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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:58:51 -0700 |
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diff --git a/33090-0.txt b/33090-0.txt new file mode 100644 index 0000000..f3e1efc --- /dev/null +++ b/33090-0.txt @@ -0,0 +1,13839 @@ +The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Zweiter Band by Felix +Dahn + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Ein Kampf um Rom. Zweiter Band + +Author: Felix Dahn + +Release Date: July 5, 2010 [Ebook #33090] + +Language: German + +Character set encoding: UTF‐8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND*** + + + + + + Ein Kampf um Rom. + + Historischer Roman + + von + + Felix Dahn. + + + + _Motto:_ + »Wenn etwas ist, gewalt’ger als das Schicksal + So ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt« + _Geibel._ + + + +Zweiter Band. + +48. Auflage. + +Leipzig, +Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel. +1906. + + + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + + + + + + INHALT + + +Fünftes Buch. Witichis. Erste Abteilung. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fünftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. + Achtes Kapitel. + Neuntes Kapitel. + Zehntes Kapitel. + Elftes Kapitel. + Zwölftes Kapitel. + Dreizehntes Kapitel. + Vierzehntes Kapitel. + Fünfzehntes Kapitel. + Sechzehntes Kapitel. + Siebzehntes Kapitel. + Achtzehntes Kapitel. +Fünftes Buch. Witichis. Zweite Abteilung. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fünftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. + Achtes Kapitel. + Neuntes Kapitel. + Zehntes Kapitel. + Elftes Kapitel. + Zwölftes Kapitel. + Dreizehntes Kapitel. + Vierzehntes Kapitel. + Fünfzehntes Kapitel. + Sechzehntes Kapitel. + Siebzehntes Kapitel. + Achtzehntes Kapitel. + Neunzehntes Kapitel. + Zwanzigstes Kapitel. + Einundzwanzigstes Kapitel. + Zweiundzwanzigstes Kapitel. + Dreiundzwanzigstes Kapitel. + Vierundzwanzigstes Kapitel. + Fünfundzwanzigstes Kapitel. + Sechsundzwanzigstes Kapitel. + Siebenundzwanzigstes Kapitel. + Achtundzwanzigstes Kapitel. + Neunundzwanzigstes Kapitel. +Bemerkungen zur Textgestalt + + + + + + + Fünftes Buch. + + + WITICHIS. + + + Erste Abteilung. + + + »Die Goten aber wählten zum König Witichis, + einen Mann, zwar nicht von edlem Geschlecht, + aber von hohem Ruhm der Tapferkeit.« + + Prokopius, Gotenkrieg I. 11 + + + + + Erstes Kapitel. + + +Langsam sank die Sonne hinter die grünen Hügel von Fäsulä und vergoldete +die Säulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin +schaltete. + +Die gotischen Knechte und die römischen Sklaven waren beschäftigt, die +Arbeit des Tages zu beschließen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse +von der Weide ein. Zwei andere Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder +von dem Anger auf dem Hügel nach den Ställen, indes der Ziegenbub mit +römischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen vorwärts trieb, die genäschig +hier und da an dem salzigen Steinbrech nagten, der auf dem zerbröckelten +Mauerwerk am Wege grünte. Andre germanische Knechte räumten das Ackergerät +im Hofraum auf: und ein römischer Freigelassener, gar ein gelehrter und +vornehmer Herr, der Obergärtner selbst, verließ mit einem zufriedenen +Blick die Stätte seiner blühenden und duftenden Wissenschaft. + +Da kam aus dem Roßstall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner +hellgelben Locken. »Vergiß mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in +den Trinkkübel zu werfen. Wachis hat’s noch besonders aufgetragen! Daß er +dich nicht wieder schlagen muß, wenn er heimkommt.« Und er warf die Thür +zu. »Ewiger Verdruß mit diesen welschen Knechten!« sprach der kleine +Hausherr mit wichtigem Stolz. »Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins +Lager gefolgt, liegt alles auf mir: denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl +gut für die Mägde, aber die Knechte brauchen den Mann.« + +Und mit großem Ernst schritt das Büblein über den Hof. + +»Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt,« sprach er und warf +die kirschroten Lippen auf und krauste die weiße Stirn. »Woher soll er +auch kommen? Mit nächster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen +mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlöffel.« Und +verächtlich riß er an dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. »Sie +dürften mir keck ein Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich +nichts ausrichten und sehe nichts gleich.« + +Und doch sah er so lieblich, einem zürnenden Eros gleich, in seinem +kniekurzen, ärmellosen Röckchen von feinstem weißem Leinen, das die liebe +Hand der Mutter gesponnen und genäht und mit einem zierlichen roten +Streifen durchwirkt hatte. + +»Gern lief’ ich noch auf den Anger und brächte der Mutter zum Abend die +Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber +ich muß noch Rundschau halten, ehe sie mir die Thore schließen: denn: +»Athalwin, hat der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in +acht und wahre mir die Mutter! Ich verlaß mich auf dich!« Und ich gab ihm +die Hand drauf. So muß ich Wort halten.« + +Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses +vorüber, durchmusterte die Nebengebäude zur Rechten und wollte sich eben +nach der Rückseite des Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der +jungen Hunde zur Linken auf ein Geräusch an dem Holzzaun, der das Ganze +umfriedete, merksam wurde. + +Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte: denn auf dem +Zaune saß oder über denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war +ein großer, alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie +ihn die Berghirten trugen: als Mantel hing eine mächtige Wolfsschur +unverarbeitet von seinen Schultern nieder, und in der Rechten trug er +einen riesigen Bergstock mit scharfer Stahlspitze, mit welchem er die +Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun hinaufsprangen. Eilends lief der +Knabe hinzu. »Halt, du landfremder Mann, was thust du auf meinem Zaun? – +willst du gleich hinaus und herab?« + +Der Alte stutzte und sah forschend auf den schönen Knaben. »Herunter, sag’ +ich!« wiederholte dieser. – »Begrüßt man so in diesem Hof den wegmüden +Wandrer?« – »Ja, wenn der wegmüde Wandrer über den Hinterzaun steigt. Bist +du was Rechtes und willst du was Rechtes, – da vorn steht das große +Hofthor sperrangelweit offen: da komm’ herein.« + +»Das weiß ich selbst, wenn ich das wollte.« Und er machte Anstalt, in den +Hof hereinzusteigen. + +»Halt,« rief zornig der Kleine, »da kommst du nicht herab! Faß, Griffo! +Faß, Wulfo! Und wenn du die zwei jungen nicht scheust, so ruf’ ich die +Alte. Dann gieb acht! He Thursa, Thursa, leid’s nicht!« + +Auf diesen Ruf schoß um die Ecke des Roßstalles ein riesiger, grau +borstiger Wolfshund mit wütendem Gebell herbei und schien ohne weiteres +dem Eindringling an die Gurgel springen zu wollen. + +Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, dem Alten gegenüber, so +verwandelte sich seine Wut plötzlich in Freude: sein Bellen verstummte und +wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemütlich herein stieg. +»Ja, Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen,« sagte er. – – »Nun +sage mir, kleiner Mann, wie heißt du?« – »Athalwin heiß’ ich,« versetzte +dieser, scheu zurücktretend, »du aber, – ich glaube, du hast den Hund +behext – wie heißt du?« – »Ich heiße wie du,« sagte der Alte freundlicher. +»Und das ist hübsch von dir, daß du heißest wie ich. Sei nur ruhig, ich +bin kein Räuber! führ’ mich zu deiner Mutter, daß ich ihr sage, wie tapfer +du deine Hofwehr verteidigt hast.« + +Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Thursa bellte +freudig springend voran. + +Das korinthische Atrium der Römervilla mit seinen Säulenreihen an den vier +Wänden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Änderung in die große +Halle des germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn +war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt und Rauthgundis hatte für +diese Zeit ihre Mägde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer +Reihe saßen rechts die gotischen Mägde mit sausender Spule; ihnen +gegenüber einige römische Sklavinnen mit feineren Arbeiten beschäftigt. In +der Mitte der Halle schritt Rauthgundis auf und nieder und ließ selbst die +flinke Spule auf dem glatten Mosaik des Estrichs tanzen, aber dabei auch +nach rechts und links stets die wachen Blicke gleiten. + +Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war über die Knie +heraufgeschürzt und hing gebauscht über den Gurt von stählernen Ringen, +der ihren einzigen Schmuck, ein Bündel von Schlüsseln, trug. Das +dunkelblonde Haar war rings an Stirn und Schläfen zurückgekämmt und am +Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschürzt. Es lag viel schlichte +Würde in der Gestalt, wie sie mit ernst prüfendem Blick auf und nieder +schritt. + +Sie trat zu der jüngsten der gotischen Mägde, die zu unterst in der Reihe +saß und beugte sich zu ihr. »Brav, Liuta,« sprach sie, »dein Faden ist +glatt und du hast heut’ nicht so oft aufgesehen nach der Thür wie sonst. +Freilich,« fügte sie lächelnd hinzu – »es ist jetzt kein Verdienst, da +doch kein Wachis zur Thür hereinkommen kann.« Die junge Magd errötete. +Rauthgundis legte die Hand auf ihr glattes Haar: »Ich weiß,« sagte sie, +»du hast mir im stillen gegrollt, daß ich dich, die Verlobte, dieses Jahr +über täglich morgens und abends eine Stunde länger spinnen ließ als die +andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war dein eigner Gewinn. +Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen, ist dein; ich +schenk’ es dir zur Aussteuer: so brauchst du nächstes Jahr, das erste +deiner Ehe, nicht zu spinnen.« + +Das Mädchen faßte ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. »Und +dich nennen sie streng und hart!« war alles, was sie sagen konnte. – »Mild +mit den Guten, streng mit den Bösen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier +walte, ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heißt es genau +sein.« + +Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Thür sichtbar: der Knabe wollte +rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile +unbemerkt dem Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Mägde +Arbeit prüfte, lobte und schalt und neue Aufträge gab. + +»Ja,« sprach der Alte endlich zu sich selbst, »stattlich sieht sie aus, +und sie scheint wohl die Herrin im Hause – doch! wer weiß Alles?« Da war +Athalwin nicht mehr zu halten: »Mutter,« rief er, »ein fremder Mann, der +Thursa behext und über den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann’s +nicht begreifen.« + +Da wandte sich die stattliche Frauengestalt würdevoll dem Eingang zu, die +Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne +Thüre brach, abzuwehren. »Was führst du den Gast hierher? Du weißt, der +Vater ist nicht hier. Führ’ ihn in die große Halle. Sein Platz ist nicht +bei mir.« + +»Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz,« sprach der Alte +vortretend. + +»Vater!« – rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und +nicht ohne Mißbehagen sah Athalwin auf die Gruppe. »Du bist also der +Großvater, der da oben in den Nordbergen haust? Nun grüß Gott, Großvater! +Aber warum sagst du denn das nicht gleich? Und warum kommst du nicht +durchs Thor wie andre ehrliche Leute?« + +Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Händen und sah ihr scharf ins +Auge. »Sie sieht glücklich aus und gedeihend,« brummte er vor sich hin. + +Da faßte sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle. +Alle Spindeln ruhten – außer Liutas – aller Augen musterten neugierig den +Alten. + +»Ob ihr wohl spinnen wollt, fürwitzige Elstern?« rief sie streng. »Du, +Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, – du kennst +den Brauch, du spinnst eine Spule mehr, – ihr andern macht Feierabend. +Komm, Vater! Liuta, rüst’ ein laues Bad und Fleisch und Wein. –« + +»Nein!« sprach der Vater, »der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und +Trunk am Wasserfall. Und was das Essen anlangt, – draußen, vor’m +Hinterzaun, am Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab ich +mein Speltbrot und meinen Schafkäse, den bringt mir. – Wieviel habt ihr +Rinder im Stall und Rosse auf der Weide?« Es war seine erste Frage. – + +Eine Stunde darauf – schon war es dunkel geworden und der kleine Athalwin +war kopfschüttelnd über den Großvater zu Bett gegangen, – da wandelten +Vater und Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. »Ich hab’ +nicht Luft genug da drinnen,« hatte der Alte gesagt. + +Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten +schritten. Mitten drein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer +Wirtschaft auf, wie sie ihm Gerät oder Gebäude nahe legten: und in seinem +Ton lag keine Zärtlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein +Kind musterte. + +»Laß doch endlich Roggen und Rosse,« lächelte Rauthgundis, »und sage mir, +wie’s dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal +herabgeführt hat von den Bergen zu deinen Kindern?« – »Wie’s mir gegangen? +Nun: halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist’s nicht so +hübsch warm, wie hier im Welschthale.« Und er sagte das wie einen Vorwurf. +»Und warum ich herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier +zerfallen auf dem Firnjoch. Und da wollt’ ich mir einen andern kaufen hier +unten.« + +Da hielt sich Rauthgundis nicht länger: mit warmer Liebe warf sie sich an +des Alten Brust und rief: »Und den Zuchtstier hast du nicht näher gefunden +als hier? Lüge doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein +eigen Kind. Du bist gekommen, weil du gemußt, weil du’s doch endlich nicht +mehr ausgehalten vor Heimweh nach deinem Kinde.« + +Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: »Woher du’s nur weißt! Nun +ja! ich mußte doch mal selbst sehen, wie’s um dich steht und wie er dich +hält, der Herr Gotengraf.« + +»Wie seinen Augapfel,« sprach das Weib selig. – »So? und warum ist er denn +nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind?« – »Er steht beim Heer in +des Königs Dienst.« + +»Ja, das ist’s ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen König? Doch +– sage: warum trägst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem +Welschthal kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fünf Jahren, die trug +Gold handbreit: da dacht ich: so trägt’s deine Tochter, und freute mich, +und nun –« + +Rauthgundis lächelte: »Soll ich Gold tragen für meiner Mägde Augen? Ich +schmücke mich nur, wenn Witichis es sieht.« – »So? mög’ er’s verdienen! +Aber du _hast_ doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier +unten?« – »Mehr als andre, truhenvoll. Witichis brachte große Beute vom +Gepidenkrieg.« – »So bist du ganz glücklich?« – »Ganz, Vater, aber nicht +wegen der Goldspangen.« – »Hast du über nichts zu klagen? Sag’s mir nur, +Kind! Was es auch sei, sag’s deinem alten Vater und er schafft dir dein +Recht.« + +Da blieb Rauthgundis stehen. »Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht +von dir zu sprechen, nicht von mir zu hören. Wirf ihn doch weg, den +unglückseligen Irrwahn, als müßte ich elend werden, weil ich zu Thal +gezogen. Ich glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgeführt.« + +»Nur sie!« rief der Alte hastig mit dem Stock aufstoßend. »Und du nennst +einen Wahn, was deines Vaters tiefstes inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist’s +ein Wahn, daß sich’s schwer atme hier unten? Ein Wahn, daß unsre +hochgewachsenen, weißen Goten klein und braun geworden hier unten im Thal? +Ist es ein Wahn, daß alles Unheil von jeher von Süden hergekommen, von +diesem weichen, falschen Thal? Woher kommen die Bergstürze über unsre +Hütten? von Süden her. Von wo kommt der giftige Wind, der Mensch und Vieh +verdirbt? Von Süden. Warum stürzt’ mir Kuh und Schaf, wann sie am Südhang +grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das erstemal von unserm Berge +nach Bolsanum herabkam, in der schwülen Stadt? Ein Bruder von dir stieg +auch herab, trat in des Königs Theoderich Waffenschar zu Ravenna: +erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht mehr +was, der je hier in den Süden herabstieg, auch nur auf einen Winter? Wo +hat unser großer Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit +Steuern und Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Väter von +all’ dem gewußt? + +Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle Üppigkeit, alle Unkraft, +alle List? Von hier: aus dem Welschthal, aus dem Süden, wo die Menschen zu +Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewürm und einer dem andern die +Luft vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein +frisches Kind herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was +Gutes und Klares, ich leugn’ es nicht; und hätte er sich droben bei mir +ein Gehöft gebaut, ich hätte ihm gern mein Kind und das Joch der besten +Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da herunter mußte er sie führen ins heiße +Sumpfthal. Und er selbst bückt den Kopf in goldnen Sälen zu Rom und in der +Rabenstadt. Wohl hab’ ich mich lang gewehrt –« + +»Aber endlich gabst du nach –« + +»Was wollt’ ich machen? War doch mein kernfrisches Mädel ganz herzenssiech +geworden nach dem Unglücksmann.« + +»Und zehn Jahre hat der Unglücksmann dein Kind beglückt.« – »Wenn’s nur +auch wahr ist!« – »Vater!« – »Und wahr bleibt. Es wäre das erstemal, daß +Glück von Süden käme. Sieh’, mein Abscheu ist so groß vor der Ebne, daß +ich die sieben Jahr nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe. +Wenn ich es jetzt doch gethan, hat’s schweren Grund.« + +»Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?« + +»Freilich! doch mein banges Herz! Ein böses Zeichen ist geschehen. Du +denkst doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm +Hause? Ich pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren +wardst. Und prächtig, wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du +fortzogst freilich, fand ich, er sehe krank und traurig. Aber die andern +sahen es nicht und lachten mich aus. + +Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und grün. Doch in der letzten +Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wütig, wie ich’s selten gehört +da droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Thor treten, – ist +der Stamm vom Blitz zerspalten und die Krone hat der Gießbach mit sich +fortgerissen – nach Süden.« + +»Schad um den lieben Baum! Doch kann dich das ängstigen?« + +»Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den +armen Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, daß er nicht +verunehrt und elend am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen +war. Und ich nahm mir’s sehr zu Herzen und ich sann und sann mit schweren +Sorgen über deinen Mann, und meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter. +Und ich sah ins Feuer, drin der Stamm verkohlte. + +So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im +Goldsaal unter stolzen Männern und schönen Frauen, in Glanz und Pracht +gekleidet. Du aber standest vor der Thür, im Bettlerkleid, und weintest +bittre Thränen und riefst ihn beim Namen. Er aber sprach: »wer ist das +Weib? ich kenne sie nicht.« – Und es ließ mich nicht mehr droben in den +Bergen. Herab zog’s mich: ich mußte sehen, wie mein Kind gehalten ist im +Thal und überraschen wollt’ ich ihn, – deshalb wollt’ ich nicht durchs +Thor ins Haus.« + +»Vater,« sprach Rauthgundis zornig, »dergleichen soll man selbst im Traume +nicht denken. Dein Mißtrauen –« + +»Mißtrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und +in dem Traumgesicht hat sich’s mir deutlich gemeldet: dir droht ein +Unglück! Weich’ ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge! +Nur auf kurze Zeit. Glaub’ mir, du wirst es bald wieder schön finden in +der freien Luft, wo man über aller Herren Länder hinwegsieht.« + +»Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals.« – »Hat er nicht dich verlassen? +Ihm ist Hof und Königsdienst mehr als Weib und Kind. So laß ihm seinen +Willen.« + +»Vater,« sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, »kein Wort +mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, daß du so reden kannst von +Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er +liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins. + +Und wenn er für recht hält, fern von mir zu schaffen – zu wirken, so _ist_ +es recht. Er führt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll +kein Wort, kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht.« + +Der Alte schwieg. Aber sein Mißtrauen schwieg nicht. »Warum,« hob er nach +einer Pause wieder an, »wenn er am Hof so wichtige Geschäfte hat, warum +nimmt er dich nicht mit? Schämt er sich der Bauerntochter?« und zornig +stieß er seinen Stock auf die Erde. + +»Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, daß er mich vom Berg ins Thal der +Welschen geführt – und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten +unter sie führt!« + +»Du sollst’s auch nicht thun! Aber er soll’s wollen. Er soll dich nicht +entbehren können. Aber des Königs Feldherr wird sich des Bauernkindes +schämen.« + +Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt +verschlossene Hofthor, vor dem sie eben standen. »Auf, aufgemacht!« rief +er, mit der Streitaxt an die Pfosten schlagend. – »Wer ist da draußen?« +fragte der Alte vorsichtig. – »Aufgemacht! solang läßt man einen +Königsboten nicht warten!« + +»Es ist Wachis,« sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring +zurückschiebend, »was bringt dich so plötzlich zurück?« + +»Du bist es selbst, die mir öffnet!« rief der treue Mann, »o Gruß und +Heil, Frau Königin der Goten! Der Herr ist zum König des Volks gewählt. +Diese meine Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er läßt dich +grüßen: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du +aufbrechen.« + +In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch +konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf +ihren Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. »Nun,« fragte +sie endlich sich losmachend, »Vater, was sagst du nun?« + +»Was ich sage? Jetzt ist das Unglück da, das mir geahnt! Ich gehe noch +heute Nacht zurück auf meinen Berg.« + + + + + Zweites Kapitel. + + +Während die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem +Halbkreis das mächtige Heerlager Belisars die hart bedrängte Stadt +Neapolis. + +Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich +das Heer der Byzantiner von der äußersten Südostspitze Italiens bis vor +die Mauern der parthenopeischen Stadt gewälzt, ohne Widerstand zu finden. +Denn, dank den Befehlen Theodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in +jenen Gegenden zu finden. + +Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt, auf +den die Griechen stießen: die römische Bevölkerung von Bruttien mit den +Städten Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und +Thurii, von Calabrien mit den Städten Gallipolis, Tarentum und Brundusium, +von Lucanien mit den Städten Velia und Buxentum, von Apulien mit den +Städten Acheruntia und Canusium, Salernum, Nuceria und Campsä, und viele +andere Städte nahmen Belisar mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des +rechtgläubigen Kaisers Justinian die Befreiung von dem Joche der Ketzer +und Barbaren verkündete. Bis an den Aufĭdus im Osten, bis an den Sarnus im +Südwesten war Italien den Goten entrissen und erst an den Wällen von +Neapel brach sich der Ungestüm dieser feindlichen Wogen. + +Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu +nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes +des Blutigen. Diesem tapfern Führer war die Via Nolana anvertraut und die +Aufgabe, die Straße nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten +Wiesenflächen, auf den Saatfeldern fleißiger Goten, tummelten die +Massageten und die gelben Hunnen ihre kleinen, häßlichen Gäule. Daneben +lagerten leichte persische Söldner, in Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen; +dann schwere armenische Schildträger, Makedonen mit zehn Fuß langen +»Sarissen« (Lanzen) und große Massen thessalischer und thrakischer, aber +auch saracenischer Reiter, zu verhaßter Unthätigkeit in diesem +Belagerungskampf verurteilt und ihre Muße nach Kräften ausfüllend mit +Streifzügen ins Innere des Landes. + +Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Hauptheer +erfüllt: Belisars großes Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit +dem Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache, +die Belisar selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten +Leute, die sich dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet, +zugelassen wurden: – aus ihr gingen Belisars Schüler und beste Heerführer +hervor, – in reichvergoldeten Helmen mit rothen Roßhaarkämmen, den besten +Brust- und Beinharnischen, ehernen Schilden, dem breiten Schwert und der +partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten den Kern des Fußvolks achttausend +Illyrier, die einzige gute Truppe, die das Griechenreich noch selbst +stellte: hier aber lagerten auch unter dem Befehl ihrer Stammesfürsten die +avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch germanischen Scharen, wie +Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld werben mußte, den Mangel +der kriegsfähigen Mannschaft zu decken. Hier auch die ausgewanderten und +die vielen Tausend übergegangenen Italier. + +Endlich das südwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte, +befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen +die Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in +Vorrat: hier wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen, die +das neu von den Vandalen zurückeroberte Afrika stellte: maurische, +numidische Reiter, libysche Schleuderer durcheinander. + +Aber vereinzelt waren Abenteurer und Söldner fast aus allen +Barbarenstämmen der drei Erdteile vertreten: Bajuvaren von der Donau, +Alamannen vom Rhein, Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann +wieder Anten vom Dniester, Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen, +Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus Asien und Afrika. So bunt +zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die Kriegsmacht, mit der +Justinian die gotischen »Barbaren« vertreiben und Italien befreien wollte. +Den Befehl über die Vorposten hatten immer und überall die Leibwächter +Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta Capuana +fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt und +schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten +Werke gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern +verteidigen sollten. + +Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte +bei seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu übergeben. Aber auch er +hätte der überlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange +widerstehen können, wäre nicht ein glücklicher Umstand ihm zu Hilfe +gekommen. Das war die unzeitige Rückkehr der griechischen Flotte nach +Byzanz. Als nämlich Belisar, nachdem er sein gelandetes Heer in Regium +eine Nacht geruht und gemustert hatte, den allgemeinen Aufbruch mit der +Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl, sandte ihm sein Nauarchos Konon +einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des Kaisers, wonach die Flotte +sofort nach der Landung nach Nikopolis an der griechischen Küste +zurücksegeln solle, angeblich, neue Verstärkungen herüberzuholen, in +Wahrheit aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen, mit den +kaiserlichen Lanzenträgern nach Italien zu führen, der die Siegesschritte +Belisars beobachten, überwachen, nötigenfalls hemmen und, als +Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Mißtrauens gegen den +Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zähneknirschend mußte Belisar seine +Flotte im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und +nur mit vielen Bitten erlangte er, daß ihm der Nauarch vier Kriegstrieren, +die noch bei Sicilien kreuzten, zu senden versprach. + +So hatte denn Belisar, als er sich anschickte Neapolis zu belagern, die +Stadt zwar von Nordost, Ost und Südost mit seiner Landmacht eng +einschließen können: – den Westen, die Straße nach Rom, durch Castellum +Tiberii gedeckt, hielt Graf Uliaris mit höchster Kraft frei: – aber den +Hafen von Neapolis und seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu +sperren vermocht. + +Anfangs zwar tröstete er sich damit, daß ja auch die Belagerten keine +Flotte hätten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel +Vorteil würden ziehen können. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und +die Kühnheit eines Gegners in den Weg, den er später noch mehr fürchten +lernen sollte. Das war Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der +Leiche des alten Valerius mit Julius die letzte Ehre erwiesen und die +ersten Thränen Valerias getrocknet, als er mit rastloser Thätigkeit an der +Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts zu schaffen. + +Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze +Geschwader hatte König Theodahad schon vor Wochen, trotz Totilas +Vorstellungen, Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die +Arnusmündung bewachen sollte. So besaß Totila von Anfang nichts als drei +leichte Wachtschiffe, von denen er zwei bei Sicilien verloren hatte: und +er war nach Neapolis gekommen, an jedem Widerstand zur See verzweifelnd. +Aber da er das Unglaubliche vernahm, daß die byzantinische Flotte nach +Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine Hoffnung. Und nun ruhte er +nicht, bis er aus großen Fischerbooten, Kaufmannsschiffen, Hafenkähnen und +in der Eile notdürftig seetüchtig gemachten Wracks der Werften sich eine +kleine Flottille von etwa zwölf Segeln gebildet, die freilich weder einen +Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff Trotz bieten konnte, +aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst völlig abgeschnittene +Stadt von Bajä, Cumä und anderen Städten im Nordwesten her mit +Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Küsten zu +beobachten und mit unaufhörlichen Angriffen zu quälen, indem Totila mit +einer kleinen Schar oft im Süden, im Rücken der griechischen Lager, +landete, sich ins Land schlich, bald hier, bald da einen Trupp der Feinde +überfiel und zersprengte und solche Unsicherheit verbreitete, daß sich die +Byzantiner nur in starken Abteilungen und nie zu weit von ihren Lagern zu +entfernen wagten, während diese Erfolge die hart bedrängte, von steten +Wachdiensten und Kämpfen angegriffene Mannschaft des Uliaris immer wieder +ermutigten. + +Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, daß die Lage schon jetzt +eine höchst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der +Stadt erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil +seiner Boote dazu, täglich eine Anzahl von wehrunfähigen Einwohnern aus +Neapolis aufwärts nach Bajä und Cumä zu schaffen, wobei er die Anforderung +der Reichen, daß diese Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden +sollten, streng zurückwies und ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine +rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens hatte Totila wiederholt und immer +dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz von Julius auf diesen +Schiffen zu flüchten: noch wollte sie sich nicht von dem Sarge ihres +Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers +der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort, +in dem väterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben. + + + + + Drittes Kapitel. + + +In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die höchsten +Freuden und die höchsten Schmerzen ihrer Liebe. + +Häufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die +Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft +besuchen mußte. In der Turmstube des alten Isak hielt er täglich mit Graf +Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Männer +begrüßt und das schlichte Mahl von Früchten und Wein auf den Tisch +gestellt, hinunterzuschlüpfen in das enge Gärtlein, das dicht hinter der +Turmmauer lag. Der Raum war ursprünglich ein kleiner Hof im Tempel der +Minerva, der Mauerbeschützerin, gewesen, der man gern an den Hauptthoren +der Städte einen Altar errichtete. + +Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der +alte mächtige Olivenstamm, der einst die der Göttin geweihte Statue +beschattet hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle +Hand hier gepflegt und oft für die Braut des Geliebten gebrochen hatte. +Gerade gegenüber dem riesigen Ölbaum, dessen knorrige Wurzeln über die +Erde hervorstarrten und eine dunkle Öffnung in den Erdgeschossen des alten +Tempels zeigten, war von dem Christentum ein großes, schwarzes Holzkreuz +angebracht über einem kleinen Betschemel, der aus einer Marmorstufe des +Minervatempels gebildet war: man liebte, die Stätten des alten +Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die alten Götter, die jetzt zu +Dämonen geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens zu +verscheuchen. + +Unter diesem Kreuz saß das schöne Judenmädchen oft stundenlang mit der +alten Arria, der halbblinden Witwe des Unterpförtners, die, nach dem +frühen Tod von Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranblühen der kleinen +Miriam mit ihren Blumen in dem öden Gestein der alten Mauern überwacht +hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still lauschend zugehört, wie die +fromme Alte in fleißigem Gebet zu dem Gott der Christen flehte: und +unwillkürlich war so mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des +Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen. + +Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedürftig gemacht, vergalt +Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Rührung +nahm Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschloß mit Dank und Liebe und +Mitleid das herrliche Geschöpf, dessen mächtige Liebe zu dem jungen Goten +sie längst erkannt und beklagt, aber nie gegenüber der scheuen Jungfrau +berührt hatte. + +Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die +breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten führten: +ihr edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, über die +duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie träumend +stehen, die linke Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem +Betschemel, ihr den Rücken wendend, und betete laut. Sie würde die Nahende +nicht bemerkt haben, wenn nicht geflügeltes Leben plötzlich den stillen +Hof beseelt hätte: denn in den breiten Zweigen der Olive nisteten die +schönsten, weißen Tauben, der einsamen Miriam einzige Gespielinnen. Als +diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben sie +sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwärmend; eine ließ sich auf +des Mädchens linke Schulter nieder, die andere auf das feine Gelenk der +Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, lächelnd ausstreckte. + +»Du bist’s, Miriam! deine Tauben verkünden dich!« sprach Arria sich +wendend. Und das schöne Mädchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam, +die Vögel nicht zu verscheuchen: die Abendsonne fiel durch die Blätter der +Olive auf ihre pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild. + +»Ich bin’s, Mutter!« sagte Miriam, sich zu ihr setzend. »Und ich hab’ eine +Bitte. Wie lautet,« fragte sie leiser, »dein Spruch vom Leben nach dem +Tode, dein Glaubensspruch? – »ich glaube an die Gemeinschaft«« – – + +»An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein +ewiges Leben.« – »Wie kömmst du auf diese Gedanken.« + +»Ei nun,« sagte Miriam, »mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der +Sänger von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht täglich Pfeile und +Steine in die Straßen? Aber – ich will noch Blumen pflücken!« sprach sie +wieder aufstehend. + +Arria schwieg einen Augenblick. »Jedoch der Seegraf war heute schon da: +mir ist, ich hätte seine helle Stimme gehört.« + +Miriam errötete leicht. »Sie sind nicht für ihn,« – sprach sie dann ruhig +– »für sie.« – »Für sie?« – »Ja, für seine Braut. Ich habe sie heute zum +erstenmal gesehen. Sie ist sehr schön. Ich will ihr Rosen schenken.« – »Du +hast sie gesprochen. Wie ist sie geartet?« + +»Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den +Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Sänfte +gehoben, sie ward in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Säule +ihres Hauses.« + +»Nun, ist sie seiner würdig?« + +»Sie ist sehr schön. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber,« +seufzte Miriam, »nicht glücklich. Ich will ihr Rosen schenken. – Mutter,« +sagte sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr +setzend, »was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die +Christen dann beisammen leben? Nein, nein!« fuhr sie fort, ohne die +Antwort abzuwarten, »das kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder« +– und sie seufzte. »Mutter, in den Büchern Mosis steht nichts davon, daß +die Menschen erwachen aus dem Tode. O und es wäre auch so schrecklich +nicht,« sprach sie, die Rosen zusammenfügend, »endlich ausruhn! Ganz +ausruhn! In süßer, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! Denn +giebt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten +Wunsch? Ich kann’s nicht denken.« + +Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und stützte das Haupt auf +das Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer +nicht. + +»Den Seinen hat der Herr,« sprach Arria feierlich, »die selige Stätte +bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch dürsten. Es wird auch nicht auf +sie fallen die Sonne, oder irgend eine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie +leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Thränen von +ihren Augen.« + +»Alle Thränen von ihren Augen,« sprach Miriam nach. »Rede weiter. Es +klingt so gut.« + +»Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott +schauen und sein Friede wird Palmenschatten über sie breiten: sie werden +vergessen Haß und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf +Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, für dich: und auch deiner wird +sich der Herr erbarmen und dich versammeln zu den Seinen.« + +Aber Miriam schüttelte leise das Haupt. »Nein, Arria, da ist fast besserer +Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was +deiner Seele Leben ist? Wie kannst du abthun dein tiefstes Sein und doch +dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen was ich liebe? +Ach, nur das, daß wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und hätt’ ich zu +wählen: hier alle Seligkeit des Himmels und sollte abthun meines Herzens +einzig Gut: oder behalten meines Herzens Liebe mit all’ ihrer ewigen +Sehnsucht, – ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. Ich wählte meine +Liebe und mein Weh.« + +»Kind, sprich nicht so! lästre nicht. Sieh, was geht über Mutterliebe? +nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die +Liebe, die das Mädchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold. +Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein +Jucundus, mein Jucundus! Möchtest du bald wieder kommen, daß ich dich noch +schauen kann hienieden, eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im +Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der ewigen Liebe +Gottes und der Heiligen. Und doch möcht’ ich ihn noch einmal fassen und +umfangen und mit den Händen betasten sein geliebtes Haupt. Und höre nur, +Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd’ ich ihn wiedersehen.« + +»Du darfst mir nicht sterben, Arria.« – »Nein, so mein’ ich’s nicht! hier +auf Erden noch muß ich ihn wiedersehen. Ich muß ihn wieder kommen sehen +des Weges, den er gegangen.« + +»Mutter,« sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet, +»wie magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreißig +Jahren verschwunden!« + +»Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht möglich, daß der Herr all’ +meiner Thränen nicht geachtet, all’ meiner Gebete. Was war er für ein +braver Sohn! Mit seiner Hände Arbeit ernährte er mich, bis er erkrankte +und Axt und Schaufel nicht mehr führen konnte: und wir litten Not. Da +sprach er: »Mutter, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, daß du darbest. Du +weißt, in den Gängen des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind +Schätze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang einmal hinein und +brachte eine goldene Spange zurück. Ich will hineinschlüpfen, so tief ich +kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde: und Gott wird mich +beschützen.« – Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer: und ich wußte +wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behüten. + +Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann +erhob sich mein Jucundus und drang in die Höhlung dort unter den Wurzeln +der Olive. Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte. + +Er ist noch immer nicht zurückgekommen. + +Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, daß ich nicht denke: +heut’ führt ihn Gott zurück. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in +Ägyptenland? und doch haben Jakobs Augen ihn wieder gesehen. Und mir ist, +heut’ oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heute Nacht im Traum hab’ ich +ihn gesehen, wie er im weißen Gewand heraufschwebte aus der Höhlung dort: +und beide Arme breitete er aus: und ich rief ihn beim Namen und wir waren +vereint auf ewig. Und so wird’s werden: denn der Herr erhöret das Flehen +der Betrübten und wer ihm traut, wird nicht zu Schanden werden.« + +Und die Alte erhob sich, drückte Miriams Hand und ging in ihr kleines +Häuschen. + +Allmählich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge +Gärtchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten +die Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. »Welch +mächtiger Glaube! welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so? +Ist der Mann, der dort am Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der +Messias? Ist er aufgefahren gen Himmel und sorget für die Seinen, wie ein +Hirt, der seine Lämmer weidet? – – – Ich aber zähle nicht zu seiner Herde! +An jenem Trost hat Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all’ +ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich sollte einst dort +oben über den Sternen hinschweben, ohne diese Liebe? Dann wär’ ich nicht +Miriam mehr! Oder soll ich sie mit hinauf tragen: und wieder zurückstehen? +und wieder durch alle Ewigkeit die Römerin an seiner Seite sehen? Sollen +sie dort wohnen und wandeln in der Fülle des Glanzes und ich im trüben +Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines +weißen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine Blumen hier, +erblühen am Sonnenblick der Liebe, duften und glühen eine kurze Weile, bis +sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und verwehen in +ewige Ruhe, nachdem der weiche, süße, unselige Drang nach dem Lichte +gebüßt ...« – – + +»Gute Nacht, Miriam, lebewohl!« rief eine melodische Stimme. + +Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weißen Mantel +vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der +entgegengesetzten Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem +weißen Mantel, der silbern im Mondlicht glänzte, nach, lang, lang, bis er +verschwand in fernen Schatten. + + + + + Viertes Kapitel. + + +Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre +Erfolge, ihre Verluste und prüften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt. + +Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch +auf das Verdeck von Totilas »Admiralschiff«, eines morschen +Muränenfängers, wo der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel +gedeckt, schlief. »Was ist?« rief Totila auffahrend, noch im Traum, »der +Feind? wo?« – »Nein, mein Junge, diesmal ist’s noch Uliaris, nicht +Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim Strahl, wird’s nicht mehr +dauern.« – »Uliaris, du blutest – dein Kopf ist verbunden!« – »Bah, war +nur ein Streifpfeil! Zum Glück kein giftiger. Ich holt’ ihn mir heut’ +Nacht. Du mußt wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als je seit +gestern. Der blutige Johannes, Gott hau’ ihn nieder, gräbt sich wie ein +Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht, +Neapolis! Gestern Abend hat er eine Schanze auf dem Hügel über uns +vollendet und wirft uns Brandpfeile auf die Köpfe. Ich wollt’ ihn heute +Nacht aus seinem Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen +und ich gewann nichts damit als diesen Schuß vor meinen grauen Kopf.« + +»Die Schanze muß weg,« sagte Totila nachsinnend. + +»Den Teufel auch, aber sie will nicht! + +Allein mehr. Die Bürger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden. +Täglich schießt Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem »Aufruf zur +Freiheit!« herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon +fliegt hier und da ein Steinwurf von den Dächern auf meine armen Burschen. +Wenn das wächst – –! – Wir können nicht mit tausend Mann vierzigtausend +Griechen draußen abhalten und dreißigtausend Neapolitaner drinnen: drum +meine ich« – und sein Auge blickte finster – + +»Was meinst du?« + +»Wir brennen ein Stück der Stadt nieder! Die Vorstadt wenigstens ...« – + +»Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht +mit Recht Barbaren schelten. Ich weiß ein besser Mittel – sie hungern: ich +habe gestern vier Schiffsladungen Öl und Korn und Wein hereingeführt, die +will ich verteilen.« – »Öl und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein! +Den fordre ich für meine Goten, die trinken schon lang Cisternenwasser, +pfui Teufel!« – »Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein für euch haben.« +– »Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? von Rom?« – »Keine! Mein +fünfter Bote ist gestern fort.« – »Gott hau’ ihn nieder, unsern König. + +Höre Totila, ich glaube nicht, daß wir lebendig aus diesen wurmstichigen +Mauern kommen!« + +»Ich auch nicht!« sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher +Wein. + +Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: »Goldjunge, du bist echt und +dein Cäkuber auch. Und muß ich hier umkommen, wie ein alter Bär unter +vierzig Hunden, – mich freut’s doch, daß ich dich dabei so gut kennen +gelernt: dich und deinen Cäkuber.« Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg +der graue Gote vom Verdeck. + +Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn und sie labten sich +herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des +Kastells lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Hügelschanze wehte +die blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Rücken der Feinde +gelandet und hatte das Werk in kühnem Anlauf genommen. + +Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den +verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Höchst erwünscht +trafen ihm zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sicilien her aus der Höhe +von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis +dringen und den Seeräubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am +Abend des gleichen Tages die vier mächtigen Trieren heran und legten sich +an der Einfahrt des Hafens vor Anker. Belisar selbst eilte mit seinem +Gefolge an die Küste und freute sich, die Segel von der Abendsonne +vergoldet zu sehen: »Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt +fahren trotz jenem Tollkopf,« sprach er zu Antonina, die ihn begleitete, +und wandte seinen Schecken zurück nach dem Lager. + +Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen – Prokopius, +sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an +Justinian – da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Führer +der Leibwächter, und rief: »Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind +genommen.« + +Wütend sprang Belisar aus den Decken und rief: »Der soll sterben, der das +sagt.« + +»Besser wäre es,« meinte Prokopius, »der stürbe, der es gethan.« – »Wer +war es?« – »Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem +leuchtenden Haar.« – »Totila!« sprach Belisar, »schon wieder Totila.« + +»Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil +schlaftrunken unter Deck. Plötzlich, um Mitternacht, wird’s lebendig +ringsum, als wären hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht.« – +»Hundert Schiffe! Zehn Nußschalen hat er!« – »Im Augenblick und lang, eh’ +wir vom Strand zu Hilfe kommen können, sind die Schiffe geentert, die +Leute gefangen, eine der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen +war, in Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis geführt.« + +»Sie sind noch früher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar,« +sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt. +»Nun hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unerträglich werden. +Jetzt muß ein Ende werden.« Er drückte den prächtigen Helm auf das +majestätische Haupt: »Ich wollte der Stadt, der römischen Einwohner +schonen: es geht nicht länger. Prokopius, geh und entbiete hierher die +Feldherren Magnus, Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, und +Martinus, den Geschützmeister; ich will ihnen zu thun geben vollauf. Sie +sollen ihres Sieges nicht froh werden, die Barbaren, sie sollen Belisar +kennen lernen.« + +Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des +Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich. +Martinus, der große Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die +lange im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte +kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber seine mathematischen und +mechanischen Studien hatten ihn eines Tages dahin geführt, eine neue +Wurfmaschine von furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu +erfinden; er legte den Plan Belisar vor und dieser, entzückt, ließ ihn gar +nicht mehr in sein Studierzimmer zurück, sondern schleppte ihn sofort zum +Kaiser und zwang ihn »Geschützmeister des Magister-Militum per Orientem«, +d. h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen glänzenden Sold und war +kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine +herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene +gräßlichen Zerstörungswerkzeuge, welche die Wälle der Festen, die Thore +der Burgen niederschmetterten, unlöschbares Feuer in die Städte der Feinde +Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er +hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er +in unermüdlichem Fleiß sich stellte: aber war nun die Aufgabe gelöst, so +dachte er mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger +Miene erschien er deshalb vor Belisar. + +»Martine, Zirkeldreher,« rief dieser ihm zu, »jetzt zeige deine Kunst! Wie +viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir?« – +»Dreihundertfünfzig, Herr!« – »Gut! Verteile sie um unsre ganze +Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem +Kastell, die Mauerbrecher gegen die Wälle! Sie müssen nieder und wären sie +Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf, +in die Straßen der Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick +aus, vierundzwanzig Stunden lang! Laß die Truppen sich ablösen. Laß alle +Werkzeuge spielen.« + +»Alle, Herr?« sprach Martinus. »Auch die neuen? Die Pyrobalisten, die +Brandgeschosse?« – »Auch die! die zumeist!« – »Herr, sie sind gräßlich! du +kennst noch ihre Wirkung nicht.« – »Wohlan! Ich will sie kennen lernen und +erproben.« – »An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du +Justinian einen Schutthaufen erobern?« Die Seele Belisars war edel und +groß. + +Er war unwillig über sich, über Martinus, über die Goten. »Kann ich denn +anders?« zürnte er, »diese eisenköpfigen Barbaren, dieser tolldreiste +Totila zwingen mich ja. Fünfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist +Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Wällen. Beim Haupte +Justinians! warum stehen die dreißigtausend Neapolitaner nicht auf und +entwaffnen die Barbaren?« + +»Sie fürchten wohl deine Hunnen ärger als ihre Goten,« meinte Prokop. +»Schlechte Patrioten sind sie! Vorwärts Martinus! In einer Stunde muß es +brennen in Neapolis.« + +»In kürzerer Zeit,« seufzte der Geschützmeister, »wenn es denn doch sein +muß. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann +und die Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf +ich ihn bringen?« + +Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, jüdisch aussehenden Mann +herein. »Ah, Jochem, der Baumeister!« sprach Belisar. »Ich kenne dich +wohl, von Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward +daraus?« »Mit eurer Gunst, Herr: nichts.« – »Warum nichts?« + +»Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare Goldes: das war der +kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche +gekostet, desto heiliger und gottgefälliger ist sie. Ein Christ forderte +das Doppelte und erhielt den Auftrag.« + +»Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?« + +»Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich änderte ein wenig, nahm +die Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule.« + +»Du kennst Neapolis genau? Von außen und innen?« + +»Von außen und innen. Wie meinem Geldsack.« + +»Gut, du wirst dem Strategen die Geschütze richten gegen die Wälle und in +die Stadt. Die Häuser der Gotenfreunde müssen zuerst nieder. Vorwärts! +mache deine Sache gut! sonst wirst du gepfählt. Fort!« – »Die arme Stadt!« +seufzte Martinus. »Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyrobalisten, sie +sind höchst genau – und sie gehen so leicht – ein Kind kann sie loslassen! +Und sie wirken allerliebst.« + +Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und +verderbenschwangere Thätigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen +herab, wie die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreißig +Rossen, Kamelen, Eseln, Rindern bespannt, längs den Mauern hingezogen und +auf der ganzen Linie verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris +auf die Wälle und suchten, Gegenmaßregeln zu treffen. Säcke mit Erde +wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen herabgelassen: +Feuerbrände bereit gehalten, die Maschinen, wann sie nahten, in Brand zu +stecken; siedendes Wasser, Pfeile und Steine gegen die Bespannung und die +Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen Feinde, als +sie bemerkten, wie die Maschinen, weit außer der gewohnten Schußweite und +den Belagerten völlig unerreichbar, Halt machten. + +Aber Totila lachte nicht. + +Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre +Maschinen spannten. Noch war kein Geschoß entsandt. + +»Nun?« spottete der junge Agila neben Totila, »wollen sie uns von da aus +beschießen? Doch lieber gleich von Byzanz her übers Meer! Es wäre noch +sicherer!« Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfündiger Stein +ihn und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus +hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, daß sie +völlig widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen überhageln +lassen mußten. + +Entsetzt sprangen die Goten von den Wällen herab und suchten Schutz in den +Straßen, den Häusern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von +Pfeilen, Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten und +pfiffen im sichern Bogenschuß auf ihre Köpfe: ganze Felstrümmer kamen +geflogen und schlugen krachend durch Holzwerk und Getäfel der festesten +Dächer, während im Norden gegen das Kastell unaufhörlich der Sturmbock mit +seinen zermürbenden Stößen donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse +buchstäblich die Luft verfinsterte, betäubte das prasselnde Niederfallen +der Steine, das brechende Gebälk, die zerschmetterten Zinnen und der +Weheschrei der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Lärm. Erschrocken +flüchtete die zitternde Bevölkerung in die Keller und Gewölbe ihrer +Häuser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend. + +Aber noch hatte die bebende Stadt das Ärgste nicht erfahren. + +Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein +ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohl getrocknetem +Holz, Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefüllt. Da kam zischend und +dampfend ein seltsames Geschoß gefahren, traf in das Holzwerk und im +Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und +verbreitete sich, von dem Schiffsmaterial genährt, mit Windeseile. Jubelnd +begrüßten draußen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten +eifrig die Geschosse nach der Stelle, das Löschen zu hindern. + +Belisar ritt zu Martinus heran. »Gut,« rief er, »Mann der Zirkel, gut! Wer +hat das Geschoß gerichtet?« – »Ich,« sprach Jochem, »o ihr sollt zufrieden +sein mit mir. Gebt acht! Seht ihr da, rechts von der Brandstätte, das hohe +Haus mit den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der +größten Freunde des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen.« + +Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und bald darauf schlug eine +zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel. + +Da sprengte Prokop heran und rief: »Belisarius, dein Feldherr Johannes +läßt dich grüßen: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt +nieder.« Und so war es und bald standen vier, sechs, zehn Häuser in allen +Teilen der Stadt in vollen Flammen. + +»Wasser!« rief Totila, durch eine brennende Straße nach dem Hafen +sprengend, »heraus, ihr Bürger von Neapolis! Löscht eure Häuser. Ich kann +keinen Goten von dem Wall lassen. Schafft Fässer aus dem Hafen in alle +Straßen! Die Weiber in die Häuser! – was willst du Mädchen? laß mich – Du +bist’s, Miriam? Du hier? Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?« + +»Dich,« sprach das Mädchen. »Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie +ist gerettet.« + +»Valeria! um Gott, wo ist sie?« – »Bei mir. In unserm dichtgewölbten Turm: +dort ist sie sicher. Ich sah die Flamme aufsteigen. Ich eilte hin. Dein +Freund mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr +in die Kirche. Ich rief ihn an und führte sie unter unser Dach. Sie +blutet. Ein Stein hat sie verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne +Gefahr. Sie will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!« + +»Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!« + +Und rasch faßte er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd +schlang sie beide Arme um seinen Nacken. Er aber hielt schützend mit der +Linken den breiten Schild über ihr Haupt und im Sturm sprengte er mit ihr +durch die dampfende Straße nach der Porta Capuana. + +»O jetzt – jetzt sterben – sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!« +betete Miriam. + +Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius’ und +ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwächt vom Blutverlust, aber +gefaßt und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand +Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. – – + +Kaum hatte sich Totila überzeugt, daß die Verwundung ganz leicht, als er +aufsprang und rief: »Du mußt fort! sogleich! in dieser Stunde! In der +nächsten vielleicht erstürmt Belisar die Wälle. Ich habe alle meine +Schiffe nochmals mit Flüchtenden gefüllt: sie bringen dich nach Cajeta, +von da weiter nach Rom. Eile dann nach Taginä, wo ihr Güter habt. Du mußt +fort! Julius wird dich begleiten.« + +»Ja,« sprach dieser, »denn wir haben Einen Weg.« + +»Einen Weg? wohin willst du?« + +»Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht +länger mit ansehn. Du weißt es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen +euch, für eure Feinde: Meine Mitbürger fechten unter Belisar: soll ich +gegen sie, soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe.« + +Schweigend wandte sich Totila zu Valeria. + +»Mein Freund,« sagte diese, »mir ist: der Glückstern unsrer Liebe ist +erloschen für immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron +genommen, so fällt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs.« + +»So traust du unserm Schwerte nicht?« + +»Ich traue eurem Schwert, – nicht eurem Glück! Mit den stürzenden Balken +meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Lebwohl, zu +einem Abschied für lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Taginä.« + +Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Plätze in einer der +Trieren zu sichern. + +Valeria erhob sich vom Lager, da eilte Miriam herzu, ihr die glänzenden +Sandalen unter die Füße zu binden. + +»Laß, Mädchen! du sollst mir nicht dienen,« sprach Valeria. – »Ich thue es +gern,« sagte diese flüsternd. »Aber gönne mir eine Frage.« Und mit Macht +traf ihr blitzendes Auge die ruhigen Züge Valerias. »Du bist schön und +klug und stolz – aber sage mir, liebst du ihn? – du kannst ihn jetzt +verlassen! – Liebst du ihn mit heißer, alles verzehrender, allgewaltiger +Glut, liebst du ihn mit einer Liebe wie –« + +Da drückte Valeria das schöne, glühende Haupt des Mädchens wie verbergend +an ihre Brust: »Mit einer Liebe wie du? Nein, meine süße Schwester! +Erschrick nicht! Ich ahnt’ es längst nach seinen Berichten über dich. Und +ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein +Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine +nicht, bebe nicht, du süßes Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe +willen. Ich fasse sie ganz. Glücklich, wer, wie du, in seinem Gefühl ganz +aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein feindlicher Gott den +vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach der Ferne +blickt. Und so seh’ ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen, finstern +Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht lassen, +daß deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine +Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht wäre es sein Glück geworden, die +duftige Rose deiner schönen Liebe zu entdecken: denn Valeria, – fürcht’ +ich – wird die Seine nie. Doch leb wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke +dieser Stunde. Gedenke mein als einer Schwester und habe Dank, Dank für +deine schöne Liebe.« + +Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der +Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache überwältigte +die Scheu ihres Herzens: reich flossen die Thränen über die glühendroten +Wangen: und heftig preßte sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das +Haupt an der Freundin Brust. + +Da hörte man Julius kommen, Valeria abzurufen. + +Sie mußten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren +innigen Augen wagte Miriam auf der Römerin Antlitz. Dann sank sie rasch +vor ihr nieder, umfaßte ihre Knie, drückte einen brennenden Kuß auf +Valerias kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden. + +Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich. + +Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose. + +Sie küßte sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung +die trauliche Stätte, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch +entschlossen Julius in einer gedeckten Sänfte nach dem Hafen, wo sie noch +von Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg. +Alsbald drehte sich dieses mit mächtiger Wendung und rauschte zum Hafen +hinaus. + +Totila sah ihnen wie träumend nach. + +Er sah Valeriens weiße Hand noch Abschied winken: er sah und sah den +fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer +dichter in den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Säule und +vergaß einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles. + +Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen Träumen. + +»Komm, Feldherr,« rief ihm dieser zu, »überall such’ ich dich: Uliaris +will dich sprechen. – Komm, was starrst du hier in die See unter +klirrenden Pfeilen?« + +Totila raffte sich langsam auf: »Siehst du,« sagte er, »siehst du das +Schiff? – Da fahren sie hin! –« + +»Wer?« fragte Thorismuth. + +»Mein Glück und meine Jugend,« sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu +suchen. + +Dieser teilte ihm mit, daß er, Zeit zu gewinnen, soeben einen +Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu +führen, angetragen, angenommen habe. »Ich werde nie übergeben! Aber wir +müssen Ruhe haben, unsere Wälle zu flicken und zu stützen. Kömmt denn +nirgends Entsatz? hast du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom König? + +»Keine.« + +»Verflucht! Über sechshundert von meinen Goten sind vor den höllischen +Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr +besetzen! Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann hätte!« + +»Nun,« sprach Totila nachsinnend, »die kann ich dir schaffen, denk’ ich. +In dem Castellum Aurelians, auf der Straße nach Rom, liegen +vierhundertfünfzig Mann Goten. Sie haben bisher erklärt, vom König +Theodahad den unsinnigen, aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu +verstärken. Aber jetzt in dieser höchsten Not! – Ich selbst will hin, +während des Waffenstillstandes, und alles aufbieten, sie zu holen.« + +»Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurück und die +Straße ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch.« + +»Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurück +bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd.« + +Während Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern zur Porta Capuana +hinausjagte, war der alte Isak, der unermüdlich auf den Wällen ausgeharrt +hatte, die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause +zurückgekehrt, die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu +laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht hatte und ängstlich dem Bericht +Isaks von den Fortschritten der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger, +unsteter Schritt auf der Treppe und Jochem stand vor dem erstaunten Paar. + +»Sohn Rachels, wo kommst du her zu übler Stunde, wie der Rabe vor dem +Unglück? Wie kommst du herein? zu welchem Thor?« – »Das laß du meine Sorge +sein. Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: – +zum letztenmal in diesem Leben.« + +»Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?« fragte Isak unwillig, +»die Stadt brennt und die Straßen liegen voll Leichen.« + +»Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Straßen? Weil die +Männer von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt _ist_ Zeit zu +freien. Gieb mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich +allein kann’s.« Und er griff nach Miriams Arm. + +»Du mich retten?« rief diese, mit Ekel zurücktretend. »Lieber sterben!« + +»Ha, Stolze!« knirschte der grimmige Freier, »du ließest dich wohl lieber +retten von dem blondgelockten Christen? Laß sehen, ob er dich retten wird, +der Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren +will ich ihn durch die Straßen schleifen und spucken in sein bleich +Gesicht.« + +»Hebe dich hinweg, Sohn Rachels,« rief Isak, aufstehend und den Spieß +fassend. »Ich merke, du hältst zu denen, die da draußen liegen! Aber das +Horn ruft, ich muß hinab; das jedoch sag’ ich dir: noch mancher unter euch +wird rücklings fallen, eh’ ihr steigt über diese morschen Mauern.« + +»Vielleicht,« grinste Jochem, »fliegen wir drüber wie die Vögel der Luft. +Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: laß diesen Alten, laß den +verfluchten Christen: – ich sage dir, der Schutt dieser Wälle wird sie +bald bedecken. Ich weiß, du hast ihn getragen im Herzen: – ich will dir’s +verzeihen: – nur werde jetzt mein Weib.« Und wieder griff er nach ihrer +Hand. – »Du mir meine Liebe verzeihn? Verzeihn, was so hoch über dir wie +die leuchtende Sonne über dem schleichenden Wurm? Wär ich’s wert, daß ihn +je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib würde? Hinweg; hinweg von mir!« + +»Ha,« rief Jochem, »zu viel, zu viel! Mein Weib – du sollst es nimmer +werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen und den Christen will +ich dir aus dem blutenden Herzen reißen, daß es zucken soll in +Verzweiflung. Auf Wiedersehen.« + +Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden. + +Miriam, von bangen Gefühlen bedrängt, eilte ins Freie: es trieb sie zu +beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja für ihn: und es +drängte sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fußes in die +nahe Basilika Sankt Mariä, aus der man an Friedenstagen oft die Jüdin mit +Flüchen verscheucht hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu +fluchen. + +Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Säulenganges und vergaß in heißem +Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei +Gott. – + +Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die +Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Kräften +die zertrümmerten Mauerstellen, räumten den Schutt und die Toten aus dem +Wege und löschten die Brände. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab, +während Belisar vor seinem Zelte seine Heerführer versammelt hielt, des +Zeichens der Übergabe auf dem Kastell des Tiberius harrend. »Ich glaub’ es +nicht!« flüsterte Johannes zu Prokop. »Wer solche Streiche thut, wie ich +von jenem Alten gesehen, giebt die Waffen nicht ab. Es ist auch besser so: +da giebt’s einen tüchtigen Sturm und dann eine tüchtige Plünderung.« + +Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte +trotzig seinen Speer unter die harrenden Vorposten. + +Belisar sprang auf. »Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie +sollen’s haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre +Fahne auf den Wall pflanzt, dem geb’ ich ein Zehntel der Beute.« + +Nach allen Seiten eilten die Anführer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht +spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstörten Bogen des Aquädukts, +welchen Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da +rief ihn eine leise Stimme. + +Schon dämmerte es so stark, daß er nur mit Mühe den Rufenden erkannte. +»Was willst du, Jude?« rief Johannes eilig. – »Ich habe keine Zeit! Es +gilt harte Arbeit! Ich muß der erste sein in der Stadt.« + +»Das sollt ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt.« + +»Dir folgen? weißt du einen Weg über die Mauer durch die Luft?« + +»Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn euch zeigen, +wenn ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Mädchen zur Beute zusprecht, +das ich fordre.« + +Johannes blieb stehen: »Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg?« – +»Hier!« sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. – »Wie? die +Wasserleitung? woher weißt du?« – »Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann, +gebückt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf +diesem Wege aus der Stadt. Die Leitung mündet in einem alten Tempelhaus an +der Porta Capuana; nimm dreißig Mann und folge mir.« + +Johannes sah ihn scharf an. »Und wenn du mich verrätst?« + +»Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Lüge ich, so stoßt mich +nieder.« – »Warte!« rief Johannes und eilte hinweg. + + + + + Fünftes Kapitel. + + +Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und +ungefähr dreißig entschlossenen armenischen Söldnern, die außer ihren +Schwertern kurze Handbeile führten. »Wenn wir drin sind,« sprach Johannes, +»reißest du, Perseus, das Ausfallpförtchen auf, rechts von der Porta +Capuana, im Augenblick, da die andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten. +Auf dies Zeichen stürzen von außen meine Hunnen auf die Ausfallpforte. +Aber wer hütet den Turm an der Porta? Den müssen wir haben.« + +»Isak, ein großer Freund der Edomiten, der muß fallen.« + +»Er fällt,« sprach Johannes und zog das Schwert: »Vorwärts!« Er war der +erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. »Ihr beiden, Paukaris +und Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht – nieder +mit ihm!« + +Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebückt tastend, bei +völliger Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach, +sorgfältig jeden Lärm ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie +vorwärts. + +Plötzlich rief Johannes mit halber Stimme: »faßt den Juden! Nieder mit +ihm! – Feinde! Waffen! – – Nein, laßt!« rief er rasch, »es war nur eine +Schlange, die vorüber rasselte! Vorwärts.« + +»Jetzt zur Rechten!« sprach Jochem, »hier mündet die Wasserleitung in +einen Tempelgang.« + +»Was liegt hier? – Knochen – ein Skelett! + +Ich halt’s nicht länger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe!« +seufzte einer der Männer. + +»Laßt ihn liegen! vorwärts!« befahl Johannes. »Ich sehe einen Stern.« – +»Das ist das Tageslicht in Neapolis,« sagte der Jude – »nun nur noch +wenige Ellen.« – + +Johannes’ Helm stieß an die Wurzeln eines hohen Ölbaums, die sich im +Atrium des Tempelhauses breit über die Mündung des Tempelgangs spannten. + +Wir kennen den Baum. + +Den Wurzeln ausweichend, stieß er den Helm hell klirrend an die +Seitenwand: erschrocken hielt er an. Aber er hörte zunächst nur den +heftigen Flügelschlag zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild +verscheucht aus den Zweigen der Olive flogen. + +»Was war das?« fragte über ihm eine heisere Stimme. + +»Wie der Wind in dem alten Gestein wühlt!« Es war die Witwe Arria. »Ach +Gott,« sprach sie, sich wieder vor dem Kreuze niederwerfend: »erlöse uns +von dem Übel und laß die Stadt nicht untergehen, bis daß mein Jucundus +wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur und seine Mutter nicht mehr findet. +O laß ihn wieder des Weges kommen, den er von mir gegangen: zeig ihn mir +wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen, aufsteigend aus den Wurzeln des +Baumes.« + +Und sie wandte sich nach der Höhlung. »O! dunkler Gang, darin mein Glück +verschwunden, gieb mir’s wieder heraus! Gott, führ’ ihn mir zurück auf +diesem Wege.« Sie stand mit gefalteten Händen gerade vor der Höhlung, die +Augen fromm gen Himmel gewendet. + +Johannes stutzte. »Sie betet!« sagte er, »soll ich sie im Gebet +erschlagen?« – Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhören und sich +wenden. »Das dauert zu lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen!« Und +rasch hob er sich aus den Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den +halberblindeten Augen nieder; sie sah aus der Erde steigen eine +schimmernde Mannesgestalt. + +Ein Strahl der Verklärung spielte um ihre Züge. Selig breitete sie die +Arme aus. »Jucundus!« rief sie. + +Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz. + +Ohne Weheruf, ein Lächeln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: – +Miriams Blumen. + +Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem +Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. »Wo ist das Pförtchen?« +– »Hier links, ich gehe zu öffnen!« Perseus wies die Krieger an. – »Wo ist +die Treppe zum Turm!« – »Hier rechts,« sprach Jochem – es war die Treppe, +die zu Miriams Gemach führte, wie oft war Totila hier hereingeschlüpft! – +»still! der Alte läßt sich hören.« + +Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Geräusch vernommen: er trat mit +Fackel und Speer an die Treppe: »Wer ist da unten? bist du’s, Miriam, wer +kommt?« fragte er. + +»Ich, Vater Isak,« antwortete Jochem, »ich wollte euch nochmal fragen ...« +– und er stieg katzenleise eine Stufe höher. Aber Isak hörte Waffen +klirren. + +»Wer ist bei dir?« rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er +die Bewaffneten hinter Jochem kauern. »Verrat, Verrat!« schrie er, »stirb, +Schandfleck der Hebräer!« Und wütend stieß er Jochem, der nicht zurück +konnte, die breite Partisane in die Brust, daß dieser rücklings +hinabstürzte. »Verrat!« schrie er noch einmal. + +Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang über die Leiche +hinweg, eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von +Byzanz. Da krachten unten Beilschläge: das Pförtchen fiel, von innen +eingeschlagen, hinaus und mit gellendem Jauchzen jagten – schon war es +ganz dunkel geworden – die Hunnen zu Tausenden in die Stadt. + +Da war alles aus. + +Ein Teil stürzte sich mordend in die Straßen, ein Haufe brach die nächsten +Thore ein, den Brüdern draußen Eingang schaffend. + +Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Häuflein aus dem Kastell herbei: +er hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben: umsonst: ein Wurfspeer +streckte ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert +treuen Goten, die ihn noch umgaben. + +Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Wällen flattern sahen, erhoben +sich – unter Führung alter Römerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des +Syrers, – ein eifriger Anhänger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward, +da er sie hemmen wollte, erschlagen – auch die Bürger von Neapolis: sie +entwaffneten die einzelnen Goten in den Straßen und schickten, +glückwünschend und dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine +Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem glänzenden Stab umgeben, zur +Porta Capuana hereinritt. + +Aber finster furchte er die majestätische Stirn und ohne seinen Rotscheck +anzuhalten, sprach er: »Fünfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst +lag ich längst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, daß das dem Kaiser +an Recht und mir an Ruhm entzieht? Fünfzehn Tage lang hat sich eure +Feigheit, eure schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen +lassen. Die Strafe für diese fünfzehn Tage seien nur fünfzehn Stunden – +Plünderung. Ohne Mord: – die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers – +ohne Brand: denn die Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der +Führer der Goten? Tot?« + +»Ja,« sprach Johannes, »hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel.« + +»Den meine ich nicht!« sprach Belisar. »Ich meine den jungen, den Totila. +Was ward aus ihm? Ich muß ihn haben.« + +»Herr,« sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot, +vortretend, »wenn ihr mein Haus und Warenlager von der Plünderung +ausnehmt, will ich’s euch wohl sagen.« + +Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden. +»Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht +dich sprechen.« + +»Erbarmen! Gnade!« schrie der Geängstigte. »Der Seegraf eilte mit wenigen +Reitern während der Waffenruhe hinaus, Verstärkung zu holen vom Castellum +Aurelians: er kann jeden Augenblick zurückkehren.« + +»Johannes,« rief Belisar, »der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir +müssen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt? +das Thor besetzt?« + +»Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen können.« sprach +Johannes. + +»Auf! Blitzesschnell! wir müssen ihn hereinlocken! + +Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und +auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet +auf die Wälle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht +meinen Leibwächtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein! +dreihundert Mann in der Nähe des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie +er das Fallgitter hinter sich hat, läßt man’s nieder. Ich will ihn lebend +fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz.« + +»Gieb mir das Amt, mein Feldherr,« bat Johannes. »Ich schuld’ ihm noch +Vergeltung für einen Kernhieb.« Und er flog zurück zur Porta Capuana, ließ +die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine +Maßregeln. + +Da drängte sich eine verschleierte Gestalt heran: »Um der Güte Gottes +willen,« flehte eine liebliche Stimme, »ihr Männer, laßt mich heran! Ich +will ja nur seine Leiche, – o gebt Acht! sein weißer Bart! o mein Vater.« +Es war Miriam, die der Lärm plündernder Hunnen aus der Kirche nach Hause +gescheucht hatte. Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere +zurück und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme. + +»Weg, Mädel!« rief der nächste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein +Söldner von Byzanz: – Garizo hieß er. »Halt uns nicht auf! wir müssen den +Weg säubern! In den Graben mit dem Juden!« + +»Nein, nein!« rief Miriam und stieß den Mann zurück. + +»Weib!« schrie dieser zornig und hob das Beil. – + +Aber die Arme schützend über des Vaters Leiche breitend und mit +leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: – wie gelähmt +hielt der Krieger inne: »Du hast Mut, Mädel!« sagte er, das Beil senkend. +»Und schön bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was kann ich dir +Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen.« – »Wenn der Gott meiner +Väter dein Herz gerührt,« bat Miriams herzgewinnende Stimme, »hilf mir die +Leiche dort im Garten bergen: – das Grab hat er sich lange selbst +geschaufelt, – neben Sarah, meiner Mutter, das Haupt gegen Osten.« – »Es +sei!« sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er faßte die +Knie der Leiche: wenige Schritte führten sie in den kleinen Garten: da lag +ein Stein unter Trauerweiden: der Mann wälzte ihn weg und sie senkten die +Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. – + +Ohne Worte, ohne Thränen starrte Miriam in die Grube: sie fühlte sich so +arm jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte +darüber. »Komm!« sagte er dann. – »Wohin?« fragte Miriam tonlos. – »Ja, +wohin willst du?« – »Das weiß ich nicht! – Hab Dank,« sprach sie und nahm +ein Amulett vom Halse und reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumünze +vom Jordan, aus dem Tempel. + +»Nein!« sagte der Mann und schüttelte das Haupt. + +Er nahm ihre Hand und legte sie über seine Augen. + +»So,« sagte er, »das wird mir gut thun mein Leben lang. Jetzt muß ich +fort, wir müssen den Grafen fangen, den Totila. Leb wohl.« + +Dieser Name schlug in Miriams Herz: – noch einen Blick warf sie auf das +stille Grab und hinaus schlüpfte sie aus dem Gärtchen. Sie wollte zum +Thore hinaus auf die Straße: aber das Fallgitter war gesenkt, an den +Thoren standen Männer mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie +um sich. + +»Ist alles vollzogen, Chanaranges?« – »Alles, er ist so gut wie gefangen.« +– »Horch, vor dem Wall, – Pferdegetrappel – sie sind’s! zurück, Weib.« + +Draußen aber sprengten einige Reiter die Straße heran gegen das Thor. + +»Auf! auf, das Thor,« rief Totila von weitem. Da spornte Thorismuth sein +Roß heran. »Ich weiß nicht, ich traue nicht!« rief er, »die Straße war wie +ausgestorben und ebenso drüben das Lager der Feinde: kaum ein paar +Wachtfeuer brennen.« + +Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. »Der Bursch bläst ja +gräßlich!« sprach Thorismuth zürnend. »Es wird ein Welscher sein,« meinte +Totila. »Gebt die Losung,« rief’s herab auf lateinisch. »Neapolis,« +antwortete Totila entgegen. »Hörst du’s? Uliaris hat die Bürger bewaffnen +müssen. Auf das Thor! ich bringe frohe Kunde,« fuhr er fort zu den oben +Aufgestellten, »vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuß: und Italien hat +einen neuen König.« + +»Wer ist’s?« fragte es leise drinnen. »Der auf dem weißen Roß, der erste.« +Da sprangen die Thorflügel auf, gotische Helme füllten den Eingang, +Fackeln glänzten, Stimmen flüsterten. + +»Auf mit dem Fallgitter,« rief Totila, dicht heranreitend. Spähend blickte +Thorismuth vor, die Hand vor den Augen. »Sie haben gestern getagt zu +Regeta,« fuhr Totila fort, »Theodahad ist abgesetzt und Graf Witichis +...« – + +Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Roß den Sporn +geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe +der Krieger. »Flieh,« rief sie, »Feinde über dir! die Stadt ist gefallen!« +Aber sie konnte nicht vollenden: ein Lanzenstoß durchbohrte ihre Brust. + +»Miriam!« schrie Totila entsetzt und riß sein Pferd zurück. + +Doch Thorismuth, der längst Argwohn geschöpft, zerhieb, rasch +entschlossen, mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende +Seil, an dem das Thor auf und nieder ging, daß es dröhnend vor Totila +niederschlug. + +Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. »Auf das Gitter! +Hinaus auf sie!« rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht. + +»Miriam, Miriam,« rief er im tiefsten Schmerz. Da schlug sie nochmal die +Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklärten Blick: – +dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. »Für dich!« +hauchte sie und fiel zurück. – Da vergaß er Neapolis und die Todesgefahr. +»Miriam,« rief er nochmals, beide Hände gegen sie ausbreitend. – + +Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das +edle Tier hochbäumend zurück. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da +faßte Thorismuth nach Totilas Zügel, riß das Pferd herum und gab ihm einen +Schlag mit der flachen Klinge, daß es hinwegschoß. »Auf und davon, Herr,« +rief er, »ja, sie müssen flink sein, die uns einholen.« Und brausend +sprengten die Reiter auf der Via Capuana den Weg zurück, den sie gekommen; +nicht weit verfolgte sie Johannes, im Dunkel der Nacht und des Wegs +unkundig. Bald begegnete ihnen die heranziehende Besatzung vom Kastell +Aurelians: auf einem Hügel machten sie Halt, von wo man die Stadt mit +ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Wällen, +liegen sah. + +Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betäubung +auf. »Uliaris!« seufzte er, »Miriam!« »Neapolis, – wir sehen uns wieder.« +Und er winkte zum Aufbruch gen Rom. + +Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit +dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben +für immerdar. + +Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte, +rief er, vom Pferde springend, mit wütiger Stimme: »Wo ist die Dirne, die +ihn gewarnt? Werft sie vor die Hunde.« Und er eilte zu Belisar, das +Mißgeschick zu melden. + +Aber niemand wußte zu sagen, wohin der schöne Leichnam geraten. Die Rosse +hätten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wußte es besser: +Garizo, der Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend +Kind, auf seinen starken Armen davongetragen in das nahe Gärtchen, hatte +die Steinplatte von dem kaum geschlossenen Grabe gewälzt und die Tochter +sorglich an des Vaters Seite gelegt: dann hatte er sie still betrachtet. + +Aus der Ferne scholl das Getöse der geplünderten Stadt, in der die +Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar +die Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert +unter sie fahrend, Einhalt schuf. – + +Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, daß er nicht wagte, wie er so +gern gewollt, sie zu küssen. So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und +brach eine Rose, die neben dem Grabe blühte, und legte sie ihr auf die +Brust. Dann wollte er fort, seinen Teil an der Plünderung zu nehmen. Aber +es ließ ihn nicht fort: er wandte sich wieder um. Und er hielt die Nacht +über, an seinen Speer gelehnt, Totenwacht am Grabe des schönen Mädchens. + +Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen, +den ihn die Mutter daheim an der Liusacha gelehrt. Aber es war ihm nicht +genug: andächtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und als +die Sonne emporstieg, schob er sorgfältig den Stein über das Grab und +ging. + +So war Miriam spurlos verschwunden. + +Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an Totila hing, erzählte, +schönheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen, ihn zu retten, und +wieder aufgefahren gen Himmel. + + + + + Sechstes Kapitel. + + +Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu +Regeta. + +Und Totila stieß schon bei Formiä auf seinen Bruder Hildebad, den König +Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte, die +Besatzung der Stadt zu verstärken, bis er selbst mit einem größeren Heere +zum Entsatz herbeieilen könne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten die +Brüder nichts andres thun, als sich auf die Hauptmacht, nach Regeta, +zurückziehen, wo Totila seinen traurigen Bericht von den letzten Stunden +von Neapolis erstattete. Der Verlust der dritten Stadt des Reiches, des +dritten Hauptbollwerks Italiens, mußte den ganzen Kriegsplan der Goten +verändern. + +Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert: es waren +gegen zwanzigtausend Mann. Diese, mit der kleinen Schar, die Graf Teja +eigenmächtig zurückgeführt, waren im Augenblick die ganze verfügbare +Macht: bis die starken Heere, die Theodahad weit weg nach Südgallien und +Noricum, nach Istrien und Dalmatien entsendet, wiewohl sofort zur +schnellen Rückkehr aufgefordert, einzutreffen vermochten, konnte ganz +Italien verloren sein. + +Gleichwohl hatte der König beschlossen, sich mit diesen zwanzig +Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den +Zufluß der Italier auf mehr als die dreifache Übermacht angeschwollenen +Heere der Feinde bis zum Eintreffen der Verstärkungen Widerstand zu +leisten. Aber jetzt, da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen, gab +Witichis den Plan, sich ihm entgegenzustellen, auf. Sein ruhiger Mut war +ebensoweit von Tollkühnheit wie von Zagheit entfernt. + +Ja, der König mußte seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren +Entschluß abringen. Während in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in +dem Lager vor Rom sich der Schmerz und der Grimm der Goten in +Verwünschungen über den Verräter Theodahad, über Belisar, über die Italier +Luft machte, während schon die kecke Jugend hier und da anhob, auf das +Zaudern des Königs zu schelten, der sie nicht gegen diese Griechlein +führen wolle, deren je vier auf einen Goten gingen, während der Ungestüm +des Heeres schon über den Stillstand grollte, gestand sich der König mit +schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurückzuweichen und selbst +Rom vorübergehend preiszugeben. + +Tag für Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer anwachse: aus Neapolis +allein führte er zehntausend Mann – als Geiseln zugleich und +Kampfgenossen, – von allen Seiten strömten die Welschen zu seinen Fahnen: +von Neapolis bis Rom war kein Waffenplatz fest genug, Schutz gegen solche +Übermacht zu gewähren und die kleineren Städte an der Küste öffneten dem +Feind mit Jubel die Thore. + +Die gotischen Familien aus diesen Gegenden flüchteten in das Lager des +Königs und berichteten, wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis +Cumä und Atella sich ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das +starke Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische, +saracenische und maurische Reiter, bei Formiä. Das Gotenheer erwartete und +verlangte eine Schlacht vor den Thoren Roms. + +Aber längst hatte Witichis die Unmöglichkeit erkannt, mit zwanzigtausend +Mann einem Belisar, der bis dahin hunderttausend zählen konnte, im offnen +Feld entgegenzutreten. Eine Zeit lang hegte er die Hoffnung, die mächtigen +Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cethegus, gegen die byzantinische +Überflutung halten zu können: aber bald mußte er auch diesen Gedanken +aufgeben. + +Die Bevölkerung Roms zählte, dank dem Präfekten, mehr waffenfähige und +waffengeübte Männer denn seit manchem Jahrhundert: und stündlich +überzeugte sich der König, von welcher Gesinnung diese beseelt waren. +Schon jetzt hielten die Römer kaum noch ihren Haß wider die Barbaren +zurück: es blieb nicht bei feindlichen und höhnischen Blicken: schon +konnten sich Goten in den Straßen nur in guter Bewaffnung und großen +Scharen blicken lassen: täglich fand man vereinzelte gotische Wachen von +hinten erdolcht. + +Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, daß diese Elemente des +Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und mächtigen +Häuptern: den Spitzen des römischen Adels und des römischen Klerus. Er +mußte sich sagen, daß, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde, das +Volk von Rom sich erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine +gotische Besatzung erdrücken würde. + +So hatte Witichis den schweren Entschluß gefaßt, Rom, ja ganz +Mittelitalien aufzugeben, sich nach dem festen und verlässigen Ravenna zu +werfen, hier die mangelhaften Rüstungen zu vollenden, alle gotischen +Streitkräfte an sich zu ziehen und dann mit einem gleich starken Heere den +Feind aufzusuchen. + +Er war ein Opfer, dieser Entschluß. + +Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust und +es war seinem Mut eine herbe Zumutung, anstatt frisch drauf loszuschlagen, +zurückweichend seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht +rühmlich war es für den König, der um seiner Tapferkeit willen auf den +Thron des feigen Theodahad gehoben worden, wenn er sein Regiment mit +schimpflicher Flucht begann: er hatte Neapolis verloren in den ersten +Tagen seiner Herrschaft: sollte er jetzt freiwillig Rom, die Stadt der +Herrlichkeiten, sollte er mehr als die Hälfte von Italien preisgeben? Und +wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes willen, – wie mußte das Volk +von ihm denken? Diese Goten mit ihrem Ungestüm, ihrer Verachtung der +Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu erzwingen? Denn ein +germanischer König hatte mehr zu raten, vorzuschlagen, als zu befehlen und +zu gebieten. Schon mancher germanische König war von seinem Volksheer +wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden. Er fürchtete +ein Gleiches: und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im Lager +zu Regeta in seinem Zelte auf und ab. + +Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen: +»Auf, König der Goten,« rief eine leidenschaftliche Stimme, »jetzt ist +nicht Zeit, zu schlafen!« – »Ich schlafe nicht, Teja,« sprach Witichis, +»seit wann bist du zurück? Was bringst du?« – »Eben schritt ich ins Lager, +der Tau der Nacht ist noch auf mir. Wisse zuerst: sie sind tot.« – »Wer?« +– »Der Verräter und die Mörderin!« – »Wie? du hast sie beide erschlagen?« +– »Ich schlage keine Weiber. Theodahad, dem Schandkönig, folgte ich zwei +Tage und zwei Nächte. Er war auf dem Weg nach Ravenna, er hatte starken +Vorsprung. Aber mein Haß war noch rascher als seine Todesangst. Schon bei +Narnia holte ich ihn ein: zwölf Sklaven begleiteten seine Sänfte: sie +hatten nicht Lust, für den Elenden zu sterben: sie warfen die Fackeln weg +und flohn. + +Ich riß ihn aus der Sänfte und drückte ihm sein eigenes Schwert in die +Faust: er aber fiel nieder, bat um sein Leben und führte zugleich einen +heimtückischen Stoß nach mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit +drei Streichen. Einen für das Reich: und zwei für meine Eltern. Und ich +hing ihn an seinem goldenen Gürtel auf, an der offenen Heerstraße, an +einem dürren Eibenbaum: da mag er hangen, ein Fraß für die Vögel des +Himmels, eine Warnung für die Könige der Erde.« + +»Und was ward aus ihr?« + +»Sie fand ein schrecklich Ende!« sprach Teja schaudernd. + +»Als ich von hier nach Rom kam, wußte man nur, daß sie verschmäht, den +Feigling zu begleiten: er floh allein. Gothelindis aber rief seine +kappadokische Leibwache zusammen und verhieß den Männern goldne Berge, +wenn sie zu ihr halten und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona +sich werfen wollten. + +Die Söldner schwankten und wollten erst das verheißne Gold sehen. Da +versprach Gothelindis, es zu bringen und ging. Seitdem war sie +verschwunden. Wie ich wieder durch Rom kam, war sie freilich gefunden.« – +»Nun?« – »Sie hatte sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne Führer, +einen dort vergrabnen Schatz zu holen. Sie muß sich in diesem Labyrinth +verirrt haben, sie fand den Ausgang nicht mehr. Suchende Söldner trafen +sie noch lebend: ihre Fackel war nicht herabgebrannt, sondern fast völlig +erhalten: sie mußte alsbald erloschen sein, nachdem sie die Höhlung +beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: lange Todesangst, +Verzweiflung haben dieses böse Weib zermürbt: sie starb, sowie sie ans +Tageslicht gebracht war.« + +»Schrecklich!« rief Witichis. – »Gerecht!« sagte Teja. »Aber höre weiter.« + +Eh’ er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand und andre +gotische Führer ins Zelt: »Weiß er’s?« fragte Totila. – »Noch nicht,« +sagte Teja. – »Empörung!« rief Hildebad! »Empörung! Auf, König Witichis, +wehre dich deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Füße.« + +»Was ist geschehn« fragte Witichis ruhig. + +»Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich empört. Er ist gleich +nach deiner Wahl davongeritten gegen Florentia, wo sein älterer Bruder, +der stolze Herzog von Tuscien, Guntharis, haust und herrscht. Da haben die +Wölsungen viel Anhang gefunden, haben die Goten überall aufgerufen gegen +dich zum Schutz der »Königslilie«, wie sie sie nennen: Mataswintha sei die +Erbin der Krone. Sie haben sie als Königin ausgerufen. Sie weilte in +Florentia, fiel also gleich in ihre Gewalt. Man weiß nicht, ist sie +Guntharis Gefangene oder Arahads Weib. Nur das weiß man, daß sie avarische +und gepidische Söldner geworben, den ganzen Anhang der Amaler und ihre +ganze Sippe und Gefolgschaft, zu all’ dem großen Anhang der Wölsungen, +bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernkönig: sie wollen Ravenna +gewinnen!« + +»O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften!« rief +Hildebad zornig. »Ich will dir diese Königin der Goten samt ihrem adeligen +Buhlen in einem Vogelkäfig gefangen bringen.« + +Aber die andern machten besorgte Gesichter. »Es sieht finster her!« sprach +Hildebrand. »Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns: – im Rücken das +schlangenhafte Rom, – all’ unsre Macht noch fünfzig Meilen fern – und +jetzt noch Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches! der Donner +schlag’ in dieses Land.« + +Aber Witichis blieb ruhig und gefaßt wie immer. Er strich mit der Hand +über die Stirn. »Es ist vielleicht gut so,« sagte er dann. »Jetzt bleibt +uns keine Wahl. Jetzt _müssen_ wir zurück.« – »Zurück?« fragte Hildebad +zürnend. – »Ja! Wir dürfen keinen Feind im Rücken lassen. Morgen brechen +wir das Lager ab und gehn ...« – »Gegen Neapolis vor?« sagte Hildebad. – +»Nein! Zurück nach Rom! Und weiter, nach Florentia, nach Ravenna! Der +Brand der Empörung muß zertreten sein, eh’ er noch recht entglommen.« – +»Wie? du weichst vor Belisar zurück?« – »Ja, um desto stärker vorzugehen, +Hildebad! Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurück, den tödlichen Pfeil +zu schnellen.« – »Nimmermehr!« sprach Hildebad, »das kannst – das darfst +du nicht.« + +Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die +Schulter: »Ich bin dein König. Du hast mich selbst gewählt. Hell klang vor +andern _dein_ Ruf: »Heil König Witichis!« Du weißt es, Gott weiß es: nicht +ich habe die Hand ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr habt sie mir auf das +Haupt gedrückt: nehmt sie herunter, wenn ihr sie mir nicht mehr +anvertraut. Aber solang ich sie trage, traut mir und gehorcht: sonst seid +ihr mit mir verloren.« + +»Du hast recht,« sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt. »Vergieb +mir! Ich mach’ es gut im nächsten Gefecht.« + +»Auf, meine Feldherrn,« schloß Witichis, den Helm aufsetzend, »du, Totila, +eilst mir in wicht’ger Sendung zu den Frankenkönigen nach Gallien: ihr +andern, fort zu euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang +geht’s nach Rom.« + + + + + Siebentes Kapitel. + + +Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der Goten in Rom, finden wir die +jungen »Ritter«: Lucius und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus, +den Feisten, Julianus, den jungen Juristen, bei Cethegus dem Präfekten in +vertrautem Gespräch. + +»Das also ist die Liste der blinden Anhänger des künftigen Papstes +Silverius, meiner schlimmsten Argwöhner? Ist sie vollständig?« – »Sie ist +es. Es ist ein hartes Opfer,« rief Lucius Licinius, »das ich dir bringe, +Feldherr. Hätt’ ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar aufgesucht, +ich hätte jetzt schon Neapolis mit belagert und bestürmt, statt daß ich +hier die Katzentritte der Priester belausche und die Plebejer marschieren +und in Manipeln schwenken lehre.« – »Sie lernen’s doch nie wieder,« meinte +Marcus. + +»Geduldet euch,« sagte Cethegus ruhig, ohne von einer Papyrusrolle +aufzublicken, die er in der Hand hielt. »Ihr werdet euch bald genug und +lang genug mit diesen gotischen Bären balgen dürfen. Vergeßt nicht, daß +das Raufen doch nur Mittel ist, nicht Zweck.« + +»Weiß nicht,« zweifelte Lucius. + +»Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht,« sprach Cethegus; +»wir müssen diese Römer wieder an Schild und Schwert gewöhnen, sonst –« +der Ostiarius meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten +die jungen Römer. + +»Laß ihn ein!« sprach Cethegus, seine Schreibereien in einer Kapsel +bergend. Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger, +einen gotischen Helm auf dem Haupt, herein und warf sich an des Präfekten +Brust. + +»Julius!« sprach dieser kalt zurücktretend. »Wie sehn wir uns wieder! Bist +du denn ganz ein Barbar geworden. Wie kamst du nach Rom?« + +»Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: ich komme aus dem +rauchenden Neapolis.« – »Ei,« grollte Cethegus, »hast du mit deinem +blonden Freund gegen Italien gestritten? Das steht einem Römer gut! Nicht +wahr, Lucius?« – »Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in +diesem Krieg, dem unseligen. Weh denen, die ihn entzündet.« + +Cethegus maß ihn mit kalten Blicken. »Es ist unter meiner Würde und über +meiner Geduld, einem Römer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten. +Wehe, daß ein solcher Abtrünniger mein Julius. Schäme dich vor diesen +deinen Altersgenossen. Seht, römische Ritter, hier ist ein Römer ohne +Freiheitsdurst, ohne Zorn auf die Barbaren!« + +Aber ruhig schüttelte Julius das Haupt. »Du hast sie noch nicht gesehen, +die Hunnen und Massageten Belisars, die euch die Freiheit bringen sollen. +Wo sind denn die Römer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben +seine Fesseln abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? Justinian kämpft mit +den Goten, nicht wir. Wehe dem Volk, das ein Tyrann befreit.« + +Cethegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte solche Worte nicht +billigen vor Fremden: »Ich muß allein mit diesem Philosophen disputieren. +Berichtet mir, wenn bei den Frommen etwas geschieht.« + +Und die Kriegstribunen gingen, mit verächtlichen Blicken auf Julius. + +»Ich möchte nicht hören, was die von dir reden!« sagte Cethegus, ihnen +nachsehend. – »Das gilt mir gleich. Ich folge meinen eignen und nicht +fremden Gedanken.« – »Er ist Mann geworden,« sagte Cethegus zu sich +selbst. + +»Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen Krieg verfluchen, +führen mich hierher. Ich komme, dich zu retten und zu entführen aus dieser +schwülen Luft, aus dieser Welt von Falschheit und Lüge. Ich bitte dich, +mein Freund, mein Vater: folge mir nach Gallien.« – »Nicht übel,« lächelte +Cethegus. »Ich soll Italien aufgeben im Augenblick, da die Befreier nahen! +Wisse: ich war es, der sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht, +den du verfluchst.« – »Ich dacht’ es wohl,« sprach Julius schmerzlich. +»Aber wer befreit uns von den Befreiern, wer endet diesen Kampf?« + +»Ich,« sprach Cethegus ruhig und groß. »Und du, mein Sohn, sollst mir +dabei helfen. Ja, Julius, dein väterlicher Freund, den du so kalt und +nüchtern schiltst, hat auch eine begeisterte Schwärmerei, wenn auch nicht +für Mädchenaugen und gotische Freundschaften. Laß diese Knabenspiele +jetzt, du bist ein Mann. Gieb mir die letzte Freude meines öden Lebens und +sei der Genosse meiner Kämpfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom, +Freiheit, Macht! Jüngling, können dich diese Worte nicht rühren? Denk’ +dir,« fuhr er, wärmer werdend, fort, »diese Goten, diese Byzantiner – ich +hasse sie wie du – die einen durch die andern erschöpft, aufgerieben, und +über den Trümmern ihrer Macht erhebt sich Italien, Rom in alter +Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Hügel thront wieder der Herrscher +über Morgen- und Abendland: eine neue römische Weltherrschaft, stolzer als +sie dein cäsarischer Namensvetter geträumt, verbreitet Zucht, Segen und +Furcht über die Erde ...« – + +»Und der Herrscher dieses Weltreichs heißt – Cethegus Cäsarius!« + +»Ja – und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, du bist kein Mann, wenn +dich dies Ziel nicht lockt!« + +Julius sprach bewundernd: »Mir schwindelt! Das Ziel ist sternenhoch: aber +deine Wege, – sie sind nicht gerade. Ja, wären sie gerade, bei Gott, ich +teilte deinen Gang. + +Ja, rufe die römische Jugend zu den Waffen, herrsche beiden Barbarenheeren +zu: »Räumt das heilige Latium!« führe einen offnen Krieg gegen die +Barbaren und gegen die Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und +fallen!« – »Du weißt recht gut, daß dieser Weg unmöglich ist.« – »Und +deshalb – ist’s dein Ziel!« – »Thor, erkennst du nicht, daß es gewöhnlich +ist, aus gutem Stoff ein Gebilde fertigen, daß es aber göttlich ist, aus +dem Nichts, nur mit eigner schöpferischer Kraft, eine neue Welt schaffen.« +– »Göttlich? durch List und Lüge? Nein.« – »Julius!« – »Laß mich offen +sprechen, deshalb bin ich gekommen. + +O könnt ich dich zurückrufen von dem dämonischen Pfade, der dich sicher in +Nacht und Verderben führt. Du weißt, – wie ich dein Bild verehre und +liebe. Es will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, Goten, +Römer von dir flüstern.« + +»Was flüstern sie?« fragte Cethegus stolz. + +»Ich mag’s nicht denken: aber alles, was in diesen Zeiten Furchtbares +geschehen: Athalarichs, Kamillas, Amalaswinthens Untergang, der Byzantiner +Landung, – du wirst dabei genannt, wie der Dämon, der alles Böse schafft. +Sage mir, schlicht und treu, daß du frei bist von dunkeln« – + +»Knabe!« fuhr Cethegus auf, »willst du mir zur Beichte sitzen und zu +Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, eh du die Mittel schiltst. + +Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien? Wer das Große +will, muß das Große thun, nennen’s die Kleinen gut oder schlecht.« – »Nein +und dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch dem Ziel, zu +dem nur Frevel führen. Hier scheiden sich unsre Pfade.« + +»Julius, geh nicht! Du verschmähst, was noch nie einem Sterblichen geboten +ward. Laß mich einen Sohn haben, für den ich ringe, dem ich die Erbschaft +meines Lebens hinterlassen kann.« – »Fluch und Lüge und Blut kleben daran. +Und sollt ich sie schon jetzt antreten: – ich will sie nie! Ich gehe, daß +sich dein Bild nicht noch mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um +Eins: wann der Tag kommt (und er wird kommen), da dich ekelt all des +Blutes und des frevlen Trachtens und des Zieles selbst, das solche Thaten +fordert, – – dann rufe mir: ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und +will dich losringen und loskaufen von den dämonischen Mächten und sei’s um +den Preis meines Lebens.« + +Leichter Spott zuckte zuerst um des Präfekten Lippe, aber er dachte: »Er +liebt mich noch immer. – Gut, ich werde ihn rufen, wenn das Werk +vollendet: laß sehen, ob er ihm dann widerstehen kann, ob er den Thron des +Erdkreises ausschlägt.« – »Wohl,« sagte er, »ich werde dich rufen, wenn +ich dein bedarf. Leb wohl.« Und mit kalter Handbewegung entließ er den +Heißbewegten. + +Aber als die Thüre hinter ihm zugefallen, nahm der eisige Präfekt ein +kleines Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es +lang. Dann wollte er es küssen. Aber plötzlich flog der höhnische Zug +wieder um seine Lippen. »Schäme dich vor Cäsar, Cethegus,« sagte er, und +legte das Medaillon wieder in die Kapsel. Es war ein Frauenkopf und Julius +sehr ähnlich. + + + + + Achtes Kapitel. + + +Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der Sklave brachte die zierliche +Bronzelampe, korinthische Arbeit: ein Adler, der im Schnabel den +Sonnenball trägt, gefüllt mit persischem Duftöl. »Ein gotischer Krieger +steht draußen, Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr +unscheinbar aus. Soll er die Waffen ablegen?« »Nein,« sagte Cethegus, »wir +fürchten die Barbaren nicht. Laß ihn kommen.« Der Sklave ging und Cethegus +legte die Rechte an den Dolch im Busen seiner Tunika. + +Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze über den Kopf geschlagen: +er warf sie jetzt zurück. + +Cethegus trat erstaunt einen Schritt näher. »Was führt den König der Goten +zu mir?« + +»Leise!« sprach Witichis. »Es braucht niemand zu wissen, was wir beide +verhandeln. Du weißt: seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in +Rom eingezogen. Du weißt noch nicht, daß wir Rom morgen wieder räumen +werden.« + +Cethegus horchte hoch auf. + +»Das befremdet dich?« – »Die Stadt ist fest,« sagte Cethegus ruhig. »Ja, +aber nicht die Treue der Römer. Benevent ist schon abgefallen zu Belisar. +Ich habe nicht Lust, mich zwischen Belisar und euch erdrücken zu lassen.« + +Vorsichtig schwieg Cethegus, er wußte nicht, wo das hinaus sollte. +»Weshalb bist du gekommen, König der Goten?« – »Nicht um dich zu fragen, +wie weit man den Römern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, daß wir +ihnen so wenig trauen können, die doch Theoderich und seine Tochter mit +Wohltaten überhäuft; – sondern um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir +zu schlichten, zu eurem wie zu unsrem Frommen.« + +Cethegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas, das er +beneidete. Er hätte es gern verachtet. »Wir werden Rom verlassen, und +alsbald werden die Römer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. Ich kann’s +nicht hindern. Man hat mir geraten, die Häupter des Adels als Geiseln mit +hinwegzuführen.« + +Cethegus erschrak und hatte Mühe, das zu verbergen. + +»Dich vor allen, den Princeps Senatus.« – »Mich!« lächelte Cethegus. – +»Ich werde dich hier lassen. Ich weiß es wohl: du bist die Seele von Rom.« + +Cethegus schlug die Augen nieder. »Ich nehme das Orakel an,« dachte er. + +»Aber eben deshalb laß’ ich dich hier. Hunderte, die sich Römer nennen, +wollen die Byzantiner zu ihren Herren, – du, du willst das nicht.« + +Cethegus sah ihn fragend an. + +»Täusche mich nicht! Wolle mich nicht täuschen. Ich bin der Mann +verschlagner Künste nicht. Aber mein Auge sieht der Menschen Art. Du bist +zu stolz, um Justinian zu dienen. Ich weiß, du hassest uns. Aber du liebst +auch diese Griechen nicht und wirst sie nicht länger hier dulden als du +mußt. Deshalb laß ich dich hier: vertritt du Rom gegen die Tyrannen: ich +weiß, du liebst die Stadt.« + +Es war etwas an diesem Mann, das Cethegus zum Staunen zwang. »König der +Goten,« sagte er, »du sprichst klar und groß wie ein König: ich danke dir. +Man soll nicht sagen von Cethegus, daß er die Sprache der Größe nicht +versteht. Es ist, wie du sagst: ich werde mein Rom nach Kräften römisch +erhalten.« + +»Gut,« sagte Witichis, »sieh, man hat mich gewarnt vor deiner Tücke: ich +weiß viel von deinen schlauen Plänen: ich ahne noch mehr: und ich weiß, +daß ich gegen Falschheit keine Waffe habe. Aber du bist kein Lügner. Ich +wußte, ein männlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und Vertrauen +entwaffnet einen Feind, der ein Mann.« + +»Du ehrst mich, König der Goten. + +Ich will dich warnen: weißt du, wer die wärmsten Freunde Belisars?« – »Ich +weiß es: Silverius und die Priester.« – »Richtig. Und weißt du, daß +Silverius, sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofstuhl von +Rom besteigen wird?« + +»So hör’ ich. + +Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzuführen. Ich werd’ es nicht thun. +Die Italier hassen uns genug. Ich will nicht noch in das Wespennest der +Pfaffen stoßen. Ich fürchte die Märtyrer.« + +Aber Cethegus wäre den Priester gern los geworden. »Er wird gefährlich auf +dem Stuhl Petri,« meinte er. + +»Laß ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst +entschieden.« – »Wohlan,« sprach Cethegus, die Papyrusrolle vorzeigend, +»ich habe hier die Namen seiner wärmsten Freunde zufällig beisammen. Es +sind wichtige Männer.« + +Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die Goten sollten so seine +gefährlichsten Feinde als Geiseln mitführen. + +Aber Witichis wies ihn ab. »Laß das! Ich werde gar keine Geiseln nehmen. +Was nützt es, ihnen die Köpfe abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir für Rom +bürgen.« + +»Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten.« + +»Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verlaß’ dich drauf: er wird +auch wieder gehn. Wir Goten werden diesen Feind bezwingen: vielleicht erst +nach hartem Kampf: aber gewiß. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um +Rom.« + +»Einen zweiten?« fragte Cethegus ruhig, »mit wem?« + +Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz +mit einem Auge wie die Sonne: »Mit dir, Präfekt von Rom!« + +»Mit mir!« Und er wollte lächeln, aber er konnte nicht. + +»Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner nicht würdig. Ich weiß +es, für wen du die Türme und Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht für uns +und nicht für die Griechen! für dich! Ruhig! Ich weiß, was du sinnest, +oder ich ahn’ es: kein Wort! Es sei! Sollen Griechen und Goten um Rom +kämpfen und kein Römer? Aber höre: Laß nicht einen zweiten jahrelangen +Krieg unsre Völker hinraffen. + +Wenn wir die Byzantiner niedergekämpft, hinausgeworfen aus unserm Italien, +– dann, Cethegus, will ich dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur +Schlacht unsrer Völker, – zum Zweikampf: Mann gegen Mann, du und ich, wir +wollen’s um Rom entscheiden.« + +Und in des Königs Blick und Ton lag eine Größe, eine Würde und Hoheit, die +den Präfekten verwirrte. Er wollte heimlich spotten der einfältigen +Schlichtheit des Barbaren. Aber es war ihm, als könne er sich selbst nie +mehr achten, wenn er diese Größe nicht zu achten, nicht zu ehren, nicht zu +erwidern fähig sei. So sprach er ohne Spott: »Du träumst, Witichis, wie +ein gotischer Knabe.« + +»Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. Cethegus, du bist der +einzige Römer, den ich würdige, so mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten +sehen im Gepidenkrieg: du bist meines Schwertes würdig. Du bist älter als +ich, wohlan: ich gebe dir den Schild voraus!« + +»Seltsam seid ihr Germanen,« sagte Cethegus unwillkürlich: »was für +Phantasien!« + +Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: »Phantasien? Wehe dir, wenn +du nicht fähig bist, zu fühlen, was aus mir spricht. Wehe dir, wenn Teja +recht behält! Er lachte zu meinem Plan und sprach: »das faßt der Römer +nicht!« Und er riet mir, dich gefangen mitzuführen. Ich dachte größer von +dir und Rom. Aber wisse: Teja hat dein Haus umstellt: und bist du so klein +oder so feig, mich nicht zu fassen, – in Ketten führen wir dich aus deinem +Rom. Schmach dir, daß man dich zwingen muß zur Ehre und zur Größe.« + +Da ergrimmte Cethegus. Er fühlte sich beschämt. Jenes Ritterliche war ihm +fremd und es ärgerte ihn, daß er es nicht verhöhnen konnte. Es ärgerte +ihn, daß man ihn mit Gewalt nötigte, daß man seiner freien Wahl mißtraut +habe. Wütender Haß gegen Tejas Mißachtung wie gegen des Königs brutale +Offenheit loderte in ihm auf. All diese Eindrücke rangen in ihm, er hätte +gern den Dolch in des Germanen breite Brust gestoßen. Fast hätte er vorhin +aus soldatischem Ehrgefühl im vollen Ernst sein Wort gegeben. Jetzt +durchzuckte ihn ein davon sehr verschiedenes, unschönes Gefühl der +Schadenfreude. Sie hatten ihm nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn +gering erachtet: nun sollten sie gewiß betrogen sein! Und mit scharfem +Blick vortretend faßte er des Königs Hand. »Es gilt,« rief er. + +»Es gilt,« sprach Witichis, fest seine Hand drückend. + +»Mich freut es, daß ich recht behielt und nicht Teja. Leb wohl! hüte mir +unser Rom. Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf.« Und er ging. + +»Nun,« sprach Teja draußen mit den andern Goten rasch vortretend, »soll +ich das Haus stürmen?« + +»Nein,« sagte Witichis, »er gab mir sein Wort.« + +»Wenn er’s nur hält!« + +Da trat Witichis heftig zurück. »Teja! dich macht dein finstrer Sinn +ungerecht! + +Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. Cethegus ist ein +Held.« + +»Er ist ein Römer. Gute Nacht!« sagte Teja, das Schwert einsteckend. Und +er ging mit seinen Goten andren Weges. + +Cethegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager. Er war uneins in +sich. Er grollte mit Julius. Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch +mit Teja. Am bittersten mit sich selbst. + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk, Senat und Klerus +der Stadt bei den Thermen des Titus. Von der höchsten Stufe der +Marmortreppe des stolzen Gebäudes herab, die von den Großen des Heeres +besetzt war, hielt der König eine schlichte Ansprache an die Römer. Er +erklärte, daß er auf kurze Zeit die Stadt räumen und zurückweichen werde. +Bald aber werde er wiederkehren. + +Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der Wohlthaten +Theoderichs und Amalaswinthens, und forderte sie auf, Belisar, falls er +heranrücke, mutig zu widerstehen, bis die Goten zum Entsatz wieder +heranrückten: der Römer wieder an die Waffen gewöhnte Legionare und ihre +starken Mauern machten langen Widerstand möglich. + +Zuletzt forderte er den Eid der Treue und ließ sie nochmals feierlich +schwören, daß sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen +wollten. Die Römer zögerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager +Belisars und sie scheuten den Meineid. + +Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her: und an dem +flavischen Amphitheater vorbei zog eine große Prozession von Priestern mit +Psalmengesang und Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet +gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den Archidiakon, zu +seinem Nachfolger gewählt. + +Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran: die Insignien +der Bischofswürde von Rom wurden vorausgetragen: silberstimmige Knaben +sangen in süßen und doch weihevollen Weisen. + +Endlich nahte die Sänfte des Papstes: offen, breit, reichvergoldet, einem +Schiffe nachgebildet. Die Träger gingen langsam, Schritt für Schritt, nach +dem Takt der Musik, von ringsum drängendem Volk umwogt, das nach dem Segen +seines neuen Bischofs verlangte. + +Silverius spendete unablässig denselben, mit seinem klugen Haupte rechts +und links hin nickend. + +Eine große Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Söldnern +schloß die Prozession. Sie hielt inne, als sie in die Mitte des Platzes +gelangt war. + +Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, gotischen Krieger, +die alle Mündungen des Platzes besetzt hielten, den stolzen, +prachtentfaltenden Aufzug der ihnen feindlichen Kirche, indes die Römer +die Ankunft ihres Seelenhirten um so freudiger begrüßten, als seine Stimme +ihre Gewissenszweifel wegen des zu leistenden Eides lösen sollte. + +Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen, +als der Arm eines turmlangen Goten, über die Brüstung der Sänfte +hereinlangend, ihn an dem goldbrokatnen Mantel zupfte. + +Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Störung wandte Silverius das strenge +Gesicht, aber uneingeschüchtert sprach der Gote, den Ruck wiederholend: +»Komm, Priester, du sollst hinauf zum König.« + +Silverius hätte es angemessener gefunden, wenn der König zu ihm +heruntergekommen wäre, und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen +Mienen zu lesen. Denn er rief: »’s ist nicht anders! duck’ dich, +Pfäfflein!« + +Und damit drückte er einen der die Sänfte tragenden Priester an der +Schulter nieder: die Träger ließen sich nun auf die Kniee herab und +seufzend stieg Silverius heraus, Hildebad auf die Treppe folgend. + +Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine Hand, trat mit ihm +vor, an den Rand der Treppe, und sprach: »Ihr Männer von Rom, diesen hier +haben eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die Wahl: +er sei Papst, sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue +für mich abgenommen hat. Schwöre, Priester!« + +Nur einen Augenblick war Silverius betroffen. + +Aber sogleich wieder gefaßt, wandte er sich mit salbungsvollem Lächeln zu +dem Volk, dann zum König. »Du befiehlst?« sprach er. + +»Schwöre,« rief Witichis, »daß du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten +wirst, diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten, denen sie soviel +verdankt; in allen Stücken uns zu fördern, unsre Feinde aber zu schädigen. +Schwöre Treue den Goten.« + +»Ich schwöre,« sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. »Und so fordre +ich, der ich die Macht habe, die Seelen zu binden und zu lösen, euch, ihr +Römer, umstarret rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu +schwören, wie ich geschworen habe.« + +Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und +erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur. Da besann sich auch die Menge +nicht länger und der Platz erscholl von dem lauten Ruf: »Wir schwören +Treue den Goten.« + +»Es ist gut, Bischof von Rom,« sprach der König. »Wir bauen auf euren +Schwur. Lebt wohl, ihr Römer! Bald werden wir uns wieder sehen.« Und er +schritt die breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm. + +»Jetzt bin ich nur begierig ...« – sagte Teja. + +»Ob sie es halten?« meinte Hildebad. + +»Nein. Gar nicht. Aber wie sie’s brechen. Nun, der Priester wird’s schon +finden.« + +Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus, +die Stadt ihrem Papst und dem Präfekten überlassend, während Belisar in +Eilmärschen auf der Via Latina nahte. + + + + + Neuntes Kapitel. + + +In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben. Die Thore +waren geschlossen: auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche +Wachen, in den Straßen klirrte es von Zügen reisiger Goten und bewaffneter +Söldner: denn die Wölsungen Guntharis und Arahad hatten sich in diese +Stadt geworfen und sie einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes +gegen Witichis gemacht. + +In der schönen Villa, die sich Theoderich in einer Vorstadt am Ufer des +Arnus, aber noch in den Ringmauern der Stadt, gebaut, hausten die beiden +Brüder. + +Herzog Guntharis von Tuscien, der ältere, war ein gefürchteter Kriegsmann +und seit Jahren Graf der Stadt Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen +die Güter des mächtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und +Hintersassen bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne +Schranken und Herzog Guntharis war entschlossen, sie völlig zu gebrauchen. + +In voller Rüstung, den Helm auf dem Haupt, schritt der stattliche Mann +unwillig durch das marmorgetäfelte Zimmer, indes der jüngere Bruder in +schmucker Feiertracht, ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem +Citrustisch lehnte, der von Briefen und Pergamenten bedeckt war. + +»Entschließe dich, mach’ vorwärts, mein Junge!« sprach Guntharis: »es ist +mein letztes Wort. Noch heute bringst du mir das Ja des störrigen Kindes +oder ich – hörst du? – ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe ihr. +Ich weiß besser als du umzuspringen mit einem launischen Mädchenkopf.« + +»Bruder, das wirst du nicht.« + +»Beim Donner, das werd’ ich. Meinst du, ich wage meinen Kopf, ich versäume +das Glück unsres Hauses um deine schmachtende Zartheit? Jetzt oder nie ist +der Augenblick, den Wölsungen endlich die erste Stelle im Volk zu +schaffen, die ihnen gebührt und von der Amaler und Balten sie seit +Jahrhunderten ausgeschlossen. Wird die letzte Amalungentochter dein Weib, +kann niemand dir die Krone bestreiten: und mein Schwert soll sie schon +schützen auf deinem Haupt gegen diesen Bauernkönig Witichis. + +Aber nicht zu lange mehr darf’s währen. Ich habe noch keine Nachricht von +Ravenna: doch ich fürchte, die Stadt wird nur Mataswintha, nicht uns, +zufallen, das heißt, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien, +nachdem Neapolis und Rom verloren: die mächtige Festung müssen _wir_ +haben. Deshalb muß sie dein Weib sein, eh’ wir vor die Rabenmauern ziehen: +sonst wird ruchbar, daß sie mehr unsre Gefangene als unsre Königin.« + +»Wer wünscht das mehr, heißer als ich? aber ich kann sie doch nicht +zwingen?« – »Nicht? warum nicht? Suche sie auf und gewinne sie im guten +oder bösen. Ich gehe, die Wachen auf den Wällen zu verstärken. Bis ich +zurück bin, will ich Antwort!« + +Herzog Guntharis ging: und seufzend machte sich sein Bruder nach dem +Garten auf, Mataswintha zu suchen. + +Der Garten war von einem kunstverständigen Freigelassenen aus Kleinasien +angelegt. Er hatte im Hintergrund einen waldähnlichen Abschluß, der, frei +von Beeten und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengrün noch erhalten +hatte. Diese blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbüsche durchrieselte +ein klarer Bach, mit anmutigem Gewoge. + +Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase hingegossen, lag eine +jugendliche Frauengestalt. Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand +zurückgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den +nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie vor sich hin und +warf wie träumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die +Wellen, mit leise geöffneten Lippen der Blüte nachsehend, die rasch die +klaren Wellen entführten. + +Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Mädchen in maurischer +Sklaventracht, eifrig beschäftigt, einen Kranz fertig zu flechten, an +welchem nur die letzten Verbindungen fehlten: sorgsam spähte die +anmutfeine Kleine manchmal, ob die Träumende ihre heimliche Arbeit nicht +gewahre. + +Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren. + +Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden Augen drückte sie +ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre +Schulter, deren Blick zu suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie +die Blumen ihr Haupt berührten. Da ward die Kleine unwillig und rief mit +schmollend aufgeworfnen Lippen: »Aber Herrin, bei den Palmenwipfeln des +Auras, was denkest du wieder? Bei wem bist du?« + +Mataswintha schlug die leuchtenden Augen auf: »Bei ihm!« flüsterte sie. + +»Weiße Göttin, das trag’ ich nicht mehr!« rief die Kleine aufspringend, +»es ist zu arg, die Eifersucht bringt mich um! Nicht mich, deine Gazelle +nur, auch die eigne Schönheit vergißt du – über dem unsichtbaren Mann: +schau’ doch nur einmal in die Wellen und sieh, wie reizend dein Haar von +den dunkeln Veilchen und weißen Anemonen sich hebt.« + +»Dein Kranz ist schön!« sagte Mataswintha, ihn herunterlangend und dann +leicht in die Wellen werfend, »welch’ süße Blumen! Grüßt ihn von mir.« + +»Ach, meine armen Blumen!« rief die Sklavin, ihnen nachblickend; aber sie +wagte nicht, weiter zu schelten. »Sag’ mir nur,« rief sie, sich wieder +niederlassend, »wie all’ dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele +Tage, wir wissen nicht recht, Königin oder Gefangne? Jedenfalls in fremder +Gewalt: haben den Fuß nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten +Garten gesetzt und wissen nichts von der ganzen Welt. Du aber bist immer +still und selig, als müßte das alles so sein.« + +»Es muß auch alles so sein.« + +»So? und wie wird es enden?« + +»Er wird kommen und wird mich befreien.« + +»Nun, Weißlilie! du hast einen starken Glauben. Wären wir daheim im +Mauretanierland und sähe ich dich Nachts zu den Sternen blicken, so sagte +ich wohl: du habest das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich +begreife das nicht« – und sie schüttelte die schwarzen Locken – »ich werde +dich nie begreifen.« + +»Doch, Aspa! du wirst und sollst,« sprach Mataswintha sich aufraffend, und +zärtlich den weißen Arm um den braunen Nacken schlingend, »deine treue +Liebe verdient längst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe.« + +In der Sklavin dunkles Auge trat eine Thräne. »Lohn?« sprach sie. »Aspa +ward geraubt von wilden Männern mit roten, fliegenden Locken. Aspa ist +eine Sklavin. Alle haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich +gekauft wie man eine Blume kauft. Und du streichelst mir Wange und Haar. +Und bist so schön wie die Göttin der Sonne und sprichst von Lohn?« Und sie +schmiegte das Köpfchen an der Herrin Busen. + +»Du bist meine Gazelle!« sagte diese »und hast ein Herz wie Gold. Du +sollst alles wissen, was niemand weiß, außer mir. Höre also. Ich hatte +eine Kindheit ohne Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge +Seele nach Weichheit, nach Liebe. Meine arme Mutter hatte einen Knaben, +einen Thronerben heiß gewünscht und sicher erwartet: – und mit +Widerwillen, mit Kälte und Härte behandelte sie das Mädchen. Als +Athalarich geboren war, nahm die Härte ab, aber die Kälte nahm zu: dem +Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich hätte es nicht +empfunden, hätte ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz gesehen: +ich fühlte, wie auch er litt unter der kalten Härte seiner Gattin: und oft +drückte mich der kranke Mann mit Seufzen, mit Thränen an die Brust. + +Und als er gestorben und begraben war, da war mir alle Liebe in der Welt +erstorben. Wenig sah ich Athalarich, der von andern Lehrern und im andern +Teil des Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, wenn +sie mich zu strafen hatte. Und doch liebte ich sie so sehr: und doch sah +ich, wie meine Wärterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten, +herzten und küßten: und nach gleicher Wärme verlangte mit aller Macht mein +Herz. + +So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht! + +Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutharich +im stillen Königsgarten zu Ravenna. Da suchte ich bei dem Toten die Liebe, +die ich bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Wärtern +entrinnen konnte, eilte ich dorthin, zu sehnen und zu weinen. Und dies +Sehnen wuchs, je älter ich ward: in Gegenwart der Mutter mußte ich all’ +meine Gefühle zusammenpressen: sie verachtete es, wenn ich sie zeigte. + +Und wie ich vom Kind zum Mädchen heranwuchs, merkte ich wohl, daß die +Augen der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie +bedauerten mich: und das that mir weh. Und öfter und öfter flüchtete ich +zum Grabe des Vaters, bis es der Mutter gemeldet ward: und ich ward +verklagt, daß ich dort weinte und ganz verstört zurückkäme. + +Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab wieder zu besuchen: und +sprach von verächtlicher Schwäche. + +Aber dawider empörte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem +Verbot. Da überraschte sie mich einst daselbst: und schlug mich: und ich +war doch kein Kind mehr: und führte mich in den Palast zurück: und schalt +mich schwer: und drohte, mich zu verstoßen für immer: und fragte im +Scheiden zürnend den Himmel, warum er sie mit einem solchen Kinde +gestraft. + +Das war zu viel. + +Namenlos elend beschloß ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur +Strafe leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wußte +nicht wohin: am liebsten in das Grab zu meinem Vater. + +Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals +an das geliebte Grab zu langem thränenreichem Abschied. Schon gingen die +Sterne auf: da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch +die dunkeln Straßen der Stadt an das faventinische Thor. Glücklich +schlüpfte ich an der Wache vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf +der Straße fort, gradaus in die Nacht, ins Elend. + +Aber auf der Straße kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an +ihm vorüber wollte, schritt er plötzlich heran, sah mir ins Antlitz und +legte die Hand leicht auf meine Schulter: »Wohin, Jungfrau Mataswintha, +allein, in so später Nacht?« + +Ich erbebte unter seiner Hand, Thränen brachen aus meinen Augen und +schluchzend rief ich: »In die Verzweiflung!« + +Da faßte der Mann meine beiden Hände und sah mich an, so freundlich, so +mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Thränen mit seinem Mantel und +sprach in weichem Ton der tiefsten Güte: »Und warum? Was quält dich so?« + +Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich +in sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr mächtig. »Weil +mich die eigne Mutter haßt, weil’s keine Liebe für mich giebt auf Erden.« +– »Kind! Kind! Du bist krank,« sagte er, »und redest irr. Komm, komm mit +mir zurück! Du? warte nur! du wirst noch eine Königin der Liebe werden.« + +Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich für diese Worte, +diese Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte +und zitterte. Es mußte ihn rühren; oder er dachte, es sei die Kälte. + +Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und führte +mich langsam zurück durchs Thor, auf unbelebten Straßen, durch die Stadt +nach dem Palast. + +Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das +Haupt, das er mir sorglich verhüllte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg +und trocknete mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte, +gelangten wir an die Thüre der Palasttreppe: er öffnete sie, schob mich +sanft hinein: dann drückte er mir die Hand. »Gut sein,« sagte er, »und +ruhig. Dein Glück wird dir schon kommen. Und Liebe genug.« Und er legte +leise die Hand auf mein Haupt, schloß die Thüre hinter mir und stieg die +Treppe hinab. + +Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Thür und konnte nicht fort. Mein +Fuß versagte, mein Herz pochte. + +Da hört’ ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach: + +»Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schloß, mein Freund?« Er aber +antwortete: »Du bist’s, Hildebrand? Du verrätst sie nicht! Es war das Kind +Mataswintha: sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, und +fürchtete den Zorn ihrer Mutter.« – »Mataswintha!« sprach der andre, »die +wird täglich schöner.« Und mein Beschützer sprach« – und sie stockte und +flammend Rot schoß über ihre Wangen ... – + +»Nun,« fragte Aspa, sie groß ansehend, »was sagte er?« + +Aber Mataswintha drückte Aspas Köpfchen nieder an ihre Brust. »Er sagte,« +flüsterte sie – »er sagte: – die wird das schönste Weib auf Erden!« + +»Da hat er recht gesagt,« sprach die Kleine, »was brauchst du da rot zu +werden? Ist’s doch so! Nun aber weiter! Was thatest du?« + +»Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Thränen der Trauer, der +Wonne, der Liebe, alles durcheinander. In jener Nacht stieg eine Welt, ein +Himmel in mir auf: er war mir gut, das fühlte ich, und er nannte mich +schön. Ja, jetzt wußt’ ich es: ich war schön, und ich war selig darüber: +ich wollte schön sein: für ihn! O wie glücklich war ich! seine Begegnung +brachte Glanz in mein Dunkel, Segen in mein Leben. Ich wußte jetzt, man +konnte mir gut sein, man konnte mich lieben! Sorglich pflegte ich des +Leibes, den er gelobt. Die süße Macht in meinem Herzen breitete eine milde +Wärme über mein ganzes Wesen: ich ward weicher und inniger: und selbst der +Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich, seit ich nur +sanfte Liebe ihrer Härte entgegengab: und täglich wurden alle Herzen +gütiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle. + +Und all’ das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend +erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe +ich nur für ihn.« Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende +Brust. + +»Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? gesprochen? Lebt deine +Liebe von so karger Kost?« + +»Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am Todestage Theoderichs +befehligte er die Palastwache, da sagte mir Athalarich seinen Namen: denn +nie hätte ich gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, ach, +mein Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: und wann er dort +erscheinen mochte, war ich auf den Villen.« + +»So weißt du weiter gar nichts von ihm, von seinem Leben, von seiner +Vergangenheit.« + +»Wie hätt’ ich forschen können! glühende Scham hätte mich verraten! Lieb’ +ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer +Zukunft weiß ich.« + +»Von eurer Zukunft?« lächelte Aspa. + +»An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von König +Theoderich fremde Kräuter und Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen ließ +und vom Nil. Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafür, daß +sie ihm als Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte: und war alles +eingetroffen aufs Haar: sie braute Salben und mischte Tränke: »das +Waldweib« nannte man sie laut: aber leise: »die Wala, das Zauberweib«. Und +wir alle am Hof wußten – außer den Priestern, die hätten es gewehrt – daß +jede Sommersonnenwende, wann sie kam, der König sich das Jahr vorhersagen +ließ. Und kam sie von ihm heraus, so riefen sie, das wußte ich, meine +Mutter und Theodahad und Gothelindis und fragten sie aus: und nie blieb +noch aus, was sie verkündet. + +Da, in der nächsten Sonnenwende, faßte auch ich mir ein Herz, lauerte der +Alten auf und lockte sie, wie ich sie allein fand, in mein Gemach und bot +ihr Gold und lichte Steine, wenn sie mir weissagen wollte. + +Aber sie lachte und zog ein Fläschchen von Bernstein hervor und sprach: +»Nicht um Gold! Aber um Blut! Um mächtig Blut von einem reinen +Königskind.« + +Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem +Bernstein. Dann sah sie forschend in meine beiden Hände und sang endlich +tonlos: »Den du hältst im Herzen hoch, der giebt dir größten Glanz und +größtes Glück, schafft dir allerschärfsten Schmerz, wird dein Gemahl, dein +Gatte nicht.« Und damit war sie hinaus.« + +»Das ist wenig tröstlich: – soviel ich’s fasse.« + +»Du kennst der Alten Sprüche nicht: sie sind alle so dämmerdunkel: sie +fügt jeder Verheißung eine Drohung bei, für alle Fälle: ich aber halte +mich an das Helle, nicht an das Dunkle. Weissagung erfüllt sich, wie man +sie faßt: ich weiß: er wird mein und bringt mir Glanz und Glück: den +Schmerz daneben will ich tragen: Schmerz um ihn ist Wonne.« + +»Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und auf den Spruch der +Hexe hin hast du ausgeschlagen all’ die Könige und Fürsten, vom Vandalen- +und Westgoten-, Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst +Germanus, den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? und harrst auf +ihn?« + +»Und harr’ auf ihn! Aber nicht des Spruches allein wegen. In meinem Herzen +lebt ein Vögelein, das singt mir alle Tage: »er wird dein, er muß dein +werden.« Ich weiß es sternengewiß,« schloß sie, das Auge zum Himmel +aufschlagend und in die frühere Träumerei versinkend. + +Rasche Schritte tönten von der Villa her. »Ah,« rief Aspa, »dein schmucker +Freier! Armer Arahad, du verlierst deine Mühe!« + +»Ich will dem Spiel ein Ende machen heut’!« sprach Mataswintha, sich +erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren Augen lag jetzt eine zornige +Strenge, die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine +seltsame Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit +in dem Mädchen. Aspa staunte oft über das verhaltne Feuer in ihrer Herrin. +»Du bist wie die Götterberge in meiner Heimat,« sagte sie: »Schnee auf dem +Gipfel: Rosen um den Gürtel: aber im Innern versengendes Feuer: das oft +über Schnee und Rosen strömt.« + +Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem +schönen Weibe mit einem Erröten, das ihm wohl anstand. »Ich komme,« sagte +er, »Königin ...« – + +Aber herb unterbrach sie ihn. »Hoffentlich, Graf von Asta, kommst du, +endlich diesem schnöden Spiel von Gewalt und Lüge ein Ende zu machen. + +Nicht länger will ich’s tragen. Dein kecker Bruder überfällt mich +plötzlich, die wehrlose, in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise, in +meinen Gemächern, nennt mich in einem Atem seine Königin und seine +Gefangene und hält mich wochenlang in unwürdiger Haft. Er bringt mir den +Purpur und nimmt mir die Freiheit. Darauf kommst du und verfolgst mich mit +deiner eiteln Werbung, die dich nie zum Ziele führt. Ich habe dich +verschmäht in der Freiheit: glaubst du, gefangen, in deiner Zwanggewalt, +wird dich, du Thor, das Kind der Amaler erhören? Du schwörst, du liebest +mich? Wohlan, so achte mich. Ehre meinen Willen, laß mich frei. Oder +zittre, wenn mein Befreier naht.« Und drohend trat sie auf den Bestürzten +zu, der keine Worte finden konnte. + +Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntharis herbei, mit funkelnden Augen. + +»Auf, Arahad,« rief er, »komm zu Ende. Wir müssen fort, sogleich. Er naht, +er dringt mit Macht heran.« – »Wer?« fragte Arahad hastig. – »Er sagt, er +kommt sie zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernkönig, und unsre +Vorposten geschlagen bei Castrum Sivium.« + +»Wer?« fragte jetzt Mataswintha eifrig. + +»Nun,« antwortete Guntharis zornig, »jetzt magst du’s erfahren: es ist +doch nicht mehr zu bergen: Graf Witichis von Fäsulä.« + +»Witichis!« hauchte Mataswintha mit leuchtenden Augen und hochaufatmend. + +»Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht des Adels vergessend, +zum König der Goten erhoben.« + +»Er! er mein König!« sprach Mataswintha wie im Traume. + +»Ich hätte dir’s gesagt, schon da ich dich als Königin begrüßte; aber in +deinem Gemach stand seine Marmorbüste, bekränzt. Das war mir verdächtig. +Später sah ich’s: es war ein Zufall: es ist ein Areskopf.« + +Mataswintha schwieg und suchte die glühende Röte zu verbergen, die ihr +Antlitz überflog. + +»Nun,« rief Arahad, »was ist zu thun?« + +»Wir müssen fort. Wir müssen ihm zuvorkommen in Ravenna. Florentia, die +Feste, hält ihn eine Weile auf: indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du +Beilager gehalten in der Burg Theoderichs mit dessen Enkelin, ist alles +Volk der Goten unser. Auf, Königin! Ich lasse deinen Wagen schirren: in +einer Stunde gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen.« Und die +Brüder eilten hinweg. + +Blitzenden Auges sah ihnen Mataswintha nach: + +»Ja, führt mich fort, gefangen und gebunden; wie der Adler aus der Höhe +wird mein König auf euch niederstoßen und mich retten aus eurer Gewalt. +Komm, Aspa, der Befreier naht.« + + + + + Zehntes Kapitel. + + +Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Rücken gewendet, so berief Papst +Silverius – es war am Tage nach seinem Eide – die Spitzen der +Priesterschaft, des Adels, der Beamten und der Bürgerschaft der Stadt in +die Thermen des Caracalla zu einer Beratung über Heil und Gedeihen der +Stadt des heiligen Petrus. Auch Cethegus war geladen und erschienen. + +Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die +Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an +Belisarius, den Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian, des einzig +rechtmäßigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schlüssel der ewigen +Stadt zu überreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und +der Gläubigen gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen. + +Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen +Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er +lächelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu +binden, so zu lösen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter +deren Eindruck sie den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig +durch: und der Papst selbst, Scävola, Albinus und Cethegus wurden als die +Gesandten gewählt. + +Aber Cethegus widersprach: schweigend hatte er die Verhandlung mit +angehört und sich der Abstimmung enthalten: jetzt stand er auf und sprach: +»Ich bin gegen den Beschluß. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb +apostolische Lösungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe +nicht geschworen. Aber um der Stadt willen. Das heißt: uns ohne Not dem +gerechten Zorn der Goten aussetzen, die wohl einmal wiederkommen können +und dann solch offnen Abfall nicht mit apostolischer Lösung entschuldigen +werden. Laßt uns gebeten oder gezwungen werden von Belisar: wer sich +wegwirft, wird mit Füßen getreten.« + +Silverius und Scävola tauschten bedeutsame Blicke. + +»Solche Gesinnung,« sprach der Jurist, »wird dem Feldherrn des Kaisers +gewiß sehr gefallen, kann aber an dem Beschluß nichts ändern. Du gehst +also nicht mit uns zu Belisar?« + +Cethegus stand auf: »Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch,« sagte er +und ging hinaus. + +Als die übrigen die Thermen verlassen, sprach der Papst zu Scävola: »Das +giebt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die Übergabe erklärt!« – +»Und er geht selbst in die Höhle des Löwen.« – »Er soll sie nicht mehr +verlassen. Du hast doch die Anklageakte aufgesetzt?« – »Schon längst. Ich +fürchtete, er werde die Gewalt in der Stadt an sich reißen: und er geht +selbst zu Belisar! Er ist verloren, der Stolze.« – »Amen!« sagte +Silverius. »Und so mag jeder untergehen, der in weltlichem Trachten dem +heiligen Petrus widerstreitet. Übermorgen um die vierte Stunde machen wir +uns auf.« + +Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht +untergehen. + +Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen +angeschirrt seiner wartete. »Gleich brechen wir auf,« rief er dem Sklaven +zu, der auf dem vordersten Rosse saß, »ich hole nur mein Schwert.« + +Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. »Heut’ +kam der Tag,« rief ihm Lucius entgegen, »auf den du uns solang +vertröstet!« – »Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser +Geschick, unsre Treue?« fragte Marcus. – »Geduld!« sprach Cethegus mit +erhobenem Zeigefinger und schritt in sein Gemach. + +Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken +Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: »Ist das +äußerste Eisenthor der Moles Hadriani fertig?« fragte er. – »Fertig,« +sprach Lucius Licinius. – »Ist das Getreide aus Sicilien in dem Kapitol +geborgen?« – »Geborgen.« – »Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am +Kapitol vollendet, wie ich befahl?« – »Vollendet,« antwortete Marcus. – +»Gut. Nehmt diese Rolle. Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt +verlassen, und erfüllt jedes ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein +Leben und das eure –: es gilt Rom! Die Stadt Cäsars wird eure Thaten +sehen. Geht: auf Wiedersehen!« + +Und aus seinen Augen sprühte Feuer in die Herzen der jungen Römer. – »Du +sollst zufrieden sein!« – »Du und Cäsar!« riefen sie und eilten hinweg. +Mit einem Lächeln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit +spielte, sprang Cethegus in seinen Wagen. »Heiliger Vater,« sagte er zu +sich selbst, »ich bin noch in deiner Schuld für die letzte Versammlung in +den Katakomben: ich will sie zahlen! – Die Via latina hinab!« rief er +rasch dem Sklaven zu, »und laß die Rosse jagen, was sie können.« + +Der Präfekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer +reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl. + +Er hatte in seinem unermüdlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars +Landung in Italien, doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging +jetzt mit all seiner Umsicht an die Ausführung. + +Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua +traf, deren Führer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen +jüngeren Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten ließ. Im Lager +angekommen fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, sondern ließ sich +sofort nach dem Zelt des Rechtsrats Prokopius von Cäsarea führen. + +Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule +gewesen: und die beiden bedeutenden Geister hatten sich mächtig angezogen. +Aber nicht die Wärme der Freundschaft führte den Präfekten vor allem zu +diesem Mann: dieser Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer +politischer Vergangenheit, wohl auch der Vertraute seiner Pläne für die +Zukunft. + +Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius. + +Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den +wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die gekünstelte Bildung in den +Rhetorenschulen nicht die Fähigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu +fühlen, unter den Schnörkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt hatte. +Heller Verstand lag auf der offnen Stirn und in dem noch jugendlich +leuchtenden Auge glänzte die Freude an allem Guten. + +Nachdem Cethegus Staub und Mühsal der Reise in einem sorgfältigen Bad +abgespült, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt +führte, mit ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der +wichtigsten Truppenteile, der bedeutendsten Heerführer weisend und mit ein +paar Worten deren Eigenart, Verdienste und oft bunt zusammengesetzte +Vergangenheit erläuternd. + +Da waren die Söhne des rauhen Thrakiens, Constantinus und Bessas, die sich +aus rohem Söldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne +Bildung, mit dem ganzen Eigendünkel selbstgemachter Männer: – sie +betrachteten sich als Belisars unentbehrliche Stützen und ihn +vollersetzende Nachfolger. + +Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Königsgeschlecht der +Iberier, der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Haß gegen die +persischen Überwinder Vaterland und Hoffnung des Thrones aufgegeben und +Dienste in des Kaisers Heer genommen hatte. + +Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene Führer der Reiterei, +Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Führer des Fußvolks, Ennes, der +isaurische Häuptling und Heerführer der Isaurier Belisars, Aigan und +Askan, die Führer der Massageten, Alamundarus und König Abocharabus, die +Saracenen, Ambazuch und Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und +Artabanes, die Armenier – der Arsakide Phaza war mit dem Rest der Armenier +in Neapolis zurückgelassen werden – Azarethas und Barasmanes, die Perser, +Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle kannte und nannte Prokopius, +karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen, aber geistvollen Tadel +spendend. + +Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen +Städteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cethegus, stehen bleibend: »Und +wessen ist das Seidenzelt dort auf dem Hügel, mit den goldnen Sternen und +dem Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?« + +»Dort,« sprach Prokop, »wohnt seine unüberwindliche Köstlichkeit, des +römischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott +erleuchte.« + +»Des Kaisers Neffe, nicht?« + +»Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein höchstes +und einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns +zu ärgern und dafür zu sorgen, daß wir nicht so leicht siegen. Er ist +Belisarius gleichgestellt, versteht vom Krieg sowenig, wie Belisar von den +Purpurschnecken, und soll Statthalter von Italien werden.« + +»So,« sprach Cethegus. + +»Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars +haben. Wir gaben nicht nach. Zum Glück hat Gott in seiner Allweisheit +jenen Hügel zur Lösung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier +aufgeworfen: nun lagert der Prinz zwar links, aber höher als Belisarius.« +– »Und wessen sind die bunten Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer +wohnt darin?« – »Dort,« seufzte Prokop, »ein sehr unglückliches Weib: +Antonina, Belisars Gemahlin.« – »Sie unglücklich? die Gefeierte, die +zweite Kaiserin? warum?« – »Davon ist nicht gut reden in offner +Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekühlt sein.« + + + + + Elftes Kapitel. + + +Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern +Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cethegus lobte. + +»Das ist ein afrikanisches Beutestück aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es +aus Karthago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des +Perserkönigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara.« + +»Du bist mir ein praktischer Gelehrter!« lächelte Cethegus. »Wie bist du +so anders geworden seit den Tagen von Athen.« + +»Das will ich hoffen!« sprach Prokop und zerschnitt selbst – er hatte die +aufwartenden Sklaven entfernt – die dampfende Hirschkeule vor ihm. »Du +mußt wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser +werden. Drei Jahre hörte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker +zu Athen, – und studirte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der +Philosophie. Nach löblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts mußte auch +die Theologie beigezogen werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darüber +nachzudenken, ob Christus, als Gott Vater, zugleich seiner eignen +jungfräulichen Mutter Vater, also sein eigner Großvater sei. Nun, über +all’ diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht zu verachtender +Verstand abhanden zu kommen. + +Zum Glück ward ich sterbenskrank und die Ärzte verboten mir Athen und alle +Bücher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen +Thukydides in meinen Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich. + +Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von +der Hellenen Thaten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit +Staunen, daß der Menschen Thun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre +Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und denkwürdiger +seien als alle Formeln und Figuren heidnischer Logik – von der +christlichen Logik vollends zu schweigen! + +Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Straßen schlenderte, kam +plötzlich über mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte über +einen großen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und +war erbaut auf den Trümmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand +ein zerfallner Altar der Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden. + +Da ergriff mich plötzlich der Gedanke: »Die alle glaubten und glauben nun +steif und fest, sie allein wüßten das Rechte von dem höchsten Wesen. + +Und das ist doch unmöglich: das höchste Wesen hat, wie es scheint, gar +kein Bedürfnis, von uns erkannt zu werden – ich hätte es auch nicht, an +seiner Statt! – und es hat die Menschen geschaffen, daß sie leben, tüchtig +handeln und sich wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln, +Genießen und Sichumtreiben ist eigentlich alles, worauf es ankömmt. Und +wenn einer forschen und denken will, so soll er der Menschen Leben und +Treiben erforschen.« + +Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glänzender +Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem +Rotscheck, schön und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten +und die Fahnen flogen und die Rößlein sprangen. Und ich dachte mir: »Die +wissen, warum sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen.« + +Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein +Bürger von Ephesos auf die Schulter und sprach: »Ihr scheint nicht zu +wissen, wer das war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius, +der zieht in den Perserkrieg.« – »Gut,« sagte ich, »Freund! Und ich ziehe +mit!« Und so geschah’s zur selben Stunde. + +Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und +Geheimschreiber. Und seither habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage +mach’ ich Weltgeschichte oder helfe sie machen: und bei Nacht schreibe ich +Weltgeschichte.« – »Und welches ist deine bessere Arbeit?« – »Freund, +leider das Schreiben! Und das Schreiben wäre noch besser, wenn die +Geschichte besser wäre. Denn ich bin meistens gar nicht einverstanden mit +dem was wir thun: und thu’s nur mit, weil’s doch besser ist, als gar +nichts thun oder philosophieren. Bringe den Tacitus, Sklave!« rief er zur +Zeltthür hinaus. + +»Den Tacitus?« + +»Ja Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du mußt wissen: +ich nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. – Zum +Beispiel dieses lärmende Stück Weltgeschichte, das wir hier aufführen, +dieser Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht, +erst sollten wir die Perser abwehren, eh wir die Goten angreifen.« + +»Narses! was treibt mein kluger Freund?« + +»Er beneidet Belisar und läßt sich’s selbst nicht merken. Außerdem macht +er Kriegs- und Schlachtenpläne. Ich wette, er hatte Italien schon erobert +ehe wir landeten.« + +»Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du +Belisar vor?« + +»Das will ich dir sagen,« sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. »Mein +Unglück ist, daß ich nicht Geschichtschreiber Alexanders oder Scipios +geworden. Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie – und +Theologie! – genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit +Fleisch und Blut. Da widern mich diese spindeldürren Kaiser und Bischöfe +und Feldherrn an, die alles mit dem Verstand erklügeln; wir sind ein +verkrüppeltes Geschlecht geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur +Belisarius, der Biedre, ist noch ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er +könnte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er ist nicht dumm; er hat Verstand; +aber nur den Naturverstand des edeln, wilden Tieres zu seinem Beutefang, +zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft! + +Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden +Augen und den mächtigen Schenkeln, mit denen er die stärksten Hengste +zwingt. Und mich freut’s, wenn ihm manchmal die blinde Lust, +dreinzuschlagen, durch alle seine Feldherrnpläne braust. Mich freut’s, +wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die Feinde jagen sehe und +kämpfen, wie ein schäumender Eber haut. + +Freilich, sagen darf ich’s ihm nicht, daß mir das gefällt; denn sonst +wär’s nicht auszuhalten: in drei Tagen wär’ er in Stücke gehauen. Im +Gegenteil; ich halte ihn zurück: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt. +Und er läßt sich meine Verständigkeit gefallen, weil er weiß, daß sie +nicht Feigheit ist. Hab’ ich ihn doch mehr als einmal mit meiner +Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen müssen, in die ihn der Trotz +seines Heldentums gebracht! Die lustigste dieser Geschichten ist die von +Horn und Tuba.« + +»Welche von beiden bläsest du, o mein Prokopius?« + +»Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!« + +»Aber was war’s mit Horn und Trompete?« + +»Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben mußten, weil +es die Straße beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsere +heroischen Köpfe übel daran zerstoßen: und mein zorniger Herr schwor »bei +dem Schlummer Justinians« –, das ist nämlich sein höchstes Heiligtum – er +werde nie vor dieser Burg Anglon zum Rückzug blasen lassen. Nun wurden +aber unsre Vorposten sehr oft aus der Festung überfallen: wir, im +hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer aus der Burg brechen sehen, +nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fuße des Berges. Ich riet nun, +daß wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum Rückzug geben lassen +sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen. + +Aber da kam ich übel an! + +Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, daß man an einem +darauf geleisteten Schwur nicht makeln dürfe! Und so mußten sich denn +unsre armen Burschen von den Persern unversehens überrumpeln lassen! Bis +ich auf den scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er +solle, um die Unsern zum Rückzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem +Horn, statt mit der Tuba, blasen lassen. + +Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius. + +Und wenn wir nun lustig die Hörner zum Angriff schmettern ließen, liefen +unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Todlachen, +jene mutigen Klänge so schnöde wirken zu sehen! Aber es half: Justinians +Schlummer und Belisars Eid blieben ungeschwächt, unsre Vorposten wurden +nicht mehr abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich. Also schelt’ ich +ihn immer spottend aus für seine Heroenthaten. Aber im stillen erwärme und +erfreue ich mein tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!« + +»Nun,« meinte Cethegus, »bei den Goten findest du gar manchen solchen +Schlagetot.« + +Prokop nickte bedächtig: »Kann auch nicht leugnen, daß ich großes +Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm.« + +»Wie? Warum?« + +»Dumm sind sie, daß sie, anstatt hübsch langsam, Schritt für Schritt, im +Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Brüdern, sich gegen uns vorzuschieben +– sie wären unaufhaltsam! – in dieses Italien sich ohne allen Verstand +vereinzelt hereingedrängt haben, wie ein Stück Holz mitten in einen +glimmenden Herd. Daran werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du +wirst es sehen.« – »Ich hoffe, es zu sehen. Und was dann?« fragte Cethegus +ruhig. + +»Ja,« antwortete Prokop verdrießlich, »was dann! Das ist das Ärgerliche! +Dann wird Belisar Statthalter von Italien – denn mit dem Schneckenprinzen +dauert es kein Jahr – und er verliegt hier seine schönste Kraft, während +es Arbeit vollauf gäbe bei den Persern. Und ich werde dann als sein +Hofhistoriograph nur zu schreiben haben, wie viele Schläuche Wein wir +jährlich vertilgen.« + +»Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben +aus Italien?« + +»Freilich! Im Perserland blühn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne +schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen.« + +Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen für +seinen Plan gefunden zu haben. »Und so beherrscht also sein Verstand +Prokopius den Löwen Belisar,« sagte er laut. – »Nein!« seufzte Prokop, +»vielmehr sein Unverstand, sein Weib.« – »Antonina! Sage, weshalb nanntest +du sie unglücklich.« + +»Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven, +treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner +Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schöne +Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur +Tugend. Die Cirkusdirne hat gewiß noch nie einen Stachel des Gewissens +empfunden. Aber ich glaube, sie erträgt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer +nächsten Nähe zu haben, das sie verachten müßte. Sie ruhte nicht, bis es +ihr gelungen, durch ihr höllisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu +wecken. Gewissensqual empfindet diese über ihr Spiel mit ihren Verehrern: +denn sie liebt ihren Mann, sie betet ihn an.« + +»Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht genügen?« – + +»Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner +Liebe. Sie konnt’ es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen, +Blumen, Geschenken sich erschöpfen zu sehen und selbst solcher Huldigung +zu entbehren. Eitelkeit ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht +wohl bei all dem Getändel.« + +»Und ahnt Belisar?« – + +»Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen römischen Kaiserreich, der +es nicht weiß, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es wäre sein Tod. +Und auch deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter von +Italien werden. Im Lager, im Getümmel des Krieges, da fehlen dem +gefallsüchtigen Weib die Schmeichler und auch die Muße, sie zu hören. +Denn, gleichsam zur freiwilligen Buße für jene süßen Verbrechen der +heimlichen Gedichte und Blumen – gröberer Schuld ist sie gewiß nicht fähig +– überbietet Antonina alle Frauen an Pflichtstrenge; sie ist Belisars +Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die Beschwerden und Gefahren des +Meeres, der Wüste, des Krieges mit ihm: sie arbeitet mit ihm Tag und +Nacht, wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre schönen Augen liest! – +Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner Feinde am Hofe zu +Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager thut sie gut, da wo auch seine Größe +allein gedeiht.« + +»Nun,« sprach Cethegus, »weiß ich genug, wie die Dinge hier stehen. Laß +mich offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien +wieder fort haben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du +weißt, ich war von jeher Republikaner ....« – – – + +Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an: +»Das sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren. +Aber daß du’s noch bist – find’ ich – sehr – sehr – unhistorisch. Aus +diesem italischen Gesindel, unsern höchst liebwerten Bundesgenossen gegen +die Goten, willst du Bürger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr +gut als zur Tyrannis!« + +»Ich will darüber nicht streiten!« lächelte Cethegus. »Aber vor _eurer_ +Tyrannis möcht ich mein Vaterland bewahren.« + +»Kann dir’s nicht verdenken!« lächelte Prokop, »die Segnungen unsrer +Herrschaft sind – erdrückend!« + +»Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von Byzanz genügt zunächst.« + +»Jawohl, und dieser würde Cethegus heißen!« + +»Wenn’s sein muß, – auch das!« + +»Höre,« sprach Prokop ernsthaft, »ich warne dich dabei nur vor einem. Die +Luft von Rom heckt stolze Pläne aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht +gern der zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts +mehr mit der Weltherrschaft Roms.« + +Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung König Theoderichs. +»Historikus von Byzanz, meine römischen Dinge kenne ich besser als du. Laß +dich jetzt einweihen in unsre römischen Geheimnisse; dann verschaffe mir +morgen früh, eh’ die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein Gespräch mit +Belisar und – sei eines großen Erfolges gewiß.« Und nun begann er dem +staunenden Prokop mit raschen Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der +jüngsten Vergangenheit und seine Pläne der Zukunft zu entwerfen, sein +letztes Ziel wohlweislich verhüllend. + +»Bei den Manen des Romulus!« rief Prokop, als er geendet hatte. »Ihr macht +noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe +hast du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf laß +uns noch einen Krug herben Sallustius leeren!« + +Früh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit +Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurückkam. + +»Nun, hast du ihm alles gesagt?« fragte der Historiker. + +»Nicht eben alles!« sprach Cethegus mit feinem Lächeln: »man muß immer +noch etwas zu sagen übrig behalten.« + + + + + Zwölftes Kapitel. + + +Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfüllt. + +Das Gerücht von der Ankunft des heiligen Vaters, das seiner reich +vergoldeten Sänfte voranflog, riß die Tausende von Soldaten mit Kräften +der Andacht, der Ehrfurcht, des Aberglaubens, der Neugier aus ihren +Zelten, von Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. Kaum, daß +die Anführer die Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurückhalten +konnten; meilenweit waren ihm die Gläubigen entgegengeeilt und geleiteten +jetzt, mit Haufen des Landvolks der Umgegend gemischt, seinen Zug ins +Lager. Längst hatten sich Bauern und Soldaten an der Eselinnen Statt, die +seine Sänfte trugen, eingespannt: – vergebens hatte sich die +Bescheidenheit des Papstes dagegen gesträubt – und unter unaufhörlichem +Jubelruf: »Heil dem Bischof von Rom, Heil dem heiligen Petrus!« wälzte +sich der Strom der Tausende heran, über die Silverius unermüdlich Segen +sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scävola und Albinus, dachte kein +Mensch. + +Belisar sah von seinem Zelthügel aus mit ernsten Augen das mächtige +Schauspiel. »Der Präfekt hat Recht!« sprach er dann: »dieser Priester ist +gefährlicher als die Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, laß die +byzantinische Leibwache an meinem Zelt ablösen, sowie die Unterredung +beginnt: sie sind allzugute Christen. Laß die Hunnen aufziehn und die +heidnischen Gepiden.« + +Damit schritt er in sein Zelt zurück, wo er alsbald, von seinen +Heerführern umgeben, die römische Gesandtschaft empfing. Den Prinzen +Areobindos hatte Prokop von der Notwendigkeit einer Rekognoscierung +überzeugt, die nur heute und nur von ihm vorgenommen werden konnte. + +Umwogt von einem glänzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem +Feldherrnzelt. Große Massen Volkes drängten nach, aber sowie der Papst mit +Scävola und Albinus die Mündung der engen Lagergasse hinter sich hatten, +sperrten die Wachen mit gefällten Lanzen den Weg und ließen weder Priester +noch Soldaten folgen. + +Lächelnd wandte sich Silverius zu dem Führer der Schar und hielt ihm eine +schöne Rede über den Text: »lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret +ihnen nicht.« Aber der Germane schüttelte den zottigen Kopf und wandte ihm +den Rücken: der Gepide verstand kein Latein, außer dem Kommando. + +Da lächelte Silverius wieder, segnete nochmals seine Getreuen und schritt +dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar saß auf einem Feldsessel: darüber +war eine Löwenhaut gebreitet: ihm zur Linken thronte die schöne Antonina +auf einem Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des +heiligen Petrus einen Arzt und Helfer zu finden gehofft. Aber bei dem +Anblick der weltklugen Züge des Silverius zog sich ihr Herz zusammen. + +Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes. + +Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu und legte ihm – er +mußte sich mühsam dazu aufrichten – wie segnend beide Hände auf die +Schultern. Er wollte ihn leise niederdrücken auf die Kniee: – aber +eichenfest blieb der Feldherr aufrecht stehen: und Silverius mußte dem +Stehenden den Segen erteilen. + +»Ihr kommt als Gesandte der Römer?