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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:57:32 -0700 |
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diff --git a/32391-h/32391-h.htm b/32391-h/32391-h.htm new file mode 100644 index 0000000..2cc9e58 --- /dev/null +++ b/32391-h/32391-h.htm @@ -0,0 +1,14758 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Aus Tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz + </title> + <style type="text/css"> + body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + p { + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + text-indent: 1em; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + font-weight: normal; + } + h1 { + font-size: xx-large; + margin-top: 1em; + } + h2 { + font-size: x-large; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 1em; + } + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + em.antiqua { + font-style: italic; + } + hr { + margin-left: auto; + margin-right: auto; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + clear: both; + height: 1px; + width: 6em; + border: 0; + background-color: black; + color: black; + } + div.tb { + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + } + p.subtitle { + text-align: center; + font-size: large; + margin-top: 2em; + text-indent: 0em; + } + p.author { + font-size: x-large; + text-align: center; + text-indent: 0em; + } + p.publishedin { + font-size: large; + margin-top: 5em; + text-align: center; + text-indent: 0em; + } + p.publisher { + font-size: large; + margin-bottom: 4em; + text-align: center; + text-indent: 0em; + } + p.copyright { + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + font-size: smaller; + text-align: center; + text-indent: 0em; + } + p.printer { + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + text-align: center; + font-size: smaller; + text-indent: 0em; + } + p.ende { + text-align: center; + margin-top: 2em; + text-indent: 0em; + } + p.letterdate { + text-align: right; + padding-right: 10% + } + p.letteraddress { + text-indent: 2em; + } + p.lettersig1 { + text-align: left; + padding-left: 3em; + margin-bottom: 0em; + } + p.lettersig2 { + text-align: left; + padding-left: 5em; + margin-top: 0em; + } + span.dropcap { + font-size:141%; + padding-right: 0.1ex; + } + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding: 1em; + border: 1px dashed black; + color: inherit; + background-color: #F0F8FF; + font-size: smaller; + } + div.note p { + margin-top: 0em; + text-indent: 0em; + } + ul { + list-style-type: none; + margin-left: 0em; + margin-bottom: 0em; + padding-left: 1.5em; + text-indent: -1.5em; + } + .pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + right: 1%; + font-size: x-small; + font-weight: normal; + font-style: normal; + text-align: right; + text-indent: 0em; + letter-spacing: 0ex; + padding-left: 0ex; + color: gray; + background-color: inherit; + } + a:link { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + a:visited { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + background-color: inherit; + } + a:hover { + text-decoration: underline; + } + a:active { + text-decoration: underline; + } + .blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 5%; + margin-top: 1.5em; + margin-bottom: 1.5em; + } + div.poem { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + text-align: left; + font-size: 90%; + } + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i3 {display: block; margin-left: 3em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Aus tiefem Schacht + +Author: Fedor von Zobeltitz + +Release Date: May 15, 2010 [EBook #32391] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TIEFEM SCHACHT *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<h1>Aus tiefem Schacht</h1> + +<p class="subtitle">Roman von</p> +<p class="author">Fedor von Zobeltitz</p> + + +<p class="publishedin">Stuttgart 1915</p> +<p class="publisher">Verlag von J. Engelhorns Nachf.</p> + + +<p class="copyright">Alle Rechte, namentlich das Übersetzungsrecht, vorbehalten</p> + +<p class="printer">Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span> +<a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">H</span>edda stand mitten unter dem Hühnervolk und sah +mit andächtiger Miene zu, wie die Magd das +Futter auswarf. Der Hühnerhof war ihre besondere +Vorliebe, und für ihn verschwendete sie reuelos, was +von den Erträgnissen der kleinen Wirtschaft übrig +blieb. Es gab da allerhand sonderbares Getier, das +mit unserm braven deutschen Haushuhn nur eine +sehr entfernte Ähnlichkeit hatte und das Hedda aus +weither bezogenen Eiern hatte ausbrüten lassen: ganz +kleine, zierliche Geschöpfe mit bronzefarbenem Gefieder +und wieder riesengroße, mit breiten Federlappen +an den Füßen und buschigem Kamme, Perlhühner +und solche aus Cochinchina, Liliputaner aus +Java und ähnliche Arten, die sich nicht leicht züchten +ließen und zärtlich behandelt sein wollten.</p> + +<p>Dörthe streute die Körner mit der rechten Hand +unter das gackernde Volk, während sie mit der Linken +die Futterschwinge hielt. Die Verehrung für das +Hühnervolk hatte sie von ihrer Herrin geerbt; das +frische, sonnenbraune, bildhübsche Gesicht der Dirne +strahlte vor Vergnügen.</p> + +<p>„Der große Gottlieb frißt uns noch tot,“ sagte +sie, lachend ihre blanken Zahnreihen zeigend. „Nee +gnä’ges Fräulein – was <em class="gesperrt">der</em> fressen kann!! Und +den Zwerghühnern nimmt er immer ihr bißchen +Futter weg; man merkt, daß er ausländ’sch ist.“</p> + +<p>Hedda nickte. „Er ist nur gegen die eigne Art +galant,“ erwiderte sie; „die Menschen machen’s nicht +anders.“</p> + +<p>Dann fragte sie nach dem Vater Dörthes. Der +war Stellmacher unten im Dorfe und hatte sich kürzlich +eine leichte Lungenentzündung geholt. Aber es +ging ihm schon besser; der Doktor war dreimal dagewesen +– nun brauchte er nicht mehr zu kommen. +<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>Morgen oder übermorgen konnte der alte Klempt +wieder an die Arbeit gehen.</p> + +<p>„Hat er denn viel zu tun?“ fragte Hedda.</p> + +<p>„O ja, gnä’ges Fräulein,“ entgegnete Dörthe +lebhaft und klappte die Futterschwinge aus, damit +auch nicht das letzte Körnlein verloren gehe. „Seit +Kommerzienrats drüben wohnen, könnte er sechs +Arme haben. Da gibt’s immerwährend was!“</p> + +<p>Sie trieb die Hühner davon, die sie noch immer +umringten und an ihr emporzuflattern versuchten.</p> + +<p>Hedda schritt quer über den Wirtschaftshof und +trat in den kleinen Vorderpark, in dem das Rosenrundell +in voller Blüte stand. Es war in der fünften +Nachmittagsstunde und noch ziemlich heiß. Aber das +junge Mädchen spürte von der Hitze nicht viel. Hedda +behauptete, ihr kühles Herz temperiere sie so völlig, +daß sie gegen jede sommerliche Bosheit geschützt sei. +Sie gehörte zu jenen blonden Schönheiten, die in der +Tat eine beständige Frische auszuströmen scheinen. +Obwohl sie erst Anfangs der Zwanzig war, machte +sie doch einen reiferen Eindruck. Mit ihrer großen, +stattlichen Gestalt und der vollen Büste hätte man +sie für eine junge Frau halten können.</p> + +<p>Auf der glasüberdachten Veranda des Herrenhauses +blieb sie stehen und schaute hinab auf das +Dorf. Der Baronshof lag auf einer Anhöhe. Man +erzählte sich, der Großvater des jetzigen Besitzers, +des Freiherrn von Hellstern, habe ihn auf derselben +Stelle erbaut, auf der ehemals das alte Schloß gestanden +habe. Das kannte man freilich nur noch der +Sage nach. Den Hellsterns war es ergangen wie +manch anderm alten Geschlechte. Die Ahnen hatten +nichts übrig gelassen für die Nachkömmlinge. Freilich +– der Letzte im Mannesstamme hatte sich lange und +bitter genug gewehrt gegen den Untergang, mit Kraft +und mit Zähigkeit, mit hartem Schädel und beiden +Fäusten. Aber schließlich hatte er doch den aussichtslosen +Kampf aufgeben und die Waffen strecken müssen. +Das war mit vollen Ehren geschehen, und die Leute +<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>sagten, er könne noch froh sein, daß Kommerzienrat +Schellheim ihm seinen Landbesitz abgekauft habe, und +daß der Baron nun in Frieden seine alten Tage auf +der Scholle seiner Väter verleben könne. Denn +Herrenhaus und Hof hatte er behalten; der Kommerzienrat +legte keinen Wert auf die halbverfallenen +Baulichkeiten – er wohnte drüben in seinem neuen +Schloß, das mit glänzenden Fensterreihen vom Auberge +hinab zum Tale grüßte.</p> + +<p>Hedda hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt. +Im Sonnendunst des Tages verschwamm der kaum +eine Wegstunde entfernte Auberg mit seiner modernen +Ritterburg in bläulich-grauen Nebelschleiern. Die +ganze Umgebung war reich an Wald und Höhen. +Die Landschaft erinnerte mehr an Thüringen als +an die vielgeschmähte Streusandbüchse des heiligen +römischen Reichs. Dunkle Linien begrenzten in unregelmäßigen +Kurven den Horizont: weit ausgedehnte +Kiefernforsten, die mit wunderschön gepflegten, unter +fiskalischer Verwaltung stehenden Buchen- und Eichenwaldungen +wechselten. Durch die breite Talmulde, +in deren Mitte das Dorf Oberlemmingen lag, rann +ein Nebenfluß der Oder, die kleine Barbe, die aber +zur Zeit der Schneeschmelze gar stattlich anwachsen +konnte. Sie trennte das Tal in zwei ziemlich +gleiche Hälften, und hüben und drüben wuchsen aus +flacher Sohle zwei Anhöhen empor, der Auberg +und der Lemminger Zacken, auf dem der Baronshof +lag.</p> + +<p>Hedda trat in das Haus. Es war ein alter, +viereckiger Kasten mit hohem, schrägem Ziegeldach, so +wie man zu friderizianischer Zeit auf dem Lande zu +bauen pflegte. Und es war schon richtig: man spürte +überall, daß das Gebäude arg vernachlässigt worden +war. Ställe und Scheunen hatte der Freiherr stets +in sauberster Ordnung gehalten, aber für das Herrenhaus +tat er nicht viel. Er war nicht verwöhnt, war +mehr eine soldatische Natur. Es war ihm herzlich +gleichgültig, daß die alten Ledertapeten im Speisezimmer +<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>immer schwärzer wurden, und daß in den +Korridoren der Putz von der Decke fiel – auch jetzt +noch, wo er durch den Verkauf seines Landbesitzes +wenigstens ein sorgenloses Auskommen hatte. Es +gab immer einen kleinen Kampf zwischen ihm und +Hedda, wenn die letztere Handwerker ins Haus bestellte, +um die notwendigsten Ausbesserungen vornehmen +zu lassen.</p> + +<p>Das Zimmer, das Hedda bewohnte, war das +freundlichste auf dem ganzen Baronshofe. Es lag +im ersten Stockwerk, nach hinten hinaus, mit dem +Ausblick auf den schönsten Teil des Parks, war groß, +luftig und sonnig und mit dem bunten Komfort eines +Backfischchens eingerichtet, das sich sein Heiligtum +nach Möglichkeit hübsch zu machen sucht.</p> + +<p>Die ganze Seite einer Wand nahm ein breites, +tannenes Büchergestell ein. Auf diese ihre Bücher +war Hedda stolz. Es waren die Reste einer stattlichen +Sammlung, die einst ihr Urgroßvater, einer der +Generale des großen Friedrich, zusammengebracht +hatte, meist französische Geschichts- und Memoirenwerke, +in die sich Hedda in ihren freien Abendstunden +zu vertiefen pflegte, ohne Kritik und mit kindlicher +Naivität über die tollsten und albernsten Klatschgeschichten +fortlesend. Zuweilen schaffte sie sich auch +von ihren Ersparnissen einiges Neue an, aber sie +hatte wenig Sinn für das Moderne; die Ritterromane +Florians interessierten sie mehr als die Belletristik +der Zeitgenossen.</p> + +<p>Hedda war müde. Den halben Tag über hatte +sie im Hofe gewirtschaftet. Der Haushalt war nur +klein, aber auch die wenigen Kühe, der Hühnerhof +und der Gemüsegarten verlangten Pflege, und sie +hatte nur zwei Mägde und einen alten Diener, der +zugleich Knecht und Gärtner war, zur Hand. Sie +hatte viel zu tun, um alles in Ordnung zu halten. +Heute früh war sie schon vor fünf Uhr auf dem +Posten gewesen; die „schwarze Marie“, ihre Lieblingskuh, +hatte ein Kälbchen zur Welt gebracht, +<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>früher, als man erwartet, und darum hatte die +Dörthe ihre Herrin so zeitig geweckt.</p> + +<p>Ja, sie war müde. Sie wollte ein wenig ausruhen. +Das große Fenster auf der Südseite reichte +mit seinen Glasscheiben nach italienischer Art bis auf +den Fußboden und war draußen halb mannshoch mit +Eisen umgittert. Es stand weit offen; schräg davor +der Schreibtisch, sehr ordentlich gehalten, mit den +Photographieen der verstorbenen Mutter und einiger +Pensionsfreundinnen und einer Glasvase, die einen +großen Buschen gelber Rosen enthielt. Hedda tauchte +ihr Gesicht in die Rosen, atmete tief deren Duft ein +und ließ sich dann in den mit licht geblümtem Cretonne +überzogenen Lehnstuhl fallen.</p> + +<p>Herrgott, war sie müde! Das kam nicht oft vor. +Mit blinzelnden, halb geschlossenen Augen schaute sie +auf den Park hinaus. Die Glut der Nachmittagssonne +brütete über den Wipfeln der Bäume. Kein +Windhauch ging. Auf dem fahlgrünen Rasenfleck +dicht unter dem Fenster stand ein geborstener Sandsteinpfeiler +mit einer Marmorplatte, auf der eine +Sonnenuhr eingraviert war. Jetzt gluckte ein dickes, +weißes Huhn darauf und schlief. Weiter hinten +schimmerten helle Silbereschen durch das dunkle Grün +der Buchen; dort senkte sich mählich das Blättermeer. +Der Park fiel zum Tale ab; ein Zaun aus Eichenholz +umgab ihn hier. Vom Fenster aus konnte man +über Wiesen und Felder sehen. Alles war in bester +Kultur; der Kommerzienrat besaß eine tätige Hand. +Die Ernte stand vor der Tür; das gelbe Getreide +zitterte in der Sonne.</p> + +<p>Ein breiter, staubgrauer Landweg durchschnitt das +Gelände. Dort rollte ein offener Wagen daher, der +Hedda aufmerksam werden ließ. Sie stand auf, trat +dicht an das Fenstergitter und spähte scharf in die Ferne.</p> + +<p>Wahrhaftig, sie täuschte sich nicht: es war der +Wagen Schellheims, – der Kommerzienrat, der erst +vor wenigen Tagen aus Karlsbad zurückgekehrt war, +wollte auf dem Baronshof seinen Besuch machen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>Das war zu erwarten gewesen. Trotzdem fürchtete +sich Hedda ein wenig davor. Ihr Vater konnte +den Mann nicht leiden; man durfte kaum dessen +Namen in seiner Gegenwart nennen. Es war lächerlich +– Hedda nahm in dieser Beziehung dem alten +Herrn gegenüber kein Blatt vor den Mund –, aber +mit der Tatsache mußte gerechnet werden. Es galt, +den Vater vorzubereiten.</p> + +<p>Sie warf einen Blick in den Spiegel, ordnete +hastig ihr Haar und eilte dann flinken Fußes in das +Erdgeschoß hinab.</p> + +<p>Der Baron saß bei der Arbeit – in einem +großen, kahlen, gewölbten Gemach, vor einem riesenhaften +Tische aus weißem Tannenholz, in dessen Platte +ein Halbkreis eingeschnitten war, in den der Lehnsessel +Hellsterns weit hineingeschoben wurde, wenn der +Alte Platz nehmen wollte. Hellstern litt seit einigen +Jahren an periodisch wiederkehrender Ischias, die +ihm die Bewegung erschwerte. Er hatte sich deshalb +den merkwürdigen Tisch bauen lassen, in dessen Ausschnitt +er saß, ringsum von Bergen uralter Akten, +Folianten und Pergamentrollen umgeben, vor sich ein +Buch Papier, dessen einzelne Blätter er mit großen, +groben Schriftzügen bedeckte.</p> + +<p>Baron Hellstern war ein Sechziger mit rotbraunem, +gesundem Gesicht, kurz geschorenem weißem +Haar und langem, grauem Vollbart. Augenblicklich +trug er eine Brille; dunkelblaue, sehr klare Augen +blickten durch ihre Gläser. Trotz mäßigen Lebens +und vieler, erst in letzter Zeit durch sein Leiden beeinträchtigter +Bewegung hatte er schon frühzeitig das +leibliche Erbe der männlichen Hellsterns übernehmen +müssen: eine lästige Korpulenz. Der Baron war, +wenn er aufrecht stand, eine kolossale Erscheinung +– sehr groß, mit der Schulterbreite eines Enaksohns +und falstaffischem Leibesumfang. In früherer +Zeit hatte man Wunderdinge von seiner Körperkraft +erzählt; jetzt nagte der Wurm an der nordischen +Eiche.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>Er arbeitete. Seit er die Landwirtschaft aufgegeben, +hatte er sich mit Leidenschaft auf ein andres +Steckenpferd geworfen. Er schrieb im Auftrage eines +Lehnsvetters, seines letzten männlichen Verwandten +von der schwedischen Linie der Familie, an einer +Chronik seines Geschlechts.</p> + +<p>Schon als junger Offizier, als sein Vater noch +lebte und den Baronshof bewirtschaftete, hatte er sich +lebhaft für die Familiengeschichte interessiert und an +Quellen dafür zusammengebracht, was er nur fand. +Nach dem Verkauf seiner Ländereien begann ihn die +Langweile zu packen; anfänglich nur, um seine Mußestunden +auszufüllen, ging er an das Sichten und +Ordnen des im Laufe der Zeit gewaltig angewachsenen +Materials. Die lateinischen Codices übersetzte +ihm der Pastor, bei den französischen und schwedischen +Schriftstücken half ihm Hedda. Die Hellsterns oder +Hellstjerns, wie sie sich ehemals schrieben, waren allerdings +schwedischer Abstammung, aber seit dem Großen +Kurfürsten seßhaft in der Mark. Mit den Wrangels +und Sparres und Crusenstolpes waren sie dazumal +nach dem Brandenburgischen gekommen. Und in der +Dauer dreier Jahrhunderte hatten sie ihre Muttersprache +vergessen. Nun lernten die beiden letzten Abkömmlinge +jenes ersten Hellstjern, der unter dem +brandenburgischen Roten Adler gedient hatte, aus +Liebe zu ihrem Geschlecht noch nachträglich die einschmeichelnd +klingende, melodiöse Sprache der Ahnen. +Sie lernten tapfer – Hedda sowohl wie der alte +Brummbär, ihr Vater, dessen Ausdauer und Zähigkeit +gleich bewunderungswürdig waren wie sein ausgezeichnetes +Gedächtnis. Die Akten vergangener +Jahrhunderte, Ritter- und Lehnsbriefe mit ihrem +antiquierten Schwedisch, machten ihnen unendlich viel +Mühe; aber sie rangen sich durch und freuten sich +wie die Kinder, wenn sie wieder einmal einen Berg +staubiger Faszikel bewältigt hatten.</p> + +<p>Eines Tages war der Baron auf einen guten +Gedanken gekommen. Das vorhandene Material genügte +<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>ihm noch nicht. Da fiel ihm ein, daß im Freiherrnkalender +neben seinem Namen noch ein andrer +stand, der folgendermaßen lautete: Axel Freiherr +von Hellstjern, geboren 18. Juni 1865 (Sohn des +Geheimen Konferenzrats Frederik Jasper v. H., Gesandten +zu Kopenhagen, dann in Paris, und der +Leontine, Gräfin von Hetfried), Königl. schwed. Kammerjunker, +Erbherr auf Jarlsberg, Valö und Brennwolde.... +Dieser junge Mann war der letzte Hellstjern +von der schwedischen Linie, wie der Besitzer des +Baronshofs der letzte der märkischen Linie war. +Jarlsberg – das wußte der Baron – hieß das uralte +Stammschloß des Geschlechts; es lag hoch oben +an der Felsküste Schwedens, von weißem Meeresgischt +umspült, ein Denkmal aus grauer Zeit, da +man mit der Baronskrone auf dem blonden Haupt +noch ungestraft seeräubern konnte. In den Archiven +der Burg schlummerte vielleicht auch noch mancher +litterarische Schatz, der für die Geschichte des aussterbenden +Hauses von Wichtigkeit war.... Der +Freiherr schrieb an den jungen Vetter. Lange blieb +die Antwort aus. Dann trafen große Kisten ein, +mit Büchern, Papieren und Dokumenten bis obenhin +vollgestopft, und dazu ein liebenswürdiger Brief +des Herrn Axel: er habe alles zusammengesucht, +was er im Interesse der Chronik habe auftreiben +können, und stelle es dem werten Herrn Vetter mit +Freuden zur Verfügung. Ja, noch mehr: er nehme +selbst einen so großen Anteil an der Familiengeschichte, +daß er den Herrn Vetter bitte, irgend eine geeignete +Kraft ausfindig zu machen, die jene Chronik zu +Ehren des Hauses Hellstjern verfassen könne. Gern +willige er in ein Honorar von zehntausend deutschen +Reichsmark.</p> + +<p>Das konnte der Axel von Jarlsberg, denn er +war ungeheuer reich. Und nun gedachte der Baron, +sich jene Summe selbst zu verdienen. Er hätte sich +unter andern Verhältnissen sicher gegen die „Soldschreiberei“ +gesträubt, aber der Gedanke an Hedda +<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>und ihre Zukunft unterdrückte seinen törichten Stolz. +Zudem war er mit ganzer Seele an der Sache. +Er saß von früh bis zum späten Abend an seinem +wunderlichen Schreibtisch, beständig rauchend und +halblaut vor sich hinsprechend, blätternd, studierend, +prüfend und ordnend. Das Fenster vor ihm stand +immer offen, und wenn ihn draußen ein piepsendes +Sperlingspaar oder ein gackerndes Huhn störte, so +warf er zuweilen mit dem Wörterbuche danach; dann +scholl seine Klingel durch das Haus, und August, der +Diener, mußte den Sprachschatz wieder ins Zimmer +holen.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>„Puh,“ sagte Hedda, als sie bei dem Alten eintrat, +„Vater, dein Tabak ist furchtbar! Die Pfeife +qualmt ordentlich und – ich weiß nicht, riecht denn +jeder Tabak so stark?“</p> + +<p>„Der vom Kommerzienrat drüben wohl nicht,“ +antwortete der Baron, ruhig weiterschreibend; „aber +der hat’s auch dazu, sich Havannazigarren leisten zu +können.... Hederle, es ist gut, daß du kommst. Ich +werde aus der Verwandtschaft nicht klug. Die Leute +heißen alle Axel, und bei den meisten folgt nicht +mal ein zweiter Vorname hinterher. Hilf mir ein +bißchen!“</p> + +<p>„Nachher gern – jetzt geht’s nicht! Zupf dich +ein wenig zurecht, Väterchen – Schellheims sind auf +der Visitentour. Ich habe ihren Wagen vom Fenster +aus erkannt ...“</p> + +<p>Der Baron spritzte den Gänsekiel aus, dessen er +sich bediente, warf ihn hin und lehnte sich im Sessel +zurück.</p> + +<p>„Sind nicht zu Hause, mein Kind,“ sagte er +ruhig, nachdem er einen neuen, tiefen Zug aus seiner +Pfeife genommen hatte; „August soll’s den Herrschaften +melden – damit sela.“</p> + +<p>„Nein – nicht sela,“ widersprach Hedda, setzte +sich auf den Schreibtischrand und strich ihrem Vater +über die Stirn. „Du wirst vernünftig sein, lieber +<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>Alter. Es liegt gar kein Grund vor, die kommerzienrätliche +Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen.“</p> + +<p>„Ich kann sie nicht leiden,“ grunzte der Freiherr +und zog die Nase kraus.</p> + +<p>„Warum nicht? Weil Schellheim dir dein Gut +abgekauft hat?“</p> + +<p>„Er hat geschachert wie ein Mühlendammer!“</p> + +<p>„Das gehört zu seinem Beruf. Er ist nun mal +Kaufmann.“</p> + +<p>„Hemdenfritze!“</p> + +<p>„Ob einer Hemden verkauft oder Rohtabake oder +goldene Manschettenknöpfe, ist gleichgültig; jeder ehrliche +Erwerb verdient Achtung.“</p> + +<p>„Ach, fang mir nur nicht wieder mit Moralpredigten +an, Hederle!“ rief der Alte halb ärgerlich, +halb lachend. „Was du immer für grüne Weisheit +im Schnabel führst! ...“ Er rückte an seinem Stuhl. +„Also meinetwegen! Um deinetwillen! Kommt er +mit Gattin?“</p> + +<p>„Weiß nicht. Aber jedenfalls! Die Dörthe erzählte, +es sei Besuch auf dem Auberg. Vielleicht sind +die Söhne da.“</p> + +<p>Ein neues Grunzen des alten Herrn.</p> + +<p>„Wappnen wir uns mit Geduld! Schick mir den +August! Muß ich mich erst umkleiden?“</p> + +<p>„Ich würde es schicklich finden, wenn der Baron +Hellstern seine Gäste in –“</p> + +<p>„Im Bratenrock empfangen wollte!“ fiel der +Baron ein. „Ich lass’ schon alles über mich ergehen. +Gott, diese Umstände!“</p> + +<p>Er stöhnte, ächzte und grunzte noch lange. Aber +es half ihm nicht viel. Hedda verstand, mit dem +Alten umzugehen, und August auch. Der letztere war +dreißig Jahre im Hause und dem Baron unentbehrlich +geworden. Er stöhnte, ächzte und grunzte +genau soviel wie sein Herr und konnte auch ebenso +grob werden. Aber er war dabei die beste, treueste +und ehrlichste Seele, eines der aussterbenden Exemplare +des dienenden Geschlechts.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>Auf seinen beiden Krückstöcken humpelte der +Baron, von Hedda gestützt, in sein Schlafzimmer. +Das war ein merkwürdiger Raum, ein wahrer +Tanzsaal, aber fast ohne Möbel. In der Mitte +stand ein schmales, eisernes Bettgestell mit einigen +Decken. An den Fenstern hingen keine Gardinen; +in der Nacht schloß man die Läden von draußen, +die herzförmige Öffnungen hatten und die Spuren +von Schrotladungen zeigten.</p> + +<p>August zog seinem Herrn die Flauschjoppe aus.</p> + +<p>„Nicht so reißen, du Esel!“ brummte Hellstern.</p> + +<p>„Das Ding ist zu eng,“ gab August unwirsch +zurück. „Ich kann nicht davor, daß der Herr Baron +immer dicker werden! Das Marienbader hat auch +nichts genützt.“</p> + +<p>„Weiß ich allein. Halt keine Reden!“</p> + +<p>„Wenn der Herr Baron fragen, muß ich antworten.“</p> + +<p>„Ich frage gar nichts! Her mit dem Rock! Es +ist wahr – ich werd’ immer dicker. Hedda muß +die Knöpfe noch ein Stück weiter vorsetzen. Ich +kriege das Ding nicht mal mehr zu.“</p> + +<p>„Lassen ihn der Herr Baron doch man offen stehen,“ +meinte August. „Es sieht ja besser aus. Aber die +gestrickte Weste würd’ ich nicht anbehalten –“</p> + +<p>„Ich tu’, was ich will. Die Weste bleibt drunter. +Ich bin kein Popanz und kein Modegigerl. Drück +mal von hinten ein bißchen nach, dann geht der +Rock schon zu ... Hupla – na, siehst du wohl!“</p> + +<p>Der Alte trat vor den kleinen Spiegel, der +über dem Waschtisch hing. Er gefiel sich ganz gut. +Aber in Wahrheit sah er weniger hübsch als grotesk +aus. Der lange, schwarzblaue Rock hatte eine +eigentümliche Biedermaierfasson, umspannte den +Oberkörper und den mächtigen Leib in ängstlicher +Faltenlosigkeit und strebte von den Hüften an wie +das Kleid einer Bäuerin nach auswärts. Dazu +trug der Baron dunkle, gestreifte Beinkleider von +außerordentlicher Weite und bequeme Filzstiefel.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>Hellstern lächelte, als er sein Ebenbild im Spiegel +erschaute.</p> + +<p>„Wie ein Elefant,“ meinte er schmunzelnd; „man +kann auch Dickhäuter sagen. Aber dennoch ganz +stattlich. Das Halstuch, August!“</p> + +<p>„Erst setzen!“ antwortete dieser und schob dem +Baron einen massiven eisernen Stuhl zu, auf dem +sich Hellstern wuchtig niederließ. Dann schlang +August seinem Herrn das sauber gefaltete schwarze +Tuch um den Hals und steckte vorn eine goldene +Busennadel hinein; Hedda hatte sie aus einem Ohrring +der seligen Mutter anfertigen lassen.</p> + +<p>Indessen rollte unten die Viktoria des Kommerzienrats +vor die Veranda. August beeilte sich, +den Schlag öffnen zu helfen. Er trug einen verschossenen +blauen Rock mit versilberten Knöpfen. +Der reich galonnierte Diener des Kommerzienrats, +der neben dem Kutscher gesessen hatte, war ihm +bereits zuvorgekommen und schaute ihn ein klein +wenig von der Seite an. Das ärgerte August. Er +gab dem Livreekollegen einen kräftigen Schubbs und +stellte sich neben den Schlag.</p> + +<p>Auf der Veranda erschien Hedda. Zwei junge +Herren sprangen zuerst aus dem Wagen, Hagen +und Gunther, die Söhne des Kommerzienrats, beide +in Gehröcken und blanken Zylinderhüten. Dann +kam die Mutter, eine zierliche, kleine Dame von +sympathischem Äußern – dann der Rat selbst, +untersetzt, mit gefälligem Embonpoint, das kluge +Gesicht nach englischer Sitte bis auf einen kurzen, +auf der halben Backe wie über einem Lineal abgeschnittenen +grauen Bart glatt rasiert.</p> + +<p>Die Begrüßung seitens Schellheims war lebhaft +und herzlich, seitens seiner Frau liebenswürdig reserviert. +Die Söhne hielten sich zurück, die Zylinder +im Arm, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt. +Hedda gab jedem die Hand und führte den Besuch +sodann in das Wohnzimmer.</p> + +<p>Hellstern war noch nicht anwesend, aber man +<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>hörte im Korridor bereits das gleichförmige Geräusch, +das das Aufstoßen seiner Stöcke auf dem +Fußboden hervorrief.</p> + +<p>Als er eintrat, ging ihm der Kommerzienrat mit +strahlendem Gesicht und rascher, pendelnder Armbewegung +entgegen.</p> + +<p>„Mein sehr verehrter Herr Baron – ich freue +mich herzlich – ich freu’ mich von ganzem Herzen ...“</p> + +<p>„Lieber Herr Kommerzienrat!“ Hellstern drückte +Schellheim so kräftig die Rechte, daß dieser am +liebsten mit einem energischen Donnerwetter geantwortet +hätte, küßte sodann der tief herniederrauschenden +Rätin die Hand und sagte den jungen Herren +„Guten Tag“.</p> + +<p>Man setzte sich, und rasch war die Unterhaltung +im Fluß. Schellheim war ein weltgewandter Mann, +bei dem nur zuweilen, in seltenen Ausnahmefällen, +die Protzigkeit des Parvenus, der sich aus kleinen +Anfängen emporgearbeitet, hervorbrach. Aber die +große Lebhaftigkeit, mit der er, von ausdrucksvollem +Gebärdenspiel unterstützt, sprach und agierte, ließ +dies nicht sonderlich auffallen.</p> + +<p>Seine Frau war ziemlich still. Nur auf direkte +Anrede hin pflegte sie etwas zu sagen, mit einer +Stimme, die wunderbar einschmeichelnd, weich und +melodiös klang. Auf Hedda machte die Rätin einen +sehr angenehmen Eindruck. Sie war nicht hübsch, +aber chic und vornehm. Sie mußte auch bedeutend +jünger als ihr Gatte sein. Er hatte sie geheiratet, +als er bereits ein gemachter Mann war und seine +Verhältnisse es ihm gestatteten, in eine „gute Familie +zu kommen“. Er war immer liebenswürdig +zu ihr, aber nie gütig. Ihre Bescheidenheit mißfiel +ihm zuweilen; er hätte sich eine glänzendere Repräsentantin +für sein Hauswesen gewünscht. Ihrer +feinen musikalischen Bildung und ihrer Verehrung +für Wagner zuliebe war er auf den schnurrigen +Einfall gekommen, seinen Söhnen die Namen Hagen +und Gunther geben zu lassen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>„Aber der grimme Hagen macht durchaus keinen +blutdürstigen Eindruck,“ bemerkte Herr von Hellstern +lächelnd, als das Gespräch sich dem Wagnerianismus +zuwandte; „im Gegenteil ...“</p> + +<p>Gunther, der jüngere der Brüder, errötete leicht, +obschon nicht von ihm die Rede war. Er war +schlank und schmächtig und ähnelte der Mutter. Ein +Paar sehr schöne und kluge, sammetbraune Augen +belebten das etwas blasse Gesicht.</p> + +<p>Der „grimme Hagen“ schlug mehr dem Vater +nach. Er war ebenso lebhaft wie dieser in Sprache +und Bewegungen und zog den Mund ein wenig +schief, wenn er lächelte. Er war auch der ganze +Stolz seines Erzeugers, der Leiter der Fabrik und +Träger der Firma, ein tüchtiger Kaufmann trotz +seiner Lebemannsallüren. Gunther war aus der +Rasse gefallen. Er hatte keinerlei merkantile Neigungen +und galt für einen Gelehrten. Er war +Literarhistoriker.</p> + +<p>Das interessierte Hedda. Sie fragte, wo er +studiere, und befand sich bald in angeregter Unterhaltung +mit ihm. Gunther erzählte, daß er es +bereits bis zum Dozenten an der Berliner Universität +gebracht habe, und daß seine Spezialität die +höfische Dichtung des Mittelalters sei. Insofern +mache er auch seinem „ihm wider Willen“ gegebenen +Vornamen Ehre, als er sich mit besonderem Eifer +auf die Erforschung des Nibelungenliedes geworfen +habe. Er führte noch einige Lyriker und Didaktiker +aus der Blütezeit des Minnesangs an, Namen, die +Hedda ziemlich fremd an das Ohr klangen; nur +von Walter von der Vogelweide, von Tannhäuser +und Ulrich von Lichtenstein hatte sie schon gehört.</p> + +<p>Aber es gefiel ihr alles, was der junge Gelehrte +sagte. Er hatte so eine nette Art, sich auszudrücken, +und das weiche, sympathische Organ seiner +Mutter. Er sprach bescheiden und ruhig und schien +sichtlich erfreut zu sein über das Interesse, das Hedda +ihm und seinem Studium entgegenbrachte. Unwillkürlich +<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>hatten die beiden während ihrer Unterhaltung +sich ein wenig von den übrigen zurückgezogen. +Sie standen in einer Fensternische, während die +andern sich um den Sofatisch gruppierten.</p> + +<p>Der Kommerzienrat führte im Augenblick das +Wort.</p> + +<p>„Ja, denken Sie sich, mein verehrter Herr +Baron,“ sagte er, den ausgestreckten Zeigefinger +seiner Rechten hoch in der Luft, „die Quelle soll in +der Tat Mineralgehalt haben. Hören Sie mal, das +könnte ’ne große Sache werden! Was meinen Sie, +wenn wir aus Oberlemmingen ein Bad machten?!“</p> + +<p>„Bleiben Sie mir vom Leibe!“ rief der Baron +zurück. „Ein Bad – na, das fehlte noch! Bin +froh, daß wir hier so in der Stille und Ruhe sitzen! +Übrigens glaub’ ich das noch nicht recht – das mit +der Quelle. Wo soll sie sein – an der Grauen +Lehne?“</p> + +<p>Schellheim nickte eifrig.</p> + +<p>„Ja – an der Grauen Lehne, im Möllerschen +Gehölz,“ antwortete er. „Man hat sie gar nicht +beachtet – was versteht der Bauer vom Gurkensalat! +Aber da hat sich ein Lehrer aus Frankfurt +während der großen Ferien bei Möller im Gasthof +eingemietet, und dem ist die Gaseentwicklung aufgefallen, +mit der die Quelle aus dem Boden +sprudelt, – wissen Sie, ich habe mir das Dings +angesehen, es moussiert förmlich – wie eine Pommery +... Und da hat er denn einen befreundeten +Chemiker darauf aufmerksam gemacht, der hat das +Wasser genauer untersucht. Was soll ich Ihnen +sagen, mein bester Herr Baron, – der Mann hat +Kohlensäure und Eisen konstatiert und Möller angeraten, +die Quelle schleunigst fassen zu lassen.“</p> + +<p>Der Baron schüttelte den Kopf und strich sich +dann über den Leib.</p> + +<p>„Das Marienbader hat mich nicht schlanker gemacht,“ +meinte er; „vielleicht ist unser heimisches +Wässerchen wirkungsvoller.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>Schellheim lachte.</p> + +<p>„Nun denken Sie mal an! Wenn wir nicht +mehr in die Ferne zu schweifen brauchten, sondern +gleich immer an Ort und Stelle unser alljährliches +Gesundungsbad nehmen könnten! Alle Wetter, das +wäre doch wirklich famos! Ich hätte große Lust, +dem alten Möller das Quellenterrain abzukaufen. +Allzu unverschämt wird er ja hoffentlich nicht sein.“</p> + +<p>„Eh – na – warten Sie’s ab, Herr Kommerzienrat! +Wie ich unsre Bauern kenne, lassen sie +sich nicht so leicht die Butter vom Brote nehmen. +Und namentlich der alte Möller, – der hat’s faustdick +hinter den Ohren ... Offen gestanden, ich +wünschte, die ganze Geschichte beruhte auf einem +Irrtum. Mit unserm stillen Frieden ist’s aus, +wenn wir erst Badegäste hierher bekommen. Ich +gucke unsre paar Sommerfrischler schon immer unwirsch +von der Seite an.“</p> + +<p>„Das ist egoistisch, lieber Baron –“</p> + +<p>„Ah was, jeder ist sich selbst der Nächste! Ich +bin glücklich in meiner Einsamkeit. Hab’ neulich +einmal irgend einen modernen Dichter gelesen, der +nennt die Einsamkeit ein ‚vornehm’ Land‘. Und, +weiß Gott, der Poet hat recht! Ich möchte mir +nicht gern mein letztes Eckchen ‚vornehm’ Land‘ +rauben lassen.“</p> + +<p>Der Kommerzienrat verzog den Mund.</p> + +<p>„Alle Achtung vor Ihrem Dichtersmann, Herr +Baron – aber die Einsamkeit widerspricht dem +Zeitgeist. Wer für die Menschheit lebt, muß mitten +im Menschentreiben stehn.“</p> + +<p>„Oho – haha – Kommerzienrat, fragen Sie +mal den Jüngsten Ihrer Nibelungen, ob er im +Trubel und Gewühl schaffen und arbeiten kann! +Und lebt doch am Ende auch für die Menschen seiner +Zeit.“</p> + +<p>Die Rätin nickte, und der grimme Hagen warf +ein, mit schiefen Mundwinkeln gleich seinem Herrn +Vater, sich an der Krawatte zupfend: „Ach nein, +<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>Herr Baron – den Gunther muß man als Sonderling +beurteilen. Der ist am glücklichsten, wenn sich +kein Mensch um ihn bekümmert, und selbst seine +Forschungen hält er ängstlich geheim.“</p> + +<p>„’s ist so,“ fiel Schellheim ein, während die +beiden in der Fensternische sich nicht in ihrer Unterhaltung +stören ließen, sondern nur zuweilen mit +leichtem Lächeln zu den andern herüberschauten; „ich +bin kein Banause, lieber Baron, und schätze Wissenschaft +und Kunst – ah, nun ja – ganz gewiß! +Aber ich frage dennoch: was gewinnt die Menschheit, +wenn irgend ein Gelehrter nach unendlichen +Mühen herausgekriegt hat, daß Heinrich von Ofterdingen +möglicherweise ein paar Strophen des Nibelungenliedes +gedichtet habe? – Ich bitte Sie, die +ganzen gelehrten Wissenschaften, die nicht praktischen +Zwecken dienen, sind doch eigentlich nur Füllsel im +Dasein, pikante Zutaten zu der Pastete, aber keine +Kost, die den Hunger der Lebenden stillt! Den +Hunger der Lebenden,“ wiederholte er nochmals, als +gefalle ihm der Ausdruck besonders, und dann fuhr +er raschen Wortes fort, da er sah, daß seine Frau +unruhig wurde und verschiedenfach nach dem Fenster +blickte: „Ich hätte ja am liebsten gehabt, Gunther +hätte gleichfalls die kaufmännische Karriere ergriffen. +Er wollte nicht – schön – ich bin kein +Rabenvater. Aber nun ausgesucht Literarhistoriker! +Warum nicht Jurist? Warum nicht Mediziner? +Meinethalben bloß Theoretiker – Anthropologe, +Bazillenmensch – die haben doch feste Ziele im +Auge, ich bitte Sie, und ihre Untersuchungen nützen +der Gesamtheit.... Nein – er wollte partout ein +Bücherwurm werden –“</p> + +<p>„Und fühlt sich recht wohl dabei,“ warf Gunther +ein. Er war aus der Nische getreten. Sein blasses +Gesicht hatte sich leicht gerötet. Er lächelte, aber es +zuckte doch auch ein wenig bitter um seine Mundwinkel. +„Papa ist nun mal ein Fanatiker der sogenannten +praktischen Berufe, Herr von Hellstern,“ +<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>wandte er sich wie entschuldigend an den Baron; +„ich begreife es auch. Wer, wie er, sich nur in +rastloser produktiver Tätigkeit wohl fühlt, der kann +einer stillen Gelehrtenarbeit schwerlich Geschmack abgewinnen. +Ich höre übrigens, daß Sie mit einer +Geschichte Ihres Geschlechts beschäftigt sind, Herr +Baron, und sich in umfangreiches Quellenmaterial +zu vertiefen haben. Wenn ich Ihnen irgendwie +dienlich sein kann –“</p> + +<p>„Merci, Herr Doktor – sehr liebenswürdig,“ +entgegnete Hellstern; „das Lateinische macht mir ja +manchmal Kopfzerbrechen; und wenn mir etwas besonders +Verzwicktes unter die Finger kommen sollte, +will ich mich gern an Sie wenden. Bleiben Sie +noch einige Tage hier?“</p> + +<p>„Leider nein,“ erwiderte die Rätin seufzend, und +ihr Gatte fiel ein: „Sie fahren alle beide schon +morgen abend wieder zurück, die Jungen ...“ Er +klopfte Gunther auf die Schulter. „Ich hab’s nicht +böse gemeint – <em class="antiqua">de gustibus</em> und so weiter. <em class="gesperrt">Mir</em> +würde das Herumwühlen in alten Scharteken den +Appetit verderben. Da lob’ ich mir noch die Musik. +Gnädigste Baronesse sind gewiß auch Wagnerschwärmerin?“</p> + +<p>Das war sie wirklich, und nun erfolgte eine +kurze Zwiesprache zwischen ihr und der Rätin über +den vergötterten Meister und seine Musik. Da +wurde Frau Schellheim warm. Sie konnte sich +gar nicht beruhigen, daß Hedda ihren Liebling nur +aus den Klavierpartituren kannte und noch keins +seiner Bühnenwerke gesehen hatte. Ihr drittes +Wort war Bayreuth und Frau Cosima. In der +Villa Wahnfried kannte sie jeden Raum.</p> + +<p>Der Baron beobachtete scharf, während er ungezwungen +plauderte. Sein Urteil über die Familie +Schellheim stand fest. Der Rat ein intelligenter +Emporkömmling, wie man seinen Typus in allen +Großstädten hundertfach findet; die Frau unterdrückt, +nicht uneben; aber von sklavischer Ergebenheit; +<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>der grimme Hagen ein modernes Kaufmannsgigerl, +das nach Abschluß der Geschäftszeit den Lebemann +und Kulissenjäger spielt – und Gunther der +aus der Art geschlagene Idealist. Gunther gefiel +dem Baron noch am besten, obschon auch er für +grüblerische Gelehrtentüftelei wenig übrig hatte.</p> + +<p>Man sprach von guter Nachbarschaft und dergleichen. +Bei dieser Gelegenheit erfuhr Hellstern, +daß der Kommerzienrat beabsichtigte, sich gänzlich +auf der „Auburg“ – so hatte er sein Schloß getauft +– festzusetzen. Hagen sollte die Fabrik allein +weiterführen.</p> + +<p>„Ich möchte mich gern einmal etwas intimer +mit der Landwirtschaft befassen,“ sagte Schellheim, +schon zum Aufbruch gerüstet. „Es macht mir Spaß +– möchte mal versuchen, ob dem Boden nicht doch +ganz gute Erträgnisse abzuringen sind.... Also wegen +der Quelle, – stehen Sie mit dem Möller auf gutem +Fuß, Herr Baron, wenn ich fragen darf?“</p> + +<p>„Auf gar keinem,“ erwiderte Hellstern ziemlich +kurz. „Aber, falls Sie mit ihm in Verbindung +treten sollten – <em class="antiqua">attention!</em> Es ist ein brutaler +Schlaukopf.“</p> + +<p>Schellheim lachte.</p> + +<p>„Mich führt niemand so leicht hinters Licht, bester +Herr Baron,“ sagte er. Dann empfahl man sich. +Auf der Veranda blieb der Kommerzienrat noch +einen Augenblick stehen und pries die Lage des +Baronshofes. Auch das alte Herrenhaus gefalle +ihm sehr. Er habe für diese alten Landhäuser viel +mehr übrig als für die modernen Luxusbauten. Er +sei überhaupt nicht für den Luxus, wenn er sich +nicht mit solider Gediegenheit vereine ...</p> + +<p>August stand wieder am Wagenschlag. Er sah +sehr schäbig aus neben den frisch livrierten Dienern +Schellheims und dem lackierten Glanz der Viktoria. +Aber er machte ein hochmütiges Gesicht; die Leute +vom Auberg imponierten ihm durchaus nicht.</p> + +<p>Der Wagen rollte davon. Der Kommerzienrat +<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>winkte noch wiederholt mit seinem abgezogenen Handschuh +aus dem Fenster.</p> + +<p>Hellstern sah dem unter seinem silbergeschmückten +Geschirr sich sehr stattlich ausnehmenden Fuchsgespann +lange nach.</p> + +<p>„Solche Karrossiers hab’ ich mir mein Lebtag +nicht gegönnt,“ sagte er zu Hedda. „Hübsche Gäule +und gut eingefahren ... Es ist merkwürdig, wie es +im Leben auf und nieder geht. Jetzt sind die +Krämer die Sieger und wir vom Adel die Besiegten. +Das war ehemals anders.“</p> + +<p>„Freilich,“ entgegnete Hedda mit leichtem Seufzer, +„’s ist leider immer so in der Weltgeschichte. Hammer +und Amboß wechseln. Aber allzu schlimm sind die +Schellheims noch nicht.“</p> + +<p>„Na, es geht,“ erwiderte der Baron etwas +mürrisch.</p> + + + + +<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">A</span>m Westausgange des Dorfes wohnte der Vater +Dörthes, der Stellmacher Klempt. Man mußte +einen kleinen Garten durchschreiten, ehe man zu dem +mit Schindeln gedeckten Häuschen des Alten kam. Das +heißt, es war eigentlich kein richtiger Garten, denn +es blühten nur wenige Blumen darin – ein paar +Georginen und Pechnelken, die dicht am Staketzaun +standen –, alles übrige war Wiese und Kartoffelland. +Dicht am Hause hatte Klempt sich eine kleine +Baumschule angelegt. Das war seine besondere +Freude. Er zog allerdings keine Seltenheiten, sondern +nur einige Reihen echter Kastanien, Edelakazien +und Pfirsiche und ein paar hochstämmige Rosen, +seine Sorgenkinder, die er im Winter durch Moosumhüllung +und eine Panzerung von stachligem +Wacholderbuschwerk vor den Angriffen hungriger +Hasen schützte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>Klempt war ein stiller und ruhiger Mensch, der +sich durch mancherlei Ungemach des Lebens zu einer +gewissen philosophischen Resignation durchgerungen +hatte. In der Tat, er war ein Bauernphilosoph +von eigentümlicher Prägung; dadurch, daß er sich +von den andern zurückhielt und auch den abendlichen +Zusammenkünften in der Krugwirtschaft fernblieb, +daß er ein ziemlich einsames Leben führte und fast +beständig auf sich selbst angewiesen war, hatte er sich +in eine sonderliche Gedankenwelt eingesponnen, die +er mit Emsigkeit pflegte, und in der er mit ganzem +Sein aufging. Er hatte seine Frau und vier blühende +Kinder hinsterben sehen. Die Dörthe war seine +Letzte, aber er hatte es nicht gelitten, daß sie ihm +die Wirtschaft führte. Sie sollte „die Welt kennen +lernen“, wie er sich ausdrückte, und das fing damit +an, daß sie auf dem Baronshofe in Dienst trat. +Da Klempt indessen in seinem Haushalt der weiblichen +Hand nicht völlig entbehren konnte, so nahm +er seine einzige, unverheiratete Schwester Pauline +zu sich. Das war ein langes, hageres Weibsbild, +fast an die Sechzig, aber noch schwarzhaarig und +mit glänzenden Augen in dem die Spuren einstiger +großer Schönheit tragenden Gesicht. Die Pauline +paßte zu ihrem Bruder; sie führte ein ähnliches +Traumleben wie er, denn sie war völlig taub und +pflegte sich nur durch ein eigenartiges Gebärdenspiel +mit ihm zu verständigen. Sie war eine brave +Person, etwas mystisch veranlagt, ewig in Punktierbüchern +und Traumdeutungen kramend, männerscheu +und von nervöser Empfindlichkeit, aber auch fleißig +und sorgsam im Haushalt.</p> + +<p>Das war die Rechte für den Stellmacher. Auch +er liebte es nicht, viel Worte zu machen. Dafür +las er gern, besonders an den Winterabenden, und +zwar am liebsten Geschichtswerke oder Geographiebücher, +doch nie Romane, für die er nichts übrig +hatte. Baron Hellstern, der Pastor und der Kantor +liehen ihm, was sie auf ihren Repositorien hatten; +<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>bei der Arbeit verdaute der alte Klempt sodann +seine Lektüre. Das war ein Genuß für ihn. Saß +er draußen im Hofe auf seiner Hobelbank oder schlug +die Speichen eines Rades ein, daß es weithin +dröhnte durch das stille Dorf, so arbeitete nicht nur +seine fleißige Hand, sondern auch seine Phantasie. +Da war er mit Stanley in Afrika, unter den +schwarzen Heiden und Menschenfressern, oder mit +irgend einem Missionar an den Ufern des Ganges, +oder oben am Nordpol, oder er schüttelte den grauen +Kopf über die Greuel des Dreißigjährigen Krieges +und berauschte sich an dem Freiheitsdurst der Griechen. +In seinem groben Bauernhirn blieben naturgemäß +nur die außerordentlichen Ereignisse haften, +aber die Lust am Reflektieren, auf die ihn sein einsames +Leben hinwies, hatte doch allgemach seine Anschauungsweise +geläutert; er verglich gern, kritisierte +auch und zog naive Schlüsse aus der Vergangenheit +auf die Gegenwart.</p> + +<p>Jetzt saß er auf der hölzernen Bank rechts von +der Tür seines Häuschens, hatte die Hände gefaltet +im Schoß und schaute stumm auf das Spatzenheer, +das sich vor ihm im heißen Sande des Hofes zankte. +Man sah ihm die kaum überstandene Krankheit an. +Er war recht hager geworden, und noch stärker und +zottiger als vorher erschien der weiße Zimmermannsbart, +der seine Wangen umrahmte. Aus dem braunen +Gesicht blickten zwei hellblaue, treuherzige Augen; die +von zahlreichen kleinen Falten durchzogenen Lippen +waren fest aufeinandergepreßt; der linke Mundwinkel, +in dem gewöhnlich die Pfeife hing, senkte sich ein +wenig. Das Rauchen hatte ihm der Arzt strengstens +verboten, und unter diesem Verbot litt der Alte am +meisten. Er konnte ohne Pfeife nicht sein.</p> + +<p>Den Himmel überstrahlte bereits das Abendrot. +Die weißen Lämmerwölkchen am Firmament waren +rosig durchleuchtet, selbst der breite Schatten des alten +Birnbaumes, der mitten im Hofe stand, hatte eine +violette Umsäumung. Vom Anger herüber klang ein +<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>leises, melodisches Läuten; der Schäfer des Krugwirts +trieb seine kleine Herde heim.</p> + +<p>Pauline trat in die Haustür, blieb einen Augenblick +stehen und schaute nach dem Himmel, um zu +sehen, ob während der Nacht ein Gewitter zu gewärtigen +sei, und sagte sodann mit der etwas monoton +klingenden Stimme, die allen Tauben eigen ist:</p> + +<p>„Komm ’rein, August; es fängt an, kühle zu +werden.“</p> + +<p>Klempt nickte und erhob sich gehorsam. Aber er +ging doch nicht, sondern wies hinüber nach der Gartenpforte, +wo eine frische Mädchenstimme das Lied von +den wandernden Schwalben sang. Die Dörthe kam. +Sie hatte Urlaub erhalten, den Vater und den +Bräutigam zu besuchen, trug ihr Feiertagskleid aus +geblümtem Kattun und ein buntes Tüchlein um den +Hals.</p> + +<p>„Holla, Vater,“ rief sie schon von weitem, „bist +du noch draußen? Und hat nicht der Doktor gesagt, +du sollst vor Sonnenuntergang wieder in der +Stube sein?“</p> + +<p>„’s ist ja so schöne,“ antwortete Klempt lächelnd, +und als er den Sonntagsstaat Dörthes sah, fügte +er fragend hinzu: „Ist denn heute Kirmes, daß du +dich so fein gemacht hast?“</p> + +<p>Dörthe gab dem Vater und der Tante die Hand.</p> + +<p>„Ich will mal zu Fritzen gehn,“ entgegnete sie. +„Heut ist ’was los im Kruge. Das Springelchen +an der Grauen Lehne soll ein Heilquell sein, hat ein +Professor aus Frankfurt an den Kantor geschrieben. +Da kommen sie alle zusammen.“</p> + +<p>„Hab’s auch schon gehört,“ meinte Klempt; „ein +Wunderwasser, das Kranke gesund machen soll. ’s +käm’ mir zunutze.“ Er schüttelte den Kopf. „’s wird +bloß wieder so ein Gerede sein,“ fuhr er fort; „die +Leute reden viel ...“</p> + +<p>Pauline tupfte ihrem Bruder auf die Schulter +und zeigte nach der Tür.</p> + +<p>„Ja, ich komme,“ sagte er nickend. „Hast du’s +<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>so eilig, Dörthe? Wirst schon noch frühe genug im +Kruge sein; bleib noch ein Huschchen!“</p> + +<p>„Aber nicht lange,“ antwortete Dörthe. Doch sie +trat mit den beiden in das Stübchen, das vom Glanze +des Sonnenrots völlig durchstrahlt zu sein schien.</p> + +<p>Pauline bereitete das Abendbrot, während sich +Dörthe, die Hände auf die Hüften gestemmt, vor +ihren Vater stellte.</p> + +<p>„Wie fühlst du dich denn?“ fragte sie.</p> + +<p>Er winkte mit der Hand.</p> + +<p>„So gesund wie früher, Dörthe, verlaß dich +drauf! ’s ist ’ne Narretei vom Doktor, daß er mir +noch immer das Rauchen verbieten tut. Das ist das +einzigste, was mir noch fehlt.“</p> + +<p>„Solange du noch hustest, darfst du’s nicht,“ erklärte +Dörthe. „Vater, ich riech’s, ich rieche gleich, +wenn du geraucht hast. Du mußt doch parieren. +Der Doktor kostet Geld, und wenn du nicht tust, +was er befiehlt, ist das schöne Geld reinweg zum +Fenster hinausgeworfen.“</p> + +<p>Sie sagte das sehr ernst. Klempt nickte grämlich.</p> + +<p>„Na, ja doch,“ sagte er. „Es dauert alles so +lange. Und dabei hab’ ich mehr zu tun, als mir +lieb ist!“</p> + +<p>„So nimm dir doch noch ’nen Gesellen, Vater! +Ich hab’ dir’s schon ein paarmal gesagt!“</p> + +<p>„Ach was, daß er bloß ’rumlungert! Was tut +denn so ’n Junge! Bis jetzt bin ich alleine fertig +geworden und werd’s auch noch länger werden! Kotzschock, +ich bin doch erst sechzig! ... Es war wohl +Besuch auf dem Baronshof?“</p> + +<p>„Ja, die von drüben. Die Söhne auch ...“ +Dörthe schnitt eine Grimasse und lachte schelmisch. +„Paß einmal auf, unser Fräulein heiratet den ältesten! +Da soll’s hinaus!“</p> + +<p>„Da käm’ wieder mal Geld ins Haus! Die drüben +messen’s nach Scheffeln. Aber ob der Baron will?“</p> + +<p>„Warum denn nicht?“</p> + +<p>„Na, er ist doch so stolz!“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>„Ist er nicht,“ erklärte Dörthe kopfschüttelnd. +„Und dann macht das Fräulein doch, was sie will. +Aber ich will nichts gesagt haben. Die Hanne meint +auch, das würde was werden.“</p> + +<p>„Was sagt denn August?“</p> + +<p>„Den hab’ ich gefragt. Da ist er mir aber grob +gekommen. Der ist grob wie Bohnenstroh, Vater. +Zum Baron geradeso wie zu uns, und dem scheint’s +noch zu gefallen.“</p> + +<p>„Hast du ihm meine Rechnung gegeben?“</p> + +<p>„Nee, Vater, das eilt ja nicht so. Sie ist ziemlich +hoch, da wart’ ich lieber bis zum Ersten und +geb’ sie dem Fräulein. Am Ersten kriegt der Alte +seine Pension und Zinsen und so was. Da wart’ +ich lieber.“</p> + +<p>„Wart ruhig,“ stimmte der Stellmacher zu. „Die +gehn mir nicht durch. Sind sie denn immer noch gut +zu dir?“</p> + +<p>„Ja, sehr! Das Fräulein besonders – na, die +ist ja immer gut! Den Alten kriegt man kaum zu +Gesicht. Er hat’s wieder so schlimm in den Füßen, +sagt August. Aber nu geh’ ich, Vater! Ich muß +doch hören, was es im Kruge gibt.“</p> + +<p>„Verzähl’s mir morgen! Adjö, Dörthe! ... Du, +Dörthe, und bedenk’s dir mit Möllers Fritze ...“</p> + +<p>Sie gab ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund, +so daß er den Satz nicht beenden konnte, und sprang +aus dem Zimmer, der Tante beinahe in die Arme, +die ihr im Hausflur mit einer Schüssel voll weißen +Käses und der Leinölflasche entgegenkam.</p> + +<p>„Herrjeses,“ sagte Pauline, „so sieh dich doch vor! +Hast du letzte Nacht was geträumt?“</p> + +<p>Dörthe nickte.</p> + +<p>Die Tante wurde wißbegierig.</p> + +<p>„Von was denn?“</p> + +<p>Dörthe tippte auf die Flasche.</p> + +<p>„Von Leinöl?“ fragte die Tante verwundert.</p> + +<p>Dörthe nickte wieder und tippte auf die Käseschüssel.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>Die Augen Paulinens wurden immer größer.</p> + +<p>„I – auch von Quark?“</p> + +<p>Dörthe machte mit der Hand eine wirbelnde Bewegung +in der Luft.</p> + +<p>„Ach so,“ sagte die Tante, „zusammengerührt – +Leinöl und Quark ...“</p> + +<p>Nun wies Dörthe auf die Lampe, die auf der +Futterkiste in der Ecke stand.</p> + +<p>„Bei Licht?“ fragte die Tante.</p> + +<p>Dörthe tippte an das Bassin.</p> + +<p>„Was?“ rief Pauline. „Mit Petroleum? Leinöl +und Quark und Petroleum? Wo soll ich denn das +im Traumbuche finden! I – du willst mich wohl +bloß zum Narren haben?! Dörthe, hör mal, Dörthe, +du machst dich immer lustig über mich, aber ich will +dir was sagen: ich habe vor ein paar Tagen von +einem Gewitter geträumt, und es hätte eingeschlagen. +Das gibt Unfrieden im Hause. Sieh dich vor mit +dem Fritze. Ich rede sonst nicht davon ...“</p> + +<p>Das hatte die Dörthe nun so oft gehört, daß sie +ärgerlich wurde.</p> + +<p>„Laß mich in Frieden, Tante!“ rief sie zurück, +gar nicht daran denkend, daß Pauline sie nicht verstehen +könne, und eilte hinaus, den Gartenweg hinauf, +auf den Dorfplatz.</p> + +<p>Erst hier mäßigte sie ihren Schritt. Sie war +ganz rot im Gesicht, und auf ihrer Stirn, von der +das braune Haar glatt gescheitelt zurückgestrichen war, +lag eine schwere Falte.</p> + +<p>Sie ärgerte sich. Zu dumm, diese ewigen Mahnungen +und Warnungen! Sie war doch klug genug, +auf sich selbst Obacht zu geben! Aber der Vater hatte +von jeher im Streit mit den Möllers gelegen, und +von der Tante erzählte man sich, daß sie einstmals +der Schatz des alten Möller gewesen sei. Der aber +hatte sie sitzen lassen. Daher ihr grimmiger Haß +gegen alles, was im Kruge wohnte ...</p> + +<p>Der Abend sank über das Dorf herab. Auf dem +Anger spielte noch eine Schar Kinder. Sie hatten sich +<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>an den Händen gefaßt, drehten sich im Kreise und +sangen dazu mit ihren dünnen Stimmen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">„Ich steh’ auf einem hohen Söller,<br /></span> +<span class="i0">Ich steh’ in einem tiefen Keller,<br /></span> +<span class="i3">Heisa dusematee!<br /></span> +<span class="i3">Fängst du mich,<br /></span> +<span class="i3">Lieb’ ich dich,<br /></span> +<span class="i0">Aber nee, du kriegst mich nich –<br /></span> +<span class="i3">Heisa dusematee!“<br /></span> +</div></div> + +<p>Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen +in das Dorf, und ein Viehjunge trieb seine +Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon +mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frühzeitig +Feierabend, denn es hatte sich herumgesprochen, +daß der Kantor am Abend im Kruge sein wolle, um +nähere Mitteilungen über den Heilquell an der Grauen +Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden.</p> + +<p>Als Dörthe am Gehöft des Lehnschulzen vorüberschritt, +hörte sie ihren Namen rufen. Albert Möller +trat mit dem Schulzen aus dem Hause.</p> + +<p>„Willst du auch in den Krug, Kleine?“ fragte er.</p> + +<p>„Versteht sich,“ entgegnete sie, „so gut wie du. +Bist du mal wieder in Oberlemmingen?“</p> + +<p>„Heut früh angekommen, von wegen der Quelle. +Da muß ich doch dabei sein ...“ Er gab Dörthe +die Rechte und faßte sie dann schäkernd unter das +Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und +lief davon.</p> + +<p>Den Albert konnte sie nicht leiden. Es ärgerte +sie schon, daß er sie immer „Kleine“ nannte. Er +bildete sich viel darauf ein, daß er ganz städtisch geworden +war, und schaute die Bauern über die Achseln +an. Seit drei Jahren lebte er gänzlich in Frankfurt +und kam nur dann und wann zu Besuch nach der +Heimat. Er war Maurerpolier, nannte sich aber +Bauunternehmer, und man erzählte von ihm, daß +er schon einmal unter der Anklage der Begünstigung +betrügerischen Bankerotts in Untersuchungshaft genommen +<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>und nur aus Mangel an Beweis freigesprochen +worden sei. Er war übrigens ein sehr +hübscher Mann: groß, schlank und blondbärtig, und +wenn er einen mit seinen hellen blauen Augen anschaute, +hätte man darauf schwören können, daß +er der beste und treuherzigste Bursche unter der +Sonne sei.</p> + +<p>Dörthe ging nicht durch den Haupteingang in den +Krug, sondern hinten herum, durch die Küche. Hier +brannte schon Licht, und die alte Möllern hantierte +geschäftig am Herd, denn der Förster Damke aus dem +nahen Vorwerk hatte sich seiner Gewohnheit gemäß +Grog bestellt. Die Möllern war eine große und starke +Frau mit vollem grauen Haar und trotz ihrer Siebzig +noch ungemein rüstig. Das Herdfeuer überstrahlte +mit roter Glut ihre harten, ausgearbeiteten Züge.