hatte, war die +Kraft ihres Hasses gegen den König völlig gebrochen. +Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue über ihre That, +zitternde Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, +erfüllte sie ganz. +</p> + +<p> +Um so mehr, als sie selbst wußte und von allen Seiten +vernahm, wie der Untergang der Speicher den König zur +Ergebung an seine Feinde zwingen werde. +</p> + +<p> +Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen +Augenblick Zeit fand, selbst nach ihrem Zustand in ihren +Gemächern sich zu erkundigen, beschwor sie die staunende +Aspa, um keinen Preis den König vor ihr Antlitz treten +zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das +Lager verlassen und häufig arme Leute aus der Stadt +empfangen hatte, ja die Darbenden auffordern ließ, sich +bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhändig die für +sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit maßloser +<pb n='364'/><anchor id='Pg364'/>Freigebigkeit Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu +verteilen. +</p> + +<p> +Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein +Mann in braunem Mantel und einer Sturmhaube wiederholt +und dringend sie um die Gnade gebeten hatte, sie +möchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes +die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewähren. +</p> + +<p> +<anchor id="corr364"/><corr sic="»Es">Es</corr> gelte des Königs Heil: es gelte zu warnen vor +thätigem, überführbarem Verrat, der seine Krone, vielleicht +sein Leben, bedrohe. Mataswintha gewährte eifrig die +Bitte. – +</p> + +<p> +Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte +nicht mehr abweisen, was auch nur mit dem Verwand +seiner Rettung an sie trat. Auf Sonnenuntergang bestellte +sie das Weib. – +</p> + +<p> +Die Sonne war gesunken. Der Süden kennt fast keine +Dämmerung. Es war finster beinahe, als der schon lange +im Vorsaal harrenden Frau eine Sklavin winkte. Die +Königin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur +achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht +sei sie sehr schwach. Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen +werden, da es dem König gelte. +</p> + +<p> +»Ist das aber auch gewiß wahr?« forschte die Sklavin. +»Nicht unnütz möcht’ ich meine Herrin mühen:« – es war +Aspa – »wenn ihr nur Gold damit erlisten wolltet, sagt +es mir frei. Ihr sollt mehr haben als ihr begehrt: – +nur schont meine Herrin. Gilt es dem König wirklich?« +</p> + +<p> +»Es gilt dem König!« Seufzend führte Aspa die +Frau in das Gemach Mataswinthens. +</p> + +<p> +Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem +Tuch umwunden, ganz in leichtes, weißes Krankengewand +gekleidet, im Hintergrund des großen Gemaches von dem +Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die +<pb n='365'/><anchor id='Pg365'/>goldene Ampel, die über demselben in die Wand eingelassen +war, brannte bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf +dem Rand des Lagers müde sitzen. »Tritt näher,« sprach +sie. »Es gilt dem König? warum zögerst du? Rede.« +</p> + +<p> +Das Weib deutete auf Aspa. »Sie ist verschwiegen +und treu.« – »Sie ist ein Weib.« Auf einen Wink +Mataswinthens entfernte sich ungern das Mädchen. +</p> + +<p> +»Amalungentochter – ich weiß: nur des Reiches Not, +nicht Liebe, hat dich zu ihm geführt. – (Wie wunderschön +sie ist, obzwar todesblaß!) Doch, Gotenkönigin bist du: +<hi rend='gesperrt'>seine</hi> Königin – ob du ihn auch nicht liebst: – sein +Reich, sein Sieg muß dir das Höchste sein.« +</p> + +<p> +Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. +»So denkt jede Bettlerin im Gotenvolk!« seufzte sie. +</p> + +<p> +»Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gründen. +</p> + +<p> +So sprech’ ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, +ihn vor Verrat zu warnen. Höre mich.« Und sie trat +näher, scharf auf die Königin blickend. »Wie seltsam,« +sprach sie zu sich selbst. »Welche Ähnlichkeit der Gestalt.« +</p> + +<p> +»Verrat! Noch mehr Verrat?« – »So ahnst auch du +Verrat?« – »Gleichviel. Von wem? Von Byzanz? Von +außen? Von dem Präfekten?« +</p> + +<p> +»Nein,« sprach das Weib kopfschüttelnd. »Nicht von +außen. Von innen. Nicht von einem Mann. Von einem +Weib.« +</p> + +<p> +»Was redest du?« sprach Mataswintha, noch bleicher +werdend. »Wie kann ein Weib –« +</p> + +<p> +»Dem Helden schaden? Durch höllische Bosheit des +Herzens! Nicht mit Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht +bald mit heimtückischem Gift oder, wie schon geschehen +– mit heimtückischem Feuer.« +</p> + +<p> +»Halt ein!« Mataswintha, die sich erhoben hatte, +wankte zurück an den Mosaiktisch, sich daran lehnend. +</p> + +<pb n='366'/><anchor id='Pg366'/> + +<p> +Aber das Weib folgte ihr, leise flüsternd: »Wisse das +Unglaubliche, das Schändliche! Der König glaubt und +das Volk: der Blitz des Himmels habe sein Korn verbrannt. +Ich aber weiß es besser. Und auch Er soll es +wissen. Wissen, gewarnt durch <hi rend='gesperrt'>deinen</hi> Mund, zu erforschen +und zu entwaffnen die Bosheit. Ich sah in jener +Nacht eine Fackel durch die Speichergänge eilen und ein +Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein +Weib. Du willst hinweg? Nein, höre nur noch ein Wort. +Dann will ich dich lassen. Den Namen? Ich weiß ihn +nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam mir: +doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen – +diese Schlange von Smaragd.« +</p> + +<p> +Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den +Schein der Ampel, den Armreif erhebend. +</p> + +<p> +Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz +hob sie die beiden nackten Arme. – Von der hastigen Bewegung +fiel die Kopfhülle. Ihr rotes Haar flutete nieder +und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken +Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange. +</p> + +<p> +»Ah!« schrie das Weib laut auf. »Beim Gott der +Treue! Du! Du selber bist’s! +</p> + +<p> +Seine Königin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch +über dich! Das soll er wissen!« +</p> + +<p> +Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr +Antlitz in die Kissen zurück. Der Schrei brachte Aspa aus +dem Nebengemach zur Stelle. Aber als sie eintrat, war +die Königin schon allein. Der Vorhang des großen Eingangs +rauschte. Die Bettlerin war verschwunden. +</p> + +</div><div type="kapitel" n="24"> +<pb n='367'/><anchor id='Pg367'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Vierundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit +Staunen Prokop, Johannes, Demetrius, Bessas, Acacius, +Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer Heerführer in +den Palast des Königs ziehen. Sie berieten dort mit ihm +die näheren Bedingungen und die Formen der Übergabe. +</p> + +<p> +Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede +sei geschlossen. Die beiden Hauptwünsche, um deren willen +das Volk den ganzen schweren Kampf getragen, würden +erreicht: sie würden frei sein und im ungeteilten Besitz des +fruchtbaren Südlands bleiben, das ihnen so teuer geworden +war. Das war weitaus mehr als nach dem schlimmen +Stand der gotischen Sache seit dem Abzug von Rom und +dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu erwarten +war. Und die Häupter der Sippen und sonst die +einflußreichsten Männer im Heere, die jetzt von dem bevorstehenden +Schritt Belisars verständigt wurden, billigten +vollständig die beschlossenen Bedingungen. +</p> + +<p> +Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten +freien Abzug aus Ravenna und Italien. Aber +auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna stehende +Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah +die Unmöglichkeit ein, in der ausgesogenen Landschaft außer +den Truppen Belisars mit dessen Vorräten auch noch das +gotische Heer und die Bevölkerung zu versorgen: und so +bewilligte er die Forderung Belisars, daß die Goten, in +Gruppen von Hunderten und Tausenden, zu allen Thoren +der Stadt hinausgeführt und in allen Richtungen nach +ihren Heimstätten entlassen würden. +</p> + +<p> +Belisar fürchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, +wenn der arge Verrat, den man vor hatte, ruchtbar würde: +<pb n='368'/><anchor id='Pg368'/>und er wünschte deshalb die Verteilung des aufgelösten +Heeres. War er einmal im sichern Besitz von Ravenna, +so hoffte er etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande +leicht zu dämpfen. Und Tarvisium, Verona und Ticinum, +die letzten festen Plätze der Goten in ganz Italien, konnten +dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen sie gewendeten +Macht widerstehen. +</p> + +<p> +Die Ausführung dieser Maßregeln erforderte mehrere +Tage Zeit. +</p> + +<p> +Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna +versammelt waren, beschloß Belisar seinen Einzug. Und +auch von diesem geringen Rest wurde die Hälfte in das +byzantinische Lager verlegt, die andre Hälfte in den +Quartieren der Stadt verteilt unter dem Vorwand, den +etwaigen Widerstand von hartnäckigen Anhängern Justinians +zu brechen. +</p> + +<p> +Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht +eingeweihten Goten am meisten wunderte, war, daß nach +wie vor die blaue gotische Fahne auf den Zinnen des +Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzenträger Belisars +dort oben bei ihr Wache. Denn auch der Palast war +schon voll von Byzantinern. +</p> + +<p> +Gegen einen etwaigen Versuch des Präfekten, sich wie +in Rom durch Besetzung der wichtigsten Punkte zum Herrn +der Stadt zu machen, hatte Belisar vorsichtige Maßregeln +getroffen. Cethegus durchschaute sie und lächelte. Er that +nichts dagegen. +</p> + +<p> +Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat +Cethegus in glänzender Rüstung in das Zelt Belisars. +</p> + +<p> +Er traf nur Prokop. »Seid ihr bereit?« fragte er. +»Vollständig.« – »Welches ist der Moment?« – »Der +Augenblick, in dem der König im Schloßhof zu Pferde +steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht.« +</p> + +<pb n='369'/><anchor id='Pg369'/> + +<p> +»Wieder einmal alles?« lächelte der Präfekt. »Eins +habt ihr mir doch noch übrig gelassen. Es wird nicht +ausbleiben, daß die Barbaren, sowie unser Plan gelungen +und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern +werden. Mitleid und Rachedurst für ihren König könnten +sie zu sehr wilden Thaten führen. +</p> + +<p> +Die ganze Begeisterung für Witichis und die Entrüstung +gegen uns würde nun im Keim erstickt, und die +Goten sähen sich nicht von uns, sondern von ihrem König +verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen würde, er +habe die Stadt nicht an Belisar als Gotenkönig und +Rebellen gegen Justinian, sondern einfach an den Feldherrn +Justinians übergeben. Jene Empörung Belisars, die ja +auch wirklich ausbleibt, erscheint dann den Goten als eine +bloße von ihrem König ersonnene Lüge, die Schande der +Ergebung ihnen zu verhüllen.« +</p> + +<p> +»Das wäre vortrefflich; aber Witichis wird das nicht +thun.« +</p> + +<p> +»Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. +Ihr habt ihn den Vertrag doch nur im Original unterschreiben +lassen?« +</p> + +<p> +»Er hat nur einmal unterschrieben.« +</p> + +<p> +»Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde +ihn hier dies von mir aufgesetzte Duplikat unterzeichnen +lassen, auf daß auch Belisar,« lächelte er, »das wertvolle +Schriftstück besitze.