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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:57:41 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Rostem und Suhrab + Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern + +Author: Friedrich Rückert + +Release Date: May 22, 2010 [EBook #32481] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB *** + + + + +Produced by Karl Eichwalder, Wolfgang Menges and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + + + Rostem und Suhrab. + + Eine Heldengeschichte + in zwölf Büchern + + von + + Friedrich Rückert. + + + Zweite Auflage. + + + [Illustration: Verlags-Signet] + + + Stuttgart. + Verlag von S. G. Liesching. + 1846. + + Druck von J. Kreuzer in Stuttgart. + + + + + Erstes Buch. + + + 1. + + Laß aus dem Königsbuch der Perser dir berichten + Von Rostem und Suhrab die schönste der Geschichten, + Von Heldenruhm, wie leicht er Frauenlieb erwarb, + Und wie der eigne Sohn, erlegt vom Vater, starb! + Held Rostem sprach, als er am Morgen war erwacht: + Auch heute hab ich nicht zu reiten in die Schlacht. + Afrasiab, der Fürst von Turan, läßet ruhn + Die Waffen, friedlich blüht das Reich von Iran nun; + Doch in der Friedensruh was soll ich selber thun? + Da rüstet' er sich schnell zur Jagd, er band in Eile + Den Gürtel fest, und hieng den Köcher um voll Pfeile. + Den Bogen prüft' er, ob er nicht die Kraft verlor; + Dann zog er aus dem Stall den edlen Hengst hervor. + Dem war die Weile dort wie seinem Herren lang; + Er wieherte vor Lust, als er ihn setzt' in Gang. + Er schwang sich auf den Rachs, und sagte nicht ein Wort + Den Seinigen im Haus, in Eile ritt er fort. + Der Mark von Turan zu wandt er sein lockig Haupt, + Alswie ein Löwe, der nach seiner Beute schnaubt. + Wie zu der Turanmark er hingekommen war, + Die Haide nam er da voll wilder Elke war. + Wie eine Rose war erblüht des Helden Wange + Vor Lust, er tummelte den Rachs mit raschem Gange. + Mit Pfeil und Bogen bald, mit Keul und Fangeschnur, + Ein Dutzend Stücke warf er nieder auf die Flur. + Aus Dornen und Gesträuch und manchem Baumesast + Entzündet' er darauf ein Feur von starkem Glast. + Und als zu Kolenglut war eingebrant die Flamm, + Erkor der Recke sich zum Bratspieß einen Stamm. + Der Elke feistesten steckt' er an diesen Baum, + Der wog in seiner Hand nicht eines Vogels Flaum. + Er drehte wohl den Spieß, daß fein der Braten briete + Auf allen Seiten gleich, und nirgend ihm misriete. + Und als er gaar nun war, nam er ihn vor, und saß + Am grünen Boden hin mit guter Lust und aß, + Wobei er auch das Mark im Knochen nicht vergaß. + Gesättigt, schritt er nun hin wo ein Waßer lief, + Zur Gnüge trank er auch, dann legt' er sich und schlief. + Am Rand des Baches lag der Held, den heißen Tag + Ausschlafend, und sein Ross gieng weidend frei im Hag. + + + 2. + + Als Rostem lag und schlief, und an sein Ross nicht dachte, + Da kamen Türken her, ein sieben oder achte. + Die sahn ein edles Ross frei weiden in dem Bann + Von Turan, und zu sehn zum Rosse war kein Mann. + Worauf sie sich alsbald das Ross zu fangen schickten: + Sie hättens nicht gewagt, wo sie den Mann erblickten! + Da kamen sie dem Rachs mit ihrer Fangschnur nah; + Aufschnaubt' er wie ein Leu, da er die Fangschnur sah. + Nicht wollte sich der Rachs geduldig laßen fangen, + Es wäre schlimm zuvor erst einigen ergangen. + Den Kopf vom Rumpfe riß dem einen sein Gebiß; + Derweil ein Hufschlag zwei zu Boden hinten schmiß. + Der kühnen Türken so getödtet lagen drei, + Das kriegerische Ross war noch von Banden frei. + Doch unverdroßen stürmt herbei der andre Tross, + Und warfen übers Haupt mit Müh die Schnur dem Ross. + Gebändigt führen sies zur nahen Stadt in Eil, + Es wär um vieles Gold ihr Fang nicht ihnen feil. + Es sei von hoher Art, ersahn sie an den Zeichen; + Jedweder wollte Teil am edlen Hengst erreichen. + Sie fürchteten, der Raub werd ihnen bald entführt, + Nicht lange bliebe solch ein Schatz unaufgespürt. + Da brachten sie geschwind ihn zu der Stuterei, + Daß seines Samens doch teilhaftig jeder sei. + Ich hörte, daß er dort auf zwanzig Stuten sprang, + Die alle seiner Wucht erlagen beim Empfang. + Und nur von einer ward getragen Leibesfrucht; + Zu Großem war bestimmt das Folen edler Zucht. + + + 3. + + Doch Rostem, wie er dort von seinem Schlaf erwachte, + Das erste war sein Ross, an das er wieder dachte. + Er blickt' umher, und sah sein Ross nichtmer im Hag; + Verlaufen hatt es ihm sich nie vor diesem Tag. + Laut rief er ihm; sonst kams auf leisen Ruf herbei; + Nun kam es nicht; da sprang er auf mit lautem Schrei. + Er suchte rings im Hag, er spähte durch die Flur, + Von seinem Rosse fand er hier und dort die Spur, + Es selber fand er nicht, und rief: O weh! verloren + Hab ich, derweil ich schlief, mein Ross gleich einem Toren. + Was soll ich ohne Ross mit dieser Rüstung thun? + Des Rittes lang gewohnt, geh ich zu Fuße nun? + Was werden Türken, wenn sie mir begegnen, sagen, + Daß ich den Sattel muß, statt mich der Sattel, tragen? + Verlaufen hat sichs nicht, das ist nicht seine Art; + Nun desto schlimmer, wenn es mir gestolen ward! + Doch lang bleibt nicht der Rachs des Rostem unbekant; + Auffinden werd ich ihn, der mir den Rachs entwandt! + Kam wol, derweil ich schlief, ein ganzes Türkenheer? + Denn einem einzgen ist der Rachs zu fangen schwer. + Doch den Gedanken ist vergebens nachzuhangen; + Auf, rüste dich zum Gang, weil dir dein Ross entgangen! + So sprach er unmutsvoll, und schwieg, und schaute stumm + Noch eine Weile sich nach seinem Rösslein um; + Denn immer dacht er noch, es müßte wieder kommen: + Wer auf der Welt sollt ihm haben den Rachs genommen? + Als aber doch der Rachs nicht wiederkommen wollte, + Macht' er sich endlich an den sauren Gang, und grollte. + Mit Waffen und Geschirr belud er sich, und sprach + Noch viel mit sich, indem er gieng den Spuren nach. + Die Spuren leiteten zur Stadt Semengan ihn, + Die dort im Abendstral zu ihm herüber schien. + + + 4. + + Er sprach: Das ist die Stadt, in der ein König sitzt, + Der es mit Turan jetzt und hält mit Iran itzt, + Der wie die Wage schwank sich nach der Seite neigt, + Wo sich ein Perser hier und dort ein Türke zeigt. + Den Rostem kennen sie, wenn er zu Pferde steigt! + Doch fehlt mir ja der Rachs, daß ich zu Pferde steige! + Ob ich zu Fuße denn mich in Semengan zeige? + Ich geh in ihre Stadt zu Fuß mit meinen Waffen, + Und seh, ob meinen Rachs sie dort mir wieder schaffen! + Ich sag es ihnen gleich, daß sie ihn schaffen sollen, + Und denke nicht, daß sie ihn vorenthalten wollen! + Ich werb um Gastherberg in dieser Stadt der Grenzen, + Und sehe, was beim Schmaus dem Rostem sie kredenzen! + So sprach er unterm Gehn, doch aus den Augen ließ + Er nie dabei die Spur, die sich am Boden wies; + Bis die in Schilf und Rohr am Fluße sich verlor; + Da ließ er sie, und gieng grad auf Semengans Tor. + Nun in Semengan ward dem König angesagt: + Held Rostem kommt, er hat im Türkenforst gejagt. + Zu Fuße geht einher die lichte Kronenzier, + Weil ihm entlaufen ist der Rachs im Jagdrevier. + Der König, wie er dieß vernam, war er geschürzt, + Daßnicht ein solcher Gast an Ehren sei verkürzt. + Da zogen aufs Gebot des Königs alle Degen, + Die Edlen all des Hofs, dem Edelsten entgegen. + Entgegen zog ihm, wer aufs Haupt nur einen Helm + Zu setzen hatt, und wer zurückblieb, war ein Schelm. + Sie reihten feierlich sich um den Heldenglanz, + Wie um der Sonne Haupt der Abendwolke Kranz. + So führten sie zur Stadt das Licht der Ehren ein, + Als eben über ihr erlosch des Tages Schein. + + + 5. + + Der König trat zu Fuß hervor aus dem Palast, + Der Hofstaat um ihn her, entgegen seinem Gast. + Er grüßt' und neigte sich: Woher durch Wald und Feld, + Und kein Begleiter ist mit dir, o Kampfesheld? + Hast du den Tag vollbracht mit Jagd im Jagdrevier, + Und suchest nun zur Nacht bei Freunden Nachtquartier? + Wir alle sind hier nur auf deinen Wunsch bedacht, + Und zu Befehle steht Semengan deiner Macht. + Die Leben stehen dir und Güter zu Befehle; + Die Edeln, Edelster, sind dein mit Leib und Seele. + Was wünschest du? es soll geschehen, o Pehlewan! + Gebeut, was wir dir thun, und denk, es sei gethan! + Held Rostem hörte gern die Rede sanft und zahm, + Wol merkt' er, ihnen sei die Hand zum Bösen lahm. + Er sprach: Abhanden kam der Rachs mir auf der Flur, + Und hier bis an die Stadt geht seiner Tritte Spur. + Wenn du mir diese Nacht ihn wieder schaffen kannst, + So wiße, daß du Dank von mir und Preis gewannst. + Doch wenn ihr mir den Rachs nicht werdet wieder schaffen, + So sollen durch mein Schwert hier breite Wunden klaffen. + Der König sprach erschreckt: Held ohne Furcht und Zagen, + Wer dürfte wol den Rachs dir zu entwenden wagen? + Sei du mein Gast, laß dir den Ehrenbecher spenden + In Frieden, und nach Wunsch wird sich die Sache wenden. + Von Rostems Rosse bleibt die Fährte nicht verborgen; + Wir schaffen dir den Rachs; gedulde dich bis morgen! + Mit ungestümer Hast gelangt man nicht zum Fange; + Mit sanften Worten lockt man aus dem Loch die Schlange. + Drum sänfte deinen Zorn, kehr ein, und laß beim Wein + Mit Herzen sorgenfrei die Nacht uns fröhlich sein! + Wir bringen dir den Rachs, o tapfrer Kampfgesell, + Wir bringen ihn, bevor der Morgen tagt, zur Stell; + Uns sei die Hall indes vom Licht des Weines hell! + + + 6. + + Der Löwenmutige ward dieser Rede froh, + Davon aus seiner Brust so Groll als Unmut floh. + Es dünkt' ihm gut, daß er zum Königshause gienge, + Als wolgemuter Gast zu Fest und Schmause gienge. + Ihm gab den Ehrensitz der König im Palast, + Auf Füßen dienstbereit stand er vor seinem Gast. + Die Häupter aus der Stadt, die Häupter aus dem Heer, + Berief und pflanzt' er beim Gelag um Rostem her. + Den Köchen er befal, von allen guten Dingen + Gerichte zu der Wal des Helden herzubringen. + Da ward hereingebracht ein ausgesuchtes Mal, + Der Silberschüßeln Pracht und goldner Schaalen Zal; + Aus China war beim Fest chinesischer Pokal. + In diesem ward kredenzt Wein unter Lautentönen + Von rosenwangigen gasellenaugigen Schönen. + Sie mengten Saitenspiel und Wein mit Schmeichelei, + Damit nicht ungemut der Hochgemute sei. + Er hörte seine Lust, und schaute sein Vergnügen, + Und trank den frohen Mut dazu in langen Zügen. + Mit allen Sinnen so schöpft' er des Festes Wonne, + Ihm stralte sein Gesicht bei Nacht wie eine Sonne. + Und allen, welche da das helle Angesicht + Des Helden leuchten sahn, wards in der Seele licht. + Die Becher ließ er nicht die ungetrunknen säumen; + Und als er trunken war, dacht er den Sitz zu räumen. + Da war bereit für ihn, gewölbet kühl und luftig, + Ein Schlafgemach, von Musk und Rosenwaßer duftig. + Im kühlen Schlafgemach verschlief auf seidnen Decken + So Müdigkeit als Rausch Rostem, der Feinde Schrecken. + + + 7. + + Um Mitternacht, wenn sich des Poles Wagen drehn, + Ward leises Wort gesagt bei leiser Tritte Gehn. + Geräuschlos aufgetan ward Rostems Ruhgemach, + Mit Staunen ward der Held beim Glanz von Fackeln wach. + Tehmina stand vor ihm, bestralt von Stein und Gold, + Die Königstochter von Semengan wunderhold. + Ihr standen beiderseits mit Fackeln Dienerinnen; + Sie stralte hell vom Glanz der Fackeln und der Minnen. + Der Reiz der Jugend war in den der Scham getaucht, + Der Wangen Lilien von Rosen überhaucht. + Doch im Rubinenschloß des Mundes lag bewart + Geheimnis liebliches, für diese Nacht gespart. + Er richtete sich auf, und staunte lang und tief, + Indem er Preis ob ihr und ihrem Schöpfer rief. + Er fragte sie und sprach: Wie, Holde, nennst du dich? + Und was in finstrer Nacht zu suchen kommst du, sprich! + Zur Antwort gab sie ihm: Tehmina ist mein Name, + Gespalten ist mein Herz von einem tiefen Grame. + Ich bin des Schahes von Semengan einzig Kind, + Von Kindheit auf, im Lauf, der Neid von Hirsch und Hind; + Sie holen mich nicht ein, mich holt nicht ein der Wind. + Allein die Sehnsucht kam mich heimlich einzuholen, + Die führt mit diesem Gram mich her zu dir verstolen. + Wie eine Wundersag hab ich aus jedem Munde + Gehört zu jeder Stund, an jedem Ort die Kunde, + Wie du so tapfer bist, und trägest keine Scheu + Vor Tiger, Elefant und Krokodil und Leu. + Du schirmest ganz allein Iran mit deiner Kraft, + Und Turan zittert, wenn sich rührt dein Lanzenschaft. + Du reitest ganz allein bei Nacht in Turan ein, + Und streifest dort umher, und schläfest dort allein. + Dergleichen Kunde ward mir vom Gerücht vertraut; + Lang wünscht ich dich zu sehn, heut hab ich dich geschaut. + Wenn du zu Weibe mich begehrst, bin ich dein Weib; + Nie Mond- noch Sonnestral berührte diesen Leib. + Vom Schleier meiner Zucht erwuchs ich tief umfangen; + Den Zügel der Vernunft entzog mir dieß Verlangen: + Ich bitte Gott, von dir zu tragen einen Sproß, + Der einst, an Kraft dir gleich, beherrsche dieses Schloß. + Zur Mitgift will ich jetzt, o Held, dieß Schloß dir bringen, + Zur Morgengab alsdann, Rostem, dein Ross dir bringen! + + + 8. + + So endet' ihren Gruß das Mondglanzangesicht; + Der Löwenkühne hört' aufmerksam den Bericht. + Wie sie der Held so schön, so perlgleich sie sah, + An Sinn so hoch und an Verstand so reich sie sah, + Und daß sie noch dazu vom Rachs ihm gab die Kunde; + Von lauter Frölichkeit sah er erfüllt die Stunde. + Er rief die wandelnde Zipress' an sich heran; + Hold tauschte Blick und Wort mit ihr der Pehlewan. + Er rief ins Vorgemach, daß einen der Mobeden + Sie brächten ihm herbei, der wüßte wol zu reden. + Den sendet' er alsbald, den Weisen tugendvoll, + Daß er die Tochter ihm vom Vater fordern soll. + Der Wolverständige, dahin zum Schahe schritt er, + Und that die Werbung kund von Irans edlem Ritter. + Der Schah ward freudenvoll, da dieser Gruß erscholl; + Er fühlte, wie sein Herz von hohem Mute schwoll. + Er richtete sich stolz, der Zeder gleich, empor; + Das Band mit Rostem kam ihm wert und theuer vor. + Dem Ritter in der Nacht gab er der Tochter Hand; + Und wie die Kund erscholl, war Freud in Stadt und Land. + Von Freuden war erwacht ein Aufruhr in der Nacht, + Zu Rostem sei als Braut des Königs Kind gebracht. + Da war der Jubel laut die ganze Nacht ums Schloß, + Wo seine holde Braut der starke Held umschloß. + Still tauschte drin das Paar die Lust der Seelen aus, + Und draußen ließ die Schaar die Kraft der Kehlen aus: + »Daß dieser neue Mond lang dein Behagen sei! + Daß deiner Feinde Haupt ewig geschlagen sei! + Aus diesem Bunde müß ein Heldensproß entspringen, + Der mög an Tapferkeit mit seinem Vater ringen!« + Sie meinten ihr Gebet zum Segen und zum Heil, + Der Himmel aber nam es an zum Gegenteil. + + + 9. + + Nach kurzer Freudennacht als an der Morgen brach, + Wand aus Tehminas Arm sich Rostem los, und sprach, + Indem vom Arm er nam ein goldenes Gespang, + Von dem erschollen war der Ruhm die Welt entlang; + Sie glaubten, daß daran sei Rostems Heil gebunden, + Und unverletzlich sei, wen dieses Band umwunden: + Das gab er ihr und sprach: Liebtraute! dieß bewar! + Wenn eine Tochter dir nun bringen wird das Jahr, + So nimm dieß Goldgespang, und schling es ihr ins Haar! + Als welterleuchtenden Glückstern soll sie es tragen, + Der ihr soll und der Welt von ihrem Vater sagen. + Wenn aber einen Sohn dir die Gestirne reichen, + So bind ihm um den Arm, wie ich es trug, das Zeichen. + Des Vaters Zeichen sei an seinem Arm bewart, + Und wachsen wird er selbst nach seines Vaters Art. + Gleich seiner Ahnen Stamm wird der aus Heldensamen + Erzeugte sein, es bleibt nicht ungenant sein Namen. + Ist er erwachsen, send ihn mir nach Iran zu! + Nun aber naht der Tag, ich geh, wol lebe du! + Zum Abschied faßt' er sie an seine starke Brust, + Auf Aug und Haupt gab er ihr manchen Kuss voll Lust. + Mit Weinen wandte sich von ihm die zarte Braut; + Sie ward nach kurzer Lust mit langem Weh vertraut. + Zu Rostem aber kam der König hochgemut, + Den Eidam fragt' er da, wie er die Nacht geruht? + Ihm gab er Kunde dann vom Rachs, er sei gefunden; + Und aller Sorgen war das Heldenherz entbunden, + Er gieng, und streichelt' ihn und sattelt' ihn sogleich, + Dann von Semengan ritt er froh und freudenreich. + Gen Sistan auf dem Rachs als wie ein Wind er flog, + Indem er die Geschicht in seinem Sinn erwog. + Von Sistan ritt er heim nach Sabulistan gar, + Und keinem sagt' er dort, was ihm begegnet war. + + + + + Zweites Buch. + + + 10. + + Neun Monde waren schon Tehminen hingegangen, + Als sie gebar den Sohn wie eines Mondes Prangen. + Die Mutter sah ihn an mit Lust und schmerzenreich, + Er war in jedem Zug wol seinem Vater gleich. + Sie nannte Suhrab ihn, und nam ihn an die Brust; + Das Kind war auf der Welt nun ihre einzge Lust. + So zärtlich pflegte sein die Mutter, die ihn nährte, + Daß keines Dinges er zu keiner Stund entbehrte. + Der Knabe weinte nie; er hatte neugeboren + Gelächelt schon, als sei er nicht zum Weh geboren. + Er wuchs so wunderbar: als er ein Monat war, + Da war er anzusehn, alsob er wär ein Jahr. + Drei Jahr alt, ließ er schon zur Rennbahn sich gelüsten, + Im fünften sah man ihn zum Löwenkampf sich rüsten. + Wie er zehn Jahr alt war, da war im ganzen Land + Nun kein gestandner Mann, der ihm zum Kampfe stand. + Von Leib ein Elefant, von Wangen Milch und Blut, + Rasch wie ein Hirsch gewandt, im Auge dunkle Glut, + Von Wuchse schlank, die Brust gewölbt von hohem Mut. + Zwei Arme schwang er um sich her den Keulen gleich, + Und unten standen fest zwei Füße Seulen gleich. + Wo er im Ringspiel rang, wo er den Schlägel schlug, + War keiner der davon den Ball des Sieges trug. + Er gieng zur Löwenjagd, da ward der Löw ein Fuchs; + Die Zeder rüttelt' er, sie bog sich wie ein Buchs. + Windfüßigem Renner rannt er sturmgeflügelt nach, + Beim Schweif ergriff er ihn, der Renner stand gemach. + Es war alsob zum Kampf die Welt er fordern wollte, + Alsob er selbst bestehn den eignen Vater sollte. + + + 11. + + Zu seiner Mutter kam der Knabe, sie zu fragen: + Verwegen sprach er da: Mutter, du sollst mir sagen! + Denn unter meinen Spielgenoßen rag ich hoch + Hervor, mein Haupt empor zum Himmel trag ich hoch. + Wes Samens, welches Stamms ich bin, will ich erkennen; + Wenn nach dem Vater man mich fragt, wen soll ich nennen? + Wirst du mir Antwort nicht auf diese Frage geben, + Am Leben bleib ich nicht, und du bleibst nicht am Leben! + Die Mutter, da sie dieß vom jungen Pehlewan + Vernommen, sah zugleich mit Stolz und Furcht ihn an: + Er war entwachsen ihr, und nicht mehr untertan. + Sie faßte sich und sprach begütigend: Vernimm + Ein Wort, des freue dich, und laße deinen Grimm! + Du bist des Rostem Kind, des Perserpehlewanen, + Und seine Ahnen sind in Iran deine Ahnen. + Drum übern Himmel trägst du hoch dein Haupt hinaus, + Weil du entsproßen bist aus solchem Heldenhaus. + Denn was an Heldentum nun in der Welt erscheint, + Das ist in Rostems Stamm, in Rostem selbst vereint. + Sieh dieses Goldgespang, nimm hin und halt es fein! + Zum Abschied gab mir das für dich dein Väterlein. + Erfährt er, daß sein Sohn erwuchs zum tugendreichen, + Nach Iran ruft er dich, und kennt dich an dem Zeichen; + Dann bricht mein Herz vor Leid, wann ich dich seh entweichen! + O Sohn! Afrasiab, der Schah von Turan, soll + Nicht wißen dein Geschlecht; das brächt uns seinen Groll. + Denn Niemand auf der Welt ist ihm wie Rostem feind, + Rostem, um welchen Blut in Turan wird geweint. + Witwen in Turan macht sein Schwert in jeder Schlacht; + Und ohne Schwertstreich hat er mich dazu gemacht. + Drum vor Afrasiab beware dieß im Stillen! + Den Sohn verderben möcht er um des Vaters willen. + Den Vater hab ich schon verloren, liebes Kind, + Verlör ich auch den Sohn, so wär ich sänfter blind. + Sei stolz, doch sag es nicht, wer deine Ahnen sind! + + + 12. + + Doch Suhrab sprach: Wer birgt die Sonn im Weltenring? + Unmöglich wird geheim gehalten solches Ding. + Von einer Heldenabkunft, Mutter, dieser gleich, + Zu schweigen, wäre dir und mir nicht ehrenreich. + Was, Mutter, hast du selbst gehalten lange Zeit + Geheim die Abkunft mir von solcher Herrlichkeit? + Denn alle Kämpen jetzt, die jungen und die alten, + Nur Rostem ists von dem sie Kampfgespräche halten. + Von allen Namen ward zuerst mir seiner kund, + Ich hörte seinen Ruhm aus seiner Feinde Mund. + Wer jenen Riesen schlug? dieß Zauberschloß zerstörte? + Nur Rostem, was ich frug, Rostem war, was ich hörte, + Stets mit Bewunderung, und oft mit Neide gar, + Mit Aerger! wußt ich denn, daß er mein Vater war? + Nun aus Semengan hier, und dort aus Turans Marken, + Versamml' ich all ein Heer der Mutigen und Starken. + Nach Iran will ich ziehn und von dem dunkeln Staube + Der Schlacht dem lichten Mond aufsetzen eine Haube. + Aufrütteln von dem Thron will ich den Keikawus, + Und schlagen aus dem Feld den alten Feldherrn Tus. + Wenn Rostem will, geb ich ihm Thron und Kron und Schatz, + Und laß ihn sitzen auf Keikawus' Fürstenplatz. + Von Iran zieh ich dann nach Turan kampfbereit, + Und fordere den Schah Afrasiab zum Streit. + Vom Throne stürz ich ihn alswie ein Blitz herab; + Die Sonne lang' ich mit der Lanzenspitz herab. + O Mutter, aber dich, du höre meinen Schwur an, + Mach ich zur Königin von Iran und von Turan. + Denn da, wo Rostem ist der Vater, ich der Sohn, + O Mutter, bleibt kein Fürst der Welt auf seinem Thron. + Wo Mond und Sonne selbst im Glanzvereine stralen, + Was wollen Sterne da mit ihrem Schimmer pralen! + So rief er, und erstaunt ließ er die Mutter dort; + Mit höherm Haupt, als er gekommen, gieng er fort. + Von seinem Vater sagt' er keinem doch ein Wort, + Im Herzen macht' er ganz den Vater sich zu eigen, + Doch wenn den Mund er aufthun wollte, mußt er schweigen. + Ihm wars alsob er erst zu Rosse steigen sollte, + Wenn er als Rostems Sohn der Welt sich zeigen wollte. + + + 13. + + Zu seiner Mutter sprach Suhrab, der junge Held: + Den Vater nun zu schaun, Mutter, zieh ich ins Feld. + Dazu brauch ich ein Ross, mit meinem Mut schritthaltend, + Ein Ross mit einem Huf von Eisen kieselspaltend: + Von Stärk ein Elefant, und vogelgleich an Schwung, + Im Waßer wie ein Fisch, und wie ein Reh im Sprung, + Ein Ross, das meine Wucht und meine Waffen trage, + Und nicht von meiner Faust erlieg an einem Schlage. + Denn nicht zu Fuße ziemt zum Kampfe mir zu gehn; + Vom hohen Ross will ich dem Feind ins Antlitz sehn. + Da so die Mutter hört' ihr junges Heldenblut, + Zum Himmel hob sie stolz ihr Haupt in hohem Mut. + Sogleich befolen ward von ihr dem Hirtenvolke, + Zu bringen aus der Trift von Pferden eine Wolke, + Damit dem Suhrab käm ein Rösslein fein zur Hand, + Auf dem er säße, wann er ritt in Feindesland. + Und alles was sich fand von Pferden alzumal, + Was aufzutreiben war da zwischen Berg und Thal, + Das trieben sie zur Stadt, und Suhrab nam, der Leu, + Die Fangschnur nun, und trat zum nächsten ohne Scheu. + Welch Ross vor allen stark er sah von Bug und Backen, + Des Riemens Schlinge warf er gleich ihm übern Nacken. + Er zog es her und legt' ihm auf den Rücken auch + Die Hand, da lags gestreckt am Boden auf dem Bauch. + Es konte nicht den Druck der flachen Hand ertragen, + Er braucht' es mit der Faust zu Boden nicht zu schlagen. + Schon war durch seine Hand manch schmuckes Ross geknickt, + Und keines kam ihm noch zur Hand, für ihn geschickt. + Es schien, es war kein Ross für seine Kraft gerecht, + Und traurig ward der Sproß vom Pehlewangeschlecht. + + + 14. + + Da stellte sich zuletzt ein alter Recke dar, + Und sprach: Ich hab ein Ross, wie keines ist, noch war. + Im Gange wie ein Pfeil, im Laufe wie ein Wind; + Es ist von Rostems Hengst, vom Rachs, ein einzig Kind. + Kein Ross von gleicher Kraft ist auf der Welt zu sehn; + Ein Blitz im Rennen ists, und ein Gebirg im Stehn. + Die Hitze noch der Frost macht ihm nicht kalt noch heiß, + Mit Nüstern voller Dampf, und Poren ohne Schweiß. + Ein Wolkenschatten schwebt es über Thal und Hügel, + Und segelt durch die Luft, ein Vogel ohne Flügel. + Der Pfau zieht ein vor Scham des Rads gespannten Reif, + Wenn es die Mähnen hebt, und hoch trägt seinen Schweif. + Am Berge klimmend, ist es einem Löwen gleich; + Im Waßer schwimmend, ist es einer Möwen gleich. + Sein Reiter, wenn im Ritt er schnellt den Pfeil vom Bogen, + Kommt schneller als der Pfeil dem Feinde nachgeflogen. + So flüchtig ists zur Flucht: auch der von seinen Solen + Erregte Staub versucht umsonst es einzuholen. + Bei allen Tugenden, die diesem Rösslein eigen, + Hats einen Fehler nur: es läßt sich schwer besteigen. + Doch wers bestiegen hat, den wirds zum Siege tragen, + Der mag darauf den Kampf mit Rostem selber wagen. + Froh wurde Rostems Sohn von dieses Wortes Klange, + Er lacht' und rosengleich erblühte seine Wange. + Laut rief er: Ei so bringt mir gleich das schmucke Ross! + Sie brachtens ungesäumt zum jungen Heldensproß. + Er machte gleich an ihm mit seiner Hand die Probe, + Das Thier war stark genug, und es bestand die Probe. + Da schmeichel-streichelt' ers, und sattelt' es geschwind, + Aufs starke Ross schwang sich das starke Heldenkind. + Im Sattel saß er fest alswie ein Bild von Erz, + Und hielt mit leichter Hand die Zügel wie zum Scherz. + Er tummelte das Ross, daß es begann zu schäumen, + Zu schnauben mit Gebraus, doch durft es ihm nicht bäumen. + Da sprach vom Ross Suhrab, indem ers anhielt leise: + So hab ich nun ein Ross gewonnen zu der Reise. + Nun acht ich mein die Welt, da ich das Ross gewann, + Auf dem ich Rostem selbst mit Ruhm bestehen kann. + + + 15. + + Er sprachs, und stieg vom Ross, und gieng ins Haus zurück: + Da rüstet' er zum Krieg mit Iran Stück um Stück. + Wies kund im Lande ward, daß er kriegslustig sei, + Strömten von da und dort Kriegslustige herbei + Wie eine Sonne war er ihrem Wunsch erschienen; + Sie alle wollten Ruhm und wollten Gold verdienen. + Die Waffen hatten lang in diesem Land geruht, + Und aus der Asche brach nun die verhaltne Glut. + Suhrab, gerüstet, trat zu seiner Mutter Vater, + Um Urlaub und Geleit und Reisebeistand bat er. + Großvater! sprach er: jetzt sollst du mir Spielzeug schaffen; + Die Leute hab ich schon, gib mir dazu die Waffen! + Denn ohne Waffen ist ein Heerzug mangelhaft; + Ein Rösslein hat mir schon die Mutter angeschafft. + Doch alles, was mir folgt, soll auch auf Rossen reiten; + Kamele sollen dann mit Zehrung uns begleiten. + Denn schmausen wollen wir, so oft als wir nicht streiten. + Tu deinen Marstall auf, das Vorratshaus mit Kost, + Das Zeughaus auch, worin die Waffen frißt der Rost! + Dem alten König klang anmutig diese Post, + Mit Lachen sah er an den jungen Augentrost; + Durchwärmet war sein Frost von diesem feurigen Most. + Er sprach bei sich: was ists mit dieser Waffenfart? + Ist dieß den Vater aufzusuchen eine Art? + Doch sei es wie es sei! es ist das Heldenfeuer + Rostems in seinem Blut, und fordert Abenteuer. + Da stellt' er, was er hatt', ihm alles zu Befele, + Vorrät in Land und Stadt, die Ross' und die Kamele, + Futter für Ross und Mann, die Gerste samt dem Weizen; + Mit Silber auch und Gold wollt er dazu nicht geizen. + Und als er tat darauf das alte Zeughaus auf, + Da stand ein Waffenhauf wolfeil der Lust zu Kauf: + Schwerter und Wehrgehäng, Leibröcke, Helm und Panzer, + Für Schützen Bogen auch, und Spieß und Sper für Lanzer. + Suhrab, wie ers empfieng, so teilt' er Wehr und Sold, + Es stob ihm von der Hand das Eisen und das Gold. + Er sprach: da nemet hin! soviel vermag ich heute; + Und wenn ihr mehr begehrt, so helft daß ichs erbeute! + Eroberten wir erst des Persers Königreich, + So mach ich jeden Mann wie einen König reich. + + + 16. + + Dem Schah Afrasiab in Turan ward gesagt, + Daß seinen Flug vom Nest ein junger Adler wagt, + Der altershalben zwar nichts weniger als flück, + Doch seinem guten Mut vertraut und gutem Glück. + Ihn hat die Friedensruh, die Turan schläft, verdroßen, + Er rüstet sich zu Kampf, und sammelt Schwertgenoßen. + Von allen Orten strömt ein Heer zu ihm herbei, + Darob hebt er sein Haupt wie eine Zeder frei. + Es sproßt der erste Flaum auf seiner Wange kaum, + Und schon ist seinem Traum zu eng der Welten Raum; + In alle Himmel hoch wächst seiner Hoffnung Baum. + Aus seinem Odem weht ein süßer Milchgeruch, + Doch eitel Schwert und Dolch ist seiner Lippen Spruch. + Mit seinem Dolch will er die Brust der Erde ritzen, + Und an die Abendwolk ihr rotes Herzblut spritzen; + Keikawus soll vom Thron, dort will er selber sitzen! + Den Beutelustigen, die ihm mit leeren Händen + Und vollem Mute nahn, hat er viel Gut zu spenden, + Und mehr Verheißungen, die denkt er zu vollenden! + Sie drängen sich um ihn wie Stralen um die Achse + Der Sonn, alsob ein Heer ihm aus dem Boden wachse; + Als sei er Rostems Kind, und reit ein Kind vom Rachse! + In Wahrheit, wer ihn sieht, der glaubt wol dem Gerüchte, + Weil von den Stamme weit nicht fallen dessen Früchte; + Er scheint, mit solcher Zucht, von Rostem ein Gezüchte. + Wenigstens mutterhalb ist Suhrab edel schon, + Des alten Königs von Semengan Tochtersohn! + So ward dem Türkenschah geredet und geraunt + Von Suhrab, und er war darüber nicht erstaunt. + Er lachte still, es war vom Anbeginn ihm kund + Tehminas und Rostems geheimer Liebesbund. + + + 17. + + Afrasiab, der Schah, nachdem er den Bericht + Erwogen, lachte noch, und er misfiel ihm nicht. + Der Häupter seines Heers, des nun lang ausgeruhten, + Berief er einen gleich, Barman, den hochgemuten. + Zwölftausend Recken, frisch von Kraft und scharf von Schneide, + Las er dazu, und gab sie ihm mit dem Bescheide: + Bewährter Baruman, auf! nach Semengan lenke + Den Schritt mit diesem Heer, mit Brief und mit Geschenke. + Ermutige mir dort des Mutes jungen Keim! + Doch die Geschichte bleibt still zwischen uns geheim. + Sag ihm, Afrasiab send ihm Hilfsmannschaft zu, + Damit nach Iran er kampflustig zieh im Nu. + Dort aber darf den Sohn der Vater nicht erkennen, + Und Niemand soll dem Sohn des Vaters Namen nennen. + Was weiß ich, ob ein Sohn des Rostem Suhrab sei? + Ich frage nicht darnach; mir feind sind alle zwei. + Wenn so den einen Feind wir auf den andern hetzen, + Können sie doch gegen uns sich nicht zur Wehre setzen. + Und wenn die beiden dort einander setzen zu, + So sehen wir dem Spiel hier mit Ergetzen zu. + Villeicht gelingt es uns: der grimme Kampfleu alt + Erliegt im Kampfe vor des jungen Leun Gewalt. + Wenn Rostem gegen uns nicht ferner Iran hält, + Im Spiele jagen wir den Kawus aus der Welt. + Dann aber wollen wir den Suhrab auch beschicken, + Mit Schlummer eines Nachts sein Auge so bestricken, + Daß ihm die Lust vergeht, nach Kronen aufzublicken! + Denn mir ist wolbekannt, daß dieser tolle Knab + Erst an Keikawus will, dann an Afrasiab. + Doch wenn dem greisen Wolf erliegt das zarte Lamm -- + Wenn Suhrab wirklich ist ein Reis von Rostems Stamm -- + So wird der zähe Stamm von diesem Gram sich biegen, + Und in des Kummers Schlamm der stolze Brunn versiegen. + Doch ließe mich mein Glück auch soviel nicht erwerben + Daß ich sie alle zwei säh aneinander sterben; + So hoff ich, daß uns Gott von einem mindstens helfe, + Es sei vom alten Wolf, es sei vom jungen Welfe. + + + 18. + + Da schrieb Afrasiab an Suhrab einen Brief, + Darin er Gottes Heil ob ihm zum Eingang rief: + Das Glück geleite dich, beherzter Heldenknabe, + Zum kühnen Werk, das ich mit Lust vernommen habe. + Dir send ich fürstliche Geschenke meiner Gnaden, + Ross' und Kamele mit Kleinodien beladen; + Türkis' aus Turkistan, aus Badachschan Rubinen, + Smaragdne Sträuße drei mit Perlentau auf ihnen. + Ich habe dir erwählt zwei Kronen edelsteinern, + Und ihnen beigezählt zwei Thronen elfenbeinern. + Froh mögest du zu Thron auf Elfenbeine sitzen, + Und über dir die Kron aus Edelsteine blitzen! + Wirst du erst Irans Kron im Streit gewonnen haben, + Dann wird Ruh auf dem Thron die Zeit gewonnen haben. + Denn ewig ist entzweit, wie Tag und Nacht im Streit, + Iran und Turan; du sollst stiften Einigkeit. + Von dieser Mark ist weit zu jener nicht der Weg; + Semengan, Turan und Iran ist Ein Geheg. + Deswegen ist gestellt Semengan auf der Scheide + Von Iran und Turan, um zu beherrschen beide. + Nun send ich Truppen dir, soviel ich nötig glaube; + Kühn setze dich aufs Ross, und auf dein Haupt die Haube! + Von meinen Feldherrn send ich dir den Baruman, + So tapfer als getreu; der sei dir untertan! + Er sei dir untertan mit allen, die er führt; + Von ihnen sei die Welt dem Feinde zugeschnürt! + Zeuch aus zu Kampf und Sieg! dich soll im Laufe stören + Kein Graben und kein Wall, und keine List betören! + Bald laße das Gerücht uns deine Taten hören! + Von meinen Söhnen all soll keiner meinem Thron + So nah stehn als Suhrab, den ich begrüß als Sohn. + Er schriebs und siegelte, und gabs dem Baruman; + Der trat nicht leichten Muts die schwere Sendung an. + In diesem Kriege war kein Ruhm ihm zu erwerben, + Als einen Helden durch den andern zu verderben. + + + 19. + + Da hörte vom Gerücht Suhrab, daß Baruman + Vom Schah Afrasiab mit Truppen zieh heran, + Mit Ross und mit Kamel und großem Heergedränge, + Ehrengeschenk und Brief und festlichem Gepränge. + Der junge Mann, wie er die Kund erfur, schnell tat er + Den Gürtel um, und zog mit seiner Mutter Vater. + Entgegen zum Empfang zog er schnell wie ein Wind; + Wie soviel Volks er sah, froh staunete das Kind. + Mehr staunte Baruman, als er die stolzen Glieder, + Die edle Bildung sah, das Staunen schlug ihn nieder. + Im Staunen war gemischt Furcht und Bewunderung, + Und Mitleid, wie er sah den Helden schön und jung. + Der greise Feldherr sprach bei sich: Auf Ruhmespfaden + Gehn sollte solch ein Schmuck der Jugend ohne Schaden. + Verdienen möcht er wol, ihm wäre, statt Verrat, + Zum ungestümen Mut beschieden weiser Rat. + Wenn ihn der Doppelrausch der Jugend und des Ruhms + Zu Falle bringt, o weh dem Stolz des Rittertums! + Zu Suhrab sprach er drauf: O edler junger Leue, + Den Brief schickt dir der Schah, daß er dein Herz erfreue. + Lies mit Bedacht den Brief des Schahs von Turanland, + Und was du dann befilst, das steht in deiner Hand. + Die Ehrengaben nimm, die dir gesendet sind; + Ich selbst steh und dieß Heer dir zu Gebot, o Kind! + Suhrab, der junge Mann, nachdem er las den Brief, + Das erste war, daß er sein Heer zum Aufbruch rief; + Das Heer der Seinigen; dem Barman, seinem Gast + Und dessen Leuten gab er auf drei Tage Rast. + »Der Mutter Vater soll bewirten euch mit Schmause, + Die Mutter selbst dazu; ich geh nicht mehr nach Hause. + Es leidet länger nicht mich in der Mutter Haus; + Lebt wol, und kommt uns nach! wir reiten euch voraus.« + Die Pauke ward gerührt, zusammen strömten Krieger, + Und sprangen mit Geklirr, auf Rosse rasch wie Tieger. + Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, + Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. + Aus Turan brach der Sturm hervor auf Irans Flur; + Zerstörung, Flucht und Raub bezeichnete die Spur, + Und wüste ward gelegt das Land, soweit er fur. + + + + + Drittes Buch. + + + 20. + + Da war ein Schloß, das hieß das Weiße Schloß im Land, + Darauf die Zuversicht des Reiches Iran stand, + Daß es verteidigen den Pass der Grenze sollte, + Wenn da hervor ein Feind aus Turan brechen wollte. + Drum waren auf dieß Schloß gesetzt, zu Schirm und Halter, + Statt eines Wärtels zwei, ein junger und ein alter; + Der alte, daß er es behütete mit Rat, + Der junge, daß er es verteidigte mit Tat. + Hedschir, der junge Vogt, ließ, weil die Waffen schwiegen, + Vom Kinde Gesdehems, des alten, sich besiegen. + Die hieß Gurdaferid, das heißt »ein Held geschaffen«, + Weil sie, die zarte Maid, war wie ein Held in Waffen. + Hedschir mit Rennen und mit Schießen nach dem Ziele + Versuchte daß er ihr durch Männlichkeit gefiele; + Vergebens! weil ihm selbst in diesen Künsten sie + Zuvor es tat, kam er mit ihr zum Ziele nie. + Er wünschte, daß einmal ein Feind vorm Schloß erschiene, + Daß ihren Beifall er im ernstern Kampf verdiene. + Und als er eines Tags ein Heer von Türken sah + Anrücken, glaubt' er sich zwiefachem Siege nah, + Dem einen, den er wollt erringen im Gefild, + Dem andern in der Burg am schönen Frauenbild. + Da wappnete sich schnell der mutige Hedschir, + Und stieg aufs Ross, gespornt von Lieb und Kampfbegier. + Des Tores Hüter ließ er weit auftun das Tor + Der alten Burg, und ritt zum Einzelkampf hervor. + Er ritt den Berg hinab, dem Feind entgegen jach, + Und von der Mauer sah Gurdaferid ihm nach. + + + 21. + + Mit scharfem Ritte kam der kühne Reck herbei, + Und tat ans Türkenheer von weitem einen Schrei: + Von wannen sind geschaart die Ritter und die Knechte? + Wer unter ihnen ist der Tapferst im Gefechte? + Ich habe lange schon auf eure Gegenwart, + Alswie ein Bräutigam auf seine Braut, geharrt. + Wer wagt es, gegen mich mit eingelegter Lanzen + Zu rennen, daß wir hier den Hochzeitreigen tanzen? + Desselben Haupt will ich dort auf die Zinne pflanzen! + Er hatte seinen Ruf gerufen laut genug, + Doch keiner war im Heer, der Lust zur Antwort trug. + Zu heben wagte sich nicht eines Türken Hand, + Die erste Waffentat zu thun im Perserland. + Doch Suhrab, als er all die Tapfern schweigen sah, + Ergrimmt' er, und das Schwert zog er für alle da. + Alswie ein Tieger bricht am Strom aus Schilf und Rohr, + So drang er aus dem Chor der Seinigen hervor. + Laut rief er zu dem kampfgerüsteten Hedschir: + Was treibt allein dich her mit solcher Kampfbegier? + Du meinst wol, daß wir uns vor starken Worten scheuen? + Du kamest nicht zur Jagd des Fuchses, sondern Leuen. + Aus Turan brach ich auf, ganz Iran will ich zwingen, + Und auf dein Haupt soll mir der erste Streich gelingen. + Suhrab, den Namen gab mir meine Mutter bei, + Und Rostem sagte sie, daß er mein Vater sei. + Den Vater eben aufzusuchen zog ich aus; + Und wessen Sohn ich sei, zeig ich in Kampf und Strauß. + Doch sag auch deinem Stamm, den Namen, und die Deinen! + Denn heut muß über dich Braut oder Mutter weinen. + + + 22. + + Zur Antwort gab Hedschir: Verwegner, schweige still! + Kein Türk ists den ich zum Vertrauten haben will. + Der Heldenfänger ich, der Ritter ohne Scheu, + Ich bin der Schütze, dem zum Fuchse wird der Leu. + Hedschir im Kampfrevier der Helden Zier geheißen + Bin ich, gleich will ich dir dein Haupt vom Rumpfe reißen. + Zwei Geier kreischen dort sich in den Lüften heischer, + Es wittern ihren Raub die ungestümen Kreischer; + Den beiden wirst du nun zum Gastmahl aufgetischt, + Daß ihre Heischerkeit dein junges Blut erfrischt. + Dann fliegen sie nach Nord und Süd, und für das Futter + Dankt deinem Vater der, und jener deiner Mutter. + Die Mutter weint gewis ums Kindlein, ihr entrißen, + Der Vater aber wird villeicht von dir nicht wißen. + Doch jauchzen über mich, nicht weinen soll die Braut, + Die schöne, die auf uns dort von der Mauer schaut! + So rief er aus, und sah zur Jungfrau an der Zinne; + Zu lächeln schien sie ihm, so täuschten ihn die Sinne: + Ihn blendete der Glanz der Sonn und Kraft der Minne. + Auf einen Augenblick hatt' er des Kampfs vergeßen, + Und nach der Zinne sah sein Gegner auch indessen. + Da sah er einen Stral, wie er noch nie geschaut, + Und doppelt zürnt' er nun dem, der sie nannte Braut. + Er sprach: die Perser sind vor mir wie Spreu im Wind, + Doch lieblich anzusehn ist solch ein Perserkind. + Wol ists der Mühe werth, zu stürmen solche Zinnen, + Wenn solche Schätze sind darinnen zu gewinnen. + Doch wenn ich dächte, daß sie diesem zugelacht, + Ich hätte zweimal ihn, nicht einmal, umgebracht! + So in Gedanken war Suhrab mit ihr beschäftigt, + Hedschir durch einen Blick auf sie war neu gekräftigt. + + + 23. + + Doch von der Zinn hinweg und von der Jungfrau warf + Den Blick nun der und der auf seinen Gegner scharf. + Im Sattel jeder sich gleich einem Feuer schwang, + Und setzte seinen Hengst wie einen Berg in Gang. + So schnell da Schaft mit Schaft sich durcheinander flocht, + Daß man den einen nicht vom andern kennen mocht. + Nach Suhrabs Mitte stieß Hedschir den blanken Schaft; + Am festen Gurte fand die Spitze keinen Haft. + Doch Suhrab bog zurück den eignen Sper behende, + Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende. + Recht zwischen Mann und Gaul schob er den Hebebaum, + Und aus dem Sattel flog Hedschir und merkt' es kaum. + Zur Erde warf er ihn alswie ein Felsenstück; + Da lag er, und es blieb kein Sinn an ihm zurück. + Vergangen war die Welt vor seinem Augenlid, + Der Himmel und das Feld, die Burg und Gurdafrid. + Vom Pferde Suhrab sprang und saß ihm auf die Brust; + Er hatte nun den Kopf ihm abzuschneiden Lust. + Da drehte sich Hedschir, und stützt' auf einen Arm + Sich schwach, den andern streckt' er vor, und rief: Erbarm! + Laß gnug sein an der Schmach, daß so mein Stolz zerbrach, + Und mich im Angesicht der Burg dein Sper abstach! + Wie wird die Stolze sich an meinem Sturze weiden! + Das tötet mich; du brauchst dieß Haupt nicht abzuschneiden. + Nun ist sie frei von mir; du nim mich hier gefangen! + Du kanst im fremden Land Kundschaft durch mich erlangen. + Wer, da ich dir erlag, wird dir noch widerstehn? + Laß mich gefangen mit zu deinen Siegen gehn! + + + 24. + + Er schwieg, und harrte stumm auf Tod nun oder Leben; + Und sich entschloß der Held ihm nicht den Tod zu geben. + Er dachte: Wenn ich ihn gefangen mit mir führe, + Lock ich manch andren Fang villeicht in meine Schnüre. + Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen, + Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen. + Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben, + Als schlechten Preis dafür laß ich ihm gern das Leben. + So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken, + Und den gefeßelten dem Lager zuzuschicken. + Im Lager kam er an zugleich mit Baruman, + Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan. + Er war in Eile dem ihm von Afrasiab + Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab; + Und war nur eben recht gekommen um zu sehn + Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn. + Wie er gefeßelt sah die stolzen Heldenglieder, + Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder. + Er staunt' und freute sich, und fühlte Scham und Reu, + Daß er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu. + Im Lager aber war von Türken alt und jung + In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung. + Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn, + Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn. + Ins Lager langsam ritt er auf dem Roß zurück, + Und hörte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Glück. + Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied, + An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid. + + + 25. + + Von Siegesfreude war das Türkenlager voll, + Derweil im weißen Schloß ein Wehgeschrei erscholl. + Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib + Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib. + Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schloße drinnen, + Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen. + Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach + Den Perserstolz ein Türk, der ihn vom Sattel stach; + Und rief: O Scham, o Schmach! Weh um Hedschir, den Degen! + Du rühmtest dich ein Mann, und bist dem Kind erlegen. + Wie hast du ungeschickt um meine Gunst gebuhlt! + Dein Sper war stumpf gespitzt, dein Gaul war schlecht geschult. + Verlachen könnt ich dich; daß aber dich verlache + Der Feind, das kränket mich, und fordert Freundesrache. + Wie? rühmen sollte sich ein blonder Türkenknabe, + Daß er so leicht erlegt den ersten Perser habe? + Wenn er die Männer hier für Weiber halten kann, + Soll er an einem Weib nun finden seinen Mann! + Vom Kampfplatz ritt er weg gleich einem lichten Sterne, + Sah sich noch einmal um, dann schwand er in der Ferne. + So zierlich tummelt' er sein Roß, man sahs nur gern; + Laß sehn, ob er von nah so schön ist als von fern! + Halbscherzend rief sies aus, und schritt vom Wall nach Haus; + Dort las sie sich zum Schmuck die schönsten Waffen aus. + In einem Drathelm barg sie ihrer Locken Zier, + Und nam vors Angesicht ein indisches Visier. + In voller Rüstung sprang sie auf ein Ross im Lauf, + Und flog der Pforte zu, die that der Pförtner auf. + Ihr Vater Gesdehem sah ihren Ausritt nicht, + Sonst hätt er sie gehemmt in ihrer Zuversicht. + + + 26. + + Sie kam alswie ein Mann den Berg herab vom Schloß, + Ein Gurt um ihre Mitt und unter ihr ein Ross. + Sie flog den Berg vom Schloß herab gleich einem Falken, + Und schwang in ihrer Hand erztrümmernd einen Balken. + Ans Türkenlager kam sie wie ein Sturm herbei, + Da that sie einen durchs Visier verstärkten Schrei: + »Wer sind die Recken hier? und wer ist der sie führt? + Wer ist es, dem der Tod von meiner Hand gebührt? + Ein guter Freund ward mir vom Rosse hier gestochen; + Wer fällte den Hedschir? dem sei hier zugesprochen! + Und wenn derselbe selbst hervorzutreten zagt, + So komm ein andrer, der mit mir die Probe wagt. + Ihr sollt nicht glauben, weils an einem euch gelang, + Daß Turans Trotz den Stolz von Iran schon bezwang! + Was einer schlecht gemacht, das macht ein andrer gut; + Die blaße Schmach Hedschirs röt ich mit wessen Blut? + Wer hat sein Leben feil? wer hat zum Kampfe Mut?« + Vom stolzen Lager war gehört die Forderung, + Und ihr zu folgen stand schon mancher auf dem Sprung. + Doch allen kam zuvor Suhrab mit einem Sprunge + Aufs Ross, indem er rief: Ihr wartet, alt' und junge! + Den Handel, den ich angefangen, muß ich enden; + Wegnemen soll mir keins die Arbeit untern Händen. + Das ist zum einen Stück das andre, wie ich merk, + Und beide Stücke sind zusammen erst ein Werk. + Sagt dem Hedschir: Zum Trost schaff ich in seiner Not + Einen Genoßen ihm, lebendig oder tot! + So rief der junge Held, und ritt von dannen jach; + Das Türkenlager rief ihm lauten Beifall nach. + + + 27. + + Auf einen Bogenschuß ritt er zu ihr hinan; + Er lachte leis' und kniff die Lippe mit dem Zahn. + So sprach er froh bei sich: ein andres edles Thier + Ist hergekommen in des Jagdherrn Jagdrevier. + Wie in dem Dickicht, wo ein Leu sein Lager hat, + Wo ihm verfallen ist zu Raube, was da naht; + Die stärkste Hirschkuh hat er eben dort bezwungen, + Da kommt das zarte Kalb der Mutter nachgesprungen. + Lautblöckend suchet es die Mutter in der Not, + Und fand an Mutter Statt den Löwen und den Tod. + Des Löwen Mittagstisch war mit der Kuh beraten, + Und nun zur Abendkost dient ihm des Kälbchens Braten. + Wer sendet Beut auf Beut hernieder zum Gewinne + Mir von der alten Burg, daß keine mir entrinne? + Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne! + Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn, + Und schon durch Minne reißt sie auch den andern hin. + So möge sie, wo sie den ersten fallen sah, + Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah! + Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort + Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort: + Es wundert' ihn, daß sie nicht stand am vorgen Ort. + Er dachte, daß sie dort noch immer an der Zinne + So müßte stehn alswie sie stand vor seinem Sinne. + Er wußte nicht, daß sie, anstatt ihm zuzusenden + Frohnkämpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen Händen. + + + 28. + + Doch Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann + Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann. + Zu schwenken sie begann ihr mutges Rösslein leise, + Daß sie erst ihren Feind im weitern Kreiß umkreiße. + Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr, + War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier. + So wie ein Krähenschwarm den Adler, wo er schwebt, + Umschwärmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt; + Sie sind ihm, wo er fliegt, nah überall vom weiten, + Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten: + So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen, + Den sie hielt unverwandt, Pfeil über Pfeil geflogen. + Ihr Köcher war ein Meer, und schöpfte nie sich leer, + Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer; + Und Suhrabs Rüstung ward von leichten Spitzen schwer. + Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen, + Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen. + Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Sprüheregen, + Den er abschüttelte, dann wards ihm ungelegen, + Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen: + Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel? + Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel. + Wir Türken ließen euch solang in Ruhe sitzen, + Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen; + Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen. + In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen? + Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen. + Du magst im Frühlingshain ein kleines Vöglein schießen, + Den großen Vogel Greif wirst du damit nicht spießen. + Nun aber laß einmal den eitlen Zeitvertreib, + Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib! + + + 29. + + Er riefs, und übern Arm warf sie des Bogens Sennen, + Und gegen Suhrab nun ließ sie den Schlachtgaul rennen. + Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft, + Es wäre nicht der Stoß zu nennen mädchenhaft, + Hätt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind + Zur Seite Leib und Ross, der Stoß gieng in den Wind. + Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende, + Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende; + Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog, + Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog. + Vom Sattel lüpft' er sie wie einen Federball; + Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall. + Doch Gurdafrid nam war, wie sie gefährlich schwankte, + Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte. + Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob, + Und wieder saß sie fest, daß Staub vom Sattel stob. + Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht, + Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht. + Sie sah, daß sie nicht war für diesen Kampf der Mann; + Die Zügel zuckte sie dem Rösslein, und entrann. + Auch Suhrab gab den Zaum dem schöngemähnten Drachen, + Und wollte nun den Tag dem Feinde finster machen. + Er kam auf seinem Hengst ihr zornig nachgeschnaubt; + Da wandte sie sich schnell, und nahm den Helm vom Haupt. + Sie glaubte beßer als durch männliches Gefecht + Sich zu verteidigen durch Schönheit und Geschlecht. + + + 30. + + Von ihrem Haupte quoll die Fülle dunkler Locken, + Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken. + Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen, + Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen! + Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun + Im Krieg die Männer, wenn so kriegrisch sind die Fraun! + Führt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier + Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir? + Nun weiß ich wol, warum du droben an der Zinne + Nicht stehst, weil Kampflust dich herabführt oder Minne! + Als ich dich droben sah, dacht ich: wie schön sie ist! + Nun aber seh ich, daß du noch viel schöner bist. + Ein schöner Reh als du fiel nie in Jägerstricke; + Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke! + Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt, + Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt. + Gefangen sah sie sich, und wäre gern entgangen; + Sie sann auf schnellen Rat, den Fänger selbst zu fangen. + Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht, + Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht, + Indem sie lächelte, und sprach: Held ohne Scheu, + In Männermitte wie im Thierechor der Leu! + Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier, + Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir! + Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah, + So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah. + Nun hab ich dich gesehn; ich hätte nie gedacht, + Daß solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht! + Ei! mögen ihren Krieg mit dir die Perser füren! + Du wirst die Männer all, nicht nur die Fraun, umschnüren. + Doch wünschest du, wie ich, daß ein Verständnis sei + Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei! + + + 31. + + So sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester; + Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester, + Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke näme fort, + Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort. + Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn es dir geliebt, + Sich dir zugleich ein Schloß und eine Braut ergibt. + Ich gebe dir das Schloß, und, ist es dir genem, + Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem. + Mein Vater ist gewis bereit daß er mich löse; + Erfärt er, wo ich bin, so wird er auf mich böse. + Ihm hinterm Rücken ritt ich aus dem Schloße fort, + Und meiner harrend steht er wol im Tore dort. + Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen, + Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen, + Und beide sich im Spott ob uns vereinigen! + Denn spotten werden sie und sagen, daß ein Mann + Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann. + Was haben sie solang einander zu berichten? + So fragen sie; drum laß den Handel schnell uns schlichten. + Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir + Die Schlüßel zu dem Schloß, doch erst gib Freiheit mir! + Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke, + Mit dem sie übertrug von sich auf ihn die Stricke; + Betöret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke. + Wie fühlte sie mit Lust den schönen Nacken frei, + Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei, + Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei. + Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein + Voraus den Schloßberg an, Suhrab ritt hinterdrein. + + + + + Viertes Buch. + + + 32. + + Im Schloßwall hinterm Tor, mit Sorgen und mit Trauer, + Nach seinem Kinde stand der Vater auf der Lauer, + Den Ungehorsam bald, bald ihren Uebermut + Laut schalt er, doch geheim lobt' er sein Heldenblut. + »Wenn sie nur unversehrt vom Abenteuer kehrt, + So sei nichts auf der Welt dem Töchterchen verwehrt; + Nur solch ein zweiter Ritt sei nicht von ihr begehrt! + Doch weniger mit ihr zürn ich, als auf Hedschir; + Sein Unfall riß mein Kind so hin mit Kampfbegier. + Wer aber rettet mir mein Täublein aus den Krallen + Des Habichts, dem zum Raub der Kampfhahn selbst gefallen? + Thu ich die Pfort hier auf, daß ich zur Hilf ihr eile, + Damit der alte Vogt des jungen Torheit teile? + Wart ich geduldig, bis der Himmel und ihr Glück, + Ihr Mut und kluger Rat mir bringt mein Kind zurück?« + Er sprachs, und lauscht' hinaus, und hört' ihr Rösslein traben; + Schnell tat er auf, um schnell sein Kind herein zu haben. + Gurdaferid ersah der Rettung offnes Tor, + Doch ihr Begleiter klomm hart hinter ihr empor; + Da kam sie ihm geschwind mit einem Sprung zuvor. + Sie huscht' hinein alsob sie flög auf Taubenschwinge, + Und rief: Nun warte, Freund, bis ich die Schlüßel bringe! + Der Schloßvogt schloß geschwind das Tor nach seinem Kinde + Gehäbe, daß kein Wind den Weg durchs Spältchen finde. + Sie war hinein, Suhrab war draußen auf dem Ross, + Des Schlüßels wartet' er zu dem verschloßnen Schloß. + + + 33. + + Da neigte Gurdafrid sich von der Zinne droben, + Und rief: Kehr um, o Held, umsonst sind deine Proben. + Kehr heim, der Abend naht, von deiner Waffentat + Zum Türkenlager, dort halt in der Nacht Kriegsrat! + Da dir der Handstreich heut aufs weiße Schloß mislang, + So rüst auf morgen dich zu einem neuen Gang! + Er blickt' empor und sprach: o schöne Persermaid, + Daß du treuloser noch als schön bist, thut mir laid. + Daß mir solch eine Braut, solch eine Burg entflogen, + Das reut mich nicht sosehr, als daß ich ward betrogen. + Nun, diese Burg ist doch nicht wie der Himmel hoch; + Und wär sie höher noch, herunter mußt du doch. + Herunter bringen werd ich dich, im Sturm erringen + Das Schloß, du brauchest mir die Schlüßel nicht zu bringen. + Sie sprach: Ereifre nicht, o schöner Türkenknabe, + So sehr dich, daß ich nicht gebracht die Schlüßel habe. + Der Vater hat sie selbst heut in Verschluß genommen; + Ich könnte, wollt ich auch, nicht zu den Schlüßeln kommen. + Auch deine Werbung hab ich heimlich ihm vertraut; + Er sprach: Ein Türke find in Iran keine Braut. + Ich rate dir, kehr um, und nim, die dein begehrt, + Die schönst in Turan nim! du bist der schönsten wert. + Kehr um, ich rate dir, laß guten Rat dir frommen, + Eh Kawus es erfärt, und seine Helden kommen. + Wenn Rostem kommt heran, der Perser-Pehlewan, + O Schmuck aus Turkistan, dann ists um dich getan. + Kehr um in deiner Kraft! du stehst hier an der Grenze; + Schad um die Blume, wenn sie bricht ein Sturm im Lenze. + Ich weinte selbst um dich, wenn ich dich sähe fallen; + Denn beßer hat als du mir noch kein Mann gefallen. + + + 34. + + Sie sprachs, und schwieg, und stieg hinab vom Mauerkranz; + Noch lang sah Rostems Sohn empor im Abendglanz, + Als säh er noch ihr Bild, als hört er noch ihr Wort; + Zum Lager langsam dann ritt er im Unmut fort. + Dem Schloß zur Seite lag am Berggehäng herab + Ein reicher Anbau, der dem Schloße Nahrung gab. + Da waren Gärten, Bäum und manches Saatenfeld; + Daran ließ seinen Zorn nun aus der junge Held. + Ins Lager rief er laut: Ihr Türken, kommt heraus! + Verbreitet um euch her schnell der Zerstörung Graus! + Uns bietet Trotz die Burg, die dort im Spätrot lodert; + Vergebens hab ich heut die Schlüßel abgefodert. + Sie sei zu Fall gebracht, sobald der Tag erwacht; + Und vor der Nacht sei jetzt ein Anfang schon gemacht. + Zerschmettert dieß Gebälk, zertrümmert diese Planken, + Brecht dieß Gezäun entzwei, werft nieder diese Schranken! + Haut diese Fruchtbäum um, entwurzelt diese Reben, + Und mähet diese Saat! sie soll nicht Körner geben. + Dieß ist der Boden, wo sie ihren Vorrat pflanzen, + Womit sie droben dann sich halten in den Schanzen. + Nun steige Staub und Rauch und Dampf und Qualm empor, + Und kündig ihnen an, was ihnen steht bevor! + Des Burgvogts Tochter liebt vom hohen Wall zu schauen; + Nun schaue sie, wie hier wir ihr den Garten bauen! + Wühlt diese Beeten um, wo ihre Rosen blühn, + Und stopft die Quelle, die ihr macht den Rasen grün! + So rief er, und sein Heer fiel wie ein Hagelschlag + Aufs angebaute Land, bis alles wüste lag. + Stillschweigend sah er zu, und als der letzte Keim + Zerstört war, ritt er abgekühltes Zornes heim. + + + 35. + + Zum heimgekehrten trat Baruman in der Nacht, + Und sprach: Du hast nicht gut das Werk des Tags vollbracht. + Den Feinden ist es recht die Nahrung abzuschneiden, + Doch so nicht daß wir selbst darunter Mangel leiden. + Nun ihren Vorrat zwar hast du der Burg entzogen, + Allein dein eignes Heer hast du darum betrogen. + Viel Holzwerk und Gebälk ist unnütz mitverbrant, + Das nutzbar konte sein zum Leiterbau verwandt. + Denn ohne Leitern wirst du nicht das Schloß erringen; + Die Mauern dort wird nicht dein Rösslein überspringen! + Und dann, was spornte dich zu dieser Rache scharf? + Weil dir ein Kind die Tür zu vor der Nase warf! + Viel beßer war dir das, als ließe sie dich ein; + Drin unter Hunderten was wolltest du allein? + Du bist der Mann wol es mit jedem aufzunemen, + Doch viele Hunde sinds, die einen Löwen lähmen. + Bist du des Heeres Arm, und bist des Heeres Haupt, + Nicht sei durch Torheit ihm so Haupt als Arm geraubt! + Was sollt ich schreiben nun dem Schah Afrasiab, + Der deiner Jugend bei zum Rat mein Alter gab? + Dein stürmscher Ritter hat das Grenzschloß eingenommen, + Er ist mit Glück hinein, doch nicht heraus gekommen! + Nun aber wollen wir mit beßerem Vertraun + Es nemen, und dazu vor allem Leitern baun. + Du hast das Holz verbrant, wir wollen andres haun. + Er sprachs, und lächelnd hin nam jener den Verweis; + Er sprach verschämt und keck: Ein Jüngling ist kein Greis; + Doch hab ich nie gehört, daß Rostem auch, der alte, + Beim Mauerbrechen sich mit Leiterbau aufhalte. + Bau Leitern! eines nur beding ich mir dabei, + Daß, wenn sie fertig sind, ich drauf der erste sei. + Nur seis in dieser Nacht! denn morgen, seids gewärtig, + Da werd ich mit der Burg auch ohne Leitern fertig. + + + 36. + + Weil dieß der weißen Burg im Lager ward gedroht, + Saß droben Gesdehem, und dachte nach der Not. + Er setzte sich und schrieb an Kawus einen Brief, + Darin er Gottes Heil dem Schah zum Eingang rief, + Und von der Herrlichkeit des Throns nach Würden sprach, + Dann von den mislichen Zeitläuften trug er nach: + Die Grenzburg Irans ist gekommen ins Gedränge + Von einem Türkenheer in ungezälter Menge. + Doch all den andern geht ein junger Fant voran, + Der über zweimal sieben Jahr nicht alt sein kann. + Von seiner Schlankheit ist die Zeder überragt, + Von seinem Glanz die Sonn im Aufgang übertagt. + Wenn er zu Rosse sitzt mit Lanze, Keul und Schwerde, + So achtet er gering Himmel und Meer und Erde. + In Turan weder ist noch Iran ein Verwegner + Von gleicher Art, für ihn ist auf der Welt kein Gegner, + Als Rostem nur allein; ihm gleicht er an Gestalt, + An unverzagtem Mut und furchtbarer Gewalt. + Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme, + Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme. + Sobald er kam, hat sich der mutige Hedschir + Gegürtet, und gesetzt auf ein schnellfüßig Thier. + Ihn trugs den Berg hinab, doch nicht zum Schloß zurück; + Dem Stürmer sperrt ich selbst die Vestung noch zum Glück. + Doch wenig fehlte nur, so wäre mutentbrant + Der junge Elefant allein ins Tor gerant. + Darauf hat er verbrant den Anbau rings ums Schloß, + Und länger widersteht die Burg nicht seinem Stoß. + Am Leben ist Hedschir, doch in Gefangenschaft; + Verloren ist an ihm des Schloßes Halt und Kraft. + Ich hab umsonst bei mir nach beßerm Rath gesucht: + Mit meinem Häuflein nem ich diese Nacht die Flucht. + Schnell sende nun der Schah ein großes Heer herbei, + Damit ein Damm gesetzt der Ueberschwemmung sei. + Doch Rostem sei dabei! Nur Rostem ist der Mann, + Der diesem Türkenknaben ins Gesicht sehn kann. + + + 37. + + Er schriebs und siegelte, und gab geschwind den Brief + Dem Boten, der damit die Nacht durch eilig lief. + Aufstand der alte Vogt sodann vom Schreibeplatz, + Und raffte sein Gesind zusammen und den Schatz, + Gurdaferid voran, um diese war ihm bange, + Mit allen wandt er sich zum unterirdschen Gange, + Der, ihm allein bekant, zur Burg hinaus weit fürte, + Und Niemand ward gewar, wie er den Bündel schnürte. + Er zog mit seiner Schaar bei Nacht ein gutes Stück, + Und nur wehrloses Volk ließ er im Schloß zurück. + Als nun der Tag brach aus der Nacht zerrißnem Flor, + Stürmte mit seinem Heer Suhrab den Berg empor. + Sie drangen bis ans Tor der Burg ohn Aufenthalt, + Niemand trat in den Weg der stürmenden Gewalt. + Da hielten sie vorm Tor, kein Atem war darinnen, + Und sahn zur Zinn empor, kein Leben auf den Zinnen! + Suhrab in Ungeduld faßt' einen Felsenstein, + Schleudert' ihn gegens Tor, und brach den Eingang drein. + Zu Ross sprengt' er hinein, alswie der lichte Tag, + Ins Torgewölb, in dem noch Nacht und Schweigen lag; + Das Schweigen ward geweckt von seinem Rosshufschlag. + Der Widerhall nur ward vom Waffengruße wach, + Kein andrer Widerpart schuf ihnen Ungemach. + Sie wunderten sich selbst, wie leicht sie eingenommen + Die Burg, und fragten sich, wohin der Feind gekommen? + Doch Suhrab hatte statt des Feindes an dem Ort + Die Freundin auch gesucht, und fand: sie war nicht dort. + + + 38. + + Wie sich ein Knabe müht, daß er den Baum ersteige, + Wo er ein Vogelnest weiß auf dem höchsten Zweige; + Am Abende zuvor hat er sich vorgenommen: + Bei frühstem Morgen wird der hohe Baum erklommen. + Heut ist es nun zu spät, bis morgen seis verschoben; + Die Vögel sind im Nest bei Nacht wol aufgehoben. + Er hat die ganze Nacht von seinem Fang geträumt, + Und, mit der Sonn erwacht, das Bette schnell geräumt; + Dann ist er ungesäumt auf seinen Baum geklommen, + Und droben findet er das Nest nun ausgenommen. + Er weiß nicht, ob zuvor ein andrer Dieb ihm kam, + Oder die flücke Brut den Flug vom Neste nam. + Eischalen findet er und ein zerstreut Gefieder, + Und traurig klettert er vom hohen Stamme wieder: + So traurig kletterte dort Suhrab auf und nieder + Durchs öde Mauerwerk der ausgestorbnen Veste, + Und fand den Vogel, den er suchte, nicht im Neste. + Er fand nicht Gurdafrid, wo er sie sucht' im Schloß, + Er fand den wehrlos nur zurückgelaßnen Troß. + So traurig sank er nun herab vom hohen Baume + Der Hoffnung, den er kühn erflogen hatt im Traume; + Er suchte, die er liebt', im weiten leeren Raume. + Er rief: Könnt ihr mir nicht, ihr stummen Wände, sagen, + Wohin ein Sturm sie hat, ein Flügel sie getragen? + Ist sie verschwunden, wie ein Traumbild ohne Spur? + Erscheinung glänzende, die mir vorüber fur! + Wo bist du? wer bist du? wie, sprich, nenn ich dich nur? + Das macht den Unmut mir im Herzen doppelt heiß, + Daß ich auch nicht einmal von ihr den Namen weiß. + Mich däuchte, kühlen würd es schon der Sehnsucht Brennen, + Wenn ich dem Winde nur dürft ihren Namen nennen! -- + Er dachte nicht daran, den Troß der Burg zu fragen; + Was, dacht er, können die von meiner Liebe sagen? + + + 39. + + Da rief er seiner Schaar: Geschwind, und holet mir + Herauf aus seiner Haft vom Lager den Hedschir! + Er ist ja gestern noch hier oben Herr gewesen; + Wen beßer könnten wir zur Auskunft uns erlesen? + Er soll des leeren Nests Gelegenheit uns deuten; + Verborgne Schätze sind gewis hier zu erbeuten. + Er riefs, und jene trieb nach Schätzen die Begier + Geschwind den Berg hinab, sie holten den Hedschir. + Er kam, und Feßeldruck beschwerte seine Glieder, + Doch schwerer noch drückt' ihn Gefühl der Scham danieder; + Denn frei hier war er einst, und kam gefangen wieder. + Doch auf die Seite nam ihn alsobald Suhrab, + Mit sanften Worten nam er ihm die Feßeln ab: + Du bist, so frei du hier gewesen, wieder jetzt, + Sogleich auf diese Burg von mir als Vogt gesetzt, + Wenn ohne Hinterhalt du mir den Namen nennest + Von einer, die du nur zu gut, ich weiß es, kennest, + Und sagst du mir, wo sie ist, wo ich sie finden mag? + Denn ohne sie will ich nicht bleiben einen Tag! + Er sprach es, und das Wort war für Hedschir ein Schlag. + Zur Antwort gab er ihm: Wenn dir sie Gott beschied, + Den Namen nenn ich wol, sie heißt Gurdaferid. + Ich staune, wie du selbst, sie nicht zu sehn hier oben; + Wer weiß, wo seinen Schatz der Vater aufgehoben! + Gern würd ich dir den Platz, wenn ich ihn wüßte, sagen. + Sie hat ein Geist entfürt, ein Sturmwind fortgetragen; + Du mußt die Zauberin dir aus dem Sinne schlagen. + Er schwieg, und wußte wohl, auf welchem Weg den Schatz + Der alte Drach entfürt, an welchen sichern Platz. + Doch sein Geheimnis war des Nebenbulers Heil; + Es war ihm um die Burg und um die Welt nicht feil. + Für Persien diese Burg zu halten wäre schön, + Dacht er, und frei als Herr zu walten auf den Höhn; + Doch übel ist der Preis und schlimm die Gegengabe: + Nicht kommen soll durch mich auf ihre Spur der Knabe! -- + Vom Vorteil seines Lands und seinem ungerürt, + Vom Wunsch der Freiheit selbst, blieb er von Lieb umschnürt, + Und ward in Feßeln, wie er kam, hinweg gefürt. + + + 40. + + Doch Suhrab gieng nunmehr im weiten Schloß umher, + Und fand den Raum von dem, wornach er suchte, leer. + Da sprachen, die es sahn: Nach Schätzen suchet er. + Und suchen gieng im Schloß nach Schätzen auch das Heer. + Er aber suchte fort und fort sie hier und dort; + Am einen fand er nichts, und sucht' am andern Ort. + Er dachte, daß sie doch sich müße wo verstecken, + Und immer hoffte noch sein Herz, sie zu entdecken. + Wie ein verlegt Gerät man sucht an jedem Flecke, + Wo man es schon gesucht, und suchts in jeder Ecke, + Wo mans nicht fand, und denkt, daß es doch wo noch stecke. + Er gieng zur Zinn hinaus, wo er von unten hoch + Sie gestern stehen sah; stehn wird sie da heute noch! + Er freute sich, zu stehn, wo sie zuvor gestanden, + Und ließ den Blick hinaus umschweifen in den Landen. + Er sah darauf die Berg' und jede Thalschlucht an, + Ob sie hindurch villeicht genommen ihre Bahn. + Er fragt' um sie, von der er wußte nun den Namen, + Die Wolken und die Lüft, ob sie von ihr nicht kamen. + Mit Wind und Sonnenschein sprach er, mit Pflanz und Stein + Sprach er von ihr, nur mit den Leuten nicht allein. + Die Leute plünderten, zerhieben und zerstachen, + Zerschmißen, rißen ein, zerwülten und zerbrachen. + Sie suchten einen Schatz, und weil sie keinen Schatz + Am Platze fanden, ward zerstört dafür der Platz. + Doch Suhrab, dessen Herz ein andres kümmerte, + Sah unbekümmert drein, wie alles trümmerte. + Er sah, und sah es nicht, wie man die Burg zerstörte, + Alsob sie noch dem Feind, nicht schon ihm selbst gehörte. + + + 41. + + Zu dem in Liebeslust gefangnen jungen Mann + Mit Mahnung und Verweis trat Barman und begann: + Wie? um ein dunkles Haar und helles Angesicht + Vergißest du die Welt, dich selbst und deine Pflicht! + Die Helden, so die Welt noch jetzt am höchsten hält, + Sie hielten höher als sich selbst nichts auf der Welt. + Sie gaben aus der Hand nicht achtlos und bedachtlos + Das Herz und den Verstand, vom Rausch der Liebe machtlos. + Wol manches Moschusreh fiengen sie ein im Scherz, + Doch binden ließen sie im Ernste nicht ihr Herz. + Denn, wer dem Adler gleich will um die Sonne werben, + Darf wie die Nachtigall nicht um die Rose sterben. + Nicht mit Eroberung von einer Welt vereint + Sich dieses, daß in Gram um einen Mond man weint. + Sohn hat zum Ruhme dich genant Afrasiab, + Und über Land und Meer schwingst du der Herrschaft Stab. + Aus Turan kamen wir hieher zu einem Werke, + Begonnen wards mit Kraft, und sei vollfürt mit Stärke! + Dir fiel ohn einen Streich des Schwertes in die Hand + Solch eine Burg, und frei steht dir nun Irans Land. + Doch ob wir so im Spiel erreichten dieses Ziel + Des Wunsches, doch bevor steht uns noch Arbeit viel. + Der König Kawus wird mit seinen Helden nahn; + Willst du entgegengehn? willst du sie hier empfahn? + Willst du entgegengehn? kleb hier nicht an den Hallen! + Willst du sie hier empfahn? laß nicht die Burg zerfallen! + Was überlieferst du in Blindheit und Betörung + Das erste Pfand des Glücks den Händen der Zerstörung? + Mach, es ist dir zu schwül, dein Herz im Busen kühl + Von Liebe, willst du stehn ein Mann