diff options
Diffstat (limited to '32481-8.txt')
| -rw-r--r-- | 32481-8.txt | 4903 |
1 files changed, 4903 insertions, 0 deletions
diff --git a/32481-8.txt b/32481-8.txt new file mode 100644 index 0000000..ac28f01 --- /dev/null +++ b/32481-8.txt @@ -0,0 +1,4903 @@ +The Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Rostem und Suhrab + Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern + +Author: Friedrich Rückert + +Release Date: May 22, 2010 [EBook #32481] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB *** + + + + +Produced by Karl Eichwalder, Wolfgang Menges and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + + + Rostem und Suhrab. + + Eine Heldengeschichte + in zwölf Büchern + + von + + Friedrich Rückert. + + + Zweite Auflage. + + + [Illustration: Verlags-Signet] + + + Stuttgart. + Verlag von S. G. Liesching. + 1846. + + Druck von J. Kreuzer in Stuttgart. + + + + + Erstes Buch. + + + 1. + + Laß aus dem Königsbuch der Perser dir berichten + Von Rostem und Suhrab die schönste der Geschichten, + Von Heldenruhm, wie leicht er Frauenlieb erwarb, + Und wie der eigne Sohn, erlegt vom Vater, starb! + Held Rostem sprach, als er am Morgen war erwacht: + Auch heute hab ich nicht zu reiten in die Schlacht. + Afrasiab, der Fürst von Turan, läßet ruhn + Die Waffen, friedlich blüht das Reich von Iran nun; + Doch in der Friedensruh was soll ich selber thun? + Da rüstet' er sich schnell zur Jagd, er band in Eile + Den Gürtel fest, und hieng den Köcher um voll Pfeile. + Den Bogen prüft' er, ob er nicht die Kraft verlor; + Dann zog er aus dem Stall den edlen Hengst hervor. + Dem war die Weile dort wie seinem Herren lang; + Er wieherte vor Lust, als er ihn setzt' in Gang. + Er schwang sich auf den Rachs, und sagte nicht ein Wort + Den Seinigen im Haus, in Eile ritt er fort. + Der Mark von Turan zu wandt er sein lockig Haupt, + Alswie ein Löwe, der nach seiner Beute schnaubt. + Wie zu der Turanmark er hingekommen war, + Die Haide nam er da voll wilder Elke war. + Wie eine Rose war erblüht des Helden Wange + Vor Lust, er tummelte den Rachs mit raschem Gange. + Mit Pfeil und Bogen bald, mit Keul und Fangeschnur, + Ein Dutzend Stücke warf er nieder auf die Flur. + Aus Dornen und Gesträuch und manchem Baumesast + Entzündet' er darauf ein Feur von starkem Glast. + Und als zu Kolenglut war eingebrant die Flamm, + Erkor der Recke sich zum Bratspieß einen Stamm. + Der Elke feistesten steckt' er an diesen Baum, + Der wog in seiner Hand nicht eines Vogels Flaum. + Er drehte wohl den Spieß, daß fein der Braten briete + Auf allen Seiten gleich, und nirgend ihm misriete. + Und als er gaar nun war, nam er ihn vor, und saß + Am grünen Boden hin mit guter Lust und aß, + Wobei er auch das Mark im Knochen nicht vergaß. + Gesättigt, schritt er nun hin wo ein Waßer lief, + Zur Gnüge trank er auch, dann legt' er sich und schlief. + Am Rand des Baches lag der Held, den heißen Tag + Ausschlafend, und sein Ross gieng weidend frei im Hag. + + + 2. + + Als Rostem lag und schlief, und an sein Ross nicht dachte, + Da kamen Türken her, ein sieben oder achte. + Die sahn ein edles Ross frei weiden in dem Bann + Von Turan, und zu sehn zum Rosse war kein Mann. + Worauf sie sich alsbald das Ross zu fangen schickten: + Sie hättens nicht gewagt, wo sie den Mann erblickten! + Da kamen sie dem Rachs mit ihrer Fangschnur nah; + Aufschnaubt' er wie ein Leu, da er die Fangschnur sah. + Nicht wollte sich der Rachs geduldig laßen fangen, + Es wäre schlimm zuvor erst einigen ergangen. + Den Kopf vom Rumpfe riß dem einen sein Gebiß; + Derweil ein Hufschlag zwei zu Boden hinten schmiß. + Der kühnen Türken so getödtet lagen drei, + Das kriegerische Ross war noch von Banden frei. + Doch unverdroßen stürmt herbei der andre Tross, + Und warfen übers Haupt mit Müh die Schnur dem Ross. + Gebändigt führen sies zur nahen Stadt in Eil, + Es wär um vieles Gold ihr Fang nicht ihnen feil. + Es sei von hoher Art, ersahn sie an den Zeichen; + Jedweder wollte Teil am edlen Hengst erreichen. + Sie fürchteten, der Raub werd ihnen bald entführt, + Nicht lange bliebe solch ein Schatz unaufgespürt. + Da brachten sie geschwind ihn zu der Stuterei, + Daß seines Samens doch teilhaftig jeder sei. + Ich hörte, daß er dort auf zwanzig Stuten sprang, + Die alle seiner Wucht erlagen beim Empfang. + Und nur von einer ward getragen Leibesfrucht; + Zu Großem war bestimmt das Folen edler Zucht. + + + 3. + + Doch Rostem, wie er dort von seinem Schlaf erwachte, + Das erste war sein Ross, an das er wieder dachte. + Er blickt' umher, und sah sein Ross nichtmer im Hag; + Verlaufen hatt es ihm sich nie vor diesem Tag. + Laut rief er ihm; sonst kams auf leisen Ruf herbei; + Nun kam es nicht; da sprang er auf mit lautem Schrei. + Er suchte rings im Hag, er spähte durch die Flur, + Von seinem Rosse fand er hier und dort die Spur, + Es selber fand er nicht, und rief: O weh! verloren + Hab ich, derweil ich schlief, mein Ross gleich einem Toren. + Was soll ich ohne Ross mit dieser Rüstung thun? + Des Rittes lang gewohnt, geh ich zu Fuße nun? + Was werden Türken, wenn sie mir begegnen, sagen, + Daß ich den Sattel muß, statt mich der Sattel, tragen? + Verlaufen hat sichs nicht, das ist nicht seine Art; + Nun desto schlimmer, wenn es mir gestolen ward! + Doch lang bleibt nicht der Rachs des Rostem unbekant; + Auffinden werd ich ihn, der mir den Rachs entwandt! + Kam wol, derweil ich schlief, ein ganzes Türkenheer? + Denn einem einzgen ist der Rachs zu fangen schwer. + Doch den Gedanken ist vergebens nachzuhangen; + Auf, rüste dich zum Gang, weil dir dein Ross entgangen! + So sprach er unmutsvoll, und schwieg, und schaute stumm + Noch eine Weile sich nach seinem Rösslein um; + Denn immer dacht er noch, es müßte wieder kommen: + Wer auf der Welt sollt ihm haben den Rachs genommen? + Als aber doch der Rachs nicht wiederkommen wollte, + Macht' er sich endlich an den sauren Gang, und grollte. + Mit Waffen und Geschirr belud er sich, und sprach + Noch viel mit sich, indem er gieng den Spuren nach. + Die Spuren leiteten zur Stadt Semengan ihn, + Die dort im Abendstral zu ihm herüber schien. + + + 4. + + Er sprach: Das ist die Stadt, in der ein König sitzt, + Der es mit Turan jetzt und hält mit Iran itzt, + Der wie die Wage schwank sich nach der Seite neigt, + Wo sich ein Perser hier und dort ein Türke zeigt. + Den Rostem kennen sie, wenn er zu Pferde steigt! + Doch fehlt mir ja der Rachs, daß ich zu Pferde steige! + Ob ich zu Fuße denn mich in Semengan zeige? + Ich geh in ihre Stadt zu Fuß mit meinen Waffen, + Und seh, ob meinen Rachs sie dort mir wieder schaffen! + Ich sag es ihnen gleich, daß sie ihn schaffen sollen, + Und denke nicht, daß sie ihn vorenthalten wollen! + Ich werb um Gastherberg in dieser Stadt der Grenzen, + Und sehe, was beim Schmaus dem Rostem sie kredenzen! + So sprach er unterm Gehn, doch aus den Augen ließ + Er nie dabei die Spur, die sich am Boden wies; + Bis die in Schilf und Rohr am Fluße sich verlor; + Da ließ er sie, und gieng grad auf Semengans Tor. + Nun in Semengan ward dem König angesagt: + Held Rostem kommt, er hat im Türkenforst gejagt. + Zu Fuße geht einher die lichte Kronenzier, + Weil ihm entlaufen ist der Rachs im Jagdrevier. + Der König, wie er dieß vernam, war er geschürzt, + Daßnicht ein solcher Gast an Ehren sei verkürzt. + Da zogen aufs Gebot des Königs alle Degen, + Die Edlen all des Hofs, dem Edelsten entgegen. + Entgegen zog ihm, wer aufs Haupt nur einen Helm + Zu setzen hatt, und wer zurückblieb, war ein Schelm. + Sie reihten feierlich sich um den Heldenglanz, + Wie um der Sonne Haupt der Abendwolke Kranz. + So führten sie zur Stadt das Licht der Ehren ein, + Als eben über ihr erlosch des Tages Schein. + + + 5. + + Der König trat zu Fuß hervor aus dem Palast, + Der Hofstaat um ihn her, entgegen seinem Gast. + Er grüßt' und neigte sich: Woher durch Wald und Feld, + Und kein Begleiter ist mit dir, o Kampfesheld? + Hast du den Tag vollbracht mit Jagd im Jagdrevier, + Und suchest nun zur Nacht bei Freunden Nachtquartier? + Wir alle sind hier nur auf deinen Wunsch bedacht, + Und zu Befehle steht Semengan deiner Macht. + Die Leben stehen dir und Güter zu Befehle; + Die Edeln, Edelster, sind dein mit Leib und Seele. + Was wünschest du? es soll geschehen, o Pehlewan! + Gebeut, was wir dir thun, und denk, es sei gethan! + Held Rostem hörte gern die Rede sanft und zahm, + Wol merkt' er, ihnen sei die Hand zum Bösen lahm. + Er sprach: Abhanden kam der Rachs mir auf der Flur, + Und hier bis an die Stadt geht seiner Tritte Spur. + Wenn du mir diese Nacht ihn wieder schaffen kannst, + So wiße, daß du Dank von mir und Preis gewannst. + Doch wenn ihr mir den Rachs nicht werdet wieder schaffen, + So sollen durch mein Schwert hier breite Wunden klaffen. + Der König sprach erschreckt: Held ohne Furcht und Zagen, + Wer dürfte wol den Rachs dir zu entwenden wagen? + Sei du mein Gast, laß dir den Ehrenbecher spenden + In Frieden, und nach Wunsch wird sich die Sache wenden. + Von Rostems Rosse bleibt die Fährte nicht verborgen; + Wir schaffen dir den Rachs; gedulde dich bis morgen! + Mit ungestümer Hast gelangt man nicht zum Fange; + Mit sanften Worten lockt man aus dem Loch die Schlange. + Drum sänfte deinen Zorn, kehr ein, und laß beim Wein + Mit Herzen sorgenfrei die Nacht uns fröhlich sein! + Wir bringen dir den Rachs, o tapfrer Kampfgesell, + Wir bringen ihn, bevor der Morgen tagt, zur Stell; + Uns sei die Hall indes vom Licht des Weines hell! + + + 6. + + Der Löwenmutige ward dieser Rede froh, + Davon aus seiner Brust so Groll als Unmut floh. + Es dünkt' ihm gut, daß er zum Königshause gienge, + Als wolgemuter Gast zu Fest und Schmause gienge. + Ihm gab den Ehrensitz der König im Palast, + Auf Füßen dienstbereit stand er vor seinem Gast. + Die Häupter aus der Stadt, die Häupter aus dem Heer, + Berief und pflanzt' er beim Gelag um Rostem her. + Den Köchen er befal, von allen guten Dingen + Gerichte zu der Wal des Helden herzubringen. + Da ward hereingebracht ein ausgesuchtes Mal, + Der Silberschüßeln Pracht und goldner Schaalen Zal; + Aus China war beim Fest chinesischer Pokal. + In diesem ward kredenzt Wein unter Lautentönen + Von rosenwangigen gasellenaugigen Schönen. + Sie mengten Saitenspiel und Wein mit Schmeichelei, + Damit nicht ungemut der Hochgemute sei. + Er hörte seine Lust, und schaute sein Vergnügen, + Und trank den frohen Mut dazu in langen Zügen. + Mit allen Sinnen so schöpft' er des Festes Wonne, + Ihm stralte sein Gesicht bei Nacht wie eine Sonne. + Und allen, welche da das helle Angesicht + Des Helden leuchten sahn, wards in der Seele licht. + Die Becher ließ er nicht die ungetrunknen säumen; + Und als er trunken war, dacht er den Sitz zu räumen. + Da war bereit für ihn, gewölbet kühl und luftig, + Ein Schlafgemach, von Musk und Rosenwaßer duftig. + Im kühlen Schlafgemach verschlief auf seidnen Decken + So Müdigkeit als Rausch Rostem, der Feinde Schrecken. + + + 7. + + Um Mitternacht, wenn sich des Poles Wagen drehn, + Ward leises Wort gesagt bei leiser Tritte Gehn. + Geräuschlos aufgetan ward Rostems Ruhgemach, + Mit Staunen ward der Held beim Glanz von Fackeln wach. + Tehmina stand vor ihm, bestralt von Stein und Gold, + Die Königstochter von Semengan wunderhold. + Ihr standen beiderseits mit Fackeln Dienerinnen; + Sie stralte hell vom Glanz der Fackeln und der Minnen. + Der Reiz der Jugend war in den der Scham getaucht, + Der Wangen Lilien von Rosen überhaucht. + Doch im Rubinenschloß des Mundes lag bewart + Geheimnis liebliches, für diese Nacht gespart. + Er richtete sich auf, und staunte lang und tief, + Indem er Preis ob ihr und ihrem Schöpfer rief. + Er fragte sie und sprach: Wie, Holde, nennst du dich? + Und was in finstrer Nacht zu suchen kommst du, sprich! + Zur Antwort gab sie ihm: Tehmina ist mein Name, + Gespalten ist mein Herz von einem tiefen Grame. + Ich bin des Schahes von Semengan einzig Kind, + Von Kindheit auf, im Lauf, der Neid von Hirsch und Hind; + Sie holen mich nicht ein, mich holt nicht ein der Wind. + Allein die Sehnsucht kam mich heimlich einzuholen, + Die führt mit diesem Gram mich her zu dir verstolen. + Wie eine Wundersag hab ich aus jedem Munde + Gehört zu jeder Stund, an jedem Ort die Kunde, + Wie du so tapfer bist, und trägest keine Scheu + Vor Tiger, Elefant und Krokodil und Leu. + Du schirmest ganz allein Iran mit deiner Kraft, + Und Turan zittert, wenn sich rührt dein Lanzenschaft. + Du reitest ganz allein bei Nacht in Turan ein, + Und streifest dort umher, und schläfest dort allein. + Dergleichen Kunde ward mir vom Gerücht vertraut; + Lang wünscht ich dich zu sehn, heut hab ich dich geschaut. + Wenn du zu Weibe mich begehrst, bin ich dein Weib; + Nie Mond- noch Sonnestral berührte diesen Leib. + Vom Schleier meiner Zucht erwuchs ich tief umfangen; + Den Zügel der Vernunft entzog mir dieß Verlangen: + Ich bitte Gott, von dir zu tragen einen Sproß, + Der einst, an Kraft dir gleich, beherrsche dieses Schloß. + Zur Mitgift will ich jetzt, o Held, dieß Schloß dir bringen, + Zur Morgengab alsdann, Rostem, dein Ross dir bringen! + + + 8. + + So endet' ihren Gruß das Mondglanzangesicht; + Der Löwenkühne hört' aufmerksam den Bericht. + Wie sie der Held so schön, so perlgleich sie sah, + An Sinn so hoch und an Verstand so reich sie sah, + Und daß sie noch dazu vom Rachs ihm gab die Kunde; + Von lauter Frölichkeit sah er erfüllt die Stunde. + Er rief die wandelnde Zipress' an sich heran; + Hold tauschte Blick und Wort mit ihr der Pehlewan. + Er rief ins Vorgemach, daß einen der Mobeden + Sie brächten ihm herbei, der wüßte wol zu reden. + Den sendet' er alsbald, den Weisen tugendvoll, + Daß er die Tochter ihm vom Vater fordern soll. + Der Wolverständige, dahin zum Schahe schritt er, + Und that die Werbung kund von Irans edlem Ritter. + Der Schah ward freudenvoll, da dieser Gruß erscholl; + Er fühlte, wie sein Herz von hohem Mute schwoll. + Er richtete sich stolz, der Zeder gleich, empor; + Das Band mit Rostem kam ihm wert und theuer vor. + Dem Ritter in der Nacht gab er der Tochter Hand; + Und wie die Kund erscholl, war Freud in Stadt und Land. + Von Freuden war erwacht ein Aufruhr in der Nacht, + Zu Rostem sei als Braut des Königs Kind gebracht. + Da war der Jubel laut die ganze Nacht ums Schloß, + Wo seine holde Braut der starke Held umschloß. + Still tauschte drin das Paar die Lust der Seelen aus, + Und draußen ließ die Schaar die Kraft der Kehlen aus: + »Daß dieser neue Mond lang dein Behagen sei! + Daß deiner Feinde Haupt ewig geschlagen sei! + Aus diesem Bunde müß ein Heldensproß entspringen, + Der mög an Tapferkeit mit seinem Vater ringen!« + Sie meinten ihr Gebet zum Segen und zum Heil, + Der Himmel aber nam es an zum Gegenteil. + + + 9. + + Nach kurzer Freudennacht als an der Morgen brach, + Wand aus Tehminas Arm sich Rostem los, und sprach, + Indem vom Arm er nam ein goldenes Gespang, + Von dem erschollen war der Ruhm die Welt entlang; + Sie glaubten, daß daran sei Rostems Heil gebunden, + Und unverletzlich sei, wen dieses Band umwunden: + Das gab er ihr und sprach: Liebtraute! dieß bewar! + Wenn eine Tochter dir nun bringen wird das Jahr, + So nimm dieß Goldgespang, und schling es ihr ins Haar! + Als welterleuchtenden Glückstern soll sie es tragen, + Der ihr soll und der Welt von ihrem Vater sagen. + Wenn aber einen Sohn dir die Gestirne reichen, + So bind ihm um den Arm, wie ich es trug, das Zeichen. + Des Vaters Zeichen sei an seinem Arm bewart, + Und wachsen wird er selbst nach seines Vaters Art. + Gleich seiner Ahnen Stamm wird der aus Heldensamen + Erzeugte sein, es bleibt nicht ungenant sein Namen. + Ist er erwachsen, send ihn mir nach Iran zu! + Nun aber naht der Tag, ich geh, wol lebe du! + Zum Abschied faßt' er sie an seine starke Brust, + Auf Aug und Haupt gab er ihr manchen Kuss voll Lust. + Mit Weinen wandte sich von ihm die zarte Braut; + Sie ward nach kurzer Lust mit langem Weh vertraut. + Zu Rostem aber kam der König hochgemut, + Den Eidam fragt' er da, wie er die Nacht geruht? + Ihm gab er Kunde dann vom Rachs, er sei gefunden; + Und aller Sorgen war das Heldenherz entbunden, + Er gieng, und streichelt' ihn und sattelt' ihn sogleich, + Dann von Semengan ritt er froh und freudenreich. + Gen Sistan auf dem Rachs als wie ein Wind er flog, + Indem er die Geschicht in seinem Sinn erwog. + Von Sistan ritt er heim nach Sabulistan gar, + Und keinem sagt' er dort, was ihm begegnet war. + + + + + Zweites Buch. + + + 10. + + Neun Monde waren schon Tehminen hingegangen, + Als sie gebar den Sohn wie eines Mondes Prangen. + Die Mutter sah ihn an mit Lust und schmerzenreich, + Er war in jedem Zug wol seinem Vater gleich. + Sie nannte Suhrab ihn, und nam ihn an die Brust; + Das Kind war auf der Welt nun ihre einzge Lust. + So zärtlich pflegte sein die Mutter, die ihn nährte, + Daß keines Dinges er zu keiner Stund entbehrte. + Der Knabe weinte nie; er hatte neugeboren + Gelächelt schon, als sei er nicht zum Weh geboren. + Er wuchs so wunderbar: als er ein Monat war, + Da war er anzusehn, alsob er wär ein Jahr. + Drei Jahr alt, ließ er schon zur Rennbahn sich gelüsten, + Im fünften sah man ihn zum Löwenkampf sich rüsten. + Wie er zehn Jahr alt war, da war im ganzen Land + Nun kein gestandner Mann, der ihm zum Kampfe stand. + Von Leib ein Elefant, von Wangen Milch und Blut, + Rasch wie ein Hirsch gewandt, im Auge dunkle Glut, + Von Wuchse schlank, die Brust gewölbt von hohem Mut. + Zwei Arme schwang er um sich her den Keulen gleich, + Und unten standen fest zwei Füße Seulen gleich. + Wo er im Ringspiel rang, wo er den Schlägel schlug, + War keiner der davon den Ball des Sieges trug. + Er gieng zur Löwenjagd, da ward der Löw ein Fuchs; + Die Zeder rüttelt' er, sie bog sich wie ein Buchs. + Windfüßigem Renner rannt er sturmgeflügelt nach, + Beim Schweif ergriff er ihn, der Renner stand gemach. + Es war alsob zum Kampf die Welt er fordern wollte, + Alsob er selbst bestehn den eignen Vater sollte. + + + 11. + + Zu seiner Mutter kam der Knabe, sie zu fragen: + Verwegen sprach er da: Mutter, du sollst mir sagen! + Denn unter meinen Spielgenoßen rag ich hoch + Hervor, mein Haupt empor zum Himmel trag ich hoch. + Wes Samens, welches Stamms ich bin, will ich erkennen; + Wenn nach dem Vater man mich fragt, wen soll ich nennen? + Wirst du mir Antwort nicht auf diese Frage geben, + Am Leben bleib ich nicht, und du bleibst nicht am Leben! + Die Mutter, da sie dieß vom jungen Pehlewan + Vernommen, sah zugleich mit Stolz und Furcht ihn an: + Er war entwachsen ihr, und nicht mehr untertan. + Sie faßte sich und sprach begütigend: Vernimm + Ein Wort, des freue dich, und laße deinen Grimm! + Du bist des Rostem Kind, des Perserpehlewanen, + Und seine Ahnen sind in Iran deine Ahnen. + Drum übern Himmel trägst du hoch dein Haupt hinaus, + Weil du entsproßen bist aus solchem Heldenhaus. + Denn was an Heldentum nun in der Welt erscheint, + Das ist in Rostems Stamm, in Rostem selbst vereint. + Sieh dieses Goldgespang, nimm hin und halt es fein! + Zum Abschied gab mir das für dich dein Väterlein. + Erfährt er, daß sein Sohn erwuchs zum tugendreichen, + Nach Iran ruft er dich, und kennt dich an dem Zeichen; + Dann bricht mein Herz vor Leid, wann ich dich seh entweichen! + O Sohn! Afrasiab, der Schah von Turan, soll + Nicht wißen dein Geschlecht; das brächt uns seinen Groll. + Denn Niemand auf der Welt ist ihm wie Rostem feind, + Rostem, um welchen Blut in Turan wird geweint. + Witwen in Turan macht sein Schwert in jeder Schlacht; + Und ohne Schwertstreich hat er mich dazu gemacht. + Drum vor Afrasiab beware dieß im Stillen! + Den Sohn verderben möcht er um des Vaters willen. + Den Vater hab ich schon verloren, liebes Kind, + Verlör ich auch den Sohn, so wär ich sänfter blind. + Sei stolz, doch sag es nicht, wer deine Ahnen sind! + + + 12. + + Doch Suhrab sprach: Wer birgt die Sonn im Weltenring? + Unmöglich wird geheim gehalten solches Ding. + Von einer Heldenabkunft, Mutter, dieser gleich, + Zu schweigen, wäre dir und mir nicht ehrenreich. + Was, Mutter, hast du selbst gehalten lange Zeit + Geheim die Abkunft mir von solcher Herrlichkeit? + Denn alle Kämpen jetzt, die jungen und die alten, + Nur Rostem ists von dem sie Kampfgespräche halten. + Von allen Namen ward zuerst mir seiner kund, + Ich hörte seinen Ruhm aus seiner Feinde Mund. + Wer jenen Riesen schlug? dieß Zauberschloß zerstörte? + Nur Rostem, was ich frug, Rostem war, was ich hörte, + Stets mit Bewunderung, und oft mit Neide gar, + Mit Aerger! wußt ich denn, daß er mein Vater war? + Nun aus Semengan hier, und dort aus Turans Marken, + Versamml' ich all ein Heer der Mutigen und Starken. + Nach Iran will ich ziehn und von dem dunkeln Staube + Der Schlacht dem lichten Mond aufsetzen eine Haube. + Aufrütteln von dem Thron will ich den Keikawus, + Und schlagen aus dem Feld den alten Feldherrn Tus. + Wenn Rostem will, geb ich ihm Thron und Kron und Schatz, + Und laß ihn sitzen auf Keikawus' Fürstenplatz. + Von Iran zieh ich dann nach Turan kampfbereit, + Und fordere den Schah Afrasiab zum Streit. + Vom Throne stürz ich ihn alswie ein Blitz herab; + Die Sonne lang' ich mit der Lanzenspitz herab. + O Mutter, aber dich, du höre meinen Schwur an, + Mach ich zur Königin von Iran und von Turan. + Denn da, wo Rostem ist der Vater, ich der Sohn, + O Mutter, bleibt kein Fürst der Welt auf seinem Thron. + Wo Mond und Sonne selbst im Glanzvereine stralen, + Was wollen Sterne da mit ihrem Schimmer pralen! + So rief er, und erstaunt ließ er die Mutter dort; + Mit höherm Haupt, als er gekommen, gieng er fort. + Von seinem Vater sagt' er keinem doch ein Wort, + Im Herzen macht' er ganz den Vater sich zu eigen, + Doch wenn den Mund er aufthun wollte, mußt er schweigen. + Ihm wars alsob er erst zu Rosse steigen sollte, + Wenn er als Rostems Sohn der Welt sich zeigen wollte. + + + 13. + + Zu seiner Mutter sprach Suhrab, der junge Held: + Den Vater nun zu schaun, Mutter, zieh ich ins Feld. + Dazu brauch ich ein Ross, mit meinem Mut schritthaltend, + Ein Ross mit einem Huf von Eisen kieselspaltend: + Von Stärk ein Elefant, und vogelgleich an Schwung, + Im Waßer wie ein Fisch, und wie ein Reh im Sprung, + Ein Ross, das meine Wucht und meine Waffen trage, + Und nicht von meiner Faust erlieg an einem Schlage. + Denn nicht zu Fuße ziemt zum Kampfe mir zu gehn; + Vom hohen Ross will ich dem Feind ins Antlitz sehn. + Da so die Mutter hört' ihr junges Heldenblut, + Zum Himmel hob sie stolz ihr Haupt in hohem Mut. + Sogleich befolen ward von ihr dem Hirtenvolke, + Zu bringen aus der Trift von Pferden eine Wolke, + Damit dem Suhrab käm ein Rösslein fein zur Hand, + Auf dem er säße, wann er ritt in Feindesland. + Und alles was sich fand von Pferden alzumal, + Was aufzutreiben war da zwischen Berg und Thal, + Das trieben sie zur Stadt, und Suhrab nam, der Leu, + Die Fangschnur nun, und trat zum nächsten ohne Scheu. + Welch Ross vor allen stark er sah von Bug und Backen, + Des Riemens Schlinge warf er gleich ihm übern Nacken. + Er zog es her und legt' ihm auf den Rücken auch + Die Hand, da lags gestreckt am Boden auf dem Bauch. + Es konte nicht den Druck der flachen Hand ertragen, + Er braucht' es mit der Faust zu Boden nicht zu schlagen. + Schon war durch seine Hand manch schmuckes Ross geknickt, + Und keines kam ihm noch zur Hand, für ihn geschickt. + Es schien, es war kein Ross für seine Kraft gerecht, + Und traurig ward der Sproß vom Pehlewangeschlecht. + + + 14. + + Da stellte sich zuletzt ein alter Recke dar, + Und sprach: Ich hab ein Ross, wie keines ist, noch war. + Im Gange wie ein Pfeil, im Laufe wie ein Wind; + Es ist von Rostems Hengst, vom Rachs, ein einzig Kind. + Kein Ross von gleicher Kraft ist auf der Welt zu sehn; + Ein Blitz im Rennen ists, und ein Gebirg im Stehn. + Die Hitze noch der Frost macht ihm nicht kalt noch heiß, + Mit Nüstern voller Dampf, und Poren ohne Schweiß. + Ein Wolkenschatten schwebt es über Thal und Hügel, + Und segelt durch die Luft, ein Vogel ohne Flügel. + Der Pfau zieht ein vor Scham des Rads gespannten Reif, + Wenn es die Mähnen hebt, und hoch trägt seinen Schweif. + Am Berge klimmend, ist es einem Löwen gleich; + Im Waßer schwimmend, ist es einer Möwen gleich. + Sein Reiter, wenn im Ritt er schnellt den Pfeil vom Bogen, + Kommt schneller als der Pfeil dem Feinde nachgeflogen. + So flüchtig ists zur Flucht: auch der von seinen Solen + Erregte Staub versucht umsonst es einzuholen. + Bei allen Tugenden, die diesem Rösslein eigen, + Hats einen Fehler nur: es läßt sich schwer besteigen. + Doch wers bestiegen hat, den wirds zum Siege tragen, + Der mag darauf den Kampf mit Rostem selber wagen. + Froh wurde Rostems Sohn von dieses Wortes Klange, + Er lacht' und rosengleich erblühte seine Wange. + Laut rief er: Ei so bringt mir gleich das schmucke Ross! + Sie brachtens ungesäumt zum jungen Heldensproß. + Er machte gleich an ihm mit seiner Hand die Probe, + Das Thier war stark genug, und es bestand die Probe. + Da schmeichel-streichelt' ers, und sattelt' es geschwind, + Aufs starke Ross schwang sich das starke Heldenkind. + Im Sattel saß er fest alswie ein Bild von Erz, + Und hielt mit leichter Hand die Zügel wie zum Scherz. + Er tummelte das Ross, daß es begann zu schäumen, + Zu schnauben mit Gebraus, doch durft es ihm nicht bäumen. + Da sprach vom Ross Suhrab, indem ers anhielt leise: + So hab ich nun ein Ross gewonnen zu der Reise. + Nun acht ich mein die Welt, da ich das Ross gewann, + Auf dem ich Rostem selbst mit Ruhm bestehen kann. + + + 15. + + Er sprachs, und stieg vom Ross, und gieng ins Haus zurück: + Da rüstet' er zum Krieg mit Iran Stück um Stück. + Wies kund im Lande ward, daß er kriegslustig sei, + Strömten von da und dort Kriegslustige herbei + Wie eine Sonne war er ihrem Wunsch erschienen; + Sie alle wollten Ruhm und wollten Gold verdienen. + Die Waffen hatten lang in diesem Land geruht, + Und aus der Asche brach nun die verhaltne Glut. + Suhrab, gerüstet, trat zu seiner Mutter Vater, + Um Urlaub und Geleit und Reisebeistand bat er. + Großvater! sprach er: jetzt sollst du mir Spielzeug schaffen; + Die Leute hab ich schon, gib mir dazu die Waffen! + Denn ohne Waffen ist ein Heerzug mangelhaft; + Ein Rösslein hat mir schon die Mutter angeschafft. + Doch