« +</p> + +<p> +Prokop blickte hinein. – »Wenn er das unterzeichnet, +hebt sich freilich kein gotisch Schwert mehr für ihn. Aber –« +</p> + +<p> +»Laß die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt +er heute freiwillig, im Drang des Augenblicks, ohne zu +lesen« – +</p> + +<p> +»Oder?« +</p> + +<p> +»Oder,« vollendete Cethegus finster, »er unterschreibt +<pb n='370'/><anchor id='Pg370'/>später. Unfreiwillig. – – Ich eile voraus. Entschuldige, +wenn ich euern Triumphzug nicht begleite. Meinen Glückwunsch +an Belisar.« +</p> + +<p> +Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte +ihm. Er war nicht gerüstet und blickte düster vor sich hin. +</p> + +<p> +»Eile, Feldherr,« mahnte Prokop, »Ravenna harrt ihres +Besiegers. Der Einzug –« +</p> + +<p> +»Nichts von Einzug,« sprach Belisar grimmig. »Ruf’ +die Soldaten ab. Mich reut der ganze Handel.« +</p> + +<p> +Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen. +</p> + +<p> +»Belisar!« rief Prokop entsetzt, »welcher Dämon hat +dir das eingeblasen?« »Ich!« sagte Antonina stolz, +»was sagst du nun?« »Ich sage, daß große Staatsmänner +keine Frauen haben sollten!« rief Prokop ärgerlich. +»Belisar entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. +Und ich hab’ ihn unter Thränen ... –« +</p> + +<p> +»Versteht sich,« brummte Prokop, »die kommen stets +zu rechter Zeit.« – »Unter Thränen beschworen, abzustehen. +Ich kann meinen Helden nicht von so schwarzem Verrat +befleckt sehen.« +</p> + +<p> +»Und ich will’s nicht sein. Lieber reit’ ich besiegt im +Orcus ein, denn also als ein Sieger in Ravenna. Meine +Briefe an den Kaiser sind noch nicht abgegangen. – Also +ist’s noch Zeit.« +</p> + +<p> +»Nein,« sagte Cethegus herrisch, von der Thür ins +Zelt schreitend. »Zum Glück für dich ist’s nicht mehr Zeit. +Wisse: ich habe schon vor acht Tagen an den Kaiser geschrieben, +ihm alles mitgeteilt und Glück gewünscht, daß +sein Feldherr ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen +hat und der Krieg beendet.« +</p> + +<p> +»Ah, Präfekt,« rief Belisar. »Du bist ja sehr dienstfertig. +Woher dieser Eifer?« +</p> + +<p> +»Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. +<pb n='371'/><anchor id='Pg371'/>Weil man dich zu deinem Glücke zwingen muß. Und +weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein Italien +zerfleischt.« Und drohend trat er gegen die Frau heran, +die auch jetzt der dämonischen beherrschenden Gewalt seines +Blickes nicht zu entgehen vermochte. »Wag’ es, versuch +es jetzt! Tritt zurück, enttäusche Witichis und opfre einer +Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein Heer. +Siehe zu, ob dir das Justinianus je vergeben kann. Auf +Antoninas Seele diese Schuld! Horch, die Trompeten +rufen: rüste dich! Es bleibt dir keine Wahl!« Und er +eilte hinaus. +</p> + +<p> +Bestürzt sah ihm Antonina nach. »Prokop,« fragte +sie dann, »weiß es der Kaiser wirklich schon?« +</p> + +<p> +»Und wenn er es noch nicht wüßte, – zu viele sind +schon in das Geheimnis eingeweiht. Nachträglich erfährt +er jedenfalls, daß Ravenna und Italien sein war, und – +daß Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. +Nur daß er sie erlangt und – abliefert, kann ihn rechtfertigen +vor Justinian.« +</p> + +<p> +»Ja,« sagte Belisar seufzend, »er hat recht. Es bleibt +mir keine Wahl.« +</p> + +<p> +»So geh,« sprach Antonina eingeschüchtert. »Mir aber +sei’s erlassen, bei diesem Einzug dich zu begleiten: – es +ist ein Schlingenlegen, kein Triumph!« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Die Bevölkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren +über die näheren Bestimmungen, war doch gewiß, +daß der Friede geschlossen und den langen und schweren +Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei. +</p> + +<p> +Und die Bürger hatten in aufatmender Freude über +diese Erlösung die Trümmer, die das Erdbeben auf sehr +viele Straßen geworfen, hinweggeräumt und ihre befreite +<pb n='372'/><anchor id='Pg372'/>Stadt festlich geschmückt. Laubgewinde, Fahnen und Teppiche +zierten die Straßen, das Volk drängte sich auf den großen +Fora, in den Lagunenkanälen und in den Bädern und +Basiliken in freudiger Bewegung, begierig, den Helden +Belisar und das Heer zu sehen, die so lange ihre Mauern +bedroht und endlich die Barbaren überwunden hatten. +</p> + +<p> +Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz +und triumphierend ein, während die in schwachen Zahlen +überall zerstreuten gotischen Posten mit Schweigen und mit +Widerwillen die verhaßten Feinde in die Residenz Theoderichs +einrücken sahen. +</p> + +<p> +In dem ebenfalls reichgeschmückten Königspalast versammelten +sich die vornehmsten Goten in einer Halle neben +den Gemächern des Königs. Dieser bereitete sich, als die +für den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte, die +königlichen Kleider anzulegen: – mit Befriedigung, denn +es war ja das letztenmal, daß er die Abzeichen einer +Würde tragen sollte, die ihm nur Schmerz und Unheil +gebracht. +</p> + +<p> +»Geh, Herzog Guntharis,« sprach er zu dem Wölsung, +»Hildebad, mein ungetreuer Kämmerer, hat mich verlassen. +Vertritt du dies eine Mal seine Stelle: die Diener werden +dir im Königsschatz die goldene Truhe zeigen, die Krone, +Helm und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs +verwahren. Ich werde sie heute zum ersten- und letztenmal +anlegen, sie dem Helden abzuliefern, der sie nicht +unwürdig tragen wird. Was giebt es dort für Lärm!« +</p> + +<p> +»Herr, ein Weib,« antwortete Graf Wisand, »eine +gotische Bettlerin. Sie hat sich schon dreimal herangedrängt. +Sie will ihren Namen dir nur nennen! Weise sie hinaus! –« +</p> + +<p> +»Nein, sagt ihr, ich will sie hören: – heute Abend +soll sie im Palast nach mir fragen.« +</p> + +<pb n='373'/><anchor id='Pg373'/> + +<p> +Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein +mit Cethegus. Der Präfekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, +die Abschrift des Vertrages übergeben, die der +Gotenkönig noch unterschreiben sollte. Aus dieser unverdächtigen +Hand, glaubte er, würde jener die Urkunde argloser +nehmen. +</p> + +<p> +Witichis begrüßte die Eintretenden. Bei dem Anblick +des Präfekten flog über sein Antlitz, das heute heller als +seit langen Monden glänzte, ein dunkler Schatte. Doch +bezwang er sich und sprach: »Du hier, Präfekt von Rom? +Anders hat dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, +du kannst auch damit zufrieden sein. Wenigstens kein +Griechenkaiser, kein Justinianus wird dein Rom beherrschen.« +</p> + +<p> +»Und soll es nicht, solange ich lebe.« +</p> + +<p> +»Ich komme, König der Goten,« fiel Bessas ein, »dir +den Vertrag mit Belisar zur Unterschrift vorzulegen.« +</p> + +<p> +»Ich hab’ ihn schon unterschrieben.« – »Es ist die +für meinen Herrn bestimmte Doppelschrift.« +</p> + +<p> +»So gieb,« sprach Witichis und wollte das Pergament +aus des Byzantiners Hand nehmen. +</p> + +<p> +Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig +ins Gemach: »Witichis,« rief er, »der Königsschmuck ist +verschwunden.« +</p> + +<p> +»Was ist das?« fragte Witichis. »Hildebad allein +führte die Schlüssel davon.« +</p> + +<p> +»Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind +fort. In der leeren Nische, da sie sonst standen, lag dieser +Streif Pergament. Es sind die Schriftzüge von Hildebads +Schreiber.« +</p> + +<p> +Der König nahm und las: »Krone, Helm und Schwert, +Purpur und Schild Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. +Wenn Belisar sie will, soll er sie von mir holen.« +»Die Rune H – für Hildebad.« +</p> + +<pb n='374'/><anchor id='Pg374'/> + +<p> +»Man muß ihn verfolgen,« sagte Cethegus finster, »bis +er sich fügt.« Da eilten Johannes und Demetrius herein. +»Eile dich, König Witichis,« drängten sie. »Hörst du die +Tubatöne? Belisar hat schon die Porta des Stilicho +erreicht.« +</p> + +<p> +»So laßt uns gehn,« sprach Witichis, ließ sich von den +Dienern den Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen +mitgebracht, um die Schultern werfen und drückte einen +goldenen Reif auf das Haupt. Statt des Schwertes reichte +man ihm ein Scepter. Und so wandte er sich zur Thür. +</p> + +<p> +»Du hast nicht unterschrieben, Herr,« mahnte Bessas. +</p> + +<p> +»So gieb,« und er nahm die Schrift jetzt aus der +Hand des Byzantiners. »Die Urkunde ist sehr lang,« sagte er +hineinblickend und hob an zu lesen. »Eile, König,« mahnte +Johannes. +</p> + +<p> +»Zum Lesen ist nicht mehr Zeit,« sagte Cethegus +gleichgültig, und reichte ihm die Schilffeder von dem Tisch. +»Dann auch nicht mehr zum Schreiben,« antwortete der +König. »Du weißt: ich war ein König nach Bauernart, +wie die Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, +ehe sie genau gelesen: gehen wir.« Und lächelnd gab er +die Urkunde an den Präfekten und schritt hinaus. Die +Byzantiner und alle Anwesenden folgten. +</p> + +<p> +Cethegus drückte das Pergament zusammen: »Warte +nur,« flüsterte er grimmig, »du sollst doch noch unterschreiben.« +Langsam folgte er den andern. +</p> + +<p> +Die Halle vor dem Gemach des Königs war bereits leer. +</p> + +<p> +Der Präfekt schritt hinaus auf den gewölbten Bogengang, +der im Viereck den ersten Stock des Palastes umgab +und dessen byzantinisch-romanische Rundbogen den freien +Blick in den weiten Hofraum gewährten. Derselbe war +von Bewaffneten dicht gefüllt. An allen vier Thoren +standen die Lanzenträger Belisars. Cethegus lehnte hinter +<pb n='375'/><anchor id='Pg375'/>einem Bogenpfeiler und sprach, dem Gang der Ereignisse +folgend, mit sich selbst: »Nun, Byzantiner genug, um ein +kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist +vorsichtig – Da! – Witichis erscheint im Portal – +Seine Goten sind noch weit hinter ihm auf der Treppe. +Des Königs Pferd wird vorgeführt. – Bessas hält dem +König den Bügel. – Witichis tritt heran, er hebt den +Fuß. – Jetzt ein Trompetenstoß. – Die Treppenthüre +des Palastes fällt zu und schließt die Goten in den +Treppenbau. Auf dem Dache reißt Prokop das Gotenbanner +nieder. – Johannes faßt seinen rechten Arm, brav +Johannes. – Der König ruft: »Verrat, Verrat!« Er +wehrt sich mächtig. – Aber der lange Mantel hemmt ihn. +– Da, da, er strauchelt. – Er stürzt zu Boden. – Da +liegt das Reich der Goten.« – – – +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +»Da liegt das Reich der Goten!« Mit diesen Worten +begann auch Prokop die Sätze, die er an diesem Abend in +sein Tagebuch eintrug: »Ein wichtig Stück Weltgeschichte +hab’ ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun +nachts hier ein. +</p> + +<p> +Als ich heute das römische Heer seinen Einzug halten +sah in die Thore und Königsburg von Ravenna, kam mir +abermals der Gedanke: nicht Tugend oder Zahl oder +Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte. +</p> + +<p> +Es giebt eine höhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit. +</p> + +<p> +An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten +überlegen: und sie haben es nicht fehlen lassen an irgend +denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen in Ravenna +schmähten heute ihren Männern laut ins Angesicht, als sie +die kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer +<pb n='376'/><anchor id='Pg376'/>einziehenden Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, +in heldenmütigster Anstrengung kann ein Mann, kann ein +Volk doch erliegen, wenn übermächtige Gewalten entgegentreten, +die durchaus nicht immer das bessere Recht für sich +haben. +</p> + +<p> +Mir schlug das Herz im Bewußtsein des Unrechts, +als ich das Gotenbanner heute niederriß und den Golddrachen +Justinians an seine Stelle setzte, die Fahne des +Unrechts erhob über dem Banner des Rechts. +</p> + +<p> +Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare +Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen +und der Völker. +</p> + +<p> +Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn +nicht <hi rend='gesperrt'>was</hi> wir ertragen, erleben und erleiden – <hi rend='gesperrt'>wie</hi> wir +es tragen, das macht den Mann zum Helden. Ehrenvoller +ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese +Hand, die sein Banner herabriß, wird den Ruhm dieses +Volkes aufzeichnen für die kommenden Geschlechter. Jedoch, +wie immer dem sei: – da liegt das Reich der Goten.