im Schlachtgewühl! + Und willst du sein ein Kind, so ruh auf weichem Pfühl! + So mahnte Baruman; Suhrab hatt ihm verraten + Sein Herzgeheimnis nicht: er hatt es selbst erraten. + + + 42. + + So mahnte Baruman, und als darauf kein Wort + Suhrab erwiderte, fur er zu mahnen fort: + Du hast aus eignem Mut, o Jüngling, unternommen + Ein großes Werk, und wirst mit Glück zum Ziele kommen, + Wenn eins mit dir du bist! Mit dir eins, wirst du siegen; + Uneins mit dir, wirst du dir selber unterliegen: + Der Kopf besinnungslos wird unters Herz sich biegen. + Nur wer mit Festigkeit und mit Verstand ausfürt + Das Unternommne, weiß daß ihm der Ruhm gebürt. + Den Leun zu fangen, bist du auf die Jagd gegangen; + Laß dich nicht unterwegs vom bunten Panther fangen! + Bist du ein Held, ein Mann, die Welt zum Raube nim! + Die Hand streck aus! dem Schah vom Haupt die Haube nim! + Wenn diese Länder all erst deiner Herrschaft fröhnen, + Werden dir allerwerts auch huldigen die Schönen. + Die Schönheit ist die Blum, o Sohn, auf dem Gefild + Des Lebens, und die Lieb ein Thau auf Blumen mild. + Nie fehlen möge dir, o Jüngling, auf der Au + Der Jugend und des Glücks die Blume noch der Thau! + Befestige dieß Schloß zu Ehren der darinn + Erblühten, ihr zum Ruhm befestge deinen Sinn! + Wenn dir von hier der Sieg ganz Persien beschied, + In Persien ist mit inbegriffen Gurdafrid. + Wenn du den Rostem wirst vom Ross zu Boden ringen, + Laß ihn als Lösepreis Gurdaferid dir bringen! + So Baruman, und wie ein Stral durch Nebel brach + Die Red in Suhrabs Seel, er ward vom Traume wach. + Ja, rief er, von dem Ross will ich den Rostem bringen, + Und will als Lösepreis Gurdaferid bedingen! + Dem Heer gebot er: Reißt nicht, was wir haben, ein! + Und baut es wieder, daß es mög unnembar sein! + Dann setzt' er sich und schrieb Brief' an Afrasiab, + Worin er ihm Bericht vom ersten Siege gab. + + + + + Fünftes Buch. + + + 43. + + Doch zu Keikawus kam nach Istachar der Brief + Des Gesdehem, womit in Eil der Bote lief. + Der König, als er nun den Brief las, und vernam + Die üble Zeitung, ward sein Herz voll dunklem Gram. + Darauf er seines Heers Gewaltige berief, + Und viel verhandelt' er mit ihnen ob dem Brief. + Sie saßen um den Schah von Iran alle her, + Und allen ward das Herz wie ihm von Sorgen schwer. + Die Großen seines Reichs und Starken saßen alle + Ratschlagend mit dem Schah in der Chosroenhalle: + Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham, + Gurase, Gurgin, Gew, Milad, Ferhad, Behram. + Denselben allen gab der Schah den Brief zu lesen, + Und sprach mit ihnen dann von Suhrabs Art und Wesen: + So ist aus Turans Schooß ein neuer Kriegessturm + Gebrochen! seinem Stoß wankt Irans Friedensturm. + Schon ist in seiner Hand die weiße Veste jetzt, + Auf welche wir umsonst der Hüter zwei gesetzt. + Der alte gieng davon, der junge ließ sich fangen. + Guders! mit deinem Sohn Hedschir darfst du nicht prangen! + Du hast der Söhne viel; warum gerade gaben + Die Burg wir dem, der sie nicht hielt vor einem Knaben? + Doch, wie der Alte schreibt, so ist kein Mann der Welt, + Der diesem Ungetüm von Kind die Stange hält, + Als Rostem, Sabuls Held. Ihr, denen ist empfolen + Die Wolfart Irans, sprecht: soll man den Rostem holen? + Da sprachen Groß und Klein, und riefen insgemein: + Rostem ist Irans Held, geholt soll Rostem sein. + Im Kampf mit Turan war stets Rostem Irans Hort; + Aus Sabulistan sei er eingeholt sofort! + Der Schah schreib einen Brief, worin ihm werd empfolen + Zu eilen; aber Gew, sein Eidam, geh ihn holen. + + + 44. + + Da saß der Schah und schrieb an Rostem einen Brief, + Worin er Gottes Preis ob ihm zum Eingang rief: + Hort der Iranier, Fürst von Sabulistan! + Stets sei vom Ruhm genant des Reiches Pehlewan! + Von Turan ist ein Sturm und Friedensbruch gekommen, + Die weiße Burg hat er den Hütern abgenommen. + Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme, + Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme; + Ein Wetterstral, ein Brand, ein Recke sonder Scheu, + Von Leib ein Elefant, von Herz und Mut ein Leu. + Wie Gesdehem uns schreibt, so ist kein Mann der Welt, + Der diesem Wagehals von Kind die Wage hält, + Als du nur, Irans Held! All meine Ritter saßen + Zu Rate, wo mit mir sie diese Fahr ermaßen, + Und einig sind sie, daß mit ihm den Kampf kann üben + Kein anderer, nur du magst ihm das Waßer trüben. + Denn du bist unser Hort und Schmuck und Putz allein, + Du Irans Rettungsport und Turans Trutz allein, + Die Stütze fort und fort des Throns und Schutz allein. + Nun gilt es, der Gefahr mit Kraft Entgegenstemmung, + Die Brust von Iran frei zu machen von Beklemmung; + Hemmung und Dämmung gilts von Turans Ueberschwemmung! + Sobald du diesen Brief erbrochen hast, brich auf! + Im Augenblick brich auf, und halte dich nicht auf! + Stehst du, wo dieser Brief ankommt, nicht sitze nieder + Zu lesen! sitzest du, erheb im Sprung die Glieder! + Wenn in der Hand den Strauß du hältst, zu riechen, reuch nicht + Daran! wirf hin den Strauß, zeuch aus, zeuch! und verzeuch nicht! + Bist du vor deiner Tür, so geh nicht erst ins Schloß! + Laß holen Schwert und Helm, und hol im Stall dein Ross! + Sitz auf dein Ross! den Rachs laß rennen! flieg herbei + Aus Sabul wie ein Sturm! erheb ein Feldgeschrei! + + + 45. + + Er schrieb und siegelte den Brief mit buntem Wachse, + Gab ihn dem Gew, und sprach: Nun renne gleich dem Rachse; + Nach Sabul renn und flieg, alsob du hättest Flügel! + Nun gilts am Rösslein abzunutzen Zaum und Zügel. + Wenn du nach Sabul kommst zu Rostem, heiß ihn eilen! + Verweilen laß ihn nicht, und laß dich nicht verweilen! + Kommst du an spät des Nachts, so kehr um früh des Tags! + Sags ihm, daß nah der Kampf herandrängt, sags ihm, sags! + Da nam den Brief zur Hand und eilte hin der Bote; + An Waßer dacht er nicht, und fragte nicht nach Brote; + Er fragt' auf seinem Weg nach Staub nicht oder Kot, + Und auch am Himmel nicht nach Früh- und Abendrot. + Er flog auf seinem Ross in ungestümer Hast, + Und gönnte weder ihm noch sich Schlaf oder Rast. + Der Reuter und sein Ross, sie fühlten ihre Kräfte + Verdoppelt vom Beruf der wichtigen Geschäfte; + Als dienete zu Sporn des Reiches scharfe Not, + Zu Geißelhieb des Schachs eindringliches Gebot. + Als er zur Mark hinan ritt von Sabulistan, + Ward vom Wachpostenruf dem Rostem kund getan; + Aus Iran fliegt ein Bot alswie ein Sturm heran. + Doch Rostem zu Sewar, zu seinem Bruder, sprach: + Reit ihm entgegen, sieh, warum ihm ist so jach! + Dem Königsboten ritt Sewar auf hohem Ross + Entgegen, Rostem blieb in Ruh auf seinem Schloß. + Doch als der Bruder nun kam mit dem Boten näher, + Wie er den Eidam sah, da freute sich der Schwäher. + Er grüßt' ihn schön und sprach: Was bringst du, Tochtermann? + Ein Schreiben von dem Schah! gibs, ob ichs lesen kann! + Er nam den Brief, den er mit Augen überlief, + Dann schwieg er lange Zeit, und dachte nach dem Brief. + + + 46. + + Ich denk an alte Zeit, vergeßen manches Jahr, + Und jetzt erinnr' ich mich, alsob es gestern war. + Wie lange kann es sein? unmöglich ist der Knabe + Mein Sohn, wenn einen Sohn ich in Semengan habe. + Unmöglich, wenn mir dort ein Herz- und Seelerfreuer + Erwächst, ist er bereits ein Mann und Heerzerstreuer. + Jetzt trinket er noch mit milchduftiger Lippe Wein; + Doch ohne Zweifel bald wird er ein Kämpe sein. + Wann seine Zeit kommt, wird sein Arm die Keule schwingen, + An Tapferkeit wird er mit seinem Vater ringen. + Aufblühen neu in ihm wird Rostems Heldenfeuer, + Der Jüngling wird dem Greis der Jugendkraft Erneuer; + Jetzt ist er noch kein Mann der Schlacht und Heerzerstreuer. + Wann er erwachsen ist, wird ihn die Mutter schicken, + Und um den Arm das ihm bestimmte Zeichen stricken. + Erkennen werd ich ihn, und er wird mich erkennen, + Denn meine Zeichen wird ihm auch die Mutter nennen; + Nicht feindlich werden wir uns dann im Kampf anrennen. + Zusprechen wird er mir mit sittigem Zuspruch, + Nicht kommen mit gewalttätigem Gastbesuch, + Nicht mit der Tür ins Haus, ins Land mit Waffen fallen, + Anklopfen wird er erst an seines Vaters Hallen, + Und diese sind ihm aufgetan mit Wolgefallen! + Ich habe keinen Sohn in Persien, um ihn + Als Erben meines Ruhms und Namens zu erziehn, + Als Erben meines Guts und Reichs Sabulistan. + »Ein Türkenknabe taugt nicht zum Reichspehlewan« + Wird Kawus sagen; doch nach Kawus frag ich nicht. + Doch gerne möcht ich sehn dem Jungen ins Gesicht, + Der Suhrab ist genannt, die junge Kriegesflamme, + Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme! + Ich könnt ihn nach dem Kind und seiner Mutter fragen, + Und einen Gruß an sie nach Turan ihm auftragen, + Den trüg er hin, wenn ich ihn hier nicht hätt erschlagen! + + + 47. + + So sprach der alte Held in tiefbewegtem Sinn, + Und all sein Denken schuf ihm lauter Ungewinn. + Dann blickt' er auf, und sprach zum Boten, den er fast + Vergeßen hatte: Komm! für heut bist du mein Gast. + Es ist nicht Eilens Not mit Krieg und Kriegsgebot: + Ich seh nicht, was dem Reich von Iran Großes droht! + Nun machte wol mich scheu ein reckenhafter Knabe, + Da ich nicht Furcht vor Leu und Elefanten habe? + Es sollt ein blinder Schreck mich gleich in Harnisch bringen, + Und stehndes Fußes sollt ich auf den Rachs mich schwingen? + Weil gegen ihn ein Tropf die weiße Burg verlor, + Ist drum der Brausekopf schon vor der Hauptstadt Tor? + Ein knabenhafter Mann, wieviel er Kraft gewann, + Wenn sich zu rühren erst für ihn mein Schaft begann, + Sehn werdet ihr, wielang er seiner Haft entrann! + Ich wurde fertig sonst mit Riesen und Dämonen, + Ich fürchte mich vor nichts, was hinterm Berg mag wohnen. + Er wird sich hüten uns ins Garn herein zu springen; + Wir werden zeitig ihm den Tod entgegen bringen. + Soll in Bewegung erst sich setzen Meeres Braus? + Das Glimmen geht von selbst des Aschenhäufchens aus. + Wir werden bald genug auch diesen Weltbrand dämpfen; + Heut hab ich keine Lust für Keikawus zu kämpfen. + Kommt! eh auf seinen Wink wir morgen Türken hetzen, + Will ich mich heute noch mit lieben Freunden letzen. + Wir schlagen aus dem Sinn die Schlacht uns beim Gelag, + Bei hellem Becherklang und frohem Lautenschlag, + Und machen vor der Nacht uns einen guten Tag. + Du, Eidam, sollst mir was von meiner Tochter sagen, + Vom jungen Recken auch, den ich euch todt soll schlagen! + Die Herrlichkeit der Welt wird all am Ende Staub; + Begießen wir mit Wein des Lebens grünes Laub! + Seware! geh ins Haus, bestell uns einen Schmaus! + Wir leeren vor der Nacht noch manchen Becher aus. + + + 48. + + So rief der alte Held aus aufgeregter Seele; + Sein Bruder tat, wie er gewohnt war, die Befele. + Und auch der Eidam wagte nicht zu widersprechen; + Er wußte, daß mit ihm nicht gut sei Lanzen brechen. + Der alte Recke ließ sich durch den Sinn nicht faren; + Starr war sein Kopf und hart, besetzt mit struppigen Haaren. + Dem Schwäher folgte Gew vergnügt ins Haus zum Schmaus, + Und dachte: Mach er mit dem Schah es selber aus! + Wir wollen heut mit Wein die staubgen Lippen netzen, + Und morgen können wirs durch schärfern Ritt ersetzen. + Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag, + Das Fest geschmückt war wie ein Frühlingsrosenhag. + Alswie ein Rosenhag, geschmückt mit Duft und Glanze, + Mit Nachtigallenschlag und blühndem Rosenkranze; + So blühte das Gelag von Sang und Klang und Tanze; + So mühte sich die Kunst geübter Tänzerinnen, + Vom Wirte Gold, und Gunst vom Gaste zu gewinnen. + Sie dachten an den Feind und an den König nicht, + Und sahn nur Rosenwang und Mondenangesicht. + Vom Schenken ließen sie den roten Wein sich schenken, + Und durften nicht dabei an Blutvergießen denken. + Sie schöpften Wonn auf Wonn aus unerschöpfter Tonne; + Froh war hinunter schon getrunken Tag und Sonne. + Zum Trunke leuchteten noch ihnen Sternefunken, + Bis alle vom Gelag zum Lager giengen trunken. + + + 49. + + Am andern Morgen trat der Eidam reisefertig + Zu Rostem ein, und war des Aufbruchs nun gewärtig. + Doch Rostem sprach vergnügt: Du schliefest zeitig aus; + Gut, daß zu kurz der Tag uns werde nicht zum Schmaus! + Nun heute wollen wir erst recht behaglich schmausen; + Wer weiß, wie bald herein des Unheils Wogen brausen! + Wir wollen aus dem Sinn uns schlagen Graun und Grausen; + Gut Obdach haben wir, der Sturm mag draußen sausen! + Villeicht wird nie so froh uns mehr dieß Haus behausen. + Mir ist, als sollt ich mich zum letztenmal der meinen, + Der guten Freunde freun, die sich um mich vereinen! + Ihr beiden, kommt, und setzt zur Rechten und zur Linken + Euch um den Rostem her, und helft dem Rostem trinken! + Sewar, mein Bruder, hier! hier Gew, mein Tochtermann! + Mir träumte Nachts daß ich auch einen Sohn gewann. + Das kam mir in den Sinn durch jenen Türkenknaben, + Mit welchem sie vom Hof den Kopf betäubt mir haben. + Nachbringen sollst du heut beim Weine, Gew, mir dessen + Beschreibung, weil beim Wein sie gestern ward vergeßen. + Kommt, setzet euch, und laßt uns hören vom Suhrab, + Was Gew zu sagen weiß, ob dieser Wunderknab + Ist wirklich einzig auf der Welt der weiße Rab! + So sprach er, und zuerst hinpflanzt' er seine Glieder; + Der Bruder durfte nichts, der Eidam nichts dawider + Ihm sagen; wie er saß, setzten sich beide nieder. + Sewar, der Bruder, rechts, der Eidam Gew zur Linken, + Bei Rostem saßen sie, und er begann zu trinken. + Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag; + Das Fest geschmückt war wie ein Himmelsrosenhag, + Mit Glanz und Tanz und Sang und Klang und Lautenschlag. + Beim Trinken sprachen sie, bis sie den Tag hinab + Getrunken und herbei den Schlummer, von Suhrab. + + + 50. + + Des andern Morgens trat der Bote reisefertig + Zum Pehlewan, und war des Aufbruchs nun gewärtig. + Er wartete, und sah daß nicht von selbst aufbrach + Rostem, da faßte Gew sich nun ein Herz und sprach. + Bedachtsam sprach er: Held! vernimm ein Wort in Huld! + Nun reize länger nicht des Schahes Ungeduld! + Kawus, das weißt du ja, ist jäh in jedem Ding; + Und diese Sache wiegt ihm keineswegs gering. + Drum sandt er Botschaft dir durch keinen andern Boten + Als deinen Tochtermann, und Eil hat er geboten. + Denn dieser junge Türk ist ihm ein großer Kummer, + Der Eß- und Trinkens-Lust und Ruh ihm raubt und Schlummer. + Und wenn wir länger noch in Sabulistan säumen, + Wird ihm das weite Reich zu eng in allen Räumen. + Sprich, lieber Schwäher, soll ich dir den Rachs nicht zäumen? + Im ungefügen Zorn möcht er sich uns erbosen; + Zorn des Gebietenden bringt Boten keine Rosen. + Zu ihm sprach Rostem: Laß dir das nicht Sorge werden! + Niemand darf zürnen mir und meinem Tun auf Erden. + Keikawus weiß das wol, daß er zu dieser Frist + Durch Rostems Macht allein in Iran König ist. + Er weiß auch, daß mein Schwert ihn nie im Stiche ließ, + Wo oft in Ungemach sein toller Mut ihn stieß. + Doch heute dünkt es selbst mir Zeit nun aufzubrechen; + Nun wollen wir es erst beim Morgentrunk besprechen. + So sprach er, und alsbald mit Prachtgepräng und Prunk + Ließ er bestellen dort im Saal den Morgentrunk. + Die Flasche neigt' er tief, und hob den Becher hoch, + Mit seinem Eidam sprach er dieß und jenes noch. + Den Sattel nun gebot er auf den Rachs zu heben, + Und ließ dem ehrnen Mund der Zinken Atem geben. + Die Krieger Sabuls, wie sie hörten Rostems Zinke, + Rings strömten sie herbei, willfärig seinem Winke. + Er übersah mit einem Blick die starke Schar, + Und merkte, daß kein Ding der Welt zu schwer ihm war. + Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, + Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. + Rostem ritt im Gespräch mit Gew voraus, es war + Hauptmann bei Sabuls Heer an seiner Statt Sewar. + + + 51. + + Die Kunde kam zur Stadt, Rostem sei auf den Wegen; + Die Fürsten zogen ihm eine Tagreis' entgegen: + Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham, + Gurase, Gurgin, Milad, Fehrhad und Behram. + Ferabors, Sohn des Schachs, und der Kronfeldherr Tus, + Samt allen übrigen, mit ehrerbietigem Gruß, + Entgegen traten sie dem reitenden zu Fuß. + Zu Fuß hernieder trat auch Rostem von dem Ross, + Grüßend, und im Geleit hinwandelt' er zum Schloß. + Hinwandelten zum Schloß vergnügt und unbeklommen + Alle, sie waren froh, daß Rostem nur gekommen. + So traten sie im Chor dort in die offne Halle + Des Throns, mit offnem Blick und offnem Herzen alle. + Doch wie sie grüßend sich dem goldnen Thron geneigt, + Saß droben Keikawus finster und ungeneigt. + Dem Ruf der Huldigung gab er die Antwort nicht, + Und schweigend wendet' er von ihnen sein Gesicht; + Worauf er gegen Gew erst einen Schrei ausstieß, + Und gegen Rostem dann den Unmut frei ausließ: + Wer ist Rostem, daß er ein Wort aus meinem Munde + Mit Füßen tritt, und sich entziehet meinem Bunde? + Hätt ich ein Schwert zur Hand, ich wollte laßen tanzen + Vom stolzen Rumpf sein Haupt gleich einer Pomeranzen. + Tus, greife mir das Paar, und führe sie davon, + Bring an den Galgen mir Schwäher und Schwiegersohn! + Er riefs, und sprang vor Zorn auf seinem Thron empor, + Auflodernd ungestüm alswie ein Feur im Rohr. + Der ganze Kreiß umher der Fürsten war betroffen, + Daß seinen Zorn der Schah so durft auslaßen offen. + Tus zauderte und wagt' an Rostem nicht die Hand + Zu legen, da geriet Keikawus erst in Brand. + Er brüllte durch den Saal alswie ein Leu im Forste, + Und schrie vom Throne wie ein Adler kreischt vom Horste: + Verräter, wer die Hand nicht legt an den Verräter! + Ein Uebertreter, wer nicht greift den Uebertreter! + Fort mit ihm auf der Stell, aus meinen Augen fort! + Und sagt dagegen mir kein unverständig Wort! + + + 52. + + So schnaubt' er, und vor Leid dem Tus das Herz zerbrach, + Daß er an Rostem sollt anlegen Hand mit Schmach. + Er faßt' ihn, nur damit er ihn aus dem Gesichte + Dem Kawus brächte, bis man dessen Zorn beschwichte. + Die Fürsten staunten, wie er faßte Rostems Hand, + Und Rostem wars allein, der nichts davon empfand. + Denn Rostems Seele schwoll von Groll und Unmut voll, + Daß vor den Fürsten ihm der Schah das bieten soll! + Er richtet' um ein Haupt noch höher sich empor, + Und um die Schultern schien er breiter als zuvor. + Dann tat er seinen Mund zu kühnen Reden auf, + Frei gegen Kawus ließ er seinem Zorn den Lauf: + Wer bist du, und wer ich, daß du so gegen mich + Darfst schnauben? auf der Welt bist du ein Schah durch mich. + Droh mit dem Galgen doch dem Suhrab, der dich schreckt, + Dem Ritter nicht, der dir den Feind zu Boden streckt! + Bin ich dein Untertan? Ich bin der Pehlewan + Des Reiches Iran und Fürst in Sabulistan. + Ich bin Tehemten, der, wenn er den Fuß im Grimm + Stampft auf den Grund, der Grund erzittert unter ihm. + Von meines Rosses Huf erhallt des Himmels Dom, + Und staunend still, wo es vorbeirennt, steht der Strom. + Ich bin der Rostem, sieggekrönt und ruhmgeschmückt, + Der wol um einen Schah wie du den Kopf nicht bückt! + Der Sattel ist mein Thron, der Helm ist meine Krone; + Ich spotte deiner Kron, und trotze deinem Throne. + Wer ist Kawus, daß er an mir den Zorn auslaße! + Und wer ist Tus, daß er mich bei der Hand erfaße! + Er riefs, und auf die Hand gab er solch einen Schlag + Dem Tus, daß er davon betäubt am Boden lag. + Hin über ihn und durch die andern schritt er stracks + Zu Hall und Hof hinaus, und schwang sich auf den Rachs. + + + 53. + + Die Fürsten drängten aus dem Saal ihm hinterdrein, + Den Kawus ließen sie mit seinem Zorn allein. + Sie eilten in den Hof, da saß der Rostem hoch + Auf seinem Sattel schon, und sprach vom Sattel noch: + Heim reit ich nun sogleich nach Sabul, in mein Reich; + Dort bin ich König selbst, dem König Kawus gleich. + Mag ohne Widerstand ganz Iran in die Hand + Von Turan fallen! ich behaupte wol mein Land. + Mag euch wie den Hedschir Suhrab vom Rosse stechen, + Und wie das weiße Schloß die Königsburg hier brechen! + Ich wehr ihm nicht, und wer wird ohne mich ihm wehren? + Euch allen rat ich, daß ihr mögt nach Hause kehren! + Kein edler Ritter dient solch einem Herrn mit Ehren. + Ein Hitzkopf sollte doch die Herrschaft nie erwerben! + Er stürzt das Land und stürzt sich selber ins Verderben. + O möcht ein Fürstensproß doch aus der Art nie schlagen, + Kein toller Sohn den Reif nach weisem Vater tragen! + Hab ich den Keikobad vom Berg Albors gebracht + Dazu, ihn auf den Thron gesetzt durch meine Macht, + Daß Keikawus, sein Sohn, sich nun mir unnütz macht? + Die Fürsten wißen, daß sie selbst zum König mich + Begerten! damals setzt ich ein als König dich! + Und hätt ich dort gewollt annemen Kron und Reif, + So trügest du nicht jetzt den Nacken hoch und steif. + Darum mishandle nur mit schnöden Worten mich! + Ich habs um dich verdient! warum erhöht ich dich? + Doch dächten so wie ich die Fürsten, auf dem Thron + Ließen sie dich allein, und giengen auch davon. + Lebt wol! in euerm Land seht ihr mich nimmer wieder; + Eur Land und euch kauf ich nicht um ein Krähengefieder! + So rief er, und im Zorn gab er dem Rachs die Sporen, + Spornstreichs ritt er hinaus zum Hof und zu den Toren. + Wol eine Meile Wegs ritt er auf Sabul zu, + Dann sucht' er gegen Nacht in einer Herberg Ruh. + Sein Zorn kühlt' in der Nacht; er harrte, bis Sewar, + Sein Bruder, käme nach mit Sabulistans Schar. + + + + + Sechstes Buch. + + + 54. + + Die Fürsten sahn ihm nach, verstöreter Geberde; + Denn Rostem war der Hirt, sie alle seine Herde. + Zu Guders sprachen sie: Guders! dieß ist dein Teil; + Durch deine Hand nur kann der Bruch uns werden heil. + Der König hört von dir am ersten noch ein Wort, + Und deiner Söhne Heer sind ihm ein werter Hort. + Geh hin zum Schah, und auf die Flamme seines Zornes + Spreng einen kühlen Thau aus Füllen deines Bornes! + Sprich Worte lind und stark, ihm zur Beschwichtigung, + Zu dieser mislichen Ergangs Berichtigung! + Gew, aber du sitz auf, und reit dem Schwäher nach, + Hol ihn uns ein, eh er nach Sabul heimfärt jach! + Der Gew saß auf und ritt, zusammen saß der Rat + Der Fürsten, weil den Gang Guders zum Schloß antrat. + Sie sprachen unter sich voll Kummer und Verdruß, + Daß heute nicht der Schah that, wie ein König muß; + Daß er mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt, + Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt. + Der Edlen Freundschaft müß ihm wol nicht nahe gehn, + Daß er so rücksichtlos beschimpft den Edelsten! + Der auf den Thron ihn hob, und der in jeder Far + Die Stütze seines Throns und Irans Zuflucht war! + Wenn an den Galgen er dafür will Rostem henken: + An was dann sollen wir, als schnelle Flucht nur, denken? + Denn ohne Rostem ist in Iran uns kein Halt, + Erliegen werden wir vor Turans Kampfgewalt; + Wenn nicht noch diese Nacht der Schah sich läßt erbitten, + Ihn zu besänftigen, eh er nach Haus geritten. + So ratlos hielten dort die Fürsten ihren Rat, + Indess Guders hinan zum zorngen König trat. + + + 55. + + Er sah ihn auf dem Thron in düsterm Unmut sitzen, + Gleich einer Wolke, die sich hat erschöpft mit Blitzen, + Geneigt, nachdem sie ausgewettert hat, zu regnen; + So wagte Guders ihm mit Worten zu begegnen: + O Fürst, ein König ist Haupt über Volk und Land; + Der Kopf soll haben für den ganzen Leib Verstand. + Wer guten Rat nicht hat, soll guten Rat annemen, + Und schlimmgemachtes gut zu machen sich nicht schämen. + Du hast ein harsches Wort zum Schaden und zur Schmach + Entsendet, send ihm auf dem Fuß ein sanftes nach! + Du hast mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt, + Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt. + Nicht gegen Rostem hast du deinen Zorn bezämt; + Die Edlen, weil sie ihn beschimpft sehn, sind beschämt: + Gestumpft ist Irans Schwert, des Mutes Arm gelämt. + Wenn jener Türke nun mit seiner Heermacht Wellen + Daherbraust, welchen Damm willst du entgegen stellen? + Der Gesdehem, der all die Deinen groß und klein + Von Hörensagen kennt, und kennt von Augenschein, + Sagt, daß dem Suhrab gleich in Iran kein Verwegner + Noch Turan sei, für ihn sei auf der Welt kein Gegner, + Als Rostem, den du nun durch ungestüme Hast + Des Herzens dir, dem Land und uns entwendet hast! + Warum? weil einen Tag zulang er ausgeblieben, + Hast du ihn lieber gar auf immer fortgetrieben! + Weil er drei Tage lang zu Haus uns hat gesäumt, + Sehn wir das Feld der Schlacht nun ganz von ihm geräumt! + Die Fürsten alle, die Heil wünschen deinem Thron, + Die Fürsten all, o Fürst! Ferabors auch, dein Sohn, + Einmütig haben sie zu deines Thrones Stufen + Mich hergesandt, zu flehn, Rostem zurück zu rufen! + Ferabors schützt dich nicht, dein Sohn, o Keikawus, + Wie stark er sei, dich schützt nicht dein Kronfeldherr Tus, + Noch all die andern sonst, die deinem Zepter fröhnen; + Ich schütze selbst dich nicht mit meinen achtzig Söhnen. + Sie werden alle nicht schnell wie Hedschir erliegen, + Doch ohne Rostem sind wir nicht im Stand zu siegen. + + + 56. + + So sprach der edle Greis und schwieg, doch Kawus nam + Zu Herzen, daß der Rat aus gutem Sinne kam. + Zu Guders sprach er: Wolgesprochen ist das Wort + Der Alten: Greisenmund voll Rates ist ein Hort. + Mich reuts, es reuete mich schon, was ich im Kochen + Des ungestümen Bluts Verletzendes gesprochen. + Geht schnell dem Rostem nach, den Ritter zu beschwichtigen, + Und bringt ihn her, damit wir das Versehn berichtigen! + Mit großer Freude nam Guders das gute Wort; + Heil, rief er, sei dem Schah! und gieng in Freude fort + Zur Ratsversammlung dort, die harrten ungeduldig + Ob huldig jetzt der Schah sei oder noch unhuldig. + Denn unstet immerhin ist eines Fürsten Sinn; + Da stiftet Schaden bald ein Wort und bald Gewinn. + Das Wort ist gleich dem Oel, doch eines Königs Mut + Ist bald wie Meeresflut, und bald wie Feuerglut. + Das Oel, gegoßen in die Flamm, erneut ihr Leben; + Gegoßen auf die Flut, macht es die Wogen eben. + Drum waren hocherfreut die Fürsten allzusammen, + Daß dort auf Wogen traf das Oel, und nicht auf Flammen. + Sie fühlten ihre Brust von einem Band entkettet, + Und von dem Dornenpfül auf Rosen sich gebettet, + Als Guders Kunde gab, wie sich die Flut geglättet, + Und riefen eines Munds: Nun ist Iran gerettet! + Zurückgewonnen ist dem Reich sein Pehlewan, + Der ihm des Sieges Bahn vorangeht auf Turan. + Nun laßt den Ritter uns nur unterwegs einholen, + Eh noch in Sabul er vom Fuße schnallt die Solen! + + + 57. + + Zu Rosse stiegen sie, und ritten bei der Nacht + Hinaus, wo Botschaft schon dem Rostem Gew gebracht. + Er hörte den Bericht vom Eidam an verdroßen, + Und blieb zur Heimkehr nach Sabulistan entschloßen, + Sobald nur mit der Schar ihm käme nach Sewar; + Statt dessen stellten sich ihm jetzt die Fürsten dar. + Zu bitten traten sie hinan zum Pehlewan, + Der, wie er nahn sie sah, aufstand sie zu empfahn; + Doch Guders trat voran, und hub zu bitten an: + Wir bitten dich vom Schah, ich komm in seinem Namen; + Sieh alle Fürsten hier, die dich zu bitten kamen! + Für Iran bitten wir, dess Pehlewan du bist, + Für Irans Volk, das dir zum Schutz empfolen ist; + Für seine Jünglinge, die kämpfen lernen sollen, + Für seine Männer, die im Kampf dir folgen wollen; + Für seine Greise, die sich selber nicht mehr nützen, + Für seine Kinder, die sich noch nicht können stützen, + Für seine Fraun, die du versprochen hast zu schützen! + Warum willst du zum Raub der Türken hin uns werfen, + Weil dich ein Königswort verletzt mit bittern Schärfen? + Du weißt ja, daß Kawus hat wenig Hirn im Haupt, + Und heftger Zorn ihn oft des Sinnes gar beraubt; + Dann ist sein Wort nicht fein, wenn er im Unmut schnaubt. + Er spricht geschwind ein Wort, das er geschwind bereut, + Worauf er schnell die Hand auch zur Versöhnung beut; + Er bietet sie durch uns, weis' uns zurück nicht heut! + Ist doch kein giftges Schwert das Wort, das dich gestochen! + Und zürnest du dem Schah um das, was er gesprochen; + Doch die Iranier, was haben sie verbrochen, + Daß du sie strafen willst für seinen Unverstand, + Dein Angesicht in Nacht abwenden ihrem Land? + Doch auch der Schah streckt dir entgegen seine Hand. + Er ist der Schah, und hat zu lohnen und zu spenden; + Vergelten wird er dir mit voller Gnade Händen + Den Zorn und den Verdruß; Verdruß und Zorn laß enden! + Und folg uns mit dem Rachs zu dem, der uns geschickt, + Dem Schah, der schon vom Thron nach dir erwartend blickt. + + + 58. + + Doch Rostem sprach: Er mag nach mir nur lange blicken! + Solch edle Boten hat er nun nicht mehr zu schicken. + Wenn diese nicht an mir verdienten Botenbrot, + Wer tuts ihm dann? Er ist mir ganz und gar nicht Not; + Ich will nicht sein Geschenk, und will nicht sein Gebot. + Nach Sabul kehr ich heim, wo ich ein König bin + Wie Kawus, walten kann ich dort nach meinem Sinn. + Hier sind ja Ritter gnug, die Marken zu verteidigen! + Er soll nur alle wie den einen nicht beleidigen! + Ich aber zieh nach Haus, die Waffen leg ich nieder + In Frieden, und erheb im Leben sie nicht wieder + Zu Kampf und Schlachten, Blutvergießen, Mord und Wut; + Dem allem sag ich ab und hege Friedensmut. + Ich hab in Ehren lang genug das Schwert gefürt, + Und habe nun vom Schah den Lohn, der mir gebürt. + Warum half aus der Not ich ihm sooft, und bot + Die Hand, wenn Unverstand den Fuß ihm bracht in Kot? + Dafür hat er mir mit dem Galgen nun gedroht; + Weil ich ihm aufgetan einst in Masenderan + Den Kerker, wohinein sein Unsinn ihn getan; + Als von den Zauberern, Schwarzkünstlern und Dämonen + Er sich hinlocken ließ, die dort im Lande wohnen. + Des Landes Frühlingsglanz und goldner Schätze Reiz + Verlockte seine Lust, verlockte seinen Geiz, + Bis er mit seinem Heer und euch, ihr Fürsten, allen + Dort war in die Gewalt der bösen Macht gefallen: + Wer mußt euch da befrein, als ich, aus Teufelskrallen? + Doch was ich sonst getan für ihn und sein Iran + Und euch, ihr wißt es noch: was gehts mich ferner an? + Ich eile nun im Nu zur langen Waffenruh, + Und meine wol, ich bin nicht mehr zu jung dazu. + Ein Adler, der sich schwang wol ein Jahrhundert lang + Zur Sonn, am Ende wird ermatten auch sein Drang. + Als ich aus Sabul ritt, da war mir schwer zu Mut, + Als wär mir dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut. + Auch stolperte mein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt, + Und Helm und Schien hat mich zum erstenmal gedrückt. + Jetzt auf dem Heimweg ist mir leichter in der Nacht, + Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht. + Geht heim zum Schah, sagt, daß ihr mich nicht mitgebracht! + + + 59. + + Doch Guders sprach: Ist das, Rostem, dein letztes Wort? + Und also sendest du mich und die Fürsten fort? + Was wird der Schah von dir, was werden Edle denken? + Unedle gar, worauf wird sich ihr Denken lenken? + Vor jenem Türken ist der Held von Iran scheu; + Den alten Löwen schreckt vom Berg der junge Leu. + Held Rostem fürchtet sich! das ist an Rostem neu. + Wer, wenn er flieht, soll stehn? wer, wenn er wankt, soll dauern? + Wer, wenn er zagt, soll gehn zum Kampfplatz ohne Schauern? + Denn, wie ihn Gesdehem beschreibt, ist kein Verwegner + Dem Suhrab gleich, für ihn ist auf der Welt kein Gegner, + Als Rostem, Sabuls Held; und wenn nun Rostem flieht, + Wer soll verteidigen vor Suhrab das Gebiet? + So muß dem Adler, der sich ein Jahrhundert lang + Zur Sonne schwang, am End ermatten auch sein Drang! + Drum war ihm, als er ritt aus Sabul, schwer zu Mut, + Als wär ihm dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut! + Drum stolperte sein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt, + Und Helm und Schien hat ihn zum erstenmal gedrückt! + Jetzt auf dem Heimweg ist ihm leichter in der Nacht, + Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht! + Am Hofe hör ich schon von Rostem dieß Gerede + Und in der Stadt; wo bleibt dein Ruhm in dieser Fehde? + Willst du nicht unsern Wunsch und deines Schahes stillen, + Tu's nur um deines Ruhms, um deines Namens willen! + Doch Rostem sprach: daß Furcht nie Rostems Herz empfand, + Und nie empfinden wird, das weiß wol dieses Land. + Wie aber kann ich hier mit gutem Willen bleiben, + Da mich von hinnen selbst des Schachs Scheltworte treiben? + Guders mit Nachdruck sprach: Wenn dich sein Wort vertrieb, + Sein Wort ruft dich zurück; so folg ihm, uns zu lieb! + Rostem mit Zögern sprach zu seinem Tochtermann: + Gew, sattle mir den Rachs, weil ichs nicht weigern kann. + Nach Hause kann ich nun allein nicht, weil Sewar, + Mein Bruder, wie es scheint, nicht nachkommt mit der Schar. + Gew sattelte geschwind, und alle saßen auf, + Den Rostem führten sie zur Stadt im Siegeslauf. + + + 60. + + Zu Hofe führten sie im Zug den Pehlewan, + Die Pforten fanden sie weit offen aufgetan. + Als er ihn kommen sah, der Schah eilt' aufzustehn, + Und mit Entschuldigung entgegen ihm zu gehn. + Er sprach: Die Heftigkeit ist mir zur Art gegeben; + Und wie uns Gott gepflanzt, so wachsen wir im Leben. + Von diesem neuen Feind, der uns so plötzlich kam, + Stieg Unmut mir ins Haupt, der mir den Sinn benam. + Du aber bist der Hort des Reichs, des Heeres Rücken; + Auf dich nur sind gelegt die Sorgen, die mich drücken. + Du bist der Edelstein, dem Glanz die Krone dankt; + Du bist der Fels, auf den gebaut der Thron nicht wankt. + Dein Wolsein ists, worauf ich früh den Becher leere, + Und dein Wolwollen, was ich in der Nacht begere. + Mit deiner starken Hand halt ich den Herrschaftstab; + Wir beide stammen ja gerad von Dschemschid ab. + Kein andrer steht so nah dem Herzen und dem Thron; + Mein Leben und mein Reich dank ich dir vielmal schon; + Und nur mein Dank allein ist deiner Taten Lohn. + Stehst du bei mir, so mag die Welt entgegenstehn; + Statt aller wünsch ich nur als Helfer dich zu sehn. + In dieser Kampfnot auch begert ich dein vor allen; + Und wie du zögertest, hat mich der Zorn befallen. + Doch als beleidiget du giengst, o Pehlewan, + Hat mir die Reu sogleich den Staub aufs Haupt getan. + So sprach der Schah und schwieg; doch Rostem sprach: die Welt + Ist dein, ich bin darin zu deinem Dienst bestellt. + Gehorchen meine Pflicht, Befelen ist dein Recht; + Ich beuge mich, du bist der Herr, ich bin der Knecht, + Bereit, wohin du rufst, auf deinen Ton zu gehn, + Der Diener niedrigster an deinem Thron zu stehn. + Verpflichtet deinem Hof bin ich zu Dienstentrichtung, + Dafern ich würdig bin so ehrender Verpflichtung. + Und wäre Leben mir noch tausend Jahr verliehn, + So werd ich nie vor dir des Dienstes Gurt ausziehn. + + + 61. + + Zu Rostem wieder sprach der Schah: O Pehlewan! + Die Seele bleibe dir hell ewig aufgetan! + Nie werde dir die Hand, das Schwert zu füren, schwächer, + Und nie miss' Irans Land den Ritter und den Rächer! + Die neuen Dienste, die du wirst im Kampfe tun, + Wie lohn ich sie? noch unbelohnt sind alte nun. + Was biet ich heute dir als Gast- und Ehrengabe? + Was hab ich, das ich nicht durch deinen Beistand habe? + Was hab ich, das, o Held, du nicht schon selber hast? + In Sabul ist dein Reich und fürstlicher Palast. + Du hast das beste Ross, das schönste Sturmgewand, + Du hast das stärkste Schwert, dazu die stärkste Hand. + Du bist mit allem ausgerüstet unvergleichlich, + Im Felde wie zu Haus versehn mit Schätzen reichlich. + Rostem, was schenk ich dir an diesem Freudentag? + Wähl ein Geschenk dir selbst, was ich dir bieten mag! + Rostem verneigte sich und sprach: Ich wills bedenken; + Inzwischen mag der Schah mir seine Gnade schenken! + Er sprachs, da freuten sich die Fürsten groß und klein, + Da sie gestiftet sahn so gütlichen Verein. + Zu Guders sprach der Schah: Dir dank ich es, daß du + Mir noch vor Schlafengehn ins Haus gebracht die Ruh. + Doch Rostem trat zu Tus, dem tat er nun genug + Dafür daß unsanft erst er auf die Hand ihm schlug. + Der Schah rief: bringet Wein und Saitenspiel herein! + Denn ohne Sang und Klang soll diese Nacht nicht sein. + Zum Kampf mit Suhrab ziehn wir morgen mit dem Tage, + Und feiern im Gelag heut seine Niederlage. + So rief er; und zum Fest ward Wein hereingebracht + Und Saitenspiel, und hell und klangvoll ward die Nacht. + Wie Frühlingsgartenpracht war aufgeschmückt das Maal, + Und Lust war wie ein Bach ergoßen durch den Saal. + + + 62. + + So saßen sie im Haus des Königs nun beim Schmaus; + Da gieng ein froh Gerücht vom Hof zur Stadt hinaus, + Das durch die Straßen lief, und durch die Häuser rief, + Grüßte, was wach noch war, und weckte, was schon schlief. + Jeder, zu dem es kam, und der den Gruß vernam, + Dem schwand davon alsbald der Kummer und der Gram, + Und wuchs die Freudigkeit. Nun aber war beim Wandern + Das fröhliche Gerücht begegnet einem andern, + Das war so traurig anzusehn als jenes froh; + Das frohe hielt es an, eh es ins Dunkel floh. + Da tat das fröhliche Gerüchte seinen Mund + Mit Lachen auf und sprach: wer bist du? tu mir kund! + Und jenes sprach: Ich bin das traurige Gerüchte, + Daß Rostem, von Kawus gekränkt, aus Iran flüchte. + Das ist die Botschaft, die durch Stadt und Land ich trage, + Und jeder wird betrübt, dem ich die Zeitung sage. + Da sprach das fröhliche: Nun streue keinen Frost + Der Furcht umher! sei still! denn falsch ist deine Post. + Die Wahrheit sag ich dir: Held Rostem sitzt beim Schmaus + Mit Kawus heut, und zieht zum Kampfe morgen aus. + Unglaubig schüttelte das traurige Gerücht + Sein Haupt, es glaubte nicht den fröhlichen Bericht. + Aber das fröhliche geriet in Zorn, und rang + So mit dem traurigen, bis es den Feind bezwang. + Das traurige Gerücht vom fröhlichen danieder + Geschlagen lag, und stand die Nacht durch auf nicht wieder. + Froh seines Sieges gieng das fröhliche vondann, + Und wo es gieng und stand, ward fröhlich Weib und Mann. + Abwechselnd sprach es ein in Häusern groß und klein, + Willkommen überall, beliebt wars allgemein. + Und jeder, dem es noch vor Schlafengehn gebracht + Ins Haus die Kunde, schlief dann beßer in der Nacht. + + + 63. + + Sie aber saßen noch beim frohen Maal und tranken, + Bis sie, vom Wein bekämpft, dem Schlaf zur Beute sanken. + Doch morgens, als die Sonn ihr goldenes Panier + Aus Purpurvorhang hob zur Decke von Safier; + Als auf der stillen Flur der Hirt in seinem Pferche + Mit seiner Herd erwacht' am Morgenlied der Lerche: + Da ward die Stadt erweckt von drönendem Metall, + Von rauhen Erzes Mund und von Heerpaukenschall. + Da drangen mit Geschrei Kriegsvölker rings herbei, + Siegsmutig, daß nunmehr bei ihnen Rostem sei. + Vom eignen Fürer ward gefürt jedwede Schar + Aus Iran, und es fürt' aus Sabul die Sewar. + Rostem, der Pehlewan, ritt auf dem Rachs allein; + Nicht einer Schar, dem Heer gehört' er allgemein. + Doch jeder Schar den Platz wies an der Feldherr Tus, + Und Sold aus seinem Schatz der König Keikawus. + Mit Lust sah Keikawus vorbeiziehn jede Schar, + Die vom Feldherren Tus ins Feld entboten war. + Er freute sich des unzählbaren Heergedränges, + Der kaiserlichen Macht, des fürstlichen Gepränges. + Da freut' er sich sosehr an keiner tapfern Schar, + Als daß der tapferste beim Heere, Rostem, war. + Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, + Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. + Gleich einem Meere kam die Menschenflut in Gang, + Dem festen Lande ward vor Ueberschwemmung bang. + Die Berge zitterten, gestampft von ihrem Hufe, + Und Wolken splitterten, gesprengt von ihrem Wufe. + Die Sonne sah ihr Bild verhunderttausendfacht + In jedem blanken Schild, in jeder Rüstung Pracht. + So stieg der Waffen Glanz und so ihr Schall empor, + Daß jedes Auge blind, und taub ward jedes Ohr. + So nickte Helm an Helm, und schwankte Busch und Feder, + Alswie, vom Sturm bewegt, auf Bergen Tann und Zeder. + So ragten, Reih an Reih, die dichtgedrängten Speere, + Alswie auf gutem Feld sich dränget Aehr an Aehre. + Geschmückt schien, wo das Heer im Schmuck der Waffen fur, + Mit einem wandelnden Glanzfrühlinge die Flur. + So blühte, wo es zog, die Au; doch wo vorbei + Es war gezogen, blieb dahinter Wüstenei; + Denn abgeweidet ward manch Saatenfeld, und leer + Getrunken mancher Bach vom Ross- und Menschenheer. + So zog das Heer zur Grenz in ungehemmtem Lauf, + Und nah der weißen Burg schlug man das Lager auf. + + + + + Siebentes Buch. + + + 64. + + Dem Suhrab sagtens an Wachtposten, daß nun kam + Das Heer, und er vernam die Meldung ohne Gram, + Vielmehr mit Freude, weil es ihn verdroß, so lange + Hier oben auf den Gast zu warten zum Empfange. + Denn alles hatt er längst für solchen Gast bereit, + Die feste Burg, sein Heer, und seine Tapferkeit. + Er nam den Baruman, der an den Wällen baute, + Und fürt' ihn schnell hinauf, wo man ins Freie schaute. + Dort mit dem Finger zeigt' er deutend, Schar um Schar, + Dem Baruman das Heer, an dem kein Ende war. + Wie sich ein Habicht freut, den großen Flug der Tauben + Zu sehn, von dem er sich nach Lust will eine rauben; + Es schreckt ihn nicht zumal die Meng, ihn freut die Zal, + Daß von so vielen er soll haben freie Wal: + So freute Suhrab sich, das junge Heldenblut, + Der gegen ihn zum Kampf gezognen Menschenflut. + Doch Barman, wie er sah das große Heer, ward klein + Das Herz ihm, und vor Furcht zog er den Atem ein. + Zu dem erblaßten sprach der junge Held mit Scherz: + Bring Farb auf deine Wang, und an sein Fleck dein Herz! + Sieh, wie im Waffenglanz das Lager ist entglommen! + Soviele sind um Ruhm zu bringen mir gekommen! + Der Ruhm ist ewig mein, und würd ich auch erliegen + So großem Heer; doch hab ich Mut es zu besiegen. + Solch eine Menschenflut, wie eines Weltmeers Wogen, + Ist gegen einen Fels im Sturm heran gezogen! + Aus seiner Ruhe ward Keikawus aufgestört, + Als meinen Namen er in Istachar gehört. + In Schreck und Hast hat er um seinen Thron gerafft + Zusammen jeden Schaft und jedes Armes Kraft; + Und hergezogen kommt er nun mit allen Helden + Von Iran, deren Preis in Turan Lieder melden. + O sage, siehst du nicht dort im Gedränge dicht + Solch einen Mann, mit dem am liebsten Suhrab ficht! + Solch einen, der nie bricht die Lanz an einem Wicht, + Und der vom Sattel gern nur seines gleichen sticht! + Wovon der Ehre Licht hinfort mein Angesicht + Bestralt, wenn ich vor ihm bestanden mit Gewicht! + O siehst du, gib Bericht, solch einen Mann mir nicht? + So fragt' er ungestüm, doch nicht beim Namen wollte + Er nennen jenen, der sobald ihn fällen sollte. + + + 65. + + Darauf sprach Baruman: Ich sehe mehr als einen, + Der Ehre bringen kann; doch welchen magst du meinen? + Dir lodert hoch der Mut wie eine Feuerglut; + O falle nicht dein Brand in kalte Waßerflut! + Der Feuerbrand, wenn er ins Waßer fällt, so zischt + Er ungestüm und braust, qualmt unmutvoll und lischt. + Nie fühle Furcht ein Mann, jedoch Feind und Gefar + Acht er niemals gering; das Glück ist wandelbar. + Soweit es will, führt dichs ohn Anstoß; willst du weiter + Um einen Schritt, so stockt das Ross und stürzt der Reiter. + In Frieden schlief der Krieg, du hast ihn aufgeweckt; + Weißt du, nach welcher Beut er seine Krallen streckt? + Darum, wenn du mich siehst erzittern: nicht für mich, + Für alle, die das Loß kann treffen, zitter' ich; + Ich zitter' auch für dich, weil dich es treffen kann; + Denn wo das Unglück wält, wälts nicht den schlechtsten Mann. + Geh mannhaft in den Kampf, und dem Afrasiab + Trag ab dafür den Dank, der dir die Heermacht gab! + Halt, von der Burg gedeckt, und an die Burg gelehnt, + In Schirm das Heer; und wenn dein Herz nach Ruhm sich sehnt, + So ruf zum Einzelkampf solch einen Mann für alle, + Mit welchem, wenn er fällt, der Stolz von Iran falle! + Ruf einen nur, den du vor allen siehest ragen, + Und fäll ihn ohne viel zu sagen und zu fragen. + Sag ihm nicht, wer du bist; frag ihn nicht, wie er heißt; + Bis das Geheimnis ihm dein blutig Schwert entreißt. -- + So sprach er wolbedacht, mit Wahrem Falsches mischend, + In Rates Honigseim Verrates Gift auftischend. + Den Rostem nannt er nicht, vor Rostem zittert' er, + Noch von Masenderan kannt er den Rostem her. + Den Rostem wollt er nun und Rostems Sohn verderben, + Zwei solche Helden! das zwang ihn sich zu verfärben. + Doch Suhrabs Seele war von reinem Mut erglüht, + Darum der Rose gleich war seine Wang erblüht. + Vom Walle stieg er froh hinab, vom Schenken nam + Er einen Becher Wein und leert' ihn ohne Gram. + Dann rüstet' er ein Maal mit Lauten und mit Leiern, + Um in der Freunde Kreiß des Feinds Ankunft zu feiern. + + + 66. + + In Irans Lager war inzwischen Zelt an Zelt + Gepflanzt, und drein gedrängt das Leben einer Welt. + Es war als müßte Raum den Rossen und Kamelen + Und Elefanten all, geschweige Futter, felen. + Doch wie der Lagerwald begann nach allen Seiten + Zu wachsen und im Kreiß den Umfang auszubreiten, + Schloß Reih an Reihe sich geschickt, und sie vergaßen + In ihrer Zeltstadt auch Marktplätze nicht und Straßen. + Da wogte bald Verkehr geschäftig hin und her, + Und die Verwirrung ward zur Ordnung immer mehr. + Die Sonne gieng hinab am abendlichen Himmel, + Und sah mit Staunen noch auf Erden das Gewimmel. + Da fanden Dach und Fach nun alle nach und nach, + Und über allen war des Himmels dunkles Dach. + Doch als an seinem Ort sich jeder eingetan, + Da trat zum Schah sofort des Reiches Pehlewan, + Und Rostem sprach: ich will nicht hier im Lager rasten, + Dort oben auf der Burg will ich bei Suhrab gasten. + Mein Herz hat keine Ruh, bis meine Augen haben + Gesehn von Angesicht zu Angesicht den Knaben. + Den Türkenknaben, den uns mit soviel Geschrei + Der Ruf genannt hat, will ich ansehn, wer er sei, + Ob wert der Mühe, daß ich auf den Rachs mich schwang, + Und eine Ehre mir, wann ich ihn niederrang. + Gewesen bin ich selbst vordem in Türkenland, + Anlegen will ich nun ein türkisches Gewand. + Darunter soll nicht, wer mich nicht beim Lichte näher + Besieht, so leicht erspähn, daß Rostem sei der Späher. + Kawus! dein Lager ist von deinem Volk verwart; + Gib, ich bin müßig hier, Urlaub zur Nachtausfart! + Mit Lachen sprach der Schah: Stets wird das Krongeschmeide + Von Iran Rostem sein, auch unterm Türkenkleide. + Am Tage nicht der Schlacht des Heeres Arm allein, + Du willst auch in der Nacht desselben Auge sein. + Geh unter Gottes Schutz! in welchem Waffenputz + Du gehn magst, unserm Reich und dir gereichs zu Nutz! + + + 67. + + Um seine Schultern nam ein Kleid nach Türkenart + Tehemten, und begab sich heimlich auf die Fart. + Den Panzer und den Helm und jedes Waffenstück + Ließ er im Zelt, sogar sein Schwert ließ er zurück. + Deswegen fühlte sich der Held zu Hieb und Streich + Nicht wehrlos; denn sein Arm war einer Keule gleich. + Er gieng bis er hinan zum weißen Schloße kam, + Und drinnen das Geschrei der Türken schon vernam. + Durchs Tor stracks in den Hof gieng Rostem ohne Scheu, + Wie in den offnen Stall der Rinder Nachts ein Leu, + Beim ländlichen Gehöft im Felde, wo die Hirten + An einem Feiertag sich in der Nacht bewirten, + Und denken nicht bei Saus und Braus und Schmaus daran, + Daß sie dem Feinde nicht die Stalltür zugetan. + Da geht er in den Stall, wo ihre Rinder sind, + Hinein, und trägt davon das schönste stärkste Rind. + Es brüllt, im Rachen schon des Löwen, voll Verzagen, + Und alle springen auf, den Raub ihm abzujagen; + Er aber hat den Raub in Sicherheit getragen. + Sie kehren leer zurück und traurig, für den Rest + Der Nacht ist nun gestört der Hirten Freudenfest. + So gieng durchs offne Tor, geöffnet durch Betören, + Rostem hinein, das Fest der Türken drin zu stören. + Er sah den weiten Hof erfüllt von Fackelglanz, + Von lärmendem Gelag, Gesang und Spiel und Tanz. + Denn Suhrab hatte dort das nächtge Fest bestellt, + Und all die Edelsten des Heeres sich gesellt. + Doch Rostem wich dem Glanz der Lichter aus, und sah + Vom dunklen Winkel fern im Hellen alles nah. + + + 68. + + Da saß beim frohen Fest, in Mitte Fackelscheins + Und Lautenklangs, Suhrab, und trank die Becher Weins. + Auf seinem Haupte trug er, statt den Helm, den Kranz; + Er war ein Glanz, und war bestralt vom hellen Glanz. + Er blühte wie ein Reis von Schönheit und von Lust, + Von Jugend und von Kraft geschwellt war seine Brust. + Hoch hob er stolz das Haupt, und seiner Augen Stral, + Umgehend in die Rund, erleuchtete das Mal; + Da überzält' er froh die unzälbare Zal + Der Kriegsgefärten, die um ihn im Kreiße saßen + Als Trinkgenoßen nun, und ihren Wein vergaßen + Vor Staunen, wie sie ihn sahn prangen solchermaßen. + Da riefen sie laut einmal übers andre Preis + Und Heil, Lobpreis und Heil dem blühnden Ehrenreis! + Die Sterne selber sahn vom hohen Himmel nieder + Mit Wolgefallen auf die hohen Heldenglieder; + Allein sie schienen ihn mitleidig anzusehn, + Weil er ein Stern war, der so früh sollt untergehn. + Da sprach ein Himmelsstern zum andern mitleidvoll: + Schad um die Blüte, die im Lenz hinwelken soll! + Soviel des Schönen schon auf Erden sahn wir prangen, + Und eh wir einen Blick verwendet, wars vergangen. + Doch keine Knospe sahn wir glänzender und heller + Aufgehn, um trauriger dahinzugehn und schneller. + Wenn seine Mutter doch, die ihn, ihr einzig Glück, + Entsendet hat, und nie daheim empfängt zurück, + Wenn seine Mutter ihn mit unsrer Augen Stral + Noch einmal könnte sehn bei diesem Freudenmal, + In seiner Lust und und Kraft, den Baum im frischen Saft, + Den morgen schon villeicht dahin sein Schicksal rafft! + + + 69. + + So sprachen von dem Stern des Festes dort die Sterne + Des Himmels; eine Gunst erzeigten sie ihm gerne. + Da namen sie von Duft und Glanze, was im Raum + Von Erd und Himmel war, und woben einen Traum. + Wie einen Teppich bunt, mit reichem Gold gestickt, + Der Braut ein Bräutigam aus fernem Lande schickt, + Auf welchem sie erblickt mit staunendem Gefallen + Die Bilder abgeprägt von jenen Dingen allen, + Die ihr Geliebter selbst nun sieht in fremden Räumen, + Die Vögel unbekant auf unbekanten Bäumen; + Und so wie sie den Schmuck betrachtet, ist es ihr, + Sie reise dort mit ihm, er ruhe bei ihr hier: + Ein solcher Abdruck war vor allem eingewoben + Dem Traumgewebe, das die Sterne dort erhoben. + Leis hoben sie empor das glänzende Gewebe, + Und gaben es der Luft zu tragen, daß es schwebe + Nach Turan, wo im Schlaf die Mutter Suhrabs lag, + Da sah sie einen Traum so hell als wär es Tag. + Beim nächtlichen Gelag sah sie den Sohn da sitzen, + Den Becher in der Hand von Edelsteinen blitzen, + Sah seine Wangen blühn, und seine Lippen glühn, + Und seine Augen sprühn; ganz war er stolz und kühn; + Wie freut' es sie zu sehn ihr Reis der Hoffnung grün! + Gewachsen schien er ihr selbst in der kurzen Zeit, + Daß sie ihn ausgesandt, an Kraft und Herrlichkeit. + Sie sah auf ihren Sohn umher im Kreiß der Lichter + Gekehrt bekante viel und unbekante Gesichter; + Die alle sah sie hell in heitrer Freude funkeln, + Doch seinen Vater sah sie nebenaus im Dunkeln. + Sie war betrübt, es nam sie Wunder, warum nicht + Rostem zu seinem Sohn vortreten wollt ans Licht. + Doch wie ein Wolkenschaur so flog ihr Gram vorbei; + Sie freute sich, daß nah dem Sohn der Vater sei: + Er würde, wenn er nur säh das Erkennungszeichen, + Dem Sohne freudig nahn und ihm die Hände reichen. + + + 70. + + Von Suhrabs Mutter ward inzwischen so geträumt, + Er aber saß beim Fest vergnügt und aufgeräumt. + Er trank, und hieß im Kreiß die Trinkgenoßen trinken; + Zwei aber saßen ihm zur Rechten und zur Linken. + Zur Linken Baruman, den ihm Afrasiab + Aus Turan nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab; + Zur Rechten aber Send, den hatte mitgegeben + Dem Sohn die Mutter, die ihn liebte wie ihr Leben. + Der war vom Königshaus Semengans ihm ein Vetter, + Und werden sollt er ihm im fremden Land ein Retter. + An allen Gliedern stark war er und hoch von Wuchs, + An allen Sinnen scharf, von Augen wie ein Luchs. + Er sah bei Nacht alswie bei Tag; und zu dem End + Entsendete sie auch mit ihrem Sohn den Send, + Damit, wenn Suhrab nun gekommen in die Nähe + Von Rostem wäre, Send den Vater ihm erspähe. + Er hatte Rostem selbst gesehn an jenem Tag, + Wo in Semengans Schloß er saß beim Gastgelag, + An jenem Abende, wo in der Nacht ihm kam + Tehmina, die als Weib er in die Arme nam. + Den Suhrab zeugt' er ihr, und als der Morgen graute, + Ritt er von dannen, den nie mehr die Gattin schaute. + Nun sandte sie den Sohn, den Vater dort zu schaun, + Und alles sagte sie dem Vetter im Vertraun. + An Suhrabs Seite nun trank er den Wein mit Schweigen, + Und dachte, morgen woll er ihm den Vater zeigen! + + + 71. + + Send aber sendete den Blick umher des Luchses, + Und nam im Dunkeln war die Lauer eines Fuchses. + Er sah dort einen Mann, der ihm verdächtig schien, + Stand auf vom Sitz und gieng, um zu besehen ihn. + Da fand er einen Mann, von Ansehn ganz gewaltig + Und riesenmäßig, elefantenleibgestaltig. + Niemals erinnert' er sich einen solcher Art + Mit Augen je gesehn zu haben und gewart; + Es wäre denn allein Rostem, an jenem Tag, + Wo in Semengan er ihn sah beim Gastgelag. + Doch dieser trug am Leib ein türkisches Gewand; + Wiewol sein Blick an ihm nicht Türkensitte fand. + Send rief ihn an: He da! warum hier also schleichst du + Im Finstern, guter Freund, und aus der Hell entweichst du? + Kehr einmal dein Gesicht her gegen mich ans Licht! + Gib Antwort! -- Aber Antwort gab ihm Rostem nicht. + Da streckte kühn, um ihn zu greifen, Send die Hand, + Und fortziehn wollt er ihn am türkischen Gewand. + Tehemten aber zuckt' empor des Armes Keule, + Womit er schon im Kampf geschlagen manche Beule; + Damit gab er dem Send solch einen Schlag aufs Haupt, + Daß Send am Boden lag leblos des Sinns beraubt. + Suhrab indessen saß beim Mal, und Wunder nam + Es ihn, wo Send hingieng und noch nicht wieder kam. + Deswegen vom Gesind entsendete behend + Er einen, nachzusehn, wohin gekommen Send. + Der abgesendete lief eilig hin, und fand + Dort leblos sinnberaubt den Send gestreckt im Sand. + Der Diener lief bestürzt zum Herrn zurückgewendet, + Laut rief er aus: Der Send ist in den Tod gesendet; + Für Send ist aus der Schmaus, und das Gelag geendet. + Entsetzt vom Sitze sprang Suhrab, und eilte jach + Dahin, ihm eilten all des Festes Fackeln nach. + Bei aller Lichter Glanz sah da Suhrab erschlagen + Den lieben Freund; von wem? das kont ihm niemand sagen. + + + 72. + + Doch Suhrab rief: O weh! gebrochen ist ins Rund + Der Herde Nachts ein Wolf, weil Hirte schlief und Hund; + Der Widder stolzesten hat er zu seinem Raub + Erkoren, nieder ihn geworfen in den Staub! + Verschlafne Hirten, auf! und unwachsame Hunde! + Nun nach dem Räuber macht mir im Geheg die Runde! + Da spürten sie mit Macht umher rings in der Nacht; + Es hatte sich der Wolf längst aus dem Staub gemacht. + Doch Suhrab kam zurück zu seinem Platz beim Feste; + Da saß er traurig nun, und traurig alle Gäste. + Er sprach: Es freuet mich nun hier der Sitz nicht mehr; + Denn mir zur rechten Hand der Platz ist traurig leer, + Wo der geseßen, den zum Freund mir mitgegeben + Die Mutter selber, die mich lieb hat wie ihr Leben. + In Iran sollt er hier den Vater kund mir tun; + Er kont es ganz allein; wer tut nach ihm es nun? + Er sprachs, und aus der Hand ließ er den Becher sinken; + Da schämte jener sich, der saß zu seiner Linken. + Sich schämte Baruman, den dort Afrasiab + Dem Suhrab nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab. + Er hätt ihm auch wie Send den Vater können zeigen; + Er kant ihn ja! doch mußt und wollt ers ihm verschweigen. + Doch Suhrab rief, und hob den vollen Becher hoch: + Ich trink in dieser Nacht den letzten Becher noch, + Mit blutigem Gelübd erfüllt, anstatt mit Wein, + Daß Sends Ermordung nicht soll ungerochen sein! + Den Mörder Sends will ich erforschen, wer er sei, + Ihn morden für den Mord, wohnt soviel Kraft mir bei! + Wonicht, so werde Gift der Wein mir in den Adern, + Und jeder Tropfe Blut soll mit dem andern hadern! + Doch nicht mit Einem sei die Schuld ihm abgetragen; + Zur Sühne Sends will ich ein ganzes Heer erschlagen. + Allein vor allen soll erfahren meinen Groll, + Wer Send erschlug, versehrt hat er mich schmerzensvoll. + Er riefs, und wußte nicht, auf wen er also grollte, + Und daß er nicht den Schwur an ihm erfüllen sollte. + Dann brach er auf vom Fest, um in den nächtigen Schatten + Bei Fackelglanz den Send mit Ehren zu bestatten. + + + 73. + + Doch Rostem kam, als er vom weißen Schloß entrann, + Ans Lager, wo die Wacht hielt Gew, sein Tochtermann. + Der wußte nicht, daß in der Nacht sein edler Schwäher + Im Türkenkleid hinaus gegangen war als Späher. + Als nun ein Mann herbei im Dunkeln kam, tat er + Vom Posten einen Schrei, und unter Wehr trat er. + Als Rostem merkt', es sei sein Eidam, froh naht' er. + Im Laufe tat er ihm entgegen einen Wuf, + Und Gew erkante gleich den Rostem an dem Ruf. + Erstaunt sprang er hinzu, und grüßt' ihn: Alter Held, + Wo bist umher gerannt zu dieser Stund im Feld? + Hast du mit Geistern deinen Bund gemacht bei Nacht, + Mit Zauberweihungen dich vorgestärkt zur Schlacht? + Denn mit Dämonen hast du kämpfend viel verkehrt; + Die haben wol ein Stück von Schwarzkunst dich gelehrt, + Daß, ohne Furcht und Leid, du ohne Heergeschmeid, + Dich aus dem Lager stilst in einem Türkenkleid! + Doch Rostem sprach: So ist die Sach! in dieses Tuch + Gewickelt, macht ich auf der Burg den Nachtbesuch. + Ich wollte mir daselbst den jungen Mann besehn, + Um dessen willen dieß Heeraufgebot geschehn. + Fern sah ich ihn, und gern wollt ich ihn sehen näher; + Doch mich den Späher hat erspäht ein andrer Späher. + Der wollte mit Gewalt ans Licht mich ziehn am Kragen; + Im Dunkeln hab ich ihn mit dieser Faust erschlagen. + Ich kam nicht sanfter los von ihm, es tat mir leid; + Doch nun verdrießt am Leib mich dieses Türkenkleid. + Schaff mir ein persisches, damit mich nicht die Hunde + Anbellen, wenn ein Türk im Lager macht die Runde! + So sprach er, und geschwind bracht ihm der Tochtermann + Ein persisches Gewand, das legt' er eilig an. + Er warf das Türkenkleid von sich mit Unbehagen; + Fast wollt er lieber, daß ers nicht bei Nacht getragen, + Als ahnet' er den Lohn, den diese Tat ihm trug: + Denn sich tat ers zu Leid, daß er den Send erschlug. + Zu Kawus gieng er nicht, um ihm, was er vollbracht, + Zu sagen; in sein Zelt gieng er, und schlief die Nacht. + + + + + Achtes Buch. + + + 74. + + Doch als vom Morgen ward der Himmel aufgetan, + Stieg Suhrab auf der Burg zur höchsten Wart hinan, + Zur vordersten, wo ganz sich Irans Lager zeigte, + Auf das er sich hinaus begierig spähend neigte. + Dann rief er: Bringet hier herauf mir den Hedschir! + Befragen will ich ihn ums Feindeslager hier. + Weil Send gestorben ist, der heut mir Rostems Zeichen + Kund sollte tun, villeicht tut mir Hedschir desgleichen. + Und als ihm ward Hedschir gefeßelt vorgefürt, + Sprach er, nachdem er ihn mit eigner Hand entschnürt: + Hedschir, ich neme dir die schweren Feßeln ab, + Um das dir zu vertraun, was mir das Herz eingab. + Statt ehrner Feßel wenn der Freiheit goldnen Tag + Du wünschest, sage mir, was ich dich fragen mag! + Die Freiheit nicht allein, auch reicher Lohn ist dein, + Wenn ich erfinde wahr dein Wort und Truges rein. + Doch wenn unlautern Wein du willst im Kruge mischen, + So wirst du nicht der Haft und nicht der Straf entwischen! + Zur Antwort gab Hedschir: Was du willst fragen, frage, + Und traue, daß ich dir die volle Wahrheit sage. + Nicht lügen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen. + Warum in deiner Hand wär ich ein krummer Bogen? + Gerade sollst du mich erfinden wie den Pfeil; + Nicht um das Leben selbst ist mir die Wahrheit feil. + Zu ihm sprach Suhrab: Dort im Lager Zelt um Zelt + Werd ich dich fragen um den Helden, der es hält. + Sagst du mir das, so geb ich dir gehäuften Schatz; + Dir wird ein Ehrenkleid von mir und Ehrenplatz. + Und sagst du das mir nicht, so bleibt auf deinem Rumpf + Dein Haupt nicht, oder mir wird ehr die Klinge stumpf! + Zur Antwort gab Hedschir: Was säumst du lange? frage! + Wiß, daß ich weder lüge, noch vorm Tode zage. + + + 75. + + Da hob zu fragen an Suhrab: Dort in der Mitte + Wes ist das Prachtgezelt von lauter Gold? ich bitte! + Fest steht es hingepflanzt recht in des Heeres Herz; + Von ihm durchs Lager gehn die Straßen allerwerts. + Auf allen Straßen nahn wie grüßende mit Bitten, + Und gehn wie dankende davon mit leichten Schritten. + Ganz Goldglanz ist das Zelt vom Fuß zum Knauf hinan, + Und weit wie ein Palast allseitig aufgetan. + Vor jedem Eingang liegt, wie Hündlein zahm und treu, + Im goldnen Band geschmiegt, ein Tiger und ein Leu. + Doch oben sitzt ein Aar, aus dessen Krallen steigt + Die Fahn empor, in der der Sonne Bild sich zeigt. + In solcher Wohnung kann kein kleiner und gemeiner + Wirt wohnen, wie mir dünkt; was wohnt darin für einer? + Da hob Hedschir sein Haupt, voll Stolz auf Irans Macht, + Und sprach: Dort wohnt der Schah in seiner Größ und Pracht. + Sein Thron ist Tag und Nacht von seinen treuen Leuen + Umhütet und umwacht, und darf nicht Feinde scheuen. + Doch fort zu fragen fuhr Suhrab: Zur linken Hand + Vom Goldgezelt, wes ist des Zeltes Silberwand? + Mit offnem Eingang steht gewandt zum goldnen Zelt + Sein Tor, wo Leopard und Panther Wache hält. + Doch oben trägt ein Greif in Silberklaun empor + Die Fahn, in der ein Mond; wer ist, der das erkor? + Zur Antwort gab Hedschir: Das ist des Schahes Sohn, + Ferabors, ihm der nächst am Herzen und am Thron. + So recht! rief Suhrab aus: wo so zusammen hält + Ein Vater und ein Sohn, verteilen sie die Welt. + + + 76. + + Zu fragen fuhr er fort: Dort aber rechter Hand + Vom Goldzelt, wessen ist die schwarze Zeltflorwand? + Feldposten eilen her und hin auf Rossen brausend, + Schildwachen aber stehn umher zu Fuße tausend. + Am Haupteingange ragt ein Elefant, ihn schmücken + Prachtdecken, und er trägt die Heerpauk auf dem Rücken. + Doch oben steigt die Fahn aus eines Drachen Rachen, + Mit Sternen übersät, die sie zum Himmel machen. + Wer herrscht zur Seite so dem König Keikawus? + Hedschir antwortete: Sein Kronfeldhauptmann Tus. + Das ist sein Stammesrecht, daß er im Heergefecht + Den Schah vertrete, dem verwandt ist sein Geschlecht. + Auf seinen Wink bereit, vereint auf sein Gebot, + Ist jenes Heer, das dir den Tod von ferne droht. + Und jener Himmel dort, reich an Juwelenzier, + Die Gawejani-Fahn ist es, das Reichspanier; + Das einst Feridun schwang, als er den Sohak schlug, + Der an den Schultern angewachsne Drachen trug. + Geheftet ist der Sieg an dieses heilige Zeichen, + Das ohne Mut kein Freund, kein Feind sieht ohn Erbleichen. + Doch Suhrab lächelte, und gieng mit Fragen weiter: + Im roten Florpalast, wer, sprich, ist dort der Streiter? + Er sitzt im offnen Zelt, und scheint an seinem Haar + Ein Greis bereits, um ihn steht eine Männerschaar; + Sie alle halten ihm ihr Antlitz zugekehrt, + Und jeder ehrt ihn, wie man einen Vater ehrt. + So fragt' er, und Hedschir zog aus der Brust ein Ach + Wie einen Dolch hervor, weil er zu Suhrab sprach: + Das ist Guders, der Greis, von Worte weis' und lind, + Von Schwerte stark und scharf, wie wenig Männer sind; + Ein Vater, der entbehrt fürs Alter nicht der Stützen; + Mit seinem Haus allein kann er ein Reich beschützen. + Denn neunundsiebzig sind der Söhne, die er zält; + Der achtzigste bin ich, der heut im Lager fehlt. + Doch Suhrab sprach: Warum hast du dich laßen fangen? + Sprich Wahrheit! und noch heut kanst du hinab gelangen. + + + 77. + + Wes ist das grüne Zelt, aus Duft und Glanz gewebt, + Das wie ein Waldgebirg sich über Hügeln hebt? + Alswie ein Waldgebirg, das fest steht und nicht wankt, + Wenn, von des Sturmes Hauch bewegt, sein Baumwuchs schwankt. + In diesem Zelte wol ist Irans Hoffnung grün, + Und meine Hoffnung wird bei seinem Anblick kühn. + Vorm Zelt in Waffen sitzt ein Mann, und steht ein Ross, + Er einem Riesen gleich, und es wie ein Koloss. + Er sitzt, und hoch nicht scheint der Sitz, den er erkor; + Aus allen doch, die ihn umstehn, ragt er hervor: + Er blickt auf sie hinab, sie schaun zu ihm empor. + Allein zur Seite blickt er stets nach seinem Ross; + Es ist wol auf der Welt sein liebster Kampfgenoß. + Es steht das Ross mit ungeduldigem Gestampf, + Und ihn erhebt im Sitz die Ungeduld nach Kampf. + Entgegen streckt er ihm die Hand, es reckt sein Haupt + Erwartungsvoll und lauscht, es spitzt ein Ohr und schnaubt. + Die Mähne streicht er ihm, da fängt es an zu brausen; + Das freuet seinen Herrn, die andern macht es grausen. + An seiner Seite hängt ein Schwert, an seinem Knie + Lehnt eine Keule schwer, kein andrer höbe sie. + Er schwingt die Keule bald hoch übers Ross empor, + Bald aus der Scheide zieht er halb das Schwert hervor. + Die Keule sausen hörts und sieht die Schneide blitzen, + Und tost; was wird es erst, wenn er wird droben sitzen! + Ich habe nie gesehn solch einen Mann wie den, + So hab ich niemals auch ein Ross wie das gesehn; + Ein Ross, das solch ein Mann allein bezwingen kann, + Und solch ein Mann, den solch ein Ross nur tragen kann. + Gewis, von diesem Ross und diesem Manne sind + Die Namen kund im Land; verkünde sie geschwind! + So sprach er und hielt ein; es war alsob er wüßte, + Daß Ross und Ritter Rachs und Rostem heißen müßte; + Doch wollt er, daß der Mund Hedschirs es täte kund, + Still aber schwieg Hedschir, und sprach im Herzensgrund: + + + 78. + + Was fragt der Türke nach des Reiches Pehlewan? + Und tu ich recht, wenn ich ihm Rostem kund getan? + Und tu ich Unrecht, wenn ich ihm den Feind verschweige? + Was will der Knabe, daß ich ihm den Helden zeige? + Ist er sein Sohn, wie er im Zweikampf rühmte laut? + Den Vater schaff ich ihm so wenig, als die Braut! + Der Mann von Iran kann des Türkenkinds entraten; + Ich will den Perserhort dem Erbfeind nicht verraten. + Zwar Rostem braucht ihn nicht zu fürchten in der Tat, + Allein der Türke könnt ihn angehn mit Verrat. + Drum wirds am besten sein, den Namen nicht zu melden, + Und ihn zu streichen ganz heut aus der Zahl der Helden. + Als so zur Lüge sich bereitete Hedschir, + Rief Suhrab: Sprich zu mir! was redest du mit dir? + Warum machst dus solang, bis Aufschluß ich gewinne? + Er sprach: Weil ich umsonst mich auf den Mann besinne. + Von Zeichen unbekant ist er mir ganz und gar; + Er kam wol fremd ins Land, weil ich im Schloß hier war. + Ich hörte, daß heran vom fernen Hindostan + Dem Schah zu Hilfe zog ein starker Pehlewan. + Das wird der Recke sein, entsproßt aus fremdem Samen; + Denn fremde scheint er mir, und die, so mit ihm kamen. + Doch Suhrab sprach: Wie heißt der Recke? sage mir! + Den Namen weiß ich nicht; antwortete Hedschir. + Suhrab noch einmal sprach: wie heißt er? gib Bericht! + Hedschir antwortete: den Namen weiß ich nicht. + Voll Unmut ward Suhrab; des Vaters Namen wollte + Er hören da durchaus, den er nicht hören sollte. + Die ihm die Mutter gab vom Vater, alle Zeichen + Sah er, und konnte nur Gewisheit nicht erreichen. + Des Vaters Name fehlt' ihm zur Gewisheit nur, + Den er da von Hedschirs Verstockung nicht erfur. + + + 79. + + Doch ungeduldig fuhr Suhrab zu fragen fort: + Im violetten Zelt, wie heißt der Ritter dort? + Zur Antwort gab Hedschir: Den kann ich wol dir nennen; + Gurase heißt der Held, wie sollt ich ihn nicht kennen? + Ein mutger Ritter, wie zu Ross nicht viele rennen. + Doch ungeduldig gieng mit Fragen Suhrab weiter: + Im gelben Zelte dort, sag an, wie heißt der Streiter? + Zur Antwort wieder gab Hedschir: Ich kann auch ihn + Dir nennen, wenn du willst: der Kämpfer heißt Gurgin; + Ein Tapfrer, welchem gleich nicht viel zum Kampf ausziehn. + Noch einmal frug Suhrab mit ungeduldiger Hast: + Im blauen Zeltpalast, wie heißt darin der Gast? + Und wieder gab Hedschir zur Antwort: Nennen kann + Ich dir auch diesen wol: Gew, Rostems Tochtermann. + Da wendet' auf Hedschir Suhrab den Blick unhuldig, + Und sprach: Nun offenbar bist du der Lüge schuldig. + Du nennest alle mir, und nur den Rostem nicht, + Den Rostem, ohne den kein Heergefecht sich ficht! + Von all den Zelten wenn in keinem Rostem ist, + Wo wäre Rostem denn, wenn du kein Lügner bist? + Verläugnen willst du mir ihn nur aus Hinterlist. + Im grünen Zelte dort der Recke kühn und frei, + Gewis ist Rostem der, o sag mir, daß ers sei! + Denn alle, die von ihm mir kund sind, alle Zeichen + Seh ich, und kann allein Gewisheit nicht erreichen. + Von allen, die ich sah im Lager fern und nah, + Wünsch ich, daß keiner sei Rostem, als dieser da. + O sag mir, daß ers sei! und sei belohnt und frei! + Der vor dem grünen Zelt, sag, daß es Rostem sei! + + + 80. + + Hedschir sprach: Ei, was forscht so deine Ungeduld + Nach ihm! nicht gern wär ich an deinem Tode schuld. + Wo Rostem wär im Feld, nicht würdest du es halten; + Denn Rostem ist ein Held von furchtbaren Gewalten. + Wo Rostem auf dem Rachs sich hebt zum Werk der Rache, + Da kann nicht stehn vor ihm der Löwe noch der Drache. + Ein jeder Blick von ihm ist Tod, ein jeder Hauch + Von ihm ist Sturm, ihm sinkt entwurzelt Baum und Strauch. + Ich wünsche keinem, daß er mög ein Gegner sein + Von Rostem, wär er auch ein Berg von Kieselstein; + Er würde dich, alswie die Mühl ein Korn, zermalmen, + Zertreten, wie ein Tritt von Elefanten, Halmen. + Fest schnüren möchtest du am Leib dein Gürtelband; + Es würde locker, wenns erblickte Rostems Hand. + Allein zu deinem Glück ist nah nicht das Gewitter; + Denn mit Schah Keikawus hat sich entzweit der Ritter. + Erzürnt ist er vom Hof nach Sabul heimgeritten, + Dort sitzt er nun beim Schmaus in seines Schloßes Mitten. + Dort trinkt er fröhlich Wein beim Fest im Rosengarten, + Und will den Ausgang dieses Kriegs in Ruh erwarten. + So sprach er; ob ers nur erlog, ob ers erfur + Vom lügenden Gerücht, das kam von Irans Flur? + Das traurige Gerücht, das dort bei Nacht dem frohen + Erlag, war aus der Stadt villeicht zur Grenz entflohen. + + + 81. + + Doch Suhrab rief voll Zorn: So willst du mich verhöhnen? + Schweig, allerschlechtester von Guders achtzig Söhnen! + Willst du, ich glaube dir die knabenhafte Rede, + Rostem, der Herr der Schlacht, enthielte sich der Fehde! + Er hielte sich zu Haus, und hielte Fest und Schmaus! + Da lachten billig ihn die Mägd und Kinder aus! + Wol möglich, daß er mit Keikawus sich gezankt, + Wenn der undankbar ist, der ihm den Thron verdankt! + Doch, denk ich, Kawus wird geschwind mit reichen Gaben + Und guten Worten ihn zurückbeschworen haben, + Wenn er nicht unklug ist, und seinen besten Ritter + Nicht missen will am Ort, wo ihn ersetzt kein Dritter. + Denn was ist ohne Blitz und Donner ein Gewitter? + Was dieser Heerleib, unbeseelt von Rostems Mut? + Nicht in Bewegung ist dieß Heer und Rostem ruht! + Drum sag im Augenblick, wo ist der Pehlewan? + Von