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+The Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Rostem und Suhrab
+ Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern
+
+Author: Friedrich Rückert
+
+Release Date: May 22, 2010 [EBook #32481]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB ***
+
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+
+Produced by Karl Eichwalder, Wolfgang Menges and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+ Rostem und Suhrab.
+
+ Eine Heldengeschichte
+ in zwölf Büchern
+
+ von
+
+ Friedrich Rückert.
+
+
+ Zweite Auflage.
+
+
+ [Illustration: Verlags-Signet]
+
+
+ Stuttgart.
+ Verlag von S. G. Liesching.
+ 1846.
+
+ Druck von J. Kreuzer in Stuttgart.
+
+
+
+
+ Erstes Buch.
+
+
+ 1.
+
+ Laß aus dem Königsbuch der Perser dir berichten
+ Von Rostem und Suhrab die schönste der Geschichten,
+ Von Heldenruhm, wie leicht er Frauenlieb erwarb,
+ Und wie der eigne Sohn, erlegt vom Vater, starb!
+ Held Rostem sprach, als er am Morgen war erwacht:
+ Auch heute hab ich nicht zu reiten in die Schlacht.
+ Afrasiab, der Fürst von Turan, läßet ruhn
+ Die Waffen, friedlich blüht das Reich von Iran nun;
+ Doch in der Friedensruh was soll ich selber thun?
+ Da rüstet' er sich schnell zur Jagd, er band in Eile
+ Den Gürtel fest, und hieng den Köcher um voll Pfeile.
+ Den Bogen prüft' er, ob er nicht die Kraft verlor;
+ Dann zog er aus dem Stall den edlen Hengst hervor.
+ Dem war die Weile dort wie seinem Herren lang;
+ Er wieherte vor Lust, als er ihn setzt' in Gang.
+ Er schwang sich auf den Rachs, und sagte nicht ein Wort
+ Den Seinigen im Haus, in Eile ritt er fort.
+ Der Mark von Turan zu wandt er sein lockig Haupt,
+ Alswie ein Löwe, der nach seiner Beute schnaubt.
+ Wie zu der Turanmark er hingekommen war,
+ Die Haide nam er da voll wilder Elke war.
+ Wie eine Rose war erblüht des Helden Wange
+ Vor Lust, er tummelte den Rachs mit raschem Gange.
+ Mit Pfeil und Bogen bald, mit Keul und Fangeschnur,
+ Ein Dutzend Stücke warf er nieder auf die Flur.
+ Aus Dornen und Gesträuch und manchem Baumesast
+ Entzündet' er darauf ein Feur von starkem Glast.
+ Und als zu Kolenglut war eingebrant die Flamm,
+ Erkor der Recke sich zum Bratspieß einen Stamm.
+ Der Elke feistesten steckt' er an diesen Baum,
+ Der wog in seiner Hand nicht eines Vogels Flaum.
+ Er drehte wohl den Spieß, daß fein der Braten briete
+ Auf allen Seiten gleich, und nirgend ihm misriete.
+ Und als er gaar nun war, nam er ihn vor, und saß
+ Am grünen Boden hin mit guter Lust und aß,
+ Wobei er auch das Mark im Knochen nicht vergaß.
+ Gesättigt, schritt er nun hin wo ein Waßer lief,
+ Zur Gnüge trank er auch, dann legt' er sich und schlief.
+ Am Rand des Baches lag der Held, den heißen Tag
+ Ausschlafend, und sein Ross gieng weidend frei im Hag.
+
+
+ 2.
+
+ Als Rostem lag und schlief, und an sein Ross nicht dachte,
+ Da kamen Türken her, ein sieben oder achte.
+ Die sahn ein edles Ross frei weiden in dem Bann
+ Von Turan, und zu sehn zum Rosse war kein Mann.
+ Worauf sie sich alsbald das Ross zu fangen schickten:
+ Sie hättens nicht gewagt, wo sie den Mann erblickten!
+ Da kamen sie dem Rachs mit ihrer Fangschnur nah;
+ Aufschnaubt' er wie ein Leu, da er die Fangschnur sah.
+ Nicht wollte sich der Rachs geduldig laßen fangen,
+ Es wäre schlimm zuvor erst einigen ergangen.
+ Den Kopf vom Rumpfe riß dem einen sein Gebiß;
+ Derweil ein Hufschlag zwei zu Boden hinten schmiß.
+ Der kühnen Türken so getödtet lagen drei,
+ Das kriegerische Ross war noch von Banden frei.
+ Doch unverdroßen stürmt herbei der andre Tross,
+ Und warfen übers Haupt mit Müh die Schnur dem Ross.
+ Gebändigt führen sies zur nahen Stadt in Eil,
+ Es wär um vieles Gold ihr Fang nicht ihnen feil.
+ Es sei von hoher Art, ersahn sie an den Zeichen;
+ Jedweder wollte Teil am edlen Hengst erreichen.
+ Sie fürchteten, der Raub werd ihnen bald entführt,
+ Nicht lange bliebe solch ein Schatz unaufgespürt.
+ Da brachten sie geschwind ihn zu der Stuterei,
+ Daß seines Samens doch teilhaftig jeder sei.
+ Ich hörte, daß er dort auf zwanzig Stuten sprang,
+ Die alle seiner Wucht erlagen beim Empfang.
+ Und nur von einer ward getragen Leibesfrucht;
+ Zu Großem war bestimmt das Folen edler Zucht.
+
+
+ 3.
+
+ Doch Rostem, wie er dort von seinem Schlaf erwachte,
+ Das erste war sein Ross, an das er wieder dachte.
+ Er blickt' umher, und sah sein Ross nichtmer im Hag;
+ Verlaufen hatt es ihm sich nie vor diesem Tag.
+ Laut rief er ihm; sonst kams auf leisen Ruf herbei;
+ Nun kam es nicht; da sprang er auf mit lautem Schrei.
+ Er suchte rings im Hag, er spähte durch die Flur,
+ Von seinem Rosse fand er hier und dort die Spur,
+ Es selber fand er nicht, und rief: O weh! verloren
+ Hab ich, derweil ich schlief, mein Ross gleich einem Toren.
+ Was soll ich ohne Ross mit dieser Rüstung thun?
+ Des Rittes lang gewohnt, geh ich zu Fuße nun?
+ Was werden Türken, wenn sie mir begegnen, sagen,
+ Daß ich den Sattel muß, statt mich der Sattel, tragen?
+ Verlaufen hat sichs nicht, das ist nicht seine Art;
+ Nun desto schlimmer, wenn es mir gestolen ward!
+ Doch lang bleibt nicht der Rachs des Rostem unbekant;
+ Auffinden werd ich ihn, der mir den Rachs entwandt!
+ Kam wol, derweil ich schlief, ein ganzes Türkenheer?
+ Denn einem einzgen ist der Rachs zu fangen schwer.
+ Doch den Gedanken ist vergebens nachzuhangen;
+ Auf, rüste dich zum Gang, weil dir dein Ross entgangen!
+ So sprach er unmutsvoll, und schwieg, und schaute stumm
+ Noch eine Weile sich nach seinem Rösslein um;
+ Denn immer dacht er noch, es müßte wieder kommen:
+ Wer auf der Welt sollt ihm haben den Rachs genommen?
+ Als aber doch der Rachs nicht wiederkommen wollte,
+ Macht' er sich endlich an den sauren Gang, und grollte.
+ Mit Waffen und Geschirr belud er sich, und sprach
+ Noch viel mit sich, indem er gieng den Spuren nach.
+ Die Spuren leiteten zur Stadt Semengan ihn,
+ Die dort im Abendstral zu ihm herüber schien.
+
+
+ 4.
+
+ Er sprach: Das ist die Stadt, in der ein König sitzt,
+ Der es mit Turan jetzt und hält mit Iran itzt,
+ Der wie die Wage schwank sich nach der Seite neigt,
+ Wo sich ein Perser hier und dort ein Türke zeigt.
+ Den Rostem kennen sie, wenn er zu Pferde steigt!
+ Doch fehlt mir ja der Rachs, daß ich zu Pferde steige!
+ Ob ich zu Fuße denn mich in Semengan zeige?
+ Ich geh in ihre Stadt zu Fuß mit meinen Waffen,
+ Und seh, ob meinen Rachs sie dort mir wieder schaffen!
+ Ich sag es ihnen gleich, daß sie ihn schaffen sollen,
+ Und denke nicht, daß sie ihn vorenthalten wollen!
+ Ich werb um Gastherberg in dieser Stadt der Grenzen,
+ Und sehe, was beim Schmaus dem Rostem sie kredenzen!
+ So sprach er unterm Gehn, doch aus den Augen ließ
+ Er nie dabei die Spur, die sich am Boden wies;
+ Bis die in Schilf und Rohr am Fluße sich verlor;
+ Da ließ er sie, und gieng grad auf Semengans Tor.
+ Nun in Semengan ward dem König angesagt:
+ Held Rostem kommt, er hat im Türkenforst gejagt.
+ Zu Fuße geht einher die lichte Kronenzier,
+ Weil ihm entlaufen ist der Rachs im Jagdrevier.
+ Der König, wie er dieß vernam, war er geschürzt,
+ Daßnicht ein solcher Gast an Ehren sei verkürzt.
+ Da zogen aufs Gebot des Königs alle Degen,
+ Die Edlen all des Hofs, dem Edelsten entgegen.
+ Entgegen zog ihm, wer aufs Haupt nur einen Helm
+ Zu setzen hatt, und wer zurückblieb, war ein Schelm.
+ Sie reihten feierlich sich um den Heldenglanz,
+ Wie um der Sonne Haupt der Abendwolke Kranz.
+ So führten sie zur Stadt das Licht der Ehren ein,
+ Als eben über ihr erlosch des Tages Schein.
+
+
+ 5.
+
+ Der König trat zu Fuß hervor aus dem Palast,
+ Der Hofstaat um ihn her, entgegen seinem Gast.
+ Er grüßt' und neigte sich: Woher durch Wald und Feld,
+ Und kein Begleiter ist mit dir, o Kampfesheld?
+ Hast du den Tag vollbracht mit Jagd im Jagdrevier,
+ Und suchest nun zur Nacht bei Freunden Nachtquartier?
+ Wir alle sind hier nur auf deinen Wunsch bedacht,
+ Und zu Befehle steht Semengan deiner Macht.
+ Die Leben stehen dir und Güter zu Befehle;
+ Die Edeln, Edelster, sind dein mit Leib und Seele.
+ Was wünschest du? es soll geschehen, o Pehlewan!
+ Gebeut, was wir dir thun, und denk, es sei gethan!
+ Held Rostem hörte gern die Rede sanft und zahm,
+ Wol merkt' er, ihnen sei die Hand zum Bösen lahm.
+ Er sprach: Abhanden kam der Rachs mir auf der Flur,
+ Und hier bis an die Stadt geht seiner Tritte Spur.
+ Wenn du mir diese Nacht ihn wieder schaffen kannst,
+ So wiße, daß du Dank von mir und Preis gewannst.
+ Doch wenn ihr mir den Rachs nicht werdet wieder schaffen,
+ So sollen durch mein Schwert hier breite Wunden klaffen.
+ Der König sprach erschreckt: Held ohne Furcht und Zagen,
+ Wer dürfte wol den Rachs dir zu entwenden wagen?
+ Sei du mein Gast, laß dir den Ehrenbecher spenden
+ In Frieden, und nach Wunsch wird sich die Sache wenden.
+ Von Rostems Rosse bleibt die Fährte nicht verborgen;
+ Wir schaffen dir den Rachs; gedulde dich bis morgen!
+ Mit ungestümer Hast gelangt man nicht zum Fange;
+ Mit sanften Worten lockt man aus dem Loch die Schlange.
+ Drum sänfte deinen Zorn, kehr ein, und laß beim Wein
+ Mit Herzen sorgenfrei die Nacht uns fröhlich sein!
+ Wir bringen dir den Rachs, o tapfrer Kampfgesell,
+ Wir bringen ihn, bevor der Morgen tagt, zur Stell;
+ Uns sei die Hall indes vom Licht des Weines hell!
+
+
+ 6.
+
+ Der Löwenmutige ward dieser Rede froh,
+ Davon aus seiner Brust so Groll als Unmut floh.
+ Es dünkt' ihm gut, daß er zum Königshause gienge,
+ Als wolgemuter Gast zu Fest und Schmause gienge.
+ Ihm gab den Ehrensitz der König im Palast,
+ Auf Füßen dienstbereit stand er vor seinem Gast.
+ Die Häupter aus der Stadt, die Häupter aus dem Heer,
+ Berief und pflanzt' er beim Gelag um Rostem her.
+ Den Köchen er befal, von allen guten Dingen
+ Gerichte zu der Wal des Helden herzubringen.
+ Da ward hereingebracht ein ausgesuchtes Mal,
+ Der Silberschüßeln Pracht und goldner Schaalen Zal;
+ Aus China war beim Fest chinesischer Pokal.
+ In diesem ward kredenzt Wein unter Lautentönen
+ Von rosenwangigen gasellenaugigen Schönen.
+ Sie mengten Saitenspiel und Wein mit Schmeichelei,
+ Damit nicht ungemut der Hochgemute sei.
+ Er hörte seine Lust, und schaute sein Vergnügen,
+ Und trank den frohen Mut dazu in langen Zügen.
+ Mit allen Sinnen so schöpft' er des Festes Wonne,
+ Ihm stralte sein Gesicht bei Nacht wie eine Sonne.
+ Und allen, welche da das helle Angesicht
+ Des Helden leuchten sahn, wards in der Seele licht.
+ Die Becher ließ er nicht die ungetrunknen säumen;
+ Und als er trunken war, dacht er den Sitz zu räumen.
+ Da war bereit für ihn, gewölbet kühl und luftig,
+ Ein Schlafgemach, von Musk und Rosenwaßer duftig.
+ Im kühlen Schlafgemach verschlief auf seidnen Decken
+ So Müdigkeit als Rausch Rostem, der Feinde Schrecken.
+
+
+ 7.
+
+ Um Mitternacht, wenn sich des Poles Wagen drehn,
+ Ward leises Wort gesagt bei leiser Tritte Gehn.
+ Geräuschlos aufgetan ward Rostems Ruhgemach,
+ Mit Staunen ward der Held beim Glanz von Fackeln wach.
+ Tehmina stand vor ihm, bestralt von Stein und Gold,
+ Die Königstochter von Semengan wunderhold.
+ Ihr standen beiderseits mit Fackeln Dienerinnen;
+ Sie stralte hell vom Glanz der Fackeln und der Minnen.
+ Der Reiz der Jugend war in den der Scham getaucht,
+ Der Wangen Lilien von Rosen überhaucht.
+ Doch im Rubinenschloß des Mundes lag bewart
+ Geheimnis liebliches, für diese Nacht gespart.
+ Er richtete sich auf, und staunte lang und tief,
+ Indem er Preis ob ihr und ihrem Schöpfer rief.
+ Er fragte sie und sprach: Wie, Holde, nennst du dich?
+ Und was in finstrer Nacht zu suchen kommst du, sprich!
+ Zur Antwort gab sie ihm: Tehmina ist mein Name,
+ Gespalten ist mein Herz von einem tiefen Grame.
+ Ich bin des Schahes von Semengan einzig Kind,
+ Von Kindheit auf, im Lauf, der Neid von Hirsch und Hind;
+ Sie holen mich nicht ein, mich holt nicht ein der Wind.
+ Allein die Sehnsucht kam mich heimlich einzuholen,
+ Die führt mit diesem Gram mich her zu dir verstolen.
+ Wie eine Wundersag hab ich aus jedem Munde
+ Gehört zu jeder Stund, an jedem Ort die Kunde,
+ Wie du so tapfer bist, und trägest keine Scheu
+ Vor Tiger, Elefant und Krokodil und Leu.
+ Du schirmest ganz allein Iran mit deiner Kraft,
+ Und Turan zittert, wenn sich rührt dein Lanzenschaft.
+ Du reitest ganz allein bei Nacht in Turan ein,
+ Und streifest dort umher, und schläfest dort allein.
+ Dergleichen Kunde ward mir vom Gerücht vertraut;
+ Lang wünscht ich dich zu sehn, heut hab ich dich geschaut.
+ Wenn du zu Weibe mich begehrst, bin ich dein Weib;
+ Nie Mond- noch Sonnestral berührte diesen Leib.
+ Vom Schleier meiner Zucht erwuchs ich tief umfangen;
+ Den Zügel der Vernunft entzog mir dieß Verlangen:
+ Ich bitte Gott, von dir zu tragen einen Sproß,
+ Der einst, an Kraft dir gleich, beherrsche dieses Schloß.
+ Zur Mitgift will ich jetzt, o Held, dieß Schloß dir bringen,
+ Zur Morgengab alsdann, Rostem, dein Ross dir bringen!
+
+
+ 8.
+
+ So endet' ihren Gruß das Mondglanzangesicht;
+ Der Löwenkühne hört' aufmerksam den Bericht.
+ Wie sie der Held so schön, so perlgleich sie sah,
+ An Sinn so hoch und an Verstand so reich sie sah,
+ Und daß sie noch dazu vom Rachs ihm gab die Kunde;
+ Von lauter Frölichkeit sah er erfüllt die Stunde.
+ Er rief die wandelnde Zipress' an sich heran;
+ Hold tauschte Blick und Wort mit ihr der Pehlewan.
+ Er rief ins Vorgemach, daß einen der Mobeden
+ Sie brächten ihm herbei, der wüßte wol zu reden.
+ Den sendet' er alsbald, den Weisen tugendvoll,
+ Daß er die Tochter ihm vom Vater fordern soll.
+ Der Wolverständige, dahin zum Schahe schritt er,
+ Und that die Werbung kund von Irans edlem Ritter.
+ Der Schah ward freudenvoll, da dieser Gruß erscholl;
+ Er fühlte, wie sein Herz von hohem Mute schwoll.
+ Er richtete sich stolz, der Zeder gleich, empor;
+ Das Band mit Rostem kam ihm wert und theuer vor.
+ Dem Ritter in der Nacht gab er der Tochter Hand;
+ Und wie die Kund erscholl, war Freud in Stadt und Land.
+ Von Freuden war erwacht ein Aufruhr in der Nacht,
+ Zu Rostem sei als Braut des Königs Kind gebracht.
+ Da war der Jubel laut die ganze Nacht ums Schloß,
+ Wo seine holde Braut der starke Held umschloß.
+ Still tauschte drin das Paar die Lust der Seelen aus,
+ Und draußen ließ die Schaar die Kraft der Kehlen aus:
+ »Daß dieser neue Mond lang dein Behagen sei!
+ Daß deiner Feinde Haupt ewig geschlagen sei!
+ Aus diesem Bunde müß ein Heldensproß entspringen,
+ Der mög an Tapferkeit mit seinem Vater ringen!«
+ Sie meinten ihr Gebet zum Segen und zum Heil,
+ Der Himmel aber nam es an zum Gegenteil.
+
+
+ 9.
+
+ Nach kurzer Freudennacht als an der Morgen brach,
+ Wand aus Tehminas Arm sich Rostem los, und sprach,
+ Indem vom Arm er nam ein goldenes Gespang,
+ Von dem erschollen war der Ruhm die Welt entlang;
+ Sie glaubten, daß daran sei Rostems Heil gebunden,
+ Und unverletzlich sei, wen dieses Band umwunden:
+ Das gab er ihr und sprach: Liebtraute! dieß bewar!
+ Wenn eine Tochter dir nun bringen wird das Jahr,
+ So nimm dieß Goldgespang, und schling es ihr ins Haar!
+ Als welterleuchtenden Glückstern soll sie es tragen,
+ Der ihr soll und der Welt von ihrem Vater sagen.
+ Wenn aber einen Sohn dir die Gestirne reichen,
+ So bind ihm um den Arm, wie ich es trug, das Zeichen.
+ Des Vaters Zeichen sei an seinem Arm bewart,
+ Und wachsen wird er selbst nach seines Vaters Art.
+ Gleich seiner Ahnen Stamm wird der aus Heldensamen
+ Erzeugte sein, es bleibt nicht ungenant sein Namen.
+ Ist er erwachsen, send ihn mir nach Iran zu!
+ Nun aber naht der Tag, ich geh, wol lebe du!
+ Zum Abschied faßt' er sie an seine starke Brust,
+ Auf Aug und Haupt gab er ihr manchen Kuss voll Lust.
+ Mit Weinen wandte sich von ihm die zarte Braut;
+ Sie ward nach kurzer Lust mit langem Weh vertraut.
+ Zu Rostem aber kam der König hochgemut,
+ Den Eidam fragt' er da, wie er die Nacht geruht?
+ Ihm gab er Kunde dann vom Rachs, er sei gefunden;
+ Und aller Sorgen war das Heldenherz entbunden,
+ Er gieng, und streichelt' ihn und sattelt' ihn sogleich,
+ Dann von Semengan ritt er froh und freudenreich.
+ Gen Sistan auf dem Rachs als wie ein Wind er flog,
+ Indem er die Geschicht in seinem Sinn erwog.
+ Von Sistan ritt er heim nach Sabulistan gar,
+ Und keinem sagt' er dort, was ihm begegnet war.
+
+
+
+
+ Zweites Buch.
+
+
+ 10.
+
+ Neun Monde waren schon Tehminen hingegangen,
+ Als sie gebar den Sohn wie eines Mondes Prangen.
+ Die Mutter sah ihn an mit Lust und schmerzenreich,
+ Er war in jedem Zug wol seinem Vater gleich.
+ Sie nannte Suhrab ihn, und nam ihn an die Brust;
+ Das Kind war auf der Welt nun ihre einzge Lust.
+ So zärtlich pflegte sein die Mutter, die ihn nährte,
+ Daß keines Dinges er zu keiner Stund entbehrte.
+ Der Knabe weinte nie; er hatte neugeboren
+ Gelächelt schon, als sei er nicht zum Weh geboren.
+ Er wuchs so wunderbar: als er ein Monat war,
+ Da war er anzusehn, alsob er wär ein Jahr.
+ Drei Jahr alt, ließ er schon zur Rennbahn sich gelüsten,
+ Im fünften sah man ihn zum Löwenkampf sich rüsten.
+ Wie er zehn Jahr alt war, da war im ganzen Land
+ Nun kein gestandner Mann, der ihm zum Kampfe stand.
+ Von Leib ein Elefant, von Wangen Milch und Blut,
+ Rasch wie ein Hirsch gewandt, im Auge dunkle Glut,
+ Von Wuchse schlank, die Brust gewölbt von hohem Mut.
+ Zwei Arme schwang er um sich her den Keulen gleich,
+ Und unten standen fest zwei Füße Seulen gleich.
+ Wo er im Ringspiel rang, wo er den Schlägel schlug,
+ War keiner der davon den Ball des Sieges trug.
+ Er gieng zur Löwenjagd, da ward der Löw ein Fuchs;
+ Die Zeder rüttelt' er, sie bog sich wie ein Buchs.
+ Windfüßigem Renner rannt er sturmgeflügelt nach,
+ Beim Schweif ergriff er ihn, der Renner stand gemach.
+ Es war alsob zum Kampf die Welt er fordern wollte,
+ Alsob er selbst bestehn den eignen Vater sollte.
+
+
+ 11.
+
+ Zu seiner Mutter kam der Knabe, sie zu fragen:
+ Verwegen sprach er da: Mutter, du sollst mir sagen!
+ Denn unter meinen Spielgenoßen rag ich hoch
+ Hervor, mein Haupt empor zum Himmel trag ich hoch.
+ Wes Samens, welches Stamms ich bin, will ich erkennen;
+ Wenn nach dem Vater man mich fragt, wen soll ich nennen?
+ Wirst du mir Antwort nicht auf diese Frage geben,
+ Am Leben bleib ich nicht, und du bleibst nicht am Leben!
+ Die Mutter, da sie dieß vom jungen Pehlewan
+ Vernommen, sah zugleich mit Stolz und Furcht ihn an:
+ Er war entwachsen ihr, und nicht mehr untertan.
+ Sie faßte sich und sprach begütigend: Vernimm
+ Ein Wort, des freue dich, und laße deinen Grimm!
+ Du bist des Rostem Kind, des Perserpehlewanen,
+ Und seine Ahnen sind in Iran deine Ahnen.
+ Drum übern Himmel trägst du hoch dein Haupt hinaus,
+ Weil du entsproßen bist aus solchem Heldenhaus.
+ Denn was an Heldentum nun in der Welt erscheint,
+ Das ist in Rostems Stamm, in Rostem selbst vereint.
+ Sieh dieses Goldgespang, nimm hin und halt es fein!
+ Zum Abschied gab mir das für dich dein Väterlein.
+ Erfährt er, daß sein Sohn erwuchs zum tugendreichen,
+ Nach Iran ruft er dich, und kennt dich an dem Zeichen;
+ Dann bricht mein Herz vor Leid, wann ich dich seh entweichen!
+ O Sohn! Afrasiab, der Schah von Turan, soll
+ Nicht wißen dein Geschlecht; das brächt uns seinen Groll.
+ Denn Niemand auf der Welt ist ihm wie Rostem feind,
+ Rostem, um welchen Blut in Turan wird geweint.
+ Witwen in Turan macht sein Schwert in jeder Schlacht;
+ Und ohne Schwertstreich hat er mich dazu gemacht.
+ Drum vor Afrasiab beware dieß im Stillen!
+ Den Sohn verderben möcht er um des Vaters willen.
+ Den Vater hab ich schon verloren, liebes Kind,
+ Verlör ich auch den Sohn, so wär ich sänfter blind.
+ Sei stolz, doch sag es nicht, wer deine Ahnen sind!
+
+
+ 12.
+
+ Doch Suhrab sprach: Wer birgt die Sonn im Weltenring?
+ Unmöglich wird geheim gehalten solches Ding.
+ Von einer Heldenabkunft, Mutter, dieser gleich,
+ Zu schweigen, wäre dir und mir nicht ehrenreich.
+ Was, Mutter, hast du selbst gehalten lange Zeit
+ Geheim die Abkunft mir von solcher Herrlichkeit?
+ Denn alle Kämpen jetzt, die jungen und die alten,
+ Nur Rostem ists von dem sie Kampfgespräche halten.
+ Von allen Namen ward zuerst mir seiner kund,
+ Ich hörte seinen Ruhm aus seiner Feinde Mund.
+ Wer jenen Riesen schlug? dieß Zauberschloß zerstörte?
+ Nur Rostem, was ich frug, Rostem war, was ich hörte,
+ Stets mit Bewunderung, und oft mit Neide gar,
+ Mit Aerger! wußt ich denn, daß er mein Vater war?
+ Nun aus Semengan hier, und dort aus Turans Marken,
+ Versamml' ich all ein Heer der Mutigen und Starken.
+ Nach Iran will ich ziehn und von dem dunkeln Staube
+ Der Schlacht dem lichten Mond aufsetzen eine Haube.
+ Aufrütteln von dem Thron will ich den Keikawus,
+ Und schlagen aus dem Feld den alten Feldherrn Tus.
+ Wenn Rostem will, geb ich ihm Thron und Kron und Schatz,
+ Und laß ihn sitzen auf Keikawus' Fürstenplatz.
+ Von Iran zieh ich dann nach Turan kampfbereit,
+ Und fordere den Schah Afrasiab zum Streit.
+ Vom Throne stürz ich ihn alswie ein Blitz herab;
+ Die Sonne lang' ich mit der Lanzenspitz herab.
+ O Mutter, aber dich, du höre meinen Schwur an,
+ Mach ich zur Königin von Iran und von Turan.
+ Denn da, wo Rostem ist der Vater, ich der Sohn,
+ O Mutter, bleibt kein Fürst der Welt auf seinem Thron.
+ Wo Mond und Sonne selbst im Glanzvereine stralen,
+ Was wollen Sterne da mit ihrem Schimmer pralen!
+ So rief er, und erstaunt ließ er die Mutter dort;
+ Mit höherm Haupt, als er gekommen, gieng er fort.
+ Von seinem Vater sagt' er keinem doch ein Wort,
+ Im Herzen macht' er ganz den Vater sich zu eigen,
+ Doch wenn den Mund er aufthun wollte, mußt er schweigen.
+ Ihm wars alsob er erst zu Rosse steigen sollte,
+ Wenn er als Rostems Sohn der Welt sich zeigen wollte.
+
+
+ 13.
+
+ Zu seiner Mutter sprach Suhrab, der junge Held:
+ Den Vater nun zu schaun, Mutter, zieh ich ins Feld.
+ Dazu brauch ich ein Ross, mit meinem Mut schritthaltend,
+ Ein Ross mit einem Huf von Eisen kieselspaltend:
+ Von Stärk ein Elefant, und vogelgleich an Schwung,
+ Im Waßer wie ein Fisch, und wie ein Reh im Sprung,
+ Ein Ross, das meine Wucht und meine Waffen trage,
+ Und nicht von meiner Faust erlieg an einem Schlage.
+ Denn nicht zu Fuße ziemt zum Kampfe mir zu gehn;
+ Vom hohen Ross will ich dem Feind ins Antlitz sehn.
+ Da so die Mutter hört' ihr junges Heldenblut,
+ Zum Himmel hob sie stolz ihr Haupt in hohem Mut.
+ Sogleich befolen ward von ihr dem Hirtenvolke,
+ Zu bringen aus der Trift von Pferden eine Wolke,
+ Damit dem Suhrab käm ein Rösslein fein zur Hand,
+ Auf dem er säße, wann er ritt in Feindesland.
+ Und alles was sich fand von Pferden alzumal,
+ Was aufzutreiben war da zwischen Berg und Thal,
+ Das trieben sie zur Stadt, und Suhrab nam, der Leu,
+ Die Fangschnur nun, und trat zum nächsten ohne Scheu.
+ Welch Ross vor allen stark er sah von Bug und Backen,
+ Des Riemens Schlinge warf er gleich ihm übern Nacken.
+ Er zog es her und legt' ihm auf den Rücken auch
+ Die Hand, da lags gestreckt am Boden auf dem Bauch.
+ Es konte nicht den Druck der flachen Hand ertragen,
+ Er braucht' es mit der Faust zu Boden nicht zu schlagen.
+ Schon war durch seine Hand manch schmuckes Ross geknickt,
+ Und keines kam ihm noch zur Hand, für ihn geschickt.
+ Es schien, es war kein Ross für seine Kraft gerecht,
+ Und traurig ward der Sproß vom Pehlewangeschlecht.
+
+
+ 14.
+
+ Da stellte sich zuletzt ein alter Recke dar,
+ Und sprach: Ich hab ein Ross, wie keines ist, noch war.
+ Im Gange wie ein Pfeil, im Laufe wie ein Wind;
+ Es ist von Rostems Hengst, vom Rachs, ein einzig Kind.
+ Kein Ross von gleicher Kraft ist auf der Welt zu sehn;
+ Ein Blitz im Rennen ists, und ein Gebirg im Stehn.
+ Die Hitze noch der Frost macht ihm nicht kalt noch heiß,
+ Mit Nüstern voller Dampf, und Poren ohne Schweiß.
+ Ein Wolkenschatten schwebt es über Thal und Hügel,
+ Und segelt durch die Luft, ein Vogel ohne Flügel.
+ Der Pfau zieht ein vor Scham des Rads gespannten Reif,
+ Wenn es die Mähnen hebt, und hoch trägt seinen Schweif.
+ Am Berge klimmend, ist es einem Löwen gleich;
+ Im Waßer schwimmend, ist es einer Möwen gleich.
+ Sein Reiter, wenn im Ritt er schnellt den Pfeil vom Bogen,
+ Kommt schneller als der Pfeil dem Feinde nachgeflogen.
+ So flüchtig ists zur Flucht: auch der von seinen Solen
+ Erregte Staub versucht umsonst es einzuholen.
+ Bei allen Tugenden, die diesem Rösslein eigen,
+ Hats einen Fehler nur: es läßt sich schwer besteigen.
+ Doch wers bestiegen hat, den wirds zum Siege tragen,
+ Der mag darauf den Kampf mit Rostem selber wagen.
+ Froh wurde Rostems Sohn von dieses Wortes Klange,
+ Er lacht' und rosengleich erblühte seine Wange.
+ Laut rief er: Ei so bringt mir gleich das schmucke Ross!
+ Sie brachtens ungesäumt zum jungen Heldensproß.
+ Er machte gleich an ihm mit seiner Hand die Probe,
+ Das Thier war stark genug, und es bestand die Probe.
+ Da schmeichel-streichelt' ers, und sattelt' es geschwind,
+ Aufs starke Ross schwang sich das starke Heldenkind.
+ Im Sattel saß er fest alswie ein Bild von Erz,
+ Und hielt mit leichter Hand die Zügel wie zum Scherz.
+ Er tummelte das Ross, daß es begann zu schäumen,
+ Zu schnauben mit Gebraus, doch durft es ihm nicht bäumen.
+ Da sprach vom Ross Suhrab, indem ers anhielt leise:
+ So hab ich nun ein Ross gewonnen zu der Reise.
+ Nun acht ich mein die Welt, da ich das Ross gewann,
+ Auf dem ich Rostem selbst mit Ruhm bestehen kann.
+
+
+ 15.