« +</p> +</div><div type="kapitel" n="25"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenfundzwanzigstes Kapitel."/> +<head>Fünfundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Und so schien es. +</p> + +<p> +Auf das glücklichste war, dank den Maßregeln Prokops, +der Streich gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme +des Palastes die Fahne der Goten fiel und der König +ergriffen ward, sahen sich die überraschten Goten überall +im Schloßhof, in den Straßen und Lagunen der Stadt, +im Lager von weit überlegenen Kräften umstellt: ein +Rechen von Lanzen starrte ihnen überall entgegen: fast +<pb n='377'/><anchor id='Pg377'/>ausnahmslos legten die Betäubten die Waffen nieder: – +die wenigen, welche Widerstand versuchten, – so die nächste +Umgebung des Königs – wurden niedergestoßen. Witichis +selbst, Herzog Guntharis, Graf Wisand, Graf Markja und +die mit ihnen gefangenen Großen des Heeres wurden in +getrennten Gewahrsam gebracht, der König in den »Zwinger +Theoderichs«: einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst. +</p> + +<p> +Belisars Zug von dem Thore Stilichos nach dem +Forum des Honorius wurde nicht gestört. Im Palast +angelangt, berief er den Senat, die Decurionen der Stadt, +und nahm sie in Eid und Pflicht für Kaiser Justinianus. +Prokopius wurde mit den goldenen Schlüsseln von Neapolis, +Rom und Ravenna nach Byzanz gesendet. Er sollte ausführlichen +Bericht erstatten und für Belisar Verlängerung +des Amtes erbitten bis zur demnächst zu erwartenden +völligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem +Vandalenkrieg, die Ehre des Triumphes, unter Aufführung +des gefangenen Königs der Goten im Hippodrom. +</p> + +<p> +Denn Belisar sah den Krieg für beendet an. Cethegus +teilte beinah diesen Glauben. Doch fürchtete er in den +Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes über den geübten +Verrat. Er sorgte daher dafür, daß über die Art +des Falles der Stadt vorläufig keine Kunde durch die +Thore drang: und er suchte eifrig im Geiste nach einem +Mittel, den gefangenen König selbst als ein Werkzeug zur +Dämpfung des etwa neu auflodernden Nationalgefühls zu +verwerten. – Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in +der Richtung nach Tarvisium entkommen war, durch Acacius +mit den persischen Reitern verfolgen zu lassen. +</p> + +<p> +Vergebens versuchte er, die Königin zu sprechen. Sie +hatte sich seit jener Nacht der Schrecken noch immer nicht +ganz erholt und ließ niemand vor. Auch die Nachricht +von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen +<pb n='378'/><anchor id='Pg378'/>hingenommen. Der Präfekt bestellte ihr eine Ehrenwache +– um sich ihrer zu versichern. Denn er hatte noch große +Pläne mit ihr vor. +</p> + +<p> +Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Königs +und schrieb ihr dabei: »Mein Wort ist gelöst. König +Witichis ist vernichtet. Du bist gerächt und befreit. – +Nun erfülle auch du meine Wünsche.« +</p> + +<p> +Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen +Beraters Prokop beraubt, den Präfekten zu sich in den +rechten Flügel des Palastes, wo er sein Quartier aufgeschlagen. +»Unerhörte Meuterei!« rief er dem Eintretenden +entgegen. – »Was ist geschehen?« +</p> + +<p> +»Du weißt, ich habe Bessas mit den lazischen Söldnern +in die Schanze des Honorius gelegt, einen der wichtigsten +Punkte der Stadt. Ich vernehme, daß der Geist dieser +Truppen unbotmäßig – ich rufe sie ab und Bessas ... –« +– »Nun?« – »Weigert den Gehorsam.« – »Ohne +Grund? Unmöglich!« +</p> + +<p> +»Lächerlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner +Amtsgewalt abgelaufen.« – »Nun?« – »Bessas erklärt, +seit letzter Mitternacht hätt’ ich ihm nichts mehr zu befehlen.« +</p> + +<p> +»Schändlich. Aber er ist im Recht.« +</p> + +<p> +»Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers +Antwort ein, auf mein Gesuch. Natürlich ernennt er mich, +nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue zum Feldherrn, +bis zur Beendigung des Krieges. Übermorgen kann die +Nachricht da sein.« +</p> + +<p> +»Vielleicht schon früher, Belisar. Die Leuchtturmwächter +von Classis haben schon bei Sonnenaufgang ein +Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht. Es soll +eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. +Dann löst sich der Knoten von selbst.« +</p> + +<pb n='379'/><anchor id='Pg379'/> + +<p> +»Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwächter +sollen die Schanze stürmen und Bessas den halsstarrigen +Kopf ... –« +</p> + +<p> +Da eilte Johannes atemlos herein. »Feldherr,« meldete +er, »der Kaiser! Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im +Hafen von Classis.« +</p> + +<p> +Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein +solcher Blitzstrahl aus heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren +Despoten, nach solchen Mühen, das fast +vollendete Gebäude seiner Pläne gerade vor der Bekrönung +niederwerfen? +</p> + +<p> +Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: »mein +Kaiser? Woher weißt du?« – »Er selbst kommt, dir +für deine Siege zu danken. – Solche Ehre ward noch +keinem Sterblichen zu teil. Das Schiff von Ariminum +trägt die kaiserliche Präsenzflagge. Purpur und Silber. +Du weißt, das bedeutet, daß der Kaiser an Bord.« +</p> + +<p> +»Oder ein Glied seines Hauses!« verbesserte Cethegus +in Gedanken, aufatmend. +</p> + +<p> +»Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen,« +mahnte Belisar. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Sein Stolz und seine Freude wurden enttäuscht, als +ihnen auf dem Wege nach Classis die ersten ausgeschifften +Höflinge begegneten und im Palast Quartier forderten, +nicht für den Kaiser selbst, sondern für dessen Neffen, den +Prinzen Germanus. +</p> + +<p> +»So sendet er doch den ersten nach ihm selbst,« sprach +Belisar, sich selber tröstend im Weitergehen zu Cethegus. +»Germanus ist der edelste Mann am Hof. Unbestechlich, +gerecht und unverführbar rein. Sie nennen ihn: »die +Lilie im Sumpf«. Aber du hörst mich nicht!« +</p> + +<pb n='380'/><anchor id='Pg380'/> + +<p> +»Vergieb, ich bemerke dort im Gedränge, unter den +eben Gelandeten, meinen jungen Freund Licinius.« +</p> + +<p> +»Salve Cethege!« rief dieser, sich Weg zum Präfekten +bahnend. +</p> + +<p> +»Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du +von der Kaiserin?« fragte er flüsternd. +</p> + +<p> +»Das Abschiedswort: <hi rend='antiqua'>Nike (Victoria)!</hi> und diesen +Brief,« flüsterte der Bote ebenso leise. – »Aber,« und seine +Stirne furchte sich – »schicke mich nie mehr zu diesem +Weibe.« – »Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es +wird nie mehr nötig sein.« +</p> + +<p> +Damit hatten sie die Steindämme des Hafens erreicht, +dessen Stufen soeben der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die +edle Erscheinung, von einem reich geschmückten Gefolg umgeben, +ward von den Truppen und dem rasch zusammenströmenden +Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen. +</p> + +<p> +Cethegus faßte ihn scharf ins Auge. »Das bleiche +Antlitz ist noch bleicher geworden,« sagte er zu Licinius. +»Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn vergiftet, weil sie +ihn nicht verführen konnte.« +</p> + +<p> +Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt +Belisarius erreicht, der ihn ehrfurchtsvoll begrüßte. »Gegrüßt +auch du, Belisarius,« erwiderte er ernst. »Folge +mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Präfekt? +Wo Bessas? Ah Cethegus,« sagte er, dessen Hand ergreifend, +»ich freue mich, den größten Mann Italiens +wieder zu sehen. Du wirst mich alsbald zu der Enkelin +Theoderichs begleiten. Ihr gebührt mein erster Gang. +Ich bringe ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. +Sie war eine Gefangene in ihrem eigenen Reich. Sie +soll eine Königin sein am Hofe zu Byzanz.« +</p> + +<p> +»Das soll sie,« dachte Cethegus. Er verneigte sich tief +<pb n='381'/><anchor id='Pg381'/>und sprach: »Ich weiß: du kennst die Fürstin seit lange: +ihre Hand war dir bestimmt.« +</p> + +<p> +Eine rasche Glut flog über des Prinzen Wange. +»Leider nicht ihr Herz. Ich sah sie hier, vor Jahren, am +Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein inneres Auge +nichts mehr als ihr Bild gesehen.« »Ja, sie ist das +schönste Weib der Erde,« sagte der Präfekt, ruhig vor sich +hin sehend. »Nimm diesen Chrysopas zum Dank für dieses +Wort,« sagte Germanus und steckte einen Ring an des +Präfekten Finger. +</p> + +<p> +Damit traten sie in das Portal des Palastes. +</p> + +<p> +»Jetzt, Mataswintha,« sprach Cethegus zu sich selbst, +»jetzt hebt dein zweites Leben an. Ich kenne kein römisch +Weib – Ein Mädchen vielleicht ausgenommen, das ich +kannte! – das solcher Versuchung widerstehen könnte. Soll +diese rohe Germanin widerstehen?« – +</p> + +<p> +Sowie sich der Prinz von den Mühen der Seefahrt +einigermaßen erholt und die Reisekleider mit einem Staatsgewand +vertauscht hatte, erschien er an der Seite des +Präfekten in dem Thronsaal des großen Theoderich im +Mittelbau des Palastes. +</p> + +<p> +An den Wänden der stolz gewölbten Halle hingen noch +die Trophäen gotischer Siege. Ein Säulengang lief an +drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der vierten erhob +sich der Thron Theoderichs. +</p> + +<p> +Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. +Cethegus blieb mit Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes +und zahlreichen andern Heerführern im Mittelgrund. +</p> + +<p> +»Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms +nehme ich Besitz von dieser Stadt Ravenna und von dem +abendländischen Römerreich. An dich, Magister Militum, +dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies +es selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus.« +</p> + +<pb n='382'/><anchor id='Pg382'/> + +<p> +Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, +küßte das Siegel, erhob sich wieder, öffnete und las: +</p> + +<p> +»Justinianus, der Imperator der Römer, Herr des +Morgen- und des Abendreichs, Besieger der Perser und +Saracenen, der Vandalen und Alanen, der Lazer und +Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und +Sclavenen und zuletzt der Goten, an Belisar den Consularen, +ehemals Magister Militum. +</p> + +<p> +Wir sind durch Cethegus den Präfekten von den Vorgängen +unterrichtet, die zum Fall von Ravenna geführt. +Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir mitgeteilt werden. +Wir aber können seine darin ausgesprochene gute Meinung +von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten +teilen: und wir entheben dich deiner Stelle als +Befehlshaber unseres Heeres. Und wir befehlen dir angesichts +dieses Briefes sofort nach Byzanz zurückzukehren, +um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen +Triumph wie nach dem Vandalenkrieg können wir dir um +so weniger gewähren, als weder Rom noch Ravenna durch +deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Übergabe, +Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes über die Ketzer +und höchst verdächtige Verhandlungen, deren Unschuld du, +des Hochverrats angeklagt, vor unserem Thron erweisen +wirst. Da wir, eingedenk früherer Verdienste, nicht ohne +Gehör dich verurteilen wollen, – denn Morgenland und +Abendland sollen uns für ferne Zeiten feiern als den +Kaiser der Gerechtigkeit – sehen wir von der Verhaftung +ab, die deine Ankläger beantragt. Ohne Ketten – nur +in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens – +wirst du vor unser kaiserliches Antlitz treten.