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+The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Zweiter Band by Felix
+Dahn
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Ein Kampf um Rom. Zweiter Band
+
+Author: Felix Dahn
+
+Release Date: July 5, 2010 [Ebook #33090]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF‐8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND***
+
+
+
+
+
+ Ein Kampf um Rom.
+
+ Historischer Roman
+
+ von
+
+ Felix Dahn.
+
+
+
+ _Motto:_
+ »Wenn etwas ist, gewalt’ger als das Schicksal
+ So ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt«
+ _Geibel._
+
+
+
+Zweiter Band.
+
+48. Auflage.
+
+Leipzig,
+Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel.
+1906.
+
+
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+
+
+
+
+
+ INHALT
+
+
+Fünftes Buch. Witichis. Erste Abteilung.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fünftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+ Achtes Kapitel.
+ Neuntes Kapitel.
+ Zehntes Kapitel.
+ Elftes Kapitel.
+ Zwölftes Kapitel.
+ Dreizehntes Kapitel.
+ Vierzehntes Kapitel.
+ Fünfzehntes Kapitel.
+ Sechzehntes Kapitel.
+ Siebzehntes Kapitel.
+ Achtzehntes Kapitel.
+Fünftes Buch. Witichis. Zweite Abteilung.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fünftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+ Achtes Kapitel.
+ Neuntes Kapitel.
+ Zehntes Kapitel.
+ Elftes Kapitel.
+ Zwölftes Kapitel.
+ Dreizehntes Kapitel.
+ Vierzehntes Kapitel.
+ Fünfzehntes Kapitel.
+ Sechzehntes Kapitel.
+ Siebzehntes Kapitel.
+ Achtzehntes Kapitel.
+ Neunzehntes Kapitel.
+ Zwanzigstes Kapitel.
+ Einundzwanzigstes Kapitel.
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+ Vierundzwanzigstes Kapitel.
+ Fünfundzwanzigstes Kapitel.
+ Sechsundzwanzigstes Kapitel.
+ Siebenundzwanzigstes Kapitel.
+ Achtundzwanzigstes Kapitel.
+ Neunundzwanzigstes Kapitel.
+Bemerkungen zur Textgestalt
+
+
+
+
+
+
+ Fünftes Buch.
+
+
+ WITICHIS.
+
+
+ Erste Abteilung.
+
+
+ »Die Goten aber wählten zum König Witichis,
+ einen Mann, zwar nicht von edlem Geschlecht,
+ aber von hohem Ruhm der Tapferkeit.«
+
+ Prokopius, Gotenkrieg I. 11
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Langsam sank die Sonne hinter die grünen Hügel von Fäsulä und vergoldete
+die Säulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin
+schaltete.
+
+Die gotischen Knechte und die römischen Sklaven waren beschäftigt, die
+Arbeit des Tages zu beschließen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse
+von der Weide ein. Zwei andere Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder
+von dem Anger auf dem Hügel nach den Ställen, indes der Ziegenbub mit
+römischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen vorwärts trieb, die genäschig
+hier und da an dem salzigen Steinbrech nagten, der auf dem zerbröckelten
+Mauerwerk am Wege grünte. Andre germanische Knechte räumten das Ackergerät
+im Hofraum auf: und ein römischer Freigelassener, gar ein gelehrter und
+vornehmer Herr, der Obergärtner selbst, verließ mit einem zufriedenen
+Blick die Stätte seiner blühenden und duftenden Wissenschaft.
+
+Da kam aus dem Roßstall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner
+hellgelben Locken. »Vergiß mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in
+den Trinkkübel zu werfen. Wachis hat’s noch besonders aufgetragen! Daß er
+dich nicht wieder schlagen muß, wenn er heimkommt.« Und er warf die Thür
+zu. »Ewiger Verdruß mit diesen welschen Knechten!« sprach der kleine
+Hausherr mit wichtigem Stolz. »Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins
+Lager gefolgt, liegt alles auf mir: denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl
+gut für die Mägde, aber die Knechte brauchen den Mann.«
+
+Und mit großem Ernst schritt das Büblein über den Hof.
+
+»Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt,« sprach er und warf
+die kirschroten Lippen auf und krauste die weiße Stirn. »Woher soll er
+auch kommen? Mit nächster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen
+mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlöffel.« Und
+verächtlich riß er an dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. »Sie
+dürften mir keck ein Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich
+nichts ausrichten und sehe nichts gleich.«
+
+Und doch sah er so lieblich, einem zürnenden Eros gleich, in seinem
+kniekurzen, ärmellosen Röckchen von feinstem weißem Leinen, das die liebe
+Hand der Mutter gesponnen und genäht und mit einem zierlichen roten
+Streifen durchwirkt hatte.
+
+»Gern lief’ ich noch auf den Anger und brächte der Mutter zum Abend die
+Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber
+ich muß noch Rundschau halten, ehe sie mir die Thore schließen: denn:
+»Athalwin, hat der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in
+acht und wahre mir die Mutter! Ich verlaß mich auf dich!« Und ich gab ihm
+die Hand drauf. So muß ich Wort halten.«
+
+Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses
+vorüber, durchmusterte die Nebengebäude zur Rechten und wollte sich eben
+nach der Rückseite des Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der
+jungen Hunde zur Linken auf ein Geräusch an dem Holzzaun, der das Ganze
+umfriedete, merksam wurde.
+
+Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte: denn auf dem
+Zaune saß oder über denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war
+ein großer, alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie
+ihn die Berghirten trugen: als Mantel hing eine mächtige Wolfsschur
+unverarbeitet von seinen Schultern nieder, und in der Rechten trug er
+einen riesigen Bergstock mit scharfer Stahlspitze, mit welchem er die
+Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun hinaufsprangen. Eilends lief der
+Knabe hinzu. »Halt, du landfremder Mann, was thust du auf meinem Zaun? –
+willst du gleich hinaus und herab?«
+
+Der Alte stutzte und sah forschend auf den schönen Knaben. »Herunter, sag’
+ich!« wiederholte dieser. – »Begrüßt man so in diesem Hof den wegmüden
+Wandrer?« – »Ja, wenn der wegmüde Wandrer über den Hinterzaun steigt. Bist
+du was Rechtes und willst du was Rechtes, – da vorn steht das große
+Hofthor sperrangelweit offen: da komm’ herein.«
+
+»Das weiß ich selbst, wenn ich das wollte.« Und er machte Anstalt, in den
+Hof hereinzusteigen.
+
+»Halt,« rief zornig der Kleine, »da kommst du nicht herab! Faß, Griffo!
+Faß, Wulfo! Und wenn du die zwei jungen nicht scheust, so ruf’ ich die
+Alte. Dann gieb acht! He Thursa, Thursa, leid’s nicht!«
+
+Auf diesen Ruf schoß um die Ecke des Roßstalles ein riesiger, grau
+borstiger Wolfshund mit wütendem Gebell herbei und schien ohne weiteres
+dem Eindringling an die Gurgel springen zu wollen.
+
+Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, dem Alten gegenüber, so
+verwandelte sich seine Wut plötzlich in Freude: sein Bellen verstummte und
+wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemütlich herein stieg.
+»Ja, Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen,« sagte er. – – »Nun
+sage mir, kleiner Mann, wie heißt du?« – »Athalwin heiß’ ich,« versetzte
+dieser, scheu zurücktretend, »du aber, – ich glaube, du hast den Hund
+behext – wie heißt du?« – »Ich heiße wie du,« sagte der Alte freundlicher.
+»Und das ist hübsch von dir, daß du heißest wie ich. Sei nur ruhig, ich
+bin kein Räuber! führ’ mich zu deiner Mutter, daß ich ihr sage, wie tapfer
+du deine Hofwehr verteidigt hast.«
+
+Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Thursa bellte
+freudig springend voran.
+
+Das korinthische Atrium der Römervilla mit seinen Säulenreihen an den vier
+Wänden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Änderung in die große
+Halle des germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn
+war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt und Rauthgundis hatte für
+diese Zeit ihre Mägde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer
+Reihe saßen rechts die gotischen Mägde mit sausender Spule; ihnen
+gegenüber einige römische Sklavinnen mit feineren Arbeiten beschäftigt. In
+der Mitte der Halle schritt Rauthgundis auf und nieder und ließ selbst die
+flinke Spule auf dem glatten Mosaik des Estrichs tanzen, aber dabei auch
+nach rechts und links stets die wachen Blicke gleiten.
+
+Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war über die Knie
+heraufgeschürzt und hing gebauscht über den Gurt von stählernen Ringen,
+der ihren einzigen Schmuck, ein Bündel von Schlüsseln, trug. Das
+dunkelblonde Haar war rings an Stirn und Schläfen zurückgekämmt und am
+Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschürzt. Es lag viel schlichte
+Würde in der Gestalt, wie sie mit ernst prüfendem Blick auf und nieder
+schritt.
+
+Sie trat zu der jüngsten der gotischen Mägde, die zu unterst in der Reihe
+saß und beugte sich zu ihr. »Brav, Liuta,« sprach sie, »dein Faden ist
+glatt und du hast heut’ nicht so oft aufgesehen nach der Thür wie sonst.
+Freilich,« fügte sie lächelnd hinzu – »es ist jetzt kein Verdienst, da
+doch kein Wachis zur Thür hereinkommen kann.« Die junge Magd errötete.
+Rauthgundis legte die Hand auf ihr glattes Haar: »Ich weiß,« sagte sie,
+»du hast mir im stillen gegrollt, daß ich dich, die Verlobte, dieses Jahr
+über täglich morgens und abends eine Stunde länger spinnen ließ als die
+andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war dein eigner Gewinn.
+Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen, ist dein; ich
+schenk’ es dir zur Aussteuer: so brauchst du nächstes Jahr, das erste
+deiner Ehe, nicht zu spinnen.«
+
+Das Mädchen faßte ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. »Und
+dich nennen sie streng und hart!« war alles, was sie sagen konnte. – »Mild
+mit den Guten, streng mit den Bösen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier
+walte, ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heißt es genau
+sein.«
+
+Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Thür sichtbar: der Knabe wollte
+rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile
+unbemerkt dem Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Mägde
+Arbeit prüfte, lobte und schalt und neue Aufträge gab.
+
+»Ja,« sprach der Alte endlich zu sich selbst, »stattlich sieht sie aus,
+und sie scheint wohl die Herrin im Hause – doch! wer weiß Alles?« Da war
+Athalwin nicht mehr zu halten: »Mutter,« rief er, »ein fremder Mann, der
+Thursa behext und über den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann’s
+nicht begreifen.«
+
+Da wandte sich die stattliche Frauengestalt würdevoll dem Eingang zu, die
+Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne
+Thüre brach, abzuwehren. »Was führst du den Gast hierher? Du weißt, der
+Vater ist nicht hier. Führ’ ihn in die große Halle. Sein Platz ist nicht
+bei mir.«
+
+»Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz,« sprach der Alte
+vortretend.
+
+»Vater!« – rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und
+nicht ohne Mißbehagen sah Athalwin auf die Gruppe. »Du bist also der
+Großvater, der da oben in den Nordbergen haust? Nun grüß Gott, Großvater!
+Aber warum sagst du denn das nicht gleich? Und warum kommst du nicht
+durchs Thor wie andre ehrliche Leute?«
+
+Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Händen und sah ihr scharf ins
+Auge. »Sie sieht glücklich aus und gedeihend,« brummte er vor sich hin.
+
+Da faßte sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle.
+Alle Spindeln ruhten – außer Liutas – aller Augen musterten neugierig den
+Alten.
+
+»Ob ihr wohl spinnen wollt, fürwitzige Elstern?« rief sie streng. »Du,
+Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, – du kennst
+den Brauch, du spinnst eine Spule mehr, – ihr andern macht Feierabend.
+Komm, Vater! Liuta, rüst’ ein laues Bad und Fleisch und Wein. –«
+
+»Nein!« sprach der Vater, »der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und
+Trunk am Wasserfall. Und was das Essen anlangt, – draußen, vor’m
+Hinterzaun, am Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab ich
+mein Speltbrot und meinen Schafkäse, den bringt mir. – Wieviel habt ihr
+Rinder im Stall und Rosse auf der Weide?« Es war seine erste Frage. –
+
+Eine Stunde darauf – schon war es dunkel geworden und der kleine Athalwin
+war kopfschüttelnd über den Großvater zu Bett gegangen, – da wandelten
+Vater und Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. »Ich hab’
+nicht Luft genug da drinnen,« hatte der Alte gesagt.
+
+Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten
+schritten. Mitten drein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer
+Wirtschaft auf, wie sie ihm Gerät oder Gebäude nahe legten: und in seinem
+Ton lag keine Zärtlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein
+Kind musterte.
+
+»Laß doch endlich Roggen und Rosse,« lächelte Rauthgundis, »und sage mir,
+wie’s dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal
+herabgeführt hat von den Bergen zu deinen Kindern?« – »Wie’s mir gegangen?
+Nun: halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist’s nicht so
+hübsch warm, wie hier im Welschthale.« Und er sagte das wie einen Vorwurf.
+»Und warum ich herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier
+zerfallen auf dem Firnjoch. Und da wollt’ ich mir einen andern kaufen hier
+unten.«
+
+Da hielt sich Rauthgundis nicht länger: mit warmer Liebe warf sie sich an
+des Alten Brust und rief: »Und den Zuchtstier hast du nicht näher gefunden
+als hier? Lüge doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein
+eigen Kind. Du bist gekommen, weil du gemußt, weil du’s doch endlich nicht
+mehr ausgehalten vor Heimweh nach deinem Kinde.«
+
+Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: »Woher du’s nur weißt! Nun
+ja! ich mußte doch mal selbst sehen, wie’s um dich steht und wie er dich
+hält, der Herr Gotengraf.«
+
+»Wie seinen Augapfel,« sprach das Weib selig. – »So? und warum ist er denn
+nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind?« – »Er steht beim Heer in
+des Königs Dienst.«
+
+»Ja, das ist’s ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen König? Doch
+– sage: warum trägst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem
+Welschthal kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fünf Jahren, die trug
+Gold handbreit: da dacht ich: so trägt’s deine Tochter, und freute mich,
+und nun –«
+
+Rauthgundis lächelte: »Soll ich Gold tragen für meiner Mägde Augen? Ich
+schmücke mich nur, wenn Witichis es sieht.« – »So? mög’ er’s verdienen!
+Aber du _hast_ doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier
+unten?« – »Mehr als andre, truhenvoll. Witichis brachte große Beute vom
+Gepidenkrieg.« – »So bist du ganz glücklich?« – »Ganz, Vater, aber nicht
+wegen der Goldspangen.« – »Hast du über nichts zu klagen? Sag’s mir nur,
+Kind! Was es auch sei, sag’s deinem alten Vater und er schafft dir dein
+Recht.«
+
+Da blieb Rauthgundis stehen. »Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht
+von dir zu sprechen, nicht von mir zu hören. Wirf ihn doch weg, den
+unglückseligen Irrwahn, als müßte ich elend werden, weil ich zu Thal
+gezogen. Ich glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgeführt.«
+
+»Nur sie!« rief der Alte hastig mit dem Stock aufstoßend. »Und du nennst
+einen Wahn, was deines Vaters tiefstes inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist’s
+ein Wahn, daß sich’s schwer atme hier unten? Ein Wahn, daß unsre
+hochgewachsenen, weißen Goten klein und braun geworden hier unten im Thal?
+Ist es ein Wahn, daß alles Unheil von jeher von Süden hergekommen, von
+diesem weichen, falschen Thal? Woher kommen die Bergstürze über unsre
+Hütten? von Süden her. Von wo kommt der giftige Wind, der Mensch und Vieh
+verdirbt? Von Süden. Warum stürzt’ mir Kuh und Schaf, wann sie am Südhang
+grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das erstemal von unserm Berge
+nach Bolsanum herabkam, in der schwülen Stadt? Ein Bruder von dir stieg
+auch herab, trat in des Königs Theoderich Waffenschar zu Ravenna:
+erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht mehr
+was, der je hier in den Süden herabstieg, auch nur auf einen Winter? Wo
+hat unser großer Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit
+Steuern und Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Väter von
+all’ dem gewußt?
+
+Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle Üppigkeit, alle Unkraft,
+alle List? Von hier: aus dem Welschthal, aus dem Süden, wo die Menschen zu
+Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewürm und einer dem andern die
+Luft vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein
+frisches Kind herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was
+Gutes und Klares, ich leugn’ es nicht; und hätte er sich droben bei mir
+ein Gehöft gebaut, ich hätte ihm gern mein Kind und das Joch der besten
+Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da herunter mußte er sie führen ins heiße
+Sumpfthal. Und er selbst bückt den Kopf in goldnen Sälen zu Rom und in der
+Rabenstadt. Wohl hab’ ich mich lang gewehrt –«
+
+»Aber endlich gabst du nach –«
+
+»Was wollt’ ich machen? War doch mein kernfrisches Mädel ganz herzenssiech
+geworden nach dem Unglücksmann.«
+
+»Und zehn Jahre hat der Unglücksmann dein Kind beglückt.« – »Wenn’s nur
+auch wahr ist!« – »Vater!« – »Und wahr bleibt. Es wäre das erstemal, daß
+Glück von Süden käme. Sieh’, mein Abscheu ist so groß vor der Ebne, daß
+ich die sieben Jahr nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe.
+Wenn ich es jetzt doch gethan, hat’s schweren Grund.«
+
+»Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?«
+
+»Freilich! doch mein banges Herz! Ein böses Zeichen ist geschehen. Du
+denkst doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm
+Hause? Ich pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren
+wardst. Und prächtig, wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du
+fortzogst freilich, fand ich, er sehe krank und traurig. Aber die andern
+sahen es nicht und lachten mich aus.
+
+Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und grün. Doch in der letzten
+Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wütig, wie ich’s selten gehört
+da droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Thor treten, – ist
+der Stamm vom Blitz zerspalten und die Krone hat der Gießbach mit sich
+fortgerissen – nach Süden.«
+
+»Schad um den lieben Baum! Doch kann dich das ängstigen?«
+
+»Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den
+armen Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, daß er nicht
+verunehrt und elend am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen
+war. Und ich nahm mir’s sehr zu Herzen und ich sann und sann mit schweren
+Sorgen über deinen Mann, und meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter.
+Und ich sah ins Feuer, drin der Stamm verkohlte.
+
+So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im
+Goldsaal unter stolzen Männern und schönen Frauen, in Glanz und Pracht
+gekleidet. Du aber standest vor der Thür, im Bettlerkleid, und weintest
+bittre Thränen und riefst ihn beim Namen. Er aber sprach: »wer ist das
+Weib? ich kenne sie nicht.« – Und es ließ mich nicht mehr droben in den
+Bergen. Herab zog’s mich: ich mußte sehen, wie mein Kind gehalten ist im
+Thal und überraschen wollt’ ich ihn, – deshalb wollt’ ich nicht durchs
+Thor ins Haus.«
+
+»Vater,« sprach Rauthgundis zornig, »dergleichen soll man selbst im Traume
+nicht denken. Dein Mißtrauen –«
+
+»Mißtrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und
+in dem Traumgesicht hat sich’s mir deutlich gemeldet: dir droht ein
+Unglück! Weich’ ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge!
+Nur auf kurze Zeit. Glaub’ mir, du wirst es bald wieder schön finden in
+der freien Luft, wo man über aller Herren Länder hinwegsieht.«
+
+»Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals.« – »Hat er nicht dich verlassen?
+Ihm ist Hof und Königsdienst mehr als Weib und Kind. So laß ihm seinen
+Willen.«
+
+»Vater,« sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, »kein Wort
+mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, daß du so reden kannst von
+Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er
+liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins.
+
+Und wenn er für recht hält, fern von mir zu schaffen – zu wirken, so _ist_
+es recht. Er führt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll
+kein Wort, kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht.«
+
+Der Alte schwieg. Aber sein Mißtrauen schwieg nicht. »Warum,« hob er nach
+einer Pause wieder an, »wenn er am Hof so wichtige Geschäfte hat, warum
+nimmt er dich nicht mit? Schämt er sich der Bauerntochter?« und zornig
+stieß er seinen Stock auf die Erde.
+
+»Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, daß er mich vom Berg ins Thal der
+Welschen geführt – und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten
+unter sie führt!«
+
+»Du sollst’s auch nicht thun! Aber er soll’s wollen. Er soll dich nicht
+entbehren können. Aber des Königs Feldherr wird sich des Bauernkindes
+schämen.«
+
+Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt
+verschlossene Hofthor, vor dem sie eben standen. »Auf, aufgemacht!« rief
+er, mit der Streitaxt an die Pfosten schlagend. – »Wer ist da draußen?«
+fragte der Alte vorsichtig. – »Aufgemacht! solang läßt man einen
+Königsboten nicht warten!«
+
+»Es ist Wachis,« sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring
+zurückschiebend, »was bringt dich so plötzlich zurück?«
+
+»Du bist es selbst, die mir öffnet!« rief der treue Mann, »o Gruß und
+Heil, Frau Königin der Goten! Der Herr ist zum König des Volks gewählt.
+Diese meine Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er läßt dich
+grüßen: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du
+aufbrechen.«
+
+In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch
+konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf
+ihren Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. »Nun,« fragte
+sie endlich sich losmachend, »Vater, was sagst du nun?«
+
+»Was ich sage? Jetzt ist das Unglück da, das mir geahnt! Ich gehe noch
+heute Nacht zurück auf meinen Berg.«
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Während die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem
+Halbkreis das mächtige Heerlager Belisars die hart bedrängte Stadt
+Neapolis.
+
+Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich
+das Heer der Byzantiner von der äußersten Südostspitze Italiens bis vor
+die Mauern der parthenopeischen Stadt gewälzt, ohne Widerstand zu finden.
+Denn, dank den Befehlen Theodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in
+jenen Gegenden zu finden.
+
+Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt, auf
+den die Griechen stießen: die römische Bevölkerung von Bruttien mit den
+Städten Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und
+Thurii, von Calabrien mit den Städten Gallipolis, Tarentum und Brundusium,
+von Lucanien mit den Städten Velia und Buxentum, von Apulien mit den
+Städten Acheruntia und Canusium, Salernum, Nuceria und Campsä, und viele
+andere Städte nahmen Belisar mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des
+rechtgläubigen Kaisers Justinian die Befreiung von dem Joche der Ketzer
+und Barbaren verkündete. Bis an den Aufĭdus im Osten, bis an den Sarnus im
+Südwesten war Italien den Goten entrissen und erst an den Wällen von
+Neapel brach sich der Ungestüm dieser feindlichen Wogen.
+
+Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu
+nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes
+des Blutigen. Diesem tapfern Führer war die Via Nolana anvertraut und die
+Aufgabe, die Straße nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten
+Wiesenflächen, auf den Saatfeldern fleißiger Goten, tummelten die
+Massageten und die gelben Hunnen ihre kleinen, häßlichen Gäule. Daneben
+lagerten leichte persische Söldner, in Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen;
+dann schwere armenische Schildträger, Makedonen mit zehn Fuß langen
+»Sarissen« (Lanzen) und große Massen thessalischer und thrakischer, aber
+auch saracenischer Reiter, zu verhaßter Unthätigkeit in diesem
+Belagerungskampf verurteilt und ihre Muße nach Kräften ausfüllend mit
+Streifzügen ins Innere des Landes.
+
+Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Hauptheer
+erfüllt: Belisars großes Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit
+dem Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache,
+die Belisar selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten
+Leute, die sich dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet,
+zugelassen wurden: – aus ihr gingen Belisars Schüler und beste Heerführer
+hervor, – in reichvergoldeten Helmen mit rothen Roßhaarkämmen, den besten
+Brust- und Beinharnischen, ehernen Schilden, dem breiten Schwert und der
+partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten den Kern des Fußvolks achttausend
+Illyrier, die einzige gute Truppe, die das Griechenreich noch selbst
+stellte: hier aber lagerten auch unter dem Befehl ihrer Stammesfürsten die
+avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch germanischen Scharen, wie
+Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld werben mußte, den Mangel
+der kriegsfähigen Mannschaft zu decken. Hier auch die ausgewanderten und
+die vielen Tausend übergegangenen Italier.
+
+Endlich das südwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte,
+befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen
+die Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in
+Vorrat: hier wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen, die
+das neu von den Vandalen zurückeroberte Afrika stellte: maurische,
+numidische Reiter, libysche Schleuderer durcheinander.
+
+Aber vereinzelt waren Abenteurer und Söldner fast aus allen
+Barbarenstämmen der drei Erdteile vertreten: Bajuvaren von der Donau,
+Alamannen vom Rhein, Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann
+wieder Anten vom Dniester, Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen,
+Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus Asien und Afrika. So bunt
+zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die Kriegsmacht, mit der
+Justinian die gotischen »Barbaren« vertreiben und Italien befreien wollte.
+Den Befehl über die Vorposten hatten immer und überall die Leibwächter
+Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta Capuana
+fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt und
+schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten
+Werke gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern
+verteidigen sollten.
+
+Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte
+bei seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu übergeben. Aber auch er
+hätte der überlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange
+widerstehen können, wäre nicht ein glücklicher Umstand ihm zu Hilfe
+gekommen. Das war die unzeitige Rückkehr der griechischen Flotte nach
+Byzanz. Als nämlich Belisar, nachdem er sein gelandetes Heer in Regium
+eine Nacht geruht und gemustert hatte, den allgemeinen Aufbruch mit der
+Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl, sandte ihm sein Nauarchos Konon
+einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des Kaisers, wonach die Flotte
+sofort nach der Landung nach Nikopolis an der griechischen Küste
+zurücksegeln solle, angeblich, neue Verstärkungen herüberzuholen, in
+Wahrheit aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen, mit den
+kaiserlichen Lanzenträgern nach Italien zu führen, der die Siegesschritte
+Belisars beobachten, überwachen, nötigenfalls hemmen und, als
+Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Mißtrauens gegen den
+Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zähneknirschend mußte Belisar seine
+Flotte im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und
+nur mit vielen Bitten erlangte er, daß ihm der Nauarch vier Kriegstrieren,
+die noch bei Sicilien kreuzten, zu senden versprach.
+
+So hatte denn Belisar, als er sich anschickte Neapolis zu belagern, die
+Stadt zwar von Nordost, Ost und Südost mit seiner Landmacht eng
+einschließen können: – den Westen, die Straße nach Rom, durch Castellum
+Tiberii gedeckt, hielt Graf Uliaris mit höchster Kraft frei: – aber den
+Hafen von Neapolis und seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu
+sperren vermocht.
+
+Anfangs zwar tröstete er sich damit, daß ja auch die Belagerten keine
+Flotte hätten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel
+Vorteil würden ziehen können. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und
+die Kühnheit eines Gegners in den Weg, den er später noch mehr fürchten
+lernen sollte. Das war Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der
+Leiche des alten Valerius mit Julius die letzte Ehre erwiesen und die
+ersten Thränen Valerias getrocknet, als er mit rastloser Thätigkeit an der
+Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts zu schaffen.
+
+Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze
+Geschwader hatte König Theodahad schon vor Wochen, trotz Totilas
+Vorstellungen, Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die
+Arnusmündung bewachen sollte. So besaß Totila von Anfang nichts als drei
+leichte Wachtschiffe, von denen er zwei bei Sicilien verloren hatte: und
+er war nach Neapolis gekommen, an jedem Widerstand zur See verzweifelnd.
+Aber da er das Unglaubliche vernahm, daß die byzantinische Flotte nach
+Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine Hoffnung. Und nun ruhte er
+nicht, bis er aus großen Fischerbooten, Kaufmannsschiffen, Hafenkähnen und
+in der Eile notdürftig seetüchtig gemachten Wracks der Werften sich eine
+kleine Flottille von etwa zwölf Segeln gebildet, die freilich weder einen
+Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff Trotz bieten konnte,
+aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst völlig abgeschnittene
+Stadt von Bajä, Cumä und anderen Städten im Nordwesten her mit
+Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Küsten zu
+beobachten und mit unaufhörlichen Angriffen zu quälen, indem Totila mit
+einer kleinen Schar oft im Süden, im Rücken der griechischen Lager,
+landete, sich ins Land schlich, bald hier, bald da einen Trupp der Feinde
+überfiel und zersprengte und solche Unsicherheit verbreitete, daß sich die
+Byzantiner nur in starken Abteilungen und nie zu weit von ihren Lagern zu
+entfernen wagten, während diese Erfolge die hart bedrängte, von steten
+Wachdiensten und Kämpfen angegriffene Mannschaft des Uliaris immer wieder
+ermutigten.
+
+Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, daß die Lage schon jetzt
+eine höchst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der
+Stadt erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil
+seiner Boote dazu, täglich eine Anzahl von wehrunfähigen Einwohnern aus
+Neapolis aufwärts nach Bajä und Cumä zu schaffen, wobei er die Anforderung
+der Reichen, daß diese Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden
+sollten, streng zurückwies und ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine
+rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens hatte Totila wiederholt und immer
+dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz von Julius auf diesen
+Schiffen zu flüchten: noch wollte sie sich nicht von dem Sarge ihres
+Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers
+der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort,
+in dem väterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die höchsten
+Freuden und die höchsten Schmerzen ihrer Liebe.
+
+Häufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die
+Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft
+besuchen mußte. In der Turmstube des alten Isak hielt er täglich mit Graf
+Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Männer
+begrüßt und das schlichte Mahl von Früchten und Wein auf den Tisch
+gestellt, hinunterzuschlüpfen in das enge Gärtlein, das dicht hinter der
+Turmmauer lag. Der Raum war ursprünglich ein kleiner Hof im Tempel der
+Minerva, der Mauerbeschützerin, gewesen, der man gern an den Hauptthoren
+der Städte einen Altar errichtete.
+
+Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der
+alte mächtige Olivenstamm, der einst die der Göttin geweihte Statue
+beschattet hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle
+Hand hier gepflegt und oft für die Braut des Geliebten gebrochen hatte.
+Gerade gegenüber dem riesigen Ölbaum, dessen knorrige Wurzeln über die
+Erde hervorstarrten und eine dunkle Öffnung in den Erdgeschossen des alten
+Tempels zeigten, war von dem Christentum ein großes, schwarzes Holzkreuz
+angebracht über einem kleinen Betschemel, der aus einer Marmorstufe des
+Minervatempels gebildet war: man liebte, die Stätten des alten
+Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die alten Götter, die jetzt zu
+Dämonen geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens zu
+verscheuchen.
+
+Unter diesem Kreuz saß das schöne Judenmädchen oft stundenlang mit der
+alten Arria, der halbblinden Witwe des Unterpförtners, die, nach dem
+frühen Tod von Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranblühen der kleinen
+Miriam mit ihren Blumen in dem öden Gestein der alten Mauern überwacht
+hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still lauschend zugehört, wie die
+fromme Alte in fleißigem Gebet zu dem Gott der Christen flehte: und
+unwillkürlich war so mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des
+Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen.
+
+Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedürftig gemacht, vergalt
+Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Rührung
+nahm Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschloß mit Dank und Liebe und
+Mitleid das herrliche Geschöpf, dessen mächtige Liebe zu dem jungen Goten
+sie längst erkannt und beklagt, aber nie gegenüber der scheuen Jungfrau
+berührt hatte.
+
+Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die
+breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten führten:
+ihr edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, über die
+duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie träumend
+stehen, die linke Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem
+Betschemel, ihr den Rücken wendend, und betete laut. Sie würde die Nahende
+nicht bemerkt haben, wenn nicht geflügeltes Leben plötzlich den stillen
+Hof beseelt hätte: denn in den breiten Zweigen der Olive nisteten die
+schönsten, weißen Tauben, der einsamen Miriam einzige Gespielinnen. Als
+diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben sie
+sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwärmend; eine ließ sich auf
+des Mädchens linke Schulter nieder, die andere auf das feine Gelenk der
+Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, lächelnd ausstreckte.
+
+»Du bist’s, Miriam! deine Tauben verkünden dich!« sprach Arria sich
+wendend. Und das schöne Mädchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam,
+die Vögel nicht zu verscheuchen: die Abendsonne fiel durch die Blätter der
+Olive auf ihre pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild.
+
+»Ich bin’s, Mutter!« sagte Miriam, sich zu ihr setzend. »Und ich hab’ eine
+Bitte. Wie lautet,« fragte sie leiser, »dein Spruch vom Leben nach dem
+Tode, dein Glaubensspruch? – »ich glaube an die Gemeinschaft«« – –
+
+»An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein
+ewiges Leben.« – »Wie kömmst du auf diese Gedanken.«
+
+»Ei nun,« sagte Miriam, »mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der
+Sänger von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht täglich Pfeile und
+Steine in die Straßen? Aber – ich will noch Blumen pflücken!« sprach sie
+wieder aufstehend.
+
+Arria schwieg einen Augenblick. »Jedoch der Seegraf war heute schon da:
+mir ist, ich hätte seine helle Stimme gehört.«
+
+Miriam errötete leicht. »Sie sind nicht für ihn,« – sprach sie dann ruhig
+– »für sie.« – »Für sie?« – »Ja, für seine Braut. Ich habe sie heute zum
+erstenmal gesehen. Sie ist sehr schön. Ich will ihr Rosen schenken.« – »Du
+hast sie gesprochen. Wie ist sie geartet?«
+
+»Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den
+Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Sänfte
+gehoben, sie ward in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Säule
+ihres Hauses.«
+
+»Nun, ist sie seiner würdig?«
+
+»Sie ist sehr schön. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber,«
+seufzte Miriam, »nicht glücklich. Ich will ihr Rosen schenken. – Mutter,«
+sagte sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr
+setzend, »was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die
+Christen dann beisammen leben? Nein, nein!« fuhr sie fort, ohne die
+Antwort abzuwarten, »das kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder«
+– und sie seufzte. »Mutter, in den Büchern Mosis steht nichts davon, daß
+die Menschen erwachen aus dem Tode. O und es wäre auch so schrecklich
+nicht,« sprach sie, die Rosen zusammenfügend, »endlich ausruhn! Ganz
+ausruhn! In süßer, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! Denn
+giebt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten
+Wunsch? Ich kann’s nicht denken.«
+
+Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und stützte das Haupt auf
+das Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer
+nicht.
+
+»Den Seinen hat der Herr,« sprach Arria feierlich, »die selige Stätte
+bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch dürsten. Es wird auch nicht auf
+sie fallen die Sonne, oder irgend eine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie
+leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Thränen von
+ihren Augen.«
+
+»Alle Thränen von ihren Augen,« sprach Miriam nach. »Rede weiter. Es
+klingt so gut.«
+
+»Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott
+schauen und sein Friede wird Palmenschatten über sie breiten: sie werden
+vergessen Haß und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf
+Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, für dich: und auch deiner wird
+sich der Herr erbarmen und dich versammeln zu den Seinen.«
+
+Aber Miriam schüttelte leise das Haupt. »Nein, Arria, da ist fast besserer
+Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was
+deiner Seele Leben ist? Wie kannst du abthun dein tiefstes Sein und doch
+dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen was ich liebe?
+Ach, nur das, daß wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und hätt’ ich zu
+wählen: hier alle Seligkeit des Himmels und sollte abthun meines Herzens
+einzig Gut: oder behalten meines Herzens Liebe mit all’ ihrer ewigen
+Sehnsucht, – ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. Ich wählte meine
+Liebe und mein Weh.«
+
+»Kind, sprich nicht so! lästre nicht. Sieh, was geht über Mutterliebe?
+nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die
+Liebe, die das Mädchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold.
+Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein
+Jucundus, mein Jucundus! Möchtest du bald wieder kommen, daß ich dich noch
+schauen kann hienieden, eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im
+Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der ewigen Liebe
+Gottes und der Heiligen. Und doch möcht’ ich ihn noch einmal fassen und
+umfangen und mit den Händen betasten sein geliebtes Haupt. Und höre nur,
+Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd’ ich ihn wiedersehen.«
+
+»Du darfst mir nicht sterben, Arria.« – »Nein, so mein’ ich’s nicht! hier
+auf Erden noch muß ich ihn wiedersehen. Ich muß ihn wieder kommen sehen
+des Weges, den er gegangen.«
+
+»Mutter,« sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet,
+»wie magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreißig
+Jahren verschwunden!«
+
+»Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht möglich, daß der Herr all’
+meiner Thränen nicht geachtet, all’ meiner Gebete. Was war er für ein
+braver Sohn! Mit seiner Hände Arbeit ernährte er mich, bis er erkrankte
+und Axt und Schaufel nicht mehr führen konnte: und wir litten Not. Da
+sprach er: »Mutter, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, daß du darbest. Du
+weißt, in den Gängen des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind
+Schätze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang einmal hinein und
+brachte eine goldene Spange zurück. Ich will hineinschlüpfen, so tief ich
+kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde: und Gott wird mich
+beschützen.« – Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer: und ich wußte
+wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behüten.
+
+Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann
+erhob sich mein Jucundus und drang in die Höhlung dort unter den Wurzeln
+der Olive. Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte.
+
+Er ist noch immer nicht zurückgekommen.
+
+Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, daß ich nicht denke:
+heut’ führt ihn Gott zurück. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in
+Ägyptenland? und doch haben Jakobs Augen ihn wieder gesehen. Und mir ist,
+heut’ oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heute Nacht im Traum hab’ ich
+ihn gesehen, wie er im weißen Gewand heraufschwebte aus der Höhlung dort:
+und beide Arme breitete er aus: und ich rief ihn beim Namen und wir waren
+vereint auf ewig. Und so wird’s werden: denn der Herr erhöret das Flehen
+der Betrübten und wer ihm traut, wird nicht zu Schanden werden.«
+
+Und die Alte erhob sich, drückte Miriams Hand und ging in ihr kleines
+Häuschen.
+
+Allmählich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge
+Gärtchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten
+die Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. »Welch
+mächtiger Glaube! welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so?
+Ist der Mann, der dort am Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der
+Messias? Ist er aufgefahren gen Himmel und sorget für die Seinen, wie ein
+Hirt, der seine Lämmer weidet? – – – Ich aber zähle nicht zu seiner Herde!
+An jenem Trost hat Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all’
+ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich sollte einst dort
+oben über den Sternen hinschweben, ohne diese Liebe? Dann wär’ ich nicht
+Miriam mehr! Oder soll ich sie mit hinauf tragen: und wieder zurückstehen?
+und wieder durch alle Ewigkeit die Römerin an seiner Seite sehen? Sollen
+sie dort wohnen und wandeln in der Fülle des Glanzes und ich im trüben
+Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines
+weißen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine Blumen hier,
+erblühen am Sonnenblick der Liebe, duften und glühen eine kurze Weile, bis
+sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und verwehen in
+ewige Ruhe, nachdem der weiche, süße, unselige Drang nach dem Lichte
+gebüßt ...« – –
+
+»Gute Nacht, Miriam, lebewohl!« rief eine melodische Stimme.
+
+Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weißen Mantel
+vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der
+entgegengesetzten Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem
+weißen Mantel, der silbern im Mondlicht glänzte, nach, lang, lang, bis er
+verschwand in fernen Schatten.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre
+Erfolge, ihre Verluste und prüften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt.
+
+Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch
+auf das Verdeck von Totilas »Admiralschiff«, eines morschen
+Muränenfängers, wo der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel
+gedeckt, schlief. »Was ist?« rief Totila auffahrend, noch im Traum, »der
+Feind? wo?« – »Nein, mein Junge, diesmal ist’s noch Uliaris, nicht
+Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim Strahl, wird’s nicht mehr
+dauern.« – »Uliaris, du blutest – dein Kopf ist verbunden!« – »Bah, war
+nur ein Streifpfeil! Zum Glück kein giftiger. Ich holt’ ihn mir heut’
+Nacht. Du mußt wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als je seit
+gestern. Der blutige Johannes, Gott hau’ ihn nieder, gräbt sich wie ein
+Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht,
+Neapolis! Gestern Abend hat er eine Schanze auf dem Hügel über uns
+vollendet und wirft uns Brandpfeile auf die Köpfe. Ich wollt’ ihn heute
+Nacht aus seinem Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen
+und ich gewann nichts damit als diesen Schuß vor meinen grauen Kopf.«
+
+»Die Schanze muß weg,« sagte Totila nachsinnend.
+
+»Den Teufel auch, aber sie will nicht!
+
+Allein mehr. Die Bürger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden.
+Täglich schießt Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem »Aufruf zur
+Freiheit!« herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon
+fliegt hier und da ein Steinwurf von den Dächern auf meine armen Burschen.
+Wenn das wächst – –! – Wir können nicht mit tausend Mann vierzigtausend
+Griechen draußen abhalten und dreißigtausend Neapolitaner drinnen: drum
+meine ich« – und sein Auge blickte finster –
+
+»Was meinst du?«
+
+»Wir brennen ein Stück der Stadt nieder! Die Vorstadt wenigstens ...« –
+
+»Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht
+mit Recht Barbaren schelten. Ich weiß ein besser Mittel – sie hungern: ich
+habe gestern vier Schiffsladungen Öl und Korn und Wein hereingeführt, die
+will ich verteilen.« – »Öl und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein!
+Den fordre ich für meine Goten, die trinken schon lang Cisternenwasser,
+pfui Teufel!« – »Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein für euch haben.«
+– »Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? von Rom?« – »Keine! Mein
+fünfter Bote ist gestern fort.« – »Gott hau’ ihn nieder, unsern König.
+
+Höre Totila, ich glaube nicht, daß wir lebendig aus diesen wurmstichigen
+Mauern kommen!«
+
+»Ich auch nicht!« sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher
+Wein.
+
+Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: »Goldjunge, du bist echt und
+dein Cäkuber auch. Und muß ich hier umkommen, wie ein alter Bär unter
+vierzig Hunden, – mich freut’s doch, daß ich dich dabei so gut kennen
+gelernt: dich und deinen Cäkuber.« Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg
+der graue Gote vom Verdeck.
+
+Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn und sie labten sich
+herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des
+Kastells lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Hügelschanze wehte
+die blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Rücken der Feinde
+gelandet und hatte das Werk in kühnem Anlauf genommen.
+
+Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den
+verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Höchst erwünscht
+trafen ihm zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sicilien her aus der Höhe
+von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis
+dringen und den Seeräubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am
+Abend des gleichen Tages die vier mächtigen Trieren heran und legten sich
+an der Einfahrt des Hafens vor Anker. Belisar selbst eilte mit seinem
+Gefolge an die Küste und freute sich, die Segel von der Abendsonne
+vergoldet zu sehen: »Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt
+fahren trotz jenem Tollkopf,« sprach er zu Antonina, die ihn begleitete,
+und wandte seinen Schecken zurück nach dem Lager.
+
+Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen – Prokopius,
+sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an
+Justinian – da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Führer
+der Leibwächter, und rief: »Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind
+genommen.«
+
+Wütend sprang Belisar aus den Decken und rief: »Der soll sterben, der das
+sagt.«
+
+»Besser wäre es,« meinte Prokopius, »der stürbe, der es gethan.« – »Wer
+war es?« – »Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem
+leuchtenden Haar.« – »Totila!« sprach Belisar, »schon wieder Totila.«
+
+»Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil
+schlaftrunken unter Deck. Plötzlich, um Mitternacht, wird’s lebendig
+ringsum, als wären hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht.« –
+»Hundert Schiffe! Zehn Nußschalen hat er!« – »Im Augenblick und lang, eh’
+wir vom Strand zu Hilfe kommen können, sind die Schiffe geentert, die
+Leute gefangen, eine der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen
+war, in Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis geführt.«
+
+»Sie sind noch früher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar,«
+sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt.
+»Nun hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unerträglich werden.
+Jetzt muß ein Ende werden.« Er drückte den prächtigen Helm auf das
+majestätische Haupt: »Ich wollte der Stadt, der römischen Einwohner
+schonen: es geht nicht länger. Prokopius, geh und entbiete hierher die
+Feldherren Magnus, Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, und
+Martinus, den Geschützmeister; ich will ihnen zu thun geben vollauf. Sie
+sollen ihres Sieges nicht froh werden, die Barbaren, sie sollen Belisar
+kennen lernen.«
+
+Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des
+Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich.
+Martinus, der große Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die
+lange im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte
+kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber seine mathematischen und
+mechanischen Studien hatten ihn eines Tages dahin geführt, eine neue
+Wurfmaschine von furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu
+erfinden; er legte den Plan Belisar vor und dieser, entzückt, ließ ihn gar
+nicht mehr in sein Studierzimmer zurück, sondern schleppte ihn sofort zum
+Kaiser und zwang ihn »Geschützmeister des Magister-Militum per Orientem«,
+d. h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen glänzenden Sold und war
+kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine
+herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene
+gräßlichen Zerstörungswerkzeuge, welche die Wälle der Festen, die Thore
+der Burgen niederschmetterten, unlöschbares Feuer in die Städte der Feinde
+Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er
+hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er
+in unermüdlichem Fleiß sich stellte: aber war nun die Aufgabe gelöst, so
+dachte er mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger
+Miene erschien er deshalb vor Belisar.
+
+»Martine, Zirkeldreher,« rief dieser ihm zu, »jetzt zeige deine Kunst! Wie
+viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir?« –
+»Dreihundertfünfzig, Herr!« – »Gut! Verteile sie um unsre ganze
+Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem
+Kastell, die Mauerbrecher gegen die Wälle! Sie müssen nieder und wären sie
+Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf,
+in die Straßen der Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick
+aus, vierundzwanzig Stunden lang! Laß die Truppen sich ablösen. Laß alle
+Werkzeuge spielen.«
+
+»Alle, Herr?« sprach Martinus. »Auch die neuen? Die Pyrobalisten, die
+Brandgeschosse?« – »Auch die! die zumeist!« – »Herr, sie sind gräßlich! du
+kennst noch ihre Wirkung nicht.« – »Wohlan! Ich will sie kennen lernen und
+erproben.« – »An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du
+Justinian einen Schutthaufen erobern?« Die Seele Belisars war edel und
+groß.
+
+Er war unwillig über sich, über Martinus, über die Goten. »Kann ich denn
+anders?« zürnte er, »diese eisenköpfigen Barbaren, dieser tolldreiste
+Totila zwingen mich ja. Fünfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist
+Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Wällen. Beim Haupte
+Justinians! warum stehen die dreißigtausend Neapolitaner nicht auf und
+entwaffnen die Barbaren?«
+
+»Sie fürchten wohl deine Hunnen ärger als ihre Goten,« meinte Prokop.
+»Schlechte Patrioten sind sie! Vorwärts Martinus! In einer Stunde muß es
+brennen in Neapolis.«
+
+»In kürzerer Zeit,« seufzte der Geschützmeister, »wenn es denn doch sein
+muß. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann
+und die Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf
+ich ihn bringen?«
+
+Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, jüdisch aussehenden Mann
+herein. »Ah, Jochem, der Baumeister!« sprach Belisar. »Ich kenne dich
+wohl, von Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward
+daraus?« »Mit eurer Gunst, Herr: nichts.« – »Warum nichts?«
+
+»Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare Goldes: das war der
+kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche
+gekostet, desto heiliger und gottgefälliger ist sie. Ein Christ forderte
+das Doppelte und erhielt den Auftrag.«
+
+»Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?«
+
+»Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich änderte ein wenig, nahm
+die Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule.«
+
+»Du kennst Neapolis genau? Von außen und innen?«
+
+»Von außen und innen. Wie meinem Geldsack.«
+
+»Gut, du wirst dem Strategen die Geschütze richten gegen die Wälle und in
+die Stadt. Die Häuser der Gotenfreunde müssen zuerst nieder. Vorwärts!
+mache deine Sache gut! sonst wirst du gepfählt. Fort!« – »Die arme Stadt!«
+seufzte Martinus. »Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyrobalisten, sie
+sind höchst genau – und sie gehen so leicht – ein Kind kann sie loslassen!
+Und sie wirken allerliebst.«
+
+Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und
+verderbenschwangere Thätigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen
+herab, wie die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreißig
+Rossen, Kamelen, Eseln, Rindern bespannt, längs den Mauern hingezogen und
+auf der ganzen Linie verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris
+auf die Wälle und suchten, Gegenmaßregeln zu treffen. Säcke mit Erde
+wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen herabgelassen:
+Feuerbrände bereit gehalten, die Maschinen, wann sie nahten, in Brand zu
+stecken; siedendes Wasser, Pfeile und Steine gegen die Bespannung und die
+Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen Feinde, als
+sie bemerkten, wie die Maschinen, weit außer der gewohnten Schußweite und
+den Belagerten völlig unerreichbar, Halt machten.
+
+Aber Totila lachte nicht.
+
+Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre
+Maschinen spannten. Noch war kein Geschoß entsandt.
+
+»Nun?« spottete der junge Agila neben Totila, »wollen sie uns von da aus
+beschießen? Doch lieber gleich von Byzanz her übers Meer! Es wäre noch
+sicherer!« Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfündiger Stein
+ihn und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus
+hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, daß sie
+völlig widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen überhageln
+lassen mußten.
+
+Entsetzt sprangen die Goten von den Wällen herab und suchten Schutz in den
+Straßen, den Häusern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von
+Pfeilen, Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten und
+pfiffen im sichern Bogenschuß auf ihre Köpfe: ganze Felstrümmer kamen
+geflogen und schlugen krachend durch Holzwerk und Getäfel der festesten
+Dächer, während im Norden gegen das Kastell unaufhörlich der Sturmbock mit
+seinen zermürbenden Stößen donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse
+buchstäblich die Luft verfinsterte, betäubte das prasselnde Niederfallen
+der Steine, das brechende Gebälk, die zerschmetterten Zinnen und der
+Weheschrei der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Lärm. Erschrocken
+flüchtete die zitternde Bevölkerung in die Keller und Gewölbe ihrer
+Häuser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend.
+
+Aber noch hatte die bebende Stadt das Ärgste nicht erfahren.
+
+Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein
+ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohl getrocknetem
+Holz, Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefüllt. Da kam zischend und
+dampfend ein seltsames Geschoß gefahren, traf in das Holzwerk und im
+Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und
+verbreitete sich, von dem Schiffsmaterial genährt, mit Windeseile. Jubelnd
+begrüßten draußen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten
+eifrig die Geschosse nach der Stelle, das Löschen zu hindern.
+
+Belisar ritt zu Martinus heran. »Gut,« rief er, »Mann der Zirkel, gut! Wer
+hat das Geschoß gerichtet?« – »Ich,« sprach Jochem, »o ihr sollt zufrieden
+sein mit mir. Gebt acht! Seht ihr da, rechts von der Brandstätte, das hohe
+Haus mit den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der
+größten Freunde des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen.«
+
+Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und bald darauf schlug eine
+zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel.
+
+Da sprengte Prokop heran und rief: »Belisarius, dein Feldherr Johannes
+läßt dich grüßen: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt
+nieder.« Und so war es und bald standen vier, sechs, zehn Häuser in allen
+Teilen der Stadt in vollen Flammen.
+
+»Wasser!« rief Totila, durch eine brennende Straße nach dem Hafen
+sprengend, »heraus, ihr Bürger von Neapolis! Löscht eure Häuser. Ich kann
+keinen Goten von dem Wall lassen. Schafft Fässer aus dem Hafen in alle
+Straßen! Die Weiber in die Häuser! – was willst du Mädchen? laß mich – Du
+bist’s, Miriam? Du hier? Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?«
+
+»Dich,« sprach das Mädchen. »Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie
+ist gerettet.«
+
+»Valeria! um Gott, wo ist sie?« – »Bei mir. In unserm dichtgewölbten Turm:
+dort ist sie sicher. Ich sah die Flamme aufsteigen. Ich eilte hin. Dein
+Freund mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr
+in die Kirche. Ich rief ihn an und führte sie unter unser Dach. Sie
+blutet. Ein Stein hat sie verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne
+Gefahr. Sie will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!«
+
+»Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!«
+
+Und rasch faßte er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd
+schlang sie beide Arme um seinen Nacken. Er aber hielt schützend mit der
+Linken den breiten Schild über ihr Haupt und im Sturm sprengte er mit ihr
+durch die dampfende Straße nach der Porta Capuana.
+
+»O jetzt – jetzt sterben – sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!«
+betete Miriam.
+
+Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius’ und
+ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwächt vom Blutverlust, aber
+gefaßt und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand
+Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. – –
+
+Kaum hatte sich Totila überzeugt, daß die Verwundung ganz leicht, als er
+aufsprang und rief: »Du mußt fort! sogleich! in dieser Stunde! In der
+nächsten vielleicht erstürmt Belisar die Wälle. Ich habe alle meine
+Schiffe nochmals mit Flüchtenden gefüllt: sie bringen dich nach Cajeta,
+von da weiter nach Rom. Eile dann nach Taginä, wo ihr Güter habt. Du mußt
+fort! Julius wird dich begleiten.«
+
+»Ja,« sprach dieser, »denn wir haben Einen Weg.«
+
+»Einen Weg? wohin willst du?«
+
+»Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht
+länger mit ansehn. Du weißt es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen
+euch, für eure Feinde: Meine Mitbürger fechten unter Belisar: soll ich
+gegen sie, soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe.«
+
+Schweigend wandte sich Totila zu Valeria.
+
+»Mein Freund,« sagte diese, »mir ist: der Glückstern unsrer Liebe ist
+erloschen für immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron
+genommen, so fällt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs.«
+
+»So traust du unserm Schwerte nicht?«
+
+»Ich traue eurem Schwert, – nicht eurem Glück! Mit den stürzenden Balken
+meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Lebwohl, zu
+einem Abschied für lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Taginä.«
+
+Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Plätze in einer der
+Trieren zu sichern.
+
+Valeria erhob sich vom Lager, da eilte Miriam herzu, ihr die glänzenden
+Sandalen unter die Füße zu binden.
+
+»Laß, Mädchen! du sollst mir nicht dienen,« sprach Valeria. – »Ich thue es
+gern,« sagte diese flüsternd. »Aber gönne mir eine Frage.« Und mit Macht
+traf ihr blitzendes Auge die ruhigen Züge Valerias. »Du bist schön und
+klug und stolz – aber sage mir, liebst du ihn? – du kannst ihn jetzt
+verlassen! – Liebst du ihn mit heißer, alles verzehrender, allgewaltiger
+Glut, liebst du ihn mit einer Liebe wie –«
+
+Da drückte Valeria das schöne, glühende Haupt des Mädchens wie verbergend
+an ihre Brust: »Mit einer Liebe wie du? Nein, meine süße Schwester!
+Erschrick nicht! Ich ahnt’ es längst nach seinen Berichten über dich. Und
+ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein
+Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine
+nicht, bebe nicht, du süßes Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe
+willen. Ich fasse sie ganz. Glücklich, wer, wie du, in seinem Gefühl ganz
+aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein feindlicher Gott den
+vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach der Ferne
+blickt. Und so seh’ ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen, finstern
+Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht lassen,
+daß deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine
+Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht wäre es sein Glück geworden, die
+duftige Rose deiner schönen Liebe zu entdecken: denn Valeria, – fürcht’
+ich – wird die Seine nie. Doch leb wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke
+dieser Stunde. Gedenke mein als einer Schwester und habe Dank, Dank für
+deine schöne Liebe.«
+
+Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der
+Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache überwältigte
+die Scheu ihres Herzens: reich flossen die Thränen über die glühendroten
+Wangen: und heftig preßte sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das
+Haupt an der Freundin Brust.
+
+Da hörte man Julius kommen, Valeria abzurufen.
+
+Sie mußten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren
+innigen Augen wagte Miriam auf der Römerin Antlitz. Dann sank sie rasch
+vor ihr nieder, umfaßte ihre Knie, drückte einen brennenden Kuß auf
+Valerias kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden.
+
+Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich.
+
+Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose.
+
+Sie küßte sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung
+die trauliche Stätte, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch
+entschlossen Julius in einer gedeckten Sänfte nach dem Hafen, wo sie noch
+von Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg.
+Alsbald drehte sich dieses mit mächtiger Wendung und rauschte zum Hafen
+hinaus.
+
+Totila sah ihnen wie träumend nach.
+
+Er sah Valeriens weiße Hand noch Abschied winken: er sah und sah den
+fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer
+dichter in den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Säule und
+vergaß einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles.
+
+Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen Träumen.
+
+»Komm, Feldherr,« rief ihm dieser zu, »überall such’ ich dich: Uliaris
+will dich sprechen. – Komm, was starrst du hier in die See unter
+klirrenden Pfeilen?«
+
+Totila raffte sich langsam auf: »Siehst du,« sagte er, »siehst du das
+Schiff? – Da fahren sie hin! –«
+
+»Wer?« fragte Thorismuth.
+
+»Mein Glück und meine Jugend,« sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu
+suchen.
+
+Dieser teilte ihm mit, daß er, Zeit zu gewinnen, soeben einen
+Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu
+führen, angetragen, angenommen habe. »Ich werde nie übergeben! Aber wir
+müssen Ruhe haben, unsere Wälle zu flicken und zu stützen. Kömmt denn
+nirgends Entsatz? hast du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom König?
+
+»Keine.«
+
+»Verflucht! Über sechshundert von meinen Goten sind vor den höllischen
+Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr
+besetzen! Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann hätte!«
+
+»Nun,« sprach Totila nachsinnend, »die kann ich dir schaffen, denk’ ich.
+In dem Castellum Aurelians, auf der Straße nach Rom, liegen
+vierhundertfünfzig Mann Goten. Sie haben bisher erklärt, vom König
+Theodahad den unsinnigen, aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu
+verstärken. Aber jetzt in dieser höchsten Not! – Ich selbst will hin,
+während des Waffenstillstandes, und alles aufbieten, sie zu holen.«
+
+»Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurück und die
+Straße ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch.«
+
+»Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurück
+bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd.«
+
+Während Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern zur Porta Capuana
+hinausjagte, war der alte Isak, der unermüdlich auf den Wällen ausgeharrt
+hatte, die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause
+zurückgekehrt, die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu
+laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht hatte und ängstlich dem Bericht
+Isaks von den Fortschritten der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger,
+unsteter Schritt auf der Treppe und Jochem stand vor dem erstaunten Paar.
+
+»Sohn Rachels, wo kommst du her zu übler Stunde, wie der Rabe vor dem
+Unglück? Wie kommst du herein? zu welchem Thor?« – »Das laß du meine Sorge
+sein. Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: –
+zum letztenmal in diesem Leben.«
+
+»Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?« fragte Isak unwillig,
+»die Stadt brennt und die Straßen liegen voll Leichen.«
+
+»Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Straßen? Weil die
+Männer von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt _ist_ Zeit zu
+freien. Gieb mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich
+allein kann’s.« Und er griff nach Miriams Arm.
+
+»Du mich retten?« rief diese, mit Ekel zurücktretend. »Lieber sterben!«
+
+»Ha, Stolze!« knirschte der grimmige Freier, »du ließest dich wohl lieber
+retten von dem blondgelockten Christen? Laß sehen, ob er dich retten wird,
+der Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren
+will ich ihn durch die Straßen schleifen und spucken in sein bleich
+Gesicht.«
+
+»Hebe dich hinweg, Sohn Rachels,« rief Isak, aufstehend und den Spieß
+fassend. »Ich merke, du hältst zu denen, die da draußen liegen! Aber das
+Horn ruft, ich muß hinab; das jedoch sag’ ich dir: noch mancher unter euch
+wird rücklings fallen, eh’ ihr steigt über diese morschen Mauern.«
+
+»Vielleicht,« grinste Jochem, »fliegen wir drüber wie die Vögel der Luft.
+Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: laß diesen Alten, laß den
+verfluchten Christen: – ich sage dir, der Schutt dieser Wälle wird sie
+bald bedecken. Ich weiß, du hast ihn getragen im Herzen: – ich will dir’s
+verzeihen: – nur werde jetzt mein Weib.« Und wieder griff er nach ihrer
+Hand. – »Du mir meine Liebe verzeihn? Verzeihn, was so hoch über dir wie
+die leuchtende Sonne über dem schleichenden Wurm? Wär ich’s wert, daß ihn
+je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib würde? Hinweg; hinweg von mir!«
+
+»Ha,« rief Jochem, »zu viel, zu viel! Mein Weib – du sollst es nimmer
+werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen und den Christen will
+ich dir aus dem blutenden Herzen reißen, daß es zucken soll in
+Verzweiflung. Auf Wiedersehen.«
+
+Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden.
+
+Miriam, von bangen Gefühlen bedrängt, eilte ins Freie: es trieb sie zu
+beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja für ihn: und es
+drängte sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fußes in die
+nahe Basilika Sankt Mariä, aus der man an Friedenstagen oft die Jüdin mit
+Flüchen verscheucht hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu
+fluchen.
+
+Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Säulenganges und vergaß in heißem
+Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei
+Gott. –
+
+Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die
+Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Kräften
+die zertrümmerten Mauerstellen, räumten den Schutt und die Toten aus dem
+Wege und löschten die Brände. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab,
+während Belisar vor seinem Zelte seine Heerführer versammelt hielt, des
+Zeichens der Übergabe auf dem Kastell des Tiberius harrend. »Ich glaub’ es
+nicht!« flüsterte Johannes zu Prokop. »Wer solche Streiche thut, wie ich
+von jenem Alten gesehen, giebt die Waffen nicht ab. Es ist auch besser so:
+da giebt’s einen tüchtigen Sturm und dann eine tüchtige Plünderung.«
+
+Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte
+trotzig seinen Speer unter die harrenden Vorposten.
+
+Belisar sprang auf. »Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie
+sollen’s haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre
+Fahne auf den Wall pflanzt, dem geb’ ich ein Zehntel der Beute.«
+
+Nach allen Seiten eilten die Anführer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht
+spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstörten Bogen des Aquädukts,
+welchen Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da
+rief ihn eine leise Stimme.
+
+Schon dämmerte es so stark, daß er nur mit Mühe den Rufenden erkannte.
+»Was willst du, Jude?« rief Johannes eilig. – »Ich habe keine Zeit! Es
+gilt harte Arbeit! Ich muß der erste sein in der Stadt.«
+
+»Das sollt ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt.«
+
+»Dir folgen? weißt du einen Weg über die Mauer durch die Luft?«
+
+»Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn euch zeigen,
+wenn ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Mädchen zur Beute zusprecht,
+das ich fordre.«
+
+Johannes blieb stehen: »Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg?« –
+»Hier!« sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. – »Wie? die
+Wasserleitung? woher weißt du?« – »Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann,
+gebückt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf
+diesem Wege aus der Stadt. Die Leitung mündet in einem alten Tempelhaus an
+der Porta Capuana; nimm dreißig Mann und folge mir.«
+
+Johannes sah ihn scharf an. »Und wenn du mich verrätst?«
+
+»Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Lüge ich, so stoßt mich
+nieder.« – »Warte!« rief Johannes und eilte hinweg.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+
+Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und
+ungefähr dreißig entschlossenen armenischen Söldnern, die außer ihren
+Schwertern kurze Handbeile führten. »Wenn wir drin sind,« sprach Johannes,
+»reißest du, Perseus, das Ausfallpförtchen auf, rechts von der Porta
+Capuana, im Augenblick, da die andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten.
+Auf dies Zeichen stürzen von außen meine Hunnen auf die Ausfallpforte.
+Aber wer hütet den Turm an der Porta? Den müssen wir haben.«
+
+»Isak, ein großer Freund der Edomiten, der muß fallen.«
+
+»Er fällt,« sprach Johannes und zog das Schwert: »Vorwärts!« Er war der
+erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. »Ihr beiden, Paukaris
+und Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht – nieder
+mit ihm!«
+
+Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebückt tastend, bei
+völliger Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach,
+sorgfältig jeden Lärm ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie
+vorwärts.
+
+Plötzlich rief Johannes mit halber Stimme: »faßt den Juden! Nieder mit
+ihm! – Feinde! Waffen! – – Nein, laßt!« rief er rasch, »es war nur eine
+Schlange, die vorüber rasselte! Vorwärts.«
+
+»Jetzt zur Rechten!« sprach Jochem, »hier mündet die Wasserleitung in
+einen Tempelgang.«
+
+»Was liegt hier? – Knochen – ein Skelett!
+
+Ich halt’s nicht länger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe!«
+seufzte einer der Männer.
+
+»Laßt ihn liegen! vorwärts!« befahl Johannes. »Ich sehe einen Stern.« –
+»Das ist das Tageslicht in Neapolis,« sagte der Jude – »nun nur noch
+wenige Ellen.« –
+
+Johannes’ Helm stieß an die Wurzeln eines hohen Ölbaums, die sich im
+Atrium des Tempelhauses breit über die Mündung des Tempelgangs spannten.
+
+Wir kennen den Baum.
+
+Den Wurzeln ausweichend, stieß er den Helm hell klirrend an die
+Seitenwand: erschrocken hielt er an. Aber er hörte zunächst nur den
+heftigen Flügelschlag zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild
+verscheucht aus den Zweigen der Olive flogen.
+
+»Was war das?« fragte über ihm eine heisere Stimme.
+
+»Wie der Wind in dem alten Gestein wühlt!« Es war die Witwe Arria. »Ach
+Gott,« sprach sie, sich wieder vor dem Kreuze niederwerfend: »erlöse uns
+von dem Übel und laß die Stadt nicht untergehen, bis daß mein Jucundus
+wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur und seine Mutter nicht mehr findet.
+O laß ihn wieder des Weges kommen, den er von mir gegangen: zeig ihn mir
+wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen, aufsteigend aus den Wurzeln des
+Baumes.«
+
+Und sie wandte sich nach der Höhlung. »O! dunkler Gang, darin mein Glück
+verschwunden, gieb mir’s wieder heraus! Gott, führ’ ihn mir zurück auf
+diesem Wege.« Sie stand mit gefalteten Händen gerade vor der Höhlung, die
+Augen fromm gen Himmel gewendet.
+
+Johannes stutzte. »Sie betet!« sagte er, »soll ich sie im Gebet
+erschlagen?« – Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhören und sich
+wenden. »Das dauert zu lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen!« Und
+rasch hob er sich aus den Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den
+halberblindeten Augen nieder; sie sah aus der Erde steigen eine
+schimmernde Mannesgestalt.
+
+Ein Strahl der Verklärung spielte um ihre Züge. Selig breitete sie die
+Arme aus. »Jucundus!« rief sie.
+
+Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz.
+
+Ohne Weheruf, ein Lächeln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: –
+Miriams Blumen.
+
+Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem
+Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. »Wo ist das Pförtchen?«
+– »Hier links, ich gehe zu öffnen!« Perseus wies die Krieger an. – »Wo ist
+die Treppe zum Turm!« – »Hier rechts,« sprach Jochem – es war die Treppe,
+die zu Miriams Gemach führte, wie oft war Totila hier hereingeschlüpft! –
+»still! der Alte läßt sich hören.«
+
+Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Geräusch vernommen: er trat mit
+Fackel und Speer an die Treppe: »Wer ist da unten? bist du’s, Miriam, wer
+kommt?« fragte er.
+
+»Ich, Vater Isak,« antwortete Jochem, »ich wollte euch nochmal fragen ...«
+– und er stieg katzenleise eine Stufe höher. Aber Isak hörte Waffen
+klirren.
+
+»Wer ist bei dir?« rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er
+die Bewaffneten hinter Jochem kauern. »Verrat, Verrat!« schrie er, »stirb,
+Schandfleck der Hebräer!« Und wütend stieß er Jochem, der nicht zurück
+konnte, die breite Partisane in die Brust, daß dieser rücklings
+hinabstürzte. »Verrat!« schrie er noch einmal.
+
+Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang über die Leiche
+hinweg, eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von
+Byzanz. Da krachten unten Beilschläge: das Pförtchen fiel, von innen
+eingeschlagen, hinaus und mit gellendem Jauchzen jagten – schon war es
+ganz dunkel geworden – die Hunnen zu Tausenden in die Stadt.
+
+Da war alles aus.
+
+Ein Teil stürzte sich mordend in die Straßen, ein Haufe brach die nächsten
+Thore ein, den Brüdern draußen Eingang schaffend.
+
+Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Häuflein aus dem Kastell herbei:
+er hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben: umsonst: ein Wurfspeer
+streckte ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert
+treuen Goten, die ihn noch umgaben.
+
+Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Wällen flattern sahen, erhoben
+sich – unter Führung alter Römerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des
+Syrers, – ein eifriger Anhänger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward,
+da er sie hemmen wollte, erschlagen – auch die Bürger von Neapolis: sie
+entwaffneten die einzelnen Goten in den Straßen und schickten,
+glückwünschend und dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine
+Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem glänzenden Stab umgeben, zur
+Porta Capuana hereinritt.
+
+Aber finster furchte er die majestätische Stirn und ohne seinen Rotscheck
+anzuhalten, sprach er: »Fünfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst
+lag ich längst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, daß das dem Kaiser
+an Recht und mir an Ruhm entzieht? Fünfzehn Tage lang hat sich eure
+Feigheit, eure schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen
+lassen. Die Strafe für diese fünfzehn Tage seien nur fünfzehn Stunden –
+Plünderung. Ohne Mord: – die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers –
+ohne Brand: denn die Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der
+Führer der Goten? Tot?«
+
+»Ja,« sprach Johannes, »hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel.«
+
+»Den meine ich nicht!« sprach Belisar. »Ich meine den jungen, den Totila.
+Was ward aus ihm? Ich muß ihn haben.«
+
+»Herr,« sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot,
+vortretend, »wenn ihr mein Haus und Warenlager von der Plünderung
+ausnehmt, will ich’s euch wohl sagen.«
+
+Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden.
+»Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht
+dich sprechen.«
+
+»Erbarmen! Gnade!« schrie der Geängstigte. »Der Seegraf eilte mit wenigen
+Reitern während der Waffenruhe hinaus, Verstärkung zu holen vom Castellum
+Aurelians: er kann jeden Augenblick zurückkehren.«
+
+»Johannes,« rief Belisar, »der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir
+müssen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt?
+das Thor besetzt?«
+
+»Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen können.« sprach
+Johannes.
+
+»Auf! Blitzesschnell! wir müssen ihn hereinlocken!
+
+Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und
+auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet
+auf die Wälle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht
+meinen Leibwächtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein!
+dreihundert Mann in der Nähe des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie
+er das Fallgitter hinter sich hat, läßt man’s nieder. Ich will ihn lebend
+fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz.«
+
+»Gieb mir das Amt, mein Feldherr,« bat Johannes. »Ich schuld’ ihm noch
+Vergeltung für einen Kernhieb.« Und er flog zurück zur Porta Capuana, ließ
+die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine
+Maßregeln.
+
+Da drängte sich eine verschleierte Gestalt heran: »Um der Güte Gottes
+willen,« flehte eine liebliche Stimme, »ihr Männer, laßt mich heran! Ich
+will ja nur seine Leiche, – o gebt Acht! sein weißer Bart! o mein Vater.«
+Es war Miriam, die der Lärm plündernder Hunnen aus der Kirche nach Hause
+gescheucht hatte. Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere
+zurück und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme.
+
+»Weg, Mädel!« rief der nächste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein
+Söldner von Byzanz: – Garizo hieß er. »Halt uns nicht auf! wir müssen den
+Weg säubern! In den Graben mit dem Juden!«
+
+»Nein, nein!« rief Miriam und stieß den Mann zurück.
+
+»Weib!« schrie dieser zornig und hob das Beil. –
+
+Aber die Arme schützend über des Vaters Leiche breitend und mit
+leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: – wie gelähmt
+hielt der Krieger inne: »Du hast Mut, Mädel!« sagte er, das Beil senkend.
+»Und schön bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was kann ich dir
+Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen.« – »Wenn der Gott meiner
+Väter dein Herz gerührt,« bat Miriams herzgewinnende Stimme, »hilf mir die
+Leiche dort im Garten bergen: – das Grab hat er sich lange selbst
+geschaufelt, – neben Sarah, meiner Mutter, das Haupt gegen Osten.« – »Es
+sei!« sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er faßte die
+Knie der Leiche: wenige Schritte führten sie in den kleinen Garten: da lag
+ein Stein unter Trauerweiden: der Mann wälzte ihn weg und sie senkten die
+Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. –
+
+Ohne Worte, ohne Thränen starrte Miriam in die Grube: sie fühlte sich so
+arm jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte
+darüber. »Komm!« sagte er dann. – »Wohin?« fragte Miriam tonlos. – »Ja,
+wohin willst du?« – »Das weiß ich nicht! – Hab Dank,« sprach sie und nahm
+ein Amulett vom Halse und reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumünze
+vom Jordan, aus dem Tempel.
+
+»Nein!« sagte der Mann und schüttelte das Haupt.
+
+Er nahm ihre Hand und legte sie über seine Augen.
+
+»So,« sagte er, »das wird mir gut thun mein Leben lang. Jetzt muß ich
+fort, wir müssen den Grafen fangen, den Totila. Leb wohl.«
+
+Dieser Name schlug in Miriams Herz: – noch einen Blick warf sie auf das
+stille Grab und hinaus schlüpfte sie aus dem Gärtchen. Sie wollte zum
+Thore hinaus auf die Straße: aber das Fallgitter war gesenkt, an den
+Thoren standen Männer mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie
+um sich.
+
+»Ist alles vollzogen, Chanaranges?« – »Alles, er ist so gut wie gefangen.«
+– »Horch, vor dem Wall, – Pferdegetrappel – sie sind’s! zurück, Weib.«
+
+Draußen aber sprengten einige Reiter die Straße heran gegen das Thor.
+
+»Auf! auf, das Thor,« rief Totila von weitem. Da spornte Thorismuth sein
+Roß heran. »Ich weiß nicht, ich traue nicht!« rief er, »die Straße war wie
+ausgestorben und ebenso drüben das Lager der Feinde: kaum ein paar
+Wachtfeuer brennen.«
+
+Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. »Der Bursch bläst ja
+gräßlich!« sprach Thorismuth zürnend. »Es wird ein Welscher sein,« meinte
+Totila. »Gebt die Losung,« rief’s herab auf lateinisch. »Neapolis,«
+antwortete Totila entgegen. »Hörst du’s? Uliaris hat die Bürger bewaffnen
+müssen. Auf das Thor! ich bringe frohe Kunde,« fuhr er fort zu den oben
+Aufgestellten, »vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuß: und Italien hat
+einen neuen König.«
+
+»Wer ist’s?« fragte es leise drinnen. »Der auf dem weißen Roß, der erste.«
+Da sprangen die Thorflügel auf, gotische Helme füllten den Eingang,
+Fackeln glänzten, Stimmen flüsterten.
+
+»Auf mit dem Fallgitter,« rief Totila, dicht heranreitend. Spähend blickte
+Thorismuth vor, die Hand vor den Augen. »Sie haben gestern getagt zu
+Regeta,« fuhr Totila fort, »Theodahad ist abgesetzt und Graf Witichis
+...« –
+
+Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Roß den Sporn
+geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe
+der Krieger. »Flieh,« rief sie, »Feinde über dir! die Stadt ist gefallen!«
+Aber sie konnte nicht vollenden: ein Lanzenstoß durchbohrte ihre Brust.
+
+»Miriam!« schrie Totila entsetzt und riß sein Pferd zurück.
+
+Doch Thorismuth, der längst Argwohn geschöpft, zerhieb, rasch
+entschlossen, mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende
+Seil, an dem das Thor auf und nieder ging, daß es dröhnend vor Totila
+niederschlug.
+
+Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. »Auf das Gitter!
+Hinaus auf sie!« rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht.
+
+»Miriam, Miriam,« rief er im tiefsten Schmerz. Da schlug sie nochmal die
+Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklärten Blick: –
+dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. »Für dich!«
+hauchte sie und fiel zurück. – Da vergaß er Neapolis und die Todesgefahr.