+
+ Er sprachs, und stieg vom Ross, und gieng ins Haus zurück:
+ Da rüstet' er zum Krieg mit Iran Stück um Stück.
+ Wies kund im Lande ward, daß er kriegslustig sei,
+ Strömten von da und dort Kriegslustige herbei
+ Wie eine Sonne war er ihrem Wunsch erschienen;
+ Sie alle wollten Ruhm und wollten Gold verdienen.
+ Die Waffen hatten lang in diesem Land geruht,
+ Und aus der Asche brach nun die verhaltne Glut.
+ Suhrab, gerüstet, trat zu seiner Mutter Vater,
+ Um Urlaub und Geleit und Reisebeistand bat er.
+ Großvater! sprach er: jetzt sollst du mir Spielzeug schaffen;
+ Die Leute hab ich schon, gib mir dazu die Waffen!
+ Denn ohne Waffen ist ein Heerzug mangelhaft;
+ Ein Rösslein hat mir schon die Mutter angeschafft.
+ Doch alles, was mir folgt, soll auch auf Rossen reiten;
+ Kamele sollen dann mit Zehrung uns begleiten.
+ Denn schmausen wollen wir, so oft als wir nicht streiten.
+ Tu deinen Marstall auf, das Vorratshaus mit Kost,
+ Das Zeughaus auch, worin die Waffen frißt der Rost!
+ Dem alten König klang anmutig diese Post,
+ Mit Lachen sah er an den jungen Augentrost;
+ Durchwärmet war sein Frost von diesem feurigen Most.
+ Er sprach bei sich: was ists mit dieser Waffenfart?
+ Ist dieß den Vater aufzusuchen eine Art?
+ Doch sei es wie es sei! es ist das Heldenfeuer
+ Rostems in seinem Blut, und fordert Abenteuer.
+ Da stellt' er, was er hatt', ihm alles zu Befele,
+ Vorrät in Land und Stadt, die Ross' und die Kamele,
+ Futter für Ross und Mann, die Gerste samt dem Weizen;
+ Mit Silber auch und Gold wollt er dazu nicht geizen.
+ Und als er tat darauf das alte Zeughaus auf,
+ Da stand ein Waffenhauf wolfeil der Lust zu Kauf:
+ Schwerter und Wehrgehäng, Leibröcke, Helm und Panzer,
+ Für Schützen Bogen auch, und Spieß und Sper für Lanzer.
+ Suhrab, wie ers empfieng, so teilt' er Wehr und Sold,
+ Es stob ihm von der Hand das Eisen und das Gold.
+ Er sprach: da nemet hin! soviel vermag ich heute;
+ Und wenn ihr mehr begehrt, so helft daß ichs erbeute!
+ Eroberten wir erst des Persers Königreich,
+ So mach ich jeden Mann wie einen König reich.
+
+
+ 16.
+
+ Dem Schah Afrasiab in Turan ward gesagt,
+ Daß seinen Flug vom Nest ein junger Adler wagt,
+ Der altershalben zwar nichts weniger als flück,
+ Doch seinem guten Mut vertraut und gutem Glück.
+ Ihn hat die Friedensruh, die Turan schläft, verdroßen,
+ Er rüstet sich zu Kampf, und sammelt Schwertgenoßen.
+ Von allen Orten strömt ein Heer zu ihm herbei,
+ Darob hebt er sein Haupt wie eine Zeder frei.
+ Es sproßt der erste Flaum auf seiner Wange kaum,
+ Und schon ist seinem Traum zu eng der Welten Raum;
+ In alle Himmel hoch wächst seiner Hoffnung Baum.
+ Aus seinem Odem weht ein süßer Milchgeruch,
+ Doch eitel Schwert und Dolch ist seiner Lippen Spruch.
+ Mit seinem Dolch will er die Brust der Erde ritzen,
+ Und an die Abendwolk ihr rotes Herzblut spritzen;
+ Keikawus soll vom Thron, dort will er selber sitzen!
+ Den Beutelustigen, die ihm mit leeren Händen
+ Und vollem Mute nahn, hat er viel Gut zu spenden,
+ Und mehr Verheißungen, die denkt er zu vollenden!
+ Sie drängen sich um ihn wie Stralen um die Achse
+ Der Sonn, alsob ein Heer ihm aus dem Boden wachse;
+ Als sei er Rostems Kind, und reit ein Kind vom Rachse!
+ In Wahrheit, wer ihn sieht, der glaubt wol dem Gerüchte,
+ Weil von den Stamme weit nicht fallen dessen Früchte;
+ Er scheint, mit solcher Zucht, von Rostem ein Gezüchte.
+ Wenigstens mutterhalb ist Suhrab edel schon,
+ Des alten Königs von Semengan Tochtersohn!
+ So ward dem Türkenschah geredet und geraunt
+ Von Suhrab, und er war darüber nicht erstaunt.
+ Er lachte still, es war vom Anbeginn ihm kund
+ Tehminas und Rostems geheimer Liebesbund.
+
+
+ 17.
+
+ Afrasiab, der Schah, nachdem er den Bericht
+ Erwogen, lachte noch, und er misfiel ihm nicht.
+ Der Häupter seines Heers, des nun lang ausgeruhten,
+ Berief er einen gleich, Barman, den hochgemuten.
+ Zwölftausend Recken, frisch von Kraft und scharf von Schneide,
+ Las er dazu, und gab sie ihm mit dem Bescheide:
+ Bewährter Baruman, auf! nach Semengan lenke
+ Den Schritt mit diesem Heer, mit Brief und mit Geschenke.
+ Ermutige mir dort des Mutes jungen Keim!
+ Doch die Geschichte bleibt still zwischen uns geheim.
+ Sag ihm, Afrasiab send ihm Hilfsmannschaft zu,
+ Damit nach Iran er kampflustig zieh im Nu.
+ Dort aber darf den Sohn der Vater nicht erkennen,
+ Und Niemand soll dem Sohn des Vaters Namen nennen.
+ Was weiß ich, ob ein Sohn des Rostem Suhrab sei?
+ Ich frage nicht darnach; mir feind sind alle zwei.
+ Wenn so den einen Feind wir auf den andern hetzen,
+ Können sie doch gegen uns sich nicht zur Wehre setzen.
+ Und wenn die beiden dort einander setzen zu,
+ So sehen wir dem Spiel hier mit Ergetzen zu.
+ Villeicht gelingt es uns: der grimme Kampfleu alt
+ Erliegt im Kampfe vor des jungen Leun Gewalt.
+ Wenn Rostem gegen uns nicht ferner Iran hält,
+ Im Spiele jagen wir den Kawus aus der Welt.
+ Dann aber wollen wir den Suhrab auch beschicken,
+ Mit Schlummer eines Nachts sein Auge so bestricken,
+ Daß ihm die Lust vergeht, nach Kronen aufzublicken!
+ Denn mir ist wolbekannt, daß dieser tolle Knab
+ Erst an Keikawus will, dann an Afrasiab.
+ Doch wenn dem greisen Wolf erliegt das zarte Lamm --
+ Wenn Suhrab wirklich ist ein Reis von Rostems Stamm --
+ So wird der zähe Stamm von diesem Gram sich biegen,
+ Und in des Kummers Schlamm der stolze Brunn versiegen.
+ Doch ließe mich mein Glück auch soviel nicht erwerben
+ Daß ich sie alle zwei säh aneinander sterben;
+ So hoff ich, daß uns Gott von einem mindstens helfe,
+ Es sei vom alten Wolf, es sei vom jungen Welfe.
+
+
+ 18.
+
+ Da schrieb Afrasiab an Suhrab einen Brief,
+ Darin er Gottes Heil ob ihm zum Eingang rief:
+ Das Glück geleite dich, beherzter Heldenknabe,
+ Zum kühnen Werk, das ich mit Lust vernommen habe.
+ Dir send ich fürstliche Geschenke meiner Gnaden,
+ Ross' und Kamele mit Kleinodien beladen;
+ Türkis' aus Turkistan, aus Badachschan Rubinen,
+ Smaragdne Sträuße drei mit Perlentau auf ihnen.
+ Ich habe dir erwählt zwei Kronen edelsteinern,
+ Und ihnen beigezählt zwei Thronen elfenbeinern.
+ Froh mögest du zu Thron auf Elfenbeine sitzen,
+ Und über dir die Kron aus Edelsteine blitzen!
+ Wirst du erst Irans Kron im Streit gewonnen haben,
+ Dann wird Ruh auf dem Thron die Zeit gewonnen haben.
+ Denn ewig ist entzweit, wie Tag und Nacht im Streit,
+ Iran und Turan; du sollst stiften Einigkeit.
+ Von dieser Mark ist weit zu jener nicht der Weg;
+ Semengan, Turan und Iran ist Ein Geheg.
+ Deswegen ist gestellt Semengan auf der Scheide
+ Von Iran und Turan, um zu beherrschen beide.
+ Nun send ich Truppen dir, soviel ich nötig glaube;
+ Kühn setze dich aufs Ross, und auf dein Haupt die Haube!
+ Von meinen Feldherrn send ich dir den Baruman,
+ So tapfer als getreu; der sei dir untertan!
+ Er sei dir untertan mit allen, die er führt;
+ Von ihnen sei die Welt dem Feinde zugeschnürt!
+ Zeuch aus zu Kampf und Sieg! dich soll im Laufe stören
+ Kein Graben und kein Wall, und keine List betören!
+ Bald laße das Gerücht uns deine Taten hören!
+ Von meinen Söhnen all soll keiner meinem Thron
+ So nah stehn als Suhrab, den ich begrüß als Sohn.
+ Er schriebs und siegelte, und gabs dem Baruman;
+ Der trat nicht leichten Muts die schwere Sendung an.
+ In diesem Kriege war kein Ruhm ihm zu erwerben,
+ Als einen Helden durch den andern zu verderben.
+
+
+ 19.
+
+ Da hörte vom Gerücht Suhrab, daß Baruman
+ Vom Schah Afrasiab mit Truppen zieh heran,
+ Mit Ross und mit Kamel und großem Heergedränge,
+ Ehrengeschenk und Brief und festlichem Gepränge.
+ Der junge Mann, wie er die Kund erfur, schnell tat er
+ Den Gürtel um, und zog mit seiner Mutter Vater.
+ Entgegen zum Empfang zog er schnell wie ein Wind;
+ Wie soviel Volks er sah, froh staunete das Kind.
+ Mehr staunte Baruman, als er die stolzen Glieder,
+ Die edle Bildung sah, das Staunen schlug ihn nieder.
+ Im Staunen war gemischt Furcht und Bewunderung,
+ Und Mitleid, wie er sah den Helden schön und jung.
+ Der greise Feldherr sprach bei sich: Auf Ruhmespfaden
+ Gehn sollte solch ein Schmuck der Jugend ohne Schaden.
+ Verdienen möcht er wol, ihm wäre, statt Verrat,
+ Zum ungestümen Mut beschieden weiser Rat.
+ Wenn ihn der Doppelrausch der Jugend und des Ruhms
+ Zu Falle bringt, o weh dem Stolz des Rittertums!
+ Zu Suhrab sprach er drauf: O edler junger Leue,
+ Den Brief schickt dir der Schah, daß er dein Herz erfreue.
+ Lies mit Bedacht den Brief des Schahs von Turanland,
+ Und was du dann befilst, das steht in deiner Hand.
+ Die Ehrengaben nimm, die dir gesendet sind;
+ Ich selbst steh und dieß Heer dir zu Gebot, o Kind!
+ Suhrab, der junge Mann, nachdem er las den Brief,
+ Das erste war, daß er sein Heer zum Aufbruch rief;
+ Das Heer der Seinigen; dem Barman, seinem Gast
+ Und dessen Leuten gab er auf drei Tage Rast.
+ »Der Mutter Vater soll bewirten euch mit Schmause,
+ Die Mutter selbst dazu; ich geh nicht mehr nach Hause.
+ Es leidet länger nicht mich in der Mutter Haus;
+ Lebt wol, und kommt uns nach! wir reiten euch voraus.«
+ Die Pauke ward gerührt, zusammen strömten Krieger,
+ Und sprangen mit Geklirr, auf Rosse rasch wie Tieger.
+ Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
+ Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
+ Aus Turan brach der Sturm hervor auf Irans Flur;
+ Zerstörung, Flucht und Raub bezeichnete die Spur,
+ Und wüste ward gelegt das Land, soweit er fur.
+
+
+
+
+ Drittes Buch.
+
+
+ 20.
+
+ Da war ein Schloß, das hieß das Weiße Schloß im Land,
+ Darauf die Zuversicht des Reiches Iran stand,
+ Daß es verteidigen den Pass der Grenze sollte,
+ Wenn da hervor ein Feind aus Turan brechen wollte.
+ Drum waren auf dieß Schloß gesetzt, zu Schirm und Halter,
+ Statt eines Wärtels zwei, ein junger und ein alter;
+ Der alte, daß er es behütete mit Rat,
+ Der junge, daß er es verteidigte mit Tat.
+ Hedschir, der junge Vogt, ließ, weil die Waffen schwiegen,
+ Vom Kinde Gesdehems, des alten, sich besiegen.
+ Die hieß Gurdaferid, das heißt »ein Held geschaffen«,
+ Weil sie, die zarte Maid, war wie ein Held in Waffen.
+ Hedschir mit Rennen und mit Schießen nach dem Ziele
+ Versuchte daß er ihr durch Männlichkeit gefiele;
+ Vergebens! weil ihm selbst in diesen Künsten sie
+ Zuvor es tat, kam er mit ihr zum Ziele nie.
+ Er wünschte, daß einmal ein Feind vorm Schloß erschiene,
+ Daß ihren Beifall er im ernstern Kampf verdiene.
+ Und als er eines Tags ein Heer von Türken sah
+ Anrücken, glaubt' er sich zwiefachem Siege nah,
+ Dem einen, den er wollt erringen im Gefild,
+ Dem andern in der Burg am schönen Frauenbild.
+ Da wappnete sich schnell der mutige Hedschir,
+ Und stieg aufs Ross, gespornt von Lieb und Kampfbegier.
+ Des Tores Hüter ließ er weit auftun das Tor
+ Der alten Burg, und ritt zum Einzelkampf hervor.
+ Er ritt den Berg hinab, dem Feind entgegen jach,
+ Und von der Mauer sah Gurdaferid ihm nach.
+
+
+ 21.
+
+ Mit scharfem Ritte kam der kühne Reck herbei,
+ Und tat ans Türkenheer von weitem einen Schrei:
+ Von wannen sind geschaart die Ritter und die Knechte?
+ Wer unter ihnen ist der Tapferst im Gefechte?
+ Ich habe lange schon auf eure Gegenwart,
+ Alswie ein Bräutigam auf seine Braut, geharrt.
+ Wer wagt es, gegen mich mit eingelegter Lanzen
+ Zu rennen, daß wir hier den Hochzeitreigen tanzen?
+ Desselben Haupt will ich dort auf die Zinne pflanzen!
+ Er hatte seinen Ruf gerufen laut genug,
+ Doch keiner war im Heer, der Lust zur Antwort trug.
+ Zu heben wagte sich nicht eines Türken Hand,
+ Die erste Waffentat zu thun im Perserland.
+ Doch Suhrab, als er all die Tapfern schweigen sah,
+ Ergrimmt' er, und das Schwert zog er für alle da.
+ Alswie ein Tieger bricht am Strom aus Schilf und Rohr,
+ So drang er aus dem Chor der Seinigen hervor.
+ Laut rief er zu dem kampfgerüsteten Hedschir:
+ Was treibt allein dich her mit solcher Kampfbegier?
+ Du meinst wol, daß wir uns vor starken Worten scheuen?
+ Du kamest nicht zur Jagd des Fuchses, sondern Leuen.
+ Aus Turan brach ich auf, ganz Iran will ich zwingen,
+ Und auf dein Haupt soll mir der erste Streich gelingen.
+ Suhrab, den Namen gab mir meine Mutter bei,
+ Und Rostem sagte sie, daß er mein Vater sei.
+ Den Vater eben aufzusuchen zog ich aus;
+ Und wessen Sohn ich sei, zeig ich in Kampf und Strauß.
+ Doch sag auch deinem Stamm, den Namen, und die Deinen!
+ Denn heut muß über dich Braut oder Mutter weinen.
+
+
+ 22.
+
+ Zur Antwort gab Hedschir: Verwegner, schweige still!
+ Kein Türk ists den ich zum Vertrauten haben will.
+ Der Heldenfänger ich, der Ritter ohne Scheu,
+ Ich bin der Schütze, dem zum Fuchse wird der Leu.
+ Hedschir im Kampfrevier der Helden Zier geheißen
+ Bin ich, gleich will ich dir dein Haupt vom Rumpfe reißen.
+ Zwei Geier kreischen dort sich in den Lüften heischer,
+ Es wittern ihren Raub die ungestümen Kreischer;
+ Den beiden wirst du nun zum Gastmahl aufgetischt,
+ Daß ihre Heischerkeit dein junges Blut erfrischt.
+ Dann fliegen sie nach Nord und Süd, und für das Futter
+ Dankt deinem Vater der, und jener deiner Mutter.
+ Die Mutter weint gewis ums Kindlein, ihr entrißen,
+ Der Vater aber wird villeicht von dir nicht wißen.
+ Doch jauchzen über mich, nicht weinen soll die Braut,
+ Die schöne, die auf uns dort von der Mauer schaut!
+ So rief er aus, und sah zur Jungfrau an der Zinne;
+ Zu lächeln schien sie ihm, so täuschten ihn die Sinne:
+ Ihn blendete der Glanz der Sonn und Kraft der Minne.
+ Auf einen Augenblick hatt' er des Kampfs vergeßen,
+ Und nach der Zinne sah sein Gegner auch indessen.
+ Da sah er einen Stral, wie er noch nie geschaut,
+ Und doppelt zürnt' er nun dem, der sie nannte Braut.
+ Er sprach: die Perser sind vor mir wie Spreu im Wind,
+ Doch lieblich anzusehn ist solch ein Perserkind.
+ Wol ists der Mühe werth, zu stürmen solche Zinnen,
+ Wenn solche Schätze sind darinnen zu gewinnen.
+ Doch wenn ich dächte, daß sie diesem zugelacht,
+ Ich hätte zweimal ihn, nicht einmal, umgebracht!
+ So in Gedanken war Suhrab mit ihr beschäftigt,
+ Hedschir durch einen Blick auf sie war neu gekräftigt.
+
+
+ 23.
+
+ Doch von der Zinn hinweg und von der Jungfrau warf
+ Den Blick nun der und der auf seinen Gegner scharf.
+ Im Sattel jeder sich gleich einem Feuer schwang,
+ Und setzte seinen Hengst wie einen Berg in Gang.
+ So schnell da Schaft mit Schaft sich durcheinander flocht,
+ Daß man den einen nicht vom andern kennen mocht.
+ Nach Suhrabs Mitte stieß Hedschir den blanken Schaft;
+ Am festen Gurte fand die Spitze keinen Haft.
+ Doch Suhrab bog zurück den eignen Sper behende,
+ Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende.
+ Recht zwischen Mann und Gaul schob er den Hebebaum,
+ Und aus dem Sattel flog Hedschir und merkt' es kaum.
+ Zur Erde warf er ihn alswie ein Felsenstück;
+ Da lag er, und es blieb kein Sinn an ihm zurück.
+ Vergangen war die Welt vor seinem Augenlid,
+ Der Himmel und das Feld, die Burg und Gurdafrid.
+ Vom Pferde Suhrab sprang und saß ihm auf die Brust;
+ Er hatte nun den Kopf ihm abzuschneiden Lust.
+ Da drehte sich Hedschir, und stützt' auf einen Arm
+ Sich schwach, den andern streckt' er vor, und rief: Erbarm!
+ Laß gnug sein an der Schmach, daß so mein Stolz zerbrach,
+ Und mich im Angesicht der Burg dein Sper abstach!
+ Wie wird die Stolze sich an meinem Sturze weiden!
+ Das tötet mich; du brauchst dieß Haupt nicht abzuschneiden.
+ Nun ist sie frei von mir; du nim mich hier gefangen!
+ Du kanst im fremden Land Kundschaft durch mich erlangen.
+ Wer, da ich dir erlag, wird dir noch widerstehn?
+ Laß mich gefangen mit zu deinen Siegen gehn!
+
+
+ 24.
+
+ Er schwieg, und harrte stumm auf Tod nun oder Leben;
+ Und sich entschloß der Held ihm nicht den Tod zu geben.
+ Er dachte: Wenn ich ihn gefangen mit mir führe,
+ Lock ich manch andren Fang villeicht in meine Schnüre.
+ Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen,
+ Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen.
+ Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben,
+ Als schlechten Preis dafür laß ich ihm gern das Leben.
+ So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken,
+ Und den gefeßelten dem Lager zuzuschicken.
+ Im Lager kam er an zugleich mit Baruman,
+ Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan.
+ Er war in Eile dem ihm von Afrasiab
+ Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab;
+ Und war nur eben recht gekommen um zu sehn
+ Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn.
+ Wie er gefeßelt sah die stolzen Heldenglieder,
+ Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder.
+ Er staunt' und freute sich, und fühlte Scham und Reu,
+ Daß er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu.
+ Im Lager aber war von Türken alt und jung
+ In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung.
+ Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn,
+ Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn.
+ Ins Lager langsam ritt er auf dem Roß zurück,
+ Und hörte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Glück.
+ Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied,
+ An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid.
+
+
+ 25.
+
+ Von Siegesfreude war das Türkenlager voll,
+ Derweil im weißen Schloß ein Wehgeschrei erscholl.
+ Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib
+ Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib.
+ Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schloße drinnen,
+ Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen.
+ Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach
+ Den Perserstolz ein Türk, der ihn vom Sattel stach;
+ Und rief: O Scham, o Schmach! Weh um Hedschir, den Degen!
+ Du rühmtest dich ein Mann, und bist dem Kind erlegen.
+ Wie hast du ungeschickt um meine Gunst gebuhlt!
+ Dein Sper war stumpf gespitzt, dein Gaul war schlecht geschult.
+ Verlachen könnt ich dich; daß aber dich verlache
+ Der Feind, das kränket mich, und fordert Freundesrache.
+ Wie? rühmen sollte sich ein blonder Türkenknabe,
+ Daß er so leicht erlegt den ersten Perser habe?
+ Wenn er die Männer hier für Weiber halten kann,
+ Soll er an einem Weib nun finden seinen Mann!
+ Vom Kampfplatz ritt er weg gleich einem lichten Sterne,
+ Sah sich noch einmal um, dann schwand er in der Ferne.
+ So zierlich tummelt' er sein Roß, man sahs nur gern;
+ Laß sehn, ob er von nah so schön ist als von fern!
+ Halbscherzend rief sies aus, und schritt vom Wall nach Haus;
+ Dort las sie sich zum Schmuck die schönsten Waffen aus.
+ In einem Drathelm barg sie ihrer Locken Zier,
+ Und nam vors Angesicht ein indisches Visier.
+ In voller Rüstung sprang sie auf ein Ross im Lauf,
+ Und flog der Pforte zu, die that der Pförtner auf.
+ Ihr Vater Gesdehem sah ihren Ausritt nicht,
+ Sonst hätt er sie gehemmt in ihrer Zuversicht.
+
+
+ 26.
+
+ Sie kam alswie ein Mann den Berg herab vom Schloß,
+ Ein Gurt um ihre Mitt und unter ihr ein Ross.
+ Sie flog den Berg vom Schloß herab gleich einem Falken,
+ Und schwang in ihrer Hand erztrümmernd einen Balken.
+ Ans Türkenlager kam sie wie ein Sturm herbei,
+ Da that sie einen durchs Visier verstärkten Schrei:
+ »Wer sind die Recken hier? und wer ist der sie führt?
+ Wer ist es, dem der Tod von meiner Hand gebührt?
+ Ein guter Freund ward mir vom Rosse hier gestochen;
+ Wer fällte den Hedschir? dem sei hier zugesprochen!
+ Und wenn derselbe selbst hervorzutreten zagt,
+ So komm ein andrer, der mit mir die Probe wagt.
+ Ihr sollt nicht glauben, weils an einem euch gelang,
+ Daß Turans Trotz den Stolz von Iran schon bezwang!
+ Was einer schlecht gemacht, das macht ein andrer gut;
+ Die blaße Schmach Hedschirs röt ich mit wessen Blut?
+ Wer hat sein Leben feil? wer hat zum Kampfe Mut?«
+ Vom stolzen Lager war gehört die Forderung,
+ Und ihr zu folgen stand schon mancher auf dem Sprung.
+ Doch allen kam zuvor Suhrab mit einem Sprunge
+ Aufs Ross, indem er rief: Ihr wartet, alt' und junge!
+ Den Handel, den ich angefangen, muß ich enden;
+ Wegnemen soll mir keins die Arbeit untern Händen.
+ Das ist zum einen Stück das andre, wie ich merk,
+ Und beide Stücke sind zusammen erst ein Werk.
+ Sagt dem Hedschir: Zum Trost schaff ich in seiner Not
+ Einen Genoßen ihm, lebendig oder tot!
+ So rief der junge Held, und ritt von dannen jach;
+ Das Türkenlager rief ihm lauten Beifall nach.
+
+
+ 27.
+
+ Auf einen Bogenschuß ritt er zu ihr hinan;
+ Er lachte leis' und kniff die Lippe mit dem Zahn.
+ So sprach er froh bei sich: ein andres edles Thier
+ Ist hergekommen in des Jagdherrn Jagdrevier.
+ Wie in dem Dickicht, wo ein Leu sein Lager hat,
+ Wo ihm verfallen ist zu Raube, was da naht;
+ Die stärkste Hirschkuh hat er eben dort bezwungen,
+ Da kommt das zarte Kalb der Mutter nachgesprungen.
+ Lautblöckend suchet es die Mutter in der Not,
+ Und fand an Mutter Statt den Löwen und den Tod.
+ Des Löwen Mittagstisch war mit der Kuh beraten,
+ Und nun zur Abendkost dient ihm des Kälbchens Braten.
+ Wer sendet Beut auf Beut hernieder zum Gewinne
+ Mir von der alten Burg, daß keine mir entrinne?
+ Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne!
+ Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn,
+ Und schon durch Minne reißt sie auch den andern hin.
+ So möge sie, wo sie den ersten fallen sah,
+ Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah!
+ Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort
+ Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort:
+ Es wundert' ihn, daß sie nicht stand am vorgen Ort.
+ Er dachte, daß sie dort noch immer an der Zinne
+ So müßte stehn alswie sie stand vor seinem Sinne.
+ Er wußte nicht, daß sie, anstatt ihm zuzusenden
+ Frohnkämpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen Händen.
+
+
+ 28.
+
+ Doch Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann
+ Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann.
+ Zu schwenken sie begann ihr mutges Rösslein leise,
+ Daß sie erst ihren Feind im weitern Kreiß umkreiße.
+ Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr,
+ War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier.
+ So wie ein Krähenschwarm den Adler, wo er schwebt,
+ Umschwärmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt;
+ Sie sind ihm, wo er fliegt, nah überall vom weiten,
+ Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten:
+ So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen,
+ Den sie hielt unverwandt, Pfeil über Pfeil geflogen.
+ Ihr Köcher war ein Meer, und schöpfte nie sich leer,
+ Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer;
+ Und Suhrabs Rüstung ward von leichten Spitzen schwer.
+ Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen,
+ Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen.
+ Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Sprüheregen,
+ Den er abschüttelte, dann wards ihm ungelegen,
+ Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen:
+ Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel?
+ Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel.
+ Wir Türken ließen euch solang in Ruhe sitzen,
+ Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen;
+ Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen.
+ In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen?
+ Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen.
+ Du magst im Frühlingshain ein kleines Vöglein schießen,
+ Den großen Vogel Greif wirst du damit nicht spießen.
+ Nun aber laß einmal den eitlen Zeitvertreib,
+ Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib!
+
+
+ 29.
+
+ Er riefs, und übern Arm warf sie des Bogens Sennen,
+ Und gegen Suhrab nun ließ sie den Schlachtgaul rennen.
+ Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft,
+ Es wäre nicht der Stoß zu nennen mädchenhaft,
+ Hätt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind
+ Zur Seite Leib und Ross, der Stoß gieng in den Wind.
+ Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende,
+ Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende;
+ Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog,
+ Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog.
+ Vom Sattel lüpft' er sie wie einen Federball;
+ Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall.
+ Doch Gurdafrid nam war, wie sie gefährlich schwankte,
+ Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte.
+ Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob,
+ Und wieder saß sie fest, daß Staub vom Sattel stob.
+ Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht,
+ Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht.
+ Sie sah, daß sie nicht war für diesen Kampf der Mann;
+ Die Zügel zuckte sie dem Rösslein, und entrann.
+ Auch Suhrab gab den Zaum dem schöngemähnten Drachen,
+ Und wollte nun den Tag dem Feinde finster machen.
+ Er kam auf seinem Hengst ihr zornig nachgeschnaubt;
+ Da wandte sie sich schnell, und nahm den Helm vom Haupt.
+ Sie glaubte beßer als durch männliches Gefecht
+ Sich zu verteidigen durch Schönheit und Geschlecht.
+
+
+ 30.
+
+ Von ihrem Haupte quoll die Fülle dunkler Locken,
+ Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken.
+ Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen,
+ Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen!
+ Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun
+ Im Krieg die Männer, wenn so kriegrisch sind die Fraun!
+ Führt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier
+ Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir?
+ Nun weiß ich wol, warum du droben an der Zinne
+ Nicht stehst, weil Kampflust dich herabführt oder Minne!
+ Als ich dich droben sah, dacht ich: wie schön sie ist!
+ Nun aber seh ich, daß du noch viel schöner bist.
+ Ein schöner Reh als du fiel nie in Jägerstricke;
+ Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke!
+ Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt,
+ Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt.
+ Gefangen sah sie sich, und wäre gern entgangen;
+ Sie sann auf schnellen Rat, den Fänger selbst zu fangen.
+ Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht,
+ Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht,
+ Indem sie lächelte, und sprach: Held ohne Scheu,
+ In Männermitte wie im Thierechor der Leu!
+ Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier,
+ Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir!
+ Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah,
+ So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah.
+ Nun hab ich dich gesehn; ich hätte nie gedacht,
+ Daß solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht!
+ Ei! mögen ihren Krieg mit dir die Perser füren!
+ Du wirst die Männer all, nicht nur die Fraun, umschnüren.
+ Doch wünschest du, wie ich, daß ein Verständnis sei
+ Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei!
+
+
+ 31.
+
+ So sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester;
+ Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester,
+ Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke näme fort,
+ Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort.
+ Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn es dir geliebt,
+ Sich dir zugleich ein Schloß und eine Braut ergibt.
+ Ich gebe dir das Schloß, und, ist es dir genem,
+ Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem.
+ Mein Vater ist gewis bereit daß er mich löse;
+ Erfärt er, wo ich bin, so wird er auf mich böse.
+ Ihm hinterm Rücken ritt ich aus dem Schloße fort,
+ Und meiner harrend steht er wol im Tore dort.
+ Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen,
+ Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen,
+ Und beide sich im Spott ob uns vereinigen!
+ Denn spotten werden sie und sagen, daß ein Mann
+ Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann.
+ Was haben sie solang einander zu berichten?
+ So fragen sie; drum laß den Handel schnell uns schlichten.
+ Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir
+ Die Schlüßel zu dem Schloß, doch erst gib Freiheit mir!
+ Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke,
+ Mit dem sie übertrug von sich auf ihn die Stricke;
+ Betöret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke.
+ Wie fühlte sie mit Lust den schönen Nacken frei,
+ Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei,
+ Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei.
+ Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein
+ Voraus den Schloßberg an, Suhrab ritt hinterdrein.
+
+
+
+
+ Viertes Buch.
+
+
+ 32.
+
+ Im Schloßwall hinterm Tor, mit Sorgen und mit Trauer,
+ Nach seinem Kinde stand der Vater auf der Lauer,
+ Den Ungehorsam bald, bald ihren Uebermut
+ Laut schalt er, doch geheim lobt' er sein Heldenblut.
+ »Wenn sie nur unversehrt vom Abenteuer kehrt,
+ So sei nichts auf der Welt dem Töchterchen verwehrt;
+ Nur solch ein zweiter Ritt sei nicht von ihr begehrt!
+ Doch weniger mit ihr zürn ich, als auf Hedschir;
+ Sein Unfall riß mein Kind so hin mit Kampfbegier.
+ Wer aber rettet mir mein Täublein aus den Krallen
+ Des Habichts, dem zum Raub der Kampfhahn selbst gefallen?
+ Thu ich die Pfort hier auf, daß ich zur Hilf ihr eile,
+ Damit der alte Vogt des jungen Torheit teile?
+ Wart ich geduldig, bis der Himmel und ihr Glück,
+ Ihr Mut und kluger Rat mir bringt mein Kind zurück?«
+ Er sprachs, und lauscht' hinaus, und hört' ihr Rösslein traben;
+ Schnell tat er auf, um schnell sein Kind herein zu haben.
+ Gurdaferid ersah der Rettung offnes Tor,
+ Doch ihr Begleiter klomm hart hinter ihr empor;
+ Da kam sie ihm geschwind mit einem Sprung zuvor.
+ Sie huscht' hinein alsob sie flög auf Taubenschwinge,
+ Und rief: Nun warte, Freund, bis ich die Schlüßel bringe!
+ Der Schloßvogt schloß geschwind das Tor nach seinem Kinde
+ Gehäbe, daß kein Wind den Weg durchs Spältchen finde.