alles, was mir folgt, soll auch auf Rossen reiten; + Kamele sollen dann mit Zehrung uns begleiten. + Denn schmausen wollen wir, so oft als wir nicht streiten. + Tu deinen Marstall auf, das Vorratshaus mit Kost, + Das Zeughaus auch, worin die Waffen frißt der Rost! + Dem alten König klang anmutig diese Post, + Mit Lachen sah er an den jungen Augentrost; + Durchwärmet war sein Frost von diesem feurigen Most. + Er sprach bei sich: was ists mit dieser Waffenfart? + Ist dieß den Vater aufzusuchen eine Art? + Doch sei es wie es sei! es ist das Heldenfeuer + Rostems in seinem Blut, und fordert Abenteuer. + Da stellt' er, was er hatt', ihm alles zu Befele, + Vorrät in Land und Stadt, die Ross' und die Kamele, + Futter für Ross und Mann, die Gerste samt dem Weizen; + Mit Silber auch und Gold wollt er dazu nicht geizen. + Und als er tat darauf das alte Zeughaus auf, + Da stand ein Waffenhauf wolfeil der Lust zu Kauf: + Schwerter und Wehrgehäng, Leibröcke, Helm und Panzer, + Für Schützen Bogen auch, und Spieß und Sper für Lanzer. + Suhrab, wie ers empfieng, so teilt' er Wehr und Sold, + Es stob ihm von der Hand das Eisen und das Gold. + Er sprach: da nemet hin! soviel vermag ich heute; + Und wenn ihr mehr begehrt, so helft daß ichs erbeute! + Eroberten wir erst des Persers Königreich, + So mach ich jeden Mann wie einen König reich. + + + 16. + + Dem Schah Afrasiab in Turan ward gesagt, + Daß seinen Flug vom Nest ein junger Adler wagt, + Der altershalben zwar nichts weniger als flück, + Doch seinem guten Mut vertraut und gutem Glück. + Ihn hat die Friedensruh, die Turan schläft, verdroßen, + Er rüstet sich zu Kampf, und sammelt Schwertgenoßen. + Von allen Orten strömt ein Heer zu ihm herbei, + Darob hebt er sein Haupt wie eine Zeder frei. + Es sproßt der erste Flaum auf seiner Wange kaum, + Und schon ist seinem Traum zu eng der Welten Raum; + In alle Himmel hoch wächst seiner Hoffnung Baum. + Aus seinem Odem weht ein süßer Milchgeruch, + Doch eitel Schwert und Dolch ist seiner Lippen Spruch. + Mit seinem Dolch will er die Brust der Erde ritzen, + Und an die Abendwolk ihr rotes Herzblut spritzen; + Keikawus soll vom Thron, dort will er selber sitzen! + Den Beutelustigen, die ihm mit leeren Händen + Und vollem Mute nahn, hat er viel Gut zu spenden, + Und mehr Verheißungen, die denkt er zu vollenden! + Sie drängen sich um ihn wie Stralen um die Achse + Der Sonn, alsob ein Heer ihm aus dem Boden wachse; + Als sei er Rostems Kind, und reit ein Kind vom Rachse! + In Wahrheit, wer ihn sieht, der glaubt wol dem Gerüchte, + Weil von den Stamme weit nicht fallen dessen Früchte; + Er scheint, mit solcher Zucht, von Rostem ein Gezüchte. + Wenigstens mutterhalb ist Suhrab edel schon, + Des alten Königs von Semengan Tochtersohn! + So ward dem Türkenschah geredet und geraunt + Von Suhrab, und er war darüber nicht erstaunt. + Er lachte still, es war vom Anbeginn ihm kund + Tehminas und Rostems geheimer Liebesbund. + + + 17. + + Afrasiab, der Schah, nachdem er den Bericht + Erwogen, lachte noch, und er misfiel ihm nicht. + Der Häupter seines Heers, des nun lang ausgeruhten, + Berief er einen gleich, Barman, den hochgemuten. + Zwölftausend Recken, frisch von Kraft und scharf von Schneide, + Las er dazu, und gab sie ihm mit dem Bescheide: + Bewährter Baruman, auf! nach Semengan lenke + Den Schritt mit diesem Heer, mit Brief und mit Geschenke. + Ermutige mir dort des Mutes jungen Keim! + Doch die Geschichte bleibt still zwischen uns geheim. + Sag ihm, Afrasiab send ihm Hilfsmannschaft zu, + Damit nach Iran er kampflustig zieh im Nu. + Dort aber darf den Sohn der Vater nicht erkennen, + Und Niemand soll dem Sohn des Vaters Namen nennen. + Was weiß ich, ob ein Sohn des Rostem Suhrab sei? + Ich frage nicht darnach; mir feind sind alle zwei. + Wenn so den einen Feind wir auf den andern hetzen, + Können sie doch gegen uns sich nicht zur Wehre setzen. + Und wenn die beiden dort einander setzen zu, + So sehen wir dem Spiel hier mit Ergetzen zu. + Villeicht gelingt es uns: der grimme Kampfleu alt + Erliegt im Kampfe vor des jungen Leun Gewalt. + Wenn Rostem gegen uns nicht ferner Iran hält, + Im Spiele jagen wir den Kawus aus der Welt. + Dann aber wollen wir den Suhrab auch beschicken, + Mit Schlummer eines Nachts sein Auge so bestricken, + Daß ihm die Lust vergeht, nach Kronen aufzublicken! + Denn mir ist wolbekannt, daß dieser tolle Knab + Erst an Keikawus will, dann an Afrasiab. + Doch wenn dem greisen Wolf erliegt das zarte Lamm -- + Wenn Suhrab wirklich ist ein Reis von Rostems Stamm -- + So wird der zähe Stamm von diesem Gram sich biegen, + Und in des Kummers Schlamm der stolze Brunn versiegen. + Doch ließe mich mein Glück auch soviel nicht erwerben + Daß ich sie alle zwei säh aneinander sterben; + So hoff ich, daß uns Gott von einem mindstens helfe, + Es sei vom alten Wolf, es sei vom jungen Welfe. + + + 18. + + Da schrieb Afrasiab an Suhrab einen Brief, + Darin er Gottes Heil ob ihm zum Eingang rief: + Das Glück geleite dich, beherzter Heldenknabe, + Zum kühnen Werk, das ich mit Lust vernommen habe. + Dir send ich fürstliche Geschenke meiner Gnaden, + Ross' und Kamele mit Kleinodien beladen; + Türkis' aus Turkistan, aus Badachschan Rubinen, + Smaragdne Sträuße drei mit Perlentau auf ihnen. + Ich habe dir erwählt zwei Kronen edelsteinern, + Und ihnen beigezählt zwei Thronen elfenbeinern. + Froh mögest du zu Thron auf Elfenbeine sitzen, + Und über dir die Kron aus Edelsteine blitzen! + Wirst du erst Irans Kron im Streit gewonnen haben, + Dann wird Ruh auf dem Thron die Zeit gewonnen haben. + Denn ewig ist entzweit, wie Tag und Nacht im Streit, + Iran und Turan; du sollst stiften Einigkeit. + Von dieser Mark ist weit zu jener nicht der Weg; + Semengan, Turan und Iran ist Ein Geheg. + Deswegen ist gestellt Semengan auf der Scheide + Von Iran und Turan, um zu beherrschen beide. + Nun send ich Truppen dir, soviel ich nötig glaube; + Kühn setze dich aufs Ross, und auf dein Haupt die Haube! + Von meinen Feldherrn send ich dir den Baruman, + So tapfer als getreu; der sei dir untertan! + Er sei dir untertan mit allen, die er führt; + Von ihnen sei die Welt dem Feinde zugeschnürt! + Zeuch aus zu Kampf und Sieg! dich soll im Laufe stören + Kein Graben und kein Wall, und keine List betören! + Bald laße das Gerücht uns deine Taten hören! + Von meinen Söhnen all soll keiner meinem Thron + So nah stehn als Suhrab, den ich begrüß als Sohn. + Er schriebs und siegelte, und gabs dem Baruman; + Der trat nicht leichten Muts die schwere Sendung an. + In diesem Kriege war kein Ruhm ihm zu erwerben, + Als einen Helden durch den andern zu verderben. + + + 19. + + Da hörte vom Gerücht Suhrab, daß Baruman + Vom Schah Afrasiab mit Truppen zieh heran, + Mit Ross und mit Kamel und großem Heergedränge, + Ehrengeschenk und Brief und festlichem Gepränge. + Der junge Mann, wie er die Kund erfur, schnell tat er + Den Gürtel um, und zog mit seiner Mutter Vater. + Entgegen zum Empfang zog er schnell wie ein Wind; + Wie soviel Volks er sah, froh staunete das Kind. + Mehr staunte Baruman, als er die stolzen Glieder, + Die edle Bildung sah, das Staunen schlug ihn nieder. + Im Staunen war gemischt Furcht und Bewunderung, + Und Mitleid, wie er sah den Helden schön und jung. + Der greise Feldherr sprach bei sich: Auf Ruhmespfaden + Gehn sollte solch ein Schmuck der Jugend ohne Schaden. + Verdienen möcht er wol, ihm wäre, statt Verrat, + Zum ungestümen Mut beschieden weiser Rat. + Wenn ihn der Doppelrausch der Jugend und des Ruhms + Zu Falle bringt, o weh dem Stolz des Rittertums! + Zu Suhrab sprach er drauf: O edler junger Leue, + Den Brief schickt dir der Schah, daß er dein Herz erfreue. + Lies mit Bedacht den Brief des Schahs von Turanland, + Und was du dann befilst, das steht in deiner Hand. + Die Ehrengaben nimm, die dir gesendet sind; + Ich selbst steh und dieß Heer dir zu Gebot, o Kind! + Suhrab, der junge Mann, nachdem er las den Brief, + Das erste war, daß er sein Heer zum Aufbruch rief; + Das Heer der Seinigen; dem Barman, seinem Gast + Und dessen Leuten gab er auf drei Tage Rast. + »Der Mutter Vater soll bewirten euch mit Schmause, + Die Mutter selbst dazu; ich geh nicht mehr nach Hause. + Es leidet länger nicht mich in der Mutter Haus; + Lebt wol, und kommt uns nach! wir reiten euch voraus.« + Die Pauke ward gerührt, zusammen strömten Krieger, + Und sprangen mit Geklirr, auf Rosse rasch wie Tieger. + Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, + Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. + Aus Turan brach der Sturm hervor auf Irans Flur; + Zerstörung, Flucht und Raub bezeichnete die Spur, + Und wüste ward gelegt das Land, soweit er fur. + + + + + Drittes Buch. + + + 20. + + Da war ein Schloß, das hieß das Weiße Schloß im Land, + Darauf die Zuversicht des Reiches Iran stand, + Daß es verteidigen den Pass der Grenze sollte, + Wenn da hervor ein Feind aus Turan brechen wollte. + Drum waren auf dieß Schloß gesetzt, zu Schirm und Halter, + Statt eines Wärtels zwei, ein junger und ein alter; + Der alte, daß er es behütete mit Rat, + Der junge, daß er es verteidigte mit Tat. + Hedschir, der junge Vogt, ließ, weil die Waffen schwiegen, + Vom Kinde Gesdehems, des alten, sich besiegen. + Die hieß Gurdaferid, das heißt »ein Held geschaffen«, + Weil sie, die zarte Maid, war wie ein Held in Waffen. + Hedschir mit Rennen und mit Schießen nach dem Ziele + Versuchte daß er ihr durch Männlichkeit gefiele; + Vergebens! weil ihm selbst in diesen Künsten sie + Zuvor es tat, kam er mit ihr zum Ziele nie. + Er wünschte, daß einmal ein Feind vorm Schloß erschiene, + Daß ihren Beifall er im ernstern Kampf verdiene. + Und als er eines Tags ein Heer von Türken sah + Anrücken, glaubt' er sich zwiefachem Siege nah, + Dem einen, den er wollt erringen im Gefild, + Dem andern in der Burg am schönen Frauenbild. + Da wappnete sich schnell der mutige Hedschir, + Und stieg aufs Ross, gespornt von Lieb und Kampfbegier. + Des Tores Hüter ließ er weit auftun das Tor + Der alten Burg, und ritt zum Einzelkampf hervor. + Er ritt den Berg hinab, dem Feind entgegen jach, + Und von der Mauer sah Gurdaferid ihm nach. + + + 21. + + Mit scharfem Ritte kam der kühne Reck herbei, + Und tat ans Türkenheer von weitem einen Schrei: + Von wannen sind geschaart die Ritter und die Knechte? + Wer unter ihnen ist der Tapferst im Gefechte? + Ich habe lange schon auf eure Gegenwart, + Alswie ein Bräutigam auf seine Braut, geharrt. + Wer wagt es, gegen mich mit eingelegter Lanzen + Zu rennen, daß wir hier den Hochzeitreigen tanzen? + Desselben Haupt will ich dort auf die Zinne pflanzen! + Er hatte seinen Ruf gerufen laut genug, + Doch keiner war im Heer, der Lust zur Antwort trug. + Zu heben wagte sich nicht eines Türken Hand, + Die erste Waffentat zu thun im Perserland. + Doch Suhrab, als er all die Tapfern schweigen sah, + Ergrimmt' er, und das Schwert zog er für alle da. + Alswie ein Tieger bricht am Strom aus Schilf und Rohr, + So drang er aus dem Chor der Seinigen hervor. + Laut rief er zu dem kampfgerüsteten Hedschir: + Was treibt allein dich her mit solcher Kampfbegier? + Du meinst wol, daß wir uns vor starken Worten scheuen? + Du kamest nicht zur Jagd des Fuchses, sondern Leuen. + Aus Turan brach ich auf, ganz Iran will ich zwingen, + Und auf dein Haupt soll mir der erste Streich gelingen. + Suhrab, den Namen gab mir meine Mutter bei, + Und Rostem sagte sie, daß er mein Vater sei. + Den Vater eben aufzusuchen zog ich aus; + Und wessen Sohn ich sei, zeig ich in Kampf und Strauß. + Doch sag auch deinem Stamm, den Namen, und die Deinen! + Denn heut muß über dich Braut oder Mutter weinen. + + + 22. + + Zur Antwort gab Hedschir: Verwegner, schweige still! + Kein Türk ists den ich zum Vertrauten haben will. + Der Heldenfänger ich, der Ritter ohne Scheu, + Ich bin der Schütze, dem zum Fuchse wird der Leu. + Hedschir im Kampfrevier der Helden Zier geheißen + Bin ich, gleich will ich dir dein Haupt vom Rumpfe reißen. + Zwei Geier kreischen dort sich in den Lüften heischer, + Es wittern ihren Raub die ungestümen Kreischer; + Den beiden wirst du nun zum Gastmahl aufgetischt, + Daß ihre Heischerkeit dein junges Blut erfrischt. + Dann fliegen sie nach Nord und Süd, und für das Futter + Dankt deinem Vater der, und jener deiner Mutter. + Die Mutter weint gewis ums Kindlein, ihr entrißen, + Der Vater aber wird villeicht von dir nicht wißen. + Doch jauchzen über mich, nicht weinen soll die Braut, + Die schöne, die auf uns dort von der Mauer schaut! + So rief er aus, und sah zur Jungfrau an der Zinne; + Zu lächeln schien sie ihm, so täuschten ihn die Sinne: + Ihn blendete der Glanz der Sonn und Kraft der Minne. + Auf einen Augenblick hatt' er des Kampfs vergeßen, + Und nach der Zinne sah sein Gegner auch indessen. + Da sah er einen Stral, wie er noch nie geschaut, + Und doppelt zürnt' er nun dem, der sie nannte Braut. + Er sprach: die Perser sind vor mir wie Spreu im Wind, + Doch lieblich anzusehn ist solch ein Perserkind. + Wol ists der Mühe werth, zu stürmen solche Zinnen, + Wenn solche Schätze sind darinnen zu gewinnen. + Doch wenn ich dächte, daß sie diesem zugelacht, + Ich hätte zweimal ihn, nicht einmal, umgebracht! + So in Gedanken war Suhrab mit ihr beschäftigt, + Hedschir durch einen Blick auf sie war neu gekräftigt. + + + 23. + + Doch von der Zinn hinweg und von der Jungfrau warf + Den Blick nun der und der auf seinen Gegner scharf. + Im Sattel jeder sich gleich einem Feuer schwang, + Und setzte seinen Hengst wie einen Berg in Gang. + So schnell da Schaft mit Schaft sich durcheinander flocht, + Daß man den einen nicht vom andern kennen mocht. + Nach Suhrabs Mitte stieß Hedschir den blanken Schaft; + Am festen Gurte fand die Spitze keinen Haft. + Doch Suhrab bog zurück den eignen Sper behende, + Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende. + Recht zwischen Mann und Gaul schob er den Hebebaum, + Und aus dem Sattel flog Hedschir und merkt' es kaum. + Zur Erde warf er ihn alswie ein Felsenstück; + Da lag er, und es blieb kein Sinn an ihm zurück. + Vergangen war die Welt vor seinem Augenlid, + Der Himmel und das Feld, die Burg und Gurdafrid. + Vom Pferde Suhrab sprang und saß ihm auf die Brust; + Er hatte nun den Kopf ihm abzuschneiden Lust. + Da drehte sich Hedschir, und stützt' auf einen Arm + Sich schwach, den andern streckt' er vor, und rief: Erbarm! + Laß gnug sein an der Schmach, daß so mein Stolz zerbrach, + Und mich im Angesicht der Burg dein Sper abstach! + Wie wird die Stolze sich an meinem Sturze weiden! + Das tötet mich; du brauchst dieß Haupt nicht abzuschneiden. + Nun ist sie frei von mir; du nim mich hier gefangen! + Du kanst im fremden Land Kundschaft durch mich erlangen. + Wer, da ich dir erlag, wird dir noch widerstehn? + Laß mich gefangen mit zu deinen Siegen gehn! + + + 24. + + Er schwieg, und harrte stumm auf Tod nun oder Leben; + Und sich entschloß der Held ihm nicht den Tod zu geben. + Er dachte: Wenn ich ihn gefangen mit mir führe, + Lock ich manch andren Fang villeicht in meine Schnüre. + Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen, + Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen. + Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben, + Als schlechten Preis dafür laß ich ihm gern das Leben. + So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken, + Und den gefeßelten dem Lager zuzuschicken. + Im Lager kam er an zugleich mit Baruman, + Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan. + Er war in Eile dem ihm von Afrasiab + Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab; + Und war nur eben recht gekommen um zu sehn + Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn. + Wie er gefeßelt sah die stolzen Heldenglieder, + Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder. + Er staunt' und freute sich, und fühlte Scham und Reu, + Daß er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu. + Im Lager aber war von Türken alt und jung + In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung. + Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn, + Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn. + Ins Lager langsam ritt er auf dem Roß zurück, + Und hörte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Glück. + Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied, + An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid. + + + 25. + + Von Siegesfreude war das Türkenlager voll, + Derweil im weißen Schloß ein Wehgeschrei erscholl. + Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib + Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib. + Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schloße drinnen, + Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen. + Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach + Den Perserstolz ein Türk, der ihn vom Sattel stach; + Und rief: O Scham, o Schmach! Weh um Hedschir, den Degen! + Du rühmtest dich ein Mann, und bist dem Kind erlegen. + Wie hast du ungeschickt um meine Gunst gebuhlt! + Dein Sper war stumpf gespitzt, dein Gaul war schlecht geschult. + Verlachen könnt ich dich; daß aber dich verlache + Der Feind, das kränket mich, und fordert Freundesrache. + Wie? rühmen sollte sich ein blonder Türkenknabe, + Daß er so leicht erlegt den ersten Perser habe? + Wenn er die Männer hier für Weiber halten kann, + Soll er an einem Weib nun finden seinen Mann! + Vom Kampfplatz ritt er weg gleich einem lichten Sterne, + Sah sich noch einmal um, dann schwand er in der Ferne. + So zierlich tummelt' er sein Roß, man sahs nur gern; + Laß sehn, ob er von nah so schön ist als von fern! + Halbscherzend rief sies aus, und schritt vom Wall nach Haus; + Dort las sie sich zum Schmuck die schönsten Waffen aus. + In einem Drathelm barg sie ihrer Locken Zier, + Und nam vors Angesicht ein indisches Visier. + In voller Rüstung sprang sie auf ein Ross im Lauf, + Und flog der Pforte zu, die that der Pförtner auf. + Ihr Vater Gesdehem sah ihren Ausritt nicht, + Sonst hätt er sie gehemmt in ihrer Zuversicht. + + + 26. + + Sie kam alswie ein Mann den Berg herab vom Schloß, + Ein Gurt um ihre Mitt und unter ihr ein Ross. + Sie flog den Berg vom Schloß herab gleich einem Falken, + Und schwang in ihrer Hand erztrümmernd einen Balken. + Ans Türkenlager kam sie wie ein Sturm herbei, + Da that sie einen durchs Visier verstärkten Schrei: + »Wer sind die Recken hier? und wer ist der sie führt? + Wer ist es, dem der Tod von meiner Hand gebührt? + Ein guter Freund ward mir vom Rosse hier gestochen; + Wer fällte den Hedschir? dem sei hier zugesprochen! + Und wenn derselbe selbst hervorzutreten zagt, + So komm ein andrer, der mit mir die Probe wagt. + Ihr sollt nicht glauben, weils an einem euch gelang, + Daß Turans Trotz den Stolz von Iran schon bezwang! + Was einer schlecht gemacht, das macht ein andrer gut; + Die blaße Schmach Hedschirs röt ich mit wessen Blut? + Wer hat sein Leben feil? wer hat zum Kampfe Mut?« + Vom stolzen Lager war gehört die Forderung, + Und ihr zu folgen stand schon mancher auf dem Sprung. + Doch allen kam zuvor Suhrab mit einem Sprunge + Aufs Ross, indem er rief: Ihr wartet, alt' und junge! + Den Handel, den ich angefangen, muß ich enden; + Wegnemen soll mir keins die Arbeit untern Händen. + Das ist zum einen Stück das andre, wie ich merk, + Und beide Stücke sind zusammen erst ein Werk. + Sagt dem Hedschir: Zum Trost schaff ich in seiner Not + Einen Genoßen ihm, lebendig oder tot! + So rief der junge Held, und ritt von dannen jach; + Das Türkenlager rief ihm lauten Beifall nach. + + + 27. + + Auf einen Bogenschuß ritt er zu ihr hinan; + Er lachte leis' und kniff die Lippe mit dem Zahn. + So sprach er froh bei sich: ein andres edles Thier + Ist hergekommen in des Jagdherrn Jagdrevier. + Wie in dem Dickicht, wo ein Leu sein Lager hat, + Wo ihm verfallen ist zu Raube, was da naht; + Die stärkste Hirschkuh hat er eben dort bezwungen, + Da kommt das zarte Kalb der Mutter nachgesprungen. + Lautblöckend suchet es die Mutter in der Not, + Und fand an Mutter Statt den Löwen und den Tod. + Des Löwen Mittagstisch war mit der Kuh beraten, + Und nun zur Abendkost dient ihm des Kälbchens Braten. + Wer sendet Beut auf Beut hernieder zum Gewinne + Mir von der alten Burg, daß keine mir entrinne? + Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne! + Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn, + Und schon durch Minne reißt sie auch den andern hin. + So möge sie, wo sie den ersten fallen sah, + Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah! + Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort + Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort: + Es wundert' ihn, daß sie nicht stand am vorgen Ort. + Er dachte, daß sie dort noch immer an der Zinne + So müßte stehn alswie sie stand vor seinem Sinne. + Er wußte nicht, daß sie, anstatt ihm zuzusenden + Frohnkämpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen Händen. + + + 28. + + Doch Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann + Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann. + Zu schwenken sie begann ihr mutges Rösslein leise, + Daß sie erst ihren Feind im weitern Kreiß umkreiße. + Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr, + War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier. + So wie ein Krähenschwarm den Adler, wo er schwebt, + Umschwärmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt; + Sie sind ihm, wo er fliegt, nah überall vom weiten, + Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten: + So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen, + Den sie hielt unverwandt, Pfeil über Pfeil geflogen. + Ihr Köcher war ein Meer, und schöpfte nie sich leer, + Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer; + Und Suhrabs Rüstung ward von leichten Spitzen schwer. + Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen, + Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen. + Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Sprüheregen, + Den er abschüttelte, dann wards ihm ungelegen, + Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen: + Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel? + Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel. + Wir Türken ließen euch solang in Ruhe sitzen, + Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen; + Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen. + In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen? + Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen. + Du magst im Frühlingshain ein kleines Vöglein schießen, + Den großen Vogel Greif wirst du damit nicht spießen. + Nun aber laß einmal den eitlen Zeitvertreib, + Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib! + + + 29. + + Er riefs, und übern Arm warf sie des Bogens Sennen, + Und gegen Suhrab nun ließ sie den Schlachtgaul rennen. + Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft, + Es wäre nicht der Stoß zu nennen mädchenhaft, + Hätt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind + Zur Seite Leib und Ross, der Stoß gieng in den Wind. + Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende, + Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende; + Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog, + Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog. + Vom Sattel lüpft' er sie wie einen Federball; + Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall. + Doch Gurdafrid nam war, wie sie gefährlich schwankte, + Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte. + Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob, + Und wieder saß sie fest, daß Staub vom Sattel stob. + Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht, + Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht. + Sie sah, daß sie nicht war für diesen Kampf der Mann; + Die Zügel zuckte sie dem Rösslein, und entrann. + Auch Suhrab gab den Zaum dem schöngemähnten Drachen, + Und wollte nun den Tag dem Feinde finster machen. + Er kam auf seinem Hengst ihr zornig nachgeschnaubt; + Da wandte sie sich schnell, und nahm den Helm vom Haupt. + Sie glaubte beßer als durch männliches Gefecht + Sich zu verteidigen durch Schönheit und Geschlecht. + + + 30. + + Von ihrem Haupte quoll die Fülle dunkler Locken, + Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken. + Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen, + Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen! + Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun + Im Krieg die Männer, wenn so kriegrisch sind die Fraun! + Führt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier + Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir? + Nun weiß ich wol, warum du droben an der Zinne + Nicht stehst, weil Kampflust dich herabführt oder Minne! + Als ich dich droben sah, dacht ich: wie schön sie ist! + Nun aber seh ich, daß du noch viel schöner bist. + Ein schöner Reh als du fiel nie in Jägerstricke; + Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke! + Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt, + Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt. + Gefangen sah sie sich, und wäre gern entgangen; + Sie sann auf schnellen Rat, den Fänger selbst zu fangen. + Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht, + Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht, + Indem sie lächelte, und sprach: Held ohne Scheu, + In Männermitte wie im Thierechor der Leu! + Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier, + Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir! + Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah, + So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah. + Nun hab ich dich gesehn; ich hätte nie gedacht, + Daß solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht! + Ei! mögen ihren Krieg mit dir die Perser füren! + Du wirst die Männer all, nicht nur die Fraun, umschnüren. + Doch wünschest du, wie ich, daß ein Verständnis sei + Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei! + + + 31. + + So sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester; + Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester, + Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke näme fort, + Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort. + Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn es dir geliebt, + Sich dir zugleich ein Schloß und eine Braut ergibt. + Ich gebe dir das Schloß, und, ist es dir genem, + Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem. + Mein Vater ist gewis bereit daß er mich löse; + Erfärt er, wo ich bin, so wird er auf mich böse. + Ihm hinterm Rücken ritt ich aus dem Schloße fort, + Und meiner harrend steht er wol im Tore dort. + Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen, + Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen, + Und beide sich im Spott ob uns vereinigen! + Denn spotten werden sie und sagen, daß ein Mann + Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann. + Was haben sie solang einander zu berichten? + So fragen sie; drum laß den Handel schnell uns schlichten. + Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir + Die Schlüßel zu dem Schloß, doch erst gib Freiheit mir! + Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke, + Mit dem sie übertrug von sich auf ihn die Stricke; + Betöret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke. + Wie fühlte sie mit Lust den schönen Nacken frei, + Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei, + Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei. + Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein + Voraus den Schloßberg an, Suhrab ritt hinterdrein. + + + + + Viertes Buch. + + + 32. + + Im Schloßwall hinterm Tor, mit Sorgen und mit Trauer, + Nach seinem Kinde stand der Vater auf der Lauer, + Den Ungehorsam bald, bald ihren Uebermut + Laut schalt er, doch geheim lobt' er sein Heldenblut. + »Wenn sie nur unversehrt vom Abenteuer kehrt, + So sei nichts auf der Welt dem Töchterchen verwehrt; + Nur solch ein zweiter Ritt sei nicht von ihr begehrt! + Doch weniger mit ihr zürn ich, als auf Hedschir; + Sein Unfall riß mein Kind so hin mit Kampfbegier. + Wer aber rettet mir mein Täublein aus den Krallen + Des Habichts, dem zum Raub der Kampfhahn selbst gefallen? + Thu ich die Pfort hier auf, daß ich zur Hilf ihr eile, + Damit der alte Vogt des jungen Torheit teile? + Wart ich geduldig, bis der Himmel und ihr Glück, + Ihr Mut und kluger Rat mir bringt mein Kind zurück?