+»Miriam,« rief er nochmals, beide Hände gegen sie ausbreitend. –
+
+Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das
+edle Tier hochbäumend zurück. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da
+faßte Thorismuth nach Totilas Zügel, riß das Pferd herum und gab ihm einen
+Schlag mit der flachen Klinge, daß es hinwegschoß. »Auf und davon, Herr,«
+rief er, »ja, sie müssen flink sein, die uns einholen.« Und brausend
+sprengten die Reiter auf der Via Capuana den Weg zurück, den sie gekommen;
+nicht weit verfolgte sie Johannes, im Dunkel der Nacht und des Wegs
+unkundig. Bald begegnete ihnen die heranziehende Besatzung vom Kastell
+Aurelians: auf einem Hügel machten sie Halt, von wo man die Stadt mit
+ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Wällen,
+liegen sah.
+
+Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betäubung
+auf. »Uliaris!« seufzte er, »Miriam!« »Neapolis, – wir sehen uns wieder.«
+Und er winkte zum Aufbruch gen Rom.
+
+Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit
+dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben
+für immerdar.
+
+Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte,
+rief er, vom Pferde springend, mit wütiger Stimme: »Wo ist die Dirne, die
+ihn gewarnt? Werft sie vor die Hunde.« Und er eilte zu Belisar, das
+Mißgeschick zu melden.
+
+Aber niemand wußte zu sagen, wohin der schöne Leichnam geraten. Die Rosse
+hätten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wußte es besser:
+Garizo, der Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend
+Kind, auf seinen starken Armen davongetragen in das nahe Gärtchen, hatte
+die Steinplatte von dem kaum geschlossenen Grabe gewälzt und die Tochter
+sorglich an des Vaters Seite gelegt: dann hatte er sie still betrachtet.
+
+Aus der Ferne scholl das Getöse der geplünderten Stadt, in der die
+Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar
+die Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert
+unter sie fahrend, Einhalt schuf. –
+
+Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, daß er nicht wagte, wie er so
+gern gewollt, sie zu küssen. So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und
+brach eine Rose, die neben dem Grabe blühte, und legte sie ihr auf die
+Brust. Dann wollte er fort, seinen Teil an der Plünderung zu nehmen. Aber
+es ließ ihn nicht fort: er wandte sich wieder um. Und er hielt die Nacht
+über, an seinen Speer gelehnt, Totenwacht am Grabe des schönen Mädchens.
+
+Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen,
+den ihn die Mutter daheim an der Liusacha gelehrt. Aber es war ihm nicht
+genug: andächtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und als
+die Sonne emporstieg, schob er sorgfältig den Stein über das Grab und
+ging.
+
+So war Miriam spurlos verschwunden.
+
+Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an Totila hing, erzählte,
+schönheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen, ihn zu retten, und
+wieder aufgefahren gen Himmel.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu
+Regeta.
+
+Und Totila stieß schon bei Formiä auf seinen Bruder Hildebad, den König
+Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte, die
+Besatzung der Stadt zu verstärken, bis er selbst mit einem größeren Heere
+zum Entsatz herbeieilen könne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten die
+Brüder nichts andres thun, als sich auf die Hauptmacht, nach Regeta,
+zurückziehen, wo Totila seinen traurigen Bericht von den letzten Stunden
+von Neapolis erstattete. Der Verlust der dritten Stadt des Reiches, des
+dritten Hauptbollwerks Italiens, mußte den ganzen Kriegsplan der Goten
+verändern.
+
+Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert: es waren
+gegen zwanzigtausend Mann. Diese, mit der kleinen Schar, die Graf Teja
+eigenmächtig zurückgeführt, waren im Augenblick die ganze verfügbare
+Macht: bis die starken Heere, die Theodahad weit weg nach Südgallien und
+Noricum, nach Istrien und Dalmatien entsendet, wiewohl sofort zur
+schnellen Rückkehr aufgefordert, einzutreffen vermochten, konnte ganz
+Italien verloren sein.
+
+Gleichwohl hatte der König beschlossen, sich mit diesen zwanzig
+Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den
+Zufluß der Italier auf mehr als die dreifache Übermacht angeschwollenen
+Heere der Feinde bis zum Eintreffen der Verstärkungen Widerstand zu
+leisten. Aber jetzt, da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen, gab
+Witichis den Plan, sich ihm entgegenzustellen, auf. Sein ruhiger Mut war
+ebensoweit von Tollkühnheit wie von Zagheit entfernt.
+
+Ja, der König mußte seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren
+Entschluß abringen. Während in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in
+dem Lager vor Rom sich der Schmerz und der Grimm der Goten in
+Verwünschungen über den Verräter Theodahad, über Belisar, über die Italier
+Luft machte, während schon die kecke Jugend hier und da anhob, auf das
+Zaudern des Königs zu schelten, der sie nicht gegen diese Griechlein
+führen wolle, deren je vier auf einen Goten gingen, während der Ungestüm
+des Heeres schon über den Stillstand grollte, gestand sich der König mit
+schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurückzuweichen und selbst
+Rom vorübergehend preiszugeben.
+
+Tag für Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer anwachse: aus Neapolis
+allein führte er zehntausend Mann – als Geiseln zugleich und
+Kampfgenossen, – von allen Seiten strömten die Welschen zu seinen Fahnen:
+von Neapolis bis Rom war kein Waffenplatz fest genug, Schutz gegen solche
+Übermacht zu gewähren und die kleineren Städte an der Küste öffneten dem
+Feind mit Jubel die Thore.
+
+Die gotischen Familien aus diesen Gegenden flüchteten in das Lager des
+Königs und berichteten, wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis
+Cumä und Atella sich ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das
+starke Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische,
+saracenische und maurische Reiter, bei Formiä. Das Gotenheer erwartete und
+verlangte eine Schlacht vor den Thoren Roms.
+
+Aber längst hatte Witichis die Unmöglichkeit erkannt, mit zwanzigtausend
+Mann einem Belisar, der bis dahin hunderttausend zählen konnte, im offnen
+Feld entgegenzutreten. Eine Zeit lang hegte er die Hoffnung, die mächtigen
+Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cethegus, gegen die byzantinische
+Überflutung halten zu können: aber bald mußte er auch diesen Gedanken
+aufgeben.
+
+Die Bevölkerung Roms zählte, dank dem Präfekten, mehr waffenfähige und
+waffengeübte Männer denn seit manchem Jahrhundert: und stündlich
+überzeugte sich der König, von welcher Gesinnung diese beseelt waren.
+Schon jetzt hielten die Römer kaum noch ihren Haß wider die Barbaren
+zurück: es blieb nicht bei feindlichen und höhnischen Blicken: schon
+konnten sich Goten in den Straßen nur in guter Bewaffnung und großen
+Scharen blicken lassen: täglich fand man vereinzelte gotische Wachen von
+hinten erdolcht.
+
+Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, daß diese Elemente des
+Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und mächtigen
+Häuptern: den Spitzen des römischen Adels und des römischen Klerus. Er
+mußte sich sagen, daß, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde, das
+Volk von Rom sich erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine
+gotische Besatzung erdrücken würde.
+
+So hatte Witichis den schweren Entschluß gefaßt, Rom, ja ganz
+Mittelitalien aufzugeben, sich nach dem festen und verlässigen Ravenna zu
+werfen, hier die mangelhaften Rüstungen zu vollenden, alle gotischen
+Streitkräfte an sich zu ziehen und dann mit einem gleich starken Heere den
+Feind aufzusuchen.
+
+Er war ein Opfer, dieser Entschluß.
+
+Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust und
+es war seinem Mut eine herbe Zumutung, anstatt frisch drauf loszuschlagen,
+zurückweichend seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht
+rühmlich war es für den König, der um seiner Tapferkeit willen auf den
+Thron des feigen Theodahad gehoben worden, wenn er sein Regiment mit
+schimpflicher Flucht begann: er hatte Neapolis verloren in den ersten
+Tagen seiner Herrschaft: sollte er jetzt freiwillig Rom, die Stadt der
+Herrlichkeiten, sollte er mehr als die Hälfte von Italien preisgeben? Und
+wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes willen, – wie mußte das Volk
+von ihm denken? Diese Goten mit ihrem Ungestüm, ihrer Verachtung der
+Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu erzwingen? Denn ein
+germanischer König hatte mehr zu raten, vorzuschlagen, als zu befehlen und
+zu gebieten. Schon mancher germanische König war von seinem Volksheer
+wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden. Er fürchtete
+ein Gleiches: und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im Lager
+zu Regeta in seinem Zelte auf und ab.
+
+Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen:
+»Auf, König der Goten,« rief eine leidenschaftliche Stimme, »jetzt ist
+nicht Zeit, zu schlafen!« – »Ich schlafe nicht, Teja,« sprach Witichis,
+»seit wann bist du zurück? Was bringst du?« – »Eben schritt ich ins Lager,
+der Tau der Nacht ist noch auf mir. Wisse zuerst: sie sind tot.« – »Wer?«
+– »Der Verräter und die Mörderin!« – »Wie? du hast sie beide erschlagen?«
+– »Ich schlage keine Weiber. Theodahad, dem Schandkönig, folgte ich zwei
+Tage und zwei Nächte. Er war auf dem Weg nach Ravenna, er hatte starken
+Vorsprung. Aber mein Haß war noch rascher als seine Todesangst. Schon bei
+Narnia holte ich ihn ein: zwölf Sklaven begleiteten seine Sänfte: sie
+hatten nicht Lust, für den Elenden zu sterben: sie warfen die Fackeln weg
+und flohn.
+
+Ich riß ihn aus der Sänfte und drückte ihm sein eigenes Schwert in die
+Faust: er aber fiel nieder, bat um sein Leben und führte zugleich einen
+heimtückischen Stoß nach mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit
+drei Streichen. Einen für das Reich: und zwei für meine Eltern. Und ich
+hing ihn an seinem goldenen Gürtel auf, an der offenen Heerstraße, an
+einem dürren Eibenbaum: da mag er hangen, ein Fraß für die Vögel des
+Himmels, eine Warnung für die Könige der Erde.«
+
+»Und was ward aus ihr?«
+
+»Sie fand ein schrecklich Ende!« sprach Teja schaudernd.
+
+»Als ich von hier nach Rom kam, wußte man nur, daß sie verschmäht, den
+Feigling zu begleiten: er floh allein. Gothelindis aber rief seine
+kappadokische Leibwache zusammen und verhieß den Männern goldne Berge,
+wenn sie zu ihr halten und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona
+sich werfen wollten.
+
+Die Söldner schwankten und wollten erst das verheißne Gold sehen. Da
+versprach Gothelindis, es zu bringen und ging. Seitdem war sie
+verschwunden. Wie ich wieder durch Rom kam, war sie freilich gefunden.« –
+»Nun?« – »Sie hatte sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne Führer,
+einen dort vergrabnen Schatz zu holen. Sie muß sich in diesem Labyrinth
+verirrt haben, sie fand den Ausgang nicht mehr. Suchende Söldner trafen
+sie noch lebend: ihre Fackel war nicht herabgebrannt, sondern fast völlig
+erhalten: sie mußte alsbald erloschen sein, nachdem sie die Höhlung
+beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: lange Todesangst,
+Verzweiflung haben dieses böse Weib zermürbt: sie starb, sowie sie ans
+Tageslicht gebracht war.«
+
+»Schrecklich!« rief Witichis. – »Gerecht!« sagte Teja. »Aber höre weiter.«
+
+Eh’ er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand und andre
+gotische Führer ins Zelt: »Weiß er’s?« fragte Totila. – »Noch nicht,«
+sagte Teja. – »Empörung!« rief Hildebad! »Empörung! Auf, König Witichis,
+wehre dich deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Füße.«
+
+»Was ist geschehn« fragte Witichis ruhig.
+
+»Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich empört. Er ist gleich
+nach deiner Wahl davongeritten gegen Florentia, wo sein älterer Bruder,
+der stolze Herzog von Tuscien, Guntharis, haust und herrscht. Da haben die
+Wölsungen viel Anhang gefunden, haben die Goten überall aufgerufen gegen
+dich zum Schutz der »Königslilie«, wie sie sie nennen: Mataswintha sei die
+Erbin der Krone. Sie haben sie als Königin ausgerufen. Sie weilte in
+Florentia, fiel also gleich in ihre Gewalt. Man weiß nicht, ist sie
+Guntharis Gefangene oder Arahads Weib. Nur das weiß man, daß sie avarische
+und gepidische Söldner geworben, den ganzen Anhang der Amaler und ihre
+ganze Sippe und Gefolgschaft, zu all’ dem großen Anhang der Wölsungen,
+bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernkönig: sie wollen Ravenna
+gewinnen!«
+
+»O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften!« rief
+Hildebad zornig. »Ich will dir diese Königin der Goten samt ihrem adeligen
+Buhlen in einem Vogelkäfig gefangen bringen.«
+
+Aber die andern machten besorgte Gesichter. »Es sieht finster her!« sprach
+Hildebrand. »Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns: – im Rücken das
+schlangenhafte Rom, – all’ unsre Macht noch fünfzig Meilen fern – und
+jetzt noch Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches! der Donner
+schlag’ in dieses Land.«
+
+Aber Witichis blieb ruhig und gefaßt wie immer. Er strich mit der Hand
+über die Stirn. »Es ist vielleicht gut so,« sagte er dann. »Jetzt bleibt
+uns keine Wahl. Jetzt _müssen_ wir zurück.« – »Zurück?« fragte Hildebad
+zürnend. – »Ja! Wir dürfen keinen Feind im Rücken lassen. Morgen brechen
+wir das Lager ab und gehn ...« – »Gegen Neapolis vor?« sagte Hildebad. –
+»Nein! Zurück nach Rom! Und weiter, nach Florentia, nach Ravenna! Der
+Brand der Empörung muß zertreten sein, eh’ er noch recht entglommen.« –
+»Wie? du weichst vor Belisar zurück?« – »Ja, um desto stärker vorzugehen,
+Hildebad! Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurück, den tödlichen Pfeil
+zu schnellen.« – »Nimmermehr!« sprach Hildebad, »das kannst – das darfst
+du nicht.«
+
+Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die
+Schulter: »Ich bin dein König. Du hast mich selbst gewählt. Hell klang vor
+andern _dein_ Ruf: »Heil König Witichis!« Du weißt es, Gott weiß es: nicht
+ich habe die Hand ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr habt sie mir auf das
+Haupt gedrückt: nehmt sie herunter, wenn ihr sie mir nicht mehr
+anvertraut. Aber solang ich sie trage, traut mir und gehorcht: sonst seid
+ihr mit mir verloren.«
+
+»Du hast recht,« sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt. »Vergieb
+mir! Ich mach’ es gut im nächsten Gefecht.«
+
+»Auf, meine Feldherrn,« schloß Witichis, den Helm aufsetzend, »du, Totila,
+eilst mir in wicht’ger Sendung zu den Frankenkönigen nach Gallien: ihr
+andern, fort zu euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang
+geht’s nach Rom.«
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der Goten in Rom, finden wir die
+jungen »Ritter«: Lucius und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus,
+den Feisten, Julianus, den jungen Juristen, bei Cethegus dem Präfekten in
+vertrautem Gespräch.
+
+»Das also ist die Liste der blinden Anhänger des künftigen Papstes
+Silverius, meiner schlimmsten Argwöhner? Ist sie vollständig?« – »Sie ist
+es. Es ist ein hartes Opfer,« rief Lucius Licinius, »das ich dir bringe,
+Feldherr. Hätt’ ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar aufgesucht,
+ich hätte jetzt schon Neapolis mit belagert und bestürmt, statt daß ich
+hier die Katzentritte der Priester belausche und die Plebejer marschieren
+und in Manipeln schwenken lehre.« – »Sie lernen’s doch nie wieder,« meinte
+Marcus.
+
+»Geduldet euch,« sagte Cethegus ruhig, ohne von einer Papyrusrolle
+aufzublicken, die er in der Hand hielt. »Ihr werdet euch bald genug und
+lang genug mit diesen gotischen Bären balgen dürfen. Vergeßt nicht, daß
+das Raufen doch nur Mittel ist, nicht Zweck.«
+
+»Weiß nicht,« zweifelte Lucius.
+
+»Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht,« sprach Cethegus;
+»wir müssen diese Römer wieder an Schild und Schwert gewöhnen, sonst –«
+der Ostiarius meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten
+die jungen Römer.
+
+»Laß ihn ein!« sprach Cethegus, seine Schreibereien in einer Kapsel
+bergend. Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger,
+einen gotischen Helm auf dem Haupt, herein und warf sich an des Präfekten
+Brust.
+
+»Julius!« sprach dieser kalt zurücktretend. »Wie sehn wir uns wieder! Bist
+du denn ganz ein Barbar geworden. Wie kamst du nach Rom?«
+
+»Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: ich komme aus dem
+rauchenden Neapolis.« – »Ei,« grollte Cethegus, »hast du mit deinem
+blonden Freund gegen Italien gestritten? Das steht einem Römer gut! Nicht
+wahr, Lucius?« – »Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in
+diesem Krieg, dem unseligen. Weh denen, die ihn entzündet.«
+
+Cethegus maß ihn mit kalten Blicken. »Es ist unter meiner Würde und über
+meiner Geduld, einem Römer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten.
+Wehe, daß ein solcher Abtrünniger mein Julius. Schäme dich vor diesen
+deinen Altersgenossen. Seht, römische Ritter, hier ist ein Römer ohne
+Freiheitsdurst, ohne Zorn auf die Barbaren!«
+
+Aber ruhig schüttelte Julius das Haupt. »Du hast sie noch nicht gesehen,
+die Hunnen und Massageten Belisars, die euch die Freiheit bringen sollen.
+Wo sind denn die Römer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben
+seine Fesseln abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? Justinian kämpft mit
+den Goten, nicht wir. Wehe dem Volk, das ein Tyrann befreit.«
+
+Cethegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte solche Worte nicht
+billigen vor Fremden: »Ich muß allein mit diesem Philosophen disputieren.
+Berichtet mir, wenn bei den Frommen etwas geschieht.«
+
+Und die Kriegstribunen gingen, mit verächtlichen Blicken auf Julius.
+
+»Ich möchte nicht hören, was die von dir reden!« sagte Cethegus, ihnen
+nachsehend. – »Das gilt mir gleich. Ich folge meinen eignen und nicht
+fremden Gedanken.« – »Er ist Mann geworden,« sagte Cethegus zu sich
+selbst.
+
+»Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen Krieg verfluchen,
+führen mich hierher. Ich komme, dich zu retten und zu entführen aus dieser
+schwülen Luft, aus dieser Welt von Falschheit und Lüge. Ich bitte dich,
+mein Freund, mein Vater: folge mir nach Gallien.« – »Nicht übel,« lächelte
+Cethegus. »Ich soll Italien aufgeben im Augenblick, da die Befreier nahen!
+Wisse: ich war es, der sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht,
+den du verfluchst.« – »Ich dacht’ es wohl,« sprach Julius schmerzlich.
+»Aber wer befreit uns von den Befreiern, wer endet diesen Kampf?«
+
+»Ich,« sprach Cethegus ruhig und groß. »Und du, mein Sohn, sollst mir
+dabei helfen. Ja, Julius, dein väterlicher Freund, den du so kalt und
+nüchtern schiltst, hat auch eine begeisterte Schwärmerei, wenn auch nicht
+für Mädchenaugen und gotische Freundschaften. Laß diese Knabenspiele
+jetzt, du bist ein Mann. Gieb mir die letzte Freude meines öden Lebens und
+sei der Genosse meiner Kämpfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom,
+Freiheit, Macht! Jüngling, können dich diese Worte nicht rühren? Denk’
+dir,« fuhr er, wärmer werdend, fort, »diese Goten, diese Byzantiner – ich
+hasse sie wie du – die einen durch die andern erschöpft, aufgerieben, und
+über den Trümmern ihrer Macht erhebt sich Italien, Rom in alter
+Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Hügel thront wieder der Herrscher
+über Morgen- und Abendland: eine neue römische Weltherrschaft, stolzer als
+sie dein cäsarischer Namensvetter geträumt, verbreitet Zucht, Segen und
+Furcht über die Erde ...« –
+
+»Und der Herrscher dieses Weltreichs heißt – Cethegus Cäsarius!«
+
+»Ja – und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, du bist kein Mann, wenn
+dich dies Ziel nicht lockt!«
+
+Julius sprach bewundernd: »Mir schwindelt! Das Ziel ist sternenhoch: aber
+deine Wege, – sie sind nicht gerade. Ja, wären sie gerade, bei Gott, ich
+teilte deinen Gang.
+
+Ja, rufe die römische Jugend zu den Waffen, herrsche beiden Barbarenheeren
+zu: »Räumt das heilige Latium!« führe einen offnen Krieg gegen die
+Barbaren und gegen die Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und
+fallen!« – »Du weißt recht gut, daß dieser Weg unmöglich ist.« – »Und
+deshalb – ist’s dein Ziel!« – »Thor, erkennst du nicht, daß es gewöhnlich
+ist, aus gutem Stoff ein Gebilde fertigen, daß es aber göttlich ist, aus
+dem Nichts, nur mit eigner schöpferischer Kraft, eine neue Welt schaffen.«
+– »Göttlich? durch List und Lüge? Nein.« – »Julius!« – »Laß mich offen
+sprechen, deshalb bin ich gekommen.
+
+O könnt ich dich zurückrufen von dem dämonischen Pfade, der dich sicher in
+Nacht und Verderben führt. Du weißt, – wie ich dein Bild verehre und
+liebe. Es will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, Goten,
+Römer von dir flüstern.«
+
+»Was flüstern sie?« fragte Cethegus stolz.
+
+»Ich mag’s nicht denken: aber alles, was in diesen Zeiten Furchtbares
+geschehen: Athalarichs, Kamillas, Amalaswinthens Untergang, der Byzantiner
+Landung, – du wirst dabei genannt, wie der Dämon, der alles Böse schafft.
+Sage mir, schlicht und treu, daß du frei bist von dunkeln« –
+
+»Knabe!« fuhr Cethegus auf, »willst du mir zur Beichte sitzen und zu
+Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, eh du die Mittel schiltst.
+
+Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien? Wer das Große
+will, muß das Große thun, nennen’s die Kleinen gut oder schlecht.« – »Nein
+und dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch dem Ziel, zu
+dem nur Frevel führen. Hier scheiden sich unsre Pfade.«
+
+»Julius, geh nicht! Du verschmähst, was noch nie einem Sterblichen geboten
+ward. Laß mich einen Sohn haben, für den ich ringe, dem ich die Erbschaft
+meines Lebens hinterlassen kann.« – »Fluch und Lüge und Blut kleben daran.
+Und sollt ich sie schon jetzt antreten: – ich will sie nie! Ich gehe, daß
+sich dein Bild nicht noch mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um
+Eins: wann der Tag kommt (und er wird kommen), da dich ekelt all des
+Blutes und des frevlen Trachtens und des Zieles selbst, das solche Thaten
+fordert, – – dann rufe mir: ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und
+will dich losringen und loskaufen von den dämonischen Mächten und sei’s um
+den Preis meines Lebens.«
+
+Leichter Spott zuckte zuerst um des Präfekten Lippe, aber er dachte: »Er
+liebt mich noch immer. – Gut, ich werde ihn rufen, wenn das Werk
+vollendet: laß sehen, ob er ihm dann widerstehen kann, ob er den Thron des
+Erdkreises ausschlägt.« – »Wohl,« sagte er, »ich werde dich rufen, wenn
+ich dein bedarf. Leb wohl.« Und mit kalter Handbewegung entließ er den
+Heißbewegten.
+
+Aber als die Thüre hinter ihm zugefallen, nahm der eisige Präfekt ein
+kleines Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es
+lang. Dann wollte er es küssen. Aber plötzlich flog der höhnische Zug
+wieder um seine Lippen. »Schäme dich vor Cäsar, Cethegus,« sagte er, und
+legte das Medaillon wieder in die Kapsel. Es war ein Frauenkopf und Julius
+sehr ähnlich.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+
+Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der Sklave brachte die zierliche
+Bronzelampe, korinthische Arbeit: ein Adler, der im Schnabel den
+Sonnenball trägt, gefüllt mit persischem Duftöl. »Ein gotischer Krieger
+steht draußen, Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr
+unscheinbar aus. Soll er die Waffen ablegen?« »Nein,« sagte Cethegus, »wir
+fürchten die Barbaren nicht. Laß ihn kommen.« Der Sklave ging und Cethegus
+legte die Rechte an den Dolch im Busen seiner Tunika.
+
+Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze über den Kopf geschlagen:
+er warf sie jetzt zurück.
+
+Cethegus trat erstaunt einen Schritt näher. »Was führt den König der Goten
+zu mir?«
+
+»Leise!« sprach Witichis. »Es braucht niemand zu wissen, was wir beide
+verhandeln. Du weißt: seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in
+Rom eingezogen. Du weißt noch nicht, daß wir Rom morgen wieder räumen
+werden.«
+
+Cethegus horchte hoch auf.
+
+»Das befremdet dich?« – »Die Stadt ist fest,« sagte Cethegus ruhig. »Ja,
+aber nicht die Treue der Römer. Benevent ist schon abgefallen zu Belisar.
+Ich habe nicht Lust, mich zwischen Belisar und euch erdrücken zu lassen.«
+
+Vorsichtig schwieg Cethegus, er wußte nicht, wo das hinaus sollte.
+»Weshalb bist du gekommen, König der Goten?« – »Nicht um dich zu fragen,
+wie weit man den Römern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, daß wir
+ihnen so wenig trauen können, die doch Theoderich und seine Tochter mit
+Wohltaten überhäuft; – sondern um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir
+zu schlichten, zu eurem wie zu unsrem Frommen.«
+
+Cethegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas, das er
+beneidete. Er hätte es gern verachtet. »Wir werden Rom verlassen, und
+alsbald werden die Römer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. Ich kann’s
+nicht hindern. Man hat mir geraten, die Häupter des Adels als Geiseln mit
+hinwegzuführen.«
+
+Cethegus erschrak und hatte Mühe, das zu verbergen.
+
+»Dich vor allen, den Princeps Senatus.« – »Mich!« lächelte Cethegus. –
+»Ich werde dich hier lassen. Ich weiß es wohl: du bist die Seele von Rom.«
+
+Cethegus schlug die Augen nieder. »Ich nehme das Orakel an,« dachte er.
+
+»Aber eben deshalb laß’ ich dich hier. Hunderte, die sich Römer nennen,
+wollen die Byzantiner zu ihren Herren, – du, du willst das nicht.«
+
+Cethegus sah ihn fragend an.
+
+»Täusche mich nicht! Wolle mich nicht täuschen. Ich bin der Mann
+verschlagner Künste nicht. Aber mein Auge sieht der Menschen Art. Du bist
+zu stolz, um Justinian zu dienen. Ich weiß, du hassest uns. Aber du liebst
+auch diese Griechen nicht und wirst sie nicht länger hier dulden als du
+mußt. Deshalb laß ich dich hier: vertritt du Rom gegen die Tyrannen: ich
+weiß, du liebst die Stadt.«
+
+Es war etwas an diesem Mann, das Cethegus zum Staunen zwang. »König der
+Goten,« sagte er, »du sprichst klar und groß wie ein König: ich danke dir.
+Man soll nicht sagen von Cethegus, daß er die Sprache der Größe nicht
+versteht. Es ist, wie du sagst: ich werde mein Rom nach Kräften römisch
+erhalten.«
+
+»Gut,« sagte Witichis, »sieh, man hat mich gewarnt vor deiner Tücke: ich
+weiß viel von deinen schlauen Plänen: ich ahne noch mehr: und ich weiß,
+daß ich gegen Falschheit keine Waffe habe. Aber du bist kein Lügner. Ich
+wußte, ein männlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und Vertrauen
+entwaffnet einen Feind, der ein Mann.«
+
+»Du ehrst mich, König der Goten.
+
+Ich will dich warnen: weißt du, wer die wärmsten Freunde Belisars?« – »Ich
+weiß es: Silverius und die Priester.« – »Richtig. Und weißt du, daß
+Silverius, sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofstuhl von
+Rom besteigen wird?«
+
+»So hör’ ich.
+
+Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzuführen. Ich werd’ es nicht thun.
+Die Italier hassen uns genug. Ich will nicht noch in das Wespennest der
+Pfaffen stoßen. Ich fürchte die Märtyrer.«
+
+Aber Cethegus wäre den Priester gern los geworden. »Er wird gefährlich auf
+dem Stuhl Petri,« meinte er.
+
+»Laß ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst
+entschieden.« – »Wohlan,« sprach Cethegus, die Papyrusrolle vorzeigend,
+»ich habe hier die Namen seiner wärmsten Freunde zufällig beisammen. Es
+sind wichtige Männer.«
+
+Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die Goten sollten so seine
+gefährlichsten Feinde als Geiseln mitführen.
+
+Aber Witichis wies ihn ab. »Laß das! Ich werde gar keine Geiseln nehmen.
+Was nützt es, ihnen die Köpfe abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir für Rom
+bürgen.«
+
+»Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten.«
+
+»Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verlaß’ dich drauf: er wird
+auch wieder gehn. Wir Goten werden diesen Feind bezwingen: vielleicht erst
+nach hartem Kampf: aber gewiß. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um
+Rom.«
+
+»Einen zweiten?« fragte Cethegus ruhig, »mit wem?«
+
+Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz
+mit einem Auge wie die Sonne: »Mit dir, Präfekt von Rom!«
+
+»Mit mir!« Und er wollte lächeln, aber er konnte nicht.
+
+»Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner nicht würdig. Ich weiß
+es, für wen du die Türme und Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht für uns
+und nicht für die Griechen! für dich! Ruhig! Ich weiß, was du sinnest,
+oder ich ahn’ es: kein Wort! Es sei! Sollen Griechen und Goten um Rom
+kämpfen und kein Römer? Aber höre: Laß nicht einen zweiten jahrelangen
+Krieg unsre Völker hinraffen.
+
+Wenn wir die Byzantiner niedergekämpft, hinausgeworfen aus unserm Italien,
+– dann, Cethegus, will ich dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur
+Schlacht unsrer Völker, – zum Zweikampf: Mann gegen Mann, du und ich, wir
+wollen’s um Rom entscheiden.«
+
+Und in des Königs Blick und Ton lag eine Größe, eine Würde und Hoheit, die
+den Präfekten verwirrte. Er wollte heimlich spotten der einfältigen
+Schlichtheit des Barbaren. Aber es war ihm, als könne er sich selbst nie
+mehr achten, wenn er diese Größe nicht zu achten, nicht zu ehren, nicht zu
+erwidern fähig sei. So sprach er ohne Spott: »Du träumst, Witichis, wie
+ein gotischer Knabe.«
+
+»Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. Cethegus, du bist der
+einzige Römer, den ich würdige, so mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten
+sehen im Gepidenkrieg: du bist meines Schwertes würdig. Du bist älter als
+ich, wohlan: ich gebe dir den Schild voraus!«
+
+»Seltsam seid ihr Germanen,« sagte Cethegus unwillkürlich: »was für
+Phantasien!«
+
+Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: »Phantasien? Wehe dir, wenn
+du nicht fähig bist, zu fühlen, was aus mir spricht. Wehe dir, wenn Teja
+recht behält! Er lachte zu meinem Plan und sprach: »das faßt der Römer
+nicht!« Und er riet mir, dich gefangen mitzuführen. Ich dachte größer von
+dir und Rom. Aber wisse: Teja hat dein Haus umstellt: und bist du so klein
+oder so feig, mich nicht zu fassen, – in Ketten führen wir dich aus deinem
+Rom. Schmach dir, daß man dich zwingen muß zur Ehre und zur Größe.«
+
+Da ergrimmte Cethegus. Er fühlte sich beschämt. Jenes Ritterliche war ihm
+fremd und es ärgerte ihn, daß er es nicht verhöhnen konnte. Es ärgerte
+ihn, daß man ihn mit Gewalt nötigte, daß man seiner freien Wahl mißtraut
+habe. Wütender Haß gegen Tejas Mißachtung wie gegen des Königs brutale
+Offenheit loderte in ihm auf. All diese Eindrücke rangen in ihm, er hätte
+gern den Dolch in des Germanen breite Brust gestoßen. Fast hätte er vorhin
+aus soldatischem Ehrgefühl im vollen Ernst sein Wort gegeben. Jetzt
+durchzuckte ihn ein davon sehr verschiedenes, unschönes Gefühl der
+Schadenfreude. Sie hatten ihm nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn
+gering erachtet: nun sollten sie gewiß betrogen sein! Und mit scharfem
+Blick vortretend faßte er des Königs Hand. »Es gilt,« rief er.
+
+»Es gilt,« sprach Witichis, fest seine Hand drückend.
+
+»Mich freut es, daß ich recht behielt und nicht Teja. Leb wohl! hüte mir
+unser Rom. Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf.« Und er ging.
+
+»Nun,« sprach Teja draußen mit den andern Goten rasch vortretend, »soll
+ich das Haus stürmen?«
+
+»Nein,« sagte Witichis, »er gab mir sein Wort.«
+
+»Wenn er’s nur hält!«
+
+Da trat Witichis heftig zurück. »Teja! dich macht dein finstrer Sinn
+ungerecht!
+
+Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. Cethegus ist ein
+Held.«
+
+»Er ist ein Römer. Gute Nacht!« sagte Teja, das Schwert einsteckend. Und
+er ging mit seinen Goten andren Weges.
+
+Cethegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager. Er war uneins in
+sich. Er grollte mit Julius. Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch
+mit Teja. Am bittersten mit sich selbst.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk, Senat und Klerus
+der Stadt bei den Thermen des Titus. Von der höchsten Stufe der
+Marmortreppe des stolzen Gebäudes herab, die von den Großen des Heeres
+besetzt war, hielt der König eine schlichte Ansprache an die Römer. Er
+erklärte, daß er auf kurze Zeit die Stadt räumen und zurückweichen werde.
+Bald aber werde er wiederkehren.
+
+Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der Wohlthaten
+Theoderichs und Amalaswinthens, und forderte sie auf, Belisar, falls er
+heranrücke, mutig zu widerstehen, bis die Goten zum Entsatz wieder
+heranrückten: der Römer wieder an die Waffen gewöhnte Legionare und ihre
+starken Mauern machten langen Widerstand möglich.
+
+Zuletzt forderte er den Eid der Treue und ließ sie nochmals feierlich
+schwören, daß sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen
+wollten. Die Römer zögerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager
+Belisars und sie scheuten den Meineid.
+
+Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her: und an dem
+flavischen Amphitheater vorbei zog eine große Prozession von Priestern mit
+Psalmengesang und Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet
+gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den Archidiakon, zu
+seinem Nachfolger gewählt.
+
+Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran: die Insignien
+der Bischofswürde von Rom wurden vorausgetragen: silberstimmige Knaben
+sangen in süßen und doch weihevollen Weisen.
+
+Endlich nahte die Sänfte des Papstes: offen, breit, reichvergoldet, einem
+Schiffe nachgebildet. Die Träger gingen langsam, Schritt für Schritt, nach
+dem Takt der Musik, von ringsum drängendem Volk umwogt, das nach dem Segen
+seines neuen Bischofs verlangte.
+
+Silverius spendete unablässig denselben, mit seinem klugen Haupte rechts
+und links hin nickend.
+
+Eine große Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Söldnern
+schloß die Prozession. Sie hielt inne, als sie in die Mitte des Platzes
+gelangt war.
+
+Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, gotischen Krieger,
+die alle Mündungen des Platzes besetzt hielten, den stolzen,
+prachtentfaltenden Aufzug der ihnen feindlichen Kirche, indes die Römer
+die Ankunft ihres Seelenhirten um so freudiger begrüßten, als seine Stimme
+ihre Gewissenszweifel wegen des zu leistenden Eides lösen sollte.
+
+Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen,
+als der Arm eines turmlangen Goten, über die Brüstung der Sänfte
+hereinlangend, ihn an dem goldbrokatnen Mantel zupfte.
+
+Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Störung wandte Silverius das strenge
+Gesicht, aber uneingeschüchtert sprach der Gote, den Ruck wiederholend:
+»Komm, Priester, du sollst hinauf zum König.«
+
+Silverius hätte es angemessener gefunden, wenn der König zu ihm
+heruntergekommen wäre, und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen
+Mienen zu lesen. Denn er rief: »’s ist nicht anders! duck’ dich,
+Pfäfflein!«
+
+Und damit drückte er einen der die Sänfte tragenden Priester an der
+Schulter nieder: die Träger ließen sich nun auf die Kniee herab und
+seufzend stieg Silverius heraus, Hildebad auf die Treppe folgend.
+
+Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine Hand, trat mit ihm
+vor, an den Rand der Treppe, und sprach: »Ihr Männer von Rom, diesen hier
+haben eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die Wahl:
+er sei Papst, sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue
+für mich abgenommen hat. Schwöre, Priester!«
+
+Nur einen Augenblick war Silverius betroffen.
+
+Aber sogleich wieder gefaßt, wandte er sich mit salbungsvollem Lächeln zu
+dem Volk, dann zum König. »Du befiehlst?« sprach er.
+
+»Schwöre,« rief Witichis, »daß du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten
+wirst, diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten, denen sie soviel
+verdankt; in allen Stücken uns zu fördern, unsre Feinde aber zu schädigen.
+Schwöre Treue den Goten.«
+
+»Ich schwöre,« sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. »Und so fordre
+ich, der ich die Macht habe, die Seelen zu binden und zu lösen, euch, ihr
+Römer, umstarret rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu
+schwören, wie ich geschworen habe.«
+
+Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und
+erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur. Da besann sich auch die Menge
+nicht länger und der Platz erscholl von dem lauten Ruf: »Wir schwören
+Treue den Goten.«
+
+»Es ist gut, Bischof von Rom,« sprach der König. »Wir bauen auf euren
+Schwur. Lebt wohl, ihr Römer! Bald werden wir uns wieder sehen.« Und er
+schritt die breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm.
+
+»Jetzt bin ich nur begierig ...« – sagte Teja.
+
+»Ob sie es halten?« meinte Hildebad.
+
+»Nein. Gar nicht. Aber wie sie’s brechen. Nun, der Priester wird’s schon
+finden.«
+
+Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus,
+die Stadt ihrem Papst und dem Präfekten überlassend, während Belisar in
+Eilmärschen auf der Via Latina nahte.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+
+In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben. Die Thore
+waren geschlossen: auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche
+Wachen, in den Straßen klirrte es von Zügen reisiger Goten und bewaffneter
+Söldner: denn die Wölsungen Guntharis und Arahad hatten sich in diese
+Stadt geworfen und sie einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes
+gegen Witichis gemacht.
+
+In der schönen Villa, die sich Theoderich in einer Vorstadt am Ufer des
+Arnus, aber noch in den Ringmauern der Stadt, gebaut, hausten die beiden
+Brüder.
+
+Herzog Guntharis von Tuscien, der ältere, war ein gefürchteter Kriegsmann
+und seit Jahren Graf der Stadt Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen
+die Güter des mächtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und
+Hintersassen bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne
+Schranken und Herzog Guntharis war entschlossen, sie völlig zu gebrauchen.
+
+In voller Rüstung, den Helm auf dem Haupt, schritt der stattliche Mann
+unwillig durch das marmorgetäfelte Zimmer, indes der jüngere Bruder in
+schmucker Feiertracht, ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem
+Citrustisch lehnte, der von Briefen und Pergamenten bedeckt war.
+
+»Entschließe dich, mach’ vorwärts, mein Junge!« sprach Guntharis: »es ist
+mein letztes Wort. Noch heute bringst du mir das Ja des störrigen Kindes
+oder ich – hörst du? – ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe ihr.
+Ich weiß besser als du umzuspringen mit einem launischen Mädchenkopf.«
+
+»Bruder, das wirst du nicht.«
+
+»Beim Donner, das werd’ ich. Meinst du, ich wage meinen Kopf, ich versäume
+das Glück unsres Hauses um deine schmachtende Zartheit? Jetzt oder nie ist
+der Augenblick, den Wölsungen endlich die erste Stelle im Volk zu
+schaffen, die ihnen gebührt und von der Amaler und Balten sie seit
+Jahrhunderten ausgeschlossen. Wird die letzte Amalungentochter dein Weib,
+kann niemand dir die Krone bestreiten: und mein Schwert soll sie schon
+schützen auf deinem Haupt gegen diesen Bauernkönig Witichis.
+
+Aber nicht zu lange mehr darf’s währen. Ich habe noch keine Nachricht von
+Ravenna: doch ich fürchte, die Stadt wird nur Mataswintha, nicht uns,
+zufallen, das heißt, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien,
+nachdem Neapolis und Rom verloren: die mächtige Festung müssen _wir_
+haben. Deshalb muß sie dein Weib sein, eh’ wir vor die Rabenmauern ziehen:
+sonst wird ruchbar, daß sie mehr unsre Gefangene als unsre Königin.«
+
+»Wer wünscht das mehr, heißer als ich? aber ich kann sie doch nicht
+zwingen?« – »Nicht? warum nicht? Suche sie auf und gewinne sie im guten
+oder bösen. Ich gehe, die Wachen auf den Wällen zu verstärken. Bis ich
+zurück bin, will ich Antwort!«
+
+Herzog Guntharis ging: und seufzend machte sich sein Bruder nach dem
+Garten auf, Mataswintha zu suchen.
+
+Der Garten war von einem kunstverständigen Freigelassenen aus Kleinasien
+angelegt. Er hatte im Hintergrund einen waldähnlichen Abschluß, der, frei
+von Beeten und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengrün noch erhalten
+hatte. Diese blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbüsche durchrieselte
+ein klarer Bach, mit anmutigem Gewoge.
+
+Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase hingegossen, lag eine
+jugendliche Frauengestalt. Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand
+zurückgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den
+nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie vor sich hin und
+warf wie träumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die
+Wellen, mit leise geöffneten Lippen der Blüte nachsehend, die rasch die
+klaren Wellen entführten.
+
+Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Mädchen in maurischer
+Sklaventracht, eifrig beschäftigt, einen Kranz fertig zu flechten, an
+welchem nur die letzten Verbindungen fehlten: sorgsam spähte die
+anmutfeine Kleine manchmal, ob die Träumende ihre heimliche Arbeit nicht
+gewahre.
+
+Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren.
+
+Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden Augen drückte sie
+ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre
+Schulter, deren Blick zu suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie
+die Blumen ihr Haupt berührten. Da ward die Kleine unwillig und rief mit
+schmollend aufgeworfnen Lippen: »Aber Herrin, bei den Palmenwipfeln des
+Auras, was denkest du wieder? Bei wem bist du?«
+
+Mataswintha schlug die leuchtenden Augen auf: »Bei ihm!« flüsterte sie.
+
+»Weiße Göttin, das trag’ ich nicht mehr!« rief die Kleine aufspringend,
+»es ist zu arg, die Eifersucht bringt mich um! Nicht mich, deine Gazelle
+nur, auch die eigne Schönheit vergißt du – über dem unsichtbaren Mann:
+schau’ doch nur einmal in die Wellen und sieh, wie reizend dein Haar von
+den dunkeln Veilchen und weißen Anemonen sich hebt.«
+
+»Dein Kranz ist schön!« sagte Mataswintha, ihn herunterlangend und dann
+leicht in die Wellen werfend, »welch’ süße Blumen! Grüßt ihn von mir.«
+
+»Ach, meine armen Blumen!« rief die Sklavin, ihnen nachblickend; aber sie
+wagte nicht, weiter zu schelten. »Sag’ mir nur,« rief sie, sich wieder
+niederlassend, »wie all’ dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele
+Tage, wir wissen nicht recht, Königin oder Gefangne? Jedenfalls in fremder
+Gewalt: haben den Fuß nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten
+Garten gesetzt und wissen nichts von der ganzen Welt. Du aber bist immer
+still und selig, als müßte das alles so sein.«
+
+»Es muß auch alles so sein.«
+
+»So? und wie wird es enden?«
+
+»Er wird kommen und wird mich befreien.«
+
+»Nun, Weißlilie! du hast einen starken Glauben. Wären wir daheim im
+Mauretanierland und sähe ich dich Nachts zu den Sternen blicken, so sagte
+ich wohl: du habest das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich
+begreife das nicht« – und sie schüttelte die schwarzen Locken – »ich werde
+dich nie begreifen.«
+
+»Doch, Aspa! du wirst und sollst,« sprach Mataswintha sich aufraffend, und
+zärtlich den weißen Arm um den braunen Nacken schlingend, »deine treue
+Liebe verdient längst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe.«
+
+In der Sklavin dunkles Auge trat eine Thräne. »Lohn?« sprach sie. »Aspa
+ward geraubt von wilden Männern mit roten, fliegenden Locken. Aspa ist
+eine Sklavin. Alle haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich
+gekauft wie man eine Blume kauft. Und du streichelst mir Wange und Haar.
+Und bist so schön wie die Göttin der Sonne und sprichst von Lohn?« Und sie
+schmiegte das Köpfchen an der Herrin Busen.
+
+»Du bist meine Gazelle!« sagte diese »und hast ein Herz wie Gold. Du
+sollst alles wissen, was niemand weiß, außer mir. Höre also. Ich hatte
+eine Kindheit ohne Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge
+Seele nach Weichheit, nach Liebe. Meine arme Mutter hatte einen Knaben,
+einen Thronerben heiß gewünscht und sicher erwartet: – und mit
+Widerwillen, mit Kälte und Härte behandelte sie das Mädchen. Als
+Athalarich geboren war, nahm die Härte ab, aber die Kälte nahm zu: dem
+Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich hätte es nicht
+empfunden, hätte ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz gesehen:
+ich fühlte, wie auch er litt unter der kalten Härte seiner Gattin: und oft
+drückte mich der kranke Mann mit Seufzen, mit Thränen an die Brust.
+
+Und als er gestorben und begraben war, da war mir alle Liebe in der Welt
+erstorben. Wenig sah ich Athalarich, der von andern Lehrern und im andern
+Teil des Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, wenn
+sie mich zu strafen hatte. Und doch liebte ich sie so sehr: und doch sah
+ich, wie meine Wärterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten,
+herzten und küßten: und nach gleicher Wärme verlangte mit aller Macht mein
+Herz.
+
+So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht!
+
+Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutharich
+im stillen Königsgarten zu Ravenna. Da suchte ich bei dem Toten die Liebe,
+die ich bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Wärtern
+entrinnen konnte, eilte ich dorthin, zu sehnen und zu weinen. Und dies
+Sehnen wuchs, je älter ich ward: in Gegenwart der Mutter mußte ich all’
+meine Gefühle zusammenpressen: sie verachtete es, wenn ich sie zeigte.
+
+Und wie ich vom Kind zum Mädchen heranwuchs, merkte ich wohl, daß die
+Augen der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie
+bedauerten mich: und das that mir weh. Und öfter und öfter flüchtete ich
+zum Grabe des Vaters, bis es der Mutter gemeldet ward: und ich ward
+verklagt, daß ich dort weinte und ganz verstört zurückkäme.
+
+Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab wieder zu besuchen: und
+sprach von verächtlicher Schwäche.
+
+Aber dawider empörte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem
+Verbot. Da überraschte sie mich einst daselbst: und schlug mich: und ich
+war doch kein Kind mehr: und führte mich in den Palast zurück: und schalt
+mich schwer: und drohte, mich zu verstoßen für immer: und fragte im
+Scheiden zürnend den Himmel, warum er sie mit einem solchen Kinde
+gestraft.
+
+Das war zu viel.
+
+Namenlos elend beschloß ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur
+Strafe leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wußte
+nicht wohin: am liebsten in das Grab zu meinem Vater.
+
+Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals
+an das geliebte Grab zu langem thränenreichem Abschied. Schon gingen die
+Sterne auf: da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch
+die dunkeln Straßen der Stadt an das faventinische Thor. Glücklich
+schlüpfte ich an der Wache vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf
+der Straße fort, gradaus in die Nacht, ins Elend.
+
+Aber auf der Straße kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an
+ihm vorüber wollte, schritt er plötzlich heran, sah mir ins Antlitz und
+legte die Hand leicht auf meine Schulter: »Wohin, Jungfrau Mataswintha,
+allein, in so später Nacht?«
+
+Ich erbebte unter seiner Hand, Thränen brachen aus meinen Augen und
+schluchzend rief ich: »In die Verzweiflung!«
+
+Da faßte der Mann meine beiden Hände und sah mich an, so freundlich, so
+mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Thränen mit seinem Mantel und
+sprach in weichem Ton der tiefsten Güte: »Und warum? Was quält dich so?«
+
+Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich
+in sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr mächtig. »Weil
+mich die eigne Mutter haßt, weil’s keine Liebe für mich giebt auf Erden.«
+– »Kind! Kind! Du bist krank,« sagte er, »und redest irr. Komm, komm mit
+mir zurück! Du? warte nur! du wirst noch eine Königin der Liebe werden.«
+
+Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich für diese Worte,
+diese Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte
+und zitterte. Es mußte ihn rühren; oder er dachte, es sei die Kälte.
+
+Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und führte
+mich langsam zurück durchs Thor, auf unbelebten Straßen, durch die Stadt
+nach dem Palast.
+
+Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das
+Haupt, das er mir sorglich verhüllte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg
+und trocknete mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte,
+gelangten wir an die Thüre der Palasttreppe: er öffnete sie, schob mich
+sanft hinein: dann drückte er mir die Hand. »Gut sein,« sagte er, »und
+ruhig. Dein Glück wird dir schon kommen. Und Liebe genug.« Und er legte
+leise die Hand auf mein Haupt, schloß die Thüre hinter mir und stieg die
+Treppe hinab.
+
+Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Thür und konnte nicht fort. Mein
+Fuß versagte, mein Herz pochte.
+
+Da hört’ ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach:
+
+»Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schloß, mein Freund?« Er aber
+antwortete: »Du bist’s, Hildebrand? Du verrätst sie nicht! Es war das Kind
+Mataswintha: sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, und
+fürchtete den Zorn ihrer Mutter.« – »Mataswintha!« sprach der andre, »die
+wird täglich schöner.« Und mein Beschützer sprach« – und sie stockte und
+flammend Rot schoß über ihre Wangen ... –
+
+»Nun,« fragte Aspa, sie groß ansehend, »was sagte er?«
+
+Aber Mataswintha drückte Aspas Köpfchen nieder an ihre Brust. »Er sagte,«
+flüsterte sie – »er sagte: – die wird das schönste Weib auf Erden!«
+
+»Da hat er recht gesagt,« sprach die Kleine, »was brauchst du da rot zu
+werden? Ist’s doch so! Nun aber weiter! Was thatest du?«
+
+»Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Thränen der Trauer, der
+Wonne, der Liebe, alles durcheinander. In jener Nacht stieg eine Welt, ein
+Himmel in mir auf: er war mir gut, das fühlte ich, und er nannte mich
+schön. Ja, jetzt wußt’ ich es: ich war schön, und ich war selig darüber:
+ich wollte schön sein: für ihn! O wie glücklich war ich! seine Begegnung
+brachte Glanz in mein Dunkel, Segen in mein Leben. Ich wußte jetzt, man
+konnte mir gut sein, man konnte mich lieben! Sorglich pflegte ich des
+Leibes, den er gelobt. Die süße Macht in meinem Herzen breitete eine milde
+Wärme über mein ganzes Wesen: ich ward weicher und inniger: und selbst der
+Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich, seit ich nur
+sanfte Liebe ihrer Härte entgegengab: und täglich wurden alle Herzen
+gütiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle.
+
+Und all’ das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend
+erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe
+ich nur für ihn.« Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende
+Brust.
+
+»Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? gesprochen? Lebt deine
+Liebe von so karger Kost?«
+
+»Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am Todestage Theoderichs
+befehligte er die Palastwache, da sagte mir Athalarich seinen Namen: denn
+nie hätte ich gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, ach,
+mein Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: und wann er dort
+erscheinen mochte, war ich auf den Villen.«
+
+»So weißt du weiter gar nichts von ihm, von seinem Leben, von seiner
+Vergangenheit.«
+
+»Wie hätt’ ich forschen können! glühende Scham hätte mich verraten! Lieb’
+ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer
+Zukunft weiß ich.«
+
+»Von eurer Zukunft?« lächelte Aspa.
+
+»An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von König
+Theoderich fremde Kräuter und Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen ließ
+und vom Nil. Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafür, daß
+sie ihm als Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte: und war alles
+eingetroffen aufs Haar: sie braute Salben und mischte Tränke: »das
+Waldweib« nannte man sie laut: aber leise: »die Wala, das Zauberweib«. Und
+wir alle am Hof wußten – außer den Priestern, die hätten es gewehrt – daß
+jede Sommersonnenwende, wann sie kam, der König sich das Jahr vorhersagen
+ließ. Und kam sie von ihm heraus, so riefen sie, das wußte ich, meine
+Mutter und Theodahad und Gothelindis und fragten sie aus: und nie blieb
+noch aus, was sie verkündet.
+
+Da, in der nächsten Sonnenwende, faßte auch ich mir ein Herz, lauerte der
+Alten auf und lockte sie, wie ich sie allein fand, in mein Gemach und bot
+ihr Gold und lichte Steine, wenn sie mir weissagen wollte.
+
+Aber sie lachte und zog ein Fläschchen von Bernstein hervor und sprach:
+»Nicht um Gold! Aber um Blut! Um mächtig Blut von einem reinen
+Königskind.«
+
+Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem
+Bernstein. Dann sah sie forschend in meine beiden Hände und sang endlich
+tonlos: »Den du hältst im Herzen hoch, der giebt dir größten Glanz und
+größtes Glück, schafft dir allerschärfsten Schmerz, wird dein Gemahl, dein
+Gatte nicht.« Und damit war sie hinaus.«
+
+»Das ist wenig tröstlich: – soviel ich’s fasse.«
+
+»Du kennst der Alten Sprüche nicht: sie sind alle so dämmerdunkel: sie
+fügt jeder Verheißung eine Drohung bei, für alle Fälle: ich aber halte
+mich an das Helle, nicht an das Dunkle. Weissagung erfüllt sich, wie man
+sie faßt: ich weiß: er wird mein und bringt mir Glanz und Glück: den
+Schmerz daneben will ich tragen: Schmerz um ihn ist Wonne.«
+
+»Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und auf den Spruch der
+Hexe hin hast du ausgeschlagen all’ die Könige und Fürsten, vom Vandalen-
+und Westgoten-, Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst
+Germanus, den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? und harrst auf
+ihn?«
+
+»Und harr’ auf ihn! Aber nicht des Spruches allein wegen. In meinem Herzen
+lebt ein Vögelein, das singt mir alle Tage: »er wird dein, er muß dein
+werden.« Ich weiß es sternengewiß,« schloß sie, das Auge zum Himmel
+aufschlagend und in die frühere Träumerei versinkend.
+
+Rasche Schritte tönten von der Villa her. »Ah,« rief Aspa, »dein schmucker
+Freier! Armer Arahad, du verlierst deine Mühe!«
+
+»Ich will dem Spiel ein Ende machen heut’!« sprach Mataswintha, sich
+erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren Augen lag jetzt eine zornige
+Strenge, die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine
+seltsame Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit
+in dem Mädchen. Aspa staunte oft über das verhaltne Feuer in ihrer Herrin.
+»Du bist wie die Götterberge in meiner Heimat,« sagte sie: »Schnee auf dem
+Gipfel: Rosen um den Gürtel: aber im Innern versengendes Feuer: das oft
+über Schnee und Rosen strömt.«
+
+Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem
+schönen Weibe mit einem Erröten, das ihm wohl anstand. »Ich komme,« sagte
+er, »Königin ...« –
+
+Aber herb unterbrach sie ihn. »Hoffentlich, Graf von Asta, kommst du,
+endlich diesem schnöden Spiel von Gewalt und Lüge ein Ende zu machen.
+
+Nicht länger will ich’s tragen. Dein kecker Bruder überfällt mich
+plötzlich, die wehrlose, in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise, in
+meinen Gemächern, nennt mich in einem Atem seine Königin und seine
+Gefangene und hält mich wochenlang in unwürdiger Haft. Er bringt mir den
+Purpur und nimmt mir die Freiheit. Darauf kommst du und verfolgst mich mit
+deiner eiteln Werbung, die dich nie zum Ziele führt. Ich habe dich
+verschmäht in der Freiheit: glaubst du, gefangen, in deiner Zwanggewalt,
+wird dich, du Thor, das Kind der Amaler erhören? Du schwörst, du liebest
+mich? Wohlan, so achte mich. Ehre meinen Willen, laß mich frei. Oder
+zittre, wenn mein Befreier naht.« Und drohend trat sie auf den Bestürzten
+zu, der keine Worte finden konnte.
+
+Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntharis herbei, mit funkelnden Augen.
+
+»Auf, Arahad,« rief er, »komm zu Ende. Wir müssen fort, sogleich. Er naht,
+er dringt mit Macht heran.« – »Wer?« fragte Arahad hastig. – »Er sagt, er
+kommt sie zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernkönig, und unsre
+Vorposten geschlagen bei Castrum Sivium.«
+
+»Wer?« fragte jetzt Mataswintha eifrig.
+
+»Nun,« antwortete Guntharis zornig, »jetzt magst du’s erfahren: es ist
+doch nicht mehr zu bergen: Graf Witichis von Fäsulä.«
+
+»Witichis!« hauchte Mataswintha mit leuchtenden Augen und hochaufatmend.
+
+»Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht des Adels vergessend,
+zum König der Goten erhoben.«
+
+»Er! er mein König!« sprach Mataswintha wie im Traume.
+
+»Ich hätte dir’s gesagt, schon da ich dich als Königin begrüßte; aber in
+deinem Gemach stand seine Marmorbüste, bekränzt. Das war mir verdächtig.
+Später sah ich’s: es war ein Zufall: es ist ein Areskopf.«
+
+Mataswintha schwieg und suchte die glühende Röte zu verbergen, die ihr
+Antlitz überflog.
+
+»Nun,« rief Arahad, »was ist zu thun?«
+
+»Wir müssen fort. Wir müssen ihm zuvorkommen in Ravenna. Florentia, die
+Feste, hält ihn eine Weile auf: indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du
+Beilager gehalten in der Burg Theoderichs mit dessen Enkelin, ist alles
+Volk der Goten unser. Auf, Königin! Ich lasse deinen Wagen schirren: in
+einer Stunde gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen.« Und die
+Brüder eilten hinweg.
+
+Blitzenden Auges sah ihnen Mataswintha nach:
+
+»Ja, führt mich fort, gefangen und gebunden; wie der Adler aus der Höhe
+wird mein König auf euch niederstoßen und mich retten aus eurer Gewalt.
+Komm, Aspa, der Befreier naht.«
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+
+Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Rücken gewendet, so berief Papst
+Silverius – es war am Tage nach seinem Eide – die Spitzen der
+Priesterschaft, des Adels, der Beamten und der Bürgerschaft der Stadt in
+die Thermen des Caracalla zu einer Beratung über Heil und Gedeihen der
+Stadt des heiligen Petrus. Auch Cethegus war geladen und erschienen.
+
+Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die
+Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an
+Belisarius, den Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian, des einzig
+rechtmäßigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schlüssel der ewigen
+Stadt zu überreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und
+der Gläubigen gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen.
+
+Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen
+Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er
+lächelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu
+binden, so zu lösen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter
+deren Eindruck sie den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig
+durch: und der Papst selbst, Scävola, Albinus und Cethegus wurden als die
+Gesandten gewählt.
+
+Aber Cethegus widersprach: schweigend hatte er die Verhandlung mit
+angehört und sich der Abstimmung enthalten: jetzt stand er auf und sprach:
+»Ich bin gegen den Beschluß. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb
+apostolische Lösungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe
+nicht geschworen. Aber um der Stadt willen. Das heißt: uns ohne Not dem
+gerechten Zorn der Goten aussetzen, die wohl einmal wiederkommen können
+und dann solch offnen Abfall nicht mit apostolischer Lösung entschuldigen
+werden. Laßt uns gebeten oder gezwungen werden von Belisar: wer sich
+wegwirft, wird mit Füßen getreten.«
+
+Silverius und Scävola tauschten bedeutsame Blicke.
+
+»Solche Gesinnung,« sprach der Jurist, »wird dem Feldherrn des Kaisers
+gewiß sehr gefallen, kann aber an dem Beschluß nichts ändern. Du gehst
+also nicht mit uns zu Belisar?«
+
+Cethegus stand auf: »Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch,« sagte er
+und ging hinaus.
+
+Als die übrigen die Thermen verlassen, sprach der Papst zu Scävola: »Das
+giebt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die Übergabe erklärt!« –
+»Und er geht selbst in die Höhle des Löwen.« – »Er soll sie nicht mehr
+verlassen. Du hast doch die Anklageakte aufgesetzt?« – »Schon längst. Ich
+fürchtete, er werde die Gewalt in der Stadt an sich reißen: und er geht
+selbst zu Belisar! Er ist verloren, der Stolze.« – »Amen!« sagte
+Silverius. »Und so mag jeder untergehen, der in weltlichem Trachten dem
+heiligen Petrus widerstreitet. Übermorgen um die vierte Stunde machen wir
+uns auf.«
+
+Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht
+untergehen.
+
+Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen
+angeschirrt seiner wartete. »Gleich brechen wir auf,« rief er dem Sklaven
+zu, der auf dem vordersten Rosse saß, »ich hole nur mein Schwert.«
+
+Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. »Heut’
+kam der Tag,« rief ihm Lucius entgegen, »auf den du uns solang
+vertröstet!« – »Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser
+Geschick, unsre Treue?« fragte Marcus. – »Geduld!« sprach Cethegus mit
+erhobenem Zeigefinger und schritt in sein Gemach.
+
+Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken
+Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: »Ist das
+äußerste Eisenthor der Moles Hadriani fertig?« fragte er. – »Fertig,«
+sprach Lucius Licinius. – »Ist das Getreide aus Sicilien in dem Kapitol
+geborgen?« – »Geborgen.« – »Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am
+Kapitol vollendet, wie ich befahl?« – »Vollendet,« antwortete Marcus. –
+»Gut. Nehmt diese Rolle. Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt
+verlassen, und erfüllt jedes ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein
+Leben und das eure –: es gilt Rom! Die Stadt Cäsars wird eure Thaten
+sehen. Geht: auf Wiedersehen!«
+
+Und aus seinen Augen sprühte Feuer in die Herzen der jungen Römer. – »Du
+sollst zufrieden sein!« – »Du und Cäsar!« riefen sie und eilten hinweg.
+Mit einem Lächeln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit
+spielte, sprang Cethegus in seinen Wagen. »Heiliger Vater,« sagte er zu
+sich selbst, »ich bin noch in deiner Schuld für die letzte Versammlung in
+den Katakomben: ich will sie zahlen! – Die Via latina hinab!« rief er
+rasch dem Sklaven zu, »und laß die Rosse jagen, was sie können.«
+
+Der Präfekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer
+reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl.
+
+Er hatte in seinem unermüdlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars
+Landung in Italien, doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging
+jetzt mit all seiner Umsicht an die Ausführung.
+
+Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua
+traf, deren Führer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen
+jüngeren Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten ließ. Im Lager
+angekommen fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, sondern ließ sich
+sofort nach dem Zelt des Rechtsrats Prokopius von Cäsarea führen.
+
+Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule
+gewesen: und die beiden bedeutenden Geister hatten sich mächtig angezogen.
+Aber nicht die Wärme der Freundschaft führte den Präfekten vor allem zu
+diesem Mann: dieser Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer
+politischer Vergangenheit, wohl auch der Vertraute seiner Pläne für die
+Zukunft.
+
+Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius.
+
+Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den
+wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die gekünstelte Bildung in den
+Rhetorenschulen nicht die Fähigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu
+fühlen, unter den Schnörkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt hatte.
+Heller Verstand lag auf der offnen Stirn und in dem noch jugendlich
+leuchtenden Auge glänzte die Freude an allem Guten.
+
+Nachdem Cethegus Staub und Mühsal der Reise in einem sorgfältigen Bad
+abgespült, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt
+führte, mit ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der
+wichtigsten Truppenteile, der bedeutendsten Heerführer weisend und mit ein
+paar Worten deren Eigenart, Verdienste und oft bunt zusammengesetzte
+Vergangenheit erläuternd.
+
+Da waren die Söhne des rauhen Thrakiens, Constantinus und Bessas, die sich
+aus rohem Söldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne
+Bildung, mit dem ganzen Eigendünkel selbstgemachter Männer: – sie
+betrachteten sich als Belisars unentbehrliche Stützen und ihn
+vollersetzende Nachfolger.
+
+Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Königsgeschlecht der
+Iberier, der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Haß gegen die
+persischen Überwinder Vaterland und Hoffnung des Thrones aufgegeben und
+Dienste in des Kaisers Heer genommen hatte.
+
+Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene Führer der Reiterei,
+Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Führer des Fußvolks, Ennes, der
+isaurische Häuptling und Heerführer der Isaurier Belisars, Aigan und
+Askan, die Führer der Massageten, Alamundarus und König Abocharabus, die
+Saracenen, Ambazuch und Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und
+Artabanes, die Armenier – der Arsakide Phaza war mit dem Rest der Armenier
+in Neapolis zurückgelassen werden – Azarethas und Barasmanes, die Perser,
+Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle kannte und nannte Prokopius,
+karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen, aber geistvollen Tadel
+spendend.
+
+Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen
+Städteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cethegus, stehen bleibend: »Und
+wessen ist das Seidenzelt dort auf dem Hügel, mit den goldnen Sternen und
+dem Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?«
+
+»Dort,« sprach Prokop, »wohnt seine unüberwindliche Köstlichkeit, des
+römischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott
+erleuchte.«
+
+»Des Kaisers Neffe, nicht?«
+
+»Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein höchstes
+und einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns
+zu ärgern und dafür zu sorgen, daß wir nicht so leicht siegen. Er ist
+Belisarius gleichgestellt, versteht vom Krieg sowenig, wie Belisar von den
+Purpurschnecken, und soll Statthalter von Italien werden.«
+
+»So,« sprach Cethegus.
+
+»Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars
+haben. Wir gaben nicht nach. Zum Glück hat Gott in seiner Allweisheit
+jenen Hügel zur Lösung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier
+aufgeworfen: nun lagert der Prinz zwar links, aber höher als Belisarius.«
+– »Und wessen sind die bunten Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer
+wohnt darin?« – »Dort,« seufzte Prokop, »ein sehr unglückliches Weib:
+Antonina, Belisars Gemahlin.« – »Sie unglücklich? die Gefeierte, die
+zweite Kaiserin? warum?« – »Davon ist nicht gut reden in offner
+Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekühlt sein.«
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel.
+
+
+Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern
+Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cethegus lobte.
+
+»Das ist ein afrikanisches Beutestück aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es
+aus Karthago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des
+Perserkönigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara.«
+
+»Du bist mir ein praktischer Gelehrter!« lächelte Cethegus. »Wie bist du
+so anders geworden seit den Tagen von Athen.«
+
+»Das will ich hoffen!« sprach Prokop und zerschnitt selbst – er hatte die
+aufwartenden Sklaven entfernt – die dampfende Hirschkeule vor ihm. »Du
+mußt wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser
+werden. Drei Jahre hörte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker
+zu Athen, – und studirte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der
+Philosophie. Nach löblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts mußte auch
+die Theologie beigezogen werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darüber
+nachzudenken, ob Christus, als Gott Vater, zugleich seiner eignen
+jungfräulichen Mutter Vater, also sein eigner Großvater sei. Nun, über
+all’ diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht zu verachtender
+Verstand abhanden zu kommen.
+
+Zum Glück ward ich sterbenskrank und die Ärzte verboten mir Athen und alle
+Bücher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen
+Thukydides in meinen Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich.
+
+Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von
+der Hellenen Thaten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit
+Staunen, daß der Menschen Thun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre
+Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und denkwürdiger
+seien als alle Formeln und Figuren heidnischer Logik – von der
+christlichen Logik vollends zu schweigen!
+
+Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Straßen schlenderte, kam
+plötzlich über mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte über
+einen großen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und
+war erbaut auf den Trümmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand
+ein zerfallner Altar der Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden.
+
+Da ergriff mich plötzlich der Gedanke: »Die alle glaubten und glauben nun
+steif und fest, sie allein wüßten das Rechte von dem höchsten Wesen.
+
+Und das ist doch unmöglich: das höchste Wesen hat, wie es scheint, gar
+kein Bedürfnis, von uns erkannt zu werden – ich hätte es auch nicht, an
+seiner Statt! – und es hat die Menschen geschaffen, daß sie leben, tüchtig
+handeln und sich wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln,
+Genießen und Sichumtreiben ist eigentlich alles, worauf es ankömmt. Und
+wenn einer forschen und denken will, so soll er der Menschen Leben und
+Treiben erforschen.«
+
+Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glänzender
+Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem
+Rotscheck, schön und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten
+und die Fahnen flogen und die Rößlein sprangen. Und ich dachte mir: »Die
+wissen, warum sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen.«
+
+Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein
+Bürger von Ephesos auf die Schulter und sprach: »Ihr scheint nicht zu
+wissen, wer das war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius,
+der zieht in den Perserkrieg.« – »Gut,« sagte ich, »Freund! Und ich ziehe
+mit!« Und so geschah’s zur selben Stunde.
+
+Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und
+Geheimschreiber. Und seither habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage
+mach’ ich Weltgeschichte oder helfe sie machen: und bei Nacht schreibe ich
+Weltgeschichte.« – »Und welches ist deine bessere Arbeit?« – »Freund,
+leider das Schreiben! Und das Schreiben wäre noch besser, wenn die
+Geschichte besser wäre. Denn ich bin meistens gar nicht einverstanden mit
+dem was wir thun: und thu’s nur mit, weil’s doch besser ist, als gar
+nichts thun oder philosophieren. Bringe den Tacitus, Sklave!« rief er zur
+Zeltthür hinaus.
+
+»Den Tacitus?«
+
+»Ja Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du mußt wissen:
+ich nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. – Zum
+Beispiel dieses lärmende Stück Weltgeschichte, das wir hier aufführen,
+dieser Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht,
+erst sollten wir die Perser abwehren, eh wir die Goten angreifen.«
+
+»Narses! was treibt mein kluger Freund?«
+
+»Er beneidet Belisar und läßt sich’s selbst nicht merken. Außerdem macht
+er Kriegs- und Schlachtenpläne. Ich wette, er hatte Italien schon erobert
+ehe wir landeten.«
+
+»Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du
+Belisar vor?«
+
+»Das will ich dir sagen,« sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. »Mein
+Unglück ist, daß ich nicht Geschichtschreiber Alexanders oder Scipios
+geworden. Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie – und
+Theologie! – genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit
+Fleisch und Blut. Da widern mich diese spindeldürren Kaiser und Bischöfe
+und Feldherrn an, die alles mit dem Verstand erklügeln; wir sind ein
+verkrüppeltes Geschlecht geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur
+Belisarius, der Biedre, ist noch ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er
+könnte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er ist nicht dumm; er hat Verstand;
+aber nur den Naturverstand des edeln, wilden Tieres zu seinem Beutefang,
+zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft!
+
+Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden
+Augen und den mächtigen Schenkeln, mit denen er die stärksten Hengste
+zwingt. Und mich freut’s, wenn ihm manchmal die blinde Lust,
+dreinzuschlagen, durch alle seine Feldherrnpläne braust. Mich freut’s,
+wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die Feinde jagen sehe und
+kämpfen, wie ein schäumender Eber haut.
+
+Freilich, sagen darf ich’s ihm nicht, daß mir das gefällt; denn sonst
+wär’s nicht auszuhalten: in drei Tagen wär’ er in Stücke gehauen. Im
+Gegenteil; ich halte ihn zurück: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt.
+Und er läßt sich meine Verständigkeit gefallen, weil er weiß, daß sie
+nicht Feigheit ist. Hab’ ich ihn doch mehr als einmal mit meiner
+Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen müssen, in die ihn der Trotz
+seines Heldentums gebracht! Die lustigste dieser Geschichten ist die von
+Horn und Tuba.«
+
+»Welche von beiden bläsest du, o mein Prokopius?«
+
+»Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!«
+
+»Aber was war’s mit Horn und Trompete?«
+
+»Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben mußten, weil
+es die Straße beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsere
+heroischen Köpfe übel daran zerstoßen: und mein zorniger Herr schwor »bei
+dem Schlummer Justinians« –, das ist nämlich sein höchstes Heiligtum – er
+werde nie vor dieser Burg Anglon zum Rückzug blasen lassen. Nun wurden
+aber unsre Vorposten sehr oft aus der Festung überfallen: wir, im
+hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer aus der Burg brechen sehen,
+nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fuße des Berges. Ich riet nun,
+daß wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum Rückzug geben lassen
+sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen.
+
+Aber da kam ich übel an!
+
+Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, daß man an einem
+darauf geleisteten Schwur nicht makeln dürfe! Und so mußten sich denn
+unsre armen Burschen von den Persern unversehens überrumpeln lassen! Bis
+ich auf den scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er
+solle, um die Unsern zum Rückzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem
+Horn, statt mit der Tuba, blasen lassen.
+
+Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius.
+
+Und wenn wir nun lustig die Hörner zum Angriff schmettern ließen, liefen
+unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Todlachen,
+jene mutigen Klänge so schnöde wirken zu sehen! Aber es half: Justinians
+Schlummer und Belisars Eid blieben ungeschwächt, unsre Vorposten wurden
+nicht mehr abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich. Also schelt’ ich
+ihn immer spottend aus für seine Heroenthaten. Aber im stillen erwärme und
+erfreue ich mein tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!«
+
+»Nun,« meinte Cethegus, »bei den Goten findest du gar manchen solchen
+Schlagetot.«
+
+Prokop nickte bedächtig: »Kann auch nicht leugnen, daß ich großes
+Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm.«
+
+»Wie? Warum?«
+
+»Dumm sind sie, daß sie, anstatt hübsch langsam, Schritt für Schritt, im
+Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Brüdern, sich gegen uns vorzuschieben
+– sie wären unaufhaltsam! – in dieses Italien sich ohne allen Verstand
+vereinzelt hereingedrängt haben, wie ein Stück Holz mitten in einen
+glimmenden Herd. Daran werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du
+wirst es sehen.« – »Ich hoffe, es zu sehen. Und was dann?« fragte Cethegus
+ruhig.
+
+»Ja,« antwortete Prokop verdrießlich, »was dann! Das ist das Ärgerliche!
+Dann wird Belisar Statthalter von Italien – denn mit dem Schneckenprinzen
+dauert es kein Jahr – und er verliegt hier seine schönste Kraft, während
+es Arbeit vollauf gäbe bei den Persern. Und ich werde dann als sein
+Hofhistoriograph nur zu schreiben haben, wie viele Schläuche Wein wir
+jährlich vertilgen.«
+
+»Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben
+aus Italien?«
+
+»Freilich! Im Perserland blühn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne
+schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen.«
+
+Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen für
+seinen Plan gefunden zu haben. »Und so beherrscht also sein Verstand
+Prokopius den Löwen Belisar,« sagte er laut. – »Nein!« seufzte Prokop,
+»vielmehr sein Unverstand, sein Weib.« – »Antonina! Sage, weshalb nanntest
+du sie unglücklich.«
+
+»Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven,
+treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner
+Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schöne
+Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur
+Tugend. Die Cirkusdirne hat gewiß noch nie einen Stachel des Gewissens
+empfunden. Aber ich glaube, sie erträgt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer
+nächsten Nähe zu haben, das sie verachten müßte. Sie ruhte nicht, bis es
+ihr gelungen, durch ihr höllisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu
+wecken. Gewissensqual empfindet diese über ihr Spiel mit ihren Verehrern:
+denn sie liebt ihren Mann, sie betet ihn an.«
+
+»Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht genügen?« –
+
+»Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner
+Liebe. Sie konnt’ es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen,
+Blumen, Geschenken sich erschöpfen zu sehen und selbst solcher Huldigung
+zu entbehren. Eitelkeit ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht
+wohl bei all dem Getändel.«
+
+»Und ahnt Belisar?« –
+
+»Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen römischen Kaiserreich, der
+es nicht weiß, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es wäre sein Tod.
+Und auch deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter von
+Italien werden. Im Lager, im Getümmel des Krieges, da fehlen dem
+gefallsüchtigen Weib die Schmeichler und auch die Muße, sie zu hören.