+ Sie war hinein, Suhrab war draußen auf dem Ross,
+ Des Schlüßels wartet' er zu dem verschloßnen Schloß.
+
+
+ 33.
+
+ Da neigte Gurdafrid sich von der Zinne droben,
+ Und rief: Kehr um, o Held, umsonst sind deine Proben.
+ Kehr heim, der Abend naht, von deiner Waffentat
+ Zum Türkenlager, dort halt in der Nacht Kriegsrat!
+ Da dir der Handstreich heut aufs weiße Schloß mislang,
+ So rüst auf morgen dich zu einem neuen Gang!
+ Er blickt' empor und sprach: o schöne Persermaid,
+ Daß du treuloser noch als schön bist, thut mir laid.
+ Daß mir solch eine Braut, solch eine Burg entflogen,
+ Das reut mich nicht sosehr, als daß ich ward betrogen.
+ Nun, diese Burg ist doch nicht wie der Himmel hoch;
+ Und wär sie höher noch, herunter mußt du doch.
+ Herunter bringen werd ich dich, im Sturm erringen
+ Das Schloß, du brauchest mir die Schlüßel nicht zu bringen.
+ Sie sprach: Ereifre nicht, o schöner Türkenknabe,
+ So sehr dich, daß ich nicht gebracht die Schlüßel habe.
+ Der Vater hat sie selbst heut in Verschluß genommen;
+ Ich könnte, wollt ich auch, nicht zu den Schlüßeln kommen.
+ Auch deine Werbung hab ich heimlich ihm vertraut;
+ Er sprach: Ein Türke find in Iran keine Braut.
+ Ich rate dir, kehr um, und nim, die dein begehrt,
+ Die schönst in Turan nim! du bist der schönsten wert.
+ Kehr um, ich rate dir, laß guten Rat dir frommen,
+ Eh Kawus es erfärt, und seine Helden kommen.
+ Wenn Rostem kommt heran, der Perser-Pehlewan,
+ O Schmuck aus Turkistan, dann ists um dich getan.
+ Kehr um in deiner Kraft! du stehst hier an der Grenze;
+ Schad um die Blume, wenn sie bricht ein Sturm im Lenze.
+ Ich weinte selbst um dich, wenn ich dich sähe fallen;
+ Denn beßer hat als du mir noch kein Mann gefallen.
+
+
+ 34.
+
+ Sie sprachs, und schwieg, und stieg hinab vom Mauerkranz;
+ Noch lang sah Rostems Sohn empor im Abendglanz,
+ Als säh er noch ihr Bild, als hört er noch ihr Wort;
+ Zum Lager langsam dann ritt er im Unmut fort.
+ Dem Schloß zur Seite lag am Berggehäng herab
+ Ein reicher Anbau, der dem Schloße Nahrung gab.
+ Da waren Gärten, Bäum und manches Saatenfeld;
+ Daran ließ seinen Zorn nun aus der junge Held.
+ Ins Lager rief er laut: Ihr Türken, kommt heraus!
+ Verbreitet um euch her schnell der Zerstörung Graus!
+ Uns bietet Trotz die Burg, die dort im Spätrot lodert;
+ Vergebens hab ich heut die Schlüßel abgefodert.
+ Sie sei zu Fall gebracht, sobald der Tag erwacht;
+ Und vor der Nacht sei jetzt ein Anfang schon gemacht.
+ Zerschmettert dieß Gebälk, zertrümmert diese Planken,
+ Brecht dieß Gezäun entzwei, werft nieder diese Schranken!
+ Haut diese Fruchtbäum um, entwurzelt diese Reben,
+ Und mähet diese Saat! sie soll nicht Körner geben.
+ Dieß ist der Boden, wo sie ihren Vorrat pflanzen,
+ Womit sie droben dann sich halten in den Schanzen.
+ Nun steige Staub und Rauch und Dampf und Qualm empor,
+ Und kündig ihnen an, was ihnen steht bevor!
+ Des Burgvogts Tochter liebt vom hohen Wall zu schauen;
+ Nun schaue sie, wie hier wir ihr den Garten bauen!
+ Wühlt diese Beeten um, wo ihre Rosen blühn,
+ Und stopft die Quelle, die ihr macht den Rasen grün!
+ So rief er, und sein Heer fiel wie ein Hagelschlag
+ Aufs angebaute Land, bis alles wüste lag.
+ Stillschweigend sah er zu, und als der letzte Keim
+ Zerstört war, ritt er abgekühltes Zornes heim.
+
+
+ 35.
+
+ Zum heimgekehrten trat Baruman in der Nacht,
+ Und sprach: Du hast nicht gut das Werk des Tags vollbracht.
+ Den Feinden ist es recht die Nahrung abzuschneiden,
+ Doch so nicht daß wir selbst darunter Mangel leiden.
+ Nun ihren Vorrat zwar hast du der Burg entzogen,
+ Allein dein eignes Heer hast du darum betrogen.
+ Viel Holzwerk und Gebälk ist unnütz mitverbrant,
+ Das nutzbar konte sein zum Leiterbau verwandt.
+ Denn ohne Leitern wirst du nicht das Schloß erringen;
+ Die Mauern dort wird nicht dein Rösslein überspringen!
+ Und dann, was spornte dich zu dieser Rache scharf?
+ Weil dir ein Kind die Tür zu vor der Nase warf!
+ Viel beßer war dir das, als ließe sie dich ein;
+ Drin unter Hunderten was wolltest du allein?
+ Du bist der Mann wol es mit jedem aufzunemen,
+ Doch viele Hunde sinds, die einen Löwen lähmen.
+ Bist du des Heeres Arm, und bist des Heeres Haupt,
+ Nicht sei durch Torheit ihm so Haupt als Arm geraubt!
+ Was sollt ich schreiben nun dem Schah Afrasiab,
+ Der deiner Jugend bei zum Rat mein Alter gab?
+ Dein stürmscher Ritter hat das Grenzschloß eingenommen,
+ Er ist mit Glück hinein, doch nicht heraus gekommen!
+ Nun aber wollen wir mit beßerem Vertraun
+ Es nemen, und dazu vor allem Leitern baun.
+ Du hast das Holz verbrant, wir wollen andres haun.
+ Er sprachs, und lächelnd hin nam jener den Verweis;
+ Er sprach verschämt und keck: Ein Jüngling ist kein Greis;
+ Doch hab ich nie gehört, daß Rostem auch, der alte,
+ Beim Mauerbrechen sich mit Leiterbau aufhalte.
+ Bau Leitern! eines nur beding ich mir dabei,
+ Daß, wenn sie fertig sind, ich drauf der erste sei.
+ Nur seis in dieser Nacht! denn morgen, seids gewärtig,
+ Da werd ich mit der Burg auch ohne Leitern fertig.
+
+
+ 36.
+
+ Weil dieß der weißen Burg im Lager ward gedroht,
+ Saß droben Gesdehem, und dachte nach der Not.
+ Er setzte sich und schrieb an Kawus einen Brief,
+ Darin er Gottes Heil dem Schah zum Eingang rief,
+ Und von der Herrlichkeit des Throns nach Würden sprach,
+ Dann von den mislichen Zeitläuften trug er nach:
+ Die Grenzburg Irans ist gekommen ins Gedränge
+ Von einem Türkenheer in ungezälter Menge.
+ Doch all den andern geht ein junger Fant voran,
+ Der über zweimal sieben Jahr nicht alt sein kann.
+ Von seiner Schlankheit ist die Zeder überragt,
+ Von seinem Glanz die Sonn im Aufgang übertagt.
+ Wenn er zu Rosse sitzt mit Lanze, Keul und Schwerde,
+ So achtet er gering Himmel und Meer und Erde.
+ In Turan weder ist noch Iran ein Verwegner
+ Von gleicher Art, für ihn ist auf der Welt kein Gegner,
+ Als Rostem nur allein; ihm gleicht er an Gestalt,
+ An unverzagtem Mut und furchtbarer Gewalt.
+ Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,
+ Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme.
+ Sobald er kam, hat sich der mutige Hedschir
+ Gegürtet, und gesetzt auf ein schnellfüßig Thier.
+ Ihn trugs den Berg hinab, doch nicht zum Schloß zurück;
+ Dem Stürmer sperrt ich selbst die Vestung noch zum Glück.
+ Doch wenig fehlte nur, so wäre mutentbrant
+ Der junge Elefant allein ins Tor gerant.
+ Darauf hat er verbrant den Anbau rings ums Schloß,
+ Und länger widersteht die Burg nicht seinem Stoß.
+ Am Leben ist Hedschir, doch in Gefangenschaft;
+ Verloren ist an ihm des Schloßes Halt und Kraft.
+ Ich hab umsonst bei mir nach beßerm Rath gesucht:
+ Mit meinem Häuflein nem ich diese Nacht die Flucht.
+ Schnell sende nun der Schah ein großes Heer herbei,
+ Damit ein Damm gesetzt der Ueberschwemmung sei.
+ Doch Rostem sei dabei! Nur Rostem ist der Mann,
+ Der diesem Türkenknaben ins Gesicht sehn kann.
+
+
+ 37.
+
+ Er schriebs und siegelte, und gab geschwind den Brief
+ Dem Boten, der damit die Nacht durch eilig lief.
+ Aufstand der alte Vogt sodann vom Schreibeplatz,
+ Und raffte sein Gesind zusammen und den Schatz,
+ Gurdaferid voran, um diese war ihm bange,
+ Mit allen wandt er sich zum unterirdschen Gange,
+ Der, ihm allein bekant, zur Burg hinaus weit fürte,
+ Und Niemand ward gewar, wie er den Bündel schnürte.
+ Er zog mit seiner Schaar bei Nacht ein gutes Stück,
+ Und nur wehrloses Volk ließ er im Schloß zurück.
+ Als nun der Tag brach aus der Nacht zerrißnem Flor,
+ Stürmte mit seinem Heer Suhrab den Berg empor.
+ Sie drangen bis ans Tor der Burg ohn Aufenthalt,
+ Niemand trat in den Weg der stürmenden Gewalt.
+ Da hielten sie vorm Tor, kein Atem war darinnen,
+ Und sahn zur Zinn empor, kein Leben auf den Zinnen!
+ Suhrab in Ungeduld faßt' einen Felsenstein,
+ Schleudert' ihn gegens Tor, und brach den Eingang drein.
+ Zu Ross sprengt' er hinein, alswie der lichte Tag,
+ Ins Torgewölb, in dem noch Nacht und Schweigen lag;
+ Das Schweigen ward geweckt von seinem Rosshufschlag.
+ Der Widerhall nur ward vom Waffengruße wach,
+ Kein andrer Widerpart schuf ihnen Ungemach.
+ Sie wunderten sich selbst, wie leicht sie eingenommen
+ Die Burg, und fragten sich, wohin der Feind gekommen?
+ Doch Suhrab hatte statt des Feindes an dem Ort
+ Die Freundin auch gesucht, und fand: sie war nicht dort.
+
+
+ 38.
+
+ Wie sich ein Knabe müht, daß er den Baum ersteige,
+ Wo er ein Vogelnest weiß auf dem höchsten Zweige;
+ Am Abende zuvor hat er sich vorgenommen:
+ Bei frühstem Morgen wird der hohe Baum erklommen.
+ Heut ist es nun zu spät, bis morgen seis verschoben;
+ Die Vögel sind im Nest bei Nacht wol aufgehoben.
+ Er hat die ganze Nacht von seinem Fang geträumt,
+ Und, mit der Sonn erwacht, das Bette schnell geräumt;
+ Dann ist er ungesäumt auf seinen Baum geklommen,
+ Und droben findet er das Nest nun ausgenommen.
+ Er weiß nicht, ob zuvor ein andrer Dieb ihm kam,
+ Oder die flücke Brut den Flug vom Neste nam.
+ Eischalen findet er und ein zerstreut Gefieder,
+ Und traurig klettert er vom hohen Stamme wieder:
+ So traurig kletterte dort Suhrab auf und nieder
+ Durchs öde Mauerwerk der ausgestorbnen Veste,
+ Und fand den Vogel, den er suchte, nicht im Neste.
+ Er fand nicht Gurdafrid, wo er sie sucht' im Schloß,
+ Er fand den wehrlos nur zurückgelaßnen Troß.
+ So traurig sank er nun herab vom hohen Baume
+ Der Hoffnung, den er kühn erflogen hatt im Traume;
+ Er suchte, die er liebt', im weiten leeren Raume.
+ Er rief: Könnt ihr mir nicht, ihr stummen Wände, sagen,
+ Wohin ein Sturm sie hat, ein Flügel sie getragen?
+ Ist sie verschwunden, wie ein Traumbild ohne Spur?
+ Erscheinung glänzende, die mir vorüber fur!
+ Wo bist du? wer bist du? wie, sprich, nenn ich dich nur?
+ Das macht den Unmut mir im Herzen doppelt heiß,
+ Daß ich auch nicht einmal von ihr den Namen weiß.
+ Mich däuchte, kühlen würd es schon der Sehnsucht Brennen,
+ Wenn ich dem Winde nur dürft ihren Namen nennen! --
+ Er dachte nicht daran, den Troß der Burg zu fragen;
+ Was, dacht er, können die von meiner Liebe sagen?
+
+
+ 39.
+
+ Da rief er seiner Schaar: Geschwind, und holet mir
+ Herauf aus seiner Haft vom Lager den Hedschir!
+ Er ist ja gestern noch hier oben Herr gewesen;
+ Wen beßer könnten wir zur Auskunft uns erlesen?
+ Er soll des leeren Nests Gelegenheit uns deuten;
+ Verborgne Schätze sind gewis hier zu erbeuten.
+ Er riefs, und jene trieb nach Schätzen die Begier
+ Geschwind den Berg hinab, sie holten den Hedschir.
+ Er kam, und Feßeldruck beschwerte seine Glieder,
+ Doch schwerer noch drückt' ihn Gefühl der Scham danieder;
+ Denn frei hier war er einst, und kam gefangen wieder.
+ Doch auf die Seite nam ihn alsobald Suhrab,
+ Mit sanften Worten nam er ihm die Feßeln ab:
+ Du bist, so frei du hier gewesen, wieder jetzt,
+ Sogleich auf diese Burg von mir als Vogt gesetzt,
+ Wenn ohne Hinterhalt du mir den Namen nennest
+ Von einer, die du nur zu gut, ich weiß es, kennest,
+ Und sagst du mir, wo sie ist, wo ich sie finden mag?
+ Denn ohne sie will ich nicht bleiben einen Tag!
+ Er sprach es, und das Wort war für Hedschir ein Schlag.
+ Zur Antwort gab er ihm: Wenn dir sie Gott beschied,
+ Den Namen nenn ich wol, sie heißt Gurdaferid.
+ Ich staune, wie du selbst, sie nicht zu sehn hier oben;
+ Wer weiß, wo seinen Schatz der Vater aufgehoben!
+ Gern würd ich dir den Platz, wenn ich ihn wüßte, sagen.
+ Sie hat ein Geist entfürt, ein Sturmwind fortgetragen;
+ Du mußt die Zauberin dir aus dem Sinne schlagen.
+ Er schwieg, und wußte wohl, auf welchem Weg den Schatz
+ Der alte Drach entfürt, an welchen sichern Platz.
+ Doch sein Geheimnis war des Nebenbulers Heil;
+ Es war ihm um die Burg und um die Welt nicht feil.
+ Für Persien diese Burg zu halten wäre schön,
+ Dacht er, und frei als Herr zu walten auf den Höhn;
+ Doch übel ist der Preis und schlimm die Gegengabe:
+ Nicht kommen soll durch mich auf ihre Spur der Knabe! --
+ Vom Vorteil seines Lands und seinem ungerürt,
+ Vom Wunsch der Freiheit selbst, blieb er von Lieb umschnürt,
+ Und ward in Feßeln, wie er kam, hinweg gefürt.
+
+
+ 40.
+
+ Doch Suhrab gieng nunmehr im weiten Schloß umher,
+ Und fand den Raum von dem, wornach er suchte, leer.
+ Da sprachen, die es sahn: Nach Schätzen suchet er.
+ Und suchen gieng im Schloß nach Schätzen auch das Heer.
+ Er aber suchte fort und fort sie hier und dort;
+ Am einen fand er nichts, und sucht' am andern Ort.
+ Er dachte, daß sie doch sich müße wo verstecken,
+ Und immer hoffte noch sein Herz, sie zu entdecken.
+ Wie ein verlegt Gerät man sucht an jedem Flecke,
+ Wo man es schon gesucht, und suchts in jeder Ecke,
+ Wo mans nicht fand, und denkt, daß es doch wo noch stecke.
+ Er gieng zur Zinn hinaus, wo er von unten hoch
+ Sie gestern stehen sah; stehn wird sie da heute noch!
+ Er freute sich, zu stehn, wo sie zuvor gestanden,
+ Und ließ den Blick hinaus umschweifen in den Landen.
+ Er sah darauf die Berg' und jede Thalschlucht an,
+ Ob sie hindurch villeicht genommen ihre Bahn.
+ Er fragt' um sie, von der er wußte nun den Namen,
+ Die Wolken und die Lüft, ob sie von ihr nicht kamen.
+ Mit Wind und Sonnenschein sprach er, mit Pflanz und Stein
+ Sprach er von ihr, nur mit den Leuten nicht allein.
+ Die Leute plünderten, zerhieben und zerstachen,
+ Zerschmißen, rißen ein, zerwülten und zerbrachen.
+ Sie suchten einen Schatz, und weil sie keinen Schatz
+ Am Platze fanden, ward zerstört dafür der Platz.
+ Doch Suhrab, dessen Herz ein andres kümmerte,
+ Sah unbekümmert drein, wie alles trümmerte.
+ Er sah, und sah es nicht, wie man die Burg zerstörte,
+ Alsob sie noch dem Feind, nicht schon ihm selbst gehörte.
+
+
+ 41.
+
+ Zu dem in Liebeslust gefangnen jungen Mann
+ Mit Mahnung und Verweis trat Barman und begann:
+ Wie? um ein dunkles Haar und helles Angesicht
+ Vergißest du die Welt, dich selbst und deine Pflicht!
+ Die Helden, so die Welt noch jetzt am höchsten hält,
+ Sie hielten höher als sich selbst nichts auf der Welt.
+ Sie gaben aus der Hand nicht achtlos und bedachtlos
+ Das Herz und den Verstand, vom Rausch der Liebe machtlos.
+ Wol manches Moschusreh fiengen sie ein im Scherz,
+ Doch binden ließen sie im Ernste nicht ihr Herz.
+ Denn, wer dem Adler gleich will um die Sonne werben,
+ Darf wie die Nachtigall nicht um die Rose sterben.
+ Nicht mit Eroberung von einer Welt vereint
+ Sich dieses, daß in Gram um einen Mond man weint.
+ Sohn hat zum Ruhme dich genant Afrasiab,
+ Und über Land und Meer schwingst du der Herrschaft Stab.
+ Aus Turan kamen wir hieher zu einem Werke,
+ Begonnen wards mit Kraft, und sei vollfürt mit Stärke!
+ Dir fiel ohn einen Streich des Schwertes in die Hand
+ Solch eine Burg, und frei steht dir nun Irans Land.
+ Doch ob wir so im Spiel erreichten dieses Ziel
+ Des Wunsches, doch bevor steht uns noch Arbeit viel.
+ Der König Kawus wird mit seinen Helden nahn;
+ Willst du entgegengehn? willst du sie hier empfahn?
+ Willst du entgegengehn? kleb hier nicht an den Hallen!
+ Willst du sie hier empfahn? laß nicht die Burg zerfallen!
+ Was überlieferst du in Blindheit und Betörung
+ Das erste Pfand des Glücks den Händen der Zerstörung?
+ Mach, es ist dir zu schwül, dein Herz im Busen kühl
+ Von Liebe, willst du stehn ein Mann im Schlachtgewühl!
+ Und willst du sein ein Kind, so ruh auf weichem Pfühl!
+ So mahnte Baruman; Suhrab hatt ihm verraten
+ Sein Herzgeheimnis nicht: er hatt es selbst erraten.
+
+
+ 42.
+
+ So mahnte Baruman, und als darauf kein Wort
+ Suhrab erwiderte, fur er zu mahnen fort:
+ Du hast aus eignem Mut, o Jüngling, unternommen
+ Ein großes Werk, und wirst mit Glück zum Ziele kommen,
+ Wenn eins mit dir du bist! Mit dir eins, wirst du siegen;
+ Uneins mit dir, wirst du dir selber unterliegen:
+ Der Kopf besinnungslos wird unters Herz sich biegen.
+ Nur wer mit Festigkeit und mit Verstand ausfürt
+ Das Unternommne, weiß daß ihm der Ruhm gebürt.
+ Den Leun zu fangen, bist du auf die Jagd gegangen;
+ Laß dich nicht unterwegs vom bunten Panther fangen!
+ Bist du ein Held, ein Mann, die Welt zum Raube nim!
+ Die Hand streck aus! dem Schah vom Haupt die Haube nim!
+ Wenn diese Länder all erst deiner Herrschaft fröhnen,
+ Werden dir allerwerts auch huldigen die Schönen.
+ Die Schönheit ist die Blum, o Sohn, auf dem Gefild
+ Des Lebens, und die Lieb ein Thau auf Blumen mild.
+ Nie fehlen möge dir, o Jüngling, auf der Au
+ Der Jugend und des Glücks die Blume noch der Thau!
+ Befestige dieß Schloß zu Ehren der darinn
+ Erblühten, ihr zum Ruhm befestge deinen Sinn!
+ Wenn dir von hier der Sieg ganz Persien beschied,
+ In Persien ist mit inbegriffen Gurdafrid.
+ Wenn du den Rostem wirst vom Ross zu Boden ringen,
+ Laß ihn als Lösepreis Gurdaferid dir bringen!
+ So Baruman, und wie ein Stral durch Nebel brach
+ Die Red in Suhrabs Seel, er ward vom Traume wach.
+ Ja, rief er, von dem Ross will ich den Rostem bringen,
+ Und will als Lösepreis Gurdaferid bedingen!
+ Dem Heer gebot er: Reißt nicht, was wir haben, ein!
+ Und baut es wieder, daß es mög unnembar sein!
+ Dann setzt' er sich und schrieb Brief' an Afrasiab,
+ Worin er ihm Bericht vom ersten Siege gab.
+
+
+
+
+ Fünftes Buch.
+
+
+ 43.
+
+ Doch zu Keikawus kam nach Istachar der Brief
+ Des Gesdehem, womit in Eil der Bote lief.
+ Der König, als er nun den Brief las, und vernam
+ Die üble Zeitung, ward sein Herz voll dunklem Gram.
+ Darauf er seines Heers Gewaltige berief,
+ Und viel verhandelt' er mit ihnen ob dem Brief.
+ Sie saßen um den Schah von Iran alle her,
+ Und allen ward das Herz wie ihm von Sorgen schwer.
+ Die Großen seines Reichs und Starken saßen alle
+ Ratschlagend mit dem Schah in der Chosroenhalle:
+ Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,
+ Gurase, Gurgin, Gew, Milad, Ferhad, Behram.
+ Denselben allen gab der Schah den Brief zu lesen,
+ Und sprach mit ihnen dann von Suhrabs Art und Wesen:
+ So ist aus Turans Schooß ein neuer Kriegessturm
+ Gebrochen! seinem Stoß wankt Irans Friedensturm.
+ Schon ist in seiner Hand die weiße Veste jetzt,
+ Auf welche wir umsonst der Hüter zwei gesetzt.
+ Der alte gieng davon, der junge ließ sich fangen.
+ Guders! mit deinem Sohn Hedschir darfst du nicht prangen!
+ Du hast der Söhne viel; warum gerade gaben
+ Die Burg wir dem, der sie nicht hielt vor einem Knaben?
+ Doch, wie der Alte schreibt, so ist kein Mann der Welt,
+ Der diesem Ungetüm von Kind die Stange hält,
+ Als Rostem, Sabuls Held. Ihr, denen ist empfolen
+ Die Wolfart Irans, sprecht: soll man den Rostem holen?
+ Da sprachen Groß und Klein, und riefen insgemein:
+ Rostem ist Irans Held, geholt soll Rostem sein.
+ Im Kampf mit Turan war stets Rostem Irans Hort;
+ Aus Sabulistan sei er eingeholt sofort!
+ Der Schah schreib einen Brief, worin ihm werd empfolen
+ Zu eilen; aber Gew, sein Eidam, geh ihn holen.
+
+
+ 44.
+
+ Da saß der Schah und schrieb an Rostem einen Brief,
+ Worin er Gottes Preis ob ihm zum Eingang rief:
+ Hort der Iranier, Fürst von Sabulistan!
+ Stets sei vom Ruhm genant des Reiches Pehlewan!
+ Von Turan ist ein Sturm und Friedensbruch gekommen,
+ Die weiße Burg hat er den Hütern abgenommen.
+ Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,
+ Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme;
+ Ein Wetterstral, ein Brand, ein Recke sonder Scheu,
+ Von Leib ein Elefant, von Herz und Mut ein Leu.
+ Wie Gesdehem uns schreibt, so ist kein Mann der Welt,
+ Der diesem Wagehals von Kind die Wage hält,
+ Als du nur, Irans Held! All meine Ritter saßen
+ Zu Rate, wo mit mir sie diese Fahr ermaßen,
+ Und einig sind sie, daß mit ihm den Kampf kann üben
+ Kein anderer, nur du magst ihm das Waßer trüben.
+ Denn du bist unser Hort und Schmuck und Putz allein,
+ Du Irans Rettungsport und Turans Trutz allein,
+ Die Stütze fort und fort des Throns und Schutz allein.
+ Nun gilt es, der Gefahr mit Kraft Entgegenstemmung,
+ Die Brust von Iran frei zu machen von Beklemmung;
+ Hemmung und Dämmung gilts von Turans Ueberschwemmung!
+ Sobald du diesen Brief erbrochen hast, brich auf!
+ Im Augenblick brich auf, und halte dich nicht auf!
+ Stehst du, wo dieser Brief ankommt, nicht sitze nieder
+ Zu lesen! sitzest du, erheb im Sprung die Glieder!
+ Wenn in der Hand den Strauß du hältst, zu riechen, reuch nicht
+ Daran! wirf hin den Strauß, zeuch aus, zeuch! und verzeuch nicht!
+ Bist du vor deiner Tür, so geh nicht erst ins Schloß!
+ Laß holen Schwert und Helm, und hol im Stall dein Ross!
+ Sitz auf dein Ross! den Rachs laß rennen! flieg herbei
+ Aus Sabul wie ein Sturm! erheb ein Feldgeschrei!
+
+
+ 45.
+
+ Er schrieb und siegelte den Brief mit buntem Wachse,
+ Gab ihn dem Gew, und sprach: Nun renne gleich dem Rachse;
+ Nach Sabul renn und flieg, alsob du hättest Flügel!
+ Nun gilts am Rösslein abzunutzen Zaum und Zügel.
+ Wenn du nach Sabul kommst zu Rostem, heiß ihn eilen!
+ Verweilen laß ihn nicht, und laß dich nicht verweilen!
+ Kommst du an spät des Nachts, so kehr um früh des Tags!
+ Sags ihm, daß nah der Kampf herandrängt, sags ihm, sags!
+ Da nam den Brief zur Hand und eilte hin der Bote;
+ An Waßer dacht er nicht, und fragte nicht nach Brote;
+ Er fragt' auf seinem Weg nach Staub nicht oder Kot,
+ Und auch am Himmel nicht nach Früh- und Abendrot.
+ Er flog auf seinem Ross in ungestümer Hast,
+ Und gönnte weder ihm noch sich Schlaf oder Rast.
+ Der Reuter und sein Ross, sie fühlten ihre Kräfte
+ Verdoppelt vom Beruf der wichtigen Geschäfte;
+ Als dienete zu Sporn des Reiches scharfe Not,
+ Zu Geißelhieb des Schachs eindringliches Gebot.
+ Als er zur Mark hinan ritt von Sabulistan,
+ Ward vom Wachpostenruf dem Rostem kund getan;
+ Aus Iran fliegt ein Bot alswie ein Sturm heran.
+ Doch Rostem zu Sewar, zu seinem Bruder, sprach:
+ Reit ihm entgegen, sieh, warum ihm ist so jach!
+ Dem Königsboten ritt Sewar auf hohem Ross
+ Entgegen, Rostem blieb in Ruh auf seinem Schloß.
+ Doch als der Bruder nun kam mit dem Boten näher,
+ Wie er den Eidam sah, da freute sich der Schwäher.
+ Er grüßt' ihn schön und sprach: Was bringst du, Tochtermann?
+ Ein Schreiben von dem Schah! gibs, ob ichs lesen kann!
+ Er nam den Brief, den er mit Augen überlief,
+ Dann schwieg er lange Zeit, und dachte nach dem Brief.
+
+
+ 46.
+
+ Ich denk an alte Zeit, vergeßen manches Jahr,
+ Und jetzt erinnr' ich mich, alsob es gestern war.
+ Wie lange kann es sein? unmöglich ist der Knabe
+ Mein Sohn, wenn einen Sohn ich in Semengan habe.
+ Unmöglich, wenn mir dort ein Herz- und Seelerfreuer
+ Erwächst, ist er bereits ein Mann und Heerzerstreuer.
+ Jetzt trinket er noch mit milchduftiger Lippe Wein;
+ Doch ohne Zweifel bald wird er ein Kämpe sein.
+ Wann seine Zeit kommt, wird sein Arm die Keule schwingen,
+ An Tapferkeit wird er mit seinem Vater ringen.
+ Aufblühen neu in ihm wird Rostems Heldenfeuer,
+ Der Jüngling wird dem Greis der Jugendkraft Erneuer;
+ Jetzt ist er noch kein Mann der Schlacht und Heerzerstreuer.
+ Wann er erwachsen ist, wird ihn die Mutter schicken,
+ Und um den Arm das ihm bestimmte Zeichen stricken.
+ Erkennen werd ich ihn, und er wird mich erkennen,
+ Denn meine Zeichen wird ihm auch die Mutter nennen;
+ Nicht feindlich werden wir uns dann im Kampf anrennen.
+ Zusprechen wird er mir mit sittigem Zuspruch,
+ Nicht kommen mit gewalttätigem Gastbesuch,
+ Nicht mit der Tür ins Haus, ins Land mit Waffen fallen,
+ Anklopfen wird er erst an seines Vaters Hallen,
+ Und diese sind ihm aufgetan mit Wolgefallen!
+ Ich habe keinen Sohn in Persien, um ihn
+ Als Erben meines Ruhms und Namens zu erziehn,
+ Als Erben meines Guts und Reichs Sabulistan.
+ »Ein Türkenknabe taugt nicht zum Reichspehlewan«
+ Wird Kawus sagen; doch nach Kawus frag ich nicht.
+ Doch gerne möcht ich sehn dem Jungen ins Gesicht,
+ Der Suhrab ist genannt, die junge Kriegesflamme,
+ Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme!
+ Ich könnt ihn nach dem Kind und seiner Mutter fragen,
+ Und einen Gruß an sie nach Turan ihm auftragen,
+ Den trüg er hin, wenn ich ihn hier nicht hätt erschlagen!
+
+
+ 47.
+
+ So sprach der alte Held in tiefbewegtem Sinn,
+ Und all sein Denken schuf ihm lauter Ungewinn.
+ Dann blickt' er auf, und sprach zum Boten, den er fast
+ Vergeßen hatte: Komm! für heut bist du mein Gast.
+ Es ist nicht Eilens Not mit Krieg und Kriegsgebot:
+ Ich seh nicht, was dem Reich von Iran Großes droht!
+ Nun machte wol mich scheu ein reckenhafter Knabe,
+ Da ich nicht Furcht vor Leu und Elefanten habe?
+ Es sollt ein blinder Schreck mich gleich in Harnisch bringen,
+ Und stehndes Fußes sollt ich auf den Rachs mich schwingen?
+ Weil gegen ihn ein Tropf die weiße Burg verlor,
+ Ist drum der Brausekopf schon vor der Hauptstadt Tor?
+ Ein knabenhafter Mann, wieviel er Kraft gewann,
+ Wenn sich zu rühren erst für ihn mein Schaft begann,
+ Sehn werdet ihr, wielang er seiner Haft entrann!
+ Ich wurde fertig sonst mit Riesen und Dämonen,
+ Ich fürchte mich vor nichts, was hinterm Berg mag wohnen.
+ Er wird sich hüten uns ins Garn herein zu springen;
+ Wir werden zeitig ihm den Tod entgegen bringen.
+ Soll in Bewegung erst sich setzen Meeres Braus?
+ Das Glimmen geht von selbst des Aschenhäufchens aus.
+ Wir werden bald genug auch diesen Weltbrand dämpfen;
+ Heut hab ich keine Lust für Keikawus zu kämpfen.
+ Kommt! eh auf seinen Wink wir morgen Türken hetzen,
+ Will ich mich heute noch mit lieben Freunden letzen.
+ Wir schlagen aus dem Sinn die Schlacht uns beim Gelag,
+ Bei hellem Becherklang und frohem Lautenschlag,
+ Und machen vor der Nacht uns einen guten Tag.
+ Du, Eidam, sollst mir was von meiner Tochter sagen,
+ Vom jungen Recken auch, den ich euch todt soll schlagen!