« begann Belisar. + +»Ich komme,« unterbrach Silverius, »im Namen des heiligen Petrus, als +Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu übergeben. +Diese guten Leute,« fuhr er fort, auf Scävola und Albinus weisend, »haben +sich mir angeschlossen wie die Glieder dem Haupt.« Unwillig wollte Scävola +einfallen, – so hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden! – +aber Belisar winkte ihm, zu schweigen. + +»Und so heiße ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn. +Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der +Gläubigen wider die Ketzer! Erhöhe dort den Namen des Herrn und das Kreuz +Jesu Christi und vergiß nie, daß es die heilige Kirche war, die dir die +Wege gebahnt und die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum +Werkzeug gewählt, die Goten in thörichte Sicherheit zu wiegen und blinden +Auges aus der Stadt zu führen: ich bin es gewesen, der die schwankende +Stadt, die Bürger für dich gewonnen und die Anschläge deiner Feinde +vernichtet hat. Der heilige Petrus ist es, der dir mit meiner Hand die +Schlüssel seiner Stadt überreicht, auf daß du sie ihm beschirmest und +beschützest. Vergiß niemals dieser Worte.« Und er reichte ihm die +Schlüssel des asinarischen Thores. + +»Ich werde sie nie vergessen!« sprach Belisar und winkte Prokop, der den +Schlüssel aus der Hand des Papstes nahm. »Du sprachst von Anschlägen +meiner Feinde. Hat der Kaiser Feinde in Rom?« + +Da sprach Silverius mit Seufzen: »Laß ab, Feldherr, zu fragen. + +Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschädlich und der Kirche steht nicht +an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu +kehren.« + +»Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtgläubigen Kaiser die +Verräter zu entdecken, die unter seinen römischen Unterthanen sich bergen +und ich fordre dich auf, seinen Feind zu entlarven.« + +Silverius seufzte: »die Kirche dürstet nicht nach Blut.« – »Aber sie darf +den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen,« sprach Scävola. Und +der Jurist trat vor und überreichte Belisar eine Papyrusrolle. »Ich hebe +Klage gegen Cornelius Cethegus Cäsarius, den Präfekten von Rom, wegen +Majestätsbeleidigung und Empörung gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift +enthält die Klagepunkte und die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung eine +Tyrannei gescholten. Er hat sich der Landung kaiserlicher Heere nach +Kräften widersetzt. Er hat endlich noch vor wenig Tagen, er allein, dafür +gestimmt, die Thore Roms dir nicht zu öffnen.« + +»Und welche Strafe beantragt ihr?« fragte Belisar, in die Schrift +blickend. + +»Nach dem Gesetz den Tod,« sprach Scävola. – »Und seine Güter verfallen +nach dem Gesetz,« sprach Albinus, »halb dem Fiskus, halb den Klägern.« – +»Und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes,« schloß der Bischof von Rom. + +»Wo ist der Angeklagte?« fragte Belisar. + +»Er verhieß, dich aufzusuchen; aber ich fürchte, sein böses Gewissen wird +ihn nicht haben kommen lassen.« + +»Du irrst, Bischof von Rom,« sprach Belisar, »er ist schon hier.« + +Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den +erstaunten Anklägern stand Cethegus der Präfekt. Überrascht fuhren die +Ankläger auf; schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cethegus einige +Schritte vor, bis er zur Rechten Belisars stand. + +»Cethegus hat mich früher aufgesucht als du,« fuhr der Feldherr nach einer +Pause fort: »und er ist dir zuvorgekommen – auch im Anklagen. Du stehst +als schwer Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du +verklagst.« + +»Ich als Beschuldigter?« lächelte der Papst. »Wo wäre ein Kläger oder ein +Richter für den Nachfolger des heiligen Petrus?« + +»Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers Statt.« + +»Und der Kläger?« fragte Silverius. + +Cethegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: »Der Kläger bin ich! +Ich habe Silverius, den Bischof von Rom, des Verbrechens der verletzten +Majestät des Kaisers und des Hochverrats am römischen Reich geziehen. Ich +beweise sofort meine Klage. Silverius hat die Absicht, die Herrschaft der +Stadt Rom und einen großen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreißen +und – lächerlich zu sagen! – ein Priesterreich zu gründen in dem +Vaterlande der Cäsaren. Und schon hat er den nächsten Versuch gethan zur +Ausführung dieses – soll ich sagen: seines Wahnsinns oder seines +Verbrechens? Hier überreiche ich einen Vertrag, – hier steht die +Unterschrift seiner Hand – den er mit Theodahad, dem letzten Fürsten der +Barbaren, geschlossen. Der König verkauft darin für ewige Zeiten für die +Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger, +für den Fall, daß Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der +Stadt und das Weichbild von Rom und dreißig Meilen in der Runde. Es sind +aufgezählt alle Hoheitsrechte: Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung, +Steuern, Zölle und selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem +Datum drei Monate alt. Also im selben Augenblick, da der fromme +Archidiakon, hinter Theodahads Rücken, die Waffen des Kaisers herbeirief, +schloß er, hinter des Kaisers Rücken, einen Vertrag, der diesem die +Früchte seiner Anstrengung rauben und den Papst für alle Fälle sichern +sollte. Ich überlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, wie solche +Klugheit zu würdigen sei. Für die Erwählten des Herrn gilt als besondre +Klugheit der Schlangen Moral: – unter uns Laien ist solches Thun ...« – + +»Der schändlichste Verrat!« fiel Belisar donnernd ein, sprang auf und nahm +die Urkunde aus des Präfekten Hand. – »Hier sieh, Priester, deinen Namen: +kannst du noch leugnen?« + +Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein +gewaltiger. Staunen und Unwillen, gemischt mit Spannung auf des Papstes +Verteidigung, lag auf den Zügen aller Gesichter; am meisten aber war +Scävola, der kurzsichtige Republikaner, überrascht von diesen +Herrscherplänen seines gefährlichen Verbündeten. Er hoffte, Silverius +werde die Verleumdung siegreich niederschlagen. + +Die Lage des Papstes war in der That höchst gefährlich, die Anklage schien +unwiderleglich und das zornlohende Antlitz Belisars hätte manch’ tapfres +Herz erschreckt. Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick, daß er kein +unebenbürtiger Gegner des Präfekten und des Helden von Byzanz war. Nicht +eine Sekunde hatte er die Fassung verloren: nur als Cethegus die Urkunde +aus dem Gewand hervorzog, hatte er einen Moment die Augen +niedergeschlagen, wie aus Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den +blitzenden Augen Belisars hielt er ein unerschütterlich ruhiges Angesicht +entgegen. Er fühlte, daß er in dieser Stunde den Gedanken seines Lebens +verfechten mußte: dies gab ihm kühne Kraft, keine Wimper zuckte ihm. + +»Wie lange wirst du noch schweigen?« fuhr ihn Belisar an. + +»Bis du fähig und würdig bist, mich zu hören. Du bist besessen von +Urchitophel, dem Dämon des Zornes.« + +»Sprich! Verteidige dich!« sagte Belisar, sich setzend. + +»Die Klage dieses gottlosen Mannes,« hob Silverius an, »bringt nur ein +Recht der heiligen Kirche noch früher ans Licht, als sie es in dieser +unruhigen Zeit geltend machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag +mit dem Barbarenkönig geschlossen.« + +Eine Bewegung der Entrüstung ging durch die Reihen der Byzantiner. + +»Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues Recht zu erwerben, +habe ich mit dem König der Goten, als dem damaligen Besitzer der Stadt, +verhandelt. Nein! die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht, +ein uraltes Recht des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen.« + +»Ein uraltes Recht?« fragte Belisar unwillig. + +»Ein uraltes Recht!« wiederholte Silverius, »das geltend zu machen die +Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre Feinde nötigen sie, in diesem +Augenblick damit hervorzutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers, +höret es, ihr Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die Kirche +von Theodahad hat einräumen lassen, ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr +Eigentum: der Gote hat es nur bestätigt. + +An demselben Ort, wo des Präfekten tempelschänderische Hand diese +Bestätigung entwendet, hätte er auch die Urkunde finden können, die +ursprünglich unser Recht begründet hat. Der fromme Kaiser Constantinus, +der sich zuerst von den Vorgängern Justinians der Lehre des Heils +zugewandt, hat auf Bitten seiner gottseligen Mutter Helena, nachdem er +alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der Heiligen, besonders des +heiligen Petrus, unter seine Füße getreten, zur dankbaren Anerkenntnis +solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen, daß Krone und +Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit +ihrem Weichbild und die benachbarten Städte und Marken durch eine +feierliche Schenkungsurkunde für ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen +übertragen, mit Gericht und Verwaltung, Steuer und Zoll und allen +Kronrechten irdischer Herrschaft, auf daß die Kirche auch einen weltlichen +Boden habe zur leichteren Vollführung ihrer weltlichen Aufgaben. Diese +Schenkung ist durch eine rechtsgültige Urkunde in aller Form verbrieft: +der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet. Und ich +frage, im Namen des dreieinigen Gottes, den Kaiser Justinian, ob er diese +Rechtshandlung seines Vorgängers, des in Gott seligen Kaisers +Constantinus, anerkennen oder ob er sie, aus weltlicher Habgier, umstoßen +und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt +laden will?« + +Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft geistlicher Würde und +aller Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen, war von unwiderstehlicher +Wirkung. Belisar, Prokop und die Feldherren, die eben noch über den +verräterischen Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, fühlten +sich jetzt durch den plötzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst +wie verurteilt. + +Der Kern Italiens schien unwiederbringlich dem Kaiser verloren und der +Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein banges Schweigen lagerte über den +jüngst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester +als Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der die Aufgabe der +Bekämpfung oder die Schmach der Niederlage von sich abwälzen wollte: +»Präfekt von Rom, was hast du zu erwidern?« + +Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen +verneigte sich Cethegus und begann: »Der Angeklagte beruft sich auf eine +Urkunde. + +Ich könnte, glaub’ ich, ihn in große Verlegenheit versetzen, wenn ich ihr +Vorhandensein bestritte, und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm +verlangte. Indessen will ich dem Manne, der sich das Haupt der +Christenheit nennt, nicht wie ein gehässiger Anwalt begegnen. Ich räume +ein, die Urkunde existiert.« + +Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses. + +»Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Mühe der Vorlage derselben, +die ihm sonst sehr schwer fallen dürfte, erspart und die Urkunde selbst +mitgebracht in meiner tempelschänderischen Hand.« Er zog ein vergilbtes +Pergament aus dem Sinus und sah lächelnd bald in dessen Zeilen, bald auf +des Papstes, bald auf Belisars Gesicht, an deren Spannung sich weidend. + +»Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig +forschenden Augen, mit Zuziehung noch schärferer Juristen, als ich es +leider nur bin, – so meines jungen Freundes Salvius Julianus, – bis auf +jeden Buchstaben nach ihrer formellen Gültigkeit geprüft. Vergebens. – +Selbst der Scharfsinn meines verehrten und gelehrten Freundes Scävola +könnte keinen Mangel herausinterpretieren. Alle Formen des Rechts, alle +Klauseln höchster unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte +haarscharf gewahrt; und in der That: ich hätte den Protonotarius des +Kaisers Constantin kennen mögen, er muß ein Jurist ersten Ranges gewesen +sein.« Er hielt inne: – höhnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des +Silverius, der sich den Schweiß von den Schläfen wischte. + +»Also,« fragte Belisar in höchster Aufregung: »die Urkunde ist formell +ganz richtig – daher beweiskräftig?« + +»Jawohl!« seufzte Cethegus, »die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung. +Schade nur, daß ... –« + +»Nun?« unterbrach Belisar. + +»Schade nur, daß sie falsch ist.« + +Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina sprangen auf, alle +Anwesenden traten einen Schritt näher zu dem Präfekten. Nur Silverius +wankte einen Schritt zurück. + +»Falsch?« fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein Jubel klang. »Präfekt, +– Freund, – kannst du das beweisen?« + +»Sonst hätte ich mich gehütet es zu behaupten. Das Pergament, auf das die +Schenkung geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brüche, +Wurmstiche, Flecken jeder Art, – alles, was man von Ehrwürdigkeit +verlangen kann, – so daß es manchmal sogar schwierig ist, die Buchstaben +zu erkennen. Gleichwohl stellt sich die Urkunde nur so alt; mit so großem +Aufwand von Kunst, als manche Frauen sich den Schein der Jugend geben, +lügt sie die Heiligkeit des Alters. Es ist echtes Pergament aus der alten, +von Constantin begründeten, noch heute bestehenden kaiserlichen +Pergamentfabrik zu Byzanz.« + +»Zur Sache,« rief Belisar. + +»Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, – und es scheint auch leider dem +heiligen Bischof entgangen zu sein! – daß bei diesen Pergamenten ganz +unten – links, am Rande – durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch +Angabe der Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben +bezeichnet wird. Nun gieb wohl acht, o Feldherr! + +Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten +Jahre von Constantins Regierung, im gleichen Jahre, da er die Heidentempel +schließen ließ, wie das fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der +Erhebung von Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig die +richtigen Konsuln dieses Jahres, Dalmatius und Xenophilos. + +Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklären, – aber hier hat +Gott der Herr ein Wunder _gegen_ seine Kirche gethan! – daß man in jenem +Jahre, also im Jahre dreihundertfünfunddreißig nach der Geburt des Herrn, +schon ganz genau wußte, wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und +des Königs Theoderich Konsul sein würde; denn seht, hier unten am Rande +der Stempel besagt: der Schreiber hatte ihn nicht beachtet – er ist auch +wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das +Licht hält – so etwa, siehst du, Belisar? – und er hatte blindlings drei +Kreuze darauf gemalt; ich aber habe diese Kreuze mit meiner – wie hieß es +doch? – »tempelschänderischen«, aber geschickten Hand weggewischt und +siehe, da steht eingestempelt: + +»VI. Indiktion: Justinianus Augustus, allein Konsul im ersten Jahre seiner +Herrschaft.« + +Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den man für ihn bereit +gestellt. + +»Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers +Konstantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also +erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden. +Gesteh, o Feldherr, daß hier das Gebiet des Begreiflichen endet, und des +Übernatürlichen beginnt, daß hier ein Wunder der Heiligen geschah und +verehre das Walten des Himmels.« Er reichte Belisar die Urkunde. + +»Das ist auch ein tüchtig Stück Weltgeschichte, heilige und profane, was +wir da erleben!« sagte Prokop zu sich selbst. + +»Es ist so, beim Schlummer Justinians!« frohlockte Belisar. »Bischof von +Rom, was hast du zu erwidern?« + +Mühsam hatte sich Silverius gefaßt; er sah den Bau seines Lebens vor +seinen Augen in die Erde versinken. Mit halb versagender Stimme antwortete +er: + +»Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden. Ist dem so, +wie ihr sagt, so bin ich getäuscht, wie ihr.« + +»Wir sind aber nicht getäuscht,« lächelte Cethegus. + +»Ich wußte nichts von jenem Stempel, ich schwöre es bei den Wunden +Christi.« – »Das glaub ich dir ohne Schwur, heiliger Vater,« fiel Cethegus +ein. – »Du wirst einsehn, Priester,« sprach Belisar, sich erhebend, »daß +über diese Sache die strengste Untersuchung ...« – + +»Ich verlange sie,« sprach Silverius, »als mein Recht.« + +»Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich darf es wagen, hier zu +richten: nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden. +Vulkaris, mein getreuer Heruler, dir übergeb ich die Person des Bischofs. +Du wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz führen.« + +»Ich lege Verwahrung ein,« sprach Silverius. »Über mich kann niemand +richten auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtgläubigen Kirche. Ich +verlange, nach Rom zurückzukehren.« + +»Rom siehst du niemals wieder! Und über deine Rechtsverwahrung wird der +Kaiser Justinian, der Kaiser des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber +auch deine Genossen, Scävola und Albinus, die falschen Mitankläger des +Präfekten, der sich als des Kaisers treusten, klügsten Freund erwiesen, +sind hoch verdächtig. Justinian entscheide, wie weit sie unschuldig. Auch +sie führt in Ketten nach Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hinterthür +des Zeltes, nicht durchs Lager. Vulkaris, dieser Priester aber ist des +Kaisers gefährlichster Feind. Du bürgst für ihn mit deinem Kopf.« + +»Ich bürge,« sprach der riesige Heruler, vortretend und die gepanzerte +Hand auf des Bischofs Schulter legend. »Fort mit dir, Priester! zu Schiff. +Er stirbt, eh’ er mir entrissen wird.« + +Silverius sah ein, daß weiteres Widerstreben nur seine Würde gefährdende +Gewalt hervorrufen werde. Er fügte sich und schritt neben dem Germanen, +der die Hand nicht von seiner Schulter löste, nach der Thür im Hintergrund +des Zeltes, die eine der Wachen aufthat. + +Er mußte hart an Cethegus vorbei. Er beugte das Haupt und sah ihn nicht +an: aber er hörte, wie dieser ihm zuflüsterte: »Silverius, diese Stunde +vergilt deinen Sieg in den Katakomben. Nun sind wir wett!« + + + + + Dreizehntes Kapitel. + + +Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar lebhaft von +seinem Sitze, eilte auf den Präfekten zu, umarmte und küßte ihn: »Nimm +meinen Dank, Cethegus Cäsarius! Ich werde dem Kaiser berichten, daß du ihm +heute Rom gerettet hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben.« + +Aber Cethegus lächelte: »Meine Thaten belohnen sich selbst.« + +Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde, der rasche +Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des +Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschöpft. Er verlangte nach +Erholung und Labung und entließ seine Heerführer, von denen keiner ohne +ein Wort der Anerkennung an den Präfekten das Zelt verließ. Dieser sah +seine Überlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; es that ihm +wohl, in einer Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen +Byzantiner gedemütigt zu haben. Aber er wiegte sich nicht müßig in dieser +Siegesfreude. Dieser Geist kannte die Gefährlichkeit des Schlafes auf +Lorbeer: Lorbeer betäubt. + +Er beschloß, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige Übergewalt, die er +in diesem Augenblick über den Helden von Byzanz unverkennbar besaß, jetzt, +unter ihrem ersten frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den +lang vorbereiteten Hauptstreich zu führen. Während er mit solchen Gedanken +dem Zug der Heerführer nachsah, die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte +er nicht, daß zwei Augen mit eigentümlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Es +waren Antoninas Augen. Die Vorgänge, deren Zeugin sie gewesen, hatten +einen seltsam gemischten Eindruck auf sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie +den Abgott ihrer Bewunderung, ihren Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu +helfen und zu wehren, in den Schlingen eines andern, des klugen Priesters, +liegen und nur durch die überlegne Kraft dieses dämonischen Römers +gerettet gesehen. Anfangs hatte ihr in dem Gatten verletzter Stolz diese +Demütigung mit schmerzlichem Haß gegen den Übermächtigen empfunden. + +Aber dieser Haß hielt nicht vor und unwillkürlich trat, wie immer +gewaltiger sich die Macht seiner Überlegenheit entfaltete, Bewunderung an +des Verdrusses Stelle und erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch +das Eine: ihren Belisar hatte die Kirche und Cethegus hatte ihren Belisar +und die Kirche verdunkelt. Und daran knüpfte sich unzertrennlich der +ängstliche Wunsch, diesen Mann nie zum Feind, immer zum Verbündeten ihres +Gatten zu haben. Kurz, Cethegus hatte an dem Weibe Belisars eine geistige +Eroberung von größter Wichtigkeit gemacht: und er sollte es, noch dazu, +sofort merken. + +Mit gesenkten Augen trat das schöne, sonst so sichre Weib auf ihn zu; er +sah auf: da errötete sie über und über und reichte ihm eine zitternde +Hand. »Präfekt von Rom,« sagte sie, »Antonina dankt dir. Du hast dir ein +großes Verdienst erworben um Belisarius und den Kaiser. Wir wollen gute +Freundschaft halten.« + +Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurückgeblieben, diesen Vorgang: »Mein +Odysseus überzaubert die Zauberin Circe,« dachte er. + +Cethegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese Seele vor ihm beugte +und welche Gewalt er dadurch über Belisar gewonnen. »Schöne Magistra +Militum,« sagte er, sich hoch aufrichtend, »deine Freundschaft ist der +reichste Lorbeer meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die Probe. Ich +bitte dich und Prokop, meine Zeugen, meine Verbündeten zu sein in der +Unterredung, die ich jetzt mit Belisar zu führen habe.« + +»Jetzt?« sagte Belisar ungeduldig. »Kommt, laßt uns erst zu Tische und im +Cäkuber den Sturz des Priesters feiern.« Und er schritt zur Thüre. + +Aber Cethegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes, und Antonina und +Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses, daß sie nicht ihrem +Herrn zu folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: »Muß es +denn jetzt gerade sein?« + +»Es muß,« sagte Cethegus und er führte Antonina an der Hand nach ihrem +Sitz zurück. + +Da schritt auch Belisar wieder zurück. »Nun so sprich,« sagte er, »aber +kurz.« + +»So kurz als möglich. Ich habe immer gefunden, daß gegenüber großen +Freunden oder großen Feinden Aufrichtigkeit das stärkste Band oder die +beste Waffe. Danach werd’ ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich sagte: +mein Thun lohnt sich selbst, so wollt’ ich damit ausdrücken, daß ich dem +falschen Priester die Herrschaft über Rom nicht eben um des Kaisers Willen +entrissen.« + +Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken über diese allzukühne +Offenheit seines Freundes, machte ihm ein abmahnendes Zeichen. + +Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, mißtrauisch über das +Einverständnis der beiden. Cethegus entging dies nicht. »Nein, Prokop,« +sagte er zu Belisars Erstaunen: »unsre Freunde hier würden doch allzubald +erkennen, daß Cethegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz in einem Lächeln +Justinians befriedigt zu finden. Ich habe Rom nicht für den Kaiser +gerettet.« + +»Für wen sonst?« fragte Belisar ernst. + +»Zunächst für Rom. Ich bin ein Römer. Ich liebe mein ewiges Rom. Es sollte +nicht dem Priester dienstbar werden. Aber auch nicht die Sklavin des +Kaisers. Ich bin Republikaner,« sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend. + +Über Belisars Antlitz flog ein Lächeln: der Präfekt schien ihm nicht mehr +so bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: »Unbegreiflich.« Aber Antoninen +gefiel dieser Freimut. + +»Zwar sah ich ein, daß wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren +niederschlagen können. Leider auch, daß unsere Zeit nicht ganz reif ist, +mein Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Römer +müssen erst wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht muß aussterben und +ich erkenne, daß Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz +findet gegen die Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen – +einstweilen.« + +»Nicht übel!« dachte Prokop, »der Kaiser soll sie solang schützen, bis sie +stark genug sind, ihn zum Dank davonzujagen.« + +»Das sind Träume, mein Präfekt,« sagte Belisar mitleidig, »was haben sie +für praktische Folgen?« + +»Die, daß Rom nicht mit gebundenen Händen, ohne Bedingung, der Willkür des +Kaisers überliefert werden soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum +Diener. Denke, wenn der herzlose Narses dein Nachfolger würde!« – Die +Stirn des Helden faltete sich. – »Deshalb will ich dir die Bedingungen +nennen, unter denen die Stadt Cäsars dich und dein Heer in ihre Mauern +aufnehmen wird.« + +Aber das war Belisar zu viel. Zürnend sprang er auf, sein Antlitz glühte, +sein Auge blitzte. »Präfekt von Rom,« rief er mit seiner rollenden +Löwenstimme, »du vergißt dich und deine Stellung. Morgen brech’ ich auf +mit meinem Heer von siebzigtausend Mann nach Rom. Wer wird mich hindern, +einzuziehen in die Stadt, ohne Bedingung?« + +»Ich,« sagte Cethegus ruhig. »Nein, Belisar, ich rase nicht. Sieh hier, +diesen Plan der Stadt und ihrer Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher, +besser als das meine, ihre Stärke erkennen.« Er zog ein Pergament hervor +und breitete es auf dem Zelttische aus. + +Belisar warf einen gleichgültigen Blick darauf, aber sofort rief er: »Der +Plan ist irrig! Prokop, reiche mir unsern Plan aus jener Capsula. – + +Sieh her, diese Gräben sind ja jetzt ausgefüllt, diese Türme eingefallen, +hier die Mauer niedergerissen, diese Thore wehrlos. – Dein Plan stellt sie +alle noch in furchtbarer Stärke dar. Er ist veraltet, Präfekt von Rom.« + +»Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, Gräben, Thore sind +hergestellt.« – »Seit wann?« – »Seit Jahresfrist.« – »Von wem?« – »Von +mir.« Betroffen sah Belisar auf den Plan. + +Antoninas Blick hing ängstlich an den Zügen ihres Gatten. + +»Präfekt,« sagte dieser endlich, »wenn dem so ist, so verstehst du den +Krieg, den Festungskrieg. Aber zum Krieg gehört ein Heer und deine leeren +Wälle werden mich nicht aufhalten.« + +»Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einräumen, daß mehr als +zwanzigtausend Mann Rom, – nämlich dies _mein_ Rom hier auf dem Plan, – +über Jahr und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermögen. Gut: so wisse +denn, daß jene Werke in diesem Augenblick von fünfunddreißigtausend +Bewaffneten gedeckt sind.« + +»Sind die Goten zurück?« rief Belisar. Prokop trat erstaunt näher. + +»Nein, jene fünfunddreißigtausend stehen unter meinem Befehl. Ich habe +seit Jahren die lang verweichlichten Römer zu den Waffen zurückgerufen und +unablässig in den Waffen geübt. So habe ich zur Zeit dreißig Kohorten, +jede fast zu tausend Mann, schlagfertig.« + +Belisar bekämpfte seinen Unmut und zuckte verächtlich die Achseln. + +»Ich geb’ es zu,« – fuhr Cethegus fort – »diese Scharen würden in offner +Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen. Aber ich versichre dich: +von diesen Mauern herab werden sie ganz tüchtig fechten. Außerdem hab’ ich +aus meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und +abasgische Söldner geworben und allmählich in kleinen Abteilungen ohne +Aufsehen nach Ostia, nach Rom und in die Umgegend gebracht. Du zweifelst? +hier sind die Listen der dreißig Kohorten, hier der Vertrag mit den +Isauriern. Du siehst deutlich, wie die Sachen stehen. Entweder du nimmst +meine Bedingung an: – dann sind jene fünfunddreißigtausend dein, dein ist +Rom, mein Rom, dieses Rom auf dem Plan, von dem du sagtest, es sei von +furchtbarer Stärke, und dein ist Cethegus. Oder du verwirfst meine +Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen Gelingen auf der +Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. Du mußt Rom belagern, viele Monde +lang. Die Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen sie +zurück: sie ziehen in dreifacher Übermacht zum Entsatz der Stadt heran, +und nichts errettet dich vom Verderben als ein Wunder.« + +»Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel,« donnerte Belisar, und +riß, seiner nicht mehr mächtig, das Schwert aus der Scheide. »Auf, Prokop, +in des Kaisers Namen! Ergreife den Verräter! Er stirbt in dieser Stunde!« + +Entsetzt, unschlüssig trat Prokop zwischen die beiden, indes Antonina +ihrem Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte. + +»Seid ihr mit im Bunde?« schrie der Ergrimmte. »Wachen, Wachen herbei!« + +Aus jeder der beiden Thüren traten zwei Lanzenträger in das Zelt: aber +noch zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken +Arm den starken Prokop, als wär’ er ein Kind, zur Seite geschleudert. Mit +dem Schwert zu furchtbarem Stoß ausholend, stürzte er auf den Präfekten +los. + +Aber plötzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die schon des Bedrohten +Brust streifte. + +Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, den +kalten Blick durchbohrend auf den Wütenden gerichtet, war Cethegus stehen +geblieben, ein Lächeln unsäglicher Verachtung um die Lippen. + +»Was soll der Blick und dieses Lachen?« fragte Belisar innehaltend. + +Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten. + +»Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick des Jähzorns für +immer verderben sollte. Wenn dein Stoß traf, warst du verloren.« + +»Ich!« lachte Belisar. »Ich sollte meinen du.« + +»Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen +des Löwen? Daß einem Helden deiner Art zu allererst der feine Einfall +kommen werde, dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das +vorauszusehen war nicht schwer. Dagegen hab’ ich mich geschützt. Wisse: +seit diesem Morgen ist infolge eines versiegelten Auftrages, den ich +zurückließ, Rom in den Händen, in der Gewalt meiner blindergebnen Freunde. +Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und alle Thore und Türme der Umwallung +sind besetzt von meinen Isauriern und Legionaren. Meinen Kriegstribunen, +todesmutigen Jünglingen, hab’ ich diesen Befehl hinterlassen für den Fall, +daß du ohne mich vor Rom eintriffst.« Er reichte Prokop eine Papyrusrolle. + +Dieser las: »An Lucius und Marcus die Licinier Cethegus der Präfekt. Ich +bin gefallen, ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner. Rächet mich! Ruft +sofort die Goten zurück. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die Barbaren +als die Schergen Justinians. Haltet euch bis auf den letzten Mann. +Übergebt die Stadt eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen.« + +»Du siehst also,« fuhr Cethegus fort, »daß dir mein Tod die Thore Roms +nicht öffnet, sondern für immer sperrt. Du mußt die Stadt belagern: oder +mit mir abschließen.« + +Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der Bewunderung auf den +kühnen Mann, der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb. +Dann steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen Stuhl und +fragte: »Welches sind deine Bedingungen für die Übergabe?« »Nur zwei. +Erstens giebst du mir Befehl über einen kleinen Teil deines Heeres. Ich +darf deinen Byzantinern kein Fremder sein.« + +»Zugestanden. Du erhältst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fußvolks +und eintausend saracenische und maurische Reiter. Genügt das?« + +»Vollkommen. Zweitens. + +Meine Unabhängigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der +Beherrschung Roms. Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhören. +Deshalb bleibt das ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf +dem linken aber das Kapitol, die Umwallung im Süden bis zum Thore Sankt +Pauls einschließlich, bis zum Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier +und Römer; von dir aber wird der ganze Rest der Stadt auf dem linken +Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Thor im Norden bis zum appischen +Thor im Süden.« + +Belisar warf einen Blick auf den Plan. »Nicht übel gedacht! Von jenen +Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt drängen oder den +Fluß absperren. Das geht nicht an.« + +»Dann rüste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cethegus zusammen vor den +Mauern Roms.« + +Belisar sprang auf. »Geht! laßt mich allein mit Prokop! Cethegus, erwarte +meine Entscheidung.« + +»Bis morgen,« sagte dieser. »Bei Sonnenaufgang kehr’ ich nach Rom zurück, +mit deinem Heer oder – allein.« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein +durch das asinarische Thor. + +Endloser Jubel begrüßte den Befreier, Blumenregen überschüttete ihn und +seine Gattin, die auf einem zierlichen weißen Zelter an seiner Linken +ritt. Alle Häuser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Kränzen +angethan. + +Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte er das Haupt und +warf finstre Blicke nach den Wällen und dem Kapitol, von denen, den alten +römischen Adlern nachgebildet, die Banner der städtischen Legionare, nicht +die Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten. + +Am asinarischen Thor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des +kaiserlichen Heeres zurückgewiesen: und nicht eher hob sich das wuchtige +Fallgitter, bis neben Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen +Rappen, Cethegus der Präfekt erschienen war. Lucius staunte über die +Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen. Die kalte, +strenge Verschlossenheit war gewichen: er erschien größer, jugendlicher: +ein leuchtender Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung +und seiner Erscheinung. Er trug einen hohen, reichvergoldeten Helm, von +dem der purpurne Roßschweif niederwallte bis auf den Panzer: dieser aber +war ein kostbares Kunstwerk aus Athen und zeigte auf jeder seiner +Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von getriebenem Silber, jedes +einen Sieg der Römer darstellend. + +Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine stolze Haltung und +sein schimmernder Waffenschmuck überstrahlte, wie Belisar, den +kaiserlichen Magister Militum selbst, so das glänzende Gefolge von +Heerführern, das sich, geführt von Johannes und Prokop, hinter den beiden +anschloß. Und dies Überstrahlen war so augenfällig, daß sich, sowie der +Zug einige Straßen durchmessen hatte, der Eindruck auch der Menge +mitteilte und der Ruf »Cethegus!« bald so laut und lauter als der Name +»Belisar« ertönte. + +Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: mit Unruhe lauschte sie +bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks. Als sie die +Thermen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphitheater +die sacra Via erreicht hatten, wurden sie durch das Wogen der Menge zum +Verweilen gezwungen: ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur +langsam durchschreiten konnte. + +»Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem Feldherrn,« stand darauf +geschrieben. Während Antonina die Aufschrift las, hörte sie einen Alten, +der wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen +der jungen Legionare des Cethegus, Fragen um Auskunft stellen. »Also, mein +Gajus, der Finstre mit dem verdrießlichen Gesicht auf dem Rotscheck ... –« +»Ja, das ist Belisarius, wie ich dir sage,« antwortete der Sohn. »So? Nun +– aber der stattliche Held, ihm zur Linken, mit dem triumphierenden Blick, +der auf dem Rappen, das ist gewiß Justinianus selbst, sein Herr, der +Imperator?« – »Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach +zu Byzanz und schreibt Gesetze. Nein, das ist ja Cethegus, _unser_ +Cethegus, mein Cethegus, der Präfekt, der mir das Schwert geschenkt. Ja, +das ist ein Mann. Licinius, mein Tribun, sagte neulich: wenn der nicht +wollte, Belisar sähe nie ein römisch Thor von innen.« + +Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem +Silberstäbchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen. + +Cethegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der +Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme in stand gesetzt war. Hier +verabschiedete er sich, den byzantinischen Heerführern seinen Beistand zu +leihen, die Truppen teils in den Häusern der Bürger und den öffentlichen +Gebäuden, teils vor den Thoren in Zelten unterzubringen. + +»Wenn du dich von den Mühen – und Ehren! – dieses Tages erholt, +Belisarius, erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerführer zum +Mahl in meinem Hause.« + +Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso und Balbus, die +Geladenen abzuholen. Sie begleiteten die Sänften, in denen Antonina und +Belisar getragen wurden, die Heerführer gingen zu Fuß. + +»Wo wohnt der Präfekt?« fragte Belisar beim Einsteigen in die Sänfte. + +»So lang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, und nachts – auf dem +Kapitol.« + +Belisar stutzte. Der kleine Zug näherte sich dem Kapitol. + +Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Wälle, die seit mehr denn +zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren, zu gewaltiger Stärke wieder +hergestellt. + +Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln Zickzackgang, den +engen Zugang zu der Feste, sich gewunden, gelangten sie an ein gewaltiges +Eisenthor, das fest geschlossen war, wie in Kriegszeit. + +Marcus Licinius rief die Wachen an. + +»Gieb die Losung!« sprach eine Stimme von innen. + +»Cäsar und Cethegus!« antwortete der Kriegstribun. Da sprangen die +Thorflügel auf: ein langes Spalier der römischen Legionare und der +isaurischen Söldner ward sichtbar, letztere in Eisen gehüllt bis an die +Augen und mit Doppeläxten bewaffnet. Lucius Licinius stand an der Spitze +der Römer, mit gezücktem Schwert in der Hand: Sandil, der isaurische +Häuptling, an der Spitze seiner Landsleute. Einen Augenblick blieben die +Byzantiner unentschlossen stehen, von dem Eindruck dieser Machtentfaltung +von Granit und Eisen überwältigt. + +Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: man vernahm Musik aus dem +Hintergrund des Ganges: und, von Fackelträgern und Flötenspielern +begleitet, nahte Cethegus, ohne Rüstung, einen Kranz auf dem Haupt, wie +ihn der Wirt eines Festgelages zu tragen pflegte, im reichen Hausgewand +von Purpurseide. So trat er lächelnd vor und sprach: »Willkommen! und +Flötenspiel und Tubaschall verkünde laut: daß die schönste Stunde meines +Lebens kam: Belisar, _mein Gast_ im Kapitol.« + +Und unter schmetterndem Klang der Trompeten führte er den Schweigenden in +die Burg. + + + + + Vierzehntes Kapitel. + + +Während dieser Vorgänge bei den Römern und Byzantinern bereiteten sich +auch auf Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor. + +In Eilmärschen waren Herzog Guntharis und Graf Arahad von Florentia, wo +sie eine kleine Besatzung zurückließen, mit ihrer gefangenen Königin nach +Ravenna aufgebrochen. Wenn sie diese für uneinnehmbar geltende Feste vor +Witichis, der heftig nachdrängte, erreichten und gewannen, so mochten sie +dem König jede Bedingung vorschreiben. Zwar hatten sie noch einen starken +Vorsprung und hofften, die Verfolger durch die Belagerung von Florentia +noch eine gute Weile aufzuhalten. Aber sie büßten jenen Vorsprung beinahe +völlig dadurch ein, daß die auf der nächsten Straße nach Ravenna gelegenen +Städte und Kastelle sich für Witichis erklärten und so die Empörer +nötigten, auf großem Umweg im rechten Winkel zuerst nördlich nach Bononia +(Bologna), das zu ihnen abgefallen war, und dann erst östlich nach Ravenna +zu marschieren. + +Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten +und nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Thoren entfernt waren, von +dem Heer des Königs nichts zu sehen. Guntharis gönnte seinen stark +ermüdeten Truppen den Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages +und schickte nur eine kleine Schar Reiter unter seines Bruders Befehl +voraus, den Goten in der Festung ihre Ankunft zu verkünden. + +Aber schon in den ersten Morgenstunden des nächsten Tages kam Graf Arahad +mit seiner stark gelichteten Reiterschar flüchtend ins Lager zurück. »Bei +Gottes Schwert,« rief Guntharis, »wo kommst du her?« + +»Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die äußersten Werke der Stadt erreicht +und Einlaß begehrt, wurden aber entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst +mich zeigte und den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen ließ. Der +erklärte trotzig, morgen würden wir seine und der Goten in Ravenna +Entscheidung erfahren: wir sowohl wie das Heer des Königs, dessen Spitzen +sich bereits von Südosten her der Stadt näherten.« + +»Unmöglich!« rief Guntharis ärgerlich. + +»Mir blieb nichts übrig, als abzuziehen, so wenig ich dies Benehmen +unseres Freundes begriff. Die Nachricht von der Nähe des Königs hielt auch +ich für eine leere Drohung des Alten, bis meine im Süden der Stadt +schwärmenden Reiter, die nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten, +plötzlich von feindlichen Reitern unter dem schwarzen Grafen Teja von +Tarentum mit dem Ruf: »Heil König Witichis!« angegriffen und nach scharfem +Gefecht zurückgeworfen wurden.« + +»Du rasest,« rief Guntharis. »Haben sie Flügel? ist Florentia aus ihrem +Wege fortgeblasen?« + +»Nein! aber ich erfuhr von picentinischen Bauern, daß Witichis auf dem +Küstenweg über Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt.« – »Und Florentia +ließ er im Rücken, ungezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen.« – +»Florentia ist gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, der sie im +Sturme nahm. Er rannte mit eigener Hand das Marsthor ein, – der wütige +Stier!« + +Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntharis diese Unglücksbotschaften; +aber rasch faßte er seinen Entschluß. Er brach sofort mit all seinen +Truppen gegen die Stadt auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen. + +Der Überfall mißlang. + +Aber die Empörer hatten die Befriedigung, zu sehen, daß die Festung, deren +Besitz den Bürgerkrieg entschied, wenigstens auch dem Feind sich nicht +geöffnet hatte. Im Südosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der +König gelagert. Des Herzogs Guntharis geübter Blick erkannte alsbald, daß +auch die Sümpfe im Nordwesten eine sichere Stellung gewährten, und rasch +schlug er hier ein wohlverschanztes Lager auf. + +So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestüme Freier um eine +spröde Braut, hart an beide Seiten der gotischen Königsstadt gedrängt, die +keinem ein günstiges Gehör schenken zu wollen schien. + +Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten und Goten +bestehend, aus dem nordwestlichen und aus dem südöstlichen Thor der +Festung, dem Thor des Honorius und dem des Theoderich, und brachten, jene +in das Lager der Wölsungen, diese zu den Königlichen, den verhängnisvollen +Entscheid von Ravenna. + +Dieser mußte sehr seltsam lauten. Denn die beiden Heerführer, Guntharis +und Witichis, hielten ihn, in merkwürdiger Übereinstimmung, streng geheim +und sorgten eifrig dafür, daß kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte. +Die Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter +Bedeckung von Heerführern, die jede Unterredung mit den Heermännern +verwehrten, nach den Thoren der Stadt zurückgebracht. + +Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern +auffallend genug. Bei den Empörern kam es zu einem heftigen Streit +zwischen den beiden Führern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von +Herzog Guntharis mit seiner schönen Gefangenen, die, wie es hieß, nur +durch Graf Arahad vor dem Zorne seines Bruders geschützt worden war. +Darauf versank das Lager der Rebellen in die Ruhe der Ratlosigkeit. + +Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager +gegenüber. Die erste Antwort, die König Witichis auf die Botschaft erließ, +war der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt. + +Überrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm das ganze Heer diesen +Auftrag. Man hatte gehofft, in Bälde die Thore der starken Festung sich +freiwillig aufthun zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen +seine sonst so leutselige Art gab der König niemand, auch seinen Freunden +nicht, Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Gründen +dieses zornigen Angriffs. + +Schweigend, aber kopfschüttelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg, rüstete +sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm: er ward blutig +zurückgeschlagen. Vergebens trieb der König seine Goten immer wieder aufs +neue die steilen Felswälle hinan. Vergebens bestieg er, dreimal der erste, +die Sturmleitern: vom frühen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer +gestürmt ohne Fortschritte zu machen: die Festung bewährte ihren alten +Ruhm der Unbezwingbarkeit. + +Und als endlich der König, von einem Schleuderstein schwer betäubt, aus +dem Getümmel getragen wurde, führten Teja und Hildebrand die ermüdeten +Scharen ins Lager zurück. + +Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr trübe und +gedrückt. Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen, +als die Überzeugung, daß die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei. Die +gotische Besatzung von Ravenna hatte neben den Bürgern auf den Wällen +gefochten; der König der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor +der besten Festung seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur +Rüstung gegen Belisar zu finden gehofft! + +Das Schlimmste aber war, daß das Heer die Schuld des ganzen +Unglückskampfes, die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den König schob. +Warum hatte man die Verhandlung mit der Stadt plötzlich abgebrochen? Warum +nicht wenigstens die Ursache dieses Abbrechens, war sie eine gerechte, dem +Heere mitgeteilt? Warum scheute der König das Licht? + +Mißmutig saßen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten, +ihre Wunden pflegend, ihre Waffen flickend: nicht, wie sonst, scholl +Gesang der alten Heldenlieder von den Lagertischen, und wenn die Führer +durch die Zeltgassen schritten, hörten sie manches Wort des Ärgers und des +Zornes wider den König. + +Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im +Lager ein. Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen +Schlappe und wollte sofort zum König; aber da dieser noch bewußtlos unter +Hildebrands Pflege lag, nahm ihn Teja in sein Zelt, und beantwortete seine +unwilligen Fragen. + +Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit einem Ausdruck in +den Zügen, daß Hildebad erschrocken von seinem Bärenfell, das ihm zum +Lager diente, aufsprang und auch Teja hastig fragte: »Was ist mit dem +König? Seine Wunde? Stirbt er?« + +Der Alte schüttelte schmerzlich sein Haupt: »Nein: aber wenn ich richtig +rate, wie ich ihn kenne und sein wackres Herz, wär’ ihm besser, er +stürbe.« + +»Was meinst du? was ahnest du?« + +»Still, still,« sprach Hildebrand traurig, sich setzend, »armer Witichis! +es kommt noch, fürcht’ ich, früh genug zur Sprache.« Und er schwieg. + +»Nun,« sagte Teja, »wie ließest du ihn?« – »Das Wundfieber hat ihn +verlassen, dank meinen Kräutern. Er wird morgen wieder zu Roß können. Aber +er sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Träumen – ich wünsche ihm, daß +es nur Träume sind, sonst: weh dem treuen Manne.« + +Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. Nach einigen +Stunden ließ Witichis die drei Heerführer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu +ihrem Staunen in voller Rüstung, obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert +stützen mußte; seitwärts auf einem Tisch lag sein königlicher Kronhelm und +der heilige Königsstab von weißem Eschenholz mit goldner Kugel. Die +Freunde erschraken über den Verfall dieser sonst so ruhigen, männlich +schönen Züge. Er mußte innerlich schwer gekämpft haben. Diese kernige, +schlichte Natur aus Einem Guß konnte ein Ringen zweifelvoller Pflichten, +widerstreitender Empfindungen nicht ertragen. + +»Ich hab’ euch rufen lassen,« sprach er mit Anstrengung, »meinen Entschluß +in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu unterstützen. Wie groß ist +unser Verlust in diesem Sturm?« + +»Dreitausend Tote,« sagte Teja sehr ernst. »Und über sechstausend +Verwundete,« fügte Hildebrand hinzu. + +Witichis drückte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach er: »Es geht nicht +anders. Teja, gieb sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm.« + +»Wie? Was?« riefen die drei Führer wie aus Einem Munde. + +»Es geht nicht anders,« wiederholte der König. »Wie viele Tausendschaften +führst du uns zu, Hildebad?« – »Drei, aber sie sind totmüde vom Marsch. +Heut’ können sie nicht fechten.« + +»So stürmen wir wieder allein,« sagte Witichis nach seinem Speer langend. + +»König,« sagte Teja, »wir haben gestern nicht einen Stein der Festung +gewonnen und heute hast du neuntausend weniger ..« – + +»Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen,« +mahnte der alte Waffenmeister. + +»Wir müssen Ravenna haben!« + +»Wir werden es nicht mit Sturm nehmen!« sagte Teja. + +»Das wollen wir sehen!« meinte Witichis. + +»Ich lag vor der Stadt mit dem großen König,« warnte Hildebrand: »er hat +sie siebzigmal umsonst bestürmt: wir nahmen sie nur durch Hunger – nach +drei Jahren.« – + +»Wir _müssen_ stürmen,« sagte Witichis, »gebt den Befehl.« Teja wollte das +Zelt verlassen. Hildebrand hielt ihn. »Bleib,« sagte er, »wir dürfen ihm +nichts verschweigen. König! die Goten murren: sie würden dir heut’ nicht +folgen: der Sturm ist unmöglich.« + +»Steht es so?« sagte Witichis bitter. »Der Sturm ist unmöglich? Dann ist +nur eins noch möglich: der Weg, den ich gestern schon hätte einschlagen +sollen: – dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, nimm +dort Krone und Stab! + +Geh ins Lager der Empörer, lege sie dem jungen Arahad zu Füßen: er soll +sich mit Mataswintha vermählen; ich und mein Heer, wir grüßen ihn als +König.« Und er warf sich erschöpft aufs Lager. + +»Du sprichst wieder im Wundfieber,« sagte der Alte. »Das ist unmöglich!« +schloß Teja. + +»Unmöglich! Alles unmöglich? der Kampf unmöglich? und die Entsagung? Ich +sage dir, Alter: es giebt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna.« +Er schwieg. + +Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu. + +Endlich forschte der Alte: »Wie lautet sie? vielleicht findet sich doch +ein Ausweg? Acht Augen sehen mehr als zwei.« + +»Nein,« sagte Witichis, »hier nicht, hier ist nichts zu sehen: sonst hätt’ +ich’s euch längst gesagt: aber es konnte zu nichts führen. Ich hab’s +allein erwogen. Dort liegt das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor +dem Heer.« + +Der Alte nahm die Rolle und las: »Die gotischen Krieger und das Volk von +Ravenna an den Grafen Witichis von Fäsulä!« – + +»Die Frechen!« rief Hildebad dazwischen. + +»Den Herzog Guntharis von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta. Die +Goten und die Bürger dieser Stadt erklären den beiden Heerlagern vor ihren +Thoren, daß sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk +der unvergeßlichen Wohlthaten des großen Königs Theoderich, bei diesem +Herrscherstamm ausharren werden, solang noch ein Reis desselben grünt. Wir +erkennen deswegen nur Mataswintha als Herrin der Goten und Italier an: nur +der Königin Mataswintha werden wir diese festen Thore öffnen und gegen +jeden andern unsre Stadt bis zum äußersten verteidigen.« + +»Diese Rasenden,« sagte Teja. »Unbegreiflich,« versetzte Hildebad. + +Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte: »Ich begreife es +wohl. Was die Goten anlangt, so wißt ihr, daß Theoderichs ganze +Gefolgschaft die Besatzung der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem +König geschworen, seinem Stamm nie einen fremden König vorzuziehen: auch +ich hab’ diesen Eid gethan: aber ich habe dabei immer an die Speerseite, +nicht an die Spindeln, nicht an die Weiber, gedacht: darum mußt’ ich +damals für Theodahad stimmen: darum konnt’ ich nach dessen Verrat Witichis +huldigen. Der alte Graf Grippa von Ravenna nun und seine Gesellen glauben +sich auch an die Weiber des Geschlechts durch jenen Eid gebunden: und +verlaßt euch darauf, diese grauen Recken, die ältesten im Gotenreich und +Theoderichs Waffengenossen, lassen sich in Stücke hauen, Mann für Mann, +eh’ sie von ihrem Eide lassen, wie sie ihn einmal deuten. Und, bei +Theoderich! sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur dankbar, +sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner sollen den Strauß +vor ihren Wällen ausfechten. Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswintha +zu rächen kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer Tochter +gehalten: und siegen wir, so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen, +die Thore zu sperren.« + +»Wie immer dem sei,« fiel der König ein, »ihr werdet jetzt mein Verfahren +verstehn. Erfuhr das Heer von jenem Bescheid, so mochten viele mutlos +werden und zu den Wölsungen übergehn, in deren Gewalt die Fürstin ist. Mir +blieben nur zwei Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen – oder nachgeben: jenes +haben wir gestern vergebens versucht und ihr sagt, man könne es nicht +wiederholen. So erübrigt nur das andre: nachgeben. Arahad mag die Jungfrau +freien und die Krone tragen; ich will der erste sein, ihm zu huldigen und +mit seinem tapfren Bruder sein Reich zu schirmen.« + +»Nimmermehr!« rief Hildebad, »du bist unser König und sollst es bleiben. +Nie beug’ ich mein Haupt vor jenem jungen Fant. Laß uns morgen hinüber +rücken gegen die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und +das Königskind, vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Thore +aufspringen sollen, in _unsre_ Zelte tragen.« + +»Und wenn wir sie haben?« sagte Teja, »was dann? Sie nützt uns nichts, +wenn wir sie nicht als Königin begrüßen. Willst du das? Hast du nicht +genug an Amalaswintha und Godelindis? Nochmals Weiberherrschaft?« + +»Gott soll uns davor schützen!« lachte Hildebad. + +»So denke ich auch,« sprach der König, »sonst hätt’ ich längst diesen Weg +ergriffen.« + +»Ei, so laß uns hier liegen und warten bis die Stadt mürbe wird.« + +»Geht nicht,« sagte Witichis, »wir _können_ nicht warten. In wenigen Tagen +kann Belisar von jenen Hügeln steigen und nacheinander mich, Herzog +Guntharis und die Stadt bezwingen: dann ist’s dahin, das Reich und Volk +der Goten. Es giebt nur zwei Wege: Sturm –« + +»Unmöglich,« sprach Hildebrand. + +»Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich sehe keinen Ausweg.« + +Die beiden jungen Männer zauderten. + +Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der Liebe auf den König +der alte Hildebrand: »Ich sehe den Ausweg, den schmerzvollen, den +einzigen. Du mußt ihn gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das +Herz.« Witichis sah ihn fragend an: auch Teja und Hildebad staunten ob der +Weichheit des felsharten Alten. + +»Geht ihr hinaus,« fuhr dieser fort, »ich muß allein sprechen mit dem +König.« + + + + + Fünfzehntes Kapitel. + + +Schweigend verließen die beiden Goten das Zelt und schritten draußen, den +Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin +und wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den König zu ermahnen +und zu drängen schien: und hin und wieder ein Ausruf des Königs. + +»Was kann nur der Alte sinnen?« fragte Hildebad, still haltend, »weißt +du’s nicht?« »Ich ahn’ es,« seufzte Teja, »armer Witichis!« – »Zum Teufel, +was meinst du?« »Laß,« sagte Teja, »es wird bald genug auskommen.« + +So verging geraume Zeit. + +Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Königs, der sich der Reden +Hildebrands mächtig zu erwehren schien. + +»Was quält der Eisbart den wackern Helden?« rief Hildebad ungeduldig. »Es +ist, als wollt’ er ihn ermorden. Ich will hinein und helf’ ihm.« + +Aber Teja hielt ihn an der Schulter. + +»Bleib,« sagte er. »Es muß wohl sein.« + +Während sich Hildebad losmachen wollte, nahte Lärm von Stimmen aus dem +obern Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemühten sich vergebens, einen +starken Goten zurückzuhalten, der mit allen Zeichen langen und eiligen +Rittes bedeckt, sich gegen das Zelt des Königs drängte. + +»Laß mich los,« rief er, »guter Freund, oder ich schlage dich nieder.« + +Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt. + +»Es geht nicht. Du mußt warten. Die großen Heerführer sind bei ihm im +Zelt.« + +»Und wären alle großen Götter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im +Zelt, ich muß zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann König. +Laß’ los, rat’ ich dir.« + +»Die Stimme kenn’ ich,« sagte Graf Teja, nähertretend – »und den Mann. +Wachis, was suchst du hier im Lager?« + +»O Herr,« rief der treue Knecht, »wohl mir, daß ich euch treffe. Sagt +diesen guten Leuten, daß sie mich loslassen. Dann brauch’ ich sie nicht +niederzuschlagen. Ich muß gleich zu meinem armen Herrn.« + +»Laßt ihn los: sonst hält er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei +dem König?« + +»Führt mich nur gleich zu ihm. Ich bring ihm schwarze, schwere Kunde von +Weib und Kind.« + +»Von Weib und Kind?« fragte Hildebad erstaunt. »Ei, hat Witichis ein +Weib?« + +»Die wenigsten wissen es,« sagte Teja. »Sie verließ fast nie ihr Gut, kam +nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch. +Ich weiß nicht ihresgleichen.« + +»Da habt ihr recht, Herr, wenn ihr je recht gehabt,« sprach Wachis mit +erstickter Stimme. »Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber laßt +mich hinein. Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fuß. Ich muß ihn +vorbereiten.« + +Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt, und folgte ihm +mit Hildebad. + +Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem +Lager des Königs sitzen, das Kinn mit dem mächtigen Bart in die Hand und +diese auf das Steinbeil gestützt. So saß er unbeweglich und richtete fest +die Augen auf den König, der, in höchster Aufregung, mit hastigen +Schritten, auf und nieder ging und im Sturm seiner Gefühle die +Eintretenden gar nicht bemerkte: »Nein! nein! niemals!« rief er, »das ist +grausam! frevelhaft! unmöglich!« + +»Es muß sein,« sagte Hildebrand, ohne sich zu rühren. + +»Nein, sag’ ich,« rief der König und wandte sich. + +Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der +Knecht laut weinend vor ihm nieder. + +»Wachis,« rief erschreckend der König, »was bringst du? Du kömmst von ihr! +Steh’ auf – was ist geschehen?« + +»Ach Herr,« jammerte dieser immer noch knieend, »euch sehen, zerreißt mein +Herz! Ich kann nichts dafür! Ich hab’s vergolten und gerächt nach +Kräften.« + +Da riß ihn Witichis bei den Schultern auf: »Rede, Mensch, was ist zu +rächen? Mein Weib –?« + +»Sie lebt, sie kommt hierher, aber euer Kind ...« – + +»Mein Kind,« sprach er erbleichend, »Athalwin, was ist mit ihm –?« + +»Tot, Herr, – ermordet!« + +Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequälten Vaters +Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen, teilnehmend traten Teja +und Hildebad näher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die +Gruppe. + +Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Hände +seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei große +Thränen standen auf den braunen Wangen des Helden: er schämte sich ihrer +nicht. + +»Ermordet!« sagte er, »mein schuldlos Kind! von den Römern!« »Die feigen +Teufel,« rief Hildebad. + +Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos. + +»Calpurnius!« sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis. + +»Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und +dein Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, daß +er nun ein Königssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug! +Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und +wilde Riesen. Da kam der Nachbar von Rom zurück. Ich merkt’ es wohl, daß +er noch finsterer sah und neidischer als je und hütete dir Haus und Stall. +Aber das Kind hüten – wer hätte daran gedacht, daß Kinder nicht mehr +sicher!« + +Witichis schüttelte schmerzlich das Haupt. + +»Der Knabe konnte nicht erwarten, daß er seinen Vater sehen solle im +Kriegslager und all’ die Tausende von gotischen Heermännern und daß er +Schlachten solle in der Nähe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund +an, und sagte: ein Königssohn müsse ein eisernes tragen, zumal in +Kriegszeiten. Und ich mußte ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu. +Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen früh +davon. Und fragte sie, »wohin?« so lachte er: »auf Abenteuer, lieb’ +Mutter!« und sprang in den Wald. Dann kam er mittags müd und zerrissenen +Gewandes heim: und ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte +nur, er habe Siegfried gespielt. + +Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem +Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es +war, wie ich gedacht. + +Ich hatte ihm einst warnend eine Höhle im schroffen Felsgeklüft gezeigt, +das steil über den Gießbach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu +Dutzenden nisten. + +Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich sagte, jeder Biß sei +tödlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der +Beißwurm in den nackten Fuß gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert +und wollte mitten darunter springen. Mit Mühe und schwer erschrocken hielt +ich ihn damals ab. + +Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, daß ich ihm eine +Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im +Steingeklüft, unter Dornen und Gestrüpp: da holte er einen mächtigen +Holzschild hervor, den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte. +Und eine Krone war frisch drauf gemalt. + +Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Höhle. + +Ich sah mich um: da lag das lang mächtige Gewürm zu halben Dutzenden von +frühern Schlachten her mit zerhauenen Häuptern umhergestreut: ich folgte, +und so besorgt ich war, ich konnt’ ihn nicht stören, wie er so heldenmütig +focht! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwürfen aus ihrem +Loch, daß sie sich züngelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn +sprang, warf er blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich +mitten entzwei. Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber +sah gar trotzig drein und rief: »Sag’s nur der Mutter nicht! denn ich +thu’s doch! bis der letzte der Drachen tot ist!« Ich sagte, ich würde ihm +sein Schwert nehmen. »Dann fecht’ ich mit dem hölzernen, wenn dir das +lieber ist!« rief er. »Und welche Schmach für einen Königssohn!« + +Da nahm ich ihn die nächsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die +Wildweide. Das vergnügte ihn sehr: und nächstens, dacht’ ich, brechen wir +ja auf. + +Aber eines Morgens war er mir wieder entschlüpft und ich ging allein an +die Arbeit. Den Rückweg nahm ich den Fluß entlang, gewiß, ihn an der +Felshöhle zu finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehäng seines +Schwertes, zerrissen, an den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten +auf der Erde. Erschrocken sah ich umher und suchte, aber –« + +»Rascher, weiter,« rief der König. + +»Aber?« fragte Hildebad. + +»Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich große Fußspuren +eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen. + +Sie führten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und +unten« – + +Witichis wankte. + +»Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine +Gestalt. + +Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiß es nicht, im Flug war +ich unten. – Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den +Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut überströmt –« + +»Halt ein,« sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes +Hildebad des armen Vaters Hand faßte, der stöhnend auf sein Lager sank. + +»Mein Kind, mein süßes Kind, mein Weib!« rief er. + +»Ich fühlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Fluß brachte ihn +nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. »Du bist +herabgefallen, mein Kind,« klagte ich. + +»Nein,« sagte er, »nicht gefallen, geworfen.« Ich war starr vor Entsetzen. +»Calpurnius,« hauchte er, »trat plötzlich um die Felsecke, wie ich auf die +Vipern einhieb. »Komm mit mir,« sagte er und griff nach mir. Er sah bös +aus und falsch. Ich sprang zurück. »Komm,« sagte er, »oder ich binde +dich.« »Mich binden!« rief ich. »Mein Vater ist der Goten König und der +deine. Wag’ es und rühr’ mich an!« Da ward er ganz wütig und schlug nach +mir mit dem Stock und kam näher; ich aber wußte, daß in der Nähe unsere +Knechte Holz fällten und schrie um Hilfe und wich zurück bis an den Rand +der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute mußten mich gehört +haben: ihre Axtschläge ruhten plötzlich. Doch plötzlich vorspringend, +sagte er: »Stirb, kleine Natter!« und stieß mich über den Fels.«« + +Teja biß die Lippen. »O der Neiding,« rief Hildebad. Und Witichis riß sich +mit einem Schrei des Schmerzes los. + +»Mach’s kurz,« sagte Teja. – »Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf +meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf, +in ihrem Schos. Ein Gruß an dich war sein letzter Hauch.« + +»Und mein Weib – ist sie nicht verzweifelt?« + +»Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie +der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus, +nach rechts. + +Ich verstand sie: dort stand des Mörders Haus. + +Und ich waffnete alle deine Knechte und führte sie hinüber zur Rache: und +wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild, und trugen ihn in +unsrer Mitte zur Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in der +Hand, hinter der Leiche. Vor dem Thor der Villa legten wir den Knaben +nieder. + +Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Roß zu Belisar. Aber +sein Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten +eben zu Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf. +Dann brachen wir ein. + +Wir haben sie _alle_ erschlagen, alle: und das Haus niedergebrannt über +den Bewohnern. Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht +haltend, auf ihr Schwert gestützt, und sprach kein Wort. Und mich schickte +sie Tags darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf, +sowie sie die kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren, +durch die Empörer vom nächsten Wege abgesperrt, so kann sie stündlich da +sein.« + +»Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir +diese Krone bringt. Und nun,« rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes +den Alten an, »willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?« + +Hildebrand stand langsam auf: »Nichts ist untragbar, was notwendig ist. +Auch der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne +zu fragen, wollt ihr’s tragen? Sie kommen. Und wir tragen’s. Weil wir +müssen. Aber ich höre Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir.« + +Witichis wandte sich von ihm zur Thür. + +Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier +Rauthgundis sein Weib, eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust +drückend. + +Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: – – und die +Gatten hielten sich umfangen. + +Schweigend verließen die Männer das Zelt. + + + + + Sechzehntes Kapitel. + + +Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: »Du quälst den König +umsonst,« sagte er. »Er wird nie darein willigen. Er kann’s auch nicht. +Jetzt am wenigsten.« + +»Woher weißt du ...? –« unterbrach der Greis. – »Still: ich ahn’ es: wie +ich alles Unglück ahne.« – »Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.« – +»Er, – er wird’s nie thun.« – »Aber – du meinst sie selbst?« – +»Vielleicht!« – »Sie wird,« sagte Hildebrand. + +»Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib,« schloß Teja. + +Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen +Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ, geschah es, daß die +Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen +Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsächlichen Waffenstillstand +benutzend, in mannigfachen Verkehr traten. + +Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem +Bürgerkriege vor. + +Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches +dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die +Ravennaten schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne, +was ihr gebühre. + +Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna +selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und +rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und +rühmten: + +»So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, daß er statt aller Antwort +auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein +so leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, daß +Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist’s +ein zu hartes Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin +Schönhaar, von deren Reiz die Sänger singen aus den Straßen, Thron und +Lager zu teilen? Mußten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben? +Nun, er soll nur so fortstürmen! Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn +oder diese Felsen.« + +Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den +Wällen. + +Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe +wußten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens +Anwesenheit im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer +Königin war sie eingezogen. + +In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie +vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum +also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie! + +Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die +anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König +schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem +Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte. + +Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, die Schmach der +Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn +über sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu +erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen +ausgebrochen. + +Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen +des Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr +verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend +sie beim Namen nannten. + +Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten +wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück. + +»Laßt es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn’s genug ist, werd’ ich’s +dämmen.« »Die einzige Gefahr wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin – + +»Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« sagte Teja. + +»Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer +erzählen, daß sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu +töten als Arahad die Hand zu reichen.« + +»Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd’ ich’s wagen.« + +»Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind. +Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende +böses Spiel machen.« + +»Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta,« flüsterte +Teja. »Darauf vertrau ich auch,« meinte Hildebad. »Gönnt ihm noch einige +Tage Ruhe,« riet der Alte. »Er muß seinem Schmerz sein Recht anthun: eh’ +ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt ihn ruhig in +seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.« + +Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders als +er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen. + +Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den +Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte. +Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo +wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten +stattgefunden hatten, häufiger vor. + +Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk +entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen +Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht +nötig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen. + +Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden. + +Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen. +Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum +Stützpunkt all’ seiner Bewegungen in Italien machen. + +Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt, +sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle, +Burgen und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen +Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung +im Zaum gehalten, einfach zum »Kaiser der Romäer,« wie er sich auf +griechisch nannte, abgefallen waren. + +Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in +vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb +verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck +oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich +viele Schlösser und Städte an Belisar. + +Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um, +falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine +Entschuldigung zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund, +solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt, +unter Führung der Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig +waren, auszusenden. Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten +Rückzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell +wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen. + +Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen, +das bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe +oberhalb des großen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den +Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese +gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit +Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder +gegen Ravenna beschäftigen wollte, – er hoffte auf eine friedliche Lösung +des Knotens – beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen einen +züchtigenden Streich zu thun. + +Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager, +die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena, +diese wichtige Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte. + +Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er +selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in +der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der +Richtung gegen Cäsena aufbrachen. + +Der Überfall gelang vollkommen. + +Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß des hoch auf dem Fels +gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf +alle Seiten des Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie +leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward überrascht +und die Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach +allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den +Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses +erleuchteten die Nacht. + +Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des +Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die +verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem +Anführer, nach dem Glanz der Rüstung zu schließen. + +Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann – sein +Visier war dicht geschlossen – focht wie ein Verzweifelter, deckte die +Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt. + +Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen +Kampf mit an. »Gieb dich gefangen, tapferer Mann!« rief er dem einsamen +Krieger zu, »dein Leben sichr’ ich dir.« + +Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er +das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er +wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit +gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten +etwas zurück. + +Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, »jetzt keine Gnade +mehr! Zielt mit den Speeren.« »Er ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der +Goten, ein Vetter Tejas, »dreimal hab’ ich ihn getroffen – er ist nicht zu +verwunden.« + +»Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »laß sehen, ob er auch +gegen Stein gefeit ist.« + +Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – er war fast der einzige, +der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen – sausend gegen den +Byzantiner. + +Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm +und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch +hinzu und lösten ihm den Helm. + +»Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war kein Byzantiner.« +»Und kein Italier,« sagte Gunthamund. »Sieh die Goldlocken – das war ein +Gote!« meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak zusammen. + +»Fackeln her,« rief er – »Licht! – – Ja,« sprach er finster, seinen +Steinhammer wieder aufhebend, »das war ein Gote. Und ich! – ich hab’ ihn +erschlagen,« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am +Hammerschaft. + +»Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die +Augen auf.« + +»Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das woll’n die Götter nicht!« »Ja, +er lebt!« wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. – »Dann +weh über ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der Goten in +meine Gewalt! Bind’ ihn auf dein Roß, Gunthamund, aber fest! Und wenn er +entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach +Hause!« + +Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für +diesen Gefangenen rüsten sollten. + +»Einen Bund Stroh für heute Nacht,« sagte der, »und für morgen früh – +einen Galgen.« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und +berichtete den Erfolg seines Zuges. + +»Wir haben unter den Gefangenen« schloß er finster, »einen gotischen +Überläufer. Er muß hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.« »Das ist sehr +traurig,« sagte Witichis seufzend. – »Ja, aber notwendig. Ich berufe das +Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du den Vorsitz führen?« +»Nein,« sagte Witichis, »erlaß mir’s: ich bestelle Hildebad an meiner +Statt.« »Nein,« sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, +solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.« +Witichis sah ihn an: »du siehst grimmig und so kalt! Ist’s ein alter Feind +deiner Sippe?« »Nein,« sprach Hildebrand. – »Wie heißt der Gefangene?« – +»Wie ich, Hildebrand.« – »Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen +Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hüte dich vor übertriebener +Strenge. Vergiß nicht, daß ich gern begnadige.« + +»Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte Hildebrand ruhig »und er +wird sterben.« + + + + + Siebzehntes Kapitel. + + +Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt +auf eine Wiese, im Norden, »an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die +Heerführer und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten. + +»Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, »ist der alte +Hildebrand auf dem Dingplatz?« + +»Er ist das Haupt des Dings.« + +»Barbaren sind und bleiben sie! Thu’ mir den Gefallen, Freund – ich +schenke dir dafür diese purpurne Binde – und geh zu dem Alten. Sag ihm: +ich wisse, daß ich sterben muß. + +Aber er möge doch mir – und mehr noch meinem Geschlecht – hörst du? – +meinem Geschlecht – die Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich +eine Waffe senden.« Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der +das Gericht bereits eröffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der +Alte ließ zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen +feststellen, wie man sich des Gefangenen bemächtigt, darauf diesen selbst +vorführen. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine +Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu +Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte. + +»Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich laß’ ihm sagen: die Schmach +für sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er +fort: »Zeigt das Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des +Hildegis!« + +Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge. + +»Sein eigner Enkel!« »Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist +grausam gegen dein Fleisch und Blut!« rief Hildebad aufspringen. »Nur +gerecht, aber gegen alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde +stoßend. »Armer Witichis!« flüsterte Graf Teja. + +Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager. + +»Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« fragte Hildebrand. + +Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gerötet, nicht +von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes +Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon der +Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines +Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn. +Er ließ sein Auge flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem +Alten haften. + +»Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Römer, +kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine +Römerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab’ ich nie als mir +verwandt empfunden. Seine Strenge hab’ ich verachtet wie seine Liebe. +Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter +entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand, +Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Römisch waren meine Freunde, +römisch von jeher meine Gedanken, römisch mein Leben. All meine Freunde +gingen zu Belisar und Cethegus: sollt’ ich zurückbleiben? Tötet mich, ihr +könnt’ es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht +Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen +Römer. Denn römisch ist meine Seele.« + +Schweigend, mit gemischten Empfindungen hörte die Menge diese +Verteidigung. + +Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte Blitze, seine Hand +zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. »Elender!« schrie er, »du bist eines +gotischen Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und +wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du schon dafür, zu sterben. +Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.« + +Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. »So sei +verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren +allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, daß +all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt +ihr werden aus diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden.« + +Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Hülle ums +Haupt und führten ihn ab nach einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller +seiner Zweige und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von +ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse +nahte. + +Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, Witichis und Hildebad an +der Spitze. »Haltet ein,« rief der König von weitem, »schont den Enkel +Hildebrands: Gnade, Gnade!« + +Aber der Alte wies nach dem Hügel. + +»Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit dem Verräter. So geh +es jedem, der seines Volks vergißt. Erst kommt das Reich, König Witichis, +und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.« + +Groß war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, größer noch +auf den König. Witichis fühlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede +Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, daß jetzt jeder +Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurück. Und +Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit +Teja in das Zelt des Königs. + +Schweigend, Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch +vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art +der Amulette an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete +nur trübes Licht. Als Hildebrand dem König die Hand reichte, sah ihm +dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, daß Hildebrand mit dem festen +Entschluß eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden +Preis. + +Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des +bevorstehenden Seelenringens durchschauert. + +»Frau Rauthgundis,« hob der Alte an, »ich habe Hartes mit dem König zu +reden. Es wird euch kränken, es zu hören.« + +Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes +und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine +edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, +leise die Linke auf seine Schulter. + +»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte +dieser Härte.« + +»Frau,« – mahnte der Alte nochmal. + +»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht +deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? nein! und sollt ich einem Gott ins +Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne +Furcht: Wisse denn ...