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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 19:57:32 -0700
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+ The Project Gutenberg eBook of Aus Tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz
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+The Project Gutenberg EBook of Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Aus tiefem Schacht
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+Author: Fedor von Zobeltitz
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+Release Date: May 15, 2010 [EBook #32391]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TIEFEM SCHACHT ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<h1>Aus tiefem Schacht</h1>
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+<p class="subtitle">Roman von</p>
+<p class="author">Fedor von Zobeltitz</p>
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+<p class="publishedin">Stuttgart 1915</p>
+<p class="publisher">Verlag von J. Engelhorns Nachf.</p>
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+<p class="copyright">Alle Rechte, namentlich das Übersetzungsrecht, vorbehalten</p>
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+<p class="printer">Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart</p>
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>
+<a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">H</span>edda stand mitten unter dem Hühnervolk und sah
+mit andächtiger Miene zu, wie die Magd das
+Futter auswarf. Der Hühnerhof war ihre besondere
+Vorliebe, und für ihn verschwendete sie reuelos, was
+von den Erträgnissen der kleinen Wirtschaft übrig
+blieb. Es gab da allerhand sonderbares Getier, das
+mit unserm braven deutschen Haushuhn nur eine
+sehr entfernte Ähnlichkeit hatte und das Hedda aus
+weither bezogenen Eiern hatte ausbrüten lassen: ganz
+kleine, zierliche Geschöpfe mit bronzefarbenem Gefieder
+und wieder riesengroße, mit breiten Federlappen
+an den Füßen und buschigem Kamme, Perlhühner
+und solche aus Cochinchina, Liliputaner aus
+Java und ähnliche Arten, die sich nicht leicht züchten
+ließen und zärtlich behandelt sein wollten.</p>
+
+<p>Dörthe streute die Körner mit der rechten Hand
+unter das gackernde Volk, während sie mit der Linken
+die Futterschwinge hielt. Die Verehrung für das
+Hühnervolk hatte sie von ihrer Herrin geerbt; das
+frische, sonnenbraune, bildhübsche Gesicht der Dirne
+strahlte vor Vergnügen.</p>
+
+<p>„Der große Gottlieb frißt uns noch tot,“ sagte
+sie, lachend ihre blanken Zahnreihen zeigend. „Nee
+gnä’ges Fräulein &ndash; was <em class="gesperrt">der</em> fressen kann!! Und
+den Zwerghühnern nimmt er immer ihr bißchen
+Futter weg; man merkt, daß er ausländ’sch ist.“</p>
+
+<p>Hedda nickte. „Er ist nur gegen die eigne Art
+galant,“ erwiderte sie; „die Menschen machen’s nicht
+anders.“</p>
+
+<p>Dann fragte sie nach dem Vater Dörthes. Der
+war Stellmacher unten im Dorfe und hatte sich kürzlich
+eine leichte Lungenentzündung geholt. Aber es
+ging ihm schon besser; der Doktor war dreimal dagewesen
+&ndash; nun brauchte er nicht mehr zu kommen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>Morgen oder übermorgen konnte der alte Klempt
+wieder an die Arbeit gehen.</p>
+
+<p>„Hat er denn viel zu tun?“ fragte Hedda.</p>
+
+<p>„O ja, gnä’ges Fräulein,“ entgegnete Dörthe
+lebhaft und klappte die Futterschwinge aus, damit
+auch nicht das letzte Körnlein verloren gehe. „Seit
+Kommerzienrats drüben wohnen, könnte er sechs
+Arme haben. Da gibt’s immerwährend was!“</p>
+
+<p>Sie trieb die Hühner davon, die sie noch immer
+umringten und an ihr emporzuflattern versuchten.</p>
+
+<p>Hedda schritt quer über den Wirtschaftshof und
+trat in den kleinen Vorderpark, in dem das Rosenrundell
+in voller Blüte stand. Es war in der fünften
+Nachmittagsstunde und noch ziemlich heiß. Aber das
+junge Mädchen spürte von der Hitze nicht viel. Hedda
+behauptete, ihr kühles Herz temperiere sie so völlig,
+daß sie gegen jede sommerliche Bosheit geschützt sei.
+Sie gehörte zu jenen blonden Schönheiten, die in der
+Tat eine beständige Frische auszuströmen scheinen.
+Obwohl sie erst Anfangs der Zwanzig war, machte
+sie doch einen reiferen Eindruck. Mit ihrer großen,
+stattlichen Gestalt und der vollen Büste hätte man
+sie für eine junge Frau halten können.</p>
+
+<p>Auf der glasüberdachten Veranda des Herrenhauses
+blieb sie stehen und schaute hinab auf das
+Dorf. Der Baronshof lag auf einer Anhöhe. Man
+erzählte sich, der Großvater des jetzigen Besitzers,
+des Freiherrn von Hellstern, habe ihn auf derselben
+Stelle erbaut, auf der ehemals das alte Schloß gestanden
+habe. Das kannte man freilich nur noch der
+Sage nach. Den Hellsterns war es ergangen wie
+manch anderm alten Geschlechte. Die Ahnen hatten
+nichts übrig gelassen für die Nachkömmlinge. Freilich
+&ndash; der Letzte im Mannesstamme hatte sich lange und
+bitter genug gewehrt gegen den Untergang, mit Kraft
+und mit Zähigkeit, mit hartem Schädel und beiden
+Fäusten. Aber schließlich hatte er doch den aussichtslosen
+Kampf aufgeben und die Waffen strecken müssen.
+Das war mit vollen Ehren geschehen, und die Leute
+<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>sagten, er könne noch froh sein, daß Kommerzienrat
+Schellheim ihm seinen Landbesitz abgekauft habe, und
+daß der Baron nun in Frieden seine alten Tage auf
+der Scholle seiner Väter verleben könne. Denn
+Herrenhaus und Hof hatte er behalten; der Kommerzienrat
+legte keinen Wert auf die halbverfallenen
+Baulichkeiten &ndash; er wohnte drüben in seinem neuen
+Schloß, das mit glänzenden Fensterreihen vom Auberge
+hinab zum Tale grüßte.</p>
+
+<p>Hedda hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt.
+Im Sonnendunst des Tages verschwamm der kaum
+eine Wegstunde entfernte Auberg mit seiner modernen
+Ritterburg in bläulich-grauen Nebelschleiern. Die
+ganze Umgebung war reich an Wald und Höhen.
+Die Landschaft erinnerte mehr an Thüringen als
+an die vielgeschmähte Streusandbüchse des heiligen
+römischen Reichs. Dunkle Linien begrenzten in unregelmäßigen
+Kurven den Horizont: weit ausgedehnte
+Kiefernforsten, die mit wunderschön gepflegten, unter
+fiskalischer Verwaltung stehenden Buchen- und Eichenwaldungen
+wechselten. Durch die breite Talmulde,
+in deren Mitte das Dorf Oberlemmingen lag, rann
+ein Nebenfluß der Oder, die kleine Barbe, die aber
+zur Zeit der Schneeschmelze gar stattlich anwachsen
+konnte. Sie trennte das Tal in zwei ziemlich
+gleiche Hälften, und hüben und drüben wuchsen aus
+flacher Sohle zwei Anhöhen empor, der Auberg
+und der Lemminger Zacken, auf dem der Baronshof
+lag.</p>
+
+<p>Hedda trat in das Haus. Es war ein alter,
+viereckiger Kasten mit hohem, schrägem Ziegeldach, so
+wie man zu friderizianischer Zeit auf dem Lande zu
+bauen pflegte. Und es war schon richtig: man spürte
+überall, daß das Gebäude arg vernachlässigt worden
+war. Ställe und Scheunen hatte der Freiherr stets
+in sauberster Ordnung gehalten, aber für das Herrenhaus
+tat er nicht viel. Er war nicht verwöhnt, war
+mehr eine soldatische Natur. Es war ihm herzlich
+gleichgültig, daß die alten Ledertapeten im Speisezimmer
+<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>immer schwärzer wurden, und daß in den
+Korridoren der Putz von der Decke fiel &ndash; auch jetzt
+noch, wo er durch den Verkauf seines Landbesitzes
+wenigstens ein sorgenloses Auskommen hatte. Es
+gab immer einen kleinen Kampf zwischen ihm und
+Hedda, wenn die letztere Handwerker ins Haus bestellte,
+um die notwendigsten Ausbesserungen vornehmen
+zu lassen.</p>
+
+<p>Das Zimmer, das Hedda bewohnte, war das
+freundlichste auf dem ganzen Baronshofe. Es lag
+im ersten Stockwerk, nach hinten hinaus, mit dem
+Ausblick auf den schönsten Teil des Parks, war groß,
+luftig und sonnig und mit dem bunten Komfort eines
+Backfischchens eingerichtet, das sich sein Heiligtum
+nach Möglichkeit hübsch zu machen sucht.</p>
+
+<p>Die ganze Seite einer Wand nahm ein breites,
+tannenes Büchergestell ein. Auf diese ihre Bücher
+war Hedda stolz. Es waren die Reste einer stattlichen
+Sammlung, die einst ihr Urgroßvater, einer der
+Generale des großen Friedrich, zusammengebracht
+hatte, meist französische Geschichts- und Memoirenwerke,
+in die sich Hedda in ihren freien Abendstunden
+zu vertiefen pflegte, ohne Kritik und mit kindlicher
+Naivität über die tollsten und albernsten Klatschgeschichten
+fortlesend. Zuweilen schaffte sie sich auch
+von ihren Ersparnissen einiges Neue an, aber sie
+hatte wenig Sinn für das Moderne; die Ritterromane
+Florians interessierten sie mehr als die Belletristik
+der Zeitgenossen.</p>
+
+<p>Hedda war müde. Den halben Tag über hatte
+sie im Hofe gewirtschaftet. Der Haushalt war nur
+klein, aber auch die wenigen Kühe, der Hühnerhof
+und der Gemüsegarten verlangten Pflege, und sie
+hatte nur zwei Mägde und einen alten Diener, der
+zugleich Knecht und Gärtner war, zur Hand. Sie
+hatte viel zu tun, um alles in Ordnung zu halten.
+Heute früh war sie schon vor fünf Uhr auf dem
+Posten gewesen; die „schwarze Marie“, ihre Lieblingskuh,
+hatte ein Kälbchen zur Welt gebracht,
+<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>früher, als man erwartet, und darum hatte die
+Dörthe ihre Herrin so zeitig geweckt.</p>
+
+<p>Ja, sie war müde. Sie wollte ein wenig ausruhen.
+Das große Fenster auf der Südseite reichte
+mit seinen Glasscheiben nach italienischer Art bis auf
+den Fußboden und war draußen halb mannshoch mit
+Eisen umgittert. Es stand weit offen; schräg davor
+der Schreibtisch, sehr ordentlich gehalten, mit den
+Photographieen der verstorbenen Mutter und einiger
+Pensionsfreundinnen und einer Glasvase, die einen
+großen Buschen gelber Rosen enthielt. Hedda tauchte
+ihr Gesicht in die Rosen, atmete tief deren Duft ein
+und ließ sich dann in den mit licht geblümtem Cretonne
+überzogenen Lehnstuhl fallen.</p>
+
+<p>Herrgott, war sie müde! Das kam nicht oft vor.
+Mit blinzelnden, halb geschlossenen Augen schaute sie
+auf den Park hinaus. Die Glut der Nachmittagssonne
+brütete über den Wipfeln der Bäume. Kein
+Windhauch ging. Auf dem fahlgrünen Rasenfleck
+dicht unter dem Fenster stand ein geborstener Sandsteinpfeiler
+mit einer Marmorplatte, auf der eine
+Sonnenuhr eingraviert war. Jetzt gluckte ein dickes,
+weißes Huhn darauf und schlief. Weiter hinten
+schimmerten helle Silbereschen durch das dunkle Grün
+der Buchen; dort senkte sich mählich das Blättermeer.
+Der Park fiel zum Tale ab; ein Zaun aus Eichenholz
+umgab ihn hier. Vom Fenster aus konnte man
+über Wiesen und Felder sehen. Alles war in bester
+Kultur; der Kommerzienrat besaß eine tätige Hand.
+Die Ernte stand vor der Tür; das gelbe Getreide
+zitterte in der Sonne.</p>
+
+<p>Ein breiter, staubgrauer Landweg durchschnitt das
+Gelände. Dort rollte ein offener Wagen daher, der
+Hedda aufmerksam werden ließ. Sie stand auf, trat
+dicht an das Fenstergitter und spähte scharf in die Ferne.</p>
+
+<p>Wahrhaftig, sie täuschte sich nicht: es war der
+Wagen Schellheims, &ndash; der Kommerzienrat, der erst
+vor wenigen Tagen aus Karlsbad zurückgekehrt war,
+wollte auf dem Baronshof seinen Besuch machen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>Das war zu erwarten gewesen. Trotzdem fürchtete
+sich Hedda ein wenig davor. Ihr Vater konnte
+den Mann nicht leiden; man durfte kaum dessen
+Namen in seiner Gegenwart nennen. Es war lächerlich
+&ndash; Hedda nahm in dieser Beziehung dem alten
+Herrn gegenüber kein Blatt vor den Mund&nbsp;&ndash;, aber
+mit der Tatsache mußte gerechnet werden. Es galt,
+den Vater vorzubereiten.</p>
+
+<p>Sie warf einen Blick in den Spiegel, ordnete
+hastig ihr Haar und eilte dann flinken Fußes in das
+Erdgeschoß hinab.</p>
+
+<p>Der Baron saß bei der Arbeit &ndash; in einem
+großen, kahlen, gewölbten Gemach, vor einem riesenhaften
+Tische aus weißem Tannenholz, in dessen Platte
+ein Halbkreis eingeschnitten war, in den der Lehnsessel
+Hellsterns weit hineingeschoben wurde, wenn der
+Alte Platz nehmen wollte. Hellstern litt seit einigen
+Jahren an periodisch wiederkehrender Ischias, die
+ihm die Bewegung erschwerte. Er hatte sich deshalb
+den merkwürdigen Tisch bauen lassen, in dessen Ausschnitt
+er saß, ringsum von Bergen uralter Akten,
+Folianten und Pergamentrollen umgeben, vor sich ein
+Buch Papier, dessen einzelne Blätter er mit großen,
+groben Schriftzügen bedeckte.</p>
+
+<p>Baron Hellstern war ein Sechziger mit rotbraunem,
+gesundem Gesicht, kurz geschorenem weißem
+Haar und langem, grauem Vollbart. Augenblicklich
+trug er eine Brille; dunkelblaue, sehr klare Augen
+blickten durch ihre Gläser. Trotz mäßigen Lebens
+und vieler, erst in letzter Zeit durch sein Leiden beeinträchtigter
+Bewegung hatte er schon frühzeitig das
+leibliche Erbe der männlichen Hellsterns übernehmen
+müssen: eine lästige Korpulenz. Der Baron war,
+wenn er aufrecht stand, eine kolossale Erscheinung
+&ndash; sehr groß, mit der Schulterbreite eines Enaksohns
+und falstaffischem Leibesumfang. In früherer
+Zeit hatte man Wunderdinge von seiner Körperkraft
+erzählt; jetzt nagte der Wurm an der nordischen
+Eiche.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>Er arbeitete. Seit er die Landwirtschaft aufgegeben,
+hatte er sich mit Leidenschaft auf ein andres
+Steckenpferd geworfen. Er schrieb im Auftrage eines
+Lehnsvetters, seines letzten männlichen Verwandten
+von der schwedischen Linie der Familie, an einer
+Chronik seines Geschlechts.</p>
+
+<p>Schon als junger Offizier, als sein Vater noch
+lebte und den Baronshof bewirtschaftete, hatte er sich
+lebhaft für die Familiengeschichte interessiert und an
+Quellen dafür zusammengebracht, was er nur fand.
+Nach dem Verkauf seiner Ländereien begann ihn die
+Langweile zu packen; anfänglich nur, um seine Mußestunden
+auszufüllen, ging er an das Sichten und
+Ordnen des im Laufe der Zeit gewaltig angewachsenen
+Materials. Die lateinischen Codices übersetzte
+ihm der Pastor, bei den französischen und schwedischen
+Schriftstücken half ihm Hedda. Die Hellsterns oder
+Hellstjerns, wie sie sich ehemals schrieben, waren allerdings
+schwedischer Abstammung, aber seit dem Großen
+Kurfürsten seßhaft in der Mark. Mit den Wrangels
+und Sparres und Crusenstolpes waren sie dazumal
+nach dem Brandenburgischen gekommen. Und in der
+Dauer dreier Jahrhunderte hatten sie ihre Muttersprache
+vergessen. Nun lernten die beiden letzten Abkömmlinge
+jenes ersten Hellstjern, der unter dem
+brandenburgischen Roten Adler gedient hatte, aus
+Liebe zu ihrem Geschlecht noch nachträglich die einschmeichelnd
+klingende, melodiöse Sprache der Ahnen.
+Sie lernten tapfer &ndash; Hedda sowohl wie der alte
+Brummbär, ihr Vater, dessen Ausdauer und Zähigkeit
+gleich bewunderungswürdig waren wie sein ausgezeichnetes
+Gedächtnis. Die Akten vergangener
+Jahrhunderte, Ritter- und Lehnsbriefe mit ihrem
+antiquierten Schwedisch, machten ihnen unendlich viel
+Mühe; aber sie rangen sich durch und freuten sich
+wie die Kinder, wenn sie wieder einmal einen Berg
+staubiger Faszikel bewältigt hatten.</p>
+
+<p>Eines Tages war der Baron auf einen guten
+Gedanken gekommen. Das vorhandene Material genügte
+<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>ihm noch nicht. Da fiel ihm ein, daß im Freiherrnkalender
+neben seinem Namen noch ein andrer
+stand, der folgendermaßen lautete: Axel Freiherr
+von Hellstjern, geboren 18. Juni 1865 (Sohn des
+Geheimen Konferenzrats Frederik Jasper v.&nbsp;H., Gesandten
+zu Kopenhagen, dann in Paris, und der
+Leontine, Gräfin von Hetfried), Königl. schwed. Kammerjunker,
+Erbherr auf Jarlsberg, Valö und Brennwolde....
+Dieser junge Mann war der letzte Hellstjern
+von der schwedischen Linie, wie der Besitzer des
+Baronshofs der letzte der märkischen Linie war.
+Jarlsberg &ndash; das wußte der Baron &ndash; hieß das uralte
+Stammschloß des Geschlechts; es lag hoch oben
+an der Felsküste Schwedens, von weißem Meeresgischt
+umspült, ein Denkmal aus grauer Zeit, da
+man mit der Baronskrone auf dem blonden Haupt
+noch ungestraft seeräubern konnte. In den Archiven
+der Burg schlummerte vielleicht auch noch mancher
+litterarische Schatz, der für die Geschichte des aussterbenden
+Hauses von Wichtigkeit war.... Der
+Freiherr schrieb an den jungen Vetter. Lange blieb
+die Antwort aus. Dann trafen große Kisten ein,
+mit Büchern, Papieren und Dokumenten bis obenhin
+vollgestopft, und dazu ein liebenswürdiger Brief
+des Herrn Axel: er habe alles zusammengesucht,
+was er im Interesse der Chronik habe auftreiben
+können, und stelle es dem werten Herrn Vetter mit
+Freuden zur Verfügung. Ja, noch mehr: er nehme
+selbst einen so großen Anteil an der Familiengeschichte,
+daß er den Herrn Vetter bitte, irgend eine geeignete
+Kraft ausfindig zu machen, die jene Chronik zu
+Ehren des Hauses Hellstjern verfassen könne. Gern
+willige er in ein Honorar von zehntausend deutschen
+Reichsmark.</p>
+
+<p>Das konnte der Axel von Jarlsberg, denn er
+war ungeheuer reich. Und nun gedachte der Baron,
+sich jene Summe selbst zu verdienen. Er hätte sich
+unter andern Verhältnissen sicher gegen die „Soldschreiberei“
+gesträubt, aber der Gedanke an Hedda
+<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>und ihre Zukunft unterdrückte seinen törichten Stolz.
+Zudem war er mit ganzer Seele an der Sache.
+Er saß von früh bis zum späten Abend an seinem
+wunderlichen Schreibtisch, beständig rauchend und
+halblaut vor sich hinsprechend, blätternd, studierend,
+prüfend und ordnend. Das Fenster vor ihm stand
+immer offen, und wenn ihn draußen ein piepsendes
+Sperlingspaar oder ein gackerndes Huhn störte, so
+warf er zuweilen mit dem Wörterbuche danach; dann
+scholl seine Klingel durch das Haus, und August, der
+Diener, mußte den Sprachschatz wieder ins Zimmer
+holen.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>„Puh,“ sagte Hedda, als sie bei dem Alten eintrat,
+„Vater, dein Tabak ist furchtbar! Die Pfeife
+qualmt ordentlich und &ndash; ich weiß nicht, riecht denn
+jeder Tabak so stark?“</p>
+
+<p>„Der vom Kommerzienrat drüben wohl nicht,“
+antwortete der Baron, ruhig weiterschreibend; „aber
+der hat’s auch dazu, sich Havannazigarren leisten zu
+können.... Hederle, es ist gut, daß du kommst. Ich
+werde aus der Verwandtschaft nicht klug. Die Leute
+heißen alle Axel, und bei den meisten folgt nicht
+mal ein zweiter Vorname hinterher. Hilf mir ein
+bißchen!“</p>
+
+<p>„Nachher gern &ndash; jetzt geht’s nicht! Zupf dich
+ein wenig zurecht, Väterchen &ndash; Schellheims sind auf
+der Visitentour. Ich habe ihren Wagen vom Fenster
+aus erkannt&nbsp;...“</p>
+
+<p>Der Baron spritzte den Gänsekiel aus, dessen er
+sich bediente, warf ihn hin und lehnte sich im Sessel
+zurück.</p>
+
+<p>„Sind nicht zu Hause, mein Kind,“ sagte er
+ruhig, nachdem er einen neuen, tiefen Zug aus seiner
+Pfeife genommen hatte; „August soll’s den Herrschaften
+melden &ndash; damit sela.“</p>
+
+<p>„Nein &ndash; nicht sela,“ widersprach Hedda, setzte
+sich auf den Schreibtischrand und strich ihrem Vater
+über die Stirn. „Du wirst vernünftig sein, lieber
+<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>Alter. Es liegt gar kein Grund vor, die kommerzienrätliche
+Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen.“</p>
+
+<p>„Ich kann sie nicht leiden,“ grunzte der Freiherr
+und zog die Nase kraus.</p>
+
+<p>„Warum nicht? Weil Schellheim dir dein Gut
+abgekauft hat?“</p>
+
+<p>„Er hat geschachert wie ein Mühlendammer!“</p>
+
+<p>„Das gehört zu seinem Beruf. Er ist nun mal
+Kaufmann.“</p>
+
+<p>„Hemdenfritze!“</p>
+
+<p>„Ob einer Hemden verkauft oder Rohtabake oder
+goldene Manschettenknöpfe, ist gleichgültig; jeder ehrliche
+Erwerb verdient Achtung.“</p>
+
+<p>„Ach, fang mir nur nicht wieder mit Moralpredigten
+an, Hederle!“ rief der Alte halb ärgerlich,
+halb lachend. „Was du immer für grüne Weisheit
+im Schnabel führst!&nbsp;...“ Er rückte an seinem Stuhl.
+„Also meinetwegen! Um deinetwillen! Kommt er
+mit Gattin?“</p>
+
+<p>„Weiß nicht. Aber jedenfalls! Die Dörthe erzählte,
+es sei Besuch auf dem Auberg. Vielleicht sind
+die Söhne da.“</p>
+
+<p>Ein neues Grunzen des alten Herrn.</p>
+
+<p>„Wappnen wir uns mit Geduld! Schick mir den
+August! Muß ich mich erst umkleiden?“</p>
+
+<p>„Ich würde es schicklich finden, wenn der Baron
+Hellstern seine Gäste in&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Im Bratenrock empfangen wollte!“ fiel der
+Baron ein. „Ich lass’ schon alles über mich ergehen.
+Gott, diese Umstände!“</p>
+
+<p>Er stöhnte, ächzte und grunzte noch lange. Aber
+es half ihm nicht viel. Hedda verstand, mit dem
+Alten umzugehen, und August auch. Der letztere war
+dreißig Jahre im Hause und dem Baron unentbehrlich
+geworden. Er stöhnte, ächzte und grunzte
+genau soviel wie sein Herr und konnte auch ebenso
+grob werden. Aber er war dabei die beste, treueste
+und ehrlichste Seele, eines der aussterbenden Exemplare
+des dienenden Geschlechts.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>Auf seinen beiden Krückstöcken humpelte der
+Baron, von Hedda gestützt, in sein Schlafzimmer.
+Das war ein merkwürdiger Raum, ein wahrer
+Tanzsaal, aber fast ohne Möbel. In der Mitte
+stand ein schmales, eisernes Bettgestell mit einigen
+Decken. An den Fenstern hingen keine Gardinen;
+in der Nacht schloß man die Läden von draußen,
+die herzförmige Öffnungen hatten und die Spuren
+von Schrotladungen zeigten.</p>
+
+<p>August zog seinem Herrn die Flauschjoppe aus.</p>
+
+<p>„Nicht so reißen, du Esel!“ brummte Hellstern.</p>
+
+<p>„Das Ding ist zu eng,“ gab August unwirsch
+zurück. „Ich kann nicht davor, daß der Herr Baron
+immer dicker werden! Das Marienbader hat auch
+nichts genützt.“</p>
+
+<p>„Weiß ich allein. Halt keine Reden!“</p>
+
+<p>„Wenn der Herr Baron fragen, muß ich antworten.“</p>
+
+<p>„Ich frage gar nichts! Her mit dem Rock! Es
+ist wahr &ndash; ich werd’ immer dicker. Hedda muß
+die Knöpfe noch ein Stück weiter vorsetzen. Ich
+kriege das Ding nicht mal mehr zu.“</p>
+
+<p>„Lassen ihn der Herr Baron doch man offen stehen,“
+meinte August. „Es sieht ja besser aus. Aber die
+gestrickte Weste würd’ ich nicht anbehalten&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Ich tu’, was ich will. Die Weste bleibt drunter.
+Ich bin kein Popanz und kein Modegigerl. Drück
+mal von hinten ein bißchen nach, dann geht der
+Rock schon zu ... Hupla &ndash; na, siehst du wohl!“</p>
+
+<p>Der Alte trat vor den kleinen Spiegel, der
+über dem Waschtisch hing. Er gefiel sich ganz gut.
+Aber in Wahrheit sah er weniger hübsch als grotesk
+aus. Der lange, schwarzblaue Rock hatte eine
+eigentümliche Biedermaierfasson, umspannte den
+Oberkörper und den mächtigen Leib in ängstlicher
+Faltenlosigkeit und strebte von den Hüften an wie
+das Kleid einer Bäuerin nach auswärts. Dazu
+trug der Baron dunkle, gestreifte Beinkleider von
+außerordentlicher Weite und bequeme Filzstiefel.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>Hellstern lächelte, als er sein Ebenbild im Spiegel
+erschaute.</p>
+
+<p>„Wie ein Elefant,“ meinte er schmunzelnd; „man
+kann auch Dickhäuter sagen. Aber dennoch ganz
+stattlich. Das Halstuch, August!“</p>
+
+<p>„Erst setzen!“ antwortete dieser und schob dem
+Baron einen massiven eisernen Stuhl zu, auf dem
+sich Hellstern wuchtig niederließ. Dann schlang
+August seinem Herrn das sauber gefaltete schwarze
+Tuch um den Hals und steckte vorn eine goldene
+Busennadel hinein; Hedda hatte sie aus einem Ohrring
+der seligen Mutter anfertigen lassen.</p>
+
+<p>Indessen rollte unten die Viktoria des Kommerzienrats
+vor die Veranda. August beeilte sich,
+den Schlag öffnen zu helfen. Er trug einen verschossenen
+blauen Rock mit versilberten Knöpfen.
+Der reich galonnierte Diener des Kommerzienrats,
+der neben dem Kutscher gesessen hatte, war ihm
+bereits zuvorgekommen und schaute ihn ein klein
+wenig von der Seite an. Das ärgerte August. Er
+gab dem Livreekollegen einen kräftigen Schubbs und
+stellte sich neben den Schlag.</p>
+
+<p>Auf der Veranda erschien Hedda. Zwei junge
+Herren sprangen zuerst aus dem Wagen, Hagen
+und Gunther, die Söhne des Kommerzienrats, beide
+in Gehröcken und blanken Zylinderhüten. Dann
+kam die Mutter, eine zierliche, kleine Dame von
+sympathischem Äußern &ndash; dann der Rat selbst,
+untersetzt, mit gefälligem Embonpoint, das kluge
+Gesicht nach englischer Sitte bis auf einen kurzen,
+auf der halben Backe wie über einem Lineal abgeschnittenen
+grauen Bart glatt rasiert.</p>
+
+<p>Die Begrüßung seitens Schellheims war lebhaft
+und herzlich, seitens seiner Frau liebenswürdig reserviert.
+Die Söhne hielten sich zurück, die Zylinder
+im Arm, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt.
+Hedda gab jedem die Hand und führte den Besuch
+sodann in das Wohnzimmer.</p>
+
+<p>Hellstern war noch nicht anwesend, aber man
+<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>hörte im Korridor bereits das gleichförmige Geräusch,
+das das Aufstoßen seiner Stöcke auf dem
+Fußboden hervorrief.</p>
+
+<p>Als er eintrat, ging ihm der Kommerzienrat mit
+strahlendem Gesicht und rascher, pendelnder Armbewegung
+entgegen.</p>
+
+<p>„Mein sehr verehrter Herr Baron &ndash; ich freue
+mich herzlich &ndash; ich freu’ mich von ganzem Herzen&nbsp;...“</p>
+
+<p>„Lieber Herr Kommerzienrat!“ Hellstern drückte
+Schellheim so kräftig die Rechte, daß dieser am
+liebsten mit einem energischen Donnerwetter geantwortet
+hätte, küßte sodann der tief herniederrauschenden
+Rätin die Hand und sagte den jungen Herren
+„Guten Tag“.</p>
+
+<p>Man setzte sich, und rasch war die Unterhaltung
+im Fluß. Schellheim war ein weltgewandter Mann,
+bei dem nur zuweilen, in seltenen Ausnahmefällen,
+die Protzigkeit des Parvenus, der sich aus kleinen
+Anfängen emporgearbeitet, hervorbrach. Aber die
+große Lebhaftigkeit, mit der er, von ausdrucksvollem
+Gebärdenspiel unterstützt, sprach und agierte, ließ
+dies nicht sonderlich auffallen.</p>
+
+<p>Seine Frau war ziemlich still. Nur auf direkte
+Anrede hin pflegte sie etwas zu sagen, mit einer
+Stimme, die wunderbar einschmeichelnd, weich und
+melodiös klang. Auf Hedda machte die Rätin einen
+sehr angenehmen Eindruck. Sie war nicht hübsch,
+aber chic und vornehm. Sie mußte auch bedeutend
+jünger als ihr Gatte sein. Er hatte sie geheiratet,
+als er bereits ein gemachter Mann war und seine
+Verhältnisse es ihm gestatteten, in eine „gute Familie
+zu kommen“. Er war immer liebenswürdig
+zu ihr, aber nie gütig. Ihre Bescheidenheit mißfiel
+ihm zuweilen; er hätte sich eine glänzendere Repräsentantin
+für sein Hauswesen gewünscht. Ihrer
+feinen musikalischen Bildung und ihrer Verehrung
+für Wagner zuliebe war er auf den schnurrigen
+Einfall gekommen, seinen Söhnen die Namen Hagen
+und Gunther geben zu lassen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>„Aber der grimme Hagen macht durchaus keinen
+blutdürstigen Eindruck,“ bemerkte Herr von Hellstern
+lächelnd, als das Gespräch sich dem Wagnerianismus
+zuwandte; „im Gegenteil&nbsp;...“</p>
+
+<p>Gunther, der jüngere der Brüder, errötete leicht,
+obschon nicht von ihm die Rede war. Er war
+schlank und schmächtig und ähnelte der Mutter. Ein
+Paar sehr schöne und kluge, sammetbraune Augen
+belebten das etwas blasse Gesicht.</p>
+
+<p>Der „grimme Hagen“ schlug mehr dem Vater
+nach. Er war ebenso lebhaft wie dieser in Sprache
+und Bewegungen und zog den Mund ein wenig
+schief, wenn er lächelte. Er war auch der ganze
+Stolz seines Erzeugers, der Leiter der Fabrik und
+Träger der Firma, ein tüchtiger Kaufmann trotz
+seiner Lebemannsallüren. Gunther war aus der
+Rasse gefallen. Er hatte keinerlei merkantile Neigungen
+und galt für einen Gelehrten. Er war
+Literarhistoriker.</p>
+
+<p>Das interessierte Hedda. Sie fragte, wo er
+studiere, und befand sich bald in angeregter Unterhaltung
+mit ihm. Gunther erzählte, daß er es
+bereits bis zum Dozenten an der Berliner Universität
+gebracht habe, und daß seine Spezialität die
+höfische Dichtung des Mittelalters sei. Insofern
+mache er auch seinem „ihm wider Willen“ gegebenen
+Vornamen Ehre, als er sich mit besonderem Eifer
+auf die Erforschung des Nibelungenliedes geworfen
+habe. Er führte noch einige Lyriker und Didaktiker
+aus der Blütezeit des Minnesangs an, Namen, die
+Hedda ziemlich fremd an das Ohr klangen; nur
+von Walter von der Vogelweide, von Tannhäuser
+und Ulrich von Lichtenstein hatte sie schon gehört.</p>
+
+<p>Aber es gefiel ihr alles, was der junge Gelehrte
+sagte. Er hatte so eine nette Art, sich auszudrücken,
+und das weiche, sympathische Organ seiner
+Mutter. Er sprach bescheiden und ruhig und schien
+sichtlich erfreut zu sein über das Interesse, das Hedda
+ihm und seinem Studium entgegenbrachte. Unwillkürlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>hatten die beiden während ihrer Unterhaltung
+sich ein wenig von den übrigen zurückgezogen.
+Sie standen in einer Fensternische, während die
+andern sich um den Sofatisch gruppierten.</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat führte im Augenblick das
+Wort.</p>
+
+<p>„Ja, denken Sie sich, mein verehrter Herr
+Baron,“ sagte er, den ausgestreckten Zeigefinger
+seiner Rechten hoch in der Luft, „die Quelle soll in
+der Tat Mineralgehalt haben. Hören Sie mal, das
+könnte ’ne große Sache werden! Was meinen Sie,
+wenn wir aus Oberlemmingen ein Bad machten?!“</p>
+
+<p>„Bleiben Sie mir vom Leibe!“ rief der Baron
+zurück. „Ein Bad &ndash; na, das fehlte noch! Bin
+froh, daß wir hier so in der Stille und Ruhe sitzen!
+Übrigens glaub’ ich das noch nicht recht &ndash; das mit
+der Quelle. Wo soll sie sein &ndash; an der Grauen
+Lehne?“</p>
+
+<p>Schellheim nickte eifrig.</p>
+
+<p>„Ja &ndash; an der Grauen Lehne, im Möllerschen
+Gehölz,“ antwortete er. „Man hat sie gar nicht
+beachtet &ndash; was versteht der Bauer vom Gurkensalat!
+Aber da hat sich ein Lehrer aus Frankfurt
+während der großen Ferien bei Möller im Gasthof
+eingemietet, und dem ist die Gaseentwicklung aufgefallen,
+mit der die Quelle aus dem Boden
+sprudelt, &ndash; wissen Sie, ich habe mir das Dings
+angesehen, es moussiert förmlich &ndash; wie eine Pommery
+... Und da hat er denn einen befreundeten
+Chemiker darauf aufmerksam gemacht, der hat das
+Wasser genauer untersucht. Was soll ich Ihnen
+sagen, mein bester Herr Baron, &ndash; der Mann hat
+Kohlensäure und Eisen konstatiert und Möller angeraten,
+die Quelle schleunigst fassen zu lassen.“</p>
+
+<p>Der Baron schüttelte den Kopf und strich sich
+dann über den Leib.</p>
+
+<p>„Das Marienbader hat mich nicht schlanker gemacht,“
+meinte er; „vielleicht ist unser heimisches
+Wässerchen wirkungsvoller.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>Schellheim lachte.</p>
+
+<p>„Nun denken Sie mal an! Wenn wir nicht
+mehr in die Ferne zu schweifen brauchten, sondern
+gleich immer an Ort und Stelle unser alljährliches
+Gesundungsbad nehmen könnten! Alle Wetter, das
+wäre doch wirklich famos! Ich hätte große Lust,
+dem alten Möller das Quellenterrain abzukaufen.
+Allzu unverschämt wird er ja hoffentlich nicht sein.“</p>
+
+<p>„Eh &ndash; na &ndash; warten Sie’s ab, Herr Kommerzienrat!
+Wie ich unsre Bauern kenne, lassen sie
+sich nicht so leicht die Butter vom Brote nehmen.
+Und namentlich der alte Möller, &ndash; der hat’s faustdick
+hinter den Ohren ... Offen gestanden, ich
+wünschte, die ganze Geschichte beruhte auf einem
+Irrtum. Mit unserm stillen Frieden ist’s aus,
+wenn wir erst Badegäste hierher bekommen. Ich
+gucke unsre paar Sommerfrischler schon immer unwirsch
+von der Seite an.“</p>
+
+<p>„Das ist egoistisch, lieber Baron&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Ah was, jeder ist sich selbst der Nächste! Ich
+bin glücklich in meiner Einsamkeit. Hab’ neulich
+einmal irgend einen modernen Dichter gelesen, der
+nennt die Einsamkeit ein ‚vornehm’ Land‘. Und,
+weiß Gott, der Poet hat recht! Ich möchte mir
+nicht gern mein letztes Eckchen ‚vornehm’ Land‘
+rauben lassen.“</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat verzog den Mund.</p>
+
+<p>„Alle Achtung vor Ihrem Dichtersmann, Herr
+Baron &ndash; aber die Einsamkeit widerspricht dem
+Zeitgeist. Wer für die Menschheit lebt, muß mitten
+im Menschentreiben stehn.“</p>
+
+<p>„Oho &ndash; haha &ndash; Kommerzienrat, fragen Sie
+mal den Jüngsten Ihrer Nibelungen, ob er im
+Trubel und Gewühl schaffen und arbeiten kann!
+Und lebt doch am Ende auch für die Menschen seiner
+Zeit.“</p>
+
+<p>Die Rätin nickte, und der grimme Hagen warf
+ein, mit schiefen Mundwinkeln gleich seinem Herrn
+Vater, sich an der Krawatte zupfend: „Ach nein,
+<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>Herr Baron &ndash; den Gunther muß man als Sonderling
+beurteilen. Der ist am glücklichsten, wenn sich
+kein Mensch um ihn bekümmert, und selbst seine
+Forschungen hält er ängstlich geheim.“</p>
+
+<p>„’s ist so,“ fiel Schellheim ein, während die
+beiden in der Fensternische sich nicht in ihrer Unterhaltung
+stören ließen, sondern nur zuweilen mit
+leichtem Lächeln zu den andern herüberschauten; „ich
+bin kein Banause, lieber Baron, und schätze Wissenschaft
+und Kunst &ndash; ah, nun ja &ndash; ganz gewiß!
+Aber ich frage dennoch: was gewinnt die Menschheit,
+wenn irgend ein Gelehrter nach unendlichen
+Mühen herausgekriegt hat, daß Heinrich von Ofterdingen
+möglicherweise ein paar Strophen des Nibelungenliedes
+gedichtet habe? &ndash; Ich bitte Sie, die
+ganzen gelehrten Wissenschaften, die nicht praktischen
+Zwecken dienen, sind doch eigentlich nur Füllsel im
+Dasein, pikante Zutaten zu der Pastete, aber keine
+Kost, die den Hunger der Lebenden stillt! Den
+Hunger der Lebenden,“ wiederholte er nochmals, als
+gefalle ihm der Ausdruck besonders, und dann fuhr
+er raschen Wortes fort, da er sah, daß seine Frau
+unruhig wurde und verschiedenfach nach dem Fenster
+blickte: „Ich hätte ja am liebsten gehabt, Gunther
+hätte gleichfalls die kaufmännische Karriere ergriffen.
+Er wollte nicht &ndash; schön &ndash; ich bin kein
+Rabenvater. Aber nun ausgesucht Literarhistoriker!
+Warum nicht Jurist? Warum nicht Mediziner?
+Meinethalben bloß Theoretiker &ndash; Anthropologe,
+Bazillenmensch &ndash; die haben doch feste Ziele im
+Auge, ich bitte Sie, und ihre Untersuchungen nützen
+der Gesamtheit.... Nein &ndash; er wollte partout ein
+Bücherwurm werden&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Und fühlt sich recht wohl dabei,“ warf Gunther
+ein. Er war aus der Nische getreten. Sein blasses
+Gesicht hatte sich leicht gerötet. Er lächelte, aber es
+zuckte doch auch ein wenig bitter um seine Mundwinkel.
+„Papa ist nun mal ein Fanatiker der sogenannten
+praktischen Berufe, Herr von Hellstern,“
+<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>wandte er sich wie entschuldigend an den Baron;
+„ich begreife es auch. Wer, wie er, sich nur in
+rastloser produktiver Tätigkeit wohl fühlt, der kann
+einer stillen Gelehrtenarbeit schwerlich Geschmack abgewinnen.
+Ich höre übrigens, daß Sie mit einer
+Geschichte Ihres Geschlechts beschäftigt sind, Herr
+Baron, und sich in umfangreiches Quellenmaterial
+zu vertiefen haben. Wenn ich Ihnen irgendwie
+dienlich sein kann&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Merci, Herr Doktor &ndash; sehr liebenswürdig,“
+entgegnete Hellstern; „das Lateinische macht mir ja
+manchmal Kopfzerbrechen; und wenn mir etwas besonders
+Verzwicktes unter die Finger kommen sollte,
+will ich mich gern an Sie wenden. Bleiben Sie
+noch einige Tage hier?“</p>
+
+<p>„Leider nein,“ erwiderte die Rätin seufzend, und
+ihr Gatte fiel ein: „Sie fahren alle beide schon
+morgen abend wieder zurück, die Jungen&nbsp;...“ Er
+klopfte Gunther auf die Schulter. „Ich hab’s nicht
+böse gemeint &ndash; <em class="antiqua">de gustibus</em> und so weiter. <em class="gesperrt">Mir</em>
+würde das Herumwühlen in alten Scharteken den
+Appetit verderben. Da lob’ ich mir noch die Musik.
+Gnädigste Baronesse sind gewiß auch Wagnerschwärmerin?“</p>
+
+<p>Das war sie wirklich, und nun erfolgte eine
+kurze Zwiesprache zwischen ihr und der Rätin über
+den vergötterten Meister und seine Musik. Da
+wurde Frau Schellheim warm. Sie konnte sich
+gar nicht beruhigen, daß Hedda ihren Liebling nur
+aus den Klavierpartituren kannte und noch keins
+seiner Bühnenwerke gesehen hatte. Ihr drittes
+Wort war Bayreuth und Frau Cosima. In der
+Villa Wahnfried kannte sie jeden Raum.</p>
+
+<p>Der Baron beobachtete scharf, während er ungezwungen
+plauderte. Sein Urteil über die Familie
+Schellheim stand fest. Der Rat ein intelligenter
+Emporkömmling, wie man seinen Typus in allen
+Großstädten hundertfach findet; die Frau unterdrückt,
+nicht uneben; aber von sklavischer Ergebenheit;
+<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>der grimme Hagen ein modernes Kaufmannsgigerl,
+das nach Abschluß der Geschäftszeit den Lebemann
+und Kulissenjäger spielt &ndash; und Gunther der
+aus der Art geschlagene Idealist. Gunther gefiel
+dem Baron noch am besten, obschon auch er für
+grüblerische Gelehrtentüftelei wenig übrig hatte.</p>
+
+<p>Man sprach von guter Nachbarschaft und dergleichen.
+Bei dieser Gelegenheit erfuhr Hellstern,
+daß der Kommerzienrat beabsichtigte, sich gänzlich
+auf der „Auburg“ &ndash; so hatte er sein Schloß getauft
+&ndash; festzusetzen. Hagen sollte die Fabrik allein
+weiterführen.</p>
+
+<p>„Ich möchte mich gern einmal etwas intimer
+mit der Landwirtschaft befassen,“ sagte Schellheim,
+schon zum Aufbruch gerüstet. „Es macht mir Spaß
+&ndash; möchte mal versuchen, ob dem Boden nicht doch
+ganz gute Erträgnisse abzuringen sind.... Also wegen
+der Quelle, &ndash; stehen Sie mit dem Möller auf gutem
+Fuß, Herr Baron, wenn ich fragen darf?“</p>
+
+<p>„Auf gar keinem,“ erwiderte Hellstern ziemlich
+kurz. „Aber, falls Sie mit ihm in Verbindung
+treten sollten &ndash; <em class="antiqua">attention!</em> Es ist ein brutaler
+Schlaukopf.“</p>
+
+<p>Schellheim lachte.</p>
+
+<p>„Mich führt niemand so leicht hinters Licht, bester
+Herr Baron,“ sagte er. Dann empfahl man sich.
+Auf der Veranda blieb der Kommerzienrat noch
+einen Augenblick stehen und pries die Lage des
+Baronshofes. Auch das alte Herrenhaus gefalle
+ihm sehr. Er habe für diese alten Landhäuser viel
+mehr übrig als für die modernen Luxusbauten. Er
+sei überhaupt nicht für den Luxus, wenn er sich
+nicht mit solider Gediegenheit vereine ...</p>
+
+<p>August stand wieder am Wagenschlag. Er sah
+sehr schäbig aus neben den frisch livrierten Dienern
+Schellheims und dem lackierten Glanz der Viktoria.
+Aber er machte ein hochmütiges Gesicht; die Leute
+vom Auberg imponierten ihm durchaus nicht.</p>
+
+<p>Der Wagen rollte davon. Der Kommerzienrat
+<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>winkte noch wiederholt mit seinem abgezogenen Handschuh
+aus dem Fenster.</p>
+
+<p>Hellstern sah dem unter seinem silbergeschmückten
+Geschirr sich sehr stattlich ausnehmenden Fuchsgespann
+lange nach.</p>
+
+<p>„Solche Karrossiers hab’ ich mir mein Lebtag
+nicht gegönnt,“ sagte er zu Hedda. „Hübsche Gäule
+und gut eingefahren ... Es ist merkwürdig, wie es
+im Leben auf und nieder geht. Jetzt sind die
+Krämer die Sieger und wir vom Adel die Besiegten.
+Das war ehemals anders.“</p>
+
+<p>„Freilich,“ entgegnete Hedda mit leichtem Seufzer,
+„’s ist leider immer so in der Weltgeschichte. Hammer
+und Amboß wechseln. Aber allzu schlimm sind die
+Schellheims noch nicht.“</p>
+
+<p>„Na, es geht,“ erwiderte der Baron etwas
+mürrisch.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">A</span>m Westausgange des Dorfes wohnte der Vater
+Dörthes, der Stellmacher Klempt. Man mußte
+einen kleinen Garten durchschreiten, ehe man zu dem
+mit Schindeln gedeckten Häuschen des Alten kam. Das
+heißt, es war eigentlich kein richtiger Garten, denn
+es blühten nur wenige Blumen darin &ndash; ein paar
+Georginen und Pechnelken, die dicht am Staketzaun
+standen&nbsp;&ndash;, alles übrige war Wiese und Kartoffelland.
+Dicht am Hause hatte Klempt sich eine kleine
+Baumschule angelegt. Das war seine besondere
+Freude. Er zog allerdings keine Seltenheiten, sondern
+nur einige Reihen echter Kastanien, Edelakazien
+und Pfirsiche und ein paar hochstämmige Rosen,
+seine Sorgenkinder, die er im Winter durch Moosumhüllung
+und eine Panzerung von stachligem
+Wacholderbuschwerk vor den Angriffen hungriger
+Hasen schützte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>Klempt war ein stiller und ruhiger Mensch, der
+sich durch mancherlei Ungemach des Lebens zu einer
+gewissen philosophischen Resignation durchgerungen
+hatte. In der Tat, er war ein Bauernphilosoph
+von eigentümlicher Prägung; dadurch, daß er sich
+von den andern zurückhielt und auch den abendlichen
+Zusammenkünften in der Krugwirtschaft fernblieb,
+daß er ein ziemlich einsames Leben führte und fast
+beständig auf sich selbst angewiesen war, hatte er sich
+in eine sonderliche Gedankenwelt eingesponnen, die
+er mit Emsigkeit pflegte, und in der er mit ganzem
+Sein aufging. Er hatte seine Frau und vier blühende
+Kinder hinsterben sehen. Die Dörthe war seine
+Letzte, aber er hatte es nicht gelitten, daß sie ihm
+die Wirtschaft führte. Sie sollte „die Welt kennen
+lernen“, wie er sich ausdrückte, und das fing damit
+an, daß sie auf dem Baronshofe in Dienst trat.
+Da Klempt indessen in seinem Haushalt der weiblichen
+Hand nicht völlig entbehren konnte, so nahm
+er seine einzige, unverheiratete Schwester Pauline
+zu sich. Das war ein langes, hageres Weibsbild,
+fast an die Sechzig, aber noch schwarzhaarig und
+mit glänzenden Augen in dem die Spuren einstiger
+großer Schönheit tragenden Gesicht. Die Pauline
+paßte zu ihrem Bruder; sie führte ein ähnliches
+Traumleben wie er, denn sie war völlig taub und
+pflegte sich nur durch ein eigenartiges Gebärdenspiel
+mit ihm zu verständigen. Sie war eine brave
+Person, etwas mystisch veranlagt, ewig in Punktierbüchern
+und Traumdeutungen kramend, männerscheu
+und von nervöser Empfindlichkeit, aber auch fleißig
+und sorgsam im Haushalt.</p>
+
+<p>Das war die Rechte für den Stellmacher. Auch
+er liebte es nicht, viel Worte zu machen. Dafür
+las er gern, besonders an den Winterabenden, und
+zwar am liebsten Geschichtswerke oder Geographiebücher,
+doch nie Romane, für die er nichts übrig
+hatte. Baron Hellstern, der Pastor und der Kantor
+liehen ihm, was sie auf ihren Repositorien hatten;
+<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>bei der Arbeit verdaute der alte Klempt sodann
+seine Lektüre. Das war ein Genuß für ihn. Saß
+er draußen im Hofe auf seiner Hobelbank oder schlug
+die Speichen eines Rades ein, daß es weithin
+dröhnte durch das stille Dorf, so arbeitete nicht nur
+seine fleißige Hand, sondern auch seine Phantasie.
+Da war er mit Stanley in Afrika, unter den
+schwarzen Heiden und Menschenfressern, oder mit
+irgend einem Missionar an den Ufern des Ganges,
+oder oben am Nordpol, oder er schüttelte den grauen
+Kopf über die Greuel des Dreißigjährigen Krieges
+und berauschte sich an dem Freiheitsdurst der Griechen.
+In seinem groben Bauernhirn blieben naturgemäß
+nur die außerordentlichen Ereignisse haften,
+aber die Lust am Reflektieren, auf die ihn sein einsames
+Leben hinwies, hatte doch allgemach seine Anschauungsweise
+geläutert; er verglich gern, kritisierte
+auch und zog naive Schlüsse aus der Vergangenheit
+auf die Gegenwart.</p>
+
+<p>Jetzt saß er auf der hölzernen Bank rechts von
+der Tür seines Häuschens, hatte die Hände gefaltet
+im Schoß und schaute stumm auf das Spatzenheer,
+das sich vor ihm im heißen Sande des Hofes zankte.
+Man sah ihm die kaum überstandene Krankheit an.
+Er war recht hager geworden, und noch stärker und
+zottiger als vorher erschien der weiße Zimmermannsbart,
+der seine Wangen umrahmte. Aus dem braunen
+Gesicht blickten zwei hellblaue, treuherzige Augen; die
+von zahlreichen kleinen Falten durchzogenen Lippen
+waren fest aufeinandergepreßt; der linke Mundwinkel,
+in dem gewöhnlich die Pfeife hing, senkte sich ein
+wenig. Das Rauchen hatte ihm der Arzt strengstens
+verboten, und unter diesem Verbot litt der Alte am
+meisten. Er konnte ohne Pfeife nicht sein.</p>
+
+<p>Den Himmel überstrahlte bereits das Abendrot.
+Die weißen Lämmerwölkchen am Firmament waren
+rosig durchleuchtet, selbst der breite Schatten des alten
+Birnbaumes, der mitten im Hofe stand, hatte eine
+violette Umsäumung. Vom Anger herüber klang ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>leises, melodisches Läuten; der Schäfer des Krugwirts
+trieb seine kleine Herde heim.</p>
+
+<p>Pauline trat in die Haustür, blieb einen Augenblick
+stehen und schaute nach dem Himmel, um zu
+sehen, ob während der Nacht ein Gewitter zu gewärtigen
+sei, und sagte sodann mit der etwas monoton
+klingenden Stimme, die allen Tauben eigen ist:</p>
+
+<p>„Komm ’rein, August; es fängt an, kühle zu
+werden.“</p>
+
+<p>Klempt nickte und erhob sich gehorsam. Aber er
+ging doch nicht, sondern wies hinüber nach der Gartenpforte,
+wo eine frische Mädchenstimme das Lied von
+den wandernden Schwalben sang. Die Dörthe kam.
+Sie hatte Urlaub erhalten, den Vater und den
+Bräutigam zu besuchen, trug ihr Feiertagskleid aus
+geblümtem Kattun und ein buntes Tüchlein um den
+Hals.</p>
+
+<p>„Holla, Vater,“ rief sie schon von weitem, „bist
+du noch draußen? Und hat nicht der Doktor gesagt,
+du sollst vor Sonnenuntergang wieder in der
+Stube sein?“</p>
+
+<p>„’s ist ja so schöne,“ antwortete Klempt lächelnd,
+und als er den Sonntagsstaat Dörthes sah, fügte
+er fragend hinzu: „Ist denn heute Kirmes, daß du
+dich so fein gemacht hast?“</p>
+
+<p>Dörthe gab dem Vater und der Tante die Hand.</p>
+
+<p>„Ich will mal zu Fritzen gehn,“ entgegnete sie.
+„Heut ist ’was los im Kruge. Das Springelchen
+an der Grauen Lehne soll ein Heilquell sein, hat ein
+Professor aus Frankfurt an den Kantor geschrieben.
+Da kommen sie alle zusammen.“</p>
+
+<p>„Hab’s auch schon gehört,“ meinte Klempt; „ein
+Wunderwasser, das Kranke gesund machen soll. ’s
+käm’ mir zunutze.“ Er schüttelte den Kopf. „’s wird
+bloß wieder so ein Gerede sein,“ fuhr er fort; „die
+Leute reden viel&nbsp;...“</p>
+
+<p>Pauline tupfte ihrem Bruder auf die Schulter
+und zeigte nach der Tür.</p>
+
+<p>„Ja, ich komme,“ sagte er nickend. „Hast du’s
+<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>so eilig, Dörthe? Wirst schon noch frühe genug im
+Kruge sein; bleib noch ein Huschchen!“</p>
+
+<p>„Aber nicht lange,“ antwortete Dörthe. Doch sie
+trat mit den beiden in das Stübchen, das vom Glanze
+des Sonnenrots völlig durchstrahlt zu sein schien.</p>
+
+<p>Pauline bereitete das Abendbrot, während sich
+Dörthe, die Hände auf die Hüften gestemmt, vor
+ihren Vater stellte.</p>
+
+<p>„Wie fühlst du dich denn?“ fragte sie.</p>
+
+<p>Er winkte mit der Hand.</p>
+
+<p>„So gesund wie früher, Dörthe, verlaß dich
+drauf! ’s ist ’ne Narretei vom Doktor, daß er mir
+noch immer das Rauchen verbieten tut. Das ist das
+einzigste, was mir noch fehlt.“</p>
+
+<p>„Solange du noch hustest, darfst du’s nicht,“ erklärte
+Dörthe. „Vater, ich riech’s, ich rieche gleich,
+wenn du geraucht hast. Du mußt doch parieren.
+Der Doktor kostet Geld, und wenn du nicht tust,
+was er befiehlt, ist das schöne Geld reinweg zum
+Fenster hinausgeworfen.“</p>
+
+<p>Sie sagte das sehr ernst. Klempt nickte grämlich.</p>
+
+<p>„Na, ja doch,“ sagte er. „Es dauert alles so
+lange. Und dabei hab’ ich mehr zu tun, als mir
+lieb ist!“</p>
+
+<p>„So nimm dir doch noch ’nen Gesellen, Vater!
+Ich hab’ dir’s schon ein paarmal gesagt!“</p>
+
+<p>„Ach was, daß er bloß ’rumlungert! Was tut
+denn so ’n Junge! Bis jetzt bin ich alleine fertig
+geworden und werd’s auch noch länger werden! Kotzschock,
+ich bin doch erst sechzig! ... Es war wohl
+Besuch auf dem Baronshof?“</p>
+
+<p>„Ja, die von drüben. Die Söhne auch&nbsp;...“
+Dörthe schnitt eine Grimasse und lachte schelmisch.
+„Paß einmal auf, unser Fräulein heiratet den ältesten!
+Da soll’s hinaus!“</p>
+
+<p>„Da käm’ wieder mal Geld ins Haus! Die drüben
+messen’s nach Scheffeln. Aber ob der Baron will?“</p>
+
+<p>„Warum denn nicht?“</p>
+
+<p>„Na, er ist doch so stolz!“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>„Ist er nicht,“ erklärte Dörthe kopfschüttelnd.
+„Und dann macht das Fräulein doch, was sie will.
+Aber ich will nichts gesagt haben. Die Hanne meint
+auch, das würde was werden.“</p>
+
+<p>„Was sagt denn August?“</p>
+
+<p>„Den hab’ ich gefragt. Da ist er mir aber grob
+gekommen. Der ist grob wie Bohnenstroh, Vater.
+Zum Baron geradeso wie zu uns, und dem scheint’s
+noch zu gefallen.“</p>
+
+<p>„Hast du ihm meine Rechnung gegeben?“</p>
+
+<p>„Nee, Vater, das eilt ja nicht so. Sie ist ziemlich
+hoch, da wart’ ich lieber bis zum Ersten und
+geb’ sie dem Fräulein. Am Ersten kriegt der Alte
+seine Pension und Zinsen und so was. Da wart’
+ich lieber.“</p>
+
+<p>„Wart ruhig,“ stimmte der Stellmacher zu. „Die
+gehn mir nicht durch. Sind sie denn immer noch gut
+zu dir?“</p>
+
+<p>„Ja, sehr! Das Fräulein besonders &ndash; na, die
+ist ja immer gut! Den Alten kriegt man kaum zu
+Gesicht. Er hat’s wieder so schlimm in den Füßen,
+sagt August. Aber nu geh’ ich, Vater! Ich muß
+doch hören, was es im Kruge gibt.“</p>
+
+<p>„Verzähl’s mir morgen! Adjö, Dörthe! ... Du,
+Dörthe, und bedenk’s dir mit Möllers Fritze&nbsp;...“</p>
+
+<p>Sie gab ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund,
+so daß er den Satz nicht beenden konnte, und sprang
+aus dem Zimmer, der Tante beinahe in die Arme,
+die ihr im Hausflur mit einer Schüssel voll weißen
+Käses und der Leinölflasche entgegenkam.</p>
+
+<p>„Herrjeses,“ sagte Pauline, „so sieh dich doch vor!
+Hast du letzte Nacht was geträumt?“</p>
+
+<p>Dörthe nickte.</p>
+
+<p>Die Tante wurde wißbegierig.</p>
+
+<p>„Von was denn?“</p>
+
+<p>Dörthe tippte auf die Flasche.</p>
+
+<p>„Von Leinöl?“ fragte die Tante verwundert.</p>
+
+<p>Dörthe nickte wieder und tippte auf die Käseschüssel.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>Die Augen Paulinens wurden immer größer.</p>
+
+<p>„I &ndash; auch von Quark?“</p>
+
+<p>Dörthe machte mit der Hand eine wirbelnde Bewegung
+in der Luft.</p>
+
+<p>„Ach so,“ sagte die Tante, „zusammengerührt &ndash;
+Leinöl und Quark&nbsp;...“</p>
+
+<p>Nun wies Dörthe auf die Lampe, die auf der
+Futterkiste in der Ecke stand.</p>
+
+<p>„Bei Licht?“ fragte die Tante.</p>
+
+<p>Dörthe tippte an das Bassin.</p>
+
+<p>„Was?“ rief Pauline. „Mit Petroleum? Leinöl
+und Quark und Petroleum? Wo soll ich denn das
+im Traumbuche finden! I &ndash; du willst mich wohl
+bloß zum Narren haben?! Dörthe, hör mal, Dörthe,
+du machst dich immer lustig über mich, aber ich will
+dir was sagen: ich habe vor ein paar Tagen von
+einem Gewitter geträumt, und es hätte eingeschlagen.
+Das gibt Unfrieden im Hause. Sieh dich vor mit
+dem Fritze. Ich rede sonst nicht davon&nbsp;...“</p>
+
+<p>Das hatte die Dörthe nun so oft gehört, daß sie
+ärgerlich wurde.</p>
+
+<p>„Laß mich in Frieden, Tante!“ rief sie zurück,
+gar nicht daran denkend, daß Pauline sie nicht verstehen
+könne, und eilte hinaus, den Gartenweg hinauf,
+auf den Dorfplatz.</p>
+
+<p>Erst hier mäßigte sie ihren Schritt. Sie war
+ganz rot im Gesicht, und auf ihrer Stirn, von der
+das braune Haar glatt gescheitelt zurückgestrichen war,
+lag eine schwere Falte.</p>
+
+<p>Sie ärgerte sich. Zu dumm, diese ewigen Mahnungen
+und Warnungen! Sie war doch klug genug,
+auf sich selbst Obacht zu geben! Aber der Vater hatte
+von jeher im Streit mit den Möllers gelegen, und
+von der Tante erzählte man sich, daß sie einstmals
+der Schatz des alten Möller gewesen sei. Der aber
+hatte sie sitzen lassen. Daher ihr grimmiger Haß
+gegen alles, was im Kruge wohnte ...</p>
+
+<p>Der Abend sank über das Dorf herab. Auf dem
+Anger spielte noch eine Schar Kinder. Sie hatten sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>an den Händen gefaßt, drehten sich im Kreise und
+sangen dazu mit ihren dünnen Stimmen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">„Ich steh’ auf einem hohen Söller,<br /></span>
+<span class="i0">Ich steh’ in einem tiefen Keller,<br /></span>
+<span class="i3">Heisa dusematee!<br /></span>
+<span class="i3">Fängst du mich,<br /></span>
+<span class="i3">Lieb’ ich dich,<br /></span>
+<span class="i0">Aber nee, du kriegst mich nich &ndash;<br /></span>
+<span class="i3">Heisa dusematee!“<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen
+in das Dorf, und ein Viehjunge trieb seine
+Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon
+mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frühzeitig
+Feierabend, denn es hatte sich herumgesprochen,
+daß der Kantor am Abend im Kruge sein wolle, um
+nähere Mitteilungen über den Heilquell an der Grauen
+Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden.</p>
+
+<p>Als Dörthe am Gehöft des Lehnschulzen vorüberschritt,
+hörte sie ihren Namen rufen. Albert Möller
+trat mit dem Schulzen aus dem Hause.</p>
+
+<p>„Willst du auch in den Krug, Kleine?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Versteht sich,“ entgegnete sie, „so gut wie du.
+Bist du mal wieder in Oberlemmingen?“</p>
+
+<p>„Heut früh angekommen, von wegen der Quelle.
+Da muß ich doch dabei sein&nbsp;...“ Er gab Dörthe
+die Rechte und faßte sie dann schäkernd unter das
+Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und
+lief davon.</p>
+
+<p>Den Albert konnte sie nicht leiden. Es ärgerte
+sie schon, daß er sie immer „Kleine“ nannte. Er
+bildete sich viel darauf ein, daß er ganz städtisch geworden
+war, und schaute die Bauern über die Achseln
+an. Seit drei Jahren lebte er gänzlich in Frankfurt
+und kam nur dann und wann zu Besuch nach der
+Heimat. Er war Maurerpolier, nannte sich aber
+Bauunternehmer, und man erzählte von ihm, daß
+er schon einmal unter der Anklage der Begünstigung
+betrügerischen Bankerotts in Untersuchungshaft genommen
+<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>und nur aus Mangel an Beweis freigesprochen
+worden sei. Er war übrigens ein sehr
+hübscher Mann: groß, schlank und blondbärtig, und
+wenn er einen mit seinen hellen blauen Augen anschaute,
+hätte man darauf schwören können, daß
+er der beste und treuherzigste Bursche unter der
+Sonne sei.</p>
+
+<p>Dörthe ging nicht durch den Haupteingang in den
+Krug, sondern hinten herum, durch die Küche. Hier
+brannte schon Licht, und die alte Möllern hantierte
+geschäftig am Herd, denn der Förster Damke aus dem
+nahen Vorwerk hatte sich seiner Gewohnheit gemäß
+Grog bestellt. Die Möllern war eine große und starke
+Frau mit vollem grauen Haar und trotz ihrer Siebzig
+noch ungemein rüstig. Das Herdfeuer überstrahlte
+mit roter Glut ihre harten, ausgearbeiteten Züge.</p>
+
+<p>„’n Abend, Mutter Möllern,“ sagte die Dörthe
+beim Eintritt in die Küche. „Ist der Fritz nicht
+hier?“</p>
+
+<p>Die Alte zog eine Schulter hoch.</p>
+
+<p>„Im Keller,“ antwortete sie, „er zappt ab; ’s is
+ja heute wie eine Volksversammlung da drinne’!“</p>
+
+<p>Sie war immer mürrisch und unfreundlich, insonderheit
+Dörthe gegenüber, der sie es nicht vergeben
+konnte, daß sich ihr Fritz in sie verliebt hatte. Denn
+die alten Möllers waren stolz, und obwohl Fritz die
+Krugwirtschaft bereits übernommen hatte, meinten
+sie, es sei nicht nötig, daß er sich nach einer Frau
+umschaue, solange sie selbst noch mit Hand anlegen
+könnten. Die Dörthe paßte ihnen vollends nicht; ein
+Mädel ohne Geld war nicht nach ihrem Geschmack.
+Fritz konnte Besseres haben.</p>
+
+<p>Dörthe schwankte, ob sie in das Gastzimmer gehen
+sollte, als sie den dicken, blonden Wirrkopf Fritzens
+aus der Kellerluke auftauchen sah. Eine Falltür
+führte von der Küche aus direkt in den Keller, und
+wenn sie offen stand, wie jetzt, roch es immer nach
+Hefe und schalem Bier.</p>
+
+<p>Fritz trug unter jedem Arm einen mächtigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>Henkelkorb mit Bierflaschen. Er war ein riesiger
+Kerl und hatte auch riesige Kräfte. Die Bauern
+fürchteten seine Fäuste. Den kleinen Lemmert hatte
+er einfach einmal aus dem Fenster geworfen; wer in
+der Betrunkenheit Krakeel bei ihm anfangen wollte,
+mit dem fackelte er nicht lange. Aber auch auf seinem
+dicken und gesunden Gesicht lag der den Möllers
+eigne Zug von Treuherzigkeit und gutmütiger Gesinnung.</p>
+
+<p>„Ach, Dörthe, du bist’s,“ sagte er, stellte einen
+Korb hin, wischte mit der Handfläche seiner Rechten
+rasch über seine blaue Schürze und begrüßte sodann
+seine Braut. „Möchtst wohl auch wissen, wie’s wird?“</p>
+
+<p>„I nu ja,“ erwiderte das Mädchen lächelnd. „Es
+wird ja so viel davon gesprochen. Der Albert ist auch
+schon hier.“</p>
+
+<p>„Weil er der einzige is, der was davon versteht,“
+bemerkte die Alte. „Er hat auch schon ’ne Bank
+hinter sich, sagt er&nbsp;...“</p>
+
+<p>Dörthe dachte darüber nach, warum der Albert
+„’ne Bank hinter sich“ habe, aber Fritz ließ ihr zum
+Grübeln nicht lange Zeit.</p>
+
+<p>„Trag immer ’rein,“ sagte er und schob ihr einen
+der Körbe unter den Arm; „heut könnte man zwanzig
+Hände haben!“</p>
+
+<p>Und er folgte ihr mit dem zweiten Korbe.</p>
+
+<p>So voll war das Krugzimmer allerdings selten.
+Aus der Mitte der weißgekalkten Decke hing eine alte
+Petroleumlampe herab, die den großen Raum nur
+notdürftig erleuchtete, so daß in allen Ecken und
+Winkeln schwarze und dämmergraue Schatten lagen.
+Nur auf dem Schenktische stand noch eine zweite
+Lampe. Hier machte sich der alte Möller zu schaffen,
+ein Siebziger, der aussah, als könne er das Hundertste
+noch erleben. Rastlos liefen die scharfblickenden Augen
+unter den buschigen weißen Brauen umher, und immer
+war er zur Hand, wenn er verlangt wurde. Er
+fühlte gewissermaßen, wo ein Glas leer war, und er
+hatte genau im Kopfe, wieviel ein jeder getrunken
+<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>hatte. Er brauchte nichts anzuschreiben, seine Rechnung
+stimmte doch.</p>
+
+<p>Alle Tische waren besetzt. Die paar Großbauern,
+die reichsten im Dorfe, hielten zusammen. Da war
+zuerst der dicke Braumüller, dessen Gehöft der Krugwirtschaft
+gegenüber an der Chaussee lag, dann der
+einäugige Langheinrich, der einzige in Oberlemmingen,
+der weder schreiben noch lesen konnte; ferner der kleine
+Raupach, ein ungemein bewegliches, leicht aufbrausendes
+Männchen, und der Bauer Tengler, der seiner
+käsigen Gesichtsfarbe wegen gewöhnlich „Schlippermilch“
+genannt wurde. Noch einer saß am Tische
+der Großbauern: der dritte Sohn des alten Möller,
+der Bertold. Der war Kaufmann geworden und
+betrieb ein Kurzwarengeschäft in der benachbarten
+Kreisstadt Zielenberg. Er war nicht von der Möllerschen
+Art, kein Riese wie die übrigen, sondern ein
+wenig verwachsen und trug auch eine Brille, hinter
+der ein Paar dunkle Augen listig und lebhaft funkelten.</p>
+
+<p>An den sonstigen Tischen hatten die kleineren Leute
+Platz genommen: der Krämer Thielemann, die Kossäten
+Bachert, Maracke und Klauert und eine Anzahl Taglöhner,
+Häusler und Knechte. Nebenan im Extrazimmerchen
+saß der Förster Damke allein in seiner
+Sofaecke, trank Grog und las dazu die Inserate im
+„Zielenberger Kreisblatt“.</p>
+
+<p>Es ging, trotzdem viel getrunken wurde, nicht
+allzu lebhaft zu. Die meisten unterhielten sich mit
+nur halblauter Stimme. Erst als die Tür aufging
+und Wittke, der Lehnschulze, mit Albert Möller ins
+Zimmer trat, wurde es lauter. Bertold rief seinen
+Bruder sofort an den Tisch heran, wo Albert jedem
+der Bauern die Hand reichte.</p>
+
+<p>„Warst du beim Kantor?“ fragte Bertold, an
+seiner Brille rückend, eine ihm eigentümliche Bewegung.</p>
+
+<p>„Ja,“ entgegnete der andre nickend. „Der Professor
+hat geantwortet. Es hat seine Richtigkeit. Die
+Quelle ist großartig, sage ich dir, Bertold&nbsp;...“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>Er brach mit einem Seitenblick auf die Bauern
+mitten im Satze ab. Es schien, als wolle er seine
+Zukunftshoffnungen nicht so vor allen Leuten preisgeben.</p>
+
+<p>„Wie ist’s denn eigentlich ans Licht gekommen
+mit der Quelle?“ fragte Langheinrich.</p>
+
+<p>„Ganz einfach,“ und Albert erzählte zum zwanzigstenmal
+die Geschichte der Entdeckung. Der Lehrer
+aus Frankfurt, der sich vorjährig mit Frau und Kindern
+während der großen Ferien im Kruge eingemietet
+hatte, um hier eine billige Sommerfrische zu genießen,
+war häufig in dem Buchenwäldchen auf der Grauen
+Lehne spazieren gegangen. Und da hatte er denn
+eines Tages mitten im Geröll und ganz verborgen
+unter Brombeerranken und Wacholdergestrüpp ein
+Wässerchen entdeckt, das mit auffallend starkem Geräusch
+zutage trat und zugleich Tausende von kleinen
+zierlichen Perlen und Bläschen bildete, &ndash; „so wie
+beim Selterswasser, Langheinrich, verstehst du?“ erläuterte
+Albert das Phänomen. Jedenfalls erschien
+dem Lehrer die kleine Quelle interessant genug, um
+den ihm befreundeten Professor Statius darauf aufmerksam
+zu machen. Der Professor analysierte das
+Wasser denn auch und sandte seinen Bericht dem
+Lehrer ein, der ihn wiederum an Herrn Feilner,
+den Kantor von Oberlemmingen, schickte.</p>
+
+<p>„Da is er schunst!“ rief Tengler, der gewöhnlich
+platt sprach, und deutete nach der Tür. Feilner trat
+ein, ein langer Mensch mit einem um die Wangen
+gebundenen Taschentuch. Man kannte ihn gar nicht
+ohne Zahnschmerzen.</p>
+
+<p>Die vier Möllers gingen ihm entgegen und begrüßten
+ihn höflicher, als es sonst ihre Art war; der
+Alte brachte sogar ein Glas Bier herbei und fragte,
+ob der Herr Kantor vielleicht etwas zu essen wünsche.
+Aber Feilner dankte; er habe nicht viel Zeit und
+wolle sich nur rasch seines Auftrags entledigen.</p>
+
+<p>Dann nahm er am Mitteltische unter der Hängelampe
+Platz und zog den Brief des Professors hervor.
+<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>Im Zimmer hatte sich alles erhoben und bildete
+einen Kreis um den Kantor. Eine aufmerksame
+Spannung lag auf den Gesichtern. Der alte Maracke
+hatte die Augen weit aufgerissen und hielt das linke
+Ohr umgeklappt, um besser hören zu können. Auch
+Dörthe hatte sich herangeschlichen und reckte sich auf
+den Zehen empor.</p>
+
+<p>„Also paßt auf,“ sagte Herr Feilner. „Nämlich
+zuerst kommt, was die Quelle alles enthält. Hauptbestandteile:
+kieselsaurer Kalk, schwefelsaurer Kalk,
+Chlornatrium, Chlorkalium, Ferrokarbonat, schwefelsaure
+Magnesia.“</p>
+
+<p>Er schaute auf und begegnete auf allen Seiten
+mordsdummen Gesichtern. Der alte Maracke schüttelte
+vor sprachlosem Erstaunen den Kopf und Braumüller
+fragte:</p>
+
+<p>„Wat denn? Das ist alles drin?“</p>
+
+<p>„Es kommt noch mehr,“ sagte Feilner, und Albert
+Möller rief „Ruhe“, obschon niemand sprach, und
+drängte den dicken Braumüller unsanft vom Tische
+zurück.</p>
+
+<p>Der Kantor nahm wieder den Brief zur Hand
+und las weiter:</p>
+
+<p>„Temperatur 8,07 Grad <em class="antiqua">R.&nbsp;R.</em> heißt nämlich
+Réaumur, womit das Wasser gemessen worden ist,
+und weil’s auch noch andre Thermometer gibt, zum
+Beispiel Celsius, der mißt höher, und Fahrenheit,
+den braucht man aber nur manchmal. Nun geht’s
+weiter. Geschmack leicht bitter, kristallhell, dem Rakoczy
+ähnlich, aber an Bestandteilen quantitativ geringer.
+Habt ihr verstanden?“</p>
+
+<p>Den Mienen der Anwesenden sah man dies nicht
+an. Maracke schüttelte noch immer den Kopf und
+kratzte sich dabei hinter den Ohren. Braumüller
+wollte etwas fragen, aber der wißbegierige kleine
+Raupach kam ihm zuvor und schrie aufgeregt:</p>
+
+<p>„Kinder, nu denkt mal, und das haben wir alles
+gar nicht gewußt? Dem Ra&mdash;, dem Ra&mdash;, wie war’s
+denn gleich? Wem soll das Wasser ähnlich sein?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>„Dem Rakoczy,“ erwiderte Bertold Möller, „das
+ist ’ne Quelle in Kissingen &ndash; auch eine Heilquelle&nbsp;...“</p>
+
+<p>„Und was ist denn nun so gesund da dran?“
+fiel Langheinrich ein.</p>
+
+<p>„Wartet mal,“ sagte der Kantor, „davon hat
+Professor Statius auch etwas geschrieben.“ Und er
+suchte in seinem Briefe. „Aha &ndash; da &ndash; hier steht’s:
+‚Beschleunigung des Stoffwechsels, Ausscheidung anormaler
+Stoffe, gesteigerte Oxydation.‘“</p>
+
+<p>Er schwieg wieder und steckte den Brief in die
+Tasche zurück.</p>
+
+<p>„Was hat er gesagt?“ fragte Maracke, der noch
+immer sein Ohr umgeklappt hielt. Sein Nachbar
+zuckte mit den Achseln, doch der kleine Raupach schrie
+lebhaft:</p>
+
+<p>„Stoffwechsel hat er gesagt! Das ist doch ganz
+einfach!“ &ndash; und Maracke nickte dankend und war
+so klug wie zuvor.</p>
+
+<p>Der Kantor nippte an seinem Bier und erhob
+sich; er wollte wieder gehen. Aber zuvor faßte er
+den alten Möller noch einmal an einem Rockknopf.</p>
+
+<p>„Hören Sie mal, Herr Möller,“ sagte er, „was
+da der Herr Professor noch geschrieben hat: er läßt
+Ihnen raten, Sie möchten doch die Quelle fassen
+lassen.“</p>
+
+<p>„Schön, schön, Herr Kantor,“ erwiderte Albert
+anstatt des Alten rasch, „wird alles gemacht werden,“
+&ndash; und leise flüsterte er seinem Vater zu: „Ich weiß
+schon Bescheid &ndash; nachher!&nbsp;...“</p>
+
+<p>Als der Kantor gegangen war, kehrte alles auf
+die verlassenen Plätze zurück. Man bestellte sich neues
+Bier und neuen Schnaps. Der Heilquell an der
+Grauen Lehne bildete das einzige Thema der Unterhaltung.
+Allerhand Meinungen wurden ausgetauscht.
+Man war sich noch nicht recht klar über das neue
+Wunder. Raupach geriet mit Braumüller in Streit,
+weil ersterer behauptete, die heilende Wirkung des
+Wassers liege im Trinken, und letzterer, nein, im
+Baden. Schließlich schlichtete „Schlippermilch“ den
+<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>Zank durch die salomonische Erklärung, es sei beides
+richtig; erst baden, dann trinken, worauf Maracke
+meinte, das sei eine Schweinerei.</p>
+
+<p>Der alte Möller hatte seine Frau gerufen, damit
+sie die Gäste bediene. Dörthe sollte ihr dabei helfen,
+denn die vier Möllers zogen sich zu einer „Familienrücksprache“,
+wie Albert sagte, in das Extrazimmer
+zurück. Der Förster Damke war nach Hause gegangen,
+aber das ganze Stübchen roch noch nach dem
+schlechten Grog, den er getrunken hatte. Albert öffnete
+einen Fensterflügel. Draußen rauschte mit leisem,
+einförmigem Murmeln die Barbe vorüber. Der
+Himmel war ausgesternt: es gab gutes Erntewetter.</p>
+
+<p>Die drei Brüder hatten sich an den mit Wachstuch
+überzogenen Tisch gesetzt, der mit klebrigen Flecken
+übersät war, und auf dem ein flacher Teller mit gezuckertem
+Spiritus und Fliegengiftpapier stand.</p>
+
+<p>„Wollt ihr Bier, Jungens?“ fragte der Alte.</p>
+
+<p>„Danke,“ erwiderte Bertold, und Albert schüttelte
+naserümpfend den Kopf. Er war verwöhnt. Das
+Lemminger Bier war nicht zu trinken. Aber es würde
+ja alles anders kommen.</p>
+
+<p>„Nun hört einmal zu,“ sagte er. „Setz dich,
+Vater, ich kann das zwecklose Herumstehen nicht
+leiden. Die Tatsache, daß wir in dem Wasser an
+der Grauen Lehne einen Heilquell besitzen, ist erwiesen.
+Ich will euch gestehen, daß ich extra deswegen zu
+einem berühmten Arzte in Berlin gefahren bin. Ich
+wollte mir Gewißheit schaffen. Der hat das Wasser
+ebenfalls genau analysiert und stimmt in allem mit
+Professor Statius überein. Er sagte mir, das sei
+etwas sehr Wichtiges, daß wir in der Mark so ’ne
+Art Kissinger hätten; das fehlte uns, und Oberlemmingen
+würde eine große Zukunft haben.“</p>
+
+<p>„Also wahr und wahrhaftig?“ fragte der Alte,
+seine Pfeife aus dem Munde nehmend. Er brachte
+der Sache noch immer ein gewisses Mißtrauen entgegen.
+Bertold stieß ihn leicht von der Seite an;
+<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>Albert sollte erst aussprechen. Nachher konnte man
+fragen.</p>
+
+<p>Aber Albert sprach nicht gleich weiter. Er zündete
+sich zunächst eine Zigarre an, während die andern ihn
+aufmerksam betrachteten. Er war der Klügste in
+der Familie und hatte als Großstädter seine Verbindungen.
+Endlich hub er etwas zögernd und mit
+schwerer Stimme wieder an:</p>
+
+<p>„Erst wollen wir uns mal über das Eigentumsrecht
+einigen, Kinder,“ sagte er, und sofort fiel
+Bertold ein:</p>
+
+<p>„So ist’s! Man muß doch wissen, woran man
+ist. Eher rühr’ ich auch nicht ’nen Finger in der
+Sache!“</p>
+
+<p>Fritz wühlte mit beiden Händen in seinem Flachshaar.
+Er hatte genau gewußt, daß das so kommen
+würde. Aber er mußte sich fügen; ohne Albert war
+nichts anzufangen.</p>
+
+<p>„Vater hat ja doch schon geteilt,“ entgegnete er.
+„Und alles gerichtlich und schwarz auf weiß. Ihr
+habt bar Geld gekriegt und ich die Krugwirtschaft.
+Das ist doch längst in Ordnung.“</p>
+
+<p>„Es handelt sich um die Quelle,“ bemerkte Albert
+ernst, „das ist ein neues Objekt&nbsp;...“</p>
+
+<p>„Aber die Quelle liegt auf meinem Grund und
+Boden, dagegen ist nichts zu sagen,“ antwortete Fritz.
+Er wollte wenigstens versuchen, die Position zu verteidigen.</p>
+
+<p>„Schön,“ erwiderte Albert und erhob sich. „Bist
+du der Meinung, so geh’ ich. Dann kümmre ich
+mich nicht weiter darum. Nehmt euch ’ne andre
+Beihilfe.“</p>
+
+<p>Der Alte hielt ihn am Rockschoß fest.</p>
+
+<p>„Hier bleiben!“ befahl er. Er sprach in grollendem
+Tone. Wenn er gereizt war, schob er die Oberlippe
+ein wenig empor und zeigte die breiten, gelben
+Zähne. Dann wurde sein von kurzen, grauen Stoppeln
+umrahmtes Gesicht böse, und das Auge begann
+zu funkeln.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>Er nahm, während Albert achselzuckend am Tische
+stehen blieb, noch ein paar Züge aus seiner Pfeife
+und fuhr sodann in kurzen, knurrend hervorgestoßenen
+Sätzen fort:</p>
+
+<p>„Es ist klar, daß die Quelle uns allen gehört.
+Nicht bloß einem. Freilich, die Graue Lehne gehört
+zur Krugwirtschaft. Aber der Quell hat sich jetzt
+erst gefunden. Und ich habe bei der Verteilung besonders
+ausmachen lassen, daß bei neuen Funden im
+Boden der Wirtschaft, sei’s Mergel, seien’s Kohlen
+oder sei’s Alaun, gedrittelt werden soll. So ist’s
+auch gerecht!“</p>
+
+<p>Albert und Bertold nickten, und Fritz verzog den
+Mund. Richtig war’s; man hatte diese Bestimmung
+getroffen, vor allem in Rücksicht auf den Alaun, den
+man in letzter Zeit vielfach in der Gegend entdeckt,
+allerdings ziemlich unrein, so daß sich eine Förderung
+bisher nicht gelohnt hatte.</p>
+
+<p>„Ich will nicht streiten,“ entgegnete Fritz schließlich;
+er wie die andern hatten einen gewaltigen Respekt
+vor dem Vater, der die erwachsenen Männer
+zuweilen noch wie Schulbuben behandelte. „Setzt’s
+auf und dann wollen wir’s vor dem Notar schriftlich
+machen: alles, was die Quelle bringt, geht in
+drei Teile.“</p>
+
+<p>„In vier,“ sagte der Alte bestimmt.</p>
+
+<p>Die drei Söhne schauten erstaunt auf. Was
+hieß denn das nun wieder? Wollte der Alte, der
+seit fünf Jahren bequem und ruhig in seinem Ausgedinge
+lebte, auch noch an den Einnahmen partizipieren?</p>
+
+<p>„Warum denn in vier?“ fragte Albert endlich
+zaghaft.</p>
+
+<p>„Weil ich auch meinen Teil haben will,“ erwiderte
+der Alte fest. „Ich bin sechsundsiebzig, aber
+will’s Gott, so leb’ ich noch zwanzig Jahr’. Und
+bringt uns die Quelle Glück, so bau’ ich mir ein
+Extrahäuschen und zieh’ mit Muttern hinein. Denn
+wenn der Fritze wirklich heiraten tut&nbsp;...“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>„Es ist noch nicht so weit,“ fiel Albert ein, und
+Bertold setzte, an seiner Brille rückend, hinzu: „Das
+mit der Dörthe wird er sich auch noch überlegen.“</p>
+
+<p>Fritz erwiderte nichts; doch der Alte sagte, die
+Pfeife zwischen den Zähnen behaltend, in trotzigem
+Tone: „Ganz gleich. Es bleibt dabei. In vier Teile.“</p>
+
+<p>Darauf war nichts zu erwidern. Die Brüder
+kannten den Alten. Machten sie Schwierigkeiten, so
+konnten sie auf endlose Prozesse gefaßt sein. Und
+verlor der Alte auch wirklich, der Ruf des Unternehmens
+stand in Gefahr.</p>
+
+<p>Albert setzte sich wieder.</p>
+
+<p>„Also abgemacht: in vier Teile,“ wiederholte er.
+„Ich werde morgen mit Rechtsanwalt Felitz sprechen.
+Und nun zur Sache selbst. Es muß Reklame gemacht
+werden. Professor Statius will in der ‚Medizinischen
+Wochenschrift‘ über seine Analyse berichten. Den Artikel
+lass’ ich an alle großen Zeitungen schicken. Klappern
+gehört zum Handwerk. Dann das nötige Geld,
+um alles instand zu setzen&nbsp;...“</p>
+
+<p>„Ja, das Geld,“ warf Bertold nickend ein.</p>
+
+<p>„Wir brauchen etwa 300000 Mark&nbsp;...“</p>
+
+<p>„Ihr seid wohl verrückt!“ fuhr der Alte auf.</p>
+
+<p>„Das ist noch nicht einmal hoch gerechnet,“ entgegnete
+Albert lächelnd. „Laß man, Vater, darin
+hab’ ich meine Erfahrung! Das Geld wird beschafft
+werden. Ich habe die Frankfurter Produktenbank
+hinter mir, will auch mal zu Schellheim gehen. Es
+muß ein Konsortium gebildet werden &ndash; mit guten
+Namen&nbsp;&ndash;, ein paar Finanzleute, einige Ärzte und
+ein Adliger an der Spitze. Ich will morgen auf den
+Baronshof. Hellstern wird leicht zu kriegen sein.
+Und dann muß ein Sanatorium begründet werden&nbsp;...“</p>
+
+<p>„Ein&nbsp;&ndash;?“ fragte der Alte.</p>
+
+<p>Albert winkte mit der Hand. „Du wirst schon
+verstehen lernen, Vater. Warte man ab. Ich entwickle
+nur so meine Ideen. Der ‚Krug‘ muß ausgebaut
+werden &ndash; zu einem Hotel. Dann brauchen wir
+Logierhäuser, neue Wege, Pflasterung, eine Brauerei,
+<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>vielleicht auch Gas. Aus der Buchhalde muß der
+Kurpark werden. Ein großes und vornehmes Kurhaus
+bauen wir späterhin. Rings um die Quelle
+wird eine Art Tempelbau errichtet, mit Säulen, das
+muß elegant aussehen. Bertold kann hier einen
+Basar errichten; dann müssen wir einen Fleischer heranziehen,
+Bäcker, Konditor und andre Professionisten.
+Das wird sich alles entwickeln&nbsp;...“</p>
+
+<p>Er steckte die Zigarre wieder in den Mund und
+schaute einen Augenblick sinnend den im Halbdunkel
+des Zimmers zerrinnenden Rauchwölkchen nach. Er
+war ein geborener Spekulant. Seine kühne Phantasie
+und seine wagmutige Frechheit ergänzten, was
+ihm an Bildung fehlte. Er war ein schlechter Arbeiter
+gewesen, als er nach Frankfurt gekommen, aber er
+besaß ein gewisses Organisationstalent, und er hatte
+auch Glück. Seine Häuser vermieteten sich schnell.
+Er baute unsolid, stattete jedoch die Wohnungen mit
+oberflächlicher Eleganz aus, mit Stuck an den Decken,
+Kassettierungen, hübschen Öfen und Tapeten. Es
+war ihm sogar gelungen, sich am Bau der neuen
+Kaserne für die Albrecht-Dragoner beteiligen zu
+dürfen, und er hatte ein gutes Stück Geld dabei
+verdient. Aber all das waren nur vorbereitende
+Kleinigkeiten für ihn. Er wollte viel höher hinaus.
+Er plante unausgesetzt, er baute in Gedanken &ndash; im
+Traume selbst &ndash; Riesenpaläste und halbe Städte.
+Oberlemmingen stand in der Zukunft schon fix und
+fertig in seiner Phantasie. Kein Dorf mehr, sondern
+ein moderner Kurort. Die kleinen Häuschen und
+Lehmbaracken mit ihren gelbgrauen Strohperücken
+waren verschwunden &ndash; eine ganze Reihe von Villen
+erhob sich an ihrer Stelle: niedliche Chalets im
+Schweizerstil, dazwischen ein paar holländische Bauernhäuser,
+ein norwegisches Blockhaus, eines nach russischem
+Muster, mit gemalten Balken. Albert sah das
+alles schon vor sich. Er sah auch den Quellentempel
+inmitten blühender Anlagen, im Grün des Kurparks,
+und das Möllersche Hotel an der Chaussee, die in
+<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>einer halben Fahrtstunde nach Zielenberg führte, wo
+sich drei Bahnstränge kreuzten. Die Lage war günstig.
+In fünf Jahren, taxierte Albert, mußten die Möllers
+sich Oberlemmingen erobert haben.</p>
+
+<p>Bertold hatte schweigend zugehört. Er war, wie
+Albert, längst der Bauernsphäre entwachsen, und auch
+er war ein heller Kopf. Geldverdienen war seine
+Losung. Seit er sich mit der ältesten Tochter des
+Getreidehändlers Ring in Zielenberg verheiratet, die
+ihn zweimal hintereinander mit Zwillingen beschenkt
+hatte, war sein Erwerbsfieber noch gewachsen. Man
+mußte doch für die Seinigen sorgen! Er lieh auch
+Geld auf Pfänder und machte dann und wann kleine
+Wuchergeschäfte mit den Inspektoren der Umgegend.
+Er begriff schon, was Albert wollte, und glaubte an
+dessen Stern. Aber eine heimliche Angst peinigte ihn
+dennoch: die, daß Albert ihn betrügen könne.</p>
+
+<p>Auch Fritz und der Alte sagten nichts. Doch
+man sah es ihnen an, daß der Zukunftsgalopp Alberts
+nicht nach ihrem Sinne war. Sie steckten bei aller
+natürlichen Gerissenheit doch noch zu tief im Bäurischen,
+um sich mit den Spekulationsideen Alberts befreunden
+zu können. Vor Schuldenmachen hatten sie eine
+grimmige Angst; man gab das Geld fort und hatte
+auch noch die Zinsen zu bezahlen. Und sie fürchteten,
+daß die ungeheuern Summen, die Albert aufnehmen
+wollte, sie alle ersticken und erdrücken würden.</p>
+
+<p>Ein Lärm in der Schenkstube, die schimpfende
+Stimme der alten Möllern und das laute Weinen
+Dörthes störten die Konferenz. Fritz erhob sich,
+um nachzusehen, was es gebe. Dörthe hatte eine
+Flasche mit Himbeerlikör vom Schenktisch gestoßen; die
+Flasche war zerbrochen, und der rote Saft floß träge
+über die schwarzen, mit Sand bestreuten Dielen. Und
+da hatte die Möllern der Dörthe in ihrer zügellosen
+Heftigkeit eine derbe Ohrfeige gegeben und schimpfte
+in unflätiger Weise auf sie los.</p>
+
+<p>Dörthe stand an der Wand und hielt den Zipfel
+ihres Kleides vor das Gesicht. Sie schluchzte so, daß
+<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>ihre ganze Gestalt zitterte &ndash; nicht aus Schmerz,
+sondern aus Scham, vor allen Leuten gezüchtigt worden
+zu sein. Jeder schaute zu ihr hinüber. Braumüller,
+Raupach und Tengler, die „Schafskopf“
+spielten, hielten im Spiel inne, und der alte Maracke
+schritt gutmütig auf sie zu und sagte:</p>
+
+<p>„Nanu, flenn man nich, Dörthe &ndash; es is doch
+nich so schlimm! Bis du heiratst, is die Backe wedder
+gutt!&nbsp;...“</p>
+
+<p>Aber auch Fritz schimpfte. So was Ungeschicktes
+wie die Dörthe sei noch nicht dagewesen. Als ob der
+Himbeerlikör kein Geld koste. Und das wolle einmal
+eine tüchtige Hausfrau werden! Nee &ndash; da
+werde er es sich doch noch lieber bedenken ...</p>
+
+<p>Dörthe schlich, ohne zu antworten, hinaus. Sie
+weinte noch immer, während sie langsam die paar
+Steinstufen hinabstieg, die zu der Haustür führten,
+und dann durch die Dorfstraße schritt. Sie weinte
+ganz leise vor sich hin. Daß die Möllern grob und
+roh war, wußte sie ja &ndash; das war ihr nichts Neues.