+ Die Herrlichkeit der Welt wird all am Ende Staub;
+ Begießen wir mit Wein des Lebens grünes Laub!
+ Seware! geh ins Haus, bestell uns einen Schmaus!
+ Wir leeren vor der Nacht noch manchen Becher aus.
+
+
+ 48.
+
+ So rief der alte Held aus aufgeregter Seele;
+ Sein Bruder tat, wie er gewohnt war, die Befele.
+ Und auch der Eidam wagte nicht zu widersprechen;
+ Er wußte, daß mit ihm nicht gut sei Lanzen brechen.
+ Der alte Recke ließ sich durch den Sinn nicht faren;
+ Starr war sein Kopf und hart, besetzt mit struppigen Haaren.
+ Dem Schwäher folgte Gew vergnügt ins Haus zum Schmaus,
+ Und dachte: Mach er mit dem Schah es selber aus!
+ Wir wollen heut mit Wein die staubgen Lippen netzen,
+ Und morgen können wirs durch schärfern Ritt ersetzen.
+ Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag,
+ Das Fest geschmückt war wie ein Frühlingsrosenhag.
+ Alswie ein Rosenhag, geschmückt mit Duft und Glanze,
+ Mit Nachtigallenschlag und blühndem Rosenkranze;
+ So blühte das Gelag von Sang und Klang und Tanze;
+ So mühte sich die Kunst geübter Tänzerinnen,
+ Vom Wirte Gold, und Gunst vom Gaste zu gewinnen.
+ Sie dachten an den Feind und an den König nicht,
+ Und sahn nur Rosenwang und Mondenangesicht.
+ Vom Schenken ließen sie den roten Wein sich schenken,
+ Und durften nicht dabei an Blutvergießen denken.
+ Sie schöpften Wonn auf Wonn aus unerschöpfter Tonne;
+ Froh war hinunter schon getrunken Tag und Sonne.
+ Zum Trunke leuchteten noch ihnen Sternefunken,
+ Bis alle vom Gelag zum Lager giengen trunken.
+
+
+ 49.
+
+ Am andern Morgen trat der Eidam reisefertig
+ Zu Rostem ein, und war des Aufbruchs nun gewärtig.
+ Doch Rostem sprach vergnügt: Du schliefest zeitig aus;
+ Gut, daß zu kurz der Tag uns werde nicht zum Schmaus!
+ Nun heute wollen wir erst recht behaglich schmausen;
+ Wer weiß, wie bald herein des Unheils Wogen brausen!
+ Wir wollen aus dem Sinn uns schlagen Graun und Grausen;
+ Gut Obdach haben wir, der Sturm mag draußen sausen!
+ Villeicht wird nie so froh uns mehr dieß Haus behausen.
+ Mir ist, als sollt ich mich zum letztenmal der meinen,
+ Der guten Freunde freun, die sich um mich vereinen!
+ Ihr beiden, kommt, und setzt zur Rechten und zur Linken
+ Euch um den Rostem her, und helft dem Rostem trinken!
+ Sewar, mein Bruder, hier! hier Gew, mein Tochtermann!
+ Mir träumte Nachts daß ich auch einen Sohn gewann.
+ Das kam mir in den Sinn durch jenen Türkenknaben,
+ Mit welchem sie vom Hof den Kopf betäubt mir haben.
+ Nachbringen sollst du heut beim Weine, Gew, mir dessen
+ Beschreibung, weil beim Wein sie gestern ward vergeßen.
+ Kommt, setzet euch, und laßt uns hören vom Suhrab,
+ Was Gew zu sagen weiß, ob dieser Wunderknab
+ Ist wirklich einzig auf der Welt der weiße Rab!
+ So sprach er, und zuerst hinpflanzt' er seine Glieder;
+ Der Bruder durfte nichts, der Eidam nichts dawider
+ Ihm sagen; wie er saß, setzten sich beide nieder.
+ Sewar, der Bruder, rechts, der Eidam Gew zur Linken,
+ Bei Rostem saßen sie, und er begann zu trinken.
+ Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag;
+ Das Fest geschmückt war wie ein Himmelsrosenhag,
+ Mit Glanz und Tanz und Sang und Klang und Lautenschlag.
+ Beim Trinken sprachen sie, bis sie den Tag hinab
+ Getrunken und herbei den Schlummer, von Suhrab.
+
+
+ 50.
+
+ Des andern Morgens trat der Bote reisefertig
+ Zum Pehlewan, und war des Aufbruchs nun gewärtig.
+ Er wartete, und sah daß nicht von selbst aufbrach
+ Rostem, da faßte Gew sich nun ein Herz und sprach.
+ Bedachtsam sprach er: Held! vernimm ein Wort in Huld!
+ Nun reize länger nicht des Schahes Ungeduld!
+ Kawus, das weißt du ja, ist jäh in jedem Ding;
+ Und diese Sache wiegt ihm keineswegs gering.
+ Drum sandt er Botschaft dir durch keinen andern Boten
+ Als deinen Tochtermann, und Eil hat er geboten.
+ Denn dieser junge Türk ist ihm ein großer Kummer,
+ Der Eß- und Trinkens-Lust und Ruh ihm raubt und Schlummer.
+ Und wenn wir länger noch in Sabulistan säumen,
+ Wird ihm das weite Reich zu eng in allen Räumen.
+ Sprich, lieber Schwäher, soll ich dir den Rachs nicht zäumen?
+ Im ungefügen Zorn möcht er sich uns erbosen;
+ Zorn des Gebietenden bringt Boten keine Rosen.
+ Zu ihm sprach Rostem: Laß dir das nicht Sorge werden!
+ Niemand darf zürnen mir und meinem Tun auf Erden.
+ Keikawus weiß das wol, daß er zu dieser Frist
+ Durch Rostems Macht allein in Iran König ist.
+ Er weiß auch, daß mein Schwert ihn nie im Stiche ließ,
+ Wo oft in Ungemach sein toller Mut ihn stieß.
+ Doch heute dünkt es selbst mir Zeit nun aufzubrechen;
+ Nun wollen wir es erst beim Morgentrunk besprechen.
+ So sprach er, und alsbald mit Prachtgepräng und Prunk
+ Ließ er bestellen dort im Saal den Morgentrunk.
+ Die Flasche neigt' er tief, und hob den Becher hoch,
+ Mit seinem Eidam sprach er dieß und jenes noch.
+ Den Sattel nun gebot er auf den Rachs zu heben,
+ Und ließ dem ehrnen Mund der Zinken Atem geben.
+ Die Krieger Sabuls, wie sie hörten Rostems Zinke,
+ Rings strömten sie herbei, willfärig seinem Winke.
+ Er übersah mit einem Blick die starke Schar,
+ Und merkte, daß kein Ding der Welt zu schwer ihm war.
+ Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
+ Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
+ Rostem ritt im Gespräch mit Gew voraus, es war
+ Hauptmann bei Sabuls Heer an seiner Statt Sewar.
+
+
+ 51.
+
+ Die Kunde kam zur Stadt, Rostem sei auf den Wegen;
+ Die Fürsten zogen ihm eine Tagreis' entgegen:
+ Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,
+ Gurase, Gurgin, Milad, Fehrhad und Behram.
+ Ferabors, Sohn des Schachs, und der Kronfeldherr Tus,
+ Samt allen übrigen, mit ehrerbietigem Gruß,
+ Entgegen traten sie dem reitenden zu Fuß.
+ Zu Fuß hernieder trat auch Rostem von dem Ross,
+ Grüßend, und im Geleit hinwandelt' er zum Schloß.
+ Hinwandelten zum Schloß vergnügt und unbeklommen
+ Alle, sie waren froh, daß Rostem nur gekommen.
+ So traten sie im Chor dort in die offne Halle
+ Des Throns, mit offnem Blick und offnem Herzen alle.
+ Doch wie sie grüßend sich dem goldnen Thron geneigt,
+ Saß droben Keikawus finster und ungeneigt.
+ Dem Ruf der Huldigung gab er die Antwort nicht,
+ Und schweigend wendet' er von ihnen sein Gesicht;
+ Worauf er gegen Gew erst einen Schrei ausstieß,
+ Und gegen Rostem dann den Unmut frei ausließ:
+ Wer ist Rostem, daß er ein Wort aus meinem Munde
+ Mit Füßen tritt, und sich entziehet meinem Bunde?
+ Hätt ich ein Schwert zur Hand, ich wollte laßen tanzen
+ Vom stolzen Rumpf sein Haupt gleich einer Pomeranzen.
+ Tus, greife mir das Paar, und führe sie davon,
+ Bring an den Galgen mir Schwäher und Schwiegersohn!
+ Er riefs, und sprang vor Zorn auf seinem Thron empor,
+ Auflodernd ungestüm alswie ein Feur im Rohr.
+ Der ganze Kreiß umher der Fürsten war betroffen,
+ Daß seinen Zorn der Schah so durft auslaßen offen.
+ Tus zauderte und wagt' an Rostem nicht die Hand
+ Zu legen, da geriet Keikawus erst in Brand.
+ Er brüllte durch den Saal alswie ein Leu im Forste,
+ Und schrie vom Throne wie ein Adler kreischt vom Horste:
+ Verräter, wer die Hand nicht legt an den Verräter!
+ Ein Uebertreter, wer nicht greift den Uebertreter!
+ Fort mit ihm auf der Stell, aus meinen Augen fort!
+ Und sagt dagegen mir kein unverständig Wort!
+
+
+ 52.
+
+ So schnaubt' er, und vor Leid dem Tus das Herz zerbrach,
+ Daß er an Rostem sollt anlegen Hand mit Schmach.
+ Er faßt' ihn, nur damit er ihn aus dem Gesichte
+ Dem Kawus brächte, bis man dessen Zorn beschwichte.
+ Die Fürsten staunten, wie er faßte Rostems Hand,
+ Und Rostem wars allein, der nichts davon empfand.
+ Denn Rostems Seele schwoll von Groll und Unmut voll,
+ Daß vor den Fürsten ihm der Schah das bieten soll!
+ Er richtet' um ein Haupt noch höher sich empor,
+ Und um die Schultern schien er breiter als zuvor.
+ Dann tat er seinen Mund zu kühnen Reden auf,
+ Frei gegen Kawus ließ er seinem Zorn den Lauf:
+ Wer bist du, und wer ich, daß du so gegen mich
+ Darfst schnauben? auf der Welt bist du ein Schah durch mich.
+ Droh mit dem Galgen doch dem Suhrab, der dich schreckt,
+ Dem Ritter nicht, der dir den Feind zu Boden streckt!
+ Bin ich dein Untertan? Ich bin der Pehlewan
+ Des Reiches Iran und Fürst in Sabulistan.
+ Ich bin Tehemten, der, wenn er den Fuß im Grimm
+ Stampft auf den Grund, der Grund erzittert unter ihm.
+ Von meines Rosses Huf erhallt des Himmels Dom,
+ Und staunend still, wo es vorbeirennt, steht der Strom.
+ Ich bin der Rostem, sieggekrönt und ruhmgeschmückt,
+ Der wol um einen Schah wie du den Kopf nicht bückt!
+ Der Sattel ist mein Thron, der Helm ist meine Krone;
+ Ich spotte deiner Kron, und trotze deinem Throne.
+ Wer ist Kawus, daß er an mir den Zorn auslaße!
+ Und wer ist Tus, daß er mich bei der Hand erfaße!
+ Er riefs, und auf die Hand gab er solch einen Schlag
+ Dem Tus, daß er davon betäubt am Boden lag.
+ Hin über ihn und durch die andern schritt er stracks
+ Zu Hall und Hof hinaus, und schwang sich auf den Rachs.
+
+
+ 53.
+
+ Die Fürsten drängten aus dem Saal ihm hinterdrein,
+ Den Kawus ließen sie mit seinem Zorn allein.
+ Sie eilten in den Hof, da saß der Rostem hoch
+ Auf seinem Sattel schon, und sprach vom Sattel noch:
+ Heim reit ich nun sogleich nach Sabul, in mein Reich;
+ Dort bin ich König selbst, dem König Kawus gleich.
+ Mag ohne Widerstand ganz Iran in die Hand
+ Von Turan fallen! ich behaupte wol mein Land.
+ Mag euch wie den Hedschir Suhrab vom Rosse stechen,
+ Und wie das weiße Schloß die Königsburg hier brechen!
+ Ich wehr ihm nicht, und wer wird ohne mich ihm wehren?
+ Euch allen rat ich, daß ihr mögt nach Hause kehren!
+ Kein edler Ritter dient solch einem Herrn mit Ehren.
+ Ein Hitzkopf sollte doch die Herrschaft nie erwerben!
+ Er stürzt das Land und stürzt sich selber ins Verderben.
+ O möcht ein Fürstensproß doch aus der Art nie schlagen,
+ Kein toller Sohn den Reif nach weisem Vater tragen!
+ Hab ich den Keikobad vom Berg Albors gebracht
+ Dazu, ihn auf den Thron gesetzt durch meine Macht,
+ Daß Keikawus, sein Sohn, sich nun mir unnütz macht?
+ Die Fürsten wißen, daß sie selbst zum König mich
+ Begerten! damals setzt ich ein als König dich!
+ Und hätt ich dort gewollt annemen Kron und Reif,
+ So trügest du nicht jetzt den Nacken hoch und steif.
+ Darum mishandle nur mit schnöden Worten mich!
+ Ich habs um dich verdient! warum erhöht ich dich?
+ Doch dächten so wie ich die Fürsten, auf dem Thron
+ Ließen sie dich allein, und giengen auch davon.
+ Lebt wol! in euerm Land seht ihr mich nimmer wieder;
+ Eur Land und euch kauf ich nicht um ein Krähengefieder!
+ So rief er, und im Zorn gab er dem Rachs die Sporen,
+ Spornstreichs ritt er hinaus zum Hof und zu den Toren.
+ Wol eine Meile Wegs ritt er auf Sabul zu,
+ Dann sucht' er gegen Nacht in einer Herberg Ruh.
+ Sein Zorn kühlt' in der Nacht; er harrte, bis Sewar,
+ Sein Bruder, käme nach mit Sabulistans Schar.
+
+
+
+
+ Sechstes Buch.
+
+
+ 54.
+
+ Die Fürsten sahn ihm nach, verstöreter Geberde;
+ Denn Rostem war der Hirt, sie alle seine Herde.
+ Zu Guders sprachen sie: Guders! dieß ist dein Teil;
+ Durch deine Hand nur kann der Bruch uns werden heil.
+ Der König hört von dir am ersten noch ein Wort,
+ Und deiner Söhne Heer sind ihm ein werter Hort.
+ Geh hin zum Schah, und auf die Flamme seines Zornes
+ Spreng einen kühlen Thau aus Füllen deines Bornes!
+ Sprich Worte lind und stark, ihm zur Beschwichtigung,
+ Zu dieser mislichen Ergangs Berichtigung!
+ Gew, aber du sitz auf, und reit dem Schwäher nach,
+ Hol ihn uns ein, eh er nach Sabul heimfärt jach!
+ Der Gew saß auf und ritt, zusammen saß der Rat
+ Der Fürsten, weil den Gang Guders zum Schloß antrat.
+ Sie sprachen unter sich voll Kummer und Verdruß,
+ Daß heute nicht der Schah that, wie ein König muß;
+ Daß er mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,
+ Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.
+ Der Edlen Freundschaft müß ihm wol nicht nahe gehn,
+ Daß er so rücksichtlos beschimpft den Edelsten!
+ Der auf den Thron ihn hob, und der in jeder Far
+ Die Stütze seines Throns und Irans Zuflucht war!
+ Wenn an den Galgen er dafür will Rostem henken:
+ An was dann sollen wir, als schnelle Flucht nur, denken?
+ Denn ohne Rostem ist in Iran uns kein Halt,
+ Erliegen werden wir vor Turans Kampfgewalt;
+ Wenn nicht noch diese Nacht der Schah sich läßt erbitten,
+ Ihn zu besänftigen, eh er nach Haus geritten.
+ So ratlos hielten dort die Fürsten ihren Rat,
+ Indess Guders hinan zum zorngen König trat.
+
+
+ 55.
+
+ Er sah ihn auf dem Thron in düsterm Unmut sitzen,
+ Gleich einer Wolke, die sich hat erschöpft mit Blitzen,
+ Geneigt, nachdem sie ausgewettert hat, zu regnen;
+ So wagte Guders ihm mit Worten zu begegnen:
+ O Fürst, ein König ist Haupt über Volk und Land;
+ Der Kopf soll haben für den ganzen Leib Verstand.
+ Wer guten Rat nicht hat, soll guten Rat annemen,
+ Und schlimmgemachtes gut zu machen sich nicht schämen.
+ Du hast ein harsches Wort zum Schaden und zur Schmach
+ Entsendet, send ihm auf dem Fuß ein sanftes nach!
+ Du hast mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,
+ Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.
+ Nicht gegen Rostem hast du deinen Zorn bezämt;
+ Die Edlen, weil sie ihn beschimpft sehn, sind beschämt:
+ Gestumpft ist Irans Schwert, des Mutes Arm gelämt.
+ Wenn jener Türke nun mit seiner Heermacht Wellen
+ Daherbraust, welchen Damm willst du entgegen stellen?
+ Der Gesdehem, der all die Deinen groß und klein
+ Von Hörensagen kennt, und kennt von Augenschein,
+ Sagt, daß dem Suhrab gleich in Iran kein Verwegner
+ Noch Turan sei, für ihn sei auf der Welt kein Gegner,
+ Als Rostem, den du nun durch ungestüme Hast
+ Des Herzens dir, dem Land und uns entwendet hast!
+ Warum? weil einen Tag zulang er ausgeblieben,
+ Hast du ihn lieber gar auf immer fortgetrieben!
+ Weil er drei Tage lang zu Haus uns hat gesäumt,
+ Sehn wir das Feld der Schlacht nun ganz von ihm geräumt!
+ Die Fürsten alle, die Heil wünschen deinem Thron,
+ Die Fürsten all, o Fürst! Ferabors auch, dein Sohn,
+ Einmütig haben sie zu deines Thrones Stufen
+ Mich hergesandt, zu flehn, Rostem zurück zu rufen!
+ Ferabors schützt dich nicht, dein Sohn, o Keikawus,
+ Wie stark er sei, dich schützt nicht dein Kronfeldherr Tus,
+ Noch all die andern sonst, die deinem Zepter fröhnen;
+ Ich schütze selbst dich nicht mit meinen achtzig Söhnen.
+ Sie werden alle nicht schnell wie Hedschir erliegen,
+ Doch ohne Rostem sind wir nicht im Stand zu siegen.
+
+
+ 56.
+
+ So sprach der edle Greis und schwieg, doch Kawus nam
+ Zu Herzen, daß der Rat aus gutem Sinne kam.
+ Zu Guders sprach er: Wolgesprochen ist das Wort
+ Der Alten: Greisenmund voll Rates ist ein Hort.
+ Mich reuts, es reuete mich schon, was ich im Kochen
+ Des ungestümen Bluts Verletzendes gesprochen.
+ Geht schnell dem Rostem nach, den Ritter zu beschwichtigen,
+ Und bringt ihn her, damit wir das Versehn berichtigen!
+ Mit großer Freude nam Guders das gute Wort;
+ Heil, rief er, sei dem Schah! und gieng in Freude fort
+ Zur Ratsversammlung dort, die harrten ungeduldig
+ Ob huldig jetzt der Schah sei oder noch unhuldig.
+ Denn unstet immerhin ist eines Fürsten Sinn;
+ Da stiftet Schaden bald ein Wort und bald Gewinn.
+ Das Wort ist gleich dem Oel, doch eines Königs Mut
+ Ist bald wie Meeresflut, und bald wie Feuerglut.
+ Das Oel, gegoßen in die Flamm, erneut ihr Leben;
+ Gegoßen auf die Flut, macht es die Wogen eben.
+ Drum waren hocherfreut die Fürsten allzusammen,
+ Daß dort auf Wogen traf das Oel, und nicht auf Flammen.
+ Sie fühlten ihre Brust von einem Band entkettet,
+ Und von dem Dornenpfül auf Rosen sich gebettet,
+ Als Guders Kunde gab, wie sich die Flut geglättet,
+ Und riefen eines Munds: Nun ist Iran gerettet!
+ Zurückgewonnen ist dem Reich sein Pehlewan,
+ Der ihm des Sieges Bahn vorangeht auf Turan.
+ Nun laßt den Ritter uns nur unterwegs einholen,
+ Eh noch in Sabul er vom Fuße schnallt die Solen!
+
+
+ 57.
+
+ Zu Rosse stiegen sie, und ritten bei der Nacht
+ Hinaus, wo Botschaft schon dem Rostem Gew gebracht.
+ Er hörte den Bericht vom Eidam an verdroßen,
+ Und blieb zur Heimkehr nach Sabulistan entschloßen,
+ Sobald nur mit der Schar ihm käme nach Sewar;
+ Statt dessen stellten sich ihm jetzt die Fürsten dar.
+ Zu bitten traten sie hinan zum Pehlewan,
+ Der, wie er nahn sie sah, aufstand sie zu empfahn;
+ Doch Guders trat voran, und hub zu bitten an:
+ Wir bitten dich vom Schah, ich komm in seinem Namen;
+ Sieh alle Fürsten hier, die dich zu bitten kamen!
+ Für Iran bitten wir, dess Pehlewan du bist,
+ Für Irans Volk, das dir zum Schutz empfolen ist;
+ Für seine Jünglinge, die kämpfen lernen sollen,
+ Für seine Männer, die im Kampf dir folgen wollen;
+ Für seine Greise, die sich selber nicht mehr nützen,
+ Für seine Kinder, die sich noch nicht können stützen,
+ Für seine Fraun, die du versprochen hast zu schützen!
+ Warum willst du zum Raub der Türken hin uns werfen,
+ Weil dich ein Königswort verletzt mit bittern Schärfen?
+ Du weißt ja, daß Kawus hat wenig Hirn im Haupt,
+ Und heftger Zorn ihn oft des Sinnes gar beraubt;
+ Dann ist sein Wort nicht fein, wenn er im Unmut schnaubt.
+ Er spricht geschwind ein Wort, das er geschwind bereut,
+ Worauf er schnell die Hand auch zur Versöhnung beut;
+ Er bietet sie durch uns, weis' uns zurück nicht heut!
+ Ist doch kein giftges Schwert das Wort, das dich gestochen!
+ Und zürnest du dem Schah um das, was er gesprochen;
+ Doch die Iranier, was haben sie verbrochen,
+ Daß du sie strafen willst für seinen Unverstand,
+ Dein Angesicht in Nacht abwenden ihrem Land?
+ Doch auch der Schah streckt dir entgegen seine Hand.
+ Er ist der Schah, und hat zu lohnen und zu spenden;
+ Vergelten wird er dir mit voller Gnade Händen
+ Den Zorn und den Verdruß; Verdruß und Zorn laß enden!
+ Und folg uns mit dem Rachs zu dem, der uns geschickt,
+ Dem Schah, der schon vom Thron nach dir erwartend blickt.
+
+
+ 58.
+
+ Doch Rostem sprach: Er mag nach mir nur lange blicken!
+ Solch edle Boten hat er nun nicht mehr zu schicken.
+ Wenn diese nicht an mir verdienten Botenbrot,
+ Wer tuts ihm dann? Er ist mir ganz und gar nicht Not;
+ Ich will nicht sein Geschenk, und will nicht sein Gebot.
+ Nach Sabul kehr ich heim, wo ich ein König bin
+ Wie Kawus, walten kann ich dort nach meinem Sinn.
+ Hier sind ja Ritter gnug, die Marken zu verteidigen!
+ Er soll nur alle wie den einen nicht beleidigen!
+ Ich aber zieh nach Haus, die Waffen leg ich nieder
+ In Frieden, und erheb im Leben sie nicht wieder
+ Zu Kampf und Schlachten, Blutvergießen, Mord und Wut;
+ Dem allem sag ich ab und hege Friedensmut.
+ Ich hab in Ehren lang genug das Schwert gefürt,
+ Und habe nun vom Schah den Lohn, der mir gebürt.
+ Warum half aus der Not ich ihm sooft, und bot
+ Die Hand, wenn Unverstand den Fuß ihm bracht in Kot?
+ Dafür hat er mir mit dem Galgen nun gedroht;
+ Weil ich ihm aufgetan einst in Masenderan
+ Den Kerker, wohinein sein Unsinn ihn getan;
+ Als von den Zauberern, Schwarzkünstlern und Dämonen
+ Er sich hinlocken ließ, die dort im Lande wohnen.
+ Des Landes Frühlingsglanz und goldner Schätze Reiz
+ Verlockte seine Lust, verlockte seinen Geiz,
+ Bis er mit seinem Heer und euch, ihr Fürsten, allen
+ Dort war in die Gewalt der bösen Macht gefallen:
+ Wer mußt euch da befrein, als ich, aus Teufelskrallen?
+ Doch was ich sonst getan für ihn und sein Iran
+ Und euch, ihr wißt es noch: was gehts mich ferner an?
+ Ich eile nun im Nu zur langen Waffenruh,
+ Und meine wol, ich bin nicht mehr zu jung dazu.
+ Ein Adler, der sich schwang wol ein Jahrhundert lang
+ Zur Sonn, am Ende wird ermatten auch sein Drang.
+ Als ich aus Sabul ritt, da war mir schwer zu Mut,
+ Als wär mir dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut.
+ Auch stolperte mein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt,
+ Und Helm und Schien hat mich zum erstenmal gedrückt.
+ Jetzt auf dem Heimweg ist mir leichter in der Nacht,
+ Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht.
+ Geht heim zum Schah, sagt, daß ihr mich nicht mitgebracht!
+
+
+ 59.
+
+ Doch Guders sprach: Ist das, Rostem, dein letztes Wort?
+ Und also sendest du mich und die Fürsten fort?
+ Was wird der Schah von dir, was werden Edle denken?
+ Unedle gar, worauf wird sich ihr Denken lenken?
+ Vor jenem Türken ist der Held von Iran scheu;
+ Den alten Löwen schreckt vom Berg der junge Leu.
+ Held Rostem fürchtet sich! das ist an Rostem neu.
+ Wer, wenn er flieht, soll stehn? wer, wenn er wankt, soll dauern?
+ Wer, wenn er zagt, soll gehn zum Kampfplatz ohne Schauern?
+ Denn, wie ihn Gesdehem beschreibt, ist kein Verwegner
+ Dem Suhrab gleich, für ihn ist auf der Welt kein Gegner,
+ Als Rostem, Sabuls Held; und wenn nun Rostem flieht,
+ Wer soll verteidigen vor Suhrab das Gebiet?
+ So muß dem Adler, der sich ein Jahrhundert lang
+ Zur Sonne schwang, am End ermatten auch sein Drang!
+ Drum war ihm, als er ritt aus Sabul, schwer zu Mut,
+ Als wär ihm dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut!
+ Drum stolperte sein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt,
+ Und Helm und Schien hat ihn zum erstenmal gedrückt!
+ Jetzt auf dem Heimweg ist ihm leichter in der Nacht,
+ Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht!
+ Am Hofe hör ich schon von Rostem dieß Gerede
+ Und in der Stadt; wo bleibt dein Ruhm in dieser Fehde?
+ Willst du nicht unsern Wunsch und deines Schahes stillen,
+ Tu's nur um deines Ruhms, um deines Namens willen!
+ Doch Rostem sprach: daß Furcht nie Rostems Herz empfand,
+ Und nie empfinden wird, das weiß wol dieses Land.
+ Wie aber kann ich hier mit gutem Willen bleiben,
+ Da mich von hinnen selbst des Schachs Scheltworte treiben?
+ Guders mit Nachdruck sprach: Wenn dich sein Wort vertrieb,
+ Sein Wort ruft dich zurück; so folg ihm, uns zu lieb!
+ Rostem mit Zögern sprach zu seinem Tochtermann:
+ Gew, sattle mir den Rachs, weil ichs nicht weigern kann.
+ Nach Hause kann ich nun allein nicht, weil Sewar,
+ Mein Bruder, wie es scheint, nicht nachkommt mit der Schar.
+ Gew sattelte geschwind, und alle saßen auf,
+ Den Rostem führten sie zur Stadt im Siegeslauf.
+
+
+ 60.
+
+ Zu Hofe führten sie im Zug den Pehlewan,
+ Die Pforten fanden sie weit offen aufgetan.
+ Als er ihn kommen sah, der Schah eilt' aufzustehn,
+ Und mit Entschuldigung entgegen ihm zu gehn.
+ Er sprach: Die Heftigkeit ist mir zur Art gegeben;
+ Und wie uns Gott gepflanzt, so wachsen wir im Leben.
+ Von diesem neuen Feind, der uns so plötzlich kam,
+ Stieg Unmut mir ins Haupt, der mir den Sinn benam.
+ Du aber bist der Hort des Reichs, des Heeres Rücken;
+ Auf dich nur sind gelegt die Sorgen, die mich drücken.
+ Du bist der Edelstein, dem Glanz die Krone dankt;
+ Du bist der Fels, auf den gebaut der Thron nicht wankt.
+ Dein Wolsein ists, worauf ich früh den Becher leere,
+ Und dein Wolwollen, was ich in der Nacht begere.
+ Mit deiner starken Hand halt ich den Herrschaftstab;
+ Wir beide stammen ja gerad von Dschemschid ab.
+ Kein andrer steht so nah dem Herzen und dem Thron;
+ Mein Leben und mein Reich dank ich dir vielmal schon;
+ Und nur mein Dank allein ist deiner Taten Lohn.
+ Stehst du bei mir, so mag die Welt entgegenstehn;
+ Statt aller wünsch ich nur als Helfer dich zu sehn.
+ In dieser Kampfnot auch begert ich dein vor allen;
+ Und wie du zögertest, hat mich der Zorn befallen.
+ Doch als beleidiget du giengst, o Pehlewan,
+ Hat mir die Reu sogleich den Staub aufs Haupt getan.
+ So sprach der Schah und schwieg; doch Rostem sprach: die Welt
+ Ist dein, ich bin darin zu deinem Dienst bestellt.
+ Gehorchen meine Pflicht, Befelen ist dein Recht;
+ Ich beuge mich, du bist der Herr, ich bin der Knecht,
+ Bereit, wohin du rufst, auf deinen Ton zu gehn,
+ Der Diener niedrigster an deinem Thron zu stehn.
+ Verpflichtet deinem Hof bin ich zu Dienstentrichtung,
+ Dafern ich würdig bin so ehrender Verpflichtung.
+ Und wäre Leben mir noch tausend Jahr verliehn,
+ So werd ich nie vor dir des Dienstes Gurt ausziehn.
+
+
+ 61.
+
+ Zu Rostem wieder sprach der Schah: O Pehlewan!
+ Die Seele bleibe dir hell ewig aufgetan!
+ Nie werde dir die Hand, das Schwert zu füren, schwächer,
+ Und nie miss' Irans Land den Ritter und den Rächer!
+ Die neuen Dienste, die du wirst im Kampfe tun,
+ Wie lohn ich sie? noch unbelohnt sind alte nun.
+ Was biet ich heute dir als Gast- und Ehrengabe?
+ Was hab ich, das ich nicht durch deinen Beistand habe?
+ Was hab ich, das, o Held, du nicht schon selber hast?
+ In Sabul ist dein Reich und fürstlicher Palast.
+ Du hast das beste Ross, das schönste Sturmgewand,
+ Du hast das stärkste Schwert, dazu die stärkste Hand.
+ Du bist mit allem ausgerüstet unvergleichlich,
+ Im Felde wie zu Haus versehn mit Schätzen reichlich.
+ Rostem, was schenk ich dir an diesem Freudentag?
+ Wähl ein Geschenk dir selbst, was ich dir bieten mag!
+ Rostem verneigte sich und sprach: Ich wills bedenken;
+ Inzwischen mag der Schah mir seine Gnade schenken!
+ Er sprachs, da freuten sich die Fürsten groß und klein,
+ Da sie gestiftet sahn so gütlichen Verein.
+ Zu Guders sprach der Schah: Dir dank ich es, daß du
+ Mir noch vor Schlafengehn ins Haus gebracht die Ruh.
+ Doch Rostem trat zu Tus, dem tat er nun genug
+ Dafür daß unsanft erst er auf die Hand ihm schlug.
+ Der Schah rief: bringet Wein und Saitenspiel herein!
+ Denn ohne Sang und Klang soll diese Nacht nicht sein.
+ Zum Kampf mit Suhrab ziehn wir morgen mit dem Tage,
+ Und feiern im Gelag heut seine Niederlage.
+ So rief er; und zum Fest ward Wein hereingebracht
+ Und Saitenspiel, und hell und klangvoll ward die Nacht.
+ Wie Frühlingsgartenpracht war aufgeschmückt das Maal,
+ Und Lust war wie ein Bach ergoßen durch den Saal.
+
+
+ 62.
+
+ So saßen sie im Haus des Königs nun beim Schmaus;
+ Da gieng ein froh Gerücht vom Hof zur Stadt hinaus,
+ Das durch die Straßen lief, und durch die Häuser rief,
+ Grüßte, was wach noch war, und weckte, was schon schlief.