</p> + +<p>„’n Abend, Mutter Möllern,“ sagte die Dörthe +beim Eintritt in die Küche. „Ist der Fritz nicht +hier?“</p> + +<p>Die Alte zog eine Schulter hoch.</p> + +<p>„Im Keller,“ antwortete sie, „er zappt ab; ’s is +ja heute wie eine Volksversammlung da drinne’!“</p> + +<p>Sie war immer mürrisch und unfreundlich, insonderheit +Dörthe gegenüber, der sie es nicht vergeben +konnte, daß sich ihr Fritz in sie verliebt hatte. Denn +die alten Möllers waren stolz, und obwohl Fritz die +Krugwirtschaft bereits übernommen hatte, meinten +sie, es sei nicht nötig, daß er sich nach einer Frau +umschaue, solange sie selbst noch mit Hand anlegen +könnten. Die Dörthe paßte ihnen vollends nicht; ein +Mädel ohne Geld war nicht nach ihrem Geschmack. +Fritz konnte Besseres haben.</p> + +<p>Dörthe schwankte, ob sie in das Gastzimmer gehen +sollte, als sie den dicken, blonden Wirrkopf Fritzens +aus der Kellerluke auftauchen sah. Eine Falltür +führte von der Küche aus direkt in den Keller, und +wenn sie offen stand, wie jetzt, roch es immer nach +Hefe und schalem Bier.</p> + +<p>Fritz trug unter jedem Arm einen mächtigen +<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>Henkelkorb mit Bierflaschen. Er war ein riesiger +Kerl und hatte auch riesige Kräfte. Die Bauern +fürchteten seine Fäuste. Den kleinen Lemmert hatte +er einfach einmal aus dem Fenster geworfen; wer in +der Betrunkenheit Krakeel bei ihm anfangen wollte, +mit dem fackelte er nicht lange. Aber auch auf seinem +dicken und gesunden Gesicht lag der den Möllers +eigne Zug von Treuherzigkeit und gutmütiger Gesinnung.</p> + +<p>„Ach, Dörthe, du bist’s,“ sagte er, stellte einen +Korb hin, wischte mit der Handfläche seiner Rechten +rasch über seine blaue Schürze und begrüßte sodann +seine Braut. „Möchtst wohl auch wissen, wie’s wird?“</p> + +<p>„I nu ja,“ erwiderte das Mädchen lächelnd. „Es +wird ja so viel davon gesprochen. Der Albert ist auch +schon hier.“</p> + +<p>„Weil er der einzige is, der was davon versteht,“ +bemerkte die Alte. „Er hat auch schon ’ne Bank +hinter sich, sagt er ...“</p> + +<p>Dörthe dachte darüber nach, warum der Albert +„’ne Bank hinter sich“ habe, aber Fritz ließ ihr zum +Grübeln nicht lange Zeit.</p> + +<p>„Trag immer ’rein,“ sagte er und schob ihr einen +der Körbe unter den Arm; „heut könnte man zwanzig +Hände haben!“</p> + +<p>Und er folgte ihr mit dem zweiten Korbe.</p> + +<p>So voll war das Krugzimmer allerdings selten. +Aus der Mitte der weißgekalkten Decke hing eine alte +Petroleumlampe herab, die den großen Raum nur +notdürftig erleuchtete, so daß in allen Ecken und +Winkeln schwarze und dämmergraue Schatten lagen. +Nur auf dem Schenktische stand noch eine zweite +Lampe. Hier machte sich der alte Möller zu schaffen, +ein Siebziger, der aussah, als könne er das Hundertste +noch erleben. Rastlos liefen die scharfblickenden Augen +unter den buschigen weißen Brauen umher, und immer +war er zur Hand, wenn er verlangt wurde. Er +fühlte gewissermaßen, wo ein Glas leer war, und er +hatte genau im Kopfe, wieviel ein jeder getrunken +<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>hatte. Er brauchte nichts anzuschreiben, seine Rechnung +stimmte doch.</p> + +<p>Alle Tische waren besetzt. Die paar Großbauern, +die reichsten im Dorfe, hielten zusammen. Da war +zuerst der dicke Braumüller, dessen Gehöft der Krugwirtschaft +gegenüber an der Chaussee lag, dann der +einäugige Langheinrich, der einzige in Oberlemmingen, +der weder schreiben noch lesen konnte; ferner der kleine +Raupach, ein ungemein bewegliches, leicht aufbrausendes +Männchen, und der Bauer Tengler, der seiner +käsigen Gesichtsfarbe wegen gewöhnlich „Schlippermilch“ +genannt wurde. Noch einer saß am Tische +der Großbauern: der dritte Sohn des alten Möller, +der Bertold. Der war Kaufmann geworden und +betrieb ein Kurzwarengeschäft in der benachbarten +Kreisstadt Zielenberg. Er war nicht von der Möllerschen +Art, kein Riese wie die übrigen, sondern ein +wenig verwachsen und trug auch eine Brille, hinter +der ein Paar dunkle Augen listig und lebhaft funkelten.</p> + +<p>An den sonstigen Tischen hatten die kleineren Leute +Platz genommen: der Krämer Thielemann, die Kossäten +Bachert, Maracke und Klauert und eine Anzahl Taglöhner, +Häusler und Knechte. Nebenan im Extrazimmerchen +saß der Förster Damke allein in seiner +Sofaecke, trank Grog und las dazu die Inserate im +„Zielenberger Kreisblatt“.</p> + +<p>Es ging, trotzdem viel getrunken wurde, nicht +allzu lebhaft zu. Die meisten unterhielten sich mit +nur halblauter Stimme. Erst als die Tür aufging +und Wittke, der Lehnschulze, mit Albert Möller ins +Zimmer trat, wurde es lauter. Bertold rief seinen +Bruder sofort an den Tisch heran, wo Albert jedem +der Bauern die Hand reichte.</p> + +<p>„Warst du beim Kantor?“ fragte Bertold, an +seiner Brille rückend, eine ihm eigentümliche Bewegung.</p> + +<p>„Ja,“ entgegnete der andre nickend. „Der Professor +hat geantwortet. Es hat seine Richtigkeit. Die +Quelle ist großartig, sage ich dir, Bertold ...“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>Er brach mit einem Seitenblick auf die Bauern +mitten im Satze ab. Es schien, als wolle er seine +Zukunftshoffnungen nicht so vor allen Leuten preisgeben.</p> + +<p>„Wie ist’s denn eigentlich ans Licht gekommen +mit der Quelle?“ fragte Langheinrich.</p> + +<p>„Ganz einfach,“ und Albert erzählte zum zwanzigstenmal +die Geschichte der Entdeckung. Der Lehrer +aus Frankfurt, der sich vorjährig mit Frau und Kindern +während der großen Ferien im Kruge eingemietet +hatte, um hier eine billige Sommerfrische zu genießen, +war häufig in dem Buchenwäldchen auf der Grauen +Lehne spazieren gegangen. Und da hatte er denn +eines Tages mitten im Geröll und ganz verborgen +unter Brombeerranken und Wacholdergestrüpp ein +Wässerchen entdeckt, das mit auffallend starkem Geräusch +zutage trat und zugleich Tausende von kleinen +zierlichen Perlen und Bläschen bildete, – „so wie +beim Selterswasser, Langheinrich, verstehst du?“ erläuterte +Albert das Phänomen. Jedenfalls erschien +dem Lehrer die kleine Quelle interessant genug, um +den ihm befreundeten Professor Statius darauf aufmerksam +zu machen. Der Professor analysierte das +Wasser denn auch und sandte seinen Bericht dem +Lehrer ein, der ihn wiederum an Herrn Feilner, +den Kantor von Oberlemmingen, schickte.</p> + +<p>„Da is er schunst!“ rief Tengler, der gewöhnlich +platt sprach, und deutete nach der Tür. Feilner trat +ein, ein langer Mensch mit einem um die Wangen +gebundenen Taschentuch. Man kannte ihn gar nicht +ohne Zahnschmerzen.</p> + +<p>Die vier Möllers gingen ihm entgegen und begrüßten +ihn höflicher, als es sonst ihre Art war; der +Alte brachte sogar ein Glas Bier herbei und fragte, +ob der Herr Kantor vielleicht etwas zu essen wünsche. +Aber Feilner dankte; er habe nicht viel Zeit und +wolle sich nur rasch seines Auftrags entledigen.</p> + +<p>Dann nahm er am Mitteltische unter der Hängelampe +Platz und zog den Brief des Professors hervor. +<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>Im Zimmer hatte sich alles erhoben und bildete +einen Kreis um den Kantor. Eine aufmerksame +Spannung lag auf den Gesichtern. Der alte Maracke +hatte die Augen weit aufgerissen und hielt das linke +Ohr umgeklappt, um besser hören zu können. Auch +Dörthe hatte sich herangeschlichen und reckte sich auf +den Zehen empor.</p> + +<p>„Also paßt auf,“ sagte Herr Feilner. „Nämlich +zuerst kommt, was die Quelle alles enthält. Hauptbestandteile: +kieselsaurer Kalk, schwefelsaurer Kalk, +Chlornatrium, Chlorkalium, Ferrokarbonat, schwefelsaure +Magnesia.“</p> + +<p>Er schaute auf und begegnete auf allen Seiten +mordsdummen Gesichtern. Der alte Maracke schüttelte +vor sprachlosem Erstaunen den Kopf und Braumüller +fragte:</p> + +<p>„Wat denn? Das ist alles drin?“</p> + +<p>„Es kommt noch mehr,“ sagte Feilner, und Albert +Möller rief „Ruhe“, obschon niemand sprach, und +drängte den dicken Braumüller unsanft vom Tische +zurück.</p> + +<p>Der Kantor nahm wieder den Brief zur Hand +und las weiter:</p> + +<p>„Temperatur 8,07 Grad <em class="antiqua">R. R.</em> heißt nämlich +Réaumur, womit das Wasser gemessen worden ist, +und weil’s auch noch andre Thermometer gibt, zum +Beispiel Celsius, der mißt höher, und Fahrenheit, +den braucht man aber nur manchmal. Nun geht’s +weiter. Geschmack leicht bitter, kristallhell, dem Rakoczy +ähnlich, aber an Bestandteilen quantitativ geringer. +Habt ihr verstanden?“</p> + +<p>Den Mienen der Anwesenden sah man dies nicht +an. Maracke schüttelte noch immer den Kopf und +kratzte sich dabei hinter den Ohren. Braumüller +wollte etwas fragen, aber der wißbegierige kleine +Raupach kam ihm zuvor und schrie aufgeregt:</p> + +<p>„Kinder, nu denkt mal, und das haben wir alles +gar nicht gewußt? Dem Ra—, dem Ra—, wie war’s +denn gleich? Wem soll das Wasser ähnlich sein?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>„Dem Rakoczy,“ erwiderte Bertold Möller, „das +ist ’ne Quelle in Kissingen – auch eine Heilquelle ...“</p> + +<p>„Und was ist denn nun so gesund da dran?“ +fiel Langheinrich ein.</p> + +<p>„Wartet mal,“ sagte der Kantor, „davon hat +Professor Statius auch etwas geschrieben.“ Und er +suchte in seinem Briefe. „Aha – da – hier steht’s: +‚Beschleunigung des Stoffwechsels, Ausscheidung anormaler +Stoffe, gesteigerte Oxydation.‘“</p> + +<p>Er schwieg wieder und steckte den Brief in die +Tasche zurück.</p> + +<p>„Was hat er gesagt?“ fragte Maracke, der noch +immer sein Ohr umgeklappt hielt. Sein Nachbar +zuckte mit den Achseln, doch der kleine Raupach schrie +lebhaft:</p> + +<p>„Stoffwechsel hat er gesagt! Das ist doch ganz +einfach!“ – und Maracke nickte dankend und war +so klug wie zuvor.</p> + +<p>Der Kantor nippte an seinem Bier und erhob +sich; er wollte wieder gehen. Aber zuvor faßte er +den alten Möller noch einmal an einem Rockknopf.</p> + +<p>„Hören Sie mal, Herr Möller,“ sagte er, „was +da der Herr Professor noch geschrieben hat: er läßt +Ihnen raten, Sie möchten doch die Quelle fassen +lassen.“</p> + +<p>„Schön, schön, Herr Kantor,“ erwiderte Albert +anstatt des Alten rasch, „wird alles gemacht werden,“ +– und leise flüsterte er seinem Vater zu: „Ich weiß +schon Bescheid – nachher! ...“</p> + +<p>Als der Kantor gegangen war, kehrte alles auf +die verlassenen Plätze zurück. Man bestellte sich neues +Bier und neuen Schnaps. Der Heilquell an der +Grauen Lehne bildete das einzige Thema der Unterhaltung. +Allerhand Meinungen wurden ausgetauscht. +Man war sich noch nicht recht klar über das neue +Wunder. Raupach geriet mit Braumüller in Streit, +weil ersterer behauptete, die heilende Wirkung des +Wassers liege im Trinken, und letzterer, nein, im +Baden. Schließlich schlichtete „Schlippermilch“ den +<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>Zank durch die salomonische Erklärung, es sei beides +richtig; erst baden, dann trinken, worauf Maracke +meinte, das sei eine Schweinerei.</p> + +<p>Der alte Möller hatte seine Frau gerufen, damit +sie die Gäste bediene. Dörthe sollte ihr dabei helfen, +denn die vier Möllers zogen sich zu einer „Familienrücksprache“, +wie Albert sagte, in das Extrazimmer +zurück. Der Förster Damke war nach Hause gegangen, +aber das ganze Stübchen roch noch nach dem +schlechten Grog, den er getrunken hatte. Albert öffnete +einen Fensterflügel. Draußen rauschte mit leisem, +einförmigem Murmeln die Barbe vorüber. Der +Himmel war ausgesternt: es gab gutes Erntewetter.</p> + +<p>Die drei Brüder hatten sich an den mit Wachstuch +überzogenen Tisch gesetzt, der mit klebrigen Flecken +übersät war, und auf dem ein flacher Teller mit gezuckertem +Spiritus und Fliegengiftpapier stand.</p> + +<p>„Wollt ihr Bier, Jungens?“ fragte der Alte.</p> + +<p>„Danke,“ erwiderte Bertold, und Albert schüttelte +naserümpfend den Kopf. Er war verwöhnt. Das +Lemminger Bier war nicht zu trinken. Aber es würde +ja alles anders kommen.</p> + +<p>„Nun hört einmal zu,“ sagte er. „Setz dich, +Vater, ich kann das zwecklose Herumstehen nicht +leiden. Die Tatsache, daß wir in dem Wasser an +der Grauen Lehne einen Heilquell besitzen, ist erwiesen. +Ich will euch gestehen, daß ich extra deswegen zu +einem berühmten Arzte in Berlin gefahren bin. Ich +wollte mir Gewißheit schaffen. Der hat das Wasser +ebenfalls genau analysiert und stimmt in allem mit +Professor Statius überein. Er sagte mir, das sei +etwas sehr Wichtiges, daß wir in der Mark so ’ne +Art Kissinger hätten; das fehlte uns, und Oberlemmingen +würde eine große Zukunft haben.“</p> + +<p>„Also wahr und wahrhaftig?“ fragte der Alte, +seine Pfeife aus dem Munde nehmend. Er brachte +der Sache noch immer ein gewisses Mißtrauen entgegen. +Bertold stieß ihn leicht von der Seite an; +<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>Albert sollte erst aussprechen. Nachher konnte man +fragen.</p> + +<p>Aber Albert sprach nicht gleich weiter. Er zündete +sich zunächst eine Zigarre an, während die andern ihn +aufmerksam betrachteten. Er war der Klügste in +der Familie und hatte als Großstädter seine Verbindungen. +Endlich hub er etwas zögernd und mit +schwerer Stimme wieder an:</p> + +<p>„Erst wollen wir uns mal über das Eigentumsrecht +einigen, Kinder,“ sagte er, und sofort fiel +Bertold ein:</p> + +<p>„So ist’s! Man muß doch wissen, woran man +ist. Eher rühr’ ich auch nicht ’nen Finger in der +Sache!“</p> + +<p>Fritz wühlte mit beiden Händen in seinem Flachshaar. +Er hatte genau gewußt, daß das so kommen +würde. Aber er mußte sich fügen; ohne Albert war +nichts anzufangen.</p> + +<p>„Vater hat ja doch schon geteilt,“ entgegnete er. +„Und alles gerichtlich und schwarz auf weiß. Ihr +habt bar Geld gekriegt und ich die Krugwirtschaft. +Das ist doch längst in Ordnung.“</p> + +<p>„Es handelt sich um die Quelle,“ bemerkte Albert +ernst, „das ist ein neues Objekt ...“</p> + +<p>„Aber die Quelle liegt auf meinem Grund und +Boden, dagegen ist nichts zu sagen,“ antwortete Fritz. +Er wollte wenigstens versuchen, die Position zu verteidigen.</p> + +<p>„Schön,“ erwiderte Albert und erhob sich. „Bist +du der Meinung, so geh’ ich. Dann kümmre ich +mich nicht weiter darum. Nehmt euch ’ne andre +Beihilfe.“</p> + +<p>Der Alte hielt ihn am Rockschoß fest.</p> + +<p>„Hier bleiben!“ befahl er. Er sprach in grollendem +Tone. Wenn er gereizt war, schob er die Oberlippe +ein wenig empor und zeigte die breiten, gelben +Zähne. Dann wurde sein von kurzen, grauen Stoppeln +umrahmtes Gesicht böse, und das Auge begann +zu funkeln.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>Er nahm, während Albert achselzuckend am Tische +stehen blieb, noch ein paar Züge aus seiner Pfeife +und fuhr sodann in kurzen, knurrend hervorgestoßenen +Sätzen fort:</p> + +<p>„Es ist klar, daß die Quelle uns allen gehört. +Nicht bloß einem. Freilich, die Graue Lehne gehört +zur Krugwirtschaft. Aber der Quell hat sich jetzt +erst gefunden. Und ich habe bei der Verteilung besonders +ausmachen lassen, daß bei neuen Funden im +Boden der Wirtschaft, sei’s Mergel, seien’s Kohlen +oder sei’s Alaun, gedrittelt werden soll. So ist’s +auch gerecht!“</p> + +<p>Albert und Bertold nickten, und Fritz verzog den +Mund. Richtig war’s; man hatte diese Bestimmung +getroffen, vor allem in Rücksicht auf den Alaun, den +man in letzter Zeit vielfach in der Gegend entdeckt, +allerdings ziemlich unrein, so daß sich eine Förderung +bisher nicht gelohnt hatte.</p> + +<p>„Ich will nicht streiten,“ entgegnete Fritz schließlich; +er wie die andern hatten einen gewaltigen Respekt +vor dem Vater, der die erwachsenen Männer +zuweilen noch wie Schulbuben behandelte. „Setzt’s +auf und dann wollen wir’s vor dem Notar schriftlich +machen: alles, was die Quelle bringt, geht in +drei Teile.“</p> + +<p>„In vier,“ sagte der Alte bestimmt.</p> + +<p>Die drei Söhne schauten erstaunt auf. Was +hieß denn das nun wieder? Wollte der Alte, der +seit fünf Jahren bequem und ruhig in seinem Ausgedinge +lebte, auch noch an den Einnahmen partizipieren?</p> + +<p>„Warum denn in vier?“ fragte Albert endlich +zaghaft.</p> + +<p>„Weil ich auch meinen Teil haben will,“ erwiderte +der Alte fest. „Ich bin sechsundsiebzig, aber +will’s Gott, so leb’ ich noch zwanzig Jahr’. Und +bringt uns die Quelle Glück, so bau’ ich mir ein +Extrahäuschen und zieh’ mit Muttern hinein. Denn +wenn der Fritze wirklich heiraten tut ...“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>„Es ist noch nicht so weit,“ fiel Albert ein, und +Bertold setzte, an seiner Brille rückend, hinzu: „Das +mit der Dörthe wird er sich auch noch überlegen.“</p> + +<p>Fritz erwiderte nichts; doch der Alte sagte, die +Pfeife zwischen den Zähnen behaltend, in trotzigem +Tone: „Ganz gleich. Es bleibt dabei. In vier Teile.“</p> + +<p>Darauf war nichts zu erwidern. Die Brüder +kannten den Alten. Machten sie Schwierigkeiten, so +konnten sie auf endlose Prozesse gefaßt sein. Und +verlor der Alte auch wirklich, der Ruf des Unternehmens +stand in Gefahr.</p> + +<p>Albert setzte sich wieder.</p> + +<p>„Also abgemacht: in vier Teile,“ wiederholte er. +„Ich werde morgen mit Rechtsanwalt Felitz sprechen. +Und nun zur Sache selbst. Es muß Reklame gemacht +werden. Professor Statius will in der ‚Medizinischen +Wochenschrift‘ über seine Analyse berichten. Den Artikel +lass’ ich an alle großen Zeitungen schicken. Klappern +gehört zum Handwerk. Dann das nötige Geld, +um alles instand zu setzen ...“</p> + +<p>„Ja, das Geld,“ warf Bertold nickend ein.</p> + +<p>„Wir brauchen etwa 300000 Mark ...“</p> + +<p>„Ihr seid wohl verrückt!“ fuhr der Alte auf.</p> + +<p>„Das ist noch nicht einmal hoch gerechnet,“ entgegnete +Albert lächelnd. „Laß man, Vater, darin +hab’ ich meine Erfahrung! Das Geld wird beschafft +werden. Ich habe die Frankfurter Produktenbank +hinter mir, will auch mal zu Schellheim gehen. Es +muß ein Konsortium gebildet werden – mit guten +Namen –, ein paar Finanzleute, einige Ärzte und +ein Adliger an der Spitze. Ich will morgen auf den +Baronshof. Hellstern wird leicht zu kriegen sein. +Und dann muß ein Sanatorium begründet werden ...“</p> + +<p>„Ein –?“ fragte der Alte.</p> + +<p>Albert winkte mit der Hand. „Du wirst schon +verstehen lernen, Vater. Warte man ab. Ich entwickle +nur so meine Ideen. Der ‚Krug‘ muß ausgebaut +werden – zu einem Hotel. Dann brauchen wir +Logierhäuser, neue Wege, Pflasterung, eine Brauerei, +<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>vielleicht auch Gas. Aus der Buchhalde muß der +Kurpark werden. Ein großes und vornehmes Kurhaus +bauen wir späterhin. Rings um die Quelle +wird eine Art Tempelbau errichtet, mit Säulen, das +muß elegant aussehen. Bertold kann hier einen +Basar errichten; dann müssen wir einen Fleischer heranziehen, +Bäcker, Konditor und andre Professionisten. +Das wird sich alles entwickeln ...“</p> + +<p>Er steckte die Zigarre wieder in den Mund und +schaute einen Augenblick sinnend den im Halbdunkel +des Zimmers zerrinnenden Rauchwölkchen nach. Er +war ein geborener Spekulant. Seine kühne Phantasie +und seine wagmutige Frechheit ergänzten, was +ihm an Bildung fehlte. Er war ein schlechter Arbeiter +gewesen, als er nach Frankfurt gekommen, aber er +besaß ein gewisses Organisationstalent, und er hatte +auch Glück. Seine Häuser vermieteten sich schnell. +Er baute unsolid, stattete jedoch die Wohnungen mit +oberflächlicher Eleganz aus, mit Stuck an den Decken, +Kassettierungen, hübschen Öfen und Tapeten. Es +war ihm sogar gelungen, sich am Bau der neuen +Kaserne für die Albrecht-Dragoner beteiligen zu +dürfen, und er hatte ein gutes Stück Geld dabei +verdient. Aber all das waren nur vorbereitende +Kleinigkeiten für ihn. Er wollte viel höher hinaus. +Er plante unausgesetzt, er baute in Gedanken – im +Traume selbst – Riesenpaläste und halbe Städte. +Oberlemmingen stand in der Zukunft schon fix und +fertig in seiner Phantasie. Kein Dorf mehr, sondern +ein moderner Kurort. Die kleinen Häuschen und +Lehmbaracken mit ihren gelbgrauen Strohperücken +waren verschwunden – eine ganze Reihe von Villen +erhob sich an ihrer Stelle: niedliche Chalets im +Schweizerstil, dazwischen ein paar holländische Bauernhäuser, +ein norwegisches Blockhaus, eines nach russischem +Muster, mit gemalten Balken. Albert sah das +alles schon vor sich. Er sah auch den Quellentempel +inmitten blühender Anlagen, im Grün des Kurparks, +und das Möllersche Hotel an der Chaussee, die in +<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>einer halben Fahrtstunde nach Zielenberg führte, wo +sich drei Bahnstränge kreuzten. Die Lage war günstig. +In fünf Jahren, taxierte Albert, mußten die Möllers +sich Oberlemmingen erobert haben.</p> + +<p>Bertold hatte schweigend zugehört. Er war, wie +Albert, längst der Bauernsphäre entwachsen, und auch +er war ein heller Kopf. Geldverdienen war seine +Losung. Seit er sich mit der ältesten Tochter des +Getreidehändlers Ring in Zielenberg verheiratet, die +ihn zweimal hintereinander mit Zwillingen beschenkt +hatte, war sein Erwerbsfieber noch gewachsen. Man +mußte doch für die Seinigen sorgen! Er lieh auch +Geld auf Pfänder und machte dann und wann kleine +Wuchergeschäfte mit den Inspektoren der Umgegend. +Er begriff schon, was Albert wollte, und glaubte an +dessen Stern. Aber eine heimliche Angst peinigte ihn +dennoch: die, daß Albert ihn betrügen könne.</p> + +<p>Auch Fritz und der Alte sagten nichts. Doch +man sah es ihnen an, daß der Zukunftsgalopp Alberts +nicht nach ihrem Sinne war. Sie steckten bei aller +natürlichen Gerissenheit doch noch zu tief im Bäurischen, +um sich mit den Spekulationsideen Alberts befreunden +zu können. Vor Schuldenmachen hatten sie eine +grimmige Angst; man gab das Geld fort und hatte +auch noch die Zinsen zu bezahlen. Und sie fürchteten, +daß die ungeheuern Summen, die Albert aufnehmen +wollte, sie alle ersticken und erdrücken würden.</p> + +<p>Ein Lärm in der Schenkstube, die schimpfende +Stimme der alten Möllern und das laute Weinen +Dörthes störten die Konferenz. Fritz erhob sich, +um nachzusehen, was es gebe. Dörthe hatte eine +Flasche mit Himbeerlikör vom Schenktisch gestoßen; die +Flasche war zerbrochen, und der rote Saft floß träge +über die schwarzen, mit Sand bestreuten Dielen. Und +da hatte die Möllern der Dörthe in ihrer zügellosen +Heftigkeit eine derbe Ohrfeige gegeben und schimpfte +in unflätiger Weise auf sie los.</p> + +<p>Dörthe stand an der Wand und hielt den Zipfel +ihres Kleides vor das Gesicht. Sie schluchzte so, daß +<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>ihre ganze Gestalt zitterte – nicht aus Schmerz, +sondern aus Scham, vor allen Leuten gezüchtigt worden +zu sein. Jeder schaute zu ihr hinüber. Braumüller, +Raupach und Tengler, die „Schafskopf“ +spielten, hielten im Spiel inne, und der alte Maracke +schritt gutmütig auf sie zu und sagte:</p> + +<p>„Nanu, flenn man nich, Dörthe – es is doch +nich so schlimm! Bis du heiratst, is die Backe wedder +gutt! ...“</p> + +<p>Aber auch Fritz schimpfte. So was Ungeschicktes +wie die Dörthe sei noch nicht dagewesen. Als ob der +Himbeerlikör kein Geld koste. Und das wolle einmal +eine tüchtige Hausfrau werden! Nee – da +werde er es sich doch noch lieber bedenken ...</p> + +<p>Dörthe schlich, ohne zu antworten, hinaus. Sie +weinte noch immer, während sie langsam die paar +Steinstufen hinabstieg, die zu der Haustür führten, +und dann durch die Dorfstraße schritt. Sie weinte +ganz leise vor sich hin. Daß die Möllern grob und +roh war, wußte sie ja – das war ihr nichts Neues. +Die wollte überhaupt nichts von der Heirat wissen. +Aber das Benehmen Fritzens tat ihr weh; ihr Herz +sprang und zuckte. Sie liebte den großen Burschen +mit seinem wirren Blondkopf und den blauen Augen +doch so sehr.</p> + +<p>Der Abend war wundervoll. Die Sterne flimmerten +hell am Himmel; die Milchstraße leuchtete wie +Opal. Und durch das ganze Dorf wehte der frische +Duft der Wiesen, die sich dreißig Morgen weit längs +der Barbe hinzogen.</p> + +<p>Plötzlich, gegenüber dem Pastorhause, durch dessen +Fenster helles Licht schimmerte, blieb Dörthe stehen. +Ihr fiel auf einmal ein, was Tante Pauline von +ihrem letzten Traum erzählt hatte. Ein Gewitter +war heraufgezogen, und dann hatte es eingeschlagen. +Das bedeutete Unfrieden und Ärger. Und so war’s +auch gekommen.</p> + +<p>Beim Lehnschulzen schlug der Hofhund an. Ein +zweiter antwortete, der große Köter Marackes mit +<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>seinem heiseren Baß. Aus der Ferne, vom Dorfende +her, kläffte die helle Stimme des Nachtwächterhundes +dazwischen. Ein vierter und fünfter fiel ein. Alle +Hunde im Dorfe begannen zu bellen.</p> + + + + +<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">A</span>uf dem Auberg hatte früher ein Pächterhaus +gestanden, ein merkwürdiger Bau. Das untere +Stockwerk stark massiv, mit mächtigen Mauern, eine +Halle mit hohen und schönen Wölbungen, von Strebepfeilern +gestützt. Das war der Kuhstall gewesen. +Und auf ihm hatte sich ein schwächliches Fachwerk +erhoben, ziemlich dünnwandig und einfach weiß abgeworfen: +die Wohnung des Pächters. Er war ein +närrischer Kauz gewesen; man erzählte sich im Dorfe +noch allerhand wunderliche Geschichten von ihm. +Seine Leidenschaft war die Rindviehzucht, und deshalb +hatte er dem geliebten Viehzeug die schönsten +Räume im Hause angewiesen, und deshalb wollte +er seine Tiere auch immer in unmittelbarer Nähe +haben. Er war lange in England gewesen und hatte +dort alle möglichen Kreuzungen kennen gelernt, auch +eine neue Art der Fütterung, von der er viel hielt. +Aber er hatte kein Glück; sein Kreuzungssystem schlug +nicht an, und bei seiner neuen Fütterungsmethode +verhungerten die Rinder. Eines Nachts hing er +sich im Kuhstall auf.</p> + +<p>Als Kommerzienrat Schellheim die Auherrschaft +gekauft hatte, brachte er einen Baumeister aus Berlin +mit, der ihm auf dem Auberge ein Schloß bauen +sollte. Der Mann war ganz begeistert von der Anlage +des Kuhstalls und schlug Schellheim vor, die +kolossalen Fundamente beizubehalten und aus dem +Stalle eine Halle, eine englische Halle, zu machen. +Die Mauern wären so riesig, daß sich leicht noch +zwei Stockwerke auf ihnen aufführen ließen. Schellheim +<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>war einverstanden, und der Baumeister baute +los. Ein stattliches Herrenhaus entstand, aber der +Kommerzienrat wollte ein Schloß haben, und zu +einem Schlosse gehörte unbedingt ein Turm. So +wurde denn rechtsseitig ein runder Turm angeklebt, +mit einem grünen Kupferhute als Dach. Das gefiel +Schellheim immer noch nicht recht: die Erker +fehlten noch, von denen aus man zu Tal schauen +konnte, und auf der Südseite eine weite Glasveranda, +die zur kalten Zeit als Wintergarten benutzt werden +konnte. Auch das wurde geschaffen und noch mehr, +und schließlich machte das neue Schloß einen schauderhaft +stillosen Eindruck. „Es sieht wie zerkaut +aus,“ meinte der alte Hellstern. Der hübscheste +Raum blieb nach wie vor der ehemalige Kuhstall, +die jetzige Halle.</p> + +<p>Von seiner früheren Bestimmung merkte man +dem weiten Saal natürlich nichts mehr an. An den +Pfeilern hing allerhand Waffenschmuck, Hellebarden, +Schilde, Morgensterne, nägelgespickte Streitkolben +und dergleichen mehr, und an den Wänden eine +Reihe tiefdunkel gewordener alter Ölporträts von +stark dekolletierten Damen in Reifröcken und gepanzerten +Herren mit strichähnlichen dunkeln Schnurrbärten +auf der Oberlippe. Schellheim hatte die ganze +Galerie einmal im Ramsch bei einem Trödler in +Venedig gekauft und nannte sie deshalb seine „italienischen +Ahnen“. Er spottete nicht ungern über +sich selbst; er war vernünftig genug, stolz auf sein +Emporkömmlingstum zu sein.</p> + +<p>Sein Vater hatte das Geschäft begründet, aber +erst unter ihm war es zur Blüte gekommen. Jetzt +gab er zwölfhundert Arbeitern und Arbeiterinnen +Verdienst und Brot, und seine Fabriken in Berlin, +Breslau und Manchester hätten, zusammengestellt, +allein einen kleinen Stadtteil bilden können. In +allen diesen Fabriken wurde nichts hergestellt als +Hemden – Hemden in vieltausendfacher Auswahl, +Abstufung und Variation, für die elegante Welt, +<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>für die einfachen Leute und für das Proletariat, +und zwar nur Männerhemden. Diese Hemden +gingen über die ganze Welt. Man fertigte sie in +den Schellheimschen Fabriken unter jeder gewünschten +Marke und jedem beliebigen Firmenstempel an und +versandte sie dann an die Kunden in allen Teilen +der zivilisierten Erde. So trug sie der Herzog von +Sagan in Paris, der sie aus den Ateliers von Dudevant +Frères entnommen, gerade so gut wie Ohm +Krüger in Johannesburg, der Nabob in Bombay +und der Dockarbeiter in Wilhelmshaven – selbst +bis Siam und China und bis in die Eisfelder +Kanadas wanderte das Schellheimsche Hemd.</p> + +<p>Und diese Hemden ließen Gold zurück. Schellheim +war Millionär. Freilich hatten drei Generationen +an den Millionen gearbeitet. Der Großvater +war noch mit dem Bündel auf dem Rücken +durch das Land gezogen, und der Vater hatte manche +schwere Krisis zu überwinden gehabt. Aber nun +stand der Bau felsenfest; keine Krisis konnte ihn +mehr erschüttern. Es war Schellheim nicht leicht +geworden, sich vom Geschäft zurückzuziehen; die Arbeit +war das Lebenselixir, das ihn jung erhielt. Aber +er mußte an seine Kinder denken. Der unpraktische +Jüngste war für die Fabrik nicht zu gebrauchen; +ihm waren die Bücher alles. Doch Hagen, der +Älteste, trat mit sicheren Schritten in die Fußstapfen +des Vaters. Er hatte zwei Jahre in Manchester +gelernt, dann einige Zeit die Breslauer Filiale geleitet, +und nun konnte er getrost an die Spitze des +Ganzen treten.</p> + +<p>Schellheim sorgte sich nicht um das Weiterblühen +des Geschäfts. Es lag bei Hagen in guten Händen. +Allerdings hatte der Junge auch seine Nebenpassionen: +für Theaterpremieren und dergleichen mehr, aber das +lag nun einmal in der „Mode der Zeit“ – so meinte +der Rat –, und deshalb blieb er doch ein tüchtiger +Kaufmann. An Schellheim trat jedoch nun die Frage +einer anderweitigen Beschäftigung heran. Untätig +<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>konnte und wollte er nicht sein. Und da kam ihm +der Gedanke, sich anzukaufen. Zwar die Landwirtschaft +lag darnieder, aber er gab sich auch schon mit +einer dreiprozentigen Verzinsung seines Anlagekapitals +zufrieden. Dann dachte er auch an seinen +Jüngsten. Der sollte das Gut einmal übernehmen, +wenn er des Studierens müde geworden. Denn es +schien dem Kommerzienrat undenkbar, daß ein Mensch, +der es nicht nötig hatte, zeit seines Lebens tagein, +tagaus und von früh bis spät immer nur zwischen +Büchern sitzen, grübeln, vergleichen, schreiben könne. +Zudem mußte der Wert des Landbesitzes wieder steigen; +der tote Punkt mußte erreicht sein. Es handelte sich +ja nicht um eine verfehlte Spekulation.</p> + +<p>Man nahm das zweite Frühstück gewöhnlich in +der großen Halle. Die Glastüren standen weit offen. +Auf der Terrasse wärmten sich die Palmen in der +Sonnenglut. Durch das Grün der Orangenbäume, +deren blank lackierte große Kübel die Sonnenstrahlen +reflektierten, schimmerte das helle Weiß zweier Statuen, +die den Treppenabstieg zur zweiten Terrasse flankierten. +Es waren zwei Göttinnen, Pomona und Flora; +Hagen, der die Spottsucht seines Vaters geerbt hatte, +bevorzugte sie wegen ihrer Hemdenlosigkeit. Die ganze +Westseite des Aubergs fiel in Terrassen zum Tal +ab, die teils durch Balustraden, teils durch Spaliere +mit Wein und selteneren Obstsorten begrenzt wurden. +Im Süden erstreckte sich der Park zirka zwölf Morgen +weit in das sich hier mählich senkende Land hinein. +Er war ursprünglich Buchenforst gewesen und stieß +bis dicht an die Graue Lehne, die der Kommerzienrat +gleichfalls hatte ankaufen wollen. Aber die +Möllers sagten nein. Das ärgerte Schellheim nunmehr, +nach Entdeckung des Heilquells, doppelt.</p> + +<p>Man war beim Dessert. Ein junger Diener in +ziemlich einfacher Livree wartete auf. Die Rätin +hatte eine Melone zerlegt und reichte sie ihrem Gatten.</p> + +<p>„Ich will dir was sagen, Gunther,“ fuhr Schellheim +in der Unterhaltung fort, eine der goldgelben +<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>Scheiben auf seinen Teller legend, „du hast ja recht: +die Hellsterns sind liebenswürdige Leute. Aber die +Art bleibt dieselbe. Der alte Hochmut ist unausrottbar. +Er bricht aus jeder Äußerung, aus jedem +Worte hervor. Die Tradition sitzt zu fest in ihnen. +Sie erfassen den Zeitgeist nicht. Zum Beispiel: das +mit der Quelle. Hellstern ist gegen ihre Ausnützung, +weil der Fortschritt in der Kultur ihm unbequem ist. +Das stört ihn in seinem Behagen. Nun frag’ ich +den Menschen: ist das nicht verrückt?“</p> + +<p>„Natürlich,“ entgegnete Hagen; „du wirst mit +den Hellsterns nicht warm werden.“</p> + +<p>Gunther widersprach. Man müsse die Leute +nehmen, wie sie seien. Ansicht gegen Ansicht.</p> + +<p>„Ich glaube auch, daß dem Widerstreben des +Barons noch andre Befürchtungen zugrunde liegen. +Er ist zu klug und zu weltreif, um der Kultur +Dämme zu wünschen. Nein, das ist es nicht! Seine +persönlichen Empfindungen mögen ja auch mitsprechen. +Er liebt es nun einmal nicht, von einem Schwarm +fremder Sommergäste umgeben zu sein. Was aber die +Hauptsache ist: sein alter Besitz liegt ihm noch immer +sehr am Herzen, und er fürchtet, daß die Bauern +sich den Segnungen der Kultur, in diesem Falle der +Heilquelle, noch nicht reif genug erweisen werden.“</p> + +<p>Der Rat schüttelte, einen ironischen Zug um den +Mund, den Kopf, und der grimme Hagen lachte +fröhlich auf.</p> + +<p>„Nimm mir’s nicht übel, Gunther,“ rief er, „das +ist eine absonderliche Idee! Was heißt denn das: +noch nicht reif? Soll die Kultur vor der Türe +warten, bis auch der letzte Schafskopf ihr gütigst den +Eintritt erlaubt? Als die Eisenbahnen aufkamen, +wetterte und wütete der damalige Verkehrsminister +gegen die neue Erfindung, weil er fürchtete, sie würde +die Postinstitution ruinieren. Was schadet es denn +schließlich, wenn wirklich ein paar Bauern zugrunde +gehen, wo auf der andern Seite der ganzen Menschheit +gedient wird?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>„Gewiß,“ fügte der Rat hinzu und faltete seine +Serviette zusammen. „Jeder Fortschritt ist im +Grunde genommen brutal. Er reißt nieder, um neu +aufzubauen.“</p> + +<p>Gunther errötete leicht. Er sah ein, daß er sich +in der Verteidigung der Insassen des Baronshofs +vergaloppiert hatte, daß seine Argumente nicht stichhaltig +waren. Aber er wollte es nicht zugestehen.</p> + +<p>„Ich bin nicht ganz eurer Ansicht,“ erwiderte er. +„Nur der stetige Fortschritt bringt Segen. Selbst +Guttaten wie die Emanzipation der Bauern und die +Aufhebung der Leibeigenschaft haben unsägliches Unglück +im Gefolge gehabt, weil sie zu unvorbereitet +kamen.“</p> + +<p>„Das ist das, was ich sagte,“ bemerkte Schellheim. +„Die Kultur reißt Löcher, schließt sie aber +auch wieder.“</p> + +<p>„Deshalb kann man immerhin die Opfer der +Kultur bedauern,“ entgegnete Gunther etwas kleinlaut. +„Es tut mir leid, daß der Besitz der Quelle +nicht in verständigen Händen ruht. Vor allen Dingen +kann ich aus persönlichem Empfinden Herrn von Hellstern +nur zustimmen; ich würde es auch lieber sehen, +wenn ich bei meinen Besuchen in Oberlemmingen +nicht auf Schritt und Tritt auf Kranke und Sommerfrischler +stieße.“</p> + +<p>„Mahlzeit,“ sagte der Rat und erhob sich. Der +Diener zog den Stuhl seines Herrn zurück. Man +trank den Kaffee stets gleich nach dem zweiten Frühstück +auf der ersten Terrasse. Dort war bereits der +Tisch unter einer blauweiß gestreiften Markise gedeckt. +Ein Licht und zwei Zigarrenkisten standen +zwischen Tassen und Tellern. Das Licht brannte, +aber man sah die Flamme kaum in der blendenden +Helle des Tages.</p> + +<p>Während Schellheim sich eine Zigarre anzündete, +nahm er das Thema von vorhin wieder auf. Er +wandte sich direkt an Gunther, dem Hagen soeben +eine Papyrus aus seinem Tulaetui anbot.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>„Ich will dir was sagen, mein Junge,“ begann +er – das war eine stehende Redewendung von ihm –, +„wenn sich die Quellengeschichte wirklich günstig entwickelt +und sich nicht noch nachträglich als Mumpitz +herausstellt – ich fürchte es beinah’, ich trau’ der +Sache nicht so recht –, na, das wäre auch für +uns nicht so übel. Durchaus nicht. Denk mal, wie +Grund und Boden steigen wird, wenn hier erst die +Leute zusammenströmen und Obdach und Nahrung +haben wollen! Auch die Produktenpreise werden in +die Höhe gehen – ich meine, liebe Jenny“ – er +wandte sich an seine Frau –, „wir könnten ganz +gut noch die sechs Morgen Wiesenland an der Barbe +zum Gemüsegarten schlagen.“</p> + +<p>Und ohne die Antwort der Rätin abzuwarten, +die nur den Kopf neigte und dann weiter die Tassen +füllte, fuhr er lebhaft fort:</p> + +<p>„Was mich grimmt, ist lediglich die Dickköpfigkeit +der Möllers. Zwölftausend Mark ist ein Stück Geld +für die paar Buchenkuscheln. Ich glaube, die Möllers +witterten damals schon die Heilkraft der Quelle – +kann mir’s sonst nicht erklären, warum sie so stätisch +blieben! Na, ich bin neugierig, was sie machen +werden! Ich habe mir’s überlegt: ich misch’ mich +nicht ’rein. Sie können <em class="gesperrt">mir</em> kommen, wenn sie +wollen ... Wie ist’s, Kinder, wollt ihr wirklich mit +dem Abendzuge zurück?“</p> + +<p>Die Brüder bejahten. Sie hätten beide zu tun. +Hagen erzählte von großen Aufträgen aus Amerika, +deren Effektuierung Beschleunigung verlange. So +kam „das Geschäft“ auf die Tagesordnung; der Rat +wollte Einzelheiten wissen, und Hagen zog sein Notizbuch +aus der Tasche.</p> + +<p>Inzwischen erhob sich Gunther und trat an die +Sandsteinbalustrade heran. Der Ausblick von der +Höhe bot seltene Reize, und sie wechselten je nach der +Beleuchtung. Jetzt, im prallen Glanze der Mittagssonne, +war die ganze Landschaft in ein weißliches +Gelb getaucht. Ein blonder Schimmer lag über den +<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>Ährenfeldern, in die Kolonnen von Schnittern weite, +zackige Lichtungen schnitten, denn heute früh hatte +man auch auf dem Augute mit der Ernte begonnen. +Auf den Wiesen tönte sich das weißgelbe Licht zu +einem ganz hellen und zarten Grün ab, und an der +waldbesetzten Bergreihe am Horizont mischte sich +noch ein leichter blauer Ton hinein.</p> + +<p>Gunther schaute nach der Seite hinüber, wo der +Baronshof lag. Man sah aus dem Dunkel der alten +Bäume nur einen kleinen Dachteil des Herrenhauses +hervorlugen, ein paar hundert braunrote und geschwärzte +Ziegel. Aber vor dem Auge Gunthers +öffnete sich der Vorhang aus grünem Laub, und +es schien ihm, als sehe er das ganze alte Haus vor +sich liegen und oben auf der Veranda eine große +Mädchengestalt in hellem Gewande, die ihm mit +freundlichem Lächeln zunickte. Hedda hatte ihm sehr +gefallen. Er war noch nicht auf die Idee gekommen, +sich ein weibliches Idealbild zu konstruieren, aber er +meinte, so wie Hedda, so ungefähr müsse sein Ideal +wohl ausschauen. Und er warf plötzlich mit ärgerlicher +Gebärde den Rest seiner Zigarette über die +Balustrade. Wirklich, er ärgerte sich über seine +dummen Gedanken!</p> + +<p>Hinter ihm ertönte eine fremde Stimme. Der +Diener hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet.</p> + +<p>Der Kommerzienrat horchte auf, als er den Namen +vernahm. Einer von den Möllers – aha, man +„kam“ ihm schon! Ein breites Lächeln trat auf sein +Gesicht.</p> + +<p>„Führen Sie den Herrn hierher,“ befahl er.</p> + +<p>„Entschuldigen der Herr Kommerzienrat,“ erwiderte +der Diener, „es sind drei Leute –“</p> + +<p>„Drei?“ Und Schellheim lachte fröhlich auf. Also +gleich drei – man wollte ihm durch eine Phalanx +imponieren. „So lassen Sie alle drei herkommen, +Friedrich,“ entschied er.</p> + +<p>Die Rätin fragte bescheiden, ob es nicht besser +<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>sei, wenn sie sich mit den Kindern entferne. Aber +ihr Mann verneinte; man wisse ja noch nicht einmal, +was die Herren überhaupt wollten.</p> + +<p>Das Trio trat an. Voran Albert, dann Bertold +und zuletzt Fritz Möller, hintereinander und mit dem +Ausdruck des Respekts im Gesicht, von dem ihr Herz +in dieser Atmosphäre des Reichtums erfüllt war. +Der dicke Fritz hatte sich gleich den andern beiden +sonntäglich angekleidet, doch der schwarze Rock paßte +nicht recht und schlug an ungehörigen Stellen Falten, +und über dem topfförmigen Zylinderhut lag ein rosiger +Bronzeton. Der Zylinder gehörte ihm auch nicht, +sondern dem Alten, der ihn nur zu Hochzeiten und +Kindtaufen trug. Dann bügelte Mutter Möller ihn +auf, das heißt sie plättete ihn mit einem heißen Bolzen. +Davon hatte er seine anmutige Färbung erhalten.</p> + +<p>Albert und Bertold blieben stehen und verbeugten +sich. Aber Fritz hatte nicht aufgepaßt und +ging weiter, rannte erst gegen Bertold an und +machte dann auch sein Kompliment. Bertold war +wütend, rückte an seiner Brille und flüsterte, während +Albert bereits zu sprechen begann, dem jüngeren +Bruder zu:</p> + +<p>„Nimm doch den Hut ab, Tolpatsch!“</p> + +<p>Nun entblößte auch Fritz den Flachskopf. Er +war rot geworden vor Verlegenheit.</p> + +<p>„Nehmen Sie es nicht übel, Herr Kommerzienrat,“ +sagte Albert inzwischen, „daß wir Sie inkommodieren. +Wir möchten Sie um eine Rücksprache +bitten. Es handelt sich nämlich um die Quelle ...“</p> + +<p>Schellheim hatte sich erhoben und reichte jedem +der drei die Hand. Es war sein Bestreben, sich +kordial zu zeigen. Die Leute da unten sollten ihn +lieben lernen.</p> + +<p>„Ich dacht’ es mir beinah’, meine Herren,“ erwiderte +er. „Dürfen die Meinen dabei sein, oder +ist es Ihnen angenehmer, unter vier Augen –“</p> + +<p>Albert wehrte ab. Ihre Sache sei durchaus kein +Geheimnis.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>Der Rat bot ihnen Stühle und Zigarren an. +Fritz betrachtete die seine mit Ehrfurcht. Sie hatte +ein Bändchen um den schlanken Leib und sah nach +viel Geld aus.</p> + +<p>Dann entwickelte Albert seine Ideen und Absichten. +Er sprach recht gewandt, erzählte zunächst +von der Analyse des Professors Statius und von +der Auskunft, die er persönlich über die Heilkraft +des Wassers erhalten hatte, und ging hierauf auf +die Finanzierungsfrage über. Man wollte ein Konsortium +bilden, das die vorbereitenden Arbeiten ausführen +solle, und dann das ganze Unternehmen in +eine Aktiengesellschaft verwandeln.</p> + +<p>Schellheim erkannte sofort, daß dieser lange +Maurerpolier eine nicht gewöhnliche kommerzielle +Begabung besaß. In der Darlegung der Einzelheiten +verriet sich sogar eine so schlaue, zuweilen +überraschend raffinierte Berechnung, wie der Kommerzienrat +sie dem einfachen Manne kaum zugetraut +hätte.</p> + +<p>Die Rätin hatte sich mit ihren Söhnen absichtlich +zurückgezogen. Die drei promenierten im Laubengang +der zweiten Terrasse auf und ab, während +oben Albert Möller mit lauter Stimme weitersprach. +Die beiden andern Brüder saßen stumm neben ihm +und nickten nur zuweilen mit dem Kopfe, um ihre +Zustimmung zu allem zu bekunden, was der Wortführer +sagte.</p> + +<p>Plötzlich hörten die Promenierenden, daß Schellheim +den Sprecher unterbrach. Der Rat wußte +nun, wohinaus die Möllers wollten, aber es war +unnötig, noch weiter über die Sache zu reden, ehe +er sie selbst nicht klar überschauen konnte.</p> + +<p>„Sie wünschen, daß ich mich Ihres Unternehmens +annehme,“ sagte er, „daß ich mich theoretisch und +praktisch daran beteilige – nicht wahr, das wollen +Sie doch? Ich soll Ihnen sozusagen helfen, die +Geschichte in Gang zu bringen, die Kapitalien zu +schaffen, die geeigneten Repräsentations- und Arbeitskräfte +<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>zusammenzutrommeln.... Nun schön, ich bin +dazu bereit –, die Sache interessiert mich, denn +eure Quelle fließt mir sozusagen an der Nase vorbei. +Aber erst muß ich mich selber orientieren. Eure +Analysen genügen noch nicht. Man muß offizielle +Persönlichkeiten heranziehen, Berühmtheiten ersten +Ranges.... Und dann: eine kurze Frage. Sie +wissen, lieber Herr Bau –“ er zögerte einen Moment, +weil ihm der Titel Bauunternehmer zu lang +erschien, und fuhr dann rascher fort: „Sie wissen, +lieber Baumeister, daß ich Ihrem Vater schon vor +Jahresfrist anbieten ließ, die Graue Lehne mit der +Buchwaldparzelle zu kaufen. Ich bin noch immer +dazu geneigt. Nun haben sich durch die Auffindung +der Quelle die Preisverhältnisse natürlich wesentlich +geändert. Allein vielleicht würden wir doch noch +einig werden. Überlegen Sie einmal daheim, ob +wir nicht von neuem über das Terrain in Verhandlung +treten können ...“ Er schaute aufmerksam auf +seine Fingernägel.... „Ich will Ihnen was sagen, +meine Herren: die Heilquelle ist ja ganz schön, aber +erstens ist es doch noch sehr die Frage, ob aus ihr +wirklich etwas zu machen ist. Solche Säuerlinge +gibt es zu Tausenden im Lande – die meisten sind +nicht viel wert. Und zweitens wird Ihnen die Geschichte +unendlich viel Scherereien und Schwierigkeiten +machen, – ach du lieber Gott, Sie haben ja gar +keine Ahnung, was es heißt, solch ein weitausschauendes +Unternehmen ins Leben zu rufen! Ob +es sich überhaupt lohnen wird?“ Der Kommerzienrat +zog die Schultern hoch. „Ich glaub’s +eigentlich nicht. Nein, ich glaub’s nicht! Wir haben +kleine Badeorte, die nicht leben und sterben können. +Geschäfte werden da kaum zu machen sein – an +eine Dividende ist vorläufig gar nicht zu denken.... +Na – man muß abwarten! Jedenfalls überlegen +Sie sich den Verkaufsgedanken noch einmal. Wenn +ich die Graue Lehne im Besitz hätte – ich +glaube – ich glaube, ich würde die Quelle ruhig +<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>weiter fließen lassen. Das Risiko ist zu groß – +zu groß ...“</p> + +<p>Die drei Brüder hatten Schellheim mit keinem +Wort unterbrochen. Aber von einem zum andern +flog ein rascher Blick des Einverständnisses herüber, +der zu sagen schien: nicht angst machen lassen, immer +ruhig bleiben! Und nun antwortete Albert in respektvollem +Tone:</p> + +<p>„Verzeihen Sie, Herr Kommerzienrat, aber wir +verkaufen die Graue Lehne bestimmt nicht. Und wenn +Sie uns hunderttausend Mark auf den Tisch legen +wollten, wir tun es nicht. Der Vater denkt gerade +so. Und wenn Ihnen eine Beteiligung an der Ausbeutung +der Quelle zu unsicher dünkt, dann müssen +wir eben weiter gehen, so leid uns das tun würde. +Die Frankfurter Produktenbank hat sich schon bereit +erklärt –“</p> + +<p>Schellheim fuhr auf. Solcher Unsinn! Man solle +sich nur ja die Bankinstitute fern halten. Es gebe +genug kapitalkräftige Leute.</p> + +<p>„Ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen +lassen, meine Herren,“ schloß er. „Senden Sie mir +die Analyse und das sonstige Material über die Quelle +zu. Wenn Sie noch zu Herrn von Hellstern gehen +wollen – es soll mir recht sein. Solche Leute braucht +man.... Also auf Wiedersehen!“</p> + +<p>Das war das Zeichen zum Aufbruch. Der Kommerzienrat +reichte wieder jedem der drei die Hand +und führte sie selbst nach dem Parkausgang. Dabei +plauderte er ununterbrochen, berührte aber die +Quellenfrage mit keinem Wort mehr. Er sprach +über die Ernte, das Wetter, die Getreidepreise, über +alles mögliche. Und während die drei Brüder die +breite Fahrstraße einschlugen, die vom Auberge nach +der Chaussee führte, blieb er noch eine geraume +Weile am eisernen Parkportal stehen und schaute den +Möllers nach. Der rötliche Bronzeton von Fritzens +altväterischem Zylinderhut leuchtete fröhlich im Sonnenschein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>„Geriebene Gesellschaft,“ murmelte der Kommerzienrat +halblaut vor sich hin. Dann kehrte er +auf die Terrasse zurück.</p> + +<p>„Nun, Papa?“ rief ihm Hagen entgegen. „Abgemacht?“</p> + +<p>„I bewahre,“ entgegnete Schellheim, und der +Sohn spürte am Tone, daß etwas wie eine leichte +Gereiztheit herausklang. „Hellstern hat recht: mit +den Leuten ist schwer verhandeln. Ich mache auch +nicht mit – ich werde mich hüten. Es ist nichts +mit der Quelle – nichts! ...“ Er griff nach einer +neuen Zigarre. „Wann geht euer Zug, Hagen? Um +neun, nicht wahr?“</p> + +<p>„Ja, um neun, Papa.“</p> + +<p>„Schön, da könnt ihr mich noch gegen sechs auf +die Felder begleiten. Ich will eine Umfahrt halten. +Das ist so Sitte am ersten Erntetage – ich habe +mich erkundigt. Und bei dieser Gelegenheit wollen +wir einmal an der Grauen Lehne aussteigen. Man +kann sich das – das Dings wenigstens mal ansehen.“</p> + +<p>Der kluge Hagen lächelte. Er wußte ganz genau, +daß sich der Vater die Beteiligung an dem Quellenunternehmen +nicht entgehen lassen würde.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Die drei Möllers wendeten sich kurz vor der +Chaussee rechts ab; sie schlugen den schmalen Fußweg +nach dem Baronshof ein. Anfänglich sprachen +sie wenig; stumm schritten sie nebeneinander her. +Fritz rauchte noch immer die Zigarre, die ihm der +Kommerzienrat angeboten hatte, obwohl ihm der +kurze, glühende Stummel fast die Finger verbrannte. +Bertold rückte nervös an seiner Brille und nahm +als erster das Wort.</p> + +<p>„Das ist ein Schlauer, der Kommerzienrat,“ +meinte er.</p> + +<p>Nun wurde Albert plötzlich sehr lebhaft. Er +begann ohne Ursache auf Schellheim zu schimpfen. +Das seien alles Betrüger, die reichen Berliner +<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>Herren. Man müßte gewaltig auf der Hut sein, +sonst zögen sie einem das Fell über die Ohren. +Alles schwarz auf weiß und notariell, was man +mit denen abmache – nicht anders. Schellheim +ärgere sich nur, daß man ihm die Graue Lehne +nicht verkauft habe; Millionen würde der aus der +Quelle herausschlagen. Aber man wolle die Millionen +allein verdienen. „Wenn man das Pack nur +nicht brauchte!“ schloß er.</p> + +<p>„Wir brauchen es aber,“ erwiderte Bertold. +„Da hilft alles Schimpfen nicht. Wir haben doch +lange genug darüber gesprochen. Was uns ungeheure +Mühen machen würde, erreicht so einer im Umsehen. +Aber über die Ohren hauen lassen wir uns deshalb +schon lange nicht.“</p> + +<p>„Wir sind auch helle,“ sagte Albert.</p> + +<p>Fritz warf seinen Stummel fort. „Die Zigarre +war gut,“ bemerkte er.</p> + +<p>Auf dem Baronshofe mußten die drei erst August +suchen, um sich anmelden zu lassen. In der Mittagshitze +lag das Gehöft wie ausgestorben da. Selbst +das Hühnervolk hatte den Schatten aufgesucht und +sich unter den Akazien im warmen Sande eingekuschelt. +Lord, der Hofhund, kläffte die drei Männer ununterbrochen +an und raste an seiner klirrenden Kette bald +in die Hütte hinein, bald wieder heraus.</p> + +<p>Endlich fand man August, der in einem Winkel +der Häckselkammer Siesta zu halten pflegte. Mit +verschlafenen Augen begrüßte er die drei als gute +Bekannte und machte zunächst seine Witzchen mit +ihnen. Er glaube übrigens nicht, daß der Herr +Baron schon zu sprechen sei; um diese Zeit halte +er noch seinen Mittagsschlummer. Aber er wolle +jedenfalls nachsehen.</p> + +<p>Indessen gingen die Möllers in der Prallsonne +auf und ab. Unter dem schweren Zylinder Fritzens +rannen große Tropfen und perlten dem Burschen +über die dicken Backen. Das verteufelte Ding schien +immer schwerer werden zu wollen. Fritz nahm den +<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>Hut auf ein paar Minuten ab, aber da brannte ihm +die Sonne stechend auf den Flachskopf, und mit +einem Fluch setzte er das Ungetüm wieder auf.</p> + +<p>Albert war mit überlegender Miene vor der +Veranda stehen geblieben. Er hatte die Unterlippe +zwischen die Zähne gezogen und die Augen halb geschlossen, +wie immer, wenn er in Gedanken war.</p> + +<p>„Was grübelst du denn, Albert?“ fragte Bertold.</p> + +<p>„Ach,“ entgegnete dieser lächelnd, „ich dachte so +’n bißchen nach. Das alte Herrenhaus ist gut gebaut. +Mauern wie Festungswälle und Balken von +Eisen. Das wäre leicht auszubauen. Die Lage ist +wie geschaffen für das Sanatorium.“</p> + +<p>„Der Baron wird dir was pusten,“ meinte Fritz, +und Albert erwiderte trocken: „Bar Geld lacht!“</p> + +<p>August kehrte zurück. Der Herr Baron säße +schon wieder am Schreibtisch, aber er hätte nicht +viel Zeit; es wäre ihm lieb, wenn es rasch ginge. +Und dann führte er das Dreiblatt in das große, +kahle, gewölbte Gemach, in dem der Baron zu +arbeiten pflegte.</p> + +<p>Er saß in dem ausgeschnittenen Halbkreis seines +Tisches, mitten unter Haufen von alten Folianten +und Papieren, die ihn wie eine Palisadierung umgaben. +Und rechts von ihm saß Hedda, aber auf +keinem gewöhnlichen Stuhl, sondern auf einem halben +Dutzend übereinandergestapelter Foliobände von +Merians Topographie, und vor sich auf dem Schoße +hatte sie ein aufgeschlagenes lateinisches Lexikon und +suchte für den Alten Vokabeln auf. Es war wundervoll +kühl im Zimmer, und ein angenehmes Dämmerlicht +herrschte, da die Läden vor den Fenstern geschlossen +waren. Hellstern rauchte wieder seine Pfeife, +doch es war nicht so schlimm wie sonst, und in die +Tabaksatmosphäre mischte sich ein zarter Rosenduft, +der dem großen Buschen entströmte, den Hedda auf +eine Ecke des Schreibtisches gestellt hatte: ein hübsches +Symbol blühender Gegenwart mitten unter dem +Moderhauch der Vergangenheit, der aus den alten +<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>Chroniken, Pergamenten und Briefschaften aufzusteigen +schien.</p> + +<p>Hedda nickte den Männern freundlich zu, und +Hellstern rief ihnen gleich entgegen:</p> + +<p>„Tag, Möllers! Ich weiß schon! Wegen der +Quelle – nicht wahr? Kinder, laßt <em class="gesperrt">mich</em> mit der +Geschichte in Ruhe! Ich will nichts davon wissen!“</p> + +<p>Albert war sehr betroffen; Bertold rückte an +seiner Brille, und Fritz machte ein dummes Gesicht +und glättete mit dem Ärmel seinen Zylinderhut.</p> + +<p>„Herr Baron,“ begann Albert endlich, „Sie werden +uns doch wohl wenigstens anhören wollen –“</p> + +<p>„Anhören – meinetwegen,“ grunzte der Freiherr. +„Aber bitte, kurz, Kinder – ich habe den +Kopf voll. Ihr hättet’s auch, wenn ihr euch mit +dem schindludermäßigen alten Latein ’rumärgern +müßtet –“</p> + +<p>„Papa,“ fiel Hedda mit leisem Vorwurf ein.</p> + +<p>„Ach so – entschuld’ge – du bist ja auch da! – +Nanu vorwärts, ihr Herren!“</p> + +<p>Er paffte aus Mund und Nase. Und Albert +begann abermals seinen Vortrag – dasselbe, was +er Schellheim erzählt hatte, und Bertold und Fritz +nickten wieder an denselben Stellen, genau so wie +oben auf der Terrasse des Auschlößchens.</p> + +<p>Hellstern hörte geduldig zu und grunzte nur zuweilen +leise auf, wenn ihm irgend etwas nicht gefiel. +Schließlich fragte er, seine Pfeife aus dem Munde +nehmend:</p> + +<p>„Was erzählt ihr <em class="gesperrt">mir</em> das denn eigentlich +alles?! Soll ich vielleicht auch ein paar Aktien +nehmen, wenn ihr erst so weit seid? Und wovon, +wenn ich fragen darf? Ihr seid reiche Leute gegen +mich, meine lieben Herren; ich habe kein Geld – +gar keins – und für eure Quellenspekulation erst +recht keins!“</p> + +<p>„Wir wollen ja auch kein Geld von Ihnen, Herr +Baron,“ antwortete Albert. „Wir wollen bloß Ihren +Namen – nichts weiter.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>„Namen?! Wozu – was heißt das – Namen?!“</p> + +<p>„Ich versteh’ schon,“ fiel Hedda ein, und nun +wandte sich Albert mit Lebhaftigkeit an die Baronesse.</p> + +<p>„Das ist doch ganz einfach, gnädiges Fräulein,“ +sagte er, sich zu ihr hinabneigend. „Es ist eine große +Sache, die der ganzen Menschheit nützen soll – +nichts Schlechtes dabei, nichts Unreelles, nichts +Schwindelhaftes. Aber der Welt muß man das <em class="gesperrt">klar</em> +machen, sonst glaubt sie’s nicht. Und wenn der Name +des Herrn Barons an der Spitze des ersten Konsortiums +prangt –“</p> + +<p>Er kam aber nicht weiter. Hellstern stieß ihn +mit der Spitze des Pfeifenkopfs in die Seite.</p> + +<p>„Sie, lieber Möller,“ fiel er ein, „bemühen Sie +sich nicht weiter! Ich mache so ’ne Geschichte nicht. +Mein Name ist kein Aushängeschild – <em class="gesperrt">meiner</em> nicht! +Aber wenn’s schon ein Adeliger sein soll – ’s gibt +ja leider genug adeliges Proletariat im Lande –, +vielleicht finden Sie sogar ’nen Grafen –“</p> + +<p>„Aber, Herr Baron,“ schnitt ihm Albert das +Wort ab und hob die Hände, was der dicke Fritz +ihm nachmachte, um sich wenigstens pantomimisch an +der Debatte zu beteiligen, „es handelt sich ja doch +um <em class="gesperrt">Ihren</em> Namen, nicht um einen beliebigen – +und auch um Ihre <em class="gesperrt">Person</em>! Ihr Geschlecht sitzt +hier ja hundert Jahre oder länger, was weiß ich – +und Sie sind überall beliebt, bei Bauern und Gutsbesitzern, +sind mit dem Herrn Landrat befreundet +und mit beiden Abgeordneten, haben noch immer Sitz +und Stimme im Herrenhause, im Provinziallandtag, +bei den Synoden, den Kreisverhandlungen – du +lieber Gott, das ist alles sehr wichtig für uns! Und +wir wollen das ja auch nicht umsonst haben – Sie +sollen <em class="gesperrt">mit</em> bei der Sache verdienen –, wir kaufen +Ihnen Ihr Haus ab und machen ein Sanatorium +daraus ...