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+The Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Rostem und Suhrab
+ Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern
+
+Author: Friedrich Rückert
+
+Release Date: May 22, 2010 [EBook #32481]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB ***
+
+
+
+
+Produced by Karl Eichwalder, Wolfgang Menges and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
+ Rostem und Suhrab.
+
+ Eine Heldengeschichte
+ in zwölf Büchern
+
+ von
+
+ Friedrich Rückert.
+
+
+ Zweite Auflage.
+
+
+ [Illustration: Verlags-Signet]
+
+
+ Stuttgart.
+ Verlag von S. G. Liesching.
+ 1846.
+
+ Druck von J. Kreuzer in Stuttgart.
+
+
+
+
+ Erstes Buch.
+
+
+ 1.
+
+ Laß aus dem Königsbuch der Perser dir berichten
+ Von Rostem und Suhrab die schönste der Geschichten,
+ Von Heldenruhm, wie leicht er Frauenlieb erwarb,
+ Und wie der eigne Sohn, erlegt vom Vater, starb!
+ Held Rostem sprach, als er am Morgen war erwacht:
+ Auch heute hab ich nicht zu reiten in die Schlacht.
+ Afrasiab, der Fürst von Turan, läßet ruhn
+ Die Waffen, friedlich blüht das Reich von Iran nun;
+ Doch in der Friedensruh was soll ich selber thun?
+ Da rüstet' er sich schnell zur Jagd, er band in Eile
+ Den Gürtel fest, und hieng den Köcher um voll Pfeile.
+ Den Bogen prüft' er, ob er nicht die Kraft verlor;
+ Dann zog er aus dem Stall den edlen Hengst hervor.
+ Dem war die Weile dort wie seinem Herren lang;
+ Er wieherte vor Lust, als er ihn setzt' in Gang.
+ Er schwang sich auf den Rachs, und sagte nicht ein Wort
+ Den Seinigen im Haus, in Eile ritt er fort.
+ Der Mark von Turan zu wandt er sein lockig Haupt,
+ Alswie ein Löwe, der nach seiner Beute schnaubt.
+ Wie zu der Turanmark er hingekommen war,
+ Die Haide nam er da voll wilder Elke war.
+ Wie eine Rose war erblüht des Helden Wange
+ Vor Lust, er tummelte den Rachs mit raschem Gange.
+ Mit Pfeil und Bogen bald, mit Keul und Fangeschnur,
+ Ein Dutzend Stücke warf er nieder auf die Flur.
+ Aus Dornen und Gesträuch und manchem Baumesast
+ Entzündet' er darauf ein Feur von starkem Glast.
+ Und als zu Kolenglut war eingebrant die Flamm,
+ Erkor der Recke sich zum Bratspieß einen Stamm.
+ Der Elke feistesten steckt' er an diesen Baum,
+ Der wog in seiner Hand nicht eines Vogels Flaum.
+ Er drehte wohl den Spieß, daß fein der Braten briete
+ Auf allen Seiten gleich, und nirgend ihm misriete.
+ Und als er gaar nun war, nam er ihn vor, und saß
+ Am grünen Boden hin mit guter Lust und aß,
+ Wobei er auch das Mark im Knochen nicht vergaß.
+ Gesättigt, schritt er nun hin wo ein Waßer lief,
+ Zur Gnüge trank er auch, dann legt' er sich und schlief.
+ Am Rand des Baches lag der Held, den heißen Tag
+ Ausschlafend, und sein Ross gieng weidend frei im Hag.
+
+
+ 2.
+
+ Als Rostem lag und schlief, und an sein Ross nicht dachte,
+ Da kamen Türken her, ein sieben oder achte.
+ Die sahn ein edles Ross frei weiden in dem Bann
+ Von Turan, und zu sehn zum Rosse war kein Mann.
+ Worauf sie sich alsbald das Ross zu fangen schickten:
+ Sie hättens nicht gewagt, wo sie den Mann erblickten!
+ Da kamen sie dem Rachs mit ihrer Fangschnur nah;
+ Aufschnaubt' er wie ein Leu, da er die Fangschnur sah.
+ Nicht wollte sich der Rachs geduldig laßen fangen,
+ Es wäre schlimm zuvor erst einigen ergangen.
+ Den Kopf vom Rumpfe riß dem einen sein Gebiß;
+ Derweil ein Hufschlag zwei zu Boden hinten schmiß.
+ Der kühnen Türken so getödtet lagen drei,
+ Das kriegerische Ross war noch von Banden frei.
+ Doch unverdroßen stürmt herbei der andre Tross,
+ Und warfen übers Haupt mit Müh die Schnur dem Ross.
+ Gebändigt führen sies zur nahen Stadt in Eil,
+ Es wär um vieles Gold ihr Fang nicht ihnen feil.
+ Es sei von hoher Art, ersahn sie an den Zeichen;
+ Jedweder wollte Teil am edlen Hengst erreichen.
+ Sie fürchteten, der Raub werd ihnen bald entführt,
+ Nicht lange bliebe solch ein Schatz unaufgespürt.
+ Da brachten sie geschwind ihn zu der Stuterei,
+ Daß seines Samens doch teilhaftig jeder sei.
+ Ich hörte, daß er dort auf zwanzig Stuten sprang,
+ Die alle seiner Wucht erlagen beim Empfang.
+ Und nur von einer ward getragen Leibesfrucht;
+ Zu Großem war bestimmt das Folen edler Zucht.
+
+
+ 3.
+
+ Doch Rostem, wie er dort von seinem Schlaf erwachte,
+ Das erste war sein Ross, an das er wieder dachte.
+ Er blickt' umher, und sah sein Ross nichtmer im Hag;
+ Verlaufen hatt es ihm sich nie vor diesem Tag.
+ Laut rief er ihm; sonst kams auf leisen Ruf herbei;
+ Nun kam es nicht; da sprang er auf mit lautem Schrei.
+ Er suchte rings im Hag, er spähte durch die Flur,
+ Von seinem Rosse fand er hier und dort die Spur,
+ Es selber fand er nicht, und rief: O weh! verloren
+ Hab ich, derweil ich schlief, mein Ross gleich einem Toren.
+ Was soll ich ohne Ross mit dieser Rüstung thun?
+ Des Rittes lang gewohnt, geh ich zu Fuße nun?
+ Was werden Türken, wenn sie mir begegnen, sagen,
+ Daß ich den Sattel muß, statt mich der Sattel, tragen?
+ Verlaufen hat sichs nicht, das ist nicht seine Art;
+ Nun desto schlimmer, wenn es mir gestolen ward!
+ Doch lang bleibt nicht der Rachs des Rostem unbekant;
+ Auffinden werd ich ihn, der mir den Rachs entwandt!
+ Kam wol, derweil ich schlief, ein ganzes Türkenheer?
+ Denn einem einzgen ist der Rachs zu fangen schwer.
+ Doch den Gedanken ist vergebens nachzuhangen;
+ Auf, rüste dich zum Gang, weil dir dein Ross entgangen!
+ So sprach er unmutsvoll, und schwieg, und schaute stumm
+ Noch eine Weile sich nach seinem Rösslein um;
+ Denn immer dacht er noch, es müßte wieder kommen:
+ Wer auf der Welt sollt ihm haben den Rachs genommen?
+ Als aber doch der Rachs nicht wiederkommen wollte,
+ Macht' er sich endlich an den sauren Gang, und grollte.
+ Mit Waffen und Geschirr belud er sich, und sprach
+ Noch viel mit sich, indem er gieng den Spuren nach.
+ Die Spuren leiteten zur Stadt Semengan ihn,
+ Die dort im Abendstral zu ihm herüber schien.
+
+
+ 4.
+
+ Er sprach: Das ist die Stadt, in der ein König sitzt,
+ Der es mit Turan jetzt und hält mit Iran itzt,
+ Der wie die Wage schwank sich nach der Seite neigt,
+ Wo sich ein Perser hier und dort ein Türke zeigt.
+ Den Rostem kennen sie, wenn er zu Pferde steigt!
+ Doch fehlt mir ja der Rachs, daß ich zu Pferde steige!
+ Ob ich zu Fuße denn mich in Semengan zeige?
+ Ich geh in ihre Stadt zu Fuß mit meinen Waffen,
+ Und seh, ob meinen Rachs sie dort mir wieder schaffen!
+ Ich sag es ihnen gleich, daß sie ihn schaffen sollen,
+ Und denke nicht, daß sie ihn vorenthalten wollen!
+ Ich werb um Gastherberg in dieser Stadt der Grenzen,
+ Und sehe, was beim Schmaus dem Rostem sie kredenzen!
+ So sprach er unterm Gehn, doch aus den Augen ließ
+ Er nie dabei die Spur, die sich am Boden wies;
+ Bis die in Schilf und Rohr am Fluße sich verlor;
+ Da ließ er sie, und gieng grad auf Semengans Tor.
+ Nun in Semengan ward dem König angesagt:
+ Held Rostem kommt, er hat im Türkenforst gejagt.
+ Zu Fuße geht einher die lichte Kronenzier,
+ Weil ihm entlaufen ist der Rachs im Jagdrevier.
+ Der König, wie er dieß vernam, war er geschürzt,
+ Daßnicht ein solcher Gast an Ehren sei verkürzt.
+ Da zogen aufs Gebot des Königs alle Degen,
+ Die Edlen all des Hofs, dem Edelsten entgegen.
+ Entgegen zog ihm, wer aufs Haupt nur einen Helm
+ Zu setzen hatt, und wer zurückblieb, war ein Schelm.
+ Sie reihten feierlich sich um den Heldenglanz,
+ Wie um der Sonne Haupt der Abendwolke Kranz.
+ So führten sie zur Stadt das Licht der Ehren ein,
+ Als eben über ihr erlosch des Tages Schein.
+
+
+ 5.
+
+ Der König trat zu Fuß hervor aus dem Palast,
+ Der Hofstaat um ihn her, entgegen seinem Gast.
+ Er grüßt' und neigte sich: Woher durch Wald und Feld,
+ Und kein Begleiter ist mit dir, o Kampfesheld?
+ Hast du den Tag vollbracht mit Jagd im Jagdrevier,
+ Und suchest nun zur Nacht bei Freunden Nachtquartier?
+ Wir alle sind hier nur auf deinen Wunsch bedacht,
+ Und zu Befehle steht Semengan deiner Macht.
+ Die Leben stehen dir und Güter zu Befehle;
+ Die Edeln, Edelster, sind dein mit Leib und Seele.
+ Was wünschest du? es soll geschehen, o Pehlewan!
+ Gebeut, was wir dir thun, und denk, es sei gethan!
+ Held Rostem hörte gern die Rede sanft und zahm,
+ Wol merkt' er, ihnen sei die Hand zum Bösen lahm.
+ Er sprach: Abhanden kam der Rachs mir auf der Flur,
+ Und hier bis an die Stadt geht seiner Tritte Spur.
+ Wenn du mir diese Nacht ihn wieder schaffen kannst,
+ So wiße, daß du Dank von mir und Preis gewannst.
+ Doch wenn ihr mir den Rachs nicht werdet wieder schaffen,
+ So sollen durch mein Schwert hier breite Wunden klaffen.
+ Der König sprach erschreckt: Held ohne Furcht und Zagen,
+ Wer dürfte wol den Rachs dir zu entwenden wagen?
+ Sei du mein Gast, laß dir den Ehrenbecher spenden
+ In Frieden, und nach Wunsch wird sich die Sache wenden.
+ Von Rostems Rosse bleibt die Fährte nicht verborgen;
+ Wir schaffen dir den Rachs; gedulde dich bis morgen!
+ Mit ungestümer Hast gelangt man nicht zum Fange;
+ Mit sanften Worten lockt man aus dem Loch die Schlange.
+ Drum sänfte deinen Zorn, kehr ein, und laß beim Wein
+ Mit Herzen sorgenfrei die Nacht uns fröhlich sein!
+ Wir bringen dir den Rachs, o tapfrer Kampfgesell,
+ Wir bringen ihn, bevor der Morgen tagt, zur Stell;
+ Uns sei die Hall indes vom Licht des Weines hell!
+
+
+ 6.
+
+ Der Löwenmutige ward dieser Rede froh,
+ Davon aus seiner Brust so Groll als Unmut floh.
+ Es dünkt' ihm gut, daß er zum Königshause gienge,
+ Als wolgemuter Gast zu Fest und Schmause gienge.
+ Ihm gab den Ehrensitz der König im Palast,
+ Auf Füßen dienstbereit stand er vor seinem Gast.
+ Die Häupter aus der Stadt, die Häupter aus dem Heer,
+ Berief und pflanzt' er beim Gelag um Rostem her.
+ Den Köchen er befal, von allen guten Dingen
+ Gerichte zu der Wal des Helden herzubringen.
+ Da ward hereingebracht ein ausgesuchtes Mal,
+ Der Silberschüßeln Pracht und goldner Schaalen Zal;
+ Aus China war beim Fest chinesischer Pokal.
+ In diesem ward kredenzt Wein unter Lautentönen
+ Von rosenwangigen gasellenaugigen Schönen.
+ Sie mengten Saitenspiel und Wein mit Schmeichelei,
+ Damit nicht ungemut der Hochgemute sei.
+ Er hörte seine Lust, und schaute sein Vergnügen,
+ Und trank den frohen Mut dazu in langen Zügen.
+ Mit allen Sinnen so schöpft' er des Festes Wonne,
+ Ihm stralte sein Gesicht bei Nacht wie eine Sonne.
+ Und allen, welche da das helle Angesicht
+ Des Helden leuchten sahn, wards in der Seele licht.
+ Die Becher ließ er nicht die ungetrunknen säumen;
+ Und als er trunken war, dacht er den Sitz zu räumen.
+ Da war bereit für ihn, gewölbet kühl und luftig,
+ Ein Schlafgemach, von Musk und Rosenwaßer duftig.
+ Im kühlen Schlafgemach verschlief auf seidnen Decken
+ So Müdigkeit als Rausch Rostem, der Feinde Schrecken.
+
+
+ 7.
+
+ Um Mitternacht, wenn sich des Poles Wagen drehn,
+ Ward leises Wort gesagt bei leiser Tritte Gehn.
+ Geräuschlos aufgetan ward Rostems Ruhgemach,
+ Mit Staunen ward der Held beim Glanz von Fackeln wach.
+ Tehmina stand vor ihm, bestralt von Stein und Gold,
+ Die Königstochter von Semengan wunderhold.
+ Ihr standen beiderseits mit Fackeln Dienerinnen;
+ Sie stralte hell vom Glanz der Fackeln und der Minnen.
+ Der Reiz der Jugend war in den der Scham getaucht,
+ Der Wangen Lilien von Rosen überhaucht.
+ Doch im Rubinenschloß des Mundes lag bewart
+ Geheimnis liebliches, für diese Nacht gespart.
+ Er richtete sich auf, und staunte lang und tief,
+ Indem er Preis ob ihr und ihrem Schöpfer rief.
+ Er fragte sie und sprach: Wie, Holde, nennst du dich?
+ Und was in finstrer Nacht zu suchen kommst du, sprich!
+ Zur Antwort gab sie ihm: Tehmina ist mein Name,
+ Gespalten ist mein Herz von einem tiefen Grame.
+ Ich bin des Schahes von Semengan einzig Kind,
+ Von Kindheit auf, im Lauf, der Neid von Hirsch und Hind;
+ Sie holen mich nicht ein, mich holt nicht ein der Wind.
+ Allein die Sehnsucht kam mich heimlich einzuholen,
+ Die führt mit diesem Gram mich her zu dir verstolen.
+ Wie eine Wundersag hab ich aus jedem Munde
+ Gehört zu jeder Stund, an jedem Ort die Kunde,
+ Wie du so tapfer bist, und trägest keine Scheu
+ Vor Tiger, Elefant und Krokodil und Leu.
+ Du schirmest ganz allein Iran mit deiner Kraft,
+ Und Turan zittert, wenn sich rührt dein Lanzenschaft.
+ Du reitest ganz allein bei Nacht in Turan ein,
+ Und streifest dort umher, und schläfest dort allein.
+ Dergleichen Kunde ward mir vom Gerücht vertraut;
+ Lang wünscht ich dich zu sehn, heut hab ich dich geschaut.
+ Wenn du zu Weibe mich begehrst, bin ich dein Weib;
+ Nie Mond- noch Sonnestral berührte diesen Leib.
+ Vom Schleier meiner Zucht erwuchs ich tief umfangen;
+ Den Zügel der Vernunft entzog mir dieß Verlangen:
+ Ich bitte Gott, von dir zu tragen einen Sproß,
+ Der einst, an Kraft dir gleich, beherrsche dieses Schloß.
+ Zur Mitgift will ich jetzt, o Held, dieß Schloß dir bringen,
+ Zur Morgengab alsdann, Rostem, dein Ross dir bringen!
+
+
+ 8.
+
+ So endet' ihren Gruß das Mondglanzangesicht;
+ Der Löwenkühne hört' aufmerksam den Bericht.
+ Wie sie der Held so schön, so perlgleich sie sah,
+ An Sinn so hoch und an Verstand so reich sie sah,
+ Und daß sie noch dazu vom Rachs ihm gab die Kunde;
+ Von lauter Frölichkeit sah er erfüllt die Stunde.
+ Er rief die wandelnde Zipress' an sich heran;
+ Hold tauschte Blick und Wort mit ihr der Pehlewan.
+ Er rief ins Vorgemach, daß einen der Mobeden
+ Sie brächten ihm herbei, der wüßte wol zu reden.
+ Den sendet' er alsbald, den Weisen tugendvoll,
+ Daß er die Tochter ihm vom Vater fordern soll.
+ Der Wolverständige, dahin zum Schahe schritt er,
+ Und that die Werbung kund von Irans edlem Ritter.
+ Der Schah ward freudenvoll, da dieser Gruß erscholl;
+ Er fühlte, wie sein Herz von hohem Mute schwoll.
+ Er richtete sich stolz, der Zeder gleich, empor;
+ Das Band mit Rostem kam ihm wert und theuer vor.
+ Dem Ritter in der Nacht gab er der Tochter Hand;
+ Und wie die Kund erscholl, war Freud in Stadt und Land.
+ Von Freuden war erwacht ein Aufruhr in der Nacht,
+ Zu Rostem sei als Braut des Königs Kind gebracht.
+ Da war der Jubel laut die ganze Nacht ums Schloß,
+ Wo seine holde Braut der starke Held umschloß.
+ Still tauschte drin das Paar die Lust der Seelen aus,
+ Und draußen ließ die Schaar die Kraft der Kehlen aus:
+ »Daß dieser neue Mond lang dein Behagen sei!
+ Daß deiner Feinde Haupt ewig geschlagen sei!
+ Aus diesem Bunde müß ein Heldensproß entspringen,
+ Der mög an Tapferkeit mit seinem Vater ringen!«
+ Sie meinten ihr Gebet zum Segen und zum Heil,
+ Der Himmel aber nam es an zum Gegenteil.
+
+
+ 9.
+
+ Nach kurzer Freudennacht als an der Morgen brach,
+ Wand aus Tehminas Arm sich Rostem los, und sprach,
+ Indem vom Arm er nam ein goldenes Gespang,
+ Von dem erschollen war der Ruhm die Welt entlang;
+ Sie glaubten, daß daran sei Rostems Heil gebunden,
+ Und unverletzlich sei, wen dieses Band umwunden:
+ Das gab er ihr und sprach: Liebtraute! dieß bewar!
+ Wenn eine Tochter dir nun bringen wird das Jahr,
+ So nimm dieß Goldgespang, und schling es ihr ins Haar!
+ Als welterleuchtenden Glückstern soll sie es tragen,
+ Der ihr soll und der Welt von ihrem Vater sagen.
+ Wenn aber einen Sohn dir die Gestirne reichen,
+ So bind ihm um den Arm, wie ich es trug, das Zeichen.
+ Des Vaters Zeichen sei an seinem Arm bewart,
+ Und wachsen wird er selbst nach seines Vaters Art.
+ Gleich seiner Ahnen Stamm wird der aus Heldensamen
+ Erzeugte sein, es bleibt nicht ungenant sein Namen.
+ Ist er erwachsen, send ihn mir nach Iran zu!
+ Nun aber naht der Tag, ich geh, wol lebe du!
+ Zum Abschied faßt' er sie an seine starke Brust,
+ Auf Aug und Haupt gab er ihr manchen Kuss voll Lust.
+ Mit Weinen wandte sich von ihm die zarte Braut;
+ Sie ward nach kurzer Lust mit langem Weh vertraut.
+ Zu Rostem aber kam der König hochgemut,
+ Den Eidam fragt' er da, wie er die Nacht geruht?
+ Ihm gab er Kunde dann vom Rachs, er sei gefunden;
+ Und aller Sorgen war das Heldenherz entbunden,
+ Er gieng, und streichelt' ihn und sattelt' ihn sogleich,
+ Dann von Semengan ritt er froh und freudenreich.
+ Gen Sistan auf dem Rachs als wie ein Wind er flog,
+ Indem er die Geschicht in seinem Sinn erwog.
+ Von Sistan ritt er heim nach Sabulistan gar,
+ Und keinem sagt' er dort, was ihm begegnet war.
+
+
+
+
+ Zweites Buch.
+
+
+ 10.
+
+ Neun Monde waren schon Tehminen hingegangen,
+ Als sie gebar den Sohn wie eines Mondes Prangen.
+ Die Mutter sah ihn an mit Lust und schmerzenreich,
+ Er war in jedem Zug wol seinem Vater gleich.
+ Sie nannte Suhrab ihn, und nam ihn an die Brust;
+ Das Kind war auf der Welt nun ihre einzge Lust.
+ So zärtlich pflegte sein die Mutter, die ihn nährte,
+ Daß keines Dinges er zu keiner Stund entbehrte.
+ Der Knabe weinte nie; er hatte neugeboren
+ Gelächelt schon, als sei er nicht zum Weh geboren.
+ Er wuchs so wunderbar: als er ein Monat war,
+ Da war er anzusehn, alsob er wär ein Jahr.
+ Drei Jahr alt, ließ er schon zur Rennbahn sich gelüsten,
+ Im fünften sah man ihn zum Löwenkampf sich rüsten.
+ Wie er zehn Jahr alt war, da war im ganzen Land
+ Nun kein gestandner Mann, der ihm zum Kampfe stand.
+ Von Leib ein Elefant, von Wangen Milch und Blut,
+ Rasch wie ein Hirsch gewandt, im Auge dunkle Glut,
+ Von Wuchse schlank, die Brust gewölbt von hohem Mut.
+ Zwei Arme schwang er um sich her den Keulen gleich,
+ Und unten standen fest zwei Füße Seulen gleich.
+ Wo er im Ringspiel rang, wo er den Schlägel schlug,
+ War keiner der davon den Ball des Sieges trug.
+ Er gieng zur Löwenjagd, da ward der Löw ein Fuchs;
+ Die Zeder rüttelt' er, sie bog sich wie ein Buchs.
+ Windfüßigem Renner rannt er sturmgeflügelt nach,
+ Beim Schweif ergriff er ihn, der Renner stand gemach.
+ Es war alsob zum Kampf die Welt er fordern wollte,
+ Alsob er selbst bestehn den eignen Vater sollte.
+
+
+ 11.
+
+ Zu seiner Mutter kam der Knabe, sie zu fragen:
+ Verwegen sprach er da: Mutter, du sollst mir sagen!
+ Denn unter meinen Spielgenoßen rag ich hoch
+ Hervor, mein Haupt empor zum Himmel trag ich hoch.
+ Wes Samens, welches Stamms ich bin, will ich erkennen;
+ Wenn nach dem Vater man mich fragt, wen soll ich nennen?
+ Wirst du mir Antwort nicht auf diese Frage geben,
+ Am Leben bleib ich nicht, und du bleibst nicht am Leben!
+ Die Mutter, da sie dieß vom jungen Pehlewan
+ Vernommen, sah zugleich mit Stolz und Furcht ihn an:
+ Er war entwachsen ihr, und nicht mehr untertan.
+ Sie faßte sich und sprach begütigend: Vernimm
+ Ein Wort, des freue dich, und laße deinen Grimm!
+ Du bist des Rostem Kind, des Perserpehlewanen,
+ Und seine Ahnen sind in Iran deine Ahnen.
+ Drum übern Himmel trägst du hoch dein Haupt hinaus,
+ Weil du entsproßen bist aus solchem Heldenhaus.
+ Denn was an Heldentum nun in der Welt erscheint,
+ Das ist in Rostems Stamm, in Rostem selbst vereint.
+ Sieh dieses Goldgespang, nimm hin und halt es fein!
+ Zum Abschied gab mir das für dich dein Väterlein.
+ Erfährt er, daß sein Sohn erwuchs zum tugendreichen,
+ Nach Iran ruft er dich, und kennt dich an dem Zeichen;
+ Dann bricht mein Herz vor Leid, wann ich dich seh entweichen!
+ O Sohn! Afrasiab, der Schah von Turan, soll
+ Nicht wißen dein Geschlecht; das brächt uns seinen Groll.
+ Denn Niemand auf der Welt ist ihm wie Rostem feind,
+ Rostem, um welchen Blut in Turan wird geweint.
+ Witwen in Turan macht sein Schwert in jeder Schlacht;
+ Und ohne Schwertstreich hat er mich dazu gemacht.
+ Drum vor Afrasiab beware dieß im Stillen!
+ Den Sohn verderben möcht er um des Vaters willen.
+ Den Vater hab ich schon verloren, liebes Kind,
+ Verlör ich auch den Sohn, so wär ich sänfter blind.
+ Sei stolz, doch sag es nicht, wer deine Ahnen sind!
+
+
+ 12.
+
+ Doch Suhrab sprach: Wer birgt die Sonn im Weltenring?
+ Unmöglich wird geheim gehalten solches Ding.
+ Von einer Heldenabkunft, Mutter, dieser gleich,
+ Zu schweigen, wäre dir und mir nicht ehrenreich.
+ Was, Mutter, hast du selbst gehalten lange Zeit
+ Geheim die Abkunft mir von solcher Herrlichkeit?
+ Denn alle Kämpen jetzt, die jungen und die alten,
+ Nur Rostem ists von dem sie Kampfgespräche halten.
+ Von allen Namen ward zuerst mir seiner kund,
+ Ich hörte seinen Ruhm aus seiner Feinde Mund.
+ Wer jenen Riesen schlug? dieß Zauberschloß zerstörte?
+ Nur Rostem, was ich frug, Rostem war, was ich hörte,
+ Stets mit Bewunderung, und oft mit Neide gar,
+ Mit Aerger! wußt ich denn, daß er mein Vater war?
+ Nun aus Semengan hier, und dort aus Turans Marken,
+ Versamml' ich all ein Heer der Mutigen und Starken.
+ Nach Iran will ich ziehn und von dem dunkeln Staube
+ Der Schlacht dem lichten Mond aufsetzen eine Haube.
+ Aufrütteln von dem Thron will ich den Keikawus,
+ Und schlagen aus dem Feld den alten Feldherrn Tus.
+ Wenn Rostem will, geb ich ihm Thron und Kron und Schatz,
+ Und laß ihn sitzen auf Keikawus' Fürstenplatz.
+ Von Iran zieh ich dann nach Turan kampfbereit,
+ Und fordere den Schah Afrasiab zum Streit.
+ Vom Throne stürz ich ihn alswie ein Blitz herab;
+ Die Sonne lang' ich mit der Lanzenspitz herab.
+ O Mutter, aber dich, du höre meinen Schwur an,
+ Mach ich zur Königin von Iran und von Turan.
+ Denn da, wo Rostem ist der Vater, ich der Sohn,
+ O Mutter, bleibt kein Fürst der Welt auf seinem Thron.
+ Wo Mond und Sonne selbst im Glanzvereine stralen,
+ Was wollen Sterne da mit ihrem Schimmer pralen!
+ So rief er, und erstaunt ließ er die Mutter dort;
+ Mit höherm Haupt, als er gekommen, gieng er fort.
+ Von seinem Vater sagt' er keinem doch ein Wort,
+ Im Herzen macht' er ganz den Vater sich zu eigen,
+ Doch wenn den Mund er aufthun wollte, mußt er schweigen.
+ Ihm wars alsob er erst zu Rosse steigen sollte,
+ Wenn er als Rostems Sohn der Welt sich zeigen wollte.
+
+
+ 13.
+
+ Zu seiner Mutter sprach Suhrab, der junge Held:
+ Den Vater nun zu schaun, Mutter, zieh ich ins Feld.
+ Dazu brauch ich ein Ross, mit meinem Mut schritthaltend,
+ Ein Ross mit einem Huf von Eisen kieselspaltend:
+ Von Stärk ein Elefant, und vogelgleich an Schwung,
+ Im Waßer wie ein Fisch, und wie ein Reh im Sprung,
+ Ein Ross, das meine Wucht und meine Waffen trage,
+ Und nicht von meiner Faust erlieg an einem Schlage.
+ Denn nicht zu Fuße ziemt zum Kampfe mir zu gehn;
+ Vom hohen Ross will ich dem Feind ins Antlitz sehn.
+ Da so die Mutter hört' ihr junges Heldenblut,
+ Zum Himmel hob sie stolz ihr Haupt in hohem Mut.
+ Sogleich befolen ward von ihr dem Hirtenvolke,
+ Zu bringen aus der Trift von Pferden eine Wolke,
+ Damit dem Suhrab käm ein Rösslein fein zur Hand,
+ Auf dem er säße, wann er ritt in Feindesland.
+ Und alles was sich fand von Pferden alzumal,
+ Was aufzutreiben war da zwischen Berg und Thal,
+ Das trieben sie zur Stadt, und Suhrab nam, der Leu,
+ Die Fangschnur nun, und trat zum nächsten ohne Scheu.
+ Welch Ross vor allen stark er sah von Bug und Backen,
+ Des Riemens Schlinge warf er gleich ihm übern Nacken.
+ Er zog es her und legt' ihm auf den Rücken auch
+ Die Hand, da lags gestreckt am Boden auf dem Bauch.
+ Es konte nicht den Druck der flachen Hand ertragen,
+ Er braucht' es mit der Faust zu Boden nicht zu schlagen.
+ Schon war durch seine Hand manch schmuckes Ross geknickt,
+ Und keines kam ihm noch zur Hand, für ihn geschickt.
+ Es schien, es war kein Ross für seine Kraft gerecht,
+ Und traurig ward der Sproß vom Pehlewangeschlecht.
+
+
+ 14.
+
+ Da stellte sich zuletzt ein alter Recke dar,
+ Und sprach: Ich hab ein Ross, wie keines ist, noch war.
+ Im Gange wie ein Pfeil, im Laufe wie ein Wind;
+ Es ist von Rostems Hengst, vom Rachs, ein einzig Kind.
+ Kein Ross von gleicher Kraft ist auf der Welt zu sehn;
+ Ein Blitz im Rennen ists, und ein Gebirg im Stehn.
+ Die Hitze noch der Frost macht ihm nicht kalt noch heiß,
+ Mit Nüstern voller Dampf, und Poren ohne Schweiß.
+ Ein Wolkenschatten schwebt es über Thal und Hügel,
+ Und segelt durch die Luft, ein Vogel ohne Flügel.
+ Der Pfau zieht ein vor Scham des Rads gespannten Reif,
+ Wenn es die Mähnen hebt, und hoch trägt seinen Schweif.
+ Am Berge klimmend, ist es einem Löwen gleich;
+ Im Waßer schwimmend, ist es einer Möwen gleich.
+ Sein Reiter, wenn im Ritt er schnellt den Pfeil vom Bogen,
+ Kommt schneller als der Pfeil dem Feinde nachgeflogen.
+ So flüchtig ists zur Flucht: auch der von seinen Solen
+ Erregte Staub versucht umsonst es einzuholen.
+ Bei allen Tugenden, die diesem Rösslein eigen,
+ Hats einen Fehler nur: es läßt sich schwer besteigen.
+ Doch wers bestiegen hat, den wirds zum Siege tragen,
+ Der mag darauf den Kampf mit Rostem selber wagen.
+ Froh wurde Rostems Sohn von dieses Wortes Klange,
+ Er lacht' und rosengleich erblühte seine Wange.
+ Laut rief er: Ei so bringt mir gleich das schmucke Ross!
+ Sie brachtens ungesäumt zum jungen Heldensproß.
+ Er machte gleich an ihm mit seiner Hand die Probe,
+ Das Thier war stark genug, und es bestand die Probe.
+ Da schmeichel-streichelt' ers, und sattelt' es geschwind,
+ Aufs starke Ross schwang sich das starke Heldenkind.
+ Im Sattel saß er fest alswie ein Bild von Erz,
+ Und hielt mit leichter Hand die Zügel wie zum Scherz.
+ Er tummelte das Ross, daß es begann zu schäumen,
+ Zu schnauben mit Gebraus, doch durft es ihm nicht bäumen.
+ Da sprach vom Ross Suhrab, indem ers anhielt leise:
+ So hab ich nun ein Ross gewonnen zu der Reise.
+ Nun acht ich mein die Welt, da ich das Ross gewann,
+ Auf dem ich Rostem selbst mit Ruhm bestehen kann.
+
+
+ 15.
+
+ Er sprachs, und stieg vom Ross, und gieng ins Haus zurück:
+ Da rüstet' er zum Krieg mit Iran Stück um Stück.
+ Wies kund im Lande ward, daß er kriegslustig sei,
+ Strömten von da und dort Kriegslustige herbei
+ Wie eine Sonne war er ihrem Wunsch erschienen;
+ Sie alle wollten Ruhm und wollten Gold verdienen.
+ Die Waffen hatten lang in diesem Land geruht,
+ Und aus der Asche brach nun die verhaltne Glut.
+ Suhrab, gerüstet, trat zu seiner Mutter Vater,
+ Um Urlaub und Geleit und Reisebeistand bat er.
+ Großvater! sprach er: jetzt sollst du mir Spielzeug schaffen;
+ Die Leute hab ich schon, gib mir dazu die Waffen!
+ Denn ohne Waffen ist ein Heerzug mangelhaft;
+ Ein Rösslein hat mir schon die Mutter angeschafft.
+ Doch alles, was mir folgt, soll auch auf Rossen reiten;
+ Kamele sollen dann mit Zehrung uns begleiten.
+ Denn schmausen wollen wir, so oft als wir nicht streiten.
+ Tu deinen Marstall auf, das Vorratshaus mit Kost,
+ Das Zeughaus auch, worin die Waffen frißt der Rost!
+ Dem alten König klang anmutig diese Post,
+ Mit Lachen sah er an den jungen Augentrost;
+ Durchwärmet war sein Frost von diesem feurigen Most.
+ Er sprach bei sich: was ists mit dieser Waffenfart?
+ Ist dieß den Vater aufzusuchen eine Art?
+ Doch sei es wie es sei! es ist das Heldenfeuer
+ Rostems in seinem Blut, und fordert Abenteuer.
+ Da stellt' er, was er hatt', ihm alles zu Befele,
+ Vorrät in Land und Stadt, die Ross' und die Kamele,
+ Futter für Ross und Mann, die Gerste samt dem Weizen;
+ Mit Silber auch und Gold wollt er dazu nicht geizen.
+ Und als er tat darauf das alte Zeughaus auf,
+ Da stand ein Waffenhauf wolfeil der Lust zu Kauf:
+ Schwerter und Wehrgehäng, Leibröcke, Helm und Panzer,
+ Für Schützen Bogen auch, und Spieß und Sper für Lanzer.
+ Suhrab, wie ers empfieng, so teilt' er Wehr und Sold,
+ Es stob ihm von der Hand das Eisen und das Gold.
+ Er sprach: da nemet hin! soviel vermag ich heute;
+ Und wenn ihr mehr begehrt, so helft daß ichs erbeute!
+ Eroberten wir erst des Persers Königreich,
+ So mach ich jeden Mann wie einen König reich.
+
+
+ 16.
+
+ Dem Schah Afrasiab in Turan ward gesagt,
+ Daß seinen Flug vom Nest ein junger Adler wagt,
+ Der altershalben zwar nichts weniger als flück,
+ Doch seinem guten Mut vertraut und gutem Glück.
+ Ihn hat die Friedensruh, die Turan schläft, verdroßen,
+ Er rüstet sich zu Kampf, und sammelt Schwertgenoßen.
+ Von allen Orten strömt ein Heer zu ihm herbei,
+ Darob hebt er sein Haupt wie eine Zeder frei.
+ Es sproßt der erste Flaum auf seiner Wange kaum,
+ Und schon ist seinem Traum zu eng der Welten Raum;
+ In alle Himmel hoch wächst seiner Hoffnung Baum.
+ Aus seinem Odem weht ein süßer Milchgeruch,
+ Doch eitel Schwert und Dolch ist seiner Lippen Spruch.
+ Mit seinem Dolch will er die Brust der Erde ritzen,
+ Und an die Abendwolk ihr rotes Herzblut spritzen;
+ Keikawus soll vom Thron, dort will er selber sitzen!
+ Den Beutelustigen, die ihm mit leeren Händen
+ Und vollem Mute nahn, hat er viel Gut zu spenden,
+ Und mehr Verheißungen, die denkt er zu vollenden!
+ Sie drängen sich um ihn wie Stralen um die Achse
+ Der Sonn, alsob ein Heer ihm aus dem Boden wachse;
+ Als sei er Rostems Kind, und reit ein Kind vom Rachse!
+ In Wahrheit, wer ihn sieht, der glaubt wol dem Gerüchte,
+ Weil von den Stamme weit nicht fallen dessen Früchte;
+ Er scheint, mit solcher Zucht, von Rostem ein Gezüchte.
+ Wenigstens mutterhalb ist Suhrab edel schon,
+ Des alten Königs von Semengan Tochtersohn!
+ So ward dem Türkenschah geredet und geraunt
+ Von Suhrab, und er war darüber nicht erstaunt.
+ Er lachte still, es war vom Anbeginn ihm kund
+ Tehminas und Rostems geheimer Liebesbund.
+
+
+ 17.
+
+ Afrasiab, der Schah, nachdem er den Bericht
+ Erwogen, lachte noch, und er misfiel ihm nicht.
+ Der Häupter seines Heers, des nun lang ausgeruhten,
+ Berief er einen gleich, Barman, den hochgemuten.
+ Zwölftausend Recken, frisch von Kraft und scharf von Schneide,
+ Las er dazu, und gab sie ihm mit dem Bescheide:
+ Bewährter Baruman, auf! nach Semengan lenke
+ Den Schritt mit diesem Heer, mit Brief und mit Geschenke.
+ Ermutige mir dort des Mutes jungen Keim!
+ Doch die Geschichte bleibt still zwischen uns geheim.
+ Sag ihm, Afrasiab send ihm Hilfsmannschaft zu,
+ Damit nach Iran er kampflustig zieh im Nu.
+ Dort aber darf den Sohn der Vater nicht erkennen,
+ Und Niemand soll dem Sohn des Vaters Namen nennen.
+ Was weiß ich, ob ein Sohn des Rostem Suhrab sei?
+ Ich frage nicht darnach; mir feind sind alle zwei.
+ Wenn so den einen Feind wir auf den andern hetzen,
+ Können sie doch gegen uns sich nicht zur Wehre setzen.
+ Und wenn die beiden dort einander setzen zu,
+ So sehen wir dem Spiel hier mit Ergetzen zu.
+ Villeicht gelingt es uns: der grimme Kampfleu alt
+ Erliegt im Kampfe vor des jungen Leun Gewalt.
+ Wenn Rostem gegen uns nicht ferner Iran hält,
+ Im Spiele jagen wir den Kawus aus der Welt.
+ Dann aber wollen wir den Suhrab auch beschicken,
+ Mit Schlummer eines Nachts sein Auge so bestricken,
+ Daß ihm die Lust vergeht, nach Kronen aufzublicken!
+ Denn mir ist wolbekannt, daß dieser tolle Knab
+ Erst an Keikawus will, dann an Afrasiab.
+ Doch wenn dem greisen Wolf erliegt das zarte Lamm --
+ Wenn Suhrab wirklich ist ein Reis von Rostems Stamm --
+ So wird der zähe Stamm von diesem Gram sich biegen,
+ Und in des Kummers Schlamm der stolze Brunn versiegen.
+ Doch ließe mich mein Glück auch soviel nicht erwerben
+ Daß ich sie alle zwei säh aneinander sterben;
+ So hoff ich, daß uns Gott von einem mindstens helfe,
+ Es sei vom alten Wolf, es sei vom jungen Welfe.
+
+
+ 18.
+
+ Da schrieb Afrasiab an Suhrab einen Brief,
+ Darin er Gottes Heil ob ihm zum Eingang rief:
+ Das Glück geleite dich, beherzter Heldenknabe,
+ Zum kühnen Werk, das ich mit Lust vernommen habe.
+ Dir send ich fürstliche Geschenke meiner Gnaden,
+ Ross' und Kamele mit Kleinodien beladen;
+ Türkis' aus Turkistan, aus Badachschan Rubinen,
+ Smaragdne Sträuße drei mit Perlentau auf ihnen.
+ Ich habe dir erwählt zwei Kronen edelsteinern,
+ Und ihnen beigezählt zwei Thronen elfenbeinern.
+ Froh mögest du zu Thron auf Elfenbeine sitzen,
+ Und über dir die Kron aus Edelsteine blitzen!
+ Wirst du erst Irans Kron im Streit gewonnen haben,
+ Dann wird Ruh auf dem Thron die Zeit gewonnen haben.
+ Denn ewig ist entzweit, wie Tag und Nacht im Streit,
+ Iran und Turan; du sollst stiften Einigkeit.
+ Von dieser Mark ist weit zu jener nicht der Weg;
+ Semengan, Turan und Iran ist Ein Geheg.
+ Deswegen ist gestellt Semengan auf der Scheide
+ Von Iran und Turan, um zu beherrschen beide.
+ Nun send ich Truppen dir, soviel ich nötig glaube;
+ Kühn setze dich aufs Ross, und auf dein Haupt die Haube!
+ Von meinen Feldherrn send ich dir den Baruman,
+ So tapfer als getreu; der sei dir untertan!
+ Er sei dir untertan mit allen, die er führt;
+ Von ihnen sei die Welt dem Feinde zugeschnürt!
+ Zeuch aus zu Kampf und Sieg! dich soll im Laufe stören
+ Kein Graben und kein Wall, und keine List betören!
+ Bald laße das Gerücht uns deine Taten hören!
+ Von meinen Söhnen all soll keiner meinem Thron
+ So nah stehn als Suhrab, den ich begrüß als Sohn.
+ Er schriebs und siegelte, und gabs dem Baruman;
+ Der trat nicht leichten Muts die schwere Sendung an.
+ In diesem Kriege war kein Ruhm ihm zu erwerben,
+ Als einen Helden durch den andern zu verderben.
+
+
+ 19.
+
+ Da hörte vom Gerücht Suhrab, daß Baruman
+ Vom Schah Afrasiab mit Truppen zieh heran,
+ Mit Ross und mit Kamel und großem Heergedränge,
+ Ehrengeschenk und Brief und festlichem Gepränge.
+ Der junge Mann, wie er die Kund erfur, schnell tat er
+ Den Gürtel um, und zog mit seiner Mutter Vater.
+ Entgegen zum Empfang zog er schnell wie ein Wind;
+ Wie soviel Volks er sah, froh staunete das Kind.
+ Mehr staunte Baruman, als er die stolzen Glieder,
+ Die edle Bildung sah, das Staunen schlug ihn nieder.
+ Im Staunen war gemischt Furcht und Bewunderung,
+ Und Mitleid, wie er sah den Helden schön und jung.
+ Der greise Feldherr sprach bei sich: Auf Ruhmespfaden
+ Gehn sollte solch ein Schmuck der Jugend ohne Schaden.
+ Verdienen möcht er wol, ihm wäre, statt Verrat,
+ Zum ungestümen Mut beschieden weiser Rat.
+ Wenn ihn der Doppelrausch der Jugend und des Ruhms
+ Zu Falle bringt, o weh dem Stolz des Rittertums!
+ Zu Suhrab sprach er drauf: O edler junger Leue,
+ Den Brief schickt dir der Schah, daß er dein Herz erfreue.
+ Lies mit Bedacht den Brief des Schahs von Turanland,
+ Und was du dann befilst, das steht in deiner Hand.
+ Die Ehrengaben nimm, die dir gesendet sind;
+ Ich selbst steh und dieß Heer dir zu Gebot, o Kind!
+ Suhrab, der junge Mann, nachdem er las den Brief,
+ Das erste war, daß er sein Heer zum Aufbruch rief;
+ Das Heer der Seinigen; dem Barman, seinem Gast
+ Und dessen Leuten gab er auf drei Tage Rast.
+ »Der Mutter Vater soll bewirten euch mit Schmause,
+ Die Mutter selbst dazu; ich geh nicht mehr nach Hause.
+ Es leidet länger nicht mich in der Mutter Haus;
+ Lebt wol, und kommt uns nach! wir reiten euch voraus.«
+ Die Pauke ward gerührt, zusammen strömten Krieger,
+ Und sprangen mit Geklirr, auf Rosse rasch wie Tieger.
+ Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
+ Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
+ Aus Turan brach der Sturm hervor auf Irans Flur;
+ Zerstörung, Flucht und Raub bezeichnete die Spur,
+ Und wüste ward gelegt das Land, soweit er fur.
+
+
+
+
+ Drittes Buch.
+
+
+ 20.
+
+ Da war ein Schloß, das hieß das Weiße Schloß im Land,
+ Darauf die Zuversicht des Reiches Iran stand,
+ Daß es verteidigen den Pass der Grenze sollte,
+ Wenn da hervor ein Feind aus Turan brechen wollte.
+ Drum waren auf dieß Schloß gesetzt, zu Schirm und Halter,
+ Statt eines Wärtels zwei, ein junger und ein alter;
+ Der alte, daß er es behütete mit Rat,
+ Der junge, daß er es verteidigte mit Tat.
+ Hedschir, der junge Vogt, ließ, weil die Waffen schwiegen,
+ Vom Kinde Gesdehems, des alten, sich besiegen.
+ Die hieß Gurdaferid, das heißt »ein Held geschaffen«,
+ Weil sie, die zarte Maid, war wie ein Held in Waffen.
+ Hedschir mit Rennen und mit Schießen nach dem Ziele
+ Versuchte daß er ihr durch Männlichkeit gefiele;
+ Vergebens! weil ihm selbst in diesen Künsten sie
+ Zuvor es tat, kam er mit ihr zum Ziele nie.
+ Er wünschte, daß einmal ein Feind vorm Schloß erschiene,
+ Daß ihren Beifall er im ernstern Kampf verdiene.
+ Und als er eines Tags ein Heer von Türken sah
+ Anrücken, glaubt' er sich zwiefachem Siege nah,
+ Dem einen, den er wollt erringen im Gefild,
+ Dem andern in der Burg am schönen Frauenbild.
+ Da wappnete sich schnell der mutige Hedschir,
+ Und stieg aufs Ross, gespornt von Lieb und Kampfbegier.
+ Des Tores Hüter ließ er weit auftun das Tor
+ Der alten Burg, und ritt zum Einzelkampf hervor.
+ Er ritt den Berg hinab, dem Feind entgegen jach,
+ Und von der Mauer sah Gurdaferid ihm nach.
+
+
+ 21.
+
+ Mit scharfem Ritte kam der kühne Reck herbei,
+ Und tat ans Türkenheer von weitem einen Schrei:
+ Von wannen sind geschaart die Ritter und die Knechte?
+ Wer unter ihnen ist der Tapferst im Gefechte?
+ Ich habe lange schon auf eure Gegenwart,
+ Alswie ein Bräutigam auf seine Braut, geharrt.
+ Wer wagt es, gegen mich mit eingelegter Lanzen
+ Zu rennen, daß wir hier den Hochzeitreigen tanzen?
+ Desselben Haupt will ich dort auf die Zinne pflanzen!
+ Er hatte seinen Ruf gerufen laut genug,
+ Doch keiner war im Heer, der Lust zur Antwort trug.
+ Zu heben wagte sich nicht eines Türken Hand,
+ Die erste Waffentat zu thun im Perserland.
+ Doch Suhrab, als er all die Tapfern schweigen sah,
+ Ergrimmt' er, und das Schwert zog er für alle da.
+ Alswie ein Tieger bricht am Strom aus Schilf und Rohr,
+ So drang er aus dem Chor der Seinigen hervor.
+ Laut rief er zu dem kampfgerüsteten Hedschir:
+ Was treibt allein dich her mit solcher Kampfbegier?
+ Du meinst wol, daß wir uns vor starken Worten scheuen?
+ Du kamest nicht zur Jagd des Fuchses, sondern Leuen.
+ Aus Turan brach ich auf, ganz Iran will ich zwingen,
+ Und auf dein Haupt soll mir der erste Streich gelingen.
+ Suhrab, den Namen gab mir meine Mutter bei,
+ Und Rostem sagte sie, daß er mein Vater sei.
+ Den Vater eben aufzusuchen zog ich aus;
+ Und wessen Sohn ich sei, zeig ich in Kampf und Strauß.
+ Doch sag auch deinem Stamm, den Namen, und die Deinen!
+ Denn heut muß über dich Braut oder Mutter weinen.
+
+
+ 22.
+
+ Zur Antwort gab Hedschir: Verwegner, schweige still!
+ Kein Türk ists den ich zum Vertrauten haben will.
+ Der Heldenfänger ich, der Ritter ohne Scheu,
+ Ich bin der Schütze, dem zum Fuchse wird der Leu.
+ Hedschir im Kampfrevier der Helden Zier geheißen
+ Bin ich, gleich will ich dir dein Haupt vom Rumpfe reißen.
+ Zwei Geier kreischen dort sich in den Lüften heischer,
+ Es wittern ihren Raub die ungestümen Kreischer;
+ Den beiden wirst du nun zum Gastmahl aufgetischt,
+ Daß ihre Heischerkeit dein junges Blut erfrischt.
+ Dann fliegen sie nach Nord und Süd, und für das Futter
+ Dankt deinem Vater der, und jener deiner Mutter.
+ Die Mutter weint gewis ums Kindlein, ihr entrißen,
+ Der Vater aber wird villeicht von dir nicht wißen.
+ Doch jauchzen über mich, nicht weinen soll die Braut,
+ Die schöne, die auf uns dort von der Mauer schaut!
+ So rief er aus, und sah zur Jungfrau an der Zinne;
+ Zu lächeln schien sie ihm, so täuschten ihn die Sinne:
+ Ihn blendete der Glanz der Sonn und Kraft der Minne.
+ Auf einen Augenblick hatt' er des Kampfs vergeßen,
+ Und nach der Zinne sah sein Gegner auch indessen.
+ Da sah er einen Stral, wie er noch nie geschaut,
+ Und doppelt zürnt' er nun dem, der sie nannte Braut.
+ Er sprach: die Perser sind vor mir wie Spreu im Wind,
+ Doch lieblich anzusehn ist solch ein Perserkind.
+ Wol ists der Mühe werth, zu stürmen solche Zinnen,
+ Wenn solche Schätze sind darinnen zu gewinnen.
+ Doch wenn ich dächte, daß sie diesem zugelacht,
+ Ich hätte zweimal ihn, nicht einmal, umgebracht!
+ So in Gedanken war Suhrab mit ihr beschäftigt,
+ Hedschir durch einen Blick auf sie war neu gekräftigt.
+
+
+ 23.
+
+ Doch von der Zinn hinweg und von der Jungfrau warf
+ Den Blick nun der und der auf seinen Gegner scharf.
+ Im Sattel jeder sich gleich einem Feuer schwang,
+ Und setzte seinen Hengst wie einen Berg in Gang.
+ So schnell da Schaft mit Schaft sich durcheinander flocht,
+ Daß man den einen nicht vom andern kennen mocht.
+ Nach Suhrabs Mitte stieß Hedschir den blanken Schaft;
+ Am festen Gurte fand die Spitze keinen Haft.
+ Doch Suhrab bog zurück den eignen Sper behende,
+ Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende.
+ Recht zwischen Mann und Gaul schob er den Hebebaum,
+ Und aus dem Sattel flog Hedschir und merkt' es kaum.
+ Zur Erde warf er ihn alswie ein Felsenstück;
+ Da lag er, und es blieb kein Sinn an ihm zurück.
+ Vergangen war die Welt vor seinem Augenlid,
+ Der Himmel und das Feld, die Burg und Gurdafrid.
+ Vom Pferde Suhrab sprang und saß ihm auf die Brust;
+ Er hatte nun den Kopf ihm abzuschneiden Lust.
+ Da drehte sich Hedschir, und stützt' auf einen Arm
+ Sich schwach, den andern streckt' er vor, und rief: Erbarm!
+ Laß gnug sein an der Schmach, daß so mein Stolz zerbrach,
+ Und mich im Angesicht der Burg dein Sper abstach!
+ Wie wird die Stolze sich an meinem Sturze weiden!
+ Das tötet mich; du brauchst dieß Haupt nicht abzuschneiden.
+ Nun ist sie frei von mir; du nim mich hier gefangen!
+ Du kanst im fremden Land Kundschaft durch mich erlangen.
+ Wer, da ich dir erlag, wird dir noch widerstehn?
+ Laß mich gefangen mit zu deinen Siegen gehn!
+
+
+ 24.
+
+ Er schwieg, und harrte stumm auf Tod nun oder Leben;
+ Und sich entschloß der Held ihm nicht den Tod zu geben.
+ Er dachte: Wenn ich ihn gefangen mit mir führe,
+ Lock ich manch andren Fang villeicht in meine Schnüre.
+ Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen,
+ Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen.
+ Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben,
+ Als schlechten Preis dafür laß ich ihm gern das Leben.
+ So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken,
+ Und den gefeßelten dem Lager zuzuschicken.
+ Im Lager kam er an zugleich mit Baruman,
+ Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan.
+ Er war in Eile dem ihm von Afrasiab
+ Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab;
+ Und war nur eben recht gekommen um zu sehn
+ Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn.
+ Wie er gefeßelt sah die stolzen Heldenglieder,
+ Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder.
+ Er staunt' und freute sich, und fühlte Scham und Reu,
+ Daß er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu.
+ Im Lager aber war von Türken alt und jung
+ In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung.
+ Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn,
+ Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn.
+ Ins Lager langsam ritt er auf dem Roß zurück,
+ Und hörte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Glück.
+ Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied,
+ An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid.
+
+
+ 25.
+
+ Von Siegesfreude war das Türkenlager voll,
+ Derweil im weißen Schloß ein Wehgeschrei erscholl.
+ Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib
+ Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib.
+ Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schloße drinnen,
+ Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen.
+ Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach
+ Den Perserstolz ein Türk, der ihn vom Sattel stach;
+ Und rief: O Scham, o Schmach! Weh um Hedschir, den Degen!
+ Du rühmtest dich ein Mann, und bist dem Kind erlegen.
+ Wie hast du ungeschickt um meine Gunst gebuhlt!
+ Dein Sper war stumpf gespitzt, dein Gaul war schlecht geschult.
+ Verlachen könnt ich dich; daß aber dich verlache
+ Der Feind, das kränket mich, und fordert Freundesrache.
+ Wie? rühmen sollte sich ein blonder Türkenknabe,
+ Daß er so leicht erlegt den ersten Perser habe?
+ Wenn er die Männer hier für Weiber halten kann,
+ Soll er an einem Weib nun finden seinen Mann!
+ Vom Kampfplatz ritt er weg gleich einem lichten Sterne,
+ Sah sich noch einmal um, dann schwand er in der Ferne.
+ So zierlich tummelt' er sein Roß, man sahs nur gern;
+ Laß sehn, ob er von nah so schön ist als von fern!
+ Halbscherzend rief sies aus, und schritt vom Wall nach Haus;
+ Dort las sie sich zum Schmuck die schönsten Waffen aus.
+ In einem Drathelm barg sie ihrer Locken Zier,
+ Und nam vors Angesicht ein indisches Visier.
+ In voller Rüstung sprang sie auf ein Ross im Lauf,
+ Und flog der Pforte zu, die that der Pförtner auf.
+ Ihr Vater Gesdehem sah ihren Ausritt nicht,
+ Sonst hätt er sie gehemmt in ihrer Zuversicht.
+
+
+ 26.
+
+ Sie kam alswie ein Mann den Berg herab vom Schloß,
+ Ein Gurt um ihre Mitt und unter ihr ein Ross.
+ Sie flog den Berg vom Schloß herab gleich einem Falken,
+ Und schwang in ihrer Hand erztrümmernd einen Balken.
+ Ans Türkenlager kam sie wie ein Sturm herbei,
+ Da that sie einen durchs Visier verstärkten Schrei:
+ »Wer sind die Recken hier? und wer ist der sie führt?
+ Wer ist es, dem der Tod von meiner Hand gebührt?
+ Ein guter Freund ward mir vom Rosse hier gestochen;
+ Wer fällte den Hedschir? dem sei hier zugesprochen!
+ Und wenn derselbe selbst hervorzutreten zagt,
+ So komm ein andrer, der mit mir die Probe wagt.
+ Ihr sollt nicht glauben, weils an einem euch gelang,
+ Daß Turans Trotz den Stolz von Iran schon bezwang!
+ Was einer schlecht gemacht, das macht ein andrer gut;
+ Die blaße Schmach Hedschirs röt ich mit wessen Blut?
+ Wer hat sein Leben feil? wer hat zum Kampfe Mut?«
+ Vom stolzen Lager war gehört die Forderung,
+ Und ihr zu folgen stand schon mancher auf dem Sprung.
+ Doch allen kam zuvor Suhrab mit einem Sprunge
+ Aufs Ross, indem er rief: Ihr wartet, alt' und junge!
+ Den Handel, den ich angefangen, muß ich enden;
+ Wegnemen soll mir keins die Arbeit untern Händen.
+ Das ist zum einen Stück das andre, wie ich merk,
+ Und beide Stücke sind zusammen erst ein Werk.
+ Sagt dem Hedschir: Zum Trost schaff ich in seiner Not
+ Einen Genoßen ihm, lebendig oder tot!
+ So rief der junge Held, und ritt von dannen jach;
+ Das Türkenlager rief ihm lauten Beifall nach.
+
+
+ 27.
+
+ Auf einen Bogenschuß ritt er zu ihr hinan;
+ Er lachte leis' und kniff die Lippe mit dem Zahn.
+ So sprach er froh bei sich: ein andres edles Thier
+ Ist hergekommen in des Jagdherrn Jagdrevier.
+ Wie in dem Dickicht, wo ein Leu sein Lager hat,
+ Wo ihm verfallen ist zu Raube, was da naht;
+ Die stärkste Hirschkuh hat er eben dort bezwungen,
+ Da kommt das zarte Kalb der Mutter nachgesprungen.
+ Lautblöckend suchet es die Mutter in der Not,
+ Und fand an Mutter Statt den Löwen und den Tod.
+ Des Löwen Mittagstisch war mit der Kuh beraten,
+ Und nun zur Abendkost dient ihm des Kälbchens Braten.
+ Wer sendet Beut auf Beut hernieder zum Gewinne
+ Mir von der alten Burg, daß keine mir entrinne?
+ Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne!
+ Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn,
+ Und schon durch Minne reißt sie auch den andern hin.
+ So möge sie, wo sie den ersten fallen sah,
+ Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah!
+ Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort
+ Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort:
+ Es wundert' ihn, daß sie nicht stand am vorgen Ort.
+ Er dachte, daß sie dort noch immer an der Zinne
+ So müßte stehn alswie sie stand vor seinem Sinne.
+ Er wußte nicht, daß sie, anstatt ihm zuzusenden
+ Frohnkämpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen Händen.
+
+
+ 28.
+
+ Doch Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann
+ Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann.
+ Zu schwenken sie begann ihr mutges Rösslein leise,
+ Daß sie erst ihren Feind im weitern Kreiß umkreiße.
+ Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr,
+ War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier.
+ So wie ein Krähenschwarm den Adler, wo er schwebt,
+ Umschwärmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt;
+ Sie sind ihm, wo er fliegt, nah überall vom weiten,
+ Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten:
+ So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen,
+ Den sie hielt unverwandt, Pfeil über Pfeil geflogen.
+ Ihr Köcher war ein Meer, und schöpfte nie sich leer,
+ Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer;
+ Und Suhrabs Rüstung ward von leichten Spitzen schwer.
+ Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen,
+ Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen.
+ Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Sprüheregen,
+ Den er abschüttelte, dann wards ihm ungelegen,
+ Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen:
+ Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel?
+ Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel.
+ Wir Türken ließen euch solang in Ruhe sitzen,
+ Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen;
+ Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen.
+ In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen?
+ Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen.
+ Du magst im Frühlingshain ein kleines Vöglein schießen,
+ Den großen Vogel Greif wirst du damit nicht spießen.
+ Nun aber laß einmal den eitlen Zeitvertreib,
+ Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib!
+
+
+ 29.
+
+ Er riefs, und übern Arm warf sie des Bogens Sennen,
+ Und gegen Suhrab nun ließ sie den Schlachtgaul rennen.
+ Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft,
+ Es wäre nicht der Stoß zu nennen mädchenhaft,
+ Hätt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind
+ Zur Seite Leib und Ross, der Stoß gieng in den Wind.
+ Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende,
+ Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende;
+ Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog,
+ Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog.
+ Vom Sattel lüpft' er sie wie einen Federball;
+ Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall.
+ Doch Gurdafrid nam war, wie sie gefährlich schwankte,
+ Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte.
+ Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob,
+ Und wieder saß sie fest, daß Staub vom Sattel stob.
+ Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht,
+ Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht.
+ Sie sah, daß sie nicht war für diesen Kampf der Mann;
+ Die Zügel zuckte sie dem Rösslein, und entrann.
+ Auch Suhrab gab den Zaum dem schöngemähnten Drachen,
+ Und wollte nun den Tag dem Feinde finster machen.
+ Er kam auf seinem Hengst ihr zornig nachgeschnaubt;
+ Da wandte sie sich schnell, und nahm den Helm vom Haupt.
+ Sie glaubte beßer als durch männliches Gefecht
+ Sich zu verteidigen durch Schönheit und Geschlecht.
+
+
+ 30.
+
+ Von ihrem Haupte quoll die Fülle dunkler Locken,
+ Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken.
+ Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen,
+ Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen!
+ Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun
+ Im Krieg die Männer, wenn so kriegrisch sind die Fraun!
+ Führt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier
+ Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir?
+ Nun weiß ich wol, warum du droben an der Zinne
+ Nicht stehst, weil Kampflust dich herabführt oder Minne!
+ Als ich dich droben sah, dacht ich: wie schön sie ist!
+ Nun aber seh ich, daß du noch viel schöner bist.
+ Ein schöner Reh als du fiel nie in Jägerstricke;
+ Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke!
+ Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt,
+ Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt.
+ Gefangen sah sie sich, und wäre gern entgangen;
+ Sie sann auf schnellen Rat, den Fänger selbst zu fangen.
+ Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht,
+ Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht,
+ Indem sie lächelte, und sprach: Held ohne Scheu,
+ In Männermitte wie im Thierechor der Leu!
+ Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier,
+ Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir!
+ Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah,
+ So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah.
+ Nun hab ich dich gesehn; ich hätte nie gedacht,
+ Daß solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht!
+ Ei! mögen ihren Krieg mit dir die Perser füren!
+ Du wirst die Männer all, nicht nur die Fraun, umschnüren.
+ Doch wünschest du, wie ich, daß ein Verständnis sei
+ Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei!
+
+
+ 31.
+
+ So sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester;
+ Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester,
+ Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke näme fort,
+ Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort.
+ Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn es dir geliebt,
+ Sich dir zugleich ein Schloß und eine Braut ergibt.
+ Ich gebe dir das Schloß, und, ist es dir genem,
+ Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem.
+ Mein Vater ist gewis bereit daß er mich löse;
+ Erfärt er, wo ich bin, so wird er auf mich böse.
+ Ihm hinterm Rücken ritt ich aus dem Schloße fort,
+ Und meiner harrend steht er wol im Tore dort.
+ Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen,
+ Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen,
+ Und beide sich im Spott ob uns vereinigen!
+ Denn spotten werden sie und sagen, daß ein Mann
+ Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann.
+ Was haben sie solang einander zu berichten?
+ So fragen sie; drum laß den Handel schnell uns schlichten.
+ Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir
+ Die Schlüßel zu dem Schloß, doch erst gib Freiheit mir!
+ Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke,
+ Mit dem sie übertrug von sich auf ihn die Stricke;
+ Betöret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke.
+ Wie fühlte sie mit Lust den schönen Nacken frei,
+ Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei,
+ Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei.
+ Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein
+ Voraus den Schloßberg an, Suhrab ritt hinterdrein.
+
+
+
+
+ Viertes Buch.
+
+
+ 32.
+
+ Im Schloßwall hinterm Tor, mit Sorgen und mit Trauer,
+ Nach seinem Kinde stand der Vater auf der Lauer,
+ Den Ungehorsam bald, bald ihren Uebermut
+ Laut schalt er, doch geheim lobt' er sein Heldenblut.
+ »Wenn sie nur unversehrt vom Abenteuer kehrt,
+ So sei nichts auf der Welt dem Töchterchen verwehrt;
+ Nur solch ein zweiter Ritt sei nicht von ihr begehrt!
+ Doch weniger mit ihr zürn ich, als auf Hedschir;
+ Sein Unfall riß mein Kind so hin mit Kampfbegier.
+ Wer aber rettet mir mein Täublein aus den Krallen
+ Des Habichts, dem zum Raub der Kampfhahn selbst gefallen?
+ Thu ich die Pfort hier auf, daß ich zur Hilf ihr eile,
+ Damit der alte Vogt des jungen Torheit teile?
+ Wart ich geduldig, bis der Himmel und ihr Glück,
+ Ihr Mut und kluger Rat mir bringt mein Kind zurück?«
+ Er sprachs, und lauscht' hinaus, und hört' ihr Rösslein traben;
+ Schnell tat er auf, um schnell sein Kind herein zu haben.
+ Gurdaferid ersah der Rettung offnes Tor,
+ Doch ihr Begleiter klomm hart hinter ihr empor;
+ Da kam sie ihm geschwind mit einem Sprung zuvor.
+ Sie huscht' hinein alsob sie flög auf Taubenschwinge,
+ Und rief: Nun warte, Freund, bis ich die Schlüßel bringe!
+ Der Schloßvogt schloß geschwind das Tor nach seinem Kinde
+ Gehäbe, daß kein Wind den Weg durchs Spältchen finde.
+ Sie war hinein, Suhrab war draußen auf dem Ross,
+ Des Schlüßels wartet' er zu dem verschloßnen Schloß.
+
+
+ 33.
+
+ Da neigte Gurdafrid sich von der Zinne droben,
+ Und rief: Kehr um, o Held, umsonst sind deine Proben.
+ Kehr heim, der Abend naht, von deiner Waffentat
+ Zum Türkenlager, dort halt in der Nacht Kriegsrat!
+ Da dir der Handstreich heut aufs weiße Schloß mislang,
+ So rüst auf morgen dich zu einem neuen Gang!
+ Er blickt' empor und sprach: o schöne Persermaid,
+ Daß du treuloser noch als schön bist, thut mir laid.
+ Daß mir solch eine Braut, solch eine Burg entflogen,
+ Das reut mich nicht sosehr, als daß ich ward betrogen.
+ Nun, diese Burg ist doch nicht wie der Himmel hoch;
+ Und wär sie höher noch, herunter mußt du doch.
+ Herunter bringen werd ich dich, im Sturm erringen
+ Das Schloß, du brauchest mir die Schlüßel nicht zu bringen.
+ Sie sprach: Ereifre nicht, o schöner Türkenknabe,
+ So sehr dich, daß ich nicht gebracht die Schlüßel habe.
+ Der Vater hat sie selbst heut in Verschluß genommen;
+ Ich könnte, wollt ich auch, nicht zu den Schlüßeln kommen.
+ Auch deine Werbung hab ich heimlich ihm vertraut;
+ Er sprach: Ein Türke find in Iran keine Braut.
+ Ich rate dir, kehr um, und nim, die dein begehrt,
+ Die schönst in Turan nim! du bist der schönsten wert.
+ Kehr um, ich rate dir, laß guten Rat dir frommen,
+ Eh Kawus es erfärt, und seine Helden kommen.
+ Wenn Rostem kommt heran, der Perser-Pehlewan,
+ O Schmuck aus Turkistan, dann ists um dich getan.
+ Kehr um in deiner Kraft! du stehst hier an der Grenze;
+ Schad um die Blume, wenn sie bricht ein Sturm im Lenze.
+ Ich weinte selbst um dich, wenn ich dich sähe fallen;
+ Denn beßer hat als du mir noch kein Mann gefallen.
+
+
+ 34.
+
+ Sie sprachs, und schwieg, und stieg hinab vom Mauerkranz;
+ Noch lang sah Rostems Sohn empor im Abendglanz,
+ Als säh er noch ihr Bild, als hört er noch ihr Wort;
+ Zum Lager langsam dann ritt er im Unmut fort.
+ Dem Schloß zur Seite lag am Berggehäng herab
+ Ein reicher Anbau, der dem Schloße Nahrung gab.
+ Da waren Gärten, Bäum und manches Saatenfeld;
+ Daran ließ seinen Zorn nun aus der junge Held.
+ Ins Lager rief er laut: Ihr Türken, kommt heraus!
+ Verbreitet um euch her schnell der Zerstörung Graus!
+ Uns bietet Trotz die Burg, die dort im Spätrot lodert;
+ Vergebens hab ich heut die Schlüßel abgefodert.
+ Sie sei zu Fall gebracht, sobald der Tag erwacht;
+ Und vor der Nacht sei jetzt ein Anfang schon gemacht.
+ Zerschmettert dieß Gebälk, zertrümmert diese Planken,
+ Brecht dieß Gezäun entzwei, werft nieder diese Schranken!
+ Haut diese Fruchtbäum um, entwurzelt diese Reben,
+ Und mähet diese Saat! sie soll nicht Körner geben.
+ Dieß ist der Boden, wo sie ihren Vorrat pflanzen,
+ Womit sie droben dann sich halten in den Schanzen.
+ Nun steige Staub und Rauch und Dampf und Qualm empor,
+ Und kündig ihnen an, was ihnen steht bevor!
+ Des Burgvogts Tochter liebt vom hohen Wall zu schauen;
+ Nun schaue sie, wie hier wir ihr den Garten bauen!
+ Wühlt diese Beeten um, wo ihre Rosen blühn,
+ Und stopft die Quelle, die ihr macht den Rasen grün!
+ So rief er, und sein Heer fiel wie ein Hagelschlag
+ Aufs angebaute Land, bis alles wüste lag.
+ Stillschweigend sah er zu, und als der letzte Keim
+ Zerstört war, ritt er abgekühltes Zornes heim.
+
+
+ 35.
+
+ Zum heimgekehrten trat Baruman in der Nacht,
+ Und sprach: Du hast nicht gut das Werk des Tags vollbracht.
+ Den Feinden ist es recht die Nahrung abzuschneiden,
+ Doch so nicht daß wir selbst darunter Mangel leiden.
+ Nun ihren Vorrat zwar hast du der Burg entzogen,
+ Allein dein eignes Heer hast du darum betrogen.
+ Viel Holzwerk und Gebälk ist unnütz mitverbrant,
+ Das nutzbar konte sein zum Leiterbau verwandt.
+ Denn ohne Leitern wirst du nicht das Schloß erringen;
+ Die Mauern dort wird nicht dein Rösslein überspringen!
+ Und dann, was spornte dich zu dieser Rache scharf?
+ Weil dir ein Kind die Tür zu vor der Nase warf!
+ Viel beßer war dir das, als ließe sie dich ein;
+ Drin unter Hunderten was wolltest du allein?
+ Du bist der Mann wol es mit jedem aufzunemen,
+ Doch viele Hunde sinds, die einen Löwen lähmen.
+ Bist du des Heeres Arm, und bist des Heeres Haupt,
+ Nicht sei durch Torheit ihm so Haupt als Arm geraubt!
+ Was sollt ich schreiben nun dem Schah Afrasiab,
+ Der deiner Jugend bei zum Rat mein Alter gab?
+ Dein stürmscher Ritter hat das Grenzschloß eingenommen,
+ Er ist mit Glück hinein, doch nicht heraus gekommen!
+ Nun aber wollen wir mit beßerem Vertraun
+ Es nemen, und dazu vor allem Leitern baun.
+ Du hast das Holz verbrant, wir wollen andres haun.
+ Er sprachs, und lächelnd hin nam jener den Verweis;
+ Er sprach verschämt und keck: Ein Jüngling ist kein Greis;
+ Doch hab ich nie gehört, daß Rostem auch, der alte,
+ Beim Mauerbrechen sich mit Leiterbau aufhalte.
+ Bau Leitern! eines nur beding ich mir dabei,
+ Daß, wenn sie fertig sind, ich drauf der erste sei.
+ Nur seis in dieser Nacht! denn morgen, seids gewärtig,
+ Da werd ich mit der Burg auch ohne Leitern fertig.
+
+
+ 36.
+
+ Weil dieß der weißen Burg im Lager ward gedroht,
+ Saß droben Gesdehem, und dachte nach der Not.
+ Er setzte sich und schrieb an Kawus einen Brief,
+ Darin er Gottes Heil dem Schah zum Eingang rief,
+ Und von der Herrlichkeit des Throns nach Würden sprach,
+ Dann von den mislichen Zeitläuften trug er nach:
+ Die Grenzburg Irans ist gekommen ins Gedränge
+ Von einem Türkenheer in ungezälter Menge.
+ Doch all den andern geht ein junger Fant voran,
+ Der über zweimal sieben Jahr nicht alt sein kann.
+ Von seiner Schlankheit ist die Zeder überragt,
+ Von seinem Glanz die Sonn im Aufgang übertagt.
+ Wenn er zu Rosse sitzt mit Lanze, Keul und Schwerde,
+ So achtet er gering Himmel und Meer und Erde.
+ In Turan weder ist noch Iran ein Verwegner
+ Von gleicher Art, für ihn ist auf der Welt kein Gegner,
+ Als Rostem nur allein; ihm gleicht er an Gestalt,
+ An unverzagtem Mut und furchtbarer Gewalt.
+ Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,
+ Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme.
+ Sobald er kam, hat sich der mutige Hedschir
+ Gegürtet, und gesetzt auf ein schnellfüßig Thier.
+ Ihn trugs den Berg hinab, doch nicht zum Schloß zurück;
+ Dem Stürmer sperrt ich selbst die Vestung noch zum Glück.
+ Doch wenig fehlte nur, so wäre mutentbrant
+ Der junge Elefant allein ins Tor gerant.
+ Darauf hat er verbrant den Anbau rings ums Schloß,
+ Und länger widersteht die Burg nicht seinem Stoß.
+ Am Leben ist Hedschir, doch in Gefangenschaft;
+ Verloren ist an ihm des Schloßes Halt und Kraft.
+ Ich hab umsonst bei mir nach beßerm Rath gesucht:
+ Mit meinem Häuflein nem ich diese Nacht die Flucht.
+ Schnell sende nun der Schah ein großes Heer herbei,
+ Damit ein Damm gesetzt der Ueberschwemmung sei.
+ Doch Rostem sei dabei! Nur Rostem ist der Mann,
+ Der diesem Türkenknaben ins Gesicht sehn kann.
+
+
+ 37.
+
+ Er schriebs und siegelte, und gab geschwind den Brief
+ Dem Boten, der damit die Nacht durch eilig lief.
+ Aufstand der alte Vogt sodann vom Schreibeplatz,
+ Und raffte sein Gesind zusammen und den Schatz,
+ Gurdaferid voran, um diese war ihm bange,
+ Mit allen wandt er sich zum unterirdschen Gange,
+ Der, ihm allein bekant, zur Burg hinaus weit fürte,
+ Und Niemand ward gewar, wie er den Bündel schnürte.
+ Er zog mit seiner Schaar bei Nacht ein gutes Stück,
+ Und nur wehrloses Volk ließ er im Schloß zurück.
+ Als nun der Tag brach aus der Nacht zerrißnem Flor,
+ Stürmte mit seinem Heer Suhrab den Berg empor.
+ Sie drangen bis ans Tor der Burg ohn Aufenthalt,
+ Niemand trat in den Weg der stürmenden Gewalt.
+ Da hielten sie vorm Tor, kein Atem war darinnen,
+ Und sahn zur Zinn empor, kein Leben auf den Zinnen!
+ Suhrab in Ungeduld faßt' einen Felsenstein,
+ Schleudert' ihn gegens Tor, und brach den Eingang drein.
+ Zu Ross sprengt' er hinein, alswie der lichte Tag,
+ Ins Torgewölb, in dem noch Nacht und Schweigen lag;
+ Das Schweigen ward geweckt von seinem Rosshufschlag.
+ Der Widerhall nur ward vom Waffengruße wach,
+ Kein andrer Widerpart schuf ihnen Ungemach.
+ Sie wunderten sich selbst, wie leicht sie eingenommen
+ Die Burg, und fragten sich, wohin der Feind gekommen?
+ Doch Suhrab hatte statt des Feindes an dem Ort
+ Die Freundin auch gesucht, und fand: sie war nicht dort.
+
+
+ 38.
+
+ Wie sich ein Knabe müht, daß er den Baum ersteige,
+ Wo er ein Vogelnest weiß auf dem höchsten Zweige;
+ Am Abende zuvor hat er sich vorgenommen:
+ Bei frühstem Morgen wird der hohe Baum erklommen.
+ Heut ist es nun zu spät, bis morgen seis verschoben;
+ Die Vögel sind im Nest bei Nacht wol aufgehoben.
+ Er hat die ganze Nacht von seinem Fang geträumt,
+ Und, mit der Sonn erwacht, das Bette schnell geräumt;
+ Dann ist er ungesäumt auf seinen Baum geklommen,
+ Und droben findet er das Nest nun ausgenommen.
+ Er weiß nicht, ob zuvor ein andrer Dieb ihm kam,
+ Oder die flücke Brut den Flug vom Neste nam.
+ Eischalen findet er und ein zerstreut Gefieder,
+ Und traurig klettert er vom hohen Stamme wieder:
+ So traurig kletterte dort Suhrab auf und nieder
+ Durchs öde Mauerwerk der ausgestorbnen Veste,
+ Und fand den Vogel, den er suchte, nicht im Neste.
+ Er fand nicht Gurdafrid, wo er sie sucht' im Schloß,
+ Er fand den wehrlos nur zurückgelaßnen Troß.
+ So traurig sank er nun herab vom hohen Baume
+ Der Hoffnung, den er kühn erflogen hatt im Traume;
+ Er suchte, die er liebt', im weiten leeren Raume.
+ Er rief: Könnt ihr mir nicht, ihr stummen Wände, sagen,
+ Wohin ein Sturm sie hat, ein Flügel sie getragen?
+ Ist sie verschwunden, wie ein Traumbild ohne Spur?
+ Erscheinung glänzende, die mir vorüber fur!
+ Wo bist du? wer bist du? wie, sprich, nenn ich dich nur?
+ Das macht den Unmut mir im Herzen doppelt heiß,
+ Daß ich auch nicht einmal von ihr den Namen weiß.
+ Mich däuchte, kühlen würd es schon der Sehnsucht Brennen,
+ Wenn ich dem Winde nur dürft ihren Namen nennen! --
+ Er dachte nicht daran, den Troß der Burg zu fragen;
+ Was, dacht er, können die von meiner Liebe sagen?
+
+
+ 39.
+
+ Da rief er seiner Schaar: Geschwind, und holet mir
+ Herauf aus seiner Haft vom Lager den Hedschir!
+ Er ist ja gestern noch hier oben Herr gewesen;
+ Wen beßer könnten wir zur Auskunft uns erlesen?
+ Er soll des leeren Nests Gelegenheit uns deuten;
+ Verborgne Schätze sind gewis hier zu erbeuten.
+ Er riefs, und jene trieb nach Schätzen die Begier
+ Geschwind den Berg hinab, sie holten den Hedschir.
+ Er kam, und Feßeldruck beschwerte seine Glieder,
+ Doch schwerer noch drückt' ihn Gefühl der Scham danieder;
+ Denn frei hier war er einst, und kam gefangen wieder.
+ Doch auf die Seite nam ihn alsobald Suhrab,
+ Mit sanften Worten nam er ihm die Feßeln ab:
+ Du bist, so frei du hier gewesen, wieder jetzt,
+ Sogleich auf diese Burg von mir als Vogt gesetzt,
+ Wenn ohne Hinterhalt du mir den Namen nennest
+ Von einer, die du nur zu gut, ich weiß es, kennest,
+ Und sagst du mir, wo sie ist, wo ich sie finden mag?
+ Denn ohne sie will ich nicht bleiben einen Tag!
+ Er sprach es, und das Wort war für Hedschir ein Schlag.
+ Zur Antwort gab er ihm: Wenn dir sie Gott beschied,
+ Den Namen nenn ich wol, sie heißt Gurdaferid.
+ Ich staune, wie du selbst, sie nicht zu sehn hier oben;
+ Wer weiß, wo seinen Schatz der Vater aufgehoben!
+ Gern würd ich dir den Platz, wenn ich ihn wüßte, sagen.
+ Sie hat ein Geist entfürt, ein Sturmwind fortgetragen;
+ Du mußt die Zauberin dir aus dem Sinne schlagen.
+ Er schwieg, und wußte wohl, auf welchem Weg den Schatz
+ Der alte Drach entfürt, an welchen sichern Platz.
+ Doch sein Geheimnis war des Nebenbulers Heil;
+ Es war ihm um die Burg und um die Welt nicht feil.
+ Für Persien diese Burg zu halten wäre schön,
+ Dacht er, und frei als Herr zu walten auf den Höhn;
+ Doch übel ist der Preis und schlimm die Gegengabe:
+ Nicht kommen soll durch mich auf ihre Spur der Knabe! --
+ Vom Vorteil seines Lands und seinem ungerürt,
+ Vom Wunsch der Freiheit selbst, blieb er von Lieb umschnürt,
+ Und ward in Feßeln, wie er kam, hinweg gefürt.
+
+
+ 40.
+
+ Doch Suhrab gieng nunmehr im weiten Schloß umher,
+ Und fand den Raum von dem, wornach er suchte, leer.
+ Da sprachen, die es sahn: Nach Schätzen suchet er.
+ Und suchen gieng im Schloß nach Schätzen auch das Heer.
+ Er aber suchte fort und fort sie hier und dort;
+ Am einen fand er nichts, und sucht' am andern Ort.
+ Er dachte, daß sie doch sich müße wo verstecken,
+ Und immer hoffte noch sein Herz, sie zu entdecken.
+ Wie ein verlegt Gerät man sucht an jedem Flecke,
+ Wo man es schon gesucht, und suchts in jeder Ecke,
+ Wo mans nicht fand, und denkt, daß es doch wo noch stecke.
+ Er gieng zur Zinn hinaus, wo er von unten hoch
+ Sie gestern stehen sah; stehn wird sie da heute noch!
+ Er freute sich, zu stehn, wo sie zuvor gestanden,
+ Und ließ den Blick hinaus umschweifen in den Landen.
+ Er sah darauf die Berg' und jede Thalschlucht an,
+ Ob sie hindurch villeicht genommen ihre Bahn.
+ Er fragt' um sie, von der er wußte nun den Namen,
+ Die Wolken und die Lüft, ob sie von ihr nicht kamen.
+ Mit Wind und Sonnenschein sprach er, mit Pflanz und Stein
+ Sprach er von ihr, nur mit den Leuten nicht allein.
+ Die Leute plünderten, zerhieben und zerstachen,
+ Zerschmißen, rißen ein, zerwülten und zerbrachen.