+ Jeder, zu dem es kam, und der den Gruß vernam,
+ Dem schwand davon alsbald der Kummer und der Gram,
+ Und wuchs die Freudigkeit. Nun aber war beim Wandern
+ Das fröhliche Gerücht begegnet einem andern,
+ Das war so traurig anzusehn als jenes froh;
+ Das frohe hielt es an, eh es ins Dunkel floh.
+ Da tat das fröhliche Gerüchte seinen Mund
+ Mit Lachen auf und sprach: wer bist du? tu mir kund!
+ Und jenes sprach: Ich bin das traurige Gerüchte,
+ Daß Rostem, von Kawus gekränkt, aus Iran flüchte.
+ Das ist die Botschaft, die durch Stadt und Land ich trage,
+ Und jeder wird betrübt, dem ich die Zeitung sage.
+ Da sprach das fröhliche: Nun streue keinen Frost
+ Der Furcht umher! sei still! denn falsch ist deine Post.
+ Die Wahrheit sag ich dir: Held Rostem sitzt beim Schmaus
+ Mit Kawus heut, und zieht zum Kampfe morgen aus.
+ Unglaubig schüttelte das traurige Gerücht
+ Sein Haupt, es glaubte nicht den fröhlichen Bericht.
+ Aber das fröhliche geriet in Zorn, und rang
+ So mit dem traurigen, bis es den Feind bezwang.
+ Das traurige Gerücht vom fröhlichen danieder
+ Geschlagen lag, und stand die Nacht durch auf nicht wieder.
+ Froh seines Sieges gieng das fröhliche vondann,
+ Und wo es gieng und stand, ward fröhlich Weib und Mann.
+ Abwechselnd sprach es ein in Häusern groß und klein,
+ Willkommen überall, beliebt wars allgemein.
+ Und jeder, dem es noch vor Schlafengehn gebracht
+ Ins Haus die Kunde, schlief dann beßer in der Nacht.
+
+
+ 63.
+
+ Sie aber saßen noch beim frohen Maal und tranken,
+ Bis sie, vom Wein bekämpft, dem Schlaf zur Beute sanken.
+ Doch morgens, als die Sonn ihr goldenes Panier
+ Aus Purpurvorhang hob zur Decke von Safier;
+ Als auf der stillen Flur der Hirt in seinem Pferche
+ Mit seiner Herd erwacht' am Morgenlied der Lerche:
+ Da ward die Stadt erweckt von drönendem Metall,
+ Von rauhen Erzes Mund und von Heerpaukenschall.
+ Da drangen mit Geschrei Kriegsvölker rings herbei,
+ Siegsmutig, daß nunmehr bei ihnen Rostem sei.
+ Vom eignen Fürer ward gefürt jedwede Schar
+ Aus Iran, und es fürt' aus Sabul die Sewar.
+ Rostem, der Pehlewan, ritt auf dem Rachs allein;
+ Nicht einer Schar, dem Heer gehört' er allgemein.
+ Doch jeder Schar den Platz wies an der Feldherr Tus,
+ Und Sold aus seinem Schatz der König Keikawus.
+ Mit Lust sah Keikawus vorbeiziehn jede Schar,
+ Die vom Feldherren Tus ins Feld entboten war.
+ Er freute sich des unzählbaren Heergedränges,
+ Der kaiserlichen Macht, des fürstlichen Gepränges.
+ Da freut' er sich sosehr an keiner tapfern Schar,
+ Als daß der tapferste beim Heere, Rostem, war.
+ Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
+ Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
+ Gleich einem Meere kam die Menschenflut in Gang,
+ Dem festen Lande ward vor Ueberschwemmung bang.
+ Die Berge zitterten, gestampft von ihrem Hufe,
+ Und Wolken splitterten, gesprengt von ihrem Wufe.
+ Die Sonne sah ihr Bild verhunderttausendfacht
+ In jedem blanken Schild, in jeder Rüstung Pracht.
+ So stieg der Waffen Glanz und so ihr Schall empor,
+ Daß jedes Auge blind, und taub ward jedes Ohr.
+ So nickte Helm an Helm, und schwankte Busch und Feder,
+ Alswie, vom Sturm bewegt, auf Bergen Tann und Zeder.
+ So ragten, Reih an Reih, die dichtgedrängten Speere,
+ Alswie auf gutem Feld sich dränget Aehr an Aehre.
+ Geschmückt schien, wo das Heer im Schmuck der Waffen fur,
+ Mit einem wandelnden Glanzfrühlinge die Flur.
+ So blühte, wo es zog, die Au; doch wo vorbei
+ Es war gezogen, blieb dahinter Wüstenei;
+ Denn abgeweidet ward manch Saatenfeld, und leer
+ Getrunken mancher Bach vom Ross- und Menschenheer.
+ So zog das Heer zur Grenz in ungehemmtem Lauf,
+ Und nah der weißen Burg schlug man das Lager auf.
+
+
+
+
+ Siebentes Buch.
+
+
+ 64.
+
+ Dem Suhrab sagtens an Wachtposten, daß nun kam
+ Das Heer, und er vernam die Meldung ohne Gram,
+ Vielmehr mit Freude, weil es ihn verdroß, so lange
+ Hier oben auf den Gast zu warten zum Empfange.
+ Denn alles hatt er längst für solchen Gast bereit,
+ Die feste Burg, sein Heer, und seine Tapferkeit.
+ Er nam den Baruman, der an den Wällen baute,
+ Und fürt' ihn schnell hinauf, wo man ins Freie schaute.
+ Dort mit dem Finger zeigt' er deutend, Schar um Schar,
+ Dem Baruman das Heer, an dem kein Ende war.
+ Wie sich ein Habicht freut, den großen Flug der Tauben
+ Zu sehn, von dem er sich nach Lust will eine rauben;
+ Es schreckt ihn nicht zumal die Meng, ihn freut die Zal,
+ Daß von so vielen er soll haben freie Wal:
+ So freute Suhrab sich, das junge Heldenblut,
+ Der gegen ihn zum Kampf gezognen Menschenflut.
+ Doch Barman, wie er sah das große Heer, ward klein
+ Das Herz ihm, und vor Furcht zog er den Atem ein.
+ Zu dem erblaßten sprach der junge Held mit Scherz:
+ Bring Farb auf deine Wang, und an sein Fleck dein Herz!
+ Sieh, wie im Waffenglanz das Lager ist entglommen!
+ Soviele sind um Ruhm zu bringen mir gekommen!
+ Der Ruhm ist ewig mein, und würd ich auch erliegen
+ So großem Heer; doch hab ich Mut es zu besiegen.
+ Solch eine Menschenflut, wie eines Weltmeers Wogen,
+ Ist gegen einen Fels im Sturm heran gezogen!
+ Aus seiner Ruhe ward Keikawus aufgestört,
+ Als meinen Namen er in Istachar gehört.
+ In Schreck und Hast hat er um seinen Thron gerafft
+ Zusammen jeden Schaft und jedes Armes Kraft;
+ Und hergezogen kommt er nun mit allen Helden
+ Von Iran, deren Preis in Turan Lieder melden.
+ O sage, siehst du nicht dort im Gedränge dicht
+ Solch einen Mann, mit dem am liebsten Suhrab ficht!
+ Solch einen, der nie bricht die Lanz an einem Wicht,
+ Und der vom Sattel gern nur seines gleichen sticht!
+ Wovon der Ehre Licht hinfort mein Angesicht
+ Bestralt, wenn ich vor ihm bestanden mit Gewicht!
+ O siehst du, gib Bericht, solch einen Mann mir nicht?
+ So fragt' er ungestüm, doch nicht beim Namen wollte
+ Er nennen jenen, der sobald ihn fällen sollte.
+
+
+ 65.
+
+ Darauf sprach Baruman: Ich sehe mehr als einen,
+ Der Ehre bringen kann; doch welchen magst du meinen?
+ Dir lodert hoch der Mut wie eine Feuerglut;
+ O falle nicht dein Brand in kalte Waßerflut!
+ Der Feuerbrand, wenn er ins Waßer fällt, so zischt
+ Er ungestüm und braust, qualmt unmutvoll und lischt.
+ Nie fühle Furcht ein Mann, jedoch Feind und Gefar
+ Acht er niemals gering; das Glück ist wandelbar.
+ Soweit es will, führt dichs ohn Anstoß; willst du weiter
+ Um einen Schritt, so stockt das Ross und stürzt der Reiter.
+ In Frieden schlief der Krieg, du hast ihn aufgeweckt;
+ Weißt du, nach welcher Beut er seine Krallen streckt?
+ Darum, wenn du mich siehst erzittern: nicht für mich,
+ Für alle, die das Loß kann treffen, zitter' ich;
+ Ich zitter' auch für dich, weil dich es treffen kann;
+ Denn wo das Unglück wält, wälts nicht den schlechtsten Mann.
+ Geh mannhaft in den Kampf, und dem Afrasiab
+ Trag ab dafür den Dank, der dir die Heermacht gab!
+ Halt, von der Burg gedeckt, und an die Burg gelehnt,
+ In Schirm das Heer; und wenn dein Herz nach Ruhm sich sehnt,
+ So ruf zum Einzelkampf solch einen Mann für alle,
+ Mit welchem, wenn er fällt, der Stolz von Iran falle!
+ Ruf einen nur, den du vor allen siehest ragen,
+ Und fäll ihn ohne viel zu sagen und zu fragen.
+ Sag ihm nicht, wer du bist; frag ihn nicht, wie er heißt;
+ Bis das Geheimnis ihm dein blutig Schwert entreißt. --
+ So sprach er wolbedacht, mit Wahrem Falsches mischend,
+ In Rates Honigseim Verrates Gift auftischend.
+ Den Rostem nannt er nicht, vor Rostem zittert' er,
+ Noch von Masenderan kannt er den Rostem her.
+ Den Rostem wollt er nun und Rostems Sohn verderben,
+ Zwei solche Helden! das zwang ihn sich zu verfärben.
+ Doch Suhrabs Seele war von reinem Mut erglüht,
+ Darum der Rose gleich war seine Wang erblüht.
+ Vom Walle stieg er froh hinab, vom Schenken nam
+ Er einen Becher Wein und leert' ihn ohne Gram.
+ Dann rüstet' er ein Maal mit Lauten und mit Leiern,
+ Um in der Freunde Kreiß des Feinds Ankunft zu feiern.
+
+
+ 66.
+
+ In Irans Lager war inzwischen Zelt an Zelt
+ Gepflanzt, und drein gedrängt das Leben einer Welt.
+ Es war als müßte Raum den Rossen und Kamelen
+ Und Elefanten all, geschweige Futter, felen.
+ Doch wie der Lagerwald begann nach allen Seiten
+ Zu wachsen und im Kreiß den Umfang auszubreiten,
+ Schloß Reih an Reihe sich geschickt, und sie vergaßen
+ In ihrer Zeltstadt auch Marktplätze nicht und Straßen.
+ Da wogte bald Verkehr geschäftig hin und her,
+ Und die Verwirrung ward zur Ordnung immer mehr.
+ Die Sonne gieng hinab am abendlichen Himmel,
+ Und sah mit Staunen noch auf Erden das Gewimmel.
+ Da fanden Dach und Fach nun alle nach und nach,
+ Und über allen war des Himmels dunkles Dach.
+ Doch als an seinem Ort sich jeder eingetan,
+ Da trat zum Schah sofort des Reiches Pehlewan,
+ Und Rostem sprach: ich will nicht hier im Lager rasten,
+ Dort oben auf der Burg will ich bei Suhrab gasten.
+ Mein Herz hat keine Ruh, bis meine Augen haben
+ Gesehn von Angesicht zu Angesicht den Knaben.
+ Den Türkenknaben, den uns mit soviel Geschrei
+ Der Ruf genannt hat, will ich ansehn, wer er sei,
+ Ob wert der Mühe, daß ich auf den Rachs mich schwang,
+ Und eine Ehre mir, wann ich ihn niederrang.
+ Gewesen bin ich selbst vordem in Türkenland,
+ Anlegen will ich nun ein türkisches Gewand.
+ Darunter soll nicht, wer mich nicht beim Lichte näher
+ Besieht, so leicht erspähn, daß Rostem sei der Späher.
+ Kawus! dein Lager ist von deinem Volk verwart;
+ Gib, ich bin müßig hier, Urlaub zur Nachtausfart!
+ Mit Lachen sprach der Schah: Stets wird das Krongeschmeide
+ Von Iran Rostem sein, auch unterm Türkenkleide.
+ Am Tage nicht der Schlacht des Heeres Arm allein,
+ Du willst auch in der Nacht desselben Auge sein.
+ Geh unter Gottes Schutz! in welchem Waffenputz
+ Du gehn magst, unserm Reich und dir gereichs zu Nutz!
+
+
+ 67.
+
+ Um seine Schultern nam ein Kleid nach Türkenart
+ Tehemten, und begab sich heimlich auf die Fart.
+ Den Panzer und den Helm und jedes Waffenstück
+ Ließ er im Zelt, sogar sein Schwert ließ er zurück.
+ Deswegen fühlte sich der Held zu Hieb und Streich
+ Nicht wehrlos; denn sein Arm war einer Keule gleich.
+ Er gieng bis er hinan zum weißen Schloße kam,
+ Und drinnen das Geschrei der Türken schon vernam.
+ Durchs Tor stracks in den Hof gieng Rostem ohne Scheu,
+ Wie in den offnen Stall der Rinder Nachts ein Leu,
+ Beim ländlichen Gehöft im Felde, wo die Hirten
+ An einem Feiertag sich in der Nacht bewirten,
+ Und denken nicht bei Saus und Braus und Schmaus daran,
+ Daß sie dem Feinde nicht die Stalltür zugetan.
+ Da geht er in den Stall, wo ihre Rinder sind,
+ Hinein, und trägt davon das schönste stärkste Rind.
+ Es brüllt, im Rachen schon des Löwen, voll Verzagen,
+ Und alle springen auf, den Raub ihm abzujagen;
+ Er aber hat den Raub in Sicherheit getragen.
+ Sie kehren leer zurück und traurig, für den Rest
+ Der Nacht ist nun gestört der Hirten Freudenfest.
+ So gieng durchs offne Tor, geöffnet durch Betören,
+ Rostem hinein, das Fest der Türken drin zu stören.
+ Er sah den weiten Hof erfüllt von Fackelglanz,
+ Von lärmendem Gelag, Gesang und Spiel und Tanz.
+ Denn Suhrab hatte dort das nächtge Fest bestellt,
+ Und all die Edelsten des Heeres sich gesellt.
+ Doch Rostem wich dem Glanz der Lichter aus, und sah
+ Vom dunklen Winkel fern im Hellen alles nah.
+
+
+ 68.
+
+ Da saß beim frohen Fest, in Mitte Fackelscheins
+ Und Lautenklangs, Suhrab, und trank die Becher Weins.
+ Auf seinem Haupte trug er, statt den Helm, den Kranz;
+ Er war ein Glanz, und war bestralt vom hellen Glanz.
+ Er blühte wie ein Reis von Schönheit und von Lust,
+ Von Jugend und von Kraft geschwellt war seine Brust.
+ Hoch hob er stolz das Haupt, und seiner Augen Stral,
+ Umgehend in die Rund, erleuchtete das Mal;
+ Da überzält' er froh die unzälbare Zal
+ Der Kriegsgefärten, die um ihn im Kreiße saßen
+ Als Trinkgenoßen nun, und ihren Wein vergaßen
+ Vor Staunen, wie sie ihn sahn prangen solchermaßen.
+ Da riefen sie laut einmal übers andre Preis
+ Und Heil, Lobpreis und Heil dem blühnden Ehrenreis!
+ Die Sterne selber sahn vom hohen Himmel nieder
+ Mit Wolgefallen auf die hohen Heldenglieder;
+ Allein sie schienen ihn mitleidig anzusehn,
+ Weil er ein Stern war, der so früh sollt untergehn.
+ Da sprach ein Himmelsstern zum andern mitleidvoll:
+ Schad um die Blüte, die im Lenz hinwelken soll!
+ Soviel des Schönen schon auf Erden sahn wir prangen,
+ Und eh wir einen Blick verwendet, wars vergangen.
+ Doch keine Knospe sahn wir glänzender und heller
+ Aufgehn, um trauriger dahinzugehn und schneller.
+ Wenn seine Mutter doch, die ihn, ihr einzig Glück,
+ Entsendet hat, und nie daheim empfängt zurück,
+ Wenn seine Mutter ihn mit unsrer Augen Stral
+ Noch einmal könnte sehn bei diesem Freudenmal,
+ In seiner Lust und und Kraft, den Baum im frischen Saft,
+ Den morgen schon villeicht dahin sein Schicksal rafft!
+
+
+ 69.
+
+ So sprachen von dem Stern des Festes dort die Sterne
+ Des Himmels; eine Gunst erzeigten sie ihm gerne.
+ Da namen sie von Duft und Glanze, was im Raum
+ Von Erd und Himmel war, und woben einen Traum.
+ Wie einen Teppich bunt, mit reichem Gold gestickt,
+ Der Braut ein Bräutigam aus fernem Lande schickt,
+ Auf welchem sie erblickt mit staunendem Gefallen
+ Die Bilder abgeprägt von jenen Dingen allen,
+ Die ihr Geliebter selbst nun sieht in fremden Räumen,
+ Die Vögel unbekant auf unbekanten Bäumen;
+ Und so wie sie den Schmuck betrachtet, ist es ihr,
+ Sie reise dort mit ihm, er ruhe bei ihr hier:
+ Ein solcher Abdruck war vor allem eingewoben
+ Dem Traumgewebe, das die Sterne dort erhoben.
+ Leis hoben sie empor das glänzende Gewebe,
+ Und gaben es der Luft zu tragen, daß es schwebe
+ Nach Turan, wo im Schlaf die Mutter Suhrabs lag,
+ Da sah sie einen Traum so hell als wär es Tag.
+ Beim nächtlichen Gelag sah sie den Sohn da sitzen,
+ Den Becher in der Hand von Edelsteinen blitzen,
+ Sah seine Wangen blühn, und seine Lippen glühn,
+ Und seine Augen sprühn; ganz war er stolz und kühn;
+ Wie freut' es sie zu sehn ihr Reis der Hoffnung grün!
+ Gewachsen schien er ihr selbst in der kurzen Zeit,
+ Daß sie ihn ausgesandt, an Kraft und Herrlichkeit.
+ Sie sah auf ihren Sohn umher im Kreiß der Lichter
+ Gekehrt bekante viel und unbekante Gesichter;
+ Die alle sah sie hell in heitrer Freude funkeln,
+ Doch seinen Vater sah sie nebenaus im Dunkeln.
+ Sie war betrübt, es nam sie Wunder, warum nicht
+ Rostem zu seinem Sohn vortreten wollt ans Licht.
+ Doch wie ein Wolkenschaur so flog ihr Gram vorbei;
+ Sie freute sich, daß nah dem Sohn der Vater sei:
+ Er würde, wenn er nur säh das Erkennungszeichen,
+ Dem Sohne freudig nahn und ihm die Hände reichen.
+
+
+ 70.
+
+ Von Suhrabs Mutter ward inzwischen so geträumt,
+ Er aber saß beim Fest vergnügt und aufgeräumt.
+ Er trank, und hieß im Kreiß die Trinkgenoßen trinken;
+ Zwei aber saßen ihm zur Rechten und zur Linken.
+ Zur Linken Baruman, den ihm Afrasiab
+ Aus Turan nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab;
+ Zur Rechten aber Send, den hatte mitgegeben
+ Dem Sohn die Mutter, die ihn liebte wie ihr Leben.
+ Der war vom Königshaus Semengans ihm ein Vetter,
+ Und werden sollt er ihm im fremden Land ein Retter.
+ An allen Gliedern stark war er und hoch von Wuchs,
+ An allen Sinnen scharf, von Augen wie ein Luchs.
+ Er sah bei Nacht alswie bei Tag; und zu dem End
+ Entsendete sie auch mit ihrem Sohn den Send,
+ Damit, wenn Suhrab nun gekommen in die Nähe
+ Von Rostem wäre, Send den Vater ihm erspähe.
+ Er hatte Rostem selbst gesehn an jenem Tag,
+ Wo in Semengans Schloß er saß beim Gastgelag,
+ An jenem Abende, wo in der Nacht ihm kam
+ Tehmina, die als Weib er in die Arme nam.
+ Den Suhrab zeugt' er ihr, und als der Morgen graute,
+ Ritt er von dannen, den nie mehr die Gattin schaute.
+ Nun sandte sie den Sohn, den Vater dort zu schaun,
+ Und alles sagte sie dem Vetter im Vertraun.
+ An Suhrabs Seite nun trank er den Wein mit Schweigen,
+ Und dachte, morgen woll er ihm den Vater zeigen!
+
+
+ 71.
+
+ Send aber sendete den Blick umher des Luchses,
+ Und nam im Dunkeln war die Lauer eines Fuchses.
+ Er sah dort einen Mann, der ihm verdächtig schien,
+ Stand auf vom Sitz und gieng, um zu besehen ihn.
+ Da fand er einen Mann, von Ansehn ganz gewaltig
+ Und riesenmäßig, elefantenleibgestaltig.
+ Niemals erinnert' er sich einen solcher Art
+ Mit Augen je gesehn zu haben und gewart;
+ Es wäre denn allein Rostem, an jenem Tag,
+ Wo in Semengan er ihn sah beim Gastgelag.
+ Doch dieser trug am Leib ein türkisches Gewand;
+ Wiewol sein Blick an ihm nicht Türkensitte fand.
+ Send rief ihn an: He da! warum hier also schleichst du
+ Im Finstern, guter Freund, und aus der Hell entweichst du?
+ Kehr einmal dein Gesicht her gegen mich ans Licht!
+ Gib Antwort! -- Aber Antwort gab ihm Rostem nicht.
+ Da streckte kühn, um ihn zu greifen, Send die Hand,
+ Und fortziehn wollt er ihn am türkischen Gewand.
+ Tehemten aber zuckt' empor des Armes Keule,
+ Womit er schon im Kampf geschlagen manche Beule;
+ Damit gab er dem Send solch einen Schlag aufs Haupt,
+ Daß Send am Boden lag leblos des Sinns beraubt.
+ Suhrab indessen saß beim Mal, und Wunder nam
+ Es ihn, wo Send hingieng und noch nicht wieder kam.
+ Deswegen vom Gesind entsendete behend
+ Er einen, nachzusehn, wohin gekommen Send.
+ Der abgesendete lief eilig hin, und fand
+ Dort leblos sinnberaubt den Send gestreckt im Sand.
+ Der Diener lief bestürzt zum Herrn zurückgewendet,
+ Laut rief er aus: Der Send ist in den Tod gesendet;
+ Für Send ist aus der Schmaus, und das Gelag geendet.
+ Entsetzt vom Sitze sprang Suhrab, und eilte jach
+ Dahin, ihm eilten all des Festes Fackeln nach.
+ Bei aller Lichter Glanz sah da Suhrab erschlagen
+ Den lieben Freund; von wem? das kont ihm niemand sagen.
+
+
+ 72.
+
+ Doch Suhrab rief: O weh! gebrochen ist ins Rund
+ Der Herde Nachts ein Wolf, weil Hirte schlief und Hund;
+ Der Widder stolzesten hat er zu seinem Raub
+ Erkoren, nieder ihn geworfen in den Staub!
+ Verschlafne Hirten, auf! und unwachsame Hunde!
+ Nun nach dem Räuber macht mir im Geheg die Runde!
+ Da spürten sie mit Macht umher rings in der Nacht;
+ Es hatte sich der Wolf längst aus dem Staub gemacht.
+ Doch Suhrab kam zurück zu seinem Platz beim Feste;
+ Da saß er traurig nun, und traurig alle Gäste.
+ Er sprach: Es freuet mich nun hier der Sitz nicht mehr;
+ Denn mir zur rechten Hand der Platz ist traurig leer,
+ Wo der geseßen, den zum Freund mir mitgegeben
+ Die Mutter selber, die mich lieb hat wie ihr Leben.
+ In Iran sollt er hier den Vater kund mir tun;
+ Er kont es ganz allein; wer tut nach ihm es nun?
+ Er sprachs, und aus der Hand ließ er den Becher sinken;
+ Da schämte jener sich, der saß zu seiner Linken.
+ Sich schämte Baruman, den dort Afrasiab
+ Dem Suhrab nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab.
+ Er hätt ihm auch wie Send den Vater können zeigen;
+ Er kant ihn ja! doch mußt und wollt ers ihm verschweigen.
+ Doch Suhrab rief, und hob den vollen Becher hoch:
+ Ich trink in dieser Nacht den letzten Becher noch,
+ Mit blutigem Gelübd erfüllt, anstatt mit Wein,
+ Daß Sends Ermordung nicht soll ungerochen sein!
+ Den Mörder Sends will ich erforschen, wer er sei,
+ Ihn morden für den Mord, wohnt soviel Kraft mir bei!
+ Wonicht, so werde Gift der Wein mir in den Adern,
+ Und jeder Tropfe Blut soll mit dem andern hadern!
+ Doch nicht mit Einem sei die Schuld ihm abgetragen;
+ Zur Sühne Sends will ich ein ganzes Heer erschlagen.
+ Allein vor allen soll erfahren meinen Groll,
+ Wer Send erschlug, versehrt hat er mich schmerzensvoll.
+ Er riefs, und wußte nicht, auf wen er also grollte,
+ Und daß er nicht den Schwur an ihm erfüllen sollte.
+ Dann brach er auf vom Fest, um in den nächtigen Schatten
+ Bei Fackelglanz den Send mit Ehren zu bestatten.
+
+
+ 73.
+
+ Doch Rostem kam, als er vom weißen Schloß entrann,
+ Ans Lager, wo die Wacht hielt Gew, sein Tochtermann.
+ Der wußte nicht, daß in der Nacht sein edler Schwäher
+ Im Türkenkleid hinaus gegangen war als Späher.
+ Als nun ein Mann herbei im Dunkeln kam, tat er
+ Vom Posten einen Schrei, und unter Wehr trat er.
+ Als Rostem merkt', es sei sein Eidam, froh naht' er.
+ Im Laufe tat er ihm entgegen einen Wuf,
+ Und Gew erkante gleich den Rostem an dem Ruf.
+ Erstaunt sprang er hinzu, und grüßt' ihn: Alter Held,
+ Wo bist umher gerannt zu dieser Stund im Feld?
+ Hast du mit Geistern deinen Bund gemacht bei Nacht,
+ Mit Zauberweihungen dich vorgestärkt zur Schlacht?
+ Denn mit Dämonen hast du kämpfend viel verkehrt;
+ Die haben wol ein Stück von Schwarzkunst dich gelehrt,
+ Daß, ohne Furcht und Leid, du ohne Heergeschmeid,
+ Dich aus dem Lager stilst in einem Türkenkleid!
+ Doch Rostem sprach: So ist die Sach! in dieses Tuch
+ Gewickelt, macht ich auf der Burg den Nachtbesuch.
+ Ich wollte mir daselbst den jungen Mann besehn,
+ Um dessen willen dieß Heeraufgebot geschehn.
+ Fern sah ich ihn, und gern wollt ich ihn sehen näher;
+ Doch mich den Späher hat erspäht ein andrer Späher.
+ Der wollte mit Gewalt ans Licht mich ziehn am Kragen;
+ Im Dunkeln hab ich ihn mit dieser Faust erschlagen.
+ Ich kam nicht sanfter los von ihm, es tat mir leid;
+ Doch nun verdrießt am Leib mich dieses Türkenkleid.
+ Schaff mir ein persisches, damit mich nicht die Hunde
+ Anbellen, wenn ein Türk im Lager macht die Runde!
+ So sprach er, und geschwind bracht ihm der Tochtermann
+ Ein persisches Gewand, das legt' er eilig an.
+ Er warf das Türkenkleid von sich mit Unbehagen;
+ Fast wollt er lieber, daß ers nicht bei Nacht getragen,
+ Als ahnet' er den Lohn, den diese Tat ihm trug:
+ Denn sich tat ers zu Leid, daß er den Send erschlug.
+ Zu Kawus gieng er nicht, um ihm, was er vollbracht,
+ Zu sagen; in sein Zelt gieng er, und schlief die Nacht.
+
+
+
+
+ Achtes Buch.
+
+
+ 74.
+
+ Doch als vom Morgen ward der Himmel aufgetan,
+ Stieg Suhrab auf der Burg zur höchsten Wart hinan,
+ Zur vordersten, wo ganz sich Irans Lager zeigte,
+ Auf das er sich hinaus begierig spähend neigte.
+ Dann rief er: Bringet hier herauf mir den Hedschir!
+ Befragen will ich ihn ums Feindeslager hier.
+ Weil Send gestorben ist, der heut mir Rostems Zeichen
+ Kund sollte tun, villeicht tut mir Hedschir desgleichen.
+ Und als ihm ward Hedschir gefeßelt vorgefürt,
+ Sprach er, nachdem er ihn mit eigner Hand entschnürt:
+ Hedschir, ich neme dir die schweren Feßeln ab,
+ Um das dir zu vertraun, was mir das Herz eingab.
+ Statt ehrner Feßel wenn der Freiheit goldnen Tag
+ Du wünschest, sage mir, was ich dich fragen mag!
+ Die Freiheit nicht allein, auch reicher Lohn ist dein,
+ Wenn ich erfinde wahr dein Wort und Truges rein.
+ Doch wenn unlautern Wein du willst im Kruge mischen,
+ So wirst du nicht der Haft und nicht der Straf entwischen!
+ Zur Antwort gab Hedschir: Was du willst fragen, frage,
+ Und traue, daß ich dir die volle Wahrheit sage.
+ Nicht lügen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen.
+ Warum in deiner Hand wär ich ein krummer Bogen?
+ Gerade sollst du mich erfinden wie den Pfeil;
+ Nicht um das Leben selbst ist mir die Wahrheit feil.
+ Zu ihm sprach Suhrab: Dort im Lager Zelt um Zelt
+ Werd ich dich fragen um den Helden, der es hält.
+ Sagst du mir das, so geb ich dir gehäuften Schatz;
+ Dir wird ein Ehrenkleid von mir und Ehrenplatz.
+ Und sagst du das mir nicht, so bleibt auf deinem Rumpf
+ Dein Haupt nicht, oder mir wird ehr die Klinge stumpf!
+ Zur Antwort gab Hedschir: Was säumst du lange? frage!
+ Wiß, daß ich weder lüge, noch vorm Tode zage.
+
+
+ 75.
+
+ Da hob zu fragen an Suhrab: Dort in der Mitte
+ Wes ist das Prachtgezelt von lauter Gold? ich bitte!
+ Fest steht es hingepflanzt recht in des Heeres Herz;
+ Von ihm durchs Lager gehn die Straßen allerwerts.
+ Auf allen Straßen nahn wie grüßende mit Bitten,
+ Und gehn wie dankende davon mit leichten Schritten.
+ Ganz Goldglanz ist das Zelt vom Fuß zum Knauf hinan,
+ Und weit wie ein Palast allseitig aufgetan.
+ Vor jedem Eingang liegt, wie Hündlein zahm und treu,
+ Im goldnen Band geschmiegt, ein Tiger und ein Leu.
+ Doch oben sitzt ein Aar, aus dessen Krallen steigt
+ Die Fahn empor, in der der Sonne Bild sich zeigt.
+ In solcher Wohnung kann kein kleiner und gemeiner
+ Wirt wohnen, wie mir dünkt; was wohnt darin für einer?
+ Da hob Hedschir sein Haupt, voll Stolz auf Irans Macht,
+ Und sprach: Dort wohnt der Schah in seiner Größ und Pracht.
+ Sein Thron ist Tag und Nacht von seinen treuen Leuen
+ Umhütet und umwacht, und darf nicht Feinde scheuen.
+ Doch fort zu fragen fuhr Suhrab: Zur linken Hand
+ Vom Goldgezelt, wes ist des Zeltes Silberwand?
+ Mit offnem Eingang steht gewandt zum goldnen Zelt
+ Sein Tor, wo Leopard und Panther Wache hält.
+ Doch oben trägt ein Greif in Silberklaun empor
+ Die Fahn, in der ein Mond; wer ist, der das erkor?
+ Zur Antwort gab Hedschir: Das ist des Schahes Sohn,
+ Ferabors, ihm der nächst am Herzen und am Thron.
+ So recht! rief Suhrab aus: wo so zusammen hält
+ Ein Vater und ein Sohn, verteilen sie die Welt.
+
+
+ 76.
+
+ Zu fragen fuhr er fort: Dort aber rechter Hand
+ Vom Goldzelt, wessen ist die schwarze Zeltflorwand?
+ Feldposten eilen her und hin auf Rossen brausend,
+ Schildwachen aber stehn umher zu Fuße tausend.
+ Am Haupteingange ragt ein Elefant, ihn schmücken
+ Prachtdecken, und er trägt die Heerpauk auf dem Rücken.
+ Doch oben steigt die Fahn aus eines Drachen Rachen,
+ Mit Sternen übersät, die sie zum Himmel machen.
+ Wer herrscht zur Seite so dem König Keikawus?
+ Hedschir antwortete: Sein Kronfeldhauptmann Tus.
+ Das ist sein Stammesrecht, daß er im Heergefecht
+ Den Schah vertrete, dem verwandt ist sein Geschlecht.