+Denn, gleichsam zur freiwilligen Buße für jene süßen Verbrechen der
+heimlichen Gedichte und Blumen – gröberer Schuld ist sie gewiß nicht fähig
+– überbietet Antonina alle Frauen an Pflichtstrenge; sie ist Belisars
+Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die Beschwerden und Gefahren des
+Meeres, der Wüste, des Krieges mit ihm: sie arbeitet mit ihm Tag und
+Nacht, wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre schönen Augen liest! –
+Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner Feinde am Hofe zu
+Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager thut sie gut, da wo auch seine Größe
+allein gedeiht.«
+
+»Nun,« sprach Cethegus, »weiß ich genug, wie die Dinge hier stehen. Laß
+mich offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien
+wieder fort haben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du
+weißt, ich war von jeher Republikaner ....« – – –
+
+Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an:
+»Das sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren.
+Aber daß du’s noch bist – find’ ich – sehr – sehr – unhistorisch. Aus
+diesem italischen Gesindel, unsern höchst liebwerten Bundesgenossen gegen
+die Goten, willst du Bürger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr
+gut als zur Tyrannis!«
+
+»Ich will darüber nicht streiten!« lächelte Cethegus. »Aber vor _eurer_
+Tyrannis möcht ich mein Vaterland bewahren.«
+
+»Kann dir’s nicht verdenken!« lächelte Prokop, »die Segnungen unsrer
+Herrschaft sind – erdrückend!«
+
+»Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von Byzanz genügt zunächst.«
+
+»Jawohl, und dieser würde Cethegus heißen!«
+
+»Wenn’s sein muß, – auch das!«
+
+»Höre,« sprach Prokop ernsthaft, »ich warne dich dabei nur vor einem. Die
+Luft von Rom heckt stolze Pläne aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht
+gern der zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts
+mehr mit der Weltherrschaft Roms.«
+
+Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung König Theoderichs.
+»Historikus von Byzanz, meine römischen Dinge kenne ich besser als du. Laß
+dich jetzt einweihen in unsre römischen Geheimnisse; dann verschaffe mir
+morgen früh, eh’ die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein Gespräch mit
+Belisar und – sei eines großen Erfolges gewiß.« Und nun begann er dem
+staunenden Prokop mit raschen Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der
+jüngsten Vergangenheit und seine Pläne der Zukunft zu entwerfen, sein
+letztes Ziel wohlweislich verhüllend.
+
+»Bei den Manen des Romulus!« rief Prokop, als er geendet hatte. »Ihr macht
+noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe
+hast du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf laß
+uns noch einen Krug herben Sallustius leeren!«
+
+Früh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit
+Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurückkam.
+
+»Nun, hast du ihm alles gesagt?« fragte der Historiker.
+
+»Nicht eben alles!« sprach Cethegus mit feinem Lächeln: »man muß immer
+noch etwas zu sagen übrig behalten.«
+
+
+
+
+ Zwölftes Kapitel.
+
+
+Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfüllt.
+
+Das Gerücht von der Ankunft des heiligen Vaters, das seiner reich
+vergoldeten Sänfte voranflog, riß die Tausende von Soldaten mit Kräften
+der Andacht, der Ehrfurcht, des Aberglaubens, der Neugier aus ihren
+Zelten, von Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. Kaum, daß
+die Anführer die Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurückhalten
+konnten; meilenweit waren ihm die Gläubigen entgegengeeilt und geleiteten
+jetzt, mit Haufen des Landvolks der Umgegend gemischt, seinen Zug ins
+Lager. Längst hatten sich Bauern und Soldaten an der Eselinnen Statt, die
+seine Sänfte trugen, eingespannt: – vergebens hatte sich die
+Bescheidenheit des Papstes dagegen gesträubt – und unter unaufhörlichem
+Jubelruf: »Heil dem Bischof von Rom, Heil dem heiligen Petrus!« wälzte
+sich der Strom der Tausende heran, über die Silverius unermüdlich Segen
+sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scävola und Albinus, dachte kein
+Mensch.
+
+Belisar sah von seinem Zelthügel aus mit ernsten Augen das mächtige
+Schauspiel. »Der Präfekt hat Recht!« sprach er dann: »dieser Priester ist
+gefährlicher als die Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, laß die
+byzantinische Leibwache an meinem Zelt ablösen, sowie die Unterredung
+beginnt: sie sind allzugute Christen. Laß die Hunnen aufziehn und die
+heidnischen Gepiden.«
+
+Damit schritt er in sein Zelt zurück, wo er alsbald, von seinen
+Heerführern umgeben, die römische Gesandtschaft empfing. Den Prinzen
+Areobindos hatte Prokop von der Notwendigkeit einer Rekognoscierung
+überzeugt, die nur heute und nur von ihm vorgenommen werden konnte.
+
+Umwogt von einem glänzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem
+Feldherrnzelt. Große Massen Volkes drängten nach, aber sowie der Papst mit
+Scävola und Albinus die Mündung der engen Lagergasse hinter sich hatten,
+sperrten die Wachen mit gefällten Lanzen den Weg und ließen weder Priester
+noch Soldaten folgen.
+
+Lächelnd wandte sich Silverius zu dem Führer der Schar und hielt ihm eine
+schöne Rede über den Text: »lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret
+ihnen nicht.« Aber der Germane schüttelte den zottigen Kopf und wandte ihm
+den Rücken: der Gepide verstand kein Latein, außer dem Kommando.
+
+Da lächelte Silverius wieder, segnete nochmals seine Getreuen und schritt
+dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar saß auf einem Feldsessel: darüber
+war eine Löwenhaut gebreitet: ihm zur Linken thronte die schöne Antonina
+auf einem Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des
+heiligen Petrus einen Arzt und Helfer zu finden gehofft. Aber bei dem
+Anblick der weltklugen Züge des Silverius zog sich ihr Herz zusammen.
+
+Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes.
+
+Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu und legte ihm – er
+mußte sich mühsam dazu aufrichten – wie segnend beide Hände auf die
+Schultern. Er wollte ihn leise niederdrücken auf die Kniee: – aber
+eichenfest blieb der Feldherr aufrecht stehen: und Silverius mußte dem
+Stehenden den Segen erteilen.
+
+»Ihr kommt als Gesandte der Römer?« begann Belisar.
+
+»Ich komme,« unterbrach Silverius, »im Namen des heiligen Petrus, als
+Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu übergeben.
+Diese guten Leute,« fuhr er fort, auf Scävola und Albinus weisend, »haben
+sich mir angeschlossen wie die Glieder dem Haupt.« Unwillig wollte Scävola
+einfallen, – so hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden! –
+aber Belisar winkte ihm, zu schweigen.
+
+»Und so heiße ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn.
+Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der
+Gläubigen wider die Ketzer! Erhöhe dort den Namen des Herrn und das Kreuz
+Jesu Christi und vergiß nie, daß es die heilige Kirche war, die dir die
+Wege gebahnt und die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum
+Werkzeug gewählt, die Goten in thörichte Sicherheit zu wiegen und blinden
+Auges aus der Stadt zu führen: ich bin es gewesen, der die schwankende
+Stadt, die Bürger für dich gewonnen und die Anschläge deiner Feinde
+vernichtet hat. Der heilige Petrus ist es, der dir mit meiner Hand die
+Schlüssel seiner Stadt überreicht, auf daß du sie ihm beschirmest und
+beschützest. Vergiß niemals dieser Worte.« Und er reichte ihm die
+Schlüssel des asinarischen Thores.
+
+»Ich werde sie nie vergessen!« sprach Belisar und winkte Prokop, der den
+Schlüssel aus der Hand des Papstes nahm. »Du sprachst von Anschlägen
+meiner Feinde. Hat der Kaiser Feinde in Rom?«
+
+Da sprach Silverius mit Seufzen: »Laß ab, Feldherr, zu fragen.
+
+Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschädlich und der Kirche steht nicht
+an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu
+kehren.«
+
+»Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtgläubigen Kaiser die
+Verräter zu entdecken, die unter seinen römischen Unterthanen sich bergen
+und ich fordre dich auf, seinen Feind zu entlarven.«
+
+Silverius seufzte: »die Kirche dürstet nicht nach Blut.« – »Aber sie darf
+den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen,« sprach Scävola. Und
+der Jurist trat vor und überreichte Belisar eine Papyrusrolle. »Ich hebe
+Klage gegen Cornelius Cethegus Cäsarius, den Präfekten von Rom, wegen
+Majestätsbeleidigung und Empörung gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift
+enthält die Klagepunkte und die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung eine
+Tyrannei gescholten. Er hat sich der Landung kaiserlicher Heere nach
+Kräften widersetzt. Er hat endlich noch vor wenig Tagen, er allein, dafür
+gestimmt, die Thore Roms dir nicht zu öffnen.«
+
+»Und welche Strafe beantragt ihr?« fragte Belisar, in die Schrift
+blickend.
+
+»Nach dem Gesetz den Tod,« sprach Scävola. – »Und seine Güter verfallen
+nach dem Gesetz,« sprach Albinus, »halb dem Fiskus, halb den Klägern.« –
+»Und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes,« schloß der Bischof von Rom.
+
+»Wo ist der Angeklagte?« fragte Belisar.
+
+»Er verhieß, dich aufzusuchen; aber ich fürchte, sein böses Gewissen wird
+ihn nicht haben kommen lassen.«
+
+»Du irrst, Bischof von Rom,« sprach Belisar, »er ist schon hier.«
+
+Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den
+erstaunten Anklägern stand Cethegus der Präfekt. Überrascht fuhren die
+Ankläger auf; schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cethegus einige
+Schritte vor, bis er zur Rechten Belisars stand.
+
+»Cethegus hat mich früher aufgesucht als du,« fuhr der Feldherr nach einer
+Pause fort: »und er ist dir zuvorgekommen – auch im Anklagen. Du stehst
+als schwer Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du
+verklagst.«
+
+»Ich als Beschuldigter?« lächelte der Papst. »Wo wäre ein Kläger oder ein
+Richter für den Nachfolger des heiligen Petrus?«
+
+»Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers Statt.«
+
+»Und der Kläger?« fragte Silverius.
+
+Cethegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: »Der Kläger bin ich!
+Ich habe Silverius, den Bischof von Rom, des Verbrechens der verletzten
+Majestät des Kaisers und des Hochverrats am römischen Reich geziehen. Ich
+beweise sofort meine Klage. Silverius hat die Absicht, die Herrschaft der
+Stadt Rom und einen großen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreißen
+und – lächerlich zu sagen! – ein Priesterreich zu gründen in dem
+Vaterlande der Cäsaren. Und schon hat er den nächsten Versuch gethan zur
+Ausführung dieses – soll ich sagen: seines Wahnsinns oder seines
+Verbrechens? Hier überreiche ich einen Vertrag, – hier steht die
+Unterschrift seiner Hand – den er mit Theodahad, dem letzten Fürsten der
+Barbaren, geschlossen. Der König verkauft darin für ewige Zeiten für die
+Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger,
+für den Fall, daß Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der
+Stadt und das Weichbild von Rom und dreißig Meilen in der Runde. Es sind
+aufgezählt alle Hoheitsrechte: Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung,
+Steuern, Zölle und selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem
+Datum drei Monate alt. Also im selben Augenblick, da der fromme
+Archidiakon, hinter Theodahads Rücken, die Waffen des Kaisers herbeirief,
+schloß er, hinter des Kaisers Rücken, einen Vertrag, der diesem die
+Früchte seiner Anstrengung rauben und den Papst für alle Fälle sichern
+sollte. Ich überlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, wie solche
+Klugheit zu würdigen sei. Für die Erwählten des Herrn gilt als besondre
+Klugheit der Schlangen Moral: – unter uns Laien ist solches Thun ...« –
+
+»Der schändlichste Verrat!« fiel Belisar donnernd ein, sprang auf und nahm
+die Urkunde aus des Präfekten Hand. – »Hier sieh, Priester, deinen Namen:
+kannst du noch leugnen?«
+
+Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein
+gewaltiger. Staunen und Unwillen, gemischt mit Spannung auf des Papstes
+Verteidigung, lag auf den Zügen aller Gesichter; am meisten aber war
+Scävola, der kurzsichtige Republikaner, überrascht von diesen
+Herrscherplänen seines gefährlichen Verbündeten. Er hoffte, Silverius
+werde die Verleumdung siegreich niederschlagen.
+
+Die Lage des Papstes war in der That höchst gefährlich, die Anklage schien
+unwiderleglich und das zornlohende Antlitz Belisars hätte manch’ tapfres
+Herz erschreckt. Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick, daß er kein
+unebenbürtiger Gegner des Präfekten und des Helden von Byzanz war. Nicht
+eine Sekunde hatte er die Fassung verloren: nur als Cethegus die Urkunde
+aus dem Gewand hervorzog, hatte er einen Moment die Augen
+niedergeschlagen, wie aus Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den
+blitzenden Augen Belisars hielt er ein unerschütterlich ruhiges Angesicht
+entgegen. Er fühlte, daß er in dieser Stunde den Gedanken seines Lebens
+verfechten mußte: dies gab ihm kühne Kraft, keine Wimper zuckte ihm.
+
+»Wie lange wirst du noch schweigen?« fuhr ihn Belisar an.
+
+»Bis du fähig und würdig bist, mich zu hören. Du bist besessen von
+Urchitophel, dem Dämon des Zornes.«
+
+»Sprich! Verteidige dich!« sagte Belisar, sich setzend.
+
+»Die Klage dieses gottlosen Mannes,« hob Silverius an, »bringt nur ein
+Recht der heiligen Kirche noch früher ans Licht, als sie es in dieser
+unruhigen Zeit geltend machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag
+mit dem Barbarenkönig geschlossen.«
+
+Eine Bewegung der Entrüstung ging durch die Reihen der Byzantiner.
+
+»Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues Recht zu erwerben,
+habe ich mit dem König der Goten, als dem damaligen Besitzer der Stadt,
+verhandelt. Nein! die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht,
+ein uraltes Recht des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen.«
+
+»Ein uraltes Recht?« fragte Belisar unwillig.
+
+»Ein uraltes Recht!« wiederholte Silverius, »das geltend zu machen die
+Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre Feinde nötigen sie, in diesem
+Augenblick damit hervorzutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers,
+höret es, ihr Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die Kirche
+von Theodahad hat einräumen lassen, ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr
+Eigentum: der Gote hat es nur bestätigt.
+
+An demselben Ort, wo des Präfekten tempelschänderische Hand diese
+Bestätigung entwendet, hätte er auch die Urkunde finden können, die
+ursprünglich unser Recht begründet hat. Der fromme Kaiser Constantinus,
+der sich zuerst von den Vorgängern Justinians der Lehre des Heils
+zugewandt, hat auf Bitten seiner gottseligen Mutter Helena, nachdem er
+alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der Heiligen, besonders des
+heiligen Petrus, unter seine Füße getreten, zur dankbaren Anerkenntnis
+solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen, daß Krone und
+Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit
+ihrem Weichbild und die benachbarten Städte und Marken durch eine
+feierliche Schenkungsurkunde für ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen
+übertragen, mit Gericht und Verwaltung, Steuer und Zoll und allen
+Kronrechten irdischer Herrschaft, auf daß die Kirche auch einen weltlichen
+Boden habe zur leichteren Vollführung ihrer weltlichen Aufgaben. Diese
+Schenkung ist durch eine rechtsgültige Urkunde in aller Form verbrieft:
+der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet. Und ich
+frage, im Namen des dreieinigen Gottes, den Kaiser Justinian, ob er diese
+Rechtshandlung seines Vorgängers, des in Gott seligen Kaisers
+Constantinus, anerkennen oder ob er sie, aus weltlicher Habgier, umstoßen
+und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt
+laden will?«
+
+Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft geistlicher Würde und
+aller Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen, war von unwiderstehlicher
+Wirkung. Belisar, Prokop und die Feldherren, die eben noch über den
+verräterischen Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, fühlten
+sich jetzt durch den plötzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst
+wie verurteilt.
+
+Der Kern Italiens schien unwiederbringlich dem Kaiser verloren und der
+Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein banges Schweigen lagerte über den
+jüngst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester
+als Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der die Aufgabe der
+Bekämpfung oder die Schmach der Niederlage von sich abwälzen wollte:
+»Präfekt von Rom, was hast du zu erwidern?«
+
+Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen
+verneigte sich Cethegus und begann: »Der Angeklagte beruft sich auf eine
+Urkunde.
+
+Ich könnte, glaub’ ich, ihn in große Verlegenheit versetzen, wenn ich ihr
+Vorhandensein bestritte, und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm
+verlangte. Indessen will ich dem Manne, der sich das Haupt der
+Christenheit nennt, nicht wie ein gehässiger Anwalt begegnen. Ich räume
+ein, die Urkunde existiert.«
+
+Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses.
+
+»Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Mühe der Vorlage derselben,
+die ihm sonst sehr schwer fallen dürfte, erspart und die Urkunde selbst
+mitgebracht in meiner tempelschänderischen Hand.« Er zog ein vergilbtes
+Pergament aus dem Sinus und sah lächelnd bald in dessen Zeilen, bald auf
+des Papstes, bald auf Belisars Gesicht, an deren Spannung sich weidend.
+
+»Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig
+forschenden Augen, mit Zuziehung noch schärferer Juristen, als ich es
+leider nur bin, – so meines jungen Freundes Salvius Julianus, – bis auf
+jeden Buchstaben nach ihrer formellen Gültigkeit geprüft. Vergebens. –
+Selbst der Scharfsinn meines verehrten und gelehrten Freundes Scävola
+könnte keinen Mangel herausinterpretieren. Alle Formen des Rechts, alle
+Klauseln höchster unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte
+haarscharf gewahrt; und in der That: ich hätte den Protonotarius des
+Kaisers Constantin kennen mögen, er muß ein Jurist ersten Ranges gewesen
+sein.« Er hielt inne: – höhnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des
+Silverius, der sich den Schweiß von den Schläfen wischte.
+
+»Also,« fragte Belisar in höchster Aufregung: »die Urkunde ist formell
+ganz richtig – daher beweiskräftig?«
+
+»Jawohl!« seufzte Cethegus, »die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung.
+Schade nur, daß ... –«
+
+»Nun?« unterbrach Belisar.
+
+»Schade nur, daß sie falsch ist.«
+
+Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina sprangen auf, alle
+Anwesenden traten einen Schritt näher zu dem Präfekten. Nur Silverius
+wankte einen Schritt zurück.
+
+»Falsch?« fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein Jubel klang. »Präfekt,
+– Freund, – kannst du das beweisen?«
+
+»Sonst hätte ich mich gehütet es zu behaupten. Das Pergament, auf das die
+Schenkung geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brüche,
+Wurmstiche, Flecken jeder Art, – alles, was man von Ehrwürdigkeit
+verlangen kann, – so daß es manchmal sogar schwierig ist, die Buchstaben
+zu erkennen. Gleichwohl stellt sich die Urkunde nur so alt; mit so großem
+Aufwand von Kunst, als manche Frauen sich den Schein der Jugend geben,
+lügt sie die Heiligkeit des Alters. Es ist echtes Pergament aus der alten,
+von Constantin begründeten, noch heute bestehenden kaiserlichen
+Pergamentfabrik zu Byzanz.«
+
+»Zur Sache,« rief Belisar.
+
+»Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, – und es scheint auch leider dem
+heiligen Bischof entgangen zu sein! – daß bei diesen Pergamenten ganz
+unten – links, am Rande – durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch
+Angabe der Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben
+bezeichnet wird. Nun gieb wohl acht, o Feldherr!
+
+Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten
+Jahre von Constantins Regierung, im gleichen Jahre, da er die Heidentempel
+schließen ließ, wie das fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der
+Erhebung von Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig die
+richtigen Konsuln dieses Jahres, Dalmatius und Xenophilos.
+
+Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklären, – aber hier hat
+Gott der Herr ein Wunder _gegen_ seine Kirche gethan! – daß man in jenem
+Jahre, also im Jahre dreihundertfünfunddreißig nach der Geburt des Herrn,
+schon ganz genau wußte, wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und
+des Königs Theoderich Konsul sein würde; denn seht, hier unten am Rande
+der Stempel besagt: der Schreiber hatte ihn nicht beachtet – er ist auch
+wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das
+Licht hält – so etwa, siehst du, Belisar? – und er hatte blindlings drei
+Kreuze darauf gemalt; ich aber habe diese Kreuze mit meiner – wie hieß es
+doch? – »tempelschänderischen«, aber geschickten Hand weggewischt und
+siehe, da steht eingestempelt:
+
+»VI. Indiktion: Justinianus Augustus, allein Konsul im ersten Jahre seiner
+Herrschaft.«
+
+Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den man für ihn bereit
+gestellt.
+
+»Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers
+Konstantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also
+erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden.
+Gesteh, o Feldherr, daß hier das Gebiet des Begreiflichen endet, und des
+Übernatürlichen beginnt, daß hier ein Wunder der Heiligen geschah und
+verehre das Walten des Himmels.« Er reichte Belisar die Urkunde.
+
+»Das ist auch ein tüchtig Stück Weltgeschichte, heilige und profane, was
+wir da erleben!« sagte Prokop zu sich selbst.
+
+»Es ist so, beim Schlummer Justinians!« frohlockte Belisar. »Bischof von
+Rom, was hast du zu erwidern?«
+
+Mühsam hatte sich Silverius gefaßt; er sah den Bau seines Lebens vor
+seinen Augen in die Erde versinken. Mit halb versagender Stimme antwortete
+er:
+
+»Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden. Ist dem so,
+wie ihr sagt, so bin ich getäuscht, wie ihr.«
+
+»Wir sind aber nicht getäuscht,« lächelte Cethegus.
+
+»Ich wußte nichts von jenem Stempel, ich schwöre es bei den Wunden
+Christi.« – »Das glaub ich dir ohne Schwur, heiliger Vater,« fiel Cethegus
+ein. – »Du wirst einsehn, Priester,« sprach Belisar, sich erhebend, »daß
+über diese Sache die strengste Untersuchung ...« –
+
+»Ich verlange sie,« sprach Silverius, »als mein Recht.«
+
+»Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich darf es wagen, hier zu
+richten: nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden.
+Vulkaris, mein getreuer Heruler, dir übergeb ich die Person des Bischofs.
+Du wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz führen.«
+
+»Ich lege Verwahrung ein,« sprach Silverius. »Über mich kann niemand
+richten auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtgläubigen Kirche. Ich
+verlange, nach Rom zurückzukehren.«
+
+»Rom siehst du niemals wieder! Und über deine Rechtsverwahrung wird der
+Kaiser Justinian, der Kaiser des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber
+auch deine Genossen, Scävola und Albinus, die falschen Mitankläger des
+Präfekten, der sich als des Kaisers treusten, klügsten Freund erwiesen,
+sind hoch verdächtig. Justinian entscheide, wie weit sie unschuldig. Auch
+sie führt in Ketten nach Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hinterthür
+des Zeltes, nicht durchs Lager. Vulkaris, dieser Priester aber ist des
+Kaisers gefährlichster Feind. Du bürgst für ihn mit deinem Kopf.«
+
+»Ich bürge,« sprach der riesige Heruler, vortretend und die gepanzerte
+Hand auf des Bischofs Schulter legend. »Fort mit dir, Priester! zu Schiff.
+Er stirbt, eh’ er mir entrissen wird.«
+
+Silverius sah ein, daß weiteres Widerstreben nur seine Würde gefährdende
+Gewalt hervorrufen werde. Er fügte sich und schritt neben dem Germanen,
+der die Hand nicht von seiner Schulter löste, nach der Thür im Hintergrund
+des Zeltes, die eine der Wachen aufthat.
+
+Er mußte hart an Cethegus vorbei. Er beugte das Haupt und sah ihn nicht
+an: aber er hörte, wie dieser ihm zuflüsterte: »Silverius, diese Stunde
+vergilt deinen Sieg in den Katakomben. Nun sind wir wett!«
+
+
+
+
+ Dreizehntes Kapitel.
+
+
+Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar lebhaft von
+seinem Sitze, eilte auf den Präfekten zu, umarmte und küßte ihn: »Nimm
+meinen Dank, Cethegus Cäsarius! Ich werde dem Kaiser berichten, daß du ihm
+heute Rom gerettet hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben.«
+
+Aber Cethegus lächelte: »Meine Thaten belohnen sich selbst.«
+
+Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde, der rasche
+Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des
+Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschöpft. Er verlangte nach
+Erholung und Labung und entließ seine Heerführer, von denen keiner ohne
+ein Wort der Anerkennung an den Präfekten das Zelt verließ. Dieser sah
+seine Überlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; es that ihm
+wohl, in einer Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen
+Byzantiner gedemütigt zu haben. Aber er wiegte sich nicht müßig in dieser
+Siegesfreude. Dieser Geist kannte die Gefährlichkeit des Schlafes auf
+Lorbeer: Lorbeer betäubt.
+
+Er beschloß, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige Übergewalt, die er
+in diesem Augenblick über den Helden von Byzanz unverkennbar besaß, jetzt,
+unter ihrem ersten frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den
+lang vorbereiteten Hauptstreich zu führen. Während er mit solchen Gedanken
+dem Zug der Heerführer nachsah, die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte
+er nicht, daß zwei Augen mit eigentümlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Es
+waren Antoninas Augen. Die Vorgänge, deren Zeugin sie gewesen, hatten
+einen seltsam gemischten Eindruck auf sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie
+den Abgott ihrer Bewunderung, ihren Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu
+helfen und zu wehren, in den Schlingen eines andern, des klugen Priesters,
+liegen und nur durch die überlegne Kraft dieses dämonischen Römers
+gerettet gesehen. Anfangs hatte ihr in dem Gatten verletzter Stolz diese
+Demütigung mit schmerzlichem Haß gegen den Übermächtigen empfunden.
+
+Aber dieser Haß hielt nicht vor und unwillkürlich trat, wie immer
+gewaltiger sich die Macht seiner Überlegenheit entfaltete, Bewunderung an
+des Verdrusses Stelle und erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch
+das Eine: ihren Belisar hatte die Kirche und Cethegus hatte ihren Belisar
+und die Kirche verdunkelt. Und daran knüpfte sich unzertrennlich der
+ängstliche Wunsch, diesen Mann nie zum Feind, immer zum Verbündeten ihres
+Gatten zu haben. Kurz, Cethegus hatte an dem Weibe Belisars eine geistige
+Eroberung von größter Wichtigkeit gemacht: und er sollte es, noch dazu,
+sofort merken.
+
+Mit gesenkten Augen trat das schöne, sonst so sichre Weib auf ihn zu; er
+sah auf: da errötete sie über und über und reichte ihm eine zitternde
+Hand. »Präfekt von Rom,« sagte sie, »Antonina dankt dir. Du hast dir ein
+großes Verdienst erworben um Belisarius und den Kaiser. Wir wollen gute
+Freundschaft halten.«
+
+Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurückgeblieben, diesen Vorgang: »Mein
+Odysseus überzaubert die Zauberin Circe,« dachte er.
+
+Cethegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese Seele vor ihm beugte
+und welche Gewalt er dadurch über Belisar gewonnen. »Schöne Magistra
+Militum,« sagte er, sich hoch aufrichtend, »deine Freundschaft ist der
+reichste Lorbeer meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die Probe. Ich
+bitte dich und Prokop, meine Zeugen, meine Verbündeten zu sein in der
+Unterredung, die ich jetzt mit Belisar zu führen habe.«
+
+»Jetzt?« sagte Belisar ungeduldig. »Kommt, laßt uns erst zu Tische und im
+Cäkuber den Sturz des Priesters feiern.« Und er schritt zur Thüre.
+
+Aber Cethegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes, und Antonina und
+Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses, daß sie nicht ihrem
+Herrn zu folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: »Muß es
+denn jetzt gerade sein?«
+
+»Es muß,« sagte Cethegus und er führte Antonina an der Hand nach ihrem
+Sitz zurück.
+
+Da schritt auch Belisar wieder zurück. »Nun so sprich,« sagte er, »aber
+kurz.«
+
+»So kurz als möglich. Ich habe immer gefunden, daß gegenüber großen
+Freunden oder großen Feinden Aufrichtigkeit das stärkste Band oder die
+beste Waffe. Danach werd’ ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich sagte:
+mein Thun lohnt sich selbst, so wollt’ ich damit ausdrücken, daß ich dem
+falschen Priester die Herrschaft über Rom nicht eben um des Kaisers Willen
+entrissen.«
+
+Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken über diese allzukühne
+Offenheit seines Freundes, machte ihm ein abmahnendes Zeichen.
+
+Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, mißtrauisch über das
+Einverständnis der beiden. Cethegus entging dies nicht. »Nein, Prokop,«
+sagte er zu Belisars Erstaunen: »unsre Freunde hier würden doch allzubald
+erkennen, daß Cethegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz in einem Lächeln
+Justinians befriedigt zu finden. Ich habe Rom nicht für den Kaiser
+gerettet.«
+
+»Für wen sonst?« fragte Belisar ernst.
+
+»Zunächst für Rom. Ich bin ein Römer. Ich liebe mein ewiges Rom. Es sollte
+nicht dem Priester dienstbar werden. Aber auch nicht die Sklavin des
+Kaisers. Ich bin Republikaner,« sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend.
+
+Über Belisars Antlitz flog ein Lächeln: der Präfekt schien ihm nicht mehr
+so bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: »Unbegreiflich.« Aber Antoninen
+gefiel dieser Freimut.
+
+»Zwar sah ich ein, daß wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren
+niederschlagen können. Leider auch, daß unsere Zeit nicht ganz reif ist,
+mein Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Römer
+müssen erst wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht muß aussterben und
+ich erkenne, daß Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz
+findet gegen die Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen –
+einstweilen.«
+
+»Nicht übel!« dachte Prokop, »der Kaiser soll sie solang schützen, bis sie
+stark genug sind, ihn zum Dank davonzujagen.«
+
+»Das sind Träume, mein Präfekt,« sagte Belisar mitleidig, »was haben sie
+für praktische Folgen?«
+
+»Die, daß Rom nicht mit gebundenen Händen, ohne Bedingung, der Willkür des
+Kaisers überliefert werden soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum
+Diener. Denke, wenn der herzlose Narses dein Nachfolger würde!« – Die
+Stirn des Helden faltete sich. – »Deshalb will ich dir die Bedingungen
+nennen, unter denen die Stadt Cäsars dich und dein Heer in ihre Mauern
+aufnehmen wird.«
+
+Aber das war Belisar zu viel. Zürnend sprang er auf, sein Antlitz glühte,
+sein Auge blitzte. »Präfekt von Rom,« rief er mit seiner rollenden
+Löwenstimme, »du vergißt dich und deine Stellung. Morgen brech’ ich auf
+mit meinem Heer von siebzigtausend Mann nach Rom. Wer wird mich hindern,
+einzuziehen in die Stadt, ohne Bedingung?«
+
+»Ich,« sagte Cethegus ruhig. »Nein, Belisar, ich rase nicht. Sieh hier,
+diesen Plan der Stadt und ihrer Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher,
+besser als das meine, ihre Stärke erkennen.« Er zog ein Pergament hervor
+und breitete es auf dem Zelttische aus.
+
+Belisar warf einen gleichgültigen Blick darauf, aber sofort rief er: »Der
+Plan ist irrig! Prokop, reiche mir unsern Plan aus jener Capsula. –
+
+Sieh her, diese Gräben sind ja jetzt ausgefüllt, diese Türme eingefallen,
+hier die Mauer niedergerissen, diese Thore wehrlos. – Dein Plan stellt sie
+alle noch in furchtbarer Stärke dar. Er ist veraltet, Präfekt von Rom.«
+
+»Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, Gräben, Thore sind
+hergestellt.« – »Seit wann?« – »Seit Jahresfrist.« – »Von wem?« – »Von
+mir.« Betroffen sah Belisar auf den Plan.
+
+Antoninas Blick hing ängstlich an den Zügen ihres Gatten.
+
+»Präfekt,« sagte dieser endlich, »wenn dem so ist, so verstehst du den
+Krieg, den Festungskrieg. Aber zum Krieg gehört ein Heer und deine leeren
+Wälle werden mich nicht aufhalten.«
+
+»Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einräumen, daß mehr als
+zwanzigtausend Mann Rom, – nämlich dies _mein_ Rom hier auf dem Plan, –
+über Jahr und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermögen. Gut: so wisse
+denn, daß jene Werke in diesem Augenblick von fünfunddreißigtausend
+Bewaffneten gedeckt sind.«
+
+»Sind die Goten zurück?« rief Belisar. Prokop trat erstaunt näher.
+
+»Nein, jene fünfunddreißigtausend stehen unter meinem Befehl. Ich habe
+seit Jahren die lang verweichlichten Römer zu den Waffen zurückgerufen und
+unablässig in den Waffen geübt. So habe ich zur Zeit dreißig Kohorten,
+jede fast zu tausend Mann, schlagfertig.«
+
+Belisar bekämpfte seinen Unmut und zuckte verächtlich die Achseln.
+
+»Ich geb’ es zu,« – fuhr Cethegus fort – »diese Scharen würden in offner
+Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen. Aber ich versichre dich:
+von diesen Mauern herab werden sie ganz tüchtig fechten. Außerdem hab’ ich
+aus meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und
+abasgische Söldner geworben und allmählich in kleinen Abteilungen ohne
+Aufsehen nach Ostia, nach Rom und in die Umgegend gebracht. Du zweifelst?
+hier sind die Listen der dreißig Kohorten, hier der Vertrag mit den
+Isauriern. Du siehst deutlich, wie die Sachen stehen. Entweder du nimmst
+meine Bedingung an: – dann sind jene fünfunddreißigtausend dein, dein ist
+Rom, mein Rom, dieses Rom auf dem Plan, von dem du sagtest, es sei von
+furchtbarer Stärke, und dein ist Cethegus. Oder du verwirfst meine
+Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen Gelingen auf der
+Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. Du mußt Rom belagern, viele Monde
+lang. Die Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen sie
+zurück: sie ziehen in dreifacher Übermacht zum Entsatz der Stadt heran,
+und nichts errettet dich vom Verderben als ein Wunder.«
+
+»Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel,« donnerte Belisar, und
+riß, seiner nicht mehr mächtig, das Schwert aus der Scheide. »Auf, Prokop,
+in des Kaisers Namen! Ergreife den Verräter! Er stirbt in dieser Stunde!«
+
+Entsetzt, unschlüssig trat Prokop zwischen die beiden, indes Antonina
+ihrem Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte.
+
+»Seid ihr mit im Bunde?« schrie der Ergrimmte. »Wachen, Wachen herbei!«
+
+Aus jeder der beiden Thüren traten zwei Lanzenträger in das Zelt: aber
+noch zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken
+Arm den starken Prokop, als wär’ er ein Kind, zur Seite geschleudert. Mit
+dem Schwert zu furchtbarem Stoß ausholend, stürzte er auf den Präfekten
+los.
+
+Aber plötzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die schon des Bedrohten
+Brust streifte.
+
+Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, den
+kalten Blick durchbohrend auf den Wütenden gerichtet, war Cethegus stehen
+geblieben, ein Lächeln unsäglicher Verachtung um die Lippen.
+
+»Was soll der Blick und dieses Lachen?« fragte Belisar innehaltend.
+
+Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten.
+
+»Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick des Jähzorns für
+immer verderben sollte. Wenn dein Stoß traf, warst du verloren.«
+
+»Ich!« lachte Belisar. »Ich sollte meinen du.«
+
+»Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen
+des Löwen? Daß einem Helden deiner Art zu allererst der feine Einfall
+kommen werde, dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das
+vorauszusehen war nicht schwer. Dagegen hab’ ich mich geschützt. Wisse:
+seit diesem Morgen ist infolge eines versiegelten Auftrages, den ich
+zurückließ, Rom in den Händen, in der Gewalt meiner blindergebnen Freunde.
+Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und alle Thore und Türme der Umwallung
+sind besetzt von meinen Isauriern und Legionaren. Meinen Kriegstribunen,
+todesmutigen Jünglingen, hab’ ich diesen Befehl hinterlassen für den Fall,
+daß du ohne mich vor Rom eintriffst.« Er reichte Prokop eine Papyrusrolle.
+
+Dieser las: »An Lucius und Marcus die Licinier Cethegus der Präfekt. Ich
+bin gefallen, ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner. Rächet mich! Ruft
+sofort die Goten zurück. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die Barbaren
+als die Schergen Justinians. Haltet euch bis auf den letzten Mann.
+Übergebt die Stadt eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen.«
+
+»Du siehst also,« fuhr Cethegus fort, »daß dir mein Tod die Thore Roms
+nicht öffnet, sondern für immer sperrt. Du mußt die Stadt belagern: oder
+mit mir abschließen.«
+
+Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der Bewunderung auf den
+kühnen Mann, der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb.
+Dann steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen Stuhl und
+fragte: »Welches sind deine Bedingungen für die Übergabe?« »Nur zwei.
+Erstens giebst du mir Befehl über einen kleinen Teil deines Heeres. Ich
+darf deinen Byzantinern kein Fremder sein.«
+
+»Zugestanden. Du erhältst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fußvolks
+und eintausend saracenische und maurische Reiter. Genügt das?«
+
+»Vollkommen. Zweitens.
+
+Meine Unabhängigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der
+Beherrschung Roms. Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhören.
+Deshalb bleibt das ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf
+dem linken aber das Kapitol, die Umwallung im Süden bis zum Thore Sankt
+Pauls einschließlich, bis zum Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier
+und Römer; von dir aber wird der ganze Rest der Stadt auf dem linken
+Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Thor im Norden bis zum appischen
+Thor im Süden.«
+
+Belisar warf einen Blick auf den Plan. »Nicht übel gedacht! Von jenen
+Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt drängen oder den
+Fluß absperren. Das geht nicht an.«
+
+»Dann rüste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cethegus zusammen vor den
+Mauern Roms.«
+
+Belisar sprang auf. »Geht! laßt mich allein mit Prokop! Cethegus, erwarte
+meine Entscheidung.«
+
+»Bis morgen,« sagte dieser. »Bei Sonnenaufgang kehr’ ich nach Rom zurück,
+mit deinem Heer oder – allein.«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein
+durch das asinarische Thor.
+
+Endloser Jubel begrüßte den Befreier, Blumenregen überschüttete ihn und
+seine Gattin, die auf einem zierlichen weißen Zelter an seiner Linken
+ritt. Alle Häuser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Kränzen
+angethan.
+
+Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte er das Haupt und
+warf finstre Blicke nach den Wällen und dem Kapitol, von denen, den alten
+römischen Adlern nachgebildet, die Banner der städtischen Legionare, nicht
+die Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten.
+
+Am asinarischen Thor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des
+kaiserlichen Heeres zurückgewiesen: und nicht eher hob sich das wuchtige
+Fallgitter, bis neben Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen
+Rappen, Cethegus der Präfekt erschienen war. Lucius staunte über die
+Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen. Die kalte,
+strenge Verschlossenheit war gewichen: er erschien größer, jugendlicher:
+ein leuchtender Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung
+und seiner Erscheinung. Er trug einen hohen, reichvergoldeten Helm, von
+dem der purpurne Roßschweif niederwallte bis auf den Panzer: dieser aber
+war ein kostbares Kunstwerk aus Athen und zeigte auf jeder seiner
+Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von getriebenem Silber, jedes
+einen Sieg der Römer darstellend.
+
+Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine stolze Haltung und
+sein schimmernder Waffenschmuck überstrahlte, wie Belisar, den
+kaiserlichen Magister Militum selbst, so das glänzende Gefolge von
+Heerführern, das sich, geführt von Johannes und Prokop, hinter den beiden
+anschloß. Und dies Überstrahlen war so augenfällig, daß sich, sowie der
+Zug einige Straßen durchmessen hatte, der Eindruck auch der Menge
+mitteilte und der Ruf »Cethegus!« bald so laut und lauter als der Name
+»Belisar« ertönte.
+
+Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: mit Unruhe lauschte sie
+bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks. Als sie die
+Thermen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphitheater
+die sacra Via erreicht hatten, wurden sie durch das Wogen der Menge zum
+Verweilen gezwungen: ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur
+langsam durchschreiten konnte.
+
+»Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem Feldherrn,« stand darauf
+geschrieben. Während Antonina die Aufschrift las, hörte sie einen Alten,
+der wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen
+der jungen Legionare des Cethegus, Fragen um Auskunft stellen. »Also, mein
+Gajus, der Finstre mit dem verdrießlichen Gesicht auf dem Rotscheck ... –«
+»Ja, das ist Belisarius, wie ich dir sage,« antwortete der Sohn. »So? Nun
+– aber der stattliche Held, ihm zur Linken, mit dem triumphierenden Blick,
+der auf dem Rappen, das ist gewiß Justinianus selbst, sein Herr, der
+Imperator?« – »Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach
+zu Byzanz und schreibt Gesetze. Nein, das ist ja Cethegus, _unser_
+Cethegus, mein Cethegus, der Präfekt, der mir das Schwert geschenkt. Ja,
+das ist ein Mann. Licinius, mein Tribun, sagte neulich: wenn der nicht
+wollte, Belisar sähe nie ein römisch Thor von innen.«
+
+Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem
+Silberstäbchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen.
+
+Cethegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der
+Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme in stand gesetzt war. Hier
+verabschiedete er sich, den byzantinischen Heerführern seinen Beistand zu
+leihen, die Truppen teils in den Häusern der Bürger und den öffentlichen
+Gebäuden, teils vor den Thoren in Zelten unterzubringen.
+
+»Wenn du dich von den Mühen – und Ehren! – dieses Tages erholt,
+Belisarius, erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerführer zum
+Mahl in meinem Hause.«
+
+Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso und Balbus, die
+Geladenen abzuholen. Sie begleiteten die Sänften, in denen Antonina und
+Belisar getragen wurden, die Heerführer gingen zu Fuß.
+
+»Wo wohnt der Präfekt?« fragte Belisar beim Einsteigen in die Sänfte.
+
+»So lang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, und nachts – auf dem
+Kapitol.«
+
+Belisar stutzte. Der kleine Zug näherte sich dem Kapitol.
+
+Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Wälle, die seit mehr denn
+zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren, zu gewaltiger Stärke wieder
+hergestellt.
+
+Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln Zickzackgang, den
+engen Zugang zu der Feste, sich gewunden, gelangten sie an ein gewaltiges
+Eisenthor, das fest geschlossen war, wie in Kriegszeit.
+
+Marcus Licinius rief die Wachen an.
+
+»Gieb die Losung!« sprach eine Stimme von innen.
+
+»Cäsar und Cethegus!« antwortete der Kriegstribun. Da sprangen die
+Thorflügel auf: ein langes Spalier der römischen Legionare und der
+isaurischen Söldner ward sichtbar, letztere in Eisen gehüllt bis an die
+Augen und mit Doppeläxten bewaffnet. Lucius Licinius stand an der Spitze
+der Römer, mit gezücktem Schwert in der Hand: Sandil, der isaurische
+Häuptling, an der Spitze seiner Landsleute. Einen Augenblick blieben die
+Byzantiner unentschlossen stehen, von dem Eindruck dieser Machtentfaltung
+von Granit und Eisen überwältigt.
+
+Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: man vernahm Musik aus dem
+Hintergrund des Ganges: und, von Fackelträgern und Flötenspielern
+begleitet, nahte Cethegus, ohne Rüstung, einen Kranz auf dem Haupt, wie
+ihn der Wirt eines Festgelages zu tragen pflegte, im reichen Hausgewand
+von Purpurseide. So trat er lächelnd vor und sprach: »Willkommen! und
+Flötenspiel und Tubaschall verkünde laut: daß die schönste Stunde meines
+Lebens kam: Belisar, _mein Gast_ im Kapitol.«
+
+Und unter schmetterndem Klang der Trompeten führte er den Schweigenden in
+die Burg.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Während dieser Vorgänge bei den Römern und Byzantinern bereiteten sich
+auch auf Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor.
+
+In Eilmärschen waren Herzog Guntharis und Graf Arahad von Florentia, wo
+sie eine kleine Besatzung zurückließen, mit ihrer gefangenen Königin nach
+Ravenna aufgebrochen. Wenn sie diese für uneinnehmbar geltende Feste vor
+Witichis, der heftig nachdrängte, erreichten und gewannen, so mochten sie
+dem König jede Bedingung vorschreiben. Zwar hatten sie noch einen starken
+Vorsprung und hofften, die Verfolger durch die Belagerung von Florentia
+noch eine gute Weile aufzuhalten. Aber sie büßten jenen Vorsprung beinahe
+völlig dadurch ein, daß die auf der nächsten Straße nach Ravenna gelegenen
+Städte und Kastelle sich für Witichis erklärten und so die Empörer
+nötigten, auf großem Umweg im rechten Winkel zuerst nördlich nach Bononia
+(Bologna), das zu ihnen abgefallen war, und dann erst östlich nach Ravenna
+zu marschieren.
+
+Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten
+und nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Thoren entfernt waren, von
+dem Heer des Königs nichts zu sehen. Guntharis gönnte seinen stark
+ermüdeten Truppen den Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages
+und schickte nur eine kleine Schar Reiter unter seines Bruders Befehl
+voraus, den Goten in der Festung ihre Ankunft zu verkünden.
+
+Aber schon in den ersten Morgenstunden des nächsten Tages kam Graf Arahad
+mit seiner stark gelichteten Reiterschar flüchtend ins Lager zurück. »Bei
+Gottes Schwert,« rief Guntharis, »wo kommst du her?«
+
+»Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die äußersten Werke der Stadt erreicht
+und Einlaß begehrt, wurden aber entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst
+mich zeigte und den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen ließ. Der
+erklärte trotzig, morgen würden wir seine und der Goten in Ravenna
+Entscheidung erfahren: wir sowohl wie das Heer des Königs, dessen Spitzen
+sich bereits von Südosten her der Stadt näherten.«
+
+»Unmöglich!« rief Guntharis ärgerlich.
+
+»Mir blieb nichts übrig, als abzuziehen, so wenig ich dies Benehmen
+unseres Freundes begriff. Die Nachricht von der Nähe des Königs hielt auch
+ich für eine leere Drohung des Alten, bis meine im Süden der Stadt
+schwärmenden Reiter, die nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten,
+plötzlich von feindlichen Reitern unter dem schwarzen Grafen Teja von
+Tarentum mit dem Ruf: »Heil König Witichis!« angegriffen und nach scharfem
+Gefecht zurückgeworfen wurden.«
+
+»Du rasest,« rief Guntharis. »Haben sie Flügel? ist Florentia aus ihrem
+Wege fortgeblasen?«
+
+»Nein! aber ich erfuhr von picentinischen Bauern, daß Witichis auf dem
+Küstenweg über Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt.« – »Und Florentia
+ließ er im Rücken, ungezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen.« –
+»Florentia ist gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, der sie im
+Sturme nahm. Er rannte mit eigener Hand das Marsthor ein, – der wütige
+Stier!«
+
+Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntharis diese Unglücksbotschaften;
+aber rasch faßte er seinen Entschluß. Er brach sofort mit all seinen
+Truppen gegen die Stadt auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen.
+
+Der Überfall mißlang.
+
+Aber die Empörer hatten die Befriedigung, zu sehen, daß die Festung, deren
+Besitz den Bürgerkrieg entschied, wenigstens auch dem Feind sich nicht
+geöffnet hatte. Im Südosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der
+König gelagert. Des Herzogs Guntharis geübter Blick erkannte alsbald, daß
+auch die Sümpfe im Nordwesten eine sichere Stellung gewährten, und rasch
+schlug er hier ein wohlverschanztes Lager auf.
+
+So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestüme Freier um eine
+spröde Braut, hart an beide Seiten der gotischen Königsstadt gedrängt, die
+keinem ein günstiges Gehör schenken zu wollen schien.
+
+Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten und Goten
+bestehend, aus dem nordwestlichen und aus dem südöstlichen Thor der
+Festung, dem Thor des Honorius und dem des Theoderich, und brachten, jene
+in das Lager der Wölsungen, diese zu den Königlichen, den verhängnisvollen
+Entscheid von Ravenna.
+
+Dieser mußte sehr seltsam lauten. Denn die beiden Heerführer, Guntharis
+und Witichis, hielten ihn, in merkwürdiger Übereinstimmung, streng geheim
+und sorgten eifrig dafür, daß kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte.
+Die Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter
+Bedeckung von Heerführern, die jede Unterredung mit den Heermännern
+verwehrten, nach den Thoren der Stadt zurückgebracht.
+
+Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern
+auffallend genug. Bei den Empörern kam es zu einem heftigen Streit
+zwischen den beiden Führern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von
+Herzog Guntharis mit seiner schönen Gefangenen, die, wie es hieß, nur
+durch Graf Arahad vor dem Zorne seines Bruders geschützt worden war.
+Darauf versank das Lager der Rebellen in die Ruhe der Ratlosigkeit.
+
+Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager
+gegenüber. Die erste Antwort, die König Witichis auf die Botschaft erließ,
+war der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt.
+
+Überrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm das ganze Heer diesen
+Auftrag. Man hatte gehofft, in Bälde die Thore der starken Festung sich
+freiwillig aufthun zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen
+seine sonst so leutselige Art gab der König niemand, auch seinen Freunden
+nicht, Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Gründen
+dieses zornigen Angriffs.
+
+Schweigend, aber kopfschüttelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg, rüstete
+sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm: er ward blutig
+zurückgeschlagen. Vergebens trieb der König seine Goten immer wieder aufs
+neue die steilen Felswälle hinan. Vergebens bestieg er, dreimal der erste,
+die Sturmleitern: vom frühen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer
+gestürmt ohne Fortschritte zu machen: die Festung bewährte ihren alten
+Ruhm der Unbezwingbarkeit.
+
+Und als endlich der König, von einem Schleuderstein schwer betäubt, aus
+dem Getümmel getragen wurde, führten Teja und Hildebrand die ermüdeten
+Scharen ins Lager zurück.
+
+Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr trübe und
+gedrückt. Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen,
+als die Überzeugung, daß die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei. Die
+gotische Besatzung von Ravenna hatte neben den Bürgern auf den Wällen
+gefochten; der König der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor
+der besten Festung seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur
+Rüstung gegen Belisar zu finden gehofft!
+
+Das Schlimmste aber war, daß das Heer die Schuld des ganzen
+Unglückskampfes, die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den König schob.
+Warum hatte man die Verhandlung mit der Stadt plötzlich abgebrochen? Warum
+nicht wenigstens die Ursache dieses Abbrechens, war sie eine gerechte, dem
+Heere mitgeteilt? Warum scheute der König das Licht?
+
+Mißmutig saßen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten,
+ihre Wunden pflegend, ihre Waffen flickend: nicht, wie sonst, scholl
+Gesang der alten Heldenlieder von den Lagertischen, und wenn die Führer
+durch die Zeltgassen schritten, hörten sie manches Wort des Ärgers und des
+Zornes wider den König.
+
+Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im
+Lager ein. Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen
+Schlappe und wollte sofort zum König; aber da dieser noch bewußtlos unter
+Hildebrands Pflege lag, nahm ihn Teja in sein Zelt, und beantwortete seine
+unwilligen Fragen.
+
+Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit einem Ausdruck in
+den Zügen, daß Hildebad erschrocken von seinem Bärenfell, das ihm zum
+Lager diente, aufsprang und auch Teja hastig fragte: »Was ist mit dem
+König? Seine Wunde? Stirbt er?«
+
+Der Alte schüttelte schmerzlich sein Haupt: »Nein: aber wenn ich richtig
+rate, wie ich ihn kenne und sein wackres Herz, wär’ ihm besser, er
+stürbe.«
+
+»Was meinst du? was ahnest du?«
+
+»Still, still,« sprach Hildebrand traurig, sich setzend, »armer Witichis!
+es kommt noch, fürcht’ ich, früh genug zur Sprache.« Und er schwieg.
+
+»Nun,« sagte Teja, »wie ließest du ihn?« – »Das Wundfieber hat ihn
+verlassen, dank meinen Kräutern. Er wird morgen wieder zu Roß können. Aber
+er sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Träumen – ich wünsche ihm, daß
+es nur Träume sind, sonst: weh dem treuen Manne.«
+
+Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. Nach einigen
+Stunden ließ Witichis die drei Heerführer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu
+ihrem Staunen in voller Rüstung, obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert
+stützen mußte; seitwärts auf einem Tisch lag sein königlicher Kronhelm und
+der heilige Königsstab von weißem Eschenholz mit goldner Kugel. Die
+Freunde erschraken über den Verfall dieser sonst so ruhigen, männlich
+schönen Züge. Er mußte innerlich schwer gekämpft haben. Diese kernige,
+schlichte Natur aus Einem Guß konnte ein Ringen zweifelvoller Pflichten,
+widerstreitender Empfindungen nicht ertragen.
+
+»Ich hab’ euch rufen lassen,« sprach er mit Anstrengung, »meinen Entschluß
+in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu unterstützen. Wie groß ist
+unser Verlust in diesem Sturm?«
+
+»Dreitausend Tote,« sagte Teja sehr ernst. »Und über sechstausend
+Verwundete,« fügte Hildebrand hinzu.
+
+Witichis drückte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach er: »Es geht nicht
+anders. Teja, gieb sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm.«
+
+»Wie? Was?« riefen die drei Führer wie aus Einem Munde.
+
+»Es geht nicht anders,« wiederholte der König. »Wie viele Tausendschaften
+führst du uns zu, Hildebad?« – »Drei, aber sie sind totmüde vom Marsch.
+Heut’ können sie nicht fechten.«
+
+»So stürmen wir wieder allein,« sagte Witichis nach seinem Speer langend.
+
+»König,« sagte Teja, »wir haben gestern nicht einen Stein der Festung
+gewonnen und heute hast du neuntausend weniger ..« –
+
+»Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen,«
+mahnte der alte Waffenmeister.
+
+»Wir müssen Ravenna haben!«
+
+»Wir werden es nicht mit Sturm nehmen!« sagte Teja.
+
+»Das wollen wir sehen!« meinte Witichis.
+
+»Ich lag vor der Stadt mit dem großen König,« warnte Hildebrand: »er hat
+sie siebzigmal umsonst bestürmt: wir nahmen sie nur durch Hunger – nach
+drei Jahren.« –
+
+»Wir _müssen_ stürmen,« sagte Witichis, »gebt den Befehl.« Teja wollte das
+Zelt verlassen. Hildebrand hielt ihn. »Bleib,« sagte er, »wir dürfen ihm
+nichts verschweigen. König! die Goten murren: sie würden dir heut’ nicht
+folgen: der Sturm ist unmöglich.«
+
+»Steht es so?« sagte Witichis bitter. »Der Sturm ist unmöglich? Dann ist
+nur eins noch möglich: der Weg, den ich gestern schon hätte einschlagen
+sollen: – dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, nimm
+dort Krone und Stab!
+
+Geh ins Lager der Empörer, lege sie dem jungen Arahad zu Füßen: er soll
+sich mit Mataswintha vermählen; ich und mein Heer, wir grüßen ihn als
+König.« Und er warf sich erschöpft aufs Lager.
+
+»Du sprichst wieder im Wundfieber,« sagte der Alte. »Das ist unmöglich!«
+schloß Teja.
+
+»Unmöglich! Alles unmöglich? der Kampf unmöglich? und die Entsagung? Ich
+sage dir, Alter: es giebt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna.«
+Er schwieg.
+
+Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu.
+
+Endlich forschte der Alte: »Wie lautet sie? vielleicht findet sich doch
+ein Ausweg? Acht Augen sehen mehr als zwei.«
+
+»Nein,« sagte Witichis, »hier nicht, hier ist nichts zu sehen: sonst hätt’
+ich’s euch längst gesagt: aber es konnte zu nichts führen. Ich hab’s
+allein erwogen. Dort liegt das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor
+dem Heer.«
+
+Der Alte nahm die Rolle und las: »Die gotischen Krieger und das Volk von
+Ravenna an den Grafen Witichis von Fäsulä!« –
+
+»Die Frechen!« rief Hildebad dazwischen.
+
+»Den Herzog Guntharis von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta. Die
+Goten und die Bürger dieser Stadt erklären den beiden Heerlagern vor ihren
+Thoren, daß sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk
+der unvergeßlichen Wohlthaten des großen Königs Theoderich, bei diesem
+Herrscherstamm ausharren werden, solang noch ein Reis desselben grünt. Wir
+erkennen deswegen nur Mataswintha als Herrin der Goten und Italier an: nur
+der Königin Mataswintha werden wir diese festen Thore öffnen und gegen
+jeden andern unsre Stadt bis zum äußersten verteidigen.«
+
+»Diese Rasenden,« sagte Teja. »Unbegreiflich,« versetzte Hildebad.
+
+Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte: »Ich begreife es
+wohl. Was die Goten anlangt, so wißt ihr, daß Theoderichs ganze
+Gefolgschaft die Besatzung der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem
+König geschworen, seinem Stamm nie einen fremden König vorzuziehen: auch
+ich hab’ diesen Eid gethan: aber ich habe dabei immer an die Speerseite,
+nicht an die Spindeln, nicht an die Weiber, gedacht: darum mußt’ ich
+damals für Theodahad stimmen: darum konnt’ ich nach dessen Verrat Witichis
+huldigen. Der alte Graf Grippa von Ravenna nun und seine Gesellen glauben
+sich auch an die Weiber des Geschlechts durch jenen Eid gebunden: und
+verlaßt euch darauf, diese grauen Recken, die ältesten im Gotenreich und
+Theoderichs Waffengenossen, lassen sich in Stücke hauen, Mann für Mann,
+eh’ sie von ihrem Eide lassen, wie sie ihn einmal deuten. Und, bei
+Theoderich! sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur dankbar,
+sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner sollen den Strauß
+vor ihren Wällen ausfechten. Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswintha
+zu rächen kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer Tochter
+gehalten: und siegen wir, so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen,
+die Thore zu sperren.«
+
+»Wie immer dem sei,« fiel der König ein, »ihr werdet jetzt mein Verfahren
+verstehn. Erfuhr das Heer von jenem Bescheid, so mochten viele mutlos
+werden und zu den Wölsungen übergehn, in deren Gewalt die Fürstin ist. Mir
+blieben nur zwei Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen – oder nachgeben: jenes
+haben wir gestern vergebens versucht und ihr sagt, man könne es nicht
+wiederholen. So erübrigt nur das andre: nachgeben. Arahad mag die Jungfrau
+freien und die Krone tragen; ich will der erste sein, ihm zu huldigen und
+mit seinem tapfren Bruder sein Reich zu schirmen.«
+
+»Nimmermehr!« rief Hildebad, »du bist unser König und sollst es bleiben.
+Nie beug’ ich mein Haupt vor jenem jungen Fant. Laß uns morgen hinüber
+rücken gegen die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und
+das Königskind, vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Thore
+aufspringen sollen, in _unsre_ Zelte tragen.«
+
+»Und wenn wir sie haben?« sagte Teja, »was dann? Sie nützt uns nichts,
+wenn wir sie nicht als Königin begrüßen. Willst du das? Hast du nicht
+genug an Amalaswintha und Godelindis? Nochmals Weiberherrschaft?«
+
+»Gott soll uns davor schützen!« lachte Hildebad.
+
+»So denke ich auch,« sprach der König, »sonst hätt’ ich längst diesen Weg
+ergriffen.«
+
+»Ei, so laß uns hier liegen und warten bis die Stadt mürbe wird.«
+
+»Geht nicht,« sagte Witichis, »wir _können_ nicht warten. In wenigen Tagen
+kann Belisar von jenen Hügeln steigen und nacheinander mich, Herzog
+Guntharis und die Stadt bezwingen: dann ist’s dahin, das Reich und Volk
+der Goten. Es giebt nur zwei Wege: Sturm –«
+
+»Unmöglich,« sprach Hildebrand.
+
+»Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich sehe keinen Ausweg.«
+
+Die beiden jungen Männer zauderten.
+
+Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der Liebe auf den König
+der alte Hildebrand: »Ich sehe den Ausweg, den schmerzvollen, den
+einzigen. Du mußt ihn gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das
+Herz.« Witichis sah ihn fragend an: auch Teja und Hildebad staunten ob der
+Weichheit des felsharten Alten.
+
+»Geht ihr hinaus,« fuhr dieser fort, »ich muß allein sprechen mit dem
+König.«
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Kapitel.
+
+
+Schweigend verließen die beiden Goten das Zelt und schritten draußen, den
+Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin
+und wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den König zu ermahnen
+und zu drängen schien: und hin und wieder ein Ausruf des Königs.
+
+»Was kann nur der Alte sinnen?« fragte Hildebad, still haltend, »weißt
+du’s nicht?« »Ich ahn’ es,« seufzte Teja, »armer Witichis!« – »Zum Teufel,
+was meinst du?« »Laß,« sagte Teja, »es wird bald genug auskommen.«
+
+So verging geraume Zeit.
+
+Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Königs, der sich der Reden
+Hildebrands mächtig zu erwehren schien.
+
+»Was quält der Eisbart den wackern Helden?« rief Hildebad ungeduldig. »Es
+ist, als wollt’ er ihn ermorden. Ich will hinein und helf’ ihm.«
+
+Aber Teja hielt ihn an der Schulter.
+
+»Bleib,« sagte er. »Es muß wohl sein.«
+
+Während sich Hildebad losmachen wollte, nahte Lärm von Stimmen aus dem
+obern Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemühten sich vergebens, einen
+starken Goten zurückzuhalten, der mit allen Zeichen langen und eiligen
+Rittes bedeckt, sich gegen das Zelt des Königs drängte.
+
+»Laß mich los,« rief er, »guter Freund, oder ich schlage dich nieder.«
+
+Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt.
+
+»Es geht nicht. Du mußt warten. Die großen Heerführer sind bei ihm im
+Zelt.«
+
+»Und wären alle großen Götter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im
+Zelt, ich muß zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann König.
+Laß’ los, rat’ ich dir.«
+
+»Die Stimme kenn’ ich,« sagte Graf Teja, nähertretend – »und den Mann.
+Wachis, was suchst du hier im Lager?«
+
+»O Herr,« rief der treue Knecht, »wohl mir, daß ich euch treffe. Sagt
+diesen guten Leuten, daß sie mich loslassen. Dann brauch’ ich sie nicht
+niederzuschlagen. Ich muß gleich zu meinem armen Herrn.«
+
+»Laßt ihn los: sonst hält er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei
+dem König?«
+
+»Führt mich nur gleich zu ihm. Ich bring ihm schwarze, schwere Kunde von
+Weib und Kind.«
+
+»Von Weib und Kind?« fragte Hildebad erstaunt. »Ei, hat Witichis ein
+Weib?«
+
+»Die wenigsten wissen es,« sagte Teja. »Sie verließ fast nie ihr Gut, kam
+nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch.
+Ich weiß nicht ihresgleichen.«
+
+»Da habt ihr recht, Herr, wenn ihr je recht gehabt,« sprach Wachis mit
+erstickter Stimme. »Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber laßt
+mich hinein. Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fuß. Ich muß ihn
+vorbereiten.«
+
+Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt, und folgte ihm
+mit Hildebad.
+
+Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem
+Lager des Königs sitzen, das Kinn mit dem mächtigen Bart in die Hand und
+diese auf das Steinbeil gestützt. So saß er unbeweglich und richtete fest
+die Augen auf den König, der, in höchster Aufregung, mit hastigen
+Schritten, auf und nieder ging und im Sturm seiner Gefühle die
+Eintretenden gar nicht bemerkte: »Nein! nein! niemals!« rief er, »das ist
+grausam! frevelhaft! unmöglich!«
+
+»Es muß sein,« sagte Hildebrand, ohne sich zu rühren.
+
+»Nein, sag’ ich,« rief der König und wandte sich.
+
+Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der
+Knecht laut weinend vor ihm nieder.
+
+»Wachis,« rief erschreckend der König, »was bringst du? Du kömmst von ihr!
+Steh’ auf – was ist geschehen?«
+
+»Ach Herr,« jammerte dieser immer noch knieend, »euch sehen, zerreißt mein
+Herz! Ich kann nichts dafür! Ich hab’s vergolten und gerächt nach
+Kräften.«
+
+Da riß ihn Witichis bei den Schultern auf: »Rede, Mensch, was ist zu
+rächen? Mein Weib –?«
+
+»Sie lebt, sie kommt hierher, aber euer Kind ...« –
+
+»Mein Kind,« sprach er erbleichend, »Athalwin, was ist mit ihm –?«
+
+»Tot, Herr, – ermordet!«
+
+Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequälten Vaters
+Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen, teilnehmend traten Teja
+und Hildebad näher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die
+Gruppe.
+
+Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Hände
+seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei große
+Thränen standen auf den braunen Wangen des Helden: er schämte sich ihrer
+nicht.
+
+»Ermordet!« sagte er, »mein schuldlos Kind! von den Römern!« »Die feigen
+Teufel,« rief Hildebad.
+
+Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos.
+
+»Calpurnius!« sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis.
+
+»Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und
+dein Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, daß
+er nun ein Königssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug!
+Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und
+wilde Riesen. Da kam der Nachbar von Rom zurück. Ich merkt’ es wohl, daß
+er noch finsterer sah und neidischer als je und hütete dir Haus und Stall.
+Aber das Kind hüten – wer hätte daran gedacht, daß Kinder nicht mehr
+sicher!«
+
+Witichis schüttelte schmerzlich das Haupt.
+
+»Der Knabe konnte nicht erwarten, daß er seinen Vater sehen solle im
+Kriegslager und all’ die Tausende von gotischen Heermännern und daß er
+Schlachten solle in der Nähe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund
+an, und sagte: ein Königssohn müsse ein eisernes tragen, zumal in
+Kriegszeiten. Und ich mußte ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu.
+Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen früh
+davon. Und fragte sie, »wohin?« so lachte er: »auf Abenteuer, lieb’
+Mutter!« und sprang in den Wald. Dann kam er mittags müd und zerrissenen
+Gewandes heim: und ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte
+nur, er habe Siegfried gespielt.
+
+Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem
+Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es
+war, wie ich gedacht.
+
+Ich hatte ihm einst warnend eine Höhle im schroffen Felsgeklüft gezeigt,
+das steil über den Gießbach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu
+Dutzenden nisten.
+
+Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich sagte, jeder Biß sei
+tödlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der
+Beißwurm in den nackten Fuß gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert
+und wollte mitten darunter springen. Mit Mühe und schwer erschrocken hielt
+ich ihn damals ab.
+
+Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, daß ich ihm eine
+Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im
+Steingeklüft, unter Dornen und Gestrüpp: da holte er einen mächtigen
+Holzschild hervor, den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte.
+Und eine Krone war frisch drauf gemalt.
+
+Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Höhle.
+
+Ich sah mich um: da lag das lang mächtige Gewürm zu halben Dutzenden von
+frühern Schlachten her mit zerhauenen Häuptern umhergestreut: ich folgte,
+und so besorgt ich war, ich konnt’ ihn nicht stören, wie er so heldenmütig
+focht! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwürfen aus ihrem
+Loch, daß sie sich züngelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn
+sprang, warf er blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich
+mitten entzwei. Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber
+sah gar trotzig drein und rief: »Sag’s nur der Mutter nicht! denn ich
+thu’s doch! bis der letzte der Drachen tot ist!« Ich sagte, ich würde ihm
+sein Schwert nehmen. »Dann fecht’ ich mit dem hölzernen, wenn dir das
+lieber ist!« rief er. »Und welche Schmach für einen Königssohn!«
+
+Da nahm ich ihn die nächsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die
+Wildweide. Das vergnügte ihn sehr: und nächstens, dacht’ ich, brechen wir
+ja auf.
+
+Aber eines Morgens war er mir wieder entschlüpft und ich ging allein an
+die Arbeit. Den Rückweg nahm ich den Fluß entlang, gewiß, ihn an der
+Felshöhle zu finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehäng seines
+Schwertes, zerrissen, an den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten
+auf der Erde. Erschrocken sah ich umher und suchte, aber –«
+
+»Rascher, weiter,« rief der König.
+
+»Aber?« fragte Hildebad.
+
+»Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich große Fußspuren
+eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen.
+
+Sie führten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und
+unten« –
+
+Witichis wankte.
+
+»Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine
+Gestalt.
+
+Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiß es nicht, im Flug war
+ich unten. – Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den
+Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut überströmt –«
+
+»Halt ein,« sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes
+Hildebad des armen Vaters Hand faßte, der stöhnend auf sein Lager sank.
+
+»Mein Kind, mein süßes Kind, mein Weib!« rief er.
+
+»Ich fühlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Fluß brachte ihn
+nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. »Du bist
+herabgefallen, mein Kind,« klagte ich.
+
+»Nein,« sagte er, »nicht gefallen, geworfen.« Ich war starr vor Entsetzen.
+»Calpurnius,« hauchte er, »trat plötzlich um die Felsecke, wie ich auf die
+Vipern einhieb. »Komm mit mir,« sagte er und griff nach mir. Er sah bös
+aus und falsch. Ich sprang zurück. »Komm,« sagte er, »oder ich binde
+dich.« »Mich binden!« rief ich. »Mein Vater ist der Goten König und der
+deine. Wag’ es und rühr’ mich an!« Da ward er ganz wütig und schlug nach
+mir mit dem Stock und kam näher; ich aber wußte, daß in der Nähe unsere
+Knechte Holz fällten und schrie um Hilfe und wich zurück bis an den Rand
+der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute mußten mich gehört
+haben: ihre Axtschläge ruhten plötzlich. Doch plötzlich vorspringend,
+sagte er: »Stirb, kleine Natter!« und stieß mich über den Fels.««
+
+Teja biß die Lippen. »O der Neiding,« rief Hildebad. Und Witichis riß sich
+mit einem Schrei des Schmerzes los.
+
+»Mach’s kurz,« sagte Teja. – »Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf
+meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf,
+in ihrem Schos. Ein Gruß an dich war sein letzter Hauch.«
+
+»Und mein Weib – ist sie nicht verzweifelt?«
+
+»Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie
+der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus,
+nach rechts.
+
+Ich verstand sie: dort stand des Mörders Haus.
+
+Und ich waffnete alle deine Knechte und führte sie hinüber zur Rache: und
+wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild, und trugen ihn in
+unsrer Mitte zur Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in der
+Hand, hinter der Leiche. Vor dem Thor der Villa legten wir den Knaben
+nieder.
+
+Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Roß zu Belisar. Aber
+sein Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten
+eben zu Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf.
+Dann brachen wir ein.
+
+Wir haben sie _alle_ erschlagen, alle: und das Haus niedergebrannt über
+den Bewohnern. Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht
+haltend, auf ihr Schwert gestützt, und sprach kein Wort. Und mich schickte
+sie Tags darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf,
+sowie sie die kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren,
+durch die Empörer vom nächsten Wege abgesperrt, so kann sie stündlich da
+sein.«
+
+»Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir
+diese Krone bringt. Und nun,« rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes
+den Alten an, »willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?«
+
+Hildebrand stand langsam auf: »Nichts ist untragbar, was notwendig ist.
+Auch der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne
+zu fragen, wollt ihr’s tragen? Sie kommen. Und wir tragen’s. Weil wir
+müssen. Aber ich höre Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir.«
+
+Witichis wandte sich von ihm zur Thür.
+
+Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier
+Rauthgundis sein Weib, eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust
+drückend.
+
+Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: – – und die
+Gatten hielten sich umfangen.
+
+Schweigend verließen die Männer das Zelt.
+
+
+
+
+ Sechzehntes Kapitel.
+
+
+Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: »Du quälst den König
+umsonst,« sagte er. »Er wird nie darein willigen. Er kann’s auch nicht.
+Jetzt am wenigsten.«
+
+»Woher weißt du ...? –« unterbrach der Greis. – »Still: ich ahn’ es: wie
+ich alles Unglück ahne.« – »Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.« –
+»Er, – er wird’s nie thun.« – »Aber – du meinst sie selbst?« –
+»Vielleicht!« – »Sie wird,« sagte Hildebrand.
+
+»Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib,« schloß Teja.
+
+Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen
+Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ, geschah es, daß die
+Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen
+Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsächlichen Waffenstillstand
+benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.
+
+Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem
+Bürgerkriege vor.
+
+Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches
+dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die
+Ravennaten schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne,
+was ihr gebühre.
+
+Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna
+selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und
+rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und
+rühmten:
+
+»So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, daß er statt aller Antwort
+auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein
+so leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, daß
+Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist’s
+ein zu hartes Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin
+Schönhaar, von deren Reiz die Sänger singen aus den Straßen, Thron und
+Lager zu teilen? Mußten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben?
+Nun, er soll nur so fortstürmen! Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn
+oder diese Felsen.«
+
+Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den
+Wällen.
+
+Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe
+wußten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens
+Anwesenheit im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer
+Königin war sie eingezogen.
+
+In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie
+vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum
+also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie!
+
+Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die
+anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König
+schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem
+Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.
+
+Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, die Schmach der
+Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn
+über sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu
+erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen
+ausgebrochen.
+
+Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen
+des Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr
+verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend
+sie beim Namen nannten.
+
+Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten
+wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück.
+
+»Laßt es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn’s genug ist, werd’ ich’s
+dämmen.« »Die einzige Gefahr wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin –
+
+»Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« sagte Teja.
+
+»Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer
+erzählen, daß sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu
+töten als Arahad die Hand zu reichen.«
+
+»Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd’ ich’s wagen.«
+
+»Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind.
+Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende
+böses Spiel machen.«
+
+»Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta,« flüsterte
+Teja. »Darauf vertrau ich auch,« meinte Hildebad. »Gönnt ihm noch einige
+Tage Ruhe,« riet der Alte. »Er muß seinem Schmerz sein Recht anthun: eh’
+ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt ihn ruhig in
+seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.«
+
+Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders als
+er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.
+
+Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den
+Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte.
+Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo
+wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten
+stattgefunden hatten, häufiger vor.
+
+Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk
+entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen
+Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht
+nötig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.
+
+Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.
+
+Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen.
+Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum
+Stützpunkt all’ seiner Bewegungen in Italien machen.
+
+Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt,
+sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle,
+Burgen und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen
+Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung
+im Zaum gehalten, einfach zum »Kaiser der Romäer,« wie er sich auf
+griechisch nannte, abgefallen waren.
+
+Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in
+vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb
+verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck
+oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich
+viele Schlösser und Städte an Belisar.
+
+Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um,
+falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine
+Entschuldigung zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund,
+solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt,
+unter Führung der Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig
+waren, auszusenden. Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten
+Rückzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell
+wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen.
+
+Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen,
+das bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe
+oberhalb des großen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den
+Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese
+gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit
+Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder
+gegen Ravenna beschäftigen wollte, – er hoffte auf eine friedliche Lösung
+des Knotens – beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen einen
+züchtigenden Streich zu thun.
+
+Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager,
+die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena,
+diese wichtige Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.
+
+Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er
+selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in
+der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der
+Richtung gegen Cäsena aufbrachen.
+
+Der Überfall gelang vollkommen.
+
+Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß des hoch auf dem Fels
+gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf
+alle Seiten des Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie
+leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward überrascht
+und die Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach
+allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den
+Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses
+erleuchteten die Nacht.
+
+Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des
+Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die
+verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem
+Anführer, nach dem Glanz der Rüstung zu schließen.
+
+Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann – sein
+Visier war dicht geschlossen – focht wie ein Verzweifelter, deckte die
+Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.
+
+Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen
+Kampf mit an. »Gieb dich gefangen, tapferer Mann!« rief er dem einsamen
+Krieger zu, »dein Leben sichr’ ich dir.«
+
+Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er
+das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er
+wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit
+gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten
+etwas zurück.
+
+Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, »jetzt keine Gnade
+mehr! Zielt mit den Speeren.« »Er ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der
+Goten, ein Vetter Tejas, »dreimal hab’ ich ihn getroffen – er ist nicht zu
+verwunden.«
+
+»Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »laß sehen, ob er auch
+gegen Stein gefeit ist.«
+
+Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – er war fast der einzige,
+der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen – sausend gegen den
+Byzantiner.