+ Sie suchten einen Schatz, und weil sie keinen Schatz
+ Am Platze fanden, ward zerstört dafür der Platz.
+ Doch Suhrab, dessen Herz ein andres kümmerte,
+ Sah unbekümmert drein, wie alles trümmerte.
+ Er sah, und sah es nicht, wie man die Burg zerstörte,
+ Alsob sie noch dem Feind, nicht schon ihm selbst gehörte.
+
+
+ 41.
+
+ Zu dem in Liebeslust gefangnen jungen Mann
+ Mit Mahnung und Verweis trat Barman und begann:
+ Wie? um ein dunkles Haar und helles Angesicht
+ Vergißest du die Welt, dich selbst und deine Pflicht!
+ Die Helden, so die Welt noch jetzt am höchsten hält,
+ Sie hielten höher als sich selbst nichts auf der Welt.
+ Sie gaben aus der Hand nicht achtlos und bedachtlos
+ Das Herz und den Verstand, vom Rausch der Liebe machtlos.
+ Wol manches Moschusreh fiengen sie ein im Scherz,
+ Doch binden ließen sie im Ernste nicht ihr Herz.
+ Denn, wer dem Adler gleich will um die Sonne werben,
+ Darf wie die Nachtigall nicht um die Rose sterben.
+ Nicht mit Eroberung von einer Welt vereint
+ Sich dieses, daß in Gram um einen Mond man weint.
+ Sohn hat zum Ruhme dich genant Afrasiab,
+ Und über Land und Meer schwingst du der Herrschaft Stab.
+ Aus Turan kamen wir hieher zu einem Werke,
+ Begonnen wards mit Kraft, und sei vollfürt mit Stärke!
+ Dir fiel ohn einen Streich des Schwertes in die Hand
+ Solch eine Burg, und frei steht dir nun Irans Land.
+ Doch ob wir so im Spiel erreichten dieses Ziel
+ Des Wunsches, doch bevor steht uns noch Arbeit viel.
+ Der König Kawus wird mit seinen Helden nahn;
+ Willst du entgegengehn? willst du sie hier empfahn?
+ Willst du entgegengehn? kleb hier nicht an den Hallen!
+ Willst du sie hier empfahn? laß nicht die Burg zerfallen!
+ Was überlieferst du in Blindheit und Betörung
+ Das erste Pfand des Glücks den Händen der Zerstörung?
+ Mach, es ist dir zu schwül, dein Herz im Busen kühl
+ Von Liebe, willst du stehn ein Mann im Schlachtgewühl!
+ Und willst du sein ein Kind, so ruh auf weichem Pfühl!
+ So mahnte Baruman; Suhrab hatt ihm verraten
+ Sein Herzgeheimnis nicht: er hatt es selbst erraten.
+
+
+ 42.
+
+ So mahnte Baruman, und als darauf kein Wort
+ Suhrab erwiderte, fur er zu mahnen fort:
+ Du hast aus eignem Mut, o Jüngling, unternommen
+ Ein großes Werk, und wirst mit Glück zum Ziele kommen,
+ Wenn eins mit dir du bist! Mit dir eins, wirst du siegen;
+ Uneins mit dir, wirst du dir selber unterliegen:
+ Der Kopf besinnungslos wird unters Herz sich biegen.
+ Nur wer mit Festigkeit und mit Verstand ausfürt
+ Das Unternommne, weiß daß ihm der Ruhm gebürt.
+ Den Leun zu fangen, bist du auf die Jagd gegangen;
+ Laß dich nicht unterwegs vom bunten Panther fangen!
+ Bist du ein Held, ein Mann, die Welt zum Raube nim!
+ Die Hand streck aus! dem Schah vom Haupt die Haube nim!
+ Wenn diese Länder all erst deiner Herrschaft fröhnen,
+ Werden dir allerwerts auch huldigen die Schönen.
+ Die Schönheit ist die Blum, o Sohn, auf dem Gefild
+ Des Lebens, und die Lieb ein Thau auf Blumen mild.
+ Nie fehlen möge dir, o Jüngling, auf der Au
+ Der Jugend und des Glücks die Blume noch der Thau!
+ Befestige dieß Schloß zu Ehren der darinn
+ Erblühten, ihr zum Ruhm befestge deinen Sinn!
+ Wenn dir von hier der Sieg ganz Persien beschied,
+ In Persien ist mit inbegriffen Gurdafrid.
+ Wenn du den Rostem wirst vom Ross zu Boden ringen,
+ Laß ihn als Lösepreis Gurdaferid dir bringen!
+ So Baruman, und wie ein Stral durch Nebel brach
+ Die Red in Suhrabs Seel, er ward vom Traume wach.
+ Ja, rief er, von dem Ross will ich den Rostem bringen,
+ Und will als Lösepreis Gurdaferid bedingen!
+ Dem Heer gebot er: Reißt nicht, was wir haben, ein!
+ Und baut es wieder, daß es mög unnembar sein!
+ Dann setzt' er sich und schrieb Brief' an Afrasiab,
+ Worin er ihm Bericht vom ersten Siege gab.
+
+
+
+
+ Fünftes Buch.
+
+
+ 43.
+
+ Doch zu Keikawus kam nach Istachar der Brief
+ Des Gesdehem, womit in Eil der Bote lief.
+ Der König, als er nun den Brief las, und vernam
+ Die üble Zeitung, ward sein Herz voll dunklem Gram.
+ Darauf er seines Heers Gewaltige berief,
+ Und viel verhandelt' er mit ihnen ob dem Brief.
+ Sie saßen um den Schah von Iran alle her,
+ Und allen ward das Herz wie ihm von Sorgen schwer.
+ Die Großen seines Reichs und Starken saßen alle
+ Ratschlagend mit dem Schah in der Chosroenhalle:
+ Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,
+ Gurase, Gurgin, Gew, Milad, Ferhad, Behram.
+ Denselben allen gab der Schah den Brief zu lesen,
+ Und sprach mit ihnen dann von Suhrabs Art und Wesen:
+ So ist aus Turans Schooß ein neuer Kriegessturm
+ Gebrochen! seinem Stoß wankt Irans Friedensturm.
+ Schon ist in seiner Hand die weiße Veste jetzt,
+ Auf welche wir umsonst der Hüter zwei gesetzt.
+ Der alte gieng davon, der junge ließ sich fangen.
+ Guders! mit deinem Sohn Hedschir darfst du nicht prangen!
+ Du hast der Söhne viel; warum gerade gaben
+ Die Burg wir dem, der sie nicht hielt vor einem Knaben?
+ Doch, wie der Alte schreibt, so ist kein Mann der Welt,
+ Der diesem Ungetüm von Kind die Stange hält,
+ Als Rostem, Sabuls Held. Ihr, denen ist empfolen
+ Die Wolfart Irans, sprecht: soll man den Rostem holen?
+ Da sprachen Groß und Klein, und riefen insgemein:
+ Rostem ist Irans Held, geholt soll Rostem sein.
+ Im Kampf mit Turan war stets Rostem Irans Hort;
+ Aus Sabulistan sei er eingeholt sofort!
+ Der Schah schreib einen Brief, worin ihm werd empfolen
+ Zu eilen; aber Gew, sein Eidam, geh ihn holen.
+
+
+ 44.
+
+ Da saß der Schah und schrieb an Rostem einen Brief,
+ Worin er Gottes Preis ob ihm zum Eingang rief:
+ Hort der Iranier, Fürst von Sabulistan!
+ Stets sei vom Ruhm genant des Reiches Pehlewan!
+ Von Turan ist ein Sturm und Friedensbruch gekommen,
+ Die weiße Burg hat er den Hütern abgenommen.
+ Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,
+ Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme;
+ Ein Wetterstral, ein Brand, ein Recke sonder Scheu,
+ Von Leib ein Elefant, von Herz und Mut ein Leu.
+ Wie Gesdehem uns schreibt, so ist kein Mann der Welt,
+ Der diesem Wagehals von Kind die Wage hält,
+ Als du nur, Irans Held! All meine Ritter saßen
+ Zu Rate, wo mit mir sie diese Fahr ermaßen,
+ Und einig sind sie, daß mit ihm den Kampf kann üben
+ Kein anderer, nur du magst ihm das Waßer trüben.
+ Denn du bist unser Hort und Schmuck und Putz allein,
+ Du Irans Rettungsport und Turans Trutz allein,
+ Die Stütze fort und fort des Throns und Schutz allein.
+ Nun gilt es, der Gefahr mit Kraft Entgegenstemmung,
+ Die Brust von Iran frei zu machen von Beklemmung;
+ Hemmung und Dämmung gilts von Turans Ueberschwemmung!
+ Sobald du diesen Brief erbrochen hast, brich auf!
+ Im Augenblick brich auf, und halte dich nicht auf!
+ Stehst du, wo dieser Brief ankommt, nicht sitze nieder
+ Zu lesen! sitzest du, erheb im Sprung die Glieder!
+ Wenn in der Hand den Strauß du hältst, zu riechen, reuch nicht
+ Daran! wirf hin den Strauß, zeuch aus, zeuch! und verzeuch nicht!
+ Bist du vor deiner Tür, so geh nicht erst ins Schloß!
+ Laß holen Schwert und Helm, und hol im Stall dein Ross!
+ Sitz auf dein Ross! den Rachs laß rennen! flieg herbei
+ Aus Sabul wie ein Sturm! erheb ein Feldgeschrei!
+
+
+ 45.
+
+ Er schrieb und siegelte den Brief mit buntem Wachse,
+ Gab ihn dem Gew, und sprach: Nun renne gleich dem Rachse;
+ Nach Sabul renn und flieg, alsob du hättest Flügel!
+ Nun gilts am Rösslein abzunutzen Zaum und Zügel.
+ Wenn du nach Sabul kommst zu Rostem, heiß ihn eilen!
+ Verweilen laß ihn nicht, und laß dich nicht verweilen!
+ Kommst du an spät des Nachts, so kehr um früh des Tags!
+ Sags ihm, daß nah der Kampf herandrängt, sags ihm, sags!
+ Da nam den Brief zur Hand und eilte hin der Bote;
+ An Waßer dacht er nicht, und fragte nicht nach Brote;
+ Er fragt' auf seinem Weg nach Staub nicht oder Kot,
+ Und auch am Himmel nicht nach Früh- und Abendrot.
+ Er flog auf seinem Ross in ungestümer Hast,
+ Und gönnte weder ihm noch sich Schlaf oder Rast.
+ Der Reuter und sein Ross, sie fühlten ihre Kräfte
+ Verdoppelt vom Beruf der wichtigen Geschäfte;
+ Als dienete zu Sporn des Reiches scharfe Not,
+ Zu Geißelhieb des Schachs eindringliches Gebot.
+ Als er zur Mark hinan ritt von Sabulistan,
+ Ward vom Wachpostenruf dem Rostem kund getan;
+ Aus Iran fliegt ein Bot alswie ein Sturm heran.
+ Doch Rostem zu Sewar, zu seinem Bruder, sprach:
+ Reit ihm entgegen, sieh, warum ihm ist so jach!
+ Dem Königsboten ritt Sewar auf hohem Ross
+ Entgegen, Rostem blieb in Ruh auf seinem Schloß.
+ Doch als der Bruder nun kam mit dem Boten näher,
+ Wie er den Eidam sah, da freute sich der Schwäher.
+ Er grüßt' ihn schön und sprach: Was bringst du, Tochtermann?
+ Ein Schreiben von dem Schah! gibs, ob ichs lesen kann!
+ Er nam den Brief, den er mit Augen überlief,
+ Dann schwieg er lange Zeit, und dachte nach dem Brief.
+
+
+ 46.
+
+ Ich denk an alte Zeit, vergeßen manches Jahr,
+ Und jetzt erinnr' ich mich, alsob es gestern war.
+ Wie lange kann es sein? unmöglich ist der Knabe
+ Mein Sohn, wenn einen Sohn ich in Semengan habe.
+ Unmöglich, wenn mir dort ein Herz- und Seelerfreuer
+ Erwächst, ist er bereits ein Mann und Heerzerstreuer.
+ Jetzt trinket er noch mit milchduftiger Lippe Wein;
+ Doch ohne Zweifel bald wird er ein Kämpe sein.
+ Wann seine Zeit kommt, wird sein Arm die Keule schwingen,
+ An Tapferkeit wird er mit seinem Vater ringen.
+ Aufblühen neu in ihm wird Rostems Heldenfeuer,
+ Der Jüngling wird dem Greis der Jugendkraft Erneuer;
+ Jetzt ist er noch kein Mann der Schlacht und Heerzerstreuer.
+ Wann er erwachsen ist, wird ihn die Mutter schicken,
+ Und um den Arm das ihm bestimmte Zeichen stricken.
+ Erkennen werd ich ihn, und er wird mich erkennen,
+ Denn meine Zeichen wird ihm auch die Mutter nennen;
+ Nicht feindlich werden wir uns dann im Kampf anrennen.
+ Zusprechen wird er mir mit sittigem Zuspruch,
+ Nicht kommen mit gewalttätigem Gastbesuch,
+ Nicht mit der Tür ins Haus, ins Land mit Waffen fallen,
+ Anklopfen wird er erst an seines Vaters Hallen,
+ Und diese sind ihm aufgetan mit Wolgefallen!
+ Ich habe keinen Sohn in Persien, um ihn
+ Als Erben meines Ruhms und Namens zu erziehn,
+ Als Erben meines Guts und Reichs Sabulistan.
+ »Ein Türkenknabe taugt nicht zum Reichspehlewan«
+ Wird Kawus sagen; doch nach Kawus frag ich nicht.
+ Doch gerne möcht ich sehn dem Jungen ins Gesicht,
+ Der Suhrab ist genannt, die junge Kriegesflamme,
+ Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme!
+ Ich könnt ihn nach dem Kind und seiner Mutter fragen,
+ Und einen Gruß an sie nach Turan ihm auftragen,
+ Den trüg er hin, wenn ich ihn hier nicht hätt erschlagen!
+
+
+ 47.
+
+ So sprach der alte Held in tiefbewegtem Sinn,
+ Und all sein Denken schuf ihm lauter Ungewinn.
+ Dann blickt' er auf, und sprach zum Boten, den er fast
+ Vergeßen hatte: Komm! für heut bist du mein Gast.
+ Es ist nicht Eilens Not mit Krieg und Kriegsgebot:
+ Ich seh nicht, was dem Reich von Iran Großes droht!
+ Nun machte wol mich scheu ein reckenhafter Knabe,
+ Da ich nicht Furcht vor Leu und Elefanten habe?
+ Es sollt ein blinder Schreck mich gleich in Harnisch bringen,
+ Und stehndes Fußes sollt ich auf den Rachs mich schwingen?
+ Weil gegen ihn ein Tropf die weiße Burg verlor,
+ Ist drum der Brausekopf schon vor der Hauptstadt Tor?
+ Ein knabenhafter Mann, wieviel er Kraft gewann,
+ Wenn sich zu rühren erst für ihn mein Schaft begann,
+ Sehn werdet ihr, wielang er seiner Haft entrann!
+ Ich wurde fertig sonst mit Riesen und Dämonen,
+ Ich fürchte mich vor nichts, was hinterm Berg mag wohnen.
+ Er wird sich hüten uns ins Garn herein zu springen;
+ Wir werden zeitig ihm den Tod entgegen bringen.
+ Soll in Bewegung erst sich setzen Meeres Braus?
+ Das Glimmen geht von selbst des Aschenhäufchens aus.
+ Wir werden bald genug auch diesen Weltbrand dämpfen;
+ Heut hab ich keine Lust für Keikawus zu kämpfen.
+ Kommt! eh auf seinen Wink wir morgen Türken hetzen,
+ Will ich mich heute noch mit lieben Freunden letzen.
+ Wir schlagen aus dem Sinn die Schlacht uns beim Gelag,
+ Bei hellem Becherklang und frohem Lautenschlag,
+ Und machen vor der Nacht uns einen guten Tag.
+ Du, Eidam, sollst mir was von meiner Tochter sagen,
+ Vom jungen Recken auch, den ich euch todt soll schlagen!
+ Die Herrlichkeit der Welt wird all am Ende Staub;
+ Begießen wir mit Wein des Lebens grünes Laub!
+ Seware! geh ins Haus, bestell uns einen Schmaus!
+ Wir leeren vor der Nacht noch manchen Becher aus.
+
+
+ 48.
+
+ So rief der alte Held aus aufgeregter Seele;
+ Sein Bruder tat, wie er gewohnt war, die Befele.
+ Und auch der Eidam wagte nicht zu widersprechen;
+ Er wußte, daß mit ihm nicht gut sei Lanzen brechen.
+ Der alte Recke ließ sich durch den Sinn nicht faren;
+ Starr war sein Kopf und hart, besetzt mit struppigen Haaren.
+ Dem Schwäher folgte Gew vergnügt ins Haus zum Schmaus,
+ Und dachte: Mach er mit dem Schah es selber aus!
+ Wir wollen heut mit Wein die staubgen Lippen netzen,
+ Und morgen können wirs durch schärfern Ritt ersetzen.
+ Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag,
+ Das Fest geschmückt war wie ein Frühlingsrosenhag.
+ Alswie ein Rosenhag, geschmückt mit Duft und Glanze,
+ Mit Nachtigallenschlag und blühndem Rosenkranze;
+ So blühte das Gelag von Sang und Klang und Tanze;
+ So mühte sich die Kunst geübter Tänzerinnen,
+ Vom Wirte Gold, und Gunst vom Gaste zu gewinnen.
+ Sie dachten an den Feind und an den König nicht,
+ Und sahn nur Rosenwang und Mondenangesicht.
+ Vom Schenken ließen sie den roten Wein sich schenken,
+ Und durften nicht dabei an Blutvergießen denken.
+ Sie schöpften Wonn auf Wonn aus unerschöpfter Tonne;
+ Froh war hinunter schon getrunken Tag und Sonne.
+ Zum Trunke leuchteten noch ihnen Sternefunken,
+ Bis alle vom Gelag zum Lager giengen trunken.
+
+
+ 49.
+
+ Am andern Morgen trat der Eidam reisefertig
+ Zu Rostem ein, und war des Aufbruchs nun gewärtig.
+ Doch Rostem sprach vergnügt: Du schliefest zeitig aus;
+ Gut, daß zu kurz der Tag uns werde nicht zum Schmaus!
+ Nun heute wollen wir erst recht behaglich schmausen;
+ Wer weiß, wie bald herein des Unheils Wogen brausen!
+ Wir wollen aus dem Sinn uns schlagen Graun und Grausen;
+ Gut Obdach haben wir, der Sturm mag draußen sausen!
+ Villeicht wird nie so froh uns mehr dieß Haus behausen.
+ Mir ist, als sollt ich mich zum letztenmal der meinen,
+ Der guten Freunde freun, die sich um mich vereinen!
+ Ihr beiden, kommt, und setzt zur Rechten und zur Linken
+ Euch um den Rostem her, und helft dem Rostem trinken!
+ Sewar, mein Bruder, hier! hier Gew, mein Tochtermann!
+ Mir träumte Nachts daß ich auch einen Sohn gewann.
+ Das kam mir in den Sinn durch jenen Türkenknaben,
+ Mit welchem sie vom Hof den Kopf betäubt mir haben.
+ Nachbringen sollst du heut beim Weine, Gew, mir dessen
+ Beschreibung, weil beim Wein sie gestern ward vergeßen.
+ Kommt, setzet euch, und laßt uns hören vom Suhrab,
+ Was Gew zu sagen weiß, ob dieser Wunderknab
+ Ist wirklich einzig auf der Welt der weiße Rab!
+ So sprach er, und zuerst hinpflanzt' er seine Glieder;
+ Der Bruder durfte nichts, der Eidam nichts dawider
+ Ihm sagen; wie er saß, setzten sich beide nieder.
+ Sewar, der Bruder, rechts, der Eidam Gew zur Linken,
+ Bei Rostem saßen sie, und er begann zu trinken.
+ Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag;
+ Das Fest geschmückt war wie ein Himmelsrosenhag,
+ Mit Glanz und Tanz und Sang und Klang und Lautenschlag.
+ Beim Trinken sprachen sie, bis sie den Tag hinab
+ Getrunken und herbei den Schlummer, von Suhrab.
+
+
+ 50.
+
+ Des andern Morgens trat der Bote reisefertig
+ Zum Pehlewan, und war des Aufbruchs nun gewärtig.
+ Er wartete, und sah daß nicht von selbst aufbrach
+ Rostem, da faßte Gew sich nun ein Herz und sprach.
+ Bedachtsam sprach er: Held! vernimm ein Wort in Huld!
+ Nun reize länger nicht des Schahes Ungeduld!
+ Kawus, das weißt du ja, ist jäh in jedem Ding;
+ Und diese Sache wiegt ihm keineswegs gering.
+ Drum sandt er Botschaft dir durch keinen andern Boten
+ Als deinen Tochtermann, und Eil hat er geboten.
+ Denn dieser junge Türk ist ihm ein großer Kummer,
+ Der Eß- und Trinkens-Lust und Ruh ihm raubt und Schlummer.
+ Und wenn wir länger noch in Sabulistan säumen,
+ Wird ihm das weite Reich zu eng in allen Räumen.
+ Sprich, lieber Schwäher, soll ich dir den Rachs nicht zäumen?
+ Im ungefügen Zorn möcht er sich uns erbosen;
+ Zorn des Gebietenden bringt Boten keine Rosen.
+ Zu ihm sprach Rostem: Laß dir das nicht Sorge werden!
+ Niemand darf zürnen mir und meinem Tun auf Erden.
+ Keikawus weiß das wol, daß er zu dieser Frist
+ Durch Rostems Macht allein in Iran König ist.
+ Er weiß auch, daß mein Schwert ihn nie im Stiche ließ,
+ Wo oft in Ungemach sein toller Mut ihn stieß.
+ Doch heute dünkt es selbst mir Zeit nun aufzubrechen;
+ Nun wollen wir es erst beim Morgentrunk besprechen.
+ So sprach er, und alsbald mit Prachtgepräng und Prunk
+ Ließ er bestellen dort im Saal den Morgentrunk.
+ Die Flasche neigt' er tief, und hob den Becher hoch,
+ Mit seinem Eidam sprach er dieß und jenes noch.
+ Den Sattel nun gebot er auf den Rachs zu heben,
+ Und ließ dem ehrnen Mund der Zinken Atem geben.
+ Die Krieger Sabuls, wie sie hörten Rostems Zinke,
+ Rings strömten sie herbei, willfärig seinem Winke.
+ Er übersah mit einem Blick die starke Schar,
+ Und merkte, daß kein Ding der Welt zu schwer ihm war.
+ Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
+ Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
+ Rostem ritt im Gespräch mit Gew voraus, es war
+ Hauptmann bei Sabuls Heer an seiner Statt Sewar.
+
+
+ 51.
+
+ Die Kunde kam zur Stadt, Rostem sei auf den Wegen;
+ Die Fürsten zogen ihm eine Tagreis' entgegen:
+ Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,
+ Gurase, Gurgin, Milad, Fehrhad und Behram.
+ Ferabors, Sohn des Schachs, und der Kronfeldherr Tus,
+ Samt allen übrigen, mit ehrerbietigem Gruß,
+ Entgegen traten sie dem reitenden zu Fuß.
+ Zu Fuß hernieder trat auch Rostem von dem Ross,
+ Grüßend, und im Geleit hinwandelt' er zum Schloß.
+ Hinwandelten zum Schloß vergnügt und unbeklommen
+ Alle, sie waren froh, daß Rostem nur gekommen.
+ So traten sie im Chor dort in die offne Halle
+ Des Throns, mit offnem Blick und offnem Herzen alle.
+ Doch wie sie grüßend sich dem goldnen Thron geneigt,
+ Saß droben Keikawus finster und ungeneigt.
+ Dem Ruf der Huldigung gab er die Antwort nicht,
+ Und schweigend wendet' er von ihnen sein Gesicht;
+ Worauf er gegen Gew erst einen Schrei ausstieß,
+ Und gegen Rostem dann den Unmut frei ausließ:
+ Wer ist Rostem, daß er ein Wort aus meinem Munde
+ Mit Füßen tritt, und sich entziehet meinem Bunde?
+ Hätt ich ein Schwert zur Hand, ich wollte laßen tanzen
+ Vom stolzen Rumpf sein Haupt gleich einer Pomeranzen.
+ Tus, greife mir das Paar, und führe sie davon,
+ Bring an den Galgen mir Schwäher und Schwiegersohn!
+ Er riefs, und sprang vor Zorn auf seinem Thron empor,
+ Auflodernd ungestüm alswie ein Feur im Rohr.
+ Der ganze Kreiß umher der Fürsten war betroffen,
+ Daß seinen Zorn der Schah so durft auslaßen offen.
+ Tus zauderte und wagt' an Rostem nicht die Hand
+ Zu legen, da geriet Keikawus erst in Brand.
+ Er brüllte durch den Saal alswie ein Leu im Forste,
+ Und schrie vom Throne wie ein Adler kreischt vom Horste:
+ Verräter, wer die Hand nicht legt an den Verräter!
+ Ein Uebertreter, wer nicht greift den Uebertreter!
+ Fort mit ihm auf der Stell, aus meinen Augen fort!
+ Und sagt dagegen mir kein unverständig Wort!
+
+
+ 52.
+
+ So schnaubt' er, und vor Leid dem Tus das Herz zerbrach,
+ Daß er an Rostem sollt anlegen Hand mit Schmach.
+ Er faßt' ihn, nur damit er ihn aus dem Gesichte
+ Dem Kawus brächte, bis man dessen Zorn beschwichte.
+ Die Fürsten staunten, wie er faßte Rostems Hand,
+ Und Rostem wars allein, der nichts davon empfand.
+ Denn Rostems Seele schwoll von Groll und Unmut voll,
+ Daß vor den Fürsten ihm der Schah das bieten soll!
+ Er richtet' um ein Haupt noch höher sich empor,
+ Und um die Schultern schien er breiter als zuvor.
+ Dann tat er seinen Mund zu kühnen Reden auf,
+ Frei gegen Kawus ließ er seinem Zorn den Lauf:
+ Wer bist du, und wer ich, daß du so gegen mich
+ Darfst schnauben? auf der Welt bist du ein Schah durch mich.
+ Droh mit dem Galgen doch dem Suhrab, der dich schreckt,
+ Dem Ritter nicht, der dir den Feind zu Boden streckt!
+ Bin ich dein Untertan? Ich bin der Pehlewan
+ Des Reiches Iran und Fürst in Sabulistan.
+ Ich bin Tehemten, der, wenn er den Fuß im Grimm
+ Stampft auf den Grund, der Grund erzittert unter ihm.
+ Von meines Rosses Huf erhallt des Himmels Dom,
+ Und staunend still, wo es vorbeirennt, steht der Strom.
+ Ich bin der Rostem, sieggekrönt und ruhmgeschmückt,
+ Der wol um einen Schah wie du den Kopf nicht bückt!
+ Der Sattel ist mein Thron, der Helm ist meine Krone;
+ Ich spotte deiner Kron, und trotze deinem Throne.
+ Wer ist Kawus, daß er an mir den Zorn auslaße!
+ Und wer ist Tus, daß er mich bei der Hand erfaße!
+ Er riefs, und auf die Hand gab er solch einen Schlag
+ Dem Tus, daß er davon betäubt am Boden lag.
+ Hin über ihn und durch die andern schritt er stracks
+ Zu Hall und Hof hinaus, und schwang sich auf den Rachs.
+
+
+ 53.
+
+ Die Fürsten drängten aus dem Saal ihm hinterdrein,
+ Den Kawus ließen sie mit seinem Zorn allein.
+ Sie eilten in den Hof, da saß der Rostem hoch
+ Auf seinem Sattel schon, und sprach vom Sattel noch:
+ Heim reit ich nun sogleich nach Sabul, in mein Reich;
+ Dort bin ich König selbst, dem König Kawus gleich.
+ Mag ohne Widerstand ganz Iran in die Hand
+ Von Turan fallen! ich behaupte wol mein Land.
+ Mag euch wie den Hedschir Suhrab vom Rosse stechen,
+ Und wie das weiße Schloß die Königsburg hier brechen!
+ Ich wehr ihm nicht, und wer wird ohne mich ihm wehren?
+ Euch allen rat ich, daß ihr mögt nach Hause kehren!
+ Kein edler Ritter dient solch einem Herrn mit Ehren.
+ Ein Hitzkopf sollte doch die Herrschaft nie erwerben!
+ Er stürzt das Land und stürzt sich selber ins Verderben.
+ O möcht ein Fürstensproß doch aus der Art nie schlagen,
+ Kein toller Sohn den Reif nach weisem Vater tragen!
+ Hab ich den Keikobad vom Berg Albors gebracht
+ Dazu, ihn auf den Thron gesetzt durch meine Macht,
+ Daß Keikawus, sein Sohn, sich nun mir unnütz macht?
+ Die Fürsten wißen, daß sie selbst zum König mich
+ Begerten! damals setzt ich ein als König dich!
+ Und hätt ich dort gewollt annemen Kron und Reif,
+ So trügest du nicht jetzt den Nacken hoch und steif.
+ Darum mishandle nur mit schnöden Worten mich!
+ Ich habs um dich verdient! warum erhöht ich dich?
+ Doch dächten so wie ich die Fürsten, auf dem Thron
+ Ließen sie dich allein, und giengen auch davon.
+ Lebt wol! in euerm Land seht ihr mich nimmer wieder;
+ Eur Land und euch kauf ich nicht um ein Krähengefieder!
+ So rief er, und im Zorn gab er dem Rachs die Sporen,
+ Spornstreichs ritt er hinaus zum Hof und zu den Toren.
+ Wol eine Meile Wegs ritt er auf Sabul zu,
+ Dann sucht' er gegen Nacht in einer Herberg Ruh.
+ Sein Zorn kühlt' in der Nacht; er harrte, bis Sewar,
+ Sein Bruder, käme nach mit Sabulistans Schar.
+
+
+
+
+ Sechstes Buch.
+
+
+ 54.
+
+ Die Fürsten sahn ihm nach, verstöreter Geberde;
+ Denn Rostem war der Hirt, sie alle seine Herde.
+ Zu Guders sprachen sie: Guders! dieß ist dein Teil;
+ Durch deine Hand nur kann der Bruch uns werden heil.
+ Der König hört von dir am ersten noch ein Wort,
+ Und deiner Söhne Heer sind ihm ein werter Hort.
+ Geh hin zum Schah, und auf die Flamme seines Zornes
+ Spreng einen kühlen Thau aus Füllen deines Bornes!
+ Sprich Worte lind und stark, ihm zur Beschwichtigung,
+ Zu dieser mislichen Ergangs Berichtigung!
+ Gew, aber du sitz auf, und reit dem Schwäher nach,
+ Hol ihn uns ein, eh er nach Sabul heimfärt jach!
+ Der Gew saß auf und ritt, zusammen saß der Rat
+ Der Fürsten, weil den Gang Guders zum Schloß antrat.
+ Sie sprachen unter sich voll Kummer und Verdruß,
+ Daß heute nicht der Schah that, wie ein König muß;
+ Daß er mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,
+ Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.
+ Der Edlen Freundschaft müß ihm wol nicht nahe gehn,
+ Daß er so rücksichtlos beschimpft den Edelsten!
+ Der auf den Thron ihn hob, und der in jeder Far
+ Die Stütze seines Throns und Irans Zuflucht war!
+ Wenn an den Galgen er dafür will Rostem henken:
+ An was dann sollen wir, als schnelle Flucht nur, denken?
+ Denn ohne Rostem ist in Iran uns kein Halt,
+ Erliegen werden wir vor Turans Kampfgewalt;
+ Wenn nicht noch diese Nacht der Schah sich läßt erbitten,
+ Ihn zu besänftigen, eh er nach Haus geritten.
+ So ratlos hielten dort die Fürsten ihren Rat,
+ Indess Guders hinan zum zorngen König trat.
+
+
+ 55.
+
+ Er sah ihn auf dem Thron in düsterm Unmut sitzen,
+ Gleich einer Wolke, die sich hat erschöpft mit Blitzen,
+ Geneigt, nachdem sie ausgewettert hat, zu regnen;
+ So wagte Guders ihm mit Worten zu begegnen:
+ O Fürst, ein König ist Haupt über Volk und Land;
+ Der Kopf soll haben für den ganzen Leib Verstand.
+ Wer guten Rat nicht hat, soll guten Rat annemen,
+ Und schlimmgemachtes gut zu machen sich nicht schämen.
+ Du hast ein harsches Wort zum Schaden und zur Schmach
+ Entsendet, send ihm auf dem Fuß ein sanftes nach!
+ Du hast mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,
+ Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.
+ Nicht gegen Rostem hast du deinen Zorn bezämt;
+ Die Edlen, weil sie ihn beschimpft sehn, sind beschämt:
+ Gestumpft ist Irans Schwert, des Mutes Arm gelämt.
+ Wenn jener Türke nun mit seiner Heermacht Wellen
+ Daherbraust, welchen Damm willst du entgegen stellen?
+ Der Gesdehem, der all die Deinen groß und klein
+ Von Hörensagen kennt, und kennt von Augenschein,
+ Sagt, daß dem Suhrab gleich in Iran kein Verwegner
+ Noch Turan sei, für ihn sei auf der Welt kein Gegner,
+ Als Rostem, den du nun durch ungestüme Hast
+ Des Herzens dir, dem Land und uns entwendet hast!
+ Warum? weil einen Tag zulang er ausgeblieben,
+ Hast du ihn lieber gar auf immer fortgetrieben!
+ Weil er drei Tage lang zu Haus uns hat gesäumt,
+ Sehn wir das Feld der Schlacht nun ganz von ihm geräumt!
+ Die Fürsten alle, die Heil wünschen deinem Thron,
+ Die Fürsten all, o Fürst! Ferabors auch, dein Sohn,
+ Einmütig haben sie zu deines Thrones Stufen
+ Mich hergesandt, zu flehn, Rostem zurück zu rufen!
+ Ferabors schützt dich nicht, dein Sohn, o Keikawus,
+ Wie stark er sei, dich schützt nicht dein Kronfeldherr Tus,
+ Noch all die andern sonst, die deinem Zepter fröhnen;
+ Ich schütze selbst dich nicht mit meinen achtzig Söhnen.
+ Sie werden alle nicht schnell wie Hedschir erliegen,
+ Doch ohne Rostem sind wir nicht im Stand zu siegen.
+
+
+ 56.
+
+ So sprach der edle Greis und schwieg, doch Kawus nam
+ Zu Herzen, daß der Rat aus gutem Sinne kam.
+ Zu Guders sprach er: Wolgesprochen ist das Wort
+ Der Alten: Greisenmund voll Rates ist ein Hort.
+ Mich reuts, es reuete mich schon, was ich im Kochen
+ Des ungestümen Bluts Verletzendes gesprochen.
+ Geht schnell dem Rostem nach, den Ritter zu beschwichtigen,
+ Und bringt ihn her, damit wir das Versehn berichtigen!
+ Mit großer Freude nam Guders das gute Wort;
+ Heil, rief er, sei dem Schah! und gieng in Freude fort
+ Zur Ratsversammlung dort, die harrten ungeduldig
+ Ob huldig jetzt der Schah sei oder noch unhuldig.
+ Denn unstet immerhin ist eines Fürsten Sinn;
+ Da stiftet Schaden bald ein Wort und bald Gewinn.
+ Das Wort ist gleich dem Oel, doch eines Königs Mut
+ Ist bald wie Meeresflut, und bald wie Feuerglut.
+ Das Oel, gegoßen in die Flamm, erneut ihr Leben;
+ Gegoßen auf die Flut, macht es die Wogen eben.
+ Drum waren hocherfreut die Fürsten allzusammen,
+ Daß dort auf Wogen traf das Oel, und nicht auf Flammen.
+ Sie fühlten ihre Brust von einem Band entkettet,
+ Und von dem Dornenpfül auf Rosen sich gebettet,
+ Als Guders Kunde gab, wie sich die Flut geglättet,
+ Und riefen eines Munds: Nun ist Iran gerettet!
+ Zurückgewonnen ist dem Reich sein Pehlewan,
+ Der ihm des Sieges Bahn vorangeht auf Turan.
+ Nun laßt den Ritter uns nur unterwegs einholen,
+ Eh noch in Sabul er vom Fuße schnallt die Solen!
+
+
+ 57.
+
+ Zu Rosse stiegen sie, und ritten bei der Nacht
+ Hinaus, wo Botschaft schon dem Rostem Gew gebracht.
+ Er hörte den Bericht vom Eidam an verdroßen,
+ Und blieb zur Heimkehr nach Sabulistan entschloßen,
+ Sobald nur mit der Schar ihm käme nach Sewar;
+ Statt dessen stellten sich ihm jetzt die Fürsten dar.
+ Zu bitten traten sie hinan zum Pehlewan,
+ Der, wie er nahn sie sah, aufstand sie zu empfahn;
+ Doch Guders trat voran, und hub zu bitten an:
+ Wir bitten dich vom Schah, ich komm in seinem Namen;
+ Sieh alle Fürsten hier, die dich zu bitten kamen!
+ Für Iran bitten wir, dess Pehlewan du bist,
+ Für Irans Volk, das dir zum Schutz empfolen ist;
+ Für seine Jünglinge, die kämpfen lernen sollen,
+ Für seine Männer, die im Kampf dir folgen wollen;
+ Für seine Greise, die sich selber nicht mehr nützen,
+ Für seine Kinder, die sich noch nicht können stützen,
+ Für seine Fraun, die du versprochen hast zu schützen!
+ Warum willst du zum Raub der Türken hin uns werfen,
+ Weil dich ein Königswort verletzt mit bittern Schärfen?
+ Du weißt ja, daß Kawus hat wenig Hirn im Haupt,
+ Und heftger Zorn ihn oft des Sinnes gar beraubt;
+ Dann ist sein Wort nicht fein, wenn er im Unmut schnaubt.
+ Er spricht geschwind ein Wort, das er geschwind bereut,
+ Worauf er schnell die Hand auch zur Versöhnung beut;
+ Er bietet sie durch uns, weis' uns zurück nicht heut!
+ Ist doch kein giftges Schwert das Wort, das dich gestochen!
+ Und zürnest du dem Schah um das, was er gesprochen;
+ Doch die Iranier, was haben sie verbrochen,
+ Daß du sie strafen willst für seinen Unverstand,
+ Dein Angesicht in Nacht abwenden ihrem Land?
+ Doch auch der Schah streckt dir entgegen seine Hand.
+ Er ist der Schah, und hat zu lohnen und zu spenden;
+ Vergelten wird er dir mit voller Gnade Händen
+ Den Zorn und den Verdruß; Verdruß und Zorn laß enden!
+ Und folg uns mit dem Rachs zu dem, der uns geschickt,
+ Dem Schah, der schon vom Thron nach dir erwartend blickt.
+
+
+ 58.
+
+ Doch Rostem sprach: Er mag nach mir nur lange blicken!
+ Solch edle Boten hat er nun nicht mehr zu schicken.
+ Wenn diese nicht an mir verdienten Botenbrot,
+ Wer tuts ihm dann? Er ist mir ganz und gar nicht Not;
+ Ich will nicht sein Geschenk, und will nicht sein Gebot.
+ Nach Sabul kehr ich heim, wo ich ein König bin
+ Wie Kawus, walten kann ich dort nach meinem Sinn.
+ Hier sind ja Ritter gnug, die Marken zu verteidigen!
+ Er soll nur alle wie den einen nicht beleidigen!
+ Ich aber zieh nach Haus, die Waffen leg ich nieder
+ In Frieden, und erheb im Leben sie nicht wieder
+ Zu Kampf und Schlachten, Blutvergießen, Mord und Wut;
+ Dem allem sag ich ab und hege Friedensmut.
+ Ich hab in Ehren lang genug das Schwert gefürt,
+ Und habe nun vom Schah den Lohn, der mir gebürt.
+ Warum half aus der Not ich ihm sooft, und bot
+ Die Hand, wenn Unverstand den Fuß ihm bracht in Kot?
+ Dafür hat er mir mit dem Galgen nun gedroht;
+ Weil ich ihm aufgetan einst in Masenderan
+ Den Kerker, wohinein sein Unsinn ihn getan;
+ Als von den Zauberern, Schwarzkünstlern und Dämonen
+ Er sich hinlocken ließ, die dort im Lande wohnen.
+ Des Landes Frühlingsglanz und goldner Schätze Reiz
+ Verlockte seine Lust, verlockte seinen Geiz,
+ Bis er mit seinem Heer und euch, ihr Fürsten, allen
+ Dort war in die Gewalt der bösen Macht gefallen:
+ Wer mußt euch da befrein, als ich, aus Teufelskrallen?
+ Doch was ich sonst getan für ihn und sein Iran
+ Und euch, ihr wißt es noch: was gehts mich ferner an?
+ Ich eile nun im Nu zur langen Waffenruh,
+ Und meine wol, ich bin nicht mehr zu jung dazu.
+ Ein Adler, der sich schwang wol ein Jahrhundert lang
+ Zur Sonn, am Ende wird ermatten auch sein Drang.
+ Als ich aus Sabul ritt, da war mir schwer zu Mut,
+ Als wär mir dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut.
+ Auch stolperte mein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt,
+ Und Helm und Schien hat mich zum erstenmal gedrückt.
+ Jetzt auf dem Heimweg ist mir leichter in der Nacht,
+ Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht.
+ Geht heim zum Schah, sagt, daß ihr mich nicht mitgebracht!
+
+
+ 59.
+
+ Doch Guders sprach: Ist das, Rostem, dein letztes Wort?
+ Und also sendest du mich und die Fürsten fort?
+ Was wird der Schah von dir, was werden Edle denken?
+ Unedle gar, worauf wird sich ihr Denken lenken?
+ Vor jenem Türken ist der Held von Iran scheu;
+ Den alten Löwen schreckt vom Berg der junge Leu.
+ Held Rostem fürchtet sich! das ist an Rostem neu.
+ Wer, wenn er flieht, soll stehn? wer, wenn er wankt, soll dauern?
+ Wer, wenn er zagt, soll gehn zum Kampfplatz ohne Schauern?
+ Denn, wie ihn Gesdehem beschreibt, ist kein Verwegner
+ Dem Suhrab gleich, für ihn ist auf der Welt kein Gegner,
+ Als Rostem, Sabuls Held; und wenn nun Rostem flieht,
+ Wer soll verteidigen vor Suhrab das Gebiet?
+ So muß dem Adler, der sich ein Jahrhundert lang
+ Zur Sonne schwang, am End ermatten auch sein Drang!
+ Drum war ihm, als er ritt aus Sabul, schwer zu Mut,
+ Als wär ihm dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut!
+ Drum stolperte sein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt,
+ Und Helm und Schien hat ihn zum erstenmal gedrückt!
+ Jetzt auf dem Heimweg ist ihm leichter in der Nacht,
+ Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht!
+ Am Hofe hör ich schon von Rostem dieß Gerede
+ Und in der Stadt; wo bleibt dein Ruhm in dieser Fehde?
+ Willst du nicht unsern Wunsch und deines Schahes stillen,
+ Tu's nur um deines Ruhms, um deines Namens willen!
+ Doch Rostem sprach: daß Furcht nie Rostems Herz empfand,
+ Und nie empfinden wird, das weiß wol dieses Land.
+ Wie aber kann ich hier mit gutem Willen bleiben,
+ Da mich von hinnen selbst des Schachs Scheltworte treiben?
+ Guders mit Nachdruck sprach: Wenn dich sein Wort vertrieb,
+ Sein Wort ruft dich zurück; so folg ihm, uns zu lieb!
+ Rostem mit Zögern sprach zu seinem Tochtermann:
+ Gew, sattle mir den Rachs, weil ichs nicht weigern kann.
+ Nach Hause kann ich nun allein nicht, weil Sewar,
+ Mein Bruder, wie es scheint, nicht nachkommt mit der Schar.
+ Gew sattelte geschwind, und alle saßen auf,
+ Den Rostem führten sie zur Stadt im Siegeslauf.
+
+
+ 60.
+
+ Zu Hofe führten sie im Zug den Pehlewan,
+ Die Pforten fanden sie weit offen aufgetan.
+ Als er ihn kommen sah, der Schah eilt' aufzustehn,
+ Und mit Entschuldigung entgegen ihm zu gehn.
+ Er sprach: Die Heftigkeit ist mir zur Art gegeben;
+ Und wie uns Gott gepflanzt, so wachsen wir im Leben.
+ Von diesem neuen Feind, der uns so plötzlich kam,
+ Stieg Unmut mir ins Haupt, der mir den Sinn benam.
+ Du aber bist der Hort des Reichs, des Heeres Rücken;
+ Auf dich nur sind gelegt die Sorgen, die mich drücken.
+ Du bist der Edelstein, dem Glanz die Krone dankt;
+ Du bist der Fels, auf den gebaut der Thron nicht wankt.
+ Dein Wolsein ists, worauf ich früh den Becher leere,
+ Und dein Wolwollen, was ich in der Nacht begere.
+ Mit deiner starken Hand halt ich den Herrschaftstab;
+ Wir beide stammen ja gerad von Dschemschid ab.
+ Kein andrer steht so nah dem Herzen und dem Thron;
+ Mein Leben und mein Reich dank ich dir vielmal schon;
+ Und nur mein Dank allein ist deiner Taten Lohn.
+ Stehst du bei mir, so mag die Welt entgegenstehn;
+ Statt aller wünsch ich nur als Helfer dich zu sehn.
+ In dieser Kampfnot auch begert ich dein vor allen;
+ Und wie du zögertest, hat mich der Zorn befallen.
+ Doch als beleidiget du giengst, o Pehlewan,
+ Hat mir die Reu sogleich den Staub aufs Haupt getan.
+ So sprach der Schah und schwieg; doch Rostem sprach: die Welt
+ Ist dein, ich bin darin zu deinem Dienst bestellt.
+ Gehorchen meine Pflicht, Befelen ist dein Recht;
+ Ich beuge mich, du bist der Herr, ich bin der Knecht,
+ Bereit, wohin du rufst, auf deinen Ton zu gehn,
+ Der Diener niedrigster an deinem Thron zu stehn.
+ Verpflichtet deinem Hof bin ich zu Dienstentrichtung,
+ Dafern ich würdig bin so ehrender Verpflichtung.
+ Und wäre Leben mir noch tausend Jahr verliehn,
+ So werd ich nie vor dir des Dienstes Gurt ausziehn.
+
+
+ 61.
+
+ Zu Rostem wieder sprach der Schah: O Pehlewan!
+ Die Seele bleibe dir hell ewig aufgetan!
+ Nie werde dir die Hand, das Schwert zu füren, schwächer,
+ Und nie miss' Irans Land den Ritter und den Rächer!
+ Die neuen Dienste, die du wirst im Kampfe tun,
+ Wie lohn ich sie? noch unbelohnt sind alte nun.
+ Was biet ich heute dir als Gast- und Ehrengabe?
+ Was hab ich, das ich nicht durch deinen Beistand habe?
+ Was hab ich, das, o Held, du nicht schon selber hast?
+ In Sabul ist dein Reich und fürstlicher Palast.
+ Du hast das beste Ross, das schönste Sturmgewand,
+ Du hast das stärkste Schwert, dazu die stärkste Hand.
+ Du bist mit allem ausgerüstet unvergleichlich,
+ Im Felde wie zu Haus versehn mit Schätzen reichlich.
+ Rostem, was schenk ich dir an diesem Freudentag?
+ Wähl ein Geschenk dir selbst, was ich dir bieten mag!
+ Rostem verneigte sich und sprach: Ich wills bedenken;
+ Inzwischen mag der Schah mir seine Gnade schenken!
+ Er sprachs, da freuten sich die Fürsten groß und klein,
+ Da sie gestiftet sahn so gütlichen Verein.
+ Zu Guders sprach der Schah: Dir dank ich es, daß du
+ Mir noch vor Schlafengehn ins Haus gebracht die Ruh.
+ Doch Rostem trat zu Tus, dem tat er nun genug
+ Dafür daß unsanft erst er auf die Hand ihm schlug.
+ Der Schah rief: bringet Wein und Saitenspiel herein!
+ Denn ohne Sang und Klang soll diese Nacht nicht sein.
+ Zum Kampf mit Suhrab ziehn wir morgen mit dem Tage,
+ Und feiern im Gelag heut seine Niederlage.
+ So rief er; und zum Fest ward Wein hereingebracht
+ Und Saitenspiel, und hell und klangvoll ward die Nacht.
+ Wie Frühlingsgartenpracht war aufgeschmückt das Maal,
+ Und Lust war wie ein Bach ergoßen durch den Saal.
+
+
+ 62.
+
+ So saßen sie im Haus des Königs nun beim Schmaus;
+ Da gieng ein froh Gerücht vom Hof zur Stadt hinaus,
+ Das durch die Straßen lief, und durch die Häuser rief,
+ Grüßte, was wach noch war, und weckte, was schon schlief.
+ Jeder, zu dem es kam, und der den Gruß vernam,
+ Dem schwand davon alsbald der Kummer und der Gram,
+ Und wuchs die Freudigkeit. Nun aber war beim Wandern
+ Das fröhliche Gerücht begegnet einem andern,
+ Das war so traurig anzusehn als jenes froh;
+ Das frohe hielt es an, eh es ins Dunkel floh.
+ Da tat das fröhliche Gerüchte seinen Mund
+ Mit Lachen auf und sprach: wer bist du? tu mir kund!
+ Und jenes sprach: Ich bin das traurige Gerüchte,
+ Daß Rostem, von Kawus gekränkt, aus Iran flüchte.
+ Das ist die Botschaft, die durch Stadt und Land ich trage,
+ Und jeder wird betrübt, dem ich die Zeitung sage.
+ Da sprach das fröhliche: Nun streue keinen Frost
+ Der Furcht umher! sei still! denn falsch ist deine Post.
+ Die Wahrheit sag ich dir: Held Rostem sitzt beim Schmaus
+ Mit Kawus heut, und zieht zum Kampfe morgen aus.
+ Unglaubig schüttelte das traurige Gerücht
+ Sein Haupt, es glaubte nicht den fröhlichen Bericht.
+ Aber das fröhliche geriet in Zorn, und rang
+ So mit dem traurigen, bis es den Feind bezwang.
+ Das traurige Gerücht vom fröhlichen danieder
+ Geschlagen lag, und stand die Nacht durch auf nicht wieder.
+ Froh seines Sieges gieng das fröhliche vondann,
+ Und wo es gieng und stand, ward fröhlich Weib und Mann.
+ Abwechselnd sprach es ein in Häusern groß und klein,
+ Willkommen überall, beliebt wars allgemein.
+ Und jeder, dem es noch vor Schlafengehn gebracht
+ Ins Haus die Kunde, schlief dann beßer in der Nacht.
+
+
+ 63.
+
+ Sie aber saßen noch beim frohen Maal und tranken,
+ Bis sie, vom Wein bekämpft, dem Schlaf zur Beute sanken.
+ Doch morgens, als die Sonn ihr goldenes Panier
+ Aus Purpurvorhang hob zur Decke von Safier;
+ Als auf der stillen Flur der Hirt in seinem Pferche
+ Mit seiner Herd erwacht' am Morgenlied der Lerche:
+ Da ward die Stadt erweckt von drönendem Metall,
+ Von rauhen Erzes Mund und von Heerpaukenschall.
+ Da drangen mit Geschrei Kriegsvölker rings herbei,
+ Siegsmutig, daß nunmehr bei ihnen Rostem sei.
+ Vom eignen Fürer ward gefürt jedwede Schar
+ Aus Iran, und es fürt' aus Sabul die Sewar.
+ Rostem, der Pehlewan, ritt auf dem Rachs allein;
+ Nicht einer Schar, dem Heer gehört' er allgemein.
+ Doch jeder Schar den Platz wies an der Feldherr Tus,
+ Und Sold aus seinem Schatz der König Keikawus.
+ Mit Lust sah Keikawus vorbeiziehn jede Schar,
+ Die vom Feldherren Tus ins Feld entboten war.
+ Er freute sich des unzählbaren Heergedränges,
+ Der kaiserlichen Macht, des fürstlichen Gepränges.
+ Da freut' er sich sosehr an keiner tapfern Schar,
+ Als daß der tapferste beim Heere, Rostem, war.
+ Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
+ Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
+ Gleich einem Meere kam die Menschenflut in Gang,
+ Dem festen Lande ward vor Ueberschwemmung bang.
+ Die Berge zitterten, gestampft von ihrem Hufe,
+ Und Wolken splitterten, gesprengt von ihrem Wufe.
+ Die Sonne sah ihr Bild verhunderttausendfacht
+ In jedem blanken Schild, in jeder Rüstung Pracht.
+ So stieg der Waffen Glanz und so ihr Schall empor,
+ Daß jedes Auge blind, und taub ward jedes Ohr.
+ So nickte Helm an Helm, und schwankte Busch und Feder,
+ Alswie, vom Sturm bewegt, auf Bergen Tann und Zeder.
+ So ragten, Reih an Reih, die dichtgedrängten Speere,
+ Alswie auf gutem Feld sich dränget Aehr an Aehre.
+ Geschmückt schien, wo das Heer im Schmuck der Waffen fur,
+ Mit einem wandelnden Glanzfrühlinge die Flur.
+ So blühte, wo es zog, die Au; doch wo vorbei
+ Es war gezogen, blieb dahinter Wüstenei;
+ Denn abgeweidet ward manch Saatenfeld, und leer
+ Getrunken mancher Bach vom Ross- und Menschenheer.
+ So zog das Heer zur Grenz in ungehemmtem Lauf,
+ Und nah der weißen Burg schlug man das Lager auf.
+
+
+
+
+ Siebentes Buch.
+
+
+ 64.
+
+ Dem Suhrab sagtens an Wachtposten, daß nun kam
+ Das Heer, und er vernam die Meldung ohne Gram,
+ Vielmehr mit Freude, weil es ihn verdroß, so lange
+ Hier oben auf den Gast zu warten zum Empfange.
+ Denn alles hatt er längst für solchen Gast bereit,
+ Die feste Burg, sein Heer, und seine Tapferkeit.
+ Er nam den Baruman, der an den Wällen baute,
+ Und fürt' ihn schnell hinauf, wo man ins Freie schaute.
+ Dort mit dem Finger zeigt' er deutend, Schar um Schar,
+ Dem Baruman das Heer, an dem kein Ende war.
+ Wie sich ein Habicht freut, den großen Flug der Tauben
+ Zu sehn, von dem er sich nach Lust will eine rauben;
+ Es schreckt ihn nicht zumal die Meng, ihn freut die Zal,
+ Daß von so vielen er soll haben freie Wal:
+ So freute Suhrab sich, das junge Heldenblut,
+ Der gegen ihn zum Kampf gezognen Menschenflut.
+ Doch Barman, wie er sah das große Heer, ward klein
+ Das Herz ihm, und vor Furcht zog er den Atem ein.
+ Zu dem erblaßten sprach der junge Held mit Scherz:
+ Bring Farb auf deine Wang, und an sein Fleck dein Herz!
+ Sieh, wie im Waffenglanz das Lager ist entglommen!
+ Soviele sind um Ruhm zu bringen mir gekommen!
+ Der Ruhm ist ewig mein, und würd ich auch erliegen
+ So großem Heer; doch hab ich Mut es zu besiegen.
+ Solch eine Menschenflut, wie eines Weltmeers Wogen,
+ Ist gegen einen Fels im Sturm heran gezogen!
+ Aus seiner Ruhe ward Keikawus aufgestört,
+ Als meinen Namen er in Istachar gehört.
+ In Schreck und Hast hat er um seinen Thron gerafft
+ Zusammen jeden Schaft und jedes Armes Kraft;
+ Und hergezogen kommt er nun mit allen Helden
+ Von Iran, deren Preis in Turan Lieder melden.
+ O sage, siehst du nicht dort im Gedränge dicht
+ Solch einen Mann, mit dem am liebsten Suhrab ficht!
+ Solch einen, der nie bricht die Lanz an einem Wicht,
+ Und der vom Sattel gern nur seines gleichen sticht!
+ Wovon der Ehre Licht hinfort mein Angesicht
+ Bestralt, wenn ich vor ihm bestanden mit Gewicht!
+ O siehst du, gib Bericht, solch einen Mann mir nicht?
+ So fragt' er ungestüm, doch nicht beim Namen wollte
+ Er nennen jenen, der sobald ihn fällen sollte.
+
+
+ 65.
+
+ Darauf sprach Baruman: Ich sehe mehr als einen,
+ Der Ehre bringen kann; doch welchen magst du meinen?
+ Dir lodert hoch der Mut wie eine Feuerglut;
+ O falle nicht dein Brand in kalte Waßerflut!
+ Der Feuerbrand, wenn er ins Waßer fällt, so zischt
+ Er ungestüm und braust, qualmt unmutvoll und lischt.
+ Nie fühle Furcht ein Mann, jedoch Feind und Gefar
+ Acht er niemals gering; das Glück ist wandelbar.
+ Soweit es will, führt dichs ohn Anstoß; willst du weiter
+ Um einen Schritt, so stockt das Ross und stürzt der Reiter.
+ In Frieden schlief der Krieg, du hast ihn aufgeweckt;
+ Weißt du, nach welcher Beut er seine Krallen streckt?
+ Darum, wenn du mich siehst erzittern: nicht für mich,
+ Für alle, die das Loß kann treffen, zitter' ich;
+ Ich zitter' auch für dich, weil dich es treffen kann;
+ Denn wo das Unglück wält, wälts nicht den schlechtsten Mann.
+ Geh mannhaft in den Kampf, und dem Afrasiab
+ Trag ab dafür den Dank, der dir die Heermacht gab!
+ Halt, von der Burg gedeckt, und an die Burg gelehnt,
+ In Schirm das Heer; und wenn dein Herz nach Ruhm sich sehnt,
+ So ruf zum Einzelkampf solch einen Mann für alle,
+ Mit welchem, wenn er fällt, der Stolz von Iran falle!
+ Ruf einen nur, den du vor allen siehest ragen,
+ Und fäll ihn ohne viel zu sagen und zu fragen.
+ Sag ihm nicht, wer du bist; frag ihn nicht, wie er heißt;
+ Bis das Geheimnis ihm dein blutig Schwert entreißt. --
+ So sprach er wolbedacht, mit Wahrem Falsches mischend,
+ In Rates Honigseim Verrates Gift auftischend.
+ Den Rostem nannt er nicht, vor Rostem zittert' er,
+ Noch von Masenderan kannt er den Rostem her.
+ Den Rostem wollt er nun und Rostems Sohn verderben,
+ Zwei solche Helden! das zwang ihn sich zu verfärben.
+ Doch Suhrabs Seele war von reinem Mut erglüht,
+ Darum der Rose gleich war seine Wang erblüht.
+ Vom Walle stieg er froh hinab, vom Schenken nam
+ Er einen Becher Wein und leert' ihn ohne Gram.
+ Dann rüstet' er ein Maal mit Lauten und mit Leiern,
+ Um in der Freunde Kreiß des Feinds Ankunft zu feiern.
+
+
+ 66.
+
+ In Irans Lager war inzwischen Zelt an Zelt
+ Gepflanzt, und drein gedrängt das Leben einer Welt.
+ Es war als müßte Raum den Rossen und Kamelen
+ Und Elefanten all, geschweige Futter, felen.
+ Doch wie der Lagerwald begann nach allen Seiten
+ Zu wachsen und im Kreiß den Umfang auszubreiten,
+ Schloß Reih an Reihe sich geschickt, und sie vergaßen
+ In ihrer Zeltstadt auch Marktplätze nicht und Straßen.
+ Da wogte bald Verkehr geschäftig hin und her,
+ Und die Verwirrung ward zur Ordnung immer mehr.
+ Die Sonne gieng hinab am abendlichen Himmel,
+ Und sah mit Staunen noch auf Erden das Gewimmel.
+ Da fanden Dach und Fach nun alle nach und nach,
+ Und über allen war des Himmels dunkles Dach.
+ Doch als an seinem Ort sich jeder eingetan,
+ Da trat zum Schah sofort des Reiches Pehlewan,
+ Und Rostem sprach: ich will nicht hier im Lager rasten,
+ Dort oben auf der Burg will ich bei Suhrab gasten.
+ Mein Herz hat keine Ruh, bis meine Augen haben
+ Gesehn von Angesicht zu Angesicht den Knaben.
+ Den Türkenknaben, den uns mit soviel Geschrei
+ Der Ruf genannt hat, will ich ansehn, wer er sei,
+ Ob wert der Mühe, daß ich auf den Rachs mich schwang,
+ Und eine Ehre mir, wann ich ihn niederrang.
+ Gewesen bin ich selbst vordem in Türkenland,
+ Anlegen will ich nun ein türkisches Gewand.
+ Darunter soll nicht, wer mich nicht beim Lichte näher
+ Besieht, so leicht erspähn, daß Rostem sei der Späher.
+ Kawus! dein Lager ist von deinem Volk verwart;
+ Gib, ich bin müßig hier, Urlaub zur Nachtausfart!
+ Mit Lachen sprach der Schah: Stets wird das Krongeschmeide
+ Von Iran Rostem sein, auch unterm Türkenkleide.
+ Am Tage nicht der Schlacht des Heeres Arm allein,
+ Du willst auch in der Nacht desselben Auge sein.
+ Geh unter Gottes Schutz! in welchem Waffenputz
+ Du gehn magst, unserm Reich und dir gereichs zu Nutz!
+
+
+ 67.
+
+ Um seine Schultern nam ein Kleid nach Türkenart
+ Tehemten, und begab sich heimlich auf die Fart.
+ Den Panzer und den Helm und jedes Waffenstück
+ Ließ er im Zelt, sogar sein Schwert ließ er zurück.
+ Deswegen fühlte sich der Held zu Hieb und Streich
+ Nicht wehrlos; denn sein Arm war einer Keule gleich.
+ Er gieng bis er hinan zum weißen Schloße kam,
+ Und drinnen das Geschrei der Türken schon vernam.
+ Durchs Tor stracks in den Hof gieng Rostem ohne Scheu,
+ Wie in den offnen Stall der Rinder Nachts ein Leu,
+ Beim ländlichen Gehöft im Felde, wo die Hirten
+ An einem Feiertag sich in der Nacht bewirten,
+ Und denken nicht bei Saus und Braus und Schmaus daran,
+ Daß sie dem Feinde nicht die Stalltür zugetan.
+ Da geht er in den Stall, wo ihre Rinder sind,
+ Hinein, und trägt davon das schönste stärkste Rind.
+ Es brüllt, im Rachen schon des Löwen, voll Verzagen,
+ Und alle springen auf, den Raub ihm abzujagen;
+ Er aber hat den Raub in Sicherheit getragen.
+ Sie kehren leer zurück und traurig, für den Rest
+ Der Nacht ist nun gestört der Hirten Freudenfest.
+ So gieng durchs offne Tor, geöffnet durch Betören,
+ Rostem hinein, das Fest der Türken drin zu stören.
+ Er sah den weiten Hof erfüllt von Fackelglanz,
+ Von lärmendem Gelag, Gesang und Spiel und Tanz.
+ Denn Suhrab hatte dort das nächtge Fest bestellt,
+ Und all die Edelsten des Heeres sich gesellt.
+ Doch Rostem wich dem Glanz der Lichter aus, und sah
+ Vom dunklen Winkel fern im Hellen alles nah.
+
+
+ 68.
+
+ Da saß beim frohen Fest, in Mitte Fackelscheins
+ Und Lautenklangs, Suhrab, und trank die Becher Weins.
+ Auf seinem Haupte trug er, statt den Helm, den Kranz;
+ Er war ein Glanz, und war bestralt vom hellen Glanz.
+ Er blühte wie ein Reis von Schönheit und von Lust,
+ Von Jugend und von Kraft geschwellt war seine Brust.
+ Hoch hob er stolz das Haupt, und seiner Augen Stral,
+ Umgehend in die Rund, erleuchtete das Mal;
+ Da überzält' er froh die unzälbare Zal
+ Der Kriegsgefärten, die um ihn im Kreiße saßen
+ Als Trinkgenoßen nun, und ihren Wein vergaßen
+ Vor Staunen, wie sie ihn sahn prangen solchermaßen.
+ Da riefen sie laut einmal übers andre Preis
+ Und Heil, Lobpreis und Heil dem blühnden Ehrenreis!
+ Die Sterne selber sahn vom hohen Himmel nieder
+ Mit Wolgefallen auf die hohen Heldenglieder;
+ Allein sie schienen ihn mitleidig anzusehn,
+ Weil er ein Stern war, der so früh sollt untergehn.
+ Da sprach ein Himmelsstern zum andern mitleidvoll:
+ Schad um die Blüte, die im Lenz hinwelken soll!
+ Soviel des Schönen schon auf Erden sahn wir prangen,
+ Und eh wir einen Blick verwendet, wars vergangen.
+ Doch keine Knospe sahn wir glänzender und heller
+ Aufgehn, um trauriger dahinzugehn und schneller.
+ Wenn seine Mutter doch, die ihn, ihr einzig Glück,
+ Entsendet hat, und nie daheim empfängt zurück,
+ Wenn seine Mutter ihn mit unsrer Augen Stral
+ Noch einmal könnte sehn bei diesem Freudenmal,
+ In seiner Lust und und Kraft, den Baum im frischen Saft,
+ Den morgen schon villeicht dahin sein Schicksal rafft!
+
+
+ 69.
+
+ So sprachen von dem Stern des Festes dort die Sterne
+ Des Himmels; eine Gunst erzeigten sie ihm gerne.
+ Da namen sie von Duft und Glanze, was im Raum
+ Von Erd und Himmel war, und woben einen Traum.
+ Wie einen Teppich bunt, mit reichem Gold gestickt,
+ Der Braut ein Bräutigam aus fernem Lande schickt,
+ Auf welchem sie erblickt mit staunendem Gefallen
+ Die Bilder abgeprägt von jenen Dingen allen,
+ Die ihr Geliebter selbst nun sieht in fremden Räumen,
+ Die Vögel unbekant auf unbekanten Bäumen;
+ Und so wie sie den Schmuck betrachtet, ist es ihr,
+ Sie reise dort mit ihm, er ruhe bei ihr hier:
+ Ein solcher Abdruck war vor allem eingewoben
+ Dem Traumgewebe, das die Sterne dort erhoben.
+ Leis hoben sie empor das glänzende Gewebe,
+ Und gaben es der Luft zu tragen, daß es schwebe
+ Nach Turan, wo im Schlaf die Mutter Suhrabs lag,
+ Da sah sie einen Traum so hell als wär es Tag.
+ Beim nächtlichen Gelag sah sie den Sohn da sitzen,
+ Den Becher in der Hand von Edelsteinen blitzen,
+ Sah seine Wangen blühn, und seine Lippen glühn,
+ Und seine Augen sprühn; ganz war er stolz und kühn;
+ Wie freut' es sie zu sehn ihr Reis der Hoffnung grün!
+ Gewachsen schien er ihr selbst in der kurzen Zeit,
+ Daß sie ihn ausgesandt, an Kraft und Herrlichkeit.
+ Sie sah auf ihren Sohn umher im Kreiß der Lichter
+ Gekehrt bekante viel und unbekante Gesichter;
+ Die alle sah sie hell in heitrer Freude funkeln,
+ Doch seinen Vater sah sie nebenaus im Dunkeln.
+ Sie war betrübt, es nam sie Wunder, warum nicht
+ Rostem zu seinem Sohn vortreten wollt ans Licht.
+ Doch wie ein Wolkenschaur so flog ihr Gram vorbei;
+ Sie freute sich, daß nah dem Sohn der Vater sei:
+ Er würde, wenn er nur säh das Erkennungszeichen,
+ Dem Sohne freudig nahn und ihm die Hände reichen.
+
+
+ 70.
+
+ Von Suhrabs Mutter ward inzwischen so geträumt,
+ Er aber saß beim Fest vergnügt und aufgeräumt.
+ Er trank, und hieß im Kreiß die Trinkgenoßen trinken;
+ Zwei aber saßen ihm zur Rechten und zur Linken.
+ Zur Linken Baruman, den ihm Afrasiab
+ Aus Turan nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab;
+ Zur Rechten aber Send, den hatte mitgegeben
+ Dem Sohn die Mutter, die ihn liebte wie ihr Leben.
+ Der war vom Königshaus Semengans ihm ein Vetter,
+ Und werden sollt er ihm im fremden Land ein Retter.
+ An allen Gliedern stark war er und hoch von Wuchs,
+ An allen Sinnen scharf, von Augen wie ein Luchs.
+ Er sah bei Nacht alswie bei Tag; und zu dem End
+ Entsendete sie auch mit ihrem Sohn den Send,
+ Damit, wenn Suhrab nun gekommen in die Nähe
+ Von Rostem wäre, Send den Vater ihm erspähe.
+ Er hatte Rostem selbst gesehn an jenem Tag,
+ Wo in Semengans Schloß er saß beim Gastgelag,
+ An jenem Abende, wo in der Nacht ihm kam
+ Tehmina, die als Weib er in die Arme nam.
+ Den Suhrab zeugt' er ihr, und als der Morgen graute,
+ Ritt er von dannen, den nie mehr die Gattin schaute.
+ Nun sandte sie den Sohn, den Vater dort zu schaun,
+ Und alles sagte sie dem Vetter im Vertraun.
+ An Suhrabs Seite nun trank er den Wein mit Schweigen,
+ Und dachte, morgen woll er ihm den Vater zeigen!
+
+
+ 71.
+
+ Send aber sendete den Blick umher des Luchses,
+ Und nam im Dunkeln war die Lauer eines Fuchses.
+ Er sah dort einen Mann, der ihm verdächtig schien,
+ Stand auf vom Sitz und gieng, um zu besehen ihn.
+ Da fand er einen Mann, von Ansehn ganz gewaltig
+ Und riesenmäßig, elefantenleibgestaltig.
+ Niemals erinnert' er sich einen solcher Art
+ Mit Augen je gesehn zu haben und gewart;
+ Es wäre denn allein Rostem, an jenem Tag,
+ Wo in Semengan er ihn sah beim Gastgelag.
+ Doch dieser trug am Leib ein türkisches Gewand;
+ Wiewol sein Blick an ihm nicht Türkensitte fand.
+ Send rief ihn an: He da! warum hier also schleichst du
+ Im Finstern, guter Freund, und aus der Hell entweichst du?
+ Kehr einmal dein Gesicht her gegen mich ans Licht!
+ Gib Antwort! -- Aber Antwort gab ihm Rostem nicht.
+ Da streckte kühn, um ihn zu greifen, Send die Hand,
+ Und fortziehn wollt er ihn am türkischen Gewand.
+ Tehemten aber zuckt' empor des Armes Keule,
+ Womit er schon im Kampf geschlagen manche Beule;
+ Damit gab er dem Send solch einen Schlag aufs Haupt,
+ Daß Send am Boden lag leblos des Sinns beraubt.
+ Suhrab indessen saß beim Mal, und Wunder nam
+ Es ihn, wo Send hingieng und noch nicht wieder kam.
+ Deswegen vom Gesind entsendete behend
+ Er einen, nachzusehn, wohin gekommen Send.
+ Der abgesendete lief eilig hin, und fand
+ Dort leblos sinnberaubt den Send gestreckt im Sand.
+ Der Diener lief bestürzt zum Herrn zurückgewendet,
+ Laut rief er aus: Der Send ist in den Tod gesendet;
+ Für Send ist aus der Schmaus, und das Gelag geendet.
+ Entsetzt vom Sitze sprang Suhrab, und eilte jach
+ Dahin, ihm eilten all des Festes Fackeln nach.
+ Bei aller Lichter Glanz sah da Suhrab erschlagen
+ Den lieben Freund; von wem? das kont ihm niemand sagen.
+
+
+ 72.
+
+ Doch Suhrab rief: O weh! gebrochen ist ins Rund
+ Der Herde Nachts ein Wolf, weil Hirte schlief und Hund;
+ Der Widder stolzesten hat er zu seinem Raub
+ Erkoren, nieder ihn geworfen in den Staub!
+ Verschlafne Hirten, auf! und unwachsame Hunde!
+ Nun nach dem Räuber macht mir im Geheg die Runde!
+ Da spürten sie mit Macht umher rings in der Nacht;
+ Es hatte sich der Wolf längst aus dem Staub gemacht.
+ Doch Suhrab kam zurück zu seinem Platz beim Feste;
+ Da saß er traurig nun, und traurig alle Gäste.
+ Er sprach: Es freuet mich nun hier der Sitz nicht mehr;
+ Denn mir zur rechten Hand der Platz ist traurig leer,
+ Wo der geseßen, den zum Freund mir mitgegeben
+ Die Mutter selber, die mich lieb hat wie ihr Leben.
+ In Iran sollt er hier den Vater kund mir tun;
+ Er kont es ganz allein; wer tut nach ihm es nun?
+ Er sprachs, und aus der Hand ließ er den Becher sinken;
+ Da schämte jener sich, der saß zu seiner Linken.
+ Sich schämte Baruman, den dort Afrasiab
+ Dem Suhrab nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab.
+ Er hätt ihm auch wie Send den Vater können zeigen;
+ Er kant ihn ja! doch mußt und wollt ers ihm verschweigen.
+ Doch Suhrab rief, und hob den vollen Becher hoch:
+ Ich trink in dieser Nacht den letzten Becher noch,
+ Mit blutigem Gelübd erfüllt, anstatt mit Wein,
+ Daß Sends Ermordung nicht soll ungerochen sein!
+ Den Mörder Sends will ich erforschen, wer er sei,
+ Ihn morden für den Mord, wohnt soviel Kraft mir bei!
+ Wonicht, so werde Gift der Wein mir in den Adern,
+ Und jeder Tropfe Blut soll mit dem andern hadern!
+ Doch nicht mit Einem sei die Schuld ihm abgetragen;
+ Zur Sühne Sends will ich ein ganzes Heer erschlagen.
+ Allein vor allen soll erfahren meinen Groll,
+ Wer Send erschlug, versehrt hat er mich schmerzensvoll.
+ Er riefs, und wußte nicht, auf wen er also grollte,
+ Und daß er nicht den Schwur an ihm erfüllen sollte.
+ Dann brach er auf vom Fest, um in den nächtigen Schatten
+ Bei Fackelglanz den Send mit Ehren zu bestatten.
+
+
+ 73.
+
+ Doch Rostem kam, als er vom weißen Schloß entrann,
+ Ans Lager, wo die Wacht hielt Gew, sein Tochtermann.
+ Der wußte nicht, daß in der Nacht sein edler Schwäher
+ Im Türkenkleid hinaus gegangen war als Späher.
+ Als nun ein Mann herbei im Dunkeln kam, tat er
+ Vom Posten einen Schrei, und unter Wehr trat er.
+ Als Rostem merkt', es sei sein Eidam, froh naht' er.
+ Im Laufe tat er ihm entgegen einen Wuf,
+ Und Gew erkante gleich den Rostem an dem Ruf.
+ Erstaunt sprang er hinzu, und grüßt' ihn: Alter Held,
+ Wo bist umher gerannt zu dieser Stund im Feld?
+ Hast du mit Geistern deinen Bund gemacht bei Nacht,
+ Mit Zauberweihungen dich vorgestärkt zur Schlacht?
+ Denn mit Dämonen hast du kämpfend viel verkehrt;
+ Die haben wol ein Stück von Schwarzkunst dich gelehrt,
+ Daß, ohne Furcht und Leid, du ohne Heergeschmeid,
+ Dich aus dem Lager stilst in einem Türkenkleid!
+ Doch Rostem sprach: So ist die Sach! in dieses Tuch
+ Gewickelt, macht ich auf der Burg den Nachtbesuch.
+ Ich wollte mir daselbst den jungen Mann besehn,
+ Um dessen willen dieß Heeraufgebot geschehn.
+ Fern sah ich ihn, und gern wollt ich ihn sehen näher;
+ Doch mich den Späher hat erspäht ein andrer Späher.
+ Der wollte mit Gewalt ans Licht mich ziehn am Kragen;
+ Im Dunkeln hab ich ihn mit dieser Faust erschlagen.
+ Ich kam nicht sanfter los von ihm, es tat mir leid;
+ Doch nun verdrießt am Leib mich dieses Türkenkleid.
+ Schaff mir ein persisches, damit mich nicht die Hunde
+ Anbellen, wenn ein Türk im Lager macht die Runde!
+ So sprach er, und geschwind bracht ihm der Tochtermann
+ Ein persisches Gewand, das legt' er eilig an.
+ Er warf das Türkenkleid von sich mit Unbehagen;
+ Fast wollt er lieber, daß ers nicht bei Nacht getragen,
+ Als ahnet' er den Lohn, den diese Tat ihm trug:
+ Denn sich tat ers zu Leid, daß er den Send erschlug.
+ Zu Kawus gieng er nicht, um ihm, was er vollbracht,
+ Zu sagen; in sein Zelt gieng er, und schlief die Nacht.
+
+
+
+
+ Achtes Buch.
+
+
+ 74.
+
+ Doch als vom Morgen ward der Himmel aufgetan,
+ Stieg Suhrab auf der Burg zur höchsten Wart hinan,
+ Zur vordersten, wo ganz sich Irans Lager zeigte,
+ Auf das er sich hinaus begierig spähend neigte.
+ Dann rief er: Bringet hier herauf mir den Hedschir!
+ Befragen will ich ihn ums Feindeslager hier.
+ Weil Send gestorben ist, der heut mir Rostems Zeichen
+ Kund sollte tun, villeicht tut mir Hedschir desgleichen.
+ Und als ihm ward Hedschir gefeßelt vorgefürt,
+ Sprach er, nachdem er ihn mit eigner Hand entschnürt:
+ Hedschir, ich neme dir die schweren Feßeln ab,
+ Um das dir zu vertraun, was mir das Herz eingab.
+ Statt ehrner Feßel wenn der Freiheit goldnen Tag
+ Du wünschest, sage mir, was ich dich fragen mag!
+ Die Freiheit nicht allein, auch reicher Lohn ist dein,
+ Wenn ich erfinde wahr dein Wort und Truges rein.
+ Doch wenn unlautern Wein du willst im Kruge mischen,
+ So wirst du nicht der Haft und nicht der Straf entwischen!
+ Zur Antwort gab Hedschir: Was du willst fragen, frage,
+ Und traue, daß ich dir die volle Wahrheit sage.
+ Nicht lügen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen.
+ Warum in deiner Hand wär ich ein krummer Bogen?
+ Gerade sollst du mich erfinden wie den Pfeil;
+ Nicht um das Leben selbst ist mir die Wahrheit feil.
+ Zu ihm sprach Suhrab: Dort im Lager Zelt um Zelt
+ Werd ich dich fragen um den Helden, der es hält.
+ Sagst du mir das, so geb ich dir gehäuften Schatz;
+ Dir wird ein Ehrenkleid von mir und Ehrenplatz.
+ Und sagst du das mir nicht, so bleibt auf deinem Rumpf
+ Dein Haupt nicht, oder mir wird ehr die Klinge stumpf!
+ Zur Antwort gab Hedschir: Was säumst du lange? frage!
+ Wiß, daß ich weder lüge, noch vorm Tode zage.
+
+
+ 75.
+
+ Da hob zu fragen an Suhrab: Dort in der Mitte
+ Wes ist das Prachtgezelt von lauter Gold? ich bitte!
+ Fest steht es hingepflanzt recht in des Heeres Herz;
+ Von ihm durchs Lager gehn die Straßen allerwerts.
+ Auf allen Straßen nahn wie grüßende mit Bitten,
+ Und gehn wie dankende davon mit leichten Schritten.
+ Ganz Goldglanz ist das Zelt vom Fuß zum Knauf hinan,
+ Und weit wie ein Palast allseitig aufgetan.
+ Vor jedem Eingang liegt, wie Hündlein zahm und treu,
+ Im goldnen Band geschmiegt, ein Tiger und ein Leu.
+ Doch oben sitzt ein Aar, aus dessen Krallen steigt
+ Die Fahn empor, in der der Sonne Bild sich zeigt.
+ In solcher Wohnung kann kein kleiner und gemeiner
+ Wirt wohnen, wie mir dünkt; was wohnt darin für einer?
+ Da hob Hedschir sein Haupt, voll Stolz auf Irans Macht,
+ Und sprach: Dort wohnt der Schah in seiner Größ und Pracht.
+ Sein Thron ist Tag und Nacht von seinen treuen Leuen
+ Umhütet und umwacht, und darf nicht Feinde scheuen.
+ Doch fort zu fragen fuhr Suhrab: Zur linken Hand
+ Vom Goldgezelt, wes ist des Zeltes Silberwand?
+ Mit offnem Eingang steht gewandt zum goldnen Zelt
+ Sein Tor, wo Leopard und Panther Wache hält.
+ Doch oben trägt ein Greif in Silberklaun empor
+ Die Fahn, in der ein Mond; wer ist, der das erkor?
+ Zur Antwort gab Hedschir: Das ist des Schahes Sohn,
+ Ferabors, ihm der nächst am Herzen und am Thron.
+ So recht! rief Suhrab aus: wo so zusammen hält
+ Ein Vater und ein Sohn, verteilen sie die Welt.
+
+
+ 76.
+
+ Zu fragen fuhr er fort: Dort aber rechter Hand
+ Vom Goldzelt, wessen ist die schwarze Zeltflorwand?
+ Feldposten eilen her und hin auf Rossen brausend,
+ Schildwachen aber stehn umher zu Fuße tausend.
+ Am Haupteingange ragt ein Elefant, ihn schmücken
+ Prachtdecken, und er trägt die Heerpauk auf dem Rücken.
+ Doch oben steigt die Fahn aus eines Drachen Rachen,
+ Mit Sternen übersät, die sie zum Himmel machen.
+ Wer herrscht zur Seite so dem König Keikawus?
+ Hedschir antwortete: Sein Kronfeldhauptmann Tus.
+ Das ist sein Stammesrecht, daß er im Heergefecht
+ Den Schah vertrete, dem verwandt ist sein Geschlecht.
+ Auf seinen Wink bereit, vereint auf sein Gebot,
+ Ist jenes Heer, das dir den Tod von ferne droht.
+ Und jener Himmel dort, reich an Juwelenzier,
+ Die Gawejani-Fahn ist es, das Reichspanier;
+ Das einst Feridun schwang, als er den Sohak schlug,
+ Der an den Schultern angewachsne Drachen trug.
+ Geheftet ist der Sieg an dieses heilige Zeichen,
+ Das ohne Mut kein Freund, kein Feind sieht ohn Erbleichen.
+ Doch Suhrab lächelte, und gieng mit Fragen weiter:
+ Im roten Florpalast, wer, sprich, ist dort der Streiter?
+ Er sitzt im offnen Zelt, und scheint an seinem Haar
+ Ein Greis bereits, um ihn steht eine Männerschaar;
+ Sie alle halten ihm ihr Antlitz zugekehrt,
+ Und jeder ehrt ihn, wie man einen Vater ehrt.
+ So fragt' er, und Hedschir zog aus der Brust ein Ach
+ Wie einen Dolch hervor, weil er zu Suhrab sprach:
+ Das ist Guders, der Greis, von Worte weis' und lind,
+ Von Schwerte stark und scharf, wie wenig Männer sind;
+ Ein Vater, der entbehrt fürs Alter nicht der Stützen;
+ Mit seinem Haus allein kann er ein Reich beschützen.