+Die wollte überhaupt nichts von der Heirat wissen.
+Aber das Benehmen Fritzens tat ihr weh; ihr Herz
+sprang und zuckte. Sie liebte den großen Burschen
+mit seinem wirren Blondkopf und den blauen Augen
+doch so sehr.</p>
+
+<p>Der Abend war wundervoll. Die Sterne flimmerten
+hell am Himmel; die Milchstraße leuchtete wie
+Opal. Und durch das ganze Dorf wehte der frische
+Duft der Wiesen, die sich dreißig Morgen weit längs
+der Barbe hinzogen.</p>
+
+<p>Plötzlich, gegenüber dem Pastorhause, durch dessen
+Fenster helles Licht schimmerte, blieb Dörthe stehen.
+Ihr fiel auf einmal ein, was Tante Pauline von
+ihrem letzten Traum erzählt hatte. Ein Gewitter
+war heraufgezogen, und dann hatte es eingeschlagen.
+Das bedeutete Unfrieden und Ärger. Und so war’s
+auch gekommen.</p>
+
+<p>Beim Lehnschulzen schlug der Hofhund an. Ein
+zweiter antwortete, der große Köter Marackes mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>seinem heiseren Baß. Aus der Ferne, vom Dorfende
+her, kläffte die helle Stimme des Nachtwächterhundes
+dazwischen. Ein vierter und fünfter fiel ein. Alle
+Hunde im Dorfe begannen zu bellen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">A</span>uf dem Auberg hatte früher ein Pächterhaus
+gestanden, ein merkwürdiger Bau. Das untere
+Stockwerk stark massiv, mit mächtigen Mauern, eine
+Halle mit hohen und schönen Wölbungen, von Strebepfeilern
+gestützt. Das war der Kuhstall gewesen.
+Und auf ihm hatte sich ein schwächliches Fachwerk
+erhoben, ziemlich dünnwandig und einfach weiß abgeworfen:
+die Wohnung des Pächters. Er war ein
+närrischer Kauz gewesen; man erzählte sich im Dorfe
+noch allerhand wunderliche Geschichten von ihm.
+Seine Leidenschaft war die Rindviehzucht, und deshalb
+hatte er dem geliebten Viehzeug die schönsten
+Räume im Hause angewiesen, und deshalb wollte
+er seine Tiere auch immer in unmittelbarer Nähe
+haben. Er war lange in England gewesen und hatte
+dort alle möglichen Kreuzungen kennen gelernt, auch
+eine neue Art der Fütterung, von der er viel hielt.
+Aber er hatte kein Glück; sein Kreuzungssystem schlug
+nicht an, und bei seiner neuen Fütterungsmethode
+verhungerten die Rinder. Eines Nachts hing er
+sich im Kuhstall auf.</p>
+
+<p>Als Kommerzienrat Schellheim die Auherrschaft
+gekauft hatte, brachte er einen Baumeister aus Berlin
+mit, der ihm auf dem Auberge ein Schloß bauen
+sollte. Der Mann war ganz begeistert von der Anlage
+des Kuhstalls und schlug Schellheim vor, die
+kolossalen Fundamente beizubehalten und aus dem
+Stalle eine Halle, eine englische Halle, zu machen.
+Die Mauern wären so riesig, daß sich leicht noch
+zwei Stockwerke auf ihnen aufführen ließen. Schellheim
+<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>war einverstanden, und der Baumeister baute
+los. Ein stattliches Herrenhaus entstand, aber der
+Kommerzienrat wollte ein Schloß haben, und zu
+einem Schlosse gehörte unbedingt ein Turm. So
+wurde denn rechtsseitig ein runder Turm angeklebt,
+mit einem grünen Kupferhute als Dach. Das gefiel
+Schellheim immer noch nicht recht: die Erker
+fehlten noch, von denen aus man zu Tal schauen
+konnte, und auf der Südseite eine weite Glasveranda,
+die zur kalten Zeit als Wintergarten benutzt werden
+konnte. Auch das wurde geschaffen und noch mehr,
+und schließlich machte das neue Schloß einen schauderhaft
+stillosen Eindruck. „Es sieht wie zerkaut
+aus,“ meinte der alte Hellstern. Der hübscheste
+Raum blieb nach wie vor der ehemalige Kuhstall,
+die jetzige Halle.</p>
+
+<p>Von seiner früheren Bestimmung merkte man
+dem weiten Saal natürlich nichts mehr an. An den
+Pfeilern hing allerhand Waffenschmuck, Hellebarden,
+Schilde, Morgensterne, nägelgespickte Streitkolben
+und dergleichen mehr, und an den Wänden eine
+Reihe tiefdunkel gewordener alter Ölporträts von
+stark dekolletierten Damen in Reifröcken und gepanzerten
+Herren mit strichähnlichen dunkeln Schnurrbärten
+auf der Oberlippe. Schellheim hatte die ganze
+Galerie einmal im Ramsch bei einem Trödler in
+Venedig gekauft und nannte sie deshalb seine „italienischen
+Ahnen“. Er spottete nicht ungern über
+sich selbst; er war vernünftig genug, stolz auf sein
+Emporkömmlingstum zu sein.</p>
+
+<p>Sein Vater hatte das Geschäft begründet, aber
+erst unter ihm war es zur Blüte gekommen. Jetzt
+gab er zwölfhundert Arbeitern und Arbeiterinnen
+Verdienst und Brot, und seine Fabriken in Berlin,
+Breslau und Manchester hätten, zusammengestellt,
+allein einen kleinen Stadtteil bilden können. In
+allen diesen Fabriken wurde nichts hergestellt als
+Hemden &ndash; Hemden in vieltausendfacher Auswahl,
+Abstufung und Variation, für die elegante Welt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>für die einfachen Leute und für das Proletariat,
+und zwar nur Männerhemden. Diese Hemden
+gingen über die ganze Welt. Man fertigte sie in
+den Schellheimschen Fabriken unter jeder gewünschten
+Marke und jedem beliebigen Firmenstempel an und
+versandte sie dann an die Kunden in allen Teilen
+der zivilisierten Erde. So trug sie der Herzog von
+Sagan in Paris, der sie aus den Ateliers von Dudevant
+Frères entnommen, gerade so gut wie Ohm
+Krüger in Johannesburg, der Nabob in Bombay
+und der Dockarbeiter in Wilhelmshaven &ndash; selbst
+bis Siam und China und bis in die Eisfelder
+Kanadas wanderte das Schellheimsche Hemd.</p>
+
+<p>Und diese Hemden ließen Gold zurück. Schellheim
+war Millionär. Freilich hatten drei Generationen
+an den Millionen gearbeitet. Der Großvater
+war noch mit dem Bündel auf dem Rücken
+durch das Land gezogen, und der Vater hatte manche
+schwere Krisis zu überwinden gehabt. Aber nun
+stand der Bau felsenfest; keine Krisis konnte ihn
+mehr erschüttern. Es war Schellheim nicht leicht
+geworden, sich vom Geschäft zurückzuziehen; die Arbeit
+war das Lebenselixir, das ihn jung erhielt. Aber
+er mußte an seine Kinder denken. Der unpraktische
+Jüngste war für die Fabrik nicht zu gebrauchen;
+ihm waren die Bücher alles. Doch Hagen, der
+Älteste, trat mit sicheren Schritten in die Fußstapfen
+des Vaters. Er hatte zwei Jahre in Manchester
+gelernt, dann einige Zeit die Breslauer Filiale geleitet,
+und nun konnte er getrost an die Spitze des
+Ganzen treten.</p>
+
+<p>Schellheim sorgte sich nicht um das Weiterblühen
+des Geschäfts. Es lag bei Hagen in guten Händen.
+Allerdings hatte der Junge auch seine Nebenpassionen:
+für Theaterpremieren und dergleichen mehr, aber das
+lag nun einmal in der „Mode der Zeit“ &ndash; so meinte
+der Rat&nbsp;&ndash;, und deshalb blieb er doch ein tüchtiger
+Kaufmann. An Schellheim trat jedoch nun die Frage
+einer anderweitigen Beschäftigung heran. Untätig
+<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>konnte und wollte er nicht sein. Und da kam ihm
+der Gedanke, sich anzukaufen. Zwar die Landwirtschaft
+lag darnieder, aber er gab sich auch schon mit
+einer dreiprozentigen Verzinsung seines Anlagekapitals
+zufrieden. Dann dachte er auch an seinen
+Jüngsten. Der sollte das Gut einmal übernehmen,
+wenn er des Studierens müde geworden. Denn es
+schien dem Kommerzienrat undenkbar, daß ein Mensch,
+der es nicht nötig hatte, zeit seines Lebens tagein,
+tagaus und von früh bis spät immer nur zwischen
+Büchern sitzen, grübeln, vergleichen, schreiben könne.
+Zudem mußte der Wert des Landbesitzes wieder steigen;
+der tote Punkt mußte erreicht sein. Es handelte sich
+ja nicht um eine verfehlte Spekulation.</p>
+
+<p>Man nahm das zweite Frühstück gewöhnlich in
+der großen Halle. Die Glastüren standen weit offen.
+Auf der Terrasse wärmten sich die Palmen in der
+Sonnenglut. Durch das Grün der Orangenbäume,
+deren blank lackierte große Kübel die Sonnenstrahlen
+reflektierten, schimmerte das helle Weiß zweier Statuen,
+die den Treppenabstieg zur zweiten Terrasse flankierten.
+Es waren zwei Göttinnen, Pomona und Flora;
+Hagen, der die Spottsucht seines Vaters geerbt hatte,
+bevorzugte sie wegen ihrer Hemdenlosigkeit. Die ganze
+Westseite des Aubergs fiel in Terrassen zum Tal
+ab, die teils durch Balustraden, teils durch Spaliere
+mit Wein und selteneren Obstsorten begrenzt wurden.
+Im Süden erstreckte sich der Park zirka zwölf Morgen
+weit in das sich hier mählich senkende Land hinein.
+Er war ursprünglich Buchenforst gewesen und stieß
+bis dicht an die Graue Lehne, die der Kommerzienrat
+gleichfalls hatte ankaufen wollen. Aber die
+Möllers sagten nein. Das ärgerte Schellheim nunmehr,
+nach Entdeckung des Heilquells, doppelt.</p>
+
+<p>Man war beim Dessert. Ein junger Diener in
+ziemlich einfacher Livree wartete auf. Die Rätin
+hatte eine Melone zerlegt und reichte sie ihrem Gatten.</p>
+
+<p>„Ich will dir was sagen, Gunther,“ fuhr Schellheim
+in der Unterhaltung fort, eine der goldgelben
+<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>Scheiben auf seinen Teller legend, „du hast ja recht:
+die Hellsterns sind liebenswürdige Leute. Aber die
+Art bleibt dieselbe. Der alte Hochmut ist unausrottbar.
+Er bricht aus jeder Äußerung, aus jedem
+Worte hervor. Die Tradition sitzt zu fest in ihnen.
+Sie erfassen den Zeitgeist nicht. Zum Beispiel: das
+mit der Quelle. Hellstern ist gegen ihre Ausnützung,
+weil der Fortschritt in der Kultur ihm unbequem ist.
+Das stört ihn in seinem Behagen. Nun frag’ ich
+den Menschen: ist das nicht verrückt?“</p>
+
+<p>„Natürlich,“ entgegnete Hagen; „du wirst mit
+den Hellsterns nicht warm werden.“</p>
+
+<p>Gunther widersprach. Man müsse die Leute
+nehmen, wie sie seien. Ansicht gegen Ansicht.</p>
+
+<p>„Ich glaube auch, daß dem Widerstreben des
+Barons noch andre Befürchtungen zugrunde liegen.
+Er ist zu klug und zu weltreif, um der Kultur
+Dämme zu wünschen. Nein, das ist es nicht! Seine
+persönlichen Empfindungen mögen ja auch mitsprechen.
+Er liebt es nun einmal nicht, von einem Schwarm
+fremder Sommergäste umgeben zu sein. Was aber die
+Hauptsache ist: sein alter Besitz liegt ihm noch immer
+sehr am Herzen, und er fürchtet, daß die Bauern
+sich den Segnungen der Kultur, in diesem Falle der
+Heilquelle, noch nicht reif genug erweisen werden.“</p>
+
+<p>Der Rat schüttelte, einen ironischen Zug um den
+Mund, den Kopf, und der grimme Hagen lachte
+fröhlich auf.</p>
+
+<p>„Nimm mir’s nicht übel, Gunther,“ rief er, „das
+ist eine absonderliche Idee! Was heißt denn das:
+noch nicht reif? Soll die Kultur vor der Türe
+warten, bis auch der letzte Schafskopf ihr gütigst den
+Eintritt erlaubt? Als die Eisenbahnen aufkamen,
+wetterte und wütete der damalige Verkehrsminister
+gegen die neue Erfindung, weil er fürchtete, sie würde
+die Postinstitution ruinieren. Was schadet es denn
+schließlich, wenn wirklich ein paar Bauern zugrunde
+gehen, wo auf der andern Seite der ganzen Menschheit
+gedient wird?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>„Gewiß,“ fügte der Rat hinzu und faltete seine
+Serviette zusammen. „Jeder Fortschritt ist im
+Grunde genommen brutal. Er reißt nieder, um neu
+aufzubauen.“</p>
+
+<p>Gunther errötete leicht. Er sah ein, daß er sich
+in der Verteidigung der Insassen des Baronshofs
+vergaloppiert hatte, daß seine Argumente nicht stichhaltig
+waren. Aber er wollte es nicht zugestehen.</p>
+
+<p>„Ich bin nicht ganz eurer Ansicht,“ erwiderte er.
+„Nur der stetige Fortschritt bringt Segen. Selbst
+Guttaten wie die Emanzipation der Bauern und die
+Aufhebung der Leibeigenschaft haben unsägliches Unglück
+im Gefolge gehabt, weil sie zu unvorbereitet
+kamen.“</p>
+
+<p>„Das ist das, was ich sagte,“ bemerkte Schellheim.
+„Die Kultur reißt Löcher, schließt sie aber
+auch wieder.“</p>
+
+<p>„Deshalb kann man immerhin die Opfer der
+Kultur bedauern,“ entgegnete Gunther etwas kleinlaut.
+„Es tut mir leid, daß der Besitz der Quelle
+nicht in verständigen Händen ruht. Vor allen Dingen
+kann ich aus persönlichem Empfinden Herrn von Hellstern
+nur zustimmen; ich würde es auch lieber sehen,
+wenn ich bei meinen Besuchen in Oberlemmingen
+nicht auf Schritt und Tritt auf Kranke und Sommerfrischler
+stieße.“</p>
+
+<p>„Mahlzeit,“ sagte der Rat und erhob sich. Der
+Diener zog den Stuhl seines Herrn zurück. Man
+trank den Kaffee stets gleich nach dem zweiten Frühstück
+auf der ersten Terrasse. Dort war bereits der
+Tisch unter einer blauweiß gestreiften Markise gedeckt.
+Ein Licht und zwei Zigarrenkisten standen
+zwischen Tassen und Tellern. Das Licht brannte,
+aber man sah die Flamme kaum in der blendenden
+Helle des Tages.</p>
+
+<p>Während Schellheim sich eine Zigarre anzündete,
+nahm er das Thema von vorhin wieder auf. Er
+wandte sich direkt an Gunther, dem Hagen soeben
+eine Papyrus aus seinem Tulaetui anbot.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>„Ich will dir was sagen, mein Junge,“ begann
+er &ndash; das war eine stehende Redewendung von ihm&nbsp;&ndash;,
+„wenn sich die Quellengeschichte wirklich günstig entwickelt
+und sich nicht noch nachträglich als Mumpitz
+herausstellt &ndash; ich fürchte es beinah’, ich trau’ der
+Sache nicht so recht&nbsp;&ndash;, na, das wäre auch für
+uns nicht so übel. Durchaus nicht. Denk mal, wie
+Grund und Boden steigen wird, wenn hier erst die
+Leute zusammenströmen und Obdach und Nahrung
+haben wollen! Auch die Produktenpreise werden in
+die Höhe gehen &ndash; ich meine, liebe Jenny“ &ndash; er
+wandte sich an seine Frau&nbsp;&ndash;, „wir könnten ganz
+gut noch die sechs Morgen Wiesenland an der Barbe
+zum Gemüsegarten schlagen.“</p>
+
+<p>Und ohne die Antwort der Rätin abzuwarten,
+die nur den Kopf neigte und dann weiter die Tassen
+füllte, fuhr er lebhaft fort:</p>
+
+<p>„Was mich grimmt, ist lediglich die Dickköpfigkeit
+der Möllers. Zwölftausend Mark ist ein Stück Geld
+für die paar Buchenkuscheln. Ich glaube, die Möllers
+witterten damals schon die Heilkraft der Quelle &ndash;
+kann mir’s sonst nicht erklären, warum sie so stätisch
+blieben! Na, ich bin neugierig, was sie machen
+werden! Ich habe mir’s überlegt: ich misch’ mich
+nicht ’rein. Sie können <em class="gesperrt">mir</em> kommen, wenn sie
+wollen ... Wie ist’s, Kinder, wollt ihr wirklich mit
+dem Abendzuge zurück?“</p>
+
+<p>Die Brüder bejahten. Sie hätten beide zu tun.
+Hagen erzählte von großen Aufträgen aus Amerika,
+deren Effektuierung Beschleunigung verlange. So
+kam „das Geschäft“ auf die Tagesordnung; der Rat
+wollte Einzelheiten wissen, und Hagen zog sein Notizbuch
+aus der Tasche.</p>
+
+<p>Inzwischen erhob sich Gunther und trat an die
+Sandsteinbalustrade heran. Der Ausblick von der
+Höhe bot seltene Reize, und sie wechselten je nach der
+Beleuchtung. Jetzt, im prallen Glanze der Mittagssonne,
+war die ganze Landschaft in ein weißliches
+Gelb getaucht. Ein blonder Schimmer lag über den
+<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>Ährenfeldern, in die Kolonnen von Schnittern weite,
+zackige Lichtungen schnitten, denn heute früh hatte
+man auch auf dem Augute mit der Ernte begonnen.
+Auf den Wiesen tönte sich das weißgelbe Licht zu
+einem ganz hellen und zarten Grün ab, und an der
+waldbesetzten Bergreihe am Horizont mischte sich
+noch ein leichter blauer Ton hinein.</p>
+
+<p>Gunther schaute nach der Seite hinüber, wo der
+Baronshof lag. Man sah aus dem Dunkel der alten
+Bäume nur einen kleinen Dachteil des Herrenhauses
+hervorlugen, ein paar hundert braunrote und geschwärzte
+Ziegel. Aber vor dem Auge Gunthers
+öffnete sich der Vorhang aus grünem Laub, und
+es schien ihm, als sehe er das ganze alte Haus vor
+sich liegen und oben auf der Veranda eine große
+Mädchengestalt in hellem Gewande, die ihm mit
+freundlichem Lächeln zunickte. Hedda hatte ihm sehr
+gefallen. Er war noch nicht auf die Idee gekommen,
+sich ein weibliches Idealbild zu konstruieren, aber er
+meinte, so wie Hedda, so ungefähr müsse sein Ideal
+wohl ausschauen. Und er warf plötzlich mit ärgerlicher
+Gebärde den Rest seiner Zigarette über die
+Balustrade. Wirklich, er ärgerte sich über seine
+dummen Gedanken!</p>
+
+<p>Hinter ihm ertönte eine fremde Stimme. Der
+Diener hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet.</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat horchte auf, als er den Namen
+vernahm. Einer von den Möllers &ndash; aha, man
+„kam“ ihm schon! Ein breites Lächeln trat auf sein
+Gesicht.</p>
+
+<p>„Führen Sie den Herrn hierher,“ befahl er.</p>
+
+<p>„Entschuldigen der Herr Kommerzienrat,“ erwiderte
+der Diener, „es sind drei Leute&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Drei?“ Und Schellheim lachte fröhlich auf. Also
+gleich drei &ndash; man wollte ihm durch eine Phalanx
+imponieren. „So lassen Sie alle drei herkommen,
+Friedrich,“ entschied er.</p>
+
+<p>Die Rätin fragte bescheiden, ob es nicht besser
+<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>sei, wenn sie sich mit den Kindern entferne. Aber
+ihr Mann verneinte; man wisse ja noch nicht einmal,
+was die Herren überhaupt wollten.</p>
+
+<p>Das Trio trat an. Voran Albert, dann Bertold
+und zuletzt Fritz Möller, hintereinander und mit dem
+Ausdruck des Respekts im Gesicht, von dem ihr Herz
+in dieser Atmosphäre des Reichtums erfüllt war.
+Der dicke Fritz hatte sich gleich den andern beiden
+sonntäglich angekleidet, doch der schwarze Rock paßte
+nicht recht und schlug an ungehörigen Stellen Falten,
+und über dem topfförmigen Zylinderhut lag ein rosiger
+Bronzeton. Der Zylinder gehörte ihm auch nicht,
+sondern dem Alten, der ihn nur zu Hochzeiten und
+Kindtaufen trug. Dann bügelte Mutter Möller ihn
+auf, das heißt sie plättete ihn mit einem heißen Bolzen.
+Davon hatte er seine anmutige Färbung erhalten.</p>
+
+<p>Albert und Bertold blieben stehen und verbeugten
+sich. Aber Fritz hatte nicht aufgepaßt und
+ging weiter, rannte erst gegen Bertold an und
+machte dann auch sein Kompliment. Bertold war
+wütend, rückte an seiner Brille und flüsterte, während
+Albert bereits zu sprechen begann, dem jüngeren
+Bruder zu:</p>
+
+<p>„Nimm doch den Hut ab, Tolpatsch!“</p>
+
+<p>Nun entblößte auch Fritz den Flachskopf. Er
+war rot geworden vor Verlegenheit.</p>
+
+<p>„Nehmen Sie es nicht übel, Herr Kommerzienrat,“
+sagte Albert inzwischen, „daß wir Sie inkommodieren.
+Wir möchten Sie um eine Rücksprache
+bitten. Es handelt sich nämlich um die Quelle&nbsp;...“</p>
+
+<p>Schellheim hatte sich erhoben und reichte jedem
+der drei die Hand. Es war sein Bestreben, sich
+kordial zu zeigen. Die Leute da unten sollten ihn
+lieben lernen.</p>
+
+<p>„Ich dacht’ es mir beinah’, meine Herren,“ erwiderte
+er. „Dürfen die Meinen dabei sein, oder
+ist es Ihnen angenehmer, unter vier Augen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Albert wehrte ab. Ihre Sache sei durchaus kein
+Geheimnis.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>Der Rat bot ihnen Stühle und Zigarren an.
+Fritz betrachtete die seine mit Ehrfurcht. Sie hatte
+ein Bändchen um den schlanken Leib und sah nach
+viel Geld aus.</p>
+
+<p>Dann entwickelte Albert seine Ideen und Absichten.
+Er sprach recht gewandt, erzählte zunächst
+von der Analyse des Professors Statius und von
+der Auskunft, die er persönlich über die Heilkraft
+des Wassers erhalten hatte, und ging hierauf auf
+die Finanzierungsfrage über. Man wollte ein Konsortium
+bilden, das die vorbereitenden Arbeiten ausführen
+solle, und dann das ganze Unternehmen in
+eine Aktiengesellschaft verwandeln.</p>
+
+<p>Schellheim erkannte sofort, daß dieser lange
+Maurerpolier eine nicht gewöhnliche kommerzielle
+Begabung besaß. In der Darlegung der Einzelheiten
+verriet sich sogar eine so schlaue, zuweilen
+überraschend raffinierte Berechnung, wie der Kommerzienrat
+sie dem einfachen Manne kaum zugetraut
+hätte.</p>
+
+<p>Die Rätin hatte sich mit ihren Söhnen absichtlich
+zurückgezogen. Die drei promenierten im Laubengang
+der zweiten Terrasse auf und ab, während
+oben Albert Möller mit lauter Stimme weitersprach.
+Die beiden andern Brüder saßen stumm neben ihm
+und nickten nur zuweilen mit dem Kopfe, um ihre
+Zustimmung zu allem zu bekunden, was der Wortführer
+sagte.</p>
+
+<p>Plötzlich hörten die Promenierenden, daß Schellheim
+den Sprecher unterbrach. Der Rat wußte
+nun, wohinaus die Möllers wollten, aber es war
+unnötig, noch weiter über die Sache zu reden, ehe
+er sie selbst nicht klar überschauen konnte.</p>
+
+<p>„Sie wünschen, daß ich mich Ihres Unternehmens
+annehme,“ sagte er, „daß ich mich theoretisch und
+praktisch daran beteilige &ndash; nicht wahr, das wollen
+Sie doch? Ich soll Ihnen sozusagen helfen, die
+Geschichte in Gang zu bringen, die Kapitalien zu
+schaffen, die geeigneten Repräsentations- und Arbeitskräfte
+<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>zusammenzutrommeln.... Nun schön, ich bin
+dazu bereit&nbsp;&ndash;, die Sache interessiert mich, denn
+eure Quelle fließt mir sozusagen an der Nase vorbei.
+Aber erst muß ich mich selber orientieren. Eure
+Analysen genügen noch nicht. Man muß offizielle
+Persönlichkeiten heranziehen, Berühmtheiten ersten
+Ranges.... Und dann: eine kurze Frage. Sie
+wissen, lieber Herr Bau&nbsp;&ndash;“ er zögerte einen Moment,
+weil ihm der Titel Bauunternehmer zu lang
+erschien, und fuhr dann rascher fort: „Sie wissen,
+lieber Baumeister, daß ich Ihrem Vater schon vor
+Jahresfrist anbieten ließ, die Graue Lehne mit der
+Buchwaldparzelle zu kaufen. Ich bin noch immer
+dazu geneigt. Nun haben sich durch die Auffindung
+der Quelle die Preisverhältnisse natürlich wesentlich
+geändert. Allein vielleicht würden wir doch noch
+einig werden. Überlegen Sie einmal daheim, ob
+wir nicht von neuem über das Terrain in Verhandlung
+treten können&nbsp;...“ Er schaute aufmerksam auf
+seine Fingernägel.... „Ich will Ihnen was sagen,
+meine Herren: die Heilquelle ist ja ganz schön, aber
+erstens ist es doch noch sehr die Frage, ob aus ihr
+wirklich etwas zu machen ist. Solche Säuerlinge
+gibt es zu Tausenden im Lande &ndash; die meisten sind
+nicht viel wert. Und zweitens wird Ihnen die Geschichte
+unendlich viel Scherereien und Schwierigkeiten
+machen, &ndash; ach du lieber Gott, Sie haben ja gar
+keine Ahnung, was es heißt, solch ein weitausschauendes
+Unternehmen ins Leben zu rufen! Ob
+es sich überhaupt lohnen wird?“ Der Kommerzienrat
+zog die Schultern hoch. „Ich glaub’s
+eigentlich nicht. Nein, ich glaub’s nicht! Wir haben
+kleine Badeorte, die nicht leben und sterben können.
+Geschäfte werden da kaum zu machen sein &ndash; an
+eine Dividende ist vorläufig gar nicht zu denken....
+Na &ndash; man muß abwarten! Jedenfalls überlegen
+Sie sich den Verkaufsgedanken noch einmal. Wenn
+ich die Graue Lehne im Besitz hätte &ndash; ich
+glaube &ndash; ich glaube, ich würde die Quelle ruhig
+<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>weiter fließen lassen. Das Risiko ist zu groß &ndash;
+zu groß&nbsp;...“</p>
+
+<p>Die drei Brüder hatten Schellheim mit keinem
+Wort unterbrochen. Aber von einem zum andern
+flog ein rascher Blick des Einverständnisses herüber,
+der zu sagen schien: nicht angst machen lassen, immer
+ruhig bleiben! Und nun antwortete Albert in respektvollem
+Tone:</p>
+
+<p>„Verzeihen Sie, Herr Kommerzienrat, aber wir
+verkaufen die Graue Lehne bestimmt nicht. Und wenn
+Sie uns hunderttausend Mark auf den Tisch legen
+wollten, wir tun es nicht. Der Vater denkt gerade
+so. Und wenn Ihnen eine Beteiligung an der Ausbeutung
+der Quelle zu unsicher dünkt, dann müssen
+wir eben weiter gehen, so leid uns das tun würde.
+Die Frankfurter Produktenbank hat sich schon bereit
+erklärt&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Schellheim fuhr auf. Solcher Unsinn! Man solle
+sich nur ja die Bankinstitute fern halten. Es gebe
+genug kapitalkräftige Leute.</p>
+
+<p>„Ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen
+lassen, meine Herren,“ schloß er. „Senden Sie mir
+die Analyse und das sonstige Material über die Quelle
+zu. Wenn Sie noch zu Herrn von Hellstern gehen
+wollen &ndash; es soll mir recht sein. Solche Leute braucht
+man.... Also auf Wiedersehen!“</p>
+
+<p>Das war das Zeichen zum Aufbruch. Der Kommerzienrat
+reichte wieder jedem der drei die Hand
+und führte sie selbst nach dem Parkausgang. Dabei
+plauderte er ununterbrochen, berührte aber die
+Quellenfrage mit keinem Wort mehr. Er sprach
+über die Ernte, das Wetter, die Getreidepreise, über
+alles mögliche. Und während die drei Brüder die
+breite Fahrstraße einschlugen, die vom Auberge nach
+der Chaussee führte, blieb er noch eine geraume
+Weile am eisernen Parkportal stehen und schaute den
+Möllers nach. Der rötliche Bronzeton von Fritzens
+altväterischem Zylinderhut leuchtete fröhlich im Sonnenschein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>„Geriebene Gesellschaft,“ murmelte der Kommerzienrat
+halblaut vor sich hin. Dann kehrte er
+auf die Terrasse zurück.</p>
+
+<p>„Nun, Papa?“ rief ihm Hagen entgegen. „Abgemacht?“</p>
+
+<p>„I bewahre,“ entgegnete Schellheim, und der
+Sohn spürte am Tone, daß etwas wie eine leichte
+Gereiztheit herausklang. „Hellstern hat recht: mit
+den Leuten ist schwer verhandeln. Ich mache auch
+nicht mit &ndash; ich werde mich hüten. Es ist nichts
+mit der Quelle &ndash; nichts!&nbsp;...“ Er griff nach einer
+neuen Zigarre. „Wann geht euer Zug, Hagen? Um
+neun, nicht wahr?“</p>
+
+<p>„Ja, um neun, Papa.“</p>
+
+<p>„Schön, da könnt ihr mich noch gegen sechs auf
+die Felder begleiten. Ich will eine Umfahrt halten.
+Das ist so Sitte am ersten Erntetage &ndash; ich habe
+mich erkundigt. Und bei dieser Gelegenheit wollen
+wir einmal an der Grauen Lehne aussteigen. Man
+kann sich das &ndash; das Dings wenigstens mal ansehen.“</p>
+
+<p>Der kluge Hagen lächelte. Er wußte ganz genau,
+daß sich der Vater die Beteiligung an dem Quellenunternehmen
+nicht entgehen lassen würde.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Die drei Möllers wendeten sich kurz vor der
+Chaussee rechts ab; sie schlugen den schmalen Fußweg
+nach dem Baronshof ein. Anfänglich sprachen
+sie wenig; stumm schritten sie nebeneinander her.
+Fritz rauchte noch immer die Zigarre, die ihm der
+Kommerzienrat angeboten hatte, obwohl ihm der
+kurze, glühende Stummel fast die Finger verbrannte.
+Bertold rückte nervös an seiner Brille und nahm
+als erster das Wort.</p>
+
+<p>„Das ist ein Schlauer, der Kommerzienrat,“
+meinte er.</p>
+
+<p>Nun wurde Albert plötzlich sehr lebhaft. Er
+begann ohne Ursache auf Schellheim zu schimpfen.
+Das seien alles Betrüger, die reichen Berliner
+<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>Herren. Man müßte gewaltig auf der Hut sein,
+sonst zögen sie einem das Fell über die Ohren.
+Alles schwarz auf weiß und notariell, was man
+mit denen abmache &ndash; nicht anders. Schellheim
+ärgere sich nur, daß man ihm die Graue Lehne
+nicht verkauft habe; Millionen würde der aus der
+Quelle herausschlagen. Aber man wolle die Millionen
+allein verdienen. „Wenn man das Pack nur
+nicht brauchte!“ schloß er.</p>
+
+<p>„Wir brauchen es aber,“ erwiderte Bertold.
+„Da hilft alles Schimpfen nicht. Wir haben doch
+lange genug darüber gesprochen. Was uns ungeheure
+Mühen machen würde, erreicht so einer im Umsehen.
+Aber über die Ohren hauen lassen wir uns deshalb
+schon lange nicht.“</p>
+
+<p>„Wir sind auch helle,“ sagte Albert.</p>
+
+<p>Fritz warf seinen Stummel fort. „Die Zigarre
+war gut,“ bemerkte er.</p>
+
+<p>Auf dem Baronshofe mußten die drei erst August
+suchen, um sich anmelden zu lassen. In der Mittagshitze
+lag das Gehöft wie ausgestorben da. Selbst
+das Hühnervolk hatte den Schatten aufgesucht und
+sich unter den Akazien im warmen Sande eingekuschelt.
+Lord, der Hofhund, kläffte die drei Männer ununterbrochen
+an und raste an seiner klirrenden Kette bald
+in die Hütte hinein, bald wieder heraus.</p>
+
+<p>Endlich fand man August, der in einem Winkel
+der Häckselkammer Siesta zu halten pflegte. Mit
+verschlafenen Augen begrüßte er die drei als gute
+Bekannte und machte zunächst seine Witzchen mit
+ihnen. Er glaube übrigens nicht, daß der Herr
+Baron schon zu sprechen sei; um diese Zeit halte
+er noch seinen Mittagsschlummer. Aber er wolle
+jedenfalls nachsehen.</p>
+
+<p>Indessen gingen die Möllers in der Prallsonne
+auf und ab. Unter dem schweren Zylinder Fritzens
+rannen große Tropfen und perlten dem Burschen
+über die dicken Backen. Das verteufelte Ding schien
+immer schwerer werden zu wollen. Fritz nahm den
+<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>Hut auf ein paar Minuten ab, aber da brannte ihm
+die Sonne stechend auf den Flachskopf, und mit
+einem Fluch setzte er das Ungetüm wieder auf.</p>
+
+<p>Albert war mit überlegender Miene vor der
+Veranda stehen geblieben. Er hatte die Unterlippe
+zwischen die Zähne gezogen und die Augen halb geschlossen,
+wie immer, wenn er in Gedanken war.</p>
+
+<p>„Was grübelst du denn, Albert?“ fragte Bertold.</p>
+
+<p>„Ach,“ entgegnete dieser lächelnd, „ich dachte so
+’n bißchen nach. Das alte Herrenhaus ist gut gebaut.
+Mauern wie Festungswälle und Balken von
+Eisen. Das wäre leicht auszubauen. Die Lage ist
+wie geschaffen für das Sanatorium.“</p>
+
+<p>„Der Baron wird dir was pusten,“ meinte Fritz,
+und Albert erwiderte trocken: „Bar Geld lacht!“</p>
+
+<p>August kehrte zurück. Der Herr Baron säße
+schon wieder am Schreibtisch, aber er hätte nicht
+viel Zeit; es wäre ihm lieb, wenn es rasch ginge.
+Und dann führte er das Dreiblatt in das große,
+kahle, gewölbte Gemach, in dem der Baron zu
+arbeiten pflegte.</p>
+
+<p>Er saß in dem ausgeschnittenen Halbkreis seines
+Tisches, mitten unter Haufen von alten Folianten
+und Papieren, die ihn wie eine Palisadierung umgaben.
+Und rechts von ihm saß Hedda, aber auf
+keinem gewöhnlichen Stuhl, sondern auf einem halben
+Dutzend übereinandergestapelter Foliobände von
+Merians Topographie, und vor sich auf dem Schoße
+hatte sie ein aufgeschlagenes lateinisches Lexikon und
+suchte für den Alten Vokabeln auf. Es war wundervoll
+kühl im Zimmer, und ein angenehmes Dämmerlicht
+herrschte, da die Läden vor den Fenstern geschlossen
+waren. Hellstern rauchte wieder seine Pfeife,
+doch es war nicht so schlimm wie sonst, und in die
+Tabaksatmosphäre mischte sich ein zarter Rosenduft,
+der dem großen Buschen entströmte, den Hedda auf
+eine Ecke des Schreibtisches gestellt hatte: ein hübsches
+Symbol blühender Gegenwart mitten unter dem
+Moderhauch der Vergangenheit, der aus den alten
+<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>Chroniken, Pergamenten und Briefschaften aufzusteigen
+schien.</p>
+
+<p>Hedda nickte den Männern freundlich zu, und
+Hellstern rief ihnen gleich entgegen:</p>
+
+<p>„Tag, Möllers! Ich weiß schon! Wegen der
+Quelle &ndash; nicht wahr? Kinder, laßt <em class="gesperrt">mich</em> mit der
+Geschichte in Ruhe! Ich will nichts davon wissen!“</p>
+
+<p>Albert war sehr betroffen; Bertold rückte an
+seiner Brille, und Fritz machte ein dummes Gesicht
+und glättete mit dem Ärmel seinen Zylinderhut.</p>
+
+<p>„Herr Baron,“ begann Albert endlich, „Sie werden
+uns doch wohl wenigstens anhören wollen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Anhören &ndash; meinetwegen,“ grunzte der Freiherr.
+„Aber bitte, kurz, Kinder &ndash; ich habe den
+Kopf voll. Ihr hättet’s auch, wenn ihr euch mit
+dem schindludermäßigen alten Latein ’rumärgern
+müßtet&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Papa,“ fiel Hedda mit leisem Vorwurf ein.</p>
+
+<p>„Ach so &ndash; entschuld’ge &ndash; du bist ja auch da! &ndash;
+Nanu vorwärts, ihr Herren!“</p>
+
+<p>Er paffte aus Mund und Nase. Und Albert
+begann abermals seinen Vortrag &ndash; dasselbe, was
+er Schellheim erzählt hatte, und Bertold und Fritz
+nickten wieder an denselben Stellen, genau so wie
+oben auf der Terrasse des Auschlößchens.</p>
+
+<p>Hellstern hörte geduldig zu und grunzte nur zuweilen
+leise auf, wenn ihm irgend etwas nicht gefiel.
+Schließlich fragte er, seine Pfeife aus dem Munde
+nehmend:</p>
+
+<p>„Was erzählt ihr <em class="gesperrt">mir</em> das denn eigentlich
+alles?! Soll ich vielleicht auch ein paar Aktien
+nehmen, wenn ihr erst so weit seid? Und wovon,
+wenn ich fragen darf? Ihr seid reiche Leute gegen
+mich, meine lieben Herren; ich habe kein Geld &ndash;
+gar keins &ndash; und für eure Quellenspekulation erst
+recht keins!“</p>
+
+<p>„Wir wollen ja auch kein Geld von Ihnen, Herr
+Baron,“ antwortete Albert. „Wir wollen bloß Ihren
+Namen &ndash; nichts weiter.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>„Namen?! Wozu &ndash; was heißt das &ndash; Namen?!“</p>
+
+<p>„Ich versteh’ schon,“ fiel Hedda ein, und nun
+wandte sich Albert mit Lebhaftigkeit an die Baronesse.</p>
+
+<p>„Das ist doch ganz einfach, gnädiges Fräulein,“
+sagte er, sich zu ihr hinabneigend. „Es ist eine große
+Sache, die der ganzen Menschheit nützen soll &ndash;
+nichts Schlechtes dabei, nichts Unreelles, nichts
+Schwindelhaftes. Aber der Welt muß man das <em class="gesperrt">klar</em>
+machen, sonst glaubt sie’s nicht. Und wenn der Name
+des Herrn Barons an der Spitze des ersten Konsortiums
+prangt&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Er kam aber nicht weiter. Hellstern stieß ihn
+mit der Spitze des Pfeifenkopfs in die Seite.</p>
+
+<p>„Sie, lieber Möller,“ fiel er ein, „bemühen Sie
+sich nicht weiter! Ich mache so ’ne Geschichte nicht.
+Mein Name ist kein Aushängeschild &ndash; <em class="gesperrt">meiner</em> nicht!
+Aber wenn’s schon ein Adeliger sein soll &ndash; ’s gibt
+ja leider genug adeliges Proletariat im Lande&nbsp;&ndash;,
+vielleicht finden Sie sogar ’nen Grafen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Aber, Herr Baron,“ schnitt ihm Albert das
+Wort ab und hob die Hände, was der dicke Fritz
+ihm nachmachte, um sich wenigstens pantomimisch an
+der Debatte zu beteiligen, „es handelt sich ja doch
+um <em class="gesperrt">Ihren</em> Namen, nicht um einen beliebigen &ndash;
+und auch um Ihre <em class="gesperrt">Person</em>! Ihr Geschlecht sitzt
+hier ja hundert Jahre oder länger, was weiß ich &ndash;
+und Sie sind überall beliebt, bei Bauern und Gutsbesitzern,
+sind mit dem Herrn Landrat befreundet
+und mit beiden Abgeordneten, haben noch immer Sitz
+und Stimme im Herrenhause, im Provinziallandtag,
+bei den Synoden, den Kreisverhandlungen &ndash; du
+lieber Gott, das ist alles sehr wichtig für uns! Und
+wir wollen das ja auch nicht umsonst haben &ndash; Sie
+sollen <em class="gesperrt">mit</em> bei der Sache verdienen&nbsp;&ndash;, wir kaufen
+Ihnen Ihr Haus ab und machen ein Sanatorium
+daraus&nbsp;...“</p>
+
+<p>Der Freiherr schlug mit der Hand auf den Tisch,
+daß es dröhnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>„Sie sind wohl des Teufels, Möller?!“ schrie
+er. „Ich bin froh, daß ich meine vier Wände behalten
+konnte, &ndash; hier will ich auch sterben! Bauen
+Sie sich Ihr Sanatorium, wo Sie wollen, aber auf
+den Baronshof kommt mir kein fremdes Volk! Ich
+lasse eine Tafel am Parkeingang anbringen mit der
+Inschrift: ‚Kurgästen ist der Eintritt verboten.‘ Oberlemmingen
+war immer ein gesunder Ort, &ndash; aber
+mit eurer verdammten Quelle zieht ihr die Krankheiten
+mit Gewalt her. Es ist kein Vergnügen, lauter
+leidende Menschen um sich zu sehen. Die ganze Luft
+wird verpestet werden, und die Bazillen werden nur
+so umherschwirren. Hübsche Aussichten &ndash; ich danke
+ergebenst! Und zu dem allem soll ich euch auch noch
+helfen, meinen Namen hergeben als Köder, als Lockvogel
+&ndash; prost Mahlzeit, da seid ihr an den Falschen
+gekommen!“</p>
+
+<p>Die drei Möllers schauten verdutzt vor sich nieder.
+Eine so rücksichtslose Abweisung hatte keiner von
+ihnen erwartet. Ihre unglücklichen Gesichter erweckten
+ein gewisses Mitleid in Hedda. Sie klappte
+ihr Lexikon zu und sagte:</p>
+
+<p>„Ich denke mir, die Sache eilt noch nicht so.
+Es muß doch überlegt werden. Vielleicht kommen
+die Herren noch einmal wieder&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Nein!“ schrie der Alte erbost. „Ich will nichts
+mehr hören! Ging’ es nach mir, so würde die Quelle
+wieder zugestopft. Ich glaub’ nicht an ihren Segen!“</p>
+
+<p>„Das ist jedermanns Sache, Herr Baron,“ erwiderte
+Albert, „zu glauben, was er selbst will. Wir
+<em class="gesperrt">hoffen</em> etwas von der Quelle&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Ein gutes Geschäft hofft ihr &ndash; das lockt euch!“</p>
+
+<p>„Das auch, freilich! Jeder Mensch will verdienen.
+Aber wir gewinnen nicht allein. Ganz Oberlemmingen
+wird aufblühen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Oder zugrunde gehen!“ rief der Baron dazwischen.
+Sein braunes Gesicht war noch dunkler
+geworden. „Ich kenn’ euch doch, Kinder, &ndash; mir
+macht ihr nichts weis! Ihr kümmert euch den Geier
+<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>um die andern, wenn <em class="gesperrt">ihr</em> nur eure Taschen füllen
+könnt! Und ich sehe kommen, wie’s werden wird &ndash;
+ganz genau! Will’s Glück euch wohl und die Quelle
+wirft wirklich Geld ab &ndash; ’s fließt doch nur zu euch!
+Ihr werdet einen Ring bilden, den keiner durchbrechen
+kann, und die kleinen Leute bleiben draußen
+stehen und lassen die Zunge aus dem Halse hängen
+und hungern weiter!“</p>
+
+<p>Hedda machte eine unmutige Bewegung mit dem
+Kopfe. Sie fand, daß der Vater unnötig hart sei,
+und dies Wort sprach Albert auch aus.</p>
+
+<p>„Das klingt sehr hart, Herr Baron,“ sagte er,
+„und ich glaube auch, daß dazu kein Grund vorliegt.
+Wir haben <em class="gesperrt">Sie</em> ja doch aufgefordert und den Herrn
+Kommerzienrat drüben auch&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Und soundsoviel andre dito &ndash; nämlich die, die
+ihr zuvörderst braucht, ohne die ihr die Sache nicht
+in Szene setzen könnt. Denn ihr allein seid hilflos.
+Aber wozu noch das lange Parlamentieren! Ihr seid
+mit einer Anfrage zu mir gekommen, und ich lehne
+dankend ab. <em class="antiqua">Dixi</em>. Im übrigen &ndash; ich habe keinen
+von euch kränken wollen &ndash; aber ihr kennt ja meine
+Art. Und nun adje, Kinder!“</p>
+
+<p>Er streckte den Möllers die Rechte entgegen.
+Hedda nickte ihnen zu und rief Fritz noch nach:</p>
+
+<p>„Wann soll denn Hochzeit sein, Krugwirt? Noch
+nichts bestimmt?“</p>
+
+<p>Fritz hatte seinen Zylinder schon wieder aufgesetzt,
+riß ihn aber schleunigst vom Kopf. Er wurde rot
+und lächelte breit. „Nein, gnäd’ges Fräulein,“ antwortete
+er, „noch nichts. Es hat ja noch Zeit.“</p>
+
+<p>Und dann wendete sich auch Albert noch einmal
+herum und fügte hinzu: „Wir woll’n mal erst abwarten,
+gnäd’ges Fräulein.“</p>
+
+<p>Sie gingen.</p>
+
+<p>„Grobian,“ sagte Bertold draußen.</p>
+
+<p>„Der Kommerzienrat ist anders,“ bemerkte Fritz.
+„Mir schmeckt noch seine Zigarre.“</p>
+
+<p>Albert war wieder vor der Veranda stehen geblieben.
+<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>Er packte die Brüder mit beiden Händen
+an den Rockklappen.</p>
+
+<p>„Das merk’ ich mir,“ sagte er halblaut, in verbissener
+Wut. „Und wenn’s mir ein Vermögen kosten
+sollte, &ndash; das Herrenhaus bring’ ich an mich. Hier
+soll der Alte nicht sterben &ndash; oder der Teufel müßt’
+ihn gerade schon in den nächsten drei Jahren holen!“ &ndash;</p>
+
+<p>Hedda hatte wieder ihr Lexikon zur Hand genommen.</p>
+
+<p>„Immer gleich bullern, Vater,“ meinte sie. „Man
+kann doch auch in Ruhe mit den Leuten sprechen.“</p>
+
+<p>Hellstern schleuderte ein zusammengerolltes Pergament
+quer über den Tisch.</p>
+
+<p>„Kann man nicht!“ schrie er zurück; „sonst tät’ ich’s!“</p>
+
+<p>„Gut. Aber überlegen kann man.“</p>
+
+<p>„Wieso? Was überlegen?“</p>
+
+<p>„Ob die Ausbeutung der Quelle nicht doch Gemeinnütziges
+schaffen kann.“</p>
+
+<p>Der Alte gab darauf keine Antwort. Er beugte sich
+nieder über den Folianten rechter Hand. „Steck die Nase
+ins Buch,“ befahl er grob. „Was heißt <em class="antiqua">myrobalanum</em>?“</p>
+
+<p>Hedda schlug nach, antwortete aber nicht.</p>
+
+<p>Der Alte schrieb eine Zeile weiter und schaute
+auf. „Nun &ndash; hast du’s?“</p>
+
+<p>„Ja,“ erwiderte Hedda, „aber ich sag’ es nicht.“</p>
+
+<p>„So behalt’s für dich!“</p>
+
+<p>Und wieder schrieb er weiter und wieder stockte
+seine Feder. „Hedda, ich will wissen, was <em class="antiqua">myrobalanum</em>
+heißt! Das muß ein blödsinniges Wort
+sein &ndash; ich finde keine Bedeutung heraus.“</p>
+
+<p>„So laß es doch, Vater,“ erwiderte Hedda gleichmütig.</p>
+
+<p>„Gib mir das Lexikon ’rüber, zum Schwerenot!“</p>
+
+<p>„Nein, Vater, &ndash; erst mußt du mich ganz sanft
+um einen Kuß bitten.“</p>
+
+<p>Da flog ein seliges Leuchten über das gerbbraune
+Gesicht des Brummbärs; er warf die Feder hin und
+breitete beide Arme aus.</p>
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+<a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>ie Ernte war eingebracht worden, und zugleich
+mit dem Sedantage wurde das Erntefest gefeiert.
+Es sollte diesmal ganz besonders großartig zugehen, da
+es das erste unter dem Regiment des Kommerzienrats
+war, von dessen freigebiger Hand man sich viel
+versprach. Auf dem Baronshof hatte man nie viel
+Wesens von derartigen Feiern gemacht. War die
+Ernte gut ausgefallen, so gab es ein paar Achtel
+Bier und Schnaps, waren die Zeiten schlecht, so gab
+es gar nichts. Und seit Jahren hatte es in der Tat
+gar nichts gegeben.</p>
+
+<p>Die halbe Nacht über hatten Frauen und Mädchen
+an ihrem Putz und am Erntekranz gearbeitet. Das
+war eigentlich kein Kranz, sondern eine Krone: Ähren,
+Blumen und bunte Bänder über ein Holzgestell geflochten,
+das der alte Klempt mit vieler Kunst zurechtgebaut
+hatte.</p>
+
+<p>Daneben hatten die Musikanten viel mit den
+Proben zu tun. Sie probten unter der Leitung des
+Kantors in der Schulstube, daß man es durch das
+ganze Dorf hören konnte. Es waren freilich nur
+fünf Mann: Fritz Möller, der das Bombardon blies,
+dann Anton Tengler, der Sohn von „Schlippermilch“,
+der junge Raupach und zwei Knechte vom
+Augut. Noten kannte keiner; sie spielten alle zusammen
+nach dem Gehör, und zwar so lange, bis es
+einigermaßen klang. Und da der Kantor das feinste
+Ohr im Dorfe besaß, so mußte er immer die Entscheidung
+fällen. Die beiden Knechte waren unter
+seiner Fuchtel aufgewachsen und ließen sich demzufolge
+auch leicht belehren. Sie waren zudem die musikalischsten
+der Banda. Sie bliesen des Sonntags
+die Posaunen in der Kirche, die der hochselige Baron,
+der Vater Hellsterns, bei seiner Verheiratung der
+Gemeinde geschenkt hatte. Das hörte sich ganz hübsch
+<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>an, mitten unter dem Orgelspiel, und wenn sie einmal
+falsch bliesen, so störte es auch nicht, weil es
+keiner merkte.</p>
+
+<p>Diese beiden Posaunenengel waren, wie gesagt,
+am leichtesten zu regieren, aber die drei andern wollten
+sich durchaus nichts sagen lassen. Der Kantor schwur
+jedesmal Stein und Bein, daß er sich um diese
+Mordsmusik nie wieder kümmern werde, doch bei der
+nächsten Gelegenheit war er gutmütig genug, abermals
+„die Direktion“ zu übernehmen. Am störrigsten
+war der dicke Fritz. Er stampfte den Takt gewöhnlich
+mit dem rechten Fuße mit und zählte dabei in
+Gedanken so lange, bis die Reihe an ihn kam. Und
+rechnete er einmal falsch und blies den andern in
+die Musik hinein, so behauptete er, Tengler habe
+nicht aufgepaßt, oder Raupach sei zu spät eingefallen,
+oder ihm sei eine Motte in das Bombardon geflogen.
+Ausreden hatte er immer. Man hatte übrigens nur
+drei Stücke auf dem Repertoire: „Heil dir im Siegerkranz“,
+„Nun danket alle Gott“ und einen Marsch.
+Das genügte auch. Zum Tanze am Abend kam
+doch der alte Vietz aus Wallwitz mit noch einem
+Geiger.</p>
+
+<p>Fritz hatte sich diesmal bitten lassen, ehe er zugesagt
+hatte. Die freien Bauern beteiligten sich an
+der Cour vor dem Herrn nicht, sondern wohnten nur
+dem Tanze bei, währenddessen auch sie zuweilen einen
+Taler für ein neues Achtel springen ließen. Aber
+als Bläser hatte Fritz schon seit Jahren mitgewirkt.
+Man meinte, ohne ihn ginge es gar nicht, und es
+war auch wahr: es hatte niemand die Kraft, das
+ungeheure alte Bombardon so zu meistern wie der
+starke Fritz. Das Bombardon war gleich den Posaunen
+Gemeindeeigentum; man wußte nicht recht,
+wo es herkam. Jedenfalls mußte es bereits hoch
+an Jahren sein und war wahrscheinlich französischen
+Ursprungs, denn es hatte nur zwei Ventile. Ein
+Mensch mit gewöhnlichen Lungen entlockte dem gelben
+Ungetüm keinen Ton, höchstens einen leisen, kreischenden
+<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>Wimmerlaut. Aber wenn Fritz mit geblähten
+Backen hineinblies, dann klang es gewaltig und
+mauernerschütternd. Und deshalb sollte er auch dieses
+Mal wieder dabei sein. Doch er sperrte sich; er war
+plötzlich stolz geworden und meinte, das schicke sich
+nicht mehr für ihn. Aber der Alte redete ihm zu:
+man mußte gewisse Rücksichten auf den Kommerzienrat
+nehmen.</p>
+
+<p>Gewiß, die Möllers hatten allen Grund dazu.
+Schellheim hatte Albert eines Tages die ihm übergebenen
+Schriftstücke in bezug auf die Quelle zurückgeschickt
+und ihm kurzerhand geschrieben, die Sache
+interessiere ihn doch nicht so, wie er anfänglich gemeint
+hätte, auch erfordere sie zu große Opfer, und
+was der ablehnenden Redewendungen mehr waren.
+Das war schlimm. Albert war ganz verzweifelt.
+Er nahm zwar immer noch den Mund voll und
+wiederholte jedem, der es hören wollte, daß er eine
+„Bank hinter sich“ habe. In Wahrheit aber hatte
+die Frankfurter Produktenbank, ein kleines Institut
+unter ängstlicher Oberleitung, ihn bereits abgewiesen,
+nachdem sie sich nach seinem Ruf und seinem Vorleben
+erkundigt hatte. Und in Berlin war es Albert
+ähnlich ergangen; es war ersichtlich, man traute dem
+einfachen Manne nicht. Das grimmte Albert furchtbar;
+er war wütend. Er sah ein, daß er die Sache
+unmöglich allein durchführen konnte, daß er eines
+kreditschaffenden Namens bedurfte. Und so wandte
+er sich von neuem an den Kommerzienrat, hatte aber
+bisher noch keine Entscheidung erhalten.</p>
+
+<p>Dieser zweite September war ein wundervoller
+Tag. Es lag schon etwas wie ein leiser Herbsthauch
+in der Luft; in dämmernder Frühe sah man über
+dem Grün des Dorfangers und an den Brombeerbüschen
+schneeweißen Altweibersommer hängen, und
+der Tau war über Nacht so stark gefallen, daß die
+Leute meinten, es habe geregnet. Doch der frischherbstliche
+Odem hatte etwas Erquickliches. Die Atmosphäre
+war wonnig rein; man sah die Oderberge
+<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>in vollster Klarheit am Horizonte liegen und sogar
+das Johanniterkreuz auf dem Kirchturm von Alt-Reuthen.</p>
+
+<p>Um acht Uhr sollte sich der Zug auf dem Anger
+sammeln. Die Musikanten waren die ersten, nur
+Fritz Möller fehlte noch. Dann kamen die Knechte
+und Mägde und Kleinbauern, die zugleich Handwerker
+waren und in Lohn und Arbeit bei Schellheim
+standen. Auch einige Bauerntöchter beteiligten
+sich, die nicht auf dem Augute bedienstet waren;
+allerseits waltete das Bestreben vor, dem diesjährigen
+Erntefest einen großartigen Anstrich zu geben.</p>
+
+<p>Die Mädel hatten sich schön gemacht; es flatterte
+und leuchtete von bunten Bändern. Und dies Bandwerk,
+das beliebteste Putzmittel, das man für wenige
+Groschen beim Krämer kaufte, verlieh selbst den
+ältesten und verwaschensten Kleidern das Aussehen
+heiterer Neuheit. Hinter der Musik schritt der
+Älteste von Langheinrich mit der Erntekrone, die er
+auf langer Stange trug, und ihn umgaben die Erntejungfern.
+Braumüllers Liese sollte den Vers sprechen;
+sie war ein dickes Mädchen mit hübschem, dummem
+Gesicht und hatte schreckliche Angst, daß sie beim
+Aufsagen der Reime stecken bleiben würde. Hundertmal
+hatte die Mutter sie überhören müssen, aber
+über die Stelle: „Wünschen wir einen heiligen Lohn“
+stolperte sie immer. Deshalb hatte sie ihre Freundin
+Dörthe Klempt gebeten, ihr zu soufflieren, und Dörthe
+hatte auch von Hedda Erlaubnis erhalten, sich am
+Zuge beteiligen zu dürfen.</p>
+
+<p>Nun waren alle da, nur Fritz Möller fehlte noch
+mit seinem Bombardon. Im Glanze der Morgensonne
+rangierte sich der Zug. Auch die Burschen
+trugen Bänder an Hüten und Mützen und ein jeder
+einen Strauß Ähren im Knopfloch. Überall ruhte
+heute die Arbeit. Am Zaune des Kantorgartens
+stand Feilner mit umwundenem Kopfe, die lange
+Pfeife im Munde, neben ihm seine Frau, an jeder
+Hand ein kleines Mädchen. Selbst der Pastor war
+<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>neugierig geworden. Sein schneeweißer Kopf mit
+den dunkeln, eigentümlich leuchtenden Augen wurde
+am Fenster sichtbar. Mitten auf dem Platze hatte
+eine Gruppe Frauen Aufstellung genommen; man
+sah die Thielemann, das Weib des Krämers, die
+alte Maracken, deren zahnloser Mund noch böse klatschen
+konnte, die ungeheuer dicke Braumüllern, die
+Bacherten und die Frau von Langheinrich, eine reiche
+Witwe aus Kerbitschau, die sehr dünkelhaft war und
+gern klagte, wie unglücklich sie sich fühle, weil sie
+einen so ungebildeten Mann geheiratet habe. Auch
+die Schwester von Klempt, Tante Pauline, stand dabei,
+mit ihrem geisterhaften Gesicht und den schwarzen
+Traumaugen.</p>
+
+<p>Plötzlich schrie Luise Braumüller über den Platz:</p>
+
+<p>„Sieh doch mal nach, Mutter, wo Möllers Fritze
+bleibt! Es wird doch nu Zeit!“</p>
+
+<p>Auf der Stelle erhob sich in der Weibergruppe
+ein eifriges Klatschen.</p>
+
+<p>„Dem sitzt die Quelle im Kopf,“ meinte die
+Thielemann, und die Maracken nickte und fügte hinzu:
+„Paßt emoal uff, die schnappen oalsamt noch
+über, die ganzen Möllersch&nbsp;...“ Und dann ließ man
+kein gutes Haar an den Möllers. Aber die Braumüllern
+hatte sich schon auf den Weg gemacht; ihre
+Tochter pantoffelte sie &ndash; jedes Wort von der Liese
+war Befehl für sie. Sie lief, was sie konnte, und
+ihre fettstrotzende Körperlichkeit schwankte förmlich.</p>
+
+<p>Doch die Liese hatte sich schon wieder anders besonnen.
+Sie schlug vor, man sollte ruhig anrücken
+und vor dem Kruge auf Fritz warten. Damit war
+alles einverstanden; Dörthe konnte Fritzen holen.</p>
+
+<p>So setzte sich der Zug denn in Bewegung. Die
+Musik schwieg, weil das Bombardon noch fehlte, aber
+die Burschen jubelten und schwenkten ihre Hüte und
+machten derbe Witze mit den Mädeln.</p>
+
+<p>Es ging die Dorfstraße hinab, vorüber an Kirche
+und Friedhof, an den Gehöften von Langheinrich,
+Tengler und Raupach, die alle vor der Tür standen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>vom Lehnschulzen und von Thielemann. Und dazu
+läuteten die Kirchenglocken weithin; ihr Klang füllte
+die Luft mit schwingenden Akkorden.</p>
+
+<p>Am Kruge, dicht vor der hölzernen Barbebrücke,
+stockte der Zug. Dörthe hob ihre Kleider auf und
+sprang die Steintreppe hinauf. Die Braumüllern
+war ihr schon zuvorgekommen. Sie schimpfte auf
+Fritz, der eben erst dabei war, sich ein reines Hemd
+anzuziehen. Er stand mitten in der Schankstube,
+und die Mutter half ihm beim Ankleiden. Jedesmal
+kam er zu spät.</p>
+
+<p>Als die Möllern Dörthe erblickte, begann sie zu
+räsonnieren. „Was stehst du denn da und hältst
+Maulaffen feil?“ eiferte sie. „Immer faß zu! Hole
+das Halstuch &ndash; ’s liegt obenauf in der Kommode &ndash;
+im zweiten Schubfach!“</p>
+
+<p>Auch Fritz räsonnierte, während er eiligst in die
+Weste fuhr, zuerst natürlich verkehrt, was ihn noch
+wütender machte.</p>
+
+<p>„Vater, mein Bombardon!“ schrie er. „Draußen
+in der Küche &ndash; ich hab’ es geputzt! Und bring
+meinen Hut mit! &ndash; Heiliges Donnerwetter, ich habe
+ja nicht gedacht, daß es schon so spät ist! &ndash; Nun
+hab’ ich die Weste schief zugeknöpft! Gib das Halstuch
+her, Dörthe!“</p>
+
+<p>Während er das Tuch vor dem Spiegel knüpfte,
+trat Albert ein. Er lebte jetzt halb in Oberlemmingen,
+halb in Frankfurt. Seinem blassen, brummigen
+Gesicht sah man die Fehlschläge seiner Hoffnungen
+an.</p>
+
+<p>„Du, Fritz,“ sagte er, „wenn der Kommerzienrat
+von der Quelle anfangen sollte &ndash; sei vernünftig!
+Red keinen Unsinn! Überlege jedes Wort!“</p>
+
+<p>„Werd’ schon,“ erwiderte Fritz, sein Haar
+bürstend. Liese Braumüller und Anton Tengler
+kamen auch, um zu sehen, wo Fritz bleibe. Ein
+paar der alten Weiber folgten. Die halbe Stube
+war gefüllt. Die Maracken schaute neugierig durch
+den Türspalt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>Fritz brüllte, das Weibsvolk möge sich hinausscheren.
+Dann schimpfte er wieder, weil ihm der
+Scheitel nicht gelingen wollte. Schließlich stürmte
+er, unter beständigem Fluchen, in die Küche, tauchte
+den Kopf in eine Schüssel voll Wasser, rieb ihn mit
+dem ersten besten Tuche ab, das ihm in die Hände
+fiel, und scheitelte sich nun das Haar. Das ging.</p>
+
+<p>Dörthe stand schon hinter ihm, mit beiden Armen
+das riesenhafte Bombardon haltend, über das sie den
+Zylinderhut mit dem Bronzeton gestülpt hatte.</p>
+
+<p>Fritz war glücklich, daß er endlich fertig war.
+Er nahm das Bombardon und blies mächtig hinein,
+um den draußen Wartenden zu verstehen zu geben,
+nun sei es so weit. Ein paar Hunde in der Nähe
+begannen anzuschlagen; die große Katze, die neben
+dem Kochherd lag, sprang ob des entsetzlichen Tons
+mit einigen gewaltigen Sätzen davon, und der ganze
+Zug schrie „Hurra!“</p>
+
+<p>„Ein langweiliger Peter!“ sagte Albert unter der
+Haustür zu seiner neben ihm stehenden Mutter.
+„Aus dem wird nie was!“</p>
+
+<p>„Glaub’s auch nicht,“ antwortete die Alte.</p>
+
+<p>Die Musikanten bliesen nunmehr ihren Reitermarsch,
+und das große Bombardon klang wie eine
+Stimme des jüngsten Gerichts dazwischen. Langsam
+bewegte sich der Zug den Auberg hinan, und alle
+Kinder aus Oberlemmingen folgten ihm, schreiend,
+johlend und singend.</p>
+
+<p>Im Schlosse war man auf das Kommende vorbereitet.
+Schellheim und die Rätin hatten bereits
+auf der letzten Terrasse Aufstellung genommen, mit
+ihnen der Oberinspektor Bandemer und zwei Eleven.
+Über die Balustrade der ersten Terrasse lugten die
+neugierigen Gesichter der Dienerschaft.</p>
+
+<p>Über das stille Antlitz der Rätin glitt etwas wie
+ein leichtes Schmerzempfinden, als die Musik näher
+und näher kam; ihrem feingebildeten Ohr dünkte der
+kriegerische Marsch wie ein ungeheurer Korybantenlärm.
+Dann aber zog ein Lächeln über ihr Gesicht.
+<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>Der Zug nahte. Die Bläser transpirierten außergewöhnlich;
+man sah, wie über die den Luftstrom
+aufnehmenden und wieder fortstoßenden dicken Backen
+das Wasser strömte. Namentlich Fritz gewährte einen
+unfreiwillig-komischen Eindruck. Der schöne Zylinder,
+über dessen sanften Bronzeton die Sonne glitt, saß
+ihm tief im Nacken. Das ganze Gesicht glühte purpurn
+vor Hitze und Anstrengung und erschien wie
+gebadet. Er war so im Eifer, daß er das Schlußzeichen
+übersah, das Tengler gab, und so stieß er
+noch ein paar schmetternde Töne aus, während die
+andern schon schwiegen, und setzte das Instrument
+erst ab, als der junge Raupach ihn ärgerlich in den
+Rücken puffte. Und dann machte er ein ganz erstauntes
+Gesicht; er hatte nicht gedacht, daß es schon
+zu Ende wäre.</p>
+
+<p>Liese Braumüller deklamierte ihren Spruch, die
+Augen zu Boden gesenkt, voll brennender Verlegenheit,
+monoton sprechend, wie sie es beim „Aufsagen“
+in der Schule gelernt hatte, und mit gefalteten
+Händen. Zweimal stockte sie, aber Dörthe half ihr
+immer wieder aus. An der Stelle: „Wir wünschen
+der Herrschaft einen heiligen Lohn“ versprach sie sich
+mehrfach, sagte erst „leiligen Hohn“ und raspelte
+dann noch längere Zeit an den Worten herum, ehe
+sie das rechte fand. Dabei schossen ihr die Tränen
+in die Augen.</p>
+
+<p>Als sie geendet hatte, trat der Gutsvogt vor, der
+mit im Zuge war, ein stämmiger Mann, der Markuse
+hieß und deshalb immer „Jüd“ genannt wurde, obschon
+er aus altsässiger Bauernfamilie stammte. Der
+brachte ein Hoch auf die gnädige Herrschaft aus,
+worauf die Musikanten einen Tusch bliesen und dann
+merkwürdigerweise „Heil dir im Siegerkranz“ anstimmten.</p>
+
+<p>Das brachte den Kommerzienrat, der etwas verlegen
+war, wie er nach Landesbrauch die Ovation
+beantworten sollte, auf einen guten Gedanken. Er
+gab den Nächststehenden die Hand, dankte allerseits
+<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>und ließ sodann, an den Sedantag und seine glorreichen
+Erinnerungen anknüpfend, in einer geschickten
+Schlußwendung Seine Majestät den Kaiser leben.
+Wieder fielen die Musikanten ein und bliesen hierauf,
+ihrem Repertoire getreu, „Nun danket alle Gott“.</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat sah ein wenig verwundert
+aus. Eine Predigt konnte er doch nicht halten. Er
+nahm sein Portefeuille aus der Tasche und reichte
+dem Gutsvogt einen Fünfzigmarkschein: die Leute
+möchten sich einen vergnügten Abend machen. Und
+dann zog er diesen und jenen ins Gespräch, während
+die Rätin mit liebenswürdiger Miene ein paar
+freundliche Worte an Liese Braumüller richtete.</p>
+
+<p>Fritz Möller stand in vorderster Reihe. Als
+Schellheim ihn sah, stutzte er und fragte:</p>
+
+<p>„Herr Möller &ndash; nicht wahr?“</p>
+
+<p>„Jawohl, Herr Kommerzienrat,“ antwortete dieser.</p>
+
+<p>Schellheim zupfte an seiner Weste.</p>
+
+<p>„Hören Sie mal, mein lieber Herr,“ fuhr er
+fort, „Ihr Bruder &ndash; der ältere ist es, glaub’ ich &ndash;
+hat mir da mehrfach wieder geschrieben &ndash; wegen der
+Quellengeschichte. Er drangsaliert mich ein bißchen.
+Na &ndash; um ihm einen Gefallen zu erweisen, will ich
+mich der Sache annehmen, aber &ndash; aber ich muß
+freie Hand haben. Verstehen Sie, freie Hand!?“</p>
+
+<p>„Jawohl, Herr Kommerzienrat,“ erwiderte Fritz,
+vollständig überzeugt, „freie Hand&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Sonst kann ich nämlich nichts machen, so gut
+wie gar nichts. Sagen Sie Ihrem Bruder, er möchte
+mal zu mir kommen. Wenn er gerade Zeit hat &ndash;
+es eilt ja nicht.“</p>
+
+<p>„O, der hat schon Zeit,“ sagte Fritz unklug, mit
+strahlendem Gesicht, überglücklich darüber, daß die
+Angelegenheit nun ins Rollen kommen werde. „Der
+lauert nur drauf, Herr Kommerzienrat!“</p>
+
+<p>„So!“ entgegnete dieser kurz und ging weiter.</p>
+
+<p>Fritz war in so großer Aufregung, daß er den
+Heimweg kaum erwarten konnte. Er galt als der
+„dumme Junge“ in der Familie, wurde von allen
+<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>von oben herab behandelt und trotz seiner physischen
+Kräfte bei jeder Gelegenheit unterdrückt. Und nun
+war <em class="gesperrt">er</em> es, der die frohe Botschaft ins Haus
+bringen konnte, daß der Kommerzienrat eingewilligt
+habe, sich der Quellenangelegenheit anzunehmen.
+Er beschloß, den Angehörigen vorzulügen, daß <em class="gesperrt">er</em>
+den Kommerzienrat überredet und „breitgeschlagen“
+habe. Oho, so dumm, wie die andern glaubten,
+war er denn doch nicht; er wollte sich schon Respekt
+verschaffen.</p>
+
+<p>Der Rückmarsch in das Dorf währte ewig lange
+für den Ungeduldigen. Er blies in sein Bombardon,
+daß man es noch in Kerbitschau hören konnte, eine
+Viertelmeile von Oberlemmingen. Seinen ganzen
+Jubel blies er in die alte Tuba, die sich geschmeichelt
+zu fühlen schien und das jauchzende Herz ihres
+Trägers in eine donnernde Tonfülle übersetzte. Die
+drei Repertoirestücke kamen hintereinander an die
+Reihe. Auf dem Dorfanger schwenkte der Zug in
+Frontstellung ein, und dann ging man auseinander.</p>
+
+<p>Dörthe suchte ihren Vater auf.</p>
+
+<p>„Das gnäd’ge Fräulein hat mir deine Rechnung
+bezahlt, Vater,“ sagte sie. „Mach die Hand auf!
+Einundzwanzig Mark achtzig &ndash; aber die Deichsel am
+gelben Wagen mußt du noch mal nachsehen, die
+klappert noch immer.“</p>
+
+<p>„Ein altes Stück Holz kann ich nicht mehr neu
+machen,“ entgegnete Klempt und steckte das Geld
+ein. „Gehst du am Abend zu Tanze?“</p>
+
+<p>„Ja &ndash; ich darf, aber ich soll um Mitternacht
+wieder zu Hause sein.“</p>
+
+<p>„Recht so. Du brauchst dir nicht die ganze Nacht
+um die Ohren zu schlagen. Sei vernünftig, Dörthe &ndash;
+daß du mir keine Dummheiten machst! Ich weiß,
+wie’s beim Erntefest zugeht.“</p>
+
+<p>Dörthe lachte. „Habe doch keine Bange, Vater!
+Nee &ndash; ach du lieber Gott! So bin ich nicht wie
+die Liese! ... Vater, du siehst immer noch blaß
+aus. Du hätt’st nicht bei der Hitze mitlaufen soll’n!“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>„Ich weiß, was richtig ist. Der Kommerzienrat
+ist mein Brotherr. Nun geh &ndash; vielleicht springst du
+noch mal zu uns ’ran, eh’ du in den Krug machst!“</p>
+
+<p>„Werd’ sehen!“ rief Dörthe und eilte davon, daß
+ihre Röcke flogen. Es war Mittagszeit, und sie
+mußte auf dem Baronshof in der Küche helfen. &ndash;</p>
+
+<p>Sein Bombardon im Arm, war Fritz mit großen
+Schritten nach dem Kruge zurückgekehrt. Hier stand
+der alte Möller auf einer Leiter und nagelte zur
+Feier des Tages eine Girlande an, die mit Bändchen
+aus rotem und blauem Seidenpapier durchflochten
+war.</p>
+
+<p>„Nu sind wir so weit, Vater!“ rief Fritz dem
+Alten entgegen.</p>
+
+<p>„Was hast du gesagt?“ fragte dieser von der
+Leiter herunter, drei große Nägel zwischen den
+Zähnen haltend.</p>
+
+<p>„Nu sind wir so weit,“ wiederholte Fritz. „Mit
+der Quelle. Der Kommerzienrat ist dabei. Ich habe
+ihn breitgeschlagen. Albert soll zu ihm kommen.“</p>
+
+<p>Der Alte wäre vor freudigem Schreck beinahe
+von der Leiter gefallen. Er nahm die Nägel aus
+dem Munde und sagte dreimal hintereinander:
+„Donnerwetter!“ Dann kletterte er rasch herab
+und stürzte Fritz in das Haus nach.</p>
+
+<p>Albert wollte die Siegesnachricht noch gar nicht
+glauben. Es schien ihm unfaßlich, daß der dumme
+Junge, der Fritz, Schellheim „breitgeschlagen“ habe.
+Er wollte Genaueres wissen. Und nun log Fritz
+los. Er erzählte unsinniges Zeug, aber das Endresultat
+blieb dasselbe: Albert sollte auf das Auschloß
+kommen &ndash; bei Gelegenheit &ndash; „es eile nicht“....</p>
+
+<p>Albert überlegte. <em class="gesperrt">Ihm</em> eilte es. Er wollte sogleich
+hinauf. Nein, nicht sogleich, riet der Alte, das
+sehe zu pressiert aus. So gegen Abend vielleicht &ndash;
+und Albert sollte so tun, als ob ihm an der Beteiligung
+Schellheims eigentlich gar nichts mehr liege.</p>
+
+<p>Der Erstgeborene nickte lächelnd. Solche gute
+Ratschläge brauchte er nicht. Er nahm sich vor, am
+<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>Spätnachmittag auf das Auschloß zu gehen. Fritz
+brüstete sich. „Ich habe ihn breitgeschlagen,“ war
+sein drittes Wort.</p>
+
+<p>Gegen Abend fand sich auch Bertold mit seiner
+Frau ein, einer kleinen, mageren, schwarzen Person
+von scheuem und geducktem Wesen. Bertold war
+in nicht minder großer Aufregung als Albert. Er
+war zu sehr Geschäftsmann, um es nicht schmerzlich
+zu empfinden, daß das geplante Unternehmen sich
+nicht entwickeln wollte. Er versprach sich viel von
+der Sache und träumte Tag und Nacht davon. Besonders
+das eine Traumbild: ein großer Basar in
+dem neuen Badeort, in dem alles zu bekommen sein
+würde, und der schon durch seine ganze Anlage jede
+Konkurrenz ausschließen sollte &ndash; ein Basar mit
+blitzenden Spiegelscheiben und großstädtischen Auslagen
+und der weithin leuchtenden Firma: <em class="antiqua">„Maison
+Mœller“</em>. Jawohl &ndash; <em class="antiqua">„Maison Mœller“</em> wollte Bertold
+künftighin firmieren; das gab der Sache einen
+internationalen Schliff und lockte auch die Ausländer
+an, die das Bad besuchen würden.</p>
+
+<p>Um sechs Uhr begann das Fest im Kruge. Die
+Schankstube war frisch mit Sand bestreut worden.
+Rings um die Wände zog sich eine große Girlande
+aus Eichengrün, gleichfalls mit Rosabändchen aus
+Seidenpapier verziert. Ebenso hatten die Bilder
+des Königspaares Kränze erhalten. Freilich stellten
+diese Bilder &ndash; ein paar gelb gewordene, mit Rostflecken
+übersäte Lithographieen &ndash; noch Friedrich Wilhelm&nbsp;IV.
+und die Königin Elisabeth dar; aber der
+alte Möller meinte, das schade nichts. König bleibt
+König. Wenn Fritz einmal heiratet, kann er sich
+ein Kaiserbild kaufen; vorläufig genügt Friedrich
+Wilhelm&nbsp;IV. Wenn das Gespräch darauf kam, vergaß
+Möller nie zu erzählen, daß er Friedrich Wilhelm&nbsp;IV.
+einmal persönlich gesprochen hatte. Damals
+war gerade die Chaussee nach Posen eröffnet
+worden, und der König fuhr mit dem Minister von
+Selchow einige Dörfer ab, die der neue Verkehrsweg
+<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>berührte. Und so kam er auch nach Oberlemmingen.
+Möller, derzeit ein stattlicher junger Mann,
+war Schulze und empfing ihn an der Barbebrücke,
+den berühmten Zylinderhut, den nun der Fritz geerbt
+hatte, auf dem Kopfe und in der Rechten den
+langen, mit schwarz-weißem Band umflochtenen
+Schulzenstab. Der König ließ halten und sprach
+einige Worte mit Möller, und schließlich fragte er
+auch, ob Acker und Feld ihre Schuldigkeit täten, und
+ob man zufrieden sei. Möller erwiderte furchtlos:
+„O ja, Majestät, das schon, aber wenn man bloß
+die Steuern nicht wären!“ Und da hatte der König
+gelacht und war weitergefahren.</p>
+
+<p>Wenn der Alte davon erzählte, wurde er stolz.
+„Das hab’ ich dem König gesagt,“ erklärte er, „und
+wenn er auch gelacht hat, gemerkt hat er sich’s doch.
+So ’n König weiß ja gar nicht, was wir für Steuern
+zahlen müssen, wenn man’s ihm nicht mal sagt&nbsp;...“
+Die Steuern waren das Klagelied Jeremiä der
+Bauern. Sie hatten noch von 1806 her Beiträge
+für die Kriegskosten von damals zu zahlen. Und
+dann die Gemeindelasten: Kirche und Schule und
+vor allem der Wegebau. Wenn es nach ihnen gegangen
+wäre, hätten die Wege grundlos werden und
+Kirche und Schule verfallen können. Die Steuern
+fraßen einen langsam auf ...</p>
+
+<p>Zuerst kamen die Burschen, Knechte, Taglöhner
+und Bauernjungen, die sich an dem arbeitslosen Tage
+langweilten und nicht wußten, wie sie die Zeit totschlagen
+sollten. Die Tische waren in der Schankstube
+beiseite gerückt worden, dicht an die Stühle und
+Bänke längs der Wände heran, so daß der Mittelraum
+für den Tanz frei blieb. Man forderte Bier.
+Dörthe war auch schon da; Fritz hatte sie gebeten,
+etwas früher zu kommen, damit sie mithelfen könne.
+Und das tat sie gern. Sie fühlte sich dann schon
+halb und halb als Hausfrau auf dem Platze, den
+sie einmal einnehmen würde. Heute sollte es übrigens
+zur Entscheidung kommen. Die Verlobung war noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>nicht veröffentlicht worden, das kirchliche Aufgebot
+noch nicht erfolgt. Die alten Möllers sprachen noch
+immer dagegen und, wie es Dörthe schien, auch Albert
+und Bertold. Nun wollte sie aber aus dem
+Ungewissen heraus. Alle Mädel im Dorfe neckten
+und foppten sie bereits, Liese Braumüller vorweg,
+die es auch auf Fritz abgesehen hatte und sich nun
+Hoffnungen auf Albert machte. Das ging nicht so
+weiter. Und deshalb war Dörthe, ehe sie nach dem
+Kruge gegangen, noch einmal zu ihrem Vater herangesprungen
+und hatte ihn gebeten, noch an diesem
+Abend die Entscheidung herbeizuführen. Klempt
+wollte anfänglich nicht; er war nicht gern im Kruge;
+bei seiner Menschenscheu ängstigte er sich auch, der
+Gesamtfamilie Möller entgegenzutreten. Und sicher
+waren sie heute alle zusammen. Aber Tante Pauline
+unterstützte Dörthe. Es müsse zum Klappen kommen,
+erklärte sie; es liege sowieso genug Unheil in
+der Luft. Drei Nächte hintereinander hatte sie von
+einer schwarzen Henne geträumt, die wild mit den
+Flügeln schlug; das bedeute sicher nichts Gutes. Und
+so sagte der alte Klempt denn zu; er wollte gegen
+sieben im Kruge sein.</p>
+
+<p>Dörthes Herz hämmerte stark, während sie in
+geschäftiger Eile dem alten Möller die Gläser abnahm,
+in die dieser das Bier zapfte. Fritz hatte den
+Schnapsschank, und Mutter Möller machte sich in
+der Küche zu schaffen, während Bertold mit dem
+Förster und einem Eleven Schellheims im Extrazimmer
+politisierte. Dörthe merkte, daß der Alte
+guter Laune war. Er hatte sie einmal um die Taille
+gefaßt und ihr gesagt, das Kleid mit den roten
+Punkten kleide sie gut, &ndash; er werde ihr, wenn er
+das nächste Mal nach Zielenberg komme, ein dazu
+passendes Halstuch mitbringen. Das machte das
+Mädchen ganz glücklich. Ihre Liebe zu dem dicken
+Fritz war der Inhalt ihrer Tage. Um seinetwillen
+hielt sie sich von den andern fern und vermied es,
+sich zur Erntezeit, an den lauen Sommerabenden,
+<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>wenn die Arbeit vorüber, zwischen den Heuhaufen
+auf den geschorenen Wiesen und den Buchen an der
+Grauen Lehne herumzutreiben, wo man bei Mondschein
+gewöhnlich das Kichern der Dirnen und das
+helle Lachen der Liese Braumüller hören konnte, die
+überall dabei sein mußte. Ihr, der Dörthe, konnte
+kein Mensch etwas nachsagen, und bei aller sonstigen
+Naivität ihrer sittlichen Anschauung war sie doch
+stolz darauf.</p>
+
+<p>Das Zimmer war schon voll, aber der alte Vietz
+mit seinem Geiger hatte sich verspätet. Man schimpfte
+auf ihn; sicher lag er wieder irgendwo betrunken im
+Graben. Es war dumm, daß die heimische Banda
+nur ihre drei Stücke konnte und nicht einmal einen
+Tanz darunter; sonst hätte man es mit Blechmusik
+versucht. Man rief Fritz zu, er solle sein Bombardon
+holen; ein paar junge Leute stellten sich in eine Ecke
+und begannen eine Polka zu pfeifen. Liese Braumüller
+und Anton Tengler tanzten danach; einige
+andre folgten, schreiend und lachend; aber es ging
+nicht recht &ndash; man kam immer wieder aus dem Takt.
+Da erhob sich draußen Kindergebrüll. Vietz kam
+endlich. Der alte Kerl mit seinem blassen Gesicht,
+in dem nur die große Kartoffelnase rötlich schimmerte,
+war in der Tat so betrunken, daß er sich kaum aufrecht
+halten konnte. Sein Partner, der Geiger,
+hatte ihn unter dem Arm gepackt und schleppte ihn
+vorwärts. Das war keine Kleinigkeit, denn der
+Geiger, ein schmächtiges Kerlchen, schleppte auch noch
+den Baß seines Patrons. Alle Kinder waren hinter
+den beiden her und johlten und jubelten. Vietz schien
+das zu amüsieren; sein ganzes Gesicht lachte. Aber
+plötzlich wurde er ernst, blieb stehen und hielt eine
+drohende Anrede an den schreienden Schwarm, fuchtelte
+mit beiden Fäusten und griff schließlich in den
+Sand, um den Kindern eine Handvoll Erde auf die
+Köpfe zu werfen. Und alles stob unter erneutem
+Geheul auseinander.</p>
+
+<p>Fritz erschien unter der Haustür. Er machte
+<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>kurzen Prozeß, denn er wußte, wie Vietz zu behandeln
+war. Er packte ihn einfach an Kragen und
+Rockschoß, trug ihn in das Schankzimmer und setzte
+ihn hier in eine Ecke. Dann wurde ihm der Baß
+zwischen die Beine geschoben, und der Geiger nahm
+neben ihm Platz.</p>
+
+<p>„Nu feste gespielt, Vietz,“ sagte Fritz ernst;
+„immer nach drei Tänzen kriegt Ihr ein Glas Bier.
+Aber wenn Ihr’s schlecht macht, gibt’s gar nichts!“</p>
+
+<p>Vietz nickte; er kannte das. Und dann ging es
+los. Der Geiger fiedelte, und Vietz kratzte auf
+seinem Baß herum: es war eine höllische Musik.
+Der Alte hatte offenbar das Bestreben, stets möglichst
+schnell zu Ende zu kommen, während sein
+Partner eine behagliche Natur war und sich Zeit
+ließ. So kamen die beiden niemals zusammen. Doch
+auf das Vergnügtsein der Tanzenden hatte das verschiedene
+Tempo keinen Einfluß. Die Paare wirbelten
+im Zimmer umher; man stieß sich, man stolperte,
+man drängte sich und chassierte aneinander
+vorüber, lachte, lärmte und tollte und unterhielt
+sich königlich dabei. Der Staub schwirrte auf, die
+Luft wurde schwül, ein trüber Dunst stieg zu der
+niedrigen Decke auf. Die Möllern öffnete ein
+Fenster.</p>
+
+<p>Draußen im Garten spielten Braumüller, der
+Schulze, Raupach, Langheinrich und noch ein paar
+eine Partie Kegel. Man hörte durch das offene
+Fenster trotz des Lärmens der Tanzenden das dumpfe
+Rollen der Kugeln und das polternde Geräusch der
+stürzenden Kegel.</p>
+
+<p>Die Möllern schaute zum Himmel auf, schnüffelte
+in der Luft herum und zog die Nase kraus.</p>
+
+<p>„Braumüller,“ rief sie zum Fenster hinaus, „das
+gibt wohl noch was &ndash; he?!“</p>
+
+<p>„Alle neune!“ schrie in diesem Augenblick der
+Angerufene. „Dundersaxen, Langheinrich, du bist
+ein verflixter Kerl!“ ... Und dann schaute er gleichfalls
+zum Himmel und nickte der Möllern zu. „Ja,
+<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>das gibt noch was, Mutter Möllern! Das wird
+’n bißchen brummlich da hinten!“ ...</p>
+
+<p>Albert war schon vor zwei Stunden nach dem
+Auschloß gegangen. Es war merkwürdig, daß er
+noch nicht zurück war. Dörthe überlegte, ob es nicht
+zweckmäßig sei, daß der Vater seine Abwesenheit benutzte,
+um mit dem alten Möller und Fritze zu
+reden. Sie hatte so viel zu tun, daß sie nur dann
+und wann einmal zum Tanze kam. Und mitten im
+Herumschwenken hörte sie zuweilen den Ruf der
+Möllern aus der Küche oder das kurze, befehlende
+„Dörth’!“ des Alten, der, in jeder Hand ein paar
+frischgefüllte Biergläser, hinter dem Schanktische stand.
+Mit heißem Gesicht und wogender Brust stürzte sie
+dann von ihrem Tänzer fort, um wieder die Gäste
+bedienen zu helfen.</p>
+
+<p>Jetzt war eine Pause eingetreten. Man öffnete
+noch ein zweites Fenster, denn die Luft war zum
+Ersticken schwül geworden, und in den dicken Dunst
+warfen die drei in der Stube aufgehängten Laternen
+nur ein verschleiertes Licht. Eine Gruppe von Mädeln
+und Burschen hatte sich um Vietz geschart, der ihnen
+mit heiserer Stimme das Lied vorsang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">„Hans mit de Krusekragen<br /></span>
+<span class="i0">Stieg up de Kachelawen &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Bautz, fiel hinunger,<br /></span>
+<span class="i0">War des kee’ Wunger &ndash;<br /></span>
+<span class="i0">Wär’ he nich hinuppestegen,<br /></span>
+<span class="i0">Hätt’ he nich hinunnelegen!“<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Zwischen jedem Verse strich er den Baß, verdrehte
+dabei die Augen und ließ zuweilen die Stimme
+überschnappen &ndash; und das Volk um ihn wollte sich
+ausschütten vor Lachen.</p>
+
+<p>„Vater, nu mach doch man!“ flüsterte Dörthe
+Klempt zu, der ruhig in einem Winkel saß und seine
+Pfeife schmauchte. „Jetzt paßt’s gerade!“</p>
+
+<p>Klempt schaute nach Möller aus. Der hatte
+sich ermüdet hinter dem Schanktische niedergelassen.
+Neben ihm hatten Fritz und die Alte auf zwei
+<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>Schemeln Platz genommen; man sprach davon, daß
+Albert noch immer nicht da sei.</p>
+
+<p>Klempt erhob sich, öffnete die Klappe seines
+Pfeifenkopfes und drückte mit dem Daumen den
+Tabak fester. Dann schritt er langsam nach dem
+Schanktisch.</p>
+
+<p>„Es wird noch ’n Wetter geben, Möller,“ begann
+er die Unterhaltung.</p>
+
+<p>„’s soll mir recht sein,“ entgegnete der Angeredete;
+„ich hab’ alles ’reingebracht.“</p>
+
+<p>Klempt spuckte auf die Erde und zündete aus
+Verlegenheit ein Streichholz an, obwohl seine Pfeife
+noch brannte. „Viel Arbeit heute,“ meinte er; „’s
+ist gut, daß sich die Dörthe freimachen konnte&nbsp;...“
+Und einen plötzlichen Entschluß fassend fügte er hinzu:
+„Habt ihr denn schon überlegt, wann das Aufgebot
+sein soll?“</p>
+
+<p>Die Alte schaute Klempt mit ihren dunkeln Augen
+böse an, und Möller tat sehr erstaunt.</p>
+
+<p>„Was denn für ein Aufgebot?“</p>
+
+<p>„Na, zur Hochzeit,“ erwiderte Klempt, schon
+wieder etwas kleinlaut.</p>
+
+<p>Nun lachte Möller. „Ach so,“ sagte er; „na,
+ich dächte, bis jetzt wären die beiden noch gar nicht
+mal so recht versprochen!“</p>
+
+<p>„Dächt’s auch,“ fügte die Mutter hinzu. „Das
+ist so ’ne Liebelei, wie sie schon vorkommen kann&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Doch nun fiel Fritz den Eltern in das Wort.
+Er hatte zuweilen das Herz auf der Zunge.</p>
+
+<p>„Nein, Mutter,“ sagte er; „du weißt recht gut,
+daß es mir Ernst ist. Ich habe die Dörthe immer
+haben woll’n. Wir könnten wenigstens regelrechte
+Verlobung feiern, damit sich das Mädel nicht unnötig
+necken zu lassen braucht.“</p>
+
+<p>„So ist’s,“ setzte Klempt hinzu. „Von heute zu
+morgen kann niemand die Hochzeit verlangen, aber
+eine ordentliche Verlobung muß sein.“</p>
+
+<p>„Wir woll’n mal mit Albert darüber sprechen,“
+sagte Möller; „ich weiß nicht, wo der Junge bleibt!“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>Klempt hatte sich gleichfalls einen Stuhl an den
+Schanktisch herangezogen. Er hatte sich nie so recht
+gut mit den Möllers gestanden, und nach seinem
+Herzen war eine Heirat zwischen Dörthe und Fritz
+auch nicht. Aber ihr Lebensglück hing doch nun einmal
+davon ab, und das machte den sonst so schweigsamen
+Alten beredt.</p>
+
+<p>„Ihr müßt nicht immer so tun, als paßte die
+Dörthe nicht in eure Familie,“ hub er von neuem
+an. „Die Klempts sind gerade so ein guter Bauernschlag.
+Jawohl, Möller, und du brauchst auch nicht
+zu glauben, daß ich die Dörthe arm wie ’ne Kirchenmaus
+in die Ehe gehen lasse. Sie hat ihre gute
+Ausstattung, und ein paar Taler habe ich mir ja
+auch sparen können, die sie nach meinem Tode kriegen
+soll. Die Ersparnisse von Tante Pauline kommen
+dazu, und schließlich das Gehöft &ndash; ist denn das
+nichts wert? So ’n ordentliches Haus find’st du
+lange nicht, und wie fest das noch alles steht! Und
+der Garten und die fünfzehn Morgen Acker und
+dann vor allem der schöne Wiesengrund, der bis an
+die Graue Lehne heranreicht, der beste im ganzen
+Dorfe?! Wir sind doch keine Bettelpackasche, Möller!