“</p> + +<p>Der Freiherr schlug mit der Hand auf den Tisch, +daß es dröhnte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>„Sie sind wohl des Teufels, Möller?!“ schrie +er. „Ich bin froh, daß ich meine vier Wände behalten +konnte, – hier will ich auch sterben! Bauen +Sie sich Ihr Sanatorium, wo Sie wollen, aber auf +den Baronshof kommt mir kein fremdes Volk! Ich +lasse eine Tafel am Parkeingang anbringen mit der +Inschrift: ‚Kurgästen ist der Eintritt verboten.‘ Oberlemmingen +war immer ein gesunder Ort, – aber +mit eurer verdammten Quelle zieht ihr die Krankheiten +mit Gewalt her. Es ist kein Vergnügen, lauter +leidende Menschen um sich zu sehen. Die ganze Luft +wird verpestet werden, und die Bazillen werden nur +so umherschwirren. Hübsche Aussichten – ich danke +ergebenst! Und zu dem allem soll ich euch auch noch +helfen, meinen Namen hergeben als Köder, als Lockvogel +– prost Mahlzeit, da seid ihr an den Falschen +gekommen!“</p> + +<p>Die drei Möllers schauten verdutzt vor sich nieder. +Eine so rücksichtslose Abweisung hatte keiner von +ihnen erwartet. Ihre unglücklichen Gesichter erweckten +ein gewisses Mitleid in Hedda. Sie klappte +ihr Lexikon zu und sagte:</p> + +<p>„Ich denke mir, die Sache eilt noch nicht so. +Es muß doch überlegt werden. Vielleicht kommen +die Herren noch einmal wieder –“</p> + +<p>„Nein!“ schrie der Alte erbost. „Ich will nichts +mehr hören! Ging’ es nach mir, so würde die Quelle +wieder zugestopft. Ich glaub’ nicht an ihren Segen!“</p> + +<p>„Das ist jedermanns Sache, Herr Baron,“ erwiderte +Albert, „zu glauben, was er selbst will. Wir +<em class="gesperrt">hoffen</em> etwas von der Quelle –“</p> + +<p>„Ein gutes Geschäft hofft ihr – das lockt euch!“</p> + +<p>„Das auch, freilich! Jeder Mensch will verdienen. +Aber wir gewinnen nicht allein. Ganz Oberlemmingen +wird aufblühen –“</p> + +<p>„Oder zugrunde gehen!“ rief der Baron dazwischen. +Sein braunes Gesicht war noch dunkler +geworden. „Ich kenn’ euch doch, Kinder, – mir +macht ihr nichts weis! Ihr kümmert euch den Geier +<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>um die andern, wenn <em class="gesperrt">ihr</em> nur eure Taschen füllen +könnt! Und ich sehe kommen, wie’s werden wird – +ganz genau! Will’s Glück euch wohl und die Quelle +wirft wirklich Geld ab – ’s fließt doch nur zu euch! +Ihr werdet einen Ring bilden, den keiner durchbrechen +kann, und die kleinen Leute bleiben draußen +stehen und lassen die Zunge aus dem Halse hängen +und hungern weiter!“</p> + +<p>Hedda machte eine unmutige Bewegung mit dem +Kopfe. Sie fand, daß der Vater unnötig hart sei, +und dies Wort sprach Albert auch aus.</p> + +<p>„Das klingt sehr hart, Herr Baron,“ sagte er, +„und ich glaube auch, daß dazu kein Grund vorliegt. +Wir haben <em class="gesperrt">Sie</em> ja doch aufgefordert und den Herrn +Kommerzienrat drüben auch –“</p> + +<p>„Und soundsoviel andre dito – nämlich die, die +ihr zuvörderst braucht, ohne die ihr die Sache nicht +in Szene setzen könnt. Denn ihr allein seid hilflos. +Aber wozu noch das lange Parlamentieren! Ihr seid +mit einer Anfrage zu mir gekommen, und ich lehne +dankend ab. <em class="antiqua">Dixi</em>. Im übrigen – ich habe keinen +von euch kränken wollen – aber ihr kennt ja meine +Art. Und nun adje, Kinder!“</p> + +<p>Er streckte den Möllers die Rechte entgegen. +Hedda nickte ihnen zu und rief Fritz noch nach:</p> + +<p>„Wann soll denn Hochzeit sein, Krugwirt? Noch +nichts bestimmt?“</p> + +<p>Fritz hatte seinen Zylinder schon wieder aufgesetzt, +riß ihn aber schleunigst vom Kopf. Er wurde rot +und lächelte breit. „Nein, gnäd’ges Fräulein,“ antwortete +er, „noch nichts. Es hat ja noch Zeit.“</p> + +<p>Und dann wendete sich auch Albert noch einmal +herum und fügte hinzu: „Wir woll’n mal erst abwarten, +gnäd’ges Fräulein.“</p> + +<p>Sie gingen.</p> + +<p>„Grobian,“ sagte Bertold draußen.</p> + +<p>„Der Kommerzienrat ist anders,“ bemerkte Fritz. +„Mir schmeckt noch seine Zigarre.“</p> + +<p>Albert war wieder vor der Veranda stehen geblieben. +<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>Er packte die Brüder mit beiden Händen +an den Rockklappen.</p> + +<p>„Das merk’ ich mir,“ sagte er halblaut, in verbissener +Wut. „Und wenn’s mir ein Vermögen kosten +sollte, – das Herrenhaus bring’ ich an mich. Hier +soll der Alte nicht sterben – oder der Teufel müßt’ +ihn gerade schon in den nächsten drei Jahren holen!“ –</p> + +<p>Hedda hatte wieder ihr Lexikon zur Hand genommen.</p> + +<p>„Immer gleich bullern, Vater,“ meinte sie. „Man +kann doch auch in Ruhe mit den Leuten sprechen.“</p> + +<p>Hellstern schleuderte ein zusammengerolltes Pergament +quer über den Tisch.</p> + +<p>„Kann man nicht!“ schrie er zurück; „sonst tät’ ich’s!“</p> + +<p>„Gut. Aber überlegen kann man.“</p> + +<p>„Wieso? Was überlegen?“</p> + +<p>„Ob die Ausbeutung der Quelle nicht doch Gemeinnütziges +schaffen kann.“</p> + +<p>Der Alte gab darauf keine Antwort. Er beugte sich +nieder über den Folianten rechter Hand. „Steck die Nase +ins Buch,“ befahl er grob. „Was heißt <em class="antiqua">myrobalanum</em>?“</p> + +<p>Hedda schlug nach, antwortete aber nicht.</p> + +<p>Der Alte schrieb eine Zeile weiter und schaute +auf. „Nun – hast du’s?“</p> + +<p>„Ja,“ erwiderte Hedda, „aber ich sag’ es nicht.“</p> + +<p>„So behalt’s für dich!“</p> + +<p>Und wieder schrieb er weiter und wieder stockte +seine Feder. „Hedda, ich will wissen, was <em class="antiqua">myrobalanum</em> +heißt! Das muß ein blödsinniges Wort +sein – ich finde keine Bedeutung heraus.“</p> + +<p>„So laß es doch, Vater,“ erwiderte Hedda gleichmütig.</p> + +<p>„Gib mir das Lexikon ’rüber, zum Schwerenot!“</p> + +<p>„Nein, Vater, – erst mußt du mich ganz sanft +um einen Kuß bitten.“</p> + +<p>Da flog ein seliges Leuchten über das gerbbraune +Gesicht des Brummbärs; er warf die Feder hin und +breitete beide Arme aus.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +<a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">D</span>ie Ernte war eingebracht worden, und zugleich +mit dem Sedantage wurde das Erntefest gefeiert. +Es sollte diesmal ganz besonders großartig zugehen, da +es das erste unter dem Regiment des Kommerzienrats +war, von dessen freigebiger Hand man sich viel +versprach. Auf dem Baronshof hatte man nie viel +Wesens von derartigen Feiern gemacht. War die +Ernte gut ausgefallen, so gab es ein paar Achtel +Bier und Schnaps, waren die Zeiten schlecht, so gab +es gar nichts. Und seit Jahren hatte es in der Tat +gar nichts gegeben.</p> + +<p>Die halbe Nacht über hatten Frauen und Mädchen +an ihrem Putz und am Erntekranz gearbeitet. Das +war eigentlich kein Kranz, sondern eine Krone: Ähren, +Blumen und bunte Bänder über ein Holzgestell geflochten, +das der alte Klempt mit vieler Kunst zurechtgebaut +hatte.</p> + +<p>Daneben hatten die Musikanten viel mit den +Proben zu tun. Sie probten unter der Leitung des +Kantors in der Schulstube, daß man es durch das +ganze Dorf hören konnte. Es waren freilich nur +fünf Mann: Fritz Möller, der das Bombardon blies, +dann Anton Tengler, der Sohn von „Schlippermilch“, +der junge Raupach und zwei Knechte vom +Augut. Noten kannte keiner; sie spielten alle zusammen +nach dem Gehör, und zwar so lange, bis es +einigermaßen klang. Und da der Kantor das feinste +Ohr im Dorfe besaß, so mußte er immer die Entscheidung +fällen. Die beiden Knechte waren unter +seiner Fuchtel aufgewachsen und ließen sich demzufolge +auch leicht belehren. Sie waren zudem die musikalischsten +der Banda. Sie bliesen des Sonntags +die Posaunen in der Kirche, die der hochselige Baron, +der Vater Hellsterns, bei seiner Verheiratung der +Gemeinde geschenkt hatte. Das hörte sich ganz hübsch +<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>an, mitten unter dem Orgelspiel, und wenn sie einmal +falsch bliesen, so störte es auch nicht, weil es +keiner merkte.</p> + +<p>Diese beiden Posaunenengel waren, wie gesagt, +am leichtesten zu regieren, aber die drei andern wollten +sich durchaus nichts sagen lassen. Der Kantor schwur +jedesmal Stein und Bein, daß er sich um diese +Mordsmusik nie wieder kümmern werde, doch bei der +nächsten Gelegenheit war er gutmütig genug, abermals +„die Direktion“ zu übernehmen. Am störrigsten +war der dicke Fritz. Er stampfte den Takt gewöhnlich +mit dem rechten Fuße mit und zählte dabei in +Gedanken so lange, bis die Reihe an ihn kam. Und +rechnete er einmal falsch und blies den andern in +die Musik hinein, so behauptete er, Tengler habe +nicht aufgepaßt, oder Raupach sei zu spät eingefallen, +oder ihm sei eine Motte in das Bombardon geflogen. +Ausreden hatte er immer. Man hatte übrigens nur +drei Stücke auf dem Repertoire: „Heil dir im Siegerkranz“, +„Nun danket alle Gott“ und einen Marsch. +Das genügte auch. Zum Tanze am Abend kam +doch der alte Vietz aus Wallwitz mit noch einem +Geiger.</p> + +<p>Fritz hatte sich diesmal bitten lassen, ehe er zugesagt +hatte. Die freien Bauern beteiligten sich an +der Cour vor dem Herrn nicht, sondern wohnten nur +dem Tanze bei, währenddessen auch sie zuweilen einen +Taler für ein neues Achtel springen ließen. Aber +als Bläser hatte Fritz schon seit Jahren mitgewirkt. +Man meinte, ohne ihn ginge es gar nicht, und es +war auch wahr: es hatte niemand die Kraft, das +ungeheure alte Bombardon so zu meistern wie der +starke Fritz. Das Bombardon war gleich den Posaunen +Gemeindeeigentum; man wußte nicht recht, +wo es herkam. Jedenfalls mußte es bereits hoch +an Jahren sein und war wahrscheinlich französischen +Ursprungs, denn es hatte nur zwei Ventile. Ein +Mensch mit gewöhnlichen Lungen entlockte dem gelben +Ungetüm keinen Ton, höchstens einen leisen, kreischenden +<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>Wimmerlaut. Aber wenn Fritz mit geblähten +Backen hineinblies, dann klang es gewaltig und +mauernerschütternd. Und deshalb sollte er auch dieses +Mal wieder dabei sein. Doch er sperrte sich; er war +plötzlich stolz geworden und meinte, das schicke sich +nicht mehr für ihn. Aber der Alte redete ihm zu: +man mußte gewisse Rücksichten auf den Kommerzienrat +nehmen.</p> + +<p>Gewiß, die Möllers hatten allen Grund dazu. +Schellheim hatte Albert eines Tages die ihm übergebenen +Schriftstücke in bezug auf die Quelle zurückgeschickt +und ihm kurzerhand geschrieben, die Sache +interessiere ihn doch nicht so, wie er anfänglich gemeint +hätte, auch erfordere sie zu große Opfer, und +was der ablehnenden Redewendungen mehr waren. +Das war schlimm. Albert war ganz verzweifelt. +Er nahm zwar immer noch den Mund voll und +wiederholte jedem, der es hören wollte, daß er eine +„Bank hinter sich“ habe. In Wahrheit aber hatte +die Frankfurter Produktenbank, ein kleines Institut +unter ängstlicher Oberleitung, ihn bereits abgewiesen, +nachdem sie sich nach seinem Ruf und seinem Vorleben +erkundigt hatte. Und in Berlin war es Albert +ähnlich ergangen; es war ersichtlich, man traute dem +einfachen Manne nicht. Das grimmte Albert furchtbar; +er war wütend. Er sah ein, daß er die Sache +unmöglich allein durchführen konnte, daß er eines +kreditschaffenden Namens bedurfte. Und so wandte +er sich von neuem an den Kommerzienrat, hatte aber +bisher noch keine Entscheidung erhalten.</p> + +<p>Dieser zweite September war ein wundervoller +Tag. Es lag schon etwas wie ein leiser Herbsthauch +in der Luft; in dämmernder Frühe sah man über +dem Grün des Dorfangers und an den Brombeerbüschen +schneeweißen Altweibersommer hängen, und +der Tau war über Nacht so stark gefallen, daß die +Leute meinten, es habe geregnet. Doch der frischherbstliche +Odem hatte etwas Erquickliches. Die Atmosphäre +war wonnig rein; man sah die Oderberge +<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>in vollster Klarheit am Horizonte liegen und sogar +das Johanniterkreuz auf dem Kirchturm von Alt-Reuthen.</p> + +<p>Um acht Uhr sollte sich der Zug auf dem Anger +sammeln. Die Musikanten waren die ersten, nur +Fritz Möller fehlte noch. Dann kamen die Knechte +und Mägde und Kleinbauern, die zugleich Handwerker +waren und in Lohn und Arbeit bei Schellheim +standen. Auch einige Bauerntöchter beteiligten +sich, die nicht auf dem Augute bedienstet waren; +allerseits waltete das Bestreben vor, dem diesjährigen +Erntefest einen großartigen Anstrich zu geben.</p> + +<p>Die Mädel hatten sich schön gemacht; es flatterte +und leuchtete von bunten Bändern. Und dies Bandwerk, +das beliebteste Putzmittel, das man für wenige +Groschen beim Krämer kaufte, verlieh selbst den +ältesten und verwaschensten Kleidern das Aussehen +heiterer Neuheit. Hinter der Musik schritt der +Älteste von Langheinrich mit der Erntekrone, die er +auf langer Stange trug, und ihn umgaben die Erntejungfern. +Braumüllers Liese sollte den Vers sprechen; +sie war ein dickes Mädchen mit hübschem, dummem +Gesicht und hatte schreckliche Angst, daß sie beim +Aufsagen der Reime stecken bleiben würde. Hundertmal +hatte die Mutter sie überhören müssen, aber +über die Stelle: „Wünschen wir einen heiligen Lohn“ +stolperte sie immer. Deshalb hatte sie ihre Freundin +Dörthe Klempt gebeten, ihr zu soufflieren, und Dörthe +hatte auch von Hedda Erlaubnis erhalten, sich am +Zuge beteiligen zu dürfen.</p> + +<p>Nun waren alle da, nur Fritz Möller fehlte noch +mit seinem Bombardon. Im Glanze der Morgensonne +rangierte sich der Zug. Auch die Burschen +trugen Bänder an Hüten und Mützen und ein jeder +einen Strauß Ähren im Knopfloch. Überall ruhte +heute die Arbeit. Am Zaune des Kantorgartens +stand Feilner mit umwundenem Kopfe, die lange +Pfeife im Munde, neben ihm seine Frau, an jeder +Hand ein kleines Mädchen. Selbst der Pastor war +<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>neugierig geworden. Sein schneeweißer Kopf mit +den dunkeln, eigentümlich leuchtenden Augen wurde +am Fenster sichtbar. Mitten auf dem Platze hatte +eine Gruppe Frauen Aufstellung genommen; man +sah die Thielemann, das Weib des Krämers, die +alte Maracken, deren zahnloser Mund noch böse klatschen +konnte, die ungeheuer dicke Braumüllern, die +Bacherten und die Frau von Langheinrich, eine reiche +Witwe aus Kerbitschau, die sehr dünkelhaft war und +gern klagte, wie unglücklich sie sich fühle, weil sie +einen so ungebildeten Mann geheiratet habe. Auch +die Schwester von Klempt, Tante Pauline, stand dabei, +mit ihrem geisterhaften Gesicht und den schwarzen +Traumaugen.</p> + +<p>Plötzlich schrie Luise Braumüller über den Platz:</p> + +<p>„Sieh doch mal nach, Mutter, wo Möllers Fritze +bleibt! Es wird doch nu Zeit!“</p> + +<p>Auf der Stelle erhob sich in der Weibergruppe +ein eifriges Klatschen.</p> + +<p>„Dem sitzt die Quelle im Kopf,“ meinte die +Thielemann, und die Maracken nickte und fügte hinzu: +„Paßt emoal uff, die schnappen oalsamt noch +über, die ganzen Möllersch ...“ Und dann ließ man +kein gutes Haar an den Möllers. Aber die Braumüllern +hatte sich schon auf den Weg gemacht; ihre +Tochter pantoffelte sie – jedes Wort von der Liese +war Befehl für sie. Sie lief, was sie konnte, und +ihre fettstrotzende Körperlichkeit schwankte förmlich.</p> + +<p>Doch die Liese hatte sich schon wieder anders besonnen. +Sie schlug vor, man sollte ruhig anrücken +und vor dem Kruge auf Fritz warten. Damit war +alles einverstanden; Dörthe konnte Fritzen holen.</p> + +<p>So setzte sich der Zug denn in Bewegung. Die +Musik schwieg, weil das Bombardon noch fehlte, aber +die Burschen jubelten und schwenkten ihre Hüte und +machten derbe Witze mit den Mädeln.</p> + +<p>Es ging die Dorfstraße hinab, vorüber an Kirche +und Friedhof, an den Gehöften von Langheinrich, +Tengler und Raupach, die alle vor der Tür standen, +<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>vom Lehnschulzen und von Thielemann. Und dazu +läuteten die Kirchenglocken weithin; ihr Klang füllte +die Luft mit schwingenden Akkorden.</p> + +<p>Am Kruge, dicht vor der hölzernen Barbebrücke, +stockte der Zug. Dörthe hob ihre Kleider auf und +sprang die Steintreppe hinauf. Die Braumüllern +war ihr schon zuvorgekommen. Sie schimpfte auf +Fritz, der eben erst dabei war, sich ein reines Hemd +anzuziehen. Er stand mitten in der Schankstube, +und die Mutter half ihm beim Ankleiden. Jedesmal +kam er zu spät.</p> + +<p>Als die Möllern Dörthe erblickte, begann sie zu +räsonnieren. „Was stehst du denn da und hältst +Maulaffen feil?“ eiferte sie. „Immer faß zu! Hole +das Halstuch – ’s liegt obenauf in der Kommode – +im zweiten Schubfach!“</p> + +<p>Auch Fritz räsonnierte, während er eiligst in die +Weste fuhr, zuerst natürlich verkehrt, was ihn noch +wütender machte.</p> + +<p>„Vater, mein Bombardon!“ schrie er. „Draußen +in der Küche – ich hab’ es geputzt! Und bring +meinen Hut mit! – Heiliges Donnerwetter, ich habe +ja nicht gedacht, daß es schon so spät ist! – Nun +hab’ ich die Weste schief zugeknöpft! Gib das Halstuch +her, Dörthe!“</p> + +<p>Während er das Tuch vor dem Spiegel knüpfte, +trat Albert ein. Er lebte jetzt halb in Oberlemmingen, +halb in Frankfurt. Seinem blassen, brummigen +Gesicht sah man die Fehlschläge seiner Hoffnungen +an.</p> + +<p>„Du, Fritz,“ sagte er, „wenn der Kommerzienrat +von der Quelle anfangen sollte – sei vernünftig! +Red keinen Unsinn! Überlege jedes Wort!“</p> + +<p>„Werd’ schon,“ erwiderte Fritz, sein Haar +bürstend. Liese Braumüller und Anton Tengler +kamen auch, um zu sehen, wo Fritz bleibe. Ein +paar der alten Weiber folgten. Die halbe Stube +war gefüllt. Die Maracken schaute neugierig durch +den Türspalt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>Fritz brüllte, das Weibsvolk möge sich hinausscheren. +Dann schimpfte er wieder, weil ihm der +Scheitel nicht gelingen wollte. Schließlich stürmte +er, unter beständigem Fluchen, in die Küche, tauchte +den Kopf in eine Schüssel voll Wasser, rieb ihn mit +dem ersten besten Tuche ab, das ihm in die Hände +fiel, und scheitelte sich nun das Haar. Das ging.</p> + +<p>Dörthe stand schon hinter ihm, mit beiden Armen +das riesenhafte Bombardon haltend, über das sie den +Zylinderhut mit dem Bronzeton gestülpt hatte.</p> + +<p>Fritz war glücklich, daß er endlich fertig war. +Er nahm das Bombardon und blies mächtig hinein, +um den draußen Wartenden zu verstehen zu geben, +nun sei es so weit. Ein paar Hunde in der Nähe +begannen anzuschlagen; die große Katze, die neben +dem Kochherd lag, sprang ob des entsetzlichen Tons +mit einigen gewaltigen Sätzen davon, und der ganze +Zug schrie „Hurra!“</p> + +<p>„Ein langweiliger Peter!“ sagte Albert unter der +Haustür zu seiner neben ihm stehenden Mutter. +„Aus dem wird nie was!“</p> + +<p>„Glaub’s auch nicht,“ antwortete die Alte.</p> + +<p>Die Musikanten bliesen nunmehr ihren Reitermarsch, +und das große Bombardon klang wie eine +Stimme des jüngsten Gerichts dazwischen. Langsam +bewegte sich der Zug den Auberg hinan, und alle +Kinder aus Oberlemmingen folgten ihm, schreiend, +johlend und singend.</p> + +<p>Im Schlosse war man auf das Kommende vorbereitet. +Schellheim und die Rätin hatten bereits +auf der letzten Terrasse Aufstellung genommen, mit +ihnen der Oberinspektor Bandemer und zwei Eleven. +Über die Balustrade der ersten Terrasse lugten die +neugierigen Gesichter der Dienerschaft.</p> + +<p>Über das stille Antlitz der Rätin glitt etwas wie +ein leichtes Schmerzempfinden, als die Musik näher +und näher kam; ihrem feingebildeten Ohr dünkte der +kriegerische Marsch wie ein ungeheurer Korybantenlärm. +Dann aber zog ein Lächeln über ihr Gesicht. +<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>Der Zug nahte. Die Bläser transpirierten außergewöhnlich; +man sah, wie über die den Luftstrom +aufnehmenden und wieder fortstoßenden dicken Backen +das Wasser strömte. Namentlich Fritz gewährte einen +unfreiwillig-komischen Eindruck. Der schöne Zylinder, +über dessen sanften Bronzeton die Sonne glitt, saß +ihm tief im Nacken. Das ganze Gesicht glühte purpurn +vor Hitze und Anstrengung und erschien wie +gebadet. Er war so im Eifer, daß er das Schlußzeichen +übersah, das Tengler gab, und so stieß er +noch ein paar schmetternde Töne aus, während die +andern schon schwiegen, und setzte das Instrument +erst ab, als der junge Raupach ihn ärgerlich in den +Rücken puffte. Und dann machte er ein ganz erstauntes +Gesicht; er hatte nicht gedacht, daß es schon +zu Ende wäre.</p> + +<p>Liese Braumüller deklamierte ihren Spruch, die +Augen zu Boden gesenkt, voll brennender Verlegenheit, +monoton sprechend, wie sie es beim „Aufsagen“ +in der Schule gelernt hatte, und mit gefalteten +Händen. Zweimal stockte sie, aber Dörthe half ihr +immer wieder aus. An der Stelle: „Wir wünschen +der Herrschaft einen heiligen Lohn“ versprach sie sich +mehrfach, sagte erst „leiligen Hohn“ und raspelte +dann noch längere Zeit an den Worten herum, ehe +sie das rechte fand. Dabei schossen ihr die Tränen +in die Augen.</p> + +<p>Als sie geendet hatte, trat der Gutsvogt vor, der +mit im Zuge war, ein stämmiger Mann, der Markuse +hieß und deshalb immer „Jüd“ genannt wurde, obschon +er aus altsässiger Bauernfamilie stammte. Der +brachte ein Hoch auf die gnädige Herrschaft aus, +worauf die Musikanten einen Tusch bliesen und dann +merkwürdigerweise „Heil dir im Siegerkranz“ anstimmten.</p> + +<p>Das brachte den Kommerzienrat, der etwas verlegen +war, wie er nach Landesbrauch die Ovation +beantworten sollte, auf einen guten Gedanken. Er +gab den Nächststehenden die Hand, dankte allerseits +<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>und ließ sodann, an den Sedantag und seine glorreichen +Erinnerungen anknüpfend, in einer geschickten +Schlußwendung Seine Majestät den Kaiser leben. +Wieder fielen die Musikanten ein und bliesen hierauf, +ihrem Repertoire getreu, „Nun danket alle Gott“.</p> + +<p>Der Kommerzienrat sah ein wenig verwundert +aus. Eine Predigt konnte er doch nicht halten. Er +nahm sein Portefeuille aus der Tasche und reichte +dem Gutsvogt einen Fünfzigmarkschein: die Leute +möchten sich einen vergnügten Abend machen. Und +dann zog er diesen und jenen ins Gespräch, während +die Rätin mit liebenswürdiger Miene ein paar +freundliche Worte an Liese Braumüller richtete.</p> + +<p>Fritz Möller stand in vorderster Reihe. Als +Schellheim ihn sah, stutzte er und fragte:</p> + +<p>„Herr Möller – nicht wahr?“</p> + +<p>„Jawohl, Herr Kommerzienrat,“ antwortete dieser.</p> + +<p>Schellheim zupfte an seiner Weste.</p> + +<p>„Hören Sie mal, mein lieber Herr,“ fuhr er +fort, „Ihr Bruder – der ältere ist es, glaub’ ich – +hat mir da mehrfach wieder geschrieben – wegen der +Quellengeschichte. Er drangsaliert mich ein bißchen. +Na – um ihm einen Gefallen zu erweisen, will ich +mich der Sache annehmen, aber – aber ich muß +freie Hand haben. Verstehen Sie, freie Hand!?“</p> + +<p>„Jawohl, Herr Kommerzienrat,“ erwiderte Fritz, +vollständig überzeugt, „freie Hand –“</p> + +<p>„Sonst kann ich nämlich nichts machen, so gut +wie gar nichts. Sagen Sie Ihrem Bruder, er möchte +mal zu mir kommen. Wenn er gerade Zeit hat – +es eilt ja nicht.“</p> + +<p>„O, der hat schon Zeit,“ sagte Fritz unklug, mit +strahlendem Gesicht, überglücklich darüber, daß die +Angelegenheit nun ins Rollen kommen werde. „Der +lauert nur drauf, Herr Kommerzienrat!“</p> + +<p>„So!“ entgegnete dieser kurz und ging weiter.</p> + +<p>Fritz war in so großer Aufregung, daß er den +Heimweg kaum erwarten konnte. Er galt als der +„dumme Junge“ in der Familie, wurde von allen +<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>von oben herab behandelt und trotz seiner physischen +Kräfte bei jeder Gelegenheit unterdrückt. Und nun +war <em class="gesperrt">er</em> es, der die frohe Botschaft ins Haus +bringen konnte, daß der Kommerzienrat eingewilligt +habe, sich der Quellenangelegenheit anzunehmen. +Er beschloß, den Angehörigen vorzulügen, daß <em class="gesperrt">er</em> +den Kommerzienrat überredet und „breitgeschlagen“ +habe. Oho, so dumm, wie die andern glaubten, +war er denn doch nicht; er wollte sich schon Respekt +verschaffen.</p> + +<p>Der Rückmarsch in das Dorf währte ewig lange +für den Ungeduldigen. Er blies in sein Bombardon, +daß man es noch in Kerbitschau hören konnte, eine +Viertelmeile von Oberlemmingen. Seinen ganzen +Jubel blies er in die alte Tuba, die sich geschmeichelt +zu fühlen schien und das jauchzende Herz ihres +Trägers in eine donnernde Tonfülle übersetzte. Die +drei Repertoirestücke kamen hintereinander an die +Reihe. Auf dem Dorfanger schwenkte der Zug in +Frontstellung ein, und dann ging man auseinander.</p> + +<p>Dörthe suchte ihren Vater auf.</p> + +<p>„Das gnäd’ge Fräulein hat mir deine Rechnung +bezahlt, Vater,“ sagte sie. „Mach die Hand auf! +Einundzwanzig Mark achtzig – aber die Deichsel am +gelben Wagen mußt du noch mal nachsehen, die +klappert noch immer.“</p> + +<p>„Ein altes Stück Holz kann ich nicht mehr neu +machen,“ entgegnete Klempt und steckte das Geld +ein. „Gehst du am Abend zu Tanze?“</p> + +<p>„Ja – ich darf, aber ich soll um Mitternacht +wieder zu Hause sein.“</p> + +<p>„Recht so. Du brauchst dir nicht die ganze Nacht +um die Ohren zu schlagen. Sei vernünftig, Dörthe – +daß du mir keine Dummheiten machst! Ich weiß, +wie’s beim Erntefest zugeht.“</p> + +<p>Dörthe lachte. „Habe doch keine Bange, Vater! +Nee – ach du lieber Gott! So bin ich nicht wie +die Liese! ... Vater, du siehst immer noch blaß +aus. Du hätt’st nicht bei der Hitze mitlaufen soll’n!“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>„Ich weiß, was richtig ist. Der Kommerzienrat +ist mein Brotherr. Nun geh – vielleicht springst du +noch mal zu uns ’ran, eh’ du in den Krug machst!“</p> + +<p>„Werd’ sehen!“ rief Dörthe und eilte davon, daß +ihre Röcke flogen. Es war Mittagszeit, und sie +mußte auf dem Baronshof in der Küche helfen. –</p> + +<p>Sein Bombardon im Arm, war Fritz mit großen +Schritten nach dem Kruge zurückgekehrt. Hier stand +der alte Möller auf einer Leiter und nagelte zur +Feier des Tages eine Girlande an, die mit Bändchen +aus rotem und blauem Seidenpapier durchflochten +war.</p> + +<p>„Nu sind wir so weit, Vater!“ rief Fritz dem +Alten entgegen.</p> + +<p>„Was hast du gesagt?“ fragte dieser von der +Leiter herunter, drei große Nägel zwischen den +Zähnen haltend.</p> + +<p>„Nu sind wir so weit,“ wiederholte Fritz. „Mit +der Quelle. Der Kommerzienrat ist dabei. Ich habe +ihn breitgeschlagen. Albert soll zu ihm kommen.“</p> + +<p>Der Alte wäre vor freudigem Schreck beinahe +von der Leiter gefallen. Er nahm die Nägel aus +dem Munde und sagte dreimal hintereinander: +„Donnerwetter!“ Dann kletterte er rasch herab +und stürzte Fritz in das Haus nach.</p> + +<p>Albert wollte die Siegesnachricht noch gar nicht +glauben. Es schien ihm unfaßlich, daß der dumme +Junge, der Fritz, Schellheim „breitgeschlagen“ habe. +Er wollte Genaueres wissen. Und nun log Fritz +los. Er erzählte unsinniges Zeug, aber das Endresultat +blieb dasselbe: Albert sollte auf das Auschloß +kommen – bei Gelegenheit – „es eile nicht“....</p> + +<p>Albert überlegte. <em class="gesperrt">Ihm</em> eilte es. Er wollte sogleich +hinauf. Nein, nicht sogleich, riet der Alte, das +sehe zu pressiert aus. So gegen Abend vielleicht – +und Albert sollte so tun, als ob ihm an der Beteiligung +Schellheims eigentlich gar nichts mehr liege.</p> + +<p>Der Erstgeborene nickte lächelnd. Solche gute +Ratschläge brauchte er nicht. Er nahm sich vor, am +<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>Spätnachmittag auf das Auschloß zu gehen. Fritz +brüstete sich. „Ich habe ihn breitgeschlagen,“ war +sein drittes Wort.</p> + +<p>Gegen Abend fand sich auch Bertold mit seiner +Frau ein, einer kleinen, mageren, schwarzen Person +von scheuem und geducktem Wesen. Bertold war +in nicht minder großer Aufregung als Albert. Er +war zu sehr Geschäftsmann, um es nicht schmerzlich +zu empfinden, daß das geplante Unternehmen sich +nicht entwickeln wollte. Er versprach sich viel von +der Sache und träumte Tag und Nacht davon. Besonders +das eine Traumbild: ein großer Basar in +dem neuen Badeort, in dem alles zu bekommen sein +würde, und der schon durch seine ganze Anlage jede +Konkurrenz ausschließen sollte – ein Basar mit +blitzenden Spiegelscheiben und großstädtischen Auslagen +und der weithin leuchtenden Firma: <em class="antiqua">„Maison +Mœller“</em>. Jawohl – <em class="antiqua">„Maison Mœller“</em> wollte Bertold +künftighin firmieren; das gab der Sache einen +internationalen Schliff und lockte auch die Ausländer +an, die das Bad besuchen würden.</p> + +<p>Um sechs Uhr begann das Fest im Kruge. Die +Schankstube war frisch mit Sand bestreut worden. +Rings um die Wände zog sich eine große Girlande +aus Eichengrün, gleichfalls mit Rosabändchen aus +Seidenpapier verziert. Ebenso hatten die Bilder +des Königspaares Kränze erhalten. Freilich stellten +diese Bilder – ein paar gelb gewordene, mit Rostflecken +übersäte Lithographieen – noch Friedrich Wilhelm IV. +und die Königin Elisabeth dar; aber der +alte Möller meinte, das schade nichts. König bleibt +König. Wenn Fritz einmal heiratet, kann er sich +ein Kaiserbild kaufen; vorläufig genügt Friedrich +Wilhelm IV. Wenn das Gespräch darauf kam, vergaß +Möller nie zu erzählen, daß er Friedrich Wilhelm IV. +einmal persönlich gesprochen hatte. Damals +war gerade die Chaussee nach Posen eröffnet +worden, und der König fuhr mit dem Minister von +Selchow einige Dörfer ab, die der neue Verkehrsweg +<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>berührte. Und so kam er auch nach Oberlemmingen. +Möller, derzeit ein stattlicher junger Mann, +war Schulze und empfing ihn an der Barbebrücke, +den berühmten Zylinderhut, den nun der Fritz geerbt +hatte, auf dem Kopfe und in der Rechten den +langen, mit schwarz-weißem Band umflochtenen +Schulzenstab. Der König ließ halten und sprach +einige Worte mit Möller, und schließlich fragte er +auch, ob Acker und Feld ihre Schuldigkeit täten, und +ob man zufrieden sei. Möller erwiderte furchtlos: +„O ja, Majestät, das schon, aber wenn man bloß +die Steuern nicht wären!“ Und da hatte der König +gelacht und war weitergefahren.</p> + +<p>Wenn der Alte davon erzählte, wurde er stolz. +„Das hab’ ich dem König gesagt,“ erklärte er, „und +wenn er auch gelacht hat, gemerkt hat er sich’s doch. +So ’n König weiß ja gar nicht, was wir für Steuern +zahlen müssen, wenn man’s ihm nicht mal sagt ...“ +Die Steuern waren das Klagelied Jeremiä der +Bauern. Sie hatten noch von 1806 her Beiträge +für die Kriegskosten von damals zu zahlen. Und +dann die Gemeindelasten: Kirche und Schule und +vor allem der Wegebau. Wenn es nach ihnen gegangen +wäre, hätten die Wege grundlos werden und +Kirche und Schule verfallen können. Die Steuern +fraßen einen langsam auf ...</p> + +<p>Zuerst kamen die Burschen, Knechte, Taglöhner +und Bauernjungen, die sich an dem arbeitslosen Tage +langweilten und nicht wußten, wie sie die Zeit totschlagen +sollten. Die Tische waren in der Schankstube +beiseite gerückt worden, dicht an die Stühle und +Bänke längs der Wände heran, so daß der Mittelraum +für den Tanz frei blieb. Man forderte Bier. +Dörthe war auch schon da; Fritz hatte sie gebeten, +etwas früher zu kommen, damit sie mithelfen könne. +Und das tat sie gern. Sie fühlte sich dann schon +halb und halb als Hausfrau auf dem Platze, den +sie einmal einnehmen würde. Heute sollte es übrigens +zur Entscheidung kommen. Die Verlobung war noch +<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>nicht veröffentlicht worden, das kirchliche Aufgebot +noch nicht erfolgt. Die alten Möllers sprachen noch +immer dagegen und, wie es Dörthe schien, auch Albert +und Bertold. Nun wollte sie aber aus dem +Ungewissen heraus. Alle Mädel im Dorfe neckten +und foppten sie bereits, Liese Braumüller vorweg, +die es auch auf Fritz abgesehen hatte und sich nun +Hoffnungen auf Albert machte. Das ging nicht so +weiter. Und deshalb war Dörthe, ehe sie nach dem +Kruge gegangen, noch einmal zu ihrem Vater herangesprungen +und hatte ihn gebeten, noch an diesem +Abend die Entscheidung herbeizuführen. Klempt +wollte anfänglich nicht; er war nicht gern im Kruge; +bei seiner Menschenscheu ängstigte er sich auch, der +Gesamtfamilie Möller entgegenzutreten. Und sicher +waren sie heute alle zusammen. Aber Tante Pauline +unterstützte Dörthe. Es müsse zum Klappen kommen, +erklärte sie; es liege sowieso genug Unheil in +der Luft. Drei Nächte hintereinander hatte sie von +einer schwarzen Henne geträumt, die wild mit den +Flügeln schlug; das bedeute sicher nichts Gutes. Und +so sagte der alte Klempt denn zu; er wollte gegen +sieben im Kruge sein.</p> + +<p>Dörthes Herz hämmerte stark, während sie in +geschäftiger Eile dem alten Möller die Gläser abnahm, +in die dieser das Bier zapfte. Fritz hatte den +Schnapsschank, und Mutter Möller machte sich in +der Küche zu schaffen, während Bertold mit dem +Förster und einem Eleven Schellheims im Extrazimmer +politisierte. Dörthe merkte, daß der Alte +guter Laune war. Er hatte sie einmal um die Taille +gefaßt und ihr gesagt, das Kleid mit den roten +Punkten kleide sie gut, – er werde ihr, wenn er +das nächste Mal nach Zielenberg komme, ein dazu +passendes Halstuch mitbringen. Das machte das +Mädchen ganz glücklich. Ihre Liebe zu dem dicken +Fritz war der Inhalt ihrer Tage. Um seinetwillen +hielt sie sich von den andern fern und vermied es, +sich zur Erntezeit, an den lauen Sommerabenden, +<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>wenn die Arbeit vorüber, zwischen den Heuhaufen +auf den geschorenen Wiesen und den Buchen an der +Grauen Lehne herumzutreiben, wo man bei Mondschein +gewöhnlich das Kichern der Dirnen und das +helle Lachen der Liese Braumüller hören konnte, die +überall dabei sein mußte. Ihr, der Dörthe, konnte +kein Mensch etwas nachsagen, und bei aller sonstigen +Naivität ihrer sittlichen Anschauung war sie doch +stolz darauf.</p> + +<p>Das Zimmer war schon voll, aber der alte Vietz +mit seinem Geiger hatte sich verspätet. Man schimpfte +auf ihn; sicher lag er wieder irgendwo betrunken im +Graben. Es war dumm, daß die heimische Banda +nur ihre drei Stücke konnte und nicht einmal einen +Tanz darunter; sonst hätte man es mit Blechmusik +versucht. Man rief Fritz zu, er solle sein Bombardon +holen; ein paar junge Leute stellten sich in eine Ecke +und begannen eine Polka zu pfeifen. Liese Braumüller +und Anton Tengler tanzten danach; einige +andre folgten, schreiend und lachend; aber es ging +nicht recht – man kam immer wieder aus dem Takt. +Da erhob sich draußen Kindergebrüll. Vietz kam +endlich. Der alte Kerl mit seinem blassen Gesicht, +in dem nur die große Kartoffelnase rötlich schimmerte, +war in der Tat so betrunken, daß er sich kaum aufrecht +halten konnte. Sein Partner, der Geiger, +hatte ihn unter dem Arm gepackt und schleppte ihn +vorwärts. Das war keine Kleinigkeit, denn der +Geiger, ein schmächtiges Kerlchen, schleppte auch noch +den Baß seines Patrons. Alle Kinder waren hinter +den beiden her und johlten und jubelten. Vietz schien +das zu amüsieren; sein ganzes Gesicht lachte. Aber +plötzlich wurde er ernst, blieb stehen und hielt eine +drohende Anrede an den schreienden Schwarm, fuchtelte +mit beiden Fäusten und griff schließlich in den +Sand, um den Kindern eine Handvoll Erde auf die +Köpfe zu werfen. Und alles stob unter erneutem +Geheul auseinander.</p> + +<p>Fritz erschien unter der Haustür. Er machte +<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>kurzen Prozeß, denn er wußte, wie Vietz zu behandeln +war. Er packte ihn einfach an Kragen und +Rockschoß, trug ihn in das Schankzimmer und setzte +ihn hier in eine Ecke. Dann wurde ihm der Baß +zwischen die Beine geschoben, und der Geiger nahm +neben ihm Platz.</p> + +<p>„Nu feste gespielt, Vietz,“ sagte Fritz ernst; +„immer nach drei Tänzen kriegt Ihr ein Glas Bier. +Aber wenn Ihr’s schlecht macht, gibt’s gar nichts!“</p> + +<p>Vietz nickte; er kannte das. Und dann ging es +los. Der Geiger fiedelte, und Vietz kratzte auf +seinem Baß herum: es war eine höllische Musik. +Der Alte hatte offenbar das Bestreben, stets möglichst +schnell zu Ende zu kommen, während sein +Partner eine behagliche Natur war und sich Zeit +ließ. So kamen die beiden niemals zusammen. Doch +auf das Vergnügtsein der Tanzenden hatte das verschiedene +Tempo keinen Einfluß. Die Paare wirbelten +im Zimmer umher; man stieß sich, man stolperte, +man drängte sich und chassierte aneinander +vorüber, lachte, lärmte und tollte und unterhielt +sich königlich dabei. Der Staub schwirrte auf, die +Luft wurde schwül, ein trüber Dunst stieg zu der +niedrigen Decke auf. Die Möllern öffnete ein +Fenster.</p> + +<p>Draußen im Garten spielten Braumüller, der +Schulze, Raupach, Langheinrich und noch ein paar +eine Partie Kegel. Man hörte durch das offene +Fenster trotz des Lärmens der Tanzenden das dumpfe +Rollen der Kugeln und das polternde Geräusch der +stürzenden Kegel.</p> + +<p>Die Möllern schaute zum Himmel auf, schnüffelte +in der Luft herum und zog die Nase kraus.</p> + +<p>„Braumüller,“ rief sie zum Fenster hinaus, „das +gibt wohl noch was – he?!“</p> + +<p>„Alle neune!“ schrie in diesem Augenblick der +Angerufene. „Dundersaxen, Langheinrich, du bist +ein verflixter Kerl!“ ... Und dann schaute er gleichfalls +zum Himmel und nickte der Möllern zu. „Ja, +<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>das gibt noch was, Mutter Möllern! Das wird +’n bißchen brummlich da hinten!“ ...</p> + +<p>Albert war schon vor zwei Stunden nach dem +Auschloß gegangen. Es war merkwürdig, daß er +noch nicht zurück war. Dörthe überlegte, ob es nicht +zweckmäßig sei, daß der Vater seine Abwesenheit benutzte, +um mit dem alten Möller und Fritze zu +reden. Sie hatte so viel zu tun, daß sie nur dann +und wann einmal zum Tanze kam. Und mitten im +Herumschwenken hörte sie zuweilen den Ruf der +Möllern aus der Küche oder das kurze, befehlende +„Dörth’!“ des Alten, der, in jeder Hand ein paar +frischgefüllte Biergläser, hinter dem Schanktische stand. +Mit heißem Gesicht und wogender Brust stürzte sie +dann von ihrem Tänzer fort, um wieder die Gäste +bedienen zu helfen.</p> + +<p>Jetzt war eine Pause eingetreten. Man öffnete +noch ein zweites Fenster, denn die Luft war zum +Ersticken schwül geworden, und in den dicken Dunst +warfen die drei in der Stube aufgehängten Laternen +nur ein verschleiertes Licht. Eine Gruppe von Mädeln +und Burschen hatte sich um Vietz geschart, der ihnen +mit heiserer Stimme das Lied vorsang:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">„Hans mit de Krusekragen<br /></span> +<span class="i0">Stieg up de Kachelawen –<br /></span> +<span class="i0">Bautz, fiel hinunger,<br /></span> +<span class="i0">War des kee’ Wunger –<br /></span> +<span class="i0">Wär’ he nich hinuppestegen,<br /></span> +<span class="i0">Hätt’ he nich hinunnelegen!“<br /></span> +</div></div> + +<p>Zwischen jedem Verse strich er den Baß, verdrehte +dabei die Augen und ließ zuweilen die Stimme +überschnappen – und das Volk um ihn wollte sich +ausschütten vor Lachen.</p> + +<p>„Vater, nu mach doch man!“ flüsterte Dörthe +Klempt zu, der ruhig in einem Winkel saß und seine +Pfeife schmauchte. „Jetzt paßt’s gerade!“</p> + +<p>Klempt schaute nach Möller aus. Der hatte +sich ermüdet hinter dem Schanktische niedergelassen. +Neben ihm hatten Fritz und die Alte auf zwei +<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>Schemeln Platz genommen; man sprach davon, daß +Albert noch immer nicht da sei.</p> + +<p>Klempt erhob sich, öffnete die Klappe seines +Pfeifenkopfes und drückte mit dem Daumen den +Tabak fester. Dann schritt er langsam nach dem +Schanktisch.</p> + +<p>„Es wird noch ’n Wetter geben, Möller,“ begann +er die Unterhaltung.</p> + +<p>„’s soll mir recht sein,“ entgegnete der Angeredete; +„ich hab’ alles ’reingebracht.“</p> + +<p>Klempt spuckte auf die Erde und zündete aus +Verlegenheit ein Streichholz an, obwohl seine Pfeife +noch brannte. „Viel Arbeit heute,“ meinte er; „’s +ist gut, daß sich die Dörthe freimachen konnte ...“ +Und einen plötzlichen Entschluß fassend fügte er hinzu: +„Habt ihr denn schon überlegt, wann das Aufgebot +sein soll?“</p> + +<p>Die Alte schaute Klempt mit ihren dunkeln Augen +böse an, und Möller tat sehr erstaunt.</p> + +<p>„Was denn für ein Aufgebot?“</p> + +<p>„Na, zur Hochzeit,“ erwiderte Klempt, schon +wieder etwas kleinlaut.</p> + +<p>Nun lachte Möller. „Ach so,“ sagte er; „na, +ich dächte, bis jetzt wären die beiden noch gar nicht +mal so recht versprochen!“</p> + +<p>„Dächt’s auch,“ fügte die Mutter hinzu. „Das +ist so ’ne Liebelei, wie sie schon vorkommen kann –“</p> + +<p>Doch nun fiel Fritz den Eltern in das Wort. +Er hatte zuweilen das Herz auf der Zunge.</p> + +<p>„Nein, Mutter,“ sagte er; „du weißt recht gut, +daß es mir Ernst ist. Ich habe die Dörthe immer +haben woll’n. Wir könnten wenigstens regelrechte +Verlobung feiern, damit sich das Mädel nicht unnötig +necken zu lassen braucht.“</p> + +<p>„So ist’s,“ setzte Klempt hinzu. „Von heute zu +morgen kann niemand die Hochzeit verlangen, aber +eine ordentliche Verlobung muß sein.“</p> + +<p>„Wir woll’n mal mit Albert darüber sprechen,“ +sagte Möller; „ich weiß nicht, wo der Junge bleibt!“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>Klempt hatte sich gleichfalls einen Stuhl an den +Schanktisch herangezogen. Er hatte sich nie so recht +gut mit den Möllers gestanden, und nach seinem +Herzen war eine Heirat zwischen Dörthe und Fritz +auch nicht. Aber ihr Lebensglück hing doch nun einmal +davon ab, und das machte den sonst so schweigsamen +Alten beredt.</p> + +<p>„Ihr müßt nicht immer so tun, als paßte die +Dörthe nicht in eure Familie,“ hub er von neuem +an. „Die Klempts sind gerade so ein guter Bauernschlag. +Jawohl, Möller, und du brauchst auch nicht +zu glauben, daß ich die Dörthe arm wie ’ne Kirchenmaus +in die Ehe gehen lasse. Sie hat ihre gute +Ausstattung, und ein paar Taler habe ich mir ja +auch sparen können, die sie nach meinem Tode kriegen +soll. Die Ersparnisse von Tante Pauline kommen +dazu, und schließlich das Gehöft – ist denn das +nichts wert? So ’n ordentliches Haus find’st du +lange nicht, und wie fest das noch alles steht! Und +der Garten und die fünfzehn Morgen Acker und +dann vor allem der schöne Wiesengrund, der bis an +die Graue Lehne heranreicht, der beste im ganzen +Dorfe?! Wir sind doch keine Bettelpackasche, Möller! +Ich dränge mich euch nicht auf, aber das Mädel ist +doch nun mal so verrückt nach dem Fritz, und –“</p> + +<p>Der Tanz hatte wieder begonnen. Fritz erhob +sich und legte seine Hand auf die Schulter Klempts.</p> + +<p>„Laßt’s gut sein, Vater Klempt,“ meinte er, „die +Alten sind schon vernünftig. Wenn Albert zurückkommt, +woll’n wir noch mal in der Familie darüber +sprechen ...“</p> + +<p>Mutter Möller war längst in ihre Küche zurückgekehrt +und warf dort mit den Eisenringen des Herds +umher, daß man es im Schankzimmer hören konnte. +Das paßte ihr alles nicht; die Dörthe war keine +Partie. Aber sie schwieg und wurmte sich heimlich. +Die Eisenringe des Herds sprachen für sie.</p> + +<p>Dörthe hatte aus der Entfernung die kleine Szene +beobachtet. Nun stand Fritz vor ihr. „Rasch einmal +<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>’rum,“ sagte er und faßte sie um die Taille. +„Die Verlobungspolka, Dörthe! Morgen soll’s das +ganze Dorf wissen!“</p> + +<p>Er tanzte mit ihr. Sie war selig und hing mit +glückstrahlendem Gesicht in seinen Armen.</p> + +<p>Geige und Baß kreischten wieder. Das ganze +Haus schien unter den Schwingungen der tanzenden +Paare zu dröhnen. Da klirrten auf einmal die +Fenster. Ein furchtbarer Donnerschlag erscholl, dann +prasselte ein Regenschauer, mit Schloßen gemischt, +zur Erde. Schreiend stoben die Tanzenden auseinander. +Die draußen kegelnden Bauern, die von der +Plötzlichkeit des Gewitters überrascht worden waren, +stürmten in das Zimmer, triefend vor Nässe, mit +dampfenden Kleidern.</p> + +<p>Alles drängte sich an den Fenstern zusammen. +Von Zeit zu Zeit erleuchtete ein greller Blitz die +Nacht, und dann sah man den dicht fallenden Regen. +Hatte es irgendwo eingeschlagen, so mußte das vom +Himmel strömende Wasser den Brand auf der Stelle +löschen. Man war sehr vergnügt bei dem Unwetter. +Die meisten hatten ihre Ernte geborgen, nur ein +kleiner, verhungert aussehender Kossät, Priestegall +mit Namen, ächzte und jammerte: er hätte seinen +Hafer noch nicht einfahren können.</p> + +<p>Die Bauern von der Kegelbahn wollten tanzen, +um sich warm zu machen. Aber Vietz war eingeschlafen. +Man wollte ihn wecken, doch es war +nicht möglich, den Trunkenbold zur Besinnung zu +bringen. Da nahm Langheinrich den Baß zwischen +seine mageren Beine und begann ihn zu bearbeiten, +während auch der Geiger sein Spiel aufnahm. Das +gab neuen Spaß, und bald wirbelten wieder die +Paare durch das Gemach, unbekümmert um die +diabolische Musik.</p> + +<p>Auf einmal hieß es, der Kommerzienrat sei vorgefahren. +In der Tat, eine geschlossene Equipage +vom Augut hielt vor der Tür. Aber nicht der Rat +stieg aus, sondern Albert Möller. Allgemeines Erstaunen; +<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>Schellheim hatte Albert in eignem Wagen +nach Hause fahren lassen, – das hatte ganz gewiß +etwas zu bedeuten!</p> + +<p>Der alte Möller, Bertold und Fritz eilten Albert +bis auf den Hausflur entgegen. Er zog sie in +die Küche. „Es ist alles abgemacht,“ sagte er hastig, +mit vergnügtem Schmunzeln um den Mund; „der +Kommerzienrat schießt uns das Nötige aus eigner +Tasche vor. Morgen fahre ich mit ihm nach Berlin +zu seinem Anwalt ...“</p> + +<p>Fritz sprang wie ein Besessener in der Küche +umher. „Seht ihr wohl – hurra!“ schrie er; „ich +hab’ ihn breitgetreten!“</p> + +<p>Die alten Möllers und Bertold wollten Näheres +wissen. Sie rückten Albert dicht auf den Leib und +bestürmten ihn mit Fragen. Aber er war erschöpft +und wollte zuerst etwas zu essen und zu trinken +haben, erklärte auch, vom Geschäftlichen verständen +sie ja doch nichts. Die Hauptsache sei, daß der Stein +nun ins Rollen käme.</p> + +<p>„Natürlich ist das die Hauptsache,“ bemerkte Fritz, +„alles übrige wird sich schon finden. Und wie ist’s +nun mit der Verlobung? Grade jetzt, wo wir alle +so vergnügt sind, könnten wir auch gleich meine +Verlobung feiern!“</p> + +<p>„Sei doch man still,“ fuhr die Alte auf, und Albert +fragte: „Deine Verlobung? – Ach, mit der Dörthe?!“</p> + +<p>„Na, mit wem denn sonst! Vielleicht mit der +alten Maracken?!“</p> + +<p>Albert zog die Brauen zusammen, doch schon im +nächsten Augenblick nickte er lebhaft mit dem Kopfe. +„Schön,“ meinte er, „ich hab’ nichts dagegen ...“ +Und dann nahm er Fritz an der Rockklappe und +führte ihn etwas abseits. „Sag mal, du,“ fuhr er +im Flüstertone fort, „Klempts Wiesenbucht grenzt +doch an die Graue Lehne?“</p> + +<p>„Dichte ’ran, Albert – dichte ’ran!“</p> + +<p>„Na, und wenn der Alte mal stirbt, dann erbt +doch die Dörthe das Ganze als einziges Kind?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>„Alles – i nu selbstverständlich, – Vater Klempt +hat’s uns vorhin erst wieder auseinandergesetzt, daß +die Dörthe noch gar nicht die schlechteste Partie ist.“</p> + +<p>Albert nickte wieder. „Ich glaube, der Klempt +wird’s nicht mehr allzu lange machen, Fritz. Er +sieht schwindsüchtig aus. Das heißt, meinetwegen +kann er hundert Jahre alt werden! Aber mit der +Wiesenbucht – na, verlob dich nur erst! Meinen +Segen hast du!“</p> + +<p>Und wirklich wurde noch an diesem Abend die +Verlobung Fritz Möllers mit Dörthe Klempt öffentlich +verkündet. Fritz kletterte während der nächsten +Tanzpause auf einen Stuhl und schrie seine Verlobung +mit Stentorstimme in das Zimmer, und wer +sich jetzt noch einmal unterstehe, so fügte er hinzu, +seine Braut zu necken und zu ärgern, der werde ein +paar hinter die Ohren kriegen, es sei ihm gleich, ob +Bursche oder Mädel. Und nachdem er dies versprochen +hatte, brachte er ein Hoch auf das Brautpaar, +das heißt auf sich selbst und Dörthe, aus, und +die Musik mußte einfallen, und alles brüllte mit, +umringte ihn und die Dörthe, gratulierte, lachte und +witzelte. Es war ein geräuschvolles, unaufhörliches +Schnattern, während draußen noch immer mit leisem +Plätschern der Regen fiel und das abziehende Wetter +den Horizont erhellte.</p> + +<p>Dörthe war so froh, daß ihr hübsches Gesicht +wie von Sonnenschein überflutet war. Selbst die +Möllern schien sich fügen zu wollen. Dörthe mußte +ihr helfen, zu backen und zu schmoren, denn es sollte +„in Familie“ gegessen werden. Der alte Möller +stieg selbst in den Keller, ein paar Flaschen Rheinwein +heraufholend, von denen er behauptete, die +könne „jeder Vater mit seinem Sohne trinken“. +Klempt wurde genötigt, im Extrazimmer auf dem +grünen Sofa Platz zu nehmen. Er wußte gar nicht, +wie ihm geschah; er hatte sich auf einen harten Kampf +mit den Möllers gefaßt gemacht, und nun wickelte +sich die Sache so glatt und rasch ab.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>In der Schankstube wurden inzwischen die +fünfzig Mark vertrunken, die der Kommerzienrat +gespendet hatte. In eine der Fensternischen hatte +sich Liese Braumüller mit ihrer Freundin Guste +Thielemann zurückgezogen. Beide wisperten eifrig +miteinander.</p> + +<p>„Das hat lange gedauert, eh die Dörthe Fritzen +’rumgekriegt hat,“ flüsterte Liese. „Aber ’s wird +wohl auch Zeit gewesen sein. Ich könnt’ was erzählen, +wenn ich wollte. Und weißt du, Guste, in +der Kirche seh’ ich die beiden noch nicht. Ich möchte +wetten, daß da noch was darmang kommt –“</p> + +<p>„Dörthe!“ erscholl in diesem Augenblick die +Stimme der Möllern aus der Küche.</p> + +<p>Das Verlobungsessen war fertig: ein kolossaler +Schweinebraten in braun glänzender, knusperiger +Schale, die quadratisch durchkerbt war. Und auch +die Beilagen konnten aufgetragen werden: rote Rüben, +Preiselbeeren und Milchreis mit Zimmet.</p> + + + + +<h2><a name="Fuenftes_Kapitel" id="Fuenftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">E</span>s war am Neujahrstage, als Hedda, in der +Pelzjacke, die Pelzkappe auf dem Kopfe und den +Muff in der Hand, zu ihrem Vater ins Arbeitszimmer +trat. „Ich will zum Pastor, Papa,“ sagte +sie, „ihm meinen Glückwunsch bringen. Hast du +etwas zu bestellen?“</p> + +<p>„Schöne Grüße, nichts weiter,“ antwortete der +Baron. „Und warum er sich denn gar nicht mehr +sehen ließe. Seine Beine sind noch flotter als meine.“</p> + +<p>„Werd’s ausrichten. Hat die Post nichts Neues +gebracht?“</p> + +<p>Jetzt schlug sich der alte Herr mit der Hand vor +den Kopf. „Sapperment,“ schalt er, „ich fang’ wirklich +an, tranig zu werden! Die Hauptsache vergess’ +ich!“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>Er nahm einen Brief vom Tisch. „Weißt du, +wer geschrieben hat?“</p> + +<p>„Dein Verleger?“</p> + +<p>„Gott bewahre! Rat mal!“</p> + +<p>Sie riet, aber das Richtige traf sie nicht.</p> + +<p>„Dummerle,“ rief der Alte endlich, „Axel hat +geschrieben!“</p> + +<p>Das kam Hedda allerdings so überraschend, daß +sie sich setzen mußte.</p> + +<p>„Axel?“ wiederholte sie. „Der Jarlsberger?“</p> + +<p>„Ja, ja – unser vielgetreuer Herr Vetter, der +Nordlandsrecke, der Wikinger! Er ist nach Berlin +zur Botschaft kommandiert worden und will uns im +Frühjahr auf dem Baronshof besuchen!“</p> + +<p>Hedda sah noch immer maßlos erstaunt aus.</p> + +<p>„Ich ahnte ja gar nicht, daß Axel in diplomatischen +Diensten steht,“ sagte sie. „Ich glaubte, er +täte gar nichts – lebte von seinen Reichtümern – +reiste in der Welt umher – als Globetrotter –“</p> + +<p>„Glaubte ich auch alles, aber du hörst doch, daß +dem nicht so ist. Über den angekündigten Besuch +kann ich nicht gerade Rad schlagen vor Freude. Das +gibt allerhand Unbequemlichkeiten – und der junge +Herr wird verwöhnt sein.“</p> + +<p>Jetzt erwachten auch die Sorgen in Hedda.</p> + +<p>„In der Fremdenstube regnet’s durch,“ klagte sie. +„Auch muß da neu tapeziert werden, und, ach, du +lieber Gott, das Waschservice sieht erst recht nicht +nach dem Fortschritt der Zeit aus! Wer besucht uns +denn einmal?! Ich habe mich um die Fremdenstube +seit Ewigkeiten nicht bekümmert.“</p> + +<p>„Der Axel ist noch nicht einmal in Berlin,“ versetzte +der Freiherr begütigend; „wir haben also noch +Zeit genug, unsern Schlachtplan zu entwerfen. Außerdem +weiß er, daß wir nicht auf Rosen gebettet sind – +und überdies soll mir’s sehr gleichgültig sein, ob es ihm +in Jarlsberg besser gefällt als auf dem Baronshof.“</p> + +<p>„Puh!“ machte Hedda, „hier ist’s aber fürchterlich +heiß, Papa. Hältst du das denn aus?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>„Ich schmore am liebsten – da spüre ich meine +Ischias am wenigsten.“</p> + +<p>„Im nächsten Sommer gehst du mir unbedingt +nach Gastein, Papa –“</p> + +<p>„Wohin denn noch?! Nach Paris und dann +ein bißchen an die Riviera, nicht wahr? Wir haben +ja das Geld dazu!“</p> + +<p>„Für die Badereise werd’ ich’s schon schaffen. +Vielleicht versuchst du es auch einmal mit <em class="gesperrt">unsrer</em> +Quelle –“</p> + +<p>„Nicht um die Welt, Hedda! Das hab’ ich mir +vorgenommen: diese ekelhafte Quelle existiert für mich +nicht! Am liebsten hörte ich gar nichts von ihr.“</p> + +<p>Hedda stand achselzuckend auf.</p> + +<p>„Ich streite nicht mehr, Vater. Ich richte ja +doch nichts aus. Tu mir die Liebe und laß dich +um die Mittagszeit anziehen. Ich habe August schon +Auftrag gegeben. Die Herrschaften vom Auschloß +kommen sicher zur Gratulation.“</p> + +<p>Der Alte streckte beide Hände zur Decke empor.</p> + +<p>„Ob sie mich nicht ruhig arbeiten lassen können!“ +stöhnte er.</p> + +<p>„Nein,“ erwiderte Hedda, „denn sie wissen, was +sich schickt.“</p> + +<p>„Papperlapapp – die Unsitte der Neujahrsgratulation +ist längst aus der Mode gekommen!“</p> + +<p>„In Oberlemmingen noch nicht.“</p> + +<p>„Opponiere nicht ewig!“</p> + +<p>„Ich bin <em class="gesperrt">dein</em> Fleisch und Blut.“</p> + +<p>„Dann gib mir ’nen Kuß!“</p> + +<p>Hedda tat es lachend und eilte hierauf hinaus +ins Freie.</p> + +<p>Das war ein herrlicher Neujahrstag. Stahlschimmernd +wölbte sich der Himmel über der Landschaft. +Der Schnee lag dicht, aber nicht allzu hoch, +und die Sonne gleißte über die weiße Pracht. Es +flimmerte und glitzerte, wohin sich das Auge wandte.</p> + +<p>Hedda schritt durch den Garten und über den +Dorfplatz, wo ein Dutzend Kinder sich mit Schlittern +<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>belustigte. Jedes einzelne trug ein Pelzkäppchen und +einen roten Schal um den Hals. Als Hedda dies +sah, lächelte sie. Es waren ihre Weihnachtsgeschenke, +die sie sich von den Erträgnissen des Hühnerhofs +abgespart hatte. Die Jungen zogen ihre Kappen +ab und grüßten höflich, als Hedda vorüberschritt, und +der kleinste und frechste rief ihr „Prost Neujahr!“ +nach, und dann jubelten allesamt wild durcheinander +ihr „Prost Neujahr!“</p> + +<p>Der Verkehr zwischen Baronshof und Pastorat +war von jeher ein herzlicher und intimer gewesen. +Namentlich den derzeitigen Pfarrer hatte der Freiherr +in sein Herz geschlossen. Es war dies eine +eigentümliche Erscheinung, der Seelenhirt von Oberlemmingen, +der Doktor von Eycken. Er stammte +aus einem alten und angesehenen westfälischen Adelsgeschlecht. +Sein Vater war General der Kavallerie +und eine Zeitlang Gouverneur von Berlin gewesen, +und auch der Sohn sollte, nachdem er sein Abiturientenexamen +bestanden, die militärische Laufbahn +einschlagen. So trat der junge Eycken denn in ein +am Rhein garnisonierendes Husarenregiment ein, in +dem fast das ganze Offizierkorps gleich ihm selbst +katholisch war. Bald nachdem er Offizier geworden, +erkrankte er am Typhus und wurde zu seiner Genesung +für längere Zeit nach dem Süden beurlaubt. +Während dieses Urlaubs verlebte er einige Monate +in dem damals noch päpstlichen Rom, und gerade +hier, in der Siebenhügelstadt, dem Sitze klerikaler +Macht, vollzog sich ein merkwürdiger Umschwung +seines seelischen Empfindens. Eycken sprach sich niemals +über die Gründe aus, die ihn zu einer Zeit, +da er noch ein halber Jüngling war, zur Konversion +veranlaßt hatten. Sein Vater erfuhr nur, daß er +in Rom in vertrautem Verkehr mit einem preußischen +Edelmann gestanden hatte, der Monsignore und +Kämmerer des Papstes war, und über dessen Lebensführung +man sich in der Klatschgesellschaft der Ewigen +Stadt allerhand erzählte. Tatsache war jedenfalls, daß +<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>Eycken nach seiner Rückkehr gegen den Willen seiner +Familie, mit der er in der Folge auch vollständig +zerfiel, zum Protestantismus übertrat, seinen Abschied +erbat und noch nachträglich Theologie studierte.