+ Denn neunundsiebzig sind der Söhne, die er zält;
+ Der achtzigste bin ich, der heut im Lager fehlt.
+ Doch Suhrab sprach: Warum hast du dich laßen fangen?
+ Sprich Wahrheit! und noch heut kanst du hinab gelangen.
+
+
+ 77.
+
+ Wes ist das grüne Zelt, aus Duft und Glanz gewebt,
+ Das wie ein Waldgebirg sich über Hügeln hebt?
+ Alswie ein Waldgebirg, das fest steht und nicht wankt,
+ Wenn, von des Sturmes Hauch bewegt, sein Baumwuchs schwankt.
+ In diesem Zelte wol ist Irans Hoffnung grün,
+ Und meine Hoffnung wird bei seinem Anblick kühn.
+ Vorm Zelt in Waffen sitzt ein Mann, und steht ein Ross,
+ Er einem Riesen gleich, und es wie ein Koloss.
+ Er sitzt, und hoch nicht scheint der Sitz, den er erkor;
+ Aus allen doch, die ihn umstehn, ragt er hervor:
+ Er blickt auf sie hinab, sie schaun zu ihm empor.
+ Allein zur Seite blickt er stets nach seinem Ross;
+ Es ist wol auf der Welt sein liebster Kampfgenoß.
+ Es steht das Ross mit ungeduldigem Gestampf,
+ Und ihn erhebt im Sitz die Ungeduld nach Kampf.
+ Entgegen streckt er ihm die Hand, es reckt sein Haupt
+ Erwartungsvoll und lauscht, es spitzt ein Ohr und schnaubt.
+ Die Mähne streicht er ihm, da fängt es an zu brausen;
+ Das freuet seinen Herrn, die andern macht es grausen.
+ An seiner Seite hängt ein Schwert, an seinem Knie
+ Lehnt eine Keule schwer, kein andrer höbe sie.
+ Er schwingt die Keule bald hoch übers Ross empor,
+ Bald aus der Scheide zieht er halb das Schwert hervor.
+ Die Keule sausen hörts und sieht die Schneide blitzen,
+ Und tost; was wird es erst, wenn er wird droben sitzen!
+ Ich habe nie gesehn solch einen Mann wie den,
+ So hab ich niemals auch ein Ross wie das gesehn;
+ Ein Ross, das solch ein Mann allein bezwingen kann,
+ Und solch ein Mann, den solch ein Ross nur tragen kann.
+ Gewis, von diesem Ross und diesem Manne sind
+ Die Namen kund im Land; verkünde sie geschwind!
+ So sprach er und hielt ein; es war alsob er wüßte,
+ Daß Ross und Ritter Rachs und Rostem heißen müßte;
+ Doch wollt er, daß der Mund Hedschirs es täte kund,
+ Still aber schwieg Hedschir, und sprach im Herzensgrund:
+
+
+ 78.
+
+ Was fragt der Türke nach des Reiches Pehlewan?
+ Und tu ich recht, wenn ich ihm Rostem kund getan?
+ Und tu ich Unrecht, wenn ich ihm den Feind verschweige?
+ Was will der Knabe, daß ich ihm den Helden zeige?
+ Ist er sein Sohn, wie er im Zweikampf rühmte laut?
+ Den Vater schaff ich ihm so wenig, als die Braut!
+ Der Mann von Iran kann des Türkenkinds entraten;
+ Ich will den Perserhort dem Erbfeind nicht verraten.
+ Zwar Rostem braucht ihn nicht zu fürchten in der Tat,
+ Allein der Türke könnt ihn angehn mit Verrat.
+ Drum wirds am besten sein, den Namen nicht zu melden,
+ Und ihn zu streichen ganz heut aus der Zahl der Helden.
+ Als so zur Lüge sich bereitete Hedschir,
+ Rief Suhrab: Sprich zu mir! was redest du mit dir?
+ Warum machst dus solang, bis Aufschluß ich gewinne?
+ Er sprach: Weil ich umsonst mich auf den Mann besinne.
+ Von Zeichen unbekant ist er mir ganz und gar;
+ Er kam wol fremd ins Land, weil ich im Schloß hier war.
+ Ich hörte, daß heran vom fernen Hindostan
+ Dem Schah zu Hilfe zog ein starker Pehlewan.
+ Das wird der Recke sein, entsproßt aus fremdem Samen;
+ Denn fremde scheint er mir, und die, so mit ihm kamen.
+ Doch Suhrab sprach: Wie heißt der Recke? sage mir!
+ Den Namen weiß ich nicht; antwortete Hedschir.
+ Suhrab noch einmal sprach: wie heißt er? gib Bericht!
+ Hedschir antwortete: den Namen weiß ich nicht.
+ Voll Unmut ward Suhrab; des Vaters Namen wollte
+ Er hören da durchaus, den er nicht hören sollte.
+ Die ihm die Mutter gab vom Vater, alle Zeichen
+ Sah er, und konnte nur Gewisheit nicht erreichen.
+ Des Vaters Name fehlt' ihm zur Gewisheit nur,
+ Den er da von Hedschirs Verstockung nicht erfur.
+
+
+ 79.
+
+ Doch ungeduldig fuhr Suhrab zu fragen fort:
+ Im violetten Zelt, wie heißt der Ritter dort?
+ Zur Antwort gab Hedschir: Den kann ich wol dir nennen;
+ Gurase heißt der Held, wie sollt ich ihn nicht kennen?
+ Ein mutger Ritter, wie zu Ross nicht viele rennen.
+ Doch ungeduldig gieng mit Fragen Suhrab weiter:
+ Im gelben Zelte dort, sag an, wie heißt der Streiter?
+ Zur Antwort wieder gab Hedschir: Ich kann auch ihn
+ Dir nennen, wenn du willst: der Kämpfer heißt Gurgin;
+ Ein Tapfrer, welchem gleich nicht viel zum Kampf ausziehn.
+ Noch einmal frug Suhrab mit ungeduldiger Hast:
+ Im blauen Zeltpalast, wie heißt darin der Gast?
+ Und wieder gab Hedschir zur Antwort: Nennen kann
+ Ich dir auch diesen wol: Gew, Rostems Tochtermann.
+ Da wendet' auf Hedschir Suhrab den Blick unhuldig,
+ Und sprach: Nun offenbar bist du der Lüge schuldig.
+ Du nennest alle mir, und nur den Rostem nicht,
+ Den Rostem, ohne den kein Heergefecht sich ficht!
+ Von all den Zelten wenn in keinem Rostem ist,
+ Wo wäre Rostem denn, wenn du kein Lügner bist?
+ Verläugnen willst du mir ihn nur aus Hinterlist.
+ Im grünen Zelte dort der Recke kühn und frei,
+ Gewis ist Rostem der, o sag mir, daß ers sei!
+ Denn alle, die von ihm mir kund sind, alle Zeichen
+ Seh ich, und kann allein Gewisheit nicht erreichen.
+ Von allen, die ich sah im Lager fern und nah,
+ Wünsch ich, daß keiner sei Rostem, als dieser da.
+ O sag mir, daß ers sei! und sei belohnt und frei!
+ Der vor dem grünen Zelt, sag, daß es Rostem sei!
+
+
+ 80.
+
+ Hedschir sprach: Ei, was forscht so deine Ungeduld
+ Nach ihm! nicht gern wär ich an deinem Tode schuld.
+ Wo Rostem wär im Feld, nicht würdest du es halten;
+ Denn Rostem ist ein Held von furchtbaren Gewalten.
+ Wo Rostem auf dem Rachs sich hebt zum Werk der Rache,
+ Da kann nicht stehn vor ihm der Löwe noch der Drache.
+ Ein jeder Blick von ihm ist Tod, ein jeder Hauch
+ Von ihm ist Sturm, ihm sinkt entwurzelt Baum und Strauch.
+ Ich wünsche keinem, daß er mög ein Gegner sein
+ Von Rostem, wär er auch ein Berg von Kieselstein;
+ Er würde dich, alswie die Mühl ein Korn, zermalmen,
+ Zertreten, wie ein Tritt von Elefanten, Halmen.
+ Fest schnüren möchtest du am Leib dein Gürtelband;
+ Es würde locker, wenns erblickte Rostems Hand.
+ Allein zu deinem Glück ist nah nicht das Gewitter;
+ Denn mit Schah Keikawus hat sich entzweit der Ritter.
+ Erzürnt ist er vom Hof nach Sabul heimgeritten,
+ Dort sitzt er nun beim Schmaus in seines Schloßes Mitten.
+ Dort trinkt er fröhlich Wein beim Fest im Rosengarten,
+ Und will den Ausgang dieses Kriegs in Ruh erwarten.
+ So sprach er; ob ers nur erlog, ob ers erfur
+ Vom lügenden Gerücht, das kam von Irans Flur?
+ Das traurige Gerücht, das dort bei Nacht dem frohen
+ Erlag, war aus der Stadt villeicht zur Grenz entflohen.
+
+
+ 81.
+
+ Doch Suhrab rief voll Zorn: So willst du mich verhöhnen?
+ Schweig, allerschlechtester von Guders achtzig Söhnen!
+ Willst du, ich glaube dir die knabenhafte Rede,
+ Rostem, der Herr der Schlacht, enthielte sich der Fehde!
+ Er hielte sich zu Haus, und hielte Fest und Schmaus!
+ Da lachten billig ihn die Mägd und Kinder aus!
+ Wol möglich, daß er mit Keikawus sich gezankt,
+ Wenn der undankbar ist, der ihm den Thron verdankt!
+ Doch, denk ich, Kawus wird geschwind mit reichen Gaben
+ Und guten Worten ihn zurückbeschworen haben,
+ Wenn er nicht unklug ist, und seinen besten Ritter
+ Nicht missen will am Ort, wo ihn ersetzt kein Dritter.
+ Denn was ist ohne Blitz und Donner ein Gewitter?
+ Was dieser Heerleib, unbeseelt von Rostems Mut?
+ Nicht in Bewegung ist dieß Heer und Rostem ruht!
+ Drum sag im Augenblick, wo ist der Pehlewan?
+ Von Guders Söhnen ists um einen sonst getan!
+ Da schauderte Hedschir und sprach im Herzensgrund:
+ Aufschließen mit Gewalt will mir der Türk den Mund.
+ Verschließen aber will ich ihn nun ihm zum Trutz,
+ Sowahr ich jemals selbst getragen Ritterputz,
+ Und je noch tragen will! und fall ich seiner Wut,
+ So wird nicht schwarz der Tag, und nicht das Waßer Blut.
+ So ist um einen Sohn von achtzig Guders schwächer,
+ Und neunundsiebenzig sind meines Todes Rächer.
+ Er sprach: Was wütest du? was stürmest du und tobest?
+ Denkst du, daß du dich so dem Rostem gleich erprobest?
+ Weil einen Namen ich nicht nennen will und kann,
+ Willst du dafür den Tod mir geben, gib ihn dann!
+ Den Namen nenn ich nicht, wüßt ich ihn zehnmal auch;
+ Entreißen ehr als ihn kannst du mir diesen Hauch!
+ Ich trotze dir! es mag mein Blut die Schmach versöhnen,
+ Der schlechteste zu sein von Guders achtzig Söhnen!
+ Er sprachs; da wendete Suhrab sich unmutvoll,
+ Nachdenkend, ob er auf der Stell ihn töten soll.
+ Doch er besann sich, gab ihm einen Backenschlag,
+ Daß er besinnungslos davon am Boden lag;
+ Und rief: Will hier durchaus mir meinen Vater sagen
+ Niemand, so will ich gehn und selber ihn erfragen!
+
+
+ 82.
+
+ Er stieg, von Zorn bewegt, hinab vom hohen Turm;
+ Gewaffnet schwang er sich aufs Ross, und ritt im Sturm.
+ Er ritt, sein fürstlich Haupt bedeckt mit goldnem Dache,
+ In ihm des Löwen Mut, und unter ihm ein Drache.
+ Und wie der scharfe Zorn ihm selbst die Sporen gab,
+ Gab er dem Ross den Sporn, und flog den Berg herab.
+ Der Kampflust heißes Blut in seinen Adern sott,
+ Ihm flog des Pulses Glut wie seines Rosses Trott;
+ Da kont in seinem Mut aufhalten ihn kein Gott.
+ Er ritt im Ungestüm dem Lager Irans zu;
+ Und alle, die ihn sahn anreiten, flohn im Nu.
+ Die alle flohn im Nu, die aus des Lagers Mitten
+ Dort waren auf den Plan zur Lust hervorgeritten.
+ Wie aus dem Waidehag, wo sie der Hut empfolen
+ Des Hirten sind, hervor sich wagen junge Folen,
+ Sich außerhalb des Hags neugierig umzutun;
+ Doch plötzlich einen Leun herkommen sehn sie nun;
+ Die Mähn am Nacken, die er sträubt, erregt ihr Graun,
+ Und eilig flüchten sie zurück in ihren Zaun:
+ So aus dem Lagerwall die sich hervorgewagt,
+ Wie sie den Suhrab sahn, umwandten sie verzagt.
+ Sie wendeten zur Flucht vor ihm ihr stolz Genick,
+ Und wagten nicht auf ihn zu richten einen Blick.
+ So furchtbar fanden sie den Türken anzuschaun,
+ Daß auf die Flucht allein sie setzten ihr Vertraun.
+ Er aber achtete der leichten Feinde nicht;
+ Es ward von ihm gesucht ein Gegner von Gewicht.
+ Er ritt vom hohen Wall des Lagers hart hinan,
+ Den tapfersten zum Kampf zu fordern auf den Plan.
+
+
+ 83.
+
+ Suhrab vom Walle rief hinab ins Lager tief,
+ So laut, ihn hörte wol, wer nicht im Grabe schlief:
+ O Schah von hoher Macht, du rühmst dich großer Pracht
+ Im Lager, doch wie steht dein Ding im Feld der Schlacht?
+ Mußt du dein starkes Heer in einen Pferch einsperren?
+ Schützt keiner deiner Knecht' im freien Feld den Herren?
+ Dein Volk von Schafen fleucht in seinen Stall, verkreucht
+ Sich hinterm Wall, und keucht vor Angst, vom Wolf gescheucht.
+ Hier komm ich zu dir her geritten mit dem Speer,
+ Den zuck ich, so durchzuckt der Tod dein ganzes Heer.
+ Ich habe gestern laut um Send den Schwur beim Wein
+ Getan: Wer ihn erschlug, der soll nicht lebend sein!
+ Der heimlich in der Nacht den Send mir umgebracht,
+ Umbringen will ich ihn am Tag in offner Schlacht.
+ Wenn du den Recken kennst, der ihn erschlug, so send
+ Ihn her, daß ich erschlag ihn, der mir schlug den Send!
+ Und ists nicht der, so seis ein anderer, der scharf
+ Von Mut und Waffen ist, und mir begegnen darf!
+ Doch wenn aus deinem Pferch hervor, mit mir zu streiten,
+ Gar keiner will, so will ich in den Pferch einreiten,
+ Das Lager mitten durch, bis an das goldne Zelt,
+ Vor dessen Eingang Löw und Tiger Wache hält.
+ Vor den Türhütern soll mir nicht beim Eintritt bangen,
+ Und mit dem Speer will ich die Sonn herunter langen.
+ Den Geierkrallen soll die goldne Sonn entfallen,
+ Und vor der Hündlein Maul will ich den Maulkorb schnallen.
+ Ich will dir überm Haupt alswie ein Sturmwind rütteln
+ Das goldne Dach, und wenn du drunter schläfst, dich schütteln!
+ So rief er; Keikawus sprang auf und rief erschreckt:
+ Wer hat dem Wütenden das Königszelt entdeckt?
+ Ihr Edlen all! eilt mir zu Rostem hin! der Mann
+ Ist er allein, der diesen Knaben bändigen kann.
+
+
+ 84.
+
+ Zu Rostem, wo er saß im Zelte, kam der Bot:
+ Keikawus ist in Not, der Türke Suhrab droht.
+ Er droht ins Königszelt durchs Lager einzureiten,
+ Und Niemand ist als du im Stand mit ihm zu streiten.
+ Von seinem Sitz erhob sich Rostem nicht, und sprach:
+ Der Dienst des Königes ist lauter Ungemach.
+ Nicht Ruh bei Tag und Nacht, viel Arbeit, wenig Schmaus;
+ Ich war die Nacht erst aus, und bleib am Tag zu Haus,
+ Dem ersten Boten kam ein zweiter nachgeflogen,
+ Ein dritter, vierter auch, wie Pfeil auf Pfeil vom Bogen;
+ Und alle meldeten: Der Suhrab ist im Feld;
+ Da kann ihm keiner stehn, nur Rostem kanns, der Held.
+ Doch Rostem, wie er sah das wachsende Getümmel,
+ Den Lärmen um ihn her, rief: Fällt denn ein der Himmel?
+ Um einen Knaben, welch ein Ahrimansaufstand!
+ Um einen einzeln Mann welch ein Weltendebrand!
+ Nun aber kamen, hergesandt von Keikawus,
+ Die Fürsten, auch sein Sohn, auch sein Kronfeldherr Tus.
+ Die Waffen wurden ihm schnell von den Fürsten allen
+ Gebracht; er sagte nichts, und ließ es sich gefallen.
+ Den Panzer legt' ihm Tus, Gurgin die Schienen an,
+ Doch von Ferabors ward der Helm aufs Haupt getan.
+ Gurase reicht' ihm Pfeil und Bogen; Schwert und Sper
+ Und Keule trugen ihm drei Söhne Guders her.
+ Von seinem Eidam ward zuletzt ihm vorgefürt,
+ Gesattelt und gezäumt, der Rachs, wie sichs gebürt.
+ Doch wie Rostem den Rachs kampffertig sah, da rürte
+ In seiner Brust sich auch die Kampflust, und er spürte,
+ Daß er, ins Feld zu gehn, die volle Rüstung fürte.
+ Er gieng, und im Vorbeigehn nam er noch den Schild,
+ Indem er sprach: den braucht man auch im Kampfgefild.
+ In voller Rüstung sprang er auf den Rachs, und jach
+ Ritt er davon, ihm sahn mit Staunen alle nach.
+
+
+
+
+ Neuntes Buch.
+
+
+ 85.
+
+ Er ritt hinaus, wo ihn der gleichgeartete,
+ Ein Kämpe seines Bluts, sein Sohn erwartete.
+ Auf Bogenschuß hinan ritt er, da hielt er an,
+ Da wieherten sich laut die beiden Kampfross' an:
+ Rachs, der den Rostem trug, und jener, der Suhrab,
+ Den Sohn des Rostem, jetzt entgegen trug dem Grab.
+ Der trug des Rostem Sohn, war selbst vom Rachs ein Sohn;
+ Und doppelt kam zum Kampf ein Vater und ein Sohn.
+ Doch eh zum Tode nun die Reiter sich anranten,
+ Wieherten erst sich an die Rosse, die sich kanten:
+ Das Wiehern war der Gruß der beiden Blutsverwandten.
+ So in den Thieren dort, o Wunder, sprach die Stimme
+ Des Blutes, die erstickt ward von der Männer Grimme.
+ Soviel ist blinder, als das blindgeborne Thier,
+ Der Mensch, der sehende, geblendet von Begier.
+ Die Reiter sahen an das Wiehern für ein Zeichen,
+ Daß ihre Rosse selbst an Kampflust ihnen gleichen;
+ Und selber wollten sie nun nicht den Rossen weichen.
+ Doch riefen sie sich nicht mit lautem Schlachtgruß an,
+ Entgegen hielten sie stillschweigend auf dem Plan,
+ Und Sohn und Vater sahn sich stumm todblickend an.
+ Nun kamen auch heran die Zeugen ihrer Schlacht,
+ Von beiden Seiten die und jene Heeresmacht:
+ Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt,
+ Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt;
+ Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,
+ Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.
+ Entgegen standen sich die beiden Heere schweigend,
+ Die Kampfbegier vereint nur in zwei Kämpfern zeigend.
+ Wie auf dem weiten Hof ein zahlreich Volk von Hennen
+ Untätig zusieht, wie zum Kampf zwei Hähne rennen,
+ Die, für ihr ganz Geschlecht von Kampfbegier entbrant,
+ Wenn sie erst zum Gefecht zusammen sind gerant,
+ Lebendig alle zwei nicht mehr zu trennen sind;
+ Sosehr macht Eifersucht und heißes Blut sie blind:
+ Die Hennen sehen zu, wie sie zusammen rennen,
+ Und warten, welchen sie als Herrn des Hofs erkennen;
+ So dort erwarteten die beiden Heere nun,
+ Wer als des Schlachtfelds Herr hervor sich würde tun,
+ Und sahen zu, bewehrt, alsob sie wehrlos wären:
+ Für alle ließen sie das eine Paar gewären.
+
+
+ 86.
+
+ Doch näher kamen an die beiden Helden licht
+ Geritten nun, und sahn einander ins Gesicht.
+ Suhrab, den Ungeduld hinan zum Vater trieb,
+ Sprach, während eine Hand er in der andern rieb:
+ Komm, alter Held, wie ich gesehn noch keinen habe,
+ Nicht übel nim es mir! dich will bestehn ein Knabe.
+ Von Iran brauchen wir und Turan hier dazu
+ Sonst keinen außer uns, genug sind ich und du.
+ An Wuchse bist du hoch, an Schultern bist du stark;
+ Die Jahre haben doch versehrt bereits dein Mark.
+ Du wirst mich nicht bestehn in diesem Waffengange!
+ Er sprachs, und Rostem blickt' auf seine Rosenwange,
+ Und sprach zu ihm: Gemach, feuriges Heldenkind!
+ Die Erd ist kalt und hart, die Luft ist lau und lind.
+ Schon manche glichen dir, die nun gleich Staube sind.
+ Wol altershalb hab ich gesehn genug Walstätten,
+ Und half manch stolzes Heer im kalten Lager betten.
+ Die schlafen tief genug, die meinem Streich erlagen;
+ Und wo ich selber schlug, da ward ich nie geschlagen.
+ Nun komm heran, blick her, wie ich dich morden will;
+ Entkommst du mir, so fürcht hinfort kein Krokodill!
+ Allein es fühlt mein Herz mit dir, Kind, ein Mitleiden,
+ Vom schönen Leib will ich nicht deine Seele scheiden.
+ Gar einem Türken gleichst du nicht, o schlanker Baum!
+ Deinsgleichen viele wüßt ich auch in Iran kaum.
+ Wie Suhrab hörte, daß so sanfter Rede pflegte
+ Der Recke, fühlt' er auch, wie sich sein Herz bewegte,
+ Und sprach: O alter Held, ich will ein Wort dich fragen,
+ Du aber mußt nun auch mir alle Wahrheit sagen.
+ Vermelde mir, eh wir uns schlagen, dein Geschlecht!
+ So, hör ich, hielten es die Alten im Gefecht.
+ Ich glaube wirklich, daß du Niemand auf der Welt
+ Als Rostem bist, der Fürst im grünen Heergezelt.
+ So sprach er, und so nah daran wars, daß gewendet
+ Würd alles Weh in Lust, und aller Streit geendet.
+ Da kam ein finstrer Geist auf Rostem, und er sprach:
+ Ich bin nicht Rostem! was fragst du dem Rostem nach?
+ Er ist ein Ritter, ist ein Fürst, ich bin ein Knecht;
+ Mit ihm nicht, nur mit mir ist dir der Kampf gerecht.
+ Ich bin der Späher, der dir auf der Burg erschlug
+ Den Mann, der thöricht Lust mich auszuspähen trug.
+ Nun komm zum Kampf, mein Sohn, des Schwatzens ist genug.
+
+
+ 87.
+
+ Da schwenkte sich im Zorn zur Linken ab Suhrab
+ Von Rostem, Rostem lenkte rechts von Suhrab ab.
+ Doch als auf Bogenschuß sie auseinander waren,
+ Da wendeten sie schnell, und kamen hergefaren.
+ Entgegen stoben sich zu Ross die beiden Ritter,
+ Entgegen schoben sich die beiden Ungewitter;
+ Entgegen schnoben sich ein Sohn und Vater bitter:
+ Die Schläge hoben sich, und jeder Schlag gab Splitter.
+ Zuerst versuchten sich in diesem Waffentanze
+ Der Vater und der Sohn mit fernentsandter Lanze.
+ Sodann erprobten sich der alte und der junge
+ Anrückend mit der nahgezückten Schwerter Schwunge.
+ Und endlich giengen sich die beiden Heeressäulen
+ Hart auf den ehrnen Leib mit ihren ehrnen Keulen.
+ Was von der Lanze da verschont blieb, schlug das Schwert;
+ Die Keule schmetterte, was jenes nicht versehrt.
+ Laut stöhnten beid', es war des andern jeder wert.
+ Am Helme blieb kein Glanz, am Helmbusch kein Gefieder,
+ Kein Ring am Panzer ganz, keins ungequetscht der Glieder;
+ In Strömen floß der Schweiß vom Mann aufs Ross danieder.
+ Wie sich entgegen zwei Gewitterwolken wettern,
+ Mit Blitz und Gegenblitz einander zu zerschmettern;
+ Sie selber können sich mit Streichen nicht verletzen,
+ Doch unter ihrem Kampf ergreift die Welt Entsetzen:
+ Der Hagel braust herab und schlägt der Erde Saat;
+ Das Land ist wie ein Feld, das eine Schlacht zertrat:
+ Dann, wenn sie sich erschöpft, zieht jede ihre Bahn,
+ Und aus der Ferne noch sehn sie sich finster an:
+ So standen jetzt vom Kampf die beiden ab ermattet,
+ Und eine Lebensfrist war noch dem Sohn gestattet.
+
+
+ 88.
+
+ Sie schieden sich, voll Weh der Vater, und das Kind
+ Voll Schmerz: sie hatten sich begegnet ungelind.
+ Die Rosse langsam ließen sie bei Seite laufen,
+ Um von der stürmischen Begrüßung zu verschnaufen.
+ Suhrab im Herzen sprach: Der da so grimmig drein
+ Auf mich geschlagen hat, kann nicht mein Vater sein.
+ Zwar alle treffen ein die Zeichen, die von ihm
+ Die Mutter gab, nur sprach sie nichts von solchem Grimm.
+ Zum Gatten hätte nie genommen ihn Tehmine,
+ Wär er gekommen ihr mit solcher Löwenmiene.
+ Er sagt es selbst: er ist der Mann, der mir erschlagen
+ Den Vetter hat, der mir den Vater sollte sagen.
+ Den Vetter wollt ich ja an seinem Mörder rächen;
+ Und was nun hindert mich, zu lösen mein Versprechen?
+ Doch Rostem sprach bei sich: Ei, wäre der mein Sohn;
+ Von ihm zerbleut, hätt ich nun meiner Thaten Lohn!
+ Den hat kein menschliches, ein Riesenweib getragen;
+ Wie ich so alt erst war, konnt ich noch so nicht schlagen.
+ Nim dich zusammen nun und wehr dich, alter Held!
+ Denn zu Zuschauern hast du beide Heer im Feld.
+ Es wär ein Spuck, wenn mirs mit diesem Türken fehlte,
+ Und in Semengan ers einst meinem Sohn erzählte!
+ Denn, wer ich bin, wird er am Ende doch erfaren,
+ Wielang ich auch vor ihm mag das Geheimnis waren.
+ So sprachen sie, indem sie sich erholten jetzt
+ Von Streichen, welche Sohn und Vater sich versetzt;
+ Die Rosse hatten so einander nicht verletzt.
+ Sie hatten sich geschont, und waren nur benetzt
+ Vom Schaume, weil zum Kampf die Reiter sie gehetzt.
+ Die hatten nun beiseit ein wenig ihren Streit
+ Gelegt und waren schon zu neuem Weh bereit.
+
+
+ 89.
+
+ Nunmehr begannen sie, wie um sich zu erholen,
+ Ihr Schützenkampfgerät gemach hervor zu holen.
+ Zum Köcher langten sie, und zogen ihre Bogen,
+ Und von der Senne kam Pfeil gegen Pfeil geflogen.
+ Im Fluge trafen sich die zwei, und sanken nieder;
+ Doch andre rüsteten schon Sohn und Vater wieder.
+ Die Pfeile regneten, dicht, wie bei rauhem Wetter
+ Des Herbstes unterm Baum hernieder rieseln Blätter;
+ Wie wenn am Frühlingstag des Landmanns Bienen schwärmen,
+ Wann rings das Bienenhaus des Mittags Stralen wärmen;
+ Wann sich die Einigkeit des Brudervolks zerschlug,
+ Die Honig mit gemeinschaftlichem Fleiß eintrug,
+ Sich nun vom alten Stock der junge Stamm lossagt,
+ Und auf gut Glück den Flug mit eignem Weisel wagt:
+ So nun mit einem Schwarm geschärfter Stacheln wandten
+ Zum Kampfe sich die mutentbranten Blutverwandten.
+ Sie spannten, legten an und schoßen ab, und spannten,
+ Indem mit jedem Pfeil sie sich Zornblicke sandten.
+ Sowenig aber als ein Blick, sowenig leid
+ Tat ihnen auch ein Pfeil am festen Wehrgeschmeid;
+ Sie schüttelten mit Scherz den Staub vom Waffenkleid,
+ Die Köcher raßelten, und ihre Schätze klirrten;
+ Die Sennen winselten, und ihre Bogen schwirrten,
+ Die laut im Fluge gleich blutgierigen Vögeln girrten.
+ Nicht kamen sie zum Zweck, die doch vom Ziel nicht irrten.
+ Alswie der Sonne Pfeil prallt ab vom Felsgestein,
+ Ihm dringen kann er nicht ins feste Fleisch und Bein,
+ Und an der obern Haut erhitzt er ihn allein:
+ So drangen dort nicht ein die Pfeil, und prallten ab,
+ Und mehr in Hitze nur kam Rostem und Suhrab.
+ Mit goldnen Spitzen war, gleich Stralen, jeder Schild
+ Besetzt, und leuchtete recht wie der Sonne Bild.
+ Doch als es sie verdroß, vergebens nur die Scheibe
+ Zu treffen, ließen sie nunmehr vom Zeitvertreibe,
+ Und giengen, Ross und Mann, ernsthafter sich zu Leibe.
+
+
+ 90.
+
+ Sie ritten nah sich auf den Leib, und legten Hand,
+ Zu ringen, einer an des andern Gürtelband.
+ Wann sonst im Rossringkampf Rostem saß auf dem Rachs,
+ War er wie Erz, und, was zur Hand ihm kam, wie Wachs.
+ Doch nun legt' er die Hand an Suhrabs Gürtelband,
+ Und staunte, daß er fand solch einen Widerstand.
+ Wie nicht ein Bergfels wankt, den eine Schlang umflicht,
+ In Rostems Armgeflecht so wankte Suhrab nicht.
+ Wo Rostem matt ließ ab, fieng mutig an Suhrab;
+ Doch auch vergeben war die Müh, die er sich gab.
+ Wie nicht der Erdleib schwankt, weil ihn der Arm umflicht
+ Der Luft, so schwankte nicht Rostem im Gleichgewicht.
+ Da ließ der Sohn erzürnt den starken Vater faren
+ Am Gürtel, und ergriff ihn an dem Schopf von Haaren,
+ Der, halbergraut, doch straff drang unterm Helm hervor;
+ Daran vom Sattel hofft' er ihn zu ziehn empor.
+ Doch Rostem saß wie Blei im Sattel, wie ein Stück
+ Von Erzguß; nur das Haar blieb in der Hand zurück.
+ Suhrab fand in der Hand das Haar, und rief erschrocken:
+ Du unbezwinglicher mit schon ergrauten Locken!
+ Du spannst die Glieder unnatürlich an mit Krampf;
+ Was suchest du, o Greis, mit einem Jüngling Kampf?
+ Ein alter Mann, wennauch sein Wuchs wär eichbaumschäftig,
+ Mit einem jungen ist er doch zum Streit unkräftig.
+ Dein Thier auch unter dir hat seinen Mut verloren,
+ Und wie ein Esel läßt es hangen seine Ohren.
+ Vor meinem Hengste sucht' es gern das Heil in Flucht,
+ Und ihm verbietet es nur seines Reiters Wucht;
+ Doch mir verbeut den Kampf mit dir nun Scham und Zucht.
+ Als ich das graue Haar in meiner Hand gewart,
+ War mirs als legt ich Hand an meines Vaters Bart.
+ Sind denn um uns im Feld nicht andre Kriegerhaufen?
+ Was müßen wir allein uns mit einander raufen!
+ So sprach der junge; doch der alte sagte nichts,
+ Er wendete sich ab ergrimmten Angesichts.
+
+
+ 91.
+
+ Da stürzt' er sich, wie sich ein Wolf stürzt auf die Herde
+ Der Schaf', aufs Turanheer, zu würgen mit dem Schwerde.
+ Und Suhrab, als ers sah, da warf er, wie ein Tieger
+ Sich auf die Rinder wirft, sich auf die Iranskrieger.
+ Den ersten, den er traf, streckt' er in Todesschlaf,
+ Den zweiten, dritten auch, und jeden, den er traf.
+ Doch Rostem, als er dort ans Heer von Turan kam,
+ Hielt plötzlich an den Rachs, zurück hielt ihn die Scham
+ Und Ueberlegung, wie es nun dem Kawus gienge,
+ Wenn jener Türk im Heer erst an zu morden fienge?
+ Dem selber Rostem kaum im Kampfe konte stehn;
+ Wie sollten seiner Wut die andern dort entgehn!
+ Drum, ohn ein Tröpflein Blut von Türken zu versprützen,
+ Umwandt er mit dem Rachs, die Perser zu beschützen.
+ Den Suhrab im Gewühl sucht er und fand, und schaute,
+ Wie auf der Flur Smaragd er Blutrubinen thaute.
+ Ihn rief er zürnend an: Was kühlst du deine Hitze
+ Am schwachen Volk, das dir nicht bieten darf die Spitze?
+ Was haben, tobender, die Leute dir getan,
+ Die du mit unversehnem Kampf hier rennest an?
+ Doch Suhrab sprach erstaunt: Ei, alter Held unhuldig,
+ Sind nicht am Kampfe dort die Türken auch unschuldig?
+ Warum hast du auf sie geworfen deine Wucht?
+ Wer hat von ihnen Streit an dich zuerst gesucht?
+ Doch willst du wieder nun zu mir zurück dich wenden,
+ So komm, laß uns das Werk erneuen und vollenden!
+ Doch Rostem sprach: der Tag hat sich geneigt zur Nacht;
+ Die ist zur Ruh gemacht, und nicht zum Werk der Schlacht.
+ Gehorchen wir der Nacht! doch wann im Osten lacht
+ Das goldne Schwert, von dessen Glanz die Welt erwacht,
+ Erneuern wir die Schlacht! sei mir hieher bestellt!
+ Hier stell ich morgen mich; jetzt geh, wohins gefällt!
+ Hier soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen,
+ Und als Zuschauer mag dieß Heer und jen's erscheinen;
+ Dann sehn wir, welches wird um seinen Kämpfer weinen!
+
+
+ 92.
+
+ Sie giengen; finster ward das Angesicht der Luft;
+ Der Himmel hüllte sich in einen trüben Duft:
+ Vorzubereiten schien er Suhrabs Totengruft.
+ Doch Suhrab ritt vergnügt mit seinem Heer nach Haus,
+ Und unterm Reiten noch fragt' er den Barman aus:
+ Von jenem Löwenmann, von dessen Kraft die Spangen
+ Mir krachten heut am Tag, wie ist es euch ergangen?
+ Da er dieß Heer, wie ein berauschter Elefant
+ Anrante, wieviel hat er nieder da gerant?
+ Nie ward von mir erprobt, in jedem Kampf belobt,
+ Solch einer; wie hat er hier seinen Grimm vertobt?
+ Doch Barman sprach: Es war dein eigner Fürstenwille,
+ Daß diesen Tag das Heer sich hielt' in Waffen stille.
+ Gerüstet aber war all unser Ding zum Streit,
+ In jedem Nu ins Feld zu treten kampfbereit.
+ Da kam ein einzelner daher, ein unbekanter,
+ Und blindlings tollkühn vor die Heeresmitte rant er.
+ Er kam alswie im Rausch, oder vom Rausch erwacht,
+ Im Taumel, um allein zu liefern eine Schlacht.
+ Ich aber ordnete die Reihen, dem verwegnen,
+ Wo er sich wagt' heran, mit Nachdruck zu begegnen.
+ Da ward er plötzlich andern Sinns; die Zügel wandt er,
+ Und spornstreichs, wie er hergekommen war, entrant er.
+ Froh lachend sprach Suhrab: Also von diesem Heer
+ Erlegte keinen er, und ritt vergebens her!
+ Ich hab Iranier indessen viel getötet,
+ Mit Blut wie Rosen dort den Rasengrund gerötet.
+ Er hat den müßigen Beschauer hier gemacht!
+ Nun heute hat die Nacht geschieden unsre Schlacht.
+ Doch morgen, wann der Welt der hehre Tag aufgeht,
+ Dann wird sich zeigen, wer von beiden fällt und steht.
+ Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,
+ Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.
+ Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;
+ Dann seht ihr, welches Heer um seinen Mann muß weinen!
+ Jetzt aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,
+ Die spröden Lippen nach dem Kampfstaub anzufrischen
+ Mit Weinthau; Baruman, laß einen Schmaus auftischen!
+
+
+ 93.
+
+ Indess im Lager lag schon Rostem beim Gelag,
+ Der noch beim kühlen Wein dacht an den heißen Tag.
+ Nur Suhrab wars, von dem er da erzälen mußte,
+ Suhrab, von dem man auch ihm zu erzälen wußte.
+ Keikawus sprach: Warum hast du den Wüterich
+ Uns auf den Hals geschickt, da du ihn namst auf dich?
+ Und hättest du nicht bald auf seine Bahn gerichtet
+ Dein Augenmerk; wer weiß, was er hätt angerichtet!
+ Wir haben hier ein Teil von seiner Art empfunden;
+ Doch selber sag uns nun, wie du ihn hast gefunden!
+ Er sprachs; doch Eifersucht und Aerger schwemmt' hinab
+ Rostem mit Wein, und tat den Mund auf von Suhrab:
+ Ich habe nie gesehn die gleichen Heldengaben,
+ Die Löwenmannheit nie, an so unreifem Knaben.
+ Ich hätte nicht gedacht, daß solchen Mann der Schlacht
+ Die Welt hervorgebracht, der mir so warm gemacht.
+ Er hat in jedem Kampf, in jedem Waffenwerke,
+ Mit mir die gleiche Kunst, mit mir die gleiche Stärke;
+ Und nur die Jugend die hat er vor mir voraus:
+ Mit ihm muß ich bestehn noch einen schweren Strauß.
+ Erst mit dem Sper hab ichs, dann mit dem Schwert versucht,
+ Mit meiner Keule dann, und er bestand die Wucht.
+ Zuletzt da dacht ich noch: Vor diesem rang ich doch
+ Schon manchen Helden hoch herab vom Satteljoch!
+ Da streckt' ich meine Hand nach seinem Gürtelband,
+ Und zerrte wacker; doch ich fand: er widerstand!
+ Ich dacht, er sollte nur sogleich vom Sattel fliegen,
+ Wie soviel andre schon ich sah im Staube liegen.
+ Doch wenn ein Berg im Grund wird wanken von dem Wind,
+ So wird vom Sattel nicht wanken das edle Kind.
+ Für heute hat die Nacht nun unsern Kampf geschieden;
+ Ich weiß nicht, ob ers war, ich war es wol zufrieden.
+ Und wenn er morgen mir wird zum Kampfplatze kehren,
+ Hab ich für Irans Ruhm und meinen mich zu wehren.
+ Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,
+ Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.
+ Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;
+ Dann seht ihr, welches Heer muß seinen Mann beweinen!
+ Heut aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,
+ Für morgen auf den Kampf die Herzen anzufrischen;
+ O König Keikawus, laß neuen Wein auftischen!
+
+
+ 94.
+
+ So sprach er, und sein Wort macht' alle Gäste staunen;
+ Dann tranken sie mit ihm, und wurden froher Launen.
+ Sie tranken ihm auf Glück und Sieg die Becher zu,
+ Und suchten, wohlbezecht, in Zelten Schlaf und Ruh.
+ Doch Rostem, als er in sein Zelt gekommen war,
+ Sprach er noch in der Nacht zum Bruder: O Sewar!
+ Heut haben wir im Feld des Kampfes dieß gesehn;
+ Und Niemand sieht voraus, was morgen wird geschehn.
+ Sobald am Himmel dort der Sonne goldner Schild
+ Hervortritt, tret ich an den Gang ins Schlachtgefild.
+ Du laß in Gottes Hut, allein mit meinem Mut,
+ Mich gehn, und halte du mein Sabulheer in Hut.
+ Wenn ich den Feind erleg in diesem Waffengange,
+ Nicht auf der Walstatt werd ich dann dir säumen lange.
+ Doch anders wenn ergeht der himmlische Bescheid,
+ Vollführe du kein Weh, und mache du kein Leid!
+ Einbrechen sollt ihr nicht, um meinen Tod zu rächen,
+ Ins Feindesheer; ihr sollt nach Sabul gleich aufbrechen;
+ So sollt ihr unterwegs, und so zu Hause sprechen:
+ So war es ihm verhängt an seines Alters Rand,
+ Daß seinen Tod er fand von eines Jünglings Hand.
+ Zur Mutter dort im Ton der Tröstung sollst du sagen:
+ Um Rostem, deinen Sohn, sollst du zusehr nicht klagen!
+ Soviel erschlug er schon, und ward nun auch erschlagen.
+ Du wurdest alt, und sahst alt werden deinen Sohn;
+ Nun lebe länger noch, wenn er gestorben schon!
+ Er hat sein Werk getan, und hat nun seinen Lohn.
+ So manches Abenteur im Heldenungestüm
+ Bestand er, Ungeheur und Riesenungetüm.
+ So manches feste Schloß mit Mauerkranze brach er,
+ So manchen Mann vom Ross mit seiner Lanze stach er.
+ Doch an des Todes Schloß am Ende pochen muß,
+ Wer immer auf ein Ross gehoben seinen Fuß.
+ In diesem Jagdrevier ist ungejagt geblieben
+ Kein Jäger, ewig hier kein Treiber unvertrieben;
+ Ein Freibrief ward auch mir vom Himmel nicht geschrieben.
+ Sewar! zum Schlaftrunk gib mir noch den Becher Wein,
+ Und laß das Uebrige dem Glück empfolen sein!
+ So sprach er, und die Nacht ward mit Gespräch von Schlacht
+ Und Suhrab halb, und halb mit Ruh und Schlaf verbracht.
+
+
+
+
+ Zehntes Buch.
+
+
+ 95.
+
+ Wie nun des Tages Pfau sein farbiges Gefieder
+ Entfaltet', und der Rab der Nacht den Kopf bog nieder;
+ Umgürtete der Held den Stahl, den lebenraubenden,
+ Und seinen Drachen schirrt' er an, den feuerschnaubenden.
+ Zum Kampfplatz wie ein Sturm kam er hinan geschnaubt,
+ Hell glänzt' im Morgenstral der Helm auf seinem Haubt.
+ Im Felde sah er dort sich um, es nam ihn Wunder,
+ Daß noch nicht war am Ort der junge Feuerzunder.
+ Der trank noch Morgenwein vergnügt bei Lautenton,
+ Und seiner wartete der Tod, der Vater, schon.
+ Er sprach zu Baruman: Der grimmige Löwengreis,
+ Mit dem ich heute nun mich tummeln soll im Kreiß;
+ Er ist nicht unter mir an ragender Gestalt,
+ Und steht nicht hinter mir zurück an Kampfgewalt.
+ Wenn ich ihn seh an Brust, Arm, Schulter und Genicke,
+ Ist mirs alsob ich selbst im Spiegel mich erblicke;
+ Alsob ich selber so müßt anzusehen sein,
+ Wenn soviel Jahr als ihm die Sterne mir verleihn!
+ Des Helden Anblick treibt die Scham auf meine Wangen,
+ Und regt im Busen mir ein liebendes Verlangen.
+ O sag mir, ob er ist der Vater, den ich suche!
+ Damit die Welt mir nicht als Vatermörder fluche!
+ Was sollt ich, kehrt ich heim, der armen Mutter sagen?
+ Daß ich den Gatten ihr, den Vater mir, erschlagen!
+ Der Gatte zwar ist schon der Mutter lang entflohn;
+ Und desto mehr verlangt sie nun zurück den Sohn.
+ Zu ihr möcht ich zurück, hätt ich den Vater nur
+ Gefunden erst, den ich hieher zu suchen fur!
+ Die Zeichen treffen ein, die mir die Mutter gab;
+ Nicht töten will ich ihn für den Afrasiab!
+ Zwar gestern ist mir der Gedanke, den ich trug,
+ Vergangen, als der Mann so lieblos auf mich schlug.
+ Doch in der Nacht ist es mir wieder aufgestiegen,
+ Im Traume fand ich mich in seinen Armen liegen:
+ Da lag ich gut und sanft! ich will mit ihm nicht kriegen!
+
+
+ 96.
+
+ Zu ihm sprach Baruman, nachdem er still bedacht,
+ Wozu Afrasiab verbindlich ihn gemacht:
+ Ich dächt, es hätte doch dir müßen nun verfliegen
+ Der Traum, im Arme sei sanft diesem Mann zu liegen!
+ Denn warlich muß, nach dem was du von ihm gesprochen,
+ Kein Herz, ein menschliches, in seinem Busen pochen.
+ Dein Mut hat einmal mit den mörderischen Händen
+ Den Kampf begonnen; mag den Kampf dein Mut vollenden!
+ Willst du nicht lösen dein verpfändetes Versprechen?
+ Du gabst dein Wort zurückzukehren; willst dus brechen?
+ Er wartet draußen schon, und wird dich mürrisch fragen:
+ Wo bleibst du, lieber Sohn? du scheinst vor mir zu zagen!
+ Ein Feigling bist du ihm, und bist du dir, erschienen;
+ Mit diesem Mut wirst du den Vater nicht verdienen!
+ Von deinem Vater ist mir Sichres nicht bekant;
+ Doch dich hat seinen Sohn Afrasiab genant.
+ Des Namens machest du dich wert, wann mutentbrant
+ Du jenen, der dir trotzt, hast in den Staub gerant.
+ Ich kenne nicht den Mann, und frage nicht, warum
+ Er seinen Namen birgt; befrag ihn selbst darum!
+ Doch lieber, wenn du mir gehorchest, frag ihn nicht!
+ Schlag ihn, eh er dich schlägt! brich ihn, eh er dich bricht!
+ So warst du deinen Ruhm, und übest deine Pflicht.
+ So sprach er, und sein Rat klang Suhrabs Ohren hohl;
+ Dem Redner selber war dabei ums Herz nicht wol.
+ Doch Sorg und Zweifel nun schlug Suhrab in den Wind,
+ Legt' an sein Heergeschmeid, und sprang aufs Ross geschwind;
+ Entgegen flog in Eil dem Vater nun sein Kind.
+
+
+ 97.
+
+ Als beide Kämpfer nun erschienen auf dem Plan,
+ Da kamen ihres Kampfs Zuschauer auch heran;
+ Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt,
+ Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt;
+ Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,
+ Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.
+ Vor diesen Zeugen ritt zu seinem Gegner hin
+ Suhrab, und mit dem Mund anlächelnd grüßt' er ihn:
+ Wie hast du in der Nacht geruht, und bist erwacht
+ Am Morgen? Früh, o Greis, hast du dich aufgemacht.
+ Das Aug und jeden Sinn erlabend ist der Morgen;
+ Doch welchen Abend er uns bringt, das ist verborgen.
+ Der Berge Häupter sind vom Stral der Frühe golden,
+ Mit Morgenwein gefüllt sind alle Blumendolden.
+ Die Morgenlüfte gehn, die Schläfer einzuladen,
+ Schnell aufzustehn, und sich im Maienthau zu baden.
+ Die Vögel singen laut, die klaren Bäche fließen,
+ Die Anger sonnen sich, und alle Blumen sprießen;
+ Das ist durchaus kein Tag zu Mord und Blutvergießen,
+ Ein Tag, das kurze Glück des Lebens zu genießen.
+ Komm, lieber Alter, steig herab von deinem Drachen
+ Ins grüne Gras, und laß uns Waffenstillstand machen!
+ Im Angesichte des und jenes Heeres laß,
+ Daß froh sie staunen, uns ablegen Groll und Haß!
+ Des Krieges Schauplatz sei in eine Friedensbühne
+ Verwandelt, und ein Fest erblüh uns auf dem Grüne.
+ Ich wink, und Saitenspiel und Wein kommt zum Gelag;
+ Ich feir im Rosenhag mit dir den Frülingstag.
+ Vom Haupte legest du des schweren Helmes Glanz,
+ Und um dein Haar leg ich von Rosen einen Kranz.
+ Dann sitzen wir beim Wein, und plaudern vom Gefecht;
+ Und alles, was ich weiß von mir, sag ich dir recht:
+ Du selber sagest auch mir Stammbaum und Geschlecht.
+ Nach deinem Namen hab ich ohne Rast und Ruh
+ Gefragt, und Niemand sagt ihn mir, o sag ihn du!
+ Nicht ziemt es zwischen uns, so Herz und Mund verschloßen
+ Zu halten, denn wir sind von gestern Kampfgenoßen.
+
+
+ 98.
+
+ So sprach das Kind; ihm hatt aus Waßer, Luft und Flur
+ Gesprochen sanft ans Herz die Sprache der Natur.
+ Wie eine Knospe war das Herz ihm aufgegangen,
+ Und das Verlangen blüht' auf seinen Rosenwangen.
+ Doch wie die Knosp am Strauch, vom Frülingsstral geweckt,
+ Zurück vom kalten Hauch des Nordwinds wird geschreckt;
+ Und wie die Blume, die den Kelch geöffnet hält
+ Dem Früthau, wenn auf sie der giftge Melthau fällt:
+ So schrumpfte Suhrabs Herz zusammen, und es brach
+ Der Hoffnung grüner Stiel ihm ab, als Rostem sprach:
+ Nicht also haben wir, o liebes Kind, gewettet,
+ Zu ruhn in Friedensruh auf Frülingsgrün gebettet.
+ Wir haben uns bestellt, im Ringkampf uns zu tummeln,
+ Nicht stachellos umher zu schwärmen wie die Hummeln.
+ Wenn du ein Jüngling bist, so bin ich doch kein Knabe;
+ Du siehst, daß ich den Gurt geschnallt zum Ringen habe.
+ Du hast mich lang genug aufs Tagwerk laßen warten,
+ Rosen zu brechen, wie sie blühn in unserm Garten.
+ Der Hauch des Morgens ist belobt zu jedem Werke,
+ Und mir erneuet er der alten Glieder Stärke.
+ Drum, eh des Mittags Glut der Sehnen Kraft abspannt,
+ Zeig, ob du bist ein Mann, wann ich dich übermannt!
+ Ich habe nicht gehört, daß auf dem Kampfplatz plaudern
+ Kampflustige, wenn froh die Hengst im Frühwind schaudern.
+ Ich habe mich versucht mit Männern hier und dort;
+ Ich bin ein Mann der Tat, kein Mann von vielem Wort.
+ Drum meinen Namen nenn ich ehr nicht, sei verbürgt!
+ Als bis du liegst; dann sollst du wißen, wer dich würgt!
+
+
+ 99.
+
+ Da rief Suhrab erzürnt: Wolan denn, alter Mann,
+ Wenn dich mein gutgemeinter Rat nicht beugen kann!
+ Mein Wunsch war, daß du einst auf einem sanften Pfühl
+ Den Geist aushauchtest, nicht im heißen Kampfgewühl,
+ Wer nach dir blieb, die Gruft dir ehrenvoll bedächte,
+ In Türkisschrein den Leib Sohn oder Enkel brächte.
+ Doch nun, mit Gott! wenn ist in meiner Hand dein Hauch,
+ Mit meiner Hand hier will ich ihn entbinden auch!
+ So rief er, und vom Ross sprang er gewaffnet nieder;
+ Der Helm klang auf dem Haupt, der Panzer um die Glieder.
+ Und ihm genüber schwang sich Rostem ab, ihm klang
+ Laut an der Hüft ein Schwert, das halb der Scheid entsprang.
+ Mit Schweigen giengen beid und füreten mit Schweigen
+ Die Ross' an ihrer Hand zum Bach hin unter Zweigen;
+ Wo an des Baches Rand ein einzler Felsen stand,
+ Der tauglich schien, ein Ross zu halten fest am Band:
+ Um den schlang Rostems Hand den Zaum des Rachs im Nu,
+ Und Suhrab eilig band sein Ross dort an dazu.
+ So standen dort in Ruh, das eine bei dem andern,
+ Die Rosse, da zum Kampf die Männer mußten wandern.
+ Friedfertig schnaubten sie sich an, und legten, als
+ Umarmeten sie sich, vertraulich Hals an Hals.
+ Sie unterredeten sich schweigend: ach, sie brächen
+ Ihr Schweigen gern auch, daß sie ihren Herrn zusprächen!
+ Doch diese ließen stehn mit seinem Sohn den Rachs,
+ Und schritten auf den Plan zum Faust- und Ringkampf stracks.
+
+
+ 100.
+
+ Sie gürteten sich fest die Mitte, stülpten dicht
+ Die Aermel um den Arm, und furchten das Gesicht.
+ Zwei Löwen gleich an Wut, herschoßen sie zumal;
+ Vom Leibe Schweiß und Blut vergoßen sie zumal.
+ Zwei Leiber wurden da Ein Leib, indem sie rangen,
+ Um den vier Arm' im Knäul wie Schlangen sich verschlangen.
+ Wie eine Goldspang eng den Frauenarm umschmiegt,
+ Und wie fest an dem Leib ein naßes Kleid anliegt:
+ So mit den Armen eng umschmiegten sich die beiden;
+ Anstrengten hin und her und wiegten sich die beiden:
+ An Kraft nicht, noch an Kunst besiegten sich die beiden.
+ Sie hätten Stein und Erz zerdrückt in ihren Armen;
+ Sie drückten sich umsonst, und drückten ohn Erbarmen.
+ Angst fühlte Brust an Brust, und Glied um Glieder Schmerz,
+ Als Vater dort und Sohn sich drückten so ans Herz.
+ Indessen oben sie sich mit den Armen klemmten,
+ Den Odem in der Brust, das Blut im Herzen hemmten;
+ Indessen hielten sie am Boden die gestemmten
+ Füß' eingewurzelt. So rang Suhrab mit Tehemten
+ Mit mächtigem Umfahn, gewaltigem Umschlingen,
+ Vermochten sie sich doch zu Boden nicht zu ringen,
+ Vermochten sie sich nicht vom Grund empor zu bringen,
+ Vermochten sie sich auch vom Platz nicht wegzudringen.
+ Umsonst umschlangen sie, umsonst umflochten sie;
+ Vergebens rangen sie, vergebens fochten sie.
+ Voll Wut andrangen sie, voll Wut aufkochten sie;
+ Sich nicht bezwangen sie, noch übermochten sie.
+ Nun wollten sies, anstatt mit Ringen und mit Dringen,
+ Mit Schwingen in die Luft vollbringen und erzwingen.
+ Los ließen Vater sich und Sohn, und seine Hand
+ Ausstreckte jeder nach des andern Gürtelband.
+ Und Rostem schwang den Sohn empor mit einem Schwunge
+ Am Gürtel: fast erlag dem Alten da der Junge.
+ Doch dieser fiel, vom Glück geschleudert, auf die Brust
+ Des Gegners schwer, und warf ihn nieder in den Dust.
+ Da kniet' er auf der Brust des Vaters, und besann
+ Sich selber nicht, wie er die Oberhand gewann.
+ Da zuckt' er rasch den Dolch, und, ohne dran zu denken,
+ Wollt er den kalten Stahl ins Herz des Vaters senken.
+
+
+ 101.
+
+ Rostem, aufblickend, sah das nahe Ungemach
+ Schweben ob seinem Haupt, und rief: Gemach, gemach!
+ Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,
+ So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!
+ Du kommest her und stammst aus wilder Türken Mitte:
+ Nach Iran kommst du, kämpfst, und kennst nicht Irans Sitte.
+ Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen
+ Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;
+ Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,
+ Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.
+ Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!
+ Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.
+ Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;
+ Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.
+ So sprach er, ob villeicht er sei durch List errettet
+ Vom Gegner, unter dem er unsanft lag gebettet.
+ Suhrab hielt zweifelnd inn, und sprach: Ich habe nicht
+ Von dieser Sitt im Land vernommen den Bericht.
+ Sag an, ob wirklich so es alle Helden halten,
+ Obs so gehalten wird von Rostem auch, dem alten?
+ Doch Rostem sprach: Was geht dichs an, wies Rostem macht?
+ Nun ja doch! diesen Brauch hat Rostem aufgebracht. --
+ Wie Rostems Sohn aus Rostems Mund dieß Wort gehört,
+ Das Schwert zog er zurück, und ließ ihn los, betört:
+ Einmal, von Selbstvertraun, sodann von Schicksalsfug,
+ Am meisten aber, weil sein Herz von Großmut schlug;
+ Sonst hätt ihn nicht allein betört des Vaters Trug.
+ Rostem sah froh erstaunt sich los vom Feind gekettet,
+ Doch war er unmutsvoll, daß ihn nur List gerettet.
+ Vom Boden sprang er auf, und schüttelte die Glieder
+ Vom Staub, und ein die ausgerenkten renkt' er wieder.
+ Doch Suhrab wendete von ihm sich ins Gefild,
+ Und jagte vor sich her ein aufgesprungnes Wild.
+ Auf dieses macht' er Jagd zur Kurzweil, und vergaß
+ Des Mannes ganz, mit dem er erst im Kampf sich maß.
+
+
+ 102.
+
+ Doch Rostem, als er war entbunden seiner Qual,
+ Gieng an den Bach hinauf, dort in ein Felsental,
+ Wo er vor langer Zeit einmal mit einem Geiste
+ Zusammentraf, als er des Wegs aus Turan reiste,
+ Als er dort aus dem Krieg mit Beute schwer beladen
+ Zurückkam, mühsam gieng er da auf seinen Pfaden.
+ Dem Rostem damals war solch eine Kraft verliehn,
+ Die nicht nur seinen Feind, die drückte selber ihn.
+ Denn wo er auf dem Grund mit seines Leibs Gewicht
+ Auftrat, gab nach der Grund, und widerstand ihm nicht.
+ Den Fußtritt drückt' er tief auch härterem Gestein,
+ Nicht lockerm Sande nur und weichem Boden ein:
+ So wehrlos schon, vielmehr wann er die Waffen trug,
+ Und nun trug er dazu noch schweren Raubs genug.
+ Im Melme sank ihm ein der Fuß bis an den Knöchel;
+ Da lachte neben ihm der Berggeist mit Geröchel.
+ Wer, fragte Rostem, lacht? Dumpf sprach der Berggeist: Ich!
+ Worüber? Weil ich seh im Grund einsinken dich.
+ Die dir die Mutter gab, die Kraft ist lästig dir,
+ Du bist zu schwach für sie, gib sie zu tragen mir!
+ Und brauchst du sie einmal, wann matt sind deine Glieder,
+ So komm und ruf! so geb ich deine Kraft dir wieder.
+ Da gab der Pehlewan dem Berggeist in Verwar
+ Den Ueberschuß der Kraft, die ihm beschwerlich war.
+ Jetzt aber kam er her, um, ehr im Berge modern
+ Er ließe seine Kraft, sie nun zurück zu fodern.
+ Denn gegen Suhrab war der Sieg ihm zweifelhaft,
+ Wenn er nicht näme ganz zusammen seine Kraft.
+
+
+
+
+ Elftes Buch.
+
+
+ 103.
+
+ Zu Suhrab aber, der froh seiner Jagd nachgieng,
+ Kam Barman, als der Tag sich an zu neigen fieng.
+ Er kam, von bangem Mut und Ungeduld getrieben,
+ Was in den Sternen nun ob Suhrab sei geschrieben,
+ Und welchen Wunsch erfüllt sehn sollt Afrasiab,
+ Von beiden wen im Grab, ob Rostem ob Suhrab?
+ Er wußte nicht, warum sie ihren Kampf geschieden,
+ Und fürchtete, daß Sohn und Vater machten Frieden.
+ Doch als er wolgemut herwandeln jenen sah,
+ Rief er ihn an, indem er trat mit Staunen nah:
+ Was ist es? was geschah? wo ist dir hingekommen
+ Der Gegner, den du dir zu würgen vorgenommen?
+ Doch Suhrab lächelnd sprach: Er ist mir nicht entwischt;
+ Auf einen neuen Gang hab ich mich angefrischt.
+ Ihn fragte Baruman: Warum ward aufgehoben
+ Der Kampf? Doch Suhrab sprach: Er ward nur aufgeschoben.
+ Im Ringen hatt ich ihn geworfen auf den Plan,
+ Schon zuckt ich meinen Dolch, da wars um ihn getan;
+ Doch er mit lautem Ruf rief mich um Schonung an:
+ Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,
+ So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!
+ Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen
+ Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;
+ Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,
+ Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.
+ Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!
+ Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.
+ Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;
+ Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.
+ So sprach er, und ich gab auf dieses Wort ihn frei,
+ Daß er mir erst erlegt im zweiten Gange sei!
+ So sprach Suhrab vergnügt; doch Barman sah das Walten
+ Des Himmels, daß Rostem für Iran sei behalten.
+ Zu Suhrab sprach er: Weh! du bist des Lebens satt:
+ Ein Glück begegnet nie zweimal an Einer Statt.
+ Den Pardel ließest du entspringen aus den Schlingen,
+ Darein ihn Gott dir gab: nun wird er dich verschlingen!
+ So sprach er misvergnügt, und wendete sich ab
+ Vom Knaben rasch, den er nunmehr verloren gab.
+ Er gieng hinweg, und sprach: Das Schicksal mag es lenken
+ Mit ihm, wies ihm gefällt! ich will das Heer bedenken.
+
+
+ 104.
+
+ Auf einem Felsenthron saß dort der Geist und sah,
+ Das Tal herauf ein Mann kam seinem Sitze nah.
+ Voll Muts und unmutsvoll umschauend kam er bei;
+ Da merkte wol der Geist, daß er gesuchet sei.
+ Ein Abendnebel lag als Helm auf seinem Haubte;
+ Den hob er weg, indem er mit dem Atem schnaubte.
+ Auf seinem Throne saß der Geist nun unverhüllt,
+ Doch finster, von des Bergs verborgner Kraft erfüllt.
+ Den Rostem rief er an: Wen und was suchst du? sprich!
+ Darauf sprach Rostem: Dich und meine Kraft such ich.
+ Ich seh und kenne dich, wie ich dich schon geschaut;
+ Du bist nicht seit der Zeit gealtert noch ergraut;
+ Doch kennst du mich? und weißt, was ich dir anvertraut?
+ Mit düsterm Lächeln gab zur Antwort ihm der Geist:
+ Ich kenne dich nicht mehr, Rostem! du bist ergreist.
+ Doch was bemühest du die alten Heldenglieder
+ Zu mir? Tehemten sprach: Gib meine Kraft mir wieder!
+ Bis heute kam ich aus mit dem, was ich gespart;
+ Das Ganze brauch ich heut; gib her, was du bewart!
+ Da sprach der Geist: Die Kraft des Menschenkinds, wann sie
+ Von ihm gewichen ist, kehrt ihm zurücke nie.
+ Denn keinem kann er sie zur Wiedergabe geben;
+ Du aber gabest mir die deine aufzuheben.
+ Wol aufgehoben hier ist sie und aufbehalten;
+ Viel beßer als bei dir ruht sie in Bergesspalten.
+ Warum willst du mit ihr dein alterndes Genick
+ Beladen? Held, du nimmst auf dich ein Misgeschick.
+ Doch weigern werd ich sie dir keinen Augenblick,
+ Wenn du sie ernstlich willst, und dreimal sie verlangest;
+ Allein bedenk es recht, wozu du sie empfangest!
+ Ich gebe, Stück für Stück, dir deine Kraft zurück,
+ Ich gebe sie dir, doch zum Unglück, nicht zum Glück.
+ Laß deine Kraft hier ruhn! du hast der Taten nun
+ Genug getan: zum Leid wirst du dir eine tun!
+ Tehemten, ja, ein Leid, ich fürchte, wirst du finden
+ Durch deine Kraft, davon dir selbst die Kraft wird schwinden.
+
+
+ 105.
+
+ So unterhandelten sie dort um Rostems Kraft;
+ Doch Rostems Sohn sah sich im Feld um zweifelhaft,
+ Und wußte nicht, was er vom Gegner denken sollte,
+ Der nicht erschien; und ob er heimwerts lenken sollte,
+ Ob warten noch, bis doch villeicht er wiederkäme,
+ Damit er heute noch das Leben hier ihm näme!
+ Am Ende dünkt' es doch das Beste seiner Meinung,
+ Im Feld zu warten noch auf seines Feinds Erscheinung.
+ Denn, sprach er, heute früh hat er auf mich gewartet,
+ Nun wart ich spät auf ihn, so ist es wolgeartet.
+ Der Abend ist so schön nicht, als es uns versprach
+ Der Morgen; in der Welt kommt Herbes Frohem nach.
+ Die Sonne sinkt, und läßt ein blutges Abendrot
+ Zurück als Abschiedsgruß, den sie dem Leben bot.
+ Wo aber bleibt der Mann, den ich nicht missen kann?
+ Ich töt ihn in der Nacht, weil er am Tag entrann!
+ So sprechend, blickt' er auf, und sah den Rostem kommen,
+ Alswie ein Meteor trübrötlich angeglommen.
+ Dem Suhrab schien er ganz verwandelt zauberhaft,
+ Von wunderbarem Glanz, in voller Jugendkraft.
+ Mit Staunen grüßt' er ihn, mit Zittern und Verzagen;
+ Wo er gewesen sei, hatt er nicht Mut zu fragen.
+ Er fragt': Und ringen wir noch heute vor der Nacht?
+ Und Rostem sprach: Ei ja! es ist geschwind vollbracht.
+ Da traten an zum Kampf der Vater und der Sohn;
+ Der angetan mit Kraft, die diesem war entflohn.
+ Wie, wann die Sonne sinkt, die Nacht siegjauchzen mag,
+ Und wann die Nacht erliegt, so triumfirt der Tag:
+ So mochte Rostem leicht ob Suhrab triumfiren,
+ Der nicht gewinnen konnt, und jener nicht verlieren.
+ Da zog die Dämmerung aus Abendwolkenflor
+ Dem Schauplatz dieses Wehs den dichten Vorhang vor;
+ Daß von dem Doppelheer, das als Zuschauer nah
+ Dem Schauspiel war, was da geschah, kein Auge sah.
+ Da griffen an die zwei, da war es schon getan;
+ Vom Vater war es ab-, und um den Sohn getan.
+ Rostem tat einen Ruck, und Suhrab lag im Dust;
+ Rostem tat einen Zuck, sein Dolch traf Suhrabs Brust.
+
+
+ 106.
+
+ Suhrab sprach todeswund: O ungetreuer Mann!
+ Das ist der Schonung Lohn, den ich von dir gewann.
+ Von Rostem hast du mir ein Märchen vorgelogen,
+ In Rostems Namen um mein Leben mich betrogen.
+ Doch sei ein Fisch im Meer, ein Vogel in der Luft,
+ Die Rach ereilet dich, wo ich lieg in der Gruft.
+ Wenn Rostem das erfärt, und er wird es erfaren;
+ Nicht wird ihm das Gerücht die Trauerkund ersparen --
+ Wenn Rostem es erfärt, so gibt er dir den Lohn
+ Dafür, daß du erschlugst sein und Tehminas Sohn.
+ Er sprachs und von dem Wort getroffen, Rostem schrak
+ Zusammen, alsob ihm der Dolch im Busen stak.
+ Er rief: O Unglückskind, was sagst du? sags geschwind,
+ Sags recht, wer deine unglückseligen Eltern sind!
+ Doch Suhrab sprach mit Stolz und Trauer in der Miene:
+ Ich bin Suhrab, der Sohn von Rostem und Tehmine;
+ Er Irans Hort, und sie Semengans Frauenzier.
+ Die Mutter hat mich hergesandt, den Vater hier
+ Zu suchen, weil er dort solang nicht kam zu ihr.
+ Die Spange gab sie mir mit als Erkennungszeichen;
+ Die Spange, die er ihr einst gab, sollt ich ihm reichen.
+ Die Spange trug ich nicht am Arme; vor Verlust
+ Sie zu bewaren, trag ich hier sie auf der Brust.
+ Reiß das Gewand hier auf am Busen, das mich drückt,
+ Und sieh das Zeichen, das den Sohn von Rostem schmückt!
+ So sprach er, und vor Weh dem Vater wollt entweichen
+ Die Seel, und harrte nur noch aufs Erkennungszeichen.
+ Wegriß er das Gewand, und sah, wie einen Molch
+ In Rosen, in der Brust dort sitzen seinen Dolch;
+ Der stak noch in der Wund, als Scheide, die er schloß;
+ Nun zog ihn Rostem aus, und Suhrabs Leben floß.
+ In Purpurwellen floß das Leben hin, und tränkte
+ Das Gold der Spange, die Tehminen Rostem schenkte.
+ Er zog der Spange Gold, besetzt mit den Rubinen
+ Vom Blut des Sohns, hervor, selbst mit blutlosen Mienen,
+ Und rief: Suhrab, mein Sohn! Weh Rostem und Tehminen!
+
+
+ 107.
+
+ Dumpf einen Augenblick in seines Jammers Füllen
+ Hinstarrte Rostem noch, dann hub er an zu brüllen.
+ Alswie ein Tiger brüllt, wann er, im Busch verhüllt,
+ Gelaurt auf einen Raub, von heißer Gier erfüllt:
+ Er lauert auf ein Rind, das von der Rinderherde
+ Dem grünen Busche nahn, und ihm verfallen werde.
+ Inzwischen geht einher des Tigers einzges Junges,
+ Das er im Neste glaubt, untüchtig noch des Sprunges.
+ Das kommt dem Busche nah, worin sein Vater lauert;
+ Der hört den Tritt im Gras, und ist von Lust durchschauert.
+ Er denkt: Da ist das Rind! und stürzt, vor Gierde blind,
+ So denkt er, auf das Rind, und stürzt aufs eigne Kind.
+ Dann siehet er, was ihm die blutgen Branken füllet;
+ Da bricht sein Tigerherz; und wie er nie gebrüllet,
+ So brüllt er: wie er nie gebrüllt in Wut um Blut,
+ Brüllt er nun um des Sohns vergoßnes Blut in Wut.
+ So brüllte Rostem jetzt, bis, sein nicht mehr bewußt,
+ Er hinsank atemlos an seines Sohnes Brust.
+ Ohnmächtig sank er hin, in Ohnmacht lag er da;
+ Das erstemal, daß dieß im Leben ihm geschah!
+ Erschöpft war seine Macht, und seine Kraft gebrochen,
+ Die Kraft, die er solang im Mark der alten Knochen
+ Getragen, samt der Kraft, die ihm aufs neu geworden
+ Recht eigentlich dazu, den eignen Sohn zu morden.
+ So lag er bei dem Sohn, selbst einem Toten gleich,
+ Und bei ihm lag der Sohn, im Antlitz todesbleich,
+ Im Antlitz todesbleich, am Herzen todeswund,
+ Mit Rosen seines Bluts blümend den grünen Grund.
+ Noch floß das Blut, noch stand der Odem nicht, noch sah
+ Und fühlt' er, sterbend freut' er sich dem Vater nah.
+ Den Vater, ob ihm schon von ihm dieß Leid geschah,
+ Den er allein gesucht, den hatt er doch gefunden,
+ Und lag, wie er geträumt, von seinem Arm umwunden.
+
+
+ 108.
+
+ Dort das Zuschauerheer, nichts schauend in der Hülle
+ Der Nacht, nachdem es erst vernommen ein Gebrülle
+ Vom Kampfplatz, nam es war jetzt eine Totenstille.
+ Sie ahneten, daß dort ein Unglück sei geschehn,
+ Und hatten nicht den Mut, mit Augen es zu sehn.
+ Da machten aus dem Heer von Iran einige Kühnen
+ Sich auf, und naheten zuletzt des Todes Bühnen.
+ Am Bache fanden sie, am Felsen, unter schaurig
+ Gesenkten Zweigen stehn die beiden Rosse traurig.
+ Wie sie da sahn den Rachs, den Thron des Rostem, leer
+ Von Rostem, eilten sie mit Klaggeschrei zum Heer,
+ Mit lautem Klaggeschrei: Tehemten ist nicht mehr!
+ Dahin ist Irans Hort! Rachs ist von Rostem leer!
+ Da kam ein Schreck aufs Heer, und wie ein Sturm das Meer
+ Bewegt, bewegte sie die Botschaft, dumpf und schwer.
+ In Aufruhr kam das Heer, und Alles trat in Wehr.
+ Die Pauke ward gerürt, und die Trommete klang;
+ Wie Wogen setzte sich das ganze Heer in Gang.
+ Vor ihrem Nahen drang den Kommenden voraus
+ Zur stillen Walstatt dort das wachsende Gebraus.
+ Rostem bei seinem Sohn aus seinem Todesschlummer
+ Erwachend, neu empfand er seinen Todeskummer.
+ In neuen Jammerton ausbrechen wollte schon
+ Sein Schmerz, da sänftigt' ihn mit sanftem Wort der Sohn,
+ Der seinen letzten Geist und letzten Hauch gewann,
+ Und sammelt' ihn, womit hinsterbend er begann
+ Die Rede, die ihm leis', alswie sein Blut, hinrann:
+
+
+ 109.
+
+ O Vater! eh mir fort das Leben rinnt, und dort
+ Die Fremden nahn, vernim des Sohnes letztes Wort!
+ Sein erstes, welches dich nicht zweifelnd Vater grüßt!
+ Von diesem Gruß ist mir der bittre Tod versüßt.
+ Ich habe nicht zu teur des Herzens Stolz gebüßt,
+ Tehemtens Sohn zu sein! mit dem vereint ich wollte
+ Die Welt bezwingen, die mich so bezwingen sollte!
+ Was klagest du und weinst? nicht du hast mich erschlagen;
+ Dazu bestimmt hat mich der Mutter Leib getragen.
+ Darum hat sie umsonst dem Sohne nachgesandt
+ Den Vetter, dem allein der Vater war bekant.
+ Erschlagen hast du ihn, Nachts auf die Burg gerant,
+ Damit von Niemand mir der Vater sei genant!
+ Wenn es die Mutter nun erfärt, was wird sie sagen?
+ Beklagen soll sie mich, und Rostem nicht verklagen.
+ Schick heim zu ihr von hier all meine Waffenzier,
+ Und auch die Spange, die von ihr ich brachte dir!
+ Laß auch den Baruman mit seinen Türken gehn
+ Unangefochten, die durch mich in Waffen stehn!
+ Nicht fechten werden sie, weil sie mich liegen sehn;
+ Denn dieser Aufbruch ist allein durch mich geschehn.
+ Auch den Hedschir, den ich im Schloß gefangen habe,
+ Mit Bitt und Drohungen ihn angegangen habe,
+ Dich mir zu zeigen, was hartnäckig er verschwieg,
+ Bis ich mein Ross, dich aufzusuchen, selbst bestieg;
+ Bestraf ihn nicht darum, daß er mir nicht gesagt
+ Den Namen! hab ich doch dich selbst umsonst gefragt!
+ Daß Guders nicht durch mich um einen ärmer werde
+ Der achtzig Söhne, weil durch ihn an kalter Erde
+ Tehemtens einer liegt! Weils ihm das Glück beschied,
+ Laß ich ihm gern das Schloß, und selber Gurdafrid.
+ Gurdaferid, so ist ein schönes Weib genant,
+ Die hat unlängst mich hier mit Waffen angerant,
+ Und mir verheißen, daß um mich sie wollte weinen,
+ Wann Rostem mich erlegt; das mag sie nun bescheinen!
+ O daß nicht bitterer die Mutter weinen müßte,
+ Wenn sie nun statt des Sohns die goldne Spange küsste!
+ Die Spange send ihr nur, mein Ross und meine Waffen;
+ Doch meinen Leib sollst du von hier nach Sabul schaffen
+ In deine Fürstengruft! und hier dein grünes Zelt
+ Spann über mir! so nem ich Abschied von der Welt.
+ Ich kam alswie ein Blitz, und gieng alswie ein Wind;
+ Nun, Rostem, sieh mit einem Blick noch an dein Kind!
+ Und mit gelindem Ton, eh mir die Kraft entflohn
+ Zu hören, nenne mich Suhrab, Tehemtens Sohn!
+
+
+ 110.
+
+ Er sprachs, und Rostem schwieg; er öffnete den Mund
+ Zu reden, aber zugeschnürt war ihm der Schlund.
+ Hinstarrt' er schweigend auf des jungen Dochts Verglühn.
+ So sieht ein Wanderer das Abendrot verblühn,
+ Das seinem Wege noch als letzte Fackel lacht;
+ Die Fackel lischt, und um ihn her ist finstre Nacht:
+ So war für Rostem bald nun ganz hinweggenommen
+ Des Lebens Lust, sobald das Leben dort verglommen.
+ Doch näher kam der Klang und Waffengang der Schar,
+ Und Rostem sprang empor, zerrüttet wie er war.
+ Von seinem Sohn hinweg entgegen trat er ihnen,
+ Mit Staub auf seinem Haupt, und Jammer in den Mienen;
+ Nie den Iraniern war Rostem so erschienen.
+ Allein sie sahen, daß am Leben Rostem sei,
+ Und übers ganze Heer erscholl ein Freudenschrei.
+ Wie eine Reiterschaar, die über ihrem Haubte
+ Die Fahne wieder sieht, die sie verloren glaubte,
+ Jauchzt, daß gerettet ist die Fahn, obgleich zerfetzt;
+ So jauchzten sie dem tiefgebeugten Helden jetzt.
+ Doch als er näher kam, sprach er, von Grimm und Gram
+ Zugleich bewegt, zugleich erregt von Stolz und Scham:
+ Ihr Fürsten Irans all und Edlen, kommt heran,
+ Und seht, was Rostem hier für Irans Ruhm getan!
+ Den Helden Turans, der sein Haupt im Himmel trug,
+ Den Schrecken Irans schlug Tehemten schwer genug.
+ Ich hab in Tag und Nacht geschlagen manche Schlacht,
+ Doch meinem Ruhm nie solch ein Opfer dargebracht.
+ Iranier, für euch hat Rostem hier geschlachtet
+ Den Suhrab, seinen Sohn, damit ihr ihn betrachtet!
+ Er sprachs, da war verstummt ihr Jauchzen in Entsetzen;
+ Er sprachs, ohn eine Wang, ein Auge nur zu netzen.
+ Sie sahn in seinem Blut den jungen Helden liegen,
+ Den Adler, dessen Mut zur Sonne war gestiegen;
+ So schön, so groß, so frei, so edel, kühn und stark,
+ Ob schwach auch, todesmatt, der Kern von Rostems Mark.
+ Sie riefen: Weh, daß solch ein Schmuck der Welt verdorben!
+ Er sah ihn an und sprach: Er ist noch nicht gestorben,
+ Und soll nicht sterben! Geh, Guders, zu Keikawus,
+ Und bring dem Könige von Rostem Bitt und Gruß.
+ Den Lebensbalsam, der des Todes Wunden stillt,
+ Der tropfenweis der Höl im Kaukasus entquillt,
+ Hat er in seinem Schatz; davon soll er mir geben
+ Drei Tropfen, daß Suhrab, mein Sohn, mir bleib am Leben!
+
+
+
+
+ Zwölftes Buch.
+
+
+ 111.
+
+ Hilfeile flügelte des greisen Boten Fuß,
+ Schnell bracht er an Kawus von Rostem Bitt und Gruß:
+ Von Rostem ist Suhrab, der Sohn Rostems, erschlagen;
+ Der Sieg am Feinde hat dem Vater Weh getragen;
+ Er wehklagt laut, und alle, die ihn sehn, wehklagen.
+ Er bittet dich durch mich, und all wir andern bitten:
+ Wenn Rostem je für dich gekämpft hat und gestritten,
+ Komm ihm zu Hilfe jetzt im Weh, das er erlitten!
+ Vom Lebensbalsam, der dem Kaukasus entquillt,
+ Den du im Schatze hast, der Todeswunden stillt,
+ Gib ihm drei Tropfen schnell, so du ihn retten willt!
+ Doch langsam sprach der Schah: Gottlob, der Sorg entkettet
+ Bin ich und aller Furcht, da Rostem ist gerettet;
+ Im Staube liegt sein Feind, da ist ihm wol gebettet.
+ All meinen Balsam gäb ich ja für Rostems Leben;
+ Doch keinen Tropfen werd ich einem Türken geben.
+ Rostem für Iran ist schon stark genug allein;
+ Mit solchem Sohn vereint, möcht er zu stark uns sein.
+ Der stolze Mann, soll ich ihm diesen Dienst erzeigen,
+ So muß er selber nahn und mir zu Fuße neigen!
+ Er sprachs, und jener sah des Königs harten Sinn,
+ Von seinem Flehen sei zu hoffen kein Gewinn;
+ Die üble Antwort trug er schnell zu Rostem hin:
+ Der Schah ist herbgelaunt; er will für Rostems Leben
+ All seinen Balsam, doch nicht einen Tropfen geben
+ Für Rostems Sohn. Soll er dir diesen Dienst erzeigen,
+ So mußt du selber gehn, und ihm zu Fuße neigen.
+ Da kämpfte Stolz und Schmerz in Rostem einen Kampf,
+ So heiß, daß sichtbar ihm vom Haupte stieg der Dampf:
+ Er hob und hielt den Schritt, und zuckte wie im Krampf.
+ Dann beugt' er sein Genick demütig dem Geschick;
+ Ertragen wollt er des feindselgen Königs Blick.
+ Drei schwere Schritte hatt er schon im Weg gemacht;
+ Da ward die Botschaft ihm in Eile nachgebracht:
+ Die Sonne, deren Ruhm der Welt geleuchtet, barg
+ Sich in die Nacht; dein Sohn braucht nichts als einen Sarg.
+
+
+ 112.
+
+ Tehemten gieng zurück zu seinem toten Sohn;
+ Sie hatten zugedeckt des Toten Antlitz schon.
+ Der Vater aber hob mit seiner Hand die Hüllen
+ Hinweg, um neu sein Herz mit Jammer zu erfüllen.
+ Rings war dreifache Nacht: am Himmel Nacht, im Herzen
+ Tehemtens Nacht, und Nacht verlöschte Suhrabs Kerzen.
+ Ihn sah beim Sternenlicht der Vater, und erschreckt
+ Stand er, dann rief er aus, als er ihn zugedeckt:
+ Oft hab ich wol dem Tod ins Angesicht geschaut
+ In mancher Schlacht, und nie hat mir vor ihm gegraut.
+ Und schöner hab ich ihn, als hier im Angesicht
+ Des Jünglings nie gesehn, doch ohne Grauen nicht!
+ Weh, Rostem, dir! weh dir! mit deinem Heldenruhme
+ Kaufst du vom Tod zurück nicht diese Liebesblume.
+ Zäl in Gedanken auf nur alle deine Taten!
+ Durch diese letzte hier sind alle schlecht geraten.
+ O unglückseliger geliebter Jüngling du,
+ So ruhest du durch mich, und raubest mir die Ruh!