+
+Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm
+und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch
+hinzu und lösten ihm den Helm.
+
+»Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war kein Byzantiner.«
+»Und kein Italier,« sagte Gunthamund. »Sieh die Goldlocken – das war ein
+Gote!« meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak zusammen.
+
+»Fackeln her,« rief er – »Licht! – – Ja,« sprach er finster, seinen
+Steinhammer wieder aufhebend, »das war ein Gote. Und ich! – ich hab’ ihn
+erschlagen,« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am
+Hammerschaft.
+
+»Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die
+Augen auf.«
+
+»Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das woll’n die Götter nicht!« »Ja,
+er lebt!« wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. – »Dann
+weh über ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der Goten in
+meine Gewalt! Bind’ ihn auf dein Roß, Gunthamund, aber fest! Und wenn er
+entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach
+Hause!«
+
+Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für
+diesen Gefangenen rüsten sollten.
+
+»Einen Bund Stroh für heute Nacht,« sagte der, »und für morgen früh –
+einen Galgen.« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und
+berichtete den Erfolg seines Zuges.
+
+»Wir haben unter den Gefangenen« schloß er finster, »einen gotischen
+Überläufer. Er muß hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.« »Das ist sehr
+traurig,« sagte Witichis seufzend. – »Ja, aber notwendig. Ich berufe das
+Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du den Vorsitz führen?«
+»Nein,« sagte Witichis, »erlaß mir’s: ich bestelle Hildebad an meiner
+Statt.« »Nein,« sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr,
+solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.«
+Witichis sah ihn an: »du siehst grimmig und so kalt! Ist’s ein alter Feind
+deiner Sippe?« »Nein,« sprach Hildebrand. – »Wie heißt der Gefangene?« –
+»Wie ich, Hildebrand.« – »Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen
+Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hüte dich vor übertriebener
+Strenge. Vergiß nicht, daß ich gern begnadige.«
+
+»Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte Hildebrand ruhig »und er
+wird sterben.«
+
+
+
+
+ Siebzehntes Kapitel.
+
+
+Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt
+auf eine Wiese, im Norden, »an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die
+Heerführer und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten.
+
+»Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, »ist der alte
+Hildebrand auf dem Dingplatz?«
+
+»Er ist das Haupt des Dings.«
+
+»Barbaren sind und bleiben sie! Thu’ mir den Gefallen, Freund – ich
+schenke dir dafür diese purpurne Binde – und geh zu dem Alten. Sag ihm:
+ich wisse, daß ich sterben muß.
+
+Aber er möge doch mir – und mehr noch meinem Geschlecht – hörst du? –
+meinem Geschlecht – die Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich
+eine Waffe senden.« Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der
+das Gericht bereits eröffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der
+Alte ließ zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen
+feststellen, wie man sich des Gefangenen bemächtigt, darauf diesen selbst
+vorführen. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine
+Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu
+Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte.
+
+»Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich laß’ ihm sagen: die Schmach
+für sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er
+fort: »Zeigt das Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des
+Hildegis!«
+
+Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.
+
+»Sein eigner Enkel!« »Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist
+grausam gegen dein Fleisch und Blut!« rief Hildebad aufspringen. »Nur
+gerecht, aber gegen alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde
+stoßend. »Armer Witichis!« flüsterte Graf Teja.
+
+Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.
+
+»Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« fragte Hildebrand.
+
+Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gerötet, nicht
+von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes
+Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon der
+Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines
+Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn.
+Er ließ sein Auge flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem
+Alten haften.
+
+»Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Römer,
+kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine
+Römerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab’ ich nie als mir
+verwandt empfunden. Seine Strenge hab’ ich verachtet wie seine Liebe.
+Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter
+entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand,
+Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Römisch waren meine Freunde,
+römisch von jeher meine Gedanken, römisch mein Leben. All meine Freunde
+gingen zu Belisar und Cethegus: sollt’ ich zurückbleiben? Tötet mich, ihr
+könnt’ es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht
+Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen
+Römer. Denn römisch ist meine Seele.«
+
+Schweigend, mit gemischten Empfindungen hörte die Menge diese
+Verteidigung.
+
+Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte Blitze, seine Hand
+zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. »Elender!« schrie er, »du bist eines
+gotischen Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und
+wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du schon dafür, zu sterben.
+Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.«
+
+Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. »So sei
+verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren
+allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, daß
+all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt
+ihr werden aus diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden.«
+
+Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Hülle ums
+Haupt und führten ihn ab nach einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller
+seiner Zweige und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von
+ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse
+nahte.
+
+Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, Witichis und Hildebad an
+der Spitze. »Haltet ein,« rief der König von weitem, »schont den Enkel
+Hildebrands: Gnade, Gnade!«
+
+Aber der Alte wies nach dem Hügel.
+
+»Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit dem Verräter. So geh
+es jedem, der seines Volks vergißt. Erst kommt das Reich, König Witichis,
+und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.«
+
+Groß war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, größer noch
+auf den König. Witichis fühlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede
+Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, daß jetzt jeder
+Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurück. Und
+Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit
+Teja in das Zelt des Königs.
+
+Schweigend, Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch
+vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art
+der Amulette an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete
+nur trübes Licht. Als Hildebrand dem König die Hand reichte, sah ihm
+dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, daß Hildebrand mit dem festen
+Entschluß eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden
+Preis.
+
+Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des
+bevorstehenden Seelenringens durchschauert.
+
+»Frau Rauthgundis,« hob der Alte an, »ich habe Hartes mit dem König zu
+reden. Es wird euch kränken, es zu hören.«
+
+Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes
+und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine
+edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen,
+leise die Linke auf seine Schulter.
+
+»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte
+dieser Härte.«
+
+»Frau,« – mahnte der Alte nochmal.
+
+»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht
+deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? nein! und sollt ich einem Gott ins
+Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne
+Furcht: Wisse denn ...« –
+
+»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine
+Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an: »Ich weiß
+alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte,
+unerkannt, im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern
+auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte
+alles, was dieser fordert und was du weigerst.«
+
+»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine Gefahr. Weiß ich doch,
+daß du dein Weib nicht verstoßen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um
+jenes zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen Alten drohn:
+ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem
+Herzen.«
+
+Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.
+
+Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu rechten. Witichis, ich
+frage dich vor Teja: – du weißt, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir
+verloren – Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst du diese
+Hand fassen oder nicht?«
+
+Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren!
+Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an
+Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er
+will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen.
+Nie, niemals!«
+
+»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem
+Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich
+fordere. Ich hielt sie mit Mühe ab.«
+
+»Laß sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur die Krone nehmen,
+nicht mein Weib.«
+
+»Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen.«
+
+»Hier,« – da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor
+Hildebrand, – »noch einmal geb’ ich euch und zum letztenmal die Krone
+zurück. – Ich habe sie nicht verlangt, weiß Gott. – Sie hat mir nichts
+gebracht als diese Aschenurne. – Nehmt sie zurück: – laßt König sein wer
+will und Mataswintha frein.«
+
+Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weißt, das führt zum sichersten
+Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende
+würden Arahad nie anerkennen. Du bist’s allein, der noch alles
+zusammenhält. Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein Bündel
+losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?«
+
+»Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen für dein Volk?« sprach
+Teja näher tretend.
+
+»Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?«
+»Rauthgundis,« sprach dieser ruhig, »ich ehre dich vor allen Frauen hoch,
+und Hohes fordre ich darum von dir.« –
+
+Hildebrand aber begann, »du bist die Königin dieses Volkes. Ich weiß von
+einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen
+lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten
+den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des
+Meeres und sie rauschten zur Antwort:
+
+ »Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.
+ Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.«
+
+Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Göttern
+und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.«
+
+Rauthgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein Volk,« sprach sie, »und
+seit von Athalwin nur diese Locke übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub’
+ich, gäb’ ich mein Leben für mein Volk. Sterben will ich – ja,« rief sie,
+»aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen – nein.«
+
+»In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir so? Weißt du’s denn
+nicht, wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens
+schlägt? Hast du’s denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht,
+wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reißt mir das
+Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa laß ich von dieser
+Seele. Ja, wahrlich,« rief er den beiden Männern zu, »ihr wißt nicht was
+ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wißt nicht, daß meine Liebe
+zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis.
+Sie ist mein guter Stern. Ihr wißt nicht, daß ihr zu danken ist, ihr
+allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie denk’ ich im Getümmel der
+Schlacht und ihr Bild stärkt meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele,
+klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn’s gilt, im Rat das Edelste zu
+finden. – O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein
+Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König.«
+
+Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis in die Arme. Sie
+war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann,
+der sein Gefühl gern scheu in sich verschloß, so von ihr, von seiner Liebe
+gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.
+
+Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: »Dank, Dank, Gott,
+für diese Schmerzenstunde,« flüsterte sie, »ja, jetzt weiß ich, dein Herz,
+deine Seele sind ewig mein.«
+
+»Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine andre seine Königin
+heißt! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.«
+
+Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort,
+mit großen Augen auf Teja.
+
+Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu
+führen.
+
+»Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach er. »Ein Schatte ohne
+Glück und Kraft – das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und
+brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als
+ein Schatte.«
+
+»Seinen Eid?« fragte Rauthgundis erbebend. »Was hast du geschworen?«
+
+Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände.
+
+»Was hat er geschworen?« wiederholte sie.
+
+Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend.
+»Wenige Jahre sind’s. Da schloß ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit
+vier Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen
+geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser,
+dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes
+Blut zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und alle Tage.
+
+Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe,
+Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der
+Goten. Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit
+allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter
+den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn
+erdrücken. Und wer vergißt dieses Eides und wer sich weigert, alles zu
+opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn
+mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da
+hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des
+Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: –
+oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein
+seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit
+Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der
+Wind weht über die weite Welt.
+
+So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: von Hildebrand und
+Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris
+Sohn.«
+
+Und – rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel
+zurück. »Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht
+verwischt. Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er
+damals, als er noch nicht König war.
+
+Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf
+den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: »Mein Leben, mein
+Glück, mein alles, euch will ich’s weihn, dem Volk der Goten, das schwör
+ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue.« Nun, Witichis,
+Waltaris Sohn, König der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu
+dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein
+alles, dein Glück und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe
+drei Söhne verloren für dies Volk.
+
+Und habe meinen Enkel, den letzten Sproß meines Geschlechts, geopfert,
+gerichtet für die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du
+das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos
+unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?«
+
+Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.
+
+Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die
+Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein.
+Laß ab von ihm. Es ist genug, schon längst. Er thut, was du begehrst. Er
+wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke, um sein Weib.«
+
+Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie, als wollte man ihm sein Weib
+sogleich entreißen.
+
+»Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »laßt mich allein mit ihm.«
+
+Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte.
+
+»Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf die Marmorurne
+legend, »bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.«
+
+»Nein,« sprach Witichis, »ich stoße mein Weib nicht von mir, nie.«
+
+»Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir.
+Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein
+Herz nie von mir lösen: ich weiß es, es bleibt mein, seit heute mehr denn
+je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trägt keinen
+Zeugen.«
+
+Schweigend verließen die Männer das Zelt, schweigend gingen sie
+miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.
+
+»Gut Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist’s gethan.«
+
+»Ja, doch wer weiß, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele
+andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben:
+umsonst. Doch gilt’s die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.«
+
+Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein
+Schatten in der Nacht.
+
+
+
+
+ Achtzehntes Kapitel.
+
+
+Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem
+Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß
+am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend.
+Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf
+dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.
+
+Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.
+
+Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite
+Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen
+die Straße, die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte.
+
+Da hielt das Weib den Zügel an.
+
+»Die Sonne steigt soeben auf: ich hab’s gelobt, daß sie dich frei und
+ledig findet. Leb wohl, mein Witichis.« »Eile nicht so hinweg von mir,«
+sagte er, ihre Hand drückend. »Wort muß man halten, Freund, und bricht das
+Herz darob. Es muß sein.« – »Du gehst leichter, als ich bleibe.« Sie
+lächelte schmerzlich. »Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du
+hast noch ein Leben vor dir.« – »Was für ein Leben!« – »Das Leben eines
+Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.« – »Unseliger Eid.« – »Es
+war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst
+mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte tief
+im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb’
+und Treu, und unsern süßen Knaben.«
+
+»O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden
+Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über
+ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.
+
+Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann
+hielt er’s nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr,
+paßt auf, ich weiß euch guten Rat, hört ihr nicht?«
+
+»Was kannst du raten?«
+
+»Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch
+davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so
+quälen, daß euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch den
+ganzen Plunder von Kron’ und Reich. Euch hat’s kein Glück gebracht: sie
+meinen’s nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote
+Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo euch
+nur der Adler findet oder der Steinbock.«
+
+»Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus
+der Mühle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band:
+des Kindes Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die
+Stirn küssend und das Medaillon umhängend, »und eine von Rauthgundis. Leb
+wohl, du mein Leben!«
+
+Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.
+
+Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« und sprengte hinweg:
+Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.
+
+Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte: – nochmal winkte sie
+mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.
+
+Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst
+als diese verhallt, wandte er sich.
+
+Aber es ließ ihn nicht von der Stelle.
+
+Er trat seitab der Straße: dort lag jenseit des Grabens ein großer
+moosiger Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten, und stützte
+die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die
+Finger vor die Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem
+Schmerz.
+
+Thränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten
+vorüber, er hörte es kaum. So saß er stundenlang regungslos, so daß die
+Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.
+
+Schon stand die Sonne im Mittag.
+
+Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.
+
+»Ich wußt es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig entflohn. Komm mit
+zurück und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand,
+kam’s gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glück
+verzweifelnd, dich davon gemacht.
+
+Bald drang’s in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen
+Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um
+die Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer
+auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.«
+
+»Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um
+diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll’n sie nicht entweihn. Komm,
+Teja, zurück ins Lager.«
+
+
+
+
+
+ Fünftes Buch.
+
+
+ WITICHIS.
+
+
+ Zweite Abteilung.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Im Lager angelangt fand König Witichis alles in höchster Verwirrung;
+gewaltsam riß ihn die drängende Not des Augenblicks aus seinem Gram und
+gab ihm vollauf zu thun.
+
+Er traf das Heer in voller Auflösung und in zahlreiche Parteiungen
+zerspalten. Deutlich erkannte er, daß der Fall der ganzen gotischen Sache
+die Folge gewesen wäre, hätte er die Krone niedergelegt oder das Heer
+verlassen.
+
+Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit.
+
+Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschließen.
+Andere zu den Empörern sich wenden, andere Italien verlassend über die
+Alpen flüchten. Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die für eine neue
+Königswahl sprachen: und auch hierin standen sich die Parteien
+waffendrohend gegenüber.
+
+Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des
+Königs Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklärt, wenn Witichis
+wirklich entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbrüchige König wie
+Theodahad geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von
+Witichis denke. Sie hatten die Wege zur Stadt und nach dem Wölsungenlager
+besetzt und drohten, jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt
+zurückzuweisen, während auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung
+Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager der Königlichen anrückte.
+
+Überall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen,
+Scheltworte, erhobene Waffen: – jeden Augenblick konnte auf allen Punkten
+des Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein
+Zelt, schmückte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf
+Boreas, das mächtige Schlachtroß, und sprengte, gefolgt von Teja, der die
+blaue Königsfahne Theoderichs über ihm hielt, durch die Gassen.
+
+In der Mitte des Lagers stieß er auf einen Trupp von Männern, Weibern und
+Kindern, – denn ein gotisches Volksheer führte auch diese mit sich – der
+sich drohend gegen das Westthor wälzte.
+
+Hildebad ließ die Seinen mit gefällten Speeren in die Thore treten.
+
+»Laßt uns hinaus,« schrie die Menge, »der König ist geflohen, der Krieg
+ist aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten.« »Der König ist
+kein Tropf wie du,« sagte Hildebad, den Vordersten zurückstoßend. »Ja, er
+ist ein Verräter,« schrie dieser, »er hat uns alle verlassen und verraten
+um ein paar Weiberthränen.«
+
+»Ja,« schrie ein anderer: »er hat dreitausend von unseren Brüdern
+hingeschlachtet und ist dann entflohn.«
+
+»Du lügst,« sprach eine ruhige Stimme und Witichis bog um die Lagerecke.
+
+»Heil dir, König Witichis!« schrie der riesige Hildebad, »seht ihr ihn da!
+– Hab’ ich’s nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war’s, daß du
+kamst – sonst ward es schlimm.«
+
+Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: »Heil dir,
+König, und der Krone auf deinem Helm. – Reitet durch das Lager, Herolde,
+und kündet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: »Heil König Witichis,
+dem Vielgetreuen.««
+
+Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. –
+
+Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der
+donnernde Ruf: »Heil König Witichis,« und von allen Seiten stimmten die
+jüngst noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen.
+
+Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes über die Tausende. Und
+Teja sprach hinter ihm leise: »du siehst, du hast das Reich gerettet.«
+
+»Auf, führ uns zum Sieg!« rief Hildebad, »denn Guntharis und Arahad rücken
+an: sie wähnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu überraschen! heraus auf
+sie! sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die
+Empörer.« – »Nieder die Empörer!« donnerten die Heermänner nach, froh,
+einen Ausweg ihrer tieferregten Leidenschaft zu finden.
+
+Aber der König winkte mit edler Ruhe: »Stille! nicht noch einmal soll
+gotisch Blut fließen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du,
+Hildebad, thu’ mir auf das Thor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den
+Gegnern. Du, Graf Teja, hältst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du
+aber, Hildebrand,« – er rief’s mit erhobener Stimme, – »reit’ an die Thore
+von Ravenna und künde laut: sie sollen sie öffnen. Erfüllt ist ihr Begehr,
+und noch vor Abend ziehen wir ein: der König Witichis und die Königin
+Mataswintha.«
+
+So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, daß das Heer sie mit
+lautloser Ehrfurcht vernahm.
+
+Hildebad öffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen der Empörer im
+Sturmschritt heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Thor
+öffnete.
+
+König Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen.
+Hinter ihm schloß sich das Thor.
+
+»Er sucht den Tod,« flüsterte Hildebrand. »Nein,« sprach Teja, »er sucht
+und bringt das Heil der Goten.«
+
+Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben
+den wölsungischen Brüdern, die an der Spitze zogen, ritt ein Führer
+avarischer Pfeilschützen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand
+vor die kleinen, blinzenden Augen und rief: »Beim Rosse des Roßgotts, das
+ist der König selbst! jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Söhne der
+Steppe, zielt haarscharf und der Krieg ist aus.« Und er riß den krummen
+Hornbogen von der Schulter.
+
+»Halt, Chan Warchun,« sprach Herzog Guntharis, eine eherne Hand auf seine
+Schulter legend. »Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst
+den Grafen Witichis König: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden,
+der im Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte.
+Hinweg mit dir und deiner Schar aus meinem Lager.«
+
+Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: »Hinweg, sogleich!« wiederholte
+Herzog Guntharis. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: »Mir gleich!
+Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber –
+Kinderherzen.«
+
+Indessen war Witichis herangeritten. Guntharis und Arahad musterten ihn
+mit forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten
+Würde eine ernste Hoheit: die Majestät des höchsten Schmerzes.
+
+»Ich komme, mit euch zu reden, zum Heil der Goten. Nicht weiter sollen
+Brüder sich zerfleischen. Laßt uns zusammen einziehen in Ravenna und
+zusammen Belisar bekämpfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide
+sollt am nächsten stehen an meinem Thron.«
+
+»Nimmermehr!« rief Arahad leidenschaftlich. »Du vergißt,« sprach Herzog
+Guntharis stolz, »daß deine Braut in unsern Zelten ist.«
+
+»Herzog Guntharis von Tuscien, ich könnte dir erwidern, daß bald wir in
+euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr,
+und, o Herzog Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also
+sprechen. Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen
+solltest, – du wirst zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind
+wir ihm gewachsen. Gieb nach!«
+
+»Gieb du nach!« sprach der Wölsung, »wenn dir’s ums Gotenvolk zu thun.
+Lege diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk?« – »Ich
+kann’s – ich hab’s gethan. Hast du ein Weib, o Guntharis?«
+
+»Ein teures Weib habe ich.« – »Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib.
+Ich hab’s geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen
+zu freien.«
+
+Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: »dann hast du sie nicht
+geliebt.«
+
+Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengroß:
+Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den
+erschrockenen Jüngling: »Schwatze mir nicht von Liebe, lästre nicht, du
+thörichter Knabe! Weil dir ein paar rote Lippen und weiße Glieder in
+deinen Träumen vor den Blicken glänzen, sprichst du von Liebe? Was weißt
+du von dem, was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines süßen
+Kindes! Eine Welt von Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist
+wund: in mir liegen Schmerz und Verzweiflung mit Mühe gebändigt: reizt sie
+nicht, laßt sie nicht losbrechen.«
+
+Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden.
+
+»Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann
+so adelige Streiche thun. Ich weiß, es ist kein Falsch an dir. Ich weiß,
+wie Liebe bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk
+geopfert? Das ist viel.«
+
+»Bruder! was sinnest du?« rief Arahad, »was hast du vor?« – »Ich habe vor,
+das Haus der Wölsungen an Edelmut nicht beschämen zu lassen. Edle Geburt,
+Arahad, heischt edle That!
+
+Sag’ mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben,
+ja dein Leben, als dein Weib?«
+
+»Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt’ ich die Krone
+Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie
+anzuerkennen. Drei, vier Gegenkönige würden gewählt, aber, bei meinem
+Wort, Graf Arahad würde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir
+ab, vom blutenden Herzen. Und nun, Herzog Guntharis, gedenk’ auch du des
+Gotenvolks. Verloren ist das Haus der Wölsungen, wenn die Goten verloren.
+Die edelste Blüte des Stammes fällt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an
+die Wurzel legt. Ich habe mein Weib dahingegeben, meines Lebens Krone:
+gieb du die Hoffnung einer Krone auf.«
+
+»Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war
+edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein
+König.« Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob
+und an seine Brust zog.
+
+»Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche Schmach!« rief Arahad. »Ich
+rechn’ es mir zur Ehre!« sprach Guntharis ruhig. »Und zum Zeichen, daß
+mein König nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der Huldigung,
+erbitt’ ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen haben unser Geschlecht
+zurückgedrängt von dem Platz, der ihm gebührt im Volke der Goten.« »In
+dieser Stunde,« sprach Witichis, »kaufst du ihn zurück: die Goten sollen
+nie vergessen, daß Wölsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart
+hat.« – »Und des zum Zeichen sollst du uns das Recht verleihen, daß die
+Wölsungen der Goten Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht.«
+»So sei’s,« sagte der König, ihm die Rechte reichend, »und keine Hand wird
+sie mir würdiger führen.« »Wohlan, jetzt auf zu Mataswintha,« sprach
+Guntharis.
+
+»Mataswintha!« rief Arahad, der bisher wie betäubt der Versöhnung
+zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. »Mataswintha!« wiederholte
+er. »Ha, zur rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr könnt mir die Krone
+nehmen: – sie fahre hin, – nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die
+Geliebte zu beschützen. Sie hat mich verschmäht: ich aber liebe sie bis
+zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen
+wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich sie beschützen,
+wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhaßten Feindes zu werden. Frei
+soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde.« Und
+rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhängtem Zügel seinem
+Lager zu.
+
+Witichis sah ihm besorgt nach. »Laß ihn,« sprach Herzog Guntharis, »wir
+beide, einig, haben nichts zu fürchten. Gehen wir die Heere zu versöhnen,
+wie die Führer.«
+
+Während Guntharis zuerst den König durch seine Reihen führte und diese
+aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden thaten, und
+darauf Witichis den Wölsungen und seine Anführer mit in sein Lager nahm,
+wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein
+Wunderwerk des Königs angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im
+Vordertreffen eine kleine Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen
+Gefolgen und sprengte mit ihnen nach seinem Lager zurück.
+
+Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten
+unwillig erhob. »Zürne nicht, schilt nicht, Fürstin! diesmal hast du kein
+Recht dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfüllen.
+Flieh, du mußt mir folgen.« Und im Ungestüm seiner Aufregung griff er nach
+der weißen, schmalen Hand.
+
+Mataswintha trat einen Schritt zurück und legte die Rechte an den breiten
+Goldgürtel, der ihr weißes Untergewand umschloß: »fliehen?« sagte sie,
+»wohin fliehen?«
+
+»Übers Meer! Über die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner
+Freiheit droht höchste Gefahr.«
+
+»Von euch allein droht sie.« – »Nicht mehr von mir! Und ich kann dich
+nicht mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es,
+konnte grausam sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun –«
+
+»Aber nun?« sprach Mataswintha erbleichend.
+
+»Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine
+Feinde im Königslager und in Ravenna, alle sind darin einig. – Bald werden
+sie dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann’s nicht
+denken! Diese Seele, diese Schönheit entweiht als Opfer in ungeliebtem
+Ehebund.«
+
+»Laß sie kommen,« sagte Mataswintha, »laß sehen, ob sie mich zwingen!« Und
+sie drückte den Dolch, den sie im Gürtel trug, an sich. – »Wer ist er, der
+neue Zwingherr, der mir droht.«
+
+»Frage nicht!« rief Arahad, »dein Feind, der dein nicht wert, der dich
+nicht liebt; der – folge mir! – flieh’, schon kommen sie!« Man hörte von
+draußen nahenden Hufschlag.
+
+»Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?«
+
+»Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Hände fallen, der Fühllosen,
+die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die
+Krone! Folge mir ... –«
+
+Da ward der Thürvorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat
+ein. Zwei Gotenknaben mit ihm, in weißer Seide, festlich gekleidet.
+
+Sie trugen ein mit einem Schleier verhülltes Purpurkissen. Er trat bis an
+die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie
+die Knaben, einen grünen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine
+Stirne war düster, – als er sprach: »Ich grüße dich, der Goten und Italier
+Königin!«
+
+Mit erstauntem Blick maß sie ihn. Teja erhob sich, trat zurück zu den
+Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den grünen Rautenkranz
+und sprach: »Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, und
+lade dich zur Hochzeit und zur Krönung – die Sänfte steht bereit.«
+
+Arahad griff ans Schwert.
+
+»Wer sendet dich?« fragte Mataswintha mit klopfendem Herzen, aber die Hand
+am Dolch. »Wer sonst, als Witichis, der Goten König.« Da leuchtete ein
+Strahl der Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie erhob
+beide Arme gen Himmel und sprach: »Dank, Himmel, deine Sterne lügen nicht:
+und nicht das treue Herz. Ich wußt es wohl.« Und mit beiden schimmernden
+Händen ergriff sie das bekränzte Diadem und drückte es fest auf das
+dunkelrote Haar. »Ich bin bereit. Geleite mich,« sprach sie, »zu deinem
+Herrn und meinem.« Und mit königlicher Wendung reichte sie Graf Teja die
+Linke, der sie ehrerbietig hinausführte.
+
+Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die
+Hand am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und
+legte ihm die Hand auf die Schulter: »Was nun?« fragte er, »die Rosse
+stehen und harren: wohin?« »Wohin?« rief Arahad auffahrend – »wohin? Es
+giebt nur noch Einen Weg: wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner
+und der Tod?«
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles
+Fest auf den Fora und in dem Königspalast zu Ravenna.
+
+Die Bürger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in
+gemischten Scharen durch die Straßen und fuhren durch die Lagunenkanäle, –
+denn Ravenna war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie
+heute Venedig – die riesigen Kränze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern,
+die von allen Zinnen und Dächern niederwehten: denn es galt, Vermählung
+des gotischen Königspaares zu feiern.
+
+Am frühen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor
+den Thoren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der König
+und die Königin erschienen auf milchweißen Rossen: abgestiegen waren sie
+vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte
+Witichis seiner Braut die rechte Hand auf das Haupt gelegt: sie aber trat
+mit dem entblößten linken Fuß in den Goldschuh des Königs.
+
+Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht
+geschlossen. Darauf bestieg das Paar einen mit grünen Zweigen geschmückten
+Wagen, der von vier weißen Rindern gezogen ward; der König schwang die
+Geißel und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schloß
+sich an die halb heidnische, germanische, eine zweite, die christliche
+Feier: der arianische Bischof erteilte seinen Segen über das Paar in der
+Basilika Sancti Vitalis und ließ es die Ringe wechseln.
+
+Rauthgundens wurde nicht gedacht.
+
+Noch war die Kirche nicht mächtig genug, ihre Forderung der
+Unauflöslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe überall durchzusetzen:
+vornehme Römer und vollends Germanen verstießen noch häufig in voller
+Willkür ihre Frauen. Und wenn gar ein König aus Gründen des Staatswohls
+und ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschloß, erhob sich kein
+Widerstand. –
+
+Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Gärten
+ein großes Festmahl gerüstet war.
+
+Das ganze Gotenheer und die ganze Bevölkerung der Stadt fand hier, dann
+auf den Fora des Herkules und des Honorius und in den nächsten Straßen und
+Kanälen auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, während die
+Großen des Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Königspaar in der
+Gartenrotunde oder in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem
+römischen Palast anbringen lassen, tafelten.
+
+So wenig die Lage des Landes und des Königs Stimmung zu rauschenden Festen
+passen mochten, – es galt, die Ravennaten mit den Goten und die
+verschiedenen Parteien der Goten unter sich zu versöhnen: und man hoffte,
+in Strömen des Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen
+hinwegzuspülen.
+
+Am besten übersah man den Königstisch und die festlichen Tafeln, die sich
+über den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach
+Mataswinthens bestimmten kleinen Gelaß, dessen einziges Fenster auf die
+Rotunde vor dem Garten und, über den Garten hin, bis auf das Meer
+ausblicken ließ.
+
+In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmückend zu schalten und zu
+walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste
+ausgebeten. »Denn diese ernsten, finstern Römer wissen ebensowenig wie die
+rauhen Goten, dem schönsten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in
+Afrika, im Land der Wunder, lernt man das.«
+
+Und wohl war ihr’s gelungen, wenn auch im Sinn der schwülen,
+phantastischen Üppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre
+Gemach wie zu einem kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Wände und Decke
+waren von glänzend weißen Marmorplatten gefügt.
+
+Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten
+Gehängen von dunkelroter Seide verhüllt, die in schweren Falten von den
+Wänden niederfloß, sich über die Getäfeldecke wie ein Rundbogen wölbte und
+den Marmorboden so dicht verhüllte, daß jeder Tritt lautlos drüber hin
+glitt und alles Geräusch sich im Entstehen brach. Nur an der
+Fensterbrüstung sah man den schimmernd weißen Marmor sich prachtvoll von
+der Glut der Seide heben.
+
+Das Fenster von weißem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber
+Seide verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum strömte aus von einer
+Ampel, die von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit
+goldnen Flügeln schwebte aus einem Füllhorn von Blumengewinden: in den
+Füßen trug sie eine flache Schale aus einem einzigen großen Karneol, der,
+ein Geschenk des Vandalenkönigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als
+ein seltenes Wunder galt.
+
+Und in dieser Schale glühte ein rotes Flämmchen, genährt von stark
+duftendem Cederöl. Ein gebrochenes, träumerisches Dämmerlicht ergoß sich
+von hier aus über das phantastische Doppelpfühl, das, halb von Blumen
+verschüttet, darunter stand. Aspa hatte sich das bräutliche Lager als die
+aufgeschlagnen Schalen einer Muschel gedacht, die an der innern Seite
+zusammenhängen, zwei ovale muschelförmige Klinen von Citrusholz erhoben
+sich nur wenig von dem Teppich des Bodens. Über die weißen Kissen und
+Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem Glanz gegossen.
+
+Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fülle von Blumen, welche
+die Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem
+Geschmack über das ganze Gemach verstreut und über die Wände, Decken,
+Vorhänge, die Thüre und das Lager verteilt hatte.
+
+Ein Bogen von starkduftigen Geißblattranken überwölbte laubenartig die
+einzige Thüre, den schmalen Eingang. Zwei mächtige Rosenbäume standen zu
+Häupten des Lagers und streuten ihre roten und weißen Blüten auf die
+Teppiche. Die Ampel hing, wie erwähnt, aus einem kunstvoll gewundnen
+Füllhorn von Blumen herab. Und überall sonst, wo eine Falte, eine Biegung
+der Teppiche das Auge zu verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume
+glücklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die
+sicilische Myrte, das schöne Rhododendron der Alpen und die glühenden
+Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: – alle lauschten je am
+gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. –
+
+Schon standen die Sterne am Himmel.
+
+Es dämmerte draußen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der
+veilchendunkeln Schale entzündet und war nur noch beschäftigt, hier und da
+eine Falte zu glätten, indes sie eine römische Sklavin anwies, in den
+Silberkrügen auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kühlen,
+eine andre, das Gemach mit Balsam zu durchsprengen.
+
+»Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So!« rief
+Aspa, eine volle Libation über das Lager spritzend.
+
+»Laß ab,« mahnte die Römerin, »es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen
+betäubt: die Rose und das Geißblatt berauschen fast die Sinne: mir würde
+schwindeln hier.«
+
+»Ah,« lachte Aspa, »wie singt der Dichter: »Nüchternen nimmer nahet das
+Glück: nur in seligem Rausche.« Laß uns jetzt das Fenster schließen.« –
+»Nur ein wenig noch laß mich lauschen,« bat eine dritte junge Sklavin, die
+dort lehnte. »Es ist zu schön! Komm, Frithilo,« sprach sie zu einer
+gotischen Magd, die neben ihr stand, »du kennst ja all die stolzen Männer
+und Frauen: sage, wer ist der zur Linken der Königin mit dem goldnen
+Schuppenpanzer? er trinkt dem König zu.« – »Herzog Guntharis von Tuscien,
+der Wölsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta ... – wo mag der sein zu
+dieser Stunde?«
+
+»Und der Alte neben dem König, mit dem grauen Bart?«
+
+»Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht
+die Fürstin an. Wie sie lacht und errötet! Nie war sie so schön.« – »Ja,
+aber auch der Bräutigam – welch herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der
+Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht fröhlich: – vorhin starrte er lange
+sprachlos in seinen Becher und furchte die Stirn: – die Königin sah es: –
+bis der alte Hildebrand, gegenüber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf.
+Was hat der Mann zu seufzen? neben diesem Götterweib.«
+
+»Nun,« sprach die Gotin, »er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz.
+Er denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und
+Menschen, die er verstoßen.«
+
+»Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber
+urplötzlich fuhr Aspa zwischen die Mädchen: »Willst du wohl schweigen mit
+dem dummen Gerede, Barbarin! Mach, daß du fortkommst! Ein solches Wort: –
+eine Silbe, daß es die Königin hört und du sollst der Afrikanerin
+gedenken.«
+
+Frithilo wollte erwidern. »Still,« rief eine der Römerinnen. »Die Königin
+bricht auf.« – »Sie wird hier herauf kommen.« – »Der König bleibt noch.« –
+»Nur die Frauen folgen ihr.« – »Sie geben ihr das Geleit bis hierher,«
+sprach Aspa. »Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen.«
+
+Bald nahte der Zug, von Fackelträgern und Flötenbläsern eröffnet. Darauf
+eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder
+jungen Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und
+Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen
+den Zug.
+
+An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an
+die jungen Mädchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Gürtel
+verschenkend.
+
+Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause
+zurück. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, ließen sich
+als Ehrenwache vor der Thüre des Brautgemaches nieder, wo Teppiche für sie
+bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Männer,
+die den Bräutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt’ es die
+gotische Sitte.
+
+Mataswintha überschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens.
+»Aspa,« rief sie, »das hast du schön gemacht! – zauberisch!« –
+
+Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme über die Brust und beugte den
+Nacken. Sie an sich ziehend, flüsterte die Braut:
+
+»Du kanntest mein Herz und seine Träume! Aber,« fuhr sie aufatmend fort,
+»wie schwül! Deine glühenden Blumen berauschen.«
+
+»In Glut und Rausch nahen die Götter!« sprach Aspa.
+
+»Wie schön jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Göttin
+Flora flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darüber
+ihre schönsten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier
+erlebe. Es durchrieselt mich heiß. – Es ist schwül. – Nehmt mir den
+schweren Prunk ab.« Und sie nahm die goldne Krone aus dem Haar.
+
+Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und
+zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei
+wallte das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen lösten die Spange,
+die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit
+seinen reichen Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der
+Mantel fiel und zeigte die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem
+ärmellosen wallenden Unterkleid von weißer persischer Seide. Ihre
+schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: – Erbstücke aus
+dem alten Schatz der Amalungen: grüne Schlangen von Smaragden waren darin
+eingelegt.
+
+Mit Entzücken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den
+Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu
+schlichten.
+
+»Wie schön du bist! wie zauberschön! – wie Astaroth, die Liebesgöttin: –
+nie warst du so schön, wie in dieser Stunde.« Mataswintha warf einen
+raschen Blick in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fühlte, daß Aspa
+recht hatte: und sie errötete.
+
+»Geht,« sagte sie, »laßt mich allein mit meinem Glück.« Die Sklavinnen
+gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch öffnete, wie um
+ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der
+unten vom Schein der Hängelampen im Garten voll beleuchtet war.
+
+»Er! Wieder er. – Wohin entflieh ich vor ihm, dem süßen Tod?«
+
+Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenüber,
+glänzte im Ampellicht eine weiße Marmorbüste. Sie kannte sie wohl: Aspa
+hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender
+Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weißen und roten Rosen um
+sein Haar. »Und wieder du!« flüsterte die Braut, süß erschrocken und legte
+die weiße Hand vor die Augen. »Und schließ ich die Augen und wend’ ich sie
+nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten
+Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will’s!«
+rief sie die Hand fallen lassend und dicht vor die Büste tretend: »ich
+will’s! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab’ ich zu dir
+aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren,
+großen Zügen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen,
+dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfüllt! Wie er einst dem weinenden
+Kinde die Thränen getrocknet und die Ratlose nach Hause geführt, so wird
+er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in
+seinem Herzen. Und durch all diese öden Jahre, durch all die letzten
+Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefühl: »Es wird!
+Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher
+an der starken Brust.« Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des
+Himmels: – es ward. Ich bin sein! Dank, glühenden, seligen Dank, wer immer
+du bist, beglückende Macht, die über den Sternen die Bahn der Menschen
+lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich
+will’s verdienen, dieses Glück. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich
+bin schön: ich weiß es, daß ich’s bin: ich weiß es ja durch ihn: – ich
+will’s für ihn sein. Laß mir, Himmel, diese Schöne. Sie sagen: ich habe
+einen mächtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Flügel, Gott, daß ich
+seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhöhen. Aber, o Gott, laß mich
+auch abthun meine Fehler, den spröden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den
+Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbändigen Drang nach Freiheit ... –
+O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmütiger Geist: ihm sich zu
+beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig
+an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis,« rief sie und
+sank fortgerissen vom Gefühl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und
+zu der Büste aufblickend mit schwimmenden Augen – »ich bin dein. Thu wie
+du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, daß du glücklich
+bist, glücklich durch mich.«
+
+Und sie beugte das schöne Haupt vor, nach den gefaltenen Händen.
+
+Doch plötzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floß ins Gemach. An der
+offenen Thüre stand der König: draußen auf dem Gang zeigten sich
+zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln.
+
+»Dank, meine Freunde,« sprach der König mit ernster Stimme. »Dank, für das
+Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht,« und er wollte die Thüre
+schließen.
+
+»Halt,« sprach Hildebrand, mit der Hand die Thüre wieder öffnend, so daß
+Mataswintha sichtbar ward, »hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das
+Weib, die heut wir vermählt, sind glücklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet
+Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Kuß.«
+
+Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug erglühend die Augen nieder.
+
+Unschlüssig stand der König in der Thür. »Du kennst der Goten Brauch,«
+sprach Hildebrand laut, »so thu’ danach.«
+
+Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens,
+führte sie schnell einen Schritt vorwärts und berührte mit den Lippen ihre
+Stirn. Mataswintha zuckte.
+
+»Heil euch!« rief Hildebrand. »Wir haben gesehen den bräutlichen Kuß. Wir
+bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil König Witichis und seinem
+schönen Weib, der Königin Mataswintha.«
+
+Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis,
+Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannerträger) des Königs,
+Graf Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Mädchen
+vor der Thüre des Brautgemachs, welche Witichis nun schloß.
+
+Sie waren allein.
+
+Witichis warf einen langen, prüfenden Blick durch das Gemach. Das erste,
+was Mataswintha that, war, – sein Kuß brannte auf ihrer Stirn, – daß sie
+unwillkürlich soweit als möglich von ihm hinwegglitt. So war sie – sie
+wußte nicht wie – in die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster,
+gelangt. Witichis mochte es bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die
+Hände auf das mächtige, breite und fast brusthohe Schwert gestützt, das
+er, aus dem Wehrgehäng genommen, in der Scheide, wie einen Stab, in der
+Rechten führte.
+
+Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf
+Mataswintha gerichtet. »Königin,« sprach er und seine Stimme drang ernst
+und feierlich aus seiner Brust, »sei getrost! Ich ahne, was du fürchtend
+fühlst in zarter Mädchenbrust. Es mußte sein. Ich durfte dein nicht
+schonen. Das Wohl des Volks gebot’s: ich griff nach deiner Hand: sie muß
+mein sein und bleiben. Doch hab’ ich schon in allen diesen Tagen dir
+gezeigt, daß deine Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden: – und wir
+sind jetzt zum ersten Mal allein. Auch diese gepreßte bange Stunde hätt’
+ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst, glaube ich, die alte
+Sitte des Brautgeleits. Und du weißt, in unserem Fall liegt alles daran,
+sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat, und die Röte in
+deinen Wangen aufflammen sah, – lieber hätt’ ich im ödesten Berggeklüft
+dieses müde Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht:
+Hildebrand und Graf Grippa und Herzog Guntharis hüten diese Schwelle.
+Sonst ist kein Ausgang aus diesem Gemach.
+
+Wollt’ ich dich verlassen, es gäbe Lärm und Spott und Streit: und neuen
+Zwist vielleicht. Du mußt mich diese Nacht in deiner Nähe dulden.«
+
+Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch
+den Purpurmantel, den er, ähnlich dem Mataswinthens, über der Schulter
+trug, warf er ab.
+
+Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand.
+
+Witichis drückte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des
+Mädchens. »Komm, Mataswintha,« sprach er. »Verharre nicht in unversöhntem
+Zorn. Es mußte sein, sag’ ich dir. Laß uns, was sein muß, edel tragen und
+nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich mußte deine Hand nehmen, – dein
+Herz bleibt frei.
+
+Ich weiß, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht
+lieben. Doch glaub’ mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du
+immerdar den Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft,
+Königin der Goten!«
+
+Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte.
+
+Nicht länger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank
+zugleich zu seinen Füßen nieder, daß Witichis überrascht zurücktrat.
+
+»Nein, weiche nicht zurück, du Herrlicher!« rief sie. »Es ist doch kein
+Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang
+und Furcht und Unrecht, das du mir gethan. O Witichis, wohl hat man mich
+gelehrt, – das Weib soll immer klug verbergen, was es fühlt, soll sich
+bitten lassen und erweichen und nur genötigt geben, was es aus Liebe
+giebt, auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... –
+Hinweg mit diesen niedrigen Plänen armer Klugheit! Laß mich thöricht sein!
+Nicht thöricht! Offen und groß, wie deine Seele!
+
+Nur Größe kann dich verdienen, nur das Ungewöhnliche. Du sprichst von
+Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! – Es brauchte keines Zwangs! –
+gern ...« –
+
+Staunend hatte sie Witichis eine Zeit lang angesehen.
+
+Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. »Das ist schön und groß,
+Mataswintha, daß du feurig fühlest für dein Volk, die eigene Freiheit ohne
+Zwang ihm opfernd. Glaub’ mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer
+darum nicht niedriger an. That ich doch desgleichen! Nur um des
+Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand und nun und nie kann ich
+dich lieben.«
+
+Da erstarrte Mataswintha.
+
+Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab:
+sie starrte ihn mit großen, offnen Augen an. »Du liebst mich nicht? du
+kannst mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein
+Gott? Sag, bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schönste Weib der
+Erde genannt?«
+
+Aber der König beschloß, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht
+erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. »Ja, du bist Mataswintha, und
+teilst meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Königs,
+aber nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben
+ist auf ewig einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von
+mir gerissen: und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis,
+mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!«
+
+»Ha!« rief Mataswintha, wie von Fieber geschüttelt und beide Arme
+erhebend, »und du hast es gewagt ... –«
+
+Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den König.
+»Du wagst es!« rief sie nochmals – »Hinweg, hinweg von mir!«
+
+»Still,« sprach Witichis, »willst du die Lauscher draußen herbeirufen?
+Fasse dich, ich verstehe dich nicht.«
+
+Und rasch zog er das mächtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das
+Doppelpfühl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng
+aneinanderstießen.
+
+»Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze
+zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen.
+
+Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden.
+
+Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, – ich bleibe links. So teile,
+wie ein Schwertschnitt, diese Nacht für immer unser Leben!«
+
+Aber in Mataswinthens Busen wogten die mächtigsten Gefühle, furchtbar
+ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und glühender Haß. Die Stimme
+versagte ihr. »Nur fort, fort aus seiner Nähe,« konnte sie noch denken.
+Sie eilte gegen die Thür.
+
+Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm.
+
+»Du mußt bleiben.« Da zuckte sie zusammen: das Blut schoß in ihr auf:
+bewußtlos sank sie nieder.
+
+Ruhig sah Witichis auf sie herab. »Armes Kind,« sprach er, »der schwüle
+Duft in diesem Gelaß hat sie ganz verwirrt! Sie wußte nicht, was sie
+sinnlos sprach!
+
+Was ist deine kleine mädchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens
+Herzzerreißung und die meine.«
+
+Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfühl zur Rechten des
+Schwertes.
+
+Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich
+zur Linken und lehnte den Rücken an das Lager.
+
+Lang saß er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes
+Haargeflecht gedrückt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es
+kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen. –
+
+Mit dem ersten Hahnenschrei verließ die Brautwache ihren Posten, von
+Flötenbläsern abgeholt. Gleich darauf schritt der König aus dem Gemach, in
+voller Rüstung.
+
+Die Flöten hatten auch Mataswintha geweckt.
+
+Aspa, die sich leise heranschlich, hörte plötzlich einen dumpfen Schlag.
+Sie eilte in das Gemach. Da stand die Königin, auf des Königs langes
+Schwert gestützt, und starrte vor sich zur Erde.
+
+Der Areskopf lag zertrümmert zu ihren Füßen.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+Im friedlichen Licht des späten Nachmittags schimmerten die Kirche und das
+Kloster, die am Fuß des Apenninus nordöstlich von Perusia und Asisium,
+südlich von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des
+kleinen Fleckens Taginä, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des
+Jenseits einzulösen.
+
+Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgeführt, umfriedete
+mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem grünem Laubwerk.
+An den vier Seiten desselben liefen kühle Bogengänge hin mit
+Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmückt.
+All dies Bildwerk hatte den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren
+sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift, zumal aus der
+Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit.
+
+Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen
+von diesen hohen und starken Mauern. Cypressen und Thuien herrschten vor
+in den Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen
+ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Vöglein nicht: der Nachtigall
+süßes Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stören.
+
+Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs einer streng
+kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem
+Freunde Valerius den ganzen Plan der äußeren und inneren Einrichtung
+seiner Stiftung entworfen – ähnlich der Regel des Männerklosters, das er
+selbst zu Squillacium in Unteritalien gegründet – und dessen Ausführung
+überwacht hatte. Und sein frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch
+feindlich abgewendeter Geist drückte sich denn im größten wie im kleinsten
+dieser Schöpfung aus. Die zwanzig Jungfrauen und Witwen, welche hier als
+Religiosä lebten, verbrachten in Beten und Psalmensingen, in Buße und
+Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werkthätiger christlicher Liebe, indem
+sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Hütten aufsuchten und
+ihnen Seele und Leib trösteten und pflegten.
+
+Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck,
+wenn durch die dunkeln Cypressengänge hin eine dieser frommen Beterinnen
+wandelte, in dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt
+die weiße enganschließende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von
+den ägyptischen Isispriestern überkommen. Vor den oft in Kreuzesform
+geschnittenen Buchsgebüschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf
+der Brust. Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei
+jeder Begegnung aneinander vorüber. Denn das Gespräch war auf das
+Unerläßliche beschränkt.
+
+In der Mitte des Gartens floß ein Quell aus dunklem Gestein von Cypressen
+überragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen.
+
+Es war ein stilles, schönes Plätzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art
+Laube und verbargen beinahe völlig ein finsteres, rohes Steinrelief, das
+die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte.
+
+An diesem Quell saß, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine
+schöne, jungfräuliche Gestalt in schneeweißem Gewand, das eine goldne
+Spange über der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in
+weichen Wellen zurückgelegt, umflocht eine fein geschlungene Epheuranke: –
+Valeria war’s, die Römerin.
+
+Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden,
+seit die Säulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestürzt. Sie war
+bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Räumen. Aber ihr Auge
+leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schönheit.
+
+Sie las mit großem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureißen, die
+feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkürlich und zuletzt ward die
+Stimme der Lesenden leise vernehmlich:
+
+ – – »Und er vermählte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. –
+ Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr,
+ Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmündige Knäblein,
+ Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar.
+ Schweigend betrachtete Hektor mit lächelndem Blicke den Knaben.
+ Aber Andromache trat mit thränenden Augen ihm näher,
+ Drückt’ ihm zärtlich die Hand und begann die geflügelten Worte:
+ »Böser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knäbleins
+ Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor
+ Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich töten,
+ Alle mit Macht einstürmend auf dich. Dann wär’ mir das beste,
+ Daß mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft
+ Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal:
+ Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter:
+ Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... –««
+
+Sie las nicht weiter: die großen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme
+versagte; sie neigte das blasse Haupt.
+
+»Valeria,« sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich über ihre
+Schulter. »Thränen über dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich: – die
+Ilias! Kind! ich gab dir doch die Evangelien.«
+
+»Verzeih mir, Cassiodor. Es hängt mein Herz noch andern Göttern an als
+deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten
+ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen
+Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an
+die letzten Fäden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen
+Grau’n und Liebe ratlos schwankt der Sinn.«
+
+»Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden.
+Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre
+zurück zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glück zu finden.«
+
+Sie aber schüttelte das schöne Haupt. »Es geht nicht mehr. Feindlich
+ringen in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege, – ich verliere
+immer.«
+
+»Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Mächte, Erdenlust und
+Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen.«
+
+»Weh’ denen,« fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, »welchen das
+Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu
+den Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines
+der beiden froh.«
+
+»In dir, mein Kind,« sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, »walten
+freilich unversöhnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter
+Sinn. Dein Vater, ein Römer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen
+Welt, kühn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend,
+wenig, allzuwenig, fürcht’ ich, ergriffen von dem Geist unseres Glaubens,
+der nur im Jenseits unsere Heimat sucht, – in der That Valerius, mein
+Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben deine Mutter,
+fromm, sanft, aus einem Martyrergeschlecht, den Himmel suchend und der
+Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... –«
+
+»Nein,« sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kräftig
+zurückwerfend, »ich fühle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut
+neigt jener Seite zu. Die Mutter war viel krank und starb schon früh.
+Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone und
+Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner
+Jugend. Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus und wenn er
+abends mit mir saß und las, so waren’s Livius und Tacitus und Vergilius,
+nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran bis in mein
+siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn auch die
+Tugenden, die der Vater pries und übte, sie galten nur dem Staat, dem
+Haus, den Freunden. Glücklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine
+Seele.«
+
+»Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers.«
+
+»Ich war glücklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern
+mit ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in
+meine Seele. Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher
+sorgfältig verborgen hatte, daß die Mutter in schwerer Krankheit mich
+schon vor meiner Geburt durch ein Gelübde dem ehelosen Leben im Kloster
+geweiht, wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte, und daß mein Vater,
+dem dieser Gedanke unerträglich, später mich vom Himmel eingelöst, indem
+er, freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter
+hinzugeben, Kirche und Kloster hier gebaut.«
+
+»So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermögens! Darüber kannst du
+dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu
+binden und zu lösen, hat den Tausch, die Umwandlung des Gelübdes
+gebilligt. Du bist frei!« – »Aber ich fühle mich nicht frei! Nicht mehr
+seit jener Stunde! Was auch du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in
+meinem Herzen spricht eine Stimme: »der Himmel nimmt nicht totes Gold
+statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal läßt sich nicht abkaufen, was
+einmal ihm verwirkt war.« Die finstre, ernste, drohende Macht jenes
+heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist, die
+in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend
+Herrschaftsrecht über meine Seele und läßt nicht davon. Ich bin ihr
+verfallen. Ihr gehör’ ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher
+doch. Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener
+goldnen Welt meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch
+immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich’s auch vergessen will,
+immer ziehen wieder die Wolkenschatten über meine Seele. Sie drohen im
+Hintergrunde aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den
+roten Rosen.«
+
+»Valeria, du hassest, scheint’s, was du verehren solltest.«
+
+»Ich hasse es nicht. Ich fürchte es. Wohl war eine Zeit,« – und ein Strahl
+der Freude flog über ihre Züge – »da glaubte ich den dunkeln Schatten für
+immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen
+Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloß, als soviel
+Jugend, Schönheit, Liebe und Glück mich umfluteten, da wähnte ich wohl,
+für immer sei jener Bann gelöst. Aber es währte nicht lang.
+
+Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die
+ich zwischen ihn und mich gebaut und immer näher drangen seine Schläge.
+Der Krieg bricht aus, mein teurer Vater fällt und nimmt einen
+verhängnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt
+das Haus meiner Ahnen und ich muß flüchten aus meiner Vaterstadt. Sie
+fällt dem Feinde zu. Nur das Opfer eines köstlichen Lebens rettet mir den
+Geliebten. Die Woge des Krieges verschlägt ihn fern von mir.
+
+Und wie ich erwache aus der Betäubung dieses Streichs, – find’ ich mich
+hier, in diesem großen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst
+sehen, der Himmel begnügt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch
+die Leiche, die hinein gehört.«
+
+»Valeria! du solltest Kassandra heißen.«
+
+»Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!«
+
+»Du weißt, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergißt
+über dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag’ ich
+dir, du quälst dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich gelöst, so bist
+du frei.«
+
+»Die Seele löst kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du
+wirst erfüllt sehen, was ich dir ahnend vorhersage – nie werd ich
+glücklich, nie werd ich Totilas und diese Stätte wird ... –«
+
+»Und wenn’s so wäre? Hängst du denn noch gar so fest an Glück und
+Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je früher
+du dich losmachst, desto größerem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und
+ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und
+treulos erfunden. Nichts auf Erden füllt die Seele aus, die nicht von
+dieser Erde ist. Wer das erkennt, der sehnt sich hinweg aus dieser Welt
+der Unrast und der Sünde. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine
+Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... –«
+
+»Nein, nein, Cassiodor,« rief die Römerin, »meine ganze Seele verlangt
+nach Glück auf dieser schönen Erde! Ihr gehör’ ich an! Auf ihr fühl’ ich
+mich heimisch. Blauer Himmel, weißer Marmor, rote Rosen, linde,
+duftgefüllte Abendluft: – wie seid ihr schön!
+
+Das will ich einatmen mit entzückten Sinnen! Wer das genießt, ist
+glücklich! Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab’ ich kein
+Bild in meiner bangen Seele! Nebel, Schatten – graues Ungewiß allein liegt
+jenseit des Grabes. Wie spricht Achilleus?
+
+ »Tröste mich doch nicht über den Tod! Du kannst nicht, Odysseus.
+ Lieber ja möcht’ ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen
+ Für den bedürftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden,
+ Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen.«
+
+So empfind’ auch ich. Weh’ dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint.
+O wie gern, wie gern wär’ ich glücklich in dieser schönen Welt, in meinem
+schönen Heimatland: wie fürcht ich das Unheil, das doch unaufhaltsam näher
+dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten
+unhörbar, doch unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar
+nahenden Schatten meines Lebens!«
+
+Da drang vom Eingang her ein heller, kräftiglust’ger Schall, ein fremder
+Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun
+wiedertönten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der
+gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias.
+
+Aus dem Wohngebäude aber eilte der alte Pförtner herbei. »Herr,« rief er,
+»keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie lärmen und verlangen Fleisch
+und Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Führer: – da ist er
+schon« –
+
+»Totila!« jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in
+schimmernder Rüstung, vom weißen Mantel umwallt, waffenklirrend,
+heranschritt.
+
+»O du bringst Luft und Leben!« »Und neues Hoffen und die alte Liebe,« rief
+Totila. Und sie hielten sich umschlungen.
+
+»Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben!« – »Ich komme
+geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Höfen der Frankenkönige. O
+Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben
+sie’s! Da kämpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre
+Germanenart. Nahe ist der Rhenus und Danubius und ungezählte
+Germanenstämme wohnen dort in alter ungebrochner Kraft: – wir dagegen sind
+wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner Felsblock, den
+rings feindliches Element benagt.
+
+Doch desto größer,« sprach er, sich aufrichtend, »ist der Ruhm, hier,
+mitten im Römerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten.
+
+Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre
+auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und
+Lorbeer begrüßten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fühlte
+klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhält in diesem edlen Land,
+dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn.«
+
+Valeria drückte dem Begeisterten die Hand.
+
+»Und was hast du ausgerichtet?« fragte Cassiodor.
+
+»Viel! – Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von
+Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien
+einzufallen. Die Götter – vergieb mir, frommer Vater – der Himmel war mit
+mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen
+seine Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe.«
+
+»Wo ließest du Julius?«
+
+»Ich geleitete ihn bis in seine schöne Heimatstadt Avenio. Dort ließ ich
+ihn unter blühenden Mandelbäumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie
+mehr den Platon, meist den Augustinus in der Hand und träumt und träumt
+vom ewigen Völkerfrieden, vom höchsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl
+ist es schön in jenen grünen Thälern: – doch neid’ ich ihm die Muße nicht.
+Das Höchste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt’s, für dieses
+Volk der Goten zu kämpfen und zu ringen. Überall, wo ich des Rückwegs kam,
+trieb ich die Männer zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich
+auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber führe eine vierte dem wackern König
+zu. Dann geht es endlich vorwärts gegen diese Griechen, und dann: Rache
+für Neapolis!« Und mit blitzenden Augen hob er den Speer – er war sehr
+schön zu schauen.
+
+Entzückt warf sich Valeria an seine Brust. »O sieh, Cassiodor, das ist
+_meine_ Welt! _meine_ Freude! _mein_ Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und
+Volkesliebe und die Seele in Lieb’ und Haß bewegt – füllt das die
+Menschenbrust nicht aus?«
+
+»Jawohl: im Glück und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum
+Himmel führt.«
+
+»Mein frommer Vater,« sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich
+drückend, mit der Rechten an seine Schulter rührend, »schlecht steht mir
+an, mit dir, dem Ältern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist
+mein Herz geartet. Wenn ich je zweifeln könnte an eines gütigen Gottes
+Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich
+der edeln Miriam Auge brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: »lebt
+denn kein Gott?«
+
+Im Glück, im Sonnenschein fühl’ ich den Gott und seine Gnade wird mir
+offenbar. Er will gewiß der Menschen Glück und Freude: – der Schmerz ist
+sein heiliges Geheimnis – ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Rätsel
+klar. Einstweilen aber laß uns auf der Erde freudig das Unsere thun und
+keinen Schatten uns allzulang verdunkeln.
+
+In diesem Glauben, Valeria, laß uns scheiden. Denn ich muß fort zu König
+Witichis mit meinen Reitern.«
+
+»Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd’ ich dich wiedersehn?«
+
+»Ich seh’ dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand!
+
+Ich weiß, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen
+ernsten Mauern führen darf ins sonnige Leben. Laß dich indes nicht
+allzusehr verdüstern. Es kommt der Tag des Sieges und des Glücks: und mich
+erhebt’s, daß ich zugleich das Schwert für mein Volk und meine Liebe
+führe.«
+
+Inzwischen war der Pförtner mit einem Schreiben an Cassiodor
+wiedergekommen.
+
+»Auch ich muß dich verlassen, Valeria,« sprach der.
+
+»Rusticiana, des Boëthius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie
+will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum.«
+
+»Dahin führt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl,
+Valeria!«
+
+Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein
+Türmchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller
+Rüstung sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine
+Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die
+blaue Fahne flatterte lustig im Winde: alles war voll Leben, Kraft und
+Jugend.
+
+Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend.
+
+Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein
+Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und
+unwillkürlich sprachen sich ihre Gefühle aus in den Worten ihres Homeros:
+
+ »Siehest du nicht wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
+ Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis,
+ Wann auch ihm in des Kampfes Gewühl das Leben entschwindet,
+ Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer.«
+
+Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich
+verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurück.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+Inzwischen hatte König Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst
+und Thätigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet.
+
+Während jede Woche, ja jeden Tag vor und in der Stadt größere und kleinere
+Scharen von den gotischen Heeren eintrafen, die der Verrat Theodahads an
+die Grenzen gesendet hatte, arbeitete der König unablässig daran, das
+ganze große Heer, das allmählich bis auf einhundertundfünfzig
+Tausendschaften gebracht werden sollte, auszurüsten, zu waffnen, zu
+gliedern und zu üben. Denn die Regierung Theoderichs war eine äußerst
+friedliche gewesen: nur die Besatzungen der Grenzprovinzen, kleine
+Truppenmassen, hatten mit Gepiden, Bulgaren und Avaren zu thun gehabt, und
+in den mehr als dreißig Jahren der Ruhe waren die kriegerischen Ordnungen
+eingerostet.
+
+Da hatte der tüchtige König, von seinen Freunden und Feldherren eifrig
+unterstützt, Arbeit vollauf. Die Arsenale und Werften wurden geleert, in
+Ravenna ungeheure Vorratspeicher angelegt und zwischen der dreifachen
+Umwallung der Stadt endlose Reihen von Werkstätten für Waffenschmiede
+aller Art aufgeschlagen, die Tag und Nacht unablässig zu arbeiten hatten,
+den Forderungen des kampfbegierigen Königs, des massenhaft anschwellenden
+Heeres zu genügen. Ganz Ravenna ward ein Kriegslager. Man hörte nichts als
+die Hammerschläge der Schmiede, das Wiehern der Rosse, den Sturmruf und
+Waffenlärm der sich übenden Heerscharen.
+
+In diesem Getöse, in dieser rastlosen Thätigkeit betäubte Witichis, so gut
+es gehen wollte, den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag
+entgegen, da er sein schönes Heer zum Angriff gegen den Feind führen
+könne. Doch hatte er bei allem Drange, im Kampfgewühl sich selber zu
+verlieren, seiner Königspflicht nicht vergessen, und durch Herzog
+Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten an Belisar gesendet mit den
+mäßigsten Vorschlägen.
+
+So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, hatte er kaum einen
+Blick und Gedanken für seine Königin, der er auch, wie er meinte, kein
+größeres Gut als die ungestörteste Freiheit zuwenden konnte.
+
+Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Dämon
+erfüllt, von dem Dämon unersättlicher Rache. In Haß übergeschlagene Liebe
+ist der giftigste Haß.
+
+Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal
+dieses Mannes hoch zu den Sternen erhöht. Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre
+Liebe, war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang
+der Sonne, hatte sie die Erfüllung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann
+erwartet.
+
+Und nun mußte sie sich gestehn, daß er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht
+und nicht erwidert: daß sie, obwohl seine Königin, mit dieser Liebe wie
+eine Verbrecherin dem verstoßenen und doch ewig allein in seinem Herzen
+wohnenden Weibe gegenüberstehe. Und er, auf den sie als Retter und
+Befreier von unwürdigem Zwang gehofft, er hatte ihr die höchste Schmach
+angethan: eine Ehe ohne Liebe. Er hatte ihr die Freiheit genommen und kein
+Herz dafür gegeben. Und warum? was war der letzte Grund dieses Frevels?
+
+Das Gotenreich, die Gotenkrone!
+
+Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer Mataswintha Leben zu
+verderben. »Hätte er meine Liebe nicht erwidert – ich wäre zu stolz, ihn
+darum zu hassen. Aber er zieht mich an sich, behängt mich, wie zum Hohne,
+mit dem Namen seines Weibes, führt diese Liebe bis hart an den Gipfel der
+Erfüllung und stößt mich dann achtlos hinunter in die Nacht
+unaussprechlicher Beschämung. Und warum? warum das alles. Um einen eiteln
+leeren Schall: »Gotenreich!« Um einen toten Reif von Gold. Weh ihm, und
+wehe seinem Götzen, dem er dies Herz geschlachtet. Er soll es büßen. An
+seinem Götzenbilde soll er’s büßen. Hat er mir ohne Schonung mein Idol,
+sein eigen Bild, meine schöne Liebe mit Füßen getreten, – wohlan, Götze
+gegen Götze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu sehen, diese Krone
+zerstückt. Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn, um den er die
+Blüte meiner Seele geknickt, zerschlagen dieses Reich wie seine Büste. Und
+wenn er verzweifelnd, händeringend vor den Trümmern steht, will ich ihm
+zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Götzen aus.«
+
+So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, beschuldigte und
+verfolgte Mataswintha den unseligen Mann, der mehr als sie gelitten, der
+nicht nur sie, der sein und des geliebten Weibes Glück dem Vaterland
+geopfert.
+
+Vaterland, Gotenreich: – der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes,
+das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen für
+ihre Freiheit zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht ihres
+Einen Gefühls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, und zur Rache, Rache
+für die Hinopferung ihrer Seele, dies Gotenreich zu verderben, war ihre
+höchste, grimmige Lust. O hätte sie, wie jene Marmorbüste, mit Einem
+Streich, dies Reich zerschmettern können!
+
+Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze
+dämonische Klugheit. Sie wußte ihren tödlichen Haß und ihre geheimen
+Rachegedanken so tief vor dem König zu verbergen, – so tief wie sie sich
+selbst die geheime Liebe verbarg, die sie noch immer für den grimmig
+Verfolgten im tiefsten Busen trug.
+
+Auch wußte sie dem König ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen,
+welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn
+auch in feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl begriff sie,
+daß sie dem gehaßten König nur dann schaden, seine Sache nur dann
+verderben konnte, wenn sie in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht,
+mit ihren Stärken wie mit ihren Blößen genau vertraut war.
+
+Ihre hohe Stellung machte ihr leicht möglich, alles, was sie wissen
+wollte, zu erfahren: schon aus Rücksicht auf ihren großen Anhang konnte
+man der Amalungentochter, der Königin, Kenntnis der Lage ihres Reiches,
+ihres Heeres nicht vorenthalten. Der alte Graf Grippa versah sie mit allen
+Nachrichten, die er selbst erfuhr. In wichtigeren Fällen wohnte sie selbst
+den Beratungen bei, die in den Gemächern des Königs gehalten wurden.
+
+So war Mataswintha über die Stärke, Beschaffenheit und Einteilung des
+Heeres, die nächsten Angriffspläne der Feldherren und alle Hoffnungen und
+Befürchtungen der Goten so gut wie der König selbst unterrichtet. Und
+sehnlich wünschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen sobald und
+so verderblich wie möglich zu verwerten.
+
+Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht hoffen.
+Naturgemäß richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten
+neutralen, im Herzen aber ausnahmlos byzantinisch-gesinnten Italier ihrer
+Umgebung, mit denen sie leichten und unverdächtigen Verkehr pflegen
+konnte.
+
+Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, – da war keiner, dessen
+Thatkraft und Klugheit sie das tödliche Geheimnis hätte vertrauen mögen,
+daß die Königin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten
+wolle. Diese feigen und unbedeutenden Menschen – die Tüchtigeren waren
+längst zu Cethegus oder Belisar gegangen – waren ihr weder des Vertrauens
+würdig, noch schienen sie Witichis und seinen Freunden gewachsen.
+
+Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den König und die Goten selbst
+zu erkunden, welchen unter allen Römern sie für ihren gefährlichsten,
+bedeutendsten Feind hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen
+hörte sie immer nur Einen Mann nennen, immer und immer wieder einen
+einzigen. Und der saß ihr unerreichbar fern im Kapitol von Rom: Cethegus
+der Präfekt. Es war ihr unmöglich, sich in Verbindung mit ihm zu setzen.
+Keinem ihrer römischen Sklaven wagte sie einen so verhängnisvollen
+Auftrag, als ein Brief nach Rom war, anzuvertrauen.
+
+Die kluge und mutige Numiderin, die den Haß ihrer angebeteten Herrin gegen
+den rohen Barbaren, der diese verschmäht, vollauf teilte, ungeschwächt bei
+ihr durch heimliche Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu
+Cethegus zu finden. Aber Mataswintha wollte das Mädchen nicht den Gefahren
+einer Wanderung durch Italien, mitten durch den Krieg, aussetzen. Und
+schon gewöhnte sie sich an den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom
+zu verschieben, ohne inzwischen in ihrem Eifer in Erforschung der
+gotischen Pläne und Rüstungen zu erkalten.
+
+So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurück von dem Kriegsrat, der
+draußen im Lager, im Zelt des Königs war gehalten worden. Denn seit die
+Rüstungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs
+gewärtig waren, hatte Witichis, wohl auch um Mataswintha aus dem Wege zu
+sein, seine Gemächer im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung
+mitten unter seinen Kriegern aufgeschlagen.
+
+Langsam, das Vernommene ihrem Gedächtnis einprägend und über die
+Verwertung nachsinnend, wandelte die Königin, nur von Aspa begleitet,
+durch die äußersten Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur
+Linken, die weißen Zelte zur Rechten. Sie mied das Gedränge und den Lärm
+der innern Gassen des Lagers.
+
+Während sie bedächtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt,
+musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern, die sich
+hier um den Tisch eines Gauklers geschart hatte, der unerhörte und nie
+gesehene Künste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und Lachen
+der Zuschauer zu schließen.
+
+Aspa zögerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder mit anzusehen. Es war ein
+junger, schlanker Bursch: nach der blendend weißen Haut des Gesichts und
+der bloßen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein
+Kelte, wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten. Er verrichtete
+wirklich Wunderdinge auf seiner einfachen Bühne. Bald sprang er in die
+Höhe, überschlug sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald wieder auf
+die Füße, bald auf die Hände, zu stehen. Dann schien er brennende Kohlen
+mit sichtlichem Behagen zu verspeisen und dafür Münzen auszuspeien: dann
+verschluckte er einen fußlangen Dolch und zog ihn später wieder aus seinen
+Haaren hervor, um ihn mit drei, vier andern scharfgeschliffenen Messern in
+die Luft zu werfen und eins nach dem andern mit nie fehlender Behendigkeit
+am Griff aufzufangen, wofür ihn Gelächter und Rufe der Bewunderung von
+Seite seiner Zuschauer belohnten.
+
+Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt.
+
+Sie sah nach der Herrin und bemerkte, daß ihr Weg gesperrt war von einer
+Schar italischer Lastträger und Troßknechte, welche die Gotenkönigin
+offenbar nicht kannten und gerade an ihr vorbei, über den Weg hin, nach
+dem Wasser zu, lärmende Kurzweil trieben. Sie schienen sich einen
+Gegenstand, den Aspa nicht wahrnahm, zu zeigen und ihn mit Steinen zu
+werfen.
+
+Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler neben ihr auf dem
+Tisch einen gellenden Schrei ausstieß; Aspa wandte sich erschrocken und
+sah den Gallier in ungeheurem Satz über die Köpfe der Zuschauer weg wie
+einen Pfeil durch die Luft auf die Italier losschießen. Schon stand er
+mitten in dem Haufen und schien, sich bückend, einen Augenblick unter
+ihnen verschwunden.
+
+Aber plötzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich darauf ein zweiter
+der Italier stürzte von seinen Faustschlägen nieder.
+
+Im Augenblick war Aspa an der Königin Seite, die sich schnell aus der Nähe
+der Schlägerei entfernt hatte, aber, zu der Sklavin Befremden, stehen
+blieb, mit dem Finger auf die Gruppe weisend.
+
+Und seltsam in der That war das Schauspiel.
+
+Mit unglaublicher Kraft und noch größerer Gewandtheit wußte der Gaukler
+das Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten. Die Gegner
+anspringend, sich wendend und duckend, weichend, dann wieder plötzlich
+vorspringend und den nächsten am Fuß niederreißend oder mit kräftigem
+Faustschlag vor Brust oder Gesicht niederstreckend, wehrte er sich.
+
+Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten Hand: denn die linke
+hielt er, wie etwas bergend und schützend, dicht an die Brust. So währte
+der ungleiche Kampf minutenlang. Der Gaukler ward näher und näher von der
+wütenden lärmenden Menge dem Wasser zugedrängt. Da blitzte eine Klinge.
+Einer der Troßknechte, zornig über einen schweren Schlag, zuckte ein
+Messer und sprang den Gaukler von hinten an. Mit einem Schrei stürzte
+dieser zusammen: die Feinde über ihn her.
+
+»Auf! reißt sie auseinander! helft dem Armen,« rief Mataswintha den
+Kriegern zu, die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen,
+»ich befehle es! die Königin!«
+
+Die Goten eilten nach dem Knäuel der Streitenden: aber noch ehe sie
+herankamen, sprang der Gaukler, der sich für einen Moment von allen
+Feinden losgemacht, hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon,
+gerade auf die beiden Frauen zu – verfolgt von den Italiern, welche die
+wenigen Goten nicht aufzuhalten vermochten.
+
+Welch’ ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe:
+ein Stück seiner gelben Haare schleifte am Rücken und siehe, unter der
+gelben Perücke kam schwarzes glänzendes Haar zum Vorschein und der weiße
+Hals verlief in eine bronzebraune Brust.
+
+Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte er Mataswintha.
+»Schütze mich, rette mich, weiße Göttin!« schrie er und brach zusammen vor
+Mataswinthas Füßen. Schon waren die Italier heran, und der vorderste
+schwang sein Messer. –
+
+Aber Mataswintha breitete ihren blauen Mantel über den Gefallenen:
+»Zurück!« sprach sie mit Hoheit, »laßt ab von ihm. Er steht im Schutz der
+Gotenkönigin.« Verblüfft wichen die Troßknechte zurück. »So?« rief nach
+einer Pause der mit dem Dolch, »straflos soll er ausgehn, der Hund und
+Sohn eines Hundes? und fünf von uns liegen am Boden halbtot? und ich habe
+fortan drei Zähne zu wenig? Und keine Strafe?« »Er ist gestraft genug,«
+sagte Mataswintha, auf die tiefe Dolchwunde am Halse deutend. »Und all das
+um einen Wurm,« schrie ein zweiter, »um eine Schlange, die aus seinem
+Ranzen schlüpfte und die wir mit Steinen warfen.« – »Da seht! er hat die
+Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt sie ihm.« »Schlagt ihn tot,«
+schrien die andern.
+
+Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Königin
+Gehorsam, die Italier unsanft zurückstoßend und einen Kreis um den
+Gefallnen schließend. Aspa blickte scharf zu und plötzlich sank sie mit
+gekreuzten Armen neben dem Gaukler nieder.
+
+»Was ist dir, Aspa? steh auf!« sprach Mataswintha staunend. »O Herrin!«
+stammelte diese, »der Mann ist kein Gallier! Er ist ein Sohn meines
+Volkes. Er betet zu dem Schlangengott! Sieh hier seine braune Haut unter
+dem Halse. Braun wie Aspa, – und hier – hier, eine Schrift; Schriftzeichen
+eingeritzt über seiner Brust: die heilige Geheimschrift meiner Heimat,«
+jubelte sie. Und, mit dem Finger deutend, hob sie an zu lesen.
+
+»Der Gaukler scheint verdächtig. – Warum diese Verstellung?« sprach
+Mataswintha. »Man muß ihn in Haft nehmen.«
+
+»Nein, nein, o Herrin,« flüsterte Aspa. »Weißt du, wie die Inschrift
+lautet? – Kein Auge als meines kann sie dir deuten.« – »Nun?« fragte
+Mataswintha. »Sie lautet,« flüsterte Aspa leise: »Syphax schuldet ein
+Leben seinem Herrn, Cethegus dem Präfekten.« Ja, ja ich erkenne ihn, das
+ist Syphax, Hiempsals Sohn, ein Gastfreund meines Stammes: die Götter
+senden ihn zu uns.«
+
+»Aspa,« sprach Mataswintha rasch, »ja, ihn senden die Götter: die Götter
+der Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen wunden Mann auf eine Bahre, und
+folgt damit meiner Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem
+Dienst.«
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+
+Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder ins Lager, diesmal nicht
+von Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette
+ihres verwundeten Landsmannes, der unter ihren Händen, ihren Kräutern und
+Sprüchen sich rasch erholte.