« – + +»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine +Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an: »Ich weiß +alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte, +unerkannt, im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern +auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte +alles, was dieser fordert und was du weigerst.« + +»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine Gefahr. Weiß ich doch, +daß du dein Weib nicht verstoßen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um +jenes zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen Alten drohn: +ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem +Herzen.« + +Diese Sicherheit wirkte auf den Alten. + +Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu rechten. Witichis, ich +frage dich vor Teja: – du weißt, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir +verloren – Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst du diese +Hand fassen oder nicht?« + +Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren! +Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an +Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er +will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. +Nie, niemals!« + +»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem +Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich +fordere. Ich hielt sie mit Mühe ab.« + +»Laß sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur die Krone nehmen, +nicht mein Weib.« + +»Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen.« + +»Hier,« – da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor +Hildebrand, – »noch einmal geb’ ich euch und zum letztenmal die Krone +zurück. – Ich habe sie nicht verlangt, weiß Gott. – Sie hat mir nichts +gebracht als diese Aschenurne. – Nehmt sie zurück: – laßt König sein wer +will und Mataswintha frein.« + +Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weißt, das führt zum sichersten +Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende +würden Arahad nie anerkennen. Du bist’s allein, der noch alles +zusammenhält. Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein Bündel +losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?« + +»Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen für dein Volk?« sprach +Teja näher tretend. + +»Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?« +»Rauthgundis,« sprach dieser ruhig, »ich ehre dich vor allen Frauen hoch, +und Hohes fordre ich darum von dir.« – + +Hildebrand aber begann, »du bist die Königin dieses Volkes. Ich weiß von +einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen +lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten +den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des +Meeres und sie rauschten zur Antwort: + + »Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten. + Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.« + +Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Göttern +und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.« + +Rauthgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein Volk,« sprach sie, »und +seit von Athalwin nur diese Locke übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub’ +ich, gäb’ ich mein Leben für mein Volk. Sterben will ich – ja,« rief sie, +»aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen – nein.« + +»In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir so? Weißt du’s denn +nicht, wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens +schlägt? Hast du’s denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht, +wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reißt mir das +Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa laß ich von dieser +Seele. Ja, wahrlich,« rief er den beiden Männern zu, »ihr wißt nicht was +ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wißt nicht, daß meine Liebe +zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis. +Sie ist mein guter Stern. Ihr wißt nicht, daß ihr zu danken ist, ihr +allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie denk’ ich im Getümmel der +Schlacht und ihr Bild stärkt meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele, +klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn’s gilt, im Rat das Edelste zu +finden. – O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein +Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König.« + +Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis in die Arme. Sie +war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann, +der sein Gefühl gern scheu in sich verschloß, so von ihr, von seiner Liebe +gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte. + +Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: »Dank, Dank, Gott, +für diese Schmerzenstunde,« flüsterte sie, »ja, jetzt weiß ich, dein Herz, +deine Seele sind ewig mein.« + +»Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine andre seine Königin +heißt! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.« + +Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort, +mit großen Augen auf Teja. + +Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu +führen. + +»Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach er. »Ein Schatte ohne +Glück und Kraft – das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und +brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als +ein Schatte.« + +»Seinen Eid?« fragte Rauthgundis erbebend. »Was hast du geschworen?« + +Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände. + +»Was hat er geschworen?« wiederholte sie. + +Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend. +»Wenige Jahre sind’s. Da schloß ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit +vier Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen +geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser, +dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes +Blut zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und alle Tage. + +Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe, +Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der +Goten. Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit +allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter +den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn +erdrücken. Und wer vergißt dieses Eides und wer sich weigert, alles zu +opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn +mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da +hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des +Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: – +oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein +seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit +Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der +Wind weht über die weite Welt. + +So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: von Hildebrand und +Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris +Sohn.« + +Und – rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel +zurück. »Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht +verwischt. Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er +damals, als er noch nicht König war. + +Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf +den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: »Mein Leben, mein +Glück, mein alles, euch will ich’s weihn, dem Volk der Goten, das schwör +ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue.« Nun, Witichis, +Waltaris Sohn, König der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu +dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein +alles, dein Glück und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe +drei Söhne verloren für dies Volk. + +Und habe meinen Enkel, den letzten Sproß meines Geschlechts, geopfert, +gerichtet für die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du +das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos +unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?« + +Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten. + +Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die +Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein. +Laß ab von ihm. Es ist genug, schon längst. Er thut, was du begehrst. Er +wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke, um sein Weib.« + +Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie, als wollte man ihm sein Weib +sogleich entreißen. + +»Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »laßt mich allein mit ihm.« + +Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte. + +»Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf die Marmorurne +legend, »bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.« + +»Nein,« sprach Witichis, »ich stoße mein Weib nicht von mir, nie.« + +»Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir. +Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein +Herz nie von mir lösen: ich weiß es, es bleibt mein, seit heute mehr denn +je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trägt keinen +Zeugen.« + +Schweigend verließen die Männer das Zelt, schweigend gingen sie +miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte. + +»Gut Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist’s gethan.« + +»Ja, doch wer weiß, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele +andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben: +umsonst. Doch gilt’s die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.« + +Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein +Schatten in der Nacht. + + + + + Achtzehntes Kapitel. + + +Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem +Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß +am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend. +Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf +dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing. + +Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg. + +Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite +Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen +die Straße, die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte. + +Da hielt das Weib den Zügel an. + +»Die Sonne steigt soeben auf: ich hab’s gelobt, daß sie dich frei und +ledig findet. Leb wohl, mein Witichis.« »Eile nicht so hinweg von mir,« +sagte er, ihre Hand drückend. »Wort muß man halten, Freund, und bricht das +Herz darob. Es muß sein.« – »Du gehst leichter, als ich bleibe.« Sie +lächelte schmerzlich. »Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du +hast noch ein Leben vor dir.« – »Was für ein Leben!« – »Das Leben eines +Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.« – »Unseliger Eid.« – »Es +war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst +mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte tief +im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb’ +und Treu, und unsern süßen Knaben.« + +»O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden +Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über +ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar. + +Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann +hielt er’s nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr, +paßt auf, ich weiß euch guten Rat, hört ihr nicht?« + +»Was kannst du raten?« + +»Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch +davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so +quälen, daß euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch den +ganzen Plunder von Kron’ und Reich. Euch hat’s kein Glück gebracht: sie +meinen’s nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote +Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo euch +nur der Adler findet oder der Steinbock.« + +»Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus +der Mühle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: +des Kindes Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die +Stirn küssend und das Medaillon umhängend, »und eine von Rauthgundis. Leb +wohl, du mein Leben!« + +Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen. + +Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« und sprengte hinweg: +Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach. + +Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte: – nochmal winkte sie +mit der Hand und war gleich darauf verschwunden. + +Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst +als diese verhallt, wandte er sich. + +Aber es ließ ihn nicht von der Stelle. + +Er trat seitab der Straße: dort lag jenseit des Grabens ein großer +moosiger Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten, und stützte +die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die +Finger vor die Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem +Schmerz. + +Thränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten +vorüber, er hörte es kaum. So saß er stundenlang regungslos, so daß die +Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten. + +Schon stand die Sonne im Mittag. + +Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm. + +»Ich wußt es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig entflohn. Komm mit +zurück und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand, +kam’s gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glück +verzweifelnd, dich davon gemacht. + +Bald drang’s in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen +Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um +die Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer +auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.« + +»Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um +diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll’n sie nicht entweihn. Komm, +Teja, zurück ins Lager.« + + + + + + Fünftes Buch. + + + WITICHIS. + + + Zweite Abteilung. + + + + + Erstes Kapitel. + + +Im Lager angelangt fand König Witichis alles in höchster Verwirrung; +gewaltsam riß ihn die drängende Not des Augenblicks aus seinem Gram und +gab ihm vollauf zu thun. + +Er traf das Heer in voller Auflösung und in zahlreiche Parteiungen +zerspalten. Deutlich erkannte er, daß der Fall der ganzen gotischen Sache +die Folge gewesen wäre, hätte er die Krone niedergelegt oder das Heer +verlassen. + +Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit. + +Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschließen. +Andere zu den Empörern sich wenden, andere Italien verlassend über die +Alpen flüchten. Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die für eine neue +Königswahl sprachen: und auch hierin standen sich die Parteien +waffendrohend gegenüber. + +Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des +Königs Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklärt, wenn Witichis +wirklich entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbrüchige König wie +Theodahad geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von +Witichis denke. Sie hatten die Wege zur Stadt und nach dem Wölsungenlager +besetzt und drohten, jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt +zurückzuweisen, während auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung +Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager der Königlichen anrückte. + +Überall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen, +Scheltworte, erhobene Waffen: – jeden Augenblick konnte auf allen Punkten +des Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein +Zelt, schmückte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf +Boreas, das mächtige Schlachtroß, und sprengte, gefolgt von Teja, der die +blaue Königsfahne Theoderichs über ihm hielt, durch die Gassen. + +In der Mitte des Lagers stieß er auf einen Trupp von Männern, Weibern und +Kindern, – denn ein gotisches Volksheer führte auch diese mit sich – der +sich drohend gegen das Westthor wälzte. + +Hildebad ließ die Seinen mit gefällten Speeren in die Thore treten. + +»Laßt uns hinaus,« schrie die Menge, »der König ist geflohen, der Krieg +ist aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten.« »Der König ist +kein Tropf wie du,« sagte Hildebad, den Vordersten zurückstoßend. »Ja, er +ist ein Verräter,« schrie dieser, »er hat uns alle verlassen und verraten +um ein paar Weiberthränen.« + +»Ja,« schrie ein anderer: »er hat dreitausend von unseren Brüdern +hingeschlachtet und ist dann entflohn.« + +»Du lügst,« sprach eine ruhige Stimme und Witichis bog um die Lagerecke. + +»Heil dir, König Witichis!« schrie der riesige Hildebad, »seht ihr ihn da! +– Hab’ ich’s nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war’s, daß du +kamst – sonst ward es schlimm.« + +Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: »Heil dir, +König, und der Krone auf deinem Helm. – Reitet durch das Lager, Herolde, +und kündet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: »Heil König Witichis, +dem Vielgetreuen.«« + +Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. – + +Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der +donnernde Ruf: »Heil König Witichis,« und von allen Seiten stimmten die +jüngst noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen. + +Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes über die Tausende. Und +Teja sprach hinter ihm leise: »du siehst, du hast das Reich gerettet.« + +»Auf, führ uns zum Sieg!« rief Hildebad, »denn Guntharis und Arahad rücken +an: sie wähnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu überraschen! heraus auf +sie! sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die +Empörer.« – »Nieder die Empörer!« donnerten die Heermänner nach, froh, +einen Ausweg ihrer tieferregten Leidenschaft zu finden. + +Aber der König winkte mit edler Ruhe: »Stille! nicht noch einmal soll +gotisch Blut fließen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du, +Hildebad, thu’ mir auf das Thor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den +Gegnern. Du, Graf Teja, hältst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du +aber, Hildebrand,« – er rief’s mit erhobener Stimme, – »reit’ an die Thore +von Ravenna und künde laut: sie sollen sie öffnen. Erfüllt ist ihr Begehr, +und noch vor Abend ziehen wir ein: der König Witichis und die Königin +Mataswintha.« + +So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, daß das Heer sie mit +lautloser Ehrfurcht vernahm. + +Hildebad öffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen der Empörer im +Sturmschritt heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Thor +öffnete. + +König Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen. +Hinter ihm schloß sich das Thor. + +»Er sucht den Tod,« flüsterte Hildebrand. »Nein,« sprach Teja, »er sucht +und bringt das Heil der Goten.« + +Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben +den wölsungischen Brüdern, die an der Spitze zogen, ritt ein Führer +avarischer Pfeilschützen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand +vor die kleinen, blinzenden Augen und rief: »Beim Rosse des Roßgotts, das +ist der König selbst! jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Söhne der +Steppe, zielt haarscharf und der Krieg ist aus.« Und er riß den krummen +Hornbogen von der Schulter. + +»Halt, Chan Warchun,« sprach Herzog Guntharis, eine eherne Hand auf seine +Schulter legend. »Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst +den Grafen Witichis König: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden, +der im Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte. +Hinweg mit dir und deiner Schar aus meinem Lager.« + +Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: »Hinweg, sogleich!« wiederholte +Herzog Guntharis. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: »Mir gleich! +Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber – +Kinderherzen.« + +Indessen war Witichis herangeritten. Guntharis und Arahad musterten ihn +mit forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten +Würde eine ernste Hoheit: die Majestät des höchsten Schmerzes. + +»Ich komme, mit euch zu reden, zum Heil der Goten. Nicht weiter sollen +Brüder sich zerfleischen. Laßt uns zusammen einziehen in Ravenna und +zusammen Belisar bekämpfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide +sollt am nächsten stehen an meinem Thron.« + +»Nimmermehr!« rief Arahad leidenschaftlich. »Du vergißt,« sprach Herzog +Guntharis stolz, »daß deine Braut in unsern Zelten ist.« + +»Herzog Guntharis von Tuscien, ich könnte dir erwidern, daß bald wir in +euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr, +und, o Herzog Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also +sprechen. Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen +solltest, – du wirst zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind +wir ihm gewachsen. Gieb nach!« + +»Gieb du nach!« sprach der Wölsung, »wenn dir’s ums Gotenvolk zu thun. +Lege diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk?« – »Ich +kann’s – ich hab’s gethan. Hast du ein Weib, o Guntharis?« + +»Ein teures Weib habe ich.« – »Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib. +Ich hab’s geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen +zu freien.« + +Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: »dann hast du sie nicht +geliebt.« + +Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengroß: +Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den +erschrockenen Jüngling: »Schwatze mir nicht von Liebe, lästre nicht, du +thörichter Knabe! Weil dir ein paar rote Lippen und weiße Glieder in +deinen Träumen vor den Blicken glänzen, sprichst du von Liebe? Was weißt +du von dem, was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines süßen +Kindes! Eine Welt von Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist +wund: in mir liegen Schmerz und Verzweiflung mit Mühe gebändigt: reizt sie +nicht, laßt sie nicht losbrechen.« + +Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden. + +»Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann +so adelige Streiche thun. Ich weiß, es ist kein Falsch an dir. Ich weiß, +wie Liebe bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk +geopfert? Das ist viel.« + +»Bruder! was sinnest du?« rief Arahad, »was hast du vor?« – »Ich habe vor, +das Haus der Wölsungen an Edelmut nicht beschämen zu lassen. Edle Geburt, +Arahad, heischt edle That! + +Sag’ mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben, +ja dein Leben, als dein Weib?« + +»Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt’ ich die Krone +Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie +anzuerkennen. Drei, vier Gegenkönige würden gewählt, aber, bei meinem +Wort, Graf Arahad würde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir +ab, vom blutenden Herzen. Und nun, Herzog Guntharis, gedenk’ auch du des +Gotenvolks. Verloren ist das Haus der Wölsungen, wenn die Goten verloren. +Die edelste Blüte des Stammes fällt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an +die Wurzel legt. Ich habe mein Weib dahingegeben, meines Lebens Krone: +gieb du die Hoffnung einer Krone auf.« + +»Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war +edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein +König.« Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob +und an seine Brust zog. + +»Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche Schmach!« rief Arahad. »Ich +rechn’ es mir zur Ehre!« sprach Guntharis ruhig. »Und zum Zeichen, daß +mein König nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der Huldigung, +erbitt’ ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen haben unser Geschlecht +zurückgedrängt von dem Platz, der ihm gebührt im Volke der Goten.« »In +dieser Stunde,« sprach Witichis, »kaufst du ihn zurück: die Goten sollen +nie vergessen, daß Wölsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart +hat.« – »Und des zum Zeichen sollst du uns das Recht verleihen, daß die +Wölsungen der Goten Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht.« +»So sei’s,« sagte der König, ihm die Rechte reichend, »und keine Hand wird +sie mir würdiger führen.« »Wohlan, jetzt auf zu Mataswintha,« sprach +Guntharis. + +»Mataswintha!« rief Arahad, der bisher wie betäubt der Versöhnung +zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. »Mataswintha!« wiederholte +er. »Ha, zur rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr könnt mir die Krone +nehmen: – sie fahre hin, – nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die +Geliebte zu beschützen. Sie hat mich verschmäht: ich aber liebe sie bis +zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen +wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich sie beschützen, +wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhaßten Feindes zu werden. Frei +soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde.« Und +rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhängtem Zügel seinem +Lager zu. + +Witichis sah ihm besorgt nach. »Laß ihn,« sprach Herzog Guntharis, »wir +beide, einig, haben nichts zu fürchten. Gehen wir die Heere zu versöhnen, +wie die Führer.« + +Während Guntharis zuerst den König durch seine Reihen führte und diese +aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden thaten, und +darauf Witichis den Wölsungen und seine Anführer mit in sein Lager nahm, +wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein +Wunderwerk des Königs angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im +Vordertreffen eine kleine Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen +Gefolgen und sprengte mit ihnen nach seinem Lager zurück. + +Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten +unwillig erhob. »Zürne nicht, schilt nicht, Fürstin! diesmal hast du kein +Recht dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfüllen. +Flieh, du mußt mir folgen.« Und im Ungestüm seiner Aufregung griff er nach +der weißen, schmalen Hand. + +Mataswintha trat einen Schritt zurück und legte die Rechte an den breiten +Goldgürtel, der ihr weißes Untergewand umschloß: »fliehen?« sagte sie, +»wohin fliehen?« + +»Übers Meer! Über die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner +Freiheit droht höchste Gefahr.« + +»Von euch allein droht sie.« – »Nicht mehr von mir! Und ich kann dich +nicht mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es, +konnte grausam sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun –« + +»Aber nun?« sprach Mataswintha erbleichend. + +»Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine +Feinde im Königslager und in Ravenna, alle sind darin einig. – Bald werden +sie dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann’s nicht +denken! Diese Seele, diese Schönheit entweiht als Opfer in ungeliebtem +Ehebund.« + +»Laß sie kommen,« sagte Mataswintha, »laß sehen, ob sie mich zwingen!« Und +sie drückte den Dolch, den sie im Gürtel trug, an sich. – »Wer ist er, der +neue Zwingherr, der mir droht.« + +»Frage nicht!« rief Arahad, »dein Feind, der dein nicht wert, der dich +nicht liebt; der – folge mir! – flieh’, schon kommen sie!« Man hörte von +draußen nahenden Hufschlag. + +»Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?« + +»Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Hände fallen, der Fühllosen, +die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die +Krone! Folge mir ... –« + +Da ward der Thürvorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat +ein. Zwei Gotenknaben mit ihm, in weißer Seide, festlich gekleidet. + +Sie trugen ein mit einem Schleier verhülltes Purpurkissen. Er trat bis an +die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie +die Knaben, einen grünen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine +Stirne war düster, – als er sprach: »Ich grüße dich, der Goten und Italier +Königin!« + +Mit erstauntem Blick maß sie ihn. Teja erhob sich, trat zurück zu den +Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den grünen Rautenkranz +und sprach: »Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, und +lade dich zur Hochzeit und zur Krönung – die Sänfte steht bereit.« + +Arahad griff ans Schwert. + +»Wer sendet dich?« fragte Mataswintha mit klopfendem Herzen, aber die Hand +am Dolch. »Wer sonst, als Witichis, der Goten König.« Da leuchtete ein +Strahl der Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie erhob +beide Arme gen Himmel und sprach: »Dank, Himmel, deine Sterne lügen nicht: +und nicht das treue Herz. Ich wußt es wohl.« Und mit beiden schimmernden +Händen ergriff sie das bekränzte Diadem und drückte es fest auf das +dunkelrote Haar. »Ich bin bereit. Geleite mich,« sprach sie, »zu deinem +Herrn und meinem.« Und mit königlicher Wendung reichte sie Graf Teja die +Linke, der sie ehrerbietig hinausführte. + +Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die +Hand am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und +legte ihm die Hand auf die Schulter: »Was nun?« fragte er, »die Rosse +stehen und harren: wohin?« »Wohin?« rief Arahad auffahrend – »wohin? Es +giebt nur noch Einen Weg: wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner +und der Tod?« + + + + + Zweites Kapitel. + + +Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles +Fest auf den Fora und in dem Königspalast zu Ravenna. + +Die Bürger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in +gemischten Scharen durch die Straßen und fuhren durch die Lagunenkanäle, – +denn Ravenna war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie +heute Venedig – die riesigen Kränze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern, +die von allen Zinnen und Dächern niederwehten: denn es galt, Vermählung +des gotischen Königspaares zu feiern. + +Am frühen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor +den Thoren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der König +und die Königin erschienen auf milchweißen Rossen: abgestiegen waren sie +vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte +Witichis seiner Braut die rechte Hand auf das Haupt gelegt: sie aber trat +mit dem entblößten linken Fuß in den Goldschuh des Königs. + +Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht +geschlossen. Darauf bestieg das Paar einen mit grünen Zweigen geschmückten +Wagen, der von vier weißen Rindern gezogen ward; der König schwang die +Geißel und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schloß +sich an die halb heidnische, germanische, eine zweite, die christliche +Feier: der arianische Bischof erteilte seinen Segen über das Paar in der +Basilika Sancti Vitalis und ließ es die Ringe wechseln. + +Rauthgundens wurde nicht gedacht. + +Noch war die Kirche nicht mächtig genug, ihre Forderung der +Unauflöslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe überall durchzusetzen: +vornehme Römer und vollends Germanen verstießen noch häufig in voller +Willkür ihre Frauen. Und wenn gar ein König aus Gründen des Staatswohls +und ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschloß, erhob sich kein +Widerstand. – + +Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Gärten +ein großes Festmahl gerüstet war. + +Das ganze Gotenheer und die ganze Bevölkerung der Stadt fand hier, dann +auf den Fora des Herkules und des Honorius und in den nächsten Straßen und +Kanälen auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, während die +Großen des Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Königspaar in der +Gartenrotunde oder in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem +römischen Palast anbringen lassen, tafelten. + +So wenig die Lage des Landes und des Königs Stimmung zu rauschenden Festen +passen mochten, – es galt, die Ravennaten mit den Goten und die +verschiedenen Parteien der Goten unter sich zu versöhnen: und man hoffte, +in Strömen des Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen +hinwegzuspülen. + +Am besten übersah man den Königstisch und die festlichen Tafeln, die sich +über den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach +Mataswinthens bestimmten kleinen Gelaß, dessen einziges Fenster auf die +Rotunde vor dem Garten und, über den Garten hin, bis auf das Meer +ausblicken ließ. + +In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmückend zu schalten und zu +walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste +ausgebeten. »Denn diese ernsten, finstern Römer wissen ebensowenig wie die +rauhen Goten, dem schönsten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in +Afrika, im Land der Wunder, lernt man das.« + +Und wohl war ihr’s gelungen, wenn auch im Sinn der schwülen, +phantastischen Üppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre +Gemach wie zu einem kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Wände und Decke +waren von glänzend weißen Marmorplatten gefügt. + +Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten +Gehängen von dunkelroter Seide verhüllt, die in schweren Falten von den +Wänden niederfloß, sich über die Getäfeldecke wie ein Rundbogen wölbte und +den Marmorboden so dicht verhüllte, daß jeder Tritt lautlos drüber hin +glitt und alles Geräusch sich im Entstehen brach. Nur an der +Fensterbrüstung sah man den schimmernd weißen Marmor sich prachtvoll von +der Glut der Seide heben. + +Das Fenster von weißem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber +Seide verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum strömte aus von einer +Ampel, die von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit +goldnen Flügeln schwebte aus einem Füllhorn von Blumengewinden: in den +Füßen trug sie eine flache Schale aus einem einzigen großen Karneol, der, +ein Geschenk des Vandalenkönigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als +ein seltenes Wunder galt. + +Und in dieser Schale glühte ein rotes Flämmchen, genährt von stark +duftendem Cederöl. Ein gebrochenes, träumerisches Dämmerlicht ergoß sich +von hier aus über das phantastische Doppelpfühl, das, halb von Blumen +verschüttet, darunter stand. Aspa hatte sich das bräutliche Lager als die +aufgeschlagnen Schalen einer Muschel gedacht, die an der innern Seite +zusammenhängen, zwei ovale muschelförmige Klinen von Citrusholz erhoben +sich nur wenig von dem Teppich des Bodens. Über die weißen Kissen und +Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem Glanz gegossen. + +Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fülle von Blumen, welche +die Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem +Geschmack über das ganze Gemach verstreut und über die Wände, Decken, +Vorhänge, die Thüre und das Lager verteilt hatte. + +Ein Bogen von starkduftigen Geißblattranken überwölbte laubenartig die +einzige Thüre, den schmalen Eingang. Zwei mächtige Rosenbäume standen zu +Häupten des Lagers und streuten ihre roten und weißen Blüten auf die +Teppiche. Die Ampel hing, wie erwähnt, aus einem kunstvoll gewundnen +Füllhorn von Blumen herab. Und überall sonst, wo eine Falte, eine Biegung +der Teppiche das Auge zu verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume +glücklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die +sicilische Myrte, das schöne Rhododendron der Alpen und die glühenden +Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: – alle lauschten je am +gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. – + +Schon standen die Sterne am Himmel. + +Es dämmerte draußen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der +veilchendunkeln Schale entzündet und war nur noch beschäftigt, hier und da +eine Falte zu glätten, indes sie eine römische Sklavin anwies, in den +Silberkrügen auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kühlen, +eine andre, das Gemach mit Balsam zu durchsprengen. + +»Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So!« rief +Aspa, eine volle Libation über das Lager spritzend. + +»Laß ab,« mahnte die Römerin, »es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen +betäubt: die Rose und das Geißblatt berauschen fast die Sinne: mir würde +schwindeln hier.« + +»Ah,« lachte Aspa, »wie singt der Dichter: »Nüchternen nimmer nahet das +Glück: nur in seligem Rausche.« Laß uns jetzt das Fenster schließen.« – +»Nur ein wenig noch laß mich lauschen,« bat eine dritte junge Sklavin, die +dort lehnte. »Es ist zu schön! Komm, Frithilo,« sprach sie zu einer +gotischen Magd, die neben ihr stand, »du kennst ja all die stolzen Männer +und Frauen: sage, wer ist der zur Linken der Königin mit dem goldnen +Schuppenpanzer? er trinkt dem König zu.« – »Herzog Guntharis von Tuscien, +der Wölsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta ... – wo mag der sein zu +dieser Stunde?« + +»Und der Alte neben dem König, mit dem grauen Bart?« + +»Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht +die Fürstin an. Wie sie lacht und errötet! Nie war sie so schön.« – »Ja, +aber auch der Bräutigam – welch herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der +Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht fröhlich: – vorhin starrte er lange +sprachlos in seinen Becher und furchte die Stirn: – die Königin sah es: – +bis der alte Hildebrand, gegenüber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf. +Was hat der Mann zu seufzen? neben diesem Götterweib.« + +»Nun,« sprach die Gotin, »er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz. +Er denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und +Menschen, die er verstoßen.« + +»Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber +urplötzlich fuhr Aspa zwischen die Mädchen: »Willst du wohl schweigen mit +dem dummen Gerede, Barbarin! Mach, daß du fortkommst! Ein solches Wort: – +eine Silbe, daß es die Königin hört und du sollst der Afrikanerin +gedenken.« + +Frithilo wollte erwidern. »Still,« rief eine der Römerinnen. »Die Königin +bricht auf.« – »Sie wird hier herauf kommen.« – »Der König bleibt noch.« – +»Nur die Frauen folgen ihr.« – »Sie geben ihr das Geleit bis hierher,« +sprach Aspa. »Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen.« + +Bald nahte der Zug, von Fackelträgern und Flötenbläsern eröffnet. Darauf +eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder +jungen Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und +Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen +den Zug. + +An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an +die jungen Mädchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Gürtel +verschenkend. + +Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause +zurück. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, ließen sich +als Ehrenwache vor der Thüre des Brautgemaches nieder, wo Teppiche für sie +bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Männer, +die den Bräutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt’ es die +gotische Sitte. + +Mataswintha überschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens. +»Aspa,« rief sie, »das hast du schön gemacht! – zauberisch!« – + +Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme über die Brust und beugte den +Nacken. Sie an sich ziehend, flüsterte die Braut: + +»Du kanntest mein Herz und seine Träume! Aber,« fuhr sie aufatmend fort, +»wie schwül! Deine glühenden Blumen berauschen.« + +»In Glut und Rausch nahen die Götter!« sprach Aspa. + +»Wie schön jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Göttin +Flora flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darüber +ihre schönsten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier +erlebe. Es durchrieselt mich heiß. – Es ist schwül. – Nehmt mir den +schweren Prunk ab.« Und sie nahm die goldne Krone aus dem Haar. + +Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und +zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei +wallte das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen lösten die Spange, +die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit +seinen reichen Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der +Mantel fiel und zeigte die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem +ärmellosen wallenden Unterkleid von weißer persischer Seide. Ihre +schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: – Erbstücke aus +dem alten Schatz der Amalungen: grüne Schlangen von Smaragden waren darin +eingelegt. + +Mit Entzücken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den +Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu +schlichten. + +»Wie schön du bist! wie zauberschön! – wie Astaroth, die Liebesgöttin: – +nie warst du so schön, wie in dieser Stunde.« Mataswintha warf einen +raschen Blick in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fühlte, daß Aspa +recht hatte: und sie errötete. + +»Geht,« sagte sie, »laßt mich allein mit meinem Glück.« Die Sklavinnen +gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch öffnete, wie um +ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der +unten vom Schein der Hängelampen im Garten voll beleuchtet war. + +»Er! Wieder er. – Wohin entflieh ich vor ihm, dem süßen Tod?« + +Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenüber, +glänzte im Ampellicht eine weiße Marmorbüste. Sie kannte sie wohl: Aspa +hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender +Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weißen und roten Rosen um +sein Haar. »Und wieder du!« flüsterte die Braut, süß erschrocken und legte +die weiße Hand vor die Augen. »Und schließ ich die Augen und wend’ ich sie +nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten +Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will’s!« +rief sie die Hand fallen lassend und dicht vor die Büste tretend: »ich +will’s! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab’ ich zu dir +aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren, +großen Zügen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen, +dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfüllt! Wie er einst dem weinenden +Kinde die Thränen getrocknet und die Ratlose nach Hause geführt, so wird +er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in +seinem Herzen. Und durch all diese öden Jahre, durch all die letzten +Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefühl: »Es wird! +Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher +an der starken Brust.« Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des +Himmels: – es ward. Ich bin sein! Dank, glühenden, seligen Dank, wer immer +du bist, beglückende Macht, die über den Sternen die Bahn der Menschen +lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich +will’s verdienen, dieses Glück. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich +bin schön: ich weiß es, daß ich’s bin: ich weiß es ja durch ihn: – ich +will’s für ihn sein. Laß mir, Himmel, diese Schöne. Sie sagen: ich habe +einen mächtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Flügel, Gott, daß ich +seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhöhen. Aber, o Gott, laß mich +auch abthun meine Fehler, den spröden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den +Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbändigen Drang nach Freiheit ... – +O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmütiger Geist: ihm sich zu +beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig +an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis,« rief sie und +sank fortgerissen vom Gefühl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und +zu der Büste aufblickend mit schwimmenden Augen – »ich bin dein. Thu wie +du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, daß du glücklich +bist, glücklich durch mich.« + +Und sie beugte das schöne Haupt vor, nach den gefaltenen Händen. + +Doch plötzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floß ins Gemach. An der +offenen Thüre stand der König: draußen auf dem Gang zeigten sich +zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln. + +»Dank, meine Freunde,« sprach der König mit ernster Stimme. »Dank, für das +Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht,« und er wollte die Thüre +schließen. + +»Halt,« sprach Hildebrand, mit der Hand die Thüre wieder öffnend, so daß +Mataswintha sichtbar ward, »hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das +Weib, die heut wir vermählt, sind glücklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet +Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Kuß.« + +Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug erglühend die Augen nieder. + +Unschlüssig stand der König in der Thür. »Du kennst der Goten Brauch,« +sprach Hildebrand laut, »so thu’ danach.« + +Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens, +führte sie schnell einen Schritt vorwärts und berührte mit den Lippen ihre +Stirn. Mataswintha zuckte. + +»Heil euch!« rief Hildebrand. »Wir haben gesehen den bräutlichen Kuß. Wir +bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil König Witichis und seinem +schönen Weib, der Königin Mataswintha.« + +Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis, +Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannerträger) des Königs, +Graf Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Mädchen +vor der Thüre des Brautgemachs, welche Witichis nun schloß. + +Sie waren allein. + +Witichis warf einen langen, prüfenden Blick durch das Gemach. Das erste, +was Mataswintha that, war, – sein Kuß brannte auf ihrer Stirn, – daß sie +unwillkürlich soweit als möglich von ihm hinwegglitt. So war sie – sie +wußte nicht wie – in die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster, +gelangt. Witichis mochte es bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die +Hände auf das mächtige, breite und fast brusthohe Schwert gestützt, das +er, aus dem Wehrgehäng genommen, in der Scheide, wie einen Stab, in der +Rechten führte. + +Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf +Mataswintha gerichtet. »Königin,« sprach er und seine Stimme drang ernst +und feierlich aus seiner Brust, »sei getrost! Ich ahne, was du fürchtend +fühlst in zarter Mädchenbrust. Es mußte sein. Ich durfte dein nicht +schonen. Das Wohl des Volks gebot’s: ich griff nach deiner Hand: sie muß +mein sein und bleiben. Doch hab’ ich schon in allen diesen Tagen dir +gezeigt, daß deine Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden: – und wir +sind jetzt zum ersten Mal allein. Auch diese gepreßte bange Stunde hätt’ +ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst, glaube ich, die alte +Sitte des Brautgeleits. Und du weißt, in unserem Fall liegt alles daran, +sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat, und die Röte in +deinen Wangen aufflammen sah, – lieber hätt’ ich im ödesten Berggeklüft +dieses müde Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht: +Hildebrand und Graf Grippa und Herzog Guntharis hüten diese Schwelle. +Sonst ist kein Ausgang aus diesem Gemach. + +Wollt’ ich dich verlassen, es gäbe Lärm und Spott und Streit: und neuen +Zwist vielleicht. Du mußt mich diese Nacht in deiner Nähe dulden.« + +Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch +den Purpurmantel, den er, ähnlich dem Mataswinthens, über der Schulter +trug, warf er ab. + +Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand. + +Witichis drückte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des +Mädchens. »Komm, Mataswintha,« sprach er. »Verharre nicht in unversöhntem +Zorn. Es mußte sein, sag’ ich dir. Laß uns, was sein muß, edel tragen und +nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich mußte deine Hand nehmen, – dein +Herz bleibt frei. + +Ich weiß, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht +lieben. Doch glaub’ mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du +immerdar den Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft, +Königin der Goten!« + +Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte. + +Nicht länger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank +zugleich zu seinen Füßen nieder, daß Witichis überrascht zurücktrat. + +»Nein, weiche nicht zurück, du Herrlicher!« rief sie. »Es ist doch kein +Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang +und Furcht und Unrecht, das du mir gethan. O Witichis, wohl hat man mich +gelehrt, – das Weib soll immer klug verbergen, was es fühlt, soll sich +bitten lassen und erweichen und nur genötigt geben, was es aus Liebe +giebt, auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... – +Hinweg mit diesen niedrigen Plänen armer Klugheit! Laß mich thöricht sein! +Nicht thöricht! Offen und groß, wie deine Seele! + +Nur Größe kann dich verdienen, nur das Ungewöhnliche. Du sprichst von +Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! – Es brauchte keines Zwangs! – +gern ...« – + +Staunend hatte sie Witichis eine Zeit lang angesehen. + +Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. »Das ist schön und groß, +Mataswintha, daß du feurig fühlest für dein Volk, die eigene Freiheit ohne +Zwang ihm opfernd. Glaub’ mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer +darum nicht niedriger an. That ich doch desgleichen! Nur um des +Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand und nun und nie kann ich +dich lieben.« + +Da erstarrte Mataswintha. + +Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab: +sie starrte ihn mit großen, offnen Augen an. »Du liebst mich nicht? du +kannst mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein +Gott? Sag, bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schönste Weib der +Erde genannt?« + +Aber der König beschloß, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht +erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. »Ja, du bist Mataswintha, und +teilst meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Königs, +aber nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben +ist auf ewig einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von +mir gerissen: und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis, +mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!« + +»Ha!« rief Mataswintha, wie von Fieber geschüttelt und beide Arme +erhebend, »und du hast es gewagt ... –« + +Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den König. +»Du wagst es!« rief sie nochmals – »Hinweg, hinweg von mir!« + +»Still,« sprach Witichis, »willst du die Lauscher draußen herbeirufen? +Fasse dich, ich verstehe dich nicht.« + +Und rasch zog er das mächtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das +Doppelpfühl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng +aneinanderstießen. + +»Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze +zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen. + +Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden. + +Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, – ich bleibe links. So teile, +wie ein Schwertschnitt, diese Nacht für immer unser Leben!« + +Aber in Mataswinthens Busen wogten die mächtigsten Gefühle, furchtbar +ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und glühender Haß. Die Stimme +versagte ihr. »Nur fort, fort aus seiner Nähe,« konnte sie noch denken. +Sie eilte gegen die Thür. + +Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm. + +»Du mußt bleiben.« Da zuckte sie zusammen: das Blut schoß in ihr auf: +bewußtlos sank sie nieder. + +Ruhig sah Witichis auf sie herab. »Armes Kind,« sprach er, »der schwüle +Duft in diesem Gelaß hat sie ganz verwirrt! Sie wußte nicht, was sie +sinnlos sprach! + +Was ist deine kleine mädchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens +Herzzerreißung und die meine.« + +Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfühl zur Rechten des +Schwertes. + +Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich +zur Linken und lehnte den Rücken an das Lager. + +Lang saß er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes +Haargeflecht gedrückt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es +kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen. – + +Mit dem ersten Hahnenschrei verließ die Brautwache ihren Posten, von +Flötenbläsern abgeholt. Gleich darauf schritt der König aus dem Gemach, in +voller Rüstung. + +Die Flöten hatten auch Mataswintha geweckt. + +Aspa, die sich leise heranschlich, hörte plötzlich einen dumpfen Schlag. +Sie eilte in das Gemach. Da stand die Königin, auf des Königs langes +Schwert gestützt, und starrte vor sich zur Erde. + +Der Areskopf lag zertrümmert zu ihren Füßen. + + + + + Drittes Kapitel. + + +Im friedlichen Licht des späten Nachmittags schimmerten die Kirche und das +Kloster, die am Fuß des Apenninus nordöstlich von Perusia und Asisium, +südlich von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des +kleinen Fleckens Taginä, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des +Jenseits einzulösen. + +Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgeführt, umfriedete +mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem grünem Laubwerk. +An den vier Seiten desselben liefen kühle Bogengänge hin mit +Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmückt. +All dies Bildwerk hatte den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren +sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift, zumal aus der +Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit. + +Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen +von diesen hohen und starken Mauern. Cypressen und Thuien herrschten vor +in den Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen +ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Vöglein nicht: der Nachtigall +süßes Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stören. + +Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs einer streng +kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem +Freunde Valerius den ganzen Plan der äußeren und inneren Einrichtung +seiner Stiftung entworfen – ähnlich der Regel des Männerklosters, das er +selbst zu Squillacium in Unteritalien gegründet – und dessen Ausführung +überwacht hatte. Und sein frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch +feindlich abgewendeter Geist drückte sich denn im größten wie im kleinsten +dieser Schöpfung aus. Die zwanzig Jungfrauen und Witwen, welche hier als +Religiosä lebten, verbrachten in Beten und Psalmensingen, in Buße und +Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werkthätiger christlicher Liebe, indem +sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Hütten aufsuchten und +ihnen Seele und Leib trösteten und pflegten. + +Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck, +wenn durch die dunkeln Cypressengänge hin eine dieser frommen Beterinnen +wandelte, in dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt +die weiße enganschließende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von +den ägyptischen Isispriestern überkommen. Vor den oft in Kreuzesform +geschnittenen Buchsgebüschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf +der Brust. Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei +jeder Begegnung aneinander vorüber. Denn das Gespräch war auf das +Unerläßliche beschränkt. + +In der Mitte des Gartens floß ein Quell aus dunklem Gestein von Cypressen +überragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen. + +Es war ein stilles, schönes Plätzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art +Laube und verbargen beinahe völlig ein finsteres, rohes Steinrelief, das +die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte. + +An diesem Quell saß, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine +schöne, jungfräuliche Gestalt in schneeweißem Gewand, das eine goldne +Spange über der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in +weichen Wellen zurückgelegt, umflocht eine fein geschlungene Epheuranke: – +Valeria war’s, die Römerin. + +Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden, +seit die Säulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestürzt. Sie war +bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Räumen. Aber ihr Auge +leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schönheit. + +Sie las mit großem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureißen, die +feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkürlich und zuletzt ward die +Stimme der Lesenden leise vernehmlich: + + – – »Und er vermählte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. – + Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr, + Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmündige Knäblein, + Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar. + Schweigend betrachtete Hektor mit lächelndem Blicke den Knaben. + Aber Andromache trat mit thränenden Augen ihm näher, + Drückt’ ihm zärtlich die Hand und begann die geflügelten Worte: + »Böser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knäbleins + Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor + Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich töten, + Alle mit Macht einstürmend auf dich. Dann wär’ mir das beste, + Daß mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft + Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal: + Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter: + Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... –«« + +Sie las nicht weiter: die großen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme +versagte; sie neigte das blasse Haupt. + +»Valeria,« sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich über ihre +Schulter. »Thränen über dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich: – die +Ilias! Kind! ich gab dir doch die Evangelien.« + +»Verzeih mir, Cassiodor. Es hängt mein Herz noch andern Göttern an als +deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten +ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen +Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an +die letzten Fäden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen +Grau’n und Liebe ratlos schwankt der Sinn.« + +»Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden. +Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre +zurück zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glück zu finden.« + +Sie aber schüttelte das schöne Haupt. »Es geht nicht mehr. Feindlich +ringen in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege, – ich verliere +immer.« + +»Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Mächte, Erdenlust und +Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen.« + +»Weh’ denen,« fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, »welchen das +Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu +den Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines +der beiden froh.« + +»In dir, mein Kind,« sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, »walten +freilich unversöhnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter +Sinn. Dein Vater, ein Römer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen +Welt, kühn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend, +wenig, allzuwenig, fürcht’ ich, ergriffen von dem Geist unseres Glaubens, +der nur im Jenseits unsere Heimat sucht, – in der That Valerius, mein +Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben deine Mutter, +fromm, sanft, aus einem Martyrergeschlecht, den Himmel suchend und der +Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... –« + +»Nein,« sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kräftig +zurückwerfend, »ich fühle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut +neigt jener Seite zu. Die Mutter war viel krank und starb schon früh. +Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone und +Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner +Jugend. Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus und wenn er +abends mit mir saß und las, so waren’s Livius und Tacitus und Vergilius, +nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran bis in mein +siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn auch die +Tugenden, die der Vater pries und übte, sie galten nur dem Staat, dem +Haus, den Freunden. Glücklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine +Seele.« + +»Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers.« + +»Ich war glücklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern +mit ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in +meine Seele. Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher +sorgfältig verborgen hatte, daß die Mutter in schwerer Krankheit mich +schon vor meiner Geburt durch ein Gelübde dem ehelosen Leben im Kloster +geweiht, wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte, und daß mein Vater, +dem dieser Gedanke unerträglich, später mich vom Himmel eingelöst, indem +er, freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter +hinzugeben, Kirche und Kloster hier gebaut.« + +»So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermögens! Darüber kannst du +dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu +binden und zu lösen, hat den Tausch, die Umwandlung des Gelübdes +gebilligt. Du bist frei!« – »Aber ich fühle mich nicht frei! Nicht mehr +seit jener Stunde! Was auch du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in +meinem Herzen spricht eine Stimme: »der Himmel nimmt nicht totes Gold +statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal läßt sich nicht abkaufen, was +einmal ihm verwirkt war.« Die finstre, ernste, drohende Macht jenes +heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist, die +in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend +Herrschaftsrecht über meine Seele und läßt nicht davon. Ich bin ihr +verfallen. Ihr gehör’ ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher +doch. Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener +goldnen Welt meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch +immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich’s auch vergessen will, +immer ziehen wieder die Wolkenschatten über meine Seele. Sie drohen im +Hintergrunde aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den +roten Rosen.« + +»Valeria, du hassest, scheint’s, was du verehren solltest.« + +»Ich hasse es nicht. Ich fürchte es. Wohl war eine Zeit,« – und ein Strahl +der Freude flog über ihre Züge – »da glaubte ich den dunkeln Schatten für +immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen +Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloß, als soviel +Jugend, Schönheit, Liebe und Glück mich umfluteten, da wähnte ich wohl, +für immer sei jener Bann gelöst. Aber es währte nicht lang. + +Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die +ich zwischen ihn und mich gebaut und immer näher drangen seine Schläge. +Der Krieg bricht aus, mein teurer Vater fällt und nimmt einen +verhängnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt +das Haus meiner Ahnen und ich muß flüchten aus meiner Vaterstadt. Sie +fällt dem Feinde zu. Nur das Opfer eines köstlichen Lebens rettet mir den +Geliebten. Die Woge des Krieges verschlägt ihn fern von mir. + +Und wie ich erwache aus der Betäubung dieses Streichs, – find’ ich mich +hier, in diesem großen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst +sehen, der Himmel begnügt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch +die Leiche, die hinein gehört.« + +»Valeria! du solltest Kassandra heißen.« + +»Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!« + +»Du weißt, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergißt +über dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag’ ich +dir, du quälst dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich gelöst, so bist +du frei.« + +»Die Seele löst kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du +wirst erfüllt sehen, was ich dir ahnend vorhersage – nie werd ich +glücklich, nie werd ich Totilas und diese Stätte wird ... –« + +»Und wenn’s so wäre? Hängst du denn noch gar so fest an Glück und +Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je früher +du dich losmachst, desto größerem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und +ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und +treulos erfunden. Nichts auf Erden füllt die Seele aus, die nicht von +dieser Erde ist. Wer das erkennt, der sehnt sich hinweg aus dieser Welt +der Unrast und der Sünde. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine +Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... –« + +»Nein, nein, Cassiodor,« rief die Römerin, »meine ganze Seele verlangt +nach Glück auf dieser schönen Erde! Ihr gehör’ ich an! Auf ihr fühl’ ich +mich heimisch. Blauer Himmel, weißer Marmor, rote Rosen, linde, +duftgefüllte Abendluft: – wie seid ihr schön! + +Das will ich einatmen mit entzückten Sinnen! Wer das genießt, ist +glücklich! Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab’ ich kein +Bild in meiner bangen Seele! Nebel, Schatten – graues Ungewiß allein liegt +jenseit des Grabes. Wie spricht Achilleus? + + »Tröste mich doch nicht über den Tod! Du kannst nicht, Odysseus. + Lieber ja möcht’ ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen + Für den bedürftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden, + Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen.« + +So empfind’ auch ich. Weh’ dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint. +O wie gern, wie gern wär’ ich glücklich in dieser schönen Welt, in meinem +schönen Heimatland: wie fürcht ich das Unheil, das doch unaufhaltsam näher +dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten +unhörbar, doch unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar +nahenden Schatten meines Lebens!« + +Da drang vom Eingang her ein heller, kräftiglust’ger Schall, ein fremder +Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun +wiedertönten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der +gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias. + +Aus dem Wohngebäude aber eilte der alte Pförtner herbei. »Herr,« rief er, +»keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie lärmen und verlangen Fleisch +und Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Führer: – da ist er +schon« – + +»Totila!« jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in +schimmernder Rüstung, vom weißen Mantel umwallt, waffenklirrend, +heranschritt. + +»O du bringst Luft und Leben!« »Und neues Hoffen und die alte Liebe,« rief +Totila. Und sie hielten sich umschlungen. + +»Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben!« – »Ich komme +geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Höfen der Frankenkönige. O +Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben +sie’s! Da kämpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre +Germanenart. Nahe ist der Rhenus und Danubius und ungezählte +Germanenstämme wohnen dort in alter ungebrochner Kraft: – wir dagegen sind +wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner Felsblock, den +rings feindliches Element benagt. + +Doch desto größer,« sprach er, sich aufrichtend, »ist der Ruhm, hier, +mitten im Römerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten. + +Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre +auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und +Lorbeer begrüßten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fühlte +klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhält in diesem edlen Land, +dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn.« + +Valeria drückte dem Begeisterten die Hand. + +»Und was hast du ausgerichtet?« fragte Cassiodor. + +»Viel! – Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von +Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien +einzufallen. Die Götter – vergieb mir, frommer Vater – der Himmel war mit +mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen +seine Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe.« + +»Wo ließest du Julius?« + +»Ich geleitete ihn bis in seine schöne Heimatstadt Avenio. Dort ließ ich +ihn unter blühenden Mandelbäumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie +mehr den Platon, meist den Augustinus in der Hand und träumt und träumt +vom ewigen Völkerfrieden, vom höchsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl +ist es schön in jenen grünen Thälern: – doch neid’ ich ihm die Muße nicht. +Das Höchste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt’s, für dieses +Volk der Goten zu kämpfen und zu ringen. Überall, wo ich des Rückwegs kam, +trieb ich die Männer zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich +auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber führe eine vierte dem wackern König +zu. Dann geht es endlich vorwärts gegen diese Griechen, und dann: Rache +für Neapolis!« Und mit blitzenden Augen hob er den Speer – er war sehr +schön zu schauen. + +Entzückt warf sich Valeria an seine Brust. »O sieh, Cassiodor, das ist +_meine_ Welt! _meine_ Freude! _mein_ Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und +Volkesliebe und die Seele in Lieb’ und Haß bewegt – füllt das die +Menschenbrust nicht aus?« + +»Jawohl: im Glück und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum +Himmel führt.« + +»Mein frommer Vater,« sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich +drückend, mit der Rechten an seine Schulter rührend, »schlecht steht mir +an, mit dir, dem Ältern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist +mein Herz geartet. Wenn ich je zweifeln könnte an eines gütigen Gottes +Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich +der edeln Miriam Auge brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: »lebt +denn kein Gott?« + +Im Glück, im Sonnenschein fühl’ ich den Gott und seine Gnade wird mir +offenbar. Er will gewiß der Menschen Glück und Freude: – der Schmerz ist +sein heiliges Geheimnis – ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Rätsel +klar. Einstweilen aber laß uns auf der Erde freudig das Unsere thun und +keinen Schatten uns allzulang verdunkeln. + +In diesem Glauben, Valeria, laß uns scheiden. Denn ich muß fort zu König +Witichis mit meinen Reitern.« + +»Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd’ ich dich wiedersehn?« + +»Ich seh’ dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand! + +Ich weiß, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen +ernsten Mauern führen darf ins sonnige Leben. Laß dich indes nicht +allzusehr verdüstern. Es kommt der Tag des Sieges und des Glücks: und mich +erhebt’s, daß ich zugleich das Schwert für mein Volk und meine Liebe +führe.« + +Inzwischen war der Pförtner mit einem Schreiben an Cassiodor +wiedergekommen. + +»Auch ich muß dich verlassen, Valeria,« sprach der. + +»Rusticiana, des Boëthius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie +will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum.« + +»Dahin führt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl, +Valeria!« + +Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein +Türmchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller +Rüstung sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine +Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die +blaue Fahne flatterte lustig im Winde: alles war voll Leben, Kraft und +Jugend. + +Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend. + +Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein +Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und +unwillkürlich sprachen sich ihre Gefühle aus in den Worten ihres Homeros: + + »Siehest du nicht wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus? + Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis, + Wann auch ihm in des Kampfes Gewühl das Leben entschwindet, + Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer.« + +Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich +verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurück. + + + + + Viertes Kapitel. + + +Inzwischen hatte König Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst +und Thätigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet. + +Während jede Woche, ja jeden Tag vor und in der Stadt größere und kleinere +Scharen von den gotischen Heeren eintrafen, die der Verrat Theodahads an +die Grenzen gesendet hatte, arbeitete der König unablässig daran, das +ganze große Heer, das allmählich bis auf einhundertundfünfzig +Tausendschaften gebracht werden sollte, auszurüsten, zu waffnen, zu +gliedern und zu üben. Denn die Regierung Theoderichs war eine äußerst +friedliche gewesen: nur die Besatzungen der Grenzprovinzen, kleine +Truppenmassen, hatten mit Gepiden, Bulgaren und Avaren zu thun gehabt, und +in den mehr als dreißig Jahren der Ruhe waren die kriegerischen Ordnungen +eingerostet. + +Da hatte der tüchtige König, von seinen Freunden und Feldherren eifrig +unterstützt, Arbeit vollauf. Die Arsenale und Werften wurden geleert, in +Ravenna ungeheure Vorratspeicher angelegt und zwischen der dreifachen +Umwallung der Stadt endlose Reihen von Werkstätten für Waffenschmiede +aller Art aufgeschlagen, die Tag und Nacht unablässig zu arbeiten hatten, +den Forderungen des kampfbegierigen Königs, des massenhaft anschwellenden +Heeres zu genügen. Ganz Ravenna ward ein Kriegslager. Man hörte nichts als +die Hammerschläge der Schmiede, das Wiehern der Rosse, den Sturmruf und +Waffenlärm der sich übenden Heerscharen. + +In diesem Getöse, in dieser rastlosen Thätigkeit betäubte Witichis, so gut +es gehen wollte, den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag +entgegen, da er sein schönes Heer zum Angriff gegen den Feind führen +könne. Doch hatte er bei allem Drange, im Kampfgewühl sich selber zu +verlieren, seiner Königspflicht nicht vergessen, und durch Herzog +Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten an Belisar gesendet mit den +mäßigsten Vorschlägen. + +So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, hatte er kaum einen +Blick und Gedanken für seine Königin, der er auch, wie er meinte, kein +größeres Gut als die ungestörteste Freiheit zuwenden konnte. + +Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Dämon +erfüllt, von dem Dämon unersättlicher Rache. In Haß übergeschlagene Liebe +ist der giftigste Haß. + +Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal +dieses Mannes hoch zu den Sternen erhöht. Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre +Liebe, war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang +der Sonne, hatte sie die Erfüllung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann +erwartet. + +Und nun mußte sie sich gestehn, daß er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht +und nicht erwidert: daß sie, obwohl seine Königin, mit dieser Liebe wie +eine Verbrecherin dem verstoßenen und doch ewig allein in seinem Herzen +wohnenden Weibe gegenüberstehe. Und er, auf den sie als Retter und +Befreier von unwürdigem Zwang gehofft, er hatte ihr die höchste Schmach +angethan: eine Ehe ohne Liebe. Er hatte ihr die Freiheit genommen und kein +Herz dafür gegeben. Und warum? was war der letzte Grund dieses Frevels? + +Das Gotenreich, die Gotenkrone! + +Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer Mataswintha Leben zu +verderben. »Hätte er meine Liebe nicht erwidert – ich wäre zu stolz, ihn +darum zu hassen. Aber er zieht mich an sich, behängt mich, wie zum Hohne, +mit dem Namen seines Weibes, führt diese Liebe bis hart an den Gipfel der +Erfüllung und stößt mich dann achtlos hinunter in die Nacht +unaussprechlicher Beschämung. Und warum? warum das alles. Um einen eiteln +leeren Schall: »Gotenreich!« Um einen toten Reif von Gold. Weh ihm, und +wehe seinem Götzen, dem er dies Herz geschlachtet. Er soll es büßen. An +seinem Götzenbilde soll er’s büßen. Hat er mir ohne Schonung mein Idol, +sein eigen Bild, meine schöne Liebe mit Füßen getreten, – wohlan, Götze +gegen Götze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu sehen, diese Krone +zerstückt. Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn, um den er die +Blüte meiner Seele geknickt, zerschlagen dieses Reich wie seine Büste. Und +wenn er verzweifelnd, händeringend vor den Trümmern steht, will ich ihm +zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Götzen aus.« + +So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, beschuldigte und +verfolgte Mataswintha den unseligen Mann, der mehr als sie gelitten, der +nicht nur sie, der sein und des geliebten Weibes Glück dem Vaterland +geopfert. + +Vaterland, Gotenreich: – der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes, +das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen für +ihre Freiheit zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht ihres +Einen Gefühls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, und zur Rache, Rache +für die Hinopferung ihrer Seele, dies Gotenreich zu verderben, war ihre +höchste, grimmige Lust. O hätte sie, wie jene Marmorbüste, mit Einem +Streich, dies Reich zerschmettern können! + +Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze +dämonische Klugheit. Sie wußte ihren tödlichen Haß und ihre geheimen +Rachegedanken so tief vor dem König zu verbergen, – so tief wie sie sich +selbst die geheime Liebe verbarg, die sie noch immer für den grimmig +Verfolgten im tiefsten Busen trug. + +Auch wußte sie dem König ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen, +welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn +auch in feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl begriff sie, +daß sie dem gehaßten König nur dann schaden, seine Sache nur dann +verderben konnte, wenn sie in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht, +mit ihren Stärken wie mit ihren Blößen genau vertraut war. + +Ihre hohe Stellung machte ihr leicht möglich, alles, was sie wissen +wollte, zu erfahren: schon aus Rücksicht auf ihren großen Anhang konnte +man der Amalungentochter, der Königin, Kenntnis der Lage ihres Reiches, +ihres Heeres nicht vorenthalten. Der alte Graf Grippa versah sie mit allen +Nachrichten, die er selbst erfuhr. In wichtigeren Fällen wohnte sie selbst +den Beratungen bei, die in den Gemächern des Königs gehalten wurden. + +So war Mataswintha über die Stärke, Beschaffenheit und Einteilung des +Heeres, die nächsten Angriffspläne der Feldherren und alle Hoffnungen und +Befürchtungen der Goten so gut wie der König selbst unterrichtet. Und +sehnlich wünschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen sobald und +so verderblich wie möglich zu verwerten. + +Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht hoffen. +Naturgemäß richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten +neutralen, im Herzen aber ausnahmlos byzantinisch-gesinnten Italier ihrer +Umgebung, mit denen sie leichten und unverdächtigen Verkehr pflegen +konnte. + +Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, – da war keiner, dessen +Thatkraft und Klugheit sie das tödliche Geheimnis hätte vertrauen mögen, +daß die Königin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten +wolle. Diese feigen und unbedeutenden Menschen – die Tüchtigeren waren +längst zu Cethegus oder Belisar gegangen – waren ihr weder des Vertrauens +würdig, noch schienen sie Witichis und seinen Freunden gewachsen. + +Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den König und die Goten selbst +zu erkunden, welchen unter allen Römern sie für ihren gefährlichsten, +bedeutendsten Feind hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen +hörte sie immer nur Einen Mann nennen, immer und immer wieder einen +einzigen. Und der saß ihr unerreichbar fern im Kapitol von Rom: Cethegus +der Präfekt. Es war ihr unmöglich, sich in Verbindung mit ihm zu setzen. +Keinem ihrer römischen Sklaven wagte sie einen so verhängnisvollen +Auftrag, als ein Brief nach Rom war, anzuvertrauen. + +Die kluge und mutige Numiderin, die den Haß ihrer angebeteten Herrin gegen +den rohen Barbaren, der diese verschmäht, vollauf teilte, ungeschwächt bei +ihr durch heimliche Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu +Cethegus zu finden. Aber Mataswintha wollte das Mädchen nicht den Gefahren +einer Wanderung durch Italien, mitten durch den Krieg, aussetzen. Und +schon gewöhnte sie sich an den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom +zu verschieben, ohne inzwischen in ihrem Eifer in Erforschung der +gotischen Pläne und Rüstungen zu erkalten. + +So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurück von dem Kriegsrat, der +draußen im Lager, im Zelt des Königs war gehalten worden. Denn seit die +Rüstungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs +gewärtig waren, hatte Witichis, wohl auch um Mataswintha aus dem Wege zu +sein, seine Gemächer im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung +mitten unter seinen Kriegern aufgeschlagen. + +Langsam, das Vernommene ihrem Gedächtnis einprägend und über die +Verwertung nachsinnend, wandelte die Königin, nur von Aspa begleitet, +durch die äußersten Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur +Linken, die weißen Zelte zur Rechten. Sie mied das Gedränge und den Lärm +der innern Gassen des Lagers. + +Während sie bedächtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt, +musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern, die sich +hier um den Tisch eines Gauklers geschart hatte, der unerhörte und nie +gesehene Künste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und Lachen +der Zuschauer zu schließen. + +Aspa zögerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder mit anzusehen. Es war ein +junger, schlanker Bursch: nach der blendend weißen Haut des Gesichts und +der bloßen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein +Kelte, wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten. Er verrichtete +wirklich Wunderdinge auf seiner einfachen Bühne. Bald sprang er in die +Höhe, überschlug sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald wieder auf +die Füße, bald auf die Hände, zu stehen. Dann schien er brennende Kohlen +mit sichtlichem Behagen zu verspeisen und dafür Münzen auszuspeien: dann +verschluckte er einen fußlangen Dolch und zog ihn später wieder aus seinen +Haaren hervor, um ihn mit drei, vier andern scharfgeschliffenen Messern in +die Luft zu werfen und eins nach dem andern mit nie fehlender Behendigkeit +am Griff aufzufangen, wofür ihn Gelächter und Rufe der Bewunderung von +Seite seiner Zuschauer belohnten. + +Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt. + +Sie sah nach der Herrin und bemerkte, daß ihr Weg gesperrt war von einer +Schar italischer Lastträger und Troßknechte, welche die Gotenkönigin +offenbar nicht kannten und gerade an ihr vorbei, über den Weg hin, nach +dem Wasser zu, lärmende Kurzweil trieben. Sie schienen sich einen +Gegenstand, den Aspa nicht wahrnahm, zu zeigen und ihn mit Steinen zu +werfen. + +Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler neben ihr auf dem +Tisch einen gellenden Schrei ausstieß; Aspa wandte sich erschrocken und +sah den Gallier in ungeheurem Satz über die Köpfe der Zuschauer weg wie +einen Pfeil durch die Luft auf die Italier losschießen. Schon stand er +mitten in dem Haufen und schien, sich bückend, einen Augenblick unter +ihnen verschwunden. + +Aber plötzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich darauf ein zweiter +der Italier stürzte von seinen Faustschlägen nieder. + +Im Augenblick war Aspa an der Königin Seite, die sich schnell aus der Nähe +der Schlägerei entfernt hatte, aber, zu der Sklavin Befremden, stehen +blieb, mit dem Finger auf die Gruppe weisend. + +Und seltsam in der That war das Schauspiel. + +Mit unglaublicher Kraft und noch größerer Gewandtheit wußte der Gaukler +das Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten. Die Gegner +anspringend, sich wendend und duckend, weichend, dann wieder plötzlich +vorspringend und den nächsten am Fuß niederreißend oder mit kräftigem +Faustschlag vor Brust oder Gesicht niederstreckend, wehrte er sich. + +Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten Hand: denn die linke +hielt er, wie etwas bergend und schützend, dicht an die Brust. So währte +der ungleiche Kampf minutenlang. Der Gaukler ward näher und näher von der +wütenden lärmenden Menge dem Wasser zugedrängt. Da blitzte eine Klinge. +Einer der Troßknechte, zornig über einen schweren Schlag, zuckte ein +Messer und sprang den Gaukler von hinten an. Mit einem Schrei stürzte +dieser zusammen: die Feinde über ihn her. + +»Auf! reißt sie auseinander! helft dem Armen,« rief Mataswintha den +Kriegern zu, die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen, +»ich befehle es! die Königin!« + +Die Goten eilten nach dem Knäuel der Streitenden: aber noch ehe sie +herankamen, sprang der Gaukler, der sich für einen Moment von allen +Feinden losgemacht, hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon, +gerade auf die beiden Frauen zu – verfolgt von den Italiern, welche die +wenigen Goten nicht aufzuhalten vermochten. + +Welch’ ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe: +ein Stück seiner gelben Haare schleifte am Rücken und siehe, unter der +gelben Perücke kam schwarzes glänzendes Haar zum Vorschein und der weiße +Hals verlief in eine bronzebraune Brust. + +Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte er Mataswintha. +»Schütze mich, rette mich, weiße Göttin!