</p> + +<p>Seit etwa fünfzehn Jahren war er Pfarrer von +Oberlemmingen. Er liebte die Stille des Landlebens +und hatte sich deshalb nie um eine städtische Stellung +bemüht. Es schien auch, als besitze er keinen Ehrgeiz, +denn sonst hätte es ihm leicht werden müssen, +bei der Vornehmheit seines Namens, bei seinem tiefen +Wissen und seiner hervorragenden rednerischen Begabung +Karriere innerhalb seines Berufs zu machen. +Nun stand er am Ausgange seines Lebens. Er war +ein hoher Sechziger, freilich noch immer eine überaus +stattliche Erscheinung: groß und von breiten +Schultern, mit frischfarbigem Antlitz und leuchtenden +Augen. In dichten weißen Locken umwallte +das Haar sein Haupt; Schnurrbart und Vollbart +waren ebenfalls schneeweiß und lang; so sah er +wie einer jener alten Patriarchen aus, von deren +das gewöhnliche Menschenalter überragendem Leben +voll Wohltun und Köstlichkeit die Bibel erzählt.</p> + +<p>Eycken war nie verheiratet gewesen. Eine alte +Haushälterin führte ihm die Wirtschaft. Man erzählte +sich, daß er sehr reich sei. Seinem bescheidenen +und anspruchslosen Wesen und der Einfachheit +seiner Lebensführung merkte man das nicht an. Dagegen +half er immer und mit vollen Händen aus, +wenn die Bedürftigkeit sich hilfesuchend an ihn wandte. +Zuwider war ihm nur der Formalismus des Beamtenwesens; +die Führung der Kirchenlisten, die +Instandhaltung seiner Bücher und Rechnungen, und +was dergleichen noch mehr war, besorgte ihm der +Kantor gegen eine Entschädigung; mit dem Konsistorium +hatte er am liebsten gar nichts zu tun. +Er war denn auch „oben“ nicht sonderlich gut angeschrieben.</p> + +<p>Die Wirtschafterin öffnete Hedda und gratulierte +mit tiefem Knicks zum neuen Jahre.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>„Danke, Frau Stege,“ antwortete das junge +Mädchen; „so Gott will, gehen Ihre guten Wünsche +in Erfüllung. Ist der Herr Pastor da?“</p> + +<p>„Jawohl, gnädiges Fräulein, aber es ist Besuch +bei ihm, – einer von den jungen Herren aus dem +Auschlosse.“</p> + +<p>Also die Nibelungenrecken waren auch wieder da. +Hedda bat, sie trotzdem anzumelden.</p> + +<p>Eycken hatte ihre Stimme schon gehört und erkannt. +Er öffnete die Tür rechtsseitig des Flurgangs +und rief: „Immer herein, Fräulein Hedda! Sie +stören nicht! Doktor Schellheim ist bei mir und +stöbert meine Bücher durch.“</p> + +<p>Hedda trat ein und brachte ihre Glückwünsche +vor. Dann begrüßte sie Gunther mit freundlichem +Handschlag. „Seit wann wieder hier, Herr Doktor?“ +fragte sie.</p> + +<p>„Erst seit vorgestern, Baronesse,“ erwiderte Gunther +unter leichtem Erröten; „aber ich will den +Winter über aushalten, vielleicht sogar bis in den +Mai hinein –“</p> + +<p>„Ah – Sie bleiben längere Zeit?“</p> + +<p>„Ja, gnädiges Fräulein. Ich habe eine Arbeit +zu vollenden, die mich sehr in Anspruch nimmt, und +zu der ich Ruhe und Stille brauche.“</p> + +<p>„Nibelungenforschung?“ fragte Hedda lächelnd.</p> + +<p>„Nein, diesmal nicht. Ich habe durch Zufall +eine ganz interessante Entdeckung gemacht, die ich +ausbeuten möchte ...“</p> + +<p>Der Pastor nötigte zum Platznehmen. Hedda +knüpfte ihr Pelzjackett auf. Es war warm im Zimmer. +Das Gemach war geräumig, und alle vier Wände +waren bis zur Decke hinauf mit Büchern gefüllt, +auf einfache tannene Regale gereiht. Vor einem dieser +Repositorien stand eine Leiter, und unten am Boden, +am Fuße der Regale, lagen in unregelmäßigen Abständen +weitere Bücher verschiedenen Formats aufgeschichtet. +Die durfte die Wirtschafterin beim Reinigen +des Zimmers nicht anrühren; der Pastor pflegte vor +<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>Beginn einer Arbeit die dazu nötigen Nachschlagewerke +auszuwählen und ließ sie am Boden liegen, +bis er sie brauchte. Übrigens beherbergte das Gemach +noch nicht die Gesamtbibliothek Eyckens; das +eigentliche Studierzimmer lag nebenan und war +gleichfalls mit Büchern gefüllt. Der Pastor besaß +an zehntausend Bände.</p> + +<p>Hedda schlug erstaunt in die Hände.</p> + +<p>„Was studieren und schreiben Sie nur alles +zusammen, Herr Pastor!“ sagte sie naiv. „Ihre +Predigten können Sie doch unmöglich so stark in +Anspruch nehmen!“</p> + +<p>„Nein, mein Kind,“ erwiderte Eycken, „das tun +sie in der Tat nicht. Ich studiere zu meinem Vergnügen, +wie andre Leute ins Theater gehen, Konzerte, +Bälle und Soireen besuchen. Es ist eine Angewohnheit.“</p> + +<p>„Eine verständliche,“ fügte Gunther hinzu, und +sein Auge flog über die Bücherreihen.</p> + +<p>Hedda interessierte das. „Weshalb lassen Sie +aber Ihre Studien nicht veröffentlichen, Herr Pastor?“ +forschte sie weiter.</p> + +<p>Eycken zuckte mit den Schultern.</p> + +<p>„Ich bin ein merkwürdiger Mensch, liebe Hedda,“ +entgegnete er. „Für mich hat eine Arbeit, wenn sie +fertig und abgeschlossen vor mir liegt, den Reiz des +Interesses verloren. Oben auf dem Boden stehen +ganze Kisten voll Manuskripte, die ich seit Jahren +nicht mehr angeschaut habe. Sterbe ich einmal, so +werden sie wahrscheinlich als Makulatur verkauft, +eingestampft und zu neuem Papier verarbeitet werden, +auf dem vielleicht ein Besserer unsterbliche Werke +schreibt. Und das ist auch ein Trost.“</p> + +<p>Hedda schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich +nicht,“ sagte sie. „Wenn ich etwas schaffe, von dem +ich annehme, daß es nicht nur mich selbst, sondern +auch einen Teil der Mitwelt interessiert, dann ist es +doch in gewisser Weise egoistisch – Pardon, Herr +Pastor –, es den andern vorzuenthalten.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>„Richtig, Hedda,“ erwiderte Eycken. „Es wäre +egoistisch, wenn ich mir von meinen Studien für +Mit- und Nachwelt etwas verspräche. Aber das +tue ich nicht. Ich arbeite nur für mich; ich will +auch in die Polemiken, mit denen die zünftigen Gelehrten +sich gegenseitig überschütten, nicht hineingezogen +werden.... Ich habe da vor langen – ach, +vor langen Jahren“ – und ein wehmütiger Zug +flog über sein schönes Greisenantlitz – „in Neapel +einmal einen Komponisten kennen gelernt. Der Mann +war reich, und wenn er eine Oper oder ein Orchesterstück +vollendet hatte, so mietete er sich ein Theater +oder einen Konzertsaal und ließ sich sein Werk allein +aufführen. Nur er selbst, kein Zuhörer sonst durfte +dabei sein. Und niemals befriedigte ihn eins seiner +Werke völlig. Und dann packte er seine Partituren +zusammen, beschwerte sie mit Steinen, ließ sich in +schöner Mondnacht in den Golf hinausrudern und +versenkte sie in das Meer.... Sehen Sie, das begreife +ich. Ich bin auch nie zufrieden mit dem, was +ich geschaffen habe, und wenn ich dann an einen +Punkt komme, von dem aus ich nicht weiter kann, +wo die Forschung aufhört und die Hypothese beginnt +– da breche ich ab und lege das Manuskript +zu den übrigen ...“</p> + +<p>Man sprach noch hin und her über das Thema. +Auch Gunther verfocht die Ansicht Heddas, daß die +ernsthafte Forschung gewissermaßen die Pflicht habe, +vor die Öffentlichkeit zu treten. Und dann sprach +er von seiner interessanten Entdeckung, die ihn gegenwärtig +ganz in Anspruch nahm. Er hatte auf der +Königlichen Bibliothek in Berlin in einem handschriftlichen +Faszikel von Abhandlungen Melanchthons +aus dem Jahre 1560 eine Sammlung alter +Anekdoten gefunden, die auch fünfzehn zum Teil noch +unbekannte Faustgeschichten enthielten. Der Schreiber +des Manuskripts war ein früherer Mönch gewesen, +nannte seinen Namen und gab auch einzelne Daten +aus seinem Leben, führte vor allen Dingen als Datum +<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>der Niederschrift seines Handbuchs das Jahr 1565 +an. Damit war ein neuer Beweis dafür erbracht, +daß man schon lange vor der Drucklegung des ersten +Faustbuchs von 1587 Faustanekdoten zu sammeln +pflegte. Aber auch auf die Entstehungsgeschichte der +Faustsagen und auf das Historische der Persönlichkeit +Fausts warfen diese Aufzeichnungen ein neues Licht, +die geeignet schienen, eine kleine Revolution in der +gelehrten Welt hervorzurufen.</p> + +<p>Gunther war bei seiner Erzählung in Eifer gekommen. +Die Freude an dem Funde teilte sich seiner +ganzen äußeren Wesenheit mit. Hedda sagte sich, daß +er eigentlich ein hübscher Mensch sei. Er besaß ungemein +lebhafte, braune Augen unter einer hohen +und klugen Stirn und einen schön geformten Mund. +Haar und Schnurrbart waren dunkelblond; auch die +Figur war hübsch, schlank und elegant. Typisch Gelehrtenhaftes +hatte er nichts an sich. Als er merkte, +daß er fast allein mit Eycken sprach und Hedda nur +Zuhörerin war, errötete er wieder – das passierte +ihm häufig – und wandte sich mit einem Entschuldigungswort +an das Fräulein zurück.</p> + +<p>„Ich langweile Sie, Baronesse,“ sagte er. „Mehr +oder weniger sind wir Leute von der Feder allesamt +Egoisten. Und da ich weiß, daß der Herr Pastor +ein guter Melanchthonkenner und es erwiesen ist, daß +Melanchthon den historischen Faust –“</p> + +<p>Er unterbrach sich und lachte.</p> + +<p>„Sehen Sie, nun komme ich wieder in das Vortragende +hinein, und ich wollte doch von etwas anderm +reden! Was sagen Sie dazu, daß Papa sich an der +Quellengeschichte beteiligt hat? Im Mai soll die +feierliche Weihe stattfinden.“</p> + +<p>Eycken war Feuer und Flamme für die Sache. +Er war ein begeisterter Anhänger der Ferienkolonieen, +für die er große Summen spendete, und trug sich +mit der Absicht, aus eignen Mitteln ein Krankenhaus +für bedürftige Kinder in Oberlemmingen zu errichten. +Es war merkwürdig, daß gerade dieser Mann, +<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>der unverheiratet durch das Leben gegangen, der +Kinderwelt eine so heiße Liebe und eine so große +Barmherzigkeit entgegentrug. Es war, als erschöpfe +sich den Kleinen gegenüber die Güte seines einsamen +Herzens.</p> + +<p>Er kannte die Bedenken des Freiherrn gegen +eine praktische Ausbeutung der Quelle und versuchte +Hedda zu beweisen, daß ihr Vater im Unrecht sei. +Zumal dadurch, daß der Kommerzienrat das Geschäftliche +der Angelegenheit in der Hand halte, sei +Gewähr für eine solide Entwicklung des Unternehmens +gegeben. Für die Möllers hatte er auch +nicht viel übrig.</p> + +<p>Hedda und Gunther verabschiedeten sich gemeinsam. +Als sie sich vor der Gartentür die Hand +reichten, fragte der junge Mann:</p> + +<p>„Laufen Sie Schlittschuh, gnädiges Fräulein?“</p> + +<p>„Leidenschaftlich gern,“ antwortete Hedda, „und +der Döbbernitzer See bietet auch eine prachtvolle +Bahn. Aber allein ist es langweilig.“</p> + +<p>Gunther verneigte sich. „Es wird mir ein besonderes +Vergnügen sein, Sie begleiten zu dürfen,“ +sagte er. „Darf ich Sie gegen drei Uhr abholen? +Es ist heute so wunderbares Wetter.“</p> + +<p>Sie zögerte einen Augenblick und bejahte dann +dankend. Zu Fuß ging er nach dem Auschlosse +zurück, während Hedda noch nebenan den Kantor +aufsuchte, dessen Frau seit einigen Tagen bettlägerig +war.</p> + +<p>Beim Mittagessen sprach sie dem Vater gegenüber +beiläufig von ihrer Verabredung mit Gunther. +Der Alte schwieg anfänglich und begann dann zu +räsonieren. Das sei unschicklich; man gebe sich +nicht Rendezvous mit jungen Herren. Er verstehe +Hedda nicht – sie wisse doch sonst, was Takt sei.</p> + +<p>Sie verteidigte sich lebhaft.</p> + +<p>„Ich weiß nicht, was du hast, Papa,“ antwortete +sie. „Ich bin kein Backfisch mehr und fühle mich +durch die Anwesenheit des Doktor Schellheim eher +<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>geschützt als gefährdet. Allein Schlittschuh zu laufen, +verbietest du mir auch. Ich kann doch nicht das +Leben einer Nonne führen!“</p> + +<p>Der Freiherr brummte etwas halb Unverständliches +vor sich hin. Es klang so, als sage er, er +könne nun einmal die Schellheims nicht leiden. +Hedda schwieg, aber sie war verstimmt und verärgert. +Sie hatte zum ersten Male das Gefühl, +als laste die Einsamkeit des Baronshofs wie ein +Alp auf ihr.</p> + +<p>Gunther war pünktlich. Er kam im Schlitten, +mit einem Schimmelgespann, das der Kommerzienrat +erst vor kurzem gekauft hatte und dessen silberbeschlagenes +Geschirr hell blitzte. Hellstern ließ sich +nicht sehen, aber er hatte von seinem Arbeitszimmer +aus die Auffahrt beobachten können. Und er hieb +wütend mit der geballten Faust auf den Tisch.</p> + +<p>Hedda war beim Nahen des Schlittens auf die +Veranda getreten. Gunther half ihr beim Einsteigen +und hüllte sie mit diskreter Sorglichkeit in das weiße +Bärenfell, das als Decke diente.</p> + +<p>Mit neidischer Miene schaute August dem eleganten +Gefährt nach. Dann glitt ein zustimmendes +Schmunzeln über sein Gesicht. Er hatte gehört, daß +die Klingel im Zimmer des Freiherrn stark läutete, +aber er beeilte sich nicht. Vorsichtig klopfte er den +Schnee von seinen Stiefeln ab, ehe er in das Haus +zurücktrat.</p> + +<p>„Hast du keine Ohren?!“ schrie der Freiherr +ihn an.</p> + +<p>„Ich kann doch nicht hexen, Herr Baron! Erst +mußte ich dem gnädigen Fräulein helfen!“</p> + +<p>„Feuer in den Ofen!“ kommandierte der Alte. +„Soll ich vielleicht hier erfrieren?“</p> + +<p>August schaute auf das Thermometer, das am +Pfeiler zwischen den Fenstern hing.</p> + +<p>„Sechzehn Grad,“ sagte er. „Der Herr Baron +werden sich noch so verpimpeln, bis Sie nachher kein +Lüftchen mehr vertragen können.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>„Halt ’s Maul und feure!“ schrie Hellstern grob.</p> + +<p>August wurde immer freundlicher; die Schnauzerei +des Alten tat ihm sichtlich wohl. Er kniete vor dem +Ofen nieder und begann langsam die eiserne Tür +aufzudrehen. Sie quietschte und kreischte, daß Hellstern +aufstöhnte.</p> + +<p>„Schmier doch die verdammte Tür einmal ein!“ +rief er.</p> + +<p>August nickte nur, steckte erst ein paar Kiensplitter +in Brand und schob dann einige Scheite Holz hinterher. +Schließlich blies er mit dicken Backen in das +Ofenloch, um die Flamme wach zu halten.</p> + +<p>„Herr Baron,“ sagte er plötzlich in fragendem +Tone.</p> + +<p>„Was ist los?!“</p> + +<p>„Haben Herr Baron den Schlitten gesehen?“</p> + +<p>„Ja – was sonst noch?!“</p> + +<p>„Ach – ich meinte man bloß – die gnädige +Baronesse sahen so stattlich drin aus – und der +Herr Doktor auch – ein hübsches Paar –“</p> + +<p>Jetzt fuhr Hellstern im Ausschnitt seines Tisches +herum, zornrot und prustend vor Grimm. Seine +Hand suchte nach irgend einem Gegenstande, um ihn +August an den Kopf werfen zu können. Aber er +fand keinen.</p> + +<p>„Raus!“ schrie er. „Mach, daß du rauskommst! +Wie kannst du dich unterstehen, vom gnädigen Fräulein +und dem – und dem da per ‚hübsches Paar‘ +zu sprechen?! Ich verbitte mir deine Vertraulichkeiten! +Ich habe sie lange satt! Du kannst dich +zum Teufel scheren! Am liebsten gleich! Pack deine +Sachen zusammen – pascholl!“</p> + +<p>August blies noch ein paarmal in das Ofenloch +und erhob sich dann ächzend. Sein Gesicht sah überaus +freundlich aus.</p> + +<p>„Ich fang’ nu auch an, alt zu werden, Herr +Baron,“ erzählte er, ohne die letzten Äußerungen +seines Herrn irgendwie zu beachten. „Nämlich – +wenn ich mir bücke, dann knackt’s mir in allen +<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>Knochen. Und das Rheuma kommt auch wieder. +Na – nu kriegen wir ja die Quelle –“</p> + +<p>Hellstern hob die geballten Hände hoch empor +und schnaufte förmlich.</p> + +<p>„Hat jemand je ein solches Untier gesehen!“ rief +er. „Die Quelle! Jetzt fängt der auch noch davon +an! Ersäuf dich in ihr! Mir soll’s recht sein! Mach, +was du willst! Aber geh nur ’raus! Ich kann +dich nicht mehr sehen! Du bist mir greulich –“</p> + +<p>„Ich geh’ schon,“ sagte August und nickte freundlich. +Wenn der Herr ihm nicht monatlich wenigstens +dreimal kündigte, fehlte ihm etwas. Es mußte alles +seine Ordnung haben. Und dann ging er wirklich, +zufrieden und glücklich, und Hellstern machte sich +wieder, noch immer schimpfend, schnaufend und +stöhnend, an seine Arbeit.</p> + +<p>Der Schlitten sauste über die Schneebahn. Mancher +im Dorfe, der zufällig am Fenster stand, schaute ihm +mit ähnlichem Lächeln wie August nach. Die Bauern +waren leicht geneigt, Paare zusammenzubringen; man +munkelte schon lange davon, daß das Fräulein vom +Baronshof einen der beiden jungen Herren vom +Auschlosse heiraten würde.</p> + +<p>Eine Viertelstunde hinter der Chaussee begann +der Wald. Das war etwas Köstliches. Ein Märchenwald +– ein verzauberter Hain, der aus leuchtendem +Silber geschaffen zu sein schien. Auf jedem Ast und +jedem Zweige und jeder Tannennadel lag der Kristallreif +des Winters. Es flimmerte und glitzerte +überall. Dicht am Wege standen, die Einfassung +bildend, in langer Reihe hochstämmige Birken. Ihre +Kronen waren wie mit Eis inkrustiert; ein glänzender +Panzer hüllte sie ein. Dahinter dehnte sich +Tannenforst aus, und auf dem dicken Gezweige mit +seinem schweren, schwarzgrünen Nadelwerk lag noch +der Schnee. Und wenn ein leiser Wind kam, dann +perlte der Schnee gleich tausendfachem Edelgestein +zur Erde. Hie und da hingen noch Eistropfen am +Geäst, feine, dünne und zierliche, die sich langsam +<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>auflösten zu fallenden Tropfen, und schwere, armdicke, +die wie aus Glas geformt erschienen. Selbst +über die Moosschicht unter den Tannen spann sich +ein gleißendes Spitzenwerk von Reif und Eis. Dazu +heller Sonnenschein und blauender Himmel und eine +köstliche Friedensstimmung: ein tiefes, heiliges Schweigen +ringsum.</p> + +<p>Das Wiehern der Pferde und das Geläute der +kleinen silbernen Glöckchen am Geschirr schienen einzig +und allein diese Stille zu stören. Aber auch in dem +lustig tönenden Klingklang lag etwas Harmonisches; +es war die Musik zu dem Waldmärchen. Die Schneedecken +auf den Rücken der Pferde blähten beim eiligen +Laufe sich auf wie Segel im Winde. Eine helle +Dunstwolke umgab die Gäule, und der heiße Brodem, +der ihren Nüstern entströmte, jagte vor ihnen her.</p> + +<p>Die beiden im Schlitten sprachen wenig. Das +gleiche Gefühl der Naturbewunderung hieß sie schweigen, +bei beiden kam auch noch das instinktive Empfinden +dazu, durch den Kutscher gestört zu sein. Der +brave Mann ahnte das freilich nicht. Er saß in +der ganzen gemächlichen Fülle seiner Persönlichkeit +hinten auf der Pritsche, bis obenhin in seinen langen, +hellgrauen Paletot geknöpft, einen mächtigen Pelzkragen +um den Hals. Das Gesicht war völlig +regungslos; er war gut gezogen.</p> + +<p>Und seltsam genug – während dieser Fahrt +durch den Wald stieg in Hedda mehrfach die Frage +auf: war es vielleicht doch nicht in der Ordnung gewesen, +daß sie der Aufforderung ihres gefälligen +Nachbars nachgekommen war? An übertriebener +Prüderie litt sie ebensowenig wie an zopfigem Konventionalismus. +Sie hätte nichts dabei gefunden, +mit Gunther allein meilenweit spazieren zu gehen. +Und nun saß, eine merkwürdige <em class="antiqua">dame d’honneur</em>, +zur Schutzwehr auch noch der Kutscher hinter ihnen. +Und gerade das genierte sie so, daß sie gar nicht +recht wußte, was sie sprechen und welchen Ton sie +anschlagen sollte. Sie fand selbst, daß das lächerlich +<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>war, und fügte in Gedanken hinzu: aber es ist +dennoch so.</p> + +<p>„Der See,“ sagte Gunther und wies nach rechts +hinüber. Durch eine Lichtung, durch die in breitem +Strome der Sonnenschein wie eine Goldflut floß, +sah man eine Ecke des Sees, ein großes Stück +blendendes Weiß.</p> + +<p>„O weh,“ gab Hedda zurück, „wir haben an den +Schnee nicht gedacht! Werden wir da überhaupt +laufen können?“</p> + +<p>Er nickte und lächelte dabei. „Die Bucht an +der Försterei ist gefegt worden,“ entgegnete er. „Ich +habe über Mittag zwölf Mann hingeschickt. Es war +nicht leicht, heute am Neujahrstage die Leute aufzutreiben.“</p> + +<p>Hedda rümpfte unwillkürlich ein klein wenig die +Nase. Das gefiel ihr nun wieder nicht. Es klang +so, als hätte er sagen wollen: mit Geld kann man +alles machen. Und dann ärgerte sie sich wieder +über sich selbst; es war klar, daß sich Doktor Schellheim +bei dieser Bemerkung gar nichts gedacht hatte.</p> + +<p>Nun senkte sich der Weg und beschrieb einen +kurzen Bogen nach links. In der Schlucht lag der +Schnee noch zu dichten Haufen. Der Sturm hatte +mit mächtigem Odem hineingeblasen, ihn hier fußhoch +geschichtet und dort wieder die braune Erde +reingefegt.</p> + +<p>Dann lichtete sich der Forst. Drüben lag, inmitten +überschwemmter Wiesen, die Försterei, und +in lang geschwungener Kurve dehnte der See sich +aus. In der Ferne sah man die niedrigen Häuserreihen +von Döbbernitz, und auf der Höhe dahinter +das Schloß, ein burgartiges altes Gebäude, das noch +aus der Zeit der Templer stammte und in dem jetzt +der Baron Zernin mutterseelenallein hauste, immer +auf der Hut vor seinen Gläubigern und den Gerichtsvollziehern, +die ihm bös zusetzten.</p> + +<p>Der Schlitten hielt. Gunther gab dem Kutscher +den Befehl, langsam im Walde umherzufahren und +<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>sich nach einer Stunde wieder einzufinden. Dann +wandte er sich an Hedda. „Darf ich Ihnen helfen?“ +fragte er und deutete auf die Schlittschuhe, die sie +am Arm trug.</p> + +<p>Sie dankte und begann sich selbst die Schlittschuhe +anzuschnallen. Gunther hatte die Pelzdecke aus dem +Wagen genommen und sie über einen Baumstumpf +am Seeufer gebreitet. Hedda setzte sich, aber sie +war ungeschickt.</p> + +<p>„Ich werde doch helfen müssen!“ rief Gunther +lachend. Und schon kniete er vor ihr; die Arbeit +war schnell gemacht.</p> + +<p>Ein eigentümliches Empfinden überschlich Hedda. +Sie sah zum ersten Male einen Mann zu ihren +Füßen. Es war ein gewisser pikanter Reiz, der sie +durchströmte, aber dabei schalt sie sich töricht, wie +vorhin, als die Gegenwart des Kutschers sie genierte.</p> + +<p>Beide flogen über das Eis. Sie waren gewandte +Läufer. Unter dem Stahl ihrer Sohlen klang die +glitzernde Fläche leise metallisch; es war wie ein +fernes Singen. Das Eis war in weitem Umkreise +blitzblank gefegt; es lief sich prächtig.</p> + +<p>Gunther hatte Hedda den Arm geboten, doch sie +schlug vor, sich zunächst einmal allein „auszutoben“. +Es war ein entzückendes Bild, wie sie über den +hellen Spiegel sauste, in dem die Sonnenstrahlen +sich leuchtend brachen. Gunther, der sie in weit ausholenden +Kurven umkreiste, wurde nicht müde, sie +anzuschauen. Sie hatte die Arme über der Brust +verschränkt und den Kopf ein wenig zurückgeworfen. +Auf dem dunkelblonden Haar saß die Pelzkappe; +das Antlitz war lebhaft gerötet von der kalten Luft, +und die Augen blitzten im Wonnegefühl der eignen +Kraft.</p> + +<p>Ringsum lagen die Waldhänge unter weißer +Schneedecke. Ein Schwarm Krähen strich durch die +Luft. Vom stählernen Blau des Himmels hob sich +ihr Gefieder haarscharf ab. Der See buchtete sich +nach Döbbernitz zu in schlankem Bogen ein. Man +<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>konnte nicht sehen, wo er endete; er verlor sich +zwischen den Bergen, die im Westen höher wurden. +Eine weiße Wolkenschicht hatte sich hier gebildet, +dicht über dem Horizont, und so sah es aus, als +steige der kleine märkische Höhenrücken in weiter +Ferne zu ragenden Gletschern empor.</p> + +<p>„Aufgepaßt!“ rief Hedda plötzlich. Aber es war +zu spät. Die Bogen der beiden Läufer kreuzten +sich; Hedda und Gunther sausten sich in die Arme. +Beide stürzten. Gunther war außer sich; er bat +„tausendmal“ um Entschuldigung und wollte Hedda +aufhelfen. Dabei fiel er zum zweiten Male hin. Nun +lachte Hedda fröhlich auf. Sie stand schon wieder +auf ihren Füßen und reichte Gunther die Hände.</p> + +<p>„Halten Sie fest!“ rief sie, – „so!“ – und +nun stand auch er.</p> + +<p>„Wie war das gekommen?“ fragte er verlegen, +und sie lachte abermals.</p> + +<p>„Mein Gott, wie soll es gekommen sein?“ gab +sie harmlos zurück. „Ich taxiere, wir waren beide +schuld. Aber was schadet es? – Haben Sie sich +verletzt?“</p> + +<p>Er fühlte einen leichten Schmerz am Knöchel; +eine Sehne mochte sich gezerrt haben.</p> + +<p>„Nur unbedeutend,“ antwortete er; „es wird +sich geben, wenn ich erst wieder in Bewegung bin.“</p> + +<p>Nun bat sie ihn, ihren Arm zu nehmen. So +flogen sie von neuem über das Eis.</p> + +<p>„Geht es besser?“ fragte Hedda.</p> + +<p>„Ja – danke; ich fühle mich sogar außerordentlich +wohl.“</p> + +<p>Das Rot ihrer Wangen verdunkelte sich.</p> + +<p>„Treiben Sie viel Sport?“ fuhr sie fragend fort, +mit Absicht das Thema wechselnd. „Man findet das +sonst nicht häufig bei Gelehrten – die Herren pflegen +nur ungern ihren Arbeitstisch zu verlassen.“</p> + +<p>„Das ist bei mir allerdings auch der Fall,“ entgegnete +er; „aber ich begann vor zwei Jahren, wie +ich glaube, infolge von Überarbeitung, zu kränkeln, +<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>und da raffte ich mich denn mit einem energischen +Entschlusse zu einer zweckmäßigeren Tageseinteilung +auf. Das wurde mir anfänglich schwer; sportliche +Neigungen sind im Grunde genommen eine aristokratische +Domäne; sie liegen im Blut. Aber heute möchte +ich sie nicht mehr entbehren; ich behaupte, daß sie +auch den Geist reger und frischer erhalten.“</p> + +<p>„Reiten Sie auch?“</p> + +<p>„Ja – aber speziell zum Reiten komme ich +weniger. Sie sind natürlich eine begeisterte Amazone, +Baronesse?“</p> + +<p>„Ich kann es nicht leugnen. Es ist mir schwer +geworden, mein Reitpferd aufgeben zu müssen. Aber +ich habe mich über so viel getröstet, daß mir auch +das keinen Kummer mehr macht.“</p> + +<p>Sie kreisten in schwingenden Kurven nach dem +Ufer zurück.</p> + +<p>„Ich denke mir,“ begann Gunther von neuem, +„daß es Ihnen zuweilen recht einsam auf dem +Baronshof werden muß. Die Umgegend bietet +meines Wissens nicht allzuviel Verkehr.“</p> + +<p>„Nein, sehr wenig. Papa ist das recht, – er +ist ein Fanatiker der Einsamkeit. Und ich muß +sagen, daß ich das Wohlempfinden des Alleinseins +verstehe. Ich habe auch genug im Hause zu tun +und kann über Langeweile nicht klagen. Aber zuweilen +sehne ich mich doch stark in die Welt hinaus, +vor allem nach neuen Anregungen; mir ist dann +und wann, als verengere sich mein Gesichtskreis mehr +und mehr. Möglicherweise reise ich im Februar +oder März auf ein paar Wochen nach Berlin; ich +freu’ mich darauf.“</p> + +<p>„Haben Sie Verwandte in Berlin?“</p> + +<p>„Eine Tante, die mich alljährlich einladet, und +der ich bisher alljährlich abgeschrieben habe. Ich +habe immer Sorge, den Papa allein zu lassen. Aber +nun kommt auch noch ein Vetter von mir nach der +Hauptstadt.“</p> + +<p>Das interessierte Gunther besonders. Er horchte +<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>auf, als Hedda von Herrn Axel auf Jarlsberg zu +erzählen begann; sie sei neugierig, ihn kennen zu +lernen – er habe schon früher einmal dem Papa +sein Bild geschickt: ein schmales, vornehmes Gesicht +mit einer kleinen Hiebnarbe auf der rechten Wange.</p> + +<p>Gunther biß die Zähne zusammen. Da sie von +dem Vetter sprach, tat ihm das Herz weh. Warum, +warum? fragte er sich – sie kennt den Herrn Axel +ja noch gar nicht! Wie lieb mußte er das Mädchen +gewonnen haben, daß ihn schon die Erwähnung +eines gleichgültigen andern mit Eifersucht erfüllte!</p> + +<p>Aber nein, sagte er sich, dieser Vetter ist kein +„gleichgültiger andrer“. Ganz gewiß nicht! Er ist +reich und gehört mit zur Sippe – das fällt beides +in die Wagschale.... Es war wie ein Angstgefühl, +das dem jungen Manne plötzlich die Kehle zuschnürte. +Man hatte auch ihn schon mit Heiratsplänen bestürmt. +Wie es hie und da in Kaufmannskreisen Sitte zu +sein pflegt, war er auf dies und jenes Mädchen +aufmerksam gemacht worden, „gute Partieen“ und +meist hübsche und wohlerzogene Fräulein, bereit, +ohne nachzudenken dem die Hand zu reichen, den +die Eltern erwählt hatten. Aber er dankte für eine +„gute Partie“ in kaufmännischem Sinne; er hatte +das nicht nötig. Es war sein Traum, einmal in +eine wirklich vornehme Familie hineinzuheiraten. +Das war seltsam genug bei einer so ruhigen, verhältnismäßig +abgeklärten Verstandesnatur wie Gunther, +bei einem Manne, der sich gut bürgerlich +fühlte und im Adel durchaus keine Menschenklasse +sah, die höher stand als jene, der er zugehörte. Und +doch kam er nicht über diesen Gedanken hinaus; es +war eine Idee, an der er mit gleicher Zähigkeit +festhielt wie seinerzeit an dem Plane, studieren zu +wollen. Denn auch der hatte schwere Kämpfe gekostet; +der Vater wollte, daß er die Fabrik in +Manchester übernehme, deren Betrieb dringend einer +Vergrößerung bedurfte, und war unglücklich darüber +gewesen, daß Gunther sich einen so völlig aus der +<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>Sphäre fallenden Beruf erwählte. Und vielleicht +war es gerade das Bedürfnis, aus dieser Sphäre +herauszukommen, das ihn an dem Gedanken einer +„vornehmen“ Partie festhalten ließ. Er war viel +zu klug und zu rechtschaffen vor sich selbst, um nicht +die Tüchtigkeit und alle die andern guten Eigenschaften +der Kreise seiner Eltern billig anzuerkennen. +Aber es war immer dasselbe; die Interessengemeinschaft +verdichtete sich gewissermaßen zu bleierner +Langeweile; sie wurde zu Fesseln, unter denen man +sich nicht zu regen vermochte.</p> + +<p>So wenigstens erschienen Gunther die Verhältnisse. +Er hielt sich deshalb auch gesellschaftlich ziemlich +zurück – schon um den immer wiederkehrenden +Fragen, wann er sich zu verheiraten gedenke, zu +entgehen. Und dann lernte er Hedda kennen. Er +sträubte sich zunächst gegen das Gefühl seines Herzens, +obwohl er sich beim ersten Begegnen zugestanden +hatte: das wäre eine Frau, wie du sie dir wünschest. +Aber die Liebe erwachte stärker und wurde größer +in der Zeit, da er Hedda nicht sah. Er überlegte, +ob er eine Werbung wagen dürfe. Und weshalb +nicht? sagte er sich. Über kleinlichen Adelsstolz ist +man in unsern Tagen hinaus; ich habe eine gute +Karriere vor mir, bin wohlhabend und jedenfalls +kein Monstrum von Häßlichkeit.... Doch da er +Hedda abermals gegenübertrat, verlor er den Mut. +Vielleicht lag es nur an ihrer äußeren Erscheinung, +daß sie einen so unnahbar stolzen Eindruck machte ...</p> + +<p>Während er weiter an ihrer Seite über die Eisfläche +glitt und zerstreut mit ihr über hunderterlei +plauderte, überlegte er nochmals und ernsthaft. Der +nahende Vetter hatte ihn erschreckt. Es war das +beste, ihm zuvorzukommen. Aber – nun kam die +Verlegenheit. Was war richtiger: ein Fußfall, ein +rasches Geständnis, so eine Art Überrumpelung – +oder eine ruhige Aussprache der Väter. Das letztere +war in Kaufmannskreisen üblich; da hatten gemeinhin +die Väter das entscheidende Wort zu sprechen. +<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>Und auch hier, in seinem Falle, erschien es Gunther +als das würdigste. Er konnte unmöglich in Schnee +und Eis vor ihr niederknieen und ihr in der Kälte +des Tages von der Glut seines Herzens sprechen. +Das dünkte ihm lächerlich. Die Situation eignete +sich nicht zu intimen Geständnissen – nein, ganz +gewiß nicht. Ja, wenn es Sommer gewesen wäre +und er allein mit ihr im Walde, bei Sonnenuntergang +und Vogelsang – da hätte sich leichter der +rechte Augenblick gefunden. Aber nicht jetzt; auch +abseits von sentimentaler Romantik gibt es Momente, +in denen die Poesie ihr unbedingtes Recht fordert ...</p> + +<p>An all dies dachte Gunther mit der Peinlichkeit +eines gewissenhaften Gelehrten. Er war sogar stolz +darauf, daß er sein Herz zu zügeln und abzuwarten +verstand. Er zwang sich, korrekt zu sein. Noch +eins hielt ihn davon ab, sich auf der Stelle auszusprechen. +Er begann plötzlich heftig zu niesen. Er +mußte sich erkältet haben; er nieste ein dutzendmal +hintereinander, und nach einem kleinen Weilchen +begann er von neuem; ein Riesenschnupfen war da. +Wäre es nicht schrecklich gewesen, wenn dieser +dämonische Niesreiz ihn mitten in seinem Geständnis +überfallen hätte? – Gunther legte sich diese Frage +allen Ernstes vor; der Gedanke, komisch zu wirken, +war entsetzlich für ihn.</p> + +<p>„Prosit!“ sagte Hedda nach dem letzten Dutzend +Nieser; „ich habe noch immer die bäuerliche Angewohnheit, +Gesundheit zu wünschen, und Papa freut +sich jedesmal darüber. Er niest oft und gern; er +behauptet, das befreie ihm den Kopf. Prosit, Herr +Doktor! Sie haben sich einen hübschen Schnupfen +geholt.“</p> + +<p>Gunther antwortete zunächst durch eine kleine +Salve von Niesern. Dann atmete er tief auf.</p> + +<p>„Es ist gräßlich,“ antwortete er. Und wirklich, +es war ihm gräßlich, dieses plebejische und prosaische +Niesen, wo es in seinem Herzen frühlingswarm war.</p> + +<p>Hedda riet, nach Hause zu fahren. Doch noch +<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>war der Schlitten nicht wieder zurück. Der Himmel +verdunkelte sich langsam. Die stählerne Bläue ging +allgemach in ein sanftes Schwarz über. Nur im +Westen war es noch hell. Da hatte die Sonne +einen Purpurmantel über den Horizont gehängt, +der mit goldenen Flocken verbrämt war. Er reichte +bis an die weißgraue Wolkenschicht, deren unterer +Teil völlig durchleuchtet war und den Flammenkragen +dieses königlichen Mantels zu bilden schien.</p> + +<p>Es war ein herrlicher Anblick. Gunther machte +Hedda darauf aufmerksam, und beide blieben, noch +immer Arm in Arm, auf dem Eise stehen und +schauten in den Sonnenuntergang hinein. Ganz +allgemach veränderte sich das Bild. Der Wolkenrand +zerfloß, als löse die glühende Lohe ihn auf. +Nun schoß das Goldlicht in langen Feuergarben in +das Wolkengrau hinein und spaltete es. Es strömte +in hundert verschiedenen Farbentönen über den ganzen +westlichen Himmel und verlor sich nach dem Zenit +zu in einem zarten, langsam erlöschenden Violett ...</p> + +<p>Gunther wurde es weich um das Herz. Der +Dualismus in seiner Seele drängte sich wieder vor: +über den nüchternen Forscher gewann zuweilen der +leicht schwärmende Poet die Überhand. Jetzt hätte +er sprechen können.</p> + +<p>„Wie schön,“ sagte er halblaut. „Ist es nicht +wahr, daß die Natur zuweilen ganz neue, uns selbst +unbekannte Harmonieen in uns erklingen läßt? Daß +sie uns neues Empfinden lehrt und ein eigentümliches +rhythmisches Denken?“</p> + +<p>Hedda nickte. Sie wollte bejahend antworten, +denn es dünkte sie richtig, was Gunther sagte: auch +ihr schien es bisweilen in der Versunkenheit eines +schönen Naturspiels, als formten sich ihre Gedanken +unbewußt zu gebundenem Ausdruck, und als spüre +sie etwas Ungeahntes in den Tiefen der Seele. +Aber da wollte die Bosheit des Schicksals, daß der +arme, verschnupfte Gunther abermals niesen mußte, +und zwar gewaltig, den ganzen Menschen erschütternd, +<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>vier-, fünfmal und tränenden Auges. Und +diese Explosion verlegte die Gedankenreihen Heddas; +sie entgegnete an Stelle des Gewollten mit energischer +Stimme:</p> + +<p>„Lieber Doktor Schellheim, – ich denke augenblicklich +gar nichts weiter, als daß Sie schleunigst +nach Hause fahren und einen heißen Tee trinken +müssen. Da kommt der Schlitten! Machen wir +kehrt!“</p> + +<p>Entgeistert und mit betrübtem Gesicht gehorchte +Gunther. Heimlich verfluchte er seinen Schnupfen; +er war ein Unglücksmensch.</p> + +<p>Unter fröhlichem Läuten ging es durch den Wald +zurück. Der schaute jetzt anders aus als bei der +Herfahrt im Sonnenschein. Die tiefer fallende +Dämmerung ließ den Schnee einförmig und grau +erscheinen. In der Wiesentrift rechter Hand brodelten +die Nebel auf und zogen wie zerrissene Schleier +zwischen den Stämmen hindurch. Und obwohl am +Himmel sich nur ein kleiner Schwarm heller Wölkchen +gesammelt hatte, perlte doch ein zarter Schnee +durch die Luft und näßte die Gesichter der beiden.</p> + +<p>Gunther ließ erst auf den Baronshof fahren +und setzte Hedda ab. Sie rief ihm ein freundliches: +„Schön’ Dank und gute Besserung!“ zu und stieg +die Treppe zur Veranda hinauf. Dann klingelte +das Gespann weiter. Gunther nieste und ärgerte +sich; er war aus der Stimmung gekommen.</p> + + + + +<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">D</span>er zweite Tag im neuen Jahre war ein Sonntag. +Seit der Frühe hatte es stark geschneit. Auf +dem Anger lag das weiße, flockige Naß fußtief. +Trotz des Feiertags war die halbe Gemeinde am +Platze, Schnee zu schippen, damit wenigstens der +Weg zur Kirche frei war. Es ging lebhaft und +<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>heiter zu bei der Arbeit. Die Schnapsflasche des +alten Maracke kreiste in der Runde, und dann +mußte Anton Tengler nach dem Kruge springen, +sie neu füllen zu lassen.</p> + +<p>Mitten in der Arbeit hielt man plötzlich inne +und blickte auf. Albert Möller schritt über den +Dorfplatz, in hohen Wasserstiefeln und Pelz, und +neben ihm ein Fremder, ein großer Herr mit einem +Zwicker auf der Nase und in langem Kaisermantel. +„Schlippermilch“ wollte wissen, daß das ein Baumeister +aus Frankfurt sei, der Kompagnon Alberts. +Man zerbrach sich den Kopf, was der Fremde wolle. +Seine scharfen grauen Augen spähten unter den +goldumränderten Gläsern rastlos umher. Von Zeit +zu Zeit blieben die beiden stehen und sprachen halblaut +miteinander, lebendig gestikulierend, hierhin +und dahin weisend. Und dann schritten sie an den +arbeitenden Büdnern vorüber; der Baumeister grüßte +tief und höflich, Albert nickte nur.</p> + +<p>Sicher handle es sich wieder um die Quelle, +meinte der junge Raupach, und alle stimmten zu. +Noch im Herbst war die Quelle „gefaßt“ worden, +ohne sonderliche Feierlichkeit; Albert hatte dies mit +einigen Leuten allein besorgt. Aber man sprach +davon, daß zu der Einweihung im Mai auch der +Regierungspräsident kommen wolle, für die meisten +Bauern eine mystische Persönlichkeit, vor der sie +großen Respekt hatten. Und dann hatte das Dorf +den ganzen Winter hindurch eine Unzahl fremder +Leute gesehen. Eines Tages waren drei Ärzte erschienen, +die ihre Nase überall hinstecken mußten, +und später wieder ein jüdisch aussehender Herr, der +mit dem Kommerzienrat durch Oberlemmingen fuhr, +und schließlich eine ganze Kommission, die unter +Anführung von Albert im Buchenhain auf der +Grauen Lehne allerhand Abmessungen vornahm, +Pfähle einschlagen und Wegstreifen durch Pflöcke bezeichnen +ließ.</p> + +<p>An den Sonntagabenden, wenn das Schankzimmer +<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>im Kruge sich zu füllen begann, wurde fast +nur von der Quelle gesprochen. Eine brennende +Neugier erfüllte alle, zu wissen, was denn nun +eigentlich werden würde. Aber die Möllers waren +zurückhaltend; sie sprachen nur in Andeutungen, und +höchstens sagte Fritz dann und wann, man solle nur +abwarten, Oberlemmingen würde reich werden, oder, +das mit der Quelle sei eine große Sache, und was +der schmunzelnd hingeworfenen Bemerkungen mehr +waren. Mit dem Reichwerden waren die Bauern +sehr einverstanden; geldgierig waren sie alle. Doch +<em class="gesperrt">wie</em> ihnen die Quelle zu diesem Reichtum verhelfen +sollte, darüber zerbrachen sie sich die Köpfe.</p> + +<p>Eines Tages versammelten sie sich vergeblich +vor dem Kruge; sie wurden nicht eingelassen. Fritz +trat lachend vor die Tür und erklärte ihnen, die +Wirtschaft sei für ein paar Tage geschlossen, er wolle +das Haus renovieren lassen. Das erregte einen +förmlichen Aufstand im Dorfe. Aus den „paar Tagen“ +wurden ein paar Wochen. Die Bauern hatten +keine Kneipe mehr. Da die Möllers sie aber nicht +gänzlich als Kunden verlieren wollten, so wurde +ein leerstehender alter Stall als Schankstube eingerichtet. +Und wenn die Bauern fragten: „Sind +die Handwerker denn immer noch im Hause?“ so nickte +Fritz und erwiderte, es sei gar zu viel zu tun. Tatsächlich +war aber bald nach Weihnachten schon wieder +alles in Ordnung; Fritz wollte nur nicht, daß +die Bauern ihm die neutapezierte, gedielte und gebohnerte +Schankstube wieder verschmutzten – der +Stall war für sie ebenso gut. Da konnten sie +spucken, wohin sie wollten, und wenn einer einmal +ein Glas Bier umwarf, so kam es auch nicht darauf +an. –</p> + +<p>Auf dem Auschlosse kam es an diesem Sonntag +schon beim Morgenfrühstück zu einer erregten Szene.</p> + +<p>Gunther erschien etwas blaß und übernächtig in +der Halle, setzte sich mit kurzem Gruße zu den Eltern +an den Tisch und schickte den Diener hinaus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>„Entschuldigt,“ sagte er, „aber ich möchte ein +paar Worte allein mit euch sprechen!“</p> + +<p>Der Kommerzienrat zog die nach dem Gebäck +ausgestreckte Hand wieder zurück, und auch die Rätin +schaute erstaunt auf.</p> + +<p>„Ja,“ meinte Schellheim, „was gibt’s denn? +Hoffentlich nichts Fatales!“</p> + +<p>„Nein, Papa,“ erwiderte Gunther, „ich will nur +euern Rat hören. Es handelt sich um eine Lebensfrage +für mich, um meine Zukunft ...“</p> + +<p>Das Mutterauge sieht immer scharf. Die Rätin +reckte den schmächtigen Oberkörper, und mit forschendem +und sorgendem Ausdruck ruhte ihr Blick auf +dem Sprechenden.</p> + +<p>„Eine Ehrensache?“ fragte Schellheim ängstlich.</p> + +<p>„Ich glaube eher – eine Herzenssache,“ fügte +seine Frau hinzu.</p> + +<p>Gunther nickte. „Ja, Mutter, so ist’s. Ich – +ich habe noch nie an das Heiraten gedacht, ihr +wißt’s ja selbst, und gelacht, wenn mir der und +jener mit Plänen und Anerbietungen kam. Ich +hasse den Eheschacher. Ich möchte frei wählen +können –“</p> + +<p>„Mach’s kurz,“ fiel der Vater ein; „wer ist’s?“</p> + +<p>„Fräulein von Hellstern, Papa.“</p> + +<p>Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen am +Tische, dann sprang der Rat erregt empor und warf +seine Serviette auf den Stuhl.</p> + +<p>„Daß du einmal irgend eine Verrücktheit begehen +würdest, wußte ich ja,“ sagte er hart. „Praktischen +Erwägungen bist du niemals zugänglich gewesen. +Aber sich nun gerade –“</p> + +<p>Er brach ab. „Bist du mit der Dame schon +einig?“ fragte er, vor Gunther stehen bleibend.</p> + +<p>„Nein, das nicht, Papa, aber ich habe die Hoffnung, +daß Fräulein Hedda meine Werbung annehmen +wird – sonst würde ich es nicht wagen. +Indessen – ich wollte zunächst einmal mit euch +sprechen.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>„Da hast du sehr recht getan. Und wenn du +meinen Rat hören willst, Gunther, so schlag dir die +Sache aus dem Kopf. Das ist nichts für dich – +und erst recht nichts für uns. Das –“</p> + +<p>Er wühlte mit den Händen in seinem Haar und +lief erregt in der Halle auf und ab.</p> + +<p>Nun nahm auch die Rätin das Wort.</p> + +<p>„Ich habe nur wenig zu sagen,“ bemerkte sie +mit ihrer weichen, zart klingenden Stimme. „Wenn +Gunther das Mädchen liebt, soll er’s versuchen. +Ich müßte lügen, wollte ich nicht offen gestehen, daß +mir Fräulein von Hellstern sehr sympathisch ist.“</p> + +<p>„Sympathisch!“ schrie der Rat. „Was das nun +wieder heißen soll?! Bei einer solchen Frage ist +doch wahrhaftig <em class="gesperrt">mehr</em> zu überlegen! Ich bitte dich, +liebe Frau, sieh ein, daß es sich in gewissem Sinne +auch um <em class="gesperrt">uns</em> handelt. Jawohl, um <em class="gesperrt">uns</em>! Würde +es dir lieb sein, wenn dich deine Frau Schwiegertochter +über die Achsel ansieht? Wenn sie eine +meilenweite Kluft zwischen Mutter und Sohn legt?“ +Und Schellheim breitete beide Arme aus, als wolle +er das Unermeßliche dieser Kluft andeuten.</p> + +<p>Gunther widersprach ernsthaft. Davon könne +gar keine Rede sein. Wenn Hedda Mitglied der +Familie geworden wäre, so würden ihr gütiges +Herz und ihr feiner Takt schon den rechten Ton des +Verkehrs mit den Eltern finden.</p> + +<p>„Ich bitte dich, Papa, laß solche Bemerkungen,“ +schloß er und erhob sich gleichfalls. Eine schwere +Falte zeigte sich auf seiner Stirn.</p> + +<p>„Ah was,“ entgegnete der Rat unwirsch, „du +wirst mir schon erlauben müssen, das auszusprechen, +was ich denke! Sei vernünftig, Gunther! Ich glaube +gleich dir, daß die Hellsterns deine Werbung nicht +zurückweisen würden. Sie sind arm, und der Baronesse +fehlt jede Gelegenheit zu einer passenden Partie. +Ich habe ja auch wirklich nichts gegen die Leute! +Es ist nichts weiter gegen sie zu sagen, als daß sie +adelsstolz und unbemittelt sind. Beides sind keine +<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>Vorwürfe. Ihr Name ist gut, glänzend, geachtet; +sie haben ein Recht, darauf stolz zu sein. Für ihre +Armut aber können sie nichts. Und dennoch muß +dies beides bei der geplanten Verbindung mit in +Betracht gezogen werden. Bitte – ich rede noch – +ich will aussprechen! In Betracht gezogen werden, +sagte ich. Zunächst die Geldfrage. Du wirst einmal +reich – dem Anschein nach ist diese Frage also +minderwertiger Natur. Aber doch nur dem Anschein +nach. Denke an die Zukunft! Ihr könnt eine ganze +Herde Kinder kriegen, und wie zersplittert sich da +das Vermögen! Fräulein Hedda bringt ja nichts mit! +Den Baronshof – na, was ist denn der wert?!“</p> + +<p>„Papa, ich bitte dich –“ und Gunther hielt es +für gut, den Zukunftsperspektiven des Rats gegenüber +ein heiteres Gesicht zu machen. Aber Schellheim +war noch nicht zu Ende; er winkte abwehrend +mit der Hand.</p> + +<p>„Weiter,“ sagte er, „die zweite Frage. Zugestanden, +daß Fräulein Hedda das Herz auf dem +rechten Fleck hat. Da ist aber noch der Alte. Vor +dem graul’ ich mich geradezu. Er wird <em class="gesperrt">auch</em> nicht +nein sagen, wenn ich für dich anhalte – i, wo wird +er denn –, aber ich fürchte, wir werden nicht gut +zueinander passen. Ich habe das jetzt schon gemerkt. +Er hat etwas gegen uns Kaufleute – weniger +gegen das Bürgertum im allgemeinen, wie gerade +gegen uns Kaufleute. Ah bah – ich sage dir, +Gunther, es <em class="gesperrt">ist</em> so! Der alte Groll der Landwirtschaft +gegen die Industrie! Er kann auch nicht +verwinden, daß ich ihm seine Klitsche abgekauft habe. +Und – und – kurzum, ich will dich nicht beeinflussen, +aber ich rate dir: sei vernünftig und überlege!“</p> + +<p>Die Rätin hatte sich nicht wieder in die Unterhaltung +gemischt. Sie saß schweigend am Teetisch +und rührte mit dem Löffel in ihrer Tasse. Aber +plötzlich legte sie den Löffel hin und wandte sich auf +dem Stuhle um.</p> + +<p>„Da ich die Mutter bin, so ist mir vielleicht auch +<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>noch ein Wort gestattet,“ sagte sie. „Ich kann deine +Gegengründe nicht anerkennen, Alfred; ich will dich +nicht beleidigen, ich muß dir aber sagen, daß ich sie +lächerlich finde. Wenn es sich um das Glück eines +unsrer Kinder handelt, kommen <em class="gesperrt">wir</em> immer erst in +zweiter Reihe. Nimm wirklich an, Fräulein Hedda +und ihr Vater seien hochmütig und adelsstolz: wenn +ich weiß, daß Gunther glücklich ist, lass’ ich mich schon +über die Achsel anschauen, und ich werde die Hand +auf das Herz pressen, wenn es dabei gar zu sehr +zuckt. Im übrigen stimme ich aber der Ansicht +Gunthers zu: das Fräulein hat viel zu viel Takt, +um zwischen uns und den Ihren gesellschaftliche +Unterschiede zur Betonung zu bringen. Und schließlich +das Geld. Gunthers Kinder werden auch einmal +erwerben lernen! Willst du bis in das dritte +und vierte Glied hinein sorgen?“</p> + +<p>Als sie ausgesprochen hatte, erschrak sie fast über +ihre Kühnheit. Sie war an das Sich-beugen und +-ducken gewohnt. Ein flammendes Rot huschte über +ihre Wangen; sie wandte sich wieder dem Tische zu +und griff abermals nach dem Teelöffel.</p> + +<p>Gunther war hinter sie getreten und drückte einen +Kuß auf ihren Scheitel. „Ich danke dir, Mutter,“ +sagte er; „du hast recht.“</p> + +<p>Der Rat zuckte mit den Schultern.</p> + +<p>„Es fällt mir nicht ein, den Tyrannen spielen +zu wollen,“ bemerkte er, mit Absicht ein wenig +leichthin. „Auch mir steht das Glück meiner Kinder +über der eignen Person – jawohl, teure Gattin, +und ich bitte, daß du davon Notiz nimmst! ... +Bleibst du nach reiflicher Überlegung bei deinem +Vorhaben, Gunther, so teile es mir am Nachmittag +mit. Langes Fackeln liebe ich nicht. Hellsterns sind +heute abend hier – da wird sich Gelegenheit finden, +mit dem Alten ein Wörtlein unter vier Augen +zu sprechen.“</p> + +<p>Er ging, aber man merkte an dem heftigen Zuschlagen +der Tür, daß sein leichter Ton Komödie war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>Die Rätin war still sitzen geblieben. Sie rührte +noch immer mit dem Löffel in ihrem erkalteten Tee +herum, als wolle sie durch diese Bewegung das +leise Zittern ihrer Hände verdecken. Doch Gunther +sah, wie es um ihre Mundwinkel zuckte, und sah +auch die schwere Träne, die über ihre Wange rann.</p> + +<p>„Mutterchen,“ fragte er leise, „warum weinst +du denn?“</p> + +<p>Sie blickte zu ihm auf, und es lag ein so schmerzlich +weher Ausdruck in ihrem Auge, daß Gunther +ein eisiges Schauern in seinem Rücken zu spüren +meinte. Es war ihm, als habe er zum erstenmal +in die Seele dieser armen Frau geschaut, die das +Herzensglück, das sie für ihre Kinder erwünschte, +nie selbst kennen gelernt hatte.</p> + +<p>Er ließ sich vor ihr nieder, küßte ihre Hände +und gab ihr alte, liebe, fast vergessene Schmeichelnamen +aus seiner Kinderzeit. Fest drückte sie ihren +Liebling an sich, aber die Tapferkeit, die sie auf dem +langen, öden und traurigen, staubgrauen Wege ihrer +Ehe aufrecht erhalten hatte, brach: sie konnte den +Tränen nicht mehr wehren, die unaufhaltsam flossen.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Die Kirchglocken läuteten noch immer. Der +Schneefall hatte nachgelassen, und in der reinen, +sonnendurchströmten Winterluft tönte der Klang der +Glocken fast durch das ganze Tal.</p> + +<p>Auch der Freiherr hatte sich entschlossen, einmal +wieder das Gotteshaus zu besuchen. Er war, obwohl +ihm eine gewisse naive, von Skrupeln und +Grübeln freie Frömmigkeit eigen, niemals ein eifriger +Kirchgänger gewesen, und in letzter Zeit hatte er +sich seiner Ischias wegen so wie so kaum vom Platze +rühren können.</p> + +<p>Heute aber fühlte er sich wohler. Der alte +Klempt hatte ihm vor einigen Tagen eine Einreibung +gebracht, die Tante Pauline nach einem Rezept +ihrer Großmutter zurechtgebraut, das sie zufällig +zwischen allerhand alten Sachen beim Aufräumen +<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>ihrer Truhe gefunden hatte. Es waren Ingredienzien +dabei, die man heute kaum noch dem Namen +nach kennt, wie zum Beispiel „Bleygötte, ein halb +Pfund fein gepulvert“, und „ein Viertelpfund geschälte +Alantwurzel“, aber Tante Pauline wußte +schon Bescheid, und sie entsann sich auch, daß ihr +Großvater, der schon völlig gelähmt gewesen war, +kraft dieses Mittels wieder hatte gehen lernen. Und +da hatte sie gemeint, es könne nicht schaden, wenn +der Herr Baron es auch einmal probiere, und hatte +sich an die Arbeit gemacht. Schwer war nur eins +zu beschaffen gewesen, nämlich das Weiße eines Eis +von einer schwarzen Henne. Die Langheinrichen +besaß allerdings ein schwarzes Huhn, aber das legte +derzeitig nicht. Glücklicherweise hieß es in dem Rezept: +„oder wenn du dies nicht hast, nimm statt +dessen Bofist und menge ihn mit ein klein wenig +halb verbrannter Brotrinde in einem viertel Quart +starkem Branntwein; doch muß der Branntwein +vierundzwanzig Stunden vorher an einem warmen +Ort gestanden haben, in einer Flasche, die du mit +einer Blase zubinden mußt, in welche du eine Stecknadel +steckst.“ Das hatte Tante Pauline denn auch +getan.</p> + +<p>Der Freiherr hatte Klempt sehr schön gedankt, +und als August des Abends mit der Einreibung +kam, hatte er den braven Diener hinauswerfen +wollen. Er verbäte sich, ihm mit dem „Geschmurgel“ +an den Leib zu kommen. Indessen ein paar Tage +später, als die Schmerzen gerade sehr heftig waren, +hatte Hellstern von selbst von der Klemptschen Einreibung +angefangen. „Hol mal den Jux her,“ +sagte er zu August; „hilft’s nichts, ist’s noch so!“ +Und freudestrahlend lief August davon, um die kostbare +Mixtur zu holen. Er rieb den Alten so kräftig +ein, daß Hellstern gewaltig schimpfte, fluchte und +wetterte, was für August aber eine wahre Wohltat +zu sein schien, denn sein Gesicht wurde währenddessen +immer freundlicher. Und dann packte er den +<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>Baron in das Bett, wickelte ihn gehörig ein und +legte zwei Wärmflaschen in die Kissen, denn Klempt +hatte betont, daß der gnädige Herr nach der Einreibung +gehörig schwitzen müsse.</p> + +<p>Und merkwürdig genug – als Hellstern am +andern Morgen aufstand, fühlte er sich erheblich +wohler. Vielleicht hatte nur die kräftige Massage +Augusts gewirkt, vielleicht auch die Schwitzkur – +Tatsache war, daß der Baron sich freier und ohne +starke Schmerzen bewegen konnte. Das machte ihn +ganz glücklich. Dörthe mußte zu ihm kommen; die +Einreibung von Vatern sei zwar nicht viel wert, aber +für den guten Willen wolle er der Dörthe einen +Taler schenken, und zwar einen mit der Inschrift: +„Segen des Mansfelder Bergbaus“. Dörthe war +so gerührt, daß sie erst dem Alten die Hand küßte +und dann zu Hedda lief, ihr die Geschichte zu erzählen +und ihr gleichfalls die Hand zu küssen. Schließlich +erfuhr auch August von der Sache, und sie betrübte +ihn; wenn der Alte einen Taler verschenke, +meinte er, so werde er sicher nicht mehr lange +leben. –</p> + +<p>Hellstern schritt am Arme Heddas zur Kirche. +Es hatte bereits zum dritten Mal geläutet, und von +allen Seiten strömten die Leute herbei, grüßten den +Baron mit einer gewissen freundlichen Unterwürfigkeit, +blieben wohl auch, Front machend, vor ihm +stehen und verbeugten sich ungeschickt. Vor der Kirchhofstür +hielt der Schlitten des Kommerzienrats. Die +Herrschaften waren bereits ausgestiegen und sprachen +mit einem hochgewachsenen Herrn in schwarzbraunem +Ulster und Zylinderhut.</p> + +<p>Hellsterns Fuß stockte plötzlich. „Was Teufel,“ +sagte er halblaut, „ist das nicht Klaus?!“</p> + +<p>Er schaute zu Hedda auf, schien aber nicht zu +bemerken, daß sie erblaßt war.</p> + +<p>„Ja,“ erwiderte sie nickend, „es ist Klaus.“</p> + +<p>Der Alte unterdrückte einen Fluch.</p> + +<p>„Skandalös, daß der sich überhaupt noch sehen +<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>läßt!“ murrte er. „Wir grüßen, Hedda, doch ohne +ihn anzusprechen!“</p> + +<p>Und sie gingen vorüber. Aber der Vorsatz des +Alten war unausführbar. Kaum hatte Schellheim +ihn gesehen, so schoß er auf ihn zu.</p> + +<p>„Mein Kompliment, lieber Baron! Freu’ mich +von Herzen, Sie so rüstig zu sehen.... Denken +Sie, ich wußte ja gar nicht, daß Sie mit Herrn von +Zernin verwandt sind –“</p> + +<p>„Doch – ja, mein verehrter Herr Rat –“</p> + +<p>„Über einen Scheffel Erbsen, pflegt man bei uns +zu sagen, wenn man eine weitläufige Verwandtschaft +bezeichnen will,“ warf der Herr im Zylinderhut +lachend ein. Dann bot er Hellstern die Hand. „Tag, +Onkel! Was macht die Chronika derer von Hellstern?“ +Und schon stand er vor Hedda. „Tag, +gnädigste Cousine – seit Ewigkeiten nicht gesehen! +Freilich, ich sitze wie ein Maulwurf in meinem Bau +und schleiche mich höchstens einmal nachtsüber auf +den Anstand, wenn du längst in seligem Schlummer +liegst. Wie geht’s?“</p> + +<p>„Ich danke dir, gut,“ antwortete sie und wandte +sich an Gunther, der mit abgezogenem Hute an sie +herangetreten war.</p> + +<p>Aus der Kirche ertönte bereits Orgelklang. Man +schritt über den Friedhof, und bis zur Kirchentür +sprach der Kommerzienrat in seiner lebhaften Art in +Hellstern hinein. Hedda war ängstlich geworden. Sie +hörte nur vereinzelte Brocken, vernahm aber wiederholt +das Wort „Quelle“, und sie sah, daß das Gesicht +ihres schweigsam zuhörenden Vaters immer röter +wurde. ‚Diese Quelle wird uns allen noch Unglück +bringen,‘ dachte sie.</p> + +<p>Die Hellsterns besaßen in der Kirche ein Chor, +hatten es aber der Familie des Kommerzienrats +überlassen und dafür die Sitze unten neben der +Sakristei genommen, die für die Besitzer des Auguts +reserviert waren. Der Baron vermied es seines +Leidens wegen gern, Treppen zu steigen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>Die Kirche war groß, doch kahl und dürftig im +Innern. In dieser mehr als einfachen Ausstattung +fiel der neue rote Behang über Altar, Kanzel und +Taufbecken, den Schellheim gestiftet hatte, um so +mehr auf. Er leuchtete weithin, wie das Wort der +Verheißung, das von dieser heiligen Stelle ausging.</p> + +<p>Von den Sitzen der Hellsterns aus konnte man +das Augutchor übersehen. Die Rätin saß zwischen +ihrem Gatten und Gunther, dann blieben drei Stühle +frei, und in der Ecke hatte sich Herr von Zernin +niedergelassen.</p> + +<p>Sein Erscheinen in der Kirche erregte Aufsehen. +Aller Blicke richteten sich auf ihn. Besonders die +jungen Mädel schienen sehr interessiert zu sein; Liese +Braumüller schielte über ihr Gesangbuch fort alle +Augenblick nach dem Chor hinauf.