« + Er sprachs, und lauscht' hinaus, und hört' ihr Rösslein traben; + Schnell tat er auf, um schnell sein Kind herein zu haben. + Gurdaferid ersah der Rettung offnes Tor, + Doch ihr Begleiter klomm hart hinter ihr empor; + Da kam sie ihm geschwind mit einem Sprung zuvor. + Sie huscht' hinein alsob sie flög auf Taubenschwinge, + Und rief: Nun warte, Freund, bis ich die Schlüßel bringe! + Der Schloßvogt schloß geschwind das Tor nach seinem Kinde + Gehäbe, daß kein Wind den Weg durchs Spältchen finde. + Sie war hinein, Suhrab war draußen auf dem Ross, + Des Schlüßels wartet' er zu dem verschloßnen Schloß. + + + 33. + + Da neigte Gurdafrid sich von der Zinne droben, + Und rief: Kehr um, o Held, umsonst sind deine Proben. + Kehr heim, der Abend naht, von deiner Waffentat + Zum Türkenlager, dort halt in der Nacht Kriegsrat! + Da dir der Handstreich heut aufs weiße Schloß mislang, + So rüst auf morgen dich zu einem neuen Gang! + Er blickt' empor und sprach: o schöne Persermaid, + Daß du treuloser noch als schön bist, thut mir laid. + Daß mir solch eine Braut, solch eine Burg entflogen, + Das reut mich nicht sosehr, als daß ich ward betrogen. + Nun, diese Burg ist doch nicht wie der Himmel hoch; + Und wär sie höher noch, herunter mußt du doch. + Herunter bringen werd ich dich, im Sturm erringen + Das Schloß, du brauchest mir die Schlüßel nicht zu bringen. + Sie sprach: Ereifre nicht, o schöner Türkenknabe, + So sehr dich, daß ich nicht gebracht die Schlüßel habe. + Der Vater hat sie selbst heut in Verschluß genommen; + Ich könnte, wollt ich auch, nicht zu den Schlüßeln kommen. + Auch deine Werbung hab ich heimlich ihm vertraut; + Er sprach: Ein Türke find in Iran keine Braut. + Ich rate dir, kehr um, und nim, die dein begehrt, + Die schönst in Turan nim! du bist der schönsten wert. + Kehr um, ich rate dir, laß guten Rat dir frommen, + Eh Kawus es erfärt, und seine Helden kommen. + Wenn Rostem kommt heran, der Perser-Pehlewan, + O Schmuck aus Turkistan, dann ists um dich getan. + Kehr um in deiner Kraft! du stehst hier an der Grenze; + Schad um die Blume, wenn sie bricht ein Sturm im Lenze. + Ich weinte selbst um dich, wenn ich dich sähe fallen; + Denn beßer hat als du mir noch kein Mann gefallen. + + + 34. + + Sie sprachs, und schwieg, und stieg hinab vom Mauerkranz; + Noch lang sah Rostems Sohn empor im Abendglanz, + Als säh er noch ihr Bild, als hört er noch ihr Wort; + Zum Lager langsam dann ritt er im Unmut fort. + Dem Schloß zur Seite lag am Berggehäng herab + Ein reicher Anbau, der dem Schloße Nahrung gab. + Da waren Gärten, Bäum und manches Saatenfeld; + Daran ließ seinen Zorn nun aus der junge Held. + Ins Lager rief er laut: Ihr Türken, kommt heraus! + Verbreitet um euch her schnell der Zerstörung Graus! + Uns bietet Trotz die Burg, die dort im Spätrot lodert; + Vergebens hab ich heut die Schlüßel abgefodert. + Sie sei zu Fall gebracht, sobald der Tag erwacht; + Und vor der Nacht sei jetzt ein Anfang schon gemacht. + Zerschmettert dieß Gebälk, zertrümmert diese Planken, + Brecht dieß Gezäun entzwei, werft nieder diese Schranken! + Haut diese Fruchtbäum um, entwurzelt diese Reben, + Und mähet diese Saat! sie soll nicht Körner geben. + Dieß ist der Boden, wo sie ihren Vorrat pflanzen, + Womit sie droben dann sich halten in den Schanzen. + Nun steige Staub und Rauch und Dampf und Qualm empor, + Und kündig ihnen an, was ihnen steht bevor! + Des Burgvogts Tochter liebt vom hohen Wall zu schauen; + Nun schaue sie, wie hier wir ihr den Garten bauen! + Wühlt diese Beeten um, wo ihre Rosen blühn, + Und stopft die Quelle, die ihr macht den Rasen grün! + So rief er, und sein Heer fiel wie ein Hagelschlag + Aufs angebaute Land, bis alles wüste lag. + Stillschweigend sah er zu, und als der letzte Keim + Zerstört war, ritt er abgekühltes Zornes heim. + + + 35. + + Zum heimgekehrten trat Baruman in der Nacht, + Und sprach: Du hast nicht gut das Werk des Tags vollbracht. + Den Feinden ist es recht die Nahrung abzuschneiden, + Doch so nicht daß wir selbst darunter Mangel leiden. + Nun ihren Vorrat zwar hast du der Burg entzogen, + Allein dein eignes Heer hast du darum betrogen. + Viel Holzwerk und Gebälk ist unnütz mitverbrant, + Das nutzbar konte sein zum Leiterbau verwandt. + Denn ohne Leitern wirst du nicht das Schloß erringen; + Die Mauern dort wird nicht dein Rösslein überspringen! + Und dann, was spornte dich zu dieser Rache scharf? + Weil dir ein Kind die Tür zu vor der Nase warf! + Viel beßer war dir das, als ließe sie dich ein; + Drin unter Hunderten was wolltest du allein? + Du bist der Mann wol es mit jedem aufzunemen, + Doch viele Hunde sinds, die einen Löwen lähmen. + Bist du des Heeres Arm, und bist des Heeres Haupt, + Nicht sei durch Torheit ihm so Haupt als Arm geraubt! + Was sollt ich schreiben nun dem Schah Afrasiab, + Der deiner Jugend bei zum Rat mein Alter gab? + Dein stürmscher Ritter hat das Grenzschloß eingenommen, + Er ist mit Glück hinein, doch nicht heraus gekommen! + Nun aber wollen wir mit beßerem Vertraun + Es nemen, und dazu vor allem Leitern baun. + Du hast das Holz verbrant, wir wollen andres haun. + Er sprachs, und lächelnd hin nam jener den Verweis; + Er sprach verschämt und keck: Ein Jüngling ist kein Greis; + Doch hab ich nie gehört, daß Rostem auch, der alte, + Beim Mauerbrechen sich mit Leiterbau aufhalte. + Bau Leitern! eines nur beding ich mir dabei, + Daß, wenn sie fertig sind, ich drauf der erste sei. + Nur seis in dieser Nacht! denn morgen, seids gewärtig, + Da werd ich mit der Burg auch ohne Leitern fertig. + + + 36. + + Weil dieß der weißen Burg im Lager ward gedroht, + Saß droben Gesdehem, und dachte nach der Not. + Er setzte sich und schrieb an Kawus einen Brief, + Darin er Gottes Heil dem Schah zum Eingang rief, + Und von der Herrlichkeit des Throns nach Würden sprach, + Dann von den mislichen Zeitläuften trug er nach: + Die Grenzburg Irans ist gekommen ins Gedränge + Von einem Türkenheer in ungezälter Menge. + Doch all den andern geht ein junger Fant voran, + Der über zweimal sieben Jahr nicht alt sein kann. + Von seiner Schlankheit ist die Zeder überragt, + Von seinem Glanz die Sonn im Aufgang übertagt. + Wenn er zu Rosse sitzt mit Lanze, Keul und Schwerde, + So achtet er gering Himmel und Meer und Erde. + In Turan weder ist noch Iran ein Verwegner + Von gleicher Art, für ihn ist auf der Welt kein Gegner, + Als Rostem nur allein; ihm gleicht er an Gestalt, + An unverzagtem Mut und furchtbarer Gewalt. + Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme, + Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme. + Sobald er kam, hat sich der mutige Hedschir + Gegürtet, und gesetzt auf ein schnellfüßig Thier. + Ihn trugs den Berg hinab, doch nicht zum Schloß zurück; + Dem Stürmer sperrt ich selbst die Vestung noch zum Glück. + Doch wenig fehlte nur, so wäre mutentbrant + Der junge Elefant allein ins Tor gerant. + Darauf hat er verbrant den Anbau rings ums Schloß, + Und länger widersteht die Burg nicht seinem Stoß. + Am Leben ist Hedschir, doch in Gefangenschaft; + Verloren ist an ihm des Schloßes Halt und Kraft. + Ich hab umsonst bei mir nach beßerm Rath gesucht: + Mit meinem Häuflein nem ich diese Nacht die Flucht. + Schnell sende nun der Schah ein großes Heer herbei, + Damit ein Damm gesetzt der Ueberschwemmung sei. + Doch Rostem sei dabei! Nur Rostem ist der Mann, + Der diesem Türkenknaben ins Gesicht sehn kann. + + + 37. + + Er schriebs und siegelte, und gab geschwind den Brief + Dem Boten, der damit die Nacht durch eilig lief. + Aufstand der alte Vogt sodann vom Schreibeplatz, + Und raffte sein Gesind zusammen und den Schatz, + Gurdaferid voran, um diese war ihm bange, + Mit allen wandt er sich zum unterirdschen Gange, + Der, ihm allein bekant, zur Burg hinaus weit fürte, + Und Niemand ward gewar, wie er den Bündel schnürte. + Er zog mit seiner Schaar bei Nacht ein gutes Stück, + Und nur wehrloses Volk ließ er im Schloß zurück. + Als nun der Tag brach aus der Nacht zerrißnem Flor, + Stürmte mit seinem Heer Suhrab den Berg empor. + Sie drangen bis ans Tor der Burg ohn Aufenthalt, + Niemand trat in den Weg der stürmenden Gewalt. + Da hielten sie vorm Tor, kein Atem war darinnen, + Und sahn zur Zinn empor, kein Leben auf den Zinnen! + Suhrab in Ungeduld faßt' einen Felsenstein, + Schleudert' ihn gegens Tor, und brach den Eingang drein. + Zu Ross sprengt' er hinein, alswie der lichte Tag, + Ins Torgewölb, in dem noch Nacht und Schweigen lag; + Das Schweigen ward geweckt von seinem Rosshufschlag. + Der Widerhall nur ward vom Waffengruße wach, + Kein andrer Widerpart schuf ihnen Ungemach. + Sie wunderten sich selbst, wie leicht sie eingenommen + Die Burg, und fragten sich, wohin der Feind gekommen? + Doch Suhrab hatte statt des Feindes an dem Ort + Die Freundin auch gesucht, und fand: sie war nicht dort. + + + 38. + + Wie sich ein Knabe müht, daß er den Baum ersteige, + Wo er ein Vogelnest weiß auf dem höchsten Zweige; + Am Abende zuvor hat er sich vorgenommen: + Bei frühstem Morgen wird der hohe Baum erklommen. + Heut ist es nun zu spät, bis morgen seis verschoben; + Die Vögel sind im Nest bei Nacht wol aufgehoben. + Er hat die ganze Nacht von seinem Fang geträumt, + Und, mit der Sonn erwacht, das Bette schnell geräumt; + Dann ist er ungesäumt auf seinen Baum geklommen, + Und droben findet er das Nest nun ausgenommen. + Er weiß nicht, ob zuvor ein andrer Dieb ihm kam, + Oder die flücke Brut den Flug vom Neste nam. + Eischalen findet er und ein zerstreut Gefieder, + Und traurig klettert er vom hohen Stamme wieder: + So traurig kletterte dort Suhrab auf und nieder + Durchs öde Mauerwerk der ausgestorbnen Veste, + Und fand den Vogel, den er suchte, nicht im Neste. + Er fand nicht Gurdafrid, wo er sie sucht' im Schloß, + Er fand den wehrlos nur zurückgelaßnen Troß. + So traurig sank er nun herab vom hohen Baume + Der Hoffnung, den er kühn erflogen hatt im Traume; + Er suchte, die er liebt', im weiten leeren Raume. + Er rief: Könnt ihr mir nicht, ihr stummen Wände, sagen, + Wohin ein Sturm sie hat, ein Flügel sie getragen? + Ist sie verschwunden, wie ein Traumbild ohne Spur? + Erscheinung glänzende, die mir vorüber fur! + Wo bist du? wer bist du? wie, sprich, nenn ich dich nur? + Das macht den Unmut mir im Herzen doppelt heiß, + Daß ich auch nicht einmal von ihr den Namen weiß. + Mich däuchte, kühlen würd es schon der Sehnsucht Brennen, + Wenn ich dem Winde nur dürft ihren Namen nennen! -- + Er dachte nicht daran, den Troß der Burg zu fragen; + Was, dacht er, können die von meiner Liebe sagen? + + + 39. + + Da rief er seiner Schaar: Geschwind, und holet mir + Herauf aus seiner Haft vom Lager den Hedschir! + Er ist ja gestern noch hier oben Herr gewesen; + Wen beßer könnten wir zur Auskunft uns erlesen? + Er soll des leeren Nests Gelegenheit uns deuten; + Verborgne Schätze sind gewis hier zu erbeuten. + Er riefs, und jene trieb nach Schätzen die Begier + Geschwind den Berg hinab, sie holten den Hedschir. + Er kam, und Feßeldruck beschwerte seine Glieder, + Doch schwerer noch drückt' ihn Gefühl der Scham danieder; + Denn frei hier war er einst, und kam gefangen wieder. + Doch auf die Seite nam ihn alsobald Suhrab, + Mit sanften Worten nam er ihm die Feßeln ab: + Du bist, so frei du hier gewesen, wieder jetzt, + Sogleich auf diese Burg von mir als Vogt gesetzt, + Wenn ohne Hinterhalt du mir den Namen nennest + Von einer, die du nur zu gut, ich weiß es, kennest, + Und sagst du mir, wo sie ist, wo ich sie finden mag? + Denn ohne sie will ich nicht bleiben einen Tag! + Er sprach es, und das Wort war für Hedschir ein Schlag. + Zur Antwort gab er ihm: Wenn dir sie Gott beschied, + Den Namen nenn ich wol, sie heißt Gurdaferid. + Ich staune, wie du selbst, sie nicht zu sehn hier oben; + Wer weiß, wo seinen Schatz der Vater aufgehoben! + Gern würd ich dir den Platz, wenn ich ihn wüßte, sagen. + Sie hat ein Geist entfürt, ein Sturmwind fortgetragen; + Du mußt die Zauberin dir aus dem Sinne schlagen. + Er schwieg, und wußte wohl, auf welchem Weg den Schatz + Der alte Drach entfürt, an welchen sichern Platz. + Doch sein Geheimnis war des Nebenbulers Heil; + Es war ihm um die Burg und um die Welt nicht feil. + Für Persien diese Burg zu halten wäre schön, + Dacht er, und frei als Herr zu walten auf den Höhn; + Doch übel ist der Preis und schlimm die Gegengabe: + Nicht kommen soll durch mich auf ihre Spur der Knabe! -- + Vom Vorteil seines Lands und seinem ungerürt, + Vom Wunsch der Freiheit selbst, blieb er von Lieb umschnürt, + Und ward in Feßeln, wie er kam, hinweg gefürt. + + + 40. + + Doch Suhrab gieng nunmehr im weiten Schloß umher, + Und fand den Raum von dem, wornach er suchte, leer. + Da sprachen, die es sahn: Nach Schätzen suchet er. + Und suchen gieng im Schloß nach Schätzen auch das Heer. + Er aber suchte fort und fort sie hier und dort; + Am einen fand er nichts, und sucht' am andern Ort. + Er dachte, daß sie doch sich müße wo verstecken, + Und immer hoffte noch sein Herz, sie zu entdecken. + Wie ein verlegt Gerät man sucht an jedem Flecke, + Wo man es schon gesucht, und suchts in jeder Ecke, + Wo mans nicht fand, und denkt, daß es doch wo noch stecke. + Er gieng zur Zinn hinaus, wo er von unten hoch + Sie gestern stehen sah; stehn wird sie da heute noch! + Er freute sich, zu stehn, wo sie zuvor gestanden, + Und ließ den Blick hinaus umschweifen in den Landen. + Er sah darauf die Berg' und jede Thalschlucht an, + Ob sie hindurch villeicht genommen ihre Bahn. + Er fragt' um sie, von der er wußte nun den Namen, + Die Wolken und die Lüft, ob sie von ihr nicht kamen. + Mit Wind und Sonnenschein sprach er, mit Pflanz und Stein + Sprach er von ihr, nur mit den Leuten nicht allein. + Die Leute plünderten, zerhieben und zerstachen, + Zerschmißen, rißen ein, zerwülten und zerbrachen. + Sie suchten einen Schatz, und weil sie keinen Schatz + Am Platze fanden, ward zerstört dafür der Platz. + Doch Suhrab, dessen Herz ein andres kümmerte, + Sah unbekümmert drein, wie alles trümmerte. + Er sah, und sah es nicht, wie man die Burg zerstörte, + Alsob sie noch dem Feind, nicht schon ihm selbst gehörte. + + + 41. + + Zu dem in Liebeslust gefangnen jungen Mann + Mit Mahnung und Verweis trat Barman und begann: + Wie? um ein dunkles Haar und helles Angesicht + Vergißest du die Welt, dich selbst und deine Pflicht! + Die Helden, so die Welt noch jetzt am höchsten hält, + Sie hielten höher als sich selbst nichts auf der Welt. + Sie gaben aus der Hand nicht achtlos und bedachtlos + Das Herz und den Verstand, vom Rausch der Liebe machtlos. + Wol manches Moschusreh fiengen sie ein im Scherz, + Doch binden ließen sie im Ernste nicht ihr Herz. + Denn, wer dem Adler gleich will um die Sonne werben, + Darf wie die Nachtigall nicht um die Rose sterben. + Nicht mit Eroberung von einer Welt vereint + Sich dieses, daß in Gram um einen Mond man weint. + Sohn hat zum Ruhme dich genant Afrasiab, + Und über Land und Meer schwingst du der Herrschaft Stab. + Aus Turan kamen wir hieher zu einem Werke, + Begonnen wards mit Kraft, und sei vollfürt mit Stärke! + Dir fiel ohn einen Streich des Schwertes in die Hand + Solch eine Burg, und frei steht dir nun Irans Land. + Doch ob wir so im Spiel erreichten dieses Ziel + Des Wunsches, doch bevor steht uns noch Arbeit viel. + Der König Kawus wird mit seinen Helden nahn; + Willst du entgegengehn? willst du sie hier empfahn? + Willst du entgegengehn? kleb hier nicht an den Hallen! + Willst du sie hier empfahn? laß nicht die Burg zerfallen! + Was überlieferst du in Blindheit und Betörung + Das erste Pfand des Glücks den Händen der Zerstörung? + Mach, es ist dir zu schwül, dein Herz im Busen kühl + Von Liebe, willst du stehn ein Mann im Schlachtgewühl! + Und willst du sein ein Kind, so ruh auf weichem Pfühl! + So mahnte Baruman; Suhrab hatt ihm verraten + Sein Herzgeheimnis nicht: er hatt es selbst erraten. + + + 42. + + So mahnte Baruman, und als darauf kein Wort + Suhrab erwiderte, fur er zu mahnen fort: + Du hast aus eignem Mut, o Jüngling, unternommen + Ein großes Werk, und wirst mit Glück zum Ziele kommen, + Wenn eins mit dir du bist! Mit dir eins, wirst du siegen; + Uneins mit dir, wirst du dir selber unterliegen: + Der Kopf besinnungslos wird unters Herz sich biegen. + Nur wer mit Festigkeit und mit Verstand ausfürt + Das Unternommne, weiß daß ihm der Ruhm gebürt. + Den Leun zu fangen, bist du auf die Jagd gegangen; + Laß dich nicht unterwegs vom bunten Panther fangen! + Bist du ein Held, ein Mann, die Welt zum Raube nim! + Die Hand streck aus! dem Schah vom Haupt die Haube nim! + Wenn diese Länder all erst deiner Herrschaft fröhnen, + Werden dir allerwerts auch huldigen die Schönen. + Die Schönheit ist die Blum, o Sohn, auf dem Gefild + Des Lebens, und die Lieb ein Thau auf Blumen mild. + Nie fehlen möge dir, o Jüngling, auf der Au + Der Jugend und des Glücks die Blume noch der Thau! + Befestige dieß Schloß zu Ehren der darinn + Erblühten, ihr zum Ruhm befestge deinen Sinn! + Wenn dir von hier der Sieg ganz Persien beschied, + In Persien ist mit inbegriffen Gurdafrid. + Wenn du den Rostem wirst vom Ross zu Boden ringen, + Laß ihn als Lösepreis Gurdaferid dir bringen! + So Baruman, und wie ein Stral durch Nebel brach + Die Red in Suhrabs Seel, er ward vom Traume wach. + Ja, rief er, von dem Ross will ich den Rostem bringen, + Und will als Lösepreis Gurdaferid bedingen! + Dem Heer gebot er: Reißt nicht, was wir haben, ein! + Und baut es wieder, daß es mög unnembar sein! + Dann setzt' er sich und schrieb Brief' an Afrasiab, + Worin er ihm Bericht vom ersten Siege gab. + + + + + Fünftes Buch. + + + 43. + + Doch zu Keikawus kam nach Istachar der Brief + Des Gesdehem, womit in Eil der Bote lief. + Der König, als er nun den Brief las, und vernam + Die üble Zeitung, ward sein Herz voll dunklem Gram. + Darauf er seines Heers Gewaltige berief, + Und viel verhandelt' er mit ihnen ob dem Brief. + Sie saßen um den Schah von Iran alle her, + Und allen ward das Herz wie ihm von Sorgen schwer. + Die Großen seines Reichs und Starken saßen alle + Ratschlagend mit dem Schah in der Chosroenhalle: + Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham, + Gurase, Gurgin, Gew, Milad, Ferhad, Behram. + Denselben allen gab der Schah den Brief zu lesen, + Und sprach mit ihnen dann von Suhrabs Art und Wesen: + So ist aus Turans Schooß ein neuer Kriegessturm + Gebrochen! seinem Stoß wankt Irans Friedensturm. + Schon ist in seiner Hand die weiße Veste jetzt, + Auf welche wir umsonst der Hüter zwei gesetzt. + Der alte gieng davon, der junge ließ sich fangen. + Guders! mit deinem Sohn Hedschir darfst du nicht prangen! + Du hast der Söhne viel; warum gerade gaben + Die Burg wir dem, der sie nicht hielt vor einem Knaben? + Doch, wie der Alte schreibt, so ist kein Mann der Welt, + Der diesem Ungetüm von Kind die Stange hält, + Als Rostem, Sabuls Held. Ihr, denen ist empfolen + Die Wolfart Irans, sprecht: soll man den Rostem holen? + Da sprachen Groß und Klein, und riefen insgemein: + Rostem ist Irans Held, geholt soll Rostem sein. + Im Kampf mit Turan war stets Rostem Irans Hort; + Aus Sabulistan sei er eingeholt sofort! + Der Schah schreib einen Brief, worin ihm werd empfolen + Zu eilen; aber Gew, sein Eidam, geh ihn holen. + + + 44. + + Da saß der Schah und schrieb an Rostem einen Brief, + Worin er Gottes Preis ob ihm zum Eingang rief: + Hort der Iranier, Fürst von Sabulistan! + Stets sei vom Ruhm genant des Reiches Pehlewan! + Von Turan ist ein Sturm und Friedensbruch gekommen, + Die weiße Burg hat er den Hütern abgenommen. + Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme, + Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme; + Ein Wetterstral, ein Brand, ein Recke sonder Scheu, + Von Leib ein Elefant, von Herz und Mut ein Leu. + Wie Gesdehem uns schreibt, so ist kein Mann der Welt, + Der diesem Wagehals von Kind die Wage hält, + Als du nur, Irans Held! All meine Ritter saßen + Zu Rate, wo mit mir sie diese Fahr ermaßen, + Und einig sind sie, daß mit ihm den Kampf kann üben + Kein anderer, nur du magst ihm das Waßer trüben. + Denn du bist unser Hort und Schmuck und Putz allein, + Du Irans Rettungsport und Turans Trutz allein, + Die Stütze fort und fort des Throns und Schutz allein. + Nun gilt es, der Gefahr mit Kraft Entgegenstemmung, + Die Brust von Iran frei zu machen von Beklemmung; + Hemmung und Dämmung gilts von Turans Ueberschwemmung! + Sobald du diesen Brief erbrochen hast, brich auf! + Im Augenblick brich auf, und halte dich nicht auf! + Stehst du, wo dieser Brief ankommt, nicht sitze nieder + Zu lesen! sitzest du, erheb im Sprung die Glieder! + Wenn in der Hand den Strauß du hältst, zu riechen, reuch nicht + Daran! wirf hin den Strauß, zeuch aus, zeuch! und verzeuch nicht! + Bist du vor deiner Tür, so geh nicht erst ins Schloß! + Laß holen Schwert und Helm, und hol im Stall dein Ross! + Sitz auf dein Ross! den Rachs laß rennen! flieg herbei + Aus Sabul wie ein Sturm! erheb ein Feldgeschrei! + + + 45. + + Er schrieb und siegelte den Brief mit buntem Wachse, + Gab ihn dem Gew, und sprach: Nun renne gleich dem Rachse; + Nach Sabul renn und flieg, alsob du hättest Flügel! + Nun gilts am Rösslein abzunutzen Zaum und Zügel. + Wenn du nach Sabul kommst zu Rostem, heiß ihn eilen! + Verweilen laß ihn nicht, und laß dich nicht verweilen! + Kommst du an spät des Nachts, so kehr um früh des Tags! + Sags ihm, daß nah der Kampf herandrängt, sags ihm, sags! + Da nam den Brief zur Hand und eilte hin der Bote; + An Waßer dacht er nicht, und fragte nicht nach Brote; + Er fragt' auf seinem Weg nach Staub nicht oder Kot, + Und auch am Himmel nicht nach Früh- und Abendrot. + Er flog auf seinem Ross in ungestümer Hast, + Und gönnte weder ihm noch sich Schlaf oder Rast. + Der Reuter und sein Ross, sie fühlten ihre Kräfte + Verdoppelt vom Beruf der wichtigen Geschäfte; + Als dienete zu Sporn des Reiches scharfe Not, + Zu Geißelhieb des Schachs eindringliches Gebot. + Als er zur Mark hinan ritt von Sabulistan, + Ward vom Wachpostenruf dem Rostem kund getan; + Aus Iran fliegt ein Bot alswie ein Sturm heran. + Doch Rostem zu Sewar, zu seinem Bruder, sprach: + Reit ihm entgegen, sieh, warum ihm ist so jach! + Dem Königsboten ritt Sewar auf hohem Ross + Entgegen, Rostem blieb in Ruh auf seinem Schloß. + Doch als der Bruder nun kam mit dem Boten näher, + Wie er den Eidam sah, da freute sich der Schwäher. + Er grüßt' ihn schön und sprach: Was bringst du, Tochtermann? + Ein Schreiben von dem Schah! gibs, ob ichs lesen kann! + Er nam den Brief, den er mit Augen überlief, + Dann schwieg er lange Zeit, und dachte nach dem Brief. + + + 46. + + Ich denk an alte Zeit, vergeßen manches Jahr, + Und jetzt erinnr' ich mich, alsob es gestern war. + Wie lange kann es sein? unmöglich ist der Knabe + Mein Sohn, wenn einen Sohn ich in Semengan habe. + Unmöglich, wenn mir dort ein Herz- und Seelerfreuer + Erwächst, ist er bereits ein Mann und Heerzerstreuer. + Jetzt trinket er noch mit milchduftiger Lippe Wein; + Doch ohne Zweifel bald wird er ein Kämpe sein. + Wann seine Zeit kommt, wird sein Arm die Keule schwingen, + An Tapferkeit wird er mit seinem Vater ringen. + Aufblühen neu in ihm wird Rostems Heldenfeuer, + Der Jüngling wird dem Greis der Jugendkraft Erneuer; + Jetzt ist er noch kein Mann der Schlacht und Heerzerstreuer. + Wann er erwachsen ist, wird ihn die Mutter schicken, + Und um den Arm das ihm bestimmte Zeichen stricken. + Erkennen werd ich ihn, und er wird mich erkennen, + Denn meine Zeichen wird ihm auch die Mutter nennen; + Nicht feindlich werden wir uns dann im Kampf anrennen. + Zusprechen wird er mir mit sittigem Zuspruch, + Nicht kommen mit gewalttätigem Gastbesuch, + Nicht mit der Tür ins Haus, ins Land mit Waffen fallen, + Anklopfen wird er erst an seines Vaters Hallen, + Und diese sind ihm aufgetan mit Wolgefallen! + Ich habe keinen Sohn in Persien, um ihn + Als Erben meines Ruhms und Namens zu erziehn, + Als Erben meines Guts und Reichs Sabulistan. + »Ein Türkenknabe taugt nicht zum Reichspehlewan« + Wird Kawus sagen; doch nach Kawus frag