+
+König Witichis selbst hatte diesmal die Königin abgeholt mit dem ganzen
+Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat
+gehalten werden. Das Eintreffen der letzten Verstärkungen war auf heute
+angekündet: und auch Guntharis und Hildebad wurden zurückerwartet mit der
+Antwort Belisars auf das Friedensanerbieten.
+
+»Ein verhängnisvoller Tag!« sagte Witichis zu seiner Königin. »Bete zum
+Himmel um den Frieden.«
+
+»Ich bete um den Krieg,« sprach Mataswintha, starr vor sich hinblickend.
+»Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache?« – »Nach Rache nur noch ganz
+allein – und sie wird mir werden.«
+
+Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerführern
+erfüllt war. Mataswintha dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen
+Gruß. »Sind die Gesandten zurück?« fragte der König, sich setzend, den
+alten Hildebrand, »so führt sie ein.«
+
+Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhänge und Herzog
+Guntharis und Hildebad traten ein, sich tief verneigend.
+
+»Was bringt ihr? Frieden oder Krieg?« fragte Witichis eifrig. »Krieg!
+Krieg, König Witichis!« riefen beide Männer mit Einem Munde. – »Wie?
+Belisar verwirft die Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich,
+eindringlich, meine Vorschläge mitgeteilt?«
+
+Herzog Guntharis trat vor, und sprach: »Ich traf den Feldherrn im Kapitol
+als Gast des Präfekten und sprach zu ihm: »Der Gotenkönig Witichis
+entbietet dir seinen Gruß.
+
+In dreißig Tagen kann er mit hundertfünfzig Tausendschaften wehrhafter
+Goten vor diesen Thoren stehn. Und ein Schlachten und Ringen um diese
+ehrwürdige Stadt wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut
+getränkten Gefilde nie geschaut.
+
+Der König der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er
+gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sicilien abzutreten und ihm in jedem
+seiner Kriege mit dreißigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort
+Rom und Italien räumt, das uns gehört nach dem Recht der Eroberung wie
+nach dem Vertrag mit Kaiser Zeno, der es Theoderich überließ, wenn er den
+Odovakar stürzen könne.« So sprach ich, deinem Auftrag gemäß.
+
+Belisar aber lachte und rief: »Witichis ist sehr gnädig, mir die Insel
+Sicilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke
+ihm dafür die Insel Thule! Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war
+abgezwungen und das Recht der Eroberung, – nun das spricht jetzt für uns.
+Kein Friede, als unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die
+Waffen, und das ganze Volk zieht über die Alpen und sendet König und
+Königin als Geiseln nach Byzanz.««
+
+Ein Murren der Entrüstung ging durch das Zelt.
+
+»Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Rücken
+und schritten hinaus. »Auf Wiedersehen in Ravenna,« rief er uns nach. Da
+wandt’ ich mich,« sprach Hildebad »und rief: »Auf Wiedersehen vor Rom!«
+Auf, König Witichis, jetzt zu den Waffen. Du hast das Äußerste versucht an
+Friedensliebe und Schmach geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezögert
+und gerüstet! Jetzt führ’ uns an, zum Kampf.«
+
+Da tönten Trompetenstöße aus dem Lager: man hörte den Hufschlag eilig
+nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila
+in glänzenden Waffen, vom weißen Mantel umwallt. »Heil meinem König, Heil
+dir Königin,« sprach er huldigend. »Mein Auftrag ist erfüllt: ich bringe
+dir den Freundesgruß des Frankenkönigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde
+von Byzanz, dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer
+wird nicht gegen die Goten in Italien einrücken. Graf Markja von
+Mediolanum, der bisher die Cottischen Alpen gegen die Franken gedeckt,
+ward dadurch frei mit seinen Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im
+Rückweg hab ich aufgerafft, was ich irgend von waffenfähigen Männern fand
+und die Besatzungen der Burgen an mich gezogen. Ferner:
+
+Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein König: ich führe dir
+sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu
+tummeln in den Ebenen von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: führ uns
+zum Kampf, zum Kampf nach Rom.«
+
+»Hab Dank, mein Freund, für dich und deine Reiter.
+
+Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an,
+ihr Feldherren, wie viele führt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet
+auf!«
+
+»Ich führe drei Tausendschaften Fußvolk,« rief Hildebad. »Ich vierzig
+Tausendschaften zu Fuß und zu Roß mit Schild und Speer,« sprach Herzog
+Guntharis. »Ich vierzig Tausendschaften zu Fuß: Bogenschützen,
+Schleuderer, Speerträger,« sagte Graf Grippa von Ravenna. »Ich sieben
+Tausendschaften mit Messer und Keule,« zählte Hildebrand. »Und dazu
+Totilas sechs Tausendschaften Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften
+Tejas mit der Streitaxt – wo ist er? ich vermisse ihn hier! – Und ich habe
+meine Scharen zu Fuß und zu Roß auf fünfzig Tausendschaften erhöht,«
+schloß der König.
+
+»Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften,« schrieb der
+Protonotar, die Pergamentrolle dem König überreichend.
+
+Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes über des Königs ernstes
+Angesicht. »Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Männer: Belisar,
+sollen sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr
+noch Rast, um aufzubrechen?«
+
+Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte
+Frage vernommen. Sein Auge sprühte Blitze, er bebte vor Zorn. »Rast? Keine
+Stunde Rast mehr: auf zur Rache, König Witichis! Ein ungeheurer Frevel ist
+geschehn, der laut um Rache gegen Himmel schreit. Führ’ uns sofort zum
+Kampf!«
+
+»Was ist geschehn?«
+
+»Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschloß, wie du weißt, seit
+lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und
+fern. Der junge Graf Arahad nur – er suchte wohl den Tod – überfiel mit
+seiner kleinen Gefolgschaft die Übermacht; er fiel im tapfersten Gefecht.
+Verzweifelt widerstand das Häuflein gotischer Männer in der Burg. Denn
+alles wehrlose Volk der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen
+Land in Tuscien, Valeria und Picenum war hierher geflüchtet vor dem Feind,
+wohl viele Tausend. Endlich zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die
+Thore zu öffnen. Der Hunne schwor allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht
+zu vergießen. Er zog ein und befahl den Goten sich in der großen Basilika
+Sankt Zenos zu versammeln. Das thaten sie, über fünftausend Köpfe, Greise,
+Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als sie alle beisammen
+... –« Teja hielt schaudernd inne.
+
+»Nun?« fragte Mataswintha, erblassend.
+
+»Da schloß der Hunne die Thüren, umstellte das Haus mit seinem Heer und –
+verbrannte sie alle fünftausend, samt der Kirche.«
+
+»Und der Vertrag?« rief Witichis.
+
+»Ja, so schrieen auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen.
+»Der Vertrag,« lachte der Hunne, »sei erfüllt: kein Tropfe Blutes sei
+vergossen. Ausbrennen müsse man die Goten aus Italien wie die Feldmäuse
+und schlechtes Gewürm.« Und so sahen die Byzantiner zu, wie fünftausend
+Goten, Greise, Weiber, Kranke, Kinder – König Witichis, hörst du’s?
+Kinder! – elend erstickten und verbrannten. Solches geschieht und du – du
+sendest Friedensboten! Auf, König Witichis,« rief der Ergrimmte, das
+Schwert aus der Scheide reißend, »wenn du ein Mann bist, brich jetzt auf
+zur Rache. Die Geister der Erwürgten ziehen vorauf: – Führ’ uns zum Kampf!
+zur Rache führ’ uns an!«
+
+»Führ’ uns zum Kampf! zur Rache führ’ uns an!« wiederhallte das Zelt vom
+Ruf der Goten.
+
+Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft.
+
+»So soll’s sein. Das Äußerste geschah. Und unsere beste Rüstung ist unser
+Recht: jetzt auf, zum Kampf.«
+
+Und er reichte seiner Königin die Pergamentrolle, die er in der Hand
+hielt, die über seinem Stuhl hängende Königsfahne, das blaue Bandum, zu
+ergreifen.
+
+»Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu
+Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand als seine war: –
+doch zaget nicht. Ihr wisset: übermütige Zuversicht ist meine Sache nicht,
+doch diesmal sag ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg,
+ein großer, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht
+auf, sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!«
+
+»Nach Rom,« wiederhallte das Zelt. »Nach Rom!«
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht seines Heeres die
+Stadt zu verlassen: Johannes hatte er deren Bewachung übertragen.
+
+Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. Sein bisher von
+keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner
+vorausgeschickten Streifscharen, die durch den Übergang der Italier alles
+flache Land, auch alle Festen und Burgen und Städte, bis nahe bei Ravenna,
+gewonnen, hatten in ihm die Zuversicht erzeugt, daß der Feldzug bald
+beendigt und nur das Erdrücken der ratlosen Barbaren in ihrem letzten
+Schlupfwinkel übrig sei.
+
+Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Süden der Halbinsel: Bruttien,
+Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: dann Rom mit Samnium und die
+Valeria durchzogen und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas
+und Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn, die
+unter Führung des Armeniers Zanter, des Persers Chanaranges und des
+Massageten Äschman standen, vorausgesendet worden, Tuscien zu unterwerfen.
+
+Bessas rückte vor das sturmfeste Narnia: für die damaligen
+Belagerungsmittel war die Burgstadt fast uneinnehmbar: – sie thront auf
+hohem Berge, dessen Fuß der tiefe Nar umspült. Die beiden einzigen
+Zugänge, vom Osten und vom Westen, sind ein enger Felsenpaß und die hohe,
+alte, von Kaiser Augustus gebaute, befestigte Brücke. – Aber die römische
+Bevölkerung überwältigte die halbe gotische Hundertschaft, die hier lag,
+und öffnete den Thrakiern des Bessas die Thore. Dem Constantinus
+erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und Perusia. Auf der
+östlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein andrer
+Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli Constantinus, den Tod
+zweier byzantinischer Heerführer, des Magister Militum für Illyrien,
+Mundus, und seines Sohnes Mauricius, die gleich im Anfang des Krieges bei
+Salona in Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren, gerächt,
+Salona besetzt und durch ihre große Übermacht die geringen gotischen
+Scharen zum Rückzug auf Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien
+war darauf den Byzantinern zugefallen. Von Tuscien aus streiften, wie wir
+sahen, die Hunnen Justinians schon durch Picenum und bis in die Ämilia.
+
+Die Friedensvorschläge des Gotenkönigs hielt Belisar daher für Zeichen der
+Schwäche. Daß die Barbaren zum Angriff übergehen könnten, fiel ihm nicht
+ein. Dabei trieb es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast
+des Präfekten zu heißen; im freien Felde mußte sein Übergewicht bald
+wieder hervortreten.
+
+Der Präfekt ließ das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und
+folgte dem Zuge Belisars. Vergebens warnte er diesen vor allzugroßer
+Zuversicht.
+
+»Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn du die Barbaren
+fürchtest,« hatte dieser stolz geantwortet.
+
+»Nein,« erwiderte dieser. »Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes
+Schauspiel, man darf es nicht versäumen.« In der That, Cethegus hätte eine
+Demütigung des großen Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog,
+gern gesehen.
+
+Belisar hatte sein Heer aus den nördlichen Thoren der Stadt geführt und
+wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt, es hier zu mustern
+und neu zu ordnen und zu gliedern. Schon der starke Zufluß von Italiern,
+die zu seinen Fahnen geeilt waren, machte das nötig. Auch Ambazuch, Bessas
+und Constantinus hatte er mit dem größten Teil ihrer Truppen wieder in
+dies Lager herangezogen: sie ließen in den von ihnen gewonnenen Städten
+nur kleine Besatzungen zurück.
+
+Dunkle Gerüchte von einem anrückenden Gotenheer hatten sich in das Lager
+verbreitet. Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben. »Sie wagen es
+nicht,« hatte er dem warnenden Prokop entgegnet. »Sie liegen in Ravenna
+und zittern vor Belisarius.«
+
+Spät in der Nacht lag Cethegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt. Er
+ließ die Ampel brennen. »Ich kann nicht schlafen,« sagte er –: »in den
+Lüften klirrt es wie Waffen und riecht’s wie Blut. Die Goten kommen. Sie
+rücken wohl durch die Sabina, die Via casperia und salara herab.«
+
+Da rauschten seine Zeltvorhänge zurück und Syphax stürzte atemlos an sein
+Lager.
+
+»Ich weiß es schon,« sagte Cethegus aufspringend, »was du meldest: die
+Goten kommen.« – »Ja, Herr, morgen sind sie da. Sie zielen auf das
+salarische Thor. Ich hatte das beste Roß der Königin, aber dieser Totila,
+der den Vortrab führt, jagt wie der Wind durch die Wüste. Und hier im
+Lager ahnt niemand etwas.«
+
+»Der große Feldherr,« lächelte Cethegus, »hat keine Vorposten
+ausgestellt.« – »Er verließ sich ganz auf den festen Turm an der
+Aniusbrücke(1) aber ... –«
+
+»Nun? der Turm ist fest.« – »Ja, aber die Besatzung, römische Bürger aus
+Neapolis, ging zu den Goten über, als sie der junge Totila, der Führer des
+Vortrabs, anrief. Die Leibwächter Belisars, welche sich widersetzten,
+wurden gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der Turm und
+die Brücke ist in der Goten Hand.«
+
+»Es wird hübsch werden! Hast du eine Ahnung, wie stark der Feind?« –
+»Keine Ahnung, Herr: ich weiß es so genau wie König Witichis selbst. Hier
+die Liste ihrer Truppen. Sie schickt dir Mataswintha, seine Königin.«
+
+Cethegus sah ihn forschend an. »Geschehen Wunder, die Barbaren zu
+verderben?«
+
+»Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschöne Weib will ihres Volkes
+Untergang um des Einen willen. Und dieser Eine ist ihr Gatte.«
+
+»Du irrst:« sagte Cethegus, »sie liebte ihn schon als Mädchen und kaufte
+seine Büste.«
+
+»Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbüste ward zerschlagen
+in der Brautnacht.«
+
+»Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt.«
+
+»Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. Sie sagt mir alles.
+Sie liebt mich. Und sie liebt ihre Herrin, fast wie ich dich. Und
+Mataswintha will mit dir das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa
+alles schreiben in den Zauberzeichen unseres Stammes. Und ich würde diese
+Sonnenkönigin zu meinem Weibe nehmen, wenn ich Cethegus wäre.«
+
+»Ich auch, wenn ich Syphax wäre. Aber deine Botschaft ist eine Krone wert!
+Ein listig, rachedürstend Weib wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch,
+Belisar, Witichis und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht
+deine Freiheit: – ich brauche dich noch.«
+
+»Meine Freiheit ist – dir dienen. Eine Gunst: laß mich morgen neben dir
+fechten.«
+
+»Nein, mein hübscher Panther, deine Klauen kann ich noch nicht brauchen: –
+nur deinen Leisegang. Du schweigst gegen jedermann von der Goten Nähe und
+Stärke. Lege mir die Rüstung an und gieb den Plan der salarischen Straße
+dort aus der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Führer meiner
+Isaurier, Sandil.« Syphax verschwand. Cethegus warf einen Blick auf den
+Plan. »Also dort her, von Nordwesten, kommen sie, die Hügel herab. Wehe
+dem, der sie dort aufhalten will. Darauf folgt der tiefe Thalgrund, in dem
+wir lagern. Hier wird die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns,
+südöstlich, zieht sich unsre Stellung entlang dem tiefen Bach; in diesen
+werden wir unfehlbar geworfen: die Brücken werden nicht zu halten sein.
+Darauf eine Strecke flachen Landes – welch schönes Feld für die gotischen
+Reiter, uns zu verfolgen! – Noch weiter rückwärts endlich ein dichter Wald
+und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell Hadrians ... – Marcus,«
+rief er dem Eintretenden entgegen, »meine Scharen brechen auf. Wir ziehn
+hinab den Bach in den Wald und jeden, der dich frägt, dem sagst du: wir
+ziehn zurück nach Rom.«
+
+»Nach Hause? ohne Kampf?« fragte Marcus erstaunt, »du weißt doch: es steht
+der Kampf bevor?«
+
+»Ebendeswegen!« Damit schritt er hinaus, Belisar in seinem Zelt zu wecken.
+Aber er fand ihn schon wach: Prokop stand bei ihm. »Weißt du’s schon,
+Präfekt? flüchtendes Landvolk meldet, ein Häuflein gotischer Reiter naht:
+die Tollkühnen reiten in ihr Verderben: sie wähnen die Straße frei bis
+Rom.« Und er fuhr fort sich zu rüsten.
+
+»Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die Vorhut. Es folge ein
+furchtbares Heer von Barbaren,« warnte Prokop.
+
+»Eitle Schrecken! Sie fürchten sich, diese Goten. – Witichis wagt gar
+nicht, mich aufzusuchen. Endlich habe ich ja, vierzehn Stadien vor Rom,
+die Aniobrücke durch einen Turm geschützt: – Martinus hat ihn gebaut nach
+meinem Gedanken: – der allein hält der Barbaren Fußvolk mehr als eine
+Woche auf – mögen auch ein paar Gäule durch den Fluß geschwommen sein.«
+
+»Du irrst, Belisarius! ich weiß es gewiß: das ganze Heer der Goten naht,«
+sprach Cethegus. – »So geh’ nach Hause, wenn du es fürchtest.« – »Ich
+mache Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen Tagen
+das Fieber geholt. Auch meine Isaurier leiden daran: – ich ziehe mit
+deiner Gunst nach Rom zurück.«
+
+»Ich kenne dieses Fieber,« sagte Belisar – »das heißt: – an andern. Es
+vergeht, sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh
+ab, wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier.«
+
+Cethegus verneigte sich und ging. »Auf Wiedersehen,« sprach er, »o
+Belisarius. Gieb das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern,« sprach er im
+Lager laut zu Marcus. »Und meinen Byzantinern auch,« setzte er leiser bei.
+
+»Aber Belisar hat ...« –
+
+»Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd.« Während er aufstieg, sprengte
+ein Zug römischer Reiter heran: Fackeln leuchteten dem Anführer vorauf.
+
+»Wer da? Ah du, Cethegus? wie, du reitest ab? Deine Leute ziehn sich nach
+dem Fluß? Du wirst uns doch nicht verlassen, jetzt, in dieser höchsten
+Gefahr?« Cethegus beugte sich vor. »Sieh, du, Calpurnius! ich erkannte
+dich nicht: du siehst so bleich. Was bringst du von den Vorposten?«
+
+»Flüchtige Bauern sagen,« sprach Calpurnius ängstlich, »es sei gewiß mehr
+als eine Streifschar. Es sei der König der Barbaren, Witichis selbst, im
+raschen Anzug durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer:
+Widerstand ist dann .. – Wahnsinn – Verderben. Ich folge dir, ich schließe
+mich dir an.«
+
+»Nein,« sagte Cethegus herb, »du weißt, ich bin abergläubisch: ich reite
+nicht gern mit den Furien verfallnen Männern. Dich wird die Strafe für
+deinen feigen Knabenmord sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit
+dir zu teilen.«
+
+»Doch flüstern Stimmen in Rom, auch Cethegus verschmähe manchmal einen
+bequemen Mord nicht,« sprach Calpurnius grimmig.
+
+»Calpurnius ist nicht Cethegus,« sprach der Präfekt, stolz davon
+sprengend. »Grüße mir einstweilen den Hades!« rief er.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+»Verfluchtes Omen!« knirschte Calpurnius. Und er eilte zu Belisar:
+»Befiehl den Rückzug, rasch, Magister Militum.« – »Warum, Vortrefflicher?«
+– »Es ist der Gotenkönig selbst.« »Und ich bin Belisar selbst,« sagte
+dieser, den prachtvollen Helm mit dem weißen Roßschweif aufsetzend. »Wie
+konntest du deinen Posten im Vordertreffen verlassen?« – »Herr, um dir das
+zu melden.« – »Das konnte wohl kein Bote? Höre, Römer, ihr seid nicht
+wert, daß man euch befreit. Du zitterst ja, Mann des Schreckens. Zurück
+mit dir ins Vordertreffen.
+
+Du führst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine Leibwächter Antallas
+und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte. Er _muß_ tapfer sein, hört ihr?
+Weicht er, – nieder mit ihm. So lehrt man Römer Mut.
+
+Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an. In einer Stunde
+geht die Sonne auf. Sie muß unser ganzes Heer auf jenen Hügeln finden.
+
+Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das ganze Lager bricht
+auf, dem Feind entgegen.«
+
+»Feldherr, es ist wie sie sagen,« meldete Maxentius, der treueste der
+Leibwächter, »zahllose Goten rücken an.«
+
+»Sie sind zwei Heere gegen uns,« meldete Salomo, Belisars
+Hypaspisten-Führer.
+
+»Ich rechne Belisar ein ganzes Heer.«
+
+»Und der Schlachtplan?« fragte Bessas.
+
+»Im Angesicht des Feindes entwerf’ ich ihn, während des Calpurnius Reiter
+ihn aufhalten. Vorwärts, gebt die Zeichen, führt Phalion vor.« Und er
+schritt aus dem Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerführer, die
+Hypaspisten, Prätorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, Befehle
+gebend, verteilend, empfangend.
+
+In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Hügel. Man nahm
+sich nicht Zeit, das Lager abzubrechen. Aber der plötzliche Aufbruch
+brachte vielfache Verwirrung. Fußvolk und Reiter gerieten in der dunkeln,
+mondlosen Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde von der Übermacht der
+vordringenden Barbaren Mutlosigkeit verbreitet.
+
+Es waren nur zwei nicht sehr breite Straßen, die gegen die Hügel führten:
+so gab es manche Stockung und Hemmung. Viel später als Belisar gerechnet,
+langte das Heer im Angesicht der Hügel an: und als die ersten
+Sonnenstrahlen sie beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab führte,
+von allen Höhen gotische Waffen blitzen.
+
+Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken machte Calpurnius
+Halt und sandte Belisar Nachricht.
+
+Dieser sah ein, daß Calpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge stürmen
+könne. Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen
+Fußvolks ab, um auf der breitern Straße zu stürmen. Den linken und den
+rechten Flügel führten Constantinus und Demetrius, er selbst brachte im
+Mitteltreffen seine Leibwachen als Rückhalt heran. Calpurnius, froh des
+Wechsels im Plan, stellte seine Reiter unter den steilsten Abfall der
+Hügel, links seitab der Straße, von wo kein Angriff zu befürchten schien,
+den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm abzuwarten und die fliehenden
+Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier aufzunehmen.
+
+Oben auf den Höhen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in
+Schlachtordnung. Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich
+Teja, zu Pferd, vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: – sein
+beiltragendes Fußvolk war noch weit zurück: – er hatte sich ausgebeten,
+ohne Befehlführung, überall, wo es ihn reizte, ins Handgemenge zu greifen.
+Darauf war Hildebrand eingetroffen und hierauf der König mit der
+Hauptmacht gefolgt. Herzog Guntharis mit seinen und Tejas Leuten wurden
+noch erwartet.
+
+Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurückgeflogen.
+
+»König,« sagte er, »unter jenen Hügeln steht Belisar.
+
+Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den Wahnsinn gehabt,
+vorzurücken. Dulde nicht die Schmach, daß er uns zuvorkömmt im Angriff.«
+
+»Vorwärts!« rief König Witichis, »gotische Männer vor!« In wenigen Minuten
+hatte er den Rand der Hügel erreicht und übersah das Thalgefild vor ihm.
+»Hildebad – den linken Flügel! Du, Totila, brichst mit deinen Reitern hier
+im Mitteltreffen, die Straße herunter, vor. Ich halte rechts seitab der
+Straße, bereit, dir zu folgen oder dich zu decken.«
+
+»Das wird’s nicht brauchen,« sagte Totila, sein Schwert ziehend. »Ich
+bürge dir, sie halten meinen Ritt diesen Hügel herab nicht auf.«
+
+»Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurück,« fuhr der König fort, »nehmen
+das Lager, werfen sie in den Bach, der dicht hinter dem Lager glänzt: was
+übrig ist, können eure Reiter, Totila und Teja, über die Ebene jagen bis
+Rom.«
+
+»Ja, wenn wir erst den Paß gewonnen haben, dort in den Waldhügeln, hinter
+dem Fluß,« sagte Teja mit dem Schwert hinüberdeutend.
+
+»Er ist noch unbesetzt, scheint’s: ihr müßt ihn mit den Flüchtigen
+zugleich erreichen.«
+
+Da ritt der Bannerträger, Graf Wisand von Volsinii, der Bandalarius des
+Heeres, an den König heran. »Herr König, ihr habt mir eine Bitte zu
+erfüllen zugesagt.« – »Ja, weil du bei Salona den Magister Militum für
+Illyrien, Mundus, und seinen Sohn vom Roß gestochen.«
+
+»Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. Ich möchte denselben
+Speer auch an Belisar erproben. Nimm mir, nur für heute, das Banner ab und
+laß mich den Magister Belisar aufsuchen. Sein Roß, der Rotscheck Phalion
+oder Balian, wird so sehr gerühmt: und mein Hengst wird steif. Und du
+kennst das alte gotische Reiterrecht: »wirf den Reiter und nimm sein
+Roß«.«
+
+»Gut gotisch Recht!« raunte der alte Hildebrand.
+
+»Ich muß die Bitte gewähren,« sprach Witichis, das Banner aus der Hand
+Wisands nehmend. Dieser sprengte eilig hinweg. »Guntharis ist nicht zur
+Stelle, so trage du es heute, Totila.«
+
+»Herr König,« entgegnete dieser, »ich kann’s nicht tragen, wenn ich meinen
+Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll.« Witichis winkte Teja.
+
+»Vergieb,« sagte dieser: »heut’ denk’ ich beide Arme sehr zu brauchen.« –
+»Nun, Hildebad.« – »Danke für die Ehre: ich hab’s nicht schlechter vor als
+die andern!« »Wie,« sagte Witichis, fast zürnend, »muß ich mein eigner
+Bannerträger sein, will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren?«
+
+»So gieb mir die Fahne Theoderichs,« sprach der alte Hildebrand, den
+mächtigen Schaft ergreifend. »Mich lüstet weitern Kampfes nicht so sehr.
+Aber mich freut’s, wie die Jungen nach Ruhme dürsten. Gieb mir das Banner,
+ich will’s heute wahren wie vor vierzig Sommern.« Und er ritt sofort an
+des Königs rechte Seite.
+
+»Der Feinde Fußvolk rückt den Berg hinan,« sprach Witichis, sich im Sattel
+hebend. »Es sind Hunnen und Armenier,« sagte Teja, mit seinem Falkenauge
+spähend, »ich erkenne die hohen Schilde!« Und den Rappen vorwärts spornend
+rief er: »Ambazuch führte sie, der eidbrüchige Brandmörder von Petra.«
+
+»Vorwärts, Totila,« sprach der König, »und aus diesen Scharen – – keine
+Gefangnen.«
+
+Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an der Mündung der
+aufsteigenden Straße auf der Höhe aufgestellt waren. Mit scharfem Blick
+musterte er die Bewaffnung der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam
+bergauf rückten. Sie trugen schwere, mannshohe Schilde und kurze Speere zu
+Stoß und Wurf.
+
+»Sie dürfen nicht zum Werfen kommen,« rief er seinen Reitern zu. Er ließ
+sie die leichten Schilde auf den Rücken binden und befahl, im Augenblick
+des Anpralls die langen Lanzen, statt, wie üblich, in der Rechten, in der
+Linken, der Zügelhand, zu führen, den Zügel einfach um das Handgelenk
+geschlungen und über die Mähne weg die Lanze aus der rechten in die linke
+Faust werfend. Dadurch trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht
+gedeckte Seite der Feinde. »Sowie der Stoß angeprallt – sie werden ihm
+nicht stehen! – werft die Lanze im Armriem zurück, zieht das Schwert und
+haut nieder, was noch steht.«
+
+Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts und links überflügelnd,
+auf beiden Seiten neben der Straße auf.
+
+Er selbst führte den Keil auf der Straße. Er beschloß, den Feind die
+Hälfte des Hügels herankommen zu lassen. Mit atemloser Spannung sahen
+beide Heere dem Zusammenstoß entgegen.
+
+Ruhig rückte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwärts.
+
+»Laßt sie nur dicht heran, Leute,« sagte er, »bis ihr das Schnauben der
+Rosse im Gesicht spürt. Dann, – und nicht eher, – werft: und zielt mir
+tief, auf die Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab’ ich noch
+alle Reiter geschlagen.«
+
+Aber es kam anders.
+
+Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum Angriff gab, schien eine
+donnernde Lawine vom Berg herab über die erschrocknen Feinde einzubrechen.
+Wie der Sturmwind jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, dröhnende
+Masse heran: und eh’ die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden, die
+Wurfspeere nur zu heben, lag sie schon, von den langen Lanzen auf der
+schildlosen Seite durchbohrt, niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als
+wären sie nie gestanden.
+
+Blitzschnell war das geschehen: und während noch Ambazuch seiner zweiten
+Reihe, in der er selber stand, Befehl geben wollte, zu knieen und die
+Speere einzustemmen, sah er schon auch seine zweite Reihe überritten, die
+dritte auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch
+Widerstand leistend gegen die furchtbaren Reiter, die jetzt erst dazu
+kamen, die Schwerter zu ziehen. Er wollte das Gefecht stellen: er flog
+zurück und rief seinen wankenden Scharen Mut zu.
+
+Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug ihm den Helm. Er
+stürzte in die Knie und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten
+entgegen. »Nimm Lösegeld,« rief er, »ich bin dein.«
+
+Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe abzunehmen, da rief
+Tejas Stimme: »Denk’ an Burg Petra.«
+
+Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. Da stob die
+letzte Reihe der Armenier, Bessas mit fortreißend, entsetzt auseinander, –
+das Vordertreffen Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten
+König Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehn.
+
+»Sieh, jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier gerade unter uns
+stehen, gegen Totila,« sagte der König zu dem alten Bannerträger. »Totila
+wendet sich gegen sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die
+Straße hinunter, ihm zu Hilfe.«
+
+»Ah,« rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und über den Felsrand
+spähend, »wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwächtern
+Belisars?«
+
+Witichis beugte sich vor. »Calpurnius!« rief er mit gellendem Schrei.
+
+Und siehe, urplötzlich sprengte der König, keinen Pfad suchend, gerade wo
+er stand, hinab die Felshöhe auf den Verhaßten. Die Furcht, er möchte ihm
+entrinnen, ließ ihn alles vergessen. Und als hätte er Flügel, als hätte
+der Gott der Rache ihn herabgeführt über Gebüsch und spitze Felsspalten
+und Schroffen und Gräben sauste der König hinunter.
+
+Einen Augenblick faßte den alten Waffenmeister Entsetzen: solchen Ritt
+hatte er noch nie geschaut. Aber im nächsten Moment schwang er die blaue
+Fahne und rief: »Nach! nach eurem König!« Und das berittene Gefolge voran,
+das Fußvolk, springend und auf den Schilden rutschend, hinterher, brach
+das Mitteltreffen der Goten plötzlich steil von oben auf die hunnischen
+Reiter.
+
+Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein Name, gellend gerufen, an
+sein Ohr schlüge. Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts.
+
+Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon. Aber der
+maurische Leibwächter zur Rechten fiel ihm in den Zügel: »Halt, Tribun!«
+sagte Antallas, auf Totilas Reiter deutend – »_dort_ ist der Feind!« Ein
+Schmerzenschrei riß ihn und Calpurnius zur Linken herum. Denn da stürzte
+der zweite der Leibwächter, der Hunne Kuturgur, zu seiner Linken, klirrend
+vom Pferd, unter dem Schwerthieb eines Goten, der plötzlich wie vom Himmel
+gefallen schien. Und hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und
+wogte es den steilen Felshang hinab, der doch pfadlos schien: und die
+Reiter waren von diesem plötzlich von oben gekommenen Feind in der Flanke
+umfaßt, während sie gleichzeitig in der Stirnseite mit den Geschwadern
+Totilas zusammenstießen.
+
+Calpurnius erkannte den Goten. »Witichis!« rief er entsetzt, und ließ den
+Arm sinken. Aber sein Pferd rettete ihn; verwundet und scheu geworden
+durch den Fall des hunnischen Leibwächters zur Linken, setzte es in wilden
+Sprüngen davon.
+
+Der maurische Leibwächter zu seiner Rechten warf sich wütend auf den König
+der Goten, der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war. »Nieder,
+Tollkühner!« schrie er. Aber im nächsten Augenblick hatte ihn das Schwert
+des Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen
+schien, was ihn von Calpurnius jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm
+Witichis nach. Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die,
+entsetzt vor diesem Anblick, auseinanderstoben.
+
+Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz
+hinter den stärksten Geschwadern seiner Reiter. Umsonst. Witichis verlor
+ihn nicht aus dem Auge und ließ nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter
+seinen Reitern barg, wie rasch er floh, – er entging nicht dem Blicke des
+Königs, der alles erschlug, was sich zwischen ihn und den Mörder seines
+Sohnes drängte.
+
+Knäuel auf Knäuel, Gruppe auf Gruppe löste sich vor dem furchtbaren
+Schwert des rächenden Vaters: die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt
+von dem Flüchtenden und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder
+zu schließen. Denn ehe noch Totila ganz heran war, hatte der alte
+Bannerträger mit Reitern und Fußvolk ihre rechte Flanke durchbrochen, in
+zwei Teile gespalten.
+
+Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Flüchtlinge zu verfolgen. Der
+Teil zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte
+genommen und vernichtet.
+
+Der größere Teil zur Linken floh zurück auf Belisar.
+
+Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, über das Schlachtfeld.
+Er hatte einen großen Vorsprung, da sich Witichis siebenmal erst hatte
+Bahn hauen müssen. Aber ein Dämon schien Boreas, des Goten Roß, zu
+treiben: näher und näher kam er seinem Opfer. Schon vernahm der Flüchtling
+den Ruf, zu stehen und zu fechten. Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da
+brach es unter ihm zusammen. Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis
+vor ihm, der vom Sattel gesprungen war. Er stieß ihm, ohne ein Wort, mit
+dem Fuß das Schwert hin, das ihm entfallen. Da faßte sich Calpurnius mit
+dem Mut der Verzweiflung.
+
+Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten.
+Aber mitten im Sprung stürzte er rücklings nieder.
+
+Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. Der König setzte den
+Fuß auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht. Dann
+seufzte er tief auf: »Jetzt hab’ ich die Rache. O hätt’ ich mein Kind.«
+
+Mit Ingrimm hatte Belisar die so ungünstige Eröffnung des Kampfes mit
+angesehen. Aber seine Ruhe, seine Zuversicht verließ ihn nicht, als er
+Ambazuchs und Bessas’ Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter
+durchbrochen und geworfen sah.
+
+Er erkannte jetzt die Übermacht und Überlegenheit des Feindes. Allein er
+beschloß, auf der ganzen Linie vorzurücken, eine Lücke lassend, um den
+Rest der fliehenden Reiter aufzunehmen.
+
+Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und drängten, Witichis voran,
+Totila und Hildebrand, welche die Umzingelten vernichtet hatten, folgend,
+den Flüchtlingen jetzt so ungestüm nach, daß sie mit ihnen zugleich die
+Linie Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten.
+
+Das durfte nicht sein. Belisar füllte diese Lücke selbst durch seine
+Leibwache zu Fuß und schrie den fliehenden Reitern entgegen, zu halten und
+zu wenden.
+
+Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Führers sie alle
+ergriffen hätte. Sie scheuten das Schwert des Gotenkönigs hinter sich mehr
+als den drohenden Feldherrn vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten
+sie, als wollten sie ihr eignes Fußvolk niederreiten, im vollen Galopp
+heran.
+
+Einen Augenblick ein furchtbarer Stoß: – ein tausendstimmiger Schrei der
+Angst und Wut: – ein wirrer Knäuel von Reitern und Fußvolk minutenlang: –
+darunter einhauende Goten: – und plötzlich ein Auseinanderstieben nach
+allen Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde. –
+
+Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie
+durchbrochen. – Er befahl den Rückzug ins Lager.
+
+Aber es war kein Rückzug mehr: es war eine Flucht. Hildebads, Guntharis
+und Tejas Fußvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen: die
+Byzantiner sahen ihre Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am
+Widerstand und mit großer Unordnung eilten sie nach dem Lager zurück.
+Gleichwohl hätten sie dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern
+erreicht, hätte nicht ein unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt.
+
+So siegesgewiß war Belisar ausgezogen, daß er das ganze Fuhrwerk, die
+Wagen und das Gepäck des Heeres, ja selbst die Herden, die ihm
+nachgetrieben wurden nach der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen
+Straßen zu folgen befohlen hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen
+und schwer zu entfernenden Körper stießen nun überall die weichenden
+Truppen und grenzenlose Hemmung und Verwirrung trat ein.
+
+Soldaten und Troßknechte wurden handgemein: die Reihen lösten sich
+zwischen den Karren, Kisten und Wagen. Bei vielen erwachte die Beutelust
+und sie fingen an, das Gepäck zu plündern, ehe es in die Hände der
+Barbaren falle. Überall ein Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen
+das Krachen der Lastwagen, die zerbrochen wurden, und das Blöken und
+Brüllen der erschrocknen Herden.
+
+»Gebt den Troß Preis! Feuer in die Wagen! schickt die Reiter durch die
+Herden!« befahl Belisar, der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter
+Ordnung mit dem Schwert sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer
+unentwirrbarer, immer dichter wurde der Knäuel: – nichts schien ihn mehr
+lösen zu können.
+
+Da zerriß ihn die Verzweiflung.
+
+Der Schrei, »die Barbaren über uns!« erscholl aus den hintersten Reihen.
+Und es war kein leerer Schreck. Hildebad mit dem Fußvolk war jetzt in die
+Ebene hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen
+Knäuel.
+
+Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn: ein tausendstimmiger
+Schrei der Angst – der Wut – des Schmerzes der Angegriffenen, der
+Leibwachen, die, alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht
+konnten: – der Zertretenen und Zerdrückten – und plötzlich stürzte der
+größte Teil der Wagen, mit ihrer Bespannung, und mit den Tausenden, die
+darauf und dazwischen zusammengedrängt waren, mit donnerndem Krachen in
+die Gräben links und rechts neben der Hochstraße.
+
+So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos ergoß sich der Strom
+der Flüchtigen nach dem Lager. –
+
+Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fußvolk, ohne Mühe mit den
+Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, in dem dichten Gewühl
+seine Ziele treffend, während Belisar mit Mühe die unaufhörlichen Angriffe
+der Reiter Totilas und des Königs abwehrte. »Hilf, Belisar,« rief Aigan,
+der Führer der massagetischen Söldner, aus dem eben gesprengten Knäuel
+heranreitend, das Blut aus dem Gesicht wischend: »meine Landsleute haben
+heut’ den schwarzen Teufel unter den Feinden gesehen. Sie stehn mir nicht.
+Hilf: dich fürchten sie sonst mehr als den Teufel!«
+
+Mit Knirschen sah Belisar hinüber nach seinem rechten Flügel, der
+aufgelöst über das Blachfeld jagte, von den Goten gehetzt.
+
+»O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfüll’ ich schlecht mein Wort!«
+
+Und die weitere Deckung des Rückzugs ins Lager dem erprobten Demetrius
+überlassend, – denn das hügelige Terrain, das jetzt erreicht war,
+schwächte die Kraft der verfolgenden Reiter – sprengte er mit Aigan und
+seiner berittenen Garde querfeldein mitten unter die Flüchtenden.
+
+»Halt!« donnerte er ihnen zu, »halt, ihr feigen Hunde. Wer flieht, wo
+Belisar streitet?
+
+Ich bin mitten unter euch, kehrt und siegt!«
+
+Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen das majestätische,
+das löwengewaltige Antlitz.
+
+Und so mächtig war die Macht dieser Heldenpersönlichkeit, so groß das
+Vertrauen auf sein sieghaftes Glück, daß in der That alle, welche die hohe
+Gestalt des Feldherrn auf seinem Rotscheck erkannten, stutzten, hielten,
+und mit einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten wieder
+entgegenwandten. An dieser Stelle wenigstens war die Flucht zu Ende.
+
+Da schritt ein gewaltiger Gote heran, leicht sich Bahn brechend. »Heia,
+das ist fein, daß ihr einmal des Laufens müde seid, ihr flinken
+Griechlein. Ich konnt’ euch nicht mehr nach vor Schnaufen. In den Beinen
+seid ihr uns überlegen. Laßt sehn, ob auch in den Armen. Ha, was weicht
+ihr, Bursche! Vor dem, auf dem Braunscheck? Was ist’s mit dem?«
+
+»Herr, das muß ein König sein unter den Welschen, kaum kann man sein
+zornig Auge tragen.«
+
+»Das wäre! Ah – das muß Belisarius sein! Freut mich,« schrie er ihm
+hinüber, »daß wir uns treffen, du kühner Held. Nun spring vom Roß und laß
+uns die Kraft der Arme messen. Wisse, ich bin Hildebad, des Tota Sohn.
+Sieh, auch ich bin ja zu Fuß. Du willst nicht?« rief er zornig. »Muß man
+dich vom Gaule holen?« Und dabei schwang er in der Rechten wiegend den
+ungeheuren Speer.
+
+»Wende, Herr, weich’ aus,« rief Aigan, »der Riese wirft ja junge
+Mastbäume.« »Wende, Herr,« wiederholten seine Hypaspisten ängstlich.
+
+Aber Belisar ritt, das kurze Schwert gezückt, ruhig dem Goten um eine
+Pferdelänge näher. Sausend flog der balkengleiche Speer heran, grad gegen
+Belisars Brust.
+
+Aber grad’, ehe er traf, – ein kräftiger Hieb von Belisars kurzem
+Römerschwert und drei Schritte seitwärts fiel der Speer harmlos nieder.
+
+»Heil Belisarius! Heil,« schrieen die Byzantiner ermutigt und drangen auf
+die Goten ein.
+
+»Ein guter Hieb,« lachte Hildebad grimmig. »Laß sehen, ob dir deine
+Fechtkunst auch gegen den hilft.« Und sich bückend hob er aus dem
+Ackerfeld einen alten zackigen Grenzstein, schwang ihn mit zwei Armen erst
+langsam hin und her, hob ihn dann über den Kopf mit beiden Händen und
+schleuderte ihn mit aller Kraft auf den heransprengenden Helden –: ein
+Schrei des Gefolges: – rücklings stürzte Belisar vom Pferd. –
+
+Da war es aus.
+
+»Belisarius tot! wehe! Alles verloren, wehe!« schrieen sie, als die
+hochragende Gestalt verschwunden, und jagten besinnungslos nach dem Lager
+zu. Einzelne flohen unaufhaltsam bis an und in die Thore Roms.
+
+Umsonst war’s, daß sich die Lanzen- und Schildträger todesmutig den Goten
+entgegenwarfen: sie konnten nur ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr
+retten.
+
+Den ersten tödlichen Schwerthieb Hildebads, der herangestürmt war, fing
+der treue Maxentius auf mit der eignen Brust. Aber hier sank auch ein
+gotischer Reiter endlich vom Roß, der erst nach Hildebad Belisar erreicht
+und sieben Leibwächter erschlagen hatte, um bis zum Magister Militum
+durchzudringen. Mit dreizehn Wunden fanden ihn die Seinen. Aber er blieb
+am Leben. Und er war einer der wenigen, welche den ganzen Krieg
+durchkämpften und überlebten –, Wisand, der Bandalarius.
+
+Belisar, von Aigan und Valentinus, seinem Hippokomos (Roßwart), wieder auf
+den Rotschecken gehoben und rasch von der Betäubung erholt, erhob umsonst
+den Feldherrnstab und Feldherrnruf: sie hörten nicht mehr und wollten
+nicht hören. Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die Flüchtigen: er
+wurde fortgerissen von ihren Wogen bis ans Lager.
+
+Hier gelang es ihm noch einmal, an einem festen Thor, die nachdringenden
+Goten aufzuhalten. »Die Ehre ist hin,« sagte er unwillig, »laßt uns das
+Leben wahren.« Mit diesen Worten ließ er die Lagerthore schließen, ohne
+Rücksicht auf die großen Massen der noch Ausgeschlossenen.
+
+Ein Versuch des ungestümen Hildebad, ohne weiteres einzudringen,
+scheiterte an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks, das dem Speerwurf und
+den Schleudersteinen trotzte. Unmutig auf seinen Speer gelehnt kühlte er
+sich einen Augenblick von der Hitze.
+
+Da bog Teja, der längst, wie der König und Totila, abgesessen, prüfend und
+das Pfahlwerk messend, um die Ecke des Walls.
+
+»Die verfluchte Holzburg,« rief ihm Hildebad entgegen. »Da hilft nicht
+Stein, nicht Eisen.«
+
+»Nein,« sagte Teja, »aber Feuer!« Er stieß mit dem Fuß in einen
+Aschenhaufen, der neben ihm lag. »Das sind die Wachtfeuer, samt dem
+Reisig, von heute Nacht. Hier glimmen noch Gluten! Hierher, ihr Männer,
+steckt die Schwerter ein, entzündet das Reisig! werft Feuer in das Lager!«
+
+»Prachtjunge,« jubelte Hildebad, »flugs, ihr Bursche, brennt sie aus, wie
+den Fuchs aus dem Bau! der frische Nordwind hilft.« Rasch waren die
+Wachtfeuer wieder entfacht, Hunderte von Bränden flogen in das trockne
+Sparrenwerk der Schanze. Und bald schlugen die Flammen lodernd gen Himmel.
+Der dichte Qualm, vom Wind ins Lager getragen, schlug den Byzantinern ins
+Gesicht und machte die Verteidigung der Wälle unmöglich. Sie wichen in das
+Innere des Lagers.
+
+»Wer jetzt sterben dürfte!« seufzte Belisar. – »Räumt das Lager! Hinaus
+zur Porta decumana. In gut geschlossener Ordnung zu den Brücken hinter
+uns!«
+
+Aber der Befehl, das Lager zu räumen, zerriß das letzte Band der Zucht,
+der Ordnung und des Mutes. Während unter Tejas dröhnenden Axthieben die
+verkohlten Thorbalken niederkrachten und mitten durch Flammen und Qualm
+der schwarze Held, wie ein Feuerdämon, der erste, durch das prätorische
+Thor ins Lager sprang, rissen die Flüchtenden alle Thore, auch die
+seitwärts aus dem Lager nach Rom zu führten, die Portä prinzipales rechts
+und links, auf einmal auf und strömten in wirren Massen nach dem Fluß. Die
+ersten erreichten noch sicher und unverfolgt die beiden Brücken; sie
+hatten großen Vorsprung, bis Hildebad und Teja Belisar aus dem brennenden
+Lager herausgedrängt.
+
+Aber plötzlich – neues Entsetzen! – schmetterten die gotischen
+Reiterhörner ganz nahe.
+
+Witichis und Totila hatten sich, sowie sie das Lager genommen wußten,
+sogleich wieder zu Pferd geworfen und führten nun ihre Reiter von beiden
+Seiten, links und rechts vom Lager her, den Flüchtenden in die Flanken.
+
+Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagerthor gesprengt und eilte nach
+der einen Brücke zu, als er von links und rechts die verderblichen
+Reitermassen heransausen sah. Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann
+die Fassung nicht. »Vorwärts im Galopp an die Brücken!« befahl er seinen
+Saracenen, »deckt sie!« –
+
+Es war zu spät: ein dumpfer Krach, gleich darauf ein zweiter, – die beiden
+schmalen Brücken waren unter der Last der Flüchtenden eingebrochen und zu
+Hunderten stürzten die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzenträger,
+Justinians Stolz, in das sumpfige Gewässer.
+
+Ohne Bedenken spornte Belisar, an dem steilen Ufer angelangt, sein Pferd
+in die schäumende und blutig gefärbte Flut. Schwimmend erreichte er das
+andere Ufer. »Salomo, Dagisthäos,« sagte er, sowie er drüben gelandet, zu
+seinen raschesten Prätorianern, »auf, nehmt hundert aus meinen
+Reiterwachen und jagt was ihr könnt nach dem Engpaß. Überreitet alle
+Flüchtigen. Ihr müßt ihn vor den Goten erreichen, hört ihr? _ihr müßt!_ Er
+ist unser letzter Strohhalm.«
+
+Beide gehorchten, und sprengten blitzschnell davon.
+
+Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte. Die
+Goten waren wie die Byzantiner durch den Fluß eine Weile aufgehalten. Aber
+plötzlich rief Aigan: »Da sprengt Salomo zurück!« »Herr,« rief dieser
+heranjagend: »alles ist verloren! Waffen blitzen im Engpaß. Er ist schon
+besetzt von den Goten.«
+
+Da, zum erstenmale an diesem Tage des Unglücks, zuckte Belisar zusammen.
+»Der Engpaß verloren? – Dann entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers.
+Dann fahrt wohl: Ruhm, Antonina und Leben. Komm, Aigan, zieh’ das Schwert,
+– laß mich nicht lebend fallen in Barbarenhand.«
+
+»Herr,« sagte Aigan, »so hört’ ich euch nie reden.«
+
+»So war’s auch noch nie. Laß uns absteigen und sterben.« Und schon hob er
+den rechten Fuß aus dem Bügel, vom Roß zu springen, da sprengte Dagisthäos
+heran –: »Getrost, mein Feldherr!« – »Nun?« – »Der Engpaß ist unser –
+römische Waffen sind’s, die wir dort sahen. Es ist Cethegus, der Präfekt!
+Er hielt ihn geheim besetzt.«
+
+»Cethegus?« rief Belisar. »Ist’s möglich? Ist’s gewiß?«
+
+»Ja, mein Feldherr. Und seht, es war hoch an der Zeit.« Das war es. Denn
+eine Schar gotischer Reiter, von König Witichis gesendet, den Flüchtenden
+am Engpaß vorauszukommen, hatte durch eine Furt den Fluß durchschritten,
+den Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und vor ihnen den
+verhängnisvollen Paß erreicht. Aber eben als sie dort einmünden wollten,
+brach Cethegus an der Spitze seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht
+hervor und warf die überraschten Goten nach kurzem Gefecht in die
+Flucht. –
+
+»Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen Tag!« rief Belisar. »Auf,
+nach dem Engpaß!« Und mit besserer Ordnung und Ruhe führte der Feldherr
+seine gesammelten Scharen an die Waldhügel.
+
+»Willkommen in Sicherheit, Belisarius,« rief ihm Cethegus zu, seine
+Schwertklinge säubernd. »Ich warte hier auf dich seit Tagesanbruch. Ich
+wußte wohl, daß du mir kommen würdest.«
+
+»Präfekt von Rom,« sprach Belisar, ihm vom Pferd herunter die Hand
+reichend: »du hast des Kaisers Heer gerettet, das ich verloren hatte: ich
+danke dir.«
+
+Die frischen Truppen des Präfekten hielten, eine undurchdringliche Mauer,
+den Paß besetzt, die zerstreut heranflüchtenden Byzantiner durchlassend
+und Angriffe der ersten ermüdeten Verfolger, die über den Fluß gedrungen,
+– sie hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich – in der günstigen
+Stellung ohne Mühe abwehrend.
+
+Vor Einbruch der Dunkelheit nahm König Witichis seine Scharen zurück, auf
+dem Schlachtfeld ihres Sieges zu übernachten, während Belisar mit seinen
+Feldherren einstweilen im Rücken des Passes, so gut es gehen wollte, die
+aufgelösten Heeresmassen, wie sie zerstreut und vereinzelt eintrafen,
+ordneten. Als Belisar wieder einige tausend Mann beisammen hatte, ritt er
+zu Cethegus heran und sprach: »Was meinst du, Präfekt von Rom? Deine
+Truppen sind noch frisch. Und die Unsern müssen ihre Scharte auswetzen.
+Laß uns hervorbrechen nocheinmal – die Sonne geht noch nicht gleich unter
+– und das Los des Tages wenden.«
+
+Mit Staunen sah ihn Cethegus an und sprach die Worte Homers: »Wahrlich,
+ein schreckliches Wort, du Gewaltiger, hast du gesprochen. Unersättlicher!
+So schwer erträgst du’s, ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehn? Nein,
+Belisarius! dort winken die Zinnen Roms: dahin führe deine todesmatten
+Völker. Ich halte diesen Paß, bis ihr die Stadt erreicht. Und froh will
+ich sein, wenn mir das gelingt.«
+
+Und so war’s geschehn. Belisar vermochte unter den dermaligen Umständen
+weniger als je den Präfekten gegen dessen Willen zu bewegen. So gab er
+nach und führte sein Heer nach Rom zurück, das er mit dem Einbruch der
+Nacht erreichte.
+
+Lange wollte man ihn nicht einlassen. Den von Staub und Blut Bedeckten
+erkannte man nur schwer. Auch hatten Versprengte die Nachricht aus der
+Schlacht in die Stadt getragen, der Feldherr sei gefallen und alles
+verloren. Endlich erkannte ihn Antonina, die ängstlich auf den Wällen
+seiner harrte. Durch das pincianische Thor ließ man ihn ein; es hieß
+seitdem Porta belisaria.
+
+Feuerzeichen auf den Wällen zwischen dem flaminischen und dem
+pincianischen Thor verkündeten die Erreichung Roms dem Präfekten, der nun,
+in guter Ordnung und von den ermüdeten Siegern kaum verfolgt, im Schutze
+der Nacht seinen Rückzug bewerkstelligte.
+
+Nur Teja drängte nach mit einigen seiner Reiter bis an das Hügelland, wo
+heute Villa Borghese liegt, und bis zur Aqua Acetosa.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+
+Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer der Goten vor der ewigen
+Stadt, die es in sieben Lagern umschloß.
+
+Und nun begann jene denkwürdige Belagerung, die nicht minder das
+Feldherrntalent und die Erfindungsgabe Belisars als den Mut der Belagerer
+entfalten sollte.
+
+Mit Schrecken hatten die Bürger Roms von ihren Mauern herab mit angesehen,
+wie die Scharen der Goten nicht enden wollten. »Sieh hin, o Präfekt, sie
+überflügeln alle deine Mauern.« – »Ja! in die Breite! laß sehen, ob sie
+sie in der Höhe überflügeln. Ohne Flügel kommen sie nicht herüber.«
+
+Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna zurückgelassen, acht
+hatte er unter den Grafen Uligis von Urbssalvia und Ansa von Asculum nach
+Dalmatien entsendet, diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu
+entreißen und zumal das wichtige Salona wieder zu gewinnen; durch Söldner,
+in Savien geworben, sollten sie sich verstärken.
+
+Auch die gotische Flotte sollte – gegen Tejas Rat! – dort, nicht gegen den
+Hafen von Rom, Portus, wirken.
+
+Den Umkreis der Stadt Rom aber, und ihre weit hinausgestreckten Wälle, die
+Mauern Aurelians und des Präfekten, umgürtete nun der König mit
+einhundertundfünfzig Tausendschaften.
+
+Rom hatte damals fünfzehn Hauptthore und einige kleinere.
+
+Von diesen umschlossen die Goten den schwächeren Teil der Umwallung, den
+Raum, der von dem flaminischen Thor im Norden (östlich von der jetzigen
+Porta del Popolo) bis zum pränestinischen Thor reicht, vollständig mit
+sechs Heerlagern; nämlich die Wälle vom flaminischen Thor gegen Osten bis
+ans pincianische und salarische, dann bis an das nomentanische Thor
+(südöstlich von Porta pia), ferner bis gegen das »geschlossene Thor«, die
+Porta clausa, endlich südlich von da das tiburtinische Thor (heute Porta
+San Lorenzo) und das asinarische, metronische, latinische (an der Via
+latina), das appische (an der Via appia) und das Sankt Pauls-Thor, das
+zunächst dem Tiberufer lag. Alle diese sechs Lager waren auf dem linken
+Ufer des Flusses.
+
+Um aber zu verhüten, daß die Belagerten durch Zerstörung der milvischen
+Brücke den Angreifern den Übergang über den Fluß und das ganze Gebiet auf
+dem rechten Tiberufer bis an die See abschnitten, schlugen die Goten ein
+siebentes Lager auf dem rechten Tiberufer: »auf dem Felde Neros,« vom
+vatikanischen Hügel bis gegen die milvische Brücke hin (unter dem »Monte
+Mario«). So war die milvische Brücke durch ein Gotenlager gedeckt und die
+Brücke Hadrians bedroht, sowie der Weg nach der Stadt durch die »Porta
+Sancti Petri«, wie man damals schon, nach Prokops Bericht, das innere Thor
+Aurelians nannte. Es war das nächste an dem Grabmal Hadrians. Aber auch
+das Thor von Sankt Pankratius rechts des Tibers war von den Goten scharf
+beobachtet.
+
+Dies Lager auf dem neronischen Feld, auf dem rechten Tiberufer, zwischen
+dem pankratischen und dem Petrus-Thor, überwies Witichis dem Grafen Markja
+von Mediolanum, der aus den Cottischen Alpen und der Beobachtung der
+Franken zurückgerufen worden war. Aber der König selbst weilte oft hier,
+das Grabmal Hadrians mit scharfen Blicken prüfend.
+
+Er hatte kein einzelnes Lager übernommen, sich die Gesamtleitung
+vorbehaltend, vielmehr die sechs übrigen an Hildebrand, Totila, Hildebad,
+Teja, Guntharis und Grippa verteilt. Jedes der sieben Lager ließ der König
+mit einem tiefen Graben umziehn, die dadurch ausgehobne Erde zu einem
+hohen Wall zwischen Graben und Lager aufhäufen und diesen mit Pfahlwerk
+verstärken, – sich gegen Ausfälle zu sichern.
+
+Aber auch Belisar und Cethegus verteilten ihre Feldherren und Mannschaften
+nach den Thoren und Regionen Roms. Belisar übertrug das pränestinische
+Thor im Osten der Stadt (heute Porta maggiore) Bessas, das stark bedrohte
+flaminische, dem ein gotisches Lager, das Totilas, in gefährlicher Nähe
+lag, Constantinus, der es durch Marmorquadern, aus römischen Tempeln und
+Palästen gebrochen, fast ganz zubauen ließ.
+
+Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden der Stadt. Dieser war
+unter den ihm von Cethegus eingeräumten Teilen der Festung Rom der
+schwächste.
+
+Den Westen und Süden hielt eifersüchtig, unentfernbar und unentbehrlich,
+der Präfekt.
+
+Aber hier im Norden war Belisar Herr: zwischen dem flaminischen und dem
+pincianischen – oder nun »belisarischen« – Thor, dem schwächsten Teil der
+Umwallung, ließ er sich nieder, zugleich Ausfälle gegen die Barbaren
+planend. Die übrigen Thore überwies er den Führern des Fußvolks Peranius,
+Magnus, Ennes, Artabanes, Azarethas und Chilbudius.
+
+Der Präfekt hatte übernommen alle Thore auf dem rechten Tiberufer, die
+neue Porta aurelia an der älischen Brücke bei dem Grabmal Hadrians, die
+Porta septimiana, das alte aurelische Thor, das nun das pankratische hieß,
+und die Porta portuensis: auf dem linken Ufer aber noch das Thor Sankt
+Pauls. Erst das nächste Thor weiter östlich, das ardeatinische, stand
+unter byzantinischer Besatzung: Chilbudius befehligte hier.
+
+Gleich unermüdlich und gleich erfinderisch erwiesen sich die Belagerer und
+die Belagerten in Plänen des Angriffs und der Verteidigung. Lange Zeit
+handelte es sich nur um Maßregeln, welche die Bedrängung der Römer ohne
+Sturm, vor dem Sturm, bezweckten und andrerseits, sie abwehren sollten.
+
+Die Goten, Herren und Meister der Campagna, suchten die Belagerten
+auszudursten: sie schnitten alle die prachtvollen vierzehn Wasserleitungen
+ab, welche die Stadt speisten. Belisar ließ vor allem, als er dies
+wahrnahm, die Mündungen innerhalb der Stadt verschütten und vermauern.
+»Denn,« hatte ihm Prokop gesagt, »nachdem du, o großer Held Belisarius,
+durch eine solche Wasserrinne nach Neapolis hineingekrochen bist, könnte
+es den Barbaren einfallen, – und kaum schimpflich scheinen, – auf dem
+gleichen Heldenpfad sich nach Rom hinein zu krabbeln.«
+
+Den Genuß des geliebten Bades mußten die Belagerten entbehren: kaum
+reichten die Brunnen in den vom Fluß entlegenen Stadtteilen für das
+Trinkwasser aus.
+
+Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die Barbaren den Römern auch
+das Brot abgeschnitten. – Wenigstens schien es so. Denn die sämtlichen
+Wassermühlen Roms versagten nun. Das aufgespeicherte Getreide, das
+Cethegus aus Sicilien gekauft, das Belisar aus der Umgegend Roms
+zwangsweise hatte in die Stadt schaffen lassen, trotz des Murrens der
+Pächter und Colonen, dieses Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden.
+
+»Laßt die Mühlen durch Esel und Rinder drehen!« rief Belisar. »Die meisten
+Esel waren klug genug und die Rinder, ach Belisarius,« sprach Prokop,
+»sich nicht mit uns hier einsperren zu lassen. Wir haben nur soviel, als
+wir brauchen, sie zu schlachten. Sie können unmöglich erst Mühlen drehen
+und dann noch Fleisch genug haben, das gemahlene Brot selbst zu belegen.«
+
+»So rufe mir Martinus. Ich habe gestern an dem Tiber, die Gotenzelte
+zählend, zugleich einen Gedanken gehabt ... –«
+
+»Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das Mögliche übersetzen muß.
+Armer Mann! Aber ich gehe, ihn zu holen.«
+
+Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und Martinus durch
+zusammengelegte Boote im Tiber die erste Schiffsmühle herstellten, welche
+die Welt kannte, da sprach bewundernd Prokopius: »Das Brot der
+Schiffsmühle wird länger die Menschen erfreu’n, als deine größten Thaten.
+Dies so gemahlene Mehl schmeckt nach – Unsterblichkeit.« Und wirklich
+ersetzten die von Belisar erdachten, von Martinus ausgeführten
+Schiffsmühlen den Belagerten während der ganzen Dauer der Einschließung
+die gelähmten Wassermühlen.
+
+Hinter der Brücke nämlich, die jetzt Ponte San Sisto heißt, auf der
+Senkung des Janiculus, befestigte Belisar zwei Schiffe mit Seilen und
+legte Mühlen über deren flaches Deck, so daß die Mühlenräder durch den
+Fluß, der aus dem Brückenbogen mit verstärkter Gewalt hervorströmte, von
+selbst getrieben wurden.
+
+Eifrig trachteten alsbald die Belagerer, diese Vorrichtungen, die ihnen
+Überläufer schilderten, zu zerstören. Balken, Holzflöße, Bäume warfen sie
+oberhalb der Brücke von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Fluß
+und zertrümmerten so in Einer Nacht wirklich alle Mühlen. Aber Belisar
+ließ sie wieder herstellen und nun oberhalb der Brücke starke Ketten
+gerade über den Fluß ziehen und so auffangen, was, die Mühlen bedrohend,
+herabtrieb.
+
+Nicht nur seine Mühlen sollten diese eisernen Stromriegel decken: sie
+sollten auch verhindern, daß die Goten auf Kähnen und Flößen den Fluß
+herab und, ohne die Brücke, in die Stadt drängen.
+
+Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum Sturm.
+
+Er ließ hölzerne Türme bauen, höher als die Zinnen der Stadtmauer, die auf
+vier Rädern von Rindern gezogen werden sollten. Dann ließ er Sturmleitern
+in großer Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher,
+die je eine halbe Hundertschaft schob und bediente. Mit unzähligen Bündeln
+von Reisig und Schilf sollten die tiefen Gräben ausgefüllt werden.
+
+Dagegen pflanzten Belisar und Cethegus, jener im Norden und Osten, dieser
+im Westen und Süden die Verteidigung der Stadt überwachend, Ballisten und
+Wurfbogen auf die Wälle, die auf große Entfernung balkenähnliche
+Speergeschosse schleuderten mit solcher Kraft, daß sie einen gepanzerten
+Mann völlig durchbohrten. Die Thore schützten sie durch »Wölfe«, d. h.
+Querbalken, mit eisernen Stacheln besetzt, die man auf die Angreifer
+niederschmettern ließ, wann sie dicht bis an das Thor gelangt waren. Und
+endlich streuten sie zahlreiche Fußangeln und Stachelkugeln auf den
+Vorraum zwischen den Gräben der Stadt und dem Lager der Barbaren.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+
+Trotz alledem, sagten die Römer, hätten längst die Goten die Mauern
+erstiegen, wäre nicht des Präfekten Egeria gewesen.
+
+Denn es war merkwürdig: so oft die Barbaren einen Sturm vorbereiteten –:
+Cethegus ging zu Belisar und warnte und bezeichnete im voraus den Tag. So
+oft Teja oder Hildebad in kühnem Handstreich ein Thor zu überrumpeln, eine
+Schanze wegzunehmen gedachten: – Cethegus sagte es vorher, und die
+Angreifer stießen auf das Zweifache der gewöhnlichen Besatzung der Punkte.
+So oft in nächtigem Überfall die Kette des Tibers gesprengt werden sollte:
+– Cethegus schien es geahnt zu haben und schickte den Schiffen der Feinde
+Brander und Feuerkähne entgegen.
+
+So ging es viele Monate hin. Die Goten konnten sich nicht verhehlen, daß
+sie, trotz unablässiger Angriffe, seit Anfang der Belagerung keinerlei
+Fortschritte gemacht.
+
+Lange trugen sie diese Unfälle, die Entdeckung und Vereitelung all ihrer
+Pläne, mit ungebeugtem Mut. Aber allmählich bemächtigte sich nicht bloß
+der großen Masse Verdrossenheit, insbesondere da Mangel an Lebensmitteln
+fühlbar zu werden begann, – auch des Königs klarer Sinn wurde von trüber
+Schwermut verdüstert, als er all’ seine Kraft, all’ seine Ausdauer, all’
+seine Kriegskunst wie von einem bösen Dämon vereitelt sah. Und kam er von
+einem fehlgeschlagenen Unternehmen, von einem verunglückten Sturm, matt
+und gebeugt, in sein Königszelt, so ruhten die stolzen Augen seiner
+schweigsamen Königin mit einem ihm unverständlichen, aber grauenvoll
+unheimlichen Ausdruck auf ihm, daß er sich schaudernd abwandte.
+
+»Es ist nicht anders,« sagte er finster zu Teja, »es ist gekommen, wie ich
+vorausgesagt. Mit Rauthgundis ist mein Glück von mir gewichen, wie die
+Freudigkeit meiner Seele. Es ist, als läge ein Fluch auf meiner Krone. Und
+diese Amalungentochter wandelt um mich her, schweigend und finster, wie
+mein lebendiges Unglück.«
+
+»Du könntest Recht haben,« sprach Teja. »Vielleicht lös’ ich diesen
+Zauberbann. Gieb mir Urlaub für heut’ Nacht.«
+
+Am selben Tage, fast in derselben Stunde, forderte drinnen in Rom
+Johannes, der Blutige, von Belisar Urlaub für diese Nacht. Belisar schlug
+es ab. »Jetzt ist nicht Zeit zu nächtlichen Vergnügen,« sagte er.
+
+»Wird kein groß Vergnügen sein, in der Nacht zwischen alten feuchten
+Mauern und gotischen Lanzen einem Fuchs nachspüren, der zehnmal schlauer
+ist als wir beide.«
+
+»Was hast du vor?« fragte Belisar, aufmerksam werdend.
+
+»Was ich vorhabe? Ein Ende zu machen der verfluchten Stellung, in der wir
+alle, in der du, o Feldherr, nicht zum mindesten stehst. Es ist schon
+alles ganz recht. Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern und
+haben nichts dabei gewonnen. Wir erschießen sie wie Knaben die Dohlen vom
+Hinterhalt und können ihrer lachen. Aber wer ist es eigentlich, der all
+dies vollbringt? Nicht, wie es sein sollte, du, des Kaisers Feldherr, noch
+des Kaisers Heer: sondern dieser eisige Römer, der nur lachen kann, wenn
+er höhnt. Der sitzt da oben im Kapitol und verlacht den Kaiser und die
+Goten und uns und, mit Verlaub zu sagen, dich selber am meisten. Woher
+weiß dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle Gotenpläne so scharf,
+als säße er mit im Rat des Königs Witichis? Durch sein Dämonium, sagen die
+einen. Durch seine Egeria, sagen die andern. Er hat einen Raben, der hören
+und sprechen kann wie Menschen, meinen wieder andere: den schickt er alle
+Nacht ins Gotenlager. Das mögen die alten Weiber glauben und die Römer,
+nicht meiner Mutter Sohn. Ich glaube, den Raben zu kennen und das
+Dämonium. Gewiß ist, er kann die Kunde nur aus dem Gotenlager selbst
+holen; laß uns doch sehen, ob wir nicht selbst an seiner Statt aus dieser
+Quelle schöpfen können.«
+
+»Ich habe das längst bedacht, aber ich sah kein Mittel.«
+
+»Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern lassen. Es ist
+verdammt schwer: denn dieser braune Maurenteufel folgt ihm wie ein
+Schatte. Aber tagelang ist Syphax fern: – und dann gelingt es eher. Nun,
+ich habe erspäht, daß Cethegus so manche Nacht die Stadt verließ, bald aus
+der Porta portuensis, rechts vom Tiber, bald aus der Porta Sankt Pauls,
+links vom Tiber im Süden, die er beide besetzt hält. Weiter wagten ihm die
+Späher nicht zu folgen. Ich aber denke heute Nacht – denn heute muß es
+wieder treffen, – ihm so nicht von den Fersen zu weichen. Doch muß ich ihn
+_vor_ dem Thore erwarten: seine Isaurier ließen mich nicht durch; ich
+werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der Gräben zurückbleiben.«
+
+»Gut. Es sind aber, wie du sagst, zwei Thore zu beobachten.« – »Deshalb
+hab’ ich mir Perseus, meinen Bruder, zum Genossen erkoren; er hütet das
+paulinische, ich das portuensische Thor; verlaß dich drauf – bis morgen
+vor Sonnenaufgang kennt einer von uns das Dämonium des Präfekten.« – Und
+wirklich: einer von ihnen sollte es kennen lernen.
+
+Gerade gegenüber dem Sankt Pauls-Thor, etwa drei Pfeilschüsse von den
+äußersten Gräben der Stadt, lag ein mächtiges altertümliches Gebäude, die
+Basilika Sancti Pauli extra muros, die Paulskapelle vor den Mauern, deren
+letzte Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch den Connetable von
+Bourbon völlig verschwanden. Ursprünglich ein Tempel des Jupiter Stator
+war der Bau seit zwei Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden: aber noch
+stand die bronzene Kolossalstatue des bärtigen Gottes aufrecht: man hatte
+ihm nur den flammenden Donnerkeil aus der Rechten genommen und dafür ein
+Kreuz hineingeschoben: im übrigen paßte die breite und bärtige Gestalt gut
+zu ihrem neuen Namen.
+
+Es war um die sechste Stunde der Nacht. Der Mond stand glanzvoll über der
+ewigen Stadt und goß sein silbernes Licht über die Mauerzinnen und über
+die Ebene, zwischen den römischen Schanzen und der Basilika, deren
+schwarze Schatten nach dem Gotenlager hin fielen.
+
+Eben hatte die Wache am Sankt Pauls-Thor gewechselt.
+
+Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten und nur sechs kamen herein.
+Der siebente wandte der Pforte den Rücken und schritt heraus ins freie
+Feld.
+
+Vorsichtig wählte er seinen Weg: vorsichtig vermied er die zahlreichen
+Fußangeln, Wolfsgruben, Selbstschüsse vergifteter Pfeile, die hier überall
+umhergestreut waren und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt
+Verderben gebracht hatten. Der Mann schien sie alle zu kennen und wich
+ihnen leicht aus. Aber er vermied auch das Mondlicht sorgfältig, den
+Schatten der Mauervorsprünge suchend und oft von Baum zu Baum springend.
+
+Als er aus dem äußersten Graben auftauchte, sah er sich um und blieb im
+Schatten einer Cypresse stehen, deren Zweige die Ballistengeschosse
+zerschmettert hatten. Er entdeckte nichts Lebendes weit und breit: und er
+eilte nun mit raschen Schritten der Kirche zu.
+
+Hätte er nochmal umgeblickt, er hätte es wohl nicht gethan.
+
+Denn, sowie er den Baum verließ, tauchte aus dem Graben eine zweite
+Gestalt hervor, die in drei Sprüngen ihrerseits den Schatten der Cypresse
+erreicht hatte. »Gewonnen, Johannes! du stolzer Bruder, diesmal war das
+Glück dem jüngeren Bruder hold. Jetzt ist Cethegus mein und sein
+Geheimnis.« Und vorsichtig folgte er dem rasch Voranschreitenden.
+
+Aber plötzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden, als habe ihn die
+Erde verschlungen. Es war hart an der äußern Mauer der Kirche, die doch
+dem Armenier, als er sie erreicht, keine Thür oder Öffnung zeigte.
+
+»Kein Zweifel,« sagte der Lauscher, »das Stelldichein ist drinnen im
+Tempel: ich muß nach.«
+
+Allein an dieser Stelle war die Mauer unübersteiglich.
+
+Tastend und suchend bog der Späher um die Ecke derselben. Umsonst, die
+Mauer war überall gleich hoch. – Im Suchen verstrich ihm fast eine
+Viertelstunde.
+
+Endlich fand er eine Lücke in dem Gestein: mühsam zwängte er sich
+hindurch. Und er stand nun im Vorhofe des alten Tempels, in dem die dicken
+dorischen Säulen breite Schatten warfen, in deren Schutz er von der
+rechten Seite her bis an das Hauptgebäude gelangte.
+
+Er spähte durch einen Riß des Gemäuers, den ihm die Zugluft verraten
+hatte. Drinnen war alles finster. Aber plötzlich wurde sein Auge von einem
+grellen Lichtstrahl geblendet. Als er es wieder aufschlug, sah er einen
+hellen Streifen in der Dunkelheit: – er rührte von einer Blendlaterne her,
+deren Licht sich plötzlich gezeigt hatte.
+
+Deutlich erkannte er, was in dem Bereich der Laterne stand, den Träger
+derselben aber nicht: wohl dagegen Cethegus den Präfekten, der hart vor
+der Statue des Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien: vor ihm
+stand eine zweite Gestalt: ein schlankes Weib, auf dessen dunkelrotes Haar
+schimmernd das Licht der Laterne fiel.
+
+»Die schöne Gotenkönigin, bei Eros und Anteros!« dachte der Lauscher:
+»kein schlechtes Stelldichein, sei’s nun Liebe, sei’s Politik! Horch, sie
+spricht. Leider kam ich zu spät, auch den Anfang der Unterredung zu
+hören.«
+
+»Also: merk’ es dir wohl! übermorgen auf der Straße vor dem Thor von Tibur
+wird etwas gefährliches geplant.« – »Gut: aber was?« frug des Präfekten
+Stimme. – »Genaueres konnte ich nicht erkunden: und ich kann es dir auch
+nicht mehr mitteilen, wenn ich es noch erfahre. Ich wage nicht mehr, dich
+hier wieder zu sehen: denn« ... – Sie sprach nun leiser.
+
+Perseus drückte das Ohr hart an die Spalte: da klirrte seine
+Schwertscheide an das Gestein und nun traf ihn ein Strahl des Lichts.