</p> + +<p>Hedda sang mit ihrem schönen Alt das Einleitungslied +mit. Ihr Blick wagte sich nicht von dem +Buche fort. Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen; +sie fühlte, daß Zernin sie beobachtete. Innerlich +grimmte sie das; seine unverfrorene Keckheit schien +die alte geblieben zu sein – trotz allem. Dieses +„trotz allem“ fand Widerhall in ihrer Seele. Während +ihre Lippen das Lied sangen, war es ihr, als +wiederhole sie immer und immer wieder das „trotz +allem“. Sie war nervös, und um sich abzulenken, +schaute sie auf den Altar, vor den soeben der +Pastor trat.</p> + +<p>Eycken neigte das graue Patriarchenhaupt und +betete, das Gesicht dem Kruzifix zugeneigt, dessen +weißer Marmor sich lichthell von dem roten Untergrunde +abhob, mit dem Rücken gegen die Gemeinde. +Dann wandte er sich um und blieb aufrecht stehen, +wartend, bis das Eingangslied zu Ende sein werde. +Und jetzt schweifte seiner Gewohnheit gemäß sein +Auge mit raschem Prüfen durch das Kirchenschiff. +Die Gemeinde schien vollzählig versammelt zu sein – +Eycken nickte befriedigt. Plötzlich glitt über sein +Gesicht ein Ausdruck von Erstaunen; Hedda senkte +<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>wieder den Blick auf das Gesangbuch, denn nun +wußte sie, daß das Auge des greisen Pfarrers im +nächsten Moment sie selbst treffen würde. Und so +war es in der Tat, doch Eycken schaute nur flüchtig, +einen leichten Wolkenschatten auf der Stirn, zu Hedda +hinüber und öffnete dann sein Buch zum Beginn +der Liturgie ...</p> + +<p>Es war kalt in der Kirche. Die Sonne wärmte +nicht, sie leuchtete nur. Sie füllte den kahlen Raum +mit einem weißgelben Schimmer, der in den Winkeln +der Sakristei zu verwischtem Graugrün wurde. Auf +einer der hell getünchten Wände lagen die Schatten +der Bleiumfassung in den Fenstern, ein leise zitterndes +Gitterwerk von unbestimmten Konturen.</p> + +<p>Während der Liturgie versuchte Hedda, sich andächtig +zu sammeln. Aber es war vergebene Mühe. +Das unerwartete Wiedersehen mit dem, der kaum +eine Wegstunde vom Baronshof entfernt wohnte und +für sie dennoch so gut wie verschollen war, hatte sie +stark erregt. Gegen ihren Willen rechnete sie nach: +wann hatte sie Klaus Zernin zum letztenmal gesehen? +Es war lange her – über ein Jahr. Und als reiße +plötzlich ein Vorhang vor ihren Augen, so deutlich +trat die Abschiedsstunde in ihr Gedächtnis zurück. +Mit allen Einzelheiten, auch den rein äußerlichen der +Szenerie: der Eichenschonung am Forsthause, die im +ersten Grün des jungen Lenzes prangte, dem Blättermoder +am Boden, in dem der Fuß bis an die Knöchel +versank, und dem Nebelmeer, das über die Wiesen +brodelte. Und sie glaubte auch seine Stimme zu +hören.... Sie hatten „vernünftig“ miteinander gesprochen +und ruhig und leidenschaftslos. So schien +es. Sie waren sich klar darüber geworden, daß sie +sich nicht angehören konnten – aus hundert stichhaltigen +Gründen. Und deshalb wollten sie sich nicht +mehr sehen. Das war um so weniger schwer durchzuführen, +als Hellstern dem leichtsinnigen Neffen +längst seine Schwelle verboten hatte; er wollte mit +dem, der „seinen Namen schändete“, keine Gemeinschaft +<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>haben und ahnte dabei nicht einmal, wie tief +sich das Bild des wilden Junkers in das Herz seiner +Tochter gegraben hatte.... Mit einem Händedruck +waren sie voneinander geschieden, und Klaus wie +Hedda hatten vermeint, das würde der letzte gewesen +sein. Denn damals schon trug sich Zernin mit dem +Gedanken, auszuwandern. Er konnte sich auf dem +verwüsteten Erbe nicht länger halten; um ihn und +über ihm brach alles, alles zusammen ...</p> + +<p>Hedda hatte seit jener Abschiedsstunde in der Tat +nichts mehr von ihm gehört. Selbst der Klatsch fand +in die Einsamkeit des Baronshofs keinen Eingang. +Aber daß Klaus sich so unerwartet wieder unter den +Menschen zeigte, schien zu beweisen, daß es ihm besser +gehen mußte. Auch sein Äußeres sprach dafür: das +Selbstbewußtsein, mit dem er auftrat, der alte Ausdruck +übermütiger Keckheit auf seinem Gesicht. Wie +alt war er jetzt? Und wieder rechnete Hedda nach, +während die dünnen Stimmen der Kinder auf dem +Orgelchor das Kyrie eleison sangen. Sechsunddreißig; +sein Geburtstag fiel in den gleichen Monat +wie der ihre, in den Mai. Aber er sah jünger aus +mit seiner eleganten, geschmeidigen und elastischen +Figur und dem bildhübschen Gesicht, auf dem weder +das tolle Leben noch die Sorgen um die Existenz +Spuren des Verfalls zurückgelassen hatten. Es war +glatt, rosig und heiter wie immer, dieses vornehme +Junkergesicht mit der intelligenten Stirn und der +wunderschön gezeichneten Nase, dem sorgsam gepflegten +blonden Schnurrbart und dem etwas zurücktretenden +Kinn. Und auch die hellen blauen Augen +sprühten noch immer in unverminderter Lebenslust – +trotz allem. Das war sein Lieblingsausdruck, dieses +„trotz allem“ ...</p> + +<p>Hedda schreckte aus ihren Erinnerungen empor. +Sie hörte die Stimme des Pastors, der die Kanzel +bestiegen hatte und mit seinem schönen, sonoren Organ +die Epistel verlas. Der alte Mann dort oben +hatte ihr in jenen Zeiten schwerer Herzensbedrängnis +<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>mit lindem Wort und warmem Gemüt die verzweifelnde +Seele gerettet. Ihm allein hatte sie sich +anvertraut, da sie des Vaters rauhe Art fürchtete, +die schon damals Klaus von Zernin vom Baronshof +verjagt hatte. Und Eycken konnte um so besser +die Vermittlungs- und Verständigungsrolle übernehmen, +da er der intimste Freund des alten Baron +Zernin, des verstorbenen Vaters von Klaus, gewesen +war, durch dessen Beihilfe der Pastor auch seinerzeit +die Stelle in Oberlemmingen erhalten hatte. Mit +milder Freundlichkeit, aber entschiedener Energie +hatte Eycken seinen ganzen Einfluß auf Hedda aufgeboten, +um sie von ihrer unseligen Liebe für den +verbummelten Junker zu bekehren. Denn besser als +sie glaubte <em class="gesperrt">er</em> Klaus von Zernin zu kennen. Oft +genug war er zu nächtlicher Stunde und zu Fuß, +um nicht gesehen zu werden, durch den Wald nach +Döbbernitz geeilt, um mit Klaus Rücksprache zu +nehmen, wenn wieder einmal einer seiner unsinnigen +Streiche zu seinen Ohren gekommen war – irgend +eine tolle Weibergeschichte, die die ganze Umgegend +in Aufruhr brachte, ein wildes Gelage in Zielenberg +oder in Kölpin, wo die Königindragoner standen, +oder eine gesetzwidrige Vergewaltigung der Gläubiger.... +Und bei solchen Rücksprachen schwand die +christliche Milde bei Eycken, da wurde er zum zornigen +Eiferer, und die Stimme schwoll an, und seine +Augen blitzten. Aber was half das alles?! Es +kam eine Zeit, da auch er sich sagen mußte, Klaus +sei nicht mehr zu helfen, eine Zeit, da der ehrliche +Zorn des alten Mannes zu flammendem Ingrimm +wurde. Hedda erfuhr niemals Einzelheiten aus dem +Leben von Klaus; sie wußte nur, daß er ein leichtsinniger +Wirtschafter war – alle Welt wußte das. +Aber an jenem Tage, da Eycken sich mit ihr einschloß, +um sie beim Andenken an ihre Mutter zu beschwören, +dem wilden Burschen für immer zu entsagen, da kam +doch etwas wie ein Ahnen über sie, daß Klaus nicht +nur leichtsinnig, sondern auch schlecht sein mußte ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>Die Predigt hatte begonnen. Nur das wohllautende +Organ Eyckens war hörbar und hin und +wieder ein leise raschelndes Geräusch, wenn der Wind +die schneebepackten Zweige des alten Maulbeerbaumes, +der draußen vor einem der Fenster stand, gegen die +Scheiben warf. Hedda schaute mit andachtsvollem +Blick zur Kanzel empor, und der Alte neben ihr +schnaufte leise. Es saß sich unbequem in dem engen +Kirchenstuhl. Oben auf dem Chor hatte der Kommerzienrat +die Hände über dem Bauche gefaltet und +kämpfte sichtlich mit einer ihn überkommenden Müdigkeit; +die Rätin saß, vor Frost zeitweilig erschauernd, +mit groß offenen Augen neben ihm. Herr von Zernin +ließ den Blick im Kirchenschiff umherschweifen; er +hatte Liese Braumüller entdeckt, und ein rasches +Lächeln flog um seinen Mund.</p> + +<p>Nun Hedda die gesuchte Andacht gefunden hatte, +blieb sie auch in Sammlung bis zum Schlusse des +Gottesdienstes. Beim Endchoral bliesen die beiden +Posaunen mit. Die Rätin hatte das noch nie gehört +und schaute verwundert nach dem Orgelchor +hinüber, von dem die gewaltigen Töne drangen. Es +war eine vollendete Disharmonie, doch sie störte +keinen – höchstens den kleinen Raupach, der um +diese Zeit aus seinem Kirchenschlummer erweckt zu +werden pflegte.</p> + +<p>Dann läuteten wieder die Glocken, und die Gemeinde +strömte hinaus, durch die beiden Türen, vor +denen hölzerne Schemel mit Tellern für die Missionskollekte +standen. Aber die wenigsten gaben; ein +paar Pfennige lagen auf den Tellern, dazwischen +ein Fünfzigpfennigstück von Hedda und ein blanker +Taler als Spende des Kommerzienrats.</p> + +<p>Hellstern wollte am Arme seiner Tochter rasch +an der kleinen Gruppe vorüberhumpeln, die sich vor +dem Schlitten Schellheims gebildet hatte, doch der +Kommerzienrat rief ihm nach:</p> + +<p>„Auf Wiedersehen heute abend, lieber Baron!“</p> + +<p>„Auf Wiedersehen!“ gab Hellstern etwas brummig +<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>zurück und tappste weiter. Aber vor der Parktür +entlud sich sein Zorn.</p> + +<p>„Schellheim scheint den Klaus an sich ziehen zu +wollen,“ grollte er. „Ein Baron mehr – das angelt +nach uns! Er muß doch gehört haben, wes Geistes +Kind unser sauberer Herr Vetter ist! Er muß doch +wissen, daß wir das Tischtuch zwischen ihm und uns +zerschnitten haben! Himmeldonnerwetter, Hedda, +wenn der Kommerzienrat vielleicht auf die wahnsinnige +Idee verfallen ist, den Klaus gleichfalls zu +heute abend zu laden – ich mache auf der Stelle +kehrt! Ich mache kehrt, sage ich dir!“</p> + +<p>„Das würde nur unhöflich sein, Papa,“ erwiderte +Hedda ruhig. „Vorderhand glaube ich noch nicht, +daß Klaus im Auschlosse sein wird. Und wenn dennoch +– dann muß es <em class="gesperrt">auch</em> ertragen werden. Wir +leben nun einmal in der Welt.“</p> + +<p>Der Alte stampfte wütend mit seinen Krückstöcken +auf den gefrorenen Schnee.</p> + +<p>„Das Blut steigt mir zu Kopf, wenn ich den +Burschen nur sehe!“ rief er. „Mit welcher Frechheit +er uns begrüßte! Lächelnd und gleichmütig, als +ob gar nichts geschehen sei.... Vielleicht will ihm +Schellheim wieder auf die Beine helfen – haha! +Da ist Hopfen und Malz verloren – nicht einmal +die Winterung hat er mehr bestellen können – die +Tagelöhner sind ihm davongelaufen – im November +war wieder einmal Subhastationstermin angekündigt! +Ich verstehe nicht, daß Klaus nicht längst zum Teufel +ist! Hätte er Ehrgefühl im Leibe, so hätte er sich +schon vor drei Jahren nach Amerika scheren müssen! +Pah – Ehrgefühl – <em class="gesperrt">der</em>?! ...“</p> + +<p>Hedda schwieg. Ihre Wangen brannten, aber +der Vater konnte nicht ahnen, wie tief ins Herz sie +jedes seiner Worte traf. Dennoch machte es ihn +stutzig, daß sie keine Antwort gab. Sie opponierte +sonst gern. Er blieb stehen und schaute sie an. „Was +sagst du?!“ fragte er.</p> + +<p>„Nichts, Papa.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>„Warum nicht?! Ich glaube, du nimmst immer +noch die Partei dieses ehrlosen Patrons?!“</p> + +<p>Eine Flamme schlug über das Gesicht Heddas.</p> + +<p>„Ich bitte dich, Papa – bitte dich herzlich: wäg +deine Worte ab! Noch immer zählt Klaus zu +unsrer Verwandtschaft –“</p> + +<p>„Längst nicht mehr!“</p> + +<p>„Und wenn du ihn hundertmal von deiner +Schwelle jagst – er <em class="gesperrt">bleibt</em> unser Vetter! Vergiß +das nicht! Und vergiß auch nicht, daß Leichtsinn +noch keine Ehrlosigkeit ist –“</p> + +<p>„Halt mal, Hedda –“ und Hellstern erhob seine +Krücken. „Ich war auch jung und ein Brausewind +wie der da. Aber ich hielt mein Wappenschild rein. +Er hat das seine besudelt. Du weißt nicht, <em class="gesperrt">was</em> +er alles gemacht hat, um – aber nein, dein Ohr, +mein Kind, ist zu keusch, um diese Dinge zu hören. +Nur eins laß dir sagen: ich hätte ihm nicht wie +einem Banditen mein Haus verschlossen, wenn er +<em class="gesperrt">nur</em> leichtsinnig gewesen wäre. Und auch nicht der +Pastor, der mit dem alten Zernin so treu befreundet +war wie ich. Wir hatten unsre guten Gründe, ihn +abzuschütteln.... Nun gib mir einen Kuß!“</p> + +<p>Er neigte den Kopf, und die Lippen Heddas berührten +seine borstige Wange. Doch es war kein +Kuß wie sonst. Ein heimliches Angstgefühl begann +Hedda zu quälen. Fragen und Zweifel stiegen in +ihr auf und noch ein andres quälendes Etwas – +das Gefühl, den doch nicht vergessen zu haben, den +sie hatte vergessen <em class="gesperrt">wollen</em>.</p> + + + + +<h2><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">E</span>s war die erste größere Gesellschaft, die man auf +dem Auschlosse gab. Der Kommerzienrat hatte +Herbst und Winterbeginn dazu benutzt, auf den meisten +Gütern im Kreise Besuch zu machen, und man hatte +<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>den reichen Mann fast überall mit offenen Armen +empfangen. Der Grundbesitz in unmittelbarer Umgebung +von Oberlemmingen befand sich fast gänzlich +in bürgerlichen Händen. Nur Döbbernitz und Kleeberg, +letzteres das Gut des Landrats von Wessels, +waren Adelssitze. Aber auch aus weiterer Entfernung +war eine Anzahl von Gästen eingetroffen: die +Familie von Klitzingk auf Wernochow, der Kammerherr +von Ponteck auf Klein-Güster, die Nehringens +auf Schönwaide und schließlich auch – der Stolz +Schellheims – Exzellenz von Usen-Karst auf Karstedt.</p> + +<p>Es war zum Diner – zu sechs Uhr – eingeladen +worden, eine für ländliche Verhältnisse ziemlich ungewöhnliche +Zeit. In langer Reihe fuhren Wagen +und Schlitten den Auberg hinauf. Das halbe Dorf +war auf den Beinen, um die Auffahrt anschauen +zu können. Man stand dicht gedrängt längs des +Weges und machte zu jedem Gefährt seine Bemerkungen. +Die aus der Umgegend kannte man an +den Pferden, den Wagen, dem Kutscher. Da kam +zuerst der riesige Verdeckschlitten des Oberförsters, +dessen Kasten, die Arche Noah genannt, eine zahlreiche +Familie beherbergte: Vater Tornow, die Mutter +und drei Töchter, niedliche Dinger, die Auguste, +Berta und Constance hießen, von dem die Kürze +liebenden Oberförster aber nur A, B und C genannt +wurden. Dann die Viktoriachaise des Hauptmanns +Biese von Grochau, eines riesigen Menschen +mit Bulldogggesicht, der eine ganz kleine, unendlich +verschüchterte Frau besaß, – der Schlitten der Frau +Necker, einer reichen Rittergutsbesitzerswitwe, unförmlich +dick und stets wie ein Puthahn gebläht, – +und der Klapperkasten des Doktor Stramin, des +Kreisphysikus aus Zielenberg, den man eigentlich nie +anders als auf der Landstraße sah: wenn die Praxis +ihn nicht unterwegs hielt, reiste er als fanatischer +Politiker im Auftrage des konservativen Wahlkomitees +umher und hielt seine donnernden Reden, wo es +nur angängig war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>Plötzlich ging eine Bewegung durch die Reihen +der Zuschauer. Ein merkwürdiges Gefährt raste den +Weg hinauf – ein Schlitten in Schwanenform, in +dem eine einzelne Dame saß. Sie mußte noch jung +sein; ein dunkles Augenpaar leuchtete durch den +weißen Schleier, der über die pelzbesetzte Konföderatka +gebunden war. Ein kostbarer Pelz hüllte auch +die ganze Gestalt ein; die Adjustierung der Pferde +zeugte von Reichtum – was aber am meisten auffiel, +war die scharlachrote Livree des Kutschers. Einer +aus der Menge, Anton Tengler, wußte Bescheid: +die Dame war Frau Rittmeister Woydczinska aus +Seelen. Nun rasselte ein großer Landauer heran: +die Klitzingks aus Wernochow – das breite, rote +Gesicht des alten Freiherrn mit dem weißen, auseinandergewirbelten +Katerschnurrbart glänzte durch +die Fensterscheiben. Hinter ihm zügelte Herr von +Wessels, der Landrat, ein noch junger Herr, eigenhändig +sein feuriges Rappengespann; dann kam der +Schönwaider Schlitten – den Major von Nehringen +konnte man schon von weitem an seiner großen Hakennase +erkennen, die in glänzender Röte aus dem hochgeschlagenen +Pelzkragen hervorlugte. Und abermals +rasselte es auf dem hartgefrorenen Fahrdamm, – +Donnerwetter, wer war denn das?! Nichts Vornehmes, +ganz gewiß nicht, denn der Schlitten bestand +nur aus einem einfachen Korbgeflecht, das auf +ein Kufenpaar gesetzt worden war, und der Kutscher +trug nicht einmal Livree, sondern einen alten Schafpelz. +Und der Kutscher saß auch nicht auf der +Pritsche, weil keine vorhanden war, sondern neben +seinem Herrn, der dicht in einen ehemaligen Militärmantel +gewickelt war und die verschossene Jagdmütze +so tief in die Stirn gerückt hatte, daß man von dem +ganzen Gesicht fast nur den buschigen, graugrünen +Schnauzbart sehen konnte. Sicher nichts Vornehmes +– nein, diesmal war’s Täuschung: etwas +außerordentlich Vornehmes sogar, nämlich Exzellenz +von Usen-Karst, ehemals bevollmächtigter Minister +<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>und außerordentlicher Gesandter des Reichs bei der +Hohen Pforte, Besitzer der Herrschaft Karstedt und, +wie man wissen wollte, ein vielfacher Millionär....</p> + +<p>Vom Auberge aus grüßte das Schlößchen mit +achtzig leuchtenden Augen zu Tal. Es war wie +eine Illumination. Die Leute blieben auch nach beendeter +Auffahrt noch lange am Wege stehen und +schauten hinauf. Trotz der Winterkälte waren die +hohen Flügeltüren, die durch eine kleine Entree in +die Halle führten, weit geöffnet, und von hier aus +strömte eine ganze Flut gelben Lichts ins Freie und +mischte sich in die rote Glut, die die beiden mit +brennendem Pech gefüllten, auf schlankem eisernen +Unterbau ruhenden Pfannen zu seiten des Portals +ausströmten.</p> + +<p>Der Kommerzienrat hatte alles aufgeboten, seine +Gäste würdig zu empfangen. Auch die Zahl der +Dienerschaft war vermehrt worden. Drei Galonnierte +halfen den Herrschaften aus Schlitten und Wagen, +und in der Entree warteten zwei Kammerzofen, um +die Damen in die Garderobe zu geleiten. Es ließ +sich nicht leugnen: alles hatte Chic. Der Kommerzienrat +war zu weltklug, bei dieser Gelegenheit der +leichten Neigung zur Protzigkeit, die dem intelligenten +Parvenü zuweilen noch anhaftete, nachzugeben.</p> + +<p>Flankiert von Gattin und Sohn – Hagen hielten +die Geschäfte in Berlin zurück –, empfing er die +Gäste in der Halle, die eine angenehme Wärme +durchströmte, und in deren großem Kamin ein helles +Feuer flackerte. Man schüttelte sich die Hände, und +immer wieder kehrten dieselben Begrüßungsphrasen +zurück.</p> + +<p>„Herr Oberförster – freue mich sehr, sehr.... +Gnädigste Frau! ... Meine verehrten jungen +Damen! ... Ah – Herr von Nehringen – freue +mich sehr, sehr – meine gnädige Frau! ... Exzellenz +– freue mich sehr, sehr ...“</p> + +<p>Und diesmal verbeugte sich Schellheim ganz besonders +tief. Der alte Usen, der mit seinem weißen +<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>Schnauzbart in dem weinroten Gesicht und den +schweren Tränensäcken unter den kleinen, listig funkelnden +Augen und mit dem burgunderfarbenen Fes, +den er auf dem haarlosen Scheitel trug, wie ein +Pascha aussah, grunzte etwas Unverständliches vor +sich hin und schielte dabei lüstern zu der schönen +Frau Woydczinska hinüber, die Herr von Wessels, +ihr Gutsnachbar, soeben in die Salons führte. Diese +drei Salons hatte der Kommerzienrat durchweg neu +einrichten lassen, und da gerade der Empirestil in +der Mode war, so prangten in allen drei Gemächern +die geradlinigen steifen Sofas und Sessel der napoleonischen +Zeit; auch eine Bronzebüste Bonapartes +und ein Ölbild des Königs von Rom fehlten nicht. +In den Kronleuchtern brannten Wachskerzen und die +Tapeten zeigten ein modernisiertes Grecquemuster. +Es war alles stilgerecht.</p> + +<p>Die Gäste fluteten in den Empirezimmern hin +und her. Noch immer begrüßte man sich oder ließ +sich vorstellen. Ein Summen und Rauschen ging +durch die Gemächer. Baron Hellstern hatte ein paar +gute alte Bekannte wiedergefunden und plauderte +mit ihnen in einer Fensternische, fest auf seine Krückstöcke +gestützt, denn er fühlte sich unsicher auf dem +blanken Parkett und getraute sich nicht, sich auf einem +der zierlichen Stühle mit ihren vergoldeten Füßen +niederzulassen. Hedda stand mitten unter den jungen +Mädchen, die einen Kreis um sie bildeten; fröhliches +Lachen klang aus dieser Gruppe, besonders das A, +B, C des Oberförsters kicherte beständig und gewöhnlich +unisono, in drei Tonlagen. Exzellenz Usen +hielt die tief dekolletierte Frau Woydczinska fest und +schmunzelte dabei über das ganze Paschagesicht. Sie +war die Witwe eines Polen und selbst Polin, eine +schöne, kokette Frau, der man allerhand nachredete, +die sich aber um keinen Klatsch der Welt kümmerte +und ihre emanzipierten Allüren frei zur Schau trug. +Auch Pastor von Eycken war gekommen; er war den +meisten fremd – Gunther besorgte die Vorstellung.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>Ziemlich zuletzt erschien Klaus von Zernin, mit +heiterem Gesicht und einem etwas spöttischen Zug um +den Mund. Er war boshaft genug, sich über die +Überraschung zu freuen, die sein Auftauchen hervorrufen +würde; er verkehrte seit Jahren nicht mehr +in den Familien der Umgegend. Die Mütter schilderten +ihn als verworfenen Wüstling, und sämtliche +Backfische zitterten in süßem Schaudern vor ihm. +Als er eintrat, stockte plötzlich die Unterhaltung; es +wurde ängstlich still. Die Oberförsterin glitt in instinktiver +Aufwallung ihres mütterlichen Herzens +wie schützend an ihr rosenwangiges A, B, C heran. +Hellstern, der neben dem Landrat stand, wollte aufbrausen, +begegnete aber dem warnenden Blicke Heddas +und schluckte seinen Groll mit verbissenem Gesicht +in sich hinein. Im übrigen wich die allgemeine +Bestürzung rasch wieder einer um so lebhafteren +Unterhaltung, mit der man glättend über das auffallende +Geschehnis hinweggehen wollte. Herr von +Zernin war allen bekannt; mit der Eleganz eines +vollendeten Weltmannes verneigte er sich nach allen +Seiten, immer mit gleich liebenswürdigem Lächeln, +ohne die eisigen Gesichter der Herren, die frostigen +Mienen der Damen und die Purpurglut auf den +Wangen der Backfische zu beachten. Zu allgemeinem +Entsetzen streckte ihm Frau Rittmeister Woydczinska +unbefangen die Hand entgegen.</p> + +<p>„Grüß Gott, lieber Baron,“ sagte sie freundlich; +„wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht gesehen!“</p> + +<p>Und dann geschah noch etwas Überraschendes. +Auch Exzellenz Usen reichte Zernin die Hand, vielleicht +nur aus Gefälligkeit für seine schöne Nachbarin, +vielleicht auch, um deren Unbegreiflichkeit ein wenig +zu verdecken, – aber jedenfalls stand die Tatsache +fest: er begrüßte den Verfemten in sehr herzlicher +und entgegenkommender Weise. Und das wirkte +wie ein Zauberschlag auf die ganze Gesellschaft. Unwillkürlich +wurden die Mienen freundlicher, und der +Landrat flüsterte Hellstern erstaunt und fragend ins +<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>Ohr: „Der Zernin rappelt sich wohl allmählich +wieder in die Höhe?“</p> + +<p>Hellstern antwortete nicht, sondern begnügte sich +mit einem Achselzucken. Die Diener hatten die Türen +zum Eßzimmer geöffnet; der Alte war neugierig, +wen man dem Klaus als Tischnachbarin gegeben +haben würde. Er vermutete, die Woydczinska, denn +die beiden paßten in mancherlei Beziehungen zu +einander – aber sein Gesicht färbte sich dunkel, als +er sah, daß während des allgemeinen Aufbruchs +Zernin auf Hedda zuschritt und ihr den Arm reichte.</p> + +<p>Der Kommerzienrat hatte sich dies beim Entwurf +zur Tafelordnung wohl überlegt. Er hatte +gehört, daß Herr von Zernin seines Leichtsinns und +seiner brouillierten Verhältnisse wegen in schlechtem +Rufe stand, – da er indessen seine Pläne mit ihm +hatte, so lag ihm daran, ihn langsam wieder in die +Gesellschaft einzuführen. Es war schwer, für ihn +eine passende Tischdame auszuwählen, aber da fiel +Schellheim zum guten Glück ein, daß die Baronesse +Hellstern ja eine entfernte Cousine Zernins war. +‚Die beiden Verwandten werden sich schon vertragen,‘ +sagte er sich und schrieb die Namen nebeneinander.</p> + +<p>Das Diner war vortrefflich. Exzellenz Usen +konnte nicht umhin, seiner Nachbarin zur Rechten, +der langen und mageren Frau von Ponteck, zuzuraunen, +daß alles einen recht vornehmen Eindruck +mache. Und so war es in der Tat. Der Kommerzienrat +hatte Geschmack. Das Menü war nicht +übertrieben, das Service tadellos. Lautlos huschten +die Diener hinter den Stühlen der Gäste entlang; +es ging alles wie am Schnürchen. Dabei war der +Anblick der Tafel ein glänzender. In den kostbaren +Aufsätzen aus Silber und Vieux Saxe blühte ein +ganzer Frühlingsflor. Die Mitte des Tisches nahm +eine Art Pyramidenbau aus Silberfiligran ein, der +zahllose schräg gestellte Kristallbecher trug, aus denen +eine Fülle köstlicher Rosen in allen Farbennuancen +hervorquoll. Und der Duft dieser Rosen flutete in +<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>den Geruch der Speisen hinein, der großen Fleischstücke, +die von den Dienern auf Riesenschüsseln präsentiert +wurden, geschmackvoll angerichtet, die Fasane +in rotem Federschmuck, gleichsam lebendig, und die +breiten Rehrücken so ausgezeichnet tranchiert, daß +man kaum die Schnittlinien sah. Das gefiel Exzellenz +Usen-Karst besonders; er tat sich auf seine Tranchierkunst +etwas zu gute und hatte schon lange die Absicht, +ein Handbuch darüber zu schreiben, obwohl er +genau wußte, daß er es nie tun würde.</p> + +<p>Solch ein Diner war auf den märkischen Landsitzen +nicht üblich; da gab man’s einfacher, wenn man +Gäste bei sich sah. Aber es schmeckte allen ganz +ausgezeichnet. Der dicke Hauptmann Biese aus +Grochau ließ keinen Gang vorüber und nahm jedesmal +zweimal; er hatte sich die Serviette um den +Hals gebunden, sprach wenig, aß den Fisch mit dem +Messer und tupfte die Soße mit kleinen Brotstückchen +auf. Die jungen Mädchen wurden bei den Gemüsen +interessierter; Artischocken und Trüffeln in der Serviette +hatten bisher die wenigsten gegessen. Auch +Fräulein Gerlinde noch nicht, die Tochter des Kammerherrn +von Ponteck, die demnächst bei Hofe vorgestellt +werden sollte, aber sie tat wenigstens so, und da +sie gegen diese Genüsse vollendet gleichgültig erscheinen +wollte, zerstach sie sich den Finger an einer Artischockenspitze. +Exzellenz Usen hielt sich hauptsächlich +an die Präsentierweine; sein martialisches Gesicht +glühte förmlich, und der buschige Schnauzer leuchtete +schneeweiß.</p> + +<p>Gunther hatte das kleine C des Oberförsters zu +Tische geführt, eine niedliche Brünette, die aus dem +Entzücken nicht herauskam und sich jedesmal auf dem +Stuhle geraderückte, wenn ein Blick der Mutter sie +traf, denn das Geradesitzen war ihr besonders vorgeschrieben +worden. Gunther gab sich alle Mühe, +seine kleine Nachbarin gut zu unterhalten, doch er +fühlte selbst, daß es ihm nicht so recht gelingen +wollte. Er war zerstreut. Sein Auge flog zuweilen +<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>mit ängstlichem Aufblick zwischen das flimmernde +Gläsermeer auf dem Tische hindurch und suchte +Hedda. Auch sie war zerstreut – vielleicht langweilte +sie sich auch. Sie sprach wenig, und Gunther +schien es, als sei sie heute blasser als sonst.</p> + +<p>Das war sie. Der Schrecken, von Klaus zur +Tafel geführt zu werden, hatte jeden Blutstropfen +aus ihren Wangen vertrieben. Aber sie verstand es, +sich zu beherrschen. „Man lebt doch einmal in der +Welt,“ hatte sie ihrem Vater gesagt. Und dieser +Philosophie schien sich selbst der Alte gefügt zu +haben. Er sah noch immer sehr brummig aus, +aber er machte wenigstens keine Dummheiten.</p> + +<p>Auch Zernin schickte sich mit Anstand in die +Situation. Das war zu erwarten gewesen. Er tat, +als sei niemals etwas zwischen ihm und der Cousine +geschehen; es gab keine himmelhohe Mauer und keine +abgrundtiefe Kluft – heiter und freundschaftlich begann +er mit ihr zu plaudern.</p> + +<p>„Wir haben uns lange nicht gesehen, gnädigste +Cousine –“</p> + +<p>„Lange nicht – wie ist es dir inzwischen ergangen?“</p> + +<p>„Nicht besser als einem, der auf einem Pulverfasse +sitzt und jeden Augenblick auf die Explosion +wartet. Aber das ist eine Situation, die auch ihre +Reize hat – bis einem schließlich das Nervenprickeln +zu viel wird und man allmählich abstumpft. +Du hast deine Tage auf dem Baronshofe vermutlich +friedlicher verbracht.“</p> + +<p>„So friedlich, daß ich mich nicht beklagen kann.“</p> + +<p>Er dämpfte seine Stimme ein wenig; im lauten +Geräusch der auf und nieder wogenden Unterhaltung +vermochten sich übrigens nur die nebeneinander +Sitzenden zu verstehen.</p> + +<p>„Du mußt mir verzeihen,“ sagte er, „daß ich +mein Versprechen nicht halten konnte. Anderthalb +Jahre hindurch habe ich die Grenzlinie zwischen Oberlemmingen +und Döbbernitz respektiert. Ob es mir +<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>leicht wurde, tut nichts zur Sache – jedenfalls hab’ +ich mein Wort eingelöst. Aber nun ging es nicht +anders; ich stehe wieder einmal an der Wende. +Döbbernitz wird im Frühjahr endgültig subhastiert +werden.“</p> + +<p>Das war neu für Hedda und schmerzlich. „Also +mußte es doch dahin kommen,“ sagte sie leise.</p> + +<p>Er nickte. „Ich habe seit drei Jahren darauf +gewartet. Ein Dutzend Termine wurden angesetzt, +und immer schaffte ich noch im letzten Augenblick +Hilfe. Jetzt sind alle Quellen versiegt – bis auf +eine, die erst zu sprudeln beginnt, die auf der Grauen +Lehne –“</p> + +<p>„Was hat die mit <em class="gesperrt">dir</em> zu tun?“</p> + +<p>„Viel. Schellheim spekuliert auf Döbbernitz. +Ein unternehmender Geist, sozusagen der Typus der +neuen Zeit, die im Zeichen der Industrie steht, und +vor der wir Landjunker die Segel streichen müssen. +Das ist nun mal nicht anders. <em class="antiqua">Enfin</em> – unser +liebenswerter Gastgeber hat mir vorgeschlagen, Kurdirektor +von Oberlemmingen zu werden. Was sagst +du zu dieser Idee?“</p> + +<p>Hedda antwortete nicht sofort. Das, was Klaus +erzählte, kam so überraschend für sie, daß sie sich +Mühe geben mußte, ihr Erstaunen zu verbergen. +Sie schüttelte den Kopf. War das nicht einfach verrückt? +Wollte der Kommerzienrat denn die ganze +Umgegend gegen sich erbittern? Nein, dazu war er +zu klug; er mußte seine besonderen Absichten mit +Klaus haben. Aber es war doch verrückt. Klaus +paßte im Leben nicht in eine solche Stellung, die +großes administratives Geschick erforderte. Und +schließlich mußte es für ihn selbst demütigend sein, +sich einen neuen Wirkungskreis in unmittelbarster +Nähe des durch eigne Schuld verlorenen zu schaffen. +Und endlich – dieser letzte Gedanke trieb Hedda +das Blut in die Wangen –, war es denn nicht +qualvoll, sich nach alledem, was geschehen war, täglich +sehen, begrüßen und sprechen zu müssen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>Zernin neigte sich etwas tiefer über den Teller.</p> + +<p>„Du scheinst nicht der Ansicht zu sein, daß das +<em class="antiqua">changement de la position</em> sonderlich beglückend für +mich ist,“ fuhr er fort. „Nein, Hedda, das ist es +wahrhaftig nicht. Aber was soll der Mensch machen? +Mein letzter Ausweg war die Fremde – Amerika, +der Sammelplatz der verkrachten Existenzen. Hans +Zesingen ist auch schon drüben – ich glaube, er ist +Barkeeper in New York und mischt für andre Porter +und Sekt, seinen alten Lieblingstrunk. Da bleib’ +ich schon lieber daheim. Man muß sich in die Verhältnisse +zu schicken suchen. Der Junkerschädel hält +nicht mehr stand. Die Handelsverträge und das +römische Recht sind unser Unglück –“</p> + +<p>Er sprach weiter und weiter, immer halbleise, +vom Ruin der Landwirtschaft und Niedergang des +alten Adels. Aber Hedda hörte nur den Schall +der Worte – sie achtete kaum auf den Sinn. Seltsam, +wie sehr sich Klaus verändert hatte. Er war +doch nicht der alte geblieben, er hatte sich „in die +Verhältnisse geschickt“. Es war wohl das beste für +ihn, und trotzdem war sich Hedda klar darüber: der +wilde, trotzige Bursche von ehemals, der auf die +Welt „pfiff“ und mit grimmigem Lachen aller Zucht +und Sitte spottete, hatte mehr Charakter gezeigt als +der sich glatt fügende Diplomat von heute.</p> + +<p>Das Diner näherte sich seinem Ende. Da rasch +serviert worden war, so hatte es kaum über eine +Stunde gedauert. Die Diener reichten Dessert und +Früchte herum, und die Backfische des Oberförsters +machten glückliche Gesichter: sie knabberten gar zu +gern Süßigkeiten. Der dicke Hauptmann Biese +hatte seine Serviette abgebunden und sah sehr zufrieden +aus; so ausgezeichnet hatte es ihm lange +nicht geschmeckt. In der Tat, das Diner war sehr +gelungen, und der Kommerzienrat nickte in einer +Aufwallung ehelicher Liebenswürdigkeit seiner Gattin +über den Tisch herüber freundlich lächelnd zu.</p> + +<p>Plötzlich klinkte Exzellenz Usen-Karst an sein +<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>Glas. Man hatte schon längst darauf gewartet. +Tiefe Stille trat ein, die nur einmal durch das Aufkichern +des oberförsterlichen B unterbrochen wurde. +Die dicke Exzellenz wuchtete vom Stuhle empor, +stemmte die Hände mit den Knöcheln fest auf den +Tisch, atmete tief auf, dabei einen pfeifenden Luftstrom +durch die Nase stoßend, und begann dann zu +sprechen. Der alte Diplomat, dem die böse Welt +nacherzählte, daß er seine Millionen in Konstantinopel +mit Hilfe eines griechischen Bankiers durch ganz +raffinierte Spekulationen verdient hätte, und daß er +auch auf seiner Herrschaft Karstedt ein tolles Serailleben +führe, war ein geistreicher Mann und ein vorzüglicher +Sprecher. Man wußte, daß er die Extravaganzen +liebte, und erwartete auch bei dieser Gelegenheit +etwas Ähnliches, zumal die Rede mit einer +humoristischen Lobhymne auf die Industrie anfing. +Sie beginne langsam auch hier, in diesem verlorenen +märkischen Winkel, an Boden zu gewinnen, wo bisher +der Menschengeist sich höchstens bis in die Regionen +von Kartoffelspiritus und Schlempe verstiegen +habe. Und dann ging es weiter, in buntem und +lustigem Durcheinander – ein ganzes Feuerwerk +guter Einfälle sprühte auf.</p> + +<p>Usen sprach von allem möglichen: von der Notwendigkeit +einer Aussöhnung zwischen Industrie und +Landwirtschaft, vom Wetter, von seinen Weinbergen +und von schönen Frauen, von Lukullus und von +seiner Freude darüber, daß ein so tüchtiger Vertreter +des kaufmännischen Standes, wie der Kommerzienrat +Schellheim, sich im Kreise angekauft habe. Und +dann berührte er auch die neue Quelle, von der +bereits die ganze Gegend spreche, und deren Ausbeutung +in die Hände des scharmanten Gastgebers +gelegt worden sei. Ein Heilquell sei es, und dem +Heil der Menschheit solle sein Wasser dienen, ein +Getränk, das er im allgemeinen verabscheue, dem +er als Mittel zum Zweck aber seine Anerkennung +nicht versagen könne. Daran schloß sich ein Passus, +<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>der auf aller Mienen die mannigfachsten Variationen +von Erstaunen hervorrief. Usen sagte nämlich:</p> + +<p>„... Daß Oberlemmingen einer neuen, zukunftsfrohen +Ära entgegengeht – ja, ja, mein alter, verehrter +Freund Hellstern –, daran zweifle ich nicht. +Ich höre, daß <em class="gesperrt">mit</em> unserm liebenswürdigen Wirt +noch ein andrer Eingesessener des Kreises an die +Spitze des Unternehmens treten will, – und ich +hoffe, daß das frisch sprudelnde Wasser in der Buchenhalde +auch für <em class="gesperrt">ihn</em> ein <em class="gesperrt">Heil</em>quell werden wird. +Nach Heilung dürsten wir schließlich alle, und wenn +es uns noch so gut ergeht. Denn jede Heilung ist +ein Besserwerden, und wen gibt’s, der selbstlos +genug wäre, es sich nicht besser zu wünschen, als er +es hat! Ach nein, gestehen wir es uns: wir sind +Egoisten, und auch ein Stück Pharisäertum schlummert +in unsrer Brust. Neben der Hoffnung auf +das Besserwerden wohnt Tür an Tür das Besserdünken. +Und so kommt es leicht, daß der Pharisäer +in uns sich gewaltig reckt, wenn einmal der Mitmensch +gefehlt und geirrt hat. Ich hatte einen +Freund unten im Orient, der war weise und gut, +aber er trank Wein und nicht wenig, und das durfte +er nicht, denn er war Mohammedaner. Und wenn +man ihm sagte, daß er sündige, so antwortete er: +‚Geh hin nach Chanimbaïri und sieh, ob <em class="gesperrt">du</em> nicht +sündig bist.‘ Dort liegt nämlich ein Brunnen, von +dem die Sage erzählt, daß im Wasserspiegel sich +Flecken zeigen, wenn ein sündhafter Mensch hineinschaut. +Und so mein’ ich auch – ehe wir verdammen +und verurteilen, gehen wir nach Chanimbaïri ...“</p> + +<p>Der Schluß war kurz; er galt den Gastgebern. +Man nahm fröhlich das Hoch auf, dann aber zog, +während auch die dicke Exzellenz wieder Platz genommen +hatte, ein ganz leiser Hauch von Verstimmung +oder wenigstens von Befremdung durch +die Gesellschaft. Man hatte verstanden. Herr von +Usens Blick hatte bei seinen Worten deutlich den +<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>Döbbernitzer Zernin gestreift. Der war gemeint. +Der sollte im Verein mit dem Kommerzienrat die +Quellengeschichte „entrieren“ – gerade der, der dem +Bettelstab nahe war –, gerade der. Und unzweifelhaft +war die Rede Usens ein Rehabilitationsversuch +für Klaus von Zernin gewesen. Wie kam +Usen dazu? Er hatte schon vorher dem verlotterten +Döbbernitzer so merkwürdig herzlich die Hand geschüttelt +– was sollte das alles heißen?! Herr +von Wessels, der Landrat, lächelte sein feinstes diplomatisches +Lächeln, und der Kammerherr von Ponteck +flüsterte seiner Nachbarin zu: „Prost, meine Gnädigste +– also gehen wir nach Kaminbirrira, oder wie das +Ding heißt ...“</p> + +<p>Zernins Gesicht hatte sich gar nicht verändert. +Er spielte zuerst mit der Nelke, die neben seinem +Teller lag, und hierauf mit einem kleinen goldenen +Crayon, den er aus der Westentasche genommen +hatte. Und auf einmal zog er seine Tischkarte näher +und kritzelte ein paar Worte auf deren Rückseite. +Dann schob er die Karte unbemerkt seiner rechten +Nachbarin zu.</p> + +<p>Hedda, die durch die Rede Usens eigentümlich +berührt wurde, und auf deren Wangen Röte und +Blässe wechselten, warf einen raschen Blick auf die +Schrift und preßte die Zähne zusammen. Sie las: +„Kann ich dich morgen nachmittag fünf Uhr auf +wenige Minuten allein sprechen? – Am alten +Platz.“</p> + +<p>Wie in mechanischer Spielerei nahm sie die Karte +und zerriß sie.</p> + +<p>„Nein!“ sagte sie kurz.</p> + +<p>Nur einer am Tische schien die kleine Episode +bemerkt zu haben: der Pastor. Er sah sehr ernst +aus; etwas wie eine folternde Sorge lag auf seinem +schönen, alten Gesicht.</p> + +<p>Der Kommerzienrat winkte seiner Gattin; man +erhob sich. Die ganze Gesellschaft flutete in die +Salons zurück, und wieder schwirrte, während man +<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>sich „Gesegnete Mahlzeit!“ wünschte, die Unterhaltung +lebhaft auf. Jetzt drückte nicht mehr von +allen Gästen Usen allein Herrn von Zernin die +Hand; drei, vier, fünf andre folgten. Auch die +Oberförsterin lächelte, als Klaus sich stumm vor ihr +verneigte. Die Woydczinska strich dicht an ihm +vorüber.</p> + +<p>„Kommen Sie übermorgen abend,“ flüsterte sie +ihm zu; „eine Cousine aus dem Polnischen ist bei +mir zu Besuch. Wir wollen eine neue Sektmarke +proben ...“</p> + +<p>Als Herr von Usen dem Kommerzienrat die Hand +drückte, fragte er halblaut:</p> + +<p>„So war es gut, dächt’ ich –“</p> + +<p>„Ganz ausgezeichnet, Exzellenz – tausend Dank, +tausend Dank –“</p> + +<p>„Aber nun eine Zigarre als Belohnung –“</p> + +<p>Schellheim nahm Usen unter den Arm und führte +ihn in das Rauchzimmer. Die meisten Herren hatten +sich bereits hierher zurückgezogen; Hauptmann Biese +rauchte schon eine kolossale Upmann, die das Werk +des Abends krönen sollte. Die Diener brachten Kaffee +und Liköre; man fühlte sich sehr behaglich.</p> + +<p>Es war selbstverständlich, daß das Thema von +der Quelle nicht abriß. Aber der Kommerzienrat +wich geschickt aus; es machte den Eindruck, als wolle +er nicht vor der Zeit von der Sache sprechen. An +seiner Stelle gab der Landrat einige Einzelheiten. +Gewiß, die Graue Lehne war Bauernterrain – die +Quelle gehörte den Möllers, aber der Kommerzienrat +war der Geldmann. Er war sozusagen der +treibende Faktor. Die Formalitäten waren bereits +abgeschlossen: Kommanditgesellschaft – eine Bank +beteiligte sich nicht. Und im Mai sollte die Einweihung +sein, das stand fest.</p> + +<p>Hauptmann Biese, der mit seiner Upmann im +Munde in einem Fauteuil neben dem Kamin lag, +sah sich im Kreise um. Nur der Landrat, der +Kammerherr von Ponteck, der Wernochower Klitzingk, +<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>Oberförster Tornow und der Schönwaider waren +im Augenblick im Zimmer – da konnte man schon +ein bißchen klatschen.</p> + +<p>„Aber hören Sie mal, meine Herren,“ sagte +Biese mit seiner fetten Stimme, „das mit dem Döbbernitzer +– unter uns – ist doch ein Wagnis. Das +ist doch eine verfluchte Geschichte – nicht?“</p> + +<p>Der Landrat zuckte die Achseln.</p> + +<p>„Warum denn, lieber Herr Nachbar? Es wär’ +ja recht gut, wenn der arme Kerl wieder ein bissel +in die Höhe käme!“</p> + +<p>Aber der alte Baron Klitzingk strich seinen +weißen Katerbart und schüttelte den Kopf.</p> + +<p>„Nein, Herr von Wessels,“ erwiderte er, „ich +kann Ihnen in diesem Falle nicht recht geben. Exzellenz +Usen meint zwar, wir sollten nach – Dingsda +gehen und sehen, ob wir nicht auch sündig wären – +na, ich habe aus meinem Herzen nie eine Mörderhöhle +gemacht, aber ich bin doch der Ansicht, daß +Zernin besser getan hätte, sich nach Amerika zu +drücken. Er hat’s <em class="gesperrt">zu</em> toll getrieben –“</p> + +<p>„Ach was – der alte Bismarck hat’s auch toll +getrieben, als er noch auf Kniephof saß, und ist doch +ein ganzer Mann geworden!“</p> + +<p>„Wird sich der Zernin denn auf Döbbernitz +halten können?“ warf der Oberförster ein.</p> + +<p>Die Meinungen waren geteilt. Herr von Nehringen +wollte wissen, daß Schellheim Döbbernitz im +Interesse Zernins administrieren lassen werde. Herr +von Ponteck vermutete, er wolle es kaufen – daher +seine Bemühungen, Zernin eine neue Position zu +schaffen.</p> + +<p>Biese meinte, der Kommerzienrat sei eine „ganz +schlaue Unke“. Er sprach von seinem Gastgeber +nicht im freundlichsten Tone. Das ärgerte schließlich +den Landrat.</p> + +<p>„Erlauben Sie, Herr Nachbar,“ sagte er, „wir +befinden uns noch immer unter dem Dache des +Kommerzienrats ...“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>In der Halle hatte man Whisttische aufgestellt. +Die Damen saßen im ersten Empiresalon und sprachen +von häuslichen Dingen. Im Augenblick wurde die +Frage erwogen, ob sich Eingemachtes besser in verlöteten +Blechbüchsen oder in hermetisch verschlossenen +Gläsern halte. Frau Necker aus Klotschow führte +das Wort. Nebenan kicherten die Backfische. Sie +unterhielten sich über Toilettefragen; im Februar +sollte in Zielenberg der Landschaftsball stattfinden, +und das war immer ein Ereignis.</p> + +<p>Zernin hatte rasch ein paar Züge Zigarette geraucht +und war dann in die Salons zurückgekehrt. +Sein Herz klopfte ungestüm. Er fand selbst, daß +er nicht mehr der alte war. Er war in grimmigster +Laune und durfte sie nicht austoben lassen. Er +wußte ganz genau, daß die Rede Usens eine abgekartete +Sache war – so eine Art „Restitutionsedikt“ +für ihn. Aber nichtsdestoweniger war sie +brutal und taktlos gewesen. Er kam sich unglaublich +lächerlich vor in der Rolle des reuigen Sünders. +Im Grunde seines Herzens war ihm die ganze +Gesellschaft der Umgegend heute genau so gleichgültig +wie früher; heimlich „pfiff“ er noch immer +auf die Welt. Aber es half alles nichts; er mußte +katzbuckeln und ein frommes Gesicht machen, wenn +die Wellen nicht über ihm zusammenschlagen sollten.</p> + +<p>Er suchte Hedda. Er mußte noch ein Wort mit +ihr sprechen. Sie hatte sich mit der Woydczinska +unterhalten und fragte nun nach ihrem Vater.</p> + +<p>„Der sitzt schon beim Whist,“ antwortete Klaus.</p> + +<p>„Gut so. Da ist er untergebracht. Mit wem +spielt er?“</p> + +<p>„Mit dem Pastor und dem Kreisphysikus, – +ungefährliche Leute, die sich widerspruchslos anschnauzen +lassen ...“</p> + +<p>Die beiden standen am Ofen, halb verdeckt von +einem großen, kunstvoll gestickten Schirm mit goldenen +Bienen, der aus St. Cloud stammen sollte. +Kein Mensch war in ihrer Nähe. Von nebenan +<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>hörte man die scharfe Stimme der Frau Necker-Klotschow, +die von ungezuckerten Pfirsichen sprach.</p> + +<p>Zernins Blick bohrte sich in die Augen Heddas. +Er fand, daß sie noch schöner geworden war, reifer; +sie stand im Sommer ihrer Jungfrauenschaft.</p> + +<p>„Also nicht, Hedda?“ fragte er.</p> + +<p>Sie verstand sofort. „Nein,“ antwortete sie, +„ich will nicht.“</p> + +<p>„Ich begreife dich nicht. Hast du Angst vor +mir?“</p> + +<p>„Die hatte ich nie; höchstens sorgte ich mich um +dich.“</p> + +<p>„Aber heute nicht mehr?“</p> + +<p>„Was sollen diese Fragen, Klaus? Ich habe +zu meiner großen Freude gehört, daß es mit dir +wieder bergauf geht. Daß mich der Gedanke anfänglich +erschreckt hat, dich künftighin häufig sehen +zu müssen, war nur natürlich. Aber ich bin schon +beruhigt. Mein Schreck war Torheit. Wir haben +uns nichts vorzuwerfen. Wir sind uns ja auch +klar darüber geworden, daß wir uns nichts mehr +zu sagen haben, was nicht die ganze Welt hören +könnte. Seit anderthalb Jahren sind wir uns +darüber klar. Und es ist heute nicht anders als +damals.“</p> + +<p>Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. +Die Ruhe, mit der sie sprach, brachte sein Blut in +Wallung.</p> + +<p>„Ich danke dir. Du findest immer den rechten +Ton. Ist es dir denn <em class="gesperrt">so</em> leicht geworden, dich +von mir zu trennen? Soll ich dir erzählen, was +<em class="gesperrt">ich</em> gelitten habe? Soll es <em class="gesperrt">ganz</em> aus sein zwischen +uns? Hedda, hast du gar nichts mehr für mich +übrig?!“</p> + +<p>Sie fühlte, daß sie eine krankhafte Empfindung +von Schwäche beschlich.</p> + +<p>„Laß mich, Klaus,“ bat sie; „quäle mich nicht ...“</p> + +<p>Er richtete sich straff auf.</p> + +<p>„Also gut,“ sagte er. „Legen wir wieder die +<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>Maske vor. Es geht weiter bergauf. Es geht im +Galopp bergauf, Hedda. Du hast gesehen, wie man +mir mit gütigen Händen die Bahn ebnet. Der dicke +Usen und Schellheim sind mir als rettende Englein +zur Seite gestellt worden – das Weltkind in der +Mitte. Ich werde noch ein reicher Mann werden +und ein sehr solider Philister. Der Kommerzienrat +hat auch schon eine Frau für mich <em class="antiqua">in petto</em> – irgend +ein Judenmädel mit märchenhafter Mitgift. Es geht +in der Karriere bergauf, Hedda ...“</p> + +<p>Sie starrte ihn an, als begreife sie nicht, was er +sprach. Ein Ausdruck zynischen Hohns lag auf seinem +Gesicht. Es war wie eine Erlösung für sie, daß in +diesem Augenblick Gerlinde Ponteck in das Zimmer +trat, um sie in einer wichtigen Angelegenheit zu Rate +zu ziehen: Auguste, Berta und Constance Tornow +wollten auf den Landschaftsball in Weiß, Blau und +Rosa gehen, doch war Gerlinde der Meinung, daß +die drei Schwestern gleichmäßig Weiß tragen sollten +– ob Hedda das nicht auch hübscher finde?</p> + +<p>„Natürlich,“ sagte Zernin, „alle drei weiß, wie +die Tauben, oder nein, wie ein Schwanentrio. Denn +Weiß ist die Farbe der Unschuld und schon aus +diesem Grunde jungen Mädchen bestens zu empfehlen. +Aber Halsbänder aus schwarzem Samt dazu, wenn +ich mir einen Vorschlag erlauben darf. Das gibt +eine angenehme Abwechslung und erzielt einen +pikanten Kontrast, dieweil die weiße Unschuld doch +manchmal langweilig wirkt ...“</p> + +<p>Fräulein von Ponteck lächelte krampfhaft, weil +sie nicht wußte, wie sie sich diesem schrecklichen Menschen +gegenüber benehmen sollte, und war froh, daß +Hedda sie in das Nebenzimmer zog, um dort das +A, B, C über die strittige Frage zu belehren.</p> + +<p>Gunther hatte im Verlaufe des Abends wenig +Gelegenheit gefunden, sich Hedda zu nähern. Er +litt an beständigem Herzklopfen. Er hatte seinen +Vater gebeten, den alten Freiherrn mit größter +Delikatesse auszuhorchen, aber es schien, als sei es +<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>unmöglich, Hellsterns auf ein paar Minuten allein +habhaft zu werden. In seiner fieberhaften Nervosität +irrte Gunther von Zimmer zu Zimmer, langweilte +sich bei den älteren Damen, scherzte mit den +Backfischen, plauderte mit Zernin und setzte sich dann +ein Viertelstündchen neben Frau Rittmeister Woydczinska, +deren dunkle Schönheit auch auf ihn eine +gewisse Anziehungskraft ausübte.</p> + +<p>Mitten in der Unterhaltung aber versagte ihm +das Wort. Er sah seinen Vater an der Seite Hellsterns +durch die Zimmer schreiten. Der Kommerzienrat +schien dem Alten die Räume zeigen zu wollen; +er gestikulierte lebhaft, wies hierhin und dorthin, +blieb zuweilen vor einem Bilde oder einer Statuette +stehen und verschwand schließlich mit Hellstern im +Speisesaal.</p> + +<p>Jetzt wußte Gunther Bescheid. Jenseits des +Speisezimmers lag das Arbeitskabinett seines Vaters. +Dort waren die beiden ungestört – und stärker +hämmerte das verliebte Herz.</p> + +<p>Es war so. Der Baron hatte keine Lust mehr, +weiterzuspielen. Der Kreisphysikus hatte gewöhnlich +die Cinq Honneurs und er lauter Ladons in der +Hand; der Pastor aber spielte wie im Traume – so +etwas Schlafmütziges war noch gar nicht dagewesen. +Da dankte man lieber.</p> + +<p>Und diesen Moment hatte der Kommerzienrat +abgepaßt. Hellstern sagte ihm ein liebenswürdiges +Wort über die geschmackvolle Einrichtung des Schlosses, +worauf Schellheim sich erbot, den Baron ein wenig +herumzuführen. Im Arbeitszimmer hatte er ihn +sicher.</p> + +<p>Es war dies ein Turmgemach, ein runder Raum +mit einem einzigen hohen Glasfenster in einer auf +einen kleinen Balkon führenden Tür. Ein Hauch +von Behaglichkeit wehte durch das Zimmer. Hellsterns +Blick fiel zunächst auf einen großen eisernen +Geldschrank und dann auf zwei Stahlstiche an der +Wand: der Überfall reisender Kaufleute durch die +<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>Quitzows und die Verbrennung der Schuldscheine +Kaiser Karls V. durch Fugger.</p> + +<p>Schellheim sah, daß der Freiherr die beiden Bilder +mit einem gewissen Interesse betrachtete, und er +lächelte.</p> + +<p>„Es sind zwei Mahnungen, Herr Baron,“ sagte +er. „Ein Appell an die Vorsicht und einer an die +Generosität – <em class="antiqua">„cave“</em> und <em class="antiqua">„noblesse oblige“</em>. Knöpfe +die Taschen zu, sagt mir das eine Bild, und knöpfe +sie auf, das andre. Jedes zu seiner Zeit. Ich liebe +derartige kleine Denkzettel.“</p> + +<p>„Allerdings,“ entgegnete der Freiherr, „sind sie +zweckmäßiger als ein Knoten im Taschentuch. Aber +bedürfen Sie denn eines solchen Mementos? Ein +Charakter wie Sie?“</p> + +<p>„O, lieber Baron, Sie schmeicheln mir! Wäre +ich in der Tat ein ganzer Charakter, dann wäre ich +auch ein besserer Kaufmann. Man hält mich allerdings +für einen hervorragenden Industriellen, aber +in Wahrheit bin ich es nicht. Wenigstens nicht ganz. +Auf der einen Seite steckt noch zu viel vom Krämer +in mir, auf der andern zu viel kaufmännischer Aristokratismus. +Und das verträgt sich schlecht. Irgend +ein bekannter Volkswirtschafter – war es nicht Friedrich +List? – hat einmal gesagt, die Kraft, Reichtümer +zu erwerben, sei mehr wert, als der Reichtum +selbst. Das ist ein großes Wort, denn wirklich: +klingendes Kapital kann zerrinnen, aber die Gabe +des Erwerbens stiehlt uns niemand. Ich will nicht +sagen, daß ich sie nicht auch besitze, denn sonst hätte +ich es – immerhin – nicht so weit gebracht. Doch +hundertmal stelle ich mein Licht unter den Scheffel – +ach ja, es ist so. Wozu erwerbe ich Landgüter und +lege meinen Besitz fest und zersplittere damit mein +bürgerliches Erbe: die Kraft des Schaffens, die Möglichkeit +des Gewinnens? Aus aristokratischer Neigung, +die sich mit dem Geiste des kaufmännischen Bürgertums +im Grunde genommen herzlich wenig verträgt. +Und diese Neigung treibt mich noch weiter. Döbbernitz +<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>soll verkauft werden; ich hätte nicht übel Lust, es an +mich zu bringen und meinem Zweiten fideikommissarisch +zu sichern ...“</p> + +<p>Er schob den schweren Arbeitssessel, der vor dem +Schreibtische stand, neben Hellstern.</p> + +<p>„Nehmen Sie einen Augenblick Platz, bester +Baron,“ sagte er, „Sie werden ermüdet sein.“</p> + +<p>Hellstern ließ sich nieder und lehnte seine Krücken +gegen den Stuhl.</p> + +<p>„Ja,“ entgegnete er kopfnickend, „ich bin ein +bißchen müde. Die verdammte Ischias dörrt einem +das Mark aus den Knochen. Also Sie spekulieren +auf Döbbernitz? Ich dacht’ mir’s beinahe, als ich +Zernin bei Ihnen sah. Es mußte einen Zweck +haben –“</p> + +<p>„Ah ja“ – und Schellheim lachte kurz auf –, +„so viel Kaufmann bin ich denn doch! Aber andrerseits +reizt es mich auch, Herrn von Zernin wieder +auf die Beine zu helfen. Es steckt ja doch eine ganze +Portion Tüchtigkeit in ihm. Und es berührt immer +tragisch, einen großen und berühmten Namen verschmutzen +und versumpfen zu sehen –“</p> + +<p>„Seine eigne Schuld,“ bemerkte Hellstern knurrig.</p> + +<p>„Seine eigne Schuld – freilich, freilich! Aber +darum nicht minder tragisch. Sein Vater hat am +Ruhme Preußens und Deutschlands erheblich mitarbeiten +helfen, und der Sohn steht vor dem Untergange. +Durch eigne Schuld, ganz gewiß – Sie +haben schon recht, Herr Baron. Aber ich erinnere +Sie an die Worte Exzellenz Usens: seien wir nicht +allzu pharisäisch! Aus Herrn von Zernin kann noch +einmal etwas ganz Brauchbares werden, wenn er +mit den alten Schulden aufgeräumt hat und man +ihm ein klein wenig Beistand leistet.“</p> + +<p>„Wird er Ihnen nicht zu viel für Döbbernitz +fordern – fordern <em class="gesperrt">müssen</em>, um seine Gläubiger +befriedigen zu können?“</p> + +<p>„Ah nein – ich kaufe nicht direkt, ich warte die +Subhastation ab. Sie steht vor der Tür. Mit den +<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>ausfallenden Gläubigern werde ich Herrn von Zernin +zu arrangieren versuchen. Es wird sich schon machen +lassen.“</p> + +<p>„Wenn der gute Wille da ist und eine geschickte +Hand – warum nicht. Übrigens, leicht wird es +Ihnen nicht werden, auf Döbbernitz Ordnung zu +schaffen. Der Junge hat alles verlottert. Seit +Jahresfrist ist nichts mehr bestellt worden, wie mir +Tornow erzählt. Auf den Wiesen wächst Schilf, und +die Felder sehen wie eine Prärie aus.“</p> + +<p>„Aber der Boden ist gut, und das Ausruhen +wird ihm nicht viel geschadet haben.“</p> + +<p>„Ist richtig. Und schließlich – mit Geld ist +alles zu machen.“</p> + +<p>Jetzt zog der Kommerzienrat die Brauen sehr hoch.</p> + +<p>„In gewissem Sinne, ja,“ antwortete er. „Aber +das Kapital, das ich in Döbbernitz hineinstecken muß, +arbeitet nicht – wenigstens vorläufig nicht –, und +wenn es zu arbeiten beginnt, wird es auch nur eine +geringe Verzinsung abwerfen. Ich sagte Ihnen ja: +ein vollendeter Kaufmann bin ich noch lange nicht. +Trotz alledem – ich möchte dem Gunther ein behagliches +Nest schaffen –“</p> + +<p>„Sehr verständlich,“ warf der Freiherr ein; „er +wird ja auch einmal an das Heiraten denken.“</p> + +<p>Schellheim fing diese Bemerkung auf. Gott sei +Dank, nun war die Anknüpfung gefunden! Er hatte +schon Sorge gehabt, den rechten Faden nicht erwischen +zu können. Ein wenig in Unruhe war er +doch. Er zog sich gleichfalls einen Stuhl heran +und setzte sich Hellstern gegenüber. Seine Hände +zitterten leicht.</p> + +<p>„Ja natürlich,“ entgegnete er, „an das Heiraten – +nötig wär’s ja noch nicht – er könnte immer noch +ein paar Jahre warten. Aber – na, er hat mich +neulich ins Vertrauen gezogen, und da wir gerade +unter uns sind, lieber Baron, möcht’ ich mir auch +ein paar vertrauliche Worte gestatten. Der – der +Junge ist nämlich in – ist nämlich bis über beide +<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>Ohren verliebt, lieber Baron – und in wen? Wissen +Sie, in wen?“</p> + +<p>„Ahnungslos,“ sagte Hellstern, und dann schoß +ihm ein Gedanke durch den Kopf. „Sapperlot – +etwa in die Woydczinska? Das ist ein deubelsmäßiges +Frauenzimmer mit ihren Kohlenaugen!“</p> + +<p>„I Gott bewahre! Das sollte mir fehlen! Nein +– in – in – in – na, es muß einmal heraus – +in Baronesse Hedda!“</p> + +<p>Hellstern war wie erstarrt.