Guders Söhnen ists um einen sonst getan! + Da schauderte Hedschir und sprach im Herzensgrund: + Aufschließen mit Gewalt will mir der Türk den Mund. + Verschließen aber will ich ihn nun ihm zum Trutz, + Sowahr ich jemals selbst getragen Ritterputz, + Und je noch tragen will! und fall ich seiner Wut, + So wird nicht schwarz der Tag, und nicht das Waßer Blut. + So ist um einen Sohn von achtzig Guders schwächer, + Und neunundsiebenzig sind meines Todes Rächer. + Er sprach: Was wütest du? was stürmest du und tobest? + Denkst du, daß du dich so dem Rostem gleich erprobest? + Weil einen Namen ich nicht nennen will und kann, + Willst du dafür den Tod mir geben, gib ihn dann! + Den Namen nenn ich nicht, wüßt ich ihn zehnmal auch; + Entreißen ehr als ihn kannst du mir diesen Hauch! + Ich trotze dir! es mag mein Blut die Schmach versöhnen, + Der schlechteste zu sein von Guders achtzig Söhnen! + Er sprachs; da wendete Suhrab sich unmutvoll, + Nachdenkend, ob er auf der Stell ihn töten soll. + Doch er besann sich, gab ihm einen Backenschlag, + Daß er besinnungslos davon am Boden lag; + Und rief: Will hier durchaus mir meinen Vater sagen + Niemand, so will ich gehn und selber ihn erfragen! + + + 82. + + Er stieg, von Zorn bewegt, hinab vom hohen Turm; + Gewaffnet schwang er sich aufs Ross, und ritt im Sturm. + Er ritt, sein fürstlich Haupt bedeckt mit goldnem Dache, + In ihm des Löwen Mut, und unter ihm ein Drache. + Und wie der scharfe Zorn ihm selbst die Sporen gab, + Gab er dem Ross den Sporn, und flog den Berg herab. + Der Kampflust heißes Blut in seinen Adern sott, + Ihm flog des Pulses Glut wie seines Rosses Trott; + Da kont in seinem Mut aufhalten ihn kein Gott. + Er ritt im Ungestüm dem Lager Irans zu; + Und alle, die ihn sahn anreiten, flohn im Nu. + Die alle flohn im Nu, die aus des Lagers Mitten + Dort waren auf den Plan zur Lust hervorgeritten. + Wie aus dem Waidehag, wo sie der Hut empfolen + Des Hirten sind, hervor sich wagen junge Folen, + Sich außerhalb des Hags neugierig umzutun; + Doch plötzlich einen Leun herkommen sehn sie nun; + Die Mähn am Nacken, die er sträubt, erregt ihr Graun, + Und eilig flüchten sie zurück in ihren Zaun: + So aus dem Lagerwall die sich hervorgewagt, + Wie sie den Suhrab sahn, umwandten sie verzagt. + Sie wendeten zur Flucht vor ihm ihr stolz Genick, + Und wagten nicht auf ihn zu richten einen Blick. + So furchtbar fanden sie den Türken anzuschaun, + Daß auf die Flucht allein sie setzten ihr Vertraun. + Er aber achtete der leichten Feinde nicht; + Es ward von ihm gesucht ein Gegner von Gewicht. + Er ritt vom hohen Wall des Lagers hart hinan, + Den tapfersten zum Kampf zu fordern auf den Plan. + + + 83. + + Suhrab vom Walle rief hinab ins Lager tief, + So laut, ihn hörte wol, wer nicht im Grabe schlief: + O Schah von hoher Macht, du rühmst dich großer Pracht + Im Lager, doch wie steht dein Ding im Feld der Schlacht? + Mußt du dein starkes Heer in einen Pferch einsperren? + Schützt keiner deiner Knecht' im freien Feld den Herren? + Dein Volk von Schafen fleucht in seinen Stall, verkreucht + Sich hinterm Wall, und keucht vor Angst, vom Wolf gescheucht. + Hier komm ich zu dir her geritten mit dem Speer, + Den zuck ich, so durchzuckt der Tod dein ganzes Heer. + Ich habe gestern laut um Send den Schwur beim Wein + Getan: Wer ihn erschlug, der soll nicht lebend sein! + Der heimlich in der Nacht den Send mir umgebracht, + Umbringen will ich ihn am Tag in offner Schlacht. + Wenn du den Recken kennst, der ihn erschlug, so send + Ihn her, daß ich erschlag ihn, der mir schlug den Send! + Und ists nicht der, so seis ein anderer, der scharf + Von Mut und Waffen ist, und mir begegnen darf! + Doch wenn aus deinem Pferch hervor, mit mir zu streiten, + Gar keiner will, so will ich in den Pferch einreiten, + Das Lager mitten durch, bis an das goldne Zelt, + Vor dessen Eingang Löw und Tiger Wache hält. + Vor den Türhütern soll mir nicht beim Eintritt bangen, + Und mit dem Speer will ich die Sonn herunter langen. + Den Geierkrallen soll die goldne Sonn entfallen, + Und vor der Hündlein Maul will ich den Maulkorb schnallen. + Ich will dir überm Haupt alswie ein Sturmwind rütteln + Das goldne Dach, und wenn du drunter schläfst, dich schütteln! + So rief er; Keikawus sprang auf und rief erschreckt: + Wer hat dem Wütenden das Königszelt entdeckt? + Ihr Edlen all! eilt mir zu Rostem hin! der Mann + Ist er allein, der diesen Knaben bändigen kann. + + + 84. + + Zu Rostem, wo er saß im Zelte, kam der Bot: + Keikawus ist in Not, der Türke Suhrab droht. + Er droht ins Königszelt durchs Lager einzureiten, + Und Niemand ist als du im Stand mit ihm zu streiten. + Von seinem Sitz erhob sich Rostem nicht, und sprach: + Der Dienst des Königes ist lauter Ungemach. + Nicht Ruh bei Tag und Nacht, viel Arbeit, wenig Schmaus; + Ich war die Nacht erst aus, und bleib am Tag zu Haus, + Dem ersten Boten kam ein zweiter nachgeflogen, + Ein dritter, vierter auch, wie Pfeil auf Pfeil vom Bogen; + Und alle meldeten: Der Suhrab ist im Feld; + Da kann ihm keiner stehn, nur Rostem kanns, der Held. + Doch Rostem, wie er sah das wachsende Getümmel, + Den Lärmen um ihn her, rief: Fällt denn ein der Himmel? + Um einen Knaben, welch ein Ahrimansaufstand! + Um einen einzeln Mann welch ein Weltendebrand! + Nun aber kamen, hergesandt von Keikawus, + Die Fürsten, auch sein Sohn, auch sein Kronfeldherr Tus. + Die Waffen wurden ihm schnell von den Fürsten allen + Gebracht; er sagte nichts, und ließ es sich gefallen. + Den Panzer legt' ihm Tus, Gurgin die Schienen an, + Doch von Ferabors ward der Helm aufs Haupt getan. + Gurase reicht' ihm Pfeil und Bogen; Schwert und Sper + Und Keule trugen ihm drei Söhne Guders her. + Von seinem Eidam ward zuletzt ihm vorgefürt, + Gesattelt und gezäumt, der Rachs, wie sichs gebürt. + Doch wie Rostem den Rachs kampffertig sah, da rürte + In seiner Brust sich auch die Kampflust, und er spürte, + Daß er, ins Feld zu gehn, die volle Rüstung fürte. + Er gieng, und im Vorbeigehn nam er noch den Schild, + Indem er sprach: den braucht man auch im Kampfgefild. + In voller Rüstung sprang er auf den Rachs, und jach + Ritt er davon, ihm sahn mit Staunen alle nach. + + + + + Neuntes Buch. + + + 85. + + Er ritt hinaus, wo ihn der gleichgeartete, + Ein Kämpe seines Bluts, sein Sohn erwartete. + Auf Bogenschuß hinan ritt er, da hielt er an, + Da wieherten sich laut die beiden Kampfross' an: + Rachs, der den Rostem trug, und jener, der Suhrab, + Den Sohn des Rostem, jetzt entgegen trug dem Grab. + Der trug des Rostem Sohn, war selbst vom Rachs ein Sohn; + Und doppelt kam zum Kampf ein Vater und ein Sohn. + Doch eh zum Tode nun die Reiter sich anranten, + Wieherten erst sich an die Rosse, die sich kanten: + Das Wiehern war der Gruß der beiden Blutsverwandten. + So in den Thieren dort, o Wunder, sprach die Stimme + Des Blutes, die erstickt ward von der Männer Grimme. + Soviel ist blinder, als das blindgeborne Thier, + Der Mensch, der sehende, geblendet von Begier. + Die Reiter sahen an das Wiehern für ein Zeichen, + Daß ihre Rosse selbst an Kampflust ihnen gleichen; + Und selber wollten sie nun nicht den Rossen weichen. + Doch riefen sie sich nicht mit lautem Schlachtgruß an, + Entgegen hielten sie stillschweigend auf dem Plan, + Und Sohn und Vater sahn sich stumm todblickend an. + Nun kamen auch heran die Zeugen ihrer Schlacht, + Von beiden Seiten die und jene Heeresmacht: + Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt, + Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt; + Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt, + Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt. + Entgegen standen sich die beiden Heere schweigend, + Die Kampfbegier vereint nur in zwei Kämpfern zeigend. + Wie auf dem weiten Hof ein zahlreich Volk von Hennen + Untätig zusieht, wie zum Kampf zwei Hähne rennen, + Die, für ihr ganz Geschlecht von Kampfbegier entbrant, + Wenn sie erst zum Gefecht zusammen sind gerant, + Lebendig alle zwei nicht mehr zu trennen sind; + Sosehr macht Eifersucht und heißes Blut sie blind: + Die Hennen sehen zu, wie sie zusammen rennen, + Und warten, welchen sie als Herrn des Hofs erkennen; + So dort erwarteten die beiden Heere nun, + Wer als des Schlachtfelds Herr hervor sich würde tun, + Und sahen zu, bewehrt, alsob sie wehrlos wären: + Für alle ließen sie das eine Paar gewären. + + + 86. + + Doch näher kamen an die beiden Helden licht + Geritten nun, und sahn einander ins Gesicht. + Suhrab, den Ungeduld hinan zum Vater trieb, + Sprach, während eine Hand er in der andern rieb: + Komm, alter Held, wie ich gesehn noch keinen habe, + Nicht übel nim es mir! dich will bestehn ein Knabe. + Von Iran brauchen wir und Turan hier dazu + Sonst keinen außer uns, genug sind ich und du. + An Wuchse bist du hoch, an Schultern bist du stark; + Die Jahre haben doch versehrt bereits dein Mark. + Du wirst mich nicht bestehn in diesem Waffengange! + Er sprachs, und Rostem blickt' auf seine Rosenwange, + Und sprach zu ihm: Gemach, feuriges Heldenkind! + Die Erd ist kalt und hart, die Luft ist lau und lind. + Schon manche glichen dir, die nun gleich Staube sind. + Wol altershalb hab ich gesehn genug Walstätten, + Und half manch stolzes Heer im kalten Lager betten. + Die schlafen tief genug, die meinem Streich erlagen; + Und wo ich selber schlug, da ward ich nie geschlagen. + Nun komm heran, blick her, wie ich dich morden will; + Entkommst du mir, so fürcht hinfort kein Krokodill! + Allein es fühlt mein Herz mit dir, Kind, ein Mitleiden, + Vom schönen Leib will ich nicht deine Seele scheiden. + Gar einem Türken gleichst du nicht, o schlanker Baum! + Deinsgleichen viele wüßt ich auch in Iran kaum. + Wie Suhrab hörte, daß so sanfter Rede pflegte + Der Recke, fühlt' er auch, wie sich sein Herz bewegte, + Und sprach: O alter Held, ich will ein Wort dich fragen, + Du aber mußt nun auch mir alle Wahrheit sagen. + Vermelde mir, eh wir uns schlagen, dein Geschlecht! + So, hör ich, hielten es die Alten im Gefecht. + Ich glaube wirklich, daß du Niemand auf der Welt + Als Rostem bist, der Fürst im grünen Heergezelt. + So sprach er, und so nah daran wars, daß gewendet + Würd alles Weh in Lust, und aller Streit geendet. + Da kam ein finstrer Geist auf Rostem, und er sprach: + Ich bin nicht Rostem! was fragst du dem Rostem nach? + Er ist ein Ritter, ist ein Fürst, ich bin ein Knecht; + Mit ihm nicht, nur mit mir ist dir der Kampf gerecht. + Ich bin der Späher, der dir auf der Burg erschlug + Den Mann, der thöricht Lust mich auszuspähen trug. + Nun komm zum Kampf, mein Sohn, des Schwatzens ist genug. + + + 87. + + Da schwenkte sich im Zorn zur Linken ab Suhrab + Von Rostem, Rostem lenkte rechts von Suhrab ab. + Doch als auf Bogenschuß sie auseinander waren, + Da wendeten sie schnell, und kamen hergefaren. + Entgegen stoben sich zu Ross die beiden Ritter, + Entgegen schoben sich die beiden Ungewitter; + Entgegen schnoben sich ein Sohn und Vater bitter: + Die Schläge hoben sich, und jeder Schlag gab Splitter. + Zuerst versuchten sich in diesem Waffentanze + Der Vater und der Sohn mit fernentsandter Lanze. + Sodann erprobten sich der alte und der junge + Anrückend mit der nahgezückten Schwerter Schwunge. + Und endlich giengen sich die beiden Heeressäulen + Hart auf den ehrnen Leib mit ihren ehrnen Keulen. + Was von der Lanze da verschont blieb, schlug das Schwert; + Die Keule schmetterte, was jenes nicht versehrt. + Laut stöhnten beid', es war des andern jeder wert. + Am Helme blieb kein Glanz, am Helmbusch kein Gefieder, + Kein Ring am Panzer ganz, keins ungequetscht der Glieder; + In Strömen floß der Schweiß vom Mann aufs Ross danieder. + Wie sich entgegen zwei Gewitterwolken wettern, + Mit Blitz und Gegenblitz einander zu zerschmettern; + Sie selber können sich mit Streichen nicht verletzen, + Doch unter ihrem Kampf ergreift die Welt Entsetzen: + Der Hagel braust herab und schlägt der Erde Saat; + Das Land ist wie ein Feld, das eine Schlacht zertrat: + Dann, wenn sie sich erschöpft, zieht jede ihre Bahn, + Und aus der Ferne noch sehn sie sich finster an: + So standen jetzt vom Kampf die beiden ab ermattet, + Und eine Lebensfrist war noch dem Sohn gestattet. + + + 88. + + Sie schieden sich, voll Weh der Vater, und das Kind + Voll Schmerz: sie hatten sich begegnet ungelind. + Die Rosse langsam ließen sie bei Seite laufen, + Um von der stürmischen Begrüßung zu verschnaufen. + Suhrab im Herzen sprach: Der da so grimmig drein + Auf mich geschlagen hat, kann nicht mein Vater sein. + Zwar alle treffen ein die Zeichen, die von ihm + Die Mutter gab, nur sprach sie nichts von solchem Grimm. + Zum Gatten hätte nie genommen ihn Tehmine, + Wär er gekommen ihr mit solcher Löwenmiene. + Er sagt es selbst: er ist der Mann, der mir erschlagen + Den Vetter hat, der mir den Vater sollte sagen. + Den Vetter wollt ich ja an seinem Mörder rächen; + Und was nun hindert mich, zu lösen mein Versprechen? + Doch Rostem sprach bei sich: Ei, wäre der mein Sohn; + Von ihm zerbleut, hätt ich nun meiner Thaten Lohn! + Den hat kein menschliches, ein Riesenweib getragen; + Wie ich so alt erst war, konnt ich noch so nicht schlagen. + Nim dich zusammen nun und wehr dich, alter Held! + Denn zu Zuschauern hast du beide Heer im Feld. + Es wär ein Spuck, wenn mirs mit diesem Türken fehlte, + Und in Semengan ers einst meinem Sohn erzählte! + Denn, wer ich bin, wird er am Ende doch erfaren, + Wielang ich auch vor ihm mag das Geheimnis waren. + So sprachen sie, indem sie sich erholten jetzt + Von Streichen, welche Sohn und Vater sich versetzt; + Die Rosse hatten so einander nicht verletzt. + Sie hatten sich geschont, und waren nur benetzt + Vom Schaume, weil zum Kampf die Reiter sie gehetzt. + Die hatten nun beiseit ein wenig ihren Streit + Gelegt und waren schon zu neuem Weh bereit. + + + 89. + + Nunmehr begannen sie, wie um sich zu erholen, + Ihr Schützenkampfgerät gemach hervor zu holen. + Zum Köcher langten sie, und zogen ihre Bogen, + Und von der Senne kam Pfeil gegen Pfeil geflogen. + Im Fluge trafen sich die zwei, und sanken nieder; + Doch andre rüsteten schon Sohn und Vater wieder. + Die Pfeile regneten, dicht, wie bei rauhem Wetter + Des Herbstes unterm Baum hernieder rieseln Blätter; + Wie wenn am Frühlingstag des Landmanns Bienen schwärmen, + Wann rings das Bienenhaus des Mittags Stralen wärmen; + Wann sich die Einigkeit des Brudervolks zerschlug, + Die Honig mit gemeinschaftlichem Fleiß eintrug, + Sich nun vom alten Stock der junge Stamm lossagt, + Und auf gut Glück den Flug mit eignem Weisel wagt: + So nun mit einem Schwarm geschärfter Stacheln wandten + Zum Kampfe sich die mutentbranten Blutverwandten. + Sie spannten, legten an und schoßen ab, und spannten, + Indem mit jedem Pfeil sie sich Zornblicke sandten. + Sowenig aber als ein Blick, sowenig leid + Tat ihnen auch ein Pfeil am festen Wehrgeschmeid; + Sie schüttelten mit Scherz den Staub vom Waffenkleid, + Die Köcher raßelten, und ihre Schätze klirrten; + Die Sennen winselten, und ihre Bogen schwirrten, + Die laut im Fluge gleich blutgierigen Vögeln girrten. + Nicht kamen sie zum Zweck, die doch vom Ziel nicht irrten. + Alswie der Sonne Pfeil prallt ab vom Felsgestein, + Ihm dringen kann er nicht ins feste Fleisch und Bein, + Und an der obern Haut erhitzt er ihn allein: + So drangen dort nicht ein die Pfeil, und prallten ab, + Und mehr in Hitze nur kam Rostem und Suhrab. + Mit goldnen Spitzen war, gleich Stralen, jeder Schild + Besetzt, und leuchtete recht wie der Sonne Bild. + Doch als es sie verdroß, vergebens nur die Scheibe + Zu treffen, ließen sie nunmehr vom Zeitvertreibe, + Und giengen, Ross und Mann, ernsthafter sich zu Leibe. + + + 90. + + Sie ritten nah sich auf den Leib, und legten Hand, + Zu ringen, einer an des andern Gürtelband. + Wann sonst im Rossringkampf Rostem saß auf dem Rachs, + War er wie Erz, und, was zur Hand ihm kam, wie Wachs. + Doch nun legt' er die Hand an Suhrabs Gürtelband, + Und staunte, daß er fand solch einen Widerstand. + Wie nicht ein Bergfels wankt, den eine Schlang umflicht, + In Rostems Armgeflecht so wankte Suhrab nicht. + Wo Rostem matt ließ ab, fieng mutig an Suhrab; + Doch auch vergeben war die Müh, die er sich gab. + Wie nicht der Erdleib schwankt, weil ihn der Arm umflicht + Der Luft, so schwankte nicht Rostem im Gleichgewicht. + Da ließ der Sohn erzürnt den starken Vater faren + Am Gürtel, und ergriff ihn an dem Schopf von Haaren, + Der, halbergraut, doch straff drang unterm Helm hervor; + Daran vom Sattel hofft' er ihn zu ziehn empor. + Doch Rostem saß wie Blei im Sattel, wie ein Stück + Von Erzguß; nur das Haar blieb in der Hand zurück. + Suhrab fand in der Hand das Haar, und rief erschrocken: + Du unbezwinglicher mit schon ergrauten Locken! + Du spannst die Glieder unnatürlich an mit Krampf; + Was suchest du, o Greis, mit einem Jüngling Kampf? + Ein alter Mann, wennauch sein Wuchs wär eichbaumschäftig, + Mit einem jungen ist er doch zum Streit unkräftig. + Dein Thier auch unter dir hat seinen Mut verloren, + Und wie ein Esel läßt es hangen seine Ohren. + Vor meinem Hengste sucht' es gern das Heil in Flucht, + Und ihm verbietet es nur seines Reiters Wucht; + Doch mir verbeut den Kampf mit dir nun Scham und Zucht. + Als ich das graue Haar in meiner Hand gewart, + War mirs als legt ich Hand an meines Vaters Bart. + Sind denn um uns im Feld nicht andre Kriegerhaufen? + Was müßen wir allein uns mit einander raufen! + So sprach der junge; doch der alte sagte nichts, + Er wendete sich ab ergrimmten Angesichts. + + + 91. + + Da stürzt' er sich, wie sich ein Wolf stürzt auf die Herde + Der Schaf', aufs Turanheer, zu würgen mit dem Schwerde. + Und Suhrab, als ers sah, da warf er, wie ein Tieger + Sich auf die Rinder wirft, sich auf die Iranskrieger. + Den ersten, den er traf, streckt' er in Todesschlaf, + Den zweiten, dritten auch, und jeden, den er traf. + Doch Rostem, als er dort ans Heer von Turan kam, + Hielt plötzlich an den Rachs, zurück hielt ihn die Scham + Und Ueberlegung, wie es nun dem Kawus gienge, + Wenn jener Türk im Heer erst an zu morden fienge? + Dem selber Rostem kaum im Kampfe konte stehn; + Wie sollten seiner Wut die andern dort entgehn! + Drum, ohn ein Tröpflein Blut von Türken zu versprützen, + Umwandt er mit dem Rachs, die Perser zu beschützen. + Den Suhrab im Gewühl sucht er und fand, und schaute, + Wie auf der Flur Smaragd er Blutrubinen thaute. + Ihn rief er zürnend an: Was kühlst du deine Hitze + Am schwachen Volk, das dir nicht bieten darf die Spitze? + Was haben, tobender, die Leute dir getan, + Die du mit unversehnem Kampf hier rennest an? + Doch Suhrab sprach erstaunt: Ei, alter Held unhuldig, + Sind nicht am Kampfe dort die Türken auch unschuldig? + Warum hast du auf sie geworfen deine Wucht? + Wer hat von ihnen Streit an dich zuerst gesucht? + Doch willst du wieder nun zu mir zurück dich wenden, + So komm, laß uns das Werk erneuen und vollenden! + Doch Rostem sprach: der Tag hat sich geneigt zur Nacht; + Die ist zur Ruh gemacht, und nicht zum Werk der Schlacht. + Gehorchen wir der Nacht! doch wann im Osten lacht + Das goldne Schwert, von dessen Glanz die Welt erwacht, + Erneuern wir die Schlacht! sei mir hieher bestellt! + Hier stell ich morgen mich; jetzt geh, wohins gefällt! + Hier soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen, + Und als Zuschauer mag dieß Heer und jen's erscheinen; + Dann sehn wir, welches wird um seinen Kämpfer weinen! + + + 92. + + Sie giengen; finster ward das Angesicht der Luft; + Der Himmel hüllte sich in einen trüben Duft: + Vorzubereiten schien er Suhrabs Totengruft. + Doch Suhrab ritt vergnügt mit seinem Heer nach Haus, + Und unterm Reiten noch fragt' er den Barman aus: + Von jenem Löwenmann, von dessen Kraft die Spangen + Mir krachten heut am Tag, wie ist es euch ergangen? + Da er dieß Heer, wie ein berauschter Elefant + Anrante, wieviel hat er nieder da gerant? + Nie ward von mir erprobt, in jedem Kampf belobt, + Solch einer; wie hat er hier seinen Grimm vertobt? + Doch Barman sprach: Es war dein eigner Fürstenwille, + Daß diesen Tag das Heer sich hielt' in Waffen stille. + Gerüstet aber war all unser Ding zum Streit, + In jedem Nu ins Feld zu treten kampfbereit. + Da kam ein einzelner daher, ein unbekanter, + Und blindlings tollkühn vor die Heeresmitte rant er. + Er kam alswie im Rausch, oder vom Rausch erwacht, + Im Taumel, um allein zu liefern eine Schlacht. + Ich aber ordnete die Reihen, dem verwegnen, + Wo er sich wagt' heran, mit Nachdruck zu begegnen. + Da ward er plötzlich andern Sinns; die Zügel wandt er, + Und spornstreichs, wie er hergekommen war, entrant er. + Froh lachend sprach Suhrab: Also von diesem Heer + Erlegte keinen er, und ritt vergebens her! + Ich hab Iranier indessen viel getötet, + Mit Blut wie Rosen dort den Rasengrund gerötet. + Er hat den müßigen Beschauer hier gemacht! + Nun heute hat die Nacht geschieden unsre Schlacht. + Doch morgen, wann der Welt der hehre Tag aufgeht, + Dann wird sich zeigen, wer von beiden fällt und steht. + Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen, + Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen. + Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen; + Dann seht ihr, welches Heer um seinen Mann muß weinen! + Jetzt aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen, + Die spröden Lippen nach dem Kampfstaub anzufrischen + Mit Weinthau; Baruman, laß einen Schmaus auftischen! + + + 93. + + Indess im Lager lag schon Rostem beim Gelag, + Der noch beim kühlen Wein dacht an den heißen Tag. + Nur Suhrab wars, von dem er da erzälen mußte, + Suhrab, von dem man auch ihm zu erzälen wußte. + Keikawus sprach: Warum hast du den Wüterich + Uns auf den Hals geschickt, da du ihn namst auf dich? + Und hättest du nicht bald auf seine Bahn gerichtet + Dein Augenmerk; wer weiß, was er hätt angerichtet! + Wir haben hier ein Teil von seiner Art empfunden; + Doch selber sag uns nun, wie du ihn hast gefunden! + Er sprachs; doch Eifersucht und Aerger schwemmt' hinab + Rostem mit Wein, und tat den Mund auf von Suhrab: + Ich habe nie gesehn die gleichen Heldengaben, + Die Löwenmannheit nie, an so unreifem Knaben. + Ich hätte nicht gedacht, daß solchen Mann der Schlacht + Die Welt hervorgebracht, der mir so warm gemacht. + Er hat in jedem Kampf, in jedem Waffenwerke, + Mit mir die gleiche Kunst, mit mir die gleiche Stärke; + Und nur die Jugend die hat er vor mir voraus: + Mit ihm muß ich bestehn noch einen schweren Strauß. + Erst mit dem Sper hab ichs, dann mit dem Schwert versucht, + Mit meiner Keule dann, und er bestand die Wucht. + Zuletzt da dacht ich noch: Vor diesem rang ich doch + Schon manchen Helden hoch herab vom Satteljoch! + Da streckt' ich meine Hand nach seinem Gürtelband, + Und zerrte wacker; doch ich fand: er widerstand! + Ich dacht, er sollte nur sogleich vom Sattel fliegen, + Wie soviel andre schon ich sah im Staube liegen. + Doch wenn ein Berg im Grund wird wanken von dem Wind, + So wird vom Sattel nicht wanken das edle Kind. + Für heute hat die Nacht nun unsern Kampf geschieden; + Ich weiß nicht, ob ers war, ich war es wol zufrieden. + Und wenn er morgen mir wird zum Kampfplatze kehren, + Hab ich für Irans Ruhm und meinen mich zu wehren. + Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen, + Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen. + Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen; + Dann seht ihr, welches Heer muß seinen Mann beweinen! + Heut aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen, + Für morgen auf den Kampf die Herzen anzufrischen; + O König Keikawus, laß neuen Wein auftischen! + + + 94. + + So sprach er, und sein Wort macht' alle Gäste staunen; + Dann tranken sie mit ihm, und wurden froher Launen. + Sie tranken ihm auf Glück und Sieg die Becher zu, + Und suchten, wohlbezecht, in Zelten Schlaf und Ruh. + Doch Rostem, als er in sein Zelt gekommen war, + Sprach er noch in der Nacht zum Bruder: O Sewar! + Heut haben wir im Feld des Kampfes dieß gesehn; + Und Niemand sieht voraus, was morgen wird geschehn. + Sobald am Himmel dort der Sonne goldner Schild + Hervortritt, tret ich an den Gang ins Schlachtgefild. + Du laß in Gottes Hut, allein mit meinem Mut, + Mich gehn, und halte du mein Sabulheer in Hut. + Wenn ich den Feind erleg in diesem Waffengange, + Nicht auf der Walstatt werd ich dann dir säumen lange. + Doch anders wenn ergeht der himmlische Bescheid, + Vollführe du kein Weh, und mache du kein Leid! + Einbrechen sollt ihr nicht, um meinen Tod zu rächen, + Ins Feindesheer; ihr sollt nach Sabul gleich aufbrechen; + So sollt ihr unterwegs, und so zu Hause sprechen: + So war es ihm verhängt an seines Alters Rand, + Daß seinen Tod er fand von eines Jünglings Hand. + Zur Mutter dort im Ton der Tröstung sollst du sagen: + Um Rostem, deinen Sohn, sollst du zusehr nicht klagen! + Soviel erschlug er schon, und ward nun auch erschlagen. + Du wurdest alt, und sahst alt werden deinen Sohn; + Nun lebe länger noch, wenn er gestorben schon! + Er hat sein Werk getan, und hat nun seinen Lohn. + So manches Abenteur im Heldenungestüm + Bestand er, Ungeheur und Riesenungetüm. + So manches feste Schloß mit Mauerkranze brach er, + So manchen Mann vom Ross mit seiner Lanze stach er. + Doch an des Todes Schloß am Ende pochen muß, + Wer immer auf ein Ross gehoben seinen Fuß. + In diesem Jagdrevier ist ungejagt geblieben + Kein Jäger, ewig hier kein Treiber unvertrieben; + Ein Freibrief ward auch mir vom Himmel nicht geschrieben. + Sewar! zum Schlaftrunk gib mir noch den Becher Wein, + Und laß das Uebrige dem Glück empfolen sein! + So sprach er, und die Nacht ward mit Gespräch von Schlacht + Und Suhrab halb, und halb mit Ruh und Schlaf verbracht. + + + + + Zehntes Buch. + + + 95. + + Wie nun des Tages Pfau sein farbiges Gefieder + Entfaltet', und der Rab der Nacht den Kopf bog nieder; + Umgürtete der Held den Stahl, den lebenraubenden, + Und seinen Drachen schirrt' er an, den feuerschnaubenden. + Zum Kampfplatz wie ein Sturm kam er hinan geschnaubt, + Hell glänzt' im Morgenstral der Helm auf seinem Haubt. + Im Felde sah er dort sich um, es nam ihn Wunder, + Daß noch nicht war am Ort der junge Feuerzunder. + Der trank noch Morgenwein vergnügt bei Lautenton, + Und seiner wartete der Tod, der Vater, schon. + Er sprach zu Baruman: Der grimmige Löwengreis, + Mit dem ich heute nun mich tummeln soll im Kreiß; + Er ist nicht unter mir an ragender Gestalt, + Und steht nicht hinter mir zurück an Kampfgewalt. + Wenn ich ihn seh an Brust, Arm, Schulter und Genicke, + Ist mirs alsob ich selbst im Spiegel mich erblicke; + Alsob ich selber so müßt anzusehen sein, + Wenn soviel Jahr als ihm die Sterne mir verleihn! + Des Helden Anblick treibt die Scham auf meine Wangen, + Und regt im Busen mir ein liebendes Verlangen. + O sag mir, ob er ist der Vater, den ich suche! + Damit die Welt mir nicht als Vatermörder fluche! + Was sollt ich, kehrt ich heim, der armen Mutter sagen? + Daß ich den Gatten ihr, den Vater mir, erschlagen! + Der Gatte zwar ist schon der Mutter lang entflohn; + Und desto mehr verlangt sie nun zurück den Sohn. + Zu ihr möcht ich zurück, hätt ich den Vater nur + Gefunden erst, den ich hieher zu suchen fur! + Die Zeichen treffen ein, die mir die Mutter gab; + Nicht töten will ich ihn für den Afrasiab! + Zwar gestern ist mir der Gedanke, den ich trug, + Vergangen, als der Mann so lieblos auf mich schlug. + Doch in der Nacht ist es mir wieder aufgestiegen, + Im Traume fand ich mich in seinen Armen liegen: + Da lag ich gut und sanft! ich will mit ihm nicht kriegen! + + + 96. + + Zu ihm sprach Baruman, nachdem er still bedacht, + Wozu Afrasiab verbindlich ihn gemacht: + Ich dächt, es hätte doch dir müßen nun verfliegen + Der Traum, im Arme sei sanft diesem Mann zu liegen! + Denn warlich muß, nach dem was du von ihm gesprochen, + Kein Herz, ein menschliches, in seinem Busen pochen. + Dein Mut hat einmal mit den mörderischen Händen + Den Kampf begonnen; mag den Kampf dein Mut vollenden! + Willst du nicht lösen dein verpfändetes Versprechen? + Du gabst dein Wort zurückzukehren; willst dus brechen? + Er wartet draußen schon, und wird dich mürrisch fragen: + Wo bleibst du, lieber Sohn? du scheinst vor mir zu zagen! + Ein Feigling bist du ihm, und bist du dir, erschienen; + Mit diesem Mut wirst du den Vater nicht verdienen! + Von deinem Vater ist mir Sichres nicht bekant; + Doch dich hat seinen Sohn Afrasiab genant. + Des Namens machest du dich wert, wann mutentbrant + Du jenen, der dir trotzt, hast in den Staub gerant. + Ich kenne nicht den Mann, und frage nicht, warum + Er seinen Namen birgt; befrag ihn selbst darum! + Doch lieber, wenn du mir gehorchest, frag ihn nicht! + Schlag ihn, eh er dich schlägt! brich ihn, eh er dich bricht! + So warst du deinen Ruhm, und übest deine Pflicht. + So sprach er, und sein Rat klang Suhrabs Ohren hohl; + Dem Redner selber war dabei ums Herz nicht wol. + Doch Sorg und Zweifel nun schlug Suhrab in den Wind, + Legt' an sein Heergeschmeid, und sprang aufs Ross geschwind; + Entgegen flog in Eil dem Vater nun sein Kind. + + + 97. + + Als beide Kämpfer nun erschienen auf dem Plan, + Da kamen ihres Kampfs Zuschauer auch heran; + Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt, + Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt; + Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt, + Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt. + Vor diesen Zeugen ritt zu seinem Gegner hin + Suhrab, und mit dem Mund anlächelnd grüßt' er ihn: + Wie hast du in der Nacht geruht, und bist erwacht + Am Morgen? Früh, o Greis, hast du dich aufgemacht. + Das Aug und jeden Sinn erlabend ist der Morgen; + Doch welchen Abend er uns bringt, das ist verborgen. + Der Berge Häupter sind vom Stral der Frühe golden, + Mit Morgenwein gefüllt sind alle Blumendolden. + Die Morgenlüfte gehn, die Schläfer einzuladen, + Schnell aufzustehn, und sich im Maienthau zu baden. + Die Vögel singen laut, die klaren Bäche fließen, + Die Anger sonnen sich, und alle Blumen sprießen; + Das ist durchaus kein Tag zu Mord und Blutvergießen, + Ein Tag, das kurze Glück des Lebens zu genießen. + Komm, lieber Alter, steig herab von deinem Drachen + Ins grüne Gras, und laß uns Waffenstillstand machen! + Im Angesichte des und jenes Heeres laß, + Daß froh sie staunen, uns ablegen Groll und Haß! + Des Krieges Schauplatz sei in eine Friedensbühne + Verwandelt, und ein Fest erblüh uns auf dem Grüne. + Ich wink, und Saitenspiel und Wein kommt zum Gelag; + Ich feir im Rosenhag mit dir den Frülingstag. + Vom Haupte legest du des schweren Helmes Glanz, + Und um dein Haar leg ich von Rosen einen Kranz. + Dann sitzen wir beim Wein, und plaudern vom Gefecht; + Und alles, was ich weiß von mir, sag ich dir recht: + Du selber sagest auch mir Stammbaum und Geschlecht. + Nach deinem Namen hab ich ohne Rast und Ruh + Gefragt, und Niemand sagt ihn mir, o sag ihn du! + Nicht ziemt es zwischen uns, so Herz und Mund verschloßen + Zu halten, denn wir sind von gestern Kampfgenoßen. + + + 98. + + So sprach das Kind; ihm hatt aus Waßer, Luft und Flur + Gesprochen sanft ans Herz die Sprache der Natur. + Wie eine Knospe war das Herz ihm aufgegangen, + Und das Verlangen blüht' auf seinen Rosenwangen. + Doch wie die Knosp am Strauch, vom Frülingsstral geweckt, + Zurück vom kalten Hauch des Nordwinds wird geschreckt; + Und wie die Blume, die den Kelch geöffnet hält + Dem Früthau, wenn auf sie der giftge Melthau fällt: + So schrumpfte Suhrabs Herz zusammen, und es brach + Der Hoffnung grüner Stiel ihm ab, als Rostem sprach: + Nicht also haben wir, o liebes Kind, gewettet, + Zu ruhn in Friedensruh auf Frülingsgrün gebettet. + Wir haben uns bestellt, im Ringkampf uns zu tummeln, + Nicht stachellos umher zu schwärmen wie die Hummeln. + Wenn du ein Jüngling bist, so bin ich doch kein Knabe; + Du siehst, daß ich den Gurt geschnallt zum Ringen habe. + Du hast mich lang genug aufs Tagwerk laßen warten, + Rosen zu brechen, wie sie blühn in unserm Garten. + Der Hauch des Morgens ist belobt zu jedem Werke, + Und mir erneuet er der alten Glieder Stärke. + Drum, eh des Mittags Glut der Sehnen Kraft abspannt, + Zeig, ob du bist ein Mann, wann ich dich übermannt! + Ich habe nicht gehört, daß auf dem Kampfplatz plaudern + Kampflustige, wenn froh die Hengst im Frühwind schaudern. + Ich habe mich versucht mit Männern hier und dort; + Ich bin ein Mann der Tat, kein Mann von vielem Wort. + Drum meinen Namen nenn ich ehr nicht, sei verbürgt! + Als bis du liegst; dann sollst du wißen, wer dich würgt! + + + 99. + + Da rief Suhrab erzürnt: Wolan denn, alter Mann, + Wenn dich mein gutgemeinter Rat nicht beugen kann! + Mein Wunsch war, daß du einst auf einem sanften Pfühl + Den Geist aushauchtest, nicht im heißen Kampfgewühl, + Wer nach dir blieb, die Gruft dir ehrenvoll bedächte, + In Türkisschrein den Leib Sohn oder Enkel brächte. + Doch nun, mit Gott! wenn ist in meiner Hand dein Hauch, + Mit meiner Hand hier will ich ihn entbinden auch! + So rief er, und vom Ross sprang er gewaffnet nieder; + Der Helm klang auf dem Haupt, der Panzer um die Glieder. + Und ihm genüber schwang sich Rostem ab, ihm klang + Laut an der Hüft ein Schwert, das halb der Scheid entsprang. + Mit Schweigen giengen beid und füreten mit Schweigen + Die Ross' an ihrer Hand zum Bach hin unter Zweigen; + Wo an des Baches Rand ein einzler Felsen stand, + Der tauglich schien, ein Ross zu halten fest am Band: + Um den schlang Rostems Hand den Zaum des Rachs im Nu, + Und Suhrab eilig band sein Ross dort an dazu. + So standen dort in Ruh, das eine bei dem andern, + Die Rosse, da zum Kampf die Männer mußten wandern. + Friedfertig schnaubten sie sich an, und legten, als + Umarmeten sie sich, vertraulich Hals an Hals. + Sie unterredeten sich schweigend: ach, sie brächen + Ihr Schweigen gern auch, daß sie ihren Herrn zusprächen! + Doch diese ließen stehn mit seinem Sohn den Rachs, + Und schritten auf den Plan zum Faust- und Ringkampf stracks. + + + 100. + + Sie gürteten sich fest die Mitte, stülpten dicht + Die Aermel um den Arm, und furchten das Gesicht. + Zwei Löwen gleich an Wut, herschoßen sie zumal; + Vom Leibe Schweiß und Blut vergoßen sie zumal. + Zwei Leiber wurden da Ein Leib, indem sie rangen, + Um den vier Arm' im Knäul wie Schlangen sich verschlangen. + Wie eine Goldspang eng den Frauenarm umschmiegt, + Und wie fest an dem Leib ein naßes Kleid anliegt: + So mit den Armen eng umschmiegten sich die beiden; + Anstrengten hin und her und wiegten sich die beiden: + An Kraft nicht, noch an Kunst besiegten sich die beiden. + Sie hätten Stein und Erz zerdrückt in ihren Armen; + Sie drückten sich umsonst, und drückten ohn Erbarmen. + Angst fühlte Brust an Brust, und Glied um Glieder Schmerz, + Als Vater dort und Sohn sich drückten so ans Herz. + Indessen oben sie sich mit den Armen klemmten, + Den Odem in der Brust, das Blut im Herzen hemmten; + Indessen hielten sie am Boden die gestemmten + Füß' eingewurzelt. So rang Suhrab mit Tehemten + Mit mächtigem Umfahn, gewaltigem Umschlingen, + Vermochten sie sich doch zu Boden nicht zu ringen, + Vermochten sie sich nicht vom Grund empor zu bringen, + Vermochten sie sich auch vom Platz nicht wegzudringen. + Umsonst umschlangen sie, umsonst umflochten sie; + Vergebens rangen sie, vergebens fochten sie. + Voll Wut andrangen sie, voll Wut aufkochten sie; + Sich nicht bezwangen sie, noch übermochten sie. + Nun wollten sies, anstatt mit Ringen und mit Dringen, + Mit Schwingen in die Luft vollbringen und erzwingen. + Los ließen Vater sich und Sohn, und seine Hand + Ausstreckte jeder nach des andern Gürtelband. + Und Rostem schwang den Sohn empor mit einem Schwunge + Am Gürtel: fast erlag dem Alten da der Junge. + Doch dieser fiel, vom Glück geschleudert, auf die Brust + Des Gegners schwer, und warf ihn nieder in den Dust. + Da kniet' er auf der Brust des Vaters, und besann + Sich selber nicht, wie er die Oberhand gewann. + Da zuckt' er rasch den Dolch, und, ohne dran zu denken, + Wollt er den kalten Stahl ins Herz des Vaters senken. + + + 101. + + Rostem, aufblickend, sah das nahe Ungemach + Schweben ob seinem Haupt, und rief: Gemach, gemach! + Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen, + So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen! + Du kommest her und stammst aus wilder Türken Mitte: + Nach Iran kommst du, kämpfst, und kennst nicht Irans Sitte. + Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen + Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen; + Das erstemal, da er ihn an den Boden legt, + Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt. + Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen! + Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen. + Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen; + Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen. + So sprach er, ob villeicht er sei durch List errettet + Vom Gegner, unter dem er unsanft lag gebettet. + Suhrab hielt zweifelnd inn, und sprach: Ich habe nicht + Von dieser Sitt im Land vernommen den Bericht. + Sag an, ob wirklich so es alle Helden halten, + Obs so gehalten wird von Rostem auch, dem alten? + Doch Rostem sprach: Was geht dichs an, wies Rostem macht? + Nun ja doch! diesen Brauch hat Rostem aufgebracht. -- + Wie Rostems Sohn aus Rostems Mund dieß Wort gehört, + Das Schwert zog er zurück, und ließ ihn los, betört: + Einmal, von Selbstvertraun, sodann von Schicksalsfug, + Am meisten aber, weil sein Herz von Großmut schlug; + Sonst hätt ihn nicht allein betört des Vaters Trug. + Rostem sah froh erstaunt sich los vom Feind gekettet, + Doch war er unmutsvoll, daß ihn nur List gerettet. + Vom Boden sprang er auf, und schüttelte die Glieder + Vom Staub, und ein die ausgerenkten renkt' er wieder. + Doch Suhrab wendete von ihm sich ins Gefild, + Und jagte vor sich her ein aufgesprungnes Wild. + Auf dieses macht' er Jagd zur Kurzweil, und vergaß + Des Mannes ganz, mit dem er erst im Kampf sich maß. + + + 102. + + Doch Rostem, als er war entbunden seiner Qual, + Gieng an den Bach hinauf, dort in ein Felsental, + Wo er vor langer Zeit einmal mit einem Geiste + Zusammentraf, als er des Wegs aus Turan reiste, + Als er dort aus dem Krieg mit Beute schwer beladen + Zurückkam, mühsam gieng er da auf seinen Pfaden. + Dem Rostem damals war solch eine Kraft verliehn, + Die nicht nur seinen Feind, die drückte selber ihn. + Denn wo er auf dem Grund mit seines Leibs Gewicht + Auftrat, gab nach der Grund, und widerstand ihm nicht. + Den Fußtritt drückt' er tief auch härterem Gestein, + Nicht lockerm Sande nur und weichem Boden ein: + So wehrlos schon, vielmehr wann er die Waffen trug, + Und nun trug er dazu noch schweren Raubs genug. + Im Melme sank ihm ein der Fuß bis an den Knöchel; + Da lachte neben ihm der Berggeist mit Geröchel. + Wer, fragte Rostem, lacht? Dumpf sprach der Berggeist: Ich! + Worüber? Weil ich seh im Grund einsinken dich. + Die dir die Mutter gab, die Kraft ist lästig dir, + Du bist zu schwach für sie, gib sie zu tragen mir! + Und brauchst du sie einmal, wann matt sind deine Glieder, + So komm und ruf! so geb ich deine Kraft dir wieder. + Da gab der Pehlewan dem Berggeist in Verwar + Den Ueberschuß der Kraft, die ihm beschwerlich war. + Jetzt aber kam er her, um, ehr im Berge modern + Er ließe seine Kraft, sie nun zurück zu fodern. + Denn gegen Suhrab war der Sieg ihm zweifelhaft, + Wenn er nicht näme ganz zusammen seine Kraft. + + + + + Elftes Buch. + + + 103. + + Zu Suhrab aber, der froh seiner Jagd nachgieng, + Kam Barman, als der Tag sich an zu neigen fieng. + Er kam, von bangem Mut und Ungeduld getrieben, + Was in den Sternen nun ob Suhrab sei geschrieben, + Und welchen Wunsch erfüllt sehn sollt Afrasiab, + Von beiden wen im Grab, ob Rostem ob Suhrab? + Er wußte nicht, warum sie ihren Kampf geschieden, + Und fürchtete, daß Sohn und Vater machten Frieden. + Doch als er wolgemut herwandeln jenen sah, + Rief er ihn an, indem er trat mit Staunen nah: + Was ist es? was geschah? wo ist dir hingekommen + Der Gegner, den du dir zu würgen vorgenommen? + Doch Suhrab lächelnd sprach: Er ist mir nicht entwischt; + Auf einen neuen Gang hab ich mich angefrischt. + Ihn fragte Baruman: Warum ward aufgehoben + Der Kampf? Doch Suhrab sprach: Er ward nur aufgeschoben. + Im Ringen hatt ich ihn geworfen auf den Plan, + Schon zuckt ich meinen Dolch, da wars um ihn getan; + Doch er mit lautem Ruf rief mich um Schonung an: + Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen, + So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen! + Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen + Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen; + Das erstemal, da er ihn an den Boden legt, + Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt. + Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen! + Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen. + Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen; + Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen. + So sprach er, und ich gab auf dieses Wort ihn frei, + Daß er mir erst erlegt im zweiten Gange sei! + So sprach Suhrab vergnügt; doch Barman sah das Walten + Des Himmels, daß Rostem für Iran sei behalten. + Zu Suhrab sprach er: Weh! du bist des Lebens satt: + Ein Glück begegnet nie zweimal an Einer Statt. + Den Pardel ließest du entspringen aus den Schlingen, + Darein ihn Gott dir gab: nun wird er dich verschlingen! + So sprach er misvergnügt, und wendete sich ab + Vom Knaben rasch, den er nunmehr verloren gab. + Er gieng hinweg, und sprach: Das Schicksal mag es lenken + Mit ihm, wies ihm gefällt! ich will das Heer bedenken. + + + 104. + + Auf einem Felsenthron saß dort der Geist und sah, + Das Tal herauf ein Mann kam seinem Sitze nah. + Voll Muts und unmutsvoll umschauend kam er bei; + Da merkte wol der Geist, daß er gesuchet sei. + Ein Abendnebel lag als Helm auf seinem Haubte; + Den hob er weg, indem er mit dem Atem schnaubte. + Auf seinem Throne saß der Geist nun unverhüllt, + Doch finster, von des Bergs verborgner Kraft erfüllt. + Den Rostem rief er an: Wen und was suchst du? sprich! + Darauf sprach Rostem: Dich und meine Kraft such ich. + Ich seh und kenne dich, wie ich dich schon geschaut; + Du bist nicht seit der Zeit gealtert noch ergraut; + Doch kennst du mich? und weißt, was ich dir anvertraut? + Mit düsterm Lächeln gab zur Antwort ihm der Geist: + Ich kenne dich nicht mehr, Rostem! du bist ergreist. + Doch was bemühest du die alten Heldenglieder + Zu mir? Tehemten sprach: Gib meine Kraft mir wieder! + Bis heute kam ich aus mit dem, was ich gespart; + Das Ganze brauch ich heut; gib her, was du bewart! + Da sprach der Geist: Die Kraft des Menschenkinds, wann sie + Von ihm gewichen ist, kehrt ihm zurücke nie. + Denn keinem kann er sie zur Wiedergabe geben; + Du aber gabest mir die deine aufzuheben. + Wol aufgehoben hier ist sie und aufbehalten; + Viel beßer als bei dir ruht sie in Bergesspalten. + Warum willst du mit ihr dein alterndes Genick + Beladen? Held, du nimmst auf dich ein Misgeschick. + Doch weigern werd ich sie dir keinen Augenblick, + Wenn du sie ernstlich willst, und dreimal sie verlangest; + Allein bedenk es recht, wozu du sie empfangest! + Ich gebe, Stück für Stück, dir deine Kraft zurück, + Ich gebe sie dir, doch zum Unglück, nicht zum Glück. + Laß deine Kraft hier ruhn! du hast der Taten nun + Genug getan: zum Leid wirst du dir eine tun! + Tehemten, ja, ein Leid, ich fürchte, wirst du finden + Durch deine Kraft, davon dir selbst die Kraft wird schwinden. + + + 105. + + So unterhandelten sie dort um Rostems Kraft; + Doch Rostems Sohn sah sich im Feld um zweifelhaft, + Und wußte nicht, was er vom Gegner denken sollte, + Der nicht erschien; und ob er heimwerts lenken sollte, + Ob warten noch, bis doch villeicht er wiederkäme, + Damit er heute noch das Leben hier ihm näme! + Am Ende dünkt' es doch das Beste seiner Meinung, + Im Feld zu warten noch auf seines Feinds Erscheinung. + Denn, sprach er, heute früh hat er auf mich gewartet, + Nun wart ich spät auf ihn, so ist es wolgeartet. + Der Abend ist so schön nicht, als es uns versprach + Der Morgen; in der Welt kommt Herbes Frohem nach. + Die Sonne sinkt, und läßt ein blutges Abendrot + Zurück als Abschiedsgruß, den sie dem Leben bot. + Wo aber bleibt der Mann, den ich nicht missen kann? + Ich töt ihn in der Nacht, weil er am Tag entrann! + So sprechend, blickt' er auf, und sah den Rostem kommen, + Alswie ein Meteor trübrötlich angeglommen. + Dem Suhrab schien er ganz verwandelt zauberhaft, + Von wunderbarem Glanz, in voller Jugendkraft. + Mit Staunen grüßt' er ihn, mit Zittern und Verzagen; + Wo er gewesen sei, hatt er nicht Mut zu fragen. + Er fragt': Und ringen wir noch heute vor der Nacht? + Und Rostem sprach: Ei ja! es ist geschwind vollbracht. + Da traten an zum Kampf der Vater und der Sohn; + Der angetan mit Kraft, die diesem war entflohn. + Wie, wann die Sonne sinkt, die Nacht siegjauchzen mag, + Und wann die Nacht erliegt, so triumfirt der Tag: + So mochte Rostem leicht ob Suhrab triumfiren, + Der nicht gewinnen konnt, und jener nicht verlieren. + Da zog die Dämmerung aus Abendwolkenflor + Dem Schauplatz dieses Wehs den dichten Vorhang vor; + Daß von dem Doppelheer, das als Zuschauer nah + Dem Schauspiel war, was da geschah, kein Auge sah. + Da griffen an die zwei, da war es schon getan; + Vom Vater war es ab-, und um den Sohn getan. + Rostem tat einen Ruck, und Suhrab lag im Dust; + Rostem tat einen Zuck, sein Dolch traf Suhrabs Brust. + + + 106. + + Suhrab sprach todeswund: O ungetreuer Mann! + Das ist der Schonung Lohn, den ich von dir gewann. + Von Rostem hast du mir ein Märchen vorgelogen, + In Rostems Namen um mein Leben mich betrogen. + Doch sei ein Fisch im Meer, ein Vogel in der Luft, + Die Rach ereilet dich, wo ich lieg in der Gruft. + Wenn Rostem das erfärt, und er wird es erfaren; + Nicht wird ihm das Gerücht die Trauerkund ersparen -- + Wenn Rostem es erfärt, so gibt er dir den Lohn + Dafür, daß du erschlugst sein und Tehminas Sohn. + Er sprachs und von dem Wort getroffen, Rostem schrak + Zusammen, alsob ihm der Dolch im Busen stak. + Er rief: O Unglückskind, was sagst du? sags geschwind, + Sags recht, wer deine unglückseligen Eltern sind! + Doch Suhrab sprach mit Stolz und Trauer in der Miene: + Ich bin Suhrab, der Sohn von Rostem und Tehmine; + Er Irans Hort, und sie Semengans Frauenzier. + Die Mutter hat mich hergesandt, den Vater hier + Zu suchen, weil er dort solang nicht kam zu ihr. + Die Spange gab sie mir mit als Erkennungszeichen; + Die Spange, die er ihr einst gab, sollt ich ihm reichen. + Die Spange trug ich nicht am Arme; vor Verlust + Sie zu bewaren, trag ich hier sie auf der Brust. + Reiß das Gewand hier auf am Busen, das mich drückt, + Und sieh das Zeichen, das den Sohn von Rostem schmückt! + So sprach er, und vor Weh dem Vater wollt entweichen + Die Seel, und harrte nur noch aufs Erkennungszeichen. + Wegriß er das Gewand, und sah, wie einen Molch + In Rosen, in der Brust dort sitzen seinen Dolch; + Der stak noch in der Wund, als Scheide, die er schloß; + Nun zog ihn Rostem aus, und Suhrabs Leben floß. + In Purpurwellen floß das Leben hin, und tränkte + Das Gold der Spange, die Tehminen Rostem schenkte. + Er zog der Spange Gold, besetzt mit den Rubinen + Vom Blut des Sohns, hervor, selbst mit blutlosen Mienen, + Und rief: Suhrab, mein Sohn! Weh Rostem und Tehminen! + + + 107. + + Dumpf einen Augenblick in seines Jammers Füllen + Hinstarrte Rostem noch, dann hub er an zu brüllen. + Alswie ein Tiger brüllt, wann er, im Busch verhüllt, + Gelaurt auf einen Raub, von heißer Gier erfüllt: + Er lauert auf ein Rind, das von der Rinderherde + Dem grünen Busche nahn, und ihm verfallen werde. + Inzwischen geht einher des Tigers einzges Junges, + Das er im Neste glaubt, untüchtig noch des Sprunges. + Das kommt dem Busche nah, worin sein Vater lauert; + Der hört den Tritt im Gras, und ist von Lust durchschauert. + Er denkt: Da ist das Rind! und stürzt, vor Gierde blind, + So denkt er, auf das Rind, und stürzt aufs eigne Kind. + Dann siehet er, was ihm die blutgen Branken füllet; + Da bricht sein Tigerherz; und wie er nie gebrüllet, + So brüllt er: wie er nie gebrüllt in Wut um Blut, + Brüllt er nun um des Sohns vergoßnes Blut in Wut. + So brüllte Rostem jetzt, bis, sein nicht mehr bewußt, + Er hinsank atemlos an seines Sohnes Brust. + Ohnmächtig sank er hin, in Ohnmacht lag er da; + Das erstemal, daß dieß im Leben ihm geschah! + Erschöpft war seine Macht, und seine Kraft gebrochen, + Die Kraft, die er solang im Mark der alten Knochen + Getragen, samt der Kraft, die ihm aufs neu geworden + Recht eigentlich dazu, den eignen Sohn zu morden. + So lag er bei dem Sohn, selbst einem Toten gleich, + Und bei ihm lag der Sohn, im Antlitz todesbleich, + Im Antlitz todesbleich, am Herzen todeswund, + Mit Rosen seines Bluts blümend den grünen Grund. + Noch floß das Blut, noch stand der Odem nicht, noch sah + Und fühlt' er, sterbend freut' er sich dem Vater nah. + Den Vater, ob ihm schon von ihm dieß Leid geschah, + Den er allein gesucht, den hatt er doch gefunden, + Und lag, wie er geträumt, von seinem Arm umwunden. + + + 108. + + Dort das Zuschauerheer, nichts schauend in der Hülle + Der Nacht, nachdem es erst vernommen ein Gebrülle + Vom Kampfplatz, nam es war jetzt eine Totenstille. + Sie ahneten, daß dort ein Unglück sei geschehn, + Und hatten nicht den Mut, mit Augen es zu sehn. + Da machten aus dem Heer von Iran einige Kühnen + Sich auf, und naheten zuletzt des Todes Bühnen. + Am Bache fanden sie, am Felsen, unter schaurig + Gesenkten Zweigen stehn die beiden Rosse traurig. + Wie sie da sahn den Rachs, den Thron des Rostem, leer + Von Rostem, eilten sie mit Klaggeschrei zum Heer, + Mit lautem Klaggeschrei: Tehemten ist nicht mehr! + Dahin ist Irans Hort! Rachs ist von Rostem leer! + Da kam ein Schreck aufs Heer, und wie ein Sturm das Meer + Bewegt, bewegte sie die Botschaft, dumpf und schwer. + In Aufruhr kam das Heer, und Alles trat in Wehr. + Die Pauke ward gerürt, und die Trommete klang; + Wie Wogen setzte sich das ganze Heer in Gang. + Vor ihrem Nahen drang den Kommenden voraus + Zur stillen Walstatt dort das wachsende Gebraus. + Rostem bei seinem Sohn aus seinem Todesschlummer + Erwachend, neu empfand er seinen Todeskummer. + In neuen Jammerton ausbrechen wollte schon + Sein Schmerz, da sänftigt' ihn mit sanftem Wort der Sohn, + Der seinen letzten Geist und letzten Hauch gewann, + Und sammelt' ihn, womit hinsterbend er begann + Die Rede, die ihm leis', alswie sein Blut, hinrann: + + + 109. + + O Vater! eh mir fort das Leben rinnt, und dort + Die Fremden nahn, vernim des Sohnes letztes Wort! + Sein erstes, welches dich nicht zweifelnd Vater grüßt! + Von diesem Gruß ist mir der bittre Tod versüßt. + Ich habe nicht zu teur des Herzens Stolz gebüßt, + Tehemtens Sohn zu sein! mit dem vereint ich wollte + Die Welt bezwingen, die mich so bezwingen sollte! + Was klagest du und weinst? nicht du hast mich erschlagen; + Dazu bestimmt hat mich der Mutter Leib getragen. + Darum hat sie umsonst dem Sohne nachgesandt + Den Vetter, dem allein der Vater war bekant. + Erschlagen hast du ihn, Nachts auf die Burg gerant, + Damit von Niemand mir der Vater sei genant! + Wenn es die Mutter nun erfärt, was wird sie sagen? + Beklagen soll sie mich, und Rostem nicht verklagen. + Schick heim zu ihr von hier all meine Waffenzier, + Und auch die Spange, die von ihr ich brachte dir! + Laß auch den Baruman mit seinen Türken gehn + Unangefochten, die durch mich in Waffen stehn! + Nicht fechten werden sie, weil sie mich liegen sehn; + Denn dieser Aufbruch ist allein durch mich geschehn. + Auch den Hedschir, den ich im Schloß gefangen habe, + Mit Bitt und Drohungen ihn angegangen habe, + Dich mir zu zeigen, was hartnäckig er verschwieg, + Bis ich mein Ross, dich aufzusuchen, selbst bestieg; + Bestraf ihn nicht darum, daß er mir nicht gesagt + Den Namen! hab ich doch dich selbst umsonst gefragt! + Daß Guders nicht durch mich um einen ärmer werde + Der achtzig Söhne, weil durch ihn an kalter Erde + Tehemtens einer liegt! Weils ihm das Glück beschied, + Laß ich ihm gern das Schloß, und selber Gurdafrid. + Gurdaferid, so ist ein schönes Weib genant, + Die hat unlängst mich hier mit Waffen angerant, + Und mir verheißen, daß um mich sie wollte weinen, + Wann Rostem mich erlegt; das mag sie nun bescheinen! + O daß nicht bitterer die Mutter weinen müßte, + Wenn sie nun statt des Sohns die goldne Spange küsste! + Die Spange send ihr nur, mein Ross und meine Waffen; + Doch meinen Leib sollst du von hier nach Sabul schaffen + In deine Fürstengruft! und hier dein grünes Zelt + Spann über mir! so nem ich Abschied von der Welt. + Ich kam alswie ein Blitz, und gieng alswie ein Wind; + Nun, Rostem, sieh mit einem Blick noch an dein Kind! + Und mit gelindem Ton, eh mir die Kraft entflohn + Zu hören, nenne mich Suhrab, Tehemtens Sohn! + + + 110. + + Er sprachs, und Rostem schwieg; er öffnete den Mund + Zu reden, aber zugeschnürt war ihm der Schlund. + Hinstarrt' er schweigend auf des jungen Dochts Verglühn. + So sieht ein Wanderer das Abendrot verblühn, + Das seinem Wege noch als letzte Fackel lacht; + Die Fackel lischt, und um ihn her ist finstre Nacht: + So war für Rostem bald nun ganz hinweggenommen + Des Lebens Lust, sobald das Leben dort verglommen. + Doch näher kam der Klang und Waffengang der Schar, + Und Rostem sprang empor, zerrüttet wie er war. + Von seinem Sohn hinweg entgegen trat er ihnen, + Mit Staub auf seinem Haupt, und Jammer in den Mienen; + Nie den Iraniern war Rostem so erschienen. + Allein sie sahen, daß am Leben Rostem sei, + Und übers ganze Heer erscholl ein Freudenschrei. + Wie eine Reiterschaar, die über ihrem Haubte + Die Fahne wieder sieht, die sie verloren glaubte, + Jauchzt, daß gerettet ist die Fahn, obgleich zerfetzt; + So jauchzten sie dem tiefgebeugten Helden jetzt. + Doch als er näher kam, sprach er, von Grimm und Gram + Zugleich bewegt, zugleich erregt von Stolz und Scham: + Ihr Fürsten Irans all und Edlen, kommt heran, + Und seht, was Rostem hier für Irans Ruhm getan! + Den Helden Turans, der sein Haupt im Himmel trug, + Den Schrecken Irans schlug Tehemten schwer genug. + Ich hab in Tag und Nacht geschlagen manche Schlacht, + Doch meinem Ruhm nie solch ein Opfer dargebracht. + Iranier, für euch hat Rostem hier geschlachtet + Den Suhrab, seinen Sohn, damit ihr ihn betrachtet! + Er sprachs, da war verstummt ihr Jauchzen in Entsetzen; + Er sprachs, ohn eine Wang, ein Auge nur zu netzen. + Sie sahn in seinem Blut den jungen Helden liegen, + Den Adler, dessen Mut zur Sonne war gestiegen; + So schön, so groß, so frei, so edel, kühn und stark, + Ob schwach auch, todesmatt, der Kern von Rostems Mark. + Sie riefen: Weh, daß solch ein Schmuck der Welt verdorben! + Er sah ihn an und sprach: Er ist noch nicht gestorben, + Und soll nicht sterben! Geh, Guders, zu Keikawus, + Und bring dem Könige von Rostem Bitt und Gruß. + Den Lebensbalsam, der des Todes Wunden stillt, + Der tropfenweis der Höl im Kaukasus entquillt, + Hat er in seinem Schatz; davon soll er mir geben + Drei Tropfen, daß Suhrab, mein Sohn, mir bleib am Leben! + + + + + Zwölftes Buch. + + + 111. + + Hilfeile flügelte des greisen Boten Fuß, + Schnell bracht er an Kawus von Rostem Bitt und Gruß: + Von Rostem ist Suhrab, der Sohn Rostems, erschlagen; + Der Sieg am Feinde hat dem Vater Weh getragen; + Er wehklagt laut, und alle, die ihn sehn, wehklagen. + Er bittet dich durch mich, und all wir andern bitten: + Wenn Rostem je für dich gekämpft hat und gestritten, + Komm ihm zu Hilfe jetzt im Weh, das er erlitten! + Vom Lebensbalsam, der dem Kaukasus entquillt, + Den du im Schatze hast, der Todeswunden stillt, + Gib ihm drei Tropfen schnell, so du ihn retten willt! + Doch langsam sprach der Schah: Gottlob, der Sorg entkettet + Bin ich und aller Furcht, da Rostem ist gerettet; + Im Staube liegt sein Feind, da ist ihm wol gebettet. + All meinen Balsam gäb ich ja für Rostems Leben; + Doch keinen Tropfen werd ich einem Türken geben. + Rostem für Iran ist schon stark genug allein; + Mit solchem Sohn vereint, möcht er zu stark uns sein. + Der stolze Mann, soll ich ihm diesen Dienst erzeigen, + So muß er selber nahn und mir zu Fuße neigen! + Er sprachs, und jener sah des Königs harten Sinn, + Von seinem Flehen sei zu hoffen kein Gewinn; + Die üble Antwort trug er schnell zu Rostem hin: + Der Schah ist herbgelaunt; er will für Rostems Leben + All seinen Balsam, doch nicht einen Tropfen geben + Für Rostems Sohn. Soll er dir diesen Dienst erzeigen, + So mußt du selber gehn, und ihm zu Fuße neigen. + Da kämpfte Stolz und Schmerz in Rostem einen Kampf, + So heiß, daß sichtbar ihm vom Haupte stieg der Dampf: + Er hob und hielt den Schritt, und zuckte wie im Krampf. + Dann beugt' er sein Genick demütig dem Geschick; + Ertragen wollt er des feindselgen Königs Blick. + Drei schwere Schritte hatt er schon im Weg gemacht; + Da ward die Botschaft ihm in Eile nachgebracht: + Die Sonne, deren Ruhm der Welt geleuchtet, barg + Sich in die Nacht; dein Sohn braucht nichts als einen Sarg. + + + 112. + + Tehemten gieng zurück zu seinem toten Sohn; + Sie hatten zugedeckt des Toten Antlitz schon. + Der Vater aber hob mit seiner Hand die Hüllen + Hinweg, um neu sein Herz mit Jammer zu erfüllen. + Rings war dreifache Nacht: am Himmel Nacht, im Herzen + Tehemtens Nacht, und Nacht verlöschte Suhrabs Kerzen. + Ihn sah beim Sternenlicht der Vater, und erschreckt + Stand er, dann rief er aus, als er ihn zugedeckt: + Oft hab ich wol dem Tod ins Angesicht geschaut + In mancher Schlacht, und nie hat mir vor ihm gegraut. + Und schöner hab ich ihn, als hier im Angesicht + Des Jünglings nie gesehn, doch ohne Grauen nicht! + Weh, Rostem, dir! weh dir! mit deinem Heldenruhme + Kaufst du vom Tod zurück nicht diese Liebesblume. + Zäl in Gedanken auf nur alle deine Taten! + Durch diese letzte hier sind alle schlecht geraten. + O unglückseliger geliebter Jüngling du, + So ruhest du durch mich, und raubest mir die Ruh! + Dich hat von Kindheit an ein falscher Glanz entzündet; + Das, was von Rostems Ruhm dir das Gerücht verkündet, + Das trieb zum Vater dich; dein Stolz und deine Lust, + Dein Leben wars, dein Tod, zu ruhn an seiner Brust. + Du hast mit Ungestüm dich an mein Herz gedrängt; + Dafür mit deinem Blut hab ich mein Erz getränkt! + Ich habe dich als Feind bewundert und beneidet, + Und finde dich als Sohn, daß mirs das Herz durchschneidet. + Dazu ward meinem Leib die Jugendkraft erneut! + Doch unerneubar nun brach sie mit dir mir heut. + Durch dich den größten Schmerz, durch dich hab ich erlitten + Die größte Schmach: erniedrigt hab ich mich zu bitten! + Zu bitten einen Schah, von dem ich war gewohnt, + Gebeten selbst zu sein, seitdem durch mich er thront. + Um dich demütigt ich dieß stolze Haubt in Staub, + Und habe nicht dadurch dem Tod geraubt den Raub! + Das laß die Sühnung sein, o Sohn, für alle Kränkung, + Die dir der Vater tat, nach unsrer Sterne Lenkung! + So wars verhängt, daß, der sein Haupt im Himmel trug, + Es brächt in Staub dadurch, daß er sein Kind erschlug. + + + 113. + + So klagt' er in der Nacht, und um ihn klagend saßen + Die Fürsten her, die heut den Schmaus der Nacht vergaßen. + Voll war von Tröstungen der weisen Freunde Mund, + Vergebens, Rostem war um seinen Sohn herzwund. + Er hielt in seiner Hand die blutgenetzte Spange, + Und sprach zu ihr: Du kalte, glatte, gelbe Schlange! + Du hast mit deiner giftgen Heimlichkeit gestochen + Das Herz des Sohnes, und des Vaters Herz gebrochen. + Du selber brachest nicht; was hast du nicht gebrochen + Dein tötlich Schweigen, und der Rettung Wort gesprochen? + Dem Vater kontest du, daß der sein Sohn sei, sagen! + Warum hat er versteckt im Busen dich getragen? + Warum antwortet ich nicht seinen Liebesfragen? + Nun muß des Unglücks Schuld die arme Spange tragen! + Die Schuld trägt mir der Rachs, der Rachs, der, als ich schlief + Dort müde von der Jagd, sich im Geheg verlief, + Der von den Türken dort sich fangen ließ und füren + Zur Stadt, wohin ich dann nachgieng, ihn aufzuspüren. + O beßer wär ich nach Semengan nie gekommen! + Kein Leben hätt ich dir gegeben, noch genommen. + Nicht hätt ich in der Nacht mir dort antrauen laßen + Das blühnde Weib, um früh am Tag sie zu verlaßen. + Warum von einem Sohn gab sie mir Nachricht nie? + Warum erkundigt ich mich nie um ihn und sie? + O Rachs, geritten sind wir damals nicht mit Glück + Auf jene Jagd: dieß Weh bracht ich als Fang zurück. + Drum wirst du niemehr auch mit frölichem Behagen + Deinen Reiter wie sonst zu Jagd und Schlachten tragen! + + + 114. + + So klagt' er in der Nacht, da stieg der Tag empor; + Und Kawus selber kam mit seines Hofes Chor. + Dem Helden bracht er dar Entschuldigung und Trost; + Kühl aber war sein Wort, alswie des Morgens Frost: + Des Reiches Pehlewan! was sitzest du im Staub, + Dem Kummer untertan, und deines Leides Raub? + Ob auf der Erde Grund des Himmels Zelt du würfest, + Ob Feuer in den Mund der weiten Welt du würfest; + Du brächtest nicht vom Gang zurück einen Gegangnen, + Und kauftest von dem Fang nicht los einen Gefangnen. + Das Leben ist ein Wild, vom Tode stets gehetzt; + Schnell ist das Leben, doch schneller der Tod zuletzt. + Kein Starker ist so stark, so rasch ist nicht der Rasche, + Den überwältigend sein Tag nicht überrasche. + Von ferne hab ich angestaunet diese Seule + Des Heeres, diese Brust und Schulter, diese Keule. + Ich sprach zu mir: An Art den Türken gleicht er nicht; + Von Sabuls Heldenstamm den Fürsten weicht er nicht. + Was wußt ich, daß er, Held, so nah dir sei verwandt, + Durch dich zu fallen hier, vom Schicksal hergesandt! + Mein Lebensbalsam nun vermag ihn nicht zu heilen; + Doch edle Spezerein will ich der Leich erteilen. + Ich ordne selbst die Pracht der Totenfeier an, + Zu ehren ihn und dich, des Reiches Pehlewan! + Sein Grab will ich aus Gold und schwarzem Marmor baun; + Nun laß das Antlitz mich des toten Helden schaun! + + + 115. + + Er sprachs, und rührete der Totendecke Rand; + Doch Rostem deckte schwer auf seinen Sohn die Hand, + Und sprach, zum König nicht erhebend sein Gesicht: + Der König Keikawus sieht Rostems Jammer nicht! + Herr König, geht nach Haus! aus ist hier Kampf und Schmaus; + Des Sohnes Leichenfeir richt ich nun selber aus. + Geschlichtet mit dem Heer der Türken ist mein Streit; + Ich gebe bis zur Grenz ihm sicheres Geleit, + Auf Suhrabs Bitte, der darum mich sterbend bat, + Weil nur das ganze Heer für ihn die Fart antrat. + Von diesem Geiste war allein das Heer beseelt, + Und ist ein toter Leib, da dieser Geist ihm fehlt. + Genommen hab ich ihm den Geist mit dieser Hand; + Nun geb ich alle frei, der eine bleibt mein Pfand. + Keikawus, geh nach Haus, in Istachar zu sagen, + Wie leichten großen Sieg du hier davongetragen: + Geschlagen sei ein Heer, weil ich den Sohn erschlagen! + Geht alle heim, und laßt mich meinen Sohn beklagen! + Er sprachs, und schwieg, und nicht erhob er sein Gesicht; + Er blickt' auf seine Leich, und hielt die Decke dicht. + Keikawus sprach: Was er verordnet, sei getan; + Mich schmerzt in seinem Schmerz des Reiches Pehlewan. + Ihr alle folget mir, Heerfürsten groß und klein! + Den Rostem laßen wir mit seinem Schmerz allein. + Der König sprachs, und gieng, und alle folgten nach, + Und Rostem blieb allein mit seinem Weh und Ach. + + + 116. + + Ins Lager zog das Heer, und ab ward Zelt um Zelt + Gebrochen schnell, als gieng in Trümmer eine Welt. + Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, + Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. + Sie furen heimwärts nun, doch traurig, ihre Bahn, + Denn ihnen fehlete des Reiches Pehlewan. + Doch Rostem richtete sich auf von seinem Sohn, + Und sah das Heer im Zug, und leer das Lager schon. + Von allen Zelten stand nur noch sein grünes da, + Hochragend, und umher die niedrigern ihm nah + Von seiner Sabulschar; die ordnete Sewar, + Sein Bruder, dort, dann stellt' er selber ihm sich dar. + Tehemten sprach zu ihm: So ist der Kampf geschieden! + Geh hin ans Türkenheer, Sewar, und bring ihm Frieden! + Zuerst räum ein die Burg dort oben dem Hedschir; + Sag ihm: Die schenkt Suhrab für treue Dienste dir! + Dann sprich zu Baruman: Auch dich zum Lohn der Treue + Entläßt Suhrab, damit Afrasiab sich freue! + Du selbst, o Bruder, gibst dem Türken das Geleit, + Bis er die Grenz erreicht, sie ist von da nicht weit. + Dann wende dich von ihm links auf Semengan zu, + Und an Tehmina dort die Spang hier bringe du! + Verwische nicht daran von Suhrabs Blut die Spur! + Es ist das einzige, was von ihm heimwerts fur. + Nim auch sein Waffenkleid, sein Ross und Kriegsgeschmeid, + Und gib ihrs, daß sie sich ersättige am Leid! + Sie wird des Rosses Huf an ihren Busen drücken, + Das Schwert (entwind es ihr!) nach ihrem Herzen zücken. + Die Hände ringen wird sie und das Haar zerraufen, + Blut weinen, und das Blut des Sohnes nicht erkaufen. + Vom Vater ihren Sohn wird sie zurückverlangen, + Und klagen, daß sie nicht einmal die Leich empfangen. + Zu Boden wird sie sich, ins Waßer, auf das Feuer + Sich werfen, und es dient nicht ihrem Weh zum Steuer. + Dann sag ihr das zum Trost, wie du mich hast gesehn: + Daß sie nicht mein', ihr sei das Leid allein geschehn! + Dann kehre schnell! hier wart ich dein bei Tag und Nacht; + Damit uns dieser dann nach Sabul sei gebracht! + + + 117. + + So sprach er, und Sewar gieng an die Sendung schnell; + Doch Rostem rief: Schafft mir das grüne Zelt zur Stell! + Ich geh nicht hier vom Ort, wo ich den Sohn erschlagen; + Doch über ihn im Tod soll auch mein Heerzelt ragen. + So rief er, und geschwind ward von der Sabulschar + Das grüne Heerzelt aufgespannt, wo Suhrab war. + Der Vater ließ sodann in edle Spezereien + Ihn legen, daß bewart die schönen Glieder seien. + Wie eine Rose, die den ganzen Stock geschmückt, + Im Morgenthau am Stiel vom Gärtner abgepflückt, + Damit sie bleibe frisch, ins Waßer wird gesteckt; + So blühend lebensgleich lag er vom Tod gestreckt. + Auf Purpur und Brokat lag er in Gold und Seide; + So schmückt' ihn sich zur Lust der Vater und zum Leide. + Dann aber ordnet' er die Totenfeier an, + Und feierlich im Zug zog Sabuls Heer heran. + Sie zogen, Ross und Mann, am grünen Zelt vorbei, + Im Kreiß umher, mit Feldmusik und Feldgeschrei. + Den Rossen aber war geschoren Mähn und Schweif, + Und an den Pauken abgespannt der ehrne Reif; + Die Bogen ohne Senn, und alle Spitzen stumpf: + So zogen sie, und all die Pauken schollen dumpf. + Dreimal an jedem Tag, am Morgen, um die Mitte + Des Tags, und vor der Nacht, pflogen sie dieser Sitte. + Rostem auf seinem Rachs ritt nicht dem Zug voran; + Bei seinem Sohne saß im Zelt der Pehlewan. + Doch jeden Morgen sprach er da: Suhrab, mein Sohn! + Hörst du den Kriegsheerton, und wachst nicht auf davon? + Und jeden Abend dann sprach er: Mein Sohn Suhrab! + Die Sonne geht hinab, und du gehst in dein Grab. + Als er zum neuntenmal um sein erloschnes Glück + Am Abend trauerte, kehrt' ihm Sewar zurück. + + + 118. + + Und als vom Schlaf der Nacht war neu das Heer erwacht, + Sprach Rostem, der verwacht bei seinem Sohn die Nacht: + Sewar, mein Bruder! jetzt brecht überm Haupt mir ab + Das grüne Zelt, und nehmt von mir hinweg Suhrab! + Bringt ihn nach Sabul in die Gruft, in der ich wollte + Gern schlafen, wenn ich ihn damit erwecken sollte. + Sag unsrer Mutter dort, der alternden Rudabe, + Die oft gewünscht, von mir würd ihr ein Enkelknabe: + Hier schick ich einen ihr, so schön, wie sie ihn nur + Gewünscht; von einem Fehl an ihm ist keine Spur, + Nur daß des Vaters Dolch fehl gieng in seine Brust: + Verdorben hat der Sohn am Enkel ihr die Lust. + Ihr geht! ich bleibe hier; fragt nicht warum! was mir + Begegne, fragt nur nicht! doch laßt den Rachs mir hier! + Grüß alle Mannen dort, das ganze Volk und Land; + Sewar, das alles geb ich nun in deine Hand. + Der Mutter wag ich nicht zu sehn ins Angesicht, + Und keinem Menschen dort; nach Sabul kann ich nicht. + Umtummeln muß ich hier mich etwas in der Oede, + Daß ich den Schmerz in mir, den grimmen Drachen, töde. + Das ist das kleinste nicht der Rostemsabenteuer, + Denn grimmig ist der Drach, und speiet Gift und Feuer. + Nun Glück zur Fart nach Haus! und laßts euch nicht beschweren, + Daß ich euch fürt' heraus, und laß euch so rückkehren! + Lebt alle wol! wenn man daheim von Rostem spricht, + Und fragt, wohin er kam? so sagt, ihr wißt es nicht. + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Rechtschreibung des Vorlagentextes wurde beibehalten, ebenso +unterschiedliche Schreibweisen, wie Speer/Sper, thun/tun, wohl/wol etc. + +Änderungen: + S. 36: nach "der glaubt wol dem Gerüchte" wurde ein Komma ergänzt + S. 71: nach "bringt mein Kind zurück?" wurde ein « ergänzt + S. 87: nach "umschweifen in den Landen" wurde ein Punkt ergänzt + S. 116: nach "und giengen auch davon" wurde ein Punkt ergänzt + S. 155: "einen solchen Art" wurde geändert in "einen solcher Art" + S. 206: nach "Nun lebe länger noch" wurde ein Komma ergänzt + S. 241: nach "Wie eine Reiterschaar" wurde ein Komma ergänzt + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB *** + +***** This file should be named 32481-8.txt or 32481-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/2/4/8/32481/ + +Produced by Karl Eichwalder, Wolfgang Menges and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/32481-8.zip b/32481-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f3b1b2d --- /dev/null +++ b/32481-8.zip diff --git a/32481-h.zip b/32481-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3f21f0d --- /dev/null +++ b/32481-h.zip diff --git a/32481-h/32481-h.htm b/32481-h/32481-h.htm new file mode 100644 index 0000000..85600f1 --- /dev/null +++ b/32481-h/32481-h.htm @@ -0,0 +1,5462 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert + </title> + <style type="text/css"> +<!