+Ich dränge mich euch nicht auf, aber das Mädel ist
+doch nun mal so verrückt nach dem Fritz, und&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Der Tanz hatte wieder begonnen. Fritz erhob
+sich und legte seine Hand auf die Schulter Klempts.</p>
+
+<p>„Laßt’s gut sein, Vater Klempt,“ meinte er, „die
+Alten sind schon vernünftig. Wenn Albert zurückkommt,
+woll’n wir noch mal in der Familie darüber
+sprechen&nbsp;...“</p>
+
+<p>Mutter Möller war längst in ihre Küche zurückgekehrt
+und warf dort mit den Eisenringen des Herds
+umher, daß man es im Schankzimmer hören konnte.
+Das paßte ihr alles nicht; die Dörthe war keine
+Partie. Aber sie schwieg und wurmte sich heimlich.
+Die Eisenringe des Herds sprachen für sie.</p>
+
+<p>Dörthe hatte aus der Entfernung die kleine Szene
+beobachtet. Nun stand Fritz vor ihr. „Rasch einmal
+<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>’rum,“ sagte er und faßte sie um die Taille.
+„Die Verlobungspolka, Dörthe! Morgen soll’s das
+ganze Dorf wissen!“</p>
+
+<p>Er tanzte mit ihr. Sie war selig und hing mit
+glückstrahlendem Gesicht in seinen Armen.</p>
+
+<p>Geige und Baß kreischten wieder. Das ganze
+Haus schien unter den Schwingungen der tanzenden
+Paare zu dröhnen. Da klirrten auf einmal die
+Fenster. Ein furchtbarer Donnerschlag erscholl, dann
+prasselte ein Regenschauer, mit Schloßen gemischt,
+zur Erde. Schreiend stoben die Tanzenden auseinander.
+Die draußen kegelnden Bauern, die von der
+Plötzlichkeit des Gewitters überrascht worden waren,
+stürmten in das Zimmer, triefend vor Nässe, mit
+dampfenden Kleidern.</p>
+
+<p>Alles drängte sich an den Fenstern zusammen.
+Von Zeit zu Zeit erleuchtete ein greller Blitz die
+Nacht, und dann sah man den dicht fallenden Regen.
+Hatte es irgendwo eingeschlagen, so mußte das vom
+Himmel strömende Wasser den Brand auf der Stelle
+löschen. Man war sehr vergnügt bei dem Unwetter.
+Die meisten hatten ihre Ernte geborgen, nur ein
+kleiner, verhungert aussehender Kossät, Priestegall
+mit Namen, ächzte und jammerte: er hätte seinen
+Hafer noch nicht einfahren können.</p>
+
+<p>Die Bauern von der Kegelbahn wollten tanzen,
+um sich warm zu machen. Aber Vietz war eingeschlafen.
+Man wollte ihn wecken, doch es war
+nicht möglich, den Trunkenbold zur Besinnung zu
+bringen. Da nahm Langheinrich den Baß zwischen
+seine mageren Beine und begann ihn zu bearbeiten,
+während auch der Geiger sein Spiel aufnahm. Das
+gab neuen Spaß, und bald wirbelten wieder die
+Paare durch das Gemach, unbekümmert um die
+diabolische Musik.</p>
+
+<p>Auf einmal hieß es, der Kommerzienrat sei vorgefahren.
+In der Tat, eine geschlossene Equipage
+vom Augut hielt vor der Tür. Aber nicht der Rat
+stieg aus, sondern Albert Möller. Allgemeines Erstaunen;
+<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>Schellheim hatte Albert in eignem Wagen
+nach Hause fahren lassen, &ndash; das hatte ganz gewiß
+etwas zu bedeuten!</p>
+
+<p>Der alte Möller, Bertold und Fritz eilten Albert
+bis auf den Hausflur entgegen. Er zog sie in
+die Küche. „Es ist alles abgemacht,“ sagte er hastig,
+mit vergnügtem Schmunzeln um den Mund; „der
+Kommerzienrat schießt uns das Nötige aus eigner
+Tasche vor. Morgen fahre ich mit ihm nach Berlin
+zu seinem Anwalt&nbsp;...“</p>
+
+<p>Fritz sprang wie ein Besessener in der Küche
+umher. „Seht ihr wohl &ndash; hurra!“ schrie er; „ich
+hab’ ihn breitgetreten!“</p>
+
+<p>Die alten Möllers und Bertold wollten Näheres
+wissen. Sie rückten Albert dicht auf den Leib und
+bestürmten ihn mit Fragen. Aber er war erschöpft
+und wollte zuerst etwas zu essen und zu trinken
+haben, erklärte auch, vom Geschäftlichen verständen
+sie ja doch nichts. Die Hauptsache sei, daß der Stein
+nun ins Rollen käme.</p>
+
+<p>„Natürlich ist das die Hauptsache,“ bemerkte Fritz,
+„alles übrige wird sich schon finden. Und wie ist’s
+nun mit der Verlobung? Grade jetzt, wo wir alle
+so vergnügt sind, könnten wir auch gleich meine
+Verlobung feiern!“</p>
+
+<p>„Sei doch man still,“ fuhr die Alte auf, und Albert
+fragte: „Deine Verlobung? &ndash; Ach, mit der Dörthe?!“</p>
+
+<p>„Na, mit wem denn sonst! Vielleicht mit der
+alten Maracken?!“</p>
+
+<p>Albert zog die Brauen zusammen, doch schon im
+nächsten Augenblick nickte er lebhaft mit dem Kopfe.
+„Schön,“ meinte er, „ich hab’ nichts dagegen&nbsp;...“
+Und dann nahm er Fritz an der Rockklappe und
+führte ihn etwas abseits. „Sag mal, du,“ fuhr er
+im Flüstertone fort, „Klempts Wiesenbucht grenzt
+doch an die Graue Lehne?“</p>
+
+<p>„Dichte ’ran, Albert &ndash; dichte ’ran!“</p>
+
+<p>„Na, und wenn der Alte mal stirbt, dann erbt
+doch die Dörthe das Ganze als einziges Kind?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>„Alles &ndash; i nu selbstverständlich, &ndash; Vater Klempt
+hat’s uns vorhin erst wieder auseinandergesetzt, daß
+die Dörthe noch gar nicht die schlechteste Partie ist.“</p>
+
+<p>Albert nickte wieder. „Ich glaube, der Klempt
+wird’s nicht mehr allzu lange machen, Fritz. Er
+sieht schwindsüchtig aus. Das heißt, meinetwegen
+kann er hundert Jahre alt werden! Aber mit der
+Wiesenbucht &ndash; na, verlob dich nur erst! Meinen
+Segen hast du!“</p>
+
+<p>Und wirklich wurde noch an diesem Abend die
+Verlobung Fritz Möllers mit Dörthe Klempt öffentlich
+verkündet. Fritz kletterte während der nächsten
+Tanzpause auf einen Stuhl und schrie seine Verlobung
+mit Stentorstimme in das Zimmer, und wer
+sich jetzt noch einmal unterstehe, so fügte er hinzu,
+seine Braut zu necken und zu ärgern, der werde ein
+paar hinter die Ohren kriegen, es sei ihm gleich, ob
+Bursche oder Mädel. Und nachdem er dies versprochen
+hatte, brachte er ein Hoch auf das Brautpaar,
+das heißt auf sich selbst und Dörthe, aus, und
+die Musik mußte einfallen, und alles brüllte mit,
+umringte ihn und die Dörthe, gratulierte, lachte und
+witzelte. Es war ein geräuschvolles, unaufhörliches
+Schnattern, während draußen noch immer mit leisem
+Plätschern der Regen fiel und das abziehende Wetter
+den Horizont erhellte.</p>
+
+<p>Dörthe war so froh, daß ihr hübsches Gesicht
+wie von Sonnenschein überflutet war. Selbst die
+Möllern schien sich fügen zu wollen. Dörthe mußte
+ihr helfen, zu backen und zu schmoren, denn es sollte
+„in Familie“ gegessen werden. Der alte Möller
+stieg selbst in den Keller, ein paar Flaschen Rheinwein
+heraufholend, von denen er behauptete, die
+könne „jeder Vater mit seinem Sohne trinken“.
+Klempt wurde genötigt, im Extrazimmer auf dem
+grünen Sofa Platz zu nehmen. Er wußte gar nicht,
+wie ihm geschah; er hatte sich auf einen harten Kampf
+mit den Möllers gefaßt gemacht, und nun wickelte
+sich die Sache so glatt und rasch ab.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>In der Schankstube wurden inzwischen die
+fünfzig Mark vertrunken, die der Kommerzienrat
+gespendet hatte. In eine der Fensternischen hatte
+sich Liese Braumüller mit ihrer Freundin Guste
+Thielemann zurückgezogen. Beide wisperten eifrig
+miteinander.</p>
+
+<p>„Das hat lange gedauert, eh die Dörthe Fritzen
+’rumgekriegt hat,“ flüsterte Liese. „Aber ’s wird
+wohl auch Zeit gewesen sein. Ich könnt’ was erzählen,
+wenn ich wollte. Und weißt du, Guste, in
+der Kirche seh’ ich die beiden noch nicht. Ich möchte
+wetten, daß da noch was darmang kommt&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Dörthe!“ erscholl in diesem Augenblick die
+Stimme der Möllern aus der Küche.</p>
+
+<p>Das Verlobungsessen war fertig: ein kolossaler
+Schweinebraten in braun glänzender, knusperiger
+Schale, die quadratisch durchkerbt war. Und auch
+die Beilagen konnten aufgetragen werden: rote Rüben,
+Preiselbeeren und Milchreis mit Zimmet.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Fuenftes_Kapitel" id="Fuenftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">E</span>s war am Neujahrstage, als Hedda, in der
+Pelzjacke, die Pelzkappe auf dem Kopfe und den
+Muff in der Hand, zu ihrem Vater ins Arbeitszimmer
+trat. „Ich will zum Pastor, Papa,“ sagte
+sie, „ihm meinen Glückwunsch bringen. Hast du
+etwas zu bestellen?“</p>
+
+<p>„Schöne Grüße, nichts weiter,“ antwortete der
+Baron. „Und warum er sich denn gar nicht mehr
+sehen ließe. Seine Beine sind noch flotter als meine.“</p>
+
+<p>„Werd’s ausrichten. Hat die Post nichts Neues
+gebracht?“</p>
+
+<p>Jetzt schlug sich der alte Herr mit der Hand vor
+den Kopf. „Sapperment,“ schalt er, „ich fang’ wirklich
+an, tranig zu werden! Die Hauptsache vergess’
+ich!“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>Er nahm einen Brief vom Tisch. „Weißt du,
+wer geschrieben hat?“</p>
+
+<p>„Dein Verleger?“</p>
+
+<p>„Gott bewahre! Rat mal!“</p>
+
+<p>Sie riet, aber das Richtige traf sie nicht.</p>
+
+<p>„Dummerle,“ rief der Alte endlich, „Axel hat
+geschrieben!“</p>
+
+<p>Das kam Hedda allerdings so überraschend, daß
+sie sich setzen mußte.</p>
+
+<p>„Axel?“ wiederholte sie. „Der Jarlsberger?“</p>
+
+<p>„Ja, ja &ndash; unser vielgetreuer Herr Vetter, der
+Nordlandsrecke, der Wikinger! Er ist nach Berlin
+zur Botschaft kommandiert worden und will uns im
+Frühjahr auf dem Baronshof besuchen!“</p>
+
+<p>Hedda sah noch immer maßlos erstaunt aus.</p>
+
+<p>„Ich ahnte ja gar nicht, daß Axel in diplomatischen
+Diensten steht,“ sagte sie. „Ich glaubte, er
+täte gar nichts &ndash; lebte von seinen Reichtümern &ndash;
+reiste in der Welt umher &ndash; als Globetrotter&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Glaubte ich auch alles, aber du hörst doch, daß
+dem nicht so ist. Über den angekündigten Besuch
+kann ich nicht gerade Rad schlagen vor Freude. Das
+gibt allerhand Unbequemlichkeiten &ndash; und der junge
+Herr wird verwöhnt sein.“</p>
+
+<p>Jetzt erwachten auch die Sorgen in Hedda.</p>
+
+<p>„In der Fremdenstube regnet’s durch,“ klagte sie.
+„Auch muß da neu tapeziert werden, und, ach, du
+lieber Gott, das Waschservice sieht erst recht nicht
+nach dem Fortschritt der Zeit aus! Wer besucht uns
+denn einmal?! Ich habe mich um die Fremdenstube
+seit Ewigkeiten nicht bekümmert.“</p>
+
+<p>„Der Axel ist noch nicht einmal in Berlin,“ versetzte
+der Freiherr begütigend; „wir haben also noch
+Zeit genug, unsern Schlachtplan zu entwerfen. Außerdem
+weiß er, daß wir nicht auf Rosen gebettet sind &ndash;
+und überdies soll mir’s sehr gleichgültig sein, ob es ihm
+in Jarlsberg besser gefällt als auf dem Baronshof.“</p>
+
+<p>„Puh!“ machte Hedda, „hier ist’s aber fürchterlich
+heiß, Papa. Hältst du das denn aus?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>„Ich schmore am liebsten &ndash; da spüre ich meine
+Ischias am wenigsten.“</p>
+
+<p>„Im nächsten Sommer gehst du mir unbedingt
+nach Gastein, Papa&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Wohin denn noch?! Nach Paris und dann
+ein bißchen an die Riviera, nicht wahr? Wir haben
+ja das Geld dazu!“</p>
+
+<p>„Für die Badereise werd’ ich’s schon schaffen.
+Vielleicht versuchst du es auch einmal mit <em class="gesperrt">unsrer</em>
+Quelle&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Nicht um die Welt, Hedda! Das hab’ ich mir
+vorgenommen: diese ekelhafte Quelle existiert für mich
+nicht! Am liebsten hörte ich gar nichts von ihr.“</p>
+
+<p>Hedda stand achselzuckend auf.</p>
+
+<p>„Ich streite nicht mehr, Vater. Ich richte ja
+doch nichts aus. Tu mir die Liebe und laß dich
+um die Mittagszeit anziehen. Ich habe August schon
+Auftrag gegeben. Die Herrschaften vom Auschloß
+kommen sicher zur Gratulation.“</p>
+
+<p>Der Alte streckte beide Hände zur Decke empor.</p>
+
+<p>„Ob sie mich nicht ruhig arbeiten lassen können!“
+stöhnte er.</p>
+
+<p>„Nein,“ erwiderte Hedda, „denn sie wissen, was
+sich schickt.“</p>
+
+<p>„Papperlapapp &ndash; die Unsitte der Neujahrsgratulation
+ist längst aus der Mode gekommen!“</p>
+
+<p>„In Oberlemmingen noch nicht.“</p>
+
+<p>„Opponiere nicht ewig!“</p>
+
+<p>„Ich bin <em class="gesperrt">dein</em> Fleisch und Blut.“</p>
+
+<p>„Dann gib mir ’nen Kuß!“</p>
+
+<p>Hedda tat es lachend und eilte hierauf hinaus
+ins Freie.</p>
+
+<p>Das war ein herrlicher Neujahrstag. Stahlschimmernd
+wölbte sich der Himmel über der Landschaft.
+Der Schnee lag dicht, aber nicht allzu hoch,
+und die Sonne gleißte über die weiße Pracht. Es
+flimmerte und glitzerte, wohin sich das Auge wandte.</p>
+
+<p>Hedda schritt durch den Garten und über den
+Dorfplatz, wo ein Dutzend Kinder sich mit Schlittern
+<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>belustigte. Jedes einzelne trug ein Pelzkäppchen und
+einen roten Schal um den Hals. Als Hedda dies
+sah, lächelte sie. Es waren ihre Weihnachtsgeschenke,
+die sie sich von den Erträgnissen des Hühnerhofs
+abgespart hatte. Die Jungen zogen ihre Kappen
+ab und grüßten höflich, als Hedda vorüberschritt, und
+der kleinste und frechste rief ihr „Prost Neujahr!“
+nach, und dann jubelten allesamt wild durcheinander
+ihr „Prost Neujahr!“</p>
+
+<p>Der Verkehr zwischen Baronshof und Pastorat
+war von jeher ein herzlicher und intimer gewesen.
+Namentlich den derzeitigen Pfarrer hatte der Freiherr
+in sein Herz geschlossen. Es war dies eine
+eigentümliche Erscheinung, der Seelenhirt von Oberlemmingen,
+der Doktor von Eycken. Er stammte
+aus einem alten und angesehenen westfälischen Adelsgeschlecht.
+Sein Vater war General der Kavallerie
+und eine Zeitlang Gouverneur von Berlin gewesen,
+und auch der Sohn sollte, nachdem er sein Abiturientenexamen
+bestanden, die militärische Laufbahn
+einschlagen. So trat der junge Eycken denn in ein
+am Rhein garnisonierendes Husarenregiment ein, in
+dem fast das ganze Offizierkorps gleich ihm selbst
+katholisch war. Bald nachdem er Offizier geworden,
+erkrankte er am Typhus und wurde zu seiner Genesung
+für längere Zeit nach dem Süden beurlaubt.
+Während dieses Urlaubs verlebte er einige Monate
+in dem damals noch päpstlichen Rom, und gerade
+hier, in der Siebenhügelstadt, dem Sitze klerikaler
+Macht, vollzog sich ein merkwürdiger Umschwung
+seines seelischen Empfindens. Eycken sprach sich niemals
+über die Gründe aus, die ihn zu einer Zeit,
+da er noch ein halber Jüngling war, zur Konversion
+veranlaßt hatten. Sein Vater erfuhr nur, daß er
+in Rom in vertrautem Verkehr mit einem preußischen
+Edelmann gestanden hatte, der Monsignore und
+Kämmerer des Papstes war, und über dessen Lebensführung
+man sich in der Klatschgesellschaft der Ewigen
+Stadt allerhand erzählte. Tatsache war jedenfalls, daß
+<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>Eycken nach seiner Rückkehr gegen den Willen seiner
+Familie, mit der er in der Folge auch vollständig
+zerfiel, zum Protestantismus übertrat, seinen Abschied
+erbat und noch nachträglich Theologie studierte.</p>
+
+<p>Seit etwa fünfzehn Jahren war er Pfarrer von
+Oberlemmingen. Er liebte die Stille des Landlebens
+und hatte sich deshalb nie um eine städtische Stellung
+bemüht. Es schien auch, als besitze er keinen Ehrgeiz,
+denn sonst hätte es ihm leicht werden müssen,
+bei der Vornehmheit seines Namens, bei seinem tiefen
+Wissen und seiner hervorragenden rednerischen Begabung
+Karriere innerhalb seines Berufs zu machen.
+Nun stand er am Ausgange seines Lebens. Er war
+ein hoher Sechziger, freilich noch immer eine überaus
+stattliche Erscheinung: groß und von breiten
+Schultern, mit frischfarbigem Antlitz und leuchtenden
+Augen. In dichten weißen Locken umwallte
+das Haar sein Haupt; Schnurrbart und Vollbart
+waren ebenfalls schneeweiß und lang; so sah er
+wie einer jener alten Patriarchen aus, von deren
+das gewöhnliche Menschenalter überragendem Leben
+voll Wohltun und Köstlichkeit die Bibel erzählt.</p>
+
+<p>Eycken war nie verheiratet gewesen. Eine alte
+Haushälterin führte ihm die Wirtschaft. Man erzählte
+sich, daß er sehr reich sei. Seinem bescheidenen
+und anspruchslosen Wesen und der Einfachheit
+seiner Lebensführung merkte man das nicht an. Dagegen
+half er immer und mit vollen Händen aus,
+wenn die Bedürftigkeit sich hilfesuchend an ihn wandte.
+Zuwider war ihm nur der Formalismus des Beamtenwesens;
+die Führung der Kirchenlisten, die
+Instandhaltung seiner Bücher und Rechnungen, und
+was dergleichen noch mehr war, besorgte ihm der
+Kantor gegen eine Entschädigung; mit dem Konsistorium
+hatte er am liebsten gar nichts zu tun.
+Er war denn auch „oben“ nicht sonderlich gut angeschrieben.</p>
+
+<p>Die Wirtschafterin öffnete Hedda und gratulierte
+mit tiefem Knicks zum neuen Jahre.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>„Danke, Frau Stege,“ antwortete das junge
+Mädchen; „so Gott will, gehen Ihre guten Wünsche
+in Erfüllung. Ist der Herr Pastor da?“</p>
+
+<p>„Jawohl, gnädiges Fräulein, aber es ist Besuch
+bei ihm, &ndash; einer von den jungen Herren aus dem
+Auschlosse.“</p>
+
+<p>Also die Nibelungenrecken waren auch wieder da.
+Hedda bat, sie trotzdem anzumelden.</p>
+
+<p>Eycken hatte ihre Stimme schon gehört und erkannt.
+Er öffnete die Tür rechtsseitig des Flurgangs
+und rief: „Immer herein, Fräulein Hedda! Sie
+stören nicht! Doktor Schellheim ist bei mir und
+stöbert meine Bücher durch.“</p>
+
+<p>Hedda trat ein und brachte ihre Glückwünsche
+vor. Dann begrüßte sie Gunther mit freundlichem
+Handschlag. „Seit wann wieder hier, Herr Doktor?“
+fragte sie.</p>
+
+<p>„Erst seit vorgestern, Baronesse,“ erwiderte Gunther
+unter leichtem Erröten; „aber ich will den
+Winter über aushalten, vielleicht sogar bis in den
+Mai hinein&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Ah &ndash; Sie bleiben längere Zeit?“</p>
+
+<p>„Ja, gnädiges Fräulein. Ich habe eine Arbeit
+zu vollenden, die mich sehr in Anspruch nimmt, und
+zu der ich Ruhe und Stille brauche.“</p>
+
+<p>„Nibelungenforschung?“ fragte Hedda lächelnd.</p>
+
+<p>„Nein, diesmal nicht. Ich habe durch Zufall
+eine ganz interessante Entdeckung gemacht, die ich
+ausbeuten möchte&nbsp;...“</p>
+
+<p>Der Pastor nötigte zum Platznehmen. Hedda
+knüpfte ihr Pelzjackett auf. Es war warm im Zimmer.
+Das Gemach war geräumig, und alle vier Wände
+waren bis zur Decke hinauf mit Büchern gefüllt,
+auf einfache tannene Regale gereiht. Vor einem dieser
+Repositorien stand eine Leiter, und unten am Boden,
+am Fuße der Regale, lagen in unregelmäßigen Abständen
+weitere Bücher verschiedenen Formats aufgeschichtet.
+Die durfte die Wirtschafterin beim Reinigen
+des Zimmers nicht anrühren; der Pastor pflegte vor
+<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>Beginn einer Arbeit die dazu nötigen Nachschlagewerke
+auszuwählen und ließ sie am Boden liegen,
+bis er sie brauchte. Übrigens beherbergte das Gemach
+noch nicht die Gesamtbibliothek Eyckens; das
+eigentliche Studierzimmer lag nebenan und war
+gleichfalls mit Büchern gefüllt. Der Pastor besaß
+an zehntausend Bände.</p>
+
+<p>Hedda schlug erstaunt in die Hände.</p>
+
+<p>„Was studieren und schreiben Sie nur alles
+zusammen, Herr Pastor!“ sagte sie naiv. „Ihre
+Predigten können Sie doch unmöglich so stark in
+Anspruch nehmen!“</p>
+
+<p>„Nein, mein Kind,“ erwiderte Eycken, „das tun
+sie in der Tat nicht. Ich studiere zu meinem Vergnügen,
+wie andre Leute ins Theater gehen, Konzerte,
+Bälle und Soireen besuchen. Es ist eine Angewohnheit.“</p>
+
+<p>„Eine verständliche,“ fügte Gunther hinzu, und
+sein Auge flog über die Bücherreihen.</p>
+
+<p>Hedda interessierte das. „Weshalb lassen Sie
+aber Ihre Studien nicht veröffentlichen, Herr Pastor?“
+forschte sie weiter.</p>
+
+<p>Eycken zuckte mit den Schultern.</p>
+
+<p>„Ich bin ein merkwürdiger Mensch, liebe Hedda,“
+entgegnete er. „Für mich hat eine Arbeit, wenn sie
+fertig und abgeschlossen vor mir liegt, den Reiz des
+Interesses verloren. Oben auf dem Boden stehen
+ganze Kisten voll Manuskripte, die ich seit Jahren
+nicht mehr angeschaut habe. Sterbe ich einmal, so
+werden sie wahrscheinlich als Makulatur verkauft,
+eingestampft und zu neuem Papier verarbeitet werden,
+auf dem vielleicht ein Besserer unsterbliche Werke
+schreibt. Und das ist auch ein Trost.“</p>
+
+<p>Hedda schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich
+nicht,“ sagte sie. „Wenn ich etwas schaffe, von dem
+ich annehme, daß es nicht nur mich selbst, sondern
+auch einen Teil der Mitwelt interessiert, dann ist es
+doch in gewisser Weise egoistisch &ndash; Pardon, Herr
+Pastor&nbsp;&ndash;, es den andern vorzuenthalten.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>„Richtig, Hedda,“ erwiderte Eycken. „Es wäre
+egoistisch, wenn ich mir von meinen Studien für
+Mit- und Nachwelt etwas verspräche. Aber das
+tue ich nicht. Ich arbeite nur für mich; ich will
+auch in die Polemiken, mit denen die zünftigen Gelehrten
+sich gegenseitig überschütten, nicht hineingezogen
+werden.... Ich habe da vor langen &ndash; ach,
+vor langen Jahren“ &ndash; und ein wehmütiger Zug
+flog über sein schönes Greisenantlitz &ndash; „in Neapel
+einmal einen Komponisten kennen gelernt. Der Mann
+war reich, und wenn er eine Oper oder ein Orchesterstück
+vollendet hatte, so mietete er sich ein Theater
+oder einen Konzertsaal und ließ sich sein Werk allein
+aufführen. Nur er selbst, kein Zuhörer sonst durfte
+dabei sein. Und niemals befriedigte ihn eins seiner
+Werke völlig. Und dann packte er seine Partituren
+zusammen, beschwerte sie mit Steinen, ließ sich in
+schöner Mondnacht in den Golf hinausrudern und
+versenkte sie in das Meer.... Sehen Sie, das begreife
+ich. Ich bin auch nie zufrieden mit dem, was
+ich geschaffen habe, und wenn ich dann an einen
+Punkt komme, von dem aus ich nicht weiter kann,
+wo die Forschung aufhört und die Hypothese beginnt
+&ndash; da breche ich ab und lege das Manuskript
+zu den übrigen&nbsp;...“</p>
+
+<p>Man sprach noch hin und her über das Thema.
+Auch Gunther verfocht die Ansicht Heddas, daß die
+ernsthafte Forschung gewissermaßen die Pflicht habe,
+vor die Öffentlichkeit zu treten. Und dann sprach
+er von seiner interessanten Entdeckung, die ihn gegenwärtig
+ganz in Anspruch nahm. Er hatte auf der
+Königlichen Bibliothek in Berlin in einem handschriftlichen
+Faszikel von Abhandlungen Melanchthons
+aus dem Jahre 1560 eine Sammlung alter
+Anekdoten gefunden, die auch fünfzehn zum Teil noch
+unbekannte Faustgeschichten enthielten. Der Schreiber
+des Manuskripts war ein früherer Mönch gewesen,
+nannte seinen Namen und gab auch einzelne Daten
+aus seinem Leben, führte vor allen Dingen als Datum
+<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>der Niederschrift seines Handbuchs das Jahr 1565
+an. Damit war ein neuer Beweis dafür erbracht,
+daß man schon lange vor der Drucklegung des ersten
+Faustbuchs von 1587 Faustanekdoten zu sammeln
+pflegte. Aber auch auf die Entstehungsgeschichte der
+Faustsagen und auf das Historische der Persönlichkeit
+Fausts warfen diese Aufzeichnungen ein neues Licht,
+die geeignet schienen, eine kleine Revolution in der
+gelehrten Welt hervorzurufen.</p>
+
+<p>Gunther war bei seiner Erzählung in Eifer gekommen.
+Die Freude an dem Funde teilte sich seiner
+ganzen äußeren Wesenheit mit. Hedda sagte sich, daß
+er eigentlich ein hübscher Mensch sei. Er besaß ungemein
+lebhafte, braune Augen unter einer hohen
+und klugen Stirn und einen schön geformten Mund.
+Haar und Schnurrbart waren dunkelblond; auch die
+Figur war hübsch, schlank und elegant. Typisch Gelehrtenhaftes
+hatte er nichts an sich. Als er merkte,
+daß er fast allein mit Eycken sprach und Hedda nur
+Zuhörerin war, errötete er wieder &ndash; das passierte
+ihm häufig &ndash; und wandte sich mit einem Entschuldigungswort
+an das Fräulein zurück.</p>
+
+<p>„Ich langweile Sie, Baronesse,“ sagte er. „Mehr
+oder weniger sind wir Leute von der Feder allesamt
+Egoisten. Und da ich weiß, daß der Herr Pastor
+ein guter Melanchthonkenner und es erwiesen ist, daß
+Melanchthon den historischen Faust&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Er unterbrach sich und lachte.</p>
+
+<p>„Sehen Sie, nun komme ich wieder in das Vortragende
+hinein, und ich wollte doch von etwas anderm
+reden! Was sagen Sie dazu, daß Papa sich an der
+Quellengeschichte beteiligt hat? Im Mai soll die
+feierliche Weihe stattfinden.“</p>
+
+<p>Eycken war Feuer und Flamme für die Sache.
+Er war ein begeisterter Anhänger der Ferienkolonieen,
+für die er große Summen spendete, und trug sich
+mit der Absicht, aus eignen Mitteln ein Krankenhaus
+für bedürftige Kinder in Oberlemmingen zu errichten.
+Es war merkwürdig, daß gerade dieser Mann,
+<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>der unverheiratet durch das Leben gegangen, der
+Kinderwelt eine so heiße Liebe und eine so große
+Barmherzigkeit entgegentrug. Es war, als erschöpfe
+sich den Kleinen gegenüber die Güte seines einsamen
+Herzens.</p>
+
+<p>Er kannte die Bedenken des Freiherrn gegen
+eine praktische Ausbeutung der Quelle und versuchte
+Hedda zu beweisen, daß ihr Vater im Unrecht sei.
+Zumal dadurch, daß der Kommerzienrat das Geschäftliche
+der Angelegenheit in der Hand halte, sei
+Gewähr für eine solide Entwicklung des Unternehmens
+gegeben. Für die Möllers hatte er auch
+nicht viel übrig.</p>
+
+<p>Hedda und Gunther verabschiedeten sich gemeinsam.
+Als sie sich vor der Gartentür die Hand
+reichten, fragte der junge Mann:</p>
+
+<p>„Laufen Sie Schlittschuh, gnädiges Fräulein?“</p>
+
+<p>„Leidenschaftlich gern,“ antwortete Hedda, „und
+der Döbbernitzer See bietet auch eine prachtvolle
+Bahn. Aber allein ist es langweilig.“</p>
+
+<p>Gunther verneigte sich. „Es wird mir ein besonderes
+Vergnügen sein, Sie begleiten zu dürfen,“
+sagte er. „Darf ich Sie gegen drei Uhr abholen?
+Es ist heute so wunderbares Wetter.“</p>
+
+<p>Sie zögerte einen Augenblick und bejahte dann
+dankend. Zu Fuß ging er nach dem Auschlosse
+zurück, während Hedda noch nebenan den Kantor
+aufsuchte, dessen Frau seit einigen Tagen bettlägerig
+war.</p>
+
+<p>Beim Mittagessen sprach sie dem Vater gegenüber
+beiläufig von ihrer Verabredung mit Gunther.
+Der Alte schwieg anfänglich und begann dann zu
+räsonieren. Das sei unschicklich; man gebe sich
+nicht Rendezvous mit jungen Herren. Er verstehe
+Hedda nicht &ndash; sie wisse doch sonst, was Takt sei.</p>
+
+<p>Sie verteidigte sich lebhaft.</p>
+
+<p>„Ich weiß nicht, was du hast, Papa,“ antwortete
+sie. „Ich bin kein Backfisch mehr und fühle mich
+durch die Anwesenheit des Doktor Schellheim eher
+<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>geschützt als gefährdet. Allein Schlittschuh zu laufen,
+verbietest du mir auch. Ich kann doch nicht das
+Leben einer Nonne führen!“</p>
+
+<p>Der Freiherr brummte etwas halb Unverständliches
+vor sich hin. Es klang so, als sage er, er
+könne nun einmal die Schellheims nicht leiden.
+Hedda schwieg, aber sie war verstimmt und verärgert.
+Sie hatte zum ersten Male das Gefühl,
+als laste die Einsamkeit des Baronshofs wie ein
+Alp auf ihr.</p>
+
+<p>Gunther war pünktlich. Er kam im Schlitten,
+mit einem Schimmelgespann, das der Kommerzienrat
+erst vor kurzem gekauft hatte und dessen silberbeschlagenes
+Geschirr hell blitzte. Hellstern ließ sich
+nicht sehen, aber er hatte von seinem Arbeitszimmer
+aus die Auffahrt beobachten können. Und er hieb
+wütend mit der geballten Faust auf den Tisch.</p>
+
+<p>Hedda war beim Nahen des Schlittens auf die
+Veranda getreten. Gunther half ihr beim Einsteigen
+und hüllte sie mit diskreter Sorglichkeit in das weiße
+Bärenfell, das als Decke diente.</p>
+
+<p>Mit neidischer Miene schaute August dem eleganten
+Gefährt nach. Dann glitt ein zustimmendes
+Schmunzeln über sein Gesicht. Er hatte gehört, daß
+die Klingel im Zimmer des Freiherrn stark läutete,
+aber er beeilte sich nicht. Vorsichtig klopfte er den
+Schnee von seinen Stiefeln ab, ehe er in das Haus
+zurücktrat.</p>
+
+<p>„Hast du keine Ohren?!“ schrie der Freiherr
+ihn an.</p>
+
+<p>„Ich kann doch nicht hexen, Herr Baron! Erst
+mußte ich dem gnädigen Fräulein helfen!“</p>
+
+<p>„Feuer in den Ofen!“ kommandierte der Alte.
+„Soll ich vielleicht hier erfrieren?“</p>
+
+<p>August schaute auf das Thermometer, das am
+Pfeiler zwischen den Fenstern hing.</p>
+
+<p>„Sechzehn Grad,“ sagte er. „Der Herr Baron
+werden sich noch so verpimpeln, bis Sie nachher kein
+Lüftchen mehr vertragen können.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>„Halt ’s Maul und feure!“ schrie Hellstern grob.</p>
+
+<p>August wurde immer freundlicher; die Schnauzerei
+des Alten tat ihm sichtlich wohl. Er kniete vor dem
+Ofen nieder und begann langsam die eiserne Tür
+aufzudrehen. Sie quietschte und kreischte, daß Hellstern
+aufstöhnte.</p>
+
+<p>„Schmier doch die verdammte Tür einmal ein!“
+rief er.</p>
+
+<p>August nickte nur, steckte erst ein paar Kiensplitter
+in Brand und schob dann einige Scheite Holz hinterher.
+Schließlich blies er mit dicken Backen in das
+Ofenloch, um die Flamme wach zu halten.</p>
+
+<p>„Herr Baron,“ sagte er plötzlich in fragendem
+Tone.</p>
+
+<p>„Was ist los?!“</p>
+
+<p>„Haben Herr Baron den Schlitten gesehen?“</p>
+
+<p>„Ja &ndash; was sonst noch?!“</p>
+
+<p>„Ach &ndash; ich meinte man bloß &ndash; die gnädige
+Baronesse sahen so stattlich drin aus &ndash; und der
+Herr Doktor auch &ndash; ein hübsches Paar&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Jetzt fuhr Hellstern im Ausschnitt seines Tisches
+herum, zornrot und prustend vor Grimm. Seine
+Hand suchte nach irgend einem Gegenstande, um ihn
+August an den Kopf werfen zu können. Aber er
+fand keinen.</p>
+
+<p>„Raus!“ schrie er. „Mach, daß du rauskommst!
+Wie kannst du dich unterstehen, vom gnädigen Fräulein
+und dem &ndash; und dem da per ‚hübsches Paar‘
+zu sprechen?! Ich verbitte mir deine Vertraulichkeiten!
+Ich habe sie lange satt! Du kannst dich
+zum Teufel scheren! Am liebsten gleich! Pack deine
+Sachen zusammen &ndash; pascholl!“</p>
+
+<p>August blies noch ein paarmal in das Ofenloch
+und erhob sich dann ächzend. Sein Gesicht sah überaus
+freundlich aus.</p>
+
+<p>„Ich fang’ nu auch an, alt zu werden, Herr
+Baron,“ erzählte er, ohne die letzten Äußerungen
+seines Herrn irgendwie zu beachten. „Nämlich &ndash;
+wenn ich mir bücke, dann knackt’s mir in allen
+<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>Knochen. Und das Rheuma kommt auch wieder.
+Na &ndash; nu kriegen wir ja die Quelle&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Hellstern hob die geballten Hände hoch empor
+und schnaufte förmlich.</p>
+
+<p>„Hat jemand je ein solches Untier gesehen!“ rief
+er. „Die Quelle! Jetzt fängt der auch noch davon
+an! Ersäuf dich in ihr! Mir soll’s recht sein! Mach,
+was du willst! Aber geh nur ’raus! Ich kann
+dich nicht mehr sehen! Du bist mir greulich&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Ich geh’ schon,“ sagte August und nickte freundlich.
+Wenn der Herr ihm nicht monatlich wenigstens
+dreimal kündigte, fehlte ihm etwas. Es mußte alles
+seine Ordnung haben. Und dann ging er wirklich,
+zufrieden und glücklich, und Hellstern machte sich
+wieder, noch immer schimpfend, schnaufend und
+stöhnend, an seine Arbeit.</p>
+
+<p>Der Schlitten sauste über die Schneebahn. Mancher
+im Dorfe, der zufällig am Fenster stand, schaute ihm
+mit ähnlichem Lächeln wie August nach. Die Bauern
+waren leicht geneigt, Paare zusammenzubringen; man
+munkelte schon lange davon, daß das Fräulein vom
+Baronshof einen der beiden jungen Herren vom
+Auschlosse heiraten würde.</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde hinter der Chaussee begann
+der Wald. Das war etwas Köstliches. Ein Märchenwald
+&ndash; ein verzauberter Hain, der aus leuchtendem
+Silber geschaffen zu sein schien. Auf jedem Ast und
+jedem Zweige und jeder Tannennadel lag der Kristallreif
+des Winters. Es flimmerte und glitzerte
+überall. Dicht am Wege standen, die Einfassung
+bildend, in langer Reihe hochstämmige Birken. Ihre
+Kronen waren wie mit Eis inkrustiert; ein glänzender
+Panzer hüllte sie ein. Dahinter dehnte sich
+Tannenforst aus, und auf dem dicken Gezweige mit
+seinem schweren, schwarzgrünen Nadelwerk lag noch
+der Schnee. Und wenn ein leiser Wind kam, dann
+perlte der Schnee gleich tausendfachem Edelgestein
+zur Erde. Hie und da hingen noch Eistropfen am
+Geäst, feine, dünne und zierliche, die sich langsam
+<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>auflösten zu fallenden Tropfen, und schwere, armdicke,
+die wie aus Glas geformt erschienen. Selbst
+über die Moosschicht unter den Tannen spann sich
+ein gleißendes Spitzenwerk von Reif und Eis. Dazu
+heller Sonnenschein und blauender Himmel und eine
+köstliche Friedensstimmung: ein tiefes, heiliges Schweigen
+ringsum.</p>
+
+<p>Das Wiehern der Pferde und das Geläute der
+kleinen silbernen Glöckchen am Geschirr schienen einzig
+und allein diese Stille zu stören. Aber auch in dem
+lustig tönenden Klingklang lag etwas Harmonisches;
+es war die Musik zu dem Waldmärchen. Die Schneedecken
+auf den Rücken der Pferde blähten beim eiligen
+Laufe sich auf wie Segel im Winde. Eine helle
+Dunstwolke umgab die Gäule, und der heiße Brodem,
+der ihren Nüstern entströmte, jagte vor ihnen her.</p>
+
+<p>Die beiden im Schlitten sprachen wenig. Das
+gleiche Gefühl der Naturbewunderung hieß sie schweigen,
+bei beiden kam auch noch das instinktive Empfinden
+dazu, durch den Kutscher gestört zu sein. Der
+brave Mann ahnte das freilich nicht. Er saß in
+der ganzen gemächlichen Fülle seiner Persönlichkeit
+hinten auf der Pritsche, bis obenhin in seinen langen,
+hellgrauen Paletot geknöpft, einen mächtigen Pelzkragen
+um den Hals. Das Gesicht war völlig
+regungslos; er war gut gezogen.</p>
+
+<p>Und seltsam genug &ndash; während dieser Fahrt
+durch den Wald stieg in Hedda mehrfach die Frage
+auf: war es vielleicht doch nicht in der Ordnung gewesen,
+daß sie der Aufforderung ihres gefälligen
+Nachbars nachgekommen war? An übertriebener
+Prüderie litt sie ebensowenig wie an zopfigem Konventionalismus.
+Sie hätte nichts dabei gefunden,
+mit Gunther allein meilenweit spazieren zu gehen.
+Und nun saß, eine merkwürdige <em class="antiqua">dame d’honneur</em>,
+zur Schutzwehr auch noch der Kutscher hinter ihnen.
+Und gerade das genierte sie so, daß sie gar nicht
+recht wußte, was sie sprechen und welchen Ton sie
+anschlagen sollte. Sie fand selbst, daß das lächerlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>war, und fügte in Gedanken hinzu: aber es ist
+dennoch so.</p>
+
+<p>„Der See,“ sagte Gunther und wies nach rechts
+hinüber. Durch eine Lichtung, durch die in breitem
+Strome der Sonnenschein wie eine Goldflut floß,
+sah man eine Ecke des Sees, ein großes Stück
+blendendes Weiß.</p>
+
+<p>„O weh,“ gab Hedda zurück, „wir haben an den
+Schnee nicht gedacht! Werden wir da überhaupt
+laufen können?“</p>
+
+<p>Er nickte und lächelte dabei. „Die Bucht an
+der Försterei ist gefegt worden,“ entgegnete er. „Ich
+habe über Mittag zwölf Mann hingeschickt. Es war
+nicht leicht, heute am Neujahrstage die Leute aufzutreiben.“</p>
+
+<p>Hedda rümpfte unwillkürlich ein klein wenig die
+Nase. Das gefiel ihr nun wieder nicht. Es klang
+so, als hätte er sagen wollen: mit Geld kann man
+alles machen. Und dann ärgerte sie sich wieder
+über sich selbst; es war klar, daß sich Doktor Schellheim
+bei dieser Bemerkung gar nichts gedacht hatte.</p>
+
+<p>Nun senkte sich der Weg und beschrieb einen
+kurzen Bogen nach links. In der Schlucht lag der
+Schnee noch zu dichten Haufen. Der Sturm hatte
+mit mächtigem Odem hineingeblasen, ihn hier fußhoch
+geschichtet und dort wieder die braune Erde
+reingefegt.</p>
+
+<p>Dann lichtete sich der Forst. Drüben lag, inmitten
+überschwemmter Wiesen, die Försterei, und
+in lang geschwungener Kurve dehnte der See sich
+aus. In der Ferne sah man die niedrigen Häuserreihen
+von Döbbernitz, und auf der Höhe dahinter
+das Schloß, ein burgartiges altes Gebäude, das noch
+aus der Zeit der Templer stammte und in dem jetzt
+der Baron Zernin mutterseelenallein hauste, immer
+auf der Hut vor seinen Gläubigern und den Gerichtsvollziehern,
+die ihm bös zusetzten.</p>
+
+<p>Der Schlitten hielt. Gunther gab dem Kutscher
+den Befehl, langsam im Walde umherzufahren und
+<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>sich nach einer Stunde wieder einzufinden. Dann
+wandte er sich an Hedda. „Darf ich Ihnen helfen?“
+fragte er und deutete auf die Schlittschuhe, die sie
+am Arm trug.</p>
+
+<p>Sie dankte und begann sich selbst die Schlittschuhe
+anzuschnallen. Gunther hatte die Pelzdecke aus dem
+Wagen genommen und sie über einen Baumstumpf
+am Seeufer gebreitet. Hedda setzte sich, aber sie
+war ungeschickt.</p>
+
+<p>„Ich werde doch helfen müssen!“ rief Gunther
+lachend. Und schon kniete er vor ihr; die Arbeit
+war schnell gemacht.</p>
+
+<p>Ein eigentümliches Empfinden überschlich Hedda.
+Sie sah zum ersten Male einen Mann zu ihren
+Füßen. Es war ein gewisser pikanter Reiz, der sie
+durchströmte, aber dabei schalt sie sich töricht, wie
+vorhin, als die Gegenwart des Kutschers sie genierte.</p>
+
+<p>Beide flogen über das Eis. Sie waren gewandte
+Läufer. Unter dem Stahl ihrer Sohlen klang die
+glitzernde Fläche leise metallisch; es war wie ein
+fernes Singen. Das Eis war in weitem Umkreise
+blitzblank gefegt; es lief sich prächtig.</p>
+
+<p>Gunther hatte Hedda den Arm geboten, doch sie
+schlug vor, sich zunächst einmal allein „auszutoben“.
+Es war ein entzückendes Bild, wie sie über den
+hellen Spiegel sauste, in dem die Sonnenstrahlen
+sich leuchtend brachen. Gunther, der sie in weit ausholenden
+Kurven umkreiste, wurde nicht müde, sie
+anzuschauen. Sie hatte die Arme über der Brust
+verschränkt und den Kopf ein wenig zurückgeworfen.
+Auf dem dunkelblonden Haar saß die Pelzkappe;
+das Antlitz war lebhaft gerötet von der kalten Luft,
+und die Augen blitzten im Wonnegefühl der eignen
+Kraft.</p>
+
+<p>Ringsum lagen die Waldhänge unter weißer
+Schneedecke. Ein Schwarm Krähen strich durch die
+Luft. Vom stählernen Blau des Himmels hob sich
+ihr Gefieder haarscharf ab. Der See buchtete sich
+nach Döbbernitz zu in schlankem Bogen ein. Man
+<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>konnte nicht sehen, wo er endete; er verlor sich
+zwischen den Bergen, die im Westen höher wurden.
+Eine weiße Wolkenschicht hatte sich hier gebildet,
+dicht über dem Horizont, und so sah es aus, als
+steige der kleine märkische Höhenrücken in weiter
+Ferne zu ragenden Gletschern empor.</p>
+
+<p>„Aufgepaßt!“ rief Hedda plötzlich. Aber es war
+zu spät. Die Bogen der beiden Läufer kreuzten
+sich; Hedda und Gunther sausten sich in die Arme.
+Beide stürzten. Gunther war außer sich; er bat
+„tausendmal“ um Entschuldigung und wollte Hedda
+aufhelfen. Dabei fiel er zum zweiten Male hin. Nun
+lachte Hedda fröhlich auf. Sie stand schon wieder
+auf ihren Füßen und reichte Gunther die Hände.</p>
+
+<p>„Halten Sie fest!“ rief sie, &ndash; „so!“ &ndash; und
+nun stand auch er.</p>
+
+<p>„Wie war das gekommen?“ fragte er verlegen,
+und sie lachte abermals.</p>
+
+<p>„Mein Gott, wie soll es gekommen sein?“ gab
+sie harmlos zurück. „Ich taxiere, wir waren beide
+schuld. Aber was schadet es? &ndash; Haben Sie sich
+verletzt?“</p>
+
+<p>Er fühlte einen leichten Schmerz am Knöchel;
+eine Sehne mochte sich gezerrt haben.</p>
+
+<p>„Nur unbedeutend,“ antwortete er; „es wird
+sich geben, wenn ich erst wieder in Bewegung bin.“</p>
+
+<p>Nun bat sie ihn, ihren Arm zu nehmen. So
+flogen sie von neuem über das Eis.</p>
+
+<p>„Geht es besser?“ fragte Hedda.</p>
+
+<p>„Ja &ndash; danke; ich fühle mich sogar außerordentlich
+wohl.“</p>
+
+<p>Das Rot ihrer Wangen verdunkelte sich.</p>
+
+<p>„Treiben Sie viel Sport?“ fuhr sie fragend fort,
+mit Absicht das Thema wechselnd. „Man findet das
+sonst nicht häufig bei Gelehrten &ndash; die Herren pflegen
+nur ungern ihren Arbeitstisch zu verlassen.“</p>
+
+<p>„Das ist bei mir allerdings auch der Fall,“ entgegnete
+er; „aber ich begann vor zwei Jahren, wie
+ich glaube, infolge von Überarbeitung, zu kränkeln,
+<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>und da raffte ich mich denn mit einem energischen
+Entschlusse zu einer zweckmäßigeren Tageseinteilung
+auf. Das wurde mir anfänglich schwer; sportliche
+Neigungen sind im Grunde genommen eine aristokratische
+Domäne; sie liegen im Blut. Aber heute möchte
+ich sie nicht mehr entbehren; ich behaupte, daß sie
+auch den Geist reger und frischer erhalten.“</p>
+
+<p>„Reiten Sie auch?“</p>
+
+<p>„Ja &ndash; aber speziell zum Reiten komme ich
+weniger. Sie sind natürlich eine begeisterte Amazone,
+Baronesse?“</p>
+
+<p>„Ich kann es nicht leugnen. Es ist mir schwer
+geworden, mein Reitpferd aufgeben zu müssen. Aber
+ich habe mich über so viel getröstet, daß mir auch
+das keinen Kummer mehr macht.“</p>
+
+<p>Sie kreisten in schwingenden Kurven nach dem
+Ufer zurück.</p>
+
+<p>„Ich denke mir,“ begann Gunther von neuem,
+„daß es Ihnen zuweilen recht einsam auf dem
+Baronshof werden muß. Die Umgegend bietet
+meines Wissens nicht allzuviel Verkehr.“</p>
+
+<p>„Nein, sehr wenig. Papa ist das recht, &ndash; er
+ist ein Fanatiker der Einsamkeit. Und ich muß
+sagen, daß ich das Wohlempfinden des Alleinseins
+verstehe. Ich habe auch genug im Hause zu tun
+und kann über Langeweile nicht klagen. Aber zuweilen
+sehne ich mich doch stark in die Welt hinaus,
+vor allem nach neuen Anregungen; mir ist dann
+und wann, als verengere sich mein Gesichtskreis mehr
+und mehr. Möglicherweise reise ich im Februar
+oder März auf ein paar Wochen nach Berlin; ich
+freu’ mich darauf.“</p>
+
+<p>„Haben Sie Verwandte in Berlin?“</p>
+
+<p>„Eine Tante, die mich alljährlich einladet, und
+der ich bisher alljährlich abgeschrieben habe. Ich
+habe immer Sorge, den Papa allein zu lassen. Aber
+nun kommt auch noch ein Vetter von mir nach der
+Hauptstadt.“</p>
+
+<p>Das interessierte Gunther besonders. Er horchte
+<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>auf, als Hedda von Herrn Axel auf Jarlsberg zu
+erzählen begann; sie sei neugierig, ihn kennen zu
+lernen &ndash; er habe schon früher einmal dem Papa
+sein Bild geschickt: ein schmales, vornehmes Gesicht
+mit einer kleinen Hiebnarbe auf der rechten Wange.</p>
+
+<p>Gunther biß die Zähne zusammen. Da sie von
+dem Vetter sprach, tat ihm das Herz weh. Warum,
+warum? fragte er sich &ndash; sie kennt den Herrn Axel
+ja noch gar nicht! Wie lieb mußte er das Mädchen
+gewonnen haben, daß ihn schon die Erwähnung
+eines gleichgültigen andern mit Eifersucht erfüllte!</p>
+
+<p>Aber nein, sagte er sich, dieser Vetter ist kein
+„gleichgültiger andrer“. Ganz gewiß nicht! Er ist
+reich und gehört mit zur Sippe &ndash; das fällt beides
+in die Wagschale.... Es war wie ein Angstgefühl,
+das dem jungen Manne plötzlich die Kehle zuschnürte.
+Man hatte auch ihn schon mit Heiratsplänen bestürmt.
+Wie es hie und da in Kaufmannskreisen Sitte zu
+sein pflegt, war er auf dies und jenes Mädchen
+aufmerksam gemacht worden, „gute Partieen“ und
+meist hübsche und wohlerzogene Fräulein, bereit,
+ohne nachzudenken dem die Hand zu reichen, den
+die Eltern erwählt hatten. Aber er dankte für eine
+„gute Partie“ in kaufmännischem Sinne; er hatte
+das nicht nötig. Es war sein Traum, einmal in
+eine wirklich vornehme Familie hineinzuheiraten.
+Das war seltsam genug bei einer so ruhigen, verhältnismäßig
+abgeklärten Verstandesnatur wie Gunther,
+bei einem Manne, der sich gut bürgerlich
+fühlte und im Adel durchaus keine Menschenklasse
+sah, die höher stand als jene, der er zugehörte. Und
+doch kam er nicht über diesen Gedanken hinaus; es
+war eine Idee, an der er mit gleicher Zähigkeit
+festhielt wie seinerzeit an dem Plane, studieren zu
+wollen. Denn auch der hatte schwere Kämpfe gekostet;
+der Vater wollte, daß er die Fabrik in
+Manchester übernehme, deren Betrieb dringend einer
+Vergrößerung bedurfte, und war unglücklich darüber
+gewesen, daß Gunther sich einen so völlig aus der
+<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>Sphäre fallenden Beruf erwählte. Und vielleicht
+war es gerade das Bedürfnis, aus dieser Sphäre
+herauszukommen, das ihn an dem Gedanken einer
+„vornehmen“ Partie festhalten ließ. Er war viel
+zu klug und zu rechtschaffen vor sich selbst, um nicht
+die Tüchtigkeit und alle die andern guten Eigenschaften
+der Kreise seiner Eltern billig anzuerkennen.
+Aber es war immer dasselbe; die Interessengemeinschaft
+verdichtete sich gewissermaßen zu bleierner
+Langeweile; sie wurde zu Fesseln, unter denen man
+sich nicht zu regen vermochte.</p>
+
+<p>So wenigstens erschienen Gunther die Verhältnisse.
+Er hielt sich deshalb auch gesellschaftlich ziemlich
+zurück &ndash; schon um den immer wiederkehrenden
+Fragen, wann er sich zu verheiraten gedenke, zu
+entgehen. Und dann lernte er Hedda kennen. Er
+sträubte sich zunächst gegen das Gefühl seines Herzens,
+obwohl er sich beim ersten Begegnen zugestanden
+hatte: das wäre eine Frau, wie du sie dir wünschest.
+Aber die Liebe erwachte stärker und wurde größer
+in der Zeit, da er Hedda nicht sah. Er überlegte,
+ob er eine Werbung wagen dürfe. Und weshalb
+nicht? sagte er sich. Über kleinlichen Adelsstolz ist
+man in unsern Tagen hinaus; ich habe eine gute
+Karriere vor mir, bin wohlhabend und jedenfalls
+kein Monstrum von Häßlichkeit.... Doch da er
+Hedda abermals gegenübertrat, verlor er den Mut.
+Vielleicht lag es nur an ihrer äußeren Erscheinung,
+daß sie einen so unnahbar stolzen Eindruck machte ...</p>
+
+<p>Während er weiter an ihrer Seite über die Eisfläche
+glitt und zerstreut mit ihr über hunderterlei
+plauderte, überlegte er nochmals und ernsthaft. Der
+nahende Vetter hatte ihn erschreckt. Es war das
+beste, ihm zuvorzukommen. Aber &ndash; nun kam die
+Verlegenheit. Was war richtiger: ein Fußfall, ein
+rasches Geständnis, so eine Art Überrumpelung &ndash;
+oder eine ruhige Aussprache der Väter. Das letztere
+war in Kaufmannskreisen üblich; da hatten gemeinhin
+die Väter das entscheidende Wort zu sprechen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>Und auch hier, in seinem Falle, erschien es Gunther
+als das würdigste. Er konnte unmöglich in Schnee
+und Eis vor ihr niederknieen und ihr in der Kälte
+des Tages von der Glut seines Herzens sprechen.
+Das dünkte ihm lächerlich. Die Situation eignete
+sich nicht zu intimen Geständnissen &ndash; nein, ganz
+gewiß nicht. Ja, wenn es Sommer gewesen wäre
+und er allein mit ihr im Walde, bei Sonnenuntergang
+und Vogelsang &ndash; da hätte sich leichter der
+rechte Augenblick gefunden. Aber nicht jetzt; auch
+abseits von sentimentaler Romantik gibt es Momente,
+in denen die Poesie ihr unbedingtes Recht fordert ...</p>
+
+<p>An all dies dachte Gunther mit der Peinlichkeit
+eines gewissenhaften Gelehrten. Er war sogar stolz
+darauf, daß er sein Herz zu zügeln und abzuwarten
+verstand. Er zwang sich, korrekt zu sein. Noch
+eins hielt ihn davon ab, sich auf der Stelle auszusprechen.
+Er begann plötzlich heftig zu niesen. Er
+mußte sich erkältet haben; er nieste ein dutzendmal
+hintereinander, und nach einem kleinen Weilchen
+begann er von neuem; ein Riesenschnupfen war da.
+Wäre es nicht schrecklich gewesen, wenn dieser
+dämonische Niesreiz ihn mitten in seinem Geständnis
+überfallen hätte? &ndash; Gunther legte sich diese Frage
+allen Ernstes vor; der Gedanke, komisch zu wirken,
+war entsetzlich für ihn.</p>
+
+<p>„Prosit!“ sagte Hedda nach dem letzten Dutzend
+Nieser; „ich habe noch immer die bäuerliche Angewohnheit,
+Gesundheit zu wünschen, und Papa freut
+sich jedesmal darüber. Er niest oft und gern; er
+behauptet, das befreie ihm den Kopf. Prosit, Herr
+Doktor! Sie haben sich einen hübschen Schnupfen
+geholt.“</p>
+
+<p>Gunther antwortete zunächst durch eine kleine
+Salve von Niesern. Dann atmete er tief auf.</p>
+
+<p>„Es ist gräßlich,“ antwortete er. Und wirklich,
+es war ihm gräßlich, dieses plebejische und prosaische
+Niesen, wo es in seinem Herzen frühlingswarm war.</p>
+
+<p>Hedda riet, nach Hause zu fahren. Doch noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>war der Schlitten nicht wieder zurück. Der Himmel
+verdunkelte sich langsam. Die stählerne Bläue ging
+allgemach in ein sanftes Schwarz über. Nur im
+Westen war es noch hell. Da hatte die Sonne
+einen Purpurmantel über den Horizont gehängt,
+der mit goldenen Flocken verbrämt war. Er reichte
+bis an die weißgraue Wolkenschicht, deren unterer
+Teil völlig durchleuchtet war und den Flammenkragen
+dieses königlichen Mantels zu bilden schien.</p>
+
+<p>Es war ein herrlicher Anblick. Gunther machte
+Hedda darauf aufmerksam, und beide blieben, noch
+immer Arm in Arm, auf dem Eise stehen und
+schauten in den Sonnenuntergang hinein. Ganz
+allgemach veränderte sich das Bild. Der Wolkenrand
+zerfloß, als löse die glühende Lohe ihn auf.
+Nun schoß das Goldlicht in langen Feuergarben in
+das Wolkengrau hinein und spaltete es. Es strömte
+in hundert verschiedenen Farbentönen über den ganzen
+westlichen Himmel und verlor sich nach dem Zenit
+zu in einem zarten, langsam erlöschenden Violett ...</p>
+
+<p>Gunther wurde es weich um das Herz. Der
+Dualismus in seiner Seele drängte sich wieder vor:
+über den nüchternen Forscher gewann zuweilen der
+leicht schwärmende Poet die Überhand. Jetzt hätte
+er sprechen können.</p>
+
+<p>„Wie schön,“ sagte er halblaut. „Ist es nicht
+wahr, daß die Natur zuweilen ganz neue, uns selbst
+unbekannte Harmonieen in uns erklingen läßt? Daß
+sie uns neues Empfinden lehrt und ein eigentümliches
+rhythmisches Denken?“</p>
+
+<p>Hedda nickte. Sie wollte bejahend antworten,
+denn es dünkte sie richtig, was Gunther sagte: auch
+ihr schien es bisweilen in der Versunkenheit eines
+schönen Naturspiels, als formten sich ihre Gedanken
+unbewußt zu gebundenem Ausdruck, und als spüre
+sie etwas Ungeahntes in den Tiefen der Seele.
+Aber da wollte die Bosheit des Schicksals, daß der
+arme, verschnupfte Gunther abermals niesen mußte,
+und zwar gewaltig, den ganzen Menschen erschütternd,
+<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>vier-, fünfmal und tränenden Auges. Und
+diese Explosion verlegte die Gedankenreihen Heddas;
+sie entgegnete an Stelle des Gewollten mit energischer
+Stimme:</p>
+
+<p>„Lieber Doktor Schellheim, &ndash; ich denke augenblicklich
+gar nichts weiter, als daß Sie schleunigst
+nach Hause fahren und einen heißen Tee trinken
+müssen. Da kommt der Schlitten! Machen wir
+kehrt!“</p>
+
+<p>Entgeistert und mit betrübtem Gesicht gehorchte
+Gunther. Heimlich verfluchte er seinen Schnupfen;
+er war ein Unglücksmensch.</p>
+
+<p>Unter fröhlichem Läuten ging es durch den Wald
+zurück. Der schaute jetzt anders aus als bei der
+Herfahrt im Sonnenschein. Die tiefer fallende
+Dämmerung ließ den Schnee einförmig und grau
+erscheinen. In der Wiesentrift rechter Hand brodelten
+die Nebel auf und zogen wie zerrissene Schleier
+zwischen den Stämmen hindurch. Und obwohl am
+Himmel sich nur ein kleiner Schwarm heller Wölkchen
+gesammelt hatte, perlte doch ein zarter Schnee
+durch die Luft und näßte die Gesichter der beiden.</p>
+
+<p>Gunther ließ erst auf den Baronshof fahren
+und setzte Hedda ab. Sie rief ihm ein freundliches:
+„Schön’ Dank und gute Besserung!“ zu und stieg
+die Treppe zur Veranda hinauf. Dann klingelte
+das Gespann weiter. Gunther nieste und ärgerte
+sich; er war aus der Stimmung gekommen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>er zweite Tag im neuen Jahre war ein Sonntag.
+Seit der Frühe hatte es stark geschneit. Auf
+dem Anger lag das weiße, flockige Naß fußtief.
+Trotz des Feiertags war die halbe Gemeinde am
+Platze, Schnee zu schippen, damit wenigstens der
+Weg zur Kirche frei war. Es ging lebhaft und
+<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>heiter zu bei der Arbeit. Die Schnapsflasche des
+alten Maracke kreiste in der Runde, und dann
+mußte Anton Tengler nach dem Kruge springen,
+sie neu füllen zu lassen.</p>
+
+<p>Mitten in der Arbeit hielt man plötzlich inne
+und blickte auf. Albert Möller schritt über den
+Dorfplatz, in hohen Wasserstiefeln und Pelz, und
+neben ihm ein Fremder, ein großer Herr mit einem
+Zwicker auf der Nase und in langem Kaisermantel.
+„Schlippermilch“ wollte wissen, daß das ein Baumeister
+aus Frankfurt sei, der Kompagnon Alberts.
+Man zerbrach sich den Kopf, was der Fremde wolle.
+Seine scharfen grauen Augen spähten unter den
+goldumränderten Gläsern rastlos umher. Von Zeit
+zu Zeit blieben die beiden stehen und sprachen halblaut
+miteinander, lebendig gestikulierend, hierhin
+und dahin weisend. Und dann schritten sie an den
+arbeitenden Büdnern vorüber; der Baumeister grüßte
+tief und höflich, Albert nickte nur.</p>
+
+<p>Sicher handle es sich wieder um die Quelle,
+meinte der junge Raupach, und alle stimmten zu.
+Noch im Herbst war die Quelle „gefaßt“ worden,
+ohne sonderliche Feierlichkeit; Albert hatte dies mit
+einigen Leuten allein besorgt. Aber man sprach
+davon, daß zu der Einweihung im Mai auch der
+Regierungspräsident kommen wolle, für die meisten
+Bauern eine mystische Persönlichkeit, vor der sie
+großen Respekt hatten. Und dann hatte das Dorf
+den ganzen Winter hindurch eine Unzahl fremder
+Leute gesehen. Eines Tages waren drei Ärzte erschienen,
+die ihre Nase überall hinstecken mußten,
+und später wieder ein jüdisch aussehender Herr, der
+mit dem Kommerzienrat durch Oberlemmingen fuhr,
+und schließlich eine ganze Kommission, die unter
+Anführung von Albert im Buchenhain auf der
+Grauen Lehne allerhand Abmessungen vornahm,
+Pfähle einschlagen und Wegstreifen durch Pflöcke bezeichnen
+ließ.</p>
+
+<p>An den Sonntagabenden, wenn das Schankzimmer
+<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>im Kruge sich zu füllen begann, wurde fast
+nur von der Quelle gesprochen. Eine brennende
+Neugier erfüllte alle, zu wissen, was denn nun
+eigentlich werden würde. Aber die Möllers waren
+zurückhaltend; sie sprachen nur in Andeutungen, und
+höchstens sagte Fritz dann und wann, man solle nur
+abwarten, Oberlemmingen würde reich werden, oder,
+das mit der Quelle sei eine große Sache, und was
+der schmunzelnd hingeworfenen Bemerkungen mehr
+waren. Mit dem Reichwerden waren die Bauern
+sehr einverstanden; geldgierig waren sie alle. Doch
+<em class="gesperrt">wie</em> ihnen die Quelle zu diesem Reichtum verhelfen
+sollte, darüber zerbrachen sie sich die Köpfe.</p>
+
+<p>Eines Tages versammelten sie sich vergeblich
+vor dem Kruge; sie wurden nicht eingelassen. Fritz
+trat lachend vor die Tür und erklärte ihnen, die
+Wirtschaft sei für ein paar Tage geschlossen, er wolle
+das Haus renovieren lassen. Das erregte einen
+förmlichen Aufstand im Dorfe. Aus den „paar Tagen“
+wurden ein paar Wochen. Die Bauern hatten
+keine Kneipe mehr. Da die Möllers sie aber nicht
+gänzlich als Kunden verlieren wollten, so wurde
+ein leerstehender alter Stall als Schankstube eingerichtet.
+Und wenn die Bauern fragten: „Sind
+die Handwerker denn immer noch im Hause?“ so nickte
+Fritz und erwiderte, es sei gar zu viel zu tun. Tatsächlich
+war aber bald nach Weihnachten schon wieder
+alles in Ordnung; Fritz wollte nur nicht, daß
+die Bauern ihm die neutapezierte, gedielte und gebohnerte
+Schankstube wieder verschmutzten &ndash; der
+Stall war für sie ebenso gut. Da konnten sie
+spucken, wohin sie wollten, und wenn einer einmal
+ein Glas Bier umwarf, so kam es auch nicht darauf
+an. &ndash;</p>
+
+<p>Auf dem Auschlosse kam es an diesem Sonntag
+schon beim Morgenfrühstück zu einer erregten Szene.</p>
+
+<p>Gunther erschien etwas blaß und übernächtig in
+der Halle, setzte sich mit kurzem Gruße zu den Eltern
+an den Tisch und schickte den Diener hinaus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>„Entschuldigt,“ sagte er, „aber ich möchte ein
+paar Worte allein mit euch sprechen!“</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat zog die nach dem Gebäck
+ausgestreckte Hand wieder zurück, und auch die Rätin
+schaute erstaunt auf.</p>
+
+<p>„Ja,“ meinte Schellheim, „was gibt’s denn?
+Hoffentlich nichts Fatales!“</p>
+
+<p>„Nein, Papa,“ erwiderte Gunther, „ich will nur
+euern Rat hören. Es handelt sich um eine Lebensfrage
+für mich, um meine Zukunft&nbsp;...“</p>
+
+<p>Das Mutterauge sieht immer scharf. Die Rätin
+reckte den schmächtigen Oberkörper, und mit forschendem
+und sorgendem Ausdruck ruhte ihr Blick auf
+dem Sprechenden.</p>
+
+<p>„Eine Ehrensache?“ fragte Schellheim ängstlich.</p>
+
+<p>„Ich glaube eher &ndash; eine Herzenssache,“ fügte
+seine Frau hinzu.</p>
+
+<p>Gunther nickte. „Ja, Mutter, so ist’s. Ich &ndash;
+ich habe noch nie an das Heiraten gedacht, ihr
+wißt’s ja selbst, und gelacht, wenn mir der und
+jener mit Plänen und Anerbietungen kam. Ich
+hasse den Eheschacher. Ich möchte frei wählen
+können&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Mach’s kurz,“ fiel der Vater ein; „wer ist’s?“</p>
+
+<p>„Fräulein von Hellstern, Papa.“</p>
+
+<p>Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen am
+Tische, dann sprang der Rat erregt empor und warf
+seine Serviette auf den Stuhl.</p>
+
+<p>„Daß du einmal irgend eine Verrücktheit begehen
+würdest, wußte ich ja,“ sagte er hart. „Praktischen
+Erwägungen bist du niemals zugänglich gewesen.
+Aber sich nun gerade&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Er brach ab. „Bist du mit der Dame schon
+einig?“ fragte er, vor Gunther stehen bleibend.</p>
+
+<p>„Nein, das nicht, Papa, aber ich habe die Hoffnung,
+daß Fräulein Hedda meine Werbung annehmen
+wird &ndash; sonst würde ich es nicht wagen.
+Indessen &ndash; ich wollte zunächst einmal mit euch
+sprechen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>„Da hast du sehr recht getan. Und wenn du
+meinen Rat hören willst, Gunther, so schlag dir die
+Sache aus dem Kopf. Das ist nichts für dich &ndash;
+und erst recht nichts für uns. Das&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Er wühlte mit den Händen in seinem Haar und
+lief erregt in der Halle auf und ab.</p>
+
+<p>Nun nahm auch die Rätin das Wort.</p>
+
+<p>„Ich habe nur wenig zu sagen,“ bemerkte sie
+mit ihrer weichen, zart klingenden Stimme. „Wenn
+Gunther das Mädchen liebt, soll er’s versuchen.
+Ich müßte lügen, wollte ich nicht offen gestehen, daß
+mir Fräulein von Hellstern sehr sympathisch ist.“</p>
+
+<p>„Sympathisch!“ schrie der Rat. „Was das nun
+wieder heißen soll?! Bei einer solchen Frage ist
+doch wahrhaftig <em class="gesperrt">mehr</em> zu überlegen! Ich bitte dich,
+liebe Frau, sieh ein, daß es sich in gewissem Sinne
+auch um <em class="gesperrt">uns</em> handelt. Jawohl, um <em class="gesperrt">uns</em>! Würde
+es dir lieb sein, wenn dich deine Frau Schwiegertochter
+über die Achsel ansieht? Wenn sie eine
+meilenweite Kluft zwischen Mutter und Sohn legt?“
+Und Schellheim breitete beide Arme aus, als wolle
+er das Unermeßliche dieser Kluft andeuten.</p>
+
+<p>Gunther widersprach ernsthaft. Davon könne
+gar keine Rede sein. Wenn Hedda Mitglied der
+Familie geworden wäre, so würden ihr gütiges
+Herz und ihr feiner Takt schon den rechten Ton des
+Verkehrs mit den Eltern finden.</p>
+
+<p>„Ich bitte dich, Papa, laß solche Bemerkungen,“
+schloß er und erhob sich gleichfalls. Eine schwere
+Falte zeigte sich auf seiner Stirn.</p>
+
+<p>„Ah was,“ entgegnete der Rat unwirsch, „du
+wirst mir schon erlauben müssen, das auszusprechen,
+was ich denke! Sei vernünftig, Gunther! Ich glaube
+gleich dir, daß die Hellsterns deine Werbung nicht
+zurückweisen würden. Sie sind arm, und der Baronesse
+fehlt jede Gelegenheit zu einer passenden Partie.
+Ich habe ja auch wirklich nichts gegen die Leute!
+Es ist nichts weiter gegen sie zu sagen, als daß sie
+adelsstolz und unbemittelt sind. Beides sind keine
+<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>Vorwürfe. Ihr Name ist gut, glänzend, geachtet;
+sie haben ein Recht, darauf stolz zu sein. Für ihre
+Armut aber können sie nichts. Und dennoch muß
+dies beides bei der geplanten Verbindung mit in
+Betracht gezogen werden. Bitte &ndash; ich rede noch &ndash;
+ich will aussprechen! In Betracht gezogen werden,
+sagte ich. Zunächst die Geldfrage. Du wirst einmal
+reich &ndash; dem Anschein nach ist diese Frage also
+minderwertiger Natur. Aber doch nur dem Anschein
+nach. Denke an die Zukunft! Ihr könnt eine ganze
+Herde Kinder kriegen, und wie zersplittert sich da
+das Vermögen! Fräulein Hedda bringt ja nichts mit!
+Den Baronshof &ndash; na, was ist denn der wert?!“</p>
+
+<p>„Papa, ich bitte dich&nbsp;&ndash;“ und Gunther hielt es
+für gut, den Zukunftsperspektiven des Rats gegenüber
+ein heiteres Gesicht zu machen. Aber Schellheim
+war noch nicht zu Ende; er winkte abwehrend
+mit der Hand.</p>
+
+<p>„Weiter,“ sagte er, „die zweite Frage. Zugestanden,
+daß Fräulein Hedda das Herz auf dem
+rechten Fleck hat. Da ist aber noch der Alte. Vor
+dem graul’ ich mich geradezu. Er wird <em class="gesperrt">auch</em> nicht
+nein sagen, wenn ich für dich anhalte &ndash; i, wo wird
+er denn&nbsp;&ndash;, aber ich fürchte, wir werden nicht gut
+zueinander passen. Ich habe das jetzt schon gemerkt.
+Er hat etwas gegen uns Kaufleute &ndash; weniger
+gegen das Bürgertum im allgemeinen, wie gerade
+gegen uns Kaufleute. Ah bah &ndash; ich sage dir,
+Gunther, es <em class="gesperrt">ist</em> so! Der alte Groll der Landwirtschaft
+gegen die Industrie! Er kann auch nicht
+verwinden, daß ich ihm seine Klitsche abgekauft habe.
+Und &ndash; und &ndash; kurzum, ich will dich nicht beeinflussen,
+aber ich rate dir: sei vernünftig und überlege!“</p>
+
+<p>Die Rätin hatte sich nicht wieder in die Unterhaltung
+gemischt. Sie saß schweigend am Teetisch
+und rührte mit dem Löffel in ihrer Tasse. Aber
+plötzlich legte sie den Löffel hin und wandte sich auf
+dem Stuhle um.</p>
+
+<p>„Da ich die Mutter bin, so ist mir vielleicht auch
+<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>noch ein Wort gestattet,“ sagte sie. „Ich kann deine
+Gegengründe nicht anerkennen, Alfred; ich will dich
+nicht beleidigen, ich muß dir aber sagen, daß ich sie
+lächerlich finde. Wenn es sich um das Glück eines
+unsrer Kinder handelt, kommen <em class="gesperrt">wir</em> immer erst in
+zweiter Reihe. Nimm wirklich an, Fräulein Hedda
+und ihr Vater seien hochmütig und adelsstolz: wenn
+ich weiß, daß Gunther glücklich ist, lass’ ich mich schon
+über die Achsel anschauen, und ich werde die Hand
+auf das Herz pressen, wenn es dabei gar zu sehr
+zuckt. Im übrigen stimme ich aber der Ansicht
+Gunthers zu: das Fräulein hat viel zu viel Takt,
+um zwischen uns und den Ihren gesellschaftliche
+Unterschiede zur Betonung zu bringen. Und schließlich
+das Geld. Gunthers Kinder werden auch einmal
+erwerben lernen! Willst du bis in das dritte
+und vierte Glied hinein sorgen?“</p>
+
+<p>Als sie ausgesprochen hatte, erschrak sie fast über
+ihre Kühnheit. Sie war an das Sich-beugen und
+-ducken gewohnt. Ein flammendes Rot huschte über
+ihre Wangen; sie wandte sich wieder dem Tische zu
+und griff abermals nach dem Teelöffel.</p>
+
+<p>Gunther war hinter sie getreten und drückte einen
+Kuß auf ihren Scheitel. „Ich danke dir, Mutter,“
+sagte er; „du hast recht.“</p>
+
+<p>Der Rat zuckte mit den Schultern.</p>
+
+<p>„Es fällt mir nicht ein, den Tyrannen spielen
+zu wollen,“ bemerkte er, mit Absicht ein wenig
+leichthin. „Auch mir steht das Glück meiner Kinder
+über der eignen Person &ndash; jawohl, teure Gattin,
+und ich bitte, daß du davon Notiz nimmst! ...
+Bleibst du nach reiflicher Überlegung bei deinem
+Vorhaben, Gunther, so teile es mir am Nachmittag
+mit. Langes Fackeln liebe ich nicht. Hellsterns sind
+heute abend hier &ndash; da wird sich Gelegenheit finden,
+mit dem Alten ein Wörtlein unter vier Augen
+zu sprechen.“</p>
+
+<p>Er ging, aber man merkte an dem heftigen Zuschlagen
+der Tür, daß sein leichter Ton Komödie war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>Die Rätin war still sitzen geblieben. Sie rührte
+noch immer mit dem Löffel in ihrem erkalteten Tee
+herum, als wolle sie durch diese Bewegung das
+leise Zittern ihrer Hände verdecken. Doch Gunther
+sah, wie es um ihre Mundwinkel zuckte, und sah
+auch die schwere Träne, die über ihre Wange rann.</p>
+
+<p>„Mutterchen,“ fragte er leise, „warum weinst
+du denn?“</p>
+
+<p>Sie blickte zu ihm auf, und es lag ein so schmerzlich
+weher Ausdruck in ihrem Auge, daß Gunther
+ein eisiges Schauern in seinem Rücken zu spüren
+meinte. Es war ihm, als habe er zum erstenmal
+in die Seele dieser armen Frau geschaut, die das
+Herzensglück, das sie für ihre Kinder erwünschte,
+nie selbst kennen gelernt hatte.</p>
+
+<p>Er ließ sich vor ihr nieder, küßte ihre Hände
+und gab ihr alte, liebe, fast vergessene Schmeichelnamen
+aus seiner Kinderzeit. Fest drückte sie ihren
+Liebling an sich, aber die Tapferkeit, die sie auf dem
+langen, öden und traurigen, staubgrauen Wege ihrer
+Ehe aufrecht erhalten hatte, brach: sie konnte den
+Tränen nicht mehr wehren, die unaufhaltsam flossen.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Die Kirchglocken läuteten noch immer. Der
+Schneefall hatte nachgelassen, und in der reinen,
+sonnendurchströmten Winterluft tönte der Klang der
+Glocken fast durch das ganze Tal.</p>
+
+<p>Auch der Freiherr hatte sich entschlossen, einmal
+wieder das Gotteshaus zu besuchen. Er war, obwohl
+ihm eine gewisse naive, von Skrupeln und
+Grübeln freie Frömmigkeit eigen, niemals ein eifriger
+Kirchgänger gewesen, und in letzter Zeit hatte er
+sich seiner Ischias wegen so wie so kaum vom Platze
+rühren können.</p>
+
+<p>Heute aber fühlte er sich wohler. Der alte
+Klempt hatte ihm vor einigen Tagen eine Einreibung
+gebracht, die Tante Pauline nach einem Rezept
+ihrer Großmutter zurechtgebraut, das sie zufällig
+zwischen allerhand alten Sachen beim Aufräumen
+<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>ihrer Truhe gefunden hatte. Es waren Ingredienzien
+dabei, die man heute kaum noch dem Namen
+nach kennt, wie zum Beispiel „Bleygötte, ein halb
+Pfund fein gepulvert“, und „ein Viertelpfund geschälte
+Alantwurzel“, aber Tante Pauline wußte
+schon Bescheid, und sie entsann sich auch, daß ihr
+Großvater, der schon völlig gelähmt gewesen war,
+kraft dieses Mittels wieder hatte gehen lernen. Und
+da hatte sie gemeint, es könne nicht schaden, wenn
+der Herr Baron es auch einmal probiere, und hatte
+sich an die Arbeit gemacht. Schwer war nur eins
+zu beschaffen gewesen, nämlich das Weiße eines Eis
+von einer schwarzen Henne. Die Langheinrichen
+besaß allerdings ein schwarzes Huhn, aber das legte
+derzeitig nicht. Glücklicherweise hieß es in dem Rezept:
+„oder wenn du dies nicht hast, nimm statt
+dessen Bofist und menge ihn mit ein klein wenig
+halb verbrannter Brotrinde in einem viertel Quart
+starkem Branntwein; doch muß der Branntwein
+vierundzwanzig Stunden vorher an einem warmen
+Ort gestanden haben, in einer Flasche, die du mit
+einer Blase zubinden mußt, in welche du eine Stecknadel
+steckst.“ Das hatte Tante Pauline denn auch
+getan.</p>
+
+<p>Der Freiherr hatte Klempt sehr schön gedankt,
+und als August des Abends mit der Einreibung
+kam, hatte er den braven Diener hinauswerfen
+wollen. Er verbäte sich, ihm mit dem „Geschmurgel“
+an den Leib zu kommen. Indessen ein paar Tage
+später, als die Schmerzen gerade sehr heftig waren,
+hatte Hellstern von selbst von der Klemptschen Einreibung
+angefangen. „Hol mal den Jux her,“
+sagte er zu August; „hilft’s nichts, ist’s noch so!“
+Und freudestrahlend lief August davon, um die kostbare
+Mixtur zu holen. Er rieb den Alten so kräftig
+ein, daß Hellstern gewaltig schimpfte, fluchte und
+wetterte, was für August aber eine wahre Wohltat
+zu sein schien, denn sein Gesicht wurde währenddessen
+immer freundlicher. Und dann packte er den
+<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>Baron in das Bett, wickelte ihn gehörig ein und
+legte zwei Wärmflaschen in die Kissen, denn Klempt
+hatte betont, daß der gnädige Herr nach der Einreibung
+gehörig schwitzen müsse.</p>
+
+<p>Und merkwürdig genug &ndash; als Hellstern am
+andern Morgen aufstand, fühlte er sich erheblich
+wohler. Vielleicht hatte nur die kräftige Massage
+Augusts gewirkt, vielleicht auch die Schwitzkur &ndash;
+Tatsache war, daß der Baron sich freier und ohne
+starke Schmerzen bewegen konnte. Das machte ihn
+ganz glücklich. Dörthe mußte zu ihm kommen; die
+Einreibung von Vatern sei zwar nicht viel wert, aber
+für den guten Willen wolle er der Dörthe einen
+Taler schenken, und zwar einen mit der Inschrift:
+„Segen des Mansfelder Bergbaus“. Dörthe war
+so gerührt, daß sie erst dem Alten die Hand küßte
+und dann zu Hedda lief, ihr die Geschichte zu erzählen
+und ihr gleichfalls die Hand zu küssen. Schließlich
+erfuhr auch August von der Sache, und sie betrübte
+ihn; wenn der Alte einen Taler verschenke,
+meinte er, so werde er sicher nicht mehr lange
+leben. &ndash;</p>
+
+<p>Hellstern schritt am Arme Heddas zur Kirche.
+Es hatte bereits zum dritten Mal geläutet, und von
+allen Seiten strömten die Leute herbei, grüßten den
+Baron mit einer gewissen freundlichen Unterwürfigkeit,
+blieben wohl auch, Front machend, vor ihm
+stehen und verbeugten sich ungeschickt. Vor der Kirchhofstür
+hielt der Schlitten des Kommerzienrats. Die
+Herrschaften waren bereits ausgestiegen und sprachen
+mit einem hochgewachsenen Herrn in schwarzbraunem
+Ulster und Zylinderhut.</p>
+
+<p>Hellsterns Fuß stockte plötzlich. „Was Teufel,“
+sagte er halblaut, „ist das nicht Klaus?!“</p>
+
+<p>Er schaute zu Hedda auf, schien aber nicht zu
+bemerken, daß sie erblaßt war.</p>
+
+<p>„Ja,“ erwiderte sie nickend, „es ist Klaus.“</p>
+
+<p>Der Alte unterdrückte einen Fluch.</p>
+
+<p>„Skandalös, daß der sich überhaupt noch sehen
+<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>läßt!“ murrte er. „Wir grüßen, Hedda, doch ohne
+ihn anzusprechen!“</p>
+
+<p>Und sie gingen vorüber. Aber der Vorsatz des
+Alten war unausführbar. Kaum hatte Schellheim
+ihn gesehen, so schoß er auf ihn zu.</p>
+
+<p>„Mein Kompliment, lieber Baron! Freu’ mich
+von Herzen, Sie so rüstig zu sehen.... Denken
+Sie, ich wußte ja gar nicht, daß Sie mit Herrn von
+Zernin verwandt sind&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Doch &ndash; ja, mein verehrter Herr Rat&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Über einen Scheffel Erbsen, pflegt man bei uns
+zu sagen, wenn man eine weitläufige Verwandtschaft
+bezeichnen will,“ warf der Herr im Zylinderhut
+lachend ein. Dann bot er Hellstern die Hand. „Tag,
+Onkel! Was macht die Chronika derer von Hellstern?“
+Und schon stand er vor Hedda. „Tag,
+gnädigste Cousine &ndash; seit Ewigkeiten nicht gesehen!
+Freilich, ich sitze wie ein Maulwurf in meinem Bau
+und schleiche mich höchstens einmal nachtsüber auf
+den Anstand, wenn du längst in seligem Schlummer
+liegst. Wie geht’s?“</p>
+
+<p>„Ich danke dir, gut,“ antwortete sie und wandte
+sich an Gunther, der mit abgezogenem Hute an sie
+herangetreten war.</p>
+
+<p>Aus der Kirche ertönte bereits Orgelklang. Man
+schritt über den Friedhof, und bis zur Kirchentür
+sprach der Kommerzienrat in seiner lebhaften Art in
+Hellstern hinein. Hedda war ängstlich geworden. Sie
+hörte nur vereinzelte Brocken, vernahm aber wiederholt
+das Wort „Quelle“, und sie sah, daß das Gesicht
+ihres schweigsam zuhörenden Vaters immer röter
+wurde. ‚Diese Quelle wird uns allen noch Unglück
+bringen,‘ dachte sie.</p>
+
+<p>Die Hellsterns besaßen in der Kirche ein Chor,
+hatten es aber der Familie des Kommerzienrats
+überlassen und dafür die Sitze unten neben der
+Sakristei genommen, die für die Besitzer des Auguts
+reserviert waren. Der Baron vermied es seines
+Leidens wegen gern, Treppen zu steigen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>Die Kirche war groß, doch kahl und dürftig im
+Innern. In dieser mehr als einfachen Ausstattung
+fiel der neue rote Behang über Altar, Kanzel und
+Taufbecken, den Schellheim gestiftet hatte, um so
+mehr auf. Er leuchtete weithin, wie das Wort der
+Verheißung, das von dieser heiligen Stelle ausging.</p>
+
+<p>Von den Sitzen der Hellsterns aus konnte man
+das Augutchor übersehen. Die Rätin saß zwischen
+ihrem Gatten und Gunther, dann blieben drei Stühle
+frei, und in der Ecke hatte sich Herr von Zernin
+niedergelassen.</p>
+
+<p>Sein Erscheinen in der Kirche erregte Aufsehen.
+Aller Blicke richteten sich auf ihn. Besonders die
+jungen Mädel schienen sehr interessiert zu sein; Liese
+Braumüller schielte über ihr Gesangbuch fort alle
+Augenblick nach dem Chor hinauf.</p>
+
+<p>Hedda sang mit ihrem schönen Alt das Einleitungslied
+mit. Ihr Blick wagte sich nicht von dem
+Buche fort. Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen;
+sie fühlte, daß Zernin sie beobachtete. Innerlich
+grimmte sie das; seine unverfrorene Keckheit schien
+die alte geblieben zu sein &ndash; trotz allem. Dieses
+„trotz allem“ fand Widerhall in ihrer Seele. Während
+ihre Lippen das Lied sangen, war es ihr, als
+wiederhole sie immer und immer wieder das „trotz
+allem“. Sie war nervös, und um sich abzulenken,
+schaute sie auf den Altar, vor den soeben der
+Pastor trat.</p>
+
+<p>Eycken neigte das graue Patriarchenhaupt und
+betete, das Gesicht dem Kruzifix zugeneigt, dessen
+weißer Marmor sich lichthell von dem roten Untergrunde
+abhob, mit dem Rücken gegen die Gemeinde.
+Dann wandte er sich um und blieb aufrecht stehen,
+wartend, bis das Eingangslied zu Ende sein werde.
+Und jetzt schweifte seiner Gewohnheit gemäß sein
+Auge mit raschem Prüfen durch das Kirchenschiff.
+Die Gemeinde schien vollzählig versammelt zu sein &ndash;
+Eycken nickte befriedigt. Plötzlich glitt über sein
+Gesicht ein Ausdruck von Erstaunen; Hedda senkte
+<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>wieder den Blick auf das Gesangbuch, denn nun
+wußte sie, daß das Auge des greisen Pfarrers im
+nächsten Moment sie selbst treffen würde. Und so
+war es in der Tat, doch Eycken schaute nur flüchtig,
+einen leichten Wolkenschatten auf der Stirn, zu Hedda
+hinüber und öffnete dann sein Buch zum Beginn
+der Liturgie ...</p>
+
+<p>Es war kalt in der Kirche. Die Sonne wärmte
+nicht, sie leuchtete nur. Sie füllte den kahlen Raum
+mit einem weißgelben Schimmer, der in den Winkeln
+der Sakristei zu verwischtem Graugrün wurde. Auf
+einer der hell getünchten Wände lagen die Schatten
+der Bleiumfassung in den Fenstern, ein leise zitterndes
+Gitterwerk von unbestimmten Konturen.</p>
+
+<p>Während der Liturgie versuchte Hedda, sich andächtig
+zu sammeln. Aber es war vergebene Mühe.
+Das unerwartete Wiedersehen mit dem, der kaum
+eine Wegstunde vom Baronshof entfernt wohnte und
+für sie dennoch so gut wie verschollen war, hatte sie
+stark erregt. Gegen ihren Willen rechnete sie nach:
+wann hatte sie Klaus Zernin zum letztenmal gesehen?
+Es war lange her &ndash; über ein Jahr. Und als reiße
+plötzlich ein Vorhang vor ihren Augen, so deutlich
+trat die Abschiedsstunde in ihr Gedächtnis zurück.
+Mit allen Einzelheiten, auch den rein äußerlichen der
+Szenerie: der Eichenschonung am Forsthause, die im
+ersten Grün des jungen Lenzes prangte, dem Blättermoder
+am Boden, in dem der Fuß bis an die Knöchel
+versank, und dem Nebelmeer, das über die Wiesen
+brodelte. Und sie glaubte auch seine Stimme zu
+hören.... Sie hatten „vernünftig“ miteinander gesprochen
+und ruhig und leidenschaftslos. So schien
+es. Sie waren sich klar darüber geworden, daß sie
+sich nicht angehören konnten &ndash; aus hundert stichhaltigen
+Gründen. Und deshalb wollten sie sich nicht
+mehr sehen. Das war um so weniger schwer durchzuführen,
+als Hellstern dem leichtsinnigen Neffen
+längst seine Schwelle verboten hatte; er wollte mit
+dem, der „seinen Namen schändete“, keine Gemeinschaft
+<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>haben und ahnte dabei nicht einmal, wie tief
+sich das Bild des wilden Junkers in das Herz seiner
+Tochter gegraben hatte.... Mit einem Händedruck
+waren sie voneinander geschieden, und Klaus wie
+Hedda hatten vermeint, das würde der letzte gewesen
+sein. Denn damals schon trug sich Zernin mit dem
+Gedanken, auszuwandern. Er konnte sich auf dem
+verwüsteten Erbe nicht länger halten; um ihn und
+über ihm brach alles, alles zusammen ...</p>
+
+<p>Hedda hatte seit jener Abschiedsstunde in der Tat
+nichts mehr von ihm gehört. Selbst der Klatsch fand
+in die Einsamkeit des Baronshofs keinen Eingang.
+Aber daß Klaus sich so unerwartet wieder unter den
+Menschen zeigte, schien zu beweisen, daß es ihm besser
+gehen mußte. Auch sein Äußeres sprach dafür: das
+Selbstbewußtsein, mit dem er auftrat, der alte Ausdruck
+übermütiger Keckheit auf seinem Gesicht. Wie
+alt war er jetzt? Und wieder rechnete Hedda nach,
+während die dünnen Stimmen der Kinder auf dem
+Orgelchor das Kyrie eleison sangen. Sechsunddreißig;
+sein Geburtstag fiel in den gleichen Monat
+wie der ihre, in den Mai. Aber er sah jünger aus
+mit seiner eleganten, geschmeidigen und elastischen
+Figur und dem bildhübschen Gesicht, auf dem weder
+das tolle Leben noch die Sorgen um die Existenz
+Spuren des Verfalls zurückgelassen hatten. Es war
+glatt, rosig und heiter wie immer, dieses vornehme
+Junkergesicht mit der intelligenten Stirn und der
+wunderschön gezeichneten Nase, dem sorgsam gepflegten
+blonden Schnurrbart und dem etwas zurücktretenden
+Kinn. Und auch die hellen blauen Augen
+sprühten noch immer in unverminderter Lebenslust &ndash;
+trotz allem. Das war sein Lieblingsausdruck, dieses
+„trotz allem“ ...</p>
+
+<p>Hedda schreckte aus ihren Erinnerungen empor.