</p> + +<p>„In Hedda?“ fragte er, maßlos erstaunt. „In +<em class="gesperrt">meine</em> Hedda?“</p> + +<p>Der Kommerzienrat nickte.</p> + +<p>„Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Baron, daß ich +eine ernsthafte Aussprache mit ihm gehabt habe. Eine +sehr ernsthafte. Ich habe ihm die Sache ausreden +wollen. Trotz neunzehntem Jahrhundert und allen +gegenteiligen Versicherungen sind wir noch nicht über +die Klippen und Untiefen gewisser gesellschaftlicher +Vorurteile hinweggekommen. Der uralte Gegensatz +zwischen Adel und Bürgertum scheidet auch uns zwei. +Sie haben den Ruhm des historischen Namens, ich +nichts als das stolze Bewußtsein, ein Emporkömmling +zu sein. Nun ja, auch darauf bin ich stolz, denn +was ich erreicht habe, erreichte ich durch mich selbst. +Plebejerstolz meinethalben, doch auch ihn soll man +respektieren. Und das war’s, was mir Sorge machte, +war der Grund, der mich dazu trieb, Gunther die +Sache aus dem Kopfe zu reden: ich fürchtete, in +meinem Stolze verletzt zu werden ...“</p> + +<p>Der Freiherr hatte den Kopf in die Hand gestützt. +Er war sehr ernst geworden. Er hatte in +diesem Augenblick nur das eine Empfinden: sich so +zu beherrschen, daß er den Kommerzienrat nicht kränkte, +nicht beleidigte. Denn in der Tat – das wollte er +nicht; es war doch etwas Respekteinflößendes in dem +Wesen dieses Mannes, so meilenfern dessen Anschauungswelt +auch der seinen lag.</p> + +<p>Er ließ die Hand sinken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>„Zunächst die Hauptsache,“ fragte er; „haben die +beiden sich schon verständigt?“</p> + +<p>Schellheim schöpfte tief Atem. Es flog sonnig +über sein Gesicht. Eine strikte Absage hatte er nicht +erwartet, aber ein langes Poltern. Und nun war +Hellstern so ruhig, wie man ihn selten sah.</p> + +<p>„Nein,“ antwortete der Kommerzienrat, „sie haben +sich noch nicht ausgesprochen. Aber – Sie wissen, +wie die Liebe forscht. Aus hundert kleinen Zügen +hat Gunther die Berechtigung zur Werbung herleiten +zu dürfen geglaubt.“</p> + +<p>Hellstern schüttelte den Kopf.</p> + +<p>„Hedda hat mir keinerlei Andeutungen gemacht, +nicht die kleinste. Sie hat Gunther – hat Ihren +Herrn Sohn –“</p> + +<p>„Sagen Sie ruhig Gunther, lieber Baron –“</p> + +<p>„Hat Ihren Herrn Sohn ja doch auch erst zwei- +oder dreimal gesehen! Freilich, das will nichts bedeuten. +Ich lernte meine gute Selige des Abends +kennen, und am nächsten Abend waren wir Brautleute. +Aber es frappiert mich doch, daß Hedda – +nun, und <em class="gesperrt">Sie</em>, Kommerzienrat? Abgesehen von Ihren +prinzipiellen Bedenken: würde Ihnen die Heirat +passen?“</p> + +<p>Jetzt glaubte Schellheim seiner Sache sicher zu +sein. Aber als kluger Mann triumphierte er nicht.</p> + +<p>„Gott, Herr Baron,“ erwiderte er, „ich bin kein +Komödienvater. Ich habe das Für und Wider reiflich +erwogen und mit meinem persönlichen Empfinden +nicht hinter dem Berge gehalten. Und ich würde die +Sache noch erheblich ernster aufgefaßt haben, wäre +Baronesse Hedda eine andre. Aber <em class="gesperrt">so</em>! Ich muß +Ihnen sagen, lieber Baron, daß ich vor Baronesse +Hedda die allergrößte Hochachtung habe –“</p> + +<p>„Der Teufel soll dich holen, wenn du es nicht +hättest,“ dachte Hellstern.</p> + +<p>„– und daß ich sie wahrhaft schätzen gelernt +habe. Gerade die Anspruchslosigkeit ihres Wesens – +das ist’s, was mir so gut an ihr gefällt. Und ich +<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>meine, die hat sie von Ihnen gelernt, Baron, Sie +sind auch so.“</p> + +<p>„Wir sind alle so,“ erwiderte Hellstern. „Der +märkische Adel hat sich immer nach der Decke strecken +müssen. Er hat immer um Leben und Existenz +gekämpft, und brach einmal einer zusammen, so geschah’s +in Ehren, wie draußen auf dem Schlachtfelde. +Mit Ausnahmen natürlich – die gibt’s überall. Und +wenn die liberalen Zeitungen der Welt erzählen, daß +unser Adel sein Geld verjuxt habe, so schwindeln sie +einfach –“</p> + +<p>Er hielt einen Augenblick inne. Sein Großvater +fiel ihm ein, ein wilder Mann, von dessen unsinniger +Verschwendungssucht ihm die Mutter oft genug erzählt +hatte. Ein Schatten flog über seine Stirn, +und er winkte mit der Hand.</p> + +<p>„Und Ihre Gattin, Herr Kommerzienrat?“ fragte +er. „Wie denkt <em class="gesperrt">sie</em> über die Heirat?“</p> + +<p>Schellheim lächelte. „Sie war von vornherein +der Meinung, daß man dem Glücke unsres Sohnes +keine Schwierigkeiten bereiten dürfe.“ Er seufzte. +„Das ist es ja – im Grunde genommen ist ihr +Standpunkt der einzig richtige. Ich möchte Gunther +auch glücklich sehen. Er ist eine stille, bescheidene +Natur, ein Ideologe, ein echter Gelehrter. Nun gut – +ich habe nichts dawider, da er sich seinen Beruf doch +einmal selbst gewählt hat und seine irdische Seligkeit +von allerhand alten Scharteken abzuhängen scheint. +Aber ich will ihm wenigstens den Weg ebnen helfen. +Er kann seine Dozentenstellung aufgeben; als Privatgelehrter +kann er sich seinen Studien noch besser +widmen. Ich möchte wissen, wem es so bequem gemacht +wird. Dann mag er ein paar Wintermonate +in Berlin oder sonstwo verleben, meinetwegen auch +auf Reisen, und im Sommer hat er Döbbernitz. Das +ist auch für Sie von Wert, lieber Baron. Sie haben +Ihre Tochter immer in der Nähe, können täglich ein +Stündchen mit ihr zusammen sein, wenn Sie Lust +haben –“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>„Und wenn aus der Heirat etwas wird,“ fiel +Hellstern ein. Er erhob sich schwerfällig. „Nun +hören Sie auch einmal <em class="gesperrt">meine</em> Ansicht, lieber Kommerzienrat. +Ich will ehrlich sein: ich bin <em class="gesperrt">nicht</em> für +die Heirat. Auch ich habe meine prinzipiellen Bedenken +– genau so wie Sie. Kein Mensch kann +aus seiner Haut. Hätt’ ich einen Jungen und Sie +hätten ein Mädel – ich würde mit Freuden ja und +Amen sagen, wenn die beiden sich liebten und haben +wollten, denn dann würde Ihre Tochter und die +Nachkommenschaft unsrer Kinder meinen Namen +tragen. Nichts für ungut, Herr Schellheim. Auch +<em class="gesperrt">Ihr</em> Name ist gut, nicht schön, aber ehrlich und +fleckenlos. Achtung vor ihm! Doch ich stecke wirklich +noch etwas in Vorurteilen; ich würde es lieber +sehen, wenn Hedda einen Edelmann heiratet. Keinen +vom Schlage Zernins natürlich – Sie verstehen +mich schon! Nennen Sie mich töricht, verbohrt, +bettelstolz – ich lass’ mir’s gefallen. Ich kann nicht +anders – ich muß Ihnen die Wahrheit sagen ...“</p> + +<p>Schellheim war etwas blaß geworden, und Hellstern +sah das. Er legte seine Hand auf die Schulter +des Kommerzienrats.</p> + +<p>„Denken Sie mal nach, lieber Freund,“ fuhr er +fort; „wir haben uns nie verstanden – ich meine +nicht wir zwei, sondern Adel und Bürgertum im allgemeinen. +Die Feindschaft hat nie geruht, zur Zeit +des Städtewesens so wenig wie heute. Sie lesen +doch auch die Zeitungen. Die ganze liberale Presse +paukt auf dem Junker herum –“</p> + +<p>„Doch nicht auf dem Adel, Herr Baron. Sie +unterscheidet zwischen dem Junkertum, das nur Prärogative +und keine Pflichten kennt, und dem wahren +Adel, der mit der Vornehmheit des Namens auch +die der Gesinnung verbindet.“</p> + +<p>„Ich will mit Ihnen nicht über die Verlogenheit +unsrer Presse streiten, Herr Kommerzienrat. Die +Adelshetze wird systematisch betrieben – das ist Tatsache. +Offizierkorps, Diplomatie, Landräte, die adeligen +<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>Beamten – alles Schufte, Schufte in den +Augen des Liberalismus! Nur die paar, die zur +gleichen politischen Fahne schwören, der Stauffenberg +und Saucken-Tarputschen und Forckenbeck und +wie sie sonst noch heißen mögen, – das sind leuchtende +Ehrenmänner! Nee, lieber Freund, an dem +Faktum, daß die Kluft zwischen Bürger und Edelmann +immer mehr vertieft wird, ist nicht zu rütteln. +Und auch ein paar Heiraten herüber und hinüber +überbrücken sie nicht. Na – und nun wieder zur +Sache! Meinen Standpunkt kennen Sie. Aber auch +in andrer Beziehung geht’s mir wie Ihnen. Ich +will gleichfalls das Glück meiner Tochter. Ich werde +mit ihr sprechen, werde sie einfach fragen, ohne zu- +oder abzureden, werde ihr sagen: ‚Hör mal, der +Gunther Schellheim ist in dich verschossen, hast du +auch etwas für ihn übrig, und wie denkst du über +eine Ehe mit ihm?‘ Und nach ihrem Ja oder Nein +werde ich handeln. Ich meine, das ist das Vernünftigste. +Einverstanden, Schellheim?“</p> + +<p>Er hielt ihm die Rechte hin, und der Kommerzienrat +schlug ein. „Wie sollte ich nicht!“ antwortete er. +Und sie schüttelten sich die Hände.</p> + +<p>„Nun aber zurück zur Gesellschaft,“ sagte Hellstern. +„Man glaubt sonst, ich wollte Aktionär Ihrer +Quelle werden ...“ Er schob seinen Arm unter +den des Rats. „Also ich denke, ich werde Ihnen +schon morgen Antwort erteilen können.“</p> + + + + +<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">A</span>ls die Herren in die Salons zurückkehrten, +rüsteten die Pontecks, Biese mit seiner Frau +und die oberförsterliche Familie bereits zum Aufbruch. +Gunther suchte nach seinem Vater, der sich von Hellstern +getrennt hatte und den allgemeinen Aufbruch +verhindern wollte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>„Wo steckst du denn, Papa?“ fragte Gunther.</p> + +<p>Schellheim klopfte ihm auf die blasse Wange.</p> + +<p>„Ich habe für <em class="gesperrt">dich</em> gewirkt, mein Junge,“ entgegnete +er schmunzelnd. „Der Alte ist entgegenkommender +als ich dachte, aber der Tick sitzt ihm doch +im Kopfe. Es hängt alles von Hedda ab. Sagt +sie ja, so könnt ihr schon morgen verlobt sein. Und +ich fühl’ es: sie <em class="gesperrt">wird</em> ja sagen ... Später mehr +davon. Warum bricht denn schon alles auf? Es +ist ja kaum zehn. Haben die Diener Bier präsentiert? +Die Mama bekümmert sich nie um dergleichen – +wenn <em class="gesperrt">ich</em> nicht überall hinterher bin –“</p> + +<p>„Es ist alles besorgt, Papa. Aber ich glaube, +es ist im Rauchzimmer zu einer kleinen Streitigkeit +gekommen –“</p> + +<p>„Streitigkeit? Zwischen wem?“</p> + +<p>„Zwischen Hauptmann Biese und Herrn von Zernin. +Ich weiß nicht, um was es sich handelt. Ich +hörte nur, daß der alte Usen zum Kammerherrn +von Ponteck sagte: ‚Diesmal hat Zernin recht gehabt‘ +– und der Kammerherr antwortete: ‚Es +schadet gar nichts, wenn er dem dicken Schwadroneur +einen kleinen Denkzettel gibt.‘“</p> + +<p>Schellheim war außer sich.</p> + +<p>„Also gar ein Duell! Donnerwetter, und das +in meinem Hause – Donnerwetter – –“</p> + +<p>Er stürmte fort. Sein Protektor, Exzellenz Usen, +sollte ihm Rede stehen. Er erwischte ihn, als der +alte Herr sich gerade einen Kognak von einem Diener +reichen ließ.</p> + +<p>„Was soll denn los sein, Bester!“ antwortete +er, den Kopf in den gedrungenen Nacken werfend +den Kognak hinuntergießend, „gar nichts ist los! +Biese und Zernin haben sich ein bißchen gekabbelt, +und Zernin hat sich dabei ganz anständig benommen. +Vielleicht schießen sie morgen ein paar Kugeln in +die Luft – vielleicht auch nicht. Das hat nichts +auf sich. Tun Sie nur so, als hätten Sie gar keine +Ahnung von dem Zwischenfall!“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>Das war maßgebend für Schellheim. Exzellenz +Usen war wie das Evangelium für ihn.</p> + +<p>Er mischte sich wieder unter die Gäste. Der +Aufbruch der einen Partie versetzte die ganze Gesellschaft +in Unruhe. Man rief nach den Dienern. +„Der Schönwaider soll anspannen!“ – „Der Klein-Güstener +auch!“ – „Der Wagen von Wernochow!“ +Schellheim versuchte vergeblich, diesen und jenen +noch ein halbes Stündchen zurückzuhalten. Alles +empfahl sich mit größter Herzlichkeit. Es sei reizend +gewesen, ganz reizend – auf baldiges Wiedersehen! +– Auch Hauptmann Biese merkte man nichts von +dem Streit im Rauchzimmer an, hinter dessen Geheimnis +Schellheim noch immer nicht gekommen war. +Er drückte dem Kommerzienrat warm die Hand und +nannte ihn „lieber Nachbar“. Im allgemeinen Aufbruch +empfahl sich auch Klaus, höflich, liebenswürdig, +etwas zurückhaltend. Vor Hedda verbeugte er sich nur. +Dicht hinter ihm sauste der phantastische Schwanenschlitten +der Woydczinska den Abhang hinab.</p> + +<p>Vor dem Portale hielt die lange Reihe der +Wagen und Schlitten. Ihre Lichter glänzten durch +die Schneenacht. In der kleinen Entree drängten +sich die Gäste, bereits in Plaids gehüllt, in Pelze, +Decken und Mäntel. Die Hakennase des Majors +von Nehringen lugte wie ein Fanal aus dem hochgeschlagenen +Kragen. Das kleine C des Oberförsters +mußte sich noch den dicken Shawl des Papas um +Hals und Mund wickeln lassen. „Aber, Mama,“ +ächzte der Backfisch, „ich kriege ja gar keine Luft!“ +– „Kriege keine,“ erwiderte die energische Mutter; +„wenn du morgen hustest, mußt du im Bett bleiben +und schwitzen“.... Exzellenz Usen sah in seinem +verschossenen Militärmantel und der flauschigen Jagdmütze +wie ein Riesenpilz aus vorsündflutlichen Zeiten +aus. Doktor Stramin hatte rasch noch den Landrat +in eine Ecke gezogen und erzählte ihm von zwei +Sozialdemokraten, die sich in Zielenberg eingenistet +hätten. „Ein Schuster und ein Klempner, Herr +<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>von Wessels, und das wühlt von unten auf, das +frißt sich in die Höhe, das vergiftet alles, wenn +man nicht rechtzeitig einen Riegel vorschiebt ...“ +Er schwatzte immer noch weiter, während draußen +sein Wagen wartete.</p> + +<p>In der Halle verabschiedete sich Eycken von den +Gastgebern.</p> + +<p>„Nein, ich habe keinen Wagen,“ sagte der Pastor +auf eine Frage Schellheims und reckte seine hohe +Patriarchengestalt, „ich geh’ die paar Schritte gern zu +Fuß. Ich liebe die Winterlüftung. Wegen der Kinderheilanstalt +sprechen wir noch, Herr Kommerzienrat. +Wir sprechen noch über manches. Es ist vielerlei hin +und her zu überlegen. Auch das mit dem Zernin.“</p> + +<p>„Seien wir doch froh, wenn er noch einmal ein +tüchtiger Mensch wird, lieber Herr Pastor!“ entgegnete +Schellheim.</p> + +<p>„Froh?! Du lieber Gott, <em class="gesperrt">wie</em> würde ich dem +Himmel danken! Aber – – <em class="antiqua">nous verrons</em>, lieber +Herr Rat, ich tu’ vielleicht unrecht, daran zu zweifeln. +Meine Empfehlungen, gnädige Frau!“</p> + +<p>Er küßte ihr die Hand. Dann schritt er grüßend +durch die Reihen der Gäste und trat ins Freie. +Der Schnee knirschte nicht; es war lauer geworden. +Zarte Flocken stäubten durch die Luft. Am Himmel +glänzte die Sternenwelt; nur im Osten baute sich +eine weiße Wolkenmauer auf, aus der phantastische +Arabesken emporragten, wie geflügelte Untiere und +greifende Riesenhände. Der Pastor schritt, in seinen +leichten Havelock gewickelt, den Parkweg hinab. Auf +seinem großen Rundhut bildeten die Schneeatome einen +feinen, glänzenden Kranz. Wie der Greis so aufrecht +einherging, kräftig ausschreitend und den schönen Kopf +stolz erhoben, konnte man ihn für einen Mann in +den besten Jahren halten, für einen Vierziger. Nur +der lange Bart von der Farbe des Schnees, den der +Wind auseinanderwehte, vereitelte die Täuschung.</p> + +<p>An Eycken vorüber rollten die Wagen und +klingelten die Schlitten. Er war schon außerhalb +<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>des Parks, als er hastig zur Seite springen mußte. +Der Schwan der Woydczinska fuhr dicht neben einem +zweiten Schlitten, und beide Gespanne füllten die +Breite des Fahrwegs aus.</p> + +<p>Der Pastor hörte ganz deutlich die Stimme der +Woydczinska:</p> + +<p>„Also bestimmt übermorgen, nicht wahr? Nicht +zu spät – so zwischen sechs und sieben ...“</p> + +<p>Und eine Männerstimme aus dem zweiten +Schlitten antwortete:</p> + +<p>„Wenn ich es einrichten kann – aber ich hoffe ...“</p> + +<p>Das war das klingende Organ Zernins. Der +Pastor strich glättend über seinen zerflatternden Bart. +Ein neues Mißtrauen regte sich in seiner Brust, doch +ärgerte er sich darüber. Wahrlich, es war nicht +christlich und nicht menschlich, immer das Schlechteste +zu denken! –</p> + +<p>Oben vor dem Schloßportal schrie Exzellenz Usen +nach seinem Kutscher. Der Mann hatte zu viel getrunken; +eine Wolke von Schnapsdunst umwogte ihn. +Usen schimpfte fürchterlich.</p> + +<p>„Köpfen müßte man dich lassen, Hundesohn, vierteilen, +rädern!“ ... Und dann schob er dem schweigenden +Kutscher seine eigne brennende Zigarre in den +Mund, kletterte neben ihn und nahm selbst die Zügel +in die Hand.</p> + +<p>„Halt dich fest, Saufsack!“ schrie er. „Wenn +du in den Graben fällst, laß ich dich liegen!“</p> + +<p>Seine Peitsche knallte; die Gäule bäumten sich +auf und rasten davon.</p> + +<p>„Gott sei dem Kutscher gnädig,“ meinte Hellstern, +vor die Tür tretend. „Wenn der Pascha selber fährt, +geht’s wie der Deibel. Adjö, lieber Herr Schellheim!“</p> + +<p>Auch Hedda reichte Gunther, der vor dem Portal +die letzten Honneurs machte, die Hand. „Wenn Sie +noch einige Tage bleiben,“ sagte sie freundlich, „so +holen Sie mich doch wieder einmal zum Schlittschuhlaufen +ab. Apropos, was macht der Schnupfen?“</p> + +<p>„Danke, gnädiges Fräulein,“ erwiderte Gunther +<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>heiter und drückte beseligt die ihm dargereichte Hand, +„ich niese mich vorläufig noch weiter durch die Welt.“</p> + +<p>Und er blieb draußen stehen, bis die schwerfällige +alte Kalesche davongerasselt war.</p> + +<p>Im Schlosse erloschen die Lichter. Die Diener +huschten aufräumend hin und her. Aus dem Speisesaal +tönten das Klappern der Teller, die wieder in +das Büffet gepackt wurden, und das helle Klirren +des Silbers.</p> + +<p>„Es war sehr gelungen,“ sagte der Kommerzienrat, +der nach jeder Festlichkeit in seinem Hause Kritik +zu üben pflegte. „Im allgemeinen wenigstens. Die +Sauce zu den Artischocken hätte etwas sämiger sein +können. Wenn man schon Sauce zu den Artischocken +gibt, muß sie auch tadellos sein. Aber die meisten +merkten es gar nicht; man ist hier doch noch etwas +zurück. Und dann kam das Bier zu spät. Was +zwischen Herrn von Zernin und dem dicken Biese +vorgefallen ist, weiß ich nicht. Ich will es auch nicht +wissen, und ihr“ – er meinte damit seine Frau +und Gunther – „wißt es ebenfalls nicht, wenn ihr’s +auch wirklich wüßtet. Denn über so etwas sieht man +hinweg. Gunther, ich hoffe, der morgige Tag wird +ein Freudentag für uns werden. Hellstern ist ein +Ehrenmann; unter den Schlacken der Vorurteile sitzt +doch ein wahrhaft adliges Herz. Und Hedda erst! +Gunther, ich gestehe dir offen, ich bin besiegt.“</p> + +<p>Er umarmte seinen Sohn und küßte auch die +Rätin, der über so viel ungewohnte Liebe die Augen +zu tränen begannen, auf die Stirn. Die Diener +schlichen auf den Zehenspitzen an der Gruppe vorüber +und wunderten sich.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Derweilen entschied sich das Schicksal des armen +Gunther.</p> + +<p>Hellstern hatte die Absicht gehabt, erst am nächsten +Morgen beim Frühstück mit Hedda Rücksprache zu +nehmen. Das war nämlich jene Stunde des Tages, +in der alle beide am zugänglichsten waren. Sie +<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>saßen sich dann gegenüber am Teetisch, der vor den +einzigen Kamin des Hauses – im sogenannten Saal – +geschoben war, und es war auch die einzige Zeit am +Tage, da in diesem Kamin ein lustiges Feuer loderte. +Er brauchte viel Holz und man mußte sparen. Am selben +Platze hatte man auch schon zur Zeit, da die Baronin +noch am Leben war, das Frühstück eingenommen, +und es war immer, als sei der Geist der Verstorbenen +um diese Stunde den beiden besonders nahe.</p> + +<p>Aber der Entschluß Hellsterns änderte sich, als +er neben Hedda im Wagen saß und den Auberg +hinabfuhr. ‚Es ist besser, du machst die Geschichte +kurzerhand ab,‘ sagte er sich. In Wahrheit brannte +es ihm auf der Seele, zu erfahren, wie Hedda über +die Werbung dachte. Er bildete sich ein, sein Töchterchen +auf das genaueste zu kennen; wenn man +verliebt ist, benimmt man sich nicht so wie alle Tage. +Er räusperte sich in seiner lauten und derben Weise.</p> + +<p>„Ja, Vater!“ fragte Hedda und zuckte in ihrem +Winkel wie erschreckt zusammen. „Sagtest du etwas?“</p> + +<p>„Herrjeses, Hedda, ich glaube wirklich, du fängst +mir an, nervös zu werden! Wenn ich mal ‚hm‘ +mache, erschrickst du, als ob es eingeschlagen hätte. +Nein, ich sagte nichts, aber ich <em class="gesperrt">wollte</em> etwas sagen. +Nämlich – denke dir, da hat der Kommerzienrat +mit mir gesprochen –“</p> + +<p>„Wegen der Quelle?“</p> + +<p>„Nein – deinethalben.“</p> + +<p>Jetzt richtete Hedda sich verwundert auf. Sie +schob die weiße gestrickte Kapuze, die sie bei winterlichen +Fahrten über Land zu tragen pflegte, etwas +weiter aus der Stirn und schaute den Alten mit +ernsten Augen an.</p> + +<p>„Meinetwegen?“ fragte sie. „Was heißt das, +Papa?“</p> + +<p>Hellstern haschte nach der rechten Hand Heddas.</p> + +<p>„Kuschle dich mal ein bißchen enger an mich +heran, Kind,“ entgegnete er. „So – und nun lege +den Dickkopf an meine Schulter – so – und gib +<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>mir auch noch das andre Pfötchen.... Sage mal, +warum klopft denn dein Herz so stark?“</p> + +<p>„O, es klopft nicht stärker wie sonst!“</p> + +<p>„Doch – ich spüre es. August soll dir meine +Baldriantropfen bringen.“</p> + +<p>„Schön. Also, was wollte der Kommerzienrat?“</p> + +<p>Hellstern drückte die Hände Heddas fest.</p> + +<p>„Er wollte dich für seinen Jungen, den Gunther, +haben.“</p> + +<p>Es fuhr wie ein elektrischer Strom durch die +Glieder Heddas.</p> + +<p>„Das ist eine Unverschämtheit!“ rief sie empört. +Aber sofort tat ihr dieser Ausruf leid. „Das ist +naiv,“ fuhr sie, sich selbst beschönigend, fort. „Wie +kommt der Rat auf eine so absonderliche Idee?“</p> + +<p>„Gunther hat ihm sein Herz ausgeschüttet. Er +meint, er liebe dich. Und es muß doch wohl die +Hoffnung in ihm leben, du würdest seine Liebe nicht +so ohne weiteres fortweisen.“</p> + +<p>„Berechtigung zu dieser Hoffnung habe ich ihm +nicht gegeben, Vater.“</p> + +<p>„Wenn du es sagst, glaube ich dir’s aufs Wort. +Aber man täuscht sich oft in so subtilen Empfindungen. +Gunther mag in seiner Schwärmerei eine Liebenswürdigkeit +deinerseits für Entgegenkommen gehalten +haben. Ganz sicher war er seiner Sache zweifellos nicht; +immerhin war es taktvoll von ihm, daß er durch seinen +Vater sozusagen erst die Fühler ausstrecken ließ.“</p> + +<p>Hedda schüttelte den Kopf.</p> + +<p>„Mir ist es unklar, Papa ...“</p> + +<p>„War es mir auch, Herzenskind. Ich kenne dich +doch. Ich hätte schon gemerkt, wenn dein Herz +lebendiger geworden wäre. Und ich gesteh’ dir offen, +ich wurde ein klein bißchen eifersüchtig, als der Kommerzienrat +mit mir sprach. Es kam auch ein Gefühl +von Kränkung und Zurücksetzung dazu. Ich fragte +mich: ‚Bist du denn nicht der Erste, dem sich dein Kind +anzuvertrauen hat, wenn es sich um so wichtige +Dinge, um Herzens- und Lebensfragen handelt?‘“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>Hedda antwortete nicht. Sie dachte an jene Zeit, +da die Liebe zum erstenmal wie Frühlingsbrausen +und Wettersturm durch ihr Herz gezogen war. Gleich +einer Träumenden war sie damals umhergewandelt, +war blasser geworden und abgemagert – und der +Vater hatte nichts gemerkt. Und nach einer endlos +langen und bangen Nacht war sie in ihrer Seelenqual +schließlich zu dem alten Pastor hinübergelaufen, +statt sich an der Brust des Vaters auszuweinen.</p> + +<p>Hellstern räusperte sich wieder.</p> + +<p>„Ich muß noch einiges sagen, Hedda,“ begann +er von neuem. „Auch der Kommerzienrat hat die +heikle Sache mit taktvollen Händen angefaßt – wie +ein Mann von Welt, ich kann es nicht leugnen. +Aber er setzte doch gleich mit Zukunftsmusik ein; es +herrscht eine ausgesprochene Wagnersche Atmosphäre +in dem Hause. Er will Döbbernitz kaufen und ein +Fideikommiß für Gunther daraus machen; da solltet +ihr denn im Sommer leben –“</p> + +<p>„Auch das noch!“ murmelte Hedda.</p> + +<p>„Und im Winter ein paar Monate in Berlin +oder auf Reisen – ganz, wie es euch passen würde. +Er sagte das alles eigentlich ohne Protzigkeit; er hat +mir heute abend viel besser gefallen als sonst.... +Sieh einmal, Hedda, wir sind arm, und ein andres, +viel glänzenderes Leben würde ja zweifellos für dich +beginnen, wenn du den Gunther heiratetest. Es ist +auch kein unübler Mensch. Ich würde schließlich +selbst nichts gegen das Bürgerliche sagen; um der +Kinder willen ließe sich der Adel schon beschaffen, +obwohl derlei frische Backware auch nicht nach meinem +Geschmack ist. Aber die Hemdenindustrie gefällt mir +nicht. Ich bin kleinlich in solchen Dingen – ich +weiß es –“</p> + +<p>Hedda entzog ihre Hände dem Vater und setzte +sich wieder aufrecht in ihre Ecke.</p> + +<p>„Das ist in der Tat kleinlich, Papa,“ erwiderte +sie. „Wir haben schon einmal über den Punkt gesprochen. +Ob Hemden oder Geschütze, was ist da der +<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>Unterschied? Die Welt braucht beides, und Hemden +vielleicht noch nötiger als Kanonen. Wenn irgend +ein junger Krupp um mich anhielte, würdest du +keine Bedenken haben. Aber wir wollen nicht von +neuem streiten. Es handelt sich weder um Kanonen +noch um Hemden, sondern um mein Herz.“</p> + +<p>„Richtig, Hedda! Das ist der Punkt, um den +sich alles dreht.“</p> + +<p>„Was hast du Herrn Schellheim geantwortet?“</p> + +<p>„Daß ich mit dir sprechen und ihm morgen Antwort +geben würde.“</p> + +<p>„So schreibe ihm, aber, bitte, in höflichster Form, +daß sein Sohn sich in eine Täuschung hineingelebt +habe, und daß ich es noch nicht – für an der Zeit +hielte, über mein Herz zu entscheiden.“</p> + +<p>Hellstern nickte.</p> + +<p>„Gut; das werd’ ich ihm schreiben. In höflichster +Form – ich will den Leuten ja nicht wehe tun.“</p> + +<p>Er blieb noch einen Augenblick still sitzen. In +einer raschen, heiß aufsteigenden Aufwallung nahm +er dann Heddas Kopf zwischen die Hände. Er küßte +sie stürmisch.</p> + +<p>„Mein Liebling,“ stammelte er; es klang wie +verhaltenes Schluchzen. Er tastete über ihre Wangen +und streichelte sie. Er war so selig, daß er sein +Kind noch behalten durfte.</p> + +<p>Der Wagen hielt. August, mit einer Stalllaterne +in der Hand, öffnete den Schlag. Auch Dörthe war +noch auf. Sie fragte, ob die gnädigen Herrschaften +vielleicht noch Teewasser wünschten.</p> + +<p>„Nein, Dörthe,“ erwiderte Hedda; „wir gehen +gleich zu Bett. Wir sind müde. Gute Nacht, Papa – +schlaf wohl!“</p> + +<p>Er küßte sie nochmals, und da er fühlte, daß +ihre Hände kalt wie Eis waren, wandte er sich an +Dörthe.</p> + +<p>„Hast du dem gnädigen Fräulein eine Wärmflasche +in das Bett gelegt?“</p> + +<p>„Jawohl, Herr Baron.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>Er war zufrieden. Hedda stieg die Treppe hinauf +in ihr Zimmer, stellte das Licht auf den Nachttisch +und begann sich langsam zu entkleiden. Es war +merkwürdig – sie fühlte sich wirklich grenzenlos +müde und dabei so zerschlagen in allen Gliedern, +als ob sie einen weiten Marsch hinter sich habe. In +Korsett und Unterrock setzte sie sich auf den Bettrand +und faltete die Hände. Ein holdes Lächeln +flog über ihr Gesicht. Der Gedanke, geliebt zu sein, +ist immer süß für das Herz des Weibes. Aber das +Lächeln erstarb rasch. Sie dachte an den zurück, +den sie nicht vergessen konnte, und seufzte.</p> + +<p>An der Tür klopfte es leise.</p> + +<p>„Was gibt’s noch?“ rief Hedda.</p> + +<p>Die Tür öffnete sich ein wenig; eine Hand, die +ein Fläschchen hielt, und ein Arm wurden sichtbar. +„Der Baldrian, gnädiges Fräulein,“ sprach Augusts +Stimme, „und drei Stückchen Zucker. Zwanzig +Tropfen, lassen der Herr Baron sagen, und wenn +gnäd’ges Fräulein in der Nacht aufwachen sollten, +dann nochmal zwanzig.“</p> + +<p>Hedda nahm dankend die kleine Flasche und ging +zu Bett. Sie löschte das Licht, betete und zog das +Federkissen hoch. Aber was nützte der Baldrian! +Unerträglich war die Hitze, die die Wärmflasche ausströmte, +und Hedda schob die Bettdecke wieder weit +zurück. Dörthe hatte auch das Zimmer geheizt – +gegen ihren ausdrücklichen Befehl. Es war nicht +auszuhalten. Eine krause Gedankenflut durchwirbelte +des Mädchens Kopf. Sie wollte sich beruhigen und +zündete abermals das Licht an. Dabei fiel ihr Blick +auf das Pastellbild über ihrem Bette; es stellte die +verstorbene Mutter dar.</p> + +<p>Ihre Augen wurden naß. ‚O du liebes Mütterchen, +wenn du doch noch lebtest!‘ dachte sie. ‚Dir +wollte ich sagen, wie mir’s ums Herz ist! Und du +würdest auch Rat und Trost finden und würdest +mir helfen und mich aufrichten in all meinem Gram. +Ich weiß ja, wie unrecht ich tue, daß ich mich dem +<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>Papa gegenüber verschließe. Er liebt mich doch auch, +aber er ist zu rauh, und er haßt – ihn. Und jedes +Schmähwort gegen ihn ist mir wie ein Messerstich. +Ich kann doch nicht anders ...‘</p> + +<p>Sie hatte sich im Bette aufgerichtet und sprach +so geraume Zeit in sich hinein. Dann fühlte sie +einen leisen Frostschauer über ihre Schultern rinnen +und kroch wieder unter die Decke. Mitten in der +Nacht wachte sie auf. An den Fensterläden rüttelte +und schüttelte es. Ein Sturm schien die schlafende +Winternatur in Aufruhr bringen zu wollen. Der +Wind pfiff; hin und wieder hörte Hedda auch das +Geräusch eines losgerissenen und über das schräge +Dach polternden Ziegelstückes. Aber sie hörte in +ihrer erregten Phantasie noch mehr. Sie hörte +sich rufen – klagend, schmerzend und schreiend. Und +bald war es Gunthers Stimme, die nach ihr rief, +bald die Stimme von Klaus. Mit zitternden Händen +entzündete sie zum drittenmal das Licht. Der +Baldrian stand noch immer auf dem Nachttisch. +Aber was nützte der.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Der Sturm hatte gewaltig gehaust. Die Strohdächer +der Kossätenhäuser unten im Dorfe sahen +verstrobelt aus, als hätten Riesenfäuste sie zerzaust. +Eine Anzahl Bäume war geknickt und entwurzelt +worden. Den Schnee aber hatte die Windsbraut zu +großen Haufen zusammengeweht, pyramidenförmig, +hie und da auch in Schlangenlinien auseinandergequirlt +und an den Stämmen und Wänden in die +Höhe gebürstet, wo er dann in der Kälte der Morgenfrühe +angefroren war und wunderliche Gebilde und +Muster zeigte: schwere Spitzensäume und Lilien mit +großen offenen Kelchen und tausendfach verschiedene +Arabesken.</p> + +<p>Auf dem Auschlosse war die Fahnenstange, die +man vergessen hatte über Nacht zu kappen, gebrochen +und auf die erste Terrasse geschleudert worden. Und +dort hatte sie der Pomona den Kopf abgeschlagen, +<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>zum höchsten Ärger des Kommerzienrats, der in der +hemdenlosen Göttin ein Symbol für die Notwendigkeit +seines Geschäftsbetriebs sah.</p> + +<p>Es war dies überhaupt ein Tag des Ärgers und +der Niedergeschlagenheit. Um zwölf Uhr kam August +vom Baronshofe und brachte einen Brief. Die +Familie saß gerade beim zweiten Frühstück. August +erhielt eine Mark, und der aufwartende Diener wurde +hinausgeschickt. Dann erst erbrach der Kommerzienrat +mit einer gewissen Feierlichkeit das Schreiben; +voll ängstlicher Spannung hingen die Blicke von Frau +und Sohn an seinen Zügen. Sie sahen, wie über +die Stirn Schellheims während der raschen Lektüre +eine Wolke flog. Dann zuckte er mit den Achseln +und reichte Gunther den Brief.</p> + +<p>„Kopf hoch behalten, mein Junge,“ sagte er dabei. +„Noch ist nicht aller Tage Abend. Ich habe +eine andre Antwort erhofft – nein, erwartet – +trotzdem: es ist nichts gegen sie einzuwenden ...“</p> + +<p>Gunther las:</p> + +<div class="blockquot"> +<p class="letterdate">„Baronshof, 3. Januar.</p> +<p class="letteraddress">„Mein verehrter Herr Kommerzienrat!</p> + +<p>Ich habe mit meiner Tochter gesprochen. Es tut +mir leid und wird mir schwer, Ihnen sagen zu +müssen, daß sie der Ansicht ist, Ihr Herr Sohn sei +von einer Täuschung befangen. Sie hält es noch +nicht für an der Zeit, über ihr Herz zu entscheiden ...“ +Das war genau so, wie Hedda es vorgeschrieben +hatte. Nun kam eine philosophische Wendung: +„Mädchenherzen sind unberechenbar, lieber Herr +Kommerzienrat ...“ Dann ein Trostwort: „Die +Zeit wird schon alles ausheilen ...“ Und schließlich +die formelle Höflichkeit: „Ich hoffe, der kleine +Zwischenfall wird Auberg und Baronshof nicht auseinanderbringen. +Mit besten Empfehlungen allerseits</p> + +<p class="lettersig1">Ihr ganz ergebener</p> +<p class="lettersig2">Freiherr von Hellstern.“</p> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>Gunther gab den Brief an die Mutter weiter. +Er war weiß wie Kalk geworden. Rasch trank er +sein Glas Sherry aus, doch seine Hand zitterte heftig +dabei. Die Mutter griff, die Augen feucht, nach der +Rechten ihres Jungen und tätschelte sie wortlos.</p> + +<p>Eine bange Stille war eingetreten.</p> + +<p>Plötzlich sprang der Kommerzienrat wütend auf +und stieß seinen Stuhl gegen den Boden.</p> + +<p>„Mach nicht solche Leidensmiene, Gunther!“ rief +er zornig. „Du hast dir einen Korb geholt – +Schwerenot, was ist weiter dabei! Du kriegst noch +andre als das hochnäsige Mädel von drüben!“</p> + +<p>Nun erhob sich auch Gunther.</p> + +<p>„Bitte, Papa,“ entgegnete er abwehrend und mit +fester Stimme, „kein Wort weiter darüber! Vor +allem keine Schmähung! Wer verdient eine solche? +Die Sache ist tot und begraben. Wenn ihr mir +eine Liebe erweisen wollt, erwähnt sie nicht mehr. +Irrungen soll man abtun ...“</p> + +<p>Seine Stimme brach. Er sah sich wie hilflos +um, als suche er irgend etwas.</p> + +<p>„Ich – ich will fort,“ fuhr er fort. „Es wäre +auch nicht in der Ordnung, wenn ich unter den obwaltenden +Verhältnissen hier bleiben wollte – gerade +jetzt. Später – wird sich ja alles legen.... +Wenn ihr nichts dagegen habt, reise ich auf ein +paar Wochen nach Oberitalien oder dem Genfersee. +Da kann ich in Ruhe meine Arbeit vollenden. Und +dann kommt der Sommer und dann meine Offiziersübung +in Lissa – das gibt Abwechslung genug. +Das wird mir auch gut tun. Aber – ich möchte +dann schon mit dem Abendzug fahren ...“</p> + +<p>Die Eltern redeten in ruhigen und verständigen +Worten von unnötiger Überhastung ab. Das Herz +tat beiden weh. Sie fühlten, daß Gunther sehr litt. +Aber sie konnten ihm wahrlich nicht helfen. Er blieb +auch fest. Er wollte durchaus fort. Einen Augenblick +schwankte er, ob er dem Pastor lebewohl sagen +sollte. Doch er konnte sich nicht dazu entschließen, +<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>noch einmal in das Dorf zu gehen. Er fürchtete +sich davor, Hedda zu begegnen.</p> + +<p>Der Kommerzienrat, sonst ziemlich bequem, ließ +es sich nicht nehmen, Gunther nach der Station zu +begleiten. Er war auch vernünftig genug, während +der Schlittenfahrt durch den Wald mit keinem Wort +auf die Herzensgeschichte zurückzukommen. Gunther +dankte ihm im stillen dafür. Er sprach fast gar +nicht. Wieder störte ihn der Kutscher hinten auf der +Pritsche – wie damals. Ach, damals! Da glitzerte +der Sonnenschein durch das Eisgezweige, und seine +Brust war voller Hoffen. Und jetzt nächtete es.</p> + +<p>Die Herren trafen in letzter Minute auf dem +Bahnhof ein. Es war gerade noch Zeit ein Billett +zu lösen.</p> + +<p>„Grüße die Mama!“ rief Gunther aus dem +offenen Coupéfenster.</p> + +<p>„Danke, mein Junge! Und sei recht vernünftig! +Und laß dir nichts abgehen! Wenn du noch Geld +brauchst, so telegraphiere – hörst du, telegraphiere!“</p> + +<p>Der Zug brauste davon. Als Schellheim an +seinen Schlitten zurückkehrte, klingelte von der +Chaussee aus ein zweiter Schlitten heran und hielt +vor dem Stationsgebäude. Der Kommerzienrat sah +Herrn von Wessels aussteigen und begrüßte ihn.</p> + +<p>„Im Dienst, Herr Landrat?“ fragte er, auf die +schwarze Ledermappe deutend, die der Angeredete +unter dem Arm trug.</p> + +<p>„Ja – sozusagen, – das ist eine verteufelte +Geschichte, mein bester Herr Kommerzienrat. Der +tolle Zernin und der dicke Biese haben sich heut früh +duelliert, und Biese ist über den Haufen geschossen +worden. Er kann froh sein, wenn er mit dem Leben +davonkommt. Zernin ist unglücklich, er hat es nicht +so gewollt – aber sechs Monate kostet ihm die +Kugel doch. Und vor allen Dingen: ich fürchte, Sie +werden ihn an Ihrem Quellenunternehmen nun auch +nicht mehr beteiligen können. Merkwürdiges Pech! +Es ist eigentlich schade um den Menschen ...“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>Schellheim starrte den Landrat an.</p> + +<p>„I Gott bewahre – ein Duell – also wirklich +ein Duell!“ stammelte er. „Ja, aber um Himmels +willen, weshalb denn?! Was haben die beiden sich +getan?“</p> + +<p>Herr von Wessels lächelte verlegen.</p> + +<p>„Das läßt sich schwer sagen,“ erwiderte er. „Sie +sind gestern abend bei Ihnen zusammengeraten, aber +Zernin hat sich in diesem Falle richtig und taktvoll +benommen – jawohl. Biese – na, also kurzum, +erfahren werden Sie es ja doch einmal: Biese hat +die Dreistigkeit gehabt, sich über Sie als Gastgeber +eine respektlose Bemerkung zu erlauben, und da ist +Zernin scharf geworden. Das war der Anfang ... +Aber ich muß weiter! <em class="antiqua">Addio</em>, mein verehrter Herr +Kommerzienrat!“</p> + +<p>Sie schüttelten sich die Hände, und ehe der Landrat +in das Bahnhofsgebäude trat, wandte er sich +noch einmal um und rief kopfnickend: „Es war gestern +abend übrigens ganz reizend bei Ihnen!“</p> + +<p>Schellheim kletterte in seinen Schlitten zurück. +An seinen Sohn, an den Baronshof und an den +Korb Heddas dachte er nicht mehr. Es ging ihm +im Kopfe herum, daß man seinetwegen einen Zweikampf +ausgefochten hatte. Der dicke Biese, ein +Bürgerlicher wie er, freilich Landwehrhauptmann – +und das sprach mit –, hatte eine beleidigende Äußerung +über ihn fallen lassen. Irgend eine mokante +Bemerkung wahrscheinlich, wie der Grochauer sie +liebte – und da hatte Herr von Zernin Partei für +ihn, den Kommerzienrat, genommen, und schließlich +war es auf Tod und Leben gegangen – um seinetwillen. +Merkwürdige Welt! Eigentlich ging die Sache +doch nur <em class="gesperrt">ihn</em> an als den Beleidigten; was schossen sich +denn die beiden um <em class="gesperrt">seine</em> Ehre?! – Und in halbem +Selbstgespräch fügte er hinzu: „Es ist im Grunde +genommen lächerlich und unverzeihlich. <em class="gesperrt">Mich</em> kann +ein Mann wie dieser dicke Biese gar nicht beleidigen!“</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span> +<a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">A</span>ls der Frühling in das Land zog, fand er Oberlemmingen +in großer Erregung. Die feierliche +Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus +Frankfurt war ein Kunstgärtner mit einem ganzen +Schwarm von Gehilfen herübergekommen und hatte +die „Säuberung“ des Buchenwäldchens auf der +Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war +nun in der Tat eine gründliche Säuberung. Aus +dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit +Gängen, Plätzen, Alleen und schattigen Wandelgängen. +Ganze Baumpartieen wurden vollständig +niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres +treten; vorläufig wurde allerdings nur +Humus in Rundellform aufgeschüttet, und das sah +aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten Buchengrün +große Schokoladentorten.</p> + +<p>Aber das war noch lange nicht alles. Der Frühling +trug auf seinen regenfeuchten Schwingen noch +viel stärker das Wehen der neuen Zeit in Oberlemmingen +hinein. Die ersten Logierhäuser wurden +gebaut. Albert Möller hatte den beiden Kossäten +Maracke und Klauert ihre Anwesen abgekauft. Diese +lagen dem „Kurpark“ ungefähr gegenüber, und die +beiden kleinen, strohbedeckten Häuschen mit den anschließenden +Schweineställen und den ewigen Mistpfützen +vor der Tür waren geeignet, den guten Eindruck +des neuen Kurparks erheblich abzuschwächen. +Übrigens paßte Albert, was Maracke und Klauert +forderten; es war noch immer ein Spottgeld, aber +die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar +hundert Taler auf einem Haufen gesehen. Nachträglich +ärgerten sie sich natürlich, daß sie nicht mehr +verlangt hatten. Die alte Maracken heulte jämmerlich, +als sie ihr verfallenes Häuschen verlassen mußte, +und ihre fünf Kinder heulten mit. Die ganze +<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>Familie zog nach Klein-Güster, Klauert aber nach +Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besaß.</p> + +<p>Das geschah an einem der ersten Märztage. Es +wehte warm und lenzlich. Der Schnee war überall +geschmolzen; nur in den Gräben hielt sich noch +längere Zeit eine grauweiße, schmutzige, halb flüssige +Masse. Auf der Dorfau und auf Weg und Steg +schillerten Wassertümpel; es tropfte von den Dächern, +und wie ein Plätschern und Gluckern ging es durch +die Luft. Die Erde schien zu dampfen; über die +noch bräunlich getönten Wiesen sickerten Wasserlinien, +und Baum und Strauch hingen voll Feuchtigkeit. +Die Spiräen setzten bereits Knospen an, +aber noch fehlte der grüne Frühlingsschimmer, der +vierzehn Tage später die Natur mit seinem zarten +Schleier umhüllen sollte.</p> + +<p>Die Familien Maracke und Klauert zogen zur +gleichen Zeit. Jede hatte sich einen Einspänner geliehen, +auf welchen ihre Habseligkeiten hinaufgepackt +worden waren, bunt durcheinander, gestreifte Betten, +zerbrochene Stühle, ein Tisch, dessen Beine zum +Himmel ragten, und andres Gerümpel mehr, alles +mit dicken, vielfach durchknoteten Stricken verschnürt. +Die alte Maracken lief, als der Wagen schon vor +der Tür stand, jammernd und weinend nochmals +durch Haus und Stall, ob auch nichts vergessen +worden sei. Richtig – in einem Winkel der Kammer +neben der Stube lag noch ein Häufchen Stroh, auf +dem die weiße Henne ihr letztes Ei gelegt hatte, +bevor sie geschlachtet worden war. Die Maracken +raffte mit beiden Händen den armseligen Strohrest +zusammen, trug ihn hinaus und stopfte ihn auf den +Wagen. Dann ging sie in den Stall, und als +Maracke ihr ein ungeduldiges „Mutter, nu’ mach +aber!“ zurief, schleppte sie einen kleinen Schweinekoben +ins Freie; der sollte auch noch mit. Sie hätte +am liebsten Haus, Stall und Komposthaufen, wie +alles stand und lag, auf den Einspänner gepackt.</p> + +<p>In diesem Augenblick zog Klauert vorüber. Er +<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>war ganz vergnügt, hatte sein Geld in der Tasche +und freute sich auf das Ausgedinge, das sein Sohn +in Zielenberg ihm angeboten hatte. Auch sein Wagen +war schwer bepackt, und ganz oben, auf dem Berge +von rot und weiß überzogenen Betten, war ein +weidengeflochtener Korb angeschnürt, in dem vergnüglich +ein paar Hennen gackerten. Das erregte +den Neid und die Eifersucht der Maracken in hohem +Grade. Sie überschüttete ihren Mann mit Schimpfreden +und Vorwürfen; warum hatte man die dicke +Weiße geschlachtet, die so fleißig Eier legte, und +den prächtigen Hahn an Langheinrich verkauft? +Hätte man das Viehzeug nicht ganz gut mit nach +Klein-Güster nehmen können? – Die beiden jüngsten +Kinder weinten und jammerten mit, während er, +Maracke, sich in seiner philosophischen Ruhe nicht +stören ließ und, die Pfeife im Munde, schweigend +zuhörte. Als der Wagen schon anzog, lief die Frau +noch einmal in die Hofecke hinter dem kleinen Düngerhaufen. +Sie hatte da noch einen eisernen Reifen +entdeckt, der schon ganz verrostet war, und da er +nicht mehr auf dem Wagen unterzubringen war, so +hing sie ihn sich über die Schultern. Dann ging +es los, der Einspänner voran, den Maracke, daneben +herschreitend, führte, und hinterher, gleichfalls +zu Fuß, Mutter Maracken mit ihren fünf Kindern. +Ein paar Bauernweiber standen am Wege und +nickten und riefen den Abziehenden einige Grußworte +zu; mitten in dem verlassenen Hofe, wo von +dem Komposthaufen eine kleine Dunstwolke aufstieg, +aber hatte sich Albert Möller breitbeinig aufgepflanzt, +eine Zigarre rauchend und behaglich lächelnd. +Mit dem Abbruch der alten Baracken sollte sofort +begonnen werden; dann kam der Neubau an die +Reihe. Das ging rasch.</p> + +<p>An diesem Tage hatte Hellstern seine erste Frühlingsausfahrt +unternommen. Der Übergang vom +Winter zum Lenz war immer die schlimmste Zeit +für ihn. Er hatte sich wochenlang nicht aus dem +<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>Zimmer rühren können; selbst die Einreibung der +Tante Pauline versagte ihre Wirkung. Nun aber +ging es besser. Hedda saß neben ihm im Wagen +und sah durch das Fenster den Abzug der beiden +Kossäten. Sie machte den Vater darauf aufmerksam, +der die Gelegenheit wahrnahm, wieder einmal +nach Herzenslust auf die Quelle zu räsonieren.</p> + +<p>„Siehst du, Hedda,“ sagte er, „das sind die +ersten – die ersten Opfer der neuen Kultur. Und +andre werden folgen. Du bist jung – vielleicht +erlebst du noch den Tag, da dieses Dorf, zu dessen +Insassen wir seit zweihundert Jahren gehören, völlig +vom Erdboden verschwunden sein wird. Dann wird +es auch keine Bauern mehr hier geben, die bei allen +Sorgen und Mühen um das tägliche Brot doch +frei auf ihrer kleinen Hufe leben und wirtschaften +konnten, sondern nur ein Volk von Krämern und +Spekulanten, immer auf der Lauer liegend, wie den +Besuchern dieses neuen Badeorts das Geld am +besten und schlauesten aus der Tasche zu ziehen +sei....“ Er zeigte, während er weitersprach, aus +dem Fenster hinaus über das Dorf. „Sicher – +es wird prachtvoll werden. Exzellenz Usen hat es +damals bei Schellheims prophezeit. Der Erzengel +der Industrie hält seinen Einzug in unser Tal – +oder wie sagte er gleich? ... Die alten Hütten mit +ihren Strohkappen werden niedergerissen, neue, +schöne Häuser entstehen, mit Balkon und Stuckklecksereien +und allem Komfort der Neuzeit und dem +dazu gehörigen Schwindel. Ein Sanatorium wird +errichtet, in dem man nach physikalisch-diätetischen +Grundsätzen die Menschen zu Tode kuriert, und auf +allen Straßen und Wegen sieht man Blutarme und +Magenleidende und Neurastheniker, Zucker-, Darm- +und Hautkranke, daß man seine Freude daran hat. +Der Pastor baut uns seine Kleinkinderbewahranstalt +dicht auf die Nase, damit wir das Gequarre der +Göhren den ganzen Tag über hören können; wahrscheinlich +wird auch noch elektrisches Licht eingeführt, +<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>denn der Spektakel der Motoren ist nicht gering +anzuschlagen – überhaupt werden mancherlei Fabrikanlagen +nötig sein als Wahrzeichen des Fortschritts, +und ihr Rauch und Qualm wird uns +die Luft verstänkern. Es wird ganz großartig +werden ...“</p> + +<p>Hedda lächelte und antwortete nicht, und der +Freiherr fuhr fort:</p> + +<p>„Im Ernst, liebes Kind, der Abzug der beiden +Kossäten dünkt mich symptomatisch und ist, möchte +ich sagen, so eine Art Symbol. Das Alte muß +dem Neuen weichen. Ich scherzte vorhin, wenn auch +bitter. Die kleinen Unbequemlichkeiten, die der +Triumphzug der Kultur den Einzelnen auferlegt, +müssen ertragen werden. Aber wie die Kultur hier +das Dorf ruinieren und die Gemeinde auflösen wird, +das kann einem doch nahe gehen. Ich weiß, daß +du mir antworten wirst: das ist nicht anders, die +Kultur fordert immer Opfer zum Besten der Allgemeinheit +– aber sind nicht auch diese Opfer bedauernswert? +Es ist ein ganz guter Menschenschlag +in unsrer Gegend, doch paß auf, wie man ihn verpfuschen +wird! Die Möllers, die nur noch halbe +Bauern sind, haben den Anstoß gegeben; <em class="gesperrt">sie</em> werden +auch gewinnen, aber die andern nicht, denen es +auf der einen Seite an Kapital und an Intelligenz +mangelt, während sie auf der andern von der gleichen +Erwerbsgier erfaßt werden, wenn erst das Spekulationsfieber +in ihnen erweckt ist. Lehr mich doch +die Bauern kennen! Und dann: jeder an seinem +Platz! Der Bauer ist nun einmal kein Kaufmann, +und wenn ihn der Kommerzienrat und die Möllers +dazu machen wollen, so nehmen sie ihm das Beste +seines Charakters, die Solidität. Jawohl, liebe +Hedda, denn da die vernunftgemäßen Grenzen kaufmännischer +Spekulation böhmische Dörfer für ihn +sind, so wird er sich, neidisch zusehend, wie die andern +ihre Taschen füllen, einem gewagten Glücksspiel +ergeben und schließlich untergehen. <em class="antiqua">Ceterum +<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>censeo</em> – ich sehe durchaus kein Heil für unser +Dorf in der ganzen Quellengeschichte.“</p> + +<p>Der alte Freiherr stand mit seinem <em class="antiqua">„Ceterum +censeo“</em> allein. Auch Hedda teilte seine Ansichten +nicht. Sie war in den letzten Monaten häufig mit +dem Pastor zusammengekommen, für dessen humanitäre +Pläne sie sich lebhaft zu interessieren begann. +Eycken schwelgte in seiner Idee. In seiner warmherzigen +Kinderliebe sah er eine neue Ära für die +arme und leidende kleine Welt anbrechen, der er +Hilfe bringen wollte – mit weit offenen Armen, +wie sein großes Vorbild Christus, als er sprach: +„Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret +ihnen nicht....“ Die Bücher blieben liegen; Luther, +Melanchthon, Hutten und Eobanus Hessus +hatten Ruhe. Eycken hatte Wichtigeres zu tun; +nicht der tote Buchstabe lockte ihn diesmal, sondern +die lebendige Liebe. Wie oben auf der Auburg so +fanden auch im Pfarrhause im Januar und Februar +verschiedene Konferenzen statt, Ärzte und +Architekten trafen ein; es wurde beratschlagt, erwogen +und gerechnet. Eycken wollte das Unternehmen +allein ins Leben rufen; er hatte zwar auch mit dem +Kommerzienrat über die neue Kinderheilstätte gesprochen, +aber Schellheim hatte seinem Empfinden +nach den Geschäftsstandpunkt zu stark in den Vordergrund +gerückt. Und verdienen wollte Eycken nichts – +Gott bewahre; er war schon zufrieden, wenn sich +die Anstalt im Laufe der Zeit durch sich selbst erhielt, +denn daß sie anfänglich starke Zuschüsse beanspruchen +würde, war klar. Doch das ängstigte +Eycken nicht; er war so reich, daß er tatsächlich nicht +wußte, was er mit seinem Gelde beginnen sollte. +Er brauchte wenig; seit einem Menschenalter hatte +sich sein Vermögen Zins auf Zins gehäuft. Übrigens +war ihm auch der Fiskus entgegengekommen +und hatte ihm für den Bau der Anstalt die zum +Kirchenland gehörige Wiesenparzelle zur freien Verfügung +gestellt. Schließlich hatte sich Eycken auch +<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>noch an den Johanniterorden gewandt, der die Protektion +übernahm, sich verpflichtete, ein paar Pflegerinnen +zu stellen, und Herrn von Wessels, den +Landrat, zum leitenden Ritter ernannte.</p> + +<p>Anfangs April standen bereits die Fundamente +der beiden Logierhäuser Albert Möllers. Das Parterregeschoß +des einen Hauses war für einen großen +Kaufladen bestimmt, den Bertold mieten wollte. +Vorläufig nur, denn sein heimliches Sehnen stand +nach dem Gehöft Braumüllers, das dicht an der +großen Landstraße und in unmittelbarster Nähe des +Kurparks lag. Braumüllers Wohnhaus war sehr +solide gebaut, stark unterkellert und hatte gewölbte +Zimmer. Mit wenigen tausend Mark konnte man +es wunderschön ausbauen, und wie prächtig eigneten +sich die gewölbten Stuben, deren Wände man einfach +ausbrach, zu einem eleganten Basar! Natürlich +sollte man da alles haben können – ein riesiges +Warenhaus schwebte Bertold vor, der jede Nacht +davon träumte, wie er die Schaufenster schmücken +würde, ein jedes anders, aber immer gleich „schenial“, +wie sein Lieblingsausdruck lautete.</p> + +<p>Klempt hatte sich lange gewehrt, ehe er sich dazu +entschließen konnte, seine, die Buchenhalde begrenzende +Wiesentrift zu verkaufen; der Erlös des Heus +brachte ihm eine jährliche Rente, mit der er rechnen +mußte – außerdem hing er auch an diesem Stückchen +grüner Wiese, auf der er sich schon als Kind +getummelt hatte, und an deren Rain entlang er +noch heute seine Sonntagsspaziergänge zu machen +pflegte. Vergeblich hielten ihm die Möllers vor, +daß ihm die Zinsen des Kapitals, das sie ihm für +die paar Morgen zahlen wollten, mehr bringen würden +als der Heuertrag; schließlich legte sich auch +noch der Kommerzienrat ins Mittel, denn die Wiese +war ihrer Lage wegen wichtig – aber was auch +er nicht vermochte, das setzte Dörthe durch. Fritz +hatte sich hinter sie gesteckt. Es war ja lächerlich. +Starb der Vater, so gehörte die Wiese ja doch der +<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>Dörthe, und was der Dörthe war, war auch sein, +da sie sich heiraten wollten. Und nun drang Dörthe +auf baldige Hochzeit. Gewiß, antwortete Fritz, sobald +einigermaßen Ordnung geschafft und die Sache +in Gang gebracht worden sei; denn jetzt habe man +den Kopf zu voll, um an Heiraten denken zu können, +das müsse sie doch einsehen. Das sah sie auch ein, +aber sie wollte wenigstens einen bestimmten Termin +wissen. Um Weihnachten, meinte Fritz, da würde +man wohl so weit sein. Und dann gab es noch +Liebesworte in Hülle und Fülle, und am nächsten +Tag erklärte sich der alte Klempt einverstanden, die +Wiese abzugeben. Das Geld wurde auf die Sparkasse +gebracht und für Dörthe festgelegt.</p> + +<p>Der wenig günstige Gesundheitszustand ihres +Vaters hatte Hedda abgehalten, ihren Plan, einen +Wintermonat in der Residenz zu verleben, zur Ausführung +zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte +die Berliner Tante einen Absagebrief erhalten und +zum soundsovielsten Male mit immer denselben +Worten darauf geantwortet: „Es tut mir schrecklich +leid, liebste Hedda, daß –“ und so weiter. Der +Freiherr hatte allerdings gewünscht, Hedda solle +auf ihn keine Rücksicht nehmen und sich auch einmal +eine „Ausspannung“ gönnen; im Grunde genommen +aber war er herzensfroh, daß sie dennoch +blieb – sie war ihm unentbehrlich geworden, und +auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand, +wenn sie neben ihm saß.</p> + +<p>Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf +dem Baronshofe. Das war an sich schon ein Ereignis. +Hedda entsann sich nicht, daß sie jemals ein +Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr +aber hatte vor achtzehn Jahren das letzte erhalten, +das ihm den Konkurs eines Berliner Finanzgeschäfts +ankündigte, mit dem er in Verbindung +gestanden, und das ihm deshalb in recht unangenehmer +Erinnerung war. Am meisten regte jedoch +August die Depesche auf, der die Botenfrau im +<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>Vordergarten abfing, wo er mit Dörthe die Wege +harkte.</p> + +<p>„Eine Depesche für den Herrn Baron,“ sagte +die Botenfrau.</p> + +<p>„Allmächt’ger Gott,“ rief August, „eine Depesche! +– Dörthe, eine Depesche!“</p> + +<p>Dörthe trat näher und betrachtete mit Furcht +und Erstaunen das zusammengelegte Papier mit +der blauen Marke auf der Rückseite.</p> + +<p>„Eine Depesche!“ stammelte sie und faltete unwillkürlich +die Hände.</p> + +<p>„Dörthe, das bedeutet ein Unglück,“ fuhr August +mit Überzeugung fort. „Wie kommt denn eine Depesche +hierher, frag’ ich dich bloß!“ Und er schaute +Dörthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen +wolle, wie die Depesche hierher käme. +Dann ging er unter beständigem Kopfschütteln in +das Herrenhaus.</p> + +<p>„Eine Depesche, gnädiges Fräulein,“ sagte er +zu Hedda, die in der Speisekammer zu tun hatte.</p> + +<p>Hedda fuhr erschreckt zu ihm herum: „Eine Depesche?!“ +rief sie. „Nanu?!“</p> + +<p>August nickte. „Das habe ich auch gesagt, +gnädiges Fräulein. Wenn das man bloß kein Unglück +gibt!“</p> + +<p>Nun berieten sie, ob man das Telegramm öffnen +solle, um dem Freiherrn die Aufregung zu ersparen. +August war dafür. „Man kann nicht wissen, was +drin steht, gnädiges Fräulein,“ meinte er. „Einer +Depesche ist nicht zu trauen. Das kann alles mögliche +sein.“ Aber Hedda schüttelte schließlich energisch +den Kopf. Das Telegramm war an den Vater gerichtet, +und da ging es nicht an, daß man es erbrach.</p> + +<p>„Vater,“ sagte sie, von August gefolgt in das +Arbeitszimmer des Alten tretend, „erschrick nicht: +es ist eine Depesche angekommen.“</p> + +<p>„Nanu?!“ erwiderte der Baron, genau so wie +vorhin Hedda, und August nickte dazu: dieses „Nanu“ +entsprach ganz seiner Auffassung.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>Hellstern erbrach das Papier und las erst die +Unterschrift.</p> + +<p>„Von Axel, Hedda. Und fünf Zeilen lang. Das +soll was heißen ...“ Er las vor: „Bitte um die +Erlaubnis, Euch auf ein Retourbillet besuchen zu +dürfen. Wenn keine Antwort erfolgt, bin ich Sonnabend +mittag in Zielenberg. Wagen unnötig, nehme +dort Extrapost. Freue mich herzlich darauf, Euch +kennen zu lernen, und grüße Dich und die Cousine.</p> + +<p class="lettersig1">Euer Vetter</p> +<p class="lettersig2">Axel Hellstjern.“</p> + +<p>Er ließ das Papier sinken. „Was sagst du +dazu? – Sonnabend – das ist morgen.“</p> + +<p>Hedda hatte einen roten Kopf bekommen.