+ Dich hat von Kindheit an ein falscher Glanz entzündet;
+ Das, was von Rostems Ruhm dir das Gerücht verkündet,
+ Das trieb zum Vater dich; dein Stolz und deine Lust,
+ Dein Leben wars, dein Tod, zu ruhn an seiner Brust.
+ Du hast mit Ungestüm dich an mein Herz gedrängt;
+ Dafür mit deinem Blut hab ich mein Erz getränkt!
+ Ich habe dich als Feind bewundert und beneidet,
+ Und finde dich als Sohn, daß mirs das Herz durchschneidet.
+ Dazu ward meinem Leib die Jugendkraft erneut!
+ Doch unerneubar nun brach sie mit dir mir heut.
+ Durch dich den größten Schmerz, durch dich hab ich erlitten
+ Die größte Schmach: erniedrigt hab ich mich zu bitten!
+ Zu bitten einen Schah, von dem ich war gewohnt,
+ Gebeten selbst zu sein, seitdem durch mich er thront.
+ Um dich demütigt ich dieß stolze Haubt in Staub,
+ Und habe nicht dadurch dem Tod geraubt den Raub!
+ Das laß die Sühnung sein, o Sohn, für alle Kränkung,
+ Die dir der Vater tat, nach unsrer Sterne Lenkung!
+ So wars verhängt, daß, der sein Haupt im Himmel trug,
+ Es brächt in Staub dadurch, daß er sein Kind erschlug.
+
+
+ 113.
+
+ So klagt' er in der Nacht, und um ihn klagend saßen
+ Die Fürsten her, die heut den Schmaus der Nacht vergaßen.
+ Voll war von Tröstungen der weisen Freunde Mund,
+ Vergebens, Rostem war um seinen Sohn herzwund.
+ Er hielt in seiner Hand die blutgenetzte Spange,
+ Und sprach zu ihr: Du kalte, glatte, gelbe Schlange!
+ Du hast mit deiner giftgen Heimlichkeit gestochen
+ Das Herz des Sohnes, und des Vaters Herz gebrochen.
+ Du selber brachest nicht; was hast du nicht gebrochen
+ Dein tötlich Schweigen, und der Rettung Wort gesprochen?
+ Dem Vater kontest du, daß der sein Sohn sei, sagen!
+ Warum hat er versteckt im Busen dich getragen?
+ Warum antwortet ich nicht seinen Liebesfragen?
+ Nun muß des Unglücks Schuld die arme Spange tragen!
+ Die Schuld trägt mir der Rachs, der Rachs, der, als ich schlief
+ Dort müde von der Jagd, sich im Geheg verlief,
+ Der von den Türken dort sich fangen ließ und füren
+ Zur Stadt, wohin ich dann nachgieng, ihn aufzuspüren.
+ O beßer wär ich nach Semengan nie gekommen!
+ Kein Leben hätt ich dir gegeben, noch genommen.
+ Nicht hätt ich in der Nacht mir dort antrauen laßen
+ Das blühnde Weib, um früh am Tag sie zu verlaßen.
+ Warum von einem Sohn gab sie mir Nachricht nie?
+ Warum erkundigt ich mich nie um ihn und sie?
+ O Rachs, geritten sind wir damals nicht mit Glück
+ Auf jene Jagd: dieß Weh bracht ich als Fang zurück.
+ Drum wirst du niemehr auch mit frölichem Behagen
+ Deinen Reiter wie sonst zu Jagd und Schlachten tragen!
+
+
+ 114.
+
+ So klagt' er in der Nacht, da stieg der Tag empor;
+ Und Kawus selber kam mit seines Hofes Chor.
+ Dem Helden bracht er dar Entschuldigung und Trost;
+ Kühl aber war sein Wort, alswie des Morgens Frost:
+ Des Reiches Pehlewan! was sitzest du im Staub,
+ Dem Kummer untertan, und deines Leides Raub?
+ Ob auf der Erde Grund des Himmels Zelt du würfest,
+ Ob Feuer in den Mund der weiten Welt du würfest;
+ Du brächtest nicht vom Gang zurück einen Gegangnen,
+ Und kauftest von dem Fang nicht los einen Gefangnen.
+ Das Leben ist ein Wild, vom Tode stets gehetzt;
+ Schnell ist das Leben, doch schneller der Tod zuletzt.
+ Kein Starker ist so stark, so rasch ist nicht der Rasche,
+ Den überwältigend sein Tag nicht überrasche.
+ Von ferne hab ich angestaunet diese Seule
+ Des Heeres, diese Brust und Schulter, diese Keule.
+ Ich sprach zu mir: An Art den Türken gleicht er nicht;
+ Von Sabuls Heldenstamm den Fürsten weicht er nicht.
+ Was wußt ich, daß er, Held, so nah dir sei verwandt,
+ Durch dich zu fallen hier, vom Schicksal hergesandt!
+ Mein Lebensbalsam nun vermag ihn nicht zu heilen;
+ Doch edle Spezerein will ich der Leich erteilen.
+ Ich ordne selbst die Pracht der Totenfeier an,
+ Zu ehren ihn und dich, des Reiches Pehlewan!
+ Sein Grab will ich aus Gold und schwarzem Marmor baun;
+ Nun laß das Antlitz mich des toten Helden schaun!
+
+
+ 115.
+
+ Er sprachs, und rührete der Totendecke Rand;
+ Doch Rostem deckte schwer auf seinen Sohn die Hand,
+ Und sprach, zum König nicht erhebend sein Gesicht:
+ Der König Keikawus sieht Rostems Jammer nicht!
+ Herr König, geht nach Haus! aus ist hier Kampf und Schmaus;
+ Des Sohnes Leichenfeir richt ich nun selber aus.
+ Geschlichtet mit dem Heer der Türken ist mein Streit;
+ Ich gebe bis zur Grenz ihm sicheres Geleit,
+ Auf Suhrabs Bitte, der darum mich sterbend bat,
+ Weil nur das ganze Heer für ihn die Fart antrat.
+ Von diesem Geiste war allein das Heer beseelt,
+ Und ist ein toter Leib, da dieser Geist ihm fehlt.
+ Genommen hab ich ihm den Geist mit dieser Hand;
+ Nun geb ich alle frei, der eine bleibt mein Pfand.
+ Keikawus, geh nach Haus, in Istachar zu sagen,
+ Wie leichten großen Sieg du hier davongetragen:
+ Geschlagen sei ein Heer, weil ich den Sohn erschlagen!
+ Geht alle heim, und laßt mich meinen Sohn beklagen!
+ Er sprachs, und schwieg, und nicht erhob er sein Gesicht;
+ Er blickt' auf seine Leich, und hielt die Decke dicht.
+ Keikawus sprach: Was er verordnet, sei getan;
+ Mich schmerzt in seinem Schmerz des Reiches Pehlewan.
+ Ihr alle folget mir, Heerfürsten groß und klein!
+ Den Rostem laßen wir mit seinem Schmerz allein.
+ Der König sprachs, und gieng, und alle folgten nach,
+ Und Rostem blieb allein mit seinem Weh und Ach.
+
+
+ 116.
+
+ Ins Lager zog das Heer, und ab ward Zelt um Zelt
+ Gebrochen schnell, als gieng in Trümmer eine Welt.
+ Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,
+ Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.
+ Sie furen heimwärts nun, doch traurig, ihre Bahn,
+ Denn ihnen fehlete des Reiches Pehlewan.
+ Doch Rostem richtete sich auf von seinem Sohn,
+ Und sah das Heer im Zug, und leer das Lager schon.
+ Von allen Zelten stand nur noch sein grünes da,
+ Hochragend, und umher die niedrigern ihm nah
+ Von seiner Sabulschar; die ordnete Sewar,
+ Sein Bruder, dort, dann stellt' er selber ihm sich dar.
+ Tehemten sprach zu ihm: So ist der Kampf geschieden!
+ Geh hin ans Türkenheer, Sewar, und bring ihm Frieden!
+ Zuerst räum ein die Burg dort oben dem Hedschir;
+ Sag ihm: Die schenkt Suhrab für treue Dienste dir!
+ Dann sprich zu Baruman: Auch dich zum Lohn der Treue
+ Entläßt Suhrab, damit Afrasiab sich freue!
+ Du selbst, o Bruder, gibst dem Türken das Geleit,
+ Bis er die Grenz erreicht, sie ist von da nicht weit.
+ Dann wende dich von ihm links auf Semengan zu,
+ Und an Tehmina dort die Spang hier bringe du!
+ Verwische nicht daran von Suhrabs Blut die Spur!
+ Es ist das einzige, was von ihm heimwerts fur.
+ Nim auch sein Waffenkleid, sein Ross und Kriegsgeschmeid,
+ Und gib ihrs, daß sie sich ersättige am Leid!
+ Sie wird des Rosses Huf an ihren Busen drücken,
+ Das Schwert (entwind es ihr!) nach ihrem Herzen zücken.
+ Die Hände ringen wird sie und das Haar zerraufen,
+ Blut weinen, und das Blut des Sohnes nicht erkaufen.
+ Vom Vater ihren Sohn wird sie zurückverlangen,
+ Und klagen, daß sie nicht einmal die Leich empfangen.
+ Zu Boden wird sie sich, ins Waßer, auf das Feuer
+ Sich werfen, und es dient nicht ihrem Weh zum Steuer.
+ Dann sag ihr das zum Trost, wie du mich hast gesehn:
+ Daß sie nicht mein', ihr sei das Leid allein geschehn!
+ Dann kehre schnell! hier wart ich dein bei Tag und Nacht;
+ Damit uns dieser dann nach Sabul sei gebracht!
+
+
+ 117.
+
+ So sprach er, und Sewar gieng an die Sendung schnell;
+ Doch Rostem rief: Schafft mir das grüne Zelt zur Stell!
+ Ich geh nicht hier vom Ort, wo ich den Sohn erschlagen;
+ Doch über ihn im Tod soll auch mein Heerzelt ragen.
+ So rief er, und geschwind ward von der Sabulschar
+ Das grüne Heerzelt aufgespannt, wo Suhrab war.
+ Der Vater ließ sodann in edle Spezereien
+ Ihn legen, daß bewart die schönen Glieder seien.
+ Wie eine Rose, die den ganzen Stock geschmückt,
+ Im Morgenthau am Stiel vom Gärtner abgepflückt,
+ Damit sie bleibe frisch, ins Waßer wird gesteckt;
+ So blühend lebensgleich lag er vom Tod gestreckt.
+ Auf Purpur und Brokat lag er in Gold und Seide;
+ So schmückt' ihn sich zur Lust der Vater und zum Leide.
+ Dann aber ordnet' er die Totenfeier an,
+ Und feierlich im Zug zog Sabuls Heer heran.
+ Sie zogen, Ross und Mann, am grünen Zelt vorbei,
+ Im Kreiß umher, mit Feldmusik und Feldgeschrei.
+ Den Rossen aber war geschoren Mähn und Schweif,
+ Und an den Pauken abgespannt der ehrne Reif;
+ Die Bogen ohne Senn, und alle Spitzen stumpf:
+ So zogen sie, und all die Pauken schollen dumpf.
+ Dreimal an jedem Tag, am Morgen, um die Mitte
+ Des Tags, und vor der Nacht, pflogen sie dieser Sitte.
+ Rostem auf seinem Rachs ritt nicht dem Zug voran;
+ Bei seinem Sohne saß im Zelt der Pehlewan.
+ Doch jeden Morgen sprach er da: Suhrab, mein Sohn!
+ Hörst du den Kriegsheerton, und wachst nicht auf davon?
+ Und jeden Abend dann sprach er: Mein Sohn Suhrab!
+ Die Sonne geht hinab, und du gehst in dein Grab.
+ Als er zum neuntenmal um sein erloschnes Glück
+ Am Abend trauerte, kehrt' ihm Sewar zurück.
+
+
+ 118.
+
+ Und als vom Schlaf der Nacht war neu das Heer erwacht,
+ Sprach Rostem, der verwacht bei seinem Sohn die Nacht:
+ Sewar, mein Bruder! jetzt brecht überm Haupt mir ab
+ Das grüne Zelt, und nehmt von mir hinweg Suhrab!
+ Bringt ihn nach Sabul in die Gruft, in der ich wollte
+ Gern schlafen, wenn ich ihn damit erwecken sollte.
+ Sag unsrer Mutter dort, der alternden Rudabe,
+ Die oft gewünscht, von mir würd ihr ein Enkelknabe:
+ Hier schick ich einen ihr, so schön, wie sie ihn nur
+ Gewünscht; von einem Fehl an ihm ist keine Spur,
+ Nur daß des Vaters Dolch fehl gieng in seine Brust:
+ Verdorben hat der Sohn am Enkel ihr die Lust.
+ Ihr geht! ich bleibe hier; fragt nicht warum! was mir
+ Begegne, fragt nur nicht! doch laßt den Rachs mir hier!
+ Grüß alle Mannen dort, das ganze Volk und Land;
+ Sewar, das alles geb ich nun in deine Hand.
+ Der Mutter wag ich nicht zu sehn ins Angesicht,
+ Und keinem Menschen dort; nach Sabul kann ich nicht.
+ Umtummeln muß ich hier mich etwas in der Oede,
+ Daß ich den Schmerz in mir, den grimmen Drachen, töde.
+ Das ist das kleinste nicht der Rostemsabenteuer,
+ Denn grimmig ist der Drach, und speiet Gift und Feuer.
+ Nun Glück zur Fart nach Haus! und laßts euch nicht beschweren,
+ Daß ich euch fürt' heraus, und laß euch so rückkehren!
+ Lebt alle wol! wenn man daheim von Rostem spricht,
+ Und fragt, wohin er kam? so sagt, ihr wißt es nicht.
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Rechtschreibung des Vorlagentextes wurde beibehalten, ebenso
+unterschiedliche Schreibweisen, wie Speer/Sper, thun/tun, wohl/wol etc.
+
+Änderungen:
+ S. 36: nach "der glaubt wol dem Gerüchte" wurde ein Komma ergänzt
+ S. 71: nach "bringt mein Kind zurück?" wurde ein « ergänzt
+ S. 87: nach "umschweifen in den Landen" wurde ein Punkt ergänzt
+ S. 116: nach "und giengen auch davon" wurde ein Punkt ergänzt
+ S. 155: "einen solchen Art" wurde geändert in "einen solcher Art"
+ S. 206: nach "Nun lebe länger noch" wurde ein Komma ergänzt
+ S. 241: nach "Wie eine Reiterschaar" wurde ein Komma ergänzt
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB ***
+
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert
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+Title: Rostem und Suhrab
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+Author: Friedrich Rückert
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+Release Date: May 22, 2010 [EBook #32481]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB ***
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+Produced by Karl Eichwalder, Wolfgang Menges and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+<h1>Rostem <span class="small">und</span> Suhrab.</h1>
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+<p class="title">Eine Heldengeschichte</p>
+
+<p class="title spaced big">in zw&ouml;lf B&uuml;chern</p>
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+<p class="title small">von</p>
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+<p class="title big">Friedrich R&uuml;ckert.</p>
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+<hr style="margin-left: auto; margin-right: auto; width: 5%" />
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+<p class="title small">Zweite Auflage.</p>
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+<div class="figcenter" style="width: 260px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/signet.png" width="260" height="260" alt="Verlags-Signet" title="" />
+</div>
+
+<p class="title" style="margin-bottom: 0em">Stuttgart.</p>
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+<p class="title spaced" style="margin-top: 0em; margin-bottom: 0em">Verlag von S. G. Liesching.</p>
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+<p class="title spaced" style="margin-top: 0em; margin-bottom: 0em">1846.</p>
+
+<p class="center" style="margin-top: 0em; margin-bottom: 6em">Druck von J. <span class="spaced">Kreuzer</span> in <span class="spaced">Stuttgart</span>.</p>
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+<p class="center" style="margin-bottom: 6em">
+<a name="inhalt" id="inhalt"></a>
+<a href="#buch_1">Erstes Buch</a><br />
+<a href="#buch_2">Zweites Buch</a><br />
+<a href="#buch_3">Drittes Buch</a><br />
+<a href="#buch_4">Viertes Buch</a><br />
+<a href="#buch_5">F&uuml;nftes Buch</a><br />
+<a href="#buch_6">Sechstes Buch</a><br />
+<a href="#buch_7">Siebentes Buch</a><br />
+<a href="#buch_8">Achtes Buch</a><br />
+<a href="#buch_9">Neuntes Buch</a><br />
+<a href="#buch_10">Zehntes Buch</a><br />
+<a href="#buch_11">Elftes Buch</a><br />
+<a href="#buch_12">Zw&ouml;lftes Buch</a><br />
+</p>
+
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+<div class="poem">
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+
+<h2><a name="buch_1" id="buch_1"></a><a href="#inhalt">Erstes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_1" id="s_1"></a>1.</h3>
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+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">L</span>a&szlig; aus dem K&ouml;nigsbuch der Perser dir berichten<br /></span>
+<span class="i0">Von Rostem und Suhrab die sch&ouml;nste der Geschichten,<br /></span>
+<span class="i2">Von Heldenruhm, wie leicht er Frauenlieb erwarb,<br /></span>
+<span class="i0">Und wie der eigne Sohn, erlegt vom Vater, starb!<br /></span>
+<span class="i2">Held Rostem sprach, als er am Morgen war erwacht:<br /></span>
+<span class="i0">Auch heute hab ich nicht zu reiten in die Schlacht.<br /></span>
+<span class="i2">Afrasiab, der F&uuml;rst von Turan, l&auml;&szlig;et ruhn<br /></span>
+<span class="i0">Die Waffen, friedlich bl&uuml;ht das Reich von Iran nun;<br /></span>
+<span class="i0">Doch in der Friedensruh was soll ich selber thun?<br /></span>
+<span class="i2">Da r&uuml;stet' er sich schnell zur Jagd, er band in Eile<br /></span>
+<span class="i0">Den G&uuml;rtel fest, und hieng den K&ouml;cher um voll Pfeile.<br /></span>
+<span class="i2">Den Bogen pr&uuml;ft' er, ob er nicht die Kraft verlor;<br /></span>
+<span class="i0">Dann zog er aus dem Stall den edlen Hengst hervor.<br /></span>
+<span class="i2">Dem war die Weile dort wie seinem Herren lang;<br /></span>
+<span class="i0">Er wieherte vor Lust, als er ihn setzt' in Gang.<br /></span>
+<span class="i2">Er schwang sich auf den Rachs, und sagte nicht ein Wort<br /></span>
+<span class="i0">Den Seinigen im Haus, in Eile ritt er fort.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_4" id="page_4">4</a></span>
+<span class="i2">Der Mark von Turan zu wandt er sein lockig Haupt,<br /></span>
+<span class="i0">Alswie ein L&ouml;we, der nach seiner Beute schnaubt.<br /></span>
+<span class="i2">Wie zu der Turanmark er hingekommen war,<br /></span>
+<span class="i0">Die Haide nam er da voll wilder Elke war.<br /></span>
+<span class="i2">Wie eine Rose war erbl&uuml;ht des Helden Wange<br /></span>
+<span class="i0">Vor Lust, er tummelte den Rachs mit raschem Gange.<br /></span>
+<span class="i2">Mit Pfeil und Bogen bald, mit Keul und Fangeschnur,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Dutzend St&uuml;cke warf er nieder auf die Flur.<br /></span>
+<span class="i2">Aus Dornen und Gestr&auml;uch und manchem Baumesast<br /></span>
+<span class="i0">Entz&uuml;ndet' er darauf ein Feur von starkem Glast.<br /></span>
+<span class="i2">Und als zu Kolenglut war eingebrant die Flamm,<br /></span>
+<span class="i0">Erkor der Recke sich zum Bratspie&szlig; einen Stamm.<br /></span>
+<span class="i2">Der Elke feistesten steckt' er an diesen Baum,<br /></span>
+<span class="i0">Der wog in seiner Hand nicht eines Vogels Flaum.<br /></span>
+<span class="i2">Er drehte wohl den Spie&szlig;, da&szlig; fein der Braten briete<br /></span>
+<span class="i0">Auf allen Seiten gleich, und nirgend ihm misriete.<br /></span>
+<span class="i2">Und als er gaar nun war, nam er ihn vor, und sa&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Am gr&uuml;nen Boden hin mit guter Lust und a&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Wobei er auch das Mark im Knochen nicht verga&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Ges&auml;ttigt, schritt er nun hin wo ein Wa&szlig;er lief,<br /></span>
+<span class="i0">Zur Gn&uuml;ge trank er auch, dann legt' er sich und schlief.<br /></span>
+<span class="i2">Am Rand des Baches lag der Held, den hei&szlig;en Tag<br /></span>
+<span class="i0">Ausschlafend, und sein Ross gieng weidend frei im Hag.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_5" id="page_5">5</a></span><a name="s_2" id="s_2"></a>2.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">A</span>ls Rostem lag und schlief, und an sein Ross nicht dachte,<br /></span>
+<span class="i0">Da kamen T&uuml;rken her, ein sieben oder achte.<br /></span>
+<span class="i2">Die sahn ein edles Ross frei weiden in dem Bann<br /></span>
+<span class="i0">Von Turan, und zu sehn zum Rosse war kein Mann.<br /></span>
+<span class="i2">Worauf sie sich alsbald das Ross zu fangen schickten:<br /></span>
+<span class="i0">Sie h&auml;ttens nicht gewagt, wo sie den Mann erblickten!<br /></span>
+<span class="i2">Da kamen sie dem Rachs mit ihrer Fangschnur nah;<br /></span>
+<span class="i0">Aufschnaubt' er wie ein Leu, da er die Fangschnur sah.<br /></span>
+<span class="i2">Nicht wollte sich der Rachs geduldig la&szlig;en fangen,<br /></span>
+<span class="i0">Es w&auml;re schlimm zuvor erst einigen ergangen.<br /></span>
+<span class="i2">Den Kopf vom Rumpfe ri&szlig; dem einen sein Gebi&szlig;;<br /></span>
+<span class="i0">Derweil ein Hufschlag zwei zu Boden hinten schmi&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Der k&uuml;hnen T&uuml;rken so get&ouml;dtet lagen drei,<br /></span>
+<span class="i0">Das kriegerische Ross war noch von Banden frei.<br /></span>
+<span class="i2">Doch unverdro&szlig;en st&uuml;rmt herbei der andre Tross,<br /></span>
+<span class="i0">Und warfen &uuml;bers Haupt mit M&uuml;h die Schnur dem Ross.<br /></span>
+<span class="i2">Geb&auml;ndigt f&uuml;hren sies zur nahen Stadt in Eil,<br /></span>
+<span class="i0">Es w&auml;r um vieles Gold ihr Fang nicht ihnen feil.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_6" id="page_6">6</a></span>
+<span class="i2">Es sei von hoher Art, ersahn sie an den Zeichen;<br /></span>
+<span class="i0">Jedweder wollte Teil am edlen Hengst erreichen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie f&uuml;rchteten, der Raub werd ihnen bald entf&uuml;hrt,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht lange bliebe solch ein Schatz unaufgesp&uuml;rt.<br /></span>
+<span class="i2">Da brachten sie geschwind ihn zu der Stuterei,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; seines Samens doch teilhaftig jeder sei.<br /></span>
+<span class="i2">Ich h&ouml;rte, da&szlig; er dort auf zwanzig Stuten sprang,<br /></span>
+<span class="i0">Die alle seiner Wucht erlagen beim Empfang.<br /></span>
+<span class="i2">Und nur von einer ward getragen Leibesfrucht;<br /></span>
+<span class="i0">Zu Gro&szlig;em war bestimmt das Folen edler Zucht.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_7" id="page_7">7</a></span><a name="s_3" id="s_3"></a>3.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Rostem, wie er dort von seinem Schlaf erwachte,<br /></span>
+<span class="i0">Das erste war sein Ross, an das er wieder dachte.<br /></span>
+<span class="i2">Er blickt' umher, und sah sein Ross nichtmer im Hag;<br /></span>
+<span class="i0">Verlaufen hatt es ihm sich nie vor diesem Tag.<br /></span>
+<span class="i2">Laut rief er ihm; sonst kams auf leisen Ruf herbei;<br /></span>
+<span class="i0">Nun kam es nicht; da sprang er auf mit lautem Schrei.<br /></span>
+<span class="i2">Er suchte rings im Hag, er sp&auml;hte durch die Flur,<br /></span>
+<span class="i0">Von seinem Rosse fand er hier und dort die Spur,<br /></span>
+<span class="i2">Es selber fand er nicht, und rief: O weh! verloren<br /></span>
+<span class="i0">Hab ich, derweil ich schlief, mein Ross gleich einem Toren.<br /></span>
+<span class="i2">Was soll ich ohne Ross mit dieser R&uuml;stung thun?<br /></span>
+<span class="i0">Des Rittes lang gewohnt, geh ich zu Fu&szlig;e nun?<br /></span>
+<span class="i2">Was werden T&uuml;rken, wenn sie mir begegnen, sagen,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich den Sattel mu&szlig;, statt mich der Sattel, tragen?<br /></span>
+<span class="i2">Verlaufen hat sichs nicht, das ist nicht seine Art;<br /></span>
+<span class="i0">Nun desto schlimmer, wenn es mir gestolen ward!<br /></span>
+<span class="i2">Doch lang bleibt nicht der Rachs des Rostem unbekant;<br /></span>
+<span class="i0">Auffinden werd ich ihn, der mir den Rachs entwandt!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_8" id="page_8">8</a></span>
+<span class="i2">Kam wol, derweil ich schlief, ein ganzes T&uuml;rkenheer?<br /></span>
+<span class="i0">Denn einem einzgen ist der Rachs zu fangen schwer.<br /></span>
+<span class="i2">Doch den Gedanken ist vergebens nachzuhangen;<br /></span>
+<span class="i0">Auf, r&uuml;ste dich zum Gang, weil dir dein Ross entgangen!<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er unmutsvoll, und schwieg, und schaute stumm<br /></span>
+<span class="i0">Noch eine Weile sich nach seinem R&ouml;sslein um;<br /></span>
+<span class="i2">Denn immer dacht er noch, es m&uuml;&szlig;te wieder kommen:<br /></span>
+<span class="i0">Wer auf der Welt sollt ihm haben den Rachs genommen?<br /></span>
+<span class="i2">Als aber doch der Rachs nicht wiederkommen wollte,<br /></span>
+<span class="i0">Macht' er sich endlich an den sauren Gang, und grollte.<br /></span>
+<span class="i2">Mit Waffen und Geschirr belud er sich, und sprach<br /></span>
+<span class="i0">Noch viel mit sich, indem er gieng den Spuren nach.<br /></span>
+<span class="i2">Die Spuren leiteten zur Stadt Semengan ihn,<br /></span>
+<span class="i0">Die dort im Abendstral zu ihm her&uuml;ber schien.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_9" id="page_9">9</a></span><a name="s_4" id="s_4"></a>4.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r sprach: Das ist die Stadt, in der ein K&ouml;nig sitzt,<br /></span>
+<span class="i0">Der es mit Turan jetzt und h&auml;lt mit Iran itzt,<br /></span>
+<span class="i2">Der wie die Wage schwank sich nach der Seite neigt,<br /></span>
+<span class="i0">Wo sich ein Perser hier und dort ein T&uuml;rke zeigt.<br /></span>
+<span class="i0">Den Rostem kennen sie, wenn er zu Pferde steigt!<br /></span>
+<span class="i2">Doch fehlt mir ja der Rachs, da&szlig; ich zu Pferde steige!<br /></span>
+<span class="i0">Ob ich zu Fu&szlig;e denn mich in Semengan zeige?<br /></span>
+<span class="i2">Ich geh in ihre Stadt zu Fu&szlig; mit meinen Waffen,<br /></span>
+<span class="i0">Und seh, ob meinen Rachs sie dort mir wieder schaffen!<br /></span>
+<span class="i2">Ich sag es ihnen gleich, da&szlig; sie ihn schaffen sollen,<br /></span>
+<span class="i0">Und denke nicht, da&szlig; sie ihn vorenthalten wollen!<br /></span>
+<span class="i2">Ich werb um Gastherberg in dieser Stadt der Grenzen,<br /></span>
+<span class="i0">Und sehe, was beim Schmaus dem Rostem sie kredenzen!<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er unterm Gehn, doch aus den Augen lie&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Er nie dabei die Spur, die sich am Boden wies;<br /></span>
+<span class="i2">Bis die in Schilf und Rohr am Flu&szlig;e sich verlor;<br /></span>
+<span class="i0">Da lie&szlig; er sie, und gieng grad auf Semengans Tor.<br /></span>
+<span class="i2">Nun in Semengan ward dem K&ouml;nig angesagt:<br /></span>
+<span class="i0">Held Rostem kommt, er hat im T&uuml;rkenforst gejagt.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_10" id="page_10">10</a></span>
+<span class="i2">Zu Fu&szlig;e geht einher die lichte Kronenzier,<br /></span>
+<span class="i0">Weil ihm entlaufen ist der Rachs im Jagdrevier.<br /></span>
+<span class="i2">Der K&ouml;nig, wie er die&szlig; vernam, war er gesch&uuml;rzt,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig;nicht ein solcher Gast an Ehren sei verk&uuml;rzt.<br /></span>
+<span class="i2">Da zogen aufs Gebot des K&ouml;nigs alle Degen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Edlen all des Hofs, dem Edelsten entgegen.<br /></span>
+<span class="i2">Entgegen zog ihm, wer aufs Haupt nur einen Helm<br /></span>
+<span class="i0">Zu setzen hatt, und wer zur&uuml;ckblieb, war ein Schelm.<br /></span>
+<span class="i2">Sie reihten feierlich sich um den Heldenglanz,<br /></span>
+<span class="i0">Wie um der Sonne Haupt der Abendwolke Kranz.<br /></span>
+<span class="i2">So f&uuml;hrten sie zur Stadt das Licht der Ehren ein,<br /></span>
+<span class="i0">Als eben &uuml;ber ihr erlosch des Tages Schein.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_11" id="page_11">11</a></span><a name="s_5" id="s_5"></a>5.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>er K&ouml;nig trat zu Fu&szlig; hervor aus dem Palast,<br /></span>
+<span class="i0">Der Hofstaat um ihn her, entgegen seinem Gast.<br /></span>
+<span class="i2">Er gr&uuml;&szlig;t' und neigte sich: Woher durch Wald und Feld,<br /></span>
+<span class="i0">Und kein Begleiter ist mit dir, o Kampfesheld?<br /></span>
+<span class="i2">Hast du den Tag vollbracht mit Jagd im Jagdrevier,<br /></span>
+<span class="i0">Und suchest nun zur Nacht bei Freunden Nachtquartier?<br /></span>
+<span class="i2">Wir alle sind hier nur auf deinen Wunsch bedacht,<br /></span>
+<span class="i0">Und zu Befehle steht Semengan deiner Macht.<br /></span>
+<span class="i2">Die Leben stehen dir und G&uuml;ter zu Befehle;<br /></span>
+<span class="i0">Die Edeln, Edelster, sind dein mit Leib und Seele.<br /></span>
+<span class="i2">Was w&uuml;nschest du? es soll geschehen, o Pehlewan!<br /></span>
+<span class="i0">Gebeut, was wir dir thun, und denk, es sei gethan!<br /></span>
+<span class="i2">Held Rostem h&ouml;rte gern die Rede sanft und zahm,<br /></span>
+<span class="i0">Wol merkt' er, ihnen sei die Hand zum B&ouml;sen lahm.<br /></span>
+<span class="i2">Er sprach: Abhanden kam der Rachs mir auf der Flur,<br /></span>
+<span class="i0">Und hier bis an die Stadt geht seiner Tritte Spur.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn du mir diese Nacht ihn wieder schaffen kannst,<br /></span>
+<span class="i0">So wi&szlig;e, da&szlig; du Dank von mir und Preis gewannst.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_12" id="page_12">12</a></span>
+<span class="i2">Doch wenn ihr mir den Rachs nicht werdet wieder schaffen,<br /></span>
+<span class="i0">So sollen durch mein Schwert hier breite Wunden klaffen.<br /></span>
+<span class="i2">Der K&ouml;nig sprach erschreckt: Held ohne Furcht und Zagen,<br /></span>
+<span class="i0">Wer d&uuml;rfte wol den Rachs dir zu entwenden wagen?<br /></span>
+<span class="i2">Sei du mein Gast, la&szlig; dir den Ehrenbecher spenden<br /></span>
+<span class="i0">In Frieden, und nach Wunsch wird sich die Sache wenden.<br /></span>
+<span class="i2">Von Rostems Rosse bleibt die F&auml;hrte nicht verborgen;<br /></span>
+<span class="i0">Wir schaffen dir den Rachs; gedulde dich bis morgen!<br /></span>
+<span class="i2">Mit ungest&uuml;mer Hast gelangt man nicht zum Fange;<br /></span>
+<span class="i0">Mit sanften Worten lockt man aus dem Loch die Schlange.<br /></span>
+<span class="i2">Drum s&auml;nfte deinen Zorn, kehr ein, und la&szlig; beim Wein<br /></span>
+<span class="i0">Mit Herzen sorgenfrei die Nacht uns fr&ouml;hlich sein!<br /></span>
+<span class="i2">Wir bringen dir den Rachs, o tapfrer Kampfgesell,<br /></span>
+<span class="i0">Wir bringen ihn, bevor der Morgen tagt, zur Stell;<br /></span>
+<span class="i0">Uns sei die Hall indes vom Licht des Weines hell!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_13" id="page_13">13</a></span><a name="s_6" id="s_6"></a>6.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>er L&ouml;wenmutige ward dieser Rede froh,<br /></span>
+<span class="i0">Davon aus seiner Brust so Groll als Unmut floh.<br /></span>
+<span class="i2">Es d&uuml;nkt' ihm gut, da&szlig; er zum K&ouml;nigshause gienge,<br /></span>
+<span class="i0">Als wolgemuter Gast zu Fest und Schmause gienge.<br /></span>
+<span class="i2">Ihm gab den Ehrensitz der K&ouml;nig im Palast,<br /></span>
+<span class="i0">Auf F&uuml;&szlig;en dienstbereit stand er vor seinem Gast.<br /></span>
+<span class="i2">Die H&auml;upter aus der Stadt, die H&auml;upter aus dem Heer,<br /></span>
+<span class="i0">Berief und pflanzt' er beim Gelag um Rostem her.<br /></span>
+<span class="i2">Den K&ouml;chen er befal, von allen guten Dingen<br /></span>
+<span class="i0">Gerichte zu der Wal des Helden herzubringen.<br /></span>
+<span class="i2">Da ward hereingebracht ein ausgesuchtes Mal,<br /></span>
+<span class="i0">Der Silbersch&uuml;&szlig;eln Pracht und goldner Schaalen Zal;<br /></span>
+<span class="i0">Aus China war beim Fest chinesischer Pokal.<br /></span>
+<span class="i2">In diesem ward kredenzt Wein unter Lautent&ouml;nen<br /></span>
+<span class="i0">Von rosenwangigen gasellenaugigen Sch&ouml;nen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie mengten Saitenspiel und Wein mit Schmeichelei,<br /></span>
+<span class="i0">Damit nicht ungemut der Hochgemute sei.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_14" id="page_14">14</a></span>
+<span class="i2">Er h&ouml;rte seine Lust, und schaute sein Vergn&uuml;gen,<br /></span>
+<span class="i0">Und trank den frohen Mut dazu in langen Z&uuml;gen.<br /></span>
+<span class="i2">Mit allen Sinnen so sch&ouml;pft' er des Festes Wonne,<br /></span>
+<span class="i0">Ihm stralte sein Gesicht bei Nacht wie eine Sonne.<br /></span>
+<span class="i2">Und allen, welche da das helle Angesicht<br /></span>
+<span class="i0">Des Helden leuchten sahn, wards in der Seele licht.<br /></span>
+<span class="i2">Die Becher lie&szlig; er nicht die ungetrunknen s&auml;umen;<br /></span>
+<span class="i0">Und als er trunken war, dacht er den Sitz zu r&auml;umen.<br /></span>
+<span class="i2">Da war bereit f&uuml;r ihn, gew&ouml;lbet k&uuml;hl und luftig,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Schlafgemach, von Musk und Rosenwa&szlig;er duftig.<br /></span>
+<span class="i2">Im k&uuml;hlen Schlafgemach verschlief auf seidnen Decken<br /></span>
+<span class="i0">So M&uuml;digkeit als Rausch Rostem, der Feinde Schrecken.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_15" id="page_15">15</a></span><a name="s_7" id="s_7"></a>7.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">U</span>m Mitternacht, wenn sich des Poles Wagen drehn,<br /></span>
+<span class="i0">Ward leises Wort gesagt bei leiser Tritte Gehn.<br /></span>
+<span class="i2">Ger&auml;uschlos aufgetan ward Rostems Ruhgemach,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Staunen ward der Held beim Glanz von Fackeln wach.<br /></span>
+<span class="i2">Tehmina stand vor ihm, bestralt von Stein und Gold,<br /></span>
+<span class="i0">Die K&ouml;nigstochter von Semengan wunderhold.<br /></span>
+<span class="i2">Ihr standen beiderseits mit Fackeln Dienerinnen;<br /></span>
+<span class="i0">Sie stralte hell vom Glanz der Fackeln und der Minnen.<br /></span>
+<span class="i2">Der Reiz der Jugend war in den der Scham getaucht,<br /></span>
+<span class="i0">Der Wangen Lilien von Rosen &uuml;berhaucht.<br /></span>
+<span class="i2">Doch im Rubinenschlo&szlig; des Mundes lag bewart<br /></span>
+<span class="i0">Geheimnis liebliches, f&uuml;r diese Nacht gespart.<br /></span>
+<span class="i2">Er richtete sich auf, und staunte lang und tief,<br /></span>
+<span class="i0">Indem er Preis ob ihr und ihrem Sch&ouml;pfer rief.<br /></span>
+<span class="i2">Er fragte sie und sprach: Wie, Holde, nennst du dich?<br /></span>
+<span class="i0">Und was in finstrer Nacht zu suchen kommst du, sprich!<br /></span>
+<span class="i2">Zur Antwort gab sie ihm: Tehmina ist mein Name,<br /></span>
+<span class="i0">Gespalten ist mein Herz von einem tiefen Grame.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_16" id="page_16">16</a></span>
+<span class="i2">Ich bin des Schahes von Semengan einzig Kind,<br /></span>
+<span class="i0">Von Kindheit auf, im Lauf, der Neid von Hirsch und Hind;<br /></span>
+<span class="i0">Sie holen mich nicht ein, mich holt nicht ein der Wind.<br /></span>
+<span class="i2">Allein die Sehnsucht kam mich heimlich einzuholen,<br /></span>
+<span class="i0">Die f&uuml;hrt mit diesem Gram mich her zu dir verstolen.<br /></span>
+<span class="i2">Wie eine Wundersag hab ich aus jedem Munde<br /></span>
+<span class="i0">Geh&ouml;rt zu jeder Stund, an jedem Ort die Kunde,<br /></span>
+<span class="i2">Wie du so tapfer bist, und tr&auml;gest keine Scheu<br /></span>
+<span class="i0">Vor Tiger, Elefant und Krokodil und Leu.<br /></span>
+<span class="i2">Du schirmest ganz allein Iran mit deiner Kraft,<br /></span>
+<span class="i0">Und Turan zittert, wenn sich r&uuml;hrt dein Lanzenschaft.<br /></span>
+<span class="i2">Du reitest ganz allein bei Nacht in Turan ein,<br /></span>
+<span class="i0">Und streifest dort umher, und schl&auml;fest dort allein.<br /></span>
+<span class="i2">Dergleichen Kunde ward mir vom Ger&uuml;cht vertraut;<br /></span>
+<span class="i0">Lang w&uuml;nscht ich dich zu sehn, heut hab ich dich geschaut.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn du zu Weibe mich begehrst, bin ich dein Weib;<br /></span>
+<span class="i0">Nie Mond- noch Sonnestral ber&uuml;hrte diesen Leib.<br /></span>
+<span class="i2">Vom Schleier meiner Zucht erwuchs ich tief umfangen;<br /></span>
+<span class="i0">Den Z&uuml;gel der Vernunft entzog mir die&szlig; Verlangen:<br /></span>
+<span class="i2">Ich bitte Gott, von dir zu tragen einen Spro&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Der einst, an Kraft dir gleich, beherrsche dieses Schlo&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Zur Mitgift will ich jetzt, o Held, die&szlig; Schlo&szlig; dir bringen,<br /></span>
+<span class="i0">Zur Morgengab alsdann, Rostem, dein Ross dir bringen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_17" id="page_17">17</a></span><a name="s_8" id="s_8"></a>8.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o endet' ihren Gru&szlig; das Mondglanzangesicht;<br /></span>
+<span class="i0">Der L&ouml;wenk&uuml;hne h&ouml;rt' aufmerksam den Bericht.<br /></span>
+<span class="i2">Wie sie der Held so sch&ouml;n, so perlgleich sie sah,<br /></span>
+<span class="i0">An Sinn so hoch und an Verstand so reich sie sah,<br /></span>
+<span class="i2">Und da&szlig; sie noch dazu vom Rachs ihm gab die Kunde;<br /></span>
+<span class="i0">Von lauter Fr&ouml;lichkeit sah er erf&uuml;llt die Stunde.<br /></span>
+<span class="i2">Er rief die wandelnde Zipress' an sich heran;<br /></span>
+<span class="i0">Hold tauschte Blick und Wort mit ihr der Pehlewan.<br /></span>
+<span class="i2">Er rief ins Vorgemach, da&szlig; einen der Mobeden<br /></span>
+<span class="i0">Sie br&auml;chten ihm herbei, der w&uuml;&szlig;te wol zu reden.<br /></span>
+<span class="i2">Den sendet' er alsbald, den Weisen tugendvoll,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er die Tochter ihm vom Vater fordern soll.<br /></span>
+<span class="i2">Der Wolverst&auml;ndige, dahin zum Schahe schritt er,<br /></span>
+<span class="i0">Und that die Werbung kund von Irans edlem Ritter.<br /></span>
+<span class="i2">Der Schah ward freudenvoll, da dieser Gru&szlig; erscholl;<br /></span>
+<span class="i0">Er f&uuml;hlte, wie sein Herz von hohem Mute schwoll.<br /></span>
+<span class="i2">Er richtete sich stolz, der Zeder gleich, empor;<br /></span>
+<span class="i0">Das Band mit Rostem kam ihm wert und theuer vor.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_18" id="page_18">18</a></span>
+<span class="i2">Dem Ritter in der Nacht gab er der Tochter Hand;<br /></span>
+<span class="i0">Und wie die Kund erscholl, war Freud in Stadt und Land.<br /></span>
+<span class="i2">Von Freuden war erwacht ein Aufruhr in der Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Zu Rostem sei als Braut des K&ouml;nigs Kind gebracht.<br /></span>
+<span class="i2">Da war der Jubel laut die ganze Nacht ums Schlo&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Wo seine holde Braut der starke Held umschlo&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Still tauschte drin das Paar die Lust der Seelen aus,<br /></span>
+<span class="i0">Und drau&szlig;en lie&szlig; die Schaar die Kraft der Kehlen aus:<br /></span>
+<span class="i2">&bdquo;Da&szlig; dieser neue Mond lang dein Behagen sei!<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; deiner Feinde Haupt ewig geschlagen sei!<br /></span>
+<span class="i2">Aus diesem Bunde m&uuml;&szlig; ein Heldenspro&szlig; entspringen,<br /></span>
+<span class="i0">Der m&ouml;g an Tapferkeit mit seinem Vater ringen!&ldquo;<br /></span>
+<span class="i2">Sie meinten ihr Gebet zum Segen und zum Heil,<br /></span>
+<span class="i0">Der Himmel aber nam es an zum Gegenteil.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_19" id="page_19">19</a></span><a name="s_9" id="s_9"></a>9.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">N</span>ach kurzer Freudennacht als an der Morgen brach,<br /></span>
+<span class="i0">Wand aus Tehminas Arm sich Rostem los, und sprach,<br /></span>
+<span class="i2">Indem vom Arm er nam ein goldenes Gespang,<br /></span>
+<span class="i0">Von dem erschollen war der Ruhm die Welt entlang;<br /></span>
+<span class="i2">Sie glaubten, da&szlig; daran sei Rostems Heil gebunden,<br /></span>
+<span class="i0">Und unverletzlich sei, wen dieses Band umwunden:<br /></span>
+<span class="i2">Das gab er ihr und sprach: Liebtraute! die&szlig; bewar!<br /></span>
+<span class="i0">Wenn eine Tochter dir nun bringen wird das Jahr,<br /></span>
+<span class="i0">So nimm die&szlig; Goldgespang, und schling es ihr ins Haar!<br /></span>
+<span class="i2">Als welterleuchtenden Gl&uuml;ckstern soll sie es tragen,<br /></span>
+<span class="i0">Der ihr soll und der Welt von ihrem Vater sagen.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn aber einen Sohn dir die Gestirne reichen,<br /></span>
+<span class="i0">So bind ihm um den Arm, wie ich es trug, das Zeichen.<br /></span>
+<span class="i2">Des Vaters Zeichen sei an seinem Arm bewart,<br /></span>
+<span class="i0">Und wachsen wird er selbst nach seines Vaters Art.<br /></span>
+<span class="i2">Gleich seiner Ahnen Stamm wird der aus Heldensamen<br /></span>
+<span class="i0">Erzeugte sein, es bleibt nicht ungenant sein Namen.<span class="pagenum"><a name="page_20" id="page_20">20</a></span><br /></span>
+<span class="i2">Ist er erwachsen, send ihn mir nach Iran zu!<br /></span>
+<span class="i0">Nun aber naht der Tag, ich geh, wol lebe du!<br /></span>
+<span class="i2">Zum Abschied fa&szlig;t' er sie an seine starke Brust,<br /></span>
+<span class="i0">Auf Aug und Haupt gab er ihr manchen Kuss voll Lust.<br /></span>
+<span class="i2">Mit Weinen wandte sich von ihm die zarte Braut;<br /></span>
+<span class="i0">Sie ward nach kurzer Lust mit langem Weh vertraut.<br /></span>
+<span class="i2">Zu Rostem aber kam der K&ouml;nig hochgemut,<br /></span>
+<span class="i0">Den Eidam fragt' er da, wie er die Nacht geruht?<br /></span>
+<span class="i2">Ihm gab er Kunde dann vom Rachs, er sei gefunden;<br /></span>
+<span class="i0">Und aller Sorgen war das Heldenherz entbunden,<br /></span>
+<span class="i2">Er gieng, und streichelt' ihn und sattelt' ihn sogleich,<br /></span>
+<span class="i0">Dann von Semengan ritt er froh und freudenreich.<br /></span>
+<span class="i2">Gen Sistan auf dem Rachs als wie ein Wind er flog,<br /></span>
+<span class="i0">Indem er die Geschicht in seinem Sinn erwog.<br /></span>
+<span class="i2">Von Sistan ritt er heim nach Sabulistan gar,<br /></span>
+<span class="i0">Und keinem sagt' er dort, was ihm begegnet war.<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_2" id="buch_2"></a><a href="#inhalt">Zweites Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_10" id="s_10"></a>10.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">N</span>eun Monde waren schon Tehminen hingegangen,<br /></span>
+<span class="i0">Als sie gebar den Sohn wie eines Mondes Prangen.<br /></span>
+<span class="i2">Die Mutter sah ihn an mit Lust und schmerzenreich,<br /></span>
+<span class="i0">Er war in jedem Zug wol seinem Vater gleich.<br /></span>
+<span class="i2">Sie nannte Suhrab ihn, und nam ihn an die Brust;<br /></span>
+<span class="i0">Das Kind war auf der Welt nun ihre einzge Lust.<br /></span>
+<span class="i2">So z&auml;rtlich pflegte sein die Mutter, die ihn n&auml;hrte,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; keines Dinges er zu keiner Stund entbehrte.<br /></span>
+<span class="i2">Der Knabe weinte nie; er hatte neugeboren<br /></span>
+<span class="i0">Gel&auml;chelt schon, als sei er nicht zum Weh geboren.<br /></span>
+<span class="i2">Er wuchs so wunderbar: als er ein Monat war,<br /></span>
+<span class="i0">Da war er anzusehn, alsob er w&auml;r ein Jahr.<br /></span>
+<span class="i2">Drei Jahr alt, lie&szlig; er schon zur Rennbahn sich gel&uuml;sten,<br /></span>
+<span class="i0">Im f&uuml;nften sah man ihn zum L&ouml;wenkampf sich r&uuml;sten.<br /></span>
+<span class="i2">Wie er zehn Jahr alt war, da war im ganzen Land<br /></span>
+<span class="i0">Nun kein gestandner Mann, der ihm zum Kampfe stand.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_24" id="page_24">24</a></span>
+<span class="i2">Von Leib ein Elefant, von Wangen Milch und Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Rasch wie ein Hirsch gewandt, im Auge dunkle Glut,<br /></span>
+<span class="i0">Von Wuchse schlank, die Brust gew&ouml;lbt von hohem Mut.<br /></span>
+<span class="i2">Zwei Arme schwang er um sich her den Keulen gleich,<br /></span>
+<span class="i0">Und unten standen fest zwei F&uuml;&szlig;e Seulen gleich.<br /></span>
+<span class="i2">Wo er im Ringspiel rang, wo er den Schl&auml;gel schlug,<br /></span>
+<span class="i0">War keiner der davon den Ball des Sieges trug.<br /></span>
+<span class="i2">Er gieng zur L&ouml;wenjagd, da ward der L&ouml;w ein Fuchs;<br /></span>
+<span class="i0">Die Zeder r&uuml;ttelt' er, sie bog sich wie ein Buchs.<br /></span>
+<span class="i2">Windf&uuml;&szlig;igem Renner rannt er sturmgefl&uuml;gelt nach,<br /></span>
+<span class="i0">Beim Schweif ergriff er ihn, der Renner stand gemach.<br /></span>
+<span class="i2">Es war alsob zum Kampf die Welt er fordern wollte,<br /></span>
+<span class="i0">Alsob er selbst bestehn den eignen Vater sollte.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_25" id="page_25">25</a></span><a name="s_11" id="s_11"></a>11.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u seiner Mutter kam der Knabe, sie zu fragen:<br /></span>
+<span class="i0">Verwegen sprach er da: Mutter, du sollst mir sagen!<br /></span>
+<span class="i2">Denn unter meinen Spielgeno&szlig;en rag ich hoch<br /></span>
+<span class="i0">Hervor, mein Haupt empor zum Himmel trag ich hoch.<br /></span>
+<span class="i2">Wes Samens, welches Stamms ich bin, will ich erkennen;<br /></span>
+<span class="i0">Wenn nach dem Vater man mich fragt, wen soll ich nennen?<br /></span>
+<span class="i2">Wirst du mir Antwort nicht auf diese Frage geben,<br /></span>
+<span class="i0">Am Leben bleib ich nicht, und du bleibst nicht am Leben!<br /></span>
+<span class="i2">Die Mutter, da sie die&szlig; vom jungen Pehlewan<br /></span>
+<span class="i0">Vernommen, sah zugleich mit Stolz und Furcht ihn an:<br /></span>
+<span class="i0">Er war entwachsen ihr, und nicht mehr untertan.<br /></span>
+<span class="i2">Sie fa&szlig;te sich und sprach beg&uuml;tigend: Vernimm<br /></span>
+<span class="i0">Ein Wort, des freue dich, und la&szlig;e deinen Grimm!<br /></span>
+<span class="i2">Du bist des Rostem Kind, des Perserpehlewanen,<br /></span>
+<span class="i0">Und seine Ahnen sind in Iran deine Ahnen.<br /></span>
+<span class="i2">Drum &uuml;bern Himmel tr&auml;gst du hoch dein Haupt hinaus,<br /></span>
+<span class="i0">Weil du entspro&szlig;en bist aus solchem Heldenhaus.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_26" id="page_26">26</a></span>
+<span class="i2">Denn was an Heldentum nun in der Welt erscheint,<br /></span>
+<span class="i0">Das ist in Rostems Stamm, in Rostem selbst vereint.<br /></span>
+<span class="i2">Sieh dieses Goldgespang, nimm hin und halt es fein!<br /></span>
+<span class="i0">Zum Abschied gab mir das f&uuml;r dich dein V&auml;terlein.<br /></span>
+<span class="i2">Erf&auml;hrt er, da&szlig; sein Sohn erwuchs zum tugendreichen,<br /></span>
+<span class="i0">Nach Iran ruft er dich, und kennt dich an dem Zeichen;<br /></span>
+<span class="i0">Dann bricht mein Herz vor Leid, wann ich dich seh entweichen!<br /></span>
+<span class="i2">O Sohn! Afrasiab, der Schah von Turan, soll<br /></span>
+<span class="i0">Nicht wi&szlig;en dein Geschlecht; das br&auml;cht uns seinen Groll.<br /></span>
+<span class="i2">Denn Niemand auf der Welt ist ihm wie Rostem feind,<br /></span>
+<span class="i0">Rostem, um welchen Blut in Turan wird geweint.<br /></span>
+<span class="i2">Witwen in Turan macht sein Schwert in jeder Schlacht;<br /></span>
+<span class="i0">Und ohne Schwertstreich hat er mich dazu gemacht.<br /></span>
+<span class="i2">Drum vor Afrasiab beware die&szlig; im Stillen!<br /></span>
+<span class="i0">Den Sohn verderben m&ouml;cht er um des Vaters willen.<br /></span>
+<span class="i2">Den Vater hab ich schon verloren, liebes Kind,<br /></span>
+<span class="i0">Verl&ouml;r ich auch den Sohn, so w&auml;r ich s&auml;nfter blind.<br /></span>
+<span class="i0">Sei stolz, doch sag es nicht, wer deine Ahnen sind!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_27" id="page_27">27</a></span><a name="s_12" id="s_12"></a>12.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Suhrab sprach: Wer birgt die Sonn im Weltenring?<br /></span>
+<span class="i0">Unm&ouml;glich wird geheim gehalten solches Ding.<br /></span>
+<span class="i2">Von einer Heldenabkunft, Mutter, dieser gleich,<br /></span>
+<span class="i0">Zu schweigen, w&auml;re dir und mir nicht ehrenreich.<br /></span>
+<span class="i2">Was, Mutter, hast du selbst gehalten lange Zeit<br /></span>
+<span class="i0">Geheim die Abkunft mir von solcher Herrlichkeit?<br /></span>
+<span class="i2">Denn alle K&auml;mpen jetzt, die jungen und die alten,<br /></span>
+<span class="i0">Nur Rostem ists von dem sie Kampfgespr&auml;che halten.<br /></span>
+<span class="i2">Von allen Namen ward zuerst mir seiner kund,<br /></span>
+<span class="i0">Ich h&ouml;rte seinen Ruhm aus seiner Feinde Mund.<br /></span>
+<span class="i2">Wer jenen Riesen schlug? die&szlig; Zauberschlo&szlig; zerst&ouml;rte?<br /></span>
+<span class="i0">Nur Rostem, was ich frug, Rostem war, was ich h&ouml;rte,<br /></span>
+<span class="i2">Stets mit Bewunderung, und oft mit Neide gar,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Aerger! wu&szlig;t ich denn, da&szlig; er mein Vater war?<br /></span>
+<span class="i2">Nun aus Semengan hier, und dort aus Turans Marken,<br /></span>
+<span class="i0">Versamml' ich all ein Heer der Mutigen und Starken.<br /></span>
+<span class="i2">Nach Iran will ich ziehn und von dem dunkeln Staube<br /></span>
+<span class="i0">Der Schlacht dem lichten Mond aufsetzen eine Haube.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_28" id="page_28">28</a></span>
+<span class="i2">Aufr&uuml;tteln von dem Thron will ich den Keikawus,<br /></span>
+<span class="i0">Und schlagen aus dem Feld den alten Feldherrn Tus.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn Rostem will, geb ich ihm Thron und Kron und Schatz,<br /></span>
+<span class="i0">Und la&szlig; ihn sitzen auf Keikawus' F&uuml;rstenplatz.<br /></span>
+<span class="i2">Von Iran zieh ich dann nach Turan kampfbereit,<br /></span>
+<span class="i0">Und fordere den Schah Afrasiab zum Streit.<br /></span>
+<span class="i2">Vom Throne st&uuml;rz ich ihn alswie ein Blitz herab;<br /></span>
+<span class="i0">Die Sonne lang' ich mit der Lanzenspitz herab.<br /></span>
+<span class="i2">O Mutter, aber dich, du h&ouml;re meinen Schwur an,<br /></span>
+<span class="i0">Mach ich zur K&ouml;nigin von Iran und von Turan.<br /></span>
+<span class="i2">Denn da, wo Rostem ist der Vater, ich der Sohn,<br /></span>
+<span class="i0">O Mutter, bleibt kein F&uuml;rst der Welt auf seinem Thron.<br /></span>
+<span class="i2">Wo Mond und Sonne selbst im Glanzvereine stralen,<br /></span>
+<span class="i0">Was wollen Sterne da mit ihrem Schimmer pralen!<br /></span>
+<span class="i2">So rief er, und erstaunt lie&szlig; er die Mutter dort;<br /></span>
+<span class="i0">Mit h&ouml;herm Haupt, als er gekommen, gieng er fort.<br /></span>
+<span class="i0">Von seinem Vater sagt' er keinem doch ein Wort,<br /></span>
+<span class="i2">Im Herzen macht' er ganz den Vater sich zu eigen,<br /></span>
+<span class="i0">Doch wenn den Mund er aufthun wollte, mu&szlig;t er schweigen.<br /></span>
+<span class="i2">Ihm wars alsob er erst zu Rosse steigen sollte,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn er als Rostems Sohn der Welt sich zeigen wollte.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_29" id="page_29">29</a></span><a name="s_13" id="s_13"></a>13.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u seiner Mutter sprach Suhrab, der junge Held:<br /></span>
+<span class="i0">Den Vater nun zu schaun, Mutter, zieh ich ins Feld.<br /></span>
+<span class="i2">Dazu brauch ich ein Ross, mit meinem Mut schritthaltend,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Ross mit einem Huf von Eisen kieselspaltend:<br /></span>
+<span class="i2">Von St&auml;rk ein Elefant, und vogelgleich an Schwung,<br /></span>
+<span class="i0">Im Wa&szlig;er wie ein Fisch, und wie ein Reh im Sprung,<br /></span>
+<span class="i2">Ein Ross, das meine Wucht und meine Waffen trage,<br /></span>
+<span class="i0">Und nicht von meiner Faust erlieg an einem Schlage.<br /></span>
+<span class="i2">Denn nicht zu Fu&szlig;e ziemt zum Kampfe mir zu gehn;<br /></span>
+<span class="i0">Vom hohen Ross will ich dem Feind ins Antlitz sehn.<br /></span>
+<span class="i2">Da so die Mutter h&ouml;rt' ihr junges Heldenblut,<br /></span>
+<span class="i0">Zum Himmel hob sie stolz ihr Haupt in hohem Mut.<br /></span>
+<span class="i2">Sogleich befolen ward von ihr dem Hirtenvolke,<br /></span>
+<span class="i0">Zu bringen aus der Trift von Pferden eine Wolke,<br /></span>
+<span class="i2">Damit dem Suhrab k&auml;m ein R&ouml;sslein fein zur Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Auf dem er s&auml;&szlig;e, wann er ritt in Feindesland.<br /></span>
+<span class="i2">Und alles was sich fand von Pferden alzumal,<br /></span>
+<span class="i0">Was aufzutreiben war da zwischen Berg und Thal,<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_30" id="page_30">30</a></span>
+<span class="i2">Das trieben sie zur Stadt, und Suhrab nam, der Leu,<br /></span>
+<span class="i0">Die Fangschnur nun, und trat zum n&auml;chsten ohne Scheu.<br /></span>
+<span class="i2">Welch Ross vor allen stark er sah von Bug und Backen,<br /></span>
+<span class="i0">Des Riemens Schlinge warf er gleich ihm &uuml;bern Nacken.<br /></span>
+<span class="i2">Er zog es her und legt' ihm auf den R&uuml;cken auch<br /></span>
+<span class="i0">Die Hand, da lags gestreckt am Boden auf dem Bauch.<br /></span>
+<span class="i2">Es konte nicht den Druck der flachen Hand ertragen,<br /></span>
+<span class="i0">Er braucht' es mit der Faust zu Boden nicht zu schlagen.<br /></span>
+<span class="i2">Schon war durch seine Hand manch schmuckes Ross geknickt,<br /></span>
+<span class="i0">Und keines kam ihm noch zur Hand, f&uuml;r ihn geschickt.<br /></span>
+<span class="i2">Es schien, es war kein Ross f&uuml;r seine Kraft gerecht,<br /></span>
+<span class="i0">Und traurig ward der Spro&szlig; vom Pehlewangeschlecht.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_31" id="page_31">31</a></span><a name="s_14" id="s_14"></a>14.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a stellte sich zuletzt ein alter Recke dar,<br /></span>
+<span class="i0">Und sprach: Ich hab ein Ross, wie keines ist, noch war.<br /></span>
+<span class="i2">Im Gange wie ein Pfeil, im Laufe wie ein Wind;<br /></span>
+<span class="i0">Es ist von Rostems Hengst, vom Rachs, ein einzig Kind.<br /></span>
+<span class="i2">Kein Ross von gleicher Kraft ist auf der Welt zu sehn;<br /></span>
+<span class="i0">Ein Blitz im Rennen ists, und ein Gebirg im Stehn.<br /></span>
+<span class="i2">Die Hitze noch der Frost macht ihm nicht kalt noch hei&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Mit N&uuml;stern voller Dampf, und Poren ohne Schwei&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Ein Wolkenschatten schwebt es &uuml;ber Thal und H&uuml;gel,<br /></span>
+<span class="i0">Und segelt durch die Luft, ein Vogel ohne Fl&uuml;gel.<br /></span>
+<span class="i2">Der Pfau zieht ein vor Scham des Rads gespannten Reif,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn es die M&auml;hnen hebt, und hoch tr&auml;gt seinen Schweif.<br /></span>
+<span class="i2">Am Berge klimmend, ist es einem L&ouml;wen gleich;<br /></span>
+<span class="i0">Im Wa&szlig;er schwimmend, ist es einer M&ouml;wen gleich.<br /></span>
+<span class="i2">Sein Reiter, wenn im Ritt er schnellt den Pfeil vom Bogen,<br /></span>
+<span class="i0">Kommt schneller als der Pfeil dem Feinde nachgeflogen.<br /></span>
+<span class="i2">So fl&uuml;chtig ists zur Flucht: auch der von seinen Solen<br /></span>
+<span class="i0">Erregte Staub versucht umsonst es einzuholen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_32" id="page_32">32</a></span>
+<span class="i2">Bei allen Tugenden, die diesem R&ouml;sslein eigen,<br /></span>
+<span class="i0">Hats einen Fehler nur: es l&auml;&szlig;t sich schwer besteigen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wers bestiegen hat, den wirds zum Siege tragen,<br /></span>
+<span class="i0">Der mag darauf den Kampf mit Rostem selber wagen.<br /></span>
+<span class="i2">Froh wurde Rostems Sohn von dieses Wortes Klange,<br /></span>
+<span class="i0">Er lacht' und rosengleich erbl&uuml;hte seine Wange.<br /></span>
+<span class="i2">Laut rief er: Ei so bringt mir gleich das schmucke Ross!<br /></span>
+<span class="i0">Sie brachtens unges&auml;umt zum jungen Heldenspro&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Er machte gleich an ihm mit seiner Hand die Probe,<br /></span>
+<span class="i0">Das Thier war stark genug, und es bestand die Probe.<br /></span>
+<span class="i2">Da schmeichel-streichelt' ers, und sattelt' es geschwind,<br /></span>
+<span class="i0">Aufs starke Ross schwang sich das starke Heldenkind.<br /></span>
+<span class="i2">Im Sattel sa&szlig; er fest alswie ein Bild von Erz,<br /></span>
+<span class="i0">Und hielt mit leichter Hand die Z&uuml;gel wie zum Scherz.<br /></span>
+<span class="i2">Er tummelte das Ross, da&szlig; es begann zu sch&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i0">Zu schnauben mit Gebraus, doch durft es ihm nicht b&auml;umen.<br /></span>
+<span class="i2">Da sprach vom Ross Suhrab, indem ers anhielt leise:<br /></span>
+<span class="i0">So hab ich nun ein Ross gewonnen zu der Reise.<br /></span>
+<span class="i2">Nun acht ich mein die Welt, da ich das Ross gewann,<br /></span>
+<span class="i0">Auf dem ich Rostem selbst mit Ruhm bestehen kann.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_33" id="page_33">33</a></span><a name="s_15" id="s_15"></a>15.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r sprachs, und stieg vom Ross, und gieng ins Haus zur&uuml;ck:<br /></span>
+<span class="i0">Da r&uuml;stet' er zum Krieg mit Iran St&uuml;ck um St&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i2">Wies kund im Lande ward, da&szlig; er kriegslustig sei,<br /></span>
+<span class="i0">Str&ouml;mten von da und dort Kriegslustige herbei<br /></span>
+<span class="i2">Wie eine Sonne war er ihrem Wunsch erschienen;<br /></span>
+<span class="i0">Sie alle wollten Ruhm und wollten Gold verdienen.<br /></span>
+<span class="i2">Die Waffen hatten lang in diesem Land geruht,<br /></span>
+<span class="i0">Und aus der Asche brach nun die verhaltne Glut.<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab, ger&uuml;stet, trat zu seiner Mutter Vater,<br /></span>
+<span class="i0">Um Urlaub und Geleit und Reisebeistand bat er.<br /></span>
+<span class="i2">Gro&szlig;vater! sprach er: jetzt sollst du mir Spielzeug schaffen;<br /></span>
+<span class="i0">Die Leute hab ich schon, gib mir dazu die Waffen!<br /></span>
+<span class="i2">Denn ohne Waffen ist ein Heerzug mangelhaft;<br /></span>
+<span class="i0">Ein R&ouml;sslein hat mir schon die Mutter angeschafft.<br /></span>
+<span class="i2">Doch alles, was mir folgt, soll auch auf Rossen reiten;<br /></span>
+<span class="i0">Kamele sollen dann mit Zehrung uns begleiten.<br /></span>
+<span class="i0">Denn schmausen wollen wir, so oft als wir nicht streiten.<br /></span>
+<span class="i2">Tu deinen Marstall auf, das Vorratshaus mit Kost,<br /></span>
+<span class="i0">Das Zeughaus auch, worin die Waffen fri&szlig;t der Rost!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_34" id="page_34">34</a></span>
+<span class="i2">Dem alten K&ouml;nig klang anmutig diese Post,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Lachen sah er an den jungen Augentrost;<br /></span>
+<span class="i0">Durchw&auml;rmet war sein Frost von diesem feurigen Most.<br /></span>
+<span class="i2">Er sprach bei sich: was ists mit dieser Waffenfart?<br /></span>
+<span class="i0">Ist die&szlig; den Vater aufzusuchen eine Art?<br /></span>
+<span class="i2">Doch sei es wie es sei! es ist das Heldenfeuer<br /></span>
+<span class="i0">Rostems in seinem Blut, und fordert Abenteuer.<br /></span>
+<span class="i2">Da stellt' er, was er hatt', ihm alles zu Befele,<br /></span>
+<span class="i0">Vorr&auml;t in Land und Stadt, die Ross' und die Kamele,<br /></span>
+<span class="i2">Futter f&uuml;r Ross und Mann, die Gerste samt dem Weizen;<br /></span>
+<span class="i0">Mit Silber auch und Gold wollt er dazu nicht geizen.<br /></span>
+<span class="i2">Und als er tat darauf das alte Zeughaus auf,<br /></span>
+<span class="i0">Da stand ein Waffenhauf wolfeil der Lust zu Kauf:<br /></span>
+<span class="i2">Schwerter und Wehrgeh&auml;ng, Leibr&ouml;cke, Helm und Panzer,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r Sch&uuml;tzen Bogen auch, und Spie&szlig; und Sper f&uuml;r Lanzer.<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab, wie ers empfieng, so teilt' er Wehr und Sold,<br /></span>
+<span class="i0">Es stob ihm von der Hand das Eisen und das Gold.<br /></span>
+<span class="i2">Er sprach: da nemet hin! soviel vermag ich heute;<br /></span>
+<span class="i0">Und wenn ihr mehr begehrt, so helft da&szlig; ichs erbeute!<br /></span>
+<span class="i2">Eroberten wir erst des Persers K&ouml;nigreich,<br /></span>
+<span class="i0">So mach ich jeden Mann wie einen K&ouml;nig reich.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_35" id="page_35">35</a></span><a name="s_16" id="s_16"></a>16.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>em Schah Afrasiab in Turan ward gesagt,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; seinen Flug vom Nest ein junger Adler wagt,<br /></span>
+<span class="i2">Der altershalben zwar nichts weniger als fl&uuml;ck,<br /></span>
+<span class="i0">Doch seinem guten Mut vertraut und gutem Gl&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i2">Ihn hat die Friedensruh, die Turan schl&auml;ft, verdro&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">Er r&uuml;stet sich zu Kampf, und sammelt Schwertgeno&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i2">Von allen Orten str&ouml;mt ein Heer zu ihm herbei,<br /></span>
+<span class="i0">Darob hebt er sein Haupt wie eine Zeder frei.<br /></span>
+<span class="i2">Es spro&szlig;t der erste Flaum auf seiner Wange kaum,<br /></span>
+<span class="i0">Und schon ist seinem Traum zu eng der Welten Raum;<br /></span>
+<span class="i0">In alle Himmel hoch w&auml;chst seiner Hoffnung Baum.<br /></span>
+<span class="i2">Aus seinem Odem weht ein s&uuml;&szlig;er Milchgeruch,<br /></span>
+<span class="i0">Doch eitel Schwert und Dolch ist seiner Lippen Spruch.<br /></span>
+<span class="i2">Mit seinem Dolch will er die Brust der Erde ritzen,<br /></span>
+<span class="i0">Und an die Abendwolk ihr rotes Herzblut spritzen;<br /></span>
+<span class="i0">Keikawus soll vom Thron, dort will er selber sitzen!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_36" id="page_36">36</a></span>
+<span class="i2">Den Beutelustigen, die ihm mit leeren H&auml;nden<br /></span>
+<span class="i0">Und vollem Mute nahn, hat er viel Gut zu spenden,<br /></span>
+<span class="i0">Und mehr Verhei&szlig;ungen, die denkt er zu vollenden!<br /></span>
+<span class="i2">Sie dr&auml;ngen sich um ihn wie Stralen um die Achse<br /></span>
+<span class="i0">Der Sonn, alsob ein Heer ihm aus dem Boden wachse;<br /></span>
+<span class="i0">Als sei er Rostems Kind, und reit ein Kind vom Rachse!<br /></span>
+<span class="i2">In Wahrheit, wer ihn sieht, der glaubt wol dem Ger&uuml;chte,<br /></span>
+<span class="i0">Weil von den Stamme weit nicht fallen dessen Fr&uuml;chte;<br /></span>
+<span class="i0">Er scheint, mit solcher Zucht, von Rostem ein Gez&uuml;chte.<br /></span>
+<span class="i2">Wenigstens mutterhalb ist Suhrab edel schon,<br /></span>
+<span class="i0">Des alten K&ouml;nigs von Semengan Tochtersohn!<br /></span>
+<span class="i2">So ward dem T&uuml;rkenschah geredet und geraunt<br /></span>
+<span class="i0">Von Suhrab, und er war dar&uuml;ber nicht erstaunt.<br /></span>
+<span class="i2">Er lachte still, es war vom Anbeginn ihm kund<br /></span>
+<span class="i0">Tehminas und Rostems geheimer Liebesbund.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_37" id="page_37">37</a></span><a name="s_17" id="s_17"></a>17.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">A</span>frasiab, der Schah, nachdem er den Bericht<br /></span>
+<span class="i0">Erwogen, lachte noch, und er misfiel ihm nicht.<br /></span>
+<span class="i2">Der H&auml;upter seines Heers, des nun lang ausgeruhten,<br /></span>
+<span class="i0">Berief er einen gleich, Barman, den hochgemuten.<br /></span>
+<span class="i2">Zw&ouml;lftausend Recken, frisch von Kraft und scharf von Schneide,<br /></span>
+<span class="i0">Las er dazu, und gab sie ihm mit dem Bescheide:<br /></span>
+<span class="i2">Bew&auml;hrter Baruman, auf! nach Semengan lenke<br /></span>
+<span class="i0">Den Schritt mit diesem Heer, mit Brief und mit Geschenke.<br /></span>
+<span class="i2">Ermutige mir dort des Mutes jungen Keim!<br /></span>
+<span class="i0">Doch die Geschichte bleibt still zwischen uns geheim.<br /></span>
+<span class="i2">Sag ihm, Afrasiab send ihm Hilfsmannschaft zu,<br /></span>
+<span class="i0">Damit nach Iran er kampflustig zieh im Nu.<br /></span>
+<span class="i2">Dort aber darf den Sohn der Vater nicht erkennen,<br /></span>
+<span class="i0">Und Niemand soll dem Sohn des Vaters Namen nennen.<br /></span>
+<span class="i2">Was wei&szlig; ich, ob ein Sohn des Rostem Suhrab sei?<br /></span>
+<span class="i0">Ich frage nicht darnach; mir feind sind alle zwei.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn so den einen Feind wir auf den andern hetzen,<br /></span>
+<span class="i0">K&ouml;nnen sie doch gegen uns sich nicht zur Wehre setzen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_38" id="page_38">38</a></span>
+<span class="i2">Und wenn die beiden dort einander setzen zu,<br /></span>
+<span class="i0">So sehen wir dem Spiel hier mit Ergetzen zu.<br /></span>
+<span class="i2">Villeicht gelingt es uns: der grimme Kampfleu alt<br /></span>
+<span class="i0">Erliegt im Kampfe vor des jungen Leun Gewalt.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn Rostem gegen uns nicht ferner Iran h&auml;lt,<br /></span>
+<span class="i0">Im Spiele jagen wir den Kawus aus der Welt.<br /></span>
+<span class="i2">Dann aber wollen wir den Suhrab auch beschicken,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Schlummer eines Nachts sein Auge so bestricken,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ihm die Lust vergeht, nach Kronen aufzublicken!<br /></span>
+<span class="i2">Denn mir ist wolbekannt, da&szlig; dieser tolle Knab<br /></span>
+<span class="i0">Erst an Keikawus will, dann an Afrasiab.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wenn dem greisen Wolf erliegt das zarte Lamm &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wenn Suhrab wirklich ist ein Reis von Rostems Stamm &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">So wird der z&auml;he Stamm von diesem Gram sich biegen,<br /></span>
+<span class="i2">Und in des Kummers Schlamm der stolze Brunn versiegen.<br /></span>
+<span class="i0">Doch lie&szlig;e mich mein Gl&uuml;ck auch soviel nicht erwerben<br /></span>
+<span class="i2">Da&szlig; ich sie alle zwei s&auml;h aneinander sterben;<br /></span>
+<span class="i0">So hoff ich, da&szlig; uns Gott von einem mindstens helfe,<br /></span>
+<span class="i2">Es sei vom alten Wolf, es sei vom jungen Welfe.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_39" id="page_39">39</a></span><a name="s_18" id="s_18"></a>18.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a schrieb Afrasiab an Suhrab einen Brief,<br /></span>
+<span class="i0">Darin er Gottes Heil ob ihm zum Eingang rief:<br /></span>
+<span class="i2">Das Gl&uuml;ck geleite dich, beherzter Heldenknabe,<br /></span>
+<span class="i0">Zum k&uuml;hnen Werk, das ich mit Lust vernommen habe.<br /></span>
+<span class="i2">Dir send ich f&uuml;rstliche Geschenke meiner Gnaden,<br /></span>
+<span class="i0">Ross' und Kamele mit Kleinodien beladen;<br /></span>
+<span class="i2">T&uuml;rkis' aus Turkistan, aus Badachschan Rubinen,<br /></span>
+<span class="i0">Smaragdne Str&auml;u&szlig;e drei mit Perlentau auf ihnen.<br /></span>
+<span class="i2">Ich habe dir erw&auml;hlt zwei Kronen edelsteinern,<br /></span>
+<span class="i0">Und ihnen beigez&auml;hlt zwei Thronen elfenbeinern.<br /></span>
+<span class="i2">Froh m&ouml;gest du zu Thron auf Elfenbeine sitzen,<br /></span>
+<span class="i0">Und &uuml;ber dir die Kron aus Edelsteine blitzen!<br /></span>
+<span class="i2">Wirst du erst Irans Kron im Streit gewonnen haben,<br /></span>
+<span class="i0">Dann wird Ruh auf dem Thron die Zeit gewonnen haben.<br /></span>
+<span class="i2">Denn ewig ist entzweit, wie Tag und Nacht im Streit,<br /></span>
+<span class="i0">Iran und Turan; du sollst stiften Einigkeit.<br /></span>
+<span class="i2">Von dieser Mark ist weit zu jener nicht der Weg;<br /></span>
+<span class="i0">Semengan, Turan und Iran ist Ein Geheg.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_40" id="page_40">40</a></span>
+<span class="i2">Deswegen ist gestellt Semengan auf der Scheide<br /></span>
+<span class="i0">Von Iran und Turan, um zu beherrschen beide.<br /></span>
+<span class="i2">Nun send ich Truppen dir, soviel ich n&ouml;tig glaube;<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;hn setze dich aufs Ross, und auf dein Haupt die Haube!<br /></span>
+<span class="i2">Von meinen Feldherrn send ich dir den Baruman,<br /></span>
+<span class="i0">So tapfer als getreu; der sei dir untertan!<br /></span>
+<span class="i2">Er sei dir untertan mit allen, die er f&uuml;hrt;<br /></span>
+<span class="i0">Von ihnen sei die Welt dem Feinde zugeschn&uuml;rt!<br /></span>
+<span class="i2">Zeuch aus zu Kampf und Sieg! dich soll im Laufe st&ouml;ren<br /></span>
+<span class="i0">Kein Graben und kein Wall, und keine List bet&ouml;ren!<br /></span>
+<span class="i0">Bald la&szlig;e das Ger&uuml;cht uns deine Taten h&ouml;ren!<br /></span>
+<span class="i2">Von meinen S&ouml;hnen all soll keiner meinem Thron<br /></span>
+<span class="i0">So nah stehn als Suhrab, den ich begr&uuml;&szlig; als Sohn.<br /></span>
+<span class="i2">Er schriebs und siegelte, und gabs dem Baruman;<br /></span>
+<span class="i0">Der trat nicht leichten Muts die schwere Sendung an.<br /></span>
+<span class="i2">In diesem Kriege war kein Ruhm ihm zu erwerben,<br /></span>
+<span class="i0">Als einen Helden durch den andern zu verderben.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_41" id="page_41">41</a></span><a name="s_19" id="s_19"></a>19.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a h&ouml;rte vom Ger&uuml;cht Suhrab, da&szlig; Baruman<br /></span>
+<span class="i0">Vom Schah Afrasiab mit Truppen zieh heran,<br /></span>
+<span class="i2">Mit Ross und mit Kamel und gro&szlig;em Heergedr&auml;nge,<br /></span>
+<span class="i0">Ehrengeschenk und Brief und festlichem Gepr&auml;nge.<br /></span>
+<span class="i2">Der junge Mann, wie er die Kund erfur, schnell tat er<br /></span>
+<span class="i0">Den G&uuml;rtel um, und zog mit seiner Mutter Vater.<br /></span>
+<span class="i2">Entgegen zum Empfang zog er schnell wie ein Wind;<br /></span>
+<span class="i0">Wie soviel Volks er sah, froh staunete das Kind.<br /></span>
+<span class="i2">Mehr staunte Baruman, als er die stolzen Glieder,<br /></span>
+<span class="i0">Die edle Bildung sah, das Staunen schlug ihn nieder.<br /></span>
+<span class="i2">Im Staunen war gemischt Furcht und Bewunderung,<br /></span>
+<span class="i0">Und Mitleid, wie er sah den Helden sch&ouml;n und jung.<br /></span>
+<span class="i2">Der greise Feldherr sprach bei sich: Auf Ruhmespfaden<br /></span>
+<span class="i0">Gehn sollte solch ein Schmuck der Jugend ohne Schaden.<br /></span>
+<span class="i2">Verdienen m&ouml;cht er wol, ihm w&auml;re, statt Verrat,<br /></span>
+<span class="i0">Zum ungest&uuml;men Mut beschieden weiser Rat.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn ihn der Doppelrausch der Jugend und des Ruhms<br /></span>
+<span class="i0">Zu Falle bringt, o weh dem Stolz des Rittertums!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_42" id="page_42">42</a></span>
+<span class="i2">Zu Suhrab sprach er drauf: O edler junger Leue,<br /></span>
+<span class="i0">Den Brief schickt dir der Schah, da&szlig; er dein Herz erfreue.<br /></span>
+<span class="i2">Lies mit Bedacht den Brief des Schahs von Turanland,<br /></span>
+<span class="i0">Und was du dann befilst, das steht in deiner Hand.<br /></span>
+<span class="i2">Die Ehrengaben nimm, die dir gesendet sind;<br /></span>
+<span class="i0">Ich selbst steh und die&szlig; Heer dir zu Gebot, o Kind!<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab, der junge Mann, nachdem er las den Brief,<br /></span>
+<span class="i0">Das erste war, da&szlig; er sein Heer zum Aufbruch rief;<br /></span>
+<span class="i2">Das Heer der Seinigen; dem Barman, seinem Gast<br /></span>
+<span class="i0">Und dessen Leuten gab er auf drei Tage Rast.<br /></span>
+<span class="i2">&bdquo;Der Mutter Vater soll bewirten euch mit Schmause,<br /></span>
+<span class="i0">Die Mutter selbst dazu; ich geh nicht mehr nach Hause.<br /></span>
+<span class="i2">Es leidet l&auml;nger nicht mich in der Mutter Haus;<br /></span>
+<span class="i0">Lebt wol, und kommt uns nach! wir reiten euch voraus.&ldquo;<br /></span>
+<span class="i2">Die Pauke ward ger&uuml;hrt, zusammen str&ouml;mten Krieger,<br /></span>
+<span class="i0">Und sprangen mit Geklirr, auf Rosse rasch wie Tieger.<br /></span>
+<span class="i2">Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,<br /></span>
+<span class="i0">Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.<br /></span>
+<span class="i2">Aus Turan brach der Sturm hervor auf Irans Flur;<br /></span>
+<span class="i0">Zerst&ouml;rung, Flucht und Raub bezeichnete die Spur,<br /></span>
+<span class="i0">Und w&uuml;ste ward gelegt das Land, soweit er fur.<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_3" id="buch_3"></a><a href="#inhalt">Drittes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_20" id="s_20"></a>20.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a war ein Schlo&szlig;, das hie&szlig; das Wei&szlig;e Schlo&szlig; im Land,<br /></span>
+<span class="i0">Darauf die Zuversicht des Reiches Iran stand,<br /></span>
+<span class="i2">Da&szlig; es verteidigen den Pass der Grenze sollte,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn da hervor ein Feind aus Turan brechen wollte.<br /></span>
+<span class="i2">Drum waren auf die&szlig; Schlo&szlig; gesetzt, zu Schirm und Halter,<br /></span>
+<span class="i0">Statt eines W&auml;rtels zwei, ein junger und ein alter;<br /></span>
+<span class="i2">Der alte, da&szlig; er es beh&uuml;tete mit Rat,<br /></span>
+<span class="i0">Der junge, da&szlig; er es verteidigte mit Tat.<br /></span>
+<span class="i2">Hedschir, der junge Vogt, lie&szlig;, weil die Waffen schwiegen,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Kinde Gesdehems, des alten, sich besiegen.<br /></span>
+<span class="i2">Die hie&szlig; Gurdaferid, das hei&szlig;t &bdquo;ein Held geschaffen&ldquo;,<br /></span>
+<span class="i0">Weil sie, die zarte Maid, war wie ein Held in Waffen.<br /></span>
+<span class="i2">Hedschir mit Rennen und mit Schie&szlig;en nach dem Ziele<br /></span>
+<span class="i0">Versuchte da&szlig; er ihr durch M&auml;nnlichkeit gefiele;<br /></span>
+<span class="i2">Vergebens! weil ihm selbst in diesen K&uuml;nsten sie<br /></span>
+<span class="i0">Zuvor es tat, kam er mit ihr zum Ziele nie.<br /></span>
+<span class="i2">Er w&uuml;nschte, da&szlig; einmal ein Feind vorm Schlo&szlig; erschiene,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ihren Beifall er im ernstern Kampf verdiene.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_46" id="page_46">46</a></span>
+<span class="i2">Und als er eines Tags ein Heer von T&uuml;rken sah<br /></span>
+<span class="i0">Anr&uuml;cken, glaubt' er sich zwiefachem Siege nah,<br /></span>
+<span class="i2">Dem einen, den er wollt erringen im Gefild,<br /></span>