+Sie hörte die Stimme des Pastors, der die Kanzel
+bestiegen hatte und mit seinem schönen, sonoren Organ
+die Epistel verlas. Der alte Mann dort oben
+hatte ihr in jenen Zeiten schwerer Herzensbedrängnis
+<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>mit lindem Wort und warmem Gemüt die verzweifelnde
+Seele gerettet. Ihm allein hatte sie sich
+anvertraut, da sie des Vaters rauhe Art fürchtete,
+die schon damals Klaus von Zernin vom Baronshof
+verjagt hatte. Und Eycken konnte um so besser
+die Vermittlungs- und Verständigungsrolle übernehmen,
+da er der intimste Freund des alten Baron
+Zernin, des verstorbenen Vaters von Klaus, gewesen
+war, durch dessen Beihilfe der Pastor auch seinerzeit
+die Stelle in Oberlemmingen erhalten hatte. Mit
+milder Freundlichkeit, aber entschiedener Energie
+hatte Eycken seinen ganzen Einfluß auf Hedda aufgeboten,
+um sie von ihrer unseligen Liebe für den
+verbummelten Junker zu bekehren. Denn besser als
+sie glaubte <em class="gesperrt">er</em> Klaus von Zernin zu kennen. Oft
+genug war er zu nächtlicher Stunde und zu Fuß,
+um nicht gesehen zu werden, durch den Wald nach
+Döbbernitz geeilt, um mit Klaus Rücksprache zu
+nehmen, wenn wieder einmal einer seiner unsinnigen
+Streiche zu seinen Ohren gekommen war &ndash; irgend
+eine tolle Weibergeschichte, die die ganze Umgegend
+in Aufruhr brachte, ein wildes Gelage in Zielenberg
+oder in Kölpin, wo die Königindragoner standen,
+oder eine gesetzwidrige Vergewaltigung der Gläubiger....
+Und bei solchen Rücksprachen schwand die
+christliche Milde bei Eycken, da wurde er zum zornigen
+Eiferer, und die Stimme schwoll an, und seine
+Augen blitzten. Aber was half das alles?! Es
+kam eine Zeit, da auch er sich sagen mußte, Klaus
+sei nicht mehr zu helfen, eine Zeit, da der ehrliche
+Zorn des alten Mannes zu flammendem Ingrimm
+wurde. Hedda erfuhr niemals Einzelheiten aus dem
+Leben von Klaus; sie wußte nur, daß er ein leichtsinniger
+Wirtschafter war &ndash; alle Welt wußte das.
+Aber an jenem Tage, da Eycken sich mit ihr einschloß,
+um sie beim Andenken an ihre Mutter zu beschwören,
+dem wilden Burschen für immer zu entsagen, da kam
+doch etwas wie ein Ahnen über sie, daß Klaus nicht
+nur leichtsinnig, sondern auch schlecht sein mußte ...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>Die Predigt hatte begonnen. Nur das wohllautende
+Organ Eyckens war hörbar und hin und
+wieder ein leise raschelndes Geräusch, wenn der Wind
+die schneebepackten Zweige des alten Maulbeerbaumes,
+der draußen vor einem der Fenster stand, gegen die
+Scheiben warf. Hedda schaute mit andachtsvollem
+Blick zur Kanzel empor, und der Alte neben ihr
+schnaufte leise. Es saß sich unbequem in dem engen
+Kirchenstuhl. Oben auf dem Chor hatte der Kommerzienrat
+die Hände über dem Bauche gefaltet und
+kämpfte sichtlich mit einer ihn überkommenden Müdigkeit;
+die Rätin saß, vor Frost zeitweilig erschauernd,
+mit groß offenen Augen neben ihm. Herr von Zernin
+ließ den Blick im Kirchenschiff umherschweifen; er
+hatte Liese Braumüller entdeckt, und ein rasches
+Lächeln flog um seinen Mund.</p>
+
+<p>Nun Hedda die gesuchte Andacht gefunden hatte,
+blieb sie auch in Sammlung bis zum Schlusse des
+Gottesdienstes. Beim Endchoral bliesen die beiden
+Posaunen mit. Die Rätin hatte das noch nie gehört
+und schaute verwundert nach dem Orgelchor
+hinüber, von dem die gewaltigen Töne drangen. Es
+war eine vollendete Disharmonie, doch sie störte
+keinen &ndash; höchstens den kleinen Raupach, der um
+diese Zeit aus seinem Kirchenschlummer erweckt zu
+werden pflegte.</p>
+
+<p>Dann läuteten wieder die Glocken, und die Gemeinde
+strömte hinaus, durch die beiden Türen, vor
+denen hölzerne Schemel mit Tellern für die Missionskollekte
+standen. Aber die wenigsten gaben; ein
+paar Pfennige lagen auf den Tellern, dazwischen
+ein Fünfzigpfennigstück von Hedda und ein blanker
+Taler als Spende des Kommerzienrats.</p>
+
+<p>Hellstern wollte am Arme seiner Tochter rasch
+an der kleinen Gruppe vorüberhumpeln, die sich vor
+dem Schlitten Schellheims gebildet hatte, doch der
+Kommerzienrat rief ihm nach:</p>
+
+<p>„Auf Wiedersehen heute abend, lieber Baron!“</p>
+
+<p>„Auf Wiedersehen!“ gab Hellstern etwas brummig
+<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>zurück und tappste weiter. Aber vor der Parktür
+entlud sich sein Zorn.</p>
+
+<p>„Schellheim scheint den Klaus an sich ziehen zu
+wollen,“ grollte er. „Ein Baron mehr &ndash; das angelt
+nach uns! Er muß doch gehört haben, wes Geistes
+Kind unser sauberer Herr Vetter ist! Er muß doch
+wissen, daß wir das Tischtuch zwischen ihm und uns
+zerschnitten haben! Himmeldonnerwetter, Hedda,
+wenn der Kommerzienrat vielleicht auf die wahnsinnige
+Idee verfallen ist, den Klaus gleichfalls zu
+heute abend zu laden &ndash; ich mache auf der Stelle
+kehrt! Ich mache kehrt, sage ich dir!“</p>
+
+<p>„Das würde nur unhöflich sein, Papa,“ erwiderte
+Hedda ruhig. „Vorderhand glaube ich noch nicht,
+daß Klaus im Auschlosse sein wird. Und wenn dennoch
+&ndash; dann muß es <em class="gesperrt">auch</em> ertragen werden. Wir
+leben nun einmal in der Welt.“</p>
+
+<p>Der Alte stampfte wütend mit seinen Krückstöcken
+auf den gefrorenen Schnee.</p>
+
+<p>„Das Blut steigt mir zu Kopf, wenn ich den
+Burschen nur sehe!“ rief er. „Mit welcher Frechheit
+er uns begrüßte! Lächelnd und gleichmütig, als
+ob gar nichts geschehen sei.... Vielleicht will ihm
+Schellheim wieder auf die Beine helfen &ndash; haha!
+Da ist Hopfen und Malz verloren &ndash; nicht einmal
+die Winterung hat er mehr bestellen können &ndash; die
+Tagelöhner sind ihm davongelaufen &ndash; im November
+war wieder einmal Subhastationstermin angekündigt!
+Ich verstehe nicht, daß Klaus nicht längst zum Teufel
+ist! Hätte er Ehrgefühl im Leibe, so hätte er sich
+schon vor drei Jahren nach Amerika scheren müssen!
+Pah &ndash; Ehrgefühl &ndash; <em class="gesperrt">der</em>?!&nbsp;...“</p>
+
+<p>Hedda schwieg. Ihre Wangen brannten, aber
+der Vater konnte nicht ahnen, wie tief ins Herz sie
+jedes seiner Worte traf. Dennoch machte es ihn
+stutzig, daß sie keine Antwort gab. Sie opponierte
+sonst gern. Er blieb stehen und schaute sie an. „Was
+sagst du?!“ fragte er.</p>
+
+<p>„Nichts, Papa.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>„Warum nicht?! Ich glaube, du nimmst immer
+noch die Partei dieses ehrlosen Patrons?!“</p>
+
+<p>Eine Flamme schlug über das Gesicht Heddas.</p>
+
+<p>„Ich bitte dich, Papa &ndash; bitte dich herzlich: wäg
+deine Worte ab! Noch immer zählt Klaus zu
+unsrer Verwandtschaft&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Längst nicht mehr!“</p>
+
+<p>„Und wenn du ihn hundertmal von deiner
+Schwelle jagst &ndash; er <em class="gesperrt">bleibt</em> unser Vetter! Vergiß
+das nicht! Und vergiß auch nicht, daß Leichtsinn
+noch keine Ehrlosigkeit ist&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Halt mal, Hedda&nbsp;&ndash;“ und Hellstern erhob seine
+Krücken. „Ich war auch jung und ein Brausewind
+wie der da. Aber ich hielt mein Wappenschild rein.
+Er hat das seine besudelt. Du weißt nicht, <em class="gesperrt">was</em>
+er alles gemacht hat, um &ndash; aber nein, dein Ohr,
+mein Kind, ist zu keusch, um diese Dinge zu hören.
+Nur eins laß dir sagen: ich hätte ihm nicht wie
+einem Banditen mein Haus verschlossen, wenn er
+<em class="gesperrt">nur</em> leichtsinnig gewesen wäre. Und auch nicht der
+Pastor, der mit dem alten Zernin so treu befreundet
+war wie ich. Wir hatten unsre guten Gründe, ihn
+abzuschütteln.... Nun gib mir einen Kuß!“</p>
+
+<p>Er neigte den Kopf, und die Lippen Heddas berührten
+seine borstige Wange. Doch es war kein
+Kuß wie sonst. Ein heimliches Angstgefühl begann
+Hedda zu quälen. Fragen und Zweifel stiegen in
+ihr auf und noch ein andres quälendes Etwas &ndash;
+das Gefühl, den doch nicht vergessen zu haben, den
+sie hatte vergessen <em class="gesperrt">wollen</em>.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">E</span>s war die erste größere Gesellschaft, die man auf
+dem Auschlosse gab. Der Kommerzienrat hatte
+Herbst und Winterbeginn dazu benutzt, auf den meisten
+Gütern im Kreise Besuch zu machen, und man hatte
+<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>den reichen Mann fast überall mit offenen Armen
+empfangen. Der Grundbesitz in unmittelbarer Umgebung
+von Oberlemmingen befand sich fast gänzlich
+in bürgerlichen Händen. Nur Döbbernitz und Kleeberg,
+letzteres das Gut des Landrats von Wessels,
+waren Adelssitze. Aber auch aus weiterer Entfernung
+war eine Anzahl von Gästen eingetroffen: die
+Familie von Klitzingk auf Wernochow, der Kammerherr
+von Ponteck auf Klein-Güster, die Nehringens
+auf Schönwaide und schließlich auch &ndash; der Stolz
+Schellheims &ndash; Exzellenz von Usen-Karst auf Karstedt.</p>
+
+<p>Es war zum Diner &ndash; zu sechs Uhr &ndash; eingeladen
+worden, eine für ländliche Verhältnisse ziemlich ungewöhnliche
+Zeit. In langer Reihe fuhren Wagen
+und Schlitten den Auberg hinauf. Das halbe Dorf
+war auf den Beinen, um die Auffahrt anschauen
+zu können. Man stand dicht gedrängt längs des
+Weges und machte zu jedem Gefährt seine Bemerkungen.
+Die aus der Umgegend kannte man an
+den Pferden, den Wagen, dem Kutscher. Da kam
+zuerst der riesige Verdeckschlitten des Oberförsters,
+dessen Kasten, die Arche Noah genannt, eine zahlreiche
+Familie beherbergte: Vater Tornow, die Mutter
+und drei Töchter, niedliche Dinger, die Auguste,
+Berta und Constance hießen, von dem die Kürze
+liebenden Oberförster aber nur A, B und C genannt
+wurden. Dann die Viktoriachaise des Hauptmanns
+Biese von Grochau, eines riesigen Menschen
+mit Bulldogggesicht, der eine ganz kleine, unendlich
+verschüchterte Frau besaß, &ndash; der Schlitten der Frau
+Necker, einer reichen Rittergutsbesitzerswitwe, unförmlich
+dick und stets wie ein Puthahn gebläht, &ndash;
+und der Klapperkasten des Doktor Stramin, des
+Kreisphysikus aus Zielenberg, den man eigentlich nie
+anders als auf der Landstraße sah: wenn die Praxis
+ihn nicht unterwegs hielt, reiste er als fanatischer
+Politiker im Auftrage des konservativen Wahlkomitees
+umher und hielt seine donnernden Reden, wo es
+nur angängig war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>Plötzlich ging eine Bewegung durch die Reihen
+der Zuschauer. Ein merkwürdiges Gefährt raste den
+Weg hinauf &ndash; ein Schlitten in Schwanenform, in
+dem eine einzelne Dame saß. Sie mußte noch jung
+sein; ein dunkles Augenpaar leuchtete durch den
+weißen Schleier, der über die pelzbesetzte Konföderatka
+gebunden war. Ein kostbarer Pelz hüllte auch
+die ganze Gestalt ein; die Adjustierung der Pferde
+zeugte von Reichtum &ndash; was aber am meisten auffiel,
+war die scharlachrote Livree des Kutschers. Einer
+aus der Menge, Anton Tengler, wußte Bescheid:
+die Dame war Frau Rittmeister Woydczinska aus
+Seelen. Nun rasselte ein großer Landauer heran:
+die Klitzingks aus Wernochow &ndash; das breite, rote
+Gesicht des alten Freiherrn mit dem weißen, auseinandergewirbelten
+Katerschnurrbart glänzte durch
+die Fensterscheiben. Hinter ihm zügelte Herr von
+Wessels, der Landrat, ein noch junger Herr, eigenhändig
+sein feuriges Rappengespann; dann kam der
+Schönwaider Schlitten &ndash; den Major von Nehringen
+konnte man schon von weitem an seiner großen Hakennase
+erkennen, die in glänzender Röte aus dem hochgeschlagenen
+Pelzkragen hervorlugte. Und abermals
+rasselte es auf dem hartgefrorenen Fahrdamm, &ndash;
+Donnerwetter, wer war denn das?! Nichts Vornehmes,
+ganz gewiß nicht, denn der Schlitten bestand
+nur aus einem einfachen Korbgeflecht, das auf
+ein Kufenpaar gesetzt worden war, und der Kutscher
+trug nicht einmal Livree, sondern einen alten Schafpelz.
+Und der Kutscher saß auch nicht auf der
+Pritsche, weil keine vorhanden war, sondern neben
+seinem Herrn, der dicht in einen ehemaligen Militärmantel
+gewickelt war und die verschossene Jagdmütze
+so tief in die Stirn gerückt hatte, daß man von dem
+ganzen Gesicht fast nur den buschigen, graugrünen
+Schnauzbart sehen konnte. Sicher nichts Vornehmes
+&ndash; nein, diesmal war’s Täuschung: etwas
+außerordentlich Vornehmes sogar, nämlich Exzellenz
+von Usen-Karst, ehemals bevollmächtigter Minister
+<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>und außerordentlicher Gesandter des Reichs bei der
+Hohen Pforte, Besitzer der Herrschaft Karstedt und,
+wie man wissen wollte, ein vielfacher Millionär....</p>
+
+<p>Vom Auberge aus grüßte das Schlößchen mit
+achtzig leuchtenden Augen zu Tal. Es war wie
+eine Illumination. Die Leute blieben auch nach beendeter
+Auffahrt noch lange am Wege stehen und
+schauten hinauf. Trotz der Winterkälte waren die
+hohen Flügeltüren, die durch eine kleine Entree in
+die Halle führten, weit geöffnet, und von hier aus
+strömte eine ganze Flut gelben Lichts ins Freie und
+mischte sich in die rote Glut, die die beiden mit
+brennendem Pech gefüllten, auf schlankem eisernen
+Unterbau ruhenden Pfannen zu seiten des Portals
+ausströmten.</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat hatte alles aufgeboten, seine
+Gäste würdig zu empfangen. Auch die Zahl der
+Dienerschaft war vermehrt worden. Drei Galonnierte
+halfen den Herrschaften aus Schlitten und Wagen,
+und in der Entree warteten zwei Kammerzofen, um
+die Damen in die Garderobe zu geleiten. Es ließ
+sich nicht leugnen: alles hatte Chic. Der Kommerzienrat
+war zu weltklug, bei dieser Gelegenheit der
+leichten Neigung zur Protzigkeit, die dem intelligenten
+Parvenü zuweilen noch anhaftete, nachzugeben.</p>
+
+<p>Flankiert von Gattin und Sohn &ndash; Hagen hielten
+die Geschäfte in Berlin zurück&nbsp;&ndash;, empfing er die
+Gäste in der Halle, die eine angenehme Wärme
+durchströmte, und in deren großem Kamin ein helles
+Feuer flackerte. Man schüttelte sich die Hände, und
+immer wieder kehrten dieselben Begrüßungsphrasen
+zurück.</p>
+
+<p>„Herr Oberförster &ndash; freue mich sehr, sehr....
+Gnädigste Frau! ... Meine verehrten jungen
+Damen! ... Ah &ndash; Herr von Nehringen &ndash; freue
+mich sehr, sehr &ndash; meine gnädige Frau! ... Exzellenz
+&ndash; freue mich sehr, sehr&nbsp;...“</p>
+
+<p>Und diesmal verbeugte sich Schellheim ganz besonders
+tief. Der alte Usen, der mit seinem weißen
+<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>Schnauzbart in dem weinroten Gesicht und den
+schweren Tränensäcken unter den kleinen, listig funkelnden
+Augen und mit dem burgunderfarbenen Fes,
+den er auf dem haarlosen Scheitel trug, wie ein
+Pascha aussah, grunzte etwas Unverständliches vor
+sich hin und schielte dabei lüstern zu der schönen
+Frau Woydczinska hinüber, die Herr von Wessels,
+ihr Gutsnachbar, soeben in die Salons führte. Diese
+drei Salons hatte der Kommerzienrat durchweg neu
+einrichten lassen, und da gerade der Empirestil in
+der Mode war, so prangten in allen drei Gemächern
+die geradlinigen steifen Sofas und Sessel der napoleonischen
+Zeit; auch eine Bronzebüste Bonapartes
+und ein Ölbild des Königs von Rom fehlten nicht.
+In den Kronleuchtern brannten Wachskerzen und die
+Tapeten zeigten ein modernisiertes Grecquemuster.
+Es war alles stilgerecht.</p>
+
+<p>Die Gäste fluteten in den Empirezimmern hin
+und her. Noch immer begrüßte man sich oder ließ
+sich vorstellen. Ein Summen und Rauschen ging
+durch die Gemächer. Baron Hellstern hatte ein paar
+gute alte Bekannte wiedergefunden und plauderte
+mit ihnen in einer Fensternische, fest auf seine Krückstöcke
+gestützt, denn er fühlte sich unsicher auf dem
+blanken Parkett und getraute sich nicht, sich auf einem
+der zierlichen Stühle mit ihren vergoldeten Füßen
+niederzulassen. Hedda stand mitten unter den jungen
+Mädchen, die einen Kreis um sie bildeten; fröhliches
+Lachen klang aus dieser Gruppe, besonders das A,
+B, C des Oberförsters kicherte beständig und gewöhnlich
+unisono, in drei Tonlagen. Exzellenz Usen
+hielt die tief dekolletierte Frau Woydczinska fest und
+schmunzelte dabei über das ganze Paschagesicht. Sie
+war die Witwe eines Polen und selbst Polin, eine
+schöne, kokette Frau, der man allerhand nachredete,
+die sich aber um keinen Klatsch der Welt kümmerte
+und ihre emanzipierten Allüren frei zur Schau trug.
+Auch Pastor von Eycken war gekommen; er war den
+meisten fremd &ndash; Gunther besorgte die Vorstellung.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>Ziemlich zuletzt erschien Klaus von Zernin, mit
+heiterem Gesicht und einem etwas spöttischen Zug um
+den Mund. Er war boshaft genug, sich über die
+Überraschung zu freuen, die sein Auftauchen hervorrufen
+würde; er verkehrte seit Jahren nicht mehr
+in den Familien der Umgegend. Die Mütter schilderten
+ihn als verworfenen Wüstling, und sämtliche
+Backfische zitterten in süßem Schaudern vor ihm.
+Als er eintrat, stockte plötzlich die Unterhaltung; es
+wurde ängstlich still. Die Oberförsterin glitt in instinktiver
+Aufwallung ihres mütterlichen Herzens
+wie schützend an ihr rosenwangiges A, B, C heran.
+Hellstern, der neben dem Landrat stand, wollte aufbrausen,
+begegnete aber dem warnenden Blicke Heddas
+und schluckte seinen Groll mit verbissenem Gesicht
+in sich hinein. Im übrigen wich die allgemeine
+Bestürzung rasch wieder einer um so lebhafteren
+Unterhaltung, mit der man glättend über das auffallende
+Geschehnis hinweggehen wollte. Herr von
+Zernin war allen bekannt; mit der Eleganz eines
+vollendeten Weltmannes verneigte er sich nach allen
+Seiten, immer mit gleich liebenswürdigem Lächeln,
+ohne die eisigen Gesichter der Herren, die frostigen
+Mienen der Damen und die Purpurglut auf den
+Wangen der Backfische zu beachten. Zu allgemeinem
+Entsetzen streckte ihm Frau Rittmeister Woydczinska
+unbefangen die Hand entgegen.</p>
+
+<p>„Grüß Gott, lieber Baron,“ sagte sie freundlich;
+„wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht gesehen!“</p>
+
+<p>Und dann geschah noch etwas Überraschendes.
+Auch Exzellenz Usen reichte Zernin die Hand, vielleicht
+nur aus Gefälligkeit für seine schöne Nachbarin,
+vielleicht auch, um deren Unbegreiflichkeit ein wenig
+zu verdecken, &ndash; aber jedenfalls stand die Tatsache
+fest: er begrüßte den Verfemten in sehr herzlicher
+und entgegenkommender Weise. Und das wirkte
+wie ein Zauberschlag auf die ganze Gesellschaft. Unwillkürlich
+wurden die Mienen freundlicher, und der
+Landrat flüsterte Hellstern erstaunt und fragend ins
+<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>Ohr: „Der Zernin rappelt sich wohl allmählich
+wieder in die Höhe?“</p>
+
+<p>Hellstern antwortete nicht, sondern begnügte sich
+mit einem Achselzucken. Die Diener hatten die Türen
+zum Eßzimmer geöffnet; der Alte war neugierig,
+wen man dem Klaus als Tischnachbarin gegeben
+haben würde. Er vermutete, die Woydczinska, denn
+die beiden paßten in mancherlei Beziehungen zu
+einander &ndash; aber sein Gesicht färbte sich dunkel, als
+er sah, daß während des allgemeinen Aufbruchs
+Zernin auf Hedda zuschritt und ihr den Arm reichte.</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat hatte sich dies beim Entwurf
+zur Tafelordnung wohl überlegt. Er hatte
+gehört, daß Herr von Zernin seines Leichtsinns und
+seiner brouillierten Verhältnisse wegen in schlechtem
+Rufe stand, &ndash; da er indessen seine Pläne mit ihm
+hatte, so lag ihm daran, ihn langsam wieder in die
+Gesellschaft einzuführen. Es war schwer, für ihn
+eine passende Tischdame auszuwählen, aber da fiel
+Schellheim zum guten Glück ein, daß die Baronesse
+Hellstern ja eine entfernte Cousine Zernins war.
+‚Die beiden Verwandten werden sich schon vertragen,‘
+sagte er sich und schrieb die Namen nebeneinander.</p>
+
+<p>Das Diner war vortrefflich. Exzellenz Usen
+konnte nicht umhin, seiner Nachbarin zur Rechten,
+der langen und mageren Frau von Ponteck, zuzuraunen,
+daß alles einen recht vornehmen Eindruck
+mache. Und so war es in der Tat. Der Kommerzienrat
+hatte Geschmack. Das Menü war nicht
+übertrieben, das Service tadellos. Lautlos huschten
+die Diener hinter den Stühlen der Gäste entlang;
+es ging alles wie am Schnürchen. Dabei war der
+Anblick der Tafel ein glänzender. In den kostbaren
+Aufsätzen aus Silber und Vieux Saxe blühte ein
+ganzer Frühlingsflor. Die Mitte des Tisches nahm
+eine Art Pyramidenbau aus Silberfiligran ein, der
+zahllose schräg gestellte Kristallbecher trug, aus denen
+eine Fülle köstlicher Rosen in allen Farbennuancen
+hervorquoll. Und der Duft dieser Rosen flutete in
+<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>den Geruch der Speisen hinein, der großen Fleischstücke,
+die von den Dienern auf Riesenschüsseln präsentiert
+wurden, geschmackvoll angerichtet, die Fasane
+in rotem Federschmuck, gleichsam lebendig, und die
+breiten Rehrücken so ausgezeichnet tranchiert, daß
+man kaum die Schnittlinien sah. Das gefiel Exzellenz
+Usen-Karst besonders; er tat sich auf seine Tranchierkunst
+etwas zu gute und hatte schon lange die Absicht,
+ein Handbuch darüber zu schreiben, obwohl er
+genau wußte, daß er es nie tun würde.</p>
+
+<p>Solch ein Diner war auf den märkischen Landsitzen
+nicht üblich; da gab man’s einfacher, wenn man
+Gäste bei sich sah. Aber es schmeckte allen ganz
+ausgezeichnet. Der dicke Hauptmann Biese aus
+Grochau ließ keinen Gang vorüber und nahm jedesmal
+zweimal; er hatte sich die Serviette um den
+Hals gebunden, sprach wenig, aß den Fisch mit dem
+Messer und tupfte die Soße mit kleinen Brotstückchen
+auf. Die jungen Mädchen wurden bei den Gemüsen
+interessierter; Artischocken und Trüffeln in der Serviette
+hatten bisher die wenigsten gegessen. Auch
+Fräulein Gerlinde noch nicht, die Tochter des Kammerherrn
+von Ponteck, die demnächst bei Hofe vorgestellt
+werden sollte, aber sie tat wenigstens so, und da
+sie gegen diese Genüsse vollendet gleichgültig erscheinen
+wollte, zerstach sie sich den Finger an einer Artischockenspitze.
+Exzellenz Usen hielt sich hauptsächlich
+an die Präsentierweine; sein martialisches Gesicht
+glühte förmlich, und der buschige Schnauzer leuchtete
+schneeweiß.</p>
+
+<p>Gunther hatte das kleine C des Oberförsters zu
+Tische geführt, eine niedliche Brünette, die aus dem
+Entzücken nicht herauskam und sich jedesmal auf dem
+Stuhle geraderückte, wenn ein Blick der Mutter sie
+traf, denn das Geradesitzen war ihr besonders vorgeschrieben
+worden. Gunther gab sich alle Mühe,
+seine kleine Nachbarin gut zu unterhalten, doch er
+fühlte selbst, daß es ihm nicht so recht gelingen
+wollte. Er war zerstreut. Sein Auge flog zuweilen
+<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>mit ängstlichem Aufblick zwischen das flimmernde
+Gläsermeer auf dem Tische hindurch und suchte
+Hedda. Auch sie war zerstreut &ndash; vielleicht langweilte
+sie sich auch. Sie sprach wenig, und Gunther
+schien es, als sei sie heute blasser als sonst.</p>
+
+<p>Das war sie. Der Schrecken, von Klaus zur
+Tafel geführt zu werden, hatte jeden Blutstropfen
+aus ihren Wangen vertrieben. Aber sie verstand es,
+sich zu beherrschen. „Man lebt doch einmal in der
+Welt,“ hatte sie ihrem Vater gesagt. Und dieser
+Philosophie schien sich selbst der Alte gefügt zu
+haben. Er sah noch immer sehr brummig aus,
+aber er machte wenigstens keine Dummheiten.</p>
+
+<p>Auch Zernin schickte sich mit Anstand in die
+Situation. Das war zu erwarten gewesen. Er tat,
+als sei niemals etwas zwischen ihm und der Cousine
+geschehen; es gab keine himmelhohe Mauer und keine
+abgrundtiefe Kluft &ndash; heiter und freundschaftlich begann
+er mit ihr zu plaudern.</p>
+
+<p>„Wir haben uns lange nicht gesehen, gnädigste
+Cousine&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Lange nicht &ndash; wie ist es dir inzwischen ergangen?“</p>
+
+<p>„Nicht besser als einem, der auf einem Pulverfasse
+sitzt und jeden Augenblick auf die Explosion
+wartet. Aber das ist eine Situation, die auch ihre
+Reize hat &ndash; bis einem schließlich das Nervenprickeln
+zu viel wird und man allmählich abstumpft.
+Du hast deine Tage auf dem Baronshofe vermutlich
+friedlicher verbracht.“</p>
+
+<p>„So friedlich, daß ich mich nicht beklagen kann.“</p>
+
+<p>Er dämpfte seine Stimme ein wenig; im lauten
+Geräusch der auf und nieder wogenden Unterhaltung
+vermochten sich übrigens nur die nebeneinander
+Sitzenden zu verstehen.</p>
+
+<p>„Du mußt mir verzeihen,“ sagte er, „daß ich
+mein Versprechen nicht halten konnte. Anderthalb
+Jahre hindurch habe ich die Grenzlinie zwischen Oberlemmingen
+und Döbbernitz respektiert. Ob es mir
+<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>leicht wurde, tut nichts zur Sache &ndash; jedenfalls hab’
+ich mein Wort eingelöst. Aber nun ging es nicht
+anders; ich stehe wieder einmal an der Wende.
+Döbbernitz wird im Frühjahr endgültig subhastiert
+werden.“</p>
+
+<p>Das war neu für Hedda und schmerzlich. „Also
+mußte es doch dahin kommen,“ sagte sie leise.</p>
+
+<p>Er nickte. „Ich habe seit drei Jahren darauf
+gewartet. Ein Dutzend Termine wurden angesetzt,
+und immer schaffte ich noch im letzten Augenblick
+Hilfe. Jetzt sind alle Quellen versiegt &ndash; bis auf
+eine, die erst zu sprudeln beginnt, die auf der Grauen
+Lehne&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Was hat die mit <em class="gesperrt">dir</em> zu tun?“</p>
+
+<p>„Viel. Schellheim spekuliert auf Döbbernitz.
+Ein unternehmender Geist, sozusagen der Typus der
+neuen Zeit, die im Zeichen der Industrie steht, und
+vor der wir Landjunker die Segel streichen müssen.
+Das ist nun mal nicht anders. <em class="antiqua">Enfin</em> &ndash; unser
+liebenswerter Gastgeber hat mir vorgeschlagen, Kurdirektor
+von Oberlemmingen zu werden. Was sagst
+du zu dieser Idee?“</p>
+
+<p>Hedda antwortete nicht sofort. Das, was Klaus
+erzählte, kam so überraschend für sie, daß sie sich
+Mühe geben mußte, ihr Erstaunen zu verbergen.
+Sie schüttelte den Kopf. War das nicht einfach verrückt?
+Wollte der Kommerzienrat denn die ganze
+Umgegend gegen sich erbittern? Nein, dazu war er
+zu klug; er mußte seine besonderen Absichten mit
+Klaus haben. Aber es war doch verrückt. Klaus
+paßte im Leben nicht in eine solche Stellung, die
+großes administratives Geschick erforderte. Und
+schließlich mußte es für ihn selbst demütigend sein,
+sich einen neuen Wirkungskreis in unmittelbarster
+Nähe des durch eigne Schuld verlorenen zu schaffen.
+Und endlich &ndash; dieser letzte Gedanke trieb Hedda
+das Blut in die Wangen&nbsp;&ndash;, war es denn nicht
+qualvoll, sich nach alledem, was geschehen war, täglich
+sehen, begrüßen und sprechen zu müssen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>Zernin neigte sich etwas tiefer über den Teller.</p>
+
+<p>„Du scheinst nicht der Ansicht zu sein, daß das
+<em class="antiqua">changement de la position</em> sonderlich beglückend für
+mich ist,“ fuhr er fort. „Nein, Hedda, das ist es
+wahrhaftig nicht. Aber was soll der Mensch machen?
+Mein letzter Ausweg war die Fremde &ndash; Amerika,
+der Sammelplatz der verkrachten Existenzen. Hans
+Zesingen ist auch schon drüben &ndash; ich glaube, er ist
+Barkeeper in New York und mischt für andre Porter
+und Sekt, seinen alten Lieblingstrunk. Da bleib’
+ich schon lieber daheim. Man muß sich in die Verhältnisse
+zu schicken suchen. Der Junkerschädel hält
+nicht mehr stand. Die Handelsverträge und das
+römische Recht sind unser Unglück&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Er sprach weiter und weiter, immer halbleise,
+vom Ruin der Landwirtschaft und Niedergang des
+alten Adels. Aber Hedda hörte nur den Schall
+der Worte &ndash; sie achtete kaum auf den Sinn. Seltsam,
+wie sehr sich Klaus verändert hatte. Er war
+doch nicht der alte geblieben, er hatte sich „in die
+Verhältnisse geschickt“. Es war wohl das beste für
+ihn, und trotzdem war sich Hedda klar darüber: der
+wilde, trotzige Bursche von ehemals, der auf die
+Welt „pfiff“ und mit grimmigem Lachen aller Zucht
+und Sitte spottete, hatte mehr Charakter gezeigt als
+der sich glatt fügende Diplomat von heute.</p>
+
+<p>Das Diner näherte sich seinem Ende. Da rasch
+serviert worden war, so hatte es kaum über eine
+Stunde gedauert. Die Diener reichten Dessert und
+Früchte herum, und die Backfische des Oberförsters
+machten glückliche Gesichter: sie knabberten gar zu
+gern Süßigkeiten. Der dicke Hauptmann Biese
+hatte seine Serviette abgebunden und sah sehr zufrieden
+aus; so ausgezeichnet hatte es ihm lange
+nicht geschmeckt. In der Tat, das Diner war sehr
+gelungen, und der Kommerzienrat nickte in einer
+Aufwallung ehelicher Liebenswürdigkeit seiner Gattin
+über den Tisch herüber freundlich lächelnd zu.</p>
+
+<p>Plötzlich klinkte Exzellenz Usen-Karst an sein
+<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>Glas. Man hatte schon längst darauf gewartet.
+Tiefe Stille trat ein, die nur einmal durch das Aufkichern
+des oberförsterlichen B unterbrochen wurde.
+Die dicke Exzellenz wuchtete vom Stuhle empor,
+stemmte die Hände mit den Knöcheln fest auf den
+Tisch, atmete tief auf, dabei einen pfeifenden Luftstrom
+durch die Nase stoßend, und begann dann zu
+sprechen. Der alte Diplomat, dem die böse Welt
+nacherzählte, daß er seine Millionen in Konstantinopel
+mit Hilfe eines griechischen Bankiers durch ganz
+raffinierte Spekulationen verdient hätte, und daß er
+auch auf seiner Herrschaft Karstedt ein tolles Serailleben
+führe, war ein geistreicher Mann und ein vorzüglicher
+Sprecher. Man wußte, daß er die Extravaganzen
+liebte, und erwartete auch bei dieser Gelegenheit
+etwas Ähnliches, zumal die Rede mit einer
+humoristischen Lobhymne auf die Industrie anfing.
+Sie beginne langsam auch hier, in diesem verlorenen
+märkischen Winkel, an Boden zu gewinnen, wo bisher
+der Menschengeist sich höchstens bis in die Regionen
+von Kartoffelspiritus und Schlempe verstiegen
+habe. Und dann ging es weiter, in buntem und
+lustigem Durcheinander &ndash; ein ganzes Feuerwerk
+guter Einfälle sprühte auf.</p>
+
+<p>Usen sprach von allem möglichen: von der Notwendigkeit
+einer Aussöhnung zwischen Industrie und
+Landwirtschaft, vom Wetter, von seinen Weinbergen
+und von schönen Frauen, von Lukullus und von
+seiner Freude darüber, daß ein so tüchtiger Vertreter
+des kaufmännischen Standes, wie der Kommerzienrat
+Schellheim, sich im Kreise angekauft habe. Und
+dann berührte er auch die neue Quelle, von der
+bereits die ganze Gegend spreche, und deren Ausbeutung
+in die Hände des scharmanten Gastgebers
+gelegt worden sei. Ein Heilquell sei es, und dem
+Heil der Menschheit solle sein Wasser dienen, ein
+Getränk, das er im allgemeinen verabscheue, dem
+er als Mittel zum Zweck aber seine Anerkennung
+nicht versagen könne. Daran schloß sich ein Passus,
+<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>der auf aller Mienen die mannigfachsten Variationen
+von Erstaunen hervorrief. Usen sagte nämlich:</p>
+
+<p>„... Daß Oberlemmingen einer neuen, zukunftsfrohen
+Ära entgegengeht &ndash; ja, ja, mein alter, verehrter
+Freund Hellstern&nbsp;&ndash;, daran zweifle ich nicht.
+Ich höre, daß <em class="gesperrt">mit</em> unserm liebenswürdigen Wirt
+noch ein andrer Eingesessener des Kreises an die
+Spitze des Unternehmens treten will, &ndash; und ich
+hoffe, daß das frisch sprudelnde Wasser in der Buchenhalde
+auch für <em class="gesperrt">ihn</em> ein <em class="gesperrt">Heil</em>quell werden wird.
+Nach Heilung dürsten wir schließlich alle, und wenn
+es uns noch so gut ergeht. Denn jede Heilung ist
+ein Besserwerden, und wen gibt’s, der selbstlos
+genug wäre, es sich nicht besser zu wünschen, als er
+es hat! Ach nein, gestehen wir es uns: wir sind
+Egoisten, und auch ein Stück Pharisäertum schlummert
+in unsrer Brust. Neben der Hoffnung auf
+das Besserwerden wohnt Tür an Tür das Besserdünken.
+Und so kommt es leicht, daß der Pharisäer
+in uns sich gewaltig reckt, wenn einmal der Mitmensch
+gefehlt und geirrt hat. Ich hatte einen
+Freund unten im Orient, der war weise und gut,
+aber er trank Wein und nicht wenig, und das durfte
+er nicht, denn er war Mohammedaner. Und wenn
+man ihm sagte, daß er sündige, so antwortete er:
+‚Geh hin nach Chanimbaïri und sieh, ob <em class="gesperrt">du</em> nicht
+sündig bist.‘ Dort liegt nämlich ein Brunnen, von
+dem die Sage erzählt, daß im Wasserspiegel sich
+Flecken zeigen, wenn ein sündhafter Mensch hineinschaut.
+Und so mein’ ich auch &ndash; ehe wir verdammen
+und verurteilen, gehen wir nach Chanimbaïri&nbsp;...“</p>
+
+<p>Der Schluß war kurz; er galt den Gastgebern.
+Man nahm fröhlich das Hoch auf, dann aber zog,
+während auch die dicke Exzellenz wieder Platz genommen
+hatte, ein ganz leiser Hauch von Verstimmung
+oder wenigstens von Befremdung durch
+die Gesellschaft. Man hatte verstanden. Herr von
+Usens Blick hatte bei seinen Worten deutlich den
+<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>Döbbernitzer Zernin gestreift. Der war gemeint.
+Der sollte im Verein mit dem Kommerzienrat die
+Quellengeschichte „entrieren“ &ndash; gerade der, der dem
+Bettelstab nahe war&nbsp;&ndash;, gerade der. Und unzweifelhaft
+war die Rede Usens ein Rehabilitationsversuch
+für Klaus von Zernin gewesen. Wie kam
+Usen dazu? Er hatte schon vorher dem verlotterten
+Döbbernitzer so merkwürdig herzlich die Hand geschüttelt
+&ndash; was sollte das alles heißen?! Herr
+von Wessels, der Landrat, lächelte sein feinstes diplomatisches
+Lächeln, und der Kammerherr von Ponteck
+flüsterte seiner Nachbarin zu: „Prost, meine Gnädigste
+&ndash; also gehen wir nach Kaminbirrira, oder wie das
+Ding heißt&nbsp;...“</p>
+
+<p>Zernins Gesicht hatte sich gar nicht verändert.
+Er spielte zuerst mit der Nelke, die neben seinem
+Teller lag, und hierauf mit einem kleinen goldenen
+Crayon, den er aus der Westentasche genommen
+hatte. Und auf einmal zog er seine Tischkarte näher
+und kritzelte ein paar Worte auf deren Rückseite.
+Dann schob er die Karte unbemerkt seiner rechten
+Nachbarin zu.</p>
+
+<p>Hedda, die durch die Rede Usens eigentümlich
+berührt wurde, und auf deren Wangen Röte und
+Blässe wechselten, warf einen raschen Blick auf die
+Schrift und preßte die Zähne zusammen. Sie las:
+„Kann ich dich morgen nachmittag fünf Uhr auf
+wenige Minuten allein sprechen? &ndash; Am alten
+Platz.“</p>
+
+<p>Wie in mechanischer Spielerei nahm sie die Karte
+und zerriß sie.</p>
+
+<p>„Nein!“ sagte sie kurz.</p>
+
+<p>Nur einer am Tische schien die kleine Episode
+bemerkt zu haben: der Pastor. Er sah sehr ernst
+aus; etwas wie eine folternde Sorge lag auf seinem
+schönen, alten Gesicht.</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat winkte seiner Gattin; man
+erhob sich. Die ganze Gesellschaft flutete in die
+Salons zurück, und wieder schwirrte, während man
+<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>sich „Gesegnete Mahlzeit!“ wünschte, die Unterhaltung
+lebhaft auf. Jetzt drückte nicht mehr von
+allen Gästen Usen allein Herrn von Zernin die
+Hand; drei, vier, fünf andre folgten. Auch die
+Oberförsterin lächelte, als Klaus sich stumm vor ihr
+verneigte. Die Woydczinska strich dicht an ihm
+vorüber.</p>
+
+<p>„Kommen Sie übermorgen abend,“ flüsterte sie
+ihm zu; „eine Cousine aus dem Polnischen ist bei
+mir zu Besuch. Wir wollen eine neue Sektmarke
+proben&nbsp;...“</p>
+
+<p>Als Herr von Usen dem Kommerzienrat die Hand
+drückte, fragte er halblaut:</p>
+
+<p>„So war es gut, dächt’ ich&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Ganz ausgezeichnet, Exzellenz &ndash; tausend Dank,
+tausend Dank&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Aber nun eine Zigarre als Belohnung&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Schellheim nahm Usen unter den Arm und führte
+ihn in das Rauchzimmer. Die meisten Herren hatten
+sich bereits hierher zurückgezogen; Hauptmann Biese
+rauchte schon eine kolossale Upmann, die das Werk
+des Abends krönen sollte. Die Diener brachten Kaffee
+und Liköre; man fühlte sich sehr behaglich.</p>
+
+<p>Es war selbstverständlich, daß das Thema von
+der Quelle nicht abriß. Aber der Kommerzienrat
+wich geschickt aus; es machte den Eindruck, als wolle
+er nicht vor der Zeit von der Sache sprechen. An
+seiner Stelle gab der Landrat einige Einzelheiten.
+Gewiß, die Graue Lehne war Bauernterrain &ndash; die
+Quelle gehörte den Möllers, aber der Kommerzienrat
+war der Geldmann. Er war sozusagen der
+treibende Faktor. Die Formalitäten waren bereits
+abgeschlossen: Kommanditgesellschaft &ndash; eine Bank
+beteiligte sich nicht. Und im Mai sollte die Einweihung
+sein, das stand fest.</p>
+
+<p>Hauptmann Biese, der mit seiner Upmann im
+Munde in einem Fauteuil neben dem Kamin lag,
+sah sich im Kreise um. Nur der Landrat, der
+Kammerherr von Ponteck, der Wernochower Klitzingk,
+<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>Oberförster Tornow und der Schönwaider waren
+im Augenblick im Zimmer &ndash; da konnte man schon
+ein bißchen klatschen.</p>
+
+<p>„Aber hören Sie mal, meine Herren,“ sagte
+Biese mit seiner fetten Stimme, „das mit dem Döbbernitzer
+&ndash; unter uns &ndash; ist doch ein Wagnis. Das
+ist doch eine verfluchte Geschichte &ndash; nicht?“</p>
+
+<p>Der Landrat zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>„Warum denn, lieber Herr Nachbar? Es wär’
+ja recht gut, wenn der arme Kerl wieder ein bissel
+in die Höhe käme!“</p>
+
+<p>Aber der alte Baron Klitzingk strich seinen
+weißen Katerbart und schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>„Nein, Herr von Wessels,“ erwiderte er, „ich
+kann Ihnen in diesem Falle nicht recht geben. Exzellenz
+Usen meint zwar, wir sollten nach &ndash; Dingsda
+gehen und sehen, ob wir nicht auch sündig wären &ndash;
+na, ich habe aus meinem Herzen nie eine Mörderhöhle
+gemacht, aber ich bin doch der Ansicht, daß
+Zernin besser getan hätte, sich nach Amerika zu
+drücken. Er hat’s <em class="gesperrt">zu</em> toll getrieben&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Ach was &ndash; der alte Bismarck hat’s auch toll
+getrieben, als er noch auf Kniephof saß, und ist doch
+ein ganzer Mann geworden!“</p>
+
+<p>„Wird sich der Zernin denn auf Döbbernitz
+halten können?“ warf der Oberförster ein.</p>
+
+<p>Die Meinungen waren geteilt. Herr von Nehringen
+wollte wissen, daß Schellheim Döbbernitz im
+Interesse Zernins administrieren lassen werde. Herr
+von Ponteck vermutete, er wolle es kaufen &ndash; daher
+seine Bemühungen, Zernin eine neue Position zu
+schaffen.</p>
+
+<p>Biese meinte, der Kommerzienrat sei eine „ganz
+schlaue Unke“. Er sprach von seinem Gastgeber
+nicht im freundlichsten Tone. Das ärgerte schließlich
+den Landrat.</p>
+
+<p>„Erlauben Sie, Herr Nachbar,“ sagte er, „wir
+befinden uns noch immer unter dem Dache des
+Kommerzienrats&nbsp;...“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>In der Halle hatte man Whisttische aufgestellt.
+Die Damen saßen im ersten Empiresalon und sprachen
+von häuslichen Dingen. Im Augenblick wurde die
+Frage erwogen, ob sich Eingemachtes besser in verlöteten
+Blechbüchsen oder in hermetisch verschlossenen
+Gläsern halte. Frau Necker aus Klotschow führte
+das Wort. Nebenan kicherten die Backfische. Sie
+unterhielten sich über Toilettefragen; im Februar
+sollte in Zielenberg der Landschaftsball stattfinden,
+und das war immer ein Ereignis.</p>
+
+<p>Zernin hatte rasch ein paar Züge Zigarette geraucht
+und war dann in die Salons zurückgekehrt.
+Sein Herz klopfte ungestüm. Er fand selbst, daß
+er nicht mehr der alte war. Er war in grimmigster
+Laune und durfte sie nicht austoben lassen. Er
+wußte ganz genau, daß die Rede Usens eine abgekartete
+Sache war &ndash; so eine Art „Restitutionsedikt“
+für ihn. Aber nichtsdestoweniger war sie
+brutal und taktlos gewesen. Er kam sich unglaublich
+lächerlich vor in der Rolle des reuigen Sünders.
+Im Grunde seines Herzens war ihm die ganze
+Gesellschaft der Umgegend heute genau so gleichgültig
+wie früher; heimlich „pfiff“ er noch immer
+auf die Welt. Aber es half alles nichts; er mußte
+katzbuckeln und ein frommes Gesicht machen, wenn
+die Wellen nicht über ihm zusammenschlagen sollten.</p>
+
+<p>Er suchte Hedda. Er mußte noch ein Wort mit
+ihr sprechen. Sie hatte sich mit der Woydczinska
+unterhalten und fragte nun nach ihrem Vater.</p>
+
+<p>„Der sitzt schon beim Whist,“ antwortete Klaus.</p>
+
+<p>„Gut so. Da ist er untergebracht. Mit wem
+spielt er?“</p>
+
+<p>„Mit dem Pastor und dem Kreisphysikus, &ndash;
+ungefährliche Leute, die sich widerspruchslos anschnauzen
+lassen&nbsp;...“</p>
+
+<p>Die beiden standen am Ofen, halb verdeckt von
+einem großen, kunstvoll gestickten Schirm mit goldenen
+Bienen, der aus St. Cloud stammen sollte.
+Kein Mensch war in ihrer Nähe. Von nebenan
+<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>hörte man die scharfe Stimme der Frau Necker-Klotschow,
+die von ungezuckerten Pfirsichen sprach.</p>
+
+<p>Zernins Blick bohrte sich in die Augen Heddas.
+Er fand, daß sie noch schöner geworden war, reifer;
+sie stand im Sommer ihrer Jungfrauenschaft.</p>
+
+<p>„Also nicht, Hedda?“ fragte er.</p>
+
+<p>Sie verstand sofort. „Nein,“ antwortete sie,
+„ich will nicht.“</p>
+
+<p>„Ich begreife dich nicht. Hast du Angst vor
+mir?“</p>
+
+<p>„Die hatte ich nie; höchstens sorgte ich mich um
+dich.“</p>
+
+<p>„Aber heute nicht mehr?“</p>
+
+<p>„Was sollen diese Fragen, Klaus? Ich habe
+zu meiner großen Freude gehört, daß es mit dir
+wieder bergauf geht. Daß mich der Gedanke anfänglich
+erschreckt hat, dich künftighin häufig sehen
+zu müssen, war nur natürlich. Aber ich bin schon
+beruhigt. Mein Schreck war Torheit. Wir haben
+uns nichts vorzuwerfen. Wir sind uns ja auch
+klar darüber geworden, daß wir uns nichts mehr
+zu sagen haben, was nicht die ganze Welt hören
+könnte. Seit anderthalb Jahren sind wir uns
+darüber klar. Und es ist heute nicht anders als
+damals.“</p>
+
+<p>Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne.
+Die Ruhe, mit der sie sprach, brachte sein Blut in
+Wallung.</p>
+
+<p>„Ich danke dir. Du findest immer den rechten
+Ton. Ist es dir denn <em class="gesperrt">so</em> leicht geworden, dich
+von mir zu trennen? Soll ich dir erzählen, was
+<em class="gesperrt">ich</em> gelitten habe? Soll es <em class="gesperrt">ganz</em> aus sein zwischen
+uns? Hedda, hast du gar nichts mehr für mich
+übrig?!“</p>
+
+<p>Sie fühlte, daß sie eine krankhafte Empfindung
+von Schwäche beschlich.</p>
+
+<p>„Laß mich, Klaus,“ bat sie; „quäle mich nicht&nbsp;...“</p>
+
+<p>Er richtete sich straff auf.</p>
+
+<p>„Also gut,“ sagte er. „Legen wir wieder die
+<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>Maske vor. Es geht weiter bergauf. Es geht im
+Galopp bergauf, Hedda. Du hast gesehen, wie man
+mir mit gütigen Händen die Bahn ebnet. Der dicke
+Usen und Schellheim sind mir als rettende Englein
+zur Seite gestellt worden &ndash; das Weltkind in der
+Mitte. Ich werde noch ein reicher Mann werden
+und ein sehr solider Philister. Der Kommerzienrat
+hat auch schon eine Frau für mich <em class="antiqua">in petto</em> &ndash; irgend
+ein Judenmädel mit märchenhafter Mitgift. Es geht
+in der Karriere bergauf, Hedda&nbsp;...“</p>
+
+<p>Sie starrte ihn an, als begreife sie nicht, was er
+sprach. Ein Ausdruck zynischen Hohns lag auf seinem
+Gesicht. Es war wie eine Erlösung für sie, daß in
+diesem Augenblick Gerlinde Ponteck in das Zimmer
+trat, um sie in einer wichtigen Angelegenheit zu Rate
+zu ziehen: Auguste, Berta und Constance Tornow
+wollten auf den Landschaftsball in Weiß, Blau und
+Rosa gehen, doch war Gerlinde der Meinung, daß
+die drei Schwestern gleichmäßig Weiß tragen sollten
+&ndash; ob Hedda das nicht auch hübscher finde?</p>
+
+<p>„Natürlich,“ sagte Zernin, „alle drei weiß, wie
+die Tauben, oder nein, wie ein Schwanentrio. Denn
+Weiß ist die Farbe der Unschuld und schon aus
+diesem Grunde jungen Mädchen bestens zu empfehlen.
+Aber Halsbänder aus schwarzem Samt dazu, wenn
+ich mir einen Vorschlag erlauben darf. Das gibt
+eine angenehme Abwechslung und erzielt einen
+pikanten Kontrast, dieweil die weiße Unschuld doch
+manchmal langweilig wirkt&nbsp;...“</p>
+
+<p>Fräulein von Ponteck lächelte krampfhaft, weil
+sie nicht wußte, wie sie sich diesem schrecklichen Menschen
+gegenüber benehmen sollte, und war froh, daß
+Hedda sie in das Nebenzimmer zog, um dort das
+A, B, C über die strittige Frage zu belehren.</p>
+
+<p>Gunther hatte im Verlaufe des Abends wenig
+Gelegenheit gefunden, sich Hedda zu nähern. Er
+litt an beständigem Herzklopfen. Er hatte seinen
+Vater gebeten, den alten Freiherrn mit größter
+Delikatesse auszuhorchen, aber es schien, als sei es
+<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>unmöglich, Hellsterns auf ein paar Minuten allein
+habhaft zu werden. In seiner fieberhaften Nervosität
+irrte Gunther von Zimmer zu Zimmer, langweilte
+sich bei den älteren Damen, scherzte mit den
+Backfischen, plauderte mit Zernin und setzte sich dann
+ein Viertelstündchen neben Frau Rittmeister Woydczinska,
+deren dunkle Schönheit auch auf ihn eine
+gewisse Anziehungskraft ausübte.</p>
+
+<p>Mitten in der Unterhaltung aber versagte ihm
+das Wort. Er sah seinen Vater an der Seite Hellsterns
+durch die Zimmer schreiten. Der Kommerzienrat
+schien dem Alten die Räume zeigen zu wollen;
+er gestikulierte lebhaft, wies hierhin und dorthin,
+blieb zuweilen vor einem Bilde oder einer Statuette
+stehen und verschwand schließlich mit Hellstern im
+Speisesaal.</p>
+
+<p>Jetzt wußte Gunther Bescheid. Jenseits des
+Speisezimmers lag das Arbeitskabinett seines Vaters.
+Dort waren die beiden ungestört &ndash; und stärker
+hämmerte das verliebte Herz.</p>
+
+<p>Es war so. Der Baron hatte keine Lust mehr,
+weiterzuspielen. Der Kreisphysikus hatte gewöhnlich
+die Cinq Honneurs und er lauter Ladons in der
+Hand; der Pastor aber spielte wie im Traume &ndash; so
+etwas Schlafmütziges war noch gar nicht dagewesen.
+Da dankte man lieber.</p>
+
+<p>Und diesen Moment hatte der Kommerzienrat
+abgepaßt. Hellstern sagte ihm ein liebenswürdiges
+Wort über die geschmackvolle Einrichtung des Schlosses,
+worauf Schellheim sich erbot, den Baron ein wenig
+herumzuführen. Im Arbeitszimmer hatte er ihn
+sicher.</p>
+
+<p>Es war dies ein Turmgemach, ein runder Raum
+mit einem einzigen hohen Glasfenster in einer auf
+einen kleinen Balkon führenden Tür. Ein Hauch
+von Behaglichkeit wehte durch das Zimmer. Hellsterns
+Blick fiel zunächst auf einen großen eisernen
+Geldschrank und dann auf zwei Stahlstiche an der
+Wand: der Überfall reisender Kaufleute durch die
+<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>Quitzows und die Verbrennung der Schuldscheine
+Kaiser Karls&nbsp;V. durch Fugger.</p>
+
+<p>Schellheim sah, daß der Freiherr die beiden Bilder
+mit einem gewissen Interesse betrachtete, und er
+lächelte.</p>
+
+<p>„Es sind zwei Mahnungen, Herr Baron,“ sagte
+er. „Ein Appell an die Vorsicht und einer an die
+Generosität &ndash; <em class="antiqua">„cave“</em> und <em class="antiqua">„noblesse oblige“</em>. Knöpfe
+die Taschen zu, sagt mir das eine Bild, und knöpfe
+sie auf, das andre. Jedes zu seiner Zeit. Ich liebe
+derartige kleine Denkzettel.“</p>
+
+<p>„Allerdings,“ entgegnete der Freiherr, „sind sie
+zweckmäßiger als ein Knoten im Taschentuch. Aber
+bedürfen Sie denn eines solchen Mementos? Ein
+Charakter wie Sie?“</p>
+
+<p>„O, lieber Baron, Sie schmeicheln mir! Wäre
+ich in der Tat ein ganzer Charakter, dann wäre ich
+auch ein besserer Kaufmann. Man hält mich allerdings
+für einen hervorragenden Industriellen, aber
+in Wahrheit bin ich es nicht. Wenigstens nicht ganz.
+Auf der einen Seite steckt noch zu viel vom Krämer
+in mir, auf der andern zu viel kaufmännischer Aristokratismus.
+Und das verträgt sich schlecht. Irgend
+ein bekannter Volkswirtschafter &ndash; war es nicht Friedrich
+List? &ndash; hat einmal gesagt, die Kraft, Reichtümer
+zu erwerben, sei mehr wert, als der Reichtum
+selbst. Das ist ein großes Wort, denn wirklich:
+klingendes Kapital kann zerrinnen, aber die Gabe
+des Erwerbens stiehlt uns niemand. Ich will nicht
+sagen, daß ich sie nicht auch besitze, denn sonst hätte
+ich es &ndash; immerhin &ndash; nicht so weit gebracht. Doch
+hundertmal stelle ich mein Licht unter den Scheffel &ndash;
+ach ja, es ist so. Wozu erwerbe ich Landgüter und
+lege meinen Besitz fest und zersplittere damit mein
+bürgerliches Erbe: die Kraft des Schaffens, die Möglichkeit
+des Gewinnens? Aus aristokratischer Neigung,
+die sich mit dem Geiste des kaufmännischen Bürgertums
+im Grunde genommen herzlich wenig verträgt.
+Und diese Neigung treibt mich noch weiter. Döbbernitz
+<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>soll verkauft werden; ich hätte nicht übel Lust, es an
+mich zu bringen und meinem Zweiten fideikommissarisch
+zu sichern&nbsp;...“</p>
+
+<p>Er schob den schweren Arbeitssessel, der vor dem
+Schreibtische stand, neben Hellstern.</p>
+
+<p>„Nehmen Sie einen Augenblick Platz, bester
+Baron,“ sagte er, „Sie werden ermüdet sein.“</p>
+
+<p>Hellstern ließ sich nieder und lehnte seine Krücken
+gegen den Stuhl.</p>
+
+<p>„Ja,“ entgegnete er kopfnickend, „ich bin ein
+bißchen müde. Die verdammte Ischias dörrt einem
+das Mark aus den Knochen. Also Sie spekulieren
+auf Döbbernitz? Ich dacht’ mir’s beinahe, als ich
+Zernin bei Ihnen sah. Es mußte einen Zweck
+haben&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Ah ja“ &ndash; und Schellheim lachte kurz auf&nbsp;&ndash;,
+„so viel Kaufmann bin ich denn doch! Aber andrerseits
+reizt es mich auch, Herrn von Zernin wieder
+auf die Beine zu helfen. Es steckt ja doch eine ganze
+Portion Tüchtigkeit in ihm. Und es berührt immer
+tragisch, einen großen und berühmten Namen verschmutzen
+und versumpfen zu sehen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Seine eigne Schuld,“ bemerkte Hellstern knurrig.</p>
+
+<p>„Seine eigne Schuld &ndash; freilich, freilich! Aber
+darum nicht minder tragisch. Sein Vater hat am
+Ruhme Preußens und Deutschlands erheblich mitarbeiten
+helfen, und der Sohn steht vor dem Untergange.
+Durch eigne Schuld, ganz gewiß &ndash; Sie
+haben schon recht, Herr Baron. Aber ich erinnere
+Sie an die Worte Exzellenz Usens: seien wir nicht
+allzu pharisäisch! Aus Herrn von Zernin kann noch
+einmal etwas ganz Brauchbares werden, wenn er
+mit den alten Schulden aufgeräumt hat und man
+ihm ein klein wenig Beistand leistet.“</p>
+
+<p>„Wird er Ihnen nicht zu viel für Döbbernitz
+fordern &ndash; fordern <em class="gesperrt">müssen</em>, um seine Gläubiger
+befriedigen zu können?“</p>
+
+<p>„Ah nein &ndash; ich kaufe nicht direkt, ich warte die
+Subhastation ab. Sie steht vor der Tür. Mit den
+<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>ausfallenden Gläubigern werde ich Herrn von Zernin
+zu arrangieren versuchen. Es wird sich schon machen
+lassen.“</p>
+
+<p>„Wenn der gute Wille da ist und eine geschickte
+Hand &ndash; warum nicht. Übrigens, leicht wird es
+Ihnen nicht werden, auf Döbbernitz Ordnung zu
+schaffen. Der Junge hat alles verlottert. Seit
+Jahresfrist ist nichts mehr bestellt worden, wie mir
+Tornow erzählt. Auf den Wiesen wächst Schilf, und
+die Felder sehen wie eine Prärie aus.“</p>
+
+<p>„Aber der Boden ist gut, und das Ausruhen
+wird ihm nicht viel geschadet haben.“</p>
+
+<p>„Ist richtig. Und schließlich &ndash; mit Geld ist
+alles zu machen.“</p>
+
+<p>Jetzt zog der Kommerzienrat die Brauen sehr hoch.</p>
+
+<p>„In gewissem Sinne, ja,“ antwortete er. „Aber
+das Kapital, das ich in Döbbernitz hineinstecken muß,
+arbeitet nicht &ndash; wenigstens vorläufig nicht&nbsp;&ndash;, und
+wenn es zu arbeiten beginnt, wird es auch nur eine
+geringe Verzinsung abwerfen. Ich sagte Ihnen ja:
+ein vollendeter Kaufmann bin ich noch lange nicht.
+Trotz alledem &ndash; ich möchte dem Gunther ein behagliches
+Nest schaffen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Sehr verständlich,“ warf der Freiherr ein; „er
+wird ja auch einmal an das Heiraten denken.“</p>
+
+<p>Schellheim fing diese Bemerkung auf. Gott sei
+Dank, nun war die Anknüpfung gefunden! Er hatte
+schon Sorge gehabt, den rechten Faden nicht erwischen
+zu können. Ein wenig in Unruhe war er
+doch. Er zog sich gleichfalls einen Stuhl heran
+und setzte sich Hellstern gegenüber. Seine Hände
+zitterten leicht.</p>
+
+<p>„Ja natürlich,“ entgegnete er, „an das Heiraten &ndash;
+nötig wär’s ja noch nicht &ndash; er könnte immer noch
+ein paar Jahre warten. Aber &ndash; na, er hat mich
+neulich ins Vertrauen gezogen, und da wir gerade
+unter uns sind, lieber Baron, möcht’ ich mir auch
+ein paar vertrauliche Worte gestatten. Der &ndash; der
+Junge ist nämlich in &ndash; ist nämlich bis über beide
+<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>Ohren verliebt, lieber Baron &ndash; und in wen? Wissen
+Sie, in wen?“</p>
+
+<p>„Ahnungslos,“ sagte Hellstern, und dann schoß
+ihm ein Gedanke durch den Kopf. „Sapperlot &ndash;
+etwa in die Woydczinska? Das ist ein deubelsmäßiges
+Frauenzimmer mit ihren Kohlenaugen!“</p>
+
+<p>„I Gott bewahre! Das sollte mir fehlen! Nein
+&ndash; in &ndash; in &ndash; in &ndash; na, es muß einmal heraus &ndash;
+in Baronesse Hedda!“</p>
+
+<p>Hellstern war wie erstarrt.</p>
+
+<p>„In Hedda?“ fragte er, maßlos erstaunt. „In
+<em class="gesperrt">meine</em> Hedda?“</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat nickte.</p>
+
+<p>„Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Baron, daß ich
+eine ernsthafte Aussprache mit ihm gehabt habe. Eine
+sehr ernsthafte. Ich habe ihm die Sache ausreden
+wollen. Trotz neunzehntem Jahrhundert und allen
+gegenteiligen Versicherungen sind wir noch nicht über
+die Klippen und Untiefen gewisser gesellschaftlicher
+Vorurteile hinweggekommen. Der uralte Gegensatz
+zwischen Adel und Bürgertum scheidet auch uns zwei.
+Sie haben den Ruhm des historischen Namens, ich
+nichts als das stolze Bewußtsein, ein Emporkömmling
+zu sein. Nun ja, auch darauf bin ich stolz, denn
+was ich erreicht habe, erreichte ich durch mich selbst.
+Plebejerstolz meinethalben, doch auch ihn soll man
+respektieren. Und das war’s, was mir Sorge machte,
+war der Grund, der mich dazu trieb, Gunther die
+Sache aus dem Kopfe zu reden: ich fürchtete, in
+meinem Stolze verletzt zu werden&nbsp;...“</p>
+
+<p>Der Freiherr hatte den Kopf in die Hand gestützt.
+Er war sehr ernst geworden. Er hatte in
+diesem Augenblick nur das eine Empfinden: sich so
+zu beherrschen, daß er den Kommerzienrat nicht kränkte,
+nicht beleidigte. Denn in der Tat &ndash; das wollte er
+nicht; es war doch etwas Respekteinflößendes in dem
+Wesen dieses Mannes, so meilenfern dessen Anschauungswelt
+auch der seinen lag.</p>
+
+<p>Er ließ die Hand sinken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>„Zunächst die Hauptsache,“ fragte er; „haben die
+beiden sich schon verständigt?“</p>
+
+<p>Schellheim schöpfte tief Atem. Es flog sonnig
+über sein Gesicht. Eine strikte Absage hatte er nicht
+erwartet, aber ein langes Poltern. Und nun war
+Hellstern so ruhig, wie man ihn selten sah.</p>
+
+<p>„Nein,“ antwortete der Kommerzienrat, „sie haben
+sich noch nicht ausgesprochen. Aber &ndash; Sie wissen,
+wie die Liebe forscht. Aus hundert kleinen Zügen
+hat Gunther die Berechtigung zur Werbung herleiten
+zu dürfen geglaubt.“</p>
+
+<p>Hellstern schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>„Hedda hat mir keinerlei Andeutungen gemacht,
+nicht die kleinste. Sie hat Gunther &ndash; hat Ihren
+Herrn Sohn&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Sagen Sie ruhig Gunther, lieber Baron&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Hat Ihren Herrn Sohn ja doch auch erst zwei-
+oder dreimal gesehen! Freilich, das will nichts bedeuten.
+Ich lernte meine gute Selige des Abends
+kennen, und am nächsten Abend waren wir Brautleute.
+Aber es frappiert mich doch, daß Hedda &ndash;
+nun, und <em class="gesperrt">Sie</em>, Kommerzienrat? Abgesehen von Ihren
+prinzipiellen Bedenken: würde Ihnen die Heirat
+passen?“</p>
+
+<p>Jetzt glaubte Schellheim seiner Sache sicher zu
+sein. Aber als kluger Mann triumphierte er nicht.</p>
+
+<p>„Gott, Herr Baron,“ erwiderte er, „ich bin kein
+Komödienvater. Ich habe das Für und Wider reiflich
+erwogen und mit meinem persönlichen Empfinden
+nicht hinter dem Berge gehalten. Und ich würde die
+Sache noch erheblich ernster aufgefaßt haben, wäre
+Baronesse Hedda eine andre. Aber <em class="gesperrt">so</em>! Ich muß
+Ihnen sagen, lieber Baron, daß ich vor Baronesse
+Hedda die allergrößte Hochachtung habe&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Der Teufel soll dich holen, wenn du es nicht
+hättest,“ dachte Hellstern.</p>
+
+<p>„&ndash;&nbsp;und daß ich sie wahrhaft schätzen gelernt
+habe. Gerade die Anspruchslosigkeit ihres Wesens &ndash;
+das ist’s, was mir so gut an ihr gefällt. Und ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>meine, die hat sie von Ihnen gelernt, Baron, Sie
+sind auch so.“</p>
+
+<p>„Wir sind alle so,“ erwiderte Hellstern. „Der
+märkische Adel hat sich immer nach der Decke strecken
+müssen. Er hat immer um Leben und Existenz
+gekämpft, und brach einmal einer zusammen, so geschah’s
+in Ehren, wie draußen auf dem Schlachtfelde.
+Mit Ausnahmen natürlich &ndash; die gibt’s überall. Und
+wenn die liberalen Zeitungen der Welt erzählen, daß
+unser Adel sein Geld verjuxt habe, so schwindeln sie
+einfach&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Er hielt einen Augenblick inne. Sein Großvater
+fiel ihm ein, ein wilder Mann, von dessen unsinniger
+Verschwendungssucht ihm die Mutter oft genug erzählt
+hatte. Ein Schatten flog über seine Stirn,
+und er winkte mit der Hand.</p>
+
+<p>„Und Ihre Gattin, Herr Kommerzienrat?“ fragte
+er. „Wie denkt <em class="gesperrt">sie</em> über die Heirat?“</p>
+
+<p>Schellheim lächelte. „Sie war von vornherein
+der Meinung, daß man dem Glücke unsres Sohnes
+keine Schwierigkeiten bereiten dürfe.“ Er seufzte.
+„Das ist es ja &ndash; im Grunde genommen ist ihr
+Standpunkt der einzig richtige. Ich möchte Gunther
+auch glücklich sehen. Er ist eine stille, bescheidene
+Natur, ein Ideologe, ein echter Gelehrter. Nun gut &ndash;
+ich habe nichts dawider, da er sich seinen Beruf doch
+einmal selbst gewählt hat und seine irdische Seligkeit
+von allerhand alten Scharteken abzuhängen scheint.
+Aber ich will ihm wenigstens den Weg ebnen helfen.
+Er kann seine Dozentenstellung aufgeben; als Privatgelehrter
+kann er sich seinen Studien noch besser
+widmen. Ich möchte wissen, wem es so bequem gemacht
+wird. Dann mag er ein paar Wintermonate
+in Berlin oder sonstwo verleben, meinetwegen auch
+auf Reisen, und im Sommer hat er Döbbernitz. Das
+ist auch für Sie von Wert, lieber Baron. Sie haben
+Ihre Tochter immer in der Nähe, können täglich ein
+Stündchen mit ihr zusammen sein, wenn Sie Lust
+haben&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>„Und wenn aus der Heirat etwas wird,“ fiel
+Hellstern ein. Er erhob sich schwerfällig. „Nun
+hören Sie auch einmal <em class="gesperrt">meine</em> Ansicht, lieber Kommerzienrat.
+Ich will ehrlich sein: ich bin <em class="gesperrt">nicht</em> für
+die Heirat. Auch ich habe meine prinzipiellen Bedenken
+&ndash; genau so wie Sie. Kein Mensch kann
+aus seiner Haut. Hätt’ ich einen Jungen und Sie
+hätten ein Mädel &ndash; ich würde mit Freuden ja und
+Amen sagen, wenn die beiden sich liebten und haben
+wollten, denn dann würde Ihre Tochter und die
+Nachkommenschaft unsrer Kinder meinen Namen
+tragen. Nichts für ungut, Herr Schellheim. Auch
+<em class="gesperrt">Ihr</em> Name ist gut, nicht schön, aber ehrlich und
+fleckenlos. Achtung vor ihm! Doch ich stecke wirklich
+noch etwas in Vorurteilen; ich würde es lieber
+sehen, wenn Hedda einen Edelmann heiratet. Keinen
+vom Schlage Zernins natürlich &ndash; Sie verstehen
+mich schon! Nennen Sie mich töricht, verbohrt,
+bettelstolz &ndash; ich lass’ mir’s gefallen. Ich kann nicht
+anders &ndash; ich muß Ihnen die Wahrheit sagen&nbsp;...“</p>
+
+<p>Schellheim war etwas blaß geworden, und Hellstern
+sah das. Er legte seine Hand auf die Schulter
+des Kommerzienrats.</p>
+
+<p>„Denken Sie mal nach, lieber Freund,“ fuhr er
+fort; „wir haben uns nie verstanden &ndash; ich meine
+nicht wir zwei, sondern Adel und Bürgertum im allgemeinen.
+Die Feindschaft hat nie geruht, zur Zeit
+des Städtewesens so wenig wie heute. Sie lesen
+doch auch die Zeitungen. Die ganze liberale Presse
+paukt auf dem Junker herum&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Doch nicht auf dem Adel, Herr Baron. Sie
+unterscheidet zwischen dem Junkertum, das nur Prärogative
+und keine Pflichten kennt, und dem wahren
+Adel, der mit der Vornehmheit des Namens auch
+die der Gesinnung verbindet.“</p>
+
+<p>„Ich will mit Ihnen nicht über die Verlogenheit
+unsrer Presse streiten, Herr Kommerzienrat. Die
+Adelshetze wird systematisch betrieben &ndash; das ist Tatsache.
+Offizierkorps, Diplomatie, Landräte, die adeligen
+<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>Beamten &ndash; alles Schufte, Schufte in den
+Augen des Liberalismus! Nur die paar, die zur
+gleichen politischen Fahne schwören, der Stauffenberg
+und Saucken-Tarputschen und Forckenbeck und
+wie sie sonst noch heißen mögen, &ndash; das sind leuchtende
+Ehrenmänner! Nee, lieber Freund, an dem
+Faktum, daß die Kluft zwischen Bürger und Edelmann
+immer mehr vertieft wird, ist nicht zu rütteln.
+Und auch ein paar Heiraten herüber und hinüber
+überbrücken sie nicht. Na &ndash; und nun wieder zur
+Sache! Meinen Standpunkt kennen Sie. Aber auch
+in andrer Beziehung geht’s mir wie Ihnen. Ich
+will gleichfalls das Glück meiner Tochter. Ich werde
+mit ihr sprechen, werde sie einfach fragen, ohne zu-
+oder abzureden, werde ihr sagen: ‚Hör mal, der
+Gunther Schellheim ist in dich verschossen, hast du
+auch etwas für ihn übrig, und wie denkst du über
+eine Ehe mit ihm?‘ Und nach ihrem Ja oder Nein
+werde ich handeln. Ich meine, das ist das Vernünftigste.
+Einverstanden, Schellheim?“</p>
+
+<p>Er hielt ihm die Rechte hin, und der Kommerzienrat
+schlug ein. „Wie sollte ich nicht!“ antwortete er.
+Und sie schüttelten sich die Hände.</p>
+
+<p>„Nun aber zurück zur Gesellschaft,“ sagte Hellstern.
+„Man glaubt sonst, ich wollte Aktionär Ihrer
+Quelle werden&nbsp;...“ Er schob seinen Arm unter
+den des Rats. „Also ich denke, ich werde Ihnen
+schon morgen Antwort erteilen können.“</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">A</span>ls die Herren in die Salons zurückkehrten,
+rüsteten die Pontecks, Biese mit seiner Frau
+und die oberförsterliche Familie bereits zum Aufbruch.
+Gunther suchte nach seinem Vater, der sich von Hellstern
+getrennt hatte und den allgemeinen Aufbruch
+verhindern wollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>„Wo steckst du denn, Papa?“ fragte Gunther.</p>
+
+<p>Schellheim klopfte ihm auf die blasse Wange.</p>
+
+<p>„Ich habe für <em class="gesperrt">dich</em> gewirkt, mein Junge,“ entgegnete
+er schmunzelnd. „Der Alte ist entgegenkommender
+als ich dachte, aber der Tick sitzt ihm doch
+im Kopfe. Es hängt alles von Hedda ab. Sagt
+sie ja, so könnt ihr schon morgen verlobt sein. Und
+ich fühl’ es: sie <em class="gesperrt">wird</em> ja sagen ... Später mehr
+davon. Warum bricht denn schon alles auf? Es
+ist ja kaum zehn. Haben die Diener Bier präsentiert?
+Die Mama bekümmert sich nie um dergleichen &ndash;
+wenn <em class="gesperrt">ich</em> nicht überall hinterher bin&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Es ist alles besorgt, Papa. Aber ich glaube,
+es ist im Rauchzimmer zu einer kleinen Streitigkeit
+gekommen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Streitigkeit? Zwischen wem?“</p>
+
+<p>„Zwischen Hauptmann Biese und Herrn von Zernin.
+Ich weiß nicht, um was es sich handelt. Ich
+hörte nur, daß der alte Usen zum Kammerherrn
+von Ponteck sagte: ‚Diesmal hat Zernin recht gehabt‘
+&ndash; und der Kammerherr antwortete: ‚Es
+schadet gar nichts, wenn er dem dicken Schwadroneur
+einen kleinen Denkzettel gibt.‘“</p>
+
+<p>Schellheim war außer sich.</p>
+
+<p>„Also gar ein Duell! Donnerwetter, und das
+in meinem Hause &ndash; Donnerwetter &ndash;&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Er stürmte fort. Sein Protektor, Exzellenz Usen,
+sollte ihm Rede stehen. Er erwischte ihn, als der
+alte Herr sich gerade einen Kognak von einem Diener
+reichen ließ.</p>
+
+<p>„Was soll denn los sein, Bester!“ antwortete
+er, den Kopf in den gedrungenen Nacken werfend
+den Kognak hinuntergießend, „gar nichts ist los!
+Biese und Zernin haben sich ein bißchen gekabbelt,
+und Zernin hat sich dabei ganz anständig benommen.
+Vielleicht schießen sie morgen ein paar Kugeln in
+die Luft &ndash; vielleicht auch nicht. Das hat nichts
+auf sich. Tun Sie nur so, als hätten Sie gar keine
+Ahnung von dem Zwischenfall!“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>Das war maßgebend für Schellheim. Exzellenz
+Usen war wie das Evangelium für ihn.</p>
+
+<p>Er mischte sich wieder unter die Gäste. Der
+Aufbruch der einen Partie versetzte die ganze Gesellschaft
+in Unruhe. Man rief nach den Dienern.
+„Der Schönwaider soll anspannen!“ &ndash; „Der Klein-Güstener
+auch!“ &ndash; „Der Wagen von Wernochow!“
+Schellheim versuchte vergeblich, diesen und jenen
+noch ein halbes Stündchen zurückzuhalten. Alles
+empfahl sich mit größter Herzlichkeit. Es sei reizend
+gewesen, ganz reizend &ndash; auf baldiges Wiedersehen!
+&ndash; Auch Hauptmann Biese merkte man nichts von
+dem Streit im Rauchzimmer an, hinter dessen Geheimnis
+Schellheim noch immer nicht gekommen war.
+Er drückte dem Kommerzienrat warm die Hand und
+nannte ihn „lieber Nachbar“. Im allgemeinen Aufbruch
+empfahl sich auch Klaus, höflich, liebenswürdig,
+etwas zurückhaltend. Vor Hedda verbeugte er sich nur.
+Dicht hinter ihm sauste der phantastische Schwanenschlitten
+der Woydczinska den Abhang hinab.</p>
+
+<p>Vor dem Portale hielt die lange Reihe der
+Wagen und Schlitten. Ihre Lichter glänzten durch
+die Schneenacht. In der kleinen Entree drängten
+sich die Gäste, bereits in Plaids gehüllt, in Pelze,
+Decken und Mäntel. Die Hakennase des Majors
+von Nehringen lugte wie ein Fanal aus dem hochgeschlagenen
+Kragen. Das kleine C des Oberförsters
+mußte sich noch den dicken Shawl des Papas um
+Hals und Mund wickeln lassen. „Aber, Mama,“
+ächzte der Backfisch, „ich kriege ja gar keine Luft!“
+&ndash; „Kriege keine,“ erwiderte die energische Mutter;
+„wenn du morgen hustest, mußt du im Bett bleiben
+und schwitzen“.... Exzellenz Usen sah in seinem
+verschossenen Militärmantel und der flauschigen Jagdmütze
+wie ein Riesenpilz aus vorsündflutlichen Zeiten
+aus. Doktor Stramin hatte rasch noch den Landrat
+in eine Ecke gezogen und erzählte ihm von zwei
+Sozialdemokraten, die sich in Zielenberg eingenistet
+hätten. „Ein Schuster und ein Klempner, Herr
+<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>von Wessels, und das wühlt von unten auf, das
+frißt sich in die Höhe, das vergiftet alles, wenn
+man nicht rechtzeitig einen Riegel vorschiebt&nbsp;...“
+Er schwatzte immer noch weiter, während draußen
+sein Wagen wartete.</p>
+
+<p>In der Halle verabschiedete sich Eycken von den
+Gastgebern.</p>
+
+<p>„Nein, ich habe keinen Wagen,“ sagte der Pastor
+auf eine Frage Schellheims und reckte seine hohe
+Patriarchengestalt, „ich geh’ die paar Schritte gern zu
+Fuß. Ich liebe die Winterlüftung. Wegen der Kinderheilanstalt
+sprechen wir noch, Herr Kommerzienrat.
+Wir sprechen noch über manches. Es ist vielerlei hin
+und her zu überlegen. Auch das mit dem Zernin.“</p>
+
+<p>„Seien wir doch froh, wenn er noch einmal ein
+tüchtiger Mensch wird, lieber Herr Pastor!“ entgegnete
+Schellheim.</p>
+
+<p>„Froh?! Du lieber Gott, <em class="gesperrt">wie</em> würde ich dem
+Himmel danken! Aber &ndash; &ndash; <em class="antiqua">nous verrons</em>, lieber
+Herr Rat, ich tu’ vielleicht unrecht, daran zu zweifeln.
+Meine Empfehlungen, gnädige Frau!“</p>
+
+<p>Er küßte ihr die Hand. Dann schritt er grüßend
+durch die Reihen der Gäste und trat ins Freie.
+Der Schnee knirschte nicht; es war lauer geworden.
+Zarte Flocken stäubten durch die Luft. Am Himmel
+glänzte die Sternenwelt; nur im Osten baute sich
+eine weiße Wolkenmauer auf, aus der phantastische
+Arabesken emporragten, wie geflügelte Untiere und
+greifende Riesenhände. Der Pastor schritt, in seinen
+leichten Havelock gewickelt, den Parkweg hinab. Auf
+seinem großen Rundhut bildeten die Schneeatome einen
+feinen, glänzenden Kranz. Wie der Greis so aufrecht
+einherging, kräftig ausschreitend und den schönen Kopf
+stolz erhoben, konnte man ihn für einen Mann in
+den besten Jahren halten, für einen Vierziger. Nur
+der lange Bart von der Farbe des Schnees, den der
+Wind auseinanderwehte, vereitelte die Täuschung.</p>
+
+<p>An Eycken vorüber rollten die Wagen und
+klingelten die Schlitten. Er war schon außerhalb
+<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>des Parks, als er hastig zur Seite springen mußte.
+Der Schwan der Woydczinska fuhr dicht neben einem
+zweiten Schlitten, und beide Gespanne füllten die
+Breite des Fahrwegs aus.</p>
+
+<p>Der Pastor hörte ganz deutlich die Stimme der
+Woydczinska:</p>
+
+<p>„Also bestimmt übermorgen, nicht wahr? Nicht
+zu spät &ndash; so zwischen sechs und sieben&nbsp;...“</p>
+
+<p>Und eine Männerstimme aus dem zweiten
+Schlitten antwortete:</p>
+
+<p>„Wenn ich es einrichten kann &ndash; aber ich hoffe&nbsp;...“</p>
+
+<p>Das war das klingende Organ Zernins. Der
+Pastor strich glättend über seinen zerflatternden Bart.
+Ein neues Mißtrauen regte sich in seiner Brust, doch
+ärgerte er sich darüber. Wahrlich, es war nicht
+christlich und nicht menschlich, immer das Schlechteste
+zu denken! &ndash;</p>
+
+<p>Oben vor dem Schloßportal schrie Exzellenz Usen
+nach seinem Kutscher. Der Mann hatte zu viel getrunken;
+eine Wolke von Schnapsdunst umwogte ihn.
+Usen schimpfte fürchterlich.</p>
+
+<p>„Köpfen müßte man dich lassen, Hundesohn, vierteilen,
+rädern!“ ... Und dann schob er dem schweigenden
+Kutscher seine eigne brennende Zigarre in den
+Mund, kletterte neben ihn und nahm selbst die Zügel
+in die Hand.</p>
+
+<p>„Halt dich fest, Saufsack!“ schrie er. „Wenn
+du in den Graben fällst, laß ich dich liegen!“</p>
+
+<p>Seine Peitsche knallte; die Gäule bäumten sich
+auf und rasten davon.</p>
+
+<p>„Gott sei dem Kutscher gnädig,“ meinte Hellstern,
+vor die Tür tretend. „Wenn der Pascha selber fährt,
+geht’s wie der Deibel. Adjö, lieber Herr Schellheim!“</p>
+
+<p>Auch Hedda reichte Gunther, der vor dem Portal
+die letzten Honneurs machte, die Hand. „Wenn Sie
+noch einige Tage bleiben,“ sagte sie freundlich, „so
+holen Sie mich doch wieder einmal zum Schlittschuhlaufen
+ab. Apropos, was macht der Schnupfen?“</p>
+
+<p>„Danke, gnädiges Fräulein,“ erwiderte Gunther
+<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>heiter und drückte beseligt die ihm dargereichte Hand,
+„ich niese mich vorläufig noch weiter durch die Welt.“</p>
+
+<p>Und er blieb draußen stehen, bis die schwerfällige
+alte Kalesche davongerasselt war.</p>
+
+<p>Im Schlosse erloschen die Lichter. Die Diener
+huschten aufräumend hin und her. Aus dem Speisesaal
+tönten das Klappern der Teller, die wieder in
+das Büffet gepackt wurden, und das helle Klirren
+des Silbers.</p>
+
+<p>„Es war sehr gelungen,“ sagte der Kommerzienrat,
+der nach jeder Festlichkeit in seinem Hause Kritik
+zu üben pflegte. „Im allgemeinen wenigstens. Die
+Sauce zu den Artischocken hätte etwas sämiger sein
+können. Wenn man schon Sauce zu den Artischocken
+gibt, muß sie auch tadellos sein. Aber die meisten
+merkten es gar nicht; man ist hier doch noch etwas
+zurück. Und dann kam das Bier zu spät. Was
+zwischen Herrn von Zernin und dem dicken Biese
+vorgefallen ist, weiß ich nicht. Ich will es auch nicht
+wissen, und ihr“ &ndash; er meinte damit seine Frau
+und Gunther &ndash; „wißt es ebenfalls nicht, wenn ihr’s
+auch wirklich wüßtet. Denn über so etwas sieht man
+hinweg. Gunther, ich hoffe, der morgige Tag wird
+ein Freudentag für uns werden. Hellstern ist ein
+Ehrenmann; unter den Schlacken der Vorurteile sitzt
+doch ein wahrhaft adliges Herz. Und Hedda erst!
+Gunther, ich gestehe dir offen, ich bin besiegt.“</p>
+
+<p>Er umarmte seinen Sohn und küßte auch die
+Rätin, der über so viel ungewohnte Liebe die Augen
+zu tränen begannen, auf die Stirn. Die Diener
+schlichen auf den Zehenspitzen an der Gruppe vorüber
+und wunderten sich.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Derweilen entschied sich das Schicksal des armen
+Gunther.</p>
+
+<p>Hellstern hatte die Absicht gehabt, erst am nächsten
+Morgen beim Frühstück mit Hedda Rücksprache zu
+nehmen. Das war nämlich jene Stunde des Tages,
+in der alle beide am zugänglichsten waren. Sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>saßen sich dann gegenüber am Teetisch, der vor den
+einzigen Kamin des Hauses &ndash; im sogenannten Saal &ndash;
+geschoben war, und es war auch die einzige Zeit am
+Tage, da in diesem Kamin ein lustiges Feuer loderte.
+Er brauchte viel Holz und man mußte sparen. Am selben
+Platze hatte man auch schon zur Zeit, da die Baronin
+noch am Leben war, das Frühstück eingenommen,
+und es war immer, als sei der Geist der Verstorbenen
+um diese Stunde den beiden besonders nahe.</p>
+
+<p>Aber der Entschluß Hellsterns änderte sich, als
+er neben Hedda im Wagen saß und den Auberg
+hinabfuhr. ‚Es ist besser, du machst die Geschichte
+kurzerhand ab,‘ sagte er sich. In Wahrheit brannte
+es ihm auf der Seele, zu erfahren, wie Hedda über
+die Werbung dachte. Er bildete sich ein, sein Töchterchen
+auf das genaueste zu kennen; wenn man
+verliebt ist, benimmt man sich nicht so wie alle Tage.
+Er räusperte sich in seiner lauten und derben Weise.</p>
+
+<p>„Ja, Vater!“ fragte Hedda und zuckte in ihrem
+Winkel wie erschreckt zusammen. „Sagtest du etwas?“</p>
+
+<p>„Herrjeses, Hedda, ich glaube wirklich, du fängst
+mir an, nervös zu werden! Wenn ich mal ‚hm‘
+mache, erschrickst du, als ob es eingeschlagen hätte.
+Nein, ich sagte nichts, aber ich <em class="gesperrt">wollte</em> etwas sagen.
+Nämlich &ndash; denke dir, da hat der Kommerzienrat
+mit mir gesprochen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Wegen der Quelle?“</p>
+
+<p>„Nein &ndash; deinethalben.“</p>
+
+<p>Jetzt richtete Hedda sich verwundert auf. Sie
+schob die weiße gestrickte Kapuze, die sie bei winterlichen
+Fahrten über Land zu tragen pflegte, etwas
+weiter aus der Stirn und schaute den Alten mit
+ernsten Augen an.</p>
+
+<p>„Meinetwegen?“ fragte sie. „Was heißt das,
+Papa?“</p>
+
+<p>Hellstern haschte nach der rechten Hand Heddas.</p>
+
+<p>„Kuschle dich mal ein bißchen enger an mich
+heran, Kind,“ entgegnete er. „So &ndash; und nun lege
+den Dickkopf an meine Schulter &ndash; so &ndash; und gib
+<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>mir auch noch das andre Pfötchen.... Sage mal,
+warum klopft denn dein Herz so stark?“</p>
+
+<p>„O, es klopft nicht stärker wie sonst!“</p>
+
+<p>„Doch &ndash; ich spüre es. August soll dir meine
+Baldriantropfen bringen.“</p>
+
+<p>„Schön. Also, was wollte der Kommerzienrat?“</p>
+
+<p>Hellstern drückte die Hände Heddas fest.</p>
+
+<p>„Er wollte dich für seinen Jungen, den Gunther,
+haben.“</p>
+
+<p>Es fuhr wie ein elektrischer Strom durch die
+Glieder Heddas.</p>
+
+<p>„Das ist eine Unverschämtheit!“ rief sie empört.
+Aber sofort tat ihr dieser Ausruf leid. „Das ist
+naiv,“ fuhr sie, sich selbst beschönigend, fort. „Wie
+kommt der Rat auf eine so absonderliche Idee?“</p>
+
+<p>„Gunther hat ihm sein Herz ausgeschüttet. Er
+meint, er liebe dich. Und es muß doch wohl die
+Hoffnung in ihm leben, du würdest seine Liebe nicht
+so ohne weiteres fortweisen.“</p>
+
+<p>„Berechtigung zu dieser Hoffnung habe ich ihm
+nicht gegeben, Vater.“</p>
+
+<p>„Wenn du es sagst, glaube ich dir’s aufs Wort.
+Aber man täuscht sich oft in so subtilen Empfindungen.
+Gunther mag in seiner Schwärmerei eine Liebenswürdigkeit
+deinerseits für Entgegenkommen gehalten
+haben. Ganz sicher war er seiner Sache zweifellos nicht;
+immerhin war es taktvoll von ihm, daß er durch seinen
+Vater sozusagen erst die Fühler ausstrecken ließ.“</p>
+
+<p>Hedda schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>„Mir ist es unklar, Papa&nbsp;...“</p>
+
+<p>„War es mir auch, Herzenskind. Ich kenne dich
+doch. Ich hätte schon gemerkt, wenn dein Herz
+lebendiger geworden wäre. Und ich gesteh’ dir offen,
+ich wurde ein klein bißchen eifersüchtig, als der Kommerzienrat
+mit mir sprach. Es kam auch ein Gefühl
+von Kränkung und Zurücksetzung dazu. Ich fragte
+mich: ‚Bist du denn nicht der Erste, dem sich dein Kind
+anzuvertrauen hat, wenn es sich um so wichtige
+Dinge, um Herzens- und Lebensfragen handelt?‘“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>Hedda antwortete nicht. Sie dachte an jene Zeit,
+da die Liebe zum erstenmal wie Frühlingsbrausen
+und Wettersturm durch ihr Herz gezogen war. Gleich
+einer Träumenden war sie damals umhergewandelt,
+war blasser geworden und abgemagert &ndash; und der
+Vater hatte nichts gemerkt. Und nach einer endlos
+langen und bangen Nacht war sie in ihrer Seelenqual
+schließlich zu dem alten Pastor hinübergelaufen,
+statt sich an der Brust des Vaters auszuweinen.</p>
+
+<p>Hellstern räusperte sich wieder.</p>
+
+<p>„Ich muß noch einiges sagen, Hedda,“ begann
+er von neuem. „Auch der Kommerzienrat hat die
+heikle Sache mit taktvollen Händen angefaßt &ndash; wie
+ein Mann von Welt, ich kann es nicht leugnen.
+Aber er setzte doch gleich mit Zukunftsmusik ein; es
+herrscht eine ausgesprochene Wagnersche Atmosphäre
+in dem Hause. Er will Döbbernitz kaufen und ein
+Fideikommiß für Gunther daraus machen; da solltet
+ihr denn im Sommer leben&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Auch das noch!“ murmelte Hedda.</p>
+
+<p>„Und im Winter ein paar Monate in Berlin
+oder auf Reisen &ndash; ganz, wie es euch passen würde.
+Er sagte das alles eigentlich ohne Protzigkeit; er hat
+mir heute abend viel besser gefallen als sonst....
+Sieh einmal, Hedda, wir sind arm, und ein andres,
+viel glänzenderes Leben würde ja zweifellos für dich
+beginnen, wenn du den Gunther heiratetest. Es ist
+auch kein unübler Mensch. Ich würde schließlich
+selbst nichts gegen das Bürgerliche sagen; um der
+Kinder willen ließe sich der Adel schon beschaffen,
+obwohl derlei frische Backware auch nicht nach meinem
+Geschmack ist. Aber die Hemdenindustrie gefällt mir
+nicht. Ich bin kleinlich in solchen Dingen &ndash; ich
+weiß es&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Hedda entzog ihre Hände dem Vater und setzte
+sich wieder aufrecht in ihre Ecke.</p>
+
+<p>„Das ist in der Tat kleinlich, Papa,“ erwiderte
+sie. „Wir haben schon einmal über den Punkt gesprochen.