</p> + +<p>„Aber, Papa, das ist ja ganz unmöglich,“ antwortete +sie. „Morgen schon – und es ist nichts in +Ordnung! Telegraphiere zurück, er möchte erst in +acht Tagen kommen.“</p> + +<p>„Ja, aber wohin denn?! Axel hat vergessen, +seine Adresse anzugeben.“</p> + +<p>„An die schwedische Gesandtschaft in Berlin.“</p> + +<p>„Ach nein, Hedda, das geht nicht. Ich meine, +das wäre unliebenswürdig. Ich bin Axel in gewisser +Weise Dank schuldig. Lassen wir es nur bei +morgen. Er muß sich sagen, daß er bei uns keinen +weltstädtischen Komfort findet. Das Dach ist ja +repariert – es regnet im Fremdenzimmer nicht +mehr durch. Bringe die Stube in Ordnung und +sorge für etwas opulentere Mahlzeiten in den nächsten +Tagen. Wein ist noch genug da. Komm her, mein +Kind, und gib mir einen Kuß! So – und nun +sei verständig!“</p> + +<p>Das war leicht gesagt: verständig sein. Herrgott, +was war nicht noch alles zu tun bis morgen +mittag! Aber Hedda behielt den Kopf oben; sie +entwarf einen Feldzugsplan. Zunächst mußte Dörthe +die Tante Pauline zum Helfen holen. Dann wurde +im Fremdenzimmer „groß rein gemacht“ – das +<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>heißt in dem einzigen der sogenannten Fremdenzimmer, +das leidlich möbliert war. Es lag im +ersten Stock, nach Süden hinaus, und war ein +großer, freundlicher Raum. Ströme von Wasser +flossen über die Dielen; Dörthe und Tante Pauline +schrubberten und scheuerten, daß ihnen der Schweiß +von der Stirn floß. Währenddessen beschäftigte sich +Hedda damit, frische Gardinen anzustecken. Sie +opferte auch ihr eignes Waschservice, das sehr hübsch +war: weiß mit rosa Streublümchen und rotem +Rande. Gottlob, daß das Bett gut war – ein +altes, ungeheuer großes Bett, noch aus dem Anfang +des Jahrhunderts stammend, mit geschweiften +Beinen und naiver Schnitzerei. Zuletzt ging es an +das Wohnlichmachen des Zimmers. Die Tische erhielten +saubere Decken, das Sofa wurde mit einer +Schlummerrolle geschmückt. Nur mit der Bilderzier +war es eine schlimme Sache. Die eine Wand war +noch ganz leer. Da entsann sich Hedda, daß in +der früheren Räucherkammer, in der man allerhand +altes Gerümpel aufzubewahren pflegte, noch ein Ölbild +stand. Es schien dorthin zu gehören, denn es +sah wirklich ganz verräuchert aus und stellte, soweit +es erkennbar war, einen Herrn in ritterlicher Tracht +dar. Der Papa glaubte, es sei irgend ein Vorfahre; +das hatte gewiß Interesse für Axel. Das Bild +wurde hervorgesucht, abgestaubt, gewaschen und geseift +und an die leere Wand gehängt. Trotz aller +Reinigungskünste sah es so dunkel wie vordem aus, +aber es machte sich dennoch ganz hübsch. Nur Tante +Pauline meinte, es sei ein „greuliches Gesicht“; sie +würde in diesem Zimmer nicht schlafen können. +Hedda war jedenfalls zufrieden; morgen früh kamen +noch Veilchen, ein paar blühende Pirus- und Pfirsichzweige +und etwas Grün in die Vasen und Gläser – +dann war das Zimmer behaglich und traulich.</p> + +<p>Nachdem dies getan war, kam die Rücksprache +mit der Köchin an die Reihe. Das war schon verwickelter. +August mußte am Nachmittag noch nach +<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>Zielenberg zum Schlächter fahren; außerdem mußten +zwei Hennen und eine Ente ihr Leben lassen – die +letztere wurde in Aspik gelegt. Die Konserven und +das Eingemachte wurden revidiert und auch der +Weinkeller einer Prüfung unterzogen. Er war noch +am besten assortiert. In einer Ecke lagen aus +früheren Tagen her sogar noch ein paar Dutzend +Flaschen vortrefflichen Johannisbergers, auch eine +Flasche Champagner war noch da, aber der fehlte +das Etikett. Der Baron konnte Hedda keinen Aufschluß +darüber geben, welche Marke sie enthalte, +doch neigte er der Ansicht zu, es werde wohl Grüneberger +Landkarte sein, und es sei auch fraglich, ob +der Wein noch moussiere, denn seiner Erinnerung +nach rühre die vergessene Flasche noch von Heddas +Taufe her.</p> + +<p>So war denn alles in Ordnung, und man konnte +der Ankunft des Vetters aus Schweden mit einer +gewissen Ruhe entgegensehen. Axel brachte schönes +Wetter mit. Es war ein wonniger Frühlingstag, +sonnig und linde, mit einem zarten, weißen Wolkenschleier +am Himmel, der die Sonne wie ein Spitzenschal +umgab. Im Parke war schon alles grün; der +Rasen glänzte smaragden, und die Junirosen hatten +ihre großen Blätter bereits voll entfaltet.</p> + +<p>Hedda sah unaufhörlich nach der Uhr. Sie war +etwas in Unruhe und zweifelhaft geworden, ob es +dem fremden Vetter auch auf dem Baronshofe gefallen +werde. Seit einer halben Stunde ging sie +vor der Veranda auf und ab, den Wagen erwartend, +denn da der Zug wenige Minuten nach zwölf in +Zielenberg eintraf, so konnte die Post jeden Augenblick +durch den geöffneten Torweg einfahren.</p> + +<p>August teilte die Unruhe seiner Herrin. Hedda +hatte auf seinen blauen Livreerock einen neuen roten +Kragen gesetzt und ihm anbefohlen, beim Servieren +weiße Handschuhe anzuziehen. Und davor ängstigte +sich August. An das Servieren mit Handschuhen +war er nicht gewöhnt. Er hatte es ein paarmal +<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>probiert, aber auf der glatten Wolle rutschten die +Teller immer aus. Das Herz zitterte ihm, wenn +er an das Diner dachte.</p> + +<p>In der Ferne ließ sich – ein seltener Klang – +das fröhliche Schmettern eines Posthorns vernehmen. +Das war er! Hedda stürmte in das Haus zurück, +den Alten zu rufen.</p> + +<p>„Schnell, schnell, Vater – er kommt!“</p> + +<p>Der Baron, in seinem langschößigen Rock und +in der schwarzen Halsbinde wie ein Veteran von +1806 aussehend, hinkte an seinen Krückstöcken auf +die Veranda – in dem Augenblick, da der Postwagen +vorfuhr.</p> + +<p>Es war eine sogenannte Beichaise, ein geschlossenes +Coupé, und hinter dem hochgezogenen Fenster des +Wagens sah Hedda ein schmales, blasses, freundliches +Gesicht und eine ihr zuwinkende Hand in braunem +Wildleder.</p> + +<p>August riß den Schlag auf, und Baron Axel +stieg vorsichtig aus, mit dem Fuße nach dem Trittbrett +angelnd.</p> + +<p>„Tag, Cousine!“ rief er ihr dabei entgegen, mit +leicht fremdartiger Betonung des Deutschen, „Tag, +Onkel Frederic! Kinder, wie ist das hübsch bei euch! +Kinder, wie freu’ ich mich!“</p> + +<p>Seine Begrüßung war sehr warmherzig. Hedda +hatte sie steifer und formeller erwartet, sich überhaupt, +trotzdem sie eine Photographie des Vetters +kannte, ein ganz andres Bild von Axel entworfen. +Er war sehr groß, größer als der Vater, aber +schmalschulterig und ging leicht vornüber geneigt. +Das bleiche Gesicht zeigte vornehme Züge, sah jedoch +ein wenig abgespannt und müde aus. Auf der +rechten Wange zeichnete sich eine feine Hiebnarbe +blutrot ab. Ein langer, weißblonder Schnurrbart +sproßte auf der Oberlippe; auch das Haar war weißblond +und dünn, aber geschickt gescheitelt und über +den Kopf verteilt. Aus den hellen blauen Augen +blickte viel Gutmütigkeit. Axel trug ein Monocle +<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>ohne Band, ein großes, rundes Glas, ständig in die +linke Augenhöhle geklemmt. Seine Kleidung war +ausgewählt elegant, besonders fiel Hedda der Sitz +der Stiefel auf den sehr kleinen Füßen auf.</p> + +<p>August führte den Gast zunächst auf sein Zimmer, +und dann ging man sofort zu Tische. Axel fand alles +„reezend“ (er sprach das ei gern als e aus), besonders +das verräucherte Ahnenbild interessierte ihn sehr.</p> + +<p>„Aber irgend eine Ähnlichkeit mit den Porträts +in Jarlsberg kann ich beim besten Willen nicht +herausfinden,“ sagte er. „Freelich, da sind eenige +fünfzig – in eener unendlich langen Galerie, in der +man getrost eene Steeplechase veranstalten könnte – +ach, Cousine, es ist schade, daß du Jarlsberg nicht +kennen lernst – das würde dir gefallen ...“ Und +er beschrieb das alte Schloß, das hoch oben in +Schweden auf einem Felsenvorsprung, der Lofotengruppe +gegenüber, lag, umschäumt und umrauscht +von den Wellen, eine kolossale Burg, deren Grundmauern +noch aus dem vierzehnten Jahrhundert +stammten, und an der acht Generationen gebaut +hatten. „Ich mit,“ fügte Axel hinzu, „und es hat +mich Mühe genug gekostet, in die riesigen Zimmerfluchten +eine gewisse Wohnlichkeet zu bringen, denn +Vater und Großvater lebten lieber in Stockholm und +mehr noch in Paris als auf dem einsamen Stammschlosse. +Aber seht ihr, für mich hat es einen besonderen +Reez, da oben zu hausen, mutterseelenalleen, +und es tut mir von Herzen leed, daß mir der Arzt +das rauhe Klima verboten hat. Ich muß nämlich +een bißchen – een bißchen vorsichtig seen,“ schloß +er, und gleichsam als Bekräftigung dieser Äußerung +befiel ihn zum Schrecken Heddas ein langer und +trockener Husten, den er vergeblich niederzukämpfen +sich mühte.</p> + +<p>Er hatte sich abgewendet und hielt sein Taschentuch +vor den Mund. Der Husten erschütterte seinen +ganzen Körper, so daß er nach Luft ringen mußte, +als der Anfall glücklich vorüber war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>„Schauderhaft,“ sagte er endlich. „Ich habe mich +vor zwee Jahren auf der Bärenjagd erkältet und +kann mich seetdem nicht wieder so recht erholen. Ich +will deshalb auch den Abschied nehmen und een +paar Jahre im Süden verleben. Vielleecht wird’s +da unten besser ... Und nun, Onkel Frederic – +wie steht’s mit der Chronik? Hast du dich durch +die alten Urkunden durchfinden können?“ –</p> + +<p>Hedda war sich noch nicht ganz klar über den +Vetter; sie schwankte noch in ihrem Urteil. Jedenfalls +war er ein vollendeter Gentleman und jedenfalls +ein sehr kranker Mensch, mit dem man Mitleid +haben mußte. Er hatte ein liebes, sympathisches +Gesicht, und die ganze Art seines Sichgebens war +frei, herzlich und natürlich. Es zeigte sich auch, daß +Axel über eine feine und umfassende Bildung verfügte; +er war viel in der Welt herumgekommen, +beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen und war +erstaunlich belesen, so daß Hedda im Gespräche mit +ihm zu öfterem ein gewisses Schamgefühl über ihren +eignen Mangel an Wissen überschlich.</p> + +<p>Den ganzen Nachmittag über blieb Axel mit dem +Freiherrn in dessen Arbeitszimmer, um den vollendeten +Teil der Chronik durchzugehen. Erst beim +Abendessen traf Hedda wieder mit ihm zusammen. +Sie ärgerte sich im stillen über die Appetitlosigkeit +ihres Gastes; was hatte man für Umstände gemacht, +und nun aß er fast gar nichts! Mit dem Trinken +war es ebenso; er bevorzugte Zitronenwasser ohne +jeden Beisatz von Zucker – brrrr, dachte sich Hedda, +und das will ein verwöhnter Weltmann sein! Aber +seine scharmante Liebenswürdigkeit blieb immer die +gleiche. Er sprach viel und ungemein anregend, oft +sprunghaft das Thema wechselnd, doch stets interessant; +dabei nahm auch sein Gesicht eine lebhaftere +Färbung an, und um so stärker fiel die Abspannung +seiner Züge auf, wenn er einmal eine Pause in der +Unterhaltung eintreten ließ. Gelegentlich fragte ihn +Hellstern nach der Ursache der Narbe auf seiner +<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>rechten Wange; er vermutete, sie rühre von einem +Schmiß aus der Studentenzeit Axels her. Doch +Axel erzählte freimütig, er habe die Wunde in einem +Duell empfangen – vor sieben oder acht Jahren, +in Brüssel, wo er für die Gattin eines Grafen Soundso +mehr Interesse gezeigt habe, als dem Ehemann +lieb gewesen sei. Jetzt sei er über derlei +Dummheiten hinaus.</p> + +<p>Axel zog sich übrigens frühzeitig zurück. August +mußte mit auf sein Zimmer gehen, ihm beim Auskleiden +zu helfen, und er schilderte späterhin in der +Küche mit beredten Worten, welche Geheimnisse die +Garderobe des Herrn Vetters barg. Da waren eine +Unmasse Flaschen und Kapseln mit silbernen Köpfen, +alle gefüllt – „weiß der Deubel, mit was“ –, die +mußten vor dem Spiegel aufgestellt werden. Und +die Hosen wurden in einen Bügel gezwängt, der sie +auseinanderspannte, damit sie auch die richtige Form +behielten, und in die Stiefel kamen aus dem gleichen +Grunde hölzerne Blöcke mit silbernen Ringen hinein, +und die Nachthemden waren aus purer Seide. „So +was hab’ ich mein Lebtag nicht gesehen,“ schloß +August, und als Dörthe fragte, ob die Nachthemden +auch wirklich aus Seide gewesen wären, sagte er: +„Auf Ehre, aus purer Seide; ich hab’ sie befühlt.“</p> + +<p>Hedda blieb, nachdem Axel gute Nacht gewünscht +hatte, noch ein halbes Stündchen bei ihrem Vater +sitzen. Es drängte sie, ihre Eindrücke über den Gast +mit ihm auszutauschen.</p> + +<p>„Wie findest du den Axel?“ fragte sie. „Er ist +schwer leidend, nicht wahr?“</p> + +<p>Der alte Herr nickte.</p> + +<p>„Ich glaube auch; er verbirgt’s zwar gern, aber +ich halte den armen Kerl für schwindsüchtig. Und +da ist mir etwas eingefallen, Hedda, woran ich vorher +noch gar nicht gedacht hatte. Wer bekommt +denn das ganze Geld und die Güter in Schweden +und die alte Burg den Lofoten gegenüber, wenn der +Axel einmal unverheiratet sterben sollte? Ich gönne +<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>ihm, weiß Gott, noch ein langes Leben, aber schließlich, +des Herrn Wille ist unerforschlich – und Axel +sieht nicht so aus, als ob er das Hellsternsche Alter +erreichen würde. Na, da habe ich denn am Nachmittage +vorsichtig einen Fühler ausgestreckt, ob er +noch irgend welche Verwandte hat, von denen der +Freiherrnkalender nichts weiß. Und es ist wirklich +so. Stirbt er ohne Nachkommen, dann fällt sein +ganzer Besitz einem Vetter zu, der in der englischen +Marine dient, und den er wie die Pest haßt. Er +hat einmal irgend einen argen Zank mit ihm gehabt; +nach seinen Schilderungen muß es ein gräßlicher +Kerl sein. Nun frage ich dich, ist das nicht +schandbar?“</p> + +<p>„Weshalb?“ entgegnete Hedda harmlos.</p> + +<p>„Schlaukopf – weshalb? Wären <em class="gesperrt">wir</em> nicht +ebenso geeignete Erben wie dieser unausstehliche +Vetter in der englischen Marine?“</p> + +<p>Hedda lachte.</p> + +<p>„Ich zweifle nicht daran,“ entgegnete sie, „daß +<em class="gesperrt">wir</em> uns als Erben in der Tat ebensogut und vielleicht +besser ausnehmen würden. Aber deinen Ärger +versteh’ ich trotzdem nicht recht, Vater. Du sagst ja +selbst, daß du nie an die Möglichkeit gedacht hättest, je +einmal von Schweden aus berücksichtigt zu werden –“</p> + +<p>„Vorher nicht,“ fiel der Alte ein; „aber jetzt +liegt die Sache doch anders.“</p> + +<p>„Ich wüßte nicht inwiefern, gestrenger Herr +Vater.“</p> + +<p>Der Freiherr überhörte die letzte Äußerung. Er +hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute +sinnend und melancholisch, mit leisem Seufzer, zu +Hedda hinüber.</p> + +<p>„Schade, daß der Axel so ’n armer, kranker +Teufel ist,“ sagte er.</p> + +<p>„Ich bemitleide ihn auch, und von ganzem +Herzen –“</p> + +<p>„Denk mal, was das für eine Partie für dich +gewesen wäre!“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>Hedda fuhr betroffen auf; dann lachte sie wieder: +„Willst du mich denn so absolut los sein, Papa?“</p> + +<p>„Unsinn! Du weißt recht gut, daß ich dich am +liebsten immer bei mir und um mich behalten möchte +– weißt’s recht gut! Aber ’mal muß ich mich doch +mit dem Gedanken vertraut machen, dich abzugeben +– lieber Gott, das ist doch nun einmal das Schicksal +der Töchter! Glaube nicht, daß ich gar so selbstsüchtig +bin; ich habe mir über deine Zukunft schon +manchmal meine Gedanken gemacht. Jahr um Jahr +vergeht, und du sitzest hier auf dem Baronshofe und +lernst keinen vernünftigen Menschen kennen –“</p> + +<p>„Erlaube, Papa –“</p> + +<p>„Na ja, ich meine, keinen, der sich für dich eignen +würde. Mit dem Gunther von da drüben war es +doch nichts! Es ist eine niederträchtige Geschichte. +Ich ärgere mich, daß ich dich nicht doch noch zu +Tante Jutta nach Berlin geschickt habe. Es sollen +sehr nette Leute bei ihr verkehren.“</p> + +<p>„Trotzdem ist es fraglich, ob mir einer von ihnen +gefallen hätte.“</p> + +<p>„Lieber Himmel, du kannst doch nicht alte Jungfer +werden?!“</p> + +<p>Hedda erhob sich und gab dem Alten einen Kuß.</p> + +<p>„Ängstige dich nicht meinetwegen, Vater,“ sagte +sie heiter. „Das Heiraten gehört freilich sozusagen +zum weiblichen Beruf, aber es gehören auch immer +zwei dazu. Finden sich die nicht zusammen, dann +muß man sich zu trösten suchen. Und das werde +ich tun – wenn es nicht anders ist. Nun schlaf +wohl und verträume die ernsten Gedanken!“</p> + +<p>Sie strich ihm über die Stirn und klingelte nach +August. –</p> + +<p>Als Hedda am folgenden Morgen aufgestanden +war, fand sie Axel bereits im Parke vor. Er kam +ihr mit fröhlichem Lachen entgegen.</p> + +<p>„Du wunderst dich über mein Frühaufstehen,“ +sagte er, ihr die Hand reichend. „Das ist aber nichts +weeter als eine Folge des Frühschlafengehens, Hedda. +<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span>Ich bin etwas nervös und an kurzen Schlummer +gewöhnt. Vier Stunden genügen mir, oft auch nur +dree. Sieh, wie herrlich der Morgen ist!“</p> + +<p>Das war er. Es strömte ein würziger Frühlingshauch +durch den Park, der Odem der Verjüngung +und Auferstehung. Tau schillerte auf Gräsern +und Halmen, und auf den sprießenden Wiesen keimte +schon der erste wilde Blumenflor empor. Die Erlen +und Weiden am Weiher setzten Kätzchen an; die +Essigbäume umkleideten sich mit goldbraunem Flaum. +Auch an dem Christusdorn brachen bereits zartgrüne +Knöspchen auf, und die Fliederbosketts standen in +frischem Blätterschmuck.</p> + +<p>Hedda fragte, wie Axel geschlafen habe. Seine +gewohnheitsgemäßen drei Stunden gut, antwortete +er; nicht einmal der Geist des verräucherten Ahnherrn +habe ihn gestört. Und von Beginn des Frühdämmerns +an, wo seine Schlummerzeit um sei, habe +er dem Erwachen der Natur gelauscht. Die Sperlinge +hätten angefangen und dann die jungen +Schwalben in ihrem Nest dicht unter dem Fenstersims. +Hierauf hätten sich die Krähen in den Birken +zu rühren begonnen, eine außerordentlich lebhafte +Gesellschaft, die dem Aufgang der Sonne mit großem +Geschrei entgegensehe; auch ein Storch müsse sich in +der Nähe angesiedelt haben, dessen Klappern Axel +deutlich gehört haben wollte. Schließlich kam das +Geflügel auf dem Wirtschaftshof an die Reihe, zuerst +undeutlich, denn das Viehzeug war noch in +seinen Ställen eingesperrt. Aber man hätte doch +schon die verschiedenartigen Organe unterscheiden +können: das dumpfe Krähen der Hähne, das Glucken +der Hennen, das Schnattern der Gänse und Enten. +Dazwischen zuweilen den sanft mahnenden Brüllton +einer Kuh, ein Pferdewiehern und im Verein mit +melodischem Kettenklirren das Anschlagen des Hofhundes. +Endlich erwachte auch der Mensch. Man +hörte die Pumpe arbeiten – sie müsse einmal geölt +werden, sagte Axel – und dann das Öffnen verschiedener +<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>Türen, und nun hätten sich die sämtlichen +Stimmen zu einem gemeinsamen Konzerte vereinigt. +Doch immer habe das helle Schmettern der Hähne +das Leitmotiv angegeben ...</p> + +<p>Hedda amüsierte sich sehr über diese Schilderung. +Sie fand, daß der Vetter heut ungleich frischer, +wohler und jünger aussah als gestern. Sie fand +auch, daß er ein eigentümlich feines und zartes Gesicht +habe, mit hellen, strahlend blauen Augen und +einem Spinnennetz winziger Fältchen darunter, das +aber merkwürdigerweise durchaus nicht entstellend +war. Was ihr indessen am meisten auffiel, war die +intensive Blutfarbe seiner Lippen. Er war bereits +fertig angezogen, nur trug er statt des Rocks ein +Morgenjackett aus bräunlichem, gestepptem Eskimo. +Er sah sehr elegant aus, trotz seiner langen, etwas +schwippen Figur und seiner schlechten Haltung.</p> + +<p>Sie kehrten zusammen in das Haus zurück, wo +der Freiherr bereits am Teetisch saß und ungeduldig +auf die beiden wartete. Trotz des Frühlingstages +brannte Feuer im Kamin, und das konnte man in +dem großen Saale schon vertragen. Die Scheite +knisterten und knackten, und die Flammen zuckten +hin und her.</p> + +<p>Während des Frühstücks fragte Axel seinen Gastgeber +aus. Er sei neugierig und wolle alles wissen, +sagte er, was für den Baronshof von Interesse sei. +Hedda und der Alte begannen zu erzählen, namentlich +der Alte nahm die Gelegenheit wahr, einmal +sein Herz auszuschütten. Er schilderte den jahrelangen +verzweifelten Kampf, den er um seine Scholle +geführt hatte, aber schließlich sei sie nicht mehr zu +halten gewesen. Übrigens sprach Hellstern vernünftig +und ruhig. Er schimpfte nicht auf die „Handelsverträge +und das römische Recht“ und vermied die +landläufigen Phrasen. Er war der Meinung, daß +man heutzutage bei der Landwirtschaft nur dann +etwas erübrigen könne, wenn man für alle Fälle +Kapitalien hinter sich habe. Man müsse den Schwankungen +<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>der Preise Trotz bieten, müsse auch Courage +und die nötigen Mittel haben, um einmal eine +Neuerung wagen zu können. Zum Beispiel der +alte Usen auf Karstädt – was habe der aus seiner +Herrschaft gemacht! Ein geiziger Mann, der die +niedrigsten Löhne zahle und seine Leute wahrhaft +aussauge, aber für das Land sei ihm nichts zu teuer. +Sein Maschinenapparat sei ein wahres Wunder. +Und all das lohne sich; die geopferten Gelder seien +nicht fortgeworfen. Aber man müsse sie eben haben – +und er, Hellstern, hatte sie nicht. Damals, wie die +Hellsterns aus Schweden herübergekommen, waren +sie reiche Leute gewesen, aber wo war der Mammon +geblieben? Verpulvert, verschleudert, vergeudet – +„adjö!“ ... Daß die Landwirtschaft gute Erträgnisse +abwerfe, wenn man reichlichen Hinterhalt habe, +um nachfeuern zu können, sehe jetzt selbst die Finanz +ein. Alle reichen Juden kauften sich Güter ...</p> + +<p>Axel hatte schweigend zugehört, und als Hellstern +zu Ende war, bat er sich von Hedda noch ein +Stück Streuselkuchen aus, der ihm zu Ehren gebacken +worden war, und den er als delikat bezeichnete, +und sagte sodann:</p> + +<p>„Es ist jedenfalls jammerschade, daß du dein +Besitztum verkauft hast, Onkel Frederic. Ich verstehe +dich nicht, daß du dich damals nicht an mich +gewandt hast – ich hätte dir doch so gern geholfen.“</p> + +<p>Der Freiherr schüttelte den Kopf.</p> + +<p>„Du standst mir zu fern, Axel,“ erwiderte er. +„Und dann lagen auch schon überreichlich Hypotheken +auf dem Gut. Es wäre Unsinn gewesen, noch +weitere Versuche zu wagen. Ich bin froh, daß ich +den Baronshof behalten konnte und dabei noch mein +leidliches Auskommen habe. Kommerzienrat Schellheim +hat freilich gewaltig geschachert, aber ein andrer +hätte vielleicht noch weniger gezahlt. Schließlich bin +ich ganz zufrieden.“</p> + +<p>Man erhob sich. Axel schlug einen Spaziergang +vor, und Hedda war einverstanden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>Sie gingen durch das Dorf. Für alles zeigte +der Vetter Interesse. Hedda mußte ihm von der +Quelle erzählen. Der neuschaffende Einfluß des +Heilwassers machte sich bereits überall bemerkbar. +Die Dorfstraße wurde gepflastert; Scharen von +Arbeitern klopften und hämmerten; es klang und +gellte durch die frische Morgenluft. Am Kruge +wurde ein neuer Flügel angebaut. Die alte Inschrift: +„Gastwirtschaft von C. Möller“ war längst +übertüncht worden; Riesenbuchstaben, schwarz mit +Goldrand: „Hotel Möller“, sollten sie ersetzen. Die +Logierhäuser Alberts stiegen in die Höhe; überall +regten sich fleißige Hände.</p> + +<p>Axel wollte auch den „Kurpark“ sehen. Man +rodete und pflanzte noch. Die Natur kam hier den +Gärtnern wesentlich zu Hilfe. Der junge Buchenwald +war wunderschön, und die humusreiche Erde +ermöglichte leicht die Anbringung hübscher Bosketts. +Der Kommerzienrat hatte es aber noch vornehmer +haben wollen. Auch exotische Pflanzen sollten dabei +sein, Palmen, Agaven und dergleichen mehr, und so +wurde denn nach der Wiese zu ein Treibhaus errichtet, +zur Aufbewahrung der Seltenheiten während +der kälteren Jahreszeit.</p> + +<p>Zahlreiche Menschen waren auch im Kurparke +tätig. Plötzlich neigte Hedda grüßend den Kopf; +sie hatte den Kommerzienrat entdeckt. Seit der verfehlten +Werbung Gunthers war eine Entfremdung +zwischen den Insassen des Baronshofs und des Auschlosses +eingetreten. Man besuchte sich nicht mehr. +Nun aber schritt Schellheim Hedda mit verbindlichem +Lächeln entgegen, lüftete seinen Hut und reichte ihr +die Hand. Sie stellte Axel vor.</p> + +<p>„Freue mich sehr,“ sagte der Kommerzienrat. +„Sie lernen die Entstehungsgeschichte eines neuen +Bades bei uns kennen, Herr Baron. Herr Baron +sprechen doch Deutsch?“</p> + +<p>„Gewiß,“ erwiderte Axel; „nur mit dem Akzent +geht es zeetweelig noch nicht so recht. Das interessiert +<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>mich alles sehr, Herr Kommerzienrat. Das ist sozusagen +ein Stückchen Kulturgeschichte. Wird das +da drüben ein Pavillon, wenn ich fragen darf?“</p> + +<p>„Nein,“ entgegnete Schellheim, „das wird der +Quellenbau. Wenn die Herrschaften gestatten, führe +ich Sie ein wenig umher. Wie geht es dem Herrn +Papa, gnädigstes Fräulein?“</p> + +<p>Hedda dankte; sie fragte nach dem Befinden der +Rätin, auch unbefangen nach Gunther. Das schien +Schellheim zu freuen; er wurde ausführlich. Gunther +war noch immer in Montreux; seine große +Arbeit ging dem Abschluß entgegen.</p> + +<p>„Ein neues Kapitel zur Faustforschung, gnädiges +Fräulein –“</p> + +<p>„Ja – ich weiß, Herr Kommerzienrat –“</p> + +<p>„So – Sie kennen das Thema? Der Pastor +ist ganz begeistert; Gunther hat ihm die ersten Bogen +geschickt. Es muß etwas Eigenes sein, dies Grübeln +und Forschen und Suchen – ein Glücksgefühl, das +unsereiner gar nicht kennt, nicht einmal begreift ... +Also dies wird der Quellentempel –“</p> + +<p>Und Schellheim begann zu erklären. Den Anfängen +nach zu urteilen, mußte man mit großen +Mitteln wirtschaften. Der Quellenbau bestand aus +Marmor und Schmiedeeisen; ein bekannter Berliner +Architekt hatte den Entwurf geliefert. Auch die +Wandelhalle war eine elegante und luftige Eisenkonstruktion. +Hier und da wurden zwischen den +Bosketts Statuen und an den Endpunkten der +Laubengänge Ruhesitze errichtet. Künstliche Felspartien +wurden geschaffen und ein ganzes Parterre +hochstämmiger Rosen. Vom Brunnen aus zog sich +eine Art Boulevard quer durch den Park. Hier +waren zwei Reihen Buchen stehen geblieben, eine +prächtige Allee bildend. Die ehemalige Klemptsche +Wiese sollte die Spielplätze hergeben, für Lawn +Tennis, Croquet und Golf, auch an eine Radfahrbahn +dachte man. Die Chaussee war belebt. Wagen +auf Wagen rollte heran, mit Bauholz, Eisen und +<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>Steinquadern bepackt, dazwischen ganze Fuhren von +gelbem Kies. Für die Arbeiter waren in den sogenannten +„Sandkuhlen“ der Grauen Lehne Baracken +errichtet worden; Fritz und die alten +Möllers hatten die Verpflegung der Leute übernommen. +Neben dem Kommerzienrat sah man +überall die schlanke Gestalt Alberts. Er war der +erste auf dem Platze und verließ ihn als letzter. +Seine Tätigkeit war erstaunlich; es zeigte sich, daß +er ein ganzer Geschäftsmann war und trotz seiner +Halbbildung ein Organisationstalent erster Ordnung. +Gegen Schellheim war er von kriechender Unterwürfigkeit, +und wenn er mit den Seinen allein +war, schimpfte er auf ihn. Anfänglich hatte er viel +schlaflose Nächte gehabt; der Gedanke, daß der +Kommerzienrat ihn übervorteilen könne, beunruhigte +ihn maßlos. Und dann hatte er wieder darüber +gegrübelt, wie man sich Schellheims am bequemsten +entledigen könne, wenn alles „fertig sei“. Schließlich +aber hatte er sich gefügt. Es ging nicht anders. +Schellheim war nicht mehr los zu werden, war auch +nicht zu entbehren. Die Gesellschaft war gegründet; +an ein gegenseitiges Betrügen war nicht zu denken. +Dennoch betrachteten sich beide mit einem gewissen +Mißtrauen.</p> + +<p>Hedda erschien das rastlose Leben und Treiben +in und um Oberlemmingen wie ein Traumbild. +Sie dachte an die Prophezeiungen ihres Vaters. +Es sah wirklich so aus, als werde das Dorf vom +Erdboden verschwinden. Die Einrichtungen, die +man traf, berücksichtigten Tausende von Badegästen. +Wo sollten diese Menschen wohnen? – Die Wohnungsfrage +war in der Tat erst in der Lösung. +Man wollte sich damit nicht übereilen. Auf dem +Möllerschen Terrain ließ sich eine ganze Reihe von +Logierhäusern errichten. Spekulanten aus Frankfurt +hatten bereits Bauplätze gekauft, auch der Getreidehändler +Ring aus Zielenberg, der Schwiegervater +Bertolds, begann zu bauen. Und dann +<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>unterhandelte man noch mit Raupach und Thielemann, +deren Gehöfte in der Nähe der großen Landstraße +lagen. Am wichtigsten war freilich Braumüller, +doch der hatte bisher jedweder Lockung +widerstanden. Er war ein schlauer Patron; die +Preise mußten noch ganz anders in die Höhe gehen. +An seinem Zaun stand ein alter Akazienbaum, der +den Kommerzienrat ärgerte, weil er die Aussicht +auf den Boulevard störte. Schellheim beauftragte +Albert, den Baum zu kaufen und fällen zu lassen. +Braumüller forderte fünfzig Taler. Albert erklärte +das für eine Gemeinheit; das Holz sei nicht fünf +Taler wert. Dann solle der Baum stehen bleiben, +gab Braumüller zurück. Die beiden handelten auf +Tod und Leben, vier Wochen hindurch. Jeden +Abend erstattete Albert dem Kommerzienrat Bericht. +Braumüller blieb lachend bei seiner Forderung, und +schließlich sagte Schellheim wütend zu Albert: „Zahlen +Sie dem Kerl die fünfzig Taler – der Teufel soll +ihn holen, den Gauner!“ Braumüller strich die +fünfzig Taler ein, ohne daß ihn der Teufel holte, +und betrank sich am Abend, so daß ihn zwei Knechte +nach Hause tragen mußten.</p> + +<p>Das zukünftige Hotel Möller war nicht mehr +für die Bauern da. Fritz hatte den Stall, in dem +die Schankstube provisorisch untergebracht worden +war, ausbauen lassen; das war jetzt der Krug. Die +Bilder von Friedrich Wilhelm IV. und der Königin +Elisabeth waren mit herübergekommen. Es war +wie eine Revolution. Die alte Möllern weinte zuweilen; +sie sah nichts Gutes darin, daß alles so +fein und so vornehm wurde. –</p> + +<p>Hedda war mit Axel den Döbbernitzer Weg +hinabgegangen. Auf Schritt und Tritt machte sich +der Anbruch der neuen Ära bemerkbar. Auch drüben +auf dem Kirchenland, jenseits der Barbe, arbeiteten +die Leute. Man sah die ragende Gestalt des Pastors +unter ihnen und seinen wehenden weißen Bart. +Mitten in der Tannenschonung wurde ein großer +<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>Platz freigelegt; dorthin sollte das Kinderasyl Eyckens +kommen. Ein hoher Mastbaum überragte das +Schwarzgrün der Tannenwipfel, mit einer flatternden +Fahne, die ein achtspitziges Kreuz trug, hinweisend +auf die Protektion des Ordens von Sankt +Johannes vom Spital zu Jerusalem, unter dessen +Hut die neue Kinderheilstätte stehen würde.</p> + +<p>Hedda fragte Axel, ob ihn der weite Spaziergang +nicht anstrenge. Sie hatte ihn wieder zu +öfterem husten hören. Aber er verneinte; er fühle +sich sehr wohl und auch sehr glücklich.</p> + +<p>„Ja – sehr glücklich, Cousine,“ wiederholte er. +„Ist es der Reez des Neuen oder die frische Landluft +oder die Freude, einmal mit lieben Verwandten +zusammen sein zu können – ich kann dir nur sagen: +ich fühle förmlich, wie mir das Herz auftaut – ich +spüre selbst so etwas wie Frühling in meiner Brust! +Das ist mir lange nicht passiert – und ich danke +dir und dem Onkel wirklich aufrichtig dafür, daß ihr +mir gestattet habt, euch besuchen zu dürfen.“</p> + +<p>„Aber ich bitte dich, Vetter,“ wehrte Hedda den +Dank unter hellem Erröten ab, „wir haben uns ja +so gefreut, dich kennen zu lernen, und hoffen, es +wird nicht das letzte Mal sein, daß du auf dem +Baronshofe bist. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, +daß es dir bei uns gefällt – denke dir, ich habe +eine Todesangst gehabt, du würdest ein furchtbar +verwöhnter Prinz sein und nichts gut genug für +dich finden! Mein Gott, es geht doch schrecklich +einfach bei uns zu!“</p> + +<p>„O Hedda, du mißverkennst mich völlig,“ entgegnete +Axel. „Ich bin verwöhnt – allerdings – +das heeßt, ich richte mir das Leben, soweit es möglich +ist, nach eegner Bequemlichkeit ein. Aber das +will noch nicht sagen, daß ich mich lediglich in der +Bequemlichkeit wohl fühle. Ich habe einmal eine +Expedition in das Innere von Spitzbergen mitgemacht, +wo wir uns im Schneegestöber verirrten und +dree Tage lang auf trockenen Schiffszwieback angewiesen +<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>waren – es hat mir nicht wehe getan. Ich +liebe den Luxus, doch ich entbehre ihn nicht. Ich +entbehre ihn um so weniger, wenn ich mich sonst +wohl fühle, Hedda. Und ich kann dir nur wiederholen: +es weht mir hier bei euch so eine Art Glücksempfinden +durch die Seele – ich weiß nicht, woher +es kommt – so etwas wie Heematluft.... Ich +bin stets ein eensamer Mensch gewesen, und merkwürdig +genug: im tollsten Trubel hab’ ich mich immer +am eensamsten gefühlt. Nun hat man mir auch +Jarlsberg verboten – wegen der rauhen Luft und +des verdamm – o Pardon, meines Hustens wegen. +Man hat mir die Heemat genommen. Das tut mir +weher als der harte Schiffszwieback in Spitzbergen +– und es ist mir, als hätte ich hier Ersatz gefunden ...“</p> + +<p>Hedda rührte das Geständnis des langen Vetters, +des armen „Heimatlosen“, der, mit Glücksgütern +überhäuft, sich doch nicht glücklich zu fühlen +schien. Er war sicher kein Alltagsmensch, sondern +eine feine und zarte Natur, mit kompliziertem Seelenorganismus +– einer, der immer einer linden, weichen +und schonenden Hand bedurfte. Sie begriff schon, +daß er sich leicht einsam fühlte bei seinem Hange, +abseits zu gehen, und der Notwendigkeit, in der +großen Welt zu leben. Das war ein Zwiespalt, +den er hart empfinden mußte.</p> + +<p>„Weißt du, Vetter,“ begann sie wieder, „daß +ich deinen Entschluß, den Dienst zu quittieren, für +sehr vernünftig halte?“</p> + +<p>„Wirklich?“ fragte er.</p> + +<p>„Ja, wirklich. Ich glaube, du bist gar kein +Beamtenmensch. Alles Gegliederte, Schematische +und Bureaukratische ist dir zuwider.“</p> + +<p>„Das ist es. Dabei bin ich aber merkwürdigerweise +eine peinlich ordentliche Natur, Hedda.“</p> + +<p>Sie lachte.</p> + +<p>„Du bist sozusagen in keine Kategorie einzureihen –“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>„Ach nein – in keine des <em class="antiqua">genus homo</em>!“</p> + +<p>„Es ist noch ein Glück, daß du nicht aufs +Carrieremachen angewiesen bist,“ fuhr Hedda, wieder +ernster werdend, fort. „Und bei deinem lebhaften +Geiste fürchte ich auch nicht, daß du untätig +bleiben und dich langweilen wirst.“</p> + +<p>„O du lieber Gott, Hedda – ich kenne das Wort +Langeweile überhaupt nicht! Ich habe so hunderterlei +Interessen – und wenn ich mich dazu entschloß, +zur Diplomatie zu gehen, so geschah es nur – gewissermaßen +aus traditionellen Rücksichten; irgend +einen Beruf mußte ich doch ergreifen, und der diplomatische +gilt bei uns als der vornehmste. Alle +Hellstjerns sind Diplomaten gewesen, aber ich glaube, +es war nie ein besonders hervorragender darunter. +Doch einer, Christiern Hellstjern – der trank um +1500 Sten Sture unter den Tisch und soll dadurch +den großen Adelsaufstand beigelegt haben – doch +ist es immerhin fraglich, ob man diese Leistung als +diplomatische Heldentat betrachten darf ...“</p> + +<p>Sie waren nun bereits mitten im Walde und +schlugen den Weg nach dem See ein. Er lag in +voller Bläue vor ihnen, mit anmutig geschwungenen +Ufern, die auf allen Seiten zu Bergrücken aufstiegen. +Unten erstreckte sich Laubwald und weiter +oben dunklerer Tannenforst. Die Form des Sees +erinnerte Axel an den Lago di Como und die eigentümliche +Gestaltung einzelner hoher Kiefern an die +Pinien Italiens. Aus der Ferne schimmerte wieder, +in leichten Dunst gehüllt, der eckige Turm des +Döbbernitzer Schlosses in verschwimmenden Umrissen +herüber.</p> + +<p>Axel fragte nach dem Besitzer des Schlosses. +Aber Hedda beschränkte sich auf kurze Mitteilungen. +Baron Zernin sei ein entfernter Verwandter; er +habe abgewirtschaftet, ein Duell gehabt und sei noch +auf der Festung; dieser Tage solle das Gut subhastiert +werden – man erzähle sich, Schellheim +werde es kaufen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>Der Vetter wurde aufmerksam.</p> + +<p>„Ist der Zernin ein Sohn des ehemaligen +Ministerpräsidenten?“ fragte er.</p> + +<p>„Ja, Vetter, der einzige.“</p> + +<p>„Und ist das Gut im Stande?“</p> + +<p>„Nein, arg vernachlässigt. Aber der Boden +soll nicht schlecht sein, und Schloß und Park sind +herrlich.“</p> + +<p>Axel nahm seinen Hut ab und strich sich mit dem +Foulard über die Stirn. Dann suchte er sich einen +Stein am Ufer aus, legte sein Taschentuch darüber +und ließ sich nieder.</p> + +<p>„Bist du nicht auch müde, Hedda?“</p> + +<p>„Nicht die Spur; ich bin eine sehr forsche Fußgängerin.“</p> + +<p>Er schaute sie ernst und lange an.</p> + +<p>„Ach,“ sagte er, „wie beneide ich dich um deine +quellige Frische! Du bist ein echtes Germanenweib, +Hedda –“ und plötzlich brach er ab und winkte ihr. +„Komm, setz dich zu mir, wenn du auch nicht müde +bist – es plaudert sich besser.“</p> + +<p>Er rückte ein wenig zur Seite. Der Stein bot +Platz für zwei. Hedda setzte sich zu ihm. Sie hätte +gern die Röte zurückgedrängt, die sie plötzlich auf +ihren Wangen fühlte. Eine leichte Unruhe überschlich +sie. Ihr war genau so zu Mute, als müsse +im nächsten Augenblick ein Antrag kommen.</p> + +<p>Doch sie irrte sich. Axel starrte über den See, +die schilfumbuschten Ränder und das Sonnenflirren +im Wasser und sagte dann plötzlich:</p> + +<p>„Vielleicht ist das etwas für <em class="gesperrt">mich</em> – dies Döbbernitz +da drüben.“</p> + +<p>„Wie meinst du das?“</p> + +<p>„Nun – irgendwo muß ich mir doch wieder so +eine Art Heimat schaffen, Hedda – und hier in +eurer Nähe gefällt mir’s schon am besten. Immer +unter fremden Menschen zu sein, ist auch schrecklich. +Ich werd’ mich nach den Verhältnissen in Döbbernitz +erkundigen ...“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>Hedda nickte nur zustimmend; sie antwortete nicht. +Die Idee des Vetters, sich um das Nachbargut zu +bewerben, kam ihr so plötzlich, daß sie nicht recht +wußte, ob sie sich darüber freuen sollte. Axel schien +ihr Schweigen unrichtig zu deuten; er schaute sie von +der Seite an und sagte:</p> + +<p>„Das heißt, Cousine, wenn es dir recht ist –“</p> + +<p>Jetzt lachte Hedda.</p> + +<p>„Aber, Vetter,“ antwortete sie heiter, „warum +soll es mir nicht recht sein? Es ist doch naturgemäß, +daß ich Döbbernitz lieber in den Händen +eines Verwandten als in denen eines Fremden weiß, +zumal es früher einmal Hellsternscher Besitz gewesen +ist –“</p> + +<p>„Wirklich?“ fiel Axel ein.</p> + +<p>„Jawohl, der Große Kurfürst schenkte es dem +Hellstern – ich glaube, er hieß auch Axel –, der +mit Sparre zusammen aus schwedischen Diensten in +brandenburgische übertrat; dann kauften es die +Rothenburgs und später die Zernins.“</p> + +<p>„Es ist gut, daß ich dies weiß,“ erwiderte Axel +ernsthaft; „Familienerinnerungen muß man wert +halten ...“</p> + +<p>Und nun wurde er schweigsam, während man +langsam den Heimweg antrat. Offenbar ging ihm +seine Idee durch den Kopf. Er sprach übrigens +tagsüber nicht mehr davon. Hedda wunderte sich, +daß er nicht wenigstens ihren Vater zu Rate zog, +aber es schien, als vermeide er mit Absicht, das +Thema von neuem anzuregen.</p> + +<p>Am nächsten Morgen trompetete abermals eine +Extrapost auf dem Baronshof, die sich Axel in +Zielenberg bestellt hatte. Hellstern war böse darüber. +Sein Wagen tät’ es auch noch, meinte er, und seine +dicken Füchse liefen ganz gut. Aber Axel wollte +keinerlei Umstände verursachen. Er versprach, in +Bälde wiederzukommen, und nahm herzlichen Abschied. +Sein Dank klang so warm, daß man fühlen +konnte, wie ehrlich er es meinte. Er küßte den +<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>Alten auf beide Wangen und drückte Heddas Hände +fest. „Ein merkwürdiger Mensch,“ dachte sie, als +sie sah, daß seine Augen feucht geworden waren.</p> + +<p>August war voll hohen Lobes über den Herrn +Vetter aus Schweden.</p> + +<p>„Er hat jedem von uns ein Goldstück als Trinkgeld +gegeben, gnädiges Fräulein,“ erzählte er Hedda. +„Mir zwanzig Mark und Dörthen und Gusten je +zehne. Wenn man denkt, daß der junge Herr +Baron kaum drei Tage bei uns war, so ist das +eigentlich ein bißchen viel. Aber unsereiner kann +das doch nicht zurückweisen – wie würde das denn +aussehen!“</p> + +<p>Auch bei Tische kam man nochmals auf Axel +zurück.</p> + +<p>„Ich werde nicht klug aus ihm,“ sagte Hellstern. +„Er ist mir zu weich, zu lasch, nicht männlich genug. +Aber vielleicht liegt das an seiner Krankheit, vielleicht +auch tatsächlich an dem Empfinden von Heimatlosigkeit, +das ihn beherrscht.... Übrigens, was ich +dir erzählen wollte, Hedda: der Klaus ist begnadigt +worden – man hat ihm den Rest seiner Festungshaft +geschenkt. Ich denke mir, er wird abermals +Mittel und Wege finden, der drohenden Subhastation +zu entgehen.“</p> + +<p>„Und damit würde Axels Idee, Döbbernitz zu +kaufen, ins Wasser fallen,“ entgegnete Hedda.</p> + +<p>„Es wäre im Grunde genommen ganz gut,“ +erwiderte der Alte; „so mal für ein paar Tage ist +er sicher sehr nett, aber für den ständigen Verkehr +– ich kann nur wiederholen, da ist er mir zu +lasch ... Meinst du nicht auch?“</p> + +<p>Hedda zuckte zerstreut mit den Achseln. Sie dachte +in diesem Augenblick an Klaus und nicht an den +schwedischen Vetter.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span> +<a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">N</span>un war endlich der langersehnte Tag gekommen, +an dem die neue Quelle ihre feierliche Weihe +empfangen sollte. Es war später geworden, als man +anfänglich erhofft hatte. Der Sommer war bereits +mit heißem Prangen in das Land gezogen, und auf +den Feldern begann sich die Saat schon gelb zu +färben. Aber man hatte diesmal nicht das Interesse +an der Ernte wie sonst: die Quelle zog die +Aufmerksamkeit aller auf sich. Ehe sie noch offiziell +erschlossen worden war, hatten sich bereits die ersten +Badegäste eingefunden: ein paar Familien aus Frankfurt +an der Oder und auch einige Berliner, die sich +für den ganzen Sommer in Oberlemmingen festsetzen +wollten. Aber auch andre hatten sich angemeldet, +aus weiterer Ferne, selbst aus Süddeutschland. +Die Broschüre, die Professor Statius über +die Heilwirkungen des Wassers geschrieben hatte, +war zu Hunderttausenden in alle Welt gegangen. +Ein federgewandter Schriftsteller, den Schellheim +ausfindig gemacht, hatte eine Beschreibung des neuen +Badeortes angefügt und mit schönen Worten seine +romantische Lage gerühmt, den Kranz grüner Wälder, +der das freundliche Dorf umgab, die Reize des Kurparks, +der Wiesen und Felder, und eine ganze Anzahl +eingestreuter Illustrationen sorgte für noch bessere +Veranschaulichung dieser Lobeshymnen. Und was +die Hauptsache war: der Ton lag auf der Billigkeit +von Oberlemmingen. Hier herrschten sozusagen +noch patriarchalische Sitten; hier war es nicht wie +in Karlsbad und Kissingen und den sonstigen großen +Bädern; die Kurtaxe war gering, die Lebensmittel +bekam man fast umsonst, für Logis und Bedienung +waren die denkbar niedrigsten Sätze aufgestellt +worden. Bei der Lektüre der Broschüre konnte man +den Eindruck gewinnen, als mache man Ersparnisse +<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>bei einem längeren Aufenthalt in diesem stillfriedlichen +märkischen Paradies. Als der alte Möller +sich eines Tages nach mancherlei Mühe durch die +Broschüre durchgeackert hatte, bezeigte er sich nicht +sehr zufrieden. Die ewige Betonung der billigen +Preise behagte ihm nicht. „Wie sollen wir denn +dabei auf die Kosten kommen?“ fragte er Albert. +Doch der lächelte verschmitzt, steckte die Hände in +die Hosentaschen und klimperte mit dem lockeren +Gelde, das er immer in den Beinkleidern trug. +„Das ist einfach der Köder, Vater,“ antwortete er; +„erst müssen die Leute <em class="gesperrt">kommen</em> – nachher wird +sich’s schon finden, wie wir sie drankriegen.“</p> + +<p>Braumüller hatte wirklich verkauft. Das war +ein harter Kampf gewesen. Wochenlang schacherte +er mit Bertold. Er wollte nicht recht, hatte aber +Frau und Tochter gegen sich, die der Gedanke an +das viele Geld und an die Wahrscheinlichkeit, nach +der Stadt überzusiedeln, verlockte. Namentlich Lise +drängte es nach der Stadt. Seit sie wußte, daß +Albert sie doch nicht nehmen würde, träumte sie von +einer Partie mit einem fest angestellten Beamten. +Sie wollte hoch hinaus; sie hatte Geld und dankte +für die Bauernwirtschaft, für das Frühaufstehen, +das Melken im schmutzigen Stall und das Abrackern +auf dem Felde in glühender Sonnenhitze. Aber +der Vater verbat sich das Gerede. Nun ja, er hatte +verkauft und ein gutes Geschäft gemacht. Doch er +wollte in Oberlemmingen bleiben, vorläufig wenigstens. +Er war auch neugierig, was denn nun eigentlich +aus Oberlemmingen werden würde. Und so +hatte er sich beim Verkauf freies Wohnrecht in drei +Zimmern seines alten Hauses für die nächsten beiden +Jahre ausbedungen. Da er aber keine Arbeit mehr +hatte, so lag er von früh bis spät in der Wirtsstube +und kam Abend für Abend betrunken nach Hause.</p> + +<p>Am Weihetage der Quelle ruhte selbstverständlich +die Arbeit in ganz Oberlemmingen. Das kam selten +genug vor, denn seit Monaten hatte im Dörfchen +<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span>eine geradezu fieberhafte Tätigkeit geherrscht. Aber +so vornehme Gäste wie heute hatte Oberlemmingen +auch noch nicht gesehen. Aus allen Ortschaften +der Umgegend, wo ein Gutssitz war, rollten die +Equipagen heran. Man kannte sie alle: die große +Glaskutsche des Döbbernitzer Oberförsters, in der +auch das ABC in rosa Mullkleidchen dicht aneinandergedrängt +Platz gefunden hatte, den Landauer +des Landrats von Wessels, den Klapperkasten des +Kreisphysikus Doktor Stramin, das elegante Gefährt +der Woydczinska, die Wagen der Klitzingks, +Nehringens und Schmiedows und der reichen Frau +Necker und schließlich auch den gelben Korb Exzellenz +Usens, dessen Kutscher inmitten der übrigen Galonnierten +wie ein Fuhrknecht aussah. Nur die alte +Viktoriachaise aus Grochau fehlte; Hauptmann Biese +weilte noch in der Schweiz; die Kugel Zernins +hatte ihn für lange auf das Krankenlager geworfen, +und die Genesung war noch nicht vollständig.</p> + +<p>Nach Zielenberg hatte Kommerzienrat Schellheim +seine eigne Equipage geschickt, um die Vertreter der +Regierung abzuholen, die aus Frankfurt gekommen +waren. Er erwartete sie an der Spitze der Deputation, +zu der außer einigen Häuptern des Kreises +auch Albert Möller, Pfarrer von Eycken und der +Lehnschulze gehörten. Baron Hellstern war vergeblich +gebeten worden, sich anzuschließen. Er hatte +mit Bestimmtheit abgelehnt und knurrte und brummte +auf dem Baronshofe umher; auch Hedda und selbst +August brummten, denn der Alte hatte ihnen zu +verstehen gegeben, er wünsche nicht, daß sich irgend +einer vom Baronshofe an dem Firlefanz da unten +beteilige.</p> + +<p>Es war heiß um diese Mittagstunde, und die +ganze Empfangsdeputation schwitzte. Der Kommerzienrat +trug etwas winziges Rotes im Knopfloch +seines Fracks; er war Besitzer des Ordens von +der Büste Bolivias, den man auch um den Hals +tragen konnte, aber das Bändchen sah hübscher aus +<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>als die groteske „Büste“. Der Landrat war in der +Reserveuniform des Kürassierregiments erschienen, +bei dem er gedient; man wußte nicht recht, warum +er sich so kriegerisch in Szene gesetzt hatte. Eycken +trug Talar; obschon man auch den Superintendenten +erwartete, sollte <em class="gesperrt">er</em> die Weiherede halten.</p> + +<p>Endlich wirbelten Staubwolken auf der Chaussee +empor. Gott sei Dank – das war „die Regierung“! +Sie kam zu Hauf! Voran der Präsident im Frack +mit klingendem Ordensschmuck und dann eine ganze +Masse seiner Beamten, die meisten in Uniform, weil +sich selten einmal eine Gelegenheit bot, wo sie ihr +schimmerndes Kostüm anlegen konnten. Nach kurzer +Vorstellung und Begrüßung ging es sofort in den +Kurpark, den Gendarmen abgesperrt hielten, da auch +aus den Dörfern ringsum sich die Neugierigen zu +vielen Hunderten eingefunden hatten. Es war ein +ganz großstädtisches Leben und Treiben wie bei Gelegenheit +einer Parade oder eines Kaiserbesuchs, ein +buntes Gewühl und Gewimmel festlich gekleideter +Menschen, die die Einweihung der Quelle als interessantes +Schauspiel und willkommene Abwechslung +betrachteten.</p> + +<p>Im Kurpark vollzog sich inzwischen der feierliche +Akt genau nach den vorher getroffenen Bestimmungen. +Es war hier im Gegensatz zu der brennenden Mittagsglut +auf der Chaussee wundervoll kühl und schattig. +Ein grünlicher Dämmer spann seine Schleier zwischen +den Stämmen der Buchen aus, und Sonnenflecken +kreisten und zitterten überall auf dem gelben Kies +der Wege. Der Superintendent eröffnete die Feier +mit einem Gebet, dann hielt Eycken die Weiherede. +Er stand vor dem Altar, den man vor dem Quellentempel +errichtet hatte, und sein weißer Bart fiel lang +und glänzend auf den schwarzen Talar herab. Für +ihn war diese Quelle kein Objekt säckelfüllender +Spekulation; sie sprang aus Sand und Felsgestein +hervor an das Licht des Tages, um der Menschheit +zu dienen, um die Tränen des Elends hinwegzuwaschen, +<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>um die Gebrechen der Welt zu heilen. Die +heiße Liebe, die Eycken für die Kleinen und Armen +erfüllte, schwoll in seinen Worten allumfassend an. +Die Quelle sollte den Erdkreis überströmen, um +mit ihrem wundertätigen Wasser alles Leid hinwegzuspülen. +Sie war eine Gabe des Höchsten und +deshalb auch sollte ihr Wohltun der ganzen Welt +zugute kommen.</p> + +<p>Nun fiel die Hülle von dem Tempelbau; Arbeiter +zerbrachen die Verzimmerung, die den Quell bisher +festgehalten hatte, und in vollem Strahl, springbrunnenähnlich, +sprudelte das Wasser silberklar in +die Höhe. Eycken tauchte seine Hände in das perlenwerfende +Naß und schlug dann mit der Rechten, an +der noch die Tropfen schimmerten, ein Kreuz über +die Quellenöffnung.</p> + +<p>„So weihe ich dich denn, im Namen Gottes, zum +Besten der Menschen, zum Heile der Kranken und +Siechen! Und in dankbarer Erinnerung an den, +der unser deutsches Vaterland aus Not und Elend +zu Kraft, Stärke und Gesundung zurückgeführt hat, +taufe ich dich Bismarckquelle!“</p> + +<p>So war es verabredet worden. Der Kommerzienrat +hatte die Anregung zu diesem Namen gegeben; +man bedauerte nur, daß die Weihe nicht am ersten +April, am Geburtstage Bismarcks, erfolgen konnte +– das wäre noch hübscher gewesen. Doch trotzdem +– der Moment war sehr feierlich. Es ging +ein Rauschen und Flüstern durch die Wipfel der +Buchen, wie ein Akkord der Zustimmung, den die +Natur diesem Segenswerke zollen wollte. Aber die +meisten achteten nicht auf dies geheimnisvolle Wehen. +Albert Möller, der sich ziemlich bescheiden im Hintergrunde +hielt, sah andre Zeichen. Über die Gestalt +des Pfarrers, sein weißes Haar und seinen schwarzen +Talar und auch über das springende Wasser und +die Marmoreinfassung rieselte ein ganzer Regen von +Sonnenfunken. Es sah wirklich so aus, als ströme +das blanke Gold in Fülle vom Himmel herab – +<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span>und das war ein Anblick, der Albert wohltat. Er +hörte nicht mehr auf den Segen, den Eycken sprach, +und auch nicht auf die kurze Rede des Regierungspräsidenten, +der mit einem Hoch auf den Kaiser +schloß; der Goldregen lenkte seine Gedanken ab, +zerstreute, verwirrte und blendete ihn. Erst als +der Kommerzienrat das Wort ergriff, um den zu +feiern, der der Quelle den Namen gegeben hatte, +schreckte er aus seinen Träumereien empor, und +ein haßerfüllter Blick streifte den Sprechenden. +O, wie grimmte es ihn, daß er mit dem da teilen +mußte!</p> + +<p>Nach beendeter Feierlichkeit wurde der Kurpark +dem Publikum freigegeben, und nun flutete die +Menge durch die Gänge und Anlagen, während +Schellheim im Auschlosse die Herren von der Regierung +bewirtete. Auch die Mitglieder des Aufsichtsrats +und Kurvorstands waren dazu geladen +worden. In der großen Halle hatte man ein riesiges +Büfett errichtet, aber auch auf der ersten +Terrasse waren kleine Tische gedeckt worden. Es +war ein heiteres und buntfarbiges Bild. Die neugebildete +Kurkapelle konzertierte bei dieser Gelegenheit +zum ersten Male, denn es war selbstverständlich, +daß die Dorfmusik mit dem ererbten Bombardon, +das Fritz Möller so trefflich zu meistern +verstand, nunmehr für immer in der Versenkung +verschwinden mußte. Albert ärgerte sich, daß man +nicht auch seinen Vater geladen hatte. Er war blaßgrün +im Gesicht. Wäre es nicht passender gewesen, +diese ganz offizielle Abfütterung unten im Hotel +Möller zu veranstalten? – Als der Regierungspräsident, +das Champagnerglas in der Hand, mit +seiner zarten, wispernden Stimme der großen Verdienste +des Kommerzienrats gedachte und ein Hoch +auf den intelligenten Zauberer ausbrachte, dessen +Wunderstab auch „das Unmögliche möglich mache“, +da glaubte Albert, an dem Bissen Gänseleberpastete, +den er gerade genießen wollte, ersticken zu müssen. +<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span>Das klang ja wirklich, als hätte Schellheim die +Quelle entdeckt, als hätte ihm das Terrain gehört, +als wäre er derjenige gewesen, der den ersten Anstoß +zu der industriellen Ausbeutung des Heilwassers +gegeben hätte! Wahrhaftig, es war zum Lachen; +den Kommerzienrat feierte man, und ihn, den Albert +Möller, den eigentlichen Urheber, den Gründer, beachtete +man gar nicht!</p> + +<p>Man hatte an Bismarck ein Huldigungstelegramm +abgesandt, und der höfliche Alte von Friedrichsruh +beeilte sich, umgehend telegraphisch zu danken und +Oberlemmingen eine gedeihliche Zukunft zu wünschen. +Das brachte neues Leben in die Gesellschaft. Exzellenz +Usen, der in einer Ecke der Halle eingeschlafen war, +wachte wieder auf, und Schellheims Gesicht glänzte +vor Glück. Er brauchte es, denn er hatte am Tage +vorher eine ihn stark erregende und tief erbitternde +Mitteilung erhalten. Sein Sohn Hagen, der Älteste +der Nibelungen, schrieb ihm, daß er sich zu verheiraten +gedenke, und zwar mit einem kleinen Fabrikmädchen, +einer gewissen Anna Zell, einem zwar armen, aber +sehr braven und lieben Geschöpf, wie er versicherte. +Er hoffe, die Eltern würden nichts dagegen einzuwenden +haben. Schellheim war außer sich. Er entsann +sich dieser niedlichen Kleinen; sie arbeitete bei +den Stepperinnen, und der Kommerzienrat hatte +einmal durch Zufall gehört, daß zwischen Hagen und +ihr schon lange eine Liebelei bestand. Dagegen hatte +er nichts, aber heiraten – nein, das war eine Unmöglichkeit! +Hagen war der Leiter des Weltgeschäfts, +der Träger der Firma; er hatte die Verpflichtung, sich +eine Gattin zu suchen, die zu repräsentieren verstand. +Und auf der Stelle setzte sich Schellheim hin, um +Hagen zu antworten. Er sagte ihm gründlich seine +Meinung, drohte mit Fluch und Enterbung und verbat +sich energisch, den Namen dieser Anna Zell in +seiner Gegenwart auch nur zu nennen. Auch die +Rätin war bekümmert, aber sie sprach es nicht aus. +Sie ließ ihren Gatten wettern und schimpfen, ging +<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span>auf ihr Zimmer und schloß sich ein, um ungestört +weinen zu können.</p> + +<p>Gegen drei Uhr kehrte Albert Möller in das Hotel +zurück. Er hatte seinen Bruder Bertold, der bereits +nach Oberlemmingen übergesiedelt war, um den Umbau +des Braumüllerschen Hauses zu überwachen, abgeholt. +Es war wieder einmal eine Familienkonferenz +nötig. Fritz, der – eine große weiße Schürze um +den Leib – soeben dabei war, Weinflaschen zu etikettieren, +fragte verwundert, was es denn gebe.</p> + +<p>„Wirst es schon hören,“ antwortete der Bruder, +„diesmal geht’s dich an!“</p> + +<p>In einem der Hinterzimmer fanden sie sich zusammen: +Mutter Möller mürrisch wie immer, das +Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, der Alte, Fritz, +Albert und Bertold.</p> + +<p>Albert ging ohne Umschweife auf die Angelegenheit +los. „Ich möchte mit euch einmal wegen der +Dörthe reden,“ sagte er. „Der Sache muß ein +Ende gemacht werden.“</p> + +<p>„Wieso?“ fragte der dicke Fritz aufgeregt, während +die Mutter zustimmend nickte.</p> + +<p>„Wieso?“ wiederholte Albert mit strenger Stimme. +„Kannst dir’s wohl denken. Ohne Frau weiterzuwirtschaften, +geht nicht.“</p> + +<p>„Ich habe der Dörthe versprochen, daß zu Weihnachten +Hochzeit sein soll,“ entgegnete Fritz; „da +wird’s ja anders werden!“</p> + +<p>„Und ich bin doch auch noch da,“ fügte die +Mutter hinzu.</p> + +<p>Albert schüttelte den Kopf.