ich nicht. + Doch gerne möcht ich sehn dem Jungen ins Gesicht, + Der Suhrab ist genannt, die junge Kriegesflamme, + Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme! + Ich könnt ihn nach dem Kind und seiner Mutter fragen, + Und einen Gruß an sie nach Turan ihm auftragen, + Den trüg er hin, wenn ich ihn hier nicht hätt erschlagen! + + + 47. + + So sprach der alte Held in tiefbewegtem Sinn, + Und all sein Denken schuf ihm lauter Ungewinn. + Dann blickt' er auf, und sprach zum Boten, den er fast + Vergeßen hatte: Komm! für heut bist du mein Gast. + Es ist nicht Eilens Not mit Krieg und Kriegsgebot: + Ich seh nicht, was dem Reich von Iran Großes droht! + Nun machte wol mich scheu ein reckenhafter Knabe, + Da ich nicht Furcht vor Leu und Elefanten habe? + Es sollt ein blinder Schreck mich gleich in Harnisch bringen, + Und stehndes Fußes sollt ich auf den Rachs mich schwingen? + Weil gegen ihn ein Tropf die weiße Burg verlor, + Ist drum der Brausekopf schon vor der Hauptstadt Tor? + Ein knabenhafter Mann, wieviel er Kraft gewann, + Wenn sich zu rühren erst für ihn mein Schaft begann, + Sehn werdet ihr, wielang er seiner Haft entrann! + Ich wurde fertig sonst mit Riesen und Dämonen, + Ich fürchte mich vor nichts, was hinterm Berg mag wohnen. + Er wird sich hüten uns ins Garn herein zu springen; + Wir werden zeitig ihm den Tod entgegen bringen. + Soll in Bewegung erst sich setzen Meeres Braus? + Das Glimmen geht von selbst des Aschenhäufchens aus. + Wir werden bald genug auch diesen Weltbrand dämpfen; + Heut hab ich keine Lust für Keikawus zu kämpfen. + Kommt! eh auf seinen Wink wir morgen Türken hetzen, + Will ich mich heute noch mit lieben Freunden letzen. + Wir schlagen aus dem Sinn die Schlacht uns beim Gelag, + Bei hellem Becherklang und frohem Lautenschlag, + Und machen vor der Nacht uns einen guten Tag. + Du, Eidam, sollst mir was von meiner Tochter sagen, + Vom jungen Recken auch, den ich euch todt soll schlagen! + Die Herrlichkeit der Welt wird all am Ende Staub; + Begießen wir mit Wein des Lebens grünes Laub! + Seware! geh ins Haus, bestell uns einen Schmaus! + Wir leeren vor der Nacht noch manchen Becher aus. + + + 48. + + So rief der alte Held aus aufgeregter Seele; + Sein Bruder tat, wie er gewohnt war, die Befele. + Und auch der Eidam wagte nicht zu widersprechen; + Er wußte, daß mit ihm nicht gut sei Lanzen brechen. + Der alte Recke ließ sich durch den Sinn nicht faren; + Starr war sein Kopf und hart, besetzt mit struppigen Haaren. + Dem Schwäher folgte Gew vergnügt ins Haus zum Schmaus, + Und dachte: Mach er mit dem Schah es selber aus! + Wir wollen heut mit Wein die staubgen Lippen netzen, + Und morgen können wirs durch schärfern Ritt ersetzen. + Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag, + Das Fest geschmückt war wie ein Frühlingsrosenhag. + Alswie ein Rosenhag, geschmückt mit Duft und Glanze, + Mit Nachtigallenschlag und blühndem Rosenkranze; + So blühte das Gelag von Sang und Klang und Tanze; + So mühte sich die Kunst geübter Tänzerinnen, + Vom Wirte Gold, und Gunst vom Gaste zu gewinnen. + Sie dachten an den Feind und an den König nicht, + Und sahn nur Rosenwang und Mondenangesicht. + Vom Schenken ließen sie den roten Wein sich schenken, + Und durften nicht dabei an Blutvergießen denken. + Sie schöpften Wonn auf Wonn aus unerschöpfter Tonne; + Froh war hinunter schon getrunken Tag und Sonne. + Zum Trunke leuchteten noch ihnen Sternefunken, + Bis alle vom Gelag zum Lager giengen trunken. + + + 49. + + Am andern Morgen trat der Eidam reisefertig + Zu Rostem ein, und war des Aufbruchs nun gewärtig. + Doch Rostem sprach vergnügt: Du schliefest zeitig aus; + Gut, daß zu kurz der Tag uns werde nicht zum Schmaus! + Nun heute wollen wir erst recht behaglich schmausen; + Wer weiß, wie bald herein des Unheils Wogen brausen! + Wir wollen aus dem Sinn uns schlagen Graun und Grausen; + Gut Obdach haben wir, der Sturm mag draußen sausen! + Villeicht wird nie so froh uns mehr dieß Haus behausen. + Mir ist, als sollt ich mich zum letztenmal der meinen, + Der guten Freunde freun, die sich um mich vereinen! + Ihr beiden, kommt, und setzt zur Rechten und zur Linken + Euch um den Rostem her, und helft dem Rostem trinken! + Sewar, mein Bruder, hier! hier Gew, mein Tochtermann! + Mir träumte Nachts daß ich auch einen Sohn gewann. + Das kam mir in den Sinn durch jenen Türkenknaben, + Mit welchem sie vom Hof den Kopf betäubt mir haben. + Nachbringen sollst du heut beim Weine, Gew, mir dessen + Beschreibung, weil beim Wein sie gestern ward vergeßen. + Kommt, setzet euch, und laßt uns hören vom Suhrab, + Was Gew zu sagen weiß, ob dieser Wunderknab + Ist wirklich einzig auf der Welt der weiße Rab! + So sprach er, und zuerst hinpflanzt' er seine Glieder; + Der Bruder durfte nichts, der Eidam nichts dawider + Ihm sagen; wie er saß, setzten sich beide nieder. + Sewar, der Bruder, rechts, der Eidam Gew zur Linken, + Bei Rostem saßen sie, und er begann zu trinken. + Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag; + Das Fest geschmückt war wie ein Himmelsrosenhag, + Mit Glanz und Tanz und Sang und Klang und Lautenschlag. + Beim Trinken sprachen sie, bis sie den Tag hinab + Getrunken und herbei den Schlummer, von Suhrab. + + + 50. + + Des andern Morgens trat der Bote reisefertig + Zum Pehlewan, und war des Aufbruchs nun gewärtig. + Er wartete, und sah daß nicht von selbst aufbrach + Rostem, da faßte Gew sich nun ein Herz und sprach. + Bedachtsam sprach er: Held! vernimm ein Wort in Huld! + Nun reize länger nicht des Schahes Ungeduld! + Kawus, das weißt du ja, ist jäh in jedem Ding; + Und diese Sache wiegt ihm keineswegs gering. + Drum sandt er Botschaft dir durch keinen andern Boten + Als deinen Tochtermann, und Eil hat er geboten. + Denn dieser junge Türk ist ihm ein großer Kummer, + Der Eß- und Trinkens-Lust und Ruh ihm raubt und Schlummer. + Und wenn wir länger noch in Sabulistan säumen, + Wird ihm das weite Reich zu eng in allen Räumen. + Sprich, lieber Schwäher, soll ich dir den Rachs nicht zäumen? + Im ungefügen Zorn möcht er sich uns erbosen; + Zorn des Gebietenden bringt Boten keine Rosen. + Zu ihm sprach Rostem: Laß dir das nicht Sorge werden! + Niemand darf zürnen mir und meinem Tun auf Erden. + Keikawus weiß das wol, daß er zu dieser Frist + Durch Rostems Macht allein in Iran König ist. + Er weiß auch, daß mein Schwert ihn nie im Stiche ließ, + Wo oft in Ungemach sein toller Mut ihn stieß. + Doch heute dünkt es selbst mir Zeit nun aufzubrechen; + Nun wollen wir es erst beim Morgentrunk besprechen. + So sprach er, und alsbald mit Prachtgepräng und Prunk + Ließ er bestellen dort im Saal den Morgentrunk. + Die Flasche neigt' er tief, und hob den Becher hoch, + Mit seinem Eidam sprach er dieß und jenes noch. + Den Sattel nun gebot er auf den Rachs zu heben, + Und ließ dem ehrnen Mund der Zinken Atem geben. + Die Krieger Sabuls, wie sie hörten Rostems Zinke, + Rings strömten sie herbei, willfärig seinem Winke. + Er übersah mit einem Blick die starke Schar, + Und merkte, daß kein Ding der Welt zu schwer ihm war. + Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, + Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. + Rostem ritt im Gespräch mit Gew voraus, es war + Hauptmann bei Sabuls Heer an seiner Statt Sewar. + + + 51. + + Die Kunde kam zur Stadt, Rostem sei auf den Wegen; + Die Fürsten zogen ihm eine Tagreis' entgegen: + Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham, + Gurase, Gurgin, Milad, Fehrhad und Behram. + Ferabors, Sohn des Schachs, und der Kronfeldherr Tus, + Samt allen übrigen, mit ehrerbietigem Gruß, + Entgegen traten sie dem reitenden zu Fuß. + Zu Fuß hernieder trat auch Rostem von dem Ross, + Grüßend, und im Geleit hinwandelt' er zum Schloß. + Hinwandelten zum Schloß vergnügt und unbeklommen + Alle, sie waren froh, daß Rostem nur gekommen. + So traten sie im Chor dort in die offne Halle + Des Throns, mit offnem Blick und offnem Herzen alle. + Doch wie sie grüßend sich dem goldnen Thron geneigt, + Saß droben Keikawus finster und ungeneigt. + Dem Ruf der Huldigung gab er die Antwort nicht, + Und schweigend wendet' er von ihnen sein Gesicht; + Worauf er gegen Gew erst einen Schrei ausstieß, + Und gegen Rostem dann den Unmut frei ausließ: + Wer ist Rostem, daß er ein Wort aus meinem Munde + Mit Füßen tritt, und sich entziehet meinem Bunde? + Hätt ich ein Schwert zur Hand, ich wollte laßen tanzen + Vom stolzen Rumpf sein Haupt gleich einer Pomeranzen. + Tus, greife mir das Paar, und führe sie davon, + Bring an den Galgen mir Schwäher und Schwiegersohn! + Er riefs, und sprang vor Zorn auf seinem Thron empor, + Auflodernd ungestüm alswie ein Feur im Rohr. + Der ganze Kreiß umher der Fürsten war betroffen, + Daß seinen Zorn der Schah so durft auslaßen offen. + Tus zauderte und wagt' an Rostem nicht die Hand + Zu legen, da geriet Keikawus erst in Brand. + Er brüllte durch den Saal alswie ein Leu im Forste, + Und schrie vom Throne wie ein Adler kreischt vom Horste: + Verräter, wer die Hand nicht legt an den Verräter! + Ein Uebertreter, wer nicht greift den Uebertreter! + Fort mit ihm auf der Stell, aus meinen Augen fort! + Und sagt dagegen mir kein unverständig Wort! + + + 52. + + So schnaubt' er, und vor Leid dem Tus das Herz zerbrach, + Daß er an Rostem sollt anlegen Hand mit Schmach. + Er faßt' ihn, nur damit er ihn aus dem Gesichte + Dem Kawus brächte, bis man dessen Zorn beschwichte. + Die Fürsten staunten, wie er faßte Rostems Hand, + Und Rostem wars allein, der nichts davon empfand. + Denn Rostems Seele schwoll von Groll und Unmut voll, + Daß vor den Fürsten ihm der Schah das bieten soll! + Er richtet' um ein Haupt noch höher sich empor, + Und um die Schultern schien er breiter als zuvor. + Dann tat er seinen Mund zu kühnen Reden auf, + Frei gegen Kawus ließ er seinem Zorn den Lauf: + Wer bist du, und wer ich, daß du so gegen mich + Darfst schnauben? auf der Welt bist du ein Schah durch mich. + Droh mit dem Galgen doch dem Suhrab, der dich schreckt, + Dem Ritter nicht, der dir den Feind zu Boden streckt! + Bin ich dein Untertan? Ich bin der Pehlewan + Des Reiches Iran und Fürst in Sabulistan. + Ich bin Tehemten, der, wenn er den Fuß im Grimm + Stampft auf den Grund, der Grund erzittert unter ihm. + Von meines Rosses Huf erhallt des Himmels Dom, + Und staunend still, wo es vorbeirennt, steht der Strom. + Ich bin der Rostem, sieggekrönt und ruhmgeschmückt, + Der wol um einen Schah wie du den Kopf nicht bückt! + Der Sattel ist mein Thron, der Helm ist meine Krone; + Ich spotte deiner Kron, und trotze deinem Throne. + Wer ist Kawus, daß er an mir den Zorn auslaße! + Und wer ist Tus, daß er mich bei der Hand erfaße! + Er riefs, und auf die Hand gab er solch einen Schlag + Dem Tus, daß er davon betäubt am Boden lag. + Hin über ihn und durch die andern schritt er stracks + Zu Hall und Hof hinaus, und schwang sich auf den Rachs. + + + 53. + + Die Fürsten drängten aus dem Saal ihm hinterdrein, + Den Kawus ließen sie mit seinem Zorn allein. + Sie eilten in den Hof, da saß der Rostem hoch + Auf seinem Sattel schon, und sprach vom Sattel noch: + Heim reit ich nun sogleich nach Sabul, in mein Reich; + Dort bin ich König selbst, dem König Kawus gleich. + Mag ohne Widerstand ganz Iran in die Hand + Von Turan fallen! ich behaupte wol mein Land. + Mag euch wie den Hedschir Suhrab vom Rosse stechen, + Und wie das weiße Schloß die Königsburg hier brechen! + Ich wehr ihm nicht, und wer wird ohne mich ihm wehren? + Euch allen rat ich, daß ihr mögt nach Hause kehren! + Kein edler Ritter dient solch einem Herrn mit Ehren. + Ein Hitzkopf sollte doch die Herrschaft nie erwerben! + Er stürzt das Land und stürzt sich selber ins Verderben. + O möcht ein Fürstensproß doch aus der Art nie schlagen, + Kein toller Sohn den Reif nach weisem Vater tragen! + Hab ich den Keikobad vom Berg Albors gebracht + Dazu, ihn auf den Thron gesetzt durch meine Macht, + Daß Keikawus, sein Sohn, sich nun mir unnütz macht? + Die Fürsten wißen, daß sie selbst zum König mich + Begerten! damals setzt ich ein als König dich! + Und hätt ich dort gewollt annemen Kron und Reif, + So trügest du nicht jetzt den Nacken hoch und steif. + Darum mishandle nur mit schnöden Worten mich! + Ich habs um dich verdient! warum erhöht ich dich? + Doch dächten so wie ich die Fürsten, auf dem Thron + Ließen sie dich allein, und giengen auch davon. + Lebt wol! in euerm Land seht ihr mich nimmer wieder; + Eur Land und euch kauf ich nicht um ein Krähengefieder! + So rief er, und im Zorn gab er dem Rachs die Sporen, + Spornstreichs ritt er hinaus zum Hof und zu den Toren. + Wol eine Meile Wegs ritt er auf Sabul zu, + Dann sucht' er gegen Nacht in einer Herberg Ruh. + Sein Zorn kühlt' in der Nacht; er harrte, bis Sewar, + Sein Bruder, käme nach mit Sabulistans Schar. + + + + + Sechstes Buch. + + + 54. + + Die Fürsten sahn ihm nach, verstöreter Geberde; + Denn Rostem war der Hirt, sie alle seine Herde. + Zu Guders sprachen sie: Guders! dieß ist dein Teil; + Durch deine Hand nur kann der Bruch uns werden heil. + Der König hört von dir am ersten noch ein Wort, + Und deiner Söhne Heer sind ihm ein werter Hort. + Geh hin zum Schah, und auf die Flamme seines Zornes + Spreng einen kühlen Thau aus Füllen deines Bornes! + Sprich Worte lind und stark, ihm zur Beschwichtigung, + Zu dieser mislichen Ergangs Berichtigung! + Gew, aber du sitz auf, und reit dem Schwäher nach, + Hol ihn uns ein, eh er nach Sabul heimfärt jach! + Der Gew saß auf und ritt, zusammen saß der Rat + Der Fürsten, weil den Gang Guders zum Schloß antrat. + Sie sprachen unter sich voll Kummer und Verdruß, + Daß heute nicht der Schah that, wie ein König muß; + Daß er mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt, + Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt. + Der Edlen Freundschaft müß ihm wol nicht nahe gehn, + Daß er so rücksichtlos beschimpft den Edelsten! + Der auf den Thron ihn hob, und der in jeder Far + Die Stütze seines Throns und Irans Zuflucht war! + Wenn an den Galgen er dafür will Rostem henken: + An was dann sollen wir, als schnelle Flucht nur, denken? + Denn ohne Rostem ist in Iran uns kein Halt, + Erliegen werden wir vor Turans Kampfgewalt; + Wenn nicht noch diese Nacht der Schah sich läßt erbitten, + Ihn zu besänftigen, eh er nach Haus geritten. + So ratlos hielten dort die Fürsten ihren Rat, + Indess Guders hinan zum zorngen König trat. + + + 55. + + Er sah ihn auf dem Thron in düsterm Unmut sitzen, + Gleich einer Wolke, die sich hat erschöpft mit Blitzen, + Geneigt, nachdem sie ausgewettert hat, zu regnen; + So wagte Guders ihm mit Worten zu begegnen: + O Fürst, ein König ist Haupt über Volk und Land; + Der Kopf soll haben für den ganzen Leib Verstand. + Wer guten Rat nicht hat, soll guten Rat annemen, + Und schlimmgemachtes gut zu machen sich nicht schämen. + Du hast ein harsches Wort zum Schaden und zur Schmach + Entsendet, send ihm auf dem Fuß ein sanftes nach! + Du hast mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt, + Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt. + Nicht gegen Rostem hast du deinen Zorn bezämt; + Die Edlen, weil sie ihn beschimpft sehn, sind beschämt: + Gestumpft ist Irans Schwert, des Mutes Arm gelämt. + Wenn jener Türke nun mit seiner Heermacht Wellen + Daherbraust, welchen Damm willst du entgegen stellen? + Der Gesdehem, der all die Deinen groß und klein + Von Hörensagen kennt, und kennt von Augenschein, + Sagt, daß dem Suhrab gleich in Iran kein Verwegner + Noch Turan sei, für ihn sei auf der Welt kein Gegner, + Als Rostem, den du nun durch ungestüme Hast + Des Herzens dir, dem Land und uns entwendet hast! + Warum? weil einen Tag zulang er ausgeblieben, + Hast du ihn lieber gar auf immer fortgetrieben! + Weil er drei Tage lang zu Haus uns hat gesäumt, + Sehn wir das Feld der Schlacht nun ganz von ihm geräumt! + Die Fürsten alle, die Heil wünschen deinem Thron, + Die Fürsten all, o Fürst! Ferabors auch, dein Sohn, + Einmütig haben sie zu deines Thrones Stufen + Mich hergesandt, zu flehn, Rostem zurück zu rufen! + Ferabors schützt dich nicht, dein Sohn, o Keikawus, + Wie stark er sei, dich schützt nicht dein Kronfeldherr Tus, + Noch all die andern sonst, die deinem Zepter fröhnen; + Ich schütze selbst dich nicht mit meinen achtzig Söhnen. + Sie werden alle nicht schnell wie Hedschir erliegen, + Doch ohne Rostem sind wir nicht im Stand zu siegen. + + + 56. + + So sprach der edle Greis und schwieg, doch Kawus nam + Zu Herzen, daß der Rat aus gutem Sinne kam. + Zu Guders sprach er: Wolgesprochen ist das Wort + Der Alten: Greisenmund voll Rates ist ein Hort. + Mich reuts, es reuete mich schon, was ich im Kochen + Des ungestümen Bluts Verletzendes gesprochen. + Geht schnell dem Rostem nach, den Ritter zu beschwichtigen, + Und bringt ihn her, damit wir das Versehn berichtigen! + Mit großer Freude nam Guders das gute Wort; + Heil, rief er, sei dem Schah! und gieng in Freude fort + Zur Ratsversammlung dort, die harrten ungeduldig + Ob huldig jetzt der Schah sei oder noch unhuldig. + Denn unstet immerhin ist eines Fürsten Sinn; + Da stiftet Schaden bald ein Wort und bald Gewinn. + Das Wort ist gleich dem Oel, doch eines Königs Mut + Ist bald wie Meeresflut, und bald wie Feuerglut. + Das Oel, gegoßen in die Flamm, erneut ihr Leben; + Gegoßen auf die Flut, macht es die Wogen eben. + Drum waren hocherfreut die Fürsten allzusammen, + Daß dort auf Wogen traf das Oel, und nicht auf Flammen. + Sie fühlten ihre Brust von einem Band entkettet, + Und von dem Dornenpfül auf Rosen sich gebettet, + Als Guders Kunde gab, wie sich die Flut geglättet, + Und riefen eines Munds: Nun ist Iran gerettet! + Zurückgewonnen ist dem Reich sein Pehlewan, + Der ihm des Sieges Bahn vorangeht auf Turan. + Nun laßt den Ritter uns nur unterwegs einholen, + Eh noch in Sabul er vom Fuße schnallt die Solen! + + + 57. + + Zu Rosse stiegen sie, und ritten bei der Nacht + Hinaus, wo Botschaft schon dem Rostem Gew gebracht. + Er hörte den Bericht vom Eidam an verdroßen, + Und blieb zur Heimkehr nach Sabulistan entschloßen, + Sobald nur mit der Schar ihm käme nach Sewar; + Statt dessen stellten sich ihm jetzt die Fürsten dar. + Zu bitten traten sie hinan zum Pehlewan, + Der, wie er nahn sie sah, aufstand sie zu empfahn; + Doch Guders trat voran, und hub zu bitten an: + Wir bitten dich vom Schah, ich komm in seinem Namen; + Sieh alle Fürsten hier, die dich zu bitten kamen! + Für Iran bitten wir, dess Pehlewan du bist, + Für Irans Volk, das dir zum Schutz empfolen ist; + Für seine Jünglinge, die kämpfen lernen sollen, + Für seine Männer, die im Kampf dir folgen wollen; + Für seine Greise, die sich selber nicht mehr nützen, + Für seine Kinder, die sich noch nicht können stützen, + Für seine Fraun, die du versprochen hast zu schützen! + Warum willst du zum Raub der Türken hin uns werfen, + Weil dich ein Königswort verletzt mit bittern Schärfen? + Du weißt ja, daß Kawus hat wenig Hirn im Haupt, + Und heftger Zorn ihn oft des Sinnes gar beraubt; + Dann ist sein Wort nicht fein, wenn er im Unmut schnaubt. + Er spricht geschwind ein Wort, das er geschwind bereut, + Worauf er schnell die Hand auch zur Versöhnung beut; + Er bietet sie durch uns, weis' uns zurück nicht heut! + Ist doch kein giftges Schwert das Wort, das dich gestochen! + Und zürnest du dem Schah um das, was er gesprochen; + Doch die Iranier, was haben sie verbrochen, + Daß du sie strafen willst für seinen Unverstand, + Dein Angesicht in Nacht abwenden ihrem Land? + Doch auch der Schah streckt dir entgegen seine Hand. + Er ist der Schah, und hat zu lohnen und zu spenden; + Vergelten wird er dir mit voller Gnade Händen + Den Zorn und den Verdruß; Verdruß und Zorn laß enden! + Und folg uns mit dem Rachs zu dem, der uns geschickt, + Dem Schah, der schon vom Thron nach dir erwartend blickt. + + + 58. + + Doch Rostem sprach: Er mag nach mir nur lange blicken! + Solch edle Boten hat er nun nicht mehr zu schicken. + Wenn diese nicht an mir verdienten Botenbrot, + Wer tuts ihm dann? Er ist mir ganz und gar nicht Not; + Ich will nicht sein Geschenk, und will nicht sein Gebot. + Nach Sabul kehr ich heim, wo ich ein König bin + Wie Kawus, walten kann ich dort nach meinem Sinn. + Hier sind ja Ritter gnug, die Marken zu verteidigen! + Er soll nur alle wie den einen nicht beleidigen! + Ich aber zieh nach Haus, die Waffen leg ich nieder + In Frieden, und erheb im Leben sie nicht wieder + Zu Kampf und Schlachten, Blutvergießen, Mord und Wut; + Dem allem sag ich ab und hege Friedensmut. + Ich hab in Ehren lang genug das Schwert gefürt, + Und habe nun vom Schah den Lohn, der mir gebürt. + Warum half aus der Not ich ihm sooft, und bot + Die Hand, wenn Unverstand den Fuß ihm bracht in Kot? + Dafür hat er mir mit dem Galgen nun gedroht; + Weil ich ihm aufgetan einst in Masenderan + Den Kerker, wohinein sein Unsinn ihn getan; + Als von den Zauberern, Schwarzkünstlern und Dämonen + Er sich hinlocken ließ, die dort im Lande wohnen. + Des Landes Frühlingsglanz und goldner Schätze Reiz + Verlockte seine Lust, verlockte seinen Geiz, + Bis er mit seinem Heer und euch, ihr Fürsten, allen + Dort war in die Gewalt der bösen Macht gefallen: + Wer mußt euch da befrein, als ich, aus Teufelskrallen? + Doch was ich sonst getan für ihn und sein Iran + Und euch, ihr wißt es noch: was gehts mich ferner an? + Ich eile nun im Nu zur langen Waffenruh, + Und meine wol, ich bin nicht mehr zu jung dazu. + Ein Adler, der sich schwang wol ein Jahrhundert lang + Zur Sonn, am Ende wird ermatten auch sein Drang. + Als ich aus Sabul ritt, da war mir schwer zu Mut, + Als wär mir dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut. + Auch stolperte mein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt, + Und Helm und Schien hat mich zum erstenmal gedrückt. + Jetzt auf dem Heimweg ist mir leichter in der Nacht, + Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht. + Geht heim zum Schah, sagt, daß ihr mich nicht mitgebracht! + + + 59. + + Doch Guders sprach: Ist das, Rostem, dein letztes Wort? + Und also sendest du mich und die Fürsten fort? + Was wird der Schah von dir, was werden Edle denken? + Unedle gar, worauf wird sich ihr Denken lenken? + Vor jenem Türken ist der Held von Iran scheu; + Den alten Löwen schreckt vom Berg der junge Leu. + Held Rostem fürchtet sich! das ist an Rostem neu. + Wer, wenn er flieht, soll stehn? wer, wenn er wankt, soll dauern? + Wer, wenn er zagt, soll gehn zum Kampfplatz ohne Schauern? + Denn, wie ihn Gesdehem beschreibt, ist kein Verwegner + Dem Suhrab gleich, für ihn ist auf der Welt kein Gegner, + Als Rostem, Sabuls Held; und wenn nun Rostem flieht, + Wer soll verteidigen vor Suhrab das Gebiet? + So muß dem Adler, der sich ein Jahrhundert lang + Zur Sonne schwang, am End ermatten auch sein Drang! + Drum war ihm, als er ritt aus Sabul, schwer zu Mut, + Als wär ihm dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut! + Drum stolperte sein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt, + Und Helm und Schien hat ihn zum erstenmal gedrückt! + Jetzt auf dem Heimweg ist ihm leichter in der Nacht, + Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht! + Am Hofe hör ich schon von Rostem dieß Gerede + Und in der Stadt; wo bleibt dein Ruhm in dieser Fehde? + Willst du nicht unsern Wunsch und deines Schahes stillen, + Tu's nur um deines Ruhms, um deines Namens willen! + Doch Rostem sprach: daß Furcht nie Rostems Herz empfand, + Und nie empfinden wird, das weiß wol dieses Land. + Wie aber kann ich hier mit gutem Willen bleiben, + Da mich von hinnen selbst des Schachs Scheltworte treiben? + Guders mit Nachdruck sprach: Wenn dich sein Wort vertrieb, + Sein Wort ruft dich zurück; so folg ihm, uns zu lieb! + Rostem mit Zögern sprach zu seinem Tochtermann: + Gew, sattle mir den Rachs, weil ichs nicht weigern kann. + Nach Hause kann ich nun allein nicht, weil Sewar, + Mein Bruder, wie es scheint, nicht nachkommt mit der Schar. + Gew sattelte geschwind, und alle saßen auf, + Den Rostem führten sie zur Stadt im Siegeslauf. + + + 60. + + Zu Hofe führten sie im Zug den Pehlewan, + Die Pforten fanden sie weit offen aufgetan. + Als er ihn kommen sah, der Schah eilt' aufzustehn, + Und mit Entschuldigung entgegen ihm zu gehn. + Er sprach: Die Heftigkeit ist mir zur Art gegeben; + Und wie uns Gott gepflanzt, so wachsen wir im Leben. + Von diesem neuen Feind, der uns so plötzlich kam, + Stieg Unmut mir ins Haupt, der mir den Sinn benam. + Du aber bist der Hort des Reichs, des Heeres Rücken; + Auf dich nur sind gelegt die Sorgen, die mich drücken. + Du bist der Edelstein, dem Glanz die Krone dankt; + Du bist der Fels, auf den gebaut der Thron nicht wankt. + Dein Wolsein ists, worauf ich früh den Becher leere, + Und dein Wolwollen, was ich in der Nacht begere. + Mit deiner starken Hand halt ich den Herrschaftstab; + Wir beide stammen ja gerad von Dschemschid ab. + Kein andrer steht so nah dem Herzen und dem Thron; + Mein Leben und mein Reich dank ich dir vielmal schon; + Und nur mein Dank allein ist deiner Taten Lohn. + Stehst du bei mir, so mag die Welt entgegenstehn; + Statt aller wünsch ich nur als Helfer dich zu sehn. + In dieser Kampfnot auch begert ich dein vor allen; + Und wie du zögertest, hat mich der Zorn befallen. + Doch als beleidiget du giengst, o Pehlewan, + Hat mir die Reu sogleich den Staub aufs Haupt getan. + So sprach der Schah und schwieg; doch Rostem sprach: die Welt + Ist dein, ich bin darin zu deinem Dienst bestellt. + Gehorchen meine Pflicht, Befelen ist dein Recht; + Ich beuge mich, du bist der Herr, ich bin der Knecht, + Bereit, wohin du rufst, auf deinen Ton zu gehn, + Der Diener niedrigster an deinem Thron zu stehn. + Verpflichtet deinem Hof bin ich zu Dienstentrichtung, + Dafern ich würdig bin so ehrender Verpflichtung. + Und wäre Leben mir noch tausend Jahr verliehn, + So werd ich nie vor dir des Dienstes Gurt ausziehn. + + + 61. + + Zu Rostem wieder sprach der Schah: O Pehlewan! + Die Seele bleibe dir hell ewig aufgetan! + Nie werde dir die Hand, das Schwert zu füren, schwächer, + Und nie miss' Irans Land den Ritter und den Rächer! + Die neuen Dienste, die du wirst im Kampfe tun, + Wie lohn ich sie? noch unbelohnt sind alte nun. + Was biet ich heute dir als Gast- und