+Ob Hemden oder Geschütze, was ist da der
+<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>Unterschied? Die Welt braucht beides, und Hemden
+vielleicht noch nötiger als Kanonen. Wenn irgend
+ein junger Krupp um mich anhielte, würdest du
+keine Bedenken haben. Aber wir wollen nicht von
+neuem streiten. Es handelt sich weder um Kanonen
+noch um Hemden, sondern um mein Herz.“</p>
+
+<p>„Richtig, Hedda! Das ist der Punkt, um den
+sich alles dreht.“</p>
+
+<p>„Was hast du Herrn Schellheim geantwortet?“</p>
+
+<p>„Daß ich mit dir sprechen und ihm morgen Antwort
+geben würde.“</p>
+
+<p>„So schreibe ihm, aber, bitte, in höflichster Form,
+daß sein Sohn sich in eine Täuschung hineingelebt
+habe, und daß ich es noch nicht &ndash; für an der Zeit
+hielte, über mein Herz zu entscheiden.“</p>
+
+<p>Hellstern nickte.</p>
+
+<p>„Gut; das werd’ ich ihm schreiben. In höflichster
+Form &ndash; ich will den Leuten ja nicht wehe tun.“</p>
+
+<p>Er blieb noch einen Augenblick still sitzen. In
+einer raschen, heiß aufsteigenden Aufwallung nahm
+er dann Heddas Kopf zwischen die Hände. Er küßte
+sie stürmisch.</p>
+
+<p>„Mein Liebling,“ stammelte er; es klang wie
+verhaltenes Schluchzen. Er tastete über ihre Wangen
+und streichelte sie. Er war so selig, daß er sein
+Kind noch behalten durfte.</p>
+
+<p>Der Wagen hielt. August, mit einer Stalllaterne
+in der Hand, öffnete den Schlag. Auch Dörthe war
+noch auf. Sie fragte, ob die gnädigen Herrschaften
+vielleicht noch Teewasser wünschten.</p>
+
+<p>„Nein, Dörthe,“ erwiderte Hedda; „wir gehen
+gleich zu Bett. Wir sind müde. Gute Nacht, Papa &ndash;
+schlaf wohl!“</p>
+
+<p>Er küßte sie nochmals, und da er fühlte, daß
+ihre Hände kalt wie Eis waren, wandte er sich an
+Dörthe.</p>
+
+<p>„Hast du dem gnädigen Fräulein eine Wärmflasche
+in das Bett gelegt?“</p>
+
+<p>„Jawohl, Herr Baron.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>Er war zufrieden. Hedda stieg die Treppe hinauf
+in ihr Zimmer, stellte das Licht auf den Nachttisch
+und begann sich langsam zu entkleiden. Es war
+merkwürdig &ndash; sie fühlte sich wirklich grenzenlos
+müde und dabei so zerschlagen in allen Gliedern,
+als ob sie einen weiten Marsch hinter sich habe. In
+Korsett und Unterrock setzte sie sich auf den Bettrand
+und faltete die Hände. Ein holdes Lächeln
+flog über ihr Gesicht. Der Gedanke, geliebt zu sein,
+ist immer süß für das Herz des Weibes. Aber das
+Lächeln erstarb rasch. Sie dachte an den zurück,
+den sie nicht vergessen konnte, und seufzte.</p>
+
+<p>An der Tür klopfte es leise.</p>
+
+<p>„Was gibt’s noch?“ rief Hedda.</p>
+
+<p>Die Tür öffnete sich ein wenig; eine Hand, die
+ein Fläschchen hielt, und ein Arm wurden sichtbar.
+„Der Baldrian, gnädiges Fräulein,“ sprach Augusts
+Stimme, „und drei Stückchen Zucker. Zwanzig
+Tropfen, lassen der Herr Baron sagen, und wenn
+gnäd’ges Fräulein in der Nacht aufwachen sollten,
+dann nochmal zwanzig.“</p>
+
+<p>Hedda nahm dankend die kleine Flasche und ging
+zu Bett. Sie löschte das Licht, betete und zog das
+Federkissen hoch. Aber was nützte der Baldrian!
+Unerträglich war die Hitze, die die Wärmflasche ausströmte,
+und Hedda schob die Bettdecke wieder weit
+zurück. Dörthe hatte auch das Zimmer geheizt &ndash;
+gegen ihren ausdrücklichen Befehl. Es war nicht
+auszuhalten. Eine krause Gedankenflut durchwirbelte
+des Mädchens Kopf. Sie wollte sich beruhigen und
+zündete abermals das Licht an. Dabei fiel ihr Blick
+auf das Pastellbild über ihrem Bette; es stellte die
+verstorbene Mutter dar.</p>
+
+<p>Ihre Augen wurden naß. ‚O du liebes Mütterchen,
+wenn du doch noch lebtest!‘ dachte sie. ‚Dir
+wollte ich sagen, wie mir’s ums Herz ist! Und du
+würdest auch Rat und Trost finden und würdest
+mir helfen und mich aufrichten in all meinem Gram.
+Ich weiß ja, wie unrecht ich tue, daß ich mich dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>Papa gegenüber verschließe. Er liebt mich doch auch,
+aber er ist zu rauh, und er haßt &ndash; ihn. Und jedes
+Schmähwort gegen ihn ist mir wie ein Messerstich.
+Ich kann doch nicht anders&nbsp;...‘</p>
+
+<p>Sie hatte sich im Bette aufgerichtet und sprach
+so geraume Zeit in sich hinein. Dann fühlte sie
+einen leisen Frostschauer über ihre Schultern rinnen
+und kroch wieder unter die Decke. Mitten in der
+Nacht wachte sie auf. An den Fensterläden rüttelte
+und schüttelte es. Ein Sturm schien die schlafende
+Winternatur in Aufruhr bringen zu wollen. Der
+Wind pfiff; hin und wieder hörte Hedda auch das
+Geräusch eines losgerissenen und über das schräge
+Dach polternden Ziegelstückes. Aber sie hörte in
+ihrer erregten Phantasie noch mehr. Sie hörte
+sich rufen &ndash; klagend, schmerzend und schreiend. Und
+bald war es Gunthers Stimme, die nach ihr rief,
+bald die Stimme von Klaus. Mit zitternden Händen
+entzündete sie zum drittenmal das Licht. Der
+Baldrian stand noch immer auf dem Nachttisch.
+Aber was nützte der.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Der Sturm hatte gewaltig gehaust. Die Strohdächer
+der Kossätenhäuser unten im Dorfe sahen
+verstrobelt aus, als hätten Riesenfäuste sie zerzaust.
+Eine Anzahl Bäume war geknickt und entwurzelt
+worden. Den Schnee aber hatte die Windsbraut zu
+großen Haufen zusammengeweht, pyramidenförmig,
+hie und da auch in Schlangenlinien auseinandergequirlt
+und an den Stämmen und Wänden in die
+Höhe gebürstet, wo er dann in der Kälte der Morgenfrühe
+angefroren war und wunderliche Gebilde und
+Muster zeigte: schwere Spitzensäume und Lilien mit
+großen offenen Kelchen und tausendfach verschiedene
+Arabesken.</p>
+
+<p>Auf dem Auschlosse war die Fahnenstange, die
+man vergessen hatte über Nacht zu kappen, gebrochen
+und auf die erste Terrasse geschleudert worden. Und
+dort hatte sie der Pomona den Kopf abgeschlagen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>zum höchsten Ärger des Kommerzienrats, der in der
+hemdenlosen Göttin ein Symbol für die Notwendigkeit
+seines Geschäftsbetriebs sah.</p>
+
+<p>Es war dies überhaupt ein Tag des Ärgers und
+der Niedergeschlagenheit. Um zwölf Uhr kam August
+vom Baronshofe und brachte einen Brief. Die
+Familie saß gerade beim zweiten Frühstück. August
+erhielt eine Mark, und der aufwartende Diener wurde
+hinausgeschickt. Dann erst erbrach der Kommerzienrat
+mit einer gewissen Feierlichkeit das Schreiben;
+voll ängstlicher Spannung hingen die Blicke von Frau
+und Sohn an seinen Zügen. Sie sahen, wie über
+die Stirn Schellheims während der raschen Lektüre
+eine Wolke flog. Dann zuckte er mit den Achseln
+und reichte Gunther den Brief.</p>
+
+<p>„Kopf hoch behalten, mein Junge,“ sagte er dabei.
+„Noch ist nicht aller Tage Abend. Ich habe
+eine andre Antwort erhofft &ndash; nein, erwartet &ndash;
+trotzdem: es ist nichts gegen sie einzuwenden&nbsp;...“</p>
+
+<p>Gunther las:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="letterdate">„Baronshof, 3. Januar.</p>
+<p class="letteraddress">„Mein verehrter Herr Kommerzienrat!</p>
+
+<p>Ich habe mit meiner Tochter gesprochen. Es tut
+mir leid und wird mir schwer, Ihnen sagen zu
+müssen, daß sie der Ansicht ist, Ihr Herr Sohn sei
+von einer Täuschung befangen. Sie hält es noch
+nicht für an der Zeit, über ihr Herz zu entscheiden&nbsp;...“
+Das war genau so, wie Hedda es vorgeschrieben
+hatte. Nun kam eine philosophische Wendung:
+„Mädchenherzen sind unberechenbar, lieber Herr
+Kommerzienrat&nbsp;...“ Dann ein Trostwort: „Die
+Zeit wird schon alles ausheilen&nbsp;...“ Und schließlich
+die formelle Höflichkeit: „Ich hoffe, der kleine
+Zwischenfall wird Auberg und Baronshof nicht auseinanderbringen.
+Mit besten Empfehlungen allerseits</p>
+
+<p class="lettersig1">Ihr ganz ergebener</p>
+<p class="lettersig2">Freiherr von Hellstern.“</p>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>Gunther gab den Brief an die Mutter weiter.
+Er war weiß wie Kalk geworden. Rasch trank er
+sein Glas Sherry aus, doch seine Hand zitterte heftig
+dabei. Die Mutter griff, die Augen feucht, nach der
+Rechten ihres Jungen und tätschelte sie wortlos.</p>
+
+<p>Eine bange Stille war eingetreten.</p>
+
+<p>Plötzlich sprang der Kommerzienrat wütend auf
+und stieß seinen Stuhl gegen den Boden.</p>
+
+<p>„Mach nicht solche Leidensmiene, Gunther!“ rief
+er zornig. „Du hast dir einen Korb geholt &ndash;
+Schwerenot, was ist weiter dabei! Du kriegst noch
+andre als das hochnäsige Mädel von drüben!“</p>
+
+<p>Nun erhob sich auch Gunther.</p>
+
+<p>„Bitte, Papa,“ entgegnete er abwehrend und mit
+fester Stimme, „kein Wort weiter darüber! Vor
+allem keine Schmähung! Wer verdient eine solche?
+Die Sache ist tot und begraben. Wenn ihr mir
+eine Liebe erweisen wollt, erwähnt sie nicht mehr.
+Irrungen soll man abtun&nbsp;...“</p>
+
+<p>Seine Stimme brach. Er sah sich wie hilflos
+um, als suche er irgend etwas.</p>
+
+<p>„Ich &ndash; ich will fort,“ fuhr er fort. „Es wäre
+auch nicht in der Ordnung, wenn ich unter den obwaltenden
+Verhältnissen hier bleiben wollte &ndash; gerade
+jetzt. Später &ndash; wird sich ja alles legen....
+Wenn ihr nichts dagegen habt, reise ich auf ein
+paar Wochen nach Oberitalien oder dem Genfersee.
+Da kann ich in Ruhe meine Arbeit vollenden. Und
+dann kommt der Sommer und dann meine Offiziersübung
+in Lissa &ndash; das gibt Abwechslung genug.
+Das wird mir auch gut tun. Aber &ndash; ich möchte
+dann schon mit dem Abendzug fahren&nbsp;...“</p>
+
+<p>Die Eltern redeten in ruhigen und verständigen
+Worten von unnötiger Überhastung ab. Das Herz
+tat beiden weh. Sie fühlten, daß Gunther sehr litt.
+Aber sie konnten ihm wahrlich nicht helfen. Er blieb
+auch fest. Er wollte durchaus fort. Einen Augenblick
+schwankte er, ob er dem Pastor lebewohl sagen
+sollte. Doch er konnte sich nicht dazu entschließen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>noch einmal in das Dorf zu gehen. Er fürchtete
+sich davor, Hedda zu begegnen.</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat, sonst ziemlich bequem, ließ
+es sich nicht nehmen, Gunther nach der Station zu
+begleiten. Er war auch vernünftig genug, während
+der Schlittenfahrt durch den Wald mit keinem Wort
+auf die Herzensgeschichte zurückzukommen. Gunther
+dankte ihm im stillen dafür. Er sprach fast gar
+nicht. Wieder störte ihn der Kutscher hinten auf der
+Pritsche &ndash; wie damals. Ach, damals! Da glitzerte
+der Sonnenschein durch das Eisgezweige, und seine
+Brust war voller Hoffen. Und jetzt nächtete es.</p>
+
+<p>Die Herren trafen in letzter Minute auf dem
+Bahnhof ein. Es war gerade noch Zeit ein Billett
+zu lösen.</p>
+
+<p>„Grüße die Mama!“ rief Gunther aus dem
+offenen Coupéfenster.</p>
+
+<p>„Danke, mein Junge! Und sei recht vernünftig!
+Und laß dir nichts abgehen! Wenn du noch Geld
+brauchst, so telegraphiere &ndash; hörst du, telegraphiere!“</p>
+
+<p>Der Zug brauste davon. Als Schellheim an
+seinen Schlitten zurückkehrte, klingelte von der
+Chaussee aus ein zweiter Schlitten heran und hielt
+vor dem Stationsgebäude. Der Kommerzienrat sah
+Herrn von Wessels aussteigen und begrüßte ihn.</p>
+
+<p>„Im Dienst, Herr Landrat?“ fragte er, auf die
+schwarze Ledermappe deutend, die der Angeredete
+unter dem Arm trug.</p>
+
+<p>„Ja &ndash; sozusagen, &ndash; das ist eine verteufelte
+Geschichte, mein bester Herr Kommerzienrat. Der
+tolle Zernin und der dicke Biese haben sich heut früh
+duelliert, und Biese ist über den Haufen geschossen
+worden. Er kann froh sein, wenn er mit dem Leben
+davonkommt. Zernin ist unglücklich, er hat es nicht
+so gewollt &ndash; aber sechs Monate kostet ihm die
+Kugel doch. Und vor allen Dingen: ich fürchte, Sie
+werden ihn an Ihrem Quellenunternehmen nun auch
+nicht mehr beteiligen können. Merkwürdiges Pech!
+Es ist eigentlich schade um den Menschen&nbsp;...“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>Schellheim starrte den Landrat an.</p>
+
+<p>„I Gott bewahre &ndash; ein Duell &ndash; also wirklich
+ein Duell!“ stammelte er. „Ja, aber um Himmels
+willen, weshalb denn?! Was haben die beiden sich
+getan?“</p>
+
+<p>Herr von Wessels lächelte verlegen.</p>
+
+<p>„Das läßt sich schwer sagen,“ erwiderte er. „Sie
+sind gestern abend bei Ihnen zusammengeraten, aber
+Zernin hat sich in diesem Falle richtig und taktvoll
+benommen &ndash; jawohl. Biese &ndash; na, also kurzum,
+erfahren werden Sie es ja doch einmal: Biese hat
+die Dreistigkeit gehabt, sich über Sie als Gastgeber
+eine respektlose Bemerkung zu erlauben, und da ist
+Zernin scharf geworden. Das war der Anfang ...
+Aber ich muß weiter! <em class="antiqua">Addio</em>, mein verehrter Herr
+Kommerzienrat!“</p>
+
+<p>Sie schüttelten sich die Hände, und ehe der Landrat
+in das Bahnhofsgebäude trat, wandte er sich
+noch einmal um und rief kopfnickend: „Es war gestern
+abend übrigens ganz reizend bei Ihnen!“</p>
+
+<p>Schellheim kletterte in seinen Schlitten zurück.
+An seinen Sohn, an den Baronshof und an den
+Korb Heddas dachte er nicht mehr. Es ging ihm
+im Kopfe herum, daß man seinetwegen einen Zweikampf
+ausgefochten hatte. Der dicke Biese, ein
+Bürgerlicher wie er, freilich Landwehrhauptmann &ndash;
+und das sprach mit&nbsp;&ndash;, hatte eine beleidigende Äußerung
+über ihn fallen lassen. Irgend eine mokante
+Bemerkung wahrscheinlich, wie der Grochauer sie
+liebte &ndash; und da hatte Herr von Zernin Partei für
+ihn, den Kommerzienrat, genommen, und schließlich
+war es auf Tod und Leben gegangen &ndash; um seinetwillen.
+Merkwürdige Welt! Eigentlich ging die Sache
+doch nur <em class="gesperrt">ihn</em> an als den Beleidigten; was schossen sich
+denn die beiden um <em class="gesperrt">seine</em> Ehre?! &ndash; Und in halbem
+Selbstgespräch fügte er hinzu: „Es ist im Grunde
+genommen lächerlich und unverzeihlich. <em class="gesperrt">Mich</em> kann
+ein Mann wie dieser dicke Biese gar nicht beleidigen!“</p>
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>
+<a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">A</span>ls der Frühling in das Land zog, fand er Oberlemmingen
+in großer Erregung. Die feierliche
+Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus
+Frankfurt war ein Kunstgärtner mit einem ganzen
+Schwarm von Gehilfen herübergekommen und hatte
+die „Säuberung“ des Buchenwäldchens auf der
+Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war
+nun in der Tat eine gründliche Säuberung. Aus
+dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit
+Gängen, Plätzen, Alleen und schattigen Wandelgängen.
+Ganze Baumpartieen wurden vollständig
+niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres
+treten; vorläufig wurde allerdings nur
+Humus in Rundellform aufgeschüttet, und das sah
+aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten Buchengrün
+große Schokoladentorten.</p>
+
+<p>Aber das war noch lange nicht alles. Der Frühling
+trug auf seinen regenfeuchten Schwingen noch
+viel stärker das Wehen der neuen Zeit in Oberlemmingen
+hinein. Die ersten Logierhäuser wurden
+gebaut. Albert Möller hatte den beiden Kossäten
+Maracke und Klauert ihre Anwesen abgekauft. Diese
+lagen dem „Kurpark“ ungefähr gegenüber, und die
+beiden kleinen, strohbedeckten Häuschen mit den anschließenden
+Schweineställen und den ewigen Mistpfützen
+vor der Tür waren geeignet, den guten Eindruck
+des neuen Kurparks erheblich abzuschwächen.
+Übrigens paßte Albert, was Maracke und Klauert
+forderten; es war noch immer ein Spottgeld, aber
+die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar
+hundert Taler auf einem Haufen gesehen. Nachträglich
+ärgerten sie sich natürlich, daß sie nicht mehr
+verlangt hatten. Die alte Maracken heulte jämmerlich,
+als sie ihr verfallenes Häuschen verlassen mußte,
+und ihre fünf Kinder heulten mit. Die ganze
+<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>Familie zog nach Klein-Güster, Klauert aber nach
+Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besaß.</p>
+
+<p>Das geschah an einem der ersten Märztage. Es
+wehte warm und lenzlich. Der Schnee war überall
+geschmolzen; nur in den Gräben hielt sich noch
+längere Zeit eine grauweiße, schmutzige, halb flüssige
+Masse. Auf der Dorfau und auf Weg und Steg
+schillerten Wassertümpel; es tropfte von den Dächern,
+und wie ein Plätschern und Gluckern ging es durch
+die Luft. Die Erde schien zu dampfen; über die
+noch bräunlich getönten Wiesen sickerten Wasserlinien,
+und Baum und Strauch hingen voll Feuchtigkeit.
+Die Spiräen setzten bereits Knospen an,
+aber noch fehlte der grüne Frühlingsschimmer, der
+vierzehn Tage später die Natur mit seinem zarten
+Schleier umhüllen sollte.</p>
+
+<p>Die Familien Maracke und Klauert zogen zur
+gleichen Zeit. Jede hatte sich einen Einspänner geliehen,
+auf welchen ihre Habseligkeiten hinaufgepackt
+worden waren, bunt durcheinander, gestreifte Betten,
+zerbrochene Stühle, ein Tisch, dessen Beine zum
+Himmel ragten, und andres Gerümpel mehr, alles
+mit dicken, vielfach durchknoteten Stricken verschnürt.
+Die alte Maracken lief, als der Wagen schon vor
+der Tür stand, jammernd und weinend nochmals
+durch Haus und Stall, ob auch nichts vergessen
+worden sei. Richtig &ndash; in einem Winkel der Kammer
+neben der Stube lag noch ein Häufchen Stroh, auf
+dem die weiße Henne ihr letztes Ei gelegt hatte,
+bevor sie geschlachtet worden war. Die Maracken
+raffte mit beiden Händen den armseligen Strohrest
+zusammen, trug ihn hinaus und stopfte ihn auf den
+Wagen. Dann ging sie in den Stall, und als
+Maracke ihr ein ungeduldiges „Mutter, nu’ mach
+aber!“ zurief, schleppte sie einen kleinen Schweinekoben
+ins Freie; der sollte auch noch mit. Sie hätte
+am liebsten Haus, Stall und Komposthaufen, wie
+alles stand und lag, auf den Einspänner gepackt.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick zog Klauert vorüber. Er
+<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>war ganz vergnügt, hatte sein Geld in der Tasche
+und freute sich auf das Ausgedinge, das sein Sohn
+in Zielenberg ihm angeboten hatte. Auch sein Wagen
+war schwer bepackt, und ganz oben, auf dem Berge
+von rot und weiß überzogenen Betten, war ein
+weidengeflochtener Korb angeschnürt, in dem vergnüglich
+ein paar Hennen gackerten. Das erregte
+den Neid und die Eifersucht der Maracken in hohem
+Grade. Sie überschüttete ihren Mann mit Schimpfreden
+und Vorwürfen; warum hatte man die dicke
+Weiße geschlachtet, die so fleißig Eier legte, und
+den prächtigen Hahn an Langheinrich verkauft?
+Hätte man das Viehzeug nicht ganz gut mit nach
+Klein-Güster nehmen können? &ndash; Die beiden jüngsten
+Kinder weinten und jammerten mit, während er,
+Maracke, sich in seiner philosophischen Ruhe nicht
+stören ließ und, die Pfeife im Munde, schweigend
+zuhörte. Als der Wagen schon anzog, lief die Frau
+noch einmal in die Hofecke hinter dem kleinen Düngerhaufen.
+Sie hatte da noch einen eisernen Reifen
+entdeckt, der schon ganz verrostet war, und da er
+nicht mehr auf dem Wagen unterzubringen war, so
+hing sie ihn sich über die Schultern. Dann ging
+es los, der Einspänner voran, den Maracke, daneben
+herschreitend, führte, und hinterher, gleichfalls
+zu Fuß, Mutter Maracken mit ihren fünf Kindern.
+Ein paar Bauernweiber standen am Wege und
+nickten und riefen den Abziehenden einige Grußworte
+zu; mitten in dem verlassenen Hofe, wo von
+dem Komposthaufen eine kleine Dunstwolke aufstieg,
+aber hatte sich Albert Möller breitbeinig aufgepflanzt,
+eine Zigarre rauchend und behaglich lächelnd.
+Mit dem Abbruch der alten Baracken sollte sofort
+begonnen werden; dann kam der Neubau an die
+Reihe. Das ging rasch.</p>
+
+<p>An diesem Tage hatte Hellstern seine erste Frühlingsausfahrt
+unternommen. Der Übergang vom
+Winter zum Lenz war immer die schlimmste Zeit
+für ihn. Er hatte sich wochenlang nicht aus dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>Zimmer rühren können; selbst die Einreibung der
+Tante Pauline versagte ihre Wirkung. Nun aber
+ging es besser. Hedda saß neben ihm im Wagen
+und sah durch das Fenster den Abzug der beiden
+Kossäten. Sie machte den Vater darauf aufmerksam,
+der die Gelegenheit wahrnahm, wieder einmal
+nach Herzenslust auf die Quelle zu räsonieren.</p>
+
+<p>„Siehst du, Hedda,“ sagte er, „das sind die
+ersten &ndash; die ersten Opfer der neuen Kultur. Und
+andre werden folgen. Du bist jung &ndash; vielleicht
+erlebst du noch den Tag, da dieses Dorf, zu dessen
+Insassen wir seit zweihundert Jahren gehören, völlig
+vom Erdboden verschwunden sein wird. Dann wird
+es auch keine Bauern mehr hier geben, die bei allen
+Sorgen und Mühen um das tägliche Brot doch
+frei auf ihrer kleinen Hufe leben und wirtschaften
+konnten, sondern nur ein Volk von Krämern und
+Spekulanten, immer auf der Lauer liegend, wie den
+Besuchern dieses neuen Badeorts das Geld am
+besten und schlauesten aus der Tasche zu ziehen
+sei....“ Er zeigte, während er weitersprach, aus
+dem Fenster hinaus über das Dorf. „Sicher &ndash;
+es wird prachtvoll werden. Exzellenz Usen hat es
+damals bei Schellheims prophezeit. Der Erzengel
+der Industrie hält seinen Einzug in unser Tal &ndash;
+oder wie sagte er gleich? ... Die alten Hütten mit
+ihren Strohkappen werden niedergerissen, neue,
+schöne Häuser entstehen, mit Balkon und Stuckklecksereien
+und allem Komfort der Neuzeit und dem
+dazu gehörigen Schwindel. Ein Sanatorium wird
+errichtet, in dem man nach physikalisch-diätetischen
+Grundsätzen die Menschen zu Tode kuriert, und auf
+allen Straßen und Wegen sieht man Blutarme und
+Magenleidende und Neurastheniker, Zucker-, Darm-
+und Hautkranke, daß man seine Freude daran hat.
+Der Pastor baut uns seine Kleinkinderbewahranstalt
+dicht auf die Nase, damit wir das Gequarre der
+Göhren den ganzen Tag über hören können; wahrscheinlich
+wird auch noch elektrisches Licht eingeführt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>denn der Spektakel der Motoren ist nicht gering
+anzuschlagen &ndash; überhaupt werden mancherlei Fabrikanlagen
+nötig sein als Wahrzeichen des Fortschritts,
+und ihr Rauch und Qualm wird uns
+die Luft verstänkern. Es wird ganz großartig
+werden&nbsp;...“</p>
+
+<p>Hedda lächelte und antwortete nicht, und der
+Freiherr fuhr fort:</p>
+
+<p>„Im Ernst, liebes Kind, der Abzug der beiden
+Kossäten dünkt mich symptomatisch und ist, möchte
+ich sagen, so eine Art Symbol. Das Alte muß
+dem Neuen weichen. Ich scherzte vorhin, wenn auch
+bitter. Die kleinen Unbequemlichkeiten, die der
+Triumphzug der Kultur den Einzelnen auferlegt,
+müssen ertragen werden. Aber wie die Kultur hier
+das Dorf ruinieren und die Gemeinde auflösen wird,
+das kann einem doch nahe gehen. Ich weiß, daß
+du mir antworten wirst: das ist nicht anders, die
+Kultur fordert immer Opfer zum Besten der Allgemeinheit
+&ndash; aber sind nicht auch diese Opfer bedauernswert?
+Es ist ein ganz guter Menschenschlag
+in unsrer Gegend, doch paß auf, wie man ihn verpfuschen
+wird! Die Möllers, die nur noch halbe
+Bauern sind, haben den Anstoß gegeben; <em class="gesperrt">sie</em> werden
+auch gewinnen, aber die andern nicht, denen es
+auf der einen Seite an Kapital und an Intelligenz
+mangelt, während sie auf der andern von der gleichen
+Erwerbsgier erfaßt werden, wenn erst das Spekulationsfieber
+in ihnen erweckt ist. Lehr mich doch
+die Bauern kennen! Und dann: jeder an seinem
+Platz! Der Bauer ist nun einmal kein Kaufmann,
+und wenn ihn der Kommerzienrat und die Möllers
+dazu machen wollen, so nehmen sie ihm das Beste
+seines Charakters, die Solidität. Jawohl, liebe
+Hedda, denn da die vernunftgemäßen Grenzen kaufmännischer
+Spekulation böhmische Dörfer für ihn
+sind, so wird er sich, neidisch zusehend, wie die andern
+ihre Taschen füllen, einem gewagten Glücksspiel
+ergeben und schließlich untergehen. <em class="antiqua">Ceterum
+<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>censeo</em> &ndash; ich sehe durchaus kein Heil für unser
+Dorf in der ganzen Quellengeschichte.“</p>
+
+<p>Der alte Freiherr stand mit seinem <em class="antiqua">„Ceterum
+censeo“</em> allein. Auch Hedda teilte seine Ansichten
+nicht. Sie war in den letzten Monaten häufig mit
+dem Pastor zusammengekommen, für dessen humanitäre
+Pläne sie sich lebhaft zu interessieren begann.
+Eycken schwelgte in seiner Idee. In seiner warmherzigen
+Kinderliebe sah er eine neue Ära für die
+arme und leidende kleine Welt anbrechen, der er
+Hilfe bringen wollte &ndash; mit weit offenen Armen,
+wie sein großes Vorbild Christus, als er sprach:
+„Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret
+ihnen nicht....“ Die Bücher blieben liegen; Luther,
+Melanchthon, Hutten und Eobanus Hessus
+hatten Ruhe. Eycken hatte Wichtigeres zu tun;
+nicht der tote Buchstabe lockte ihn diesmal, sondern
+die lebendige Liebe. Wie oben auf der Auburg so
+fanden auch im Pfarrhause im Januar und Februar
+verschiedene Konferenzen statt, Ärzte und
+Architekten trafen ein; es wurde beratschlagt, erwogen
+und gerechnet. Eycken wollte das Unternehmen
+allein ins Leben rufen; er hatte zwar auch mit dem
+Kommerzienrat über die neue Kinderheilstätte gesprochen,
+aber Schellheim hatte seinem Empfinden
+nach den Geschäftsstandpunkt zu stark in den Vordergrund
+gerückt. Und verdienen wollte Eycken nichts &ndash;
+Gott bewahre; er war schon zufrieden, wenn sich
+die Anstalt im Laufe der Zeit durch sich selbst erhielt,
+denn daß sie anfänglich starke Zuschüsse beanspruchen
+würde, war klar. Doch das ängstigte
+Eycken nicht; er war so reich, daß er tatsächlich nicht
+wußte, was er mit seinem Gelde beginnen sollte.
+Er brauchte wenig; seit einem Menschenalter hatte
+sich sein Vermögen Zins auf Zins gehäuft. Übrigens
+war ihm auch der Fiskus entgegengekommen
+und hatte ihm für den Bau der Anstalt die zum
+Kirchenland gehörige Wiesenparzelle zur freien Verfügung
+gestellt. Schließlich hatte sich Eycken auch
+<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>noch an den Johanniterorden gewandt, der die Protektion
+übernahm, sich verpflichtete, ein paar Pflegerinnen
+zu stellen, und Herrn von Wessels, den
+Landrat, zum leitenden Ritter ernannte.</p>
+
+<p>Anfangs April standen bereits die Fundamente
+der beiden Logierhäuser Albert Möllers. Das Parterregeschoß
+des einen Hauses war für einen großen
+Kaufladen bestimmt, den Bertold mieten wollte.
+Vorläufig nur, denn sein heimliches Sehnen stand
+nach dem Gehöft Braumüllers, das dicht an der
+großen Landstraße und in unmittelbarster Nähe des
+Kurparks lag. Braumüllers Wohnhaus war sehr
+solide gebaut, stark unterkellert und hatte gewölbte
+Zimmer. Mit wenigen tausend Mark konnte man
+es wunderschön ausbauen, und wie prächtig eigneten
+sich die gewölbten Stuben, deren Wände man einfach
+ausbrach, zu einem eleganten Basar! Natürlich
+sollte man da alles haben können &ndash; ein riesiges
+Warenhaus schwebte Bertold vor, der jede Nacht
+davon träumte, wie er die Schaufenster schmücken
+würde, ein jedes anders, aber immer gleich „schenial“,
+wie sein Lieblingsausdruck lautete.</p>
+
+<p>Klempt hatte sich lange gewehrt, ehe er sich dazu
+entschließen konnte, seine, die Buchenhalde begrenzende
+Wiesentrift zu verkaufen; der Erlös des Heus
+brachte ihm eine jährliche Rente, mit der er rechnen
+mußte &ndash; außerdem hing er auch an diesem Stückchen
+grüner Wiese, auf der er sich schon als Kind
+getummelt hatte, und an deren Rain entlang er
+noch heute seine Sonntagsspaziergänge zu machen
+pflegte. Vergeblich hielten ihm die Möllers vor,
+daß ihm die Zinsen des Kapitals, das sie ihm für
+die paar Morgen zahlen wollten, mehr bringen würden
+als der Heuertrag; schließlich legte sich auch
+noch der Kommerzienrat ins Mittel, denn die Wiese
+war ihrer Lage wegen wichtig &ndash; aber was auch
+er nicht vermochte, das setzte Dörthe durch. Fritz
+hatte sich hinter sie gesteckt. Es war ja lächerlich.
+Starb der Vater, so gehörte die Wiese ja doch der
+<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>Dörthe, und was der Dörthe war, war auch sein,
+da sie sich heiraten wollten. Und nun drang Dörthe
+auf baldige Hochzeit. Gewiß, antwortete Fritz, sobald
+einigermaßen Ordnung geschafft und die Sache
+in Gang gebracht worden sei; denn jetzt habe man
+den Kopf zu voll, um an Heiraten denken zu können,
+das müsse sie doch einsehen. Das sah sie auch ein,
+aber sie wollte wenigstens einen bestimmten Termin
+wissen. Um Weihnachten, meinte Fritz, da würde
+man wohl so weit sein. Und dann gab es noch
+Liebesworte in Hülle und Fülle, und am nächsten
+Tag erklärte sich der alte Klempt einverstanden, die
+Wiese abzugeben. Das Geld wurde auf die Sparkasse
+gebracht und für Dörthe festgelegt.</p>
+
+<p>Der wenig günstige Gesundheitszustand ihres
+Vaters hatte Hedda abgehalten, ihren Plan, einen
+Wintermonat in der Residenz zu verleben, zur Ausführung
+zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte
+die Berliner Tante einen Absagebrief erhalten und
+zum soundsovielsten Male mit immer denselben
+Worten darauf geantwortet: „Es tut mir schrecklich
+leid, liebste Hedda, daß&nbsp;&ndash;“ und so weiter. Der
+Freiherr hatte allerdings gewünscht, Hedda solle
+auf ihn keine Rücksicht nehmen und sich auch einmal
+eine „Ausspannung“ gönnen; im Grunde genommen
+aber war er herzensfroh, daß sie dennoch
+blieb &ndash; sie war ihm unentbehrlich geworden, und
+auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand,
+wenn sie neben ihm saß.</p>
+
+<p>Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf
+dem Baronshofe. Das war an sich schon ein Ereignis.
+Hedda entsann sich nicht, daß sie jemals ein
+Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr
+aber hatte vor achtzehn Jahren das letzte erhalten,
+das ihm den Konkurs eines Berliner Finanzgeschäfts
+ankündigte, mit dem er in Verbindung
+gestanden, und das ihm deshalb in recht unangenehmer
+Erinnerung war. Am meisten regte jedoch
+August die Depesche auf, der die Botenfrau im
+<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>Vordergarten abfing, wo er mit Dörthe die Wege
+harkte.</p>
+
+<p>„Eine Depesche für den Herrn Baron,“ sagte
+die Botenfrau.</p>
+
+<p>„Allmächt’ger Gott,“ rief August, „eine Depesche!
+&ndash; Dörthe, eine Depesche!“</p>
+
+<p>Dörthe trat näher und betrachtete mit Furcht
+und Erstaunen das zusammengelegte Papier mit
+der blauen Marke auf der Rückseite.</p>
+
+<p>„Eine Depesche!“ stammelte sie und faltete unwillkürlich
+die Hände.</p>
+
+<p>„Dörthe, das bedeutet ein Unglück,“ fuhr August
+mit Überzeugung fort. „Wie kommt denn eine Depesche
+hierher, frag’ ich dich bloß!“ Und er schaute
+Dörthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen
+wolle, wie die Depesche hierher käme.
+Dann ging er unter beständigem Kopfschütteln in
+das Herrenhaus.</p>
+
+<p>„Eine Depesche, gnädiges Fräulein,“ sagte er
+zu Hedda, die in der Speisekammer zu tun hatte.</p>
+
+<p>Hedda fuhr erschreckt zu ihm herum: „Eine Depesche?!“
+rief sie. „Nanu?!“</p>
+
+<p>August nickte. „Das habe ich auch gesagt,
+gnädiges Fräulein. Wenn das man bloß kein Unglück
+gibt!“</p>
+
+<p>Nun berieten sie, ob man das Telegramm öffnen
+solle, um dem Freiherrn die Aufregung zu ersparen.
+August war dafür. „Man kann nicht wissen, was
+drin steht, gnädiges Fräulein,“ meinte er. „Einer
+Depesche ist nicht zu trauen. Das kann alles mögliche
+sein.“ Aber Hedda schüttelte schließlich energisch
+den Kopf. Das Telegramm war an den Vater gerichtet,
+und da ging es nicht an, daß man es erbrach.</p>
+
+<p>„Vater,“ sagte sie, von August gefolgt in das
+Arbeitszimmer des Alten tretend, „erschrick nicht:
+es ist eine Depesche angekommen.“</p>
+
+<p>„Nanu?!“ erwiderte der Baron, genau so wie
+vorhin Hedda, und August nickte dazu: dieses „Nanu“
+entsprach ganz seiner Auffassung.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>Hellstern erbrach das Papier und las erst die
+Unterschrift.</p>
+
+<p>„Von Axel, Hedda. Und fünf Zeilen lang. Das
+soll was heißen&nbsp;...“ Er las vor: „Bitte um die
+Erlaubnis, Euch auf ein Retourbillet besuchen zu
+dürfen. Wenn keine Antwort erfolgt, bin ich Sonnabend
+mittag in Zielenberg. Wagen unnötig, nehme
+dort Extrapost. Freue mich herzlich darauf, Euch
+kennen zu lernen, und grüße Dich und die Cousine.</p>
+
+<p class="lettersig1">Euer Vetter</p>
+<p class="lettersig2">Axel Hellstjern.“</p>
+
+<p>Er ließ das Papier sinken. „Was sagst du
+dazu? &ndash; Sonnabend &ndash; das ist morgen.“</p>
+
+<p>Hedda hatte einen roten Kopf bekommen.</p>
+
+<p>„Aber, Papa, das ist ja ganz unmöglich,“ antwortete
+sie. „Morgen schon &ndash; und es ist nichts in
+Ordnung! Telegraphiere zurück, er möchte erst in
+acht Tagen kommen.“</p>
+
+<p>„Ja, aber wohin denn?! Axel hat vergessen,
+seine Adresse anzugeben.“</p>
+
+<p>„An die schwedische Gesandtschaft in Berlin.“</p>
+
+<p>„Ach nein, Hedda, das geht nicht. Ich meine,
+das wäre unliebenswürdig. Ich bin Axel in gewisser
+Weise Dank schuldig. Lassen wir es nur bei
+morgen. Er muß sich sagen, daß er bei uns keinen
+weltstädtischen Komfort findet. Das Dach ist ja
+repariert &ndash; es regnet im Fremdenzimmer nicht
+mehr durch. Bringe die Stube in Ordnung und
+sorge für etwas opulentere Mahlzeiten in den nächsten
+Tagen. Wein ist noch genug da. Komm her, mein
+Kind, und gib mir einen Kuß! So &ndash; und nun
+sei verständig!“</p>
+
+<p>Das war leicht gesagt: verständig sein. Herrgott,
+was war nicht noch alles zu tun bis morgen
+mittag! Aber Hedda behielt den Kopf oben; sie
+entwarf einen Feldzugsplan. Zunächst mußte Dörthe
+die Tante Pauline zum Helfen holen. Dann wurde
+im Fremdenzimmer „groß rein gemacht“ &ndash; das
+<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>heißt in dem einzigen der sogenannten Fremdenzimmer,
+das leidlich möbliert war. Es lag im
+ersten Stock, nach Süden hinaus, und war ein
+großer, freundlicher Raum. Ströme von Wasser
+flossen über die Dielen; Dörthe und Tante Pauline
+schrubberten und scheuerten, daß ihnen der Schweiß
+von der Stirn floß. Währenddessen beschäftigte sich
+Hedda damit, frische Gardinen anzustecken. Sie
+opferte auch ihr eignes Waschservice, das sehr hübsch
+war: weiß mit rosa Streublümchen und rotem
+Rande. Gottlob, daß das Bett gut war &ndash; ein
+altes, ungeheuer großes Bett, noch aus dem Anfang
+des Jahrhunderts stammend, mit geschweiften
+Beinen und naiver Schnitzerei. Zuletzt ging es an
+das Wohnlichmachen des Zimmers. Die Tische erhielten
+saubere Decken, das Sofa wurde mit einer
+Schlummerrolle geschmückt. Nur mit der Bilderzier
+war es eine schlimme Sache. Die eine Wand war
+noch ganz leer. Da entsann sich Hedda, daß in
+der früheren Räucherkammer, in der man allerhand
+altes Gerümpel aufzubewahren pflegte, noch ein Ölbild
+stand. Es schien dorthin zu gehören, denn es
+sah wirklich ganz verräuchert aus und stellte, soweit
+es erkennbar war, einen Herrn in ritterlicher Tracht
+dar. Der Papa glaubte, es sei irgend ein Vorfahre;
+das hatte gewiß Interesse für Axel. Das Bild
+wurde hervorgesucht, abgestaubt, gewaschen und geseift
+und an die leere Wand gehängt. Trotz aller
+Reinigungskünste sah es so dunkel wie vordem aus,
+aber es machte sich dennoch ganz hübsch. Nur Tante
+Pauline meinte, es sei ein „greuliches Gesicht“; sie
+würde in diesem Zimmer nicht schlafen können.
+Hedda war jedenfalls zufrieden; morgen früh kamen
+noch Veilchen, ein paar blühende Pirus- und Pfirsichzweige
+und etwas Grün in die Vasen und Gläser &ndash;
+dann war das Zimmer behaglich und traulich.</p>
+
+<p>Nachdem dies getan war, kam die Rücksprache
+mit der Köchin an die Reihe. Das war schon verwickelter.
+August mußte am Nachmittag noch nach
+<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>Zielenberg zum Schlächter fahren; außerdem mußten
+zwei Hennen und eine Ente ihr Leben lassen &ndash; die
+letztere wurde in Aspik gelegt. Die Konserven und
+das Eingemachte wurden revidiert und auch der
+Weinkeller einer Prüfung unterzogen. Er war noch
+am besten assortiert. In einer Ecke lagen aus
+früheren Tagen her sogar noch ein paar Dutzend
+Flaschen vortrefflichen Johannisbergers, auch eine
+Flasche Champagner war noch da, aber der fehlte
+das Etikett. Der Baron konnte Hedda keinen Aufschluß
+darüber geben, welche Marke sie enthalte,
+doch neigte er der Ansicht zu, es werde wohl Grüneberger
+Landkarte sein, und es sei auch fraglich, ob
+der Wein noch moussiere, denn seiner Erinnerung
+nach rühre die vergessene Flasche noch von Heddas
+Taufe her.</p>
+
+<p>So war denn alles in Ordnung, und man konnte
+der Ankunft des Vetters aus Schweden mit einer
+gewissen Ruhe entgegensehen. Axel brachte schönes
+Wetter mit. Es war ein wonniger Frühlingstag,
+sonnig und linde, mit einem zarten, weißen Wolkenschleier
+am Himmel, der die Sonne wie ein Spitzenschal
+umgab. Im Parke war schon alles grün; der
+Rasen glänzte smaragden, und die Junirosen hatten
+ihre großen Blätter bereits voll entfaltet.</p>
+
+<p>Hedda sah unaufhörlich nach der Uhr. Sie war
+etwas in Unruhe und zweifelhaft geworden, ob es
+dem fremden Vetter auch auf dem Baronshofe gefallen
+werde. Seit einer halben Stunde ging sie
+vor der Veranda auf und ab, den Wagen erwartend,
+denn da der Zug wenige Minuten nach zwölf in
+Zielenberg eintraf, so konnte die Post jeden Augenblick
+durch den geöffneten Torweg einfahren.</p>
+
+<p>August teilte die Unruhe seiner Herrin. Hedda
+hatte auf seinen blauen Livreerock einen neuen roten
+Kragen gesetzt und ihm anbefohlen, beim Servieren
+weiße Handschuhe anzuziehen. Und davor ängstigte
+sich August. An das Servieren mit Handschuhen
+war er nicht gewöhnt. Er hatte es ein paarmal
+<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>probiert, aber auf der glatten Wolle rutschten die
+Teller immer aus. Das Herz zitterte ihm, wenn
+er an das Diner dachte.</p>
+
+<p>In der Ferne ließ sich &ndash; ein seltener Klang &ndash;
+das fröhliche Schmettern eines Posthorns vernehmen.
+Das war er! Hedda stürmte in das Haus zurück,
+den Alten zu rufen.</p>
+
+<p>„Schnell, schnell, Vater &ndash; er kommt!“</p>
+
+<p>Der Baron, in seinem langschößigen Rock und
+in der schwarzen Halsbinde wie ein Veteran von
+1806 aussehend, hinkte an seinen Krückstöcken auf
+die Veranda &ndash; in dem Augenblick, da der Postwagen
+vorfuhr.</p>
+
+<p>Es war eine sogenannte Beichaise, ein geschlossenes
+Coupé, und hinter dem hochgezogenen Fenster des
+Wagens sah Hedda ein schmales, blasses, freundliches
+Gesicht und eine ihr zuwinkende Hand in braunem
+Wildleder.</p>
+
+<p>August riß den Schlag auf, und Baron Axel
+stieg vorsichtig aus, mit dem Fuße nach dem Trittbrett
+angelnd.</p>
+
+<p>„Tag, Cousine!“ rief er ihr dabei entgegen, mit
+leicht fremdartiger Betonung des Deutschen, „Tag,
+Onkel Frederic! Kinder, wie ist das hübsch bei euch!
+Kinder, wie freu’ ich mich!“</p>
+
+<p>Seine Begrüßung war sehr warmherzig. Hedda
+hatte sie steifer und formeller erwartet, sich überhaupt,
+trotzdem sie eine Photographie des Vetters
+kannte, ein ganz andres Bild von Axel entworfen.
+Er war sehr groß, größer als der Vater, aber
+schmalschulterig und ging leicht vornüber geneigt.
+Das bleiche Gesicht zeigte vornehme Züge, sah jedoch
+ein wenig abgespannt und müde aus. Auf der
+rechten Wange zeichnete sich eine feine Hiebnarbe
+blutrot ab. Ein langer, weißblonder Schnurrbart
+sproßte auf der Oberlippe; auch das Haar war weißblond
+und dünn, aber geschickt gescheitelt und über
+den Kopf verteilt. Aus den hellen blauen Augen
+blickte viel Gutmütigkeit. Axel trug ein Monocle
+<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>ohne Band, ein großes, rundes Glas, ständig in die
+linke Augenhöhle geklemmt. Seine Kleidung war
+ausgewählt elegant, besonders fiel Hedda der Sitz
+der Stiefel auf den sehr kleinen Füßen auf.</p>
+
+<p>August führte den Gast zunächst auf sein Zimmer,
+und dann ging man sofort zu Tische. Axel fand alles
+„reezend“ (er sprach das ei gern als e aus), besonders
+das verräucherte Ahnenbild interessierte ihn sehr.</p>
+
+<p>„Aber irgend eine Ähnlichkeit mit den Porträts
+in Jarlsberg kann ich beim besten Willen nicht
+herausfinden,“ sagte er. „Freelich, da sind eenige
+fünfzig &ndash; in eener unendlich langen Galerie, in der
+man getrost eene Steeplechase veranstalten könnte &ndash;
+ach, Cousine, es ist schade, daß du Jarlsberg nicht
+kennen lernst &ndash; das würde dir gefallen&nbsp;...“ Und
+er beschrieb das alte Schloß, das hoch oben in
+Schweden auf einem Felsenvorsprung, der Lofotengruppe
+gegenüber, lag, umschäumt und umrauscht
+von den Wellen, eine kolossale Burg, deren Grundmauern
+noch aus dem vierzehnten Jahrhundert
+stammten, und an der acht Generationen gebaut
+hatten. „Ich mit,“ fügte Axel hinzu, „und es hat
+mich Mühe genug gekostet, in die riesigen Zimmerfluchten
+eine gewisse Wohnlichkeet zu bringen, denn
+Vater und Großvater lebten lieber in Stockholm und
+mehr noch in Paris als auf dem einsamen Stammschlosse.
+Aber seht ihr, für mich hat es einen besonderen
+Reez, da oben zu hausen, mutterseelenalleen,
+und es tut mir von Herzen leed, daß mir der Arzt
+das rauhe Klima verboten hat. Ich muß nämlich
+een bißchen &ndash; een bißchen vorsichtig seen,“ schloß
+er, und gleichsam als Bekräftigung dieser Äußerung
+befiel ihn zum Schrecken Heddas ein langer und
+trockener Husten, den er vergeblich niederzukämpfen
+sich mühte.</p>
+
+<p>Er hatte sich abgewendet und hielt sein Taschentuch
+vor den Mund. Der Husten erschütterte seinen
+ganzen Körper, so daß er nach Luft ringen mußte,
+als der Anfall glücklich vorüber war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>„Schauderhaft,“ sagte er endlich. „Ich habe mich
+vor zwee Jahren auf der Bärenjagd erkältet und
+kann mich seetdem nicht wieder so recht erholen. Ich
+will deshalb auch den Abschied nehmen und een
+paar Jahre im Süden verleben. Vielleecht wird’s
+da unten besser ... Und nun, Onkel Frederic &ndash;
+wie steht’s mit der Chronik? Hast du dich durch
+die alten Urkunden durchfinden können?“ &ndash;</p>
+
+<p>Hedda war sich noch nicht ganz klar über den
+Vetter; sie schwankte noch in ihrem Urteil. Jedenfalls
+war er ein vollendeter Gentleman und jedenfalls
+ein sehr kranker Mensch, mit dem man Mitleid
+haben mußte. Er hatte ein liebes, sympathisches
+Gesicht, und die ganze Art seines Sichgebens war
+frei, herzlich und natürlich. Es zeigte sich auch, daß
+Axel über eine feine und umfassende Bildung verfügte;
+er war viel in der Welt herumgekommen,
+beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen und war
+erstaunlich belesen, so daß Hedda im Gespräche mit
+ihm zu öfterem ein gewisses Schamgefühl über ihren
+eignen Mangel an Wissen überschlich.</p>
+
+<p>Den ganzen Nachmittag über blieb Axel mit dem
+Freiherrn in dessen Arbeitszimmer, um den vollendeten
+Teil der Chronik durchzugehen. Erst beim
+Abendessen traf Hedda wieder mit ihm zusammen.
+Sie ärgerte sich im stillen über die Appetitlosigkeit
+ihres Gastes; was hatte man für Umstände gemacht,
+und nun aß er fast gar nichts! Mit dem Trinken
+war es ebenso; er bevorzugte Zitronenwasser ohne
+jeden Beisatz von Zucker &ndash; brrrr, dachte sich Hedda,
+und das will ein verwöhnter Weltmann sein! Aber
+seine scharmante Liebenswürdigkeit blieb immer die
+gleiche. Er sprach viel und ungemein anregend, oft
+sprunghaft das Thema wechselnd, doch stets interessant;
+dabei nahm auch sein Gesicht eine lebhaftere
+Färbung an, und um so stärker fiel die Abspannung
+seiner Züge auf, wenn er einmal eine Pause in der
+Unterhaltung eintreten ließ. Gelegentlich fragte ihn
+Hellstern nach der Ursache der Narbe auf seiner
+<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>rechten Wange; er vermutete, sie rühre von einem
+Schmiß aus der Studentenzeit Axels her. Doch
+Axel erzählte freimütig, er habe die Wunde in einem
+Duell empfangen &ndash; vor sieben oder acht Jahren,
+in Brüssel, wo er für die Gattin eines Grafen Soundso
+mehr Interesse gezeigt habe, als dem Ehemann
+lieb gewesen sei. Jetzt sei er über derlei
+Dummheiten hinaus.</p>
+
+<p>Axel zog sich übrigens frühzeitig zurück. August
+mußte mit auf sein Zimmer gehen, ihm beim Auskleiden
+zu helfen, und er schilderte späterhin in der
+Küche mit beredten Worten, welche Geheimnisse die
+Garderobe des Herrn Vetters barg. Da waren eine
+Unmasse Flaschen und Kapseln mit silbernen Köpfen,
+alle gefüllt &ndash; „weiß der Deubel, mit was“&nbsp;&ndash;, die
+mußten vor dem Spiegel aufgestellt werden. Und
+die Hosen wurden in einen Bügel gezwängt, der sie
+auseinanderspannte, damit sie auch die richtige Form
+behielten, und in die Stiefel kamen aus dem gleichen
+Grunde hölzerne Blöcke mit silbernen Ringen hinein,
+und die Nachthemden waren aus purer Seide. „So
+was hab’ ich mein Lebtag nicht gesehen,“ schloß
+August, und als Dörthe fragte, ob die Nachthemden
+auch wirklich aus Seide gewesen wären, sagte er:
+„Auf Ehre, aus purer Seide; ich hab’ sie befühlt.“</p>
+
+<p>Hedda blieb, nachdem Axel gute Nacht gewünscht
+hatte, noch ein halbes Stündchen bei ihrem Vater
+sitzen. Es drängte sie, ihre Eindrücke über den Gast
+mit ihm auszutauschen.</p>
+
+<p>„Wie findest du den Axel?“ fragte sie. „Er ist
+schwer leidend, nicht wahr?“</p>
+
+<p>Der alte Herr nickte.</p>
+
+<p>„Ich glaube auch; er verbirgt’s zwar gern, aber
+ich halte den armen Kerl für schwindsüchtig. Und
+da ist mir etwas eingefallen, Hedda, woran ich vorher
+noch gar nicht gedacht hatte. Wer bekommt
+denn das ganze Geld und die Güter in Schweden
+und die alte Burg den Lofoten gegenüber, wenn der
+Axel einmal unverheiratet sterben sollte? Ich gönne
+<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>ihm, weiß Gott, noch ein langes Leben, aber schließlich,
+des Herrn Wille ist unerforschlich &ndash; und Axel
+sieht nicht so aus, als ob er das Hellsternsche Alter
+erreichen würde. Na, da habe ich denn am Nachmittage
+vorsichtig einen Fühler ausgestreckt, ob er
+noch irgend welche Verwandte hat, von denen der
+Freiherrnkalender nichts weiß. Und es ist wirklich
+so. Stirbt er ohne Nachkommen, dann fällt sein
+ganzer Besitz einem Vetter zu, der in der englischen
+Marine dient, und den er wie die Pest haßt. Er
+hat einmal irgend einen argen Zank mit ihm gehabt;
+nach seinen Schilderungen muß es ein gräßlicher
+Kerl sein. Nun frage ich dich, ist das nicht
+schandbar?“</p>
+
+<p>„Weshalb?“ entgegnete Hedda harmlos.</p>
+
+<p>„Schlaukopf &ndash; weshalb? Wären <em class="gesperrt">wir</em> nicht
+ebenso geeignete Erben wie dieser unausstehliche
+Vetter in der englischen Marine?“</p>
+
+<p>Hedda lachte.</p>
+
+<p>„Ich zweifle nicht daran,“ entgegnete sie, „daß
+<em class="gesperrt">wir</em> uns als Erben in der Tat ebensogut und vielleicht
+besser ausnehmen würden. Aber deinen Ärger
+versteh’ ich trotzdem nicht recht, Vater. Du sagst ja
+selbst, daß du nie an die Möglichkeit gedacht hättest, je
+einmal von Schweden aus berücksichtigt zu werden&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Vorher nicht,“ fiel der Alte ein; „aber jetzt
+liegt die Sache doch anders.“</p>
+
+<p>„Ich wüßte nicht inwiefern, gestrenger Herr
+Vater.“</p>
+
+<p>Der Freiherr überhörte die letzte Äußerung. Er
+hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute
+sinnend und melancholisch, mit leisem Seufzer, zu
+Hedda hinüber.</p>
+
+<p>„Schade, daß der Axel so ’n armer, kranker
+Teufel ist,“ sagte er.</p>
+
+<p>„Ich bemitleide ihn auch, und von ganzem
+Herzen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Denk mal, was das für eine Partie für dich
+gewesen wäre!“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>Hedda fuhr betroffen auf; dann lachte sie wieder:
+„Willst du mich denn so absolut los sein, Papa?“</p>
+
+<p>„Unsinn! Du weißt recht gut, daß ich dich am
+liebsten immer bei mir und um mich behalten möchte
+&ndash; weißt’s recht gut! Aber ’mal muß ich mich doch
+mit dem Gedanken vertraut machen, dich abzugeben
+&ndash; lieber Gott, das ist doch nun einmal das Schicksal
+der Töchter! Glaube nicht, daß ich gar so selbstsüchtig
+bin; ich habe mir über deine Zukunft schon
+manchmal meine Gedanken gemacht. Jahr um Jahr
+vergeht, und du sitzest hier auf dem Baronshofe und
+lernst keinen vernünftigen Menschen kennen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Erlaube, Papa&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Na ja, ich meine, keinen, der sich für dich eignen
+würde. Mit dem Gunther von da drüben war es
+doch nichts! Es ist eine niederträchtige Geschichte.
+Ich ärgere mich, daß ich dich nicht doch noch zu
+Tante Jutta nach Berlin geschickt habe. Es sollen
+sehr nette Leute bei ihr verkehren.“</p>
+
+<p>„Trotzdem ist es fraglich, ob mir einer von ihnen
+gefallen hätte.“</p>
+
+<p>„Lieber Himmel, du kannst doch nicht alte Jungfer
+werden?!“</p>
+
+<p>Hedda erhob sich und gab dem Alten einen Kuß.</p>
+
+<p>„Ängstige dich nicht meinetwegen, Vater,“ sagte
+sie heiter. „Das Heiraten gehört freilich sozusagen
+zum weiblichen Beruf, aber es gehören auch immer
+zwei dazu. Finden sich die nicht zusammen, dann
+muß man sich zu trösten suchen. Und das werde
+ich tun &ndash; wenn es nicht anders ist. Nun schlaf
+wohl und verträume die ernsten Gedanken!“</p>
+
+<p>Sie strich ihm über die Stirn und klingelte nach
+August. &ndash;</p>
+
+<p>Als Hedda am folgenden Morgen aufgestanden
+war, fand sie Axel bereits im Parke vor. Er kam
+ihr mit fröhlichem Lachen entgegen.</p>
+
+<p>„Du wunderst dich über mein Frühaufstehen,“
+sagte er, ihr die Hand reichend. „Das ist aber nichts
+weeter als eine Folge des Frühschlafengehens, Hedda.
+<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span>Ich bin etwas nervös und an kurzen Schlummer
+gewöhnt. Vier Stunden genügen mir, oft auch nur
+dree. Sieh, wie herrlich der Morgen ist!“</p>
+
+<p>Das war er. Es strömte ein würziger Frühlingshauch
+durch den Park, der Odem der Verjüngung
+und Auferstehung. Tau schillerte auf Gräsern
+und Halmen, und auf den sprießenden Wiesen keimte
+schon der erste wilde Blumenflor empor. Die Erlen
+und Weiden am Weiher setzten Kätzchen an; die
+Essigbäume umkleideten sich mit goldbraunem Flaum.
+Auch an dem Christusdorn brachen bereits zartgrüne
+Knöspchen auf, und die Fliederbosketts standen in
+frischem Blätterschmuck.</p>
+
+<p>Hedda fragte, wie Axel geschlafen habe. Seine
+gewohnheitsgemäßen drei Stunden gut, antwortete
+er; nicht einmal der Geist des verräucherten Ahnherrn
+habe ihn gestört. Und von Beginn des Frühdämmerns
+an, wo seine Schlummerzeit um sei, habe
+er dem Erwachen der Natur gelauscht. Die Sperlinge
+hätten angefangen und dann die jungen
+Schwalben in ihrem Nest dicht unter dem Fenstersims.
+Hierauf hätten sich die Krähen in den Birken
+zu rühren begonnen, eine außerordentlich lebhafte
+Gesellschaft, die dem Aufgang der Sonne mit großem
+Geschrei entgegensehe; auch ein Storch müsse sich in
+der Nähe angesiedelt haben, dessen Klappern Axel
+deutlich gehört haben wollte. Schließlich kam das
+Geflügel auf dem Wirtschaftshof an die Reihe, zuerst
+undeutlich, denn das Viehzeug war noch in
+seinen Ställen eingesperrt. Aber man hätte doch
+schon die verschiedenartigen Organe unterscheiden
+können: das dumpfe Krähen der Hähne, das Glucken
+der Hennen, das Schnattern der Gänse und Enten.
+Dazwischen zuweilen den sanft mahnenden Brüllton
+einer Kuh, ein Pferdewiehern und im Verein mit
+melodischem Kettenklirren das Anschlagen des Hofhundes.
+Endlich erwachte auch der Mensch. Man
+hörte die Pumpe arbeiten &ndash; sie müsse einmal geölt
+werden, sagte Axel &ndash; und dann das Öffnen verschiedener
+<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>Türen, und nun hätten sich die sämtlichen
+Stimmen zu einem gemeinsamen Konzerte vereinigt.
+Doch immer habe das helle Schmettern der Hähne
+das Leitmotiv angegeben ...</p>
+
+<p>Hedda amüsierte sich sehr über diese Schilderung.
+Sie fand, daß der Vetter heut ungleich frischer,
+wohler und jünger aussah als gestern. Sie fand
+auch, daß er ein eigentümlich feines und zartes Gesicht
+habe, mit hellen, strahlend blauen Augen und
+einem Spinnennetz winziger Fältchen darunter, das
+aber merkwürdigerweise durchaus nicht entstellend
+war. Was ihr indessen am meisten auffiel, war die
+intensive Blutfarbe seiner Lippen. Er war bereits
+fertig angezogen, nur trug er statt des Rocks ein
+Morgenjackett aus bräunlichem, gestepptem Eskimo.
+Er sah sehr elegant aus, trotz seiner langen, etwas
+schwippen Figur und seiner schlechten Haltung.</p>
+
+<p>Sie kehrten zusammen in das Haus zurück, wo
+der Freiherr bereits am Teetisch saß und ungeduldig
+auf die beiden wartete. Trotz des Frühlingstages
+brannte Feuer im Kamin, und das konnte man in
+dem großen Saale schon vertragen. Die Scheite
+knisterten und knackten, und die Flammen zuckten
+hin und her.</p>
+
+<p>Während des Frühstücks fragte Axel seinen Gastgeber
+aus. Er sei neugierig und wolle alles wissen,
+sagte er, was für den Baronshof von Interesse sei.
+Hedda und der Alte begannen zu erzählen, namentlich
+der Alte nahm die Gelegenheit wahr, einmal
+sein Herz auszuschütten. Er schilderte den jahrelangen
+verzweifelten Kampf, den er um seine Scholle
+geführt hatte, aber schließlich sei sie nicht mehr zu
+halten gewesen. Übrigens sprach Hellstern vernünftig
+und ruhig. Er schimpfte nicht auf die „Handelsverträge
+und das römische Recht“ und vermied die
+landläufigen Phrasen. Er war der Meinung, daß
+man heutzutage bei der Landwirtschaft nur dann
+etwas erübrigen könne, wenn man für alle Fälle
+Kapitalien hinter sich habe. Man müsse den Schwankungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>der Preise Trotz bieten, müsse auch Courage
+und die nötigen Mittel haben, um einmal eine
+Neuerung wagen zu können. Zum Beispiel der
+alte Usen auf Karstädt &ndash; was habe der aus seiner
+Herrschaft gemacht! Ein geiziger Mann, der die
+niedrigsten Löhne zahle und seine Leute wahrhaft
+aussauge, aber für das Land sei ihm nichts zu teuer.
+Sein Maschinenapparat sei ein wahres Wunder.
+Und all das lohne sich; die geopferten Gelder seien
+nicht fortgeworfen. Aber man müsse sie eben haben &ndash;
+und er, Hellstern, hatte sie nicht. Damals, wie die
+Hellsterns aus Schweden herübergekommen, waren
+sie reiche Leute gewesen, aber wo war der Mammon
+geblieben? Verpulvert, verschleudert, vergeudet &ndash;
+„adjö!“ ... Daß die Landwirtschaft gute Erträgnisse
+abwerfe, wenn man reichlichen Hinterhalt habe,
+um nachfeuern zu können, sehe jetzt selbst die Finanz
+ein. Alle reichen Juden kauften sich Güter ...</p>
+
+<p>Axel hatte schweigend zugehört, und als Hellstern
+zu Ende war, bat er sich von Hedda noch ein
+Stück Streuselkuchen aus, der ihm zu Ehren gebacken
+worden war, und den er als delikat bezeichnete,
+und sagte sodann:</p>
+
+<p>„Es ist jedenfalls jammerschade, daß du dein
+Besitztum verkauft hast, Onkel Frederic. Ich verstehe
+dich nicht, daß du dich damals nicht an mich
+gewandt hast &ndash; ich hätte dir doch so gern geholfen.“</p>
+
+<p>Der Freiherr schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>„Du standst mir zu fern, Axel,“ erwiderte er.
+„Und dann lagen auch schon überreichlich Hypotheken
+auf dem Gut. Es wäre Unsinn gewesen, noch
+weitere Versuche zu wagen. Ich bin froh, daß ich
+den Baronshof behalten konnte und dabei noch mein
+leidliches Auskommen habe. Kommerzienrat Schellheim
+hat freilich gewaltig geschachert, aber ein andrer
+hätte vielleicht noch weniger gezahlt. Schließlich bin
+ich ganz zufrieden.“</p>
+
+<p>Man erhob sich. Axel schlug einen Spaziergang
+vor, und Hedda war einverstanden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>Sie gingen durch das Dorf. Für alles zeigte
+der Vetter Interesse. Hedda mußte ihm von der
+Quelle erzählen. Der neuschaffende Einfluß des
+Heilwassers machte sich bereits überall bemerkbar.
+Die Dorfstraße wurde gepflastert; Scharen von
+Arbeitern klopften und hämmerten; es klang und
+gellte durch die frische Morgenluft. Am Kruge
+wurde ein neuer Flügel angebaut. Die alte Inschrift:
+„Gastwirtschaft von C. Möller“ war längst
+übertüncht worden; Riesenbuchstaben, schwarz mit
+Goldrand: „Hotel Möller“, sollten sie ersetzen. Die
+Logierhäuser Alberts stiegen in die Höhe; überall
+regten sich fleißige Hände.</p>
+
+<p>Axel wollte auch den „Kurpark“ sehen. Man
+rodete und pflanzte noch. Die Natur kam hier den
+Gärtnern wesentlich zu Hilfe. Der junge Buchenwald
+war wunderschön, und die humusreiche Erde
+ermöglichte leicht die Anbringung hübscher Bosketts.
+Der Kommerzienrat hatte es aber noch vornehmer
+haben wollen. Auch exotische Pflanzen sollten dabei
+sein, Palmen, Agaven und dergleichen mehr, und so
+wurde denn nach der Wiese zu ein Treibhaus errichtet,
+zur Aufbewahrung der Seltenheiten während
+der kälteren Jahreszeit.</p>
+
+<p>Zahlreiche Menschen waren auch im Kurparke
+tätig. Plötzlich neigte Hedda grüßend den Kopf;
+sie hatte den Kommerzienrat entdeckt. Seit der verfehlten
+Werbung Gunthers war eine Entfremdung
+zwischen den Insassen des Baronshofs und des Auschlosses
+eingetreten. Man besuchte sich nicht mehr.
+Nun aber schritt Schellheim Hedda mit verbindlichem
+Lächeln entgegen, lüftete seinen Hut und reichte ihr
+die Hand. Sie stellte Axel vor.</p>
+
+<p>„Freue mich sehr,“ sagte der Kommerzienrat.
+„Sie lernen die Entstehungsgeschichte eines neuen
+Bades bei uns kennen, Herr Baron. Herr Baron
+sprechen doch Deutsch?“</p>
+
+<p>„Gewiß,“ erwiderte Axel; „nur mit dem Akzent
+geht es zeetweelig noch nicht so recht. Das interessiert
+<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>mich alles sehr, Herr Kommerzienrat. Das ist sozusagen
+ein Stückchen Kulturgeschichte. Wird das
+da drüben ein Pavillon, wenn ich fragen darf?“</p>
+
+<p>„Nein,“ entgegnete Schellheim, „das wird der
+Quellenbau. Wenn die Herrschaften gestatten, führe
+ich Sie ein wenig umher. Wie geht es dem Herrn
+Papa, gnädigstes Fräulein?“</p>
+
+<p>Hedda dankte; sie fragte nach dem Befinden der
+Rätin, auch unbefangen nach Gunther. Das schien
+Schellheim zu freuen; er wurde ausführlich. Gunther
+war noch immer in Montreux; seine große
+Arbeit ging dem Abschluß entgegen.</p>
+
+<p>„Ein neues Kapitel zur Faustforschung, gnädiges
+Fräulein&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Ja &ndash; ich weiß, Herr Kommerzienrat&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„So &ndash; Sie kennen das Thema? Der Pastor
+ist ganz begeistert; Gunther hat ihm die ersten Bogen
+geschickt. Es muß etwas Eigenes sein, dies Grübeln
+und Forschen und Suchen &ndash; ein Glücksgefühl, das
+unsereiner gar nicht kennt, nicht einmal begreift ...
+Also dies wird der Quellentempel&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Und Schellheim begann zu erklären. Den Anfängen
+nach zu urteilen, mußte man mit großen
+Mitteln wirtschaften. Der Quellenbau bestand aus
+Marmor und Schmiedeeisen; ein bekannter Berliner
+Architekt hatte den Entwurf geliefert. Auch die
+Wandelhalle war eine elegante und luftige Eisenkonstruktion.
+Hier und da wurden zwischen den
+Bosketts Statuen und an den Endpunkten der
+Laubengänge Ruhesitze errichtet. Künstliche Felspartien
+wurden geschaffen und ein ganzes Parterre
+hochstämmiger Rosen. Vom Brunnen aus zog sich
+eine Art Boulevard quer durch den Park. Hier
+waren zwei Reihen Buchen stehen geblieben, eine
+prächtige Allee bildend. Die ehemalige Klemptsche
+Wiese sollte die Spielplätze hergeben, für Lawn
+Tennis, Croquet und Golf, auch an eine Radfahrbahn
+dachte man. Die Chaussee war belebt. Wagen
+auf Wagen rollte heran, mit Bauholz, Eisen und
+<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>Steinquadern bepackt, dazwischen ganze Fuhren von
+gelbem Kies. Für die Arbeiter waren in den sogenannten
+„Sandkuhlen“ der Grauen Lehne Baracken
+errichtet worden; Fritz und die alten
+Möllers hatten die Verpflegung der Leute übernommen.
+Neben dem Kommerzienrat sah man
+überall die schlanke Gestalt Alberts. Er war der
+erste auf dem Platze und verließ ihn als letzter.
+Seine Tätigkeit war erstaunlich; es zeigte sich, daß
+er ein ganzer Geschäftsmann war und trotz seiner
+Halbbildung ein Organisationstalent erster Ordnung.
+Gegen Schellheim war er von kriechender Unterwürfigkeit,
+und wenn er mit den Seinen allein
+war, schimpfte er auf ihn. Anfänglich hatte er viel
+schlaflose Nächte gehabt; der Gedanke, daß der
+Kommerzienrat ihn übervorteilen könne, beunruhigte
+ihn maßlos. Und dann hatte er wieder darüber
+gegrübelt, wie man sich Schellheims am bequemsten
+entledigen könne, wenn alles „fertig sei“. Schließlich
+aber hatte er sich gefügt. Es ging nicht anders.
+Schellheim war nicht mehr los zu werden, war auch
+nicht zu entbehren. Die Gesellschaft war gegründet;
+an ein gegenseitiges Betrügen war nicht zu denken.
+Dennoch betrachteten sich beide mit einem gewissen
+Mißtrauen.</p>
+
+<p>Hedda erschien das rastlose Leben und Treiben
+in und um Oberlemmingen wie ein Traumbild.
+Sie dachte an die Prophezeiungen ihres Vaters.
+Es sah wirklich so aus, als werde das Dorf vom
+Erdboden verschwinden. Die Einrichtungen, die
+man traf, berücksichtigten Tausende von Badegästen.
+Wo sollten diese Menschen wohnen? &ndash; Die Wohnungsfrage
+war in der Tat erst in der Lösung.
+Man wollte sich damit nicht übereilen. Auf dem
+Möllerschen Terrain ließ sich eine ganze Reihe von
+Logierhäusern errichten. Spekulanten aus Frankfurt
+hatten bereits Bauplätze gekauft, auch der Getreidehändler
+Ring aus Zielenberg, der Schwiegervater
+Bertolds, begann zu bauen. Und dann
+<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>unterhandelte man noch mit Raupach und Thielemann,
+deren Gehöfte in der Nähe der großen Landstraße
+lagen. Am wichtigsten war freilich Braumüller,
+doch der hatte bisher jedweder Lockung
+widerstanden. Er war ein schlauer Patron; die
+Preise mußten noch ganz anders in die Höhe gehen.
+An seinem Zaun stand ein alter Akazienbaum, der
+den Kommerzienrat ärgerte, weil er die Aussicht
+auf den Boulevard störte. Schellheim beauftragte
+Albert, den Baum zu kaufen und fällen zu lassen.
+Braumüller forderte fünfzig Taler. Albert erklärte
+das für eine Gemeinheit; das Holz sei nicht fünf
+Taler wert. Dann solle der Baum stehen bleiben,
+gab Braumüller zurück. Die beiden handelten auf
+Tod und Leben, vier Wochen hindurch. Jeden
+Abend erstattete Albert dem Kommerzienrat Bericht.
+Braumüller blieb lachend bei seiner Forderung, und
+schließlich sagte Schellheim wütend zu Albert: „Zahlen
+Sie dem Kerl die fünfzig Taler &ndash; der Teufel soll
+ihn holen, den Gauner!“ Braumüller strich die
+fünfzig Taler ein, ohne daß ihn der Teufel holte,
+und betrank sich am Abend, so daß ihn zwei Knechte
+nach Hause tragen mußten.</p>
+
+<p>Das zukünftige Hotel Möller war nicht mehr
+für die Bauern da. Fritz hatte den Stall, in dem
+die Schankstube provisorisch untergebracht worden
+war, ausbauen lassen; das war jetzt der Krug. Die
+Bilder von Friedrich Wilhelm&nbsp;IV. und der Königin
+Elisabeth waren mit herübergekommen. Es war
+wie eine Revolution. Die alte Möllern weinte zuweilen;
+sie sah nichts Gutes darin, daß alles so
+fein und so vornehm wurde. &ndash;</p>
+
+<p>Hedda war mit Axel den Döbbernitzer Weg
+hinabgegangen. Auf Schritt und Tritt machte sich
+der Anbruch der neuen Ära bemerkbar. Auch drüben
+auf dem Kirchenland, jenseits der Barbe, arbeiteten
+die Leute. Man sah die ragende Gestalt des Pastors
+unter ihnen und seinen wehenden weißen Bart.
+Mitten in der Tannenschonung wurde ein großer
+<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>Platz freigelegt; dorthin sollte das Kinderasyl Eyckens
+kommen. Ein hoher Mastbaum überragte das
+Schwarzgrün der Tannenwipfel, mit einer flatternden
+Fahne, die ein achtspitziges Kreuz trug, hinweisend
+auf die Protektion des Ordens von Sankt
+Johannes vom Spital zu Jerusalem, unter dessen
+Hut die neue Kinderheilstätte stehen würde.</p>
+
+<p>Hedda fragte Axel, ob ihn der weite Spaziergang
+nicht anstrenge. Sie hatte ihn wieder zu
+öfterem husten hören. Aber er verneinte; er fühle
+sich sehr wohl und auch sehr glücklich.</p>
+
+<p>„Ja &ndash; sehr glücklich, Cousine,“ wiederholte er.
+„Ist es der Reez des Neuen oder die frische Landluft
+oder die Freude, einmal mit lieben Verwandten
+zusammen sein zu können &ndash; ich kann dir nur sagen:
+ich fühle förmlich, wie mir das Herz auftaut &ndash; ich
+spüre selbst so etwas wie Frühling in meiner Brust!
+Das ist mir lange nicht passiert &ndash; und ich danke
+dir und dem Onkel wirklich aufrichtig dafür, daß ihr
+mir gestattet habt, euch besuchen zu dürfen.“</p>
+
+<p>„Aber ich bitte dich, Vetter,“ wehrte Hedda den
+Dank unter hellem Erröten ab, „wir haben uns ja
+so gefreut, dich kennen zu lernen, und hoffen, es
+wird nicht das letzte Mal sein, daß du auf dem
+Baronshofe bist. Du glaubst nicht, wie froh ich bin,
+daß es dir bei uns gefällt &ndash; denke dir, ich habe
+eine Todesangst gehabt, du würdest ein furchtbar
+verwöhnter Prinz sein und nichts gut genug für
+dich finden! Mein Gott, es geht doch schrecklich
+einfach bei uns zu!“</p>
+
+<p>„O Hedda, du mißverkennst mich völlig,“ entgegnete
+Axel. „Ich bin verwöhnt &ndash; allerdings &ndash;
+das heeßt, ich richte mir das Leben, soweit es möglich
+ist, nach eegner Bequemlichkeit ein. Aber das
+will noch nicht sagen, daß ich mich lediglich in der
+Bequemlichkeit wohl fühle. Ich habe einmal eine
+Expedition in das Innere von Spitzbergen mitgemacht,
+wo wir uns im Schneegestöber verirrten und
+dree Tage lang auf trockenen Schiffszwieback angewiesen
+<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>waren &ndash; es hat mir nicht wehe getan. Ich
+liebe den Luxus, doch ich entbehre ihn nicht. Ich
+entbehre ihn um so weniger, wenn ich mich sonst
+wohl fühle, Hedda. Und ich kann dir nur wiederholen:
+es weht mir hier bei euch so eine Art Glücksempfinden
+durch die Seele &ndash; ich weiß nicht, woher
+es kommt &ndash; so etwas wie Heematluft.... Ich
+bin stets ein eensamer Mensch gewesen, und merkwürdig
+genug: im tollsten Trubel hab’ ich mich immer
+am eensamsten gefühlt. Nun hat man mir auch
+Jarlsberg verboten &ndash; wegen der rauhen Luft und
+des verdamm &ndash; o Pardon, meines Hustens wegen.
+Man hat mir die Heemat genommen. Das tut mir
+weher als der harte Schiffszwieback in Spitzbergen
+&ndash; und es ist mir, als hätte ich hier Ersatz gefunden&nbsp;...“</p>
+
+<p>Hedda rührte das Geständnis des langen Vetters,
+des armen „Heimatlosen“, der, mit Glücksgütern
+überhäuft, sich doch nicht glücklich zu fühlen
+schien. Er war sicher kein Alltagsmensch, sondern
+eine feine und zarte Natur, mit kompliziertem Seelenorganismus
+&ndash; einer, der immer einer linden, weichen
+und schonenden Hand bedurfte. Sie begriff schon,
+daß er sich leicht einsam fühlte bei seinem Hange,
+abseits zu gehen, und der Notwendigkeit, in der
+großen Welt zu leben. Das war ein Zwiespalt,
+den er hart empfinden mußte.</p>
+
+<p>„Weißt du, Vetter,“ begann sie wieder, „daß
+ich deinen Entschluß, den Dienst zu quittieren, für
+sehr vernünftig halte?“</p>
+
+<p>„Wirklich?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Ja, wirklich. Ich glaube, du bist gar kein
+Beamtenmensch. Alles Gegliederte, Schematische
+und Bureaukratische ist dir zuwider.“</p>
+
+<p>„Das ist es. Dabei bin ich aber merkwürdigerweise
+eine peinlich ordentliche Natur, Hedda.“</p>
+
+<p>Sie lachte.</p>
+
+<p>„Du bist sozusagen in keine Kategorie einzureihen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>„Ach nein &ndash; in keine des <em class="antiqua">genus homo</em>!“</p>
+
+<p>„Es ist noch ein Glück, daß du nicht aufs
+Carrieremachen angewiesen bist,“ fuhr Hedda, wieder
+ernster werdend, fort. „Und bei deinem lebhaften
+Geiste fürchte ich auch nicht, daß du untätig
+bleiben und dich langweilen wirst.“</p>
+
+<p>„O du lieber Gott, Hedda &ndash; ich kenne das Wort
+Langeweile überhaupt nicht! Ich habe so hunderterlei
+Interessen &ndash; und wenn ich mich dazu entschloß,
+zur Diplomatie zu gehen, so geschah es nur &ndash; gewissermaßen
+aus traditionellen Rücksichten; irgend
+einen Beruf mußte ich doch ergreifen, und der diplomatische
+gilt bei uns als der vornehmste. Alle
+Hellstjerns sind Diplomaten gewesen, aber ich glaube,
+es war nie ein besonders hervorragender darunter.
+Doch einer, Christiern Hellstjern &ndash; der trank um
+1500 Sten Sture unter den Tisch und soll dadurch
+den großen Adelsaufstand beigelegt haben &ndash; doch
+ist es immerhin fraglich, ob man diese Leistung als
+diplomatische Heldentat betrachten darf&nbsp;...“</p>
+
+<p>Sie waren nun bereits mitten im Walde und
+schlugen den Weg nach dem See ein. Er lag in
+voller Bläue vor ihnen, mit anmutig geschwungenen
+Ufern, die auf allen Seiten zu Bergrücken aufstiegen.
+Unten erstreckte sich Laubwald und weiter
+oben dunklerer Tannenforst. Die Form des Sees
+erinnerte Axel an den Lago di Como und die eigentümliche
+Gestaltung einzelner hoher Kiefern an die
+Pinien Italiens. Aus der Ferne schimmerte wieder,
+in leichten Dunst gehüllt, der eckige Turm des
+Döbbernitzer Schlosses in verschwimmenden Umrissen
+herüber.</p>
+
+<p>Axel fragte nach dem Besitzer des Schlosses.
+Aber Hedda beschränkte sich auf kurze Mitteilungen.
+Baron Zernin sei ein entfernter Verwandter; er
+habe abgewirtschaftet, ein Duell gehabt und sei noch
+auf der Festung; dieser Tage solle das Gut subhastiert
+werden &ndash; man erzähle sich, Schellheim
+werde es kaufen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>Der Vetter wurde aufmerksam.</p>
+
+<p>„Ist der Zernin ein Sohn des ehemaligen
+Ministerpräsidenten?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Ja, Vetter, der einzige.“</p>
+
+<p>„Und ist das Gut im Stande?“</p>
+
+<p>„Nein, arg vernachlässigt. Aber der Boden
+soll nicht schlecht sein, und Schloß und Park sind
+herrlich.“</p>
+
+<p>Axel nahm seinen Hut ab und strich sich mit dem
+Foulard über die Stirn. Dann suchte er sich einen
+Stein am Ufer aus, legte sein Taschentuch darüber
+und ließ sich nieder.</p>
+
+<p>„Bist du nicht auch müde, Hedda?“</p>
+
+<p>„Nicht die Spur; ich bin eine sehr forsche Fußgängerin.“</p>
+
+<p>Er schaute sie ernst und lange an.</p>
+
+<p>„Ach,“ sagte er, „wie beneide ich dich um deine
+quellige Frische! Du bist ein echtes Germanenweib,
+Hedda&nbsp;&ndash;“ und plötzlich brach er ab und winkte ihr.
+„Komm, setz dich zu mir, wenn du auch nicht müde
+bist &ndash; es plaudert sich besser.“</p>
+
+<p>Er rückte ein wenig zur Seite. Der Stein bot
+Platz für zwei. Hedda setzte sich zu ihm. Sie hätte
+gern die Röte zurückgedrängt, die sie plötzlich auf
+ihren Wangen fühlte. Eine leichte Unruhe überschlich
+sie. Ihr war genau so zu Mute, als müsse
+im nächsten Augenblick ein Antrag kommen.</p>
+
+<p>Doch sie irrte sich. Axel starrte über den See,
+die schilfumbuschten Ränder und das Sonnenflirren
+im Wasser und sagte dann plötzlich:</p>
+
+<p>„Vielleicht ist das etwas für <em class="gesperrt">mich</em> &ndash; dies Döbbernitz
+da drüben.“</p>
+
+<p>„Wie meinst du das?“</p>
+
+<p>„Nun &ndash; irgendwo muß ich mir doch wieder so
+eine Art Heimat schaffen, Hedda &ndash; und hier in
+eurer Nähe gefällt mir’s schon am besten. Immer
+unter fremden Menschen zu sein, ist auch schrecklich.
+Ich werd’ mich nach den Verhältnissen in Döbbernitz
+erkundigen&nbsp;...“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>Hedda nickte nur zustimmend; sie antwortete nicht.
+Die Idee des Vetters, sich um das Nachbargut zu
+bewerben, kam ihr so plötzlich, daß sie nicht recht
+wußte, ob sie sich darüber freuen sollte. Axel schien
+ihr Schweigen unrichtig zu deuten; er schaute sie von
+der Seite an und sagte:</p>
+
+<p>„Das heißt, Cousine, wenn es dir recht ist&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Jetzt lachte Hedda.</p>
+
+<p>„Aber, Vetter,“ antwortete sie heiter, „warum
+soll es mir nicht recht sein? Es ist doch naturgemäß,
+daß ich Döbbernitz lieber in den Händen
+eines Verwandten als in denen eines Fremden weiß,
+zumal es früher einmal Hellsternscher Besitz gewesen
+ist&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Wirklich?“ fiel Axel ein.</p>
+
+<p>„Jawohl, der Große Kurfürst schenkte es dem
+Hellstern &ndash; ich glaube, er hieß auch Axel&nbsp;&ndash;, der
+mit Sparre zusammen aus schwedischen Diensten in
+brandenburgische übertrat; dann kauften es die
+Rothenburgs und später die Zernins.“</p>
+
+<p>„Es ist gut, daß ich dies weiß,“ erwiderte Axel
+ernsthaft; „Familienerinnerungen muß man wert
+halten&nbsp;...“</p>
+
+<p>Und nun wurde er schweigsam, während man
+langsam den Heimweg antrat. Offenbar ging ihm
+seine Idee durch den Kopf. Er sprach übrigens
+tagsüber nicht mehr davon. Hedda wunderte sich,
+daß er nicht wenigstens ihren Vater zu Rate zog,
+aber es schien, als vermeide er mit Absicht, das
+Thema von neuem anzuregen.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen trompetete abermals eine
+Extrapost auf dem Baronshof, die sich Axel in
+Zielenberg bestellt hatte. Hellstern war böse darüber.
+Sein Wagen tät’ es auch noch, meinte er, und seine
+dicken Füchse liefen ganz gut. Aber Axel wollte
+keinerlei Umstände verursachen. Er versprach, in
+Bälde wiederzukommen, und nahm herzlichen Abschied.
+Sein Dank klang so warm, daß man fühlen
+konnte, wie ehrlich er es meinte. Er küßte den
+<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>Alten auf beide Wangen und drückte Heddas Hände
+fest. „Ein merkwürdiger Mensch,“ dachte sie, als
+sie sah, daß seine Augen feucht geworden waren.</p>
+
+<p>August war voll hohen Lobes über den Herrn
+Vetter aus Schweden.</p>
+
+<p>„Er hat jedem von uns ein Goldstück als Trinkgeld
+gegeben, gnädiges Fräulein,“ erzählte er Hedda.
+„Mir zwanzig Mark und Dörthen und Gusten je
+zehne. Wenn man denkt, daß der junge Herr
+Baron kaum drei Tage bei uns war, so ist das
+eigentlich ein bißchen viel. Aber unsereiner kann
+das doch nicht zurückweisen &ndash; wie würde das denn
+aussehen!“</p>
+
+<p>Auch bei Tische kam man nochmals auf Axel
+zurück.</p>
+
+<p>„Ich werde nicht klug aus ihm,“ sagte Hellstern.
+„Er ist mir zu weich, zu lasch, nicht männlich genug.
+Aber vielleicht liegt das an seiner Krankheit, vielleicht
+auch tatsächlich an dem Empfinden von Heimatlosigkeit,
+das ihn beherrscht.... Übrigens, was ich
+dir erzählen wollte, Hedda: der Klaus ist begnadigt
+worden &ndash; man hat ihm den Rest seiner Festungshaft
+geschenkt. Ich denke mir, er wird abermals
+Mittel und Wege finden, der drohenden Subhastation
+zu entgehen.“</p>
+
+<p>„Und damit würde Axels Idee, Döbbernitz zu
+kaufen, ins Wasser fallen,“ entgegnete Hedda.</p>
+
+<p>„Es wäre im Grunde genommen ganz gut,“
+erwiderte der Alte; „so mal für ein paar Tage ist
+er sicher sehr nett, aber für den ständigen Verkehr
+&ndash; ich kann nur wiederholen, da ist er mir zu
+lasch ... Meinst du nicht auch?“</p>
+
+<p>Hedda zuckte zerstreut mit den Achseln. Sie dachte
+in diesem Augenblick an Klaus und nicht an den
+schwedischen Vetter.</p>
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>
+<a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">N</span>un war endlich der langersehnte Tag gekommen,
+an dem die neue Quelle ihre feierliche Weihe
+empfangen sollte. Es war später geworden, als man
+anfänglich erhofft hatte. Der Sommer war bereits
+mit heißem Prangen in das Land gezogen, und auf
+den Feldern begann sich die Saat schon gelb zu
+färben. Aber man hatte diesmal nicht das Interesse
+an der Ernte wie sonst: die Quelle zog die
+Aufmerksamkeit aller auf sich. Ehe sie noch offiziell
+erschlossen worden war, hatten sich bereits die ersten
+Badegäste eingefunden: ein paar Familien aus Frankfurt
+an der Oder und auch einige Berliner, die sich
+für den ganzen Sommer in Oberlemmingen festsetzen
+wollten. Aber auch andre hatten sich angemeldet,
+aus weiterer Ferne, selbst aus Süddeutschland.
+Die Broschüre, die Professor Statius über
+die Heilwirkungen des Wassers geschrieben hatte,
+war zu Hunderttausenden in alle Welt gegangen.
+Ein federgewandter Schriftsteller, den Schellheim
+ausfindig gemacht, hatte eine Beschreibung des neuen
+Badeortes angefügt und mit schönen Worten seine
+romantische Lage gerühmt, den Kranz grüner Wälder,
+der das freundliche Dorf umgab, die Reize des Kurparks,
+der Wiesen und Felder, und eine ganze Anzahl
+eingestreuter Illustrationen sorgte für noch bessere
+Veranschaulichung dieser Lobeshymnen. Und was
+die Hauptsache war: der Ton lag auf der Billigkeit
+von Oberlemmingen. Hier herrschten sozusagen
+noch patriarchalische Sitten; hier war es nicht wie
+in Karlsbad und Kissingen und den sonstigen großen
+Bädern; die Kurtaxe war gering, die Lebensmittel
+bekam man fast umsonst, für Logis und Bedienung
+waren die denkbar niedrigsten Sätze aufgestellt
+worden. Bei der Lektüre der Broschüre konnte man
+den Eindruck gewinnen, als mache man Ersparnisse
+<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>bei einem längeren Aufenthalt in diesem stillfriedlichen
+märkischen Paradies. Als der alte Möller
+sich eines Tages nach mancherlei Mühe durch die
+Broschüre durchgeackert hatte, bezeigte er sich nicht
+sehr zufrieden. Die ewige Betonung der billigen
+Preise behagte ihm nicht. „Wie sollen wir denn
+dabei auf die Kosten kommen?“ fragte er Albert.
+Doch der lächelte verschmitzt, steckte die Hände in
+die Hosentaschen und klimperte mit dem lockeren
+Gelde, das er immer in den Beinkleidern trug.
+„Das ist einfach der Köder, Vater,“ antwortete er;
+„erst müssen die Leute <em class="gesperrt">kommen</em> &ndash; nachher wird
+sich’s schon finden, wie wir sie drankriegen.“</p>
+
+<p>Braumüller hatte wirklich verkauft. Das war
+ein harter Kampf gewesen. Wochenlang schacherte
+er mit Bertold. Er wollte nicht recht, hatte aber
+Frau und Tochter gegen sich, die der Gedanke an
+das viele Geld und an die Wahrscheinlichkeit, nach
+der Stadt überzusiedeln, verlockte. Namentlich Lise
+drängte es nach der Stadt. Seit sie wußte, daß
+Albert sie doch nicht nehmen würde, träumte sie von
+einer Partie mit einem fest angestellten Beamten.
+Sie wollte hoch hinaus; sie hatte Geld und dankte
+für die Bauernwirtschaft, für das Frühaufstehen,
+das Melken im schmutzigen Stall und das Abrackern
+auf dem Felde in glühender Sonnenhitze. Aber
+der Vater verbat sich das Gerede. Nun ja, er hatte
+verkauft und ein gutes Geschäft gemacht. Doch er
+wollte in Oberlemmingen bleiben, vorläufig wenigstens.