+
+»Horch!« rief eine dritte Stimme – es war eine Frauenstimme, die der
+Trägerin der Laterne, die sich jetzt in dem Strahl ihres eigenen
+Blendlichts gezeigt hatte, da sie sich rasch gegen die Richtung des
+Schalles gekehrt hatte. Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer
+Tracht.
+
+Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel. Perseus hielt den Atem an.
+Er fühlte, es galt das Leben. Denn Cethegus griff ans Schwert.
+
+»Alles still,« sagte die Sklavin. »Es fiel wohl nur ein Stein auf den
+Erzbeschlag draußen.«
+
+»Auch in das Grab vor dem portuensischen Thor geh’ ich nicht mehr. Ich
+fürchte, man ist uns gefolgt.« – »Wer?« – »Einer, der niemals schläft, wie
+es scheint: Graf Teja.« Des Präfekten Lippe zuckte.
+
+»Und er ist auch bei einem rätselhaften Eidbund gegen Belisars Leben: der
+bloße Scheinangriff gilt dem Sankt Pauls-Thor.« »Gut!« sagte Cethegus
+nachdenklich. »Belisar würde nicht entrinnen, wenn nicht gewarnt. Sie
+liegen irgendwo, – aber ich weiß nicht, wo – fürcht’ ich, im Hinterhalt,
+mit Übermacht, Graf Totila führt sie.«
+
+»Ich will ihn schon warnen!« sagte Cethegus langsam.
+
+»Wenn es gelänge ..!« – »Sorge nicht, Königin! Mir liegt an Rom nicht
+weniger denn dir. Und wenn der nächste Sturm fehlschlägt, – so müssen sie
+die Belagerung aufgeben, so zähe sie sind. Und das, Königin, ist dein
+Verdienst. Laß mich in dieser Nacht – vielleicht der letzten, da wir uns
+treffen, – dir mein ganzes staunendes Herz enthüllen. Cethegus staunt
+nicht leicht und nicht leicht gesteht er’s, wenn er staunen muß. Aber dich
+– bewundere ich, Königin. Mit welch’ totverachtender Kühnheit, mit welch’
+dämonischer List hast du alle Pläne der Barbaren vereitelt! Wahrlich: viel
+that Belisar, – mehr that Cethegus, – das meiste: Mataswintha.«
+
+»Sprächst du wahr!« sagte Mataswintha mit funkelnden Augen. »Und wenn die
+Krone diesem Frevler vom Haupte fällt ... – –«
+
+»War es _deine_ Hand, deren sich das Schicksal Roms bedient hat. Aber,
+Königin, nicht damit kannst du enden! Wie ich dich erkannte, in diesen
+Monaten – darfst du nicht als gefangene Gotenkönigin nach Byzanz. Diese
+Schönheit, dieser Geist, diese Kraft muß herrschen – nicht dienen, in
+Byzanz. Darum bedenke, wenn er nun gestürzt ist – dein Tyrann, – willst du
+nicht dann den Weg gehn, den ich dir gezeigt?«
+
+»Ich habe noch nie über seinen Fall hinaus gedacht,« sagte sie düster.
+
+»Aber ich – für dich! Wahrlich, Mataswintha,« – und sein Auge ruhte mit
+Bewunderung auf ihr, – »du bist – wunderschön. Ich rechn’ es mir zum
+größten Stolz, daß selbst du mich nicht in Liebe entzündet und von meinen
+Plänen abgebracht hast. Aber du bist zu schön, zu köstlich, nur der Rache
+und dem Haß zu leben. Wenn unser Ziel erreicht, – dann nach Byzanz!
+
+Als mehr denn Kaiserin: – als Überwinderin der Kaiserin!«
+
+»Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. Glaubst du, ich
+ertrüge den Gedanken, aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben, um
+kluger Zwecke willen? Nein: ich konnt’ es nur, weil ich mußte. Die Rache
+ist jetzt meine Liebe und mein Leben und« ... – –
+
+Da scholl von der Fronte des Gebäudes her, aber noch innerhalb der Mauer,
+laut und schrillend der Ruf des Käuzchens, einmal – zweimal rasch nach
+einander.
+
+Wie staunte Perseus, als er den Präfekten eilig an die Kehle der Bildsäule
+drücken sah, an der er lehnte, und wie sich diese geräuschlos in zwei
+Hälften auseinander schlug. Cethegus schlüpfte in die Öffnung: die Statue
+klappte wieder zusammen. Mataswintha aber und Aspa sanken wie betend auf
+die Stufen des Altars.
+
+»Also war’s ein Zeichen! Es droht Gefahr:« dachte der Späher; »aber wo ist
+die Gefahr? und wo der Warner?« Und er wandte sich, trat vor und sah nach
+links, nach der Seite der Goten.
+
+Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: und in den Blick des
+Mauren Syphax, der vor der Eingangsthür des Hauptgebäudes in einer leeren
+Nische Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der
+gotischen, Seite hin, gespäht hatte.
+
+Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann heran. Seine Streitaxt
+blitzte im Mondlicht.
+
+Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es war der Maure, der
+leise sein Schwert aus der Scheide zog.
+
+»Ha,« lachte Perseus, »bis die beiden mit einander fertig sind, bin ich in
+Rom, mit meinem Geheimnis.«
+
+Und in raschen Sprüngen eilte er nach der Mauerlücke des Vorhofs, durch
+die er eingedrungen. Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts
+und nach links. Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt
+erst ganz entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in
+den Tempelhof. Er konnte nicht hoffen, beide zu erreichen und zu töten.
+
+Da plötzlich schrie er laut: »Teja, Graf Teja! Hilfe! zu Hilfe! Ein Römer!
+rettet die Königin! dort rechts an der Mauer, ein Römer!«
+
+Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. »Dort! rief dieser: »ich schütze die
+Frauen in der Kirche!« Und er eilte in den Tempel.
+
+»Steh, Römer!« rief Teja, und sprang dem fliehenden Perseus nach.
+
+Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er erreichte die Lücke,
+durch welche er hereingekommen war: doch er konnte sich in der Eile nicht
+wieder hindurchzwängen: so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung
+auf die Mauerkrone: und schon hob er den Fuß, sich jenseits hinabzulassen:
+da traf ihn Tejas Axt im Wurf ans Haupt und rücklings stürzte er nieder,
+samt seinem erlauschten Geheimnis. –
+
+Teja beugte sich über ihn: deutlich erkannte er die Züge des Toten. »Der
+Archon Perseus,« sagte er, »der Bruder des Johannes.« Und sofort schritt
+er die Stufen hinan, die zur Kirche führten. An der Schwelle trat ihm
+Mataswintha entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne.
+Einen Moment maßen sich beide schweigend mit mißtrauischen Blicken.
+
+»Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum,« sagte endlich die
+Fürstin. »Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht.«
+
+»Seltsam wählst _du_ Ort und Stunde für deine Gebete. Laß sehen, ob dieser
+Römer der einzige Feind war.«
+
+Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle.
+Nach einer Weile kam er wieder, einen mit Gold eingelegten Lederschuh in
+der Hand. »Ich fand nichts als – diese Sandale am Altar, dicht vor dem
+Apostel. Es ist ein Mannesfuß.«
+
+»Eine Votivgabe von mir,« sagte Syphax rasch. Der Apostel heilte meinen
+Fuß, ich hatte mir einen Dorn eingetreten.«
+
+»Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott?« – »Ich verehre, was da
+hilft.« – »In welchem Fuße stak der Dorn.« Syphax schwankte einen
+Augenblick. »Im rechten,« sagte er dann, rasch entschlossen.
+
+»Schade,« sprach Teja, »die Sandale ist auf den linken geschnitten.« Und
+er steckte sie in den Gürtel. »Ich warne dich, Königin, vor solcher
+nächtlichen Andacht.«
+
+»Ich werde thun, was meine Pflicht,« sagte Mataswintha herb.
+
+»Und ich, was meine.« Mit diesen Worten schritt Teja voran, zurück zum
+Lager: schweigend folgte die Königin und ihre Sklaven.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles.
+
+»Was du sagst, ist kein Beweis,« sagte der König. – »Aber schwerer
+Verdacht. Und du sagtest selbst, die Königin sei dir unheimlich.«
+
+»Gerade deshalb hüt’ ich mich, nach bloßem Verdacht zu handeln. Ich
+zweifle manchmal, ob wir an ihr nicht Unrecht gethan. Fast so schwer, wie
+an Rauthgundis.« – »Wohl, aber diese nächtlichen Gänge?« – »Werd’ ich
+verhindern. Schon um ihretwillen.«
+
+»Und der Maure? Ich trau’ ihm nicht. Ich weiß, daß er tagelang abwesend:
+dann taucht er wieder auf im Lager. Er ist ein Späher.«
+
+»Ja, Freund,« lächelte Witichis. »Aber der meine. Er geht mit meinem
+Wissen in Rom aus und ein. Er ist es, der mir noch alle Gelegenheiten
+verraten.«
+
+»Und noch keine hat genützt! Und die falsche Sandale?«
+
+»Ist wirklich ein Votivopfer. Aber für Diebstahl; er hat mir, noch ehe du
+kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei der Begleitung der Königin sich
+langweilend, in einem Gewölbe der Kirche herumgestöbert und da unten
+allerlei Priestergewänder und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten.
+Aber später, den Zorn des Apostels fürchtend, wollt’ er ihn
+beschwichtigen, und opferte, in seinem Heidensinn, diese Goldsandale aus
+seiner Beute. Er beschrieb sie mir ganz genau: mit goldnen Seitenstreifen
+und einem Achatknopf, oben mit einem _C_ –. Du siehst, es trifft alles zu.
+Er kannte sie also: sie kann nicht von einem Flüchtenden verloren sein.
+Und er versprach, als Beweis die dazu gehörige Sandale des rechten Fußes
+zu bringen. Aber vor allem: er hat mir einen neuen Plan verraten, der all’
+unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre Hände liefern
+soll.«
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+
+Während der Gotenkönig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand
+Cethegus, in frühester Stunde nach dem belisarischen Thor beschieden, vor
+Belisar und Johannes.
+
+»Präfekt von Rom,« herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, »wo warst
+du heute Nacht?«
+
+»Auf meinem Posten. Wohin ich gehöre. Am Thor Sankt Pauls.«
+
+»Weißt du, daß in dieser Nacht einer der besten meiner Anführer, Perseus
+der Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem
+verschwunden ist?«
+
+»Thut mir leid. Aber du weißt: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer
+zu überschreiten.«
+
+»Ich habe aber Grund zu glauben,« fuhr Johannes auf, »daß du recht gut
+weißt, was aus meinem Bruder geworden, daß sein Blut an deinen Händen
+klebt.« »Und beim Schlummer Justinians!« brauste Belisar auf, »das sollst
+du büßen. Nicht länger sollst du herrschen über des Kaisers Heer und
+Feldherrn. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so
+gut wie vernichtet. Und laß sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das
+Kapitol fällt.«
+
+»Steht es so?« dachte Cethegus, »jetzt sieh dich vor, Belisarius.« Doch er
+schwieg.
+
+»Rede!« rief Johannes. »Wo hast du meinen Bruder ermordet?« Ehe Cethegus
+antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwächter Belisars,
+herein. »Herr,« sagte er, »draußen stehn sechs gotische Krieger. Sie
+bringen die Leiche Perseus, des Archonten. König Witichis läßt dir sagen:
+er sei heut’ Nacht vor den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er
+sendet ihn zur ehrenden Bestattung.«
+
+»Der Himmel selbst,« sprach Cethegus stolz hinausschreitend, »straft eure
+Bosheit Lügen.« Aber langsam und nachdenklich ging der Präfekt über den
+Quirinal und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. »Du drohst,
+Belisarius? Dank’ für den Wink! Laß sehn, ob wir dich nicht entbehren
+können.«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und
+ihm raschen Bericht ablegte. »Vor allem, Herr,« schloß er nun, »laß also
+deinen Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist,
+ist Syphax fern: – und gieb mir gütigst deinen rechten Schuh.«
+
+»Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen für dein freches
+Lügen,« lachte der Präfekt. »Dieses Stück Leder ist jetzt dein Leben wert,
+mein Panther. Womit willst du’s lösen?«
+
+»Mit wichtiger Kunde. Ich weiß nun alles ganz genau von dem Plan gegen
+Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrüder. Es sind: Teja,
+Totila und Hildebad.«
+
+»Jeder allein genug für den Magister Militum,« murmelte Cethegus
+vergnüglich.
+
+»Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schöne Falle
+gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, daß Belisar selbst
+morgen zum tiburtinischen Thor hinausziehen will, um Vorräte
+aufzutreiben.«
+
+»Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr
+allein hinauswagen; er führt nur vierhundert Mann.«
+
+»Es werden nun die drei Eidbrüder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von
+tausend Mann gegen Belisar legen. »Das verdient wirklich den Schuh!« sagte
+Cethegus und warf ihm denselben zu.
+
+»König Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf
+das Thor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich
+eile nun also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, daß er
+drei Tausend mit sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet.«
+
+»Halt!« sagte Cethegus ruhig, »nicht so eilfertig! Du meldest nichts.«
+
+»Wie?« fragte Syphax erstaunt. »Ungewarnt ist er verloren!« –
+
+»Man muß dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer,
+ins Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben.«
+
+»Ei,« sagte Syphax mit pfiffigem Lächeln, »solches gefällt dir? Dann bin
+ich lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme
+Witwe Antonina!«
+
+Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der
+Ostiarius: »Kallistratos von Korinth.«
+
+»Immer willkommen.«
+
+Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein.
+
+Ein Hauch anmutiger Röte von Scham oder Freude färbte seine Wangen: es war
+ersichtlich, daß ihn ein besonderer Anlaß herführte.
+
+»Was bringst du des Schönen noch außer dir selbst?« so fragte Cethegus in
+griechischer Sprache.
+
+Der Jüngling schlug die leuchtenden Augen auf: »Ein Herz voll Bewunderung
+für dich: und den Wunsch, dir diese zu bewähren. Ich bitte um die Gunst,
+wie die beiden Licinier und Piso, für dich und Rom fechten zu dürfen.«
+
+»Mein Kallistratos! was kümmern dich, unsern Friedensgast, den
+liebenswürdigsten der Hellenen, unsre blutigen Händel mit den Barbaren?
+Bleibe du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der
+Schönheit.«
+
+»Ich weiß es wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mythos: und ihr
+eisernen Römer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart – aber doch
+leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle
+Sitte verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heißt Rom und Rom
+heißt mir Cethegus. So faß ich diesen Kampf und so gefaßt, siehst du, so
+geht er wohl auch den Hellenen an.«
+
+Erfreut lächelte der Präfekt. »Nun, wenn dir Rom Cethegus ist, so nimmt
+Rom gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites
+Romani wie Licinius.«
+
+»In Thaten will ich dir danken! Aber eins noch muß ich dir gestehn – denn
+ich weiß: du liebst nicht überrascht zu sein. Oft hab’ ich gesehen, wie
+teuer dir das Grabmal Hadrians und seine Zier von Götterstatuen ist.
+Neulich hab’ ich diese marmornen Wächter gezählt und
+zweihundertachtundneunzig gefunden. Da macht’ ich denn das dritte Hundert
+voll und habe meine beiden Letoiden, die du so hoch gelobt, den Apollon
+und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu einem Weihgeschenk.«
+
+»Junger lieber Verschwender,« sprach Cethegus, »was hast du da gethan!«
+
+»Das Gute und Schöne,« antwortete Kallistratos einfach.
+
+»Aber bedenke – das Grabmal ist jetzt eine Schanze: –
+
+»Wenn die Goten stürmen –« – »Die Letoiden stehen auf der zweiten, der
+innern Mauer. Und soll ich fürchten, daß je Barbaren wieder den
+Lieblingsplatz des Cethegus erreichen? Wo sind die schönen Götter sichrer
+als in deiner Burg? Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster
+Tempel. Mein Weihgeschenk sei zugleich ein glücklich Omen.«
+
+»Das soll es sein,« rief Cethegus lebhaft, »und ich glaube selber: dein
+Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen« –
+
+»Du hast mir schon dafür erlaubt, für dich zu kämpfen. Chaire!« lachte der
+Grieche und war hinaus.
+
+»Der Knabe hat mich sehr lieb,« sagte Cethegus, ihm nachsehend. »Und mir
+geht’s wie andern Menschenthoren: – mir thut das wohl. Und nicht bloß,
+weil ich ihn dadurch beherrsche.«
+
+Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums und ein Tribun
+der Milites ward gemeldet.
+
+Es war ein junger Krieger mit edeln, aber über seine Jahre hinaus ernsten
+Zügen. In echt römischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im
+rechten Winkel, an die gerade strenge Stirn: in dem tief eingelassenen
+Auge lag römische Kraft und – in dieser Stunde – entschlossener Ernst und
+rücksichtsloser Wille.
+
+»Siehe da, Severinus, des Boëthius Sohn, willkommen mein junger Held und
+Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen – woher kommst du?«
+
+»Vom Grabe meiner Mutter,« sagte Severinus mit festem Blick auf den
+Frager.
+
+Cethegus sprang auf. »Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! meines
+Boëthius Weib!«
+
+»Sie ist tot,« sagte der Sohn kurz. Der Präfekt wollte seine Hand fassen.
+Severinus entzog sie.
+
+»Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie – ohne ein Wort für mich?«
+
+»Ich bringe dir ihr letztes Wort – es galt dir!«
+
+»Wie starb sie? an welchem Leiden?« – »An Schmerz und Reue.« – »Schmerz –«
+seufzte Cethegus, »das begreif’ ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir
+galt ihr letztes Wort! – sag’ an, wie lautet es?«
+
+Da trat Severinus hart an den Präfekten, daß er sein Knie berührte und
+blickte ihm bohrend ins Auge. »Fluch, Fluch über Cethegus, der meine Seele
+vergiftet und mein Kind.«
+
+Ruhig sah ihn Cethegus an. »Starb sie im Irrsinn?« fragte er kalt.
+
+»Nein, Mörder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer
+Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, daß ihre Hand dem jungen
+Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzählte uns den Hergang.
+Der alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion stützten sie. »Spät erst
+erfuhr ich,« schloß sie, »daß mein Kind aus dem tödlichen Becher
+getrunken. Und niemand war da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie
+trinken wollte. Denn ich war noch im Boot auf dem Meere und Cethegus noch
+in dem Platanengang.« Da rief der alte Corbulo erbleichend: »Wie? der
+Präfekt wußte, daß der Becher Gift enthielt?« – »Gewiß,« antwortete meine
+Mutter. »Als ich ihn im Garten traf, sagt’ ich es ihm: »es ist
+geschehen.«« Corbulo verstummte vor Entsetzen: aber Daphnidion schrie in
+wildem Schmerz: »Weh! meine arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er
+stand dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank.« – »Er sah zu,
+wie sie trank?« fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein
+Leben gellen wird.
+
+»Er sah zu, wie sie trank!« wiederholten der Freigelassene und sein Kind.
+»O so sei den untern Dämonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott,
+in der Hölle, Rache, meine Söhne, auf Erden für Kamilla! Fluch über
+Cethegus!« Und sie fiel zurück und war tot.«
+
+Der Präfekt blieb unerschüttert stehen. Nur griff er leise an den Dolch
+unter den Brustfalten der Tunika. »Du aber« – fragte er nach einer Pause –
+»was thatest du?«
+
+»Ich aber kniete nieder an der Leiche und küßte ihre kalte Hand und schwor
+ihr’s zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Präfekt von Rom:
+Giftmischer, Mörder meiner Schwester – du sollst nicht leben.«
+
+»Sohn des Boëthius, willst du zum Mörder werden um die Wahnworte eines
+läppischen Sklaven und seiner Dirne? Würdig des Helden und des
+Philosophen!«
+
+»Nichts von Mord. Wäre ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren:
+– er dünkt mir heute sehr vortrefflich! – rief’ ich dich zum Zweikampf, du
+verhaßter Feind. Ich aber bin ein Römer und suche meine Rache auf dem Wege
+des Rechts. Hüte dich, Präfekt, noch giebt es Richter in Italien. Lange
+Monate hielt mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. – Erst heute
+habe ich Rom, von der See her, erreicht: und morgen erheb’ ich die Klage
+bei den Senatoren, die deine Richter sind – dort finden wir uns wieder.«
+
+Cethegus vertrat ihm plötzlich den Weg an die Thüre.
+
+Aber Severinus rief: »Gemach, man sieht sich vor bei Mördern. Drei Freunde
+haben mich an dein Haus begleitet: – Sie werden mich mit den Liktoren
+suchen, komm’ ich nicht wieder, noch in dieser Stunde.«
+
+»Ich wollte dich nur,« sagte Cethegus wieder ganz ruhig, »vor dem Wege der
+Schande warnen. Willst du den ältesten Freund deines Hauses um der
+Fieberreden einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen,
+– thu’s: ich kann’s nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor: du bist
+mein Ankläger geworden: aber du bleibst Soldat: und mein Tribun. Du wirst
+gehorchen, wenn dein Feldherr befiehlt.«
+
+»Ich werde gehorchen.«
+
+»Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein Sturm der Barbaren. Ich
+muß die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr für den löwenkühnen Mann: –
+ich muß ihn treu gehütet wissen. Du wirst morgen, – ich befehl’ es, – den
+Feldherrn begleiten und sein Leben decken.«
+
+»Mit meinem eignen.«
+
+»Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort.«
+
+»Bau’ du auf meines: auf Wiedersehn: nach der Schlacht: vor dem Senat.
+Nach beiden Kämpfen lüstet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: – – vor dem
+Senat.«
+
+»Auf Nimmerwiedersehn,« sprach Cethegus, als sein Schritt verhallte.
+»Syphax,« rief er laut, »bringe Wein und das Hauptmahl. Wir müssen uns
+stärken: – auf morgen.«
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel.
+
+
+Früh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten
+geschäftige Bewegung.
+
+Mataswintha und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet: – – aber
+nicht alles. Sie hatten von dem Gelübde der drei Männer gegen Belisar
+erfahren und den früheren Plan eines bloßen Scheinangriffs gegen das Sankt
+Pauls-Thor, um von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken. Aber
+nicht hatten sie erfahren, daß der König, in Änderung jenes Planes eines
+bloßen Scheinangriffs, für diesen Tag der Abwesenheit des großen Feldherrn
+einen in tiefstes Geheimnis gehüllten Beschluß gefaßt hatte: es sollte ein
+letzter Versuch gemacht werden, ob nicht gotisches Heldentum doch dem
+Genius Belisars und den Mauern des Präfekten überlegen sei. Man hatte sich
+im Kriegsrat des Königs nicht über die Wichtigkeit des Unternehmens
+getäuscht: wenn es wie alle früheren, vereinzelten Angriffe –
+achtundsechzig Schlachten, Ausfälle, Stürme und Gefechte hatte Prokop
+während der Belagerung bis dahin aufgezählt – scheiterte, so war von dem
+ermüdeten, stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu
+erwarten. Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet, über
+den Plan gegen jedermann ohne Ausnahme zu schweigen.
+
+Daher hatte auch Mataswintha nichts vom König erfahren, und selbst ihres
+Mauren Spürnase konnte nur wittern, daß auf jenen Tag etwas Großes
+gerüstet werde; – die gotischen Krieger wußten selbst nicht was.
+
+Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern
+geräuschlos aufgebrochen und hatten sich südlich von der valerischen
+Straße bei dem Grabmal der Fulvier, an dem in einer Hügelfalte Belisar
+vorbeikommen mußte, in Hinterhalt gelegt: sie hofften, mit ihrer Aufgabe
+bald genug fertig zu sein, um noch wesentlich an den Dingen bei Rom
+teilnehmen zu können.
+
+Während der König mit Hildebrand, Guntharis und Markja die Scharen
+innerhalb der Lager ordnete, zog um Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil
+seiner Leibwächter umgeben, zum tiburtinischen Thor hinaus. Prokop und
+Severinus ritten ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der Massagete, trug
+sein Banner, das bei allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten
+hatte. Constantinus, dem er an seiner Statt die Sorge für den
+»belisarischen Teil« von Rom übertragen, besetzte alle Posten längs der
+Mauern doppelt, und ließ die Truppen hart an den Wällen unter den Waffen
+bleiben. Er übersandte den gleichen Befehl dem Präfekten für die
+Byzantiner, die dieser führte.
+
+Der Bote traf ihn auf den Wällen zwischen dem paulinischen und dem
+appischen Thor. »Belisar meint also:« höhnte Cethegus, während er
+gehorchte, »mein Rom ist nicht sicher, wenn er es nicht behütet: ich aber
+meine: Er ist nicht sicher, wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. Komm,
+Lucius Licinius,« flüsterte er diesem zu, »wir müssen an den Fall denken,
+daß Belisar einmal nicht wiederkehrt von seinen Heldenfahrten: dann muß
+ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen.«
+
+»Ich kenne die Hand.«
+
+»Vielleicht giebt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom
+belassenen Leibwächtern: in den Thermen des Diokletian oder am
+tiburtinischen Thore. Sie müssen dort in ihrem Lager erdrückt sein, ehe
+sie sich recht besinnen. Nimm dreitausend meiner Isaurier und verteile
+sie, ohne Aufsehen, rings um die Thermen her: auch besetze mir vor allem
+das tiburtinische Thor.« – »Von wo aber soll ich sie fortziehen?« – »Von
+dem Grabmal Hadrians,« sagte Cethegus nach einigem Besinnen. »Und die
+Goten, Feldherr?« – »Bah! das Grabmal ist fest, es schützt sich selbst.
+Erst müssen vom Süden her die Stürmenden über den Fluß: und dann diese
+eisglatten Wände von parischem Marmor hinan, meine und des Korinthers
+Freude. Und zudem,« lächelte er, »sieh’ nur hinauf: da oben steht ein Heer
+von marmornen Göttern und Heroen: sie mögen selber ihren Tempel schirmen
+gegen die Barbaren. Siehst du, – ich sagte es ja – es geht nur hier gegen
+das Sankt Pauls-Thor,« schloß er, auf das Lager der Goten deutend, aus
+welchem eben eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach.
+
+Licinius gehorchte und führte alsbald dreitausend Isaurier, etwa die
+Hälfte der Deckung, ab: von dem Grabmal über den Fluß und den Viminalis
+hinab gegen die Thermen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen
+Thor löste er dann auch durch dreihundert Isaurier und Legionare ab.
+
+Cethegus aber wandte sich nach dem salarischen Thor, wo jetzt Constantinus
+als Vertreter Belisars hielt. »Ich muß ihn aus dem Wege haben,« dachte er,
+»wenn die Nachricht eintrifft.« – »Sobald du die Barbaren zurückgeworfen,«
+sprach er ihn an, »wirst du doch wohl einen Ausfall machen müssen? Welche
+Gelegenheit, Lorbeern zu sammeln, während der Feldherr fern ist!« –
+»Jawohl,« rief Constantinus, »sie sollen’s erfahren, daß wir sie auch ohne
+Belisarius schlagen können.«
+
+»Ihr müßt aber ruhiger zielen,« sagte Cethegus, einem persischen Schützen
+den Bogen abnehmend. »Seht den Goten dort, den Führer zu Pferd! Er soll
+fallen.« Cethegus schoß; der Gote fiel vom Roß, durch den Hals geschossen.
+»Und meine Wallbogen, – ihr braucht sie schlecht! Seht ihr dort die Eiche?
+ein Tausendführer der Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht!« Und er
+richtete den Wallbogen, zielte und schoß: durchbohrt war der gepanzerte
+Gote an den Baum genagelt.
+
+Da sprengte ein saracenischer Reiter heran: »Archon,« redete er
+Constantinus an, »Bessas läßt dich bitten, Verstärkungen an das Vivarium,
+das pränestinische Thor: die Goten rücken an.«
+
+Zweifelnd sah Constantinus auf Cethegus. »Possen:« sagte dieser, »der
+einzige Angriff droht an meinem Thore von Sankt Paul: und das ist gut
+gehütet: ich weiß es gewiß: laß Bessas sagen: er fürchte sich zu früh.
+Übrigens, im Vivarium habe ich noch sechs Löwen, zehn Tiger und zwölf
+Bären für mein nächstes Cirkusfest! Laßt sie einstweilen los auf die
+Barbaren! Es ist auch ein Schauspiel für die Römer dann!«
+
+Aber schon eilte ein Leibwächter den Mons Pincius herab: »Zu Hilfe, Herr,
+zu Hilfe! Constantinus, dein eignes, das flaminische Thor! Unzählige
+Barbaren! Ursicinus bittet um Hilfe!«
+
+»Auch dort?« fragte sich Cethegus ungläubig.
+
+»Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen und dem
+pincianischen Thor!« rief ein zweiter Bote des Ursicinus.
+
+»Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wißt, sie steht unter
+Sankt Peters besonderem Schutz: das reicht!« sprach beruhigend
+Constantinus. Cethegus lächelte: »Ja, heute gewiß: denn sie wird gar nicht
+angegriffen.«
+
+Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. »Präfekt, rasch aufs Kapitol, von
+wo ich eben komme. Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich
+aus allen Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Thore
+Roms.«
+
+»Schwerlich!« lächelte Cethegus. »Aber ich will hinauf. Du aber, Marcus
+Licinius, stehst mir ein für das tiburtiner Thor. Mein muß es sein, nicht
+Belisars! Fort mit dir! Führe deine zweihundert Legionare dorthin!«
+
+Er stieg zu Pferd und ritt zunächst gegen das Kapitol zu, um den Fuß des
+Viminal. Hier traf er auf Lucius Licinius und seine Isaurier. »Feldherr,«
+sprach ihn dieser an, »es wird Ernst da draußen. Sehr Ernst! Was ist’s mit
+den Isauriern? Bleibt es bei deinem Befehl?«
+
+»Habe ich ihn zurückgenommen?« sagte Cethegus streng. »Lucius, du folgst
+mir und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rückt unter eurem Häuptling
+Asgares zwischen die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Thor.«
+
+Er glaubte an keine Gefahr für Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein
+in diesem Augenblick die Goten wirklich beschäftigte. «Dieser Schein eines
+allgemeinen Angriffs soll,« dachte er, »die Byzantiner nur abhalten, ihres
+bedrohten Feldherrn vor den Thoren zu gedenken.«
+
+Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze
+Ebene überschauen konnte. Sie war erfüllt von gotischen Waffen. Es war ein
+herrliches Schauspiel. Aus allen Lagerthoren wogte die ganze Streitmacht
+des gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umgürtend. Der
+Angriff sollte offenbar gegen alle Thore zugleich unternommen werden und
+war nach Einem Gedanken entworfen.
+
+Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten
+Bogenschützen und Schleuderer, in leichten Plänklerschwärmen, die Zinnen
+und Brustwehren von Verteidigern zu säubern. Darauf folgten Sturmböcke,
+Widder, Mauerbrecher aus römischen Arsenalen entnommen oder römischen
+Mustern, wiewohl oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und
+Rindern bespannt, bedient von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur
+mit breiten Schilden sich und die Bespannung gegen die Geschosse der
+Belagerten decken sollten. Dicht hinter ihnen schritten die zum
+eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen Gliedern, mit voller
+Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern gerüstet, und
+lange, schwere Sturmleitern schleppend. In großer Ordnung und Ruhe rückten
+diese drei Angriffslinien überall gleichmäßigen Schrittes vor: die Sonne
+glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenräumen erschollen die
+langgezognen Rufe der gotischen Hörner.
+
+»Sie haben etwas von uns gelernt,« rief Cethegus in kriegerischer Freude.
+Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg.« »Wer ist es
+wohl?« fragte Kallistratos, der, in reicher Rüstung, neben Lucius Licinius
+hielt. »Ohne Zweifel, Witichis, der König,« sagte Cethegus. – »Das hätte
+ich dem schlichten Mann mit den bescheidnen Zügen nie zugetraut.« – »Diese
+Barbaren haben manches Unergründliche.«
+
+Und vom Kapitol herab ritt er nun, über den Fluß, nach der Umwallung am
+pankratischen Thor, wo der nächste Angriff zu drohen schien, und bestieg
+mit seinem Gefolge den dortigen Eckturm.
+
+»Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den
+Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als hätte ihn der Blitz des Zeus
+vergessen in der Gigantenschlacht,« forschte der Grieche.
+
+»Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rückt gegen das
+pankratische Thor,« antwortete der Präfekt.
+
+»Und wer ist der Reichgerüstete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen
+auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis.« – »Das ist Herzog Guntharis,
+der Wölsung,« sprach Lucius Licinius. »Und sieh, auch drüben auf der
+Ostseite der Stadt, überm Fluß, so weit man schauen kann, gegen alle
+Thore, rücken Sturmreihen der Barbaren,« sagte Piso.
+
+»Aber wo ist der König selbst?« fragte Kallistratos.
+
+»Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort hält er,
+oberhalb des pankratischen Thors,« erwiderte der Präfekt. »Er allein steht
+regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurück,
+hinter der Linie,« sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. »Sollte er
+nicht mit kämpfen?« meinte Massurius. »Wäre gegen seine Weise. Aber laß
+uns vom Turm aus den Wall hinab: das Gefecht beginnt,« schloß Cethegus.
+»Hildebrand hat den Graben erreicht.« – »Dort stehen meine Byzantiner,
+unter Gregor. Die Gotenschützen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen
+Thor werden leer. Auf, Massurius, schicke meine abasgischen Jäger und von
+den römischen Legionaren die besten Pfeilschützen dorthin: sie sollen auf
+die Rinder und Rosse der Sturmböcke zielen.«
+
+Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdruß bemerkte
+Cethegus, daß die Goten überall Fortschritte machten. Die Byzantiner
+schienen ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen
+von den Wällen, indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung
+vordrangen. Schon hatten sie an mehreren Stellen den Graben überschritten
+und Herzog Guntharis hatte sogar schon Leitern angelegt an den Wällen bei
+dem portuensischen Thore, während der alte Waffenmeister einen starken
+Widderkopf herangeschleppt und denselben durch ein Schirmdach gegen die
+Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits donnerten die ersten
+Stöße laut durch das Getümmel des Kampfes gegen die Balken des
+pankratischen Thors. Dieser wohlbekannte Ton erschütterte den Präfekten,
+der eben hier anlangte: »Offenbar,« sagte er zu sich selbst, »machen sie
+jetzt bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen.«
+
+Und wieder ein dröhnender Stoß. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend
+an. »Das darf nicht lange währen!« rief Cethegus zürnend, entriß dem
+nächsten Schützen Bogen und Köcher und eilte auf den Mauerkranz an dem
+Thore: »Hierher, ihr Schützen und Schleuderer! Mir nach!« rief er,
+»schafft schwere Steine bei. Wo ist der nächste Ballist? Wo die
+Skorpionen? das Schirmdach muß entzwei.«
+
+Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schützen, die eifrig durch die
+Schießscharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. »Es ist umsonst,
+Haduswinth,« schalt der junge Gunthamund, »zum drittenmal leg’ ich
+vergeblich an! es wagt ja keiner nur die Nase über die Brustwehr.« –
+»Geduld,« sagte der Alte, »halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon
+einer, den der Fürwitz plagt. Auch mir leg’ einen Bogen bereit. Nur
+Geduld.« – »Die hat man leichter mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig
+Jahren.«
+
+Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick
+in die Ebene: da sah er den König, in der weiten Ferne, unbeweglich, im
+Centrum stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das
+störte und beunruhigte ihn. »Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, daß
+der Feldherr nicht fechten soll? Komm, Gajus,« rief er dem jungen Schützen
+zu, der ihm kühn gefolgt war, »deine jungen Augen sehen scharf, blick’ mit
+mir über die Zinne hier – was treibt der König dort?« Und er beugte sich
+über die Brustwehr, Gajus folgte, eifrig spähend, seinem Beispiel.
+
+»Jetzt, Gunthamund!« rief Haduswinth unten. Zwei Sehnen klangen und die
+beiden Späher fuhren zurück.
+
+Gajus stürzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Präfekten
+Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cethegus strich mit der Hand
+über die Stirn.
+
+»Du lebst, mein Feldherr?« rief Piso, heranspringend.
+
+»Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Götter brauchen mich noch:
+nur die Haut ist geritzt,« sprach Cethegus und schob den Helm zurecht.
+
+
+
+
+ Zwölftes Kapitel.
+
+
+Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr
+verboten, sich am Kampf zu beteiligen: »die Barbaren sollen dich mir nicht
+töten und auch dich nicht erkennen: – du bist unersetzlich als Sklave
+Mataswinthens und Kundschafter des Königs Witichis,« hatte Cethegus
+gesagt.
+
+»Wehe, wehe,« schrie er so überlaut, daß es seinem Herrn auffiel, der des
+Mauren kluge Ruhe kannte, »welch’ ein Unglück!« – »Was ist geschehen?« –
+»Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall führen aus dem
+salarischen Thor und stieß sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein
+Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Mühe rettete man ihn auf den Wall.
+Dort fing ich den Sinkenden auf: – er ernannte den Präfekten zu seinem
+Vertreter. Hier ist sein Feldherrnstab.«
+
+»Das ist nicht möglich!« schrie Bessas, der auf Syphax’ Ferse folgte. Er
+hatte in Person selbst neue Verstärkungen verlangen wollen und kam eben
+recht, die Nachricht zu hören. »Oder er war schon sinnlos als er’s that.«
+
+»Hätte er dich bestellt, jedenfalls,« sprach Cethegus, ruhig das Scepter
+ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges
+dankend. Mit einem wütenden Blicke sprang Bessas von der Brüstung und
+eilte davon. »Folg’ ihm, Syphax, und beacht’ ihn wohl,« flüsterte der
+Präfekt.
+
+Da eilte ein isaurischer Söldner herbei: »Verstärkung, Präfekt, ans
+portuensische Thor. Herzog Guntharis hat zahllose Leitern angelegt.« Da
+sprengte Cabao, der Führer der maurischen berittnen Schützen heran:
+»Constantinus ist tot. Vertritt du Constantinus.«
+
+»Belisar vertret’ ich,« sprach Cethegus stolz: »fünfhundert Armenier
+ziehet ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Thor.«
+
+»Hilfe, Hilfe ans appische Thor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind
+erschossen!« meldete ein persischer Reiter, »die Vorschanze ist halb
+verloren: vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmöglich
+wär’s, sie wieder zu nehmen!«
+
+Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt
+seinem Kriegstribun: »Auf, mein Jurist: »_beati possidentes_«! – Nimm
+hundert Legionare und halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe
+kommt.« –
+
+Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Füßen tobte das
+Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kümmerte mehr die
+rätselhafte Ruhe, in welcher der König im Hintergrund unbeweglich stand.
+»Was hat er nur vor?«
+
+Da dröhnte von unten ein furchtbar krachender Stoß und lauter Siegesjubel
+der Barbaren: Cethegus brauchte nicht zu fragen: in drei Sprüngen war er
+unten. –
+
+»Das Thor ist eingestoßen!« riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen.
+»Ich weiß es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms.« Und den Schild
+fester andrückend, trat er hart an den rechten Thorflügel, in dem in der
+That ein breiter Riß klaffte; und schon stieß der Widder an die
+splitternden Platten neben der Öffnung. »Noch ein solcher Stoß und das
+Thor liegt ganz,« sagte Gregor, der Byzantiner. »Richtig, deshalb darf es
+nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor und Lucius: stellt euch,
+Milites! die Speere gefällt! Fackeln und Brände! zum Ausfall! Winke ich,
+so öffnet das Thor und werft Widder und Schirmdach und alles in den
+Graben.«
+
+»Du bist sehr kühn, mein Feldherr!« rief Lucius Licinius, entzückt neben
+ihn springend.
+
+»Ja, jetzt hat die Kühnheit Vernunft, mein Freund!«
+
+Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Präfekt das Schwert zum
+Zeichen des Angriffs erheben –: da erscholl vom Rücken her ein Lärm,
+größer selbst als der der stürmenden Goten: Wehegeschrei und
+Pferdegetrappel: – und Bessas drängte sich heran: er faßte den Arm des
+Präfekten: – seine Stimme versagte.
+
+»Was hemmst du mich in diesem Augenblick?« rief dieser und stieß ihn
+zurück. – »Belisars Truppen,« stammelte entsetzt der Thraker, »stehen
+schwer geschlagen vor dem tiburtinischen Thor: – sie flehen um Einlaß: –
+wütende Goten hinter ihnen – Belisar ist in einen Hinterhalt gefallen: –
+er ist tot.«
+
+»Belisar ist gefangen!« schrie ein Türmer vom tiburtinischen Thor, atemlos
+heraneilend. »Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem
+nomentanischen und vor dem tiburtinischen Thor!« scholl’s aus der Tiefe
+der Straße. »Belisars Fahne ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche!«
+»Laß das tiburtinische Thor öffnen, Präfekt!« drängte Bessas, »deine
+Isaurier stehen plötzlich dort. Wer hat sie dorthin geschickt?«
+
+»Ich!« sagte Cethegus, überlegend.
+
+»Sie woll’n nicht öffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine – Belisars!
+– Leiche!«
+
+Cethegus zauderte – er hielt das Schwert halb erhoben – er schwankte. »Die
+_Leiche_,« dachte er, »rett’ ich gern.« Da flog Syphax heran. »Nein! er
+lebt noch!« rief er seinem Herrn ins Ohr, »ich hab ihn gesehen von der
+Zinne: er regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen
+Reiter brausen heran: – Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!«
+
+»Gieb Befehl, laß das tiburtiner Thor öffnen!« mahnte Bessas. Aber des
+Präfekten Auge blitzte: sein Antlitz überflog jener Ausdruck stolzer,
+kühner Entschlossenheit, der es mit dämonischer Schönheit verklären
+konnte. Er schlug mit dem Schwert an den zertrümmerten Thorflügel vor
+sich: »Auf, zum Ausfall. Erst Rom: dann Belisar! Rom und Triumph!« Das
+Thor flog auf.
+
+Die stürmenden Goten, schon des Sieges sicher, hätten alles eher erwartet
+als dies Wagnis der, wie sie wähnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren
+ohne Fechtordnung um das Thor herum zerstreut, wurden völlig überrascht
+und durch den Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter
+ihnen klaffenden Graben geworfen.
+
+Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen.
+
+Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit
+seinem Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber
+gleichzeitig fast stieß ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel
+in den Graben. Cethegus zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine,
+die krachend auf den Alten stürzte.
+
+»Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen,« befahl Cethegus.
+Rasch loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die
+siegreichen Römer zurück in die Wälle. Da rief Syphax dem Präfekten
+entgegen: »Gewalt, Herr, Aufruhr und Empörung! Die Byzantiner gehorchen
+dir nicht mehr! Bessas rief sie auf, das tiburtinische Thor mit Gewalt zu
+öffnen. Seine Leibwächter drohen, Marcus Licinius anzugreifen und deine
+Legionare und Isaurier zu schlachten durch die Hunnen.«
+
+»Das büßen sie!« rief Cethegus grimmig. »Wehe Bessas! Ich will’s ihm
+gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein,
+nimm sie alle! alle! du weißt wo sie stehn: fasse die Leibwächter des
+Thrakers von Porta Clausa her im Rücken. Und stehn sie nicht ab, – so hau’
+sie nieder, ohne Schonung. Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!«
+
+Lucius Licinius zauderte. »Und das tiburtinische Thor?« – »Bleibt
+geschlossen.« – »Und Belisar?«
+
+»Bleibt draußen.« – »Teja und Totila sind schon heran.« – »Desto weniger
+kann man öffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!«
+
+Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Thores anzuordnen.
+Das währte sehr geraume Zeit. »Wie ging es, Syphax?« fragte er leise.
+»Lebt er wirklich?« – »Er lebt noch.« – »Tölpel, diese Goten!«
+
+Da kam ein Bote von Lucius. »Dein Tribun läßt melden: Bessas giebt nicht
+nach: – schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Thor geflossen.
+Und Asgares und deine Isaurier zögern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem
+Ernst.« »Ich will ihnen meinen Ernst zeigen!« rief Cethegus, warf sich
+aufs Pferd, verließ diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind
+davon.
+
+Weit war sein Weg: über die Tiberbrücke des Janiculum, am Kapitol vorbei,
+über das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die
+Thermen des Titus rechts lassend, über den Esquilin hinaus, endlich durch
+das esquilinische Thor an das tiburtinische Außenthor: – ein Weg vom
+äußersten Westen an den äußersten Osten der weitgestreckten Stadt.
+
+Hier, hinter dem Thore, standen die Leibwächter von Bessas und Belisar mit
+gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und
+Isaurier des Präfekten unter Marcus Licinius an der Thorwache zu
+überwältigen und das Thor mit Gewalt zu öffnen, während die zweite Fronte
+mit gefällten Speeren der Masse der andern Isaurier gegenüberstand, die
+Lucius vergeblich zum Angriff befehligte.
+
+»Söldner,« rief Cethegus, das schnaubende Roß dicht vor deren Linie
+anhaltend, »wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar?« »Dir, Herr,«
+sprach Asgares, ein Anführer, vortretend, »aber ich dachte« – Da blitzte
+das Schwert des Präfekten und tödlich getroffen stürzte der Mann. »Zu
+gehorchen habt ihr, eidbrüchige Schurken, nicht zu denken!«
+
+Entsetzt standen die Söldner. Aber Cethegus befahl ruhig: »Die Speere
+gefällt! zum Angriff! mir nach!« Und die Isaurier gehorchten ihm und nun,
+– ein Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf.
+
+Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Thores, her
+ein furchtbares, alles übertäubendes Geschrei: »Wehe, Wehe, alles
+verloren! Die Goten über uns! Die Stadt ist genommen!«
+
+Cethegus erbleichte und blickte zurück. Da sprengte Kallistratos heran,
+Blut floß ihm über Gesicht und Hals. »Cethegus,« rief er, »es ist aus! Die
+Barbaren sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen.« »Wo?« fragte der Präfekt
+tonlos. »Am Grabmal Hadrians!« – »O mein Feldherr!« rief Lucius Licinius,
+»ich habe dich gewarnt.«
+
+»Das war Witichis!« sagte Cethegus, die Augen zusammendrückend.
+
+»Woher weißt du das!« staunte Kallistratos. »Genug, ich weiß es.« Es war
+ein furchtbarer Augenblick für den Präfekten.
+
+Er mußte sich sagen, daß er, rücksichtslos seinen Plan zum Verderben
+Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom übersehen hatte. Er biß die
+Zähne in die Unterlippe.
+
+»Cethegus hat das Grabmal Hadrians entblößt! Cethegus hat Rom ins
+Verderben gestürzt!« rief Bessas an der Spitze der Leibwächter.
+
+»Und Cethegus wird es retten!« rief dieser, sich hoch im Sattel
+ausrichtend. »Mir nach, alle Isaurier und Legionare.« »Und Belisar?«
+flüsterte Syphax. – »Laßt ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt
+mir!« Und im Sturmflug sprengte er zurück, des Weges, den er gekommen. Nur
+wenige Berittene konnten ihm folgen: im Lauf eilte sein Fußvolk, Isaurier
+und Legionare, nach.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Kapitel.
+
+
+Draußen vor dem tiburtinischen Thore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein
+Bote hatte die gotischen Reiter von dem überflüssigen Gefechte abgerufen.
+Sie sollten hier innehalten und alle verfügbare Mannschaft um die Stadt
+und über den Fluß eilig an das aurelische Thor senden, durch welches man
+soeben in die Stadt gedrungen sei: dort brauche man alle Kräfte. Die
+Reiter jagten, rechtsum schwenkend, nach jenem Thor, wo sich jetzt alles
+zusammendrängte: aber ihr eigenes Fußvolk, stürmend an den
+zwischenliegenden fünf Thoren: der Porta clausa, nomentana, salaria,
+pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange, daß sie zu der
+Entscheidung zu spät kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen war.
+
+Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Präfekten: dem
+vatikanischen Hügel gegenüber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen
+Thor gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und überall, außer
+im Süden, wo der Fluß decken sollte, durch neue Wälle geschützt, ragte die
+»_moles Hadriani_«, ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art
+Hofraum umgab das eigentliche Gebäude: vor der ersten, äußeren
+Deckungsmauer im Süden floß der Tiber. Auf den Zinnen dieser Außenmauer,
+in dem Hofraum und auf den Zinnen der Innenmauer lagerten sonst die
+Isaurier, die der Präfekt zu übler Stunde hinweggezogen hatte, seinen Plan
+gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der Innenmauer aber standen
+die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren drittes Hundert das
+Geschenk des Kallistratos vervollständigt hatte.
+
+Der König der Goten hatte sich für heute in der Mitte des großen
+Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten
+Tiberufer, um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem
+pankratischen (alten aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Thor,
+wo sonst nur Graf Markja von Mediolanum lagerte, eine zurückgenommene,
+abwartende Stellung gewählt. Er baute seinen Plan darauf, daß der
+allgemeine Sturm gegen alle Thore notwendig die Kräfte der Belagerten
+werde zersplittern müssen: und sowie an irgend einem Punkt durch
+Hinwegziehung der Verteidiger eine Blöße entstehen würde, gedachte er, sie
+sofort zu benützen.
+
+In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den
+Sturmkolonnen. Er hatte allen Anführern Auftrag gegeben, ihn schleunig
+herbeizurufen, wo sich eine Lücke der Verteidigung zeige.
+
+Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von
+seinen Scharen zu tragen gehabt, die müßig stehen sollten, während die
+Genossen überall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie
+auf einen Boten, der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf.
+
+Da bemerkte endlich des Königs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den
+Zinnen der Außenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen
+und die dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er
+hin: sie wurden nicht abgelöst, die Lücken nicht ersetzt. Da sprang er aus
+dem Sattel, gab seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den
+stolzen Bug, sprach: »Nach Hause, Boreas!« und das kluge Tier lief
+geradeaus in das Lager zurück. »Jetzt, vorwärts meine Goten! vorwärts,
+Graf Markja!« rief der König, »dort über den Fluß – die Mauerbrecher laßt
+hier zurück: nur die Schilde und die Sturmleitern nehmt mit. Und die
+Beile. Voran!« Und im Lauf erreichte er den steilen Uferhang an der
+südlichen Biegung des Flusses und eilte den Hügel hinab.
+
+»Keine Brücke, König, und keine Furt?« fragte ein Gote hinter ihm.
+
+»Nein, Freund Iffamer, schwimmen!« und der König sprang in die gelbe
+schmutzige Flut, daß sie zischend hoch über seinem Helmbusch
+zusammenschlug. In wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die
+vordersten seiner Leute mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen
+Außenmauer des Grabmals und die Männer blickten fragend, besorgt hinauf.
+»Leitern her!« rief Witichis, »seht ihr nicht? Die Verteidiger fehlen ja!
+Fürchtet ihr euch vor hohen Steinen?« Rasch waren die Leitern angelegt,
+rasch die Außenwälle erstiegen, die wenigen Wachen hinabgestürzt, die
+Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Außenmauer in den Hof
+hinabgelassen.
+
+Der König war der erste in dem Hofraum.
+
+Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf
+den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Thore hierher geeilt,
+Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein Paar
+Isauriern: und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und
+Pfeilen auf die nur vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch
+ihre Ballisten und Katapulten wirkten verheerend. »Schickt um Hilfe, um
+Hilfe zu Cethegus!« rief oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog
+davon.
+
+Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. »Was thun?«
+fragte Markja an seiner Seite. »Warten, bis sie sich verschossen haben,«
+sagte dieser ruhig. »Es kann nicht lange mehr währen. Sie werfen und
+schießen viel zu hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr
+Steine denn Pfeile. Und die Speere bleiben aus.« – »Aber die Ballisten,
+die Katapulten –« – »Werden uns bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum
+Sturm. Seht, der Hagel wird sehr spärlich. So, nun die Leitern bereit und
+die Beile. – Jetzt, rasch mir nach.« Und in schnellem Anlauf rannten die
+Goten über den Hof.
+
+Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der
+zweiten, der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber
+waren alle Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum
+Schuß in die Weite gespannt, konnten sie nicht ohne große Mühe und lange
+Zeit zu senkrechtem Schuß gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und
+erbleichte. »Wurfspeere her! Speere! Speere! oder alles ist hin!« – »Alle
+verschossen,« keuchte trostlos neben ihm der dicke Balbus.
+
+»Dann ist’s vorbei!« seufzte Piso, den rechten Arm totmüde senkend. »Komm,
+Massurius, laß uns fliehn,« mahnte Balbus. »Nein, laßt uns hier sterben,«
+rief Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm über den Rand der
+Mauer.
+
+Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: »Cethegus!
+Cethegus der Präfekt!«
+
+Und er war’s; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der
+eben die Hand auf die Brustwehr stützte, sich heraufzuschwingen, die Hand
+samt dem Arme ab. – Der Mann schrie und stürzte.
+
+»O Cethegus,« sagte Piso, »du kommst zu rechter Zeit!« – »Ich hoffe es,«
+sprach dieser und stieß die Leiter um, die vor ihm angelegt stand.
+Witichis war darauf gestanden, – behend sprang er hinab. »Aber jetzt
+Geschosse her, Speere, Lanzen. Sonst hilft alles nichts,« rief Cethegus.
+»Kein Geschoß mehr weit und breit,« antwortete Balbus. »Du kommst, hofften
+wir, mit deinen Isauriern?« »Die sind noch weit, weit hinter mir!« rief
+Kallistratos, der eben als der erste nach Cethegus wieder erschien.
+
+Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme. Und
+es wuchs die dringendste Gefahr.
+
+Wild blickte Cethegus um sich. »Geschosse,« rief er mit dem Fuße
+stampfend, »es müssen Geschosse herbei!« Da fiel sein Auge auf die riesige
+Marmorstatue Zeus, des Erretters, die zu seiner Linken auf der Zinne
+stand. Ein Gedanke durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu
+und schlug mit einem Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem
+Donnerkeil in ihrer Faust herab. »Zeus,« rief er, »leih mir deinen Blitz!
+– Was hältst du ihn so müßig? Auf! zerschlagt die Statuen: und schleudert
+sie den Feinden auf die Köpfe.« Und rascher, als er dies gesagt, ward sein
+Beispiel befolgt. Mit Äxten und Beilen fielen die geängstigten Verteidiger
+über die Götter und Heroen her und im Augenblick waren all’ die herrlichen
+Gestalten zertrümmert.
+
+Es war ein grausenhafter Anblick: da barst ein erhabner Hadrian, eine
+Reiterstatue, Roß und Reiter mitten auseinander: da stürzte eine lächelnde
+Aphrodite in die Knie: da flog der schöne Marmorkopf eines Antinous vom
+Rumpfe und sauste, von zwei Händen geschleudert, auf einen gotischen
+Büffelschild. Und weithin spritzten, die Zinnen bedeckend, Splitter und
+Trümmer von Marmor und Erz, von Bronze und Gold. Krachend und dröhnend
+schlugen die gewaltigen Lasten von Stein und Metall von den Zinnen herab
+und zerschmetterten die Helme und Schilde, die Panzer und die Glieder der
+stürmenden Goten und die Leitern selber, die sie trugen.
+
+Mit Grauen blickte Cethegus auf das furchtbare Werk der Zerstörung, das
+sein Wort angerichtet. Aber es hatte gerettet. Zwölf, fünfzehn, zwanzig
+Leitern standen leer von den hart aufeinander folgenden Männern, die sie
+kurz zuvor ameisendicht besetzt hatten: ebensoviel lagen zerbrochen am Fuß
+der Mauer: überrascht von diesem unerwarteten Erz- und Marmorhagel, wichen
+die Goten einen Augenblick. Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas
+zum Sturm: und wieder sausten die centnerschweren Lasten hernieder.
+
+»Unseliger, was hast du gethan?« jammerte Kallistratos und starrte auf die
+Trümmer.
+
+»Das Notwendige!« antwortete Cethegus und schleuderte den Rest von Zeus
+dem Erretter über den Wall. »Siehst du, wie das traf? – zwei Barbaren auf
+Einen Schlag« – und zufrieden blickte er hinab.
+
+Da hörte er den Korinther rufen: »Nein, nein. Nicht diesen! Nicht den
+Apoll!«
+
+Und Cethegus wandte sich und sah, wie ein riesiger Isaurier sein Beil
+gegen das Haupt des Latoniden schwang. »Narr, sollen die Goten herauf?«
+fragte der Barbar und holte wieder aus.
+
+»Nicht meinen Apollon!« wiederholte der Hellene und umschlang den Gott
+schützend mit beiden Armen, weit sich vorbeugend.
+
+Das ersah auf der nächsten Leiter Graf Markja: und glaubend, jener wolle
+die Statue auf ihn niederschleudern, kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog
+und traf den Griechen mitten in die Brust. »Ach – Cethegus!« seufzte er
+und starb. Der Präfekt sah ihn fallen und preßte die Brauen zusammen.
+»Rettet die Leiche und seine beiden Götter verschont!« sprach er kurz –
+und stieß die Leiter um, auf der Markja gestanden: mehr konnte er nicht
+sagen und nicht thun: denn schon rief ihn eine neue, die drohendste
+Gefahr.
+
+Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb herabgesprungen,
+war seither hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein- und
+Metalltrümmer nach neuen Mitteln spähend. Denn seit der erste Versuch der
+Sturmleitern durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Götter und
+Herren, abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den Wall zu gewinnen. Während
+er sann und spähte, schlug das schwere Marmorfußgestell eines Mars
+gradivus dicht neben ihm auf die Erde, prallte nochmal empor und traf
+dabei an eine Mauerplatte. Und siehe, diese Platte, die ein Quader von
+härtestem Stein geschienen hatte, zersprang zerbröckelnd in kleine Stücke
+von Mörtel und Lehm: und an ihrer Stelle wurde sichtbar eine schmale
+Holzpforte, die von jener Masse nur locker verkleidet und verdeckt, den
+Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang gedient hatte, wenn sie an
+dem großen Gebäude arbeiteten und nachbesserten.
+
+Kaum ersah Witichis die Holzthür, als er jubelnd ausrief: »Hierher,
+hierher, ihr Goten! Beile zur Hand!« Und schon schlug seine eigne
+Streitaxt donnernd an die dünnen Bretter, die nichts weniger als stark
+schienen.
+
+Verhängnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des Präfekten Ohr! er hielt
+oben inne in der Blutarbeit und lauschte. »Das ist Eisen gegen Holz! Bei
+Cäsar!« sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab,
+die an der Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch Öl-Lampen
+beleuchteten Innenraum des Grabmals führte.
+
+Da dröhnte ein Schlag lauter als alle früheren, ein dumpfes Krachen und
+helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten. Wie
+Cethegus auf die letzte Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend
+nach innen in den Hof und König Witichis ward sichtbar auf der Schwelle.
+
+»Mein ist Rom!« jubelte er, das Beil fallen lassend und das Schwert aus
+der Scheide ziehend. »Du lügst, Witichis! zum erstenmal im Leben!« rief
+Cethegus grimmig und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel
+stoßend gegen des Goten Brust, daß dieser überrascht einen Schritt
+zurücktrat.
+
+Diesen Schritt benutzte der Präfekt und stellte sich selbst auf die
+Schwelle, die ganze enge Pforte füllend. »Wo bleiben die Isaurier!« rief
+er.
+
+Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, bis er ihn
+erkannte. »So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom.« Und nun war das
+Anspringen an ihm. Cethegus, bemüht die ganze Öffnung der Pforte zu
+verschließen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein rechter Arm mit dem
+kurzen Römerschwert vermochte nicht genug, seine rechte Seite zu decken.
+Der Stoß des langen Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug
+von Cethegus abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend,
+tief in seine rechte Brust.
+
+Der Präfekt wankte nach links: schon neigte er sich zu fallen: aber er
+fiel nicht. »Rom! Rom!« sagte er tonlos, und krampfhaft hielt er sich noch
+aufrecht.
+
+Witichis war einen Schritt zurückgetreten, um in neuem Ansprung dem
+gefährlichen Feind den Rest zu geben. Aber in diesem Augenblick erkannte
+ihn oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden
+Faun, der bereits mit abgehauenen Füßen auf dem Walle lag, auf den König
+herab; er traf die Schulter und Witichis stürzte nieder. Graf Markja,
+Iffamer und Aligern trugen ihn aus dem Gefecht.
+
+Cethegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst auf der Schwelle der
+Pforte zusammen; schützende Arme eines Freundes fingen ihn auf: – aber er
+erkannte diesen nicht mehr: sein Bewußtsein schwand.
+
+Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, der seine Seele
+entzückte: es war die Tuba seiner Legionare, das Feldgeschrei seiner
+Isaurier, die jetzt – endlich – im Sturmschritt eintrafen und, von den
+Liciniern geführt, in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres
+Königs erschütterten Goten stürzten. Sie drängten sie siegreich zu einer
+(einstweilen von den eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen)
+Bresche der ersten Mauer unter großem Blutvergießen hinaus.
+
+Der Präfekt sah die letzten Barbaren flüchten: – da schlossen sich
+abermals seine Augen. »Cethegus!« rief der Freund, der ihn im Arme hielt,
+»Belisar im Sterben: und so bist auch du verloren?« Cethegus erkannte
+jetzt die Stimme Prokops. »Ich weiß nicht,« sprach er mit letzter Kraft,
+»aber Rom, – Rom ist gerettet!« Und damit vergingen ihm die Sinne.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Nach der Anspannung aller Kräfte zu dem allgemeinen Sturm und seiner
+Abwehr, der mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst
+beendet war, trat bei Goten und Römern eine lange Pause der Erschlaffung
+ein. Die drei Führer Belisar, Cethegus und Witichis lagen wochenlang an
+ihren Wunden danieder.
+
+Aber noch mehr wurde die thatsächliche Waffenruhe veranlaßt durch die
+tiefe Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die das Heer der Germanen
+befallen hatten, nachdem der mit höchster Anstrengung angestrebte Sieg in
+dem Augenblick, da er bereits gewonnen schien, ihnen entrissen wurde.
+
+Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes gethan: ihre Helden hatten an
+Tapferkeit gewetteifert: und doch waren beide Pläne, der gegen Belisar und
+der gegen die Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch
+König Witichis in seinem steten Mute die Gedrücktheit des Heeres nicht
+teilte, so erkannte er dafür desto klarer, daß er seit jenem blutigen Tage
+das ganze System der Belagerung ändern mußte.
+
+Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schätzt ihn auf dreißigtausend
+Tote und mehr als ebensoviele Verwundete: sie hatten sich im ganzen
+Umkreis der Stadt mit äußerster Todesverachtung den Geschossen der
+Belagerten ausgesetzt und am pankratischen Thor und bei dem Grabmal
+Hadrians waren sie zu Tausenden gefallen.
+
+Da nun auch in den achtundsechzig früheren Gefechten die Angreifenden
+immer viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger
+gelitten hatten, so war das große Heer, das Witichis vor Monden gegen die
+ewige Stadt geführt, furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, daß schon
+seit geraumer Zeit Seuchen und Hunger in ihren Zelten wüteten. Bei dieser
+Entmutigung und Abnahme seiner Truppen mußte Witichis den Gedanken, die
+Stadt mit Sturm zu nehmen, aufgeben und seine letzte Hoffnung – er
+verhehlte sich ihre Schwäche nicht – bestand in der Möglichkeit, der
+Mangel werde den Feind zur Übergabe zwingen. Die Gegend um Rom war völlig
+ausgesogen: und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei die
+Entbehrung länger würde ertragen oder welche sich aus der Ferne würde
+Vorräte verschaffen können. Schwer fehlte den Goten die an der Küste von
+Dalmatien beschäftigte Flotte. –
+
+Der Erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der Präfekt.
+
+Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, bewußtlos
+weggetragen, lag er anderthalb Tage in einem Zustand, der halb Schlaf,
+halb Ohnmacht war.
+
+Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, traf sein erster
+Blick auf den treuen Mauren, der am Fußende des Lagers auf der Erde
+kauerte und kein Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen Arm
+gerollt.
+
+»Die Holzpforte!« war des Präfekten erstes, noch schwach gehauchtes Wort,
+»die Holzpforte muß fort – ersetzt durch Marmorquadern .. –«
+
+»Danke, danke dir, Schlangengott!« jubelte der Sklave, »jetzt ist der Mann
+gerettet. Und auch du selbst. Und ich, ich, Herr, habe dich gerettet.« Und
+er warf sich mit gekreuzten Armen nieder und küßte das Lagergestell seines
+Herrn. – Er wagte nicht, dessen Füße zu berühren. »Du mich gerettet? –
+Wodurch?«
+
+»Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, habe ich den
+Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt und gesprochen: »Du siehst,
+starker Gott, des Herrn Augen sind geschlossen. Hilf, daß er sie wieder
+aufschlägt. Bis du geholfen, erhältst du keine Krume Brot und keinen
+Tropfen Milch. Und wenn er die Augen nicht wieder aufschlägt – an dem
+Tage, da sie ihn verbrennen, verbrennt Syphax mit: aber du, o großer
+Schlangengott, desgleichen. Du kannst helfen: also hilf: oder brenne.« So
+sprach ich, und er hat geholfen.«
+
+»Die Stadt ist sicher – das fühl’ ich, sonst hätte ich nicht entschlafen
+können. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?«
+
+»In der Bibliothek mit deinen Tribunen. Sie erwarten nach des Arztes
+Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen ... –« – »Tod? Diesmal hat
+dein Gott noch geholfen, Syphax. Laß die Tribunen ein.«
+
+Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus und einige andere vor
+ihm; sie wollten bewegt an sein Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. »Rom
+dankt euch, durch mich. Ihr habt gefochten wie – wie Römer. Mehr,
+Stolzeres kann ich euch nicht sagen.« Und er übersah wie nachsinnend die
+Reihe, dann sagte er: »Einer fehlt mir – ah mein Korinther! Die Leiche ist
+gerettet. Denn ich empfahl sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt
+ihm als Denkmal eine schwarze Platte von korinthischem Marmor an die
+Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des Apollo über die Aschenurne und
+schreibt darauf: »Kallistratos von Korinth ist hier für Rom gestorben; er
+hat den Gott, der Gott nicht ihn gerettet.« Jetzt geht, bald sehen wir uns
+wieder – auf den Wällen. Syphax, nun sende mir Prokop. Und bring einen
+großen Becher Falernerwein.« »Freund,« rief er dem eintretenden Prokopius
+entgegen, »mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch flüstern hören:
+»Prokop hat den großen Belisar gerettet.« Ein unsterblich Verdienst! Die
+ganze Nachwelt wird dir’s danken – so brauch’ ich’s nicht zu thun. Setze
+dich hierher und erzähle mir das Ganze ... – Aber halt: erst schiebe die
+Kissen zurecht, daß ich meinen Cäsar wieder sehen kann. Sein Anblick
+stärkt mehr als Arzneien. Nun sprich.«
+
+Prokopius sah den Liegenden durchdringend an.
+
+»Cethegus,« sagte er dann, ernsten Tones, »Belisar weiß alles.« »Alles?«
+lächelte der Präfekt, »das ist viel.« – »Laß den Spott und versage
+Bewunderung nicht dem Edelsinn: du, der du selber edel bist.« – »Ich?
+Nicht daß ich wüßte.« – »Sowie er zum Bewußtsein kam, hat ihm Bessas
+natürlich sofort alles mitgeteilt: hat ihm haarklein erzählt, wie du
+befohlen, das Thor gesperrt zu halten, als Belisar in seinem Blute davor
+lag, den wütigen Teja auf den Fersen: daß du befohlen, seine Leibwächter
+niederzuhauen, die mit Gewalt öffnen wollten: jedes Wort von dir hat er
+berichtet, auch deinen Ausruf: »Erst Rom, dann Belisar«: und hat deinen
+Kopf verlangt im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius sprach:
+»er hat recht gethan! hier, Prokop, bring ihm mein eigen Schwert und die
+ganze Rüstung, die ich an jenem Tage trug, zum Dank.« Und in dem Bericht
+an den Kaiser hat er mir die Worte diktiert: »Cethegus hat Rom gerettet
+und nur Cethegus! Schick’ ihm den Patriciat von Byzanz!««
+
+»Ich danke: ich habe Rom nicht für Byzanz gerettet.« – »Das brauchst du
+mir nicht erst zu sagen, unattischer Römer.«
+
+»Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was war dein Dank?«
+
+»Still. Er weiß nichts davon. Und soll es nie erfahren.«
+
+»Syphax, Wein. – Soviel Edelsinn kann ich nicht vertragen! Es macht mich
+schwach. Nun, wie war der Reiterspaß?«
+
+»Freund, das war kein Spaß. Sondern der furchtbarste Ernst, der mir noch
+begegnet. Um ein Haar fehlte es, so war Belisar verloren.«
+
+»Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt bei diesen Goten! Dumme
+Tölpel sind sie samt und sonders.«
+
+»Du sprichst, als wär’ es dir sehr leid, daß Belisar nicht umgekommen.«
+
+»Recht wär ihm geschehn. Ich hab ihn dreimal gewarnt. Er sollte endlich
+wissen, was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold.«
+
+»Höre,« sagte Prokop, ihn ernsthaft betrachtend, »du hast dir ein Recht
+erworben, so zu sprechen, vor dem Grabmal Hadrians. Früher, wenn du des
+Mannes Heldentum herabzogst ...« – »Dachtest du, ich spräche aus Neid
+gegen den tapfern Belisar! Hört es, ihr unsterblichen Götter.«
+
+»Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ...« –
+
+»Laß mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, wenn es gilt, muß
+man den Tod verachten, sonst aber vorsichtig das Leben lieben. Denn nur
+die Lebendigen herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist
+meine Weisheit, und nenn’ es meine Feigheit, wenn du willst. Also – euer
+Überfall – mach’s kurz! Wie ging’s?«
+
+»Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, – alles schien frei vom
+Feind und sicher zum Futter holen – da wandten wir die Rosse allmählich
+wieder gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern Schafe, dir wir
+aufgetrieben, in der Mitte, Belisar voran, der junge Severinus, Johannes
+und ich an seiner Seite. Plötzlich, wie wir aus dem Dorf _ad aras Bacchi_
+ins Freie kommen, jagen aus den Gehölzen zu beiden Seiten der valerischen
+Straße von links und rechts gotische Reiter auf uns zu. Ich sah, daß sie
+uns stark überlegen waren und riet die Flucht mitten durch sie hindurch
+auf der Straße nach Rom zu versuchen. Aber Belisar meinte: »Viele sind es,
+doch nicht allzuviele,« und sprengte gegen die Angreifer zur Linken, ihre
+Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen wir übel an: die Goten ritten besser
+und fochten besser als unsere mauretanischen Reiter: und ihre Führer,
+Totila und Hildebad – jenen erkannte ich an den langflatternden gelben
+Haaren und diesen an der ungeschlachten Größe – hielten sichtlich scharf
+auf den Feldherrn selbst. »Wo ist Belisar und sein Mut?« schrie der lange
+Hildebad vernehmlich durch das Klirren der Waffen.
+
+»Hier!« antwortete dieser unverzüglich: und ehe wir ihn abhalten konnten,
+hielt er schon dem Riesen gegenüber. Der war nicht faul und hieb ihm mit
+seinem wuchtigen Beil auf den Helm, daß der goldene Kamm mit dem weißen
+Roßhaarbüschel zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf
+den Kopf des Pferdes niederfuhr. Und schon holte jener zum zweiten, dem
+tödlichen Streiche aus: da war der junge Severinus, des Boëthius Sohn,
+heran und fing den Hieb mit dem runden Schilde auf. Aber das Beil des
+Barbaren drang durch den Schild und flog noch tief in den Hals des edeln
+Jünglings. Er stürzte« – Prokop stockte in schmerzlichen Gedanken.
+
+»Tot?« fragte Cethegus ruhig.
+
+»Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, trug ihn aus
+dem Gefecht. Doch starb er schon, so hört’ ich, eh’ er das Dorf
+erreichte.«
+
+»Ein schöner Tod!« sagte Cethegus. »Syphax, einen neuen Becher Wein!«
+
+»Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stieß nun in großem
+Zorn mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines
+Harnisches, daß er der Länge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf,
+aber der junge Totila« –
+
+»Nun?«
+
+»Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig durch die Lanzen der
+Leibwächter Bahn brach zu Belisar. Aigan, sein Bannerträger, wollte ihn
+decken, aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm: er riß ihm die
+Fahne aus der erschlafften Hand und warf sie dem nächsten Goten zu. Laut
+auf schrie Belisar vor Zorn und wandte sich gegen ihn: aber der junge
+Totila ist rasch wie der Blitz und zwei scharfe Hiebe trafen, eh’ er
+sich’s versah, des Feldherrn beide Schultern: der wankte im Sattel und
+sank langsam vom Pferd, das im selben Augenblick ein Wurfspeer traf und
+niederwarf. »Gieb dich gefangen, Belisar!« rief Totila.
+
+Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt verneinend zu
+schütteln, da sank er vollends zur Erde. Rasch war ich abgesprungen, hatte
+ihn auf mein eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, der
+fünfzig Leibwächter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getümmel
+flüchtend nach der Stadt hin brachte.« – »Und du?«
+
+»Ich focht zu Fuß weiter. Und es gelang mir, da jetzt unsere Nachhut
+eintraf, – die Vorräte in der Mitte hatten wir preisgegeben – das Gefecht
+gegen Totila zu stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die
+zweite Schar der gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind sauste der
+schwarze Teja herzu, durchbrach unsern rechten Flügel, der ihm zunächst
+stand, von vorn, durchbrach dann meine eigene gegen Totila gerichtete
+Front von der Flanke und zersprengte unsern ganzen Schlachthaufen. Ich gab
+das Gefecht verloren, ergriff ein ledig Roß und eilte dem Feldherrn nach.
+Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen Flucht erkannt und jagte uns
+wütend nach. An der fulvischen Brücke holte er die Bedeckung ein; Johannes
+und ich hatten mehr als die Hälfte der noch übrigen Leibwächter an der
+Brücke aufgestellt, den Übergang zu wehren, unter Principius, dem tapfern
+Pisidier, und Tarmuth, dem riesigen Isaurier. Dort fielen sie alle
+dreißig, zuletzt auch die beiden treuen Führer, von dem Schwerte des Teja
+allein, wie ich vernahm. Dort fiel die Blüte von Belisars Leibwächtern:
+darunter viele meiner nächsten Waffenfreunde, Alamundarus der Saracene,
+Artasines der Perser, Zanter der Armenier, Longinus der Isaurier, Bucha
+und Chorsamantes die Massageten, Kutila der Thrakier, Hildeger der
+Vandale, Juphrut der Maure, Theodoritos und Georgios die Kappadokier. Aber
+ihr Tod erkaufte unsere Rettung. Wir holten hinter der Brücke unser hier
+zurückgelassenes Fußvolk ein, das dann noch die feindlichen Reiter so lang
+beschäftigte, bis das tiburtinische Thor sich, – spät genug! – dem wunden
+Feldherrn öffnete. Dann eilt’ ich, als wir ihn auf einer Sänfte Antoninens
+Pflege zugesandt, an das Grabmal Hadrians, wo, wie es hieß, die Stadt
+genommen sei und fand dich dem Tode nah.«
+
+»Und was hat jetzt Belisar beschlossen?«
+
+»Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung
+langsamer. Er hat den Goten den Waffenstillstand gewährt, den sie
+verlangten, ihre vielen Toten zu bestatten.«
+
+Cethegus fuhr auf von den Kissen. »Er hätte ihn verweigern sollen! Keine
+unnütze Verzögerung der Entscheidung mehr! ich kenne diese gotischen
+Stiere; nun haben sie sich die Hörner stumpf gestürmt: jetzt sind sie müd
+und mürbe.
+
+Jetzt kam die Zeit für einen letzten Schlag, den ich schon lang ersonnen.
+Die Hitze draußen in der glühenden Ebene werden ihre großen Leiber
+schlecht ertragen: schlechter den Hunger: am schlechtesten den Durst. –
+Denn der Germane muß saufen, wenn er nicht schnarcht oder prügelt. Nun
+braucht man nur ihren vorsichtigen König noch ein wenig einzuschüchtern.