Ehrengabe? + Was hab ich, das ich nicht durch deinen Beistand habe? + Was hab ich, das, o Held, du nicht schon selber hast? + In Sabul ist dein Reich und fürstlicher Palast. + Du hast das beste Ross, das schönste Sturmgewand, + Du hast das stärkste Schwert, dazu die stärkste Hand. + Du bist mit allem ausgerüstet unvergleichlich, + Im Felde wie zu Haus versehn mit Schätzen reichlich. + Rostem, was schenk ich dir an diesem Freudentag? + Wähl ein Geschenk dir selbst, was ich dir bieten mag! + Rostem verneigte sich und sprach: Ich wills bedenken; + Inzwischen mag der Schah mir seine Gnade schenken! + Er sprachs, da freuten sich die Fürsten groß und klein, + Da sie gestiftet sahn so gütlichen Verein. + Zu Guders sprach der Schah: Dir dank ich es, daß du + Mir noch vor Schlafengehn ins Haus gebracht die Ruh. + Doch Rostem trat zu Tus, dem tat er nun genug + Dafür daß unsanft erst er auf die Hand ihm schlug. + Der Schah rief: bringet Wein und Saitenspiel herein! + Denn ohne Sang und Klang soll diese Nacht nicht sein. + Zum Kampf mit Suhrab ziehn wir morgen mit dem Tage, + Und feiern im Gelag heut seine Niederlage. + So rief er; und zum Fest ward Wein hereingebracht + Und Saitenspiel, und hell und klangvoll ward die Nacht. + Wie Frühlingsgartenpracht war aufgeschmückt das Maal, + Und Lust war wie ein Bach ergoßen durch den Saal. + + + 62. + + So saßen sie im Haus des Königs nun beim Schmaus; + Da gieng ein froh Gerücht vom Hof zur Stadt hinaus, + Das durch die Straßen lief, und durch die Häuser rief, + Grüßte, was wach noch war, und weckte, was schon schlief. + Jeder, zu dem es kam, und der den Gruß vernam, + Dem schwand davon alsbald der Kummer und der Gram, + Und wuchs die Freudigkeit. Nun aber war beim Wandern + Das fröhliche Gerücht begegnet einem andern, + Das war so traurig anzusehn als jenes froh; + Das frohe hielt es an, eh es ins Dunkel floh. + Da tat das fröhliche Gerüchte seinen Mund + Mit Lachen auf und sprach: wer bist du? tu mir kund! + Und jenes sprach: Ich bin das traurige Gerüchte, + Daß Rostem, von Kawus gekränkt, aus Iran flüchte. + Das ist die Botschaft, die durch Stadt und Land ich trage, + Und jeder wird betrübt, dem ich die Zeitung sage. + Da sprach das fröhliche: Nun streue keinen Frost + Der Furcht umher! sei still! denn falsch ist deine Post. + Die Wahrheit sag ich dir: Held Rostem sitzt beim Schmaus + Mit Kawus heut, und zieht zum Kampfe morgen aus. + Unglaubig schüttelte das traurige Gerücht + Sein Haupt, es glaubte nicht den fröhlichen Bericht. + Aber das fröhliche geriet in Zorn, und rang + So mit dem traurigen, bis es den Feind bezwang. + Das traurige Gerücht vom fröhlichen danieder + Geschlagen lag, und stand die Nacht durch auf nicht wieder. + Froh seines Sieges gieng das fröhliche vondann, + Und wo es gieng und stand, ward fröhlich Weib und Mann. + Abwechselnd sprach es ein in Häusern groß und klein, + Willkommen überall, beliebt wars allgemein. + Und jeder, dem es noch vor Schlafengehn gebracht + Ins Haus die Kunde, schlief dann beßer in der Nacht. + + + 63. + + Sie aber saßen noch beim frohen Maal und tranken, + Bis sie, vom Wein bekämpft, dem Schlaf zur Beute sanken. + Doch morgens, als die Sonn ihr goldenes Panier + Aus Purpurvorhang hob zur Decke von Safier; + Als auf der stillen Flur der Hirt in seinem Pferche + Mit seiner Herd erwacht' am Morgenlied der Lerche: + Da ward die Stadt erweckt von drönendem Metall, + Von rauhen Erzes Mund und von Heerpaukenschall. + Da drangen mit Geschrei Kriegsvölker rings herbei, + Siegsmutig, daß nunmehr bei ihnen Rostem sei. + Vom eignen Fürer ward gefürt jedwede Schar + Aus Iran, und es fürt' aus Sabul die Sewar. + Rostem, der Pehlewan, ritt auf dem Rachs allein; + Nicht einer Schar, dem Heer gehört' er allgemein. + Doch jeder Schar den Platz wies an der Feldherr Tus, + Und Sold aus seinem Schatz der König Keikawus. + Mit Lust sah Keikawus vorbeiziehn jede Schar, + Die vom Feldherren Tus ins Feld entboten war. + Er freute sich des unzählbaren Heergedränges, + Der kaiserlichen Macht, des fürstlichen Gepränges. + Da freut' er sich sosehr an keiner tapfern Schar, + Als daß der tapferste beim Heere, Rostem, war. + Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, + Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. + Gleich einem Meere kam die Menschenflut in Gang, + Dem festen Lande ward vor Ueberschwemmung bang. + Die Berge zitterten, gestampft von ihrem Hufe, + Und Wolken splitterten, gesprengt von ihrem Wufe. + Die Sonne sah ihr Bild verhunderttausendfacht + In jedem blanken Schild, in jeder Rüstung Pracht. + So stieg der Waffen Glanz und so ihr Schall empor, + Daß jedes Auge blind, und taub ward jedes Ohr. + So nickte Helm an Helm, und schwankte Busch und Feder, + Alswie, vom Sturm bewegt, auf Bergen Tann und Zeder. + So ragten, Reih an Reih, die dichtgedrängten Speere, + Alswie auf gutem Feld sich dränget Aehr an Aehre. + Geschmückt schien, wo das Heer im Schmuck der Waffen fur, + Mit einem wandelnden Glanzfrühlinge die Flur. + So blühte, wo es zog, die Au; doch wo vorbei + Es war gezogen, blieb dahinter Wüstenei; + Denn abgeweidet ward manch Saatenfeld, und leer + Getrunken mancher Bach vom Ross- und Menschenheer. + So zog das Heer zur Grenz in ungehemmtem Lauf, + Und nah der weißen Burg schlug man das Lager auf. + + + + + Siebentes Buch. + + + 64. + + Dem Suhrab sagtens an Wachtposten, daß nun kam + Das Heer, und er vernam die Meldung ohne Gram, + Vielmehr mit Freude, weil es ihn verdroß, so lange + Hier oben auf den Gast zu warten zum Empfange. + Denn alles hatt er längst für solchen Gast bereit, + Die feste Burg, sein Heer, und seine Tapferkeit. + Er nam den Baruman, der an den Wällen baute, + Und fürt' ihn schnell hinauf, wo man ins Freie schaute. + Dort mit dem Finger zeigt' er deutend, Schar um Schar, + Dem Baruman das Heer, an dem kein Ende war. + Wie sich ein Habicht freut, den großen Flug der Tauben + Zu sehn, von dem er sich nach Lust will eine rauben; + Es schreckt ihn nicht zumal die Meng, ihn freut die Zal, + Daß von so vielen er soll haben freie Wal: + So freute Suhrab sich, das junge Heldenblut, + Der gegen ihn zum Kampf gezognen Menschenflut. + Doch Barman, wie er sah das große Heer, ward klein + Das Herz ihm, und vor Furcht zog er den Atem ein. + Zu dem erblaßten sprach der junge Held mit Scherz: + Bring Farb auf deine Wang, und an sein Fleck dein Herz! + Sieh, wie im Waffenglanz das Lager ist entglommen! + Soviele sind um Ruhm zu bringen mir gekommen! + Der Ruhm ist ewig mein, und würd ich auch erliegen + So großem Heer; doch hab ich Mut es zu besiegen. + Solch eine Menschenflut, wie eines Weltmeers Wogen, + Ist gegen einen Fels im Sturm heran gezogen! + Aus seiner Ruhe ward Keikawus aufgestört, + Als meinen Namen er in Istachar gehört. + In Schreck und Hast hat er um seinen Thron gerafft + Zusammen jeden Schaft und jedes Armes Kraft; + Und hergezogen kommt er nun mit allen Helden + Von Iran, deren Preis in Turan Lieder melden. + O sage, siehst du nicht dort im Gedränge dicht + Solch einen Mann, mit dem am liebsten Suhrab ficht! + Solch einen, der nie bricht die Lanz an einem Wicht, + Und der vom Sattel gern nur seines gleichen sticht! + Wovon der Ehre Licht hinfort mein Angesicht + Bestralt, wenn ich vor ihm bestanden mit Gewicht! + O siehst du, gib Bericht, solch einen Mann mir nicht? + So fragt' er ungestüm, doch nicht beim Namen wollte + Er nennen jenen, der sobald ihn fällen sollte. + + + 65. + + Darauf sprach Baruman: Ich sehe mehr als einen, + Der Ehre bringen kann; doch welchen magst du meinen? + Dir lodert hoch der Mut wie eine Feuerglut; + O falle nicht dein Brand in kalte Waßerflut! + Der Feuerbrand, wenn er ins Waßer fällt, so zischt + Er ungestüm und braust, qualmt unmutvoll und lischt. + Nie fühle Furcht ein Mann, jedoch Feind und Gefar + Acht er niemals gering; das Glück ist wandelbar. + Soweit es will, führt dichs ohn Anstoß; willst du weiter + Um einen Schritt, so stockt das Ross und stürzt der Reiter. + In Frieden schlief der Krieg, du hast ihn aufgeweckt; + Weißt du, nach welcher Beut er seine Krallen streckt? + Darum, wenn du mich siehst erzittern: nicht für mich, + Für alle, die das Loß kann treffen, zitter' ich; + Ich zitter' auch für dich, weil dich es treffen kann; + Denn wo das Unglück wält, wälts nicht den schlechtsten Mann. + Geh mannhaft in den Kampf, und dem Afrasiab + Trag ab dafür den Dank, der dir die Heermacht gab! + Halt, von der Burg gedeckt, und an die Burg gelehnt, + In Schirm das Heer; und wenn dein Herz nach Ruhm sich sehnt, + So ruf zum Einzelkampf solch einen Mann für alle, + Mit welchem, wenn er fällt, der Stolz von Iran falle! + Ruf einen nur, den du vor allen siehest ragen, + Und fäll ihn ohne viel zu sagen und zu fragen. + Sag ihm nicht, wer du bist; frag ihn nicht, wie er heißt; + Bis das Geheimnis ihm dein blutig Schwert entreißt. -- + So sprach er wolbedacht, mit Wahrem Falsches mischend, + In Rates Honigseim Verrates Gift auftischend. + Den Rostem nannt er nicht, vor Rostem zittert' er, + Noch von Masenderan kannt er den Rostem her. + Den Rostem wollt er nun und Rostems Sohn verderben, + Zwei solche Helden! das zwang ihn sich zu verfärben. + Doch Suhrabs Seele war von reinem Mut erglüht, + Darum der Rose gleich war seine Wang erblüht. + Vom Walle stieg er froh hinab, vom Schenken nam + Er einen Becher Wein und leert' ihn ohne Gram. + Dann rüstet' er ein Maal mit Lauten und mit Leiern, + Um in der Freunde Kreiß des Feinds Ankunft zu feiern. + + + 66. + + In Irans Lager war inzwischen Zelt an Zelt + Gepflanzt, und drein gedrängt das Leben einer Welt. + Es war als müßte Raum den Rossen und Kamelen + Und Elefanten all, geschweige Futter, felen. + Doch wie der Lagerwald begann nach allen Seiten + Zu wachsen und im Kreiß den Umfang auszubreiten, + Schloß Reih an Reihe sich geschickt, und sie vergaßen + In ihrer Zeltstadt auch Marktplätze nicht und Straßen. + Da wogte bald Verkehr geschäftig hin und her, + Und die Verwirrung ward zur Ordnung immer mehr. + Die Sonne gieng hinab am abendlichen Himmel, + Und sah mit Staunen noch auf Erden das Gewimmel. + Da fanden Dach und Fach nun alle nach und nach, + Und über allen war des Himmels dunkles Dach. + Doch als an seinem Ort sich jeder eingetan, + Da trat zum Schah sofort des Reiches Pehlewan, + Und Rostem sprach: ich will nicht hier im Lager rasten, + Dort oben auf der Burg will ich bei Suhrab gasten. + Mein Herz hat keine Ruh, bis meine Augen haben + Gesehn von Angesicht zu Angesicht den Knaben. + Den Türkenknaben, den uns mit soviel Geschrei + Der Ruf genannt hat, will ich ansehn, wer er sei, + Ob wert der Mühe, daß ich auf den Rachs mich schwang, + Und eine Ehre mir, wann ich ihn niederrang. + Gewesen bin ich selbst vordem in Türkenland, + Anlegen will ich nun ein türkisches Gewand. + Darunter soll nicht, wer mich nicht beim Lichte näher + Besieht, so leicht erspähn, daß Rostem sei der Späher. + Kawus! dein Lager ist von deinem Volk verwart; + Gib, ich bin müßig hier, Urlaub zur Nachtausfart! + Mit Lachen sprach der Schah: Stets wird das Krongeschmeide + Von Iran Rostem sein, auch unterm Türkenkleide. + Am Tage nicht der Schlacht des Heeres Arm allein, + Du willst auch in der Nacht desselben Auge sein. + Geh unter Gottes Schutz! in welchem Waffenputz + Du gehn magst, unserm Reich und dir gereichs zu Nutz! + + + 67. + + Um seine Schultern nam ein Kleid nach Türkenart + Tehemten, und begab sich heimlich auf die Fart. + Den Panzer und den Helm und jedes Waffenstück + Ließ er im Zelt, sogar sein Schwert ließ er zurück. + Deswegen fühlte sich der Held zu Hieb und Streich + Nicht wehrlos; denn sein Arm war einer Keule gleich. + Er gieng bis er hinan zum weißen Schloße kam, + Und drinnen das Geschrei der Türken schon vernam. + Durchs Tor stracks in den Hof gieng Rostem ohne Scheu, + Wie in den offnen Stall der Rinder Nachts ein Leu, + Beim ländlichen Gehöft im Felde, wo die Hirten + An einem Feiertag sich in der Nacht bewirten, + Und denken nicht bei Saus und Braus und Schmaus daran, + Daß sie dem Feinde nicht die Stalltür zugetan. + Da geht er in den Stall, wo ihre Rinder sind, + Hinein, und trägt davon das schönste stärkste Rind. + Es brüllt, im Rachen schon des Löwen, voll Verzagen, + Und alle springen auf, den Raub ihm abzujagen; + Er aber hat den Raub in Sicherheit getragen. + Sie kehren leer zurück und traurig, für den Rest + Der Nacht ist nun gestört der Hirten Freudenfest. + So gieng durchs offne Tor, geöffnet durch Betören, + Rostem hinein, das Fest der Türken drin zu stören. + Er sah den weiten Hof erfüllt von Fackelglanz, + Von lärmendem Gelag, Gesang und Spiel und Tanz. + Denn Suhrab hatte dort das nächtge Fest bestellt, + Und all die Edelsten des Heeres sich gesellt. + Doch Rostem wich dem Glanz der Lichter aus, und sah + Vom dunklen Winkel fern im Hellen alles nah. + + + 68. + + Da saß beim frohen Fest, in Mitte Fackelscheins + Und Lautenklangs, Suhrab, und trank die Becher Weins. + Auf seinem Haupte trug er, statt den Helm, den Kranz; + Er war ein Glanz, und war bestralt vom hellen Glanz. + Er blühte wie ein Reis von Schönheit und von Lust, + Von Jugend und von Kraft geschwellt war seine Brust. + Hoch hob er stolz das Haupt, und seiner Augen Stral, + Umgehend in die Rund, erleuchtete das Mal; + Da überzält' er froh die unzälbare Zal + Der Kriegsgefärten, die um ihn im Kreiße saßen + Als Trinkgenoßen nun, und ihren Wein vergaßen + Vor Staunen, wie sie ihn sahn prangen solchermaßen. + Da riefen sie laut einmal übers andre Preis + Und Heil, Lobpreis und Heil dem blühnden Ehrenreis! + Die Sterne selber sahn vom hohen Himmel nieder + Mit Wolgefallen auf die hohen Heldenglieder; + Allein sie schienen ihn mitleidig anzusehn, + Weil er ein Stern war, der so früh sollt untergehn. + Da sprach ein Himmelsstern zum andern mitleidvoll: + Schad um die Blüte, die im Lenz hinwelken soll! + Soviel des Schönen schon auf Erden sahn wir prangen, + Und eh wir einen Blick verwendet, wars vergangen. + Doch keine Knospe sahn wir glänzender und heller + Aufgehn, um trauriger dahinzugehn und schneller. + Wenn seine Mutter doch, die ihn, ihr einzig Glück, + Entsendet hat, und nie daheim empfängt zurück, + Wenn seine Mutter ihn mit unsrer Augen Stral + Noch einmal könnte sehn bei diesem Freudenmal, + In seiner Lust und und Kraft, den Baum im frischen Saft, + Den morgen schon villeicht dahin sein Schicksal rafft! + + + 69. + + So sprachen von dem Stern des Festes dort die Sterne + Des Himmels; eine Gunst erzeigten sie ihm gerne. + Da namen sie von Duft und Glanze, was im Raum + Von Erd und Himmel war, und woben einen Traum. + Wie einen Teppich bunt, mit reichem Gold gestickt, + Der Braut ein Bräutigam aus fernem Lande schickt, + Auf welchem sie erblickt mit staunendem Gefallen + Die Bilder abgeprägt von jenen Dingen allen, + Die ihr Geliebter selbst nun sieht in fremden Räumen, + Die Vögel unbekant auf unbekanten Bäumen; + Und so wie sie den Schmuck betrachtet, ist es ihr, + Sie reise dort mit ihm, er ruhe bei ihr hier: + Ein solcher Abdruck war vor allem eingewoben + Dem Traumgewebe, das die Sterne dort erhoben. + Leis hoben sie empor das glänzende Gewebe, + Und gaben es der Luft zu tragen, daß es schwebe + Nach Turan, wo im Schlaf die Mutter Suhrabs lag, + Da sah sie einen Traum so hell als wär es Tag. + Beim nächtlichen Gelag sah sie den Sohn da sitzen, + Den Becher in der Hand von Edelsteinen blitzen, + Sah seine Wangen blühn, und seine Lippen glühn, + Und seine Augen sprühn; ganz war er stolz und kühn; + Wie freut' es sie zu sehn ihr Reis der Hoffnung grün! + Gewachsen schien er ihr selbst in der kurzen Zeit, + Daß sie ihn ausgesandt, an Kraft und Herrlichkeit. + Sie sah auf ihren Sohn umher im Kreiß der Lichter + Gekehrt bekante viel und unbekante Gesichter; + Die alle sah sie hell in heitrer Freude funkeln, + Doch seinen Vater sah sie nebenaus im Dunkeln. + Sie war betrübt, es nam sie Wunder, warum nicht + Rostem zu seinem Sohn vortreten wollt ans Licht. + Doch wie ein Wolkenschaur so flog ihr Gram vorbei; + Sie freute sich, daß nah dem Sohn der Vater sei: + Er würde, wenn er nur säh das Erkennungszeichen, + Dem Sohne freudig nahn und ihm die Hände reichen. + + + 70. + + Von Suhrabs Mutter ward inzwischen so geträumt, + Er aber saß beim Fest vergnügt und aufgeräumt. + Er trank, und hieß im Kreiß die Trinkgenoßen trinken; + Zwei aber saßen ihm zur Rechten und zur Linken. + Zur Linken Baruman, den ihm Afrasiab + Aus Turan nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab; + Zur Rechten aber Send, den hatte mitgegeben + Dem Sohn die Mutter, die ihn liebte wie ihr Leben. + Der war vom Königshaus Semengans ihm ein Vetter, + Und werden sollt er ihm im fremden Land ein Retter. + An allen Gliedern stark war er und hoch von Wuchs, + An allen Sinnen scharf, von Augen wie ein Luchs. + Er sah bei Nacht alswie bei Tag; und zu dem End + Entsendete sie auch mit ihrem Sohn den Send, + Damit, wenn Suhrab nun gekommen in die Nähe + Von Rostem wäre, Send den Vater ihm erspähe. + Er hatte Rostem selbst gesehn an jenem Tag, + Wo in Semengans Schloß er saß beim Gastgelag, + An jenem Abende, wo in der Nacht ihm kam + Tehmina, die als Weib er in die Arme nam. + Den Suhrab zeugt' er ihr, und als der Morgen graute, + Ritt er von dannen, den nie mehr die Gattin schaute. + Nun sandte sie den Sohn, den Vater dort zu schaun, + Und alles sagte sie dem Vetter im Vertraun. + An Suhrabs Seite nun trank er den Wein mit Schweigen, + Und dachte, morgen woll er ihm den Vater zeigen! + + + 71. + + Send aber sendete den Blick umher des Luchses, + Und nam im Dunkeln war die Lauer eines Fuchses. + Er sah dort einen Mann, der ihm verdächtig schien, + Stand auf vom Sitz und gieng, um zu besehen ihn. + Da fand er einen Mann, von Ansehn ganz gewaltig + Und riesenmäßig, elefantenleibgestaltig. + Niemals erinnert' er sich einen solcher Art + Mit Augen je gesehn zu haben und gewart; + Es wäre denn allein Rostem, an jenem Tag, + Wo in Semengan er ihn sah beim Gastgelag. + Doch dieser trug am Leib ein türkisches Gewand; + Wiewol sein Blick an ihm nicht Türkensitte fand. + Send rief ihn an: He da! warum hier also schleichst du + Im Finstern, guter Freund, und aus der Hell entweichst du? + Kehr einmal dein Gesicht her gegen mich ans Licht! + Gib Antwort! -- Aber Antwort gab ihm Rostem nicht. + Da streckte kühn, um ihn zu greifen, Send die Hand, + Und fortziehn wollt er ihn am türkischen Gewand. + Tehemten aber zuckt' empor des Armes Keule, + Womit er schon im Kampf geschlagen manche Beule; + Damit gab er dem Send solch einen Schlag aufs Haupt, + Daß Send am Boden lag leblos des Sinns beraubt. + Suhrab indessen saß beim Mal, und Wunder nam + Es ihn, wo Send hingieng und noch nicht wieder kam. + Deswegen vom Gesind entsendete behend + Er einen, nachzusehn, wohin gekommen Send. + Der abgesendete lief eilig hin, und fand + Dort leblos sinnberaubt den Send gestreckt im Sand. + Der Diener lief bestürzt zum Herrn zurückgewendet, + Laut rief er aus: Der Send ist in den Tod gesendet; + Für Send ist aus der Schmaus, und das Gelag geendet. + Entsetzt vom Sitze sprang Suhrab, und eilte jach + Dahin, ihm eilten all des Festes Fackeln nach. + Bei aller Lichter Glanz sah da Suhrab erschlagen + Den lieben Freund; von wem? das kont ihm niemand sagen. + + + 72. + + Doch Suhrab rief: O weh! gebrochen ist ins Rund + Der Herde Nachts ein Wolf, weil Hirte schlief und Hund; + Der Widder stolzesten hat er zu seinem Raub + Erkoren, nieder ihn geworfen in den Staub! + Verschlafne Hirten, auf! und unwachsame Hunde! + Nun nach dem Räuber macht mir im Geheg die Runde! + Da spürten sie mit Macht umher rings in der Nacht; + Es hatte sich der Wolf längst aus dem Staub gemacht. + Doch Suhrab kam zurück zu seinem Platz beim Feste; + Da saß er traurig nun, und traurig alle Gäste. + Er sprach: Es freuet mich nun hier der Sitz nicht mehr; + Denn mir zur rechten Hand der Platz ist traurig leer, + Wo der geseßen, den zum Freund mir mitgegeben + Die Mutter selber, die mich lieb hat wie ihr Leben. + In Iran sollt er hier den Vater kund mir tun; + Er kont es ganz allein; wer tut nach ihm es nun? + Er sprachs, und aus der Hand ließ er den Becher sinken; + Da schämte jener sich, der saß zu seiner Linken. + Sich schämte Baruman, den dort Afrasiab + Dem Suhrab nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab. + Er hätt ihm auch wie Send den Vater können zeigen; + Er kant ihn ja! doch mußt und wollt ers ihm verschweigen. + Doch Suhrab rief, und hob den vollen Becher hoch: + Ich trink in dieser Nacht den letzten Becher noch, + Mit blutigem Gelübd erfüllt, anstatt mit Wein, + Daß Sends Ermordung nicht soll ungerochen sein! + Den Mörder Sends will ich erforschen, wer er sei, + Ihn morden für den Mord, wohnt soviel Kraft mir bei! + Wonicht, so werde Gift der Wein mir in den Adern, + Und jeder Tropfe Blut soll mit dem andern hadern! + Doch nicht mit Einem sei die Schuld ihm abgetragen; + Zur Sühne Sends will ich ein ganzes Heer erschlagen. + Allein vor allen soll erfahren meinen Groll, + Wer Send erschlug, versehrt hat er mich schmerzensvoll. + Er riefs, und wußte nicht, auf wen er also grollte, + Und daß er nicht den Schwur an ihm erfüllen sollte. + Dann brach er auf vom Fest, um in den nächtigen Schatten + Bei Fackelglanz den Send mit Ehren zu bestatten. + + + 73. + + Doch Rostem kam, als er vom weißen Schloß entrann, + Ans Lager, wo die Wacht hielt Gew, sein Tochtermann. + Der wußte nicht, daß in der Nacht sein edler Schwäher + Im Türkenkleid hinaus gegangen war als Späher. + Als nun ein Mann herbei im Dunkeln kam, tat er + Vom Posten einen Schrei, und unter Wehr trat er. + Als Rostem merkt', es sei sein Eidam, froh naht' er. + Im Laufe tat er ihm entgegen einen Wuf, + Und Gew erkante gleich den Rostem an dem Ruf. + Erstaunt sprang er hinzu, und grüßt' ihn: Alter Held, + Wo bist umher gerannt zu dieser Stund im Feld? + Hast du mit Geistern deinen Bund gemacht bei Nacht, + Mit Zauberweihungen dich vorgestärkt zur Schlacht? + Denn mit Dämonen hast du kämpfend viel verkehrt; + Die haben wol ein Stück von Schwarzkunst dich gelehrt, + Daß, ohne Furcht und Leid, du ohne Heergeschmeid, + Dich aus dem Lager stilst in einem Türkenkleid! + Doch Rostem sprach: So ist die Sach! in dieses Tuch + Gewickelt, macht ich auf der Burg den Nachtbesuch. + Ich wollte mir daselbst den jungen Mann besehn, + Um dessen willen dieß Heeraufgebot geschehn. + Fern sah ich ihn, und gern wollt ich ihn sehen näher; + Doch mich den Späher hat erspäht ein andrer Späher. + Der wollte mit Gewalt ans Licht mich ziehn am Kragen; + Im Dunkeln hab ich ihn mit dieser Faust erschlagen. + Ich kam nicht sanfter los von ihm, es tat mir leid; + Doch nun verdrießt am Leib mich dieses Türkenkleid. + Schaff mir ein persisches, damit mich nicht die Hunde + Anbellen, wenn ein Türk im Lager macht die Runde! + So sprach er, und geschwind bracht ihm der Tochtermann + Ein persisches Gewand, das legt' er eilig an. + Er warf das Türkenkleid von sich mit Unbehagen; + Fast wollt er lieber, daß ers nicht bei Nacht getragen, + Als ahnet' er den Lohn, den diese Tat ihm trug: + Denn sich tat ers zu Leid, daß er den Send erschlug. + Zu Kawus gieng er nicht, um ihm, was er vollbracht, + Zu sagen; in sein Zelt gieng er, und schlief die Nacht. + + + + + Achtes Buch. + + + 74. + + Doch als vom Morgen ward der Himmel aufgetan, + Stieg Suhrab auf der Burg zur höchsten Wart hinan, + Zur vordersten, wo ganz sich Irans Lager zeigte, + Auf das er sich hinaus begierig spähend neigte. + Dann rief er: Bringet hier herauf mir den Hedschir! + Befragen will ich ihn ums Feindeslager hier. + Weil Send gestorben ist, der heut mir Rostems Zeichen + Kund sollte tun, villeicht tut mir Hedschir desgleichen. + Und als ihm ward Hedschir gefeßelt vorgefürt, + Sprach er, nachdem er ihn mit eigner Hand entschnürt: + Hedschir, ich neme dir die schweren Feßeln ab, + Um das dir zu vertraun, was mir das Herz eingab. + Statt ehrner Feßel wenn der Freiheit goldnen Tag + Du wünschest, sage mir, was ich dich fragen mag! + Die Freiheit nicht allein, auch reicher Lohn ist dein, + Wenn ich erfinde wahr dein Wort und Truges rein. + Doch wenn unlautern Wein du willst im Kruge mischen, + So wirst du nicht der Haft und nicht der Straf entwischen! + Zur Antwort gab Hedschir: Was du willst fragen, frage, + Und traue, daß ich dir die volle Wahrheit sage. + Nicht lügen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen. + Warum in deiner Hand wär ich ein krummer Bogen? + Gerade sollst du mich erfinden wie den Pfeil; + Nicht um das Leben selbst ist mir die Wahrheit feil. + Zu ihm sprach Suhrab: Dort im Lager Zelt um Zelt + Werd ich dich fragen um den Helden, der es hält. + Sagst du mir das, so geb ich dir gehäuften Schatz; + Dir wird ein Ehrenkleid von mir und Ehrenplatz. + Und sagst du das mir nicht, so bleibt auf deinem Rumpf + Dein Haupt nicht, oder mir wird ehr die Klinge stumpf! + Zur Antwort gab Hedschir: Was säumst du lange? frage! + Wiß, daß ich weder lüge, noch vorm Tode zage. + + + 75. + + Da hob zu fragen an Suhrab: Dort in der Mitte + Wes ist das Prachtgezelt von lauter Gold? ich bitte! + Fest steht es hingepflanzt recht in des Heeres Herz; + Von ihm durchs Lager gehn die Straßen allerwerts. + Auf allen Straßen nahn wie grüßende mit Bitten, + Und gehn wie dankende davon mit leichten Schritten. + Ganz Goldglanz ist das Zelt vom Fuß zum Knauf hinan, + Und weit wie ein Palast allseitig aufgetan. + Vor jedem Eingang liegt, wie Hündlein zahm und treu, + Im goldnen Band geschmiegt, ein Tiger und ein Leu. + Doch oben sitzt ein Aar, aus dessen Krallen steigt + Die Fahn empor, in der der Sonne Bild sich zeigt. + In solcher Wohnung kann kein kleiner und gemeiner + Wirt wohnen, wie mir dünkt; was wohnt darin für einer? + Da hob Hedschir sein Haupt, voll Stolz auf Irans Macht, + Und sprach: Dort wohnt der Schah in seiner Größ und Pracht. + Sein Thron ist Tag und Nacht von seinen treuen Leuen + Umhütet und umwacht, und darf nicht Feinde scheuen. + Doch fort zu fragen fuhr Suhrab: Zur linken Hand + Vom Goldgezelt, wes ist des Zeltes Silberwand? + Mit offnem Eingang steht gewandt zum goldnen Zelt + Sein Tor, wo Leopard und Panther Wache hält. + Doch oben trägt ein Greif in Silberklaun empor + Die Fahn, in der ein Mond; wer