« +</p> + +<p> +Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: +er bedeckte das Gesicht mit den Händen: das Schreiben +entfiel ihm. +</p> + +<pb n='383'/><anchor id='Pg383'/> + +<p> +Bessas hob es auf, küßte es und las weiter: »Zu +deinem Nachfolger im Heerbefehl ernennen wir den Strategen +Bessas. Ravenna übertragen wir dem Archon +Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider +ihn von den Italiern erhobenen höchst ungerechten Klagen, +dem in unsrem Dienst so eifrigen Logotheten Alexandros. +Zu unsrem Statthalter aber in Italien ernennen wir den +hochverdienten Präfekten von Rom, Cornelius Cethegus +Cäsarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht +ausgerüstet, haftet mit seinem Haupt dafür, dich +unverweilt nach unsrer Flotte auf der Höhe von Ariminum +zu bringen, auf welcher dich Areobindos nach Byzanz +führen wird.« +</p> + +<p> +Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar +und Cethegus, den Saal zu verlassen. Darauf stieg +er die Stufen des Thrones herab und schritt auf Belisar +zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah. +Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an +eine Säule gelehnt und starrte zur Erde. +</p> + +<p> +Der Prinz faßte seine Rechte. »Es schmerzt mich, +Belisarius, der Träger solcher Botschaft zu sein. Ich übernahm +den Auftrag, weil ihn ein Freund milder als einer +der vielen Feinde, die sich dazu drängten, ausführen kann. +Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt +die Ehre deiner frühern auf. Nie hätte ich von dem +Helden Belisar solch Lügenspiel erwartet. Cethegus hat +sich ausgebeten, daß sein Bericht an den Kaiser dir vorgelegt +werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich +glaube, es war die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen +dich entzündet hat. Aber du hörst mich nicht. –« Und +er legte die Hand auf seine Schulter. +</p> + +<p> +Belisar schüttelte die Berührung ab. »Laß mich, Knabe +<pb n='384'/><anchor id='Pg384'/>– du bringst mir – du bringst mir den echten Dank +der Kronen.« +</p> + +<p> +Vornehm richtete sich Germanus auf. »Belisar, du +vergissest wer ich bin und wer du bist.« +</p> + +<p> +»Oh nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein +Wächter. Ich gehe sofort auf dein Schiff – erspare mir +nur Ketten und Bande.« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Erst spät konnte sich der Präfekt von dem Prinzen losmachen, +der in vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des +Staates und seine persönlichen Wünsche mit ihm besprach. +</p> + +<p> +Er eilte, sowie er in seinen Gemächern, die er ebenfalls +im Palaste bezogen, allein war, den ihm von Lucius +Licinius mitgeteilten Brief der Kaiserin zu lesen. +</p> + +<p> +Er lautete: »Du hast gesiegt, Cethegus. +</p> + +<p> +Als ich dein Schreiben empfing, gedacht’ ich alter +Zeiten, da deine Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora +nicht von Staaten und Kriegen handelten, sondern +von Küssen und Rosen ... –« +</p> + +<p> +»Daran müssen sie immer erinnern,« unterbrach sich +der Präfekt. +</p> + +<p> +»Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die +Unwiderstehlichkeit jenes Geistes, der einst die Frauen von +Byzanz noch mehr als deine Jugendschönheit zwang. So +gab ich denn auch diesmal den Wünschen des alten +Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich +dachte gern unsrer Jugend, der süßen. Und ich erkannte +wohl, daß Antoninens Gemahl allzufest in Zukunft stehn +würde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn +– wie du geschrieben – dem Kaiser in die Ohren: »Allzugefährlich +sei ein Unterthan, der ein solches Spiel mit +Kronen und mit Aufruhr treiben könne. Keinen Feldherrn +<pb n='385'/><anchor id='Pg385'/>dürfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er +diesmal gegaukelt, könne er ein andermal im Ernst <anchor id="corr385"/><corr sic="versuchen.">versuchen.«</corr> +Diese Worte wogen schwerer als alle Siege +Belisars, und alle meine, d. h. deine Forderungen, +gingen durch. +</p> + +<p> +Denn Mißtraun ist die Seele Justinians. Er traut +nur einer Treue auf Erden – der Theodoras. Dein +Bote Licinius ist <hi rend='gesperrt'>hübsch</hi> – aber unliebenswürdig: er hat +nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein +Freund, es lebt keine Jugend mehr wie die unsre war. +»Du hast gesiegt, Cethegus« – weißt du noch den Abend, +da ich dir diese Worte flüsterte? – Aber vergiß nicht, +wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora +läßt sich nur solang sie selber will als Werkzeug brauchen. +Vergiß das nie.« +</p> + +<p> +»Gewiß nicht,« sagte Cethegus, das Schreiben sorgfältig +zerstörend, »du bist eine zu gefährliche Verbündete, +Theodora, – nein, Dämonodora! – laß sehn, ob du +unersetzbar bist. – Geduld: – in wenig Wochen ist +Mataswintha in Byzanz. – Was bringst du?« fragte er +den eintretenden Syphax, der glänzende Waffen trug. +</p> + +<p> +»Herr, ein Abschiedgeschenk Belisars. Nachdem er +deinen Bericht an den Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: +»Dein Freund hat meinen Dank verdient. Da, nimm meine +goldne Rüstung, den Helm mit dem weißen Roßschweif +und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten +Gruß Belisars.« +</p> + +</div><div type="kapitel" n="26"> +<pb n='386'/><anchor id='Pg386'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechsundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Der Rundturm, in dessen tiefen Gewölben Witichis +gefangen saß, lag an dem rechten Eckflügel des Palastes, +desselben Querbaues, in dem er als König gewohnt und +geherrscht hatte. +</p> + +<p> +Der Turm bildete mit seiner Eisenthür den Abschluß +eines langen Ganges, der von einem Hof aus zur Rechten +lief und von diesem Hof wieder durch eine schwere Eisenpforte +abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen Hofpforte +gegenüber lag im Erdgeschoß auf der linken Seite des +Hofes die kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder +Kerkermeisters des Palastes. Sie bestand aus zwei kleinen +Gemächern: das erste, von dem zweiten durch einen Vorhang +getrennt, war ein bloßes Vorzimmer. Das zweite +Gemach gewährte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick +auf den Hof und den Rundturm. Beide waren von +einfachster Einrichtung: ein Strohlager im Innengemach +und zwei Stühle und Tische im äußern nebst den Schlüsseln +an den Wänden waren ihr ganzes Gerät. +</p> + +<p> +Und auf der Holzbank an jenem Fenster saß Tag und +Nacht, unverwandt den Blick auf die Mauerlücke heftend, +aus welcher allein Luft und Licht in des Königs Kerker +fiel, schweigend und sinnend ein Weib. – +</p> + +<p> +Es war Rauthgundis. +</p> + +<p> +Niemals ließ ihr Auge von jenem kleinen Spalt im +Turm. »Denn dort,« sagte sie sich, »dort hängt auch sein +Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht.« Auch wenn sie +mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, +der sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von +dem Turm. Es war, als ob der Bann ihres Blickes Unheil +von dem Gefangnen abhalten könne. +</p> + +<pb n='387'/><anchor id='Pg387'/> + +<p> +Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es +war dunkler Abend geworden. +</p> + +<p> +Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und +warf einen breiten Schatten über den Hof und diesen linken +Flügel des Palastes. +</p> + +<p> +»Dank dir, gütiger Himmelsherr,« sprach sie. »Auch +deine schweren Schläge treiben zum Heil. +</p> + +<p> +Wär’ ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen +Arn, zum Vater, wie ich mir ausgesonnen, – nie hätte +ich von dem Gang des Elends hier vernommen. Oder +doch viel zu spät. Aber mich zog die Sehnsucht nach der +Todesstätte des Kindes, in die Nähe unsres Ehehauses, – +das zwar räumte ich –: wußte ich denn, ob nicht sie, +seine Königin, dort einsprechen würde? So hausten wir +in der Waldhütte nahe bei Fäsulä. +</p> + +<p> +Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des +Mißlingens die andre jagte, und als die Saracenen unser +Haus verbrannten und ich die Flammen leuchten sah bis +in mein Versteck, da war’s zu spät nach Norden zum +Vater zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und +lieferten, was flüchtete mit gelbem Haar, den Massageten +aus. Kein Weg blieb offen als der Weg hierher – nach +der Rabenstadt – wohin ich als sein Weib nie hatte +kommen wollen. Als flüchtige Bettlerin kam ich hier an, +nur sein Roß Wallada und sein Knecht, nun sein Freigelassener, +Wachis, noch mir eigen und treu. +</p> + +<p> +Aber ihm zum Heil, – von Gott hierher gezwungen, +– ob ich schon nicht wollte – ihn zu retten, zu befreien +von scheußlichem Verrat des eignen Weibes! Und aus +seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte +nicht mehr mit ihm leben – aber – aber ich, – Rauthgundis! +– darf ihn retten.« – +</p> + +<p> +Da rasselte ihr gegenüber die eiserne Hofpforte. +</p> + +<pb n='388'/><anchor id='Pg388'/> + +<p> +Ein Mann mit Licht trat heraus, ging über den Hof +und trat alsbald in das Vorzimmer. Es war der alte +Kerkerwart. +</p> + +<p> +»Nun? sprich!« rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend +und ihm in das erste Gemach entgegeneilend. +</p> + +<p> +»Geduld – Geduld – laß mich erst die Lampe niederstellen. +So! – Nun, also: er hat getrunken. Und es +hat ihm wohl gethan.« +</p> + +<p> +Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. +»Was thut er?« fragte sie dann. +</p> + +<p> +»Er sitzt immer schweigend in der nämlichen Stellung. +Auf dem Holzschemel, den Rücken gegen die Thür gewandt, +das Haupt in beide Hände gestützt. Er giebt mir keine +Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst +gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz +hat ihm was angethan. Aber heute, wie ich ihm den +Wein im Holzbecher hinreichte und sprach: »Trink, lieber +Herr, es kommt von treuen Freunden:« – da blickte er +auf. So traurig, so zum sterben traurig war der Blick +und das ganze Antlitz. Und that einen tiefen Zug und +nickte dankend mit dem Haupt und seufzte tief, tief, daß es +mir durch die Seele schnitt.« +</p> + +<p> +Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Händen. +</p> + +<p> +»Weiß Gott, was er Böses mit ihm vor hat!« brummte +der Alte leise vor sich hin. +</p> + +<p> +»Was sagst du?« +</p> + +<p> +»Ich sage, du mußt jetzt auch einmal tüchtig essen und +trinken. Sonst verlassen dich die Kräfte. Und du wirst +sie brauchen, arme Frau.« +</p> + +<p> +»Ich werde sie haben.« – »So nimm wenigstens einen +Becher Wein.« – »Von diesem? Nein, der ist für ihn +<anchor id="corr388"/><corr sic="allein.">allein.«</corr> Und sie trat in das innere Gemach zurück, wo sie +ihren alten Platz einnahm. +</p> + +<pb n='389'/><anchor id='Pg389'/> + +<p> +»Der Krug reicht ja noch lang,« fuhr der alte Dromon +für sich fort. »Und ich fürchte: wir müssen ihn bald retten, +wenn er gerettet werden soll. Da kömmt Wachis. Wenn +er nur gute Nachricht bringt, sonst .. –« +</p> + +<p> +Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der +Königin die Sturmhaube und seinen Mantel mit Gewändern +Dromons vertauscht. »Gute Botschaft bring ich,« sprach +er im Eintreten. »Aber wo wart ihr vor einer Stunde? +Ich pochte vergeblich.