+Sage Belisar meinen Gruß: und mein Dank für sein Schwert sei mein Rat: Er
+solle noch heute den gefürchteten Johannes mit acht Tausend Mann durch das
+Picenum gegen Ravenna schicken: die flaminische Straße ist frei und wird
+wenig gedeckt sein: denn Witichis hat die Besatzungen aller Festungen
+hierher gezogen: und leichter gewinnen wir jetzt Ravenna, als die Barbaren
+Rom. Sowie aber der König Ravenna, seinen allerletzten Hort, bedroht
+sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis zu retten. Er wird sein Heer
+hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte
+statt des Verfolgers sein.« »Cethegus,« sprach Prokop aufspringend, »du
+bist ein großer Feldherr.« – »Nur nebenbei, Prokopius! geh jetzt und grüße
+mir den großen Sieger Belisar.«
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Kapitel.
+
+
+An dem letzten Tage des Waffenstillstands konnte Cethegus bereits wieder
+auf den Wällen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare
+und Isaurier mit lautem Zuruf begrüßten. Sein erster Gang war zu dem
+Grabmal des Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen
+Kranz von Lorbeern und von Rosen nieder. Während er von hier aus die
+Verstärkung der Befestigungen anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben
+von Mataswintha.
+
+Es lautete lakonisch genug: »Mach’ bald ein Ende. Nicht länger kann ich
+den Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzig Tausend Männern meines Volks
+hat mir die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich
+anzuklagen. Währt das noch länger, so erlieg ich. Der Hunger wütet
+furchtbar in dem Lager. Ihre letzte Hoffnung ist eine große Zufuhr von
+Getreide und Vieh, die aus Südgallien unter Segel ist. An den nächsten
+Calenden wird sie auf der Höhe von Portus erwartet. Handle danach – aber
+mach’ rasch ein Ende.«
+
+»Triumph,« sprach der Präfekt, »die Belagerung ist aus. Unsre kleine
+Flotte lag bisher fast müßig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden.
+Diese Königin ist die Erinnys der Barbaren.« Und er ging selbst zu
+Belisar, der ihn mit edler Großheit empfing. –
+
+In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum
+pincianischen Thore hinaus, dann links nach der flaminischen Straße
+schwenkend. Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit
+raschen Segeln nach Populonium, wo sich ein kleines römisches Geschwader
+gesammelt hatte. Der Kampf um die Stadt ruhte, trotz Ablauf des
+Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche darauf etwa, machte der König,
+der sein Schmerzenslager zum erstenmal verließ, in Begleitung seiner
+Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den sieben vormals
+menschenwimmelnden Lagern waren völlig verödet und aufgegeben: auch die
+übrigen vier waren nur noch spärlich bevölkert. Todmüde, ohne Klage, aber
+auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und
+Fieber verzehrt, vor ihren Zelten.
+
+Kein Zuruf, kein Gruß erfreute den wackern König auf seinem
+schmerzensreichen Gang: kaum daß sie die müden Augen aufschlugen bei dem
+Schall der nahenden Schritte.
+
+Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stöhnen der Kranken, der
+Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man
+die hinlängliche Zahl von Gesunden, die nötigsten Posten zu beziehen. Die
+Wachen schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder
+auf der Schulter zu tragen.
+
+Die Heerführer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Thor; im
+Wallgraben lag ein junger Schütz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad
+rief ihm zu: »Beim Hammer! Gunthamund, was ist das? deine Sehne ist ja
+gesprungen, was ziehst du keine andre auf?« – »Kann nicht, Herr, die Sehne
+sprang gestern bei meinem letzten Schuß. Und ich und die drei Bursche
+neben mir, wir haben die Kraft nicht, eine neue aufzuziehen.« Hildebad gab
+ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche: »hast du auf einen Römer
+geschossen?« »O nein, Herr,« sagte der Mann, »eine Ratte nagte dort an der
+Leiche. Ich traf sie glücklich und wir teilten sie zu viert.«
+
+»Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer?« fragte der König. »Tot, Herr.
+
+Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten
+Marmorgrab.«
+
+»Und dein Vater Iffamuth?« – »Auch tot. Er vertrug’s nicht mehr, das
+giftige Wasser aus den Pfützen. Der Durst, König, brennt noch heißer als
+der Hunger. Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel.« »Ihr
+seid alle aus dem Athesisthal?« »Ja, Herr König, vom Iffinger-Berg. O
+welch köstlich Quellwasser dort daheim!«
+
+Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube
+trinken. Seine Züge verfinsterten sich noch mehr. »He du, Arulf!« rief er
+ihm zu, »du scheinst nicht Durst zu leiden?« – »Nein, ich trinke oft,«
+sprach der Mann. »Was trinkst du?« – »Das Blut von den Wunden der
+Frischgefallnen. Anfangs ekelt’s sehr: aber man gewöhnt’s in der
+Verzweiflung.«
+
+Schaudernd schritt Witichis weiter. »Schick’ all’ meinen Wein ins Lager,
+Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen.« – »All deinen Wein? O König, mein
+Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb Krüge. Und
+Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich stärken.«
+
+»Und wer stärkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!«
+
+»Komm mit nach Hause,« mahnte Totila, des Königs Mantel ergreifend. »Hier
+ist nicht gut sein.«
+
+Im Zelt des Königs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den
+schönen Marmortisch, der auf goldnen Gefäßen steinhartes verschimmeltes
+Brot aufwies und wenige Stücke Fleisch. »Es war das letzte Pferd aus den
+königlichen Ställen,« sagte Hildebad, – »bis auf Boreas.« – »Boreas wird
+nicht geschlachtet! – mein Weib, mein Kind sind auf seinem Rücken
+gesessen.«
+
+Und er stützte das müde Haupt auf die beiden Hände: eine neue schwere
+Pause trat ein. »Freunde,« hob er endlich an, »das geht nicht länger also.
+Unser Volk verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschluß ist schwer und
+schmerzlich gereift –«
+
+»Sprich’s noch nicht aus, o König!« rief Hildebad. »In wenig Tagen trifft
+Graf Odoswinth von Cremona ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem
+Guten.«
+
+»Er ist noch nicht da!« sprach Teja.
+
+»Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist,« ermutigte Totila, »wird
+er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum
+eintrifft, mit den Besatzungen, die der König aus den Festen von Ravenna
+bis Rom weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu füllen?«
+
+»Auch Ulithis ist noch nicht da,« sprach Teja. »Er soll noch in Picenum
+stehen. Und kommt er glücklich an, so wird der Mangel im Lager noch
+größer.«
+
+»Doch auch die Römerstadt muß fasten!« meinte Hildebad, das harte Brot mit
+der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. »Laß sehn, wer’s länger
+aushält!«
+
+»Oft hab’ ich’s überdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Nächten,«
+fuhr der König langsam fort.
+
+»Warum? warum das alles so kommen mußte? Nach bestem Gewissen hab’ ich
+immer wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns:
+und ich kann’s nicht anders finden, als daß Recht und Treue auf unsrer
+Seite stehen. Und wahrlich, an Kraft und Mut haben wir’s nicht fehlen
+lassen.«
+
+»Du am wenigsten,« sagte Totila.
+
+»Und an keinem schwersten Opfer!« seufzte der König. »Und wenn nun doch,
+wie wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und
+allgewaltig, warum läßt er all’ dies ungeheure, unverdiente Elend zu?
+Warum müssen wir erliegen vor Byzanz?«
+
+»Wir dürfen aber nicht erliegen,« schrie Hildebad. »Ich habe nie viel
+gegrübelt über unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen ließe, müßte
+man Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen
+zerschlagen.«
+
+»Lästre nicht, mein Bruder!« sprach Totila. »Und du, mein edler König, Mut
+und Vertrauen.
+
+Ja, es waltet ein gerechter Gott dort über den Sternen. Drum muß zuletzt
+die gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung bis ans Ende.«
+
+Aber der Tiefgebeugte schüttelte das Haupt. »Ich gestehe es euch, ich habe
+aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit,
+nur einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, daß wir all’ dies schuldlos
+leiden. Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so muß verborgne
+Schuld an mir, an eurem König haften. Wiederholt, erzählen unsre Lieder
+aus der Heidenzeit, hat sich ein König für sein Volk selbst den Göttern
+geopfert, wenn Unsieg, Seuche, Mißwachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er
+hat die verborgne Schuld auf sich genommen, die auf den Volksgenossen zu
+lasten schien und sie durch Tod gebüßt, oder indem er ohne die Krone ins
+Elend ging, ein friedloser Landflüchtiger. – Laßt mich die Krone abthun
+von diesem Haupt ohne Glück noch Stern. Wählt einen andern, dem Gott nicht
+zürnt: wählt Totila, oder –«
+
+»Das Wundfieber faselt noch aus dir!« unterbrach ihn der alte
+Waffenmeister. »Du mit Schuld beladen! du, der Treueste von uns allen!
+Nein, ich will’s euch sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der
+Väter alte Kraft mit der Väter altem Glauben verloren habt, und nun keinen
+Trost wißt für eure Herzen. Mich erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht.« –
+Und seine grauen Augen leuchteten in seltnem Glanze über die Freunde hin.
+»Alles was hier auf Erden erfreut und schmerzt, ist kaum der Freude noch
+des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es hier unten an: ein treuer Mann
+gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttot sterben, nicht den
+Strohtot. Den treuen Helden aber tragen die Walküren aus dem blutigen Feld
+auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar mit vollen
+Bechern ihn begrüßen. Dann reitet er alltäglich mit ihnen hinaus zu Jagd
+und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und
+Skaldensang in goldner Halle beim Abendlicht. Und schöne Schildjungfrauen
+kosen mit den Jungen: und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den
+alten Helden der Vorzeit. Und ich werde sie alle wiederfinden, die starken
+Gesellen meiner Jugend, den kühnen Winithar und Herrn Waltharis von
+Aquitanien und Guntharis den Burgunden. Und schauen werd’ ich auch ihn,
+dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den Geaten, und aus
+grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Römer schlug, von dem noch
+die Sänger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag’ ich Schild und
+Speer meinem Herrn, dem König mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in
+alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten
+und alles ihres Wehs.«
+
+»Ein schön Gedicht, alter Heide,« lächelte Totila. »Wenn uns aber das
+nicht mehr tröstet für wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch,
+Teja, du finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie
+fehlt uns dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein
+tröstender Harfenschlag, du liederkundiger Sänger?«
+
+»Mein Wort,« sagte Teja aufstehend, »mein Wort und Gedanke wäre euch
+vielleicht schwerer zu tragen als all’ dies Leid. Laß mich noch schweigen,
+mein sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir
+Antwort gebe. Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite
+daran hält.« Und er schritt aus dem Zelte.
+
+Denn draußen in dem Lager hatte sich ein wirrer, rätselhafter Lärm von
+rufenden, fragenden Stimmen erhoben.
+
+Die Freunde sahen ihm schweigend nach. »Ich weiß wohl, was er denkt,«
+sagte der alte Hildebrand endlich. »Denn ich kenne ihn vom Knaben auf: Er
+ist nicht wie andere. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Thor
+und Odhin glauben, sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und
+Stärke. Es ist fast zu schwer für ein Menschenherz. Und glücklich, –
+glücklich macht es nicht, wie er zu denken. Mich wundert, daß er singt und
+Harfe schlägt dabei.«
+
+Da riß Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhänge auf: sein Antlitz war
+noch bleicher als zuvor: seine dunkeln Augen blitzten: aber seine Stimme
+war ruhig wie sonst, da er sprach: »Brich das Lager ab, König Witichis.
+Unsere Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf
+Odoswinths Kopf ins Lager geschickt. Und sie lassen auf den Wällen Roms,
+vor den Augen unserer Wachen, von den gefangenen Goten die erbeuteten
+Rinder schlachten. Große Verstärkungen aus Byzanz unter Valerian und
+Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine segelreiche Flotte aus
+Byzanz in den Tiber geführt. Denn der blutige Johannes hat das Picenum
+durchzogen ... –«
+
+»Und Graf Ulithis?«
+
+»Er hat Ulithis geschlagen und getötet, Ancona und Ariminum genommen. Und
+–«
+
+»Ist das noch nicht alles?« rief der König.
+
+»Nein, Witichis! Eile thut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch
+wenige Meilen von der Stadt.«
+
+
+
+
+ Sechzehntes Kapitel.
+
+
+Am Tage nach dem Eintreffen dieser für die Goten so verhängnisvollen
+Nachrichten hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief
+entmutigtes Heer aus den vier noch übrigen Lagern herausgezogen.
+
+Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschließung gewährt. So viel Mut
+und Kraft, so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen.
+
+Schweigend zogen die Goten an den stolzen Wällen vorüber, an denen ihr
+Glück und ihre Macht zerschellt waren. Schweigend trugen sie die höhnenden
+Worte, die Römer und »Romäer« (Byzantiner) ihnen von den sichern Zinnen
+herab zuriefen. Ihr Zorn und ihre Trauer waren zu groß, um durch solchen
+Spott getroffen zu werden.
+
+Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen Thore brechend, die
+Abziehenden verfolgen wollte, wurde sie grimmig zurückgewiesen. Denn Graf
+Teja führte die gotische Nachhut.
+
+So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Straße durch Picenum in
+raschen Märschen (obwohl den von den Feinden besetzten Plätzen Narnia,
+Spoletium und Perusium ausgewichen werden mußte) nach Ravenna, wo Witichis
+zur rechten Zeit eintraf, die gefährliche Stimmung der Bevölkerung, die
+auf die Kunde von dem Unglück der Barbaren schon mit dem drohenden
+Johannes in geheime Verhandlungen getreten war, zu unterdrücken.
+
+Johannes zog sich bei der Annäherung der Goten in seine letzte wichtige
+Eroberung Ariminum zurück. In Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit
+den thrakischen Speerträgern und mit Kriegsschiffen.
+
+Der König führte aber keineswegs sein ganzes, von der Belagerung Roms
+aufgebrochenes Heer nach Ravenna, sondern hatte unterwegs viele
+Mannschaften in Festungen verteilt. Eine Tausendschaft ließ er unter
+Gibimer in Clusium in Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter Albila, eine
+halbe in Tudertum unter Wulfgis: in Auximum vier Tausendschaften unter
+Graf Wisand, dem tapfern Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in
+Caesena und Monsferetrus je eine halbe. Hildebrand entsandte er nach
+Verona, Totila nach Tarvisium und Teja nach Ticinum, da auch der Nordosten
+der Halbinsel durch byzantinische, von Istrien aus drohende Truppen
+gefährdet wurde.
+
+Er that dies übrigens noch aus andern Gründen.
+
+Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. Dann, um im Fall
+einer Einschließung nicht wieder sobald durch die große Stärke des Heeres
+dem Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um für den nämlichen Fall die
+Belagerer auch vom Rücken und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu
+können. Sein Plan war zunächst, die seinem Hauptstützpunkt Ravenna
+drohende Gefahr abzuwenden, und sich mit seinen zerrütteten Streitkräften
+auf die Verteidigung zu beschränken, bis fremde Hilfstruppen,
+langobardische und fränkische, die er erwartete, ihn in den Stand setzen
+würden, wieder das offne Feld zu halten.
+
+Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese
+gotischen Burgen hinzuhalten, erfüllte sich nicht. Er begnügte sich, sie
+durch beobachtende Truppen einzuschließen und zog ohne weiteres gegen die
+Hauptstadt und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. »Habe ich
+das Herz zum Tode getroffen,« sagte er, »werden sich die geballten Fäuste
+von selbst öffnen.«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Und so dehnten sich alsbald um die Königsstadt Theoderichs in weit
+gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner, an allen drei Landseiten, von
+der Hafenstadt Classis an bis zu den Kanälen und Zweigarmen des Padus, die
+im Westen besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten.
+
+Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem
+Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz
+der Imperatoren: und auch das letzte Abendrot, das die glorreiche
+Regierung Theoderichs über sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des
+Krieges verschwunden.
+
+Aber gleichwohl. Welch andern Eindruck muß damals die immer noch
+volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als
+heute, wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Straßen, den leeren
+Plätzen, den einsam schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch
+anhaucht als draußen, vor den Mauern der Stadt, wo sich weithin die öde
+Sumpflandschaft der Padusniederungen dehnt, bis sie in den Schlamm des
+weit zurückgetretenen Meeres auslaufen.
+
+Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschäftiges
+Leben wogte, wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adria-Flotte tief
+schaukelnd sich wiegten, da liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem
+Schilf und Riedgras verwilderte Büffel grasen; versumpft die Straßen,
+versandet der Hafen, verschollen das Volk, das hier freudig geherrscht: –
+nur ein riesiger runder Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein
+erhaltnen, einsamen Basilika San Apollinare in Classe fuori, die, von
+Witichis begonnen, von Justinian vollendet, nun eine Stunde fern von aller
+Menschenwohnung auf der sumpfigen Ebene trauernd ragt.
+
+Die starke Seefestung galt für uneinnehmbar: darum hatten sie seit dem
+Sinken ihrer Macht, und der wachsenden Gefährdung Italiens durch die
+Barbaren, die Kaiser zur Residenz gewählt. Die Südost-Seite deckte das
+damals noch bis an und in ihre und der Hafenstadt Mauern spülende Meer.
+
+Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrinthisches
+Netz von Kanälen, Gräben und Sümpfen des vielarmigen Padus gesponnen, in
+welchem sich der Belagerer rettungslos verstricken mußte. Und diese
+Mauern! noch jetzt erfüllen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre
+ungeheure Dicke und – weniger ihre Höhe als – die Anzahl von starken
+Rundtürmen, die von ihren Zinnen noch heute aufsteigen, trotzten vor der
+Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm, jedem gewaltsamen Angriff. Nur durch
+Aushungerung hatte nach fast vierjährigem Widerstand der große Theoderich
+diese letzte Zuflucht Odovakars bezwungen.
+
+Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit
+Sturm zu nehmen. Kräftig ward sein Angriff abgewiesen und die Belagerer
+mußten sich begnügen, die Festung enge zu umschließen und, wie einst der
+Gotenkönig, durch Mangel zur Übergabe zu nötigen. Dem aber konnte Witichis
+getrost entgegensehn. Denn er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in
+diesem seinem Haupt-Bollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorräte
+aller Art, namentlich aber Getreide, in außerordentlicher Menge in
+besonders von ihm (mit Benutzung und in den Räumen des ungeheuren
+Marmorcirkus des Theodosius) erbauten Kornspeichern von Holzgezimmer
+aufgehäuft. Diese ausgedehnten Holzbauten, gerade gegenüber dem Palast und
+der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Königs Stolz, Freude und Trost.
+Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch das von den Feinden
+durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom führen können: und bei einiger
+Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel für die Bevölkerung und
+das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis
+dahin aber war das Eintreffen eines fränkischen Hilfsheeres infolge der
+aufs neue angeknüpften Verhandlungen sicher zu erwarten. Und dieser
+Entsatz mußte notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeiführen.
+
+Dies wußten – oder ahnten doch – Belisar und Cethegus so gut wie Witichis:
+und rastlos spähten sie nach allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall
+der Stadt zu beschleunigen. Der Präfekt suchte natürlich vor allem seine
+geheime Verbindung mit der Gotenkönigin zu diesem Zwecke zu benutzen. Aber
+einmal war der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert, da die Goten alle
+Ausgänge der Stadt sorgfältig überwachten. Und dann schien auch
+Mataswintha wesentlich verändert und keineswegs mehr so bereit und
+willfährig, sich als Werkzeug gebrauchen zu lassen, wie ehedem.
+
+Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demütigung des Königs erwartet. Das
+lange Hinzögern ermüdete sie: und zugleich hatten die großen Leiden ihres
+Volkes in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschüttern.
+
+Dazu kam endlich, daß die traurige Verwandlung in dem sonst so kräftigen
+und gesundfreudigen Wesen des Königs, der stille, aber tiefe und finstre
+Gram, der über seiner Seele lag, mächtig an ihrem Herzen rüttelte. Wenn
+sie auch mit der ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit dem bittern
+Stolz gekränkter Liebe ihn verklagte, daß er ihr Herz verworfen und doch,
+um der Krone willen, mit Gewalt ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie
+ihn dafür auch mit der ganzen leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu
+hassen glaubte und zum Teil auch wirklich haßte, so war doch dieser Haß
+nur umgeschlagene Liebe. Und als sie ihn nun von dem schweren Unglück der
+gotischen Waffen, von dem Fehlschlagen all’ seiner Pläne – an dem ihr
+heimtückischer Verrat so großen Anteil trug, – tief, bis zur
+krankhaft-schwermütigen Verfinsterung des Geistes, zu marternder
+Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte dieser Anblick gewaltig auf
+ihre aus Härte und Glut seltsam gemischte Natur.
+
+Sie hätte im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzücken sein Blut
+fließen sehen. Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst
+zerstören sehen, – das ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug
+aber endlich wesentlich bei, daß sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine
+Veränderung in des Königs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben
+glaubte. Spuren von Reue, dachte sie, von Reue über die Gewaltsamkeit, mit
+welcher er in ihr Leben eingegriffen hatte.
+
+Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes Auftreten bei den
+selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkürlich
+gemildert hatte, erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des
+Entgegenkommens, den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren
+Formen anerkannte und lohnte. Grund genug für Mataswinthens beweglich
+flutende Gedanken, die Anträge des Präfekten, selbst wenn diese manchmal
+noch durch des klugen Mauren Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen.
+
+Doch hatte der Präfekt aus dieser Quelle schon während des Zuges gegen
+Ravenna erfahren, was später auch sonst bekannt wurde, daß die Goten Hilfe
+von den Franken erwarteten. Unverzüglich hatte er deshalb seine alten
+Verbindungen mit den Vornehmen und Großen, die an den Höfen zu Mettis
+(Metz), Aurelianum (Orleans), und Suessianum (Soissons) im Namen der
+merowingischen Schattenkönige herrschten, wieder angeknüpft, um die
+Franken, deren damals sprichwörtlich gewordne Falschheit gute Aussicht auf
+Gelingen solcher Versuche gewährte, von dem gotischen Bündnis wieder
+abzuziehen.
+
+Und als die Sache durch diese Freunde gehörig vorbereitet war, hatte er an
+König Theudebald, der zu Mettis Hof hielt, selbst geschrieben und ihn
+dringend gewarnt, bei einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem
+Scheitern der Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen.
+Diesen Brief hatten reiche Geschenke an seinen alten Freund, den
+Majordomus des schwachen Königs, begleitet: und sehnlich erwartete der
+Präfekt von Tag zu Tag die Antwort auf denselben: um so sehnlicher, als
+das veränderte Benehmen Mataswinthens die Hoffnung auf raschere
+Überwältigung der Goten abgeschnitten hatte.
+
+Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz,
+an einem für die Helden in und außer Ravenna gleich verhängnisvollen Tage.
+
+
+
+
+ Siebzehntes Kapitel.
+
+
+Hildebad, ungeduldig über das lange Müßigliegen, hatte aus der ihm zu
+besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen
+heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht, anfangs in
+ungestümem Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der
+Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet.
+
+Er hätte unfehlbar noch viel größern Schaden angerichtet, wenn nicht der
+rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all’ seine Feldherrnschaft und
+all’ sein Heldentum zugleich entfaltet hätte. Ohne Helm und Harnisch, wie
+er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden
+Vorposten, dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch
+äußerste persönliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen
+gebracht. Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt
+verwendet, daß Hildebads Rückzug ernstlich bedroht war und die Goten, um
+nicht abgeschnitten zu werden, all’ ihre errungenen Vorteile aufgeben und
+schleunigst in die Stadt zurückeilen mußten.
+
+Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur
+Hilfe herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin,
+nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als
+Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig
+einsog. »Wirklich, Belisarius,« schloß der Präfekt, »Kaiser Justinian kann
+dir das nicht vergelten.«
+
+»Da sprichst du wahr,« antwortete Belisar stolz: »er vergilt mir nur durch
+seine Freundschaft. Für seinen Feldherrnstab könnte ich nicht thun, was
+ich für ihn schon gethan habe und noch immer thue. Ich thu’s, weil ich ihn
+wirklich liebe. Denn er ist ein großer Mann mit allen seinen Schwächen.
+Wenn er nur Eins noch lernte: mir vertrau’n. Aber getrost: – er wird’s
+noch lernen.«
+
+Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem
+kaiserlichen Gesandten überbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz
+sprang Belisar, aller Müdigkeit vergessen, vom Polster auf, küßte die
+purpurnen Schnüre, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und öffnete das
+Schreiben mit den Worten: »Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun
+wird er mir die Leibwächter senden und den lang geschuldeten Sold, den ich
+erwarte, und das vorgeschossene Gold.«
+
+Und er begann zu lesen.
+
+Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Züge
+verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in
+schwerem Krampf zu heben: die beiden Hände, mit welchen er das Schreiben
+hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe sie fragen konnte,
+stieß Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das
+kaiserliche Schreiben auf die Erde und stürzte außer sich aus dem Gezelt;
+eilend folgte ihm seine Gattin.
+
+»Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen,« sagte Prokop, den Brief
+aufhebend. »Laß sehn: wohl wieder ein Stücklein kaiserlichen Dankes,« –
+und er las: »Der Eingang ist Redensart, wie gewöhnlich – aha, jetzt kommt
+es besser:
+
+»Wir können gleichwohl nicht verhehlen, daß wir, nach deinen eignen
+früheren Berühmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese
+Barbaren erwartet hätten und glauben auch, daß eine solche bei größerer
+Anstrengung nicht unmöglich gewesen wäre. Deshalb können wir deinem
+wiederholt geäußerten Wunsche nicht entsprechen, dir deine übrigen
+fünftausend Mann Leibwächter, die noch in Persien stehen, sowie die vier
+Centenare Goldes nachzusenden, die in deinem Palaste in Byzanz liegen.
+
+Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich überflüssigermaßen
+bemerkst, dein Eigentum: und dein in demselben Brief geäußerter Entschluß,
+du wollest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschöpftheit des kaiserlichen
+Säckels aus eignen Mitteln zu Ende führen, verdient, daß wir ihn als
+pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in gleichem Briefe richtiger
+hinzugefügt, all dein Hab’ und Gut deines Kaisers Majestät zu Diensten
+steht und kaiserliche Majestät die erbetene Verwendung deiner Leibwächter
+und deines Goldes in Italien für überflüssig halten muß, so haben wir,
+deiner Zustimmung gewiß, anderweitig darüber verfügt und bereits Truppen
+und Schätze, zur Beendung des Perserkriegs, deinem Kollegen Narses
+übergeben.« – Ha, unerhört!« unterbrach sich Prokop.
+
+Cethegus lächelte: »Das ist Herrendank für Sklavendienst.«
+
+»Auch das Ende scheint hübsch,« fuhr Prokopius fort. – »Eine Vermehrung
+deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wünschbar, als man
+uns wieder täglich vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt.
+
+Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Scepter sei aus dem
+Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: – gefährliche Gedanken
+und ungeziemende Worte.
+
+Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Träumen unterrichtet.
+
+Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, dir
+noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich,
+daß die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nächsten
+stehn.«
+
+»Das ist schändlich!« rief Prokop. »Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!«
+sagte Cethegus. »Das heißt die Treue selbst zum Aufruhr peitschen.«
+
+»Recht hast du,« schrie Belisar, der, wieder hereinstürmend, diese Worte
+noch gehört hatte. »Oh, er verdient Aufruhr und Empörung, der undankbare,
+boshafte, schändliche Tyrann.«
+
+»Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zu Grunde!« beschwor
+ihn Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war und suchte, seine Hand zu
+fassen.
+
+»Nein, ich will nicht schweigen,« rief der Zornige, an der offenen
+Zeltthür auf und niederrennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und
+viele andere Heerführer mit Staunen lauschend standen. »Alle Welt soll’s
+hören. Er ist ein undankbarer, heimtückischer Tyrann! Ja du verdientest,
+daß ich dich stürzte! Daß ich dir thäte nach dem Argwohn deiner falschen
+Seele, Justinianus!«
+
+Cethegus warf einen Blick auf die draußen Stehenden: sie hatten offenbar
+alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den
+Eingang und zog die Vorhänge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie
+trat wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem
+Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten Fäuste gegen seine
+Brust und stammelte: »O Justinianus, hab’ ich das um dich verdient? O zu
+viel, zu viel!« Und plötzlich brach der gewalt’ge Mann in einen Strom von
+hellen Thränen aus. Da wandte sich Cethegus verächtlich ab: »Lebwohl,«
+sagte er leise zu Prokopius, »mich ekelt es, wenn Männer heulen.«
+
+
+
+
+ Achtzehntes Kapitel.
+
+
+In schweren Gedanken schritt der Präfekt aus dem Zelt und ging, das Lager
+umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen
+Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Thor des Honorius. Es war auf der
+Südseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg führte zum
+Teil am Meeresstrand entlang.
+
+So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der große Gedanke, der
+der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschäftigte, so schwer die
+Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefühlsüberschwenglichen
+Gemütsmenschen, und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade
+jetzt auf ihm lastete, – doch ward seine Merksamkeit, wenn auch nur
+vorübergehend, auf das außergewöhnliche Aussehen der Landschaft, des
+Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen.
+
+Es war Oktober: – aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz
+geändert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein
+Gewölk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dünstereichen
+Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt plötzlich – es war gegen Sonnenuntergang –
+bemerkte Cethegus im Osten, über dem Meer, am fernsten Horizont, eine
+einzelne rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen
+sein mußte.
+
+Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine
+Strahlen. Kein Lufthauch kräuselte die bleierne Flut des Meeres.
+
+Keine noch so leise Welle spülte an den Strand. In der weitgestreckten
+Ebene regte sich kein Blatt an den Olivenbäumen. Ja, nicht einmal das
+Schilf in den Sumpfgräben bebte.
+
+Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein
+fremdartiger, erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drückend über Land
+und Meer zu liegen und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen
+unruhig gegen die Bretter der Planken, an welchen sie im Lager angebunden
+waren. Einige Kamele und Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht,
+wühlten den Kopf in den Sand. –
+
+Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um
+sich. »Das ist schwül: wie vor dem »Wind des Todes« in den Wüsten
+Ägyptens,« sagte er zu sich selber. – »Schwül überall – außen und innen. –
+Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft
+entladen?«
+
+Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, »Herr, wär’ ich daheim,
+ich glaubte heute: der Gifthauch des Wüstengottes sei im Anzug,« und er
+reichte ihm einen Brief.
+
+Es war die Antwort des Frankenkönigs! Hastig riß Cethegus das große,
+prunkende Siegel auf.
+
+»Wer hat ihn gebracht?«
+
+Ein Gesandter, der, nachdem er den Präfekten nicht getroffen, sich zu
+Belisar hatte führen lassen. Er hatte den nächsten Weg – den durchs Lager
+– verlangt. Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt.
+
+Er las begierig: »Theudebald, König der Franken, Cethegus dem Präfekten
+Roms. Kluge Worte hast du uns geschrieben. Noch klügere nicht der Schrift
+vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgethan. Wir sind nicht
+übel geneigt, danach zu thun. Wir nehmen deinen Rat und die Geschenke, die
+ihn begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglück gelöst. Dies,
+nicht unsere Wandelung, mögen sie verklagen.
+
+Wen der Himmel verläßt, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie
+fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold für das Hilfsheer in mehreren
+Centenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein
+Hindernis.
+
+Wir behalten diese Schätze als Pfand, bis sie uns die Städte in Südgallien
+abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken
+vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits
+vorbereitet und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit
+gefährlichem Murren die Langeweile des Friedens tragen würde, sind wir
+gewillt, unsere siegreichen Scharen gleichwohl über die Alpen zu schicken.
+Nur anstatt für: gegen die Goten.
+
+Aber freilich, auch nicht für den Kaiser Justinianus, der uns fortwährend
+den Königstitel vorenthält, sich auf seinen Münzen Herrn von Gallien
+nennt, uns keine Goldmünzen mit eigenem Brustbild prägen lassen will und
+uns noch andere höchst unerträgliche Kränkungen unserer Ehre angethan. Wir
+gedenken vielmehr, unsere eigene Macht nach Italien auszudehnen.
+
+Da wir nun wohl wissen, daß des Kaisers ganze Stärke in diesem Lande auf
+seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine große Zahl alter und
+neuer Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu führen hat: so werden
+wir diesem Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen,
+wobei wir ihm ein Heer von hunderttausend Franken-Helden zu Hilfe senden
+und uns dafür nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin
+abtreten lassen werden.
+
+Wir halten für unmöglich, daß ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne.
+Falls du zu diesem Plane mitwirken willst, verheißen wir dir eine Summe
+von zwölf Centenaren Goldes und werden, gegen eine Rückzahlung von zwei
+Centenaren, deinen Namen in die Liste unserer Tischgenossen aufnehmen. Der
+Gesandte, der dir diesen Brief gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern
+Antrag Belisar mitzuteilen.«
+
+Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen.
+
+Jetzt fuhr er auf. »Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: – in dieser
+Stimmung: – er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend
+Franken-Kriegern! Er darf nicht leben.« –
+
+Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er plötzlich
+stehen: »Thor, der ich war!« lächelte er kalt. »Heißblütig noch immer? Er
+ist ja Belisar und nicht Cethegus! Er nimmt nicht an. Das wäre, wie wenn
+der Mond sich gegen die Erde empören wollte, als ob der zahme Haushund
+plötzlich zum grimmigen Wolfe würde. Er nimmt nicht an! Aber nun laß
+sehen, wie wir die Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen. Nein,
+Frankenkönig,« und er lächelte bitter auf den zusammengeknitterten Brief,
+»solang Cethegus lebt, – nicht einen Fuß breit von Italiens Boden.«
+
+Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern.
+Und einen dritten –: nun blieb er stehen –: und über seine mächtige Stirn
+zuckt’ es hin. »Ich hab’ es!« frohlockte er. »Auf, Syphax,« rief er, »geh’
+und rufe mir Prokop.« –
+
+Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur
+Erde gefallenen Brief des Merowingen. »Nein,« lächelte er triumphierend,
+ihn aufhebend, »nein, Frankenkönig, nicht soviel Raum als dieser Brief
+bedeckt, sollst du haben von Italiens heiliger Erde.«
+
+Bald erschien Prokop. Die beiden Männer pflogen über Nacht ernste, schwere
+Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkühnen Plänen des Präfekten und
+weigerte sich lange, darauf einzugehen.
+
+Aber mit überlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert
+und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand,
+noch eh’ er ausgesprochen, mit siegender Überredung nieder und ließ nicht
+eher ab, seine unzerreißbaren und dichten Fäden um den Widerstrebenden zu
+ziehen, bis dem Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. –
+
+Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit
+blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. »Cethegus,«
+sagte er aufstehend, »ich bewundere dich.
+
+Wär’ ich nicht Belisars, – ich möchte dein Geschichtschreiber sein.«
+
+»Interessanter wäre es,« sagte der Präfekt ruhig, »aber schwerer.«
+
+»Doch graut mir vor der ätzenden Schärfe deines Geistes. Sie ist ein
+Zeichen der Zeit, in der wir leben. Sie ist wie eine blendendfarbige
+Giftblume auf einem Sumpfe. Wenn ich denke wie du den Gotenkönig durch
+sein eigen Weib zu Grunde gerichtet ... –«
+
+»Ich mußte dir das jetzt sagen. Leider hab’ ich in letzter Zeit wenig von
+meiner schönen Verbündeten gehört.«
+
+»Deine Verbündete! Deine Mittel sind ...« – »Immer zweckmäßig.«
+
+»Aber nicht immer ..! – Gleichviel, ich gehe mit dir: – noch eine Strecke
+Weges, weil ich meinen Helden aus Italien fort haben will, sobald als
+möglich. Er soll in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber ich
+gehe nicht weiter mit dir als bis ... –«
+
+»Zu deinem Ziel, das versteht sich.«
+
+»Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle nicht am Erfolg. Sie
+langweilt sich hier aufs tödlichste. Sie brennt vor Begierde, in Byzanz
+nicht nur so manchen Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten
+zu verderben.«
+
+»Eine gute schlechte Frau.«
+
+»Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Empörung Belisars für möglich
+halten?«
+
+»König Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe. Ich kenne
+einen viel schärferen Kopf, der’s doch einen Augenblick für möglich hielt.
+Und du zeigst ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den
+Franken im Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an den Hals: – er
+greift nach jedem Strohhalm. Daran also zweifle ich nicht: – versichre
+dich nur Antoninens.« –
+
+»Das laß meine Sorge sein. Bis Mittag hoff’ ich als Gesandter in Ravenna
+einzuziehn.«
+
+»Wohl: – dann vergiß mir nicht, die schöne Königin zu sprechen.«
+
+
+
+
+ Neunzehntes Kapitel.
+
+
+Und Mittags ritt Prokop in Ravenna ein.
+
+Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an Belisar, die Briefe
+des Frankenkönigs an Cethegus und an Belisar und einen Brief Belisars an
+Witichis. Diesen letztern hatte Prokop geschrieben und Cethegus hatte ihn
+diktiert.
+
+Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung er den König
+der Goten und seine Königin antraf. Der gesunde, aber einfache Sinn des
+Königs hatte schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck
+unausgesetzten Unglücks zwar nicht zu verzagen, jedoch sich zu verdüstern.
+Die Ermordung seines einzigen Kindes, das herzzerfleischende Losreißen von
+seinem Weibe hatten ihn schwer erschüttert: – aber er hatte es getragen
+für den Sieg der Goten. Und nun war dieser Sieg hartnäckig ausgeblieben.
+
+Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat
+seiner Regierung tiefer gefallen: mit einziger Ausnahme des Gefechts bei
+dem Zug nach Rom hatte ihm nie das Glück gelächelt.
+
+Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit
+dem Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rückzug geendet.
+Neue Unglücksschläge, Nachrichten, die betäubend wie Keulenschläge auf den
+Helm in dichter Folge sich drängten, mehrten seine Niedergeschlagenheit
+und steigerten sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit.
+
+Fast ganz Italien, außerhalb Ravenna, schien Tag für Tag verloren zu
+gehen. Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet,
+unter Mundila, dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich
+gewannen deren gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da
+aus fast ganz Ligurien. Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der
+Bischof dieser Stadt, selbst: von dort aus gewannen sie Bergomum, Comum,
+Novaria. Andrerseits ergaben sich die entmutigten Goten in Clusium und dem
+halbverfallnen Dertona den Belagerern und wurden gefangen aus Italien
+geführt. Urbinum ward nach tapferm Widerstand von den Byzantinern erobert,
+ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft Ämilia durch Johannes den
+Blutigen: die Versuche der Goten, Ancona, Ariminum und Mediolanum wieder
+zu nehmen, scheiterten.
+
+Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Königs weiches Gemüt.
+
+Denn inzwischen wütete der Hunger in den weiten Landschaften Ämilia,
+Picenum, Tuscien. Dem Pfluge fehlten Männer, Rinder und Rosse.
+
+Die Leute flüchteten in die Berge und Wälder, buken Brot aus Eicheln und
+verschlangen das Gras und Unkraut. Verheerende Krankheiten entstanden aus
+der mangelnden oder ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen fünfzig
+tausend Menschen, noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien,
+dem Hunger und den Seuchen. Bleich und abgemagert wankten die noch
+Lebenden dem Grabe zu: wie Leder ward die Haut und schwarz, die glühenden
+Augen traten aus dem Kopf, die Eingeweide brannten. Die Aasvögel
+verschmähten die Leichen dieser Pestopfer: aber von Menschen ward das
+Menschenfleisch gierig gegessen. Mütter töteten und verzehrten ihre
+neugebornen Kinder. In einem Gehöft bei Ariminum waren nur noch zwei
+römische Weiber übrig. Diese ermordeten und verzehrten nacheinander
+siebzehn Menschen, die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der
+achtzehnte erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwürgen vermochten,
+tötete die werwölfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der
+früheren Opfer ans Licht.
+
+Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung.
+Die letzteren, die große Summen für das zugesagte Hilfsheer empfangen
+hatten, verharrten in schweigender Ruhe. Die ungestüm zur Eile, zur
+Erfüllung der versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten
+des Königs wurden zu Mettis, Aurelianum und Paris festgehalten: keinerlei
+Antwort kam von diesen Höfen. Der Langobardenkönig Audoin aber ließ sagen:
+er wolle nichts entscheiden ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin,
+dieser jedoch sei mit großem Gefolge auf Abenteuer ausgezogen.
+
+Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: – er sei mit Narses
+eng befreundet. Dann werde er das Land sich ansehn und seinem Vater und
+Volke raten, welche Beschlüsse sie über dies Land Italia fassen sollten.
+
+Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des
+starken Belagerungsheeres, das Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor
+die Mauern geführt hatte und während der Einschließung befehligte. Aber es
+zerriß dem König das Herz, als ihm durch einen Boten (der nur mit Mühe und
+verwundet sich durch die Reihen beider einschließenden Heere in das drei
+Tagreisen entfernte Ravenna schlich) der heldenmütige Graf Wisand der
+Bandalarius die folgenden Worte sandte: »Als du mir Auximum anvertrautest,
+sagtest du: ich sollte damit die Schlüssel Ravennas, ja des Gotenreiches
+hüten. Ich sollte männlich widerstehen, dann würdest du bald mit all’
+deinem Heer zu unsrem Entsatz heranziehen. Wir haben männlich widerstanden
+Belisar und dem Hunger. Wo bleibt dein Entsatz? Wehe, wenn du recht
+gesprochen und mit unsrer Feste jene Schlüssel in der Feinde Hände fallen.
+Deshalb komm und hilf: – mehr um des Reichs, als unsrer willen.«
+
+Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem Golde bestochner
+Soldat der Belagerer, Burcentius: sein Auftrag lautete – mit Blut war der
+kurze Brief geschrieben: – »Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, das
+aus den Steinen wächst. Länger als fünf Tage können wir uns nicht mehr
+halten.« Der Bote fiel auf der Rückkehr mit der Antwort des Königs in die
+Hand der Belagerer, die ihn im Angesicht der Goten vor den Wällen von
+Auximum lebendig verbrannten.
+
+Ach und der König konnte nicht helfen!
+
+Noch immer widerstand das Häuflein Goten in Auximum, obwohl ihnen Belisar
+durch Zerstörung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten
+Brunnen, der ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen von
+Menschen und Tieren und Kalklösungen vergiftete. Sturmangriffe schlug
+Wisand immer noch blutig ab: nur durch Aufopferung eines Leibwächters
+entging einmal Belisar hierbei dem ganz nahen Tode.
+
+Endlich fiel zuerst Cäsena, die letzte gotische Stadt in der Ämilia, und
+dann Fäsulä, das Cyprianus und Justinus belagerten. »Mein Fäsulä!« rief
+der König, als er es erfuhr: – denn er war Graf dieser Stadt gewesen und
+dicht dabei lag das Haus, das er mit Rauthgundis bewohnt hatte. »Die
+Hunnen hausen wohl an meinem zerstörten Herd!«
+
+Als aber die gefangene Besatzung von Fäsulä den Belagerten in Auximum in
+Ketten vor Augen geführt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von
+Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da nötigten den Bandalarius
+seine verhungerten Scharen zur Übergabe.
+
+Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus.
+
+Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien geführt. Ja, so tief
+gesunken war Mut und Volksgefühl der endlich Bezwungenen, daß sie unter
+Graf Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen
+unter Belisars Fahnen.
+
+Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen
+Belagerer dieser Feste zurückgeführt in das Lager vor Ravenna, wo er
+Cethegus den bisher anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm.
+
+Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkönigs hafte, auf dem so
+schwer die Krone lastete. Da er nun den Grund seines Mißlingens keiner
+Schwäche, keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig
+an dem guten Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine
+einfache Gottesfurcht in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des
+Himmels erblicken konnte, so kam er immer wieder auf den quälenden
+Gedanken, es sei um seiner unvergebenen Sündenschuld willen, daß Gott die
+Goten züchtige: eine Verstellung, welche die Anschauungen des die Zeit
+beherrschenden alten Testaments ihm nicht minder nahe legten als viele
+Züge der alten germanischen Königssage.
+
+Diese Gedanken verfolgten unablässig den tüchtigen Mann und nagten Tag und
+Nacht an der Kraft seiner Seele. Bald suchte er im selbstquälerischen
+Grübeln jene seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, wie er
+den ihn verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden könne.
+Längst hätte er die Krone einem andern abgetreten, wenn ein solcher
+Schritt in diesem Augenblick nicht ihm und andern als Feigheit hätte
+erscheinen müssen. So war ihm auch dieser Ausweg – der nächste und liebste
+– aus seinen quälenden Gedanken verschlossen. Gebeugt saß jetzt oft der
+sonst so stattliche Mann, blickte lange starr und schweigend vor sich hin,
+nur manchmal das Haupt schüttelnd oder tief aufseufzend.
+
+Der tägliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses stummen und
+hilflosen Erduldens eines niederdrückenden Geschickes blieb, wie wir
+gesehen, nicht ohne Eindruck auf Mataswintha. Auch glaubte sie sich nicht
+darin getäuscht zu haben, daß seit geraumer Zeit sein Auge milder als
+sonst, mit Wehmut, ja mit Wohlwollen auf ihr geruht habe. Und so drängte
+sie teils uneingestandene Hoffnung, die so schwer erlischt im liebenden
+Herzen, teils Reue und Mitleid mächtiger als je zu dem leidenden König.
+
+Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit
+vereint. Die Bevölkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen
+angefangen, während die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und
+aus Calabrien und Sicilien reiche Vorräte bezogen, Mangel zu leiden. Nur
+die Reichen vermochten noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen.
+Des Königs mildes Herz nahm keinen Anstand, aus dem Überfluß seiner
+Magazine, die, wie gesagt, die doppelte Zeit bis zu dem Eintreffen der
+Franken auszureichen versprachen, auch an die Armen der Stadt wohlthätige
+Verteilungen zu machen, nachdem er seine gotischen Tausendschaften
+versorgt hatte: auch hoffte er auf eine große Menge von Getreideschiffen,
+welche die Goten in den oberen Padus-Gegenden auf diesem Flusse
+zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten.
+
+Um aber jeden Mißbrauch und alles Übermaß bei jenen Spenden fernzuhalten,
+überwachte der König selbst diese Austeilungen: und Mataswintha, die ihn
+einmal mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, hatte
+sich neben ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris
+gestellt und ihm geholfen, die Körbe mit Brot verteilen. Es war ein
+schöner Anblick, wie das Paar, er zur Rechten, die Königin zur Linken, vor
+der Kirchenpforte standen und über die Stufen hinab dem segenrufenden Volk
+die Spende reichten.
+
+Während sie so standen, bemerkte Mataswintha unter der drängenden,
+flutenden Volksmasse, – denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten
+vor den Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengeströmt, –
+auf der untersten Stufe der Basilika seitwärts ein Weib in schlichtem,
+braunem, halb über den Kopf gezogenem Mantel. Dies Weib drängte nicht mit
+den andern die Stufen hinan, um auch Brot für sich zu fordern: sondern
+lehnte, vorgebeugt, den Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen
+hohen Sarkophag gestützt, hinter der Ecksäule der Basilika und blickte
+scharf und unverwandt auf die Königin.
+
+Mataswintha glaubte, das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz
+abgehalten, sich unter die keckern Bettler zu mischen, die auf den Stufen
+sich stießen und drängten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot,
+hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich bemüht häufte sie mit
+mildem Blick und mit den beiden weißen Händen thätig das duftende
+Gebäck. –
+
+Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Königs, das, sanft und
+freundlich gerührt, wie noch nie, auf ihr geruht hatte. – Heiß schoß ihr
+das Blut in die Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern.
+
+Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte, war
+diese verschwunden. Der Platz am Sarkophag war leer.
+
+Sie hatte, während sie den Korb füllte, nicht bemerkt, wie ein Mann mit
+einem Büffelfell und einer Sturmhaube, der hinter der Frau stand, sie beim
+Arme gefaßt und mit sanfter Gewalt hinweggeführt hatte. »Komm,« hatte er
+gesagt, »hier ist kein guter Ort für dich.« Und wie im wachen Traum hatte
+das Weib geantwortet: »Bei Gott, sie ist wunderschön.«
+
+»Ich danke dir, Mataswintha!« sprach der König freundlich, als die für
+heute bestimmten Spenden verteilt waren.
+
+Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr Herz. Nie hatte er sie
+bisher bei ihrem Namen genannt, immer nur die Königin in ihr gesehen und
+angesprochen. Wie beglückte sie das Wort aus seinem Munde – und wie schwer
+lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewußten Seele! Offenbar
+hatte sie sich zum Teil seine wärmere Stimmung durch ihr werkthätiges
+Mitleid mit den Armen erworben. »O er ist gut,« sagte sie, halb weinend
+vor Erregung, »ich will auch gut sein.«
+
+Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken
+Flügels des Palastes trat – Witichis bewohnte den rechten – eilte ihr Aspa
+geschäftig entgegen. »Ein Gesandter aus dem Lager,« flüsterte sie der
+Herrin eifrig zu. »Er bringt geheime Botschaft vom Präfekten – einen
+Brief, von Syphax Hand, in unsrer Sprache – er harrt auf Antwort ...« –
+
+»Laß,« rief Mataswintha, die Stirne furchend, »ich will nichts hören,
+nichts lesen. Aber wer sind diese?«
+
+Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle in ihre Gemächer
+führte. Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber, Kinder, Kranke,
+Goten und Italier durcheinander, in Lumpen gehüllt – eine Gruppe des
+Elends.
+
+»Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. Sie sind nicht zu
+verscheuchen.« – »Man soll sie nicht verscheuchen!« sprach Mataswintha,
+näher tretend.
+
+»Brot, Königin! Brot, Tochter der Amalungen!« riefen mehrere Stimmen ihr
+entgegen. »Gieb ihnen Gold, Aspa, alles, was du bei dir trägst und hole ..
+–« – »Brot! Brot! Königin, nicht Gold! um Gold ist kein Brot mehr zu haben
+in der Stadt.«
+
+»Vor des Königs Speichern wird es umsonst verteilt. Ich komme gerade davon
+her, warum wart ihr nicht dort?«
+
+»Ach Königin, wir können nicht durchdringen,« jammerte eine hagere Frau.
+»Ich bin alt und meine Tochter hier ist krank und jener Greis dort ist
+blind. Die Gesunden, die Jungen stoßen uns zurück. Drei Tage haben wir’s
+umsonst versucht: wir dringen nicht durch.« – »Nein, wir hungern,« grollte
+der Alte. »O Theoderich, mein Herr und König, wo bist du? Unter deinem
+Scepter hatten wir vollauf. – Da kamen die Armen und Siechen nicht zu
+kurz. Aber dieser Unglückskönig ... –«
+
+»Schweig,« sprach Mataswintha, »der König, mein Gemahl« – und hier flog
+ein wunderschönes Rot über ihre Wangen – »thut mehr als ihr verdient.
+Wartet hier, ich schaffe euch Brot. Folge mir, Aspa.«
+
+Und rasch schritt sie hinweg. »Wohin eilst du?« fragte die Sklavin
+staunend.
+
+Und Mataswintha schlug den Schleier über ihr Antlitz, als sie antwortete:
+»Zum König!«
+
+Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht, bat sie der Thürsteher, der
+sie mit Befremden erkannte, zu verweilen. »Ein Abgesandter Belisars habe
+geheime Audienz: er sei schon lange im Gemach und werde es bald
+verlassen.«
+
+Da öffnete sich die Thüre: – und Prokop stand zögernd auf der Schwelle.
+»König der Goten,« sprach er, sich nochmals wendend, »ist das dein letztes
+Wort?« – »Mein letztes, wie’s mein erstes war,« sprach der König voller
+Würde. – »Ich gönne dir noch Zeit: – ich bleibe noch bis morgen in
+Ravenna.« – »Von jetzt an bist du mir als Gast willkommen, nicht mehr als
+Gesandter.« – »Ich wiederhole: fällt die Stadt mit Sturm, so werden alle
+Goten, die höher als Belisars Schwert, getötet – er hat’s geschworen! –
+Weiber und Kinder als Sklaven verkauft – Du begreifst: Belisar kann keine
+Barbaren brauchen in _seinem_ Italien – Dich mag der Tod des Helden
+locken: aber bedenke die Hilflosen – ihr Blut wird vor Gottes Thron –« –
+»Gesandter Belisars, ihr steht in Gottes Hand wie wir; lebwohl.« Und so
+mächtig wurden diese Worte gesprochen, daß der Byzantiner gehen mußte, so
+ungern er es that. Die schlichte Würde dieses Mannes wirkte stark auf ihn.
+Aber auch auf die Lauscherin.
+
+Als Prokop die Thüre schloß, sah er Mataswintha vor sich stehn und trat
+bewundernd einen Schritt zurück, geblendet von soviel Schönheit.
+Ehrerbietig begrüßte er sie. »Du bist die Königin der Goten!« sagte er,
+sich fassend, »du mußt es sein.«
+
+»Ich bin’s!« sagte Mataswintha, »hätt’ ich das nie vergessen.« Und stolz
+rauschte sie an ihm vorüber.
+
+»Augen haben diese Germanen, Männer und Weiber,« sagte Prokop im
+Hinausgehen, »wie ich sie nie gesehen.«
+
+
+
+
+ Zwanzigstes Kapitel.
+
+
+Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.
+
+Witichis hatte alle Gemächer, welche die Amalungen, Theoderich,
+Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitläufigen
+Palastes) unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm, wenn er
+die Wache am Hofe hatte, bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen. Er
+hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen
+Zimmern allen königlichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern
+Eisenfüßen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden
+lagen, ein langer Eichentisch und wenig Holzgerät standen in dem einfachen
+Gelaß.
+
+Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschöpft, mit dem Rücken
+gegen die Thür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in
+beiden Händen auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt
+der Eintretenden nicht bemerkt.
+
+Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch
+niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mächtig. Sie konnte ihn nicht
+ansprechen: sie konnte nicht näher treten.
+
+Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt
+an der Thüre stehen. »Du hier Königin?« sprach er staunend und trat ihr
+einen Schritt entgegen. »Was kann dich zu mir führen?«
+
+»Die Pflicht – das Mitleid« – sagte Mataswintha rasch. »Sonst hätte ich
+nicht – – ich habe eine Bitte an dich.«
+
+»Es ist die erste,« sagte Witichis. – »Sie betrifft nicht mich« – fiel sie
+schnell ein – »Ich bitte dich um Brot für Arme, Kranke, welche« –
+
+Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. –
+
+Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und hätte es doch, o
+wie gerne, gethan. So faßte er selbst ihre Hand und drückte sie leicht.
+
+»Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch
+ein Herz für dein Volk und seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich
+habe hart von dir gedacht.«
+
+»Hättest du von jeher anders von mir gedacht: – es wäre vielleicht manches
+besser.«
+
+»Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt – du hast
+ein Recht, es zu wissen – brach meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf
+deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die
+Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß. Es bleibt nur
+noch ein letztes: ein freier Tod.«
+
+»Laß mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswintha, und ihre Augen
+leuchteten. – »Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme
+finden am Hofe von Byzanz. Man weiß, daß du gegen deinen Willen meine
+Königin geworden .. – Du kannst dich laut darauf berufen.«
+
+»Nimmermehr!« sprach Mataswintha begeistert.
+
+Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: »Aber die
+andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern!
+Belisar hält, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: –
+eine einzige! Denn – alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich.
+Der Padus ist plötzlich so seicht geworden, daß zweihundert
+Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluß
+herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!
+
+Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: er soll seine
+Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen,
+so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll.
+Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.«
+
+»Ich will mit dir –, mit euch sterben.«
+
+»In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen.
+Bis dahin reichen meine Speicher – der letzte Trost. Doch, das mahnt mich
+an deinen Wunsch: – Hier ist der Schlüssel zu dem Hauptthor der Speicher.
+Ich trag’ ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: – er
+verwahrt meine letzte Hoffnung. Er schließt das Leben von vielen Tausenden
+ein. Es war meine einzige Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb. Mich
+wundert,« fügte er schmerzlich hinzu, »daß nicht die Erde sich aufgethan
+hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu
+verschlingen.«
+
+Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses. »Hüt’
+ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.«
+
+»Ich danke dir, Witichis – König Witichis –« sagte sie, verbessernd, und
+griff nach dem Schlüssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.
+
+»Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in die Rechte drückend,
+– sie steckte ihn in den Gürtel ihres weißseidnen Unterkleides – »du
+zitterst? Bist du krank?« setzte er besorgt hinzu.
+
+»Nein – es ist nichts. – Aber sieh mich nicht an so – so wie jetzt und wie
+heute morgen ... –« »Vergieb mir, Königin,« sagte Witichis, sich
+abwendend. »Meine Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht
+viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich
+all dies Unglück verdient haben könnte ...« – seine Stimme wurde weich.
+
+»Dann? o rede?« bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr
+an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.
+
+»Dann hab’ ich, unter all’ den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es
+nicht Strafe sei für eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen
+Geschöpf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert –« Und
+unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin.
+
+Mataswinthens Wangen erglühten: sie faßte, sich aufrecht zu halten, nach
+der Lehne des Stuhles neben ihr. »Endlich – endlich erweicht sein Herz und
+ich – was habe ich ihm gethan!« dachte sie »und Er bereut. –«
+
+»Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich gelitten, mehr als Worte
+sagen können.« – »Halt ein!« flüsterte sie so leise, daß er es nicht
+vernahm. »Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher,
+milder, weiblicher als je zuvor – Dann rührtest du mein Herz mit Macht:
+und Thränen drangen in meine Augen.« –
+
+»O Witichis!« hauchte Mataswintha.
+
+»Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst
+mich dann so ganz, so herzerschütternd an –«
+
+»An wen?« fragte Mataswintha und wurde leichenblaß.
+
+»Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib
+Rauthgundis, die Seele meiner Seele.« Wie lange hatte er den geliebten
+Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang
+die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend
+bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen.
+
+Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich durch die
+Gestalt der Königin zuckte, ihr schönes Antlitz sich medusenhaft
+verzerrte. Doch hörte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.
+
+Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die
+durchbrochene Rücklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war,
+während die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches
+Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus
+dem Scheitelband, über ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nüstern
+flogen.
+
+»Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was hat dich befallen?«
+
+Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und
+richtete sich hoch auf: »Es war eine Schwäche,« sagte sie, »die jetzt
+vorbei: – leb wohl!« Wankend erreichte sie die Thür und fiel draußen
+bewußtlos in Aspas Arme.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur
+noch gesteigert.
+
+Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war
+der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die
+Nacht über aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen
+unbeweglich, wie Verderben brütend, über dem Meere stand und die Hälfte
+des Horizonts bedeckte.
+
+Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus
+dem unbewölkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch
+abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser
+unleidlichen Hitze aus. Kein Lüftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der
+jene Wolkenschicht heraufgeführt, war plötzlich gefallen. Unbeweglich,
+bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schloßgarten standen
+regungslos.
+
+Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und
+Unruhe geraten. An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben,
+Möwen und Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der
+Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber
+liefen die Hunde winselnd aus den Häusern: die Pferde rissen sich in den
+Ställen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich;
+kläglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren
+Belisars rasten und schäumten sich drei zu Tode in wütenden Anstrengungen,
+zu entkommen. –
+
+Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont
+zu sinken.
+
+Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe
+vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte
+Rebenzweig über seiner Thür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem
+Gewächs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk. »Ich wollte, es käme
+Regen,« seufzte er. »Kömmt nicht Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt
+vollends, was an Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht
+zerstampft haben.«
+
+»Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« flüsterte sein Sohn, ein
+römischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische
+Runde.
+
+»Ich wollte, der Orcus verschlänge sie alle miteinander, Griechen und
+Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kömmt der
+lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn
+er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten möchten vor
+Trockenheit.«
+
+Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam
+heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze lässig über der Schulter.
+Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu großem Befremden ihres Herrn, bog
+in die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken
+Rundturm, – er hieß der Turm des Aëtius –, in dessen Schatten oben auf dem
+Walle ein schöner junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde
+Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiß und Rot seines
+Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mädchenhaftes
+Ansehn.
+
+»He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh! Blitzjunge, hältst
+du’s noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer
+– uf!«
+
+»Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling sanft.
+
+»Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar
+stürmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute
+kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen – der dicke Ravennate auf dem
+Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: – laß uns beide zu Munde
+führen.«
+
+Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich.
+»Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen. Durst habe ich freilich: –
+schicke mir einen Becher Wein herauf.«
+
+»Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut über den
+Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei
+gebrochen, wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. O
+lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts für ungut. Mir kann’s
+ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter
+werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: – da kannst du dann
+allein Allgunthens Minne trinken.«
+
+Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte
+ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All
+Heil, Allgunthis!« und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze
+wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen
+Schrittes. »Von ihr sinnen und träumen darf ich wenigstens,« sagte er,
+»das wehrt kein Dienst. Wann werd’ ich sie wohl wieder sehn?« Und er
+schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen
+Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. –
+
+Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie führten in der
+Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließen ihn zur Porta Honorii
+hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden
+gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom König kam: und
+mißmutig verließ der Gesandte die Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so
+schien es, an der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. –
+
+Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kühler geworden.
+Da erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden: er schob
+die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten
+jetzt dicht und schwer über der Stadt.
+
+Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine
+zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich
+unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land
+war jetzt ein schwarzes Gewölbe.
+
+Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii:
+»Noch immer auf Wache, Fridugern?« rief er dem jungen Goten hinauf. »Und
+noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muß! sie dauert
+mich! Gute Wache!«
+
+In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der Wind kam aus den heißen
+Sandwüsten Afrikas.
+
+Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden Aussehen des
+Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder
+lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken.
+Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen. Und
+es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Königin, mit
+todesbleichen Wangen, in schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die
+weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit.
+
+Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und
+zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.
+
+Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder.
+Witichis – Rauthgundis – Mataswintha! Mataswintha – Rauthgundis –
+Witichis!
+
+Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf
+dieser Worte unterbrechen zu können.
+
+Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und
+im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner,
+wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über
+die bebende Stadt.
+
+Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte
+sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen.
+Sie trug nur noch das weißseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen
+ihres Haares über die Schultern und lauschte.
+
+Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.
+
+Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe
+führte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden
+Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der
+Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. Der Kampf
+der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestützt
+und mit der Rechten langsam über die Stirne streichend.
+
+Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer
+geschlossenen Glaskugel brannte.
+
+»Königin, du .. – Aber, bei allen Göttern, wie siehst du aus! Wie eine
+Lemure. Wie die Rachegöttin!«
+
+»Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswintha – es war das erste Wort seit
+langen Stunden, – ohne den Blick vom Fenster zu wenden.
+
+Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloß das Fenster. »O
+Königin, die Frommen unter deinen Mägden sagen: das sei das Ende der Welt,
+das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu
+richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch’ ein Blitz! Und noch kein
+Tropfen Regen. Nie hab’ ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen
+schwer.«
+
+»Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. Sie können hassen
+und lieben, wie’s ihnen gefällt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder
+liebt.«
+
+»Ach Herrin, ich war auf der Straße: ich komme gerade zurück. Alles Volk
+strömt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich
+bete zu Kairu und Astarte – Herrin, betest du nicht auch?«
+
+»Ich fluche! Das ist auch gebetet.«
+
+»Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in
+die Knie’. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren
+Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, daß Mataswintha aus
+den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.
+
+»Gnade, Gnade, ihr großen Götter! erbarmt euch der Menschen!« flehte die
+Afrikanern.
+
+»Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die elende Menschheit!
+
+Ha, das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen vor Angst auf der
+Straße? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein
+Himmelsgott oder Himmelsgötter sind – nur um eins beneid’ ich euch –: um
+die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflügelten, tödlichen Blitz!
+Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde
+vergehn: und ihr lacht dazu: – der Donner ist euer Gelächter! Ha, was war
+das?«
+
+Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, zuckte und krachte.
+Aspa fuhr vom Boden auf.
+
+»Was ist das für ein großes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenüber?
+Der Blitz hat wohl gezündet: – brennt es?«
+
+»Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur
+beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Königs.«
+
+»Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Götter?« So schrie die Königin. »Auch die
+Sterblichen führen den Blitz der Rache.«
+
+Und sie sprang vom Fenster hinweg, – und das Gemach war plötzlich dunkel.
+
+»Königin – Herrin – wo bist – wohin bist du verschwunden?« rief Aspa. Und
+sie tastete an den Wänden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst
+nach ihrer Herrin.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein
+frommer Zug.
+
+Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit
+Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und
+Fahnen. Und durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des
+Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:
+
+ _dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:_
+ _malo mori quam foedari: major vis amoris est._
+
+Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:
+
+ _parce, judex, contristatis parce pecatoribus,_
+ _qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus._
+
+Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nächsten Aufseher der
+Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.
+
+Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thür der Speicher gegenüber, saß
+das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente,
+die Hände nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der
+Sturmhaube stand neben ihr.
+
+Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines
+Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft
+genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?«
+
+»Ich bin fremd. Doch hab’ ich Obdach.« – »Komm mit in die Kirche und bete
+mit uns.«
+
+»Ich bete hier.« – »Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?«
+
+»Gott hört mich doch.« – »Bete doch für die Stadt. Sie fürchten, es komme
+das Ende der Welt.«
+
+»Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.«
+
+»Und bete für unsern guten König, der uns Brot giebt alle Tage.« – »Ich
+bete für ihn.«
+
+Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich
+an der Basilika kreuzten.
+
+»Ei so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der einen Schar, »aber
+brumme mir nicht in meinen Befehl.
+
+Haltet an. Wisand, du bist’s? Wo ist der König? Auch in der Kirche?«
+
+»Nein, Hildebad, auf den Wällen.«
+
+»Recht so, da gehört er hin! Vorwärts, Heil dem König.« Und die Schritte
+verhallten.
+
+Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei. »Aber,
+Magister,« mahnte der jüngste, »ich dachte, du wolltest in die Kirche?
+Warum führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?«
+
+»Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche!
+Ich sage dir, je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiß, desto wohler
+ist mir. Ich führ’ euch auf die große, freie Wiese in der Vorstadt. Ich
+wollte, wir hätten Regen. Wäre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner
+Heimat, ich dächte, Ravenna werde heut’ ein zweites Herculaneum. Ich kenne
+solche Luft, wie sie heute weht – ich traue nicht!« Und sie gingen
+vorüber.
+
+»Willst du nicht mit mir gehn, Frau?« sprach der Mann in der Sturmhaube zu
+der Gotin. »Ich muß sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen:
+sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich
+nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.«
+
+»Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh’ nur, ich komme nach.
+Ich muß noch was zu Ende denken –, zu Ende beten.« Und die Frau blieb
+allein. Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den
+schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen.
+
+Da war es ihr, als sähe sie in den Hochgängen, Galerien und Oberhallen des
+gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenüber
+lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen
+und hin und wieder, auf und abwärts wandeln. Es mußte wohl eine Täuschung
+durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in
+den nach außen offenen Galerien verlöscht.
+
+Aber nein: es war doch ein Licht.
+
+Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein
+Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren
+verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde. Scharf sah die Frau
+nach dem wechselnden Licht und Schatten ... – –
+
+Aber plötzlich – o Entsetzen – fuhr sie empor.
+
+Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend
+Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde – und
+schwankte, – stark, – von der Linken zur Rechten. –
+
+Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. –
+
+Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das
+Licht und verschwand plötzlich. –
+
+Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus. Denn
+jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! – Ein
+leises Zucken: und plötzlich zwei, drei starke Stöße: als hebe sich
+wellenförmig der Boden von der Linken zur Rechten.
+
+Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den Thüren der Basilika stürzte
+in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. – Noch ein Stoß! – Die
+Frau hielt sich mit Mühe aufrecht.
+
+Und fernher, von der Außenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes
+Krachen, wie von massenhaft stürzenden, schweren Lasten.
+
+Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.
+
+
+
+
+ Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte,
+drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte
+sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thüre
+zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte
+ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der
+Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises
+Seufzen zu vernehmen.
+
+»Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?«
+
+»Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde hat darüber –
+vor Abscheu – sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt – die Toten stehen
+auf. – Es kommt der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird er’s
+wissen. – Oh. –« Und ein tiefgezogener Klagelaut – und ein Rauschen von
+Gewändern – und Stille.
+
+»Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend.
+
+Da zuckte ein heller Blitz, – der erste seit dem Erdstoß – und zeigte, vor
+ihren Füßen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weiße und dunkelblaue
+Frauenkleider. – Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.
+
+Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im
+Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein
+Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grünen Schlange
+von Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der
+Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. »Hildebad,
+Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. »Hier bin ich: – was ist? wohin soll
+ich?« fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Thor des
+Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius
+liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die Lücke!«
+
+»Ich komme: – – armer Fridugern!«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner
+Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller
+Rüstung, der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine
+Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! was
+säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von
+selber ein.
+
+Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. – Und du? was
+thust du in deinem Zelt? – –«
+
+»Ich verehre die Größe des Allmächtigen!« sagte Belisar mit edler Ruhe.
+Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. – Ein
+Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des
+Präfekten das Paar gestört. »Das thu’ morgen. – Nach dem Sieg. Jetzt aber:
+stürme!«
+
+»Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel!
+
+Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott
+der Herr spricht in diesen Wettern!«
+
+»Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und
+ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?«
+
+»Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. –
+»Aber es ist finstre Nacht. – –«
+
+»Im Finstern find’ ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch
+leuchten die Blitze.«
+
+»Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar.
+
+»Ja, denn jetzt hat’s Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft.
+
+Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.«
+
+Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt.
+»Belisar,« meldete der erste, »der Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben
+umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!« – »Hilfe,
+Hilfe! meine armen Leute!« rief Belisar und eilte aus dem Zelte.
+»Cethegus,« berichtete Marcus, »auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt
+unter ihren Zelten verschüttet.« Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd,
+frug der Präfekt: »was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem
+Aëtiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?« – »Ja, das Wasser ist
+verschwunden – der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine
+Isaurier sind’s: sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung und
+schreien um Hilfe.«
+
+»Laß sie schreien!« sprach Cethegus. – »Der Graben ist wirklich trocken?
+So laß zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Söldnern, die noch leben.«
+
+Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich rasten, eilte
+der Präfekt zu seinen Schanzen, wo seine römischen Legionare und der Rest
+der Isaurier unter Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu
+wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wußte, daß ein
+günstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreißen würde. »Lichter, Fackeln
+her!« rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte
+seiner römischen Legionare. »Vorwärts,« befahl er, »die Schwerter heraus!«
+
+Aber kein Arm rührte sich.
+
+Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Führer, auch
+die Licinier, auf den dämonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur
+nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als
+Mittel ansah zu seinem Zweck.
+
+»Nun, habt ihr auf mich zu hören, oder auf den Donner?« rief er.
+
+»Feldherr,« mahnte ein Centurio vortretend, »sie beten. Denn die Erde
+bebt.«
+
+»Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Römer, seht:
+der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bäumt
+sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen. _Roma! Roma aeterna!_«
+
+Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, welche die Männer und
+die Waffen fortreißen.
+
+»_Roma! Roma aeterna!_« riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der
+römischen Jünglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und
+Donner und Sturm, folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer Schwung
+sie mit fortriß. Die Begeisterung lieh ihnen Flügel. Rasch waren sie über
+den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. – Cethegus
+der erste am jenseitigen Rand. – Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht. –
+Im Finstern fand er den Weg. »Hierher, Licinius,« rief er, »mir nach! hier
+muß die Lücke sein.«
+
+Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte
+zurück. »Was ist das?« fragte Lucius Licinius hinter ihm, »eine zweite
+Mauer?« – »Nein,« sprach eine ruhige Stimme von drüben, »aber gotische
+Schilde.« – »Das ist der König Witichis,« sagte der Präfekt grimmig und
+maß mit bitterem Haß die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung
+gezählt. Seine Hoffnung war getäuscht. »Hätt’ ich ihn,« sprach er grimmig
+in sich hinein, »er sollte nicht mehr schaden.«
+
+Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten
+schmetterten. Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz.
+Prokop erreichte den Präfekten: »Nun, was stockt ihr? Halten euch neue
+Wälle auf?«
+
+»Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie,« und der Präfekt deutete mit dem
+Schwert. »Unter den noch fallenden Trümmern, diese Goten!« –
+
+»Nun wahrlich!« rief Prokop: »_si fractus illabatur orbis, impavidos
+ferient __ruinae!_ Das sind mutige Männer.«
+
+Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen
+heran. Einen Augenblick, – nur die Führer eilten noch, Befehle erteilend
+hin und wieder, – einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden mußte
+beginnen.
+
+Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt. Eine Flammensäule
+schoß hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom
+Himmel zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es war ein
+furchtbar herrlicher Anblick.
+
+Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.
+
+»Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis,« schrie jetzt ein Reiter, der von
+der Stadt her jagte, »es brennt.«
+
+»Das sehen wir. Laß brennen, Markja! Erst fechten, dann löschen.«
+
+»Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in
+Myriaden Funken durch die Luft.«
+
+»Die Speicher brennen!« schrien Goten und Byzantiner.
+
+Witichis versagte die Stimme, zu fragen. »Der Blitz muß schon lange im
+Innern gezündet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da
+sieh, sieh hin. –«
+
+Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie
+riesengroß. Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer. Zugleich schien
+der hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach
+einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken
+empor. Es war ein Flammenmeer.
+
+Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: – matt sank sein Arm
+herunter.
+
+Cethegus sah’s: »Jetzt,« rief er, »jetzt zum Sturm!«
+
+»Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. »Der ist ein Feind
+des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager –
+alle: jetzt ist Ravenna mein – und morgen fällt’s von selbst.«
+
+Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cethegus knirschte. Er
+allein war zu schwach. Er mußte nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er
+hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren
+Hauptwerken festzusetzen.
+
+Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert
+werden. Grollend führte er die Seinen zurück.
+
+Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.
+
+
+
+
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad
+übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt.
+
+Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: – aber nur aus Mangel
+an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und
+dem Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten
+Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ruß- und
+rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus, des Cirkus
+des Theodosius, starrten noch gen Himmel.
+
+Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mußte
+sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben
+mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des
+Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den
+Dachlücken herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald
+darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten
+vollauf zu thun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen
+Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor
+Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein
+Ende machte.
+
+Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das
+Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der
+Mitte des Marmorrundbaus.
+
+Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen
+Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal
+den Mantel auf der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick
+dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift. Jetzt ward es
+grabesstill in seinem Innern.
+
+Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen
+von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus
+uns!« – »O, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das ich noch
+gestern hier erhielt.« – »O, was werden wir jetzt essen?«
+
+»Bah, der König muß aushelfen.« – »Ja, der König muß Rat schaffen.« – »Der
+König?«
+
+»Ach, der arme Mann, woher soll er’s nehmen?« – »Hat er doch selbst nichts
+mehr.« – »Das ist seine Sache.« – »Er allein hat uns in all die Not
+gebracht.« – »Er ist an allem Schuld.« – »Was hat er die Stadt nicht lang
+dem Kaiser übergeben.« – »Jawohl, ihrem rechtmäßigen Herrn!« – »Fluch den
+Barbaren!« – Sie sind an allem Schuld.« – »Nicht alle, nein, der König
+allein. Seht ihr’s denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!« – »Strafe?
+wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!« – »So
+wißt ihr’s nicht? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der
+sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen Mataswintha hat ihn
+gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. – Sein ehlich Weib
+hat er verstoßen.«
+
+Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber
+sie erkannten seinen Schritt.
+
+»Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie durcheinander und
+wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr
+als seinen Zorn. Schaff’ uns Brot, König Witichis. Hörst du’s, wir
+hungern!« sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel. »Brot,
+König!« – »Guter König, Brot!« – »Wir verzweifeln!« – »Hilf uns!« Und wild
+drängte sich die Menge um ihn.
+
+Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet euch,« sprach er
+ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.« Und er eilte nach seinem
+Gemach.
+
+Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt.
+
+»Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, deine Gemahlin
+ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie
+spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?«
+
+»Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr der Arzt fort, »mit
+größter Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden
+am meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor.
+Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von
+höchster Wichtigkeit.«
+
+Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur
+Seite. »Er ist es nicht mehr. – Geht, verlaßt mich und sendet meinen
+Schreiber.«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn
+eintreten.