ist, der das erkor? + Zur Antwort gab Hedschir: Das ist des Schahes Sohn, + Ferabors, ihm der nächst am Herzen und am Thron. + So recht! rief Suhrab aus: wo so zusammen hält + Ein Vater und ein Sohn, verteilen sie die Welt. + + + 76. + + Zu fragen fuhr er fort: Dort aber rechter Hand + Vom Goldzelt, wessen ist die schwarze Zeltflorwand? + Feldposten eilen her und hin auf Rossen brausend, + Schildwachen aber stehn umher zu Fuße tausend. + Am Haupteingange ragt ein Elefant, ihn schmücken + Prachtdecken, und er trägt die Heerpauk auf dem Rücken. + Doch oben steigt die Fahn aus eines Drachen Rachen, + Mit Sternen übersät, die sie zum Himmel machen. + Wer herrscht zur Seite so dem König Keikawus? + Hedschir antwortete: Sein Kronfeldhauptmann Tus. + Das ist sein Stammesrecht, daß er im Heergefecht + Den Schah vertrete, dem verwandt ist sein Geschlecht. + Auf seinen Wink bereit, vereint auf sein Gebot, + Ist jenes Heer, das dir den Tod von ferne droht. + Und jener Himmel dort, reich an Juwelenzier, + Die Gawejani-Fahn ist es, das Reichspanier; + Das einst Feridun schwang, als er den Sohak schlug, + Der an den Schultern angewachsne Drachen trug. + Geheftet ist der Sieg an dieses heilige Zeichen, + Das ohne Mut kein Freund, kein Feind sieht ohn Erbleichen. + Doch Suhrab lächelte, und gieng mit Fragen weiter: + Im roten Florpalast, wer, sprich, ist dort der Streiter? + Er sitzt im offnen Zelt, und scheint an seinem Haar + Ein Greis bereits, um ihn steht eine Männerschaar; + Sie alle halten ihm ihr Antlitz zugekehrt, + Und jeder ehrt ihn, wie man einen Vater ehrt. + So fragt' er, und Hedschir zog aus der Brust ein Ach + Wie einen Dolch hervor, weil er zu Suhrab sprach: + Das ist Guders, der Greis, von Worte weis' und lind, + Von Schwerte stark und scharf, wie wenig Männer sind; + Ein Vater, der entbehrt fürs Alter nicht der Stützen; + Mit seinem Haus allein kann er ein Reich beschützen. + Denn neunundsiebzig sind der Söhne, die er zält; + Der achtzigste bin ich, der heut im Lager fehlt. + Doch Suhrab sprach: Warum hast du dich laßen fangen? + Sprich Wahrheit! und noch heut kanst du hinab gelangen. + + + 77. + + Wes ist das grüne Zelt, aus Duft und Glanz gewebt, + Das wie ein Waldgebirg sich über Hügeln hebt? + Alswie ein Waldgebirg, das fest steht und nicht wankt, + Wenn, von des Sturmes Hauch bewegt, sein Baumwuchs schwankt. + In diesem Zelte wol ist Irans Hoffnung grün, + Und meine Hoffnung wird bei seinem Anblick kühn. + Vorm Zelt in Waffen sitzt ein Mann, und steht ein Ross, + Er einem Riesen gleich, und es wie ein Koloss. + Er sitzt, und hoch nicht scheint der Sitz, den er erkor; + Aus allen doch, die ihn umstehn, ragt er hervor: + Er blickt auf sie hinab, sie schaun zu ihm empor. + Allein zur Seite blickt er stets nach seinem Ross; + Es ist wol auf der Welt sein liebster Kampfgenoß. + Es steht das Ross mit ungeduldigem Gestampf, + Und ihn erhebt im Sitz die Ungeduld nach Kampf. + Entgegen streckt er ihm die Hand, es reckt sein Haupt + Erwartungsvoll und lauscht, es spitzt ein Ohr und schnaubt. + Die Mähne streicht er ihm, da fängt es an zu brausen; + Das freuet seinen Herrn, die andern macht es grausen. + An seiner Seite hängt ein Schwert, an seinem Knie + Lehnt eine Keule schwer, kein andrer höbe sie. + Er schwingt die Keule bald hoch übers Ross empor, + Bald aus der Scheide zieht er halb das Schwert hervor. + Die Keule sausen hörts und sieht die Schneide blitzen, + Und tost; was wird es erst, wenn er wird droben sitzen! + Ich habe nie gesehn solch einen Mann wie den, + So hab ich niemals auch ein Ross wie das gesehn; + Ein Ross, das solch ein Mann allein bezwingen kann, + Und solch ein Mann, den solch ein Ross nur tragen kann. + Gewis, von diesem Ross und diesem Manne sind + Die Namen kund im Land; verkünde sie geschwind! + So sprach er und hielt ein; es war alsob er wüßte, + Daß Ross und Ritter Rachs und Rostem heißen müßte; + Doch wollt er, daß der Mund Hedschirs es täte kund, + Still aber schwieg Hedschir, und sprach im Herzensgrund: + + + 78. + + Was fragt der Türke nach des Reiches Pehlewan? + Und tu ich recht, wenn ich ihm Rostem kund getan? + Und tu ich Unrecht, wenn ich ihm den Feind verschweige? + Was will der Knabe, daß ich ihm den Helden zeige? + Ist er sein Sohn, wie er im Zweikampf rühmte laut? + Den Vater schaff ich ihm so wenig, als die Braut! + Der Mann von Iran kann des Türkenkinds entraten; + Ich will den Perserhort dem Erbfeind nicht verraten. + Zwar Rostem braucht ihn nicht zu fürchten in der Tat, + Allein der Türke könnt ihn angehn mit Verrat. + Drum wirds am besten sein, den Namen nicht zu melden, + Und ihn zu streichen ganz heut aus der Zahl der Helden. + Als so zur Lüge sich bereitete Hedschir, + Rief Suhrab: Sprich zu mir! was redest du mit dir? + Warum machst dus solang, bis Aufschluß ich gewinne? + Er sprach: Weil ich umsonst mich auf den Mann besinne. + Von Zeichen unbekant ist er mir ganz und gar; + Er kam wol fremd ins Land, weil ich im Schloß hier war. + Ich hörte, daß heran vom fernen Hindostan + Dem Schah zu Hilfe zog ein starker Pehlewan. + Das wird der Recke sein, entsproßt aus fremdem Samen; + Denn fremde scheint er mir, und die, so mit ihm kamen. + Doch Suhrab sprach: Wie heißt der Recke? sage mir! + Den Namen weiß ich nicht; antwortete Hedschir. + Suhrab noch einmal sprach: wie heißt er? gib Bericht! + Hedschir antwortete: den Namen weiß ich nicht. + Voll Unmut ward Suhrab; des Vaters Namen wollte + Er hören da durchaus, den er nicht hören sollte. + Die ihm die Mutter gab vom Vater, alle Zeichen + Sah er, und konnte nur Gewisheit nicht erreichen. + Des Vaters Name fehlt' ihm zur Gewisheit nur, + Den er da von Hedschirs Verstockung nicht erfur. + + + 79. + + Doch ungeduldig fuhr Suhrab zu fragen fort: + Im violetten Zelt, wie heißt der Ritter dort? + Zur Antwort gab Hedschir: Den kann ich wol dir nennen; + Gurase heißt der Held, wie sollt ich ihn nicht kennen? + Ein mutger Ritter, wie zu Ross nicht viele rennen. + Doch ungeduldig gieng mit Fragen Suhrab weiter: + Im gelben Zelte dort, sag an, wie heißt der Streiter? + Zur Antwort wieder gab Hedschir: Ich kann auch ihn + Dir nennen, wenn du willst: der Kämpfer heißt Gurgin; + Ein Tapfrer, welchem gleich nicht viel zum Kampf ausziehn. + Noch einmal frug Suhrab mit ungeduldiger Hast: + Im blauen Zeltpalast, wie heißt darin der Gast? + Und wieder gab Hedschir zur Antwort: Nennen kann + Ich dir auch diesen wol: Gew, Rostems Tochtermann. + Da wendet' auf Hedschir Suhrab den Blick unhuldig, + Und sprach: Nun offenbar bist du der Lüge schuldig. + Du nennest alle mir, und nur den Rostem nicht, + Den Rostem, ohne den kein Heergefecht sich ficht! + Von all den Zelten wenn in keinem Rostem ist, + Wo wäre Rostem denn, wenn du kein Lügner bist? + Verläugnen willst du mir ihn nur aus Hinterlist. + Im grünen Zelte dort der Recke kühn und frei, + Gewis ist Rostem der, o sag mir, daß ers sei! + Denn alle, die von ihm mir kund sind, alle Zeichen + Seh ich, und kann allein Gewisheit nicht erreichen. + Von allen, die ich sah im Lager fern und nah, + Wünsch ich, daß keiner sei Rostem, als dieser da. + O sag mir, daß ers sei! und sei belohnt und frei! + Der vor dem grünen Zelt, sag, daß es Rostem sei! + + + 80. + + Hedschir sprach: Ei, was forscht so deine Ungeduld + Nach ihm! nicht gern wär ich an deinem Tode schuld. + Wo Rostem wär im Feld, nicht würdest du es halten; + Denn Rostem ist ein Held von furchtbaren Gewalten. + Wo Rostem auf dem Rachs sich hebt zum Werk der Rache, + Da kann nicht stehn vor ihm der Löwe noch der Drache. + Ein jeder Blick von ihm ist Tod, ein jeder Hauch + Von ihm ist Sturm, ihm sinkt entwurzelt Baum und Strauch. + Ich wünsche keinem, daß er mög ein Gegner sein + Von Rostem, wär er auch ein Berg von Kieselstein; + Er würde dich, alswie die Mühl ein Korn, zermalmen, + Zertreten, wie ein Tritt von Elefanten, Halmen. + Fest schnüren möchtest du am Leib dein Gürtelband; + Es würde locker, wenns erblickte Rostems Hand. + Allein zu deinem Glück ist nah nicht das Gewitter; + Denn mit Schah Keikawus hat sich entzweit der Ritter. + Erzürnt ist er vom Hof nach Sabul heimgeritten, + Dort sitzt er nun beim Schmaus in seines Schloßes Mitten. + Dort trinkt er fröhlich Wein beim Fest im Rosengarten, + Und will den Ausgang dieses Kriegs in Ruh erwarten. + So sprach er; ob ers nur erlog, ob ers erfur + Vom lügenden Gerücht, das kam von Irans Flur? + Das traurige Gerücht, das dort bei Nacht dem frohen + Erlag, war aus der Stadt villeicht zur Grenz entflohen. + + + 81. + + Doch Suhrab rief voll Zorn: So willst du mich verhöhnen? + Schweig, allerschlechtester von Guders achtzig Söhnen! + Willst du, ich glaube dir die knabenhafte Rede, + Rostem, der Herr der Schlacht, enthielte sich der Fehde! + Er hielte sich zu Haus, und hielte Fest und Schmaus! + Da lachten billig ihn die Mägd und Kinder aus! + Wol möglich, daß er mit Keikawus sich gezankt, + Wenn der undankbar ist, der ihm den Thron verdankt! + Doch, denk ich, Kawus wird geschwind mit reichen Gaben + Und guten Worten ihn zurückbeschworen haben, + Wenn er nicht unklug ist, und seinen besten Ritter + Nicht missen will am Ort, wo ihn ersetzt kein Dritter. + Denn was ist ohne Blitz und Donner ein Gewitter? + Was dieser Heerleib, unbeseelt von Rostems Mut? + Nicht in Bewegung ist dieß Heer und Rostem ruht! + Drum sag im Augenblick, wo ist der Pehlewan? + Von Guders Söhnen ists um einen sonst getan! + Da schauderte Hedschir und sprach im Herzensgrund: + Aufschließen mit Gewalt will mir der Türk den Mund. + Verschließen aber will ich ihn nun ihm zum Trutz, + Sowahr ich jemals selbst getragen Ritterputz, + Und je noch tragen will! und fall ich seiner Wut, + So wird nicht schwarz der Tag, und nicht das Waßer Blut. + So ist um einen Sohn von achtzig Guders schwächer, + Und neunundsiebenzig sind meines Todes Rächer. + Er sprach: Was wütest du? was stürmest du und tobest? + Denkst du, daß du dich so dem Rostem gleich erprobest? + Weil einen Namen ich nicht nennen will und kann, + Willst du dafür den Tod mir geben, gib ihn dann! + Den Namen nenn ich nicht, wüßt ich ihn zehnmal auch; + Entreißen ehr als ihn kannst du mir diesen Hauch! + Ich trotze dir! es mag mein Blut die Schmach versöhnen, + Der schlechteste zu sein von Guders achtzig Söhnen! + Er sprachs; da wendete Suhrab sich unmutvoll, + Nachdenkend, ob er auf der Stell ihn töten soll. + Doch er besann sich, gab ihm einen Backenschlag, + Daß er besinnungslos davon am Boden lag; + Und rief: Will hier durchaus mir meinen Vater sagen + Niemand, so will ich gehn und selber ihn erfragen! + + + 82. + + Er stieg, von Zorn bewegt, hinab vom hohen Turm; + Gewaffnet schwang er sich aufs Ross, und ritt im Sturm. + Er ritt, sein fürstlich Haupt bedeckt mit goldnem Dache, + In ihm des Löwen Mut, und unter ihm ein Drache. + Und wie der scharfe Zorn ihm selbst die Sporen gab, + Gab er dem Ross den Sporn, und flog den Berg herab. + Der Kampflust heißes Blut in seinen Adern sott, + Ihm flog des Pulses Glut wie seines Rosses Trott; + Da kont in seinem Mut aufhalten ihn kein Gott. + Er ritt im Ungestüm dem Lager Irans zu; + Und alle, die ihn sahn anreiten, flohn im Nu. + Die alle flohn im Nu, die aus des Lagers Mitten + Dort waren auf den Plan zur Lust hervorgeritten. + Wie aus dem Waidehag, wo sie der Hut empfolen + Des Hirten sind, hervor sich wagen junge Folen, + Sich außerhalb des Hags neugierig umzutun; + Doch plötzlich einen Leun herkommen sehn sie nun; + Die Mähn am Nacken, die er sträubt, erregt ihr Graun, + Und eilig flüchten sie zurück in ihren Zaun: + So aus dem Lagerwall die sich hervorgewagt, + Wie sie den Suhrab sahn, umwandten sie verzagt. + Sie wendeten zur Flucht vor ihm ihr stolz Genick, + Und wagten nicht auf ihn zu richten einen Blick. + So furchtbar fanden sie den Türken anzuschaun, + Daß auf die Flucht allein sie setzten ihr Vertraun. + Er aber achtete der leichten Feinde nicht; + Es ward von ihm gesucht ein Gegner von Gewicht. + Er ritt vom hohen Wall des Lagers hart hinan, + Den tapfersten zum Kampf zu fordern auf den Plan. + + + 83. + + Suhrab vom Walle rief hinab ins Lager tief, + So laut, ihn hörte wol, wer nicht im Grabe schlief: + O Schah von hoher Macht, du rühmst dich großer Pracht + Im Lager, doch wie steht dein Ding im Feld der Schlacht? + Mußt du dein starkes Heer in einen Pferch einsperren? + Schützt keiner deiner Knecht' im freien Feld den Herren? + Dein Volk von Schafen fleucht in seinen Stall, verkreucht + Sich hinterm Wall, und keucht vor Angst, vom Wolf gescheucht. + Hier komm ich zu dir her geritten mit dem Speer, + Den zuck ich, so durchzuckt der Tod dein ganzes Heer. + Ich habe gestern laut um Send den Schwur beim Wein + Getan: Wer ihn erschlug, der soll nicht lebend sein! + Der heimlich in der Nacht den Send mir umgebracht, + Umbringen will ich ihn am Tag in offner Schlacht. + Wenn du den Recken kennst, der ihn erschlug, so send + Ihn her, daß ich erschlag ihn, der mir schlug den Send! + Und ists nicht der, so seis ein anderer, der scharf + Von Mut und Waffen ist, und mir begegnen darf! + Doch wenn aus deinem Pferch hervor, mit mir zu streiten, + Gar keiner will, so will ich in den Pferch einreiten, + Das Lager mitten durch, bis an das goldne Zelt, + Vor dessen Eingang Löw und Tiger Wache hält. + Vor den Türhütern soll mir nicht beim Eintritt bangen, + Und mit dem Speer will ich die Sonn herunter langen. + Den Geierkrallen soll die goldne Sonn entfallen, + Und vor der Hündlein Maul will ich den Maulkorb schnallen. + Ich will dir überm Haupt alswie ein Sturmwind rütteln + Das goldne Dach, und wenn du drunter schläfst, dich schütteln! + So rief er; Keikawus sprang auf und rief erschreckt: + Wer hat dem Wütenden das Königszelt entdeckt? + Ihr Edlen all! eilt mir zu Rostem hin! der Mann + Ist er allein, der diesen Knaben bändigen kann. + + + 84. + + Zu Rostem, wo er saß im Zelte, kam der Bot: + Keikawus ist in Not, der Türke Suhrab droht. + Er droht ins Königszelt durchs Lager einzureiten, + Und Niemand ist als du im Stand mit ihm zu streiten. + Von seinem Sitz erhob sich Rostem nicht, und sprach: + Der Dienst des Königes ist lauter Ungemach. + Nicht Ruh bei Tag und Nacht, viel Arbeit, wenig Schmaus; + Ich war die Nacht erst aus, und bleib am Tag zu Haus, + Dem ersten Boten kam ein zweiter nachgeflogen, + Ein dritter, vierter auch, wie Pfeil auf Pfeil vom Bogen; + Und alle meldeten: Der Suhrab ist im Feld; + Da kann ihm keiner stehn, nur Rostem kanns, der Held. + Doch Rostem, wie er sah das wachsende Getümmel, + Den Lärmen um ihn her, rief: Fällt denn ein der Himmel? + Um einen Knaben, welch ein Ahrimansaufstand! + Um einen einzeln Mann welch ein Weltendebrand! + Nun aber kamen, hergesandt von Keikawus, + Die Fürsten, auch sein Sohn, auch sein Kronfeldherr Tus. + Die Waffen wurden ihm schnell von den Fürsten allen + Gebracht; er sagte nichts, und ließ es sich gefallen. + Den Panzer legt' ihm Tus, Gurgin die Schienen an, + Doch von Ferabors ward der Helm aufs Haupt getan. + Gurase reicht' ihm Pfeil und Bogen; Schwert und Sper + Und Keule trugen ihm drei Söhne Guders her. + Von seinem Eidam ward zuletzt ihm vorgefürt, + Gesattelt und gezäumt, der Rachs, wie sichs gebürt. + Doch wie Rostem den Rachs kampffertig sah, da rürte + In seiner Brust sich auch die Kampflust, und er spürte, + Daß er, ins Feld zu gehn, die volle Rüstung fürte. + Er gieng, und im Vorbeigehn nam er noch den Schild, + Indem er sprach: den braucht man auch im Kampfgefild. + In voller Rüstung sprang er auf den Rachs, und jach + Ritt er davon, ihm sahn mit Staunen alle nach. + + + + + Neuntes Buch. + + + 85. + + Er ritt hinaus, wo ihn der gleichgeartete, + Ein Kämpe seines Bluts, sein Sohn erwartete. + Auf Bogenschuß hinan ritt er, da hielt er an, + Da wieherten sich laut die beiden Kampfross' an: + Rachs, der den Rostem trug, und jener, der Suhrab, + Den Sohn des Rostem, jetzt entgegen trug dem Grab. + Der trug des Rostem Sohn, war selbst vom Rachs ein Sohn; + Und doppelt kam zum Kampf ein Vater und ein Sohn. + Doch eh zum Tode nun die Reiter sich anranten, + Wieherten erst sich an die Rosse, die sich kanten: + Das Wiehern war der Gruß der beiden Blutsverwandten. + So in den Thieren dort, o Wunder, sprach die Stimme + Des Blutes, die erstickt ward von der Männer Grimme. + Soviel ist blinder, als das blindgeborne Thier, + Der Mensch, der sehende, geblendet von Begier. + Die Reiter sahen an das Wiehern für ein Zeichen, + Daß ihre Rosse selbst an Kampflust ihnen gleichen; + Und selber wollten sie nun nicht den Rossen weichen. + Doch riefen sie sich nicht mit lautem Schlachtgruß an, + Entgegen hielten sie stillschweigend auf dem Plan, + Und Sohn und Vater sahn sich stumm todblickend an. + Nun kamen auch heran die Zeugen ihrer Schlacht, + Von beiden Seiten die und jene Heeresmacht: + Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt, + Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt; + Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt, + Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt. + Entgegen standen sich die beiden Heere schweigend, + Die Kampfbegier vereint nur in zwei Kämpfern zeigend. + Wie auf dem weiten Hof ein zahlreich Volk von Hennen + Untätig zusieht, wie zum Kampf zwei Hähne rennen, + Die, für ihr ganz Geschlecht von Kampfbegier entbrant, + Wenn sie erst zum Gefecht zusammen sind gerant, + Lebendig alle zwei nicht mehr zu trennen sind; + Sosehr macht Eifersucht und heißes Blut sie blind: + Die Hennen sehen zu, wie sie zusammen rennen, + Und warten, welchen sie als Herrn des Hofs erkennen; + So dort erwarteten die beiden Heere nun, + Wer als des Schlachtfelds Herr hervor sich würde tun, + Und sahen zu, bewehrt, alsob sie wehrlos wären: + Für alle ließen sie das eine Paar gewären. + + + 86. + + Doch näher kamen an die beiden Helden licht + Geritten nun, und sahn einander ins Gesicht. + Suhrab, den Ungeduld hinan zum Vater trieb, + Sprach, während eine Hand er in der andern rieb: + Komm, alter Held, wie ich gesehn noch keinen habe, + Nicht übel nim es mir! dich will bestehn ein Knabe. + Von Iran brauchen wir und Turan hier dazu + Sonst keinen außer uns, genug sind ich und du. + An Wuchse bist du hoch, an Schultern bist du stark; + Die Jahre haben doch versehrt bereits dein Mark. + Du wirst mich nicht bestehn in diesem Waffengange! + Er sprachs, und Rostem blickt' auf seine Rosenwange, + Und sprach zu ihm: Gemach, feuriges Heldenkind! + Die Erd ist kalt und hart, die Luft ist lau und lind. + Schon manche glichen dir, die nun gleich Staube sind. + Wol altershalb hab ich gesehn genug Walstätten, + Und half manch stolzes Heer im kalten Lager betten. + Die schlafen tief genug, die meinem Streich erlagen; + Und wo ich selber schlug, da ward ich nie geschlagen. + Nun komm heran, blick her, wie ich dich morden will; + Entkommst du mir, so fürcht hinfort kein Krokodill! + Allein es fühlt mein Herz mit dir, Kind, ein Mitleiden, + Vom schönen Leib will ich nicht deine Seele scheiden. + Gar einem Türken gleichst du nicht, o schlanker Baum! + Deinsgleichen viele wüßt ich auch in Iran kaum. + Wie Suhrab hörte, daß so sanfter Rede pflegte + Der Recke, fühlt' er auch, wie sich sein Herz bewegte, + Und sprach: O alter Held, ich will ein Wort dich fragen, + Du aber mußt nun auch mir alle Wahrheit sagen. + Vermelde mir, eh wir uns schlagen, dein Geschlecht! + So, hör ich, hielten es die Alten im Gefecht. + Ich glaube wirklich, daß du Niemand auf der Welt + Als Rostem bist, der Fürst im grünen Heergezelt. + So sprach er, und so nah daran wars, daß gewendet + Würd alles Weh in Lust, und aller Streit geendet. + Da kam ein finstrer Geist auf Rostem, und er sprach: + Ich bin nicht Rostem! was fragst du dem Rostem nach? + Er ist ein Ritter, ist ein Fürst, ich bin ein Knecht; + Mit ihm nicht, nur mit mir ist dir der Kampf gerecht. + Ich bin der Späher, der dir auf der Burg erschlug + Den Mann, der thöricht Lust mich auszuspähen trug. + Nun komm zum Kampf, mein Sohn, des Schwatzens ist genug. + + + 87. + + Da schwenkte sich im Zorn zur Linken ab Suhrab + Von Rostem, Rostem lenkte rechts von Suhrab ab. + Doch als auf Bogenschuß sie auseinander waren, + Da wendeten sie schnell, und kamen hergefaren. + Entgegen stoben sich zu Ross die beiden Ritter, + Entgegen schoben sich die beiden Ungewitter; + Entgegen schnoben sich ein Sohn und Vater bitter: + Die Schläge hoben sich, und jeder Schlag gab Splitter. + Zuerst versuchten sich in diesem Waffentanze + Der Vater und der Sohn mit fernentsandter Lanze. + Sodann erprobten sich der alte und der junge + Anrückend mit der nahgezückten Schwerter Schwunge. + Und endlich giengen sich die beiden Heeressäulen + Hart auf den ehrnen Leib mit ihren ehrnen Keulen. + Was von der Lanze da verschont blieb, schlug das Schwert; + Die Keule schmetterte, was jenes nicht versehrt. + Laut stöhnten beid', es war des andern jeder wert. + Am Helme blieb kein Glanz, am Helmbusch kein Gefieder, + Kein Ring am Panzer ganz, keins ungequetscht der Glieder; + In Strömen floß der Schweiß vom Mann aufs Ross danieder. + Wie sich entgegen zwei Gewitterwolken wettern, + Mit Blitz und Gegenblitz einander zu zerschmettern; + Sie selber können sich mit Streichen nicht verletzen, + Doch unter ihrem Kampf ergreift die Welt Entsetzen: + Der Hagel braust herab und schlägt der Erde Saat; + Das Land ist wie ein Feld, das eine Schlacht zertrat: + Dann, wenn sie sich erschöpft, zieht jede ihre Bahn, + Und aus der Ferne noch sehn sie sich finster an: + So standen jetzt vom Kampf die beiden ab ermattet, + Und eine Lebensfrist war noch dem Sohn gestattet. + + + 88. + + Sie schieden sich, voll Weh der Vater, und das Kind + Voll Schmerz: sie hatten sich begegnet ungelind. + Die Rosse langsam ließen sie bei Seite laufen, + Um von der stürmischen Begrüßung zu verschnaufen. + Suhrab im Herzen sprach: Der da so grimmig drein + Auf mich geschlagen hat, kann nicht mein Vater sein. + Zwar alle treffen ein die Zeichen, die von ihm + Die Mutter gab, nur sprach sie nichts von solchem Grimm. + Zum Gatten hätte nie genommen ihn Tehmine, + Wär er gekommen ihr mit solcher Löwenmiene. + Er sagt es selbst: er ist der Mann, der mir erschlagen + Den Vetter hat, der mir den Vater sollte sagen. + Den Vetter wollt ich ja an seinem Mörder rächen; + Und was nun hindert mich, zu lösen mein Versprechen? + Doch Rostem sprach bei sich: Ei, wäre der mein Sohn; + Von ihm zerbleut, hätt ich nun meiner Thaten Lohn! + Den hat kein menschliches, ein Riesenweib getragen; + Wie ich so alt erst war, konnt ich noch so nicht schlagen. + Nim dich zusammen nun und wehr dich, alter Held! + Denn zu Zuschauern hast du beide Heer im Feld. + Es wär ein Spuck, wenn mirs mit diesem Türken fehlte, + Und in Semengan ers einst meinem Sohn erzählte! + Denn, wer ich bin, wird er am Ende doch erfaren, + Wielang ich auch vor ihm mag das Geheimnis waren. + So sprachen sie, indem sie sich erholten jetzt + Von Streichen, welche Sohn und Vater sich versetzt; + Die Rosse hatten so einander nicht verletzt. + Sie hatten sich geschont, und waren nur benetzt + Vom Schaume, weil zum Kampf die Reiter sie gehetzt. + Die hatten nun beiseit ein wenig ihren Streit + Gelegt und waren schon zu neuem Weh bereit. + + + 89. + + Nunmehr begannen sie, wie um sich zu erholen, + Ihr Schützenkampfgerät gemach hervor zu holen. + Zum Köcher langten sie, und zogen ihre Bogen, + Und von der Senne kam Pfeil gegen Pfeil geflogen. + Im Fluge trafen sich die zwei, und sanken nieder; + Doch andre rüsteten schon Sohn und Vater wieder. + Die Pfeile regneten, dicht, wie bei rauhem Wetter + Des Herbstes unterm Baum hernieder rieseln Blätter; + Wie wenn am Frühlingstag des Landmanns Bienen schwärmen, + Wann rings das Bienenhaus des Mittags Stralen wärmen; + Wann sich die Einigkeit des Brudervolks zerschlug, + Die Honig mit gemeinschaftlichem Fleiß eintrug, + Sich nun vom alten Stock der junge Stamm lossagt, + Und auf gut Glück den Flug mit eignem Weisel wagt: + So nun mit einem Schwarm geschärfter Stacheln wandten + Zum Kampfe sich die mutentbranten Blutverwandten. + Sie spannten, legten an und schoßen ab, und spannten, + Indem mit jedem Pfeil sie sich Zornblicke sandten. + Sowenig aber als ein Blick, sowenig leid + Tat ihnen auch ein Pfeil am festen Wehrgeschmeid; + Sie schüttelten mit Scherz den Staub vom Waffenkleid, + Die Köcher raßelten, und ihre Schätze klirrten; + Die Sennen winselten, und ihre Bogen schwirrten, + Die laut im Fluge gleich blutgierigen Vögeln girrten. + Nicht kamen sie zum Zweck, die doch vom Ziel nicht irrten. + Alswie der Sonne Pfeil prallt ab vom Felsgestein, + Ihm dringen kann er nicht ins feste Fleisch und Bein, + Und an der obern Haut erhitzt er ihn allein: + So drangen dort nicht ein die Pfeil, und prallten ab, + Und mehr in Hitze nur kam Rostem und Suhrab. + Mit goldnen Spitzen war, gleich Stralen, jeder Schild + Besetzt, und leuchtete recht wie der Sonne Bild. + Doch als es sie verdroß, vergebens nur die Scheibe + Zu treffen, ließen sie nunmehr vom Zeitvertreibe, + Und giengen, Ross und Mann, ernsthafter sich zu Leibe. + + + 90. + + Sie ritten nah sich auf den Leib, und legten Hand, + Zu ringen, einer an des andern Gürtelband. + Wann sonst im Rossringkampf Rostem saß auf dem Rachs, + War er wie Erz, und, was zur Hand ihm kam, wie Wachs. + Doch nun legt' er die Hand an Suhrabs Gürtelband, + Und staunte, daß er fand solch einen Widerstand. + Wie nicht ein Bergfels wankt, den eine Schlang umflicht, + In Rostems Armgeflecht so wankte Suhrab nicht. + Wo Rostem matt ließ ab, fieng mutig an Suhrab; + Doch auch vergeben war die Müh, die er sich gab. + Wie nicht der Erdleib schwankt, weil ihn der Arm umflicht + Der Luft, so schwankte nicht Rostem im Gleichgewicht. + Da ließ der Sohn erzürnt den starken Vater faren + Am Gürtel, und ergriff ihn an dem Schopf von Haaren, + Der, halbergraut, doch straff drang unterm Helm hervor; + Daran vom Sattel hofft' er ihn zu ziehn empor. + Doch Rostem saß wie Blei im Sattel, wie ein Stück + Von Erzguß; nur das Haar blieb in der Hand zurück. + Suhrab fand in der Hand das Haar, und rief erschrocken: + Du unbezwinglicher mit schon ergrauten Locken! + Du spannst die Glieder unnatürlich an mit Krampf; + Was suchest du, o Greis, mit einem Jüngling Kampf? + Ein alter Mann, wennauch sein