+Er war auch neugierig, was denn nun eigentlich
+aus Oberlemmingen werden würde. Und so
+hatte er sich beim Verkauf freies Wohnrecht in drei
+Zimmern seines alten Hauses für die nächsten beiden
+Jahre ausbedungen. Da er aber keine Arbeit mehr
+hatte, so lag er von früh bis spät in der Wirtsstube
+und kam Abend für Abend betrunken nach Hause.</p>
+
+<p>Am Weihetage der Quelle ruhte selbstverständlich
+die Arbeit in ganz Oberlemmingen. Das kam selten
+genug vor, denn seit Monaten hatte im Dörfchen
+<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>eine geradezu fieberhafte Tätigkeit geherrscht. Aber
+so vornehme Gäste wie heute hatte Oberlemmingen
+auch noch nicht gesehen. Aus allen Ortschaften
+der Umgegend, wo ein Gutssitz war, rollten die
+Equipagen heran. Man kannte sie alle: die große
+Glaskutsche des Döbbernitzer Oberförsters, in der
+auch das ABC in rosa Mullkleidchen dicht aneinandergedrängt
+Platz gefunden hatte, den Landauer
+des Landrats von Wessels, den Klapperkasten des
+Kreisphysikus Doktor Stramin, das elegante Gefährt
+der Woydczinska, die Wagen der Klitzingks,
+Nehringens und Schmiedows und der reichen Frau
+Necker und schließlich auch den gelben Korb Exzellenz
+Usens, dessen Kutscher inmitten der übrigen Galonnierten
+wie ein Fuhrknecht aussah. Nur die alte
+Viktoriachaise aus Grochau fehlte; Hauptmann Biese
+weilte noch in der Schweiz; die Kugel Zernins
+hatte ihn für lange auf das Krankenlager geworfen,
+und die Genesung war noch nicht vollständig.</p>
+
+<p>Nach Zielenberg hatte Kommerzienrat Schellheim
+seine eigne Equipage geschickt, um die Vertreter der
+Regierung abzuholen, die aus Frankfurt gekommen
+waren. Er erwartete sie an der Spitze der Deputation,
+zu der außer einigen Häuptern des Kreises
+auch Albert Möller, Pfarrer von Eycken und der
+Lehnschulze gehörten. Baron Hellstern war vergeblich
+gebeten worden, sich anzuschließen. Er hatte
+mit Bestimmtheit abgelehnt und knurrte und brummte
+auf dem Baronshofe umher; auch Hedda und selbst
+August brummten, denn der Alte hatte ihnen zu
+verstehen gegeben, er wünsche nicht, daß sich irgend
+einer vom Baronshofe an dem Firlefanz da unten
+beteilige.</p>
+
+<p>Es war heiß um diese Mittagstunde, und die
+ganze Empfangsdeputation schwitzte. Der Kommerzienrat
+trug etwas winziges Rotes im Knopfloch
+seines Fracks; er war Besitzer des Ordens von
+der Büste Bolivias, den man auch um den Hals
+tragen konnte, aber das Bändchen sah hübscher aus
+<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>als die groteske „Büste“. Der Landrat war in der
+Reserveuniform des Kürassierregiments erschienen,
+bei dem er gedient; man wußte nicht recht, warum
+er sich so kriegerisch in Szene gesetzt hatte. Eycken
+trug Talar; obschon man auch den Superintendenten
+erwartete, sollte <em class="gesperrt">er</em> die Weiherede halten.</p>
+
+<p>Endlich wirbelten Staubwolken auf der Chaussee
+empor. Gott sei Dank &ndash; das war „die Regierung“!
+Sie kam zu Hauf! Voran der Präsident im Frack
+mit klingendem Ordensschmuck und dann eine ganze
+Masse seiner Beamten, die meisten in Uniform, weil
+sich selten einmal eine Gelegenheit bot, wo sie ihr
+schimmerndes Kostüm anlegen konnten. Nach kurzer
+Vorstellung und Begrüßung ging es sofort in den
+Kurpark, den Gendarmen abgesperrt hielten, da auch
+aus den Dörfern ringsum sich die Neugierigen zu
+vielen Hunderten eingefunden hatten. Es war ein
+ganz großstädtisches Leben und Treiben wie bei Gelegenheit
+einer Parade oder eines Kaiserbesuchs, ein
+buntes Gewühl und Gewimmel festlich gekleideter
+Menschen, die die Einweihung der Quelle als interessantes
+Schauspiel und willkommene Abwechslung
+betrachteten.</p>
+
+<p>Im Kurpark vollzog sich inzwischen der feierliche
+Akt genau nach den vorher getroffenen Bestimmungen.
+Es war hier im Gegensatz zu der brennenden Mittagsglut
+auf der Chaussee wundervoll kühl und schattig.
+Ein grünlicher Dämmer spann seine Schleier zwischen
+den Stämmen der Buchen aus, und Sonnenflecken
+kreisten und zitterten überall auf dem gelben Kies
+der Wege. Der Superintendent eröffnete die Feier
+mit einem Gebet, dann hielt Eycken die Weiherede.
+Er stand vor dem Altar, den man vor dem Quellentempel
+errichtet hatte, und sein weißer Bart fiel lang
+und glänzend auf den schwarzen Talar herab. Für
+ihn war diese Quelle kein Objekt säckelfüllender
+Spekulation; sie sprang aus Sand und Felsgestein
+hervor an das Licht des Tages, um der Menschheit
+zu dienen, um die Tränen des Elends hinwegzuwaschen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>um die Gebrechen der Welt zu heilen. Die
+heiße Liebe, die Eycken für die Kleinen und Armen
+erfüllte, schwoll in seinen Worten allumfassend an.
+Die Quelle sollte den Erdkreis überströmen, um
+mit ihrem wundertätigen Wasser alles Leid hinwegzuspülen.
+Sie war eine Gabe des Höchsten und
+deshalb auch sollte ihr Wohltun der ganzen Welt
+zugute kommen.</p>
+
+<p>Nun fiel die Hülle von dem Tempelbau; Arbeiter
+zerbrachen die Verzimmerung, die den Quell bisher
+festgehalten hatte, und in vollem Strahl, springbrunnenähnlich,
+sprudelte das Wasser silberklar in
+die Höhe. Eycken tauchte seine Hände in das perlenwerfende
+Naß und schlug dann mit der Rechten, an
+der noch die Tropfen schimmerten, ein Kreuz über
+die Quellenöffnung.</p>
+
+<p>„So weihe ich dich denn, im Namen Gottes, zum
+Besten der Menschen, zum Heile der Kranken und
+Siechen! Und in dankbarer Erinnerung an den,
+der unser deutsches Vaterland aus Not und Elend
+zu Kraft, Stärke und Gesundung zurückgeführt hat,
+taufe ich dich Bismarckquelle!“</p>
+
+<p>So war es verabredet worden. Der Kommerzienrat
+hatte die Anregung zu diesem Namen gegeben;
+man bedauerte nur, daß die Weihe nicht am ersten
+April, am Geburtstage Bismarcks, erfolgen konnte
+&ndash; das wäre noch hübscher gewesen. Doch trotzdem
+&ndash; der Moment war sehr feierlich. Es ging
+ein Rauschen und Flüstern durch die Wipfel der
+Buchen, wie ein Akkord der Zustimmung, den die
+Natur diesem Segenswerke zollen wollte. Aber die
+meisten achteten nicht auf dies geheimnisvolle Wehen.
+Albert Möller, der sich ziemlich bescheiden im Hintergrunde
+hielt, sah andre Zeichen. Über die Gestalt
+des Pfarrers, sein weißes Haar und seinen schwarzen
+Talar und auch über das springende Wasser und
+die Marmoreinfassung rieselte ein ganzer Regen von
+Sonnenfunken. Es sah wirklich so aus, als ströme
+das blanke Gold in Fülle vom Himmel herab &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span>und das war ein Anblick, der Albert wohltat. Er
+hörte nicht mehr auf den Segen, den Eycken sprach,
+und auch nicht auf die kurze Rede des Regierungspräsidenten,
+der mit einem Hoch auf den Kaiser
+schloß; der Goldregen lenkte seine Gedanken ab,
+zerstreute, verwirrte und blendete ihn. Erst als
+der Kommerzienrat das Wort ergriff, um den zu
+feiern, der der Quelle den Namen gegeben hatte,
+schreckte er aus seinen Träumereien empor, und
+ein haßerfüllter Blick streifte den Sprechenden.
+O, wie grimmte es ihn, daß er mit dem da teilen
+mußte!</p>
+
+<p>Nach beendeter Feierlichkeit wurde der Kurpark
+dem Publikum freigegeben, und nun flutete die
+Menge durch die Gänge und Anlagen, während
+Schellheim im Auschlosse die Herren von der Regierung
+bewirtete. Auch die Mitglieder des Aufsichtsrats
+und Kurvorstands waren dazu geladen
+worden. In der großen Halle hatte man ein riesiges
+Büfett errichtet, aber auch auf der ersten
+Terrasse waren kleine Tische gedeckt worden. Es
+war ein heiteres und buntfarbiges Bild. Die neugebildete
+Kurkapelle konzertierte bei dieser Gelegenheit
+zum ersten Male, denn es war selbstverständlich,
+daß die Dorfmusik mit dem ererbten Bombardon,
+das Fritz Möller so trefflich zu meistern
+verstand, nunmehr für immer in der Versenkung
+verschwinden mußte. Albert ärgerte sich, daß man
+nicht auch seinen Vater geladen hatte. Er war blaßgrün
+im Gesicht. Wäre es nicht passender gewesen,
+diese ganz offizielle Abfütterung unten im Hotel
+Möller zu veranstalten? &ndash; Als der Regierungspräsident,
+das Champagnerglas in der Hand, mit
+seiner zarten, wispernden Stimme der großen Verdienste
+des Kommerzienrats gedachte und ein Hoch
+auf den intelligenten Zauberer ausbrachte, dessen
+Wunderstab auch „das Unmögliche möglich mache“,
+da glaubte Albert, an dem Bissen Gänseleberpastete,
+den er gerade genießen wollte, ersticken zu müssen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span>Das klang ja wirklich, als hätte Schellheim die
+Quelle entdeckt, als hätte ihm das Terrain gehört,
+als wäre er derjenige gewesen, der den ersten Anstoß
+zu der industriellen Ausbeutung des Heilwassers
+gegeben hätte! Wahrhaftig, es war zum Lachen;
+den Kommerzienrat feierte man, und ihn, den Albert
+Möller, den eigentlichen Urheber, den Gründer, beachtete
+man gar nicht!</p>
+
+<p>Man hatte an Bismarck ein Huldigungstelegramm
+abgesandt, und der höfliche Alte von Friedrichsruh
+beeilte sich, umgehend telegraphisch zu danken und
+Oberlemmingen eine gedeihliche Zukunft zu wünschen.
+Das brachte neues Leben in die Gesellschaft. Exzellenz
+Usen, der in einer Ecke der Halle eingeschlafen war,
+wachte wieder auf, und Schellheims Gesicht glänzte
+vor Glück. Er brauchte es, denn er hatte am Tage
+vorher eine ihn stark erregende und tief erbitternde
+Mitteilung erhalten. Sein Sohn Hagen, der Älteste
+der Nibelungen, schrieb ihm, daß er sich zu verheiraten
+gedenke, und zwar mit einem kleinen Fabrikmädchen,
+einer gewissen Anna Zell, einem zwar armen, aber
+sehr braven und lieben Geschöpf, wie er versicherte.
+Er hoffe, die Eltern würden nichts dagegen einzuwenden
+haben. Schellheim war außer sich. Er entsann
+sich dieser niedlichen Kleinen; sie arbeitete bei
+den Stepperinnen, und der Kommerzienrat hatte
+einmal durch Zufall gehört, daß zwischen Hagen und
+ihr schon lange eine Liebelei bestand. Dagegen hatte
+er nichts, aber heiraten &ndash; nein, das war eine Unmöglichkeit!
+Hagen war der Leiter des Weltgeschäfts,
+der Träger der Firma; er hatte die Verpflichtung, sich
+eine Gattin zu suchen, die zu repräsentieren verstand.
+Und auf der Stelle setzte sich Schellheim hin, um
+Hagen zu antworten. Er sagte ihm gründlich seine
+Meinung, drohte mit Fluch und Enterbung und verbat
+sich energisch, den Namen dieser Anna Zell in
+seiner Gegenwart auch nur zu nennen. Auch die
+Rätin war bekümmert, aber sie sprach es nicht aus.
+Sie ließ ihren Gatten wettern und schimpfen, ging
+<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span>auf ihr Zimmer und schloß sich ein, um ungestört
+weinen zu können.</p>
+
+<p>Gegen drei Uhr kehrte Albert Möller in das Hotel
+zurück. Er hatte seinen Bruder Bertold, der bereits
+nach Oberlemmingen übergesiedelt war, um den Umbau
+des Braumüllerschen Hauses zu überwachen, abgeholt.
+Es war wieder einmal eine Familienkonferenz
+nötig. Fritz, der &ndash; eine große weiße Schürze um
+den Leib &ndash; soeben dabei war, Weinflaschen zu etikettieren,
+fragte verwundert, was es denn gebe.</p>
+
+<p>„Wirst es schon hören,“ antwortete der Bruder,
+„diesmal geht’s dich an!“</p>
+
+<p>In einem der Hinterzimmer fanden sie sich zusammen:
+Mutter Möller mürrisch wie immer, das
+Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, der Alte, Fritz,
+Albert und Bertold.</p>
+
+<p>Albert ging ohne Umschweife auf die Angelegenheit
+los. „Ich möchte mit euch einmal wegen der
+Dörthe reden,“ sagte er. „Der Sache muß ein
+Ende gemacht werden.“</p>
+
+<p>„Wieso?“ fragte der dicke Fritz aufgeregt, während
+die Mutter zustimmend nickte.</p>
+
+<p>„Wieso?“ wiederholte Albert mit strenger Stimme.
+„Kannst dir’s wohl denken. Ohne Frau weiterzuwirtschaften,
+geht nicht.“</p>
+
+<p>„Ich habe der Dörthe versprochen, daß zu Weihnachten
+Hochzeit sein soll,“ entgegnete Fritz; „da
+wird’s ja anders werden!“</p>
+
+<p>„Und ich bin doch auch noch da,“ fügte die
+Mutter hinzu.</p>
+
+<p>Albert schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>„Du bist nicht mehr die Jüngste, Mutter,“ sagte
+er. „So einem großen Hotelwesen muß eine rüstige
+Kraft vorstehen.“</p>
+
+<p>„Gottlob, das ist die Dörthe,“ warf Fritz ein.</p>
+
+<p>„Und wenn sie’s auch zehnmal wäre,“ fuhr
+Albert heftig auf; „wenn du dir hier in Oberlemmingen
+eine Stellung schaffen willst, kannst und
+darfst du kein Bauernmädel heiraten!“ ... Er lenkte
+<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span>ein, als er das bestürzte und unglückliche Gesicht
+seines Bruders sah. „Du mußt Vernunft annehmen,
+Fritz,“ fuhr er fort. „Ich konnte auch nicht vorher
+wissen, wie sich alles gestalten würde. Es scheint,
+als habe der Kommerzienrat Lust, die ganze Macht
+an sich zu reißen und uns auf dem Trockenen sitzen
+zu lassen. Dem müssen wir vorbeugen. Das können
+wir aber nur, wenn wir Brüder uns solidarisch erklären,
+das heißt also, wenn wir einer für alle stehen
+und uns gegenseitig aushelfen. Ich sage dir, auch
+ich werde heiraten, aber ich muß noch warten; die
+Rechte ist noch nicht da, und ich brauche viel Geld.
+Geld ist die Hauptsache.“</p>
+
+<p>„Die Hauptsache,“ bestätigte auch der Alte, und
+Bertold nickte dazu: „Man muß rechnen.“</p>
+
+<p>„Also schlag dir die Dörthe aus dem Kopf,
+Fritz,“ begann Albert von neuem. „Das gibt ein
+paar Tränen, und in einem Vierteljahr ist die Sache
+vergessen. Ich habe vorhin mit dem Landrat gesprochen.
+Er fragte, ob wir den Wittke wieder zum
+Schulzen wählen würden. Der scheint ihm nicht
+recht zu passen, und er hat auch recht. Wittke ist
+einer von den Alten, bäurisch durch und durch, immer
+in Schmierstiefeln und mit der Pfeife im Maule.
+So einen können wir nicht brauchen. Oberlemmingen
+wird wachsen und einen städtischen Anstrich
+bekommen. Der Schulze wird nicht mehr Schulze,
+sondern Bürgermeister sein. Er muß auch was vorstellen
+können &ndash; wir wollen ja doch die vornehme
+Welt heranziehen! Und das sah auch der Landrat
+ein. Er hat mich gefragt, ob du dich nicht zum
+Schulzen eignen würdest!“</p>
+
+<p>Fritz schlug die Augen zu Boden. Er wußte
+nicht, was er sagen sollte. Man wollte ihm die
+Dörthe nehmen; das stand fest. Und so gewaltig
+war das Ansehen Alberts in der Familie gewachsen,
+daß er gar nicht mehr zu widerstreben wagte. Im
+stillen hatte er längst gefürchtet, daß die Verlobung
+wieder auseinandergehen würde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>Vater Möller hatte sich neben Albert gesetzt und
+die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Sein schlaues
+Bauerngesicht sah hart aus, als sei es aus Stein
+gehauen.</p>
+
+<p>„Hast du nun gehört, Fritz?“ sagte er. „Der
+Landrat hat gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen
+eignen würdest?“</p>
+
+<p>„Na, gewiß,“ entgegnete Fritz etwas zaghaft,
+„warum denn nicht? Dazu gehört doch nicht so viel!“</p>
+
+<p>„Mein’ ich auch,“ fügte Albert ein, „und daß du
+gewählt wirst, dafür laß mich nur sorgen. Das ist
+eine große Stütze für uns alle, wenn du der Ortsvorstand
+bist. Ich für meinen Teil werde mich
+darum bemühen, Amtsvorsteher zu werden; Hauptmann
+Biese will niederlegen &ndash; es geht auch nicht,
+daß der Vertreter eines so wichtigen Postens in
+Grochau wohnt. Und nun zum Schluß: ich habe
+eine andre Partie für dich, Fritz.“</p>
+
+<p>Fritz fuhr erschreckt in die Höhe.</p>
+
+<p>„Aber, Albert &ndash; ich bin ja noch nicht einmal
+auseinander mit der Dörthe,“ wagte er einzuwerfen.</p>
+
+<p>Jetzt nahm auch die Mutter das Wort. Sie
+begann sofort zu keifen und zu schimpfen. Wenn
+es nach ihr gegangen, wäre die Dörthe überhaupt
+nicht ins Haus gekommen. Es hätte ihr von vornherein
+nicht gepaßt. Und schließlich erging sie sich
+in allerhand Anspielungen, das Mädchen zu verdächtigen.
+Sie treibe sich herum; neulich habe man
+sie noch nach Mitternacht an der Seite von Anton
+Tengler durch das Dorf schleichen sehen ...</p>
+
+<p>Der Alte schnitt ihr endlich mit drohender Handbewegung
+das Wort ab. „Was für ’ne Partie?“
+fragte er Albert; „rede!“</p>
+
+<p>Albert legte seinen Plan dar. Ring, der Schwiegervater
+Bertolds, wolle die Sache machen. Es handle
+sich um die einzige Tochter Franz Grödeckes, Schlächtermeisters
+in Frankfurt. Der alte Möller nickte.
+Er kannte den Grödecke in der Richtstraße; ein schlauer
+<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>Halunke, aber er hatte Geld gemacht. Also dessen
+Tochter?! &ndash; Und Albert erzählte weiter. Das Mädchen
+sei nicht mehr ganz jung, etwa dreißigjährig,
+aber groß und ganz hübsch und nehme sich recht
+stattlich aus. Grödecke habe sich bereits einverstanden
+erklärt, wolle zwanzigtausend Taler Mitgift geben,
+stelle aber die Bedingung, daß ihm kontraktlich die
+gesamten Fleischlieferungen für Oberlemmingen verbürgt
+würden. Statt dessen wolle man ihm vorschlagen,
+in Verbindung mit dem Hotel eine Engrosschlächterei
+hier an Ort und Stelle zu errichten.
+In ausführlicher Weise legte Albert die Vorteile
+dieser Verbindung klar. Fritz wäre ein Narr, wenn
+er nicht mit beiden Händen zugriffe.</p>
+
+<p>„Da gibt’s nichts weiter zu reden,“ sagte der
+Alte ruhig; „Fritz heiratet das Mädel.“</p>
+
+<p>Noch einmal versuchte der arme Junge zu widersprechen.
+Er stand auf, reckte seine riesige Gestalt,
+zog die Schultern, gleichsam entschuldigend, hoch in
+die Höhe und stotterte: „Vater &ndash; Vater, sei mir
+nicht böse; ich kann’s nicht!“</p>
+
+<p>Mit einem Sprung stand der Alte dicht vor ihm.
+Purpurrot färbte der jähe Zorn sein hartes Greisengesicht.
+Die Augen unter der vorspringenden, viereckigen
+Stirn loderten, die Fäuste hoben sich.</p>
+
+<p>„So,“ stieß er hervor, „du gehorchst nicht &ndash;
+gehorchst nicht?!“</p>
+
+<p>Fritz duckte sich wie ein Schuljunge, der das
+Lineal fürchtet. Aber er erwiderte kein Wort. Er
+zitterte am ganzen Leibe.</p>
+
+<p>Albert und Bertold fielen dem wutkeuchenden
+Alten in den Arm. Die Mutter stand am Fenster
+und schaute wortlos zu.</p>
+
+<p>So war es am besten; es mußte einmal zur
+Entscheidung kommen.</p>
+
+<p>„Laß, Vater,“ sagte Albert in beruhigendem
+Tone, „Fritz wird gehorchen. Er ist der Jüngste.
+Aber er soll seine Zeit haben. Es braucht nicht
+alles kopfunter, kopfüber zu gehen. Er kann die
+<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span>Dörthe langsam fallen lassen. Unterdes kommt die
+Frida Grödecke mal her sich vorzustellen &ndash; es wird
+sich schon alles finden. Ich fahr’ morgen sowieso
+nach Frankfurt, da sprech’ ich mit Grödecke.“</p>
+
+<p>Fritz ging hinaus. Aber in der Tür wendete
+er sich nochmals um. Er sah kreideweiß aus.</p>
+
+<p>„Und der alte Klempt?“ fragte er; „soll der
+auch betrogen werden?“</p>
+
+<p>Albert schüttelte den Kopf. „Betrogen?“ gab
+er zurück. „Und weshalb?“</p>
+
+<p>„Na &ndash; mit seiner Wiese.“</p>
+
+<p>„Ah &ndash; was hat das mit deiner Heirat zu tun?
+Wir haben ihm die Wiese bezahlt.“</p>
+
+<p>„Aber er hätte sie nicht verkauft, wenn Dörthe
+nicht so zugeredet hätte, und wenn&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Still jetzt!“ brüllte der Alte und wies auf die
+Tür. Krachend warf Fritz sie ins Schloß.</p>
+
+<p>Er ging wieder an seine Arbeit. Aber während
+er die Etiketten mit der wechselnden Aufschrift „Trabener“,
+„Graacher“ und „Moselblümchen“ auf die
+schon gefüllten &ndash; übrigens aus ein und demselben
+Fasse gefüllten &ndash; Flaschen klebte, wanderten seine
+Gedanken ruhelos umher. Er sah immerwährend
+die Dörthe neben sich stehen und zermarterte sich
+das Hirn, wie er ihr wohl am besten beibringen
+könne, daß alles aus sei. Denn daß es nun kein
+Zurück mehr gab, war klar. Der Vater würde ihn
+zu Boden schlagen, wenn er noch einmal nein sagen
+wollte. Und vor dem Vater zitterte er. Der
+Riesenmensch, der es gelegentlich fertig bekommen
+hatte, mit jeder Hand einen Bauern hinten am
+Hosengurt zu packen und hoch emporzuheben, schlug
+vor dem Drohblick des Alten die Augen wie ein
+gestrafter Schuljunge zu Boden.</p>
+
+<p>Er atmete, immer weiterarbeitend, mit schwer
+sich hebender und senkender Brust. Und plötzlich
+hielt er inne. Er mußte irgend etwas zerstören,
+zerbrechen, vernichten. Er holte aus, um die Flasche,
+die er in der Hand hielt, gegen die Wand zu schleudern.
+<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>Aber er besann sich. Nein, das war Unsinn!
+Der „Trabener“ stand mit einer Mark fünfzig
+Pfennig auf der neuen Weinkarte.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Für den folgenden Tag war in Zielenberg Termin
+zur Subhastation von Döbbernitz festgesetzt worden.
+Der Kommerzienrat hatte sich genau informiert.
+Zernin hatte seine Sache aufgegeben; er wollte dem
+Termin gar nicht beiwohnen. Auch sonst erwartete
+man wenig Reflektanten. Man glaubte überall,
+Herr von Zernin werde, wie schon dreimal, auch
+diesmal wieder im letzten Augenblick eine Hilfsquelle
+gefunden haben. Übrigens gab es in der Umgegend
+auch keine ernsthaften Käufer. Jeder hatte mit dem
+eignen Besitz zu tun. Es war keine günstige Zeit
+für die Landwirtschaft.</p>
+
+<p>Trotzdem war das verräucherte Terminzimmer
+mit seinen kahlen, weiß getünchten Wänden und den
+grün schillernden Fensterscheiben ziemlich voll. Eine
+ganze Anzahl Neugieriger hatte sich eingefunden,
+unter ihnen auch der alte Usen, in dem der Kommerzienrat
+einen Nebenbuhler witterte. Man wußte
+nie so recht, was der Sonderling vorhatte; er platzte
+häufig einmal mit etwas ganz Unerwartetem heraus.
+Ferner sah man die meisten Fouragehändler aus
+der Gegend, einige Berliner Agenten und Hypothekengläubiger
+und ein paar Fremde, die von den
+Kreiseingesessenen mit einem gewissen Mißtrauen
+gemustert wurden.</p>
+
+<p>Die einleitenden Formalitäten waren rasch erledigt.
+Man kannte das alles: den Grundsteuerreinertrag,
+die Hypothekenlast, die Rentenbeiträge
+und Servitute &ndash; das war eine langweilige Sache....
+Der Kommerzienrat stand am Fenster und sah einer
+Spinne zu, die sich von der Decke aus an einem
+langen Faden niedergelassen hatte und gerade über
+dem kahlen Kopfe des amtierenden Richters schwebte.</p>
+
+<p>Schellheim begann damit, dreihunderttausend
+Mark zu bieten. Es erfolgte sofort ein Aufschlag
+<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>von vierzigtausend Mark von seiten eines Berliner
+Agenten, der damit die Hypothek seines Auftraggebers
+retten wollte. Der Kommerzienrat setzte
+zehntausend Mark zu; er hatte die Absicht, bis auf
+vierhunderttausend Mark zu gehen. Schlug man
+ihm dann den Besitz zu, so hatte er ein gutes Geschäft
+gemacht, denn das war allein der Waldbestand
+trotz allen Raubbaues noch wert. Der anwesende
+Vertreter der Ritterschaftsbank saß im Hintergrunde
+und feilte an seinen Nägeln. Er war gedeckt; die
+Geschichte interessierte ihn nicht mehr.</p>
+
+<p>Ein Fremder, ein alter Herr, der sich als Graf
+Isingen vorgestellt hatte und ein Verwandter Zernins
+war, ging bis auf dreihundertachtzigtausend Mark.
+Auch in diesem Falle galt es, eine Hypothek zu sichern.
+Schellheim bot jetzt von fünf- zu fünftausend Mark
+mehr. Plötzlich rief eine Stimme aus der Mitte
+der Anwesenden:</p>
+
+<p>„Vierhunderttausend Mark!“</p>
+
+<p>Alles schaute sich um. Schellheim reckte den
+Hals und wurde unruhig. Exzellenz Usen erhob sich
+und trat an die Wand.</p>
+
+<p>„Den Namen bitte,“ sagte der amtierende Richter.</p>
+
+<p>„Rechtsanwalt Stroschein in Vollmacht des
+Herrn Baron von Hellstjern.“</p>
+
+<p>Der Richter wiederholte dem Protokollführer
+den Namen. Ein Gemurmel wurde hörbar. „Schockschwerenot
+&ndash; Hellstjern?!“ rief Usen halblaut. Auch
+der Kommerzienrat war bestürzt. Er dachte gleichfalls
+an den knurrigen Alten auf dem Baronshof.
+Aber das war doch nicht denkbar. Und auf einmal
+tauchte das Bild Axels vor ihm auf. Ja &ndash; der
+mußte es sein! Er wurde wütend. Die beiden
+Hellstjerns, der reiche und der arme, steckten zweifellos
+unter einer Decke. Man wollte ihm Döbbernitz
+nicht gönnen. Er hatte sich alles schon auf das genaueste
+zurechtgelegt. Zweihunderttausend Mark
+waren nötig, die Landwirtschaft auf Döbbernitz
+wieder in Gang zu bringen. Aber das genügte
+<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>auch; und dann ... Die laute Stimme des Richters
+unterbrach seinen Gedankengang. „Vierhundertzehntausend!“
+rief der Kommerzienrat.</p>
+
+<p>„Zwanzig,“ ertönte die Stimme des Rechtsanwalts
+Stroschein.</p>
+
+<p>„Fünfundzwanzig!“</p>
+
+<p>„Dreißig!“</p>
+
+<p>Jetzt drängte sich Schellheim zu dem Konkurrenten
+hindurch.</p>
+
+<p>„Kommerzienrat Schellheim,“ sagte er, sich vorstellend;
+„Sie bieten für den Baron Axel Hellstjern,
+den Schweden, wenn ich fragen darf?“</p>
+
+<p>„Ganz richtig, Herr Kommerzienrat.“</p>
+
+<p>„Und wollen Sie noch höher gehen?“</p>
+
+<p>„So hoch es nötig sein wird.“</p>
+
+<p>„Vierhundertdreißigtausend Mark &ndash; zum ersten!“
+rief der Vorsitzende.</p>
+
+<p>„Vierhundertvierzigtausend!“ erscholl die Stimme
+des alten Usen.</p>
+
+<p>Da verlor Schellheim völlig die Fassung. Er
+sah Usen hilflos an, der mit grinsendem Gesicht,
+die Augen mit den schweren, immer geröteten
+Tränensäcken ein wenig zusammengekniffen, an der
+Wand lehnte. Die Sonne beleuchtete ihn hell. Die
+Aufschläge seines schäbigen grauen Jagdrocks strotzten
+vor Fettflecken; an der Weste fehlte ein Knopf.</p>
+
+<p>Es war ganz verrückt. Das war wieder einmal
+einer jener tollen Streiche des alten Paschas,
+mit denen er urplötzlich zutage zu treten pflegte,
+und immer dann, wenn man es am wenigsten erwartete.
+Was wollte er denn mit Döbbernitz?!</p>
+
+<p>„Fünfundvierzig!“ schrie Schellheim und biß die
+Zähne zusammen.</p>
+
+<p>„Fünfzigtausend!“ rief Rechtsanwalt Stroschein.</p>
+
+<p>In seiner Aufregung packte der Kommerzienrat
+den Rechtsanwalt an der Schulter.</p>
+
+<p>„Geh’n Sie noch weiter?“ stieß er hervor.</p>
+
+<p>„O ja,“ versetzte dieser gemächlich.</p>
+
+<p>„Wie hoch?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>„Sechzig &ndash; siebzig &ndash; ich werde abwarten.“</p>
+
+<p>„Vierhundertfünfzigtausend Mark &ndash; zum ersten!“
+erscholl wieder des Vorsitzenden Stimme.</p>
+
+<p>Schellheim trat achselzuckend neben Usen.</p>
+
+<p>„Ich höre auf,“ flüsterte er diesem zu. „Das
+ist eine Verrücktheit.“</p>
+
+<p>„Schad’t ja nichts,“ gab Usen zurück, „ein bißchen
+Verrücktheit versüßt das Leben &ndash; fünfundfünfzig!“</p>
+
+<p>„Sechzigtausend!“</p>
+
+<p>„Hol’ euch alle der Teufel,“ brummte Schellheim,
+nahm seinen Hut und verließ das Zimmer. Er
+war sehr ärgerlich. Sein Wagen wartete vor dem
+Gerichtsgebäude, aber er stieg noch nicht ein. Er
+wollte wenigstens wissen, wie die Sache endgültig
+verlaufen würde.</p>
+
+<p>Sie verlief einfach genug. In dem Augenblick,
+da der Kommerzienrat nicht mehr mitbot, hörte auch
+Usen auf. Er lehnte noch immer an der Wand,
+mit grinsendem Gesicht und zusammengekniffenen
+Äuglein, und der weiße Kalk des Mauerputzes
+blieb an seinem verschossenen grünen Jagdrock hängen.</p>
+
+<p>Döbbernitz fiel Axel Hellstjern für vierhundertsechzigtausend
+Mark zu. Es verblieben somit für
+Zernin immer noch einige tausend Mark Reingewinn.
+Das hatte niemand erwartet.</p>
+
+<p>Zernin selbst am allerwenigsten. Er war kurze
+Zeit vorher von Magdeburg eingetroffen, wo er eine
+langweilige Festungszeit verlebt hatte. Was aus ihm
+werden sollte, wußte er noch nicht. Vor Amerika
+graute ihm. Pfui Teufel, zum Kellner oder Hausknecht
+hatte er keine Anlagen!</p>
+
+<p>Die Nacht vor dem Subhastationstermin schlief
+er schlecht. Er wachte zwanzigmal auf und wälzte
+sich von einer Seite zur andern. Alte Erinnerungen
+stürmten mächtig auf ihn ein &ndash; an Vergangenes,
+an seine Kindheit, an die Eltern. Es dämmerte
+grau durch die Ritzen der Fensterläden, als er
+wütend aufsprang. Es hielt ihn nicht mehr im Bette.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>Er zündete ein Licht an und suchte nach einer
+Flasche Wein. Aber er fand keine. „Lotterwirtschaft,“
+brummte er vor sich hin und stieg im Schlafrock
+und Morgenschuhen in das Souterrain hinab,
+um den Weinkeller zu durchstöbern.</p>
+
+<p>Im Schlosse war es totenstill. Das ganze riesige
+Gebäude lag in tiefem Schlafe. Die Zimmer standen
+gähnend leer. Klaus hatte in seiner ewigen Geldnot
+verkauft, was loszuschlagen war; den Rest
+hatten die Gerichtsvollzieher geholt, während er in
+Magdeburg saß. Durch die öden Fenster glomm
+der trübe Morgen. Graue Schatten überall und
+noch nächtiges Dunkel in den Winkeln und Ecken.
+In dem großen Saale des Mittelbaues, in dem
+zur Johanniterzeit die Konvente abgehalten worden
+waren, stand kein Tisch und kein Stuhl mehr. Riesenhaft
+reckte sich an der einen Querwand der deckenhohe
+Sandsteinmantel des Kamins mit seinen schwarz
+gewordenen Wappenschildern. Selbst die alten Butzenscheiben
+waren ausgehoben und durch moderne
+Fensterflügel ersetzt worden ...</p>
+
+<p>Klaus schloß den Weinkeller auf, einen riesigen,
+hochgewölbten Keller mit zahllosen Flaschenregalen
+an den Wänden, denn der alte Ministerpräsident
+hatte einen guten Tropfen geliebt. Aber auch hier
+sah es leer aus; Staub und Schmutz lagen zu
+Haufen umher, und Spinneweben bedeckten die Regale,
+in denen der Holzwurm tickte. Nur in einer
+Ecke waren dicht am Boden noch einige Reihen
+Flaschen aufgeschichtet, und aus diesen suchte Klaus
+sich eine aus. Er traf die richtige, einen vierundachtziger
+Pommery, von jenem wunderbaren Jahrgange,
+der sich bereits erschöpft hatte und selten zu
+werden begann. Und dann stieg er, die Flasche
+unter dem Arm, wieder die Treppen hinauf.</p>
+
+<p>Sein in den Pantoffeln schlurrend wiederhallender
+Schritt war der einzige Laut, der sich hören
+ließ. An den Wänden des Treppenhauses zeigten
+sich große helle Flecken, von den alten Ölbildern
+<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>herrührend, die hier einst gehangen hatten und von
+unbarmherzigen Gläubigern abgeholt worden waren.
+Nichts war geblieben. Die ganze Meute hatte die
+Festungszeit Zernins benutzt und sich in toller Hetzjagd
+auf Döbbernitz gestürzt. Selbst die letzten Andenken
+an den verstorbenen Ministerpräsidenten hatte
+man nicht verschont: Geschenke des alten Königs, des
+Kaisers Alexander von Rußland und andrer Potentaten.
+Die Bibliothek war entleert worden; man
+hatte Auktionen veranstaltet, und kostbare Widmungsexemplare,
+wie Lamartines Geschichte der Girondisten,
+die der Verfasser Friedrich von Zernin persönlich
+geschenkt, als dieser Gesandter in Paris gewesen,
+waren für wenige Groschen verschleudert
+worden. Das alte Schloß war wie ausgeraubt.</p>
+
+<p>Klaus kehrte in sein Schlafzimmer zurück, entkorkte
+die Flasche, warf sich wieder auf das Bett
+und trank den Champagner aus dem Wasserglase,
+das auf seinem Nachttische stand. Auch eine Zigarre
+steckte er sich an, aber sie schmeckte ihm nicht. Er
+warf sie mitten in die teppichlose Stube.</p>
+
+<p>Morgen kam Döbbernitz unter den Hammer.
+Übermorgen schon konnte ihn der neue Besitzer von
+Haus und Hof jagen. Wohin dann?! &ndash;</p>
+
+<p>Ein ernster Zug glitt über das Gesicht Zernins.
+Er war wirklich am Ende; diesmal gab es keine
+Hilfe mehr &ndash; es war aus. Und zum ersten Male
+legte er sich die Frage vor: hätte es nicht anders
+kommen können?</p>
+
+<p>Gewiß &ndash; aber dann hätte er arbeiten müssen.
+Sein Vater hatte ihm kein Barvermögen hinterlassen.
+Seine Dotation hatte der alte Minister in
+Döbbernitz gesteckt, seine hohen Gehälter verbraucht.
+Freilich, Döbbernitz konnte immerhin seinen Mann
+nähren, nur mußte man zu wirtschaften verstehen.
+Und davon war keine Rede bei Klaus. Er war
+noch aktiver Offizier, als sein Vater starb, und nun
+nahm er schleunigst den Abschied und setzte sich auf
+Döbbernitz fest. Schon der Minister war kein Landwirt
+<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>gewesen und hatte mit einem ungeheuern Apparat
+gearbeitet, statt langsam und mit Beharrlichkeit
+den Boden zu gewinnen. Klaus ging noch
+stürmischer vor. Es hatte in der Tat den Anschein,
+als habe er keine Ahnung vom Werte des Geldes.
+Er kaufte eine Lokomobile, die er gar nicht brauchen
+konnte, und ungeheure Viehherden, für die nicht genügend
+Futter zu beschaffen war. Ein System verdrängte
+das andre; immer neue Inspektoren wurden
+herangezogen, und jeder kam auch mit neuen Ideen.
+Endlich gab ihm seine Neigung zum Sport den
+Rest. Er füllte seine Ställe mit edeln Pferden,
+die große Summen verschlangen; er versuchte es
+mit Züchtung, doch seine Mittel reichten nicht aus.
+Denn auch für seine Person verschwendete er mit
+vollen Händen, und in der angeborenen Gutherzigkeit,
+die sich gewöhnlich mit Leichtsinn zu paaren
+pflegt, ließ er sich auf allen Seiten bestehlen und
+betrügen. Und dabei konnte man ihm nicht gram
+sein. Seine persönliche Liebenswürdigkeit entzückte
+alle Welt, bis man es bei dem zunehmenden Verfall
+von Döbbernitz für nötig hielt, sich langsam
+zurückzuziehen.</p>
+
+<p>Denn allmählich artete der Leichtsinn Zernins
+aus. Häßliche Geschichten kamen in Umlauf; es
+ging in rasendem Galopp bergab. Hin und wieder
+verlangsamte die Erinnerung an den großen Vater
+das Tempo des Niedergangs ein wenig. Ein Prinz
+des Königshauses half einmal aus, als der Subhastationstermin
+für Döbbernitz schon angesetzt war;
+reiche Verwandte, hohe Freunde des Verstorbenen,
+selbst der König wurden angebettelt. Und fast alle
+gaben, mehr oder weniger, aber es verrann rasch
+im großen Strome; nichts konnte den rollenden
+Stein aufhalten.</p>
+
+<p>Und nun stand endlich der Untergang vor der
+Tür. Noch vor einigen Monaten hatte sich Klaus
+eine helfende Hand geboten &ndash; damals, als Kommerzienrat
+Schellheim ihn für seine Unternehmungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>gewinnen wollte. Das törichte Duell mit dem
+dicken Biese war dazwischen gekommen. Jetzt konnte
+man Schellheim höchstens daraufhin anpumpen, daß
+man sich für seine Ehre ins Zeug gelegt und auf
+die Festung hatte schicken lassen. Aber eine Hilfe
+für die Dauer war’s nicht. Und auch die Heiratspläne
+&ndash; das reiche Judenmädel, das irgendwo für
+ihn aufgetrieben werden sollte &ndash; der Schwiegervater,
+der sich in aller Eile mittaufen lassen wollte
+&ndash; all das war vorüber. Klaus wußte, weshalb;
+eine riesige schwarze Fledermaus strich von nun ab
+durch sein Leben, mit weiten, weiten Schwingen,
+die immer gigantischer wuchsen und immer mächtigeren
+Schatten warfen, bis sie ihn ganz mit Nacht
+umhüllten. Das war die Schande.</p>
+
+<p>Klaus schauerte zusammen. Wie eine kalte Totenhand
+strich es über seine Stirn. Eisiger Schweiß
+perlte aus seinen Poren. Er stürzte das letzte Glas
+Sekt in die Kehle und sprang aus dem Bette, eilte
+zum Fenster und stieß die Läden auf. Nun war
+es Tag geworden. Der Himmel glühte, und die
+Lohe des Frührots schlug bis über die Zinnen des
+Schlosses empor.</p>
+
+<p>Die Fenster des Schlafzimmers führten nach
+dem Wirtschaftshof hinaus, wo sonst um diese Zeit
+bereits reges Leben herrschte, das Leben morgenfröhlicher
+Arbeit. Aber hier war es stumm und
+öde wie im Schlosse selbst. Ein barfüßiges Mädel
+mit schwarzem Krauskopf stand am Brunnen und
+pumpte einen Eimer voll Wasser &ndash; seine einzige
+Bedienung. Alles war geflüchtet und, mit gierigen
+Händen das Letzte zusammenraffend, was da und
+dort noch zu stehlen war, auf und davon gelaufen.
+Nur die Jule war geblieben. Ihre jugendliche
+Frische hatte ihn gereizt, und sie war ihm für seine
+flüchtige Gunst dankbar geblieben. Sie besorgte
+auch den letzten Gaul, der im Stalle stand, den
+alten Christian, einen Rappen, der mit den Jahren
+eine völlig graue Mähne bekommen hatte, so grau
+<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>wie das Haar eines Greises. Es war merkwürdig
+genug, daß sich die Wut der Gläubiger nicht auch
+an diesem alten Tier vergriffen, da sie sonst alles
+genommen hatten, was stand und lag.</p>
+
+<p>Als Jule das Fenster klirren hörte, fuhr sie erschreckt
+in die Höhe.</p>
+
+<p>„Herrje, Herr Baron!“ rief sie hinauf. „So
+früh schon?! &ndash; Ich komme gleich ’rauf, den Kaffee
+machen!“</p>
+
+<p>„Laß nur!“ gab er zur Antwort. „Ich will nichts!
+Aber lege den Sattel auf &ndash; vielleicht reit’ ich aus!“</p>
+
+<p>Sie war sehr erstaunt. Wenn nur der Christian
+die Last noch tragen konnte! Seit sechs Monaten
+stand er unbenutzt im Stall und wurde immer
+dürrer, obwohl sie überall für ihn Futter stahl.</p>
+
+<p>Klaus kleidete sich in Eile an und stürmte hinaus
+in den Park. Er fühlte, daß er nervös war &ndash; es
+war ihm immer, als sei jemand hinter ihm. Er
+wollte auch Luft haben, und er lief mit geöffnetem
+Munde, wie ein Asthmatischer, in raschen Schritten
+durch die Gänge des Parks. Jahrelange Verwilderung
+hatte diesem herrlichen Fleckchen Erde nicht
+seine zauberischen Reize rauben können. Nur war
+es kein Garten mehr mit Alleen und Rundells und
+Rosenbeeten und zierlichen Bosketts, sondern ein
+Wald, ein Meer von Laub, das sich über wuchernden
+Grasflächen ausbreitete, über zerfallene Statuen
+seinen grünen Mantel hing und seine Schleppen
+bis tief hinein in das rostig schimmernde Wasser
+des Weihers tauchte. Die Wege waren kaum noch
+erkennbar, verwachsen und vom Buschwerk eingeengt,
+und das große Rosenparterre glich einer
+blühenden Wildnis, durch deren farbenglühendes
+Dickicht man nicht mehr durchzukommen vermochte.
+Auf den Grasplätzen unterschied man noch die
+Blumenrabatten, mächtig treibende Hyacinthen,
+Violen und Pelargonien, bunte Flecken im Grün,
+doch auch von dichtem Unkraut durchwuchert, das
+seine Kreise immer weiter zog.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span>Zernin stürmte an den Treibhäusern vorüber,
+deren Fenster zertrümmert waren, und in deren
+Innerem die Vögel nisteten. Was wollte er eigentlich?
+Ja so &ndash; ausreiten! Das war ein guter
+Gedanke! Noch einmal seine verwüstete Besitzung
+durchqueren &ndash; lebewohl sagen &ndash; und dann zurück!
+Oben lagen seine Pistolen.</p>
+
+<p>Wieder durchschauerte es ihn kalt &ndash; und es
+war so heiß dabei, so heiß. Er riß seine Weste
+auf und schob sich den Flauschhut weit aus der Stirn.
+Im Hofe stand schon die Jule und hielt den Christian
+mit hocherhobenen Händen an der Kinnkette fest.</p>
+
+<p>Klaus schwang sich in den Sattel, und als er
+in die schwarzen Augen der Jule sah, griff er in die
+Tasche, warf ihr einen Taler zu und rief:</p>
+
+<p>„Mach dir mal heute einen vergnügten Tag,
+Jule &ndash; ich bin auch lustig!“</p>
+
+<p>Und dann sprengte er kopfnickend davon. Nicht
+durch das Dorf, denn er scheute den Anblick der Leute,
+sondern hinten herum, an der Schleuse vorüber, wo
+er den alten Fischer traf, der ehrerbietig die Mütze
+zog. Dem Christian kam die ungewohnt lebhafte
+Bewegung anfänglich sauer an; die müden Knochen
+wollten nicht mehr recht vorwärts, aber Klaus nahm
+keine Rücksichten. Im Trabe und im Galopp ging
+es dem Walde zu, daß der Rappe bald schaumübergossen
+war. Erst als Tannen und Birken ihn umfingen
+und Schatten über den Weg fielen, zügelte
+Zernin den Gaul.</p>
+
+<p>Es war ein Wunder, daß der Wald noch stand.
+Das Majoratsgesetz hatte ihn geschützt und die
+Ritterschaftsbank ihn unter besondere Verwaltung
+genommen, sonst wäre sicher auch er gefallen. Geplündert
+war er genügend worden; überall sah man
+durch klaffende Lichtungen und auf weite Halden,
+wo zwischen grünen Farnkräutern, Ginster und Blaubeerbüschen
+die Baumstümpfe hervorlugten.</p>
+
+<p>Dann ging es am Saume der Wiesenniederung
+entlang. Die hatte Klaus, als sein Viehbestand immer
+<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>mehr zusammenschmolz, an kleine Leute verpachtet,
+und man war derzeit eifrig mit der Heuernte beschäftigt.
+Zernin legte wieder die Schenkel an und
+ließ den Christian in Galopp fallen; die Leute auf
+den Wiesen blieben stehen und schauten dem vorüberrasenden
+Reiter nach.</p>
+
+<p>Weiter und weiter! Quer über die Felder, auf
+denen die Bestellung längst aufgehört hatte, Unkraut
+schoß überall empor, die Quecken hatten ausgeschlagen
+und überzogen die braune Erde mit ihrem
+grünen Gespinst. Eine mächtige Fläche von vielleicht
+zweihundert Morgen sah wie eine Prärie aus; hier
+wimmelte es von Hasen, und Trappen flogen in
+ganzen Schwärmen zum Himmel auf. Der Rest
+einer Pflugschar hatte sich im Sande eingewühlt,
+und auf dem verrosteten Eisen saß ein dicker Spatz.</p>
+
+<p>Ein Ekelempfinden überkam Klaus angesichts
+dieser Wüsteneien. Seit fast zwei Jahren war er
+nicht auf den Feldern gewesen. Wozu auch? Löhne
+bezahlte er nicht mehr; Tagelöhner und Arbeiter
+liefen ihm davon; an eine geregelte Bestellung war
+nicht zu denken. Da ließ man schon alles liegen,
+wie es war. Nun aber, beim Anblick des grenzenlosen
+Elends, dem er sein Stück Erde ausgesetzt
+hatte, schlich sich doch das Grauen in sein Herz.
+Er dachte an die Zeiten zurück, da er Döbbernitz
+übernommen hatte, an den blühenden Stand seiner
+Felder, die blonde Flut der Saaten, die ersten
+Ernten &ndash; zweifellos, er hätte seinen Besitz schon
+festhalten und auch gegen die Mißgunst schlechter
+Jahre verteidigen können, wenn ...</p>
+
+<p>Ja &ndash; wenn! Wozu sich noch Vorwürfe machen,
+wozu grübeln &ndash; es war ja doch alles vorbei! Und
+mit gesenktem Haupte ritt er weiter und merkte es
+kaum, daß abermals der Wald über ihm zu rauschen
+begann.</p>
+
+<p>Er war im königlichen Forst, nahe dem Seeufer
+und jener Stelle an der Försterei, wo er damals
+Abschied von Hedda genommen, wo sie beide „vernünftig“
+<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>miteinander gesprochen hatten. Sicher &ndash;
+an der Seite eines so tapferen Kameraden hätte
+aus ihm immer noch etwas werden können; sie
+würde ihn gestützt und gehalten haben, denn sie
+war ein starkes Weib, und ihre maikühle Verständigkeit
+hätte wohl seinen Leichtsinn und seinen tollen
+Übermut zu wahren vermocht. Ach, auch das war
+vorbei! Die riesige schwarze Fledermaus, die durch
+sein Leben strich, fing mit ihren stetig wachsenden
+Flügeln die Sonne auf. Sie leuchtete ihm nicht
+mehr.</p>
+
+<p>Klaus ließ die Zügel hängen. Der Rappe
+schritt langsam über den Moosgrund, durch Farne
+und Erdbeerkraut und schnupperte umher und riß
+hie und da ein Zweiglein von einem tief herabhängenden
+Buchenast, mit seinen alten Zähnen die
+frischen grünen Blätter zermalmend. Da lag der
+See in siegendem Sonnenglanze, golddurchstrahlt,
+mit schneeweißer Schaumeinfassung, inmitten bewaldeter
+Hänge, über die, wie ein Wahrzeichen
+überwundener Feudalität, der quadratische Turm
+des Döbbernitzer Schlosses hinausragte. Drüben
+das rote Ziegeldach des Forsthauses und die Eichenschonung,
+die Wiesentrift, auf der ein ganzer Flor
+wilder Blumen blühte, und der große Felsstein,
+auf dem sie damals gesessen hatte!</p>
+
+<p>Klaus zuckte zusammen. Saß sie nicht wieder
+da? War sie das nicht, die Dame im lila geblümten
+hellen Kleide und mit dem großen Strohhut, die
+ihm den Rücken wandte, mit gesenktem Kopfe, als
+suche ihr Blick irgend etwas zwischen dem Ufergeröll
+zu ihren Füßen?</p>
+
+<p>Der Rappe wieherte plötzlich auf. Die Dame
+schaute sich um und erhob sich. Klaus sah, wie sie
+mit beiden Händen zum Herzen griff. Er sprang
+ab, schlang die Zügel um den nächsten Baum und
+näherte sich ihr mit abgezogenem Hute.</p>
+
+<p>„Grüß Gott, Cousine,“ sagte er ruhig. „Das
+ist ein unerwartetes Zusammentreffen, aber ich freue
+<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span>mich von Herzen darüber. So kann ich dir wenigstens
+noch Lebewohl sagen.“</p>
+
+<p>Sie war blaß geworden, faßte sich aber sofort
+und erwiderte seinen Händedruck. „Ich hörte, daß
+heut über Döbbernitz entschieden werden soll,“ entgegnete
+sie. „Hast du noch keine Nachricht?“</p>
+
+<p>Er verneinte. Das sei unmöglich; vor zwei,
+drei Uhr könne der Termin nicht beendet sein.</p>
+
+<p>„Und warum bist du nicht selber da?“</p>
+
+<p>Sie hatte sich wieder gesetzt, und er warf sich
+neben sie auf die Erde.</p>
+
+<p>„Was sollte ich da, Hedda?! Eingreifen konnte
+ich nicht mehr, und &ndash; nun, ich schämte mich auch!“</p>
+
+<p>Die Bitterkeit stieg in ihr auf.</p>
+
+<p>„Warum ist dies Gefühl der Scham nicht früher
+über dich gekommen, Klaus?“ sagte sie in mehr
+klagendem als anklagendem Tone. „Herrgott, was
+hättest du dir und uns ersparen können! Ich habe
+mich oft genug gefragt: wie ist all das möglich
+gewesen? Ich habe mir nicht zu antworten vermocht.
+Nein &ndash; denn du übernahmst Döbbernitz
+doch in geordnetem Zustande, und du gingst mit
+guten Vorsätzen in den neuen Beruf! Du magst
+leichtsinnig gewesen sein &ndash; aber wie konnte nur
+so rasch alles über dir zusammenprasseln, im Laufe
+weniger Jahre? Ich begreife das nicht, habe es
+nie begriffen!“</p>
+
+<p>Er nagte an einem abgerissenen Grashalm und
+zuckte dabei mit den Schultern.</p>
+
+<p>„Ich auch nicht,“ erwiderte er. „Ganz gewiß,
+Hedda, es geht mir wie dir &ndash; ich habe von diesen
+letzten Jahren nur noch so eine Art Traumempfinden.
+Es rollte wie eine Lawine über mich herab
+und begrub mich. Natürlich bin ich selber schuld &ndash;
+ich verteidige mich auch nicht &ndash; ich klage nicht einmal.
+Aber gehabt habe ich von meinem Leichtsinn
+nicht so viel!“</p>
+
+<p>Er schnippte mit den Fingern.</p>
+
+<p>„Nein &ndash; nicht so viel! Es war im Grunde
+<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span>genommen ein klägliches Amüsement. Wenn ich
+mein Geld in Monte Carlo verloren oder in Paris
+verjubelt hätte &ndash; es wäre hundertmal vernünftiger
+gewesen. Aber ich habe nur blödsinnige Geschichten
+getrieben &ndash; die Pferdezucht, die Viehankäufe, die
+Trinkgelage und Spielabende &ndash; die Rennen und
+die ewigen Reisen nach Berlin &ndash; mir steigt ein
+schales Gefühl auf, wenn ich an all den Unsinn
+zurückdenke. Aber ich muß die Suppe ausessen,
+die ich mir eingebrockt habe.“ &ndash; Und wieder zuckte
+er mit den Schultern.</p>
+
+<p>Hedda hatte die Ellbogen auf die Kniee und das
+Kinn in die Hände gestützt. So schaute sie zu ihm
+hinab, zu dem halt- und charakterlosen Menschen,
+den sie so toll geliebt hatte, daß sie nahe daran
+gewesen war, um seinetwillen eine große, große
+Dummheit zu begehen. Die Vernunft hatte gesiegt
+und siegte noch, denn sie fühlte wohl, daß es
+für diese erste flammende Liebe, für dieses Frühlingsgewitter,
+unter dessen Schauern sie zum Weibe gereift
+war, kein Vergessen gab. Aber sie hielt sich
+in Schach. Er sollte nicht spüren, wie rasch ihr
+Herz in seiner Nähe klopfte.</p>
+
+<p>„Und was wird nun?“ fragte sie.</p>
+
+<p>„Was soll werden?“ lachte Klaus häßlich auf.
+„Weißt du, was man mit einem Gaule macht, der
+auf der Rennbahn zusammengebrochen ist und nicht
+mehr weiter kann? &ndash; Man schießt das arme
+Biest tot.“</p>
+
+<p>Sie starrte ihn an. Sprach er von Selbstmord?
+&ndash; Nein &ndash; daran glaubte sie nicht. Er
+hätte längst seine Kugel finden müssen.</p>
+
+<p>„Hedda, was soll ich denn noch auf der Welt?“
+fuhr er fort. „Wozu törichte Illusionen? Ich
+kann nichts anfangen. Hier gar nichts &ndash; und
+mich drüben in Amerika mühselig durchs Dasein
+schleppen, Steine tragen und Biergläser füllen &ndash;
+lieber quittier’ ich schon mit dem Leben!“</p>
+
+<p>Nun sprang sie erregt empor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>„Du sprachst von Scham, Klaus,“ rief sie, „aber
+bei Gott, du kennst sie nicht! Du würdest sonst
+anders sprechen! Begreifst du nicht, wie niedrig
+dein Standpunkt ist? Wie unsittlich dein ganzes
+Gehaben? Du siehst selber ein, daß du dich durch
+eigne Schuld ruiniert hast, und du bist zu feige,
+dir ein neues Leben zu schaffen!“</p>
+
+<p>„Zu feige &ndash; ganz recht,“ sagte er und erhob
+sich gleichfalls. „Aber ich glaube, ich habe nie Mut
+besessen. Ich fürchte mich vor der Arbeit &ndash; wenigstens
+vor der, die mir drüben winkt &ndash; vor der
+schmutzigen Arbeit im Kot der Gassen, den Handlangerdiensten.
+Wäre ich weniger Herrenmensch
+und mehr Bedientennatur &ndash; vielleicht würd’ ich
+mich fügen. So kann ich es nicht &ndash; ich kann es
+nicht!“</p>
+
+<p>Ihr Herz flog förmlich. Alles in ihr war in
+Aufruhr. Ihre Wangen flammten und auch über
+ihre Stirn, bis zu den Haarwurzeln, ergoß sich die
+Röte des Zorns und der Scham. Ja auch der
+Scham, denn für ihn schämte sie sich. Er rühmte
+sich seiner Herrennatur, und doch war alles Edelmännische
+längst in ihm erstorben. Er suchte den
+Tod, weil das Leben ihm nichts mehr zu bieten
+hatte als &ndash; Arbeit.</p>
+
+<p>Es war wahnsinnig, so mutlos zu flüchten.
+Zittern und Angst ergriff sie, und die zärtliche
+Sorge um ihn wich der Scham und Entrüstung.
+Sie sah schon die Wunde an seiner Schläfe, das
+runde Kugelloch, aus dem langsam das Blut sickerte,
+und hörte die Welt verachtungsvoll ihr letztes Urteil
+über den Verkommenen fällen: das hatte man
+gewußt und erwartet &ndash; Selbstmord &ndash; das Ende
+jedes Elenden!</p>
+
+<p>Sie trat vor ihn hin und nahm seine Hände.</p>
+
+<p>„Klaus,“ begann sie mit bebender Stimme, „denkst
+du nicht an dich selbst, so denke zurück &ndash; an deinen
+großen Vater und deine liebe, gütige Mutter. An
+alle deine Vorfahren, deren Andenken du beschimpfst,
+<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>an die Ehre deines Namens, die du durch feigen
+Selbstmord unauslöschlich befleckst. Man kann
+irren und fehlen, soll aber wieder gut zu machen
+versuchen &ndash; das ist die Tapferkeit, die das Leben
+von uns allen fordert. Du bist leichtsinnig gewesen,
+hast doch aber kein Verbrechen begangen,
+das dich zum Tode verurteilt! Und du bist auch
+noch jung, bist kraftvoll und rüstig, voller reicher
+Gaben &ndash; du wirst dich wieder aufraffen können &ndash; &ndash;
+ich bitte dich, Klaus &ndash; lieber Klaus!“</p>
+
+<p>Ihre Stimme erstickte. Es quoll glühend heiß
+in ihr empor; ihre Hände zuckten zwischen seinen
+Fingern.</p>
+
+<p>Klaus war fahl geworden, als sie von der Ehre
+seines Namens sprach. ‚Wenn du wüßtest!‘ schrie
+es in ihm auf. Und dann sah er hinter dem
+Tränenflor ihrer Augen die alte Liebe leuchten, die
+er durch die Schmach seines Wandels beschimpft
+und niedergetreten hatte, und die nicht ersterben
+wollte &ndash; die erste heiße Liebe ihres jungen Herzens,
+die ihr ganzes Innenleben durchtobt und aufgewühlt
+hatte und auch im Entsagen noch haften blieb.
+Das ließ ihn alles andre vergessen und durchströmte
+ihn mit einem Rausch wilden Entzückens. Mit
+starker Hand riß er sie an seine Brust und bedeckte
+ihr Antlitz mit stürmischen Küssen.</p>
+
+<p>„Du liebst mich noch &ndash; du liebst mich noch!“
+schluchzte und jubelte er. Und sie ließ ihn gewähren.
+Eine rein physische Schwäche hatte sich ihrer bemächtigt,
+das Gefühl einer Ohnmachtsanwandlung.
+Sie hing hilflos in seinen Armen. Das Rauschen
+des Waldes klang wie Harfenschlag an ihr Ohr
+und wie feierlicher, volltöniger Gesang. Seine
+Küsse aber brannten auf ihren Lippen und Wangen
+und loderten in ihre Seele hinein.</p>
+
+<p>Mit schwerem Aufatmen riß sie sich los.</p>
+
+<p>„Laß mich!“</p>
+
+<p>Sie strich sich über Stirn und Haare und befestigte
+den Hut von neuem, der ihr vom Scheitel
+<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>geglitten war. Noch schimmerte helle Röte auf
+ihren Wangen, aber sie war doch wieder Herrin
+über sich selbst geworden, wenn auch große Tränen
+in ihren Augen standen.</p>
+
+<p>„Ich liebe dich noch,“ sagte sie mit fester Stimme,
+„nun ja &ndash; was will das bedeuten? Angehören
+können wir uns nie, und wenn du mir sagen
+wolltest: komm mit mir nach Amerika &ndash; ich würde
+mit Nein antworten. Nicht weil mir’s an Mut
+gebricht, ein ungewisses Los mit dir zu teilen,
+sondern weil ich meine Liebe zu dir bekämpfen
+will!“</p>
+
+<p>Da sank er, empfindend wie klein er war und
+wie schwach dieser kernigen Mädchennatur gegenüber,
+zu ihren Füßen nieder und preßte ihre Kleider
+an sein Gesicht. Er weinte, und in diesem Augenblick
+waren es ehrliche Tränen, die er über sein
+verpfuschtes und verlorenes Leben vergoß.</p>
+
+<p>„O Hedda!“ rief er, „warum konnten wir uns
+nicht schon vor fünf Jahren finden? Du hättest
+mich retten können, und alles wäre anders geworden!“</p>
+
+<p>Ja &ndash; vor fünf Jahren! Er konnte recht
+haben. Wenn sie über ihn gewacht hätte, vielleicht
+wären dann alle die guten Keime, die in ihm
+schlummerten, zu Blumen erblüht und das Unkraut
+verdorrt. Vielleicht! &ndash;</p>
+
+<p>Sie hob ihn auf.</p>
+
+<p>„Es hat nicht sollen sein,“ sagte sie. „Was hilft
+uns die Reue? Wir hätten stark sein müssen &ndash;
+heut ist es zu spät. Und doch, ich segne auch diese
+Stunde. Daß wir uns immer noch lieb haben,
+weist uns die Wege. Nicht sterben wollen wir,
+sondern am Leben bleiben und uns einander wert
+halten. Gib mir deine Hand, Klaus, und versprich
+mir, daß du die Pistole liegen lassen willst. Versprich
+mir, daß du ein neues Dasein beginnen willst!
+Du kannst es, wenn du aus Liebe zu mir dein
+Herrenbewußtsein unterdrückst, wenn du dich ‚erniedrigst‘.
+<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>Tu es; greife zur Arbeit, wo du sie
+findest; es schändet dich nicht, wenn deine Hände
+blutrünstig werden in harter Fron. Wandre aus
+und schaff dir anderwärts Stellung! Ich will unablässig
+an dich denken und beten für dich. Werde
+ein Mann!“</p>
+
+<p>Gerade dies: „Werde ein Mann!“ klang tief
+in das Herz des Schwächlings &ndash; nicht wie eine
+harte Mahnung, sondern wie ein willkommener,
+erlösender Ostergruß. Er nickte zuversichtlich und
+mit fast frohem Lächeln.</p>
+
+<p>„Ich danke dir, Hedda,“ erwiderte er. „Du verjüngst
+mich. Ja &ndash; ich fühle es: es sprießt Neues
+und Gutes in mir! Mein Wort darauf: der törichte
+Selbstmordgedanke ist vergessen. Ich wandre aus,
+um Arbeit zu lernen. Ich hab’ es eilig, denn du
+sollst bald von mir hören. Ich rufe dich oder hole
+dich selbst!“</p>
+
+<p>„Ich warte auf dich,“ sagte sie mit leuchtenden
+Augen.</p>
+
+<p>„So lebe wohl!“</p>
+
+<p>Er preßte noch einmal ihre Hände an seine
+Lippen.</p>
+
+<p>„Lebe wohl und behüte dich Gott!“</p>
+
+<p>Er saß schon zu Pferde und sprengte davon,
+ohne sich umzuschauen. Sie aber blieb aufrecht
+stehen, bis sie im Gründunkel des Waldes seine
+Gestalt verschwinden sah. Und dann sank sie in
+die Kniee und sprach laut mit ihrem Gott, denn
+nur er konnte sie hier hören und seine Schöpfung &ndash;
+der schluchzende See und die Bäume am Ufer.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Es war in der dritten Nachmittagstunde, als
+ein kleines Gefährt, ein offener Korbwagen, in den
+Schloßhof von Döbbernitz rasselte. Bertold Möller
+hatte selbst das Pferd gelenkt, sprang jetzt zur
+Erde und rief der erstaunt aus der Häckselkammer
+tretenden Jule zu: „Ist der Herr Baron zu
+sprechen?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>„Ja, er ist oben,“ entgegnete Jule und wies
+hinauf nach den Fenstern.</p>
+
+<p>Bertold kannte hier Weg und Steg. Er gehörte
+seit Jahren zu den Geldvermittlern Zernins,
+aber er wie sein Schwiegervater, der Getreidehändler
+Ring, hatte sein Schäfchen längst ins
+Trockene gebracht.</p>
+
+<p>Er fand Klaus vor einem großen Koffer
+knieend.</p>
+
+<p>„Teufel &ndash; wo kommen Sie denn her, Möller?“
+rief Zernin und stand auf.</p>
+
+<p>„Von der Subhastation,“ erzählte Bertold,
+„direkt vom Termin. Wissen Sie, wer Döbbernitz
+gekauft hat, Herr Baron? Und wissen Sie für
+wieviel? Und wissen Sie, daß so etwas noch gar
+nicht dagewesen ist! Und wissen Sie&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Donnerwetter, so reden Sie doch vernünftig!“
+fiel Klaus grob ein.</p>
+
+<p>Bertold erstattete Bericht. Herr Legationssekretär
+von Hellstjern war Besitzer von Döbbernitz
+geworden, Neffe des Alten vom Baronshof, ein
+schwer reicher Herr, ein Millionär. Bertold wußte
+das ganz genau. Und 460000 Mark kostete ihn
+das Vergnügen. 422000 Mark betrug der Hypothekenstand
+von Döbbernitz; verblieb für Herrn
+von Zernin noch ein Reingewinn von 38000 Mark.
+Auch darüber wußte der brave Bertold genau Bescheid.</p>
+
+<p>„Ich wollte der erste sein, der Ihnen dies
+meldete, Herr Baron,“ fuhr er fort. „Aus reiner
+Freundschaft. Ich wollte Sie vorbereiten. Ich weiß
+ja, es sind noch immer eine Masse Gläubiger da,
+die bloß darauf lauern, daß Sie wieder einmal zu
+Gelde kommen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Er schwieg, denn ihn erschreckte der Ausdruck
+im Gesicht des vor ihm Stehenden.</p>
+
+<p>Klaus war blaß geworden und sein Auge starr.
+Es schwirrte durch sein Hirn, es bohrte sich nadelspitz
+in seine Schläfen ein, es klopfte und hämmerte
+<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>in seinen Ohren. Er antwortete nicht, sondern
+trat an das Fenster und starrte hinaus. 38000 Mark!
+Die Summe flimmerte, mit großen Ziffern geschrieben,
+vor ihm in der sonnenhellen Luft....
+Wenn er sie erhob und mit ihr nach Monte Carlo
+reiste, dort sein Glück zu versuchen ...</p>
+
+<p>Mit rascher Bewegung fuhr er herum.</p>
+
+<p>„Haben Sie Geld im Hause, Möller?“ fragte er.</p>
+
+<p>Bertold begriff ohne weiteres, um was es sich
+handelte. Er war ja nur hergekommen, um noch
+letzter Stunde ein paar hundert Taler an Zernin
+zu verdienen.</p>
+
+<p>„Im Hause nicht &ndash; aber in Frankfurt &ndash; auf
+der Bank,“ erwiderte er.</p>
+
+<p>„Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Möller,“
+fuhr Klaus fort, dessen Augen voll Erwartung und
+Hoffnung einen fiebrigen Glanz anzunehmen begannen.
+„Wir fahren zusammen nach Frankfurt.
+Dort zediere ich Ihnen notariell meine Forderung
+an Herrn von Hellstjern &ndash; der Mann ist Ihnen
+doch sicher?“</p>
+
+<p>„Bombensicher,“ sagte Bertold.</p>
+
+<p>„Sie zahlen mir 36000 Mark bar aus und behalten
+den Rest.“</p>
+
+<p>„Einverstanden, Herr Baron, aber&nbsp;&ndash;“ Bertold
+holte sein dickleibiges Notizbuch hervor, feuchtete
+seine Fingerspitzen an und begann zu blättern. „Ich
+habe da nämlich noch einen kleinen Wechsel in die
+Hände bekommen &ndash; Silbermann in Kölpin hatte
+ihn einmal meinem Schwiegervater in Zahlung
+gegeben &ndash; es handelt sich nur um acht- oder neunhundert
+Mark&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„So ziehen Sie die auch ab, zum Donnerwetter!“
+rief Klaus ungeduldig. Herrgott, was hatte der
+Mensch ihn schon betrogen!</p>
+
+<p>Bertold steckte ruhig sein unförmiges Taschenbuch
+wieder ein.</p>
+
+<p>„Da steh’ ich also zur Verfügung, Herr Baron,“
+sagte er. „Um fünf Uhr geht der Zug &ndash; ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>Bummelzug freilich, aber wir haben ja nichts zu
+versäumen; Rechtsanwalt Sarnow empfängt uns
+auch außerhalb seiner Sprechstunden. Dann können
+Sie noch um elf Uhr nach Berlin weiter &ndash; das
+heißt, wenn Sie überhaupt nach Berlin wollen.
+Paßt Ihnen mein Wagen? Der Koffer da geht
+bequem hinauf &ndash; wir binden ihn hinten fest &ndash;
+er hat Platz. Das Pferd stell’ ich auf die paar
+Stunden bei Petersen ein &ndash; Sie wissen ja, dem
+Restaurateur in&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Ja, ja!“ rief Klaus. Das Geschwätz Bertolds
+machte ihn nervös. Er pfropfte noch rasch einen
+Anzug in den Koffer hinein, wechselte in fliegender
+Hast seine Toilette und rief aus dem Fenster nach
+Jule.</p>
+
+<p>„Allons,“ sagte er, „den Koffer auf den Wagen
+des Herrn Möller! Ich verreise für einige Zeit.
+Du wirst ja hören, wann ich zurückkomme&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Die Kleine starrte ihn mit großen Augen erschreckt
+an. Aber sie entgegnete kein Wort. Sie
+war an willenloses Gehorchen gewöhnt.</p>
+
+<p>Der Wagen ratterte über das Hofpflaster und
+fuhr staubaufwirbelnd den Berghang hinab.</p>
+
+<p>Jule war in der Prallsonne stehen geblieben.
+Aus dem Stalle wurde ein leises Wiehern vernehmbar.
+Der Rappe wollte sein Futter haben.
+Er und die Jule, die Zurückbleibenden, waren die
+letzten lebendigen Wesen im Döbbernitzer Schlosse.</p>
+
+<p>Hinten im Parke, ganz umbuscht vom Grün
+stark wuchernder Schneeballen, stand ein einfacher
+Tempelbau, eine Art Mausoleum. Unter den Sandsteinplatten
+im Innern ruhten die Särge der Eltern
+Zernins. Auch hier tiefer und schweigender Friede,
+kein Laut des Lebens.</p>
+
+<p>Nur ein gelber Schmetterling flatterte, hin und
+her huschend, über das körnige Grau des Sandsteins.</p>
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>
+<a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">D</span>er Sommer ging zur Rüste. Die Nächte
+wurden kalt, es herbstelte stark.</p>
+
+<p>Oberlemmingen konnte mit seiner ersten Saison
+zufrieden sein. Die Reklame hatte gewirkt. Allerdings
+waren in ärztlichen Kreisen auch einige
+Stimmen laut geworden, die dem Gutachten des
+Professors Statius und seiner Leute widersprachen,
+die die Analyse für inkorrekt und die unter Posaunenschall
+der Welt verkündete Heilkraft der Bismarckquelle
+für ziemlich unbedeutend erklärten. Man
+habe in unglaublichster Weise übertrieben, so
+äußerten sich jene Stimmen; man habe aus einer
+Mücke einen Elefanten gemacht. Das Wässerchen
+habe seine Vorzüge &ndash; gewiß, aber es sei mit den
+Kissinger Quellen gar nicht zu vergleichen; und in
+einer medizinischen Monatsschrift fiel sogar der
+unparlamentarische Ausdruck „Mumpitz“.</p>
+
+<p>Darauf schien Kommerzienrat Schellheim nur
+gewartet zu haben. Sofort wurde der Schlachtplan
+für den Reklamefeldzug während des Winters
+entworfen. Wieder flatterten viele Tausende
+von Broschüren über die Lande. Flugblätter verkündeten
+auch der Laienwelt die Entgegnung des
+Professors Statius. Die großen Zeitungen wurden
+mit Inseraten überschüttet und lobten dafür im
+redaktionellen Teil das märkische Bad; Postkarten
+mit Ansichten von Oberlemmingen kamen in den
+Handel; Schellheim ließ eine „Bismarckquellen-Polka“
+komponieren und auf den Musikmarkt
+bringen, und eine Novelle: „Die Großbäuerin von
+Oberlemmingen“, wurde sämtlichen Kreisblättern
+zum freien Abdruck zur Verfügung gestellt. Das
+war eine rührsame Dorfgeschichte, die den Verfasser
+der ersten Broschüre zum Autor hatte, und in der
+natürlich auch die Quelle eine Rolle spielte. So
+<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>sollte den ganzen Winter hindurch das Tamtam
+gerührt werden.</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat entfaltete eine angestrengte
+Tätigkeit. Anfänglich hatte er die Sache mit dem
+neuen Bade gewissermaßen nur als Unterhaltung,
+als Abwechslung in die Hand genommen. Aber
+sein Interesse wuchs, je mehr Kapitalien er dem
+Unternehmen opferte. Albert Möller und er betrachteten
+sich immer noch mit heimlichem Mißtrauen.
+Jeder von ihnen hatte das Empfinden,
+als warte der andre nur auf den geeigneten Augenblick,
+ihn übers Ohr zu hauen. Sie gingen Hand
+in Hand und waren doch Todfeinde. Und dabei
+wußten beide, daß sie ohne einander gar nicht auskommen
+konnten. Sie waren wie Sklaven zusammengekettet
+oder wie die zänkischen Weiber, die
+man im Mittelalter mit Hals und Händen in die
+„Geige“ spannte.</p>
+
+<p>Übrigens sehnte sich Schellheim gerade in dieser
+Zeit mehr als je nach zerstreuender Arbeit. Hagen
+machte ihm schwere Sorgen. Dieser tolle Junge
+hatte rund heraus erklärt, er sei bereit, von der
+Leitung der Firma zurückzutreten und sich auf sein
+Pflichtteil setzen zu lassen, aber von seiner Liebe
+zu der kleinen, blonden Stepperin könne man ihn
+nicht abbringen. Er werde sie unbedingt heiraten.
+Der Rat fuhr nach Berlin, Hagen selbst ins Gebet
+zu nehmen. Doch der blieb fest; alle Gründe, die
+sein Vater gegen diese unsinnige Heirat ins Gefecht
+führte, fruchteten nichts. Zähneknirschend entschloß
+sich Schellheim zu brutaleren Mitteln. Er suchte
+die Eltern der Anna Zell auf. Der Alte war
+Straßenbahnschaffner, seine Frau übernahm Aufwartungen,
+Anna war das fünfte von sieben Kindern.
+Der Rat seufzte auf, als er die zahlreiche Familie
+sah, die er mit in den Kauf nehmen sollte. War
+es denn denkbar!? Dieser Hagen, sein ganzer
+Stolz, nicht nur ein tüchtiger Kaufmann, sondern
+auch durchaus Gentleman mit seiner Vorliebe für
+<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>Theaterpremieren, elegante Krawatten und kleine
+Soupers &ndash; gerade der wollte ihm die Schande
+bereiten, tief unter seinem Stande zu heiraten!
+Schellheim fand übrigens, daß die alten Zells ganz
+vernünftige Leute seien. Sie wußten auf der Stelle,
+wohinaus er wollte, aber sie hatten ihrer Anna
+nichts mehr zu befehlen, denn diese war mündig
+und selbständig. Hagen hatte sie bereits aus dem
+Elternhause wie aus der Fabrik genommen und in
+einer Pension in der Potsdamerstraße untergebracht.
+Auch an sie wandte sich der Rat. Das schüchterne
+kleine Persönchen war gut instruiert worden. Sie
+stürzte Schellheim sofort zu Füßen, küßte seine
+Hände, weinte, bat und flehte und fiel schließlich in
+Ohnmacht. Voller Erregung reiste Schellheim
+wieder ab.</p>
+
+<p>Gunther war als Gast auf dem Auberge. Er
+hatte soeben seine Manöverübung beendet und kehrte
+sonnengebräunt, frisch und gesund aussehend, zu
+den Eltern zurück. Seine große Arbeit war bereits
+im Druck; im Oktober sollte sie erscheinen.</p>
+
+<p>Da er seit drei Vierteljahren nicht in Oberlemmingen
+gewesen war, so interessierten ihn die
+Veränderungen im Ort naturgemäß sehr. Sehr
+entrüstet war der Kommerzienrat über die anscheinende
+Gleichgültigkeit, mit der Gunther die
+Heiratspläne seines Bruders aufnahm.</p>
+
+<p>„Ich muß dir gestehen, Vater,“ sagte er zu
+Schellheim, als die Rede auf Hagen und seine
+blonde Liebe kam, „daß ich das Hagen eigentlich
+gar nicht zugetraut hätte. Im Grunde genommen
+freut es mich, daß er sein Herz sprechen läßt &ndash; ah,
+rege dich nicht auf, Papa, ich sage ja nur im Grunde
+genommen. Du kennst mich. Ich würde auch nur
+aus Neigung heiraten; allerdings muß ich hinzufügen,
+daß sich <em class="gesperrt">meine</em> Heiratsneigungen sicher
+nach andern gesellschaftlichen Richtungen hin bewegen
+als diejenigen Hagens. Doch das ist lediglich
+eine Folge angeborenen Geschmacks, um mich gelehrt
+<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>auszudrücken, das Produkt einer gewissen soziologischen
+Ästhetik. Ich würde wohl nie dazu kommen,
+mich in eine Anna Zell zu verlieben, und daher
+auch nie auf den Gedanken verfallen, besagte Anna
+heiraten zu wollen, die ich hier natürlich nicht als
+Person, sondern nur als Typus aufstelle.“</p>
+
+<p>„Schön,“ meinte der Rat, „das bist <em class="gesperrt">du</em> &ndash; aber
+was mache ich nun mit dem Hagen? Muß er
+denn zum Donnerwetter vom Fleck weg heiraten?
+Kann es nicht bei der Liebelei bleiben, bis sie so
+sachte versandet und verblutet ist? Man braucht
+nicht gleich an chinesischen Kastengeist und an die
+Mandarinenknöpfe zu denken und kann doch der
+Ansicht sein, daß man im Leben über bestimmte
+gesellschaftliche Unterschiede nicht recht fortkommt!“</p>
+
+<p>Gunther nickte. „Richtig, Papa,“ antwortete
+er, „so hat leider auch der Baron von Hellstern
+gedacht&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Aber der Rat fiel ihm ärgerlich ins Wort:</p>
+
+<p>„Ach was &ndash; das waren ganz andere Verhältnisse!
+Ich bitte dich, wie kannst du das nur vergleichen?“</p>
+
+<p>„Die Ähnlichkeit liegt auf der Hand. Aber
+streiten wir nicht darüber. Wenn Hagen fest bleibt,
+wirst du dich fügen müssen. Denn ich nehme nicht
+an, daß du wegen der Mesalliance &ndash; man hört
+dies Wort übrigens gar nicht mehr, was ich als
+Beweis dafür auffassen möchte, daß wir doch langsam
+einer freieren und edleren Beurteilung des
+Wesens der Liebe entgegenschreiten&nbsp;&ndash;, also, ich
+nehme nicht an, daß du Hagen wegen seiner Herzensaffäre
+verstoßen und enterben wirst. Abgesehen
+davon, daß er dies wahrhaftig nicht verdienen
+würde &ndash; wer soll das Geschäft weiterführen?“</p>
+
+<p>„Das ist es ja eben, Gunther! Hagen ist mir
+unentbehrlich. Er ist eine kaufmännische Kraft
+ersten Ranges, eine wahre Rechenmaschine &ndash; und
+dann seine glückliche Hand! Aber trotzdem &ndash;
+Straßenbahnschaffner &ndash; es ist gräßlich!“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span>Ein leichtes, etwas bitteres Lächeln flog um
+Gunthers Lippen: „Denke mal: wenn Hellstern sich
+damals ähnlich ausgedrückt hätte! &ndash; ‚Hemdenfritze
+&ndash; es ist gräßlich!‘ Pardon, Papa, &ndash; wer viel
+über Büchern sitzt, der kommt zuweilen auf merkwürdige
+Gedanken. Aber bleiben wir beim Thema!
+Geschäftlich könnte Hagens Heirat euch doch nicht
+schädigen?“</p>
+
+<p>„Gott bewahre &ndash; das Geschäft hat gar nichts
+damit zu tun.“</p>
+
+<p>„Nun, dann würde ich dir raten: laß dir die
+Geschichte nicht allzu sorgenvoll durch den Kopf
+gehen! Warte ab; vielleicht besinnt sich Hagen doch
+noch eines andern. Jedenfalls opponiere nicht allzu
+heftig; du stärkst nur den Widerstand.“</p>
+
+<p>Schellheim stand auf. „Ich verstehe nur nicht,
+daß dich die ganze Sache so gleichgültig läßt,“ sagte
+er. „Es handelt sich doch um deinen Bruder!“</p>
+
+<p>Auch Gunther erhob sich. „Gleichgültig ist zu
+viel gesagt, Papa. Meinem innersten Empfinden
+nach hätte ich mir <em class="gesperrt">auch</em> eine andre Partie für
+Hagen gewünscht. Aber ich würde niemals versuchen,
+seinem Glück in den Weg zu treten &ndash; selbst
+wenn ich fürchten müßte, es handle sich nur um
+ein eingebildetes Glück.... Jetzt will ich den Pastor
+besuchen&nbsp;...“</p>
+
+<p>Er traf Eycken nicht zu Hause, doch sagte man
+ihm, daß der Pastor „auf dem Bauplatze“ sei. Das
+war die Lichtung in der Tannenschonung, wo das
+Kinderasyl im Entstehen war.</p>
+
+<p>Der Herbsttag war nicht allzu freundlich. Ein
+kräftiger Wind wehte von den Bergen herab, so
+daß die Bäume sich neigten und ihr buntes Laub
+abschüttelten. Der Wind griff es auf und drehte
+es zu Wirbeln zusammen, quirlte es in langen
+Schraubenwindungen hoch in die Luft und ließ es
+hier zerflattern, so daß es abermals wie ein farbiger
+Regen herabfiel, um dann wiederum zum
+Spiel des Sturmes zu werden. Aber dieser lustige
+<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span>Wind hatte auch sein Gutes; er hatte die Regenpfützen
+vom Tag vorher aufgesogen und die Nässe
+des Bodens getrocknet. Es marschierte sich gut
+trotz des rauhen Atmens der Natur.</p>
+
+<p>Gunther schritt rasch durch das Dorf, mit lebhaften
+Augen umherspähend. Die letzten Sommergäste
+waren noch nicht abgezogen. Ein paar Damen
+begegneten ihm, ein älterer Herr im Rollstuhl,
+den ein Diener vor sich her schob, ein junges
+Mädchen, zwei Kinder an der Hand, und auch der
+„Badekommissar“. Er war von Schellheim provisorisch
+angestellt worden, ein Major a.&nbsp;D. mit
+schönem, graublondem Schnurrbart und verbindlichem
+Wesen. Der Kommissar grüßte Gunther,
+obwohl er ihn nicht kannte, er hielt sich für verpflichtet,
+jeden Fremden zu grüßen, den er traf.
+Im Hause Braumüllers hatte Bertold Möller
+schon Einzug gehalten; aber vor den glänzenden
+Spiegelscheiben der Schaufenster lagen noch die
+Rouleaux. Vom Kurpark herüber trieb der Wind
+das Laub in ungeheuren Massen und häufte es in
+den Chausseegräben auf. Ein paar Arbeiter waren
+dabei, den Lawn-Tennis-Platz zu säubern, andre
+errichteten auf der Südseite des Platzes hinter den
+Ahornbäumen ein langgestrecktes, niederes Gebäude,
+das zu Verkaufsbuden verpachtet werden sollte.</p>
+
+<p>Die flatternde Fahne mit dem Johanniterkreuz
+wies Gunther den Weg. Das Kinderhospital war
+bis zum zweiten Stockwerk gediehen; man hoffte,
+mit Dachung und Ausbau noch vor Beginn der
+Frosttage fertig zu werden. Eycken besuchte täglich
+den Bauplatz. Er ging auf in diesem Liebeswerk,
+und Herz und Seele schienen in ihm wieder jung
+werden zu wollen. Selbstverständlich überschritten
+die Kosten schon jetzt den Anschlag, aber Eycken
+machte das wenig Kummer. Er wollte nicht
+sparen &ndash; für wen auch? So stieg dieser Palast
+der armen Kleinen schön und stattlich in die Höhe,
+mit breiten Fensterfluchten und luftigen Sälen und
+<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span>Zimmern, gewissermaßen ein Stein gewordener
+Protest gegen die spekulativen Zukunftsideen, die
+weiter unten im Tale den neuen Kurort Oberlemmingen
+ins Leben gerufen hatten.</p>
+
+<p>Gunther sah neben Eycken Hedda stehen. Einen
+Augenblick stockte sein Fuß; er war im Begriff,
+umzukehren. Aber schon im nächsten Moment schalt
+er sich einen Toren. Weshalb flüchten? Mußte er
+nicht im Gegenteil dem Zufall dankbar sein, der
+ihn hier mit ihr zusammenführte?</p>
+
+<p>Der Pastor hatte ihn schon gesehen.</p>
+
+<p>„I, ist das nicht&nbsp;&ndash;“ und dann zog er seinen
+breitkrempigen Demokratenhut und winkte mit beiden
+Händen grüßend zu Gunther hinüber.</p>
+
+<p>Auch Hedda nickte ihm zu, ohne Verlegenheit
+und Verschüchterung, mit freundlichem Lächeln, und
+bot ihm die Hand, als er näher trat; er selbst
+aber errötete und kam sich sehr linkisch vor.
+Selbst die Verbeugung, die er machte, erschien ihm
+lächerlich.</p>
+
+<p>Die Unterhaltung wechselte rasch. Von den neu
+entdeckten Faustgeschichten Gunthers ging man zu
+dem Kinderasyl über, für das Hedda ein ebenso
+warmes Interesse bekundete wie der Pastor. Sie
+war wieder täglicher Gast im Pfarrhause und begleitete
+ihn auf den Bauplatz, sobald sie sich einmal
+von ihrem Vater frei machen konnte, der immer
+grämlicher und mürrischer wurde. Er schimpfte
+nun auch auf Eycken; der Pastor wollte für seine
+Gründung elektrisches Licht haben, und die Badedirektion
+schloß sich an. Die Sache war nicht so
+gefährlich, da man in unmittelbarer Nähe bei den
+Grunower Mühlen starke Wasserkräfte zur Verfügung
+hatte. Aber Hellstern brachte gerade diesem
+hellen und grellen Lichte einen förmlichen Haß
+entgegen. Er klagte darüber, daß er sein liebes
+Dorf nie wieder im sanften Lullen der sinkenden
+Dämmerung sehen würde; selbst bis in seinen Park
+hinein würden die weißen Lichtstrahlen fallen. Man
+<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span>„vergraulte“ und „verekelte“ ihm geflissentlich den
+Baronshof. Er schwor Hedda zu, daß er sein
+Zimmer überhaupt nicht mehr verlassen würde,
+murrte und räsonierte stundenlang, um das arme
+Mädchen dann plötzlich wieder an seine Brust zu
+reißen und durch einen stürmischen Kuß zu versöhnen.</p>
+
+<p>Eycken führte Gunther durch seinen neuen Bau.
+Es war wirklich nicht gespart worden. Die ganze
+Anlage zeugte von Zweckmäßigkeit und Gediegenheit;
+Luft und Licht war die Parole gewesen. Dem
+Hauptbau sollten sich die notwendigen Nebengebäude
+anschließen, dann die Ausgestaltung des Gartens
+mitten in der würzigen und kräftigenden Luft des
+Tannenwaldes in Angriff genommen werden. Der
+Pfarrer erläuterte Gunther alles das mit seiner
+lebhaften, von der Begeisterung für das Gute getragenen
+Beredsamkeit. Die klaren Augen in dem
+schönen Greisenantlitz leuchteten dabei wie in heiligem
+apostolischem Feuer, und Eycken war auch ein
+Apostel &ndash; der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit.</p>
+
+<p>Als man gemeinsam nach dem Dorfe zurückkehrte,
+lenkte Gunther das Gespräch auf Döbbernitz.
+Mit Absicht; die erstaunliche Tatsache, daß der
+schwedische Hellstjern den Zerninschen Besitz gekauft,
+hatte ihn mit neuer Unruhe erfüllt. Denn noch
+hatte er nicht alle seine Hoffnungen begraben.
+Seine Liebe zu Hedda und die bewundernde Anbetung,
+die er ihr entgegenbrachte, war die alte
+geblieben; er fand sie schöner als je und sah auf
+ihrem stolzen Mädchengesicht einen Ausdruck von
+Vergeistigung und träumerischem Sinnen, der ihm
+früher nicht aufgefallen war und sie zu verklären
+schien.</p>
+
+<p>Hedda erzählte in ruhigem Ton das Neueste
+über Döbbernitz. Klaus von Zernin war verschwunden;
+irgend jemand wollte ihn in Monte
+Carlo gesehen haben. Auf Döbbernitz aber regten
+<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span>sich seit Wochen viele hundert fleißige Hände. Baron
+Hellstjern hatte sich selbst merkwürdigerweise noch gar
+nicht gezeigt; an seiner Statt schaltete mit unbeschränkter
+Vollmacht ein Administrator, den Heddas
+Vater Axel empfohlen hatte. Es war der ehemalige
+Oberinspektor des alten Zernin, ein Mann,
+der die Verhältnisse auf Döbbernitz auf das genaueste
+kannte, voll Zuverlässigkeit und rüstigem Fleiß,
+eine erstklassige Kraft. Und eine solche brauchte
+man. Es war keine Kleinigkeit, dies verwüstete
+Land wieder ertragsfähig zu gestalten. Man mußte
+sozusagen von vorn anfangen, denn auch vom Inventar
+war nichts zurückgeblieben; lebendes und
+totes, bis auf die letzte Kuh und den letzten, schon
+verrosteten Pflug war verkauft oder gepfändet und
+verauktioniert worden.</p>
+
+<p>Und während das Land von neuem beackert
+wurde und aus den tiefen Furchen, die den Boden
+zerrissen, ein frischer Odem von Lebensfähigkeit
+aufstieg, wie ein Ahnen kommenden Keimens,
+trafen im Schloßhofe große Möbelwagen ein, um
+zunächst dem Mittelbau wieder eine behagliche Wohnlichkeit
+zu geben. Auch diese Einrichtung überließ
+Hellstjern fremden Händen; er hatte an den Ohm
+auf dem Baronshof geschrieben, er habe zurzeit
+zu viel zu tun, um sich um all diese Dinge kümmern
+zu können. Die Wahrheit war, daß er sich zu einer
+ernstlichen Kur entschlossen hatte; der abscheuliche
+Husten, der seine ganze Konstitution zu erschüttern
+drohte, mußte einmal fortgeschafft werden.</p>
+
+<p>Gunther hörte mit reger Aufmerksamkeit der
+Erzählenden zu. Er meinte, er sei recht froh, daß
+Baron Hellstjern seinem Vater zuvorgekommen sei.
+Seit der Vater die Leitung der Fabriken abgegeben
+habe, sei er von fieberhafter Unruhe gepackt, überall
+wolle er sich beteiligen. Und dann sprach Gunther
+ganz harmlos von den Heiratsplänen Hagens, die
+dem Vater so viel Ärger bereiteten. Er tat dies
+mit Absicht, trotz der anscheinenden Harmlosigkeit;
+<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span>er wollte Hedda auf diesen neuen plebejischen Einbruch
+in seine Familie vorbereiten, war auch begierig,
+was sie dazu sagen würde.</p>
+
+<p>Aber sie enthielt sich des Urteils und bemerkte
+nur, daß sie die Aufregung und die Abwehr des
+Kommerzienrats begreifen könne, denn zweifellos
+sei die beabsichtigte Heirat Hagens ein „Tiefersteigen“.