« schrie er und brach zusammen vor +Mataswinthas Füßen. Schon waren die Italier heran, und der vorderste +schwang sein Messer. – + +Aber Mataswintha breitete ihren blauen Mantel über den Gefallenen: +»Zurück!« sprach sie mit Hoheit, »laßt ab von ihm. Er steht im Schutz der +Gotenkönigin.« Verblüfft wichen die Troßknechte zurück. »So?« rief nach +einer Pause der mit dem Dolch, »straflos soll er ausgehn, der Hund und +Sohn eines Hundes? und fünf von uns liegen am Boden halbtot? und ich habe +fortan drei Zähne zu wenig? Und keine Strafe?« »Er ist gestraft genug,« +sagte Mataswintha, auf die tiefe Dolchwunde am Halse deutend. »Und all das +um einen Wurm,« schrie ein zweiter, »um eine Schlange, die aus seinem +Ranzen schlüpfte und die wir mit Steinen warfen.« – »Da seht! er hat die +Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt sie ihm.« »Schlagt ihn tot,« +schrien die andern. + +Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Königin +Gehorsam, die Italier unsanft zurückstoßend und einen Kreis um den +Gefallnen schließend. Aspa blickte scharf zu und plötzlich sank sie mit +gekreuzten Armen neben dem Gaukler nieder. + +»Was ist dir, Aspa? steh auf!« sprach Mataswintha staunend. »O Herrin!« +stammelte diese, »der Mann ist kein Gallier! Er ist ein Sohn meines +Volkes. Er betet zu dem Schlangengott! Sieh hier seine braune Haut unter +dem Halse. Braun wie Aspa, – und hier – hier, eine Schrift; Schriftzeichen +eingeritzt über seiner Brust: die heilige Geheimschrift meiner Heimat,« +jubelte sie. Und, mit dem Finger deutend, hob sie an zu lesen. + +»Der Gaukler scheint verdächtig. – Warum diese Verstellung?« sprach +Mataswintha. »Man muß ihn in Haft nehmen.« + +»Nein, nein, o Herrin,« flüsterte Aspa. »Weißt du, wie die Inschrift +lautet? – Kein Auge als meines kann sie dir deuten.« – »Nun?« fragte +Mataswintha. »Sie lautet,« flüsterte Aspa leise: »Syphax schuldet ein +Leben seinem Herrn, Cethegus dem Präfekten.« Ja, ja ich erkenne ihn, das +ist Syphax, Hiempsals Sohn, ein Gastfreund meines Stammes: die Götter +senden ihn zu uns.« + +»Aspa,« sprach Mataswintha rasch, »ja, ihn senden die Götter: die Götter +der Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen wunden Mann auf eine Bahre, und +folgt damit meiner Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem +Dienst.« + + + + + Fünftes Kapitel. + + +Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder ins Lager, diesmal nicht +von Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette +ihres verwundeten Landsmannes, der unter ihren Händen, ihren Kräutern und +Sprüchen sich rasch erholte. + +König Witichis selbst hatte diesmal die Königin abgeholt mit dem ganzen +Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat +gehalten werden. Das Eintreffen der letzten Verstärkungen war auf heute +angekündet: und auch Guntharis und Hildebad wurden zurückerwartet mit der +Antwort Belisars auf das Friedensanerbieten. + +»Ein verhängnisvoller Tag!« sagte Witichis zu seiner Königin. »Bete zum +Himmel um den Frieden.« + +»Ich bete um den Krieg,« sprach Mataswintha, starr vor sich hinblickend. +»Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache?« – »Nach Rache nur noch ganz +allein – und sie wird mir werden.« + +Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerführern +erfüllt war. Mataswintha dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen +Gruß. »Sind die Gesandten zurück?« fragte der König, sich setzend, den +alten Hildebrand, »so führt sie ein.« + +Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhänge und Herzog +Guntharis und Hildebad traten ein, sich tief verneigend. + +»Was bringt ihr? Frieden oder Krieg?« fragte Witichis eifrig. »Krieg! +Krieg, König Witichis!« riefen beide Männer mit Einem Munde. – »Wie? +Belisar verwirft die Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich, +eindringlich, meine Vorschläge mitgeteilt?« + +Herzog Guntharis trat vor, und sprach: »Ich traf den Feldherrn im Kapitol +als Gast des Präfekten und sprach zu ihm: »Der Gotenkönig Witichis +entbietet dir seinen Gruß. + +In dreißig Tagen kann er mit hundertfünfzig Tausendschaften wehrhafter +Goten vor diesen Thoren stehn. Und ein Schlachten und Ringen um diese +ehrwürdige Stadt wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut +getränkten Gefilde nie geschaut. + +Der König der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er +gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sicilien abzutreten und ihm in jedem +seiner Kriege mit dreißigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort +Rom und Italien räumt, das uns gehört nach dem Recht der Eroberung wie +nach dem Vertrag mit Kaiser Zeno, der es Theoderich überließ, wenn er den +Odovakar stürzen könne.« So sprach ich, deinem Auftrag gemäß. + +Belisar aber lachte und rief: »Witichis ist sehr gnädig, mir die Insel +Sicilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke +ihm dafür die Insel Thule! Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war +abgezwungen und das Recht der Eroberung, – nun das spricht jetzt für uns. +Kein Friede, als unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die +Waffen, und das ganze Volk zieht über die Alpen und sendet König und +Königin als Geiseln nach Byzanz.«« + +Ein Murren der Entrüstung ging durch das Zelt. + +»Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Rücken +und schritten hinaus. »Auf Wiedersehen in Ravenna,« rief er uns nach. Da +wandt’ ich mich,« sprach Hildebad »und rief: »Auf Wiedersehen vor Rom!« +Auf, König Witichis, jetzt zu den Waffen. Du hast das Äußerste versucht an +Friedensliebe und Schmach geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezögert +und gerüstet! Jetzt führ’ uns an, zum Kampf.« + +Da tönten Trompetenstöße aus dem Lager: man hörte den Hufschlag eilig +nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila +in glänzenden Waffen, vom weißen Mantel umwallt. »Heil meinem König, Heil +dir Königin,« sprach er huldigend. »Mein Auftrag ist erfüllt: ich bringe +dir den Freundesgruß des Frankenkönigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde +von Byzanz, dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer +wird nicht gegen die Goten in Italien einrücken. Graf Markja von +Mediolanum, der bisher die Cottischen Alpen gegen die Franken gedeckt, +ward dadurch frei mit seinen Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im +Rückweg hab ich aufgerafft, was ich irgend von waffenfähigen Männern fand +und die Besatzungen der Burgen an mich gezogen. Ferner: + +Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein König: ich führe dir +sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu +tummeln in den Ebenen von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: führ uns +zum Kampf, zum Kampf nach Rom.« + +»Hab Dank, mein Freund, für dich und deine Reiter. + +Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an, +ihr Feldherren, wie viele führt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet +auf!« + +»Ich führe drei Tausendschaften Fußvolk,« rief Hildebad. »Ich vierzig +Tausendschaften zu Fuß und zu Roß mit Schild und Speer,« sprach Herzog +Guntharis. »Ich vierzig Tausendschaften zu Fuß: Bogenschützen, +Schleuderer, Speerträger,« sagte Graf Grippa von Ravenna. »Ich sieben +Tausendschaften mit Messer und Keule,« zählte Hildebrand. »Und dazu +Totilas sechs Tausendschaften Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften +Tejas mit der Streitaxt – wo ist er? ich vermisse ihn hier! – Und ich habe +meine Scharen zu Fuß und zu Roß auf fünfzig Tausendschaften erhöht,« +schloß der König. + +»Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften,« schrieb der +Protonotar, die Pergamentrolle dem König überreichend. + +Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes über des Königs ernstes +Angesicht. »Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Männer: Belisar, +sollen sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr +noch Rast, um aufzubrechen?« + +Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte +Frage vernommen. Sein Auge sprühte Blitze, er bebte vor Zorn. »Rast? Keine +Stunde Rast mehr: auf zur Rache, König Witichis! Ein ungeheurer Frevel ist +geschehn, der laut um Rache gegen Himmel schreit. Führ’ uns sofort zum +Kampf!« + +»Was ist geschehn?« + +»Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschloß, wie du weißt, seit +lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und +fern. Der junge Graf Arahad nur – er suchte wohl den Tod – überfiel mit +seiner kleinen Gefolgschaft die Übermacht; er fiel im tapfersten Gefecht. +Verzweifelt widerstand das Häuflein gotischer Männer in der Burg. Denn +alles wehrlose Volk der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen +Land in Tuscien, Valeria und Picenum war hierher geflüchtet vor dem Feind, +wohl viele Tausend. Endlich zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die +Thore zu öffnen. Der Hunne schwor allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht +zu vergießen. Er zog ein und befahl den Goten sich in der großen Basilika +Sankt Zenos zu versammeln. Das thaten sie, über fünftausend Köpfe, Greise, +Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als sie alle beisammen +... –« Teja hielt schaudernd inne. + +»Nun?« fragte Mataswintha, erblassend. + +»Da schloß der Hunne die Thüren, umstellte das Haus mit seinem Heer und – +verbrannte sie alle fünftausend, samt der Kirche.« + +»Und der Vertrag?« rief Witichis. + +»Ja, so schrieen auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen. +»Der Vertrag,« lachte der Hunne, »sei erfüllt: kein Tropfe Blutes sei +vergossen. Ausbrennen müsse man die Goten aus Italien wie die Feldmäuse +und schlechtes Gewürm.« Und so sahen die Byzantiner zu, wie fünftausend +Goten, Greise, Weiber, Kranke, Kinder – König Witichis, hörst du’s? +Kinder! – elend erstickten und verbrannten. Solches geschieht und du – du +sendest Friedensboten! Auf, König Witichis,« rief der Ergrimmte, das +Schwert aus der Scheide reißend, »wenn du ein Mann bist, brich jetzt auf +zur Rache. Die Geister der Erwürgten ziehen vorauf: – Führ’ uns zum Kampf! +zur Rache führ’ uns an!« + +»Führ’ uns zum Kampf! zur Rache führ’ uns an!« wiederhallte das Zelt vom +Ruf der Goten. + +Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft. + +»So soll’s sein. Das Äußerste geschah. Und unsere beste Rüstung ist unser +Recht: jetzt auf, zum Kampf.« + +Und er reichte seiner Königin die Pergamentrolle, die er in der Hand +hielt, die über seinem Stuhl hängende Königsfahne, das blaue Bandum, zu +ergreifen. + +»Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu +Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand als seine war: – +doch zaget nicht. Ihr wisset: übermütige Zuversicht ist meine Sache nicht, +doch diesmal sag ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg, +ein großer, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht +auf, sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!« + +»Nach Rom,« wiederhallte das Zelt. »Nach Rom!« + + + + + Sechstes Kapitel. + + +Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht seines Heeres die +Stadt zu verlassen: Johannes hatte er deren Bewachung übertragen. + +Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. Sein bisher von +keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner +vorausgeschickten Streifscharen, die durch den Übergang der Italier alles +flache Land, auch alle Festen und Burgen und Städte, bis nahe bei Ravenna, +gewonnen, hatten in ihm die Zuversicht erzeugt, daß der Feldzug bald +beendigt und nur das Erdrücken der ratlosen Barbaren in ihrem letzten +Schlupfwinkel übrig sei. + +Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Süden der Halbinsel: Bruttien, +Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: dann Rom mit Samnium und die +Valeria durchzogen und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas +und Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn, die +unter Führung des Armeniers Zanter, des Persers Chanaranges und des +Massageten Äschman standen, vorausgesendet worden, Tuscien zu unterwerfen. + +Bessas rückte vor das sturmfeste Narnia: für die damaligen +Belagerungsmittel war die Burgstadt fast uneinnehmbar: – sie thront auf +hohem Berge, dessen Fuß der tiefe Nar umspült. Die beiden einzigen +Zugänge, vom Osten und vom Westen, sind ein enger Felsenpaß und die hohe, +alte, von Kaiser Augustus gebaute, befestigte Brücke. – Aber die römische +Bevölkerung überwältigte die halbe gotische Hundertschaft, die hier lag, +und öffnete den Thrakiern des Bessas die Thore. Dem Constantinus +erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und Perusia. Auf der +östlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein andrer +Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli Constantinus, den Tod +zweier byzantinischer Heerführer, des Magister Militum für Illyrien, +Mundus, und seines Sohnes Mauricius, die gleich im Anfang des Krieges bei +Salona in Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren, gerächt, +Salona besetzt und durch ihre große Übermacht die geringen gotischen +Scharen zum Rückzug auf Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien +war darauf den Byzantinern zugefallen. Von Tuscien aus streiften, wie wir +sahen, die Hunnen Justinians schon durch Picenum und bis in die Ämilia. + +Die Friedensvorschläge des Gotenkönigs hielt Belisar daher für Zeichen der +Schwäche. Daß die Barbaren zum Angriff übergehen könnten, fiel ihm nicht +ein. Dabei trieb es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast +des Präfekten zu heißen; im freien Felde mußte sein Übergewicht bald +wieder hervortreten. + +Der Präfekt ließ das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und +folgte dem Zuge Belisars. Vergebens warnte er diesen vor allzugroßer +Zuversicht. + +»Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn du die Barbaren +fürchtest,« hatte dieser stolz geantwortet. + +»Nein,« erwiderte dieser. »Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes +Schauspiel, man darf es nicht versäumen.« In der That, Cethegus hätte eine +Demütigung des großen Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog, +gern gesehen. + +Belisar hatte sein Heer aus den nördlichen Thoren der Stadt geführt und +wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt, es hier zu mustern +und neu zu ordnen und zu gliedern. Schon der starke Zufluß von Italiern, +die zu seinen Fahnen geeilt waren, machte das nötig. Auch Ambazuch, Bessas +und Constantinus hatte er mit dem größten Teil ihrer Truppen wieder in +dies Lager herangezogen: sie ließen in den von ihnen gewonnenen Städten +nur kleine Besatzungen zurück. + +Dunkle Gerüchte von einem anrückenden Gotenheer hatten sich in das Lager +verbreitet. Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben. »Sie wagen es +nicht,« hatte er dem warnenden Prokop entgegnet. »Sie liegen in Ravenna +und zittern vor Belisarius.« + +Spät in der Nacht lag Cethegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt. Er +ließ die Ampel brennen. »Ich kann nicht schlafen,« sagte er –: »in den +Lüften klirrt es wie Waffen und riecht’s wie Blut. Die Goten kommen. Sie +rücken wohl durch die Sabina, die Via casperia und salara herab.« + +Da rauschten seine Zeltvorhänge zurück und Syphax stürzte atemlos an sein +Lager. + +»Ich weiß es schon,« sagte Cethegus aufspringend, »was du meldest: die +Goten kommen.« – »Ja, Herr, morgen sind sie da. Sie zielen auf das +salarische Thor. Ich hatte das beste Roß der Königin, aber dieser Totila, +der den Vortrab führt, jagt wie der Wind durch die Wüste. Und hier im +Lager ahnt niemand etwas.« + +»Der große Feldherr,« lächelte Cethegus, »hat keine Vorposten +ausgestellt.« – »Er verließ sich ganz auf den festen Turm an der +Aniusbrücke(1) aber ... –« + +»Nun? der Turm ist fest.« – »Ja, aber die Besatzung, römische Bürger aus +Neapolis, ging zu den Goten über, als sie der junge Totila, der Führer des +Vortrabs, anrief. Die Leibwächter Belisars, welche sich widersetzten, +wurden gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der Turm und +die Brücke ist in der Goten Hand.« + +»Es wird hübsch werden! Hast du eine Ahnung, wie stark der Feind?« – +»Keine Ahnung, Herr: ich weiß es so genau wie König Witichis selbst. Hier +die Liste ihrer Truppen. Sie schickt dir Mataswintha, seine Königin.« + +Cethegus sah ihn forschend an. »Geschehen Wunder, die Barbaren zu +verderben?« + +»Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschöne Weib will ihres Volkes +Untergang um des Einen willen. Und dieser Eine ist ihr Gatte.« + +»Du irrst:« sagte Cethegus, »sie liebte ihn schon als Mädchen und kaufte +seine Büste.« + +»Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbüste ward zerschlagen +in der Brautnacht.« + +»Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt.« + +»Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. Sie sagt mir alles. +Sie liebt mich. Und sie liebt ihre Herrin, fast wie ich dich. Und +Mataswintha will mit dir das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa +alles schreiben in den Zauberzeichen unseres Stammes. Und ich würde diese +Sonnenkönigin zu meinem Weibe nehmen, wenn ich Cethegus wäre.« + +»Ich auch, wenn ich Syphax wäre. Aber deine Botschaft ist eine Krone wert! +Ein listig, rachedürstend Weib wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch, +Belisar, Witichis und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht +deine Freiheit: – ich brauche dich noch.« + +»Meine Freiheit ist – dir dienen. Eine Gunst: laß mich morgen neben dir +fechten.« + +»Nein, mein hübscher Panther, deine Klauen kann ich noch nicht brauchen: – +nur deinen Leisegang. Du schweigst gegen jedermann von der Goten Nähe und +Stärke. Lege mir die Rüstung an und gieb den Plan der salarischen Straße +dort aus der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Führer meiner +Isaurier, Sandil.« Syphax verschwand. Cethegus warf einen Blick auf den +Plan. »Also dort her, von Nordwesten, kommen sie, die Hügel herab. Wehe +dem, der sie dort aufhalten will. Darauf folgt der tiefe Thalgrund, in dem +wir lagern. Hier wird die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns, +südöstlich, zieht sich unsre Stellung entlang dem tiefen Bach; in diesen +werden wir unfehlbar geworfen: die Brücken werden nicht zu halten sein. +Darauf eine Strecke flachen Landes – welch schönes Feld für die gotischen +Reiter, uns zu verfolgen! – Noch weiter rückwärts endlich ein dichter Wald +und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell Hadrians ... – Marcus,« +rief er dem Eintretenden entgegen, »meine Scharen brechen auf. Wir ziehn +hinab den Bach in den Wald und jeden, der dich frägt, dem sagst du: wir +ziehn zurück nach Rom.« + +»Nach Hause? ohne Kampf?« fragte Marcus erstaunt, »du weißt doch: es steht +der Kampf bevor?« + +»Ebendeswegen!« Damit schritt er hinaus, Belisar in seinem Zelt zu wecken. +Aber er fand ihn schon wach: Prokop stand bei ihm. »Weißt du’s schon, +Präfekt? flüchtendes Landvolk meldet, ein Häuflein gotischer Reiter naht: +die Tollkühnen reiten in ihr Verderben: sie wähnen die Straße frei bis +Rom.« Und er fuhr fort sich zu rüsten. + +»Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die Vorhut. Es folge ein +furchtbares Heer von Barbaren,« warnte Prokop. + +»Eitle Schrecken! Sie fürchten sich, diese Goten. – Witichis wagt gar +nicht, mich aufzusuchen. Endlich habe ich ja, vierzehn Stadien vor Rom, +die Aniobrücke durch einen Turm geschützt: – Martinus hat ihn gebaut nach +meinem Gedanken: – der allein hält der Barbaren Fußvolk mehr als eine +Woche auf – mögen auch ein paar Gäule durch den Fluß geschwommen sein.« + +»Du irrst, Belisarius! ich weiß es gewiß: das ganze Heer der Goten naht,« +sprach Cethegus. – »So geh’ nach Hause, wenn du es fürchtest.« – »Ich +mache Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen Tagen +das Fieber geholt. Auch meine Isaurier leiden daran: – ich ziehe mit +deiner Gunst nach Rom zurück.« + +»Ich kenne dieses Fieber,« sagte Belisar – »das heißt: – an andern. Es +vergeht, sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh +ab, wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier.« + +Cethegus verneigte sich und ging. »Auf Wiedersehen,« sprach er, »o +Belisarius. Gieb das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern,« sprach er im +Lager laut zu Marcus. »Und meinen Byzantinern auch,« setzte er leiser bei. + +»Aber Belisar hat ...« – + +»Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd.« Während er aufstieg, sprengte +ein Zug römischer Reiter heran: Fackeln leuchteten dem Anführer vorauf. + +»Wer da? Ah du, Cethegus? wie, du reitest ab? Deine Leute ziehn sich nach +dem Fluß? Du wirst uns doch nicht verlassen, jetzt, in dieser höchsten +Gefahr?« Cethegus beugte sich vor. »Sieh, du, Calpurnius! ich erkannte +dich nicht: du siehst so bleich. Was bringst du von den Vorposten?« + +»Flüchtige Bauern sagen,« sprach Calpurnius ängstlich, »es sei gewiß mehr +als eine Streifschar. Es sei der König der Barbaren, Witichis selbst, im +raschen Anzug durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer: +Widerstand ist dann .. – Wahnsinn – Verderben. Ich folge dir, ich schließe +mich dir an.« + +»Nein,« sagte Cethegus herb, »du weißt, ich bin abergläubisch: ich reite +nicht gern mit den Furien verfallnen Männern. Dich wird die Strafe für +deinen feigen Knabenmord sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit +dir zu teilen.« + +»Doch flüstern Stimmen in Rom, auch Cethegus verschmähe manchmal einen +bequemen Mord nicht,« sprach Calpurnius grimmig. + +»Calpurnius ist nicht Cethegus,« sprach der Präfekt, stolz davon +sprengend. »Grüße mir einstweilen den Hades!« rief er. + + + + + Siebentes Kapitel. + + +»Verfluchtes Omen!« knirschte Calpurnius. Und er eilte zu Belisar: +»Befiehl den Rückzug, rasch, Magister Militum.« – »Warum, Vortrefflicher?« +– »Es ist der Gotenkönig selbst.« »Und ich bin Belisar selbst,« sagte +dieser, den prachtvollen Helm mit dem weißen Roßschweif aufsetzend. »Wie +konntest du deinen Posten im Vordertreffen verlassen?« – »Herr, um dir das +zu melden.« – »Das konnte wohl kein Bote? Höre, Römer, ihr seid nicht +wert, daß man euch befreit. Du zitterst ja, Mann des Schreckens. Zurück +mit dir ins Vordertreffen. + +Du führst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine Leibwächter Antallas +und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte. Er _muß_ tapfer sein, hört ihr? +Weicht er, – nieder mit ihm. So lehrt man Römer Mut. + +Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an. In einer Stunde +geht die Sonne auf. Sie muß unser ganzes Heer auf jenen Hügeln finden. + +Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das ganze Lager bricht +auf, dem Feind entgegen.« + +»Feldherr, es ist wie sie sagen,« meldete Maxentius, der treueste der +Leibwächter, »zahllose Goten rücken an.« + +»Sie sind zwei Heere gegen uns,« meldete Salomo, Belisars +Hypaspisten-Führer. + +»Ich rechne Belisar ein ganzes Heer.« + +»Und der Schlachtplan?« fragte Bessas. + +»Im Angesicht des Feindes entwerf’ ich ihn, während des Calpurnius Reiter +ihn aufhalten. Vorwärts, gebt die Zeichen, führt Phalion vor.« Und er +schritt aus dem Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerführer, die +Hypaspisten, Prätorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, Befehle +gebend, verteilend, empfangend. + +In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Hügel. Man nahm +sich nicht Zeit, das Lager abzubrechen. Aber der plötzliche Aufbruch +brachte vielfache Verwirrung. Fußvolk und Reiter gerieten in der dunkeln, +mondlosen Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde von der Übermacht der +vordringenden Barbaren Mutlosigkeit verbreitet. + +Es waren nur zwei nicht sehr breite Straßen, die gegen die Hügel führten: +so gab es manche Stockung und Hemmung. Viel später als Belisar gerechnet, +langte das Heer im Angesicht der Hügel an: und als die ersten +Sonnenstrahlen sie beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab führte, +von allen Höhen gotische Waffen blitzen. + +Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken machte Calpurnius +Halt und sandte Belisar Nachricht. + +Dieser sah ein, daß Calpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge stürmen +könne. Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen +Fußvolks ab, um auf der breitern Straße zu stürmen. Den linken und den +rechten Flügel führten Constantinus und Demetrius, er selbst brachte im +Mitteltreffen seine Leibwachen als Rückhalt heran. Calpurnius, froh des +Wechsels im Plan, stellte seine Reiter unter den steilsten Abfall der +Hügel, links seitab der Straße, von wo kein Angriff zu befürchten schien, +den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm abzuwarten und die fliehenden +Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier aufzunehmen. + +Oben auf den Höhen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in +Schlachtordnung. Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich +Teja, zu Pferd, vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: – sein +beiltragendes Fußvolk war noch weit zurück: – er hatte sich ausgebeten, +ohne Befehlführung, überall, wo es ihn reizte, ins Handgemenge zu greifen. +Darauf war Hildebrand eingetroffen und hierauf der König mit der +Hauptmacht gefolgt. Herzog Guntharis mit seinen und Tejas Leuten wurden +noch erwartet. + +Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurückgeflogen. + +»König,« sagte er, »unter jenen Hügeln steht Belisar. + +Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den Wahnsinn gehabt, +vorzurücken. Dulde nicht die Schmach, daß er uns zuvorkömmt im Angriff.« + +»Vorwärts!« rief König Witichis, »gotische Männer vor!« In wenigen Minuten +hatte er den Rand der Hügel erreicht und übersah das Thalgefild vor ihm. +»Hildebad – den linken Flügel! Du, Totila, brichst mit deinen Reitern hier +im Mitteltreffen, die Straße herunter, vor. Ich halte rechts seitab der +Straße, bereit, dir zu folgen oder dich zu decken.« + +»Das wird’s nicht brauchen,« sagte Totila, sein Schwert ziehend. »Ich +bürge dir, sie halten meinen Ritt diesen Hügel herab nicht auf.« + +»Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurück,« fuhr der König fort, »nehmen +das Lager, werfen sie in den Bach, der dicht hinter dem Lager glänzt: was +übrig ist, können eure Reiter, Totila und Teja, über die Ebene jagen bis +Rom.« + +»Ja, wenn wir erst den Paß gewonnen haben, dort in den Waldhügeln, hinter +dem Fluß,« sagte Teja mit dem Schwert hinüberdeutend. + +»Er ist noch unbesetzt, scheint’s: ihr müßt ihn mit den Flüchtigen +zugleich erreichen.« + +Da ritt der Bannerträger, Graf Wisand von Volsinii, der Bandalarius des +Heeres, an den König heran. »Herr König, ihr habt mir eine Bitte zu +erfüllen zugesagt.« – »Ja, weil du bei Salona den Magister Militum für +Illyrien, Mundus, und seinen Sohn vom Roß gestochen.« + +»Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. Ich möchte denselben +Speer auch an Belisar erproben. Nimm mir, nur für heute, das Banner ab und +laß mich den Magister Belisar aufsuchen. Sein Roß, der Rotscheck Phalion +oder Balian, wird so sehr gerühmt: und mein Hengst wird steif. Und du +kennst das alte gotische Reiterrecht: »wirf den Reiter und nimm sein +Roß«.« + +»Gut gotisch Recht!« raunte der alte Hildebrand. + +»Ich muß die Bitte gewähren,« sprach Witichis, das Banner aus der Hand +Wisands nehmend. Dieser sprengte eilig hinweg. »Guntharis ist nicht zur +Stelle, so trage du es heute, Totila.« + +»Herr König,« entgegnete dieser, »ich kann’s nicht tragen, wenn ich meinen +Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll.« Witichis winkte Teja. + +»Vergieb,« sagte dieser: »heut’ denk’ ich beide Arme sehr zu brauchen.« – +»Nun, Hildebad.« – »Danke für die Ehre: ich hab’s nicht schlechter vor als +die andern!« »Wie,« sagte Witichis, fast zürnend, »muß ich mein eigner +Bannerträger sein, will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren?« + +»So gieb mir die Fahne Theoderichs,« sprach der alte Hildebrand, den +mächtigen Schaft ergreifend. »Mich lüstet weitern Kampfes nicht so sehr. +Aber mich freut’s, wie die Jungen nach Ruhme dürsten. Gieb mir das Banner, +ich will’s heute wahren wie vor vierzig Sommern.« Und er ritt sofort an +des Königs rechte Seite. + +»Der Feinde Fußvolk rückt den Berg hinan,« sprach Witichis, sich im Sattel +hebend. »Es sind Hunnen und Armenier,« sagte Teja, mit seinem Falkenauge +spähend, »ich erkenne die hohen Schilde!« Und den Rappen vorwärts spornend +rief er: »Ambazuch führte sie, der eidbrüchige Brandmörder von Petra.« + +»Vorwärts, Totila,« sprach der König, »und aus diesen Scharen – – keine +Gefangnen.« + +Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an der Mündung der +aufsteigenden Straße auf der Höhe aufgestellt waren. Mit scharfem Blick +musterte er die Bewaffnung der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam +bergauf rückten. Sie trugen schwere, mannshohe Schilde und kurze Speere zu +Stoß und Wurf. + +»Sie dürfen nicht zum Werfen kommen,« rief er seinen Reitern zu. Er ließ +sie die leichten Schilde auf den Rücken binden und befahl, im Augenblick +des Anpralls die langen Lanzen, statt, wie üblich, in der Rechten, in der +Linken, der Zügelhand, zu führen, den Zügel einfach um das Handgelenk +geschlungen und über die Mähne weg die Lanze aus der rechten in die linke +Faust werfend. Dadurch trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht +gedeckte Seite der Feinde. »Sowie der Stoß angeprallt – sie werden ihm +nicht stehen! – werft die Lanze im Armriem zurück, zieht das Schwert und +haut nieder, was noch steht.« + +Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts und links überflügelnd, +auf beiden Seiten neben der Straße auf. + +Er selbst führte den Keil auf der Straße. Er beschloß, den Feind die +Hälfte des Hügels herankommen zu lassen. Mit atemloser Spannung sahen +beide Heere dem Zusammenstoß entgegen. + +Ruhig rückte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwärts. + +»Laßt sie nur dicht heran, Leute,« sagte er, »bis ihr das Schnauben der +Rosse im Gesicht spürt. Dann, – und nicht eher, – werft: und zielt mir +tief, auf die Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab’ ich noch +alle Reiter geschlagen.« + +Aber es kam anders. + +Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum Angriff gab, schien eine +donnernde Lawine vom Berg herab über die erschrocknen Feinde einzubrechen. +Wie der Sturmwind jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, dröhnende +Masse heran: und eh’ die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden, die +Wurfspeere nur zu heben, lag sie schon, von den langen Lanzen auf der +schildlosen Seite durchbohrt, niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als +wären sie nie gestanden. + +Blitzschnell war das geschehen: und während noch Ambazuch seiner zweiten +Reihe, in der er selber stand, Befehl geben wollte, zu knieen und die +Speere einzustemmen, sah er schon auch seine zweite Reihe überritten, die +dritte auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch +Widerstand leistend gegen die furchtbaren Reiter, die jetzt erst dazu +kamen, die Schwerter zu ziehen. Er wollte das Gefecht stellen: er flog +zurück und rief seinen wankenden Scharen Mut zu. + +Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug ihm den Helm. Er +stürzte in die Knie und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten +entgegen. »Nimm Lösegeld,« rief er, »ich bin dein.« + +Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe abzunehmen, da rief +Tejas Stimme: »Denk’ an Burg Petra.« + +Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. Da stob die +letzte Reihe der Armenier, Bessas mit fortreißend, entsetzt auseinander, – +das Vordertreffen Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten +König Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehn. + +»Sieh, jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier gerade unter uns +stehen, gegen Totila,« sagte der König zu dem alten Bannerträger. »Totila +wendet sich gegen sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die +Straße hinunter, ihm zu Hilfe.« + +»Ah,« rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und über den Felsrand +spähend, »wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwächtern +Belisars?« + +Witichis beugte sich vor. »Calpurnius!« rief er mit gellendem Schrei. + +Und siehe, urplötzlich sprengte der König, keinen Pfad suchend, gerade wo +er stand, hinab die Felshöhe auf den Verhaßten. Die Furcht, er möchte ihm +entrinnen, ließ ihn alles vergessen. Und als hätte er Flügel, als hätte +der Gott der Rache ihn herabgeführt über Gebüsch und spitze Felsspalten +und Schroffen und Gräben sauste der König hinunter. + +Einen Augenblick faßte den alten Waffenmeister Entsetzen: solchen Ritt +hatte er noch nie geschaut. Aber im nächsten Moment schwang er die blaue +Fahne und rief: »Nach! nach eurem König!« Und das berittene Gefolge voran, +das Fußvolk, springend und auf den Schilden rutschend, hinterher, brach +das Mitteltreffen der Goten plötzlich steil von oben auf die hunnischen +Reiter. + +Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein Name, gellend gerufen, an +sein Ohr schlüge. Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts. + +Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon. Aber der +maurische Leibwächter zur Rechten fiel ihm in den Zügel: »Halt, Tribun!« +sagte Antallas, auf Totilas Reiter deutend – »_dort_ ist der Feind!« Ein +Schmerzenschrei riß ihn und Calpurnius zur Linken herum. Denn da stürzte +der zweite der Leibwächter, der Hunne Kuturgur, zu seiner Linken, klirrend +vom Pferd, unter dem Schwerthieb eines Goten, der plötzlich wie vom Himmel +gefallen schien. Und hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und +wogte es den steilen Felshang hinab, der doch pfadlos schien: und die +Reiter waren von diesem plötzlich von oben gekommenen Feind in der Flanke +umfaßt, während sie gleichzeitig in der Stirnseite mit den Geschwadern +Totilas zusammenstießen. + +Calpurnius erkannte den Goten. »Witichis!« rief er entsetzt, und ließ den +Arm sinken. Aber sein Pferd rettete ihn; verwundet und scheu geworden +durch den Fall des hunnischen Leibwächters zur Linken, setzte es in wilden +Sprüngen davon. + +Der maurische Leibwächter zu seiner Rechten warf sich wütend auf den König +der Goten, der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war. »Nieder, +Tollkühner!« schrie er. Aber im nächsten Augenblick hatte ihn das Schwert +des Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen +schien, was ihn von Calpurnius jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm +Witichis nach. Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die, +entsetzt vor diesem Anblick, auseinanderstoben. + +Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz +hinter den stärksten Geschwadern seiner Reiter. Umsonst. Witichis verlor +ihn nicht aus dem Auge und ließ nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter +seinen Reitern barg, wie rasch er floh, – er entging nicht dem Blicke des +Königs, der alles erschlug, was sich zwischen ihn und den Mörder seines +Sohnes drängte. + +Knäuel auf Knäuel, Gruppe auf Gruppe löste sich vor dem furchtbaren +Schwert des rächenden Vaters: die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt +von dem Flüchtenden und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder +zu schließen. Denn ehe noch Totila ganz heran war, hatte der alte +Bannerträger mit Reitern und Fußvolk ihre rechte Flanke durchbrochen, in +zwei Teile gespalten. + +Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Flüchtlinge zu verfolgen. Der +Teil zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte +genommen und vernichtet. + +Der größere Teil zur Linken floh zurück auf Belisar. + +Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, über das Schlachtfeld. +Er hatte einen großen Vorsprung, da sich Witichis siebenmal erst hatte +Bahn hauen müssen. Aber ein Dämon schien Boreas, des Goten Roß, zu +treiben: näher und näher kam er seinem Opfer. Schon vernahm der Flüchtling +den Ruf, zu stehen und zu fechten. Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da +brach es unter ihm zusammen. Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis +vor ihm, der vom Sattel gesprungen war. Er stieß ihm, ohne ein Wort, mit +dem Fuß das Schwert hin, das ihm entfallen. Da faßte sich Calpurnius mit +dem Mut der Verzweiflung. + +Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten. +Aber mitten im Sprung stürzte er rücklings nieder. + +Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. Der König setzte den +Fuß auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht. Dann +seufzte er tief auf: »Jetzt hab’ ich die Rache. O hätt’ ich mein Kind.« + +Mit Ingrimm hatte Belisar die so ungünstige Eröffnung des Kampfes mit +angesehen. Aber seine Ruhe, seine Zuversicht verließ ihn nicht, als er +Ambazuchs und Bessas’ Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter +durchbrochen und geworfen sah. + +Er erkannte jetzt die Übermacht und Überlegenheit des Feindes. Allein er +beschloß, auf der ganzen Linie vorzurücken, eine Lücke lassend, um den +Rest der fliehenden Reiter aufzunehmen. + +Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und drängten, Witichis voran, +Totila und Hildebrand, welche die Umzingelten vernichtet hatten, folgend, +den Flüchtlingen jetzt so ungestüm nach, daß sie mit ihnen zugleich die +Linie Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten. + +Das durfte nicht sein. Belisar füllte diese Lücke selbst durch seine +Leibwache zu Fuß und schrie den fliehenden Reitern entgegen, zu halten und +zu wenden. + +Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Führers sie alle +ergriffen hätte. Sie scheuten das Schwert des Gotenkönigs hinter sich mehr +als den drohenden Feldherrn vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten +sie, als wollten sie ihr eignes Fußvolk niederreiten, im vollen Galopp +heran. + +Einen Augenblick ein furchtbarer Stoß: – ein tausendstimmiger Schrei der +Angst und Wut: – ein wirrer Knäuel von Reitern und Fußvolk minutenlang: – +darunter einhauende Goten: – und plötzlich ein Auseinanderstieben nach +allen Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde. – + +Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie +durchbrochen. – Er befahl den Rückzug ins Lager. + +Aber es war kein Rückzug mehr: es war eine Flucht. Hildebads, Guntharis +und Tejas Fußvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen: die +Byzantiner sahen ihre Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am +Widerstand und mit großer Unordnung eilten sie nach dem Lager zurück. +Gleichwohl hätten sie dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern +erreicht, hätte nicht ein unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt. + +So siegesgewiß war Belisar ausgezogen, daß er das ganze Fuhrwerk, die +Wagen und das Gepäck des Heeres, ja selbst die Herden, die ihm +nachgetrieben wurden nach der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen +Straßen zu folgen befohlen hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen +und schwer zu entfernenden Körper stießen nun überall die weichenden +Truppen und grenzenlose Hemmung und Verwirrung trat ein. + +Soldaten und Troßknechte wurden handgemein: die Reihen lösten sich +zwischen den Karren, Kisten und Wagen. Bei vielen erwachte die Beutelust +und sie fingen an, das Gepäck zu plündern, ehe es in die Hände der +Barbaren falle. Überall ein Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen +das Krachen der Lastwagen, die zerbrochen wurden, und das Blöken und +Brüllen der erschrocknen Herden. + +»Gebt den Troß Preis! Feuer in die Wagen! schickt die Reiter durch die +Herden!« befahl Belisar, der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter +Ordnung mit dem Schwert sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer +unentwirrbarer, immer dichter wurde der Knäuel: – nichts schien ihn mehr +lösen zu können. + +Da zerriß ihn die Verzweiflung. + +Der Schrei, »die Barbaren über uns!« erscholl aus den hintersten Reihen. +Und es war kein leerer Schreck. Hildebad mit dem Fußvolk war jetzt in die +Ebene hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen +Knäuel. + +Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn: ein tausendstimmiger +Schrei der Angst – der Wut – des Schmerzes der Angegriffenen, der +Leibwachen, die, alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht +konnten: – der Zertretenen und Zerdrückten – und plötzlich stürzte der +größte Teil der Wagen, mit ihrer Bespannung, und mit den Tausenden, die +darauf und dazwischen zusammengedrängt waren, mit donnerndem Krachen in +die Gräben links und rechts neben der Hochstraße. + +So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos ergoß sich der Strom +der Flüchtigen nach dem Lager. – + +Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fußvolk, ohne Mühe mit den +Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, in dem dichten Gewühl +seine Ziele treffend, während Belisar mit Mühe die unaufhörlichen Angriffe +der Reiter Totilas und des Königs abwehrte. »Hilf, Belisar,« rief Aigan, +der Führer der massagetischen Söldner, aus dem eben gesprengten Knäuel +heranreitend, das Blut aus dem Gesicht wischend: »meine Landsleute haben +heut’ den schwarzen Teufel unter den Feinden gesehen. Sie stehn mir nicht. +Hilf: dich fürchten sie sonst mehr als den Teufel!« + +Mit Knirschen sah Belisar hinüber nach seinem rechten Flügel, der +aufgelöst über das Blachfeld jagte, von den Goten gehetzt. + +»O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfüll’ ich schlecht mein Wort!« + +Und die weitere Deckung des Rückzugs ins Lager dem erprobten Demetrius +überlassend, – denn das hügelige Terrain, das jetzt erreicht war, +schwächte die Kraft der verfolgenden Reiter – sprengte er mit Aigan und +seiner berittenen Garde querfeldein mitten unter die Flüchtenden. + +»Halt!« donnerte er ihnen zu, »halt, ihr feigen Hunde. Wer flieht, wo +Belisar streitet? + +Ich bin mitten unter euch, kehrt und siegt!« + +Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen das majestätische, +das löwengewaltige Antlitz. + +Und so mächtig war die Macht dieser Heldenpersönlichkeit, so groß das +Vertrauen auf sein sieghaftes Glück, daß in der That alle, welche die hohe +Gestalt des Feldherrn auf seinem Rotscheck erkannten, stutzten, hielten, +und mit einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten wieder +entgegenwandten. An dieser Stelle wenigstens war die Flucht zu Ende. + +Da schritt ein gewaltiger Gote heran, leicht sich Bahn brechend. »Heia, +das ist fein, daß ihr einmal des Laufens müde seid, ihr flinken +Griechlein. Ich konnt’ euch nicht mehr nach vor Schnaufen. In den Beinen +seid ihr uns überlegen. Laßt sehn, ob auch in den Armen. Ha, was weicht +ihr, Bursche! Vor dem, auf dem Braunscheck? Was ist’s mit dem?« + +»Herr, das muß ein König sein unter den Welschen, kaum kann man sein +zornig Auge tragen.« + +»Das wäre! Ah – das muß Belisarius sein! Freut mich,« schrie er ihm +hinüber, »daß wir uns treffen, du kühner Held. Nun spring vom Roß und laß +uns die Kraft der Arme messen. Wisse, ich bin Hildebad, des Tota Sohn. +Sieh, auch ich bin ja zu Fuß. Du willst nicht?« rief er zornig. »Muß man +dich vom Gaule holen?« Und dabei schwang er in der Rechten wiegend den +ungeheuren Speer. + +»Wende, Herr, weich’ aus,« rief Aigan, »der Riese wirft ja junge +Mastbäume.« »Wende, Herr,« wiederholten seine Hypaspisten ängstlich. + +Aber Belisar ritt, das kurze Schwert gezückt, ruhig dem Goten um eine +Pferdelänge näher. Sausend flog der balkengleiche Speer heran, grad gegen +Belisars Brust. + +Aber grad’, ehe er traf, – ein kräftiger Hieb von Belisars kurzem +Römerschwert und drei Schritte seitwärts fiel der Speer harmlos nieder. + +»Heil Belisarius! Heil,« schrieen die Byzantiner ermutigt und drangen auf +die Goten ein. + +»Ein guter Hieb,« lachte Hildebad grimmig. »Laß sehen, ob dir deine +Fechtkunst auch gegen den hilft.« Und sich bückend hob er aus dem +Ackerfeld einen alten zackigen Grenzstein, schwang ihn mit zwei Armen erst +langsam hin und her, hob ihn dann über den Kopf mit beiden Händen und +schleuderte ihn mit aller Kraft auf den heransprengenden Helden –: ein +Schrei des Gefolges: – rücklings stürzte Belisar vom Pferd. – + +Da war es aus. + +»Belisarius tot! wehe! Alles verloren, wehe!« schrieen sie, als die +hochragende Gestalt verschwunden, und jagten besinnungslos nach dem Lager +zu. Einzelne flohen unaufhaltsam bis an und in die Thore Roms. + +Umsonst war’s, daß sich die Lanzen- und Schildträger todesmutig den Goten +entgegenwarfen: sie konnten nur ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr +retten. + +Den ersten tödlichen Schwerthieb Hildebads, der herangestürmt war, fing +der treue Maxentius auf mit der eignen Brust. Aber hier sank auch ein +gotischer Reiter endlich vom Roß, der erst nach Hildebad Belisar erreicht +und sieben Leibwächter erschlagen hatte, um bis zum Magister Militum +durchzudringen. Mit dreizehn Wunden fanden ihn die Seinen. Aber er blieb +am Leben. Und er war einer der wenigen, welche den ganzen Krieg +durchkämpften und überlebten –, Wisand, der Bandalarius. + +Belisar, von Aigan und Valentinus, seinem Hippokomos (Roßwart), wieder auf +den Rotschecken gehoben und rasch von der Betäubung erholt, erhob umsonst +den Feldherrnstab und Feldherrnruf: sie hörten nicht mehr und wollten +nicht hören. Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die Flüchtigen: er +wurde fortgerissen von ihren Wogen bis ans Lager. + +Hier gelang es ihm noch einmal, an einem festen Thor, die nachdringenden +Goten aufzuhalten. »Die Ehre ist hin,« sagte er unwillig, »laßt uns das +Leben wahren.« Mit diesen Worten ließ er die Lagerthore schließen, ohne +Rücksicht auf die großen Massen der noch Ausgeschlossenen. + +Ein Versuch des ungestümen Hildebad, ohne weiteres einzudringen, +scheiterte an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks, das dem Speerwurf und +den Schleudersteinen trotzte. Unmutig auf seinen Speer gelehnt kühlte er +sich einen Augenblick von der Hitze. + +Da bog Teja, der längst, wie der König und Totila, abgesessen, prüfend und +das Pfahlwerk messend, um die Ecke des Walls. + +»Die verfluchte Holzburg,« rief ihm Hildebad entgegen. »Da hilft nicht +Stein, nicht Eisen.« + +»Nein,« sagte Teja, »aber Feuer!« Er stieß mit dem Fuß in einen +Aschenhaufen, der neben ihm lag. »Das sind die Wachtfeuer, samt dem +Reisig, von heute Nacht. Hier glimmen noch Gluten! Hierher, ihr Männer, +steckt die Schwerter ein, entzündet das Reisig! werft Feuer in das Lager!« + +»Prachtjunge,« jubelte Hildebad, »flugs, ihr Bursche, brennt sie aus, wie +den Fuchs aus dem Bau! der frische Nordwind hilft.« Rasch waren die +Wachtfeuer wieder entfacht, Hunderte von Bränden flogen in das trockne +Sparrenwerk der Schanze. Und bald schlugen die Flammen lodernd gen Himmel. +Der dichte Qualm, vom Wind ins Lager getragen, schlug den Byzantinern ins +Gesicht und machte die Verteidigung der Wälle unmöglich. Sie wichen in das +Innere des Lagers. + +»Wer jetzt sterben dürfte!« seufzte Belisar. – »Räumt das Lager! Hinaus +zur Porta decumana. In gut geschlossener Ordnung zu den Brücken hinter +uns!« + +Aber der Befehl, das Lager zu räumen, zerriß das letzte Band der Zucht, +der Ordnung und des Mutes. Während unter Tejas dröhnenden Axthieben die +verkohlten Thorbalken niederkrachten und mitten durch Flammen und Qualm +der schwarze Held, wie ein Feuerdämon, der erste, durch das prätorische +Thor ins Lager sprang, rissen die Flüchtenden alle Thore, auch die +seitwärts aus dem Lager nach Rom zu führten, die Portä prinzipales rechts +und links, auf einmal auf und strömten in wirren Massen nach dem Fluß. Die +ersten erreichten noch sicher und unverfolgt die beiden Brücken; sie +hatten großen Vorsprung, bis Hildebad und Teja Belisar aus dem brennenden +Lager herausgedrängt. + +Aber plötzlich – neues Entsetzen! – schmetterten die gotischen +Reiterhörner ganz nahe. + +Witichis und Totila hatten sich, sowie sie das Lager genommen wußten, +sogleich wieder zu Pferd geworfen und führten nun ihre Reiter von beiden +Seiten, links und rechts vom Lager her, den Flüchtenden in die Flanken. + +Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagerthor gesprengt und eilte nach +der einen Brücke zu, als er von links und rechts die verderblichen +Reitermassen heransausen sah. Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann +die Fassung nicht. »Vorwärts im Galopp an die Brücken!« befahl er seinen +Saracenen, »deckt sie!« – + +Es war zu spät: ein dumpfer Krach, gleich darauf ein zweiter, – die beiden +schmalen Brücken waren unter der Last der Flüchtenden eingebrochen und zu +Hunderten stürzten die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzenträger, +Justinians Stolz, in das sumpfige Gewässer. + +Ohne Bedenken spornte Belisar, an dem steilen Ufer angelangt, sein Pferd +in die schäumende und blutig gefärbte Flut. Schwimmend erreichte er das +andere Ufer. »Salomo, Dagisthäos,« sagte er, sowie er drüben gelandet, zu +seinen raschesten Prätorianern, »auf, nehmt hundert aus meinen +Reiterwachen und jagt was ihr könnt nach dem Engpaß. Überreitet alle +Flüchtigen. Ihr müßt ihn vor den Goten erreichen, hört ihr? _ihr müßt!_ Er +ist unser letzter Strohhalm.« + +Beide gehorchten, und sprengten blitzschnell davon. + +Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte. Die +Goten waren wie die Byzantiner durch den Fluß eine Weile aufgehalten. Aber +plötzlich rief Aigan: »Da sprengt Salomo zurück!« »Herr,« rief dieser +heranjagend: »alles ist verloren! Waffen blitzen im Engpaß. Er ist schon +besetzt von den Goten.« + +Da, zum erstenmale an diesem Tage des Unglücks, zuckte Belisar zusammen. +»Der Engpaß verloren? – Dann entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers. +Dann fahrt wohl: Ruhm, Antonina und Leben. Komm, Aigan, zieh’ das Schwert, +– laß mich nicht lebend fallen in Barbarenhand.« + +»Herr,« sagte Aigan, »so hört’ ich euch nie reden.« + +»So war’s auch noch nie. Laß uns absteigen und sterben.« Und schon hob er +den rechten Fuß aus dem Bügel, vom Roß zu springen, da sprengte Dagisthäos +heran –: »Getrost, mein Feldherr!« – »Nun?« – »Der Engpaß ist unser – +römische Waffen sind’s, die wir dort sahen. Es ist Cethegus, der Präfekt! +Er hielt ihn geheim besetzt.« + +»Cethegus?« rief Belisar. »Ist’s möglich? Ist’s gewiß?« + +»Ja, mein Feldherr. Und seht, es war hoch an der Zeit.« Das war es. Denn +eine Schar gotischer Reiter, von König Witichis gesendet, den Flüchtenden +am Engpaß vorauszukommen, hatte durch eine Furt den Fluß durchschritten, +den Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und vor ihnen den +verhängnisvollen Paß erreicht. Aber eben als sie dort einmünden wollten, +brach Cethegus an der Spitze seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht +hervor und warf die überraschten Goten nach kurzem Gefecht in die +Flucht. – + +»Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen Tag!« rief Belisar. »Auf, +nach dem Engpaß!« Und mit besserer Ordnung und Ruhe führte der Feldherr +seine gesammelten Scharen an die Waldhügel. + +»Willkommen in Sicherheit, Belisarius,« rief ihm Cethegus zu, seine +Schwertklinge säubernd. »Ich warte hier auf dich seit Tagesanbruch. Ich +wußte wohl, daß du mir kommen würdest.« + +»Präfekt von Rom,« sprach Belisar, ihm vom Pferd herunter die Hand +reichend: »du hast des Kaisers Heer gerettet, das ich verloren hatte: ich +danke dir.« + +Die frischen Truppen des Präfekten hielten, eine undurchdringliche Mauer, +den Paß besetzt, die zerstreut heranflüchtenden Byzantiner durchlassend +und Angriffe der ersten ermüdeten Verfolger, die über den Fluß gedrungen, +– sie hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich – in der günstigen +Stellung ohne Mühe abwehrend. + +Vor Einbruch der Dunkelheit nahm König Witichis seine Scharen zurück, auf +dem Schlachtfeld ihres Sieges zu übernachten, während Belisar mit seinen +Feldherren einstweilen im Rücken des Passes, so gut es gehen wollte, die +aufgelösten Heeresmassen, wie sie zerstreut und vereinzelt eintrafen, +ordneten. Als Belisar wieder einige tausend Mann beisammen hatte, ritt er +zu Cethegus heran und sprach: »Was meinst du, Präfekt von Rom? Deine +Truppen sind noch frisch. Und die Unsern müssen ihre Scharte auswetzen. +Laß uns hervorbrechen nocheinmal – die Sonne geht noch nicht gleich unter +– und das Los des Tages wenden.« + +Mit Staunen sah ihn Cethegus an und sprach die Worte Homers: »Wahrlich, +ein schreckliches Wort, du Gewaltiger, hast du gesprochen. Unersättlicher! +So schwer erträgst du’s, ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehn? Nein, +Belisarius! dort winken die Zinnen Roms: dahin führe deine todesmatten +Völker. Ich halte diesen Paß, bis ihr die Stadt erreicht. Und froh will +ich sein, wenn mir das gelingt.« + +Und so war’s geschehn. Belisar vermochte unter den dermaligen Umständen +weniger als je den Präfekten gegen dessen Willen zu bewegen. So gab er +nach und führte sein Heer nach Rom zurück, das er mit dem Einbruch der +Nacht erreichte. + +Lange wollte man ihn nicht einlassen. Den von Staub und Blut Bedeckten +erkannte man nur schwer. Auch hatten Versprengte die Nachricht aus der +Schlacht in die Stadt getragen, der Feldherr sei gefallen und alles +verloren. Endlich erkannte ihn Antonina, die ängstlich auf den Wällen +seiner harrte. Durch das pincianische Thor ließ man ihn ein; es hieß +seitdem Porta belisaria. + +Feuerzeichen auf den Wällen zwischen dem flaminischen und dem +pincianischen Thor verkündeten die Erreichung Roms dem Präfekten, der nun, +in guter Ordnung und von den ermüdeten Siegern kaum verfolgt, im Schutze +der Nacht seinen Rückzug bewerkstelligte. + +Nur Teja drängte nach mit einigen seiner Reiter bis an das Hügelland, wo +heute Villa Borghese liegt, und bis zur Aqua Acetosa. + + + + + Achtes Kapitel. + + +Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer der Goten vor der ewigen +Stadt, die es in sieben Lagern umschloß. + +Und nun begann jene denkwürdige Belagerung, die nicht minder das +Feldherrntalent und die Erfindungsgabe Belisars als den Mut der Belagerer +entfalten sollte. + +Mit Schrecken hatten die Bürger Roms von ihren Mauern herab mit angesehen, +wie die Scharen der Goten nicht enden wollten. »Sieh hin, o Präfekt, sie +überflügeln alle deine Mauern.« – »Ja! in die Breite! laß sehen, ob sie +sie in der Höhe überflügeln. Ohne Flügel kommen sie nicht herüber.« + +Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna zurückgelassen, acht +hatte er unter den Grafen Uligis von Urbssalvia und Ansa von Asculum nach +Dalmatien entsendet, diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu +entreißen und zumal das wichtige Salona wieder zu gewinnen; durch Söldner, +in Savien geworben, sollten sie sich verstärken. + +Auch die gotische Flotte sollte – gegen Tejas Rat! – dort, nicht gegen den +Hafen von Rom, Portus, wirken. + +Den Umkreis der Stadt Rom aber, und ihre weit hinausgestreckten Wälle, die +Mauern Aurelians und des Präfekten, umgürtete nun der König mit +einhundertundfünfzig Tausendschaften. + +Rom hatte damals fünfzehn Hauptthore und einige kleinere. + +Von diesen umschlossen die Goten den schwächeren Teil der Umwallung, den +Raum, der von dem flaminischen Thor im Norden (östlich von der jetzigen +Porta del Popolo) bis zum pränestinischen Thor reicht, vollständig mit +sechs Heerlagern; nämlich die Wälle vom flaminischen Thor gegen Osten bis +ans pincianische und salarische, dann bis an das nomentanische Thor +(südöstlich von Porta pia), ferner bis gegen das »geschlossene Thor«, die +Porta clausa, endlich südlich von da das tiburtinische Thor (heute Porta +San Lorenzo) und das asinarische, metronische, latinische (an der Via +latina), das appische (an der Via appia) und das Sankt Pauls-Thor, das +zunächst dem Tiberufer lag. Alle diese sechs Lager waren auf dem linken +Ufer des Flusses. + +Um aber zu verhüten, daß die Belagerten durch Zerstörung der milvischen +Brücke den Angreifern den Übergang über den Fluß und das ganze Gebiet auf +dem rechten Tiberufer bis an die See abschnitten, schlugen die Goten ein +siebentes Lager auf dem rechten Tiberufer: »auf dem Felde Neros,« vom +vatikanischen Hügel bis gegen die milvische Brücke hin (unter dem »Monte +Mario«). So war die milvische Brücke durch ein Gotenlager gedeckt und die +Brücke Hadrians bedroht, sowie der Weg nach der Stadt durch die »Porta +Sancti Petri«, wie man damals schon, nach Prokops Bericht, das innere Thor +Aurelians nannte. Es war das nächste an dem Grabmal Hadrians. Aber auch +das Thor von Sankt Pankratius rechts des Tibers war von den Goten scharf +beobachtet. + +Dies Lager auf dem neronischen Feld, auf dem rechten Tiberufer, zwischen +dem pankratischen und dem Petrus-Thor, überwies Witichis dem Grafen Markja +von Mediolanum, der aus den Cottischen Alpen und der Beobachtung der +Franken zurückgerufen worden war. Aber der König selbst weilte oft hier, +das Grabmal Hadrians mit scharfen Blicken prüfend. + +Er hatte kein einzelnes Lager übernommen, sich die Gesamtleitung +vorbehaltend, vielmehr die sechs übrigen an Hildebrand, Totila, Hildebad, +Teja, Guntharis und Grippa verteilt. Jedes der sieben Lager ließ der König +mit einem tiefen Graben umziehn, die dadurch ausgehobne Erde zu einem +hohen Wall zwischen Graben und Lager aufhäufen und diesen mit Pfahlwerk +verstärken, – sich gegen Ausfälle zu sichern. + +Aber auch Belisar und Cethegus verteilten ihre Feldherren und Mannschaften +nach den Thoren und Regionen Roms. Belisar übertrug das pränestinische +Thor im Osten der Stadt (heute Porta maggiore) Bessas, das stark bedrohte +flaminische, dem ein gotisches Lager, das Totilas, in gefährlicher Nähe +lag, Constantinus, der es durch Marmorquadern, aus römischen Tempeln und +Palästen gebrochen, fast ganz zubauen ließ. + +Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden der Stadt. Dieser war +unter den ihm von Cethegus eingeräumten Teilen der Festung Rom der +schwächste. + +Den Westen und Süden hielt eifersüchtig, unentfernbar und unentbehrlich, +der Präfekt. + +Aber hier im Norden war Belisar Herr: zwischen dem flaminischen und dem +pincianischen – oder nun »belisarischen« – Thor, dem schwächsten Teil der +Umwallung, ließ er sich nieder, zugleich Ausfälle gegen die Barbaren +planend. Die übrigen Thore überwies er den Führern des Fußvolks Peranius, +Magnus, Ennes, Artabanes, Azarethas und Chilbudius. + +Der Präfekt hatte übernommen alle Thore auf dem rechten Tiberufer, die +neue Porta aurelia an der älischen Brücke bei dem Grabmal Hadrians, die +Porta septimiana, das alte aurelische Thor, das nun das pankratische hieß, +und die Porta portuensis: auf dem linken Ufer aber noch das Thor Sankt +Pauls. Erst das nächste Thor weiter östlich, das ardeatinische, stand +unter byzantinischer Besatzung: Chilbudius befehligte hier. + +Gleich unermüdlich und gleich erfinderisch erwiesen sich die Belagerer und +die Belagerten in Plänen des Angriffs und der Verteidigung. Lange Zeit +handelte es sich nur um Maßregeln, welche die Bedrängung der Römer ohne +Sturm, vor dem Sturm, bezweckten und andrerseits, sie abwehren sollten. + +Die Goten, Herren und Meister der Campagna, suchten die Belagerten +auszudursten: sie schnitten alle die prachtvollen vierzehn Wasserleitungen +ab, welche die Stadt speisten. Belisar ließ vor allem, als er dies +wahrnahm, die Mündungen innerhalb der Stadt verschütten und vermauern. +»Denn,« hatte ihm Prokop gesagt, »nachdem du, o großer Held Belisarius, +durch eine solche Wasserrinne nach Neapolis hineingekrochen bist, könnte +es den Barbaren einfallen, – und kaum schimpflich scheinen, – auf dem +gleichen Heldenpfad sich nach Rom hinein zu krabbeln.« + +Den Genuß des geliebten Bades mußten die Belagerten entbehren: kaum +reichten die Brunnen in den vom Fluß entlegenen Stadtteilen für das +Trinkwasser aus. + +Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die Barbaren den Römern auch +das Brot abgeschnitten. – Wenigstens schien es so. Denn die sämtlichen +Wassermühlen Roms versagten nun. Das aufgespeicherte Getreide, das +Cethegus aus Sicilien gekauft, das Belisar aus der Umgegend Roms +zwangsweise hatte in die Stadt schaffen lassen, trotz des Murrens der +Pächter und Colonen, dieses Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden. + +»Laßt die Mühlen durch Esel und Rinder drehen!« rief Belisar. »Die meisten +Esel waren klug genug und die Rinder, ach Belisarius,« sprach Prokop, +»sich nicht mit uns hier einsperren zu lassen. Wir haben nur soviel, als +wir brauchen, sie zu schlachten. Sie können unmöglich erst Mühlen drehen +und dann noch Fleisch genug haben, das gemahlene Brot selbst zu belegen.« + +»So rufe mir Martinus. Ich habe gestern an dem Tiber, die Gotenzelte +zählend, zugleich einen Gedanken gehabt ... –« + +»Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das Mögliche übersetzen muß. +Armer Mann! Aber ich gehe, ihn zu holen.« + +Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und Martinus durch +zusammengelegte Boote im Tiber die erste Schiffsmühle herstellten, welche +die Welt kannte, da sprach bewundernd Prokopius: »Das Brot der +Schiffsmühle wird länger die Menschen erfreu’n, als deine größten Thaten. +Dies so gemahlene Mehl schmeckt nach – Unsterblichkeit.« Und wirklich +ersetzten die von Belisar erdachten, von Martinus ausgeführten +Schiffsmühlen den Belagerten während der ganzen Dauer der Einschließung +die gelähmten Wassermühlen. + +Hinter der Brücke nämlich, die jetzt Ponte San Sisto heißt, auf der +Senkung des Janiculus, befestigte Belisar zwei Schiffe mit Seilen und +legte Mühlen über deren flaches Deck, so daß die Mühlenräder durch den +Fluß, der aus dem Brückenbogen mit verstärkter Gewalt hervorströmte, von +selbst getrieben wurden. + +Eifrig trachteten alsbald die Belagerer, diese Vorrichtungen, die ihnen +Überläufer schilderten, zu zerstören. Balken, Holzflöße, Bäume warfen sie +oberhalb der Brücke von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Fluß +und zertrümmerten so in Einer Nacht wirklich alle Mühlen. Aber Belisar +ließ sie wieder herstellen und nun oberhalb der Brücke starke Ketten +gerade über den Fluß ziehen und so auffangen, was, die Mühlen bedrohend, +herabtrieb. + +Nicht nur seine Mühlen sollten diese eisernen Stromriegel decken: sie +sollten auch verhindern, daß die Goten auf Kähnen und Flößen den Fluß +herab und, ohne die Brücke, in die Stadt drängen. + +Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum Sturm. + +Er ließ hölzerne Türme bauen, höher als die Zinnen der Stadtmauer, die auf +vier Rädern von Rindern gezogen werden sollten. Dann ließ er Sturmleitern +in großer Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher, +die je eine halbe Hundertschaft schob und bediente. Mit unzähligen Bündeln +von Reisig und Schilf sollten die tiefen Gräben ausgefüllt werden. + +Dagegen pflanzten Belisar und Cethegus, jener im Norden und Osten, dieser +im Westen und Süden die Verteidigung der Stadt überwachend, Ballisten und +Wurfbogen auf die Wälle, die auf große Entfernung balkenähnliche +Speergeschosse schleuderten mit solcher Kraft, daß sie einen gepanzerten +Mann völlig durchbohrten. Die Thore schützten sie durch »Wölfe«, d. h. +Querbalken, mit eisernen Stacheln besetzt, die man auf die Angreifer +niederschmettern ließ, wann sie dicht bis an das Thor gelangt waren. Und +endlich streuten sie zahlreiche Fußangeln und Stachelkugeln auf den +Vorraum zwischen den Gräben der Stadt und dem Lager der Barbaren. + + + + + Neuntes Kapitel. + + +Trotz alledem, sagten die Römer, hätten längst die Goten die Mauern +erstiegen, wäre nicht des Präfekten Egeria gewesen. + +Denn es war merkwürdig: so oft die Barbaren einen Sturm vorbereiteten –: +Cethegus ging zu Belisar und warnte und bezeichnete im voraus den Tag. So +oft Teja oder Hildebad in kühnem Handstreich ein Thor zu überrumpeln, eine +Schanze wegzunehmen gedachten: – Cethegus sagte es vorher, und die +Angreifer stießen auf das Zweifache der gewöhnlichen Besatzung der Punkte. +So oft in nächtigem Überfall die Kette des Tibers gesprengt werden sollte: +– Cethegus schien es geahnt zu haben und schickte den Schiffen der Feinde +Brander und Feuerkähne entgegen. + +So ging es viele Monate hin. Die Goten konnten sich nicht verhehlen, daß +sie, trotz unablässiger Angriffe, seit Anfang der Belagerung keinerlei +Fortschritte gemacht. + +Lange trugen sie diese Unfälle, die Entdeckung und Vereitelung all ihrer +Pläne, mit ungebeugtem Mut. Aber allmählich bemächtigte sich nicht bloß +der großen Masse Verdrossenheit, insbesondere da Mangel an Lebensmitteln +fühlbar zu werden begann, – auch des Königs klarer Sinn wurde von trüber +Schwermut verdüstert, als er all’ seine Kraft, all’ seine Ausdauer, all’ +seine Kriegskunst wie von einem bösen Dämon vereitelt sah. Und kam er von +einem fehlgeschlagenen Unternehmen, von einem verunglückten Sturm, matt +und gebeugt, in sein Königszelt, so ruhten die stolzen Augen seiner +schweigsamen Königin mit einem ihm unverständlichen, aber grauenvoll +unheimlichen Ausdruck auf ihm, daß er sich schaudernd abwandte. + +»Es ist nicht anders,« sagte er finster zu Teja, »es ist gekommen, wie ich +vorausgesagt. Mit Rauthgundis ist mein Glück von mir gewichen, wie die +Freudigkeit meiner Seele. Es ist, als läge ein Fluch auf meiner Krone. Und +diese Amalungentochter wandelt um mich her, schweigend und finster, wie +mein lebendiges Unglück.« + +»Du könntest Recht haben,« sprach Teja. »Vielleicht lös’ ich diesen +Zauberbann. Gieb mir Urlaub für heut’ Nacht.« + +Am selben Tage, fast in derselben Stunde, forderte drinnen in Rom +Johannes, der Blutige, von Belisar Urlaub für diese Nacht. Belisar schlug +es ab. »Jetzt ist nicht Zeit zu nächtlichen Vergnügen,« sagte er. + +»Wird kein groß Vergnügen sein, in der Nacht zwischen alten feuchten +Mauern und gotischen Lanzen einem Fuchs nachspüren, der zehnmal schlauer +ist als wir beide.« + +»Was hast du vor?« fragte Belisar, aufmerksam werdend. + +»Was ich vorhabe? Ein Ende zu machen der verfluchten Stellung, in der wir +alle, in der du, o Feldherr, nicht zum mindesten stehst. Es ist schon +alles ganz recht. Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern und +haben nichts dabei gewonnen. Wir erschießen sie wie Knaben die Dohlen vom +Hinterhalt und können ihrer lachen. Aber wer ist es eigentlich, der all +dies vollbringt? Nicht, wie es sein sollte, du, des Kaisers Feldherr, noch +des Kaisers Heer: sondern dieser eisige Römer, der nur lachen kann, wenn +er höhnt. Der sitzt da oben im Kapitol und verlacht den Kaiser und die +Goten und uns und, mit Verlaub zu sagen, dich selber am meisten. Woher +weiß dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle Gotenpläne so scharf, +als säße er mit im Rat des Königs Witichis? Durch sein Dämonium, sagen die +einen. Durch seine Egeria, sagen die andern. Er hat einen Raben, der hören +und sprechen kann wie Menschen, meinen wieder andere: den schickt er alle +Nacht ins Gotenlager. Das mögen die alten Weiber glauben und die Römer, +nicht meiner Mutter Sohn. Ich glaube, den Raben zu kennen und das +Dämonium. Gewiß ist, er kann die Kunde nur aus dem Gotenlager selbst +holen; laß uns doch sehen, ob wir nicht selbst an seiner Statt aus dieser +Quelle schöpfen können.« + +»Ich habe das längst bedacht, aber ich sah kein Mittel.« + +»Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern lassen. Es ist +verdammt schwer: denn dieser braune Maurenteufel folgt ihm wie ein +Schatte. Aber tagelang ist Syphax fern: – und dann gelingt es eher. Nun, +ich habe erspäht, daß Cethegus so manche Nacht die Stadt verließ, bald aus +der Porta portuensis, rechts vom Tiber, bald aus der Porta Sankt Pauls, +links vom Tiber im Süden, die er beide besetzt hält. Weiter wagten ihm die +Späher nicht zu folgen. Ich aber denke heute Nacht – denn heute muß es +wieder treffen, – ihm so nicht von den Fersen zu weichen. Doch muß ich ihn +_vor_ dem Thore erwarten: seine Isaurier ließen mich nicht durch; ich +werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der Gräben zurückbleiben.« + +»Gut. Es sind aber, wie du sagst, zwei Thore zu beobachten.« – »Deshalb +hab’ ich mir Perseus, meinen Bruder, zum Genossen erkoren; er hütet das +paulinische, ich das portuensische Thor; verlaß dich drauf – bis morgen +vor Sonnenaufgang kennt einer von uns das Dämonium des Präfekten.« – Und +wirklich: einer von ihnen sollte es kennen lernen. + +Gerade gegenüber dem Sankt Pauls-Thor, etwa drei Pfeilschüsse von den +äußersten Gräben der Stadt, lag ein mächtiges altertümliches Gebäude, die +Basilika Sancti Pauli extra muros, die Paulskapelle vor den Mauern, deren +letzte Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch den Connetable von +Bourbon völlig verschwanden. Ursprünglich ein Tempel des Jupiter Stator +war der Bau seit zwei Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden: aber noch +stand die bronzene Kolossalstatue des bärtigen Gottes aufrecht: man hatte +ihm nur den flammenden Donnerkeil aus der Rechten genommen und dafür ein +Kreuz hineingeschoben: im übrigen paßte die breite und bärtige Gestalt gut +zu ihrem neuen Namen. + +Es war um die sechste Stunde der Nacht. Der Mond stand glanzvoll über der +ewigen Stadt und goß sein silbernes Licht über die Mauerzinnen und über +die Ebene, zwischen den römischen Schanzen und der Basilika, deren +schwarze Schatten nach dem Gotenlager hin fielen. + +Eben hatte die Wache am Sankt Pauls-Thor gewechselt. + +Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten und nur sechs kamen herein. +Der siebente wandte der Pforte den Rücken und schritt heraus ins freie +Feld. + +Vorsichtig wählte er seinen Weg: vorsichtig vermied er die zahlreichen +Fußangeln, Wolfsgruben, Selbstschüsse vergifteter Pfeile, die hier überall +umhergestreut waren und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt +Verderben gebracht hatten. Der Mann schien sie alle zu kennen und wich +ihnen leicht aus. Aber er vermied auch das Mondlicht sorgfältig, den +Schatten der Mauervorsprünge suchend und oft von Baum zu Baum springend. + +Als er aus dem äußersten Graben auftauchte, sah er sich um und blieb im +Schatten einer Cypresse stehen, deren Zweige die Ballistengeschosse +zerschmettert hatten. Er entdeckte nichts Lebendes weit und breit: und er +eilte nun mit raschen Schritten der Kirche zu. + +Hätte er nochmal umgeblickt, er hätte es wohl nicht gethan. + +Denn, sowie er den Baum verließ, tauchte aus dem Graben eine zweite +Gestalt hervor, die in drei Sprüngen ihrerseits den Schatten der Cypresse +erreicht hatte. »Gewonnen, Johannes! du stolzer Bruder, diesmal war das +Glück dem jüngeren Bruder hold. Jetzt ist Cethegus mein und sein +Geheimnis.« Und vorsichtig folgte er dem rasch Voranschreitenden. + +Aber plötzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden, als habe ihn die +Erde verschlungen. Es war hart an der äußern Mauer der Kirche, die doch +dem Armenier, als er sie erreicht, keine Thür oder Öffnung zeigte. + +»Kein Zweifel,« sagte der Lauscher, »das Stelldichein ist drinnen im +Tempel: ich muß nach.« + +Allein an dieser Stelle war die Mauer unübersteiglich. + +Tastend und suchend bog der Späher um die Ecke derselben. Umsonst, die +Mauer war überall gleich hoch. – Im Suchen verstrich ihm fast eine +Viertelstunde. + +Endlich fand er eine Lücke in dem Gestein: mühsam zwängte er sich +hindurch. Und er stand nun im Vorhofe des alten Tempels, in dem die dicken +dorischen Säulen breite Schatten warfen, in deren Schutz er von der +rechten Seite her bis an das Hauptgebäude gelangte. + +Er spähte durch einen Riß des Gemäuers, den ihm die Zugluft verraten +hatte. Drinnen war alles finster. Aber plötzlich wurde sein Auge von einem +grellen Lichtstrahl geblendet. Als er es wieder aufschlug, sah er einen +hellen Streifen in der Dunkelheit: – er rührte von einer Blendlaterne her, +deren Licht sich plötzlich gezeigt hatte. + +Deutlich erkannte er, was in dem Bereich der Laterne stand, den Träger +derselben aber nicht: wohl dagegen Cethegus den Präfekten, der hart vor +der Statue des Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien: vor ihm +stand eine zweite Gestalt: ein schlankes Weib, auf dessen dunkelrotes Haar +schimmernd das Licht der Laterne fiel. + +»Die schöne Gotenkönigin, bei Eros und Anteros!« dachte der Lauscher: +»kein schlechtes Stelldichein, sei’s nun Liebe, sei’s Politik! Horch, sie +spricht. Leider kam ich zu spät, auch den Anfang der Unterredung zu +hören.« + +»Also: merk’ es dir wohl! übermorgen auf der Straße vor dem Thor von Tibur +wird etwas gefährliches geplant.« – »Gut: aber was?« frug des Präfekten +Stimme. – »Genaueres konnte ich nicht erkunden: und ich kann es dir auch +nicht mehr mitteilen, wenn ich es noch erfahre. Ich wage nicht mehr, dich +hier wieder zu sehen: denn« ... – Sie sprach nun leiser. + +Perseus drückte das Ohr hart an die Spalte: da klirrte seine +Schwertscheide an das Gestein und nun traf ihn ein Strahl des Lichts. + +»Horch!« rief eine dritte Stimme – es war eine Frauenstimme, die der +Trägerin der Laterne, die sich jetzt in dem Strahl ihres eigenen +Blendlichts gezeigt hatte, da sie sich rasch gegen die Richtung des +Schalles gekehrt hatte. Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer +Tracht. + +Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel. Perseus hielt den Atem an. +Er fühlte, es galt das Leben. Denn Cethegus griff ans Schwert. + +»Alles still,« sagte die Sklavin. »Es fiel wohl nur ein Stein auf den +Erzbeschlag draußen.« + +»Auch in das Grab vor dem portuensischen Thor geh’ ich nicht mehr. Ich +fürchte, man ist uns gefolgt.« – »Wer?« – »Einer, der niemals schläft, wie +es scheint: Graf Teja.« Des Präfekten Lippe zuckte. + +»Und er ist auch bei einem rätselhaften Eidbund gegen Belisars Leben: der +bloße Scheinangriff gilt dem Sankt Pauls-Thor.« »Gut!« sagte Cethegus +nachdenklich. »Belisar würde nicht entrinnen, wenn nicht gewarnt. Sie +liegen irgendwo, – aber ich weiß nicht, wo – fürcht’ ich, im Hinterhalt, +mit Übermacht, Graf Totila führt sie.« + +»Ich will ihn schon warnen!« sagte Cethegus langsam. + +»Wenn es gelänge ..!« – »Sorge nicht, Königin! Mir liegt an Rom nicht +weniger denn dir. Und wenn der nächste Sturm fehlschlägt, – so müssen sie +die Belagerung aufgeben, so zähe sie sind. Und das, Königin, ist dein +Verdienst. Laß mich in dieser Nacht – vielleicht der letzten, da wir uns +treffen, – dir mein ganzes staunendes Herz enthüllen. Cethegus staunt +nicht leicht und nicht leicht gesteht er’s, wenn er staunen muß. Aber dich +– bewundere ich, Königin. Mit welch’ totverachtender Kühnheit, mit welch’ +dämonischer List hast du alle Pläne der Barbaren vereitelt! Wahrlich: viel +that Belisar, – mehr that Cethegus, – das meiste: Mataswintha.« + +»Sprächst du wahr!« sagte Mataswintha mit funkelnden Augen. »Und wenn die +Krone diesem Frevler vom Haupte fällt ... – –« + +»War es _deine_ Hand, deren sich das Schicksal Roms bedient hat. Aber, +Königin, nicht damit kannst du enden! Wie ich dich erkannte, in diesen +Monaten – darfst du nicht als gefangene Gotenkönigin nach Byzanz. Diese +Schönheit, dieser Geist, diese Kraft muß herrschen – nicht dienen, in +Byzanz. Darum bedenke, wenn er nun gestürzt ist – dein Tyrann, – willst du +nicht dann den Weg gehn, den ich dir gezeigt?« + +»Ich habe noch nie über seinen Fall hinaus gedacht,« sagte sie düster. + +»Aber ich – für dich! Wahrlich, Mataswintha,« – und sein Auge ruhte mit +Bewunderung auf ihr, – »du bist – wunderschön. Ich rechn’ es mir zum +größten Stolz, daß selbst du mich nicht in Liebe entzündet und von meinen +Plänen abgebracht hast. Aber du bist zu schön, zu köstlich, nur der Rache +und dem Haß zu leben. Wenn unser Ziel erreicht, – dann nach Byzanz! + +Als mehr denn Kaiserin: – als Überwinderin der Kaiserin!« + +»Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. Glaubst du, ich +ertrüge den Gedanken, aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben, um +kluger Zwecke willen? Nein: ich konnt’ es nur, weil ich mußte. Die Rache +ist jetzt meine Liebe und mein Leben und« ... – – + +Da scholl von der Fronte des Gebäudes her, aber noch innerhalb der Mauer, +laut und schrillend der Ruf des Käuzchens, einmal – zweimal rasch nach +einander. + +Wie staunte Perseus, als er den Präfekten eilig an die Kehle der Bildsäule +drücken sah, an der er lehnte, und wie sich diese geräuschlos in zwei +Hälften auseinander schlug. Cethegus schlüpfte in die Öffnung: die Statue +klappte wieder zusammen. Mataswintha aber und Aspa sanken wie betend auf +die Stufen des Altars. + +»Also war’s ein Zeichen! Es droht Gefahr:« dachte der Späher; »aber wo ist +die Gefahr? und wo der Warner?« Und er wandte sich, trat vor und sah nach +links, nach der Seite der Goten. + +Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: und in den Blick des +Mauren Syphax, der vor der Eingangsthür des Hauptgebäudes in einer leeren +Nische Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der +gotischen, Seite hin, gespäht hatte. + +Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann heran. Seine Streitaxt +blitzte im Mondlicht. + +Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es war der Maure, der +leise sein Schwert aus der Scheide zog. + +»Ha,« lachte Perseus, »bis die beiden mit einander fertig sind, bin ich in +Rom, mit meinem Geheimnis.« + +Und in raschen Sprüngen eilte er nach der Mauerlücke des Vorhofs, durch +die er eingedrungen. Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts +und nach links. Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt +erst ganz entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in +den Tempelhof. Er konnte nicht hoffen, beide zu erreichen und zu töten. + +Da plötzlich schrie er laut: »Teja, Graf Teja! Hilfe! zu Hilfe! Ein Römer! +rettet die Königin! dort rechts an der Mauer, ein Römer!« + +Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. »Dort! rief dieser: »ich schütze die +Frauen in der Kirche!« Und er eilte in den Tempel. + +»Steh, Römer!« rief Teja, und sprang dem fliehenden Perseus nach. + +Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er erreichte die Lücke, +durch welche er hereingekommen war: doch er konnte sich in der Eile nicht +wieder hindurchzwängen: so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung +auf die Mauerkrone: und schon hob er den Fuß, sich jenseits hinabzulassen: +da traf ihn Tejas Axt im Wurf ans Haupt und rücklings stürzte er nieder, +samt seinem erlauschten Geheimnis. – + +Teja beugte sich über ihn: deutlich erkannte er die Züge des Toten. »Der +Archon Perseus,« sagte er, »der Bruder des Johannes.« Und sofort schritt +er die Stufen hinan, die zur Kirche führten. An der Schwelle trat ihm +Mataswintha entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne. +Einen Moment maßen sich beide schweigend mit mißtrauischen Blicken. + +»Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum,« sagte endlich die +Fürstin. »Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht.« + +»Seltsam wählst _du_ Ort und Stunde für deine Gebete. Laß sehen, ob dieser +Römer der einzige Feind war.« + +Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle. +Nach einer Weile kam er wieder, einen mit Gold eingelegten Lederschuh in +der Hand. »Ich fand nichts als – diese Sandale am Altar, dicht vor dem +Apostel. Es ist ein Mannesfuß.« + +»Eine Votivgabe von mir,« sagte Syphax rasch. Der Apostel heilte meinen +Fuß, ich hatte mir einen Dorn eingetreten.« + +»Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott?« – »Ich verehre, was da +hilft.« – »In welchem Fuße stak der Dorn.« Syphax schwankte einen +Augenblick. »Im rechten,« sagte er dann, rasch entschlossen. + +»Schade,« sprach Teja, »die Sandale ist auf den linken geschnitten.« Und +er steckte sie in den Gürtel. »Ich warne dich, Königin, vor solcher +nächtlichen Andacht.« + +»Ich werde thun, was meine Pflicht,« sagte Mataswintha herb. + +»Und ich, was meine.« Mit diesen Worten schritt Teja voran, zurück zum +Lager: schweigend folgte die Königin und ihre Sklaven. + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles. + +»Was du sagst, ist kein Beweis,« sagte der König. – »Aber schwerer +Verdacht. Und du sagtest selbst, die Königin sei dir unheimlich.« + +»Gerade deshalb hüt’ ich mich, nach bloßem Verdacht zu handeln. Ich +zweifle manchmal, ob wir an ihr nicht Unrecht gethan. Fast so schwer, wie +an Rauthgundis.« – »Wohl, aber diese nächtlichen Gänge?« – »Werd’ ich +verhindern. Schon um ihretwillen.« + +»Und der Maure? Ich trau’ ihm nicht. Ich weiß, daß er tagelang abwesend: +dann taucht er wieder auf im Lager. Er ist ein Späher.« + +»Ja, Freund,« lächelte Witichis. »Aber der meine. Er geht mit meinem +Wissen in Rom aus und ein. Er ist es, der mir noch alle Gelegenheiten +verraten.« + +»Und noch keine hat genützt! Und die falsche Sandale?« + +»Ist wirklich ein Votivopfer. Aber für Diebstahl; er hat mir, noch ehe du +kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei der Begleitung der Königin sich +langweilend, in einem Gewölbe der Kirche herumgestöbert und da unten +allerlei Priestergewänder und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten. +Aber später, den Zorn des Apostels fürchtend, wollt’ er ihn +beschwichtigen, und opferte, in seinem Heidensinn, diese Goldsandale aus +seiner Beute. Er beschrieb sie mir ganz genau: mit goldnen Seitenstreifen +und einem Achatknopf, oben mit einem _C_ –. Du siehst, es trifft alles zu. +Er kannte sie also: sie kann nicht von einem Flüchtenden verloren sein. +Und er versprach, als Beweis die dazu gehörige Sandale des rechten Fußes +zu bringen. Aber vor allem: er hat mir einen neuen Plan verraten, der all’ +unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre Hände liefern +soll.« + + + + + Zehntes Kapitel. + + +Während der Gotenkönig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand +Cethegus, in frühester Stunde nach dem belisarischen Thor beschieden, vor +Belisar und Johannes. + +»Präfekt von Rom,« herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, »wo warst +du heute Nacht?« + +»Auf meinem Posten. Wohin ich gehöre. Am Thor Sankt Pauls.« + +»Weißt du, daß in dieser Nacht einer der besten meiner Anführer, Perseus +der Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem +verschwunden ist?« + +»Thut mir leid. Aber du weißt: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer +zu überschreiten.« + +»Ich habe aber Grund zu glauben,« fuhr Johannes auf, »daß du recht gut +weißt, was aus meinem Bruder geworden, daß sein Blut an deinen Händen +klebt.« »Und beim Schlummer Justinians!« brauste Belisar auf, »das sollst +du büßen. Nicht länger sollst du herrschen über des Kaisers Heer und +Feldherrn. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so +gut wie vernichtet. Und laß sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das +Kapitol fällt.« + +»Steht es so?« dachte Cethegus, »jetzt sieh dich vor, Belisarius.« Doch er +schwieg. + +»Rede!« rief Johannes. »Wo hast du meinen Bruder ermordet?« Ehe Cethegus +antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwächter Belisars, +herein. »Herr,« sagte er, »draußen stehn sechs gotische Krieger. Sie +bringen die Leiche Perseus, des Archonten. König Witichis läßt dir sagen: +er sei heut’ Nacht vor den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er +sendet ihn zur ehrenden Bestattung.« + +»Der Himmel selbst,« sprach Cethegus stolz hinausschreitend, »straft eure +Bosheit Lügen.« Aber langsam und nachdenklich ging der Präfekt über den +Quirinal und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. »Du drohst, +Belisarius? Dank’ für den Wink! Laß sehn, ob wir dich nicht entbehren +können.« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und +ihm raschen Bericht ablegte. »Vor allem, Herr,« schloß er nun, »laß also +deinen Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist, +ist Syphax fern: – und gieb mir gütigst deinen rechten Schuh.« + +»Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen für dein freches +Lügen,« lachte der Präfekt. »Dieses Stück Leder ist jetzt dein Leben wert, +mein Panther. Womit willst du’s lösen?« + +»Mit wichtiger Kunde. Ich weiß nun alles ganz genau von dem Plan gegen +Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrüder. Es sind: Teja, +Totila und Hildebad.« + +»Jeder allein genug für den Magister Militum,« murmelte Cethegus +vergnüglich. + +»Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schöne Falle +gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, daß Belisar selbst +morgen zum tiburtinischen Thor hinausziehen will, um Vorräte +aufzutreiben.« + +»Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr +allein hinauswagen; er führt nur vierhundert Mann.« + +»Es werden nun die drei Eidbrüder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von +tausend Mann gegen Belisar legen. »Das verdient wirklich den Schuh!