Wuchs wär eichbaumschäftig, + Mit einem jungen ist er doch zum Streit unkräftig. + Dein Thier auch unter dir hat seinen Mut verloren, + Und wie ein Esel läßt es hangen seine Ohren. + Vor meinem Hengste sucht' es gern das Heil in Flucht, + Und ihm verbietet es nur seines Reiters Wucht; + Doch mir verbeut den Kampf mit dir nun Scham und Zucht. + Als ich das graue Haar in meiner Hand gewart, + War mirs als legt ich Hand an meines Vaters Bart. + Sind denn um uns im Feld nicht andre Kriegerhaufen? + Was müßen wir allein uns mit einander raufen! + So sprach der junge; doch der alte sagte nichts, + Er wendete sich ab ergrimmten Angesichts. + + + 91. + + Da stürzt' er sich, wie sich ein Wolf stürzt auf die Herde + Der Schaf', aufs Turanheer, zu würgen mit dem Schwerde. + Und Suhrab, als ers sah, da warf er, wie ein Tieger + Sich auf die Rinder wirft, sich auf die Iranskrieger. + Den ersten, den er traf, streckt' er in Todesschlaf, + Den zweiten, dritten auch, und jeden, den er traf. + Doch Rostem, als er dort ans Heer von Turan kam, + Hielt plötzlich an den Rachs, zurück hielt ihn die Scham + Und Ueberlegung, wie es nun dem Kawus gienge, + Wenn jener Türk im Heer erst an zu morden fienge? + Dem selber Rostem kaum im Kampfe konte stehn; + Wie sollten seiner Wut die andern dort entgehn! + Drum, ohn ein Tröpflein Blut von Türken zu versprützen, + Umwandt er mit dem Rachs, die Perser zu beschützen. + Den Suhrab im Gewühl sucht er und fand, und schaute, + Wie auf der Flur Smaragd er Blutrubinen thaute. + Ihn rief er zürnend an: Was kühlst du deine Hitze + Am schwachen Volk, das dir nicht bieten darf die Spitze? + Was haben, tobender, die Leute dir getan, + Die du mit unversehnem Kampf hier rennest an? + Doch Suhrab sprach erstaunt: Ei, alter Held unhuldig, + Sind nicht am Kampfe dort die Türken auch unschuldig? + Warum hast du auf sie geworfen deine Wucht? + Wer hat von ihnen Streit an dich zuerst gesucht? + Doch willst du wieder nun zu mir zurück dich wenden, + So komm, laß uns das Werk erneuen und vollenden! + Doch Rostem sprach: der Tag hat sich geneigt zur Nacht; + Die ist zur Ruh gemacht, und nicht zum Werk der Schlacht. + Gehorchen wir der Nacht! doch wann im Osten lacht + Das goldne Schwert, von dessen Glanz die Welt erwacht, + Erneuern wir die Schlacht! sei mir hieher bestellt! + Hier stell ich morgen mich; jetzt geh, wohins gefällt! + Hier soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen, + Und als Zuschauer mag dieß Heer und jen's erscheinen; + Dann sehn wir, welches wird um seinen Kämpfer weinen! + + + 92. + + Sie giengen; finster ward das Angesicht der Luft; + Der Himmel hüllte sich in einen trüben Duft: + Vorzubereiten schien er Suhrabs Totengruft. + Doch Suhrab ritt vergnügt mit seinem Heer nach Haus, + Und unterm Reiten noch fragt' er den Barman aus: + Von jenem Löwenmann, von dessen Kraft die Spangen + Mir krachten heut am Tag, wie ist es euch ergangen? + Da er dieß Heer, wie ein berauschter Elefant + Anrante, wieviel hat er nieder da gerant? + Nie ward von mir erprobt, in jedem Kampf belobt, + Solch einer; wie hat er hier seinen Grimm vertobt? + Doch Barman sprach: Es war dein eigner Fürstenwille, + Daß diesen Tag das Heer sich hielt' in Waffen stille. + Gerüstet aber war all unser Ding zum Streit, + In jedem Nu ins Feld zu treten kampfbereit. + Da kam ein einzelner daher, ein unbekanter, + Und blindlings tollkühn vor die Heeresmitte rant er. + Er kam alswie im Rausch, oder vom Rausch erwacht, + Im Taumel, um allein zu liefern eine Schlacht. + Ich aber ordnete die Reihen, dem verwegnen, + Wo er sich wagt' heran, mit Nachdruck zu begegnen. + Da ward er plötzlich andern Sinns; die Zügel wandt er, + Und spornstreichs, wie er hergekommen war, entrant er. + Froh lachend sprach Suhrab: Also von diesem Heer + Erlegte keinen er, und ritt vergebens her! + Ich hab Iranier indessen viel getötet, + Mit Blut wie Rosen dort den Rasengrund gerötet. + Er hat den müßigen Beschauer hier gemacht! + Nun heute hat die Nacht geschieden unsre Schlacht. + Doch morgen, wann der Welt der hehre Tag aufgeht, + Dann wird sich zeigen, wer von beiden fällt und steht. + Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen, + Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen. + Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen; + Dann seht ihr, welches Heer um seinen Mann muß weinen! + Jetzt aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen, + Die spröden Lippen nach dem Kampfstaub anzufrischen + Mit Weinthau; Baruman, laß einen Schmaus auftischen! + + + 93. + + Indess im Lager lag schon Rostem beim Gelag, + Der noch beim kühlen Wein dacht an den heißen Tag. + Nur Suhrab wars, von dem er da erzälen mußte, + Suhrab, von dem man auch ihm zu erzälen wußte. + Keikawus sprach: Warum hast du den Wüterich + Uns auf den Hals geschickt, da du ihn namst auf dich? + Und hättest du nicht bald auf seine Bahn gerichtet + Dein Augenmerk; wer weiß, was er hätt angerichtet! + Wir haben hier ein Teil von seiner Art empfunden; + Doch selber sag uns nun, wie du ihn hast gefunden! + Er sprachs; doch Eifersucht und Aerger schwemmt' hinab + Rostem mit Wein, und tat den Mund auf von Suhrab: + Ich habe nie gesehn die gleichen Heldengaben, + Die Löwenmannheit nie, an so unreifem Knaben. + Ich hätte nicht gedacht, daß solchen Mann der Schlacht + Die Welt hervorgebracht, der mir so warm gemacht. + Er hat in jedem Kampf, in jedem Waffenwerke, + Mit mir die gleiche Kunst, mit mir die gleiche Stärke; + Und nur die Jugend die hat er vor mir voraus: + Mit ihm muß ich bestehn noch einen schweren Strauß. + Erst mit dem Sper hab ichs, dann mit dem Schwert versucht, + Mit meiner Keule dann, und er bestand die Wucht. + Zuletzt da dacht ich noch: Vor diesem rang ich doch + Schon manchen Helden hoch herab vom Satteljoch! + Da streckt' ich meine Hand nach seinem Gürtelband, + Und zerrte wacker; doch ich fand: er widerstand! + Ich dacht, er sollte nur sogleich vom Sattel fliegen, + Wie soviel andre schon ich sah im Staube liegen. + Doch wenn ein Berg im Grund wird wanken von dem Wind, + So wird vom Sattel nicht wanken das edle Kind. + Für heute hat die Nacht nun unsern Kampf geschieden; + Ich weiß nicht, ob ers war, ich war es wol zufrieden. + Und wenn er morgen mir wird zum Kampfplatze kehren, + Hab ich für Irans Ruhm und meinen mich zu wehren. + Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen, + Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen. + Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen; + Dann seht ihr, welches Heer muß seinen Mann beweinen! + Heut aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen, + Für morgen auf den Kampf die Herzen anzufrischen; + O König Keikawus, laß neuen Wein auftischen! + + + 94. + + So sprach er, und sein Wort macht' alle Gäste staunen; + Dann tranken sie mit ihm, und wurden froher Launen. + Sie tranken ihm auf Glück und Sieg die Becher zu, + Und suchten, wohlbezecht, in Zelten Schlaf und Ruh. + Doch Rostem, als er in sein Zelt gekommen war, + Sprach er noch in der Nacht zum Bruder: O Sewar! + Heut haben wir im Feld des Kampfes dieß gesehn; + Und Niemand sieht voraus, was morgen wird geschehn. + Sobald am Himmel dort der Sonne goldner Schild + Hervortritt, tret ich an den Gang ins Schlachtgefild. + Du laß in Gottes Hut, allein mit meinem Mut, + Mich gehn, und halte du mein Sabulheer in Hut. + Wenn ich den Feind erleg in diesem Waffengange, + Nicht auf der Walstatt werd ich dann dir säumen lange. + Doch anders wenn ergeht der himmlische Bescheid, + Vollführe du kein Weh, und mache du kein Leid! + Einbrechen sollt ihr nicht, um meinen Tod zu rächen, + Ins Feindesheer; ihr sollt nach Sabul gleich aufbrechen; + So sollt ihr unterwegs, und so zu Hause sprechen: + So war es ihm verhängt an seines Alters Rand, + Daß seinen Tod er fand von eines Jünglings Hand. + Zur Mutter dort im Ton der Tröstung sollst du sagen: + Um Rostem, deinen Sohn, sollst du zusehr nicht klagen! + Soviel erschlug er schon, und ward nun auch erschlagen. + Du wurdest alt, und sahst alt werden deinen Sohn; + Nun lebe länger noch, wenn er gestorben schon! + Er hat sein Werk getan, und hat nun seinen Lohn. + So manches Abenteur im Heldenungestüm + Bestand er, Ungeheur und Riesenungetüm. + So manches feste Schloß mit Mauerkranze brach er, + So manchen Mann vom Ross mit seiner Lanze stach er. + Doch an des Todes Schloß am Ende pochen muß, + Wer immer auf ein Ross gehoben seinen Fuß. + In diesem Jagdrevier ist ungejagt geblieben + Kein Jäger, ewig hier kein Treiber unvertrieben; + Ein Freibrief ward auch mir vom Himmel nicht geschrieben. + Sewar! zum Schlaftrunk gib mir noch den Becher Wein, + Und laß das Uebrige dem Glück empfolen sein! + So sprach er, und die Nacht ward mit Gespräch von Schlacht + Und Suhrab halb, und halb mit Ruh und Schlaf verbracht. + + + + + Zehntes Buch. + + + 95. + + Wie nun des Tages Pfau sein farbiges Gefieder + Entfaltet', und der Rab der Nacht den Kopf bog nieder; + Umgürtete der Held den Stahl, den lebenraubenden, + Und seinen Drachen schirrt' er an, den feuerschnaubenden. + Zum Kampfplatz wie ein Sturm kam er hinan geschnaubt, + Hell glänzt' im Morgenstral der Helm auf seinem Haubt. + Im Felde sah er dort sich um, es nam ihn Wunder, + Daß noch nicht war am Ort der junge Feuerzunder. + Der trank noch Morgenwein vergnügt bei Lautenton, + Und seiner wartete der Tod, der Vater, schon. + Er sprach zu Baruman: Der grimmige Löwengreis, + Mit dem ich heute nun mich tummeln soll im Kreiß; + Er ist nicht unter mir an ragender Gestalt, + Und steht nicht hinter mir zurück an Kampfgewalt. + Wenn ich ihn seh an Brust, Arm, Schulter und Genicke, + Ist mirs alsob ich selbst im Spiegel mich erblicke; + Alsob ich selber so müßt anzusehen sein, + Wenn soviel Jahr als ihm die Sterne mir verleihn! + Des Helden Anblick treibt die Scham auf meine Wangen, + Und regt im Busen mir ein liebendes Verlangen. + O sag mir, ob er ist der Vater, den ich suche! + Damit die Welt mir nicht als Vatermörder fluche! + Was sollt ich, kehrt ich heim, der armen Mutter sagen? + Daß ich den Gatten ihr, den Vater mir, erschlagen! + Der Gatte zwar ist schon der Mutter lang entflohn; + Und desto mehr verlangt sie nun zurück den Sohn. + Zu ihr möcht ich zurück, hätt ich den Vater nur + Gefunden erst, den ich hieher zu suchen fur! + Die Zeichen treffen ein, die mir die Mutter gab; + Nicht töten will ich ihn für den Afrasiab! + Zwar gestern ist mir der Gedanke, den ich trug, + Vergangen, als der Mann so lieblos auf mich schlug. + Doch in der Nacht ist es mir wieder aufgestiegen, + Im Traume fand ich mich in seinen Armen liegen: + Da lag ich gut und sanft! ich will mit ihm nicht kriegen! + + + 96. + + Zu ihm sprach Baruman, nachdem er still bedacht, + Wozu Afrasiab verbindlich ihn gemacht: + Ich dächt, es hätte doch dir müßen nun verfliegen + Der Traum, im Arme sei sanft diesem Mann zu liegen! + Denn warlich muß, nach dem was du von ihm gesprochen, + Kein Herz, ein menschliches, in seinem Busen pochen. + Dein Mut hat einmal mit den mörderischen Händen + Den Kampf begonnen; mag den Kampf dein Mut vollenden! + Willst du nicht lösen dein verpfändetes Versprechen? + Du gabst dein Wort zurückzukehren; willst dus brechen? + Er wartet draußen schon, und wird dich mürrisch fragen: + Wo bleibst du, lieber Sohn? du scheinst vor mir zu zagen! + Ein Feigling bist du ihm, und bist du dir, erschienen; + Mit diesem Mut wirst du den Vater nicht verdienen! + Von deinem Vater ist mir Sichres nicht bekant; + Doch dich hat seinen Sohn Afrasiab genant. + Des Namens machest du dich wert, wann mutentbrant + Du jenen, der dir trotzt, hast in den Staub gerant. + Ich kenne nicht den Mann, und frage nicht, warum + Er seinen Namen birgt; befrag ihn selbst darum! + Doch lieber, wenn du mir gehorchest, frag ihn nicht! + Schlag ihn, eh er dich schlägt! brich ihn, eh er dich bricht! + So warst du deinen Ruhm, und übest deine Pflicht. + So sprach er, und sein Rat klang Suhrabs Ohren hohl; + Dem Redner selber war dabei ums Herz nicht wol. + Doch Sorg und Zweifel nun schlug Suhrab in den Wind, + Legt' an sein Heergeschmeid, und sprang aufs Ross geschwind; + Entgegen flog in Eil dem Vater nun sein Kind. + + + 97. + + Als beide Kämpfer nun erschienen auf dem Plan, + Da kamen ihres Kampfs Zuschauer auch heran; + Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt, + Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt; + Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt, + Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt. + Vor diesen Zeugen ritt zu seinem Gegner hin + Suhrab, und mit dem Mund anlächelnd grüßt' er ihn: + Wie hast du in der Nacht geruht, und bist erwacht + Am Morgen? Früh, o Greis, hast du dich aufgemacht. + Das Aug und jeden Sinn erlabend ist der Morgen; + Doch welchen Abend er uns bringt, das ist verborgen. + Der Berge Häupter sind vom Stral der Frühe golden, + Mit Morgenwein gefüllt sind alle Blumendolden. + Die Morgenlüfte gehn, die Schläfer einzuladen, + Schnell aufzustehn, und sich im Maienthau zu baden. + Die Vögel singen laut, die klaren Bäche fließen, + Die Anger sonnen sich, und alle Blumen sprießen; + Das ist durchaus kein Tag zu Mord und Blutvergießen, + Ein Tag, das kurze Glück des Lebens zu genießen. + Komm, lieber Alter, steig herab von deinem Drachen + Ins grüne Gras, und laß uns Waffenstillstand machen! + Im Angesichte des und jenes Heeres laß, + Daß froh sie staunen, uns ablegen Groll und Haß! + Des Krieges Schauplatz sei in eine Friedensbühne + Verwandelt, und ein Fest erblüh uns auf dem Grüne. + Ich wink, und Saitenspiel und Wein kommt zum Gelag; + Ich feir im Rosenhag mit dir den Frülingstag. + Vom Haupte legest du des schweren Helmes Glanz, + Und um dein Haar leg ich von Rosen einen Kranz. + Dann sitzen wir beim Wein, und plaudern vom Gefecht; + Und alles, was ich weiß von mir, sag ich dir recht: + Du selber sagest auch mir Stammbaum und Geschlecht. + Nach deinem Namen hab ich ohne Rast und Ruh + Gefragt, und Niemand sagt ihn mir, o sag ihn du! + Nicht ziemt es zwischen uns, so Herz und Mund verschloßen + Zu halten, denn wir sind von gestern Kampfgenoßen. + + + 98. + + So sprach das Kind; ihm hatt aus Waßer, Luft und Flur + Gesprochen sanft ans Herz die Sprache der Natur. + Wie eine Knospe war das Herz ihm aufgegangen, + Und das Verlangen blüht' auf seinen Rosenwangen. + Doch wie die Knosp am Strauch, vom Frülingsstral geweckt, + Zurück vom kalten Hauch des Nordwinds wird geschreckt; + Und wie die Blume, die den Kelch geöffnet hält + Dem Früthau, wenn auf sie der giftge Melthau fällt: + So schrumpfte Suhrabs Herz zusammen, und es brach + Der Hoffnung grüner Stiel ihm ab, als Rostem sprach: + Nicht also haben wir, o liebes Kind, gewettet, + Zu ruhn in Friedensruh auf Frülingsgrün gebettet. + Wir haben uns bestellt, im Ringkampf uns zu tummeln, + Nicht stachellos umher zu schwärmen wie die Hummeln. + Wenn du ein Jüngling bist, so bin ich doch kein Knabe; + Du siehst, daß ich den Gurt geschnallt zum Ringen habe. + Du hast mich lang genug aufs Tagwerk laßen warten, + Rosen zu brechen, wie sie blühn in unserm Garten. + Der Hauch des Morgens ist belobt zu jedem Werke, + Und mir erneuet er der alten Glieder Stärke. + Drum, eh des Mittags Glut der Sehnen Kraft abspannt, + Zeig, ob du bist ein Mann, wann ich dich übermannt! + Ich habe nicht gehört, daß auf dem Kampfplatz plaudern + Kampflustige, wenn froh die Hengst im Frühwind schaudern. + Ich habe mich versucht mit Männern hier und dort; + Ich bin ein Mann der Tat, kein Mann von vielem Wort. + Drum meinen Namen nenn ich ehr nicht, sei verbürgt! + Als bis du liegst; dann sollst du wißen, wer dich würgt! + + + 99. + + Da rief Suhrab erzürnt: Wolan denn, alter Mann, + Wenn dich mein gutgemeinter Rat nicht beugen kann! + Mein Wunsch war, daß du einst auf einem sanften Pfühl + Den Geist aushauchtest, nicht im heißen Kampfgewühl, + Wer nach dir blieb, die Gruft dir ehrenvoll bedächte, + In Türkisschrein den Leib Sohn oder Enkel brächte. + Doch nun, mit Gott! wenn ist in meiner Hand dein Hauch, + Mit meiner Hand hier will ich ihn entbinden auch! + So rief er, und vom Ross sprang er gewaffnet nieder; + Der Helm klang auf dem Haupt, der Panzer um die Glieder. + Und ihm genüber schwang sich Rostem ab, ihm klang + Laut an der Hüft ein Schwert, das halb der Scheid entsprang. + Mit Schweigen giengen beid und füreten mit Schweigen + Die Ross' an ihrer Hand zum Bach hin unter Zweigen; + Wo an des Baches Rand ein einzler Felsen stand, + Der tauglich schien, ein Ross zu halten fest am Band: + Um den schlang Rostems Hand den Zaum des Rachs im Nu, + Und Suhrab eilig band sein Ross dort an dazu. + So standen dort in Ruh, das eine bei dem andern, + Die Rosse, da zum Kampf die Männer mußten wandern. + Friedfertig schnaubten sie sich an, und legten, als + Umarmeten sie sich, vertraulich Hals an Hals. + Sie unterredeten sich schweigend: ach, sie brächen + Ihr Schweigen gern auch, daß sie ihren Herrn zusprächen! + Doch diese ließen stehn mit seinem Sohn den Rachs, + Und schritten auf den Plan zum Faust- und Ringkampf stracks. + + + 100. + + Sie gürteten sich fest die Mitte, stülpten dicht + Die Aermel um den Arm, und furchten das Gesicht. + Zwei Löwen gleich an Wut, herschoßen sie zumal; + Vom Leibe Schweiß und Blut vergoßen sie zumal. + Zwei Leiber wurden da Ein Leib, indem sie rangen, + Um den vier Arm' im Knäul wie Schlangen sich verschlangen. + Wie eine Goldspang eng den Frauenarm umschmiegt, + Und wie fest an dem Leib ein naßes Kleid anliegt: + So mit den Armen eng umschmiegten sich die beiden; + Anstrengten hin und her und wiegten sich die beiden: + An Kraft nicht, noch an Kunst besiegten sich die beiden. + Sie hätten Stein und Erz zerdrückt in ihren Armen; + Sie drückten sich umsonst, und drückten ohn Erbarmen. + Angst fühlte Brust an Brust, und Glied um Glieder Schmerz, + Als Vater dort und Sohn sich drückten so ans Herz. + Indessen oben sie sich mit den Armen klemmten, + Den Odem in der Brust, das Blut im Herzen hemmten; + Indessen hielten sie am Boden die gestemmten + Füß' eingewurzelt. So rang Suhrab mit Tehemten + Mit mächtigem Umfahn, gewaltigem Umschlingen, + Vermochten sie sich doch zu Boden nicht zu ringen, + Vermochten sie sich nicht vom Grund empor zu bringen, + Vermochten sie sich auch vom Platz nicht wegzudringen. + Umsonst umschlangen sie, umsonst umflochten sie; + Vergebens rangen sie, vergebens fochten sie. + Voll Wut andrangen sie, voll Wut aufkochten sie; + Sich nicht bezwangen sie, noch übermochten sie. + Nun wollten sies, anstatt mit Ringen und mit Dringen, + Mit Schwingen in die Luft vollbringen und erzwingen. + Los ließen Vater sich und Sohn, und seine Hand + Ausstreckte jeder nach des andern Gürtelband. + Und Rostem schwang den Sohn empor mit einem Schwunge + Am Gürtel: fast erlag dem Alten da der Junge. + Doch dieser fiel, vom Glück geschleudert, auf die Brust + Des Gegners schwer, und warf ihn nieder in den Dust. + Da kniet' er auf der Brust des Vaters, und besann + Sich selber nicht, wie er die Oberhand gewann. + Da zuckt' er rasch den Dolch, und, ohne dran zu denken, + Wollt er den kalten Stahl ins Herz des Vaters senken. + + + 101. + + Rostem, aufblickend, sah das nahe Ungemach + Schweben ob seinem Haupt, und rief: Gemach, gemach! + Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen, + So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen! + Du kommest her und stammst aus wilder Türken Mitte: + Nach Iran kommst du, kämpfst, und kennst nicht Irans Sitte. + Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen + Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen; + Das erstemal, da er ihn an den Boden legt, + Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt. + Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen! + Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen. + Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen; + Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen. + So sprach er, ob villeicht er sei durch List errettet + Vom Gegner, unter dem er unsanft lag gebettet. + Suhrab hielt zweifelnd inn, und sprach: Ich habe nicht + Von dieser Sitt im Land vernommen den Bericht. + Sag an, ob wirklich so es alle Helden halten, + Obs so gehalten wird von Rostem auch, dem alten? + Doch Rostem sprach: Was geht dichs an, wies Rostem macht? + Nun ja doch! diesen Brauch hat Rostem aufgebracht. -- + Wie Rostems Sohn aus Rostems Mund dieß Wort gehört, + Das Schwert zog er zurück, und ließ ihn los, betört: + Einmal, von Selbstvertraun, sodann von Schicksalsfug, + Am meisten aber, weil sein Herz von Großmut schlug; + Sonst hätt ihn nicht allein betört des Vaters Trug. + Rostem sah froh erstaunt sich los vom Feind gekettet, + Doch war er unmutsvoll, daß ihn nur List gerettet. + Vom Boden sprang er auf, und schüttelte die Glieder + Vom Staub, und ein die ausgerenkten renkt' er wieder. + Doch Suhrab wendete von ihm sich ins Gefild, + Und jagte vor sich her ein aufgesprungnes Wild. + Auf dieses macht' er Jagd zur Kurzweil, und vergaß + Des Mannes ganz, mit dem er erst im Kampf sich maß. + + + 102. + + Doch Rostem, als er war entbunden seiner Qual, + Gieng an den Bach hinauf, dort in ein Felsental, + Wo er vor langer Zeit einmal mit einem Geiste + Zusammentraf, als er des Wegs aus Turan reiste, + Als er dort aus dem Krieg mit Beute schwer beladen + Zurückkam, mühsam gieng er da auf seinen Pfaden. + Dem Rostem damals war solch eine Kraft verliehn, + Die nicht nur seinen Feind, die drückte selber ihn. + Denn wo er auf dem Grund mit seines Leibs Gewicht + Auftrat, gab nach der Grund, und widerstand ihm nicht. + Den Fußtritt drückt' er tief auch härterem Gestein, + Nicht lockerm Sande nur und weichem Boden ein: + So wehrlos schon, vielmehr wann er die Waffen trug, + Und nun trug er dazu noch schweren Raubs genug. + Im Melme sank ihm ein der Fuß bis an den Knöchel; + Da lachte neben ihm der Berggeist mit Geröchel. + Wer, fragte Rostem, lacht? Dumpf sprach der Berggeist: Ich! + Worüber? Weil ich seh im Grund einsinken dich. + Die dir die Mutter gab, die Kraft ist lästig dir, + Du bist zu schwach für sie, gib sie zu tragen mir! + Und brauchst du sie einmal, wann matt sind deine Glieder, + So komm und ruf! so geb ich deine Kraft dir wieder. + Da gab der Pehlewan dem Berggeist in Verwar + Den Ueberschuß der Kraft, die ihm beschwerlich war. + Jetzt aber kam er her, um, ehr im Berge modern + Er ließe seine Kraft, sie nun zurück zu fodern. + Denn gegen Suhrab war der Sieg ihm zweifelhaft, + Wenn er nicht näme ganz zusammen seine Kraft. + + + + + Elftes Buch. + + + 103. + + Zu Suhrab aber, der froh seiner Jagd nachgieng, + Kam Barman, als der Tag sich an zu neigen fieng. + Er kam, von bangem Mut und Ungeduld getrieben, + Was in den Sternen nun ob Suhrab sei geschrieben, + Und welchen Wunsch erfüllt sehn sollt Afrasiab, + Von beiden wen im Grab, ob Rostem ob Suhrab? + Er wußte nicht, warum sie ihren Kampf geschieden, + Und fürchtete, daß Sohn und Vater machten Frieden. + Doch als er wolgemut herwandeln jenen sah, + Rief er ihn an, indem er trat mit Staunen nah: + Was ist es? was geschah? wo ist dir hingekommen + Der Gegner, den du dir zu würgen vorgenommen? + Doch Suhrab lächelnd sprach: Er ist mir nicht entwischt; + Auf einen neuen Gang hab ich mich angefrischt. + Ihn fragte Baruman: Warum ward aufgehoben + Der Kampf? Doch Suhrab sprach: Er ward nur aufgeschoben. + Im Ringen hatt ich ihn geworfen auf den Plan, + Schon zuckt ich meinen Dolch, da wars um ihn getan; + Doch er mit lautem Ruf rief mich um Schonung an: + Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen, + So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen! + Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen + Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen; + Das erstemal, da er ihn an den Boden legt, + Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt. + Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen! + Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen. + Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen; + Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen. + So sprach er, und ich gab auf dieses Wort ihn frei, + Daß er mir erst erlegt im zweiten Gange sei! + So sprach Suhrab vergnügt; doch Barman sah das Walten + Des Himmels, daß Rostem für Iran sei behalten. + Zu Suhrab sprach er: Weh! du bist des Lebens satt: + Ein Glück begegnet nie zweimal an Einer Statt. + Den Pardel ließest du entspringen aus den Schlingen, + Darein ihn Gott dir gab: nun wird er dich verschlingen! + So sprach er misvergnügt, und wendete sich ab + Vom Knaben rasch, den er nunmehr verloren gab. + Er gieng hinweg, und sprach: Das Schicksal mag es lenken + Mit ihm, wies ihm gefällt! ich will das Heer bedenken. + + + 104. + + Auf einem Felsenthron saß dort der Geist und sah, + Das Tal herauf ein Mann kam seinem Sitze nah. + Voll Muts und unmutsvoll umschauend kam er bei; + Da merkte wol der Geist, daß er gesuchet sei. + Ein Abendnebel lag als Helm auf seinem Haubte; + Den hob er weg, indem er mit dem Atem schnaubte. + Auf seinem Throne saß der Geist nun unverhüllt, + Doch finster, von des Bergs verborgner Kraft erfüllt. + Den Rostem rief er an: Wen und was suchst du? sprich! + Darauf sprach Rostem: Dich und meine Kraft such ich. + Ich seh und kenne dich, wie ich dich schon geschaut; + Du bist nicht seit der Zeit gealtert noch ergraut; + Doch kennst du mich? und weißt, was ich dir anvertraut? + Mit düsterm Lächeln gab zur Antwort ihm der Geist: + Ich kenne dich nicht mehr, Rostem! du bist ergreist. + Doch was bemühest du die alten Heldenglieder + Zu mir? Tehemten sprach: Gib meine Kraft mir wieder! + Bis heute kam ich aus mit dem, was ich gespart; + Das Ganze brauch ich heut; gib her, was du bewart! + Da sprach der Geist: Die Kraft des Menschenkinds, wann sie + Von ihm gewichen ist, kehrt ihm zurücke nie. + Denn keinem kann er sie zur Wiedergabe geben; + Du aber gabest mir die deine aufzuheben. + Wol aufgehoben hier ist sie und aufbehalten; + Viel beßer als bei dir ruht sie in Bergesspalten. + Warum willst du mit ihr dein alterndes Genick + Beladen? Held, du nimmst auf dich ein Misgeschick. + Doch weigern werd ich sie dir keinen Augenblick, + Wenn du sie ernstlich willst, und dreimal