-- + a:link { text-decoration: none; color: #0000C8; } + a:visited { text-decoration: none; color: #A000A0; } + a:hover { text-decoration: underline; } + a:active { text-decoration: underline; } + + body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; } + + h1,h2,h3 { clear: both; } + + h1 { text-align: center; line-height: 2em; margin-top: 3em; margin-bottom: 0em; } + + h2 { margin-left: 10%; margin-top: 3em; margin-bottom: 2em; letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em; } + + h3 { margin-top: 2em; margin-bottom: 1em; margin-left: 22%; } + + hr { margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 19%; + clear: both; + width: 10%; } + + p { line-height: 1.4em; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + font-weight: normal; + text-align: justify; } + + .big { font-size: 120%; } + + .center { text-align: center; } + + .deco { margin-left: 16%; } + + .figcenter { margin: auto; text-align: center; } + + .initial { font-size: 150%; } + + .pagenum { position: absolute; right: 3%; font-size: small; + font-weight: normal; font-style: normal; text-align: right; + text-indent: 0em; letter-spacing: 0ex; } + + .poem { margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left; font-size: 100%; } + .poem br { display: none; } + .poem .stanza { margin: 1em 0em 1em 0em; } + .poem span.i0 { display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em; } + .poem span.i2 { display: block; margin-left: 1em; padding-left: 3em; text-indent: -3em; } + + .ppnote { background-color: #EEE; color: #000; padding: 10px; border: thin solid #999; margin: 0px; margin-top: 3em; margin-bottom: 6em; } + + .small { font-size: 80%; } + + .spaced { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em; } + + .title { text-align: center; font-weight: bold; line-height: 2em; margin-top: 1em; margin-bottom: 0em; } + --> + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. 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G. Liesching.</p> + +<p class="title spaced" style="margin-top: 0em; margin-bottom: 0em">1846.</p> + +<p class="center" style="margin-top: 0em; margin-bottom: 6em">Druck von J. <span class="spaced">Kreuzer</span> in <span class="spaced">Stuttgart</span>.</p> + + +<p class="center" style="margin-bottom: 6em"> +<a name="inhalt" id="inhalt"></a> +<a href="#buch_1">Erstes Buch</a><br /> +<a href="#buch_2">Zweites Buch</a><br /> +<a href="#buch_3">Drittes Buch</a><br /> +<a href="#buch_4">Viertes Buch</a><br /> +<a href="#buch_5">Fünftes Buch</a><br /> +<a href="#buch_6">Sechstes Buch</a><br /> +<a href="#buch_7">Siebentes Buch</a><br /> +<a href="#buch_8">Achtes Buch</a><br /> +<a href="#buch_9">Neuntes Buch</a><br /> +<a href="#buch_10">Zehntes Buch</a><br /> +<a href="#buch_11">Elftes Buch</a><br /> +<a href="#buch_12">Zwölftes Buch</a><br /> +</p> + + +<div class="poem"> + + +<h2><a name="buch_1" id="buch_1"></a><a href="#inhalt">Erstes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_1" id="s_1"></a>1.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">L</span>aß aus dem Königsbuch der Perser dir berichten<br /></span> +<span class="i0">Von Rostem und Suhrab die schönste der Geschichten,<br /></span> +<span class="i2">Von Heldenruhm, wie leicht er Frauenlieb erwarb,<br /></span> +<span class="i0">Und wie der eigne Sohn, erlegt vom Vater, starb!<br /></span> +<span class="i2">Held Rostem sprach, als er am Morgen war erwacht:<br /></span> +<span class="i0">Auch heute hab ich nicht zu reiten in die Schlacht.<br /></span> +<span class="i2">Afrasiab, der Fürst von Turan, läßet ruhn<br /></span> +<span class="i0">Die Waffen, friedlich blüht das Reich von Iran nun;<br /></span> +<span class="i0">Doch in der Friedensruh was soll ich selber thun?<br /></span> +<span class="i2">Da rüstet' er sich schnell zur Jagd, er band in Eile<br /></span> +<span class="i0">Den Gürtel fest, und hieng den Köcher um voll Pfeile.<br /></span> +<span class="i2">Den Bogen prüft' er, ob er nicht die Kraft verlor;<br /></span> +<span class="i0">Dann zog er aus dem Stall den edlen Hengst hervor.<br /></span> +<span class="i2">Dem war die Weile dort wie seinem Herren lang;<br /></span> +<span class="i0">Er wieherte vor Lust, als er ihn setzt' in Gang.<br /></span> +<span class="i2">Er schwang sich auf den Rachs, und sagte nicht ein Wort<br /></span> +<span class="i0">Den Seinigen im Haus, in Eile ritt er fort.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_4" id="page_4">4</a></span> +<span class="i2">Der Mark von Turan zu wandt er sein lockig Haupt,<br /></span> +<span class="i0">Alswie ein Löwe, der nach seiner Beute schnaubt.<br /></span> +<span class="i2">Wie zu der Turanmark er hingekommen war,<br /></span> +<span class="i0">Die Haide nam er da voll wilder Elke war.<br /></span> +<span class="i2">Wie eine Rose war erblüht des Helden Wange<br /></span> +<span class="i0">Vor Lust, er tummelte den Rachs mit raschem Gange.<br /></span> +<span class="i2">Mit Pfeil und Bogen bald, mit Keul und Fangeschnur,<br /></span> +<span class="i0">Ein Dutzend Stücke warf er nieder auf die Flur.<br /></span> +<span class="i2">Aus Dornen und Gesträuch und manchem Baumesast<br /></span> +<span class="i0">Entzündet' er darauf ein Feur von starkem Glast.<br /></span> +<span class="i2">Und als zu Kolenglut war eingebrant die Flamm,<br /></span> +<span class="i0">Erkor der Recke sich zum Bratspieß einen Stamm.<br /></span> +<span class="i2">Der Elke feistesten steckt' er an diesen Baum,<br /></span> +<span class="i0">Der wog in seiner Hand nicht eines Vogels Flaum.<br /></span> +<span class="i2">Er drehte wohl den Spieß, daß fein der Braten briete<br /></span> +<span class="i0">Auf allen Seiten gleich, und nirgend ihm misriete.<br /></span> +<span class="i2">Und als er gaar nun war, nam er ihn vor, und saß<br /></span> +<span class="i0">Am grünen Boden hin mit guter Lust und aß,<br /></span> +<span class="i0">Wobei er auch das Mark im Knochen nicht vergaß.<br /></span> +<span class="i2">Gesättigt, schritt er nun hin wo ein Waßer lief,<br /></span> +<span class="i0">Zur Gnüge trank er auch, dann legt' er sich und schlief.<br /></span> +<span class="i2">Am Rand des Baches lag der Held, den heißen Tag<br /></span> +<span class="i0">Ausschlafend, und sein Ross gieng weidend frei im Hag.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_5" id="page_5">5</a></span><a name="s_2" id="s_2"></a>2.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">A</span>ls Rostem lag und schlief, und an sein Ross nicht dachte,<br /></span> +<span class="i0">Da kamen Türken her, ein sieben oder achte.<br /></span> +<span class="i2">Die sahn ein edles Ross frei weiden in dem Bann<br /></span> +<span class="i0">Von Turan, und zu sehn zum Rosse war kein Mann.<br /></span> +<span class="i2">Worauf sie sich alsbald das Ross zu fangen schickten:<br /></span> +<span class="i0">Sie hättens nicht gewagt, wo sie den Mann erblickten!<br /></span> +<span class="i2">Da kamen sie dem Rachs mit ihrer Fangschnur nah;<br /></span> +<span class="i0">Aufschnaubt' er wie ein Leu, da er die Fangschnur sah.<br /></span> +<span class="i2">Nicht wollte sich der Rachs geduldig laßen fangen,<br /></span> +<span class="i0">Es wäre schlimm zuvor erst einigen ergangen.<br /></span> +<span class="i2">Den Kopf vom Rumpfe riß dem einen sein Gebiß;<br /></span> +<span class="i0">Derweil ein Hufschlag zwei zu Boden hinten schmiß.<br /></span> +<span class="i2">Der kühnen Türken so getödtet lagen drei,<br /></span> +<span class="i0">Das kriegerische Ross war noch von Banden frei.<br /></span> +<span class="i2">Doch unverdroßen stürmt herbei der andre Tross,<br /></span> +<span class="i0">Und warfen übers Haupt mit Müh die Schnur dem Ross.<br /></span> +<span class="i2">Gebändigt führen sies zur nahen Stadt in Eil,<br /></span> +<span class="i0">Es wär um vieles Gold ihr Fang nicht ihnen feil.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_6" id="page_6">6</a></span> +<span class="i2">Es sei von hoher Art, ersahn sie an den Zeichen;<br /></span> +<span class="i0">Jedweder wollte Teil am edlen Hengst erreichen.<br /></span> +<span class="i2">Sie fürchteten, der Raub werd ihnen bald entführt,<br /></span> +<span class="i0">Nicht lange bliebe solch ein Schatz unaufgespürt.<br /></span> +<span class="i2">Da brachten sie geschwind ihn zu der Stuterei,<br /></span> +<span class="i0">Daß seines Samens doch teilhaftig jeder sei.<br /></span> +<span class="i2">Ich hörte, daß er dort auf zwanzig Stuten sprang,<br /></span> +<span class="i0">Die alle seiner Wucht erlagen beim Empfang.<br /></span> +<span class="i2">Und nur von einer ward getragen Leibesfrucht;<br /></span> +<span class="i0">Zu Großem war bestimmt das Folen edler Zucht.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_7" id="page_7">7</a></span><a name="s_3" id="s_3"></a>3.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Rostem, wie er dort von seinem Schlaf erwachte,<br /></span> +<span class="i0">Das erste war sein Ross, an das er wieder dachte.<br /></span> +<span class="i2">Er blickt' umher, und sah sein Ross nichtmer im Hag;<br /></span> +<span class="i0">Verlaufen hatt es ihm sich nie vor diesem Tag.<br /></span> +<span class="i2">Laut rief er ihm; sonst kams auf leisen Ruf herbei;<br /></span> +<span class="i0">Nun kam es nicht; da sprang er auf mit lautem Schrei.<br /></span> +<span class="i2">Er suchte rings im Hag, er spähte durch die Flur,<br /></span> +<span class="i0">Von seinem Rosse fand er hier und dort die Spur,<br /></span> +<span class="i2">Es selber fand er nicht, und rief: O weh! verloren<br /></span> +<span class="i0">Hab ich, derweil ich schlief, mein Ross gleich einem Toren.<br /></span> +<span class="i2">Was soll ich ohne Ross mit dieser Rüstung thun?<br /></span> +<span class="i0">Des Rittes lang gewohnt, geh ich zu Fuße nun?<br /></span> +<span class="i2">Was werden Türken, wenn sie mir begegnen, sagen,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich den Sattel muß, statt mich der Sattel, tragen?<br /></span> +<span class="i2">Verlaufen hat sichs nicht, das ist nicht seine Art;<br /></span> +<span class="i0">Nun desto schlimmer, wenn es mir gestolen ward!<br /></span> +<span class="i2">Doch lang bleibt nicht der Rachs des Rostem unbekant;<br /></span> +<span class="i0">Auffinden werd ich ihn, der mir den Rachs entwandt!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_8" id="page_8">8</a></span> +<span class="i2">Kam wol, derweil ich schlief, ein ganzes Türkenheer?<br /></span> +<span class="i0">Denn einem einzgen ist der Rachs zu fangen schwer.<br /></span> +<span class="i2">Doch den Gedanken ist vergebens nachzuhangen;<br /></span> +<span class="i0">Auf, rüste dich zum Gang, weil dir dein Ross entgangen!<br /></span> +<span class="i2">So sprach er unmutsvoll, und schwieg, und schaute stumm<br /></span> +<span class="i0">Noch eine Weile sich nach seinem Rösslein um;<br /></span> +<span class="i2">Denn immer dacht er noch, es müßte wieder kommen:<br /></span> +<span class="i0">Wer auf der Welt sollt ihm haben den Rachs genommen?<br /></span> +<span class="i2">Als aber doch der Rachs nicht wiederkommen wollte,<br /></span> +<span class="i0">Macht' er sich endlich an den sauren Gang, und grollte.<br /></span> +<span class="i2">Mit Waffen und Geschirr belud er sich, und sprach<br /></span> +<span class="i0">Noch viel mit sich, indem er gieng den Spuren nach.<br /></span> +<span class="i2">Die Spuren leiteten zur Stadt Semengan ihn,<br /></span> +<span class="i0">Die dort im Abendstral zu ihm herüber schien.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_9" id="page_9">9</a></span><a name="s_4" id="s_4"></a>4.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r sprach: Das ist die Stadt, in der ein König sitzt,<br /></span> +<span class="i0">Der es mit Turan jetzt und hält mit Iran itzt,<br /></span> +<span class="i2">Der wie die Wage schwank sich nach der Seite neigt,<br /></span> +<span class="i0">Wo sich ein Perser hier und dort ein Türke zeigt.<br /></span> +<span class="i0">Den Rostem kennen sie, wenn er zu Pferde steigt!<br /></span> +<span class="i2">Doch fehlt mir ja der Rachs, daß ich zu Pferde steige!<br /></span> +<span class="i0">Ob ich zu Fuße denn mich in Semengan zeige?<br /></span> +<span class="i2">Ich geh in ihre Stadt zu Fuß mit meinen Waffen,<br /></span> +<span class="i0">Und seh, ob meinen Rachs sie dort mir wieder schaffen!<br /></span> +<span class="i2">Ich sag es ihnen gleich, daß sie ihn schaffen sollen,<br /></span> +<span class="i0">Und denke nicht, daß sie ihn vorenthalten wollen!<br /></span> +<span class="i2">Ich werb um Gastherberg in dieser Stadt der Grenzen,<br /></span> +<span class="i0">Und sehe, was beim Schmaus dem Rostem sie kredenzen!<br /></span> +<span class="i2">So sprach er unterm Gehn, doch aus den Augen ließ<br /></span> +<span class="i0">Er nie dabei die Spur, die sich am Boden wies;<br /></span> +<span class="i2">Bis die in Schilf und Rohr am Fluße sich verlor;<br /></span> +<span class="i0">Da ließ er sie, und gieng grad auf Semengans Tor.<br /></span> +<span class="i2">Nun in Semengan ward dem König angesagt:<br /></span> +<span class="i0">Held Rostem kommt, er hat im Türkenforst gejagt.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_10" id="page_10">10</a></span> +<span class="i2">Zu Fuße geht einher die lichte Kronenzier,<br /></span> +<span class="i0">Weil ihm entlaufen ist der Rachs im Jagdrevier.<br /></span> +<span class="i2">Der König, wie er dieß vernam, war er geschürzt,<br /></span> +<span class="i0">Daßnicht ein solcher Gast an Ehren sei verkürzt.<br /></span> +<span class="i2">Da zogen aufs Gebot des Königs alle Degen,<br /></span> +<span class="i0">Die Edlen all des Hofs, dem Edelsten entgegen.<br /></span> +<span class="i2">Entgegen zog ihm, wer aufs Haupt nur einen Helm<br /></span> +<span class="i0">Zu setzen hatt, und wer zurückblieb, war ein Schelm.<br /></span> +<span class="i2">Sie reihten feierlich sich um den Heldenglanz,<br /></span> +<span class="i0">Wie um der Sonne Haupt der Abendwolke Kranz.<br /></span> +<span class="i2">So führten sie zur Stadt das Licht der Ehren ein,<br /></span> +<span class="i0">Als eben über ihr erlosch des Tages Schein.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_11" id="page_11">11</a></span><a name="s_5" id="s_5"></a>5.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>er König trat zu Fuß hervor aus dem Palast,<br /></span> +<span class="i0">Der Hofstaat um ihn her, entgegen seinem Gast.<br /></span> +<span class="i2">Er grüßt' und neigte sich: Woher durch Wald und Feld,<br /></span> +<span class="i0">Und kein Begleiter ist mit dir, o Kampfesheld?<br /></span> +<span class="i2">Hast du den Tag vollbracht mit Jagd im Jagdrevier,<br /></span> +<span class="i0">Und suchest nun zur Nacht bei Freunden Nachtquartier?<br /></span> +<span class="i2">Wir alle sind hier nur auf deinen Wunsch bedacht,<br /></span> +<span class="i0">Und zu Befehle steht Semengan deiner Macht.<br /></span> +<span class="i2">Die Leben stehen dir und Güter zu Befehle;<br /></span> +<span class="i0">Die Edeln, Edelster, sind dein mit Leib und Seele.<br /></span> +<span class="i2">Was wünschest du? es soll geschehen, o Pehlewan!<br /></span> +<span class="i0">Gebeut, was wir dir thun, und denk, es sei gethan!<br /></span> +<span class="i2">Held Rostem hörte gern die Rede sanft und zahm,<br /></span> +<span class="i0">Wol merkt' er, ihnen sei die Hand zum Bösen lahm.<br /></span> +<span class="i2">Er sprach: Abhanden kam der Rachs mir auf der Flur,<br /></span> +<span class="i0">Und hier bis an die Stadt geht seiner Tritte Spur.<br /></span> +<span class="i2">Wenn du mir diese Nacht ihn wieder schaffen kannst,<br /></span> +<span class="i0">So wiße, daß du Dank von mir und Preis gewannst.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_12" id="page_12">12</a></span> +<span class="i2">Doch wenn ihr mir den Rachs nicht werdet wieder schaffen,<br /></span> +<span class="i0">So sollen durch mein Schwert hier breite Wunden klaffen.<br /></span> +<span class="i2">Der König sprach erschreckt: Held ohne Furcht und Zagen,<br /></span> +<span class="i0">Wer dürfte wol den Rachs dir zu entwenden wagen?<br /></span> +<span class="i2">Sei du mein Gast, laß dir den Ehrenbecher spenden<br /></span> +<span class="i0">In Frieden, und nach Wunsch wird sich die Sache wenden.<br /></span> +<span class="i2">Von Rostems Rosse bleibt die Fährte nicht verborgen;<br /></span> +<span class="i0">Wir schaffen dir den Rachs; gedulde dich bis morgen!<br /></span> +<span class="i2">Mit ungestümer Hast gelangt man nicht zum Fange;<br /></span> +<span class="i0">Mit sanften Worten lockt man aus dem Loch die Schlange.<br /></span> +<span class="i2">Drum sänfte deinen Zorn, kehr ein, und laß beim Wein<br /></span> +<span class="i0">Mit Herzen sorgenfrei die Nacht uns fröhlich sein!<br /></span> +<span class="i2">Wir bringen dir den Rachs, o tapfrer Kampfgesell,<br /></span> +<span class="i0">Wir bringen ihn, bevor der Morgen tagt, zur Stell;<br /></span> +<span class="i0">Uns sei die Hall indes vom Licht des Weines hell!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_13" id="page_13">13</a></span><a name="s_6" id="s_6"></a>6.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>er Löwenmutige ward dieser Rede froh,<br /></span> +<span class="i0">Davon aus seiner Brust so Groll als Unmut floh.<br /></span> +<span class="i2">Es dünkt' ihm gut, daß er zum Königshause gienge,<br /></span> +<span class="i0">Als wolgemuter Gast zu Fest und Schmause gienge.<br /></span> +<span class="i2">Ihm gab den Ehrensitz der König im Palast,<br /></span> +<span class="i0">Auf Füßen dienstbereit stand er vor seinem Gast.<br /></span> +<span class="i2">Die Häupter aus der Stadt, die Häupter aus dem Heer,<br /></span> +<span class="i0">Berief und pflanzt' er beim Gelag um Rostem her.<br /></span> +<span class="i2">Den Köchen er befal, von allen guten Dingen<br /></span> +<span class="i0">Gerichte zu der Wal des Helden herzubringen.<br /></span> +<span class="i2">Da ward hereingebracht ein ausgesuchtes Mal,<br /></span> +<span class="i0">Der Silberschüßeln Pracht und goldner Schaalen Zal;<br /></span> +<span class="i0">Aus China war beim Fest chinesischer Pokal.<br /></span> +<span class="i2">In diesem ward kredenzt Wein unter Lautentönen<br /></span> +<span class="i0">Von rosenwangigen gasellenaugigen Schönen.<br /></span> +<span class="i2">Sie mengten Saitenspiel und Wein mit Schmeichelei,<br /></span> +<span class="i0">Damit nicht ungemut der Hochgemute sei.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_14" id="page_14">14</a></span> +<span class="i2">Er hörte seine Lust, und schaute sein Vergnügen,<br /></span> +<span class="i0">Und trank den frohen Mut dazu in langen Zügen.<br /></span> +<span class="i2">Mit allen Sinnen so schöpft' er des Festes Wonne,<br /></span> +<span class="i0">Ihm stralte sein Gesicht bei Nacht wie eine Sonne.<br /></span> +<span class="i2">Und allen, welche da das helle Angesicht<br /></span> +<span class="i0">Des Helden leuchten sahn, wards in der Seele licht.<br /></span> +<span class="i2">Die Becher ließ er nicht die ungetrunknen säumen;<br /></span> +<span class="i0">Und als er trunken war, dacht er den Sitz zu räumen.<br /></span> +<span class="i2">Da war bereit für ihn, gewölbet kühl und luftig,<br /></span> +<span class="i0">Ein Schlafgemach, von Musk und Rosenwaßer duftig.<br /></span> +<span class="i2">Im kühlen Schlafgemach verschlief auf seidnen Decken<br /></span> +<span class="i0">So Müdigkeit als Rausch Rostem, der Feinde Schrecken.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_15" id="page_15">15</a></span><a name="s_7" id="s_7"></a>7.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">U</span>m Mitternacht, wenn sich des Poles Wagen drehn,<br /></span> +<span class="i0">Ward leises Wort gesagt bei leiser Tritte Gehn.<br /></span> +<span class="i2">Geräuschlos aufgetan ward Rostems Ruhgemach,<br /></span> +<span class="i0">Mit Staunen ward der Held beim Glanz von Fackeln wach.<br /></span> +<span class="i2">Tehmina stand vor ihm, bestralt von Stein und Gold,<br /></span> +<span class="i0">Die Königstochter von Semengan wunderhold.<br /></span> +<span class="i2">Ihr standen beiderseits mit Fackeln Dienerinnen;<br /></span> +<span class="i0">Sie stralte hell vom Glanz der Fackeln und der Minnen.<br /></span> +<span class="i2">Der Reiz der Jugend war in den der Scham getaucht,<br /></span> +<span class="i0">Der Wangen Lilien von Rosen überhaucht.<br /></span> +<span class="i2">Doch im Rubinenschloß des Mundes lag bewart<br /></span> +<span class="i0">Geheimnis liebliches, für diese Nacht gespart.<br /></span> +<span class="i2">Er richtete sich auf, und staunte lang und tief,<br /></span> +<span class="i0">Indem er Preis ob ihr und ihrem Schöpfer rief.<br /></span> +<span class="i2">Er fragte sie und sprach: Wie, Holde, nennst du dich?<br /></span> +<span class="i0">Und was in finstrer Nacht zu suchen kommst du, sprich!<br /></span> +<span class="i2">Zur Antwort gab sie ihm: Tehmina ist mein Name,<br /></span> +<span class="i0">Gespalten ist mein Herz von einem tiefen Grame.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_16" id="page_16">16</a></span> +<span class="i2">Ich bin des Schahes von Semengan einzig Kind,<br /></span> +<span class="i0">Von Kindheit auf, im Lauf, der Neid von Hirsch und Hind;<br /></span> +<span class="i0">Sie holen mich nicht ein, mich holt nicht ein der Wind.<br /></span> +<span class="i2">Allein die Sehnsucht kam mich heimlich einzuholen,<br /></span> +<span class="i0">Die führt mit diesem Gram mich her zu dir verstolen.<br /></span> +<span class="i2">Wie eine Wundersag hab ich aus jedem Munde<br /></span> +<span class="i0">Gehört zu jeder Stund, an jedem Ort die Kunde,<br /></span> +<span class="i2">Wie du so tapfer bist, und trägest keine Scheu<br /></span> +<span class="i0">Vor Tiger, Elefant und Krokodil und Leu.<br /></span> +<span class="i2">Du schirmest ganz allein Iran mit deiner Kraft,<br /></span> +<span class="i0">Und Turan zittert, wenn sich rührt dein Lanzenschaft.<br /></span> +<span class="i2">Du reitest ganz allein bei Nacht in Turan ein,<br /></span> +<span class="i0">Und streifest dort umher, und schläfest dort allein.<br /></span> +<span class="i2">Dergleichen Kunde ward mir vom Gerücht vertraut;<br /></span> +<span class="i0">Lang wünscht ich dich zu sehn, heut hab ich dich geschaut.<br /></span> +<span class="i2">Wenn du zu Weibe mich begehrst, bin ich dein Weib;<br /></span> +<span class="i0">Nie Mond- noch Sonnestral berührte diesen Leib.<br /></span> +<span class="i2">Vom Schleier meiner Zucht erwuchs ich tief umfangen;<br /></span> +<span class="i0">Den Zügel der Vernunft entzog mir dieß Verlangen:<br /></span> +<span class="i2">Ich bitte Gott, von dir zu tragen einen Sproß,<br /></span> +<span class="i0">Der einst, an Kraft dir gleich, beherrsche dieses Schloß.<br /></span> +<span class="i2">Zur Mitgift will ich jetzt, o Held, dieß Schloß dir bringen,<br /></span> +<span class="i0">Zur Morgengab alsdann, Rostem, dein Ross dir bringen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_17" id="page_17">17</a></span><a name="s_8" id="s_8"></a>8.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o endet' ihren Gruß das Mondglanzangesicht;<br /></span> +<span class="i0">Der Löwenkühne hört' aufmerksam den Bericht.<br /></span> +<span class="i2">Wie sie der Held so schön, so perlgleich sie sah,<br /></span> +<span class="i0">An Sinn so hoch und an Verstand so reich sie sah,<br /></span> +<span class="i2">Und daß sie noch dazu vom Rachs ihm gab die Kunde;<br /></span> +<span class="i0">Von lauter Frölichkeit sah er erfüllt die Stunde.<br /></span> +<span class="i2">Er rief die wandelnde Zipress' an sich heran;<br /></span> +<span class="i0">Hold tauschte Blick und Wort mit ihr der Pehlewan.<br /></span> +<span class="i2">Er rief ins Vorgemach, daß einen der Mobeden<br /></span> +<span class="i0">Sie brächten ihm herbei, der wüßte wol zu reden.<br /></span> +<span class="i2">Den sendet' er alsbald, den Weisen tugendvoll,<br /></span> +<span class="i0">Daß er die Tochter ihm vom Vater fordern soll.<br /></span> +<span class="i2">Der Wolverständige, dahin zum Schahe schritt er,<br /></span> +<span class="i0">Und that die Werbung kund von Irans edlem Ritter.<br /></span> +<span class="i2">Der Schah ward freudenvoll, da dieser Gruß erscholl;<br /></span> +<span class="i0">Er fühlte, wie sein Herz von hohem Mute schwoll.<br /></span> +<span class="i2">Er richtete sich stolz, der Zeder gleich, empor;<br /></span> +<span class="i0">Das Band mit Rostem kam ihm wert und theuer vor.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_18" id="page_18">18</a></span> +<span class="i2">Dem Ritter in der Nacht gab er der Tochter Hand;<br /></span> +<span class="i0">Und wie die Kund erscholl, war Freud in Stadt und Land.<br /></span> +<span class="i2">Von Freuden war erwacht ein Aufruhr in der Nacht,<br /></span> +<span class="i0">Zu Rostem sei als Braut des Königs Kind gebracht.<br /></span> +<span class="i2">Da war der Jubel laut die ganze Nacht ums Schloß,<br /></span> +<span class="i0">Wo seine holde Braut der starke Held umschloß.<br /></span> +<span class="i2">Still tauschte drin das Paar die Lust der Seelen aus,<br /></span> +<span class="i0">Und draußen ließ die Schaar die Kraft der Kehlen aus:<br /></span> +<span class="i2">„Daß dieser neue Mond lang dein Behagen sei!<br /></span> +<span class="i0">Daß deiner Feinde Haupt ewig geschlagen sei!<br /></span> +<span class="i2">Aus diesem Bunde müß ein Heldensproß entspringen,<br /></span> +<span class="i0">Der mög an Tapferkeit mit seinem Vater ringen!“<br /></span> +<span class="i2">Sie meinten ihr Gebet zum Segen und zum Heil,<br /></span> +<span class="i0">Der Himmel aber nam es an zum Gegenteil.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_19" id="page_19">19</a></span><a name="s_9" id="s_9"></a>9.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">N</span>ach kurzer Freudennacht als an der Morgen brach,<br /></span> +<span class="i0">Wand aus Tehminas Arm sich Rostem los, und sprach,<br /></span> +<span class="i2">Indem vom Arm er nam ein goldenes Gespang,<br /></span> +<span class="i0">Von dem erschollen war der Ruhm die Welt entlang;<br /></span> +<span class="i2">Sie glaubten, daß daran sei Rostems Heil gebunden,<br /></span> +<span class="i0">Und unverletzlich sei, wen dieses Band umwunden:<br /></span> +<span class="i2">Das gab er ihr und sprach: Liebtraute! dieß bewar!<br /></span> +<span class="i0">Wenn eine Tochter dir nun bringen wird das Jahr,<br /></span> +<span class="i0">So nimm dieß Goldgespang, und schling es ihr ins Haar!<br /></span> +<span class="i2">Als welterleuchtenden Glückstern soll sie es tragen,<br /></span> +<span class="i0">Der ihr soll und der Welt von ihrem Vater sagen.<br /></span> +<span class="i2">Wenn aber einen Sohn dir die Gestirne reichen,<br /></span> +<span class="i0">So bind ihm um den Arm, wie ich es trug, das Zeichen.<br /></span> +<span class="i2">Des Vaters Zeichen sei an seinem Arm bewart,<br /></span> +<span class="i0">Und wachsen wird er selbst nach seines Vaters Art.<br /></span> +<span class="i2">Gleich seiner Ahnen Stamm wird der aus Heldensamen<br /></span> +<span class="i0">Erzeugte sein, es bleibt nicht ungenant sein Namen.<span class="pagenum"><a name="page_20" id="page_20">20</a></span><br /></span> +<span class="i2">Ist er erwachsen, send ihn mir nach Iran zu!<br /></span> +<span class="i0">Nun aber naht der Tag, ich geh, wol lebe du!<br /></span> +<span class="i2">Zum Abschied faßt' er sie an seine starke Brust,<br /></span> +<span class="i0">Auf Aug und Haupt gab er ihr manchen Kuss voll Lust.<br /></span> +<span class="i2">Mit Weinen wandte sich von ihm die zarte Braut;<br /></span> +<span class="i0">Sie ward nach kurzer Lust mit langem Weh vertraut.<br /></span> +<span class="i2">Zu Rostem aber kam der König hochgemut,<br /></span> +<span class="i0">Den Eidam fragt' er da, wie er die Nacht geruht?<br /></span> +<span class="i2">Ihm gab er Kunde dann vom Rachs, er sei gefunden;<br /></span> +<span class="i0">Und aller Sorgen war das Heldenherz entbunden,<br /></span> +<span class="i2">Er gieng, und streichelt' ihn und sattelt' ihn sogleich,<br /></span> +<span class="i0">Dann von Semengan ritt er froh und freudenreich.<br /></span> +<span class="i2">Gen Sistan auf dem Rachs als wie ein Wind er flog,<br /></span> +<span class="i0">Indem er die Geschicht in seinem Sinn erwog.<br /></span> +<span class="i2">Von Sistan ritt er heim nach Sabulistan gar,<br /></span> +<span class="i0">Und keinem sagt' er dort, was ihm begegnet war.<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_2" id="buch_2"></a><a href="#inhalt">Zweites Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_10" id="s_10"></a>10.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">N</span>eun Monde waren schon Tehminen hingegangen,<br /></span> +<span class="i0">Als sie gebar den Sohn wie eines Mondes Prangen.<br /></span> +<span class="i2">Die Mutter sah ihn an mit Lust und schmerzenreich,<br /></span> +<span class="i0">Er war in jedem Zug wol seinem Vater gleich.<br /></span> +<span class="i2">Sie nannte Suhrab ihn, und nam ihn an die Brust;<br /></span> +<span class="i0">Das Kind war auf der Welt nun ihre einzge Lust.<br /></span> +<span class="i2">So zärtlich pflegte sein die Mutter, die ihn nährte,<br /></span> +<span class="i0">Daß keines Dinges er zu keiner Stund entbehrte.<br /></span> +<span class="i2">Der Knabe weinte nie; er hatte neugeboren<br /></span> +<span class="i0">Gelächelt schon, als sei er nicht zum Weh geboren.<br /></span> +<span class="i2">Er wuchs so wunderbar: als er ein Monat war,<br /></span> +<span class="i0">Da war er anzusehn, alsob er wär ein Jahr.<br /></span> +<span class="i2">Drei Jahr alt, ließ er schon zur Rennbahn sich gelüsten,<br /></span> +<span class="i0">Im fünften sah man ihn zum Löwenkampf sich rüsten.<br /></span> +<span class="i2">Wie er zehn Jahr alt war, da war im ganzen Land<br /></span> +<span class="i0">Nun kein gestandner Mann, der ihm zum Kampfe stand.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_24" id="page_24">24</a></span> +<span class="i2">Von Leib ein Elefant, von Wangen Milch und Blut,<br /></span> +<span class="i0">Rasch wie ein Hirsch gewandt, im Auge dunkle Glut,<br /></span> +<span class="i0">Von Wuchse schlank, die Brust gewölbt von hohem Mut.<br /></span> +<span class="i2">Zwei Arme schwang er um sich her den Keulen gleich,<br /></span> +<span class="i0">Und unten standen fest zwei Füße Seulen gleich.<br /></span> +<span class="i2">Wo er im Ringspiel rang, wo er den Schlägel schlug,<br /></span> +<span class="i0">War keiner der davon den Ball des Sieges trug.<br /></span> +<span class="i2">Er gieng zur Löwenjagd, da ward der Löw ein Fuchs;<br /></span> +<span class="i0">Die Zeder rüttelt' er, sie bog sich wie ein Buchs.<br /></span> +<span class="i2">Windfüßigem Renner rannt er sturmgeflügelt nach,<br /></span> +<span class="i0">Beim Schweif ergriff er ihn, der Renner stand gemach.<br /></span> +<span class="i2">Es war alsob zum Kampf die Welt er fordern wollte,<br /></span> +<span class="i0">Alsob er selbst bestehn den eignen Vater sollte.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_25" id="page_25">25</a></span><a name="s_11" id="s_11"></a>11.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u seiner Mutter kam der Knabe, sie zu fragen:<br /></span> +<span class="i0">Verwegen sprach er da: Mutter, du sollst mir sagen!<br /></span> +<span class="i2">Denn unter meinen Spielgenoßen rag ich hoch<br /></span> +<span class="i0">Hervor, mein Haupt empor zum Himmel trag ich hoch.<br /></span> +<span class="i2">Wes Samens, welches Stamms ich bin, will ich erkennen;<br /></span> +<span class="i0">Wenn nach dem Vater man mich fragt, wen soll ich nennen?<br /></span> +<span class="i2">Wirst du mir Antwort nicht auf diese Frage geben,<br /></span> +<span class="i0">Am Leben bleib ich nicht, und du bleibst nicht am Leben!<br /></span> +<span class="i2">Die Mutter, da sie dieß vom jungen Pehlewan<br /></span> +<span class="i0">Vernommen, sah zugleich mit Stolz und Furcht ihn an:<br /></span> +<span class="i0">Er war entwachsen ihr, und nicht mehr untertan.<br /></span> +<span class="i2">Sie faßte sich und sprach begütigend: Vernimm<br /></span> +<span class="i0">Ein Wort, des freue dich, und laße deinen Grimm!<br /></span> +<span class="i2">Du bist des Rostem Kind, des Perserpehlewanen,<br /></span> +<span class="i0">Und seine Ahnen sind in Iran deine Ahnen.<br /></span> +<span class="i2">Drum übern Himmel trägst du hoch dein Haupt hinaus,<br /></span> +<span class="i0">Weil du entsproßen bist aus solchem Heldenhaus.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_26" id="page_26">26</a></span> +<span class="i2">Denn was an Heldentum nun in der Welt erscheint,<br /></span> +<span class="i0">Das ist in Rostems Stamm, in Rostem selbst vereint.<br /></span> +<span class="i2">Sieh dieses Goldgespang, nimm hin und halt es fein!<br /></span> +<span class="i0">Zum Abschied gab mir das für dich dein Väterlein.<br /></span> +<span class="i2">Erfährt er, daß sein Sohn erwuchs zum tugendreichen,<br /></span> +<span class="i0">Nach Iran ruft er dich, und kennt dich an dem Zeichen;<br /></span> +<span class="i0">Dann bricht mein Herz vor Leid, wann ich dich seh entweichen!<br /></span> +<span class="i2">O Sohn! Afrasiab, der Schah von Turan, soll<br /></span> +<span class="i0">Nicht wißen dein Geschlecht; das brächt uns seinen Groll.<br /></span> +<span class="i2">Denn Niemand auf der Welt ist ihm wie Rostem feind,<br /></span> +<span class="i0">Rostem, um welchen Blut in Turan wird geweint.<br /></span> +<span class="i2">Witwen in Turan macht sein Schwert in jeder Schlacht;<br /></span> +<span class="i0">Und ohne Schwertstreich hat er mich dazu gemacht.<br /></span> +<span class="i2">Drum vor Afrasiab beware dieß im Stillen!<br /></span> +<span class="i0">Den Sohn verderben möcht er um des Vaters willen.<br /></span> +<span class="i2">Den Vater hab ich schon verloren, liebes Kind,<br /></span> +<span class="i0">Verlör ich auch den Sohn, so wär ich sänfter blind.<br /></span> +<span class="i0">Sei stolz, doch sag es nicht, wer deine Ahnen sind!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_27" id="page_27">27</a></span><a name="s_12" id="s_12"></a>12.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Suhrab sprach: Wer birgt die Sonn im Weltenring?<br /></span> +<span class="i0">Unmöglich wird geheim gehalten solches Ding.<br /></span> +<span class="i2">Von einer Heldenabkunft, Mutter, dieser gleich,<br /></span> +<span class="i0">Zu schweigen, wäre dir und mir nicht ehrenreich.<br /></span> +<span class="i2">Was, Mutter, hast du selbst gehalten lange Zeit<br /></span> +<span class="i0">Geheim die Abkunft mir von solcher Herrlichkeit?<br /></span> +<span class="i2">Denn alle Kämpen jetzt, die jungen und die alten,<br /></span> +<span class="i0">Nur Rostem ists von dem sie Kampfgespräche halten.<br /></span> +<span class="i2">Von allen Namen ward zuerst mir seiner kund,<br /></span> +<span class="i0">Ich hörte seinen Ruhm aus seiner Feinde Mund.<br /></span> +<span class="i2">Wer jenen Riesen schlug? dieß Zauberschloß zerstörte?<br /></span> +<span class="i0">Nur Rostem, was ich frug, Rostem war, was ich hörte,<br /></span> +<span class="i2">Stets mit Bewunderung, und oft mit Neide gar,<br /></span> +<span class="i0">Mit Aerger! wußt ich denn, daß er mein Vater war?<br /></span> +<span class="i2">Nun aus Semengan hier, und dort aus Turans Marken,<br /></span> +<span class="i0">Versamml' ich all ein Heer der Mutigen und Starken.<br /></span> +<span class="i2">Nach Iran will ich ziehn und von dem dunkeln Staube<br /></span> +<span class="i0">Der Schlacht dem lichten Mond aufsetzen eine Haube.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_28" id="page_28">28</a></span> +<span class="i2">Aufrütteln von dem Thron will ich den Keikawus,<br /></span> +<span class="i0">Und schlagen aus dem Feld den alten Feldherrn Tus.<br /></span> +<span class="i2">Wenn Rostem will, geb ich ihm Thron und Kron und Schatz,<br /></span> +<span class="i0">Und laß ihn sitzen auf Keikawus' Fürstenplatz.<br /></span> +<span class="i2">Von Iran zieh ich dann nach Turan kampfbereit,<br /></span> +<span class="i0">Und fordere den Schah Afrasiab zum Streit.<br /></span> +<span class="i2">Vom Throne stürz ich ihn alswie ein Blitz herab;<br /></span> +<span class="i0">Die Sonne lang' ich mit der Lanzenspitz herab.<br /></span> +<span class="i2">O Mutter, aber dich, du höre meinen Schwur an,<br /></span> +<span class="i0">Mach ich zur Königin von Iran und von Turan.<br /></span> +<span class="i2">Denn da, wo Rostem ist der Vater, ich der Sohn,<br /></span> +<span class="i0">O Mutter, bleibt kein Fürst der Welt auf seinem Thron.<br /></span> +<span class="i2">Wo Mond und Sonne selbst im Glanzvereine stralen,<br /></span> +<span class="i0">Was wollen Sterne da mit ihrem Schimmer pralen!<br /></span> +<span class="i2">So rief er, und erstaunt ließ er die Mutter dort;<br /></span> +<span class="i0">Mit höherm Haupt, als er gekommen, gieng er fort.<br /></span> +<span class="i0">Von seinem Vater sagt' er keinem doch ein Wort,<br /></span> +<span class="i2">Im Herzen macht' er ganz den Vater sich zu eigen,<br /></span> +<span class="i0">Doch wenn den Mund er aufthun wollte, mußt er schweigen.<br /></span> +<span class="i2">Ihm wars alsob er erst zu Rosse steigen sollte,<br /></span> +<span class="i0">Wenn er als Rostems Sohn der Welt sich zeigen wollte.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_29" id="page_29">29</a></span><a name="s_13" id="s_13"></a>13.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u seiner Mutter sprach Suhrab, der junge Held:<br /></span> +<span class="i0">Den Vater nun zu schaun, Mutter, zieh ich ins Feld.<br /></span> +<span class="i2">Dazu brauch ich ein Ross, mit meinem Mut schritthaltend,<br /></span> +<span class="i0">Ein Ross mit einem Huf von Eisen kieselspaltend:<br /></span> +<span class="i2">Von Stärk ein Elefant, und vogelgleich an Schwung,<br /></span> +<span class="i0">Im Waßer wie ein Fisch, und wie ein Reh im Sprung,<br /></span> +<span class="i2">Ein Ross, das meine Wucht und meine Waffen trage,<br /></span> +<span class="i0">Und nicht von meiner Faust erlieg an einem Schlage.<br /></span> +<span class="i2">Denn nicht zu Fuße ziemt zum Kampfe mir zu gehn;<br /></span> +<span class="i0">Vom hohen Ross will ich dem Feind ins Antlitz sehn.<br /></span> +<span class="i2">Da so die Mutter hört' ihr junges Heldenblut,<br /></span> +<span class="i0">Zum Himmel hob sie stolz ihr Haupt in hohem Mut.<br /></span> +<span class="i2">Sogleich befolen ward von ihr dem Hirtenvolke,<br /></span> +<span class="i0">Zu bringen aus der Trift von Pferden eine Wolke,<br /></span> +<span class="i2">Damit dem Suhrab käm ein Rösslein fein zur Hand,<br /></span> +<span class="i0">Auf dem er säße, wann er ritt in Feindesland.<br /></span> +<span class="i2">Und alles was sich fand von Pferden alzumal,<br /></span> +<span class="i0">Was aufzutreiben war da zwischen Berg und Thal,<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_30" id="page_30">30</a></span> +<span class="i2">Das trieben sie zur Stadt, und Suhrab nam, der Leu,<br /></span> +<span class="i0">Die Fangschnur nun, und trat zum nächsten ohne Scheu.<br /></span> +<span class="i2">Welch Ross vor allen stark er sah von Bug und Backen,<br /></span> +<span class="i0">Des Riemens Schlinge warf er gleich ihm übern Nacken.<br /></span> +<span class="i2">Er zog es her und legt' ihm auf den Rücken auch<br /></span> +<span class="i0">Die Hand, da lags gestreckt am Boden auf dem Bauch.<br /></span> +<span class="i2">Es konte nicht den Druck der flachen Hand ertragen,<br /></span> +<span class="i0">Er braucht' es mit der Faust zu Boden nicht zu schlagen.<br /></span> +<span class="i2">Schon war durch seine Hand manch schmuckes Ross geknickt,<br /></span> +<span class="i0">Und keines kam ihm noch zur Hand, für ihn geschickt.<br /></span> +<span class="i2">Es schien, es war kein Ross für seine Kraft gerecht,<br /></span> +<span class="i0">Und traurig ward der Sproß vom Pehlewangeschlecht.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_31" id="page_31">31</a></span><a name="s_14" id="s_14"></a>14.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a stellte sich zuletzt ein alter Recke dar,<br /></span> +<span class="i0">Und sprach: Ich hab ein Ross, wie keines ist, noch war.<br /></span> +<span class="i2">Im Gange wie ein Pfeil, im Laufe wie ein Wind;<br /></span> +<span class="i0">Es ist von Rostems Hengst, vom Rachs, ein einzig Kind.<br /></span> +<span class="i2">Kein Ross von gleicher Kraft ist auf der Welt zu sehn;<br /></span> +<span class="i0">Ein Blitz im Rennen ists, und ein Gebirg im Stehn.<br /></span> +<span class="i2">Die Hitze noch der Frost macht ihm nicht kalt noch heiß,<br /></span> +<span class="i0">Mit Nüstern voller Dampf, und Poren ohne Schweiß.<br /></span> +<span class="i2">Ein Wolkenschatten schwebt es über Thal und Hügel,<br /></span> +<span class="i0">Und segelt durch die Luft, ein Vogel ohne Flügel.<br /></span> +<span class="i2">Der Pfau zieht ein vor Scham des Rads gespannten Reif,<br /></span> +<span class="i0">Wenn es die Mähnen hebt, und hoch trägt seinen Schweif.<br /></span> +<span class="i2">Am Berge klimmend, ist es einem Löwen gleich;<br /></span> +<span class="i0">Im Waßer schwimmend, ist es einer Möwen gleich.<br /></span> +<span class="i2">Sein Reiter, wenn im Ritt er schnellt den Pfeil vom Bogen,<br /></span> +<span class="i0">Kommt schneller als der Pfeil dem Feinde nachgeflogen.<br /></span> +<span class="i2">So flüchtig ists zur Flucht: auch der von seinen Solen<br /></span> +<span class="i0">Erregte Staub versucht umsonst es einzuholen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_32" id="page_32">32</a></span> +<span class="i2">Bei allen Tugenden, die diesem Rösslein eigen,<br /></span> +<span class="i0">Hats einen Fehler nur: es läßt sich schwer besteigen.<br /></span> +<span class="i2">Doch wers bestiegen hat, den wirds zum Siege tragen,<br /></span> +<span class="i0">Der mag darauf den Kampf mit Rostem selber wagen.<br /></span> +<span class="i2">Froh wurde Rostems Sohn von dieses Wortes Klange,<br /></span> +<span class="i0">Er lacht' und rosengleich erblühte seine Wange.<br /></span> +<span class="i2">Laut rief er: Ei so bringt mir gleich das schmucke Ross!<br /></span> +<span class="i0">Sie brachtens ungesäumt zum jungen Heldensproß.<br /></span> +<span class="i2">Er machte gleich an ihm mit seiner Hand die Probe,<br /></span> +<span class="i0">Das Thier war stark genug, und es bestand die Probe.<br /></span> +<span class="i2">Da schmeichel-streichelt' ers, und sattelt' es geschwind,<br /></span> +<span class="i0">Aufs starke Ross schwang sich das starke Heldenkind.<br /></span> +<span class="i2">Im Sattel saß er fest alswie ein Bild von Erz,<br /></span> +<span class="i0">Und hielt mit leichter Hand die Zügel wie zum Scherz.<br /></span> +<span class="i2">Er tummelte das Ross, daß es begann zu schäumen,<br /></span> +<span class="i0">Zu schnauben mit Gebraus, doch durft es ihm nicht bäumen.<br /></span> +<span class="i2">Da sprach vom Ross Suhrab, indem ers anhielt leise:<br /></span> +<span class="i0">So hab ich nun ein Ross gewonnen zu der Reise.<br /></span> +<span class="i2">Nun acht ich mein die Welt, da ich das Ross gewann,<br /></span> +<span class="i0">Auf dem ich Rostem selbst mit Ruhm bestehen kann.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_33" id="page_33">33</a></span><a name="s_15" id="s_15"></a>15.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r sprachs, und stieg vom Ross, und gieng ins Haus zurück:<br /></span> +<span class="i0">Da rüstet' er zum Krieg mit Iran Stück um Stück.<br /></span> +<span class="i2">Wies kund im Lande ward, daß er kriegslustig sei,<br /></span> +<span class="i0">Strömten von da und dort Kriegslustige herbei<br /></span> +<span class="i2">Wie eine Sonne war er ihrem Wunsch erschienen;<br /></span> +<span class="i0">Sie alle wollten Ruhm und wollten Gold verdienen.<br /></span> +<span class="i2">Die Waffen hatten lang in diesem Land geruht,<br /></span> +<span class="i0">Und aus der Asche brach nun die verhaltne Glut.<br /></span> +<span class="i2">Suhrab, gerüstet, trat zu seiner Mutter Vater,<br /></span> +<span class="i0">Um Urlaub und Geleit und Reisebeistand bat er.<br /></span> +<span class="i2">Großvater! sprach er: jetzt sollst du mir Spielzeug schaffen;<br /></span> +<span class="i0">Die Leute hab ich schon, gib mir dazu die Waffen!<br /></span> +<span class="i2">Denn ohne Waffen ist ein Heerzug mangelhaft;<br /></span> +<span class="i0">Ein Rösslein hat mir schon die Mutter angeschafft.<br /></span> +<span class="i2">Doch alles, was mir folgt, soll auch auf Rossen reiten;<br /></span> +<span class="i0">Kamele sollen dann mit Zehrung uns begleiten.<br /></span> +<span class="i0">Denn schmausen wollen wir, so oft als wir nicht streiten.<br /></span> +<span class="i2">Tu deinen Marstall auf, das Vorratshaus mit Kost,<br /></span> +<span class="i0">Das Zeughaus auch, worin die Waffen frißt der Rost!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_34" id="page_34">34</a></span> +<span class="i2">Dem alten König klang anmutig diese Post,<br /></span> +<span class="i0">Mit Lachen sah er an den jungen Augentrost;<br /></span> +<span class="i0">Durchwärmet war sein Frost von diesem feurigen Most.<br /></span> +<span class="i2">Er sprach bei sich: was ists mit dieser Waffenfart?<br /></span> +<span class="i0">Ist dieß den Vater aufzusuchen eine Art?<br /></span> +<span class="i2">Doch sei es wie es sei! es ist das Heldenfeuer<br /></span> +<span class="i0">Rostems in seinem Blut, und fordert Abenteuer.<br /></span> +<span class="i2">Da stellt' er, was er hatt', ihm alles zu Befele,<br /></span> +<span class="i0">Vorrät in Land und Stadt, die Ross' und die Kamele,<br /></span> +<span class="i2">Futter für Ross und Mann, die Gerste samt dem Weizen;<br /></span> +<span class="i0">Mit Silber auch und Gold wollt er dazu nicht geizen.<br /></span> +<span class="i2">Und als er tat darauf das alte Zeughaus auf,<br /></span> +<span class="i0">Da stand ein Waffenhauf wolfeil der Lust zu Kauf:<br /></span> +<span class="i2">Schwerter und Wehrgehäng, Leibröcke, Helm und Panzer,<br /></span> +<span class="i0">Für Schützen Bogen auch, und Spieß und Sper für Lanzer.<br /></span> +<span class="i2">Suhrab, wie ers empfieng, so teilt' er Wehr und Sold,<br /></span> +<span class="i0">Es stob ihm von der Hand das Eisen und das Gold.<br /></span> +<span class="i2">Er sprach: da nemet hin! soviel vermag ich heute;<br /></span> +<span class="i0">Und wenn ihr mehr begehrt, so helft daß ichs erbeute!<br /></span> +<span class="i2">Eroberten wir erst des Persers Königreich,<br /></span> +<span class="i0">So mach ich jeden Mann wie einen König reich.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_35" id="page_35">35</a></span><a name="s_16" id="s_16"></a>16.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>em Schah Afrasiab in Turan ward gesagt,<br /></span> +<span class="i0">Daß seinen Flug vom Nest ein junger Adler wagt,<br /></span> +<span class="i2">Der altershalben zwar nichts weniger als flück,<br /></span> +<span class="i0">Doch seinem guten Mut vertraut und gutem Glück.<br /></span> +<span class="i2">Ihn hat die Friedensruh, die Turan schläft, verdroßen,<br /></span> +<span class="i0">Er rüstet sich zu Kampf, und sammelt Schwertgenoßen.<br /></span> +<span class="i2">Von allen Orten strömt ein Heer zu ihm herbei,<br /></span> +<span class="i0">Darob hebt er sein Haupt wie eine Zeder frei.<br /></span> +<span class="i2">Es sproßt der erste Flaum auf seiner Wange kaum,<br /></span> +<span class="i0">Und schon ist seinem Traum zu eng der Welten Raum;<br /></span> +<span class="i0">In alle Himmel hoch wächst seiner Hoffnung Baum.<br /></span> +<span class="i2">Aus seinem Odem weht ein süßer Milchgeruch,<br /></span> +<span class="i0">Doch eitel Schwert und Dolch ist seiner Lippen Spruch.<br /></span> +<span class="i2">Mit seinem Dolch will er die Brust der Erde ritzen,<br /></span> +<span class="i0">Und an die Abendwolk ihr rotes Herzblut spritzen;<br /></span> +<span class="i0">Keikawus soll vom Thron, dort will er selber sitzen!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_36" id="page_36">36</a></span> +<span class="i2">Den Beutelustigen, die ihm mit leeren Händen<br /></span> +<span class="i0">Und vollem Mute nahn, hat er viel Gut zu spenden,<br /></span> +<span class="i0">Und mehr Verheißungen, die denkt er zu vollenden!<br /></span> +<span class="i2">Sie drängen sich um ihn wie Stralen um die Achse<br /></span> +<span class="i0">Der Sonn, alsob ein Heer ihm aus dem Boden wachse;<br /></span> +<span class="i0">Als sei er Rostems Kind, und reit ein Kind vom Rachse!<br /></span> +<span class="i2">In Wahrheit, wer ihn sieht, der glaubt wol dem Gerüchte,<br /></span> +<span class="i0">Weil von den Stamme weit nicht fallen dessen Früchte;<br /></span> +<span class="i0">Er scheint, mit solcher Zucht, von Rostem ein Gezüchte.<br /></span> +<span class="i2">Wenigstens mutterhalb ist Suhrab edel schon,<br /></span> +<span class="i0">Des alten Königs von Semengan Tochtersohn!<br /></span> +<span class="i2">So ward dem Türkenschah geredet und geraunt<br /></span> +<span class="i0">Von Suhrab, und er war darüber nicht erstaunt.<br /></span> +<span class="i2">Er lachte still, es war vom Anbeginn ihm kund<br /></span> +<span class="i0">Tehminas und Rostems geheimer Liebesbund.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_37" id="page_37">37</a></span><a name="s_17" id="s_17"></a>17.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">A</span>frasiab, der Schah, nachdem er den Bericht<br /></span> +<span class="i0">Erwogen, lachte noch, und er misfiel ihm nicht.<br /></span> +<span class="i2">Der Häupter seines Heers, des nun lang ausgeruhten,<br /></span> +<span class="i0">Berief er einen gleich, Barman, den hochgemuten.<br /></span> +<span class="i2">Zwölftausend Recken, frisch von Kraft und scharf von Schneide,<br /></span> +<span class="i0">Las er dazu, und gab sie ihm mit dem Bescheide:<br /></span> +<span class="i2">Bewährter Baruman, auf! nach Semengan lenke<br /></span> +<span class="i0">Den Schritt mit diesem Heer, mit Brief und mit Geschenke.<br /></span> +<span class="i2">Ermutige mir dort des Mutes jungen Keim!<br /></span> +<span class="i0">Doch die Geschichte bleibt still zwischen uns geheim.<br /></span> +<span class="i2">Sag ihm, Afrasiab send ihm Hilfsmannschaft zu,<br /></span> +<span class="i0">Damit nach Iran er kampflustig zieh im Nu.<br /></span> +<span class="i2">Dort aber darf den Sohn der Vater nicht erkennen,<br /></span> +<span class="i0">Und Niemand soll dem Sohn des Vaters Namen nennen.<br /></span> +<span class="i2">Was weiß ich, ob ein Sohn des Rostem Suhrab sei?<br /></span> +<span class="i0">Ich frage nicht darnach; mir feind sind alle zwei.<br /></span> +<span class="i2">Wenn so den einen Feind wir auf den andern hetzen,<br /></span> +<span class="i0">Können sie doch gegen uns sich nicht zur Wehre setzen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_38" id="page_38">38</a></span> +<span class="i2">Und wenn die beiden dort einander setzen zu,<br /></span> +<span class="i0">So sehen wir dem Spiel hier mit Ergetzen zu.<br /></span> +<span class="i2">Villeicht gelingt es uns: der grimme Kampfleu alt<br /></span> +<span class="i0">Erliegt im Kampfe vor des jungen Leun Gewalt.<br /></span> +<span class="i2">Wenn Rostem gegen uns nicht ferner Iran hält,<br /></span> +<span class="i0">Im Spiele jagen wir den Kawus aus der Welt.<br /></span> +<span class="i2">Dann aber wollen wir den Suhrab auch beschicken,<br /></span> +<span class="i0">Mit Schlummer eines Nachts sein Auge so bestricken,<br /></span> +<span class="i0">Daß ihm die Lust vergeht, nach Kronen aufzublicken!<br /></span> +<span class="i2">Denn mir ist wolbekannt, daß dieser tolle Knab<br /></span> +<span class="i0">Erst an Keikawus will, dann an Afrasiab.<br /></span> +<span class="i2">Doch wenn dem greisen Wolf erliegt das zarte Lamm –<br /></span> +<span class="i0">Wenn Suhrab wirklich ist ein Reis von Rostems Stamm –<br /></span> +<span class="i0">So wird der zähe Stamm von diesem Gram sich biegen,<br /></span> +<span class="i2">Und in des Kummers Schlamm der stolze Brunn versiegen.<br /></span> +<span class="i0">Doch ließe mich mein Glück auch soviel nicht erwerben<br /></span> +<span class="i2">Daß ich sie alle zwei säh aneinander sterben;<br /></span> +<span class="i0">So hoff ich, daß uns Gott von einem mindstens helfe,<br /></span> +<span class="i2">Es sei vom alten Wolf, es sei vom jungen Welfe.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_39" id="page_39">39</a></span><a name="s_18" id="s_18"></a>18.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a schrieb Afrasiab an Suhrab einen Brief,<br /></span> +<span class="i0">Darin er Gottes Heil ob ihm zum Eingang rief:<br /></span> +<span class="i2">Das Glück geleite dich, beherzter Heldenknabe,<br /></span> +<span class="i0">Zum kühnen Werk, das ich mit Lust vernommen habe.<br /></span> +<span class="i2">Dir send ich fürstliche Geschenke meiner Gnaden,<br /></span> +<span class="i0">Ross' und Kamele mit Kleinodien beladen;<br /></span> +<span class="i2">Türkis' aus Turkistan, aus Badachschan Rubinen,<br /></span> +<span class="i0">Smaragdne Sträuße drei mit Perlentau auf ihnen.<br /></span> +<span class="i2">Ich habe dir erwählt zwei Kronen edelsteinern,<br /></span> +<span class="i0">Und ihnen beigezählt zwei Thronen elfenbeinern.<br /></span> +<span class="i2">Froh mögest du zu Thron auf Elfenbeine sitzen,<br /></span> +<span class="i0">Und über dir die Kron aus Edelsteine blitzen!<br /></span> +<span class="i2">Wirst du erst Irans Kron im Streit gewonnen haben,<br /></span> +<span class="i0">Dann wird Ruh auf dem Thron die Zeit gewonnen haben.<br /></span> +<span class="i2">Denn ewig ist entzweit, wie Tag und Nacht im Streit,<br /></span> +<span class="i0">Iran und Turan; du sollst stiften Einigkeit.<br /></span> +<span class="i2">Von dieser Mark ist weit zu jener nicht der Weg;<br /></span> +<span class="i0">Semengan, Turan und Iran ist Ein Geheg.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_40" id="page_40">40</a></span> +<span class="i2">Deswegen ist gestellt Semengan auf der Scheide<br /></span> +<span class="i0">Von Iran und Turan, um zu beherrschen beide.<br /></span> +<span class="i2">Nun send ich Truppen dir, soviel ich nötig glaube;<br /></span> +<span class="i0">Kühn setze dich aufs Ross, und auf dein Haupt die Haube!<br /></span> +<span class="i2">Von meinen Feldherrn send ich dir den Baruman,<br /></span> +<span class="i0">So tapfer als getreu; der sei dir untertan!<br /></span> +<span class="i2">Er sei dir untertan mit allen, die er führt;<br /></span> +<span class="i0">Von ihnen sei die Welt dem Feinde zugeschnürt!<br /></span> +<span class="i2">Zeuch aus zu Kampf und Sieg! dich soll im Laufe stören<br /></span> +<span class="i0">Kein Graben und kein Wall, und keine List betören!<br /></span> +<span class="i0">Bald laße das Gerücht uns deine Taten hören!<br /></span> +<span class="i2">Von meinen Söhnen all soll keiner meinem Thron<br /></span> +<span class="i0">So nah stehn als Suhrab, den ich begrüß als Sohn.<br /></span> +<span class="i2">Er schriebs und siegelte, und gabs dem Baruman;<br /></span> +<span class="i0">Der trat nicht leichten Muts die schwere Sendung an.<br /></span> +<span class="i2">In diesem Kriege war kein Ruhm ihm zu erwerben,<br /></span> +<span class="i0">Als einen Helden durch den andern zu verderben.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_41" id="page_41">41</a></span><a name="s_19" id="s_19"></a>19.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a hörte vom Gerücht Suhrab, daß Baruman<br /></span> +<span class="i0">Vom Schah Afrasiab mit Truppen zieh heran,<br /></span> +<span class="i2">Mit Ross und mit Kamel und großem Heergedränge,<br /></span> +<span class="i0">Ehrengeschenk und Brief und festlichem Gepränge.<br /></span> +<span class="i2">Der junge Mann, wie er die Kund erfur, schnell tat er<br /></span> +<span class="i0">Den Gürtel um, und zog mit seiner Mutter Vater.<br /></span> +<span class="i2">Entgegen zum Empfang zog er schnell wie ein Wind;<br /></span> +<span class="i0">Wie soviel Volks er sah, froh staunete das Kind.<br /></span> +<span class="i2">Mehr staunte Baruman, als er die stolzen Glieder,<br /></span> +<span class="i0">Die edle Bildung sah, das Staunen schlug ihn nieder.<br /></span> +<span class="i2">Im Staunen war gemischt Furcht und Bewunderung,<br /></span> +<span class="i0">Und Mitleid, wie er sah den Helden schön und jung.<br /></span> +<span class="i2">Der greise Feldherr sprach bei sich: Auf Ruhmespfaden<br /></span> +<span class="i0">Gehn sollte solch ein Schmuck der Jugend ohne Schaden.<br /></span> +<span class="i2">Verdienen möcht er wol, ihm wäre, statt Verrat,<br /></span> +<span class="i0">Zum ungestümen Mut beschieden weiser Rat.<br /></span> +<span class="i2">Wenn ihn der Doppelrausch der Jugend und des Ruhms<br /></span> +<span class="i0">Zu Falle bringt, o weh dem Stolz des Rittertums!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_42" id="page_42">42</a></span> +<span class="i2">Zu Suhrab sprach er drauf: O edler junger Leue,<br /></span> +<span class="i0">Den Brief schickt dir der Schah, daß er dein Herz erfreue.<br /></span> +<span class="i2">Lies mit Bedacht den Brief des Schahs von Turanland,<br /></span> +<span class="i0">Und was du dann befilst, das steht in deiner Hand.<br /></span> +<span class="i2">Die Ehrengaben nimm, die dir gesendet sind;<br /></span> +<span class="i0">Ich selbst steh und dieß Heer dir zu Gebot, o Kind!<br /></span> +<span class="i2">Suhrab, der junge Mann, nachdem er las den Brief,<br /></span> +<span class="i0">Das erste war, daß er sein Heer zum Aufbruch rief;<br /></span> +<span class="i2">Das Heer der Seinigen; dem Barman, seinem Gast<br /></span> +<span class="i0">Und dessen Leuten gab er auf drei Tage Rast.<br /></span> +<span class="i2">„Der Mutter Vater soll bewirten euch mit Schmause,<br /></span> +<span class="i0">Die Mutter selbst dazu; ich geh nicht mehr nach Hause.<br /></span> +<span class="i2">Es leidet länger nicht mich in der Mutter Haus;<br /></span> +<span class="i0">Lebt wol, und kommt uns nach! wir reiten euch voraus.“<br /></span> +<span class="i2">Die Pauke ward gerührt, zusammen strömten Krieger,<br /></span> +<span class="i0">Und sprangen mit Geklirr, auf Rosse rasch wie Tieger.<br /></span> +<span class="i2">Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,<br /></span> +<span class="i0">Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.<br /></span> +<span class="i2">Aus Turan brach der Sturm hervor auf Irans Flur;<br /></span> +<span class="i0">Zerstörung, Flucht und Raub bezeichnete die Spur,<br /></span> +<span class="i0">Und wüste ward gelegt das Land, soweit er fur.<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_3" id="buch_3"></a><a href="#inhalt">Drittes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_20" id="s_20"></a>20.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a war ein Schloß, das hieß das Weiße Schloß im Land,<br /></span> +<span class="i0">Darauf die Zuversicht des Reiches Iran stand,<br /></span> +<span class="i2">Daß es verteidigen den Pass der Grenze sollte,<br /></span> +<span class="i0">Wenn da hervor ein Feind aus Turan brechen wollte.<br /></span> +<span class="i2">Drum waren auf dieß Schloß gesetzt, zu Schirm und Halter,<br /></span> +<span class="i0">Statt eines Wärtels zwei, ein junger und ein alter;<br /></span> +<span class="i2">Der alte, daß er es behütete mit Rat,<br /></span> +<span class="i0">Der junge, daß er es verteidigte mit Tat.<br /></span> +<span class="i2">Hedschir, der junge Vogt, ließ, weil die Waffen schwiegen,<br /></span> +<span class="i0">Vom Kinde Gesdehems, des alten, sich besiegen.<br /></span> +<span class="i2">Die hieß Gurdaferid, das heißt „ein Held geschaffen“,<br /></span> +<span class="i0">Weil sie, die zarte Maid, war wie ein Held in Waffen.<br /></span> +<span class="i2">Hedschir mit Rennen und mit Schießen nach dem Ziele<br /></span> +<span class="i0">Versuchte daß er ihr durch Männlichkeit gefiele;<br /></span> +<span class="i2">Vergebens! weil ihm selbst in diesen Künsten sie<br /></span> +<span class="i0">Zuvor es tat, kam er mit ihr zum Ziele nie.<br /></span> +<span class="i2">Er wünschte, daß einmal ein Feind vorm Schloß erschiene,<br /></span> +<span class="i0">Daß ihren Beifall er im ernstern Kampf verdiene.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_46" id="page_46">46</a></span> +<span class="i2">Und als er eines Tags ein Heer von Türken sah<br /></span> +<span class="i0">Anrücken, glaubt' er sich zwiefachem Siege nah,<br /></span> +<span class="i2">Dem einen, den er wollt erringen im Gefild,<br /></span> +<span class="i0">Dem andern in der Burg am schönen Frauenbild.<br /></span> +<span class="i2">Da wappnete sich schnell der mutige Hedschir,<br /></span> +<span class="i0">Und stieg aufs Ross, gespornt von Lieb und Kampfbegier.<br /></span> +<span class="i2">Des Tores Hüter ließ er weit auftun das Tor<br /></span> +<span class="i0">Der alten Burg, und ritt zum Einzelkampf hervor.<br /></span> +<span class="i2">Er ritt den Berg hinab, dem Feind entgegen jach,<br /></span> +<span class="i0">Und von der Mauer sah Gurdaferid ihm nach.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_47" id="page_47">47</a></span><a name="s_21" id="s_21"></a>21.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">M</span>it scharfem Ritte kam der kühne Reck herbei,<br /></span> +<span class="i0">Und tat ans Türkenheer von weitem einen Schrei:<br /></span> +<span class="i2">Von wannen sind geschaart die Ritter und die Knechte?<br /></span> +<span class="i0">Wer unter ihnen ist der Tapferst im Gefechte?<br /></span> +<span class="i2">Ich habe lange schon auf eure Gegenwart,<br /></span> +<span class="i0">Alswie ein Bräutigam auf seine Braut, geharrt.<br /></span> +<span class="i2">Wer wagt es, gegen mich mit eingelegter Lanzen<br /></span> +<span class="i0">Zu rennen, daß wir hier den Hochzeitreigen tanzen?<br /></span> +<span class="i0">Desselben Haupt will ich dort auf die Zinne pflanzen!<br /></span> +<span class="i2">Er hatte seinen Ruf gerufen laut genug,<br /></span> +<span class="i0">Doch keiner war im Heer, der Lust zur Antwort trug.<br /></span> +<span class="i2">Zu heben wagte sich nicht eines Türken Hand,<br /></span> +<span class="i0">Die erste Waffentat zu thun im Perserland.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab, als er all die Tapfern schweigen sah,<br /></span> +<span class="i0">Ergrimmt' er, und das Schwert zog er für alle da.<br /></span> +<span class="i2">Alswie ein Tieger bricht am Strom aus Schilf und Rohr,<br /></span> +<span class="i0">So drang er aus dem Chor der Seinigen hervor.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_48" id="page_48">48</a></span> +<span class="i2">Laut rief er zu dem kampfgerüsteten Hedschir:<br /></span> +<span class="i0">Was treibt allein dich her mit solcher Kampfbegier?<br /></span> +<span class="i2">Du meinst wol, daß wir uns vor starken Worten scheuen?<br /></span> +<span class="i0">Du kamest nicht zur Jagd des Fuchses, sondern Leuen.<br /></span> +<span class="i2">Aus Turan brach ich auf, ganz Iran will ich zwingen,<br /></span> +<span class="i0">Und auf dein Haupt soll mir der erste Streich gelingen.<br /></span> +<span class="i2">Suhrab, den Namen gab mir meine Mutter bei,<br /></span> +<span class="i0">Und Rostem sagte sie, daß er mein Vater sei.<br /></span> +<span class="i2">Den Vater eben aufzusuchen zog ich aus;<br /></span> +<span class="i0">Und wessen Sohn ich sei, zeig ich in Kampf und Strauß.<br /></span> +<span class="i2">Doch sag auch deinem Stamm, den Namen, und die Deinen!<br /></span> +<span class="i0">Denn heut muß über dich Braut oder Mutter weinen.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_49" id="page_49">49</a></span><a name="s_22" id="s_22"></a>22.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>ur Antwort gab Hedschir: Verwegner, schweige still!<br /></span> +<span class="i0">Kein Türk ists den ich zum Vertrauten haben will.<br /></span> +<span class="i2">Der Heldenfänger ich, der Ritter ohne Scheu,<br /></span> +<span class="i0">Ich bin der Schütze, dem zum Fuchse wird der Leu.<br /></span> +<span class="i2">Hedschir im Kampfrevier der Helden Zier geheißen<br /></span> +<span class="i0">Bin ich, gleich will ich dir dein Haupt vom Rumpfe reißen.<br /></span> +<span class="i2">Zwei Geier kreischen dort sich in den Lüften heischer,<br /></span> +<span class="i0">Es wittern ihren Raub die ungestümen Kreischer;<br /></span> +<span class="i2">Den beiden wirst du nun zum Gastmahl aufgetischt,<br /></span> +<span class="i0">Daß ihre Heischerkeit dein junges Blut erfrischt.<br /></span> +<span class="i2">Dann fliegen sie nach Nord und Süd, und für das Futter<br /></span> +<span class="i0">Dankt deinem Vater der, und jener deiner Mutter.<br /></span> +<span class="i2">Die Mutter weint gewis ums Kindlein, ihr entrißen,<br /></span> +<span class="i0">Der Vater aber wird villeicht von dir nicht wißen.<br /></span> +<span class="i2">Doch jauchzen über mich, nicht weinen soll die Braut,<br /></span> +<span class="i0">Die schöne, die auf uns dort von der Mauer schaut!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_50" id="page_50">50</a></span> +<span class="i2">So rief er aus, und sah zur Jungfrau an der Zinne;<br /></span> +<span class="i0">Zu lächeln schien sie ihm, so täuschten ihn die Sinne:<br /></span> +<span class="i0">Ihn blendete der Glanz der Sonn und Kraft der Minne.<br /></span> +<span class="i2">Auf einen Augenblick hatt' er des Kampfs vergeßen,<br /></span> +<span class="i0">Und nach der Zinne sah sein Gegner auch indessen.<br /></span> +<span class="i2">Da sah er einen Stral, wie er noch nie geschaut,<br /></span> +<span class="i0">Und doppelt zürnt' er nun dem, der sie nannte Braut.<br /></span> +<span class="i2">Er sprach: die Perser sind vor mir wie Spreu im Wind,<br /></span> +<span class="i0">Doch lieblich anzusehn ist solch ein Perserkind.<br /></span> +<span class="i2">Wol ists der Mühe werth, zu stürmen solche Zinnen,<br /></span> +<span class="i0">Wenn solche Schätze sind darinnen zu gewinnen.<br /></span> +<span class="i2">Doch wenn ich dächte, daß sie diesem zugelacht,<br /></span> +<span class="i0">Ich hätte zweimal ihn, nicht einmal, umgebracht!<br /></span> +<span class="i2">So in Gedanken war Suhrab mit ihr beschäftigt,<br /></span> +<span class="i0">Hedschir durch einen Blick auf sie war neu gekräftigt.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_51" id="page_51">51</a></span><a name="s_23" id="s_23"></a>23.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och von der Zinn hinweg und von der Jungfrau warf<br /></span> +<span class="i0">Den Blick nun der und der auf seinen Gegner scharf.<br /></span> +<span class="i2">Im Sattel jeder sich gleich einem Feuer schwang,<br /></span> +<span class="i0">Und setzte seinen Hengst wie einen Berg in Gang.<br /></span> +<span class="i2">So schnell da Schaft mit Schaft sich durcheinander flocht,<br /></span> +<span class="i0">Daß man den einen nicht vom andern kennen mocht.<br /></span> +<span class="i2">Nach Suhrabs Mitte stieß Hedschir den blanken Schaft;<br /></span> +<span class="i0">Am festen Gurte fand die Spitze keinen Haft.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab bog zurück den eignen Sper behende,<br /></span> +<span class="i0">Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende.<br /></span> +<span class="i2">Recht zwischen Mann und Gaul schob er den Hebebaum,<br /></span> +<span class="i0">Und aus dem Sattel flog Hedschir und merkt' es kaum.<br /></span> +<span class="i2">Zur Erde warf er ihn alswie ein Felsenstück;<br /></span> +<span class="i0">Da lag er, und es blieb kein Sinn an ihm zurück.<br /></span> +<span class="i2">Vergangen war die Welt vor seinem Augenlid,<br /></span> +<span class="i0">Der Himmel und das Feld, die Burg und Gurdafrid.<br /></span> +<span class="i2">Vom Pferde Suhrab sprang und saß ihm auf die Brust;<br /></span> +<span class="i0">Er hatte nun den Kopf ihm abzuschneiden Lust.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_52" id="page_52">52</a></span> +<span class="i2">Da drehte sich Hedschir, und stützt' auf einen Arm<br /></span> +<span class="i0">Sich schwach, den andern streckt' er vor, und rief: Erbarm!<br /></span> +<span class="i2">Laß gnug sein an der Schmach, daß so mein Stolz zerbrach,<br /></span> +<span class="i0">Und mich im Angesicht der Burg dein Sper abstach!<br /></span> +<span class="i2">Wie wird die Stolze sich an meinem Sturze weiden!<br /></span> +<span class="i0">Das tötet mich; du brauchst dieß Haupt nicht abzuschneiden.<br /></span> +<span class="i2">Nun ist sie frei von mir; du nim mich hier gefangen!<br /></span> +<span class="i0">Du kanst im fremden Land Kundschaft durch mich erlangen.<br /></span> +<span class="i2">Wer, da ich dir erlag, wird dir noch widerstehn?<br /></span> +<span class="i0">Laß mich gefangen mit zu deinen Siegen gehn!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_53" id="page_53">53</a></span><a name="s_24" id="s_24"></a>24.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r schwieg, und harrte stumm auf Tod nun oder Leben;<br /></span> +<span class="i0">Und sich entschloß der Held ihm nicht den Tod zu geben.<br /></span> +<span class="i2">Er dachte: Wenn ich ihn gefangen mit mir führe,<br /></span> +<span class="i0">Lock ich manch andren Fang villeicht in meine Schnüre.<br /></span> +<span class="i2">Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen,<br /></span> +<span class="i0">Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen.<br /></span> +<span class="i2">Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben,<br /></span> +<span class="i0">Als schlechten Preis dafür laß ich ihm gern das Leben.<br /></span> +<span class="i2">So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken,<br /></span> +<span class="i0">Und den gefeßelten dem Lager zuzuschicken.<br /></span> +<span class="i2">Im Lager kam er an zugleich mit Baruman,<br /></span> +<span class="i0">Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan.<br /></span> +<span class="i2">Er war in Eile dem ihm von Afrasiab<br /></span> +<span class="i0">Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab;<br /></span> +<span class="i2">Und war nur eben recht gekommen um zu sehn<br /></span> +<span class="i0">Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn.<br /></span> +<span class="i2">Wie er gefeßelt sah die stolzen Heldenglieder,<br /></span> +<span class="i0">Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_54" id="page_54">54</a></span> +<span class="i2">Er staunt' und freute sich, und fühlte Scham und Reu,<br /></span> +<span class="i0">Daß er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu.<br /></span> +<span class="i2">Im Lager aber war von Türken alt und jung<br /></span> +<span class="i0">In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung.<br /></span> +<span class="i2">Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn,<br /></span> +<span class="i0">Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn.<br /></span> +<span class="i2">Ins Lager langsam ritt er auf dem Roß zurück,<br /></span> +<span class="i0">Und hörte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Glück.<br /></span> +<span class="i2">Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied,<br /></span> +<span class="i0">An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_55" id="page_55">55</a></span><a name="s_25" id="s_25"></a>25.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">V</span>on Siegesfreude war das Türkenlager voll,<br /></span> +<span class="i0">Derweil im weißen Schloß ein Wehgeschrei erscholl.<br /></span> +<span class="i2">Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib<br /></span> +<span class="i0">Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib.<br /></span> +<span class="i2">Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schloße drinnen,<br /></span> +<span class="i0">Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen.<br /></span> +<span class="i2">Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach<br /></span> +<span class="i0">Den Perserstolz ein Türk, der ihn vom Sattel stach;<br /></span> +<span class="i2">Und rief: O Scham, o Schmach! Weh um Hedschir, den Degen!<br /></span> +<span class="i0">Du rühmtest dich ein Mann, und bist dem Kind erlegen.<br /></span> +<span class="i2">Wie hast du ungeschickt um meine Gunst gebuhlt!<br /></span> +<span class="i0">Dein Sper war stumpf gespitzt, dein Gaul war schlecht geschult.<br /></span> +<span class="i2">Verlachen könnt ich dich; daß aber dich verlache<br /></span> +<span class="i0">Der Feind, das kränket mich, und fordert Freundesrache.<br /></span> +<span class="i2">Wie? rühmen sollte sich ein blonder Türkenknabe,<br /></span> +<span class="i0">Daß er so leicht erlegt den ersten Perser habe?<br /></span> +<span class="i2">Wenn er die Männer hier für Weiber halten kann,<br /></span> +<span class="i0">Soll er an einem Weib nun finden seinen Mann!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_56" id="page_56">56</a></span> +<span class="i2">Vom Kampfplatz ritt er weg gleich einem lichten Sterne,<br /></span> +<span class="i0">Sah sich noch einmal um, dann schwand er in der Ferne.<br /></span> +<span class="i2">So zierlich tummelt' er sein Roß, man sahs nur gern;<br /></span> +<span class="i0">Laß sehn, ob er von nah so schön ist als von fern!<br /></span> +<span class="i2">Halbscherzend rief sies aus, und schritt vom Wall nach Haus;<br /></span> +<span class="i0">Dort las sie sich zum Schmuck die schönsten Waffen aus.<br /></span> +<span class="i2">In einem Drathelm barg sie ihrer Locken Zier,<br /></span> +<span class="i0">Und nam vors Angesicht ein indisches Visier.<br /></span> +<span class="i2">In voller Rüstung sprang sie auf ein Ross im Lauf,<br /></span> +<span class="i0">Und flog der Pforte zu, die that der Pförtner auf.<br /></span> +<span class="i2">Ihr Vater Gesdehem sah ihren Ausritt nicht,<br /></span> +<span class="i0">Sonst hätt er sie gehemmt in ihrer Zuversicht.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_57" id="page_57">57</a></span><a name="s_26" id="s_26"></a>26.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie kam alswie ein Mann den Berg herab vom Schloß,<br /></span> +<span class="i0">Ein Gurt um ihre Mitt und unter ihr ein Ross.<br /></span> +<span class="i2">Sie flog den Berg vom Schloß herab gleich einem Falken,<br /></span> +<span class="i0">Und schwang in ihrer Hand erztrümmernd einen Balken.<br /></span> +<span class="i2">Ans Türkenlager kam sie wie ein Sturm herbei,<br /></span> +<span class="i0">Da that sie einen durchs Visier verstärkten Schrei:<br /></span> +<span class="i2">„Wer sind die Recken hier? und wer ist der sie führt?<br /></span> +<span class="i0">Wer ist es, dem der Tod von meiner Hand gebührt?<br /></span> +<span class="i2">Ein guter Freund ward mir vom Rosse hier gestochen;<br /></span> +<span class="i0">Wer fällte den Hedschir? dem sei hier zugesprochen!<br /></span> +<span class="i2">Und wenn derselbe selbst hervorzutreten zagt,<br /></span> +<span class="i0">So komm ein andrer, der mit mir die Probe wagt.<br /></span> +<span class="i2">Ihr sollt nicht glauben, weils an einem euch gelang,<br /></span> +<span class="i0">Daß Turans Trotz den Stolz von Iran schon bezwang!<br /></span> +<span class="i2">Was einer schlecht gemacht, das macht ein andrer gut;<br /></span> +<span class="i0">Die blaße Schmach Hedschirs röt ich mit wessen Blut?<br /></span> +<span class="i0">Wer hat sein Leben feil? wer hat zum Kampfe Mut?“<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_58" id="page_58">58</a></span> +<span class="i2">Vom stolzen Lager war gehört die Forderung,<br /></span> +<span class="i0">Und ihr zu folgen stand schon mancher auf dem Sprung.<br /></span> +<span class="i2">Doch allen kam zuvor Suhrab mit einem Sprunge<br /></span> +<span class="i0">Aufs Ross, indem er rief: Ihr wartet, alt' und junge!<br /></span> +<span class="i2">Den Handel, den ich angefangen, muß ich enden;<br /></span> +<span class="i0">Wegnemen soll mir keins die Arbeit untern Händen.<br /></span> +<span class="i2">Das ist zum einen Stück das andre, wie ich merk,<br /></span> +<span class="i0">Und beide Stücke sind zusammen erst ein Werk.<br /></span> +<span class="i2">Sagt dem Hedschir: Zum Trost schaff ich in seiner Not<br /></span> +<span class="i0">Einen Genoßen ihm, lebendig oder tot!<br /></span> +<span class="i2">So rief der junge Held, und ritt von dannen jach;<br /></span> +<span class="i0">Das Türkenlager rief ihm lauten Beifall nach.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_59" id="page_59">59</a></span><a name="s_27" id="s_27"></a>27.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">A</span>uf einen Bogenschuß ritt er zu ihr hinan;<br /></span> +<span class="i0">Er lachte leis' und kniff die Lippe mit dem Zahn.<br /></span> +<span class="i2">So sprach er froh bei sich: ein andres edles Thier<br /></span> +<span class="i0">Ist hergekommen in des Jagdherrn Jagdrevier.<br /></span> +<span class="i2">Wie in dem Dickicht, wo ein Leu sein Lager hat,<br /></span> +<span class="i0">Wo ihm verfallen ist zu Raube, was da naht;<br /></span> +<span class="i2">Die stärkste Hirschkuh hat er eben dort bezwungen,<br /></span> +<span class="i0">Da kommt das zarte Kalb der Mutter nachgesprungen.<br /></span> +<span class="i2">Lautblöckend suchet es die Mutter in der Not,<br /></span> +<span class="i0">Und fand an Mutter Statt den Löwen und den Tod.<br /></span> +<span class="i2">Des Löwen Mittagstisch war mit der Kuh beraten,<br /></span> +<span class="i0">Und nun zur Abendkost dient ihm des Kälbchens Braten.<br /></span> +<span class="i2">Wer sendet Beut auf Beut hernieder zum Gewinne<br /></span> +<span class="i0">Mir von der alten Burg, daß keine mir entrinne?<br /></span> +<span class="i0">Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne!<br /></span> +<span class="i2">Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn,<br /></span> +<span class="i0">Und schon durch Minne reißt sie auch den andern hin.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_60" id="page_60">60</a></span> +<span class="i2">So möge sie, wo sie den ersten fallen sah,<br /></span> +<span class="i0">Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah!<br /></span> +<span class="i2">Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort<br /></span> +<span class="i0">Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort:<br /></span> +<span class="i0">Es wundert' ihn, daß sie nicht stand am vorgen Ort.<br /></span> +<span class="i2">Er dachte, daß sie dort noch immer an der Zinne<br /></span> +<span class="i0">So müßte stehn alswie sie stand vor seinem Sinne.<br /></span> +<span class="i2">Er wußte nicht, daß sie, anstatt ihm zuzusenden<br /></span> +<span class="i0">Frohnkämpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen Händen.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_61" id="page_61">61</a></span><a name="s_28" id="s_28"></a>28.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann<br /></span> +<span class="i0">Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann.<br /></span> +<span class="i2">Zu schwenken sie begann ihr mutges Rösslein leise,<br /></span> +<span class="i0">Daß sie erst ihren Feind im weitern Kreiß umkreiße.<br /></span> +<span class="i2">Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr,<br /></span> +<span class="i0">War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier.<br /></span> +<span class="i2">So wie ein Krähenschwarm den Adler, wo er schwebt,<br /></span> +<span class="i0">Umschwärmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt;<br /></span> +<span class="i2">Sie sind ihm, wo er fliegt, nah überall vom weiten,<br /></span> +<span class="i0">Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten:<br /></span> +<span class="i2">So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen,<br /></span> +<span class="i0">Den sie hielt unverwandt, Pfeil über Pfeil geflogen.<br /></span> +<span class="i2">Ihr Köcher war ein Meer, und schöpfte nie sich leer,<br /></span> +<span class="i0">Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer;<br /></span> +<span class="i0">Und Suhrabs Rüstung ward von leichten Spitzen schwer.<br /></span> +<span class="i2">Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen,<br /></span> +<span class="i0">Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_62" id="page_62">62</a></span> +<span class="i2">Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Sprüheregen,<br /></span> +<span class="i0">Den er abschüttelte, dann wards ihm ungelegen,<br /></span> +<span class="i0">Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen:<br /></span> +<span class="i2">Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel?<br /></span> +<span class="i0">Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel.<br /></span> +<span class="i2">Wir Türken ließen euch solang in Ruhe sitzen,<br /></span> +<span class="i0">Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen;<br /></span> +<span class="i0">Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen.<br /></span> +<span class="i2">In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen?<br /></span> +<span class="i0">Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen.<br /></span> +<span class="i2">Du magst im Frühlingshain ein kleines Vöglein schießen,<br /></span> +<span class="i0">Den großen Vogel Greif wirst du damit nicht spießen.<br /></span> +<span class="i2">Nun aber laß einmal den eitlen Zeitvertreib,<br /></span> +<span class="i0">Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_63" id="page_63">63</a></span><a name="s_29" id="s_29"></a>29.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r riefs, und übern Arm warf sie des Bogens Sennen,<br /></span> +<span class="i0">Und gegen Suhrab nun ließ sie den Schlachtgaul rennen.<br /></span> +<span class="i2">Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft,<br /></span> +<span class="i0">Es wäre nicht der Stoß zu nennen mädchenhaft,<br /></span> +<span class="i2">Hätt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind<br /></span> +<span class="i0">Zur Seite Leib und Ross, der Stoß gieng in den Wind.<br /></span> +<span class="i2">Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende,<br /></span> +<span class="i0">Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende;<br /></span> +<span class="i2">Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog,<br /></span> +<span class="i0">Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog.<br /></span> +<span class="i2">Vom Sattel lüpft' er sie wie einen Federball;<br /></span> +<span class="i0">Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall.<br /></span> +<span class="i2">Doch Gurdafrid nam war, wie sie gefährlich schwankte,<br /></span> +<span class="i0">Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte.<br /></span> +<span class="i2">Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob,<br /></span> +<span class="i0">Und wieder saß sie fest, daß Staub vom Sattel stob.<br /></span> +<span class="i2">Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht,<br /></span> +<span class="i0">Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_64" id="page_64">64</a></span> +<span class="i2">Sie sah, daß sie nicht war für diesen Kampf der Mann;<br /></span> +<span class="i0">Die Zügel zuckte sie dem Rösslein, und entrann.<br /></span> +<span class="i2">Auch Suhrab gab den Zaum dem schöngemähnten Drachen,<br /></span> +<span class="i0">Und wollte nun den Tag dem Feinde finster machen.<br /></span> +<span class="i2">Er kam auf seinem Hengst ihr zornig nachgeschnaubt;<br /></span> +<span class="i0">Da wandte sie sich schnell, und nahm den Helm vom Haupt.<br /></span> +<span class="i2">Sie glaubte beßer als durch männliches Gefecht<br /></span> +<span class="i0">Sich zu verteidigen durch Schönheit und Geschlecht.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_65" id="page_65">65</a></span><a name="s_30" id="s_30"></a>30.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">V</span>on ihrem Haupte quoll die Fülle dunkler Locken,<br /></span> +<span class="i0">Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken.<br /></span> +<span class="i2">Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen,<br /></span> +<span class="i0">Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen!<br /></span> +<span class="i2">Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun<br /></span> +<span class="i0">Im Krieg die Männer, wenn so kriegrisch sind die Fraun!<br /></span> +<span class="i2">Führt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier<br /></span> +<span class="i0">Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir?<br /></span> +<span class="i2">Nun weiß ich wol, warum du droben an der Zinne<br /></span> +<span class="i0">Nicht stehst, weil Kampflust dich herabführt oder Minne!<br /></span> +<span class="i2">Als ich dich droben sah, dacht ich: wie schön sie ist!<br /></span> +<span class="i0">Nun aber seh ich, daß du noch viel schöner bist.<br /></span> +<span class="i2">Ein schöner Reh als du fiel nie in Jägerstricke;<br /></span> +<span class="i0">Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke!<br /></span> +<span class="i2">Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt,<br /></span> +<span class="i0">Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt.<br /></span> +<span class="i2">Gefangen sah sie sich, und wäre gern entgangen;<br /></span> +<span class="i0">Sie sann auf schnellen Rat, den Fänger selbst zu fangen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_66" id="page_66">66</a></span> +<span class="i2">Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht,<br /></span> +<span class="i0">Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht,<br /></span> +<span class="i2">Indem sie lächelte, und sprach: Held ohne Scheu,<br /></span> +<span class="i0">In Männermitte wie im Thierechor der Leu!<br /></span> +<span class="i2">Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier,<br /></span> +<span class="i0">Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir!<br /></span> +<span class="i2">Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah,<br /></span> +<span class="i0">So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah.<br /></span> +<span class="i2">Nun hab ich dich gesehn; ich hätte nie gedacht,<br /></span> +<span class="i0">Daß solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht!<br /></span> +<span class="i2">Ei! mögen ihren Krieg mit dir die Perser füren!<br /></span> +<span class="i0">Du wirst die Männer all, nicht nur die Fraun, umschnüren.<br /></span> +<span class="i2">Doch wünschest du, wie ich, daß ein Verständnis sei<br /></span> +<span class="i0">Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_67" id="page_67">67</a></span><a name="s_31" id="s_31"></a>31.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester;<br /></span> +<span class="i0">Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester,<br /></span> +<span class="i2">Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke näme fort,<br /></span> +<span class="i0">Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort.<br /></span> +<span class="i2">Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn es dir geliebt,<br /></span> +<span class="i0">Sich dir zugleich ein Schloß und eine Braut ergibt.<br /></span> +<span class="i2">Ich gebe dir das Schloß, und, ist es dir genem,<br /></span> +<span class="i0">Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem.<br /></span> +<span class="i2">Mein Vater ist gewis bereit daß er mich löse;<br /></span> +<span class="i0">Erfärt er, wo ich bin, so wird er auf mich böse.<br /></span> +<span class="i2">Ihm hinterm Rücken ritt ich aus dem Schloße fort,<br /></span> +<span class="i0">Und meiner harrend steht er wol im Tore dort.<br /></span> +<span class="i2">Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen,<br /></span> +<span class="i0">Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen,<br /></span> +<span class="i0">Und beide sich im Spott ob uns vereinigen!<br /></span> +<span class="i2">Denn spotten werden sie und sagen, daß ein Mann<br /></span> +<span class="i0">Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_68" id="page_68">68</a></span> +<span class="i2">Was haben sie solang einander zu berichten?<br /></span> +<span class="i0">So fragen sie; drum laß den Handel schnell uns schlichten.<br /></span> +<span class="i2">Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir<br /></span> +<span class="i0">Die Schlüßel zu dem Schloß, doch erst gib Freiheit mir!<br /></span> +<span class="i2">Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke,<br /></span> +<span class="i0">Mit dem sie übertrug von sich auf ihn die Stricke;<br /></span> +<span class="i0">Betöret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke.<br /></span> +<span class="i2">Wie fühlte sie mit Lust den schönen Nacken frei,<br /></span> +<span class="i0">Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei,<br /></span> +<span class="i0">Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei.<br /></span> +<span class="i2">Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein<br /></span> +<span class="i0">Voraus den Schloßberg an, Suhrab ritt hinterdrein.<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_4" id="buch_4"></a><a href="#inhalt">Viertes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_32" id="s_32"></a>32.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">I</span>m Schloßwall hinterm Tor, mit Sorgen und mit Trauer,<br /></span> +<span class="i0">Nach seinem Kinde stand der Vater auf der Lauer,<br /></span> +<span class="i2">Den Ungehorsam bald, bald ihren Uebermut<br /></span> +<span class="i0">Laut schalt er, doch geheim lobt' er sein Heldenblut.<br /></span> +<span class="i2">„Wenn sie nur unversehrt vom Abenteuer kehrt,<br /></span> +<span class="i0">So sei nichts auf der Welt dem Töchterchen verwehrt;<br /></span> +<span class="i0">Nur solch ein zweiter Ritt sei nicht von ihr begehrt!<br /></span> +<span class="i2">Doch weniger mit ihr zürn ich, als auf Hedschir;<br /></span> +<span class="i0">Sein Unfall riß mein Kind so hin mit Kampfbegier.<br /></span> +<span class="i2">Wer aber rettet mir mein Täublein aus den Krallen<br /></span> +<span class="i0">Des Habichts, dem zum Raub der Kampfhahn selbst gefallen?<br /></span> +<span class="i2">Thu ich die Pfort hier auf, daß ich zur Hilf ihr eile,<br /></span> +<span class="i0">Damit der alte Vogt des jungen Torheit teile?<br /></span> +<span class="i2">Wart ich geduldig, bis der Himmel und ihr Glück,<br /></span> +<span class="i0">Ihr Mut und kluger Rat mir bringt mein Kind zurück?“<br /></span> +<span class="i2">Er sprachs, und lauscht' hinaus, und hört' ihr Rösslein traben;<br /></span> +<span class="i0">Schnell tat er auf, um schnell sein Kind herein zu haben.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_72" id="page_72">72</a></span> +<span class="i2">Gurdaferid ersah der Rettung offnes Tor,<br /></span> +<span class="i0">Doch ihr Begleiter klomm hart hinter ihr empor;<br /></span> +<span class="i0">Da kam sie ihm geschwind mit einem Sprung zuvor.<br /></span> +<span class="i2">Sie huscht' hinein alsob sie flög auf Taubenschwinge,<br /></span> +<span class="i0">Und rief: Nun warte, Freund, bis ich die Schlüßel bringe!<br /></span> +<span class="i2">Der Schloßvogt schloß geschwind das Tor nach seinem Kinde<br /></span> +<span class="i0">Gehäbe, daß kein Wind den Weg durchs Spältchen finde.<br /></span> +<span class="i2">Sie war hinein, Suhrab war draußen auf dem Ross,<br /></span> +<span class="i0">Des Schlüßels wartet' er zu dem verschloßnen Schloß.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_73" id="page_73">73</a></span><a name="s_33" id="s_33"></a>33.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a neigte Gurdafrid sich von der Zinne droben,<br /></span> +<span class="i0">Und rief: Kehr um, o Held, umsonst sind deine Proben.<br /></span> +<span class="i2">Kehr heim, der Abend naht, von deiner Waffentat<br /></span> +<span class="i0">Zum Türkenlager, dort halt in der Nacht Kriegsrat!<br /></span> +<span class="i2">Da dir der Handstreich heut aufs weiße Schloß mislang,<br /></span> +<span class="i0">So rüst auf morgen dich zu einem neuen Gang!<br /></span> +<span class="i2">Er blickt' empor und sprach: o schöne Persermaid,<br /></span> +<span class="i0">Daß du treuloser noch als schön bist, thut mir laid.<br /></span> +<span class="i2">Daß mir solch eine Braut, solch eine Burg entflogen,<br /></span> +<span class="i0">Das reut mich nicht sosehr, als daß ich ward betrogen.<br /></span> +<span class="i2">Nun, diese Burg ist doch nicht wie der Himmel hoch;<br /></span> +<span class="i0">Und wär sie höher noch, herunter mußt du doch.<br /></span> +<span class="i2">Herunter bringen werd ich dich, im Sturm erringen<br /></span> +<span class="i0">Das Schloß, du brauchest mir die Schlüßel nicht zu bringen.<br /></span> +<span class="i2">Sie sprach: Ereifre nicht, o schöner Türkenknabe,<br /></span> +<span class="i0">So sehr dich, daß ich nicht gebracht die Schlüßel habe.<br /></span> +<span class="i2">Der Vater hat sie selbst heut in Verschluß genommen;<br /></span> +<span class="i0">Ich könnte, wollt ich auch, nicht zu den Schlüßeln kommen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_74" id="page_74">74</a></span> +<span class="i2">Auch deine Werbung hab ich heimlich ihm vertraut;<br /></span> +<span class="i0">Er sprach: Ein Türke find in Iran keine Braut.<br /></span> +<span class="i2">Ich rate dir, kehr um, und nim, die dein begehrt,<br /></span> +<span class="i0">Die schönst in Turan nim! du bist der schönsten wert.<br /></span> +<span class="i2">Kehr um, ich rate dir, laß guten Rat dir frommen,<br /></span> +<span class="i0">Eh Kawus es erfärt, und seine Helden kommen.<br /></span> +<span class="i2">Wenn Rostem kommt heran, der Perser-Pehlewan,<br /></span> +<span class="i0">O Schmuck aus Turkistan, dann ists um dich getan.<br /></span> +<span class="i2">Kehr um in deiner Kraft! du stehst hier an der Grenze;<br /></span> +<span class="i0">Schad um die Blume, wenn sie bricht ein Sturm im Lenze.<br /></span> +<span class="i2">Ich weinte selbst um dich, wenn ich dich sähe fallen;<br /></span> +<span class="i0">Denn beßer hat als du mir noch kein Mann gefallen.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_75" id="page_75">75</a></span><a name="s_34" id="s_34"></a>34.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie sprachs, und schwieg, und stieg hinab vom Mauerkranz;<br /></span> +<span class="i0">Noch lang sah Rostems Sohn empor im Abendglanz,<br /></span> +<span class="i2">Als säh er noch ihr Bild, als hört er noch ihr Wort;<br /></span> +<span class="i0">Zum Lager langsam dann ritt er im Unmut fort.<br /></span> +<span class="i2">Dem Schloß zur Seite lag am Berggehäng herab<br /></span> +<span class="i0">Ein reicher Anbau, der dem Schloße Nahrung gab.<br /></span> +<span class="i2">Da waren Gärten, Bäum und manches Saatenfeld;<br /></span> +<span class="i0">Daran ließ seinen Zorn nun aus der junge Held.<br /></span> +<span class="i2">Ins Lager rief er laut: Ihr Türken, kommt heraus!<br /></span> +<span class="i0">Verbreitet um euch her schnell der Zerstörung Graus!<br /></span> +<span class="i2">Uns bietet Trotz die Burg, die dort im Spätrot lodert;<br /></span> +<span class="i0">Vergebens hab ich heut die Schlüßel abgefodert.<br /></span> +<span class="i2">Sie sei zu Fall gebracht, sobald der Tag erwacht;<br /></span> +<span class="i0">Und vor der Nacht sei jetzt ein Anfang schon gemacht.<br /></span> +<span class="i2">Zerschmettert dieß Gebälk, zertrümmert diese Planken,<br /></span> +<span class="i0">Brecht dieß Gezäun entzwei, werft nieder diese Schranken!<br /></span> +<span class="i2">Haut diese Fruchtbäum um, entwurzelt diese Reben,<br /></span> +<span class="i0">Und mähet diese Saat! sie soll nicht Körner geben.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_76" id="page_76">76</a></span> +<span class="i2">Dieß ist der Boden, wo sie ihren Vorrat pflanzen,<br /></span> +<span class="i0">Womit sie droben dann sich halten in den Schanzen.<br /></span> +<span class="i2">Nun steige Staub und Rauch und Dampf und Qualm empor,<br /></span> +<span class="i0">Und kündig ihnen an, was ihnen steht bevor!<br /></span> +<span class="i2">Des Burgvogts Tochter liebt vom hohen Wall zu schauen;<br /></span> +<span class="i0">Nun schaue sie, wie hier wir ihr den Garten bauen!<br /></span> +<span class="i2">Wühlt diese Beeten um, wo ihre Rosen blühn,<br /></span> +<span class="i0">Und stopft die Quelle, die ihr macht den Rasen grün!<br /></span> +<span class="i2">So rief er, und sein Heer fiel wie ein Hagelschlag<br /></span> +<span class="i0">Aufs angebaute Land, bis alles wüste lag.<br /></span> +<span class="i2">Stillschweigend sah er zu, und als der letzte Keim<br /></span> +<span class="i0">Zerstört war, ritt er abgekühltes Zornes heim.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_77" id="page_77">77</a></span><a name="s_35" id="s_35"></a>35.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>um heimgekehrten trat Baruman in der Nacht,<br /></span> +<span class="i0">Und sprach: Du hast nicht gut das Werk des Tags vollbracht.<br /></span> +<span class="i2">Den Feinden ist es recht die Nahrung abzuschneiden,<br /></span> +<span class="i0">Doch so nicht daß wir selbst darunter Mangel leiden.<br /></span> +<span class="i2">Nun ihren Vorrat zwar hast du der Burg entzogen,<br /></span> +<span class="i0">Allein dein eignes Heer hast du darum betrogen.<br /></span> +<span class="i2">Viel Holzwerk und Gebälk ist unnütz mitverbrant,<br /></span> +<span class="i0">Das nutzbar konte sein zum Leiterbau verwandt.<br /></span> +<span class="i2">Denn ohne Leitern wirst du nicht das Schloß erringen;<br /></span> +<span class="i0">Die Mauern dort wird nicht dein Rösslein überspringen!<br /></span> +<span class="i2">Und dann, was spornte dich zu dieser Rache scharf?<br /></span> +<span class="i0">Weil dir ein Kind die Tür zu vor der Nase warf!<br /></span> +<span class="i2">Viel beßer war dir das, als ließe sie dich ein;<br /></span> +<span class="i0">Drin unter Hunderten was wolltest du allein?<br /></span> +<span class="i2">Du bist der Mann wol es mit jedem aufzunemen,<br /></span> +<span class="i0">Doch viele Hunde sinds, die einen Löwen lähmen.<br /></span> +<span class="i2">Bist du des Heeres Arm, und bist des Heeres Haupt,<br /></span> +<span class="i0">Nicht sei durch Torheit ihm so Haupt als Arm geraubt!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_78" id="page_78">78</a></span> +<span class="i2">Was sollt ich schreiben nun dem Schah Afrasiab,<br /></span> +<span class="i0">Der deiner Jugend bei zum Rat mein Alter gab?<br /></span> +<span class="i2">Dein stürmscher Ritter hat das Grenzschloß eingenommen,<br /></span> +<span class="i0">Er ist mit Glück hinein, doch nicht heraus gekommen!<br /></span> +<span class="i2">Nun aber wollen wir mit beßerem Vertraun<br /></span> +<span class="i0">Es nemen, und dazu vor allem Leitern baun.<br /></span> +<span class="i0">Du hast das Holz verbrant, wir wollen andres haun.<br /></span> +<span class="i2">Er sprachs, und lächelnd hin nam jener den Verweis;<br /></span> +<span class="i0">Er sprach verschämt und keck: Ein Jüngling ist kein Greis;<br /></span> +<span class="i2">Doch hab ich nie gehört, daß Rostem auch, der alte,<br /></span> +<span class="i0">Beim Mauerbrechen sich mit Leiterbau aufhalte.<br /></span> +<span class="i2">Bau Leitern! eines nur beding ich mir dabei,<br /></span> +<span class="i0">Daß, wenn sie fertig sind, ich drauf der erste sei.<br /></span> +<span class="i2">Nur seis in dieser Nacht! denn morgen, seids gewärtig,<br /></span> +<span class="i0">Da werd ich mit der Burg auch ohne Leitern fertig.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_79" id="page_79">79</a></span><a name="s_36" id="s_36"></a>36.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">W</span>eil dieß der weißen Burg im Lager ward gedroht,<br /></span> +<span class="i0">Saß droben Gesdehem, und dachte nach der Not.<br /></span> +<span class="i2">Er setzte sich und schrieb an Kawus einen Brief,<br /></span> +<span class="i0">Darin er Gottes Heil dem Schah zum Eingang rief,<br /></span> +<span class="i2">Und von der Herrlichkeit des Throns nach Würden sprach,<br /></span> +<span class="i0">Dann von den mislichen Zeitläuften trug er nach:<br /></span> +<span class="i2">Die Grenzburg Irans ist gekommen ins Gedränge<br /></span> +<span class="i0">Von einem Türkenheer in ungezälter Menge.<br /></span> +<span class="i2">Doch all den andern geht ein junger Fant voran,<br /></span> +<span class="i0">Der über zweimal sieben Jahr nicht alt sein kann.<br /></span> +<span class="i2">Von seiner Schlankheit ist die Zeder überragt,<br /></span> +<span class="i0">Von seinem Glanz die Sonn im Aufgang übertagt.<br /></span> +<span class="i2">Wenn er zu Rosse sitzt mit Lanze, Keul und Schwerde,<br /></span> +<span class="i0">So achtet er gering Himmel und Meer und Erde.<br /></span> +<span class="i2">In Turan weder ist noch Iran ein Verwegner<br /></span> +<span class="i0">Von gleicher Art, für ihn ist auf der Welt kein Gegner,<br /></span> +<span class="i2">Als Rostem nur allein; ihm gleicht er an Gestalt,<br /></span> +<span class="i0">An unverzagtem Mut und furchtbarer Gewalt.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_80" id="page_80">80</a></span> +<span class="i2">Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,<br /></span> +<span class="i0">Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme.<br /></span> +<span class="i2">Sobald er kam, hat sich der mutige Hedschir<br /></span> +<span class="i0">Gegürtet, und gesetzt auf ein schnellfüßig Thier.<br /></span> +<span class="i2">Ihn trugs den Berg hinab, doch nicht zum Schloß zurück;<br /></span> +<span class="i0">Dem Stürmer sperrt ich selbst die Vestung noch zum Glück.<br /></span> +<span class="i2">Doch wenig fehlte nur, so wäre mutentbrant<br /></span> +<span class="i0">Der junge Elefant allein ins Tor gerant.<br /></span> +<span class="i2">Darauf hat er verbrant den Anbau rings ums Schloß,<br /></span> +<span class="i0">Und länger widersteht die Burg nicht seinem Stoß.<br /></span> +<span class="i2">Am Leben ist Hedschir, doch in Gefangenschaft;<br /></span> +<span class="i0">Verloren ist an ihm des Schloßes Halt und Kraft.<br /></span> +<span class="i2">Ich hab umsonst bei mir nach beßerm Rath gesucht:<br /></span> +<span class="i0">Mit meinem Häuflein nem ich diese Nacht die Flucht.<br /></span> +<span class="i2">Schnell sende nun der Schah ein großes Heer herbei,<br /></span> +<span class="i0">Damit ein Damm gesetzt der Ueberschwemmung sei.<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem sei dabei! Nur Rostem ist der Mann,<br /></span> +<span class="i0">Der diesem Türkenknaben ins Gesicht sehn kann.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_81" id="page_81">81</a></span><a name="s_37" id="s_37"></a>37.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r schriebs und siegelte, und gab geschwind den Brief<br /></span> +<span class="i0">Dem Boten, der damit die Nacht durch eilig lief.<br /></span> +<span class="i2">Aufstand der alte Vogt sodann vom Schreibeplatz,<br /></span> +<span class="i0">Und raffte sein Gesind zusammen und den Schatz,<br /></span> +<span class="i2">Gurdaferid voran, um diese war ihm bange,<br /></span> +<span class="i0">Mit allen wandt er sich zum unterirdschen Gange,<br /></span> +<span class="i2">Der, ihm allein bekant, zur Burg hinaus weit fürte,<br /></span> +<span class="i0">Und Niemand ward gewar, wie er den Bündel schnürte.<br /></span> +<span class="i2">Er zog mit seiner Schaar bei Nacht ein gutes Stück,<br /></span> +<span class="i0">Und nur wehrloses Volk ließ er im Schloß zurück.<br /></span> +<span class="i2">Als nun der Tag brach aus der Nacht zerrißnem Flor,<br /></span> +<span class="i0">Stürmte mit seinem Heer Suhrab den Berg empor.<br /></span> +<span class="i2">Sie drangen bis ans Tor der Burg ohn Aufenthalt,<br /></span> +<span class="i0">Niemand trat in den Weg der stürmenden Gewalt.<br /></span> +<span class="i2">Da hielten sie vorm Tor, kein Atem war darinnen,<br /></span> +<span class="i0">Und sahn zur Zinn empor, kein Leben auf den Zinnen!<br /></span> +<span class="i2">Suhrab in Ungeduld faßt' einen Felsenstein,<br /></span> +<span class="i0">Schleudert' ihn gegens Tor, und brach den Eingang drein.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_82" id="page_82">82</a></span> +<span class="i2">Zu Ross sprengt' er hinein, alswie der lichte Tag,<br /></span> +<span class="i0">Ins Torgewölb, in dem noch Nacht und Schweigen lag;<br /></span> +<span class="i0">Das Schweigen ward geweckt von seinem Rosshufschlag.<br /></span> +<span class="i2">Der Widerhall nur ward vom Waffengruße wach,<br /></span> +<span class="i0">Kein andrer Widerpart schuf ihnen Ungemach.<br /></span> +<span class="i2">Sie wunderten sich selbst, wie leicht sie eingenommen<br /></span> +<span class="i0">Die Burg, und fragten sich, wohin der Feind gekommen?<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab hatte statt des Feindes an dem Ort<br /></span> +<span class="i0">Die Freundin auch gesucht, und fand: sie war nicht dort.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_83" id="page_83">83</a></span><a name="s_38" id="s_38"></a>38.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">W</span>ie sich ein Knabe müht, daß er den Baum ersteige,<br /></span> +<span class="i0">Wo er ein Vogelnest weiß auf dem höchsten Zweige;<br /></span> +<span class="i2">Am Abende zuvor hat er sich vorgenommen:<br /></span> +<span class="i0">Bei frühstem Morgen wird der hohe Baum erklommen.<br /></span> +<span class="i2">Heut ist es nun zu spät, bis morgen seis verschoben;<br /></span> +<span class="i0">Die Vögel sind im Nest bei Nacht wol aufgehoben.<br /></span> +<span class="i2">Er hat die ganze Nacht von seinem Fang geträumt,<br /></span> +<span class="i0">Und, mit der Sonn erwacht, das Bette schnell geräumt;<br /></span> +<span class="i2">Dann ist er ungesäumt auf seinen Baum geklommen,<br /></span> +<span class="i0">Und droben findet er das Nest nun ausgenommen.<br /></span> +<span class="i2">Er weiß nicht, ob zuvor ein andrer Dieb ihm kam,<br /></span> +<span class="i0">Oder die flücke Brut den Flug vom Neste nam.<br /></span> +<span class="i2">Eischalen findet er und ein zerstreut Gefieder,<br /></span> +<span class="i0">Und traurig klettert er vom hohen Stamme wieder:<br /></span> +<span class="i0">So traurig kletterte dort Suhrab auf und nieder<br /></span> +<span class="i2">Durchs öde Mauerwerk der ausgestorbnen Veste,<br /></span> +<span class="i0">Und fand den Vogel, den er suchte, nicht im Neste.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_84" id="page_84">84</a></span> +<span class="i2">Er fand nicht Gurdafrid, wo er sie sucht' im Schloß,<br /></span> +<span class="i0">Er fand den wehrlos nur zurückgelaßnen Troß.<br /></span> +<span class="i2">So traurig sank er nun herab vom hohen Baume<br /></span> +<span class="i0">Der Hoffnung, den er kühn erflogen hatt im Traume;<br /></span> +<span class="i0">Er suchte, die er liebt', im weiten leeren Raume.<br /></span> +<span class="i2">Er rief: Könnt ihr mir nicht, ihr stummen Wände, sagen,<br /></span> +<span class="i0">Wohin ein Sturm sie hat, ein Flügel sie getragen?<br /></span> +<span class="i2">Ist sie verschwunden, wie ein Traumbild ohne Spur?<br /></span> +<span class="i0">Erscheinung glänzende, die mir vorüber fur!<br /></span> +<span class="i0">Wo bist du? wer bist du? wie, sprich, nenn ich dich nur?<br /></span> +<span class="i2">Das macht den Unmut mir im Herzen doppelt heiß,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich auch nicht einmal von ihr den Namen weiß.<br /></span> +<span class="i2">Mich däuchte, kühlen würd es schon der Sehnsucht Brennen,<br /></span> +<span class="i0">Wenn ich dem Winde nur dürft ihren Namen nennen! –<br /></span> +<span class="i2">Er dachte nicht daran, den Troß der Burg zu fragen;<br /></span> +<span class="i0">Was, dacht er, können die von meiner Liebe sagen?<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_85" id="page_85">85</a></span><a name="s_39" id="s_39"></a>39.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a rief er seiner Schaar: Geschwind, und holet mir<br /></span> +<span class="i0">Herauf aus seiner Haft vom Lager den Hedschir!<br /></span> +<span class="i2">Er ist ja gestern noch hier oben Herr gewesen;<br /></span> +<span class="i0">Wen beßer könnten wir zur Auskunft uns erlesen?<br /></span> +<span class="i2">Er soll des leeren Nests Gelegenheit uns deuten;<br /></span> +<span class="i0">Verborgne Schätze sind gewis hier zu erbeuten.<br /></span> +<span class="i2">Er riefs, und jene trieb nach Schätzen die Begier<br /></span> +<span class="i0">Geschwind den Berg hinab, sie holten den Hedschir.<br /></span> +<span class="i2">Er kam, und Feßeldruck beschwerte seine Glieder,<br /></span> +<span class="i0">Doch schwerer noch drückt' ihn Gefühl der Scham danieder;<br /></span> +<span class="i0">Denn frei hier war er einst, und kam gefangen wieder.<br /></span> +<span class="i2">Doch auf die Seite nam ihn alsobald Suhrab,<br /></span> +<span class="i0">Mit sanften Worten nam er ihm die Feßeln ab:<br /></span> +<span class="i2">Du bist, so frei du hier gewesen, wieder jetzt,<br /></span> +<span class="i0">Sogleich auf diese Burg von mir als Vogt gesetzt,<br /></span> +<span class="i2">Wenn ohne Hinterhalt du mir den Namen nennest<br /></span> +<span class="i0">Von einer, die du nur zu gut, ich weiß es, kennest,<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_86" id="page_86">86</a></span> +<span class="i2">Und sagst du mir, wo sie ist, wo ich sie finden mag?<br /></span> +<span class="i0">Denn ohne sie will ich nicht bleiben einen Tag!<br /></span> +<span class="i0">Er sprach es, und das Wort war für Hedschir ein Schlag.<br /></span> +<span class="i2">Zur Antwort gab er ihm: Wenn dir sie Gott beschied,<br /></span> +<span class="i0">Den Namen nenn ich wol, sie heißt Gurdaferid.<br /></span> +<span class="i2">Ich staune, wie du selbst, sie nicht zu sehn hier oben;<br /></span> +<span class="i0">Wer weiß, wo seinen Schatz der Vater aufgehoben!<br /></span> +<span class="i2">Gern würd ich dir den Platz, wenn ich ihn wüßte, sagen.<br /></span> +<span class="i0">Sie hat ein Geist entfürt, ein Sturmwind fortgetragen;<br /></span> +<span class="i0">Du mußt die Zauberin dir aus dem Sinne schlagen.<br /></span> +<span class="i2">Er schwieg, und wußte wohl, auf welchem Weg den Schatz<br /></span> +<span class="i0">Der alte Drach entfürt, an welchen sichern Platz.<br /></span> +<span class="i2">Doch sein Geheimnis war des Nebenbulers Heil;<br /></span> +<span class="i0">Es war ihm um die Burg und um die Welt nicht feil.<br /></span> +<span class="i2">Für Persien diese Burg zu halten wäre schön,<br /></span> +<span class="i0">Dacht er, und frei als Herr zu walten auf den Höhn;<br /></span> +<span class="i2">Doch übel ist der Preis und schlimm die Gegengabe:<br /></span> +<span class="i0">Nicht kommen soll durch mich auf ihre Spur der Knabe! –<br /></span> +<span class="i2">Vom Vorteil seines Lands und seinem ungerürt,<br /></span> +<span class="i0">Vom Wunsch der Freiheit selbst, blieb er von Lieb umschnürt,<br /></span> +<span class="i0">Und ward in Feßeln, wie er kam, hinweg gefürt.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_87" id="page_87">87</a></span><a name="s_40" id="s_40"></a>40.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Suhrab gieng nunmehr im weiten Schloß umher,<br /></span> +<span class="i0">Und fand den Raum von dem, wornach er suchte, leer.<br /></span> +<span class="i2">Da sprachen, die es sahn: Nach Schätzen suchet er.<br /></span> +<span class="i0">Und suchen gieng im Schloß nach Schätzen auch das Heer.<br /></span> +<span class="i2">Er aber suchte fort und fort sie hier und dort;<br /></span> +<span class="i0">Am einen fand er nichts, und sucht' am andern Ort.<br /></span> +<span class="i2">Er dachte, daß sie doch sich müße wo verstecken,<br /></span> +<span class="i0">Und immer hoffte noch sein Herz, sie zu entdecken.<br /></span> +<span class="i2">Wie ein verlegt Gerät man sucht an jedem Flecke,<br /></span> +<span class="i0">Wo man es schon gesucht, und suchts in jeder Ecke,<br /></span> +<span class="i0">Wo mans nicht fand, und denkt, daß es doch wo noch stecke.<br /></span> +<span class="i2">Er gieng zur Zinn hinaus, wo er von unten hoch<br /></span> +<span class="i0">Sie gestern stehen sah; stehn wird sie da heute noch!<br /></span> +<span class="i2">Er freute sich, zu stehn, wo sie zuvor gestanden,<br /></span> +<span class="i0">Und ließ den Blick hinaus umschweifen in den Landen.<br /></span> +<span class="i2">Er sah darauf die Berg' und jede Thalschlucht an,<br /></span> +<span class="i0">Ob sie hindurch villeicht genommen ihre Bahn.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_88" id="page_88">88</a></span> +<span class="i2">Er fragt' um sie, von der er wußte nun den Namen,<br /></span> +<span class="i0">Die Wolken und die Lüft, ob sie von ihr nicht kamen.<br /></span> +<span class="i2">Mit Wind und Sonnenschein sprach er, mit Pflanz und Stein<br /></span> +<span class="i0">Sprach er von ihr, nur mit den Leuten nicht allein.<br /></span> +<span class="i2">Die Leute plünderten, zerhieben und zerstachen,<br /></span> +<span class="i0">Zerschmißen, rißen ein, zerwülten und zerbrachen.<br /></span> +<span class="i2">Sie suchten einen Schatz, und weil sie keinen Schatz<br /></span> +<span class="i0">Am Platze fanden, ward zerstört dafür der Platz.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab, dessen Herz ein andres kümmerte,<br /></span> +<span class="i0">Sah unbekümmert drein, wie alles trümmerte.<br /></span> +<span class="i2">Er sah, und sah es nicht, wie man die Burg zerstörte,<br /></span> +<span class="i0">Alsob sie noch dem Feind, nicht schon ihm selbst gehörte.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_89" id="page_89">89</a></span><a name="s_41" id="s_41"></a>41.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u dem in Liebeslust gefangnen jungen Mann<br /></span> +<span class="i0">Mit Mahnung und Verweis trat Barman und begann:<br /></span> +<span class="i2">Wie? um ein dunkles Haar und helles Angesicht<br /></span> +<span class="i0">Vergißest du die Welt, dich selbst und deine Pflicht!<br /></span> +<span class="i2">Die Helden, so die Welt noch jetzt am höchsten hält,<br /></span> +<span class="i0">Sie hielten höher als sich selbst nichts auf der Welt.<br /></span> +<span class="i2">Sie gaben aus der Hand nicht achtlos und bedachtlos<br /></span> +<span class="i0">Das Herz und den Verstand, vom Rausch der Liebe machtlos.<br /></span> +<span class="i2">Wol manches Moschusreh fiengen sie ein im Scherz,<br /></span> +<span class="i0">Doch binden ließen sie im Ernste nicht ihr Herz.<br /></span> +<span class="i2">Denn, wer dem Adler gleich will um die Sonne werben,<br /></span> +<span class="i0">Darf wie die Nachtigall nicht um die Rose sterben.<br /></span> +<span class="i2">Nicht mit Eroberung von einer Welt vereint<br /></span> +<span class="i0">Sich dieses, daß in Gram um einen Mond man weint.<br /></span> +<span class="i2">Sohn hat zum Ruhme dich genant Afrasiab,<br /></span> +<span class="i0">Und über Land und Meer schwingst du der Herrschaft Stab.<br /></span> +<span class="i2">Aus Turan kamen wir hieher zu einem Werke,<br /></span> +<span class="i0">Begonnen wards mit Kraft, und sei vollfürt mit Stärke!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_90" id="page_90">90</a></span> +<span class="i2">Dir fiel ohn einen Streich des Schwertes in die Hand<br /></span> +<span class="i0">Solch eine Burg, und frei steht dir nun Irans Land.<br /></span> +<span class="i2">Doch ob wir so im Spiel erreichten dieses Ziel<br /></span> +<span class="i0">Des Wunsches, doch bevor steht uns noch Arbeit viel.<br /></span> +<span class="i2">Der König Kawus wird mit seinen Helden nahn;<br /></span> +<span class="i0">Willst du entgegengehn? willst du sie hier empfahn?<br /></span> +<span class="i2">Willst du entgegengehn? kleb hier nicht an den Hallen!<br /></span> +<span class="i0">Willst du sie hier empfahn? laß nicht die Burg zerfallen!<br /></span> +<span class="i2">Was überlieferst du in Blindheit und Betörung<br /></span> +<span class="i0">Das erste Pfand des Glücks den Händen der Zerstörung?<br /></span> +<span class="i2">Mach, es ist dir zu schwül, dein Herz im Busen kühl<br /></span> +<span class="i0">Von Liebe, willst du stehn ein Mann im Schlachtgewühl!<br /></span> +<span class="i0">Und willst du sein ein Kind, so ruh auf weichem Pfühl!<br /></span> +<span class="i2">So mahnte Baruman; Suhrab hatt ihm verraten<br /></span> +<span class="i0">Sein Herzgeheimnis nicht: er hatt es selbst erraten.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_91" id="page_91">91</a></span><a name="s_42" id="s_42"></a>42.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o mahnte Baruman, und als darauf kein Wort<br /></span> +<span class="i0">Suhrab erwiderte, fur er zu mahnen fort:<br /></span> +<span class="i2">Du hast aus eignem Mut, o Jüngling, unternommen<br /></span> +<span class="i0">Ein großes Werk, und wirst mit Glück zum Ziele kommen,<br /></span> +<span class="i2">Wenn eins mit dir du bist! Mit dir eins, wirst du siegen;<br /></span> +<span class="i0">Uneins mit dir, wirst du dir selber unterliegen:<br /></span> +<span class="i0">Der Kopf besinnungslos wird unters Herz sich biegen.<br /></span> +<span class="i2">Nur wer mit Festigkeit und mit Verstand ausfürt<br /></span> +<span class="i0">Das Unternommne, weiß daß ihm der Ruhm gebürt.<br /></span> +<span class="i2">Den Leun zu fangen, bist du auf die Jagd gegangen;<br /></span> +<span class="i0">Laß dich nicht unterwegs vom bunten Panther fangen!<br /></span> +<span class="i2">Bist du ein Held, ein Mann, die Welt zum Raube nim!<br /></span> +<span class="i0">Die Hand streck aus! dem Schah vom Haupt die Haube nim!<br /></span> +<span class="i2">Wenn diese Länder all erst deiner Herrschaft fröhnen,<br /></span> +<span class="i0">Werden dir allerwerts auch huldigen die Schönen.<br /></span> +<span class="i2">Die Schönheit ist die Blum, o Sohn, auf dem Gefild<br /></span> +<span class="i0">Des Lebens, und die Lieb ein Thau auf Blumen mild.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_92" id="page_92">92</a></span> +<span class="i2">Nie fehlen möge dir, o Jüngling, auf der Au<br /></span> +<span class="i0">Der Jugend und des Glücks die Blume noch der Thau!<br /></span> +<span class="i2">Befestige dieß Schloß zu Ehren der darinn<br /></span> +<span class="i0">Erblühten, ihr zum Ruhm befestge deinen Sinn!<br /></span> +<span class="i2">Wenn dir von hier der Sieg ganz Persien beschied,<br /></span> +<span class="i0">In Persien ist mit inbegriffen Gurdafrid.<br /></span> +<span class="i2">Wenn du den Rostem wirst vom Ross zu Boden ringen,<br /></span> +<span class="i0">Laß ihn als Lösepreis Gurdaferid dir bringen!<br /></span> +<span class="i2">So Baruman, und wie ein Stral durch Nebel brach<br /></span> +<span class="i0">Die Red in Suhrabs Seel, er ward vom Traume wach.<br /></span> +<span class="i2">Ja, rief er, von dem Ross will ich den Rostem bringen,<br /></span> +<span class="i0">Und will als Lösepreis Gurdaferid bedingen!<br /></span> +<span class="i2">Dem Heer gebot er: Reißt nicht, was wir haben, ein!<br /></span> +<span class="i0">Und baut es wieder, daß es mög unnembar sein!<br /></span> +<span class="i2">Dann setzt' er sich und schrieb Brief' an Afrasiab,<br /></span> +<span class="i0">Worin er ihm Bericht vom ersten Siege gab.<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_5" id="buch_5"></a><a href="#inhalt">Fünftes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_43" id="s_43"></a>43.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och zu Keikawus kam nach Istachar der Brief<br /></span> +<span class="i0">Des Gesdehem, womit in Eil der Bote lief.<br /></span> +<span class="i2">Der König, als er nun den Brief las, und vernam<br /></span> +<span class="i0">Die üble Zeitung, ward sein Herz voll dunklem Gram.<br /></span> +<span class="i2">Darauf er seines Heers Gewaltige berief,<br /></span> +<span class="i0">Und viel verhandelt' er mit ihnen ob dem Brief.<br /></span> +<span class="i2">Sie saßen um den Schah von Iran alle her,<br /></span> +<span class="i0">Und allen ward das Herz wie ihm von Sorgen schwer.<br /></span> +<span class="i2">Die Großen seines Reichs und Starken saßen alle<br /></span> +<span class="i0">Ratschlagend mit dem Schah in der Chosroenhalle:<br /></span> +<span class="i2">Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,<br /></span> +<span class="i0">Gurase, Gurgin, Gew, Milad, Ferhad, Behram.<br /></span> +<span class="i2">Denselben allen gab der Schah den Brief zu lesen,<br /></span> +<span class="i0">Und sprach mit ihnen dann von Suhrabs Art und Wesen:<br /></span> +<span class="i2">So ist aus Turans Schooß ein neuer Kriegessturm<br /></span> +<span class="i0">Gebrochen! seinem Stoß wankt Irans Friedensturm.<br /></span> +<span class="i2">Schon ist in seiner Hand die weiße Veste jetzt,<br /></span> +<span class="i0">Auf welche wir umsonst der Hüter zwei gesetzt.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_96" id="page_96">96</a></span> +<span class="i2">Der alte gieng davon, der junge ließ sich fangen.<br /></span> +<span class="i0">Guders! mit deinem Sohn Hedschir darfst du nicht prangen!<br /></span> +<span class="i2">Du hast der Söhne viel; warum gerade gaben<br /></span> +<span class="i0">Die Burg wir dem, der sie nicht hielt vor einem Knaben?<br /></span> +<span class="i2">Doch, wie der Alte schreibt, so ist kein Mann der Welt,<br /></span> +<span class="i0">Der diesem Ungetüm von Kind die Stange hält,<br /></span> +<span class="i2">Als Rostem, Sabuls Held. Ihr, denen ist empfolen<br /></span> +<span class="i0">Die Wolfart Irans, sprecht: soll man den Rostem holen?<br /></span> +<span class="i2">Da sprachen Groß und Klein, und riefen insgemein:<br /></span> +<span class="i0">Rostem ist Irans Held, geholt soll Rostem sein.<br /></span> +<span class="i2">Im Kampf mit Turan war stets Rostem Irans Hort;<br /></span> +<span class="i0">Aus Sabulistan sei er eingeholt sofort!<br /></span> +<span class="i2">Der Schah schreib einen Brief, worin ihm werd empfolen<br /></span> +<span class="i0">Zu eilen; aber Gew, sein Eidam, geh ihn holen.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_97" id="page_97">97</a></span><a name="s_44" id="s_44"></a>44.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a saß der Schah und schrieb an Rostem einen Brief,<br /></span> +<span class="i0">Worin er Gottes Preis ob ihm zum Eingang rief:<br /></span> +<span class="i2">Hort der Iranier, Fürst von Sabulistan!<br /></span> +<span class="i0">Stets sei vom Ruhm genant des Reiches Pehlewan!<br /></span> +<span class="i2">Von Turan ist ein Sturm und Friedensbruch gekommen,<br /></span> +<span class="i0">Die weiße Burg hat er den Hütern abgenommen.<br /></span> +<span class="i2">Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme,<br /></span> +<span class="i0">Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme;<br /></span> +<span class="i2">Ein Wetterstral, ein Brand, ein Recke sonder Scheu,<br /></span> +<span class="i0">Von Leib ein Elefant, von Herz und Mut ein Leu.<br /></span> +<span class="i2">Wie Gesdehem uns schreibt, so ist kein Mann der Welt,<br /></span> +<span class="i0">Der diesem Wagehals von Kind die Wage hält,<br /></span> +<span class="i2">Als du nur, Irans Held! All meine Ritter saßen<br /></span> +<span class="i0">Zu Rate, wo mit mir sie diese Fahr ermaßen,<br /></span> +<span class="i2">Und einig sind sie, daß mit ihm den Kampf kann üben<br /></span> +<span class="i0">Kein anderer, nur du magst ihm das Waßer trüben.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_98" id="page_98">98</a></span> +<span class="i2">Denn du bist unser Hort und Schmuck und Putz allein,<br /></span> +<span class="i0">Du Irans Rettungsport und Turans Trutz allein,<br /></span> +<span class="i0">Die Stütze fort und fort des Throns und Schutz allein.<br /></span> +<span class="i2">Nun gilt es, der Gefahr mit Kraft Entgegenstemmung,<br /></span> +<span class="i0">Die Brust von Iran frei zu machen von Beklemmung;<br /></span> +<span class="i0">Hemmung und Dämmung gilts von Turans Ueberschwemmung!<br /></span> +<span class="i2">Sobald du diesen Brief erbrochen hast, brich auf!<br /></span> +<span class="i0">Im Augenblick brich auf, und halte dich nicht auf!<br /></span> +<span class="i2">Stehst du, wo dieser Brief ankommt, nicht sitze nieder<br /></span> +<span class="i0">Zu lesen! sitzest du, erheb im Sprung die Glieder!<br /></span> +<span class="i2">Wenn in der Hand den Strauß du hältst, zu riechen, reuch nicht<br /></span> +<span class="i0">Daran! wirf hin den Strauß, zeuch aus, zeuch! und verzeuch nicht!<br /></span> +<span class="i2">Bist du vor deiner Tür, so geh nicht erst ins Schloß!<br /></span> +<span class="i0">Laß holen Schwert und Helm, und hol im Stall dein Ross!<br /></span> +<span class="i2">Sitz auf dein Ross! den Rachs laß rennen! flieg herbei<br /></span> +<span class="i0">Aus Sabul wie ein Sturm! erheb ein Feldgeschrei!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_99" id="page_99">99</a></span><a name="s_45" id="s_45"></a>45.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r schrieb und siegelte den Brief mit buntem Wachse,<br /></span> +<span class="i0">Gab ihn dem Gew, und sprach: Nun renne gleich dem Rachse;<br /></span> +<span class="i2">Nach Sabul renn und flieg, alsob du hättest Flügel!<br /></span> +<span class="i0">Nun gilts am Rösslein abzunutzen Zaum und Zügel.<br /></span> +<span class="i2">Wenn du nach Sabul kommst zu Rostem, heiß ihn eilen!<br /></span> +<span class="i0">Verweilen laß ihn nicht, und laß dich nicht verweilen!<br /></span> +<span class="i2">Kommst du an spät des Nachts, so kehr um früh des Tags!<br /></span> +<span class="i0">Sags ihm, daß nah der Kampf herandrängt, sags ihm, sags!<br /></span> +<span class="i2">Da nam den Brief zur Hand und eilte hin der Bote;<br /></span> +<span class="i0">An Waßer dacht er nicht, und fragte nicht nach Brote;<br /></span> +<span class="i2">Er fragt' auf seinem Weg nach Staub nicht oder Kot,<br /></span> +<span class="i0">Und auch am Himmel nicht nach Früh- und Abendrot.<br /></span> +<span class="i2">Er flog auf seinem Ross in ungestümer Hast,<br /></span> +<span class="i0">Und gönnte weder ihm noch sich Schlaf oder Rast.<br /></span> +<span class="i2">Der Reuter und sein Ross, sie fühlten ihre Kräfte<br /></span> +<span class="i0">Verdoppelt vom Beruf der wichtigen Geschäfte;<br /></span> +<span class="i2">Als dienete zu Sporn des Reiches scharfe Not,<br /></span> +<span class="i0">Zu Geißelhieb des Schachs eindringliches Gebot.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_100" id="page_100">100</a></span> +<span class="i2">Als er zur Mark hinan ritt von Sabulistan,<br /></span> +<span class="i0">Ward vom Wachpostenruf dem Rostem kund getan;<br /></span> +<span class="i0">Aus Iran fliegt ein Bot alswie ein Sturm heran.<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem zu Sewar, zu seinem Bruder, sprach:<br /></span> +<span class="i0">Reit ihm entgegen, sieh, warum ihm ist so jach!<br /></span> +<span class="i2">Dem Königsboten ritt Sewar auf hohem Ross<br /></span> +<span class="i0">Entgegen, Rostem blieb in Ruh auf seinem Schloß.<br /></span> +<span class="i2">Doch als der Bruder nun kam mit dem Boten näher,<br /></span> +<span class="i0">Wie er den Eidam sah, da freute sich der Schwäher.<br /></span> +<span class="i2">Er grüßt' ihn schön und sprach: Was bringst du, Tochtermann?<br /></span> +<span class="i0">Ein Schreiben von dem Schah! gibs, ob ichs lesen kann!<br /></span> +<span class="i2">Er nam den Brief, den er mit Augen überlief,<br /></span> +<span class="i0">Dann schwieg er lange Zeit, und dachte nach dem Brief.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_101" id="page_101">101</a></span><a name="s_46" id="s_46"></a>46.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">I</span>ch denk an alte Zeit, vergeßen manches Jahr,<br /></span> +<span class="i0">Und jetzt erinnr' ich mich, alsob es gestern war.<br /></span> +<span class="i2">Wie lange kann es sein? unmöglich ist der Knabe<br /></span> +<span class="i0">Mein Sohn, wenn einen Sohn ich in Semengan habe.<br /></span> +<span class="i2">Unmöglich, wenn mir dort ein Herz- und Seelerfreuer<br /></span> +<span class="i0">Erwächst, ist er bereits ein Mann und Heerzerstreuer.<br /></span> +<span class="i2">Jetzt trinket er noch mit milchduftiger Lippe Wein;<br /></span> +<span class="i0">Doch ohne Zweifel bald wird er ein Kämpe sein.<br /></span> +<span class="i2">Wann seine Zeit kommt, wird sein Arm die Keule schwingen,<br /></span> +<span class="i0">An Tapferkeit wird er mit seinem Vater ringen.<br /></span> +<span class="i2">Aufblühen neu in ihm wird Rostems Heldenfeuer,<br /></span> +<span class="i0">Der Jüngling wird dem Greis der Jugendkraft Erneuer;<br /></span> +<span class="i0">Jetzt ist er noch kein Mann der Schlacht und Heerzerstreuer.<br /></span> +<span class="i2">Wann er erwachsen ist, wird ihn die Mutter schicken,<br /></span> +<span class="i0">Und um den Arm das ihm bestimmte Zeichen stricken.<br /></span> +<span class="i2">Erkennen werd ich ihn, und er wird mich erkennen,<br /></span> +<span class="i0">Denn meine Zeichen wird ihm auch die Mutter nennen;<br /></span> +<span class="i0">Nicht feindlich werden wir uns dann im Kampf anrennen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_102" id="page_102">102</a></span> +<span class="i2">Zusprechen wird er mir mit sittigem Zuspruch,<br /></span> +<span class="i0">Nicht kommen mit gewalttätigem Gastbesuch,<br /></span> +<span class="i2">Nicht mit der Tür ins Haus, ins Land mit Waffen fallen,<br /></span> +<span class="i0">Anklopfen wird er erst an seines Vaters Hallen,<br /></span> +<span class="i0">Und diese sind ihm aufgetan mit Wolgefallen!<br /></span> +<span class="i2">Ich habe keinen Sohn in Persien, um ihn<br /></span> +<span class="i0">Als Erben meines Ruhms und Namens zu erziehn,<br /></span> +<span class="i2">Als Erben meines Guts und Reichs Sabulistan.<br /></span> +<span class="i0">„Ein Türkenknabe taugt nicht zum Reichspehlewan“<br /></span> +<span class="i2">Wird Kawus sagen; doch nach Kawus frag ich nicht.<br /></span> +<span class="i0">Doch gerne möcht ich sehn dem Jungen ins Gesicht,<br /></span> +<span class="i2">Der Suhrab ist genannt, die junge Kriegesflamme,<br /></span> +<span class="i0">Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme!<br /></span> +<span class="i2">Ich könnt ihn nach dem Kind und seiner Mutter fragen,<br /></span> +<span class="i0">Und einen Gruß an sie nach Turan ihm auftragen,<br /></span> +<span class="i0">Den trüg er hin, wenn ich ihn hier nicht hätt erschlagen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_103" id="page_103">103</a></span><a name="s_47" id="s_47"></a>47.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach der alte Held in tiefbewegtem Sinn,<br /></span> +<span class="i0">Und all sein Denken schuf ihm lauter Ungewinn.<br /></span> +<span class="i2">Dann blickt' er auf, und sprach zum Boten, den er fast<br /></span> +<span class="i0">Vergeßen hatte: Komm! für heut bist du mein Gast.<br /></span> +<span class="i2">Es ist nicht Eilens Not mit Krieg und Kriegsgebot:<br /></span> +<span class="i0">Ich seh nicht, was dem Reich von Iran Großes droht!<br /></span> +<span class="i2">Nun machte wol mich scheu ein reckenhafter Knabe,<br /></span> +<span class="i0">Da ich nicht Furcht vor Leu und Elefanten habe?<br /></span> +<span class="i2">Es sollt ein blinder Schreck mich gleich in Harnisch bringen,<br /></span> +<span class="i0">Und stehndes Fußes sollt ich auf den Rachs mich schwingen?<br /></span> +<span class="i2">Weil gegen ihn ein Tropf die weiße Burg verlor,<br /></span> +<span class="i0">Ist drum der Brausekopf schon vor der Hauptstadt Tor?<br /></span> +<span class="i2">Ein knabenhafter Mann, wieviel er Kraft gewann,<br /></span> +<span class="i0">Wenn sich zu rühren erst für ihn mein Schaft begann,<br /></span> +<span class="i0">Sehn werdet ihr, wielang er seiner Haft entrann!<br /></span> +<span class="i2">Ich wurde fertig sonst mit Riesen und Dämonen,<br /></span> +<span class="i0">Ich fürchte mich vor nichts, was hinterm Berg mag wohnen.<span class="pagenum"><a name="page_104" id="page_104">104</a></span><br /></span> +<span class="i2">Er wird sich hüten uns ins Garn herein zu springen;<br /></span> +<span class="i0">Wir werden zeitig ihm den Tod entgegen bringen.<br /></span> +<span class="i2">Soll in Bewegung erst sich setzen Meeres Braus?<br /></span> +<span class="i0">Das Glimmen geht von selbst des Aschenhäufchens aus.<br /></span> +<span class="i2">Wir werden bald genug auch diesen Weltbrand dämpfen;<br /></span> +<span class="i0">Heut hab ich keine Lust für Keikawus zu kämpfen.<br /></span> +<span class="i2">Kommt! eh auf seinen Wink wir morgen Türken hetzen,<br /></span> +<span class="i0">Will ich mich heute noch mit lieben Freunden letzen.<br /></span> +<span class="i2">Wir schlagen aus dem Sinn die Schlacht uns beim Gelag,<br /></span> +<span class="i0">Bei hellem Becherklang und frohem Lautenschlag,<br /></span> +<span class="i0">Und machen vor der Nacht uns einen guten Tag.<br /></span> +<span class="i2">Du, Eidam, sollst mir was von meiner Tochter sagen,<br /></span> +<span class="i0">Vom jungen Recken auch, den ich euch todt soll schlagen!<br /></span> +<span class="i2">Die Herrlichkeit der Welt wird all am Ende Staub;<br /></span> +<span class="i0">Begießen wir mit Wein des Lebens grünes Laub!<br /></span> +<span class="i2">Seware! geh ins Haus, bestell uns einen Schmaus!<br /></span> +<span class="i0">Wir leeren vor der Nacht noch manchen Becher aus.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_105" id="page_105">105</a></span><a name="s_48" id="s_48"></a>48.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o rief der alte Held aus aufgeregter Seele;<br /></span> +<span class="i0">Sein Bruder tat, wie er gewohnt war, die Befele.<br /></span> +<span class="i2">Und auch der Eidam wagte nicht zu widersprechen;<br /></span> +<span class="i0">Er wußte, daß mit ihm nicht gut sei Lanzen brechen.<br /></span> +<span class="i2">Der alte Recke ließ sich durch den Sinn nicht faren;<br /></span> +<span class="i0">Starr war sein Kopf und hart, besetzt mit struppigen Haaren.<br /></span> +<span class="i2">Dem Schwäher folgte Gew vergnügt ins Haus zum Schmaus,<br /></span> +<span class="i0">Und dachte: Mach er mit dem Schah es selber aus!<br /></span> +<span class="i2">Wir wollen heut mit Wein die staubgen Lippen netzen,<br /></span> +<span class="i0">Und morgen können wirs durch schärfern Ritt ersetzen.<br /></span> +<span class="i2">Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag,<br /></span> +<span class="i0">Das Fest geschmückt war wie ein Frühlingsrosenhag.<br /></span> +<span class="i2">Alswie ein Rosenhag, geschmückt mit Duft und Glanze,<br /></span> +<span class="i0">Mit Nachtigallenschlag und blühndem Rosenkranze;<br /></span> +<span class="i0">So blühte das Gelag von Sang und Klang und Tanze;<br /></span> +<span class="i2">So mühte sich die Kunst geübter Tänzerinnen,<br /></span> +<span class="i0">Vom Wirte Gold, und Gunst vom Gaste zu gewinnen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_106" id="page_106">106</a></span> +<span class="i2">Sie dachten an den Feind und an den König nicht,<br /></span> +<span class="i0">Und sahn nur Rosenwang und Mondenangesicht.<br /></span> +<span class="i2">Vom Schenken ließen sie den roten Wein sich schenken,<br /></span> +<span class="i0">Und durften nicht dabei an Blutvergießen denken.<br /></span> +<span class="i2">Sie schöpften Wonn auf Wonn aus unerschöpfter Tonne;<br /></span> +<span class="i0">Froh war hinunter schon getrunken Tag und Sonne.<br /></span> +<span class="i2">Zum Trunke leuchteten noch ihnen Sternefunken,<br /></span> +<span class="i0">Bis alle vom Gelag zum Lager giengen trunken.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_107" id="page_107">107</a></span><a name="s_49" id="s_49"></a>49.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">A</span>m andern Morgen trat der Eidam reisefertig<br /></span> +<span class="i0">Zu Rostem ein, und war des Aufbruchs nun gewärtig.<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem sprach vergnügt: Du schliefest zeitig aus;<br /></span> +<span class="i0">Gut, daß zu kurz der Tag uns werde nicht zum Schmaus!<br /></span> +<span class="i2">Nun heute wollen wir erst recht behaglich schmausen;<br /></span> +<span class="i0">Wer weiß, wie bald herein des Unheils Wogen brausen!<br /></span> +<span class="i2">Wir wollen aus dem Sinn uns schlagen Graun und Grausen;<br /></span> +<span class="i0">Gut Obdach haben wir, der Sturm mag draußen sausen!<br /></span> +<span class="i0">Villeicht wird nie so froh uns mehr dieß Haus behausen.<br /></span> +<span class="i2">Mir ist, als sollt ich mich zum letztenmal der meinen,<br /></span> +<span class="i0">Der guten Freunde freun, die sich um mich vereinen!<br /></span> +<span class="i2">Ihr beiden, kommt, und setzt zur Rechten und zur Linken<br /></span> +<span class="i0">Euch um den Rostem her, und helft dem Rostem trinken!<br /></span> +<span class="i2">Sewar, mein Bruder, hier! hier Gew, mein Tochtermann!<br /></span> +<span class="i0">Mir träumte Nachts daß ich auch einen Sohn gewann.<br /></span> +<span class="i2">Das kam mir in den Sinn durch jenen Türkenknaben,<br /></span> +<span class="i0">Mit welchem sie vom Hof den Kopf betäubt mir haben.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_108" id="page_108">108</a></span> +<span class="i2">Nachbringen sollst du heut beim Weine, Gew, mir dessen<br /></span> +<span class="i0">Beschreibung, weil beim Wein sie gestern ward vergeßen.<br /></span> +<span class="i2">Kommt, setzet euch, und laßt uns hören vom Suhrab,<br /></span> +<span class="i0">Was Gew zu sagen weiß, ob dieser Wunderknab<br /></span> +<span class="i0">Ist wirklich einzig auf der Welt der weiße Rab!<br /></span> +<span class="i2">So sprach er, und zuerst hinpflanzt' er seine Glieder;<br /></span> +<span class="i0">Der Bruder durfte nichts, der Eidam nichts dawider<br /></span> +<span class="i0">Ihm sagen; wie er saß, setzten sich beide nieder.<br /></span> +<span class="i2">Sewar, der Bruder, rechts, der Eidam Gew zur Linken,<br /></span> +<span class="i0">Bei Rostem saßen sie, und er begann zu trinken.<br /></span> +<span class="i2">Sie saßen beim Gelag, und hatten guten Tag;<br /></span> +<span class="i0">Das Fest geschmückt war wie ein Himmelsrosenhag,<br /></span> +<span class="i0">Mit Glanz und Tanz und Sang und Klang und Lautenschlag.