« sagte +Cethegus und warf ihm denselben zu. + +»König Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf +das Thor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich +eile nun also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, daß er +drei Tausend mit sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet.« + +»Halt!« sagte Cethegus ruhig, »nicht so eilfertig! Du meldest nichts.« + +»Wie?« fragte Syphax erstaunt. »Ungewarnt ist er verloren!« – + +»Man muß dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer, +ins Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben.« + +»Ei,« sagte Syphax mit pfiffigem Lächeln, »solches gefällt dir? Dann bin +ich lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme +Witwe Antonina!« + +Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der +Ostiarius: »Kallistratos von Korinth.« + +»Immer willkommen.« + +Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein. + +Ein Hauch anmutiger Röte von Scham oder Freude färbte seine Wangen: es war +ersichtlich, daß ihn ein besonderer Anlaß herführte. + +»Was bringst du des Schönen noch außer dir selbst?« so fragte Cethegus in +griechischer Sprache. + +Der Jüngling schlug die leuchtenden Augen auf: »Ein Herz voll Bewunderung +für dich: und den Wunsch, dir diese zu bewähren. Ich bitte um die Gunst, +wie die beiden Licinier und Piso, für dich und Rom fechten zu dürfen.« + +»Mein Kallistratos! was kümmern dich, unsern Friedensgast, den +liebenswürdigsten der Hellenen, unsre blutigen Händel mit den Barbaren? +Bleibe du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der +Schönheit.« + +»Ich weiß es wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mythos: und ihr +eisernen Römer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart – aber doch +leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle +Sitte verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heißt Rom und Rom +heißt mir Cethegus. So faß ich diesen Kampf und so gefaßt, siehst du, so +geht er wohl auch den Hellenen an.« + +Erfreut lächelte der Präfekt. »Nun, wenn dir Rom Cethegus ist, so nimmt +Rom gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites +Romani wie Licinius.« + +»In Thaten will ich dir danken! Aber eins noch muß ich dir gestehn – denn +ich weiß: du liebst nicht überrascht zu sein. Oft hab’ ich gesehen, wie +teuer dir das Grabmal Hadrians und seine Zier von Götterstatuen ist. +Neulich hab’ ich diese marmornen Wächter gezählt und +zweihundertachtundneunzig gefunden. Da macht’ ich denn das dritte Hundert +voll und habe meine beiden Letoiden, die du so hoch gelobt, den Apollon +und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu einem Weihgeschenk.« + +»Junger lieber Verschwender,« sprach Cethegus, »was hast du da gethan!« + +»Das Gute und Schöne,« antwortete Kallistratos einfach. + +»Aber bedenke – das Grabmal ist jetzt eine Schanze: – + +»Wenn die Goten stürmen –« – »Die Letoiden stehen auf der zweiten, der +innern Mauer. Und soll ich fürchten, daß je Barbaren wieder den +Lieblingsplatz des Cethegus erreichen? Wo sind die schönen Götter sichrer +als in deiner Burg? Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster +Tempel. Mein Weihgeschenk sei zugleich ein glücklich Omen.« + +»Das soll es sein,« rief Cethegus lebhaft, »und ich glaube selber: dein +Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen« – + +»Du hast mir schon dafür erlaubt, für dich zu kämpfen. Chaire!« lachte der +Grieche und war hinaus. + +»Der Knabe hat mich sehr lieb,« sagte Cethegus, ihm nachsehend. »Und mir +geht’s wie andern Menschenthoren: – mir thut das wohl. Und nicht bloß, +weil ich ihn dadurch beherrsche.« + +Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums und ein Tribun +der Milites ward gemeldet. + +Es war ein junger Krieger mit edeln, aber über seine Jahre hinaus ernsten +Zügen. In echt römischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im +rechten Winkel, an die gerade strenge Stirn: in dem tief eingelassenen +Auge lag römische Kraft und – in dieser Stunde – entschlossener Ernst und +rücksichtsloser Wille. + +»Siehe da, Severinus, des Boëthius Sohn, willkommen mein junger Held und +Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen – woher kommst du?« + +»Vom Grabe meiner Mutter,« sagte Severinus mit festem Blick auf den +Frager. + +Cethegus sprang auf. »Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! meines +Boëthius Weib!« + +»Sie ist tot,« sagte der Sohn kurz. Der Präfekt wollte seine Hand fassen. +Severinus entzog sie. + +»Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie – ohne ein Wort für mich?« + +»Ich bringe dir ihr letztes Wort – es galt dir!« + +»Wie starb sie? an welchem Leiden?« – »An Schmerz und Reue.« – »Schmerz –« +seufzte Cethegus, »das begreif’ ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir +galt ihr letztes Wort! – sag’ an, wie lautet es?« + +Da trat Severinus hart an den Präfekten, daß er sein Knie berührte und +blickte ihm bohrend ins Auge. »Fluch, Fluch über Cethegus, der meine Seele +vergiftet und mein Kind.« + +Ruhig sah ihn Cethegus an. »Starb sie im Irrsinn?« fragte er kalt. + +»Nein, Mörder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer +Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, daß ihre Hand dem jungen +Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzählte uns den Hergang. +Der alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion stützten sie. »Spät erst +erfuhr ich,« schloß sie, »daß mein Kind aus dem tödlichen Becher +getrunken. Und niemand war da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie +trinken wollte. Denn ich war noch im Boot auf dem Meere und Cethegus noch +in dem Platanengang.« Da rief der alte Corbulo erbleichend: »Wie? der +Präfekt wußte, daß der Becher Gift enthielt?« – »Gewiß,« antwortete meine +Mutter. »Als ich ihn im Garten traf, sagt’ ich es ihm: »es ist +geschehen.«« Corbulo verstummte vor Entsetzen: aber Daphnidion schrie in +wildem Schmerz: »Weh! meine arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er +stand dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank.« – »Er sah zu, +wie sie trank?« fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein +Leben gellen wird. + +»Er sah zu, wie sie trank!« wiederholten der Freigelassene und sein Kind. +»O so sei den untern Dämonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott, +in der Hölle, Rache, meine Söhne, auf Erden für Kamilla! Fluch über +Cethegus!« Und sie fiel zurück und war tot.« + +Der Präfekt blieb unerschüttert stehen. Nur griff er leise an den Dolch +unter den Brustfalten der Tunika. »Du aber« – fragte er nach einer Pause – +»was thatest du?« + +»Ich aber kniete nieder an der Leiche und küßte ihre kalte Hand und schwor +ihr’s zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Präfekt von Rom: +Giftmischer, Mörder meiner Schwester – du sollst nicht leben.« + +»Sohn des Boëthius, willst du zum Mörder werden um die Wahnworte eines +läppischen Sklaven und seiner Dirne? Würdig des Helden und des +Philosophen!« + +»Nichts von Mord. Wäre ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren: +– er dünkt mir heute sehr vortrefflich! – rief’ ich dich zum Zweikampf, du +verhaßter Feind. Ich aber bin ein Römer und suche meine Rache auf dem Wege +des Rechts. Hüte dich, Präfekt, noch giebt es Richter in Italien. Lange +Monate hielt mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. – Erst heute +habe ich Rom, von der See her, erreicht: und morgen erheb’ ich die Klage +bei den Senatoren, die deine Richter sind – dort finden wir uns wieder.« + +Cethegus vertrat ihm plötzlich den Weg an die Thüre. + +Aber Severinus rief: »Gemach, man sieht sich vor bei Mördern. Drei Freunde +haben mich an dein Haus begleitet: – Sie werden mich mit den Liktoren +suchen, komm’ ich nicht wieder, noch in dieser Stunde.« + +»Ich wollte dich nur,« sagte Cethegus wieder ganz ruhig, »vor dem Wege der +Schande warnen. Willst du den ältesten Freund deines Hauses um der +Fieberreden einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen, +– thu’s: ich kann’s nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor: du bist +mein Ankläger geworden: aber du bleibst Soldat: und mein Tribun. Du wirst +gehorchen, wenn dein Feldherr befiehlt.« + +»Ich werde gehorchen.« + +»Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein Sturm der Barbaren. Ich +muß die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr für den löwenkühnen Mann: – +ich muß ihn treu gehütet wissen. Du wirst morgen, – ich befehl’ es, – den +Feldherrn begleiten und sein Leben decken.« + +»Mit meinem eignen.« + +»Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort.« + +»Bau’ du auf meines: auf Wiedersehn: nach der Schlacht: vor dem Senat. +Nach beiden Kämpfen lüstet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: – – vor dem +Senat.« + +»Auf Nimmerwiedersehn,« sprach Cethegus, als sein Schritt verhallte. +»Syphax,« rief er laut, »bringe Wein und das Hauptmahl. Wir müssen uns +stärken: – auf morgen.« + + + + + Elftes Kapitel. + + +Früh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten +geschäftige Bewegung. + +Mataswintha und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet: – – aber +nicht alles. Sie hatten von dem Gelübde der drei Männer gegen Belisar +erfahren und den früheren Plan eines bloßen Scheinangriffs gegen das Sankt +Pauls-Thor, um von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken. Aber +nicht hatten sie erfahren, daß der König, in Änderung jenes Planes eines +bloßen Scheinangriffs, für diesen Tag der Abwesenheit des großen Feldherrn +einen in tiefstes Geheimnis gehüllten Beschluß gefaßt hatte: es sollte ein +letzter Versuch gemacht werden, ob nicht gotisches Heldentum doch dem +Genius Belisars und den Mauern des Präfekten überlegen sei. Man hatte sich +im Kriegsrat des Königs nicht über die Wichtigkeit des Unternehmens +getäuscht: wenn es wie alle früheren, vereinzelten Angriffe – +achtundsechzig Schlachten, Ausfälle, Stürme und Gefechte hatte Prokop +während der Belagerung bis dahin aufgezählt – scheiterte, so war von dem +ermüdeten, stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu +erwarten. Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet, über +den Plan gegen jedermann ohne Ausnahme zu schweigen. + +Daher hatte auch Mataswintha nichts vom König erfahren, und selbst ihres +Mauren Spürnase konnte nur wittern, daß auf jenen Tag etwas Großes +gerüstet werde; – die gotischen Krieger wußten selbst nicht was. + +Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern +geräuschlos aufgebrochen und hatten sich südlich von der valerischen +Straße bei dem Grabmal der Fulvier, an dem in einer Hügelfalte Belisar +vorbeikommen mußte, in Hinterhalt gelegt: sie hofften, mit ihrer Aufgabe +bald genug fertig zu sein, um noch wesentlich an den Dingen bei Rom +teilnehmen zu können. + +Während der König mit Hildebrand, Guntharis und Markja die Scharen +innerhalb der Lager ordnete, zog um Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil +seiner Leibwächter umgeben, zum tiburtinischen Thor hinaus. Prokop und +Severinus ritten ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der Massagete, trug +sein Banner, das bei allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten +hatte. Constantinus, dem er an seiner Statt die Sorge für den +»belisarischen Teil« von Rom übertragen, besetzte alle Posten längs der +Mauern doppelt, und ließ die Truppen hart an den Wällen unter den Waffen +bleiben. Er übersandte den gleichen Befehl dem Präfekten für die +Byzantiner, die dieser führte. + +Der Bote traf ihn auf den Wällen zwischen dem paulinischen und dem +appischen Thor. »Belisar meint also:« höhnte Cethegus, während er +gehorchte, »mein Rom ist nicht sicher, wenn er es nicht behütet: ich aber +meine: Er ist nicht sicher, wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. Komm, +Lucius Licinius,« flüsterte er diesem zu, »wir müssen an den Fall denken, +daß Belisar einmal nicht wiederkehrt von seinen Heldenfahrten: dann muß +ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen.« + +»Ich kenne die Hand.« + +»Vielleicht giebt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom +belassenen Leibwächtern: in den Thermen des Diokletian oder am +tiburtinischen Thore. Sie müssen dort in ihrem Lager erdrückt sein, ehe +sie sich recht besinnen. Nimm dreitausend meiner Isaurier und verteile +sie, ohne Aufsehen, rings um die Thermen her: auch besetze mir vor allem +das tiburtinische Thor.« – »Von wo aber soll ich sie fortziehen?« – »Von +dem Grabmal Hadrians,« sagte Cethegus nach einigem Besinnen. »Und die +Goten, Feldherr?« – »Bah! das Grabmal ist fest, es schützt sich selbst. +Erst müssen vom Süden her die Stürmenden über den Fluß: und dann diese +eisglatten Wände von parischem Marmor hinan, meine und des Korinthers +Freude. Und zudem,« lächelte er, »sieh’ nur hinauf: da oben steht ein Heer +von marmornen Göttern und Heroen: sie mögen selber ihren Tempel schirmen +gegen die Barbaren. Siehst du, – ich sagte es ja – es geht nur hier gegen +das Sankt Pauls-Thor,« schloß er, auf das Lager der Goten deutend, aus +welchem eben eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach. + +Licinius gehorchte und führte alsbald dreitausend Isaurier, etwa die +Hälfte der Deckung, ab: von dem Grabmal über den Fluß und den Viminalis +hinab gegen die Thermen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen +Thor löste er dann auch durch dreihundert Isaurier und Legionare ab. + +Cethegus aber wandte sich nach dem salarischen Thor, wo jetzt Constantinus +als Vertreter Belisars hielt. »Ich muß ihn aus dem Wege haben,« dachte er, +»wenn die Nachricht eintrifft.« – »Sobald du die Barbaren zurückgeworfen,« +sprach er ihn an, »wirst du doch wohl einen Ausfall machen müssen? Welche +Gelegenheit, Lorbeern zu sammeln, während der Feldherr fern ist!« – +»Jawohl,« rief Constantinus, »sie sollen’s erfahren, daß wir sie auch ohne +Belisarius schlagen können.« + +»Ihr müßt aber ruhiger zielen,« sagte Cethegus, einem persischen Schützen +den Bogen abnehmend. »Seht den Goten dort, den Führer zu Pferd! Er soll +fallen.« Cethegus schoß; der Gote fiel vom Roß, durch den Hals geschossen. +»Und meine Wallbogen, – ihr braucht sie schlecht! Seht ihr dort die Eiche? +ein Tausendführer der Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht!« Und er +richtete den Wallbogen, zielte und schoß: durchbohrt war der gepanzerte +Gote an den Baum genagelt. + +Da sprengte ein saracenischer Reiter heran: »Archon,« redete er +Constantinus an, »Bessas läßt dich bitten, Verstärkungen an das Vivarium, +das pränestinische Thor: die Goten rücken an.« + +Zweifelnd sah Constantinus auf Cethegus. »Possen:« sagte dieser, »der +einzige Angriff droht an meinem Thore von Sankt Paul: und das ist gut +gehütet: ich weiß es gewiß: laß Bessas sagen: er fürchte sich zu früh. +Übrigens, im Vivarium habe ich noch sechs Löwen, zehn Tiger und zwölf +Bären für mein nächstes Cirkusfest! Laßt sie einstweilen los auf die +Barbaren! Es ist auch ein Schauspiel für die Römer dann!« + +Aber schon eilte ein Leibwächter den Mons Pincius herab: »Zu Hilfe, Herr, +zu Hilfe! Constantinus, dein eignes, das flaminische Thor! Unzählige +Barbaren! Ursicinus bittet um Hilfe!« + +»Auch dort?« fragte sich Cethegus ungläubig. + +»Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen und dem +pincianischen Thor!« rief ein zweiter Bote des Ursicinus. + +»Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wißt, sie steht unter +Sankt Peters besonderem Schutz: das reicht!« sprach beruhigend +Constantinus. Cethegus lächelte: »Ja, heute gewiß: denn sie wird gar nicht +angegriffen.« + +Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. »Präfekt, rasch aufs Kapitol, von +wo ich eben komme. Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich +aus allen Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Thore +Roms.« + +»Schwerlich!« lächelte Cethegus. »Aber ich will hinauf. Du aber, Marcus +Licinius, stehst mir ein für das tiburtiner Thor. Mein muß es sein, nicht +Belisars! Fort mit dir! Führe deine zweihundert Legionare dorthin!« + +Er stieg zu Pferd und ritt zunächst gegen das Kapitol zu, um den Fuß des +Viminal. Hier traf er auf Lucius Licinius und seine Isaurier. »Feldherr,« +sprach ihn dieser an, »es wird Ernst da draußen. Sehr Ernst! Was ist’s mit +den Isauriern? Bleibt es bei deinem Befehl?« + +»Habe ich ihn zurückgenommen?« sagte Cethegus streng. »Lucius, du folgst +mir und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rückt unter eurem Häuptling +Asgares zwischen die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Thor.« + +Er glaubte an keine Gefahr für Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein +in diesem Augenblick die Goten wirklich beschäftigte. «Dieser Schein eines +allgemeinen Angriffs soll,« dachte er, »die Byzantiner nur abhalten, ihres +bedrohten Feldherrn vor den Thoren zu gedenken.« + +Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze +Ebene überschauen konnte. Sie war erfüllt von gotischen Waffen. Es war ein +herrliches Schauspiel. Aus allen Lagerthoren wogte die ganze Streitmacht +des gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umgürtend. Der +Angriff sollte offenbar gegen alle Thore zugleich unternommen werden und +war nach Einem Gedanken entworfen. + +Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten +Bogenschützen und Schleuderer, in leichten Plänklerschwärmen, die Zinnen +und Brustwehren von Verteidigern zu säubern. Darauf folgten Sturmböcke, +Widder, Mauerbrecher aus römischen Arsenalen entnommen oder römischen +Mustern, wiewohl oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und +Rindern bespannt, bedient von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur +mit breiten Schilden sich und die Bespannung gegen die Geschosse der +Belagerten decken sollten. Dicht hinter ihnen schritten die zum +eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen Gliedern, mit voller +Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern gerüstet, und +lange, schwere Sturmleitern schleppend. In großer Ordnung und Ruhe rückten +diese drei Angriffslinien überall gleichmäßigen Schrittes vor: die Sonne +glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenräumen erschollen die +langgezognen Rufe der gotischen Hörner. + +»Sie haben etwas von uns gelernt,« rief Cethegus in kriegerischer Freude. +Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg.« »Wer ist es +wohl?« fragte Kallistratos, der, in reicher Rüstung, neben Lucius Licinius +hielt. »Ohne Zweifel, Witichis, der König,« sagte Cethegus. – »Das hätte +ich dem schlichten Mann mit den bescheidnen Zügen nie zugetraut.« – »Diese +Barbaren haben manches Unergründliche.« + +Und vom Kapitol herab ritt er nun, über den Fluß, nach der Umwallung am +pankratischen Thor, wo der nächste Angriff zu drohen schien, und bestieg +mit seinem Gefolge den dortigen Eckturm. + +»Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den +Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als hätte ihn der Blitz des Zeus +vergessen in der Gigantenschlacht,« forschte der Grieche. + +»Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rückt gegen das +pankratische Thor,« antwortete der Präfekt. + +»Und wer ist der Reichgerüstete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen +auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis.« – »Das ist Herzog Guntharis, +der Wölsung,« sprach Lucius Licinius. »Und sieh, auch drüben auf der +Ostseite der Stadt, überm Fluß, so weit man schauen kann, gegen alle +Thore, rücken Sturmreihen der Barbaren,« sagte Piso. + +»Aber wo ist der König selbst?« fragte Kallistratos. + +»Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort hält er, +oberhalb des pankratischen Thors,« erwiderte der Präfekt. »Er allein steht +regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurück, +hinter der Linie,« sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. »Sollte er +nicht mit kämpfen?« meinte Massurius. »Wäre gegen seine Weise. Aber laß +uns vom Turm aus den Wall hinab: das Gefecht beginnt,« schloß Cethegus. +»Hildebrand hat den Graben erreicht.« – »Dort stehen meine Byzantiner, +unter Gregor. Die Gotenschützen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen +Thor werden leer. Auf, Massurius, schicke meine abasgischen Jäger und von +den römischen Legionaren die besten Pfeilschützen dorthin: sie sollen auf +die Rinder und Rosse der Sturmböcke zielen.« + +Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdruß bemerkte +Cethegus, daß die Goten überall Fortschritte machten. Die Byzantiner +schienen ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen +von den Wällen, indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung +vordrangen. Schon hatten sie an mehreren Stellen den Graben überschritten +und Herzog Guntharis hatte sogar schon Leitern angelegt an den Wällen bei +dem portuensischen Thore, während der alte Waffenmeister einen starken +Widderkopf herangeschleppt und denselben durch ein Schirmdach gegen die +Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits donnerten die ersten +Stöße laut durch das Getümmel des Kampfes gegen die Balken des +pankratischen Thors. Dieser wohlbekannte Ton erschütterte den Präfekten, +der eben hier anlangte: »Offenbar,« sagte er zu sich selbst, »machen sie +jetzt bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen.« + +Und wieder ein dröhnender Stoß. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend +an. »Das darf nicht lange währen!« rief Cethegus zürnend, entriß dem +nächsten Schützen Bogen und Köcher und eilte auf den Mauerkranz an dem +Thore: »Hierher, ihr Schützen und Schleuderer! Mir nach!« rief er, +»schafft schwere Steine bei. Wo ist der nächste Ballist? Wo die +Skorpionen? das Schirmdach muß entzwei.« + +Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schützen, die eifrig durch die +Schießscharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. »Es ist umsonst, +Haduswinth,« schalt der junge Gunthamund, »zum drittenmal leg’ ich +vergeblich an! es wagt ja keiner nur die Nase über die Brustwehr.« – +»Geduld,« sagte der Alte, »halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon +einer, den der Fürwitz plagt. Auch mir leg’ einen Bogen bereit. Nur +Geduld.« – »Die hat man leichter mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig +Jahren.« + +Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick +in die Ebene: da sah er den König, in der weiten Ferne, unbeweglich, im +Centrum stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das +störte und beunruhigte ihn. »Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, daß +der Feldherr nicht fechten soll? Komm, Gajus,« rief er dem jungen Schützen +zu, der ihm kühn gefolgt war, »deine jungen Augen sehen scharf, blick’ mit +mir über die Zinne hier – was treibt der König dort?« Und er beugte sich +über die Brustwehr, Gajus folgte, eifrig spähend, seinem Beispiel. + +»Jetzt, Gunthamund!« rief Haduswinth unten. Zwei Sehnen klangen und die +beiden Späher fuhren zurück. + +Gajus stürzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Präfekten +Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cethegus strich mit der Hand +über die Stirn. + +»Du lebst, mein Feldherr?« rief Piso, heranspringend. + +»Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Götter brauchen mich noch: +nur die Haut ist geritzt,« sprach Cethegus und schob den Helm zurecht. + + + + + Zwölftes Kapitel. + + +Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr +verboten, sich am Kampf zu beteiligen: »die Barbaren sollen dich mir nicht +töten und auch dich nicht erkennen: – du bist unersetzlich als Sklave +Mataswinthens und Kundschafter des Königs Witichis,« hatte Cethegus +gesagt. + +»Wehe, wehe,« schrie er so überlaut, daß es seinem Herrn auffiel, der des +Mauren kluge Ruhe kannte, »welch’ ein Unglück!« – »Was ist geschehen?« – +»Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall führen aus dem +salarischen Thor und stieß sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein +Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Mühe rettete man ihn auf den Wall. +Dort fing ich den Sinkenden auf: – er ernannte den Präfekten zu seinem +Vertreter. Hier ist sein Feldherrnstab.« + +»Das ist nicht möglich!« schrie Bessas, der auf Syphax’ Ferse folgte. Er +hatte in Person selbst neue Verstärkungen verlangen wollen und kam eben +recht, die Nachricht zu hören. »Oder er war schon sinnlos als er’s that.« + +»Hätte er dich bestellt, jedenfalls,« sprach Cethegus, ruhig das Scepter +ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges +dankend. Mit einem wütenden Blicke sprang Bessas von der Brüstung und +eilte davon. »Folg’ ihm, Syphax, und beacht’ ihn wohl,« flüsterte der +Präfekt. + +Da eilte ein isaurischer Söldner herbei: »Verstärkung, Präfekt, ans +portuensische Thor. Herzog Guntharis hat zahllose Leitern angelegt.« Da +sprengte Cabao, der Führer der maurischen berittnen Schützen heran: +»Constantinus ist tot. Vertritt du Constantinus.« + +»Belisar vertret’ ich,« sprach Cethegus stolz: »fünfhundert Armenier +ziehet ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Thor.« + +»Hilfe, Hilfe ans appische Thor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind +erschossen!« meldete ein persischer Reiter, »die Vorschanze ist halb +verloren: vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmöglich +wär’s, sie wieder zu nehmen!« + +Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt +seinem Kriegstribun: »Auf, mein Jurist: »_beati possidentes_«! – Nimm +hundert Legionare und halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe +kommt.« – + +Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Füßen tobte das +Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kümmerte mehr die +rätselhafte Ruhe, in welcher der König im Hintergrund unbeweglich stand. +»Was hat er nur vor?« + +Da dröhnte von unten ein furchtbar krachender Stoß und lauter Siegesjubel +der Barbaren: Cethegus brauchte nicht zu fragen: in drei Sprüngen war er +unten. – + +»Das Thor ist eingestoßen!« riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen. +»Ich weiß es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms.« Und den Schild +fester andrückend, trat er hart an den rechten Thorflügel, in dem in der +That ein breiter Riß klaffte; und schon stieß der Widder an die +splitternden Platten neben der Öffnung. »Noch ein solcher Stoß und das +Thor liegt ganz,« sagte Gregor, der Byzantiner. »Richtig, deshalb darf es +nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor und Lucius: stellt euch, +Milites! die Speere gefällt! Fackeln und Brände! zum Ausfall! Winke ich, +so öffnet das Thor und werft Widder und Schirmdach und alles in den +Graben.« + +»Du bist sehr kühn, mein Feldherr!« rief Lucius Licinius, entzückt neben +ihn springend. + +»Ja, jetzt hat die Kühnheit Vernunft, mein Freund!« + +Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Präfekt das Schwert zum +Zeichen des Angriffs erheben –: da erscholl vom Rücken her ein Lärm, +größer selbst als der der stürmenden Goten: Wehegeschrei und +Pferdegetrappel: – und Bessas drängte sich heran: er faßte den Arm des +Präfekten: – seine Stimme versagte. + +»Was hemmst du mich in diesem Augenblick?« rief dieser und stieß ihn +zurück. – »Belisars Truppen,« stammelte entsetzt der Thraker, »stehen +schwer geschlagen vor dem tiburtinischen Thor: – sie flehen um Einlaß: – +wütende Goten hinter ihnen – Belisar ist in einen Hinterhalt gefallen: – +er ist tot.« + +»Belisar ist gefangen!« schrie ein Türmer vom tiburtinischen Thor, atemlos +heraneilend. »Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem +nomentanischen und vor dem tiburtinischen Thor!« scholl’s aus der Tiefe +der Straße. »Belisars Fahne ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche!« +»Laß das tiburtinische Thor öffnen, Präfekt!« drängte Bessas, »deine +Isaurier stehen plötzlich dort. Wer hat sie dorthin geschickt?« + +»Ich!« sagte Cethegus, überlegend. + +»Sie woll’n nicht öffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine – Belisars! +– Leiche!« + +Cethegus zauderte – er hielt das Schwert halb erhoben – er schwankte. »Die +_Leiche_,« dachte er, »rett’ ich gern.« Da flog Syphax heran. »Nein! er +lebt noch!« rief er seinem Herrn ins Ohr, »ich hab ihn gesehen von der +Zinne: er regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen +Reiter brausen heran: – Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!« + +»Gieb Befehl, laß das tiburtiner Thor öffnen!« mahnte Bessas. Aber des +Präfekten Auge blitzte: sein Antlitz überflog jener Ausdruck stolzer, +kühner Entschlossenheit, der es mit dämonischer Schönheit verklären +konnte. Er schlug mit dem Schwert an den zertrümmerten Thorflügel vor +sich: »Auf, zum Ausfall. Erst Rom: dann Belisar! Rom und Triumph!« Das +Thor flog auf. + +Die stürmenden Goten, schon des Sieges sicher, hätten alles eher erwartet +als dies Wagnis der, wie sie wähnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren +ohne Fechtordnung um das Thor herum zerstreut, wurden völlig überrascht +und durch den Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter +ihnen klaffenden Graben geworfen. + +Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen. + +Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit +seinem Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber +gleichzeitig fast stieß ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel +in den Graben. Cethegus zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine, +die krachend auf den Alten stürzte. + +»Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen,« befahl Cethegus. +Rasch loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die +siegreichen Römer zurück in die Wälle. Da rief Syphax dem Präfekten +entgegen: »Gewalt, Herr, Aufruhr und Empörung! Die Byzantiner gehorchen +dir nicht mehr! Bessas rief sie auf, das tiburtinische Thor mit Gewalt zu +öffnen. Seine Leibwächter drohen, Marcus Licinius anzugreifen und deine +Legionare und Isaurier zu schlachten durch die Hunnen.« + +»Das büßen sie!« rief Cethegus grimmig. »Wehe Bessas! Ich will’s ihm +gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein, +nimm sie alle! alle! du weißt wo sie stehn: fasse die Leibwächter des +Thrakers von Porta Clausa her im Rücken. Und stehn sie nicht ab, – so hau’ +sie nieder, ohne Schonung. Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!« + +Lucius Licinius zauderte. »Und das tiburtinische Thor?« – »Bleibt +geschlossen.« – »Und Belisar?« + +»Bleibt draußen.« – »Teja und Totila sind schon heran.« – »Desto weniger +kann man öffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!« + +Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Thores anzuordnen. +Das währte sehr geraume Zeit. »Wie ging es, Syphax?« fragte er leise. +»Lebt er wirklich?« – »Er lebt noch.« – »Tölpel, diese Goten!« + +Da kam ein Bote von Lucius. »Dein Tribun läßt melden: Bessas giebt nicht +nach: – schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Thor geflossen. +Und Asgares und deine Isaurier zögern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem +Ernst.« »Ich will ihnen meinen Ernst zeigen!« rief Cethegus, warf sich +aufs Pferd, verließ diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind +davon. + +Weit war sein Weg: über die Tiberbrücke des Janiculum, am Kapitol vorbei, +über das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die +Thermen des Titus rechts lassend, über den Esquilin hinaus, endlich durch +das esquilinische Thor an das tiburtinische Außenthor: – ein Weg vom +äußersten Westen an den äußersten Osten der weitgestreckten Stadt. + +Hier, hinter dem Thore, standen die Leibwächter von Bessas und Belisar mit +gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und +Isaurier des Präfekten unter Marcus Licinius an der Thorwache zu +überwältigen und das Thor mit Gewalt zu öffnen, während die zweite Fronte +mit gefällten Speeren der Masse der andern Isaurier gegenüberstand, die +Lucius vergeblich zum Angriff befehligte. + +»Söldner,« rief Cethegus, das schnaubende Roß dicht vor deren Linie +anhaltend, »wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar?« »Dir, Herr,« +sprach Asgares, ein Anführer, vortretend, »aber ich dachte« – Da blitzte +das Schwert des Präfekten und tödlich getroffen stürzte der Mann. »Zu +gehorchen habt ihr, eidbrüchige Schurken, nicht zu denken!« + +Entsetzt standen die Söldner. Aber Cethegus befahl ruhig: »Die Speere +gefällt! zum Angriff! mir nach!« Und die Isaurier gehorchten ihm und nun, +– ein Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf. + +Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Thores, her +ein furchtbares, alles übertäubendes Geschrei: »Wehe, Wehe, alles +verloren! Die Goten über uns! Die Stadt ist genommen!« + +Cethegus erbleichte und blickte zurück. Da sprengte Kallistratos heran, +Blut floß ihm über Gesicht und Hals. »Cethegus,« rief er, »es ist aus! Die +Barbaren sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen.« »Wo?« fragte der Präfekt +tonlos. »Am Grabmal Hadrians!« – »O mein Feldherr!« rief Lucius Licinius, +»ich habe dich gewarnt.« + +»Das war Witichis!« sagte Cethegus, die Augen zusammendrückend. + +»Woher weißt du das!« staunte Kallistratos. »Genug, ich weiß es.« Es war +ein furchtbarer Augenblick für den Präfekten. + +Er mußte sich sagen, daß er, rücksichtslos seinen Plan zum Verderben +Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom übersehen hatte. Er biß die +Zähne in die Unterlippe. + +»Cethegus hat das Grabmal Hadrians entblößt! Cethegus hat Rom ins +Verderben gestürzt!« rief Bessas an der Spitze der Leibwächter. + +»Und Cethegus wird es retten!« rief dieser, sich hoch im Sattel +ausrichtend. »Mir nach, alle Isaurier und Legionare.« »Und Belisar?« +flüsterte Syphax. – »Laßt ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt +mir!« Und im Sturmflug sprengte er zurück, des Weges, den er gekommen. Nur +wenige Berittene konnten ihm folgen: im Lauf eilte sein Fußvolk, Isaurier +und Legionare, nach. + + + + + Dreizehntes Kapitel. + + +Draußen vor dem tiburtinischen Thore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein +Bote hatte die gotischen Reiter von dem überflüssigen Gefechte abgerufen. +Sie sollten hier innehalten und alle verfügbare Mannschaft um die Stadt +und über den Fluß eilig an das aurelische Thor senden, durch welches man +soeben in die Stadt gedrungen sei: dort brauche man alle Kräfte. Die +Reiter jagten, rechtsum schwenkend, nach jenem Thor, wo sich jetzt alles +zusammendrängte: aber ihr eigenes Fußvolk, stürmend an den +zwischenliegenden fünf Thoren: der Porta clausa, nomentana, salaria, +pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange, daß sie zu der +Entscheidung zu spät kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen war. + +Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Präfekten: dem +vatikanischen Hügel gegenüber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen +Thor gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und überall, außer +im Süden, wo der Fluß decken sollte, durch neue Wälle geschützt, ragte die +»_moles Hadriani_«, ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art +Hofraum umgab das eigentliche Gebäude: vor der ersten, äußeren +Deckungsmauer im Süden floß der Tiber. Auf den Zinnen dieser Außenmauer, +in dem Hofraum und auf den Zinnen der Innenmauer lagerten sonst die +Isaurier, die der Präfekt zu übler Stunde hinweggezogen hatte, seinen Plan +gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der Innenmauer aber standen +die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren drittes Hundert das +Geschenk des Kallistratos vervollständigt hatte. + +Der König der Goten hatte sich für heute in der Mitte des großen +Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten +Tiberufer, um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem +pankratischen (alten aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Thor, +wo sonst nur Graf Markja von Mediolanum lagerte, eine zurückgenommene, +abwartende Stellung gewählt. Er baute seinen Plan darauf, daß der +allgemeine Sturm gegen alle Thore notwendig die Kräfte der Belagerten +werde zersplittern müssen: und sowie an irgend einem Punkt durch +Hinwegziehung der Verteidiger eine Blöße entstehen würde, gedachte er, sie +sofort zu benützen. + +In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den +Sturmkolonnen. Er hatte allen Anführern Auftrag gegeben, ihn schleunig +herbeizurufen, wo sich eine Lücke der Verteidigung zeige. + +Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von +seinen Scharen zu tragen gehabt, die müßig stehen sollten, während die +Genossen überall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie +auf einen Boten, der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf. + +Da bemerkte endlich des Königs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den +Zinnen der Außenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen +und die dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er +hin: sie wurden nicht abgelöst, die Lücken nicht ersetzt. Da sprang er aus +dem Sattel, gab seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den +stolzen Bug, sprach: »Nach Hause, Boreas!« und das kluge Tier lief +geradeaus in das Lager zurück. »Jetzt, vorwärts meine Goten! vorwärts, +Graf Markja!« rief der König, »dort über den Fluß – die Mauerbrecher laßt +hier zurück: nur die Schilde und die Sturmleitern nehmt mit. Und die +Beile. Voran!« Und im Lauf erreichte er den steilen Uferhang an der +südlichen Biegung des Flusses und eilte den Hügel hinab. + +»Keine Brücke, König, und keine Furt?« fragte ein Gote hinter ihm. + +»Nein, Freund Iffamer, schwimmen!« und der König sprang in die gelbe +schmutzige Flut, daß sie zischend hoch über seinem Helmbusch +zusammenschlug. In wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die +vordersten seiner Leute mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen +Außenmauer des Grabmals und die Männer blickten fragend, besorgt hinauf. +»Leitern her!« rief Witichis, »seht ihr nicht? Die Verteidiger fehlen ja! +Fürchtet ihr euch vor hohen Steinen?« Rasch waren die Leitern angelegt, +rasch die Außenwälle erstiegen, die wenigen Wachen hinabgestürzt, die +Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Außenmauer in den Hof +hinabgelassen. + +Der König war der erste in dem Hofraum. + +Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf +den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Thore hierher geeilt, +Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein Paar +Isauriern: und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und +Pfeilen auf die nur vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch +ihre Ballisten und Katapulten wirkten verheerend. »Schickt um Hilfe, um +Hilfe zu Cethegus!« rief oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog +davon. + +Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. »Was thun?« +fragte Markja an seiner Seite. »Warten, bis sie sich verschossen haben,« +sagte dieser ruhig. »Es kann nicht lange mehr währen. Sie werfen und +schießen viel zu hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr +Steine denn Pfeile. Und die Speere bleiben aus.« – »Aber die Ballisten, +die Katapulten –« – »Werden uns bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum +Sturm. Seht, der Hagel wird sehr spärlich. So, nun die Leitern bereit und +die Beile. – Jetzt, rasch mir nach.« Und in schnellem Anlauf rannten die +Goten über den Hof. + +Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der +zweiten, der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber +waren alle Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum +Schuß in die Weite gespannt, konnten sie nicht ohne große Mühe und lange +Zeit zu senkrechtem Schuß gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und +erbleichte. »Wurfspeere her! Speere! Speere! oder alles ist hin!« – »Alle +verschossen,« keuchte trostlos neben ihm der dicke Balbus. + +»Dann ist’s vorbei!« seufzte Piso, den rechten Arm totmüde senkend. »Komm, +Massurius, laß uns fliehn,« mahnte Balbus. »Nein, laßt uns hier sterben,« +rief Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm über den Rand der +Mauer. + +Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: »Cethegus! +Cethegus der Präfekt!« + +Und er war’s; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der +eben die Hand auf die Brustwehr stützte, sich heraufzuschwingen, die Hand +samt dem Arme ab. – Der Mann schrie und stürzte. + +»O Cethegus,« sagte Piso, »du kommst zu rechter Zeit!« – »Ich hoffe es,« +sprach dieser und stieß die Leiter um, die vor ihm angelegt stand. +Witichis war darauf gestanden, – behend sprang er hinab. »Aber jetzt +Geschosse her, Speere, Lanzen. Sonst hilft alles nichts,« rief Cethegus. +»Kein Geschoß mehr weit und breit,« antwortete Balbus. »Du kommst, hofften +wir, mit deinen Isauriern?« »Die sind noch weit, weit hinter mir!« rief +Kallistratos, der eben als der erste nach Cethegus wieder erschien. + +Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme. Und +es wuchs die dringendste Gefahr. + +Wild blickte Cethegus um sich. »Geschosse,« rief er mit dem Fuße +stampfend, »es müssen Geschosse herbei!« Da fiel sein Auge auf die riesige +Marmorstatue Zeus, des Erretters, die zu seiner Linken auf der Zinne +stand. Ein Gedanke durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu +und schlug mit einem Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem +Donnerkeil in ihrer Faust herab. »Zeus,« rief er, »leih mir deinen Blitz! +– Was hältst du ihn so müßig? Auf! zerschlagt die Statuen: und schleudert +sie den Feinden auf die Köpfe.« Und rascher, als er dies gesagt, ward sein +Beispiel befolgt. Mit Äxten und Beilen fielen die geängstigten Verteidiger +über die Götter und Heroen her und im Augenblick waren all’ die herrlichen +Gestalten zertrümmert. + +Es war ein grausenhafter Anblick: da barst ein erhabner Hadrian, eine +Reiterstatue, Roß und Reiter mitten auseinander: da stürzte eine lächelnde +Aphrodite in die Knie: da flog der schöne Marmorkopf eines Antinous vom +Rumpfe und sauste, von zwei Händen geschleudert, auf einen gotischen +Büffelschild. Und weithin spritzten, die Zinnen bedeckend, Splitter und +Trümmer von Marmor und Erz, von Bronze und Gold. Krachend und dröhnend +schlugen die gewaltigen Lasten von Stein und Metall von den Zinnen herab +und zerschmetterten die Helme und Schilde, die Panzer und die Glieder der +stürmenden Goten und die Leitern selber, die sie trugen. + +Mit Grauen blickte Cethegus auf das furchtbare Werk der Zerstörung, das +sein Wort angerichtet. Aber es hatte gerettet. Zwölf, fünfzehn, zwanzig +Leitern standen leer von den hart aufeinander folgenden Männern, die sie +kurz zuvor ameisendicht besetzt hatten: ebensoviel lagen zerbrochen am Fuß +der Mauer: überrascht von diesem unerwarteten Erz- und Marmorhagel, wichen +die Goten einen Augenblick. Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas +zum Sturm: und wieder sausten die centnerschweren Lasten hernieder. + +»Unseliger, was hast du gethan?« jammerte Kallistratos und starrte auf die +Trümmer. + +»Das Notwendige!« antwortete Cethegus und schleuderte den Rest von Zeus +dem Erretter über den Wall. »Siehst du, wie das traf? – zwei Barbaren auf +Einen Schlag« – und zufrieden blickte er hinab. + +Da hörte er den Korinther rufen: »Nein, nein. Nicht diesen! Nicht den +Apoll!« + +Und Cethegus wandte sich und sah, wie ein riesiger Isaurier sein Beil +gegen das Haupt des Latoniden schwang. »Narr, sollen die Goten herauf?« +fragte der Barbar und holte wieder aus. + +»Nicht meinen Apollon!« wiederholte der Hellene und umschlang den Gott +schützend mit beiden Armen, weit sich vorbeugend. + +Das ersah auf der nächsten Leiter Graf Markja: und glaubend, jener wolle +die Statue auf ihn niederschleudern, kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog +und traf den Griechen mitten in die Brust. »Ach – Cethegus!« seufzte er +und starb. Der Präfekt sah ihn fallen und preßte die Brauen zusammen. +»Rettet die Leiche und seine beiden Götter verschont!« sprach er kurz – +und stieß die Leiter um, auf der Markja gestanden: mehr konnte er nicht +sagen und nicht thun: denn schon rief ihn eine neue, die drohendste +Gefahr. + +Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb herabgesprungen, +war seither hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein- und +Metalltrümmer nach neuen Mitteln spähend. Denn seit der erste Versuch der +Sturmleitern durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Götter und +Herren, abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den Wall zu gewinnen. Während +er sann und spähte, schlug das schwere Marmorfußgestell eines Mars +gradivus dicht neben ihm auf die Erde, prallte nochmal empor und traf +dabei an eine Mauerplatte. Und siehe, diese Platte, die ein Quader von +härtestem Stein geschienen hatte, zersprang zerbröckelnd in kleine Stücke +von Mörtel und Lehm: und an ihrer Stelle wurde sichtbar eine schmale +Holzpforte, die von jener Masse nur locker verkleidet und verdeckt, den +Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang gedient hatte, wenn sie an +dem großen Gebäude arbeiteten und nachbesserten. + +Kaum ersah Witichis die Holzthür, als er jubelnd ausrief: »Hierher, +hierher, ihr Goten! Beile zur Hand!« Und schon schlug seine eigne +Streitaxt donnernd an die dünnen Bretter, die nichts weniger als stark +schienen. + +Verhängnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des Präfekten Ohr! er hielt +oben inne in der Blutarbeit und lauschte. »Das ist Eisen gegen Holz! Bei +Cäsar!« sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab, +die an der Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch Öl-Lampen +beleuchteten Innenraum des Grabmals führte. + +Da dröhnte ein Schlag lauter als alle früheren, ein dumpfes Krachen und +helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten. Wie +Cethegus auf die letzte Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend +nach innen in den Hof und König Witichis ward sichtbar auf der Schwelle. + +»Mein ist Rom!« jubelte er, das Beil fallen lassend und das Schwert aus +der Scheide ziehend. »Du lügst, Witichis! zum erstenmal im Leben!« rief +Cethegus grimmig und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel +stoßend gegen des Goten Brust, daß dieser überrascht einen Schritt +zurücktrat. + +Diesen Schritt benutzte der Präfekt und stellte sich selbst auf die +Schwelle, die ganze enge Pforte füllend. »Wo bleiben die Isaurier!« rief +er. + +Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, bis er ihn +erkannte. »So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom.« Und nun war das +Anspringen an ihm. Cethegus, bemüht die ganze Öffnung der Pforte zu +verschließen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein rechter Arm mit dem +kurzen Römerschwert vermochte nicht genug, seine rechte Seite zu decken. +Der Stoß des langen Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug +von Cethegus abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend, +tief in seine rechte Brust. + +Der Präfekt wankte nach links: schon neigte er sich zu fallen: aber er +fiel nicht. »Rom! Rom!« sagte er tonlos, und krampfhaft hielt er sich noch +aufrecht. + +Witichis war einen Schritt zurückgetreten, um in neuem Ansprung dem +gefährlichen Feind den Rest zu geben. Aber in diesem Augenblick erkannte +ihn oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden +Faun, der bereits mit abgehauenen Füßen auf dem Walle lag, auf den König +herab; er traf die Schulter und Witichis stürzte nieder. Graf Markja, +Iffamer und Aligern trugen ihn aus dem Gefecht. + +Cethegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst auf der Schwelle der +Pforte zusammen; schützende Arme eines Freundes fingen ihn auf: – aber er +erkannte diesen nicht mehr: sein Bewußtsein schwand. + +Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, der seine Seele +entzückte: es war die Tuba seiner Legionare, das Feldgeschrei seiner +Isaurier, die jetzt – endlich – im Sturmschritt eintrafen und, von den +Liciniern geführt, in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres +Königs erschütterten Goten stürzten. Sie drängten sie siegreich zu einer +(einstweilen von den eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen) +Bresche der ersten Mauer unter großem Blutvergießen hinaus. + +Der Präfekt sah die letzten Barbaren flüchten: – da schlossen sich +abermals seine Augen. »Cethegus!« rief der Freund, der ihn im Arme hielt, +»Belisar im Sterben: und so bist auch du verloren?« Cethegus erkannte +jetzt die Stimme Prokops. »Ich weiß nicht,« sprach er mit letzter Kraft, +»aber Rom, – Rom ist gerettet!« Und damit vergingen ihm die Sinne. + + + + + Vierzehntes Kapitel. + + +Nach der Anspannung aller Kräfte zu dem allgemeinen Sturm und seiner +Abwehr, der mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst +beendet war, trat bei Goten und Römern eine lange Pause der Erschlaffung +ein. Die drei Führer Belisar, Cethegus und Witichis lagen wochenlang an +ihren Wunden danieder. + +Aber noch mehr wurde die thatsächliche Waffenruhe veranlaßt durch die +tiefe Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die das Heer der Germanen +befallen hatten, nachdem der mit höchster Anstrengung angestrebte Sieg in +dem Augenblick, da er bereits gewonnen schien, ihnen entrissen wurde. + +Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes gethan: ihre Helden hatten an +Tapferkeit gewetteifert: und doch waren beide Pläne, der gegen Belisar und +der gegen die Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch +König Witichis in seinem steten Mute die Gedrücktheit des Heeres nicht +teilte, so erkannte er dafür desto klarer, daß er seit jenem blutigen Tage +das ganze System der Belagerung ändern mußte. + +Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schätzt ihn auf dreißigtausend +Tote und mehr als ebensoviele Verwundete: sie hatten sich im ganzen +Umkreis der Stadt mit äußerster Todesverachtung den Geschossen der +Belagerten ausgesetzt und am pankratischen Thor und bei dem Grabmal +Hadrians waren sie zu Tausenden gefallen. + +Da nun auch in den achtundsechzig früheren Gefechten die Angreifenden +immer viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger +gelitten hatten, so war das große Heer, das Witichis vor Monden gegen die +ewige Stadt geführt, furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, daß schon +seit geraumer Zeit Seuchen und Hunger in ihren Zelten wüteten. Bei dieser +Entmutigung und Abnahme seiner Truppen mußte Witichis den Gedanken, die +Stadt mit Sturm zu nehmen, aufgeben und seine letzte Hoffnung – er +verhehlte sich ihre Schwäche nicht – bestand in der Möglichkeit, der +Mangel werde den Feind zur Übergabe zwingen. Die Gegend um Rom war völlig +ausgesogen: und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei die +Entbehrung länger würde ertragen oder welche sich aus der Ferne würde +Vorräte verschaffen können. Schwer fehlte den Goten die an der Küste von +Dalmatien beschäftigte Flotte. – + +Der Erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der Präfekt. + +Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, bewußtlos +weggetragen, lag er anderthalb Tage in einem Zustand, der halb Schlaf, +halb Ohnmacht war. + +Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, traf sein erster +Blick auf den treuen Mauren, der am Fußende des Lagers auf der Erde +kauerte und kein Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen Arm +gerollt. + +»Die Holzpforte!« war des Präfekten erstes, noch schwach gehauchtes Wort, +»die Holzpforte muß fort – ersetzt durch Marmorquadern .. –« + +»Danke, danke dir, Schlangengott!« jubelte der Sklave, »jetzt ist der Mann +gerettet. Und auch du selbst. Und ich, ich, Herr, habe dich gerettet.« Und +er warf sich mit gekreuzten Armen nieder und küßte das Lagergestell seines +Herrn. – Er wagte nicht, dessen Füße zu berühren. »Du mich gerettet? – +Wodurch?« + +»Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, habe ich den +Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt und gesprochen: »Du siehst, +starker Gott, des Herrn Augen sind geschlossen. Hilf, daß er sie wieder +aufschlägt. Bis du geholfen, erhältst du keine Krume Brot und keinen +Tropfen Milch. Und wenn er die Augen nicht wieder aufschlägt – an dem +Tage, da sie ihn verbrennen, verbrennt Syphax mit: aber du, o großer +Schlangengott, desgleichen. Du kannst helfen: also hilf: oder brenne.« So +sprach ich, und er hat geholfen.« + +»Die Stadt ist sicher – das fühl’ ich, sonst hätte ich nicht entschlafen +können. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?« + +»In der Bibliothek mit deinen Tribunen. Sie erwarten nach des Arztes +Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen ... –« – »Tod? Diesmal hat +dein Gott noch geholfen, Syphax. Laß die Tribunen ein.« + +Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus und einige andere vor +ihm; sie wollten bewegt an sein Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. »Rom +dankt euch, durch mich. Ihr habt gefochten wie – wie Römer. Mehr, +Stolzeres kann ich euch nicht sagen.« Und er übersah wie nachsinnend die +Reihe, dann sagte er: »Einer fehlt mir – ah mein Korinther! Die Leiche ist +gerettet. Denn ich empfahl sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt +ihm als Denkmal eine schwarze Platte von korinthischem Marmor an die +Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des Apollo über die Aschenurne und +schreibt darauf: »Kallistratos von Korinth ist hier für Rom gestorben; er +hat den Gott, der Gott nicht ihn gerettet.« Jetzt geht, bald sehen wir uns +wieder – auf den Wällen. Syphax, nun sende mir Prokop. Und bring einen +großen Becher Falernerwein.« »Freund,« rief er dem eintretenden Prokopius +entgegen, »mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch flüstern hören: +»Prokop hat den großen Belisar gerettet.« Ein unsterblich Verdienst! Die +ganze Nachwelt wird dir’s danken – so brauch’ ich’s nicht zu thun. Setze +dich hierher und erzähle mir das Ganze ... – Aber halt: erst schiebe die +Kissen zurecht, daß ich meinen Cäsar wieder sehen kann. Sein Anblick +stärkt mehr als Arzneien. Nun sprich.« + +Prokopius sah den Liegenden durchdringend an. + +»Cethegus,« sagte er dann, ernsten Tones, »Belisar weiß alles.« »Alles?« +lächelte der Präfekt, »das ist viel.« – »Laß den Spott und versage +Bewunderung nicht dem Edelsinn: du, der du selber edel bist.« – »Ich? +Nicht daß ich wüßte.« – »Sowie er zum Bewußtsein kam, hat ihm Bessas +natürlich sofort alles mitgeteilt: hat ihm haarklein erzählt, wie du +befohlen, das Thor gesperrt zu halten, als Belisar in seinem Blute davor +lag, den wütigen Teja auf den Fersen: daß du befohlen, seine Leibwächter +niederzuhauen, die mit Gewalt öffnen wollten: jedes Wort von dir hat er +berichtet, auch deinen Ausruf: »Erst Rom, dann Belisar«: und hat deinen +Kopf verlangt im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius sprach: +»er hat recht gethan! hier, Prokop, bring ihm mein eigen Schwert und die +ganze Rüstung, die ich an jenem Tage trug, zum Dank.« Und in dem Bericht +an den Kaiser hat er mir die Worte diktiert: »Cethegus hat Rom gerettet +und nur Cethegus! Schick’ ihm den Patriciat von Byzanz!«« + +»Ich danke: ich habe Rom nicht für Byzanz gerettet.« – »Das brauchst du +mir nicht erst zu sagen, unattischer Römer.« + +»Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was war dein Dank?« + +»Still. Er weiß nichts davon. Und soll es nie erfahren.« + +»Syphax, Wein. – Soviel Edelsinn kann ich nicht vertragen! Es macht mich +schwach. Nun, wie war der Reiterspaß?« + +»Freund, das war kein Spaß. Sondern der furchtbarste Ernst, der mir noch +begegnet. Um ein Haar fehlte es, so war Belisar verloren.« + +»Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt bei diesen Goten! Dumme +Tölpel sind sie samt und sonders.« + +»Du sprichst, als wär’ es dir sehr leid, daß Belisar nicht umgekommen.« + +»Recht wär ihm geschehn. Ich hab ihn dreimal gewarnt. Er sollte endlich +wissen, was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold.« + +»Höre,« sagte Prokop, ihn ernsthaft betrachtend, »du hast dir ein Recht +erworben, so zu sprechen, vor dem Grabmal Hadrians. Früher, wenn du des +Mannes Heldentum herabzogst ...« – »Dachtest du, ich spräche aus Neid +gegen den tapfern Belisar! Hört es, ihr unsterblichen Götter.« + +»Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ...« – + +»Laß mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, wenn es gilt, muß +man den Tod verachten, sonst aber vorsichtig das Leben lieben. Denn nur +die Lebendigen herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist +meine Weisheit, und nenn’ es meine Feigheit, wenn du willst. Also – euer +Überfall – mach’s kurz! Wie ging’s?« + +»Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, – alles schien frei vom +Feind und sicher zum Futter holen – da wandten wir die Rosse allmählich +wieder gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern Schafe, dir wir +aufgetrieben, in der Mitte, Belisar voran, der junge Severinus, Johannes +und ich an seiner Seite. Plötzlich, wie wir aus dem Dorf _ad aras Bacchi_ +ins Freie kommen, jagen aus den Gehölzen zu beiden Seiten der valerischen +Straße von links und rechts gotische Reiter auf uns zu. Ich sah, daß sie +uns stark überlegen waren und riet die Flucht mitten durch sie hindurch +auf der Straße nach Rom zu versuchen. Aber Belisar meinte: »Viele sind es, +doch nicht allzuviele,« und sprengte gegen die Angreifer zur Linken, ihre +Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen wir übel an: die Goten ritten besser +und fochten besser als unsere mauretanischen Reiter: und ihre Führer, +Totila und Hildebad – jenen erkannte ich an den langflatternden gelben +Haaren und diesen an der ungeschlachten Größe – hielten sichtlich scharf +auf den Feldherrn selbst. »Wo ist Belisar und sein Mut?« schrie der lange +Hildebad vernehmlich durch das Klirren der Waffen. + +»Hier!« antwortete dieser unverzüglich: und ehe wir ihn abhalten konnten, +hielt er schon dem Riesen gegenüber. Der war nicht faul und hieb ihm mit +seinem wuchtigen Beil auf den Helm, daß der goldene Kamm mit dem weißen +Roßhaarbüschel zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf +den Kopf des Pferdes niederfuhr. Und schon holte jener zum zweiten, dem +tödlichen Streiche aus: da war der junge Severinus, des Boëthius Sohn, +heran und fing den Hieb mit dem runden Schilde auf. Aber das Beil des +Barbaren drang durch den Schild und flog noch tief in den Hals des edeln +Jünglings. Er stürzte« – Prokop stockte in schmerzlichen Gedanken. + +»Tot?« fragte Cethegus ruhig. + +»Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, trug ihn aus +dem Gefecht. Doch starb er schon, so hört’ ich, eh’ er das Dorf +erreichte.« + +»Ein schöner Tod!« sagte Cethegus. »Syphax, einen neuen Becher Wein!« + +»Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stieß nun in großem +Zorn mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines +Harnisches, daß er der Länge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf, +aber der junge Totila« – + +»Nun?« + +»Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig durch die Lanzen der +Leibwächter Bahn brach zu Belisar. Aigan, sein Bannerträger, wollte ihn +decken, aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm: er riß ihm die +Fahne aus der erschlafften Hand und warf sie dem nächsten Goten zu. Laut +auf schrie Belisar vor Zorn und wandte sich gegen ihn: aber der junge +Totila ist rasch wie der Blitz und zwei scharfe Hiebe trafen, eh’ er +sich’s versah, des Feldherrn beide Schultern: der wankte im Sattel und +sank langsam vom Pferd, das im selben Augenblick ein Wurfspeer traf und +niederwarf. »Gieb dich gefangen, Belisar!« rief Totila. + +Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt verneinend zu +schütteln, da sank er vollends zur Erde. Rasch war ich abgesprungen, hatte +ihn auf mein eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, der +fünfzig Leibwächter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getümmel +flüchtend nach der Stadt hin brachte.« – »Und du?« + +»Ich focht zu Fuß weiter. Und es gelang mir, da jetzt unsere Nachhut +eintraf, – die Vorräte in der Mitte hatten wir preisgegeben – das Gefecht +gegen Totila zu stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die +zweite Schar der gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind sauste der +schwarze Teja herzu, durchbrach unsern rechten Flügel, der ihm zunächst +stand, von vorn, durchbrach dann meine eigene gegen Totila gerichtete +Front von der Flanke und zersprengte unsern ganzen Schlachthaufen. Ich gab +das Gefecht verloren, ergriff ein ledig Roß und eilte dem Feldherrn nach. +Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen Flucht erkannt und jagte uns +wütend nach. An der fulvischen Brücke holte er die Bedeckung ein; Johannes +und ich hatten mehr als die Hälfte der noch übrigen Leibwächter an der +Brücke aufgestellt, den Übergang zu wehren, unter Principius, dem tapfern +Pisidier, und Tarmuth, dem riesigen Isaurier. Dort fielen sie alle +dreißig, zuletzt auch die beiden treuen Führer, von dem Schwerte des Teja +allein, wie ich vernahm. Dort fiel die Blüte von Belisars Leibwächtern: +darunter viele meiner nächsten Waffenfreunde, Alamundarus der Saracene, +Artasines der Perser, Zanter der Armenier, Longinus der Isaurier, Bucha +und Chorsamantes die Massageten, Kutila der Thrakier, Hildeger der +Vandale, Juphrut der Maure, Theodoritos und Georgios die Kappadokier. Aber +ihr Tod erkaufte unsere Rettung. Wir holten hinter der Brücke unser hier +zurückgelassenes Fußvolk ein, das dann noch die feindlichen Reiter so lang +beschäftigte, bis das tiburtinische Thor sich, – spät genug! – dem wunden +Feldherrn öffnete. Dann eilt’ ich, als wir ihn auf einer Sänfte Antoninens +Pflege zugesandt, an das Grabmal Hadrians, wo, wie es hieß, die Stadt +genommen sei und fand dich dem Tode nah.« + +»Und was hat jetzt Belisar beschlossen?« + +»Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung +langsamer. Er hat den Goten den Waffenstillstand gewährt, den sie +verlangten, ihre vielen Toten zu bestatten.« + +Cethegus fuhr auf von den Kissen. »Er hätte ihn verweigern sollen! Keine +unnütze Verzögerung der Entscheidung mehr! ich kenne diese gotischen +Stiere; nun haben sie sich die Hörner stumpf gestürmt: jetzt sind sie müd +und mürbe. + +Jetzt kam die Zeit für einen letzten Schlag, den ich schon lang ersonnen. +Die Hitze draußen in der glühenden Ebene werden ihre großen Leiber +schlecht ertragen: schlechter den Hunger: am schlechtesten den Durst. – +Denn der Germane muß saufen, wenn er nicht schnarcht oder prügelt. Nun +braucht man nur ihren vorsichtigen König noch ein wenig einzuschüchtern. +Sage Belisar meinen Gruß: und mein Dank für sein Schwert sei mein Rat: Er +solle noch heute den gefürchteten Johannes mit acht Tausend Mann durch das +Picenum gegen Ravenna schicken: die flaminische Straße ist frei und wird +wenig gedeckt sein: denn Witichis hat die Besatzungen aller Festungen +hierher gezogen: und leichter gewinnen wir jetzt Ravenna, als die Barbaren +Rom. Sowie aber der König Ravenna, seinen allerletzten Hort, bedroht +sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis zu retten. Er wird sein Heer +hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte +statt des Verfolgers sein.« »Cethegus,« sprach Prokop aufspringend, »du +bist ein großer Feldherr.« – »Nur nebenbei, Prokopius! geh jetzt und grüße +mir den großen Sieger Belisar.« + + + + + Fünfzehntes Kapitel. + + +An dem letzten Tage des Waffenstillstands konnte Cethegus bereits wieder +auf den Wällen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare +und Isaurier mit lautem Zuruf begrüßten. Sein erster Gang war zu dem +Grabmal des Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen +Kranz von Lorbeern und von Rosen nieder. Während er von hier aus die +Verstärkung der Befestigungen anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben +von Mataswintha. + +Es lautete lakonisch genug: »Mach’ bald ein Ende. Nicht länger kann ich +den Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzig Tausend Männern meines Volks +hat mir die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich +anzuklagen. Währt das noch länger, so erlieg ich. Der Hunger wütet +furchtbar in dem Lager. Ihre letzte Hoffnung ist eine große Zufuhr von +Getreide und Vieh, die aus Südgallien unter Segel ist. An den nächsten +Calenden wird sie auf der Höhe von Portus erwartet. Handle danach – aber +mach’ rasch ein Ende.« + +»Triumph,« sprach der Präfekt, »die Belagerung ist aus. Unsre kleine +Flotte lag bisher fast müßig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden. +Diese Königin ist die Erinnys der Barbaren.« Und er ging selbst zu +Belisar, der ihn mit edler Großheit empfing. – + +In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum +pincianischen Thore hinaus, dann links nach der flaminischen Straße +schwenkend. Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit +raschen Segeln nach Populonium, wo sich ein kleines römisches Geschwader +gesammelt hatte. Der Kampf um die Stadt ruhte, trotz Ablauf des +Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche darauf etwa, machte der König, +der sein Schmerzenslager zum erstenmal verließ, in Begleitung seiner +Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den sieben vormals +menschenwimmelnden Lagern waren völlig verödet und aufgegeben: auch die +übrigen vier waren nur noch spärlich bevölkert. Todmüde, ohne Klage, aber +auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und +Fieber verzehrt, vor ihren Zelten. + +Kein Zuruf, kein Gruß erfreute den wackern König auf seinem +schmerzensreichen Gang: kaum daß sie die müden Augen aufschlugen bei dem +Schall der nahenden Schritte. + +Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stöhnen der Kranken, der +Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man +die hinlängliche Zahl von Gesunden, die nötigsten Posten zu beziehen. Die +Wachen schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder +auf der Schulter zu tragen. + +Die Heerführer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Thor; im +Wallgraben lag ein junger Schütz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad +rief ihm zu: »Beim Hammer! Gunthamund, was ist das? deine Sehne ist ja +gesprungen, was ziehst du keine andre auf?« – »Kann nicht, Herr, die Sehne +sprang gestern bei meinem letzten Schuß. Und ich und die drei Bursche +neben mir, wir haben die Kraft nicht, eine neue aufzuziehen.« Hildebad gab +ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche: »hast du auf einen Römer +geschossen?« »O nein, Herr,« sagte der Mann, »eine Ratte nagte dort an der +Leiche. Ich traf sie glücklich und wir teilten sie zu viert.« + +»Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer?« fragte der König. »Tot, Herr. + +Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten +Marmorgrab.« + +»Und dein Vater Iffamuth?« – »Auch tot. Er vertrug’s nicht mehr, das +giftige Wasser aus den Pfützen. Der Durst, König, brennt noch heißer als +der Hunger. Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel.« »Ihr +seid alle aus dem Athesisthal?« »Ja, Herr König, vom Iffinger-Berg. O +welch köstlich Quellwasser dort daheim!« + +Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube +trinken. Seine Züge verfinsterten sich noch mehr. »He du, Arulf!« rief er +ihm zu, »du scheinst nicht Durst zu leiden?« – »Nein, ich trinke oft,« +sprach der Mann. »Was trinkst du?« – »Das Blut von den Wunden der +Frischgefallnen. Anfangs ekelt’s sehr: aber man gewöhnt’s in der +Verzweiflung.« + +Schaudernd schritt Witichis weiter. »Schick’ all’ meinen Wein ins Lager, +Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen.« – »All deinen Wein? O König, mein +Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb Krüge. Und +Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich stärken.« + +»Und wer stärkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!« + +»Komm mit nach Hause,« mahnte Totila, des Königs Mantel ergreifend. »Hier +ist nicht gut sein.« + +Im Zelt des Königs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den +schönen Marmortisch, der auf goldnen Gefäßen steinhartes verschimmeltes +Brot aufwies und wenige Stücke Fleisch. »Es war das letzte Pferd aus den +königlichen Ställen,« sagte Hildebad, – »bis auf Boreas.« – »Boreas wird +nicht geschlachtet! – mein Weib, mein Kind sind auf seinem Rücken +gesessen.« + +Und er stützte das müde Haupt auf die beiden Hände: eine neue schwere +Pause trat ein. »Freunde,« hob er endlich an, »das geht nicht länger also. +Unser Volk verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschluß ist schwer und +schmerzlich gereift –« + +»Sprich’s noch nicht aus, o König!« rief Hildebad. »In wenig Tagen trifft +Graf Odoswinth von Cremona ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem +Guten.« + +»Er ist noch nicht da!« sprach Teja. + +»Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist,« ermutigte Totila, »wird +er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum +eintrifft, mit den Besatzungen, die der König aus den Festen von Ravenna +bis Rom weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu füllen?« + +»Auch Ulithis ist noch nicht da,« sprach Teja. »Er soll noch in Picenum +stehen. Und kommt er glücklich an, so wird der Mangel im Lager noch +größer.« + +»Doch auch die Römerstadt muß fasten!« meinte Hildebad, das harte Brot mit +der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. »Laß sehn, wer’s länger +aushält!« + +»Oft hab’ ich’s überdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Nächten,« +fuhr der König langsam fort. + +»Warum? warum das alles so kommen mußte? Nach bestem Gewissen hab’ ich +immer wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns: +und ich kann’s nicht anders finden, als daß Recht und Treue auf unsrer +Seite stehen. Und wahrlich, an Kraft und Mut haben wir’s nicht fehlen +lassen.« + +»Du am wenigsten,« sagte Totila. + +»Und an keinem schwersten Opfer!« seufzte der König. »Und wenn nun doch, +wie wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und +allgewaltig, warum läßt er all’ dies ungeheure, unverdiente Elend zu? +Warum müssen wir erliegen vor Byzanz?« + +»Wir dürfen aber nicht erliegen,« schrie Hildebad. »Ich habe nie viel +gegrübelt über unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen ließe, müßte +man Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen +zerschlagen.« + +»Lästre nicht, mein Bruder!« sprach Totila. »Und du, mein edler König, Mut +und Vertrauen. + +Ja, es waltet ein gerechter Gott dort über den Sternen. Drum muß zuletzt +die gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung bis ans Ende.« + +Aber der Tiefgebeugte schüttelte das Haupt. »Ich gestehe es euch, ich habe +aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit, +nur einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, daß wir all’ dies schuldlos +leiden. Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so muß verborgne +Schuld an mir, an eurem König haften. Wiederholt, erzählen unsre Lieder +aus der Heidenzeit, hat sich ein König für sein Volk selbst den Göttern +geopfert, wenn Unsieg, Seuche, Mißwachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er +hat die verborgne Schuld auf sich genommen, die auf den Volksgenossen zu +lasten schien und sie durch Tod gebüßt, oder indem er ohne die Krone ins +Elend ging, ein friedloser Landflüchtiger. – Laßt mich die Krone abthun +von diesem Haupt ohne Glück noch Stern. Wählt einen andern, dem Gott nicht +zürnt: wählt Totila, oder –« + +»Das Wundfieber faselt noch aus dir!« unterbrach ihn der alte +Waffenmeister. »Du mit Schuld beladen! du, der Treueste von uns allen! +Nein, ich will’s euch sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der +Väter alte Kraft mit der Väter altem Glauben verloren habt, und nun keinen +Trost wißt für eure Herzen. Mich erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht.« – +Und seine grauen Augen leuchteten in seltnem Glanze über die Freunde hin. +»Alles was hier auf Erden erfreut und schmerzt, ist kaum der Freude noch +des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es hier unten an: ein treuer Mann +gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttot sterben, nicht den +Strohtot. Den treuen Helden aber tragen die Walküren aus dem blutigen Feld +auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar mit vollen +Bechern ihn begrüßen. Dann reitet er alltäglich mit ihnen hinaus zu Jagd +und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und +Skaldensang in goldner Halle beim Abendlicht. Und schöne Schildjungfrauen +kosen mit den Jungen: und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den +alten Helden der Vorzeit. Und ich werde sie alle wiederfinden, die starken +Gesellen meiner Jugend, den kühnen Winithar und Herrn Waltharis von +Aquitanien und Guntharis den Burgunden. Und schauen werd’ ich auch ihn, +dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den Geaten, und aus +grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Römer schlug, von dem noch +die Sänger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag’ ich Schild und +Speer meinem Herrn, dem König mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in +alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten +und alles ihres Wehs.« + +»Ein schön Gedicht, alter Heide,« lächelte Totila. »Wenn uns aber das +nicht mehr tröstet für wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch, +Teja, du finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie +fehlt uns dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein +tröstender Harfenschlag, du liederkundiger Sänger?« + +»Mein Wort,« sagte Teja aufstehend, »mein Wort und Gedanke wäre euch +vielleicht schwerer zu tragen als all’ dies Leid. Laß mich noch schweigen, +mein sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir +Antwort gebe. Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite +daran hält.« Und er schritt aus dem Zelte. + +Denn draußen in dem Lager hatte sich ein wirrer, rätselhafter Lärm von +rufenden, fragenden Stimmen erhoben. + +Die Freunde sahen ihm schweigend nach. »Ich weiß wohl, was er denkt,« +sagte der alte Hildebrand endlich. »Denn ich kenne ihn vom Knaben auf: Er +ist nicht wie andere. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Thor +und Odhin glauben, sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und +Stärke. Es ist fast zu schwer für ein Menschenherz. Und glücklich, – +glücklich macht es nicht, wie er zu denken. Mich wundert, daß er singt und +Harfe schlägt dabei.« + +Da riß Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhänge auf: sein Antlitz war +noch bleicher als zuvor: seine dunkeln Augen blitzten: aber seine Stimme +war ruhig wie sonst, da er sprach: »Brich das Lager ab, König Witichis. +Unsere Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf +Odoswinths Kopf ins Lager geschickt. Und sie lassen auf den Wällen Roms, +vor den Augen unserer Wachen, von den gefangenen Goten die erbeuteten +Rinder schlachten. Große Verstärkungen aus Byzanz unter Valerian und +Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine segelreiche Flotte aus +Byzanz in den Tiber geführt. Denn der blutige Johannes hat das Picenum +durchzogen ... –« + +»Und Graf Ulithis?« + +»Er hat Ulithis geschlagen und getötet, Ancona und Ariminum genommen. Und +–« + +»Ist das noch nicht alles?« rief der König. + +»Nein, Witichis! Eile thut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch +wenige Meilen von der Stadt.« + + + + + Sechzehntes Kapitel. + + +Am Tage nach dem Eintreffen dieser für die Goten so verhängnisvollen +Nachrichten hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief +entmutigtes Heer aus den vier noch übrigen Lagern herausgezogen. + +Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschließung gewährt. So viel Mut +und Kraft, so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen. + +Schweigend zogen die Goten an den stolzen Wällen vorüber, an denen ihr +Glück und ihre Macht zerschellt waren. Schweigend trugen sie die höhnenden +Worte, die Römer und »Romäer« (Byzantiner) ihnen von den sichern Zinnen +herab zuriefen. Ihr Zorn und ihre Trauer waren zu groß, um durch solchen +Spott getroffen zu werden. + +Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen Thore brechend, die +Abziehenden verfolgen wollte, wurde sie grimmig zurückgewiesen. Denn Graf +Teja führte die gotische Nachhut. + +So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Straße durch Picenum in +raschen Märschen (obwohl den von den Feinden besetzten Plätzen Narnia, +Spoletium und Perusium ausgewichen werden mußte) nach Ravenna, wo Witichis +zur rechten Zeit eintraf, die gefährliche Stimmung der Bevölkerung, die +auf die Kunde von dem Unglück der Barbaren schon mit dem drohenden +Johannes in geheime Verhandlungen getreten war, zu unterdrücken. + +Johannes zog sich bei der Annäherung der Goten in seine letzte wichtige +Eroberung Ariminum zurück. In Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit +den thrakischen Speerträgern und mit Kriegsschiffen. + +Der König führte aber keineswegs sein ganzes, von der Belagerung Roms +aufgebrochenes Heer nach Ravenna, sondern hatte unterwegs viele +Mannschaften in Festungen verteilt. Eine Tausendschaft ließ er unter +Gibimer in Clusium in Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter Albila, eine +halbe in Tudertum unter Wulfgis: in Auximum vier Tausendschaften unter +Graf Wisand, dem tapfern Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in +Caesena und Monsferetrus je eine halbe. Hildebrand entsandte er nach +Verona, Totila nach Tarvisium und Teja nach Ticinum, da auch der Nordosten +der Halbinsel durch byzantinische, von Istrien aus drohende Truppen +gefährdet wurde. + +Er that dies übrigens noch aus andern Gründen. + +Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. Dann, um im Fall +einer Einschließung nicht wieder sobald durch die große Stärke des Heeres +dem Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um für den nämlichen Fall die +Belagerer auch vom Rücken und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu +können. Sein Plan war zunächst, die seinem Hauptstützpunkt Ravenna +drohende Gefahr abzuwenden, und sich mit seinen zerrütteten Streitkräften +auf die Verteidigung zu beschränken, bis fremde Hilfstruppen, +langobardische und fränkische, die er erwartete, ihn in den Stand setzen +würden, wieder das offne Feld zu halten. + +Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese +gotischen Burgen hinzuhalten, erfüllte sich nicht. Er begnügte sich, sie +durch beobachtende Truppen einzuschließen und zog ohne weiteres gegen die +Hauptstadt und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. »Habe ich +das Herz zum Tode getroffen,« sagte er, »werden sich die geballten Fäuste +von selbst öffnen.« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Und so dehnten sich alsbald um die Königsstadt Theoderichs in weit +gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner, an allen drei Landseiten, von +der Hafenstadt Classis an bis zu den Kanälen und Zweigarmen des Padus, die +im Westen besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten. + +Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem +Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz +der Imperatoren: und auch das letzte Abendrot, das die glorreiche +Regierung Theoderichs über sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des +Krieges verschwunden. + +Aber gleichwohl. Welch andern Eindruck muß damals die immer noch +volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als +heute, wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Straßen, den leeren +Plätzen, den einsam schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch +anhaucht als draußen, vor den Mauern der Stadt, wo sich weithin die öde +Sumpflandschaft der Padusniederungen dehnt, bis sie in den Schlamm des +weit zurückgetretenen Meeres auslaufen. + +Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschäftiges +Leben wogte, wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adria-Flotte tief +schaukelnd sich wiegten, da liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem +Schilf und Riedgras verwilderte Büffel grasen; versumpft die Straßen, +versandet der Hafen, verschollen das Volk, das hier freudig geherrscht: – +nur ein riesiger runder Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein +erhaltnen, einsamen Basilika San Apollinare in Classe fuori, die, von +Witichis begonnen, von Justinian vollendet, nun eine Stunde fern von aller +Menschenwohnung auf der sumpfigen Ebene trauernd ragt. + +Die starke Seefestung galt für uneinnehmbar: darum hatten sie seit dem +Sinken ihrer Macht, und der wachsenden Gefährdung Italiens durch die +Barbaren, die Kaiser zur Residenz gewählt. Die Südost-Seite deckte das +damals noch bis an und in ihre und der Hafenstadt Mauern spülende Meer. + +Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrinthisches +Netz von Kanälen, Gräben und Sümpfen des vielarmigen Padus gesponnen, in +welchem sich der Belagerer rettungslos verstricken mußte. Und diese +Mauern! noch jetzt erfüllen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre +ungeheure Dicke und – weniger ihre Höhe als – die Anzahl von starken +Rundtürmen, die von ihren Zinnen noch heute aufsteigen, trotzten vor der +Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm, jedem gewaltsamen Angriff. Nur durch +Aushungerung hatte nach fast vierjährigem Widerstand der große Theoderich +diese letzte Zuflucht Odovakars bezwungen. + +Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit +Sturm zu nehmen. Kräftig ward sein Angriff abgewiesen und die Belagerer +mußten sich begnügen, die Festung enge zu umschließen und, wie einst der +Gotenkönig, durch Mangel zur Übergabe zu nötigen. Dem aber konnte Witichis +getrost entgegensehn. Denn er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in +diesem seinem Haupt-Bollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorräte +aller Art, namentlich aber Getreide, in außerordentlicher Menge in +besonders von ihm (mit Benutzung und in den Räumen des ungeheuren +Marmorcirkus des Theodosius) erbauten Kornspeichern von Holzgezimmer +aufgehäuft. Diese ausgedehnten Holzbauten, gerade gegenüber dem Palast und +der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Königs Stolz, Freude und Trost. +Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch das von den Feinden +durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom führen können: und bei einiger +Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel für die Bevölkerung und +das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis +dahin aber war das Eintreffen eines fränkischen Hilfsheeres infolge der +aufs neue angeknüpften Verhandlungen sicher zu erwarten. Und dieser +Entsatz mußte notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeiführen. + +Dies wußten – oder ahnten doch – Belisar und Cethegus so gut wie Witichis: +und rastlos spähten sie nach allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall +der Stadt zu beschleunigen. Der Präfekt suchte natürlich vor allem seine +geheime Verbindung mit der Gotenkönigin zu diesem Zwecke zu benutzen. Aber +einmal war der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert, da die Goten alle +Ausgänge der Stadt sorgfältig überwachten. Und dann schien auch +Mataswintha wesentlich verändert und keineswegs mehr so bereit und +willfährig, sich als Werkzeug gebrauchen zu lassen, wie ehedem. + +Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demütigung des Königs erwartet. Das +lange Hinzögern ermüdete sie: und zugleich hatten die großen Leiden ihres +Volkes in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschüttern. + +Dazu kam endlich, daß die traurige Verwandlung in dem sonst so kräftigen +und gesundfreudigen Wesen des Königs, der stille, aber tiefe und finstre +Gram, der über seiner Seele lag, mächtig an ihrem Herzen rüttelte. Wenn +sie auch mit der ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit dem bittern +Stolz gekränkter Liebe ihn verklagte, daß er ihr Herz verworfen und doch, +um der Krone willen, mit Gewalt ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie +ihn dafür auch mit der ganzen leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu +hassen glaubte und zum Teil auch wirklich haßte, so war doch dieser Haß +nur umgeschlagene Liebe. Und als sie ihn nun von dem schweren Unglück der +gotischen Waffen, von dem Fehlschlagen all’ seiner Pläne – an dem ihr +heimtückischer Verrat so großen Anteil trug, – tief, bis zur +krankhaft-schwermütigen Verfinsterung des Geistes, zu marternder +Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte dieser Anblick gewaltig auf +ihre aus Härte und Glut seltsam gemischte Natur. + +Sie hätte im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzücken sein Blut +fließen sehen. Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst +zerstören sehen, – das ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug +aber endlich wesentlich bei, daß sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine +Veränderung in des Königs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben +glaubte. Spuren von Reue, dachte sie, von Reue über die Gewaltsamkeit, mit +welcher er in ihr Leben eingegriffen hatte. + +Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes Auftreten bei den +selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkürlich +gemildert hatte, erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des +Entgegenkommens, den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren +Formen anerkannte und lohnte. Grund genug für Mataswinthens beweglich +flutende Gedanken, die Anträge des Präfekten, selbst wenn diese manchmal +noch durch des klugen Mauren Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen. + +Doch hatte der Präfekt aus dieser Quelle schon während des Zuges gegen +Ravenna erfahren, was später auch sonst bekannt wurde, daß die Goten Hilfe +von den Franken erwarteten. Unverzüglich hatte er deshalb seine alten +Verbindungen mit den Vornehmen und Großen, die an den Höfen zu Mettis +(Metz), Aurelianum (Orleans), und Suessianum (Soissons) im Namen der +merowingischen Schattenkönige herrschten, wieder angeknüpft, um die +Franken, deren damals sprichwörtlich gewordne Falschheit gute Aussicht auf +Gelingen solcher Versuche gewährte, von dem gotischen Bündnis wieder +abzuziehen. + +Und als die Sache durch diese Freunde gehörig vorbereitet war, hatte er an +König Theudebald, der zu Mettis Hof hielt, selbst geschrieben und ihn +dringend gewarnt, bei einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem +Scheitern der Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen. +Diesen Brief hatten reiche Geschenke an seinen alten Freund, den +Majordomus des schwachen Königs, begleitet: und sehnlich erwartete der +Präfekt von Tag zu Tag die Antwort auf denselben: um so sehnlicher, als +das veränderte Benehmen Mataswinthens die Hoffnung auf raschere +Überwältigung der Goten abgeschnitten hatte. + +Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz, +an einem für die Helden in und außer Ravenna gleich verhängnisvollen Tage. + + + + + Siebzehntes Kapitel. + + +Hildebad, ungeduldig über das lange Müßigliegen, hatte aus der ihm zu +besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen +heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht, anfangs in +ungestümem Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der +Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet. + +Er hätte unfehlbar noch viel größern Schaden angerichtet, wenn nicht der +rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all’ seine Feldherrnschaft und +all’ sein Heldentum zugleich entfaltet hätte. Ohne Helm und Harnisch, wie +er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden +Vorposten, dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch +äußerste persönliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen +gebracht. Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt +verwendet, daß Hildebads Rückzug ernstlich bedroht war und die Goten, um +nicht abgeschnitten zu werden, all’ ihre errungenen Vorteile aufgeben und +schleunigst in die Stadt zurückeilen mußten. + +Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur +Hilfe herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin, +nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als +Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig +einsog. »Wirklich, Belisarius,« schloß der Präfekt, »Kaiser Justinian kann +dir das nicht vergelten.« + +»Da sprichst du wahr,« antwortete Belisar stolz: »er vergilt mir nur durch +seine Freundschaft. Für seinen Feldherrnstab könnte ich nicht thun, was +ich für ihn schon gethan habe und noch immer thue. Ich thu’s, weil ich ihn +wirklich liebe. Denn er ist ein großer Mann mit allen seinen Schwächen. +Wenn er nur Eins noch lernte: mir vertrau’n. Aber getrost: – er wird’s +noch lernen.« + +Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem +kaiserlichen Gesandten überbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz +sprang Belisar, aller Müdigkeit vergessen, vom Polster auf, küßte die +purpurnen Schnüre, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und öffnete das +Schreiben mit den Worten: »Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun +wird er mir die Leibwächter senden und den lang geschuldeten Sold, den ich +erwarte, und das vorgeschossene Gold.« + +Und er begann zu lesen. + +Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Züge +verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in +schwerem Krampf zu heben: die beiden Hände, mit welchen er das Schreiben +hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe sie fragen konnte, +stieß Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das +kaiserliche Schreiben auf die Erde und stürzte außer sich aus dem Gezelt; +eilend folgte ihm seine Gattin. + +»Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen,« sagte Prokop, den Brief +aufhebend. »Laß sehn: wohl wieder ein Stücklein kaiserlichen Dankes,« – +und er las: »Der Eingang ist Redensart, wie gewöhnlich – aha, jetzt kommt +es besser: + +»Wir können gleichwohl nicht verhehlen, daß wir, nach deinen eignen +früheren Berühmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese +Barbaren erwartet hätten und glauben auch, daß eine solche bei größerer +Anstrengung nicht unmöglich gewesen wäre. Deshalb können wir deinem +wiederholt geäußerten Wunsche nicht entsprechen, dir deine übrigen +fünftausend Mann Leibwächter, die noch in Persien stehen, sowie die vier +Centenare Goldes nachzusenden, die in deinem Palaste in Byzanz liegen. + +Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich überflüssigermaßen +bemerkst, dein Eigentum: und dein in demselben Brief geäußerter Entschluß, +du wollest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschöpftheit des kaiserlichen +Säckels aus eignen Mitteln zu Ende führen, verdient, daß wir ihn als +pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in gleichem Briefe richtiger +hinzugefügt, all dein Hab’ und Gut deines Kaisers Majestät zu Diensten +steht und kaiserliche Majestät die erbetene Verwendung deiner Leibwächter +und deines Goldes in Italien für überflüssig halten muß, so haben wir, +deiner Zustimmung gewiß, anderweitig darüber verfügt und bereits Truppen +und Schätze, zur Beendung des Perserkriegs, deinem Kollegen Narses +übergeben.« – Ha, unerhört!« unterbrach sich Prokop. + +Cethegus lächelte: »Das ist Herrendank für Sklavendienst.« + +»Auch das Ende scheint hübsch,« fuhr Prokopius fort. – »Eine Vermehrung +deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wünschbar, als man +uns wieder täglich vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt. + +Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Scepter sei aus dem +Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: – gefährliche Gedanken +und ungeziemende Worte. + +Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Träumen unterrichtet. + +Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, dir +noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich, +daß die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nächsten +stehn.« + +»Das ist schändlich!« rief Prokop. »Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!« +sagte Cethegus. »Das heißt die Treue selbst zum Aufruhr peitschen.« + +»Recht hast du,« schrie Belisar, der, wieder hereinstürmend, diese Worte +noch gehört hatte. »Oh, er verdient Aufruhr und Empörung, der undankbare, +boshafte, schändliche Tyrann.« + +»Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zu Grunde!« beschwor +ihn Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war und suchte, seine Hand zu +fassen. + +»Nein, ich will nicht schweigen,« rief der Zornige, an der offenen +Zeltthür auf und niederrennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und +viele andere Heerführer mit Staunen lauschend standen. »Alle Welt soll’s +hören. Er ist ein undankbarer, heimtückischer Tyrann! Ja du verdientest, +daß ich dich stürzte! Daß ich dir thäte nach dem Argwohn deiner falschen +Seele, Justinianus!« + +Cethegus warf einen Blick auf die draußen Stehenden: sie hatten offenbar +alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den +Eingang und zog die Vorhänge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie +trat wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem +Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten Fäuste gegen seine +Brust und stammelte: »O Justinianus, hab’ ich das um dich verdient? O zu +viel, zu viel!« Und plötzlich brach der gewalt’ge Mann in einen Strom von +hellen Thränen aus. Da wandte sich Cethegus verächtlich ab: »Lebwohl,« +sagte er leise zu Prokopius, »mich ekelt es, wenn Männer heulen.« + + + + + Achtzehntes Kapitel. + + +In schweren Gedanken schritt der Präfekt aus dem Zelt und ging, das Lager +umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen +Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Thor des Honorius. Es war auf der +Südseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg führte zum +Teil am Meeresstrand entlang. + +So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der große Gedanke, der +der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschäftigte, so schwer die +Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefühlsüberschwenglichen +Gemütsmenschen, und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade +jetzt auf ihm lastete, – doch ward seine Merksamkeit, wenn auch nur +vorübergehend, auf das außergewöhnliche Aussehen der Landschaft, des +Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen. + +Es war Oktober: – aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz +geändert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein +Gewölk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dünstereichen +Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt plötzlich – es war gegen Sonnenuntergang – +bemerkte Cethegus im Osten, über dem Meer, am fernsten Horizont, eine +einzelne rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen +sein mußte. + +Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine +Strahlen. Kein Lufthauch kräuselte die bleierne Flut des Meeres. + +Keine noch so leise Welle spülte an den Strand. In der weitgestreckten +Ebene regte sich kein Blatt an den Olivenbäumen. Ja, nicht einmal das +Schilf in den Sumpfgräben bebte. + +Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein +fremdartiger, erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drückend über Land +und Meer zu liegen und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen +unruhig gegen die Bretter der Planken, an welchen sie im Lager angebunden +waren. Einige Kamele und Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht, +wühlten den Kopf in den Sand. – + +Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um +sich. »Das ist schwül: wie vor dem »Wind des Todes« in den Wüsten +Ägyptens,« sagte er zu sich selber. – »Schwül überall – außen und innen. – +Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft +entladen?« + +Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, »Herr, wär’ ich daheim, +ich glaubte heute: der Gifthauch des Wüstengottes sei im Anzug,« und er +reichte ihm einen Brief. + +Es war die Antwort des Frankenkönigs! Hastig riß Cethegus das große, +prunkende Siegel auf. + +»Wer hat ihn gebracht?« + +Ein Gesandter, der, nachdem er den Präfekten nicht getroffen, sich zu +Belisar hatte führen lassen. Er hatte den nächsten Weg – den durchs Lager +– verlangt. Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt. + +Er las begierig: »Theudebald, König der Franken, Cethegus dem Präfekten +Roms. Kluge Worte hast du uns geschrieben. Noch klügere nicht der Schrift +vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgethan. Wir sind nicht +übel geneigt, danach zu thun. Wir nehmen deinen Rat und die Geschenke, die +ihn begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglück gelöst. Dies, +nicht unsere Wandelung, mögen sie verklagen. + +Wen der Himmel verläßt, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie +fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold für das Hilfsheer in mehreren +Centenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein +Hindernis. + +Wir behalten diese Schätze als Pfand, bis sie uns die Städte in Südgallien +abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken +vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits +vorbereitet und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit +gefährlichem Murren die Langeweile des Friedens tragen würde, sind wir +gewillt, unsere siegreichen Scharen gleichwohl über die Alpen zu schicken. +Nur anstatt für: gegen die Goten. + +Aber freilich, auch nicht für den Kaiser Justinianus, der uns fortwährend +den Königstitel vorenthält, sich auf seinen Münzen Herrn von Gallien +nennt, uns keine Goldmünzen mit eigenem Brustbild prägen lassen will und +uns noch andere höchst unerträgliche Kränkungen unserer Ehre angethan. Wir +gedenken vielmehr, unsere eigene Macht nach Italien auszudehnen. + +Da wir nun wohl wissen, daß des Kaisers ganze Stärke in diesem Lande auf +seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine große Zahl alter und +neuer Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu führen hat: so werden +wir diesem Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen, +wobei wir ihm ein Heer von hunderttausend Franken-Helden zu Hilfe senden +und uns dafür nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin +abtreten lassen werden. + +Wir halten für unmöglich, daß ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne. +Falls du zu diesem Plane mitwirken willst, verheißen wir dir eine Summe +von zwölf Centenaren Goldes und werden, gegen eine Rückzahlung von zwei +Centenaren, deinen Namen in die Liste unserer Tischgenossen aufnehmen. Der +Gesandte, der dir diesen Brief gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern +Antrag Belisar mitzuteilen.« + +Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen. + +Jetzt fuhr er auf. »Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: – in dieser +Stimmung: – er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend +Franken-Kriegern! Er darf nicht leben.« – + +Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er plötzlich +stehen: »Thor, der ich war!« lächelte er kalt. »Heißblütig noch immer? Er +ist ja Belisar und nicht Cethegus! Er nimmt nicht an. Das wäre, wie wenn +der Mond sich gegen die Erde empören wollte, als ob der zahme Haushund +plötzlich zum grimmigen Wolfe würde. Er nimmt nicht an! Aber nun laß +sehen, wie wir die Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen. Nein, +Frankenkönig,« und er lächelte bitter auf den zusammengeknitterten Brief, +»solang Cethegus lebt, – nicht einen Fuß breit von Italiens Boden.« + +Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern. +Und einen dritten –: nun blieb er stehen –: und über seine mächtige Stirn +zuckt’ es hin. »Ich hab’ es!« frohlockte er. »Auf, Syphax,« rief er, »geh’ +und rufe mir Prokop.« – + +Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur +Erde gefallenen Brief des Merowingen. »Nein,« lächelte er triumphierend, +ihn aufhebend, »nein, Frankenkönig, nicht soviel Raum als dieser Brief +bedeckt, sollst du haben von Italiens heiliger Erde.« + +Bald erschien Prokop. Die beiden Männer pflogen über Nacht ernste, schwere +Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkühnen Plänen des Präfekten und +weigerte sich lange, darauf einzugehen. + +Aber mit überlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert +und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand, +noch eh’ er ausgesprochen, mit siegender Überredung nieder und ließ nicht +eher ab, seine unzerreißbaren und dichten Fäden um den Widerstrebenden zu +ziehen, bis dem Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. – + +Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit +blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. »Cethegus,« +sagte er aufstehend, »ich bewundere dich. + +Wär’ ich nicht Belisars, – ich möchte dein Geschichtschreiber sein.« + +»Interessanter wäre es,« sagte der Präfekt ruhig, »aber schwerer.« + +»Doch graut mir vor der ätzenden Schärfe deines Geistes. Sie ist ein +Zeichen der Zeit, in der wir leben. Sie ist wie eine blendendfarbige +Giftblume auf einem Sumpfe. Wenn ich denke wie du den Gotenkönig durch +sein eigen Weib zu Grunde gerichtet ... –« + +»Ich mußte dir das jetzt sagen. Leider hab’ ich in letzter Zeit wenig von +meiner schönen Verbündeten gehört.« + +»Deine Verbündete! Deine Mittel sind ...« – »Immer zweckmäßig.« + +»Aber nicht immer ..! – Gleichviel, ich gehe mit dir: – noch eine Strecke +Weges, weil ich meinen Helden aus Italien fort haben will, sobald als +möglich. Er soll in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber ich +gehe nicht weiter mit dir als bis ... –« + +»Zu deinem Ziel, das versteht sich.« + +»Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle nicht am Erfolg. Sie +langweilt sich hier aufs tödlichste. Sie brennt vor Begierde, in Byzanz +nicht nur so manchen Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten +zu verderben.« + +»Eine gute schlechte Frau.« + +»Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Empörung Belisars für möglich +halten?« + +»König Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe. Ich kenne +einen viel schärferen Kopf, der’s doch einen Augenblick für möglich hielt. +Und du zeigst ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den +Franken im Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an den Hals: – er +greift nach jedem Strohhalm. Daran also zweifle ich nicht: – versichre +dich nur Antoninens.« – + +»Das laß meine Sorge sein. Bis Mittag hoff’ ich als Gesandter in Ravenna +einzuziehn.« + +»Wohl: – dann vergiß mir nicht, die schöne Königin zu sprechen.« + + + + + Neunzehntes Kapitel. + + +Und Mittags ritt Prokop in Ravenna ein. + +Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an Belisar, die Briefe +des Frankenkönigs an Cethegus und an Belisar und einen Brief Belisars an +Witichis. Diesen letztern hatte Prokop geschrieben und Cethegus hatte ihn +diktiert. + +Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung er den König +der Goten und seine Königin antraf. Der gesunde, aber einfache Sinn des +Königs hatte schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck +unausgesetzten Unglücks zwar nicht zu verzagen, jedoch sich zu verdüstern. +Die Ermordung seines einzigen Kindes, das herzzerfleischende Losreißen von +seinem Weibe hatten ihn schwer erschüttert: – aber er hatte es getragen +für den Sieg der Goten. Und nun war dieser Sieg hartnäckig ausgeblieben. + +Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat +seiner Regierung tiefer gefallen: mit einziger Ausnahme des Gefechts bei +dem Zug nach Rom hatte ihm nie das Glück gelächelt. + +Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit +dem Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rückzug geendet. +Neue Unglücksschläge, Nachrichten, die betäubend wie Keulenschläge auf den +Helm in dichter Folge sich drängten, mehrten seine Niedergeschlagenheit +und steigerten sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit. + +Fast ganz Italien, außerhalb Ravenna, schien Tag für Tag verloren zu +gehen. Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet, +unter Mundila, dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich +gewannen deren gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da +aus fast ganz Ligurien. Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der +Bischof dieser Stadt, selbst: von dort aus gewannen sie Bergomum, Comum, +Novaria. Andrerseits ergaben sich die entmutigten Goten in Clusium und dem +halbverfallnen Dertona den Belagerern und wurden gefangen aus Italien +geführt. Urbinum ward nach tapferm Widerstand von den Byzantinern erobert, +ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft Ämilia durch Johannes den +Blutigen: die Versuche der Goten, Ancona, Ariminum und Mediolanum wieder +zu nehmen, scheiterten. + +Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Königs weiches Gemüt. + +Denn inzwischen wütete der Hunger in den weiten Landschaften Ämilia, +Picenum, Tuscien. Dem Pfluge fehlten Männer, Rinder und Rosse. + +Die Leute flüchteten in die Berge und Wälder, buken Brot aus Eicheln und +verschlangen das Gras und Unkraut. Verheerende Krankheiten entstanden aus +der mangelnden oder ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen fünfzig +tausend Menschen, noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien, +dem Hunger und den Seuchen. Bleich und abgemagert wankten die noch +Lebenden dem Grabe zu: wie Leder ward die Haut und schwarz, die glühenden +Augen traten aus dem Kopf, die Eingeweide brannten. Die Aasvögel +verschmähten die Leichen dieser Pestopfer: aber von Menschen ward das +Menschenfleisch gierig gegessen. Mütter töteten und verzehrten ihre +neugebornen Kinder. In einem Gehöft bei Ariminum waren nur noch zwei +römische Weiber übrig. Diese ermordeten und verzehrten nacheinander +siebzehn Menschen, die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der +achtzehnte erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwürgen vermochten, +tötete die werwölfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der +früheren Opfer ans Licht. + +Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung. +Die letzteren, die große Summen für das zugesagte Hilfsheer empfangen +hatten, verharrten in schweigender Ruhe. Die ungestüm zur Eile, zur +Erfüllung der versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten +des Königs wurden zu Mettis, Aurelianum und Paris festgehalten: keinerlei +Antwort kam von diesen Höfen. Der Langobardenkönig Audoin aber ließ sagen: +er wolle nichts entscheiden ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin, +dieser jedoch sei mit großem Gefolge auf Abenteuer ausgezogen. + +Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: – er sei mit Narses +eng befreundet. Dann werde er das Land sich ansehn und seinem Vater und +Volke raten, welche Beschlüsse sie über dies Land Italia fassen sollten. + +Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des +starken Belagerungsheeres, das Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor +die Mauern geführt hatte und während der Einschließung befehligte. Aber es +zerriß dem König das Herz, als ihm durch einen Boten (der nur mit Mühe und +verwundet sich durch die Reihen beider einschließenden Heere in das drei +Tagreisen entfernte Ravenna schlich) der heldenmütige Graf Wisand der +Bandalarius die folgenden Worte sandte: »Als du mir Auximum anvertrautest, +sagtest du: ich sollte damit die Schlüssel Ravennas, ja des Gotenreiches +hüten. Ich sollte männlich widerstehen, dann würdest du bald mit all’ +deinem Heer zu unsrem Entsatz heranziehen. Wir haben männlich widerstanden +Belisar und dem Hunger. Wo bleibt dein Entsatz? Wehe, wenn du recht +gesprochen und mit unsrer Feste jene Schlüssel in der Feinde Hände fallen. +Deshalb komm und hilf: – mehr um des Reichs, als unsrer willen.« + +Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem Golde bestochner +Soldat der Belagerer, Burcentius: sein Auftrag lautete – mit Blut war der +kurze Brief geschrieben: – »Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, das +aus den Steinen wächst. Länger als fünf Tage können wir uns nicht mehr +halten.« Der Bote fiel auf der Rückkehr mit der Antwort des Königs in die +Hand der Belagerer, die ihn im Angesicht der Goten vor den Wällen von +Auximum lebendig verbrannten. + +Ach und der König konnte nicht helfen! + +Noch immer widerstand das Häuflein Goten in Auximum, obwohl ihnen Belisar +durch Zerstörung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten +Brunnen, der ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen von +Menschen und Tieren und Kalklösungen vergiftete. Sturmangriffe schlug +Wisand immer noch blutig ab: nur durch Aufopferung eines Leibwächters +entging einmal Belisar hierbei dem ganz nahen Tode. + +Endlich fiel zuerst Cäsena, die letzte gotische Stadt in der Ämilia, und +dann Fäsulä, das Cyprianus und Justinus belagerten. »Mein Fäsulä!« rief +der König, als er es erfuhr: – denn er war Graf dieser Stadt gewesen und +dicht dabei lag das Haus, das er mit Rauthgundis bewohnt hatte. »Die +Hunnen hausen wohl an meinem zerstörten Herd!« + +Als aber die gefangene Besatzung von Fäsulä den Belagerten in Auximum in +Ketten vor Augen geführt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von +Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da nötigten den Bandalarius +seine verhungerten Scharen zur Übergabe. + +Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus. + +Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien geführt. Ja, so tief +gesunken war Mut und Volksgefühl der endlich Bezwungenen, daß sie unter +Graf Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen +unter Belisars Fahnen. + +Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen +Belagerer dieser Feste zurückgeführt in das Lager vor Ravenna, wo er +Cethegus den bisher anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm. + +Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkönigs hafte, auf dem so +schwer die Krone lastete. Da er nun den Grund seines Mißlingens keiner +Schwäche, keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig +an dem guten Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine +einfache Gottesfurcht in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des +Himmels erblicken konnte, so kam er immer wieder auf den quälenden +Gedanken, es sei um seiner unvergebenen Sündenschuld willen, daß Gott die +Goten züchtige: eine Verstellung, welche die Anschauungen des die Zeit +beherrschenden alten Testaments ihm nicht minder nahe legten als viele +Züge der alten germanischen Königssage. + +Diese Gedanken verfolgten unablässig den tüchtigen Mann und nagten Tag und +Nacht an der Kraft seiner Seele. Bald suchte er im selbstquälerischen +Grübeln jene seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, wie er +den ihn verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden könne. +Längst hätte er die Krone einem andern abgetreten, wenn ein solcher +Schritt in diesem Augenblick nicht ihm und andern als Feigheit hätte +erscheinen müssen. So war ihm auch dieser Ausweg – der nächste und liebste +– aus seinen quälenden Gedanken verschlossen. Gebeugt saß jetzt oft der +sonst so stattliche Mann, blickte lange starr und schweigend vor sich hin, +nur manchmal das Haupt schüttelnd oder tief aufseufzend. + +Der tägliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses stummen und +hilflosen Erduldens eines niederdrückenden Geschickes blieb, wie wir +gesehen, nicht ohne Eindruck auf Mataswintha. Auch glaubte sie sich nicht +darin getäuscht zu haben, daß seit geraumer Zeit sein Auge milder als +sonst, mit Wehmut, ja mit Wohlwollen auf ihr geruht habe. Und so drängte +sie teils uneingestandene Hoffnung, die so schwer erlischt im liebenden +Herzen, teils Reue und Mitleid mächtiger als je zu dem leidenden König. + +Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit +vereint. Die Bevölkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen +angefangen, während die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und +aus Calabrien und Sicilien reiche Vorräte bezogen, Mangel zu leiden. Nur +die Reichen vermochten noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen. +Des Königs mildes Herz nahm keinen Anstand, aus dem Überfluß seiner +Magazine, die, wie gesagt, die doppelte Zeit bis zu dem Eintreffen der +Franken auszureichen versprachen, auch an die Armen der Stadt wohlthätige +Verteilungen zu machen, nachdem er seine gotischen Tausendschaften +versorgt hatte: auch hoffte er auf eine große Menge von Getreideschiffen, +welche die Goten in den oberen Padus-Gegenden auf diesem Flusse +zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten. + +Um aber jeden Mißbrauch und alles Übermaß bei jenen Spenden fernzuhalten, +überwachte der König selbst diese Austeilungen: und Mataswintha, die ihn +einmal mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, hatte +sich neben ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris +gestellt und ihm geholfen, die Körbe mit Brot verteilen. Es war ein +schöner Anblick, wie das Paar, er zur Rechten, die Königin zur Linken, vor +der Kirchenpforte standen und über die Stufen hinab dem segenrufenden Volk +die Spende reichten. + +Während sie so standen, bemerkte Mataswintha unter der drängenden, +flutenden Volksmasse, – denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten +vor den Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengeströmt, – +auf der untersten Stufe der Basilika seitwärts ein Weib in schlichtem, +braunem, halb über den Kopf gezogenem Mantel. Dies Weib drängte nicht mit +den andern die Stufen hinan, um auch Brot für sich zu fordern: sondern +lehnte, vorgebeugt, den Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen +hohen Sarkophag gestützt, hinter der Ecksäule der Basilika und blickte +scharf und unverwandt auf die Königin. + +Mataswintha glaubte, das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz +abgehalten, sich unter die keckern Bettler zu mischen, die auf den Stufen +sich stießen und drängten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot, +hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich bemüht häufte sie mit +mildem Blick und mit den beiden weißen Händen thätig das duftende +Gebäck. – + +Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Königs, das, sanft und +freundlich gerührt, wie noch nie, auf ihr geruht hatte. – Heiß schoß ihr +das Blut in die Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern. + +Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte, war +diese verschwunden. Der Platz am Sarkophag war leer. + +Sie hatte, während sie den Korb füllte, nicht bemerkt, wie ein Mann mit +einem Büffelfell und einer Sturmhaube, der hinter der Frau stand, sie beim +Arme gefaßt und mit sanfter Gewalt hinweggeführt hatte. »Komm,« hatte er +gesagt, »hier ist kein guter Ort für dich.« Und wie im wachen Traum hatte +das Weib geantwortet: »Bei Gott, sie ist wunderschön.« + +»Ich danke dir, Mataswintha!« sprach der König freundlich, als die für +heute bestimmten Spenden verteilt waren. + +Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr Herz. Nie hatte er sie +bisher bei ihrem Namen genannt, immer nur die Königin in ihr gesehen und +angesprochen. Wie beglückte sie das Wort aus seinem Munde – und wie schwer +lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewußten Seele! Offenbar +hatte sie sich zum Teil seine wärmere Stimmung durch ihr werkthätiges +Mitleid mit den Armen erworben. »O er ist gut,« sagte sie, halb weinend +vor Erregung, »ich will auch gut sein.« + +Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken +Flügels des Palastes trat – Witichis bewohnte den rechten – eilte ihr Aspa +geschäftig entgegen. »Ein Gesandter aus dem Lager,« flüsterte sie der +Herrin eifrig zu. »Er bringt geheime Botschaft vom Präfekten – einen +Brief, von Syphax Hand, in unsrer Sprache – er harrt auf Antwort ...« – + +»Laß,« rief Mataswintha, die Stirne furchend, »ich will nichts hören, +nichts lesen. Aber wer sind diese?« + +Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle in ihre Gemächer +führte. Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber, Kinder, Kranke, +Goten und Italier durcheinander, in Lumpen gehüllt – eine Gruppe des +Elends. + +»Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. Sie sind nicht zu +verscheuchen.« – »Man soll sie nicht verscheuchen!« sprach Mataswintha, +näher tretend. + +»Brot, Königin! Brot, Tochter der Amalungen!« riefen mehrere Stimmen ihr +entgegen. »Gieb ihnen Gold, Aspa, alles, was du bei dir trägst und hole .. +–« – »Brot! Brot! Königin, nicht Gold! um Gold ist kein Brot mehr zu haben +in der Stadt.« + +»Vor des Königs Speichern wird es umsonst verteilt. Ich komme gerade davon +her, warum wart ihr nicht dort?« + +»Ach Königin, wir können nicht durchdringen,« jammerte eine hagere Frau. +»Ich bin alt und meine Tochter hier ist krank und jener Greis dort ist +blind. Die Gesunden, die Jungen stoßen uns zurück. Drei Tage haben wir’s +umsonst versucht: wir dringen nicht durch.« – »Nein, wir hungern,« grollte +der Alte. »O Theoderich, mein Herr und König, wo bist du? Unter deinem +Scepter hatten wir vollauf. – Da kamen die Armen und Siechen nicht zu +kurz. Aber dieser Unglückskönig ... –« + +»Schweig,« sprach Mataswintha, »der König, mein Gemahl« – und hier flog +ein wunderschönes Rot über ihre Wangen – »thut mehr als ihr verdient. +Wartet hier, ich schaffe euch Brot. Folge mir, Aspa.« + +Und rasch schritt sie hinweg. »Wohin eilst du?« fragte die Sklavin +staunend. + +Und Mataswintha schlug den Schleier über ihr Antlitz, als sie antwortete: +»Zum König!« + +Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht, bat sie der Thürsteher, der +sie mit Befremden erkannte, zu verweilen. »Ein Abgesandter Belisars habe +geheime Audienz: er sei schon lange im Gemach und werde es bald +verlassen.« + +Da öffnete sich die Thüre: – und Prokop stand zögernd auf der Schwelle. +»König der Goten,« sprach er, sich nochmals wendend, »ist das dein letztes +Wort?« – »Mein letztes, wie’s mein erstes war,« sprach der König voller +Würde. – »Ich gönne dir noch Zeit: – ich bleibe noch bis morgen in +Ravenna.« – »Von jetzt an bist du mir als Gast willkommen, nicht mehr als +Gesandter.« – »Ich wiederhole: fällt die Stadt mit Sturm, so werden alle +Goten, die höher als Belisars Schwert, getötet – er hat’s geschworen! – +Weiber und Kinder als Sklaven verkauft – Du begreifst: Belisar kann keine +Barbaren brauchen in _seinem_ Italien – Dich mag der Tod des Helden +locken: aber bedenke die Hilflosen – ihr Blut wird vor Gottes Thron –« – +»Gesandter Belisars, ihr steht in Gottes Hand wie wir; lebwohl.« Und so +mächtig wurden diese Worte gesprochen, daß der Byzantiner gehen mußte, so +ungern er es that. Die schlichte Würde dieses Mannes wirkte stark auf ihn. +Aber auch auf die Lauscherin. + +Als Prokop die Thüre schloß, sah er Mataswintha vor sich stehn und trat +bewundernd einen Schritt zurück, geblendet von soviel Schönheit. +Ehrerbietig begrüßte er sie. »Du bist die Königin der Goten!« sagte er, +sich fassend, »du mußt es sein.« + +»Ich bin’s!« sagte Mataswintha, »hätt’ ich das nie vergessen.« Und stolz +rauschte sie an ihm vorüber. + +»Augen haben diese Germanen, Männer und Weiber,« sagte Prokop im +Hinausgehen, »wie ich sie nie gesehen.« + + + + + Zwanzigstes Kapitel. + + +Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten. + +Witichis hatte alle Gemächer, welche die Amalungen, Theoderich, +Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitläufigen +Palastes) unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm, wenn er +die Wache am Hofe hatte, bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen. Er +hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen +Zimmern allen königlichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern +Eisenfüßen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden +lagen, ein langer Eichentisch und wenig Holzgerät standen in dem einfachen +Gelaß. + +Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschöpft, mit dem Rücken +gegen die Thür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in +beiden Händen auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt +der Eintretenden nicht bemerkt. + +Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch +niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mächtig. Sie konnte ihn nicht +ansprechen: sie konnte nicht näher treten. + +Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt +an der Thüre stehen. »Du hier Königin?« sprach er staunend und trat ihr +einen Schritt entgegen. »Was kann dich zu mir führen?« + +»Die Pflicht – das Mitleid« – sagte Mataswintha rasch. »Sonst hätte ich +nicht – – ich habe eine Bitte an dich.« + +»Es ist die erste,« sagte Witichis. – »Sie betrifft nicht mich« – fiel sie +schnell ein – »Ich bitte dich um Brot für Arme, Kranke, welche« – + +Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin. – + +Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und hätte es doch, o +wie gerne, gethan. So faßte er selbst ihre Hand und drückte sie leicht. + +»Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch +ein Herz für dein Volk und seine Leiden. Ich hätte das nie geglaubt: ich +habe hart von dir gedacht.« + +»Hättest du von jeher anders von mir gedacht: – es wäre vielleicht manches +besser.« + +»Schwerlich! Das Unglück heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt – du hast +ein Recht, es zu wissen – brach meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf +deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmöglich: die +Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß. Es bleibt nur +noch ein letztes: ein freier Tod.« + +»Laß mich ihn mit dir teilen,« rief Mataswintha, und ihre Augen +leuchteten. – »Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme +finden am Hofe von Byzanz. Man weiß, daß du gegen deinen Willen meine +Königin geworden .. – Du kannst dich laut darauf berufen.« + +»Nimmermehr!« sprach Mataswintha begeistert. + +Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: »Aber die +andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern! +Belisar hält, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie: – +eine einzige! Denn – alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich. +Der Padus ist plötzlich so seicht geworden, daß zweihundert +Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluß +herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen! + +Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben: er soll seine +Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen, +so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll. +Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.« + +»Ich will mit dir –, mit euch sterben.« + +»In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen. +Bis dahin reichen meine Speicher – der letzte Trost. Doch, das mahnt mich +an deinen Wunsch: – Hier ist der Schlüssel zu dem Hauptthor der Speicher. +Ich trag’ ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: – er +verwahrt meine letzte Hoffnung. Er schließt das Leben von vielen Tausenden +ein. Es war meine einzige Mühewaltung, die nicht fruchtlos blieb. Mich +wundert,« fügte er schmerzlich hinzu, »daß nicht die Erde sich aufgethan +hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu +verschlingen.« + +Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses. »Hüt’ +ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.« + +»Ich danke dir, Witichis – König Witichis –« sagte sie, verbessernd, und +griff nach dem Schlüssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel. + +»Was ist dir,« fragte der König, den Schlüssel ihr in die Rechte drückend, +– sie steckte ihn in den Gürtel ihres weißseidnen Unterkleides – »du +zitterst? Bist du krank?« setzte er besorgt hinzu. + +»Nein – es ist nichts. – Aber sieh mich nicht an so – so wie jetzt und wie +heute morgen ... –« »Vergieb mir, Königin,« sagte Witichis, sich +abwendend. »Meine Blicke sollten dich nicht kränken. Ich hatte viel, recht +viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich +all dies Unglück verdient haben könnte ...« – seine Stimme wurde weich. + +»Dann? o rede?« bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr +an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens. + +»Dann hab’ ich, unter all’ den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es +nicht Strafe sei für eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen +Geschöpf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert –« Und +unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin. + +Mataswinthens Wangen erglühten: sie faßte, sich aufrecht zu halten, nach +der Lehne des Stuhles neben ihr. »Endlich – endlich erweicht sein Herz und +ich – was habe ich ihm gethan!« dachte sie »und Er bereut. –« + +»Ein Weib,« fuhr er fort, »das unsäglich um mich gelitten, mehr als Worte +sagen können.« – »Halt ein!« flüsterte sie so leise, daß er es nicht +vernahm. »Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher, +milder, weiblicher als je zuvor – Dann rührtest du mein Herz mit Macht: +und Thränen drangen in meine Augen.« – + +»O Witichis!« hauchte Mataswintha. + +»Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst +mich dann so ganz, so herzerschütternd an –« + +»An wen?« fragte Mataswintha und wurde leichenblaß. + +»Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib +Rauthgundis, die Seele meiner Seele.« Wie lange hatte er den geliebten +Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang +die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend +bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen. + +Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzähnlich durch die +Gestalt der Königin zuckte, ihr schönes Antlitz sich medusenhaft +verzerrte. Doch hörte er einen dumpfen Schlag und wandte sich. + +Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die +durchbrochene Rücklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war, +während die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches +Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus +dem Scheitelband, über ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nüstern +flogen. + +»Königin!« rief er hinzueilend, sie aufzuheben, »was hat dich befallen?« + +Aber ehe er sie berühren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und +richtete sich hoch auf: »Es war eine Schwäche,« sagte sie, »die jetzt +vorbei: – leb wohl!« Wankend erreichte sie die Thür und fiel draußen +bewußtlos in Aspas Arme. + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur +noch gesteigert. + +Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war +der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die +Nacht über aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen +unbeweglich, wie Verderben brütend, über dem Meere stand und die Hälfte +des Horizonts bedeckte. + +Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus +dem unbewölkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch +abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser +unleidlichen Hitze aus. Kein Lüftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der +jene Wolkenschicht heraufgeführt, war plötzlich gefallen. Unbeweglich, +bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schloßgarten standen +regungslos. + +Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und +Unruhe geraten. An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben, +Möwen und Sumpfvögel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der +Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber +liefen die Hunde winselnd aus den Häusern: die Pferde rissen sich in den +Ställen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, dröhnenden Hufes um sich; +kläglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren +Belisars rasten und schäumten sich drei zu Tode in wütenden Anstrengungen, +zu entkommen. – + +Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont +zu sinken. + +Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe +vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte +Rebenzweig über seiner Thür zeigte, in seinem Hause selbst von seinem +Gewächs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk. »Ich wollte, es käme +Regen,« seufzte er. »Kömmt nicht Regen, so kömmt Hagel und zerschlägt +vollends, was an Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht +zerstampft haben.« + +»Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?« flüsterte sein Sohn, ein +römischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische +Runde. + +»Ich wollte, der Orcus verschlänge sie alle miteinander, Griechen und +Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kömmt der +lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn +er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten möchten vor +Trockenheit.« + +Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam +heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze lässig über der Schulter. +Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu großem Befremden ihres Herrn, bog +in die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken +Rundturm, – er hieß der Turm des Aëtius –, in dessen Schatten oben auf dem +Walle ein schöner junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde +Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiß und Rot seines +Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mädchenhaftes +Ansehn. + +»He, Fridugern,« rief ihm Hildebad hinauf, »huiweh! Blitzjunge, hältst +du’s noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer +– uf!« + +»Ich habe die Wache, Hildebad!« sagte der Jüngling sanft. + +»Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar +stürmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute +kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen – der dicke Ravennate auf dem +Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter: – laß uns beide zu Munde +führen.« + +Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich. +»Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen. Durst habe ich freilich: – +schicke mir einen Becher Wein herauf.« + +»Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut über den +Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei +gebrochen, wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst. O +lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts für ungut. Mir kann’s +ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter +werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: – da kannst du dann +allein Allgunthens Minne trinken.« + +Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte +ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flüsterte: »All +Heil, Allgunthis!« und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze +wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen +Schrittes. »Von ihr sinnen und träumen darf ich wenigstens,« sagte er, +»das wehrt kein Dienst. Wann werd’ ich sie wohl wieder sehn?« Und er +schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen +Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. – + +Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie führten in der +Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließen ihn zur Porta Honorii +hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden +gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom König kam: und +mißmutig verließ der Gesandte die Stadt. Des Präfekten feiner Plan war, so +schien es, an der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert. – + +Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kühler geworden. +Da erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden: er schob +die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten +jetzt dicht und schwer über der Stadt. + +Aber auch das Meer, der Südosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine +zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich +unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel über Meer und Land +war jetzt ein schwarzes Gewölbe. + +Hildebad ging, weinmüde, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii: +»Noch immer auf Wache, Fridugern?« rief er dem jungen Goten hinauf. »Und +noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie dürsten muß! sie dauert +mich! Gute Wache!« + +In den Häusern war es unleidlich schwül: denn der Wind kam aus den heißen +Sandwüsten Afrikas. + +Die Leute drängten sich, geängstigt von dem drohenden Aussehen des +Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder +lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken. +Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen. Und +es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch völlig dunkle Nacht. + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Königin, mit +todesbleichen Wangen, in schwerer Betäubung. Aber ohne Schlaf. Die +weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit. + +Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und +zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen. + +Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder. +Witichis – Rauthgundis – Mataswintha! Mataswintha – Rauthgundis – +Witichis! + +Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf +dieser Worte unterbrechen zu können. + +Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und +im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner, +wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend über +die bebende Stadt. + +Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte +sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen. +Sie trug nur noch das weißseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen +ihres Haares über die Schultern und lauschte. + +Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag. + +Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe +führte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden +Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhörlich rollte der +Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend. Der Kampf +der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestützt +und mit der Rechten langsam über die Stirne streichend. + +Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer +geschlossenen Glaskugel brannte. + +»Königin, du .. – Aber, bei allen Göttern, wie siehst du aus! Wie eine +Lemure. Wie die Rachegöttin!« + +»Ich wollte, ich wäre es,« sagte Mataswintha – es war das erste Wort seit +langen Stunden, – ohne den Blick vom Fenster zu wenden. + +Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloß das Fenster. »O +Königin, die Frommen unter deinen Mägden sagen: das sei das Ende der Welt, +das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu +richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch’ ein Blitz! Und noch kein +Tropfen Regen. Nie hab’ ich solch ein Unwetter gesehen. Die Götter zürnen +schwer.« + +»Wehe, wem sie zürnen. O, ich beneide sie, die Götter. Sie können hassen +und lieben, wie’s ihnen gefällt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder +liebt.« + +»Ach Herrin, ich war auf der Straße: ich komme gerade zurück. Alles Volk +strömt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versöhnen. Ich +bete zu Kairu und Astarte – Herrin, betest du nicht auch?« + +»Ich fluche! Das ist auch gebetet.« + +»Oh, welch ein Donnerschlag!« schrie die Sklavin und stürzte zitternd in +die Knie’. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren +Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, daß Mataswintha aus +den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war. + +»Gnade, Gnade, ihr großen Götter! erbarmt euch der Menschen!« flehte die +Afrikanern. + +»Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben über die elende Menschheit! + +Ha, das war schön! Hörst du, wie sie unten heulen vor Angst auf der +Straße? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Götter, wenn ein +Himmelsgott oder Himmelsgötter sind – nur um eins beneid’ ich euch –: um +die Macht eures Hasses, um euren raschen, geflügelten, tödlichen Blitz! +Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde +vergehn: und ihr lacht dazu: – der Donner ist euer Gelächter! Ha, was war +das?« + +Ein Blitz und ein Donner, der alle frühern übertraf, zuckte und krachte. +Aspa fuhr vom Boden auf. + +»Was ist das für ein großes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenüber? +Der Blitz hat wohl gezündet: – brennt es?« + +»Nein, Dank den Göttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur +beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Königs.« + +»Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Götter?« So schrie die Königin. »Auch die +Sterblichen führen den Blitz der Rache.« + +Und sie sprang vom Fenster hinweg, – und das Gemach war plötzlich dunkel. + +»Königin – Herrin – wo bist – wohin bist du verschwunden?« rief Aspa. Und +sie tastete an den Wänden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst +nach ihrer Herrin. + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein +frommer Zug. + +Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit +Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und +Fahnen. Und durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des +Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise: + + _dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:_ + _malo mori quam foedari: major vis amoris est._ + +Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete: + + _parce, judex, contristatis parce pecatoribus,_ + _qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus._ + +Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nächsten Aufseher der +Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an. + +Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thür der Speicher gegenüber, saß +das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente, +die Hände nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der +Sturmhaube stand neben ihr. + +Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines +Blitzes. »Du wieder hier, Landsmännin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft +genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?« + +»Ich bin fremd. Doch hab’ ich Obdach.« – »Komm mit in die Kirche und bete +mit uns.« + +»Ich bete hier.« – »Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?« + +»Gott hört mich doch.« – »Bete doch für die Stadt. Sie fürchten, es komme +das Ende der Welt.« + +»Ich fürchte es nicht, wenn es kommt.« + +»Und bete für unsern guten König, der uns Brot giebt alle Tage.« – »Ich +bete für ihn.« + +Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich +an der Basilika kreuzten. + +»Ei so donnre, bis du springst,« schalt der Führer der einen Schar, »aber +brumme mir nicht in meinen Befehl. + +Haltet an. Wisand, du bist’s? Wo ist der König? Auch in der Kirche?« + +»Nein, Hildebad, auf den Wällen.« + +»Recht so, da gehört er hin! Vorwärts, Heil dem König.« Und die Schritte +verhallten. + +Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei. »Aber, +Magister,« mahnte der jüngste, »ich dachte, du wolltest in die Kirche? +Warum führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?« + +»Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche! +Ich sage dir, je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiß, desto wohler +ist mir. Ich führ’ euch auf die große, freie Wiese in der Vorstadt. Ich +wollte, wir hätten Regen. Wäre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner +Heimat, ich dächte, Ravenna werde heut’ ein zweites Herculaneum. Ich kenne +solche Luft, wie sie heute weht – ich traue nicht!« Und sie gingen +vorüber. + +»Willst du nicht mit mir gehn, Frau?« sprach der Mann in der Sturmhaube zu +der Gotin. »Ich muß sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen: +sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich +nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.« + +»Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh’ nur, ich komme nach. +Ich muß noch was zu Ende denken –, zu Ende beten.« Und die Frau blieb +allein. Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den +schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen. + +Da war es ihr, als sähe sie in den Hochgängen, Galerien und Oberhallen des +gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenüber +lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen +und hin und wieder, auf und abwärts wandeln. Es mußte wohl eine Täuschung +durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in +den nach außen offenen Galerien verlöscht. + +Aber nein: es war doch ein Licht. + +Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein +Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren +verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde. Scharf sah die Frau +nach dem wechselnden Licht und Schatten ... – – + +Aber plötzlich – o Entsetzen – fuhr sie empor. + +Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend +Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde – und +schwankte, – stark, – von der Linken zur Rechten. – + +Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. – + +Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das +Licht und verschwand plötzlich. – + +Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus. Denn +jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! – Ein +leises Zucken: und plötzlich zwei, drei starke Stöße: als hebe sich +wellenförmig der Boden von der Linken zur Rechten. + +Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei. Aus den Thüren der Basilika stürzte +in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. – Noch ein Stoß! – Die +Frau hielt sich mit Mühe aufrecht. + +Und fernher, von der Außenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes +Krachen, wie von massenhaft stürzenden, schweren Lasten. + +Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht. + + + + + Einundzwanzigstes Kapitel. + + +Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte, +drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte +sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thüre +zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte +ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der +Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises +Seufzen zu vernehmen. + +»Halt,« rief die Frau, »wer jammert da?« + +»Still, still,« flüsterte eine seltsame Stimme, »die Erde hat darüber – +vor Abscheu – sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt – die Toten stehen +auf. – Es kommt der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird er’s +wissen. – Oh. –« Und ein tiefgezogener Klagelaut – und ein Rauschen von +Gewändern – und Stille. + +»Wo bist du? bist du wund?« rief die Frau tastend. + +Da zuckte ein heller Blitz, – der erste seit dem Erdstoß – und zeigte, vor +ihren Füßen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weiße und dunkelblaue +Frauenkleider. – Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden. + +Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im +Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein +Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grünen Schlange +von Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der +Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung. + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. »Hildebad, +Hildebad, zu Hilfe!« rief Wisand. »Hier bin ich: – was ist? wohin soll +ich?« fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. »An das Thor des +Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius +liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die Lücke!« + +»Ich komme: – – armer Fridugern!« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner +Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller +Rüstung, der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine +Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. »Auf! was +säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von +selber ein. + +Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. – Und du? was +thust du in deinem Zelt? – –« + +»Ich verehre die Größe des Allmächtigen!« sagte Belisar mit edler Ruhe. +Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. – Ein +Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des +Präfekten das Paar gestört. »Das thu’ morgen. – Nach dem Sieg. Jetzt aber: +stürme!« + +»Jetzt stürmen!« sprach Antonina, »welcher Frevel! + +Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott +der Herr spricht in diesen Wettern!« + +»Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und +ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?« + +»Er hat nicht unrecht,« meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. – +»Aber es ist finstre Nacht. – –« + +»Im Finstern find’ ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch +leuchten die Blitze.« + +»Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig,« zögerte Belisar. + +»Ja, denn jetzt hat’s Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft. + +Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.« + +Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt. +»Belisar,« meldete der erste, »der Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben +umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!« – »Hilfe, +Hilfe! meine armen Leute!« rief Belisar und eilte aus dem Zelte. +»Cethegus,« berichtete Marcus, »auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt +unter ihren Zelten verschüttet.« Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd, +frug der Präfekt: »was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem +Aëtiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?« – »Ja, das Wasser ist +verschwunden – der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine +Isaurier sind’s: sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung und +schreien um Hilfe.« + +»Laß sie schreien!« sprach Cethegus. – »Der Graben ist wirklich trocken? +So laß zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Söldnern, die noch leben.« + +Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich rasten, eilte +der Präfekt zu seinen Schanzen, wo seine römischen Legionare und der Rest +der Isaurier unter Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu +wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wußte, daß ein +günstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreißen würde. »Lichter, Fackeln +her!« rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte +seiner römischen Legionare. »Vorwärts,« befahl er, »die Schwerter heraus!« + +Aber kein Arm rührte sich. + +Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Führer, auch +die Licinier, auf den dämonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur +nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als +Mittel ansah zu seinem Zweck. + +»Nun, habt ihr auf mich zu hören, oder auf den Donner?« rief er. + +»Feldherr,« mahnte ein Centurio vortretend, »sie beten. Denn die Erde +bebt.« + +»Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Römer, seht: +der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bäumt +sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen. _Roma! Roma aeterna!_« + +Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, welche die Männer und +die Waffen fortreißen. + +»_Roma! Roma aeterna!_« riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der +römischen Jünglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und +Donner und Sturm, folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer Schwung +sie mit fortriß. Die Begeisterung lieh ihnen Flügel. Rasch waren sie über +den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. – Cethegus +der erste am jenseitigen Rand. – Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht. – +Im Finstern fand er den Weg. »Hierher, Licinius,« rief er, »mir nach! hier +muß die Lücke sein.« + +Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte +zurück. »Was ist das?« fragte Lucius Licinius hinter ihm, »eine zweite +Mauer?« – »Nein,« sprach eine ruhige Stimme von drüben, »aber gotische +Schilde.« – »Das ist der König Witichis,« sagte der Präfekt grimmig und +maß mit bitterem Haß die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung +gezählt. Seine Hoffnung war getäuscht. »Hätt’ ich ihn,« sprach er grimmig +in sich hinein, »er sollte nicht mehr schaden.« + +Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten +schmetterten. Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz. +Prokop erreichte den Präfekten: »Nun, was stockt ihr? Halten euch neue +Wälle auf?« + +»Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie,« und der Präfekt deutete mit dem +Schwert. »Unter den noch fallenden Trümmern, diese Goten!« – + +»Nun wahrlich!« rief Prokop: »_si fractus illabatur orbis, impavidos +ferient __ruinae!_ Das sind mutige Männer.« + +Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen +heran. Einen Augenblick, – nur die Führer eilten noch, Befehle erteilend +hin und wieder, – einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden mußte +beginnen. + +Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt. Eine Flammensäule +schoß hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom +Himmel zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es war ein +furchtbar herrlicher Anblick. + +Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne. + +»Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis,« schrie jetzt ein Reiter, der von +der Stadt her jagte, »es brennt.« + +»Das sehen wir. Laß brennen, Markja! Erst fechten, dann löschen.« + +»Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in +Myriaden Funken durch die Luft.« + +»Die Speicher brennen!« schrien Goten und Byzantiner. + +Witichis versagte die Stimme, zu fragen. »Der Blitz muß schon lange im +Innern gezündet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da +sieh, sieh hin. –« + +Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie +riesengroß. Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer. Zugleich schien +der hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach +einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken +empor. Es war ein Flammenmeer. + +Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: – matt sank sein Arm +herunter. + +Cethegus sah’s: »Jetzt,« rief er, »jetzt zum Sturm!« + +»Nein, haltet ein!« rief mit Löwenstimme Belisarius. »Der ist ein Feind +des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager – +alle: jetzt ist Ravenna mein – und morgen fällt’s von selbst.« + +Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cethegus knirschte. Er +allein war zu schwach. Er mußte nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er +hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren +Hauptwerken festzusetzen. + +Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert +werden. Grollend führte er die Seinen zurück. + +Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten. + + + + + Zweiundzwanzigstes Kapitel. + + +Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad +übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt. + +Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: – aber nur aus Mangel +an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergerüsten, und +dem Dach, alles was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten +Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ruß- und +rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus, des Cirkus +des Theodosius, starrten noch gen Himmel. + +Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mußte +sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben +mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des +Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den +Dachlücken herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald +darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt: die Einwohner hatten +vollauf zu thun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen +Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor +Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein +Ende machte. + +Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das +Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der +Mitte des Marmorrundbaus. + +Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen +Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal +den Mantel auf der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick +dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift. Jetzt ward es +grabesstill in seinem Innern. + +Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen +von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. »O, was wird jetzt aus +uns!« – »O, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das ich noch +gestern hier erhielt.« – »O, was werden wir jetzt essen?« + +»Bah, der König muß aushelfen.« – »Ja, der König muß Rat schaffen.« – »Der +König?« + +»Ach, der arme Mann, woher soll er’s nehmen?« – »Hat er doch selbst nichts +mehr.« – »Das ist seine Sache.« – »Er allein hat uns in all die Not +gebracht.« – »Er ist an allem Schuld.« – »Was hat er die Stadt nicht lang +dem Kaiser übergeben.« – »Jawohl, ihrem rechtmäßigen Herrn!« – »Fluch den +Barbaren!« – Sie sind an allem Schuld.« – »Nicht alle, nein, der König +allein. Seht ihr’s denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!« – »Strafe? +wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!« – »So +wißt ihr’s nicht? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der +sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen Mataswintha hat ihn +gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. – Sein ehlich Weib +hat er verstoßen.« + +Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber +sie erkannten seinen Schritt. + +»Da ist der König! Wie finster er blickt,« riefen sie durcheinander und +wichen zur Seite. »O, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr +als seinen Zorn. Schaff’ uns Brot, König Witichis. Hörst du’s, wir +hungern!« sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel. »Brot, +König!« – »Guter König, Brot!« – »Wir verzweifeln!« – »Hilf uns!« Und wild +drängte sich die Menge um ihn. + +Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. »Geduldet euch,« sprach er +ernst. »Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.« Und er eilte nach seinem +Gemach. + +Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt. + +»Herr,« sprach dieser mit besorgter Miene, »die Königin, deine Gemahlin +ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie +spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?« + +»Nicht jetzt, sorgt für sie.« »Sie reichte mir,« fuhr der Arzt fort, »mit +größter Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden +am meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. +Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von +höchster Wichtigkeit.« + +Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur +Seite. »Er ist es nicht mehr. – Geht, verlaßt mich und sendet meinen +Schreiber.« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn +eintreten. + +Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast’gen Schritten auf und +niederging, entgegen: »Das kömmt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen +Künsten! von deinen Lügen! Ich hab’ es immer gesagt: vom Lügen kömmt +Verderben: und ich verstehe mich nicht d’rauf! O, warum bin ich dir +gefolgt! Jetzt steck’ ich in Not und Schande!« + +»Was bedeuten diese Tugendreden?« fragte Cethegus seinen Freund. + +Dieser reichte ihm einen Brief. »Lies. Diese Barbaren sind unergründlich +in ihrer großartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; +lies.« + +Und Cethegus las mit Staunen: »Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen +gethan: + +Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im Bund mit den Franken das +Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten +freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest. + +Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen +ab und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres großen +Königs: eher fall’ ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern +gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und +Erde gegen uns empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab’ ich heut’ +Nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch +auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines +Volkes. Das soll nicht länger also sein. Nur meine Krone versperrte einen +ehrenvollen Ausweg: sie soll’s nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen +Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie +deiner. Wohlan: stütze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf +das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen +sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Laß mich den +Ersten sein, der dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König +der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine +Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein +Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache +dich gefaßt auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann +mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein +ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab’s geschworen. Wähle. Witichis.« + +Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch +hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine +Blick beruhigte ihn wieder ganz. »Er ist ja Belisar,« sagte er sich +abermals. »Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche +Versuchung! –« + +Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: »Welch ein Einfall! Wozu doch +die Verzweiflung führt.« + +»Der Einfall,« meinte Prokop, »wäre gar so übel nicht, wenn .. –« + +»Wenn Belisar nicht Belisar wäre,« lächelte Cethegus. + +»Spart euer Lachen,« schalt dieser. »Ich bewundre den Mann. Und es darf +mich nicht mehr beleidigen, daß er mich der Empörung fähig hält. Hab’ ich +es ihm doch selber vorgelogen.« Und er stampfte mit dem Fuß. »Ratet jetzt +und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann +ich nicht. Und sag’ ich nein: – darf ich des Kaisers Heer als vernichtet +anseh’n. Und muß obenein bekennen, daß ich die Empörung nur erlogen.« + +Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend. +Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog +verschönend über sein Gesicht: »so kann ich sie beide verderben!« Er war +in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar +ganz sicher machen. »Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge thun,« +sagte er zaudernd. + +»Rede: ich sehe weder eins noch das andre.« + +»Entweder wirklich annehmen –« + +»Präfekt,« rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte +erschrocken seinen Arm. – »Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb +dir dein Leben.« + +»Oder,« fuhr dieser ruhig fort, »zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich +einziehn in Ravenna. Und – – die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach +Byzanz schicken.« + +»Das ist glänzend!« rief Prokop. »Das ist Verrat!« rief Belisar. + +»Es ist beides,« sagte Cethegus ruhig. + +»Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.« + +»Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das +entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.« + +»Nein, nein, das thu’ ich nicht.« + +»Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich +gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in +Verzweiflung kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den +Verderber seines besten Heeres loben!« + +»Es ist eine furchtbare Wahl,« zürnte Belisar. + +Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. »Belisar,« sprach er mit +gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: »du hast mich oft für +deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann +neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?« + +Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem +sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop +erstaunte. + +»Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft +in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir, +Belisarius?« Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm +treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge. + +»Ja,« sagte Belisar, »wer könnte solchem Blick mißtrauen.« + +»Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern Herrn gehabt +als du. – Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner +Treue.« + +»Das weiß der Himmel.« + +»Und nie hat ein Mann,« – hier faßte er ihn an beiden Händen – +»herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnödeste Mißtrauen zu beschämen, +sich aufs glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du +bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. +Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh’ in Ravenna ein, laß +dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. +Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier – wahrlich, +du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz und sein stolzer +Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all’ dies in +Händen hast, – du legst all’ die Macht und all’ die Herrlichkeit deinem +Herrn zu Füßen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein +Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue +noch nie auf Erden erprobt.« + +Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete. + +»Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab’ Dank. Das ist groß +gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!« + +Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thüre. + +»Armer Witichis,« flüsterte Prokop ihm zu: »er wird diesem Musterstück von +Treue aufgeopfert. – Jetzt ist er verloren.« + +»Ja,« sagte Cethegus, »er ist verloren, gewiß.« Und draußen vor dem Zelt +warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: »Aber gewisser noch +du selber, Belisar.« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen. + +»Nun, Feldherr,« fragte er, »die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann +geht’s zum Kampf?« + +»Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg’ deine Waffen ab und gürte dich, zu +reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.« – »An wen?« +– »An den Kaiser und die Kaiserin.« – »Nach Byzanz?« – »Nein, zum Glück +sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn +Tagen mußt du zurück sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal +harrt auf deine Wiederkunft.« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht, +berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten +Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das +Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung. + +Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens +folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf +den König blickend: »Die letzte deiner Königsthaten, Witichis, ist so +edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd’ ich +ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir +blindlings folge. Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden: +denn du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du König +sein, – leichter mögen die Wölsungen einem Fremden, einem Belisar als +einem Goten nachstehn. Und so folg’ ich dir und sage: ja, du hast gut und +groß gehandelt.« + +»Und ich sage nein! und tausendmal nein!« rief Hildebad. »Bedenkt, was ihr +thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!« + +»Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und +Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?« +sagte Witichis ruhig, »ja was andres, als was unsere glorreichsten Könige +und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und +erhielten dafür Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien +von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich +wahrlich nicht besser als Theoderich.« + +»Ja, wenn es Justinian wäre,« fügte Guntharis bei. »Nie unterwerf’ ich +mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. – +Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul +gerannt?« + +»Schlag mich der Donner, wenn ich’s ihm vergesse. Es ist das Einzige, was +mir an ihm gefallen hat.« + +»Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben +im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine +Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen +Feind.« + +Und fast alle Versammelten stimmten bei. + +»Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen,« rief Hildebad. – »Von je +hab’ ich die Zunge ungefüger, als die Axt geführt. – Aber ich fühl’ es +deutlich: ihr habt unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier, +der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr’s nie bereuen! Mir +aber sei’s vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn. +Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh’ auf Abenteuer in die Welt: +mit Schild und Speer und groben Hieben kömmt man weit.« + +Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch +umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen +lag. »Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna +besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer mit ihren +Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese, +sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den +verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.« + +»Hütet euch,« warnte Hildebad, »daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt! +Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. ’s ist, wie wenn der +Waldbär auf das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. Lebt +wohl: – mög’ es besser auffallen als ich ahne. + +Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne, +wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja +aber, denk’ ich, zieht mit mir davon.« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die +Bedingungen waren ungewiß. Aber gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des +Königs große Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, +welche an die Armen verteilt wurden. »Er hat Wort gehalten!« sagten diese +und segneten den König. + +Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, daß +sie sich langsam wieder beruhige und erhole. »Geduld: – sprach Witichis +aufatmend – auch sie wird bald frei und meiner ledig.« + +Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der +innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. – Ein langer +Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit +Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest +der stark gerüsteten Männer. + +»Auf mit dem Notriegel!« rief der Führer, »wir wollen hinaus.« + +»Du bist es, Hildebad?« rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab +Befehl zu öffnen. »Weißt du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo +willst du hin?« + +»In die Freiheit!« rief Hildebad und gab seinem Roß die Sporen. + + + + + Dreiundzwanzigstes Kapitel. + + +Mehrere Tage waren vergangen, bis die Königin Mataswintha sich aus den +wirren Fieberphantasien und aus dem von wilden Träumen gequälten +Schlummer, der auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte. + +Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Außenwelt und den gewaltigen +Entscheidungen gegenüber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine +Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefühl ihrer ungeheuern +frevelhaften Thaten. + +Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie +die Fackel in der Hand durch die Nacht gestürmt war, in zerstörende Reue, +in Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge +That gethan, hatte sie der Erdstoß in die Kniee geworfen: und ihr von +allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten +Frevels erwachendes Gewissen glaubte, die Erde wolle sich über ihre Unthat +empören: sie sah die Rache des Himmels hereinbrechen über ihr schuldiges +Haupt. + +Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die +ihre Hand entzündet, riesengroß emporsteigen sah, als sie das +tausendstimmige Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien +jede Flamme an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu +verfluchen. Sie verlor das Bewußtsein: sie brach zusammen unter den Folgen +ihrer That. + +Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmählich des Geschehenen +wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den König völlig +gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue über ihre That, zitternde +Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfüllte sie ganz. + +Um so mehr, als sie selbst wußte und von allen Seiten vernahm, wie der +Untergang der Speicher den König zur Ergebung an seine Feinde zwingen +werde. + +Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand, +selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemächern sich zu erkundigen, beschwor +sie die staunende Aspa, um keinen Preis den König vor ihr Antlitz treten +zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und +häufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden +auffordern ließ, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhändig die +für sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit maßloser Freigebigkeit +Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen. + +Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem +Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade +gebeten hatte, sie möchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes +die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewähren. + +Es gelte des Königs Heil: es gelte zu warnen vor thätigem, überführbarem +Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswintha +gewährte eifrig die Bitte. – + +Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen, +was auch nur mit dem Verwand seiner Rettung an sie trat. Auf +Sonnenuntergang bestellte sie das Weib. – + +Die Sonne war gesunken. Der Süden kennt fast keine Dämmerung. Es war +finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine +Sklavin winkte. Die Königin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur +achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht sei sie sehr schwach. +Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem König gelte. + +»Ist das aber auch gewiß wahr?