sie verlangest; + Allein bedenk es recht, wozu du sie empfangest! + Ich gebe, Stück für Stück, dir deine Kraft zurück, + Ich gebe sie dir, doch zum Unglück, nicht zum Glück. + Laß deine Kraft hier ruhn! du hast der Taten nun + Genug getan: zum Leid wirst du dir eine tun! + Tehemten, ja, ein Leid, ich fürchte, wirst du finden + Durch deine Kraft, davon dir selbst die Kraft wird schwinden. + + + 105. + + So unterhandelten sie dort um Rostems Kraft; + Doch Rostems Sohn sah sich im Feld um zweifelhaft, + Und wußte nicht, was er vom Gegner denken sollte, + Der nicht erschien; und ob er heimwerts lenken sollte, + Ob warten noch, bis doch villeicht er wiederkäme, + Damit er heute noch das Leben hier ihm näme! + Am Ende dünkt' es doch das Beste seiner Meinung, + Im Feld zu warten noch auf seines Feinds Erscheinung. + Denn, sprach er, heute früh hat er auf mich gewartet, + Nun wart ich spät auf ihn, so ist es wolgeartet. + Der Abend ist so schön nicht, als es uns versprach + Der Morgen; in der Welt kommt Herbes Frohem nach. + Die Sonne sinkt, und läßt ein blutges Abendrot + Zurück als Abschiedsgruß, den sie dem Leben bot. + Wo aber bleibt der Mann, den ich nicht missen kann? + Ich töt ihn in der Nacht, weil er am Tag entrann! + So sprechend, blickt' er auf, und sah den Rostem kommen, + Alswie ein Meteor trübrötlich angeglommen. + Dem Suhrab schien er ganz verwandelt zauberhaft, + Von wunderbarem Glanz, in voller Jugendkraft. + Mit Staunen grüßt' er ihn, mit Zittern und Verzagen; + Wo er gewesen sei, hatt er nicht Mut zu fragen. + Er fragt': Und ringen wir noch heute vor der Nacht? + Und Rostem sprach: Ei ja! es ist geschwind vollbracht. + Da traten an zum Kampf der Vater und der Sohn; + Der angetan mit Kraft, die diesem war entflohn. + Wie, wann die Sonne sinkt, die Nacht siegjauchzen mag, + Und wann die Nacht erliegt, so triumfirt der Tag: + So mochte Rostem leicht ob Suhrab triumfiren, + Der nicht gewinnen konnt, und jener nicht verlieren. + Da zog die Dämmerung aus Abendwolkenflor + Dem Schauplatz dieses Wehs den dichten Vorhang vor; + Daß von dem Doppelheer, das als Zuschauer nah + Dem Schauspiel war, was da geschah, kein Auge sah. + Da griffen an die zwei, da war es schon getan; + Vom Vater war es ab-, und um den Sohn getan. + Rostem tat einen Ruck, und Suhrab lag im Dust; + Rostem tat einen Zuck, sein Dolch traf Suhrabs Brust. + + + 106. + + Suhrab sprach todeswund: O ungetreuer Mann! + Das ist der Schonung Lohn, den ich von dir gewann. + Von Rostem hast du mir ein Märchen vorgelogen, + In Rostems Namen um mein Leben mich betrogen. + Doch sei ein Fisch im Meer, ein Vogel in der Luft, + Die Rach ereilet dich, wo ich lieg in der Gruft. + Wenn Rostem das erfärt, und er wird es erfaren; + Nicht wird ihm das Gerücht die Trauerkund ersparen -- + Wenn Rostem es erfärt, so gibt er dir den Lohn + Dafür, daß du erschlugst sein und Tehminas Sohn. + Er sprachs und von dem Wort getroffen, Rostem schrak + Zusammen, alsob ihm der Dolch im Busen stak. + Er rief: O Unglückskind, was sagst du? sags geschwind, + Sags recht, wer deine unglückseligen Eltern sind! + Doch Suhrab sprach mit Stolz und Trauer in der Miene: + Ich bin Suhrab, der Sohn von Rostem und Tehmine; + Er Irans Hort, und sie Semengans Frauenzier. + Die Mutter hat mich hergesandt, den Vater hier + Zu suchen, weil er dort solang nicht kam zu ihr. + Die Spange gab sie mir mit als Erkennungszeichen; + Die Spange, die er ihr einst gab, sollt ich ihm reichen. + Die Spange trug ich nicht am Arme; vor Verlust + Sie zu bewaren, trag ich hier sie auf der Brust. + Reiß das Gewand hier auf am Busen, das mich drückt, + Und sieh das Zeichen, das den Sohn von Rostem schmückt! + So sprach er, und vor Weh dem Vater wollt entweichen + Die Seel, und harrte nur noch aufs Erkennungszeichen. + Wegriß er das Gewand, und sah, wie einen Molch + In Rosen, in der Brust dort sitzen seinen Dolch; + Der stak noch in der Wund, als Scheide, die er schloß; + Nun zog ihn Rostem aus, und Suhrabs Leben floß. + In Purpurwellen floß das Leben hin, und tränkte + Das Gold der Spange, die Tehminen Rostem schenkte. + Er zog der Spange Gold, besetzt mit den Rubinen + Vom Blut des Sohns, hervor, selbst mit blutlosen Mienen, + Und rief: Suhrab, mein Sohn! Weh Rostem und Tehminen! + + + 107. + + Dumpf einen Augenblick in seines Jammers Füllen + Hinstarrte Rostem noch, dann hub er an zu brüllen. + Alswie ein Tiger brüllt, wann er, im Busch verhüllt, + Gelaurt auf einen Raub, von heißer Gier erfüllt: + Er lauert auf ein Rind, das von der Rinderherde + Dem grünen Busche nahn, und ihm verfallen werde. + Inzwischen geht einher des Tigers einzges Junges, + Das er im Neste glaubt, untüchtig noch des Sprunges. + Das kommt dem Busche nah, worin sein Vater lauert; + Der hört den Tritt im Gras, und ist von Lust durchschauert. + Er denkt: Da ist das Rind! und stürzt, vor Gierde blind, + So denkt er, auf das Rind, und stürzt aufs eigne Kind. + Dann siehet er, was ihm die blutgen Branken füllet; + Da bricht sein Tigerherz; und wie er nie gebrüllet, + So brüllt er: wie er nie gebrüllt in Wut um Blut, + Brüllt er nun um des Sohns vergoßnes Blut in Wut. + So brüllte Rostem jetzt, bis, sein nicht mehr bewußt, + Er hinsank atemlos an seines Sohnes Brust. + Ohnmächtig sank er hin, in Ohnmacht lag er da; + Das erstemal, daß dieß im Leben ihm geschah! + Erschöpft war seine Macht, und seine Kraft gebrochen, + Die Kraft, die er solang im Mark der alten Knochen + Getragen, samt der Kraft, die ihm aufs neu geworden + Recht eigentlich dazu, den eignen Sohn zu morden. + So lag er bei dem Sohn, selbst einem Toten gleich, + Und bei ihm lag der Sohn, im Antlitz todesbleich, + Im Antlitz todesbleich, am Herzen todeswund, + Mit Rosen seines Bluts blümend den grünen Grund. + Noch floß das Blut, noch stand der Odem nicht, noch sah + Und fühlt' er, sterbend freut' er sich dem Vater nah. + Den Vater, ob ihm schon von ihm dieß Leid geschah, + Den er allein gesucht, den hatt er doch gefunden, + Und lag, wie er geträumt, von seinem Arm umwunden. + + + 108. + + Dort das Zuschauerheer, nichts schauend in der Hülle + Der Nacht, nachdem es erst vernommen ein Gebrülle + Vom Kampfplatz, nam es war jetzt eine Totenstille. + Sie ahneten, daß dort ein Unglück sei geschehn, + Und hatten nicht den Mut, mit Augen es zu sehn. + Da machten aus dem Heer von Iran einige Kühnen + Sich auf, und naheten zuletzt des Todes Bühnen. + Am Bache fanden sie, am Felsen, unter schaurig + Gesenkten Zweigen stehn die beiden Rosse traurig. + Wie sie da sahn den Rachs, den Thron des Rostem, leer + Von Rostem, eilten sie mit Klaggeschrei zum Heer, + Mit lautem Klaggeschrei: Tehemten ist nicht mehr! + Dahin ist Irans Hort! Rachs ist von Rostem leer! + Da kam ein Schreck aufs Heer, und wie ein Sturm das Meer + Bewegt, bewegte sie die Botschaft, dumpf und schwer. + In Aufruhr kam das Heer, und Alles trat in Wehr. + Die Pauke ward gerürt, und die Trommete klang; + Wie Wogen setzte sich das ganze Heer in Gang. + Vor ihrem Nahen drang den Kommenden voraus + Zur stillen Walstatt dort das wachsende Gebraus. + Rostem bei seinem Sohn aus seinem Todesschlummer + Erwachend, neu empfand er seinen Todeskummer. + In neuen Jammerton ausbrechen wollte schon + Sein Schmerz, da sänftigt' ihn mit sanftem Wort der Sohn, + Der seinen letzten Geist und letzten Hauch gewann, + Und sammelt' ihn, womit hinsterbend er begann + Die Rede, die ihm leis', alswie sein Blut, hinrann: + + + 109. + + O Vater! eh mir fort das Leben rinnt, und dort + Die Fremden nahn, vernim des Sohnes letztes Wort! + Sein erstes, welches dich nicht zweifelnd Vater grüßt! + Von diesem Gruß ist mir der bittre Tod versüßt. + Ich habe nicht zu teur des Herzens Stolz gebüßt, + Tehemtens Sohn zu sein! mit dem vereint ich wollte + Die Welt bezwingen, die mich so bezwingen sollte! + Was klagest du und weinst? nicht du hast mich erschlagen; + Dazu bestimmt hat mich der Mutter Leib getragen. + Darum hat sie umsonst dem Sohne nachgesandt + Den Vetter, dem allein der Vater war bekant. + Erschlagen hast du ihn, Nachts auf die Burg gerant, + Damit von Niemand mir der Vater sei genant! + Wenn es die Mutter nun erfärt, was wird sie sagen? + Beklagen soll sie mich, und Rostem nicht verklagen. + Schick heim zu ihr von hier all meine Waffenzier, + Und auch die Spange, die von ihr ich brachte dir! + Laß auch den Baruman mit seinen Türken gehn + Unangefochten, die durch mich in Waffen stehn! + Nicht fechten werden sie, weil sie mich liegen sehn; + Denn dieser Aufbruch ist allein durch mich geschehn. + Auch den Hedschir, den ich im Schloß gefangen habe, + Mit Bitt und Drohungen ihn angegangen habe, + Dich mir zu zeigen, was hartnäckig er verschwieg, + Bis ich mein Ross, dich aufzusuchen, selbst bestieg; + Bestraf ihn nicht darum, daß er mir nicht gesagt + Den Namen! hab ich doch dich selbst umsonst gefragt! + Daß Guders nicht durch mich um einen ärmer werde + Der achtzig Söhne, weil durch ihn an kalter Erde + Tehemtens einer liegt! Weils ihm das Glück beschied, + Laß ich ihm gern das Schloß, und selber Gurdafrid. + Gurdaferid, so ist ein schönes Weib genant, + Die hat unlängst mich hier mit Waffen angerant, + Und mir verheißen, daß um mich sie wollte weinen, + Wann Rostem mich erlegt; das mag sie nun bescheinen! + O daß nicht bitterer die Mutter weinen müßte, + Wenn sie nun statt des Sohns die goldne Spange küsste! + Die Spange send ihr nur, mein Ross und meine Waffen; + Doch meinen Leib sollst du von hier nach Sabul schaffen + In deine Fürstengruft! und hier dein grünes Zelt + Spann über mir! so nem ich Abschied von der Welt. + Ich kam alswie ein Blitz, und gieng alswie ein Wind; + Nun, Rostem, sieh mit einem Blick noch an dein Kind! + Und mit gelindem Ton, eh mir die Kraft entflohn + Zu hören, nenne mich Suhrab, Tehemtens Sohn! + + + 110. + + Er sprachs, und Rostem schwieg; er öffnete den Mund + Zu reden, aber zugeschnürt war ihm der Schlund. + Hinstarrt' er schweigend auf des jungen Dochts Verglühn. + So sieht ein Wanderer das Abendrot verblühn, + Das seinem Wege noch als letzte Fackel lacht; + Die Fackel lischt, und um ihn her ist finstre Nacht: + So war für Rostem bald nun ganz hinweggenommen + Des Lebens Lust, sobald das Leben dort verglommen. + Doch näher kam der Klang und Waffengang der Schar, + Und Rostem sprang empor, zerrüttet wie er war. + Von seinem Sohn hinweg entgegen trat er ihnen, + Mit Staub auf seinem Haupt, und Jammer in den Mienen; + Nie den Iraniern war Rostem so erschienen. + Allein sie sahen, daß am Leben Rostem sei, + Und übers ganze Heer erscholl ein Freudenschrei. + Wie eine Reiterschaar, die über ihrem Haubte + Die Fahne wieder sieht, die sie verloren glaubte, + Jauchzt, daß gerettet ist die Fahn, obgleich zerfetzt; + So jauchzten sie dem tiefgebeugten Helden jetzt. + Doch als er näher kam, sprach er, von Grimm und Gram + Zugleich bewegt, zugleich erregt von Stolz und Scham: + Ihr Fürsten Irans all und Edlen, kommt heran, + Und seht, was Rostem hier für Irans Ruhm getan! + Den Helden Turans, der sein Haupt im Himmel trug, + Den Schrecken Irans schlug Tehemten schwer genug. + Ich hab in Tag und Nacht geschlagen manche Schlacht, + Doch meinem Ruhm nie solch ein Opfer dargebracht. + Iranier, für euch hat Rostem hier geschlachtet + Den Suhrab, seinen Sohn, damit ihr ihn betrachtet! + Er sprachs, da war verstummt ihr Jauchzen in Entsetzen; + Er sprachs, ohn eine Wang, ein Auge nur zu netzen. + Sie sahn in seinem Blut den jungen Helden liegen, + Den Adler, dessen Mut zur Sonne war gestiegen; + So schön, so groß, so frei, so edel, kühn und stark, + Ob schwach auch, todesmatt, der Kern von Rostems Mark. + Sie riefen: Weh, daß solch ein Schmuck der Welt verdorben! + Er sah ihn an und sprach: Er ist noch nicht gestorben, + Und soll nicht sterben! Geh, Guders, zu Keikawus, + Und bring dem Könige von Rostem Bitt und Gruß. + Den Lebensbalsam, der des Todes Wunden stillt, + Der tropfenweis der Höl im Kaukasus entquillt, + Hat er in seinem Schatz; davon soll er mir geben + Drei Tropfen, daß Suhrab, mein Sohn, mir bleib am Leben! + + + + + Zwölftes Buch. + + + 111. + + Hilfeile flügelte des greisen Boten Fuß, + Schnell bracht er an Kawus von Rostem Bitt und Gruß: + Von Rostem ist Suhrab, der Sohn Rostems, erschlagen; + Der Sieg am Feinde hat dem Vater Weh getragen; + Er wehklagt laut, und alle, die ihn sehn, wehklagen. + Er bittet dich durch mich, und all wir andern bitten: + Wenn Rostem je für dich gekämpft hat und gestritten, + Komm ihm zu Hilfe jetzt im Weh, das er erlitten! + Vom Lebensbalsam, der dem Kaukasus entquillt, + Den du im Schatze hast, der Todeswunden stillt, + Gib ihm drei Tropfen schnell, so du ihn retten willt! + Doch langsam sprach der Schah: Gottlob, der Sorg entkettet + Bin ich und aller Furcht, da Rostem ist gerettet; + Im Staube liegt sein Feind, da ist ihm wol gebettet. + All meinen Balsam gäb ich ja für Rostems Leben; + Doch keinen Tropfen werd ich einem Türken geben. + Rostem für Iran ist schon stark genug allein; + Mit solchem Sohn vereint, möcht er zu stark uns sein. + Der stolze Mann, soll ich ihm diesen Dienst erzeigen, + So muß er selber nahn und mir zu Fuße neigen! + Er sprachs, und jener sah des Königs harten Sinn, + Von seinem Flehen sei zu hoffen kein Gewinn; + Die üble Antwort trug er schnell zu Rostem hin: + Der Schah ist herbgelaunt; er will für Rostems Leben + All seinen Balsam, doch nicht einen Tropfen geben + Für Rostems Sohn. Soll er dir diesen Dienst erzeigen, + So mußt du selber gehn, und ihm zu Fuße neigen. + Da kämpfte Stolz und Schmerz in Rostem einen Kampf, + So heiß, daß sichtbar ihm vom Haupte stieg der Dampf: + Er hob und hielt den Schritt, und zuckte wie im Krampf. + Dann beugt' er sein Genick demütig dem Geschick; + Ertragen wollt er des feindselgen Königs Blick. + Drei schwere Schritte hatt er schon im Weg gemacht; + Da ward die Botschaft ihm in Eile nachgebracht: + Die Sonne, deren Ruhm der Welt geleuchtet, barg + Sich in die Nacht; dein Sohn braucht nichts als einen Sarg. + + + 112. + + Tehemten gieng zurück zu seinem toten Sohn; + Sie hatten zugedeckt des Toten Antlitz schon. + Der Vater aber hob mit seiner Hand die Hüllen + Hinweg, um neu sein Herz mit Jammer zu erfüllen. + Rings war dreifache Nacht: am Himmel Nacht, im Herzen + Tehemtens Nacht, und Nacht verlöschte Suhrabs Kerzen. + Ihn sah beim Sternenlicht der Vater, und erschreckt + Stand er, dann rief er aus, als er ihn zugedeckt: + Oft hab ich wol dem Tod ins Angesicht geschaut + In mancher Schlacht, und nie hat mir vor ihm gegraut. + Und schöner hab ich ihn, als hier im Angesicht + Des Jünglings nie gesehn, doch ohne Grauen nicht! + Weh, Rostem, dir! weh dir! mit deinem Heldenruhme + Kaufst du vom Tod zurück nicht diese Liebesblume. + Zäl in Gedanken auf nur alle deine Taten! + Durch diese letzte hier sind alle schlecht geraten. + O unglückseliger geliebter Jüngling du, + So ruhest du durch mich, und raubest mir die Ruh! + Dich hat von Kindheit an ein falscher Glanz entzündet; + Das, was von Rostems Ruhm dir das Gerücht verkündet, + Das trieb zum Vater dich; dein Stolz und deine Lust, + Dein Leben wars, dein Tod, zu ruhn an seiner Brust. + Du hast mit Ungestüm dich an mein Herz gedrängt; + Dafür mit deinem Blut hab ich mein Erz getränkt! + Ich habe dich als Feind bewundert und beneidet, + Und finde dich als Sohn, daß mirs das Herz durchschneidet. + Dazu ward meinem Leib die Jugendkraft erneut! + Doch unerneubar nun brach sie mit dir mir heut. + Durch dich den größten Schmerz, durch dich hab ich erlitten + Die größte Schmach: erniedrigt hab ich mich zu bitten! + Zu bitten einen Schah, von dem ich war gewohnt, + Gebeten selbst zu sein, seitdem durch mich er thront. + Um dich demütigt ich dieß stolze Haubt in Staub, + Und habe nicht dadurch dem Tod geraubt den Raub! + Das laß die Sühnung sein, o Sohn, für alle Kränkung, + Die dir der Vater tat, nach unsrer Sterne Lenkung! + So wars verhängt, daß, der sein Haupt im Himmel trug, + Es brächt in Staub dadurch, daß er sein Kind erschlug. + + + 113. + + So klagt' er in der Nacht, und um ihn klagend saßen + Die Fürsten her, die heut den Schmaus der Nacht vergaßen. + Voll war von Tröstungen der weisen Freunde Mund, + Vergebens, Rostem war um seinen Sohn herzwund. + Er hielt in seiner Hand die blutgenetzte Spange, + Und sprach zu ihr: Du kalte, glatte, gelbe Schlange! + Du hast mit deiner giftgen Heimlichkeit gestochen + Das Herz des Sohnes, und des Vaters Herz gebrochen. + Du selber brachest nicht; was hast du nicht gebrochen + Dein tötlich Schweigen, und der Rettung Wort gesprochen? + Dem Vater kontest du, daß der sein Sohn sei, sagen! + Warum hat er versteckt im Busen dich getragen? + Warum antwortet ich nicht seinen Liebesfragen? + Nun muß des Unglücks Schuld die arme Spange tragen! + Die Schuld trägt mir der Rachs, der Rachs, der, als ich schlief + Dort müde von der Jagd, sich im Geheg verlief, + Der von den Türken dort sich fangen ließ und füren + Zur Stadt, wohin ich dann nachgieng, ihn aufzuspüren. + O beßer wär ich nach Semengan nie gekommen! + Kein Leben hätt ich dir gegeben, noch genommen. + Nicht hätt ich in der Nacht mir dort antrauen laßen + Das blühnde Weib, um früh am Tag sie zu verlaßen. + Warum von einem Sohn gab sie mir Nachricht nie? + Warum erkundigt ich mich nie um ihn und sie? + O Rachs, geritten sind wir damals nicht mit Glück + Auf jene Jagd: dieß Weh bracht ich als Fang zurück. + Drum wirst du niemehr auch mit frölichem Behagen + Deinen Reiter wie sonst zu Jagd und Schlachten tragen! + + + 114. + + So klagt' er in der Nacht, da stieg der Tag empor; + Und Kawus selber kam mit seines Hofes Chor. + Dem Helden bracht er dar Entschuldigung und Trost; + Kühl aber war sein Wort, alswie des Morgens Frost: + Des Reiches Pehlewan! was sitzest du im Staub, + Dem Kummer untertan, und deines Leides Raub? + Ob auf der Erde Grund des Himmels Zelt du würfest, + Ob Feuer in den Mund der weiten Welt du würfest; + Du brächtest nicht vom Gang zurück einen Gegangnen, + Und kauftest von dem Fang nicht los einen Gefangnen. + Das Leben ist ein Wild, vom Tode stets gehetzt; + Schnell ist das Leben, doch schneller der Tod zuletzt. + Kein Starker ist so stark, so rasch ist nicht der Rasche, + Den überwältigend sein Tag nicht überrasche. + Von ferne hab ich angestaunet diese Seule + Des Heeres, diese Brust und Schulter, diese Keule. + Ich sprach zu mir: An Art den Türken gleicht er nicht; + Von Sabuls Heldenstamm den Fürsten weicht er nicht. + Was wußt ich, daß er, Held, so nah dir sei verwandt, + Durch dich zu fallen hier, vom Schicksal hergesandt! + Mein Lebensbalsam nun vermag ihn nicht zu heilen; + Doch edle Spezerein will ich der Leich erteilen. + Ich ordne selbst die Pracht der Totenfeier an, + Zu ehren ihn und dich, des Reiches Pehlewan! + Sein Grab will ich aus Gold und schwarzem Marmor baun; + Nun laß das Antlitz mich des toten Helden schaun! + + + 115. + + Er sprachs, und rührete der Totendecke Rand; + Doch Rostem deckte schwer auf seinen Sohn die Hand, + Und sprach, zum König nicht erhebend sein Gesicht: + Der König Keikawus sieht Rostems Jammer nicht! + Herr König, geht nach Haus! aus ist hier Kampf und Schmaus; + Des Sohnes Leichenfeir richt ich nun selber aus. + Geschlichtet mit dem Heer der Türken ist mein Streit; + Ich gebe bis zur Grenz ihm sicheres Geleit, + Auf Suhrabs Bitte, der darum mich sterbend bat, + Weil nur das ganze Heer für ihn die Fart antrat. + Von diesem Geiste war allein das Heer beseelt, + Und ist ein toter Leib, da dieser Geist ihm fehlt. + Genommen hab ich ihm den Geist mit dieser Hand; + Nun geb ich alle frei, der eine bleibt mein Pfand. + Keikawus, geh nach Haus, in Istachar zu sagen, + Wie leichten großen Sieg du hier davongetragen: + Geschlagen sei ein Heer, weil ich den Sohn erschlagen! + Geht alle heim, und laßt mich meinen Sohn beklagen! + Er sprachs, und schwieg, und nicht erhob er sein Gesicht; + Er blickt' auf seine Leich, und hielt die Decke dicht. + Keikawus sprach: Was er verordnet, sei getan; + Mich schmerzt in seinem Schmerz des Reiches Pehlewan. + Ihr alle folget mir, Heerfürsten groß und klein! + Den Rostem laßen wir mit seinem Schmerz allein. + Der König sprachs, und gieng, und alle folgten nach, + Und Rostem blieb allein mit seinem Weh und Ach. + + + 116. + + Ins Lager zog das Heer, und ab ward Zelt um Zelt + Gebrochen schnell, als gieng in Trümmer eine Welt. + Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, + Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. + Sie furen heimwärts nun, doch traurig, ihre Bahn, + Denn ihnen fehlete des Reiches Pehlewan. + Doch Rostem richtete sich auf von seinem Sohn, + Und sah das Heer im Zug, und leer das Lager schon. + Von allen Zelten stand nur noch sein grünes da, + Hochragend, und umher die niedrigern ihm nah + Von seiner Sabulschar; die ordnete Sewar, + Sein Bruder, dort, dann stellt' er selber ihm sich dar. + Tehemten sprach zu ihm: So ist der Kampf geschieden! + Geh hin ans Türkenheer, Sewar, und bring ihm Frieden! + Zuerst räum ein die Burg dort oben dem Hedschir; + Sag ihm: Die schenkt Suhrab für treue Dienste dir! + Dann sprich zu Baruman: Auch dich zum Lohn der Treue + Entläßt Suhrab, damit Afrasiab sich freue! + Du selbst, o Bruder, gibst dem Türken das Geleit, + Bis er die Grenz erreicht, sie ist von da nicht weit. + Dann wende dich von ihm links auf Semengan zu, + Und an Tehmina dort die Spang hier bringe du! + Verwische nicht daran von Suhrabs Blut die Spur! + Es ist das einzige, was von ihm heimwerts fur. + Nim auch sein Waffenkleid, sein Ross und Kriegsgeschmeid, + Und gib ihrs, daß sie sich ersättige am Leid! + Sie wird des Rosses Huf an ihren Busen drücken, + Das Schwert (entwind es ihr!) nach ihrem Herzen zücken. + Die Hände ringen wird sie und das Haar zerraufen, + Blut weinen, und das Blut des Sohnes nicht erkaufen. + Vom Vater ihren Sohn wird sie zurückverlangen, + Und klagen, daß sie nicht einmal die Leich empfangen. + Zu Boden wird sie sich, ins Waßer, auf das Feuer + Sich werfen, und es dient nicht ihrem Weh zum Steuer. + Dann sag ihr das zum Trost, wie du mich hast gesehn: + Daß sie nicht mein', ihr sei das Leid allein geschehn! + Dann kehre schnell! hier wart ich dein bei Tag und Nacht; + Damit uns dieser dann nach Sabul sei gebracht! + + + 117. + + So sprach er, und Sewar gieng an die Sendung schnell; + Doch Rostem rief: Schafft mir das grüne Zelt zur Stell! + Ich geh nicht hier vom Ort, wo ich den Sohn erschlagen; + Doch über ihn im Tod soll auch mein Heerzelt ragen. + So rief er, und geschwind ward von der Sabulschar + Das grüne Heerzelt aufgespannt, wo Suhrab war. + Der Vater ließ sodann in edle Spezereien + Ihn legen, daß bewart die schönen Glieder seien. + Wie eine Rose, die den ganzen Stock geschmückt, + Im Morgenthau am Stiel vom Gärtner abgepflückt, + Damit sie bleibe frisch, ins Waßer wird gesteckt; + So blühend lebensgleich lag er vom Tod gestreckt. + Auf Purpur und Brokat lag er in Gold und Seide; + So schmückt' ihn sich zur Lust der Vater und zum Leide. + Dann aber ordnet' er die Totenfeier an, + Und feierlich im Zug zog Sabuls Heer heran. + Sie zogen, Ross und Mann, am grünen Zelt vorbei, + Im Kreiß umher, mit Feldmusik und Feldgeschrei. + Den Rossen aber war geschoren Mähn und Schweif, + Und an den Pauken abgespannt der ehrne Reif; + Die Bogen ohne Senn, und alle Spitzen stumpf: + So zogen sie, und all die Pauken schollen dumpf. + Dreimal an jedem Tag, am Morgen, um die Mitte + Des Tags, und vor der Nacht, pflogen sie dieser Sitte. + Rostem auf seinem Rachs ritt nicht dem Zug voran; + Bei seinem Sohne saß im Zelt der Pehlewan. + Doch jeden Morgen sprach er da: Suhrab, mein Sohn! + Hörst du den Kriegsheerton, und wachst nicht auf davon? + Und jeden Abend dann sprach er: Mein Sohn Suhrab! + Die Sonne geht hinab, und du gehst in dein Grab. + Als er zum neuntenmal um sein erloschnes Glück + Am Abend trauerte, kehrt' ihm Sewar zurück. + + + 118. + + Und als vom Schlaf der Nacht war neu das Heer erwacht, + Sprach Rostem, der verwacht bei seinem Sohn die Nacht: + Sewar, mein Bruder! jetzt brecht überm Haupt mir ab + Das grüne Zelt, und nehmt von mir hinweg Suhrab! + Bringt ihn nach Sabul in die Gruft, in der ich wollte + Gern schlafen, wenn ich ihn damit erwecken sollte. + Sag unsrer Mutter dort, der alternden Rudabe, + Die oft gewünscht, von mir würd ihr ein Enkelknabe: + Hier schick ich einen ihr, so schön, wie sie ihn nur + Gewünscht; von einem Fehl an ihm ist keine Spur, + Nur daß des Vaters Dolch fehl gieng in seine Brust: + Verdorben hat der Sohn am Enkel ihr die Lust. + Ihr geht! ich bleibe hier; fragt nicht warum! was mir + Begegne, fragt nur nicht! doch laßt den Rachs mir hier! + Grüß alle Mannen dort, das ganze Volk und Land; + Sewar, das alles geb ich nun in deine Hand. + Der Mutter wag ich nicht zu sehn ins Angesicht, + Und keinem Menschen dort; nach Sabul kann ich nicht. + Umtummeln muß ich hier mich etwas in der Oede, + Daß ich den Schmerz in mir, den grimmen Drachen, töde. + Das ist das kleinste nicht der Rostemsabenteuer, + Denn grimmig ist der Drach, und speiet Gift und Feuer. + Nun Glück zur Fart nach Haus! und laßts euch nicht beschweren, + Daß ich euch fürt' heraus, und laß euch so rückkehren! + Lebt alle wol! wenn man daheim von Rostem spricht, + Und fragt, wohin er kam? so sagt, ihr wißt es nicht. + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Rechtschreibung des Vorlagentextes wurde beibehalten, ebenso +unterschiedliche Schreibweisen, wie Speer/Sper, thun/tun, wohl/wol etc. + +Änderungen: + S. 36: nach "der glaubt wol dem Gerüchte" wurde ein Komma ergänzt + S. 71: nach "bringt mein Kind zurück?" wurde ein « ergänzt + S. 87: nach "umschweifen in den Landen" wurde ein Punkt ergänzt + S. 116: nach "und giengen auch davon" wurde ein Punkt ergänzt + S. 155: "einen solchen Art" wurde geändert in "einen solcher Art" + S. 206: nach "Nun lebe länger noch" wurde ein Komma ergänzt + S. 241: nach "Wie eine Reiterschaar" wurde ein Komma ergänzt + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB *** + +***** This file should be named 32481-8.txt or 32481-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/2/4/8/32481/ + +Produced by Karl Eichwalder, Wolfgang Menges and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