+ Auf seinen Wink bereit, vereint auf sein Gebot,
+ Ist jenes Heer, das dir den Tod von ferne droht.
+ Und jener Himmel dort, reich an Juwelenzier,
+ Die Gawejani-Fahn ist es, das Reichspanier;
+ Das einst Feridun schwang, als er den Sohak schlug,
+ Der an den Schultern angewachsne Drachen trug.
+ Geheftet ist der Sieg an dieses heilige Zeichen,
+ Das ohne Mut kein Freund, kein Feind sieht ohn Erbleichen.
+ Doch Suhrab lächelte, und gieng mit Fragen weiter:
+ Im roten Florpalast, wer, sprich, ist dort der Streiter?
+ Er sitzt im offnen Zelt, und scheint an seinem Haar
+ Ein Greis bereits, um ihn steht eine Männerschaar;
+ Sie alle halten ihm ihr Antlitz zugekehrt,
+ Und jeder ehrt ihn, wie man einen Vater ehrt.
+ So fragt' er, und Hedschir zog aus der Brust ein Ach
+ Wie einen Dolch hervor, weil er zu Suhrab sprach:
+ Das ist Guders, der Greis, von Worte weis' und lind,
+ Von Schwerte stark und scharf, wie wenig Männer sind;
+ Ein Vater, der entbehrt fürs Alter nicht der Stützen;
+ Mit seinem Haus allein kann er ein Reich beschützen.
+ Denn neunundsiebzig sind der Söhne, die er zält;
+ Der achtzigste bin ich, der heut im Lager fehlt.
+ Doch Suhrab sprach: Warum hast du dich laßen fangen?
+ Sprich Wahrheit! und noch heut kanst du hinab gelangen.
+
+
+ 77.
+
+ Wes ist das grüne Zelt, aus Duft und Glanz gewebt,
+ Das wie ein Waldgebirg sich über Hügeln hebt?
+ Alswie ein Waldgebirg, das fest steht und nicht wankt,
+ Wenn, von des Sturmes Hauch bewegt, sein Baumwuchs schwankt.
+ In diesem Zelte wol ist Irans Hoffnung grün,
+ Und meine Hoffnung wird bei seinem Anblick kühn.
+ Vorm Zelt in Waffen sitzt ein Mann, und steht ein Ross,
+ Er einem Riesen gleich, und es wie ein Koloss.
+ Er sitzt, und hoch nicht scheint der Sitz, den er erkor;
+ Aus allen doch, die ihn umstehn, ragt er hervor:
+ Er blickt auf sie hinab, sie schaun zu ihm empor.
+ Allein zur Seite blickt er stets nach seinem Ross;
+ Es ist wol auf der Welt sein liebster Kampfgenoß.
+ Es steht das Ross mit ungeduldigem Gestampf,
+ Und ihn erhebt im Sitz die Ungeduld nach Kampf.
+ Entgegen streckt er ihm die Hand, es reckt sein Haupt
+ Erwartungsvoll und lauscht, es spitzt ein Ohr und schnaubt.
+ Die Mähne streicht er ihm, da fängt es an zu brausen;
+ Das freuet seinen Herrn, die andern macht es grausen.
+ An seiner Seite hängt ein Schwert, an seinem Knie
+ Lehnt eine Keule schwer, kein andrer höbe sie.
+ Er schwingt die Keule bald hoch übers Ross empor,
+ Bald aus der Scheide zieht er halb das Schwert hervor.
+ Die Keule sausen hörts und sieht die Schneide blitzen,
+ Und tost; was wird es erst, wenn er wird droben sitzen!
+ Ich habe nie gesehn solch einen Mann wie den,
+ So hab ich niemals auch ein Ross wie das gesehn;
+ Ein Ross, das solch ein Mann allein bezwingen kann,
+ Und solch ein Mann, den solch ein Ross nur tragen kann.
+ Gewis, von diesem Ross und diesem Manne sind
+ Die Namen kund im Land; verkünde sie geschwind!
+ So sprach er und hielt ein; es war alsob er wüßte,
+ Daß Ross und Ritter Rachs und Rostem heißen müßte;
+ Doch wollt er, daß der Mund Hedschirs es täte kund,
+ Still aber schwieg Hedschir, und sprach im Herzensgrund:
+
+
+ 78.
+
+ Was fragt der Türke nach des Reiches Pehlewan?
+ Und tu ich recht, wenn ich ihm Rostem kund getan?
+ Und tu ich Unrecht, wenn ich ihm den Feind verschweige?
+ Was will der Knabe, daß ich ihm den Helden zeige?
+ Ist er sein Sohn, wie er im Zweikampf rühmte laut?
+ Den Vater schaff ich ihm so wenig, als die Braut!
+ Der Mann von Iran kann des Türkenkinds entraten;
+ Ich will den Perserhort dem Erbfeind nicht verraten.
+ Zwar Rostem braucht ihn nicht zu fürchten in der Tat,
+ Allein der Türke könnt ihn angehn mit Verrat.
+ Drum wirds am besten sein, den Namen nicht zu melden,
+ Und ihn zu streichen ganz heut aus der Zahl der Helden.
+ Als so zur Lüge sich bereitete Hedschir,
+ Rief Suhrab: Sprich zu mir! was redest du mit dir?
+ Warum machst dus solang, bis Aufschluß ich gewinne?
+ Er sprach: Weil ich umsonst mich auf den Mann besinne.
+ Von Zeichen unbekant ist er mir ganz und gar;
+ Er kam wol fremd ins Land, weil ich im Schloß hier war.
+ Ich hörte, daß heran vom fernen Hindostan
+ Dem Schah zu Hilfe zog ein starker Pehlewan.
+ Das wird der Recke sein, entsproßt aus fremdem Samen;
+ Denn fremde scheint er mir, und die, so mit ihm kamen.
+ Doch Suhrab sprach: Wie heißt der Recke? sage mir!
+ Den Namen weiß ich nicht; antwortete Hedschir.
+ Suhrab noch einmal sprach: wie heißt er? gib Bericht!
+ Hedschir antwortete: den Namen weiß ich nicht.
+ Voll Unmut ward Suhrab; des Vaters Namen wollte
+ Er hören da durchaus, den er nicht hören sollte.
+ Die ihm die Mutter gab vom Vater, alle Zeichen
+ Sah er, und konnte nur Gewisheit nicht erreichen.
+ Des Vaters Name fehlt' ihm zur Gewisheit nur,
+ Den er da von Hedschirs Verstockung nicht erfur.
+
+
+ 79.
+
+ Doch ungeduldig fuhr Suhrab zu fragen fort:
+ Im violetten Zelt, wie heißt der Ritter dort?
+ Zur Antwort gab Hedschir: Den kann ich wol dir nennen;
+ Gurase heißt der Held, wie sollt ich ihn nicht kennen?
+ Ein mutger Ritter, wie zu Ross nicht viele rennen.
+ Doch ungeduldig gieng mit Fragen Suhrab weiter:
+ Im gelben Zelte dort, sag an, wie heißt der Streiter?
+ Zur Antwort wieder gab Hedschir: Ich kann auch ihn
+ Dir nennen, wenn du willst: der Kämpfer heißt Gurgin;
+ Ein Tapfrer, welchem gleich nicht viel zum Kampf ausziehn.
+ Noch einmal frug Suhrab mit ungeduldiger Hast:
+ Im blauen Zeltpalast, wie heißt darin der Gast?
+ Und wieder gab Hedschir zur Antwort: Nennen kann
+ Ich dir auch diesen wol: Gew, Rostems Tochtermann.
+ Da wendet' auf Hedschir Suhrab den Blick unhuldig,
+ Und sprach: Nun offenbar bist du der Lüge schuldig.
+ Du nennest alle mir, und nur den Rostem nicht,
+ Den Rostem, ohne den kein Heergefecht sich ficht!
+ Von all den Zelten wenn in keinem Rostem ist,
+ Wo wäre Rostem denn, wenn du kein Lügner bist?
+ Verläugnen willst du mir ihn nur aus Hinterlist.
+ Im grünen Zelte dort der Recke kühn und frei,
+ Gewis ist Rostem der, o sag mir, daß ers sei!
+ Denn alle, die von ihm mir kund sind, alle Zeichen
+ Seh ich, und kann allein Gewisheit nicht erreichen.
+ Von allen, die ich sah im Lager fern und nah,
+ Wünsch ich, daß keiner sei Rostem, als dieser da.
+ O sag mir, daß ers sei! und sei belohnt und frei!
+ Der vor dem grünen Zelt, sag, daß es Rostem sei!
+
+
+ 80.
+
+ Hedschir sprach: Ei, was forscht so deine Ungeduld
+ Nach ihm! nicht gern wär ich an deinem Tode schuld.
+ Wo Rostem wär im Feld, nicht würdest du es halten;
+ Denn Rostem ist ein Held von furchtbaren Gewalten.
+ Wo Rostem auf dem Rachs sich hebt zum Werk der Rache,
+ Da kann nicht stehn vor ihm der Löwe noch der Drache.
+ Ein jeder Blick von ihm ist Tod, ein jeder Hauch
+ Von ihm ist Sturm, ihm sinkt entwurzelt Baum und Strauch.
+ Ich wünsche keinem, daß er mög ein Gegner sein
+ Von Rostem, wär er auch ein Berg von Kieselstein;
+ Er würde dich, alswie die Mühl ein Korn, zermalmen,
+ Zertreten, wie ein Tritt von Elefanten, Halmen.
+ Fest schnüren möchtest du am Leib dein Gürtelband;
+ Es würde locker, wenns erblickte Rostems Hand.
+ Allein zu deinem Glück ist nah nicht das Gewitter;
+ Denn mit Schah Keikawus hat sich entzweit der Ritter.
+ Erzürnt ist er vom Hof nach Sabul heimgeritten,
+ Dort sitzt er nun beim Schmaus in seines Schloßes Mitten.
+ Dort trinkt er fröhlich Wein beim Fest im Rosengarten,
+ Und will den Ausgang dieses Kriegs in Ruh erwarten.
+ So sprach er; ob ers nur erlog, ob ers erfur
+ Vom lügenden Gerücht, das kam von Irans Flur?
+ Das traurige Gerücht, das dort bei Nacht dem frohen
+ Erlag, war aus der Stadt villeicht zur Grenz entflohen.
+
+
+ 81.
+
+ Doch Suhrab rief voll Zorn: So willst du mich verhöhnen?
+ Schweig, allerschlechtester von Guders achtzig Söhnen!
+ Willst du, ich glaube dir die knabenhafte Rede,
+ Rostem, der Herr der Schlacht, enthielte sich der Fehde!
+ Er hielte sich zu Haus, und hielte Fest und Schmaus!
+ Da lachten billig ihn die Mägd und Kinder aus!
+ Wol möglich, daß er mit Keikawus sich gezankt,
+ Wenn der undankbar ist, der ihm den Thron verdankt!
+ Doch, denk ich, Kawus wird geschwind mit reichen Gaben
+ Und guten Worten ihn zurückbeschworen haben,
+ Wenn er nicht unklug ist, und seinen besten Ritter
+ Nicht missen will am Ort, wo ihn ersetzt kein Dritter.
+ Denn was ist ohne Blitz und Donner ein Gewitter?
+ Was dieser Heerleib, unbeseelt von Rostems Mut?
+ Nicht in Bewegung ist dieß Heer und Rostem ruht!
+ Drum sag im Augenblick, wo ist der Pehlewan?
+ Von Guders Söhnen ists um einen sonst getan!
+ Da schauderte Hedschir und sprach im Herzensgrund:
+ Aufschließen mit Gewalt will mir der Türk den Mund.
+ Verschließen aber will ich ihn nun ihm zum Trutz,
+ Sowahr ich jemals selbst getragen Ritterputz,
+ Und je noch tragen will! und fall ich seiner Wut,
+ So wird nicht schwarz der Tag, und nicht das Waßer Blut.
+ So ist um einen Sohn von achtzig Guders schwächer,
+ Und neunundsiebenzig sind meines Todes Rächer.
+ Er sprach: Was wütest du? was stürmest du und tobest?
+ Denkst du, daß du dich so dem Rostem gleich erprobest?
+ Weil einen Namen ich nicht nennen will und kann,
+ Willst du dafür den Tod mir geben, gib ihn dann!
+ Den Namen nenn ich nicht, wüßt ich ihn zehnmal auch;
+ Entreißen ehr als ihn kannst du mir diesen Hauch!
+ Ich trotze dir! es mag mein Blut die Schmach versöhnen,
+ Der schlechteste zu sein von Guders achtzig Söhnen!
+ Er sprachs; da wendete Suhrab sich unmutvoll,
+ Nachdenkend, ob er auf der Stell ihn töten soll.
+ Doch er besann sich, gab ihm einen Backenschlag,
+ Daß er besinnungslos davon am Boden lag;
+ Und rief: Will hier durchaus mir meinen Vater sagen
+ Niemand, so will ich gehn und selber ihn erfragen!
+
+
+ 82.
+
+ Er stieg, von Zorn bewegt, hinab vom hohen Turm;
+ Gewaffnet schwang er sich aufs Ross, und ritt im Sturm.
+ Er ritt, sein fürstlich Haupt bedeckt mit goldnem Dache,
+ In ihm des Löwen Mut, und unter ihm ein Drache.
+ Und wie der scharfe Zorn ihm selbst die Sporen gab,
+ Gab er dem Ross den Sporn, und flog den Berg herab.
+ Der Kampflust heißes Blut in seinen Adern sott,
+ Ihm flog des Pulses Glut wie seines Rosses Trott;
+ Da kont in seinem Mut aufhalten ihn kein Gott.
+ Er ritt im Ungestüm dem Lager Irans zu;
+ Und alle, die ihn sahn anreiten, flohn im Nu.
+ Die alle flohn im Nu, die aus des Lagers Mitten
+ Dort waren auf den Plan zur Lust hervorgeritten.
+ Wie aus dem Waidehag, wo sie der Hut empfolen
+ Des Hirten sind, hervor sich wagen junge Folen,
+ Sich außerhalb des Hags neugierig umzutun;
+ Doch plötzlich einen Leun herkommen sehn sie nun;
+ Die Mähn am Nacken, die er sträubt, erregt ihr Graun,
+ Und eilig flüchten sie zurück in ihren Zaun:
+ So aus dem Lagerwall die sich hervorgewagt,
+ Wie sie den Suhrab sahn, umwandten sie verzagt.
+ Sie wendeten zur Flucht vor ihm ihr stolz Genick,
+ Und wagten nicht auf ihn zu richten einen Blick.
+ So furchtbar fanden sie den Türken anzuschaun,
+ Daß auf die Flucht allein sie setzten ihr Vertraun.
+ Er aber achtete der leichten Feinde nicht;
+ Es ward von ihm gesucht ein Gegner von Gewicht.
+ Er ritt vom hohen Wall des Lagers hart hinan,
+ Den tapfersten zum Kampf zu fordern auf den Plan.
+
+
+ 83.
+
+ Suhrab vom Walle rief hinab ins Lager tief,
+ So laut, ihn hörte wol, wer nicht im Grabe schlief:
+ O Schah von hoher Macht, du rühmst dich großer Pracht
+ Im Lager, doch wie steht dein Ding im Feld der Schlacht?
+ Mußt du dein starkes Heer in einen Pferch einsperren?
+ Schützt keiner deiner Knecht' im freien Feld den Herren?
+ Dein Volk von Schafen fleucht in seinen Stall, verkreucht
+ Sich hinterm Wall, und keucht vor Angst, vom Wolf gescheucht.
+ Hier komm ich zu dir her geritten mit dem Speer,
+ Den zuck ich, so durchzuckt der Tod dein ganzes Heer.
+ Ich habe gestern laut um Send den Schwur beim Wein
+ Getan: Wer ihn erschlug, der soll nicht lebend sein!
+ Der heimlich in der Nacht den Send mir umgebracht,
+ Umbringen will ich ihn am Tag in offner Schlacht.
+ Wenn du den Recken kennst, der ihn erschlug, so send
+ Ihn her, daß ich erschlag ihn, der mir schlug den Send!
+ Und ists nicht der, so seis ein anderer, der scharf
+ Von Mut und Waffen ist, und mir begegnen darf!
+ Doch wenn aus deinem Pferch hervor, mit mir zu streiten,
+ Gar keiner will, so will ich in den Pferch einreiten,
+ Das Lager mitten durch, bis an das goldne Zelt,
+ Vor dessen Eingang Löw und Tiger Wache hält.
+ Vor den Türhütern soll mir nicht beim Eintritt bangen,
+ Und mit dem Speer will ich die Sonn herunter langen.
+ Den Geierkrallen soll die goldne Sonn entfallen,
+ Und vor der Hündlein Maul will ich den Maulkorb schnallen.
+ Ich will dir überm Haupt alswie ein Sturmwind rütteln
+ Das goldne Dach, und wenn du drunter schläfst, dich schütteln!
+ So rief er; Keikawus sprang auf und rief erschreckt:
+ Wer hat dem Wütenden das Königszelt entdeckt?
+ Ihr Edlen all! eilt mir zu Rostem hin! der Mann
+ Ist er allein, der diesen Knaben bändigen kann.
+
+
+ 84.
+
+ Zu Rostem, wo er saß im Zelte, kam der Bot:
+ Keikawus ist in Not, der Türke Suhrab droht.
+ Er droht ins Königszelt durchs Lager einzureiten,
+ Und Niemand ist als du im Stand mit ihm zu streiten.
+ Von seinem Sitz erhob sich Rostem nicht, und sprach:
+ Der Dienst des Königes ist lauter Ungemach.
+ Nicht Ruh bei Tag und Nacht, viel Arbeit, wenig Schmaus;
+ Ich war die Nacht erst aus, und bleib am Tag zu Haus,
+ Dem ersten Boten kam ein zweiter nachgeflogen,
+ Ein dritter, vierter auch, wie Pfeil auf Pfeil vom Bogen;
+ Und alle meldeten: Der Suhrab ist im Feld;
+ Da kann ihm keiner stehn, nur Rostem kanns, der Held.
+ Doch Rostem, wie er sah das wachsende Getümmel,
+ Den Lärmen um ihn her, rief: Fällt denn ein der Himmel?
+ Um einen Knaben, welch ein Ahrimansaufstand!
+ Um einen einzeln Mann welch ein Weltendebrand!
+ Nun aber kamen, hergesandt von Keikawus,
+ Die Fürsten, auch sein Sohn, auch sein Kronfeldherr Tus.
+ Die Waffen wurden ihm schnell von den Fürsten allen
+ Gebracht; er sagte nichts, und ließ es sich gefallen.
+ Den Panzer legt' ihm Tus, Gurgin die Schienen an,
+ Doch von Ferabors ward der Helm aufs Haupt getan.
+ Gurase reicht' ihm Pfeil und Bogen; Schwert und Sper
+ Und Keule trugen ihm drei Söhne Guders her.
+ Von seinem Eidam ward zuletzt ihm vorgefürt,
+ Gesattelt und gezäumt, der Rachs, wie sichs gebürt.
+ Doch wie Rostem den Rachs kampffertig sah, da rürte
+ In seiner Brust sich auch die Kampflust, und er spürte,
+ Daß er, ins Feld zu gehn, die volle Rüstung fürte.
+ Er gieng, und im Vorbeigehn nam er noch den Schild,
+ Indem er sprach: den braucht man auch im Kampfgefild.
+ In voller Rüstung sprang er auf den Rachs, und jach
+ Ritt er davon, ihm sahn mit Staunen alle nach.
+
+
+
+
+ Neuntes Buch.
+
+
+ 85.
+
+ Er ritt hinaus, wo ihn der gleichgeartete,
+ Ein Kämpe seines Bluts, sein Sohn erwartete.
+ Auf Bogenschuß hinan ritt er, da hielt er an,
+ Da wieherten sich laut die beiden Kampfross' an:
+ Rachs, der den Rostem trug, und jener, der Suhrab,
+ Den Sohn des Rostem, jetzt entgegen trug dem Grab.
+ Der trug des Rostem Sohn, war selbst vom Rachs ein Sohn;
+ Und doppelt kam zum Kampf ein Vater und ein Sohn.
+ Doch eh zum Tode nun die Reiter sich anranten,
+ Wieherten erst sich an die Rosse, die sich kanten:
+ Das Wiehern war der Gruß der beiden Blutsverwandten.
+ So in den Thieren dort, o Wunder, sprach die Stimme
+ Des Blutes, die erstickt ward von der Männer Grimme.
+ Soviel ist blinder, als das blindgeborne Thier,
+ Der Mensch, der sehende, geblendet von Begier.
+ Die Reiter sahen an das Wiehern für ein Zeichen,
+ Daß ihre Rosse selbst an Kampflust ihnen gleichen;
+ Und selber wollten sie nun nicht den Rossen weichen.
+ Doch riefen sie sich nicht mit lautem Schlachtgruß an,
+ Entgegen hielten sie stillschweigend auf dem Plan,
+ Und Sohn und Vater sahn sich stumm todblickend an.
+ Nun kamen auch heran die Zeugen ihrer Schlacht,
+ Von beiden Seiten die und jene Heeresmacht:
+ Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt,
+ Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt;
+ Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,
+ Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.
+ Entgegen standen sich die beiden Heere schweigend,
+ Die Kampfbegier vereint nur in zwei Kämpfern zeigend.
+ Wie auf dem weiten Hof ein zahlreich Volk von Hennen
+ Untätig zusieht, wie zum Kampf zwei Hähne rennen,
+ Die, für ihr ganz Geschlecht von Kampfbegier entbrant,
+ Wenn sie erst zum Gefecht zusammen sind gerant,
+ Lebendig alle zwei nicht mehr zu trennen sind;
+ Sosehr macht Eifersucht und heißes Blut sie blind:
+ Die Hennen sehen zu, wie sie zusammen rennen,
+ Und warten, welchen sie als Herrn des Hofs erkennen;
+ So dort erwarteten die beiden Heere nun,
+ Wer als des Schlachtfelds Herr hervor sich würde tun,
+ Und sahen zu, bewehrt, alsob sie wehrlos wären:
+ Für alle ließen sie das eine Paar gewären.
+
+
+ 86.
+
+ Doch näher kamen an die beiden Helden licht
+ Geritten nun, und sahn einander ins Gesicht.
+ Suhrab, den Ungeduld hinan zum Vater trieb,
+ Sprach, während eine Hand er in der andern rieb:
+ Komm, alter Held, wie ich gesehn noch keinen habe,
+ Nicht übel nim es mir! dich will bestehn ein Knabe.
+ Von Iran brauchen wir und Turan hier dazu
+ Sonst keinen außer uns, genug sind ich und du.
+ An Wuchse bist du hoch, an Schultern bist du stark;
+ Die Jahre haben doch versehrt bereits dein Mark.
+ Du wirst mich nicht bestehn in diesem Waffengange!
+ Er sprachs, und Rostem blickt' auf seine Rosenwange,
+ Und sprach zu ihm: Gemach, feuriges Heldenkind!
+ Die Erd ist kalt und hart, die Luft ist lau und lind.
+ Schon manche glichen dir, die nun gleich Staube sind.
+ Wol altershalb hab ich gesehn genug Walstätten,
+ Und half manch stolzes Heer im kalten Lager betten.
+ Die schlafen tief genug, die meinem Streich erlagen;
+ Und wo ich selber schlug, da ward ich nie geschlagen.
+ Nun komm heran, blick her, wie ich dich morden will;
+ Entkommst du mir, so fürcht hinfort kein Krokodill!
+ Allein es fühlt mein Herz mit dir, Kind, ein Mitleiden,
+ Vom schönen Leib will ich nicht deine Seele scheiden.
+ Gar einem Türken gleichst du nicht, o schlanker Baum!
+ Deinsgleichen viele wüßt ich auch in Iran kaum.
+ Wie Suhrab hörte, daß so sanfter Rede pflegte
+ Der Recke, fühlt' er auch, wie sich sein Herz bewegte,
+ Und sprach: O alter Held, ich will ein Wort dich fragen,
+ Du aber mußt nun auch mir alle Wahrheit sagen.
+ Vermelde mir, eh wir uns schlagen, dein Geschlecht!
+ So, hör ich, hielten es die Alten im Gefecht.
+ Ich glaube wirklich, daß du Niemand auf der Welt
+ Als Rostem bist, der Fürst im grünen Heergezelt.
+ So sprach er, und so nah daran wars, daß gewendet
+ Würd alles Weh in Lust, und aller Streit geendet.
+ Da kam ein finstrer Geist auf Rostem, und er sprach:
+ Ich bin nicht Rostem! was fragst du dem Rostem nach?
+ Er ist ein Ritter, ist ein Fürst, ich bin ein Knecht;
+ Mit ihm nicht, nur mit mir ist dir der Kampf gerecht.
+ Ich bin der Späher, der dir auf der Burg erschlug
+ Den Mann, der thöricht Lust mich auszuspähen trug.
+ Nun komm zum Kampf, mein Sohn, des Schwatzens ist genug.
+
+
+ 87.
+
+ Da schwenkte sich im Zorn zur Linken ab Suhrab
+ Von Rostem, Rostem lenkte rechts von Suhrab ab.
+ Doch als auf Bogenschuß sie auseinander waren,
+ Da wendeten sie schnell, und kamen hergefaren.
+ Entgegen stoben sich zu Ross die beiden Ritter,
+ Entgegen schoben sich die beiden Ungewitter;
+ Entgegen schnoben sich ein Sohn und Vater bitter:
+ Die Schläge hoben sich, und jeder Schlag gab Splitter.
+ Zuerst versuchten sich in diesem Waffentanze
+ Der Vater und der Sohn mit fernentsandter Lanze.
+ Sodann erprobten sich der alte und der junge
+ Anrückend mit der nahgezückten Schwerter Schwunge.
+ Und endlich giengen sich die beiden Heeressäulen
+ Hart auf den ehrnen Leib mit ihren ehrnen Keulen.
+ Was von der Lanze da verschont blieb, schlug das Schwert;
+ Die Keule schmetterte, was jenes nicht versehrt.
+ Laut stöhnten beid', es war des andern jeder wert.
+ Am Helme blieb kein Glanz, am Helmbusch kein Gefieder,
+ Kein Ring am Panzer ganz, keins ungequetscht der Glieder;
+ In Strömen floß der Schweiß vom Mann aufs Ross danieder.
+ Wie sich entgegen zwei Gewitterwolken wettern,
+ Mit Blitz und Gegenblitz einander zu zerschmettern;
+ Sie selber können sich mit Streichen nicht verletzen,
+ Doch unter ihrem Kampf ergreift die Welt Entsetzen:
+ Der Hagel braust herab und schlägt der Erde Saat;
+ Das Land ist wie ein Feld, das eine Schlacht zertrat:
+ Dann, wenn sie sich erschöpft, zieht jede ihre Bahn,
+ Und aus der Ferne noch sehn sie sich finster an:
+ So standen jetzt vom Kampf die beiden ab ermattet,
+ Und eine Lebensfrist war noch dem Sohn gestattet.
+
+
+ 88.
+
+ Sie schieden sich, voll Weh der Vater, und das Kind
+ Voll Schmerz: sie hatten sich begegnet ungelind.
+ Die Rosse langsam ließen sie bei Seite laufen,
+ Um von der stürmischen Begrüßung zu verschnaufen.
+ Suhrab im Herzen sprach: Der da so grimmig drein
+ Auf mich geschlagen hat, kann nicht mein Vater sein.
+ Zwar alle treffen ein die Zeichen, die von ihm
+ Die Mutter gab, nur sprach sie nichts von solchem Grimm.
+ Zum Gatten hätte nie genommen ihn Tehmine,
+ Wär er gekommen ihr mit solcher Löwenmiene.
+ Er sagt es selbst: er ist der Mann, der mir erschlagen
+ Den Vetter hat, der mir den Vater sollte sagen.
+ Den Vetter wollt ich ja an seinem Mörder rächen;
+ Und was nun hindert mich, zu lösen mein Versprechen?
+ Doch Rostem sprach bei sich: Ei, wäre der mein Sohn;
+ Von ihm zerbleut, hätt ich nun meiner Thaten Lohn!
+ Den hat kein menschliches, ein Riesenweib getragen;
+ Wie ich so alt erst war, konnt ich noch so nicht schlagen.
+ Nim dich zusammen nun und wehr dich, alter Held!
+ Denn zu Zuschauern hast du beide Heer im Feld.
+ Es wär ein Spuck, wenn mirs mit diesem Türken fehlte,
+ Und in Semengan ers einst meinem Sohn erzählte!
+ Denn, wer ich bin, wird er am Ende doch erfaren,
+ Wielang ich auch vor ihm mag das Geheimnis waren.
+ So sprachen sie, indem sie sich erholten jetzt
+ Von Streichen, welche Sohn und Vater sich versetzt;
+ Die Rosse hatten so einander nicht verletzt.
+ Sie hatten sich geschont, und waren nur benetzt
+ Vom Schaume, weil zum Kampf die Reiter sie gehetzt.
+ Die hatten nun beiseit ein wenig ihren Streit
+ Gelegt und waren schon zu neuem Weh bereit.
+
+
+ 89.
+
+ Nunmehr begannen sie, wie um sich zu erholen,
+ Ihr Schützenkampfgerät gemach hervor zu holen.
+ Zum Köcher langten sie, und zogen ihre Bogen,
+ Und von der Senne kam Pfeil gegen Pfeil geflogen.
+ Im Fluge trafen sich die zwei, und sanken nieder;
+ Doch andre rüsteten schon Sohn und Vater wieder.
+ Die Pfeile regneten, dicht, wie bei rauhem Wetter
+ Des Herbstes unterm Baum hernieder rieseln Blätter;
+ Wie wenn am Frühlingstag des Landmanns Bienen schwärmen,
+ Wann rings das Bienenhaus des Mittags Stralen wärmen;
+ Wann sich die Einigkeit des Brudervolks zerschlug,
+ Die Honig mit gemeinschaftlichem Fleiß eintrug,
+ Sich nun vom alten Stock der junge Stamm lossagt,
+ Und auf gut Glück den Flug mit eignem Weisel wagt:
+ So nun mit einem Schwarm geschärfter Stacheln wandten
+ Zum Kampfe sich die mutentbranten Blutverwandten.
+ Sie spannten, legten an und schoßen ab, und spannten,
+ Indem mit jedem Pfeil sie sich Zornblicke sandten.
+ Sowenig aber als ein Blick, sowenig leid
+ Tat ihnen auch ein Pfeil am festen Wehrgeschmeid;
+ Sie schüttelten mit Scherz den Staub vom Waffenkleid,
+ Die Köcher raßelten, und ihre Schätze klirrten;
+ Die Sennen winselten, und ihre Bogen schwirrten,
+ Die laut im Fluge gleich blutgierigen Vögeln girrten.
+ Nicht kamen sie zum Zweck, die doch vom Ziel nicht irrten.
+ Alswie der Sonne Pfeil prallt ab vom Felsgestein,
+ Ihm dringen kann er nicht ins feste Fleisch und Bein,
+ Und an der obern Haut erhitzt er ihn allein:
+ So drangen dort nicht ein die Pfeil, und prallten ab,
+ Und mehr in Hitze nur kam Rostem und Suhrab.
+ Mit goldnen Spitzen war, gleich Stralen, jeder Schild
+ Besetzt, und leuchtete recht wie der Sonne Bild.
+ Doch als es sie verdroß, vergebens nur die Scheibe
+ Zu treffen, ließen sie nunmehr vom Zeitvertreibe,
+ Und giengen, Ross und Mann, ernsthafter sich zu Leibe.
+
+
+ 90.
+
+ Sie ritten nah sich auf den Leib, und legten Hand,
+ Zu ringen, einer an des andern Gürtelband.
+ Wann sonst im Rossringkampf Rostem saß auf dem Rachs,
+ War er wie Erz, und, was zur Hand ihm kam, wie Wachs.
+ Doch nun legt' er die Hand an Suhrabs Gürtelband,
+ Und staunte, daß er fand solch einen Widerstand.
+ Wie nicht ein Bergfels wankt, den eine Schlang umflicht,
+ In Rostems Armgeflecht so wankte Suhrab nicht.
+ Wo Rostem matt ließ ab, fieng mutig an Suhrab;
+ Doch auch vergeben war die Müh, die er sich gab.
+ Wie nicht der Erdleib schwankt, weil ihn der Arm umflicht
+ Der Luft, so schwankte nicht Rostem im Gleichgewicht.
+ Da ließ der Sohn erzürnt den starken Vater faren
+ Am Gürtel, und ergriff ihn an dem Schopf von Haaren,
+ Der, halbergraut, doch straff drang unterm Helm hervor;
+ Daran vom Sattel hofft' er ihn zu ziehn empor.
+ Doch Rostem saß wie Blei im Sattel, wie ein Stück
+ Von Erzguß; nur das Haar blieb in der Hand zurück.
+ Suhrab fand in der Hand das Haar, und rief erschrocken:
+ Du unbezwinglicher mit schon ergrauten Locken!
+ Du spannst die Glieder unnatürlich an mit Krampf;
+ Was suchest du, o Greis, mit einem Jüngling Kampf?
+ Ein alter Mann, wennauch sein Wuchs wär eichbaumschäftig,
+ Mit einem jungen ist er doch zum Streit unkräftig.