« forschte die Sklavin. »Nicht unnütz möcht’ +ich meine Herrin mühen:« – es war Aspa – »wenn ihr nur Gold damit erlisten +wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben als ihr begehrt: – nur +schont meine Herrin. Gilt es dem König wirklich?« + +»Es gilt dem König!« Seufzend führte Aspa die Frau in das Gemach +Mataswinthens. + +Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in +leichtes, weißes Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des großen +Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die +goldene Ampel, die über demselben in die Wand eingelassen war, brannte +bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers müde sitzen. +»Tritt näher,« sprach sie. »Es gilt dem König? warum zögerst du? Rede.« + +Das Weib deutete auf Aspa. »Sie ist verschwiegen und treu.« – »Sie ist ein +Weib.« Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Mädchen. + +»Amalungentochter – ich weiß: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich +zu ihm geführt. – (Wie wunderschön sie ist, obzwar todesblaß!) Doch, +Gotenkönigin bist du: _seine_ Königin – ob du ihn auch nicht liebst: – +sein Reich, sein Sieg muß dir das Höchste sein.« + +Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. »So denkt jede Bettlerin +im Gotenvolk!« seufzte sie. + +»Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gründen. + +So sprech’ ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu +warnen. Höre mich.« Und sie trat näher, scharf auf die Königin blickend. +»Wie seltsam,« sprach sie zu sich selbst. »Welche Ähnlichkeit der +Gestalt.« + +»Verrat! Noch mehr Verrat?« – »So ahnst auch du Verrat?« – »Gleichviel. +Von wem? Von Byzanz? Von außen? Von dem Präfekten?« + +»Nein,« sprach das Weib kopfschüttelnd. »Nicht von außen. Von innen. Nicht +von einem Mann. Von einem Weib.« + +»Was redest du?« sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. »Wie kann ein +Weib –« + +»Dem Helden schaden? Durch höllische Bosheit des Herzens! Nicht mit +Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtückischem Gift oder, +wie schon geschehen – mit heimtückischem Feuer.« + +»Halt ein!« Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurück an den +Mosaiktisch, sich daran lehnend. + +Aber das Weib folgte ihr, leise flüsternd: »Wisse das Unglaubliche, das +Schändliche! Der König glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe +sein Korn verbrannt. Ich aber weiß es besser. Und auch Er soll es wissen. +Wissen, gewarnt durch _deinen_ Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die +Bosheit. Ich sah in jener Nacht eine Fackel durch die Speichergänge eilen +und ein Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib. Du +willst hinweg? Nein, höre nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen. +Den Namen? Ich weiß ihn nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam +mir: doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen – diese +Schlange von Smaragd.« + +Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den +Armreif erhebend. + +Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden +nackten Arme. – Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhülle. Ihr rotes +Haar flutete nieder und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken +Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange. + +»Ah!« schrie das Weib laut auf. »Beim Gott der Treue! Du! Du selber +bist’s! + +Seine Königin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch über dich! Das soll er +wissen!« + +Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen +zurück. Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als +sie eintrat, war die Königin schon allein. Der Vorhang des großen Eingangs +rauschte. Die Bettlerin war verschwunden. + + + + + Vierundzwanzigstes Kapitel. + + +Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes, +Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer +Heerführer in den Palast des Königs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die +näheren Bedingungen und die Formen der Übergabe. + +Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen. +Die beiden Hauptwünsche, um deren willen das Volk den ganzen schweren +Kampf getragen, würden erreicht: sie würden frei sein und im ungeteilten +Besitz des fruchtbaren Südlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war. +Das war weitaus mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit +dem Abzug von Rom und dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu +erwarten war. Und die Häupter der Sippen und sonst die einflußreichsten +Männer im Heere, die jetzt von dem bevorstehenden Schritt Belisars +verständigt wurden, billigten vollständig die beschlossenen Bedingungen. + +Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus +Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna +stehende Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die +Unmöglichkeit ein, in der ausgesogenen Landschaft außer den Truppen +Belisars mit dessen Vorräten auch noch das gotische Heer und die +Bevölkerung zu versorgen: und so bewilligte er die Forderung Belisars, daß +die Goten, in Gruppen von Hunderten und Tausenden, zu allen Thoren der +Stadt hinausgeführt und in allen Richtungen nach ihren Heimstätten +entlassen würden. + +Belisar fürchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge +Verrat, den man vor hatte, ruchtbar würde: und er wünschte deshalb die +Verteilung des aufgelösten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von +Ravenna, so hoffte er etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu +dämpfen. Und Tarvisium, Verona und Ticinum, die letzten festen Plätze der +Goten in ganz Italien, konnten dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen +sie gewendeten Macht widerstehen. + +Die Ausführung dieser Maßregeln erforderte mehrere Tage Zeit. + +Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschloß +Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Hälfte +in das byzantinische Lager verlegt, die andre Hälfte in den Quartieren der +Stadt verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnäckigen +Anhängern Justinians zu brechen. + +Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am +meisten wunderte, war, daß nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den +Zinnen des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzenträger Belisars dort +oben bei ihr Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern. + +Gegen einen etwaigen Versuch des Präfekten, sich wie in Rom durch +Besetzung der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte +Belisar vorsichtige Maßregeln getroffen. Cethegus durchschaute sie und +lächelte. Er that nichts dagegen. + +Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cethegus in glänzender +Rüstung in das Zelt Belisars. + +Er traf nur Prokop. »Seid ihr bereit?« fragte er. »Vollständig.« – +»Welches ist der Moment?« – »Der Augenblick, in dem der König im Schloßhof +zu Pferde steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht.« + +»Wieder einmal alles?« lächelte der Präfekt. »Eins habt ihr mir doch noch +übrig gelassen. Es wird nicht ausbleiben, daß die Barbaren, sowie unser +Plan gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern +werden. Mitleid und Rachedurst für ihren König könnten sie zu sehr wilden +Thaten führen. + +Die ganze Begeisterung für Witichis und die Entrüstung gegen uns würde nun +im Keim erstickt, und die Goten sähen sich nicht von uns, sondern von +ihrem König verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen würde, er +habe die Stadt nicht an Belisar als Gotenkönig und Rebellen gegen +Justinian, sondern einfach an den Feldherrn Justinians übergeben. Jene +Empörung Belisars, die ja auch wirklich ausbleibt, erscheint dann den +Goten als eine bloße von ihrem König ersonnene Lüge, die Schande der +Ergebung ihnen zu verhüllen.« + +»Das wäre vortrefflich; aber Witichis wird das nicht thun.« + +»Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den +Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?« + +»Er hat nur einmal unterschrieben.« + +»Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir +aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf daß auch Belisar,« lächelte +er, »das wertvolle Schriftstück besitze.« + +Prokop blickte hinein. – »Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich +kein gotisch Schwert mehr für ihn. Aber –« + +»Laß die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig, +im Drang des Augenblicks, ohne zu lesen« – + +»Oder?« + +»Oder,« vollendete Cethegus finster, »er unterschreibt später. +Unfreiwillig. – – Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug +nicht begleite. Meinen Glückwunsch an Belisar.« + +Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht +gerüstet und blickte düster vor sich hin. + +»Eile, Feldherr,« mahnte Prokop, »Ravenna harrt ihres Besiegers. Der +Einzug –« + +»Nichts von Einzug,« sprach Belisar grimmig. »Ruf’ die Soldaten ab. Mich +reut der ganze Handel.« + +Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen. + +»Belisar!« rief Prokop entsetzt, »welcher Dämon hat dir das eingeblasen?« +»Ich!« sagte Antonina stolz, »was sagst du nun?« »Ich sage, daß große +Staatsmänner keine Frauen haben sollten!« rief Prokop ärgerlich. »Belisar +entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab’ ihn unter +Thränen ... –« + +»Versteht sich,« brummte Prokop, »die kommen stets zu rechter Zeit.« – +»Unter Thränen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so +schwarzem Verrat befleckt sehen.« + +»Und ich will’s nicht sein. Lieber reit’ ich besiegt im Orcus ein, denn +also als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht +abgegangen. – Also ist’s noch Zeit.« + +»Nein,« sagte Cethegus herrisch, von der Thür ins Zelt schreitend. »Zum +Glück für dich ist’s nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen +an den Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glück gewünscht, daß +sein Feldherr ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg +beendet.« + +»Ah, Präfekt,« rief Belisar. »Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser +Eifer?« + +»Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem +Glücke zwingen muß. Und weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein +Italien zerfleischt.« Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch +jetzt der dämonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu +entgehen vermochte. »Wag’ es, versuch es jetzt! Tritt zurück, enttäusche +Witichis und opfre einer Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein +Heer. Siehe zu, ob dir das Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas +Seele diese Schuld! Horch, die Trompeten rufen: rüste dich! Es bleibt dir +keine Wahl!« Und er eilte hinaus. + +Bestürzt sah ihm Antonina nach. »Prokop,« fragte sie dann, »weiß es der +Kaiser wirklich schon?« + +»Und wenn er es noch nicht wüßte, – zu viele sind schon in das Geheimnis +eingeweiht. Nachträglich erfährt er jedenfalls, daß Ravenna und Italien +sein war, und – daß Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur +daß er sie erlangt und – abliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian.« + +»Ja,« sagte Belisar seufzend, »er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl.« + +»So geh,« sprach Antonina eingeschüchtert. »Mir aber sei’s erlassen, bei +diesem Einzug dich zu begleiten: – es ist ein Schlingenlegen, kein +Triumph!« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Die Bevölkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren über die näheren +Bestimmungen, war doch gewiß, daß der Friede geschlossen und den langen +und schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei. + +Und die Bürger hatten in aufatmender Freude über diese Erlösung die +Trümmer, die das Erdbeben auf sehr viele Straßen geworfen, hinweggeräumt +und ihre befreite Stadt festlich geschmückt. Laubgewinde, Fahnen und +Teppiche zierten die Straßen, das Volk drängte sich auf den großen Fora, +in den Lagunenkanälen und in den Bädern und Basiliken in freudiger +Bewegung, begierig, den Helden Belisar und das Heer zu sehen, die so lange +ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren überwunden hatten. + +Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend +ein, während die in schwachen Zahlen überall zerstreuten gotischen Posten +mit Schweigen und mit Widerwillen die verhaßten Feinde in die Residenz +Theoderichs einrücken sahen. + +In dem ebenfalls reichgeschmückten Königspalast versammelten sich die +vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemächern des Königs. Dieser +bereitete sich, als die für den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte, +die königlichen Kleider anzulegen: – mit Befriedigung, denn es war ja das +letztenmal, daß er die Abzeichen einer Würde tragen sollte, die ihm nur +Schmerz und Unheil gebracht. + +»Geh, Herzog Guntharis,« sprach er zu dem Wölsung, »Hildebad, mein +ungetreuer Kämmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine +Stelle: die Diener werden dir im Königsschatz die goldene Truhe zeigen, +die Krone, Helm und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs +verwahren. Ich werde sie heute zum ersten- und letztenmal anlegen, sie dem +Helden abzuliefern, der sie nicht unwürdig tragen wird. Was giebt es dort +für Lärm!« + +»Herr, ein Weib,« antwortete Graf Wisand, »eine gotische Bettlerin. Sie +hat sich schon dreimal herangedrängt. Sie will ihren Namen dir nur nennen! +Weise sie hinaus! –« + +»Nein, sagt ihr, ich will sie hören: – heute Abend soll sie im Palast nach +mir fragen.« + +Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cethegus. Der +Präfekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages +übergeben, die der Gotenkönig noch unterschreiben sollte. Aus dieser +unverdächtigen Hand, glaubte er, würde jener die Urkunde argloser nehmen. + +Witichis begrüßte die Eintretenden. Bei dem Anblick des Präfekten flog +über sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glänzte, ein +dunkler Schatte. Doch bezwang er sich und sprach: »Du hier, Präfekt von +Rom? Anders hat dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, du kannst +auch damit zufrieden sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein +Justinianus wird dein Rom beherrschen.« + +»Und soll es nicht, solange ich lebe.« + +»Ich komme, König der Goten,« fiel Bessas ein, »dir den Vertrag mit +Belisar zur Unterschrift vorzulegen.« + +»Ich hab’ ihn schon unterschrieben.« – »Es ist die für meinen Herrn +bestimmte Doppelschrift.« + +»So gieb,« sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners +Hand nehmen. + +Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: »Witichis,« +rief er, »der Königsschmuck ist verschwunden.« + +»Was ist das?« fragte Witichis. »Hildebad allein führte die Schlüssel +davon.« + +»Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren +Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die +Schriftzüge von Hildebads Schreiber.« + +Der König nahm und las: »Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild +Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie +von mir holen.« »Die Rune H – für Hildebad.« + +»Man muß ihn verfolgen,« sagte Cethegus finster, »bis er sich fügt.« Da +eilten Johannes und Demetrius herein. »Eile dich, König Witichis,« +drängten sie. »Hörst du die Tubatöne? Belisar hat schon die Porta des +Stilicho erreicht.« + +»So laßt uns gehn,« sprach Witichis, ließ sich von den Dienern den +Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die +Schultern werfen und drückte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des +Schwertes reichte man ihm ein Scepter. Und so wandte er sich zur Thür. + +»Du hast nicht unterschrieben, Herr,« mahnte Bessas. + +»So gieb,« und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners. +»Die Urkunde ist sehr lang,« sagte er hineinblickend und hob an zu lesen. +»Eile, König,« mahnte Johannes. + +»Zum Lesen ist nicht mehr Zeit,« sagte Cethegus gleichgültig, und reichte +ihm die Schilffeder von dem Tisch. »Dann auch nicht mehr zum Schreiben,« +antwortete der König. »Du weißt: ich war ein König nach Bauernart, wie die +Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen: +gehen wir.« Und lächelnd gab er die Urkunde an den Präfekten und schritt +hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten. + +Cethegus drückte das Pergament zusammen: »Warte nur,« flüsterte er +grimmig, »du sollst doch noch unterschreiben.« Langsam folgte er den +andern. + +Die Halle vor dem Gemach des Königs war bereits leer. + +Der Präfekt schritt hinaus auf den gewölbten Bogengang, der im Viereck den +ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinisch-romanische +Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewährten. Derselbe war +von Bewaffneten dicht gefüllt. An allen vier Thoren standen die +Lanzenträger Belisars. Cethegus lehnte hinter einem Bogenpfeiler und +sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: »Nun, Byzantiner +genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist +vorsichtig – Da! – Witichis erscheint im Portal – Seine Goten sind noch +weit hinter ihm auf der Treppe. Des Königs Pferd wird vorgeführt. – Bessas +hält dem König den Bügel. – Witichis tritt heran, er hebt den Fuß. – Jetzt +ein Trompetenstoß. – Die Treppenthüre des Palastes fällt zu und schließt +die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reißt Prokop das Gotenbanner +nieder. – Johannes faßt seinen rechten Arm, brav Johannes. – Der König +ruft: »Verrat, Verrat!« Er wehrt sich mächtig. – Aber der lange Mantel +hemmt ihn. – Da, da, er strauchelt. – Er stürzt zu Boden. – Da liegt das +Reich der Goten.« – – – + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +»Da liegt das Reich der Goten!« Mit diesen Worten begann auch Prokop die +Sätze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: »Ein wichtig Stück +Weltgeschichte hab’ ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun +nachts hier ein. + +Als ich heute das römische Heer seinen Einzug halten sah in die Thore und +Königsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder +Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte. + +Es giebt eine höhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit. + +An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten überlegen: und sie haben es +nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen +in Ravenna schmähten heute ihren Männern laut ins Angesicht, als sie die +kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden +Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, in heldenmütigster +Anstrengung kann ein Mann, kann ein Volk doch erliegen, wenn übermächtige +Gewalten entgegentreten, die durchaus nicht immer das bessere Recht für +sich haben. + +Mir schlug das Herz im Bewußtsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner +heute niederriß und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die +Fahne des Unrechts erhob über dem Banner des Rechts. + +Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare +Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen und der Völker. + +Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht _was_ wir ertragen, +erleben und erleiden – _wie_ wir es tragen, das macht den Mann zum Helden. +Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die +sein Banner herabriß, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen für die +kommenden Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: – da liegt das Reich +der Goten.« + + + + + Fünfundzwanzigstes Kapitel. + + +Und so schien es. + +Auf das glücklichste war, dank den Maßregeln Prokops, der Streich +gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten +fiel und der König ergriffen ward, sahen sich die überraschten Goten +überall im Schloßhof, in den Straßen und Lagunen der Stadt, im Lager von +weit überlegenen Kräften umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen +überall entgegen: fast ausnahmslos legten die Betäubten die Waffen nieder: +– die wenigen, welche Widerstand versuchten, – so die nächste Umgebung des +Königs – wurden niedergestoßen. Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf +Wisand, Graf Markja und die mit ihnen gefangenen Großen des Heeres wurden +in getrennten Gewahrsam gebracht, der König in den »Zwinger Theoderichs«: +einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst. + +Belisars Zug von dem Thore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde +nicht gestört. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen +der Stadt, und nahm sie in Eid und Pflicht für Kaiser Justinianus. +Prokopius wurde mit den goldenen Schlüsseln von Neapolis, Rom und Ravenna +nach Byzanz gesendet. Er sollte ausführlichen Bericht erstatten und für +Belisar Verlängerung des Amtes erbitten bis zur demnächst zu erwartenden +völligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die +Ehre des Triumphes, unter Aufführung des gefangenen Königs der Goten im +Hippodrom. + +Denn Belisar sah den Krieg für beendet an. Cethegus teilte beinah diesen +Glauben. Doch fürchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes +über den geübten Verrat. Er sorgte daher dafür, daß über die Art des +Falles der Stadt vorläufig keine Kunde durch die Thore drang: und er +suchte eifrig im Geiste nach einem Mittel, den gefangenen König selbst als +ein Werkzeug zur Dämpfung des etwa neu auflodernden Nationalgefühls zu +verwerten. – Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in der Richtung nach +Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit den persischen Reitern +verfolgen zu lassen. + +Vergebens versuchte er, die Königin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener +Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und ließ niemand vor. +Auch die Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen +hingenommen. Der Präfekt bestellte ihr eine Ehrenwache – um sich ihrer zu +versichern. Denn er hatte noch große Pläne mit ihr vor. + +Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Königs und schrieb ihr +dabei: »Mein Wort ist gelöst. König Witichis ist vernichtet. Du bist +gerächt und befreit. – Nun erfülle auch du meine Wünsche.« + +Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop +beraubt, den Präfekten zu sich in den rechten Flügel des Palastes, wo er +sein Quartier aufgeschlagen. »Unerhörte Meuterei!« rief er dem +Eintretenden entgegen. – »Was ist geschehen?« + +»Du weißt, ich habe Bessas mit den lazischen Söldnern in die Schanze des +Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, daß +der Geist dieser Truppen unbotmäßig – ich rufe sie ab und Bessas ... –« – +»Nun?« – »Weigert den Gehorsam.« – »Ohne Grund? Unmöglich!« + +»Lächerlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt +abgelaufen.« – »Nun?« – »Bessas erklärt, seit letzter Mitternacht hätt’ +ich ihm nichts mehr zu befehlen.« + +»Schändlich. Aber er ist im Recht.« + +»Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein +Gesuch. Natürlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue +zum Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. Übermorgen kann die +Nachricht da sein.« + +»Vielleicht schon früher, Belisar. Die Leuchtturmwächter von Classis haben +schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht. +Es soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann +löst sich der Knoten von selbst.« + +»Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwächter sollen die Schanze +stürmen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... –« + +Da eilte Johannes atemlos herein. »Feldherr,« meldete er, »der Kaiser! +Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis.« + +Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus +heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen +Mühen, das fast vollendete Gebäude seiner Pläne gerade vor der Bekrönung +niederwerfen? + +Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: »mein Kaiser? Woher weißt du?« +– »Er selbst kommt, dir für deine Siege zu danken. – Solche Ehre ward noch +keinem Sterblichen zu teil. Das Schiff von Ariminum trägt die kaiserliche +Präsenzflagge. Purpur und Silber. Du weißt, das bedeutet, daß der Kaiser +an Bord.« + +»Oder ein Glied seines Hauses!« verbesserte Cethegus in Gedanken, +aufatmend. + +»Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen,« mahnte Belisar. + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Sein Stolz und seine Freude wurden enttäuscht, als ihnen auf dem Wege nach +Classis die ersten ausgeschifften Höflinge begegneten und im Palast +Quartier forderten, nicht für den Kaiser selbst, sondern für dessen +Neffen, den Prinzen Germanus. + +»So sendet er doch den ersten nach ihm selbst,« sprach Belisar, sich +selber tröstend im Weitergehen zu Cethegus. »Germanus ist der edelste Mann +am Hof. Unbestechlich, gerecht und unverführbar rein. Sie nennen ihn: »die +Lilie im Sumpf«. Aber du hörst mich nicht!« + +»Vergieb, ich bemerke dort im Gedränge, unter den eben Gelandeten, meinen +jungen Freund Licinius.« + +»Salve Cethege!« rief dieser, sich Weg zum Präfekten bahnend. + +»Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin?« fragte +er flüsternd. + +»Das Abschiedswort: _Nike (Victoria)!_ und diesen Brief,« flüsterte der +Bote ebenso leise. – »Aber,« und seine Stirne furchte sich – »schicke mich +nie mehr zu diesem Weibe.« – »Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es +wird nie mehr nötig sein.« + +Damit hatten sie die Steindämme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben +der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich +geschmückten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch +zusammenströmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen. + +Cethegus faßte ihn scharf ins Auge. »Das bleiche Antlitz ist noch bleicher +geworden,« sagte er zu Licinius. »Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn +vergiftet, weil sie ihn nicht verführen konnte.« + +Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der +ihn ehrfurchtsvoll begrüßte. »Gegrüßt auch du, Belisarius,« erwiderte er +ernst. »Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Präfekt? Wo +Bessas? Ah Cethegus,« sagte er, dessen Hand ergreifend, »ich freue mich, +den größten Mann Italiens wieder zu sehen. Du wirst mich alsbald zu der +Enkelin Theoderichs begleiten. Ihr gebührt mein erster Gang. Ich bringe +ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in +ihrem eigenen Reich. Sie soll eine Königin sein am Hofe zu Byzanz.« + +»Das soll sie,« dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: »Ich +weiß: du kennst die Fürstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt.« + +Eine rasche Glut flog über des Prinzen Wange. »Leider nicht ihr Herz. Ich +sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein +inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen.« »Ja, sie ist das schönste +Weib der Erde,« sagte der Präfekt, ruhig vor sich hin sehend. »Nimm diesen +Chrysopas zum Dank für dieses Wort,« sagte Germanus und steckte einen Ring +an des Präfekten Finger. + +Damit traten sie in das Portal des Palastes. + +»Jetzt, Mataswintha,« sprach Cethegus zu sich selbst, »jetzt hebt dein +zweites Leben an. Ich kenne kein römisch Weib – Ein Mädchen vielleicht +ausgenommen, das ich kannte! – das solcher Versuchung widerstehen könnte. +Soll diese rohe Germanin widerstehen?« – + +Sowie sich der Prinz von den Mühen der Seefahrt einigermaßen erholt und +die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an +der Seite des Präfekten in dem Thronsaal des großen Theoderich im +Mittelbau des Palastes. + +An den Wänden der stolz gewölbten Halle hingen noch die Trophäen gotischer +Siege. Ein Säulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der +vierten erhob sich der Thron Theoderichs. + +Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit +Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerführern im +Mittelgrund. + +»Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser +Stadt Ravenna und von dem abendländischen Römerreich. An dich, Magister +Militum, dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es +selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus.« + +Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, küßte das +Siegel, erhob sich wieder, öffnete und las: + +»Justinianus, der Imperator der Römer, Herr des Morgen- und des +Abendreichs, Besieger der Perser und Saracenen, der Vandalen und Alanen, +der Lazer und Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen +und zuletzt der Goten, an Belisar den Consularen, ehemals Magister +Militum. + +Wir sind durch Cethegus den Präfekten von den Vorgängen unterrichtet, die +zum Fall von Ravenna geführt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir +mitgeteilt werden. Wir aber können seine darin ausgesprochene gute Meinung +von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten teilen: und +wir entheben dich deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir +befehlen dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurückzukehren, +um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem +Vandalenkrieg können wir dir um so weniger gewähren, als weder Rom noch +Ravenna durch deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Übergabe, +Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes über die Ketzer und höchst +verdächtige Verhandlungen, deren Unschuld du, des Hochverrats angeklagt, +vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir, eingedenk früherer Verdienste, +nicht ohne Gehör dich verurteilen wollen, – denn Morgenland und Abendland +sollen uns für ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit – +sehen wir von der Verhaftung ab, die deine Ankläger beantragt. Ohne Ketten +– nur in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens – wirst du +vor unser kaiserliches Antlitz treten.« + +Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht +mit den Händen: das Schreiben entfiel ihm. + +Bessas hob es auf, küßte es und las weiter: »Zu deinem Nachfolger im +Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna übertragen wir dem +Archon Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den +Italiern erhobenen höchst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so +eifrigen Logotheten Alexandros. Zu unsrem Statthalter aber in Italien +ernennen wir den hochverdienten Präfekten von Rom, Cornelius Cethegus +Cäsarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgerüstet, +haftet mit seinem Haupt dafür, dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der +Höhe von Ariminum zu bringen, auf welcher dich Areobindos nach Byzanz +führen wird.« + +Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den +Saal zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und +schritt auf Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah. +Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Säule gelehnt +und starrte zur Erde. + +Der Prinz faßte seine Rechte. »Es schmerzt mich, Belisarius, der Träger +solcher Botschaft zu sein. Ich übernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund +milder als einer der vielen Feinde, die sich dazu drängten, ausführen +kann. Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre +deiner frühern auf. Nie hätte ich von dem Helden Belisar solch Lügenspiel +erwartet. Cethegus hat sich ausgebeten, daß sein Bericht an den Kaiser dir +vorgelegt werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war +die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen dich entzündet hat. Aber du +hörst mich nicht. –« Und er legte die Hand auf seine Schulter. + +Belisar schüttelte die Berührung ab. »Laß mich, Knabe – du bringst mir – +du bringst mir den echten Dank der Kronen.« + +Vornehm richtete sich Germanus auf. »Belisar, du vergissest wer ich bin +und wer du bist.« + +»Oh nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Wächter. Ich gehe sofort +auf dein Schiff – erspare mir nur Ketten und Bande.« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Erst spät konnte sich der Präfekt von dem Prinzen losmachen, der in +vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persönlichen +Wünsche mit ihm besprach. + +Er eilte, sowie er in seinen Gemächern, die er ebenfalls im Palaste +bezogen, allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der +Kaiserin zu lesen. + +Er lautete: »Du hast gesiegt, Cethegus. + +Als ich dein Schreiben empfing, gedacht’ ich alter Zeiten, da deine +Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und +Kriegen handelten, sondern von Küssen und Rosen ... –« + +»Daran müssen sie immer erinnern,« unterbrach sich der Präfekt. + +»Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit +jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als deine +Jugendschönheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wünschen des alten +Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer +Jugend, der süßen. Und ich erkannte wohl, daß Antoninens Gemahl allzufest +in Zukunft stehn würde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn – +wie du geschrieben – dem Kaiser in die Ohren: »Allzugefährlich sei ein +Unterthan, der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben könne. +Keinen Feldherrn dürfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er +diesmal gegaukelt, könne er ein andermal im Ernst versuchen.« Diese Worte +wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle meine, d. h. deine +Forderungen, gingen durch. + +Denn Mißtraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden +– der Theodoras. Dein Bote Licinius ist _hübsch_ – aber unliebenswürdig: +er hat nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt +keine Jugend mehr wie die unsre war. »Du hast gesiegt, Cethegus« – weißt +du noch den Abend, da ich dir diese Worte flüsterte? – Aber vergiß nicht, +wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora läßt sich nur solang +sie selber will als Werkzeug brauchen. Vergiß das nie.« + +»Gewiß nicht,« sagte Cethegus, das Schreiben sorgfältig zerstörend, »du +bist eine zu gefährliche Verbündete, Theodora, – nein, Dämonodora! – laß +sehn, ob du unersetzbar bist. – Geduld: – in wenig Wochen ist Mataswintha +in Byzanz. – Was bringst du?« fragte er den eintretenden Syphax, der +glänzende Waffen trug. + +»Herr, ein Abschiedgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den +Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: »Dein Freund hat meinen Dank +verdient. Da, nimm meine goldne Rüstung, den Helm mit dem weißen +Roßschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten +Gruß Belisars.« + + + + + Sechsundzwanzigstes Kapitel. + + +Der Rundturm, in dessen tiefen Gewölben Witichis gefangen saß, lag an dem +rechten Eckflügel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als König +gewohnt und geherrscht hatte. + +Der Turm bildete mit seiner Eisenthür den Abschluß eines langen Ganges, +der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch +eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen +Hofpforte gegenüber lag im Erdgeschoß auf der linken Seite des Hofes die +kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes. +Sie bestand aus zwei kleinen Gemächern: das erste, von dem zweiten durch +einen Vorhang getrennt, war ein bloßes Vorzimmer. Das zweite Gemach +gewährte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den +Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung: ein Strohlager im +Innengemach und zwei Stühle und Tische im äußern nebst den Schlüsseln an +den Wänden waren ihr ganzes Gerät. + +Und auf der Holzbank an jenem Fenster saß Tag und Nacht, unverwandt den +Blick auf die Mauerlücke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des +Königs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. – + +Es war Rauthgundis. + +Niemals ließ ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. »Denn dort,« sagte +sie sich, »dort hängt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht.« +Auch wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der +sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war, +als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten könne. + +Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend +geworden. + +Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten +Schatten über den Hof und diesen linken Flügel des Palastes. + +»Dank dir, gütiger Himmelsherr,« sprach sie. »Auch deine schweren Schläge +treiben zum Heil. + +Wär’ ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie +ich mir ausgesonnen, – nie hätte ich von dem Gang des Elends hier +vernommen. Oder doch viel zu spät. Aber mich zog die Sehnsucht nach der +Todesstätte des Kindes, in die Nähe unsres Ehehauses, – das zwar räumte +ich –: wußte ich denn, ob nicht sie, seine Königin, dort einsprechen +würde? So hausten wir in der Waldhütte nahe bei Fäsulä. + +Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Mißlingens die andre +jagte, und als die Saracenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen +leuchten sah bis in mein Versteck, da war’s zu spät nach Norden zum Vater +zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was flüchtete +mit gelbem Haar, den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg +hierher – nach der Rabenstadt – wohin ich als sein Weib nie hatte kommen +wollen. Als flüchtige Bettlerin kam ich hier an, nur sein Roß Wallada und +sein Knecht, nun sein Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu. + +Aber ihm zum Heil, – von Gott hierher gezwungen, – ob ich schon nicht +wollte – ihn zu retten, zu befreien von scheußlichem Verrat des eignen +Weibes! Und aus seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte +nicht mehr mit ihm leben – aber – aber ich, – Rauthgundis! – darf ihn +retten.« – + +Da rasselte ihr gegenüber die eiserne Hofpforte. + +Ein Mann mit Licht trat heraus, ging über den Hof und trat alsbald in das +Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart. + +»Nun? sprich!« rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das +erste Gemach entgegeneilend. + +»Geduld – Geduld – laß mich erst die Lampe niederstellen. So! – Nun, also: +er hat getrunken. Und es hat ihm wohl gethan.« + +Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. »Was thut er?« fragte +sie dann. + +»Er sitzt immer schweigend in der nämlichen Stellung. Auf dem Holzschemel, +den Rücken gegen die Thür gewandt, das Haupt in beide Hände gestützt. Er +giebt mir keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst +gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angethan. +Aber heute, wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach: +»Trink, lieber Herr, es kommt von treuen Freunden:« – da blickte er auf. +So traurig, so zum sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz. +Und that einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte +tief, tief, daß es mir durch die Seele schnitt.« + +Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Händen. + +»Weiß Gott, was er Böses mit ihm vor hat!« brummte der Alte leise vor sich +hin. + +»Was sagst du?« + +»Ich sage, du mußt jetzt auch einmal tüchtig essen und trinken. Sonst +verlassen dich die Kräfte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau.« + +»Ich werde sie haben.« – »So nimm wenigstens einen Becher Wein.« – »Von +diesem? Nein, der ist für ihn allein.« Und sie trat in das innere Gemach +zurück, wo sie ihren alten Platz einnahm. + +»Der Krug reicht ja noch lang,« fuhr der alte Dromon für sich fort. »Und +ich fürchte: wir müssen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da +kömmt Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst .. –« + +Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Königin die Sturmhaube +und seinen Mantel mit Gewändern Dromons vertauscht. »Gute Botschaft bring +ich,« sprach er im Eintreten. »Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich +pochte vergeblich.« + +»Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen.« + +»Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark – was seh’ ich? Das ist +ja alter, köstlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?« + +»Womit?« wiederholte der Alte, »mit dem edelsten Golde der Welt!« Und +seine Stimme bebte vor Rührung. »Ich erzählte ihr, daß der Präfekt ihn +absichtlich Mangel leiden lasse, daß er elend werde. Seit vielen Tagen hat +man mir gar keine Speise für ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein +Gewissen, nur dadurch erhalten, daß ich den andern Gefangnen an dem Ihren +abbrach. Das wollte sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: »Nicht wahr, +Dromon, die reichen Römerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der +Germaninnen so hoch?« Und ich, in meiner Einfalt nichts ahnend, sage ja. + +Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schönen, +goldbraunen Flechten und Zöpfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der +Wein bezahlt.« + +Da stürzte Wachis in das nächste Gemach, warf sich vor ihr nieder und +bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Küssen. »O Herrin« – rief er mit +versagender Stimme – »goldne, goldtreue Frau!« + +»Was treibst du, Wachis? steh auf und erzähle.« + +»Ja, erzähle,« sprach Dromon hinzutretend, »was rät mein Sohn?« + +»Wozu brauchen wir seinen Rat?« sprach die Frau. »Ich, ich allein will es +vollenden.« + +»Sehr nötig brauchen wir ihn. Der Präfekt hat aus allen jungen Ravennaten, +nach dem Muster der römischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen +Paulus auch eingereiht. Zum Glück hat er diesen Legionaren die Bewachung +der Stadtthore anvertraut. – Die Byzantiner liegen draußen im Hafen, seine +Isaurier hier im Palast.« + +»Die Thore nun,« fuhr Wachis fort, »werden zur Nacht sorgfältig gesperrt. +Aber die Mauerlücke am Turme des Aëtius ist immer noch nicht ausgebaut. +Nur die Wachen stehen dort.« + +»Wann trifft meinen Sohn die Wache?« + +»In zwei Tagen: die dritte Nachtwache.« + +»Allen Heiligen sei Dank. Viel länger dürft’ es nicht währen: – ich +fürchte ... –« Und er stockte. + +»Was? sprich,« mahnte Rauthgundis entschlossen. »Ich kann alles hören.« + +»Es ist am Ende besser, du weißt es. Denn du bist klüger und findiger als +wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich fürchte: sie haben’s schlimm +mit ihm vor. + +So lange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut. + +Aber seit der fortgebracht und der Präfekt, der schweigsam kalte Dämon, +Herr im Palast ist, hat’s ein gefährlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn +selbst im Kerker. + +Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im +Gang gelauscht. Er muß aber wenig ausrichten. Denn der Herr giebt ihm, +glaub’ ich, gar keine Antwort. Und wenn der Präfekt herauskommt, blickt er +so finster wie – wie der König der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte +ich keinen Wein und keine Speisen für ihn als ein kleines Stück Brot. Und +die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe.« + +Rauthgundis seufzte tief. + +»Und gestern, als der Präfekt herauf kam, – er sah grimmiger als je darein +– da fragte er mich .. –« + +»Nun? sprich es aus, was es auch sei!« + +»Ob die Foltergeräte in Ordnung seien.« + +Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. »Der Neiding!« rief Wachis, »was +hast du« – »Sorget nicht, eine Weile hat’s noch gute Wege. + +»Clarissime,« antwortete ich, – und es ist die reine Wahrheit – »die +Schrauben und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze +saubere Qualzeug liegt in schönster Ordnung alles beisammen.« – »Wo?« +fragte er. »Im tiefen Meer. Ich selbst hab’ es, schon auf König +Theoderichs Befehl, hineingeworfen.« Denn wisset, Frau Rauthgundis: euer +Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich gerettet, da die +Geräte an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das +Foltern völlig abgethan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen +Glieder. Und darum wag’ ich mit Freuden meinen Hals für ihn. Und will +auch, wenn’s nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber +lange dürfen wir nicht säumen. Denn der Präfekt bedarf nicht meiner Zangen +und Schrauben, wenn er einem das Mark aus dem Leibe quälen will. Ich +fürcht’ ihn, wie den Teufel.« + +»Ich haß’ ihn, wie die Lüge,« sagte Rauthgundis grimmig. + +»Darum müssen wir rasch sein, eh’ er seine schwarzen Gedanken vollführen +kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten König. Ich weiß nicht, was er +noch weiter von dem armen Gefangnen will. Also hört und merkt euch meinen +Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den +Nachttrunk bringe, schließe ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen +Mantel über und führe ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof. + +Von da kömmt er ungehindert bis an das Thor des Palastes, wo ihn die +Thorwache um die Losung frägt. Diese werd’ ich ihm sagen. + +Ist er auf der Straße, dann rasch an den Turm des Aëtius, wo ihn mein +Paulus die Mauerlücke passieren läßt. Draußen im Pinienwald, im Hain der +Diana, wenige Schritte vor dem Thore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf +Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis. +Er flieht am sichersten allein.« + +»Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden. +Du nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab’ ihm nur Unglück gebracht. Ich +will ihn nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die +Freiheit tritt.« + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Der Präfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefühle der Macht. + +Er war Statthalter von Italien: in allen Städten wurden auf seine +Anordnung die Befestigungen geflickt und verstärkt, die Bürger an die +Waffen gewöhnt. Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise +Gegengewicht zu halten. Ihre Heerführer hatten kein Glück, die +Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten keine Fortschritte. + +Und mit Vergnügen vernahm Cethegus, daß Hildebad, dessen Schar sich durch +Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhöht, Acacius, der ihn mit +tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurückgeschlagen +hatte. Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus +entgegenrückte, verlegte ihm alle Wege – er wollte nach Tarvisium zu +Totila – und nötigte ihn, sich in das noch von den Goten unter Thorismuth +besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die +Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen Bau zu nehmen +und schon sah der Präfekt die Stunde kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen +würde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten. + +Es freute ihn, daß die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung +sich offen vor ganz Italien als unfähig erwies, den letzten Widerstand der +Goten zu brechen. Und die Härte der byzantinischen Finanzverwaltung, die +Belisar überall, wo er einzog, mit sich führen mußte – er konnte die auf +Befehl des Kaisers geübte Aussaugung nicht hindern – erweckte oder +steigerte in den Städten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die +Oströmer. Cethegus hütete sich wohl, wie Belisar gethan, den ärgsten +Übergriffen der Beamten Justinians zu wehren. Er sah es mit Freude, daß in +Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedrücker in offnem Aufruhr +emporloderte. + +Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht verächtlich, +ihre Tyrannei verhaßt genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen +werden, frei zu sein und der Befreier, der Beherrscher hieß Cethegus. + +Dabei verließ ihn nur die Eine Besorgnis nicht – denn er war fern von +Unterschätzung seiner Feinde, – der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch +nicht ausgetreten, könne nochmal aufflammen, geschürt durch die Entrüstung +des Volkes über den geübten Verrat. + +Schwer fiel dem Präfekten ins Gewicht, daß die tiefstgehaßten Führer der +Goten, daß Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen +worden. Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen, +trachtete er so eifrig, dem gefangnen Gotenkönig die Erklärung zu +entreißen, er habe sich und die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung +unterworfen, und er fordre die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand +aufzugeben. + +Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen +lag, sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher, +schon um fremde Fürsten und Söldner zu gewinnen und anzuziehen, von +höchster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte +Hoffnung, ihre geschwächte Kraft durch fremde Waffen zu ergänzen. Und viel +lag dem Präfekten daran, jenen als unermeßlich reich von der Sage +gepriesenen Hort nicht in die Hände der Byzantiner fallen zu lassen, deren +Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger Bundesgenosse seiner +Pläne war: sondern ihn sich selbst zu sichern, – auch seine Mittel waren +ja nicht unerschöpflich. + +Aber all sein Bemühen schien an der Unerschütterlichkeit seines Gefangnen +zu scheitern. + + + + + Siebenundzwanzigstes Kapitel. + + +Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen. + +Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau +einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von +Bern ihrer warten sollte. + +Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn +gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. +Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und +sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, +schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand +er keine Worte. + +»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz, +»ist er tot?« + +»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor +einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich +schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die +Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab: +er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte +Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich +hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da +warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer +trennen können. + +»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der +Hand.« + +»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?« + +»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle +thun können? Nichts andres!« + +»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt +geschehn?« + +»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.« + +»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!« + +»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.« + +Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die +Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden. + +»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!« + +»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der +Gangthür erschlag ich ihn mit diesem Beil.« + +»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner +nutzlosen Wacht.« + +»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht werden soll. Vielleicht +kömmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« – sprach sie +nachsinnend. »Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn +ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh’ ihm, +wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür will ich hüten wie ein +Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie +beschreitet.« Und sie drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches +Dromons und wog das schwere Beil. + +Aber Rauthgundis irrte. + +Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an +sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes +geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des +Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung +des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, +daß Aspa nur mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah. + +»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken, +die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an.« + +»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne Nachricht. Du +versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen +führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.« + +»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen. + +Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt +der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum, – dich nach Byzanz zu +führen: – du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit +Witichis war erzwungen und nichtig.« + +»Ich sagte dir schon: nein, niemals!« + +»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen. + +Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem +Wege nach Byzanz.« + +»Niemals.« + +»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mädchens, das so teuren +Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden. +Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber +ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.« + +Mataswintha schüttelte das Haupt. + +»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich +nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen +Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt +liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die +Herrschaft lieben?« + +»Ich liebe nur ... –! Niemals!« + +»So muß ich dich zwingen!« + +Sie lachte: »Du? mich? zwingen?« + +»Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde +gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: daß der Gefangene diesen +leergelassenen Namen ausfüllt – es ist der Name des Schatzschlosses der +Goten – und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem +Trotz, der anfängt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm – ich, +der Sieger – er hatte noch kein Wort für mich. Nur das erste Mal, da +erhielt ich einen Blick – für den er allein den stolzen Kopf verlieren +mußte.« + +»Nie giebt er nach.« + +»Das frägt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber +ich kann nicht lange mehr warten. + +Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas +so schwer geschlagen, daß er kaum die Einschließung noch aufrecht hält. +Überall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende +machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser +als mit Blut. Dazu muß ich des gefangenen Königs Erklärung und +Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht +des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die +Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst +bezeugt, so werd’ ich den Gefangenen – – ich schwöre es dir beim Styx, – +werd’ ich den Gefangenen –« + +Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von +ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch +nicht töten?« + +»Ja, das werd’ ich. Ich werd’ ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann +töten.« + +»Nein, nein!« schrie Mataswintha auf. + +»Ja, ich hab’s beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das +sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, daß es +Ernst. Du vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er +wähnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du +wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier +die Schlüssel – du sollst deine Stunde frei wählen – zu seinem Kerker.« + +Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr +Auge. + +Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus. + + + + + Achtundzwanzigstes Kapitel. + + +Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden +über Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das +heftiger Wind an dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses Licht +mit desto tieferem Dunkel wechselte. + +Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen +vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein +Licht brennend. Mit Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer +reglos an der Halbthür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die +Gangthür geheftet. + +»Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und +teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.« – »Nein, kein +Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draußen im Hof, +im Mondlicht naht.« – »Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem +Dreifuß. Hier ist Brot und Fleisch.« – »Soll ich essen, während er Hunger +leidet?« – »Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen +Abend?« + +»Was ich denke?« wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: »Ihn! Und +wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserem schönen Hause, wann +der Brunnen plätscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den +Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. +Und ich schmiegte mich an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben +gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen +Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoß, die +Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt +trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen ... +– –« Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis +sie selbst Schmerz empfand. + +»Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!« + +»Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – Ah, Dromon, hieher! Was +ist das?« flüsterte sie und wies in den Hof. + +Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe, +weiße Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber +scharf, fiel das Mondlicht darauf. + +»Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten,« sprach der +Alte bebend. »Gott und die Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich +und verhüllte das Haupt. + +»Nein,« sprach Rauthgundis, »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits. +Jetzt ist’s verschwunden – Dunkel ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch +– da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthür. Was schimmert da +rot im weißen Licht? Ah, das ist die Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an +der Gangthür. Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!« + +»Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!« + +»_Sie_ könnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr +nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!« + +Und sie trat aus der Halbthür in den Hof, das Beil in der Rechten, +vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen +schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fuße. + +Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthür aufgeschlossen und ihren Weg +erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen +tastend, zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht +erschloß sie auch diese. + +Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler +Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. +Er saß, den Rücken gegen die Thüre gewandt, das Haupt auf die Hände +gestützt, reglos auf einem Steinblock. + +Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft +schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen. + +Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte geöffnet worden. Er hob +das Haupt. Aber er sah nicht um. + +»Witichis – König Witichis« – stammelte endlich Mataswintha – »ich bin’s. +Hörst du mich?« + +Aber der Gefragte rührte sich nicht. + +»Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!« + +Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt. + +»Oh sprich! – oh sieh nur auf mich!« – Und sie trat ein. Gern hätte sie +seinen Arm berührt, seine Hand gefaßt. Sie wagte es noch nicht. »Er will +dich töten – quälen. Er wird es thun, – wenn du nicht fliehst.« + +Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. »Du sollst aber +fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich +flehe dich an – fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst sollst +du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die +Schlüssel der Kerkerpforte und der Gangthür! flieh!« Und nun faßte sie +seinen Arm, wollte ihn emporreißen. + +Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. – Er war an den +Steinblock festgeschlossen. + +»O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee. + +»Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Laß mich. Ich gehöre dem Tode. Und +hielten mich auch diese Bande nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in +die Welt? Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.« + +»Du hast Recht! sterben ist besser. Laß mich sterben mit dir. Und verzeih +mir. Denn auch ich habe dir gelogen.« + +»Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.« + +»Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben. + +Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen Niedergang – ich habe +– o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. +Und doch muß ich deine Verzeihung haben – und müßt’ ich sie mir erstehlen. +Vergieb mir – reiche mir die Hand zum Zeichen, daß du mir verzeihst.« + +Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken. »O, ich flehe dich an – +verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben.« + +»Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser, +nicht schlimmer!« + +»Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse +denn: ich habe dich gehaßt, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoßen! +Du ließest mich nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will +ja nur mit dir sterben dürfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum +Zeichen, daß du mir verzeihst.« Und sie streckte kniend, flehend, beide +Hände zu ihm empor. + +Der König erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe +Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz. +»Mataswintha,« sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh’, es +erbarmt mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an mir gethan – +geh hin: – ich habe dir verziehn.« + +»O Witichis!« hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen. + + + + + Neunundzwanzigstes Kapitel. + + +Aber heftig fühlte sie sich hinweggerissen. »Nachtbrennerin, nie soll er +dir vergeben! Komm Witichis, _mein_ Witichis. Folge mir! du bist frei.« +Der König sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betäubung geweckt. +»Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab’ dich +wieder.« Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die +Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide süße Thränen +der Liebe und der Freude. + +Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie +strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und +blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel, +hell beleuchtete. + +»Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr würd’ er folgen in Freiheit und Leben. Aber +er muß ja bleiben! Und sterben – mit mir.« – + +»Säumt nicht länger!« mahnte von der Kerkerthüre her die Stimme Dromons. + +»Ja, rasch fort, mein Leben!« rief Rauthgundis. Sie zog einen kleinen +Schlüssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine +Öffnung suchend. + +»Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?« fragte der Gefangene, halb in +seine Betäubung zurücksinkend. + +»Ja, hinaus in Luft und Freiheit,« rief Rauthgundis und warf die +losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. »Hier Witichis, eine Waffe! Ein +Beil! Nimm!« + +Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kräftig damit aus: +»Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!« + +»Das wußte ich, mein tapfrer Witichis!« rief Rauthgundis, kniete nieder +und schloß die Kette auf, die seinen linken Fuß an den Steinblock +gefesselt hielt. »Nun schreite aus! Denn du bist frei.« + +Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen +Schritt gegen die Thüre. + +»Und _sie_ darf seine Ketten lösen!« flüsterte Mataswintha. + +»Ja, frei!« sprach Witichis, hoch aufatmend. »Ich _will_ frei sein und mit +dir gehen.« + +»Mit ihr will er gehen!« rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den +Weg. »Witichis – leb wohl – geh! – Nur sage mir nochmal – daß du mir +vergiebst.« + +»Dir vergeben?« rief Rauthgundis. »Nie! Niemals! Sie hat unser Reich +zerstört. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels – ihre Hand +hat deine Speicher verbrannt!« + +»O so sei verflucht!« rief Witichis. »Hinweg von dieser Schlange der +Hölle!« Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er über die +Schwelle, gefolgt von Rauthgundis. + +»Witichis!« rief Mataswintha sich aufraffend. »Halt! Halt an! Höre mich +nur noch einmal! Witichis!« + +»Schweig!« sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. »Du wirst ihn verderben.« + +Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mächtig, riß sich los und folgte, die +Stufen hinauf in den Gang. + +»Halt!« rief sie, »Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du mußt mir +verzeihn.« Da brach sie ohnmächtig zu Boden. + +Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach. + +Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes +geweckt. + +Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegürtet, aus seinem +Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof +blickten. + +»Wachen,« rief er, »unter die Speere!« Auch Soldaten waren merksam +geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die +Gangthüre durchschritten und, gerade dieser gegenüber, die Gemächer +Dromons erreicht, als sechs isaurische Söldner laut lärmend in den Gang +hineinstürmten. + +Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthür, sprang auf die schwere eiserne +Gangthüre zu, warf sie klirrend ins Schloß, drehte den Schlüssel um, und +zog ihn heraus. »Die sind geborgen und unschädlich!« flüsterte sie. + +Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem großen +Ausgang zu, der aus dem Schloßhof auf die Straße führte. Mit gefälltem +Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurückgeblieben, ihnen +entgegen. »Gebt die Losung,« rief er. »Rom und? –« + +»Rache!« sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder. + +Laut schreiend fiel der Söldner, und warf noch den Speer den Flüchtigen +nach: er durchbohrte den letzten der drei – Dromon. + +Über die Marmorstufen des Palastes auf die Straße hinabspringend, hörten +die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthüre +schlagen, auch einen lauten Befehlruf hörten sie noch. »Syphax! mein +Pferd!« + +Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf. + +Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter +flogen nach allen Thoren der Stadt. + +»Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen +bringt!« rief Cethegus, – sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes +schwingend. »Nun auf, ihr Söhne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und +Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!« + +»Aber wohin, Herr?« fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem +Palastthor sprengend. + +»Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie +können nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.« + +»Zwei große Mauerbreschen sinds.« + +»Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir. +Ist nicht dort –?« + +»Der Mauersturz am Turme des Aëtius.« + +»Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!« – – – + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Glücklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem +Sohn des Dromon, die nur halb ausgefüllte Mauerlücke durcheilt und in dem +nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden. +Wallada nahm die Gatten auf den Rücken. – + +Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses +zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. »Mein +Weib! mit dir hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will +ich’s noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir +lassen, du Seele meiner Seele.« + +»Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen +Nacken, o du mein alles.« + +»Vorwärts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.« + +Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses +war erreicht. Wachis trieb sein bäumendes Pferd in die dunkle Flut. Das +Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. »Er geht sehr +tief, sehr reißend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht +zu brauchen. + +Die Gäule müssen schwimmen und stark rechts abwärts wird’s uns reißen. Und +es sind Felsen im Fluß. Und das Mondlicht wechselt so oft und täuscht.« – +Ratlos prüfte er am Ufer hin und her. + +»Horch, was war das?« fragte Rauthgundis. »Das war nicht der Wind in den +Steineichen.« + +»Pferde sind’s,« sagte Witichis. »Sie nahen in Eile. Ja, wir sind +verfolgt. Waffen klirren. Da – Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf +Leben und Sterben. Aber leise!« + +Und er führte sein Pferd am Zügel in die Flut. + +»Kein Bodengrund mehr. Die Gäule müssen schwimmen. + +Halte dich fest an der Mähne, Rauthgundis. Vorwärts, Wallada!« + +Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut – die Mähne +flog wirr kopfüber – die Vorderfüße vorgestreckt, den Hinterbug +zurückgehemmt. + +»Vorwärts, Wallada!« Und leise rief Witichis dem treuen Roß ins Ohr: +»Dietrich von Bern!« Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfährig +in die Flut. + +Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald, voran Cethegus, ihm zur +Seite Syphax, eine Fackel hebend. »Hier, im Ufersand, verschwindet die +Spur, o Herr.« + +»Sie sind im Wasser! Vorwärts, ihr Hunnen!« + +Aber die Reiter zogen die Zügel an und rührten sich nicht. + +»Nun, Ellak? was zögert ihr? Sofort in die Flut!« + +»Herr, das können wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fließend Wasser +reiten, müssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir müssen +erst zu ihm beten.« + +»Betet nachher, wenn ihr drüben seid, solang ihr wollt, nun aber –« + +Da fuhr ein stärkerer Windstoß über den Fluß und verlöschte alle Fackeln. +– Hochauf rauschte die Flut. + +»Du siehst, o Herr, Phug zürnt.« + +»Still! saht ihr nichts? Da unten, links?« + +Der Mond war aus dem jagenden Gewölk getaucht. – Er zeigte Rauthgundis +helles Untergewand: – den braunen Mantel hatte sie verloren. + +»Zielt rasch, dorthin.« + +»Nein, Herr! Erst ausbeten.« – + +Da war es wieder dunkel am Himmel. – Mit einem Fluch riß dem +Hunnenhäuptling Cethegus Bogen und Köcher von der Schulter. + +»Nun rasch vorwärts!« rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer +gewonnen hatte, zurück – »ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.« + +»Halt, Wallada!« rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und +sich an der Mähne haltend. »Da ist ein Fels! Stoße dich nicht, +Rauthgundis.« – + +Roß, Mann und Weib stockten einen Augenblick an dem ragenden Stein, wo in +gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reißend zog. + +Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Fläche des Stroms und +die Gruppe am Felsen. + +»Sie sind es!« rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit +hielt, zielte und schoß. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte +Pfeil von der Sehne. + +»Rauthgundis!« rief Witichis entsetzt. – Denn sie zuckte zusammen und sank +nach vorwärts auf die Mähne des Rosses: aber sie klagte nicht. + +»Bist du getroffen?« – »Ich glaube. Laß mich hier. Und rette dich.« – +»Niemals! Laß dich stützen.« + +»Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!« + +Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis +in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend. + +»Laß mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier.« – »Nein, ich lasse dich nie +mehr!« Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In +hellem Mondlicht stand die Gruppe. + +»Gieb dich gefangen, Witichis!« rief Cethegus, sein Roß bis an den Bug in +das Wasser spornend. + +»Fluch über dich, du Lügner und Neiding.« + +Da schwirrten zwölf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Roß Theoderichs +und versank für immer in die Tiefe. + +Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. »Bei dir!« – hauchte noch +Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. – – »Mit dir!« + +Umschlungen verschwanden sie im Fluß. + +Jammernd rief drüben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen. +Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht. + +»Schafft die Leichen ans Land!« befahl Cethegus düster, sein Roß wendend. +Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten. + +Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen +und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie +Meer. + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + +Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna +zurückgekehrt, bereit, demnächst Mataswintha nach Byzanz zu führen. + +Diese war aus ihrer Betäubung erst durch die Hammerschläge der Werkleute +geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthür durchbrachen, die +eingesperrten Söldner zu befreien. Man fand die Fürstin auf den +Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemächer +hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber +mit starr geöffneten Augen lag. + +Gegen Mittag ließ sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und +drohend, sein Antlitz von eisiger Kälte. Er trat dicht an ihr Lager. +Mataswintha sah ihm ins Auge. + +»Er ist tot!« sagte sie dann ruhig. + +»Er wollte es nicht anders. Er – und du. Dir Vorwürfe machen ist zwecklos. +Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das +Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut +treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm +Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Sühne thun kannst, ist: +meinen zweiten Wunsch erfüllen. Prinz Germanus ist gelandet, dich +abzuholen. Du wirst ihm folgen.« + +»Wo ist die Leiche?« + +»Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und – das Weib.« + +Mataswinthens Lippe zuckte. »Noch im Tode! Sie starb mit ihm?« + +»Laß diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen. +Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begrüßen?« + +»Ich werde bereit sein.« + +»Gut. Wir wollen pünktlich sein.« + +»Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmücken: +Diadem, Purpur, Seide.« + +»Sie hat den Verstand verloren,« sagte Cethegus im Hinausgehen. »Aber die +Weiber sind zäh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie können fortleben mit aus +der Brust gerissenem Herzen.« + +Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertrösten. + +Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Männer zur +Königin zu entbieten. + +Germanus eilte mit raschem Fuße über die Schwelle ihres Gemaches. Aber +gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schön, so prachtvoll hatte er +die Gotenfürstin nie gesehen. + +Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das, +gelöst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern +bis über den Rücken floß. Das Unterkleid, von schwerster weißer Seide mit +goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn +Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war +marmorweiß, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. »Prinz Germanus,« +rief sie dem Eintretenden entgegen, »du hast mir von Liebe geredet? Aber +weißt du, was du geredet? Lieben ist sterben.« + +Germanus sah fragend auf Cethegus. + +Dieser trat vor. Er wollte sprechen. + +Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an: + +»Prinz Germanus, sie rühmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof, +wo man sich übt in spitzer Rätsel Ratung. Auch ich will dir eine +Rätselfrage stellen: – sieh zu, ob du sie lösest. Laß dir nur helfen dabei +von dem klugen Präfekten, der sich so ganz auf Menschengemüter versteht. +Was ist das? Weib und doch Mädchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es +nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur löst alle Rätsel.« + +Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert +blitzte. Mit beiden Händen stieß sie sich’s tief in die Brust. + +Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rückwärts hinzu. +Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert +aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst +gesendet. + +Es war das Schwert des Königs Witichis. + + + + + + + FUSSNOTE + + + 1 Prokop Gotenkrieg I. 17. 18. setzt hier aus Verwechslung den Tiber + statt des Anio. + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Das Inhaltsverzeichnis wurde für die elektronische Fassung hinzugefügt. + +Die Fußnote wurde an das Ende des Textes gesetzt. + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +römische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung +wiedergegeben) und einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch +Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 12: Punkt ergänzt hinter »Grund« + Seite 22: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Gemeinschaft« + Seite 29: »des« geändert in »das« + Seite 34: »selsames« geändert in »seltsames« + Seite 40: Punkt ergänzt hinter »sie« + Seite 51: Anführungszeichen ergänzt vor »Theodahad« und hinter + »Witichis ...«; »Mirim« geändert in »Miriam« + Seite 58: »Mathaswintha« geändert in »Mataswintha« + Seite 61: Anführungszeichen ergänzt vor »hast« + Seite 67: Anführungszeichen ergänzt vor »ich« + Seite 73: Anführungszeichen ergänzt vor »Wir« + Seite 76: Punkt geändert in Doppelpunkt hinter »Lippen«; + Anführungszeichen ergänzt hinter »hebt.« + Seite 80: Anführungszeichen entfernt vor »Mir« und »Ich« + Seite 85: Anführungszeichen ergänzt hinter »Areskopf.« + Seite 89: Komma ergänzt hinter »Johannes« + Seite 106: Anführungszeichen ergänzt vor »das« + Seite 117: Anführungszeichen entfernt hinter »irrig!« + Seite 126: Anführungszeichen ergänzt hinter »wurden.« und vor + »Florentia« + Seite 130: »widerholte« geändert in »wiederholte« + Seite 140: Anführungszeichen entfernt hinter »mich.«, ergänzt hinter + »binden!« + Seite 141: Anführungszeichen ergänzt vor »Mein«; zweites + Anführungszeichen ergänzt hinter »Fels.« + Seite 161: Leerzeichen entfernt zwischen »sein.« und + Anführungszeichen; Anführungszeichen ergänzt hinter »nicht?« + Seite 162: »kann« geändert in »kaum« + Seite 163: »da« geändert in »du« + Seite 169: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Vielgetreuen.« + Seite 180: Punkt ergänzt hinter »schließen« + Seite 189: »sebst« geändert in »selbst« + Seite 192: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »alles ... –« + Seite 197: Punkt ergänzt hinter »Odysseus« + Seite 201: Punkt geändert in Komma hinter »entschwindet« + Seite 212: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Byzanz.«; + Anführungszeichen entfernt hinter »hinaus.« und vor »Da«; + Anführungszeichen ergänzt vor »und« und hinter »Rom!« + Seite 223: »Feldher« geändert in »Feldherr« + Seite 225: »Vulsinii« geändert in »Volsinii«; Anführungszeichen + ergänzt hinter »Roß« + Seite 243: Komma ergänzt hinter »umziehn« + Seite 245: »dem« geändert in »den« + Seite 253: Anführungszeichen ergänzt vor »Und« + Seite 263: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »geschehen.« + Seite 268: Anführungszeichen entfernt vor »Siehst« + Seite 274: Anführungszeichen ergänzt vor »welch’« + Seite 279: »Sadt« geändert in »Stadt« + Seite 285: »schug« geändert in »schlug« + Seite 286: »Helene« geändert in »Hellene« + Seite 293: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Byzanz!« + Seite 302: Anführungszeichen ergänzt hinter »oder –« + Seite 303: Anführungszeichen ergänzt vor »Du« + Seite 314: Anführungszeichen entfernt vor »Ha,« + Seite 325: »Brunen« geändert in »Brunnen« + Seite 332: Anführungszeichen ergänzt vor »Sonst« + Seite 333: »beraufen« geändert in »berufen« + Seite 334: Anführungszeichen entfernt vor »Mich« + Seite 342: »Serblichen« geändert in »Sterblichen« + Seite 348: Anführungszeichen ergänzt hinter »Hilfe.« + Seite 350: Anführungszeichen entfernt hinter »ruinae!« + Seite 358: Apostroph geändert in Komma hinter »Witichis« + Seite 364: Anführungszeichen entfernt vor »Es« + Seite 385: Anführungszeichen ergänzt hinter »versuchen.« + Seite 388: Anführungszeichen ergänzt hinter »allein.« + Seite 389: »widerholte« geändert in »wiederholte« + Seite 390: Punkt ergänzt hinter »ausgebaut« + +Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder Kleinschreibung von +einigen Zahlwörtern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten, +insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND*** + + + + CREDITS + + +July 5, 2010 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online + Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 33090‐0.txt or 33090‐0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/0/9/33090/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. If you do not charge anything for copies of +this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given away +— you may do practically _anything_ with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + + THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +_Please read this before you distribute or use this work._ + +To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase „Project Gutenberg“), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™ +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + + Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works + + + 1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. 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Of +course, we hope that you will support the Project Gutenberg™ mission of +promoting free access to electronic works by freely sharing Project +Gutenberg™ works in compliance with the terms of this agreement for +keeping the Project Gutenberg™ name associated with the work. You can +easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg™ License when you +share it without charge with others. + + + 1.D. + + +The copyright laws of the place where you are located also govern what you +can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant +state of change. 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However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format other than +„Plain Vanilla ASCII“ or other format used in the official version posted +on the official Project Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original „Plain Vanilla ASCII“ or other form. +Any alternate format must include the full Project Gutenberg™ License as +specified in paragraph 1.E.1. + + + 1.E.7. + + +Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing, +copying or distributing any Project Gutenberg™ works unless you comply +with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + + + 1.E.8. + + +You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or +distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that + + - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. 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Royalty payments + should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4, + „Information about donations to the Project Gutenberg Literary + Archive Foundation.“ + + - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License. + You must require such a user to return or destroy all copies of the + works possessed in a physical medium and discontinue all use of and + all access to other copies of Project Gutenberg™ works. + + - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + + - You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg™ works. + + + 1.E.9. + + +If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic +work or group of works on different terms than are set forth in this +agreement, you must obtain permission in writing from both the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the +Project Gutenberg™ trademark. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring +that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws. + +The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation’s web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg™ +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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