« +</p> + +<p> +»Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen.« +</p> + +<p> +»Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark – +was seh’ ich? Das ist ja alter, köstlicher Falerner! Womit +hast du den bezahlt?« +</p> + +<p> +»Womit?« <anchor id="corr389"/><corr sic="widerholte">wiederholte</corr> der Alte, »mit dem edelsten +Golde der Welt!« Und seine Stimme bebte vor Rührung. +»Ich erzählte ihr, daß der Präfekt ihn absichtlich Mangel +leiden lasse, daß er elend werde. Seit vielen Tagen hat +man mir gar keine Speise für ihn gegeben. Ich habe ihn, +gegen mein Gewissen, nur dadurch erhalten, daß ich den +andern Gefangnen an dem Ihren abbrach. Das wollte +sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: »Nicht wahr, +Dromon, die reichen Römerinnen bezahlen immer noch das +gelbe Haar der Germaninnen so hoch?« Und ich, in +meiner Einfalt nichts ahnend, sage ja. +</p> + +<p> +Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, +schönen, goldbraunen Flechten und Zöpfe ab und bringt +sie mir. Und damit ward der Wein bezahlt.« +</p> + +<p> +Da stürzte Wachis in das nächste Gemach, warf sich +vor ihr nieder und bedeckte den Saum ihres Gewandes +mit Küssen. »O Herrin« – rief er mit versagender +Stimme – »goldne, goldtreue Frau!« +</p> + +<p> +»Was treibst du, Wachis? steh auf und erzähle.« +</p> + +<pb n='390'/><anchor id='Pg390'/> + +<p> +»Ja, erzähle,« sprach Dromon hinzutretend, »was rät +mein Sohn?« +</p> + +<p> +»Wozu brauchen wir seinen Rat?« sprach die Frau. +»Ich, ich allein will es vollenden.« +</p> + +<p> +»Sehr nötig brauchen wir ihn. Der Präfekt hat aus +allen jungen Ravennaten, nach dem Muster der römischen, +neun Kohorten Legionare gebildet und meinen Paulus auch +eingereiht. Zum Glück hat er diesen Legionaren die Bewachung +der Stadtthore anvertraut. – Die Byzantiner +liegen draußen im Hafen, seine Isaurier hier im Palast.« +</p> + +<p> +»Die Thore nun,« fuhr Wachis fort, »werden zur +Nacht sorgfältig gesperrt. Aber die Mauerlücke am Turme +des Aëtius ist immer noch nicht <anchor id="corr390"/><corr sic="ausgebaut">ausgebaut.</corr> Nur die Wachen +stehen dort.« +</p> + +<p> +»Wann trifft meinen Sohn die Wache?« +</p> + +<p> +»In zwei Tagen: die dritte Nachtwache.« +</p> + +<p> +»Allen Heiligen sei Dank. Viel länger dürft’ es nicht +währen: – ich fürchte ... –« Und er stockte. +</p> + +<p> +»Was? sprich,« mahnte Rauthgundis entschlossen. »Ich +kann alles hören.« +</p> + +<p> +»Es ist am Ende besser, du weißt es. Denn du bist +klüger und findiger als wir beide. Und findest eher Rat +als wir. Ich fürchte: sie haben’s schlimm mit ihm vor. +</p> + +<p> +So lange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut. +</p> + +<p> +Aber seit der fortgebracht und der Präfekt, der schweigsam +kalte Dämon, Herr im Palast ist, hat’s ein gefährlich +Ansehn. Alle Tage besucht er ihn selbst im Kerker. +</p> + +<p> +Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. +Ich habe oft im Gang gelauscht. Er muß aber wenig +ausrichten. Denn der Herr giebt ihm, glaub’ ich, gar +keine Antwort. Und wenn der Präfekt herauskommt, blickt +er so finster wie – wie der König der Schatten. Und +seit sechs Tagen erhalte ich keinen Wein und keine Speisen +<pb n='391'/><anchor id='Pg391'/>für ihn als ein kleines Stück Brot. Und die Luft da +unten ist so moderdumpf wie im Grabe.« +</p> + +<p> +Rauthgundis seufzte tief. +</p> + +<p> +»Und gestern, als der Präfekt herauf kam, – er sah +grimmiger als je darein – da fragte er mich .. –« +</p> + +<p> +»Nun? sprich es aus, was es auch sei!« +</p> + +<p> +»Ob die Foltergeräte in Ordnung seien.« +</p> + +<p> +Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. »Der Neiding!« +rief Wachis, »was hast du« – »Sorget nicht, eine Weile +hat’s noch gute Wege. +</p> + +<p> +»Clarissime,« antwortete ich, – und es ist die reine +Wahrheit – »die Schrauben und die Zangen, die Gewichte +und die Stacheln und das ganze saubere Qualzeug liegt +in schönster Ordnung alles beisammen.« – »Wo?« fragte +er. »Im tiefen Meer. Ich selbst hab’ es, schon auf +König Theoderichs Befehl, hineingeworfen.« Denn wisset, +Frau Rauthgundis: euer Herr hat einmal, da er noch einfacher +Graf war, mich gerettet, da die Geräte an mir selbst +versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das +Foltern völlig abgethan: ich schulde ihm mein Leben und +meine heilen Glieder. Und darum wag’ ich mit Freuden +meinen Hals für ihn. Und will auch, wenn’s nicht anders +geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber lange +dürfen wir nicht säumen. Denn der Präfekt bedarf nicht +meiner Zangen und Schrauben, wenn er einem das Mark +aus dem Leibe quälen will. Ich fürcht’ ihn, wie den +Teufel.« +</p> + +<p> +»Ich haß’ ihn, wie die Lüge,« sagte Rauthgundis +grimmig. +</p> + +<p> +»Darum müssen wir rasch sein, eh’ er seine schwarzen +Gedanken vollführen kann. Denn er sinnt Arges gegen +den guten König. Ich weiß nicht, was er noch weiter +von dem armen Gefangnen will. Also hört und merkt +<pb n='392'/><anchor id='Pg392'/>euch meinen Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus +die Wache hat, wann ich ihm den Nachttrunk bringe, schließe +ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen Mantel über +und führe ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof. +</p> + +<p> +Von da kömmt er ungehindert bis an das Thor des +Palastes, wo ihn die Thorwache um die Losung frägt. +Diese werd’ ich ihm sagen. +</p> + +<p> +Ist er auf der Straße, dann rasch an den Turm des +Aëtius, wo ihn mein Paulus die Mauerlücke passieren läßt. +Draußen im Pinienwald, im Hain der Diana, wenige +Schritte vor dem Thore, wartet Wachis auf ihn, der ihn +auf Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. +Auch du nicht, Rauthgundis. Er flieht am sichersten +allein.« +</p> + +<p> +»Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal +an mich gebunden. Du nennst meinen Namen gar +nicht. Ich hab’ ihm nur Unglück gebracht. Ich will ihn +nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er +in die Freiheit tritt.« +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Der Präfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefühle +der Macht. +</p> + +<p> +Er war Statthalter von Italien: in allen Städten +wurden auf seine Anordnung die Befestigungen geflickt und +verstärkt, die Bürger an die Waffen gewöhnt. Die Vertreter +von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise Gegengewicht +zu halten. Ihre Heerführer hatten kein Glück, die +Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten +keine Fortschritte. +</p> + +<p> +Und mit Vergnügen vernahm Cethegus, daß Hildebad, +dessen Schar sich durch Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert +erhöht, Acacius, der ihn mit tausend Perser-Reitern +<pb n='393'/><anchor id='Pg393'/>eingeholt und angegriffen, blutig zurückgeschlagen hatte. +Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von +Mantua aus entgegenrückte, verlegte ihm alle Wege – +er wollte nach Tarvisium zu Totila – und nötigte ihn, +sich in das noch von den Goten unter Thorismuth besetzte +Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die +Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen +Bau zu nehmen und schon sah der Präfekt die Stunde +kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen würde, den Goten, +der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten. +</p> + +<p> +Es freute ihn, daß die Kriegsmacht von Byzanz seit +Belisars Entfernung sich offen vor ganz Italien als unfähig +erwies, den letzten Widerstand der Goten zu brechen. +Und die Härte der byzantinischen Finanzverwaltung, die +Belisar überall, wo er einzog, mit sich führen mußte – +er konnte die auf Befehl des Kaisers geübte Aussaugung +nicht hindern – erweckte oder steigerte in den Städten +und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die Oströmer. +Cethegus hütete sich wohl, wie Belisar gethan, +den ärgsten Übergriffen der Beamten Justinians zu wehren. +Er sah es mit Freude, daß in Neapolis, in Rom wiederholt +das Volk gegen die Bedrücker in offnem Aufruhr +emporloderte. +</p> + +<p> +Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner +Macht verächtlich, ihre Tyrannei verhaßt genug geworden, +dann konnte Italien aufgerufen werden, frei zu sein und +der Befreier, der Beherrscher hieß Cethegus. +</p> + +<p> +Dabei verließ ihn nur die Eine Besorgnis nicht – +denn er war fern von Unterschätzung seiner Feinde, – der +Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch nicht ausgetreten, +könne nochmal aufflammen, geschürt durch die Entrüstung +des Volkes über den geübten Verrat. +</p> + +<p> +Schwer fiel dem Präfekten ins Gewicht, daß die tiefst<pb n='394'/><anchor id='Pg394'/>gehaßten Führer der Goten, daß Totila und Teja nicht +mit im Netze zu Ravenna waren gefangen worden. Um +der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen, +trachtete er so eifrig, dem gefangnen Gotenkönig die Erklärung +zu entreißen, er habe sich und die Stadt zuletzt +ohne Hoffnung und Bedingung unterworfen, und er fordre +die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand aufzugeben. +</p> + +<p> +Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz +Theoderichs geborgen lag, sollte ihm sein Gefangner angeben. +In jener Zeit war ein solcher, schon um fremde +Fürsten und Söldner zu gewinnen und anzuziehen, von +höchster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren +sie die letzte Hoffnung, ihre geschwächte Kraft durch fremde +Waffen zu ergänzen. Und viel lag dem Präfekten daran, +jenen als unermeßlich reich von der Sage gepriesenen Hort +nicht in die Hände der Byzantiner fallen zu lassen, deren +Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger +Bundesgenosse seiner Pläne war: sondern ihn sich selbst zu +sichern, – auch seine Mittel waren ja nicht unerschöpflich. +</p> + +<p> +Aber all sein Bemühen schien an der Unerschütterlichkeit +seines Gefangnen zu scheitern. +</p> +</div><div type="kapitel" n="27"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebenundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen. +</p> + +<p> +Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das +Walddickicht genau einzuprägen, wo der treue Freigelassene +mit dem treuen Roß Dietrichs von Bern ihrer warten sollte. +</p> + +<p> +Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vor<pb n='395'/><anchor id='Pg395'/>bereitungen starkem Sinn gewährt, war die Gotin nach der +Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. Aber sie erbleichte, +als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie +über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich +vor ihr nieder, schlug die Brust mit den Fäusten und +raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte. +</p> + +<p> +»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf +das wild pochende Herz, »ist er tot?« +</p> + +<p> +»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! +Alles verloren! Vor einer Stunde kam der Präfekt und +stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich schloß ich ihm +selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die Kerkerpforte, +auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die +beiden Schlüssel ab: er werde sie fortan selbst verwahren.« +»Und du gabst sie ihm?« knirschte Rauthgundis. »Wie +konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich hielt +sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht +mehr?« Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib +und Seele wie ein Messer trennen können. +</p> + +<p> +»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir +die Schlüssel aus der Hand.« +</p> + +<p> +»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist +dir Witichis?« +</p> + +<p> +»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was +hättest du an meiner Stelle thun können? Nichts andres!« +</p> + +<p> +»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? +Was soll jetzt geschehn?« +</p> + +<p> +»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.« +</p> + +<p> +»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!« +</p> + +<p> +»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.« +</p> + +<p> +Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. +»Erbrechen wir die Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte +ihr die Axt entwinden. +</p> + +<pb n='396'/><anchor id='Pg396'/> + +<p> +»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!« +</p> + +<p> +»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn +zu sprechen. Und vor der Gangthür erschlag ich ihn mit +diesem Beil.« +</p> + +<p> +»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will +Wachis abrufen von seiner nutzlosen Wacht.« +</p> + +<p> +»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht +werden soll. Vielleicht kömmt dieser Teufel von selbst +wieder. Vielleicht« – sprach sie nachsinnend. »Ah,« schrie +sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn ermorden! +Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber +weh’ ihm, wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür +will ich hüten wie ein Heiligtum, besser als meines Kindes +Leben. Und weh ihm, wenn er sie beschreitet.« Und sie +drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches Dromons +und wog das schwere Beil. +</p> + +<p> +Aber Rauthgundis irrte. +</p> + +<p> +Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt +die Schlüssel an sich genommen. Er war mit denselben +in den linken, den Südbau des Palastes geschritten. Spät +am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker +des Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe +des Todes und die Erregung des Fiebers wechselten in +der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, daß Aspa nur +mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah. +</p> + +<p> +»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der +Germanen, die Wolken, die auf deiner weißen Stirn lagern +und höre mich ruhig an.« +</p> + +<p> +»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne +Nachricht. Du versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. +Ihn über die Alpen führen zu lassen. Du +hältst dein Wort nicht.« +</p> + +<p> +»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen. +</p> + +<pb n='397'/><anchor id='Pg397'/> + +<p> +Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. +Morgen kommt der kaiserliche Neffe Germanus zurück +von Ariminum, – dich nach Byzanz zu führen: – du +giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe +mit Witichis war erzwungen und nichtig.« +</p> + +<p> +»Ich sagte dir schon: nein, niemals!« +</p> + +<p> +»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen. +</p> + +<p> +Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du +mit Germanus auf dem Wege nach Byzanz.« +</p> + +<p> +»Niemals.« +</p> + +<p> +»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des +Mädchens, das so teuren Preis einst um einen Areskopf +bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden. Dasselbe Geschöpf hat +den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber +ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den +einst Geliebten.« +</p> + +<p> +Mataswintha schüttelte das Haupt. +</p> + +<p> +»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. +Erinnere mich nicht, daß du so gut wie er in +meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen Prinzen Gemahlin +– bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt +liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest +du nicht die Herrschaft lieben?« +</p> + +<p> +»Ich liebe nur ... –! Niemals!« +</p> + +<p> +»So muß ich dich zwingen!« +</p> + +<p> +Sie lachte: »Du? mich? zwingen?« +</p> + +<p> +»Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, +den sie zu Grunde gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich +ist: daß der Gefangene diesen leergelassenen Namen +ausfüllt – es ist der Name des Schatzschlosses der Goten +– und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit +einem Trotz, der anfängt, mich zu erbittern. Siebenmal +war ich bei ihm – ich, der Sieger – er hatte noch kein +<pb n='398'/><anchor id='Pg398'/>Wort für mich. Nur das erste Mal, da erhielt ich einen +Blick – für den er allein den stolzen Kopf verlieren mußte.« +</p> + +<p> +»Nie giebt er nach.« +</p> + +<p> +»Das frägt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher +Tropfenfall. Aber ich kann nicht lange mehr warten. +</p> + +<p> +Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in +wütigem Ausfall Bessas so schwer geschlagen, daß er kaum +die Einschließung noch aufrecht hält. Überall flackern +gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende +machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der +Enttäuschung, besser als mit Blut. Dazu muß ich des +gefangenen Königs Erklärung und Schatzgeheimnis haben. +Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht des +Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher +die Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von +dir selbst bezeugt, so werd’ ich den Gefangenen – – ich +schwöre es dir beim Styx, – werd’ ich den Gefangenen –« +</p> + +<p> +Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr +Mataswintha von ihrem Sitz empor und legte ihre Hand +auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch nicht töten?« +</p> + +<p> +»Ja, das werd’ ich. Ich werd’ ihn erst foltern. Dann +blenden. Und dann töten.« +</p> + +<p> +»Nein, nein!« schrie Mataswintha auf. +</p> + +<p> +»Ja, ich hab’s beschlossen. Die Henker stehen bereit. +Und du wirst ihm das sagen: dir, dieser händeringenden +Verzweiflung wird er glauben, daß es Ernst. Du vielleicht +rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er wähnt +vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu +sein. Du wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier +die beiden Pergamente. Hier die Schlüssel – du sollst +deine Stunde frei wählen – zu seinem Kerker.« +</p> + +<p> +Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens +Seele durch ihr Auge. +</p> + +<pb n='399'/><anchor id='Pg399'/> + +<p> +Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd +schritt er hinaus. +</p> +</div><div type="kapitel" n="28"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Achtundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war +es dunkel geworden über Ravenna. Der Himmel war +dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das heftiger Wind +an dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses +Licht mit desto tieferem Dunkel wechselte. +</p> + +<p> +Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der +übrigen Gefangenen vollendet und kam müde und traurig in +sein Vorgemach zurück. Er fand kein Licht brennend. Mit +Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer +reglos an der Halbthür lehnte, das Beil in der Hand, +den Blick auf die Gangthür geheftet. +</p> + +<p> +»Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im +Herdeisen entzünden: und teile das Nachtmahl mit mir. +Komm, du harrest hier umsonst.« – »Nein, kein Licht, +kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was +draußen im Hof, im Mondlicht naht.« – »Nun so komm +wenigstens hierherein und ruhe auf dem Dreifuß. Hier +ist Brot und Fleisch.« – »Soll ich essen, während er +Hunger leidet?« – »Du wirst erliegen! Was denkst, +was sinnst du den ganzen Abend?« +</p> + +<p> +»Was ich denke?« wiederholte Rauthgundis, immer +hinausblickend: »Ihn! Und wie wir so oft gesessen in dem +Säulengang vor unserem schönen Hause, wann der Brunnen +plätscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf +den Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um +sein liebes Haupt. Und ich schmiegte mich an seine +<pb n='400'/><anchor id='Pg400'/>Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben gingen die +Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, +tiefen Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf +meinem Schoß, die Händchen, wie weiche Fesseln, um den +Arm des Vaters geschlungen. Jetzt trägt sein Arm andre +Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen ... – –« +Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und +fester, bis sie selbst Schmerz empfand. +</p> + +<p> +»Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu +ändern!« +</p> + +<p> +»Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – +Ah, Dromon, hieher! Was ist das?« flüsterte sie und +wies in den Hof. +</p> + +<p> +Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem +Hofe stand eine hohe, weiße Gestalt, die lautlos an der +Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber scharf, fiel das Mondlicht +darauf. +</p> + +<p> +»Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier +Ermordeten,« sprach der Alte bebend. »Gott und die +Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich und verhüllte +das Haupt. +</p> + +<p> +»Nein,« sprach Rauthgundis, »die Toten kommen nicht +wieder vom Jenseits. Jetzt ist’s verschwunden – Dunkel +ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch – da ist es +wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthür. Was +schimmert da rot im weißen Licht? Ah, das ist die +Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an der Gangthür. +Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!« +</p> + +<p> +»Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! +Wie könnte sie!« +</p> + +<p> +»<hi rend='gesperrt'>Sie</hi> könnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr +Rauthgundis lebt. Ihr nach! Ein Wunder thut uns +seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!« +</p> + +<pb n='401'/><anchor id='Pg401'/> + +<p> +Und sie trat aus der Halbthür in den Hof, das Beil +in der Rechten, vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, +langsam, auf den Zehen schleichend. Dromon folgte ihr +auf dem Fuße. +</p> + +<p> +Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthür aufgeschlossen +und ihren Weg erst viele Stufen hinab, dann +durch den schmalen Gang, mit den Händen tastend, zurückgelegt. +Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht +erschloß sie auch diese. +</p> + +<p> +Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im +Turm fiel ein schmaler Streif des Mondlichts in das enge +Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. Er saß, den +Rücken gegen die Thüre gewandt, das Haupt auf die +Hände gestützt, reglos auf einem Steinblock. +</p> + +<p> +Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der +Pforte. Eiskalte Luft schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie +fand keine Worte: vor Grauen. +</p> + +<p> +Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte +geöffnet worden. Er hob das Haupt. Aber er sah nicht um. +</p> + +<p> +»Witichis – König Witichis« – stammelte endlich +Mataswintha – »ich bin’s. Hörst du mich?« +</p> + +<p> +Aber der Gefragte rührte sich nicht. +</p> + +<p> +»Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!