+ Dein Thier auch unter dir hat seinen Mut verloren,
+ Und wie ein Esel läßt es hangen seine Ohren.
+ Vor meinem Hengste sucht' es gern das Heil in Flucht,
+ Und ihm verbietet es nur seines Reiters Wucht;
+ Doch mir verbeut den Kampf mit dir nun Scham und Zucht.
+ Als ich das graue Haar in meiner Hand gewart,
+ War mirs als legt ich Hand an meines Vaters Bart.
+ Sind denn um uns im Feld nicht andre Kriegerhaufen?
+ Was müßen wir allein uns mit einander raufen!
+ So sprach der junge; doch der alte sagte nichts,
+ Er wendete sich ab ergrimmten Angesichts.
+
+
+ 91.
+
+ Da stürzt' er sich, wie sich ein Wolf stürzt auf die Herde
+ Der Schaf', aufs Turanheer, zu würgen mit dem Schwerde.
+ Und Suhrab, als ers sah, da warf er, wie ein Tieger
+ Sich auf die Rinder wirft, sich auf die Iranskrieger.
+ Den ersten, den er traf, streckt' er in Todesschlaf,
+ Den zweiten, dritten auch, und jeden, den er traf.
+ Doch Rostem, als er dort ans Heer von Turan kam,
+ Hielt plötzlich an den Rachs, zurück hielt ihn die Scham
+ Und Ueberlegung, wie es nun dem Kawus gienge,
+ Wenn jener Türk im Heer erst an zu morden fienge?
+ Dem selber Rostem kaum im Kampfe konte stehn;
+ Wie sollten seiner Wut die andern dort entgehn!
+ Drum, ohn ein Tröpflein Blut von Türken zu versprützen,
+ Umwandt er mit dem Rachs, die Perser zu beschützen.
+ Den Suhrab im Gewühl sucht er und fand, und schaute,
+ Wie auf der Flur Smaragd er Blutrubinen thaute.
+ Ihn rief er zürnend an: Was kühlst du deine Hitze
+ Am schwachen Volk, das dir nicht bieten darf die Spitze?
+ Was haben, tobender, die Leute dir getan,
+ Die du mit unversehnem Kampf hier rennest an?
+ Doch Suhrab sprach erstaunt: Ei, alter Held unhuldig,
+ Sind nicht am Kampfe dort die Türken auch unschuldig?
+ Warum hast du auf sie geworfen deine Wucht?
+ Wer hat von ihnen Streit an dich zuerst gesucht?
+ Doch willst du wieder nun zu mir zurück dich wenden,
+ So komm, laß uns das Werk erneuen und vollenden!
+ Doch Rostem sprach: der Tag hat sich geneigt zur Nacht;
+ Die ist zur Ruh gemacht, und nicht zum Werk der Schlacht.
+ Gehorchen wir der Nacht! doch wann im Osten lacht
+ Das goldne Schwert, von dessen Glanz die Welt erwacht,
+ Erneuern wir die Schlacht! sei mir hieher bestellt!
+ Hier stell ich morgen mich; jetzt geh, wohins gefällt!
+ Hier soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen,
+ Und als Zuschauer mag dieß Heer und jen's erscheinen;
+ Dann sehn wir, welches wird um seinen Kämpfer weinen!
+
+
+ 92.
+
+ Sie giengen; finster ward das Angesicht der Luft;
+ Der Himmel hüllte sich in einen trüben Duft:
+ Vorzubereiten schien er Suhrabs Totengruft.
+ Doch Suhrab ritt vergnügt mit seinem Heer nach Haus,
+ Und unterm Reiten noch fragt' er den Barman aus:
+ Von jenem Löwenmann, von dessen Kraft die Spangen
+ Mir krachten heut am Tag, wie ist es euch ergangen?
+ Da er dieß Heer, wie ein berauschter Elefant
+ Anrante, wieviel hat er nieder da gerant?
+ Nie ward von mir erprobt, in jedem Kampf belobt,
+ Solch einer; wie hat er hier seinen Grimm vertobt?
+ Doch Barman sprach: Es war dein eigner Fürstenwille,
+ Daß diesen Tag das Heer sich hielt' in Waffen stille.
+ Gerüstet aber war all unser Ding zum Streit,
+ In jedem Nu ins Feld zu treten kampfbereit.
+ Da kam ein einzelner daher, ein unbekanter,
+ Und blindlings tollkühn vor die Heeresmitte rant er.
+ Er kam alswie im Rausch, oder vom Rausch erwacht,
+ Im Taumel, um allein zu liefern eine Schlacht.
+ Ich aber ordnete die Reihen, dem verwegnen,
+ Wo er sich wagt' heran, mit Nachdruck zu begegnen.
+ Da ward er plötzlich andern Sinns; die Zügel wandt er,
+ Und spornstreichs, wie er hergekommen war, entrant er.
+ Froh lachend sprach Suhrab: Also von diesem Heer
+ Erlegte keinen er, und ritt vergebens her!
+ Ich hab Iranier indessen viel getötet,
+ Mit Blut wie Rosen dort den Rasengrund gerötet.
+ Er hat den müßigen Beschauer hier gemacht!
+ Nun heute hat die Nacht geschieden unsre Schlacht.
+ Doch morgen, wann der Welt der hehre Tag aufgeht,
+ Dann wird sich zeigen, wer von beiden fällt und steht.
+ Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,
+ Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.
+ Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;
+ Dann seht ihr, welches Heer um seinen Mann muß weinen!
+ Jetzt aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,
+ Die spröden Lippen nach dem Kampfstaub anzufrischen
+ Mit Weinthau; Baruman, laß einen Schmaus auftischen!
+
+
+ 93.
+
+ Indess im Lager lag schon Rostem beim Gelag,
+ Der noch beim kühlen Wein dacht an den heißen Tag.
+ Nur Suhrab wars, von dem er da erzälen mußte,
+ Suhrab, von dem man auch ihm zu erzälen wußte.
+ Keikawus sprach: Warum hast du den Wüterich
+ Uns auf den Hals geschickt, da du ihn namst auf dich?
+ Und hättest du nicht bald auf seine Bahn gerichtet
+ Dein Augenmerk; wer weiß, was er hätt angerichtet!
+ Wir haben hier ein Teil von seiner Art empfunden;
+ Doch selber sag uns nun, wie du ihn hast gefunden!
+ Er sprachs; doch Eifersucht und Aerger schwemmt' hinab
+ Rostem mit Wein, und tat den Mund auf von Suhrab:
+ Ich habe nie gesehn die gleichen Heldengaben,
+ Die Löwenmannheit nie, an so unreifem Knaben.
+ Ich hätte nicht gedacht, daß solchen Mann der Schlacht
+ Die Welt hervorgebracht, der mir so warm gemacht.
+ Er hat in jedem Kampf, in jedem Waffenwerke,
+ Mit mir die gleiche Kunst, mit mir die gleiche Stärke;
+ Und nur die Jugend die hat er vor mir voraus:
+ Mit ihm muß ich bestehn noch einen schweren Strauß.
+ Erst mit dem Sper hab ichs, dann mit dem Schwert versucht,
+ Mit meiner Keule dann, und er bestand die Wucht.
+ Zuletzt da dacht ich noch: Vor diesem rang ich doch
+ Schon manchen Helden hoch herab vom Satteljoch!
+ Da streckt' ich meine Hand nach seinem Gürtelband,
+ Und zerrte wacker; doch ich fand: er widerstand!
+ Ich dacht, er sollte nur sogleich vom Sattel fliegen,
+ Wie soviel andre schon ich sah im Staube liegen.
+ Doch wenn ein Berg im Grund wird wanken von dem Wind,
+ So wird vom Sattel nicht wanken das edle Kind.
+ Für heute hat die Nacht nun unsern Kampf geschieden;
+ Ich weiß nicht, ob ers war, ich war es wol zufrieden.
+ Und wenn er morgen mir wird zum Kampfplatze kehren,
+ Hab ich für Irans Ruhm und meinen mich zu wehren.
+ Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,
+ Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.
+ Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;
+ Dann seht ihr, welches Heer muß seinen Mann beweinen!
+ Heut aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,
+ Für morgen auf den Kampf die Herzen anzufrischen;
+ O König Keikawus, laß neuen Wein auftischen!
+
+
+ 94.
+
+ So sprach er, und sein Wort macht' alle Gäste staunen;
+ Dann tranken sie mit ihm, und wurden froher Launen.
+ Sie tranken ihm auf Glück und Sieg die Becher zu,
+ Und suchten, wohlbezecht, in Zelten Schlaf und Ruh.
+ Doch Rostem, als er in sein Zelt gekommen war,
+ Sprach er noch in der Nacht zum Bruder: O Sewar!
+ Heut haben wir im Feld des Kampfes dieß gesehn;
+ Und Niemand sieht voraus, was morgen wird geschehn.
+ Sobald am Himmel dort der Sonne goldner Schild
+ Hervortritt, tret ich an den Gang ins Schlachtgefild.
+ Du laß in Gottes Hut, allein mit meinem Mut,
+ Mich gehn, und halte du mein Sabulheer in Hut.
+ Wenn ich den Feind erleg in diesem Waffengange,
+ Nicht auf der Walstatt werd ich dann dir säumen lange.
+ Doch anders wenn ergeht der himmlische Bescheid,
+ Vollführe du kein Weh, und mache du kein Leid!
+ Einbrechen sollt ihr nicht, um meinen Tod zu rächen,
+ Ins Feindesheer; ihr sollt nach Sabul gleich aufbrechen;
+ So sollt ihr unterwegs, und so zu Hause sprechen:
+ So war es ihm verhängt an seines Alters Rand,
+ Daß seinen Tod er fand von eines Jünglings Hand.
+ Zur Mutter dort im Ton der Tröstung sollst du sagen:
+ Um Rostem, deinen Sohn, sollst du zusehr nicht klagen!
+ Soviel erschlug er schon, und ward nun auch erschlagen.
+ Du wurdest alt, und sahst alt werden deinen Sohn;
+ Nun lebe länger noch, wenn er gestorben schon!
+ Er hat sein Werk getan, und hat nun seinen Lohn.
+ So manches Abenteur im Heldenungestüm
+ Bestand er, Ungeheur und Riesenungetüm.
+ So manches feste Schloß mit Mauerkranze brach er,
+ So manchen Mann vom Ross mit seiner Lanze stach er.
+ Doch an des Todes Schloß am Ende pochen muß,
+ Wer immer auf ein Ross gehoben seinen Fuß.
+ In diesem Jagdrevier ist ungejagt geblieben
+ Kein Jäger, ewig hier kein Treiber unvertrieben;
+ Ein Freibrief ward auch mir vom Himmel nicht geschrieben.
+ Sewar! zum Schlaftrunk gib mir noch den Becher Wein,
+ Und laß das Uebrige dem Glück empfolen sein!
+ So sprach er, und die Nacht ward mit Gespräch von Schlacht
+ Und Suhrab halb, und halb mit Ruh und Schlaf verbracht.
+
+
+
+
+ Zehntes Buch.
+
+
+ 95.
+
+ Wie nun des Tages Pfau sein farbiges Gefieder
+ Entfaltet', und der Rab der Nacht den Kopf bog nieder;
+ Umgürtete der Held den Stahl, den lebenraubenden,
+ Und seinen Drachen schirrt' er an, den feuerschnaubenden.
+ Zum Kampfplatz wie ein Sturm kam er hinan geschnaubt,
+ Hell glänzt' im Morgenstral der Helm auf seinem Haubt.
+ Im Felde sah er dort sich um, es nam ihn Wunder,
+ Daß noch nicht war am Ort der junge Feuerzunder.
+ Der trank noch Morgenwein vergnügt bei Lautenton,
+ Und seiner wartete der Tod, der Vater, schon.
+ Er sprach zu Baruman: Der grimmige Löwengreis,
+ Mit dem ich heute nun mich tummeln soll im Kreiß;
+ Er ist nicht unter mir an ragender Gestalt,
+ Und steht nicht hinter mir zurück an Kampfgewalt.
+ Wenn ich ihn seh an Brust, Arm, Schulter und Genicke,
+ Ist mirs alsob ich selbst im Spiegel mich erblicke;
+ Alsob ich selber so müßt anzusehen sein,
+ Wenn soviel Jahr als ihm die Sterne mir verleihn!
+ Des Helden Anblick treibt die Scham auf meine Wangen,
+ Und regt im Busen mir ein liebendes Verlangen.
+ O sag mir, ob er ist der Vater, den ich suche!
+ Damit die Welt mir nicht als Vatermörder fluche!
+ Was sollt ich, kehrt ich heim, der armen Mutter sagen?
+ Daß ich den Gatten ihr, den Vater mir, erschlagen!
+ Der Gatte zwar ist schon der Mutter lang entflohn;
+ Und desto mehr verlangt sie nun zurück den Sohn.
+ Zu ihr möcht ich zurück, hätt ich den Vater nur
+ Gefunden erst, den ich hieher zu suchen fur!
+ Die Zeichen treffen ein, die mir die Mutter gab;
+ Nicht töten will ich ihn für den Afrasiab!
+ Zwar gestern ist mir der Gedanke, den ich trug,
+ Vergangen, als der Mann so lieblos auf mich schlug.
+ Doch in der Nacht ist es mir wieder aufgestiegen,
+ Im Traume fand ich mich in seinen Armen liegen:
+ Da lag ich gut und sanft! ich will mit ihm nicht kriegen!
+
+
+ 96.
+
+ Zu ihm sprach Baruman, nachdem er still bedacht,
+ Wozu Afrasiab verbindlich ihn gemacht:
+ Ich dächt, es hätte doch dir müßen nun verfliegen
+ Der Traum, im Arme sei sanft diesem Mann zu liegen!
+ Denn warlich muß, nach dem was du von ihm gesprochen,
+ Kein Herz, ein menschliches, in seinem Busen pochen.
+ Dein Mut hat einmal mit den mörderischen Händen
+ Den Kampf begonnen; mag den Kampf dein Mut vollenden!
+ Willst du nicht lösen dein verpfändetes Versprechen?
+ Du gabst dein Wort zurückzukehren; willst dus brechen?
+ Er wartet draußen schon, und wird dich mürrisch fragen:
+ Wo bleibst du, lieber Sohn? du scheinst vor mir zu zagen!
+ Ein Feigling bist du ihm, und bist du dir, erschienen;
+ Mit diesem Mut wirst du den Vater nicht verdienen!
+ Von deinem Vater ist mir Sichres nicht bekant;
+ Doch dich hat seinen Sohn Afrasiab genant.
+ Des Namens machest du dich wert, wann mutentbrant
+ Du jenen, der dir trotzt, hast in den Staub gerant.
+ Ich kenne nicht den Mann, und frage nicht, warum
+ Er seinen Namen birgt; befrag ihn selbst darum!
+ Doch lieber, wenn du mir gehorchest, frag ihn nicht!
+ Schlag ihn, eh er dich schlägt! brich ihn, eh er dich bricht!
+ So warst du deinen Ruhm, und übest deine Pflicht.
+ So sprach er, und sein Rat klang Suhrabs Ohren hohl;
+ Dem Redner selber war dabei ums Herz nicht wol.
+ Doch Sorg und Zweifel nun schlug Suhrab in den Wind,
+ Legt' an sein Heergeschmeid, und sprang aufs Ross geschwind;
+ Entgegen flog in Eil dem Vater nun sein Kind.
+
+
+ 97.
+
+ Als beide Kämpfer nun erschienen auf dem Plan,
+ Da kamen ihres Kampfs Zuschauer auch heran;
+ Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt,
+ Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt;
+ Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,
+ Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.
+ Vor diesen Zeugen ritt zu seinem Gegner hin
+ Suhrab, und mit dem Mund anlächelnd grüßt' er ihn:
+ Wie hast du in der Nacht geruht, und bist erwacht
+ Am Morgen? Früh, o Greis, hast du dich aufgemacht.
+ Das Aug und jeden Sinn erlabend ist der Morgen;
+ Doch welchen Abend er uns bringt, das ist verborgen.
+ Der Berge Häupter sind vom Stral der Frühe golden,
+ Mit Morgenwein gefüllt sind alle Blumendolden.
+ Die Morgenlüfte gehn, die Schläfer einzuladen,
+ Schnell aufzustehn, und sich im Maienthau zu baden.
+ Die Vögel singen laut, die klaren Bäche fließen,
+ Die Anger sonnen sich, und alle Blumen sprießen;
+ Das ist durchaus kein Tag zu Mord und Blutvergießen,
+ Ein Tag, das kurze Glück des Lebens zu genießen.
+ Komm, lieber Alter, steig herab von deinem Drachen
+ Ins grüne Gras, und laß uns Waffenstillstand machen!
+ Im Angesichte des und jenes Heeres laß,
+ Daß froh sie staunen, uns ablegen Groll und Haß!
+ Des Krieges Schauplatz sei in eine Friedensbühne
+ Verwandelt, und ein Fest erblüh uns auf dem Grüne.
+ Ich wink, und Saitenspiel und Wein kommt zum Gelag;
+ Ich feir im Rosenhag mit dir den Frülingstag.
+ Vom Haupte legest du des schweren Helmes Glanz,
+ Und um dein Haar leg ich von Rosen einen Kranz.
+ Dann sitzen wir beim Wein, und plaudern vom Gefecht;
+ Und alles, was ich weiß von mir, sag ich dir recht:
+ Du selber sagest auch mir Stammbaum und Geschlecht.
+ Nach deinem Namen hab ich ohne Rast und Ruh
+ Gefragt, und Niemand sagt ihn mir, o sag ihn du!
+ Nicht ziemt es zwischen uns, so Herz und Mund verschloßen
+ Zu halten, denn wir sind von gestern Kampfgenoßen.
+
+
+ 98.
+
+ So sprach das Kind; ihm hatt aus Waßer, Luft und Flur
+ Gesprochen sanft ans Herz die Sprache der Natur.
+ Wie eine Knospe war das Herz ihm aufgegangen,
+ Und das Verlangen blüht' auf seinen Rosenwangen.
+ Doch wie die Knosp am Strauch, vom Frülingsstral geweckt,
+ Zurück vom kalten Hauch des Nordwinds wird geschreckt;
+ Und wie die Blume, die den Kelch geöffnet hält
+ Dem Früthau, wenn auf sie der giftge Melthau fällt:
+ So schrumpfte Suhrabs Herz zusammen, und es brach
+ Der Hoffnung grüner Stiel ihm ab, als Rostem sprach:
+ Nicht also haben wir, o liebes Kind, gewettet,
+ Zu ruhn in Friedensruh auf Frülingsgrün gebettet.
+ Wir haben uns bestellt, im Ringkampf uns zu tummeln,
+ Nicht stachellos umher zu schwärmen wie die Hummeln.
+ Wenn du ein Jüngling bist, so bin ich doch kein Knabe;
+ Du siehst, daß ich den Gurt geschnallt zum Ringen habe.
+ Du hast mich lang genug aufs Tagwerk laßen warten,
+ Rosen zu brechen, wie sie blühn in unserm Garten.
+ Der Hauch des Morgens ist belobt zu jedem Werke,
+ Und mir erneuet er der alten Glieder Stärke.
+ Drum, eh des Mittags Glut der Sehnen Kraft abspannt,
+ Zeig, ob du bist ein Mann, wann ich dich übermannt!
+ Ich habe nicht gehört, daß auf dem Kampfplatz plaudern
+ Kampflustige, wenn froh die Hengst im Frühwind schaudern.
+ Ich habe mich versucht mit Männern hier und dort;
+ Ich bin ein Mann der Tat, kein Mann von vielem Wort.
+ Drum meinen Namen nenn ich ehr nicht, sei verbürgt!
+ Als bis du liegst; dann sollst du wißen, wer dich würgt!
+
+
+ 99.
+
+ Da rief Suhrab erzürnt: Wolan denn, alter Mann,
+ Wenn dich mein gutgemeinter Rat nicht beugen kann!
+ Mein Wunsch war, daß du einst auf einem sanften Pfühl
+ Den Geist aushauchtest, nicht im heißen Kampfgewühl,
+ Wer nach dir blieb, die Gruft dir ehrenvoll bedächte,
+ In Türkisschrein den Leib Sohn oder Enkel brächte.
+ Doch nun, mit Gott! wenn ist in meiner Hand dein Hauch,
+ Mit meiner Hand hier will ich ihn entbinden auch!
+ So rief er, und vom Ross sprang er gewaffnet nieder;
+ Der Helm klang auf dem Haupt, der Panzer um die Glieder.
+ Und ihm genüber schwang sich Rostem ab, ihm klang
+ Laut an der Hüft ein Schwert, das halb der Scheid entsprang.
+ Mit Schweigen giengen beid und füreten mit Schweigen
+ Die Ross' an ihrer Hand zum Bach hin unter Zweigen;
+ Wo an des Baches Rand ein einzler Felsen stand,
+ Der tauglich schien, ein Ross zu halten fest am Band:
+ Um den schlang Rostems Hand den Zaum des Rachs im Nu,
+ Und Suhrab eilig band sein Ross dort an dazu.
+ So standen dort in Ruh, das eine bei dem andern,
+ Die Rosse, da zum Kampf die Männer mußten wandern.
+ Friedfertig schnaubten sie sich an, und legten, als
+ Umarmeten sie sich, vertraulich Hals an Hals.
+ Sie unterredeten sich schweigend: ach, sie brächen
+ Ihr Schweigen gern auch, daß sie ihren Herrn zusprächen!
+ Doch diese ließen stehn mit seinem Sohn den Rachs,
+ Und schritten auf den Plan zum Faust- und Ringkampf stracks.
+
+
+ 100.
+
+ Sie gürteten sich fest die Mitte, stülpten dicht
+ Die Aermel um den Arm, und furchten das Gesicht.
+ Zwei Löwen gleich an Wut, herschoßen sie zumal;
+ Vom Leibe Schweiß und Blut vergoßen sie zumal.
+ Zwei Leiber wurden da Ein Leib, indem sie rangen,
+ Um den vier Arm' im Knäul wie Schlangen sich verschlangen.
+ Wie eine Goldspang eng den Frauenarm umschmiegt,
+ Und wie fest an dem Leib ein naßes Kleid anliegt:
+ So mit den Armen eng umschmiegten sich die beiden;
+ Anstrengten hin und her und wiegten sich die beiden:
+ An Kraft nicht, noch an Kunst besiegten sich die beiden.
+ Sie hätten Stein und Erz zerdrückt in ihren Armen;
+ Sie drückten sich umsonst, und drückten ohn Erbarmen.
+ Angst fühlte Brust an Brust, und Glied um Glieder Schmerz,
+ Als Vater dort und Sohn sich drückten so ans Herz.
+ Indessen oben sie sich mit den Armen klemmten,
+ Den Odem in der Brust, das Blut im Herzen hemmten;
+ Indessen hielten sie am Boden die gestemmten
+ Füß' eingewurzelt. So rang Suhrab mit Tehemten
+ Mit mächtigem Umfahn, gewaltigem Umschlingen,
+ Vermochten sie sich doch zu Boden nicht zu ringen,
+ Vermochten sie sich nicht vom Grund empor zu bringen,
+ Vermochten sie sich auch vom Platz nicht wegzudringen.
+ Umsonst umschlangen sie, umsonst umflochten sie;
+ Vergebens rangen sie, vergebens fochten sie.
+ Voll Wut andrangen sie, voll Wut aufkochten sie;
+ Sich nicht bezwangen sie, noch übermochten sie.
+ Nun wollten sies, anstatt mit Ringen und mit Dringen,
+ Mit Schwingen in die Luft vollbringen und erzwingen.
+ Los ließen Vater sich und Sohn, und seine Hand
+ Ausstreckte jeder nach des andern Gürtelband.
+ Und Rostem schwang den Sohn empor mit einem Schwunge
+ Am Gürtel: fast erlag dem Alten da der Junge.
+ Doch dieser fiel, vom Glück geschleudert, auf die Brust
+ Des Gegners schwer, und warf ihn nieder in den Dust.
+ Da kniet' er auf der Brust des Vaters, und besann
+ Sich selber nicht, wie er die Oberhand gewann.
+ Da zuckt' er rasch den Dolch, und, ohne dran zu denken,
+ Wollt er den kalten Stahl ins Herz des Vaters senken.
+
+
+ 101.
+
+ Rostem, aufblickend, sah das nahe Ungemach
+ Schweben ob seinem Haupt, und rief: Gemach, gemach!
+ Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,
+ So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!
+ Du kommest her und stammst aus wilder Türken Mitte:
+ Nach Iran kommst du, kämpfst, und kennst nicht Irans Sitte.
+ Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen
+ Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;
+ Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,
+ Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.
+ Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!
+ Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.
+ Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;
+ Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.
+ So sprach er, ob villeicht er sei durch List errettet
+ Vom Gegner, unter dem er unsanft lag gebettet.
+ Suhrab hielt zweifelnd inn, und sprach: Ich habe nicht
+ Von dieser Sitt im Land vernommen den Bericht.
+ Sag an, ob wirklich so es alle Helden halten,
+ Obs so gehalten wird von Rostem auch, dem alten?
+ Doch Rostem sprach: Was geht dichs an, wies Rostem macht?
+ Nun ja doch! diesen Brauch hat Rostem aufgebracht. --
+ Wie Rostems Sohn aus Rostems Mund dieß Wort gehört,
+ Das Schwert zog er zurück, und ließ ihn los, betört:
+ Einmal, von Selbstvertraun, sodann von Schicksalsfug,
+ Am meisten aber, weil sein Herz von Großmut schlug;
+ Sonst hätt ihn nicht allein betört des Vaters Trug.
+ Rostem sah froh erstaunt sich los vom Feind gekettet,
+ Doch war er unmutsvoll, daß ihn nur List gerettet.
+ Vom Boden sprang er auf, und schüttelte die Glieder
+ Vom Staub, und ein die ausgerenkten renkt' er wieder.
+ Doch Suhrab wendete von ihm sich ins Gefild,
+ Und jagte vor sich her ein aufgesprungnes Wild.
+ Auf dieses macht' er Jagd zur Kurzweil, und vergaß
+ Des Mannes ganz, mit dem er erst im Kampf sich maß.
+
+
+ 102.
+
+ Doch Rostem, als er war entbunden seiner Qual,
+ Gieng an den Bach hinauf, dort in ein Felsental,
+ Wo er vor langer Zeit einmal mit einem Geiste
+ Zusammentraf, als er des Wegs aus Turan reiste,
+ Als er dort aus dem Krieg mit Beute schwer beladen
+ Zurückkam, mühsam gieng er da auf seinen Pfaden.
+ Dem Rostem damals war solch eine Kraft verliehn,
+ Die nicht nur seinen Feind, die drückte selber ihn.
+ Denn wo er auf dem Grund mit seines Leibs Gewicht
+ Auftrat, gab nach der Grund, und widerstand ihm nicht.
+ Den Fußtritt drückt' er tief auch härterem Gestein,
+ Nicht lockerm Sande nur und weichem Boden ein:
+ So wehrlos schon, vielmehr wann er die Waffen trug,
+ Und nun trug er dazu noch schweren Raubs genug.
+ Im Melme sank ihm ein der Fuß bis an den Knöchel;
+ Da lachte neben ihm der Berggeist mit Geröchel.
+ Wer, fragte Rostem, lacht? Dumpf sprach der Berggeist: Ich!
+ Worüber? Weil ich seh im Grund einsinken dich.
+ Die dir die Mutter gab, die Kraft ist lästig dir,
+ Du bist zu schwach für sie, gib sie zu tragen mir!
+ Und brauchst du sie einmal, wann matt sind deine Glieder,
+ So komm und ruf! so geb ich deine Kraft dir wieder.
+ Da gab der Pehlewan dem Berggeist in Verwar
+ Den Ueberschuß der Kraft, die ihm beschwerlich war.
+ Jetzt aber kam er her, um, ehr im Berge modern
+ Er ließe seine Kraft, sie nun zurück zu fodern.
+ Denn gegen Suhrab war der Sieg ihm zweifelhaft,
+ Wenn er nicht näme ganz zusammen seine Kraft.
+
+
+
+
+ Elftes Buch.
+
+
+ 103.
+
+ Zu Suhrab aber, der froh seiner Jagd nachgieng,
+ Kam Barman, als der Tag sich an zu neigen fieng.
+ Er kam, von bangem Mut und Ungeduld getrieben,
+ Was in den Sternen nun ob Suhrab sei geschrieben,
+ Und welchen Wunsch erfüllt sehn sollt Afrasiab,
+ Von beiden wen im Grab, ob Rostem ob Suhrab?
+ Er wußte nicht, warum sie ihren Kampf geschieden,
+ Und fürchtete, daß Sohn und Vater machten Frieden.
+ Doch als er wolgemut herwandeln jenen sah,
+ Rief er ihn an, indem er trat mit Staunen nah:
+ Was ist es? was geschah? wo ist dir hingekommen
+ Der Gegner, den du dir zu würgen vorgenommen?
+ Doch Suhrab lächelnd sprach: Er ist mir nicht entwischt;
+ Auf einen neuen Gang hab ich mich angefrischt.
+ Ihn fragte Baruman: Warum ward aufgehoben
+ Der Kampf? Doch Suhrab sprach: Er ward nur aufgeschoben.
+ Im Ringen hatt ich ihn geworfen auf den Plan,
+ Schon zuckt ich meinen Dolch, da wars um ihn getan;
+ Doch er mit lautem Ruf rief mich um Schonung an:
+ Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,
+ So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!
+ Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen
+ Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;
+ Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,
+ Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.
+ Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!
+ Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.
+ Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;
+ Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.
+ So sprach er, und ich gab auf dieses Wort ihn frei,
+ Daß er mir erst erlegt im zweiten Gange sei!
+ So sprach Suhrab vergnügt; doch Barman sah das Walten
+ Des Himmels, daß Rostem für Iran sei behalten.
+ Zu Suhrab sprach er: Weh! du bist des Lebens satt:
+ Ein Glück begegnet nie zweimal an Einer Statt.
+ Den Pardel ließest du entspringen aus den Schlingen,
+ Darein ihn Gott dir gab: nun wird er dich verschlingen!
+ So sprach er misvergnügt, und wendete sich ab
+ Vom Knaben rasch, den er nunmehr verloren gab.
+ Er gieng hinweg, und sprach: Das Schicksal mag es lenken
+ Mit ihm, wies ihm gefällt! ich will das Heer bedenken.
+
+
+ 104.
+
+ Auf einem Felsenthron saß dort der Geist und sah,
+ Das Tal herauf ein Mann kam seinem Sitze nah.
+ Voll Muts und unmutsvoll umschauend kam er bei;
+ Da merkte wol der Geist, daß er gesuchet sei.
+ Ein Abendnebel lag als Helm auf seinem Haubte;
+ Den hob er weg, indem er mit dem Atem schnaubte.
+ Auf seinem Throne saß der Geist nun unverhüllt,
+ Doch finster, von des Bergs verborgner Kraft erfüllt.
+ Den Rostem rief er an: Wen und was suchst du? sprich!
+ Darauf sprach Rostem: Dich und meine Kraft such ich.
+ Ich seh und kenne dich, wie ich dich schon geschaut;
+ Du bist nicht seit der Zeit gealtert noch ergraut;
+ Doch kennst du mich? und weißt, was ich dir anvertraut?
+ Mit düsterm Lächeln gab zur Antwort ihm der Geist:
+ Ich kenne dich nicht mehr, Rostem! du bist ergreist.
+ Doch was bemühest du die alten Heldenglieder
+ Zu mir? Tehemten sprach: Gib meine Kraft mir wieder!
+ Bis heute kam ich aus mit dem, was ich gespart;
+ Das Ganze brauch ich heut; gib her, was du bewart!
+ Da sprach der Geist: Die Kraft des Menschenkinds, wann sie
+ Von ihm gewichen ist, kehrt ihm zurücke nie.
+ Denn keinem kann er sie zur Wiedergabe geben;
+ Du aber gabest mir die deine aufzuheben.
+ Wol aufgehoben hier ist sie und aufbehalten;
+ Viel beßer als bei dir ruht sie in Bergesspalten.
+ Warum willst du mit ihr dein alterndes Genick
+ Beladen? Held, du nimmst auf dich ein Misgeschick.
+ Doch weigern werd ich sie dir keinen Augenblick,
+ Wenn du sie ernstlich willst, und dreimal sie verlangest;
+ Allein bedenk es recht, wozu du sie empfangest!
+ Ich gebe, Stück für Stück, dir deine Kraft zurück,
+ Ich gebe sie dir, doch zum Unglück, nicht zum Glück.
+ Laß deine Kraft hier ruhn! du hast der Taten nun
+ Genug getan: zum Leid wirst du dir eine tun!
+ Tehemten, ja, ein Leid, ich fürchte, wirst du finden
+ Durch deine Kraft, davon dir selbst die Kraft wird schwinden.
+
+
+ 105.
+
+ So unterhandelten sie dort um Rostems Kraft;
+ Doch Rostems Sohn sah sich im Feld um zweifelhaft,
+ Und wußte nicht, was er vom Gegner denken sollte,
+ Der nicht erschien; und ob er heimwerts lenken sollte,
+ Ob warten noch, bis doch villeicht er wiederkäme,
+ Damit er heute noch das Leben hier ihm näme!