+<span class="i0">Dem andern in der Burg am sch&ouml;nen Frauenbild.<br /></span>
+<span class="i2">Da wappnete sich schnell der mutige Hedschir,<br /></span>
+<span class="i0">Und stieg aufs Ross, gespornt von Lieb und Kampfbegier.<br /></span>
+<span class="i2">Des Tores H&uuml;ter lie&szlig; er weit auftun das Tor<br /></span>
+<span class="i0">Der alten Burg, und ritt zum Einzelkampf hervor.<br /></span>
+<span class="i2">Er ritt den Berg hinab, dem Feind entgegen jach,<br /></span>
+<span class="i0">Und von der Mauer sah Gurdaferid ihm nach.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_47" id="page_47">47</a></span><a name="s_21" id="s_21"></a>21.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">M</span>it scharfem Ritte kam der k&uuml;hne Reck herbei,<br /></span>
+<span class="i0">Und tat ans T&uuml;rkenheer von weitem einen Schrei:<br /></span>
+<span class="i2">Von wannen sind geschaart die Ritter und die Knechte?<br /></span>
+<span class="i0">Wer unter ihnen ist der Tapferst im Gefechte?<br /></span>
+<span class="i2">Ich habe lange schon auf eure Gegenwart,<br /></span>
+<span class="i0">Alswie ein Br&auml;utigam auf seine Braut, geharrt.<br /></span>
+<span class="i2">Wer wagt es, gegen mich mit eingelegter Lanzen<br /></span>
+<span class="i0">Zu rennen, da&szlig; wir hier den Hochzeitreigen tanzen?<br /></span>
+<span class="i0">Desselben Haupt will ich dort auf die Zinne pflanzen!<br /></span>
+<span class="i2">Er hatte seinen Ruf gerufen laut genug,<br /></span>
+<span class="i0">Doch keiner war im Heer, der Lust zur Antwort trug.<br /></span>
+<span class="i2">Zu heben wagte sich nicht eines T&uuml;rken Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Die erste Waffentat zu thun im Perserland.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab, als er all die Tapfern schweigen sah,<br /></span>
+<span class="i0">Ergrimmt' er, und das Schwert zog er f&uuml;r alle da.<br /></span>
+<span class="i2">Alswie ein Tieger bricht am Strom aus Schilf und Rohr,<br /></span>
+<span class="i0">So drang er aus dem Chor der Seinigen hervor.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_48" id="page_48">48</a></span>
+<span class="i2">Laut rief er zu dem kampfger&uuml;steten Hedschir:<br /></span>
+<span class="i0">Was treibt allein dich her mit solcher Kampfbegier?<br /></span>
+<span class="i2">Du meinst wol, da&szlig; wir uns vor starken Worten scheuen?<br /></span>
+<span class="i0">Du kamest nicht zur Jagd des Fuchses, sondern Leuen.<br /></span>
+<span class="i2">Aus Turan brach ich auf, ganz Iran will ich zwingen,<br /></span>
+<span class="i0">Und auf dein Haupt soll mir der erste Streich gelingen.<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab, den Namen gab mir meine Mutter bei,<br /></span>
+<span class="i0">Und Rostem sagte sie, da&szlig; er mein Vater sei.<br /></span>
+<span class="i2">Den Vater eben aufzusuchen zog ich aus;<br /></span>
+<span class="i0">Und wessen Sohn ich sei, zeig ich in Kampf und Strau&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Doch sag auch deinem Stamm, den Namen, und die Deinen!<br /></span>
+<span class="i0">Denn heut mu&szlig; &uuml;ber dich Braut oder Mutter weinen.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_49" id="page_49">49</a></span><a name="s_22" id="s_22"></a>22.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>ur Antwort gab Hedschir: Verwegner, schweige still!<br /></span>
+<span class="i0">Kein T&uuml;rk ists den ich zum Vertrauten haben will.<br /></span>
+<span class="i2">Der Heldenf&auml;nger ich, der Ritter ohne Scheu,<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin der Sch&uuml;tze, dem zum Fuchse wird der Leu.<br /></span>
+<span class="i2">Hedschir im Kampfrevier der Helden Zier gehei&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Bin ich, gleich will ich dir dein Haupt vom Rumpfe rei&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i2">Zwei Geier kreischen dort sich in den L&uuml;ften heischer,<br /></span>
+<span class="i0">Es wittern ihren Raub die ungest&uuml;men Kreischer;<br /></span>
+<span class="i2">Den beiden wirst du nun zum Gastmahl aufgetischt,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ihre Heischerkeit dein junges Blut erfrischt.<br /></span>
+<span class="i2">Dann fliegen sie nach Nord und S&uuml;d, und f&uuml;r das Futter<br /></span>
+<span class="i0">Dankt deinem Vater der, und jener deiner Mutter.<br /></span>
+<span class="i2">Die Mutter weint gewis ums Kindlein, ihr entri&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">Der Vater aber wird villeicht von dir nicht wi&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i2">Doch jauchzen &uuml;ber mich, nicht weinen soll die Braut,<br /></span>
+<span class="i0">Die sch&ouml;ne, die auf uns dort von der Mauer schaut!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_50" id="page_50">50</a></span>
+<span class="i2">So rief er aus, und sah zur Jungfrau an der Zinne;<br /></span>
+<span class="i0">Zu l&auml;cheln schien sie ihm, so t&auml;uschten ihn die Sinne:<br /></span>
+<span class="i0">Ihn blendete der Glanz der Sonn und Kraft der Minne.<br /></span>
+<span class="i2">Auf einen Augenblick hatt' er des Kampfs verge&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">Und nach der Zinne sah sein Gegner auch indessen.<br /></span>
+<span class="i2">Da sah er einen Stral, wie er noch nie geschaut,<br /></span>
+<span class="i0">Und doppelt z&uuml;rnt' er nun dem, der sie nannte Braut.<br /></span>
+<span class="i2">Er sprach: die Perser sind vor mir wie Spreu im Wind,<br /></span>
+<span class="i0">Doch lieblich anzusehn ist solch ein Perserkind.<br /></span>
+<span class="i2">Wol ists der M&uuml;he werth, zu st&uuml;rmen solche Zinnen,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn solche Sch&auml;tze sind darinnen zu gewinnen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wenn ich d&auml;chte, da&szlig; sie diesem zugelacht,<br /></span>
+<span class="i0">Ich h&auml;tte zweimal ihn, nicht einmal, umgebracht!<br /></span>
+<span class="i2">So in Gedanken war Suhrab mit ihr besch&auml;ftigt,<br /></span>
+<span class="i0">Hedschir durch einen Blick auf sie war neu gekr&auml;ftigt.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_51" id="page_51">51</a></span><a name="s_23" id="s_23"></a>23.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och von der Zinn hinweg und von der Jungfrau warf<br /></span>
+<span class="i0">Den Blick nun der und der auf seinen Gegner scharf.<br /></span>
+<span class="i2">Im Sattel jeder sich gleich einem Feuer schwang,<br /></span>
+<span class="i0">Und setzte seinen Hengst wie einen Berg in Gang.<br /></span>
+<span class="i2">So schnell da Schaft mit Schaft sich durcheinander flocht,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; man den einen nicht vom andern kennen mocht.<br /></span>
+<span class="i2">Nach Suhrabs Mitte stie&szlig; Hedschir den blanken Schaft;<br /></span>
+<span class="i0">Am festen Gurte fand die Spitze keinen Haft.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab bog zur&uuml;ck den eignen Sper behende,<br /></span>
+<span class="i0">Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende.<br /></span>
+<span class="i2">Recht zwischen Mann und Gaul schob er den Hebebaum,<br /></span>
+<span class="i0">Und aus dem Sattel flog Hedschir und merkt' es kaum.<br /></span>
+<span class="i2">Zur Erde warf er ihn alswie ein Felsenst&uuml;ck;<br /></span>
+<span class="i0">Da lag er, und es blieb kein Sinn an ihm zur&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i2">Vergangen war die Welt vor seinem Augenlid,<br /></span>
+<span class="i0">Der Himmel und das Feld, die Burg und Gurdafrid.<br /></span>
+<span class="i2">Vom Pferde Suhrab sprang und sa&szlig; ihm auf die Brust;<br /></span>
+<span class="i0">Er hatte nun den Kopf ihm abzuschneiden Lust.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_52" id="page_52">52</a></span>
+<span class="i2">Da drehte sich Hedschir, und st&uuml;tzt' auf einen Arm<br /></span>
+<span class="i0">Sich schwach, den andern streckt' er vor, und rief: Erbarm!<br /></span>
+<span class="i2">La&szlig; gnug sein an der Schmach, da&szlig; so mein Stolz zerbrach,<br /></span>
+<span class="i0">Und mich im Angesicht der Burg dein Sper abstach!<br /></span>
+<span class="i2">Wie wird die Stolze sich an meinem Sturze weiden!<br /></span>
+<span class="i0">Das t&ouml;tet mich; du brauchst die&szlig; Haupt nicht abzuschneiden.<br /></span>
+<span class="i2">Nun ist sie frei von mir; du nim mich hier gefangen!<br /></span>
+<span class="i0">Du kanst im fremden Land Kundschaft durch mich erlangen.<br /></span>
+<span class="i2">Wer, da ich dir erlag, wird dir noch widerstehn?<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; mich gefangen mit zu deinen Siegen gehn!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_53" id="page_53">53</a></span><a name="s_24" id="s_24"></a>24.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r schwieg, und harrte stumm auf Tod nun oder Leben;<br /></span>
+<span class="i0">Und sich entschlo&szlig; der Held ihm nicht den Tod zu geben.<br /></span>
+<span class="i2">Er dachte: Wenn ich ihn gefangen mit mir f&uuml;hre,<br /></span>
+<span class="i0">Lock ich manch andren Fang villeicht in meine Schn&uuml;re.<br /></span>
+<span class="i2">Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen,<br /></span>
+<span class="i0">Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben,<br /></span>
+<span class="i0">Als schlechten Preis daf&uuml;r la&szlig; ich ihm gern das Leben.<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken,<br /></span>
+<span class="i0">Und den gefe&szlig;elten dem Lager zuzuschicken.<br /></span>
+<span class="i2">Im Lager kam er an zugleich mit Baruman,<br /></span>
+<span class="i0">Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan.<br /></span>
+<span class="i2">Er war in Eile dem ihm von Afrasiab<br /></span>
+<span class="i0">Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab;<br /></span>
+<span class="i2">Und war nur eben recht gekommen um zu sehn<br /></span>
+<span class="i0">Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn.<br /></span>
+<span class="i2">Wie er gefe&szlig;elt sah die stolzen Heldenglieder,<br /></span>
+<span class="i0">Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_54" id="page_54">54</a></span>
+<span class="i2">Er staunt' und freute sich, und f&uuml;hlte Scham und Reu,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu.<br /></span>
+<span class="i2">Im Lager aber war von T&uuml;rken alt und jung<br /></span>
+<span class="i0">In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung.<br /></span>
+<span class="i2">Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn,<br /></span>
+<span class="i0">Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn.<br /></span>
+<span class="i2">Ins Lager langsam ritt er auf dem Ro&szlig; zur&uuml;ck,<br /></span>
+<span class="i0">Und h&ouml;rte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Gl&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i2">Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied,<br /></span>
+<span class="i0">An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_55" id="page_55">55</a></span><a name="s_25" id="s_25"></a>25.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">V</span>on Siegesfreude war das T&uuml;rkenlager voll,<br /></span>
+<span class="i0">Derweil im wei&szlig;en Schlo&szlig; ein Wehgeschrei erscholl.<br /></span>
+<span class="i2">Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib<br /></span>
+<span class="i0">Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib.<br /></span>
+<span class="i2">Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schlo&szlig;e drinnen,<br /></span>
+<span class="i0">Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach<br /></span>
+<span class="i0">Den Perserstolz ein T&uuml;rk, der ihn vom Sattel stach;<br /></span>
+<span class="i2">Und rief: O Scham, o Schmach! Weh um Hedschir, den Degen!<br /></span>
+<span class="i0">Du r&uuml;hmtest dich ein Mann, und bist dem Kind erlegen.<br /></span>
+<span class="i2">Wie hast du ungeschickt um meine Gunst gebuhlt!<br /></span>
+<span class="i0">Dein Sper war stumpf gespitzt, dein Gaul war schlecht geschult.<br /></span>
+<span class="i2">Verlachen k&ouml;nnt ich dich; da&szlig; aber dich verlache<br /></span>
+<span class="i0">Der Feind, das kr&auml;nket mich, und fordert Freundesrache.<br /></span>
+<span class="i2">Wie? r&uuml;hmen sollte sich ein blonder T&uuml;rkenknabe,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er so leicht erlegt den ersten Perser habe?<br /></span>
+<span class="i2">Wenn er die M&auml;nner hier f&uuml;r Weiber halten kann,<br /></span>
+<span class="i0">Soll er an einem Weib nun finden seinen Mann!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_56" id="page_56">56</a></span>
+<span class="i2">Vom Kampfplatz ritt er weg gleich einem lichten Sterne,<br /></span>
+<span class="i0">Sah sich noch einmal um, dann schwand er in der Ferne.<br /></span>
+<span class="i2">So zierlich tummelt' er sein Ro&szlig;, man sahs nur gern;<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; sehn, ob er von nah so sch&ouml;n ist als von fern!<br /></span>
+<span class="i2">Halbscherzend rief sies aus, und schritt vom Wall nach Haus;<br /></span>
+<span class="i0">Dort las sie sich zum Schmuck die sch&ouml;nsten Waffen aus.<br /></span>
+<span class="i2">In einem Drathelm barg sie ihrer Locken Zier,<br /></span>
+<span class="i0">Und nam vors Angesicht ein indisches Visier.<br /></span>
+<span class="i2">In voller R&uuml;stung sprang sie auf ein Ross im Lauf,<br /></span>
+<span class="i0">Und flog der Pforte zu, die that der Pf&ouml;rtner auf.<br /></span>
+<span class="i2">Ihr Vater Gesdehem sah ihren Ausritt nicht,<br /></span>
+<span class="i0">Sonst h&auml;tt er sie gehemmt in ihrer Zuversicht.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_57" id="page_57">57</a></span><a name="s_26" id="s_26"></a>26.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie kam alswie ein Mann den Berg herab vom Schlo&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Gurt um ihre Mitt und unter ihr ein Ross.<br /></span>
+<span class="i2">Sie flog den Berg vom Schlo&szlig; herab gleich einem Falken,<br /></span>
+<span class="i0">Und schwang in ihrer Hand erztr&uuml;mmernd einen Balken.<br /></span>
+<span class="i2">Ans T&uuml;rkenlager kam sie wie ein Sturm herbei,<br /></span>
+<span class="i0">Da that sie einen durchs Visier verst&auml;rkten Schrei:<br /></span>
+<span class="i2">&bdquo;Wer sind die Recken hier? und wer ist der sie f&uuml;hrt?<br /></span>
+<span class="i0">Wer ist es, dem der Tod von meiner Hand geb&uuml;hrt?<br /></span>
+<span class="i2">Ein guter Freund ward mir vom Rosse hier gestochen;<br /></span>
+<span class="i0">Wer f&auml;llte den Hedschir? dem sei hier zugesprochen!<br /></span>
+<span class="i2">Und wenn derselbe selbst hervorzutreten zagt,<br /></span>
+<span class="i0">So komm ein andrer, der mit mir die Probe wagt.<br /></span>
+<span class="i2">Ihr sollt nicht glauben, weils an einem euch gelang,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; Turans Trotz den Stolz von Iran schon bezwang!<br /></span>
+<span class="i2">Was einer schlecht gemacht, das macht ein andrer gut;<br /></span>
+<span class="i0">Die bla&szlig;e Schmach Hedschirs r&ouml;t ich mit wessen Blut?<br /></span>
+<span class="i0">Wer hat sein Leben feil? wer hat zum Kampfe Mut?&ldquo;<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_58" id="page_58">58</a></span>
+<span class="i2">Vom stolzen Lager war geh&ouml;rt die Forderung,<br /></span>
+<span class="i0">Und ihr zu folgen stand schon mancher auf dem Sprung.<br /></span>
+<span class="i2">Doch allen kam zuvor Suhrab mit einem Sprunge<br /></span>
+<span class="i0">Aufs Ross, indem er rief: Ihr wartet, alt' und junge!<br /></span>
+<span class="i2">Den Handel, den ich angefangen, mu&szlig; ich enden;<br /></span>
+<span class="i0">Wegnemen soll mir keins die Arbeit untern H&auml;nden.<br /></span>
+<span class="i2">Das ist zum einen St&uuml;ck das andre, wie ich merk,<br /></span>
+<span class="i0">Und beide St&uuml;cke sind zusammen erst ein Werk.<br /></span>
+<span class="i2">Sagt dem Hedschir: Zum Trost schaff ich in seiner Not<br /></span>
+<span class="i0">Einen Geno&szlig;en ihm, lebendig oder tot!<br /></span>
+<span class="i2">So rief der junge Held, und ritt von dannen jach;<br /></span>
+<span class="i0">Das T&uuml;rkenlager rief ihm lauten Beifall nach.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_59" id="page_59">59</a></span><a name="s_27" id="s_27"></a>27.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">A</span>uf einen Bogenschu&szlig; ritt er zu ihr hinan;<br /></span>
+<span class="i0">Er lachte leis' und kniff die Lippe mit dem Zahn.<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er froh bei sich: ein andres edles Thier<br /></span>
+<span class="i0">Ist hergekommen in des Jagdherrn Jagdrevier.<br /></span>
+<span class="i2">Wie in dem Dickicht, wo ein Leu sein Lager hat,<br /></span>
+<span class="i0">Wo ihm verfallen ist zu Raube, was da naht;<br /></span>
+<span class="i2">Die st&auml;rkste Hirschkuh hat er eben dort bezwungen,<br /></span>
+<span class="i0">Da kommt das zarte Kalb der Mutter nachgesprungen.<br /></span>
+<span class="i2">Lautbl&ouml;ckend suchet es die Mutter in der Not,<br /></span>
+<span class="i0">Und fand an Mutter Statt den L&ouml;wen und den Tod.<br /></span>
+<span class="i2">Des L&ouml;wen Mittagstisch war mit der Kuh beraten,<br /></span>
+<span class="i0">Und nun zur Abendkost dient ihm des K&auml;lbchens Braten.<br /></span>
+<span class="i2">Wer sendet Beut auf Beut hernieder zum Gewinne<br /></span>
+<span class="i0">Mir von der alten Burg, da&szlig; keine mir entrinne?<br /></span>
+<span class="i0">Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne!<br /></span>
+<span class="i2">Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn,<br /></span>
+<span class="i0">Und schon durch Minne rei&szlig;t sie auch den andern hin.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_60" id="page_60">60</a></span>
+<span class="i2">So m&ouml;ge sie, wo sie den ersten fallen sah,<br /></span>
+<span class="i0">Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah!<br /></span>
+<span class="i2">Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort<br /></span>
+<span class="i0">Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort:<br /></span>
+<span class="i0">Es wundert' ihn, da&szlig; sie nicht stand am vorgen Ort.<br /></span>
+<span class="i2">Er dachte, da&szlig; sie dort noch immer an der Zinne<br /></span>
+<span class="i0">So m&uuml;&szlig;te stehn alswie sie stand vor seinem Sinne.<br /></span>
+<span class="i2">Er wu&szlig;te nicht, da&szlig; sie, anstatt ihm zuzusenden<br /></span>
+<span class="i0">Frohnk&auml;mpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen H&auml;nden.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_61" id="page_61">61</a></span><a name="s_28" id="s_28"></a>28.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann<br /></span>
+<span class="i0">Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann.<br /></span>
+<span class="i2">Zu schwenken sie begann ihr mutges R&ouml;sslein leise,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; sie erst ihren Feind im weitern Krei&szlig; umkrei&szlig;e.<br /></span>
+<span class="i2">Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr,<br /></span>
+<span class="i0">War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier.<br /></span>
+<span class="i2">So wie ein Kr&auml;henschwarm den Adler, wo er schwebt,<br /></span>
+<span class="i0">Umschw&auml;rmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt;<br /></span>
+<span class="i2">Sie sind ihm, wo er fliegt, nah &uuml;berall vom weiten,<br /></span>
+<span class="i0">Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten:<br /></span>
+<span class="i2">So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen,<br /></span>
+<span class="i0">Den sie hielt unverwandt, Pfeil &uuml;ber Pfeil geflogen.<br /></span>
+<span class="i2">Ihr K&ouml;cher war ein Meer, und sch&ouml;pfte nie sich leer,<br /></span>
+<span class="i0">Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer;<br /></span>
+<span class="i0">Und Suhrabs R&uuml;stung ward von leichten Spitzen schwer.<br /></span>
+<span class="i2">Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen,<br /></span>
+<span class="i0">Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_62" id="page_62">62</a></span>
+<span class="i2">Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Spr&uuml;heregen,<br /></span>
+<span class="i0">Den er absch&uuml;ttelte, dann wards ihm ungelegen,<br /></span>
+<span class="i0">Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen:<br /></span>
+<span class="i2">Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel?<br /></span>
+<span class="i0">Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel.<br /></span>
+<span class="i2">Wir T&uuml;rken lie&szlig;en euch solang in Ruhe sitzen,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen;<br /></span>
+<span class="i0">Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen.<br /></span>
+<span class="i2">In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen?<br /></span>
+<span class="i0">Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen.<br /></span>
+<span class="i2">Du magst im Fr&uuml;hlingshain ein kleines V&ouml;glein schie&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">Den gro&szlig;en Vogel Greif wirst du damit nicht spie&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i2">Nun aber la&szlig; einmal den eitlen Zeitvertreib,<br /></span>
+<span class="i0">Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_63" id="page_63">63</a></span><a name="s_29" id="s_29"></a>29.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r riefs, und &uuml;bern Arm warf sie des Bogens Sennen,<br /></span>
+<span class="i0">Und gegen Suhrab nun lie&szlig; sie den Schlachtgaul rennen.<br /></span>
+<span class="i2">Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft,<br /></span>
+<span class="i0">Es w&auml;re nicht der Sto&szlig; zu nennen m&auml;dchenhaft,<br /></span>
+<span class="i2">H&auml;tt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind<br /></span>
+<span class="i0">Zur Seite Leib und Ross, der Sto&szlig; gieng in den Wind.<br /></span>
+<span class="i2">Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende,<br /></span>
+<span class="i0">Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende;<br /></span>
+<span class="i2">Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog.<br /></span>
+<span class="i2">Vom Sattel l&uuml;pft' er sie wie einen Federball;<br /></span>
+<span class="i0">Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Gurdafrid nam war, wie sie gef&auml;hrlich schwankte,<br /></span>
+<span class="i0">Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte.<br /></span>
+<span class="i2">Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob,<br /></span>
+<span class="i0">Und wieder sa&szlig; sie fest, da&szlig; Staub vom Sattel stob.<br /></span>
+<span class="i2">Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht,<br /></span>
+<span class="i0">Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_64" id="page_64">64</a></span>
+<span class="i2">Sie sah, da&szlig; sie nicht war f&uuml;r diesen Kampf der Mann;<br /></span>
+<span class="i0">Die Z&uuml;gel zuckte sie dem R&ouml;sslein, und entrann.<br /></span>
+<span class="i2">Auch Suhrab gab den Zaum dem sch&ouml;ngem&auml;hnten Drachen,<br /></span>
+<span class="i0">Und wollte nun den Tag dem Feinde finster machen.<br /></span>
+<span class="i2">Er kam auf seinem Hengst ihr zornig nachgeschnaubt;<br /></span>
+<span class="i0">Da wandte sie sich schnell, und nahm den Helm vom Haupt.<br /></span>
+<span class="i2">Sie glaubte be&szlig;er als durch m&auml;nnliches Gefecht<br /></span>
+<span class="i0">Sich zu verteidigen durch Sch&ouml;nheit und Geschlecht.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_65" id="page_65">65</a></span><a name="s_30" id="s_30"></a>30.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">V</span>on ihrem Haupte quoll die F&uuml;lle dunkler Locken,<br /></span>
+<span class="i0">Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken.<br /></span>
+<span class="i2">Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen,<br /></span>
+<span class="i0">Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen!<br /></span>
+<span class="i2">Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun<br /></span>
+<span class="i0">Im Krieg die M&auml;nner, wenn so kriegrisch sind die Fraun!<br /></span>
+<span class="i2">F&uuml;hrt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier<br /></span>
+<span class="i0">Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir?<br /></span>
+<span class="i2">Nun wei&szlig; ich wol, warum du droben an der Zinne<br /></span>
+<span class="i0">Nicht stehst, weil Kampflust dich herabf&uuml;hrt oder Minne!<br /></span>
+<span class="i2">Als ich dich droben sah, dacht ich: wie sch&ouml;n sie ist!<br /></span>
+<span class="i0">Nun aber seh ich, da&szlig; du noch viel sch&ouml;ner bist.<br /></span>
+<span class="i2">Ein sch&ouml;ner Reh als du fiel nie in J&auml;gerstricke;<br /></span>
+<span class="i0">Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke!<br /></span>
+<span class="i2">Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt,<br /></span>
+<span class="i0">Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt.<br /></span>
+<span class="i2">Gefangen sah sie sich, und w&auml;re gern entgangen;<br /></span>
+<span class="i0">Sie sann auf schnellen Rat, den F&auml;nger selbst zu fangen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_66" id="page_66">66</a></span>
+<span class="i2">Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht,<br /></span>
+<span class="i0">Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht,<br /></span>
+<span class="i2">Indem sie l&auml;chelte, und sprach: Held ohne Scheu,<br /></span>
+<span class="i0">In M&auml;nnermitte wie im Thierechor der Leu!<br /></span>
+<span class="i2">Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier,<br /></span>
+<span class="i0">Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir!<br /></span>
+<span class="i2">Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah,<br /></span>
+<span class="i0">So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah.<br /></span>
+<span class="i2">Nun hab ich dich gesehn; ich h&auml;tte nie gedacht,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht!<br /></span>
+<span class="i2">Ei! m&ouml;gen ihren Krieg mit dir die Perser f&uuml;ren!<br /></span>
+<span class="i0">Du wirst die M&auml;nner all, nicht nur die Fraun, umschn&uuml;ren.<br /></span>
+<span class="i2">Doch w&uuml;nschest du, wie ich, da&szlig; ein Verst&auml;ndnis sei<br /></span>
+<span class="i0">Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_67" id="page_67">67</a></span><a name="s_31" id="s_31"></a>31.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester;<br /></span>
+<span class="i0">Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester,<br /></span>
+<span class="i2">Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke n&auml;me fort,<br /></span>
+<span class="i0">Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort.<br /></span>
+<span class="i2">Ich gebe dir mein Wort, da&szlig;, wenn es dir geliebt,<br /></span>
+<span class="i0">Sich dir zugleich ein Schlo&szlig; und eine Braut ergibt.<br /></span>
+<span class="i2">Ich gebe dir das Schlo&szlig;, und, ist es dir genem,<br /></span>
+<span class="i0">Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem.<br /></span>
+<span class="i2">Mein Vater ist gewis bereit da&szlig; er mich l&ouml;se;<br /></span>
+<span class="i0">Erf&auml;rt er, wo ich bin, so wird er auf mich b&ouml;se.<br /></span>
+<span class="i2">Ihm hinterm R&uuml;cken ritt ich aus dem Schlo&szlig;e fort,<br /></span>
+<span class="i0">Und meiner harrend steht er wol im Tore dort.<br /></span>
+<span class="i2">Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen,<br /></span>
+<span class="i0">Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen,<br /></span>
+<span class="i0">Und beide sich im Spott ob uns vereinigen!<br /></span>
+<span class="i2">Denn spotten werden sie und sagen, da&szlig; ein Mann<br /></span>
+<span class="i0">Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_68" id="page_68">68</a></span>
+<span class="i2">Was haben sie solang einander zu berichten?<br /></span>
+<span class="i0">So fragen sie; drum la&szlig; den Handel schnell uns schlichten.<br /></span>
+<span class="i2">Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir<br /></span>
+<span class="i0">Die Schl&uuml;&szlig;el zu dem Schlo&szlig;, doch erst gib Freiheit mir!<br /></span>
+<span class="i2">Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke,<br /></span>
+<span class="i0">Mit dem sie &uuml;bertrug von sich auf ihn die Stricke;<br /></span>
+<span class="i0">Bet&ouml;ret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke.<br /></span>
+<span class="i2">Wie f&uuml;hlte sie mit Lust den sch&ouml;nen Nacken frei,<br /></span>
+<span class="i0">Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei,<br /></span>
+<span class="i0">Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei.<br /></span>
+<span class="i2">Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein<br /></span>
+<span class="i0">Voraus den Schlo&szlig;berg an, Suhrab ritt hinterdrein.<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_4" id="buch_4"></a><a href="#inhalt">Viertes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_32" id="s_32"></a>32.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">I</span>m Schlo&szlig;wall hinterm Tor, mit Sorgen und mit Trauer,<br /></span>
+<span class="i0">Nach seinem Kinde stand der Vater auf der Lauer,<br /></span>
+<span class="i2">Den Ungehorsam bald, bald ihren Uebermut<br /></span>
+<span class="i0">Laut schalt er, doch geheim lobt' er sein Heldenblut.<br /></span>
+<span class="i2">&bdquo;Wenn sie nur unversehrt vom Abenteuer kehrt,<br /></span>
+<span class="i0">So sei nichts auf der Welt dem T&ouml;chterchen verwehrt;<br /></span>
+<span class="i0">Nur solch ein zweiter Ritt sei nicht von ihr begehrt!<br /></span>
+<span class="i2">Doch weniger mit ihr z&uuml;rn ich, als auf Hedschir;<br /></span>
+<span class="i0">Sein Unfall ri&szlig; mein Kind so hin mit Kampfbegier.<br /></span>
+<span class="i2">Wer aber rettet mir mein T&auml;ublein aus den Krallen<br /></span>
+<span class="i0">Des Habichts, dem zum Raub der Kampfhahn selbst gefallen?<br /></span>
+<span class="i2">Thu ich die Pfort hier auf, da&szlig; ich zur Hilf ihr eile,<br /></span>
+<span class="i0">Damit der alte Vogt des jungen Torheit teile?<br /></span>
+<span class="i2">Wart ich geduldig, bis der Himmel und ihr Gl&uuml;ck,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Mut und kluger Rat mir bringt mein Kind zur&uuml;ck?&ldquo;<br /></span>
+<span class="i2">Er sprachs, und lauscht' hinaus, und h&ouml;rt' ihr R&ouml;sslein traben;<br /></span>
+<span class="i0">Schnell tat er auf, um schnell sein Kind herein zu haben.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_72" id="page_72">72</a></span>
+<span class="i2">Gurdaferid ersah der Rettung offnes Tor,<br /></span>
+<span class="i0">Doch ihr Begleiter klomm hart hinter ihr empor;<br /></span>
+<span class="i0">Da kam sie ihm geschwind mit einem Sprung zuvor.<br /></span>
+<span class="i2">Sie huscht' hinein alsob sie fl&ouml;g auf Taubenschwinge,<br /></span>
+<span class="i0">Und rief: Nun warte, Freund, bis ich die Schl&uuml;&szlig;el bringe!<br /></span>
+<span class="i2">Der Schlo&szlig;vogt schlo&szlig; geschwind das Tor nach seinem Kinde<br /></span>
+<span class="i0">Geh&auml;be, da&szlig; kein Wind den Weg durchs Sp&auml;ltchen finde.<br /></span>
+<span class="i2">Sie war hinein, Suhrab war drau&szlig;en auf dem Ross,<br /></span>
+<span class="i0">Des Schl&uuml;&szlig;els wartet' er zu dem verschlo&szlig;nen Schlo&szlig;.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_73" id="page_73">73</a></span><a name="s_33" id="s_33"></a>33.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a neigte Gurdafrid sich von der Zinne droben,<br /></span>
+<span class="i0">Und rief: Kehr um, o Held, umsonst sind deine Proben.<br /></span>
+<span class="i2">Kehr heim, der Abend naht, von deiner Waffentat<br /></span>
+<span class="i0">Zum T&uuml;rkenlager, dort halt in der Nacht Kriegsrat!<br /></span>
+<span class="i2">Da dir der Handstreich heut aufs wei&szlig;e Schlo&szlig; mislang,<br /></span>
+<span class="i0">So r&uuml;st auf morgen dich zu einem neuen Gang!<br /></span>
+<span class="i2">Er blickt' empor und sprach: o sch&ouml;ne Persermaid,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; du treuloser noch als sch&ouml;n bist, thut mir laid.<br /></span>
+<span class="i2">Da&szlig; mir solch eine Braut, solch eine Burg entflogen,<br /></span>
+<span class="i0">Das reut mich nicht sosehr, als da&szlig; ich ward betrogen.<br /></span>
+<span class="i2">Nun, diese Burg ist doch nicht wie der Himmel hoch;<br /></span>
+<span class="i0">Und w&auml;r sie h&ouml;her noch, herunter mu&szlig;t du doch.<br /></span>
+<span class="i2">Herunter bringen werd ich dich, im Sturm erringen<br /></span>
+<span class="i0">Das Schlo&szlig;, du brauchest mir die Schl&uuml;&szlig;el nicht zu bringen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie sprach: Ereifre nicht, o sch&ouml;ner T&uuml;rkenknabe,<br /></span>
+<span class="i0">So sehr dich, da&szlig; ich nicht gebracht die Schl&uuml;&szlig;el habe.<br /></span>
+<span class="i2">Der Vater hat sie selbst heut in Verschlu&szlig; genommen;<br /></span>
+<span class="i0">Ich k&ouml;nnte, wollt ich auch, nicht zu den Schl&uuml;&szlig;eln kommen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_74" id="page_74">74</a></span>
+<span class="i2">Auch deine Werbung hab ich heimlich ihm vertraut;<br /></span>
+<span class="i0">Er sprach: Ein T&uuml;rke find in Iran keine Braut.<br /></span>
+<span class="i2">Ich rate dir, kehr um, und nim, die dein begehrt,<br /></span>
+<span class="i0">Die sch&ouml;nst in Turan nim! du bist der sch&ouml;nsten wert.<br /></span>
+<span class="i2">Kehr um, ich rate dir, la&szlig; guten Rat dir frommen,<br /></span>
+<span class="i0">Eh Kawus es erf&auml;rt, und seine Helden kommen.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn Rostem kommt heran, der Perser-Pehlewan,<br /></span>
+<span class="i0">O Schmuck aus Turkistan, dann ists um dich getan.<br /></span>
+<span class="i2">Kehr um in deiner Kraft! du stehst hier an der Grenze;<br /></span>
+<span class="i0">Schad um die Blume, wenn sie bricht ein Sturm im Lenze.<br /></span>
+<span class="i2">Ich weinte selbst um dich, wenn ich dich s&auml;he fallen;<br /></span>
+<span class="i0">Denn be&szlig;er hat als du mir noch kein Mann gefallen.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_75" id="page_75">75</a></span><a name="s_34" id="s_34"></a>34.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie sprachs, und schwieg, und stieg hinab vom Mauerkranz;<br /></span>
+<span class="i0">Noch lang sah Rostems Sohn empor im Abendglanz,<br /></span>
+<span class="i2">Als s&auml;h er noch ihr Bild, als h&ouml;rt er noch ihr Wort;<br /></span>
+<span class="i0">Zum Lager langsam dann ritt er im Unmut fort.<br /></span>
+<span class="i2">Dem Schlo&szlig; zur Seite lag am Berggeh&auml;ng herab<br /></span>
+<span class="i0">Ein reicher Anbau, der dem Schlo&szlig;e Nahrung gab.<br /></span>
+<span class="i2">Da waren G&auml;rten, B&auml;um und manches Saatenfeld;<br /></span>
+<span class="i0">Daran lie&szlig; seinen Zorn nun aus der junge Held.<br /></span>
+<span class="i2">Ins Lager rief er laut: Ihr T&uuml;rken, kommt heraus!<br /></span>
+<span class="i0">Verbreitet um euch her schnell der Zerst&ouml;rung Graus!<br /></span>
+<span class="i2">Uns bietet Trotz die Burg, die dort im Sp&auml;trot lodert;<br /></span>
+<span class="i0">Vergebens hab ich heut die Schl&uuml;&szlig;el abgefodert.<br /></span>
+<span class="i2">Sie sei zu Fall gebracht, sobald der Tag erwacht;<br /></span>
+<span class="i0">Und vor der Nacht sei jetzt ein Anfang schon gemacht.<br /></span>
+<span class="i2">Zerschmettert die&szlig; Geb&auml;lk, zertr&uuml;mmert diese Planken,<br /></span>
+<span class="i0">Brecht die&szlig; Gez&auml;un entzwei, werft nieder diese Schranken!<br /></span>
+<span class="i2">Haut diese Fruchtb&auml;um um, entwurzelt diese Reben,<br /></span>
+<span class="i0">Und m&auml;het diese Saat! sie soll nicht K&ouml;rner geben.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_76" id="page_76">76</a></span>
+<span class="i2">Die&szlig; ist der Boden, wo sie ihren Vorrat pflanzen,<br /></span>
+<span class="i0">Womit sie droben dann sich halten in den Schanzen.<br /></span>
+<span class="i2">Nun steige Staub und Rauch und Dampf und Qualm empor,<br /></span>
+<span class="i0">Und k&uuml;ndig ihnen an, was ihnen steht bevor!<br /></span>
+<span class="i2">Des Burgvogts Tochter liebt vom hohen Wall zu schauen;<br /></span>
+<span class="i0">Nun schaue sie, wie hier wir ihr den Garten bauen!<br /></span>
+<span class="i2">W&uuml;hlt diese Beeten um, wo ihre Rosen bl&uuml;hn,<br /></span>
+<span class="i0">Und stopft die Quelle, die ihr macht den Rasen gr&uuml;n!<br /></span>
+<span class="i2">So rief er, und sein Heer fiel wie ein Hagelschlag<br /></span>
+<span class="i0">Aufs angebaute Land, bis alles w&uuml;ste lag.<br /></span>
+<span class="i2">Stillschweigend sah er zu, und als der letzte Keim<br /></span>
+<span class="i0">Zerst&ouml;rt war, ritt er abgek&uuml;hltes Zornes heim.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_77" id="page_77">77</a></span><a name="s_35" id="s_35"></a>35.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>um heimgekehrten trat Baruman in der Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Und sprach: Du hast nicht gut das Werk des Tags vollbracht.<br /></span>
+<span class="i2">Den Feinden ist es recht die Nahrung abzuschneiden,<br /></span>
+<span class="i0">Doch so nicht da&szlig; wir selbst darunter Mangel leiden.<br /></span>
+<span class="i2">Nun ihren Vorrat zwar hast du der Burg entzogen,<br /></span>
+<span class="i0">Allein dein eignes Heer hast du darum betrogen.<br /></span>
+<span class="i2">Viel Holzwerk und Geb&auml;lk ist unn&uuml;tz mitverbrant,<br /></span>
+<span class="i0">Das nutzbar konte sein zum Leiterbau verwandt.<br /></span>
+<span class="i2">Denn ohne Leitern wirst du nicht das Schlo&szlig; erringen;<br /></span>
+<span class="i0">Die Mauern dort wird nicht dein R&ouml;sslein &uuml;berspringen!<br /></span>
+<span class="i2">Und dann, was spornte dich zu dieser Rache scharf?<br /></span>
+<span class="i0">Weil dir ein Kind die T&uuml;r zu vor der Nase warf!<br /></span>
+<span class="i2">Viel be&szlig;er war dir das, als lie&szlig;e sie dich ein;<br /></span>
+<span class="i0">Drin unter Hunderten was wolltest du allein?<br /></span>
+<span class="i2">Du bist der Mann wol es mit jedem aufzunemen,<br /></span>
+<span class="i0">Doch viele Hunde sinds, die einen L&ouml;wen l&auml;hmen.<br /></span>
+<span class="i2">Bist du des Heeres Arm, und bist des Heeres Haupt,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht sei durch Torheit ihm so Haupt als Arm geraubt!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_78" id="page_78">78</a></span>
+<span class="i2">Was sollt ich schreiben nun dem Schah Afrasiab,<br /></span>
+<span class="i0">Der deiner Jugend bei zum Rat mein Alter gab?<br /></span>
+<span class="i2">Dein st&uuml;rmscher Ritter hat das Grenzschlo&szlig; eingenommen,<br /></span>
+<span class="i0">Er ist mit Gl&uuml;ck hinein, doch nicht heraus gekommen!<br /></span>
+<span class="i2">Nun aber wollen wir mit be&szlig;erem Vertraun<br /></span>
+<span class="i0">Es nemen, und dazu vor allem Leitern baun.<br /></span>
+<span class="i0">Du hast das Holz verbrant, wir wollen andres haun.<br /></span>
+<span class="i2">Er sprachs, und l&auml;chelnd hin nam jener den Verweis;<br /></span>
+<span class="i0">Er sprach versch&auml;mt und keck: Ein J&uuml;ngling ist kein Greis;<br /></span>
+<span class="i2">Doch hab ich nie geh&ouml;rt, da&szlig; Rostem auch, der alte,<br /></span>
+<span class="i0">Beim Mauerbrechen sich mit Leiterbau aufhalte.<br /></span>
+<span class="i2">Bau Leitern! eines nur beding ich mir dabei,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig;, wenn sie fertig sind, ich drauf der erste sei.<br /></span>
+<span class="i2">Nur seis in dieser Nacht! denn morgen, seids gew&auml;rtig,<br /></span>
+<span class="i0">Da werd ich mit der Burg auch ohne Leitern fertig.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_79" id="page_79">79</a></span><a name="s_36" id="s_36"></a>36.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">W</span>eil die&szlig; der wei&szlig;en Burg im Lager ward gedroht,<br /></span>
+<span class="i0">Sa&szlig; droben Gesdehem, und dachte nach der Not.<br /></span>
+<span class="i2">Er setzte sich und schrieb an Kawus einen Brief,<br /></span>
+<span class="i0">Darin er Gottes Heil dem Schah zum Eingang rief,<br /></span>
+<span class="i2">Und von der Herrlichkeit des Throns nach W&uuml;rden sprach,<br /></span>
+<span class="i0">Dann von den mislichen Zeitl&auml;uften trug er nach:<br /></span>
+<span class="i2">Die Grenzburg Irans ist gekommen ins Gedr&auml;nge<br /></span>
+<span class="i0">Von einem T&uuml;rkenheer in ungez&auml;lter Menge.<br /></span>
+<span class="i2">Doch all den andern geht ein junger Fant voran,<br /></span>
+<span class="i0">Der &uuml;ber zweimal sieben Jahr nicht alt sein kann.<br /></span>
+<span class="i2">Von seiner Schlankheit ist die Zeder &uuml;berragt,<br /></span>
+<span class="i0">Von seinem Glanz die Sonn im Aufgang &uuml;bertagt.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn er zu Rosse sitzt mit Lanze, Keul und Schwerde,<br /></span>
+<span class="i0">So achtet er gering Himmel und Meer und Erde.<br /></span>
+<span class="i2">In Turan weder ist noch Iran ein Verwegner<br /></span>
+<span class="i0">Von gleicher Art, f&uuml;r ihn ist auf der Welt kein Gegner,<br /></span>
+<span class="i2">Als Rostem nur allein; ihm gleicht er an Gestalt,<br /></span>
+<span class="i0">An unverzagtem Mut und furchtbarer Gewalt.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_80" id="page_80">80</a></span>
+<span class="i2">Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,<br /></span>
+<span class="i0">Entspro&szlig;en, wie man sagt, Semengans K&ouml;nigsstamme.<br /></span>
+<span class="i2">Sobald er kam, hat sich der mutige Hedschir<br /></span>
+<span class="i0">Geg&uuml;rtet, und gesetzt auf ein schnellf&uuml;&szlig;ig Thier.<br /></span>
+<span class="i2">Ihn trugs den Berg hinab, doch nicht zum Schlo&szlig; zur&uuml;ck;<br /></span>
+<span class="i0">Dem St&uuml;rmer sperrt ich selbst die Vestung noch zum Gl&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wenig fehlte nur, so w&auml;re mutentbrant<br /></span>
+<span class="i0">Der junge Elefant allein ins Tor gerant.<br /></span>
+<span class="i2">Darauf hat er verbrant den Anbau rings ums Schlo&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Und l&auml;nger widersteht die Burg nicht seinem Sto&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Am Leben ist Hedschir, doch in Gefangenschaft;<br /></span>
+<span class="i0">Verloren ist an ihm des Schlo&szlig;es Halt und Kraft.<br /></span>
+<span class="i2">Ich hab umsonst bei mir nach be&szlig;erm Rath gesucht:<br /></span>
+<span class="i0">Mit meinem H&auml;uflein nem ich diese Nacht die Flucht.<br /></span>
+<span class="i2">Schnell sende nun der Schah ein gro&szlig;es Heer herbei,<br /></span>
+<span class="i0">Damit ein Damm gesetzt der Ueberschwemmung sei.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem sei dabei! Nur Rostem ist der Mann,<br /></span>
+<span class="i0">Der diesem T&uuml;rkenknaben ins Gesicht sehn kann.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_81" id="page_81">81</a></span><a name="s_37" id="s_37"></a>37.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r schriebs und siegelte, und gab geschwind den Brief<br /></span>
+<span class="i0">Dem Boten, der damit die Nacht durch eilig lief.<br /></span>
+<span class="i2">Aufstand der alte Vogt sodann vom Schreibeplatz,<br /></span>
+<span class="i0">Und raffte sein Gesind zusammen und den Schatz,<br /></span>
+<span class="i2">Gurdaferid voran, um diese war ihm bange,<br /></span>
+<span class="i0">Mit allen wandt er sich zum unterirdschen Gange,<br /></span>
+<span class="i2">Der, ihm allein bekant, zur Burg hinaus weit f&uuml;rte,<br /></span>
+<span class="i0">Und Niemand ward gewar, wie er den B&uuml;ndel schn&uuml;rte.<br /></span>
+<span class="i2">Er zog mit seiner Schaar bei Nacht ein gutes St&uuml;ck,<br /></span>
+<span class="i0">Und nur wehrloses Volk lie&szlig; er im Schlo&szlig; zur&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i2">Als nun der Tag brach aus der Nacht zerri&szlig;nem Flor,<br /></span>
+<span class="i0">St&uuml;rmte mit seinem Heer Suhrab den Berg empor.<br /></span>
+<span class="i2">Sie drangen bis ans Tor der Burg ohn Aufenthalt,<br /></span>
+<span class="i0">Niemand trat in den Weg der st&uuml;rmenden Gewalt.<br /></span>
+<span class="i2">Da hielten sie vorm Tor, kein Atem war darinnen,<br /></span>
+<span class="i0">Und sahn zur Zinn empor, kein Leben auf den Zinnen!<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab in Ungeduld fa&szlig;t' einen Felsenstein,<br /></span>
+<span class="i0">Schleudert' ihn gegens Tor, und brach den Eingang drein.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_82" id="page_82">82</a></span>
+<span class="i2">Zu Ross sprengt' er hinein, alswie der lichte Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Ins Torgew&ouml;lb, in dem noch Nacht und Schweigen lag;<br /></span>
+<span class="i0">Das Schweigen ward geweckt von seinem Rosshufschlag.<br /></span>
+<span class="i2">Der Widerhall nur ward vom Waffengru&szlig;e wach,<br /></span>
+<span class="i0">Kein andrer Widerpart schuf ihnen Ungemach.<br /></span>
+<span class="i2">Sie wunderten sich selbst, wie leicht sie eingenommen<br /></span>
+<span class="i0">Die Burg, und fragten sich, wohin der Feind gekommen?<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab hatte statt des Feindes an dem Ort<br /></span>
+<span class="i0">Die Freundin auch gesucht, und fand: sie war nicht dort.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_83" id="page_83">83</a></span><a name="s_38" id="s_38"></a>38.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">W</span>ie sich ein Knabe m&uuml;ht, da&szlig; er den Baum ersteige,<br /></span>
+<span class="i0">Wo er ein Vogelnest wei&szlig; auf dem h&ouml;chsten Zweige;<br /></span>
+<span class="i2">Am Abende zuvor hat er sich vorgenommen:<br /></span>
+<span class="i0">Bei fr&uuml;hstem Morgen wird der hohe Baum erklommen.<br /></span>
+<span class="i2">Heut ist es nun zu sp&auml;t, bis morgen seis verschoben;<br /></span>
+<span class="i0">Die V&ouml;gel sind im Nest bei Nacht wol aufgehoben.<br /></span>
+<span class="i2">Er hat die ganze Nacht von seinem Fang getr&auml;umt,<br /></span>
+<span class="i0">Und, mit der Sonn erwacht, das Bette schnell ger&auml;umt;<br /></span>
+<span class="i2">Dann ist er unges&auml;umt auf seinen Baum geklommen,<br /></span>
+<span class="i0">Und droben findet er das Nest nun ausgenommen.<br /></span>
+<span class="i2">Er wei&szlig; nicht, ob zuvor ein andrer Dieb ihm kam,<br /></span>
+<span class="i0">Oder die fl&uuml;cke Brut den Flug vom Neste nam.<br /></span>
+<span class="i2">Eischalen findet er und ein zerstreut Gefieder,<br /></span>
+<span class="i0">Und traurig klettert er vom hohen Stamme wieder:<br /></span>
+<span class="i0">So traurig kletterte dort Suhrab auf und nieder<br /></span>
+<span class="i2">Durchs &ouml;de Mauerwerk der ausgestorbnen Veste,<br /></span>
+<span class="i0">Und fand den Vogel, den er suchte, nicht im Neste.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_84" id="page_84">84</a></span>
+<span class="i2">Er fand nicht Gurdafrid, wo er sie sucht' im Schlo&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Er fand den wehrlos nur zur&uuml;ckgela&szlig;nen Tro&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">So traurig sank er nun herab vom hohen Baume<br /></span>
+<span class="i0">Der Hoffnung, den er k&uuml;hn erflogen hatt im Traume;<br /></span>
+<span class="i0">Er suchte, die er liebt', im weiten leeren Raume.<br /></span>
+<span class="i2">Er rief: K&ouml;nnt ihr mir nicht, ihr stummen W&auml;nde, sagen,<br /></span>
+<span class="i0">Wohin ein Sturm sie hat, ein Fl&uuml;gel sie getragen?<br /></span>
+<span class="i2">Ist sie verschwunden, wie ein Traumbild ohne Spur?<br /></span>
+<span class="i0">Erscheinung gl&auml;nzende, die mir vor&uuml;ber fur!<br /></span>
+<span class="i0">Wo bist du? wer bist du? wie, sprich, nenn ich dich nur?<br /></span>
+<span class="i2">Das macht den Unmut mir im Herzen doppelt hei&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich auch nicht einmal von ihr den Namen wei&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Mich d&auml;uchte, k&uuml;hlen w&uuml;rd es schon der Sehnsucht Brennen,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich dem Winde nur d&uuml;rft ihren Namen nennen! &ndash;<br /></span>
+<span class="i2">Er dachte nicht daran, den Tro&szlig; der Burg zu fragen;<br /></span>
+<span class="i0">Was, dacht er, k&ouml;nnen die von meiner Liebe sagen?<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_85" id="page_85">85</a></span><a name="s_39" id="s_39"></a>39.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a rief er seiner Schaar: Geschwind, und holet mir<br /></span>
+<span class="i0">Herauf aus seiner Haft vom Lager den Hedschir!<br /></span>
+<span class="i2">Er ist ja gestern noch hier oben Herr gewesen;<br /></span>
+<span class="i0">Wen be&szlig;er k&ouml;nnten wir zur Auskunft uns erlesen?<br /></span>
+<span class="i2">Er soll des leeren Nests Gelegenheit uns deuten;<br /></span>
+<span class="i0">Verborgne Sch&auml;tze sind gewis hier zu erbeuten.<br /></span>
+<span class="i2">Er riefs, und jene trieb nach Sch&auml;tzen die Begier<br /></span>
+<span class="i0">Geschwind den Berg hinab, sie holten den Hedschir.<br /></span>
+<span class="i2">Er kam, und Fe&szlig;eldruck beschwerte seine Glieder,<br /></span>
+<span class="i0">Doch schwerer noch dr&uuml;ckt' ihn Gef&uuml;hl der Scham danieder;<br /></span>
+<span class="i0">Denn frei hier war er einst, und kam gefangen wieder.<br /></span>
+<span class="i2">Doch auf die Seite nam ihn alsobald Suhrab,<br /></span>
+<span class="i0">Mit sanften Worten nam er ihm die Fe&szlig;eln ab:<br /></span>
+<span class="i2">Du bist, so frei du hier gewesen, wieder jetzt,<br /></span>
+<span class="i0">Sogleich auf diese Burg von mir als Vogt gesetzt,<br /></span>
+<span class="i2">Wenn ohne Hinterhalt du mir den Namen nennest<br /></span>
+<span class="i0">Von einer, die du nur zu gut, ich wei&szlig; es, kennest,<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_86" id="page_86">86</a></span>
+<span class="i2">Und sagst du mir, wo sie ist, wo ich sie finden mag?<br /></span>
+<span class="i0">Denn ohne sie will ich nicht bleiben einen Tag!<br /></span>
+<span class="i0">Er sprach es, und das Wort war f&uuml;r Hedschir ein Schlag.<br /></span>
+<span class="i2">Zur Antwort gab er ihm: Wenn dir sie Gott beschied,<br /></span>
+<span class="i0">Den Namen nenn ich wol, sie hei&szlig;t Gurdaferid.<br /></span>
+<span class="i2">Ich staune, wie du selbst, sie nicht zu sehn hier oben;<br /></span>
+<span class="i0">Wer wei&szlig;, wo seinen Schatz der Vater aufgehoben!<br /></span>
+<span class="i2">Gern w&uuml;rd ich dir den Platz, wenn ich ihn w&uuml;&szlig;te, sagen.<br /></span>
+<span class="i0">Sie hat ein Geist entf&uuml;rt, ein Sturmwind fortgetragen;<br /></span>
+<span class="i0">Du mu&szlig;t die Zauberin dir aus dem Sinne schlagen.<br /></span>
+<span class="i2">Er schwieg, und wu&szlig;te wohl, auf welchem Weg den Schatz<br /></span>
+<span class="i0">Der alte Drach entf&uuml;rt, an welchen sichern Platz.<br /></span>
+<span class="i2">Doch sein Geheimnis war des Nebenbulers Heil;<br /></span>
+<span class="i0">Es war ihm um die Burg und um die Welt nicht feil.<br /></span>
+<span class="i2">F&uuml;r Persien diese Burg zu halten w&auml;re sch&ouml;n,<br /></span>
+<span class="i0">Dacht er, und frei als Herr zu walten auf den H&ouml;hn;<br /></span>
+<span class="i2">Doch &uuml;bel ist der Preis und schlimm die Gegengabe:<br /></span>
+<span class="i0">Nicht kommen soll durch mich auf ihre Spur der Knabe! &ndash;<br /></span>
+<span class="i2">Vom Vorteil seines Lands und seinem unger&uuml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Wunsch der Freiheit selbst, blieb er von Lieb umschn&uuml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Und ward in Fe&szlig;eln, wie er kam, hinweg gef&uuml;rt.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_87" id="page_87">87</a></span><a name="s_40" id="s_40"></a>40.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Suhrab gieng nunmehr im weiten Schlo&szlig; umher,<br /></span>
+<span class="i0">Und fand den Raum von dem, wornach er suchte, leer.<br /></span>
+<span class="i2">Da sprachen, die es sahn: Nach Sch&auml;tzen suchet er.<br /></span>
+<span class="i0">Und suchen gieng im Schlo&szlig; nach Sch&auml;tzen auch das Heer.<br /></span>
+<span class="i2">Er aber suchte fort und fort sie hier und dort;<br /></span>
+<span class="i0">Am einen fand er nichts, und sucht' am andern Ort.<br /></span>
+<span class="i2">Er dachte, da&szlig; sie doch sich m&uuml;&szlig;e wo verstecken,<br /></span>
+<span class="i0">Und immer hoffte noch sein Herz, sie zu entdecken.<br /></span>
+<span class="i2">Wie ein verlegt Ger&auml;t man sucht an jedem Flecke,<br /></span>
+<span class="i0">Wo man es schon gesucht, und suchts in jeder Ecke,<br /></span>
+<span class="i0">Wo mans nicht fand, und denkt, da&szlig; es doch wo noch stecke.<br /></span>
+<span class="i2">Er gieng zur Zinn hinaus, wo er von unten hoch<br /></span>
+<span class="i0">Sie gestern stehen sah; stehn wird sie da heute noch!<br /></span>
+<span class="i2">Er freute sich, zu stehn, wo sie zuvor gestanden,<br /></span>
+<span class="i0">Und lie&szlig; den Blick hinaus umschweifen in den Landen.<br /></span>
+<span class="i2">Er sah darauf die Berg' und jede Thalschlucht an,<br /></span>
+<span class="i0">Ob sie hindurch villeicht genommen ihre Bahn.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_88" id="page_88">88</a></span>
+<span class="i2">Er fragt' um sie, von der er wu&szlig;te nun den Namen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Wolken und die L&uuml;ft, ob sie von ihr nicht kamen.<br /></span>
+<span class="i2">Mit Wind und Sonnenschein sprach er, mit Pflanz und Stein<br /></span>
+<span class="i0">Sprach er von ihr, nur mit den Leuten nicht allein.<br /></span>
+<span class="i2">Die Leute pl&uuml;nderten, zerhieben und zerstachen,<br /></span>
+<span class="i0">Zerschmi&szlig;en, ri&szlig;en ein, zerw&uuml;lten und zerbrachen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie suchten einen Schatz, und weil sie keinen Schatz<br /></span>
+<span class="i0">Am Platze fanden, ward zerst&ouml;rt daf&uuml;r der Platz.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab, dessen Herz ein andres k&uuml;mmerte,<br /></span>
+<span class="i0">Sah unbek&uuml;mmert drein, wie alles tr&uuml;mmerte.<br /></span>
+<span class="i2">Er sah, und sah es nicht, wie man die Burg zerst&ouml;rte,<br /></span>
+<span class="i0">Alsob sie noch dem Feind, nicht schon ihm selbst geh&ouml;rte.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_89" id="page_89">89</a></span><a name="s_41" id="s_41"></a>41.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u dem in Liebeslust gefangnen jungen Mann<br /></span>
+<span class="i0">Mit Mahnung und Verweis trat Barman und begann:<br /></span>
+<span class="i2">Wie? um ein dunkles Haar und helles Angesicht<br /></span>
+<span class="i0">Vergi&szlig;est du die Welt, dich selbst und deine Pflicht!<br /></span>
+<span class="i2">Die Helden, so die Welt noch jetzt am h&ouml;chsten h&auml;lt,<br /></span>
+<span class="i0">Sie hielten h&ouml;her als sich selbst nichts auf der Welt.<br /></span>
+<span class="i2">Sie gaben aus der Hand nicht achtlos und bedachtlos<br /></span>
+<span class="i0">Das Herz und den Verstand, vom Rausch der Liebe machtlos.<br /></span>
+<span class="i2">Wol manches Moschusreh fiengen sie ein im Scherz,<br /></span>
+<span class="i0">Doch binden lie&szlig;en sie im Ernste nicht ihr Herz.<br /></span>
+<span class="i2">Denn, wer dem Adler gleich will um die Sonne werben,<br /></span>
+<span class="i0">Darf wie die Nachtigall nicht um die Rose sterben.<br /></span>
+<span class="i2">Nicht mit Eroberung von einer Welt vereint<br /></span>
+<span class="i0">Sich dieses, da&szlig; in Gram um einen Mond man weint.<br /></span>
+<span class="i2">Sohn hat zum Ruhme dich genant Afrasiab,<br /></span>
+<span class="i0">Und &uuml;ber Land und Meer schwingst du der Herrschaft Stab.<br /></span>
+<span class="i2">Aus Turan kamen wir hieher zu einem Werke,<br /></span>
+<span class="i0">Begonnen wards mit Kraft, und sei vollf&uuml;rt mit St&auml;rke!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_90" id="page_90">90</a></span>
+<span class="i2">Dir fiel ohn einen Streich des Schwertes in die Hand<br /></span>
+<span class="i0">Solch eine Burg, und frei steht dir nun Irans Land.<br /></span>
+<span class="i2">Doch ob wir so im Spiel erreichten dieses Ziel<br /></span>
+<span class="i0">Des Wunsches, doch bevor steht uns noch Arbeit viel.<br /></span>
+<span class="i2">Der K&ouml;nig Kawus wird mit seinen Helden nahn;<br /></span>
+<span class="i0">Willst du entgegengehn? willst du sie hier empfahn?<br /></span>
+<span class="i2">Willst du entgegengehn? kleb hier nicht an den Hallen!<br /></span>
+<span class="i0">Willst du sie hier empfahn? la&szlig; nicht die Burg zerfallen!<br /></span>
+<span class="i2">Was &uuml;berlieferst du in Blindheit und Bet&ouml;rung<br /></span>
+<span class="i0">Das erste Pfand des Gl&uuml;cks den H&auml;nden der Zerst&ouml;rung?<br /></span>
+<span class="i2">Mach, es ist dir zu schw&uuml;l, dein Herz im Busen k&uuml;hl<br /></span>
+<span class="i0">Von Liebe, willst du stehn ein Mann im Schlachtgew&uuml;hl!<br /></span>
+<span class="i0">Und willst du sein ein Kind, so ruh auf weichem Pf&uuml;hl!<br /></span>
+<span class="i2">So mahnte Baruman; Suhrab hatt ihm verraten<br /></span>
+<span class="i0">Sein Herzgeheimnis nicht: er hatt es selbst erraten.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_91" id="page_91">91</a></span><a name="s_42" id="s_42"></a>42.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o mahnte Baruman, und als darauf kein Wort<br /></span>
+<span class="i0">Suhrab erwiderte, fur er zu mahnen fort:<br /></span>
+<span class="i2">Du hast aus eignem Mut, o J&uuml;ngling, unternommen<br /></span>
+<span class="i0">Ein gro&szlig;es Werk, und wirst mit Gl&uuml;ck zum Ziele kommen,<br /></span>
+<span class="i2">Wenn eins mit dir du bist! Mit dir eins, wirst du siegen;<br /></span>
+<span class="i0">Uneins mit dir, wirst du dir selber unterliegen:<br /></span>
+<span class="i0">Der Kopf besinnungslos wird unters Herz sich biegen.<br /></span>
+<span class="i2">Nur wer mit Festigkeit und mit Verstand ausf&uuml;rt<br /></span>
+<span class="i0">Das Unternommne, wei&szlig; da&szlig; ihm der Ruhm geb&uuml;rt.<br /></span>
+<span class="i2">Den Leun zu fangen, bist du auf die Jagd gegangen;<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; dich nicht unterwegs vom bunten Panther fangen!<br /></span>
+<span class="i2">Bist du ein Held, ein Mann, die Welt zum Raube nim!<br /></span>
+<span class="i0">Die Hand streck aus! dem Schah vom Haupt die Haube nim!<br /></span>
+<span class="i2">Wenn diese L&auml;nder all erst deiner Herrschaft fr&ouml;hnen,<br /></span>
+<span class="i0">Werden dir allerwerts auch huldigen die Sch&ouml;nen.<br /></span>
+<span class="i2">Die Sch&ouml;nheit ist die Blum, o Sohn, auf dem Gefild<br /></span>
+<span class="i0">Des Lebens, und die Lieb ein Thau auf Blumen mild.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_92" id="page_92">92</a></span>
+<span class="i2">Nie fehlen m&ouml;ge dir, o J&uuml;ngling, auf der Au<br /></span>
+<span class="i0">Der Jugend und des Gl&uuml;cks die Blume noch der Thau!<br /></span>
+<span class="i2">Befestige die&szlig; Schlo&szlig; zu Ehren der darinn<br /></span>
+<span class="i0">Erbl&uuml;hten, ihr zum Ruhm befestge deinen Sinn!<br /></span>
+<span class="i2">Wenn dir von hier der Sieg ganz Persien beschied,<br /></span>
+<span class="i0">In Persien ist mit inbegriffen Gurdafrid.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn du den Rostem wirst vom Ross zu Boden ringen,<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; ihn als L&ouml;sepreis Gurdaferid dir bringen!<br /></span>
+<span class="i2">So Baruman, und wie ein Stral durch Nebel brach<br /></span>
+<span class="i0">Die Red in Suhrabs Seel, er ward vom Traume wach.<br /></span>
+<span class="i2">Ja, rief er, von dem Ross will ich den Rostem bringen,<br /></span>
+<span class="i0">Und will als L&ouml;sepreis Gurdaferid bedingen!<br /></span>
+<span class="i2">Dem Heer gebot er: Rei&szlig;t nicht, was wir haben, ein!<br /></span>
+<span class="i0">Und baut es wieder, da&szlig; es m&ouml;g unnembar sein!<br /></span>
+<span class="i2">Dann setzt' er sich und schrieb Brief' an Afrasiab,<br /></span>
+<span class="i0">Worin er ihm Bericht vom ersten Siege gab.<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_5" id="buch_5"></a><a href="#inhalt">F&uuml;nftes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_43" id="s_43"></a>43.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och zu Keikawus kam nach Istachar der Brief<br /></span>
+<span class="i0">Des Gesdehem, womit in Eil der Bote lief.<br /></span>
+<span class="i2">Der K&ouml;nig, als er nun den Brief las, und vernam<br /></span>
+<span class="i0">Die &uuml;ble Zeitung, ward sein Herz voll dunklem Gram.<br /></span>
+<span class="i2">Darauf er seines Heers Gewaltige berief,<br /></span>
+<span class="i0">Und viel verhandelt' er mit ihnen ob dem Brief.<br /></span>
+<span class="i2">Sie sa&szlig;en um den Schah von Iran alle her,<br /></span>
+<span class="i0">Und allen ward das Herz wie ihm von Sorgen schwer.<br /></span>
+<span class="i2">Die Gro&szlig;en seines Reichs und Starken sa&szlig;en alle<br /></span>
+<span class="i0">Ratschlagend mit dem Schah in der Chosroenhalle:<br /></span>
+<span class="i2">Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,<br /></span>
+<span class="i0">Gurase, Gurgin, Gew, Milad, Ferhad, Behram.<br /></span>
+<span class="i2">Denselben allen gab der Schah den Brief zu lesen,<br /></span>
+<span class="i0">Und sprach mit ihnen dann von Suhrabs Art und Wesen:<br /></span>
+<span class="i2">So ist aus Turans Schoo&szlig; ein neuer Kriegessturm<br /></span>
+<span class="i0">Gebrochen! seinem Sto&szlig; wankt Irans Friedensturm.<br /></span>
+<span class="i2">Schon ist in seiner Hand die wei&szlig;e Veste jetzt,<br /></span>
+<span class="i0">Auf welche wir umsonst der H&uuml;ter zwei gesetzt.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_96" id="page_96">96</a></span>
+<span class="i2">Der alte gieng davon, der junge lie&szlig; sich fangen.<br /></span>
+<span class="i0">Guders! mit deinem Sohn Hedschir darfst du nicht prangen!<br /></span>
+<span class="i2">Du hast der S&ouml;hne viel; warum gerade gaben<br /></span>
+<span class="i0">Die Burg wir dem, der sie nicht hielt vor einem Knaben?<br /></span>
+<span class="i2">Doch, wie der Alte schreibt, so ist kein Mann der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Der diesem Unget&uuml;m von Kind die Stange h&auml;lt,<br /></span>
+<span class="i2">Als Rostem, Sabuls Held. Ihr, denen ist empfolen<br /></span>
+<span class="i0">Die Wolfart Irans, sprecht: soll man den Rostem holen?<br /></span>
+<span class="i2">Da sprachen Gro&szlig; und Klein, und riefen insgemein:<br /></span>
+<span class="i0">Rostem ist Irans Held, geholt soll Rostem sein.<br /></span>
+<span class="i2">Im Kampf mit Turan war stets Rostem Irans Hort;<br /></span>
+<span class="i0">Aus Sabulistan sei er eingeholt sofort!<br /></span>
+<span class="i2">Der Schah schreib einen Brief, worin ihm werd empfolen<br /></span>
+<span class="i0">Zu eilen; aber Gew, sein Eidam, geh ihn holen.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_97" id="page_97">97</a></span><a name="s_44" id="s_44"></a>44.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a sa&szlig; der Schah und schrieb an Rostem einen Brief,<br /></span>
+<span class="i0">Worin er Gottes Preis ob ihm zum Eingang rief:<br /></span>
+<span class="i2">Hort der Iranier, F&uuml;rst von Sabulistan!<br /></span>
+<span class="i0">Stets sei vom Ruhm genant des Reiches Pehlewan!<br /></span>
+<span class="i2">Von Turan ist ein Sturm und Friedensbruch gekommen,<br /></span>
+<span class="i0">Die wei&szlig;e Burg hat er den H&uuml;tern abgenommen.<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,<br /></span>
+<span class="i0">Entspro&szlig;en, wie man sagt, Semengans K&ouml;nigsstamme;<br /></span>
+<span class="i2">Ein Wetterstral, ein Brand, ein Recke sonder Scheu,<br /></span>
+<span class="i0">Von Leib ein Elefant, von Herz und Mut ein Leu.<br /></span>
+<span class="i2">Wie Gesdehem uns schreibt, so ist kein Mann der Welt,<br /></span>
+<span class="i0">Der diesem Wagehals von Kind die Wage h&auml;lt,<br /></span>
+<span class="i2">Als du nur, Irans Held! All meine Ritter sa&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Zu Rate, wo mit mir sie diese Fahr erma&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i2">Und einig sind sie, da&szlig; mit ihm den Kampf kann &uuml;ben<br /></span>
+<span class="i0">Kein anderer, nur du magst ihm das Wa&szlig;er tr&uuml;ben.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_98" id="page_98">98</a></span>
+<span class="i2">Denn du bist unser Hort und Schmuck und Putz allein,<br /></span>
+<span class="i0">Du Irans Rettungsport und Turans Trutz allein,<br /></span>
+<span class="i0">Die St&uuml;tze fort und fort des Throns und Schutz allein.<br /></span>
+<span class="i2">Nun gilt es, der Gefahr mit Kraft Entgegenstemmung,<br /></span>
+<span class="i0">Die Brust von Iran frei zu machen von Beklemmung;<br /></span>
+<span class="i0">Hemmung und D&auml;mmung gilts von Turans Ueberschwemmung!<br /></span>
+<span class="i2">Sobald du diesen Brief erbrochen hast, brich auf!<br /></span>
+<span class="i0">Im Augenblick brich auf, und halte dich nicht auf!<br /></span>
+<span class="i2">Stehst du, wo dieser Brief ankommt, nicht sitze nieder<br /></span>
+<span class="i0">Zu lesen! sitzest du, erheb im Sprung die Glieder!<br /></span>
+<span class="i2">Wenn in der Hand den Strau&szlig; du h&auml;ltst, zu riechen, reuch nicht<br /></span>
+<span class="i0">Daran! wirf hin den Strau&szlig;, zeuch aus, zeuch! und verzeuch nicht!<br /></span>
+<span class="i2">Bist du vor deiner T&uuml;r, so geh nicht erst ins Schlo&szlig;!<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; holen Schwert und Helm, und hol im Stall dein Ross!<br /></span>
+<span class="i2">Sitz auf dein Ross! den Rachs la&szlig; rennen! flieg herbei<br /></span>
+<span class="i0">Aus Sabul wie ein Sturm! erheb ein Feldgeschrei!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_99" id="page_99">99</a></span><a name="s_45" id="s_45"></a>45.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r schrieb und siegelte den Brief mit buntem Wachse,<br /></span>
+<span class="i0">Gab ihn dem Gew, und sprach: Nun renne gleich dem Rachse;<br /></span>
+<span class="i2">Nach Sabul renn und flieg, alsob du h&auml;ttest Fl&uuml;gel!<br /></span>
+<span class="i0">Nun gilts am R&ouml;sslein abzunutzen Zaum und Z&uuml;gel.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn du nach Sabul kommst zu Rostem, hei&szlig; ihn eilen!<br /></span>
+<span class="i0">Verweilen la&szlig; ihn nicht, und la&szlig; dich nicht verweilen!<br /></span>
+<span class="i2">Kommst du an sp&auml;t des Nachts, so kehr um fr&uuml;h des Tags!<br /></span>
+<span class="i0">Sags ihm, da&szlig; nah der Kampf herandr&auml;ngt, sags ihm, sags!<br /></span>
+<span class="i2">Da nam den Brief zur Hand und eilte hin der Bote;<br /></span>
+<span class="i0">An Wa&szlig;er dacht er nicht, und fragte nicht nach Brote;<br /></span>
+<span class="i2">Er fragt' auf seinem Weg nach Staub nicht oder Kot,<br /></span>
+<span class="i0">Und auch am Himmel nicht nach Fr&uuml;h- und Abendrot.<br /></span>
+<span class="i2">Er flog auf seinem Ross in ungest&uuml;mer Hast,<br /></span>
+<span class="i0">Und g&ouml;nnte weder ihm noch sich Schlaf oder Rast.<br /></span>
+<span class="i2">Der Reuter und sein Ross, sie f&uuml;hlten ihre Kr&auml;fte<br /></span>
+<span class="i0">Verdoppelt vom Beruf der wichtigen Gesch&auml;fte;<br /></span>
+<span class="i2">Als dienete zu Sporn des Reiches scharfe Not,<br /></span>
+<span class="i0">Zu Gei&szlig;elhieb des Schachs eindringliches Gebot.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_100" id="page_100">100</a></span>
+<span class="i2">Als er zur Mark hinan ritt von Sabulistan,<br /></span>
+<span class="i0">Ward vom Wachpostenruf dem Rostem kund getan;<br /></span>
+<span class="i0">Aus Iran fliegt ein Bot alswie ein Sturm heran.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem zu Sewar, zu seinem Bruder, sprach:<br /></span>
+<span class="i0">Reit ihm entgegen, sieh, warum ihm ist so jach!<br /></span>
+<span class="i2">Dem K&ouml;nigsboten ritt Sewar auf hohem Ross<br /></span>
+<span class="i0">Entgegen, Rostem blieb in Ruh auf seinem Schlo&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Doch als der Bruder nun kam mit dem Boten n&auml;her,<br /></span>
+<span class="i0">Wie er den Eidam sah, da freute sich der Schw&auml;her.<br /></span>
+<span class="i2">Er gr&uuml;&szlig;t' ihn sch&ouml;n und sprach: Was bringst du, Tochtermann?<br /></span>
+<span class="i0">Ein Schreiben von dem Schah! gibs, ob ichs lesen kann!<br /></span>
+<span class="i2">Er nam den Brief, den er mit Augen &uuml;berlief,<br /></span>
+<span class="i0">Dann schwieg er lange Zeit, und dachte nach dem Brief.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_101" id="page_101">101</a></span><a name="s_46" id="s_46"></a>46.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">I</span>ch denk an alte Zeit, verge&szlig;en manches Jahr,<br /></span>
+<span class="i0">Und jetzt erinnr' ich mich, alsob es gestern war.<br /></span>
+<span class="i2">Wie lange kann es sein? unm&ouml;glich ist der Knabe<br /></span>
+<span class="i0">Mein Sohn, wenn einen Sohn ich in Semengan habe.<br /></span>
+<span class="i2">Unm&ouml;glich, wenn mir dort ein Herz- und Seelerfreuer<br /></span>
+<span class="i0">Erw&auml;chst, ist er bereits ein Mann und Heerzerstreuer.<br /></span>
+<span class="i2">Jetzt trinket er noch mit milchduftiger Lippe Wein;<br /></span>
+<span class="i0">Doch ohne Zweifel bald wird er ein K&auml;mpe sein.<br /></span>
+<span class="i2">Wann seine Zeit kommt, wird sein Arm die Keule schwingen,<br /></span>
+<span class="i0">An Tapferkeit wird er mit seinem Vater ringen.<br /></span>
+<span class="i2">Aufbl&uuml;hen neu in ihm wird Rostems Heldenfeuer,<br /></span>
+<span class="i0">Der J&uuml;ngling wird dem Greis der Jugendkraft Erneuer;<br /></span>
+<span class="i0">Jetzt ist er noch kein Mann der Schlacht und Heerzerstreuer.<br /></span>
+<span class="i2">Wann er erwachsen ist, wird ihn die Mutter schicken,<br /></span>
+<span class="i0">Und um den Arm das ihm bestimmte Zeichen stricken.<br /></span>
+<span class="i2">Erkennen werd ich ihn, und er wird mich erkennen,<br /></span>
+<span class="i0">Denn meine Zeichen wird ihm auch die Mutter nennen;<br /></span>
+<span class="i0">Nicht feindlich werden wir uns dann im Kampf anrennen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_102" id="page_102">102</a></span>
+<span class="i2">Zusprechen wird er mir mit sittigem Zuspruch,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht kommen mit gewaltt&auml;tigem Gastbesuch,<br /></span>
+<span class="i2">Nicht mit der T&uuml;r ins Haus, ins Land mit Waffen fallen,<br /></span>
+<span class="i0">Anklopfen wird er erst an seines Vaters Hallen,<br /></span>
+<span class="i0">Und diese sind ihm aufgetan mit Wolgefallen!<br /></span>
+<span class="i2">Ich habe keinen Sohn in Persien, um ihn<br /></span>
+<span class="i0">Als Erben meines Ruhms und Namens zu erziehn,<br /></span>
+<span class="i2">Als Erben meines Guts und Reichs Sabulistan.<br /></span>
+<span class="i0">&bdquo;Ein T&uuml;rkenknabe taugt nicht zum Reichspehlewan&ldquo;<br /></span>
+<span class="i2">Wird Kawus sagen; doch nach Kawus frag ich nicht.<br /></span>
+<span class="i0">Doch gerne m&ouml;cht ich sehn dem Jungen ins Gesicht,<br /></span>
+<span class="i2">Der Suhrab ist genannt, die junge Kriegesflamme,<br /></span>
+<span class="i0">Entspro&szlig;en, wie man sagt, Semengans K&ouml;nigsstamme!<br /></span>
+<span class="i2">Ich k&ouml;nnt ihn nach dem Kind und seiner Mutter fragen,<br /></span>
+<span class="i0">Und einen Gru&szlig; an sie nach Turan ihm auftragen,<br /></span>
+<span class="i0">Den tr&uuml;g er hin, wenn ich ihn hier nicht h&auml;tt erschlagen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_103" id="page_103">103</a></span><a name="s_47" id="s_47"></a>47.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach der alte Held in tiefbewegtem Sinn,<br /></span>
+<span class="i0">Und all sein Denken schuf ihm lauter Ungewinn.<br /></span>
+<span class="i2">Dann blickt' er auf, und sprach zum Boten, den er fast<br /></span>
+<span class="i0">Verge&szlig;en hatte: Komm! f&uuml;r heut bist du mein Gast.<br /></span>
+<span class="i2">Es ist nicht Eilens Not mit Krieg und Kriegsgebot:<br /></span>
+<span class="i0">Ich seh nicht, was dem Reich von Iran Gro&szlig;es droht!<br /></span>
+<span class="i2">Nun machte wol mich scheu ein reckenhafter Knabe,<br /></span>
+<span class="i0">Da ich nicht Furcht vor Leu und Elefanten habe?<br /></span>
+<span class="i2">Es sollt ein blinder Schreck mich gleich in Harnisch bringen,<br /></span>
+<span class="i0">Und stehndes Fu&szlig;es sollt ich auf den Rachs mich schwingen?<br /></span>
+<span class="i2">Weil gegen ihn ein Tropf die wei&szlig;e Burg verlor,<br /></span>
+<span class="i0">Ist drum der Brausekopf schon vor der Hauptstadt Tor?<br /></span>