« +</p> + +<p> +Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt. +</p> + +<p> +»Oh sprich! – oh sieh nur auf mich!« – Und sie +trat ein. Gern hätte sie seinen Arm berührt, seine Hand +gefaßt. Sie wagte es noch nicht. »Er will dich töten – +quälen. Er wird es thun, – wenn du nicht fliehst.« +</p> + +<p> +Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu +treten. »Du sollst aber fliehn! Du sollst nicht sterben! +Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich flehe dich an +– fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst +sollst du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und +<pb n='402'/><anchor id='Pg402'/>Leben. Ich habe die Schlüssel der Kerkerpforte und der +Gangthür! flieh!« Und nun faßte sie seinen Arm, wollte +ihn emporreißen. +</p> + +<p> +Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. +– Er war an den Steinblock festgeschlossen. +</p> + +<p> +»O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee. +</p> + +<p> +»Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Laß mich. Ich +gehöre dem Tode. Und hielten mich auch diese Bande +nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in die Welt? +Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.« +</p> + +<p> +»Du hast Recht! sterben ist besser. Laß mich sterben +mit dir. Und verzeih mir. Denn auch ich habe dir +gelogen.« +</p> + +<p> +»Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.« +</p> + +<p> +»Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben. +</p> + +<p> +Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen +Niedergang – ich habe – o, es ist so schwer zu sagen! +Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. Und doch muß +ich deine Verzeihung haben – und müßt’ ich sie mir +erstehlen. Vergieb mir – reiche mir die Hand zum +Zeichen, daß du mir verzeihst.« +</p> + +<p> +Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken. +»O, ich flehe dich an – verzeihe mir, was immer ich dir +mag gethan haben.« +</p> + +<p> +»Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist +wie alle! nicht besser, nicht schlimmer!« +</p> + +<p> +»Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. +Wenigstens elender. Wisse denn: ich habe dich gehaßt, ja, +aber nur, weil du mich von dir gestoßen! Du ließest mich +nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will +ja nur mit dir sterben dürfen. Reich mir einmal noch die +Hand, zum Zeichen, daß du mir verzeihst.« Und sie streckte +kniend, flehend, beide Hände zu ihm empor. +</p> + +<pb n='403'/><anchor id='Pg403'/> + +<p> +Der König erhob das Haupt. Der Grundzug seines +Wesens, die tiefe Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte +den eignen dumpfen Schmerz. »Mataswintha,« sagte +er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh’, es erbarmt +mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an +mir gethan – geh hin: – ich habe dir verziehn.« +</p> + +<p> +»O Witichis!« hauchte Mataswintha und wollte seine +Hand ergreifen. +</p> +</div><div type="kapitel" n="29"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Neunundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen. »Nachtbrennerin, +nie soll er dir vergeben! Komm Witichis, <hi rend='gesperrt'>mein</hi> +Witichis. Folge mir! du bist frei.« Der König sprang +auf, von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt. +»Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist +getreu. Ich hab’ dich wieder.« Und tief aufatmend, +jauchzend aus voller Brust, breitete er die Arme aus. +Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide süße +Thränen der Liebe und der Freude. +</p> + +<p> +Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen +die Mauer. Sie strich sich langsam die roten, losgegangnen +Haare aus der Stirn und blickte auf das Paar, das der +Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel, hell beleuchtete. +</p> + +<p> +»Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr würd’ er folgen in +Freiheit und Leben. Aber er muß ja bleiben! Und sterben +– mit mir.« – +</p> + +<p> +»Säumt nicht länger!« mahnte von der Kerkerthüre +her die Stimme Dromons. +</p> + +<p> +»Ja, rasch fort, mein Leben!« rief Rauthgundis. Sie +<pb n='404'/><anchor id='Pg404'/>zog einen kleinen Schlüssel aus dem Busen und tastete an +den Ketten, des Schlosses kleine Öffnung suchend. +</p> + +<p> +»Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?« fragte der +Gefangene, halb in seine Betäubung zurücksinkend. +</p> + +<p> +»Ja, hinaus in Luft und Freiheit,« rief Rauthgundis +und warf die losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. »Hier +Witichis, eine Waffe! Ein Beil! Nimm!« +</p> + +<p> +Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte +kräftig damit aus: »Ah! die Waffe thut dem Arm, der +Seele wohl!« +</p> + +<p> +»Das wußte ich, mein tapfrer Witichis!« rief Rauthgundis, +kniete nieder und schloß die Kette auf, die seinen +linken Fuß an den Steinblock gefesselt hielt. »Nun schreite +aus! Denn du bist frei.« +</p> + +<p> +Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch +sich reckend, einen Schritt gegen die Thüre. +</p> + +<p> +»Und <hi rend='gesperrt'>sie</hi> darf seine Ketten lösen!« flüsterte Mataswintha. +</p> + +<p> +»Ja, frei!« sprach Witichis, hoch aufatmend. »Ich +<hi rend='gesperrt'>will</hi> frei sein und mit dir gehen.« +</p> + +<p> +»Mit ihr will er gehen!« rief Mataswintha und warf +sich den Gatten in den Weg. »Witichis – leb wohl – +geh! – Nur sage mir nochmal – daß du mir vergiebst.« +</p> + +<p> +»Dir vergeben?« rief Rauthgundis. »Nie! Niemals! +Sie hat unser Reich zerstört. Sie hat dich verraten. +Nicht der Blitz des Himmels – ihre Hand hat deine +Speicher verbrannt!« +</p> + +<p> +»O so sei verflucht!« rief Witichis. »Hinweg von dieser +Schlange der Hölle!« Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, +schritt er über die Schwelle, gefolgt von Rauthgundis. +</p> + +<p> +»Witichis!« rief Mataswintha sich aufraffend. »Halt! +Halt an! Höre mich nur noch einmal! Witichis!« +</p> + +<pb n='405'/><anchor id='Pg405'/> + +<p> +»Schweig!« sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. +»Du wirst ihn verderben.« +</p> + +<p> +Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mächtig, riß sich +los und folgte, die Stufen hinauf in den Gang. +</p> + +<p> +»Halt!« rief sie, »Witichis! Du darfst nicht so hinweg. +Du mußt mir verzeihn.« Da brach sie ohnmächtig zu +Boden. +</p> + +<p> +Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach. +</p> + +<p> +Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des +leisesten Schlafes geweckt. +</p> + +<p> +Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb +gegürtet, aus seinem Schlafgemach auf den Gang, dessen +offne Logen in den viereckigen Palasthof blickten. +</p> + +<p> +»Wachen,« rief er, »unter die Speere!« Auch Soldaten +waren merksam geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis +und Dromon den Gang und die Gangthüre durchschritten +und, gerade dieser gegenüber, die Gemächer Dromons +erreicht, als sechs isaurische Söldner laut lärmend in den +Gang hineinstürmten. +</p> + +<p> +Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthür, sprang +auf die schwere eiserne Gangthüre zu, warf sie klirrend +ins Schloß, drehte den Schlüssel um, und zog ihn heraus. +»Die sind geborgen und unschädlich!« flüsterte sie. +</p> + +<p> +Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache +Dromons dem großen Ausgang zu, der aus dem Schloßhof +auf die Straße führte. Mit gefälltem Speer trat hier +der letzte Mann der Wache, der hier zurückgeblieben, ihnen +entgegen. »Gebt die Losung,« rief er. »Rom und? –« +</p> + +<p> +»Rache!« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile +nieder. +</p> + +<p> +Laut schreiend fiel der Söldner, und warf noch den +Speer den Flüchtigen nach: er durchbohrte den letzten der +drei – Dromon. +</p> + +<pb n='406'/><anchor id='Pg406'/> + +<p> +Über die Marmorstufen des Palastes auf die Straße +hinabspringend, hörten die Gatten die eingesperrten +Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthüre schlagen, auch +einen lauten Befehlruf hörten sie noch. »Syphax! mein +Pferd!« +</p> + +<p> +Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf. +</p> + +<p> +Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von +Fackeln: und Reiter flogen nach allen Thoren der Stadt. +</p> + +<p> +»Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer +ihn erschlagen bringt!« rief Cethegus, – sich in den Sattel +seines schwarzen Hengstes schwingend. »Nun auf, ihr +Söhne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und +Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!« +</p> + +<p> +»Aber wohin, Herr?« fragte Syphax, an seines Herrn +Seite aus dem Palastthor sprengend. +</p> + +<p> +»Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen +und besetzt. Sie können nur etwa zu den Mauerbreschen +hinaus.« +</p> + +<p> +»Zwei große Mauerbreschen sinds.« +</p> + +<p> +»Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt +im Ost. Er winkt mir. Ist nicht dort –?« +</p> + +<p> +»Der Mauersturz am Turme des Aëtius.« +</p> + +<p> +»Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!« – – – +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Glücklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen +von Paulus, dem Sohn des Dromon, die nur halb ausgefüllte +Mauerlücke durcheilt und in dem nahen Pinienhain +der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde +gefunden. Wallada nahm die Gatten auf den Rücken. – +</p> + +<p> +Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier +sehr breiten Flusses zu. Witichis hielt Rauthgundis vor +sich, hinter dem Hals des Rosses. »Mein Weib! mit dir +<pb n='407'/><anchor id='Pg407'/>hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber +nun will ich’s noch einmal wagen um das Reich. O wie +konnte ich dich von mir lassen, du Seele meiner Seele.« +</p> + +<p> +»Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg +ihn hier auf meinen Nacken, o du mein alles.« +</p> + +<p> +»Vorwärts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.« +</p> + +<p> +Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. +Das Ufer des Flusses war erreicht. Wachis trieb sein +bäumendes Pferd in die dunkle Flut. Das Thier scheute +und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. »Er geht +sehr tief, sehr reißend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. +Die Furt ist nicht zu brauchen. +</p> + +<p> +Die Gäule müssen schwimmen und stark rechts abwärts +wird’s uns reißen. Und es sind Felsen im Fluß. Und +das Mondlicht wechselt so oft und täuscht.« – Ratlos +prüfte er am Ufer hin und her. +</p> + +<p> +»Horch, was war das?« fragte Rauthgundis. »Das +war nicht der Wind in den Steineichen.« +</p> + +<p> +»Pferde sind’s,« sagte Witichis. »Sie nahen in Eile. +Ja, wir sind verfolgt. Waffen klirren. Da – Fackeln. +Jetzt hinein in den Strom auf Leben und Sterben. Aber +leise!« +</p> + +<p> +Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut. +</p> + +<p> +»Kein Bodengrund mehr. Die Gäule müssen schwimmen. +</p> + +<p> +Halte dich fest an der Mähne, Rauthgundis. Vorwärts, +Wallada!« +</p> + +<p> +Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze +Flut – die Mähne flog wirr kopfüber – die Vorderfüße +vorgestreckt, den Hinterbug zurückgehemmt. +</p> + +<p> +»Vorwärts, Wallada!« Und leise rief Witichis dem +treuen Roß ins Ohr: »Dietrich von Bern!