+ Am Ende dünkt' es doch das Beste seiner Meinung,
+ Im Feld zu warten noch auf seines Feinds Erscheinung.
+ Denn, sprach er, heute früh hat er auf mich gewartet,
+ Nun wart ich spät auf ihn, so ist es wolgeartet.
+ Der Abend ist so schön nicht, als es uns versprach
+ Der Morgen; in der Welt kommt Herbes Frohem nach.
+ Die Sonne sinkt, und läßt ein blutges Abendrot
+ Zurück als Abschiedsgruß, den sie dem Leben bot.
+ Wo aber bleibt der Mann, den ich nicht missen kann?
+ Ich töt ihn in der Nacht, weil er am Tag entrann!
+ So sprechend, blickt' er auf, und sah den Rostem kommen,
+ Alswie ein Meteor trübrötlich angeglommen.
+ Dem Suhrab schien er ganz verwandelt zauberhaft,
+ Von wunderbarem Glanz, in voller Jugendkraft.
+ Mit Staunen grüßt' er ihn, mit Zittern und Verzagen;
+ Wo er gewesen sei, hatt er nicht Mut zu fragen.
+ Er fragt': Und ringen wir noch heute vor der Nacht?
+ Und Rostem sprach: Ei ja! es ist geschwind vollbracht.
+ Da traten an zum Kampf der Vater und der Sohn;
+ Der angetan mit Kraft, die diesem war entflohn.
+ Wie, wann die Sonne sinkt, die Nacht siegjauchzen mag,
+ Und wann die Nacht erliegt, so triumfirt der Tag:
+ So mochte Rostem leicht ob Suhrab triumfiren,
+ Der nicht gewinnen konnt, und jener nicht verlieren.
+ Da zog die Dämmerung aus Abendwolkenflor
+ Dem Schauplatz dieses Wehs den dichten Vorhang vor;
+ Daß von dem Doppelheer, das als Zuschauer nah
+ Dem Schauspiel war, was da geschah, kein Auge sah.
+ Da griffen an die zwei, da war es schon getan;
+ Vom Vater war es ab-, und um den Sohn getan.
+ Rostem tat einen Ruck, und Suhrab lag im Dust;
+ Rostem tat einen Zuck, sein Dolch traf Suhrabs Brust.
+
+
+ 106.
+
+ Suhrab sprach todeswund: O ungetreuer Mann!
+ Das ist der Schonung Lohn, den ich von dir gewann.
+ Von Rostem hast du mir ein Märchen vorgelogen,
+ In Rostems Namen um mein Leben mich betrogen.
+ Doch sei ein Fisch im Meer, ein Vogel in der Luft,
+ Die Rach ereilet dich, wo ich lieg in der Gruft.
+ Wenn Rostem das erfärt, und er wird es erfaren;
+ Nicht wird ihm das Gerücht die Trauerkund ersparen --
+ Wenn Rostem es erfärt, so gibt er dir den Lohn
+ Dafür, daß du erschlugst sein und Tehminas Sohn.
+ Er sprachs und von dem Wort getroffen, Rostem schrak
+ Zusammen, alsob ihm der Dolch im Busen stak.
+ Er rief: O Unglückskind, was sagst du? sags geschwind,
+ Sags recht, wer deine unglückseligen Eltern sind!
+ Doch Suhrab sprach mit Stolz und Trauer in der Miene:
+ Ich bin Suhrab, der Sohn von Rostem und Tehmine;
+ Er Irans Hort, und sie Semengans Frauenzier.
+ Die Mutter hat mich hergesandt, den Vater hier
+ Zu suchen, weil er dort solang nicht kam zu ihr.
+ Die Spange gab sie mir mit als Erkennungszeichen;
+ Die Spange, die er ihr einst gab, sollt ich ihm reichen.
+ Die Spange trug ich nicht am Arme; vor Verlust
+ Sie zu bewaren, trag ich hier sie auf der Brust.
+ Reiß das Gewand hier auf am Busen, das mich drückt,
+ Und sieh das Zeichen, das den Sohn von Rostem schmückt!
+ So sprach er, und vor Weh dem Vater wollt entweichen
+ Die Seel, und harrte nur noch aufs Erkennungszeichen.
+ Wegriß er das Gewand, und sah, wie einen Molch
+ In Rosen, in der Brust dort sitzen seinen Dolch;
+ Der stak noch in der Wund, als Scheide, die er schloß;
+ Nun zog ihn Rostem aus, und Suhrabs Leben floß.
+ In Purpurwellen floß das Leben hin, und tränkte
+ Das Gold der Spange, die Tehminen Rostem schenkte.
+ Er zog der Spange Gold, besetzt mit den Rubinen
+ Vom Blut des Sohns, hervor, selbst mit blutlosen Mienen,
+ Und rief: Suhrab, mein Sohn! Weh Rostem und Tehminen!
+
+
+ 107.
+
+ Dumpf einen Augenblick in seines Jammers Füllen
+ Hinstarrte Rostem noch, dann hub er an zu brüllen.
+ Alswie ein Tiger brüllt, wann er, im Busch verhüllt,
+ Gelaurt auf einen Raub, von heißer Gier erfüllt:
+ Er lauert auf ein Rind, das von der Rinderherde
+ Dem grünen Busche nahn, und ihm verfallen werde.
+ Inzwischen geht einher des Tigers einzges Junges,
+ Das er im Neste glaubt, untüchtig noch des Sprunges.
+ Das kommt dem Busche nah, worin sein Vater lauert;
+ Der hört den Tritt im Gras, und ist von Lust durchschauert.
+ Er denkt: Da ist das Rind! und stürzt, vor Gierde blind,
+ So denkt er, auf das Rind, und stürzt aufs eigne Kind.
+ Dann siehet er, was ihm die blutgen Branken füllet;
+ Da bricht sein Tigerherz; und wie er nie gebrüllet,
+ So brüllt er: wie er nie gebrüllt in Wut um Blut,
+ Brüllt er nun um des Sohns vergoßnes Blut in Wut.
+ So brüllte Rostem jetzt, bis, sein nicht mehr bewußt,
+ Er hinsank atemlos an seines Sohnes Brust.
+ Ohnmächtig sank er hin, in Ohnmacht lag er da;
+ Das erstemal, daß dieß im Leben ihm geschah!
+ Erschöpft war seine Macht, und seine Kraft gebrochen,
+ Die Kraft, die er solang im Mark der alten Knochen
+ Getragen, samt der Kraft, die ihm aufs neu geworden
+ Recht eigentlich dazu, den eignen Sohn zu morden.
+ So lag er bei dem Sohn, selbst einem Toten gleich,
+ Und bei ihm lag der Sohn, im Antlitz todesbleich,
+ Im Antlitz todesbleich, am Herzen todeswund,
+ Mit Rosen seines Bluts blümend den grünen Grund.
+ Noch floß das Blut, noch stand der Odem nicht, noch sah
+ Und fühlt' er, sterbend freut' er sich dem Vater nah.
+ Den Vater, ob ihm schon von ihm dieß Leid geschah,
+ Den er allein gesucht, den hatt er doch gefunden,
+ Und lag, wie er geträumt, von seinem Arm umwunden.
+
+
+ 108.
+
+ Dort das Zuschauerheer, nichts schauend in der Hülle
+ Der Nacht, nachdem es erst vernommen ein Gebrülle
+ Vom Kampfplatz, nam es war jetzt eine Totenstille.
+ Sie ahneten, daß dort ein Unglück sei geschehn,
+ Und hatten nicht den Mut, mit Augen es zu sehn.
+ Da machten aus dem Heer von Iran einige Kühnen
+ Sich auf, und naheten zuletzt des Todes Bühnen.
+ Am Bache fanden sie, am Felsen, unter schaurig
+ Gesenkten Zweigen stehn die beiden Rosse traurig.
+ Wie sie da sahn den Rachs, den Thron des Rostem, leer
+ Von Rostem, eilten sie mit Klaggeschrei zum Heer,
+ Mit lautem Klaggeschrei: Tehemten ist nicht mehr!
+ Dahin ist Irans Hort! Rachs ist von Rostem leer!
+ Da kam ein Schreck aufs Heer, und wie ein Sturm das Meer
+ Bewegt, bewegte sie die Botschaft, dumpf und schwer.
+ In Aufruhr kam das Heer, und Alles trat in Wehr.
+ Die Pauke ward gerürt, und die Trommete klang;
+ Wie Wogen setzte sich das ganze Heer in Gang.
+ Vor ihrem Nahen drang den Kommenden voraus
+ Zur stillen Walstatt dort das wachsende Gebraus.
+ Rostem bei seinem Sohn aus seinem Todesschlummer
+ Erwachend, neu empfand er seinen Todeskummer.
+ In neuen Jammerton ausbrechen wollte schon
+ Sein Schmerz, da sänftigt' ihn mit sanftem Wort der Sohn,
+ Der seinen letzten Geist und letzten Hauch gewann,
+ Und sammelt' ihn, womit hinsterbend er begann
+ Die Rede, die ihm leis', alswie sein Blut, hinrann:
+
+
+ 109.
+
+ O Vater! eh mir fort das Leben rinnt, und dort
+ Die Fremden nahn, vernim des Sohnes letztes Wort!
+ Sein erstes, welches dich nicht zweifelnd Vater grüßt!
+ Von diesem Gruß ist mir der bittre Tod versüßt.
+ Ich habe nicht zu teur des Herzens Stolz gebüßt,
+ Tehemtens Sohn zu sein! mit dem vereint ich wollte
+ Die Welt bezwingen, die mich so bezwingen sollte!
+ Was klagest du und weinst? nicht du hast mich erschlagen;
+ Dazu bestimmt hat mich der Mutter Leib getragen.
+ Darum hat sie umsonst dem Sohne nachgesandt
+ Den Vetter, dem allein der Vater war bekant.
+ Erschlagen hast du ihn, Nachts auf die Burg gerant,
+ Damit von Niemand mir der Vater sei genant!
+ Wenn es die Mutter nun erfärt, was wird sie sagen?
+ Beklagen soll sie mich, und Rostem nicht verklagen.
+ Schick heim zu ihr von hier all meine Waffenzier,
+ Und auch die Spange, die von ihr ich brachte dir!
+ Laß auch den Baruman mit seinen Türken gehn
+ Unangefochten, die durch mich in Waffen stehn!
+ Nicht fechten werden sie, weil sie mich liegen sehn;
+ Denn dieser Aufbruch ist allein durch mich geschehn.
+ Auch den Hedschir, den ich im Schloß gefangen habe,
+ Mit Bitt und Drohungen ihn angegangen habe,
+ Dich mir zu zeigen, was hartnäckig er verschwieg,
+ Bis ich mein Ross, dich aufzusuchen, selbst bestieg;
+ Bestraf ihn nicht darum, daß er mir nicht gesagt
+ Den Namen! hab ich doch dich selbst umsonst gefragt!
+ Daß Guders nicht durch mich um einen ärmer werde
+ Der achtzig Söhne, weil durch ihn an kalter Erde
+ Tehemtens einer liegt! Weils ihm das Glück beschied,
+ Laß ich ihm gern das Schloß, und selber Gurdafrid.
+ Gurdaferid, so ist ein schönes Weib genant,
+ Die hat unlängst mich hier mit Waffen angerant,
+ Und mir verheißen, daß um mich sie wollte weinen,
+ Wann Rostem mich erlegt; das mag sie nun bescheinen!
+ O daß nicht bitterer die Mutter weinen müßte,
+ Wenn sie nun statt des Sohns die goldne Spange küsste!
+ Die Spange send ihr nur, mein Ross und meine Waffen;
+ Doch meinen Leib sollst du von hier nach Sabul schaffen
+ In deine Fürstengruft! und hier dein grünes Zelt
+ Spann über mir! so nem ich Abschied von der Welt.
+ Ich kam alswie ein Blitz, und gieng alswie ein Wind;
+ Nun, Rostem, sieh mit einem Blick noch an dein Kind!
+ Und mit gelindem Ton, eh mir die Kraft entflohn
+ Zu hören, nenne mich Suhrab, Tehemtens Sohn!
+
+
+ 110.
+
+ Er sprachs, und Rostem schwieg; er öffnete den Mund
+ Zu reden, aber zugeschnürt war ihm der Schlund.
+ Hinstarrt' er schweigend auf des jungen Dochts Verglühn.
+ So sieht ein Wanderer das Abendrot verblühn,
+ Das seinem Wege noch als letzte Fackel lacht;
+ Die Fackel lischt, und um ihn her ist finstre Nacht:
+ So war für Rostem bald nun ganz hinweggenommen
+ Des Lebens Lust, sobald das Leben dort verglommen.
+ Doch näher kam der Klang und Waffengang der Schar,
+ Und Rostem sprang empor, zerrüttet wie er war.
+ Von seinem Sohn hinweg entgegen trat er ihnen,
+ Mit Staub auf seinem Haupt, und Jammer in den Mienen;
+ Nie den Iraniern war Rostem so erschienen.
+ Allein sie sahen, daß am Leben Rostem sei,
+ Und übers ganze Heer erscholl ein Freudenschrei.
+ Wie eine Reiterschaar, die über ihrem Haubte
+ Die Fahne wieder sieht, die sie verloren glaubte,
+ Jauchzt, daß gerettet ist die Fahn, obgleich zerfetzt;
+ So jauchzten sie dem tiefgebeugten Helden jetzt.
+ Doch als er näher kam, sprach er, von Grimm und Gram
+ Zugleich bewegt, zugleich erregt von Stolz und Scham:
+ Ihr Fürsten Irans all und Edlen, kommt heran,
+ Und seht, was Rostem hier für Irans Ruhm getan!
+ Den Helden Turans, der sein Haupt im Himmel trug,
+ Den Schrecken Irans schlug Tehemten schwer genug.
+ Ich hab in Tag und Nacht geschlagen manche Schlacht,
+ Doch meinem Ruhm nie solch ein Opfer dargebracht.
+ Iranier, für euch hat Rostem hier geschlachtet
+ Den Suhrab, seinen Sohn, damit ihr ihn betrachtet!
+ Er sprachs, da war verstummt ihr Jauchzen in Entsetzen;
+ Er sprachs, ohn eine Wang, ein Auge nur zu netzen.
+ Sie sahn in seinem Blut den jungen Helden liegen,
+ Den Adler, dessen Mut zur Sonne war gestiegen;
+ So schön, so groß, so frei, so edel, kühn und stark,
+ Ob schwach auch, todesmatt, der Kern von Rostems Mark.
+ Sie riefen: Weh, daß solch ein Schmuck der Welt verdorben!
+ Er sah ihn an und sprach: Er ist noch nicht gestorben,
+ Und soll nicht sterben! Geh, Guders, zu Keikawus,
+ Und bring dem Könige von Rostem Bitt und Gruß.
+ Den Lebensbalsam, der des Todes Wunden stillt,
+ Der tropfenweis der Höl im Kaukasus entquillt,
+ Hat er in seinem Schatz; davon soll er mir geben
+ Drei Tropfen, daß Suhrab, mein Sohn, mir bleib am Leben!
+
+
+
+
+ Zwölftes Buch.
+
+
+ 111.
+
+ Hilfeile flügelte des greisen Boten Fuß,
+ Schnell bracht er an Kawus von Rostem Bitt und Gruß:
+ Von Rostem ist Suhrab, der Sohn Rostems, erschlagen;
+ Der Sieg am Feinde hat dem Vater Weh getragen;
+ Er wehklagt laut, und alle, die ihn sehn, wehklagen.
+ Er bittet dich durch mich, und all wir andern bitten:
+ Wenn Rostem je für dich gekämpft hat und gestritten,
+ Komm ihm zu Hilfe jetzt im Weh, das er erlitten!
+ Vom Lebensbalsam, der dem Kaukasus entquillt,
+ Den du im Schatze hast, der Todeswunden stillt,
+ Gib ihm drei Tropfen schnell, so du ihn retten willt!
+ Doch langsam sprach der Schah: Gottlob, der Sorg entkettet
+ Bin ich und aller Furcht, da Rostem ist gerettet;
+ Im Staube liegt sein Feind, da ist ihm wol gebettet.
+ All meinen Balsam gäb ich ja für Rostems Leben;
+ Doch keinen Tropfen werd ich einem Türken geben.
+ Rostem für Iran ist schon stark genug allein;
+ Mit solchem Sohn vereint, möcht er zu stark uns sein.
+ Der stolze Mann, soll ich ihm diesen Dienst erzeigen,
+ So muß er selber nahn und mir zu Fuße neigen!
+ Er sprachs, und jener sah des Königs harten Sinn,
+ Von seinem Flehen sei zu hoffen kein Gewinn;
+ Die üble Antwort trug er schnell zu Rostem hin:
+ Der Schah ist herbgelaunt; er will für Rostems Leben
+ All seinen Balsam, doch nicht einen Tropfen geben
+ Für Rostems Sohn. Soll er dir diesen Dienst erzeigen,
+ So mußt du selber gehn, und ihm zu Fuße neigen.
+ Da kämpfte Stolz und Schmerz in Rostem einen Kampf,
+ So heiß, daß sichtbar ihm vom Haupte stieg der Dampf:
+ Er hob und hielt den Schritt, und zuckte wie im Krampf.
+ Dann beugt' er sein Genick demütig dem Geschick;
+ Ertragen wollt er des feindselgen Königs Blick.
+ Drei schwere Schritte hatt er schon im Weg gemacht;
+ Da ward die Botschaft ihm in Eile nachgebracht:
+ Die Sonne, deren Ruhm der Welt geleuchtet, barg
+ Sich in die Nacht; dein Sohn braucht nichts als einen Sarg.
+
+
+ 112.
+
+ Tehemten gieng zurück zu seinem toten Sohn;
+ Sie hatten zugedeckt des Toten Antlitz schon.
+ Der Vater aber hob mit seiner Hand die Hüllen
+ Hinweg, um neu sein Herz mit Jammer zu erfüllen.
+ Rings war dreifache Nacht: am Himmel Nacht, im Herzen
+ Tehemtens Nacht, und Nacht verlöschte Suhrabs Kerzen.
+ Ihn sah beim Sternenlicht der Vater, und erschreckt
+ Stand er, dann rief er aus, als er ihn zugedeckt:
+ Oft hab ich wol dem Tod ins Angesicht geschaut
+ In mancher Schlacht, und nie hat mir vor ihm gegraut.
+ Und schöner hab ich ihn, als hier im Angesicht
+ Des Jünglings nie gesehn, doch ohne Grauen nicht!
+ Weh, Rostem, dir! weh dir! mit deinem Heldenruhme
+ Kaufst du vom Tod zurück nicht diese Liebesblume.
+ Zäl in Gedanken auf nur alle deine Taten!
+ Durch diese letzte hier sind alle schlecht geraten.
+ O unglückseliger geliebter Jüngling du,
+ So ruhest du durch mich, und raubest mir die Ruh!
+ Dich hat von Kindheit an ein falscher Glanz entzündet;
+ Das, was von Rostems Ruhm dir das Gerücht verkündet,
+ Das trieb zum Vater dich; dein Stolz und deine Lust,
+ Dein Leben wars, dein Tod, zu ruhn an seiner Brust.
+ Du hast mit Ungestüm dich an mein Herz gedrängt;
+ Dafür mit deinem Blut hab ich mein Erz getränkt!
+ Ich habe dich als Feind bewundert und beneidet,
+ Und finde dich als Sohn, daß mirs das Herz durchschneidet.
+ Dazu ward meinem Leib die Jugendkraft erneut!
+ Doch unerneubar nun brach sie mit dir mir heut.
+ Durch dich den größten Schmerz, durch dich hab ich erlitten
+ Die größte Schmach: erniedrigt hab ich mich zu bitten!
+ Zu bitten einen Schah, von dem ich war gewohnt,
+ Gebeten selbst zu sein, seitdem durch mich er thront.
+ Um dich demütigt ich dieß stolze Haubt in Staub,
+ Und habe nicht dadurch dem Tod geraubt den Raub!
+ Das laß die Sühnung sein, o Sohn, für alle Kränkung,
+ Die dir der Vater tat, nach unsrer Sterne Lenkung!
+ So wars verhängt, daß, der sein Haupt im Himmel trug,
+ Es brächt in Staub dadurch, daß er sein Kind erschlug.
+
+
+ 113.
+
+ So klagt' er in der Nacht, und um ihn klagend saßen
+ Die Fürsten her, die heut den Schmaus der Nacht vergaßen.
+ Voll war von Tröstungen der weisen Freunde Mund,
+ Vergebens, Rostem war um seinen Sohn herzwund.
+ Er hielt in seiner Hand die blutgenetzte Spange,
+ Und sprach zu ihr: Du kalte, glatte, gelbe Schlange!
+ Du hast mit deiner giftgen Heimlichkeit gestochen
+ Das Herz des Sohnes, und des Vaters Herz gebrochen.
+ Du selber brachest nicht; was hast du nicht gebrochen
+ Dein tötlich Schweigen, und der Rettung Wort gesprochen?
+ Dem Vater kontest du, daß der sein Sohn sei, sagen!
+ Warum hat er versteckt im Busen dich getragen?
+ Warum antwortet ich nicht seinen Liebesfragen?
+ Nun muß des Unglücks Schuld die arme Spange tragen!
+ Die Schuld trägt mir der Rachs, der Rachs, der, als ich schlief
+ Dort müde von der Jagd, sich im Geheg verlief,
+ Der von den Türken dort sich fangen ließ und füren
+ Zur Stadt, wohin ich dann nachgieng, ihn aufzuspüren.
+ O beßer wär ich nach Semengan nie gekommen!
+ Kein Leben hätt ich dir gegeben, noch genommen.
+ Nicht hätt ich in der Nacht mir dort antrauen laßen
+ Das blühnde Weib, um früh am Tag sie zu verlaßen.
+ Warum von einem Sohn gab sie mir Nachricht nie?
+ Warum erkundigt ich mich nie um ihn und sie?
+ O Rachs, geritten sind wir damals nicht mit Glück
+ Auf jene Jagd: dieß Weh bracht ich als Fang zurück.
+ Drum wirst du niemehr auch mit frölichem Behagen
+ Deinen Reiter wie sonst zu Jagd und Schlachten tragen!
+
+
+ 114.
+
+ So klagt' er in der Nacht, da stieg der Tag empor;
+ Und Kawus selber kam mit seines Hofes Chor.
+ Dem Helden bracht er dar Entschuldigung und Trost;
+ Kühl aber war sein Wort, alswie des Morgens Frost:
+ Des Reiches Pehlewan! was sitzest du im Staub,
+ Dem Kummer untertan, und deines Leides Raub?
+ Ob auf der Erde Grund des Himmels Zelt du würfest,
+ Ob Feuer in den Mund der weiten Welt du würfest;
+ Du brächtest nicht vom Gang zurück einen Gegangnen,
+ Und kauftest von dem Fang nicht los einen Gefangnen.
+ Das Leben ist ein Wild, vom Tode stets gehetzt;
+ Schnell ist das Leben, doch schneller der Tod zuletzt.
+ Kein Starker ist so stark, so rasch ist nicht der Rasche,
+ Den überwältigend sein Tag nicht überrasche.
+ Von ferne hab ich angestaunet diese Seule
+ Des Heeres, diese Brust und Schulter, diese Keule.
+ Ich sprach zu mir: An Art den Türken gleicht er nicht;
+ Von Sabuls Heldenstamm den Fürsten weicht er nicht.
+ Was wußt ich, daß er, Held, so nah dir sei verwandt,
+ Durch dich zu fallen hier, vom Schicksal hergesandt!
+ Mein Lebensbalsam nun vermag ihn nicht zu heilen;
+ Doch edle Spezerein will ich der Leich erteilen.
+ Ich ordne selbst die Pracht der Totenfeier an,
+ Zu ehren ihn und dich, des Reiches Pehlewan!
+ Sein Grab will ich aus Gold und schwarzem Marmor baun;
+ Nun laß das Antlitz mich des toten Helden schaun!
+
+
+ 115.
+
+ Er sprachs, und rührete der Totendecke Rand;
+ Doch Rostem deckte schwer auf seinen Sohn die Hand,
+ Und sprach, zum König nicht erhebend sein Gesicht:
+ Der König Keikawus sieht Rostems Jammer nicht!
+ Herr König, geht nach Haus! aus ist hier Kampf und Schmaus;
+ Des Sohnes Leichenfeir richt ich nun selber aus.
+ Geschlichtet mit dem Heer der Türken ist mein Streit;
+ Ich gebe bis zur Grenz ihm sicheres Geleit,
+ Auf Suhrabs Bitte, der darum mich sterbend bat,
+ Weil nur das ganze Heer für ihn die Fart antrat.
+ Von diesem Geiste war allein das Heer beseelt,
+ Und ist ein toter Leib, da dieser Geist ihm fehlt.
+ Genommen hab ich ihm den Geist mit dieser Hand;
+ Nun geb ich alle frei, der eine bleibt mein Pfand.
+ Keikawus, geh nach Haus, in Istachar zu sagen,
+ Wie leichten großen Sieg du hier davongetragen:
+ Geschlagen sei ein Heer, weil ich den Sohn erschlagen!
+ Geht alle heim, und laßt mich meinen Sohn beklagen!
+ Er sprachs, und schwieg, und nicht erhob er sein Gesicht;
+ Er blickt' auf seine Leich, und hielt die Decke dicht.
+ Keikawus sprach: Was er verordnet, sei getan;
+ Mich schmerzt in seinem Schmerz des Reiches Pehlewan.
+ Ihr alle folget mir, Heerfürsten groß und klein!
+ Den Rostem laßen wir mit seinem Schmerz allein.
+ Der König sprachs, und gieng, und alle folgten nach,
+ Und Rostem blieb allein mit seinem Weh und Ach.
+
+
+ 116.
+
+ Ins Lager zog das Heer, und ab ward Zelt um Zelt
+ Gebrochen schnell, als gieng in Trümmer eine Welt.
+ Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
+ Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
+ Sie furen heimwärts nun, doch traurig, ihre Bahn,
+ Denn ihnen fehlete des Reiches Pehlewan.
+ Doch Rostem richtete sich auf von seinem Sohn,
+ Und sah das Heer im Zug, und leer das Lager schon.
+ Von allen Zelten stand nur noch sein grünes da,
+ Hochragend, und umher die niedrigern ihm nah
+ Von seiner Sabulschar; die ordnete Sewar,
+ Sein Bruder, dort, dann stellt' er selber ihm sich dar.
+ Tehemten sprach zu ihm: So ist der Kampf geschieden!
+ Geh hin ans Türkenheer, Sewar, und bring ihm Frieden!
+ Zuerst räum ein die Burg dort oben dem Hedschir;
+ Sag ihm: Die schenkt Suhrab für treue Dienste dir!
+ Dann sprich zu Baruman: Auch dich zum Lohn der Treue
+ Entläßt Suhrab, damit Afrasiab sich freue!
+ Du selbst, o Bruder, gibst dem Türken das Geleit,
+ Bis er die Grenz erreicht, sie ist von da nicht weit.
+ Dann wende dich von ihm links auf Semengan zu,
+ Und an Tehmina dort die Spang hier bringe du!
+ Verwische nicht daran von Suhrabs Blut die Spur!
+ Es ist das einzige, was von ihm heimwerts fur.
+ Nim auch sein Waffenkleid, sein Ross und Kriegsgeschmeid,
+ Und gib ihrs, daß sie sich ersättige am Leid!
+ Sie wird des Rosses Huf an ihren Busen drücken,
+ Das Schwert (entwind es ihr!) nach ihrem Herzen zücken.
+ Die Hände ringen wird sie und das Haar zerraufen,
+ Blut weinen, und das Blut des Sohnes nicht erkaufen.
+ Vom Vater ihren Sohn wird sie zurückverlangen,
+ Und klagen, daß sie nicht einmal die Leich empfangen.
+ Zu Boden wird sie sich, ins Waßer, auf das Feuer
+ Sich werfen, und es dient nicht ihrem Weh zum Steuer.
+ Dann sag ihr das zum Trost, wie du mich hast gesehn:
+ Daß sie nicht mein', ihr sei das Leid allein geschehn!
+ Dann kehre schnell! hier wart ich dein bei Tag und Nacht;
+ Damit uns dieser dann nach Sabul sei gebracht!
+
+
+ 117.
+
+ So sprach er, und Sewar gieng an die Sendung schnell;
+ Doch Rostem rief: Schafft mir das grüne Zelt zur Stell!
+ Ich geh nicht hier vom Ort, wo ich den Sohn erschlagen;
+ Doch über ihn im Tod soll auch mein Heerzelt ragen.
+ So rief er, und geschwind ward von der Sabulschar
+ Das grüne Heerzelt aufgespannt, wo Suhrab war.
+ Der Vater ließ sodann in edle Spezereien
+ Ihn legen, daß bewart die schönen Glieder seien.
+ Wie eine Rose, die den ganzen Stock geschmückt,
+ Im Morgenthau am Stiel vom Gärtner abgepflückt,
+ Damit sie bleibe frisch, ins Waßer wird gesteckt;
+ So blühend lebensgleich lag er vom Tod gestreckt.
+ Auf Purpur und Brokat lag er in Gold und Seide;
+ So schmückt' ihn sich zur Lust der Vater und zum Leide.
+ Dann aber ordnet' er die Totenfeier an,
+ Und feierlich im Zug zog Sabuls Heer heran.
+ Sie zogen, Ross und Mann, am grünen Zelt vorbei,
+ Im Kreiß umher, mit Feldmusik und Feldgeschrei.
+ Den Rossen aber war geschoren Mähn und Schweif,
+ Und an den Pauken abgespannt der ehrne Reif;
+ Die Bogen ohne Senn, und alle Spitzen stumpf:
+ So zogen sie, und all die Pauken schollen dumpf.
+ Dreimal an jedem Tag, am Morgen, um die Mitte
+ Des Tags, und vor der Nacht, pflogen sie dieser Sitte.
+ Rostem auf seinem Rachs ritt nicht dem Zug voran;
+ Bei seinem Sohne saß im Zelt der Pehlewan.
+ Doch jeden Morgen sprach er da: Suhrab, mein Sohn!
+ Hörst du den Kriegsheerton, und wachst nicht auf davon?
+ Und jeden Abend dann sprach er: Mein Sohn Suhrab!
+ Die Sonne geht hinab, und du gehst in dein Grab.
+ Als er zum neuntenmal um sein erloschnes Glück
+ Am Abend trauerte, kehrt' ihm Sewar zurück.
+
+
+ 118.
+
+ Und als vom Schlaf der Nacht war neu das Heer erwacht,
+ Sprach Rostem, der verwacht bei seinem Sohn die Nacht:
+ Sewar, mein Bruder! jetzt brecht überm Haupt mir ab
+ Das grüne Zelt, und nehmt von mir hinweg Suhrab!
+ Bringt ihn nach Sabul in die Gruft, in der ich wollte
+ Gern schlafen, wenn ich ihn damit erwecken sollte.
+ Sag unsrer Mutter dort, der alternden Rudabe,
+ Die oft gewünscht, von mir würd ihr ein Enkelknabe:
+ Hier schick ich einen ihr, so schön, wie sie ihn nur
+ Gewünscht; von einem Fehl an ihm ist keine Spur,
+ Nur daß des Vaters Dolch fehl gieng in seine Brust:
+ Verdorben hat der Sohn am Enkel ihr die Lust.
+ Ihr geht! ich bleibe hier; fragt nicht warum! was mir
+ Begegne, fragt nur nicht! doch laßt den Rachs mir hier!
+ Grüß alle Mannen dort, das ganze Volk und Land;
+ Sewar, das alles geb ich nun in deine Hand.
+ Der Mutter wag ich nicht zu sehn ins Angesicht,
+ Und keinem Menschen dort; nach Sabul kann ich nicht.
+ Umtummeln muß ich hier mich etwas in der Oede,
+ Daß ich den Schmerz in mir, den grimmen Drachen, töde.
+ Das ist das kleinste nicht der Rostemsabenteuer,
+ Denn grimmig ist der Drach, und speiet Gift und Feuer.
+ Nun Glück zur Fart nach Haus! und laßts euch nicht beschweren,
+ Daß ich euch fürt' heraus, und laß euch so rückkehren!
+ Lebt alle wol! wenn man daheim von Rostem spricht,
+ Und fragt, wohin er kam? so sagt, ihr wißt es nicht.
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Rechtschreibung des Vorlagentextes wurde beibehalten, ebenso
+unterschiedliche Schreibweisen, wie Speer/Sper, thun/tun, wohl/wol etc.
+
+Änderungen:
+ S. 36: nach "der glaubt wol dem Gerüchte" wurde ein Komma ergänzt
+ S. 71: nach "bringt mein Kind zurück?" wurde ein « ergänzt
+ S. 87: nach "umschweifen in den Landen" wurde ein Punkt ergänzt
+ S. 116: nach "und giengen auch davon" wurde ein Punkt ergänzt
+ S. 155: "einen solchen Art" wurde geändert in "einen solcher Art"
+ S. 206: nach "Nun lebe länger noch" wurde ein Komma ergänzt
+ S. 241: nach "Wie eine Reiterschaar" wurde ein Komma ergänzt
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB ***
+
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+Produced by Karl Eichwalder, Wolfgang Menges and the Online
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+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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