+<span class="i2">Ein knabenhafter Mann, wieviel er Kraft gewann,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn sich zu r&uuml;hren erst f&uuml;r ihn mein Schaft begann,<br /></span>
+<span class="i0">Sehn werdet ihr, wielang er seiner Haft entrann!<br /></span>
+<span class="i2">Ich wurde fertig sonst mit Riesen und D&auml;monen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich f&uuml;rchte mich vor nichts, was hinterm Berg mag wohnen.<span class="pagenum"><a name="page_104" id="page_104">104</a></span><br /></span>
+<span class="i2">Er wird sich h&uuml;ten uns ins Garn herein zu springen;<br /></span>
+<span class="i0">Wir werden zeitig ihm den Tod entgegen bringen.<br /></span>
+<span class="i2">Soll in Bewegung erst sich setzen Meeres Braus?<br /></span>
+<span class="i0">Das Glimmen geht von selbst des Aschenh&auml;ufchens aus.<br /></span>
+<span class="i2">Wir werden bald genug auch diesen Weltbrand d&auml;mpfen;<br /></span>
+<span class="i0">Heut hab ich keine Lust f&uuml;r Keikawus zu k&auml;mpfen.<br /></span>
+<span class="i2">Kommt! eh auf seinen Wink wir morgen T&uuml;rken hetzen,<br /></span>
+<span class="i0">Will ich mich heute noch mit lieben Freunden letzen.<br /></span>
+<span class="i2">Wir schlagen aus dem Sinn die Schlacht uns beim Gelag,<br /></span>
+<span class="i0">Bei hellem Becherklang und frohem Lautenschlag,<br /></span>
+<span class="i0">Und machen vor der Nacht uns einen guten Tag.<br /></span>
+<span class="i2">Du, Eidam, sollst mir was von meiner Tochter sagen,<br /></span>
+<span class="i0">Vom jungen Recken auch, den ich euch todt soll schlagen!<br /></span>
+<span class="i2">Die Herrlichkeit der Welt wird all am Ende Staub;<br /></span>
+<span class="i0">Begie&szlig;en wir mit Wein des Lebens gr&uuml;nes Laub!<br /></span>
+<span class="i2">Seware! geh ins Haus, bestell uns einen Schmaus!<br /></span>
+<span class="i0">Wir leeren vor der Nacht noch manchen Becher aus.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_105" id="page_105">105</a></span><a name="s_48" id="s_48"></a>48.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o rief der alte Held aus aufgeregter Seele;<br /></span>
+<span class="i0">Sein Bruder tat, wie er gewohnt war, die Befele.<br /></span>
+<span class="i2">Und auch der Eidam wagte nicht zu widersprechen;<br /></span>
+<span class="i0">Er wu&szlig;te, da&szlig; mit ihm nicht gut sei Lanzen brechen.<br /></span>
+<span class="i2">Der alte Recke lie&szlig; sich durch den Sinn nicht faren;<br /></span>
+<span class="i0">Starr war sein Kopf und hart, besetzt mit struppigen Haaren.<br /></span>
+<span class="i2">Dem Schw&auml;her folgte Gew vergn&uuml;gt ins Haus zum Schmaus,<br /></span>
+<span class="i0">Und dachte: Mach er mit dem Schah es selber aus!<br /></span>
+<span class="i2">Wir wollen heut mit Wein die staubgen Lippen netzen,<br /></span>
+<span class="i0">Und morgen k&ouml;nnen wirs durch sch&auml;rfern Ritt ersetzen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie sa&szlig;en beim Gelag, und hatten guten Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Das Fest geschm&uuml;ckt war wie ein Fr&uuml;hlingsrosenhag.<br /></span>
+<span class="i2">Alswie ein Rosenhag, geschm&uuml;ckt mit Duft und Glanze,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Nachtigallenschlag und bl&uuml;hndem Rosenkranze;<br /></span>
+<span class="i0">So bl&uuml;hte das Gelag von Sang und Klang und Tanze;<br /></span>
+<span class="i2">So m&uuml;hte sich die Kunst ge&uuml;bter T&auml;nzerinnen,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Wirte Gold, und Gunst vom Gaste zu gewinnen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_106" id="page_106">106</a></span>
+<span class="i2">Sie dachten an den Feind und an den K&ouml;nig nicht,<br /></span>
+<span class="i0">Und sahn nur Rosenwang und Mondenangesicht.<br /></span>
+<span class="i2">Vom Schenken lie&szlig;en sie den roten Wein sich schenken,<br /></span>
+<span class="i0">Und durften nicht dabei an Blutvergie&szlig;en denken.<br /></span>
+<span class="i2">Sie sch&ouml;pften Wonn auf Wonn aus unersch&ouml;pfter Tonne;<br /></span>
+<span class="i0">Froh war hinunter schon getrunken Tag und Sonne.<br /></span>
+<span class="i2">Zum Trunke leuchteten noch ihnen Sternefunken,<br /></span>
+<span class="i0">Bis alle vom Gelag zum Lager giengen trunken.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_107" id="page_107">107</a></span><a name="s_49" id="s_49"></a>49.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">A</span>m andern Morgen trat der Eidam reisefertig<br /></span>
+<span class="i0">Zu Rostem ein, und war des Aufbruchs nun gew&auml;rtig.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem sprach vergn&uuml;gt: Du schliefest zeitig aus;<br /></span>
+<span class="i0">Gut, da&szlig; zu kurz der Tag uns werde nicht zum Schmaus!<br /></span>
+<span class="i2">Nun heute wollen wir erst recht behaglich schmausen;<br /></span>
+<span class="i0">Wer wei&szlig;, wie bald herein des Unheils Wogen brausen!<br /></span>
+<span class="i2">Wir wollen aus dem Sinn uns schlagen Graun und Grausen;<br /></span>
+<span class="i0">Gut Obdach haben wir, der Sturm mag drau&szlig;en sausen!<br /></span>
+<span class="i0">Villeicht wird nie so froh uns mehr die&szlig; Haus behausen.<br /></span>
+<span class="i2">Mir ist, als sollt ich mich zum letztenmal der meinen,<br /></span>
+<span class="i0">Der guten Freunde freun, die sich um mich vereinen!<br /></span>
+<span class="i2">Ihr beiden, kommt, und setzt zur Rechten und zur Linken<br /></span>
+<span class="i0">Euch um den Rostem her, und helft dem Rostem trinken!<br /></span>
+<span class="i2">Sewar, mein Bruder, hier! hier Gew, mein Tochtermann!<br /></span>
+<span class="i0">Mir tr&auml;umte Nachts da&szlig; ich auch einen Sohn gewann.<br /></span>
+<span class="i2">Das kam mir in den Sinn durch jenen T&uuml;rkenknaben,<br /></span>
+<span class="i0">Mit welchem sie vom Hof den Kopf bet&auml;ubt mir haben.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_108" id="page_108">108</a></span>
+<span class="i2">Nachbringen sollst du heut beim Weine, Gew, mir dessen<br /></span>
+<span class="i0">Beschreibung, weil beim Wein sie gestern ward verge&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i2">Kommt, setzet euch, und la&szlig;t uns h&ouml;ren vom Suhrab,<br /></span>
+<span class="i0">Was Gew zu sagen wei&szlig;, ob dieser Wunderknab<br /></span>
+<span class="i0">Ist wirklich einzig auf der Welt der wei&szlig;e Rab!<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er, und zuerst hinpflanzt' er seine Glieder;<br /></span>
+<span class="i0">Der Bruder durfte nichts, der Eidam nichts dawider<br /></span>
+<span class="i0">Ihm sagen; wie er sa&szlig;, setzten sich beide nieder.<br /></span>
+<span class="i2">Sewar, der Bruder, rechts, der Eidam Gew zur Linken,<br /></span>
+<span class="i0">Bei Rostem sa&szlig;en sie, und er begann zu trinken.<br /></span>
+<span class="i2">Sie sa&szlig;en beim Gelag, und hatten guten Tag;<br /></span>
+<span class="i0">Das Fest geschm&uuml;ckt war wie ein Himmelsrosenhag,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Glanz und Tanz und Sang und Klang und Lautenschlag.<br /></span>
+<span class="i2">Beim Trinken sprachen sie, bis sie den Tag hinab<br /></span>
+<span class="i0">Getrunken und herbei den Schlummer, von Suhrab.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_109" id="page_109">109</a></span><a name="s_50" id="s_50"></a>50.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>es andern Morgens trat der Bote reisefertig<br /></span>
+<span class="i0">Zum Pehlewan, und war des Aufbruchs nun gew&auml;rtig.<br /></span>
+<span class="i2">Er wartete, und sah da&szlig; nicht von selbst aufbrach<br /></span>
+<span class="i0">Rostem, da fa&szlig;te Gew sich nun ein Herz und sprach.<br /></span>
+<span class="i2">Bedachtsam sprach er: Held! vernimm ein Wort in Huld!<br /></span>
+<span class="i0">Nun reize l&auml;nger nicht des Schahes Ungeduld!<br /></span>
+<span class="i2">Kawus, das wei&szlig;t du ja, ist j&auml;h in jedem Ding;<br /></span>
+<span class="i0">Und diese Sache wiegt ihm keineswegs gering.<br /></span>
+<span class="i2">Drum sandt er Botschaft dir durch keinen andern Boten<br /></span>
+<span class="i0">Als deinen Tochtermann, und Eil hat er geboten.<br /></span>
+<span class="i2">Denn dieser junge T&uuml;rk ist ihm ein gro&szlig;er Kummer,<br /></span>
+<span class="i0">Der E&szlig;- und Trinkens-Lust und Ruh ihm raubt und Schlummer.<br /></span>
+<span class="i2">Und wenn wir l&auml;nger noch in Sabulistan s&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i0">Wird ihm das weite Reich zu eng in allen R&auml;umen.<br /></span>
+<span class="i0">Sprich, lieber Schw&auml;her, soll ich dir den Rachs nicht z&auml;umen?<br /></span>
+<span class="i2">Im ungef&uuml;gen Zorn m&ouml;cht er sich uns erbosen;<br /></span>
+<span class="i0">Zorn des Gebietenden bringt Boten keine Rosen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_110" id="page_110">110</a></span>
+<span class="i2">Zu ihm sprach Rostem: La&szlig; dir das nicht Sorge werden!<br /></span>
+<span class="i0">Niemand darf z&uuml;rnen mir und meinem Tun auf Erden.<br /></span>
+<span class="i2">Keikawus wei&szlig; das wol, da&szlig; er zu dieser Frist<br /></span>
+<span class="i0">Durch Rostems Macht allein in Iran K&ouml;nig ist.<br /></span>
+<span class="i2">Er wei&szlig; auch, da&szlig; mein Schwert ihn nie im Stiche lie&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Wo oft in Ungemach sein toller Mut ihn stie&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Doch heute d&uuml;nkt es selbst mir Zeit nun aufzubrechen;<br /></span>
+<span class="i0">Nun wollen wir es erst beim Morgentrunk besprechen.<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er, und alsbald mit Prachtgepr&auml;ng und Prunk<br /></span>
+<span class="i0">Lie&szlig; er bestellen dort im Saal den Morgentrunk.<br /></span>
+<span class="i2">Die Flasche neigt' er tief, und hob den Becher hoch,<br /></span>
+<span class="i0">Mit seinem Eidam sprach er die&szlig; und jenes noch.<br /></span>
+<span class="i2">Den Sattel nun gebot er auf den Rachs zu heben,<br /></span>
+<span class="i0">Und lie&szlig; dem ehrnen Mund der Zinken Atem geben.<br /></span>
+<span class="i2">Die Krieger Sabuls, wie sie h&ouml;rten Rostems Zinke,<br /></span>
+<span class="i0">Rings str&ouml;mten sie herbei, willf&auml;rig seinem Winke.<br /></span>
+<span class="i2">Er &uuml;bersah mit einem Blick die starke Schar,<br /></span>
+<span class="i0">Und merkte, da&szlig; kein Ding der Welt zu schwer ihm war.<br /></span>
+<span class="i2">Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,<br /></span>
+<span class="i0">Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.<br /></span>
+<span class="i2">Rostem ritt im Gespr&auml;ch mit Gew voraus, es war<br /></span>
+<span class="i0">Hauptmann bei Sabuls Heer an seiner Statt Sewar.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_111" id="page_111">111</a></span><a name="s_51" id="s_51"></a>51.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>ie Kunde kam zur Stadt, Rostem sei auf den Wegen;<br /></span>
+<span class="i0">Die F&uuml;rsten zogen ihm eine Tagreis' entgegen:<br /></span>
+<span class="i2">Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,<br /></span>
+<span class="i0">Gurase, Gurgin, Milad, Fehrhad und Behram.<br /></span>
+<span class="i2">Ferabors, Sohn des Schachs, und der Kronfeldherr Tus,<br /></span>
+<span class="i0">Samt allen &uuml;brigen, mit ehrerbietigem Gru&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Entgegen traten sie dem reitenden zu Fu&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Zu Fu&szlig; hernieder trat auch Rostem von dem Ross,<br /></span>
+<span class="i0">Gr&uuml;&szlig;end, und im Geleit hinwandelt' er zum Schlo&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Hinwandelten zum Schlo&szlig; vergn&uuml;gt und unbeklommen<br /></span>
+<span class="i0">Alle, sie waren froh, da&szlig; Rostem nur gekommen.<br /></span>
+<span class="i2">So traten sie im Chor dort in die offne Halle<br /></span>
+<span class="i0">Des Throns, mit offnem Blick und offnem Herzen alle.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wie sie gr&uuml;&szlig;end sich dem goldnen Thron geneigt,<br /></span>
+<span class="i0">Sa&szlig; droben Keikawus finster und ungeneigt.<br /></span>
+<span class="i2">Dem Ruf der Huldigung gab er die Antwort nicht,<br /></span>
+<span class="i0">Und schweigend wendet' er von ihnen sein Gesicht;<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_112" id="page_112">112</a></span>
+<span class="i2">Worauf er gegen Gew erst einen Schrei ausstie&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Und gegen Rostem dann den Unmut frei auslie&szlig;:<br /></span>
+<span class="i2">Wer ist Rostem, da&szlig; er ein Wort aus meinem Munde<br /></span>
+<span class="i0">Mit F&uuml;&szlig;en tritt, und sich entziehet meinem Bunde?<br /></span>
+<span class="i2">H&auml;tt ich ein Schwert zur Hand, ich wollte la&szlig;en tanzen<br /></span>
+<span class="i0">Vom stolzen Rumpf sein Haupt gleich einer Pomeranzen.<br /></span>
+<span class="i2">Tus, greife mir das Paar, und f&uuml;hre sie davon,<br /></span>
+<span class="i0">Bring an den Galgen mir Schw&auml;her und Schwiegersohn!<br /></span>
+<span class="i2">Er riefs, und sprang vor Zorn auf seinem Thron empor,<br /></span>
+<span class="i0">Auflodernd ungest&uuml;m alswie ein Feur im Rohr.<br /></span>
+<span class="i2">Der ganze Krei&szlig; umher der F&uuml;rsten war betroffen,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; seinen Zorn der Schah so durft ausla&szlig;en offen.<br /></span>
+<span class="i2">Tus zauderte und wagt' an Rostem nicht die Hand<br /></span>
+<span class="i0">Zu legen, da geriet Keikawus erst in Brand.<br /></span>
+<span class="i2">Er br&uuml;llte durch den Saal alswie ein Leu im Forste,<br /></span>
+<span class="i0">Und schrie vom Throne wie ein Adler kreischt vom Horste:<br /></span>
+<span class="i2">Verr&auml;ter, wer die Hand nicht legt an den Verr&auml;ter!<br /></span>
+<span class="i0">Ein Uebertreter, wer nicht greift den Uebertreter!<br /></span>
+<span class="i2">Fort mit ihm auf der Stell, aus meinen Augen fort!<br /></span>
+<span class="i0">Und sagt dagegen mir kein unverst&auml;ndig Wort!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_113" id="page_113">113</a></span><a name="s_52" id="s_52"></a>52.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o schnaubt' er, und vor Leid dem Tus das Herz zerbrach,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er an Rostem sollt anlegen Hand mit Schmach.<br /></span>
+<span class="i2">Er fa&szlig;t' ihn, nur damit er ihn aus dem Gesichte<br /></span>
+<span class="i0">Dem Kawus br&auml;chte, bis man dessen Zorn beschwichte.<br /></span>
+<span class="i2">Die F&uuml;rsten staunten, wie er fa&szlig;te Rostems Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Und Rostem wars allein, der nichts davon empfand.<br /></span>
+<span class="i2">Denn Rostems Seele schwoll von Groll und Unmut voll,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; vor den F&uuml;rsten ihm der Schah das bieten soll!<br /></span>
+<span class="i2">Er richtet' um ein Haupt noch h&ouml;her sich empor,<br /></span>
+<span class="i0">Und um die Schultern schien er breiter als zuvor.<br /></span>
+<span class="i2">Dann tat er seinen Mund zu k&uuml;hnen Reden auf,<br /></span>
+<span class="i0">Frei gegen Kawus lie&szlig; er seinem Zorn den Lauf:<br /></span>
+<span class="i2">Wer bist du, und wer ich, da&szlig; du so gegen mich<br /></span>
+<span class="i0">Darfst schnauben? auf der Welt bist du ein Schah durch mich.<br /></span>
+<span class="i2">Droh mit dem Galgen doch dem Suhrab, der dich schreckt,<br /></span>
+<span class="i0">Dem Ritter nicht, der dir den Feind zu Boden streckt!<br /></span>
+<span class="i2">Bin ich dein Untertan? Ich bin der Pehlewan<br /></span>
+<span class="i0">Des Reiches Iran und F&uuml;rst in Sabulistan.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_114" id="page_114">114</a></span>
+<span class="i2">Ich bin Tehemten, der, wenn er den Fu&szlig; im Grimm<br /></span>
+<span class="i0">Stampft auf den Grund, der Grund erzittert unter ihm.<br /></span>
+<span class="i2">Von meines Rosses Huf erhallt des Himmels Dom,<br /></span>
+<span class="i0">Und staunend still, wo es vorbeirennt, steht der Strom.<br /></span>
+<span class="i2">Ich bin der Rostem, sieggekr&ouml;nt und ruhmgeschm&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i0">Der wol um einen Schah wie du den Kopf nicht b&uuml;ckt!<br /></span>
+<span class="i2">Der Sattel ist mein Thron, der Helm ist meine Krone;<br /></span>
+<span class="i0">Ich spotte deiner Kron, und trotze deinem Throne.<br /></span>
+<span class="i2">Wer ist Kawus, da&szlig; er an mir den Zorn ausla&szlig;e!<br /></span>
+<span class="i0">Und wer ist Tus, da&szlig; er mich bei der Hand erfa&szlig;e!<br /></span>
+<span class="i2">Er riefs, und auf die Hand gab er solch einen Schlag<br /></span>
+<span class="i0">Dem Tus, da&szlig; er davon bet&auml;ubt am Boden lag.<br /></span>
+<span class="i2">Hin &uuml;ber ihn und durch die andern schritt er stracks<br /></span>
+<span class="i0">Zu Hall und Hof hinaus, und schwang sich auf den Rachs.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_115" id="page_115">115</a></span><a name="s_53" id="s_53"></a>53.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>ie F&uuml;rsten dr&auml;ngten aus dem Saal ihm hinterdrein,<br /></span>
+<span class="i0">Den Kawus lie&szlig;en sie mit seinem Zorn allein.<br /></span>
+<span class="i2">Sie eilten in den Hof, da sa&szlig; der Rostem hoch<br /></span>
+<span class="i0">Auf seinem Sattel schon, und sprach vom Sattel noch:<br /></span>
+<span class="i2">Heim reit ich nun sogleich nach Sabul, in mein Reich;<br /></span>
+<span class="i0">Dort bin ich K&ouml;nig selbst, dem K&ouml;nig Kawus gleich.<br /></span>
+<span class="i2">Mag ohne Widerstand ganz Iran in die Hand<br /></span>
+<span class="i0">Von Turan fallen! ich behaupte wol mein Land.<br /></span>
+<span class="i2">Mag euch wie den Hedschir Suhrab vom Rosse stechen,<br /></span>
+<span class="i0">Und wie das wei&szlig;e Schlo&szlig; die K&ouml;nigsburg hier brechen!<br /></span>
+<span class="i2">Ich wehr ihm nicht, und wer wird ohne mich ihm wehren?<br /></span>
+<span class="i0">Euch allen rat ich, da&szlig; ihr m&ouml;gt nach Hause kehren!<br /></span>
+<span class="i0">Kein edler Ritter dient solch einem Herrn mit Ehren.<br /></span>
+<span class="i2">Ein Hitzkopf sollte doch die Herrschaft nie erwerben!<br /></span>
+<span class="i0">Er st&uuml;rzt das Land und st&uuml;rzt sich selber ins Verderben.<br /></span>
+<span class="i2">O m&ouml;cht ein F&uuml;rstenspro&szlig; doch aus der Art nie schlagen,<br /></span>
+<span class="i0">Kein toller Sohn den Reif nach weisem Vater tragen!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_116" id="page_116">116</a></span>
+<span class="i2">Hab ich den Keikobad vom Berg Albors gebracht<br /></span>
+<span class="i0">Dazu, ihn auf den Thron gesetzt durch meine Macht,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; Keikawus, sein Sohn, sich nun mir unn&uuml;tz macht?<br /></span>
+<span class="i2">Die F&uuml;rsten wi&szlig;en, da&szlig; sie selbst zum K&ouml;nig mich<br /></span>
+<span class="i0">Begerten! damals setzt ich ein als K&ouml;nig dich!<br /></span>
+<span class="i2">Und h&auml;tt ich dort gewollt annemen Kron und Reif,<br /></span>
+<span class="i0">So tr&uuml;gest du nicht jetzt den Nacken hoch und steif.<br /></span>
+<span class="i2">Darum mishandle nur mit schn&ouml;den Worten mich!<br /></span>
+<span class="i0">Ich habs um dich verdient! warum erh&ouml;ht ich dich?<br /></span>
+<span class="i2">Doch d&auml;chten so wie ich die F&uuml;rsten, auf dem Thron<br /></span>
+<span class="i0">Lie&szlig;en sie dich allein, und giengen auch davon.<br /></span>
+<span class="i2">Lebt wol! in euerm Land seht ihr mich nimmer wieder;<br /></span>
+<span class="i0">Eur Land und euch kauf ich nicht um ein Kr&auml;hengefieder!<br /></span>
+<span class="i2">So rief er, und im Zorn gab er dem Rachs die Sporen,<br /></span>
+<span class="i0">Spornstreichs ritt er hinaus zum Hof und zu den Toren.<br /></span>
+<span class="i2">Wol eine Meile Wegs ritt er auf Sabul zu,<br /></span>
+<span class="i0">Dann sucht' er gegen Nacht in einer Herberg Ruh.<br /></span>
+<span class="i2">Sein Zorn k&uuml;hlt' in der Nacht; er harrte, bis Sewar,<br /></span>
+<span class="i0">Sein Bruder, k&auml;me nach mit Sabulistans Schar.<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_6" id="buch_6"></a><a href="#inhalt">Sechstes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_54" id="s_54"></a>54.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>ie F&uuml;rsten sahn ihm nach, verst&ouml;reter Geberde;<br /></span>
+<span class="i0">Denn Rostem war der Hirt, sie alle seine Herde.<br /></span>
+<span class="i2">Zu Guders sprachen sie: Guders! die&szlig; ist dein Teil;<br /></span>
+<span class="i0">Durch deine Hand nur kann der Bruch uns werden heil.<br /></span>
+<span class="i2">Der K&ouml;nig h&ouml;rt von dir am ersten noch ein Wort,<br /></span>
+<span class="i0">Und deiner S&ouml;hne Heer sind ihm ein werter Hort.<br /></span>
+<span class="i2">Geh hin zum Schah, und auf die Flamme seines Zornes<br /></span>
+<span class="i0">Spreng einen k&uuml;hlen Thau aus F&uuml;llen deines Bornes!<br /></span>
+<span class="i2">Sprich Worte lind und stark, ihm zur Beschwichtigung,<br /></span>
+<span class="i0">Zu dieser mislichen Ergangs Berichtigung!<br /></span>
+<span class="i2">Gew, aber du sitz auf, und reit dem Schw&auml;her nach,<br /></span>
+<span class="i0">Hol ihn uns ein, eh er nach Sabul heimf&auml;rt jach!<br /></span>
+<span class="i2">Der Gew sa&szlig; auf und ritt, zusammen sa&szlig; der Rat<br /></span>
+<span class="i0">Der F&uuml;rsten, weil den Gang Guders zum Schlo&szlig; antrat.<br /></span>
+<span class="i2">Sie sprachen unter sich voll Kummer und Verdru&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; heute nicht der Schah that, wie ein K&ouml;nig mu&szlig;;<br /></span>
+<span class="i2">Da&szlig; er mit raschem Wort solch einen Mann gekr&auml;nkt,<br /></span>
+<span class="i0">Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_120" id="page_120">120</a></span>
+<span class="i2">Der Edlen Freundschaft m&uuml;&szlig; ihm wol nicht nahe gehn,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er so r&uuml;cksichtlos beschimpft den Edelsten!<br /></span>
+<span class="i2">Der auf den Thron ihn hob, und der in jeder Far<br /></span>
+<span class="i0">Die St&uuml;tze seines Throns und Irans Zuflucht war!<br /></span>
+<span class="i2">Wenn an den Galgen er daf&uuml;r will Rostem henken:<br /></span>
+<span class="i0">An was dann sollen wir, als schnelle Flucht nur, denken?<br /></span>
+<span class="i2">Denn ohne Rostem ist in Iran uns kein Halt,<br /></span>
+<span class="i0">Erliegen werden wir vor Turans Kampfgewalt;<br /></span>
+<span class="i2">Wenn nicht noch diese Nacht der Schah sich l&auml;&szlig;t erbitten,<br /></span>
+<span class="i0">Ihn zu bes&auml;nftigen, eh er nach Haus geritten.<br /></span>
+<span class="i2">So ratlos hielten dort die F&uuml;rsten ihren Rat,<br /></span>
+<span class="i0">Indess Guders hinan zum zorngen K&ouml;nig trat.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_121" id="page_121">121</a></span><a name="s_55" id="s_55"></a>55.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r sah ihn auf dem Thron in d&uuml;sterm Unmut sitzen,<br /></span>
+<span class="i0">Gleich einer Wolke, die sich hat ersch&ouml;pft mit Blitzen,<br /></span>
+<span class="i2">Geneigt, nachdem sie ausgewettert hat, zu regnen;<br /></span>
+<span class="i0">So wagte Guders ihm mit Worten zu begegnen:<br /></span>
+<span class="i2">O F&uuml;rst, ein K&ouml;nig ist Haupt &uuml;ber Volk und Land;<br /></span>
+<span class="i0">Der Kopf soll haben f&uuml;r den ganzen Leib Verstand.<br /></span>
+<span class="i2">Wer guten Rat nicht hat, soll guten Rat annemen,<br /></span>
+<span class="i0">Und schlimmgemachtes gut zu machen sich nicht sch&auml;men.<br /></span>
+<span class="i2">Du hast ein harsches Wort zum Schaden und zur Schmach<br /></span>
+<span class="i0">Entsendet, send ihm auf dem Fu&szlig; ein sanftes nach!<br /></span>
+<span class="i2">Du hast mit raschem Wort solch einen Mann gekr&auml;nkt,<br /></span>
+<span class="i0">Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.<br /></span>
+<span class="i2">Nicht gegen Rostem hast du deinen Zorn bez&auml;mt;<br /></span>
+<span class="i0">Die Edlen, weil sie ihn beschimpft sehn, sind besch&auml;mt:<br /></span>
+<span class="i0">Gestumpft ist Irans Schwert, des Mutes Arm gel&auml;mt.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn jener T&uuml;rke nun mit seiner Heermacht Wellen<br /></span>
+<span class="i0">Daherbraust, welchen Damm willst du entgegen stellen?<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_122" id="page_122">122</a></span>
+<span class="i2">Der Gesdehem, der all die Deinen gro&szlig; und klein<br /></span>
+<span class="i0">Von H&ouml;rensagen kennt, und kennt von Augenschein,<br /></span>
+<span class="i2">Sagt, da&szlig; dem Suhrab gleich in Iran kein Verwegner<br /></span>
+<span class="i0">Noch Turan sei, f&uuml;r ihn sei auf der Welt kein Gegner,<br /></span>
+<span class="i2">Als Rostem, den du nun durch ungest&uuml;me Hast<br /></span>
+<span class="i0">Des Herzens dir, dem Land und uns entwendet hast!<br /></span>
+<span class="i2">Warum? weil einen Tag zulang er ausgeblieben,<br /></span>
+<span class="i0">Hast du ihn lieber gar auf immer fortgetrieben!<br /></span>
+<span class="i2">Weil er drei Tage lang zu Haus uns hat ges&auml;umt,<br /></span>
+<span class="i0">Sehn wir das Feld der Schlacht nun ganz von ihm ger&auml;umt!<br /></span>
+<span class="i2">Die F&uuml;rsten alle, die Heil w&uuml;nschen deinem Thron,<br /></span>
+<span class="i0">Die F&uuml;rsten all, o F&uuml;rst! Ferabors auch, dein Sohn,<br /></span>
+<span class="i2">Einm&uuml;tig haben sie zu deines Thrones Stufen<br /></span>
+<span class="i0">Mich hergesandt, zu flehn, Rostem zur&uuml;ck zu rufen!<br /></span>
+<span class="i2">Ferabors sch&uuml;tzt dich nicht, dein Sohn, o Keikawus,<br /></span>
+<span class="i0">Wie stark er sei, dich sch&uuml;tzt nicht dein Kronfeldherr Tus,<br /></span>
+<span class="i2">Noch all die andern sonst, die deinem Zepter fr&ouml;hnen;<br /></span>
+<span class="i0">Ich sch&uuml;tze selbst dich nicht mit meinen achtzig S&ouml;hnen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie werden alle nicht schnell wie Hedschir erliegen,<br /></span>
+<span class="i0">Doch ohne Rostem sind wir nicht im Stand zu siegen.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_123" id="page_123">123</a></span><a name="s_56" id="s_56"></a>56.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach der edle Greis und schwieg, doch Kawus nam<br /></span>
+<span class="i0">Zu Herzen, da&szlig; der Rat aus gutem Sinne kam.<br /></span>
+<span class="i2">Zu Guders sprach er: Wolgesprochen ist das Wort<br /></span>
+<span class="i0">Der Alten: Greisenmund voll Rates ist ein Hort.<br /></span>
+<span class="i2">Mich reuts, es reuete mich schon, was ich im Kochen<br /></span>
+<span class="i0">Des ungest&uuml;men Bluts Verletzendes gesprochen.<br /></span>
+<span class="i2">Geht schnell dem Rostem nach, den Ritter zu beschwichtigen,<br /></span>
+<span class="i0">Und bringt ihn her, damit wir das Versehn berichtigen!<br /></span>
+<span class="i2">Mit gro&szlig;er Freude nam Guders das gute Wort;<br /></span>
+<span class="i0">Heil, rief er, sei dem Schah! und gieng in Freude fort<br /></span>
+<span class="i2">Zur Ratsversammlung dort, die harrten ungeduldig<br /></span>
+<span class="i0">Ob huldig jetzt der Schah sei oder noch unhuldig.<br /></span>
+<span class="i2">Denn unstet immerhin ist eines F&uuml;rsten Sinn;<br /></span>
+<span class="i0">Da stiftet Schaden bald ein Wort und bald Gewinn.<br /></span>
+<span class="i2">Das Wort ist gleich dem Oel, doch eines K&ouml;nigs Mut<br /></span>
+<span class="i0">Ist bald wie Meeresflut, und bald wie Feuerglut.<br /></span>
+<span class="i2">Das Oel, gego&szlig;en in die Flamm, erneut ihr Leben;<br /></span>
+<span class="i0">Gego&szlig;en auf die Flut, macht es die Wogen eben.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_124" id="page_124">124</a></span>
+<span class="i2">Drum waren hocherfreut die F&uuml;rsten allzusammen,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; dort auf Wogen traf das Oel, und nicht auf Flammen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie f&uuml;hlten ihre Brust von einem Band entkettet,<br /></span>
+<span class="i0">Und von dem Dornenpf&uuml;l auf Rosen sich gebettet,<br /></span>
+<span class="i2">Als Guders Kunde gab, wie sich die Flut gegl&auml;ttet,<br /></span>
+<span class="i0">Und riefen eines Munds: Nun ist Iran gerettet!<br /></span>
+<span class="i2">Zur&uuml;ckgewonnen ist dem Reich sein Pehlewan,<br /></span>
+<span class="i0">Der ihm des Sieges Bahn vorangeht auf Turan.<br /></span>
+<span class="i2">Nun la&szlig;t den Ritter uns nur unterwegs einholen,<br /></span>
+<span class="i0">Eh noch in Sabul er vom Fu&szlig;e schnallt die Solen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_125" id="page_125">125</a></span><a name="s_57" id="s_57"></a>57.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u Rosse stiegen sie, und ritten bei der Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Hinaus, wo Botschaft schon dem Rostem Gew gebracht.<br /></span>
+<span class="i2">Er h&ouml;rte den Bericht vom Eidam an verdro&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">Und blieb zur Heimkehr nach Sabulistan entschlo&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i2">Sobald nur mit der Schar ihm k&auml;me nach Sewar;<br /></span>
+<span class="i0">Statt dessen stellten sich ihm jetzt die F&uuml;rsten dar.<br /></span>
+<span class="i2">Zu bitten traten sie hinan zum Pehlewan,<br /></span>
+<span class="i0">Der, wie er nahn sie sah, aufstand sie zu empfahn;<br /></span>
+<span class="i0">Doch Guders trat voran, und hub zu bitten an:<br /></span>
+<span class="i2">Wir bitten dich vom Schah, ich komm in seinem Namen;<br /></span>
+<span class="i0">Sieh alle F&uuml;rsten hier, die dich zu bitten kamen!<br /></span>
+<span class="i2">F&uuml;r Iran bitten wir, dess Pehlewan du bist,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r Irans Volk, das dir zum Schutz empfolen ist;<br /></span>
+<span class="i2">F&uuml;r seine J&uuml;nglinge, die k&auml;mpfen lernen sollen,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r seine M&auml;nner, die im Kampf dir folgen wollen;<br /></span>
+<span class="i2">F&uuml;r seine Greise, die sich selber nicht mehr n&uuml;tzen,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r seine Kinder, die sich noch nicht k&ouml;nnen st&uuml;tzen,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r seine Fraun, die du versprochen hast zu sch&uuml;tzen!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_126" id="page_126">126</a></span>
+<span class="i2">Warum willst du zum Raub der T&uuml;rken hin uns werfen,<br /></span>
+<span class="i0">Weil dich ein K&ouml;nigswort verletzt mit bittern Sch&auml;rfen?<br /></span>
+<span class="i2">Du wei&szlig;t ja, da&szlig; Kawus hat wenig Hirn im Haupt,<br /></span>
+<span class="i0">Und heftger Zorn ihn oft des Sinnes gar beraubt;<br /></span>
+<span class="i0">Dann ist sein Wort nicht fein, wenn er im Unmut schnaubt.<br /></span>
+<span class="i2">Er spricht geschwind ein Wort, das er geschwind bereut,<br /></span>
+<span class="i0">Worauf er schnell die Hand auch zur Vers&ouml;hnung beut;<br /></span>
+<span class="i0">Er bietet sie durch uns, weis' uns zur&uuml;ck nicht heut!<br /></span>
+<span class="i2">Ist doch kein giftges Schwert das Wort, das dich gestochen!<br /></span>
+<span class="i0">Und z&uuml;rnest du dem Schah um das, was er gesprochen;<br /></span>
+<span class="i0">Doch die Iranier, was haben sie verbrochen,<br /></span>
+<span class="i2">Da&szlig; du sie strafen willst f&uuml;r seinen Unverstand,<br /></span>
+<span class="i0">Dein Angesicht in Nacht abwenden ihrem Land?<br /></span>
+<span class="i0">Doch auch der Schah streckt dir entgegen seine Hand.<br /></span>
+<span class="i2">Er ist der Schah, und hat zu lohnen und zu spenden;<br /></span>
+<span class="i0">Vergelten wird er dir mit voller Gnade H&auml;nden<br /></span>
+<span class="i0">Den Zorn und den Verdru&szlig;; Verdru&szlig; und Zorn la&szlig; enden!<br /></span>
+<span class="i2">Und folg uns mit dem Rachs zu dem, der uns geschickt,<br /></span>
+<span class="i0">Dem Schah, der schon vom Thron nach dir erwartend blickt.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_127" id="page_127">127</a></span><a name="s_58" id="s_58"></a>58.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Rostem sprach: Er mag nach mir nur lange blicken!<br /></span>
+<span class="i0">Solch edle Boten hat er nun nicht mehr zu schicken.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn diese nicht an mir verdienten Botenbrot,<br /></span>
+<span class="i0">Wer tuts ihm dann? Er ist mir ganz und gar nicht Not;<br /></span>
+<span class="i0">Ich will nicht sein Geschenk, und will nicht sein Gebot.<br /></span>
+<span class="i2">Nach Sabul kehr ich heim, wo ich ein K&ouml;nig bin<br /></span>
+<span class="i0">Wie Kawus, walten kann ich dort nach meinem Sinn.<br /></span>
+<span class="i2">Hier sind ja Ritter gnug, die Marken zu verteidigen!<br /></span>
+<span class="i0">Er soll nur alle wie den einen nicht beleidigen!<br /></span>
+<span class="i2">Ich aber zieh nach Haus, die Waffen leg ich nieder<br /></span>
+<span class="i0">In Frieden, und erheb im Leben sie nicht wieder<br /></span>
+<span class="i2">Zu Kampf und Schlachten, Blutvergie&szlig;en, Mord und Wut;<br /></span>
+<span class="i0">Dem allem sag ich ab und hege Friedensmut.<br /></span>
+<span class="i2">Ich hab in Ehren lang genug das Schwert gef&uuml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Und habe nun vom Schah den Lohn, der mir geb&uuml;rt.<br /></span>
+<span class="i2">Warum half aus der Not ich ihm sooft, und bot<br /></span>
+<span class="i0">Die Hand, wenn Unverstand den Fu&szlig; ihm bracht in Kot?<br /></span>
+<span class="i0">Daf&uuml;r hat er mir mit dem Galgen nun gedroht;<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_128" id="page_128">128</a></span>
+<span class="i2">Weil ich ihm aufgetan einst in Masenderan<br /></span>
+<span class="i0">Den Kerker, wohinein sein Unsinn ihn getan;<br /></span>
+<span class="i2">Als von den Zauberern, Schwarzk&uuml;nstlern und D&auml;monen<br /></span>
+<span class="i0">Er sich hinlocken lie&szlig;, die dort im Lande wohnen.<br /></span>
+<span class="i2">Des Landes Fr&uuml;hlingsglanz und goldner Sch&auml;tze Reiz<br /></span>
+<span class="i0">Verlockte seine Lust, verlockte seinen Geiz,<br /></span>
+<span class="i2">Bis er mit seinem Heer und euch, ihr F&uuml;rsten, allen<br /></span>
+<span class="i0">Dort war in die Gewalt der b&ouml;sen Macht gefallen:<br /></span>
+<span class="i0">Wer mu&szlig;t euch da befrein, als ich, aus Teufelskrallen?<br /></span>
+<span class="i2">Doch was ich sonst getan f&uuml;r ihn und sein Iran<br /></span>
+<span class="i0">Und euch, ihr wi&szlig;t es noch: was gehts mich ferner an?<br /></span>
+<span class="i2">Ich eile nun im Nu zur langen Waffenruh,<br /></span>
+<span class="i0">Und meine wol, ich bin nicht mehr zu jung dazu.<br /></span>
+<span class="i2">Ein Adler, der sich schwang wol ein Jahrhundert lang<br /></span>
+<span class="i0">Zur Sonn, am Ende wird ermatten auch sein Drang.<br /></span>
+<span class="i2">Als ich aus Sabul ritt, da war mir schwer zu Mut,<br /></span>
+<span class="i0">Als w&auml;r mir die&szlig;mal in den Krieg zu ziehn nicht gut.<br /></span>
+<span class="i2">Auch stolperte mein Rachs, dem nie ein Tritt misgl&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i0">Und Helm und Schien hat mich zum erstenmal gedr&uuml;ckt.<br /></span>
+<span class="i2">Jetzt auf dem Heimweg ist mir leichter in der Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Und freudewiehernd hat den R&uuml;ckritt Rachs gemacht.<br /></span>
+<span class="i0">Geht heim zum Schah, sagt, da&szlig; ihr mich nicht mitgebracht!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_129" id="page_129">129</a></span><a name="s_59" id="s_59"></a>59.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Guders sprach: Ist das, Rostem, dein letztes Wort?<br /></span>
+<span class="i0">Und also sendest du mich und die F&uuml;rsten fort?<br /></span>
+<span class="i2">Was wird der Schah von dir, was werden Edle denken?<br /></span>
+<span class="i0">Unedle gar, worauf wird sich ihr Denken lenken?<br /></span>
+<span class="i2">Vor jenem T&uuml;rken ist der Held von Iran scheu;<br /></span>
+<span class="i0">Den alten L&ouml;wen schreckt vom Berg der junge Leu.<br /></span>
+<span class="i0">Held Rostem f&uuml;rchtet sich! das ist an Rostem neu.<br /></span>
+<span class="i2">Wer, wenn er flieht, soll stehn? wer, wenn er wankt, soll dauern?<br /></span>
+<span class="i0">Wer, wenn er zagt, soll gehn zum Kampfplatz ohne Schauern?<br /></span>
+<span class="i2">Denn, wie ihn Gesdehem beschreibt, ist kein Verwegner<br /></span>
+<span class="i0">Dem Suhrab gleich, f&uuml;r ihn ist auf der Welt kein Gegner,<br /></span>
+<span class="i2">Als Rostem, Sabuls Held; und wenn nun Rostem flieht,<br /></span>
+<span class="i0">Wer soll verteidigen vor Suhrab das Gebiet?<br /></span>
+<span class="i2">So mu&szlig; dem Adler, der sich ein Jahrhundert lang<br /></span>
+<span class="i0">Zur Sonne schwang, am End ermatten auch sein Drang!<br /></span>
+<span class="i2">Drum war ihm, als er ritt aus Sabul, schwer zu Mut,<br /></span>
+<span class="i0">Als w&auml;r ihm die&szlig;mal in den Krieg zu ziehn nicht gut!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_130" id="page_130">130</a></span>
+<span class="i2">Drum stolperte sein Rachs, dem nie ein Tritt misgl&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i0">Und Helm und Schien hat ihn zum erstenmal gedr&uuml;ckt!<br /></span>
+<span class="i2">Jetzt auf dem Heimweg ist ihm leichter in der Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Und freudewiehernd hat den R&uuml;ckritt Rachs gemacht!<br /></span>
+<span class="i2">Am Hofe h&ouml;r ich schon von Rostem die&szlig; Gerede<br /></span>
+<span class="i0">Und in der Stadt; wo bleibt dein Ruhm in dieser Fehde?<br /></span>
+<span class="i2">Willst du nicht unsern Wunsch und deines Schahes stillen,<br /></span>
+<span class="i0">Tu's nur um deines Ruhms, um deines Namens willen!<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem sprach: da&szlig; Furcht nie Rostems Herz empfand,<br /></span>
+<span class="i0">Und nie empfinden wird, das wei&szlig; wol dieses Land.<br /></span>
+<span class="i2">Wie aber kann ich hier mit gutem Willen bleiben,<br /></span>
+<span class="i0">Da mich von hinnen selbst des Schachs Scheltworte treiben?<br /></span>
+<span class="i2">Guders mit Nachdruck sprach: Wenn dich sein Wort vertrieb,<br /></span>
+<span class="i0">Sein Wort ruft dich zur&uuml;ck; so folg ihm, uns zu lieb!<br /></span>
+<span class="i2">Rostem mit Z&ouml;gern sprach zu seinem Tochtermann:<br /></span>
+<span class="i0">Gew, sattle mir den Rachs, weil ichs nicht weigern kann.<br /></span>
+<span class="i2">Nach Hause kann ich nun allein nicht, weil Sewar,<br /></span>
+<span class="i0">Mein Bruder, wie es scheint, nicht nachkommt mit der Schar.<br /></span>
+<span class="i2">Gew sattelte geschwind, und alle sa&szlig;en auf,<br /></span>
+<span class="i0">Den Rostem f&uuml;hrten sie zur Stadt im Siegeslauf.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_131" id="page_131">131</a></span><a name="s_60" id="s_60"></a>60.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u Hofe f&uuml;hrten sie im Zug den Pehlewan,<br /></span>
+<span class="i0">Die Pforten fanden sie weit offen aufgetan.<br /></span>
+<span class="i2">Als er ihn kommen sah, der Schah eilt' aufzustehn,<br /></span>
+<span class="i0">Und mit Entschuldigung entgegen ihm zu gehn.<br /></span>
+<span class="i2">Er sprach: Die Heftigkeit ist mir zur Art gegeben;<br /></span>
+<span class="i0">Und wie uns Gott gepflanzt, so wachsen wir im Leben.<br /></span>
+<span class="i2">Von diesem neuen Feind, der uns so pl&ouml;tzlich kam,<br /></span>
+<span class="i0">Stieg Unmut mir ins Haupt, der mir den Sinn benam.<br /></span>
+<span class="i2">Du aber bist der Hort des Reichs, des Heeres R&uuml;cken;<br /></span>
+<span class="i0">Auf dich nur sind gelegt die Sorgen, die mich dr&uuml;cken.<br /></span>
+<span class="i2">Du bist der Edelstein, dem Glanz die Krone dankt;<br /></span>
+<span class="i0">Du bist der Fels, auf den gebaut der Thron nicht wankt.<br /></span>
+<span class="i2">Dein Wolsein ists, worauf ich fr&uuml;h den Becher leere,<br /></span>
+<span class="i0">Und dein Wolwollen, was ich in der Nacht begere.<br /></span>
+<span class="i2">Mit deiner starken Hand halt ich den Herrschaftstab;<br /></span>
+<span class="i0">Wir beide stammen ja gerad von Dschemschid ab.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_132" id="page_132">132</a></span>
+<span class="i2">Kein andrer steht so nah dem Herzen und dem Thron;<br /></span>
+<span class="i0">Mein Leben und mein Reich dank ich dir vielmal schon;<br /></span>
+<span class="i0">Und nur mein Dank allein ist deiner Taten Lohn.<br /></span>
+<span class="i2">Stehst du bei mir, so mag die Welt entgegenstehn;<br /></span>
+<span class="i0">Statt aller w&uuml;nsch ich nur als Helfer dich zu sehn.<br /></span>
+<span class="i2">In dieser Kampfnot auch begert ich dein vor allen;<br /></span>
+<span class="i0">Und wie du z&ouml;gertest, hat mich der Zorn befallen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch als beleidiget du giengst, o Pehlewan,<br /></span>
+<span class="i0">Hat mir die Reu sogleich den Staub aufs Haupt getan.<br /></span>
+<span class="i2">So sprach der Schah und schwieg; doch Rostem sprach: die Welt<br /></span>
+<span class="i0">Ist dein, ich bin darin zu deinem Dienst bestellt.<br /></span>
+<span class="i2">Gehorchen meine Pflicht, Befelen ist dein Recht;<br /></span>
+<span class="i0">Ich beuge mich, du bist der Herr, ich bin der Knecht,<br /></span>
+<span class="i2">Bereit, wohin du rufst, auf deinen Ton zu gehn,<br /></span>
+<span class="i0">Der Diener niedrigster an deinem Thron zu stehn.<br /></span>
+<span class="i2">Verpflichtet deinem Hof bin ich zu Dienstentrichtung,<br /></span>
+<span class="i0">Dafern ich w&uuml;rdig bin so ehrender Verpflichtung.<br /></span>
+<span class="i2">Und w&auml;re Leben mir noch tausend Jahr verliehn,<br /></span>
+<span class="i0">So werd ich nie vor dir des Dienstes Gurt ausziehn.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_133" id="page_133">133</a></span><a name="s_61" id="s_61"></a>61.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u Rostem wieder sprach der Schah: O Pehlewan!<br /></span>
+<span class="i0">Die Seele bleibe dir hell ewig aufgetan!<br /></span>
+<span class="i2">Nie werde dir die Hand, das Schwert zu f&uuml;ren, schw&auml;cher,<br /></span>
+<span class="i0">Und nie miss' Irans Land den Ritter und den R&auml;cher!<br /></span>
+<span class="i2">Die neuen Dienste, die du wirst im Kampfe tun,<br /></span>
+<span class="i0">Wie lohn ich sie? noch unbelohnt sind alte nun.<br /></span>
+<span class="i2">Was biet ich heute dir als Gast- und Ehrengabe?<br /></span>
+<span class="i0">Was hab ich, das ich nicht durch deinen Beistand habe?<br /></span>
+<span class="i2">Was hab ich, das, o Held, du nicht schon selber hast?<br /></span>
+<span class="i0">In Sabul ist dein Reich und f&uuml;rstlicher Palast.<br /></span>
+<span class="i2">Du hast das beste Ross, das sch&ouml;nste Sturmgewand,<br /></span>
+<span class="i0">Du hast das st&auml;rkste Schwert, dazu die st&auml;rkste Hand.<br /></span>
+<span class="i2">Du bist mit allem ausger&uuml;stet unvergleichlich,<br /></span>
+<span class="i0">Im Felde wie zu Haus versehn mit Sch&auml;tzen reichlich.<br /></span>
+<span class="i2">Rostem, was schenk ich dir an diesem Freudentag?<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;hl ein Geschenk dir selbst, was ich dir bieten mag!<br /></span>
+<span class="i2">Rostem verneigte sich und sprach: Ich wills bedenken;<br /></span>
+<span class="i0">Inzwischen mag der Schah mir seine Gnade schenken!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_134" id="page_134">134</a></span>
+<span class="i2">Er sprachs, da freuten sich die F&uuml;rsten gro&szlig; und klein,<br /></span>
+<span class="i0">Da sie gestiftet sahn so g&uuml;tlichen Verein.<br /></span>
+<span class="i2">Zu Guders sprach der Schah: Dir dank ich es, da&szlig; du<br /></span>
+<span class="i0">Mir noch vor Schlafengehn ins Haus gebracht die Ruh.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem trat zu Tus, dem tat er nun genug<br /></span>
+<span class="i0">Daf&uuml;r da&szlig; unsanft erst er auf die Hand ihm schlug.<br /></span>
+<span class="i2">Der Schah rief: bringet Wein und Saitenspiel herein!<br /></span>
+<span class="i0">Denn ohne Sang und Klang soll diese Nacht nicht sein.<br /></span>
+<span class="i2">Zum Kampf mit Suhrab ziehn wir morgen mit dem Tage,<br /></span>
+<span class="i0">Und feiern im Gelag heut seine Niederlage.<br /></span>
+<span class="i2">So rief er; und zum Fest ward Wein hereingebracht<br /></span>
+<span class="i0">Und Saitenspiel, und hell und klangvoll ward die Nacht.<br /></span>
+<span class="i2">Wie Fr&uuml;hlingsgartenpracht war aufgeschm&uuml;ckt das Maal,<br /></span>
+<span class="i0">Und Lust war wie ein Bach ergo&szlig;en durch den Saal.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_135" id="page_135">135</a></span><a name="s_62" id="s_62"></a>62.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sa&szlig;en sie im Haus des K&ouml;nigs nun beim Schmaus;<br /></span>
+<span class="i0">Da gieng ein froh Ger&uuml;cht vom Hof zur Stadt hinaus,<br /></span>
+<span class="i2">Das durch die Stra&szlig;en lief, und durch die H&auml;user rief,<br /></span>
+<span class="i0">Gr&uuml;&szlig;te, was wach noch war, und weckte, was schon schlief.<br /></span>
+<span class="i2">Jeder, zu dem es kam, und der den Gru&szlig; vernam,<br /></span>
+<span class="i0">Dem schwand davon alsbald der Kummer und der Gram,<br /></span>
+<span class="i2">Und wuchs die Freudigkeit. Nun aber war beim Wandern<br /></span>
+<span class="i0">Das fr&ouml;hliche Ger&uuml;cht begegnet einem andern,<br /></span>
+<span class="i2">Das war so traurig anzusehn als jenes froh;<br /></span>
+<span class="i0">Das frohe hielt es an, eh es ins Dunkel floh.<br /></span>
+<span class="i2">Da tat das fr&ouml;hliche Ger&uuml;chte seinen Mund<br /></span>
+<span class="i0">Mit Lachen auf und sprach: wer bist du? tu mir kund!<br /></span>
+<span class="i2">Und jenes sprach: Ich bin das traurige Ger&uuml;chte,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; Rostem, von Kawus gekr&auml;nkt, aus Iran fl&uuml;chte.<br /></span>
+<span class="i2">Das ist die Botschaft, die durch Stadt und Land ich trage,<br /></span>
+<span class="i0">Und jeder wird betr&uuml;bt, dem ich die Zeitung sage.<br /></span>
+<span class="i2">Da sprach das fr&ouml;hliche: Nun streue keinen Frost<br /></span>
+<span class="i0">Der Furcht umher! sei still! denn falsch ist deine Post.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_136" id="page_136">136</a></span>
+<span class="i2">Die Wahrheit sag ich dir: Held Rostem sitzt beim Schmaus<br /></span>
+<span class="i0">Mit Kawus heut, und zieht zum Kampfe morgen aus.<br /></span>
+<span class="i2">Unglaubig sch&uuml;ttelte das traurige Ger&uuml;cht<br /></span>
+<span class="i0">Sein Haupt, es glaubte nicht den fr&ouml;hlichen Bericht.<br /></span>
+<span class="i2">Aber das fr&ouml;hliche geriet in Zorn, und rang<br /></span>
+<span class="i0">So mit dem traurigen, bis es den Feind bezwang.<br /></span>
+<span class="i2">Das traurige Ger&uuml;cht vom fr&ouml;hlichen danieder<br /></span>
+<span class="i0">Geschlagen lag, und stand die Nacht durch auf nicht wieder.<br /></span>
+<span class="i2">Froh seines Sieges gieng das fr&ouml;hliche vondann,<br /></span>
+<span class="i0">Und wo es gieng und stand, ward fr&ouml;hlich Weib und Mann.<br /></span>
+<span class="i2">Abwechselnd sprach es ein in H&auml;usern gro&szlig; und klein,<br /></span>
+<span class="i0">Willkommen &uuml;berall, beliebt wars allgemein.<br /></span>
+<span class="i2">Und jeder, dem es noch vor Schlafengehn gebracht<br /></span>
+<span class="i0">Ins Haus die Kunde, schlief dann be&szlig;er in der Nacht.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_137" id="page_137">137</a></span><a name="s_63" id="s_63"></a>63.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie aber sa&szlig;en noch beim frohen Maal und tranken,<br /></span>
+<span class="i0">Bis sie, vom Wein bek&auml;mpft, dem Schlaf zur Beute sanken.<br /></span>
+<span class="i2">Doch morgens, als die Sonn ihr goldenes Panier<br /></span>
+<span class="i0">Aus Purpurvorhang hob zur Decke von Safier;<br /></span>
+<span class="i2">Als auf der stillen Flur der Hirt in seinem Pferche<br /></span>
+<span class="i0">Mit seiner Herd erwacht' am Morgenlied der Lerche:<br /></span>
+<span class="i2">Da ward die Stadt erweckt von dr&ouml;nendem Metall,<br /></span>
+<span class="i0">Von rauhen Erzes Mund und von Heerpaukenschall.<br /></span>
+<span class="i2">Da drangen mit Geschrei Kriegsv&ouml;lker rings herbei,<br /></span>
+<span class="i0">Siegsmutig, da&szlig; nunmehr bei ihnen Rostem sei.<br /></span>
+<span class="i2">Vom eignen F&uuml;rer ward gef&uuml;rt jedwede Schar<br /></span>
+<span class="i0">Aus Iran, und es f&uuml;rt' aus Sabul die Sewar.<br /></span>
+<span class="i2">Rostem, der Pehlewan, ritt auf dem Rachs allein;<br /></span>
+<span class="i0">Nicht einer Schar, dem Heer geh&ouml;rt' er allgemein.<br /></span>
+<span class="i2">Doch jeder Schar den Platz wies an der Feldherr Tus,<br /></span>
+<span class="i0">Und Sold aus seinem Schatz der K&ouml;nig Keikawus.<br /></span>
+<span class="i2">Mit Lust sah Keikawus vorbeiziehn jede Schar,<br /></span>
+<span class="i0">Die vom Feldherren Tus ins Feld entboten war.<br /></span>
+<span class="i2">Er freute sich des unz&auml;hlbaren Heergedr&auml;nges,<br /></span>
+<span class="i0">Der kaiserlichen Macht, des f&uuml;rstlichen Gepr&auml;nges.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_138" id="page_138">138</a></span>
+<span class="i2">Da freut' er sich sosehr an keiner tapfern Schar,<br /></span>
+<span class="i0">Als da&szlig; der tapferste beim Heere, Rostem, war.<br /></span>
+<span class="i2">Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,<br /></span>
+<span class="i0">Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.<br /></span>
+<span class="i2">Gleich einem Meere kam die Menschenflut in Gang,<br /></span>
+<span class="i0">Dem festen Lande ward vor Ueberschwemmung bang.<br /></span>
+<span class="i2">Die Berge zitterten, gestampft von ihrem Hufe,<br /></span>
+<span class="i0">Und Wolken splitterten, gesprengt von ihrem Wufe.<br /></span>
+<span class="i2">Die Sonne sah ihr Bild verhunderttausendfacht<br /></span>
+<span class="i0">In jedem blanken Schild, in jeder R&uuml;stung Pracht.<br /></span>
+<span class="i2">So stieg der Waffen Glanz und so ihr Schall empor,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; jedes Auge blind, und taub ward jedes Ohr.<br /></span>
+<span class="i2">So nickte Helm an Helm, und schwankte Busch und Feder,<br /></span>
+<span class="i0">Alswie, vom Sturm bewegt, auf Bergen Tann und Zeder.<br /></span>
+<span class="i2">So ragten, Reih an Reih, die dichtgedr&auml;ngten Speere,<br /></span>
+<span class="i0">Alswie auf gutem Feld sich dr&auml;nget Aehr an Aehre.<br /></span>
+<span class="i2">Geschm&uuml;ckt schien, wo das Heer im Schmuck der Waffen fur,<br /></span>
+<span class="i0">Mit einem wandelnden Glanzfr&uuml;hlinge die Flur.<br /></span>
+<span class="i2">So bl&uuml;hte, wo es zog, die Au; doch wo vorbei<br /></span>
+<span class="i0">Es war gezogen, blieb dahinter W&uuml;stenei;<br /></span>
+<span class="i2">Denn abgeweidet ward manch Saatenfeld, und leer<br /></span>
+<span class="i0">Getrunken mancher Bach vom Ross- und Menschenheer.<br /></span>
+<span class="i2">So zog das Heer zur Grenz in ungehemmtem Lauf,<br /></span>
+<span class="i0">Und nah der wei&szlig;en Burg schlug man das Lager auf.<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_7" id="buch_7"></a><a href="#inhalt">Siebentes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_64" id="s_64"></a>64.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>em Suhrab sagtens an Wachtposten, da&szlig; nun kam<br /></span>
+<span class="i0">Das Heer, und er vernam die Meldung ohne Gram,<br /></span>
+<span class="i2">Vielmehr mit Freude, weil es ihn verdro&szlig;, so lange<br /></span>
+<span class="i0">Hier oben auf den Gast zu warten zum Empfange.<br /></span>
+<span class="i2">Denn alles hatt er l&auml;ngst f&uuml;r solchen Gast bereit,<br /></span>
+<span class="i0">Die feste Burg, sein Heer, und seine Tapferkeit.<br /></span>
+<span class="i2">Er nam den Baruman, der an den W&auml;llen baute,<br /></span>
+<span class="i0">Und f&uuml;rt' ihn schnell hinauf, wo man ins Freie schaute.<br /></span>
+<span class="i2">Dort mit dem Finger zeigt' er deutend, Schar um Schar,<br /></span>
+<span class="i0">Dem Baruman das Heer, an dem kein Ende war.<br /></span>
+<span class="i2">Wie sich ein Habicht freut, den gro&szlig;en Flug der Tauben<br /></span>
+<span class="i0">Zu sehn, von dem er sich nach Lust will eine rauben;<br /></span>
+<span class="i2">Es schreckt ihn nicht zumal die Meng, ihn freut die Zal,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; von so vielen er soll haben freie Wal:<br /></span>
+<span class="i2">So freute Suhrab sich, das junge Heldenblut,<br /></span>
+<span class="i0">Der gegen ihn zum Kampf gezognen Menschenflut.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Barman, wie er sah das gro&szlig;e Heer, ward klein<br /></span>
+<span class="i0">Das Herz ihm, und vor Furcht zog er den Atem ein.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_142" id="page_142">142</a></span>
+<span class="i2">Zu dem erbla&szlig;ten sprach der junge Held mit Scherz:<br /></span>
+<span class="i0">Bring Farb auf deine Wang, und an sein Fleck dein Herz!<br /></span>
+<span class="i2">Sieh, wie im Waffenglanz das Lager ist entglommen!<br /></span>
+<span class="i0">Soviele sind um Ruhm zu bringen mir gekommen!<br /></span>
+<span class="i2">Der Ruhm ist ewig mein, und w&uuml;rd ich auch erliegen<br /></span>
+<span class="i0">So gro&szlig;em Heer; doch hab ich Mut es zu besiegen.<br /></span>
+<span class="i2">Solch eine Menschenflut, wie eines Weltmeers Wogen,<br /></span>
+<span class="i0">Ist gegen einen Fels im Sturm heran gezogen!<br /></span>
+<span class="i2">Aus seiner Ruhe ward Keikawus aufgest&ouml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Als meinen Namen er in Istachar geh&ouml;rt.<br /></span>
+<span class="i2">In Schreck und Hast hat er um seinen Thron gerafft<br /></span>
+<span class="i0">Zusammen jeden Schaft und jedes Armes Kraft;<br /></span>
+<span class="i2">Und hergezogen kommt er nun mit allen Helden<br /></span>
+<span class="i0">Von Iran, deren Preis in Turan Lieder melden.<br /></span>
+<span class="i2">O sage, siehst du nicht dort im Gedr&auml;nge dicht<br /></span>
+<span class="i0">Solch einen Mann, mit dem am liebsten Suhrab ficht!<br /></span>
+<span class="i2">Solch einen, der nie bricht die Lanz an einem Wicht,<br /></span>
+<span class="i0">Und der vom Sattel gern nur seines gleichen sticht!<br /></span>
+<span class="i2">Wovon der Ehre Licht hinfort mein Angesicht<br /></span>
+<span class="i0">Bestralt, wenn ich vor ihm bestanden mit Gewicht!<br /></span>
+<span class="i0">O siehst du, gib Bericht, solch einen Mann mir nicht?<br /></span>
+<span class="i2">So fragt' er ungest&uuml;m, doch nicht beim Namen wollte<br /></span>
+<span class="i0">Er nennen jenen, der sobald ihn f&auml;llen sollte.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_143" id="page_143">143</a></span><a name="s_65" id="s_65"></a>65.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>arauf sprach Baruman: Ich sehe mehr als einen,<br /></span>
+<span class="i0">Der Ehre bringen kann; doch welchen magst du meinen?<br /></span>
+<span class="i2">Dir lodert hoch der Mut wie eine Feuerglut;<br /></span>
+<span class="i0">O falle nicht dein Brand in kalte Wa&szlig;erflut!<br /></span>
+<span class="i2">Der Feuerbrand, wenn er ins Wa&szlig;er f&auml;llt, so zischt<br /></span>
+<span class="i0">Er ungest&uuml;m und braust, qualmt unmutvoll und lischt.<br /></span>
+<span class="i2">Nie f&uuml;hle Furcht ein Mann, jedoch Feind und Gefar<br /></span>
+<span class="i0">Acht er niemals gering; das Gl&uuml;ck ist wandelbar.<br /></span>
+<span class="i2">Soweit es will, f&uuml;hrt dichs ohn Ansto&szlig;; willst du weiter<br /></span>
+<span class="i0">Um einen Schritt, so stockt das Ross und st&uuml;rzt der Reiter.<br /></span>
+<span class="i2">In Frieden schlief der Krieg, du hast ihn aufgeweckt;<br /></span>
+<span class="i0">Wei&szlig;t du, nach welcher Beut er seine Krallen streckt?<br /></span>
+<span class="i2">Darum, wenn du mich siehst erzittern: nicht f&uuml;r mich,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r alle, die das Lo&szlig; kann treffen, zitter' ich;<br /></span>
+<span class="i2">Ich zitter' auch f&uuml;r dich, weil dich es treffen kann;<br /></span>
+<span class="i0">Denn wo das Ungl&uuml;ck w&auml;lt, w&auml;lts nicht den schlechtsten Mann.<br /></span>
+<span class="i2">Geh mannhaft in den Kampf, und dem Afrasiab<br /></span>
+<span class="i0">Trag ab daf&uuml;r den Dank, der dir die Heermacht gab!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_144" id="page_144">144</a></span>
+<span class="i2">Halt, von der Burg gedeckt, und an die Burg gelehnt,<br /></span>
+<span class="i0">In Schirm das Heer; und wenn dein Herz nach Ruhm sich sehnt,<br /></span>
+<span class="i2">So ruf zum Einzelkampf solch einen Mann f&uuml;r alle,<br /></span>
+<span class="i0">Mit welchem, wenn er f&auml;llt, der Stolz von Iran falle!<br /></span>
+<span class="i2">Ruf einen nur, den du vor allen siehest ragen,<br /></span>
+<span class="i0">Und f&auml;ll ihn ohne viel zu sagen und zu fragen.<br /></span>
+<span class="i2">Sag ihm nicht, wer du bist; frag ihn nicht, wie er hei&szlig;t;<br /></span>
+<span class="i0">Bis das Geheimnis ihm dein blutig Schwert entrei&szlig;t. &ndash;<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er wolbedacht, mit Wahrem Falsches mischend,<br /></span>
+<span class="i0">In Rates Honigseim Verrates Gift auftischend.<br /></span>
+<span class="i2">Den Rostem nannt er nicht, vor Rostem zittert' er,<br /></span>
+<span class="i0">Noch von Masenderan kannt er den Rostem her.<br /></span>
+<span class="i2">Den Rostem wollt er nun und Rostems Sohn verderben,<br /></span>
+<span class="i0">Zwei solche Helden! das zwang ihn sich zu verf&auml;rben.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrabs Seele war von reinem Mut ergl&uuml;ht,<br /></span>
+<span class="i0">Darum der Rose gleich war seine Wang erbl&uuml;ht.<br /></span>
+<span class="i2">Vom Walle stieg er froh hinab, vom Schenken nam<br /></span>
+<span class="i0">Er einen Becher Wein und leert' ihn ohne Gram.<br /></span>
+<span class="i2">Dann r&uuml;stet' er ein Maal mit Lauten und mit Leiern,<br /></span>
+<span class="i0">Um in der Freunde Krei&szlig; des Feinds Ankunft zu feiern.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_145" id="page_145">145</a></span><a name="s_66" id="s_66"></a>66.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">I</span>n Irans Lager war inzwischen Zelt an Zelt<br /></span>
+<span class="i0">Gepflanzt, und drein gedr&auml;ngt das Leben einer Welt.<br /></span>
+<span class="i2">Es war als m&uuml;&szlig;te Raum den Rossen und Kamelen<br /></span>
+<span class="i0">Und Elefanten all, geschweige Futter, felen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wie der Lagerwald begann nach allen Seiten<br /></span>
+<span class="i0">Zu wachsen und im Krei&szlig; den Umfang auszubreiten,<br /></span>
+<span class="i2">Schlo&szlig; Reih an Reihe sich geschickt, und sie verga&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">In ihrer Zeltstadt auch Marktpl&auml;tze nicht und Stra&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i2">Da wogte bald Verkehr gesch&auml;ftig hin und her,<br /></span>
+<span class="i0">Und die Verwirrung ward zur Ordnung immer mehr.<br /></span>
+<span class="i2">Die Sonne gieng hinab am abendlichen Himmel,<br /></span>
+<span class="i0">Und sah mit Staunen noch auf Erden das Gewimmel.<br /></span>
+<span class="i2">Da fanden Dach und Fach nun alle nach und nach,<br /></span>
+<span class="i0">Und &uuml;ber allen war des Himmels dunkles Dach.<br /></span>
+<span class="i2">Doch als an seinem Ort sich jeder eingetan,<br /></span>
+<span class="i0">Da trat zum Schah sofort des Reiches Pehlewan,<br /></span>
+<span class="i2">Und Rostem sprach: ich will nicht hier im Lager rasten,<br /></span>
+<span class="i0">Dort oben auf der Burg will ich bei Suhrab gasten.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_146" id="page_146">146</a></span>
+<span class="i2">Mein Herz hat keine Ruh, bis meine Augen haben<br /></span>
+<span class="i0">Gesehn von Angesicht zu Angesicht den Knaben.<br /></span>
+<span class="i2">Den T&uuml;rkenknaben, den uns mit soviel Geschrei<br /></span>
+<span class="i0">Der Ruf genannt hat, will ich ansehn, wer er sei,<br /></span>
+<span class="i2">Ob wert der M&uuml;he, da&szlig; ich auf den Rachs mich schwang,<br /></span>
+<span class="i0">Und eine Ehre mir, wann ich ihn niederrang.<br /></span>
+<span class="i2">Gewesen bin ich selbst vordem in T&uuml;rkenland,<br /></span>
+<span class="i0">Anlegen will ich nun ein t&uuml;rkisches Gewand.<br /></span>
+<span class="i2">Darunter soll nicht, wer mich nicht beim Lichte n&auml;her<br /></span>
+<span class="i0">Besieht, so leicht ersp&auml;hn, da&szlig; Rostem sei der Sp&auml;her.<br /></span>
+<span class="i2">Kawus! dein Lager ist von deinem Volk verwart;<br /></span>
+<span class="i0">Gib, ich bin m&uuml;&szlig;ig hier, Urlaub zur Nachtausfart!<br /></span>
+<span class="i2">Mit Lachen sprach der Schah: Stets wird das Krongeschmeide<br /></span>
+<span class="i0">Von Iran Rostem sein, auch unterm T&uuml;rkenkleide.<br /></span>
+<span class="i2">Am Tage nicht der Schlacht des Heeres Arm allein,<br /></span>
+<span class="i0">Du willst auch in der Nacht desselben Auge sein.<br /></span>
+<span class="i2">Geh unter Gottes Schutz! in welchem Waffenputz<br /></span>
+<span class="i0">Du gehn magst, unserm Reich und dir gereichs zu Nutz!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_147" id="page_147">147</a></span><a name="s_67" id="s_67"></a>67.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">U</span>m seine Schultern nam ein Kleid nach T&uuml;rkenart<br /></span>
+<span class="i0">Tehemten, und begab sich heimlich auf die Fart.<br /></span>
+<span class="i2">Den Panzer und den Helm und jedes Waffenst&uuml;ck<br /></span>
+<span class="i0">Lie&szlig; er im Zelt, sogar sein Schwert lie&szlig; er zur&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i2">Deswegen f&uuml;hlte sich der Held zu Hieb und Streich<br /></span>
+<span class="i0">Nicht wehrlos; denn sein Arm war einer Keule gleich.<br /></span>
+<span class="i2">Er gieng bis er hinan zum wei&szlig;en Schlo&szlig;e kam,<br /></span>
+<span class="i0">Und drinnen das Geschrei der T&uuml;rken schon vernam.<br /></span>
+<span class="i2">Durchs Tor stracks in den Hof gieng Rostem ohne Scheu,<br /></span>
+<span class="i0">Wie in den offnen Stall der Rinder Nachts ein Leu,<br /></span>
+<span class="i2">Beim l&auml;ndlichen Geh&ouml;ft im Felde, wo die Hirten<br /></span>
+<span class="i0">An einem Feiertag sich in der Nacht bewirten,<br /></span>
+<span class="i2">Und denken nicht bei Saus und Braus und Schmaus daran,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; sie dem Feinde nicht die Stallt&uuml;r zugetan.<br /></span>
+<span class="i2">Da geht er in den Stall, wo ihre Rinder sind,<br /></span>
+<span class="i0">Hinein, und tr&auml;gt davon das sch&ouml;nste st&auml;rkste Rind.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_148" id="page_148">148</a></span>
+<span class="i2">Es br&uuml;llt, im Rachen schon des L&ouml;wen, voll Verzagen,<br /></span>
+<span class="i0">Und alle springen auf, den Raub ihm abzujagen;<br /></span>
+<span class="i0">Er aber hat den Raub in Sicherheit getragen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie kehren leer zur&uuml;ck und traurig, f&uuml;r den Rest<br /></span>
+<span class="i0">Der Nacht ist nun gest&ouml;rt der Hirten Freudenfest.<br /></span>
+<span class="i2">So gieng durchs offne Tor, ge&ouml;ffnet durch Bet&ouml;ren,<br /></span>
+<span class="i0">Rostem hinein, das Fest der T&uuml;rken drin zu st&ouml;ren.<br /></span>
+<span class="i2">Er sah den weiten Hof erf&uuml;llt von Fackelglanz,<br /></span>
+<span class="i0">Von l&auml;rmendem Gelag, Gesang und Spiel und Tanz.<br /></span>
+<span class="i2">Denn Suhrab hatte dort das n&auml;chtge Fest bestellt,<br /></span>
+<span class="i0">Und all die Edelsten des Heeres sich gesellt.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem wich dem Glanz der Lichter aus, und sah<br /></span>
+<span class="i0">Vom dunklen Winkel fern im Hellen alles nah.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_149" id="page_149">149</a></span><a name="s_68" id="s_68"></a>68.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a sa&szlig; beim frohen Fest, in Mitte Fackelscheins<br /></span>
+<span class="i0">Und Lautenklangs, Suhrab, und trank die Becher Weins.<br /></span>
+<span class="i2">Auf seinem Haupte trug er, statt den Helm, den Kranz;<br /></span>
+<span class="i0">Er war ein Glanz, und war bestralt vom hellen Glanz.<br /></span>
+<span class="i2">Er bl&uuml;hte wie ein Reis von Sch&ouml;nheit und von Lust,<br /></span>
+<span class="i0">Von Jugend und von Kraft geschwellt war seine Brust.<br /></span>
+<span class="i2">Hoch hob er stolz das Haupt, und seiner Augen Stral,<br /></span>
+<span class="i0">Umgehend in die Rund, erleuchtete das Mal;<br /></span>
+<span class="i0">Da &uuml;berz&auml;lt' er froh die unz&auml;lbare Zal<br /></span>
+<span class="i2">Der Kriegsgef&auml;rten, die um ihn im Krei&szlig;e sa&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Als Trinkgeno&szlig;en nun, und ihren Wein verga&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Vor Staunen, wie sie ihn sahn prangen solcherma&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i2">Da riefen sie laut einmal &uuml;bers andre Preis<br /></span>
+<span class="i0">Und Heil, Lobpreis und Heil dem bl&uuml;hnden Ehrenreis!<br /></span>
+<span class="i2">Die Sterne selber sahn vom hohen Himmel nieder<br /></span>
+<span class="i0">Mit Wolgefallen auf die hohen Heldenglieder;<br /></span>
+<span class="i2">Allein sie schienen ihn mitleidig anzusehn,<br /></span>
+<span class="i0">Weil er ein Stern war, der so fr&uuml;h sollt untergehn.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_150" id="page_150">150</a></span>
+<span class="i2">Da sprach ein Himmelsstern zum andern mitleidvoll:<br /></span>
+<span class="i0">Schad um die Bl&uuml;te, die im Lenz hinwelken soll!<br /></span>
+<span class="i2">Soviel des Sch&ouml;nen schon auf Erden sahn wir prangen,<br /></span>
+<span class="i0">Und eh wir einen Blick verwendet, wars vergangen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch keine Knospe sahn wir gl&auml;nzender und heller<br /></span>
+<span class="i0">Aufgehn, um trauriger dahinzugehn und schneller.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn seine Mutter doch, die ihn, ihr einzig Gl&uuml;ck,<br /></span>
+<span class="i0">Entsendet hat, und nie daheim empf&auml;ngt zur&uuml;ck,<br /></span>
+<span class="i2">Wenn seine Mutter ihn mit unsrer Augen Stral<br /></span>
+<span class="i0">Noch einmal k&ouml;nnte sehn bei diesem Freudenmal,<br /></span>
+<span class="i2">In seiner Lust und und Kraft, den Baum im frischen Saft,<br /></span>
+<span class="i0">Den morgen schon villeicht dahin sein Schicksal rafft!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_151" id="page_151">151</a></span><a name="s_69" id="s_69"></a>69.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprachen von dem Stern des Festes dort die Sterne<br /></span>
+<span class="i0">Des Himmels; eine Gunst erzeigten sie ihm gerne.<br /></span>
+<span class="i2">Da namen sie von Duft und Glanze, was im Raum<br /></span>
+<span class="i0">Von Erd und Himmel war, und woben einen Traum.<br /></span>
+<span class="i2">Wie einen Teppich bunt, mit reichem Gold gestickt,<br /></span>
+<span class="i0">Der Braut ein Br&auml;utigam aus fernem Lande schickt,<br /></span>
+<span class="i2">Auf welchem sie erblickt mit staunendem Gefallen<br /></span>
+<span class="i0">Die Bilder abgepr&auml;gt von jenen Dingen allen,<br /></span>
+<span class="i2">Die ihr Geliebter selbst nun sieht in fremden R&auml;umen,<br /></span>
+<span class="i0">Die V&ouml;gel unbekant auf unbekanten B&auml;umen;<br /></span>
+<span class="i2">Und so wie sie den Schmuck betrachtet, ist es ihr,<br /></span>
+<span class="i0">Sie reise dort mit ihm, er ruhe bei ihr hier:<br /></span>
+<span class="i2">Ein solcher Abdruck war vor allem eingewoben<br /></span>
+<span class="i0">Dem Traumgewebe, das die Sterne dort erhoben.<br /></span>
+<span class="i2">Leis hoben sie empor das gl&auml;nzende Gewebe,<br /></span>
+<span class="i0">Und gaben es der Luft zu tragen, da&szlig; es schwebe<br /></span>
+<span class="i2">Nach Turan, wo im Schlaf die Mutter Suhrabs lag,<br /></span>
+<span class="i0">Da sah sie einen Traum so hell als w&auml;r es Tag.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_152" id="page_152">152</a></span>
+<span class="i2">Beim n&auml;chtlichen Gelag sah sie den Sohn da sitzen,<br /></span>
+<span class="i0">Den Becher in der Hand von Edelsteinen blitzen,<br /></span>
+<span class="i2">Sah seine Wangen bl&uuml;hn, und seine Lippen gl&uuml;hn,<br /></span>
+<span class="i0">Und seine Augen spr&uuml;hn; ganz war er stolz und k&uuml;hn;<br /></span>
+<span class="i0">Wie freut' es sie zu sehn ihr Reis der Hoffnung gr&uuml;n!<br /></span>
+<span class="i2">Gewachsen schien er ihr selbst in der kurzen Zeit,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; sie ihn ausgesandt, an Kraft und Herrlichkeit.<br /></span>
+<span class="i2">Sie sah auf ihren Sohn umher im Krei&szlig; der Lichter<br /></span>
+<span class="i0">Gekehrt bekante viel und unbekante Gesichter;<br /></span>
+<span class="i2">Die alle sah sie hell in heitrer Freude funkeln,<br /></span>
+<span class="i0">Doch seinen Vater sah sie nebenaus im Dunkeln.<br /></span>
+<span class="i2">Sie war betr&uuml;bt, es nam sie Wunder, warum nicht<br /></span>
+<span class="i0">Rostem zu seinem Sohn vortreten wollt ans Licht.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wie ein Wolkenschaur so flog ihr Gram vorbei;<br /></span>
+<span class="i0">Sie freute sich, da&szlig; nah dem Sohn der Vater sei:<br /></span>
+<span class="i2">Er w&uuml;rde, wenn er nur s&auml;h das Erkennungszeichen,<br /></span>
+<span class="i0">Dem Sohne freudig nahn und ihm die H&auml;nde reichen.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_153" id="page_153">153</a></span><a name="s_70" id="s_70"></a>70.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">V</span>on Suhrabs Mutter ward inzwischen so getr&auml;umt,<br /></span>
+<span class="i0">Er aber sa&szlig; beim Fest vergn&uuml;gt und aufger&auml;umt.<br /></span>
+<span class="i2">Er trank, und hie&szlig; im Krei&szlig; die Trinkgeno&szlig;en trinken;<br /></span>
+<span class="i0">Zwei aber sa&szlig;en ihm zur Rechten und zur Linken.<br /></span>
+<span class="i2">Zur Linken Baruman, den ihm Afrasiab<br /></span>
+<span class="i0">Aus Turan nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab;<br /></span>
+<span class="i2">Zur Rechten aber Send, den hatte mitgegeben<br /></span>
+<span class="i0">Dem Sohn die Mutter, die ihn liebte wie ihr Leben.<br /></span>
+<span class="i2">Der war vom K&ouml;nigshaus Semengans ihm ein Vetter,<br /></span>
+<span class="i0">Und werden sollt er ihm im fremden Land ein Retter.<br /></span>
+<span class="i2">An allen Gliedern stark war er und hoch von Wuchs,<br /></span>
+<span class="i0">An allen Sinnen scharf, von Augen wie ein Luchs.<br /></span>
+<span class="i2">Er sah bei Nacht alswie bei Tag; und zu dem End<br /></span>
+<span class="i0">Entsendete sie auch mit ihrem Sohn den Send,<br /></span>
+<span class="i2">Damit, wenn Suhrab nun gekommen in die N&auml;he<br /></span>
+<span class="i0">Von Rostem w&auml;re, Send den Vater ihm ersp&auml;he.<br /></span>
+<span class="i2">Er hatte Rostem selbst gesehn an jenem Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Wo in Semengans Schlo&szlig; er sa&szlig; beim Gastgelag,<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_154" id="page_154">154</a></span>
+<span class="i2">An jenem Abende, wo in der Nacht ihm kam<br /></span>
+<span class="i0">Tehmina, die als Weib er in die Arme nam.<br /></span>
+<span class="i2">Den Suhrab zeugt' er ihr, und als der Morgen graute,<br /></span>
+<span class="i0">Ritt er von dannen, den nie mehr die Gattin schaute.<br /></span>
+<span class="i2">Nun sandte sie den Sohn, den Vater dort zu schaun,<br /></span>
+<span class="i0">Und alles sagte sie dem Vetter im Vertraun.<br /></span>
+<span class="i2">An Suhrabs Seite nun trank er den Wein mit Schweigen,<br /></span>
+<span class="i0">Und dachte, morgen woll er ihm den Vater zeigen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_155" id="page_155">155</a></span><a name="s_71" id="s_71"></a>71.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>end aber sendete den Blick umher des Luchses,<br /></span>
+<span class="i0">Und nam im Dunkeln war die Lauer eines Fuchses.<br /></span>
+<span class="i2">Er sah dort einen Mann, der ihm verd&auml;chtig schien,<br /></span>
+<span class="i0">Stand auf vom Sitz und gieng, um zu besehen ihn.<br /></span>
+<span class="i2">Da fand er einen Mann, von Ansehn ganz gewaltig<br /></span>
+<span class="i0">Und riesenm&auml;&szlig;ig, elefantenleibgestaltig.<br /></span>
+<span class="i2">Niemals erinnert' er sich einen solcher Art<br /></span>
+<span class="i0">Mit Augen je gesehn zu haben und gewart;<br /></span>