<br /></span> +<span class="i2">Beim Trinken sprachen sie, bis sie den Tag hinab<br /></span> +<span class="i0">Getrunken und herbei den Schlummer, von Suhrab.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_109" id="page_109">109</a></span><a name="s_50" id="s_50"></a>50.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>es andern Morgens trat der Bote reisefertig<br /></span> +<span class="i0">Zum Pehlewan, und war des Aufbruchs nun gewärtig.<br /></span> +<span class="i2">Er wartete, und sah daß nicht von selbst aufbrach<br /></span> +<span class="i0">Rostem, da faßte Gew sich nun ein Herz und sprach.<br /></span> +<span class="i2">Bedachtsam sprach er: Held! vernimm ein Wort in Huld!<br /></span> +<span class="i0">Nun reize länger nicht des Schahes Ungeduld!<br /></span> +<span class="i2">Kawus, das weißt du ja, ist jäh in jedem Ding;<br /></span> +<span class="i0">Und diese Sache wiegt ihm keineswegs gering.<br /></span> +<span class="i2">Drum sandt er Botschaft dir durch keinen andern Boten<br /></span> +<span class="i0">Als deinen Tochtermann, und Eil hat er geboten.<br /></span> +<span class="i2">Denn dieser junge Türk ist ihm ein großer Kummer,<br /></span> +<span class="i0">Der Eß- und Trinkens-Lust und Ruh ihm raubt und Schlummer.<br /></span> +<span class="i2">Und wenn wir länger noch in Sabulistan säumen,<br /></span> +<span class="i0">Wird ihm das weite Reich zu eng in allen Räumen.<br /></span> +<span class="i0">Sprich, lieber Schwäher, soll ich dir den Rachs nicht zäumen?<br /></span> +<span class="i2">Im ungefügen Zorn möcht er sich uns erbosen;<br /></span> +<span class="i0">Zorn des Gebietenden bringt Boten keine Rosen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_110" id="page_110">110</a></span> +<span class="i2">Zu ihm sprach Rostem: Laß dir das nicht Sorge werden!<br /></span> +<span class="i0">Niemand darf zürnen mir und meinem Tun auf Erden.<br /></span> +<span class="i2">Keikawus weiß das wol, daß er zu dieser Frist<br /></span> +<span class="i0">Durch Rostems Macht allein in Iran König ist.<br /></span> +<span class="i2">Er weiß auch, daß mein Schwert ihn nie im Stiche ließ,<br /></span> +<span class="i0">Wo oft in Ungemach sein toller Mut ihn stieß.<br /></span> +<span class="i2">Doch heute dünkt es selbst mir Zeit nun aufzubrechen;<br /></span> +<span class="i0">Nun wollen wir es erst beim Morgentrunk besprechen.<br /></span> +<span class="i2">So sprach er, und alsbald mit Prachtgepräng und Prunk<br /></span> +<span class="i0">Ließ er bestellen dort im Saal den Morgentrunk.<br /></span> +<span class="i2">Die Flasche neigt' er tief, und hob den Becher hoch,<br /></span> +<span class="i0">Mit seinem Eidam sprach er dieß und jenes noch.<br /></span> +<span class="i2">Den Sattel nun gebot er auf den Rachs zu heben,<br /></span> +<span class="i0">Und ließ dem ehrnen Mund der Zinken Atem geben.<br /></span> +<span class="i2">Die Krieger Sabuls, wie sie hörten Rostems Zinke,<br /></span> +<span class="i0">Rings strömten sie herbei, willfärig seinem Winke.<br /></span> +<span class="i2">Er übersah mit einem Blick die starke Schar,<br /></span> +<span class="i0">Und merkte, daß kein Ding der Welt zu schwer ihm war.<br /></span> +<span class="i2">Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,<br /></span> +<span class="i0">Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.<br /></span> +<span class="i2">Rostem ritt im Gespräch mit Gew voraus, es war<br /></span> +<span class="i0">Hauptmann bei Sabuls Heer an seiner Statt Sewar.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_111" id="page_111">111</a></span><a name="s_51" id="s_51"></a>51.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>ie Kunde kam zur Stadt, Rostem sei auf den Wegen;<br /></span> +<span class="i0">Die Fürsten zogen ihm eine Tagreis' entgegen:<br /></span> +<span class="i2">Ferabors, Guders, Tus, Keschwad, Schedosch, Roham,<br /></span> +<span class="i0">Gurase, Gurgin, Milad, Fehrhad und Behram.<br /></span> +<span class="i2">Ferabors, Sohn des Schachs, und der Kronfeldherr Tus,<br /></span> +<span class="i0">Samt allen übrigen, mit ehrerbietigem Gruß,<br /></span> +<span class="i0">Entgegen traten sie dem reitenden zu Fuß.<br /></span> +<span class="i2">Zu Fuß hernieder trat auch Rostem von dem Ross,<br /></span> +<span class="i0">Grüßend, und im Geleit hinwandelt' er zum Schloß.<br /></span> +<span class="i2">Hinwandelten zum Schloß vergnügt und unbeklommen<br /></span> +<span class="i0">Alle, sie waren froh, daß Rostem nur gekommen.<br /></span> +<span class="i2">So traten sie im Chor dort in die offne Halle<br /></span> +<span class="i0">Des Throns, mit offnem Blick und offnem Herzen alle.<br /></span> +<span class="i2">Doch wie sie grüßend sich dem goldnen Thron geneigt,<br /></span> +<span class="i0">Saß droben Keikawus finster und ungeneigt.<br /></span> +<span class="i2">Dem Ruf der Huldigung gab er die Antwort nicht,<br /></span> +<span class="i0">Und schweigend wendet' er von ihnen sein Gesicht;<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_112" id="page_112">112</a></span> +<span class="i2">Worauf er gegen Gew erst einen Schrei ausstieß,<br /></span> +<span class="i0">Und gegen Rostem dann den Unmut frei ausließ:<br /></span> +<span class="i2">Wer ist Rostem, daß er ein Wort aus meinem Munde<br /></span> +<span class="i0">Mit Füßen tritt, und sich entziehet meinem Bunde?<br /></span> +<span class="i2">Hätt ich ein Schwert zur Hand, ich wollte laßen tanzen<br /></span> +<span class="i0">Vom stolzen Rumpf sein Haupt gleich einer Pomeranzen.<br /></span> +<span class="i2">Tus, greife mir das Paar, und führe sie davon,<br /></span> +<span class="i0">Bring an den Galgen mir Schwäher und Schwiegersohn!<br /></span> +<span class="i2">Er riefs, und sprang vor Zorn auf seinem Thron empor,<br /></span> +<span class="i0">Auflodernd ungestüm alswie ein Feur im Rohr.<br /></span> +<span class="i2">Der ganze Kreiß umher der Fürsten war betroffen,<br /></span> +<span class="i0">Daß seinen Zorn der Schah so durft auslaßen offen.<br /></span> +<span class="i2">Tus zauderte und wagt' an Rostem nicht die Hand<br /></span> +<span class="i0">Zu legen, da geriet Keikawus erst in Brand.<br /></span> +<span class="i2">Er brüllte durch den Saal alswie ein Leu im Forste,<br /></span> +<span class="i0">Und schrie vom Throne wie ein Adler kreischt vom Horste:<br /></span> +<span class="i2">Verräter, wer die Hand nicht legt an den Verräter!<br /></span> +<span class="i0">Ein Uebertreter, wer nicht greift den Uebertreter!<br /></span> +<span class="i2">Fort mit ihm auf der Stell, aus meinen Augen fort!<br /></span> +<span class="i0">Und sagt dagegen mir kein unverständig Wort!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_113" id="page_113">113</a></span><a name="s_52" id="s_52"></a>52.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o schnaubt' er, und vor Leid dem Tus das Herz zerbrach,<br /></span> +<span class="i0">Daß er an Rostem sollt anlegen Hand mit Schmach.<br /></span> +<span class="i2">Er faßt' ihn, nur damit er ihn aus dem Gesichte<br /></span> +<span class="i0">Dem Kawus brächte, bis man dessen Zorn beschwichte.<br /></span> +<span class="i2">Die Fürsten staunten, wie er faßte Rostems Hand,<br /></span> +<span class="i0">Und Rostem wars allein, der nichts davon empfand.<br /></span> +<span class="i2">Denn Rostems Seele schwoll von Groll und Unmut voll,<br /></span> +<span class="i0">Daß vor den Fürsten ihm der Schah das bieten soll!<br /></span> +<span class="i2">Er richtet' um ein Haupt noch höher sich empor,<br /></span> +<span class="i0">Und um die Schultern schien er breiter als zuvor.<br /></span> +<span class="i2">Dann tat er seinen Mund zu kühnen Reden auf,<br /></span> +<span class="i0">Frei gegen Kawus ließ er seinem Zorn den Lauf:<br /></span> +<span class="i2">Wer bist du, und wer ich, daß du so gegen mich<br /></span> +<span class="i0">Darfst schnauben? auf der Welt bist du ein Schah durch mich.<br /></span> +<span class="i2">Droh mit dem Galgen doch dem Suhrab, der dich schreckt,<br /></span> +<span class="i0">Dem Ritter nicht, der dir den Feind zu Boden streckt!<br /></span> +<span class="i2">Bin ich dein Untertan? Ich bin der Pehlewan<br /></span> +<span class="i0">Des Reiches Iran und Fürst in Sabulistan.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_114" id="page_114">114</a></span> +<span class="i2">Ich bin Tehemten, der, wenn er den Fuß im Grimm<br /></span> +<span class="i0">Stampft auf den Grund, der Grund erzittert unter ihm.<br /></span> +<span class="i2">Von meines Rosses Huf erhallt des Himmels Dom,<br /></span> +<span class="i0">Und staunend still, wo es vorbeirennt, steht der Strom.<br /></span> +<span class="i2">Ich bin der Rostem, sieggekrönt und ruhmgeschmückt,<br /></span> +<span class="i0">Der wol um einen Schah wie du den Kopf nicht bückt!<br /></span> +<span class="i2">Der Sattel ist mein Thron, der Helm ist meine Krone;<br /></span> +<span class="i0">Ich spotte deiner Kron, und trotze deinem Throne.<br /></span> +<span class="i2">Wer ist Kawus, daß er an mir den Zorn auslaße!<br /></span> +<span class="i0">Und wer ist Tus, daß er mich bei der Hand erfaße!<br /></span> +<span class="i2">Er riefs, und auf die Hand gab er solch einen Schlag<br /></span> +<span class="i0">Dem Tus, daß er davon betäubt am Boden lag.<br /></span> +<span class="i2">Hin über ihn und durch die andern schritt er stracks<br /></span> +<span class="i0">Zu Hall und Hof hinaus, und schwang sich auf den Rachs.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_115" id="page_115">115</a></span><a name="s_53" id="s_53"></a>53.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>ie Fürsten drängten aus dem Saal ihm hinterdrein,<br /></span> +<span class="i0">Den Kawus ließen sie mit seinem Zorn allein.<br /></span> +<span class="i2">Sie eilten in den Hof, da saß der Rostem hoch<br /></span> +<span class="i0">Auf seinem Sattel schon, und sprach vom Sattel noch:<br /></span> +<span class="i2">Heim reit ich nun sogleich nach Sabul, in mein Reich;<br /></span> +<span class="i0">Dort bin ich König selbst, dem König Kawus gleich.<br /></span> +<span class="i2">Mag ohne Widerstand ganz Iran in die Hand<br /></span> +<span class="i0">Von Turan fallen! ich behaupte wol mein Land.<br /></span> +<span class="i2">Mag euch wie den Hedschir Suhrab vom Rosse stechen,<br /></span> +<span class="i0">Und wie das weiße Schloß die Königsburg hier brechen!<br /></span> +<span class="i2">Ich wehr ihm nicht, und wer wird ohne mich ihm wehren?<br /></span> +<span class="i0">Euch allen rat ich, daß ihr mögt nach Hause kehren!<br /></span> +<span class="i0">Kein edler Ritter dient solch einem Herrn mit Ehren.<br /></span> +<span class="i2">Ein Hitzkopf sollte doch die Herrschaft nie erwerben!<br /></span> +<span class="i0">Er stürzt das Land und stürzt sich selber ins Verderben.<br /></span> +<span class="i2">O möcht ein Fürstensproß doch aus der Art nie schlagen,<br /></span> +<span class="i0">Kein toller Sohn den Reif nach weisem Vater tragen!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_116" id="page_116">116</a></span> +<span class="i2">Hab ich den Keikobad vom Berg Albors gebracht<br /></span> +<span class="i0">Dazu, ihn auf den Thron gesetzt durch meine Macht,<br /></span> +<span class="i0">Daß Keikawus, sein Sohn, sich nun mir unnütz macht?<br /></span> +<span class="i2">Die Fürsten wißen, daß sie selbst zum König mich<br /></span> +<span class="i0">Begerten! damals setzt ich ein als König dich!<br /></span> +<span class="i2">Und hätt ich dort gewollt annemen Kron und Reif,<br /></span> +<span class="i0">So trügest du nicht jetzt den Nacken hoch und steif.<br /></span> +<span class="i2">Darum mishandle nur mit schnöden Worten mich!<br /></span> +<span class="i0">Ich habs um dich verdient! warum erhöht ich dich?<br /></span> +<span class="i2">Doch dächten so wie ich die Fürsten, auf dem Thron<br /></span> +<span class="i0">Ließen sie dich allein, und giengen auch davon.<br /></span> +<span class="i2">Lebt wol! in euerm Land seht ihr mich nimmer wieder;<br /></span> +<span class="i0">Eur Land und euch kauf ich nicht um ein Krähengefieder!<br /></span> +<span class="i2">So rief er, und im Zorn gab er dem Rachs die Sporen,<br /></span> +<span class="i0">Spornstreichs ritt er hinaus zum Hof und zu den Toren.<br /></span> +<span class="i2">Wol eine Meile Wegs ritt er auf Sabul zu,<br /></span> +<span class="i0">Dann sucht' er gegen Nacht in einer Herberg Ruh.<br /></span> +<span class="i2">Sein Zorn kühlt' in der Nacht; er harrte, bis Sewar,<br /></span> +<span class="i0">Sein Bruder, käme nach mit Sabulistans Schar.<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_6" id="buch_6"></a><a href="#inhalt">Sechstes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_54" id="s_54"></a>54.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>ie Fürsten sahn ihm nach, verstöreter Geberde;<br /></span> +<span class="i0">Denn Rostem war der Hirt, sie alle seine Herde.<br /></span> +<span class="i2">Zu Guders sprachen sie: Guders! dieß ist dein Teil;<br /></span> +<span class="i0">Durch deine Hand nur kann der Bruch uns werden heil.<br /></span> +<span class="i2">Der König hört von dir am ersten noch ein Wort,<br /></span> +<span class="i0">Und deiner Söhne Heer sind ihm ein werter Hort.<br /></span> +<span class="i2">Geh hin zum Schah, und auf die Flamme seines Zornes<br /></span> +<span class="i0">Spreng einen kühlen Thau aus Füllen deines Bornes!<br /></span> +<span class="i2">Sprich Worte lind und stark, ihm zur Beschwichtigung,<br /></span> +<span class="i0">Zu dieser mislichen Ergangs Berichtigung!<br /></span> +<span class="i2">Gew, aber du sitz auf, und reit dem Schwäher nach,<br /></span> +<span class="i0">Hol ihn uns ein, eh er nach Sabul heimfärt jach!<br /></span> +<span class="i2">Der Gew saß auf und ritt, zusammen saß der Rat<br /></span> +<span class="i0">Der Fürsten, weil den Gang Guders zum Schloß antrat.<br /></span> +<span class="i2">Sie sprachen unter sich voll Kummer und Verdruß,<br /></span> +<span class="i0">Daß heute nicht der Schah that, wie ein König muß;<br /></span> +<span class="i2">Daß er mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,<br /></span> +<span class="i0">Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_120" id="page_120">120</a></span> +<span class="i2">Der Edlen Freundschaft müß ihm wol nicht nahe gehn,<br /></span> +<span class="i0">Daß er so rücksichtlos beschimpft den Edelsten!<br /></span> +<span class="i2">Der auf den Thron ihn hob, und der in jeder Far<br /></span> +<span class="i0">Die Stütze seines Throns und Irans Zuflucht war!<br /></span> +<span class="i2">Wenn an den Galgen er dafür will Rostem henken:<br /></span> +<span class="i0">An was dann sollen wir, als schnelle Flucht nur, denken?<br /></span> +<span class="i2">Denn ohne Rostem ist in Iran uns kein Halt,<br /></span> +<span class="i0">Erliegen werden wir vor Turans Kampfgewalt;<br /></span> +<span class="i2">Wenn nicht noch diese Nacht der Schah sich läßt erbitten,<br /></span> +<span class="i0">Ihn zu besänftigen, eh er nach Haus geritten.<br /></span> +<span class="i2">So ratlos hielten dort die Fürsten ihren Rat,<br /></span> +<span class="i0">Indess Guders hinan zum zorngen König trat.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_121" id="page_121">121</a></span><a name="s_55" id="s_55"></a>55.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r sah ihn auf dem Thron in düsterm Unmut sitzen,<br /></span> +<span class="i0">Gleich einer Wolke, die sich hat erschöpft mit Blitzen,<br /></span> +<span class="i2">Geneigt, nachdem sie ausgewettert hat, zu regnen;<br /></span> +<span class="i0">So wagte Guders ihm mit Worten zu begegnen:<br /></span> +<span class="i2">O Fürst, ein König ist Haupt über Volk und Land;<br /></span> +<span class="i0">Der Kopf soll haben für den ganzen Leib Verstand.<br /></span> +<span class="i2">Wer guten Rat nicht hat, soll guten Rat annemen,<br /></span> +<span class="i0">Und schlimmgemachtes gut zu machen sich nicht schämen.<br /></span> +<span class="i2">Du hast ein harsches Wort zum Schaden und zur Schmach<br /></span> +<span class="i0">Entsendet, send ihm auf dem Fuß ein sanftes nach!<br /></span> +<span class="i2">Du hast mit raschem Wort solch einen Mann gekränkt,<br /></span> +<span class="i0">Den zu beleidigen ein Kluger sich bedenkt.<br /></span> +<span class="i2">Nicht gegen Rostem hast du deinen Zorn bezämt;<br /></span> +<span class="i0">Die Edlen, weil sie ihn beschimpft sehn, sind beschämt:<br /></span> +<span class="i0">Gestumpft ist Irans Schwert, des Mutes Arm gelämt.<br /></span> +<span class="i2">Wenn jener Türke nun mit seiner Heermacht Wellen<br /></span> +<span class="i0">Daherbraust, welchen Damm willst du entgegen stellen?<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_122" id="page_122">122</a></span> +<span class="i2">Der Gesdehem, der all die Deinen groß und klein<br /></span> +<span class="i0">Von Hörensagen kennt, und kennt von Augenschein,<br /></span> +<span class="i2">Sagt, daß dem Suhrab gleich in Iran kein Verwegner<br /></span> +<span class="i0">Noch Turan sei, für ihn sei auf der Welt kein Gegner,<br /></span> +<span class="i2">Als Rostem, den du nun durch ungestüme Hast<br /></span> +<span class="i0">Des Herzens dir, dem Land und uns entwendet hast!<br /></span> +<span class="i2">Warum? weil einen Tag zulang er ausgeblieben,<br /></span> +<span class="i0">Hast du ihn lieber gar auf immer fortgetrieben!<br /></span> +<span class="i2">Weil er drei Tage lang zu Haus uns hat gesäumt,<br /></span> +<span class="i0">Sehn wir das Feld der Schlacht nun ganz von ihm geräumt!<br /></span> +<span class="i2">Die Fürsten alle, die Heil wünschen deinem Thron,<br /></span> +<span class="i0">Die Fürsten all, o Fürst! Ferabors auch, dein Sohn,<br /></span> +<span class="i2">Einmütig haben sie zu deines Thrones Stufen<br /></span> +<span class="i0">Mich hergesandt, zu flehn, Rostem zurück zu rufen!<br /></span> +<span class="i2">Ferabors schützt dich nicht, dein Sohn, o Keikawus,<br /></span> +<span class="i0">Wie stark er sei, dich schützt nicht dein Kronfeldherr Tus,<br /></span> +<span class="i2">Noch all die andern sonst, die deinem Zepter fröhnen;<br /></span> +<span class="i0">Ich schütze selbst dich nicht mit meinen achtzig Söhnen.<br /></span> +<span class="i2">Sie werden alle nicht schnell wie Hedschir erliegen,<br /></span> +<span class="i0">Doch ohne Rostem sind wir nicht im Stand zu siegen.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_123" id="page_123">123</a></span><a name="s_56" id="s_56"></a>56.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach der edle Greis und schwieg, doch Kawus nam<br /></span> +<span class="i0">Zu Herzen, daß der Rat aus gutem Sinne kam.<br /></span> +<span class="i2">Zu Guders sprach er: Wolgesprochen ist das Wort<br /></span> +<span class="i0">Der Alten: Greisenmund voll Rates ist ein Hort.<br /></span> +<span class="i2">Mich reuts, es reuete mich schon, was ich im Kochen<br /></span> +<span class="i0">Des ungestümen Bluts Verletzendes gesprochen.<br /></span> +<span class="i2">Geht schnell dem Rostem nach, den Ritter zu beschwichtigen,<br /></span> +<span class="i0">Und bringt ihn her, damit wir das Versehn berichtigen!<br /></span> +<span class="i2">Mit großer Freude nam Guders das gute Wort;<br /></span> +<span class="i0">Heil, rief er, sei dem Schah! und gieng in Freude fort<br /></span> +<span class="i2">Zur Ratsversammlung dort, die harrten ungeduldig<br /></span> +<span class="i0">Ob huldig jetzt der Schah sei oder noch unhuldig.<br /></span> +<span class="i2">Denn unstet immerhin ist eines Fürsten Sinn;<br /></span> +<span class="i0">Da stiftet Schaden bald ein Wort und bald Gewinn.<br /></span> +<span class="i2">Das Wort ist gleich dem Oel, doch eines Königs Mut<br /></span> +<span class="i0">Ist bald wie Meeresflut, und bald wie Feuerglut.<br /></span> +<span class="i2">Das Oel, gegoßen in die Flamm, erneut ihr Leben;<br /></span> +<span class="i0">Gegoßen auf die Flut, macht es die Wogen eben.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_124" id="page_124">124</a></span> +<span class="i2">Drum waren hocherfreut die Fürsten allzusammen,<br /></span> +<span class="i0">Daß dort auf Wogen traf das Oel, und nicht auf Flammen.<br /></span> +<span class="i2">Sie fühlten ihre Brust von einem Band entkettet,<br /></span> +<span class="i0">Und von dem Dornenpfül auf Rosen sich gebettet,<br /></span> +<span class="i2">Als Guders Kunde gab, wie sich die Flut geglättet,<br /></span> +<span class="i0">Und riefen eines Munds: Nun ist Iran gerettet!<br /></span> +<span class="i2">Zurückgewonnen ist dem Reich sein Pehlewan,<br /></span> +<span class="i0">Der ihm des Sieges Bahn vorangeht auf Turan.<br /></span> +<span class="i2">Nun laßt den Ritter uns nur unterwegs einholen,<br /></span> +<span class="i0">Eh noch in Sabul er vom Fuße schnallt die Solen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_125" id="page_125">125</a></span><a name="s_57" id="s_57"></a>57.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u Rosse stiegen sie, und ritten bei der Nacht<br /></span> +<span class="i0">Hinaus, wo Botschaft schon dem Rostem Gew gebracht.<br /></span> +<span class="i2">Er hörte den Bericht vom Eidam an verdroßen,<br /></span> +<span class="i0">Und blieb zur Heimkehr nach Sabulistan entschloßen,<br /></span> +<span class="i2">Sobald nur mit der Schar ihm käme nach Sewar;<br /></span> +<span class="i0">Statt dessen stellten sich ihm jetzt die Fürsten dar.<br /></span> +<span class="i2">Zu bitten traten sie hinan zum Pehlewan,<br /></span> +<span class="i0">Der, wie er nahn sie sah, aufstand sie zu empfahn;<br /></span> +<span class="i0">Doch Guders trat voran, und hub zu bitten an:<br /></span> +<span class="i2">Wir bitten dich vom Schah, ich komm in seinem Namen;<br /></span> +<span class="i0">Sieh alle Fürsten hier, die dich zu bitten kamen!<br /></span> +<span class="i2">Für Iran bitten wir, dess Pehlewan du bist,<br /></span> +<span class="i0">Für Irans Volk, das dir zum Schutz empfolen ist;<br /></span> +<span class="i2">Für seine Jünglinge, die kämpfen lernen sollen,<br /></span> +<span class="i0">Für seine Männer, die im Kampf dir folgen wollen;<br /></span> +<span class="i2">Für seine Greise, die sich selber nicht mehr nützen,<br /></span> +<span class="i0">Für seine Kinder, die sich noch nicht können stützen,<br /></span> +<span class="i0">Für seine Fraun, die du versprochen hast zu schützen!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_126" id="page_126">126</a></span> +<span class="i2">Warum willst du zum Raub der Türken hin uns werfen,<br /></span> +<span class="i0">Weil dich ein Königswort verletzt mit bittern Schärfen?<br /></span> +<span class="i2">Du weißt ja, daß Kawus hat wenig Hirn im Haupt,<br /></span> +<span class="i0">Und heftger Zorn ihn oft des Sinnes gar beraubt;<br /></span> +<span class="i0">Dann ist sein Wort nicht fein, wenn er im Unmut schnaubt.<br /></span> +<span class="i2">Er spricht geschwind ein Wort, das er geschwind bereut,<br /></span> +<span class="i0">Worauf er schnell die Hand auch zur Versöhnung beut;<br /></span> +<span class="i0">Er bietet sie durch uns, weis' uns zurück nicht heut!<br /></span> +<span class="i2">Ist doch kein giftges Schwert das Wort, das dich gestochen!<br /></span> +<span class="i0">Und zürnest du dem Schah um das, was er gesprochen;<br /></span> +<span class="i0">Doch die Iranier, was haben sie verbrochen,<br /></span> +<span class="i2">Daß du sie strafen willst für seinen Unverstand,<br /></span> +<span class="i0">Dein Angesicht in Nacht abwenden ihrem Land?<br /></span> +<span class="i0">Doch auch der Schah streckt dir entgegen seine Hand.<br /></span> +<span class="i2">Er ist der Schah, und hat zu lohnen und zu spenden;<br /></span> +<span class="i0">Vergelten wird er dir mit voller Gnade Händen<br /></span> +<span class="i0">Den Zorn und den Verdruß; Verdruß und Zorn laß enden!<br /></span> +<span class="i2">Und folg uns mit dem Rachs zu dem, der uns geschickt,<br /></span> +<span class="i0">Dem Schah, der schon vom Thron nach dir erwartend blickt.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_127" id="page_127">127</a></span><a name="s_58" id="s_58"></a>58.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Rostem sprach: Er mag nach mir nur lange blicken!<br /></span> +<span class="i0">Solch edle Boten hat er nun nicht mehr zu schicken.<br /></span> +<span class="i2">Wenn diese nicht an mir verdienten Botenbrot,<br /></span> +<span class="i0">Wer tuts ihm dann? Er ist mir ganz und gar nicht Not;<br /></span> +<span class="i0">Ich will nicht sein Geschenk, und will nicht sein Gebot.<br /></span> +<span class="i2">Nach Sabul kehr ich heim, wo ich ein König bin<br /></span> +<span class="i0">Wie Kawus, walten kann ich dort nach meinem Sinn.<br /></span> +<span class="i2">Hier sind ja Ritter gnug, die Marken zu verteidigen!<br /></span> +<span class="i0">Er soll nur alle wie den einen nicht beleidigen!<br /></span> +<span class="i2">Ich aber zieh nach Haus, die Waffen leg ich nieder<br /></span> +<span class="i0">In Frieden, und erheb im Leben sie nicht wieder<br /></span> +<span class="i2">Zu Kampf und Schlachten, Blutvergießen, Mord und Wut;<br /></span> +<span class="i0">Dem allem sag ich ab und hege Friedensmut.<br /></span> +<span class="i2">Ich hab in Ehren lang genug das Schwert gefürt,<br /></span> +<span class="i0">Und habe nun vom Schah den Lohn, der mir gebürt.<br /></span> +<span class="i2">Warum half aus der Not ich ihm sooft, und bot<br /></span> +<span class="i0">Die Hand, wenn Unverstand den Fuß ihm bracht in Kot?<br /></span> +<span class="i0">Dafür hat er mir mit dem Galgen nun gedroht;<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_128" id="page_128">128</a></span> +<span class="i2">Weil ich ihm aufgetan einst in Masenderan<br /></span> +<span class="i0">Den Kerker, wohinein sein Unsinn ihn getan;<br /></span> +<span class="i2">Als von den Zauberern, Schwarzkünstlern und Dämonen<br /></span> +<span class="i0">Er sich hinlocken ließ, die dort im Lande wohnen.<br /></span> +<span class="i2">Des Landes Frühlingsglanz und goldner Schätze Reiz<br /></span> +<span class="i0">Verlockte seine Lust, verlockte seinen Geiz,<br /></span> +<span class="i2">Bis er mit seinem Heer und euch, ihr Fürsten, allen<br /></span> +<span class="i0">Dort war in die Gewalt der bösen Macht gefallen:<br /></span> +<span class="i0">Wer mußt euch da befrein, als ich, aus Teufelskrallen?<br /></span> +<span class="i2">Doch was ich sonst getan für ihn und sein Iran<br /></span> +<span class="i0">Und euch, ihr wißt es noch: was gehts mich ferner an?<br /></span> +<span class="i2">Ich eile nun im Nu zur langen Waffenruh,<br /></span> +<span class="i0">Und meine wol, ich bin nicht mehr zu jung dazu.<br /></span> +<span class="i2">Ein Adler, der sich schwang wol ein Jahrhundert lang<br /></span> +<span class="i0">Zur Sonn, am Ende wird ermatten auch sein Drang.<br /></span> +<span class="i2">Als ich aus Sabul ritt, da war mir schwer zu Mut,<br /></span> +<span class="i0">Als wär mir dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut.<br /></span> +<span class="i2">Auch stolperte mein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt,<br /></span> +<span class="i0">Und Helm und Schien hat mich zum erstenmal gedrückt.<br /></span> +<span class="i2">Jetzt auf dem Heimweg ist mir leichter in der Nacht,<br /></span> +<span class="i0">Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht.<br /></span> +<span class="i0">Geht heim zum Schah, sagt, daß ihr mich nicht mitgebracht!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_129" id="page_129">129</a></span><a name="s_59" id="s_59"></a>59.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Guders sprach: Ist das, Rostem, dein letztes Wort?<br /></span> +<span class="i0">Und also sendest du mich und die Fürsten fort?<br /></span> +<span class="i2">Was wird der Schah von dir, was werden Edle denken?<br /></span> +<span class="i0">Unedle gar, worauf wird sich ihr Denken lenken?<br /></span> +<span class="i2">Vor jenem Türken ist der Held von Iran scheu;<br /></span> +<span class="i0">Den alten Löwen schreckt vom Berg der junge Leu.<br /></span> +<span class="i0">Held Rostem fürchtet sich! das ist an Rostem neu.<br /></span> +<span class="i2">Wer, wenn er flieht, soll stehn? wer, wenn er wankt, soll dauern?<br /></span> +<span class="i0">Wer, wenn er zagt, soll gehn zum Kampfplatz ohne Schauern?<br /></span> +<span class="i2">Denn, wie ihn Gesdehem beschreibt, ist kein Verwegner<br /></span> +<span class="i0">Dem Suhrab gleich, für ihn ist auf der Welt kein Gegner,<br /></span> +<span class="i2">Als Rostem, Sabuls Held; und wenn nun Rostem flieht,<br /></span> +<span class="i0">Wer soll verteidigen vor Suhrab das Gebiet?<br /></span> +<span class="i2">So muß dem Adler, der sich ein Jahrhundert lang<br /></span> +<span class="i0">Zur Sonne schwang, am End ermatten auch sein Drang!<br /></span> +<span class="i2">Drum war ihm, als er ritt aus Sabul, schwer zu Mut,<br /></span> +<span class="i0">Als wär ihm dießmal in den Krieg zu ziehn nicht gut!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_130" id="page_130">130</a></span> +<span class="i2">Drum stolperte sein Rachs, dem nie ein Tritt misglückt,<br /></span> +<span class="i0">Und Helm und Schien hat ihn zum erstenmal gedrückt!<br /></span> +<span class="i2">Jetzt auf dem Heimweg ist ihm leichter in der Nacht,<br /></span> +<span class="i0">Und freudewiehernd hat den Rückritt Rachs gemacht!<br /></span> +<span class="i2">Am Hofe hör ich schon von Rostem dieß Gerede<br /></span> +<span class="i0">Und in der Stadt; wo bleibt dein Ruhm in dieser Fehde?<br /></span> +<span class="i2">Willst du nicht unsern Wunsch und deines Schahes stillen,<br /></span> +<span class="i0">Tu's nur um deines Ruhms, um deines Namens willen!<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem sprach: daß Furcht nie Rostems Herz empfand,<br /></span> +<span class="i0">Und nie empfinden wird, das weiß wol dieses Land.<br /></span> +<span class="i2">Wie aber kann ich hier mit gutem Willen bleiben,<br /></span> +<span class="i0">Da mich von hinnen selbst des Schachs Scheltworte treiben?<br /></span> +<span class="i2">Guders mit Nachdruck sprach: Wenn dich sein Wort vertrieb,<br /></span> +<span class="i0">Sein Wort ruft dich zurück; so folg ihm, uns zu lieb!<br /></span> +<span class="i2">Rostem mit Zögern sprach zu seinem Tochtermann:<br /></span> +<span class="i0">Gew, sattle mir den Rachs, weil ichs nicht weigern kann.<br /></span> +<span class="i2">Nach Hause kann ich nun allein nicht, weil Sewar,<br /></span> +<span class="i0">Mein Bruder, wie es scheint, nicht nachkommt mit der Schar.<br /></span> +<span class="i2">Gew sattelte geschwind, und alle saßen auf,<br /></span> +<span class="i0">Den Rostem führten sie zur Stadt im Siegeslauf.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_131" id="page_131">131</a></span><a name="s_60" id="s_60"></a>60.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u Hofe führten sie im Zug den Pehlewan,<br /></span> +<span class="i0">Die Pforten fanden sie weit offen aufgetan.<br /></span> +<span class="i2">Als er ihn kommen sah, der Schah eilt' aufzustehn,<br /></span> +<span class="i0">Und mit Entschuldigung entgegen ihm zu gehn.<br /></span> +<span class="i2">Er sprach: Die Heftigkeit ist mir zur Art gegeben;<br /></span> +<span class="i0">Und wie uns Gott gepflanzt, so wachsen wir im Leben.<br /></span> +<span class="i2">Von diesem neuen Feind, der uns so plötzlich kam,<br /></span> +<span class="i0">Stieg Unmut mir ins Haupt, der mir den Sinn benam.<br /></span> +<span class="i2">Du aber bist der Hort des Reichs, des Heeres Rücken;<br /></span> +<span class="i0">Auf dich nur sind gelegt die Sorgen, die mich drücken.<br /></span> +<span class="i2">Du bist der Edelstein, dem Glanz die Krone dankt;<br /></span> +<span class="i0">Du bist der Fels, auf den gebaut der Thron nicht wankt.<br /></span> +<span class="i2">Dein Wolsein ists, worauf ich früh den Becher leere,<br /></span> +<span class="i0">Und dein Wolwollen, was ich in der Nacht begere.<br /></span> +<span class="i2">Mit deiner starken Hand halt ich den Herrschaftstab;<br /></span> +<span class="i0">Wir beide stammen ja gerad von Dschemschid ab.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_132" id="page_132">132</a></span> +<span class="i2">Kein andrer steht so nah dem Herzen und dem Thron;<br /></span> +<span class="i0">Mein Leben und mein Reich dank ich dir vielmal schon;<br /></span> +<span class="i0">Und nur mein Dank allein ist deiner Taten Lohn.<br /></span> +<span class="i2">Stehst du bei mir, so mag die Welt entgegenstehn;<br /></span> +<span class="i0">Statt aller wünsch ich nur als Helfer dich zu sehn.<br /></span> +<span class="i2">In dieser Kampfnot auch begert ich dein vor allen;<br /></span> +<span class="i0">Und wie du zögertest, hat mich der Zorn befallen.<br /></span> +<span class="i2">Doch als beleidiget du giengst, o Pehlewan,<br /></span> +<span class="i0">Hat mir die Reu sogleich den Staub aufs Haupt getan.<br /></span> +<span class="i2">So sprach der Schah und schwieg; doch Rostem sprach: die Welt<br /></span> +<span class="i0">Ist dein, ich bin darin zu deinem Dienst bestellt.<br /></span> +<span class="i2">Gehorchen meine Pflicht, Befelen ist dein Recht;<br /></span> +<span class="i0">Ich beuge mich, du bist der Herr, ich bin der Knecht,<br /></span> +<span class="i2">Bereit, wohin du rufst, auf deinen Ton zu gehn,<br /></span> +<span class="i0">Der Diener niedrigster an deinem Thron zu stehn.<br /></span> +<span class="i2">Verpflichtet deinem Hof bin ich zu Dienstentrichtung,<br /></span> +<span class="i0">Dafern ich würdig bin so ehrender Verpflichtung.<br /></span> +<span class="i2">Und wäre Leben mir noch tausend Jahr verliehn,<br /></span> +<span class="i0">So werd ich nie vor dir des Dienstes Gurt ausziehn.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_133" id="page_133">133</a></span><a name="s_61" id="s_61"></a>61.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u Rostem wieder sprach der Schah: O Pehlewan!<br /></span> +<span class="i0">Die Seele bleibe dir hell ewig aufgetan!<br /></span> +<span class="i2">Nie werde dir die Hand, das Schwert zu füren, schwächer,<br /></span> +<span class="i0">Und nie miss' Irans Land den Ritter und den Rächer!<br /></span> +<span class="i2">Die neuen Dienste, die du wirst im Kampfe tun,<br /></span> +<span class="i0">Wie lohn ich sie? noch unbelohnt sind alte nun.<br /></span> +<span class="i2">Was biet ich heute dir als Gast- und Ehrengabe?<br /></span> +<span class="i0">Was hab ich, das ich nicht durch deinen Beistand habe?<br /></span> +<span class="i2">Was hab ich, das, o Held, du nicht schon selber hast?<br /></span> +<span class="i0">In Sabul ist dein Reich und fürstlicher Palast.<br /></span> +<span class="i2">Du hast das beste Ross, das schönste Sturmgewand,<br /></span> +<span class="i0">Du hast das stärkste Schwert, dazu die stärkste Hand.<br /></span> +<span class="i2">Du bist mit allem ausgerüstet unvergleichlich,<br /></span> +<span class="i0">Im Felde wie zu Haus versehn mit Schätzen reichlich.<br /></span> +<span class="i2">Rostem, was schenk ich dir an diesem Freudentag?<br /></span> +<span class="i0">Wähl ein Geschenk dir selbst, was ich dir bieten mag!<br /></span> +<span class="i2">Rostem verneigte sich und sprach: Ich wills bedenken;<br /></span> +<span class="i0">Inzwischen mag der Schah mir seine Gnade schenken!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_134" id="page_134">134</a></span> +<span class="i2">Er sprachs, da freuten sich die Fürsten groß und klein,<br /></span> +<span class="i0">Da sie gestiftet sahn so gütlichen Verein.<br /></span> +<span class="i2">Zu Guders sprach der Schah: Dir dank ich es, daß du<br /></span> +<span class="i0">Mir noch vor Schlafengehn ins Haus gebracht die Ruh.<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem trat zu Tus, dem tat er nun genug<br /></span> +<span class="i0">Dafür daß unsanft erst er auf die Hand ihm schlug.<br /></span> +<span class="i2">Der Schah rief: bringet Wein und Saitenspiel herein!<br /></span> +<span class="i0">Denn ohne Sang und Klang soll diese Nacht nicht sein.<br /></span> +<span class="i2">Zum Kampf mit Suhrab ziehn wir morgen mit dem Tage,<br /></span> +<span class="i0">Und feiern im Gelag heut seine Niederlage.<br /></span> +<span class="i2">So rief er; und zum Fest ward Wein hereingebracht<br /></span> +<span class="i0">Und Saitenspiel, und hell und klangvoll ward die Nacht.<br /></span> +<span class="i2">Wie Frühlingsgartenpracht war aufgeschmückt das Maal,<br /></span> +<span class="i0">Und Lust war wie ein Bach ergoßen durch den Saal.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_135" id="page_135">135</a></span><a name="s_62" id="s_62"></a>62.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o saßen sie im Haus des Königs nun beim Schmaus;<br /></span> +<span class="i0">Da gieng ein froh Gerücht vom Hof zur Stadt hinaus,<br /></span> +<span class="i2">Das durch die Straßen lief, und durch die Häuser rief,<br /></span> +<span class="i0">Grüßte, was wach noch war, und weckte, was schon schlief.<br /></span> +<span class="i2">Jeder, zu dem es kam, und der den Gruß vernam,<br /></span> +<span class="i0">Dem schwand davon alsbald der Kummer und der Gram,<br /></span> +<span class="i2">Und wuchs die Freudigkeit. Nun aber war beim Wandern<br /></span> +<span class="i0">Das fröhliche Gerücht begegnet einem andern,<br /></span> +<span class="i2">Das war so traurig anzusehn als jenes froh;<br /></span> +<span class="i0">Das frohe hielt es an, eh es ins Dunkel floh.<br /></span> +<span class="i2">Da tat das fröhliche Gerüchte seinen Mund<br /></span> +<span class="i0">Mit Lachen auf und sprach: wer bist du? tu mir kund!<br /></span> +<span class="i2">Und jenes sprach: Ich bin das traurige Gerüchte,<br /></span> +<span class="i0">Daß Rostem, von Kawus gekränkt, aus Iran flüchte.<br /></span> +<span class="i2">Das ist die Botschaft, die durch Stadt und Land ich trage,<br /></span> +<span class="i0">Und jeder wird betrübt, dem ich die Zeitung sage.<br /></span> +<span class="i2">Da sprach das fröhliche: Nun streue keinen Frost<br /></span> +<span class="i0">Der Furcht umher! sei still! denn falsch ist deine Post.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_136" id="page_136">136</a></span> +<span class="i2">Die Wahrheit sag ich dir: Held Rostem sitzt beim Schmaus<br /></span> +<span class="i0">Mit Kawus heut, und zieht zum Kampfe morgen aus.<br /></span> +<span class="i2">Unglaubig schüttelte das traurige Gerücht<br /></span> +<span class="i0">Sein Haupt, es glaubte nicht den fröhlichen Bericht.<br /></span> +<span class="i2">Aber das fröhliche geriet in Zorn, und rang<br /></span> +<span class="i0">So mit dem traurigen, bis es den Feind bezwang.<br /></span> +<span class="i2">Das traurige Gerücht vom fröhlichen danieder<br /></span> +<span class="i0">Geschlagen lag, und stand die Nacht durch auf nicht wieder.<br /></span> +<span class="i2">Froh seines Sieges gieng das fröhliche vondann,<br /></span> +<span class="i0">Und wo es gieng und stand, ward fröhlich Weib und Mann.<br /></span> +<span class="i2">Abwechselnd sprach es ein in Häusern groß und klein,<br /></span> +<span class="i0">Willkommen überall, beliebt wars allgemein.<br /></span> +<span class="i2">Und jeder, dem es noch vor Schlafengehn gebracht<br /></span> +<span class="i0">Ins Haus die Kunde, schlief dann beßer in der Nacht.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_137" id="page_137">137</a></span><a name="s_63" id="s_63"></a>63.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie aber saßen noch beim frohen Maal und tranken,<br /></span> +<span class="i0">Bis sie, vom Wein bekämpft, dem Schlaf zur Beute sanken.<br /></span> +<span class="i2">Doch morgens, als die Sonn ihr goldenes Panier<br /></span> +<span class="i0">Aus Purpurvorhang hob zur Decke von Safier;<br /></span> +<span class="i2">Als auf der stillen Flur der Hirt in seinem Pferche<br /></span> +<span class="i0">Mit seiner Herd erwacht' am Morgenlied der Lerche:<br /></span> +<span class="i2">Da ward die Stadt erweckt von drönendem Metall,<br /></span> +<span class="i0">Von rauhen Erzes Mund und von Heerpaukenschall.<br /></span> +<span class="i2">Da drangen mit Geschrei Kriegsvölker rings herbei,<br /></span> +<span class="i0">Siegsmutig, daß nunmehr bei ihnen Rostem sei.<br /></span> +<span class="i2">Vom eignen Fürer ward gefürt jedwede Schar<br /></span> +<span class="i0">Aus Iran, und es fürt' aus Sabul die Sewar.<br /></span> +<span class="i2">Rostem, der Pehlewan, ritt auf dem Rachs allein;<br /></span> +<span class="i0">Nicht einer Schar, dem Heer gehört' er allgemein.<br /></span> +<span class="i2">Doch jeder Schar den Platz wies an der Feldherr Tus,<br /></span> +<span class="i0">Und Sold aus seinem Schatz der König Keikawus.<br /></span> +<span class="i2">Mit Lust sah Keikawus vorbeiziehn jede Schar,<br /></span> +<span class="i0">Die vom Feldherren Tus ins Feld entboten war.<br /></span> +<span class="i2">Er freute sich des unzählbaren Heergedränges,<br /></span> +<span class="i0">Der kaiserlichen Macht, des fürstlichen Gepränges.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_138" id="page_138">138</a></span> +<span class="i2">Da freut' er sich sosehr an keiner tapfern Schar,<br /></span> +<span class="i0">Als daß der tapferste beim Heere, Rostem, war.<br /></span> +<span class="i2">Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,<br /></span> +<span class="i0">Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.<br /></span> +<span class="i2">Gleich einem Meere kam die Menschenflut in Gang,<br /></span> +<span class="i0">Dem festen Lande ward vor Ueberschwemmung bang.<br /></span> +<span class="i2">Die Berge zitterten, gestampft von ihrem Hufe,<br /></span> +<span class="i0">Und Wolken splitterten, gesprengt von ihrem Wufe.<br /></span> +<span class="i2">Die Sonne sah ihr Bild verhunderttausendfacht<br /></span> +<span class="i0">In jedem blanken Schild, in jeder Rüstung Pracht.<br /></span> +<span class="i2">So stieg der Waffen Glanz und so ihr Schall empor,<br /></span> +<span class="i0">Daß jedes Auge blind, und taub ward jedes Ohr.<br /></span> +<span class="i2">So nickte Helm an Helm, und schwankte Busch und Feder,<br /></span> +<span class="i0">Alswie, vom Sturm bewegt, auf Bergen Tann und Zeder.<br /></span> +<span class="i2">So ragten, Reih an Reih, die dichtgedrängten Speere,<br /></span> +<span class="i0">Alswie auf gutem Feld sich dränget Aehr an Aehre.<br /></span> +<span class="i2">Geschmückt schien, wo das Heer im Schmuck der Waffen fur,<br /></span> +<span class="i0">Mit einem wandelnden Glanzfrühlinge die Flur.<br /></span> +<span class="i2">So blühte, wo es zog, die Au; doch wo vorbei<br /></span> +<span class="i0">Es war gezogen, blieb dahinter Wüstenei;<br /></span> +<span class="i2">Denn abgeweidet ward manch Saatenfeld, und leer<br /></span> +<span class="i0">Getrunken mancher Bach vom Ross- und Menschenheer.<br /></span> +<span class="i2">So zog das Heer zur Grenz in ungehemmtem Lauf,<br /></span> +<span class="i0">Und nah der weißen Burg schlug man das Lager auf.<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_7" id="buch_7"></a><a href="#inhalt">Siebentes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_64" id="s_64"></a>64.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>em Suhrab sagtens an Wachtposten, daß nun kam<br /></span> +<span class="i0">Das Heer, und er vernam die Meldung ohne Gram,<br /></span> +<span class="i2">Vielmehr mit Freude, weil es ihn verdroß, so lange<br /></span> +<span class="i0">Hier oben auf den Gast zu warten zum Empfange.<br /></span> +<span class="i2">Denn alles hatt er längst für solchen Gast bereit,<br /></span> +<span class="i0">Die feste Burg, sein Heer, und seine Tapferkeit.<br /></span> +<span class="i2">Er nam den Baruman, der an den Wällen baute,<br /></span> +<span class="i0">Und fürt' ihn schnell hinauf, wo man ins Freie schaute.<br /></span> +<span class="i2">Dort mit dem Finger zeigt' er deutend, Schar um Schar,<br /></span> +<span class="i0">Dem Baruman das Heer, an dem kein Ende war.<br /></span> +<span class="i2">Wie sich ein Habicht freut, den großen Flug der Tauben<br /></span> +<span class="i0">Zu sehn, von dem er sich nach Lust will eine rauben;<br /></span> +<span class="i2">Es schreckt ihn nicht zumal die Meng, ihn freut die Zal,<br /></span> +<span class="i0">Daß von so vielen er soll haben freie Wal:<br /></span> +<span class="i2">So freute Suhrab sich, das junge Heldenblut,<br /></span> +<span class="i0">Der gegen ihn zum Kampf gezognen Menschenflut.<br /></span> +<span class="i2">Doch Barman, wie er sah das große Heer, ward klein<br /></span> +<span class="i0">Das Herz ihm, und vor Furcht zog er den Atem ein.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_142" id="page_142">142</a></span> +<span class="i2">Zu dem erblaßten sprach der junge Held mit Scherz:<br /></span> +<span class="i0">Bring Farb auf deine Wang, und an sein Fleck dein Herz!<br /></span> +<span class="i2">Sieh, wie im Waffenglanz das Lager ist entglommen!<br /></span> +<span class="i0">Soviele sind um Ruhm zu bringen mir gekommen!<br /></span> +<span class="i2">Der Ruhm ist ewig mein, und würd ich auch erliegen<br /></span> +<span class="i0">So großem Heer; doch hab ich Mut es zu besiegen.<br /></span> +<span class="i2">Solch eine Menschenflut, wie eines Weltmeers Wogen,<br /></span> +<span class="i0">Ist gegen einen Fels im Sturm heran gezogen!<br /></span> +<span class="i2">Aus seiner Ruhe ward Keikawus aufgestört,<br /></span> +<span class="i0">Als meinen Namen er in Istachar gehört.<br /></span> +<span class="i2">In Schreck und Hast hat er um seinen Thron gerafft<br /></span> +<span class="i0">Zusammen jeden Schaft und jedes Armes Kraft;<br /></span> +<span class="i2">Und hergezogen kommt er nun mit allen Helden<br /></span> +<span class="i0">Von Iran, deren Preis in Turan Lieder melden.<br /></span> +<span class="i2">O sage, siehst du nicht dort im Gedränge dicht<br /></span> +<span class="i0">Solch einen Mann, mit dem am liebsten Suhrab ficht!<br /></span> +<span class="i2">Solch einen, der nie bricht die Lanz an einem Wicht,<br /></span> +<span class="i0">Und der vom Sattel gern nur seines gleichen sticht!<br /></span> +<span class="i2">Wovon der Ehre Licht hinfort mein Angesicht<br /></span> +<span class="i0">Bestralt, wenn ich vor ihm bestanden mit Gewicht!<br /></span> +<span class="i0">O siehst du, gib Bericht, solch einen Mann mir nicht?<br /></span> +<span class="i2">So fragt' er ungestüm, doch nicht beim Namen wollte<br /></span> +<span class="i0">Er nennen jenen, der sobald ihn fällen sollte.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_143" id="page_143">143</a></span><a name="s_65" id="s_65"></a>65.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>arauf sprach Baruman: Ich sehe mehr als einen,<br /></span> +<span class="i0">Der Ehre bringen kann; doch welchen magst du meinen?<br /></span> +<span class="i2">Dir lodert hoch der Mut wie eine Feuerglut;<br /></span> +<span class="i0">O falle nicht dein Brand in kalte Waßerflut!<br /></span> +<span class="i2">Der Feuerbrand, wenn er ins Waßer fällt, so zischt<br /></span> +<span class="i0">Er ungestüm und braust, qualmt unmutvoll und lischt.<br /></span> +<span class="i2">Nie fühle Furcht ein Mann, jedoch Feind und Gefar<br /></span> +<span class="i0">Acht er niemals gering; das Glück ist wandelbar.<br /></span> +<span class="i2">Soweit es will, führt dichs ohn Anstoß; willst du weiter<br /></span> +<span class="i0">Um einen Schritt, so stockt das Ross und stürzt der Reiter.<br /></span> +<span class="i2">In Frieden schlief der Krieg, du hast ihn aufgeweckt;<br /></span> +<span class="i0">Weißt du, nach welcher Beut er seine Krallen streckt?<br /></span> +<span class="i2">Darum, wenn du mich siehst erzittern: nicht für mich,<br /></span> +<span class="i0">Für alle, die das Loß kann treffen, zitter' ich;<br /></span> +<span class="i2">Ich zitter' auch für dich, weil dich es treffen kann;<br /></span> +<span class="i0">Denn wo das Unglück wält, wälts nicht den schlechtsten Mann.<br /></span> +<span class="i2">Geh mannhaft in den Kampf, und dem Afrasiab<br /></span> +<span class="i0">Trag ab dafür den Dank, der dir die Heermacht gab!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_144" id="page_144">144</a></span> +<span class="i2">Halt, von der Burg gedeckt, und an die Burg gelehnt,<br /></span> +<span class="i0">In Schirm das Heer; und wenn dein Herz nach Ruhm sich sehnt,<br /></span> +<span class="i2">So ruf zum Einzelkampf solch einen Mann für alle,<br /></span> +<span class="i0">Mit welchem, wenn er fällt, der Stolz von Iran falle!<br /></span> +<span class="i2">Ruf einen nur, den du vor allen siehest ragen,<br /></span> +<span class="i0">Und fäll ihn ohne viel zu sagen und zu fragen.<br /></span> +<span class="i2">Sag ihm nicht, wer du bist; frag ihn nicht, wie er heißt;<br /></span> +<span class="i0">Bis das Geheimnis ihm dein blutig Schwert entreißt. –<br /></span> +<span class="i2">So sprach er wolbedacht, mit Wahrem Falsches mischend,<br /></span> +<span class="i0">In Rates Honigseim Verrates Gift auftischend.<br /></span> +<span class="i2">Den Rostem nannt er nicht, vor Rostem zittert' er,<br /></span> +<span class="i0">Noch von Masenderan kannt er den Rostem her.<br /></span> +<span class="i2">Den Rostem wollt er nun und Rostems Sohn verderben,<br /></span> +<span class="i0">Zwei solche Helden! das zwang ihn sich zu verfärben.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrabs Seele war von reinem Mut erglüht,<br /></span> +<span class="i0">Darum der Rose gleich war seine Wang erblüht.<br /></span> +<span class="i2">Vom Walle stieg er froh hinab, vom Schenken nam<br /></span> +<span class="i0">Er einen Becher Wein und leert' ihn ohne Gram.<br /></span> +<span class="i2">Dann rüstet' er ein Maal mit Lauten und mit Leiern,<br /></span> +<span class="i0">Um in der Freunde Kreiß des Feinds Ankunft zu feiern.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_145" id="page_145">145</a></span><a name="s_66" id="s_66"></a>66.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">I</span>n Irans Lager war inzwischen Zelt an Zelt<br /></span> +<span class="i0">Gepflanzt, und drein gedrängt das Leben einer Welt.<br /></span> +<span class="i2">Es war als müßte Raum den Rossen und Kamelen<br /></span> +<span class="i0">Und Elefanten all, geschweige Futter, felen.<br /></span> +<span class="i2">Doch wie der Lagerwald begann nach allen Seiten<br /></span> +<span class="i0">Zu wachsen und im Kreiß den Umfang auszubreiten,<br /></span> +<span class="i2">Schloß Reih an Reihe sich geschickt, und sie vergaßen<br /></span> +<span class="i0">In ihrer Zeltstadt auch Marktplätze nicht und Straßen.<br /></span> +<span class="i2">Da wogte bald Verkehr geschäftig hin und her,<br /></span> +<span class="i0">Und die Verwirrung ward zur Ordnung immer mehr.<br /></span> +<span class="i2">Die Sonne gieng hinab am abendlichen Himmel,<br /></span> +<span class="i0">Und sah mit Staunen noch auf Erden das Gewimmel.<br /></span> +<span class="i2">Da fanden Dach und Fach nun alle nach und nach,<br /></span> +<span class="i0">Und über allen war des Himmels dunkles Dach.<br /></span> +<span class="i2">Doch als an seinem Ort sich jeder eingetan,<br /></span> +<span class="i0">Da trat zum Schah sofort des Reiches Pehlewan,<br /></span> +<span class="i2">Und Rostem sprach: ich will nicht hier im Lager rasten,<br /></span> +<span class="i0">Dort oben auf der Burg will ich bei Suhrab gasten.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_146" id="page_146">146</a></span> +<span class="i2">Mein Herz hat keine Ruh, bis meine Augen haben<br /></span> +<span class="i0">Gesehn von Angesicht zu Angesicht den Knaben.<br /></span> +<span class="i2">Den Türkenknaben, den uns mit soviel Geschrei<br /></span> +<span class="i0">Der Ruf genannt hat, will ich ansehn, wer er sei,<br /></span> +<span class="i2">Ob wert der Mühe, daß ich auf den Rachs mich schwang,<br /></span> +<span class="i0">Und eine Ehre mir, wann ich ihn niederrang.<br /></span> +<span class="i2">Gewesen bin ich selbst vordem in Türkenland,<br /></span> +<span class="i0">Anlegen will ich nun ein türkisches Gewand.<br /></span> +<span class="i2">Darunter soll nicht, wer mich nicht beim Lichte näher<br /></span> +<span class="i0">Besieht, so leicht erspähn, daß Rostem sei der Späher.<br /></span> +<span class="i2">Kawus! dein Lager ist von deinem Volk verwart;<br /></span> +<span class="i0">Gib, ich bin müßig hier, Urlaub zur Nachtausfart!<br /></span> +<span class="i2">Mit Lachen sprach der Schah: Stets wird das Krongeschmeide<br /></span> +<span class="i0">Von Iran Rostem sein, auch unterm Türkenkleide.<br /></span> +<span class="i2">Am Tage nicht der Schlacht des Heeres Arm allein,<br /></span> +<span class="i0">Du willst auch in der Nacht desselben Auge sein.<br /></span> +<span class="i2">Geh unter Gottes Schutz! in welchem Waffenputz<br /></span> +<span class="i0">Du gehn magst, unserm Reich und dir gereichs zu Nutz!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_147" id="page_147">147</a></span><a name="s_67" id="s_67"></a>67.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">U</span>m seine Schultern nam ein Kleid nach Türkenart<br /></span> +<span class="i0">Tehemten, und begab sich heimlich auf die Fart.<br /></span> +<span class="i2">Den Panzer und den Helm und jedes Waffenstück<br /></span> +<span class="i0">Ließ er im Zelt, sogar sein Schwert ließ er zurück.<br /></span> +<span class="i2">Deswegen fühlte sich der Held zu Hieb und Streich<br /></span> +<span class="i0">Nicht wehrlos; denn sein Arm war einer Keule gleich.<br /></span> +<span class="i2">Er gieng bis er hinan zum weißen Schloße kam,<br /></span> +<span class="i0">Und drinnen das Geschrei der Türken schon vernam.<br /></span> +<span class="i2">Durchs Tor stracks in den Hof gieng Rostem ohne Scheu,<br /></span> +<span class="i0">Wie in den offnen Stall der Rinder Nachts ein Leu,<br /></span> +<span class="i2">Beim ländlichen Gehöft im Felde, wo die Hirten<br /></span> +<span class="i0">An einem Feiertag sich in der Nacht bewirten,<br /></span> +<span class="i2">Und denken nicht bei Saus und Braus und Schmaus daran,<br /></span> +<span class="i0">Daß sie dem Feinde nicht die Stalltür zugetan.<br /></span> +<span class="i2">Da geht er in den Stall, wo ihre Rinder sind,<br /></span> +<span class="i0">Hinein, und trägt davon das schönste stärkste Rind.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_148" id="page_148">148</a></span> +<span class="i2">Es brüllt, im Rachen schon des Löwen, voll Verzagen,<br /></span> +<span class="i0">Und alle springen auf, den Raub ihm abzujagen;<br /></span> +<span class="i0">Er aber hat den Raub in Sicherheit getragen.<br /></span> +<span class="i2">Sie kehren leer zurück und traurig, für den Rest<br /></span> +<span class="i0">Der Nacht ist nun gestört der Hirten Freudenfest.<br /></span> +<span class="i2">So gieng durchs offne Tor, geöffnet durch Betören,<br /></span> +<span class="i0">Rostem hinein, das Fest der Türken drin zu stören.<br /></span> +<span class="i2">Er sah den weiten Hof erfüllt von Fackelglanz,<br /></span> +<span class="i0">Von lärmendem Gelag, Gesang und Spiel und Tanz.<br /></span> +<span class="i2">Denn Suhrab hatte dort das nächtge Fest bestellt,<br /></span> +<span class="i0">Und all die Edelsten des Heeres sich gesellt.<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem wich dem Glanz der Lichter aus, und sah<br /></span> +<span class="i0">Vom dunklen Winkel fern im Hellen alles nah.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_149" id="page_149">149</a></span><a name="s_68" id="s_68"></a>68.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a saß beim frohen Fest, in Mitte Fackelscheins<br /></span> +<span class="i0">Und Lautenklangs, Suhrab, und trank die Becher Weins.<br /></span> +<span class="i2">Auf seinem Haupte trug er, statt den Helm, den Kranz;<br /></span> +<span class="i0">Er war ein Glanz, und war bestralt vom hellen Glanz.<br /></span> +<span class="i2">Er blühte wie ein Reis von Schönheit und von Lust,<br /></span> +<span class="i0">Von Jugend und von Kraft geschwellt war seine Brust.<br /></span> +<span class="i2">Hoch hob er stolz das Haupt, und seiner Augen Stral,<br /></span> +<span class="i0">Umgehend in die Rund, erleuchtete das Mal;<br /></span> +<span class="i0">Da überzält' er froh die unzälbare Zal<br /></span> +<span class="i2">Der Kriegsgefärten, die um ihn im Kreiße saßen<br /></span> +<span class="i0">Als Trinkgenoßen nun, und ihren Wein vergaßen<br /></span> +<span class="i0">Vor Staunen, wie sie ihn sahn prangen solchermaßen.<br /></span> +<span class="i2">Da riefen sie laut einmal übers andre Preis<br /></span> +<span class="i0">Und Heil, Lobpreis und Heil dem blühnden Ehrenreis!<br /></span> +<span class="i2">Die Sterne selber sahn vom hohen Himmel nieder<br /></span> +<span class="i0">Mit Wolgefallen auf die hohen Heldenglieder;<br /></span> +<span class="i2">Allein sie schienen ihn mitleidig anzusehn,<br /></span> +<span class="i0">Weil er ein Stern war, der so früh sollt untergehn.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_150" id="page_150">150</a></span> +<span class="i2">Da sprach ein Himmelsstern zum andern mitleidvoll:<br /></span> +<span class="i0">Schad um die Blüte, die im Lenz hinwelken soll!<br /></span> +<span class="i2">Soviel des Schönen schon auf Erden sahn wir prangen,<br /></span> +<span class="i0">Und eh wir einen Blick verwendet, wars vergangen.<br /></span> +<span class="i2">Doch keine Knospe sahn wir glänzender und heller<br /></span> +<span class="i0">Aufgehn, um trauriger dahinzugehn und schneller.<br /></span> +<span class="i2">Wenn seine Mutter doch, die ihn, ihr einzig Glück,<br /></span> +<span class="i0">Entsendet hat, und nie daheim empfängt zurück,<br /></span> +<span class="i2">Wenn seine Mutter ihn mit unsrer Augen Stral<br /></span> +<span class="i0">Noch einmal könnte sehn bei diesem Freudenmal,<br /></span> +<span class="i2">In seiner Lust und und Kraft, den Baum im frischen Saft,<br /></span> +<span class="i0">Den morgen schon villeicht dahin sein Schicksal rafft!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_151" id="page_151">151</a></span><a name="s_69" id="s_69"></a>69.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprachen von dem Stern des Festes dort die Sterne<br /></span> +<span class="i0">Des Himmels; eine Gunst erzeigten sie ihm gerne.<br /></span> +<span class="i2">Da namen sie von Duft und Glanze, was im Raum<br /></span> +<span class="i0">Von Erd und Himmel war, und woben einen Traum.<br /></span> +<span class="i2">Wie einen Teppich bunt, mit reichem Gold gestickt,<br /></span> +<span class="i0">Der Braut ein Bräutigam aus fernem Lande schickt,<br /></span> +<span class="i2">Auf welchem sie erblickt mit staunendem Gefallen<br /></span> +<span class="i0">Die Bilder abgeprägt von jenen Dingen allen,<br /></span> +<span class="i2">Die ihr Geliebter selbst nun sieht in fremden Räumen,<br /></span> +<span class="i0">Die Vögel unbekant auf unbekanten Bäumen;<br /></span> +<span class="i2">Und so wie sie den Schmuck betrachtet, ist es ihr,<br /></span> +<span class="i0">Sie reise dort mit ihm, er ruhe bei ihr hier:<br /></span> +<span class="i2">Ein solcher Abdruck war vor allem eingewoben<br /></span> +<span class="i0">Dem Traumgewebe, das die Sterne dort erhoben.<br /></span> +<span class="i2">Leis hoben sie empor das glänzende Gewebe,<br /></span> +<span class="i0">Und gaben es der Luft zu tragen, daß es schwebe<br /></span> +<span class="i2">Nach Turan, wo im Schlaf die Mutter Suhrabs lag,<br /></span> +<span class="i0">Da sah sie einen Traum so hell als wär es Tag.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_152" id="page_152">152</a></span> +<span class="i2">Beim nächtlichen Gelag sah sie den Sohn da sitzen,<br /></span> +<span class="i0">Den Becher in der Hand von Edelsteinen blitzen,<br /></span> +<span class="i2">Sah seine Wangen blühn, und seine Lippen glühn,<br /></span> +<span class="i0">Und seine Augen sprühn; ganz war er stolz und kühn;<br /></span> +<span class="i0">Wie freut' es sie zu sehn ihr Reis der Hoffnung grün!<br /></span> +<span class="i2">Gewachsen schien er ihr selbst in der kurzen Zeit,<br /></span> +<span class="i0">Daß sie ihn ausgesandt, an Kraft und Herrlichkeit.<br /></span> +<span class="i2">Sie sah auf ihren Sohn umher im Kreiß der Lichter<br /></span> +<span class="i0">Gekehrt bekante viel und unbekante Gesichter;<br /></span> +<span class="i2">Die alle sah sie hell in heitrer Freude funkeln,<br /></span> +<span class="i0">Doch seinen Vater sah sie nebenaus im Dunkeln.<br /></span> +<span class="i2">Sie war betrübt, es nam sie Wunder, warum nicht<br /></span> +<span class="i0">Rostem zu seinem Sohn vortreten wollt ans Licht.<br /></span> +<span class="i2">Doch wie ein Wolkenschaur so flog ihr Gram vorbei;<br /></span> +<span class="i0">Sie freute sich, daß nah dem Sohn der Vater sei:<br /></span> +<span class="i2">Er würde, wenn er nur säh das Erkennungszeichen,<br /></span> +<span class="i0">Dem Sohne freudig nahn und ihm die Hände reichen.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_153" id="page_153">153</a></span><a name="s_70" id="s_70"></a>70.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">V</span>on Suhrabs Mutter ward inzwischen so geträumt,<br /></span> +<span class="i0">Er aber saß beim Fest vergnügt und aufgeräumt.<br /></span> +<span class="i2">Er trank, und hieß im Kreiß die Trinkgenoßen trinken;<br /></span> +<span class="i0">Zwei aber saßen ihm zur Rechten und zur Linken.<br /></span> +<span class="i2">Zur Linken Baruman, den ihm Afrasiab<br /></span> +<span class="i0">Aus Turan nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab;<br /></span> +<span class="i2">Zur Rechten aber Send, den hatte mitgegeben<br /></span> +<span class="i0">Dem Sohn die Mutter, die ihn liebte wie ihr Leben.<br /></span> +<span class="i2">Der war vom Königshaus Semengans ihm ein Vetter,<br /></span> +<span class="i0">Und werden sollt er ihm im fremden Land ein Retter.<br /></span> +<span class="i2">An allen Gliedern stark war er und hoch von Wuchs,<br /></span> +<span class="i0">An allen Sinnen scharf, von Augen wie ein Luchs.<br /></span> +<span class="i2">Er sah bei Nacht alswie bei Tag; und zu dem End<br /></span> +<span class="i0">Entsendete sie auch mit ihrem Sohn den Send,<br /></span> +<span class="i2">Damit, wenn Suhrab nun gekommen in die Nähe<br /></span> +<span class="i0">Von Rostem wäre, Send den Vater ihm erspähe.<br /></span> +<span class="i2">Er hatte Rostem selbst gesehn an jenem Tag,<br /></span> +<span class="i0">Wo in Semengans Schloß er saß beim Gastgelag,<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_154" id="page_154">154</a></span> +<span class="i2">An jenem Abende, wo in der Nacht ihm kam<br /></span> +<span class="i0">Tehmina, die als Weib er in die Arme nam.<br /></span> +<span class="i2">Den Suhrab zeugt' er ihr, und als der Morgen graute,<br /></span> +<span class="i0">Ritt er von dannen, den nie mehr die Gattin schaute.<br /></span> +<span class="i2">Nun sandte sie den Sohn, den Vater dort zu schaun,<br /></span> +<span class="i0">Und alles sagte sie dem Vetter im Vertraun.<br /></span> +<span class="i2">An Suhrabs Seite nun trank er den Wein mit Schweigen,<br /></span> +<span class="i0">Und dachte, morgen woll er ihm den Vater zeigen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_155" id="page_155">155</a></span><a name="s_71" id="s_71"></a>71.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>end aber sendete den Blick umher des Luchses,<br /></span> +<span class="i0">Und nam im Dunkeln war die Lauer eines Fuchses.<br /></span> +<span class="i2">Er sah dort einen Mann, der ihm verdächtig schien,<br /></span> +<span class="i0">Stand auf vom Sitz und gieng, um zu besehen ihn.<br /></span> +<span class="i2">Da fand er einen Mann, von Ansehn ganz gewaltig<br /></span> +<span class="i0">Und riesenmäßig, elefantenleibgestaltig.<br /></span> +<span class="i2">Niemals erinnert' er sich einen solcher Art<br /></span> +<span class="i0">Mit Augen je gesehn zu haben und gewart;<br /></span> +<span class="i2">Es wäre denn allein Rostem, an jenem Tag,<br /></span> +<span class="i0">Wo in Semengan er ihn sah beim Gastgelag.<br /></span> +<span class="i2">Doch dieser trug am Leib ein türkisches Gewand;<br /></span> +<span class="i0">Wiewol sein Blick an ihm nicht Türkensitte fand.<br /></span> +<span class="i2">Send rief ihn an: He da! warum hier also schleichst du<br /></span> +<span class="i0">Im Finstern, guter Freund, und aus der Hell entweichst du?<br /></span> +<span class="i2">Kehr einmal dein Gesicht her gegen mich ans Licht!<br /></span> +<span class="i0">Gib Antwort! – Aber Antwort gab ihm Rostem nicht.<br /></span> +<span class="i2">Da streckte kühn, um ihn zu greifen, Send die Hand,<br /></span> +<span class="i0">Und fortziehn wollt er ihn am türkischen Gewand.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_156" id="page_156">156</a></span> +<span class="i2">Tehemten aber zuckt' empor des Armes Keule,<br /></span> +<span class="i0">Womit er schon im Kampf geschlagen manche Beule;<br /></span> +<span class="i2">Damit gab er dem Send solch einen Schlag aufs Haupt,<br /></span> +<span class="i0">Daß Send am Boden lag leblos des Sinns beraubt.<br /></span> +<span class="i2">Suhrab indessen saß beim Mal, und Wunder nam<br /></span> +<span class="i0">Es ihn, wo Send hingieng und noch nicht wieder kam.<br /></span> +<span class="i2">Deswegen vom Gesind entsendete behend<br /></span> +<span class="i0">Er einen, nachzusehn, wohin gekommen Send.<br /></span> +<span class="i2">Der abgesendete lief eilig hin, und fand<br /></span> +<span class="i0">Dort leblos sinnberaubt den Send gestreckt im Sand.<br /></span> +<span class="i2">Der Diener lief bestürzt zum Herrn zurückgewendet,<br /></span> +<span class="i0">Laut rief er aus: Der Send ist in den Tod gesendet;<br /></span> +<span class="i0">Für Send ist aus der Schmaus, und das Gelag geendet.<br /></span> +<span class="i2">Entsetzt vom Sitze sprang Suhrab, und eilte jach<br /></span> +<span class="i0">Dahin, ihm eilten all des Festes Fackeln nach.<br /></span> +<span class="i2">Bei aller Lichter Glanz sah da Suhrab erschlagen<br /></span> +<span class="i0">Den lieben Freund; von wem? das kont ihm niemand sagen.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_157" id="page_157">157</a></span><a name="s_72" id="s_72"></a>72.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Suhrab rief: O weh! gebrochen ist ins Rund<br /></span> +<span class="i0">Der Herde Nachts ein Wolf, weil Hirte schlief und Hund;<br /></span> +<span class="i2">Der Widder stolzesten hat er zu seinem Raub<br /></span> +<span class="i0">Erkoren, nieder ihn geworfen in den Staub!<br /></span> +<span class="i2">Verschlafne Hirten, auf! und unwachsame Hunde!<br /></span> +<span class="i0">Nun nach dem Räuber macht mir im Geheg die Runde!<br /></span> +<span class="i2">Da spürten sie mit Macht umher rings in der Nacht;<br /></span> +<span class="i0">Es hatte sich der Wolf längst aus dem Staub gemacht.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab kam zurück zu seinem Platz beim Feste;<br /></span> +<span class="i0">Da saß er traurig nun, und traurig alle Gäste.<br /></span> +<span class="i2">Er sprach: Es freuet mich nun hier der Sitz nicht mehr;<br /></span> +<span class="i0">Denn mir zur rechten Hand der Platz ist traurig leer,<br /></span> +<span class="i2">Wo der geseßen, den zum Freund mir mitgegeben<br /></span> +<span class="i0">Die Mutter selber, die mich lieb hat wie ihr Leben.<br /></span> +<span class="i2">In Iran sollt er hier den Vater kund mir tun;<br /></span> +<span class="i0">Er kont es ganz allein; wer tut nach ihm es nun?<br /></span> +<span class="i2">Er sprachs, und aus der Hand ließ er den Becher sinken;<br /></span> +<span class="i0">Da schämte jener sich, der saß zu seiner Linken.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_158" id="page_158">158</a></span> +<span class="i2">Sich schämte Baruman, den dort Afrasiab<br /></span> +<span class="i0">Dem Suhrab nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab.<br /></span> +<span class="i2">Er hätt ihm auch wie Send den Vater können zeigen;<br /></span> +<span class="i0">Er kant ihn ja! doch mußt und wollt ers ihm verschweigen.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab rief, und hob den vollen Becher hoch:<br /></span> +<span class="i0">Ich trink in dieser Nacht den letzten Becher noch,<br /></span> +<span class="i2">Mit blutigem Gelübd erfüllt, anstatt mit Wein,<br /></span> +<span class="i0">Daß Sends Ermordung nicht soll ungerochen sein!<br /></span> +<span class="i2">Den Mörder Sends will ich erforschen, wer er sei,<br /></span> +<span class="i0">Ihn morden für den Mord, wohnt soviel Kraft mir bei!<br /></span> +<span class="i2">Wonicht, so werde Gift der Wein mir in den Adern,<br /></span> +<span class="i0">Und jeder Tropfe Blut soll mit dem andern hadern!<br /></span> +<span class="i2">Doch nicht mit Einem sei die Schuld ihm abgetragen;<br /></span> +<span class="i0">Zur Sühne Sends will ich ein ganzes Heer erschlagen.<br /></span> +<span class="i2">Allein vor allen soll erfahren meinen Groll,<br /></span> +<span class="i0">Wer Send erschlug, versehrt hat er mich schmerzensvoll.<br /></span> +<span class="i2">Er riefs, und wußte nicht, auf wen er also grollte,<br /></span> +<span class="i0">Und daß er nicht den Schwur an ihm erfüllen sollte.