« Da setzte +das edle Tier in stolzem Sprung willfährig in die Flut. +</p> + +<p> +Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald, +<pb n='408'/><anchor id='Pg408'/>voran Cethegus, ihm zur Seite Syphax, eine Fackel +hebend. »Hier, im Ufersand, verschwindet die Spur, o +Herr.« +</p> + +<p> +»Sie sind im Wasser! Vorwärts, ihr Hunnen!« +</p> + +<p> +Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten +sich nicht. +</p> + +<p> +»Nun, Ellak? was zögert ihr? Sofort in die Flut!« +</p> + +<p> +»Herr, das können wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit +in fließend Wasser reiten, müssen wir Phug, den Wassergeist, +um Verzeihung bitten. Wir müssen erst zu ihm +beten.« +</p> + +<p> +»Betet nachher, wenn ihr drüben seid, solang ihr wollt, +nun aber –« +</p> + +<p> +Da fuhr ein stärkerer Windstoß über den Fluß und +verlöschte alle Fackeln. – Hochauf rauschte die Flut. +</p> + +<p> +»Du siehst, o Herr, Phug zürnt.« +</p> + +<p> +»Still! saht ihr nichts? Da unten, links?« +</p> + +<p> +Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht. +– Er zeigte Rauthgundis helles Untergewand: – den +braunen Mantel hatte sie verloren. +</p> + +<p> +»Zielt rasch, dorthin.« +</p> + +<p> +»Nein, Herr! Erst ausbeten.« – +</p> + +<p> +Da war es wieder dunkel am Himmel. – Mit einem +Fluch riß dem Hunnenhäuptling Cethegus Bogen und Köcher +von der Schulter. +</p> + +<p> +»Nun rasch vorwärts!« rief leise Wachis, der schon fast +das rechte Ufer gewonnen hatte, zurück – »ehe der Mond +aus jener schmalen Wolke tritt.« +</p> + +<p> +»Halt, Wallada!« rief Witichis, abspringend, die Last +zu erleichtern, und sich an der Mähne haltend. »Da ist +ein Fels! Stoße dich nicht, Rauthgundis.« – +</p> + +<p> +Roß, Mann und Weib stockten einen Augenblick an +<pb n='409'/><anchor id='Pg409'/>dem ragenden Stein, wo in gurgelndem, tiefem Wirbel +das Wasser reißend zog. +</p> + +<p> +Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die +Fläche des Stroms und die Gruppe am Felsen. +</p> + +<p> +»Sie sind es!« rief Cethegus, der schon den gespannten +Langbogen bereit hielt, zielte und schoß. Schwirrend flog +der lange, schwarzgefiederte Pfeil von der Sehne. +</p> + +<p> +»Rauthgundis!« rief Witichis entsetzt. – Denn sie +zuckte zusammen und sank nach vorwärts auf die Mähne +des Rosses: aber sie klagte nicht. +</p> + +<p> +»Bist du getroffen?« – »Ich glaube. Laß mich hier. +Und rette dich.« – »Niemals! Laß dich stützen.« +</p> + +<p> +»Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!« +</p> + +<p> +Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis +hart an den Strom, bis in sein Uferwasser, bogenspannend +und zielend. +</p> + +<p> +»Laß mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier.« – »Nein, +ich lasse dich nie mehr!« Er wollte sie aus dem Sattel +heben und sie auf dem Stein bergen. In hellem Mondlicht +stand die Gruppe. +</p> + +<p> +»Gieb dich gefangen, Witichis!« rief Cethegus, sein Roß +bis an den Bug in das Wasser spornend. +</p> + +<p> +»Fluch über dich, du Lügner und Neiding.« +</p> + +<p> +Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal. Hoch auf +sprang das Roß Theoderichs und versank für immer in +die Tiefe. +</p> + +<p> +Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. »Bei +dir!« – hauchte noch Rauthgundis. Fest mit beiden +Armen umfing sie Witichis. – – »Mit dir!« +</p> + +<p> +Umschlungen verschwanden sie im Fluß. +</p> + +<p> +Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers +noch dreimal ihren Namen. Er erhielt keine Antwort. +Da jagte er davon in die Nacht. +</p> + +<pb n='410'/><anchor id='Pg410'/> + +<p> +»Schafft die Leichen ans Land!« befahl Cethegus düster, +sein Roß wendend. Und die Hunnen ritten und schwammen +bis an den Stein und suchten. +</p> + +<p> +Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte +sie mit fortgerissen und die wieder vereinten Gatten mit +sich hinausgetragen ins tiefe, freie Meer. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 20%"/> + +<p> +Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum +in den Hafen von Ravenna zurückgekehrt, bereit, demnächst +Mataswintha nach Byzanz zu führen. +</p> + +<p> +Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge +der Werkleute geweckt worden, die das Mauerwerk +neben der Gangthür durchbrachen, die eingesperrten Söldner +zu befreien. Man fand die Fürstin auf den Kerkerstufen +zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre +Gemächer hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern +ohne Laut und Regung, aber mit starr geöffneten Augen lag. +</p> + +<p> +Gegen Mittag ließ sich Cethegus melden. Sein Blick +war finster und drohend, sein Antlitz von eisiger Kälte. +Er trat dicht an ihr Lager. Mataswintha sah ihm ins +Auge. +</p> + +<p> +»Er ist tot!« sagte sie dann ruhig. +</p> + +<p> +»Er wollte es nicht anders. Er – und du. Dir +Vorwürfe machen ist zwecklos. Aber du siehst, was das +Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das Geschrei +von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in +neue Wut treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. +Denn nur du hast ihm Flucht und Tod bereitet. Das +mindeste, was du zur Sühne thun kannst, ist: meinen +zweiten Wunsch erfüllen. Prinz Germanus ist gelandet, +dich abzuholen. Du wirst ihm folgen.« +</p> + +<p> +»Wo ist die Leiche?« +</p> + +<pb n='411'/><anchor id='Pg411'/> + +<p> +»Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. +Ihn und – das Weib.« +</p> + +<p> +Mataswinthens Lippe zuckte. »Noch im Tode! Sie +starb mit ihm?« +</p> + +<p> +»Laß diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit +dem Prinzen wiederkommen. Wirst du bis dahin bereit +sein, ihn zu begrüßen?« +</p> + +<p> +»Ich werde bereit sein.« +</p> + +<p> +»Gut. Wir wollen pünktlich sein.« +</p> + +<p> +»Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie +sollen mich schmücken: Diadem, Purpur, Seide.« +</p> + +<p> +»Sie hat den Verstand verloren,« sagte Cethegus im +Hinausgehen. »Aber die Weiber sind zäh. Sie wird ihn +wiederfinden. Sie können fortleben mit aus der Brust +gerissenem Herzen.« +</p> + +<p> +Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten. +</p> + +<p> +Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, +beide Männer zur Königin zu entbieten. +</p> + +<p> +Germanus eilte mit raschem Fuße über die Schwelle +ihres Gemaches. Aber gefesselt von Staunen blieb er +stehen. So schön, so prachtvoll hatte er die Gotenfürstin +nie gesehen. +</p> + +<p> +Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende +Haar gesetzt, das, gelöst, in zwei dichten Wellen auf ihre +Schultern und von den Schultern bis über den Rücken +floß. Das Unterkleid, von schwerster weißer Seide mit +goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee +sichtbar. Denn Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. +Ihr Antlitz war marmorweiß, ihr Auge loderte +in geisterhaftem Glanz. »Prinz Germanus,« rief sie dem +Eintretenden entgegen, »du hast mir von Liebe geredet? +Aber weißt du, was du geredet? Lieben ist sterben.« +</p> + +<p> +Germanus sah fragend auf Cethegus. +</p> + +<pb n='412'/><anchor id='Pg412'/> + +<p> +Dieser trat vor. Er wollte sprechen. +</p> + +<p> +Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an: +</p> + +<p> +»Prinz Germanus, sie rühmen dich den Feinstgebildeten +an einem weisen Hof, wo man sich übt in spitzer Rätsel +Ratung. Auch ich will dir eine Rätselfrage stellen: – +sieh zu, ob du sie lösest. Laß dir nur helfen dabei von +dem klugen Präfekten, der sich so ganz auf Menschengemüter +versteht. Was ist das? Weib und doch Mädchen? Witwe +und doch nie Weib? Vermagst es nicht zu deuten? Hast +Recht. Der Tod nur löst alle Rätsel.« +</p> + +<p> +Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein +breites, starkes Schwert blitzte. Mit beiden Händen stieß +sie sich’s tief in die Brust. +</p> + +<p> +Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von +rückwärts hinzu. Schweigend fing Cethegus die Sinkende +auf. Sie starb, sowie er das Schwert aus der Wunde +zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst +gesendet. +</p> + +<p> +Es war das Schwert des Königs Witichis. +</p> + </div></div></body> + <back> + <div> + <pgIf output="pdf"> + <then/> + <else> + <div id="footnotes" rend="page-break-before: right"> + <head>Fußnote</head> + <divGen type="footnotes"/> + </div> + </else> + </pgIf> + </div> + <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> + <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head> + <p>Das Inhaltsverzeichnis wurde für die elektronische Fassung hinzugefügt.</p> + <pgIf output="pdf"> + <then/> + <else><p>Die Fußnote wurde an das Ende des Textes gesetzt.</p></else> + </pgIf> + <pgIf output="txt"> + <then> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr römische Zahlen + (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben) und einzelne Wörter aus + fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie + gesperrt gesetzte Passagen.</p> + </then> + <else> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr römische Zahlen + (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben) und einzelne Wörter aus + fremden Sprachen (hier kursiv). + Gesperrt gesetzte Passagen sind in dieser Form übernommen.</p> + </else> + </pgIf> + <p>Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:</p> + <list> + <item><ref target="corr012">Seite 12</ref>: Punkt ergänzt hinter »Grund«</item> + <item><ref target="corr022">Seite 22</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Gemeinschaft«</item> + <item><ref target="corr029">Seite 29</ref>: »des« geändert in »das«</item> + <item><ref target="corr034">Seite 34</ref>: »selsames« geändert in »seltsames«</item> + <item><ref target="corr040">Seite 40</ref>: Punkt ergänzt hinter »sie«</item> + <item><ref target="corr051">Seite 51</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »Theodahad« und hinter »Witichis ...«; »Mirim« + geändert in <ref target="corr051a">»Miriam«</ref></item> + <item><ref target="corr058">Seite 58</ref>: »Mathaswintha« geändert in »Mataswintha«</item> + <item><ref target="corr061">Seite 61</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »hast«</item> + <item><ref target="corr067">Seite 67</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »ich«</item> + <item><ref target="corr073">Seite 73</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »Wir«</item> + <item><ref target="corr076">Seite 76</ref>: Punkt geändert in Doppelpunkt hinter »Lippen«; + Anführungszeichen ergänzt hinter <ref target="corr076a">»hebt.«</ref></item> + <item><ref target="corr080">Seite 80</ref>: Anführungszeichen entfernt vor »Mir« und <ref target="corr080a">»Ich«</ref></item> + <item><ref target="corr085">Seite 85</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »Areskopf.«</item> + <item><ref target="corr089">Seite 89</ref>: Komma ergänzt hinter »Johannes«</item> + <item><ref target="corr106">Seite 106</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »das«</item> + <item><ref target="corr117">Seite 117</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter »irrig!«</item> + <item><ref target="corr126">Seite 126</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »wurden.« + und vor <ref target="corr126a">»Florentia«</ref></item> + <item><ref target="corr130">Seite 130</ref>: »widerholte« geändert in »wiederholte«</item> + <item><ref target="corr140">Seite 140</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter »mich.«, + ergänzt hinter <ref target="corr140a">»binden!«</ref></item> + <item><ref target="corr141">Seite 141</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »Mein«; 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