+<span class="i2">Es w&auml;re denn allein Rostem, an jenem Tag,<br /></span>
+<span class="i0">Wo in Semengan er ihn sah beim Gastgelag.<br /></span>
+<span class="i2">Doch dieser trug am Leib ein t&uuml;rkisches Gewand;<br /></span>
+<span class="i0">Wiewol sein Blick an ihm nicht T&uuml;rkensitte fand.<br /></span>
+<span class="i2">Send rief ihn an: He da! warum hier also schleichst du<br /></span>
+<span class="i0">Im Finstern, guter Freund, und aus der Hell entweichst du?<br /></span>
+<span class="i2">Kehr einmal dein Gesicht her gegen mich ans Licht!<br /></span>
+<span class="i0">Gib Antwort! &ndash; Aber Antwort gab ihm Rostem nicht.<br /></span>
+<span class="i2">Da streckte k&uuml;hn, um ihn zu greifen, Send die Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Und fortziehn wollt er ihn am t&uuml;rkischen Gewand.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_156" id="page_156">156</a></span>
+<span class="i2">Tehemten aber zuckt' empor des Armes Keule,<br /></span>
+<span class="i0">Womit er schon im Kampf geschlagen manche Beule;<br /></span>
+<span class="i2">Damit gab er dem Send solch einen Schlag aufs Haupt,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; Send am Boden lag leblos des Sinns beraubt.<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab indessen sa&szlig; beim Mal, und Wunder nam<br /></span>
+<span class="i0">Es ihn, wo Send hingieng und noch nicht wieder kam.<br /></span>
+<span class="i2">Deswegen vom Gesind entsendete behend<br /></span>
+<span class="i0">Er einen, nachzusehn, wohin gekommen Send.<br /></span>
+<span class="i2">Der abgesendete lief eilig hin, und fand<br /></span>
+<span class="i0">Dort leblos sinnberaubt den Send gestreckt im Sand.<br /></span>
+<span class="i2">Der Diener lief best&uuml;rzt zum Herrn zur&uuml;ckgewendet,<br /></span>
+<span class="i0">Laut rief er aus: Der Send ist in den Tod gesendet;<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r Send ist aus der Schmaus, und das Gelag geendet.<br /></span>
+<span class="i2">Entsetzt vom Sitze sprang Suhrab, und eilte jach<br /></span>
+<span class="i0">Dahin, ihm eilten all des Festes Fackeln nach.<br /></span>
+<span class="i2">Bei aller Lichter Glanz sah da Suhrab erschlagen<br /></span>
+<span class="i0">Den lieben Freund; von wem? das kont ihm niemand sagen.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_157" id="page_157">157</a></span><a name="s_72" id="s_72"></a>72.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Suhrab rief: O weh! gebrochen ist ins Rund<br /></span>
+<span class="i0">Der Herde Nachts ein Wolf, weil Hirte schlief und Hund;<br /></span>
+<span class="i2">Der Widder stolzesten hat er zu seinem Raub<br /></span>
+<span class="i0">Erkoren, nieder ihn geworfen in den Staub!<br /></span>
+<span class="i2">Verschlafne Hirten, auf! und unwachsame Hunde!<br /></span>
+<span class="i0">Nun nach dem R&auml;uber macht mir im Geheg die Runde!<br /></span>
+<span class="i2">Da sp&uuml;rten sie mit Macht umher rings in der Nacht;<br /></span>
+<span class="i0">Es hatte sich der Wolf l&auml;ngst aus dem Staub gemacht.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab kam zur&uuml;ck zu seinem Platz beim Feste;<br /></span>
+<span class="i0">Da sa&szlig; er traurig nun, und traurig alle G&auml;ste.<br /></span>
+<span class="i2">Er sprach: Es freuet mich nun hier der Sitz nicht mehr;<br /></span>
+<span class="i0">Denn mir zur rechten Hand der Platz ist traurig leer,<br /></span>
+<span class="i2">Wo der gese&szlig;en, den zum Freund mir mitgegeben<br /></span>
+<span class="i0">Die Mutter selber, die mich lieb hat wie ihr Leben.<br /></span>
+<span class="i2">In Iran sollt er hier den Vater kund mir tun;<br /></span>
+<span class="i0">Er kont es ganz allein; wer tut nach ihm es nun?<br /></span>
+<span class="i2">Er sprachs, und aus der Hand lie&szlig; er den Becher sinken;<br /></span>
+<span class="i0">Da sch&auml;mte jener sich, der sa&szlig; zu seiner Linken.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_158" id="page_158">158</a></span>
+<span class="i2">Sich sch&auml;mte Baruman, den dort Afrasiab<br /></span>
+<span class="i0">Dem Suhrab nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab.<br /></span>
+<span class="i2">Er h&auml;tt ihm auch wie Send den Vater k&ouml;nnen zeigen;<br /></span>
+<span class="i0">Er kant ihn ja! doch mu&szlig;t und wollt ers ihm verschweigen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab rief, und hob den vollen Becher hoch:<br /></span>
+<span class="i0">Ich trink in dieser Nacht den letzten Becher noch,<br /></span>
+<span class="i2">Mit blutigem Gel&uuml;bd erf&uuml;llt, anstatt mit Wein,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; Sends Ermordung nicht soll ungerochen sein!<br /></span>
+<span class="i2">Den M&ouml;rder Sends will ich erforschen, wer er sei,<br /></span>
+<span class="i0">Ihn morden f&uuml;r den Mord, wohnt soviel Kraft mir bei!<br /></span>
+<span class="i2">Wonicht, so werde Gift der Wein mir in den Adern,<br /></span>
+<span class="i0">Und jeder Tropfe Blut soll mit dem andern hadern!<br /></span>
+<span class="i2">Doch nicht mit Einem sei die Schuld ihm abgetragen;<br /></span>
+<span class="i0">Zur S&uuml;hne Sends will ich ein ganzes Heer erschlagen.<br /></span>
+<span class="i2">Allein vor allen soll erfahren meinen Groll,<br /></span>
+<span class="i0">Wer Send erschlug, versehrt hat er mich schmerzensvoll.<br /></span>
+<span class="i2">Er riefs, und wu&szlig;te nicht, auf wen er also grollte,<br /></span>
+<span class="i0">Und da&szlig; er nicht den Schwur an ihm erf&uuml;llen sollte.<br /></span>
+<span class="i2">Dann brach er auf vom Fest, um in den n&auml;chtigen Schatten<br /></span>
+<span class="i0">Bei Fackelglanz den Send mit Ehren zu bestatten.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_159" id="page_159">159</a></span><a name="s_73" id="s_73"></a>73.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Rostem kam, als er vom wei&szlig;en Schlo&szlig; entrann,<br /></span>
+<span class="i0">Ans Lager, wo die Wacht hielt Gew, sein Tochtermann.<br /></span>
+<span class="i2">Der wu&szlig;te nicht, da&szlig; in der Nacht sein edler Schw&auml;her<br /></span>
+<span class="i0">Im T&uuml;rkenkleid hinaus gegangen war als Sp&auml;her.<br /></span>
+<span class="i2">Als nun ein Mann herbei im Dunkeln kam, tat er<br /></span>
+<span class="i0">Vom Posten einen Schrei, und unter Wehr trat er.<br /></span>
+<span class="i0">Als Rostem merkt', es sei sein Eidam, froh naht' er.<br /></span>
+<span class="i2">Im Laufe tat er ihm entgegen einen Wuf,<br /></span>
+<span class="i0">Und Gew erkante gleich den Rostem an dem Ruf.<br /></span>
+<span class="i2">Erstaunt sprang er hinzu, und gr&uuml;&szlig;t' ihn: Alter Held,<br /></span>
+<span class="i0">Wo bist umher gerannt zu dieser Stund im Feld?<br /></span>
+<span class="i2">Hast du mit Geistern deinen Bund gemacht bei Nacht,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Zauberweihungen dich vorgest&auml;rkt zur Schlacht?<br /></span>
+<span class="i2">Denn mit D&auml;monen hast du k&auml;mpfend viel verkehrt;<br /></span>
+<span class="i0">Die haben wol ein St&uuml;ck von Schwarzkunst dich gelehrt,<br /></span>
+<span class="i2">Da&szlig;, ohne Furcht und Leid, du ohne Heergeschmeid,<br /></span>
+<span class="i0">Dich aus dem Lager stilst in einem T&uuml;rkenkleid!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_160" id="page_160">160</a></span>
+<span class="i2">Doch Rostem sprach: So ist die Sach! in dieses Tuch<br /></span>
+<span class="i0">Gewickelt, macht ich auf der Burg den Nachtbesuch.<br /></span>
+<span class="i2">Ich wollte mir daselbst den jungen Mann besehn,<br /></span>
+<span class="i0">Um dessen willen die&szlig; Heeraufgebot geschehn.<br /></span>
+<span class="i2">Fern sah ich ihn, und gern wollt ich ihn sehen n&auml;her;<br /></span>
+<span class="i0">Doch mich den Sp&auml;her hat ersp&auml;ht ein andrer Sp&auml;her.<br /></span>
+<span class="i2">Der wollte mit Gewalt ans Licht mich ziehn am Kragen;<br /></span>
+<span class="i0">Im Dunkeln hab ich ihn mit dieser Faust erschlagen.<br /></span>
+<span class="i2">Ich kam nicht sanfter los von ihm, es tat mir leid;<br /></span>
+<span class="i0">Doch nun verdrie&szlig;t am Leib mich dieses T&uuml;rkenkleid.<br /></span>
+<span class="i2">Schaff mir ein persisches, damit mich nicht die Hunde<br /></span>
+<span class="i0">Anbellen, wenn ein T&uuml;rk im Lager macht die Runde!<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er, und geschwind bracht ihm der Tochtermann<br /></span>
+<span class="i0">Ein persisches Gewand, das legt' er eilig an.<br /></span>
+<span class="i2">Er warf das T&uuml;rkenkleid von sich mit Unbehagen;<br /></span>
+<span class="i0">Fast wollt er lieber, da&szlig; ers nicht bei Nacht getragen,<br /></span>
+<span class="i2">Als ahnet' er den Lohn, den diese Tat ihm trug:<br /></span>
+<span class="i0">Denn sich tat ers zu Leid, da&szlig; er den Send erschlug.<br /></span>
+<span class="i2">Zu Kawus gieng er nicht, um ihm, was er vollbracht,<br /></span>
+<span class="i0">Zu sagen; in sein Zelt gieng er, und schlief die Nacht.<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_8" id="buch_8"></a><a href="#inhalt">Achtes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_74" id="s_74"></a>74.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och als vom Morgen ward der Himmel aufgetan,<br /></span>
+<span class="i0">Stieg Suhrab auf der Burg zur h&ouml;chsten Wart hinan,<br /></span>
+<span class="i2">Zur vordersten, wo ganz sich Irans Lager zeigte,<br /></span>
+<span class="i0">Auf das er sich hinaus begierig sp&auml;hend neigte.<br /></span>
+<span class="i2">Dann rief er: Bringet hier herauf mir den Hedschir!<br /></span>
+<span class="i0">Befragen will ich ihn ums Feindeslager hier.<br /></span>
+<span class="i2">Weil Send gestorben ist, der heut mir Rostems Zeichen<br /></span>
+<span class="i0">Kund sollte tun, villeicht tut mir Hedschir desgleichen.<br /></span>
+<span class="i2">Und als ihm ward Hedschir gefe&szlig;elt vorgef&uuml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Sprach er, nachdem er ihn mit eigner Hand entschn&uuml;rt:<br /></span>
+<span class="i2">Hedschir, ich neme dir die schweren Fe&szlig;eln ab,<br /></span>
+<span class="i0">Um das dir zu vertraun, was mir das Herz eingab.<br /></span>
+<span class="i2">Statt ehrner Fe&szlig;el wenn der Freiheit goldnen Tag<br /></span>
+<span class="i0">Du w&uuml;nschest, sage mir, was ich dich fragen mag!<br /></span>
+<span class="i2">Die Freiheit nicht allein, auch reicher Lohn ist dein,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn ich erfinde wahr dein Wort und Truges rein.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wenn unlautern Wein du willst im Kruge mischen,<br /></span>
+<span class="i0">So wirst du nicht der Haft und nicht der Straf entwischen!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_164" id="page_164">164</a></span>
+<span class="i2">Zur Antwort gab Hedschir: Was du willst fragen, frage,<br /></span>
+<span class="i0">Und traue, da&szlig; ich dir die volle Wahrheit sage.<br /></span>
+<span class="i2">Nicht l&uuml;gen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen.<br /></span>
+<span class="i0">Warum in deiner Hand w&auml;r ich ein krummer Bogen?<br /></span>
+<span class="i2">Gerade sollst du mich erfinden wie den Pfeil;<br /></span>
+<span class="i0">Nicht um das Leben selbst ist mir die Wahrheit feil.<br /></span>
+<span class="i2">Zu ihm sprach Suhrab: Dort im Lager Zelt um Zelt<br /></span>
+<span class="i0">Werd ich dich fragen um den Helden, der es h&auml;lt.<br /></span>
+<span class="i2">Sagst du mir das, so geb ich dir geh&auml;uften Schatz;<br /></span>
+<span class="i0">Dir wird ein Ehrenkleid von mir und Ehrenplatz.<br /></span>
+<span class="i2">Und sagst du das mir nicht, so bleibt auf deinem Rumpf<br /></span>
+<span class="i0">Dein Haupt nicht, oder mir wird ehr die Klinge stumpf!<br /></span>
+<span class="i2">Zur Antwort gab Hedschir: Was s&auml;umst du lange? frage!<br /></span>
+<span class="i0">Wi&szlig;, da&szlig; ich weder l&uuml;ge, noch vorm Tode zage.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_165" id="page_165">165</a></span><a name="s_75" id="s_75"></a>75.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a hob zu fragen an Suhrab: Dort in der Mitte<br /></span>
+<span class="i0">Wes ist das Prachtgezelt von lauter Gold? ich bitte!<br /></span>
+<span class="i2">Fest steht es hingepflanzt recht in des Heeres Herz;<br /></span>
+<span class="i0">Von ihm durchs Lager gehn die Stra&szlig;en allerwerts.<br /></span>
+<span class="i2">Auf allen Stra&szlig;en nahn wie gr&uuml;&szlig;ende mit Bitten,<br /></span>
+<span class="i0">Und gehn wie dankende davon mit leichten Schritten.<br /></span>
+<span class="i2">Ganz Goldglanz ist das Zelt vom Fu&szlig; zum Knauf hinan,<br /></span>
+<span class="i0">Und weit wie ein Palast allseitig aufgetan.<br /></span>
+<span class="i2">Vor jedem Eingang liegt, wie H&uuml;ndlein zahm und treu,<br /></span>
+<span class="i0">Im goldnen Band geschmiegt, ein Tiger und ein Leu.<br /></span>
+<span class="i2">Doch oben sitzt ein Aar, aus dessen Krallen steigt<br /></span>
+<span class="i0">Die Fahn empor, in der der Sonne Bild sich zeigt.<br /></span>
+<span class="i2">In solcher Wohnung kann kein kleiner und gemeiner<br /></span>
+<span class="i0">Wirt wohnen, wie mir d&uuml;nkt; was wohnt darin f&uuml;r einer?<br /></span>
+<span class="i2">Da hob Hedschir sein Haupt, voll Stolz auf Irans Macht,<br /></span>
+<span class="i0">Und sprach: Dort wohnt der Schah in seiner Gr&ouml;&szlig; und Pracht.<br /></span>
+<span class="i2">Sein Thron ist Tag und Nacht von seinen treuen Leuen<br /></span>
+<span class="i0">Umh&uuml;tet und umwacht, und darf nicht Feinde scheuen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_166" id="page_166">166</a></span>
+<span class="i2">Doch fort zu fragen fuhr Suhrab: Zur linken Hand<br /></span>
+<span class="i0">Vom Goldgezelt, wes ist des Zeltes Silberwand?<br /></span>
+<span class="i2">Mit offnem Eingang steht gewandt zum goldnen Zelt<br /></span>
+<span class="i0">Sein Tor, wo Leopard und Panther Wache h&auml;lt.<br /></span>
+<span class="i2">Doch oben tr&auml;gt ein Greif in Silberklaun empor<br /></span>
+<span class="i0">Die Fahn, in der ein Mond; wer ist, der das erkor?<br /></span>
+<span class="i2">Zur Antwort gab Hedschir: Das ist des Schahes Sohn,<br /></span>
+<span class="i0">Ferabors, ihm der n&auml;chst am Herzen und am Thron.<br /></span>
+<span class="i2">So recht! rief Suhrab aus: wo so zusammen h&auml;lt<br /></span>
+<span class="i0">Ein Vater und ein Sohn, verteilen sie die Welt.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_167" id="page_167">167</a></span><a name="s_76" id="s_76"></a>76.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u fragen fuhr er fort: Dort aber rechter Hand<br /></span>
+<span class="i0">Vom Goldzelt, wessen ist die schwarze Zeltflorwand?<br /></span>
+<span class="i2">Feldposten eilen her und hin auf Rossen brausend,<br /></span>
+<span class="i0">Schildwachen aber stehn umher zu Fu&szlig;e tausend.<br /></span>
+<span class="i2">Am Haupteingange ragt ein Elefant, ihn schm&uuml;cken<br /></span>
+<span class="i0">Prachtdecken, und er tr&auml;gt die Heerpauk auf dem R&uuml;cken.<br /></span>
+<span class="i2">Doch oben steigt die Fahn aus eines Drachen Rachen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Sternen &uuml;bers&auml;t, die sie zum Himmel machen.<br /></span>
+<span class="i2">Wer herrscht zur Seite so dem K&ouml;nig Keikawus?<br /></span>
+<span class="i0">Hedschir antwortete: Sein Kronfeldhauptmann Tus.<br /></span>
+<span class="i2">Das ist sein Stammesrecht, da&szlig; er im Heergefecht<br /></span>
+<span class="i0">Den Schah vertrete, dem verwandt ist sein Geschlecht.<br /></span>
+<span class="i2">Auf seinen Wink bereit, vereint auf sein Gebot,<br /></span>
+<span class="i0">Ist jenes Heer, das dir den Tod von ferne droht.<br /></span>
+<span class="i2">Und jener Himmel dort, reich an Juwelenzier,<br /></span>
+<span class="i0">Die Gawejani-Fahn ist es, das Reichspanier;<br /></span>
+<span class="i2">Das einst Feridun schwang, als er den Sohak schlug,<br /></span>
+<span class="i0">Der an den Schultern angewachsne Drachen trug.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_168" id="page_168">168</a></span>
+<span class="i2">Geheftet ist der Sieg an dieses heilige Zeichen,<br /></span>
+<span class="i0">Das ohne Mut kein Freund, kein Feind sieht ohn Erbleichen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab l&auml;chelte, und gieng mit Fragen weiter:<br /></span>
+<span class="i0">Im roten Florpalast, wer, sprich, ist dort der Streiter?<br /></span>
+<span class="i2">Er sitzt im offnen Zelt, und scheint an seinem Haar<br /></span>
+<span class="i0">Ein Greis bereits, um ihn steht eine M&auml;nnerschaar;<br /></span>
+<span class="i2">Sie alle halten ihm ihr Antlitz zugekehrt,<br /></span>
+<span class="i0">Und jeder ehrt ihn, wie man einen Vater ehrt.<br /></span>
+<span class="i2">So fragt' er, und Hedschir zog aus der Brust ein Ach<br /></span>
+<span class="i0">Wie einen Dolch hervor, weil er zu Suhrab sprach:<br /></span>
+<span class="i2">Das ist Guders, der Greis, von Worte weis' und lind,<br /></span>
+<span class="i0">Von Schwerte stark und scharf, wie wenig M&auml;nner sind;<br /></span>
+<span class="i2">Ein Vater, der entbehrt f&uuml;rs Alter nicht der St&uuml;tzen;<br /></span>
+<span class="i0">Mit seinem Haus allein kann er ein Reich besch&uuml;tzen.<br /></span>
+<span class="i2">Denn neunundsiebzig sind der S&ouml;hne, die er z&auml;lt;<br /></span>
+<span class="i0">Der achtzigste bin ich, der heut im Lager fehlt.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab sprach: Warum hast du dich la&szlig;en fangen?<br /></span>
+<span class="i0">Sprich Wahrheit! und noch heut kanst du hinab gelangen.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_169" id="page_169">169</a></span><a name="s_77" id="s_77"></a>77.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">W</span>es ist das gr&uuml;ne Zelt, aus Duft und Glanz gewebt,<br /></span>
+<span class="i0">Das wie ein Waldgebirg sich &uuml;ber H&uuml;geln hebt?<br /></span>
+<span class="i2">Alswie ein Waldgebirg, das fest steht und nicht wankt,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn, von des Sturmes Hauch bewegt, sein Baumwuchs schwankt.<br /></span>
+<span class="i2">In diesem Zelte wol ist Irans Hoffnung gr&uuml;n,<br /></span>
+<span class="i0">Und meine Hoffnung wird bei seinem Anblick k&uuml;hn.<br /></span>
+<span class="i2">Vorm Zelt in Waffen sitzt ein Mann, und steht ein Ross,<br /></span>
+<span class="i0">Er einem Riesen gleich, und es wie ein Koloss.<br /></span>
+<span class="i2">Er sitzt, und hoch nicht scheint der Sitz, den er erkor;<br /></span>
+<span class="i0">Aus allen doch, die ihn umstehn, ragt er hervor:<br /></span>
+<span class="i0">Er blickt auf sie hinab, sie schaun zu ihm empor.<br /></span>
+<span class="i2">Allein zur Seite blickt er stets nach seinem Ross;<br /></span>
+<span class="i0">Es ist wol auf der Welt sein liebster Kampfgeno&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Es steht das Ross mit ungeduldigem Gestampf,<br /></span>
+<span class="i0">Und ihn erhebt im Sitz die Ungeduld nach Kampf.<br /></span>
+<span class="i2">Entgegen streckt er ihm die Hand, es reckt sein Haupt<br /></span>
+<span class="i0">Erwartungsvoll und lauscht, es spitzt ein Ohr und schnaubt.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_170" id="page_170">170</a></span>
+<span class="i2">Die M&auml;hne streicht er ihm, da f&auml;ngt es an zu brausen;<br /></span>
+<span class="i0">Das freuet seinen Herrn, die andern macht es grausen.<br /></span>
+<span class="i2">An seiner Seite h&auml;ngt ein Schwert, an seinem Knie<br /></span>
+<span class="i0">Lehnt eine Keule schwer, kein andrer h&ouml;be sie.<br /></span>
+<span class="i2">Er schwingt die Keule bald hoch &uuml;bers Ross empor,<br /></span>
+<span class="i0">Bald aus der Scheide zieht er halb das Schwert hervor.<br /></span>
+<span class="i2">Die Keule sausen h&ouml;rts und sieht die Schneide blitzen,<br /></span>
+<span class="i0">Und tost; was wird es erst, wenn er wird droben sitzen!<br /></span>
+<span class="i2">Ich habe nie gesehn solch einen Mann wie den,<br /></span>
+<span class="i0">So hab ich niemals auch ein Ross wie das gesehn;<br /></span>
+<span class="i2">Ein Ross, das solch ein Mann allein bezwingen kann,<br /></span>
+<span class="i0">Und solch ein Mann, den solch ein Ross nur tragen kann.<br /></span>
+<span class="i2">Gewis, von diesem Ross und diesem Manne sind<br /></span>
+<span class="i0">Die Namen kund im Land; verk&uuml;nde sie geschwind!<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er und hielt ein; es war alsob er w&uuml;&szlig;te,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; Ross und Ritter Rachs und Rostem hei&szlig;en m&uuml;&szlig;te;<br /></span>
+<span class="i2">Doch wollt er, da&szlig; der Mund Hedschirs es t&auml;te kund,<br /></span>
+<span class="i0">Still aber schwieg Hedschir, und sprach im Herzensgrund:<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_171" id="page_171">171</a></span><a name="s_78" id="s_78"></a>78.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">W</span>as fragt der T&uuml;rke nach des Reiches Pehlewan?<br /></span>
+<span class="i0">Und tu ich recht, wenn ich ihm Rostem kund getan?<br /></span>
+<span class="i2">Und tu ich Unrecht, wenn ich ihm den Feind verschweige?<br /></span>
+<span class="i0">Was will der Knabe, da&szlig; ich ihm den Helden zeige?<br /></span>
+<span class="i2">Ist er sein Sohn, wie er im Zweikampf r&uuml;hmte laut?<br /></span>
+<span class="i0">Den Vater schaff ich ihm so wenig, als die Braut!<br /></span>
+<span class="i2">Der Mann von Iran kann des T&uuml;rkenkinds entraten;<br /></span>
+<span class="i0">Ich will den Perserhort dem Erbfeind nicht verraten.<br /></span>
+<span class="i2">Zwar Rostem braucht ihn nicht zu f&uuml;rchten in der Tat,<br /></span>
+<span class="i0">Allein der T&uuml;rke k&ouml;nnt ihn angehn mit Verrat.<br /></span>
+<span class="i2">Drum wirds am besten sein, den Namen nicht zu melden,<br /></span>
+<span class="i0">Und ihn zu streichen ganz heut aus der Zahl der Helden.<br /></span>
+<span class="i2">Als so zur L&uuml;ge sich bereitete Hedschir,<br /></span>
+<span class="i0">Rief Suhrab: Sprich zu mir! was redest du mit dir?<br /></span>
+<span class="i2">Warum machst dus solang, bis Aufschlu&szlig; ich gewinne?<br /></span>
+<span class="i0">Er sprach: Weil ich umsonst mich auf den Mann besinne.<br /></span>
+<span class="i2">Von Zeichen unbekant ist er mir ganz und gar;<br /></span>
+<span class="i0">Er kam wol fremd ins Land, weil ich im Schlo&szlig; hier war.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_172" id="page_172">172</a></span>
+<span class="i2">Ich h&ouml;rte, da&szlig; heran vom fernen Hindostan<br /></span>
+<span class="i0">Dem Schah zu Hilfe zog ein starker Pehlewan.<br /></span>
+<span class="i2">Das wird der Recke sein, entspro&szlig;t aus fremdem Samen;<br /></span>
+<span class="i0">Denn fremde scheint er mir, und die, so mit ihm kamen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab sprach: Wie hei&szlig;t der Recke? sage mir!<br /></span>
+<span class="i0">Den Namen wei&szlig; ich nicht; antwortete Hedschir.<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab noch einmal sprach: wie hei&szlig;t er? gib Bericht!<br /></span>
+<span class="i0">Hedschir antwortete: den Namen wei&szlig; ich nicht.<br /></span>
+<span class="i2">Voll Unmut ward Suhrab; des Vaters Namen wollte<br /></span>
+<span class="i0">Er h&ouml;ren da durchaus, den er nicht h&ouml;ren sollte.<br /></span>
+<span class="i2">Die ihm die Mutter gab vom Vater, alle Zeichen<br /></span>
+<span class="i0">Sah er, und konnte nur Gewisheit nicht erreichen.<br /></span>
+<span class="i2">Des Vaters Name fehlt' ihm zur Gewisheit nur,<br /></span>
+<span class="i0">Den er da von Hedschirs Verstockung nicht erfur.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_173" id="page_173">173</a></span><a name="s_79" id="s_79"></a>79.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och ungeduldig fuhr Suhrab zu fragen fort:<br /></span>
+<span class="i0">Im violetten Zelt, wie hei&szlig;t der Ritter dort?<br /></span>
+<span class="i2">Zur Antwort gab Hedschir: Den kann ich wol dir nennen;<br /></span>
+<span class="i0">Gurase hei&szlig;t der Held, wie sollt ich ihn nicht kennen?<br /></span>
+<span class="i0">Ein mutger Ritter, wie zu Ross nicht viele rennen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch ungeduldig gieng mit Fragen Suhrab weiter:<br /></span>
+<span class="i0">Im gelben Zelte dort, sag an, wie hei&szlig;t der Streiter?<br /></span>
+<span class="i2">Zur Antwort wieder gab Hedschir: Ich kann auch ihn<br /></span>
+<span class="i0">Dir nennen, wenn du willst: der K&auml;mpfer hei&szlig;t Gurgin;<br /></span>
+<span class="i0">Ein Tapfrer, welchem gleich nicht viel zum Kampf ausziehn.<br /></span>
+<span class="i2">Noch einmal frug Suhrab mit ungeduldiger Hast:<br /></span>
+<span class="i0">Im blauen Zeltpalast, wie hei&szlig;t darin der Gast?<br /></span>
+<span class="i2">Und wieder gab Hedschir zur Antwort: Nennen kann<br /></span>
+<span class="i0">Ich dir auch diesen wol: Gew, Rostems Tochtermann.<br /></span>
+<span class="i2">Da wendet' auf Hedschir Suhrab den Blick unhuldig,<br /></span>
+<span class="i0">Und sprach: Nun offenbar bist du der L&uuml;ge schuldig.<br /></span>
+<span class="i2">Du nennest alle mir, und nur den Rostem nicht,<br /></span>
+<span class="i0">Den Rostem, ohne den kein Heergefecht sich ficht!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_174" id="page_174">174</a></span>
+<span class="i2">Von all den Zelten wenn in keinem Rostem ist,<br /></span>
+<span class="i0">Wo w&auml;re Rostem denn, wenn du kein L&uuml;gner bist?<br /></span>
+<span class="i0">Verl&auml;ugnen willst du mir ihn nur aus Hinterlist.<br /></span>
+<span class="i2">Im gr&uuml;nen Zelte dort der Recke k&uuml;hn und frei,<br /></span>
+<span class="i0">Gewis ist Rostem der, o sag mir, da&szlig; ers sei!<br /></span>
+<span class="i2">Denn alle, die von ihm mir kund sind, alle Zeichen<br /></span>
+<span class="i0">Seh ich, und kann allein Gewisheit nicht erreichen.<br /></span>
+<span class="i2">Von allen, die ich sah im Lager fern und nah,<br /></span>
+<span class="i0">W&uuml;nsch ich, da&szlig; keiner sei Rostem, als dieser da.<br /></span>
+<span class="i2">O sag mir, da&szlig; ers sei! und sei belohnt und frei!<br /></span>
+<span class="i0">Der vor dem gr&uuml;nen Zelt, sag, da&szlig; es Rostem sei!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_175" id="page_175">175</a></span><a name="s_80" id="s_80"></a>80.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">H</span>edschir sprach: Ei, was forscht so deine Ungeduld<br /></span>
+<span class="i0">Nach ihm! nicht gern w&auml;r ich an deinem Tode schuld.<br /></span>
+<span class="i2">Wo Rostem w&auml;r im Feld, nicht w&uuml;rdest du es halten;<br /></span>
+<span class="i0">Denn Rostem ist ein Held von furchtbaren Gewalten.<br /></span>
+<span class="i2">Wo Rostem auf dem Rachs sich hebt zum Werk der Rache,<br /></span>
+<span class="i0">Da kann nicht stehn vor ihm der L&ouml;we noch der Drache.<br /></span>
+<span class="i2">Ein jeder Blick von ihm ist Tod, ein jeder Hauch<br /></span>
+<span class="i0">Von ihm ist Sturm, ihm sinkt entwurzelt Baum und Strauch.<br /></span>
+<span class="i2">Ich w&uuml;nsche keinem, da&szlig; er m&ouml;g ein Gegner sein<br /></span>
+<span class="i0">Von Rostem, w&auml;r er auch ein Berg von Kieselstein;<br /></span>
+<span class="i2">Er w&uuml;rde dich, alswie die M&uuml;hl ein Korn, zermalmen,<br /></span>
+<span class="i0">Zertreten, wie ein Tritt von Elefanten, Halmen.<br /></span>
+<span class="i2">Fest schn&uuml;ren m&ouml;chtest du am Leib dein G&uuml;rtelband;<br /></span>
+<span class="i0">Es w&uuml;rde locker, wenns erblickte Rostems Hand.<br /></span>
+<span class="i2">Allein zu deinem Gl&uuml;ck ist nah nicht das Gewitter;<br /></span>
+<span class="i0">Denn mit Schah Keikawus hat sich entzweit der Ritter.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_176" id="page_176">176</a></span>
+<span class="i2">Erz&uuml;rnt ist er vom Hof nach Sabul heimgeritten,<br /></span>
+<span class="i0">Dort sitzt er nun beim Schmaus in seines Schlo&szlig;es Mitten.<br /></span>
+<span class="i2">Dort trinkt er fr&ouml;hlich Wein beim Fest im Rosengarten,<br /></span>
+<span class="i0">Und will den Ausgang dieses Kriegs in Ruh erwarten.<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er; ob ers nur erlog, ob ers erfur<br /></span>
+<span class="i0">Vom l&uuml;genden Ger&uuml;cht, das kam von Irans Flur?<br /></span>
+<span class="i2">Das traurige Ger&uuml;cht, das dort bei Nacht dem frohen<br /></span>
+<span class="i0">Erlag, war aus der Stadt villeicht zur Grenz entflohen.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_177" id="page_177">177</a></span><a name="s_81" id="s_81"></a>81.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Suhrab rief voll Zorn: So willst du mich verh&ouml;hnen?<br /></span>
+<span class="i0">Schweig, allerschlechtester von Guders achtzig S&ouml;hnen!<br /></span>
+<span class="i2">Willst du, ich glaube dir die knabenhafte Rede,<br /></span>
+<span class="i0">Rostem, der Herr der Schlacht, enthielte sich der Fehde!<br /></span>
+<span class="i2">Er hielte sich zu Haus, und hielte Fest und Schmaus!<br /></span>
+<span class="i0">Da lachten billig ihn die M&auml;gd und Kinder aus!<br /></span>
+<span class="i2">Wol m&ouml;glich, da&szlig; er mit Keikawus sich gezankt,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn der undankbar ist, der ihm den Thron verdankt!<br /></span>
+<span class="i2">Doch, denk ich, Kawus wird geschwind mit reichen Gaben<br /></span>
+<span class="i0">Und guten Worten ihn zur&uuml;ckbeschworen haben,<br /></span>
+<span class="i2">Wenn er nicht unklug ist, und seinen besten Ritter<br /></span>
+<span class="i0">Nicht missen will am Ort, wo ihn ersetzt kein Dritter.<br /></span>
+<span class="i0">Denn was ist ohne Blitz und Donner ein Gewitter?<br /></span>
+<span class="i2">Was dieser Heerleib, unbeseelt von Rostems Mut?<br /></span>
+<span class="i0">Nicht in Bewegung ist die&szlig; Heer und Rostem ruht!<br /></span>
+<span class="i2">Drum sag im Augenblick, wo ist der Pehlewan?<br /></span>
+<span class="i0">Von Guders S&ouml;hnen ists um einen sonst getan!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_178" id="page_178">178</a></span>
+<span class="i2">Da schauderte Hedschir und sprach im Herzensgrund:<br /></span>
+<span class="i0">Aufschlie&szlig;en mit Gewalt will mir der T&uuml;rk den Mund.<br /></span>
+<span class="i2">Verschlie&szlig;en aber will ich ihn nun ihm zum Trutz,<br /></span>
+<span class="i0">Sowahr ich jemals selbst getragen Ritterputz,<br /></span>
+<span class="i2">Und je noch tragen will! und fall ich seiner Wut,<br /></span>
+<span class="i0">So wird nicht schwarz der Tag, und nicht das Wa&szlig;er Blut.<br /></span>
+<span class="i2">So ist um einen Sohn von achtzig Guders schw&auml;cher,<br /></span>
+<span class="i0">Und neunundsiebenzig sind meines Todes R&auml;cher.<br /></span>
+<span class="i2">Er sprach: Was w&uuml;test du? was st&uuml;rmest du und tobest?<br /></span>
+<span class="i0">Denkst du, da&szlig; du dich so dem Rostem gleich erprobest?<br /></span>
+<span class="i2">Weil einen Namen ich nicht nennen will und kann,<br /></span>
+<span class="i0">Willst du daf&uuml;r den Tod mir geben, gib ihn dann!<br /></span>
+<span class="i2">Den Namen nenn ich nicht, w&uuml;&szlig;t ich ihn zehnmal auch;<br /></span>
+<span class="i0">Entrei&szlig;en ehr als ihn kannst du mir diesen Hauch!<br /></span>
+<span class="i2">Ich trotze dir! es mag mein Blut die Schmach vers&ouml;hnen,<br /></span>
+<span class="i0">Der schlechteste zu sein von Guders achtzig S&ouml;hnen!<br /></span>
+<span class="i2">Er sprachs; da wendete Suhrab sich unmutvoll,<br /></span>
+<span class="i0">Nachdenkend, ob er auf der Stell ihn t&ouml;ten soll.<br /></span>
+<span class="i2">Doch er besann sich, gab ihm einen Backenschlag,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er besinnungslos davon am Boden lag;<br /></span>
+<span class="i2">Und rief: Will hier durchaus mir meinen Vater sagen<br /></span>
+<span class="i0">Niemand, so will ich gehn und selber ihn erfragen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_179" id="page_179">179</a></span><a name="s_82" id="s_82"></a>82.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r stieg, von Zorn bewegt, hinab vom hohen Turm;<br /></span>
+<span class="i0">Gewaffnet schwang er sich aufs Ross, und ritt im Sturm.<br /></span>
+<span class="i2">Er ritt, sein f&uuml;rstlich Haupt bedeckt mit goldnem Dache,<br /></span>
+<span class="i0">In ihm des L&ouml;wen Mut, und unter ihm ein Drache.<br /></span>
+<span class="i2">Und wie der scharfe Zorn ihm selbst die Sporen gab,<br /></span>
+<span class="i0">Gab er dem Ross den Sporn, und flog den Berg herab.<br /></span>
+<span class="i2">Der Kampflust hei&szlig;es Blut in seinen Adern sott,<br /></span>
+<span class="i0">Ihm flog des Pulses Glut wie seines Rosses Trott;<br /></span>
+<span class="i0">Da kont in seinem Mut aufhalten ihn kein Gott.<br /></span>
+<span class="i2">Er ritt im Ungest&uuml;m dem Lager Irans zu;<br /></span>
+<span class="i0">Und alle, die ihn sahn anreiten, flohn im Nu.<br /></span>
+<span class="i2">Die alle flohn im Nu, die aus des Lagers Mitten<br /></span>
+<span class="i0">Dort waren auf den Plan zur Lust hervorgeritten.<br /></span>
+<span class="i2">Wie aus dem Waidehag, wo sie der Hut empfolen<br /></span>
+<span class="i0">Des Hirten sind, hervor sich wagen junge Folen,<br /></span>
+<span class="i2">Sich au&szlig;erhalb des Hags neugierig umzutun;<br /></span>
+<span class="i0">Doch pl&ouml;tzlich einen Leun herkommen sehn sie nun;<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_180" id="page_180">180</a></span>
+<span class="i2">Die M&auml;hn am Nacken, die er str&auml;ubt, erregt ihr Graun,<br /></span>
+<span class="i0">Und eilig fl&uuml;chten sie zur&uuml;ck in ihren Zaun:<br /></span>
+<span class="i2">So aus dem Lagerwall die sich hervorgewagt,<br /></span>
+<span class="i0">Wie sie den Suhrab sahn, umwandten sie verzagt.<br /></span>
+<span class="i2">Sie wendeten zur Flucht vor ihm ihr stolz Genick,<br /></span>
+<span class="i0">Und wagten nicht auf ihn zu richten einen Blick.<br /></span>
+<span class="i2">So furchtbar fanden sie den T&uuml;rken anzuschaun,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; auf die Flucht allein sie setzten ihr Vertraun.<br /></span>
+<span class="i2">Er aber achtete der leichten Feinde nicht;<br /></span>
+<span class="i0">Es ward von ihm gesucht ein Gegner von Gewicht.<br /></span>
+<span class="i2">Er ritt vom hohen Wall des Lagers hart hinan,<br /></span>
+<span class="i0">Den tapfersten zum Kampf zu fordern auf den Plan.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_181" id="page_181">181</a></span><a name="s_83" id="s_83"></a>83.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>uhrab vom Walle rief hinab ins Lager tief,<br /></span>
+<span class="i0">So laut, ihn h&ouml;rte wol, wer nicht im Grabe schlief:<br /></span>
+<span class="i2">O Schah von hoher Macht, du r&uuml;hmst dich gro&szlig;er Pracht<br /></span>
+<span class="i0">Im Lager, doch wie steht dein Ding im Feld der Schlacht?<br /></span>
+<span class="i2">Mu&szlig;t du dein starkes Heer in einen Pferch einsperren?<br /></span>
+<span class="i0">Sch&uuml;tzt keiner deiner Knecht' im freien Feld den Herren?<br /></span>
+<span class="i2">Dein Volk von Schafen fleucht in seinen Stall, verkreucht<br /></span>
+<span class="i0">Sich hinterm Wall, und keucht vor Angst, vom Wolf gescheucht.<br /></span>
+<span class="i2">Hier komm ich zu dir her geritten mit dem Speer,<br /></span>
+<span class="i0">Den zuck ich, so durchzuckt der Tod dein ganzes Heer.<br /></span>
+<span class="i2">Ich habe gestern laut um Send den Schwur beim Wein<br /></span>
+<span class="i0">Getan: Wer ihn erschlug, der soll nicht lebend sein!<br /></span>
+<span class="i2">Der heimlich in der Nacht den Send mir umgebracht,<br /></span>
+<span class="i0">Umbringen will ich ihn am Tag in offner Schlacht.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn du den Recken kennst, der ihn erschlug, so send<br /></span>
+<span class="i0">Ihn her, da&szlig; ich erschlag ihn, der mir schlug den Send!<br /></span>
+<span class="i2">Und ists nicht der, so seis ein anderer, der scharf<br /></span>
+<span class="i0">Von Mut und Waffen ist, und mir begegnen darf!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_182" id="page_182">182</a></span>
+<span class="i2">Doch wenn aus deinem Pferch hervor, mit mir zu streiten,<br /></span>
+<span class="i0">Gar keiner will, so will ich in den Pferch einreiten,<br /></span>
+<span class="i2">Das Lager mitten durch, bis an das goldne Zelt,<br /></span>
+<span class="i0">Vor dessen Eingang L&ouml;w und Tiger Wache h&auml;lt.<br /></span>
+<span class="i2">Vor den T&uuml;rh&uuml;tern soll mir nicht beim Eintritt bangen,<br /></span>
+<span class="i0">Und mit dem Speer will ich die Sonn herunter langen.<br /></span>
+<span class="i2">Den Geierkrallen soll die goldne Sonn entfallen,<br /></span>
+<span class="i0">Und vor der H&uuml;ndlein Maul will ich den Maulkorb schnallen.<br /></span>
+<span class="i2">Ich will dir &uuml;berm Haupt alswie ein Sturmwind r&uuml;tteln<br /></span>
+<span class="i0">Das goldne Dach, und wenn du drunter schl&auml;fst, dich sch&uuml;tteln!<br /></span>
+<span class="i2">So rief er; Keikawus sprang auf und rief erschreckt:<br /></span>
+<span class="i0">Wer hat dem W&uuml;tenden das K&ouml;nigszelt entdeckt?<br /></span>
+<span class="i2">Ihr Edlen all! eilt mir zu Rostem hin! der Mann<br /></span>
+<span class="i0">Ist er allein, der diesen Knaben b&auml;ndigen kann.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_183" id="page_183">183</a></span><a name="s_84" id="s_84"></a>84.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u Rostem, wo er sa&szlig; im Zelte, kam der Bot:<br /></span>
+<span class="i0">Keikawus ist in Not, der T&uuml;rke Suhrab droht.<br /></span>
+<span class="i2">Er droht ins K&ouml;nigszelt durchs Lager einzureiten,<br /></span>
+<span class="i0">Und Niemand ist als du im Stand mit ihm zu streiten.<br /></span>
+<span class="i2">Von seinem Sitz erhob sich Rostem nicht, und sprach:<br /></span>
+<span class="i0">Der Dienst des K&ouml;niges ist lauter Ungemach.<br /></span>
+<span class="i2">Nicht Ruh bei Tag und Nacht, viel Arbeit, wenig Schmaus;<br /></span>
+<span class="i0">Ich war die Nacht erst aus, und bleib am Tag zu Haus,<br /></span>
+<span class="i2">Dem ersten Boten kam ein zweiter nachgeflogen,<br /></span>
+<span class="i0">Ein dritter, vierter auch, wie Pfeil auf Pfeil vom Bogen;<br /></span>
+<span class="i2">Und alle meldeten: Der Suhrab ist im Feld;<br /></span>
+<span class="i0">Da kann ihm keiner stehn, nur Rostem kanns, der Held.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem, wie er sah das wachsende Get&uuml;mmel,<br /></span>
+<span class="i0">Den L&auml;rmen um ihn her, rief: F&auml;llt denn ein der Himmel?<br /></span>
+<span class="i2">Um einen Knaben, welch ein Ahrimansaufstand!<br /></span>
+<span class="i0">Um einen einzeln Mann welch ein Weltendebrand!<br /></span>
+<span class="i2">Nun aber kamen, hergesandt von Keikawus,<br /></span>
+<span class="i0">Die F&uuml;rsten, auch sein Sohn, auch sein Kronfeldherr Tus.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_184" id="page_184">184</a></span>
+<span class="i2">Die Waffen wurden ihm schnell von den F&uuml;rsten allen<br /></span>
+<span class="i0">Gebracht; er sagte nichts, und lie&szlig; es sich gefallen.<br /></span>
+<span class="i2">Den Panzer legt' ihm Tus, Gurgin die Schienen an,<br /></span>
+<span class="i0">Doch von Ferabors ward der Helm aufs Haupt getan.<br /></span>
+<span class="i2">Gurase reicht' ihm Pfeil und Bogen; Schwert und Sper<br /></span>
+<span class="i0">Und Keule trugen ihm drei S&ouml;hne Guders her.<br /></span>
+<span class="i2">Von seinem Eidam ward zuletzt ihm vorgef&uuml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Gesattelt und gez&auml;umt, der Rachs, wie sichs geb&uuml;rt.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wie Rostem den Rachs kampffertig sah, da r&uuml;rte<br /></span>
+<span class="i0">In seiner Brust sich auch die Kampflust, und er sp&uuml;rte,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er, ins Feld zu gehn, die volle R&uuml;stung f&uuml;rte.<br /></span>
+<span class="i2">Er gieng, und im Vorbeigehn nam er noch den Schild,<br /></span>
+<span class="i0">Indem er sprach: den braucht man auch im Kampfgefild.<br /></span>
+<span class="i2">In voller R&uuml;stung sprang er auf den Rachs, und jach<br /></span>
+<span class="i0">Ritt er davon, ihm sahn mit Staunen alle nach.<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_9" id="buch_9"></a><a href="#inhalt">Neuntes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_85" id="s_85"></a>85.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r ritt hinaus, wo ihn der gleichgeartete,<br /></span>
+<span class="i0">Ein K&auml;mpe seines Bluts, sein Sohn erwartete.<br /></span>
+<span class="i2">Auf Bogenschu&szlig; hinan ritt er, da hielt er an,<br /></span>
+<span class="i0">Da wieherten sich laut die beiden Kampfross' an:<br /></span>
+<span class="i2">Rachs, der den Rostem trug, und jener, der Suhrab,<br /></span>
+<span class="i0">Den Sohn des Rostem, jetzt entgegen trug dem Grab.<br /></span>
+<span class="i2">Der trug des Rostem Sohn, war selbst vom Rachs ein Sohn;<br /></span>
+<span class="i0">Und doppelt kam zum Kampf ein Vater und ein Sohn.<br /></span>
+<span class="i2">Doch eh zum Tode nun die Reiter sich anranten,<br /></span>
+<span class="i0">Wieherten erst sich an die Rosse, die sich kanten:<br /></span>
+<span class="i0">Das Wiehern war der Gru&szlig; der beiden Blutsverwandten.<br /></span>
+<span class="i2">So in den Thieren dort, o Wunder, sprach die Stimme<br /></span>
+<span class="i0">Des Blutes, die erstickt ward von der M&auml;nner Grimme.<br /></span>
+<span class="i2">Soviel ist blinder, als das blindgeborne Thier,<br /></span>
+<span class="i0">Der Mensch, der sehende, geblendet von Begier.<br /></span>
+<span class="i2">Die Reiter sahen an das Wiehern f&uuml;r ein Zeichen,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ihre Rosse selbst an Kampflust ihnen gleichen;<br /></span>
+<span class="i0">Und selber wollten sie nun nicht den Rossen weichen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_188" id="page_188">188</a></span>
+<span class="i2">Doch riefen sie sich nicht mit lautem Schlachtgru&szlig; an,<br /></span>
+<span class="i0">Entgegen hielten sie stillschweigend auf dem Plan,<br /></span>
+<span class="i0">Und Sohn und Vater sahn sich stumm todblickend an.<br /></span>
+<span class="i2">Nun kamen auch heran die Zeugen ihrer Schlacht,<br /></span>
+<span class="i0">Von beiden Seiten die und jene Heeresmacht:<br /></span>
+<span class="i2">Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschm&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Feldherrn Tus gef&uuml;rt, vom Lager ausger&uuml;ckt;<br /></span>
+<span class="i2">Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,<br /></span>
+<span class="i0">Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.<br /></span>
+<span class="i2">Entgegen standen sich die beiden Heere schweigend,<br /></span>
+<span class="i0">Die Kampfbegier vereint nur in zwei K&auml;mpfern zeigend.<br /></span>
+<span class="i2">Wie auf dem weiten Hof ein zahlreich Volk von Hennen<br /></span>
+<span class="i0">Unt&auml;tig zusieht, wie zum Kampf zwei H&auml;hne rennen,<br /></span>
+<span class="i2">Die, f&uuml;r ihr ganz Geschlecht von Kampfbegier entbrant,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn sie erst zum Gefecht zusammen sind gerant,<br /></span>
+<span class="i2">Lebendig alle zwei nicht mehr zu trennen sind;<br /></span>
+<span class="i0">Sosehr macht Eifersucht und hei&szlig;es Blut sie blind:<br /></span>
+<span class="i2">Die Hennen sehen zu, wie sie zusammen rennen,<br /></span>
+<span class="i0">Und warten, welchen sie als Herrn des Hofs erkennen;<br /></span>
+<span class="i2">So dort erwarteten die beiden Heere nun,<br /></span>
+<span class="i0">Wer als des Schlachtfelds Herr hervor sich w&uuml;rde tun,<br /></span>
+<span class="i2">Und sahen zu, bewehrt, alsob sie wehrlos w&auml;ren:<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r alle lie&szlig;en sie das eine Paar gew&auml;ren.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_189" id="page_189">189</a></span><a name="s_86" id="s_86"></a>86.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och n&auml;her kamen an die beiden Helden licht<br /></span>
+<span class="i0">Geritten nun, und sahn einander ins Gesicht.<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab, den Ungeduld hinan zum Vater trieb,<br /></span>
+<span class="i0">Sprach, w&auml;hrend eine Hand er in der andern rieb:<br /></span>
+<span class="i2">Komm, alter Held, wie ich gesehn noch keinen habe,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht &uuml;bel nim es mir! dich will bestehn ein Knabe.<br /></span>
+<span class="i2">Von Iran brauchen wir und Turan hier dazu<br /></span>
+<span class="i0">Sonst keinen au&szlig;er uns, genug sind ich und du.<br /></span>
+<span class="i2">An Wuchse bist du hoch, an Schultern bist du stark;<br /></span>
+<span class="i0">Die Jahre haben doch versehrt bereits dein Mark.<br /></span>
+<span class="i2">Du wirst mich nicht bestehn in diesem Waffengange!<br /></span>
+<span class="i0">Er sprachs, und Rostem blickt' auf seine Rosenwange,<br /></span>
+<span class="i2">Und sprach zu ihm: Gemach, feuriges Heldenkind!<br /></span>
+<span class="i0">Die Erd ist kalt und hart, die Luft ist lau und lind.<br /></span>
+<span class="i0">Schon manche glichen dir, die nun gleich Staube sind.<br /></span>
+<span class="i2">Wol altershalb hab ich gesehn genug Walst&auml;tten,<br /></span>
+<span class="i0">Und half manch stolzes Heer im kalten Lager betten.<br /></span>
+<span class="i2">Die schlafen tief genug, die meinem Streich erlagen;<br /></span>
+<span class="i0">Und wo ich selber schlug, da ward ich nie geschlagen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_190" id="page_190">190</a></span>
+<span class="i2">Nun komm heran, blick her, wie ich dich morden will;<br /></span>
+<span class="i0">Entkommst du mir, so f&uuml;rcht hinfort kein Krokodill!<br /></span>
+<span class="i2">Allein es f&uuml;hlt mein Herz mit dir, Kind, ein Mitleiden,<br /></span>
+<span class="i0">Vom sch&ouml;nen Leib will ich nicht deine Seele scheiden.<br /></span>
+<span class="i2">Gar einem T&uuml;rken gleichst du nicht, o schlanker Baum!<br /></span>
+<span class="i0">Deinsgleichen viele w&uuml;&szlig;t ich auch in Iran kaum.<br /></span>
+<span class="i2">Wie Suhrab h&ouml;rte, da&szlig; so sanfter Rede pflegte<br /></span>
+<span class="i0">Der Recke, f&uuml;hlt' er auch, wie sich sein Herz bewegte,<br /></span>
+<span class="i2">Und sprach: O alter Held, ich will ein Wort dich fragen,<br /></span>
+<span class="i0">Du aber mu&szlig;t nun auch mir alle Wahrheit sagen.<br /></span>
+<span class="i2">Vermelde mir, eh wir uns schlagen, dein Geschlecht!<br /></span>
+<span class="i0">So, h&ouml;r ich, hielten es die Alten im Gefecht.<br /></span>
+<span class="i2">Ich glaube wirklich, da&szlig; du Niemand auf der Welt<br /></span>
+<span class="i0">Als Rostem bist, der F&uuml;rst im gr&uuml;nen Heergezelt.<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er, und so nah daran wars, da&szlig; gewendet<br /></span>
+<span class="i0">W&uuml;rd alles Weh in Lust, und aller Streit geendet.<br /></span>
+<span class="i2">Da kam ein finstrer Geist auf Rostem, und er sprach:<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin nicht Rostem! was fragst du dem Rostem nach?<br /></span>
+<span class="i2">Er ist ein Ritter, ist ein F&uuml;rst, ich bin ein Knecht;<br /></span>
+<span class="i0">Mit ihm nicht, nur mit mir ist dir der Kampf gerecht.<br /></span>
+<span class="i2">Ich bin der Sp&auml;her, der dir auf der Burg erschlug<br /></span>
+<span class="i0">Den Mann, der th&ouml;richt Lust mich auszusp&auml;hen trug.<br /></span>
+<span class="i0">Nun komm zum Kampf, mein Sohn, des Schwatzens ist genug.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_191" id="page_191">191</a></span><a name="s_87" id="s_87"></a>87.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a schwenkte sich im Zorn zur Linken ab Suhrab<br /></span>
+<span class="i0">Von Rostem, Rostem lenkte rechts von Suhrab ab.<br /></span>
+<span class="i2">Doch als auf Bogenschu&szlig; sie auseinander waren,<br /></span>
+<span class="i0">Da wendeten sie schnell, und kamen hergefaren.<br /></span>
+<span class="i2">Entgegen stoben sich zu Ross die beiden Ritter,<br /></span>
+<span class="i0">Entgegen schoben sich die beiden Ungewitter;<br /></span>
+<span class="i2">Entgegen schnoben sich ein Sohn und Vater bitter:<br /></span>
+<span class="i0">Die Schl&auml;ge hoben sich, und jeder Schlag gab Splitter.<br /></span>
+<span class="i2">Zuerst versuchten sich in diesem Waffentanze<br /></span>
+<span class="i0">Der Vater und der Sohn mit fernentsandter Lanze.<br /></span>
+<span class="i2">Sodann erprobten sich der alte und der junge<br /></span>
+<span class="i0">Anr&uuml;ckend mit der nahgez&uuml;ckten Schwerter Schwunge.<br /></span>
+<span class="i2">Und endlich giengen sich die beiden Heeress&auml;ulen<br /></span>
+<span class="i0">Hart auf den ehrnen Leib mit ihren ehrnen Keulen.<br /></span>
+<span class="i2">Was von der Lanze da verschont blieb, schlug das Schwert;<br /></span>
+<span class="i0">Die Keule schmetterte, was jenes nicht versehrt.<br /></span>
+<span class="i0">Laut st&ouml;hnten beid', es war des andern jeder wert.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_192" id="page_192">192</a></span>
+<span class="i2">Am Helme blieb kein Glanz, am Helmbusch kein Gefieder,<br /></span>
+<span class="i0">Kein Ring am Panzer ganz, keins ungequetscht der Glieder;<br /></span>
+<span class="i0">In Str&ouml;men flo&szlig; der Schwei&szlig; vom Mann aufs Ross danieder.<br /></span>
+<span class="i2">Wie sich entgegen zwei Gewitterwolken wettern,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Blitz und Gegenblitz einander zu zerschmettern;<br /></span>
+<span class="i2">Sie selber k&ouml;nnen sich mit Streichen nicht verletzen,<br /></span>
+<span class="i0">Doch unter ihrem Kampf ergreift die Welt Entsetzen:<br /></span>
+<span class="i2">Der Hagel braust herab und schl&auml;gt der Erde Saat;<br /></span>
+<span class="i0">Das Land ist wie ein Feld, das eine Schlacht zertrat:<br /></span>
+<span class="i2">Dann, wenn sie sich ersch&ouml;pft, zieht jede ihre Bahn,<br /></span>
+<span class="i0">Und aus der Ferne noch sehn sie sich finster an:<br /></span>
+<span class="i2">So standen jetzt vom Kampf die beiden ab ermattet,<br /></span>
+<span class="i0">Und eine Lebensfrist war noch dem Sohn gestattet.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_193" id="page_193">193</a></span><a name="s_88" id="s_88"></a>88.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie schieden sich, voll Weh der Vater, und das Kind<br /></span>
+<span class="i0">Voll Schmerz: sie hatten sich begegnet ungelind.<br /></span>
+<span class="i2">Die Rosse langsam lie&szlig;en sie bei Seite laufen,<br /></span>
+<span class="i0">Um von der st&uuml;rmischen Begr&uuml;&szlig;ung zu verschnaufen.<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab im Herzen sprach: Der da so grimmig drein<br /></span>
+<span class="i0">Auf mich geschlagen hat, kann nicht mein Vater sein.<br /></span>
+<span class="i2">Zwar alle treffen ein die Zeichen, die von ihm<br /></span>
+<span class="i0">Die Mutter gab, nur sprach sie nichts von solchem Grimm.<br /></span>
+<span class="i2">Zum Gatten h&auml;tte nie genommen ihn Tehmine,<br /></span>
+<span class="i0">W&auml;r er gekommen ihr mit solcher L&ouml;wenmiene.<br /></span>
+<span class="i2">Er sagt es selbst: er ist der Mann, der mir erschlagen<br /></span>
+<span class="i0">Den Vetter hat, der mir den Vater sollte sagen.<br /></span>
+<span class="i2">Den Vetter wollt ich ja an seinem M&ouml;rder r&auml;chen;<br /></span>
+<span class="i0">Und was nun hindert mich, zu l&ouml;sen mein Versprechen?<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem sprach bei sich: Ei, w&auml;re der mein Sohn;<br /></span>
+<span class="i0">Von ihm zerbleut, h&auml;tt ich nun meiner Thaten Lohn!<br /></span>
+<span class="i2">Den hat kein menschliches, ein Riesenweib getragen;<br /></span>
+<span class="i0">Wie ich so alt erst war, konnt ich noch so nicht schlagen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_194" id="page_194">194</a></span>
+<span class="i2">Nim dich zusammen nun und wehr dich, alter Held!<br /></span>
+<span class="i0">Denn zu Zuschauern hast du beide Heer im Feld.<br /></span>
+<span class="i2">Es w&auml;r ein Spuck, wenn mirs mit diesem T&uuml;rken fehlte,<br /></span>
+<span class="i0">Und in Semengan ers einst meinem Sohn erz&auml;hlte!<br /></span>
+<span class="i2">Denn, wer ich bin, wird er am Ende doch erfaren,<br /></span>
+<span class="i0">Wielang ich auch vor ihm mag das Geheimnis waren.<br /></span>
+<span class="i2">So sprachen sie, indem sie sich erholten jetzt<br /></span>
+<span class="i0">Von Streichen, welche Sohn und Vater sich versetzt;<br /></span>
+<span class="i0">Die Rosse hatten so einander nicht verletzt.<br /></span>
+<span class="i2">Sie hatten sich geschont, und waren nur benetzt<br /></span>
+<span class="i0">Vom Schaume, weil zum Kampf die Reiter sie gehetzt.<br /></span>
+<span class="i2">Die hatten nun beiseit ein wenig ihren Streit<br /></span>
+<span class="i0">Gelegt und waren schon zu neuem Weh bereit.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_195" id="page_195">195</a></span><a name="s_89" id="s_89"></a>89.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">N</span>unmehr begannen sie, wie um sich zu erholen,<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Sch&uuml;tzenkampfger&auml;t gemach hervor zu holen.<br /></span>
+<span class="i2">Zum K&ouml;cher langten sie, und zogen ihre Bogen,<br /></span>
+<span class="i0">Und von der Senne kam Pfeil gegen Pfeil geflogen.<br /></span>
+<span class="i2">Im Fluge trafen sich die zwei, und sanken nieder;<br /></span>
+<span class="i0">Doch andre r&uuml;steten schon Sohn und Vater wieder.<br /></span>
+<span class="i2">Die Pfeile regneten, dicht, wie bei rauhem Wetter<br /></span>
+<span class="i0">Des Herbstes unterm Baum hernieder rieseln Bl&auml;tter;<br /></span>
+<span class="i2">Wie wenn am Fr&uuml;hlingstag des Landmanns Bienen schw&auml;rmen,<br /></span>
+<span class="i0">Wann rings das Bienenhaus des Mittags Stralen w&auml;rmen;<br /></span>
+<span class="i2">Wann sich die Einigkeit des Brudervolks zerschlug,<br /></span>
+<span class="i0">Die Honig mit gemeinschaftlichem Flei&szlig; eintrug,<br /></span>
+<span class="i2">Sich nun vom alten Stock der junge Stamm lossagt,<br /></span>
+<span class="i0">Und auf gut Gl&uuml;ck den Flug mit eignem Weisel wagt:<br /></span>
+<span class="i2">So nun mit einem Schwarm gesch&auml;rfter Stacheln wandten<br /></span>
+<span class="i0">Zum Kampfe sich die mutentbranten Blutverwandten.<br /></span>
+<span class="i2">Sie spannten, legten an und scho&szlig;en ab, und spannten,<br /></span>
+<span class="i0">Indem mit jedem Pfeil sie sich Zornblicke sandten.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_196" id="page_196">196</a></span>
+<span class="i2">Sowenig aber als ein Blick, sowenig leid<br /></span>
+<span class="i0">Tat ihnen auch ein Pfeil am festen Wehrgeschmeid;<br /></span>
+<span class="i0">Sie sch&uuml;ttelten mit Scherz den Staub vom Waffenkleid,<br /></span>
+<span class="i2">Die K&ouml;cher ra&szlig;elten, und ihre Sch&auml;tze klirrten;<br /></span>
+<span class="i0">Die Sennen winselten, und ihre Bogen schwirrten,<br /></span>
+<span class="i0">Die laut im Fluge gleich blutgierigen V&ouml;geln girrten.<br /></span>
+<span class="i0">Nicht kamen sie zum Zweck, die doch vom Ziel nicht irrten.<br /></span>
+<span class="i2">Alswie der Sonne Pfeil prallt ab vom Felsgestein,<br /></span>
+<span class="i0">Ihm dringen kann er nicht ins feste Fleisch und Bein,<br /></span>
+<span class="i0">Und an der obern Haut erhitzt er ihn allein:<br /></span>
+<span class="i2">So drangen dort nicht ein die Pfeil, und prallten ab,<br /></span>
+<span class="i0">Und mehr in Hitze nur kam Rostem und Suhrab.<br /></span>
+<span class="i2">Mit goldnen Spitzen war, gleich Stralen, jeder Schild<br /></span>
+<span class="i0">Besetzt, und leuchtete recht wie der Sonne Bild.<br /></span>
+<span class="i2">Doch als es sie verdro&szlig;, vergebens nur die Scheibe<br /></span>
+<span class="i0">Zu treffen, lie&szlig;en sie nunmehr vom Zeitvertreibe,<br /></span>
+<span class="i0">Und giengen, Ross und Mann, ernsthafter sich zu Leibe.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_197" id="page_197">197</a></span><a name="s_90" id="s_90"></a>90.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie ritten nah sich auf den Leib, und legten Hand,<br /></span>
+<span class="i0">Zu ringen, einer an des andern G&uuml;rtelband.<br /></span>
+<span class="i2">Wann sonst im Rossringkampf Rostem sa&szlig; auf dem Rachs,<br /></span>
+<span class="i0">War er wie Erz, und, was zur Hand ihm kam, wie Wachs.<br /></span>
+<span class="i2">Doch nun legt' er die Hand an Suhrabs G&uuml;rtelband,<br /></span>
+<span class="i0">Und staunte, da&szlig; er fand solch einen Widerstand.<br /></span>
+<span class="i2">Wie nicht ein Bergfels wankt, den eine Schlang umflicht,<br /></span>
+<span class="i0">In Rostems Armgeflecht so wankte Suhrab nicht.<br /></span>
+<span class="i2">Wo Rostem matt lie&szlig; ab, fieng mutig an Suhrab;<br /></span>
+<span class="i0">Doch auch vergeben war die M&uuml;h, die er sich gab.<br /></span>
+<span class="i2">Wie nicht der Erdleib schwankt, weil ihn der Arm umflicht<br /></span>
+<span class="i0">Der Luft, so schwankte nicht Rostem im Gleichgewicht.<br /></span>
+<span class="i2">Da lie&szlig; der Sohn erz&uuml;rnt den starken Vater faren<br /></span>
+<span class="i0">Am G&uuml;rtel, und ergriff ihn an dem Schopf von Haaren,<br /></span>
+<span class="i2">Der, halbergraut, doch straff drang unterm Helm hervor;<br /></span>
+<span class="i0">Daran vom Sattel hofft' er ihn zu ziehn empor.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem sa&szlig; wie Blei im Sattel, wie ein St&uuml;ck<br /></span>
+<span class="i0">Von Erzgu&szlig;; nur das Haar blieb in der Hand zur&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_198" id="page_198">198</a></span>
+<span class="i2">Suhrab fand in der Hand das Haar, und rief erschrocken:<br /></span>
+<span class="i0">Du unbezwinglicher mit schon ergrauten Locken!<br /></span>
+<span class="i2">Du spannst die Glieder unnat&uuml;rlich an mit Krampf;<br /></span>
+<span class="i0">Was suchest du, o Greis, mit einem J&uuml;ngling Kampf?<br /></span>
+<span class="i2">Ein alter Mann, wennauch sein Wuchs w&auml;r eichbaumsch&auml;ftig,<br /></span>
+<span class="i0">Mit einem jungen ist er doch zum Streit unkr&auml;ftig.<br /></span>
+<span class="i2">Dein Thier auch unter dir hat seinen Mut verloren,<br /></span>
+<span class="i0">Und wie ein Esel l&auml;&szlig;t es hangen seine Ohren.<br /></span>
+<span class="i2">Vor meinem Hengste sucht' es gern das Heil in Flucht,<br /></span>
+<span class="i0">Und ihm verbietet es nur seines Reiters Wucht;<br /></span>
+<span class="i0">Doch mir verbeut den Kampf mit dir nun Scham und Zucht.<br /></span>
+<span class="i2">Als ich das graue Haar in meiner Hand gewart,<br /></span>
+<span class="i0">War mirs als legt ich Hand an meines Vaters Bart.<br /></span>
+<span class="i2">Sind denn um uns im Feld nicht andre Kriegerhaufen?<br /></span>
+<span class="i0">Was m&uuml;&szlig;en wir allein uns mit einander raufen!<br /></span>
+<span class="i2">So sprach der junge; doch der alte sagte nichts,<br /></span>
+<span class="i0">Er wendete sich ab ergrimmten Angesichts.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_199" id="page_199">199</a></span><a name="s_91" id="s_91"></a>91.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a st&uuml;rzt' er sich, wie sich ein Wolf st&uuml;rzt auf die Herde<br /></span>
+<span class="i0">Der Schaf', aufs Turanheer, zu w&uuml;rgen mit dem Schwerde.<br /></span>
+<span class="i2">Und Suhrab, als ers sah, da warf er, wie ein Tieger<br /></span>
+<span class="i0">Sich auf die Rinder wirft, sich auf die Iranskrieger.<br /></span>
+<span class="i2">Den ersten, den er traf, streckt' er in Todesschlaf,<br /></span>
+<span class="i0">Den zweiten, dritten auch, und jeden, den er traf.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem, als er dort ans Heer von Turan kam,<br /></span>
+<span class="i0">Hielt pl&ouml;tzlich an den Rachs, zur&uuml;ck hielt ihn die Scham<br /></span>
+<span class="i2">Und Ueberlegung, wie es nun dem Kawus gienge,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn jener T&uuml;rk im Heer erst an zu morden fienge?<br /></span>
+<span class="i2">Dem selber Rostem kaum im Kampfe konte stehn;<br /></span>
+<span class="i0">Wie sollten seiner Wut die andern dort entgehn!<br /></span>
+<span class="i2">Drum, ohn ein Tr&ouml;pflein Blut von T&uuml;rken zu verspr&uuml;tzen,<br /></span>
+<span class="i0">Umwandt er mit dem Rachs, die Perser zu besch&uuml;tzen.<br /></span>
+<span class="i2">Den Suhrab im Gew&uuml;hl sucht er und fand, und schaute,<br /></span>
+<span class="i0">Wie auf der Flur Smaragd er Blutrubinen thaute.<br /></span>
+<span class="i2">Ihn rief er z&uuml;rnend an: Was k&uuml;hlst du deine Hitze<br /></span>
+<span class="i0">Am schwachen Volk, das dir nicht bieten darf die Spitze?<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_200" id="page_200">200</a></span>
+<span class="i2">Was haben, tobender, die Leute dir getan,<br /></span>
+<span class="i0">Die du mit unversehnem Kampf hier rennest an?<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab sprach erstaunt: Ei, alter Held unhuldig,<br /></span>
+<span class="i0">Sind nicht am Kampfe dort die T&uuml;rken auch unschuldig?<br /></span>
+<span class="i2">Warum hast du auf sie geworfen deine Wucht?<br /></span>
+<span class="i0">Wer hat von ihnen Streit an dich zuerst gesucht?<br /></span>
+<span class="i2">Doch willst du wieder nun zu mir zur&uuml;ck dich wenden,<br /></span>
+<span class="i0">So komm, la&szlig; uns das Werk erneuen und vollenden!<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem sprach: der Tag hat sich geneigt zur Nacht;<br /></span>
+<span class="i0">Die ist zur Ruh gemacht, und nicht zum Werk der Schlacht.<br /></span>
+<span class="i2">Gehorchen wir der Nacht! doch wann im Osten lacht<br /></span>
+<span class="i0">Das goldne Schwert, von dessen Glanz die Welt erwacht,<br /></span>
+<span class="i2">Erneuern wir die Schlacht! sei mir hieher bestellt!<br /></span>
+<span class="i0">Hier stell ich morgen mich; jetzt geh, wohins gef&auml;llt!<br /></span>
+<span class="i2">Hier soll zu Fu&szlig; ein Faust- und Ringkampf uns vereinen,<br /></span>
+<span class="i0">Und als Zuschauer mag die&szlig; Heer und jen's erscheinen;<br /></span>
+<span class="i0">Dann sehn wir, welches wird um seinen K&auml;mpfer weinen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_201" id="page_201">201</a></span><a name="s_92" id="s_92"></a>92.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie giengen; finster ward das Angesicht der Luft;<br /></span>
+<span class="i0">Der Himmel h&uuml;llte sich in einen tr&uuml;ben Duft:<br /></span>
+<span class="i0">Vorzubereiten schien er Suhrabs Totengruft.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab ritt vergn&uuml;gt mit seinem Heer nach Haus,<br /></span>
+<span class="i0">Und unterm Reiten noch fragt' er den Barman aus:<br /></span>
+<span class="i2">Von jenem L&ouml;wenmann, von dessen Kraft die Spangen<br /></span>
+<span class="i0">Mir krachten heut am Tag, wie ist es euch ergangen?<br /></span>
+<span class="i2">Da er die&szlig; Heer, wie ein berauschter Elefant<br /></span>
+<span class="i0">Anrante, wieviel hat er nieder da gerant?<br /></span>
+<span class="i2">Nie ward von mir erprobt, in jedem Kampf belobt,<br /></span>
+<span class="i0">Solch einer; wie hat er hier seinen Grimm vertobt?<br /></span>
+<span class="i2">Doch Barman sprach: Es war dein eigner F&uuml;rstenwille,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; diesen Tag das Heer sich hielt' in Waffen stille.<br /></span>
+<span class="i2">Ger&uuml;stet aber war all unser Ding zum Streit,<br /></span>
+<span class="i0">In jedem Nu ins Feld zu treten kampfbereit.<br /></span>
+<span class="i2">Da kam ein einzelner daher, ein unbekanter,<br /></span>
+<span class="i0">Und blindlings tollk&uuml;hn vor die Heeresmitte rant er.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_202" id="page_202">202</a></span>
+<span class="i2">Er kam alswie im Rausch, oder vom Rausch erwacht,<br /></span>
+<span class="i0">Im Taumel, um allein zu liefern eine Schlacht.<br /></span>
+<span class="i2">Ich aber ordnete die Reihen, dem verwegnen,<br /></span>
+<span class="i0">Wo er sich wagt' heran, mit Nachdruck zu begegnen.<br /></span>
+<span class="i2">Da ward er pl&ouml;tzlich andern Sinns; die Z&uuml;gel wandt er,<br /></span>
+<span class="i0">Und spornstreichs, wie er hergekommen war, entrant er.<br /></span>
+<span class="i2">Froh lachend sprach Suhrab: Also von diesem Heer<br /></span>
+<span class="i0">Erlegte keinen er, und ritt vergebens her!<br /></span>
+<span class="i2">Ich hab Iranier indessen viel get&ouml;tet,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Blut wie Rosen dort den Rasengrund ger&ouml;tet.<br /></span>
+<span class="i2">Er hat den m&uuml;&szlig;igen Beschauer hier gemacht!<br /></span>
+<span class="i0">Nun heute hat die Nacht geschieden unsre Schlacht.<br /></span>
+<span class="i2">Doch morgen, wann der Welt der hehre Tag aufgeht,<br /></span>
+<span class="i0">Dann wird sich zeigen, wer von beiden f&auml;llt und steht.<br /></span>
+<span class="i2">Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.<br /></span>
+<span class="i2">Dort soll zu Fu&szlig; ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;<br /></span>
+<span class="i0">Dann seht ihr, welches Heer um seinen Mann mu&szlig; weinen!<br /></span>
+<span class="i2">Jetzt aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,<br /></span>
+<span class="i0">Die spr&ouml;den Lippen nach dem Kampfstaub anzufrischen<br /></span>
+<span class="i0">Mit Weinthau; Baruman, la&szlig; einen Schmaus auftischen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_203" id="page_203">203</a></span><a name="s_93" id="s_93"></a>93.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">I</span>ndess im Lager lag schon Rostem beim Gelag,<br /></span>
+<span class="i0">Der noch beim k&uuml;hlen Wein dacht an den hei&szlig;en Tag.<br /></span>
+<span class="i2">Nur Suhrab wars, von dem er da erz&auml;len mu&szlig;te,<br /></span>
+<span class="i0">Suhrab, von dem man auch ihm zu erz&auml;len wu&szlig;te.<br /></span>
+<span class="i2">Keikawus sprach: Warum hast du den W&uuml;terich<br /></span>
+<span class="i0">Uns auf den Hals geschickt, da du ihn namst auf dich?<br /></span>
+<span class="i2">Und h&auml;ttest du nicht bald auf seine Bahn gerichtet<br /></span>
+<span class="i0">Dein Augenmerk; wer wei&szlig;, was er h&auml;tt angerichtet!<br /></span>
+<span class="i2">Wir haben hier ein Teil von seiner Art empfunden;<br /></span>
+<span class="i0">Doch selber sag uns nun, wie du ihn hast gefunden!<br /></span>
+<span class="i2">Er sprachs; doch Eifersucht und Aerger schwemmt' hinab<br /></span>
+<span class="i0">Rostem mit Wein, und tat den Mund auf von Suhrab:<br /></span>
+<span class="i2">Ich habe nie gesehn die gleichen Heldengaben,<br /></span>
+<span class="i0">Die L&ouml;wenmannheit nie, an so unreifem Knaben.<br /></span>
+<span class="i2">Ich h&auml;tte nicht gedacht, da&szlig; solchen Mann der Schlacht<br /></span>
+<span class="i0">Die Welt hervorgebracht, der mir so warm gemacht.<br /></span>
+<span class="i2">Er hat in jedem Kampf, in jedem Waffenwerke,<br /></span>
+<span class="i0">Mit mir die gleiche Kunst, mit mir die gleiche St&auml;rke;<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_204" id="page_204">204</a></span>
+<span class="i2">Und nur die Jugend die hat er vor mir voraus:<br /></span>
+<span class="i0">Mit ihm mu&szlig; ich bestehn noch einen schweren Strau&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Erst mit dem Sper hab ichs, dann mit dem Schwert versucht,<br /></span>
+<span class="i0">Mit meiner Keule dann, und er bestand die Wucht.<br /></span>
+<span class="i2">Zuletzt da dacht ich noch: Vor diesem rang ich doch<br /></span>
+<span class="i0">Schon manchen Helden hoch herab vom Satteljoch!<br /></span>
+<span class="i2">Da streckt' ich meine Hand nach seinem G&uuml;rtelband,<br /></span>
+<span class="i0">Und zerrte wacker; doch ich fand: er widerstand!<br /></span>
+<span class="i2">Ich dacht, er sollte nur sogleich vom Sattel fliegen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie soviel andre schon ich sah im Staube liegen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wenn ein Berg im Grund wird wanken von dem Wind,<br /></span>
+<span class="i0">So wird vom Sattel nicht wanken das edle Kind.<br /></span>
+<span class="i2">F&uuml;r heute hat die Nacht nun unsern Kampf geschieden;<br /></span>
+<span class="i0">Ich wei&szlig; nicht, ob ers war, ich war es wol zufrieden.<br /></span>
+<span class="i2">Und wenn er morgen mir wird zum Kampfplatze kehren,<br /></span>
+<span class="i0">Hab ich f&uuml;r Irans Ruhm und meinen mich zu wehren.<br /></span>
+<span class="i2">Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.<br /></span>
+<span class="i2">Dort soll zu Fu&szlig; ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;<br /></span>
+<span class="i0">Dann seht ihr, welches Heer mu&szlig; seinen Mann beweinen!<br /></span>
+<span class="i2">Heut aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r morgen auf den Kampf die Herzen anzufrischen;<br /></span>
+<span class="i0">O K&ouml;nig Keikawus, la&szlig; neuen Wein auftischen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_205" id="page_205">205</a></span><a name="s_94" id="s_94"></a>94.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach er, und sein Wort macht' alle G&auml;ste staunen;<br /></span>
+<span class="i0">Dann tranken sie mit ihm, und wurden froher Launen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie tranken ihm auf Gl&uuml;ck und Sieg die Becher zu,<br /></span>
+<span class="i0">Und suchten, wohlbezecht, in Zelten Schlaf und Ruh.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem, als er in sein Zelt gekommen war,<br /></span>
+<span class="i0">Sprach er noch in der Nacht zum Bruder: O Sewar!<br /></span>
+<span class="i2">Heut haben wir im Feld des Kampfes die&szlig; gesehn;<br /></span>
+<span class="i0">Und Niemand sieht voraus, was morgen wird geschehn.<br /></span>
+<span class="i2">Sobald am Himmel dort der Sonne goldner Schild<br /></span>
+<span class="i0">Hervortritt, tret ich an den Gang ins Schlachtgefild.<br /></span>
+<span class="i2">Du la&szlig; in Gottes Hut, allein mit meinem Mut,<br /></span>
+<span class="i0">Mich gehn, und halte du mein Sabulheer in Hut.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn ich den Feind erleg in diesem Waffengange,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht auf der Walstatt werd ich dann dir s&auml;umen lange.<br /></span>
+<span class="i2">Doch anders wenn ergeht der himmlische Bescheid,<br /></span>
+<span class="i0">Vollf&uuml;hre du kein Weh, und mache du kein Leid!<br /></span>
+<span class="i2">Einbrechen sollt ihr nicht, um meinen Tod zu r&auml;chen,<br /></span>
+<span class="i0">Ins Feindesheer; ihr sollt nach Sabul gleich aufbrechen;<br /></span>
+<span class="i0">So sollt ihr unterwegs, und so zu Hause sprechen:<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_206" id="page_206">206</a></span>
+<span class="i2">So war es ihm verh&auml;ngt an seines Alters Rand,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; seinen Tod er fand von eines J&uuml;nglings Hand.<br /></span>
+<span class="i2">Zur Mutter dort im Ton der Tr&ouml;stung sollst du sagen:<br /></span>
+<span class="i0">Um Rostem, deinen Sohn, sollst du zusehr nicht klagen!<br /></span>
+<span class="i0">Soviel erschlug er schon, und ward nun auch erschlagen.<br /></span>
+<span class="i2">Du wurdest alt, und sahst alt werden deinen Sohn;<br /></span>
+<span class="i0">Nun lebe l&auml;nger noch, wenn er gestorben schon!<br /></span>
+<span class="i0">Er hat sein Werk getan, und hat nun seinen Lohn.<br /></span>
+<span class="i2">So manches Abenteur im Heldenungest&uuml;m<br /></span>
+<span class="i0">Bestand er, Ungeheur und Riesenunget&uuml;m.<br /></span>
+<span class="i2">So manches feste Schlo&szlig; mit Mauerkranze brach er,<br /></span>
+<span class="i0">So manchen Mann vom Ross mit seiner Lanze stach er.<br /></span>
+<span class="i2">Doch an des Todes Schlo&szlig; am Ende pochen mu&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Wer immer auf ein Ross gehoben seinen Fu&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">In diesem Jagdrevier ist ungejagt geblieben<br /></span>
+<span class="i0">Kein J&auml;ger, ewig hier kein Treiber unvertrieben;<br /></span>
+<span class="i0">Ein Freibrief ward auch mir vom Himmel nicht geschrieben.<br /></span>
+<span class="i2">Sewar! zum Schlaftrunk gib mir noch den Becher Wein,<br /></span>
+<span class="i0">Und la&szlig; das Uebrige dem Gl&uuml;ck empfolen sein!<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er, und die Nacht ward mit Gespr&auml;ch von Schlacht<br /></span>
+<span class="i0">Und Suhrab halb, und halb mit Ruh und Schlaf verbracht.<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_10" id="buch_10"></a><a href="#inhalt">Zehntes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_95" id="s_95"></a>95.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">W</span>ie nun des Tages Pfau sein farbiges Gefieder<br /></span>
+<span class="i0">Entfaltet', und der Rab der Nacht den Kopf bog nieder;<br /></span>
+<span class="i2">Umg&uuml;rtete der Held den Stahl, den lebenraubenden,<br /></span>
+<span class="i0">Und seinen Drachen schirrt' er an, den feuerschnaubenden.<br /></span>