<br /></span> +<span class="i2">Dann brach er auf vom Fest, um in den nächtigen Schatten<br /></span> +<span class="i0">Bei Fackelglanz den Send mit Ehren zu bestatten.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_159" id="page_159">159</a></span><a name="s_73" id="s_73"></a>73.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Rostem kam, als er vom weißen Schloß entrann,<br /></span> +<span class="i0">Ans Lager, wo die Wacht hielt Gew, sein Tochtermann.<br /></span> +<span class="i2">Der wußte nicht, daß in der Nacht sein edler Schwäher<br /></span> +<span class="i0">Im Türkenkleid hinaus gegangen war als Späher.<br /></span> +<span class="i2">Als nun ein Mann herbei im Dunkeln kam, tat er<br /></span> +<span class="i0">Vom Posten einen Schrei, und unter Wehr trat er.<br /></span> +<span class="i0">Als Rostem merkt', es sei sein Eidam, froh naht' er.<br /></span> +<span class="i2">Im Laufe tat er ihm entgegen einen Wuf,<br /></span> +<span class="i0">Und Gew erkante gleich den Rostem an dem Ruf.<br /></span> +<span class="i2">Erstaunt sprang er hinzu, und grüßt' ihn: Alter Held,<br /></span> +<span class="i0">Wo bist umher gerannt zu dieser Stund im Feld?<br /></span> +<span class="i2">Hast du mit Geistern deinen Bund gemacht bei Nacht,<br /></span> +<span class="i0">Mit Zauberweihungen dich vorgestärkt zur Schlacht?<br /></span> +<span class="i2">Denn mit Dämonen hast du kämpfend viel verkehrt;<br /></span> +<span class="i0">Die haben wol ein Stück von Schwarzkunst dich gelehrt,<br /></span> +<span class="i2">Daß, ohne Furcht und Leid, du ohne Heergeschmeid,<br /></span> +<span class="i0">Dich aus dem Lager stilst in einem Türkenkleid!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_160" id="page_160">160</a></span> +<span class="i2">Doch Rostem sprach: So ist die Sach! in dieses Tuch<br /></span> +<span class="i0">Gewickelt, macht ich auf der Burg den Nachtbesuch.<br /></span> +<span class="i2">Ich wollte mir daselbst den jungen Mann besehn,<br /></span> +<span class="i0">Um dessen willen dieß Heeraufgebot geschehn.<br /></span> +<span class="i2">Fern sah ich ihn, und gern wollt ich ihn sehen näher;<br /></span> +<span class="i0">Doch mich den Späher hat erspäht ein andrer Späher.<br /></span> +<span class="i2">Der wollte mit Gewalt ans Licht mich ziehn am Kragen;<br /></span> +<span class="i0">Im Dunkeln hab ich ihn mit dieser Faust erschlagen.<br /></span> +<span class="i2">Ich kam nicht sanfter los von ihm, es tat mir leid;<br /></span> +<span class="i0">Doch nun verdrießt am Leib mich dieses Türkenkleid.<br /></span> +<span class="i2">Schaff mir ein persisches, damit mich nicht die Hunde<br /></span> +<span class="i0">Anbellen, wenn ein Türk im Lager macht die Runde!<br /></span> +<span class="i2">So sprach er, und geschwind bracht ihm der Tochtermann<br /></span> +<span class="i0">Ein persisches Gewand, das legt' er eilig an.<br /></span> +<span class="i2">Er warf das Türkenkleid von sich mit Unbehagen;<br /></span> +<span class="i0">Fast wollt er lieber, daß ers nicht bei Nacht getragen,<br /></span> +<span class="i2">Als ahnet' er den Lohn, den diese Tat ihm trug:<br /></span> +<span class="i0">Denn sich tat ers zu Leid, daß er den Send erschlug.<br /></span> +<span class="i2">Zu Kawus gieng er nicht, um ihm, was er vollbracht,<br /></span> +<span class="i0">Zu sagen; in sein Zelt gieng er, und schlief die Nacht.<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_8" id="buch_8"></a><a href="#inhalt">Achtes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_74" id="s_74"></a>74.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och als vom Morgen ward der Himmel aufgetan,<br /></span> +<span class="i0">Stieg Suhrab auf der Burg zur höchsten Wart hinan,<br /></span> +<span class="i2">Zur vordersten, wo ganz sich Irans Lager zeigte,<br /></span> +<span class="i0">Auf das er sich hinaus begierig spähend neigte.<br /></span> +<span class="i2">Dann rief er: Bringet hier herauf mir den Hedschir!<br /></span> +<span class="i0">Befragen will ich ihn ums Feindeslager hier.<br /></span> +<span class="i2">Weil Send gestorben ist, der heut mir Rostems Zeichen<br /></span> +<span class="i0">Kund sollte tun, villeicht tut mir Hedschir desgleichen.<br /></span> +<span class="i2">Und als ihm ward Hedschir gefeßelt vorgefürt,<br /></span> +<span class="i0">Sprach er, nachdem er ihn mit eigner Hand entschnürt:<br /></span> +<span class="i2">Hedschir, ich neme dir die schweren Feßeln ab,<br /></span> +<span class="i0">Um das dir zu vertraun, was mir das Herz eingab.<br /></span> +<span class="i2">Statt ehrner Feßel wenn der Freiheit goldnen Tag<br /></span> +<span class="i0">Du wünschest, sage mir, was ich dich fragen mag!<br /></span> +<span class="i2">Die Freiheit nicht allein, auch reicher Lohn ist dein,<br /></span> +<span class="i0">Wenn ich erfinde wahr dein Wort und Truges rein.<br /></span> +<span class="i2">Doch wenn unlautern Wein du willst im Kruge mischen,<br /></span> +<span class="i0">So wirst du nicht der Haft und nicht der Straf entwischen!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_164" id="page_164">164</a></span> +<span class="i2">Zur Antwort gab Hedschir: Was du willst fragen, frage,<br /></span> +<span class="i0">Und traue, daß ich dir die volle Wahrheit sage.<br /></span> +<span class="i2">Nicht lügen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen.<br /></span> +<span class="i0">Warum in deiner Hand wär ich ein krummer Bogen?<br /></span> +<span class="i2">Gerade sollst du mich erfinden wie den Pfeil;<br /></span> +<span class="i0">Nicht um das Leben selbst ist mir die Wahrheit feil.<br /></span> +<span class="i2">Zu ihm sprach Suhrab: Dort im Lager Zelt um Zelt<br /></span> +<span class="i0">Werd ich dich fragen um den Helden, der es hält.<br /></span> +<span class="i2">Sagst du mir das, so geb ich dir gehäuften Schatz;<br /></span> +<span class="i0">Dir wird ein Ehrenkleid von mir und Ehrenplatz.<br /></span> +<span class="i2">Und sagst du das mir nicht, so bleibt auf deinem Rumpf<br /></span> +<span class="i0">Dein Haupt nicht, oder mir wird ehr die Klinge stumpf!<br /></span> +<span class="i2">Zur Antwort gab Hedschir: Was säumst du lange? frage!<br /></span> +<span class="i0">Wiß, daß ich weder lüge, noch vorm Tode zage.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_165" id="page_165">165</a></span><a name="s_75" id="s_75"></a>75.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a hob zu fragen an Suhrab: Dort in der Mitte<br /></span> +<span class="i0">Wes ist das Prachtgezelt von lauter Gold? ich bitte!<br /></span> +<span class="i2">Fest steht es hingepflanzt recht in des Heeres Herz;<br /></span> +<span class="i0">Von ihm durchs Lager gehn die Straßen allerwerts.<br /></span> +<span class="i2">Auf allen Straßen nahn wie grüßende mit Bitten,<br /></span> +<span class="i0">Und gehn wie dankende davon mit leichten Schritten.<br /></span> +<span class="i2">Ganz Goldglanz ist das Zelt vom Fuß zum Knauf hinan,<br /></span> +<span class="i0">Und weit wie ein Palast allseitig aufgetan.<br /></span> +<span class="i2">Vor jedem Eingang liegt, wie Hündlein zahm und treu,<br /></span> +<span class="i0">Im goldnen Band geschmiegt, ein Tiger und ein Leu.<br /></span> +<span class="i2">Doch oben sitzt ein Aar, aus dessen Krallen steigt<br /></span> +<span class="i0">Die Fahn empor, in der der Sonne Bild sich zeigt.<br /></span> +<span class="i2">In solcher Wohnung kann kein kleiner und gemeiner<br /></span> +<span class="i0">Wirt wohnen, wie mir dünkt; was wohnt darin für einer?<br /></span> +<span class="i2">Da hob Hedschir sein Haupt, voll Stolz auf Irans Macht,<br /></span> +<span class="i0">Und sprach: Dort wohnt der Schah in seiner Größ und Pracht.<br /></span> +<span class="i2">Sein Thron ist Tag und Nacht von seinen treuen Leuen<br /></span> +<span class="i0">Umhütet und umwacht, und darf nicht Feinde scheuen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_166" id="page_166">166</a></span> +<span class="i2">Doch fort zu fragen fuhr Suhrab: Zur linken Hand<br /></span> +<span class="i0">Vom Goldgezelt, wes ist des Zeltes Silberwand?<br /></span> +<span class="i2">Mit offnem Eingang steht gewandt zum goldnen Zelt<br /></span> +<span class="i0">Sein Tor, wo Leopard und Panther Wache hält.<br /></span> +<span class="i2">Doch oben trägt ein Greif in Silberklaun empor<br /></span> +<span class="i0">Die Fahn, in der ein Mond; wer ist, der das erkor?<br /></span> +<span class="i2">Zur Antwort gab Hedschir: Das ist des Schahes Sohn,<br /></span> +<span class="i0">Ferabors, ihm der nächst am Herzen und am Thron.<br /></span> +<span class="i2">So recht! rief Suhrab aus: wo so zusammen hält<br /></span> +<span class="i0">Ein Vater und ein Sohn, verteilen sie die Welt.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_167" id="page_167">167</a></span><a name="s_76" id="s_76"></a>76.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u fragen fuhr er fort: Dort aber rechter Hand<br /></span> +<span class="i0">Vom Goldzelt, wessen ist die schwarze Zeltflorwand?<br /></span> +<span class="i2">Feldposten eilen her und hin auf Rossen brausend,<br /></span> +<span class="i0">Schildwachen aber stehn umher zu Fuße tausend.<br /></span> +<span class="i2">Am Haupteingange ragt ein Elefant, ihn schmücken<br /></span> +<span class="i0">Prachtdecken, und er trägt die Heerpauk auf dem Rücken.<br /></span> +<span class="i2">Doch oben steigt die Fahn aus eines Drachen Rachen,<br /></span> +<span class="i0">Mit Sternen übersät, die sie zum Himmel machen.<br /></span> +<span class="i2">Wer herrscht zur Seite so dem König Keikawus?<br /></span> +<span class="i0">Hedschir antwortete: Sein Kronfeldhauptmann Tus.<br /></span> +<span class="i2">Das ist sein Stammesrecht, daß er im Heergefecht<br /></span> +<span class="i0">Den Schah vertrete, dem verwandt ist sein Geschlecht.<br /></span> +<span class="i2">Auf seinen Wink bereit, vereint auf sein Gebot,<br /></span> +<span class="i0">Ist jenes Heer, das dir den Tod von ferne droht.<br /></span> +<span class="i2">Und jener Himmel dort, reich an Juwelenzier,<br /></span> +<span class="i0">Die Gawejani-Fahn ist es, das Reichspanier;<br /></span> +<span class="i2">Das einst Feridun schwang, als er den Sohak schlug,<br /></span> +<span class="i0">Der an den Schultern angewachsne Drachen trug.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_168" id="page_168">168</a></span> +<span class="i2">Geheftet ist der Sieg an dieses heilige Zeichen,<br /></span> +<span class="i0">Das ohne Mut kein Freund, kein Feind sieht ohn Erbleichen.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab lächelte, und gieng mit Fragen weiter:<br /></span> +<span class="i0">Im roten Florpalast, wer, sprich, ist dort der Streiter?<br /></span> +<span class="i2">Er sitzt im offnen Zelt, und scheint an seinem Haar<br /></span> +<span class="i0">Ein Greis bereits, um ihn steht eine Männerschaar;<br /></span> +<span class="i2">Sie alle halten ihm ihr Antlitz zugekehrt,<br /></span> +<span class="i0">Und jeder ehrt ihn, wie man einen Vater ehrt.<br /></span> +<span class="i2">So fragt' er, und Hedschir zog aus der Brust ein Ach<br /></span> +<span class="i0">Wie einen Dolch hervor, weil er zu Suhrab sprach:<br /></span> +<span class="i2">Das ist Guders, der Greis, von Worte weis' und lind,<br /></span> +<span class="i0">Von Schwerte stark und scharf, wie wenig Männer sind;<br /></span> +<span class="i2">Ein Vater, der entbehrt fürs Alter nicht der Stützen;<br /></span> +<span class="i0">Mit seinem Haus allein kann er ein Reich beschützen.<br /></span> +<span class="i2">Denn neunundsiebzig sind der Söhne, die er zält;<br /></span> +<span class="i0">Der achtzigste bin ich, der heut im Lager fehlt.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab sprach: Warum hast du dich laßen fangen?<br /></span> +<span class="i0">Sprich Wahrheit! und noch heut kanst du hinab gelangen.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_169" id="page_169">169</a></span><a name="s_77" id="s_77"></a>77.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">W</span>es ist das grüne Zelt, aus Duft und Glanz gewebt,<br /></span> +<span class="i0">Das wie ein Waldgebirg sich über Hügeln hebt?<br /></span> +<span class="i2">Alswie ein Waldgebirg, das fest steht und nicht wankt,<br /></span> +<span class="i0">Wenn, von des Sturmes Hauch bewegt, sein Baumwuchs schwankt.<br /></span> +<span class="i2">In diesem Zelte wol ist Irans Hoffnung grün,<br /></span> +<span class="i0">Und meine Hoffnung wird bei seinem Anblick kühn.<br /></span> +<span class="i2">Vorm Zelt in Waffen sitzt ein Mann, und steht ein Ross,<br /></span> +<span class="i0">Er einem Riesen gleich, und es wie ein Koloss.<br /></span> +<span class="i2">Er sitzt, und hoch nicht scheint der Sitz, den er erkor;<br /></span> +<span class="i0">Aus allen doch, die ihn umstehn, ragt er hervor:<br /></span> +<span class="i0">Er blickt auf sie hinab, sie schaun zu ihm empor.<br /></span> +<span class="i2">Allein zur Seite blickt er stets nach seinem Ross;<br /></span> +<span class="i0">Es ist wol auf der Welt sein liebster Kampfgenoß.<br /></span> +<span class="i2">Es steht das Ross mit ungeduldigem Gestampf,<br /></span> +<span class="i0">Und ihn erhebt im Sitz die Ungeduld nach Kampf.<br /></span> +<span class="i2">Entgegen streckt er ihm die Hand, es reckt sein Haupt<br /></span> +<span class="i0">Erwartungsvoll und lauscht, es spitzt ein Ohr und schnaubt.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_170" id="page_170">170</a></span> +<span class="i2">Die Mähne streicht er ihm, da fängt es an zu brausen;<br /></span> +<span class="i0">Das freuet seinen Herrn, die andern macht es grausen.<br /></span> +<span class="i2">An seiner Seite hängt ein Schwert, an seinem Knie<br /></span> +<span class="i0">Lehnt eine Keule schwer, kein andrer höbe sie.<br /></span> +<span class="i2">Er schwingt die Keule bald hoch übers Ross empor,<br /></span> +<span class="i0">Bald aus der Scheide zieht er halb das Schwert hervor.<br /></span> +<span class="i2">Die Keule sausen hörts und sieht die Schneide blitzen,<br /></span> +<span class="i0">Und tost; was wird es erst, wenn er wird droben sitzen!<br /></span> +<span class="i2">Ich habe nie gesehn solch einen Mann wie den,<br /></span> +<span class="i0">So hab ich niemals auch ein Ross wie das gesehn;<br /></span> +<span class="i2">Ein Ross, das solch ein Mann allein bezwingen kann,<br /></span> +<span class="i0">Und solch ein Mann, den solch ein Ross nur tragen kann.<br /></span> +<span class="i2">Gewis, von diesem Ross und diesem Manne sind<br /></span> +<span class="i0">Die Namen kund im Land; verkünde sie geschwind!<br /></span> +<span class="i2">So sprach er und hielt ein; es war alsob er wüßte,<br /></span> +<span class="i0">Daß Ross und Ritter Rachs und Rostem heißen müßte;<br /></span> +<span class="i2">Doch wollt er, daß der Mund Hedschirs es täte kund,<br /></span> +<span class="i0">Still aber schwieg Hedschir, und sprach im Herzensgrund:<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_171" id="page_171">171</a></span><a name="s_78" id="s_78"></a>78.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">W</span>as fragt der Türke nach des Reiches Pehlewan?<br /></span> +<span class="i0">Und tu ich recht, wenn ich ihm Rostem kund getan?<br /></span> +<span class="i2">Und tu ich Unrecht, wenn ich ihm den Feind verschweige?<br /></span> +<span class="i0">Was will der Knabe, daß ich ihm den Helden zeige?<br /></span> +<span class="i2">Ist er sein Sohn, wie er im Zweikampf rühmte laut?<br /></span> +<span class="i0">Den Vater schaff ich ihm so wenig, als die Braut!<br /></span> +<span class="i2">Der Mann von Iran kann des Türkenkinds entraten;<br /></span> +<span class="i0">Ich will den Perserhort dem Erbfeind nicht verraten.<br /></span> +<span class="i2">Zwar Rostem braucht ihn nicht zu fürchten in der Tat,<br /></span> +<span class="i0">Allein der Türke könnt ihn angehn mit Verrat.<br /></span> +<span class="i2">Drum wirds am besten sein, den Namen nicht zu melden,<br /></span> +<span class="i0">Und ihn zu streichen ganz heut aus der Zahl der Helden.<br /></span> +<span class="i2">Als so zur Lüge sich bereitete Hedschir,<br /></span> +<span class="i0">Rief Suhrab: Sprich zu mir! was redest du mit dir?<br /></span> +<span class="i2">Warum machst dus solang, bis Aufschluß ich gewinne?<br /></span> +<span class="i0">Er sprach: Weil ich umsonst mich auf den Mann besinne.<br /></span> +<span class="i2">Von Zeichen unbekant ist er mir ganz und gar;<br /></span> +<span class="i0">Er kam wol fremd ins Land, weil ich im Schloß hier war.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_172" id="page_172">172</a></span> +<span class="i2">Ich hörte, daß heran vom fernen Hindostan<br /></span> +<span class="i0">Dem Schah zu Hilfe zog ein starker Pehlewan.<br /></span> +<span class="i2">Das wird der Recke sein, entsproßt aus fremdem Samen;<br /></span> +<span class="i0">Denn fremde scheint er mir, und die, so mit ihm kamen.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab sprach: Wie heißt der Recke? sage mir!<br /></span> +<span class="i0">Den Namen weiß ich nicht; antwortete Hedschir.<br /></span> +<span class="i2">Suhrab noch einmal sprach: wie heißt er? gib Bericht!<br /></span> +<span class="i0">Hedschir antwortete: den Namen weiß ich nicht.<br /></span> +<span class="i2">Voll Unmut ward Suhrab; des Vaters Namen wollte<br /></span> +<span class="i0">Er hören da durchaus, den er nicht hören sollte.<br /></span> +<span class="i2">Die ihm die Mutter gab vom Vater, alle Zeichen<br /></span> +<span class="i0">Sah er, und konnte nur Gewisheit nicht erreichen.<br /></span> +<span class="i2">Des Vaters Name fehlt' ihm zur Gewisheit nur,<br /></span> +<span class="i0">Den er da von Hedschirs Verstockung nicht erfur.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_173" id="page_173">173</a></span><a name="s_79" id="s_79"></a>79.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och ungeduldig fuhr Suhrab zu fragen fort:<br /></span> +<span class="i0">Im violetten Zelt, wie heißt der Ritter dort?<br /></span> +<span class="i2">Zur Antwort gab Hedschir: Den kann ich wol dir nennen;<br /></span> +<span class="i0">Gurase heißt der Held, wie sollt ich ihn nicht kennen?<br /></span> +<span class="i0">Ein mutger Ritter, wie zu Ross nicht viele rennen.<br /></span> +<span class="i2">Doch ungeduldig gieng mit Fragen Suhrab weiter:<br /></span> +<span class="i0">Im gelben Zelte dort, sag an, wie heißt der Streiter?<br /></span> +<span class="i2">Zur Antwort wieder gab Hedschir: Ich kann auch ihn<br /></span> +<span class="i0">Dir nennen, wenn du willst: der Kämpfer heißt Gurgin;<br /></span> +<span class="i0">Ein Tapfrer, welchem gleich nicht viel zum Kampf ausziehn.<br /></span> +<span class="i2">Noch einmal frug Suhrab mit ungeduldiger Hast:<br /></span> +<span class="i0">Im blauen Zeltpalast, wie heißt darin der Gast?<br /></span> +<span class="i2">Und wieder gab Hedschir zur Antwort: Nennen kann<br /></span> +<span class="i0">Ich dir auch diesen wol: Gew, Rostems Tochtermann.<br /></span> +<span class="i2">Da wendet' auf Hedschir Suhrab den Blick unhuldig,<br /></span> +<span class="i0">Und sprach: Nun offenbar bist du der Lüge schuldig.<br /></span> +<span class="i2">Du nennest alle mir, und nur den Rostem nicht,<br /></span> +<span class="i0">Den Rostem, ohne den kein Heergefecht sich ficht!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_174" id="page_174">174</a></span> +<span class="i2">Von all den Zelten wenn in keinem Rostem ist,<br /></span> +<span class="i0">Wo wäre Rostem denn, wenn du kein Lügner bist?<br /></span> +<span class="i0">Verläugnen willst du mir ihn nur aus Hinterlist.<br /></span> +<span class="i2">Im grünen Zelte dort der Recke kühn und frei,<br /></span> +<span class="i0">Gewis ist Rostem der, o sag mir, daß ers sei!<br /></span> +<span class="i2">Denn alle, die von ihm mir kund sind, alle Zeichen<br /></span> +<span class="i0">Seh ich, und kann allein Gewisheit nicht erreichen.<br /></span> +<span class="i2">Von allen, die ich sah im Lager fern und nah,<br /></span> +<span class="i0">Wünsch ich, daß keiner sei Rostem, als dieser da.<br /></span> +<span class="i2">O sag mir, daß ers sei! und sei belohnt und frei!<br /></span> +<span class="i0">Der vor dem grünen Zelt, sag, daß es Rostem sei!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_175" id="page_175">175</a></span><a name="s_80" id="s_80"></a>80.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">H</span>edschir sprach: Ei, was forscht so deine Ungeduld<br /></span> +<span class="i0">Nach ihm! nicht gern wär ich an deinem Tode schuld.<br /></span> +<span class="i2">Wo Rostem wär im Feld, nicht würdest du es halten;<br /></span> +<span class="i0">Denn Rostem ist ein Held von furchtbaren Gewalten.<br /></span> +<span class="i2">Wo Rostem auf dem Rachs sich hebt zum Werk der Rache,<br /></span> +<span class="i0">Da kann nicht stehn vor ihm der Löwe noch der Drache.<br /></span> +<span class="i2">Ein jeder Blick von ihm ist Tod, ein jeder Hauch<br /></span> +<span class="i0">Von ihm ist Sturm, ihm sinkt entwurzelt Baum und Strauch.<br /></span> +<span class="i2">Ich wünsche keinem, daß er mög ein Gegner sein<br /></span> +<span class="i0">Von Rostem, wär er auch ein Berg von Kieselstein;<br /></span> +<span class="i2">Er würde dich, alswie die Mühl ein Korn, zermalmen,<br /></span> +<span class="i0">Zertreten, wie ein Tritt von Elefanten, Halmen.<br /></span> +<span class="i2">Fest schnüren möchtest du am Leib dein Gürtelband;<br /></span> +<span class="i0">Es würde locker, wenns erblickte Rostems Hand.<br /></span> +<span class="i2">Allein zu deinem Glück ist nah nicht das Gewitter;<br /></span> +<span class="i0">Denn mit Schah Keikawus hat sich entzweit der Ritter.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_176" id="page_176">176</a></span> +<span class="i2">Erzürnt ist er vom Hof nach Sabul heimgeritten,<br /></span> +<span class="i0">Dort sitzt er nun beim Schmaus in seines Schloßes Mitten.<br /></span> +<span class="i2">Dort trinkt er fröhlich Wein beim Fest im Rosengarten,<br /></span> +<span class="i0">Und will den Ausgang dieses Kriegs in Ruh erwarten.<br /></span> +<span class="i2">So sprach er; ob ers nur erlog, ob ers erfur<br /></span> +<span class="i0">Vom lügenden Gerücht, das kam von Irans Flur?<br /></span> +<span class="i2">Das traurige Gerücht, das dort bei Nacht dem frohen<br /></span> +<span class="i0">Erlag, war aus der Stadt villeicht zur Grenz entflohen.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_177" id="page_177">177</a></span><a name="s_81" id="s_81"></a>81.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Suhrab rief voll Zorn: So willst du mich verhöhnen?<br /></span> +<span class="i0">Schweig, allerschlechtester von Guders achtzig Söhnen!<br /></span> +<span class="i2">Willst du, ich glaube dir die knabenhafte Rede,<br /></span> +<span class="i0">Rostem, der Herr der Schlacht, enthielte sich der Fehde!<br /></span> +<span class="i2">Er hielte sich zu Haus, und hielte Fest und Schmaus!<br /></span> +<span class="i0">Da lachten billig ihn die Mägd und Kinder aus!<br /></span> +<span class="i2">Wol möglich, daß er mit Keikawus sich gezankt,<br /></span> +<span class="i0">Wenn der undankbar ist, der ihm den Thron verdankt!<br /></span> +<span class="i2">Doch, denk ich, Kawus wird geschwind mit reichen Gaben<br /></span> +<span class="i0">Und guten Worten ihn zurückbeschworen haben,<br /></span> +<span class="i2">Wenn er nicht unklug ist, und seinen besten Ritter<br /></span> +<span class="i0">Nicht missen will am Ort, wo ihn ersetzt kein Dritter.<br /></span> +<span class="i0">Denn was ist ohne Blitz und Donner ein Gewitter?<br /></span> +<span class="i2">Was dieser Heerleib, unbeseelt von Rostems Mut?<br /></span> +<span class="i0">Nicht in Bewegung ist dieß Heer und Rostem ruht!<br /></span> +<span class="i2">Drum sag im Augenblick, wo ist der Pehlewan?<br /></span> +<span class="i0">Von Guders Söhnen ists um einen sonst getan!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_178" id="page_178">178</a></span> +<span class="i2">Da schauderte Hedschir und sprach im Herzensgrund:<br /></span> +<span class="i0">Aufschließen mit Gewalt will mir der Türk den Mund.<br /></span> +<span class="i2">Verschließen aber will ich ihn nun ihm zum Trutz,<br /></span> +<span class="i0">Sowahr ich jemals selbst getragen Ritterputz,<br /></span> +<span class="i2">Und je noch tragen will! und fall ich seiner Wut,<br /></span> +<span class="i0">So wird nicht schwarz der Tag, und nicht das Waßer Blut.<br /></span> +<span class="i2">So ist um einen Sohn von achtzig Guders schwächer,<br /></span> +<span class="i0">Und neunundsiebenzig sind meines Todes Rächer.<br /></span> +<span class="i2">Er sprach: Was wütest du? was stürmest du und tobest?<br /></span> +<span class="i0">Denkst du, daß du dich so dem Rostem gleich erprobest?<br /></span> +<span class="i2">Weil einen Namen ich nicht nennen will und kann,<br /></span> +<span class="i0">Willst du dafür den Tod mir geben, gib ihn dann!<br /></span> +<span class="i2">Den Namen nenn ich nicht, wüßt ich ihn zehnmal auch;<br /></span> +<span class="i0">Entreißen ehr als ihn kannst du mir diesen Hauch!<br /></span> +<span class="i2">Ich trotze dir! es mag mein Blut die Schmach versöhnen,<br /></span> +<span class="i0">Der schlechteste zu sein von Guders achtzig Söhnen!<br /></span> +<span class="i2">Er sprachs; da wendete Suhrab sich unmutvoll,<br /></span> +<span class="i0">Nachdenkend, ob er auf der Stell ihn töten soll.<br /></span> +<span class="i2">Doch er besann sich, gab ihm einen Backenschlag,<br /></span> +<span class="i0">Daß er besinnungslos davon am Boden lag;<br /></span> +<span class="i2">Und rief: Will hier durchaus mir meinen Vater sagen<br /></span> +<span class="i0">Niemand, so will ich gehn und selber ihn erfragen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_179" id="page_179">179</a></span><a name="s_82" id="s_82"></a>82.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r stieg, von Zorn bewegt, hinab vom hohen Turm;<br /></span> +<span class="i0">Gewaffnet schwang er sich aufs Ross, und ritt im Sturm.<br /></span> +<span class="i2">Er ritt, sein fürstlich Haupt bedeckt mit goldnem Dache,<br /></span> +<span class="i0">In ihm des Löwen Mut, und unter ihm ein Drache.<br /></span> +<span class="i2">Und wie der scharfe Zorn ihm selbst die Sporen gab,<br /></span> +<span class="i0">Gab er dem Ross den Sporn, und flog den Berg herab.<br /></span> +<span class="i2">Der Kampflust heißes Blut in seinen Adern sott,<br /></span> +<span class="i0">Ihm flog des Pulses Glut wie seines Rosses Trott;<br /></span> +<span class="i0">Da kont in seinem Mut aufhalten ihn kein Gott.<br /></span> +<span class="i2">Er ritt im Ungestüm dem Lager Irans zu;<br /></span> +<span class="i0">Und alle, die ihn sahn anreiten, flohn im Nu.<br /></span> +<span class="i2">Die alle flohn im Nu, die aus des Lagers Mitten<br /></span> +<span class="i0">Dort waren auf den Plan zur Lust hervorgeritten.<br /></span> +<span class="i2">Wie aus dem Waidehag, wo sie der Hut empfolen<br /></span> +<span class="i0">Des Hirten sind, hervor sich wagen junge Folen,<br /></span> +<span class="i2">Sich außerhalb des Hags neugierig umzutun;<br /></span> +<span class="i0">Doch plötzlich einen Leun herkommen sehn sie nun;<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_180" id="page_180">180</a></span> +<span class="i2">Die Mähn am Nacken, die er sträubt, erregt ihr Graun,<br /></span> +<span class="i0">Und eilig flüchten sie zurück in ihren Zaun:<br /></span> +<span class="i2">So aus dem Lagerwall die sich hervorgewagt,<br /></span> +<span class="i0">Wie sie den Suhrab sahn, umwandten sie verzagt.<br /></span> +<span class="i2">Sie wendeten zur Flucht vor ihm ihr stolz Genick,<br /></span> +<span class="i0">Und wagten nicht auf ihn zu richten einen Blick.<br /></span> +<span class="i2">So furchtbar fanden sie den Türken anzuschaun,<br /></span> +<span class="i0">Daß auf die Flucht allein sie setzten ihr Vertraun.<br /></span> +<span class="i2">Er aber achtete der leichten Feinde nicht;<br /></span> +<span class="i0">Es ward von ihm gesucht ein Gegner von Gewicht.<br /></span> +<span class="i2">Er ritt vom hohen Wall des Lagers hart hinan,<br /></span> +<span class="i0">Den tapfersten zum Kampf zu fordern auf den Plan.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_181" id="page_181">181</a></span><a name="s_83" id="s_83"></a>83.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>uhrab vom Walle rief hinab ins Lager tief,<br /></span> +<span class="i0">So laut, ihn hörte wol, wer nicht im Grabe schlief:<br /></span> +<span class="i2">O Schah von hoher Macht, du rühmst dich großer Pracht<br /></span> +<span class="i0">Im Lager, doch wie steht dein Ding im Feld der Schlacht?<br /></span> +<span class="i2">Mußt du dein starkes Heer in einen Pferch einsperren?<br /></span> +<span class="i0">Schützt keiner deiner Knecht' im freien Feld den Herren?<br /></span> +<span class="i2">Dein Volk von Schafen fleucht in seinen Stall, verkreucht<br /></span> +<span class="i0">Sich hinterm Wall, und keucht vor Angst, vom Wolf gescheucht.<br /></span> +<span class="i2">Hier komm ich zu dir her geritten mit dem Speer,<br /></span> +<span class="i0">Den zuck ich, so durchzuckt der Tod dein ganzes Heer.<br /></span> +<span class="i2">Ich habe gestern laut um Send den Schwur beim Wein<br /></span> +<span class="i0">Getan: Wer ihn erschlug, der soll nicht lebend sein!<br /></span> +<span class="i2">Der heimlich in der Nacht den Send mir umgebracht,<br /></span> +<span class="i0">Umbringen will ich ihn am Tag in offner Schlacht.<br /></span> +<span class="i2">Wenn du den Recken kennst, der ihn erschlug, so send<br /></span> +<span class="i0">Ihn her, daß ich erschlag ihn, der mir schlug den Send!<br /></span> +<span class="i2">Und ists nicht der, so seis ein anderer, der scharf<br /></span> +<span class="i0">Von Mut und Waffen ist, und mir begegnen darf!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_182" id="page_182">182</a></span> +<span class="i2">Doch wenn aus deinem Pferch hervor, mit mir zu streiten,<br /></span> +<span class="i0">Gar keiner will, so will ich in den Pferch einreiten,<br /></span> +<span class="i2">Das Lager mitten durch, bis an das goldne Zelt,<br /></span> +<span class="i0">Vor dessen Eingang Löw und Tiger Wache hält.<br /></span> +<span class="i2">Vor den Türhütern soll mir nicht beim Eintritt bangen,<br /></span> +<span class="i0">Und mit dem Speer will ich die Sonn herunter langen.<br /></span> +<span class="i2">Den Geierkrallen soll die goldne Sonn entfallen,<br /></span> +<span class="i0">Und vor der Hündlein Maul will ich den Maulkorb schnallen.<br /></span> +<span class="i2">Ich will dir überm Haupt alswie ein Sturmwind rütteln<br /></span> +<span class="i0">Das goldne Dach, und wenn du drunter schläfst, dich schütteln!<br /></span> +<span class="i2">So rief er; Keikawus sprang auf und rief erschreckt:<br /></span> +<span class="i0">Wer hat dem Wütenden das Königszelt entdeckt?<br /></span> +<span class="i2">Ihr Edlen all! eilt mir zu Rostem hin! der Mann<br /></span> +<span class="i0">Ist er allein, der diesen Knaben bändigen kann.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_183" id="page_183">183</a></span><a name="s_84" id="s_84"></a>84.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u Rostem, wo er saß im Zelte, kam der Bot:<br /></span> +<span class="i0">Keikawus ist in Not, der Türke Suhrab droht.<br /></span> +<span class="i2">Er droht ins Königszelt durchs Lager einzureiten,<br /></span> +<span class="i0">Und Niemand ist als du im Stand mit ihm zu streiten.<br /></span> +<span class="i2">Von seinem Sitz erhob sich Rostem nicht, und sprach:<br /></span> +<span class="i0">Der Dienst des Königes ist lauter Ungemach.<br /></span> +<span class="i2">Nicht Ruh bei Tag und Nacht, viel Arbeit, wenig Schmaus;<br /></span> +<span class="i0">Ich war die Nacht erst aus, und bleib am Tag zu Haus,<br /></span> +<span class="i2">Dem ersten Boten kam ein zweiter nachgeflogen,<br /></span> +<span class="i0">Ein dritter, vierter auch, wie Pfeil auf Pfeil vom Bogen;<br /></span> +<span class="i2">Und alle meldeten: Der Suhrab ist im Feld;<br /></span> +<span class="i0">Da kann ihm keiner stehn, nur Rostem kanns, der Held.<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem, wie er sah das wachsende Getümmel,<br /></span> +<span class="i0">Den Lärmen um ihn her, rief: Fällt denn ein der Himmel?<br /></span> +<span class="i2">Um einen Knaben, welch ein Ahrimansaufstand!<br /></span> +<span class="i0">Um einen einzeln Mann welch ein Weltendebrand!<br /></span> +<span class="i2">Nun aber kamen, hergesandt von Keikawus,<br /></span> +<span class="i0">Die Fürsten, auch sein Sohn, auch sein Kronfeldherr Tus.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_184" id="page_184">184</a></span> +<span class="i2">Die Waffen wurden ihm schnell von den Fürsten allen<br /></span> +<span class="i0">Gebracht; er sagte nichts, und ließ es sich gefallen.<br /></span> +<span class="i2">Den Panzer legt' ihm Tus, Gurgin die Schienen an,<br /></span> +<span class="i0">Doch von Ferabors ward der Helm aufs Haupt getan.<br /></span> +<span class="i2">Gurase reicht' ihm Pfeil und Bogen; Schwert und Sper<br /></span> +<span class="i0">Und Keule trugen ihm drei Söhne Guders her.<br /></span> +<span class="i2">Von seinem Eidam ward zuletzt ihm vorgefürt,<br /></span> +<span class="i0">Gesattelt und gezäumt, der Rachs, wie sichs gebürt.<br /></span> +<span class="i2">Doch wie Rostem den Rachs kampffertig sah, da rürte<br /></span> +<span class="i0">In seiner Brust sich auch die Kampflust, und er spürte,<br /></span> +<span class="i0">Daß er, ins Feld zu gehn, die volle Rüstung fürte.<br /></span> +<span class="i2">Er gieng, und im Vorbeigehn nam er noch den Schild,<br /></span> +<span class="i0">Indem er sprach: den braucht man auch im Kampfgefild.<br /></span> +<span class="i2">In voller Rüstung sprang er auf den Rachs, und jach<br /></span> +<span class="i0">Ritt er davon, ihm sahn mit Staunen alle nach.<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_9" id="buch_9"></a><a href="#inhalt">Neuntes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_85" id="s_85"></a>85.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r ritt hinaus, wo ihn der gleichgeartete,<br /></span> +<span class="i0">Ein Kämpe seines Bluts, sein Sohn erwartete.<br /></span> +<span class="i2">Auf Bogenschuß hinan ritt er, da hielt er an,<br /></span> +<span class="i0">Da wieherten sich laut die beiden Kampfross' an:<br /></span> +<span class="i2">Rachs, der den Rostem trug, und jener, der Suhrab,<br /></span> +<span class="i0">Den Sohn des Rostem, jetzt entgegen trug dem Grab.<br /></span> +<span class="i2">Der trug des Rostem Sohn, war selbst vom Rachs ein Sohn;<br /></span> +<span class="i0">Und doppelt kam zum Kampf ein Vater und ein Sohn.<br /></span> +<span class="i2">Doch eh zum Tode nun die Reiter sich anranten,<br /></span> +<span class="i0">Wieherten erst sich an die Rosse, die sich kanten:<br /></span> +<span class="i0">Das Wiehern war der Gruß der beiden Blutsverwandten.<br /></span> +<span class="i2">So in den Thieren dort, o Wunder, sprach die Stimme<br /></span> +<span class="i0">Des Blutes, die erstickt ward von der Männer Grimme.<br /></span> +<span class="i2">Soviel ist blinder, als das blindgeborne Thier,<br /></span> +<span class="i0">Der Mensch, der sehende, geblendet von Begier.<br /></span> +<span class="i2">Die Reiter sahen an das Wiehern für ein Zeichen,<br /></span> +<span class="i0">Daß ihre Rosse selbst an Kampflust ihnen gleichen;<br /></span> +<span class="i0">Und selber wollten sie nun nicht den Rossen weichen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_188" id="page_188">188</a></span> +<span class="i2">Doch riefen sie sich nicht mit lautem Schlachtgruß an,<br /></span> +<span class="i0">Entgegen hielten sie stillschweigend auf dem Plan,<br /></span> +<span class="i0">Und Sohn und Vater sahn sich stumm todblickend an.<br /></span> +<span class="i2">Nun kamen auch heran die Zeugen ihrer Schlacht,<br /></span> +<span class="i0">Von beiden Seiten die und jene Heeresmacht:<br /></span> +<span class="i2">Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt,<br /></span> +<span class="i0">Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt;<br /></span> +<span class="i2">Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,<br /></span> +<span class="i0">Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.<br /></span> +<span class="i2">Entgegen standen sich die beiden Heere schweigend,<br /></span> +<span class="i0">Die Kampfbegier vereint nur in zwei Kämpfern zeigend.<br /></span> +<span class="i2">Wie auf dem weiten Hof ein zahlreich Volk von Hennen<br /></span> +<span class="i0">Untätig zusieht, wie zum Kampf zwei Hähne rennen,<br /></span> +<span class="i2">Die, für ihr ganz Geschlecht von Kampfbegier entbrant,<br /></span> +<span class="i0">Wenn sie erst zum Gefecht zusammen sind gerant,<br /></span> +<span class="i2">Lebendig alle zwei nicht mehr zu trennen sind;<br /></span> +<span class="i0">Sosehr macht Eifersucht und heißes Blut sie blind:<br /></span> +<span class="i2">Die Hennen sehen zu, wie sie zusammen rennen,<br /></span> +<span class="i0">Und warten, welchen sie als Herrn des Hofs erkennen;<br /></span> +<span class="i2">So dort erwarteten die beiden Heere nun,<br /></span> +<span class="i0">Wer als des Schlachtfelds Herr hervor sich würde tun,<br /></span> +<span class="i2">Und sahen zu, bewehrt, alsob sie wehrlos wären:<br /></span> +<span class="i0">Für alle ließen sie das eine Paar gewären.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_189" id="page_189">189</a></span><a name="s_86" id="s_86"></a>86.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och näher kamen an die beiden Helden licht<br /></span> +<span class="i0">Geritten nun, und sahn einander ins Gesicht.<br /></span> +<span class="i2">Suhrab, den Ungeduld hinan zum Vater trieb,<br /></span> +<span class="i0">Sprach, während eine Hand er in der andern rieb:<br /></span> +<span class="i2">Komm, alter Held, wie ich gesehn noch keinen habe,<br /></span> +<span class="i0">Nicht übel nim es mir! dich will bestehn ein Knabe.<br /></span> +<span class="i2">Von Iran brauchen wir und Turan hier dazu<br /></span> +<span class="i0">Sonst keinen außer uns, genug sind ich und du.<br /></span> +<span class="i2">An Wuchse bist du hoch, an Schultern bist du stark;<br /></span> +<span class="i0">Die Jahre haben doch versehrt bereits dein Mark.<br /></span> +<span class="i2">Du wirst mich nicht bestehn in diesem Waffengange!<br /></span> +<span class="i0">Er sprachs, und Rostem blickt' auf seine Rosenwange,<br /></span> +<span class="i2">Und sprach zu ihm: Gemach, feuriges Heldenkind!<br /></span> +<span class="i0">Die Erd ist kalt und hart, die Luft ist lau und lind.<br /></span> +<span class="i0">Schon manche glichen dir, die nun gleich Staube sind.<br /></span> +<span class="i2">Wol altershalb hab ich gesehn genug Walstätten,<br /></span> +<span class="i0">Und half manch stolzes Heer im kalten Lager betten.<br /></span> +<span class="i2">Die schlafen tief genug, die meinem Streich erlagen;<br /></span> +<span class="i0">Und wo ich selber schlug, da ward ich nie geschlagen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_190" id="page_190">190</a></span> +<span class="i2">Nun komm heran, blick her, wie ich dich morden will;<br /></span> +<span class="i0">Entkommst du mir, so fürcht hinfort kein Krokodill!<br /></span> +<span class="i2">Allein es fühlt mein Herz mit dir, Kind, ein Mitleiden,<br /></span> +<span class="i0">Vom schönen Leib will ich nicht deine Seele scheiden.<br /></span> +<span class="i2">Gar einem Türken gleichst du nicht, o schlanker Baum!<br /></span> +<span class="i0">Deinsgleichen viele wüßt ich auch in Iran kaum.<br /></span> +<span class="i2">Wie Suhrab hörte, daß so sanfter Rede pflegte<br /></span> +<span class="i0">Der Recke, fühlt' er auch, wie sich sein Herz bewegte,<br /></span> +<span class="i2">Und sprach: O alter Held, ich will ein Wort dich fragen,<br /></span> +<span class="i0">Du aber mußt nun auch mir alle Wahrheit sagen.<br /></span> +<span class="i2">Vermelde mir, eh wir uns schlagen, dein Geschlecht!<br /></span> +<span class="i0">So, hör ich, hielten es die Alten im Gefecht.<br /></span> +<span class="i2">Ich glaube wirklich, daß du Niemand auf der Welt<br /></span> +<span class="i0">Als Rostem bist, der Fürst im grünen Heergezelt.<br /></span> +<span class="i2">So sprach er, und so nah daran wars, daß gewendet<br /></span> +<span class="i0">Würd alles Weh in Lust, und aller Streit geendet.<br /></span> +<span class="i2">Da kam ein finstrer Geist auf Rostem, und er sprach:<br /></span> +<span class="i0">Ich bin nicht Rostem! was fragst du dem Rostem nach?<br /></span> +<span class="i2">Er ist ein Ritter, ist ein Fürst, ich bin ein Knecht;<br /></span> +<span class="i0">Mit ihm nicht, nur mit mir ist dir der Kampf gerecht.<br /></span> +<span class="i2">Ich bin der Späher, der dir auf der Burg erschlug<br /></span> +<span class="i0">Den Mann, der thöricht Lust mich auszuspähen trug.<br /></span> +<span class="i0">Nun komm zum Kampf, mein Sohn, des Schwatzens ist genug.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_191" id="page_191">191</a></span><a name="s_87" id="s_87"></a>87.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a schwenkte sich im Zorn zur Linken ab Suhrab<br /></span> +<span class="i0">Von Rostem, Rostem lenkte rechts von Suhrab ab.<br /></span> +<span class="i2">Doch als auf Bogenschuß sie auseinander waren,<br /></span> +<span class="i0">Da wendeten sie schnell, und kamen hergefaren.<br /></span> +<span class="i2">Entgegen stoben sich zu Ross die beiden Ritter,<br /></span> +<span class="i0">Entgegen schoben sich die beiden Ungewitter;<br /></span> +<span class="i2">Entgegen schnoben sich ein Sohn und Vater bitter:<br /></span> +<span class="i0">Die Schläge hoben sich, und jeder Schlag gab Splitter.<br /></span> +<span class="i2">Zuerst versuchten sich in diesem Waffentanze<br /></span> +<span class="i0">Der Vater und der Sohn mit fernentsandter Lanze.<br /></span> +<span class="i2">Sodann erprobten sich der alte und der junge<br /></span> +<span class="i0">Anrückend mit der nahgezückten Schwerter Schwunge.<br /></span> +<span class="i2">Und endlich giengen sich die beiden Heeressäulen<br /></span> +<span class="i0">Hart auf den ehrnen Leib mit ihren ehrnen Keulen.<br /></span> +<span class="i2">Was von der Lanze da verschont blieb, schlug das Schwert;<br /></span> +<span class="i0">Die Keule schmetterte, was jenes nicht versehrt.<br /></span> +<span class="i0">Laut stöhnten beid', es war des andern jeder wert.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_192" id="page_192">192</a></span> +<span class="i2">Am Helme blieb kein Glanz, am Helmbusch kein Gefieder,<br /></span> +<span class="i0">Kein Ring am Panzer ganz, keins ungequetscht der Glieder;<br /></span> +<span class="i0">In Strömen floß der Schweiß vom Mann aufs Ross danieder.<br /></span> +<span class="i2">Wie sich entgegen zwei Gewitterwolken wettern,<br /></span> +<span class="i0">Mit Blitz und Gegenblitz einander zu zerschmettern;<br /></span> +<span class="i2">Sie selber können sich mit Streichen nicht verletzen,<br /></span> +<span class="i0">Doch unter ihrem Kampf ergreift die Welt Entsetzen:<br /></span> +<span class="i2">Der Hagel braust herab und schlägt der Erde Saat;<br /></span> +<span class="i0">Das Land ist wie ein Feld, das eine Schlacht zertrat:<br /></span> +<span class="i2">Dann, wenn sie sich erschöpft, zieht jede ihre Bahn,<br /></span> +<span class="i0">Und aus der Ferne noch sehn sie sich finster an:<br /></span> +<span class="i2">So standen jetzt vom Kampf die beiden ab ermattet,<br /></span> +<span class="i0">Und eine Lebensfrist war noch dem Sohn gestattet.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_193" id="page_193">193</a></span><a name="s_88" id="s_88"></a>88.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie schieden sich, voll Weh der Vater, und das Kind<br /></span> +<span class="i0">Voll Schmerz: sie hatten sich begegnet ungelind.<br /></span> +<span class="i2">Die Rosse langsam ließen sie bei Seite laufen,<br /></span> +<span class="i0">Um von der stürmischen Begrüßung zu verschnaufen.<br /></span> +<span class="i2">Suhrab im Herzen sprach: Der da so grimmig drein<br /></span> +<span class="i0">Auf mich geschlagen hat, kann nicht mein Vater sein.<br /></span> +<span class="i2">Zwar alle treffen ein die Zeichen, die von ihm<br /></span> +<span class="i0">Die Mutter gab, nur sprach sie nichts von solchem Grimm.<br /></span> +<span class="i2">Zum Gatten hätte nie genommen ihn Tehmine,<br /></span> +<span class="i0">Wär er gekommen ihr mit solcher Löwenmiene.<br /></span> +<span class="i2">Er sagt es selbst: er ist der Mann, der mir erschlagen<br /></span> +<span class="i0">Den Vetter hat, der mir den Vater sollte sagen.<br /></span> +<span class="i2">Den Vetter wollt ich ja an seinem Mörder rächen;<br /></span> +<span class="i0">Und was nun hindert mich, zu lösen mein Versprechen?<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem sprach bei sich: Ei, wäre der mein Sohn;<br /></span> +<span class="i0">Von ihm zerbleut, hätt ich nun meiner Thaten Lohn!<br /></span> +<span class="i2">Den hat kein menschliches, ein Riesenweib getragen;<br /></span> +<span class="i0">Wie ich so alt erst war, konnt ich noch so nicht schlagen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_194" id="page_194">194</a></span> +<span class="i2">Nim dich zusammen nun und wehr dich, alter Held!<br /></span> +<span class="i0">Denn zu Zuschauern hast du beide Heer im Feld.<br /></span> +<span class="i2">Es wär ein Spuck, wenn mirs mit diesem Türken fehlte,<br /></span> +<span class="i0">Und in Semengan ers einst meinem Sohn erzählte!<br /></span> +<span class="i2">Denn, wer ich bin, wird er am Ende doch erfaren,<br /></span> +<span class="i0">Wielang ich auch vor ihm mag das Geheimnis waren.<br /></span> +<span class="i2">So sprachen sie, indem sie sich erholten jetzt<br /></span> +<span class="i0">Von Streichen, welche Sohn und Vater sich versetzt;<br /></span> +<span class="i0">Die Rosse hatten so einander nicht verletzt.<br /></span> +<span class="i2">Sie hatten sich geschont, und waren nur benetzt<br /></span> +<span class="i0">Vom Schaume, weil zum Kampf die Reiter sie gehetzt.<br /></span> +<span class="i2">Die hatten nun beiseit ein wenig ihren Streit<br /></span> +<span class="i0">Gelegt und waren schon zu neuem Weh bereit.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_195" id="page_195">195</a></span><a name="s_89" id="s_89"></a>89.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">N</span>unmehr begannen sie, wie um sich zu erholen,<br /></span> +<span class="i0">Ihr Schützenkampfgerät gemach hervor zu holen.<br /></span> +<span class="i2">Zum Köcher langten sie, und zogen ihre Bogen,<br /></span> +<span class="i0">Und von der Senne kam Pfeil gegen Pfeil geflogen.<br /></span> +<span class="i2">Im Fluge trafen sich die zwei, und sanken nieder;<br /></span> +<span class="i0">Doch andre rüsteten schon Sohn und Vater wieder.<br /></span> +<span class="i2">Die Pfeile regneten, dicht, wie bei rauhem Wetter<br /></span> +<span class="i0">Des Herbstes unterm Baum hernieder rieseln Blätter;<br /></span> +<span class="i2">Wie wenn am Frühlingstag des Landmanns Bienen schwärmen,<br /></span> +<span class="i0">Wann rings das Bienenhaus des Mittags Stralen wärmen;<br /></span> +<span class="i2">Wann sich die Einigkeit des Brudervolks zerschlug,<br /></span> +<span class="i0">Die Honig mit gemeinschaftlichem Fleiß eintrug,<br /></span> +<span class="i2">Sich nun vom alten Stock der junge Stamm lossagt,<br /></span> +<span class="i0">Und auf gut Glück den Flug mit eignem Weisel wagt:<br /></span> +<span class="i2">So nun mit einem Schwarm geschärfter Stacheln wandten<br /></span> +<span class="i0">Zum Kampfe sich die mutentbranten Blutverwandten.<br /></span> +<span class="i2">Sie spannten, legten an und schoßen ab, und spannten,<br /></span> +<span class="i0">Indem mit jedem Pfeil sie sich Zornblicke sandten.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_196" id="page_196">196</a></span> +<span class="i2">Sowenig aber als ein Blick, sowenig leid<br /></span> +<span class="i0">Tat ihnen auch ein Pfeil am festen Wehrgeschmeid;<br /></span> +<span class="i0">Sie schüttelten mit Scherz den Staub vom Waffenkleid,<br /></span> +<span class="i2">Die Köcher raßelten, und ihre Schätze klirrten;<br /></span> +<span class="i0">Die Sennen winselten, und ihre Bogen schwirrten,<br /></span> +<span class="i0">Die laut im Fluge gleich blutgierigen Vögeln girrten.<br /></span> +<span class="i0">Nicht kamen sie zum Zweck, die doch vom Ziel nicht irrten.<br /></span> +<span class="i2">Alswie der Sonne Pfeil prallt ab vom Felsgestein,<br /></span> +<span class="i0">Ihm dringen kann er nicht ins feste Fleisch und Bein,<br /></span> +<span class="i0">Und an der obern Haut erhitzt er ihn allein:<br /></span> +<span class="i2">So drangen dort nicht ein die Pfeil, und prallten ab,<br /></span> +<span class="i0">Und mehr in Hitze nur kam Rostem und Suhrab.<br /></span> +<span class="i2">Mit goldnen Spitzen war, gleich Stralen, jeder Schild<br /></span> +<span class="i0">Besetzt, und leuchtete recht wie der Sonne Bild.<br /></span> +<span class="i2">Doch als es sie verdroß, vergebens nur die Scheibe<br /></span> +<span class="i0">Zu treffen, ließen sie nunmehr vom Zeitvertreibe,<br /></span> +<span class="i0">Und giengen, Ross und Mann, ernsthafter sich zu Leibe.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_197" id="page_197">197</a></span><a name="s_90" id="s_90"></a>90.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie ritten nah sich auf den Leib, und legten Hand,<br /></span> +<span class="i0">Zu ringen, einer an des andern Gürtelband.<br /></span> +<span class="i2">Wann sonst im Rossringkampf Rostem saß auf dem Rachs,<br /></span> +<span class="i0">War er wie Erz, und, was zur Hand ihm kam, wie Wachs.<br /></span> +<span class="i2">Doch nun legt' er die Hand an Suhrabs Gürtelband,<br /></span> +<span class="i0">Und staunte, daß er fand solch einen Widerstand.<br /></span> +<span class="i2">Wie nicht ein Bergfels wankt, den eine Schlang umflicht,<br /></span> +<span class="i0">In Rostems Armgeflecht so wankte Suhrab nicht.<br /></span> +<span class="i2">Wo Rostem matt ließ ab, fieng mutig an Suhrab;<br /></span> +<span class="i0">Doch auch vergeben war die Müh, die er sich gab.<br /></span> +<span class="i2">Wie nicht der Erdleib schwankt, weil ihn der Arm umflicht<br /></span> +<span class="i0">Der Luft, so schwankte nicht Rostem im Gleichgewicht.<br /></span> +<span class="i2">Da ließ der Sohn erzürnt den starken Vater faren<br /></span> +<span class="i0">Am Gürtel, und ergriff ihn an dem Schopf von Haaren,<br /></span> +<span class="i2">Der, halbergraut, doch straff drang unterm Helm hervor;<br /></span> +<span class="i0">Daran vom Sattel hofft' er ihn zu ziehn empor.<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem saß wie Blei im Sattel, wie ein Stück<br /></span> +<span class="i0">Von Erzguß; nur das Haar blieb in der Hand zurück.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_198" id="page_198">198</a></span> +<span class="i2">Suhrab fand in der Hand das Haar, und rief erschrocken:<br /></span> +<span class="i0">Du unbezwinglicher mit schon ergrauten Locken!<br /></span> +<span class="i2">Du spannst die Glieder unnatürlich an mit Krampf;<br /></span> +<span class="i0">Was suchest du, o Greis, mit einem Jüngling Kampf?<br /></span> +<span class="i2">Ein alter Mann, wennauch sein Wuchs wär eichbaumschäftig,<br /></span> +<span class="i0">Mit einem jungen ist er doch zum Streit unkräftig.<br /></span> +<span class="i2">Dein Thier auch unter dir hat seinen Mut verloren,<br /></span> +<span class="i0">Und wie ein Esel läßt es hangen seine Ohren.<br /></span> +<span class="i2">Vor meinem Hengste sucht' es gern das Heil in Flucht,<br /></span> +<span class="i0">Und ihm verbietet es nur seines Reiters Wucht;<br /></span> +<span class="i0">Doch mir verbeut den Kampf mit dir nun Scham und Zucht.<br /></span> +<span class="i2">Als ich das graue Haar in meiner Hand gewart,<br /></span> +<span class="i0">War mirs als legt ich Hand an meines Vaters Bart.<br /></span> +<span class="i2">Sind denn um uns im Feld nicht andre Kriegerhaufen?<br /></span> +<span class="i0">Was müßen wir allein uns mit einander raufen!<br /></span> +<span class="i2">So sprach der junge; doch der alte sagte nichts,<br /></span> +<span class="i0">Er wendete sich ab ergrimmten Angesichts.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_199" id="page_199">199</a></span><a name="s_91" id="s_91"></a>91.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a stürzt' er sich, wie sich ein Wolf stürzt auf die Herde<br /></span> +<span class="i0">Der Schaf', aufs Turanheer, zu würgen mit dem Schwerde.<br /></span> +<span class="i2">Und Suhrab, als ers sah, da warf er, wie ein Tieger<br /></span> +<span class="i0">Sich auf die Rinder wirft, sich auf die Iranskrieger.<br /></span> +<span class="i2">Den ersten, den er traf, streckt' er in Todesschlaf,<br /></span> +<span class="i0">Den zweiten, dritten auch, und jeden, den er traf.<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem, als er dort ans Heer von Turan kam,<br /></span> +<span class="i0">Hielt plötzlich an den Rachs, zurück hielt ihn die Scham<br /></span> +<span class="i2">Und Ueberlegung, wie es nun dem Kawus gienge,<br /></span> +<span class="i0">Wenn jener Türk im Heer erst an zu morden fienge?<br /></span> +<span class="i2">Dem selber Rostem kaum im Kampfe konte stehn;<br /></span> +<span class="i0">Wie sollten seiner Wut die andern dort entgehn!<br /></span> +<span class="i2">Drum, ohn ein Tröpflein Blut von Türken zu versprützen,<br /></span> +<span class="i0">Umwandt er mit dem Rachs, die Perser zu beschützen.<br /></span> +<span class="i2">Den Suhrab im Gewühl sucht er und fand, und schaute,<br /></span> +<span class="i0">Wie auf der Flur Smaragd er Blutrubinen thaute.<br /></span> +<span class="i2">Ihn rief er zürnend an: Was kühlst du deine Hitze<br /></span> +<span class="i0">Am schwachen Volk, das dir nicht bieten darf die Spitze?<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_200" id="page_200">200</a></span> +<span class="i2">Was haben, tobender, die Leute dir getan,<br /></span> +<span class="i0">Die du mit unversehnem Kampf hier rennest an?<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab sprach erstaunt: Ei, alter Held unhuldig,<br /></span> +<span class="i0">Sind nicht am Kampfe dort die Türken auch unschuldig?<br /></span> +<span class="i2">Warum hast du auf sie geworfen deine Wucht?<br /></span> +<span class="i0">Wer hat von ihnen Streit an dich zuerst gesucht?<br /></span> +<span class="i2">Doch willst du wieder nun zu mir zurück dich wenden,<br /></span> +<span class="i0">So komm, laß uns das Werk erneuen und vollenden!<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem sprach: der Tag hat sich geneigt zur Nacht;<br /></span> +<span class="i0">Die ist zur Ruh gemacht, und nicht zum Werk der Schlacht.<br /></span> +<span class="i2">Gehorchen wir der Nacht! doch wann im Osten lacht<br /></span> +<span class="i0">Das goldne Schwert, von dessen Glanz die Welt erwacht,<br /></span> +<span class="i2">Erneuern wir die Schlacht! sei mir hieher bestellt!<br /></span> +<span class="i0">Hier stell ich morgen mich; jetzt geh, wohins gefällt!<br /></span> +<span class="i2">Hier soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen,<br /></span> +<span class="i0">Und als Zuschauer mag dieß Heer und jen's erscheinen;<br /></span> +<span class="i0">Dann sehn wir, welches wird um seinen Kämpfer weinen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_201" id="page_201">201</a></span><a name="s_92" id="s_92"></a>92.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie giengen; finster ward das Angesicht der Luft;<br /></span> +<span class="i0">Der Himmel hüllte sich in einen trüben Duft:<br /></span> +<span class="i0">Vorzubereiten schien er Suhrabs Totengruft.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab ritt vergnügt mit seinem Heer nach Haus,<br /></span> +<span class="i0">Und unterm Reiten noch fragt' er den Barman aus:<br /></span> +<span class="i2">Von jenem Löwenmann, von dessen Kraft die Spangen<br /></span> +<span class="i0">Mir krachten heut am Tag, wie ist es euch ergangen?<br /></span> +<span class="i2">Da er dieß Heer, wie ein berauschter Elefant<br /></span> +<span class="i0">Anrante, wieviel hat er nieder da gerant?<br /></span> +<span class="i2">Nie ward von mir erprobt, in jedem Kampf belobt,<br /></span> +<span class="i0">Solch einer; wie hat er hier seinen Grimm vertobt?<br /></span> +<span class="i2">Doch Barman sprach: Es war dein eigner Fürstenwille,<br /></span> +<span class="i0">Daß diesen Tag das Heer sich hielt' in Waffen stille.<br /></span> +<span class="i2">Gerüstet aber war all unser Ding zum Streit,<br /></span> +<span class="i0">In jedem Nu ins Feld zu treten kampfbereit.<br /></span> +<span class="i2">Da kam ein einzelner daher, ein unbekanter,<br /></span> +<span class="i0">Und blindlings tollkühn vor die Heeresmitte rant er.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_202" id="page_202">202</a></span> +<span class="i2">Er kam alswie im Rausch, oder vom Rausch erwacht,<br /></span> +<span class="i0">Im Taumel, um allein zu liefern eine Schlacht.<br /></span> +<span class="i2">Ich aber ordnete die Reihen, dem verwegnen,<br /></span> +<span class="i0">Wo er sich wagt' heran, mit Nachdruck zu begegnen.<br /></span> +<span class="i2">Da ward er plötzlich andern Sinns; die Zügel wandt er,<br /></span> +<span class="i0">Und spornstreichs, wie er hergekommen war, entrant er.<br /></span> +<span class="i2">Froh lachend sprach Suhrab: Also von diesem Heer<br /></span> +<span class="i0">Erlegte keinen er, und ritt vergebens her!<br /></span> +<span class="i2">Ich hab Iranier indessen viel getötet,<br /></span> +<span class="i0">Mit Blut wie Rosen dort den Rasengrund gerötet.<br /></span> +<span class="i2">Er hat den müßigen Beschauer hier gemacht!<br /></span> +<span class="i0">Nun heute hat die Nacht geschieden unsre Schlacht.<br /></span> +<span class="i2">Doch morgen, wann der Welt der hehre Tag aufgeht,<br /></span> +<span class="i0">Dann wird sich zeigen, wer von beiden fällt und steht.<br /></span> +<span class="i2">Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,<br /></span> +<span class="i0">Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.<br /></span> +<span class="i2">Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;<br /></span> +<span class="i0">Dann seht ihr, welches Heer um seinen Mann muß weinen!<br /></span> +<span class="i2">Jetzt aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,<br /></span> +<span class="i0">Die spröden Lippen nach dem Kampfstaub anzufrischen<br /></span> +<span class="i0">Mit Weinthau; Baruman, laß einen Schmaus auftischen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_203" id="page_203">203</a></span><a name="s_93" id="s_93"></a>93.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">I</span>ndess im Lager lag schon Rostem beim Gelag,<br /></span> +<span class="i0">Der noch beim kühlen Wein dacht an den heißen Tag.<br /></span> +<span class="i2">Nur Suhrab wars, von dem er da erzälen mußte,<br /></span> +<span class="i0">Suhrab, von dem man auch ihm zu erzälen wußte.<br /></span> +<span class="i2">Keikawus sprach: Warum hast du den Wüterich<br /></span> +<span class="i0">Uns auf den Hals geschickt, da du ihn namst auf dich?<br /></span> +<span class="i2">Und hättest du nicht bald auf seine Bahn gerichtet<br /></span> +<span class="i0">Dein Augenmerk; wer weiß, was er hätt angerichtet!<br /></span> +<span class="i2">Wir haben hier ein Teil von seiner Art empfunden;<br /></span> +<span class="i0">Doch selber sag uns nun, wie du ihn hast gefunden!<br /></span> +<span class="i2">Er sprachs; doch Eifersucht und Aerger schwemmt' hinab<br /></span> +<span class="i0">Rostem mit Wein, und tat den Mund auf von Suhrab:<br /></span> +<span class="i2">Ich habe nie gesehn die gleichen Heldengaben,<br /></span> +<span class="i0">Die Löwenmannheit nie, an so unreifem Knaben.<br /></span> +<span class="i2">Ich hätte nicht gedacht, daß solchen Mann der Schlacht<br /></span> +<span class="i0">Die Welt hervorgebracht, der mir so warm gemacht.<br /></span> +<span class="i2">Er hat in jedem Kampf, in jedem Waffenwerke,<br /></span> +<span class="i0">Mit mir die gleiche Kunst, mit mir die gleiche Stärke;<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_204" id="page_204">204</a></span> +<span class="i2">Und nur die Jugend die hat er vor mir voraus:<br /></span> +<span class="i0">Mit ihm muß ich bestehn noch einen schweren Strauß.<br /></span> +<span class="i2">Erst mit dem Sper hab ichs, dann mit dem Schwert versucht,<br /></span> +<span class="i0">Mit meiner Keule dann, und er bestand die Wucht.<br /></span> +<span class="i2">Zuletzt da dacht ich noch: Vor diesem rang ich doch<br /></span> +<span class="i0">Schon manchen Helden hoch herab vom Satteljoch!<br /></span> +<span class="i2">Da streckt' ich meine Hand nach seinem Gürtelband,<br /></span> +<span class="i0">Und zerrte wacker; doch ich fand: er widerstand!<br /></span> +<span class="i2">Ich dacht, er sollte nur sogleich vom Sattel fliegen,<br /></span> +<span class="i0">Wie soviel andre schon ich sah im Staube liegen.<br /></span> +<span class="i2">Doch wenn ein Berg im Grund wird wanken von dem Wind,<br /></span> +<span class="i0">So wird vom Sattel nicht wanken das edle Kind.<br /></span> +<span class="i2">Für heute hat die Nacht nun unsern Kampf geschieden;<br /></span> +<span class="i0">Ich weiß nicht, ob ers war, ich war es wol zufrieden.<br /></span> +<span class="i2">Und wenn er morgen mir wird zum Kampfplatze kehren,<br /></span> +<span class="i0">Hab ich für Irans Ruhm und meinen mich zu wehren.<br /></span> +<span class="i2">Denn so bedangen wir: dort wieder zu erscheinen,<br /></span> +<span class="i0">Wie heut mit Heergeleit, ein jeder mit den Seinen.<br /></span> +<span class="i2">Dort soll zu Fuß ein Faust- und Ringkampf uns vereinen;<br /></span> +<span class="i0">Dann seht ihr, welches Heer muß seinen Mann beweinen!<br /></span> +<span class="i2">Heut aber ziemt es uns, die Sorgen wegzuwischen,<br /></span> +<span class="i0">Für morgen auf den Kampf die Herzen anzufrischen;<br /></span> +<span class="i0">O König Keikawus, laß neuen Wein auftischen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_205" id="page_205">205</a></span><a name="s_94" id="s_94"></a>94.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach er, und sein Wort macht' alle Gäste staunen;<br /></span> +<span class="i0">Dann tranken sie mit ihm, und wurden froher Launen.<br /></span> +<span class="i2">Sie tranken ihm auf Glück und Sieg die Becher zu,<br /></span> +<span class="i0">Und suchten, wohlbezecht, in Zelten Schlaf und Ruh.<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem, als er in sein Zelt gekommen war,<br /></span> +<span class="i0">Sprach er noch in der Nacht zum Bruder: O Sewar!<br /></span> +<span class="i2">Heut haben wir im Feld des Kampfes dieß gesehn;<br /></span> +<span class="i0">Und Niemand sieht voraus, was morgen wird geschehn.<br /></span> +<span class="i2">Sobald am Himmel dort der Sonne goldner Schild<br /></span> +<span class="i0">Hervortritt, tret ich an den Gang ins Schlachtgefild.<br /></span> +<span class="i2">Du laß in Gottes Hut, allein mit meinem Mut,<br /></span> +<span class="i0">Mich gehn, und halte du mein Sabulheer in Hut.<br /></span> +<span class="i2">Wenn ich den Feind erleg in diesem Waffengange,<br /></span> +<span class="i0">Nicht auf der Walstatt werd ich dann dir säumen lange.<br /></span> +<span class="i2">Doch anders wenn ergeht der himmlische Bescheid,<br /></span> +<span class="i0">Vollführe du kein Weh, und mache du kein Leid!<br /></span> +<span class="i2">Einbrechen sollt ihr nicht, um meinen Tod zu rächen,<br /></span> +<span class="i0">Ins Feindesheer; ihr sollt nach Sabul gleich aufbrechen;<br /></span> +<span class="i0">So sollt ihr unterwegs, und so zu Hause sprechen:<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_206" id="page_206">206</a></span> +<span class="i2">So war es ihm verhängt an seines Alters Rand,<br /></span> +<span class="i0">Daß seinen Tod er fand von eines Jünglings Hand.<br /></span> +<span class="i2">Zur Mutter dort im Ton der Tröstung sollst du sagen:<br /></span> +<span class="i0">Um Rostem, deinen Sohn, sollst du zusehr nicht klagen!<br /></span> +<span class="i0">Soviel erschlug er schon, und ward nun auch erschlagen.<br /></span> +<span class="i2">Du wurdest alt, und sahst alt werden deinen Sohn;<br /></span> +<span class="i0">Nun lebe länger noch, wenn er gestorben schon!<br /></span> +<span class="i0">Er hat sein Werk getan, und hat nun seinen Lohn.<br /></span> +<span class="i2">So manches Abenteur im Heldenungestüm<br /></span> +<span class="i0">Bestand er, Ungeheur und Riesenungetüm.<br /></span> +<span class="i2">So manches feste Schloß mit Mauerkranze brach er,<br /></span> +<span class="i0">So manchen Mann vom Ross mit seiner Lanze stach er.<br /></span> +<span class="i2">Doch an des Todes Schloß am Ende pochen muß,<br /></span> +<span class="i0">Wer immer auf ein Ross gehoben seinen Fuß.<br /></span> +<span class="i2">In diesem Jagdrevier ist ungejagt geblieben<br /></span> +<span class="i0">Kein Jäger, ewig hier kein Treiber unvertrieben;<br /></span> +<span class="i0">Ein Freibrief ward auch mir vom Himmel nicht geschrieben.<br /></span> +<span class="i2">Sewar! zum Schlaftrunk gib mir noch den Becher Wein,<br /></span> +<span class="i0">Und laß das Uebrige dem Glück empfolen sein!<br /></span> +<span class="i2">So sprach er, und die Nacht ward mit Gespräch von Schlacht<br /></span> +<span class="i0">Und Suhrab halb, und halb mit Ruh und Schlaf verbracht.<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_10" id="buch_10"></a><a href="#inhalt">Zehntes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_95" id="s_95"></a>95.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">W</span>ie nun des Tages Pfau sein farbiges Gefieder<br /></span> +<span class="i0">Entfaltet', und der Rab der Nacht den Kopf bog nieder;<br /></span> +<span class="i2">Umgürtete der Held den Stahl, den lebenraubenden,<br /></span> +<span class="i0">Und seinen Drachen schirrt' er an, den feuerschnaubenden.<br /></span> +<span class="i2">Zum Kampfplatz wie ein Sturm kam er hinan geschnaubt,<br /></span> +<span class="i0">Hell glänzt' im Morgenstral der Helm auf seinem Haubt.<br /></span> +<span class="i2">Im Felde sah er dort sich um, es nam ihn Wunder,<br /></span> +<span class="i0">Daß noch nicht war am Ort der junge Feuerzunder.<br /></span> +<span class="i2">Der trank noch Morgenwein vergnügt bei Lautenton,<br /></span> +<span class="i0">Und seiner wartete der Tod, der Vater, schon.<br /></span> +<span class="i2">Er sprach zu Baruman: Der grimmige Löwengreis,<br /></span> +<span class="i0">Mit dem ich heute nun mich tummeln soll im Kreiß;<br /></span> +<span class="i2">Er ist nicht unter mir an ragender Gestalt,<br /></span> +<span class="i0">Und steht nicht hinter mir zurück an Kampfgewalt.<br /></span> +<span class="i2">Wenn ich ihn seh an Brust, Arm, Schulter und Genicke,<br /></span> +<span class="i0">Ist mirs alsob ich selbst im Spiegel mich erblicke;<br /></span> +<span class="i2">Alsob ich selber so müßt anzusehen sein,<br /></span> +<span class="i0">Wenn soviel Jahr als ihm die Sterne mir verleihn!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_210" id="page_210">210</a></span> +<span class="i2">Des Helden Anblick treibt die Scham auf meine Wangen,<br /></span> +<span class="i0">Und regt im Busen mir ein liebendes Verlangen.<br /></span> +<span class="i2">O sag mir, ob er ist der Vater, den ich suche!<br /></span> +<span class="i0">Damit die Welt mir nicht als Vatermörder fluche!<br /></span> +<span class="i2">Was sollt ich, kehrt ich heim, der armen Mutter sagen?<br /></span> +<span class="i0">Daß ich den Gatten ihr, den Vater mir, erschlagen!<br /></span> +<span class="i2">Der Gatte zwar ist schon der Mutter lang entflohn;<br /></span> +<span class="i0">Und desto mehr verlangt sie nun zurück den Sohn.<br /></span> +<span class="i2">Zu ihr möcht ich zurück, hätt ich den Vater nur<br /></span> +<span class="i0">Gefunden erst, den ich hieher zu suchen fur!<br /></span> +<span class="i2">Die Zeichen treffen ein, die mir die Mutter gab;<br /></span> +<span class="i0">Nicht töten will ich ihn für den Afrasiab!<br /></span> +<span class="i2">Zwar gestern ist mir der Gedanke, den ich trug,<br /></span> +<span class="i0">Vergangen, als der Mann so lieblos auf mich schlug.<br /></span> +<span class="i2">Doch in der Nacht ist es mir wieder aufgestiegen,<br /></span> +<span class="i0">Im Traume fand ich mich in seinen Armen liegen:<br /></span> +<span class="i0">Da lag ich gut und sanft! ich will mit ihm nicht kriegen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_211" id="page_211">211</a></span><a name="s_96" id="s_96"></a>96.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u ihm sprach Baruman, nachdem er still bedacht,<br /></span> +<span class="i0">Wozu Afrasiab verbindlich ihn gemacht:<br /></span> +<span class="i2">Ich dächt, es hätte doch dir müßen nun verfliegen<br /></span> +<span class="i0">Der Traum, im Arme sei sanft diesem Mann zu liegen!