+
+Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast’gen Schritten auf und
+niederging, entgegen: »Das kömmt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen
+Künsten! von deinen Lügen! Ich hab’ es immer gesagt: vom Lügen kömmt
+Verderben: und ich verstehe mich nicht d’rauf! O, warum bin ich dir
+gefolgt! Jetzt steck’ ich in Not und Schande!«
+
+»Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cethegus seinen Freund.
+
+Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren sind unergründlich
+in ihrer großartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn;
+lies.«
+
+Und Cethegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen
+gethan:
+
+Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im Bund mit den Franken das
+Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten
+freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest.
+
+Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen
+ab und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres großen
+Königs: eher fall’ ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern
+gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und
+Erde gegen uns empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab’ ich heut’
+Nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch
+auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines
+Volkes. Das soll nicht länger also sein. Nur meine Krone versperrte einen
+ehrenvollen Ausweg: sie soll’s nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen
+Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie
+deiner. Wohlan: stütze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf
+das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen
+sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Laß mich den
+Ersten sein, der dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König
+der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine
+Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein
+Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache
+dich gefaßt auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann
+mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein
+ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab’s geschworen. Wähle. Witichis.«
+
+Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch
+hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine
+Blick beruhigte ihn wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich
+abermals. »Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche
+Versuchung! –«
+
+Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch ein Einfall! Wozu doch
+die Verzweiflung führt.«
+
+»Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel nicht, wenn .. –«
+
+»Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cethegus.
+
+»Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre den Mann. Und es darf
+mich nicht mehr beleidigen, daß er mich der Empörung fähig hält. Hab’ ich
+es ihm doch selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuß. »Ratet jetzt
+und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann
+ich nicht. Und sag’ ich nein: – darf ich des Kaisers Heer als vernichtet
+anseh’n. Und muß obenein bekennen, daß ich die Empörung nur erlogen.«
+
+Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend.
+Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog
+verschönend über sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war
+in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar
+ganz sicher machen. »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge thun,«
+sagte er zaudernd.
+
+»Rede: ich sehe weder eins noch das andre.«
+
+»Entweder wirklich annehmen –«
+
+»Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte
+erschrocken seinen Arm. – »Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb
+dir dein Leben.«
+
+»Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich
+einziehn in Ravenna. Und – – die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach
+Byzanz schicken.«
+
+»Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« rief Belisar.
+
+»Es ist beides,« sagte Cethegus ruhig.
+
+»Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.«
+
+»Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das
+entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.«
+
+»Nein, nein, das thu’ ich nicht.«
+
+»Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich
+gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in
+Verzweiflung kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den
+Verderber seines besten Heeres loben!«
+
+»Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar.
+
+Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. »Belisar,« sprach er mit
+gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für
+deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann
+neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?«
+
+Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem
+sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop
+erstaunte.
+
+»Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft
+in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir,
+Belisarius?« Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm
+treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.
+
+»Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick mißtrauen.«
+
+»Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern Herrn gehabt
+als du. – Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner
+Treue.«
+
+»Das weiß der Himmel.«
+
+»Und nie hat ein Mann,« – hier faßte er ihn an beiden Händen –
+»herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnödeste Mißtrauen zu beschämen,
+sich aufs glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du
+bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes.
+Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh’ in Ravenna ein, laß
+dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen.
+Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier – wahrlich,
+du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz und sein stolzer
+Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all’ dies in
+Händen hast, – du legst all’ die Macht und all’ die Herrlichkeit deinem
+Herrn zu Füßen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein
+Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue
+noch nie auf Erden erprobt.«
+
+Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.
+
+»Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab’ Dank. Das ist groß
+gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!«
+
+Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thüre.
+
+»Armer Witichis,« flüsterte Prokop ihm zu: »er wird diesem Musterstück von
+Treue aufgeopfert. – Jetzt ist er verloren.«
+
+»Ja,« sagte Cethegus, »er ist verloren, gewiß.« Und draußen vor dem Zelt
+warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: »Aber gewisser noch
+du selber, Belisar.«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen.
+
+»Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann
+geht’s zum Kampf?«
+
+»Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg’ deine Waffen ab und gürte dich, zu
+reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.« – »An wen?«
+– »An den Kaiser und die Kaiserin.« – »Nach Byzanz?« – »Nein, zum Glück
+sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn
+Tagen mußt du zurück sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal
+harrt auf deine Wiederkunft.«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht,
+berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten
+Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das
+Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.
+
+Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens
+folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf
+den König blickend: »Die letzte deiner Königsthaten, Witichis, ist so
+edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd’ ich
+ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir
+blindlings folge. Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden:
+denn du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du König
+sein, – leichter mögen die Wölsungen einem Fremden, einem Belisar als
+einem Goten nachstehn. Und so folg’ ich dir und sage: ja, du hast gut und
+groß gehandelt.«
+
+»Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. »Bedenkt, was ihr
+thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!«
+
+»Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und
+Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?«
+sagte Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsere glorreichsten Könige
+und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und
+erhielten dafür Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien
+von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich
+wahrlich nicht besser als Theoderich.«
+
+»Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntharis bei. »Nie unterwerf’ ich
+mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. –
+Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul
+gerannt?«
+
+»Schlag mich der Donner, wenn ich’s ihm vergesse. Es ist das Einzige, was
+mir an ihm gefallen hat.«
+
+»Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben
+im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine
+Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen
+Feind.«
+
+Und fast alle Versammelten stimmten bei.
+
+»Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief Hildebad. – »Von je
+hab’ ich die Zunge ungefüger, als die Axt geführt. – Aber ich fühl’ es
+deutlich: ihr habt unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier,
+der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr’s nie bereuen! Mir
+aber sei’s vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn.
+Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh’ auf Abenteuer in die Welt:
+mit Schild und Speer und groben Hieben kömmt man weit.«
+
+Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch
+umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen
+lag. »Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna
+besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer mit ihren
+Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese,
+sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den
+verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.«
+
+»Hütet euch,« warnte Hildebad, »daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt!
+Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. ’s ist, wie wenn der
+Waldbär auf das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. Lebt
+wohl: – mög’ es besser auffallen als ich ahne.
+
+Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne,
+wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja
+aber, denk’ ich, zieht mit mir davon.«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die
+Bedingungen waren ungewiß. Aber gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des
+Königs große Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte,
+welche an die Armen verteilt wurden. »Er hat Wort gehalten!« sagten diese
+und segneten den König.
+
+Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, daß
+sie sich langsam wieder beruhige und erhole. »Geduld: – sprach Witichis
+aufatmend – auch sie wird bald frei und meiner ledig.«
+
+Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der
+innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. – Ein langer
+Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit
+Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest
+der stark gerüsteten Männer.
+
+»Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen hinaus.«
+
+»Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab
+Befehl zu öffnen. »Weißt du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo
+willst du hin?«
+
+»In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Roß die Sporen.
+
+
+
+
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Mehrere Tage waren vergangen, bis die Königin Mataswintha sich aus den
+wirren Fieberphantasien und aus dem von wilden Träumen gequälten
+Schlummer, der auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte.
+
+Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Außenwelt und den gewaltigen
+Entscheidungen gegenüber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine
+Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefühl ihrer ungeheuern
+frevelhaften Thaten.
+
+Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie
+die Fackel in der Hand durch die Nacht gestürmt war, in zerstörende Reue,
+in Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge
+That gethan, hatte sie der Erdstoß in die Kniee geworfen: und ihr von
+allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten
+Frevels erwachendes Gewissen glaubte, die Erde wolle sich über ihre Unthat
+empören: sie sah die Rache des Himmels hereinbrechen über ihr schuldiges
+Haupt.
+
+Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die
+ihre Hand entzündet, riesengroß emporsteigen sah, als sie das
+tausendstimmige Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien
+jede Flamme an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu
+verfluchen. Sie verlor das Bewußtsein: sie brach zusammen unter den Folgen
+ihrer That.
+
+Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmählich des Geschehenen
+wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den König völlig
+gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue über ihre That, zitternde
+Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfüllte sie ganz.
+
+Um so mehr, als sie selbst wußte und von allen Seiten vernahm, wie der
+Untergang der Speicher den König zur Ergebung an seine Feinde zwingen
+werde.
+
+Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand,
+selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemächern sich zu erkundigen, beschwor
+sie die staunende Aspa, um keinen Preis den König vor ihr Antlitz treten
+zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und
+häufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden
+auffordern ließ, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhändig die
+für sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit maßloser Freigebigkeit
+Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen.
+
+Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem
+Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade
+gebeten hatte, sie möchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes
+die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewähren.
+
+Es gelte des Königs Heil: es gelte zu warnen vor thätigem, überführbarem
+Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswintha
+gewährte eifrig die Bitte. –
+
+Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen,
+was auch nur mit dem Verwand seiner Rettung an sie trat. Auf
+Sonnenuntergang bestellte sie das Weib. –
+
+Die Sonne war gesunken. Der Süden kennt fast keine Dämmerung. Es war
+finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine
+Sklavin winkte. Die Königin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur
+achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht sei sie sehr schwach.
+Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem König gelte.
+
+»Ist das aber auch gewiß wahr?« forschte die Sklavin. »Nicht unnütz möcht’
+ich meine Herrin mühen:« – es war Aspa – »wenn ihr nur Gold damit erlisten
+wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben als ihr begehrt: – nur
+schont meine Herrin. Gilt es dem König wirklich?«
+
+»Es gilt dem König!« Seufzend führte Aspa die Frau in das Gemach
+Mataswinthens.
+
+Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in
+leichtes, weißes Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des großen
+Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die
+goldene Ampel, die über demselben in die Wand eingelassen war, brannte
+bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers müde sitzen.
+»Tritt näher,« sprach sie. »Es gilt dem König? warum zögerst du? Rede.«
+
+Das Weib deutete auf Aspa. »Sie ist verschwiegen und treu.« – »Sie ist ein
+Weib.« Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Mädchen.
+
+»Amalungentochter – ich weiß: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich
+zu ihm geführt. – (Wie wunderschön sie ist, obzwar todesblaß!) Doch,
+Gotenkönigin bist du: _seine_ Königin – ob du ihn auch nicht liebst: –
+sein Reich, sein Sieg muß dir das Höchste sein.«
+
+Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. »So denkt jede Bettlerin
+im Gotenvolk!« seufzte sie.
+
+»Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gründen.
+
+So sprech’ ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu
+warnen. Höre mich.« Und sie trat näher, scharf auf die Königin blickend.
+»Wie seltsam,« sprach sie zu sich selbst. »Welche Ähnlichkeit der
+Gestalt.«
+
+»Verrat! Noch mehr Verrat?« – »So ahnst auch du Verrat?« – »Gleichviel.
+Von wem? Von Byzanz? Von außen? Von dem Präfekten?«
+
+»Nein,« sprach das Weib kopfschüttelnd. »Nicht von außen. Von innen. Nicht
+von einem Mann. Von einem Weib.«
+
+»Was redest du?« sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. »Wie kann ein
+Weib –«
+
+»Dem Helden schaden? Durch höllische Bosheit des Herzens! Nicht mit
+Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtückischem Gift oder,
+wie schon geschehen – mit heimtückischem Feuer.«
+
+»Halt ein!« Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurück an den
+Mosaiktisch, sich daran lehnend.
+
+Aber das Weib folgte ihr, leise flüsternd: »Wisse das Unglaubliche, das
+Schändliche! Der König glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe
+sein Korn verbrannt. Ich aber weiß es besser. Und auch Er soll es wissen.
+Wissen, gewarnt durch _deinen_ Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die
+Bosheit. Ich sah in jener Nacht eine Fackel durch die Speichergänge eilen
+und ein Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib. Du
+willst hinweg? Nein, höre nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen.
+Den Namen? Ich weiß ihn nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam
+mir: doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen – diese
+Schlange von Smaragd.«
+
+Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den
+Armreif erhebend.
+
+Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden
+nackten Arme. – Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhülle. Ihr rotes
+Haar flutete nieder und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken
+Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange.
+
+»Ah!« schrie das Weib laut auf. »Beim Gott der Treue! Du! Du selber
+bist’s!
+
+Seine Königin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch über dich! Das soll er
+wissen!«
+
+Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen
+zurück. Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als
+sie eintrat, war die Königin schon allein. Der Vorhang des großen Eingangs
+rauschte. Die Bettlerin war verschwunden.
+
+
+
+
+ Vierundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes,
+Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer
+Heerführer in den Palast des Königs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die
+näheren Bedingungen und die Formen der Übergabe.
+
+Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen.
+Die beiden Hauptwünsche, um deren willen das Volk den ganzen schweren
+Kampf getragen, würden erreicht: sie würden frei sein und im ungeteilten
+Besitz des fruchtbaren Südlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war.
+Das war weitaus mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit
+dem Abzug von Rom und dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu
+erwarten war. Und die Häupter der Sippen und sonst die einflußreichsten
+Männer im Heere, die jetzt von dem bevorstehenden Schritt Belisars
+verständigt wurden, billigten vollständig die beschlossenen Bedingungen.
+
+Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus
+Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna
+stehende Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die
+Unmöglichkeit ein, in der ausgesogenen Landschaft außer den Truppen
+Belisars mit dessen Vorräten auch noch das gotische Heer und die
+Bevölkerung zu versorgen: und so bewilligte er die Forderung Belisars, daß
+die Goten, in Gruppen von Hunderten und Tausenden, zu allen Thoren der
+Stadt hinausgeführt und in allen Richtungen nach ihren Heimstätten
+entlassen würden.
+
+Belisar fürchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge
+Verrat, den man vor hatte, ruchtbar würde: und er wünschte deshalb die
+Verteilung des aufgelösten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von
+Ravenna, so hoffte er etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu
+dämpfen. Und Tarvisium, Verona und Ticinum, die letzten festen Plätze der
+Goten in ganz Italien, konnten dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen
+sie gewendeten Macht widerstehen.
+
+Die Ausführung dieser Maßregeln erforderte mehrere Tage Zeit.
+
+Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschloß
+Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Hälfte
+in das byzantinische Lager verlegt, die andre Hälfte in den Quartieren der
+Stadt verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnäckigen
+Anhängern Justinians zu brechen.
+
+Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am
+meisten wunderte, war, daß nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den
+Zinnen des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzenträger Belisars dort
+oben bei ihr Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern.
+
+Gegen einen etwaigen Versuch des Präfekten, sich wie in Rom durch
+Besetzung der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte
+Belisar vorsichtige Maßregeln getroffen. Cethegus durchschaute sie und
+lächelte. Er that nichts dagegen.
+
+Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cethegus in glänzender
+Rüstung in das Zelt Belisars.
+
+Er traf nur Prokop. »Seid ihr bereit?« fragte er. »Vollständig.« –
+»Welches ist der Moment?« – »Der Augenblick, in dem der König im Schloßhof
+zu Pferde steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht.«
+
+»Wieder einmal alles?« lächelte der Präfekt. »Eins habt ihr mir doch noch
+übrig gelassen. Es wird nicht ausbleiben, daß die Barbaren, sowie unser
+Plan gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern
+werden. Mitleid und Rachedurst für ihren König könnten sie zu sehr wilden
+Thaten führen.
+
+Die ganze Begeisterung für Witichis und die Entrüstung gegen uns würde nun
+im Keim erstickt, und die Goten sähen sich nicht von uns, sondern von
+ihrem König verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen würde, er
+habe die Stadt nicht an Belisar als Gotenkönig und Rebellen gegen
+Justinian, sondern einfach an den Feldherrn Justinians übergeben. Jene
+Empörung Belisars, die ja auch wirklich ausbleibt, erscheint dann den
+Goten als eine bloße von ihrem König ersonnene Lüge, die Schande der
+Ergebung ihnen zu verhüllen.«
+
+»Das wäre vortrefflich; aber Witichis wird das nicht thun.«
+
+»Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den
+Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?«
+
+»Er hat nur einmal unterschrieben.«
+
+»Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir
+aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf daß auch Belisar,« lächelte
+er, »das wertvolle Schriftstück besitze.«
+
+Prokop blickte hinein. – »Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich
+kein gotisch Schwert mehr für ihn. Aber –«
+
+»Laß die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig,
+im Drang des Augenblicks, ohne zu lesen« –
+
+»Oder?«
+
+»Oder,« vollendete Cethegus finster, »er unterschreibt später.
+Unfreiwillig. – – Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug
+nicht begleite. Meinen Glückwunsch an Belisar.«
+
+Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht
+gerüstet und blickte düster vor sich hin.
+
+»Eile, Feldherr,« mahnte Prokop, »Ravenna harrt ihres Besiegers. Der
+Einzug –«
+
+»Nichts von Einzug,« sprach Belisar grimmig. »Ruf’ die Soldaten ab. Mich
+reut der ganze Handel.«
+
+Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen.
+
+»Belisar!« rief Prokop entsetzt, »welcher Dämon hat dir das eingeblasen?«
+»Ich!« sagte Antonina stolz, »was sagst du nun?« »Ich sage, daß große
+Staatsmänner keine Frauen haben sollten!« rief Prokop ärgerlich. »Belisar
+entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab’ ihn unter
+Thränen ... –«
+
+»Versteht sich,« brummte Prokop, »die kommen stets zu rechter Zeit.« –
+»Unter Thränen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so
+schwarzem Verrat befleckt sehen.«
+
+»Und ich will’s nicht sein. Lieber reit’ ich besiegt im Orcus ein, denn
+also als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht
+abgegangen. – Also ist’s noch Zeit.«
+
+»Nein,« sagte Cethegus herrisch, von der Thür ins Zelt schreitend. »Zum
+Glück für dich ist’s nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen
+an den Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glück gewünscht, daß
+sein Feldherr ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg
+beendet.«
+
+»Ah, Präfekt,« rief Belisar. »Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser
+Eifer?«
+
+»Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem
+Glücke zwingen muß. Und weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein
+Italien zerfleischt.« Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch
+jetzt der dämonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu
+entgehen vermochte. »Wag’ es, versuch es jetzt! Tritt zurück, enttäusche
+Witichis und opfre einer Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein
+Heer. Siehe zu, ob dir das Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas
+Seele diese Schuld! Horch, die Trompeten rufen: rüste dich! Es bleibt dir
+keine Wahl!« Und er eilte hinaus.
+
+Bestürzt sah ihm Antonina nach. »Prokop,« fragte sie dann, »weiß es der
+Kaiser wirklich schon?«
+
+»Und wenn er es noch nicht wüßte, – zu viele sind schon in das Geheimnis
+eingeweiht. Nachträglich erfährt er jedenfalls, daß Ravenna und Italien
+sein war, und – daß Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur
+daß er sie erlangt und – abliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian.«
+
+»Ja,« sagte Belisar seufzend, »er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl.«
+
+»So geh,« sprach Antonina eingeschüchtert. »Mir aber sei’s erlassen, bei
+diesem Einzug dich zu begleiten: – es ist ein Schlingenlegen, kein
+Triumph!«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Die Bevölkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren über die näheren
+Bestimmungen, war doch gewiß, daß der Friede geschlossen und den langen
+und schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei.
+
+Und die Bürger hatten in aufatmender Freude über diese Erlösung die
+Trümmer, die das Erdbeben auf sehr viele Straßen geworfen, hinweggeräumt
+und ihre befreite Stadt festlich geschmückt. Laubgewinde, Fahnen und
+Teppiche zierten die Straßen, das Volk drängte sich auf den großen Fora,
+in den Lagunenkanälen und in den Bädern und Basiliken in freudiger
+Bewegung, begierig, den Helden Belisar und das Heer zu sehen, die so lange
+ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren überwunden hatten.
+
+Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend
+ein, während die in schwachen Zahlen überall zerstreuten gotischen Posten
+mit Schweigen und mit Widerwillen die verhaßten Feinde in die Residenz
+Theoderichs einrücken sahen.
+
+In dem ebenfalls reichgeschmückten Königspalast versammelten sich die
+vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemächern des Königs. Dieser
+bereitete sich, als die für den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte,
+die königlichen Kleider anzulegen: – mit Befriedigung, denn es war ja das
+letztenmal, daß er die Abzeichen einer Würde tragen sollte, die ihm nur
+Schmerz und Unheil gebracht.
+
+»Geh, Herzog Guntharis,« sprach er zu dem Wölsung, »Hildebad, mein
+ungetreuer Kämmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine
+Stelle: die Diener werden dir im Königsschatz die goldene Truhe zeigen,
+die Krone, Helm und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs
+verwahren. Ich werde sie heute zum ersten- und letztenmal anlegen, sie dem
+Helden abzuliefern, der sie nicht unwürdig tragen wird. Was giebt es dort
+für Lärm!«
+
+»Herr, ein Weib,« antwortete Graf Wisand, »eine gotische Bettlerin. Sie
+hat sich schon dreimal herangedrängt. Sie will ihren Namen dir nur nennen!
+Weise sie hinaus! –«
+
+»Nein, sagt ihr, ich will sie hören: – heute Abend soll sie im Palast nach
+mir fragen.«
+
+Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cethegus. Der
+Präfekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages
+übergeben, die der Gotenkönig noch unterschreiben sollte. Aus dieser
+unverdächtigen Hand, glaubte er, würde jener die Urkunde argloser nehmen.
+
+Witichis begrüßte die Eintretenden. Bei dem Anblick des Präfekten flog
+über sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glänzte, ein
+dunkler Schatte. Doch bezwang er sich und sprach: »Du hier, Präfekt von
+Rom? Anders hat dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, du kannst
+auch damit zufrieden sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein
+Justinianus wird dein Rom beherrschen.«
+
+»Und soll es nicht, solange ich lebe.«
+
+»Ich komme, König der Goten,« fiel Bessas ein, »dir den Vertrag mit
+Belisar zur Unterschrift vorzulegen.«
+
+»Ich hab’ ihn schon unterschrieben.« – »Es ist die für meinen Herrn
+bestimmte Doppelschrift.«
+
+»So gieb,« sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners
+Hand nehmen.
+
+Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: »Witichis,«
+rief er, »der Königsschmuck ist verschwunden.«
+
+»Was ist das?« fragte Witichis. »Hildebad allein führte die Schlüssel
+davon.«
+
+»Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren
+Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die
+Schriftzüge von Hildebads Schreiber.«
+
+Der König nahm und las: »Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild
+Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie
+von mir holen.« »Die Rune H – für Hildebad.«
+
+»Man muß ihn verfolgen,« sagte Cethegus finster, »bis er sich fügt.« Da
+eilten Johannes und Demetrius herein. »Eile dich, König Witichis,«
+drängten sie. »Hörst du die Tubatöne? Belisar hat schon die Porta des
+Stilicho erreicht.«
+
+»So laßt uns gehn,« sprach Witichis, ließ sich von den Dienern den
+Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die
+Schultern werfen und drückte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des
+Schwertes reichte man ihm ein Scepter. Und so wandte er sich zur Thür.
+
+»Du hast nicht unterschrieben, Herr,« mahnte Bessas.
+
+»So gieb,« und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners.
+»Die Urkunde ist sehr lang,« sagte er hineinblickend und hob an zu lesen.
+»Eile, König,« mahnte Johannes.
+
+»Zum Lesen ist nicht mehr Zeit,« sagte Cethegus gleichgültig, und reichte
+ihm die Schilffeder von dem Tisch. »Dann auch nicht mehr zum Schreiben,«
+antwortete der König. »Du weißt: ich war ein König nach Bauernart, wie die
+Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen:
+gehen wir.« Und lächelnd gab er die Urkunde an den Präfekten und schritt
+hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten.
+
+Cethegus drückte das Pergament zusammen: »Warte nur,« flüsterte er
+grimmig, »du sollst doch noch unterschreiben.« Langsam folgte er den
+andern.
+
+Die Halle vor dem Gemach des Königs war bereits leer.
+
+Der Präfekt schritt hinaus auf den gewölbten Bogengang, der im Viereck den
+ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinisch-romanische
+Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewährten. Derselbe war
+von Bewaffneten dicht gefüllt. An allen vier Thoren standen die
+Lanzenträger Belisars. Cethegus lehnte hinter einem Bogenpfeiler und
+sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: »Nun, Byzantiner
+genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist
+vorsichtig – Da! – Witichis erscheint im Portal – Seine Goten sind noch
+weit hinter ihm auf der Treppe. Des Königs Pferd wird vorgeführt. – Bessas
+hält dem König den Bügel. – Witichis tritt heran, er hebt den Fuß. – Jetzt
+ein Trompetenstoß. – Die Treppenthüre des Palastes fällt zu und schließt
+die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reißt Prokop das Gotenbanner
+nieder. – Johannes faßt seinen rechten Arm, brav Johannes. – Der König
+ruft: »Verrat, Verrat!« Er wehrt sich mächtig. – Aber der lange Mantel
+hemmt ihn. – Da, da, er strauchelt. – Er stürzt zu Boden. – Da liegt das
+Reich der Goten.« – – –
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+»Da liegt das Reich der Goten!« Mit diesen Worten begann auch Prokop die
+Sätze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: »Ein wichtig Stück
+Weltgeschichte hab’ ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun
+nachts hier ein.
+
+Als ich heute das römische Heer seinen Einzug halten sah in die Thore und
+Königsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder
+Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.
+
+Es giebt eine höhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.
+
+An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten überlegen: und sie haben es
+nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen
+in Ravenna schmähten heute ihren Männern laut ins Angesicht, als sie die
+kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden
+Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, in heldenmütigster
+Anstrengung kann ein Mann, kann ein Volk doch erliegen, wenn übermächtige
+Gewalten entgegentreten, die durchaus nicht immer das bessere Recht für
+sich haben.
+
+Mir schlug das Herz im Bewußtsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner
+heute niederriß und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die
+Fahne des Unrechts erhob über dem Banner des Rechts.
+
+Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare
+Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen und der Völker.
+
+Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht _was_ wir ertragen,
+erleben und erleiden – _wie_ wir es tragen, das macht den Mann zum Helden.
+Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die
+sein Banner herabriß, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen für die
+kommenden Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: – da liegt das Reich
+der Goten.«
+
+
+
+
+ Fünfundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Und so schien es.
+
+Auf das glücklichste war, dank den Maßregeln Prokops, der Streich
+gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten
+fiel und der König ergriffen ward, sahen sich die überraschten Goten
+überall im Schloßhof, in den Straßen und Lagunen der Stadt, im Lager von
+weit überlegenen Kräften umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen
+überall entgegen: fast ausnahmslos legten die Betäubten die Waffen nieder:
+– die wenigen, welche Widerstand versuchten, – so die nächste Umgebung des
+Königs – wurden niedergestoßen. Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf
+Wisand, Graf Markja und die mit ihnen gefangenen Großen des Heeres wurden
+in getrennten Gewahrsam gebracht, der König in den »Zwinger Theoderichs«:
+einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst.
+
+Belisars Zug von dem Thore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde
+nicht gestört. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen
+der Stadt, und nahm sie in Eid und Pflicht für Kaiser Justinianus.
+Prokopius wurde mit den goldenen Schlüsseln von Neapolis, Rom und Ravenna
+nach Byzanz gesendet. Er sollte ausführlichen Bericht erstatten und für
+Belisar Verlängerung des Amtes erbitten bis zur demnächst zu erwartenden
+völligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die
+Ehre des Triumphes, unter Aufführung des gefangenen Königs der Goten im
+Hippodrom.
+
+Denn Belisar sah den Krieg für beendet an. Cethegus teilte beinah diesen
+Glauben. Doch fürchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes
+über den geübten Verrat. Er sorgte daher dafür, daß über die Art des
+Falles der Stadt vorläufig keine Kunde durch die Thore drang: und er
+suchte eifrig im Geiste nach einem Mittel, den gefangenen König selbst als
+ein Werkzeug zur Dämpfung des etwa neu auflodernden Nationalgefühls zu
+verwerten. – Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in der Richtung nach
+Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit den persischen Reitern
+verfolgen zu lassen.
+
+Vergebens versuchte er, die Königin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener
+Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und ließ niemand vor.
+Auch die Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen
+hingenommen. Der Präfekt bestellte ihr eine Ehrenwache – um sich ihrer zu
+versichern. Denn er hatte noch große Pläne mit ihr vor.
+
+Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Königs und schrieb ihr
+dabei: »Mein Wort ist gelöst. König Witichis ist vernichtet. Du bist
+gerächt und befreit. – Nun erfülle auch du meine Wünsche.«
+
+Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop
+beraubt, den Präfekten zu sich in den rechten Flügel des Palastes, wo er
+sein Quartier aufgeschlagen. »Unerhörte Meuterei!« rief er dem
+Eintretenden entgegen. – »Was ist geschehen?«
+
+»Du weißt, ich habe Bessas mit den lazischen Söldnern in die Schanze des
+Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, daß
+der Geist dieser Truppen unbotmäßig – ich rufe sie ab und Bessas ... –« –
+»Nun?« – »Weigert den Gehorsam.« – »Ohne Grund? Unmöglich!«
+
+»Lächerlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt
+abgelaufen.« – »Nun?« – »Bessas erklärt, seit letzter Mitternacht hätt’
+ich ihm nichts mehr zu befehlen.«
+
+»Schändlich. Aber er ist im Recht.«
+
+»Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein
+Gesuch. Natürlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue
+zum Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. Übermorgen kann die
+Nachricht da sein.«
+
+»Vielleicht schon früher, Belisar. Die Leuchtturmwächter von Classis haben
+schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht.
+Es soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann
+löst sich der Knoten von selbst.«
+
+»Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwächter sollen die Schanze
+stürmen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... –«
+
+Da eilte Johannes atemlos herein. »Feldherr,« meldete er, »der Kaiser!
+Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis.«
+
+Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus
+heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen
+Mühen, das fast vollendete Gebäude seiner Pläne gerade vor der Bekrönung
+niederwerfen?
+
+Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: »mein Kaiser? Woher weißt du?«
+– »Er selbst kommt, dir für deine Siege zu danken. – Solche Ehre ward noch
+keinem Sterblichen zu teil. Das Schiff von Ariminum trägt die kaiserliche
+Präsenzflagge. Purpur und Silber. Du weißt, das bedeutet, daß der Kaiser
+an Bord.«
+
+»Oder ein Glied seines Hauses!« verbesserte Cethegus in Gedanken,
+aufatmend.
+
+»Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen,« mahnte Belisar.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Sein Stolz und seine Freude wurden enttäuscht, als ihnen auf dem Wege nach
+Classis die ersten ausgeschifften Höflinge begegneten und im Palast
+Quartier forderten, nicht für den Kaiser selbst, sondern für dessen
+Neffen, den Prinzen Germanus.
+
+»So sendet er doch den ersten nach ihm selbst,« sprach Belisar, sich
+selber tröstend im Weitergehen zu Cethegus. »Germanus ist der edelste Mann
+am Hof. Unbestechlich, gerecht und unverführbar rein. Sie nennen ihn: »die
+Lilie im Sumpf«. Aber du hörst mich nicht!«
+
+»Vergieb, ich bemerke dort im Gedränge, unter den eben Gelandeten, meinen
+jungen Freund Licinius.«
+
+»Salve Cethege!« rief dieser, sich Weg zum Präfekten bahnend.
+
+»Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin?« fragte
+er flüsternd.
+
+»Das Abschiedswort: _Nike (Victoria)!_ und diesen Brief,« flüsterte der
+Bote ebenso leise. – »Aber,« und seine Stirne furchte sich – »schicke mich
+nie mehr zu diesem Weibe.« – »Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es
+wird nie mehr nötig sein.«
+
+Damit hatten sie die Steindämme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben
+der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich
+geschmückten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch
+zusammenströmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen.
+
+Cethegus faßte ihn scharf ins Auge. »Das bleiche Antlitz ist noch bleicher
+geworden,« sagte er zu Licinius. »Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn
+vergiftet, weil sie ihn nicht verführen konnte.«
+
+Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der
+ihn ehrfurchtsvoll begrüßte. »Gegrüßt auch du, Belisarius,« erwiderte er
+ernst. »Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Präfekt? Wo
+Bessas? Ah Cethegus,« sagte er, dessen Hand ergreifend, »ich freue mich,
+den größten Mann Italiens wieder zu sehen. Du wirst mich alsbald zu der
+Enkelin Theoderichs begleiten. Ihr gebührt mein erster Gang. Ich bringe
+ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in
+ihrem eigenen Reich. Sie soll eine Königin sein am Hofe zu Byzanz.«
+
+»Das soll sie,« dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: »Ich
+weiß: du kennst die Fürstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt.«
+
+Eine rasche Glut flog über des Prinzen Wange. »Leider nicht ihr Herz. Ich
+sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein
+inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen.« »Ja, sie ist das schönste
+Weib der Erde,« sagte der Präfekt, ruhig vor sich hin sehend. »Nimm diesen
+Chrysopas zum Dank für dieses Wort,« sagte Germanus und steckte einen Ring
+an des Präfekten Finger.
+
+Damit traten sie in das Portal des Palastes.
+
+»Jetzt, Mataswintha,« sprach Cethegus zu sich selbst, »jetzt hebt dein
+zweites Leben an. Ich kenne kein römisch Weib – Ein Mädchen vielleicht
+ausgenommen, das ich kannte! – das solcher Versuchung widerstehen könnte.
+Soll diese rohe Germanin widerstehen?« –
+
+Sowie sich der Prinz von den Mühen der Seefahrt einigermaßen erholt und
+die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an
+der Seite des Präfekten in dem Thronsaal des großen Theoderich im
+Mittelbau des Palastes.
+
+An den Wänden der stolz gewölbten Halle hingen noch die Trophäen gotischer
+Siege. Ein Säulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der
+vierten erhob sich der Thron Theoderichs.
+
+Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit
+Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerführern im
+Mittelgrund.
+
+»Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser
+Stadt Ravenna und von dem abendländischen Römerreich. An dich, Magister
+Militum, dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es
+selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus.«
+
+Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, küßte das
+Siegel, erhob sich wieder, öffnete und las:
+
+»Justinianus, der Imperator der Römer, Herr des Morgen- und des
+Abendreichs, Besieger der Perser und Saracenen, der Vandalen und Alanen,
+der Lazer und Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen
+und zuletzt der Goten, an Belisar den Consularen, ehemals Magister
+Militum.
+
+Wir sind durch Cethegus den Präfekten von den Vorgängen unterrichtet, die
+zum Fall von Ravenna geführt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir
+mitgeteilt werden. Wir aber können seine darin ausgesprochene gute Meinung
+von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten teilen: und
+wir entheben dich deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir
+befehlen dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurückzukehren,
+um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem
+Vandalenkrieg können wir dir um so weniger gewähren, als weder Rom noch
+Ravenna durch deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Übergabe,
+Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes über die Ketzer und höchst
+verdächtige Verhandlungen, deren Unschuld du, des Hochverrats angeklagt,
+vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir, eingedenk früherer Verdienste,
+nicht ohne Gehör dich verurteilen wollen, – denn Morgenland und Abendland
+sollen uns für ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit –
+sehen wir von der Verhaftung ab, die deine Ankläger beantragt. Ohne Ketten
+– nur in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens – wirst du
+vor unser kaiserliches Antlitz treten.«
+
+Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht
+mit den Händen: das Schreiben entfiel ihm.
+
+Bessas hob es auf, küßte es und las weiter: »Zu deinem Nachfolger im
+Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna übertragen wir dem
+Archon Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den
+Italiern erhobenen höchst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so
+eifrigen Logotheten Alexandros. Zu unsrem Statthalter aber in Italien
+ernennen wir den hochverdienten Präfekten von Rom, Cornelius Cethegus
+Cäsarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgerüstet,
+haftet mit seinem Haupt dafür, dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der
+Höhe von Ariminum zu bringen, auf welcher dich Areobindos nach Byzanz
+führen wird.«
+
+Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den
+Saal zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und
+schritt auf Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah.
+Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Säule gelehnt
+und starrte zur Erde.
+
+Der Prinz faßte seine Rechte. »Es schmerzt mich, Belisarius, der Träger
+solcher Botschaft zu sein. Ich übernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund
+milder als einer der vielen Feinde, die sich dazu drängten, ausführen
+kann. Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre
+deiner frühern auf. Nie hätte ich von dem Helden Belisar solch Lügenspiel
+erwartet. Cethegus hat sich ausgebeten, daß sein Bericht an den Kaiser dir
+vorgelegt werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war
+die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen dich entzündet hat. Aber du
+hörst mich nicht. –« Und er legte die Hand auf seine Schulter.
+
+Belisar schüttelte die Berührung ab. »Laß mich, Knabe – du bringst mir –
+du bringst mir den echten Dank der Kronen.«
+
+Vornehm richtete sich Germanus auf. »Belisar, du vergissest wer ich bin
+und wer du bist.«
+
+»Oh nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Wächter. Ich gehe sofort
+auf dein Schiff – erspare mir nur Ketten und Bande.«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Erst spät konnte sich der Präfekt von dem Prinzen losmachen, der in
+vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persönlichen
+Wünsche mit ihm besprach.
+
+Er eilte, sowie er in seinen Gemächern, die er ebenfalls im Palaste
+bezogen, allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der
+Kaiserin zu lesen.
+
+Er lautete: »Du hast gesiegt, Cethegus.
+
+Als ich dein Schreiben empfing, gedacht’ ich alter Zeiten, da deine
+Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und
+Kriegen handelten, sondern von Küssen und Rosen ... –«
+
+»Daran müssen sie immer erinnern,« unterbrach sich der Präfekt.
+
+»Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit
+jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als deine
+Jugendschönheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wünschen des alten
+Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer
+Jugend, der süßen. Und ich erkannte wohl, daß Antoninens Gemahl allzufest
+in Zukunft stehn würde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn –
+wie du geschrieben – dem Kaiser in die Ohren: »Allzugefährlich sei ein
+Unterthan, der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben könne.
+Keinen Feldherrn dürfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er
+diesmal gegaukelt, könne er ein andermal im Ernst versuchen.« Diese Worte
+wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle meine, d. h. deine
+Forderungen, gingen durch.
+
+Denn Mißtraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden
+– der Theodoras. Dein Bote Licinius ist _hübsch_ – aber unliebenswürdig:
+er hat nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt
+keine Jugend mehr wie die unsre war. »Du hast gesiegt, Cethegus« – weißt
+du noch den Abend, da ich dir diese Worte flüsterte? – Aber vergiß nicht,
+wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora läßt sich nur solang
+sie selber will als Werkzeug brauchen. Vergiß das nie.«
+
+»Gewiß nicht,« sagte Cethegus, das Schreiben sorgfältig zerstörend, »du
+bist eine zu gefährliche Verbündete, Theodora, – nein, Dämonodora! – laß
+sehn, ob du unersetzbar bist. – Geduld: – in wenig Wochen ist Mataswintha
+in Byzanz. – Was bringst du?« fragte er den eintretenden Syphax, der
+glänzende Waffen trug.
+
+»Herr, ein Abschiedgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den
+Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: »Dein Freund hat meinen Dank
+verdient. Da, nimm meine goldne Rüstung, den Helm mit dem weißen
+Roßschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten
+Gruß Belisars.«
+
+
+
+
+ Sechsundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Der Rundturm, in dessen tiefen Gewölben Witichis gefangen saß, lag an dem
+rechten Eckflügel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als König
+gewohnt und geherrscht hatte.
+
+Der Turm bildete mit seiner Eisenthür den Abschluß eines langen Ganges,
+der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch
+eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen
+Hofpforte gegenüber lag im Erdgeschoß auf der linken Seite des Hofes die
+kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes.
+Sie bestand aus zwei kleinen Gemächern: das erste, von dem zweiten durch
+einen Vorhang getrennt, war ein bloßes Vorzimmer. Das zweite Gemach
+gewährte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den
+Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung: ein Strohlager im
+Innengemach und zwei Stühle und Tische im äußern nebst den Schlüsseln an
+den Wänden waren ihr ganzes Gerät.
+
+Und auf der Holzbank an jenem Fenster saß Tag und Nacht, unverwandt den
+Blick auf die Mauerlücke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des
+Königs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. –
+
+Es war Rauthgundis.
+
+Niemals ließ ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. »Denn dort,« sagte
+sie sich, »dort hängt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht.«
+Auch wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der
+sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war,
+als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten könne.
+
+Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend
+geworden.
+
+Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten
+Schatten über den Hof und diesen linken Flügel des Palastes.
+
+»Dank dir, gütiger Himmelsherr,« sprach sie. »Auch deine schweren Schläge
+treiben zum Heil.
+
+Wär’ ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie
+ich mir ausgesonnen, – nie hätte ich von dem Gang des Elends hier
+vernommen. Oder doch viel zu spät. Aber mich zog die Sehnsucht nach der
+Todesstätte des Kindes, in die Nähe unsres Ehehauses, – das zwar räumte
+ich –: wußte ich denn, ob nicht sie, seine Königin, dort einsprechen
+würde? So hausten wir in der Waldhütte nahe bei Fäsulä.
+
+Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Mißlingens die andre
+jagte, und als die Saracenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen
+leuchten sah bis in mein Versteck, da war’s zu spät nach Norden zum Vater
+zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was flüchtete
+mit gelbem Haar, den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg
+hierher – nach der Rabenstadt – wohin ich als sein Weib nie hatte kommen
+wollen. Als flüchtige Bettlerin kam ich hier an, nur sein Roß Wallada und
+sein Knecht, nun sein Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu.
+
+Aber ihm zum Heil, – von Gott hierher gezwungen, – ob ich schon nicht
+wollte – ihn zu retten, zu befreien von scheußlichem Verrat des eignen
+Weibes! Und aus seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte
+nicht mehr mit ihm leben – aber – aber ich, – Rauthgundis! – darf ihn
+retten.« –
+
+Da rasselte ihr gegenüber die eiserne Hofpforte.
+
+Ein Mann mit Licht trat heraus, ging über den Hof und trat alsbald in das
+Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart.
+
+»Nun? sprich!« rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das
+erste Gemach entgegeneilend.
+
+»Geduld – Geduld – laß mich erst die Lampe niederstellen. So! – Nun, also:
+er hat getrunken. Und es hat ihm wohl gethan.«
+
+Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. »Was thut er?« fragte
+sie dann.
+
+»Er sitzt immer schweigend in der nämlichen Stellung. Auf dem Holzschemel,
+den Rücken gegen die Thür gewandt, das Haupt in beide Hände gestützt. Er
+giebt mir keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst
+gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angethan.
+Aber heute, wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach:
+»Trink, lieber Herr, es kommt von treuen Freunden:« – da blickte er auf.
+So traurig, so zum sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz.
+Und that einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte
+tief, tief, daß es mir durch die Seele schnitt.«
+
+Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Händen.
+
+»Weiß Gott, was er Böses mit ihm vor hat!« brummte der Alte leise vor sich
+hin.
+
+»Was sagst du?«
+
+»Ich sage, du mußt jetzt auch einmal tüchtig essen und trinken. Sonst
+verlassen dich die Kräfte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau.«
+
+»Ich werde sie haben.« – »So nimm wenigstens einen Becher Wein.« – »Von
+diesem? Nein, der ist für ihn allein.« Und sie trat in das innere Gemach
+zurück, wo sie ihren alten Platz einnahm.
+
+»Der Krug reicht ja noch lang,« fuhr der alte Dromon für sich fort. »Und
+ich fürchte: wir müssen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da
+kömmt Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst .. –«
+
+Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Königin die Sturmhaube
+und seinen Mantel mit Gewändern Dromons vertauscht. »Gute Botschaft bring
+ich,« sprach er im Eintreten. »Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich
+pochte vergeblich.«
+
+»Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen.«
+
+»Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark – was seh’ ich? Das ist
+ja alter, köstlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?«
+
+»Womit?« wiederholte der Alte, »mit dem edelsten Golde der Welt!« Und
+seine Stimme bebte vor Rührung. »Ich erzählte ihr, daß der Präfekt ihn
+absichtlich Mangel leiden lasse, daß er elend werde. Seit vielen Tagen hat
+man mir gar keine Speise für ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein
+Gewissen, nur dadurch erhalten, daß ich den andern Gefangnen an dem Ihren
+abbrach. Das wollte sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: »Nicht wahr,
+Dromon, die reichen Römerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der
+Germaninnen so hoch?« Und ich, in meiner Einfalt nichts ahnend, sage ja.
+
+Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schönen,
+goldbraunen Flechten und Zöpfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der
+Wein bezahlt.«
+
+Da stürzte Wachis in das nächste Gemach, warf sich vor ihr nieder und
+bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Küssen. »O Herrin« – rief er mit
+versagender Stimme – »goldne, goldtreue Frau!«
+
+»Was treibst du, Wachis? steh auf und erzähle.«
+
+»Ja, erzähle,« sprach Dromon hinzutretend, »was rät mein Sohn?«
+
+»Wozu brauchen wir seinen Rat?« sprach die Frau. »Ich, ich allein will es
+vollenden.«
+
+»Sehr nötig brauchen wir ihn. Der Präfekt hat aus allen jungen Ravennaten,
+nach dem Muster der römischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen
+Paulus auch eingereiht. Zum Glück hat er diesen Legionaren die Bewachung
+der Stadtthore anvertraut. – Die Byzantiner liegen draußen im Hafen, seine
+Isaurier hier im Palast.«
+
+»Die Thore nun,« fuhr Wachis fort, »werden zur Nacht sorgfältig gesperrt.
+Aber die Mauerlücke am Turme des Aëtius ist immer noch nicht ausgebaut.
+Nur die Wachen stehen dort.«
+
+»Wann trifft meinen Sohn die Wache?«
+
+»In zwei Tagen: die dritte Nachtwache.«
+
+»Allen Heiligen sei Dank. Viel länger dürft’ es nicht währen: – ich
+fürchte ... –« Und er stockte.
+
+»Was? sprich,« mahnte Rauthgundis entschlossen. »Ich kann alles hören.«
+
+»Es ist am Ende besser, du weißt es. Denn du bist klüger und findiger als
+wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich fürchte: sie haben’s schlimm
+mit ihm vor.
+
+So lange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut.
+
+Aber seit der fortgebracht und der Präfekt, der schweigsam kalte Dämon,
+Herr im Palast ist, hat’s ein gefährlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn
+selbst im Kerker.
+
+Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im
+Gang gelauscht. Er muß aber wenig ausrichten. Denn der Herr giebt ihm,
+glaub’ ich, gar keine Antwort. Und wenn der Präfekt herauskommt, blickt er
+so finster wie – wie der König der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte
+ich keinen Wein und keine Speisen für ihn als ein kleines Stück Brot. Und
+die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe.«
+
+Rauthgundis seufzte tief.
+
+»Und gestern, als der Präfekt herauf kam, – er sah grimmiger als je darein
+– da fragte er mich .. –«
+
+»Nun? sprich es aus, was es auch sei!«
+
+»Ob die Foltergeräte in Ordnung seien.«
+
+Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. »Der Neiding!« rief Wachis, »was
+hast du« – »Sorget nicht, eine Weile hat’s noch gute Wege.
+
+»Clarissime,« antwortete ich, – und es ist die reine Wahrheit – »die
+Schrauben und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze
+saubere Qualzeug liegt in schönster Ordnung alles beisammen.« – »Wo?«
+fragte er. »Im tiefen Meer. Ich selbst hab’ es, schon auf König
+Theoderichs Befehl, hineingeworfen.« Denn wisset, Frau Rauthgundis: euer
+Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich gerettet, da die
+Geräte an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das
+Foltern völlig abgethan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen
+Glieder. Und darum wag’ ich mit Freuden meinen Hals für ihn. Und will
+auch, wenn’s nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber
+lange dürfen wir nicht säumen. Denn der Präfekt bedarf nicht meiner Zangen
+und Schrauben, wenn er einem das Mark aus dem Leibe quälen will. Ich
+fürcht’ ihn, wie den Teufel.«
+
+»Ich haß’ ihn, wie die Lüge,« sagte Rauthgundis grimmig.
+
+»Darum müssen wir rasch sein, eh’ er seine schwarzen Gedanken vollführen
+kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten König. Ich weiß nicht, was er
+noch weiter von dem armen Gefangnen will. Also hört und merkt euch meinen
+Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den
+Nachttrunk bringe, schließe ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen
+Mantel über und führe ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof.
+
+Von da kömmt er ungehindert bis an das Thor des Palastes, wo ihn die
+Thorwache um die Losung frägt. Diese werd’ ich ihm sagen.
+
+Ist er auf der Straße, dann rasch an den Turm des Aëtius, wo ihn mein
+Paulus die Mauerlücke passieren läßt. Draußen im Pinienwald, im Hain der
+Diana, wenige Schritte vor dem Thore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf
+Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis.
+Er flieht am sichersten allein.«
+
+»Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden.
+Du nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab’ ihm nur Unglück gebracht. Ich
+will ihn nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die
+Freiheit tritt.«
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Der Präfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefühle der Macht.
+
+Er war Statthalter von Italien: in allen Städten wurden auf seine
+Anordnung die Befestigungen geflickt und verstärkt, die Bürger an die
+Waffen gewöhnt. Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise
+Gegengewicht zu halten. Ihre Heerführer hatten kein Glück, die
+Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten keine Fortschritte.
+
+Und mit Vergnügen vernahm Cethegus, daß Hildebad, dessen Schar sich durch
+Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhöht, Acacius, der ihn mit
+tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurückgeschlagen
+hatte. Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus
+entgegenrückte, verlegte ihm alle Wege – er wollte nach Tarvisium zu
+Totila – und nötigte ihn, sich in das noch von den Goten unter Thorismuth
+besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die
+Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen Bau zu nehmen
+und schon sah der Präfekt die Stunde kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen
+würde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten.
+
+Es freute ihn, daß die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung
+sich offen vor ganz Italien als unfähig erwies, den letzten Widerstand der
+Goten zu brechen. Und die Härte der byzantinischen Finanzverwaltung, die
+Belisar überall, wo er einzog, mit sich führen mußte – er konnte die auf
+Befehl des Kaisers geübte Aussaugung nicht hindern – erweckte oder
+steigerte in den Städten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die
+Oströmer. Cethegus hütete sich wohl, wie Belisar gethan, den ärgsten
+Übergriffen der Beamten Justinians zu wehren. Er sah es mit Freude, daß in
+Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedrücker in offnem Aufruhr
+emporloderte.
+
+Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht verächtlich,
+ihre Tyrannei verhaßt genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen
+werden, frei zu sein und der Befreier, der Beherrscher hieß Cethegus.
+
+Dabei verließ ihn nur die Eine Besorgnis nicht – denn er war fern von
+Unterschätzung seiner Feinde, – der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch
+nicht ausgetreten, könne nochmal aufflammen, geschürt durch die Entrüstung
+des Volkes über den geübten Verrat.
+
+Schwer fiel dem Präfekten ins Gewicht, daß die tiefstgehaßten Führer der
+Goten, daß Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen
+worden. Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen,
+trachtete er so eifrig, dem gefangnen Gotenkönig die Erklärung zu
+entreißen, er habe sich und die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung
+unterworfen, und er fordre die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand
+aufzugeben.
+
+Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen
+lag, sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher,
+schon um fremde Fürsten und Söldner zu gewinnen und anzuziehen, von
+höchster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte
+Hoffnung, ihre geschwächte Kraft durch fremde Waffen zu ergänzen. Und viel
+lag dem Präfekten daran, jenen als unermeßlich reich von der Sage
+gepriesenen Hort nicht in die Hände der Byzantiner fallen zu lassen, deren
+Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger Bundesgenosse seiner
+Pläne war: sondern ihn sich selbst zu sichern, – auch seine Mittel waren
+ja nicht unerschöpflich.
+
+Aber all sein Bemühen schien an der Unerschütterlichkeit seines Gefangnen
+zu scheitern.
+
+
+
+
+ Siebenundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.
+
+Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau
+einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von
+Bern ihrer warten sollte.
+
+Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn
+gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt.
+Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und
+sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder,
+schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand
+er keine Worte.
+
+»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz,
+»ist er tot?«
+
+»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor
+einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich
+schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die
+Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab:
+er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte
+Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich
+hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da
+warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer
+trennen können.
+
+»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der
+Hand.«
+
+»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«
+
+»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle
+thun können? Nichts andres!«
+
+»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt
+geschehn?«
+
+»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«
+
+»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!«
+
+»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.«
+
+Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die
+Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden.
+
+»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!«
+
+»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der
+Gangthür erschlag ich ihn mit diesem Beil.«
+
+»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner
+nutzlosen Wacht.«
+
+»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht werden soll. Vielleicht
+kömmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« – sprach sie
+nachsinnend. »Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn
+ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh’ ihm,
+wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür will ich hüten wie ein
+Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie
+beschreitet.« Und sie drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches
+Dromons und wog das schwere Beil.
+
+Aber Rauthgundis irrte.
+
+Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an
+sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes
+geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des
+Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung
+des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch,
+daß Aspa nur mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.
+
+»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken,
+die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an.«
+
+»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne Nachricht. Du
+versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen
+führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.«
+
+»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen.
+
+Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt
+der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum, – dich nach Byzanz zu
+führen: – du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit
+Witichis war erzwungen und nichtig.«
+
+»Ich sagte dir schon: nein, niemals!«
+
+»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen.
+
+Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem
+Wege nach Byzanz.«
+
+»Niemals.«
+
+»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mädchens, das so teuren
+Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden.
+Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber
+ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.«
+
+Mataswintha schüttelte das Haupt.
+
+»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich
+nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen
+Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt
+liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die
+Herrschaft lieben?«
+
+»Ich liebe nur ... –! Niemals!«
+
+»So muß ich dich zwingen!«
+
+Sie lachte: »Du? mich? zwingen?«
+
+»Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde
+gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: daß der Gefangene diesen
+leergelassenen Namen ausfüllt – es ist der Name des Schatzschlosses der
+Goten – und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem
+Trotz, der anfängt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm – ich,
+der Sieger – er hatte noch kein Wort für mich. Nur das erste Mal, da
+erhielt ich einen Blick – für den er allein den stolzen Kopf verlieren
+mußte.«
+
+»Nie giebt er nach.«
+
+»Das frägt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber
+ich kann nicht lange mehr warten.
+
+Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas
+so schwer geschlagen, daß er kaum die Einschließung noch aufrecht hält.
+Überall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende
+machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser
+als mit Blut. Dazu muß ich des gefangenen Königs Erklärung und
+Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht
+des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die
+Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst
+bezeugt, so werd’ ich den Gefangenen – – ich schwöre es dir beim Styx, –
+werd’ ich den Gefangenen –«
+
+Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von
+ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch
+nicht töten?«
+
+»Ja, das werd’ ich. Ich werd’ ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann
+töten.«
+
+»Nein, nein!« schrie Mataswintha auf.
+
+»Ja, ich hab’s beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das
+sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, daß es
+Ernst. Du vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er
+wähnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du
+wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier
+die Schlüssel – du sollst deine Stunde frei wählen – zu seinem Kerker.«
+
+Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr
+Auge.
+
+Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus.
+
+
+
+
+ Achtundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden
+über Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das
+heftiger Wind an dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses Licht
+mit desto tieferem Dunkel wechselte.
+
+Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen
+vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein
+Licht brennend. Mit Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer
+reglos an der Halbthür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die
+Gangthür geheftet.
+
+»Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und
+teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.« – »Nein, kein
+Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draußen im Hof,
+im Mondlicht naht.« – »Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem
+Dreifuß. Hier ist Brot und Fleisch.« – »Soll ich essen, während er Hunger
+leidet?« – »Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen
+Abend?«
+
+»Was ich denke?« wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: »Ihn! Und
+wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserem schönen Hause, wann
+der Brunnen plätscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den
+Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt.
+Und ich schmiegte mich an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben
+gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen
+Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoß, die
+Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt
+trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen ...
+– –« Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis
+sie selbst Schmerz empfand.
+
+»Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!«
+
+»Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – Ah, Dromon, hieher! Was
+ist das?« flüsterte sie und wies in den Hof.
+
+Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe,
+weiße Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber
+scharf, fiel das Mondlicht darauf.
+
+»Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten,« sprach der
+Alte bebend. »Gott und die Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich
+und verhüllte das Haupt.
+
+»Nein,« sprach Rauthgundis, »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits.
+Jetzt ist’s verschwunden – Dunkel ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch
+– da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthür. Was schimmert da
+rot im weißen Licht? Ah, das ist die Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an
+der Gangthür. Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!«
+
+»Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!«
+
+»_Sie_ könnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr
+nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!«
+
+Und sie trat aus der Halbthür in den Hof, das Beil in der Rechten,
+vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen
+schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fuße.
+
+Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthür aufgeschlossen und ihren Weg
+erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen
+tastend, zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht
+erschloß sie auch diese.
+
+Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler
+Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen.
+Er saß, den Rücken gegen die Thüre gewandt, das Haupt auf die Hände
+gestützt, reglos auf einem Steinblock.
+
+Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft
+schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.
+
+Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte geöffnet worden. Er hob
+das Haupt. Aber er sah nicht um.
+
+»Witichis – König Witichis« – stammelte endlich Mataswintha – »ich bin’s.
+Hörst du mich?«
+
+Aber der Gefragte rührte sich nicht.
+
+»Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!«
+
+Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.
+
+»Oh sprich! – oh sieh nur auf mich!« – Und sie trat ein. Gern hätte sie
+seinen Arm berührt, seine Hand gefaßt. Sie wagte es noch nicht. »Er will
+dich töten – quälen. Er wird es thun, – wenn du nicht fliehst.«
+
+Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. »Du sollst aber
+fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich
+flehe dich an – fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst sollst
+du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die
+Schlüssel der Kerkerpforte und der Gangthür! flieh!« Und nun faßte sie
+seinen Arm, wollte ihn emporreißen.
+
+Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. – Er war an den
+Steinblock festgeschlossen.
+
+»O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee.
+
+»Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Laß mich. Ich gehöre dem Tode. Und
+hielten mich auch diese Bande nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in
+die Welt? Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.«
+
+»Du hast Recht! sterben ist besser. Laß mich sterben mit dir. Und verzeih
+mir. Denn auch ich habe dir gelogen.«
+
+»Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.«
+
+»Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben.
+
+Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen Niedergang – ich habe
+– o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn.
+Und doch muß ich deine Verzeihung haben – und müßt’ ich sie mir erstehlen.
+Vergieb mir – reiche mir die Hand zum Zeichen, daß du mir verzeihst.«
+
+Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken. »O, ich flehe dich an –
+verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben.«
+
+»Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser,
+nicht schlimmer!«
+
+»Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse
+denn: ich habe dich gehaßt, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoßen!
+Du ließest mich nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will
+ja nur mit dir sterben dürfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum
+Zeichen, daß du mir verzeihst.« Und sie streckte kniend, flehend, beide
+Hände zu ihm empor.
+
+Der König erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe
+Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz.
+»Mataswintha,« sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh’, es
+erbarmt mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an mir gethan –
+geh hin: – ich habe dir verziehn.«
+
+»O Witichis!« hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.
+
+
+
+
+ Neunundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen. »Nachtbrennerin, nie soll er
+dir vergeben! Komm Witichis, _mein_ Witichis. Folge mir! du bist frei.«
+Der König sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt.
+»Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab’ dich
+wieder.« Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die
+Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide süße Thränen
+der Liebe und der Freude.
+
+Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie
+strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und
+blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel,
+hell beleuchtete.
+
+»Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr würd’ er folgen in Freiheit und Leben. Aber
+er muß ja bleiben! Und sterben – mit mir.« –
+
+»Säumt nicht länger!« mahnte von der Kerkerthüre her die Stimme Dromons.
+
+»Ja, rasch fort, mein Leben!« rief Rauthgundis. Sie zog einen kleinen
+Schlüssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine
+Öffnung suchend.
+
+»Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?« fragte der Gefangene, halb in
+seine Betäubung zurücksinkend.
+
+»Ja, hinaus in Luft und Freiheit,« rief Rauthgundis und warf die
+losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. »Hier Witichis, eine Waffe! Ein
+Beil! Nimm!«
+
+Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kräftig damit aus:
+»Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!«
+
+»Das wußte ich, mein tapfrer Witichis!« rief Rauthgundis, kniete nieder
+und schloß die Kette auf, die seinen linken Fuß an den Steinblock
+gefesselt hielt. »Nun schreite aus! Denn du bist frei.«
+
+Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen
+Schritt gegen die Thüre.
+
+»Und _sie_ darf seine Ketten lösen!« flüsterte Mataswintha.
+
+»Ja, frei!« sprach Witichis, hoch aufatmend. »Ich _will_ frei sein und mit
+dir gehen.«
+
+»Mit ihr will er gehen!« rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den
+Weg. »Witichis – leb wohl – geh! – Nur sage mir nochmal – daß du mir
+vergiebst.«
+
+»Dir vergeben?« rief Rauthgundis. »Nie! Niemals! Sie hat unser Reich
+zerstört. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels – ihre Hand
+hat deine Speicher verbrannt!«
+
+»O so sei verflucht!« rief Witichis. »Hinweg von dieser Schlange der
+Hölle!« Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er über die
+Schwelle, gefolgt von Rauthgundis.
+
+»Witichis!« rief Mataswintha sich aufraffend. »Halt! Halt an! Höre mich
+nur noch einmal! Witichis!«
+
+»Schweig!« sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. »Du wirst ihn verderben.«
+
+Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mächtig, riß sich los und folgte, die
+Stufen hinauf in den Gang.
+
+»Halt!« rief sie, »Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du mußt mir
+verzeihn.« Da brach sie ohnmächtig zu Boden.
+
+Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.
+
+Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes
+geweckt.
+
+Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegürtet, aus seinem
+Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof
+blickten.
+
+»Wachen,« rief er, »unter die Speere!« Auch Soldaten waren merksam
+geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die
+Gangthüre durchschritten und, gerade dieser gegenüber, die Gemächer
+Dromons erreicht, als sechs isaurische Söldner laut lärmend in den Gang
+hineinstürmten.
+
+Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthür, sprang auf die schwere eiserne
+Gangthüre zu, warf sie klirrend ins Schloß, drehte den Schlüssel um, und
+zog ihn heraus. »Die sind geborgen und unschädlich!« flüsterte sie.
+
+Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem großen
+Ausgang zu, der aus dem Schloßhof auf die Straße führte. Mit gefälltem
+Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurückgeblieben, ihnen
+entgegen. »Gebt die Losung,« rief er. »Rom und? –«
+
+»Rache!« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.
+
+Laut schreiend fiel der Söldner, und warf noch den Speer den Flüchtigen
+nach: er durchbohrte den letzten der drei – Dromon.
+
+Über die Marmorstufen des Palastes auf die Straße hinabspringend, hörten
+die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthüre
+schlagen, auch einen lauten Befehlruf hörten sie noch. »Syphax! mein
+Pferd!«
+
+Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.
+
+Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter
+flogen nach allen Thoren der Stadt.
+
+»Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen
+bringt!« rief Cethegus, – sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes
+schwingend. »Nun auf, ihr Söhne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und
+Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!«
+
+»Aber wohin, Herr?« fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem
+Palastthor sprengend.
+
+»Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie
+können nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.«
+
+»Zwei große Mauerbreschen sinds.«
+
+»Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir.
+Ist nicht dort –?«
+
+»Der Mauersturz am Turme des Aëtius.«
+
+»Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!« – – –
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Glücklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem
+Sohn des Dromon, die nur halb ausgefüllte Mauerlücke durcheilt und in dem
+nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden.
+Wallada nahm die Gatten auf den Rücken. –
+
+Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses
+zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. »Mein
+Weib! mit dir hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will
+ich’s noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir
+lassen, du Seele meiner Seele.«
+
+»Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen
+Nacken, o du mein alles.«
+
+»Vorwärts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.«
+
+Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses
+war erreicht. Wachis trieb sein bäumendes Pferd in die dunkle Flut. Das
+Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. »Er geht sehr
+tief, sehr reißend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht
+zu brauchen.
+
+Die Gäule müssen schwimmen und stark rechts abwärts wird’s uns reißen. Und
+es sind Felsen im Fluß. Und das Mondlicht wechselt so oft und täuscht.« –
+Ratlos prüfte er am Ufer hin und her.
+
+»Horch, was war das?« fragte Rauthgundis. »Das war nicht der Wind in den
+Steineichen.«
+
+»Pferde sind’s,« sagte Witichis. »Sie nahen in Eile. Ja, wir sind
+verfolgt. Waffen klirren. Da – Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf
+Leben und Sterben. Aber leise!«
+
+Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut.
+
+»Kein Bodengrund mehr. Die Gäule müssen schwimmen.
+
+Halte dich fest an der Mähne, Rauthgundis. Vorwärts, Wallada!«
+
+Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut – die Mähne
+flog wirr kopfüber – die Vorderfüße vorgestreckt, den Hinterbug
+zurückgehemmt.
+
+»Vorwärts, Wallada!« Und leise rief Witichis dem treuen Roß ins Ohr:
+»Dietrich von Bern!« Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfährig
+in die Flut.
+
+Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald, voran Cethegus, ihm zur
+Seite Syphax, eine Fackel hebend. »Hier, im Ufersand, verschwindet die
+Spur, o Herr.«
+
+»Sie sind im Wasser! Vorwärts, ihr Hunnen!«
+
+Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten sich nicht.
+
+»Nun, Ellak? was zögert ihr? Sofort in die Flut!«
+
+»Herr, das können wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fließend Wasser
+reiten, müssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir müssen
+erst zu ihm beten.«
+
+»Betet nachher, wenn ihr drüben seid, solang ihr wollt, nun aber –«
+
+Da fuhr ein stärkerer Windstoß über den Fluß und verlöschte alle Fackeln.
+– Hochauf rauschte die Flut.
+
+»Du siehst, o Herr, Phug zürnt.«
+
+»Still! saht ihr nichts? Da unten, links?«
+
+Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht. – Er zeigte Rauthgundis
+helles Untergewand: – den braunen Mantel hatte sie verloren.
+
+»Zielt rasch, dorthin.«
+
+»Nein, Herr! Erst ausbeten.« –
+
+Da war es wieder dunkel am Himmel. – Mit einem Fluch riß dem
+Hunnenhäuptling Cethegus Bogen und Köcher von der Schulter.
+
+»Nun rasch vorwärts!« rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer
+gewonnen hatte, zurück – »ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.«
+
+»Halt, Wallada!« rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und
+sich an der Mähne haltend. »Da ist ein Fels! Stoße dich nicht,
+Rauthgundis.« –
+
+Roß, Mann und Weib stockten einen Augenblick an dem ragenden Stein, wo in
+gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reißend zog.
+
+Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Fläche des Stroms und
+die Gruppe am Felsen.
+
+»Sie sind es!« rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit
+hielt, zielte und schoß. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte
+Pfeil von der Sehne.
+
+»Rauthgundis!« rief Witichis entsetzt. – Denn sie zuckte zusammen und sank
+nach vorwärts auf die Mähne des Rosses: aber sie klagte nicht.
+
+»Bist du getroffen?« – »Ich glaube. Laß mich hier. Und rette dich.« –
+»Niemals! Laß dich stützen.«
+
+»Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!«
+
+Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis
+in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.
+
+»Laß mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier.« – »Nein, ich lasse dich nie
+mehr!« Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In
+hellem Mondlicht stand die Gruppe.
+
+»Gieb dich gefangen, Witichis!« rief Cethegus, sein Roß bis an den Bug in
+das Wasser spornend.
+
+»Fluch über dich, du Lügner und Neiding.«
+
+Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Roß Theoderichs
+und versank für immer in die Tiefe.
+
+Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. »Bei dir!« – hauchte noch
+Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. – – »Mit dir!«
+
+Umschlungen verschwanden sie im Fluß.
+
+Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen.
+Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.
+
+»Schafft die Leichen ans Land!« befahl Cethegus düster, sein Roß wendend.
+Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.
+
+Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen
+und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie
+Meer.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna
+zurückgekehrt, bereit, demnächst Mataswintha nach Byzanz zu führen.
+
+Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge der Werkleute
+geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthür durchbrachen, die
+eingesperrten Söldner zu befreien. Man fand die Fürstin auf den
+Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemächer
+hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber
+mit starr geöffneten Augen lag.
+
+Gegen Mittag ließ sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und
+drohend, sein Antlitz von eisiger Kälte. Er trat dicht an ihr Lager.
+Mataswintha sah ihm ins Auge.
+
+»Er ist tot!« sagte sie dann ruhig.
+
+»Er wollte es nicht anders. Er – und du. Dir Vorwürfe machen ist zwecklos.
+Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das
+Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut
+treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm
+Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Sühne thun kannst, ist:
+meinen zweiten Wunsch erfüllen. Prinz Germanus ist gelandet, dich
+abzuholen. Du wirst ihm folgen.«
+
+»Wo ist die Leiche?«
+
+»Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und – das Weib.«
+
+Mataswinthens Lippe zuckte. »Noch im Tode! Sie starb mit ihm?«
+
+»Laß diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen.
+Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begrüßen?«
+
+»Ich werde bereit sein.«
+
+»Gut. Wir wollen pünktlich sein.«
+
+»Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmücken:
+Diadem, Purpur, Seide.«
+
+»Sie hat den Verstand verloren,« sagte Cethegus im Hinausgehen. »Aber die
+Weiber sind zäh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie können fortleben mit aus
+der Brust gerissenem Herzen.«
+
+Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten.
+
+Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Männer zur
+Königin zu entbieten.
+
+Germanus eilte mit raschem Fuße über die Schwelle ihres Gemaches. Aber
+gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schön, so prachtvoll hatte er
+die Gotenfürstin nie gesehen.
+
+Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das,
+gelöst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern
+bis über den Rücken floß. Das Unterkleid, von schwerster weißer Seide mit
+goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn
+Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war
+marmorweiß, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. »Prinz Germanus,«
+rief sie dem Eintretenden entgegen, »du hast mir von Liebe geredet? Aber
+weißt du, was du geredet? Lieben ist sterben.«
+
+Germanus sah fragend auf Cethegus.
+
+Dieser trat vor. Er wollte sprechen.
+
+Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:
+
+»Prinz Germanus, sie rühmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof,
+wo man sich übt in spitzer Rätsel Ratung. Auch ich will dir eine
+Rätselfrage stellen: – sieh zu, ob du sie lösest. Laß dir nur helfen dabei
+von dem klugen Präfekten, der sich so ganz auf Menschengemüter versteht.
+Was ist das? Weib und doch Mädchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es
+nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur löst alle Rätsel.«
+
+Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert
+blitzte. Mit beiden Händen stieß sie sich’s tief in die Brust.
+
+Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rückwärts hinzu.
+Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert
+aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst
+gesendet.
+
+Es war das Schwert des Königs Witichis.
+
+
+
+
+
+
+ FUSSNOTE
+
+
+ 1 Prokop Gotenkrieg I. 17. 18. setzt hier aus Verwechslung den Tiber
+ statt des Anio.
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde für die elektronische Fassung hinzugefügt.
+
+Die Fußnote wurde an das Ende des Textes gesetzt.
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+römische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung
+wiedergegeben) und einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch
+Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 12: Punkt ergänzt hinter »Grund«
+ Seite 22: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Gemeinschaft«
+ Seite 29: »des« geändert in »das«
+ Seite 34: »selsames« geändert in »seltsames«
+ Seite 40: Punkt ergänzt hinter »sie«
+ Seite 51: Anführungszeichen ergänzt vor »Theodahad« und hinter
+ »Witichis ...«; »Mirim« geändert in »Miriam«
+ Seite 58: »Mathaswintha« geändert in »Mataswintha«
+ Seite 61: Anführungszeichen ergänzt vor »hast«
+ Seite 67: Anführungszeichen ergänzt vor »ich«
+ Seite 73: Anführungszeichen ergänzt vor »Wir«
+ Seite 76: Punkt geändert in Doppelpunkt hinter »Lippen«;
+ Anführungszeichen ergänzt hinter »hebt.«
+ Seite 80: Anführungszeichen entfernt vor »Mir« und »Ich«
+ Seite 85: Anführungszeichen ergänzt hinter »Areskopf.«
+ Seite 89: Komma ergänzt hinter »Johannes«
+ Seite 106: Anführungszeichen ergänzt vor »das«
+ Seite 117: Anführungszeichen entfernt hinter »irrig!«
+ Seite 126: Anführungszeichen ergänzt hinter »wurden.« und vor
+ »Florentia«
+ Seite 130: »widerholte« geändert in »wiederholte«
+ Seite 140: Anführungszeichen entfernt hinter »mich.«, ergänzt hinter
+ »binden!«
+ Seite 141: Anführungszeichen ergänzt vor »Mein«; zweites
+ Anführungszeichen ergänzt hinter »Fels.«
+ Seite 161: Leerzeichen entfernt zwischen »sein.« und
+ Anführungszeichen; Anführungszeichen ergänzt hinter »nicht?«
+ Seite 162: »kann« geändert in »kaum«
+ Seite 163: »da« geändert in »du«
+ Seite 169: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Vielgetreuen.«
+ Seite 180: Punkt ergänzt hinter »schließen«
+ Seite 189: »sebst« geändert in »selbst«
+ Seite 192: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »alles ... –«
+ Seite 197: Punkt ergänzt hinter »Odysseus«
+ Seite 201: Punkt geändert in Komma hinter »entschwindet«
+ Seite 212: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Byzanz.«;
+ Anführungszeichen entfernt hinter »hinaus.« und vor »Da«;
+ Anführungszeichen ergänzt vor »und« und hinter »Rom!«
+ Seite 223: »Feldher« geändert in »Feldherr«
+ Seite 225: »Vulsinii« geändert in »Volsinii«; Anführungszeichen
+ ergänzt hinter »Roß«
+ Seite 243: Komma ergänzt hinter »umziehn«
+ Seite 245: »dem« geändert in »den«
+ Seite 253: Anführungszeichen ergänzt vor »Und«
+ Seite 263: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »geschehen.«
+ Seite 268: Anführungszeichen entfernt vor »Siehst«
+ Seite 274: Anführungszeichen ergänzt vor »welch’«
+ Seite 279: »Sadt« geändert in »Stadt«
+ Seite 285: »schug« geändert in »schlug«
+ Seite 286: »Helene« geändert in »Hellene«
+ Seite 293: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Byzanz!«
+ Seite 302: Anführungszeichen ergänzt hinter »oder –«
+ Seite 303: Anführungszeichen ergänzt vor »Du«
+ Seite 314: Anführungszeichen entfernt vor »Ha,«
+ Seite 325: »Brunen« geändert in »Brunnen«
+ Seite 332: Anführungszeichen ergänzt vor »Sonst«
+ Seite 333: »beraufen« geändert in »berufen«
+ Seite 334: Anführungszeichen entfernt vor »Mich«
+ Seite 342: »Serblichen« geändert in »Sterblichen«
+ Seite 348: Anführungszeichen ergänzt hinter »Hilfe.«
+ Seite 350: Anführungszeichen entfernt hinter »ruinae!«
+ Seite 358: Apostroph geändert in Komma hinter »Witichis«
+ Seite 364: Anführungszeichen entfernt vor »Es«
+ Seite 385: Anführungszeichen ergänzt hinter »versuchen.«
+ Seite 388: Anführungszeichen ergänzt hinter »allein.«
+ Seite 389: »widerholte« geändert in »wiederholte«
+ Seite 390: Punkt ergänzt hinter »ausgebaut«
+
+Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder Kleinschreibung von
+einigen Zahlwörtern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten,
+insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene.
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+July 5, 2010
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 33090‐0.txt or 33090‐0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
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+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/0/9/33090/
+
+
+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project
+Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
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+ 1.A.
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+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
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+ 1.B.
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+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below.
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+
+ 1.C.
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation („the Foundation“ or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
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+copyright holder found at the beginning of this work.
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+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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+ 1.E.6.
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+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
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+ the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ „Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation.“
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg™ works.
+
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+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+ distribution of Project Gutenberg™ works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
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+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain „Defects,“ such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
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+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the „Right of
+Replacement or Refund“ described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™
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+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
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+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
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+
+
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+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND — If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
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+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
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+
+
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+
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+paragraph 1.F.3, this work is provided to you ’AS-IS,’ WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
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+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg™
+
+
+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
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+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg™ electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
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