+<span class="i2">Zum Kampfplatz wie ein Sturm kam er hinan geschnaubt,<br /></span>
+<span class="i0">Hell gl&auml;nzt' im Morgenstral der Helm auf seinem Haubt.<br /></span>
+<span class="i2">Im Felde sah er dort sich um, es nam ihn Wunder,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; noch nicht war am Ort der junge Feuerzunder.<br /></span>
+<span class="i2">Der trank noch Morgenwein vergn&uuml;gt bei Lautenton,<br /></span>
+<span class="i0">Und seiner wartete der Tod, der Vater, schon.<br /></span>
+<span class="i2">Er sprach zu Baruman: Der grimmige L&ouml;wengreis,<br /></span>
+<span class="i0">Mit dem ich heute nun mich tummeln soll im Krei&szlig;;<br /></span>
+<span class="i2">Er ist nicht unter mir an ragender Gestalt,<br /></span>
+<span class="i0">Und steht nicht hinter mir zur&uuml;ck an Kampfgewalt.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn ich ihn seh an Brust, Arm, Schulter und Genicke,<br /></span>
+<span class="i0">Ist mirs alsob ich selbst im Spiegel mich erblicke;<br /></span>
+<span class="i2">Alsob ich selber so m&uuml;&szlig;t anzusehen sein,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn soviel Jahr als ihm die Sterne mir verleihn!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_210" id="page_210">210</a></span>
+<span class="i2">Des Helden Anblick treibt die Scham auf meine Wangen,<br /></span>
+<span class="i0">Und regt im Busen mir ein liebendes Verlangen.<br /></span>
+<span class="i2">O sag mir, ob er ist der Vater, den ich suche!<br /></span>
+<span class="i0">Damit die Welt mir nicht als Vaterm&ouml;rder fluche!<br /></span>
+<span class="i2">Was sollt ich, kehrt ich heim, der armen Mutter sagen?<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich den Gatten ihr, den Vater mir, erschlagen!<br /></span>
+<span class="i2">Der Gatte zwar ist schon der Mutter lang entflohn;<br /></span>
+<span class="i0">Und desto mehr verlangt sie nun zur&uuml;ck den Sohn.<br /></span>
+<span class="i2">Zu ihr m&ouml;cht ich zur&uuml;ck, h&auml;tt ich den Vater nur<br /></span>
+<span class="i0">Gefunden erst, den ich hieher zu suchen fur!<br /></span>
+<span class="i2">Die Zeichen treffen ein, die mir die Mutter gab;<br /></span>
+<span class="i0">Nicht t&ouml;ten will ich ihn f&uuml;r den Afrasiab!<br /></span>
+<span class="i2">Zwar gestern ist mir der Gedanke, den ich trug,<br /></span>
+<span class="i0">Vergangen, als der Mann so lieblos auf mich schlug.<br /></span>
+<span class="i2">Doch in der Nacht ist es mir wieder aufgestiegen,<br /></span>
+<span class="i0">Im Traume fand ich mich in seinen Armen liegen:<br /></span>
+<span class="i0">Da lag ich gut und sanft! ich will mit ihm nicht kriegen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_211" id="page_211">211</a></span><a name="s_96" id="s_96"></a>96.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u ihm sprach Baruman, nachdem er still bedacht,<br /></span>
+<span class="i0">Wozu Afrasiab verbindlich ihn gemacht:<br /></span>
+<span class="i2">Ich d&auml;cht, es h&auml;tte doch dir m&uuml;&szlig;en nun verfliegen<br /></span>
+<span class="i0">Der Traum, im Arme sei sanft diesem Mann zu liegen!<br /></span>
+<span class="i2">Denn warlich mu&szlig;, nach dem was du von ihm gesprochen,<br /></span>
+<span class="i0">Kein Herz, ein menschliches, in seinem Busen pochen.<br /></span>
+<span class="i2">Dein Mut hat einmal mit den m&ouml;rderischen H&auml;nden<br /></span>
+<span class="i0">Den Kampf begonnen; mag den Kampf dein Mut vollenden!<br /></span>
+<span class="i2">Willst du nicht l&ouml;sen dein verpf&auml;ndetes Versprechen?<br /></span>
+<span class="i0">Du gabst dein Wort zur&uuml;ckzukehren; willst dus brechen?<br /></span>
+<span class="i2">Er wartet drau&szlig;en schon, und wird dich m&uuml;rrisch fragen:<br /></span>
+<span class="i0">Wo bleibst du, lieber Sohn? du scheinst vor mir zu zagen!<br /></span>
+<span class="i2">Ein Feigling bist du ihm, und bist du dir, erschienen;<br /></span>
+<span class="i0">Mit diesem Mut wirst du den Vater nicht verdienen!<br /></span>
+<span class="i2">Von deinem Vater ist mir Sichres nicht bekant;<br /></span>
+<span class="i0">Doch dich hat seinen Sohn Afrasiab genant.<br /></span>
+<span class="i2">Des Namens machest du dich wert, wann mutentbrant<br /></span>
+<span class="i0">Du jenen, der dir trotzt, hast in den Staub gerant.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_212" id="page_212">212</a></span>
+<span class="i2">Ich kenne nicht den Mann, und frage nicht, warum<br /></span>
+<span class="i0">Er seinen Namen birgt; befrag ihn selbst darum!<br /></span>
+<span class="i2">Doch lieber, wenn du mir gehorchest, frag ihn nicht!<br /></span>
+<span class="i0">Schlag ihn, eh er dich schl&auml;gt! brich ihn, eh er dich bricht!<br /></span>
+<span class="i0">So warst du deinen Ruhm, und &uuml;best deine Pflicht.<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er, und sein Rat klang Suhrabs Ohren hohl;<br /></span>
+<span class="i0">Dem Redner selber war dabei ums Herz nicht wol.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Sorg und Zweifel nun schlug Suhrab in den Wind,<br /></span>
+<span class="i0">Legt' an sein Heergeschmeid, und sprang aufs Ross geschwind;<br /></span>
+<span class="i0">Entgegen flog in Eil dem Vater nun sein Kind.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_213" id="page_213">213</a></span><a name="s_97" id="s_97"></a>97.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">A</span>ls beide K&auml;mpfer nun erschienen auf dem Plan,<br /></span>
+<span class="i0">Da kamen ihres Kampfs Zuschauer auch heran;<br /></span>
+<span class="i2">Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschm&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Feldherrn Tus gef&uuml;rt, vom Lager ausger&uuml;ckt;<br /></span>
+<span class="i2">Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,<br /></span>
+<span class="i0">Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.<br /></span>
+<span class="i2">Vor diesen Zeugen ritt zu seinem Gegner hin<br /></span>
+<span class="i0">Suhrab, und mit dem Mund anl&auml;chelnd gr&uuml;&szlig;t' er ihn:<br /></span>
+<span class="i2">Wie hast du in der Nacht geruht, und bist erwacht<br /></span>
+<span class="i0">Am Morgen? Fr&uuml;h, o Greis, hast du dich aufgemacht.<br /></span>
+<span class="i2">Das Aug und jeden Sinn erlabend ist der Morgen;<br /></span>
+<span class="i0">Doch welchen Abend er uns bringt, das ist verborgen.<br /></span>
+<span class="i2">Der Berge H&auml;upter sind vom Stral der Fr&uuml;he golden,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Morgenwein gef&uuml;llt sind alle Blumendolden.<br /></span>
+<span class="i2">Die Morgenl&uuml;fte gehn, die Schl&auml;fer einzuladen,<br /></span>
+<span class="i0">Schnell aufzustehn, und sich im Maienthau zu baden.<br /></span>
+<span class="i2">Die V&ouml;gel singen laut, die klaren B&auml;che flie&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">Die Anger sonnen sich, und alle Blumen sprie&szlig;en;<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_214" id="page_214">214</a></span>
+<span class="i2">Das ist durchaus kein Tag zu Mord und Blutvergie&szlig;en,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Tag, das kurze Gl&uuml;ck des Lebens zu genie&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i2">Komm, lieber Alter, steig herab von deinem Drachen<br /></span>
+<span class="i0">Ins gr&uuml;ne Gras, und la&szlig; uns Waffenstillstand machen!<br /></span>
+<span class="i2">Im Angesichte des und jenes Heeres la&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; froh sie staunen, uns ablegen Groll und Ha&szlig;!<br /></span>
+<span class="i2">Des Krieges Schauplatz sei in eine Friedensb&uuml;hne<br /></span>
+<span class="i0">Verwandelt, und ein Fest erbl&uuml;h uns auf dem Gr&uuml;ne.<br /></span>
+<span class="i2">Ich wink, und Saitenspiel und Wein kommt zum Gelag;<br /></span>
+<span class="i0">Ich feir im Rosenhag mit dir den Fr&uuml;lingstag.<br /></span>
+<span class="i2">Vom Haupte legest du des schweren Helmes Glanz,<br /></span>
+<span class="i0">Und um dein Haar leg ich von Rosen einen Kranz.<br /></span>
+<span class="i2">Dann sitzen wir beim Wein, und plaudern vom Gefecht;<br /></span>
+<span class="i0">Und alles, was ich wei&szlig; von mir, sag ich dir recht:<br /></span>
+<span class="i0">Du selber sagest auch mir Stammbaum und Geschlecht.<br /></span>
+<span class="i2">Nach deinem Namen hab ich ohne Rast und Ruh<br /></span>
+<span class="i0">Gefragt, und Niemand sagt ihn mir, o sag ihn du!<br /></span>
+<span class="i2">Nicht ziemt es zwischen uns, so Herz und Mund verschlo&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Zu halten, denn wir sind von gestern Kampfgeno&szlig;en.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_215" id="page_215">215</a></span><a name="s_98" id="s_98"></a>98.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach das Kind; ihm hatt aus Wa&szlig;er, Luft und Flur<br /></span>
+<span class="i0">Gesprochen sanft ans Herz die Sprache der Natur.<br /></span>
+<span class="i2">Wie eine Knospe war das Herz ihm aufgegangen,<br /></span>
+<span class="i0">Und das Verlangen bl&uuml;ht' auf seinen Rosenwangen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch wie die Knosp am Strauch, vom Fr&uuml;lingsstral geweckt,<br /></span>
+<span class="i0">Zur&uuml;ck vom kalten Hauch des Nordwinds wird geschreckt;<br /></span>
+<span class="i2">Und wie die Blume, die den Kelch ge&ouml;ffnet h&auml;lt<br /></span>
+<span class="i0">Dem Fr&uuml;thau, wenn auf sie der giftge Melthau f&auml;llt:<br /></span>
+<span class="i2">So schrumpfte Suhrabs Herz zusammen, und es brach<br /></span>
+<span class="i0">Der Hoffnung gr&uuml;ner Stiel ihm ab, als Rostem sprach:<br /></span>
+<span class="i2">Nicht also haben wir, o liebes Kind, gewettet,<br /></span>
+<span class="i0">Zu ruhn in Friedensruh auf Fr&uuml;lingsgr&uuml;n gebettet.<br /></span>
+<span class="i2">Wir haben uns bestellt, im Ringkampf uns zu tummeln,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht stachellos umher zu schw&auml;rmen wie die Hummeln.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn du ein J&uuml;ngling bist, so bin ich doch kein Knabe;<br /></span>
+<span class="i0">Du siehst, da&szlig; ich den Gurt geschnallt zum Ringen habe.<br /></span>
+<span class="i2">Du hast mich lang genug aufs Tagwerk la&szlig;en warten,<br /></span>
+<span class="i0">Rosen zu brechen, wie sie bl&uuml;hn in unserm Garten.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_216" id="page_216">216</a></span>
+<span class="i2">Der Hauch des Morgens ist belobt zu jedem Werke,<br /></span>
+<span class="i0">Und mir erneuet er der alten Glieder St&auml;rke.<br /></span>
+<span class="i2">Drum, eh des Mittags Glut der Sehnen Kraft abspannt,<br /></span>
+<span class="i0">Zeig, ob du bist ein Mann, wann ich dich &uuml;bermannt!<br /></span>
+<span class="i2">Ich habe nicht geh&ouml;rt, da&szlig; auf dem Kampfplatz plaudern<br /></span>
+<span class="i0">Kampflustige, wenn froh die Hengst im Fr&uuml;hwind schaudern.<br /></span>
+<span class="i2">Ich habe mich versucht mit M&auml;nnern hier und dort;<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin ein Mann der Tat, kein Mann von vielem Wort.<br /></span>
+<span class="i2">Drum meinen Namen nenn ich ehr nicht, sei verb&uuml;rgt!<br /></span>
+<span class="i0">Als bis du liegst; dann sollst du wi&szlig;en, wer dich w&uuml;rgt!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_217" id="page_217">217</a></span><a name="s_99" id="s_99"></a>99.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>a rief Suhrab erz&uuml;rnt: Wolan denn, alter Mann,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn dich mein gutgemeinter Rat nicht beugen kann!<br /></span>
+<span class="i2">Mein Wunsch war, da&szlig; du einst auf einem sanften Pf&uuml;hl<br /></span>
+<span class="i0">Den Geist aushauchtest, nicht im hei&szlig;en Kampfgew&uuml;hl,<br /></span>
+<span class="i2">Wer nach dir blieb, die Gruft dir ehrenvoll bed&auml;chte,<br /></span>
+<span class="i0">In T&uuml;rkisschrein den Leib Sohn oder Enkel br&auml;chte.<br /></span>
+<span class="i2">Doch nun, mit Gott! wenn ist in meiner Hand dein Hauch,<br /></span>
+<span class="i0">Mit meiner Hand hier will ich ihn entbinden auch!<br /></span>
+<span class="i2">So rief er, und vom Ross sprang er gewaffnet nieder;<br /></span>
+<span class="i0">Der Helm klang auf dem Haupt, der Panzer um die Glieder.<br /></span>
+<span class="i2">Und ihm gen&uuml;ber schwang sich Rostem ab, ihm klang<br /></span>
+<span class="i0">Laut an der H&uuml;ft ein Schwert, das halb der Scheid entsprang.<br /></span>
+<span class="i2">Mit Schweigen giengen beid und f&uuml;reten mit Schweigen<br /></span>
+<span class="i0">Die Ross' an ihrer Hand zum Bach hin unter Zweigen;<br /></span>
+<span class="i2">Wo an des Baches Rand ein einzler Felsen stand,<br /></span>
+<span class="i0">Der tauglich schien, ein Ross zu halten fest am Band:<br /></span>
+<span class="i2">Um den schlang Rostems Hand den Zaum des Rachs im Nu,<br /></span>
+<span class="i0">Und Suhrab eilig band sein Ross dort an dazu.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_218" id="page_218">218</a></span>
+<span class="i2">So standen dort in Ruh, das eine bei dem andern,<br /></span>
+<span class="i0">Die Rosse, da zum Kampf die M&auml;nner mu&szlig;ten wandern.<br /></span>
+<span class="i2">Friedfertig schnaubten sie sich an, und legten, als<br /></span>
+<span class="i0">Umarmeten sie sich, vertraulich Hals an Hals.<br /></span>
+<span class="i2">Sie unterredeten sich schweigend: ach, sie br&auml;chen<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Schweigen gern auch, da&szlig; sie ihren Herrn zuspr&auml;chen!<br /></span>
+<span class="i2">Doch diese lie&szlig;en stehn mit seinem Sohn den Rachs,<br /></span>
+<span class="i0">Und schritten auf den Plan zum Faust- und Ringkampf stracks.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_219" id="page_219">219</a></span><a name="s_100" id="s_100"></a>100.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie g&uuml;rteten sich fest die Mitte, st&uuml;lpten dicht<br /></span>
+<span class="i0">Die Aermel um den Arm, und furchten das Gesicht.<br /></span>
+<span class="i2">Zwei L&ouml;wen gleich an Wut, herscho&szlig;en sie zumal;<br /></span>
+<span class="i0">Vom Leibe Schwei&szlig; und Blut vergo&szlig;en sie zumal.<br /></span>
+<span class="i2">Zwei Leiber wurden da Ein Leib, indem sie rangen,<br /></span>
+<span class="i0">Um den vier Arm' im Kn&auml;ul wie Schlangen sich verschlangen.<br /></span>
+<span class="i2">Wie eine Goldspang eng den Frauenarm umschmiegt,<br /></span>
+<span class="i0">Und wie fest an dem Leib ein na&szlig;es Kleid anliegt:<br /></span>
+<span class="i2">So mit den Armen eng umschmiegten sich die beiden;<br /></span>
+<span class="i0">Anstrengten hin und her und wiegten sich die beiden:<br /></span>
+<span class="i0">An Kraft nicht, noch an Kunst besiegten sich die beiden.<br /></span>
+<span class="i2">Sie h&auml;tten Stein und Erz zerdr&uuml;ckt in ihren Armen;<br /></span>
+<span class="i0">Sie dr&uuml;ckten sich umsonst, und dr&uuml;ckten ohn Erbarmen.<br /></span>
+<span class="i2">Angst f&uuml;hlte Brust an Brust, und Glied um Glieder Schmerz,<br /></span>
+<span class="i0">Als Vater dort und Sohn sich dr&uuml;ckten so ans Herz.<br /></span>
+<span class="i2">Indessen oben sie sich mit den Armen klemmten,<br /></span>
+<span class="i0">Den Odem in der Brust, das Blut im Herzen hemmten;<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_220" id="page_220">220</a></span>
+<span class="i2">Indessen hielten sie am Boden die gestemmten<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;&szlig;' eingewurzelt. So rang Suhrab mit Tehemten<br /></span>
+<span class="i2">Mit m&auml;chtigem Umfahn, gewaltigem Umschlingen,<br /></span>
+<span class="i0">Vermochten sie sich doch zu Boden nicht zu ringen,<br /></span>
+<span class="i2">Vermochten sie sich nicht vom Grund empor zu bringen,<br /></span>
+<span class="i0">Vermochten sie sich auch vom Platz nicht wegzudringen.<br /></span>
+<span class="i2">Umsonst umschlangen sie, umsonst umflochten sie;<br /></span>
+<span class="i0">Vergebens rangen sie, vergebens fochten sie.<br /></span>
+<span class="i2">Voll Wut andrangen sie, voll Wut aufkochten sie;<br /></span>
+<span class="i0">Sich nicht bezwangen sie, noch &uuml;bermochten sie.<br /></span>
+<span class="i2">Nun wollten sies, anstatt mit Ringen und mit Dringen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Schwingen in die Luft vollbringen und erzwingen.<br /></span>
+<span class="i2">Los lie&szlig;en Vater sich und Sohn, und seine Hand<br /></span>
+<span class="i0">Ausstreckte jeder nach des andern G&uuml;rtelband.<br /></span>
+<span class="i2">Und Rostem schwang den Sohn empor mit einem Schwunge<br /></span>
+<span class="i0">Am G&uuml;rtel: fast erlag dem Alten da der Junge.<br /></span>
+<span class="i2">Doch dieser fiel, vom Gl&uuml;ck geschleudert, auf die Brust<br /></span>
+<span class="i0">Des Gegners schwer, und warf ihn nieder in den Dust.<br /></span>
+<span class="i2">Da kniet' er auf der Brust des Vaters, und besann<br /></span>
+<span class="i0">Sich selber nicht, wie er die Oberhand gewann.<br /></span>
+<span class="i2">Da zuckt' er rasch den Dolch, und, ohne dran zu denken,<br /></span>
+<span class="i0">Wollt er den kalten Stahl ins Herz des Vaters senken.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_221" id="page_221">221</a></span><a name="s_101" id="s_101"></a>101.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">R</span>ostem, aufblickend, sah das nahe Ungemach<br /></span>
+<span class="i0">Schweben ob seinem Haupt, und rief: Gemach, gemach!<br /></span>
+<span class="i2">Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,<br /></span>
+<span class="i0">So sch&auml;nde deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!<br /></span>
+<span class="i2">Du kommest her und stammst aus wilder T&uuml;rken Mitte:<br /></span>
+<span class="i0">Nach Iran kommst du, k&auml;mpfst, und kennst nicht Irans Sitte.<br /></span>
+<span class="i2">Die Sitt ist hier zu Land, da&szlig;, wer den Kampf mit Ringen<br /></span>
+<span class="i0">Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;<br /></span>
+<span class="i2">Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,<br /></span>
+<span class="i0">Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.<br /></span>
+<span class="i2">Ihn schelten w&uuml;rde man und seinem Namen fluchen!<br /></span>
+<span class="i0">Mit einem zweiten Gang l&auml;&szlig;t ers den Feind versuchen.<br /></span>
+<span class="i2">Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;<br /></span>
+<span class="i0">Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er, ob villeicht er sei durch List errettet<br /></span>
+<span class="i0">Vom Gegner, unter dem er unsanft lag gebettet.<br /></span>
+<span class="i2">Suhrab hielt zweifelnd inn, und sprach: Ich habe nicht<br /></span>
+<span class="i0">Von dieser Sitt im Land vernommen den Bericht.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_222" id="page_222">222</a></span>
+<span class="i2">Sag an, ob wirklich so es alle Helden halten,<br /></span>
+<span class="i0">Obs so gehalten wird von Rostem auch, dem alten?<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem sprach: Was geht dichs an, wies Rostem macht?<br /></span>
+<span class="i0">Nun ja doch! diesen Brauch hat Rostem aufgebracht. &ndash;<br /></span>
+<span class="i2">Wie Rostems Sohn aus Rostems Mund die&szlig; Wort geh&ouml;rt,<br /></span>
+<span class="i0">Das Schwert zog er zur&uuml;ck, und lie&szlig; ihn los, bet&ouml;rt:<br /></span>
+<span class="i2">Einmal, von Selbstvertraun, sodann von Schicksalsfug,<br /></span>
+<span class="i0">Am meisten aber, weil sein Herz von Gro&szlig;mut schlug;<br /></span>
+<span class="i0">Sonst h&auml;tt ihn nicht allein bet&ouml;rt des Vaters Trug.<br /></span>
+<span class="i2">Rostem sah froh erstaunt sich los vom Feind gekettet,<br /></span>
+<span class="i0">Doch war er unmutsvoll, da&szlig; ihn nur List gerettet.<br /></span>
+<span class="i2">Vom Boden sprang er auf, und sch&uuml;ttelte die Glieder<br /></span>
+<span class="i0">Vom Staub, und ein die ausgerenkten renkt' er wieder.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab wendete von ihm sich ins Gefild,<br /></span>
+<span class="i0">Und jagte vor sich her ein aufgesprungnes Wild.<br /></span>
+<span class="i2">Auf dieses macht' er Jagd zur Kurzweil, und verga&szlig;<br /></span>
+<span class="i0">Des Mannes ganz, mit dem er erst im Kampf sich ma&szlig;.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_223" id="page_223">223</a></span><a name="s_102" id="s_102"></a>102.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Rostem, als er war entbunden seiner Qual,<br /></span>
+<span class="i0">Gieng an den Bach hinauf, dort in ein Felsental,<br /></span>
+<span class="i2">Wo er vor langer Zeit einmal mit einem Geiste<br /></span>
+<span class="i0">Zusammentraf, als er des Wegs aus Turan reiste,<br /></span>
+<span class="i2">Als er dort aus dem Krieg mit Beute schwer beladen<br /></span>
+<span class="i0">Zur&uuml;ckkam, m&uuml;hsam gieng er da auf seinen Pfaden.<br /></span>
+<span class="i2">Dem Rostem damals war solch eine Kraft verliehn,<br /></span>
+<span class="i0">Die nicht nur seinen Feind, die dr&uuml;ckte selber ihn.<br /></span>
+<span class="i2">Denn wo er auf dem Grund mit seines Leibs Gewicht<br /></span>
+<span class="i0">Auftrat, gab nach der Grund, und widerstand ihm nicht.<br /></span>
+<span class="i2">Den Fu&szlig;tritt dr&uuml;ckt' er tief auch h&auml;rterem Gestein,<br /></span>
+<span class="i0">Nicht lockerm Sande nur und weichem Boden ein:<br /></span>
+<span class="i2">So wehrlos schon, vielmehr wann er die Waffen trug,<br /></span>
+<span class="i0">Und nun trug er dazu noch schweren Raubs genug.<br /></span>
+<span class="i2">Im Melme sank ihm ein der Fu&szlig; bis an den Kn&ouml;chel;<br /></span>
+<span class="i0">Da lachte neben ihm der Berggeist mit Ger&ouml;chel.<br /></span>
+<span class="i2">Wer, fragte Rostem, lacht? Dumpf sprach der Berggeist: Ich!<br /></span>
+<span class="i0">Wor&uuml;ber? Weil ich seh im Grund einsinken dich.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_224" id="page_224">224</a></span>
+<span class="i2">Die dir die Mutter gab, die Kraft ist l&auml;stig dir,<br /></span>
+<span class="i0">Du bist zu schwach f&uuml;r sie, gib sie zu tragen mir!<br /></span>
+<span class="i2">Und brauchst du sie einmal, wann matt sind deine Glieder,<br /></span>
+<span class="i0">So komm und ruf! so geb ich deine Kraft dir wieder.<br /></span>
+<span class="i2">Da gab der Pehlewan dem Berggeist in Verwar<br /></span>
+<span class="i0">Den Ueberschu&szlig; der Kraft, die ihm beschwerlich war.<br /></span>
+<span class="i2">Jetzt aber kam er her, um, ehr im Berge modern<br /></span>
+<span class="i0">Er lie&szlig;e seine Kraft, sie nun zur&uuml;ck zu fodern.<br /></span>
+<span class="i2">Denn gegen Suhrab war der Sieg ihm zweifelhaft,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn er nicht n&auml;me ganz zusammen seine Kraft.<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_11" id="buch_11"></a><a href="#inhalt">Elftes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_103" id="s_103"></a>103.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u Suhrab aber, der froh seiner Jagd nachgieng,<br /></span>
+<span class="i0">Kam Barman, als der Tag sich an zu neigen fieng.<br /></span>
+<span class="i2">Er kam, von bangem Mut und Ungeduld getrieben,<br /></span>
+<span class="i0">Was in den Sternen nun ob Suhrab sei geschrieben,<br /></span>
+<span class="i2">Und welchen Wunsch erf&uuml;llt sehn sollt Afrasiab,<br /></span>
+<span class="i0">Von beiden wen im Grab, ob Rostem ob Suhrab?<br /></span>
+<span class="i2">Er wu&szlig;te nicht, warum sie ihren Kampf geschieden,<br /></span>
+<span class="i0">Und f&uuml;rchtete, da&szlig; Sohn und Vater machten Frieden.<br /></span>
+<span class="i2">Doch als er wolgemut herwandeln jenen sah,<br /></span>
+<span class="i0">Rief er ihn an, indem er trat mit Staunen nah:<br /></span>
+<span class="i2">Was ist es? was geschah? wo ist dir hingekommen<br /></span>
+<span class="i0">Der Gegner, den du dir zu w&uuml;rgen vorgenommen?<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab l&auml;chelnd sprach: Er ist mir nicht entwischt;<br /></span>
+<span class="i0">Auf einen neuen Gang hab ich mich angefrischt.<br /></span>
+<span class="i2">Ihn fragte Baruman: Warum ward aufgehoben<br /></span>
+<span class="i0">Der Kampf? Doch Suhrab sprach: Er ward nur aufgeschoben.<br /></span>
+<span class="i2">Im Ringen hatt ich ihn geworfen auf den Plan,<br /></span>
+<span class="i0">Schon zuckt ich meinen Dolch, da wars um ihn getan;<br /></span>
+<span class="i0">Doch er mit lautem Ruf rief mich um Schonung an:<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_228" id="page_228">228</a></span>
+<span class="i2">Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,<br /></span>
+<span class="i0">So sch&auml;nde deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!<br /></span>
+<span class="i2">Die Sitt ist hier zu Land, da&szlig;, wer den Kampf mit Ringen<br /></span>
+<span class="i0">Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;<br /></span>
+<span class="i2">Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,<br /></span>
+<span class="i0">Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.<br /></span>
+<span class="i2">Ihn schelten w&uuml;rde man und seinem Namen fluchen!<br /></span>
+<span class="i0">Mit einem zweiten Gang l&auml;&szlig;t ers den Feind versuchen.<br /></span>
+<span class="i2">Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;<br /></span>
+<span class="i0">Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er, und ich gab auf dieses Wort ihn frei,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er mir erst erlegt im zweiten Gange sei!<br /></span>
+<span class="i2">So sprach Suhrab vergn&uuml;gt; doch Barman sah das Walten<br /></span>
+<span class="i0">Des Himmels, da&szlig; Rostem f&uuml;r Iran sei behalten.<br /></span>
+<span class="i2">Zu Suhrab sprach er: Weh! du bist des Lebens satt:<br /></span>
+<span class="i0">Ein Gl&uuml;ck begegnet nie zweimal an Einer Statt.<br /></span>
+<span class="i2">Den Pardel lie&szlig;est du entspringen aus den Schlingen,<br /></span>
+<span class="i0">Darein ihn Gott dir gab: nun wird er dich verschlingen!<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er misvergn&uuml;gt, und wendete sich ab<br /></span>
+<span class="i0">Vom Knaben rasch, den er nunmehr verloren gab.<br /></span>
+<span class="i2">Er gieng hinweg, und sprach: Das Schicksal mag es lenken<br /></span>
+<span class="i0">Mit ihm, wies ihm gef&auml;llt! ich will das Heer bedenken.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_229" id="page_229">229</a></span><a name="s_104" id="s_104"></a>104.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">A</span>uf einem Felsenthron sa&szlig; dort der Geist und sah,<br /></span>
+<span class="i0">Das Tal herauf ein Mann kam seinem Sitze nah.<br /></span>
+<span class="i2">Voll Muts und unmutsvoll umschauend kam er bei;<br /></span>
+<span class="i0">Da merkte wol der Geist, da&szlig; er gesuchet sei.<br /></span>
+<span class="i2">Ein Abendnebel lag als Helm auf seinem Haubte;<br /></span>
+<span class="i0">Den hob er weg, indem er mit dem Atem schnaubte.<br /></span>
+<span class="i2">Auf seinem Throne sa&szlig; der Geist nun unverh&uuml;llt,<br /></span>
+<span class="i0">Doch finster, von des Bergs verborgner Kraft erf&uuml;llt.<br /></span>
+<span class="i2">Den Rostem rief er an: Wen und was suchst du? sprich!<br /></span>
+<span class="i0">Darauf sprach Rostem: Dich und meine Kraft such ich.<br /></span>
+<span class="i2">Ich seh und kenne dich, wie ich dich schon geschaut;<br /></span>
+<span class="i0">Du bist nicht seit der Zeit gealtert noch ergraut;<br /></span>
+<span class="i0">Doch kennst du mich? und wei&szlig;t, was ich dir anvertraut?<br /></span>
+<span class="i2">Mit d&uuml;sterm L&auml;cheln gab zur Antwort ihm der Geist:<br /></span>
+<span class="i0">Ich kenne dich nicht mehr, Rostem! du bist ergreist.<br /></span>
+<span class="i2">Doch was bem&uuml;hest du die alten Heldenglieder<br /></span>
+<span class="i0">Zu mir? Tehemten sprach: Gib meine Kraft mir wieder!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_230" id="page_230">230</a></span>
+<span class="i2">Bis heute kam ich aus mit dem, was ich gespart;<br /></span>
+<span class="i0">Das Ganze brauch ich heut; gib her, was du bewart!<br /></span>
+<span class="i2">Da sprach der Geist: Die Kraft des Menschenkinds, wann sie<br /></span>
+<span class="i0">Von ihm gewichen ist, kehrt ihm zur&uuml;cke nie.<br /></span>
+<span class="i2">Denn keinem kann er sie zur Wiedergabe geben;<br /></span>
+<span class="i0">Du aber gabest mir die deine aufzuheben.<br /></span>
+<span class="i2">Wol aufgehoben hier ist sie und aufbehalten;<br /></span>
+<span class="i0">Viel be&szlig;er als bei dir ruht sie in Bergesspalten.<br /></span>
+<span class="i2">Warum willst du mit ihr dein alterndes Genick<br /></span>
+<span class="i0">Beladen? Held, du nimmst auf dich ein Misgeschick.<br /></span>
+<span class="i0">Doch weigern werd ich sie dir keinen Augenblick,<br /></span>
+<span class="i2">Wenn du sie ernstlich willst, und dreimal sie verlangest;<br /></span>
+<span class="i0">Allein bedenk es recht, wozu du sie empfangest!<br /></span>
+<span class="i2">Ich gebe, St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck, dir deine Kraft zur&uuml;ck,<br /></span>
+<span class="i0">Ich gebe sie dir, doch zum Ungl&uuml;ck, nicht zum Gl&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i2">La&szlig; deine Kraft hier ruhn! du hast der Taten nun<br /></span>
+<span class="i0">Genug getan: zum Leid wirst du dir eine tun!<br /></span>
+<span class="i2">Tehemten, ja, ein Leid, ich f&uuml;rchte, wirst du finden<br /></span>
+<span class="i0">Durch deine Kraft, davon dir selbst die Kraft wird schwinden.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_231" id="page_231">231</a></span><a name="s_105" id="s_105"></a>105.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o unterhandelten sie dort um Rostems Kraft;<br /></span>
+<span class="i0">Doch Rostems Sohn sah sich im Feld um zweifelhaft,<br /></span>
+<span class="i2">Und wu&szlig;te nicht, was er vom Gegner denken sollte,<br /></span>
+<span class="i0">Der nicht erschien; und ob er heimwerts lenken sollte,<br /></span>
+<span class="i2">Ob warten noch, bis doch villeicht er wiederk&auml;me,<br /></span>
+<span class="i0">Damit er heute noch das Leben hier ihm n&auml;me!<br /></span>
+<span class="i2">Am Ende d&uuml;nkt' es doch das Beste seiner Meinung,<br /></span>
+<span class="i0">Im Feld zu warten noch auf seines Feinds Erscheinung.<br /></span>
+<span class="i2">Denn, sprach er, heute fr&uuml;h hat er auf mich gewartet,<br /></span>
+<span class="i0">Nun wart ich sp&auml;t auf ihn, so ist es wolgeartet.<br /></span>
+<span class="i2">Der Abend ist so sch&ouml;n nicht, als es uns versprach<br /></span>
+<span class="i0">Der Morgen; in der Welt kommt Herbes Frohem nach.<br /></span>
+<span class="i2">Die Sonne sinkt, und l&auml;&szlig;t ein blutges Abendrot<br /></span>
+<span class="i0">Zur&uuml;ck als Abschiedsgru&szlig;, den sie dem Leben bot.<br /></span>
+<span class="i2">Wo aber bleibt der Mann, den ich nicht missen kann?<br /></span>
+<span class="i0">Ich t&ouml;t ihn in der Nacht, weil er am Tag entrann!<br /></span>
+<span class="i2">So sprechend, blickt' er auf, und sah den Rostem kommen,<br /></span>
+<span class="i0">Alswie ein Meteor tr&uuml;br&ouml;tlich angeglommen.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_232" id="page_232">232</a></span>
+<span class="i2">Dem Suhrab schien er ganz verwandelt zauberhaft,<br /></span>
+<span class="i0">Von wunderbarem Glanz, in voller Jugendkraft.<br /></span>
+<span class="i2">Mit Staunen gr&uuml;&szlig;t' er ihn, mit Zittern und Verzagen;<br /></span>
+<span class="i0">Wo er gewesen sei, hatt er nicht Mut zu fragen.<br /></span>
+<span class="i2">Er fragt': Und ringen wir noch heute vor der Nacht?<br /></span>
+<span class="i0">Und Rostem sprach: Ei ja! es ist geschwind vollbracht.<br /></span>
+<span class="i2">Da traten an zum Kampf der Vater und der Sohn;<br /></span>
+<span class="i0">Der angetan mit Kraft, die diesem war entflohn.<br /></span>
+<span class="i2">Wie, wann die Sonne sinkt, die Nacht siegjauchzen mag,<br /></span>
+<span class="i0">Und wann die Nacht erliegt, so triumfirt der Tag:<br /></span>
+<span class="i2">So mochte Rostem leicht ob Suhrab triumfiren,<br /></span>
+<span class="i0">Der nicht gewinnen konnt, und jener nicht verlieren.<br /></span>
+<span class="i2">Da zog die D&auml;mmerung aus Abendwolkenflor<br /></span>
+<span class="i0">Dem Schauplatz dieses Wehs den dichten Vorhang vor;<br /></span>
+<span class="i2">Da&szlig; von dem Doppelheer, das als Zuschauer nah<br /></span>
+<span class="i0">Dem Schauspiel war, was da geschah, kein Auge sah.<br /></span>
+<span class="i2">Da griffen an die zwei, da war es schon getan;<br /></span>
+<span class="i0">Vom Vater war es ab-, und um den Sohn getan.<br /></span>
+<span class="i2">Rostem tat einen Ruck, und Suhrab lag im Dust;<br /></span>
+<span class="i0">Rostem tat einen Zuck, sein Dolch traf Suhrabs Brust.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_233" id="page_233">233</a></span><a name="s_106" id="s_106"></a>106.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>uhrab sprach todeswund: O ungetreuer Mann!<br /></span>
+<span class="i0">Das ist der Schonung Lohn, den ich von dir gewann.<br /></span>
+<span class="i2">Von Rostem hast du mir ein M&auml;rchen vorgelogen,<br /></span>
+<span class="i0">In Rostems Namen um mein Leben mich betrogen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch sei ein Fisch im Meer, ein Vogel in der Luft,<br /></span>
+<span class="i0">Die Rach ereilet dich, wo ich lieg in der Gruft.<br /></span>
+<span class="i2">Wenn Rostem das erf&auml;rt, und er wird es erfaren;<br /></span>
+<span class="i0">Nicht wird ihm das Ger&uuml;cht die Trauerkund ersparen &ndash;<br /></span>
+<span class="i2">Wenn Rostem es erf&auml;rt, so gibt er dir den Lohn<br /></span>
+<span class="i0">Daf&uuml;r, da&szlig; du erschlugst sein und Tehminas Sohn.<br /></span>
+<span class="i2">Er sprachs und von dem Wort getroffen, Rostem schrak<br /></span>
+<span class="i0">Zusammen, alsob ihm der Dolch im Busen stak.<br /></span>
+<span class="i2">Er rief: O Ungl&uuml;ckskind, was sagst du? sags geschwind,<br /></span>
+<span class="i0">Sags recht, wer deine ungl&uuml;ckseligen Eltern sind!<br /></span>
+<span class="i2">Doch Suhrab sprach mit Stolz und Trauer in der Miene:<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin Suhrab, der Sohn von Rostem und Tehmine;<br /></span>
+<span class="i2">Er Irans Hort, und sie Semengans Frauenzier.<br /></span>
+<span class="i0">Die Mutter hat mich hergesandt, den Vater hier<br /></span>
+<span class="i0">Zu suchen, weil er dort solang nicht kam zu ihr.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_234" id="page_234">234</a></span>
+<span class="i2">Die Spange gab sie mir mit als Erkennungszeichen;<br /></span>
+<span class="i0">Die Spange, die er ihr einst gab, sollt ich ihm reichen.<br /></span>
+<span class="i2">Die Spange trug ich nicht am Arme; vor Verlust<br /></span>
+<span class="i0">Sie zu bewaren, trag ich hier sie auf der Brust.<br /></span>
+<span class="i2">Rei&szlig; das Gewand hier auf am Busen, das mich dr&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i0">Und sieh das Zeichen, das den Sohn von Rostem schm&uuml;ckt!<br /></span>
+<span class="i2">So sprach er, und vor Weh dem Vater wollt entweichen<br /></span>
+<span class="i0">Die Seel, und harrte nur noch aufs Erkennungszeichen.<br /></span>
+<span class="i2">Wegri&szlig; er das Gewand, und sah, wie einen Molch<br /></span>
+<span class="i0">In Rosen, in der Brust dort sitzen seinen Dolch;<br /></span>
+<span class="i2">Der stak noch in der Wund, als Scheide, die er schlo&szlig;;<br /></span>
+<span class="i0">Nun zog ihn Rostem aus, und Suhrabs Leben flo&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">In Purpurwellen flo&szlig; das Leben hin, und tr&auml;nkte<br /></span>
+<span class="i0">Das Gold der Spange, die Tehminen Rostem schenkte.<br /></span>
+<span class="i2">Er zog der Spange Gold, besetzt mit den Rubinen<br /></span>
+<span class="i0">Vom Blut des Sohns, hervor, selbst mit blutlosen Mienen,<br /></span>
+<span class="i0">Und rief: Suhrab, mein Sohn! Weh Rostem und Tehminen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_235" id="page_235">235</a></span><a name="s_107" id="s_107"></a>107.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>umpf einen Augenblick in seines Jammers F&uuml;llen<br /></span>
+<span class="i0">Hinstarrte Rostem noch, dann hub er an zu br&uuml;llen.<br /></span>
+<span class="i2">Alswie ein Tiger br&uuml;llt, wann er, im Busch verh&uuml;llt,<br /></span>
+<span class="i0">Gelaurt auf einen Raub, von hei&szlig;er Gier erf&uuml;llt:<br /></span>
+<span class="i2">Er lauert auf ein Rind, das von der Rinderherde<br /></span>
+<span class="i0">Dem gr&uuml;nen Busche nahn, und ihm verfallen werde.<br /></span>
+<span class="i2">Inzwischen geht einher des Tigers einzges Junges,<br /></span>
+<span class="i0">Das er im Neste glaubt, unt&uuml;chtig noch des Sprunges.<br /></span>
+<span class="i2">Das kommt dem Busche nah, worin sein Vater lauert;<br /></span>
+<span class="i0">Der h&ouml;rt den Tritt im Gras, und ist von Lust durchschauert.<br /></span>
+<span class="i2">Er denkt: Da ist das Rind! und st&uuml;rzt, vor Gierde blind,<br /></span>
+<span class="i0">So denkt er, auf das Rind, und st&uuml;rzt aufs eigne Kind.<br /></span>
+<span class="i2">Dann siehet er, was ihm die blutgen Branken f&uuml;llet;<br /></span>
+<span class="i0">Da bricht sein Tigerherz; und wie er nie gebr&uuml;llet,<br /></span>
+<span class="i2">So br&uuml;llt er: wie er nie gebr&uuml;llt in Wut um Blut,<br /></span>
+<span class="i0">Br&uuml;llt er nun um des Sohns vergo&szlig;nes Blut in Wut.<br /></span>
+<span class="i2">So br&uuml;llte Rostem jetzt, bis, sein nicht mehr bewu&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i0">Er hinsank atemlos an seines Sohnes Brust.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_236" id="page_236">236</a></span>
+<span class="i2">Ohnm&auml;chtig sank er hin, in Ohnmacht lag er da;<br /></span>
+<span class="i0">Das erstemal, da&szlig; die&szlig; im Leben ihm geschah!<br /></span>
+<span class="i2">Ersch&ouml;pft war seine Macht, und seine Kraft gebrochen,<br /></span>
+<span class="i0">Die Kraft, die er solang im Mark der alten Knochen<br /></span>
+<span class="i2">Getragen, samt der Kraft, die ihm aufs neu geworden<br /></span>
+<span class="i0">Recht eigentlich dazu, den eignen Sohn zu morden.<br /></span>
+<span class="i2">So lag er bei dem Sohn, selbst einem Toten gleich,<br /></span>
+<span class="i0">Und bei ihm lag der Sohn, im Antlitz todesbleich,<br /></span>
+<span class="i2">Im Antlitz todesbleich, am Herzen todeswund,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Rosen seines Bluts bl&uuml;mend den gr&uuml;nen Grund.<br /></span>
+<span class="i2">Noch flo&szlig; das Blut, noch stand der Odem nicht, noch sah<br /></span>
+<span class="i0">Und f&uuml;hlt' er, sterbend freut' er sich dem Vater nah.<br /></span>
+<span class="i0">Den Vater, ob ihm schon von ihm die&szlig; Leid geschah,<br /></span>
+<span class="i2">Den er allein gesucht, den hatt er doch gefunden,<br /></span>
+<span class="i0">Und lag, wie er getr&auml;umt, von seinem Arm umwunden.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_237" id="page_237">237</a></span><a name="s_108" id="s_108"></a>108.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">D</span>ort das Zuschauerheer, nichts schauend in der H&uuml;lle<br /></span>
+<span class="i0">Der Nacht, nachdem es erst vernommen ein Gebr&uuml;lle<br /></span>
+<span class="i0">Vom Kampfplatz, nam es war jetzt eine Totenstille.<br /></span>
+<span class="i2">Sie ahneten, da&szlig; dort ein Ungl&uuml;ck sei geschehn,<br /></span>
+<span class="i0">Und hatten nicht den Mut, mit Augen es zu sehn.<br /></span>
+<span class="i2">Da machten aus dem Heer von Iran einige K&uuml;hnen<br /></span>
+<span class="i0">Sich auf, und naheten zuletzt des Todes B&uuml;hnen.<br /></span>
+<span class="i2">Am Bache fanden sie, am Felsen, unter schaurig<br /></span>
+<span class="i0">Gesenkten Zweigen stehn die beiden Rosse traurig.<br /></span>
+<span class="i2">Wie sie da sahn den Rachs, den Thron des Rostem, leer<br /></span>
+<span class="i0">Von Rostem, eilten sie mit Klaggeschrei zum Heer,<br /></span>
+<span class="i2">Mit lautem Klaggeschrei: Tehemten ist nicht mehr!<br /></span>
+<span class="i0">Dahin ist Irans Hort! Rachs ist von Rostem leer!<br /></span>
+<span class="i2">Da kam ein Schreck aufs Heer, und wie ein Sturm das Meer<br /></span>
+<span class="i0">Bewegt, bewegte sie die Botschaft, dumpf und schwer.<br /></span>
+<span class="i0">In Aufruhr kam das Heer, und Alles trat in Wehr.<br /></span>
+<span class="i2">Die Pauke ward ger&uuml;rt, und die Trommete klang;<br /></span>
+<span class="i0">Wie Wogen setzte sich das ganze Heer in Gang.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_238" id="page_238">238</a></span>
+<span class="i2">Vor ihrem Nahen drang den Kommenden voraus<br /></span>
+<span class="i0">Zur stillen Walstatt dort das wachsende Gebraus.<br /></span>
+<span class="i2">Rostem bei seinem Sohn aus seinem Todesschlummer<br /></span>
+<span class="i0">Erwachend, neu empfand er seinen Todeskummer.<br /></span>
+<span class="i2">In neuen Jammerton ausbrechen wollte schon<br /></span>
+<span class="i0">Sein Schmerz, da s&auml;nftigt' ihn mit sanftem Wort der Sohn,<br /></span>
+<span class="i2">Der seinen letzten Geist und letzten Hauch gewann,<br /></span>
+<span class="i0">Und sammelt' ihn, womit hinsterbend er begann<br /></span>
+<span class="i0">Die Rede, die ihm leis', alswie sein Blut, hinrann:<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_239" id="page_239">239</a></span><a name="s_109" id="s_109"></a>109.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">O</span> Vater! eh mir fort das Leben rinnt, und dort<br /></span>
+<span class="i0">Die Fremden nahn, vernim des Sohnes letztes Wort!<br /></span>
+<span class="i2">Sein erstes, welches dich nicht zweifelnd Vater gr&uuml;&szlig;t!<br /></span>
+<span class="i0">Von diesem Gru&szlig; ist mir der bittre Tod vers&uuml;&szlig;t.<br /></span>
+<span class="i0">Ich habe nicht zu teur des Herzens Stolz geb&uuml;&szlig;t,<br /></span>
+<span class="i2">Tehemtens Sohn zu sein! mit dem vereint ich wollte<br /></span>
+<span class="i0">Die Welt bezwingen, die mich so bezwingen sollte!<br /></span>
+<span class="i2">Was klagest du und weinst? nicht du hast mich erschlagen;<br /></span>
+<span class="i0">Dazu bestimmt hat mich der Mutter Leib getragen.<br /></span>
+<span class="i2">Darum hat sie umsonst dem Sohne nachgesandt<br /></span>
+<span class="i0">Den Vetter, dem allein der Vater war bekant.<br /></span>
+<span class="i2">Erschlagen hast du ihn, Nachts auf die Burg gerant,<br /></span>
+<span class="i0">Damit von Niemand mir der Vater sei genant!<br /></span>
+<span class="i2">Wenn es die Mutter nun erf&auml;rt, was wird sie sagen?<br /></span>
+<span class="i0">Beklagen soll sie mich, und Rostem nicht verklagen.<br /></span>
+<span class="i2">Schick heim zu ihr von hier all meine Waffenzier,<br /></span>
+<span class="i0">Und auch die Spange, die von ihr ich brachte dir!<br /></span>
+<span class="i2">La&szlig; auch den Baruman mit seinen T&uuml;rken gehn<br /></span>
+<span class="i0">Unangefochten, die durch mich in Waffen stehn!<br /></span>
+<span class="i2">Nicht fechten werden sie, weil sie mich liegen sehn;<br /></span>
+<span class="i0">Denn dieser Aufbruch ist allein durch mich geschehn.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_240" id="page_240">240</a></span>
+<span class="i2">Auch den Hedschir, den ich im Schlo&szlig; gefangen habe,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Bitt und Drohungen ihn angegangen habe,<br /></span>
+<span class="i2">Dich mir zu zeigen, was hartn&auml;ckig er verschwieg,<br /></span>
+<span class="i0">Bis ich mein Ross, dich aufzusuchen, selbst bestieg;<br /></span>
+<span class="i2">Bestraf ihn nicht darum, da&szlig; er mir nicht gesagt<br /></span>
+<span class="i0">Den Namen! hab ich doch dich selbst umsonst gefragt!<br /></span>
+<span class="i2">Da&szlig; Guders nicht durch mich um einen &auml;rmer werde<br /></span>
+<span class="i0">Der achtzig S&ouml;hne, weil durch ihn an kalter Erde<br /></span>
+<span class="i2">Tehemtens einer liegt! Weils ihm das Gl&uuml;ck beschied,<br /></span>
+<span class="i0">La&szlig; ich ihm gern das Schlo&szlig;, und selber Gurdafrid.<br /></span>
+<span class="i2">Gurdaferid, so ist ein sch&ouml;nes Weib genant,<br /></span>
+<span class="i0">Die hat unl&auml;ngst mich hier mit Waffen angerant,<br /></span>
+<span class="i2">Und mir verhei&szlig;en, da&szlig; um mich sie wollte weinen,<br /></span>
+<span class="i0">Wann Rostem mich erlegt; das mag sie nun bescheinen!<br /></span>
+<span class="i2">O da&szlig; nicht bitterer die Mutter weinen m&uuml;&szlig;te,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn sie nun statt des Sohns die goldne Spange k&uuml;sste!<br /></span>
+<span class="i2">Die Spange send ihr nur, mein Ross und meine Waffen;<br /></span>
+<span class="i0">Doch meinen Leib sollst du von hier nach Sabul schaffen<br /></span>
+<span class="i2">In deine F&uuml;rstengruft! und hier dein gr&uuml;nes Zelt<br /></span>
+<span class="i0">Spann &uuml;ber mir! so nem ich Abschied von der Welt.<br /></span>
+<span class="i2">Ich kam alswie ein Blitz, und gieng alswie ein Wind;<br /></span>
+<span class="i0">Nun, Rostem, sieh mit einem Blick noch an dein Kind!<br /></span>
+<span class="i2">Und mit gelindem Ton, eh mir die Kraft entflohn<br /></span>
+<span class="i0">Zu h&ouml;ren, nenne mich Suhrab, Tehemtens Sohn!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_241" id="page_241">241</a></span><a name="s_110" id="s_110"></a>110.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r sprachs, und Rostem schwieg; er &ouml;ffnete den Mund<br /></span>
+<span class="i0">Zu reden, aber zugeschn&uuml;rt war ihm der Schlund.<br /></span>
+<span class="i2">Hinstarrt' er schweigend auf des jungen Dochts Vergl&uuml;hn.<br /></span>
+<span class="i0">So sieht ein Wanderer das Abendrot verbl&uuml;hn,<br /></span>
+<span class="i2">Das seinem Wege noch als letzte Fackel lacht;<br /></span>
+<span class="i0">Die Fackel lischt, und um ihn her ist finstre Nacht:<br /></span>
+<span class="i2">So war f&uuml;r Rostem bald nun ganz hinweggenommen<br /></span>
+<span class="i0">Des Lebens Lust, sobald das Leben dort verglommen.<br /></span>
+<span class="i2">Doch n&auml;her kam der Klang und Waffengang der Schar,<br /></span>
+<span class="i0">Und Rostem sprang empor, zerr&uuml;ttet wie er war.<br /></span>
+<span class="i2">Von seinem Sohn hinweg entgegen trat er ihnen,<br /></span>
+<span class="i0">Mit Staub auf seinem Haupt, und Jammer in den Mienen;<br /></span>
+<span class="i0">Nie den Iraniern war Rostem so erschienen.<br /></span>
+<span class="i2">Allein sie sahen, da&szlig; am Leben Rostem sei,<br /></span>
+<span class="i0">Und &uuml;bers ganze Heer erscholl ein Freudenschrei.<br /></span>
+<span class="i2">Wie eine Reiterschaar, die &uuml;ber ihrem Haubte<br /></span>
+<span class="i0">Die Fahne wieder sieht, die sie verloren glaubte,<br /></span>
+<span class="i2">Jauchzt, da&szlig; gerettet ist die Fahn, obgleich zerfetzt;<br /></span>
+<span class="i0">So jauchzten sie dem tiefgebeugten Helden jetzt.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_242" id="page_242">242</a></span>
+<span class="i2">Doch als er n&auml;her kam, sprach er, von Grimm und Gram<br /></span>
+<span class="i0">Zugleich bewegt, zugleich erregt von Stolz und Scham:<br /></span>
+<span class="i2">Ihr F&uuml;rsten Irans all und Edlen, kommt heran,<br /></span>
+<span class="i0">Und seht, was Rostem hier f&uuml;r Irans Ruhm getan!<br /></span>
+<span class="i2">Den Helden Turans, der sein Haupt im Himmel trug,<br /></span>
+<span class="i0">Den Schrecken Irans schlug Tehemten schwer genug.<br /></span>
+<span class="i2">Ich hab in Tag und Nacht geschlagen manche Schlacht,<br /></span>
+<span class="i0">Doch meinem Ruhm nie solch ein Opfer dargebracht.<br /></span>
+<span class="i2">Iranier, f&uuml;r euch hat Rostem hier geschlachtet<br /></span>
+<span class="i0">Den Suhrab, seinen Sohn, damit ihr ihn betrachtet!<br /></span>
+<span class="i2">Er sprachs, da war verstummt ihr Jauchzen in Entsetzen;<br /></span>
+<span class="i0">Er sprachs, ohn eine Wang, ein Auge nur zu netzen.<br /></span>
+<span class="i2">Sie sahn in seinem Blut den jungen Helden liegen,<br /></span>
+<span class="i0">Den Adler, dessen Mut zur Sonne war gestiegen;<br /></span>
+<span class="i2">So sch&ouml;n, so gro&szlig;, so frei, so edel, k&uuml;hn und stark,<br /></span>
+<span class="i0">Ob schwach auch, todesmatt, der Kern von Rostems Mark.<br /></span>
+<span class="i2">Sie riefen: Weh, da&szlig; solch ein Schmuck der Welt verdorben!<br /></span>
+<span class="i0">Er sah ihn an und sprach: Er ist noch nicht gestorben,<br /></span>
+<span class="i2">Und soll nicht sterben! Geh, Guders, zu Keikawus,<br /></span>
+<span class="i0">Und bring dem K&ouml;nige von Rostem Bitt und Gru&szlig;.<br /></span>
+<span class="i2">Den Lebensbalsam, der des Todes Wunden stillt,<br /></span>
+<span class="i0">Der tropfenweis der H&ouml;l im Kaukasus entquillt,<br /></span>
+<span class="i2">Hat er in seinem Schatz; davon soll er mir geben<br /></span>
+<span class="i0">Drei Tropfen, da&szlig; Suhrab, mein Sohn, mir bleib am Leben!<br /></span>
+</div>
+
+<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div>
+
+<h2><a name="buch_12" id="buch_12"></a><a href="#inhalt">Zw&ouml;lftes Buch.</a></h2>
+
+<h3><a name="s_111" id="s_111"></a>111.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">H</span>ilfeile fl&uuml;gelte des greisen Boten Fu&szlig;,<br /></span>
+<span class="i0">Schnell bracht er an Kawus von Rostem Bitt und Gru&szlig;:<br /></span>
+<span class="i2">Von Rostem ist Suhrab, der Sohn Rostems, erschlagen;<br /></span>
+<span class="i0">Der Sieg am Feinde hat dem Vater Weh getragen;<br /></span>
+<span class="i0">Er wehklagt laut, und alle, die ihn sehn, wehklagen.<br /></span>
+<span class="i2">Er bittet dich durch mich, und all wir andern bitten:<br /></span>
+<span class="i0">Wenn Rostem je f&uuml;r dich gek&auml;mpft hat und gestritten,<br /></span>
+<span class="i0">Komm ihm zu Hilfe jetzt im Weh, das er erlitten!<br /></span>
+<span class="i2">Vom Lebensbalsam, der dem Kaukasus entquillt,<br /></span>
+<span class="i0">Den du im Schatze hast, der Todeswunden stillt,<br /></span>
+<span class="i0">Gib ihm drei Tropfen schnell, so du ihn retten willt!<br /></span>
+<span class="i2">Doch langsam sprach der Schah: Gottlob, der Sorg entkettet<br /></span>
+<span class="i0">Bin ich und aller Furcht, da Rostem ist gerettet;<br /></span>
+<span class="i0">Im Staube liegt sein Feind, da ist ihm wol gebettet.<br /></span>
+<span class="i2">All meinen Balsam g&auml;b ich ja f&uuml;r Rostems Leben;<br /></span>
+<span class="i0">Doch keinen Tropfen werd ich einem T&uuml;rken geben.<br /></span>
+<span class="i2">Rostem f&uuml;r Iran ist schon stark genug allein;<br /></span>
+<span class="i0">Mit solchem Sohn vereint, m&ouml;cht er zu stark uns sein.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_246" id="page_246">246</a></span>
+<span class="i2">Der stolze Mann, soll ich ihm diesen Dienst erzeigen,<br /></span>
+<span class="i0">So mu&szlig; er selber nahn und mir zu Fu&szlig;e neigen!<br /></span>
+<span class="i2">Er sprachs, und jener sah des K&ouml;nigs harten Sinn,<br /></span>
+<span class="i0">Von seinem Flehen sei zu hoffen kein Gewinn;<br /></span>
+<span class="i0">Die &uuml;ble Antwort trug er schnell zu Rostem hin:<br /></span>
+<span class="i2">Der Schah ist herbgelaunt; er will f&uuml;r Rostems Leben<br /></span>
+<span class="i0">All seinen Balsam, doch nicht einen Tropfen geben<br /></span>
+<span class="i2">F&uuml;r Rostems Sohn. Soll er dir diesen Dienst erzeigen,<br /></span>
+<span class="i0">So mu&szlig;t du selber gehn, und ihm zu Fu&szlig;e neigen.<br /></span>
+<span class="i2">Da k&auml;mpfte Stolz und Schmerz in Rostem einen Kampf,<br /></span>
+<span class="i0">So hei&szlig;, da&szlig; sichtbar ihm vom Haupte stieg der Dampf:<br /></span>
+<span class="i0">Er hob und hielt den Schritt, und zuckte wie im Krampf.<br /></span>
+<span class="i2">Dann beugt' er sein Genick dem&uuml;tig dem Geschick;<br /></span>
+<span class="i0">Ertragen wollt er des feindselgen K&ouml;nigs Blick.<br /></span>
+<span class="i2">Drei schwere Schritte hatt er schon im Weg gemacht;<br /></span>
+<span class="i0">Da ward die Botschaft ihm in Eile nachgebracht:<br /></span>
+<span class="i2">Die Sonne, deren Ruhm der Welt geleuchtet, barg<br /></span>
+<span class="i0">Sich in die Nacht; dein Sohn braucht nichts als einen Sarg.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_247" id="page_247">247</a></span><a name="s_112" id="s_112"></a>112.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">T</span>ehemten gieng zur&uuml;ck zu seinem toten Sohn;<br /></span>
+<span class="i0">Sie hatten zugedeckt des Toten Antlitz schon.<br /></span>
+<span class="i2">Der Vater aber hob mit seiner Hand die H&uuml;llen<br /></span>
+<span class="i0">Hinweg, um neu sein Herz mit Jammer zu erf&uuml;llen.<br /></span>
+<span class="i2">Rings war dreifache Nacht: am Himmel Nacht, im Herzen<br /></span>
+<span class="i0">Tehemtens Nacht, und Nacht verl&ouml;schte Suhrabs Kerzen.<br /></span>
+<span class="i2">Ihn sah beim Sternenlicht der Vater, und erschreckt<br /></span>
+<span class="i0">Stand er, dann rief er aus, als er ihn zugedeckt:<br /></span>
+<span class="i2">Oft hab ich wol dem Tod ins Angesicht geschaut<br /></span>
+<span class="i0">In mancher Schlacht, und nie hat mir vor ihm gegraut.<br /></span>
+<span class="i2">Und sch&ouml;ner hab ich ihn, als hier im Angesicht<br /></span>
+<span class="i0">Des J&uuml;nglings nie gesehn, doch ohne Grauen nicht!<br /></span>
+<span class="i2">Weh, Rostem, dir! weh dir! mit deinem Heldenruhme<br /></span>
+<span class="i0">Kaufst du vom Tod zur&uuml;ck nicht diese Liebesblume.<br /></span>
+<span class="i2">Z&auml;l in Gedanken auf nur alle deine Taten!<br /></span>
+<span class="i0">Durch diese letzte hier sind alle schlecht geraten.<br /></span>
+<span class="i2">O ungl&uuml;ckseliger geliebter J&uuml;ngling du,<br /></span>
+<span class="i0">So ruhest du durch mich, und raubest mir die Ruh!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_248" id="page_248">248</a></span>
+<span class="i2">Dich hat von Kindheit an ein falscher Glanz entz&uuml;ndet;<br /></span>
+<span class="i0">Das, was von Rostems Ruhm dir das Ger&uuml;cht verk&uuml;ndet,<br /></span>
+<span class="i2">Das trieb zum Vater dich; dein Stolz und deine Lust,<br /></span>
+<span class="i0">Dein Leben wars, dein Tod, zu ruhn an seiner Brust.<br /></span>
+<span class="i2">Du hast mit Ungest&uuml;m dich an mein Herz gedr&auml;ngt;<br /></span>
+<span class="i0">Daf&uuml;r mit deinem Blut hab ich mein Erz getr&auml;nkt!<br /></span>
+<span class="i2">Ich habe dich als Feind bewundert und beneidet,<br /></span>
+<span class="i0">Und finde dich als Sohn, da&szlig; mirs das Herz durchschneidet.<br /></span>
+<span class="i2">Dazu ward meinem Leib die Jugendkraft erneut!<br /></span>
+<span class="i0">Doch unerneubar nun brach sie mit dir mir heut.<br /></span>
+<span class="i2">Durch dich den gr&ouml;&szlig;ten Schmerz, durch dich hab ich erlitten<br /></span>
+<span class="i0">Die gr&ouml;&szlig;te Schmach: erniedrigt hab ich mich zu bitten!<br /></span>
+<span class="i2">Zu bitten einen Schah, von dem ich war gewohnt,<br /></span>
+<span class="i0">Gebeten selbst zu sein, seitdem durch mich er thront.<br /></span>
+<span class="i2">Um dich dem&uuml;tigt ich die&szlig; stolze Haubt in Staub,<br /></span>
+<span class="i0">Und habe nicht dadurch dem Tod geraubt den Raub!<br /></span>
+<span class="i2">Das la&szlig; die S&uuml;hnung sein, o Sohn, f&uuml;r alle Kr&auml;nkung,<br /></span>
+<span class="i0">Die dir der Vater tat, nach unsrer Sterne Lenkung!<br /></span>
+<span class="i2">So wars verh&auml;ngt, da&szlig;, der sein Haupt im Himmel trug,<br /></span>
+<span class="i0">Es br&auml;cht in Staub dadurch, da&szlig; er sein Kind erschlug.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_249" id="page_249">249</a></span><a name="s_113" id="s_113"></a>113.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o klagt' er in der Nacht, und um ihn klagend sa&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Die F&uuml;rsten her, die heut den Schmaus der Nacht verga&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i2">Voll war von Tr&ouml;stungen der weisen Freunde Mund,<br /></span>
+<span class="i0">Vergebens, Rostem war um seinen Sohn herzwund.<br /></span>
+<span class="i2">Er hielt in seiner Hand die blutgenetzte Spange,<br /></span>
+<span class="i0">Und sprach zu ihr: Du kalte, glatte, gelbe Schlange!<br /></span>
+<span class="i2">Du hast mit deiner giftgen Heimlichkeit gestochen<br /></span>
+<span class="i0">Das Herz des Sohnes, und des Vaters Herz gebrochen.<br /></span>
+<span class="i2">Du selber brachest nicht; was hast du nicht gebrochen<br /></span>
+<span class="i0">Dein t&ouml;tlich Schweigen, und der Rettung Wort gesprochen?<br /></span>
+<span class="i2">Dem Vater kontest du, da&szlig; der sein Sohn sei, sagen!<br /></span>
+<span class="i0">Warum hat er versteckt im Busen dich getragen?<br /></span>
+<span class="i2">Warum antwortet ich nicht seinen Liebesfragen?<br /></span>
+<span class="i0">Nun mu&szlig; des Ungl&uuml;cks Schuld die arme Spange tragen!<br /></span>
+<span class="i2">Die Schuld tr&auml;gt mir der Rachs, der Rachs, der, als ich schlief<br /></span>
+<span class="i0">Dort m&uuml;de von der Jagd, sich im Geheg verlief,<br /></span>
+<span class="i2">Der von den T&uuml;rken dort sich fangen lie&szlig; und f&uuml;ren<br /></span>
+<span class="i0">Zur Stadt, wohin ich dann nachgieng, ihn aufzusp&uuml;ren.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_250" id="page_250">250</a></span>
+<span class="i2">O be&szlig;er w&auml;r ich nach Semengan nie gekommen!<br /></span>
+<span class="i0">Kein Leben h&auml;tt ich dir gegeben, noch genommen.<br /></span>
+<span class="i2">Nicht h&auml;tt ich in der Nacht mir dort antrauen la&szlig;en<br /></span>
+<span class="i0">Das bl&uuml;hnde Weib, um fr&uuml;h am Tag sie zu verla&szlig;en.<br /></span>
+<span class="i2">Warum von einem Sohn gab sie mir Nachricht nie?<br /></span>
+<span class="i0">Warum erkundigt ich mich nie um ihn und sie?<br /></span>
+<span class="i2">O Rachs, geritten sind wir damals nicht mit Gl&uuml;ck<br /></span>
+<span class="i0">Auf jene Jagd: die&szlig; Weh bracht ich als Fang zur&uuml;ck.<br /></span>
+<span class="i2">Drum wirst du niemehr auch mit fr&ouml;lichem Behagen<br /></span>
+<span class="i0">Deinen Reiter wie sonst zu Jagd und Schlachten tragen!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_251" id="page_251">251</a></span><a name="s_114" id="s_114"></a>114.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o klagt' er in der Nacht, da stieg der Tag empor;<br /></span>
+<span class="i0">Und Kawus selber kam mit seines Hofes Chor.<br /></span>
+<span class="i2">Dem Helden bracht er dar Entschuldigung und Trost;<br /></span>
+<span class="i0">K&uuml;hl aber war sein Wort, alswie des Morgens Frost:<br /></span>
+<span class="i2">Des Reiches Pehlewan! was sitzest du im Staub,<br /></span>
+<span class="i0">Dem Kummer untertan, und deines Leides Raub?<br /></span>
+<span class="i2">Ob auf der Erde Grund des Himmels Zelt du w&uuml;rfest,<br /></span>
+<span class="i0">Ob Feuer in den Mund der weiten Welt du w&uuml;rfest;<br /></span>
+<span class="i2">Du br&auml;chtest nicht vom Gang zur&uuml;ck einen Gegangnen,<br /></span>
+<span class="i0">Und kauftest von dem Fang nicht los einen Gefangnen.<br /></span>
+<span class="i2">Das Leben ist ein Wild, vom Tode stets gehetzt;<br /></span>
+<span class="i0">Schnell ist das Leben, doch schneller der Tod zuletzt.<br /></span>
+<span class="i2">Kein Starker ist so stark, so rasch ist nicht der Rasche,<br /></span>
+<span class="i0">Den &uuml;berw&auml;ltigend sein Tag nicht &uuml;berrasche.<br /></span>
+<span class="i2">Von ferne hab ich angestaunet diese Seule<br /></span>
+<span class="i0">Des Heeres, diese Brust und Schulter, diese Keule.<br /></span>
+<span class="i2">Ich sprach zu mir: An Art den T&uuml;rken gleicht er nicht;<br /></span>
+<span class="i0">Von Sabuls Heldenstamm den F&uuml;rsten weicht er nicht.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_252" id="page_252">252</a></span>
+<span class="i2">Was wu&szlig;t ich, da&szlig; er, Held, so nah dir sei verwandt,<br /></span>
+<span class="i0">Durch dich zu fallen hier, vom Schicksal hergesandt!<br /></span>
+<span class="i2">Mein Lebensbalsam nun vermag ihn nicht zu heilen;<br /></span>
+<span class="i0">Doch edle Spezerein will ich der Leich erteilen.<br /></span>
+<span class="i2">Ich ordne selbst die Pracht der Totenfeier an,<br /></span>
+<span class="i0">Zu ehren ihn und dich, des Reiches Pehlewan!<br /></span>
+<span class="i2">Sein Grab will ich aus Gold und schwarzem Marmor baun;<br /></span>
+<span class="i0">Nun la&szlig; das Antlitz mich des toten Helden schaun!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_253" id="page_253">253</a></span><a name="s_115" id="s_115"></a>115.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">E</span>r sprachs, und r&uuml;hrete der Totendecke Rand;<br /></span>
+<span class="i0">Doch Rostem deckte schwer auf seinen Sohn die Hand,<br /></span>
+<span class="i2">Und sprach, zum K&ouml;nig nicht erhebend sein Gesicht:<br /></span>
+<span class="i0">Der K&ouml;nig Keikawus sieht Rostems Jammer nicht!<br /></span>
+<span class="i2">Herr K&ouml;nig, geht nach Haus! aus ist hier Kampf und Schmaus;<br /></span>
+<span class="i0">Des Sohnes Leichenfeir richt ich nun selber aus.<br /></span>
+<span class="i2">Geschlichtet mit dem Heer der T&uuml;rken ist mein Streit;<br /></span>
+<span class="i0">Ich gebe bis zur Grenz ihm sicheres Geleit,<br /></span>
+<span class="i2">Auf Suhrabs Bitte, der darum mich sterbend bat,<br /></span>
+<span class="i0">Weil nur das ganze Heer f&uuml;r ihn die Fart antrat.<br /></span>
+<span class="i2">Von diesem Geiste war allein das Heer beseelt,<br /></span>
+<span class="i0">Und ist ein toter Leib, da dieser Geist ihm fehlt.<br /></span>
+<span class="i2">Genommen hab ich ihm den Geist mit dieser Hand;<br /></span>
+<span class="i0">Nun geb ich alle frei, der eine bleibt mein Pfand.<br /></span>
+<span class="i2">Keikawus, geh nach Haus, in Istachar zu sagen,<br /></span>
+<span class="i0">Wie leichten gro&szlig;en Sieg du hier davongetragen:<br /></span>
+<span class="i2">Geschlagen sei ein Heer, weil ich den Sohn erschlagen!<br /></span>
+<span class="i0">Geht alle heim, und la&szlig;t mich meinen Sohn beklagen!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_254" id="page_254">254</a></span>
+<span class="i2">Er sprachs, und schwieg, und nicht erhob er sein Gesicht;<br /></span>
+<span class="i0">Er blickt' auf seine Leich, und hielt die Decke dicht.<br /></span>
+<span class="i2">Keikawus sprach: Was er verordnet, sei getan;<br /></span>
+<span class="i0">Mich schmerzt in seinem Schmerz des Reiches Pehlewan.<br /></span>
+<span class="i2">Ihr alle folget mir, Heerf&uuml;rsten gro&szlig; und klein!<br /></span>
+<span class="i0">Den Rostem la&szlig;en wir mit seinem Schmerz allein.<br /></span>
+<span class="i2">Der K&ouml;nig sprachs, und gieng, und alle folgten nach,<br /></span>
+<span class="i0">Und Rostem blieb allein mit seinem Weh und Ach.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_255" id="page_255">255</a></span><a name="s_116" id="s_116"></a>116.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">I</span>ns Lager zog das Heer, und ab ward Zelt um Zelt<br /></span>
+<span class="i0">Gebrochen schnell, als gieng in Tr&uuml;mmer eine Welt.<br /></span>
+<span class="i2">Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,<br /></span>
+<span class="i0">Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.<br /></span>
+<span class="i2">Sie furen heimw&auml;rts nun, doch traurig, ihre Bahn,<br /></span>
+<span class="i0">Denn ihnen fehlete des Reiches Pehlewan.<br /></span>
+<span class="i2">Doch Rostem richtete sich auf von seinem Sohn,<br /></span>
+<span class="i0">Und sah das Heer im Zug, und leer das Lager schon.<br /></span>
+<span class="i2">Von allen Zelten stand nur noch sein gr&uuml;nes da,<br /></span>
+<span class="i0">Hochragend, und umher die niedrigern ihm nah<br /></span>
+<span class="i2">Von seiner Sabulschar; die ordnete Sewar,<br /></span>
+<span class="i0">Sein Bruder, dort, dann stellt' er selber ihm sich dar.<br /></span>
+<span class="i2">Tehemten sprach zu ihm: So ist der Kampf geschieden!<br /></span>
+<span class="i0">Geh hin ans T&uuml;rkenheer, Sewar, und bring ihm Frieden!<br /></span>
+<span class="i2">Zuerst r&auml;um ein die Burg dort oben dem Hedschir;<br /></span>
+<span class="i0">Sag ihm: Die schenkt Suhrab f&uuml;r treue Dienste dir!<br /></span>
+<span class="i2">Dann sprich zu Baruman: Auch dich zum Lohn der Treue<br /></span>
+<span class="i0">Entl&auml;&szlig;t Suhrab, damit Afrasiab sich freue!<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_256" id="page_256">256</a></span>
+<span class="i2">Du selbst, o Bruder, gibst dem T&uuml;rken das Geleit,<br /></span>
+<span class="i0">Bis er die Grenz erreicht, sie ist von da nicht weit.<br /></span>
+<span class="i2">Dann wende dich von ihm links auf Semengan zu,<br /></span>
+<span class="i0">Und an Tehmina dort die Spang hier bringe du!<br /></span>
+<span class="i2">Verwische nicht daran von Suhrabs Blut die Spur!<br /></span>
+<span class="i0">Es ist das einzige, was von ihm heimwerts fur.<br /></span>
+<span class="i2">Nim auch sein Waffenkleid, sein Ross und Kriegsgeschmeid,<br /></span>
+<span class="i0">Und gib ihrs, da&szlig; sie sich ers&auml;ttige am Leid!<br /></span>
+<span class="i2">Sie wird des Rosses Huf an ihren Busen dr&uuml;cken,<br /></span>
+<span class="i0">Das Schwert (entwind es ihr!) nach ihrem Herzen z&uuml;cken.<br /></span>
+<span class="i2">Die H&auml;nde ringen wird sie und das Haar zerraufen,<br /></span>
+<span class="i0">Blut weinen, und das Blut des Sohnes nicht erkaufen.<br /></span>
+<span class="i2">Vom Vater ihren Sohn wird sie zur&uuml;ckverlangen,<br /></span>
+<span class="i0">Und klagen, da&szlig; sie nicht einmal die Leich empfangen.<br /></span>
+<span class="i2">Zu Boden wird sie sich, ins Wa&szlig;er, auf das Feuer<br /></span>
+<span class="i0">Sich werfen, und es dient nicht ihrem Weh zum Steuer.<br /></span>
+<span class="i2">Dann sag ihr das zum Trost, wie du mich hast gesehn:<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; sie nicht mein', ihr sei das Leid allein geschehn!<br /></span>
+<span class="i2">Dann kehre schnell! hier wart ich dein bei Tag und Nacht;<br /></span>
+<span class="i0">Damit uns dieser dann nach Sabul sei gebracht!<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_257" id="page_257">257</a></span><a name="s_117" id="s_117"></a>117.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach er, und Sewar gieng an die Sendung schnell;<br /></span>
+<span class="i0">Doch Rostem rief: Schafft mir das gr&uuml;ne Zelt zur Stell!<br /></span>
+<span class="i2">Ich geh nicht hier vom Ort, wo ich den Sohn erschlagen;<br /></span>
+<span class="i0">Doch &uuml;ber ihn im Tod soll auch mein Heerzelt ragen.<br /></span>
+<span class="i2">So rief er, und geschwind ward von der Sabulschar<br /></span>
+<span class="i0">Das gr&uuml;ne Heerzelt aufgespannt, wo Suhrab war.<br /></span>
+<span class="i2">Der Vater lie&szlig; sodann in edle Spezereien<br /></span>
+<span class="i0">Ihn legen, da&szlig; bewart die sch&ouml;nen Glieder seien.<br /></span>
+<span class="i2">Wie eine Rose, die den ganzen Stock geschm&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i0">Im Morgenthau am Stiel vom G&auml;rtner abgepfl&uuml;ckt,<br /></span>
+<span class="i2">Damit sie bleibe frisch, ins Wa&szlig;er wird gesteckt;<br /></span>
+<span class="i0">So bl&uuml;hend lebensgleich lag er vom Tod gestreckt.<br /></span>
+<span class="i2">Auf Purpur und Brokat lag er in Gold und Seide;<br /></span>
+<span class="i0">So schm&uuml;ckt' ihn sich zur Lust der Vater und zum Leide.<br /></span>
+<span class="i2">Dann aber ordnet' er die Totenfeier an,<br /></span>
+<span class="i0">Und feierlich im Zug zog Sabuls Heer heran.<br /></span>
+<span class="i2">Sie zogen, Ross und Mann, am gr&uuml;nen Zelt vorbei,<br /></span>
+<span class="i0">Im Krei&szlig; umher, mit Feldmusik und Feldgeschrei.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_258" id="page_258">258</a></span>
+<span class="i2">Den Rossen aber war geschoren M&auml;hn und Schweif,<br /></span>
+<span class="i0">Und an den Pauken abgespannt der ehrne Reif;<br /></span>
+<span class="i2">Die Bogen ohne Senn, und alle Spitzen stumpf:<br /></span>
+<span class="i0">So zogen sie, und all die Pauken schollen dumpf.<br /></span>
+<span class="i2">Dreimal an jedem Tag, am Morgen, um die Mitte<br /></span>
+<span class="i0">Des Tags, und vor der Nacht, pflogen sie dieser Sitte.<br /></span>
+<span class="i2">Rostem auf seinem Rachs ritt nicht dem Zug voran;<br /></span>
+<span class="i0">Bei seinem Sohne sa&szlig; im Zelt der Pehlewan.<br /></span>
+<span class="i2">Doch jeden Morgen sprach er da: Suhrab, mein Sohn!<br /></span>
+<span class="i0">H&ouml;rst du den Kriegsheerton, und wachst nicht auf davon?<br /></span>
+<span class="i2">Und jeden Abend dann sprach er: Mein Sohn Suhrab!<br /></span>
+<span class="i0">Die Sonne geht hinab, und du gehst in dein Grab.<br /></span>
+<span class="i2">Als er zum neuntenmal um sein erloschnes Gl&uuml;ck<br /></span>
+<span class="i0">Am Abend trauerte, kehrt' ihm Sewar zur&uuml;ck.<br /></span>
+</div>
+
+<hr />
+
+<h3><span class="pagenum"><a name="page_259" id="page_259">259</a></span><a name="s_118" id="s_118"></a>118.</h3>
+
+<div class="stanza">
+<span class="i2"><span class="initial">U</span>nd als vom Schlaf der Nacht war neu das Heer erwacht,<br /></span>
+<span class="i0">Sprach Rostem, der verwacht bei seinem Sohn die Nacht:<br /></span>
+<span class="i2">Sewar, mein Bruder! jetzt brecht &uuml;berm Haupt mir ab<br /></span>
+<span class="i0">Das gr&uuml;ne Zelt, und nehmt von mir hinweg Suhrab!<br /></span>
+<span class="i2">Bringt ihn nach Sabul in die Gruft, in der ich wollte<br /></span>
+<span class="i0">Gern schlafen, wenn ich ihn damit erwecken sollte.<br /></span>
+<span class="i2">Sag unsrer Mutter dort, der alternden Rudabe,<br /></span>
+<span class="i0">Die oft gew&uuml;nscht, von mir w&uuml;rd ihr ein Enkelknabe:<br /></span>
+<span class="i2">Hier schick ich einen ihr, so sch&ouml;n, wie sie ihn nur<br /></span>
+<span class="i0">Gew&uuml;nscht; von einem Fehl an ihm ist keine Spur,<br /></span>
+<span class="i2">Nur da&szlig; des Vaters Dolch fehl gieng in seine Brust:<br /></span>
+<span class="i0">Verdorben hat der Sohn am Enkel ihr die Lust.<br /></span>
+<span class="i2">Ihr geht! ich bleibe hier; fragt nicht warum! was mir<br /></span>
+<span class="i0">Begegne, fragt nur nicht! doch la&szlig;t den Rachs mir hier!<br /></span>
+<span class="i2">Gr&uuml;&szlig; alle Mannen dort, das ganze Volk und Land;<br /></span>
+<span class="i0">Sewar, das alles geb ich nun in deine Hand.<br /></span>
+<span class="i2">Der Mutter wag ich nicht zu sehn ins Angesicht,<br /></span>
+<span class="i0">Und keinem Menschen dort; nach Sabul kann ich nicht.<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="page_260" id="page_260">260</a></span>
+<span class="i2">Umtummeln mu&szlig; ich hier mich etwas in der Oede,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich den Schmerz in mir, den grimmen Drachen, t&ouml;de.<br /></span>
+<span class="i2">Das ist das kleinste nicht der Rostemsabenteuer,<br /></span>
+<span class="i0">Denn grimmig ist der Drach, und speiet Gift und Feuer.<br /></span>
+<span class="i2">Nun Gl&uuml;ck zur Fart nach Haus! und la&szlig;ts euch nicht beschweren,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich euch f&uuml;rt' heraus, und la&szlig; euch so r&uuml;ckkehren!<br /></span>
+<span class="i2">Lebt alle wol! wenn man daheim von Rostem spricht,<br /></span>
+<span class="i0">Und fragt, wohin er kam? so sagt, ihr wi&szlig;t es nicht.<br /></span>
+</div></div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 200px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em">
+<img src="images/deco_ende.png" width="200" height="21" alt="Schluss-Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<div class="ppnote">
+<p>Anmerkungen zur Transkription:</p>
+
+<p>Die Rechtschreibung des Vorlagentextes wurde beibehalten, ebenso unterschiedliche Schreibweisen, wie Speer/Sper, thun/tun, wohl/wol etc.</p>
+
+<p>&Auml;nderungen:<br />
+<a href="#s_16">Strophe 16</a>: nach &bdquo;der glaubt wol dem Ger&uuml;chte&ldquo; wurde ein Komma erg&auml;nzt<br />
+<a href="#s_32">Strophe 32</a>: nach &bdquo;bringt mein Kind zur&uuml;ck?&ldquo; wurde ein &ldquo; erg&auml;nzt<br />
+<a href="#s_40">Strophe 40</a>: nach &bdquo;umschweifen in den Landen&ldquo; wurde ein Punkt erg&auml;nzt<br />
+<a href="#s_53">Strophe 53</a>: nach &bdquo;und giengen auch davon&ldquo; wurde ein Punkt erg&auml;nzt<br />
+<a href="#s_71">Strophe 71</a>: &bdquo;einen solchen Art&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;einen solcher Art&ldquo;<br />
+<a href="#s_94">Strophe 94</a>: nach &bdquo;Nun lebe l&auml;nger noch&ldquo; wurde ein Komma erg&auml;nzt<br />
+<a href="#s_110">Strophe 110</a>: nach &bdquo;Wie eine Reiterschaar&ldquo; wurde ein Komma erg&auml;nzt</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB ***
+
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+
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+
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+works.
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+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
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+this eBook outside of the United States should confirm copyright
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