<br /></span> +<span class="i2">Denn warlich muß, nach dem was du von ihm gesprochen,<br /></span> +<span class="i0">Kein Herz, ein menschliches, in seinem Busen pochen.<br /></span> +<span class="i2">Dein Mut hat einmal mit den mörderischen Händen<br /></span> +<span class="i0">Den Kampf begonnen; mag den Kampf dein Mut vollenden!<br /></span> +<span class="i2">Willst du nicht lösen dein verpfändetes Versprechen?<br /></span> +<span class="i0">Du gabst dein Wort zurückzukehren; willst dus brechen?<br /></span> +<span class="i2">Er wartet draußen schon, und wird dich mürrisch fragen:<br /></span> +<span class="i0">Wo bleibst du, lieber Sohn? du scheinst vor mir zu zagen!<br /></span> +<span class="i2">Ein Feigling bist du ihm, und bist du dir, erschienen;<br /></span> +<span class="i0">Mit diesem Mut wirst du den Vater nicht verdienen!<br /></span> +<span class="i2">Von deinem Vater ist mir Sichres nicht bekant;<br /></span> +<span class="i0">Doch dich hat seinen Sohn Afrasiab genant.<br /></span> +<span class="i2">Des Namens machest du dich wert, wann mutentbrant<br /></span> +<span class="i0">Du jenen, der dir trotzt, hast in den Staub gerant.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_212" id="page_212">212</a></span> +<span class="i2">Ich kenne nicht den Mann, und frage nicht, warum<br /></span> +<span class="i0">Er seinen Namen birgt; befrag ihn selbst darum!<br /></span> +<span class="i2">Doch lieber, wenn du mir gehorchest, frag ihn nicht!<br /></span> +<span class="i0">Schlag ihn, eh er dich schlägt! brich ihn, eh er dich bricht!<br /></span> +<span class="i0">So warst du deinen Ruhm, und übest deine Pflicht.<br /></span> +<span class="i2">So sprach er, und sein Rat klang Suhrabs Ohren hohl;<br /></span> +<span class="i0">Dem Redner selber war dabei ums Herz nicht wol.<br /></span> +<span class="i2">Doch Sorg und Zweifel nun schlug Suhrab in den Wind,<br /></span> +<span class="i0">Legt' an sein Heergeschmeid, und sprang aufs Ross geschwind;<br /></span> +<span class="i0">Entgegen flog in Eil dem Vater nun sein Kind.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_213" id="page_213">213</a></span><a name="s_97" id="s_97"></a>97.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">A</span>ls beide Kämpfer nun erschienen auf dem Plan,<br /></span> +<span class="i0">Da kamen ihres Kampfs Zuschauer auch heran;<br /></span> +<span class="i2">Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt,<br /></span> +<span class="i0">Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt;<br /></span> +<span class="i2">Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,<br /></span> +<span class="i0">Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.<br /></span> +<span class="i2">Vor diesen Zeugen ritt zu seinem Gegner hin<br /></span> +<span class="i0">Suhrab, und mit dem Mund anlächelnd grüßt' er ihn:<br /></span> +<span class="i2">Wie hast du in der Nacht geruht, und bist erwacht<br /></span> +<span class="i0">Am Morgen? Früh, o Greis, hast du dich aufgemacht.<br /></span> +<span class="i2">Das Aug und jeden Sinn erlabend ist der Morgen;<br /></span> +<span class="i0">Doch welchen Abend er uns bringt, das ist verborgen.<br /></span> +<span class="i2">Der Berge Häupter sind vom Stral der Frühe golden,<br /></span> +<span class="i0">Mit Morgenwein gefüllt sind alle Blumendolden.<br /></span> +<span class="i2">Die Morgenlüfte gehn, die Schläfer einzuladen,<br /></span> +<span class="i0">Schnell aufzustehn, und sich im Maienthau zu baden.<br /></span> +<span class="i2">Die Vögel singen laut, die klaren Bäche fließen,<br /></span> +<span class="i0">Die Anger sonnen sich, und alle Blumen sprießen;<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_214" id="page_214">214</a></span> +<span class="i2">Das ist durchaus kein Tag zu Mord und Blutvergießen,<br /></span> +<span class="i0">Ein Tag, das kurze Glück des Lebens zu genießen.<br /></span> +<span class="i2">Komm, lieber Alter, steig herab von deinem Drachen<br /></span> +<span class="i0">Ins grüne Gras, und laß uns Waffenstillstand machen!<br /></span> +<span class="i2">Im Angesichte des und jenes Heeres laß,<br /></span> +<span class="i0">Daß froh sie staunen, uns ablegen Groll und Haß!<br /></span> +<span class="i2">Des Krieges Schauplatz sei in eine Friedensbühne<br /></span> +<span class="i0">Verwandelt, und ein Fest erblüh uns auf dem Grüne.<br /></span> +<span class="i2">Ich wink, und Saitenspiel und Wein kommt zum Gelag;<br /></span> +<span class="i0">Ich feir im Rosenhag mit dir den Frülingstag.<br /></span> +<span class="i2">Vom Haupte legest du des schweren Helmes Glanz,<br /></span> +<span class="i0">Und um dein Haar leg ich von Rosen einen Kranz.<br /></span> +<span class="i2">Dann sitzen wir beim Wein, und plaudern vom Gefecht;<br /></span> +<span class="i0">Und alles, was ich weiß von mir, sag ich dir recht:<br /></span> +<span class="i0">Du selber sagest auch mir Stammbaum und Geschlecht.<br /></span> +<span class="i2">Nach deinem Namen hab ich ohne Rast und Ruh<br /></span> +<span class="i0">Gefragt, und Niemand sagt ihn mir, o sag ihn du!<br /></span> +<span class="i2">Nicht ziemt es zwischen uns, so Herz und Mund verschloßen<br /></span> +<span class="i0">Zu halten, denn wir sind von gestern Kampfgenoßen.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_215" id="page_215">215</a></span><a name="s_98" id="s_98"></a>98.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach das Kind; ihm hatt aus Waßer, Luft und Flur<br /></span> +<span class="i0">Gesprochen sanft ans Herz die Sprache der Natur.<br /></span> +<span class="i2">Wie eine Knospe war das Herz ihm aufgegangen,<br /></span> +<span class="i0">Und das Verlangen blüht' auf seinen Rosenwangen.<br /></span> +<span class="i2">Doch wie die Knosp am Strauch, vom Frülingsstral geweckt,<br /></span> +<span class="i0">Zurück vom kalten Hauch des Nordwinds wird geschreckt;<br /></span> +<span class="i2">Und wie die Blume, die den Kelch geöffnet hält<br /></span> +<span class="i0">Dem Früthau, wenn auf sie der giftge Melthau fällt:<br /></span> +<span class="i2">So schrumpfte Suhrabs Herz zusammen, und es brach<br /></span> +<span class="i0">Der Hoffnung grüner Stiel ihm ab, als Rostem sprach:<br /></span> +<span class="i2">Nicht also haben wir, o liebes Kind, gewettet,<br /></span> +<span class="i0">Zu ruhn in Friedensruh auf Frülingsgrün gebettet.<br /></span> +<span class="i2">Wir haben uns bestellt, im Ringkampf uns zu tummeln,<br /></span> +<span class="i0">Nicht stachellos umher zu schwärmen wie die Hummeln.<br /></span> +<span class="i2">Wenn du ein Jüngling bist, so bin ich doch kein Knabe;<br /></span> +<span class="i0">Du siehst, daß ich den Gurt geschnallt zum Ringen habe.<br /></span> +<span class="i2">Du hast mich lang genug aufs Tagwerk laßen warten,<br /></span> +<span class="i0">Rosen zu brechen, wie sie blühn in unserm Garten.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_216" id="page_216">216</a></span> +<span class="i2">Der Hauch des Morgens ist belobt zu jedem Werke,<br /></span> +<span class="i0">Und mir erneuet er der alten Glieder Stärke.<br /></span> +<span class="i2">Drum, eh des Mittags Glut der Sehnen Kraft abspannt,<br /></span> +<span class="i0">Zeig, ob du bist ein Mann, wann ich dich übermannt!<br /></span> +<span class="i2">Ich habe nicht gehört, daß auf dem Kampfplatz plaudern<br /></span> +<span class="i0">Kampflustige, wenn froh die Hengst im Frühwind schaudern.<br /></span> +<span class="i2">Ich habe mich versucht mit Männern hier und dort;<br /></span> +<span class="i0">Ich bin ein Mann der Tat, kein Mann von vielem Wort.<br /></span> +<span class="i2">Drum meinen Namen nenn ich ehr nicht, sei verbürgt!<br /></span> +<span class="i0">Als bis du liegst; dann sollst du wißen, wer dich würgt!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_217" id="page_217">217</a></span><a name="s_99" id="s_99"></a>99.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>a rief Suhrab erzürnt: Wolan denn, alter Mann,<br /></span> +<span class="i0">Wenn dich mein gutgemeinter Rat nicht beugen kann!<br /></span> +<span class="i2">Mein Wunsch war, daß du einst auf einem sanften Pfühl<br /></span> +<span class="i0">Den Geist aushauchtest, nicht im heißen Kampfgewühl,<br /></span> +<span class="i2">Wer nach dir blieb, die Gruft dir ehrenvoll bedächte,<br /></span> +<span class="i0">In Türkisschrein den Leib Sohn oder Enkel brächte.<br /></span> +<span class="i2">Doch nun, mit Gott! wenn ist in meiner Hand dein Hauch,<br /></span> +<span class="i0">Mit meiner Hand hier will ich ihn entbinden auch!<br /></span> +<span class="i2">So rief er, und vom Ross sprang er gewaffnet nieder;<br /></span> +<span class="i0">Der Helm klang auf dem Haupt, der Panzer um die Glieder.<br /></span> +<span class="i2">Und ihm genüber schwang sich Rostem ab, ihm klang<br /></span> +<span class="i0">Laut an der Hüft ein Schwert, das halb der Scheid entsprang.<br /></span> +<span class="i2">Mit Schweigen giengen beid und füreten mit Schweigen<br /></span> +<span class="i0">Die Ross' an ihrer Hand zum Bach hin unter Zweigen;<br /></span> +<span class="i2">Wo an des Baches Rand ein einzler Felsen stand,<br /></span> +<span class="i0">Der tauglich schien, ein Ross zu halten fest am Band:<br /></span> +<span class="i2">Um den schlang Rostems Hand den Zaum des Rachs im Nu,<br /></span> +<span class="i0">Und Suhrab eilig band sein Ross dort an dazu.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_218" id="page_218">218</a></span> +<span class="i2">So standen dort in Ruh, das eine bei dem andern,<br /></span> +<span class="i0">Die Rosse, da zum Kampf die Männer mußten wandern.<br /></span> +<span class="i2">Friedfertig schnaubten sie sich an, und legten, als<br /></span> +<span class="i0">Umarmeten sie sich, vertraulich Hals an Hals.<br /></span> +<span class="i2">Sie unterredeten sich schweigend: ach, sie brächen<br /></span> +<span class="i0">Ihr Schweigen gern auch, daß sie ihren Herrn zusprächen!<br /></span> +<span class="i2">Doch diese ließen stehn mit seinem Sohn den Rachs,<br /></span> +<span class="i0">Und schritten auf den Plan zum Faust- und Ringkampf stracks.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_219" id="page_219">219</a></span><a name="s_100" id="s_100"></a>100.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>ie gürteten sich fest die Mitte, stülpten dicht<br /></span> +<span class="i0">Die Aermel um den Arm, und furchten das Gesicht.<br /></span> +<span class="i2">Zwei Löwen gleich an Wut, herschoßen sie zumal;<br /></span> +<span class="i0">Vom Leibe Schweiß und Blut vergoßen sie zumal.<br /></span> +<span class="i2">Zwei Leiber wurden da Ein Leib, indem sie rangen,<br /></span> +<span class="i0">Um den vier Arm' im Knäul wie Schlangen sich verschlangen.<br /></span> +<span class="i2">Wie eine Goldspang eng den Frauenarm umschmiegt,<br /></span> +<span class="i0">Und wie fest an dem Leib ein naßes Kleid anliegt:<br /></span> +<span class="i2">So mit den Armen eng umschmiegten sich die beiden;<br /></span> +<span class="i0">Anstrengten hin und her und wiegten sich die beiden:<br /></span> +<span class="i0">An Kraft nicht, noch an Kunst besiegten sich die beiden.<br /></span> +<span class="i2">Sie hätten Stein und Erz zerdrückt in ihren Armen;<br /></span> +<span class="i0">Sie drückten sich umsonst, und drückten ohn Erbarmen.<br /></span> +<span class="i2">Angst fühlte Brust an Brust, und Glied um Glieder Schmerz,<br /></span> +<span class="i0">Als Vater dort und Sohn sich drückten so ans Herz.<br /></span> +<span class="i2">Indessen oben sie sich mit den Armen klemmten,<br /></span> +<span class="i0">Den Odem in der Brust, das Blut im Herzen hemmten;<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_220" id="page_220">220</a></span> +<span class="i2">Indessen hielten sie am Boden die gestemmten<br /></span> +<span class="i0">Füß' eingewurzelt. So rang Suhrab mit Tehemten<br /></span> +<span class="i2">Mit mächtigem Umfahn, gewaltigem Umschlingen,<br /></span> +<span class="i0">Vermochten sie sich doch zu Boden nicht zu ringen,<br /></span> +<span class="i2">Vermochten sie sich nicht vom Grund empor zu bringen,<br /></span> +<span class="i0">Vermochten sie sich auch vom Platz nicht wegzudringen.<br /></span> +<span class="i2">Umsonst umschlangen sie, umsonst umflochten sie;<br /></span> +<span class="i0">Vergebens rangen sie, vergebens fochten sie.<br /></span> +<span class="i2">Voll Wut andrangen sie, voll Wut aufkochten sie;<br /></span> +<span class="i0">Sich nicht bezwangen sie, noch übermochten sie.<br /></span> +<span class="i2">Nun wollten sies, anstatt mit Ringen und mit Dringen,<br /></span> +<span class="i0">Mit Schwingen in die Luft vollbringen und erzwingen.<br /></span> +<span class="i2">Los ließen Vater sich und Sohn, und seine Hand<br /></span> +<span class="i0">Ausstreckte jeder nach des andern Gürtelband.<br /></span> +<span class="i2">Und Rostem schwang den Sohn empor mit einem Schwunge<br /></span> +<span class="i0">Am Gürtel: fast erlag dem Alten da der Junge.<br /></span> +<span class="i2">Doch dieser fiel, vom Glück geschleudert, auf die Brust<br /></span> +<span class="i0">Des Gegners schwer, und warf ihn nieder in den Dust.<br /></span> +<span class="i2">Da kniet' er auf der Brust des Vaters, und besann<br /></span> +<span class="i0">Sich selber nicht, wie er die Oberhand gewann.<br /></span> +<span class="i2">Da zuckt' er rasch den Dolch, und, ohne dran zu denken,<br /></span> +<span class="i0">Wollt er den kalten Stahl ins Herz des Vaters senken.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_221" id="page_221">221</a></span><a name="s_101" id="s_101"></a>101.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">R</span>ostem, aufblickend, sah das nahe Ungemach<br /></span> +<span class="i0">Schweben ob seinem Haupt, und rief: Gemach, gemach!<br /></span> +<span class="i2">Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,<br /></span> +<span class="i0">So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!<br /></span> +<span class="i2">Du kommest her und stammst aus wilder Türken Mitte:<br /></span> +<span class="i0">Nach Iran kommst du, kämpfst, und kennst nicht Irans Sitte.<br /></span> +<span class="i2">Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen<br /></span> +<span class="i0">Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;<br /></span> +<span class="i2">Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,<br /></span> +<span class="i0">Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.<br /></span> +<span class="i2">Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!<br /></span> +<span class="i0">Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.<br /></span> +<span class="i2">Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;<br /></span> +<span class="i0">Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.<br /></span> +<span class="i2">So sprach er, ob villeicht er sei durch List errettet<br /></span> +<span class="i0">Vom Gegner, unter dem er unsanft lag gebettet.<br /></span> +<span class="i2">Suhrab hielt zweifelnd inn, und sprach: Ich habe nicht<br /></span> +<span class="i0">Von dieser Sitt im Land vernommen den Bericht.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_222" id="page_222">222</a></span> +<span class="i2">Sag an, ob wirklich so es alle Helden halten,<br /></span> +<span class="i0">Obs so gehalten wird von Rostem auch, dem alten?<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem sprach: Was geht dichs an, wies Rostem macht?<br /></span> +<span class="i0">Nun ja doch! diesen Brauch hat Rostem aufgebracht. –<br /></span> +<span class="i2">Wie Rostems Sohn aus Rostems Mund dieß Wort gehört,<br /></span> +<span class="i0">Das Schwert zog er zurück, und ließ ihn los, betört:<br /></span> +<span class="i2">Einmal, von Selbstvertraun, sodann von Schicksalsfug,<br /></span> +<span class="i0">Am meisten aber, weil sein Herz von Großmut schlug;<br /></span> +<span class="i0">Sonst hätt ihn nicht allein betört des Vaters Trug.<br /></span> +<span class="i2">Rostem sah froh erstaunt sich los vom Feind gekettet,<br /></span> +<span class="i0">Doch war er unmutsvoll, daß ihn nur List gerettet.<br /></span> +<span class="i2">Vom Boden sprang er auf, und schüttelte die Glieder<br /></span> +<span class="i0">Vom Staub, und ein die ausgerenkten renkt' er wieder.<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab wendete von ihm sich ins Gefild,<br /></span> +<span class="i0">Und jagte vor sich her ein aufgesprungnes Wild.<br /></span> +<span class="i2">Auf dieses macht' er Jagd zur Kurzweil, und vergaß<br /></span> +<span class="i0">Des Mannes ganz, mit dem er erst im Kampf sich maß.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_223" id="page_223">223</a></span><a name="s_102" id="s_102"></a>102.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>och Rostem, als er war entbunden seiner Qual,<br /></span> +<span class="i0">Gieng an den Bach hinauf, dort in ein Felsental,<br /></span> +<span class="i2">Wo er vor langer Zeit einmal mit einem Geiste<br /></span> +<span class="i0">Zusammentraf, als er des Wegs aus Turan reiste,<br /></span> +<span class="i2">Als er dort aus dem Krieg mit Beute schwer beladen<br /></span> +<span class="i0">Zurückkam, mühsam gieng er da auf seinen Pfaden.<br /></span> +<span class="i2">Dem Rostem damals war solch eine Kraft verliehn,<br /></span> +<span class="i0">Die nicht nur seinen Feind, die drückte selber ihn.<br /></span> +<span class="i2">Denn wo er auf dem Grund mit seines Leibs Gewicht<br /></span> +<span class="i0">Auftrat, gab nach der Grund, und widerstand ihm nicht.<br /></span> +<span class="i2">Den Fußtritt drückt' er tief auch härterem Gestein,<br /></span> +<span class="i0">Nicht lockerm Sande nur und weichem Boden ein:<br /></span> +<span class="i2">So wehrlos schon, vielmehr wann er die Waffen trug,<br /></span> +<span class="i0">Und nun trug er dazu noch schweren Raubs genug.<br /></span> +<span class="i2">Im Melme sank ihm ein der Fuß bis an den Knöchel;<br /></span> +<span class="i0">Da lachte neben ihm der Berggeist mit Geröchel.<br /></span> +<span class="i2">Wer, fragte Rostem, lacht? Dumpf sprach der Berggeist: Ich!<br /></span> +<span class="i0">Worüber? Weil ich seh im Grund einsinken dich.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_224" id="page_224">224</a></span> +<span class="i2">Die dir die Mutter gab, die Kraft ist lästig dir,<br /></span> +<span class="i0">Du bist zu schwach für sie, gib sie zu tragen mir!<br /></span> +<span class="i2">Und brauchst du sie einmal, wann matt sind deine Glieder,<br /></span> +<span class="i0">So komm und ruf! so geb ich deine Kraft dir wieder.<br /></span> +<span class="i2">Da gab der Pehlewan dem Berggeist in Verwar<br /></span> +<span class="i0">Den Ueberschuß der Kraft, die ihm beschwerlich war.<br /></span> +<span class="i2">Jetzt aber kam er her, um, ehr im Berge modern<br /></span> +<span class="i0">Er ließe seine Kraft, sie nun zurück zu fodern.<br /></span> +<span class="i2">Denn gegen Suhrab war der Sieg ihm zweifelhaft,<br /></span> +<span class="i0">Wenn er nicht näme ganz zusammen seine Kraft.<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_11" id="buch_11"></a><a href="#inhalt">Elftes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_103" id="s_103"></a>103.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">Z</span>u Suhrab aber, der froh seiner Jagd nachgieng,<br /></span> +<span class="i0">Kam Barman, als der Tag sich an zu neigen fieng.<br /></span> +<span class="i2">Er kam, von bangem Mut und Ungeduld getrieben,<br /></span> +<span class="i0">Was in den Sternen nun ob Suhrab sei geschrieben,<br /></span> +<span class="i2">Und welchen Wunsch erfüllt sehn sollt Afrasiab,<br /></span> +<span class="i0">Von beiden wen im Grab, ob Rostem ob Suhrab?<br /></span> +<span class="i2">Er wußte nicht, warum sie ihren Kampf geschieden,<br /></span> +<span class="i0">Und fürchtete, daß Sohn und Vater machten Frieden.<br /></span> +<span class="i2">Doch als er wolgemut herwandeln jenen sah,<br /></span> +<span class="i0">Rief er ihn an, indem er trat mit Staunen nah:<br /></span> +<span class="i2">Was ist es? was geschah? wo ist dir hingekommen<br /></span> +<span class="i0">Der Gegner, den du dir zu würgen vorgenommen?<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab lächelnd sprach: Er ist mir nicht entwischt;<br /></span> +<span class="i0">Auf einen neuen Gang hab ich mich angefrischt.<br /></span> +<span class="i2">Ihn fragte Baruman: Warum ward aufgehoben<br /></span> +<span class="i0">Der Kampf? Doch Suhrab sprach: Er ward nur aufgeschoben.<br /></span> +<span class="i2">Im Ringen hatt ich ihn geworfen auf den Plan,<br /></span> +<span class="i0">Schon zuckt ich meinen Dolch, da wars um ihn getan;<br /></span> +<span class="i0">Doch er mit lautem Ruf rief mich um Schonung an:<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_228" id="page_228">228</a></span> +<span class="i2">Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,<br /></span> +<span class="i0">So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!<br /></span> +<span class="i2">Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen<br /></span> +<span class="i0">Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;<br /></span> +<span class="i2">Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,<br /></span> +<span class="i0">Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.<br /></span> +<span class="i2">Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!<br /></span> +<span class="i0">Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.<br /></span> +<span class="i2">Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;<br /></span> +<span class="i0">Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.<br /></span> +<span class="i2">So sprach er, und ich gab auf dieses Wort ihn frei,<br /></span> +<span class="i0">Daß er mir erst erlegt im zweiten Gange sei!<br /></span> +<span class="i2">So sprach Suhrab vergnügt; doch Barman sah das Walten<br /></span> +<span class="i0">Des Himmels, daß Rostem für Iran sei behalten.<br /></span> +<span class="i2">Zu Suhrab sprach er: Weh! du bist des Lebens satt:<br /></span> +<span class="i0">Ein Glück begegnet nie zweimal an Einer Statt.<br /></span> +<span class="i2">Den Pardel ließest du entspringen aus den Schlingen,<br /></span> +<span class="i0">Darein ihn Gott dir gab: nun wird er dich verschlingen!<br /></span> +<span class="i2">So sprach er misvergnügt, und wendete sich ab<br /></span> +<span class="i0">Vom Knaben rasch, den er nunmehr verloren gab.<br /></span> +<span class="i2">Er gieng hinweg, und sprach: Das Schicksal mag es lenken<br /></span> +<span class="i0">Mit ihm, wies ihm gefällt! ich will das Heer bedenken.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_229" id="page_229">229</a></span><a name="s_104" id="s_104"></a>104.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">A</span>uf einem Felsenthron saß dort der Geist und sah,<br /></span> +<span class="i0">Das Tal herauf ein Mann kam seinem Sitze nah.<br /></span> +<span class="i2">Voll Muts und unmutsvoll umschauend kam er bei;<br /></span> +<span class="i0">Da merkte wol der Geist, daß er gesuchet sei.<br /></span> +<span class="i2">Ein Abendnebel lag als Helm auf seinem Haubte;<br /></span> +<span class="i0">Den hob er weg, indem er mit dem Atem schnaubte.<br /></span> +<span class="i2">Auf seinem Throne saß der Geist nun unverhüllt,<br /></span> +<span class="i0">Doch finster, von des Bergs verborgner Kraft erfüllt.<br /></span> +<span class="i2">Den Rostem rief er an: Wen und was suchst du? sprich!<br /></span> +<span class="i0">Darauf sprach Rostem: Dich und meine Kraft such ich.<br /></span> +<span class="i2">Ich seh und kenne dich, wie ich dich schon geschaut;<br /></span> +<span class="i0">Du bist nicht seit der Zeit gealtert noch ergraut;<br /></span> +<span class="i0">Doch kennst du mich? und weißt, was ich dir anvertraut?<br /></span> +<span class="i2">Mit düsterm Lächeln gab zur Antwort ihm der Geist:<br /></span> +<span class="i0">Ich kenne dich nicht mehr, Rostem! du bist ergreist.<br /></span> +<span class="i2">Doch was bemühest du die alten Heldenglieder<br /></span> +<span class="i0">Zu mir? Tehemten sprach: Gib meine Kraft mir wieder!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_230" id="page_230">230</a></span> +<span class="i2">Bis heute kam ich aus mit dem, was ich gespart;<br /></span> +<span class="i0">Das Ganze brauch ich heut; gib her, was du bewart!<br /></span> +<span class="i2">Da sprach der Geist: Die Kraft des Menschenkinds, wann sie<br /></span> +<span class="i0">Von ihm gewichen ist, kehrt ihm zurücke nie.<br /></span> +<span class="i2">Denn keinem kann er sie zur Wiedergabe geben;<br /></span> +<span class="i0">Du aber gabest mir die deine aufzuheben.<br /></span> +<span class="i2">Wol aufgehoben hier ist sie und aufbehalten;<br /></span> +<span class="i0">Viel beßer als bei dir ruht sie in Bergesspalten.<br /></span> +<span class="i2">Warum willst du mit ihr dein alterndes Genick<br /></span> +<span class="i0">Beladen? Held, du nimmst auf dich ein Misgeschick.<br /></span> +<span class="i0">Doch weigern werd ich sie dir keinen Augenblick,<br /></span> +<span class="i2">Wenn du sie ernstlich willst, und dreimal sie verlangest;<br /></span> +<span class="i0">Allein bedenk es recht, wozu du sie empfangest!<br /></span> +<span class="i2">Ich gebe, Stück für Stück, dir deine Kraft zurück,<br /></span> +<span class="i0">Ich gebe sie dir, doch zum Unglück, nicht zum Glück.<br /></span> +<span class="i2">Laß deine Kraft hier ruhn! du hast der Taten nun<br /></span> +<span class="i0">Genug getan: zum Leid wirst du dir eine tun!<br /></span> +<span class="i2">Tehemten, ja, ein Leid, ich fürchte, wirst du finden<br /></span> +<span class="i0">Durch deine Kraft, davon dir selbst die Kraft wird schwinden.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_231" id="page_231">231</a></span><a name="s_105" id="s_105"></a>105.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o unterhandelten sie dort um Rostems Kraft;<br /></span> +<span class="i0">Doch Rostems Sohn sah sich im Feld um zweifelhaft,<br /></span> +<span class="i2">Und wußte nicht, was er vom Gegner denken sollte,<br /></span> +<span class="i0">Der nicht erschien; und ob er heimwerts lenken sollte,<br /></span> +<span class="i2">Ob warten noch, bis doch villeicht er wiederkäme,<br /></span> +<span class="i0">Damit er heute noch das Leben hier ihm näme!<br /></span> +<span class="i2">Am Ende dünkt' es doch das Beste seiner Meinung,<br /></span> +<span class="i0">Im Feld zu warten noch auf seines Feinds Erscheinung.<br /></span> +<span class="i2">Denn, sprach er, heute früh hat er auf mich gewartet,<br /></span> +<span class="i0">Nun wart ich spät auf ihn, so ist es wolgeartet.<br /></span> +<span class="i2">Der Abend ist so schön nicht, als es uns versprach<br /></span> +<span class="i0">Der Morgen; in der Welt kommt Herbes Frohem nach.<br /></span> +<span class="i2">Die Sonne sinkt, und läßt ein blutges Abendrot<br /></span> +<span class="i0">Zurück als Abschiedsgruß, den sie dem Leben bot.<br /></span> +<span class="i2">Wo aber bleibt der Mann, den ich nicht missen kann?<br /></span> +<span class="i0">Ich töt ihn in der Nacht, weil er am Tag entrann!<br /></span> +<span class="i2">So sprechend, blickt' er auf, und sah den Rostem kommen,<br /></span> +<span class="i0">Alswie ein Meteor trübrötlich angeglommen.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_232" id="page_232">232</a></span> +<span class="i2">Dem Suhrab schien er ganz verwandelt zauberhaft,<br /></span> +<span class="i0">Von wunderbarem Glanz, in voller Jugendkraft.<br /></span> +<span class="i2">Mit Staunen grüßt' er ihn, mit Zittern und Verzagen;<br /></span> +<span class="i0">Wo er gewesen sei, hatt er nicht Mut zu fragen.<br /></span> +<span class="i2">Er fragt': Und ringen wir noch heute vor der Nacht?<br /></span> +<span class="i0">Und Rostem sprach: Ei ja! es ist geschwind vollbracht.<br /></span> +<span class="i2">Da traten an zum Kampf der Vater und der Sohn;<br /></span> +<span class="i0">Der angetan mit Kraft, die diesem war entflohn.<br /></span> +<span class="i2">Wie, wann die Sonne sinkt, die Nacht siegjauchzen mag,<br /></span> +<span class="i0">Und wann die Nacht erliegt, so triumfirt der Tag:<br /></span> +<span class="i2">So mochte Rostem leicht ob Suhrab triumfiren,<br /></span> +<span class="i0">Der nicht gewinnen konnt, und jener nicht verlieren.<br /></span> +<span class="i2">Da zog die Dämmerung aus Abendwolkenflor<br /></span> +<span class="i0">Dem Schauplatz dieses Wehs den dichten Vorhang vor;<br /></span> +<span class="i2">Daß von dem Doppelheer, das als Zuschauer nah<br /></span> +<span class="i0">Dem Schauspiel war, was da geschah, kein Auge sah.<br /></span> +<span class="i2">Da griffen an die zwei, da war es schon getan;<br /></span> +<span class="i0">Vom Vater war es ab-, und um den Sohn getan.<br /></span> +<span class="i2">Rostem tat einen Ruck, und Suhrab lag im Dust;<br /></span> +<span class="i0">Rostem tat einen Zuck, sein Dolch traf Suhrabs Brust.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_233" id="page_233">233</a></span><a name="s_106" id="s_106"></a>106.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>uhrab sprach todeswund: O ungetreuer Mann!<br /></span> +<span class="i0">Das ist der Schonung Lohn, den ich von dir gewann.<br /></span> +<span class="i2">Von Rostem hast du mir ein Märchen vorgelogen,<br /></span> +<span class="i0">In Rostems Namen um mein Leben mich betrogen.<br /></span> +<span class="i2">Doch sei ein Fisch im Meer, ein Vogel in der Luft,<br /></span> +<span class="i0">Die Rach ereilet dich, wo ich lieg in der Gruft.<br /></span> +<span class="i2">Wenn Rostem das erfärt, und er wird es erfaren;<br /></span> +<span class="i0">Nicht wird ihm das Gerücht die Trauerkund ersparen –<br /></span> +<span class="i2">Wenn Rostem es erfärt, so gibt er dir den Lohn<br /></span> +<span class="i0">Dafür, daß du erschlugst sein und Tehminas Sohn.<br /></span> +<span class="i2">Er sprachs und von dem Wort getroffen, Rostem schrak<br /></span> +<span class="i0">Zusammen, alsob ihm der Dolch im Busen stak.<br /></span> +<span class="i2">Er rief: O Unglückskind, was sagst du? sags geschwind,<br /></span> +<span class="i0">Sags recht, wer deine unglückseligen Eltern sind!<br /></span> +<span class="i2">Doch Suhrab sprach mit Stolz und Trauer in der Miene:<br /></span> +<span class="i0">Ich bin Suhrab, der Sohn von Rostem und Tehmine;<br /></span> +<span class="i2">Er Irans Hort, und sie Semengans Frauenzier.<br /></span> +<span class="i0">Die Mutter hat mich hergesandt, den Vater hier<br /></span> +<span class="i0">Zu suchen, weil er dort solang nicht kam zu ihr.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_234" id="page_234">234</a></span> +<span class="i2">Die Spange gab sie mir mit als Erkennungszeichen;<br /></span> +<span class="i0">Die Spange, die er ihr einst gab, sollt ich ihm reichen.<br /></span> +<span class="i2">Die Spange trug ich nicht am Arme; vor Verlust<br /></span> +<span class="i0">Sie zu bewaren, trag ich hier sie auf der Brust.<br /></span> +<span class="i2">Reiß das Gewand hier auf am Busen, das mich drückt,<br /></span> +<span class="i0">Und sieh das Zeichen, das den Sohn von Rostem schmückt!<br /></span> +<span class="i2">So sprach er, und vor Weh dem Vater wollt entweichen<br /></span> +<span class="i0">Die Seel, und harrte nur noch aufs Erkennungszeichen.<br /></span> +<span class="i2">Wegriß er das Gewand, und sah, wie einen Molch<br /></span> +<span class="i0">In Rosen, in der Brust dort sitzen seinen Dolch;<br /></span> +<span class="i2">Der stak noch in der Wund, als Scheide, die er schloß;<br /></span> +<span class="i0">Nun zog ihn Rostem aus, und Suhrabs Leben floß.<br /></span> +<span class="i2">In Purpurwellen floß das Leben hin, und tränkte<br /></span> +<span class="i0">Das Gold der Spange, die Tehminen Rostem schenkte.<br /></span> +<span class="i2">Er zog der Spange Gold, besetzt mit den Rubinen<br /></span> +<span class="i0">Vom Blut des Sohns, hervor, selbst mit blutlosen Mienen,<br /></span> +<span class="i0">Und rief: Suhrab, mein Sohn! Weh Rostem und Tehminen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_235" id="page_235">235</a></span><a name="s_107" id="s_107"></a>107.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>umpf einen Augenblick in seines Jammers Füllen<br /></span> +<span class="i0">Hinstarrte Rostem noch, dann hub er an zu brüllen.<br /></span> +<span class="i2">Alswie ein Tiger brüllt, wann er, im Busch verhüllt,<br /></span> +<span class="i0">Gelaurt auf einen Raub, von heißer Gier erfüllt:<br /></span> +<span class="i2">Er lauert auf ein Rind, das von der Rinderherde<br /></span> +<span class="i0">Dem grünen Busche nahn, und ihm verfallen werde.<br /></span> +<span class="i2">Inzwischen geht einher des Tigers einzges Junges,<br /></span> +<span class="i0">Das er im Neste glaubt, untüchtig noch des Sprunges.<br /></span> +<span class="i2">Das kommt dem Busche nah, worin sein Vater lauert;<br /></span> +<span class="i0">Der hört den Tritt im Gras, und ist von Lust durchschauert.<br /></span> +<span class="i2">Er denkt: Da ist das Rind! und stürzt, vor Gierde blind,<br /></span> +<span class="i0">So denkt er, auf das Rind, und stürzt aufs eigne Kind.<br /></span> +<span class="i2">Dann siehet er, was ihm die blutgen Branken füllet;<br /></span> +<span class="i0">Da bricht sein Tigerherz; und wie er nie gebrüllet,<br /></span> +<span class="i2">So brüllt er: wie er nie gebrüllt in Wut um Blut,<br /></span> +<span class="i0">Brüllt er nun um des Sohns vergoßnes Blut in Wut.<br /></span> +<span class="i2">So brüllte Rostem jetzt, bis, sein nicht mehr bewußt,<br /></span> +<span class="i0">Er hinsank atemlos an seines Sohnes Brust.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_236" id="page_236">236</a></span> +<span class="i2">Ohnmächtig sank er hin, in Ohnmacht lag er da;<br /></span> +<span class="i0">Das erstemal, daß dieß im Leben ihm geschah!<br /></span> +<span class="i2">Erschöpft war seine Macht, und seine Kraft gebrochen,<br /></span> +<span class="i0">Die Kraft, die er solang im Mark der alten Knochen<br /></span> +<span class="i2">Getragen, samt der Kraft, die ihm aufs neu geworden<br /></span> +<span class="i0">Recht eigentlich dazu, den eignen Sohn zu morden.<br /></span> +<span class="i2">So lag er bei dem Sohn, selbst einem Toten gleich,<br /></span> +<span class="i0">Und bei ihm lag der Sohn, im Antlitz todesbleich,<br /></span> +<span class="i2">Im Antlitz todesbleich, am Herzen todeswund,<br /></span> +<span class="i0">Mit Rosen seines Bluts blümend den grünen Grund.<br /></span> +<span class="i2">Noch floß das Blut, noch stand der Odem nicht, noch sah<br /></span> +<span class="i0">Und fühlt' er, sterbend freut' er sich dem Vater nah.<br /></span> +<span class="i0">Den Vater, ob ihm schon von ihm dieß Leid geschah,<br /></span> +<span class="i2">Den er allein gesucht, den hatt er doch gefunden,<br /></span> +<span class="i0">Und lag, wie er geträumt, von seinem Arm umwunden.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_237" id="page_237">237</a></span><a name="s_108" id="s_108"></a>108.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">D</span>ort das Zuschauerheer, nichts schauend in der Hülle<br /></span> +<span class="i0">Der Nacht, nachdem es erst vernommen ein Gebrülle<br /></span> +<span class="i0">Vom Kampfplatz, nam es war jetzt eine Totenstille.<br /></span> +<span class="i2">Sie ahneten, daß dort ein Unglück sei geschehn,<br /></span> +<span class="i0">Und hatten nicht den Mut, mit Augen es zu sehn.<br /></span> +<span class="i2">Da machten aus dem Heer von Iran einige Kühnen<br /></span> +<span class="i0">Sich auf, und naheten zuletzt des Todes Bühnen.<br /></span> +<span class="i2">Am Bache fanden sie, am Felsen, unter schaurig<br /></span> +<span class="i0">Gesenkten Zweigen stehn die beiden Rosse traurig.<br /></span> +<span class="i2">Wie sie da sahn den Rachs, den Thron des Rostem, leer<br /></span> +<span class="i0">Von Rostem, eilten sie mit Klaggeschrei zum Heer,<br /></span> +<span class="i2">Mit lautem Klaggeschrei: Tehemten ist nicht mehr!<br /></span> +<span class="i0">Dahin ist Irans Hort! Rachs ist von Rostem leer!<br /></span> +<span class="i2">Da kam ein Schreck aufs Heer, und wie ein Sturm das Meer<br /></span> +<span class="i0">Bewegt, bewegte sie die Botschaft, dumpf und schwer.<br /></span> +<span class="i0">In Aufruhr kam das Heer, und Alles trat in Wehr.<br /></span> +<span class="i2">Die Pauke ward gerürt, und die Trommete klang;<br /></span> +<span class="i0">Wie Wogen setzte sich das ganze Heer in Gang.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_238" id="page_238">238</a></span> +<span class="i2">Vor ihrem Nahen drang den Kommenden voraus<br /></span> +<span class="i0">Zur stillen Walstatt dort das wachsende Gebraus.<br /></span> +<span class="i2">Rostem bei seinem Sohn aus seinem Todesschlummer<br /></span> +<span class="i0">Erwachend, neu empfand er seinen Todeskummer.<br /></span> +<span class="i2">In neuen Jammerton ausbrechen wollte schon<br /></span> +<span class="i0">Sein Schmerz, da sänftigt' ihn mit sanftem Wort der Sohn,<br /></span> +<span class="i2">Der seinen letzten Geist und letzten Hauch gewann,<br /></span> +<span class="i0">Und sammelt' ihn, womit hinsterbend er begann<br /></span> +<span class="i0">Die Rede, die ihm leis', alswie sein Blut, hinrann:<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_239" id="page_239">239</a></span><a name="s_109" id="s_109"></a>109.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">O</span> Vater! eh mir fort das Leben rinnt, und dort<br /></span> +<span class="i0">Die Fremden nahn, vernim des Sohnes letztes Wort!<br /></span> +<span class="i2">Sein erstes, welches dich nicht zweifelnd Vater grüßt!<br /></span> +<span class="i0">Von diesem Gruß ist mir der bittre Tod versüßt.<br /></span> +<span class="i0">Ich habe nicht zu teur des Herzens Stolz gebüßt,<br /></span> +<span class="i2">Tehemtens Sohn zu sein! mit dem vereint ich wollte<br /></span> +<span class="i0">Die Welt bezwingen, die mich so bezwingen sollte!<br /></span> +<span class="i2">Was klagest du und weinst? nicht du hast mich erschlagen;<br /></span> +<span class="i0">Dazu bestimmt hat mich der Mutter Leib getragen.<br /></span> +<span class="i2">Darum hat sie umsonst dem Sohne nachgesandt<br /></span> +<span class="i0">Den Vetter, dem allein der Vater war bekant.<br /></span> +<span class="i2">Erschlagen hast du ihn, Nachts auf die Burg gerant,<br /></span> +<span class="i0">Damit von Niemand mir der Vater sei genant!<br /></span> +<span class="i2">Wenn es die Mutter nun erfärt, was wird sie sagen?<br /></span> +<span class="i0">Beklagen soll sie mich, und Rostem nicht verklagen.<br /></span> +<span class="i2">Schick heim zu ihr von hier all meine Waffenzier,<br /></span> +<span class="i0">Und auch die Spange, die von ihr ich brachte dir!<br /></span> +<span class="i2">Laß auch den Baruman mit seinen Türken gehn<br /></span> +<span class="i0">Unangefochten, die durch mich in Waffen stehn!<br /></span> +<span class="i2">Nicht fechten werden sie, weil sie mich liegen sehn;<br /></span> +<span class="i0">Denn dieser Aufbruch ist allein durch mich geschehn.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_240" id="page_240">240</a></span> +<span class="i2">Auch den Hedschir, den ich im Schloß gefangen habe,<br /></span> +<span class="i0">Mit Bitt und Drohungen ihn angegangen habe,<br /></span> +<span class="i2">Dich mir zu zeigen, was hartnäckig er verschwieg,<br /></span> +<span class="i0">Bis ich mein Ross, dich aufzusuchen, selbst bestieg;<br /></span> +<span class="i2">Bestraf ihn nicht darum, daß er mir nicht gesagt<br /></span> +<span class="i0">Den Namen! hab ich doch dich selbst umsonst gefragt!<br /></span> +<span class="i2">Daß Guders nicht durch mich um einen ärmer werde<br /></span> +<span class="i0">Der achtzig Söhne, weil durch ihn an kalter Erde<br /></span> +<span class="i2">Tehemtens einer liegt! Weils ihm das Glück beschied,<br /></span> +<span class="i0">Laß ich ihm gern das Schloß, und selber Gurdafrid.<br /></span> +<span class="i2">Gurdaferid, so ist ein schönes Weib genant,<br /></span> +<span class="i0">Die hat unlängst mich hier mit Waffen angerant,<br /></span> +<span class="i2">Und mir verheißen, daß um mich sie wollte weinen,<br /></span> +<span class="i0">Wann Rostem mich erlegt; das mag sie nun bescheinen!<br /></span> +<span class="i2">O daß nicht bitterer die Mutter weinen müßte,<br /></span> +<span class="i0">Wenn sie nun statt des Sohns die goldne Spange küsste!<br /></span> +<span class="i2">Die Spange send ihr nur, mein Ross und meine Waffen;<br /></span> +<span class="i0">Doch meinen Leib sollst du von hier nach Sabul schaffen<br /></span> +<span class="i2">In deine Fürstengruft! und hier dein grünes Zelt<br /></span> +<span class="i0">Spann über mir! so nem ich Abschied von der Welt.<br /></span> +<span class="i2">Ich kam alswie ein Blitz, und gieng alswie ein Wind;<br /></span> +<span class="i0">Nun, Rostem, sieh mit einem Blick noch an dein Kind!<br /></span> +<span class="i2">Und mit gelindem Ton, eh mir die Kraft entflohn<br /></span> +<span class="i0">Zu hören, nenne mich Suhrab, Tehemtens Sohn!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_241" id="page_241">241</a></span><a name="s_110" id="s_110"></a>110.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r sprachs, und Rostem schwieg; er öffnete den Mund<br /></span> +<span class="i0">Zu reden, aber zugeschnürt war ihm der Schlund.<br /></span> +<span class="i2">Hinstarrt' er schweigend auf des jungen Dochts Verglühn.<br /></span> +<span class="i0">So sieht ein Wanderer das Abendrot verblühn,<br /></span> +<span class="i2">Das seinem Wege noch als letzte Fackel lacht;<br /></span> +<span class="i0">Die Fackel lischt, und um ihn her ist finstre Nacht:<br /></span> +<span class="i2">So war für Rostem bald nun ganz hinweggenommen<br /></span> +<span class="i0">Des Lebens Lust, sobald das Leben dort verglommen.<br /></span> +<span class="i2">Doch näher kam der Klang und Waffengang der Schar,<br /></span> +<span class="i0">Und Rostem sprang empor, zerrüttet wie er war.<br /></span> +<span class="i2">Von seinem Sohn hinweg entgegen trat er ihnen,<br /></span> +<span class="i0">Mit Staub auf seinem Haupt, und Jammer in den Mienen;<br /></span> +<span class="i0">Nie den Iraniern war Rostem so erschienen.<br /></span> +<span class="i2">Allein sie sahen, daß am Leben Rostem sei,<br /></span> +<span class="i0">Und übers ganze Heer erscholl ein Freudenschrei.<br /></span> +<span class="i2">Wie eine Reiterschaar, die über ihrem Haubte<br /></span> +<span class="i0">Die Fahne wieder sieht, die sie verloren glaubte,<br /></span> +<span class="i2">Jauchzt, daß gerettet ist die Fahn, obgleich zerfetzt;<br /></span> +<span class="i0">So jauchzten sie dem tiefgebeugten Helden jetzt.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_242" id="page_242">242</a></span> +<span class="i2">Doch als er näher kam, sprach er, von Grimm und Gram<br /></span> +<span class="i0">Zugleich bewegt, zugleich erregt von Stolz und Scham:<br /></span> +<span class="i2">Ihr Fürsten Irans all und Edlen, kommt heran,<br /></span> +<span class="i0">Und seht, was Rostem hier für Irans Ruhm getan!<br /></span> +<span class="i2">Den Helden Turans, der sein Haupt im Himmel trug,<br /></span> +<span class="i0">Den Schrecken Irans schlug Tehemten schwer genug.<br /></span> +<span class="i2">Ich hab in Tag und Nacht geschlagen manche Schlacht,<br /></span> +<span class="i0">Doch meinem Ruhm nie solch ein Opfer dargebracht.<br /></span> +<span class="i2">Iranier, für euch hat Rostem hier geschlachtet<br /></span> +<span class="i0">Den Suhrab, seinen Sohn, damit ihr ihn betrachtet!<br /></span> +<span class="i2">Er sprachs, da war verstummt ihr Jauchzen in Entsetzen;<br /></span> +<span class="i0">Er sprachs, ohn eine Wang, ein Auge nur zu netzen.<br /></span> +<span class="i2">Sie sahn in seinem Blut den jungen Helden liegen,<br /></span> +<span class="i0">Den Adler, dessen Mut zur Sonne war gestiegen;<br /></span> +<span class="i2">So schön, so groß, so frei, so edel, kühn und stark,<br /></span> +<span class="i0">Ob schwach auch, todesmatt, der Kern von Rostems Mark.<br /></span> +<span class="i2">Sie riefen: Weh, daß solch ein Schmuck der Welt verdorben!<br /></span> +<span class="i0">Er sah ihn an und sprach: Er ist noch nicht gestorben,<br /></span> +<span class="i2">Und soll nicht sterben! Geh, Guders, zu Keikawus,<br /></span> +<span class="i0">Und bring dem Könige von Rostem Bitt und Gruß.<br /></span> +<span class="i2">Den Lebensbalsam, der des Todes Wunden stillt,<br /></span> +<span class="i0">Der tropfenweis der Höl im Kaukasus entquillt,<br /></span> +<span class="i2">Hat er in seinem Schatz; davon soll er mir geben<br /></span> +<span class="i0">Drei Tropfen, daß Suhrab, mein Sohn, mir bleib am Leben!<br /></span> +</div> + +<div class="deco" style="width: 100px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_buch.png" width="100" height="11" alt="Zwischen-Dekoration" title="" /></div> + +<h2><a name="buch_12" id="buch_12"></a><a href="#inhalt">Zwölftes Buch.</a></h2> + +<h3><a name="s_111" id="s_111"></a>111.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">H</span>ilfeile flügelte des greisen Boten Fuß,<br /></span> +<span class="i0">Schnell bracht er an Kawus von Rostem Bitt und Gruß:<br /></span> +<span class="i2">Von Rostem ist Suhrab, der Sohn Rostems, erschlagen;<br /></span> +<span class="i0">Der Sieg am Feinde hat dem Vater Weh getragen;<br /></span> +<span class="i0">Er wehklagt laut, und alle, die ihn sehn, wehklagen.<br /></span> +<span class="i2">Er bittet dich durch mich, und all wir andern bitten:<br /></span> +<span class="i0">Wenn Rostem je für dich gekämpft hat und gestritten,<br /></span> +<span class="i0">Komm ihm zu Hilfe jetzt im Weh, das er erlitten!<br /></span> +<span class="i2">Vom Lebensbalsam, der dem Kaukasus entquillt,<br /></span> +<span class="i0">Den du im Schatze hast, der Todeswunden stillt,<br /></span> +<span class="i0">Gib ihm drei Tropfen schnell, so du ihn retten willt!<br /></span> +<span class="i2">Doch langsam sprach der Schah: Gottlob, der Sorg entkettet<br /></span> +<span class="i0">Bin ich und aller Furcht, da Rostem ist gerettet;<br /></span> +<span class="i0">Im Staube liegt sein Feind, da ist ihm wol gebettet.<br /></span> +<span class="i2">All meinen Balsam gäb ich ja für Rostems Leben;<br /></span> +<span class="i0">Doch keinen Tropfen werd ich einem Türken geben.<br /></span> +<span class="i2">Rostem für Iran ist schon stark genug allein;<br /></span> +<span class="i0">Mit solchem Sohn vereint, möcht er zu stark uns sein.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_246" id="page_246">246</a></span> +<span class="i2">Der stolze Mann, soll ich ihm diesen Dienst erzeigen,<br /></span> +<span class="i0">So muß er selber nahn und mir zu Fuße neigen!<br /></span> +<span class="i2">Er sprachs, und jener sah des Königs harten Sinn,<br /></span> +<span class="i0">Von seinem Flehen sei zu hoffen kein Gewinn;<br /></span> +<span class="i0">Die üble Antwort trug er schnell zu Rostem hin:<br /></span> +<span class="i2">Der Schah ist herbgelaunt; er will für Rostems Leben<br /></span> +<span class="i0">All seinen Balsam, doch nicht einen Tropfen geben<br /></span> +<span class="i2">Für Rostems Sohn. Soll er dir diesen Dienst erzeigen,<br /></span> +<span class="i0">So mußt du selber gehn, und ihm zu Fuße neigen.<br /></span> +<span class="i2">Da kämpfte Stolz und Schmerz in Rostem einen Kampf,<br /></span> +<span class="i0">So heiß, daß sichtbar ihm vom Haupte stieg der Dampf:<br /></span> +<span class="i0">Er hob und hielt den Schritt, und zuckte wie im Krampf.<br /></span> +<span class="i2">Dann beugt' er sein Genick demütig dem Geschick;<br /></span> +<span class="i0">Ertragen wollt er des feindselgen Königs Blick.<br /></span> +<span class="i2">Drei schwere Schritte hatt er schon im Weg gemacht;<br /></span> +<span class="i0">Da ward die Botschaft ihm in Eile nachgebracht:<br /></span> +<span class="i2">Die Sonne, deren Ruhm der Welt geleuchtet, barg<br /></span> +<span class="i0">Sich in die Nacht; dein Sohn braucht nichts als einen Sarg.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_247" id="page_247">247</a></span><a name="s_112" id="s_112"></a>112.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">T</span>ehemten gieng zurück zu seinem toten Sohn;<br /></span> +<span class="i0">Sie hatten zugedeckt des Toten Antlitz schon.<br /></span> +<span class="i2">Der Vater aber hob mit seiner Hand die Hüllen<br /></span> +<span class="i0">Hinweg, um neu sein Herz mit Jammer zu erfüllen.<br /></span> +<span class="i2">Rings war dreifache Nacht: am Himmel Nacht, im Herzen<br /></span> +<span class="i0">Tehemtens Nacht, und Nacht verlöschte Suhrabs Kerzen.<br /></span> +<span class="i2">Ihn sah beim Sternenlicht der Vater, und erschreckt<br /></span> +<span class="i0">Stand er, dann rief er aus, als er ihn zugedeckt:<br /></span> +<span class="i2">Oft hab ich wol dem Tod ins Angesicht geschaut<br /></span> +<span class="i0">In mancher Schlacht, und nie hat mir vor ihm gegraut.<br /></span> +<span class="i2">Und schöner hab ich ihn, als hier im Angesicht<br /></span> +<span class="i0">Des Jünglings nie gesehn, doch ohne Grauen nicht!<br /></span> +<span class="i2">Weh, Rostem, dir! weh dir! mit deinem Heldenruhme<br /></span> +<span class="i0">Kaufst du vom Tod zurück nicht diese Liebesblume.<br /></span> +<span class="i2">Zäl in Gedanken auf nur alle deine Taten!<br /></span> +<span class="i0">Durch diese letzte hier sind alle schlecht geraten.<br /></span> +<span class="i2">O unglückseliger geliebter Jüngling du,<br /></span> +<span class="i0">So ruhest du durch mich, und raubest mir die Ruh!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_248" id="page_248">248</a></span> +<span class="i2">Dich hat von Kindheit an ein falscher Glanz entzündet;<br /></span> +<span class="i0">Das, was von Rostems Ruhm dir das Gerücht verkündet,<br /></span> +<span class="i2">Das trieb zum Vater dich; dein Stolz und deine Lust,<br /></span> +<span class="i0">Dein Leben wars, dein Tod, zu ruhn an seiner Brust.<br /></span> +<span class="i2">Du hast mit Ungestüm dich an mein Herz gedrängt;<br /></span> +<span class="i0">Dafür mit deinem Blut hab ich mein Erz getränkt!<br /></span> +<span class="i2">Ich habe dich als Feind bewundert und beneidet,<br /></span> +<span class="i0">Und finde dich als Sohn, daß mirs das Herz durchschneidet.<br /></span> +<span class="i2">Dazu ward meinem Leib die Jugendkraft erneut!<br /></span> +<span class="i0">Doch unerneubar nun brach sie mit dir mir heut.<br /></span> +<span class="i2">Durch dich den größten Schmerz, durch dich hab ich erlitten<br /></span> +<span class="i0">Die größte Schmach: erniedrigt hab ich mich zu bitten!<br /></span> +<span class="i2">Zu bitten einen Schah, von dem ich war gewohnt,<br /></span> +<span class="i0">Gebeten selbst zu sein, seitdem durch mich er thront.<br /></span> +<span class="i2">Um dich demütigt ich dieß stolze Haubt in Staub,<br /></span> +<span class="i0">Und habe nicht dadurch dem Tod geraubt den Raub!<br /></span> +<span class="i2">Das laß die Sühnung sein, o Sohn, für alle Kränkung,<br /></span> +<span class="i0">Die dir der Vater tat, nach unsrer Sterne Lenkung!<br /></span> +<span class="i2">So wars verhängt, daß, der sein Haupt im Himmel trug,<br /></span> +<span class="i0">Es brächt in Staub dadurch, daß er sein Kind erschlug.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_249" id="page_249">249</a></span><a name="s_113" id="s_113"></a>113.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o klagt' er in der Nacht, und um ihn klagend saßen<br /></span> +<span class="i0">Die Fürsten her, die heut den Schmaus der Nacht vergaßen.<br /></span> +<span class="i2">Voll war von Tröstungen der weisen Freunde Mund,<br /></span> +<span class="i0">Vergebens, Rostem war um seinen Sohn herzwund.<br /></span> +<span class="i2">Er hielt in seiner Hand die blutgenetzte Spange,<br /></span> +<span class="i0">Und sprach zu ihr: Du kalte, glatte, gelbe Schlange!<br /></span> +<span class="i2">Du hast mit deiner giftgen Heimlichkeit gestochen<br /></span> +<span class="i0">Das Herz des Sohnes, und des Vaters Herz gebrochen.<br /></span> +<span class="i2">Du selber brachest nicht; was hast du nicht gebrochen<br /></span> +<span class="i0">Dein tötlich Schweigen, und der Rettung Wort gesprochen?<br /></span> +<span class="i2">Dem Vater kontest du, daß der sein Sohn sei, sagen!<br /></span> +<span class="i0">Warum hat er versteckt im Busen dich getragen?<br /></span> +<span class="i2">Warum antwortet ich nicht seinen Liebesfragen?<br /></span> +<span class="i0">Nun muß des Unglücks Schuld die arme Spange tragen!<br /></span> +<span class="i2">Die Schuld trägt mir der Rachs, der Rachs, der, als ich schlief<br /></span> +<span class="i0">Dort müde von der Jagd, sich im Geheg verlief,<br /></span> +<span class="i2">Der von den Türken dort sich fangen ließ und füren<br /></span> +<span class="i0">Zur Stadt, wohin ich dann nachgieng, ihn aufzuspüren.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_250" id="page_250">250</a></span> +<span class="i2">O beßer wär ich nach Semengan nie gekommen!<br /></span> +<span class="i0">Kein Leben hätt ich dir gegeben, noch genommen.<br /></span> +<span class="i2">Nicht hätt ich in der Nacht mir dort antrauen laßen<br /></span> +<span class="i0">Das blühnde Weib, um früh am Tag sie zu verlaßen.<br /></span> +<span class="i2">Warum von einem Sohn gab sie mir Nachricht nie?<br /></span> +<span class="i0">Warum erkundigt ich mich nie um ihn und sie?<br /></span> +<span class="i2">O Rachs, geritten sind wir damals nicht mit Glück<br /></span> +<span class="i0">Auf jene Jagd: dieß Weh bracht ich als Fang zurück.<br /></span> +<span class="i2">Drum wirst du niemehr auch mit frölichem Behagen<br /></span> +<span class="i0">Deinen Reiter wie sonst zu Jagd und Schlachten tragen!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_251" id="page_251">251</a></span><a name="s_114" id="s_114"></a>114.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o klagt' er in der Nacht, da stieg der Tag empor;<br /></span> +<span class="i0">Und Kawus selber kam mit seines Hofes Chor.<br /></span> +<span class="i2">Dem Helden bracht er dar Entschuldigung und Trost;<br /></span> +<span class="i0">Kühl aber war sein Wort, alswie des Morgens Frost:<br /></span> +<span class="i2">Des Reiches Pehlewan! was sitzest du im Staub,<br /></span> +<span class="i0">Dem Kummer untertan, und deines Leides Raub?<br /></span> +<span class="i2">Ob auf der Erde Grund des Himmels Zelt du würfest,<br /></span> +<span class="i0">Ob Feuer in den Mund der weiten Welt du würfest;<br /></span> +<span class="i2">Du brächtest nicht vom Gang zurück einen Gegangnen,<br /></span> +<span class="i0">Und kauftest von dem Fang nicht los einen Gefangnen.<br /></span> +<span class="i2">Das Leben ist ein Wild, vom Tode stets gehetzt;<br /></span> +<span class="i0">Schnell ist das Leben, doch schneller der Tod zuletzt.<br /></span> +<span class="i2">Kein Starker ist so stark, so rasch ist nicht der Rasche,<br /></span> +<span class="i0">Den überwältigend sein Tag nicht überrasche.<br /></span> +<span class="i2">Von ferne hab ich angestaunet diese Seule<br /></span> +<span class="i0">Des Heeres, diese Brust und Schulter, diese Keule.<br /></span> +<span class="i2">Ich sprach zu mir: An Art den Türken gleicht er nicht;<br /></span> +<span class="i0">Von Sabuls Heldenstamm den Fürsten weicht er nicht.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_252" id="page_252">252</a></span> +<span class="i2">Was wußt ich, daß er, Held, so nah dir sei verwandt,<br /></span> +<span class="i0">Durch dich zu fallen hier, vom Schicksal hergesandt!<br /></span> +<span class="i2">Mein Lebensbalsam nun vermag ihn nicht zu heilen;<br /></span> +<span class="i0">Doch edle Spezerein will ich der Leich erteilen.<br /></span> +<span class="i2">Ich ordne selbst die Pracht der Totenfeier an,<br /></span> +<span class="i0">Zu ehren ihn und dich, des Reiches Pehlewan!<br /></span> +<span class="i2">Sein Grab will ich aus Gold und schwarzem Marmor baun;<br /></span> +<span class="i0">Nun laß das Antlitz mich des toten Helden schaun!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_253" id="page_253">253</a></span><a name="s_115" id="s_115"></a>115.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">E</span>r sprachs, und rührete der Totendecke Rand;<br /></span> +<span class="i0">Doch Rostem deckte schwer auf seinen Sohn die Hand,<br /></span> +<span class="i2">Und sprach, zum König nicht erhebend sein Gesicht:<br /></span> +<span class="i0">Der König Keikawus sieht Rostems Jammer nicht!<br /></span> +<span class="i2">Herr König, geht nach Haus! aus ist hier Kampf und Schmaus;<br /></span> +<span class="i0">Des Sohnes Leichenfeir richt ich nun selber aus.<br /></span> +<span class="i2">Geschlichtet mit dem Heer der Türken ist mein Streit;<br /></span> +<span class="i0">Ich gebe bis zur Grenz ihm sicheres Geleit,<br /></span> +<span class="i2">Auf Suhrabs Bitte, der darum mich sterbend bat,<br /></span> +<span class="i0">Weil nur das ganze Heer für ihn die Fart antrat.<br /></span> +<span class="i2">Von diesem Geiste war allein das Heer beseelt,<br /></span> +<span class="i0">Und ist ein toter Leib, da dieser Geist ihm fehlt.<br /></span> +<span class="i2">Genommen hab ich ihm den Geist mit dieser Hand;<br /></span> +<span class="i0">Nun geb ich alle frei, der eine bleibt mein Pfand.<br /></span> +<span class="i2">Keikawus, geh nach Haus, in Istachar zu sagen,<br /></span> +<span class="i0">Wie leichten großen Sieg du hier davongetragen:<br /></span> +<span class="i2">Geschlagen sei ein Heer, weil ich den Sohn erschlagen!<br /></span> +<span class="i0">Geht alle heim, und laßt mich meinen Sohn beklagen!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_254" id="page_254">254</a></span> +<span class="i2">Er sprachs, und schwieg, und nicht erhob er sein Gesicht;<br /></span> +<span class="i0">Er blickt' auf seine Leich, und hielt die Decke dicht.<br /></span> +<span class="i2">Keikawus sprach: Was er verordnet, sei getan;<br /></span> +<span class="i0">Mich schmerzt in seinem Schmerz des Reiches Pehlewan.<br /></span> +<span class="i2">Ihr alle folget mir, Heerfürsten groß und klein!<br /></span> +<span class="i0">Den Rostem laßen wir mit seinem Schmerz allein.<br /></span> +<span class="i2">Der König sprachs, und gieng, und alle folgten nach,<br /></span> +<span class="i0">Und Rostem blieb allein mit seinem Weh und Ach.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_255" id="page_255">255</a></span><a name="s_116" id="s_116"></a>116.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">I</span>ns Lager zog das Heer, und ab ward Zelt um Zelt<br /></span> +<span class="i0">Gebrochen schnell, als gieng in Trümmer eine Welt.<br /></span> +<span class="i2">Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten,<br /></span> +<span class="i0">Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten.<br /></span> +<span class="i2">Sie furen heimwärts nun, doch traurig, ihre Bahn,<br /></span> +<span class="i0">Denn ihnen fehlete des Reiches Pehlewan.<br /></span> +<span class="i2">Doch Rostem richtete sich auf von seinem Sohn,<br /></span> +<span class="i0">Und sah das Heer im Zug, und leer das Lager schon.<br /></span> +<span class="i2">Von allen Zelten stand nur noch sein grünes da,<br /></span> +<span class="i0">Hochragend, und umher die niedrigern ihm nah<br /></span> +<span class="i2">Von seiner Sabulschar; die ordnete Sewar,<br /></span> +<span class="i0">Sein Bruder, dort, dann stellt' er selber ihm sich dar.<br /></span> +<span class="i2">Tehemten sprach zu ihm: So ist der Kampf geschieden!<br /></span> +<span class="i0">Geh hin ans Türkenheer, Sewar, und bring ihm Frieden!<br /></span> +<span class="i2">Zuerst räum ein die Burg dort oben dem Hedschir;<br /></span> +<span class="i0">Sag ihm: Die schenkt Suhrab für treue Dienste dir!<br /></span> +<span class="i2">Dann sprich zu Baruman: Auch dich zum Lohn der Treue<br /></span> +<span class="i0">Entläßt Suhrab, damit Afrasiab sich freue!<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_256" id="page_256">256</a></span> +<span class="i2">Du selbst, o Bruder, gibst dem Türken das Geleit,<br /></span> +<span class="i0">Bis er die Grenz erreicht, sie ist von da nicht weit.<br /></span> +<span class="i2">Dann wende dich von ihm links auf Semengan zu,<br /></span> +<span class="i0">Und an Tehmina dort die Spang hier bringe du!<br /></span> +<span class="i2">Verwische nicht daran von Suhrabs Blut die Spur!<br /></span> +<span class="i0">Es ist das einzige, was von ihm heimwerts fur.<br /></span> +<span class="i2">Nim auch sein Waffenkleid, sein Ross und Kriegsgeschmeid,<br /></span> +<span class="i0">Und gib ihrs, daß sie sich ersättige am Leid!<br /></span> +<span class="i2">Sie wird des Rosses Huf an ihren Busen drücken,<br /></span> +<span class="i0">Das Schwert (entwind es ihr!) nach ihrem Herzen zücken.<br /></span> +<span class="i2">Die Hände ringen wird sie und das Haar zerraufen,<br /></span> +<span class="i0">Blut weinen, und das Blut des Sohnes nicht erkaufen.<br /></span> +<span class="i2">Vom Vater ihren Sohn wird sie zurückverlangen,<br /></span> +<span class="i0">Und klagen, daß sie nicht einmal die Leich empfangen.<br /></span> +<span class="i2">Zu Boden wird sie sich, ins Waßer, auf das Feuer<br /></span> +<span class="i0">Sich werfen, und es dient nicht ihrem Weh zum Steuer.<br /></span> +<span class="i2">Dann sag ihr das zum Trost, wie du mich hast gesehn:<br /></span> +<span class="i0">Daß sie nicht mein', ihr sei das Leid allein geschehn!<br /></span> +<span class="i2">Dann kehre schnell! hier wart ich dein bei Tag und Nacht;<br /></span> +<span class="i0">Damit uns dieser dann nach Sabul sei gebracht!<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_257" id="page_257">257</a></span><a name="s_117" id="s_117"></a>117.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">S</span>o sprach er, und Sewar gieng an die Sendung schnell;<br /></span> +<span class="i0">Doch Rostem rief: Schafft mir das grüne Zelt zur Stell!<br /></span> +<span class="i2">Ich geh nicht hier vom Ort, wo ich den Sohn erschlagen;<br /></span> +<span class="i0">Doch über ihn im Tod soll auch mein Heerzelt ragen.<br /></span> +<span class="i2">So rief er, und geschwind ward von der Sabulschar<br /></span> +<span class="i0">Das grüne Heerzelt aufgespannt, wo Suhrab war.<br /></span> +<span class="i2">Der Vater ließ sodann in edle Spezereien<br /></span> +<span class="i0">Ihn legen, daß bewart die schönen Glieder seien.<br /></span> +<span class="i2">Wie eine Rose, die den ganzen Stock geschmückt,<br /></span> +<span class="i0">Im Morgenthau am Stiel vom Gärtner abgepflückt,<br /></span> +<span class="i2">Damit sie bleibe frisch, ins Waßer wird gesteckt;<br /></span> +<span class="i0">So blühend lebensgleich lag er vom Tod gestreckt.<br /></span> +<span class="i2">Auf Purpur und Brokat lag er in Gold und Seide;<br /></span> +<span class="i0">So schmückt' ihn sich zur Lust der Vater und zum Leide.<br /></span> +<span class="i2">Dann aber ordnet' er die Totenfeier an,<br /></span> +<span class="i0">Und feierlich im Zug zog Sabuls Heer heran.<br /></span> +<span class="i2">Sie zogen, Ross und Mann, am grünen Zelt vorbei,<br /></span> +<span class="i0">Im Kreiß umher, mit Feldmusik und Feldgeschrei.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_258" id="page_258">258</a></span> +<span class="i2">Den Rossen aber war geschoren Mähn und Schweif,<br /></span> +<span class="i0">Und an den Pauken abgespannt der ehrne Reif;<br /></span> +<span class="i2">Die Bogen ohne Senn, und alle Spitzen stumpf:<br /></span> +<span class="i0">So zogen sie, und all die Pauken schollen dumpf.<br /></span> +<span class="i2">Dreimal an jedem Tag, am Morgen, um die Mitte<br /></span> +<span class="i0">Des Tags, und vor der Nacht, pflogen sie dieser Sitte.<br /></span> +<span class="i2">Rostem auf seinem Rachs ritt nicht dem Zug voran;<br /></span> +<span class="i0">Bei seinem Sohne saß im Zelt der Pehlewan.<br /></span> +<span class="i2">Doch jeden Morgen sprach er da: Suhrab, mein Sohn!<br /></span> +<span class="i0">Hörst du den Kriegsheerton, und wachst nicht auf davon?<br /></span> +<span class="i2">Und jeden Abend dann sprach er: Mein Sohn Suhrab!<br /></span> +<span class="i0">Die Sonne geht hinab, und du gehst in dein Grab.<br /></span> +<span class="i2">Als er zum neuntenmal um sein erloschnes Glück<br /></span> +<span class="i0">Am Abend trauerte, kehrt' ihm Sewar zurück.<br /></span> +</div> + +<hr /> + +<h3><span class="pagenum"><a name="page_259" id="page_259">259</a></span><a name="s_118" id="s_118"></a>118.</h3> + +<div class="stanza"> +<span class="i2"><span class="initial">U</span>nd als vom Schlaf der Nacht war neu das Heer erwacht,<br /></span> +<span class="i0">Sprach Rostem, der verwacht bei seinem Sohn die Nacht:<br /></span> +<span class="i2">Sewar, mein Bruder! jetzt brecht überm Haupt mir ab<br /></span> +<span class="i0">Das grüne Zelt, und nehmt von mir hinweg Suhrab!<br /></span> +<span class="i2">Bringt ihn nach Sabul in die Gruft, in der ich wollte<br /></span> +<span class="i0">Gern schlafen, wenn ich ihn damit erwecken sollte.<br /></span> +<span class="i2">Sag unsrer Mutter dort, der alternden Rudabe,<br /></span> +<span class="i0">Die oft gewünscht, von mir würd ihr ein Enkelknabe:<br /></span> +<span class="i2">Hier schick ich einen ihr, so schön, wie sie ihn nur<br /></span> +<span class="i0">Gewünscht; von einem Fehl an ihm ist keine Spur,<br /></span> +<span class="i2">Nur daß des Vaters Dolch fehl gieng in seine Brust:<br /></span> +<span class="i0">Verdorben hat der Sohn am Enkel ihr die Lust.<br /></span> +<span class="i2">Ihr geht! ich bleibe hier; fragt nicht warum! was mir<br /></span> +<span class="i0">Begegne, fragt nur nicht! doch laßt den Rachs mir hier!<br /></span> +<span class="i2">Grüß alle Mannen dort, das ganze Volk und Land;<br /></span> +<span class="i0">Sewar, das alles geb ich nun in deine Hand.<br /></span> +<span class="i2">Der Mutter wag ich nicht zu sehn ins Angesicht,<br /></span> +<span class="i0">Und keinem Menschen dort; nach Sabul kann ich nicht.<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="page_260" id="page_260">260</a></span> +<span class="i2">Umtummeln muß ich hier mich etwas in der Oede,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich den Schmerz in mir, den grimmen Drachen, töde.<br /></span> +<span class="i2">Das ist das kleinste nicht der Rostemsabenteuer,<br /></span> +<span class="i0">Denn grimmig ist der Drach, und speiet Gift und Feuer.<br /></span> +<span class="i2">Nun Glück zur Fart nach Haus! und laßts euch nicht beschweren,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich euch fürt' heraus, und laß euch so rückkehren!<br /></span> +<span class="i2">Lebt alle wol! wenn man daheim von Rostem spricht,<br /></span> +<span class="i0">Und fragt, wohin er kam? so sagt, ihr wißt es nicht.<br /></span> +</div></div> + +<div class="figcenter" style="width: 200px; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em"> +<img src="images/deco_ende.png" width="200" height="21" alt="Schluss-Dekoration" title="" /> +</div> + +<div class="ppnote"> +<p>Anmerkungen zur Transkription:</p> + +<p>Die Rechtschreibung des Vorlagentextes wurde beibehalten, ebenso unterschiedliche Schreibweisen, wie Speer/Sper, thun/tun, wohl/wol etc.</p> + +<p>Änderungen:<br /> +<a href="#s_16">Strophe 16</a>: nach „der glaubt wol dem Gerüchte“ wurde ein Komma ergänzt<br /> +<a href="#s_32">Strophe 32</a>: nach „bringt mein Kind zurück?“ wurde ein “ ergänzt<br /> +<a href="#s_40">Strophe 40</a>: nach „umschweifen in den Landen“ wurde ein Punkt ergänzt<br /> +<a href="#s_53">Strophe 53</a>: nach „und giengen auch davon“ wurde ein Punkt ergänzt<br /> +<a href="#s_71">Strophe 71</a>: „einen solchen Art“ wurde geändert in „einen solcher Art“<br /> +<a href="#s_94">Strophe 94</a>: nach „Nun lebe länger noch“ wurde ein Komma ergänzt<br /> +<a href="#s_110">Strophe 110</a>: nach „Wie eine Reiterschaar“ wurde ein Komma ergänzt</p> +</div> + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Rostem und Suhrab, by Friedrich Rückert + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSTEM UND SUHRAB *** + +***** This file should be named 32481-h.htm or 32481-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/2/4/8/32481/ + +Produced by Karl Eichwalder, Wolfgang Menges and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/32481-h/images/deco_buch.png b/32481-h/images/deco_buch.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4df7094 --- /dev/null +++ b/32481-h/images/deco_buch.png diff --git a/32481-h/images/deco_ende.png b/32481-h/images/deco_ende.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..47c67ff --- /dev/null +++ b/32481-h/images/deco_ende.png diff --git a/32481-h/images/signet.png b/32481-h/images/signet.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..47f503d --- /dev/null +++ b/32481-h/images/signet.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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