+Eycken war nicht dieser Ansicht, suchte
+wenigstens den gesellschaftlichen Abfall des grimmen
+Hagen zu beschönigen und zu entschuldigen; in der
+Liebe zum andern Geschlecht gäbe es keine Dummheiten,
+oder aber diese ganze Liebe sei Dummheit.
+Im übrigen steige Hagen seiner Meinung nach keineswegs
+„hinab“, sondern zöge höchstens sein Mädchen
+„herauf“.</p>
+
+<p>Vor dem Parktore des Baronshofes trennte
+man sich. Hedda bat um den Besuch Gunthers und
+dieser sagte mit tiefer Verneigung zu.</p>
+
+<p>Der Baron saß wie gewöhnlich bei seiner
+Familiengeschichte. Er steckte mitten im achtzehnten
+Jahrhundert; das Lateinische und Schwedische war
+dem Französischen gewichen. Aber auch bei diesem
+verschnörkelten alten Französisch fehlten ihm häufig
+Vokabeln und sinnverwandte Ausdrücke, und dann
+mußte er die Lexika durchstöbern. War Hedda zugegen,
+so ging das alles viel schneller.</p>
+
+<p>Hellstern war im letzten Jahre noch dicker geworden.
+Die Ischias hatte etwas nachgelassen, aber
+ein Asthma kündigte sich an. Der Baron verzichtete
+jetzt auf jede Bewegung; nur mit Mühe schleppten
+Hedda und August ihn dann und wann auf ein
+Viertelstündchen in den Park. Er hatte sich vollständig
+in seinen Ärger über die modernen Veränderungen
+in Oberlemmingen verbissen. Eine Art
+fixer Idee spielte dabei mit. Er war überzeugt
+davon, daß man ihn von Haus und Hof vertreiben
+wolle. Die Möllers bauten rechts seitwärts vom
+Parkausgange eine Brauerei und hatten eine Parzelle
+des Dorfangers vom Fiskus erstanden. Das
+<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span>wurmte Hellstern furchtbar. Nun hatte er wirklich
+Qualm, Dampf und Rauch, Geräusch und Gestank
+direkt vor der Nase.</p>
+
+<p>„Gunther Schellheim ist wieder hier, Papa,“
+sagte Hedda beim Eintreten; „er läßt dich grüßen.“</p>
+
+<p>„Ist mir ’ne hohe Ehre,“ erwiderte der Alte
+giftig. „Hat er vielleicht seinen Antrag wiederholt?“</p>
+
+<p>„Nein,“ sagte Hedda und band ihren Hut ab;
+„warum bist du so schlechter Laune?“</p>
+
+<p>„Das würdest du auch sein, wenn du dich so
+ärgern müßtest wie ich. In diesen Akten kommen
+Ausdrücke vor, für die es in keinem Lexikon der
+Welt Erklärungen gibt.“</p>
+
+<p>„Ich werde dir helfen,“ entgegnete Hedda
+geduldig und nahm auf dem aus den vierzehn
+Folianten der Merianschen Topographie gebildeten
+Sitze Platz.</p>
+
+<p>Aber der Alte wollte noch plaudern. „Wie
+sieht der Herr Gunther aus?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Gut &ndash; männlicher als sonst. Er kommt eben
+aus dem Manöver. Es ist merkwürdig, was wir
+für einseitige Menschen sind! Ich bin überzeugt,
+in seiner hübschen Husarenuniform würde er mir
+sehr gefallen. Schwarz und silberne Verschnürung,
+mit dem großen Totenkopf auf der Bärenmütze.“</p>
+
+<p>„Ich weiß,“ erwiderte Hellstern nickend; „ein
+gutes Regiment. Nun, dieser Gunther ist ja doch
+auch immerhin ein anständiger Mann ... Da ist
+ein Brief von Axel gekommen, der dich interessieren
+wird.“</p>
+
+<p>Er reichte Hedda das Schriftstück, und sie begann
+zu lesen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="letteraddress">„Liebster Onkel &ndash; liebste Cousine!</p>
+
+<p>„Zunächst Verzeihung, daß ich französisch schreibe
+&ndash; es geht mir immer noch rascher von der Hand
+wie Eure Muttersprache, und ich habe Euch eine
+ganze Menge zu erzählen. Wie Ihr aus dem Poststempel
+erseht, bin ich nicht in Berlin, sondern in
+<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span>Gehringen. Das liegt in der Schweiz, ein Stündchen
+von Basel, und ist eine Heilanstalt, die mir
+ein befreundeter Arzt empfohlen hat. Ich wollte
+nämlich einmal meinem Husten zu Leibe gehen.
+Nun kuriert man hier unten freilich nicht auf gewöhnliche
+Weise, mittels allerhand Mixturen aus
+Flaschen und Schachteln und Töpfen, sondern durch
+Sonnenbäder, Elektrizität, Massage, kaltes und
+heißes Wasser, Fichtennadeln und Gott weiß was
+noch &ndash; aber die Tatsache steht fest: es geht mir
+bedeutend besser, so daß ich mich mit der Hoffnung
+trage, Euch in üppiger Gesundheit wieder begrüßen
+zu können.</p>
+
+<p>„Und das soll bald geschehen. Mein Abschied
+ist mir in Gnaden bewilligt &ndash; sogar mit einem
+Orden, der sehr schön aussieht und an einem Bande
+mit drei Farben hängt. Da will ich mich denn
+nun im Spätherbst in Eurer Nähe, nämlich in
+Döbbernitz, festsetzen. Rieske, der Verwalter, den
+Du, lieber Ohm, mir empfohlen hast, scheint sich
+ausgezeichnet zu machen. Er schickt mir wöchentlich
+zwei ausführliche Berichte, die mich über alles
+informieren und trotzdem knapp gehalten sind. Das
+gefällt mir. Ich finde auch, daß er sparsam wirtschaftet.
+Die Anschaffung des Inventars und die
+Instandsetzung der ganzen Geschichte verlangen
+natürlich Opfer, aber ich bringe sie gern. Schon
+weil ich nun wieder ein Heimatplätzchen bekomme.
+Ich kann Euch nur sagen, daß ich mir immer wieder
+von neuem Glück zu meiner Idee wünsche. Es war
+der vernünftigste Streich meines Lebens, der Ankauf
+von Döbbernitz.</p>
+
+<p>„Sehr, sehr gern würde ich es sehen, wenn
+Hedda sich einmal die Schloßeinrichtung ansehen
+wollte. Eine Masse hübscher Möbel habe ich unterwegs
+kaufen können, auch hier in der Umgegend,
+auf alten Bauerngehöften und in den Kleinstädten
+noch mancherlei Nettes und Interessantes gefunden.
+Aber die weibliche Beihilfe fehlt mir doch. Und
+<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span>dann weiß ich nicht, wie die Berliner Dekorateure
+die Sache arrangiert haben. Ich werde wohl alles
+wieder ‚umkrempeln‘ &ndash; sagt Ihr nicht immer ‚umkrempeln‘?&nbsp;&ndash;,
+wenn ich erst in Döbbernitz bin.
+Hedda, dabei mußt Du mir aber zur Hand gehen!
+Das kann ich als Vetter verlangen. Ein paar
+Zimmer werden so wie so für Euch beide eingerichtet,
+denn ich hoffe, Ihr werdet öfters, nein recht
+oft, sehr oft, bei mir zu Gast sein. Die moosgrün
+bezogenen Möbel sind speziell für Dein Zimmer
+bestimmt, Hedda. Ich fand die Formen so hübsch,
+edel und schön in den Proportionen, nicht so
+spielerisch und gesucht originell, wie der moderne
+englische Geschmack sie liebt. Der Renaissanceschrank
+und das große Himmelbett stammen aus
+dem Palazzo Formosa in Bologna.</p>
+
+<p>„Siehst du, Hedda, und da freue ich mich jetzt
+schon darauf, mit Dir zusammen im Schlosse von
+Döbbernitz Ordnung und Behaglichkeit schaffen zu
+können. Wir gehn zimmerweise vor, und für jedes
+Zimmer lasse ich dich extra vom Baronshofe holen,
+damit das Vergnügen länger dauert. Und dann
+freue ich mich auch auf unsre Spaziergänge im
+Walde, unten am See, wo die Eichen stehen und
+der große Felsblock liegt. Ich sagte es Dir ja:
+bei Euch werde ich wieder ganz gesund und auch
+noch einmal jung werden, denn es weht Heimatluft
+bei Euch, und die war’s, die mir fehlte. Ich
+bin ganz krank vor Sehnsucht. Das ist mir noch
+nie passiert.</p>
+
+<p>„Ende Oktober denke ich zurück zu sein. Fröhlichen
+und herzlichen Gruß Dir, Onkel, und Dir,
+liebe Base, von</p>
+
+<p class="lettersig1">Euerm getreuen</p>
+<p class="lettersig2">Neffen und Vetter Axel.“</p>
+</div>
+
+<p>Bedächtig steckte Hedda den Brief wieder in
+das Couvert.</p>
+
+<p>„Er klingt wirklich sehnsüchtig, der Brief,“ sagte
+<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span>Hellstern mit Betonung. „Weißt du, Hedda, ich
+mache mir so meine Gedanken.“</p>
+
+<p>Sie hatte sich tief über das Lexikon gebeugt,
+das auf ihren Knieen lag, und in dem sie mechanisch
+blätterte. Als sie den Kopf hob, sah der Alte, daß
+sie auffällig blaß war.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>An diesem Tage gedachte Fritz Möller, sich mit
+der Dörthe endgültig auszusprechen. Es mußte
+einmal geschehen. Die Eltern drängten, Albert
+und Bertold nicht minder. Grödecke aus Frankfurt
+hatte eines Tages seinen Freund Albert Möller
+in Oberlemmingen besucht. Er brachte seine Tochter
+Frida mit, ein großes, starkes, sehr brünettes
+Mädchen mit energischen Zügen. Fritz sollte sich
+mit ihr „anvettern“, und das geschah denn auch.
+Er fand sie nicht so übel, obwohl ihr stechender
+Blick und ihr rasch zugreifendes Wesen, auch ihre
+Erscheinung ihm einen ausgewachsenen Pantoffel
+prophezeiten. Noch wurde nicht vom Heiraten gesprochen,
+doch Frida wußte bereits Bescheid. Sie
+ließ sich das ganze Haus zeigen, vom Dach bis
+hinab zum Weinkeller; sie nahm es schon in Besitz.
+Auch die Angelegenheit mit der Engrosschlächterei,
+die den Badeort, das Kinderhospiz und
+die Güter in der Umgegend versorgen sollte, war
+zur Reife gediehen. Wieder hatte einer der Bauern
+sein Gehöft verkauft &ndash; Thielemann, dessen Besitz
+den Möllers am bequemsten lag. Dorthin sollte
+das Schlachthaus kommen.</p>
+
+<p>Gegen Abend hatte der Wind sich gelegt. Fritz
+hatte Dörthe gebeten, sich mit ihm an der Quelle
+zu treffen; er habe Wichtiges mit ihr zu besprechen.
+Sie hatte sich auf dem Baronshof auch freimachen
+können und war pünktlich zur Stelle, in ihrem
+Arbeitskleide, aber ein neues dreieckiges Tuch um
+die Schultern geschlagen, mit bloßem Kopfe.</p>
+
+<p>Fritz war noch nicht da. Dörthe wanderte in
+den schweigenden Anlagen auf und ab. Das falbe
+<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span>Laub rauschte unter ihren Füßen. Ein letztes
+Sonnenflackern glitt durch die Baumkronen, fahlgelb,
+ein erlöschendes Licht.</p>
+
+<p>Das Mädchen war nicht in Sorgen. Im Gegenteil
+&ndash; ein Zug heiterer Zufriedenheit lag auf dem
+hübschen, braunen Gesichtchen. Sicher handelte es
+sich um eine Besprechung wegen der Hochzeit. Vielleicht
+sollte sie schon vor Weihnachten sein. Wie
+schlug der Dörthe das Herz!</p>
+
+<p>Sie hatte sich auf eine der Sandsteinstufen an
+der Quelle gesetzt. Das Wasser sprudelte nicht, aber
+man hörte sein Rauschen unterhalb der Einfassung,
+ein leises Gemurmel wie von fernen Stimmen.
+Die Rosen in den Bosketts waren abgeblüht, der
+wilde Wein, der sich um die Eisenträger der Wandelhalle
+schlang, schimmerte feuerrot. Überallhin hatte
+der Herbst seine Farbenflecke gestreut.</p>
+
+<p>Als Dörthe ihren Bräutigam kommen sah,
+sprang sie auf, lief ihm entgegen und fiel ihm in
+die Arme. Er umschlang sie, ohne sie zu küssen,
+und schritt mit ihr den Weg hinab. „Komm unter
+die Buchen,“ sagte er, „die Liese spürt mir wieder
+mal nach.“</p>
+
+<p>Jetzt durchzitterte sie eine Ahnung aufkeimenden
+Leids. „Gott, Fritz, was gibt’s denn?“ fragte sie.</p>
+
+<p>Er wartete mit der Antwort, bis sie tiefer im
+Buchenhain waren, den die Badedirektion mit dem
+Kurpark verbunden hatte. Aber auch hier blieb er
+nicht stehen, sondern schritt weiter mit ihr, während
+er rasch, als wolle er es von der Seele haben, und
+mit kurzen Unterbrechungen sprach.</p>
+
+<p>„Also, Dörthe, es geht nicht mit unsrer Heirat.
+Die ganze Familie ist dagegen &ndash; ich habe mich mit
+allen herumgezankt, weil ich es durchsetzen wollte;
+aber überwerfen kann ich mich mit den Eltern nicht
+und auch nicht mit den Brüdern. Es steht zu viel
+auf dem Spiel &ndash; gerade jetzt ... Du mußt mir
+nicht böse sein, Dörthe &ndash; ich habe es immer gut
+gemeint und dich lieb gehabt &ndash; und wir hätten ja
+<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span>auch so gut zusammengepaßt &ndash; aber &ndash; du hättest
+bloß einmal Vatern sehen sollen, als ich ihm sagte:
+nein, ich wollte fest bleiben, denn ich hätte dir die
+Hochzeit versprochen. Mit beiden Fäusten ist er
+da auf mich losgefahren und mit Augen wie Teller
+so groß &ndash; Dörthe, an mir liegt es ja nicht &ndash; es
+liegt nicht an mir&nbsp;...“</p>
+
+<p>Seine Stimme wurde leiser; es ging ihm doch
+zu Herzen, dieses Abschiednehmen. Aber er war
+noch nicht zu Ende; er hatte das Bestreben, sich
+gänzlich zu entlasten, und fing immer wieder von
+vorn an, von der Gegnerschaft der Eltern und den
+wütenden Augen des Vaters und dem ewigen
+Schimpfen; er wisse sich nicht mehr zu helfen; er
+sei abhängig von dem Alten sowohl wie auch von
+Albert, der jetzt das große Wort in der Familie
+führe, und alles Bitten und Jammern habe ihm
+nichts genützt. Und dann kamen wieder die wütenden
+Augen des Vaters an die Reihe &ndash; „wie Teller
+so groß“.</p>
+
+<p>Dörthe hatte kein Wort entgegnet. Sie war
+wie vom Schlage getroffen. Aus ihrem Gesicht war
+alle Farbe geschwunden; schwer schleppte Fritz sie
+an seiner Seite weiter. Sie hatte keine Ahnung
+von den gegen sie und ihr Glück gerichteten heimlichen
+Treibereien, und in der Engigkeit ihres dummen,
+kleinen Bauernhirns hatte sie auch gar nicht einmal
+gemerkt, wie man sie mit kluger Politik in letzter
+Zeit vom Gasthause fernzuhalten suchte. Anfänglich
+fand sie nicht einmal Tränen unter der Wucht des
+auf sie herabsausenden Unglücks. Sie war so starr,
+daß ihre Augen trocken blieben und ihre Lippen
+schwiegen. Aber als Fritz, um das Herzweh und
+die Verlegenheit des Augenblicks zu überwinden,
+weiter und weiter sprach, immer mit den gleichen
+Phrasen, sich zwanzigmal wiederholend, da schäumte
+ganz plötzlich die Wut über den ihr zugefügten Betrug
+und über die Treulosigkeit und Schwäche des Geliebten
+in ihr auf; sie riß sich von ihm los und schrie:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span>„Nu sei doch man still! Ich hör’ ja schon!
+Ich weiß ja schon alles! Pfui, bist du gemein!
+Du hast’s gar nicht ernst gemeint! Du hast bloß
+drauf gewartet, daß&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Und dann brachen die Tränen hervor, in
+Strömen und unaufhaltsam. Sie warf sich auf
+die Erde, in das taufeuchte Laub, und schluchzte
+und wimmerte ununterbrochen. Als er sich zu ihr
+hinabbeugte, um sie mit einigen schlecht angebrachten
+Trostworten aufzuheben, schlug sie nach ihm und
+schrie von neuem los: er solle sie nicht mehr anrühren,
+er sei ein elender Lump, er möge heiraten,
+wen er wolle, oder wen seine Eltern für ihn aussuchten
+&ndash; er ließe sich ja doch nur am Gängelbande
+führen wie ein kleines Kind.... Sie gebärdete
+sich wie unsinnig und blieb auf der feuchten
+Erde liegen, während ihr Körper konvulsivisch
+zuckte.</p>
+
+<p>Fritz wußte nicht, was er machen sollte. Am
+liebsten wäre er davongelaufen &ndash; nach Hause, zu
+Vater und Mutter und Albert; die hätten vielleicht
+Rat schaffen können. Er hatte seine Mütze auf
+das rechte Ohr geschoben, kraute sich den blonden
+Wirrkopf und blickte hilflos umher. Es war allgemach
+dunkel geworden. Am Himmel flammten
+schon die Sterne auf. Ein Käuzchen schrie in der
+Nähe.</p>
+
+<p>„Dörthe,“ sagte Fritz endlich in beklommenem
+Tone, „Dörthchen &ndash; hör doch man zu &ndash; ich bin
+ja nicht so ... ich würde ja gern, wenn’s bloß
+auf mich ankäme&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Jetzt sprang sie mit einem Satze empor. Ihr
+ganzes Gesicht hatte sich verändert. Der Schmerz
+verzerrte es und grub seine Linien in das niedliche
+Oval; die Augen blitzten.</p>
+
+<p>„Ist’s wahr, Fritz &ndash; bist du mir immer noch
+gut?“</p>
+
+<p>„O Gott!“ erwiderte er und versuchte, sie zu
+umfassen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span>Aber sie entglitt ihm.</p>
+
+<p>„So wirst du noch einmal mit den Alten und
+mit Albert sprechen,“ fuhr sie energisch fort, und
+doch klapperten dabei ihre Zähne in fröstelnder
+Angst. „Verstehst du? Sagst ihnen, daß du nicht
+mehr zurückkönntest, daß du kein Lump sein wolltest,
+daß du darauf beständest, dein Wort zu halten, und
+wenn’s auch zu wer weiß was käme! Wirst du
+das tun? Fritz, bist du denn nicht ein Mann?!“</p>
+
+<p>Die Verzweiflung beflügelte ihre Worte. Sie
+stieß mit ihren beiden Händen nach seinen Schultern,
+als wollte sie auf seine Kraft und Stärke pochen,
+drängte sich dicht an ihn heran und krallte dann wie
+eine Wahnsinnige ihre Finger in seine Arme ein.</p>
+
+<p>„Bist du nicht ein Mann?!“ schrie sie abermals.
+„Und fürchtest dich vor Vatern und vor seinen großen
+Augen! Und vor Albert, den du mit einer Hand
+aufheben kannst! &ndash; Was ist denn, wenn du ihnen
+nicht gehorchst? Bist du nicht ausgewachsen und
+mündig? Aber du zitterst ja schon, wenn Vater
+nur spricht &ndash; du Feigling, du Bangebüchse!“</p>
+
+<p>Sie begann wieder zu schimpfen und dann von
+neuem zu weinen. Ihre Energie war verraucht.
+Aber die Verächtlichkeit, mit der sie ihn behandelte,
+entzündete doch seinen Stolz. O &ndash; eine „Bangebüchse“
+war er nicht! Um des lieben Friedens
+willen hatte er nachgegeben, aber noch war nicht
+aller Tage Abend. Schön also &ndash; er würde nochmals
+mit dem Alten sprechen, „ganz verflucht“
+würde er mit dem Alten sprechen. Was konnten
+sie ihm denn tun? War er nicht ausgewachsen und
+mündig?</p>
+
+<p>Und als er sah und spürte, wie Dörthe an allen
+Gliedern zitterte, nahm er sie mit raschem Entschlusse
+auf seine Arme und trug sie so durch den
+Wald zurück, damit sie sich an seiner Brust erwärme,
+wie ein kleines Vögelchen, das aus dem Nest gefallen
+ist, und das ein barmherziger Junge unter
+die Weste geknöpft hat, um es mit nach Hause zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span>nehmen. Und wirklich &ndash; ihr wurde auch warm.
+Ihr Ohr lag an seinem Leinenkittel, und sie hörte
+sein Herz hämmern. Ein Wonneschauer durchrieselte
+sie, und frisches Hoffen ließ sie selig lächeln. Das
+war die letzte Stunde Glücks der Dörthe, da er sie
+heimtrug durch den Wald, über den die Finsternis
+immer tiefer hinabsank.</p>
+
+<p>Am nächsten Vormittag gab es eine entsetzliche
+Szene bei den Möllers. Vater und Sohn waren
+handgemein geworden. Und da hatte die alte
+Möllern die Flinte aus der Ecke gerissen und sie,
+den Kolben gegen den Leib gedrückt, auf Fritz angelegt.
+Albert war dazwischengesprungen.</p>
+
+<p>Das Ende war, daß Fritz sich kraftlos ergab.
+Er saß mit blassem Gesicht, das Haar in die Stirn
+hängend, am Tisch und schrieb den Brief, den Albert
+ihm diktierte:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="letteraddress">„Liebe Dörthe!</p>
+
+<p>Es geht nicht mit uns. Das erkläre ich Dir
+hiermit zum letztenmal, und damit Du auch weißt,
+warum nicht, will ich es Dir sagen: nämlich wegen
+der Quelle. Die Quelle stellt höhere Anforderungen
+an mich, liebe Dörthe, denen ich nachkommen muß.
+Willst Du noch mehr darüber wissen, so wende Dich
+an Albert, der Dir in Ruhe und Freundschaft alles
+auseinandersetzen wird, liebe Dörthe. Jetzt wollen
+wir uns beide geduldig unserm Schicksal fügen und
+uns möglichst wenig zu sehen kriegen. Das ist das
+beste, und mit der Zeit wirst Du mir auch nicht
+mehr böse sein, liebe Dörthe, denn Du wirst sicher
+einen andern guten und lieben Mann bekommen,
+den Dir von Herzen wünscht</p>
+
+<p class="lettersig2">Dein Fritz.“</p>
+</div>
+
+<p>Die verschiedenfachen „liebe Dörthe“ hatte der
+Schreiber aus eigner Machtvollkommenheit eingefügt.
+Gern hätte er am Schlusse gesagt: „Dein
+Dich immer noch lieb habender Fritz“&nbsp;&ndash;; aber
+Albert schaute ihm auf die Finger, auf denen die
+<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span>ungewohnte Federarbeit schwarze Tintenstreifen
+hinterließ.</p>
+
+<p>Ein Junge brachte den Brief zu Klempt. Man
+wußte, daß Dörthe allabendlich ihren Vater besuchte,
+und wollte auf dem Baronshof keinen Skandal erregen.</p>
+
+<p>Das Mädchen war noch nicht da, als der Brief
+abgegeben wurde. Tante Pauline nahm ihn in
+Empfang und betrachtete ihn mißtrauisch. Dann
+holte sie ihr Punktierbuch aus der Truhe und setzte
+sich damit an das Fenster, durch das der letzte Schein
+des Abendrots fiel. Sie war doch neugierig, was
+das zu bedeuten hatte: ein Brief gerade am Neumond.</p>
+
+<p>Klempt legte soeben in der Werkstatt sein Arbeitszeug
+beiseite, reinigte den Hobel, mit dem er
+hantiert hatte, und fegte dann die Späne zusammen.
+Er war im Begriff, seine Schürze abzubinden, als
+es an die Fensterscheiben klopfte und die fröhliche
+Stimme Dörthes ihm zurief:</p>
+
+<p>„Feierabend machen, Vater!“</p>
+
+<p>Im nächsten Augenblick hörte er den Widerhall
+ihrer Pantoffeln auf den Steinen des Hausflurs
+und dann eine Tür schlagen. Dörthe ging in die
+Wohnstube.</p>
+
+<p>Doch was war das? Der Alte lauschte. Schrie
+da nicht jemand?</p>
+
+<p>Er stürzte hinüber. Nur der schmale Flurgang
+trennte die Werkstatt von der Wohnstube, in der
+Tante Pauline bereits die Lampe angezündet hatte.</p>
+
+<p>Dörthe saß am Tisch und hielt den Kopf mit
+den Armen umschlungen. Schweigend deutete Tante
+Pauline auf den erbrochenen Brief; ein bitteres
+Lächeln zuckte um ihre scharfen Lippen.</p>
+
+<p>„Lies mal,“ sagte sie; „vor fünfundvierzig Jahren
+&ndash; da hat mich der alte Möller grad’ so sitzen lassen.“</p>
+
+<p>Das ganze Herz voll schluchzenden Grams, gebrochen
+und zerschmettert, trat Klempt unter die
+Haustür. Er konnte den Schmerz der Tochter nicht
+sehen, tausend Wunden bluteten in ihm.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span>Lind und fast sommerlich verrann dieser Herbsttag.
+Golddurchflimmerte Dämmergewebe umspannen das
+Dorf, und noch leuchtete der Himmel im Westen in
+duftigem Rosa. Von den Wiesen stiegen ganz feine
+Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und
+schlangen sich um die Häuserfirste und das Geäst
+der Bäume. Nur der Kurpark lag schon völlig im
+Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer.</p>
+
+<p>„Wegen der Quelle!“</p>
+
+<p>Und in seinem furchtbaren Herzenskummer, der
+den stillen und ruhigen Mann wütend machte, ballte
+Klempt die Hände und erhob sie drohend und
+schüttelte sie nach der Richtung des weißen Nebelsees,
+in dem der Kurpark versank: „Verfluchte
+Quelle!“</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Zwoelftes_Kapitel" id="Zwoelftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">E</span>nde Oktober ereignete sich ein tragisches Vorkommnis,
+das viel besprochen wurde und Aufsehen
+erregte. Braumüller, der sich das Trinken angewöhnt,
+seit er nichts mehr zu tun hatte, war eines
+Nachts wieder einmal in vollem Rausche nach Hause
+getorkelt, hatte den Weg verfehlt und war in eine
+Kalkgrube gestürzt, die zu Bauzwecken benutzt wurde,
+und die man am Abend vorher unglücklicherweise
+vergessen hatte mit Brettern zu bedecken, wie es
+sonst geschah. Erstickt und verbrannt wurde der
+Unglückliche am nächsten Morgen aus der Grube gezogen;
+vielleicht hatte ihn auch schon beim Sturze
+ein Schlagfluß getroffen.</p>
+
+<p>Für Hellstern war der arme Braumüller ein
+„neues Opfer der Kulturmission von Oberlemmingen“.
+Braumüllers Untergang war seiner Ansicht
+nach die logische Folge der industriellen Hetzjagd,
+die von Schellheim und den Möllers in Szene
+gesetzt wurde, um aus der Quelle so viel als möglich
+<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span>herauszuschlagen. Er war ein tüchtiger und
+arbeitsamer Bauer gewesen; aber dann erfaßte ihn
+die Gier nach schnellem Reichtum, und er verkaufte
+sein Anwesen, um nun allmählich in lässiger Faulheit
+der Trunksucht anheimzufallen.</p>
+
+<p>Zweifellos urteilte Hellstern in seiner Vereinsamung
+und Verbissenheit einseitig und ungerecht.
+Aber ebenso zweifellos machte sich im Dorfe die bei
+ähnlichen Gelegenheiten oft beobachtete Tatsache geltend,
+daß das unerwartet rasche Emporschnellen
+der Erwerbsverhältnisse von ungünstiger Rückwirkung
+auf die Bauern war. Man ernährte sich recht
+und schlecht auf seinem kleinen Besitz; man legte in
+guten Jahren ein paar Taler zurück und verbrauchte
+sie wieder in knapperen; man schlug sich bei harter
+Arbeit durch, schimpfte auf die Steuern und war
+dabei fröhlichen Muts. Und nun sah man plötzlich,
+daß es ein viel bequemeres Verdienen gab als das,
+was man erlernt, was der Sohn vom Vater und
+der Vater vom Großvater übernommen hatte. Die
+Möllers machten es den andern vor. Die hatten
+den Bauernkittel abgelegt und waren Geschäftsleute
+geworden, und sie wurden reich dabei. Warum sollte
+man ihnen nicht folgen? War es nicht ein kümmerliches
+Leben, das man bis dahin geführt hatte? &ndash;
+Thielemann, der Krämer, hatte für sein Gehöft ein
+hübsches Stück Geld eingesackt; nun war er nach
+Züllichau gezogen und eröffnete dort eine Materialwarenhandlung.
+Das war <em class="gesperrt">auch</em> ein leichterer Verdienst,
+und vor allem: hatte man nicht dabei ein
+viel besseres Leben als hier auf dem Lande, wo man
+mit Sonnenaufgang aus den Federn mußte und
+des Abends todmüde ins Bett sank?</p>
+
+<p>Es waren besonders die Frauen und die erwachsenen
+Töchter, die sich der revolutionären Bewegung
+in Oberlemmingen mit Begeisterung anschlossen.
+Sie steckten sich hinter die Männer und
+redeten in sie hinein: warum verkaufte man nicht?
+Die Möllers zahlten gute Preise &ndash; mit dem gewonnenen
+<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span>Gelde ließ sich schon etwas anfangen! ...
+In der Tat kauften die Möllers auf, was sich ihnen
+anbot. Sie hatten es um so eiliger, als einige der
+reicheren Bauern, wie Langheinrich und der Lehnschulze
+Wittke, sich gleichfalls mit Spekulationsideen
+zu befassen begannen. Auch sie wollten Logierhäuser
+bauen: sie legten den Pflug beiseite und wurden
+„Unternehmer“. Das füllte besser die Kassen. Aber
+die Möllers ärgerten sich darüber. In kluger Berechnung
+wollte Albert nach und nach das ganze
+Dorf an sich bringen, um das Gegengewicht des
+Kommerzienrats zu schwächen. Wenn den Möllers
+das Terrain rings um die Quelle gehörte, wenn
+sie das goldspendende Heilwasser gewissermaßen zernierten,
+von allen Seiten umschlossen und mit einem
+Villenkranze umgaben, dann mußten sie trotz der
+Millionen Schellheims doch schließlich die Sieger
+bleiben. Und das war die heimliche Sehnsucht
+Alberts: den Kommerzienrat zu übertrumpfen und
+bei geeigneter Gelegenheit die gesamten Anteilscheine
+des Unternehmens in die Hände der Familie zu
+bringen. Das war ein schwieriger Kampf, aber
+Albert schreckte nicht vor ihm zurück. Sein Kredit
+war gestiegen; das Bad verhieß eine blühende Zukunft;
+selbst die größeren Banken verhielten sich
+Albert gegenüber nicht mehr so abwehrend wie früher.
+Und er nahm Gelder auf, wo sie sich ihm boten;
+er kaufte, was zu kaufen möglich war, und baute
+unverdrossen darauf los. In seiner geschäftigen
+Phantasie war bereits anstatt des kleinen Dorfs
+eine prächtige Villenstadt erstanden, in der es keine
+Bauern mehr gab, sondern nur noch „Gäste“, die
+das Tal überströmten und Gold in Massen zurückließen.
+Er trug sich auch immer noch mit der Absicht,
+den Baronshof zu erobern, denn dorthin sollte
+das Sanatorium kommen, und er spekulierte auch
+nach dieser Richtung hin nicht unrichtig: der Baronshof
+sollte umzingelt werden. Die Brauerei vor der
+Parkeinfahrt war der Anfang; man wollte Hellstern
+<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span>das Leben schwer machen, man kannte seine
+Schwächen; der Rauch der Fabrikschlote und der
+Spektakel der Maschinen sollten ihn forttreiben.</p>
+
+<p>Um all diese Ideen und Machenschaften der
+Möllers kümmerte sich der Kommerzienrat wenig.
+Das war ihm zu kleinlich; er konnte keine Logierhäuser
+bauen und sie an die Badegäste vermieten.
+Aber die Brauerei hätte er gern in die Hand genommen;
+er ärgerte sich, daß Albert ihm zuvorgekommen
+war. Er hatte viel Verdruß in dieser
+letzten Zeit. Eines Tages traf Hagen auf dem Auberge
+ein &ndash; unerbeten und unerwartet &ndash; und
+brachte seine Anna mit. Er wollte sie der Mutter
+vorstellen.</p>
+
+<p>Die kleine, blonde Stepperin hatte einen gewissen
+natürlichen Takt, und das erleichterte ein
+wenig die Schwierigkeiten der Annäherung. Sie
+war auch lernbegierig und anpassungsfähig; man
+hatte ihr im Pensionat schon beigebracht, sich zu benehmen
+und die Sitten der sogenannten guten Gesellschaft
+zu respektieren. Nur merkte man ihr noch
+allzusehr an, daß sie sich mit einer beständigen inneren
+Angst abmühte, korrekt zu sein und sich nichts zu
+vergeben. Bei Tische schielte sie zuweilen unruhig
+zu den künftigen Schwiegereltern hinüber, hantierte
+nach bester Etikette mit Messer und Gabel und ließ
+die Serviette zusammengefaltet neben sich liegen.
+Sie mischte sich nie unaufgefordert in die Unterhaltung,
+und wenn sie angeredet wurde, zuckte sie
+empor und rückte auf ihrem Stuhle hin und her,
+als ob sie aufspringen wolle. Auch hatte sie vor
+Verlegenheit beständig ein rotes Köpfchen und wußte
+nie, wo sie ihre Hände lassen sollte. Aber das waren
+Kleinigkeiten. Im allgemeinen war der Eindruck,
+den sie hinterließ, kein übler. Auch die Rätin schien
+weniger erwartet zu haben. Sie hatte in jenen
+Tagen mehrfache Unterredungen mit ihrem Gatten,
+der während der Konferenzen stets aufgeregt im
+Zimmer umhermarschierte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span>„Es ist nichts zu machen,“ sagte die Rätin sanft;
+„Hagen bleibt fest. Und vielleicht ist es wirklich
+sein Glück; sollen wir es ihm zerstören?“</p>
+
+<p>„Trotzdem ist es schrecklich,“ antwortete Schellheim
+grollend. „Wenn nur der Vater nicht Straßenbahnschaffner
+wäre! Ausgesucht Straßenbahnschaffner!“ ...</p>
+
+<p>Das ging wirklich nicht. Er vergaß, daß sein
+eigner Großahn noch mit dem Packen auf dem Rücken
+die Schenken und Jahrmärkte besucht hatte. Der
+Sohn eines Königlichen Kommerzienrats konnte unmöglich
+einen Straßenbahnschaffner als Schwiegervater
+haben. Der Mann mußte aus Berlin fortgeschafft
+werden; es war angebracht, wenn man
+möglichst wenig mit ihm in Berührung kam. Er
+sollte mit seiner Familie nach Manchester übersiedeln.
+Das war ein guter Gedanke. Dort konnte
+man ihm in der Fabrik eine auskömmliche Stellung
+geben; er hatte da auch einen bequemeren
+Dienst als bei der Berliner Straßenbahn ...</p>
+
+<p>Gunther weilte noch immer im Auschlosse. Er
+hatte seine Dozentenstelle aufgegeben, um sich in
+größerer Ruhe seinen Forschungen widmen zu können.
+Sein Faustbuch war erschienen und hatte ihm einen
+glänzenden Sieg errungen. In der wissenschaftlichen
+Welt war sein Name nunmehr bekannt, sein Ruf
+gefestigt. Das gab ihm auch ein größeres Selbstvertrauen.
+Er war nicht mehr nur der Sohn eines
+reichen Mannes; der Ruhm zog vor ihm her.
+Wußte das Hedda? War auch auf den Baronshof
+die Kunde von seiner Entdeckung gedrungen?</p>
+
+<p>Der Verkehr zwischen Auschloß und Baronshof
+war wieder aufgenommen worden, aber er blieb in
+höflichen Grenzen. Hellstern und Schellheim verstanden
+sich nicht, konnten sich auch nicht verstehen.
+Sie sprachen wie in fremden Zungen miteinander.
+Aber Gunther hatte es einzurichten gewußt, daß er
+öfters mit Hedda zusammentraf. Einmal erzählte
+er ihr auch von seinem Siege. Sie freute sich darüber
+und beglückwünschte ihn. Das klang herzlich,
+<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span>aber doch nicht so warm, wie sich Gunther gewünscht
+hätte. Er schaute immer noch bewundernd zu ihr
+auf, und seine Sehnsucht, dies stolze Mädchen zu
+erringen, war die alte geblieben. Und immer noch
+ängstigte er sich vor dem schwedischen Vetter, gegen
+dessen alten Namen er nur seinen jungen Ruhm in
+die Wagschale legen konnte.</p>
+
+<p>An einem der letzten Oktobertage war Axel auf
+Döbbernitz eingetroffen. Irgend eine Botenfrau
+hatte es auf dem Baronshofe erzählt. Es dauerte
+auch nicht lange, so fand sich Axel persönlich ein.
+Ein eleganter Parkwagen, prächtig bespannt, hielt
+eines Vormittags vor der Veranda. Elastisch und
+sichtlich erfrischt durch seine Kur in dem Schweizer
+Wunderbad, sprang Axel die Stufen hinauf und
+rief nach dem Onkel und Hedda. Hedda kam auch,
+aber den Alten bannte wieder die Ischias an den
+Stuhl; er war wie festgenagelt. Doch auch er freute
+sich über das Wohlbefinden des Neffen. Noch war
+ja nicht alles in Ordnung, denn bei der leisesten Erkältung
+stellten sich die Bronchialbeschwerden wieder
+ein &ndash; aber ein Fortschritt war da. Axel fragte,
+ob er Hedda mit nach Döbbernitz nehmen könne.
+Sie war zwar schon einmal auf dem Schlosse gewesen,
+doch in Tagen, an denen noch eine chaotische
+Unordnung in allen Zimmern geherrscht hatte. Nun
+aber sollte sie bewundern und staunen; Axel selbst
+wollte sie am Nachmittag wieder zurückbringen und
+„in bester Emballage abliefern, wie ein kostbares
+Püppchen aus <em class="antiqua">vieux Saxe</em>“.</p>
+
+<p>Hellstern sagte ohne weiteres zu. Es wäre
+lächerlich gewesen, wenn er sich um Hedda hätte
+sorgen wollen; die Obhut Axels genügte ihm. Ja
+&ndash; wenn Klaus Zernin noch Herr auf Döbbernitz
+gewesen wäre! Nicht um alle Schätze der Welt
+würde der Alte seine Hedda dem auch nur für eine
+Stunde anvertraut haben!</p>
+
+<p>So fuhr man denn wieder einmal durch den
+Wald. Ach, dieser Wald, wie kannte er Heddas
+<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[259]</a></span>Seele und alle Regungen ihres Herzens! Ihm
+hatte sie sich anvertraut in Freude und Leid und
+Bangigkeit, und ihr Weh wie ihren Jubel hatte
+sein ewiges Rauschen aufgefangen und zum Himmel
+getragen. Wie vertraut war er ihr auch, wie kannte
+sie seine Stimme: sein kosendes Flüstern und lindes
+Säuseln, sein Ächzen und Stöhnen, wenn der Sturm
+anhub, und den vollen Orgelschall seiner Kronen,
+wenn der Wind durch die Wipfel tanzte. Und wie
+lieb war er ihr! In der knospenden Frühlingspracht,
+bei dem mailichen Rüsten der Natur, dem
+lichtgrünen Brautschmuck, den jeder Baum, jeder
+Strauch anlegte, und selbst der Moosgrund mit
+seinem wilden Gewirr von Erdbeerkraut, Farn und
+Krokus; im glühenden Prangen des Sommers,
+wenn das dichte Laubwerk den Sonnenstrahlen wehrte
+und unter den Buchen und Eichen ein köstliches
+Dämmerlicht herrschte &ndash; im Winter, beim Flimmern
+der Eiskristalle und der Weihnachtsstimmung
+in der weiten, schweigenden Runde, und endlich zur
+Herbstzeit, wie jetzt, bald lachend in seinem bunten
+Kleide und bald melancholisch, wenn die Nebel ihn
+umschlichen und die Regenschauer ihn durchpeitschten.
+Immer hatte sie ihn gleich lieb, den Wald, der ihre
+Seele kannte und alle Regungen ihres Herzens ...</p>
+
+<p>Nun tat er sich auf. Die Bäume traten zurück
+&ndash; da sah man Döbbernitz liegen! Vom Schloßturm
+herab flatterte eine Doppelfahne, die preußische
+und die schwedische &ndash; „dir zu Ehren, Hedda,“ sagte
+Axel und nahm den Hut ab.</p>
+
+<p>Er sprach das sehr feierlich, doch Hedda achtete
+kaum darauf. Es beschwerte etwas ihr Herz &ndash; sie
+wußte selbst nicht so recht, was es war. Vielleicht
+der Gedanke an Klaus. Es war nur natürlich, daß
+sie an ihn dachte, da sie Döbbernitz vor sich auftauchen
+sah. Die Leute sagten, er säße noch immer
+in Monte Carlo. Er war ja so wie so verloren
+für sie ...</p>
+
+<p>Der Wagen rasselte in den gepflasterten Schloßhof.
+<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[260]</a></span>Diener sprangen herzu; unter dem Portal erschien
+ein älterer Mann in einfachem Livreerock:
+der Schloßverwalter. Man merkte sofort, daß hier
+wieder Ordnung und Reichtum herrschten.</p>
+
+<p>Axel bot Hedda zunächst Frühstück an, doch sie
+dankte. Nun begann der Rundgang durch das
+Schloß. Der westliche Flügel stand noch leer; aber
+Mittelbau und Ostflügel enthielten allein schon über
+dreißig Zimmer und Säle. Und Hedda erstaunte
+und bewunderte in der Tat. Mit reichlichen Mitteln
+ließ sich ja vieles machen, aber hier hatte vor allem
+ein gediegener, feiner und durchgebildeter Geschmack
+die Führung übernommen. Er sprach aus jedem
+Arrangement, jeder Einzelheit. Es war Hedda unfaßlich,
+daß Axel dies alles ohne persönliches Eingreifen,
+lediglich auf dem Wege des Briefwechsels
+hatte nach seiner Wahl schaffen und entstehen lassen
+können. Er lachte über ihre Verwunderung. Ganz
+leicht war es freilich nicht gewesen. Aber er hatte
+seinen Sekretär, einen kundigen und tüchtigen Menschen,
+bei sich in Gehringen gehabt. Mit ihm hatte
+er stoßweise die eingesandten Kartons, Zeichnungen
+und Musterbücher, Photographieen und Proben
+durchgesehen und nach diesen seine Bestellungen gemacht.
+Auch durfte Hedda nicht vergessen, daß die
+gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung gleichfalls
+nach Döbbernitz geschafft war, außerdem gar
+vieles, das in den letzten Jahren hie und da zusammengekauft
+und inzwischen auf Speichern untergebracht
+worden war.... „Ich habe sonst keinerlei
+Passionen,“ sagte Axel, „wirklich gar keine, aber meine
+Vorliebe für künstlerischen Schmuck, schöne Möbel,
+Antiken, Bibelots und so weiter würde ich ungern aufgeben.
+Meine Freunde behaupten immer, ich hätte
+den ‚kunstgewerblichen Pips‘ &ndash; das sei eine ausgesprochene
+Modekrankheit. Ich glaube eher, daß
+diese Vorliebe auf mein einsames Leben in den
+letzten Jahren zurückzuführen ist, das mir eine ernsthaftere
+Beschäftigung nahelegte, und da warf ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span>mich denn so ein bißchen auf die Kunst. Übrigens
+siehst du, daß noch überall Lücken sind. Und das
+paßt mir gerade, denn das Ausfüllen, Glätten und
+Harmonisieren macht mir am meisten Spaß; es erfordert
+nämlich dann und wann sogar eine gewisse
+Überlegung ... Sage mal, Hedda“ &ndash; und Axel
+blieb stehen&nbsp;&ndash;, „fällt dir denn gar nichts an mir
+auf? Ich meine, an meiner Sprache?“</p>
+
+<p>Sie schüttelte zuerst den Kopf, und dann nickte
+sie lebhaft, unter herzlichem Lachen.</p>
+
+<p>„Ach ja &ndash; das ei! Du sprichst das ei jetzt
+ganz menschlich aus! Wer hat dich das gelehrt?!“</p>
+
+<p>„Auch mein Sekretär &ndash; das ist ein kundiger
+Thebaner. Er hat mir jeden Morgen eine halbe
+Stunde Unterricht gegeben. Es war mir doch sehr
+unangenehm, daß du in mir immer den Ausländer
+merktest! ... Siehst du, das ist der große Saal!
+Da fehlt ja nun noch mancherlei, aber der Eindruck
+ist immerhin schon ein ganz hübscher &ndash; nicht wahr?“</p>
+
+<p>Und wieder begann Axel zu erklären. Die hochlehnigen
+Chorstühle waren florentinische Arbeit; er
+hatte sie schon vor Jahren einem Hotelier in Venedig
+abgekauft, weil er sie so schön fand, und zweifellos
+paßten sie mit ihren massiven und doch auch schlank
+und edel wirkenden Formen ausgezeichnet in den
+großen Raum dieses alten Rittersaals. Die Fenster
+hatten wieder buntes Glas erhalten; die Gardinen
+bestanden aus geschorenem rotem Burgundersamt
+mit Bordüren aus gelbem Seidendamast. An einer
+Wand sah Hedda einen riesigen, zweitürigen Aufsatzschrank,
+auf dem ein paar köstlich gearbeitete
+Zunfthumpen aus Zinn standen. Überall auf Stühlen
+und Tischen lagen noch Stoffe, die zur Dekoration
+verwandt werden sollten, Brokate und Samtdecken,
+alte Kaseln, Stücke von Meßgewändern mit geometrisch
+geordneten Goldstickereien; vor dem Kamin
+war ein Dutzend orientalischer Gebetteppiche mit
+herrlichen Musterungen übereinandergeschichtet worden,
+daneben häufte sich ein Wirrwarr alter Seidenfransen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span>Silberspitzen und schwerer Quasten auf.
+So sah es in den meisten Zimmern aus; die ganzen
+Sammlungen Axels waren hierher geschafft worden
+und sollten Verwendung finden.</p>
+
+<p>Axel sprach rasch und begeisterungsfreudig. Es
+machte ihm sichtlich Spaß, Hedda seine Schätze zu
+zeigen; er wußte auch gut Bescheid, erinnerte sich
+genau, wo er dies und jenes Stück erworben hatte,
+erzählte viel, schob Anekdotisches ein und war sehr
+aufgeräumt.</p>
+
+<p>Schließlich ermüdete Hedda ein wenig vom Sehen
+und Umherwandern.</p>
+
+<p>„Du sollst dich ausruhen,“ sagte Axel, „aber
+in deinen Zimmern. Ich schrieb es dir ja; ich habe
+für dich und den Onkel ein paar Räume einrichten
+lassen. Lieber Gott, Platz ist genug im Schlosse,
+und ich bin froh, daß ich meinen alten Plunder
+unterbringen konnte.“</p>
+
+<p>Er führte sie in den nach dem Parke hinausführenden
+Flügel. Dort lagen die vier Gemächer
+seiner „Ehrengäste“, wie er sich ausdrückte: ein Empiresalon
+mit anstoßendem Schlafkabinett für Hedda,
+und ein Wohn- und Schlafzimmer für den Onkel.</p>
+
+<p>Hedda war überrascht, als sie den Salon betrat.
+Die wunderschöne alte Empiregarnitur, die hier
+aufgestellt worden war &ndash; die Sessel aus Palisander
+mit reichen Intarsien und ihrem grünlichen Damastbezug,
+der Schreibschrank mit den Wedgewoodvasen
+und seinem zwischen Alabastersäulen hineingebauten
+Gewirr zahlloser kleiner Schubladen, die Vitrinen
+und schön gestickten Paravents &ndash; all dies entzückte
+sie nicht so sehr wie der wundervolle Duft, der ihr
+entgegenschlug, und der Blumenflor, der sich vor
+ihr auftat. Überall standen in Vasen und Gläsern
+frische Rosen. Man begriff kaum, wie Axel zur
+Herbstzeit diese Blütenfülle herbeigeschafft hatte.
+Aus einem hohen Kelchglas mit gedrehtem Schaft
+quollen voll aufgeblühte Gloires de Dijon: in einer
+großen Kristallschale badeten sich blaßrosa Röschen;
+<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span>aus einer Vase von Meißener Porzellan blühte es
+flammend rot empor, aus einer andern burgunderfarbig
+und wie Atlas schimmernd, und wieder aus
+einer ganz weiß, gleich frisch gefallenem Schnee.
+Es war zauberhaft.</p>
+
+<p>Hedda war mitten im Zimmer stehen geblieben
+und hatte die Hände über der Brust gefaltet. Ihr
+Auge strahlte.</p>
+
+<p>„O wie schön &ndash; wie schön!“ sagte sie flüsternd.</p>
+
+<p>Er lächelte glücklich.</p>
+
+<p>„Es macht mich stolz, daß ich dir eine Freude
+bereiten konnte,“ antwortete er. „Das Zimmer kam
+mir noch so kahl vor &ndash; so unbewohnt&nbsp;&ndash;, und ich
+weiß, du liebst die Rosen&nbsp;...“</p>
+
+<p>Rührung überkam sie. Diese zarte und sinnige
+Aufmerksamkeit stimmte sie weich. Sie streckte ihm
+beide Hände entgegen.</p>
+
+<p>„Lieber Axel“ &ndash; und nochmals wiederholte sie:
+„Lieber Axel!“</p>
+
+<p>Vielleicht war es der zärtliche Ton ihrer Stimme,
+vielleicht der weiche Ausdruck ihres Auges, der ihm
+Mut gab. Er lag plötzlich zu ihren Füßen und
+bedeckte ihre Hände mit Küssen.</p>
+
+<p>„Hedda,“ stammelte er, „sei meine Herrin! In
+der Hoffnung auf dich erwarb ich diesen Besitz. Schau
+dich um &ndash; alles sei dein! Es sind nur irdische
+Güter, aber du wirst ihnen Geist und Seele geben.
+Es sollte meine Heimat werden, doch ich fühle es,
+ich habe keine ohne dich. Woran lag es, daß ich
+so einsam war? Nun weiß ich es: weil mein Herz
+liebeleer war! Ich habe mein halbes Leben hinter
+mir und &ndash; o Gott, wie war es öde und frostig!
+Ja, Hedda &ndash; jetzt bin ich erst meines Lebens froh
+geworden und erst meine Liebe zu dir hat die Einsamkeit
+verjagt, und erst deine Liebe wird mir die
+Heimat schaffen!“</p>
+
+<p>Sie war sehr blaß geworden und zitterte. Er
+sah es, sprang auf, umschlang sie und führte sie an
+den nächsten Sessel.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span>„Ich war stürmisch,“ fuhr er fort, „vergib mir!
+Ich wollte noch warten und langsam um dich
+werben, mir Schritt für Schritt deine Liebe zu gewinnen
+suchen, aber &ndash; es kam so plötzlich über
+mich, als du mich ‚lieber Axel‘ nanntest! Und es
+ist auch ganz gut &ndash; ich hatte Furcht vor dieser
+Stunde&nbsp;&ndash;, ja, ich gestehe es &ndash; nun hab’ ich es
+hinter mir.“ ... Er setzte sich zu ihren Füßen....
+„Du sollst Zeit haben, Hedda, sollst prüfen und
+überlegen&nbsp;&ndash;, ich will keine Antwort von heute zu
+morgen.... Ich kann ja auch nicht verlangen,
+daß du mich so liebst wie ich dich &ndash; aber vielleicht
+lernst du mich lieben. Ich bin schon zufrieden,
+wenn du mir nur Hoffnung gibst.... Und
+passen wir denn nicht auch zu einander, Hedda?
+Aus gleichem Stamme, mit gleichen Neigungen?
+Lockt dich nicht auch das Ziel, diesen alten Hellsternschen
+Besitz wieder zu Frucht und Blüte zu
+bringen?“</p>
+
+<p>Er sprach noch weiter. Es mußte alles von
+seinem Herzen, was er an Hoffnungen und frohen
+Erwartungen aufgespeichert hatte. Hedda sah, wie
+dieser Glücksrausch, den die Zukunftsbilder in ihm
+entfachten, seine guten und treuen Augen erstrahlen
+ließ, wie es gleich Frühlingssonnenschein über sein
+hübsches und vornehmes, schmales Gesicht flutete.
+Der Duft der Rosen betäubte sie. Sie atmete
+schwer.</p>
+
+<p>„Ich danke dir, Axel, daß du mir Bedenkzeit
+gibst,“ antwortete sie. „Ich bedarf ihrer; es kam
+mir alles zu unerwartet.... Und &ndash; und &ndash; die
+Rosen duften so stark&nbsp;...“</p>
+
+<p>Sie erhob sich schwankend. Er stützte sie und
+riß dann ein Fenster auf. Unten dehnte der weite
+Park sich aus, im Schmucke des Spätherbstes &ndash;
+eine tausendfach gefleckte Palette: bunte Baumwipfel,
+noch grüne Rasenflächen, schillernde Teppichbeete,
+rotes Weinlaub. Darüber hinweg sah man
+auf breite Streifen Acker und Feld; die Herbstbestellung
+<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span>war in vollem Gange. Vom Wirtschaftshofe
+herüber erscholl der Lärm der Arbeit.</p>
+
+<p>O ja &ndash; das alles lockte!</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Hedda fuhr allein nach Oberlemmingen zurück.
+Sie hatte Axel gebeten, sie nicht zu begleiten; es
+wäre nicht nötig. In Wahrheit fürchtete sie sich
+vor dieser Fahrt durch den Wald &ndash; zu zweien.
+Sie mußte Ruhe haben, um zu sich selbst zu kommen,
+um überlegen und nachdenken zu können.</p>
+
+<p>Sie fragte sich, ob sie die Werbung Axels nicht
+erwartet hätte. Schon bei seinem ersten Besuche im
+Frühjahr hatte sie den Eindruck empfangen, als
+hätte sie ihn nicht gleichgültig gelassen. Er war
+der dritte! Erst Klaus, dann Gunther, nun er.
+Aber wenn sie ihr Herz durchforschte &ndash; ach, einer
+nur hatte es zu entflammen gewußt, ein Verlorener!
+Konnte sie Axel ihr Jawort geben, da doch das
+Bild des andern noch immer lebendig in ihr war?
+Und war sie nicht auch immer noch an Klaus gebunden?
+Er hatte sie rufen und holen wollen,
+wenn er sich in der Fremde eine Stellung geschaffen
+haben würde; mit diesem Versprechen war er von
+ihr geschieden. Darüber waren Monde vergangen.
+Die Leute sagten, er verspiele seinen Erlös aus
+dem Verkaufe von Döbbernitz am grünen Tische
+Monacos. Aber wer wußte, ob das wahr sei?
+Konnten die Leute nicht irren? Hatte nicht vielleicht
+wirklich schon drüben in Amerika der „Fron“ für
+ihn begonnen, der ihn läutern und entsündigen
+sollte?</p>
+
+<p>Axel war eine Partie nach dem Herzen ihres
+Vaters. Hedda hörte schon den Jubel des alten
+Herrn.... Und warum sollte sie nicht glücklich
+werden an der Seite dieses Mannes? Er war
+eine durch und durch noble Natur, von seltener
+Herzensgüte und feinem Empfinden, ein Edelmann
+im besten Sinne des Worts. Und ganz zweifellos
+&ndash; auch sein Reichtum sprach mit ...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span>Hedda drückte sich tief in die Wagenecke. Würde
+sie in Döbbernitz nicht täglich und stündlich an Klaus
+erinnert werden? Würde es nicht eine ewige Qual
+sein!? Warum ließ sich diese unselige Liebe nicht
+ausreißen &ndash; warum mußte sie fortleben und immer
+neue Schmerzen erzeugen!?</p>
+
+<p>Als Hedda auf dem Baronshofe eintraf, gab
+August ihr mit geheimnisvoller Miene einen Brief.
+Ein Kind hätte ihn gebracht, und da auf dem Umschlage
+stand: „An Baronesse Hedda Hellstern.
+Persönlich zu erbrechen“, so glaubte August sehr
+klug gehandelt zu haben, daß er ihn nicht erst in
+die Hände des Herrn Barons gelangen ließ.</p>
+
+<p>Hedda drohte das Herz still zu stehen, als sie die
+Aufschrift sah. Sie erkannte Zernins Hand, seine
+elegante und zierliche, charakterlose Schrift. Hastig
+stürmte sie auf ihr Zimmer und riß das Kuvert
+auseinander.</p>
+
+<p>„Ich muß dich sprechen,“ schrieb Klaus, „es
+handelt sich um meine Zukunft, vielleicht um mein
+Leben. Sei, bitte, um fünf Uhr an der alten
+Stelle am See. K.“</p>
+
+<p>Um fünf Uhr &ndash; da war keine Zeit zu verlieren.
+Sie schwankte keinen Augenblick. Sie überlegte
+auch nicht, warum Klaus wieder zurückgekehrt sei;
+sein Leben stand auf dem Spiel &ndash; was gab es
+da noch zu überlegen!</p>
+
+<p>In aller Eile begrüßte sie ihren Vater. Es sei
+wunderschön geworden auf Döbbernitz, erzählte sie
+in Hast; beim Abendtisch wolle sie ausführlich sein,
+aber jetzt habe sie unleidliche Migräne und wolle
+daher noch auf ein halbes Stündchen in den Wald.
+Und ehe der Alte noch so recht zu Wort kommen
+konnte, war sie schon fort.</p>
+
+<p>Als sie den Waldrand erreicht hatte, nahm sie
+ihre Uhr in die Hand. Es fehlten nur noch zehn
+Minuten zu fünf. Sie stürmte vorwärts &ndash; gedankenlos,
+in fieberischer Aufregung. Wieder war
+der Wind erwacht und rauschte im Gezweige. Große
+<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span>Massen falber Blätter rieselten auf sie herab.
+Vier Rehe jagten in langen Sprüngen quer über
+den Weg.</p>
+
+<p>Gottlob &ndash; da war der See! Blaugrau, mit
+Gischt übergossen und stark bewegt, tauchte er
+zwischen den Stämmen auf. Und da war auch
+Klaus!</p>
+
+<p>Er schritt im Ufergrase auf und ab. Schon
+aus der Entfernung fiel es Hedda auf, daß sich
+sein Reiseanzug in arg vernachlässigtem Zustande
+befand. Sein Gesicht war schmal geworden, bleich,
+verwüstet; tiefe Schattenringe umgaben die Augen.</p>
+
+<p>Er stürzte ihr entgegen.</p>
+
+<p>„O Hedda &ndash; Gott sei gelobt!“</p>
+
+<p>Er haschte nach ihren Händen und wollte sie
+küssen, doch sie entzog sie ihm. Es stürmte gewaltig
+in ihr, aber sie wollte wenigstens Ruhe heucheln.</p>
+
+<p>„Guten Tag, Klaus! Wo kommst du her?“</p>
+
+<p>„Aus dem Süden, Hedda, von der Riviera. Es
+war eine Verrücktheit. Ich hätte unten bleiben
+oder gleich weiter reisen sollen. Aber ich wollte
+dich noch einmal sehen&nbsp;&ndash;, noch einmal &ndash; das letzte
+Mal &ndash; ich verging fast vor Sehnsucht!“</p>
+
+<p>„Klaus &ndash; warum lügst du?“</p>
+
+<p>Sie sagte das in so herbem Tone, daß er zusammenzuckte.
+Alle Nerven in ihm schienen bis
+zum Übermaß angespannt zu sein. Die Muskeln
+blitzten in seinem Gesicht, seine Hände flogen.</p>
+
+<p>„Lügen &ndash; nein, ich lüge nicht,“ stieß er hervor.
+„Ich &ndash; ich muß auch wahr sein! Also ich kehrte
+zurück&nbsp;&ndash;, die Torheit ist einmal geschehen. Ich
+hätte es nicht getan, wenn ich gewußt hätte, daß &ndash;
+daß ich verfolgt werde &ndash; daß man mich sucht&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Hedda starrte ihn mit großen Augen an.</p>
+
+<p>„Verfolgt &ndash; aber von wem?“</p>
+
+<p>„Von den Behörden&nbsp;...“ Nun hatte er doch
+ihre Hände ergriffen und hielt sie mit seinen heißen
+Fingern fest, während seine Augen sich mit unheimlichem
+Ausdruck in die ihren bohrten ...<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span>
+„Hedda, ich habe mich zu einer schmachvollen Tat
+verleiten lassen. Verurteile mich, beschimpfe mich &ndash;
+aber rette mich &ndash; hilf mir!“ ... Und stöhnend
+brachte er die furchtbare Selbstanklage heraus:
+„Ich habe die hinterlassenen Papiere meines Vaters
+nach dem Auslande verkauft.“</p>
+
+<p>Anfänglich begriff sie ihn nicht. Aber dann
+brach blitzschnell das Verständnis für die Schändlichkeit
+in ihr durch ... Beim Tode des alten
+Ministerpräsidenten hatten die Zeitungen die Nachricht
+gebracht, daß sich in der Hinterlassenschaft des
+Freiherrn von Zernin so gut wie nichts von politischer
+Bedeutung vorgefunden hätte. Klaus hatte
+die wichtigsten Papiere beiseite geschafft und sie bei
+Gelegenheit an eine ausländische Regierung verkauft
+... Und plötzlich glaubte Hedda auch den
+Grund des wütenden Hasses ihres Vaters und
+Eyckens gegen Klaus gefunden zu haben. Die
+beiden wußten um die verschwundenen Papiere
+und mochten ahnen, wohin sie gebracht worden
+waren ...</p>
+
+<p>O Schmach &ndash; Schmach!</p>
+
+<p>Hedda stand bewegungslos, wie eine Bildsäule,
+vor dem verkommenen Mann. Es war ihr, als
+hätte der Tod in ihr Herz gegriffen, mit seiner
+Knochenfaust jede Erinnerung an diese erste Liebe
+zu zerdrücken und zu vernichten. Eisig durchströmte
+es sie. Ihre Finger krampften sich zusammen, und
+in den äußersten Spitzen hatte sie das nervöse Gefühl
+heftiger Stiche, wie von Nadeln. Es siedete
+und dröhnte in ihrem Kopf, und dabei hatte sie
+doch das Bewußtsein, daß sie gefaßt und kaltblütig
+bleiben müsse. Um ihre Hände zu beschäftigen und
+sich bei mechanischer Spielerei allmählich zu beruhigen,
+riß sie ein paar Gräser aus und zerpflückte
+sie.</p>
+
+<p>Und dann brachte sie mühselig hervor: „Ich
+will nicht rechten mit dir. Wie kann ich dir
+helfen?“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[269]</a></span>Klaus hatte mit Angst in ihrem Gesicht gelesen.
+Nun hob ein tiefer Atemzug seine Brust.</p>
+
+<p>„Ich muß morgen über die Grenze sein,“ sagte
+er schnell und halblaut, als fürchte er, auch hier
+belauscht zu werden. „Aber ich habe kein Geld.
+Ich habe verdammtes Pech gehabt &ndash; da unten.
+Geh zu Schellheim und laß dir ein paar tausend
+Mark für mich geben &ndash; fünf, sechs genügen&nbsp;&ndash;,
+er wird es dir nicht abschlagen.... Und dann schicke
+mir das Geld nach dem alten Jagdhause in der
+Döbbernitzer Schlucht; dort bin ich bis Mitternacht.“</p>
+
+<p>Sie nickte nur. Ihr Blick hatte etwas Erloschenes,
+wie auch in ihrem Herzen alles erloschen
+war: der ganze Sonnenschein ihrer Jugend.</p>
+
+<p>„Gut,“ sagte sie tonlos, „du erhältst das Geld.“
+Und ohne Lebewohl wandte sie sich um und ging.</p>
+
+<p>Er sprang ihr nach. „Hedda,“ keuchte er, „kein
+Abschiedswort, kein&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Unter ihrem Flammenblick brach er ab. Ja &ndash;
+jetzt kam wieder Leben in das tote Auge; es sprühte
+und loderte vor Verachtung und Empörung. Hoch
+und groß stand sie vor ihm.</p>
+
+<p>„Nein,“ antwortete sie hart. „Kein Abschiedswort!
+Daß du den großen Namen deines Vaters
+entehrtest, daß du dein Wappen beflecktest, daß du
+deine Liebe niedertratst &ndash; alles hätte ich dir verzeihen
+können. Denn meine Liebe ist stärker als
+deine. Aber für den Schuft, der um feiles Geld
+sein Vaterland verrät&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Sie sah, wie er sich duckte, wie ein Hund den
+die Peitsche trifft. Und da sprach sie nicht weiter.
+Sie ging.</p>
+
+<p>Hoch und groß ging sie, solange sie fürchtete,
+daß sein Blick ihr noch folgte. Aber dann, als
+Eichen und Buchen sie dichter umscharten und der
+See längst hinten liegen mußte, brach sie zusammen.
+Geknickt, keuchend und nur mit Mühe schleppte sie
+sich vorwärts. Und der Herbststurm brauste stärker
+durch den Wald und rüttelte und schüttelte die Wipfel.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[270]</a></span>Pastor von Eycken freute sich, als er Hedda
+bei sich eintreten sah. Aber ihm entging nicht ihr
+erregtes Wesen, ihr umdüsterter Blick und der
+bittere Zug in ihrem Gesicht.</p>
+
+<p>„Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr
+Pastor,“ begann Hedda, dankend den Stuhl ablehnend,
+den er ihr zugeschoben hatte.</p>
+
+<p>„Sie ist schon gewährt, liebes Kind &ndash; wenn
+nämlich ihre Erfüllung in meiner Macht steht.“</p>
+
+<p>„Ich hoffe es. Ich weiß, Sie haben größere
+Kapitalien liegen, Sie bedürfen ihrer für Ihren
+Bau. Wollen Sie mir sechstausend Mark leihen?
+Aber es muß auf der Stelle sein; wenn ich die
+Summe bei Ihnen nicht erhalte, würde ich auf
+das Auschloß gehen.“</p>
+
+<p>Eycken war erstaunt zurückgefahren. Das war
+das einzige, was er nicht erwartet hatte.</p>
+
+<p>„Allerdings,“ erwiderte er, „ich habe das Geld
+liegen. Und ich gebe es Ihnen auch, aber ich muß
+Ihnen gestehen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Mit flehend erhobenen Händen stürzte sie ihm
+entgegen und erfaßte seine Arme. Sie lag fast an
+seiner Brust.</p>
+
+<p>„Kein Aber, lieber, lieber Herr Pastor!“ rief
+sie, während ihr ganzer Körper bebte und ihr
+Auge voll Angst und Verzweiflung an seinem
+Antlitz hing. „Fragen Sie auch nicht, wozu ich
+die Summe brauche! Ich gebe Ihnen mein Wort
+&ndash; ich schwöre Ihnen, daß ich sie Ihnen in
+drei, vier Monaten zurückerstatte &ndash; vielleicht schon
+früher&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Er schloß sie in seine Arme und küßte sie mit
+väterlicher Zärtlichkeit auf die Stirn.</p>
+
+<p>„Mein liebes Herz &ndash; was gilt mir das Geld,
+und was sind mir diese paar tausend Mark!“ sagte
+er und strich mit der Rechten liebkosend über ihren
+Scheitel. „Was mich beunruhigt, ist lediglich die
+Tatsache, daß Sie es erbitten &ndash; und sicher doch
+nicht für sich selbst&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[271]</a></span>Er stockte. Eine Ahnung überkam ihn. Sein
+Gesicht wurde sehr ernst; er schaute Hedda forschend
+in die Augen.</p>
+
+<p>„Hedda &ndash; ist Klaus wieder zurück?“</p>
+
+<p>Und da sie den Kopf neigte, ließ er sie los und
+trat zurück.</p>
+
+<p>„Dann keinen Pfennig,“ sagte er rauh. „Ihm
+nichts mehr &ndash; nichts!“ Und plötzlich strömte wieder
+seine Liebe zu dem Mädchen, dessen Seele er in
+allen ihren Schwingungen zu kennen glaubte, in
+warmen Wellen durch sein Herz. „Hedda,“ rief er,
+„wie konnten Sie vergessen, was Sie mir versprochen
+hatten &ndash; schon vor zwei Jahren&nbsp;&ndash;, dieser Ihrer
+unwürdigen Liebe ein Ende zu machen!? Ja, unwürdig,
+denn Klaus ist schlimmer gewesen als
+leichtsinnig! Fragen Sie ihn einmal, wo die Papiere
+seines verstorbenen Vaters geblieben sind! Ich war
+der beste Freund des Alten und habe gewußt, welch
+reiches Material an Briefschaften und Tagebüchern
+und geheimen Mappen er hinterlassen hat. Aber
+als nach seinem Tode die Regierung kam, um diese
+Papiere einzufordern, da fand sich nur Unwichtiges
+und Gleichgültiges vor. Ihr Vater, Hedda, war
+gerade so erstaunt darüber als ich, &ndash; und als
+dann Klaus auf einmal, mitten im Zusammenkrachen,
+auf Wochen verschwand, um mit den Taschen
+voller Geld wieder heimzukehren, da dämmerte
+ein furchtbarer Verdacht in uns beiden auf ...
+Hedda, wenn Sie noch einmal mit Klaus Auge in
+Auge stehen sollten, dann fragen Sie ihn einmal,
+ob er nicht mit den Papieren seines Vaters einen
+ehrlosen Schacher getrieben habe!“</p>
+
+<p>Sie wagte den Sprechenden nicht anzuschauen;
+sie nickte mit abgewandtem Kopfe.</p>
+
+<p>„Er hat es,“ erwiderte sie dumpf. „Er hat es
+mir selbst anvertraut &ndash; und ich soll ihm über die
+Grenze helfen.“</p>
+
+<p>Sie nestelte das Billet Zernins aus ihrer Tasche
+und reichte es Eycken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[272]</a></span>Der Pastor überflog es. „Er fürchtet, daß man
+seine Schande entdeckt habe?“</p>
+
+<p>„Er sagt, man verfolge ihn bereits.“</p>
+
+<p>Eycken pfiff durch die Zähne. „Und wer soll
+ihm das Geld bringen und wohin?“</p>
+
+<p>„Er wartet bis Mitternacht in dem verfallenen
+Jägerhaus &ndash; unten, in der Döbbernitzer Schlucht.
+Ich wollte Kopfschmerzen vorschützen und dem Vater
+früher gute Nacht sagen als sonst, und dann wollte
+ich mich selbst hinausschleichen zum Jägerhaus &ndash;
+wen sollte ich denn schicken, ohne daß es aufgefallen
+wäre?!“</p>
+
+<p>Eycken hatte seinen Entschluß gefaßt. „Gehen
+Sie nach Hause, Hedda,“ sagte er. „Sie sollen
+ihn nicht mehr zu sehen bekommen &ndash; nie wieder!
+Kämpfen Sie tapfer nieder, was noch für ihn in
+Ihnen lebt&nbsp;&ndash;, er ist fürderhin tot für Sie!“</p>
+
+<p>Hedda sank an des Greises Brust. „Für ewig,“
+schluchzte sie, „ich weiß es&nbsp;&ndash;, aber beweinen kann
+man doch seine Toten!“</p>
+
+<p>„Ja, Hedda &ndash; weinen Sie sich aus. Daheim,
+in stillen Stunden &ndash; Sie werden schon solche
+finden. Und zagt Ihr Herz, dann sprechen Sie
+mit Ihrem Gott. Er wird Sie stärken, unser
+Gott der Liebe, und Ihnen überwinden helfen!“</p>
+
+<p>Er drängte sie sanft zur Tür.</p>
+
+<p>„Ich will mich beeilen. Ich geh’ selbst zum Jägerhause
+und werde Klaus das Geld bringen. Es ist
+nicht das erste. Und dann soll er ein letztes Wort
+von mir hören“ &ndash; er hob dräuend die Rechte und
+reckte sich &ndash; „als Prediger des Wortes Gottes,
+als sein Seelsorger, und als Edelmann will ich
+ihm sagen, wie ich über ihn denke!“</p>
+
+<p>Das war eine schlummerlose Nacht für Hedda.
+Draußen umbrauste der Sturm das Haus, wie
+damals im Winter, als der Vater ihr am Abend
+vorher von der Werbung Gunthers erzählt hatte,
+und als sie im Auschlosse nach länger als Jahresfrist
+wieder einmal mit Klaus zusammengetroffen
+<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[273]</a></span>war. Und wie damals wälzte sie sich auch heute
+wieder ruhelos im Bette, und eine wilde Flut von
+Gedanken stürmte auf sie ein. Jetzt mußte Klaus
+bereits auf der Flucht sein, und sein verbrecherischer
+Leichtsinn verschloß ihm für immer die Rückkehr in
+die Heimat. Eycken hatte recht, wenn er sagte:
+Klaus ist tot. Und unwillkürlich drängte sich Hedda
+die Frage auf: Wär’ es nicht besser gewesen, sie
+hätte ihn bei seinem Entschlusse belassen, als er im
+Sommer schon im Begriffe stand, zu den Pistolen
+zu greifen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu
+bereiten? Freilich &ndash; vielleicht war auch das nur
+Pose und Rederei gewesen, nur eine Lüge. Durch
+sein ganzes Leben ging der Fluch der Lüge &ndash;
+selbst seine Liebe zu ihr trug den Stempel der Lüge.
+Denn sonst hätte er sich aufraffen und zu besserem
+Leben durchringen müssen, hätte nicht so erbärmlich
+tief sinken können. Wo spürte man an ihm
+etwas von der reinigenden Kraft einer großen
+Neigung? Hatte er je den Vorsatz gehabt, sich um
+ihretwillen aus dem Sumpfe herauszuarbeiten,
+dessen morastige Wellen ihn höher und höher
+umschlugen?</p>
+
+<p>Hedda schauerte zusammen. Sie konnte sich von
+dem Empfinden nicht frei machen, als seien auch
+an ihr Spuren dieses Schmutzes haften geblieben,
+als müsse sie nach einem Läuterungsbade suchen,
+nach Sühne und Entsündigung. Bot Axel ihr die
+Befreiung von dem Gefühl der Erniedrigung, das
+in ihr aufquoll? &ndash; Die stille Vornehmheit seines
+Wesens stand in schroffem Gegensatze zu der Zügellosigkeit
+Zernins. Vielleicht war es wirklich ein
+Reinwaschen und ein Sühnen der Vergangenheit,
+wenn sie mit ganzer Kraft versuchte, diesen Mann
+glücklich zu machen.</p>
+
+<p>Draußen stürmte und wetterte es weiter. Mit
+Ungestüm brauste der Wind durch den Park und
+fauchte und heulte &ndash; fauchte und heulte auch um
+das verfallene, kleine Jagdhaus in der Döbbernitzer
+<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[274]</a></span>Schlucht, in dem sich zu dieser Stunde zwei Männer
+mit blitzenden Augen und zorngeröteten Gesichtern
+gegenüberstanden.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">A</span>m andern Morgen hatte der Sturm zwar etwas
+nachgelassen, aber dafür hatte sich der Himmel
+mit schwarzgrauen Wolken bedeckt, und jeden Augenblick
+drohte der Regen zu fließen. Eine mürrische
+Stimmung lag über der Natur.</p>
+
+<p>Im Kamin neben dem Frühstückstische brannte
+schon das Feuer. Der Baron saß in seinem großen,
+dicht an den Tisch herangeschobenen Lehnstuhl und
+rührte in seiner Teetasse. Das blasse Gesicht
+seiner Tochter gefiel ihm nicht.</p>
+
+<p>„Hast schlecht geschlafen, Hedda &ndash; he?“ fragte er.</p>
+
+<p>„Ja, Papa &ndash; der Sturm war arg&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„War arg, hast recht &ndash; ich konnte auch keine
+Ruhe finden. Und heute früh um sechs Uhr ging
+schon wieder das Hämmern und Pumpen und
+Schnauben in der Brauerei los. Auf das Wetter
+scheint der Halunke, der Möller, keine Rücksichten
+zu nehmen.“</p>
+
+<p>„Der Bau soll noch vor Frostbeginn unter Dach
+sein. Die Arbeiter haben einen schweren Stand.
+Die eine Wand hat sich gesenkt; ich glaube, das
+Fundament ist auf dieser Seite vom Wasser unterspült
+worden.“</p>
+
+<p>Der Baron lachte höhnisch auf.</p>
+
+<p>„Gute Vorbedeutung &ndash; haha! Aber ich habe
+mir vorgenommen, ich will mich nicht mehr ärgern.
+Mögen sie bauen, was sie wollen! &ndash; Erzähle von
+gestern, Hedda!“</p>
+
+<p>Hedda schaute starr vor sich hin. Und dann
+wandte sie sich, wie unter der Eingebung eines
+raschen Entschlusses, an ihren Vater.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[275]</a></span>„Ich habe gestern absichtlich nicht mit dir sprechen
+wollen, Papa,“ sagte sie, mit ihren Fingern in
+nervösem Spiel ein Stück Brot zerkrümelnd, „weil
+ich mir noch einige Stunden ruhiger Überlegung
+gönnen wollte. Aber es muß doch einmal gesagt
+sein. Axel hat mir bei Gelegenheit meines Besuches
+in Döbbernitz einen Antrag gemacht.“</p>
+
+<p>Dem Alten fiel der Teelöffel aus der Hand.
+Aber er ärgerte sich über sein Erstaunen und tat
+kaltblütig.</p>
+
+<p>„Also doch,“ antwortete er. „Ich sah es eigentlich
+kommen.“ Dann schaute er Hedda abwartend
+an, und als sie schwieg, hämmerte er ungeduldig
+mit der Faust auf den Tisch, daß Tassen und Teller
+klirrten. „Na und?! Herr des Himmels, so sprich
+doch! Spann mich nicht auf die Folter! Hast du &ndash;
+hast du ja gesagt?“</p>
+
+<p>„Ich habe um Bedenkzeit gebeten, aber ich bin
+über Nacht zu dem Entschluß gekommen, ihm keinen
+Korb zu geben.“</p>
+
+<p>Ein unterdrückter Jubellaut antwortete ihr.
+Hellstern hatte sich erheben wollen, doch fiel er
+wieder schwer in seinen Sessel zurück.</p>
+
+<p>„Komm her,“ rief er, „ich alter Elefant kann
+mich kaum noch rühren! Aber ich muß dich umarmen!
+Meine Hedda &ndash; mein Liebling!“</p>
+
+<p>Sie kniete ihm zur Seite und er küßte sie auf
+Stirn und Haar und streichelte ihre Wangen. Die
+Tränen rannen ihm in den struppigen Bart. Auch
+sie war bewegt, doch sie weinte nicht; sie nahm
+seine Hand und führte sie an ihre Lippen.</p>
+
+<p>„O, wenn das die selige Mutter doch noch erlebt
+hätte!“ stammelte er. Und dann wurde er
+ruhiger. Seine Neugier siegte. Er wollte wissen,
+wie sich die Liebeserklärung abgespielt habe. Er
+fragte Hedda nach allen Einzelheiten. Sie erzählte
+in gelassener Weise, ziemlich trocken, als ob sie einen
+Bericht erstatte. Aber das fiel ihm nicht auf, er
+war an ihre „ruhige Vernunft“ gewöhnt. Er war
+<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[276]</a></span>glückselig. Über sein altes Gesicht blitzte und
+leuchtete es vor Freude. Gott sei gelobt, nun kam
+noch einmal Sonnenschein in den Abend seiner Tage!
+Konnte er sich für seine Einzige ein besseres Los
+wünschen? Axel war reich, unabhängig, ein Ehrenmann
+und ein Prachtmensch &ndash; im übrigen schien
+er ja auch wieder gesund geworden zu sein. Und
+dazu Döbbernitz, der alte Hellsternsche Sitz, die
+unmittelbare Nähe! Er schob seine Tasse mitten
+auf den Tisch.</p>
+
+<p>„Wir müssen Axel Nachricht geben,“ sagte er.
+„Ich selbst werde ihm schreiben &ndash; das scheint mir
+das richtigste zu sein. Ich schreibe in deinem Namen
+und gebe als Vater meine Zustimmung. Ich lade ihn
+zum Mittagessen ein; was steht auf der Speisekarte?“</p>
+
+<p>„Karbonade und Rotkraut,“ antwortete Hedda.
+Unwillkürlich mußte sie lächeln. „Das wird Axel
+ziemlich gleichgültig sein.“</p>
+
+<p>„Glaub’ ich auch, wie ich ihn kenne. Trotzdem
+&ndash; zur Feier des Tages müssen wir das Menü
+ändern. Sieh zu, daß du etwas Besseres auf den
+Tisch bringst. August soll anspannen und meinen
+Brief nach Döbbernitz bringen.“ Er rührte gewaltig
+die Klingel.</p>
+
+<p>August trat ein. Er kam soeben vom Reinigen
+der Lampen und wischte sich die öligen Finger an
+der Schürze ab.</p>
+
+<p>Der Baron schmunzelte.</p>
+
+<p>„August,“ sagte er, „ich wünsche, daß du heute
+nicht dein gewöhnliches dummes Gesicht machst. Und
+weißt du, warum ich dies wünsche?“</p>
+
+<p>„Nein, Herr Baron,“ antwortete August und
+schüttelte heftig den Kopf.</p>
+
+<p>„Dann hör zu, ich will es dir sagen. Weil
+heute ein Fest- und Ehrentag für den Baronshof
+ist. Wisch dir das Maul ab und küsse dem gnädigen
+Fräulein die Hand, denn das gnädige Fräulein
+hat sich mit dem Herrn Baron Axel von Hellstjern
+auf Döbbernitz verlobt.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[277]</a></span>„Mit unserm Vetter aus Schweden!?“ jubelte
+August auf. Und dann rubbelte er sich wirklich
+mit dem Handrücken den Mund ab und näherte
+sich Hedda mit feierlichen Schritten, räusperte sich
+und wollte ihr in wohlgefügten Worten gratulieren,
+denn es schien ihm passend, sich bei dieser Gelegenheit
+als Mann von Bildung zu zeigen. Doch Hedda
+kam ihm zuvor, erhob sich und schüttelte ihm die
+Hand.</p>
+
+<p>„Schon gut, mein alter August,“ sagte sie, „ich
+weiß, wie du es meinst, und danke dir von Herzen.
+Und nun hilf dem Herrn Baron und führe ihn in
+das Arbeitszimmer, und dann halte dich fertig,
+einen Brief nach Döbbernitz zu bringen.“</p>
+
+<p>Aber August war das Herz viel zu voll, um
+sich schweigend verhalten zu können. Während er
+Hellstern unter dem Arm packte und nach der
+Arbeitsstube geleitete, begann er zu plaudern.</p>
+
+<p>„Das hab’ ich gewußt, Herr Baron,“ sagte er,
+„so gewiß vier mal vier sechzehn ist &ndash; das hab’
+ich gewußt. Ich habe doch meinen Blick! Gleich
+damals, wie der Herr Vetter das erste Mal hier
+war, da hat er das gnäd’ge Fräulein immer so
+angesehen, und da hab’ ich schon mit Gusten drüber
+gesprochen. Sie können Gusten fragen, Herr
+Baron.“</p>
+
+<p>„Auch noch,“ brummte Hellstern; „ich werd’ in
+die Küche gehen.... Knuff mich nicht so in den
+Arm! Daß du dir nachher ein reines Vorhemdchen
+umbindest, wenn du nach Döbbernitz fährst!“</p>
+
+<p>„Fährst? Soll ich denn fahren?“</p>
+
+<p>„Ja natürlich. Und du nimmst das gute Geschirr.
+Und in Döbbernitz wartest du auf Antwort.
+Es braucht aber noch nicht überall herumerzählt
+zu werden, das mit der Verlobung.“</p>
+
+<p>„Gott bewahre! Ich weiß schon &ndash; erst wenn
+das Offiziellum da ist.“</p>
+
+<p>Aber noch vor dem „Offiziellum“ wußte man
+im Souterrain bereits von der Verlobung. Zuerst
+<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[278]</a></span>gratulierte die Guste und dann Dörthe, die dabei
+in einen Tränenstrom ausbrach. Das blasse
+Gesicht Dörthes und ihr verändertes Wesen waren
+Hedda bereits aufgefallen.</p>
+
+<p>„Aber Kind,“ rief sie, „was hast du denn
+eigentlich?! Ich kenne dich gar nicht wieder. Wo
+sind deine roten Backen geblieben und deine lustigen
+Augen?!“</p>
+
+<p>Dörthe hielt die Schürze vor das Gesicht und
+weinte noch immer; sie war in eine Ecke der Küche
+getreten und machte sich am Wasserzuber zu schaffen.
+An ihrer Stelle antwortete Guste halbleise:</p>
+
+<p>„Ach Gott, gnäd’ges Fräulein, das arme Ding!
+Ihr Fritze hat sie sitzen lassen. Die Verlobung
+ist zurückgegangen. Da sind aber bloß die alten
+Möllers dran schuld &ndash; und der Albert, das ist
+ein Kerl!“</p>
+
+<p>Über Heddas Gesicht glitt ein Ausdruck aufrichtiger
+Anteilnahme. Das arme Mädchen tat
+ihr von Herzen leid. Sie rief Dörthe heran und
+sagte ihr ein paar tröstende Worte, aber die Kleine
+war nicht zu beruhigen.</p>
+
+<p>„Ich überleb’s nicht, gnädiges Fräulein,“ jammerte
+sie; „er will eine andre heiraten &ndash; eine
+Reiche aus Frankfurt&nbsp;&ndash;, und das überleb’ ich
+nicht.“</p>
+
+<p>Mißgestimmt und mit schwerem Herzen wartete
+Hedda auf ihren Verlobten.</p>
+
+<p>Am Vormittage fand sich der Pastor ein. Er
+war auf seinem Bau gewesen und hatte August
+vorüberfahren sehen. Und trotz des Verbots hatte
+August den Mund nicht halten können. Dem Pastor
+konnte man es doch immerhin sagen &ndash; so einem
+alten Freunde des Hauses.</p>
+
+<p>Eycken glaubte die Plötzlichkeit des Entschlusses
+Heddas zu verstehen. Seelische Gründe sprachen
+dabei mit. Sie wollte gewaltsam mit jeder Erinnerung
+an die Vergangenheit brechen.</p>
+
+<p>Es war Eycken lieb, daß er Hedda zunächst
+<span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span>allein traf. In ruhigem und liebevollem Tone
+sagte er ihr seine Glückwünsche, und als er nach
+ihrem Dankwort ihren unruhig fragenden Blick
+bemerkte, zog er sie neben sich auf das Sofa.</p>
+
+<p>„Ich habe Ihre Mission von gestern abend erfüllt,
+Hedda,“ begann er von neuem, „und da mir
+daran liegt, Ihnen Beruhigung zu geben, will ich
+noch einmal den Namen dessen nennen, der auch
+für mich tot sein sollte. Es kam zu einer schlimmen
+Aussprache zwischen Klaus und mir; ich habe nicht
+mit starken Worten gespart, und &ndash; nun, er gab
+sie mir zurück. Aber er nahm das Geld; heut ist
+er in Sicherheit. Die Woydczinska in Seelen hat
+ihm Pferde gestellt und ihm über die russische Grenze
+geholfen. Er will nach Amerika.“</p>
+
+<p>Hedda atmete auf.</p>
+
+<p>„Gottlob, er ist in Sicherheit,“ sagte sie leise
+und lehnte ihr Haupt an die Brust des alten
+Freundes.</p>
+
+<p>Wieder glitt des Pfarrers Hand lind und zärtlich
+über ihr Haar.</p>
+
+<p>„Nun aber mutvoll in das neue Leben, Hedda,“
+antwortete er. „Sie haben sich frei gemacht und
+alles abgeschüttelt, was Sie noch an die alte Liebe
+band. Aber &ndash; Sie haben eine neue Verantwortung
+übernommen. Werden Sie ihr gerecht!“</p>
+
+<p>„Herr Pastor,“ entgegnete Hedda fest, „was ich
+tat, geschah nach reiflicher Überlegung. Ich habe
+lange genug mit mir gekämpft. Ich wollte nicht
+an der Erinnerung zu Grunde gehen &ndash; und ich
+wollte auch etwas Gutes tun. Ich lechzte nach
+einer Guttat, denn ich fühlte mich erniedrigt und
+von Scham erdrückt. Fragen Sie mich nicht, wie
+das möglich gewesen &ndash; es war so! Ich empfand
+jenes Schande wie eine eigne. Und so kam ich zu
+meiner Entschließung. Sie macht zwei Menschen
+glücklich: meinen Vater und Axel. Sie kennen
+Axel noch nicht. Er ist vornehm und edel. Sie
+selbst mögen ihm in jüngeren Tagen geglichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span>haben. Alles, was an Gutem in mir ist, will ich
+ihm geben.“</p>
+
+<p>Segnend legte Eycken seine Rechte auf Heddas
+Haupt.</p>
+
+<p>„Gott sei mit Ihnen, liebes Kind,“ sagte er.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Axel kam mit seinem neuen Viererzug von
+Döbbernitz, Kutscher und Diener in großer Livree,
+er selbst in Frack und weißer Halsbinde, als gehe
+es auf einen Ball. Es entsprach ganz seinem
+Wesen, der Feierlichkeit des Tages auch nach außen
+hin Ausdruck zu geben. Aber als Hedda ihm an
+der Seite ihres Vaters entgegentrat, verlor er sofort
+seine schöne Korrektheit, und er wurde bewegt
+und gerührt. Das Wasser schoß ihm in die Augen,
+als er seine blasse Braut umarmte; er vermochte
+kaum zu sprechen, drückte sie an sein Herz und
+fühlte wohl, wie sie zitterte. Und dann fiel der
+Alte Axel um den Hals, auch sehr gerührt, mit
+der ganzen Wucht seiner kolossalen Persönlichkeit,
+so daß es dem schmächtigen Axel Mühe kostete,
+unter diesen bärenhaften Liebkosungen nicht zusammenzubrechen.</p>
+
+<p>Die leichte Verlegenheit der ersten Begrüßung
+war bald überwunden. Man ging zu Tisch, und
+ein fröhliches Plaudern begann. Die Hochzeit wurde
+auf den vierten Januar festgesetzt; das war zugleich
+der Geburtstag Axels. Hedda meinte, da müsse
+sie sich mit der Herstellung der Ausstattung beeilen;
+es war dies noch ein schwieriger Punkt, da
+Hellstern erklärte, er sei nicht imstande, Hedda nach
+Berlin zu begleiten. Schließlich wurde verabredet,
+Tante Jutta zu benachrichtigen. Dort sollte sich
+Hedda für ein paar Tage einquartieren und die
+Ausstattung mit ihr und Axel gemeinsam besorgen.
+Wenigstens das Nötigste; das übrige sollte während
+der Hochzeitsreise in Paris besorgt werden, denn
+Axel behauptete, es gäbe gewisse Dinge in der
+weiblichen Ausstattung, die man nur in Paris
+<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>kaufen könne. Er war sehr aufgeräumt und trank
+sogar gegen seine Gewohnheit einige Gläser von
+dem vortrefflichen Johannisberger Hellsterns. Er
+wurde nicht müde, Pläne zu schmieden. Die
+Hochzeitsreise sollte ausgedehnt werden, um dem
+deutschen Winter zu entgehen; man wollte über
+Paris nach der Riviera und Süditalien, vielleicht
+bis Sizilien. Hedda kannte das alles noch nicht,
+und Axel behauptete, er freue sich jetzt schon darauf,
+ihr die tausend Schönheiten Italiens zeigen zu
+können. Und dann, im nächsten Sommer, mache
+man vielleicht einmal einen Ausflug nach dem
+Norden &ndash; nach Jarlsberg, dem alten Stammschloß
+der Familie, das auch seine Reize habe &ndash; die
+Schärenwelt, das gischtsprühende Meer, die ganze
+wildromantische Umgebung. Aber vor allen Dingen:
+wie behaglich wollte man es sich auf Döbbernitz
+einzurichten suchen und mit welcher Lust an die
+Arbeit gehen, diesen hübschen Besitz wieder in die
+Höhe zu bringen! Bei diesem Gedanken wurde
+auch Hedda lebhaft. Ach ja &ndash; nach Arbeit, die
+ihres Zieles wert sei, sehnte sie sich! Und gerade
+eine große Wirtschaft lockte sie doppelt ...</p>
+
+<p>Während des Kaffees hörte man einen Wagen
+vor die Rampe rollen. Landrat von Wessels ließ
+sich anmelden; er bat darum, den Baron Hellstern
+auf ein paar Minuten sprechen zu dürfen.</p>
+
+<p>Hellstern war sehr erstaunt. Teufel, was wollte
+denn der Landrat bei ihm, der längst alle Beziehungen
+zu der Umgebung abgebrochen hatte? Wessels
+wurde in den sogenannten Salon geführt, indes
+Hedda und Axel noch im Eßzimmer verblieben.</p>
+
+<p>Axel benutzte das Alleinsein mit seiner Braut,
+seinen Stuhl dicht neben den ihren zu rücken, liebkosend
+ihre Hand zu nehmen und an seine Lippen
+zu führen.</p>
+
+<p>„Meine Hedda,“ sagte er weich, „wie glücklich
+machst du mich. Ich habe einen bösen Tag und
+eine böse Nacht verlebt. Ich hatte Sorge, zu rasch
+<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span>und zu stürmisch gewesen zu sein. Ich habe auch
+keine so schnelle Antwort erwartet. Und als nun
+heute vormittag euer August mit dem Briefe des
+Onkels kam &ndash; Hedda, da ist für fünf Minuten
+meine ganze Wohlerzogenheit in die Brüche gegangen,
+denn da bin ich meinem Kammerdiener &ndash;
+auch so ein Faktotum wie euer August, ein alter
+Mensch, der mich von Kindesbeinen an kennt&nbsp;&ndash;,
+denke dir, dem bin ich vor unbändiger Freude um
+den Hals gefallen. Das war ihm noch nicht vorgekommen
+und deshalb wußte er auch gleich Bescheid.
+Wer sich so närrisch gebärdet, der muß
+unglaublich verliebt sein. Na &ndash; und &ndash; das bin
+ich allerdings &ndash; und paß auf, Hedda, du wirst
+mich auch noch liebgewinnen! O, das weiß ich gewiß!“
+Und abermals küßte er ihre Hand.</p>
+
+<p>Seine Worte waren ein Trost für sie. Daß
+er keine stürmische Leidenschaft von ihr forderte,
+sondern in heiterem Ton und trotz aller Verliebtheit
+mit dem Ausdruck eines gewissen Geklärtseins
+der Empfindungen von einem allmählichen Liebenlernen
+zu ihr sprach, beruhigte sie sichtlich.</p>
+
+<p>Sie behielt mit warmem Druck seine Rechte in
+ihrer Hand.</p>
+
+<p>„Lieber Axel,“ entgegnete sie, „wüßte ich nicht,
+daß ich dir von Herzen gut bin, dann würde sich
+jede Fiber in mir dagegen gesträubt haben, die
+Deine zu werden. Die meisten von uns Mädchen
+treten ahnungslos in die Ehe, sie kennen den, dem
+sie für Lebenszeit angehören sollen, gewöhnlich nur
+aus der kurzen Zeit ihrer Brautschaft. Alles in
+ihnen beruht auf Vertrauen und seliger Hoffnung,
+und wie oft werden sie getäuscht! Sie glauben zu
+lieben, und es fehlt ihrer Liebe am festesten Fundament:
+an treuer und inniger Freundschaft. Und
+sieh &ndash; gerade weil ich so viel Freundschaft für
+dich empfinde, deshalb werde ich dir auch eine
+gute Frau sein, alles mit dir teilend, deine Freuden
+und Sorgen &ndash; ein Stück deiner selbst.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span>Mit glänzenden Augen hatte er ihr zugehört.</p>
+
+<p>„Was will ich mehr!“ sagte er in leisem Jubel.
+„Ich danke dir, Hedda, ich danke dir! Was bot
+mir das Leben bisher, und für wen lebte ich? Nur
+für mich selbst, und wahrlich, ich bin kein Egoist.
+Das ist kein Lob für mich, weil ich im Egoismus
+nichts als die schalste Langweiligkeit gefunden habe.
+Ist es nicht ertötend, immer nur an sich selbst
+denken und für sich selbst sorgen zu müssen? Geht
+man nicht tausendmal freudiger an sein Tagewerk,
+wenn man weiß, für wen man schafft und tätig
+ist, wenn man Zwecke und Ziele vor Augen hat?!
+Tagewerk &ndash; das klingt mir wie übertrieben.
+Mein Dienst war Spiel, war kaum eine Arbeit.
+Man hat mich immer auf recht bequeme Posten
+gestellt, &ndash; ein bißchen Repräsentieren war alles.
+Das ist vorbei; jetzt kommt wirklich die Arbeit.
+Denn fürderhin ist es nicht mehr gleichgültig, ob
+ich jährlich ein paar tausend Taler mehr oder
+weniger ausgebe, ich habe ja auch für dich zu sorgen
+und deine Zukunft. Und das alles erfüllt mich mit
+unaussprechlichem Glück, Hedda, es gibt mir recht
+eigentlich erst Lebenskraft &ndash; ich möchte sagen, es
+macht mich erst zum Manne.“</p>
+
+<p>Der Eintritt Hellsterns unterbrach sein fröhliches
+Sprechen. Der Alte sah erregt aus und
+hatte einen roten Kopf.</p>
+
+<p>„Ärger gehabt, Papa?“ fragte Hedda.</p>
+
+<p>„Ja &ndash; allerdings,“ und der Baron nickte und
+winkte zugleich August, an dessen Arm er eingetreten
+war, das Zimmer zu verlassen. Schwer ließ
+er sich in seinen großen Stuhl fallen. „Es wird
+euch auch interessieren &ndash; es ist sozusagen eine
+Familienangelegenheit. Ich hoffte, Klaus Zernin
+würde nicht mehr zurückkehren. Aber es ist doch
+geschehen. Und nun das Schlimmste dazu: die
+Staatsanwaltschaft fahndet auf ihn. Wessels hat
+Ordre bekommen, ihn in aller Stille verhaften und
+nach Berlin schaffen zu lassen.“</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span>„Aber mein Gott &ndash; weshalb?“ warf Axel ein.</p>
+
+<p>Der Alte schnaufte gewaltig. Das Wort wollte
+ihm nicht von der Zunge.</p>
+
+<p>„Eines &ndash; eines infamen Bubenstreichs wegen,“
+sagte er endlich. „O &ndash; auch in unsern Reihen
+gibt es räudige Schafe, gibt es&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Sein Blick fiel auf Hedda. Sie war ganz blaß
+geworden, und ihr brennendes Auge hing an den
+Lippen des Vaters.</p>
+
+<p>„Du hast ihn immer noch verteidigen wollen,
+Hedda!“ schrie Hellstern, die Verfärbung des
+Mädchens falsch deutend. „Immer noch leiteten
+dich verwandtschaftliche Gefühle &ndash; aber man zerreißt
+die Bande des Bluts, wenn man es mit
+einem Lumpen zu tun hat. Gebe der Himmel, daß
+er uns nun für immer fern bleiben möge.“</p>
+
+<p>Eine kurze Pause entstand, und dann fragte
+Hedda tonlos: „Also er ist &ndash; wieder &ndash; fort?“</p>
+
+<p>„Ja &ndash; mit einem letzten Schandstreich entlaufen.
+Er trieb sich schon immer in Seelen herum,
+und man munkelte längst allerlei. Nun ist er
+mit der Woydczinska durchgebrannt. Wessels erzählte
+es mir. Vergangene Nacht haben sich die
+beiden auf die Socken gemacht. Die Woydczinska
+hat nichts mitgenommen als ihre Juwelen; aber
+zu guter Letzt noch eine hübsche Hypothek auf
+Seelen&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>Er brach plötzlich ab. Hedda war mit einem
+leisen Wehlaut vom Stuhl geglitten. Erschreckt
+sprang Axel hinzu und fing sie auf. Sie hatte sich
+bereits wieder gefaßt, mit aller Kraft gegen ihre
+Schwäche ankämpfend. Aber noch immer zitterte
+sie heftig, und krampfhaft biß sie die Zähne aufeinander,
+um nicht aufschreien zu müssen.</p>
+
+<p>An den Lehnen seines Stuhls hatte sich mit
+schwerer Anstrengung auch Hellstern aufgerichtet.
+Entsetzt und drohend heftete sich sein Blick auf
+Hedda, und seine Rechte erhob sich bebend.</p>
+
+<p>„Hedda,“ rief er, „du hast diesen Menschen &ndash;
+<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span>diesen Menschen geliebt?!“ Er achtete nicht auf
+die Anwesenheit Axels; ein wilder Grimm durchtobte
+seine Brust und schüttelte ihn. Eine Flut
+von Anklagen traf Hedda. „Ich sehe jetzt klar &ndash;
+ganz klar,“ fuhr er mit heiserem Auflachen fort;
+„ich weiß jetzt auch, warum du Klaus immer so
+warm verteidigtest, &ndash; war ich denn blind, daß ich
+nicht in der Seele meines eignen Kindes lesen
+konnte?! Axel &ndash; tritt neben mich &ndash; laß sie los!
+Es geht nicht an, daß du dich noch weiter ihr Verlobter
+nennst, ehe sie uns Erklärungen gegeben hat.“</p>
+
+<p>Hedda selbst machte sich frei aus den Armen
+Axels. Sie hatte ihre Ruhe und die Klarheit des
+Denkens wiedergefunden. In der heißen Not dieser
+Stunde wuchs ihre Kraft. So ernst der Ausdruck
+ihres Gesichts auch war &ndash; es lag zugleich etwas wie
+das frohe Glück endlicher Erlösung auf ihren Zügen.</p>
+
+<p>„Ich leugne nicht, Vater,“ sagte sie. „Ja, ich
+habe Klaus geliebt, und aus Furcht vor deiner
+Heftigkeit habe ich es dir verborgen und nur den
+Pastor zu meinem Vertrauten gemacht. Wie ich
+gelitten habe unter dieser Liebe, und wie ich zu
+kämpfen hatte, eh ich mich zur Entsagung durchzuringen
+vermochte &ndash; das erlaß mir, zu schildern &ndash;
+du würdest mich doch nicht verstehen. Daß ich mich
+nie an einen Ehrlosen hängen würde, wußtest auch
+du. Aber ich erfuhr von seiner Schmach erst, als
+ich ihm nur noch zur Flucht verhelfen konnte. Du
+sowohl wie der Pastor, ihr ahntet schon längst, was
+ihn belastete, doch ihr habt euch immer nur in
+dunkeln Andeutungen ergangen, statt mir die Wahrheit
+zu sagen. Und vielleicht hätte ich euch auch
+dann noch nicht geglaubt; erst sein eigner Mund
+mußte mir beichten.“</p>
+
+<p>Sie wandte sich, stetig ruhiger werdend und
+gleichmäßiger sprechend, an Axel.</p>
+
+<p>„Das ist gestern geschehen,“ fuhr sie fort. „Als
+ich von Döbbernitz heimkehrte, fand ich seinen Hilferuf
+vor. Ich hatte gehofft, Klaus sei schon in
+<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span>weiter Welt, und ich ging mit schwerem Herzen zu
+dieser letzten Besprechung, die ein Abschied für ewig
+war. Ich weiß auch jetzt noch nicht, ob es unrecht
+war, daß ich dir nicht vor unsrer Verlobung von
+dieser ersten gescheiterten Liebe gesprochen habe,
+Axel. Aber das weiß ich, daß es mich mit unwiderstehlicher
+Kraft dazu trieb, dir mein Jawort
+zu geben. Es drängte mich, mir in deinem Glücke
+ein eignes zu schaffen und vergessen zu lernen. Ich
+sehnte mich nach einem treuen und guten Herzen
+und nach einer Seele voll ritterlicher Empfindungen
+und voll Lauterkeit, denn ich war wie niedergebrochen
+und fühle mich wie &ndash; beschmutzt. Habe
+ich wirklich unrecht getan, Axel, so vergib mir &ndash;
+und laß mich frei.“</p>
+
+<p>Kopfschüttelnd und mit mildem Lächeln trat er
+wieder an ihre Seite und nahm ihre Hände.</p>
+
+<p>„Nein, Hedda,“ sagte er, „du bist mein, und ich
+gebe dich nicht mehr frei. Weniger jetzt denn je,
+da ich dein armes Herz zu heilen habe und du
+eines Freundes bedarfst. Denn ich bin ja nicht
+nur dein Bräutigam, Hedda &ndash; ich gebe dir auch
+deine Freundschaft vieltausendfach zurück. Glaube
+an mich und vertraue mir, und du wirst genesen!“</p>
+
+<p>Er nahm sie in seine Arme und schloß sie an
+sich. Da ertönte ein dumpfer Fall, und entsetzt
+schrie Hedda auf.</p>
+
+<p>Ein plötzlicher Schlaganfall hatte ihren Vater
+zu Boden geschmettert. Er stürzte um wie ein
+Baum, den der letzte Axthieb getroffen hat, und
+blieb regungslos liegen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">I</span>n dem kleinen Häuschen Klempts war es sehr
+still geworden, seitdem in den Abendstunden
+nicht mehr der Singsang und das lustige Lachen der
+<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span>Dörthe zu hören war. Sie kam nur noch selten
+zum Vater, denn sie wollte nicht ausgefragt sein,
+und sie hatte auch für den mystischen Trost und die
+Ratschläge der Tante Pauline weder Sinn noch
+Verständnis. Es war gut, daß es auf dem Baronshofe
+so viel Arbeit gab. Das ließ sie wenigstens
+tagsüber nicht allzuviel zum Grübeln und Nachdenken
+kommen. Aber wenn sie zu Bett gegangen
+war, dann kamen Erinnerung und Schmerz mit
+arger Gewalt über sie, und in ihrer Kraftlosigkeit
+und ihrem Mangel an Beherrschung weinte sie sich
+allabendlich in den Schlaf. Sie härmte sich so,
+daß sie mager wurde; mit ihren eingefallenen
+Wangen und den tiefliegenden Augen war die
+frische Dirne von früher gar nicht wiederzuerkennen.</p>
+
+<p>Auch Hedda hatte es aufgegeben, ihr Trost zu
+spenden. Es führte zu nichts; Dörthe brach dann
+immer von neuem in Tränen aus und wiederholte
+unter krampfhaftem Schluchzen, sie werde sich doch
+noch das Leben nehmen. In dieser Zeit hatte
+Hedda auch mit ihren eignen Angelegenheiten überreichlich
+zu tun. Der Schlaganfall, der den Vater
+getroffen hatte, bewies, daß er kränker war, als
+man bisher geglaubt hatte. Glücklicherweise hatte
+der Schlag nur die linke Körperseite gelähmt, Arm
+und Bein; Gehirn und Sprache hatten nicht gelitten.
+Aber der Koloß war nunmehr völlig bewegungslos
+geworden. Ein Krankenwärter wurde
+beschafft, der August unterstützen sollte; aus dem
+Bette wurde der Alte in den Fahrstuhl gepackt;
+er war nur noch eine Maschine, die von fremder
+Hand geleitet werden mußte. Seine Laune war
+schrecklich geworden; Hedda hatte viel unter seinen
+Wutausbrüchen zu leiden. Das Knurren, Wettern
+und Schimpfen ging den ganzen Tag hindurch;
+August war der einzige, der ihm mit seinem unversiegbaren
+Phlegma und seinem derben Humor
+standzuhalten vermochte. Seit man mit der Anlage
+<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span>der elektrischen Leitungen in Oberlemmingen begonnen
+hatte, trug sich Hellstern mit dem festen
+Entschlusse, den Baronshof zu verkaufen. Das war
+eine neue fixe Idee. Die Möllers wollten ihn
+langsam morden &ndash; das ließ er sich nicht gefallen.
+Aber die Möllers sollten auch den Baronshof nicht
+in ihre Hände bekommen; eher mochte das Haus
+einstürzen, und Eulen und Fledermäuse mochten in
+den Zimmern ihre Nester bauen. Die Möllers
+nie &ndash; und Hellstern schwur, wenn sie ihm auch
+eine Million auf den Tisch legen wollten, er würde
+sie mitsamt der Million aus der Tür werfen.</p>
+
+<p>Hedda hatte mit Axel darüber gesprochen, was
+mit dem Vater zu machen sei. Der Arzt war der
+Ansicht, der Baron könne noch eine ganze Reihe
+von Jahren leben, wenn man durch geeignete
+Mittel der Wiederholung des Anfalls vorbeuge.
+Neben strenger Befolgung der ärztlichen Anordnungen
+gehöre dazu vor allen Dingen absolute
+Ruhe, Fernhaltung jedweder Aufregung, jedes
+Ärgers, jeder Gemütsbewegung. Das war nicht
+leicht bei dem alten Brummbär. Axel schlug vor,
+ihn mit dem Wärter und August und dem gesamten
+Material zu der geliebten Familiengeschichte nach
+Döbbernitz zu nehmen. Da hatte er die nötige
+Ruhe, hatte nicht beständig Oberlemmingen vor
+Augen, das mehr und mehr seine alte Dorfhülle
+fallen ließ und sich aus einer Raupe in einen
+schillernden Schmetterling verwandelte. Während
+der Hochzeitsreise sollte als weitere Pflegerin dann
+auch noch Tante Jutta aus Berlin nach Döbbernitz
+kommen, und wie sich im übrigen der geplante
+Verkauf des Baronshofs abwickeln werde, das
+werde man ja sehen, das könne man abwarten.</p>
+
+<p>Wider Erwarten war der Alte mit allen diesen
+Vorschlägen sehr einverstanden. Besonders auf die
+Tante Jutta freute er sich und war neugierig, ob
+sie sich immer noch wie früher die Ohrlöckchen braun
+und das übrige Haar schwarz färbe und die kleine,
+<span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[289]</a></span>rote Stupsnase weiß pudere. So siedelte er denn
+nach Döbbernitz über. Axel hatte einen großen
+geschlossenen Wagen geschickt, und bei der Fahrt
+durch das Dorf zog Hellstern auch noch die Fenstergardinen
+zu, damit er gar nichts von Oberlemmingen
+zu sehen bekomme. Damit hatte er abgeschlossen.
+Dieses Dorf, das sein Geburtsort war, und in dem
+Vater, Großvater und Urahn sich glücklich gefühlt
+hatten, existierte nicht mehr für ihn. Es war ja
+das alte Dorf auch nicht mehr. Es war ein ganz
+moderner Badeort.</p>
+
+<p>Hedda blieb vorläufig auf dem Baronshof, aber
+täglich holte ein Döbbernitzer Wagen sie ab. Das
+gemeinsame Mittagsmahl nahm man gewöhnlich bei
+Axel ein, und das waren glückliche Stunden für
+Hedda. Sie gewann ihren Bräutigam täglich lieber,
+und auch auf den grimmigen Alten übte die stille,
+vornehme und liebenswürdige Art Axels einen sichtlich
+beruhigenden Einfluß aus.</p>
+
+<p>Schellheims hatten sofort nach Bekanntwerden
+der Verlobung Heddas ihren Besuch auf dem Baronshofe
+gemacht. Er galt sowohl der Braut wie auch
+dem erkrankten Vater. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete
+sich Gunther. Er hatte plötzlich einen
+neuen Plan gefaßt. Er wollte den Winter in Spanien
+verbringen, um dort Studien über die ältesten deutschen
+Drucker auf der iberischen Halbinsel zu machen;
+schon lange beschäftigte er sich mit Forschungen zur
+Druckergeschichte, für die er sich lebhaft interessierte.</p>
+
+<p>Als der Kommerzienrat mit seiner Gattin bereits
+wieder in den Wagen gestiegen war, stand Gunther
+mit Hedda noch auf der Veranda. Sie hatte ihm
+die Hand gereicht.</p>
+
+<p>„Hoffentlich lassen Sie einmal von sich hören,
+verehrtester Herr Doktor,“ sagte Hedda mit freundlichem
+Lächeln; „es braucht ja nicht gerade eine Ansichtspostkarte
+zu sein. Und wie würde ich mich
+freuen, wenn eines Tages die frohe Nachricht bei
+uns eintreffen wollte, daß Doktor Gunther Schellheim
+<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[290]</a></span>&ndash; ich brauche nicht auszusprechen &ndash; in
+Spanien sollen die Frauen leicht die Männerherzen
+entzünden. Lieber Doktor, wirklich, von Herzen
+würd’ ich mich freuen!“</p>
+
+<p>Er preßte warm und fest ihre Hand.</p>
+
+<p>„Ach, gnädiges Fräulein&nbsp;&ndash;“ antwortete er,
+aber er kam nicht weiter. Er würgte an den Worten;
+sie blieben ihm in der Kehle stecken. Und dann
+sprang er hastig die Verandatreppe hinab an den
+Wagen.</p>
+
+<p>Noch mit dem Abendzuge wollte Gunther abreisen,
+zunächst nach Berlin. Es herrschte eine ziemlich
+trübe Stimmung bei der letzten Mittagstafel.
+Die Rätin hatte tränengerötete Augen, Gunther war
+still und in sich gekehrt, und auch der Kommerzienrat
+vermochte eine leichte sentimentale Regung nicht
+zu unterdrücken.</p>
+
+<p>„Hol’s der Geier,“ sagte er plötzlich, als der
+servierende Diener das Zimmer verlassen hatte, und
+warf Messer und Gabel neben den Teller, „ich habe
+mir das alles ganz anders gedacht! Ich wollte
+Frieden und Ruhe für das letzte Dutzend Jahre
+meines Lebens haben, &ndash; deshalb zog ich mich vom
+Geschäft zurück. Wollte ganz philosophisch meinen
+Kohl bauen und mich an der Natur erfreuen, keinen
+Ärger mehr haben und nur das Nötigste vom
+Geschäfte hören &ndash; ja wahrhaftig, das war eigentlich
+meine Absicht! Und nun? Prostmahlzeit &ndash;
+nun macht mir die Quellengeschichte den Kopf wärmer,
+als es die bösesten Manchesterjahre zuwege bringen
+konnten!“</p>
+
+<p>„Verzeihung, Papa, aber schließlich bist du doch
+selbst daran schuld,“ warf Gunther mit leichtem
+Lächeln ein. „Warum hast du nicht schlankweg jede
+Beteiligung an dem Badeunternehmen abgelehnt?“</p>
+
+<p>„Das habe ich ja anfänglich getan, aber &ndash;
+siehst du, mein Junge, das verstehst du nicht! Das
+verstehst du nicht, weil du kein Kaufmann bist. Als
+ich sah, daß die ganze Geschichte in den Händen der
+<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[291]</a></span>Möllers hätte verhunzt werden können, da kribbelte
+es mir in den Fingerspitzen, da schäumten die kaufmännischen
+Blutpartikelchen in meinen Adern &ndash; da
+konnt’ ich mich nicht mehr halten. Es war ja ein
+glänzendes Geschäft &ndash; das ist es noch heute&nbsp;&ndash;,
+trotzdem reut’s mich, daß ich mich auf die Sache eingelassen
+habe! Nun ja &ndash; kurz heraus: es reut mich.“</p>
+
+<p>„Und weshalb, wenn ich fragen darf?“</p>
+
+<p>„Weil &ndash; ja, das ist ganz eigentümlich! Anfänglich
+hielt ich die Möllers für dickköpfige, beschränkte
+Bauersleute. Dann merkte ich, daß der
+Albert Möller es faustdick hinter den Ohren hat,
+daß er ein gerissener Patron ist. Und heute <em class="gesperrt">weiß</em>
+ich, daß die ganze Sippe nichts taugt, von A bis Z
+nichts taugt, daß sie allesamt Gauner sind! Sehr
+interessant, wie sich so ein schlichter Bauersmann
+im Laufe der Zeiten verändern kann, wenn ihn der
+Satan der Geldgier packt. Denn Geldgier ist alles
+bei den Leuten; vom Nutzen der Industrie haben
+sie keine Ahnung, von irgendwelchen idealeren Motiven
+ist keine Spur bei ihnen &ndash; keine Spur!“</p>
+
+<p>Der Kommerzienrat betonte diese letzten Worte
+und schüttelte dabei den Kopf. Er schien sehr mißgestimmt
+zu sein. Albert Möller hatte mit offenen
+Feindseligkeiten begonnen. Alle Tage kam es zu
+kleinen Reibereien. Er sperrte Wege ab, die über
+sein Land führten, und erlaubte sich im Hinblick auf
+verschiedene Lücken in seinem Vertrag mit Schellheim
+alle möglichen Eigenmächtigkeiten. Das erbitterte
+den Rat um so mehr, als er empfand, daß
+er sich in Albert getäuscht hatte. Dieser brave
+Bauerssohn war ein ganzer Filou. Schellheim hatte
+geglaubt, leichtes und bequemes Spiel mit ihm zu
+haben, und war in seinen Verträgen daher minder
+vorsichtig gewesen, als es sonst seine Art zu sein
+pflegte; das rächte sich nun. Er ärgerte sich auch
+über die erstaunliche Tatkraft Alberts. Überall
+mußte der Mann mit dabei sein. Wo nahm er nur
+alle die nötigen Gelder her?!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[292]</a></span>„Mir ist die Sache allerdings langweilig geworden,“
+schloß Schellheim, seine Serviette zusammenfaltend.
+„Ich sehe, daß sich das Unternehmen
+nicht auf der von mir gewünschten soliden und gediegenen
+Basis weiter entwickeln kann, wenn diese
+Pöbelgesellschaft immer dazwischenzureden hat. Paßt
+mir’s nicht mehr, so verkaufe ich meine Anteile und
+gucke mir von hier oben aus den Rummel in aller
+Beschaulichkeit an. Mag’s gehen, wie es will! Unerhört
+&ndash; ich &ndash; <em class="gesperrt">ich</em> soll mich mit Bauernpack herumschlagen!
+Soll mich von solchem Gesindel betrügen
+lassen!“</p>
+
+<p>Es war wirklich tragikomisch: der Herr Kommerzienrat,
+der Großindustrielle, stand im Begriffe,
+die Waffen vor einem raffinierten Bauernjungen zu
+strecken. Er hatte seinen Meister gefunden, wo er
+es am allerwenigsten geahnt hätte.</p>
+
+<p>Gunther versuchte es mit einigen einlenkenden
+und beschönigenden Worten, aber er regte den Vater
+nur noch mehr auf.</p>
+
+<p>„Lassen wir die Sache ruhn,“ sagte Schellheim.
+„Der Teufel soll nicht schlechter Laune sein, bei
+all dem Mißgeschick, das einem widerfährt! Was
+hab’ ich denn nun von euch Kindern?! Hagen heiratet
+ein Fabrikmädel, &ndash; riesengroß wird die Kluft
+zwischen ihm und uns, und wenn man sich auch
+hundertmal Mühe gibt, Brücken und Übergänge
+zu schaffen, die Entfremdung ist doch nicht wieder
+gut zu machen! Du gehst nach Spanien, Gunther,
+reißest uns von neuem aus &ndash; und auf Döbbernitz,
+das ich bereits in meinem Besitze sah, wo ich dir
+ein hübsches und trauliches Nest schaffen wollte,
+hat sich ein Fremder festgesetzt. Wenn’s wenigstens
+ein <em class="gesperrt">Wild</em>fremder gewesen wäre &ndash; aber nein, ausgesucht
+gerade <em class="gesperrt">der</em> Mann, der dir die Braut vor
+der Nase fortgeschnappt hat!“</p>
+
+<p>Gunther zog die Stirn in Falten. Er war froh,
+daß die Rätin die Tafel aufhob. Es war kein allzu
+herzliches Abschiednehmen. Die Mutter weinte still
+<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[293]</a></span>in sich hinein, der Vater sah mürrisch aus. Wirklich
+&ndash; was hatte man von seinen Kindern!</p>
+
+<p>Mit schwerem Herzen ging Gunther auf die
+Reise. Er hatte seine letzten Hoffnungen über Bord
+werfen müssen; ihm war recht traurig zumute. Und
+er nahm sich vor, sich mit verdoppeltem Eifer auf
+seine Studien zu werfen. Die Arbeit war das einzige
+Heilmittel.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Ende November fand die Hochzeit Fritz Möllers
+mit Frida Grödecke statt. Vorher hatte auf Bitten
+Heddas der Pastor einen nochmaligen Einspruch zu
+erheben versucht. Er beschied den alten Möller zu
+sich; er wußte ganz genau, daß der Alte allein das
+Machtwort sprechen konnte; er kannte seine Leute.</p>
+
+<p>Möller kam auf der Stelle. Er hatte Respekt
+vor dem Pastor, war auch ein eifriger Kirchengänger.</p>
+
+<p>Eycken sprach ihm zu Herzen. Es sei doch empörend,
+daß der Fritz ein so braves und liebes
+Mädchen wie die Dörthe Klempt unglücklich machen
+wolle. Es könne ja vorkommen, daß man in Ausnahmefällen
+einmal ein Verlöbnis rückgängig mache;
+wenn man beiderseitig fühle, daß man sich getäuscht
+habe, so sei ein Auseinandergehen schon besser als
+eine Heirat, der die höchste Weihe, die Liebe, fehle.
+„Aber in unserm Falle liegt die Sache doch wesentlich
+anders, lieber Herr Möller. Ich habe mit
+Dörthe gesprochen; sie sagt, nicht an Fritz, sondern
+an <em class="gesperrt">Ihnen</em> liege die Schuld. Ich habe neulich auch
+einmal mit Ihrem Fritz gesprochen, als ich ihn zufällig
+traf, und er antwortete mir einfach: ‚Ich kann
+nichts dafür &ndash; der Alte will’s so.‘ Also die Tatsache
+steht fest: die beiden Menschen wollen sich angehören,
+und <em class="gesperrt">Sie</em> treiben sie auseinander! Ist
+das nicht unrecht, Möller?“</p>
+
+<p>Und ruhig erwiderte der alte Mann:</p>
+
+<p>„Entschuldigen Sie, Herr Pastor, aber nein &ndash;
+es ist <em class="gesperrt">nicht</em> unrecht. Ich gehöre noch zu der alten
+<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[294]</a></span>Schule, und da haben die Kinder den Eltern zu gehorchen,
+wenn sie auch schon zehnmal erwachsen sind,
+denn sie bleiben die Kinder. Ich selbst habe meinen
+Eltern auch parieren müssen, als es zur Hochzeit
+ging, und hätte doch lieber eine andre geheiratet.
+Fragen Sie mal die Pauline Klempt, die kann
+Ihnen davon erzählen. Aber ich würde trotzdem
+nichts wider die Dörthe gehabt haben, wenn’s nicht
+von wegen der Quelle gewesen wäre. Es ist jetzt
+nicht mehr so wie früher. Aus dem Kruge ist ein
+Hotel geworden; schon letzten Sommer hat ein Postdirektor
+und ein Geheimer Rechnungsrat bei uns
+gewohnt. Es wird noch anders kommen. Da muß
+die Wirtin von besserem Herkommen sein als die
+Dörthe, muß was von der Wirtschaft verstehen und
+auftreten können. Und sie muß auch ihr Eingebrachtes
+haben. Denn Sie mögen mir sagen, was
+Sie wollen, Herr Pastor: was nutzt die ganze Liebe,
+wenn kein Geld dahinter steckt! Was heißt denn
+das mit der Liebe? Es find’t sich alles.“</p>
+
+<p>Der Pastor hielt nicht damit hinter dem Berge,
+wie er über die eigenartige Auseinandersetzung
+Möllers dachte, aber es half ihm nichts. Die Entgegnungen
+des Alten bewegten sich immer in demselben
+Gedankenkreise. Ja, wenn die Quelle nicht
+wäre, da hätte man vielleicht ein Auge zugedrückt
+und nicht so aufs Portemonnaie und aufs Äußere gesehen.
+Aber nun <em class="gesperrt">mußte</em> man es. Man brauchte
+viel Geld; es ging nicht anders.</p>
+
+<p>Da wurde Eycken zornig und fragte Möller, ob
+er es auf seine Seele nehmen wolle, wenn Dörthe
+sich ein Leids antun würde &ndash; ob er es verantworten
+könne, wenn das Mädchen tiefer und tiefer
+ins Unglück käme.</p>
+
+<p>Der Alte zuckte darauf mit den Achseln; sein
+Gesicht blieb hart wie Stein, brutal und grausam
+von Ausdruck, wie immer.</p>
+
+<p>„Es gibt noch mehr Männer auf der Welt wie
+unsern Fritze, Herr Pastor,“ antwortete er. „Und
+<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[295]</a></span>will sie keinen andern, so läßt sie’s bleiben. Ihre
+Tante Pauline ist auch nicht gleich ins Wasser gegangen.
+Wenn sich alle Mädel hier bei uns hätten
+ersäufen wollen, die den nicht gleich gekriegt haben,
+den sie gerne hätten haben wollen &ndash; Herr Pastor,
+dann hätten wir überhaupt keine Weiber mehr im
+Dorfe!“</p>
+
+<p>Eycken entließ Möller. Er wollte nichts mehr
+hören von ihm; er sah auch ein, daß jede Bemühung,
+den Hartkopf umzustimmen, vergeblich gewesen wäre.
+Aber er geriet von neuem in Zorn, als ein paar
+Tage nach jener Unterredung die Verlobung Fritzens
+mit der Schlächterstochter aus Frankfurt bekannt
+wurde und bald darauf auch der standesamtliche
+Namensaushang der beiden erfolgte. Der Sitte nach
+pflegte jeder Hochzeit ein dreimaliges sogenanntes
+Aufgebot von der Kanzel aus vorherzugehen, und
+Eycken freute sich jedesmal, wenn er um diese feierliche
+Ankündigung gebeten wurde; er liebte es, wenn
+man den hübschen alten Sitten, die noch aus der
+Zeit vor Einführung der Zivilehe stammten, Achtung
+entgegenbrachte. Fritz hatte aber diesmal absichtlich
+kein Aufgebot bestellt, und sein Vater war damit
+einverstanden gewesen. Albert riet sogar von
+einer kirchlichen Trauung ab, bei der man sich immerhin
+auf einige herbe Worte des Pastors gefaßt
+machen konnte. Doch davon wollte der Alte nichts
+wissen. Er steckte viel zu tief im Überlieferten, um
+nicht vor dem Gedanken zu erschrecken, daß sein
+Sohn ohne kirchlichen Segen in die Ehe treten sollte.</p>
+
+<p>Es war ein unangenehmer Auftrag für Eycken,
+diese Hochzeitspredigt. Daß er die Gelegenheit nicht
+vorübergehen lassen durfte, ohne seinem Empfinden
+über die Frivolität des plötzlichen Brautwechsels
+Ausdruck zu geben, war klar. Es hätte seinem
+ganzen Wesen widersprochen, wenn er mit linden
+Worten darüber hinweggegangen wäre. Auf der
+andern Seite scheute er sich aber vor Zank und
+Ärger. Es konnte neue Konflikte mit dem Konsistorium
+<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[296]</a></span>geben; die hätte er gern vermieden. Er
+dachte sowieso zuweilen daran, die Pfarre aufzugeben,
+um sich gänzlich seinem Kinderhospiz widmen
+zu können, dessen Einweihung im Frühjahr erfolgen
+sollte. Als letztes Aushilfsmittel wäre ihm schließlich
+immer noch das Vorschützen einer Erkrankung
+geblieben; dann hätte der Geistliche der Nachbarparochie
+die Trauung vollziehen müssen, aber solch
+eine Komödie dünkte Eycken unwürdig.</p>
+
+<p>Die Hochzeit fand an einem kalten Novembertage
+statt. Es war früh Winter geworden, unerwartet
+schnell, ohne langsamen Übergang. Als man
+eines Morgens erwachte, war Schnee gefallen, und
+an den Bäumen, an denen zum Teil noch das bunte
+Herbstlaub hing, zeigten sich die ersten Eiskristalle.
+Aber der Himmel strahlte in lichtem und glänzendem
+Blau, und das ganze Kirchenschiff war mit
+heller Sonne erfüllt.</p>
+
+<p>Fast die gesamte Gemeinde wohnte der Feier
+bei. Auch Dörthe hatte sich heimlich in die Kirche
+schleichen wollen, aber Hedda hatte es zu verhindern
+gewußt. Sie hatte das schreiende und weinende
+Mädchen mit raschem Entschlusse in ihre Kammer
+eingeschlossen.</p>
+
+<p>Als Eycken, vor dem Altare stehend, den Blick
+über die Gemeinde schweifen ließ, fiel es ihm auf,
+wie stark sie sich im letzten Jahr gelichtet hatte.
+Eine ganze Menge fehlte: die Familien Braumüller,
+Thielemann, Maracke, Klauert und auch Tengler,
+der gleichfalls nicht hatte der Versuchung widerstehen
+können und der goldenen Lockung Alberts
+zum Opfer gefallen war. Hellstern weilte bereits
+in Döbbernitz; wie Eycken gehört hatte, unterhandelte
+ein Berliner Arzt mit ihm wegen Ankaufs des
+Baronshofs. Sicher hatte auch hier Albert Möller
+die Hände im Spiel, freilich in aller Heimlichkeit,
+denn Hellstern wollte nichts mit ihm zu tun haben.
+Er wurde unbeschreiblich wütend, wenn man in seiner
+Gegenwart nur die Namen der Möllers aussprach.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[297]</a></span>Der Pastor hatte sich in letzter Zeit weniger
+um die Vorgänge in seiner Gemeinde bekümmert;
+sein Lieblingswerk, das ihm den Abend seines Lebens
+verschönen helfen sollte, der große Tempel, den er
+draußen auf der Heide der Barmherzigkeit errichtete,
+nahm ihn völlig in Anspruch. Jetzt aber, als er
+die Insassen des Dorfs um sich sah, empfand er
+zum ersten Male die klaffenden Lücken, die das
+Fieber der Spekulation und die Sucht nach raschem
+Erwerb in ihre Reihen gerissen hatte. Langsam
+färbte sein schönes Patriarchenantlitz sich dunkler.
+Sein Blick flog nach rechts, wo die Möllers saßen:
+das war die Bank der Sünder, das waren die Zertrümmerer
+seiner Gemeinde. In ihrer Hand war
+die goldene Axt der Industrie zu einem Mordwerkzeug
+geworden, zum Henkerbeil. Er entsann sich
+ähnlicher Vorgänge. An der Grenze der Lausitz
+hatte jüngst die Aufdeckung großer Kohlenlager eine
+ganze Gemeinde gewissermaßen verschlungen; man
+hatte die Felder verkauft und die Häuser niedergerissen,
+um der Erde ihre Schätze zu rauben, und
+da kam plötzlich der Rückschlag, und der Absatz begann
+zu stocken; Großindustrielle erwarben das ganze
+Gebiet, und die Gemeinde wanderte aus. Er entsann
+sich auch eines andern Falles schnellen Reichtums,
+der viel besprochen worden war, eines großen
+und köstlichen Waldes, den eine Gemeinde in der
+Mark geerbt hatte, und den sie schleunigst niederschlagen
+ließ, um sich die Säckel füllen zu können.
+Aber dieser gemordete Wald rächte sich; Trunksucht
+und Liederlichkeit rissen im Dorfe ein, die Familien
+verfielen, eine Zeit raschen Niedergangs begann.
+Überall, wo man den Bauern mit Gewalt seiner
+ursprünglichen Tätigkeit entfremdete, wo auf den
+Dörfern eine plötzliche Änderung der Erwerbsverhältnisse
+eintrat, zeigte sich das gleiche Resultat ...</p>
+
+<p>Fritz Möller hatte sich zur Hochzeitsfeier einen
+Frack machen lassen, in dem er wie eine große und
+dicke Fledermaus aussah. Auch einen neuen Zylinderhut
+<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[298]</a></span>besaß er, und dennoch schien er sich sehr unbehaglich
+zu fühlen. Er blickte nicht vom Boden auf,
+während seine Braut, ganz in Weiß, was die schwarze
+Person nicht übel kleidete, die Augen frank und frei
+im Kirchenraume umherschweifen ließ, als suche sie
+den, der etwas wider sie und ihren Fritz zu sagen
+wage. Hinter dem Brautpaar hatte die Familie Platz
+genommen: die beiden Alten, Bertold mit seiner
+Frau und Albert. Albert mit zerstreutem Gesicht,
+wie gewöhnlich, und in der Tat wanderten seine
+Gedanken weit über die heilige Stätte hinaus und
+bauten Haus an Haus, das Sanatorium auf der
+Anhöhe des Baronshofs und ringsherum einen
+Kranz schöner Villen. Er hatte große Summen
+aufgenommen, aber auch an Sicherheit gewonnen.
+Er sorgte sich nicht mehr; er wußte nun, daß die
+Zukunft von Oberlemmingen den Möllers gehörte.</p>
+
+<p>Eycken hatte auch diesmal das Bibelwort aus
+der Genesis gewählt, das er öfters seinen Traureden
+zugrunde zu legen pflegte: „Es ist nicht gut,
+daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin
+machen, die um ihn sei&nbsp;...“ Er sprach länger
+als sonst, und er bemühte sich, milde zu sein. Aber
+Fritz verstand seine Anspielungen. Er wurde bald
+rot, bald bleich und rückte unruhig auf seinem Stuhle
+hin und her, während Frida kerzengerade dasaß
+und den Pastor mit ihren Kohlenaugen unverwandt
+anstarrte. Auch die Gelegenheit, den Zersetzungsprozeß
+in der Gemeinde zu erwähnen, ließ Eycken
+sich nicht entgehen. Er hielt dem Brautpaare vor,
+daß ihnen beiden wie ihrer Familie durch die Entdeckung
+der Heilquelle ein großes äußeres Glück
+beschieden worden sei, doch sollten sie sich nicht von
+diesem Glücksfalle berauschen lassen und ihn auch
+andern teilhaftig machen. Und dann fuhr er fort:
+„Gleichwie aus der Erde tiefem Schacht neben der
+heilspendenden Quelle auch giftige Schwaden aufsteigen
+können, die das Land verseuchen; wie das
+Wasser selbst, wenn man seine Kraft nicht zügelt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[299]</a></span>mit brausender Gewalt den Boden zu unterhöhlen
+vermag, bis er eines Tages einstürzt und alles in
+die brodelnde Tiefe reißt, was oben trügerisch grünte
+&ndash; so sprudelt auch oft aus dem tiefen Schacht der
+Menschenseele ein ungebärdiges Wünschen auf, das
+stärker und stärker anschwillt, zerstört, schadet und
+niederreißt, wenn man sich nicht bemüht, es einzudämmen
+und seiner Herr zu werden. Anfangs lenkt
+vielleicht nur der Erwerbssinn und der Trieb der
+Selbsterhaltung diese Wünsche, aber allmählich tritt
+Mißgunst und Habgier dazu, und der schaffende
+Verstand artet in listige Ausbeutung aus, die geschickte
+Hand rafft allenthalben zusammen, was sie
+zu eignem Vorteil erreichen kann, und schont auch
+andrer Eigentum nicht. Im Herzen eines jeden
+von uns entspringt der Quell des Wünschens rein
+und kristallklar; doch ach, wie leicht wird er trübe,
+wenn sich Böses und Übles in ihn mischt, und wie
+braust er auf und übertönt das Gewissen, wenn
+man ihn ungehindert fließen läßt und zügellos nährt,
+bis er, gleich einem wilden Strome, alles Gute in
+uns überschwemmt! Gebt acht, daß ihr euer Wünschen
+zu bändigen versteht! Haltet ihn rein, den
+Quell eurer Hoffnungen &ndash; wie jenen, den Gottes
+Hand draußen im Felsgestein zum Heile der leidenden
+Menschheit hervorsprudeln ließ!“</p>
+
+<p>Aber Albert Möller drehte an seinem Schnurrbart
+und zog den Mund schief. Stumm und gleichgültig
+blickten die andern drein. Die Braut stierte
+noch immer mit ihren schwarzen Kohlenaugen unbeweglich
+in das Gesicht des Pfarrers. Fritz hatte
+den Kopf gesenkt.</p>
+
+<p>Den Möllers gegenüber, auf der linken Seite
+des Altars, saß die Familie Grödecke, Vater und
+Mutter und zwei Schwäger, alles ungeheure Gestalten
+mit roten Gesichtern, dick und protzig. Vater
+Grödecke hatte seine rechte, unbehandschuhte Tatze
+auf die Chorbank gelegt, so daß man den dicken
+goldenen Siegelring auf seinem Zeigefinger bewundern
+<span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[300]</a></span>konnte. Dieser Ring glänzte hell im freundlichen
+Sonnenschein, wie einst das goldene Kalb geleuchtet
+haben mochte, das sich Israel als Götzen
+errichtete. Und während Eycken sprach, liebäugelte
+Herr Grödecke beständig mit seinem Siegelring, der
+ihm bei den aggressiven Worten des Pastors eine
+gewisse Beruhigung zu gewähren schien. Denn er
+wie die Möllers verstanden schon den Geistlichen;
+sie wußten, was er meinte. Aber es war kein
+einziger unter ihnen, der sich seine Ansprache zu
+Herzen genommen hätte. Auch Fritz nicht; in dessen
+Seele lebte nur der eine Gedanke: ‚Wenn es doch
+erst aus wäre!‘</p>
+
+<p>Es dauerte auch nicht mehr lange. Beim Ringewechsel
+und der Fragestellung entstand ganz hinten
+in der Kirche, unter dem Orgelchor, ein Geräusch,
+das Eycken aufblicken ließ. Doch die Sonne blendete.
+Es schien ihm, als sehe er, halb verdeckt von einer
+der großen Säulen, die den Chor trugen, den alten
+Klempt, den seine Schwester Pauline zurückzudrängen
+versuchte. Dann fiel dröhnend die Orgel ein, und
+die Posaunen bliesen ...</p>
+
+<p>Das Hochzeitsmahl fand selbstverständlich im Hotel
+Möller statt. Man hatte sich genötigt gesehen, auch
+Eycken einzuladen, der indessen abgesagt hatte. Das
+war allen lieb. So blieb man denn unter sich; von
+den Bauern war keiner gebeten worden.</p>
+
+<p>Noch vor Beginn des Mahls tauschte man seine
+Ansichten über die Traupredigt aus. Die Männer
+standen alle zusammen in einer Ecke des großen
+Saals, in dem die Tafel gedeckt war: die von der
+Familie Grödecke mit vorgeschobenen Leibern, von
+weißen Westen umspannt, auf denen goldene Uhrketten
+flimmerten; daneben der alte Möller, schon
+wieder die Pfeife im Munde, mit seinem harten
+und eisernen Gesicht &ndash; der kleine Bertold, krumm,
+mit verschmitztem Blinzeln hinter der Brille, und
+Albert, schlank, sehnig und elastisch, ein brutales
+Kraftgefühl zur Schau tragend. Sie schimpften
+<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span>weidlich auf Eycken und in allen Tonarten; Albert
+allein meinte skeptisch:</p>
+
+<p>„Was schert’s <em class="gesperrt">uns</em>?! Laßt ihn doch reden!“</p>
+
+<p>Das Mahl währte lange. Es wurde gewaltig
+gegessen und getrunken. Man hatte nicht gespart.
+In den Ecken des Saals häuften sich die leeren
+Weinflaschen an. Das Gesicht der Mutter Grödecke
+glühte wie von Flammen bestrahlt: ihr Mann hatte
+seinen Stuhl neben den Platz Alberts geschoben und
+sprach mit letzterem über die neue Fleischhalle, während
+ringsumher der Lärm der Tafelnden immer
+lauter anschwoll.</p>
+
+<p>Um so stiller war es draußen. Die Nacht hatte
+sich über das Dorf gesenkt, aber es war hell, denn
+der Himmel war ausgesternt und der Mond aufgegangen.
+Der Mond hatte einstmals, vor Jahrhunderten,
+dies kleine Oberlemmingen entstehen
+sehen. Ein versprengter Wendenstamm hatte hier,
+auf den beiden Höhen, während das Tal selbst noch
+See war, seine Pfahlbauten errichtet. Und dann
+war das Wasser gefallen, und sässige Leute hatten
+sich angesiedelt und zum Pfluge gegriffen. Auf dem
+Baronshofe erhob sich das erste Schloß, mit festen
+Mauern und Wallgräben. Fremde Kriegsschwärme
+überfluteten das Land und brannten die Häuser
+nieder. Aber die Liebe zur Heimat war groß; aus
+Schutt und Trümmern erhob sich ein neues Dorf
+und ein neues Haus an Stelle des alten Schlosses.
+Die Zeit verrann. Auch auf dem Auberg wurde
+es wieder lebendig. Dort faßte zuerst die siegende
+Industrie festen Fuß, ehe sie zu Tal stieg. Vor
+ihrem Triumphschritt fielen die Katen der Taglöhner
+und die Bauernhütten; abermals brach eine neue
+Epoche an. Eine so rapide Veränderung, wie sie
+im Laufe der letzten beiden Jahre über Oberlemmingen
+gekommen, hatte der Mond noch nicht gesehen.
+Und doch war es erst der Anfang. Wenn
+bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von
+Jahren verflossen ist, wird der Mond noch Erstaunlicheres
+<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span>schauen. Dann sind auch die letzten Bauernhäuser
+verschwunden, die heute noch stehen, und eine
+Villenstadt breitet sich unten im Tal aus, umringt
+von sauberen Parkgehegen, von geschorenen Wiesen,
+glatt und weich wie Samt, und von blühenden
+Bosketts, die in den Sommernächten duften. Das
+Dunkel des Abends kennt man nicht mehr in Oberlemmingen,
+denn die elektrischen Kugeln spotten der
+Nacht, und vor ihrem hellen, weißen Lichte erlischt
+der Mondenglanz. Vom Auberge aus bis zum
+Lemminger Zacken zieht sich durch das Grün der
+Anlagen eine ganze Reihe stattlicher Baulichkeiten,
+hübsche Chalets und Wohnhäuser, ärztliche Anstalten
+und Institute, die neuen Bäder, die Basarreihen,
+Hotels und Restaurants. Hie und da ragen hohe
+Türme in die Luft; die Fabrikschlote dampfen. An
+den Ufern der kleinen Barbe, die mit so silbernem
+Lachen das Tal durchströmt, sind elegante Kaie
+entstanden, mit breiten Promenadenwegen, Pavillons
+und Kiosken. Und eine bunte Menschenmenge, aus
+allen Weltgegenden herbeigeströmt, belebt dieses
+Bild; im Kurpark stauen sich die Massen und überfluten
+ihn; es wimmelt auf den Wiesen, im Walde
+und zwischen den Feldern. Wagen rollen hin und
+her. Überall Fremde ...</p>
+
+<p>Das wird der Mond sehen, wenn bei Auf- und
+Niedergang abermals eine Reihe von Jahren verflossen
+ist. Doch nach den Bauern von Oberlemmingen
+wird er vergebens Umschau halten. Denn
+das Triumphgespann der Kultur gleicht dem Götzenwagen
+von Djaggernaut, dessen demantene Räder
+so strahlen und leuchten, daß man die Opfer kaum
+merkt, die sie auf ihrem Wege zermalmen.</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>Am Abend des Hochzeitstages ihres ehemaligen
+Bräutigams wurde Dörthe im väterlichen Hause
+vergeblich erwartet. Es war ihr ein schrecklicher
+Gedanke, immer wieder in das gramdurchfurchte
+Gesicht des alten Vaters blicken und die Weissagungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span>der Tante Pauline anhören zu müssen,
+die der Familie Möller aus Eiweiß und Kaffeesätzen
+und Traum- und Punktierbüchern heraus
+den fürchterlichsten Untergang prophezeite.</p>
+
+<p>Während der Kirchenzeit hatte Dörthe in ihrer
+Kammer ununterbrochen geweint. Dann war Hedda
+zu ihr gekommen, hatte sich neben sie gesetzt und
+tröstend mit ihr zu sprechen versucht. Und wirklich
+war Dörthe ruhiger geworden, hatte Heddas Hand
+geküßt, ihr für ihren gütigen Zuspruch gedankt und
+war schließlich wieder still und emsig an ihre Arbeit
+gegangen.</p>
+
+<p>Nun schritt sie, ein dickes Tuch um den Kopf
+gebunden, die Dorfstraße hinab. Sie trug sich schon
+seit einigen Wochen mit der Absicht, sich das Leben
+zu nehmen. Als der Gedanke an Selbstmord zuerst
+in ihrem wirren Kopfe aufgetaucht war, hatte
+sie sich davor erschreckt. Aber mit der Zeit hatte
+sie sich fester und fester in diesen Gedanken hineingelebt,
+ohne zu grübeln, immer nur das Ziel vor
+Augen, Fritz durch ihren Tod zu beweisen, wie
+lieb sie ihn gehabt hätte, und wie groß sein Unrecht
+gegen sie gewesen sei. Ihr Begriffsvermögen
+war zu beschränkt und die Empfindungswelt, in
+der sie lebte, zu einfach, als daß sie sich über den
+starren Trotz hätte klar werden können, der das
+leitende Motiv zu ihrem Entschlusse war. Sie
+wußte ganz genau, daß die gesamten Möllers der
+Ansicht waren, sie werde sich allmählich schon trösten;
+nun wollte sie ihnen zeigen, daß es anders sei.
+Sie bedauerte nur, daß sie den Schrecken der
+Möllers und das Gesicht Fritzens nicht mehr sehen
+könne, wenn man sie aus dem Wasser ziehen würde.</p>
+
+<p>Sie war jetzt ganz ruhig und fast heiter. Sie
+hatte am Spätnachmittag noch eine Stunde im
+Gesangbuch gelesen. Ein altes Kirchenlied, das sie
+als Kind einmal auswendig lernen mußte, war ihr
+wieder in die Augen gefallen, und sie sprach es
+auch jetzt leise vor sich hin:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span></p><div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">„O Vater der Barmherzigkeit,<br /></span>
+<span class="i0">Ich falle dir zu Fuße,<br /></span>
+<span class="i0">Verstoß mich nicht, der zu dir schreit<br /></span>
+<span class="i0">Und tut noch endlich Buße.<br /></span>
+<span class="i0">Was ich begangen wider dich,<br /></span>
+<span class="i0">Verzeih nur alles gnädiglich<br /></span>
+<span class="i0">Durch deine große Güte&nbsp;...“<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Jenseits der Chaussee bellte ein Hund. Sonst
+war es totenstill im Dorfe. Aber je näher Dörthe
+dem Möllerschen Gasthaus kam, um so deutlicher
+hörte sie ein lustiges Stimmengewirr. Hinter den
+Parterrefenstern des Hotels glänzte helles Licht.
+Man feierte noch immer da drinnen.</p>
+
+<p>Dörthe trat in den Schatten des Hauses und
+drückte sich dicht an die Wand, neben der breiten
+Treppe, die in das Haus führte. Hier lauschte sie
+angestrengt. Sie hätte gern noch einmal die Stimme
+ihres Fritz gehört. Aber es war unmöglich, denn
+jetzt hub im Saale auch eine lustige Musik an:
+Vietz mit zwei Geigern war da.</p>
+
+<p>Unwillkürlich mußte Dörthe an jenes Erntefest
+zurückdenken, auf dem man ihre Verlobung gefeiert
+hatte. Eine ganze Reihe bunter Bilder schien an
+ihr vorüberzuflattern. Sie sah den Alten, wie er
+sie um die Taille faßte &ndash; sah sich mit Fritz tanzen,
+sah die Liese Braumüller und die ganzen jungen
+Burschen vor sich, hörte das Krachen des plötzlich
+losbrechenden Gewitters und die heisere Stimme
+des trunkenen Vietz das Lied „Hans mit de Krusekragen“
+singen.... Und dann die Abschiedsstunde
+im Buchenhain. Es strömte brennend heiß durch
+Dörthes Herz. Da hatte er sie auf seinen Armen
+getragen, und sie hatte so sicher geglaubt, daß noch
+alles gut werden würde ...</p>
+
+<p>Sie ging weiter. Tränen tropften über ihre
+Wangen. Plötzlich fiel ihr noch etwas ein. Sie
+hatte einen Brief in der Tasche, an Fritz adressiert,
+nur die Nachricht enthaltend, daß sie am Lindengrund
+in den See springen würde, weil sie nicht
+länger leben wolle &ndash; den sollten die Hochzeitsgäste
+<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span>vor der Hoteltür finden. Und sie machte nochmals
+kehrt, schlich sich wieder am Hause entlang, huschte
+rasch die Treppe hinauf und legte den Brief auf
+die innere Schwelle der offenstehenden Haustür.</p>
+
+<p>Dann flog sie davon. Sie rannte die Chaussee
+hinab und schritt erst wieder langsamer aus, als
+sie in den Döbbernitzer Weg einbog.</p>
+
+<p>Im Walde fürchtete sie sich. Die Mondstrahlen
+tanzten vor ihr im Sande, und von allen Seiten
+erklangen fremdartige Töne: Rauschen, Knacken und
+Ächzen. Irgend ein dunkles Getier flüchtete in der
+Ferne scheu über den Weg.</p>
+
+<p>Dörthe begann wieder zu laufen. Einmal schrie
+sie laut auf; ihr eigner Schatten hatte sie erschreckt.
+Sie stürzte von neuem weiter, rechtsseitig hinein
+in den Wald &ndash; da mußte der See liegen! Ihr
+Herz klopfte zum Springen; sie war in Schweiß
+gebadet. Ganz plötzlich umflutete sie heller Mondschein
+&ndash; sie stand auf einer schneeüberwehten
+Lichtung, und unten schimmerte tiefschwarz der See.</p>
+
+<p>Dörthe hatte atemschöpfend halt gemacht. Sie
+hatte ihr Kopftuch verloren; ihr Haar war aufgegangen
+und flatterte um ihre Schultern. Sie
+stierte mit großen, glühenden Augen auf das
+schwarze Wasser hinab. Es tobte und brodelte in
+ihrem armen Kopf, und durch ihr Hirn zuckten
+schmerzhafte Stiche. Ein unsägliches Grausen schüttelte
+sie &ndash; eine furchtbare Angst vor dem Tode und
+vor dem kalten Wasser. Sie wollte wieder zurück ...</p>
+
+<p>Hinter ihr im Walde wurde es laut; er rauschte
+und knackte von neuem &ndash; ein Schwarzwild brach
+durch das Unterholz und jagte die Dohlen auf.
+Überall in und unter den Bäumen schien es lebendig
+zu werden ... Mit gellem Schrei stürzte Dörthe
+den Abhang hinab, und in vollem Lauf begann sie
+stammelnd ihr Lied zu beten: „O Vater der Barmherzigkeit&nbsp;...“
+Dann ein letzter Schrei &ndash; ein
+schweres Aufschlagen im Wasser, ein Gluckern und
+Wogenrollen ...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>Im See bildeten sich längliche Kurven, die den
+glatten Spiegel trübten, sich weiter und weiter
+wölbten und schließlich allmählich verrannen. Aus
+dem metallenen Schwarz des Wassers leuchtete
+wieder das Abbild des Himmels hervor, der sternendurchglänzten
+Ewigkeit.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Fuenfzehntes_Kapitel" id="Fuenfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h2>
+
+
+<p><span class="dropcap">W</span>ieder war es Frühling geworden &ndash; der erste
+warme Tag im Jahre, ein Tag, der die
+Freuden des Sommers vorahnen ließ.</p>
+
+<p>Im Parke von Döbbernitz knospete es an Baum
+und Strauch. Es war nicht mehr die wuchernde
+Wildnis, die sich hier unter dem verschollenen letzten
+Zernin ungebändigt und unaufgehalten ausbreiten
+konnte, aber ein Hauch jener Urwaldpoesie war
+trotz der schmückenden und regelnden Hand des
+Gärtners doch noch zurückgeblieben. Die weiten
+Rasenflächen legten bereits ihr grünes Lenzkleid an,
+und nur hie und da lugte noch ein Fleckchen Winterbraun
+hervor. Die Lärchen blühten schon, und an
+den Kastanien zeigten sich dicke, harzene Knospen;
+die frischen Blätter der Mahonien schimmerten wie
+lackiert, die Narzissen erschlossen ihre Kelche. Das
+Grün der Bosketts schillerte in mancherlei Abstufungen;
+die Spiräen, immer die ersten im Frühlingsschmuck,
+trugen ihr Blattwerk schon in kräftigerer
+Färbung zur Schau, aber Flieder, Jasmin
+und Schneebeeren begnügten sich noch mit zarterer
+Tönung und die jungen Triebe der Edelweide
+hatten sich mit einem bläulichen Schleier umsponnen.
+Vor allem aber zeigte das Leben in der Vogelwelt,
+daß der Sommer nahte. Es zwitscherte, pfiff,
+trillerte und sang überall in den Zweigen, und
+hoch durch die blaue Luft strichen die Schwalben.</p>
+
+<p>Die Gärtner arbeiteten im Park. Die Treibhaustüren
+<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>waren weit geöffnet; ein paar Koniferen
+wurden ins Freie geschafft. An den Spalieren
+beschnitt man das Obst und den Wein; die Wege
+wurden vom trockenen Laube gesäubert und hie
+und da neu mit Kies bestreut; die hochstämmigen
+Rosen, deren Wipfel den Winter hindurch niedergelegt
+und mit Erde bedeckt worden waren, wurden
+aufgerichtet und wieder an ihre grünen Pfähle gebunden.
+Zahlreiche Hände regten sich, den Sommer
+zu empfangen.</p>
+
+<p>„Uff,“ meinte der alte Hellstern, als er in den
+Schloßgarten trat; „August, ich habe dich verkannt.
+Ich nehme es zurück, daß ich sagte, du seiest ein
+noch größerer Esel, als ich geglaubt hätte. Du
+bist ein minder großer. Es ist wahr, der Sonnenschein
+tut mir wohl, und eine so warme Luft hätte
+ich nicht erwartet. Was meinst du: ob ich meine
+Mittagspfeife im Freien rauchen kann?“</p>
+
+<p>„Das konnt’ ich mir denken,“ erwiderte August,
+die schwachen Gehversuche des Alten mit kräftigem
+Arm unterstützend; „kaum fühlen sich der Herr
+Baron mal wieder so ’n bißchen, und gleich müssen
+Sie leichtsinnig sein. Aber ich glaube, ich werd’s
+diesmal verantworten können. ’s ist wirklich wie
+im Sommer, und die Mücken spielen auch schon.
+Der Herr Baron können sich ein Stündchen unter
+die Büste setzen, aber nur, wenn Sie sich die Beine
+ordentlich einwickeln. Ich werde Franzen sagen,
+daß er die Pelzdecke runterbringen soll.“</p>
+
+<p>Hellstern nickte. „Tu das, mein Sohn, und
+sage dem Franz auch gleich, er soll die Zeitungen
+und die Briefe mitbringen, die auf dem Tische vor
+dem Sofa liegen, und die Brille vom Schreibtisch.
+Und dann mummle mich ein, wie du es für gut
+hältst. Du siehst, ich pariere dir aufs Wort&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Na na, Herr Baron!“</p>
+
+<p>„Widersprich nicht immer! Ich sage dir, ich
+pariere dir aufs Wort, du jammervoller Mensch,
+denn ich bin schon froh, daß ich den Wärter
+<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span>losgeworden bin, der immer nach Lazarett und
+Kamillentee roch. Und was willst du denn eigentlich?
+Ich kann die Beine schon wieder ganz hübsch
+bewegen &ndash; soll ich mal im Parademarsch an dir
+vorüberdefilieren &ndash; he?“</p>
+
+<p>„Vorläufig setzen sich der Herr Baron man gefälligst
+ruhig hin. Ich habe der Frau Baronin
+Tochter geschrieben, daß es gottlob besser ginge,
+und wenn der Herr Baron Dummheiten machen
+und wieder ein Rückfall kommt, dann bin ich mit
+blamiert. Sehn Sie, das ist hier so ’n schönes
+Plätzchen, mitten in der Sonne, und da haben der
+Herr Baron den seligen Kaiser im Rücken und
+vorne den grünen Rasen und können mal links in
+die Birken gucken und mal rechts in die Blutbuchen,
+und was da sonst noch steht. Und nun will ich den
+Franz rufen.“</p>
+
+<p>Aber der Alte hielt August noch am Ärmel
+fest.</p>
+
+<p>„Du,“ sagte er, „weil du vorhin von der Frau
+Baronin sprachst: ich habe heute nacht von ihr geträumt.
+Aber so deutlich, als ob es Wirklichkeit
+gewesen wäre. Und vom Herrn Baron auch; der
+sah so blaß und elend aus, daß ich vor Schreck
+aufgewacht bin. Das macht mich ein bißchen unruhig.“</p>
+
+<p>„Na ja &ndash; das fehlte noch! Nu kommen der
+Herr Baron schon auf die Sprünge von Klempts
+Paulinen. Der Doktor hat jede Gemütsbewegung
+strengstens verboten. Am besten wär’s, der Herr
+Baron träumten überhaupt nicht.“</p>
+
+<p>„Mach, daß du fortkommst! Ich soll wohl noch
+eine Medizin gegen das Träumen einnehmen? ...
+Vergiß mir die Briefe nicht!“</p>
+
+<p>Und dann faltete er die Hände im Schoße, lehnte
+den Kopf zurück und ließ sich bei halbgeschlossenen
+Augen von der Sonne bescheinen.</p>
+
+<p>Es war in der Tat ein freundliches Plätzchen
+dicht neben der kleinen Schloßtür, die zu den
+<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span>Fremdenzimmern führte. In einem Halbkreise von
+Taxushecken stand ein Pilaster mit der Büste des
+alten Kaisers Wilhelm, ein Geschenk der Landschaft
+an den verstorbenen Minister, das die Gläubiger Klaus
+Zernins respektiert oder vergessen haben mochten.
+Über die Wiesenlichtung fort konnte man von hier
+aus tief hinein in den Park schauen, bis zu den
+großen Trauereschen am Bach und nach rechts herüber
+zu den wunderschönen alten Blutbuchen, in
+deren Geäst noch die abgestimmten Äolsglocken
+hingen, deren eigentümlich zartes Tönen und Klingen
+Frau von Zernin ganz besonders geliebt hatte.</p>
+
+<p>Franz brachte die Decken und die gewünschten
+Zeitungen, auch noch ein paar Kissen und zur
+Vorsorge den Tabakskasten und Feuerzeug, und
+August begann seinen Herrn einzupacken.</p>
+
+<p>„So,“ sagte er schließlich, „nun bleiben der Herr
+Baron hübsch stille sitzen. Brennt die Pfeife noch?
+Ja, sie brennt noch. Hier ist auch die Brille.
+Aber ich würde nicht so viel lesen, Herr Baron;
+es steht ja doch nichts drin in den Zeitungen und
+regt Ihnen bloß die Gedanken auf.“</p>
+
+<p>„Rede nicht so viel, sondern hebe dich weg,
+Augustus miserabilis. Wenn ich dich brauche,
+schicke ich einen der Gärtnerburschen nach dir.
+Adjö!“</p>
+
+<p>August nickte zufrieden und ging in das Schloß
+zurück. Geraume Zeit hindurch war er recht in
+Sorgen um seinen Herrn gewesen &ndash; damals, als
+die jungen Herrschaften nach der Hochzeit ihre große
+Reise angetreten hatten. Der Alte brummte und
+schimpfte nicht mehr; es verstrichen Wochen, ohne
+daß August gekündigt wurde, ohne daß ihm ein
+zusammengeknülltes Zeitungsblatt oder das Brillenfutteral
+an den Kopf geflogen wäre. Das waren
+beunruhigende Symptome. Wenn der Herr Baron
+nicht mehr wütend wurden, ging es langsam zu
+Ende mit ihm &ndash; davon war August überzeugt.
+Das Herz tat ihm weh, und eines Morgens sprach
+<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>er sich unumwunden mit seinem Gestrengen über
+seinen Kummer aus.</p>
+
+<p>„Herr Baron,“ sagte er, „ich ertrage das nicht
+länger. Sie müssen wieder an die Familienchronik
+gehen. Ich weiß zwar, daß Ihnen der Doktor
+gemütliche Erregungen verboten hat, aber ich halte
+es für noch schlimmer, wenn Sie so tagaus tagein
+immer bloß vor sich hindrusseln. Da kommen Ihnen
+erst die dummen Gedanken. Nehmen Sie ruhig
+Ihre Arbeit wieder vor. So ’n kleiner Ärger
+von wegen der Vokabeln schadet Ihnen nichts; das
+frischt Sie auf. Und ich möchte auch mal wieder
+besser behandelt werden, Herr Baron. Es ist lange
+her, daß Sie zum letzten Male Esel und Jammerfrosch
+zu mir gesagt haben. Das kränkt mich.“</p>
+
+<p>Da lachte der Alte nach Monaten wieder einmal
+herzlich und lustig auf, ließ August nähertreten,
+gab ihm die Hand und sprach einige Worte mit
+ihm, die ein andrer für Injurien gehalten haben
+würde. Aber August nicht; sein Gesicht glänzte
+und seine Augen wurden feucht; nun wußte er doch,
+daß sein Herr ihn immer noch lieb hatte.</p>
+
+<p>Hellstern setzte sich wirklich wieder hinter die
+Arbeit. Er hatte Sehnsucht nach seiner Tochter
+gehabt &ndash; das hatte ihn still werden lassen. Nun
+vergrub er sich wieder in seine Papiere und Dokumente.
+Wenn Axel zurückkehrte, sollte er die Chronik
+vollendet vorfinden. Aber er konnte nicht, wie
+auf dem Baronshofe, hintereinander fortarbeiten;
+auch der Arzt wollte das nicht. Vor allem war
+ihm Bewegung verordnet worden, und August
+sorgte dafür, daß der Baron die ärztlichen Vorschriften
+einhielt. Außer den Marschübungen durch
+eine lange, geheizte Zimmerflucht gab es noch eine
+Reihe mechanischer Bewegungen an verschiedenen
+Apparaten; auch kam täglich der Arzt aus Oberlemmingen
+zur Massage und zu einer gelinden
+elektrischen Kur. Besonders die letztere schien anzuschlagen;
+im Laufe des Winters machte der Baron
+<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span>erstaunliche Fortschritte. Das freute ihn selbst,
+denn er konnte darüber seiner Hedda berichten, und
+Jubelbriefe trafen als Antwort ein. Auch eine
+gewisse Anteilnahme an der Wirtschaft machte ihm
+Spaß und unterhielt ihn. Der Administrator erschien
+täglich bei ihm mit dem Rapport, und bei
+Beginn der Frühjahrsbestellung hatte sich Hellstern
+sogar öfters zu Wagen auf die Felder gewagt.
+Die alte Liebe zum Lande erwachte in ihm; mit
+lebhaftem Interesse verfolgte er die Maßnahmen
+des sehr tüchtigen Verwalters, den er gelegentlich
+auch abends zu sich einlud, um mit ihm zu
+plaudern.</p>
+
+<p>Auf Hellsterns Schoße lagen die neuen Zeitungen
+und die letzten Briefe Heddas. Sie waren
+etwas sorgenvoll gehalten. Man hatte schon im
+Februar die Reisedispositionen ändern müssen.
+Axel war wieder kränklicher geworden; auf seine
+zarte Natur hatte auch die unbedeutendste Erkältung
+starken Einfluß. Die Ärzte wünschten, daß er nicht
+vor Juni nach Hause zurückkehre &ndash; und damit
+wuchs die Sehnsucht Hellsterns.</p>
+
+<p>An dem hohen, schmiedeeisernen Tore, das vom
+Parke in den inneren Schloßhof führte, wurden
+Stimmen laut.</p>
+
+<p>Hellstern erhob den Kopf.</p>
+
+<p>„Ist es denn möglich!“ rief er. „Eycken &ndash;
+Pastor &ndash; sind Sie es wirklich?! Lassen Sie sich
+auch einmal sehen? Ist der alte Freund noch nicht
+gänzlich vergessen?!“</p>
+
+<p>„Immer los mit den Vorwürfen, lieber Hellstern
+&ndash; ich habe sie redlich verdient! Ich habe aber
+auch meine Entschuldigungen &ndash; und nun mal zuvörderst
+die Hand &ndash; beide Hände, damit ich sie
+recht kräftig drücken kann! Gott sei Dank, Alterchen,
+ich sehe, August hat nicht übertrieben: Sie werden
+wahrhaftig noch einmal jung!“</p>
+
+<p>Eycken hatte sich neben Hellstern in einen der
+Korbsessel gesetzt. Er war unverändert, noch immer
+<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>der schöne, weißbärtige Patriarch mit den klaren
+Augen voll Güte und Barmherzigkeit.</p>
+
+<p>Die beiden alten Herren hatten sich seit längerer
+Zeit nicht gesehen und einander viel zu erzählen.</p>
+
+<p>„Ich habe in den letzten Monaten so viel zu
+tun gehabt, daß ich kaum noch Mensch bin,“ sagte
+Eycken. „Meine Anstalt ist fertig und vorgestern
+eingeweiht worden. Sechzehn arme liebe kleine
+Geschöpfe sind meine ersten Pfleglinge. Hellstern,
+ich bin überglücklich! Ich habe meine Pfarre aufgegeben,
+um ganz dem Hospiz leben zu können.
+Das ist mir lieber und füllt mein Leben besser und
+wohltuender aus &ndash; was mir vom Leben übrig
+bleibt! Ich habe letzthin in Oberlemmingen üble
+Erfahrungen gemacht; es ist nicht alles so wie es
+sein sollte, und wie ich es erhofft habe.“</p>
+
+<p>„Kann ich mir denken,“ warf Hellstern ein.</p>
+
+<p>„Nein &ndash; es ist vieles anders geworden, wie
+ich erhofft habe,“ fuhr Eycken fort, „und der Selbstmord
+der kleinen Klempt &ndash; eurer Dörthe &ndash; der
+hat sozusagen das Maß zum Überlaufen gebracht.
+Ich hielt’s nicht mehr aus in der Gemeinde. Was
+sag’ ich, Gemeinde &ndash; die alte Gemeinde existiert
+überhaupt nicht mehr! Alles ist zersprengt
+worden; meine Besten sind fort; die Möllers
+regieren da unten.... Sie wissen, daß ich mich zu
+Ihren Ansichten nie habe bekehren können, lieber
+Freund &ndash; auch heute noch nicht. Ich bin kein
+Gegner des Fortschritts, kein Feind regen industriellen
+Aufschwungs. Aber es wurmt und grimmt
+mich, daß die Quelle, die der liebe Gott den
+Menschen zu ihrem Heile geschenkt hat, ein Objekt
+wilder und niedriger Spekulation geworden ist.
+Es grimmt mich, daß gewissenlose Leute diese Gabe
+des Höchsten in schmählicher Weise auswuchern,
+statt sich mit ehrlichem Verdienst zu begnügen. Und
+deshalb zog ich mich zurück.“</p>
+
+<p>Der Baron nickte. „Ich verstehe es,“ entgegnete
+er; „ich sah das alles vom ersten Moment ab,
+<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span>da von der Quelle gesprochen wurde, genau so
+kommen, wie es sich nun tatsächlich entwickelt hat.
+Ich hab’s seinerzeit auch den Möllers gesagt, als
+sie mich gerne als Köder und Aushängeschild einfangen
+wollten. Ich kannte die Leute und wußte,
+daß sie einen Ring bilden und die Erträgnisse der
+Quelle allein in ihre Taschen leiten würden, soweit
+es nur irgendwie anging. Ein Feind der Industrie
+bin ich ja auch nicht, Pastor &ndash; wahrhaftig nicht,
+da verkennen Sie mich&nbsp;&ndash;, aber ein Feind selbstsüchtiger
+Spekulation, die andern das Geld aus
+dem Säckel lockt! Ich hoffte noch immer, es würde
+Schellheim gelingen, das Ganze in geordnete Wege
+zu leiten &ndash; aber als er im Winter einmal hier
+war, machte auch er mir Andeutungen, als wolle
+er sich nach und nach zurückziehen.“</p>
+
+<p>„So ist es,“ bestätigte Eycken, „er ist der ewigen
+Zänkereien mit den Möllers müde geworden. Es
+herrscht eine trübe Stimmung im Auschlosse. Der
+älteste Sohn hat geheiratet, und der Kommerzienrat
+will mit der Schwiegertochter nicht warm werden.
+Es geht ihm zu Herzen, daß der Hagen nicht höher
+hinaus gewollt hat. Ich habe meine ganze Dialektik
+angewandt, ihn davon zu überzeugen, daß sich
+das Menschenglück nicht um Rang und Stand und
+gesellschaftliche Gegensätze kümmert, aber er bleibt
+frostig und kühl. Übrigens hat er mir neulich erzählt,
+daß sein Gunther mit Ihren Kindern in
+Gibraltar zusammengetroffen ist; wie kommen Hedda
+und Axel denn dahin?“</p>
+
+<p>Hellstern sprach von den letzten Briefen seiner
+Tochter und von Axels Rückfall. Die beiden hatten
+beschlossen, dem Rate des Arztes zu folgen, den
+Februar und März auf Madeira zu verleben und
+dann in langsamen Etappen heimzukehren. Auch
+an den Vater hatte Hedda von der Begegnung
+mit Gunther geschrieben; der Doktor sei immer
+noch der liebenswürdige, etwas schüchterne junge
+Mensch von früher ...</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span>Eycken blieb bei dem alten Freunde, bis August
+erschien und mahnend darauf aufmerksam machte,
+daß es beginne, kühler zu werden. Dann nahmen
+die Herren herzlichen Abschied voneinander.</p>
+
+<p>„Kommen Sie bald wieder, Pastor,“ sagte Hellstern.
+„Ich höre gern etwas Neues, und Sie
+wissen, ich hause hier wie ein Murmeltier. Schleppt
+mich der August wirklich einmal heraus &ndash; nach
+Oberlemmingen zu setze ich keinen Fuß! Ich möchte
+das Dorf nicht wiedersehen &ndash; nie wieder, &ndash; ich
+glaube, es zerrisse mir das Herz, wenn ich an
+Stelle meiner braven Bauern hundert fremde Gesichter
+sähe! Das Herrenhaus auf dem Baronshof
+wird wohl auch bald abgetragen werden &ndash;
+nein, Eycken, ich hänge doch noch zu sehr am Alten,
+und in meinen Jahren krempelt man sich nicht mehr
+um wie ein Handschuh! Gott befohlen, Pastor!“</p>
+
+<p>Er nickte dem Abgehenden nochmals nach und
+ließ sich von August die Decken abnehmen.</p>
+
+<p>„Pack an, mein Alter &ndash; unter den rechten
+Arm &ndash; so &ndash; hupp! ... Hör mal, August, mein
+Sohn: wenn ich mal sterben sollte&nbsp;&ndash;“</p>
+
+<p>„Reden der Herr Baron doch nicht <em class="gesperrt">so</em> etwas!“</p>
+
+<p>„Wir können doch nicht ewig leben, Nachtmütze!
+Also wenn ich mal sterben sollte, da möcht’ ich doch
+in Oberlemmingen beerdigt werden. Man hat es
+mir zwar gehörig verekelt, aber der Tod, denk’ ich,
+gleicht aus und versöhnt. Buddelt mich auf dem
+Kirchhofe ein, neben den andern Hellsternschen
+Gräbern; der große Fleck unter der Linde gehört
+mir, den hab’ ich gekauft. Da können auch die
+Möllers nicht ’ran. Also verstehst du: unter der
+Linde will ich begraben sein!“</p>
+
+<p>„Ich versteh’ schon,“ entgegnete August; „aber
+der Herr Baron werden’s am Ende nicht übelnehmen,
+wenn wir damit noch ’n bißchen warten
+tun. Es eilt ja nicht so. Sehr viel sind wir nicht
+auseinander an Jahren, der Herr Baron und ich;
+und wenn sich der Herr Baron erst hingelegt haben,
+<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>dann dauert’s mit mir auch nicht mehr lange. Das
+weiß ich gewiß. So ’n altes Tier wie ich muß
+seine regelrechte Fütterung haben und seine gleiche
+Behandlung. Ins Neue leb’ ich mich auch nicht
+mehr ’rein &ndash; da geht’s mir gerade wie dem Herrn
+Baron. Also warten wir schon noch; der liebe
+Gott wird ja wissen, wenn’s Zeit ist.“</p>
+
+<p>„Das wird er,“ erwiderte Hellstern ernsthaft.
+„Vielleicht läßt er uns am gleichen Tage von hinnen
+gehen. Das wäre eine hübsche Sache, August, denn
+ohne deine Dummheit würde ich, fürcht’ ich, nur
+noch ein schweres Auskommen haben. Kein Mensch
+weiß mich so zu ärgern wie du, und auf keinen
+kann ich mit so freudig bewegtem Herzen schimpfen
+wie auf dich. Ich glaube, du würdest mir sehr
+fehlen, weil du so ein guter, treuer, alter Esel bist.“</p>
+
+<p>Beide standen jetzt vor dem Zimmer, das Hellstern
+bewohnte. August klinkte die Tür auf.</p>
+
+<p>„Gott sei Dank!“ sagte er, „ich hör’s am Ton:
+es wird schon noch ein ganzes Weilchen Jahre gehn.“</p>
+
+<div class="tb"><hr /></div>
+
+<p>An diesem gleichen schönen Frühlingstage hatte
+der alte Klempt eine heftige Auseinandersetzung mit
+seiner Schwester Pauline.</p>
+
+<p>Der Tod Dörthens hatte die beiden zu Boden
+geschmettert, als habe eine Riesenfaust sie getroffen.
+In dem wirren Hirn der Tante Pauline lebten
+nur noch ihre Träume; man sah sie ständig mit
+ihren Deutbüchern in der Hand; es war ein seltsames,
+ruheloses und geheimnisvolles Dasein, das
+sie führte.</p>
+
+<p>Auch Klempt war noch stiller geworden. Der
+Sarg für sein Kind war seine letzte Arbeit gewesen;
+er rührte die Hand nicht mehr. Man brauchte ihn
+auch nicht; im Gegenteil, die Möllers wären froh
+gewesen, wenn sie den alten, blassen Mann hätten
+aus dem Dorfe treiben können. Auch sein kleines
+Haus stand ihnen beim unaufhörlichen Wachsen der
+Villenstadt im Wege. Gerade dorthin sollte ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span>großes und elegantes Restaurant im Pavillonstil
+kommen ...</p>
+
+<p>Klempt hatte mit den Möllers wegen der Wiese
+prozessiert. Er behauptete, er sei betrogen worden;
+man habe sie ihm unter der Vorspiegelung, daß
+Fritz die Dörthe heiraten solle, für einen Spottpreis
+abgenommen. Er verlor den Prozeß und
+mußte auch noch die Kosten tragen. Und nun geschah
+etwas, was man niemals für möglich gehalten
+hätte: der nüchterne und fleißige Klempt lernte auf
+seine alten Tage noch das Trinken. Er ging freilich
+nicht selbst in den Krug, aber er ließ sich durch
+die Schulkinder den Schnaps holen. Und dann
+schloß er sich ein und trank und trank, bis er sinnlos
+war.... „Er macht’s nicht mehr lange,“ sagte
+Albert Möller eines Tages zu seinem Vater; „gestern
+früh hat ihn der Nachtwächter sternhagelvoll auf
+dem Kirchhofe gefunden.“ Ach ja, so war es. Aber
+nicht allein der Schnaps war die Sehnsucht des
+Alten; im brechenden Herzen schwoll höher und höher
+die Sehnsucht nach seinem gemordeten Kinde an.</p>
+
+<p>Den Möllers ging es immer noch nicht rasch
+genug. Der Prozeß um die Wiesen hatte die Ersparnisse
+Klempts verschlungen. Bertold kaufte die
+Hypothek, die auf dem Gehöft lag, und kündigte sie
+dann. Der geschäftsunkundige Alte wußte nicht,
+was er tun sollte, und bat seine Schwester, ihm ihr
+kleines Vermögen zu überlassen, damit er das Haus
+halten könne. Aber Tante Pauline verwehrte es
+ihm; sie hatte plötzlich den Entschluß gefaßt, nach
+Amerika auszuwandern; ein Engel hätte es ihr im
+Traume geraten.</p>
+
+<p>Schon lange sorgte Pauline nicht mehr für ihren
+Bruder. Er kochte sich selbst das Notwendigste, fast
+nur Kartoffeln. Der Schnaps stillte auch seinen
+Hunger. Er lebte wie ein Tier; seine Kleider zerfielen
+in Lumpen.</p>
+
+<p>Als seine Schwester ihn abgewiesen hatte, schloß
+er sich in der ehemaligen Werkstatt ein und griff
+<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>nach der Flasche. Es war tiefe Nacht, als er nach
+langem Rausche erwachte. Der Kopf schmerzte ihm.
+Er richtete sich vom Erdboden auf, wo er auf feuchten
+und dumpfigen Spänen gelegen hatte, und schaute
+sich um. Aber in der Dunkelheit war nichts erkennbar.
+Nun tastete er sich vorsichtig nach den
+Fenstern und stieß die Läden auf, die er gewöhnlich
+auch tagsüber zu schließen pflegte. Die kühle Frühlingsluft
+drang vollflutend in das öde Gemach. Ein
+leiser Wind ging und spielte mit seinem eisgrauen
+Haar. Draußen war es nicht dunkel; der Himmel
+leuchtete in heller Sternenpracht; es hing weiß über
+den Wiesen.</p>
+
+<p>In der Stille der Lenznacht schlich es sich weich
+in das Herz des Alten. Die Erinnerung rührte an
+ihm. Welch Leben lag hinter ihm! Sein Weib
+und vier blühende Kinder hatte er hinsterben sehen;
+als Letzte war ihm die Dörthe geblieben &ndash; und
+die hatte man ihm ermordet. Alles sühnt sonst die
+Gerechtigkeit der Welt &ndash; aber seines Kindes Mörder
+stiegen an Ansehen und lebten in Freuden. Wo
+war da die Vergeltung?! ... Klempt entsann sich
+noch gut jenes Abends, als der Absagebrief Fritzens
+eingetroffen war. Da war er ins Freie getreten,
+um nicht das schmerzverzogene Gesicht seiner Dörthe
+sehen zu brauchen. Im Herbst war es gewesen,
+doch ganz ähnlich draußen wie jetzt. Von den Wiesen
+stiegen feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd,
+und schlangen sich um die Häuserfirste und das Geäst
+der Bäume. Nur der Kurpark lag völlig im Nebel,
+in einem wogenden, milchigen Meer. Und in dem
+furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und
+ruhigen Mann wütend machte, hatte Klempt die Hände
+geballt und sie drohend erhoben nach der Richtung
+des weißen Nebelsees, in den der Kurpark versank....
+„Verfluchte Quelle!&nbsp;...“</p>
+
+<p>Ja, diese Quelle, die die Not der Welt lindern
+helfen und der Menschheit Trost und Heilung bringen
+sollte &ndash; <em class="gesperrt">ihn</em> hatte sie zum unglücklichen Manne
+<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span>gemacht. Sie hatte ihm das Letzte geraubt, an dem
+sein Herz hing &ndash; sie wollte ihn auch an den Bettelstab
+bringen ...</p>
+
+<p>Klempt stöhnte auf. In fiebernder Hast suchte
+er nach seiner Flasche und setzte sie an die Lippen.
+Sie enthielt noch einen Rest Branntwein, der ihn
+seltsam belebte und erregte. Er zündete einige
+Schwefelhölzer an und wählte bei ihrem flüchtigen
+Schein einige Stücke seines alten Handwerkzeugs
+aus: Stemmeisen und Bohrer und den schwersten
+Hammer. Die nahm er an sich und dann ging er.
+Auf dem Flure lauschte er einen Augenblick. Schlief
+Tante Pauline? &ndash; Mit raschem Entschlusse trat
+er in ihr Zimmer. Aber auch hier war es so
+dunkel, daß er abermals ein Schwefelholz entzünden
+mußte. Nun sah er die Schwester im Bette liegen,
+den Mund offen, das eingefallene Antlitz totenblaß.
+Er legte seine Hand auf ihre Stirn und erschrak
+über das Gefühl von Kälte, das ihn plötzlich durchrieselte.
+Aber schon wanderten seine Gedanken
+weiter; er huschte mit schnellen Schritten hinaus &ndash;
+das Gesicht weiß, doch mit unheimlich flimmerndem
+Blick.</p>
+
+<p>Er stapfte über den Anger. Kein Menschenauge
+sah ihn, nur die glänzenden Augen des Himmels
+schauten auf ihn herab. Das Dorf lag im Schlaf.
+Die Nebel hatten sich etwas erhoben; ein leichter
+Dämmerschein glitt schon durch die Nacht. Am
+Friedhofzaune zögerte Klempt und blieb stehen,
+nickte nach dem Grabe Dörthens hinüber und schritt
+dann weiter.</p>
+
+<p>Im Kurpark rieselte es feucht von den Bäumen.
+Der Wind strich durch das Geäst; große Tropfen
+schlugen dem Alten ins Gesicht. Die Nebel hingen
+wie Fetzen weißer Totentücher zwischen den Zweigen.</p>
+
+<p>Nun stand Klempt vor dem offenen Tempelbau,
+der die Quelle umgab. Auf dem Grunde des weißen
+Marmorbassins kochte und zischte, durch Röhren
+und Hähne gebändigt, das aus der Erde strömende
+<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span>warme Wasser, füllte die Schale und floß durch ein
+zweites Röhrensystem wieder ab.</p>
+
+<p>Klempt war einen Augenblick hochaufatmend
+stehen geblieben. Er schaute sich um. Kein Mensch
+in der Nähe, aber heller und heller begann sich der
+Himmel zu färben, und die Vögel wurden schon
+laut ...</p>
+
+<p>Klempt hob seinen Hammer mit beiden Händen
+und ließ ihn wuchtig auf den Marmor des Bassins
+niederfallen. In dem kostbaren Gestein zeigte sich
+auf der Stelle ein starker Sprung. Nun setzte der
+Alte das Stemmeisen an und hämmerte nach. Es
+bröckelte und splitterte; einzelne Stücke rollten plätschernd
+in das Wasser, das sich über die Bruchstellen
+auf die Sandquadern des Bodens ergoß.... Klempt
+arbeitete mit furchtbarer Anstrengung weiter; der
+Schweiß troff von seiner Stirn, sein Herz raste und
+zuckte.... Der Hammer wütete gegen den Marmor,
+dessen Splitter bereits den Rumpf des Beckens füllten.
+Das Wasser war abgeflossen. Die Quelle sickerte
+nur noch; Steingebrösel hatte die Röhrenleitung
+verstopft. Klempt sah es, und ein wildes Lachen
+flog über sein Gesicht. Er häufte kleine Marmortrümmer
+in der Mitte der Schale auf und hämmerte
+von neuem auf sie los. Jetzt war auch das Sickern
+nicht mehr zu vernehmen. Die Quelle war still
+geworden.</p>
+
+<p>Der Alte strich sich das feuchte Haar aus der
+Stirn. Sein hagerer Körper flog vor Erregung,
+und wunderlich, wie drinnen in seiner Brust das
+Herz hüpfte und sprang. Und als Klempt abermals
+den Hammer erheben wollte, um ihn von sich zu
+schleudern, da tat das Herz einen letzten Sprung: der
+Greis stürzte lautlos hintenüber und blieb liegen ...</p>
+
+<p>Vor dem stärker erwachenden Morgenwinde zerflatterten
+die Nebel. Ein purpurner Dämmer füllte
+die Luft. Die Vögel begannen ihr Jubilieren; der
+große Pan reckte und streckte sich &ndash; die Natur erwachte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span>Unter den Trümmern in dem zerstörten Marmorbecken
+wurde es ganz leise wieder lebendig. Es
+wisperte und flüsterte und sang und feilte und sägte.
+Ein sickerndes Geräusch wurde hörbar; zwischen den
+Steinsplittern zeigten sich vereinzelte Tropfen; es
+begann abermals zu zischen, wie vorhin, zu kochen
+und zu brodeln. Die Quelle, die der arme Narr
+hatte töten wollen, um an ihr seine Rache zu kühlen
+&ndash; sie wurde wieder lebendig! Leise und heimlich
+und fort und fort hatte sie auch unter den Trümmern
+weitergerieselt, sich eine neue Bahn zu schaffen und
+von neuem der leidenden Welt zu helfen, unbekümmert
+darum, ob gierige Hände sie wiederum
+fangen und ihren Segen entehren würden.</p>
+
+<p>Allgemach begann sich der Boden des Bassins
+mit schaumigem Wasser zu füllen, das rieselnd über
+den zerbrochenen Marmor zur Erde troff, auf dem
+hellen Sandstein dunkle, sich immer mehr vergrößernde
+Flecken bildend.... Über dem jungen
+Grün der Baumwipfel entzündete das Morgenrot
+seine Lichter; lauter und jauchzender sangen die
+Vögel dem neuen Tage entgegen ...</p>
+
+<p>Plötzlich erscholl ein Knall. An der Hahnöffnung
+war infolge des starken Wasserdrucks die Quellenröhre
+geplatzt, und nun zischte und rauschte, Staub
+und Steinchen mit sich in die Höhe führend, ein
+gewaltiger Strahl empor und fiel in schimmernden
+Perlen zur Erde zurück. Die Quelle war wieder
+lebendig geworden, und ihre Sprühatome näßten,
+wie in freundlichem Kosen, das blasse Gesicht ihres
+Opfers.</p>
+
+
+<p class="ende"><em class="gesperrt">Ende</em>.</p>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde erstellt
+auf Grundlage der 1915 erschienenen Buchausgabe. Diese bildete Band 9
+und 10 des einunddreißigsten Jahrgangs der Reihe Engelhorns Allgemeine
+Roman-Bibliothek. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+
+<p><strong>Transcriber’s Notes:</strong> This ebook has been prepared from the printed
+edition published in 1915. It formed volume 9 and 10 of the 31st year of
+publication of Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. The table below
+lists all corrections applied to the original text.</p>
+
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_15">S. 15</a>: [extra quotes] frage gar nichts!“ Her mit dem Rock!</li>
+<li><a href="#Page_17">S. 17</a>: ein gemachter Mann war uud &rarr; und</li>
+<li><a href="#Page_46">S. 46</a>: tiefdunkel gewordener alter Oelporträts &rarr; Ölporträts</li>
+<li><a href="#Page_52">S. 52</a>: [added period] hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet.</li>
+<li><a href="#Page_54">S. 54</a>: verrriet sich sogar &rarr; verriet</li>
+<li><a href="#Page_79">S. 79</a>: Vietz mit se nem Geiger &rarr; seinem</li>
+<li><a href="#Page_79">S. 79</a>: stob unter erneutem Geheul auseiander &rarr; auseinander</li>
+<li><a href="#Page_89">S. 89</a>: Das war ein herrlicher Neujahrtstag &rarr; Neujahrstag</li>
+<li><a href="#Page_109">S. 109</a>: hat es stark geschneit &rarr; hatte</li>
+<li><a href="#Page_128">S. 128</a>ff: [normalized] Woydczynska &rarr; Woydczinska</li>
+<li><a href="#Page_137">S. 137</a>: Notwendigkeit einer Aussöhnnng &rarr; Aussöhnung</li>
+<li><a href="#Page_148">S. 148</a>: noch ein par Jahre warten &rarr; paar</li>
+<li><a href="#Page_177">S. 177</a>: Auguste nickte &rarr; August</li>
+<li><a href="#Page_259">S. 259</a>: den Sonnenstahlen wehrte &rarr; Sonnenstrahlen</li>
+<li><a href="#Page_274">S. 274</a>: [added comma] eines raschen Entschlusses, an ihren Vater</li>
+<li><a href="#Page_304">S. 304</a>: [normalized] und dann die Abschiedstunde &rarr; Abschiedsstunde</li>
+<li><a href="#Page_309">S. 309</a>: Uber die Wiesenlichtung &rarr; Über</li>
+<li><a href="#Page_246">S. 246</a>ff: [normalized] Grödicke &rarr; Grödecke</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TIEFEM SCHACHT ***
+
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+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>