</p> + +<p>„Du bist nicht mehr die Jüngste, Mutter,“ sagte +er. „So einem großen Hotelwesen muß eine rüstige +Kraft vorstehen.“</p> + +<p>„Gottlob, das ist die Dörthe,“ warf Fritz ein.</p> + +<p>„Und wenn sie’s auch zehnmal wäre,“ fuhr +Albert heftig auf; „wenn du dir hier in Oberlemmingen +eine Stellung schaffen willst, kannst und +darfst du kein Bauernmädel heiraten!“ ... Er lenkte +<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span>ein, als er das bestürzte und unglückliche Gesicht +seines Bruders sah. „Du mußt Vernunft annehmen, +Fritz,“ fuhr er fort. „Ich konnte auch nicht vorher +wissen, wie sich alles gestalten würde. Es scheint, +als habe der Kommerzienrat Lust, die ganze Macht +an sich zu reißen und uns auf dem Trockenen sitzen +zu lassen. Dem müssen wir vorbeugen. Das können +wir aber nur, wenn wir Brüder uns solidarisch erklären, +das heißt also, wenn wir einer für alle stehen +und uns gegenseitig aushelfen. Ich sage dir, auch +ich werde heiraten, aber ich muß noch warten; die +Rechte ist noch nicht da, und ich brauche viel Geld. +Geld ist die Hauptsache.“</p> + +<p>„Die Hauptsache,“ bestätigte auch der Alte, und +Bertold nickte dazu: „Man muß rechnen.“</p> + +<p>„Also schlag dir die Dörthe aus dem Kopf, +Fritz,“ begann Albert von neuem. „Das gibt ein +paar Tränen, und in einem Vierteljahr ist die Sache +vergessen. Ich habe vorhin mit dem Landrat gesprochen. +Er fragte, ob wir den Wittke wieder zum +Schulzen wählen würden. Der scheint ihm nicht +recht zu passen, und er hat auch recht. Wittke ist +einer von den Alten, bäurisch durch und durch, immer +in Schmierstiefeln und mit der Pfeife im Maule. +So einen können wir nicht brauchen. Oberlemmingen +wird wachsen und einen städtischen Anstrich +bekommen. Der Schulze wird nicht mehr Schulze, +sondern Bürgermeister sein. Er muß auch was vorstellen +können – wir wollen ja doch die vornehme +Welt heranziehen! Und das sah auch der Landrat +ein. Er hat mich gefragt, ob du dich nicht zum +Schulzen eignen würdest!“</p> + +<p>Fritz schlug die Augen zu Boden. Er wußte +nicht, was er sagen sollte. Man wollte ihm die +Dörthe nehmen; das stand fest. Und so gewaltig +war das Ansehen Alberts in der Familie gewachsen, +daß er gar nicht mehr zu widerstreben wagte. Im +stillen hatte er längst gefürchtet, daß die Verlobung +wieder auseinandergehen würde.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>Vater Möller hatte sich neben Albert gesetzt und +die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Sein schlaues +Bauerngesicht sah hart aus, als sei es aus Stein +gehauen.</p> + +<p>„Hast du nun gehört, Fritz?“ sagte er. „Der +Landrat hat gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen +eignen würdest?“</p> + +<p>„Na, gewiß,“ entgegnete Fritz etwas zaghaft, +„warum denn nicht? Dazu gehört doch nicht so viel!“</p> + +<p>„Mein’ ich auch,“ fügte Albert ein, „und daß du +gewählt wirst, dafür laß mich nur sorgen. Das ist +eine große Stütze für uns alle, wenn du der Ortsvorstand +bist. Ich für meinen Teil werde mich +darum bemühen, Amtsvorsteher zu werden; Hauptmann +Biese will niederlegen – es geht auch nicht, +daß der Vertreter eines so wichtigen Postens in +Grochau wohnt. Und nun zum Schluß: ich habe +eine andre Partie für dich, Fritz.“</p> + +<p>Fritz fuhr erschreckt in die Höhe.</p> + +<p>„Aber, Albert – ich bin ja noch nicht einmal +auseinander mit der Dörthe,“ wagte er einzuwerfen.</p> + +<p>Jetzt nahm auch die Mutter das Wort. Sie +begann sofort zu keifen und zu schimpfen. Wenn +es nach ihr gegangen, wäre die Dörthe überhaupt +nicht ins Haus gekommen. Es hätte ihr von vornherein +nicht gepaßt. Und schließlich erging sie sich +in allerhand Anspielungen, das Mädchen zu verdächtigen. +Sie treibe sich herum; neulich habe man +sie noch nach Mitternacht an der Seite von Anton +Tengler durch das Dorf schleichen sehen ...</p> + +<p>Der Alte schnitt ihr endlich mit drohender Handbewegung +das Wort ab. „Was für ’ne Partie?“ +fragte er Albert; „rede!“</p> + +<p>Albert legte seinen Plan dar. Ring, der Schwiegervater +Bertolds, wolle die Sache machen. Es handle +sich um die einzige Tochter Franz Grödeckes, Schlächtermeisters +in Frankfurt. Der alte Möller nickte. +Er kannte den Grödecke in der Richtstraße; ein schlauer +<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>Halunke, aber er hatte Geld gemacht. Also dessen +Tochter?! – Und Albert erzählte weiter. Das Mädchen +sei nicht mehr ganz jung, etwa dreißigjährig, +aber groß und ganz hübsch und nehme sich recht +stattlich aus. Grödecke habe sich bereits einverstanden +erklärt, wolle zwanzigtausend Taler Mitgift geben, +stelle aber die Bedingung, daß ihm kontraktlich die +gesamten Fleischlieferungen für Oberlemmingen verbürgt +würden. Statt dessen wolle man ihm vorschlagen, +in Verbindung mit dem Hotel eine Engrosschlächterei +hier an Ort und Stelle zu errichten. +In ausführlicher Weise legte Albert die Vorteile +dieser Verbindung klar. Fritz wäre ein Narr, wenn +er nicht mit beiden Händen zugriffe.</p> + +<p>„Da gibt’s nichts weiter zu reden,“ sagte der +Alte ruhig; „Fritz heiratet das Mädel.“</p> + +<p>Noch einmal versuchte der arme Junge zu widersprechen. +Er stand auf, reckte seine riesige Gestalt, +zog die Schultern, gleichsam entschuldigend, hoch in +die Höhe und stotterte: „Vater – Vater, sei mir +nicht böse; ich kann’s nicht!“</p> + +<p>Mit einem Sprung stand der Alte dicht vor ihm. +Purpurrot färbte der jähe Zorn sein hartes Greisengesicht. +Die Augen unter der vorspringenden, viereckigen +Stirn loderten, die Fäuste hoben sich.</p> + +<p>„So,“ stieß er hervor, „du gehorchst nicht – +gehorchst nicht?!“</p> + +<p>Fritz duckte sich wie ein Schuljunge, der das +Lineal fürchtet. Aber er erwiderte kein Wort. Er +zitterte am ganzen Leibe.</p> + +<p>Albert und Bertold fielen dem wutkeuchenden +Alten in den Arm. Die Mutter stand am Fenster +und schaute wortlos zu.</p> + +<p>So war es am besten; es mußte einmal zur +Entscheidung kommen.</p> + +<p>„Laß, Vater,“ sagte Albert in beruhigendem +Tone, „Fritz wird gehorchen. Er ist der Jüngste. +Aber er soll seine Zeit haben. Es braucht nicht +alles kopfunter, kopfüber zu gehen. Er kann die +<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span>Dörthe langsam fallen lassen. Unterdes kommt die +Frida Grödecke mal her sich vorzustellen – es wird +sich schon alles finden. Ich fahr’ morgen sowieso +nach Frankfurt, da sprech’ ich mit Grödecke.“</p> + +<p>Fritz ging hinaus. Aber in der Tür wendete +er sich nochmals um. Er sah kreideweiß aus.</p> + +<p>„Und der alte Klempt?“ fragte er; „soll der +auch betrogen werden?“</p> + +<p>Albert schüttelte den Kopf. „Betrogen?“ gab +er zurück. „Und weshalb?“</p> + +<p>„Na – mit seiner Wiese.“</p> + +<p>„Ah – was hat das mit deiner Heirat zu tun? +Wir haben ihm die Wiese bezahlt.“</p> + +<p>„Aber er hätte sie nicht verkauft, wenn Dörthe +nicht so zugeredet hätte, und wenn –“</p> + +<p>„Still jetzt!“ brüllte der Alte und wies auf die +Tür. Krachend warf Fritz sie ins Schloß.</p> + +<p>Er ging wieder an seine Arbeit. Aber während +er die Etiketten mit der wechselnden Aufschrift „Trabener“, +„Graacher“ und „Moselblümchen“ auf die +schon gefüllten – übrigens aus ein und demselben +Fasse gefüllten – Flaschen klebte, wanderten seine +Gedanken ruhelos umher. Er sah immerwährend +die Dörthe neben sich stehen und zermarterte sich +das Hirn, wie er ihr wohl am besten beibringen +könne, daß alles aus sei. Denn daß es nun kein +Zurück mehr gab, war klar. Der Vater würde ihn +zu Boden schlagen, wenn er noch einmal nein sagen +wollte. Und vor dem Vater zitterte er. Der +Riesenmensch, der es gelegentlich fertig bekommen +hatte, mit jeder Hand einen Bauern hinten am +Hosengurt zu packen und hoch emporzuheben, schlug +vor dem Drohblick des Alten die Augen wie ein +gestrafter Schuljunge zu Boden.</p> + +<p>Er atmete, immer weiterarbeitend, mit schwer +sich hebender und senkender Brust. Und plötzlich +hielt er inne. Er mußte irgend etwas zerstören, +zerbrechen, vernichten. Er holte aus, um die Flasche, +die er in der Hand hielt, gegen die Wand zu schleudern. +<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>Aber er besann sich. Nein, das war Unsinn! +Der „Trabener“ stand mit einer Mark fünfzig +Pfennig auf der neuen Weinkarte.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Für den folgenden Tag war in Zielenberg Termin +zur Subhastation von Döbbernitz festgesetzt worden. +Der Kommerzienrat hatte sich genau informiert. +Zernin hatte seine Sache aufgegeben; er wollte dem +Termin gar nicht beiwohnen. Auch sonst erwartete +man wenig Reflektanten. Man glaubte überall, +Herr von Zernin werde, wie schon dreimal, auch +diesmal wieder im letzten Augenblick eine Hilfsquelle +gefunden haben. Übrigens gab es in der Umgegend +auch keine ernsthaften Käufer. Jeder hatte mit dem +eignen Besitz zu tun. Es war keine günstige Zeit +für die Landwirtschaft.</p> + +<p>Trotzdem war das verräucherte Terminzimmer +mit seinen kahlen, weiß getünchten Wänden und den +grün schillernden Fensterscheiben ziemlich voll. Eine +ganze Anzahl Neugieriger hatte sich eingefunden, +unter ihnen auch der alte Usen, in dem der Kommerzienrat +einen Nebenbuhler witterte. Man wußte +nie so recht, was der Sonderling vorhatte; er platzte +häufig einmal mit etwas ganz Unerwartetem heraus. +Ferner sah man die meisten Fouragehändler aus +der Gegend, einige Berliner Agenten und Hypothekengläubiger +und ein paar Fremde, die von den +Kreiseingesessenen mit einem gewissen Mißtrauen +gemustert wurden.</p> + +<p>Die einleitenden Formalitäten waren rasch erledigt. +Man kannte das alles: den Grundsteuerreinertrag, +die Hypothekenlast, die Rentenbeiträge +und Servitute – das war eine langweilige Sache.... +Der Kommerzienrat stand am Fenster und sah einer +Spinne zu, die sich von der Decke aus an einem +langen Faden niedergelassen hatte und gerade über +dem kahlen Kopfe des amtierenden Richters schwebte.</p> + +<p>Schellheim begann damit, dreihunderttausend +Mark zu bieten. Es erfolgte sofort ein Aufschlag +<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>von vierzigtausend Mark von seiten eines Berliner +Agenten, der damit die Hypothek seines Auftraggebers +retten wollte. Der Kommerzienrat setzte +zehntausend Mark zu; er hatte die Absicht, bis auf +vierhunderttausend Mark zu gehen. Schlug man +ihm dann den Besitz zu, so hatte er ein gutes Geschäft +gemacht, denn das war allein der Waldbestand +trotz allen Raubbaues noch wert. Der anwesende +Vertreter der Ritterschaftsbank saß im Hintergrunde +und feilte an seinen Nägeln. Er war gedeckt; die +Geschichte interessierte ihn nicht mehr.</p> + +<p>Ein Fremder, ein alter Herr, der sich als Graf +Isingen vorgestellt hatte und ein Verwandter Zernins +war, ging bis auf dreihundertachtzigtausend Mark. +Auch in diesem Falle galt es, eine Hypothek zu sichern. +Schellheim bot jetzt von fünf- zu fünftausend Mark +mehr. Plötzlich rief eine Stimme aus der Mitte +der Anwesenden:</p> + +<p>„Vierhunderttausend Mark!“</p> + +<p>Alles schaute sich um. Schellheim reckte den +Hals und wurde unruhig. Exzellenz Usen erhob sich +und trat an die Wand.</p> + +<p>„Den Namen bitte,“ sagte der amtierende Richter.</p> + +<p>„Rechtsanwalt Stroschein in Vollmacht des +Herrn Baron von Hellstjern.“</p> + +<p>Der Richter wiederholte dem Protokollführer +den Namen. Ein Gemurmel wurde hörbar. „Schockschwerenot +– Hellstjern?!“ rief Usen halblaut. Auch +der Kommerzienrat war bestürzt. Er dachte gleichfalls +an den knurrigen Alten auf dem Baronshof. +Aber das war doch nicht denkbar. Und auf einmal +tauchte das Bild Axels vor ihm auf. Ja – der +mußte es sein! Er wurde wütend. Die beiden +Hellstjerns, der reiche und der arme, steckten zweifellos +unter einer Decke. Man wollte ihm Döbbernitz +nicht gönnen. Er hatte sich alles schon auf das genaueste +zurechtgelegt. Zweihunderttausend Mark +waren nötig, die Landwirtschaft auf Döbbernitz +wieder in Gang zu bringen. Aber das genügte +<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>auch; und dann ... Die laute Stimme des Richters +unterbrach seinen Gedankengang. „Vierhundertzehntausend!“ +rief der Kommerzienrat.</p> + +<p>„Zwanzig,“ ertönte die Stimme des Rechtsanwalts +Stroschein.</p> + +<p>„Fünfundzwanzig!“</p> + +<p>„Dreißig!“</p> + +<p>Jetzt drängte sich Schellheim zu dem Konkurrenten +hindurch.</p> + +<p>„Kommerzienrat Schellheim,“ sagte er, sich vorstellend; +„Sie bieten für den Baron Axel Hellstjern, +den Schweden, wenn ich fragen darf?“</p> + +<p>„Ganz richtig, Herr Kommerzienrat.“</p> + +<p>„Und wollen Sie noch höher gehen?“</p> + +<p>„So hoch es nötig sein wird.“</p> + +<p>„Vierhundertdreißigtausend Mark – zum ersten!“ +rief der Vorsitzende.</p> + +<p>„Vierhundertvierzigtausend!“ erscholl die Stimme +des alten Usen.</p> + +<p>Da verlor Schellheim völlig die Fassung. Er +sah Usen hilflos an, der mit grinsendem Gesicht, +die Augen mit den schweren, immer geröteten +Tränensäcken ein wenig zusammengekniffen, an der +Wand lehnte. Die Sonne beleuchtete ihn hell. Die +Aufschläge seines schäbigen grauen Jagdrocks strotzten +vor Fettflecken; an der Weste fehlte ein Knopf.</p> + +<p>Es war ganz verrückt. Das war wieder einmal +einer jener tollen Streiche des alten Paschas, +mit denen er urplötzlich zutage zu treten pflegte, +und immer dann, wenn man es am wenigsten erwartete. +Was wollte er denn mit Döbbernitz?!</p> + +<p>„Fünfundvierzig!“ schrie Schellheim und biß die +Zähne zusammen.</p> + +<p>„Fünfzigtausend!“ rief Rechtsanwalt Stroschein.</p> + +<p>In seiner Aufregung packte der Kommerzienrat +den Rechtsanwalt an der Schulter.</p> + +<p>„Geh’n Sie noch weiter?“ stieß er hervor.</p> + +<p>„O ja,“ versetzte dieser gemächlich.</p> + +<p>„Wie hoch?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>„Sechzig – siebzig – ich werde abwarten.“</p> + +<p>„Vierhundertfünfzigtausend Mark – zum ersten!“ +erscholl wieder des Vorsitzenden Stimme.</p> + +<p>Schellheim trat achselzuckend neben Usen.</p> + +<p>„Ich höre auf,“ flüsterte er diesem zu. „Das +ist eine Verrücktheit.“</p> + +<p>„Schad’t ja nichts,“ gab Usen zurück, „ein bißchen +Verrücktheit versüßt das Leben – fünfundfünfzig!“</p> + +<p>„Sechzigtausend!“</p> + +<p>„Hol’ euch alle der Teufel,“ brummte Schellheim, +nahm seinen Hut und verließ das Zimmer. Er +war sehr ärgerlich. Sein Wagen wartete vor dem +Gerichtsgebäude, aber er stieg noch nicht ein. Er +wollte wenigstens wissen, wie die Sache endgültig +verlaufen würde.</p> + +<p>Sie verlief einfach genug. In dem Augenblick, +da der Kommerzienrat nicht mehr mitbot, hörte auch +Usen auf. Er lehnte noch immer an der Wand, +mit grinsendem Gesicht und zusammengekniffenen +Äuglein, und der weiße Kalk des Mauerputzes +blieb an seinem verschossenen grünen Jagdrock hängen.</p> + +<p>Döbbernitz fiel Axel Hellstjern für vierhundertsechzigtausend +Mark zu. Es verblieben somit für +Zernin immer noch einige tausend Mark Reingewinn. +Das hatte niemand erwartet.</p> + +<p>Zernin selbst am allerwenigsten. Er war kurze +Zeit vorher von Magdeburg eingetroffen, wo er eine +langweilige Festungszeit verlebt hatte. Was aus ihm +werden sollte, wußte er noch nicht. Vor Amerika +graute ihm. Pfui Teufel, zum Kellner oder Hausknecht +hatte er keine Anlagen!</p> + +<p>Die Nacht vor dem Subhastationstermin schlief +er schlecht. Er wachte zwanzigmal auf und wälzte +sich von einer Seite zur andern. Alte Erinnerungen +stürmten mächtig auf ihn ein – an Vergangenes, +an seine Kindheit, an die Eltern. Es dämmerte +grau durch die Ritzen der Fensterläden, als er +wütend aufsprang. Es hielt ihn nicht mehr im Bette.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>Er zündete ein Licht an und suchte nach einer +Flasche Wein. Aber er fand keine. „Lotterwirtschaft,“ +brummte er vor sich hin und stieg im Schlafrock +und Morgenschuhen in das Souterrain hinab, +um den Weinkeller zu durchstöbern.</p> + +<p>Im Schlosse war es totenstill. Das ganze riesige +Gebäude lag in tiefem Schlafe. Die Zimmer standen +gähnend leer. Klaus hatte in seiner ewigen Geldnot +verkauft, was loszuschlagen war; den Rest +hatten die Gerichtsvollzieher geholt, während er in +Magdeburg saß. Durch die öden Fenster glomm +der trübe Morgen. Graue Schatten überall und +noch nächtiges Dunkel in den Winkeln und Ecken. +In dem großen Saale des Mittelbaues, in dem +zur Johanniterzeit die Konvente abgehalten worden +waren, stand kein Tisch und kein Stuhl mehr. Riesenhaft +reckte sich an der einen Querwand der deckenhohe +Sandsteinmantel des Kamins mit seinen schwarz +gewordenen Wappenschildern. Selbst die alten Butzenscheiben +waren ausgehoben und durch moderne +Fensterflügel ersetzt worden ...</p> + +<p>Klaus schloß den Weinkeller auf, einen riesigen, +hochgewölbten Keller mit zahllosen Flaschenregalen +an den Wänden, denn der alte Ministerpräsident +hatte einen guten Tropfen geliebt. Aber auch hier +sah es leer aus; Staub und Schmutz lagen zu +Haufen umher, und Spinneweben bedeckten die Regale, +in denen der Holzwurm tickte. Nur in einer +Ecke waren dicht am Boden noch einige Reihen +Flaschen aufgeschichtet, und aus diesen suchte Klaus +sich eine aus. Er traf die richtige, einen vierundachtziger +Pommery, von jenem wunderbaren Jahrgange, +der sich bereits erschöpft hatte und selten zu +werden begann. Und dann stieg er, die Flasche +unter dem Arm, wieder die Treppen hinauf.</p> + +<p>Sein in den Pantoffeln schlurrend wiederhallender +Schritt war der einzige Laut, der sich hören +ließ. An den Wänden des Treppenhauses zeigten +sich große helle Flecken, von den alten Ölbildern +<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>herrührend, die hier einst gehangen hatten und von +unbarmherzigen Gläubigern abgeholt worden waren. +Nichts war geblieben. Die ganze Meute hatte die +Festungszeit Zernins benutzt und sich in toller Hetzjagd +auf Döbbernitz gestürzt. Selbst die letzten Andenken +an den verstorbenen Ministerpräsidenten hatte +man nicht verschont: Geschenke des alten Königs, des +Kaisers Alexander von Rußland und andrer Potentaten. +Die Bibliothek war entleert worden; man +hatte Auktionen veranstaltet, und kostbare Widmungsexemplare, +wie Lamartines Geschichte der Girondisten, +die der Verfasser Friedrich von Zernin persönlich +geschenkt, als dieser Gesandter in Paris gewesen, +waren für wenige Groschen verschleudert +worden. Das alte Schloß war wie ausgeraubt.</p> + +<p>Klaus kehrte in sein Schlafzimmer zurück, entkorkte +die Flasche, warf sich wieder auf das Bett +und trank den Champagner aus dem Wasserglase, +das auf seinem Nachttische stand. Auch eine Zigarre +steckte er sich an, aber sie schmeckte ihm nicht. Er +warf sie mitten in die teppichlose Stube.</p> + +<p>Morgen kam Döbbernitz unter den Hammer. +Übermorgen schon konnte ihn der neue Besitzer von +Haus und Hof jagen. Wohin dann?! –</p> + +<p>Ein ernster Zug glitt über das Gesicht Zernins. +Er war wirklich am Ende; diesmal gab es keine +Hilfe mehr – es war aus. Und zum ersten Male +legte er sich die Frage vor: hätte es nicht anders +kommen können?</p> + +<p>Gewiß – aber dann hätte er arbeiten müssen. +Sein Vater hatte ihm kein Barvermögen hinterlassen. +Seine Dotation hatte der alte Minister in +Döbbernitz gesteckt, seine hohen Gehälter verbraucht. +Freilich, Döbbernitz konnte immerhin seinen Mann +nähren, nur mußte man zu wirtschaften verstehen. +Und davon war keine Rede bei Klaus. Er war +noch aktiver Offizier, als sein Vater starb, und nun +nahm er schleunigst den Abschied und setzte sich auf +Döbbernitz fest. Schon der Minister war kein Landwirt +<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>gewesen und hatte mit einem ungeheuern Apparat +gearbeitet, statt langsam und mit Beharrlichkeit +den Boden zu gewinnen. Klaus ging noch +stürmischer vor. Es hatte in der Tat den Anschein, +als habe er keine Ahnung vom Werte des Geldes. +Er kaufte eine Lokomobile, die er gar nicht brauchen +konnte, und ungeheure Viehherden, für die nicht genügend +Futter zu beschaffen war. Ein System verdrängte +das andre; immer neue Inspektoren wurden +herangezogen, und jeder kam auch mit neuen Ideen. +Endlich gab ihm seine Neigung zum Sport den +Rest. Er füllte seine Ställe mit edeln Pferden, +die große Summen verschlangen; er versuchte es +mit Züchtung, doch seine Mittel reichten nicht aus. +Denn auch für seine Person verschwendete er mit +vollen Händen, und in der angeborenen Gutherzigkeit, +die sich gewöhnlich mit Leichtsinn zu paaren +pflegt, ließ er sich auf allen Seiten bestehlen und +betrügen. Und dabei konnte man ihm nicht gram +sein. Seine persönliche Liebenswürdigkeit entzückte +alle Welt, bis man es bei dem zunehmenden Verfall +von Döbbernitz für nötig hielt, sich langsam +zurückzuziehen.</p> + +<p>Denn allmählich artete der Leichtsinn Zernins +aus. Häßliche Geschichten kamen in Umlauf; es +ging in rasendem Galopp bergab. Hin und wieder +verlangsamte die Erinnerung an den großen Vater +das Tempo des Niedergangs ein wenig. Ein Prinz +des Königshauses half einmal aus, als der Subhastationstermin +für Döbbernitz schon angesetzt war; +reiche Verwandte, hohe Freunde des Verstorbenen, +selbst der König wurden angebettelt. Und fast alle +gaben, mehr oder weniger, aber es verrann rasch +im großen Strome; nichts konnte den rollenden +Stein aufhalten.</p> + +<p>Und nun stand endlich der Untergang vor der +Tür. Noch vor einigen Monaten hatte sich Klaus +eine helfende Hand geboten – damals, als Kommerzienrat +Schellheim ihn für seine Unternehmungen +<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>gewinnen wollte. Das törichte Duell mit dem +dicken Biese war dazwischen gekommen. Jetzt konnte +man Schellheim höchstens daraufhin anpumpen, daß +man sich für seine Ehre ins Zeug gelegt und auf +die Festung hatte schicken lassen. Aber eine Hilfe +für die Dauer war’s nicht. Und auch die Heiratspläne +– das reiche Judenmädel, das irgendwo für +ihn aufgetrieben werden sollte – der Schwiegervater, +der sich in aller Eile mittaufen lassen wollte +– all das war vorüber. Klaus wußte, weshalb; +eine riesige schwarze Fledermaus strich von nun ab +durch sein Leben, mit weiten, weiten Schwingen, +die immer gigantischer wuchsen und immer mächtigeren +Schatten warfen, bis sie ihn ganz mit Nacht +umhüllten. Das war die Schande.</p> + +<p>Klaus schauerte zusammen. Wie eine kalte Totenhand +strich es über seine Stirn. Eisiger Schweiß +perlte aus seinen Poren. Er stürzte das letzte Glas +Sekt in die Kehle und sprang aus dem Bette, eilte +zum Fenster und stieß die Läden auf. Nun war +es Tag geworden. Der Himmel glühte, und die +Lohe des Frührots schlug bis über die Zinnen des +Schlosses empor.</p> + +<p>Die Fenster des Schlafzimmers führten nach +dem Wirtschaftshof hinaus, wo sonst um diese Zeit +bereits reges Leben herrschte, das Leben morgenfröhlicher +Arbeit. Aber hier war es stumm und +öde wie im Schlosse selbst. Ein barfüßiges Mädel +mit schwarzem Krauskopf stand am Brunnen und +pumpte einen Eimer voll Wasser – seine einzige +Bedienung. Alles war geflüchtet und, mit gierigen +Händen das Letzte zusammenraffend, was da und +dort noch zu stehlen war, auf und davon gelaufen. +Nur die Jule war geblieben. Ihre jugendliche +Frische hatte ihn gereizt, und sie war ihm für seine +flüchtige Gunst dankbar geblieben. Sie besorgte +auch den letzten Gaul, der im Stalle stand, den +alten Christian, einen Rappen, der mit den Jahren +eine völlig graue Mähne bekommen hatte, so grau +<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>wie das Haar eines Greises. Es war merkwürdig +genug, daß sich die Wut der Gläubiger nicht auch +an diesem alten Tier vergriffen, da sie sonst alles +genommen hatten, was stand und lag.</p> + +<p>Als Jule das Fenster klirren hörte, fuhr sie erschreckt +in die Höhe.</p> + +<p>„Herrje, Herr Baron!“ rief sie hinauf. „So +früh schon?! – Ich komme gleich ’rauf, den Kaffee +machen!“</p> + +<p>„Laß nur!“ gab er zur Antwort. „Ich will nichts! +Aber lege den Sattel auf – vielleicht reit’ ich aus!“</p> + +<p>Sie war sehr erstaunt. Wenn nur der Christian +die Last noch tragen konnte! Seit sechs Monaten +stand er unbenutzt im Stall und wurde immer +dürrer, obwohl sie überall für ihn Futter stahl.</p> + +<p>Klaus kleidete sich in Eile an und stürmte hinaus +in den Park. Er fühlte, daß er nervös war – es +war ihm immer, als sei jemand hinter ihm. Er +wollte auch Luft haben, und er lief mit geöffnetem +Munde, wie ein Asthmatischer, in raschen Schritten +durch die Gänge des Parks. Jahrelange Verwilderung +hatte diesem herrlichen Fleckchen Erde nicht +seine zauberischen Reize rauben können. Nur war +es kein Garten mehr mit Alleen und Rundells und +Rosenbeeten und zierlichen Bosketts, sondern ein +Wald, ein Meer von Laub, das sich über wuchernden +Grasflächen ausbreitete, über zerfallene Statuen +seinen grünen Mantel hing und seine Schleppen +bis tief hinein in das rostig schimmernde Wasser +des Weihers tauchte. Die Wege waren kaum noch +erkennbar, verwachsen und vom Buschwerk eingeengt, +und das große Rosenparterre glich einer +blühenden Wildnis, durch deren farbenglühendes +Dickicht man nicht mehr durchzukommen vermochte. +Auf den Grasplätzen unterschied man noch die +Blumenrabatten, mächtig treibende Hyacinthen, +Violen und Pelargonien, bunte Flecken im Grün, +doch auch von dichtem Unkraut durchwuchert, das +seine Kreise immer weiter zog.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span>Zernin stürmte an den Treibhäusern vorüber, +deren Fenster zertrümmert waren, und in deren +Innerem die Vögel nisteten. Was wollte er eigentlich? +Ja so – ausreiten! Das war ein guter +Gedanke! Noch einmal seine verwüstete Besitzung +durchqueren – lebewohl sagen – und dann zurück! +Oben lagen seine Pistolen.</p> + +<p>Wieder durchschauerte es ihn kalt – und es +war so heiß dabei, so heiß. Er riß seine Weste +auf und schob sich den Flauschhut weit aus der Stirn. +Im Hofe stand schon die Jule und hielt den Christian +mit hocherhobenen Händen an der Kinnkette fest.</p> + +<p>Klaus schwang sich in den Sattel, und als er +in die schwarzen Augen der Jule sah, griff er in die +Tasche, warf ihr einen Taler zu und rief:</p> + +<p>„Mach dir mal heute einen vergnügten Tag, +Jule – ich bin auch lustig!“</p> + +<p>Und dann sprengte er kopfnickend davon. Nicht +durch das Dorf, denn er scheute den Anblick der Leute, +sondern hinten herum, an der Schleuse vorüber, wo +er den alten Fischer traf, der ehrerbietig die Mütze +zog. Dem Christian kam die ungewohnt lebhafte +Bewegung anfänglich sauer an; die müden Knochen +wollten nicht mehr recht vorwärts, aber Klaus nahm +keine Rücksichten. Im Trabe und im Galopp ging +es dem Walde zu, daß der Rappe bald schaumübergossen +war. Erst als Tannen und Birken ihn umfingen +und Schatten über den Weg fielen, zügelte +Zernin den Gaul.</p> + +<p>Es war ein Wunder, daß der Wald noch stand. +Das Majoratsgesetz hatte ihn geschützt und die +Ritterschaftsbank ihn unter besondere Verwaltung +genommen, sonst wäre sicher auch er gefallen. Geplündert +war er genügend worden; überall sah man +durch klaffende Lichtungen und auf weite Halden, +wo zwischen grünen Farnkräutern, Ginster und Blaubeerbüschen +die Baumstümpfe hervorlugten.</p> + +<p>Dann ging es am Saume der Wiesenniederung +entlang. Die hatte Klaus, als sein Viehbestand immer +<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>mehr zusammenschmolz, an kleine Leute verpachtet, +und man war derzeit eifrig mit der Heuernte beschäftigt. +Zernin legte wieder die Schenkel an und +ließ den Christian in Galopp fallen; die Leute auf +den Wiesen blieben stehen und schauten dem vorüberrasenden +Reiter nach.</p> + +<p>Weiter und weiter! Quer über die Felder, auf +denen die Bestellung längst aufgehört hatte, Unkraut +schoß überall empor, die Quecken hatten ausgeschlagen +und überzogen die braune Erde mit ihrem +grünen Gespinst. Eine mächtige Fläche von vielleicht +zweihundert Morgen sah wie eine Prärie aus; hier +wimmelte es von Hasen, und Trappen flogen in +ganzen Schwärmen zum Himmel auf. Der Rest +einer Pflugschar hatte sich im Sande eingewühlt, +und auf dem verrosteten Eisen saß ein dicker Spatz.</p> + +<p>Ein Ekelempfinden überkam Klaus angesichts +dieser Wüsteneien. Seit fast zwei Jahren war er +nicht auf den Feldern gewesen. Wozu auch? Löhne +bezahlte er nicht mehr; Tagelöhner und Arbeiter +liefen ihm davon; an eine geregelte Bestellung war +nicht zu denken. Da ließ man schon alles liegen, +wie es war. Nun aber, beim Anblick des grenzenlosen +Elends, dem er sein Stück Erde ausgesetzt +hatte, schlich sich doch das Grauen in sein Herz. +Er dachte an die Zeiten zurück, da er Döbbernitz +übernommen hatte, an den blühenden Stand seiner +Felder, die blonde Flut der Saaten, die ersten +Ernten – zweifellos, er hätte seinen Besitz schon +festhalten und auch gegen die Mißgunst schlechter +Jahre verteidigen können, wenn ...</p> + +<p>Ja – wenn! Wozu sich noch Vorwürfe machen, +wozu grübeln – es war ja doch alles vorbei! Und +mit gesenktem Haupte ritt er weiter und merkte es +kaum, daß abermals der Wald über ihm zu rauschen +begann.</p> + +<p>Er war im königlichen Forst, nahe dem Seeufer +und jener Stelle an der Försterei, wo er damals +Abschied von Hedda genommen, wo sie beide „vernünftig“ +<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>miteinander gesprochen hatten. Sicher – +an der Seite eines so tapferen Kameraden hätte +aus ihm immer noch etwas werden können; sie +würde ihn gestützt und gehalten haben, denn sie +war ein starkes Weib, und ihre maikühle Verständigkeit +hätte wohl seinen Leichtsinn und seinen tollen +Übermut zu wahren vermocht. Ach, auch das war +vorbei! Die riesige schwarze Fledermaus, die durch +sein Leben strich, fing mit ihren stetig wachsenden +Flügeln die Sonne auf. Sie leuchtete ihm nicht +mehr.</p> + +<p>Klaus ließ die Zügel hängen. Der Rappe +schritt langsam über den Moosgrund, durch Farne +und Erdbeerkraut und schnupperte umher und riß +hie und da ein Zweiglein von einem tief herabhängenden +Buchenast, mit seinen alten Zähnen die +frischen grünen Blätter zermalmend. Da lag der +See in siegendem Sonnenglanze, golddurchstrahlt, +mit schneeweißer Schaumeinfassung, inmitten bewaldeter +Hänge, über die, wie ein Wahrzeichen +überwundener Feudalität, der quadratische Turm +des Döbbernitzer Schlosses hinausragte. Drüben +das rote Ziegeldach des Forsthauses und die Eichenschonung, +die Wiesentrift, auf der ein ganzer Flor +wilder Blumen blühte, und der große Felsstein, +auf dem sie damals gesessen hatte!</p> + +<p>Klaus zuckte zusammen. Saß sie nicht wieder +da? War sie das nicht, die Dame im lila geblümten +hellen Kleide und mit dem großen Strohhut, die +ihm den Rücken wandte, mit gesenktem Kopfe, als +suche ihr Blick irgend etwas zwischen dem Ufergeröll +zu ihren Füßen?</p> + +<p>Der Rappe wieherte plötzlich auf. Die Dame +schaute sich um und erhob sich. Klaus sah, wie sie +mit beiden Händen zum Herzen griff. Er sprang +ab, schlang die Zügel um den nächsten Baum und +näherte sich ihr mit abgezogenem Hute.</p> + +<p>„Grüß Gott, Cousine,“ sagte er ruhig. „Das +ist ein unerwartetes Zusammentreffen, aber ich freue +<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span>mich von Herzen darüber. So kann ich dir wenigstens +noch Lebewohl sagen.“</p> + +<p>Sie war blaß geworden, faßte sich aber sofort +und erwiderte seinen Händedruck. „Ich hörte, daß +heut über Döbbernitz entschieden werden soll,“ entgegnete +sie. „Hast du noch keine Nachricht?“</p> + +<p>Er verneinte. Das sei unmöglich; vor zwei, +drei Uhr könne der Termin nicht beendet sein.</p> + +<p>„Und warum bist du nicht selber da?“</p> + +<p>Sie hatte sich wieder gesetzt, und er warf sich +neben sie auf die Erde.</p> + +<p>„Was sollte ich da, Hedda?! Eingreifen konnte +ich nicht mehr, und – nun, ich schämte mich auch!“</p> + +<p>Die Bitterkeit stieg in ihr auf.</p> + +<p>„Warum ist dies Gefühl der Scham nicht früher +über dich gekommen, Klaus?“ sagte sie in mehr +klagendem als anklagendem Tone. „Herrgott, was +hättest du dir und uns ersparen können! Ich habe +mich oft genug gefragt: wie ist all das möglich +gewesen? Ich habe mir nicht zu antworten vermocht. +Nein – denn du übernahmst Döbbernitz +doch in geordnetem Zustande, und du gingst mit +guten Vorsätzen in den neuen Beruf! Du magst +leichtsinnig gewesen sein – aber wie konnte nur +so rasch alles über dir zusammenprasseln, im Laufe +weniger Jahre? Ich begreife das nicht, habe es +nie begriffen!“</p> + +<p>Er nagte an einem abgerissenen Grashalm und +zuckte dabei mit den Schultern.</p> + +<p>„Ich auch nicht,“ erwiderte er. „Ganz gewiß, +Hedda, es geht mir wie dir – ich habe von diesen +letzten Jahren nur noch so eine Art Traumempfinden. +Es rollte wie eine Lawine über mich herab +und begrub mich. Natürlich bin ich selber schuld – +ich verteidige mich auch nicht – ich klage nicht einmal. +Aber gehabt habe ich von meinem Leichtsinn +nicht so viel!“</p> + +<p>Er schnippte mit den Fingern.</p> + +<p>„Nein – nicht so viel! Es war im Grunde +<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span>genommen ein klägliches Amüsement. Wenn ich +mein Geld in Monte Carlo verloren oder in Paris +verjubelt hätte – es wäre hundertmal vernünftiger +gewesen. Aber ich habe nur blödsinnige Geschichten +getrieben – die Pferdezucht, die Viehankäufe, die +Trinkgelage und Spielabende – die Rennen und +die ewigen Reisen nach Berlin – mir steigt ein +schales Gefühl auf, wenn ich an all den Unsinn +zurückdenke. Aber ich muß die Suppe ausessen, +die ich mir eingebrockt habe.“ – Und wieder zuckte +er mit den Schultern.</p> + +<p>Hedda hatte die Ellbogen auf die Kniee und das +Kinn in die Hände gestützt. So schaute sie zu ihm +hinab, zu dem halt- und charakterlosen Menschen, +den sie so toll geliebt hatte, daß sie nahe daran +gewesen war, um seinetwillen eine große, große +Dummheit zu begehen. Die Vernunft hatte gesiegt +und siegte noch, denn sie fühlte wohl, daß es +für diese erste flammende Liebe, für dieses Frühlingsgewitter, +unter dessen Schauern sie zum Weibe gereift +war, kein Vergessen gab. Aber sie hielt sich +in Schach. Er sollte nicht spüren, wie rasch ihr +Herz in seiner Nähe klopfte.</p> + +<p>„Und was wird nun?“ fragte sie.</p> + +<p>„Was soll werden?“ lachte Klaus häßlich auf. +„Weißt du, was man mit einem Gaule macht, der +auf der Rennbahn zusammengebrochen ist und nicht +mehr weiter kann? – Man schießt das arme +Biest tot.“</p> + +<p>Sie starrte ihn an. Sprach er von Selbstmord? +– Nein – daran glaubte sie nicht. Er +hätte längst seine Kugel finden müssen.</p> + +<p>„Hedda, was soll ich denn noch auf der Welt?“ +fuhr er fort. „Wozu törichte Illusionen? Ich +kann nichts anfangen. Hier gar nichts – und +mich drüben in Amerika mühselig durchs Dasein +schleppen, Steine tragen und Biergläser füllen – +lieber quittier’ ich schon mit dem Leben!“</p> + +<p>Nun sprang sie erregt empor.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>„Du sprachst von Scham, Klaus,“ rief sie, „aber +bei Gott, du kennst sie nicht! Du würdest sonst +anders sprechen! Begreifst du nicht, wie niedrig +dein Standpunkt ist? Wie unsittlich dein ganzes +Gehaben? Du siehst selber ein, daß du dich durch +eigne Schuld ruiniert hast, und du bist zu feige, +dir ein neues Leben zu schaffen!“</p> + +<p>„Zu feige – ganz recht,“ sagte er und erhob +sich gleichfalls. „Aber ich glaube, ich habe nie Mut +besessen. Ich fürchte mich vor der Arbeit – wenigstens +vor der, die mir drüben winkt – vor der +schmutzigen Arbeit im Kot der Gassen, den Handlangerdiensten. +Wäre ich weniger Herrenmensch +und mehr Bedientennatur – vielleicht würd’ ich +mich fügen. So kann ich es nicht – ich kann es +nicht!“</p> + +<p>Ihr Herz flog förmlich. Alles in ihr war in +Aufruhr. Ihre Wangen flammten und auch über +ihre Stirn, bis zu den Haarwurzeln, ergoß sich die +Röte des Zorns und der Scham. Ja auch der +Scham, denn für ihn schämte sie sich. Er rühmte +sich seiner Herrennatur, und doch war alles Edelmännische +längst in ihm erstorben. Er suchte den +Tod, weil das Leben ihm nichts mehr zu bieten +hatte als – Arbeit.</p> + +<p>Es war wahnsinnig, so mutlos zu flüchten. +Zittern und Angst ergriff sie, und die zärtliche +Sorge um ihn wich der Scham und Entrüstung. +Sie sah schon die Wunde an seiner Schläfe, das +runde Kugelloch, aus dem langsam das Blut sickerte, +und hörte die Welt verachtungsvoll ihr letztes Urteil +über den Verkommenen fällen: das hatte man +gewußt und erwartet – Selbstmord – das Ende +jedes Elenden!</p> + +<p>Sie trat vor ihn hin und nahm seine Hände.</p> + +<p>„Klaus,“ begann sie mit bebender Stimme, „denkst +du nicht an dich selbst, so denke zurück – an deinen +großen Vater und deine liebe, gütige Mutter. An +alle deine Vorfahren, deren Andenken du beschimpfst, +<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>an die Ehre deines Namens, die du durch feigen +Selbstmord unauslöschlich befleckst. Man kann +irren und fehlen, soll aber wieder gut zu machen +versuchen – das ist die Tapferkeit, die das Leben +von uns allen fordert. Du bist leichtsinnig gewesen, +hast doch aber kein Verbrechen begangen, +das dich zum Tode verurteilt! Und du bist auch +noch jung, bist kraftvoll und rüstig, voller reicher +Gaben – du wirst dich wieder aufraffen können – – +ich bitte dich, Klaus – lieber Klaus!“</p> + +<p>Ihre Stimme erstickte. Es quoll glühend heiß +in ihr empor; ihre Hände zuckten zwischen seinen +Fingern.</p> + +<p>Klaus war fahl geworden, als sie von der Ehre +seines Namens sprach. ‚Wenn du wüßtest!‘ schrie +es in ihm auf. Und dann sah er hinter dem +Tränenflor ihrer Augen die alte Liebe leuchten, die +er durch die Schmach seines Wandels beschimpft +und niedergetreten hatte, und die nicht ersterben +wollte – die erste heiße Liebe ihres jungen Herzens, +die ihr ganzes Innenleben durchtobt und aufgewühlt +hatte und auch im Entsagen noch haften blieb. +Das ließ ihn alles andre vergessen und durchströmte +ihn mit einem Rausch wilden Entzückens. Mit +starker Hand riß er sie an seine Brust und bedeckte +ihr Antlitz mit stürmischen Küssen.</p> + +<p>„Du liebst mich noch – du liebst mich noch!“ +schluchzte und jubelte er. Und sie ließ ihn gewähren. +Eine rein physische Schwäche hatte sich ihrer bemächtigt, +das Gefühl einer Ohnmachtsanwandlung. +Sie hing hilflos in seinen Armen. Das Rauschen +des Waldes klang wie Harfenschlag an ihr Ohr +und wie feierlicher, volltöniger Gesang. Seine +Küsse aber brannten auf ihren Lippen und Wangen +und loderten in ihre Seele hinein.</p> + +<p>Mit schwerem Aufatmen riß sie sich los.</p> + +<p>„Laß mich!“</p> + +<p>Sie strich sich über Stirn und Haare und befestigte +den Hut von neuem, der ihr vom Scheitel +<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>geglitten war. Noch schimmerte helle Röte auf +ihren Wangen, aber sie war doch wieder Herrin +über sich selbst geworden, wenn auch große Tränen +in ihren Augen standen.</p> + +<p>„Ich liebe dich noch,“ sagte sie mit fester Stimme, +„nun ja – was will das bedeuten? Angehören +können wir uns nie, und wenn du mir sagen +wolltest: komm mit mir nach Amerika – ich würde +mit Nein antworten. Nicht weil mir’s an Mut +gebricht, ein ungewisses Los mit dir zu teilen, +sondern weil ich meine Liebe zu dir bekämpfen +will!“</p> + +<p>Da sank er, empfindend wie klein er war und +wie schwach dieser kernigen Mädchennatur gegenüber, +zu ihren Füßen nieder und preßte ihre Kleider +an sein Gesicht. Er weinte, und in diesem Augenblick +waren es ehrliche Tränen, die er über sein +verpfuschtes und verlorenes Leben vergoß.</p> + +<p>„O Hedda!“ rief er, „warum konnten wir uns +nicht schon vor fünf Jahren finden? Du hättest +mich retten können, und alles wäre anders geworden!“</p> + +<p>Ja – vor fünf Jahren! Er konnte recht +haben. Wenn sie über ihn gewacht hätte, vielleicht +wären dann alle die guten Keime, die in ihm +schlummerten, zu Blumen erblüht und das Unkraut +verdorrt. Vielleicht! –</p> + +<p>Sie hob ihn auf.</p> + +<p>„Es hat nicht sollen sein,“ sagte sie. „Was hilft +uns die Reue? Wir hätten stark sein müssen – +heut ist es zu spät. Und doch, ich segne auch diese +Stunde. Daß wir uns immer noch lieb haben, +weist uns die Wege. Nicht sterben wollen wir, +sondern am Leben bleiben und uns einander wert +halten. Gib mir deine Hand, Klaus, und versprich +mir, daß du die Pistole liegen lassen willst. Versprich +mir, daß du ein neues Dasein beginnen willst! +Du kannst es, wenn du aus Liebe zu mir dein +Herrenbewußtsein unterdrückst, wenn du dich ‚erniedrigst‘. +<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>Tu es; greife zur Arbeit, wo du sie +findest; es schändet dich nicht, wenn deine Hände +blutrünstig werden in harter Fron. Wandre aus +und schaff dir anderwärts Stellung! Ich will unablässig +an dich denken und beten für dich. Werde +ein Mann!“</p> + +<p>Gerade dies: „Werde ein Mann!“ klang tief +in das Herz des Schwächlings – nicht wie eine +harte Mahnung, sondern wie ein willkommener, +erlösender Ostergruß. Er nickte zuversichtlich und +mit fast frohem Lächeln.</p> + +<p>„Ich danke dir, Hedda,“ erwiderte er. „Du verjüngst +mich. Ja – ich fühle es: es sprießt Neues +und Gutes in mir! Mein Wort darauf: der törichte +Selbstmordgedanke ist vergessen. Ich wandre aus, +um Arbeit zu lernen. Ich hab’ es eilig, denn du +sollst bald von mir hören. Ich rufe dich oder hole +dich selbst!“</p> + +<p>„Ich warte auf dich,“ sagte sie mit leuchtenden +Augen.</p> + +<p>„So lebe wohl!“</p> + +<p>Er preßte noch einmal ihre Hände an seine +Lippen.</p> + +<p>„Lebe wohl und behüte dich Gott!“</p> + +<p>Er saß schon zu Pferde und sprengte davon, +ohne sich umzuschauen. Sie aber blieb aufrecht +stehen, bis sie im Gründunkel des Waldes seine +Gestalt verschwinden sah. Und dann sank sie in +die Kniee und sprach laut mit ihrem Gott, denn +nur er konnte sie hier hören und seine Schöpfung – +der schluchzende See und die Bäume am Ufer.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Es war in der dritten Nachmittagstunde, als +ein kleines Gefährt, ein offener Korbwagen, in den +Schloßhof von Döbbernitz rasselte. Bertold Möller +hatte selbst das Pferd gelenkt, sprang jetzt zur +Erde und rief der erstaunt aus der Häckselkammer +tretenden Jule zu: „Ist der Herr Baron zu +sprechen?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>„Ja, er ist oben,“ entgegnete Jule und wies +hinauf nach den Fenstern.</p> + +<p>Bertold kannte hier Weg und Steg. Er gehörte +seit Jahren zu den Geldvermittlern Zernins, +aber er wie sein Schwiegervater, der Getreidehändler +Ring, hatte sein Schäfchen längst ins +Trockene gebracht.</p> + +<p>Er fand Klaus vor einem großen Koffer +knieend.</p> + +<p>„Teufel – wo kommen Sie denn her, Möller?“ +rief Zernin und stand auf.</p> + +<p>„Von der Subhastation,“ erzählte Bertold, +„direkt vom Termin. Wissen Sie, wer Döbbernitz +gekauft hat, Herr Baron? Und wissen Sie für +wieviel? Und wissen Sie, daß so etwas noch gar +nicht dagewesen ist! Und wissen Sie –“</p> + +<p>„Donnerwetter, so reden Sie doch vernünftig!“ +fiel Klaus grob ein.</p> + +<p>Bertold erstattete Bericht. Herr Legationssekretär +von Hellstjern war Besitzer von Döbbernitz +geworden, Neffe des Alten vom Baronshof, ein +schwer reicher Herr, ein Millionär. Bertold wußte +das ganz genau. Und 460000 Mark kostete ihn +das Vergnügen. 422000 Mark betrug der Hypothekenstand +von Döbbernitz; verblieb für Herrn +von Zernin noch ein Reingewinn von 38000 Mark. +Auch darüber wußte der brave Bertold genau Bescheid.</p> + +<p>„Ich wollte der erste sein, der Ihnen dies +meldete, Herr Baron,“ fuhr er fort. „Aus reiner +Freundschaft. Ich wollte Sie vorbereiten. Ich weiß +ja, es sind noch immer eine Masse Gläubiger da, +die bloß darauf lauern, daß Sie wieder einmal zu +Gelde kommen –“</p> + +<p>Er schwieg, denn ihn erschreckte der Ausdruck +im Gesicht des vor ihm Stehenden.</p> + +<p>Klaus war blaß geworden und sein Auge starr. +Es schwirrte durch sein Hirn, es bohrte sich nadelspitz +in seine Schläfen ein, es klopfte und hämmerte +<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>in seinen Ohren. Er antwortete nicht, sondern +trat an das Fenster und starrte hinaus. 38000 Mark! +Die Summe flimmerte, mit großen Ziffern geschrieben, +vor ihm in der sonnenhellen Luft.... +Wenn er sie erhob und mit ihr nach Monte Carlo +reiste, dort sein Glück zu versuchen ...</p> + +<p>Mit rascher Bewegung fuhr er herum.</p> + +<p>„Haben Sie Geld im Hause, Möller?“ fragte er.</p> + +<p>Bertold begriff ohne weiteres, um was es sich +handelte. Er war ja nur hergekommen, um noch +letzter Stunde ein paar hundert Taler an Zernin +zu verdienen.</p> + +<p>„Im Hause nicht – aber in Frankfurt – auf +der Bank,“ erwiderte er.</p> + +<p>„Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Möller,“ +fuhr Klaus fort, dessen Augen voll Erwartung und +Hoffnung einen fiebrigen Glanz anzunehmen begannen. +„Wir fahren zusammen nach Frankfurt. +Dort zediere ich Ihnen notariell meine Forderung +an Herrn von Hellstjern – der Mann ist Ihnen +doch sicher?“</p> + +<p>„Bombensicher,“ sagte Bertold.</p> + +<p>„Sie zahlen mir 36000 Mark bar aus und behalten +den Rest.“</p> + +<p>„Einverstanden, Herr Baron, aber –“ Bertold +holte sein dickleibiges Notizbuch hervor, feuchtete +seine Fingerspitzen an und begann zu blättern. „Ich +habe da nämlich noch einen kleinen Wechsel in die +Hände bekommen – Silbermann in Kölpin hatte +ihn einmal meinem Schwiegervater in Zahlung +gegeben – es handelt sich nur um acht- oder neunhundert +Mark –“</p> + +<p>„So ziehen Sie die auch ab, zum Donnerwetter!“ +rief Klaus ungeduldig. Herrgott, was hatte der +Mensch ihn schon betrogen!</p> + +<p>Bertold steckte ruhig sein unförmiges Taschenbuch +wieder ein.</p> + +<p>„Da steh’ ich also zur Verfügung, Herr Baron,“ +sagte er. „Um fünf Uhr geht der Zug – ein +<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>Bummelzug freilich, aber wir haben ja nichts zu +versäumen; Rechtsanwalt Sarnow empfängt uns +auch außerhalb seiner Sprechstunden. Dann können +Sie noch um elf Uhr nach Berlin weiter – das +heißt, wenn Sie überhaupt nach Berlin wollen. +Paßt Ihnen mein Wagen? Der Koffer da geht +bequem hinauf – wir binden ihn hinten fest – +er hat Platz. Das Pferd stell’ ich auf die paar +Stunden bei Petersen ein – Sie wissen ja, dem +Restaurateur in –“</p> + +<p>„Ja, ja!“ rief Klaus. Das Geschwätz Bertolds +machte ihn nervös. Er pfropfte noch rasch einen +Anzug in den Koffer hinein, wechselte in fliegender +Hast seine Toilette und rief aus dem Fenster nach +Jule.</p> + +<p>„Allons,“ sagte er, „den Koffer auf den Wagen +des Herrn Möller! Ich verreise für einige Zeit. +Du wirst ja hören, wann ich zurückkomme –“</p> + +<p>Die Kleine starrte ihn mit großen Augen erschreckt +an. Aber sie entgegnete kein Wort. Sie +war an willenloses Gehorchen gewöhnt.</p> + +<p>Der Wagen ratterte über das Hofpflaster und +fuhr staubaufwirbelnd den Berghang hinab.</p> + +<p>Jule war in der Prallsonne stehen geblieben. +Aus dem Stalle wurde ein leises Wiehern vernehmbar. +Der Rappe wollte sein Futter haben. +Er und die Jule, die Zurückbleibenden, waren die +letzten lebendigen Wesen im Döbbernitzer Schlosse.</p> + +<p>Hinten im Parke, ganz umbuscht vom Grün +stark wuchernder Schneeballen, stand ein einfacher +Tempelbau, eine Art Mausoleum. Unter den Sandsteinplatten +im Innern ruhten die Särge der Eltern +Zernins. Auch hier tiefer und schweigender Friede, +kein Laut des Lebens.</p> + +<p>Nur ein gelber Schmetterling flatterte, hin und +her huschend, über das körnige Grau des Sandsteins.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span> +<a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">D</span>er Sommer ging zur Rüste. Die Nächte +wurden kalt, es herbstelte stark.</p> + +<p>Oberlemmingen konnte mit seiner ersten Saison +zufrieden sein. Die Reklame hatte gewirkt. Allerdings +waren in ärztlichen Kreisen auch einige +Stimmen laut geworden, die dem Gutachten des +Professors Statius und seiner Leute widersprachen, +die die Analyse für inkorrekt und die unter Posaunenschall +der Welt verkündete Heilkraft der Bismarckquelle +für ziemlich unbedeutend erklärten. Man +habe in unglaublichster Weise übertrieben, so +äußerten sich jene Stimmen; man habe aus einer +Mücke einen Elefanten gemacht. Das Wässerchen +habe seine Vorzüge – gewiß, aber es sei mit den +Kissinger Quellen gar nicht zu vergleichen; und in +einer medizinischen Monatsschrift fiel sogar der +unparlamentarische Ausdruck „Mumpitz“.</p> + +<p>Darauf schien Kommerzienrat Schellheim nur +gewartet zu haben. Sofort wurde der Schlachtplan +für den Reklamefeldzug während des Winters +entworfen. Wieder flatterten viele Tausende +von Broschüren über die Lande. Flugblätter verkündeten +auch der Laienwelt die Entgegnung des +Professors Statius. Die großen Zeitungen wurden +mit Inseraten überschüttet und lobten dafür im +redaktionellen Teil das märkische Bad; Postkarten +mit Ansichten von Oberlemmingen kamen in den +Handel; Schellheim ließ eine „Bismarckquellen-Polka“ +komponieren und auf den Musikmarkt +bringen, und eine Novelle: „Die Großbäuerin von +Oberlemmingen“, wurde sämtlichen Kreisblättern +zum freien Abdruck zur Verfügung gestellt. Das +war eine rührsame Dorfgeschichte, die den Verfasser +der ersten Broschüre zum Autor hatte, und in der +natürlich auch die Quelle eine Rolle spielte. So +<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>sollte den ganzen Winter hindurch das Tamtam +gerührt werden.</p> + +<p>Der Kommerzienrat entfaltete eine angestrengte +Tätigkeit. Anfänglich hatte er die Sache mit dem +neuen Bade gewissermaßen nur als Unterhaltung, +als Abwechslung in die Hand genommen. Aber +sein Interesse wuchs, je mehr Kapitalien er dem +Unternehmen opferte. Albert Möller und er betrachteten +sich immer noch mit heimlichem Mißtrauen. +Jeder von ihnen hatte das Empfinden, +als warte der andre nur auf den geeigneten Augenblick, +ihn übers Ohr zu hauen. Sie gingen Hand +in Hand und waren doch Todfeinde. Und dabei +wußten beide, daß sie ohne einander gar nicht auskommen +konnten. Sie waren wie Sklaven zusammengekettet +oder wie die zänkischen Weiber, die +man im Mittelalter mit Hals und Händen in die +„Geige“ spannte.</p> + +<p>Übrigens sehnte sich Schellheim gerade in dieser +Zeit mehr als je nach zerstreuender Arbeit. Hagen +machte ihm schwere Sorgen. Dieser tolle Junge +hatte rund heraus erklärt, er sei bereit, von der +Leitung der Firma zurückzutreten und sich auf sein +Pflichtteil setzen zu lassen, aber von seiner Liebe +zu der kleinen, blonden Stepperin könne man ihn +nicht abbringen. Er werde sie unbedingt heiraten. +Der Rat fuhr nach Berlin, Hagen selbst ins Gebet +zu nehmen. Doch der blieb fest; alle Gründe, die +sein Vater gegen diese unsinnige Heirat ins Gefecht +führte, fruchteten nichts. Zähneknirschend entschloß +sich Schellheim zu brutaleren Mitteln. Er suchte +die Eltern der Anna Zell auf. Der Alte war +Straßenbahnschaffner, seine Frau übernahm Aufwartungen, +Anna war das fünfte von sieben Kindern. +Der Rat seufzte auf, als er die zahlreiche Familie +sah, die er mit in den Kauf nehmen sollte. War +es denn denkbar!? Dieser Hagen, sein ganzer +Stolz, nicht nur ein tüchtiger Kaufmann, sondern +auch durchaus Gentleman mit seiner Vorliebe für +<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>Theaterpremieren, elegante Krawatten und kleine +Soupers – gerade der wollte ihm die Schande +bereiten, tief unter seinem Stande zu heiraten! +Schellheim fand übrigens, daß die alten Zells ganz +vernünftige Leute seien. Sie wußten auf der Stelle, +wohinaus er wollte, aber sie hatten ihrer Anna +nichts mehr zu befehlen, denn diese war mündig +und selbständig. Hagen hatte sie bereits aus dem +Elternhause wie aus der Fabrik genommen und in +einer Pension in der Potsdamerstraße untergebracht. +Auch an sie wandte sich der Rat. Das schüchterne +kleine Persönchen war gut instruiert worden. Sie +stürzte Schellheim sofort zu Füßen, küßte seine +Hände, weinte, bat und flehte und fiel schließlich in +Ohnmacht. Voller Erregung reiste Schellheim +wieder ab.</p> + +<p>Gunther war als Gast auf dem Auberge. Er +hatte soeben seine Manöverübung beendet und kehrte +sonnengebräunt, frisch und gesund aussehend, zu +den Eltern zurück. Seine große Arbeit war bereits +im Druck; im Oktober sollte sie erscheinen.</p> + +<p>Da er seit drei Vierteljahren nicht in Oberlemmingen +gewesen war, so interessierten ihn die +Veränderungen im Ort naturgemäß sehr. Sehr +entrüstet war der Kommerzienrat über die anscheinende +Gleichgültigkeit, mit der Gunther die +Heiratspläne seines Bruders aufnahm.</p> + +<p>„Ich muß dir gestehen, Vater,“ sagte er zu +Schellheim, als die Rede auf Hagen und seine +blonde Liebe kam, „daß ich das Hagen eigentlich +gar nicht zugetraut hätte. Im Grunde genommen +freut es mich, daß er sein Herz sprechen läßt – ah, +rege dich nicht auf, Papa, ich sage ja nur im Grunde +genommen. Du kennst mich. Ich würde auch nur +aus Neigung heiraten; allerdings muß ich hinzufügen, +daß sich <em class="gesperrt">meine</em> Heiratsneigungen sicher +nach andern gesellschaftlichen Richtungen hin bewegen +als diejenigen Hagens. Doch das ist lediglich +eine Folge angeborenen Geschmacks, um mich gelehrt +<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>auszudrücken, das Produkt einer gewissen soziologischen +Ästhetik. Ich würde wohl nie dazu kommen, +mich in eine Anna Zell zu verlieben, und daher +auch nie auf den Gedanken verfallen, besagte Anna +heiraten zu wollen, die ich hier natürlich nicht als +Person, sondern nur als Typus aufstelle.“</p> + +<p>„Schön,“ meinte der Rat, „das bist <em class="gesperrt">du</em> – aber +was mache ich nun mit dem Hagen? Muß er +denn zum Donnerwetter vom Fleck weg heiraten? +Kann es nicht bei der Liebelei bleiben, bis sie so +sachte versandet und verblutet ist? Man braucht +nicht gleich an chinesischen Kastengeist und an die +Mandarinenknöpfe zu denken und kann doch der +Ansicht sein, daß man im Leben über bestimmte +gesellschaftliche Unterschiede nicht recht fortkommt!“</p> + +<p>Gunther nickte. „Richtig, Papa,“ antwortete +er, „so hat leider auch der Baron von Hellstern +gedacht –“</p> + +<p>Aber der Rat fiel ihm ärgerlich ins Wort:</p> + +<p>„Ach was – das waren ganz andere Verhältnisse! +Ich bitte dich, wie kannst du das nur vergleichen?“</p> + +<p>„Die Ähnlichkeit liegt auf der Hand. Aber +streiten wir nicht darüber. Wenn Hagen fest bleibt, +wirst du dich fügen müssen. Denn ich nehme nicht +an, daß du wegen der Mesalliance – man hört +dies Wort übrigens gar nicht mehr, was ich als +Beweis dafür auffassen möchte, daß wir doch langsam +einer freieren und edleren Beurteilung des +Wesens der Liebe entgegenschreiten –, also, ich +nehme nicht an, daß du Hagen wegen seiner Herzensaffäre +verstoßen und enterben wirst. Abgesehen +davon, daß er dies wahrhaftig nicht verdienen +würde – wer soll das Geschäft weiterführen?“</p> + +<p>„Das ist es ja eben, Gunther! Hagen ist mir +unentbehrlich. Er ist eine kaufmännische Kraft +ersten Ranges, eine wahre Rechenmaschine – und +dann seine glückliche Hand! Aber trotzdem – +Straßenbahnschaffner – es ist gräßlich!“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span>Ein leichtes, etwas bitteres Lächeln flog um +Gunthers Lippen: „Denke mal: wenn Hellstern sich +damals ähnlich ausgedrückt hätte! – ‚Hemdenfritze +– es ist gräßlich!‘ Pardon, Papa, – wer viel +über Büchern sitzt, der kommt zuweilen auf merkwürdige +Gedanken. Aber bleiben wir beim Thema! +Geschäftlich könnte Hagens Heirat euch doch nicht +schädigen?“</p> + +<p>„Gott bewahre – das Geschäft hat gar nichts +damit zu tun.“</p> + +<p>„Nun, dann würde ich dir raten: laß dir die +Geschichte nicht allzu sorgenvoll durch den Kopf +gehen! Warte ab; vielleicht besinnt sich Hagen doch +noch eines andern. Jedenfalls opponiere nicht allzu +heftig; du stärkst nur den Widerstand.“</p> + +<p>Schellheim stand auf. „Ich verstehe nur nicht, +daß dich die ganze Sache so gleichgültig läßt,“ sagte +er. „Es handelt sich doch um deinen Bruder!“</p> + +<p>Auch Gunther erhob sich. „Gleichgültig ist zu +viel gesagt, Papa. Meinem innersten Empfinden +nach hätte ich mir <em class="gesperrt">auch</em> eine andre Partie für +Hagen gewünscht. Aber ich würde niemals versuchen, +seinem Glück in den Weg zu treten – selbst +wenn ich fürchten müßte, es handle sich nur um +ein eingebildetes Glück.... Jetzt will ich den Pastor +besuchen ...“</p> + +<p>Er traf Eycken nicht zu Hause, doch sagte man +ihm, daß der Pastor „auf dem Bauplatze“ sei. Das +war die Lichtung in der Tannenschonung, wo das +Kinderasyl im Entstehen war.</p> + +<p>Der Herbsttag war nicht allzu freundlich. Ein +kräftiger Wind wehte von den Bergen herab, so +daß die Bäume sich neigten und ihr buntes Laub +abschüttelten. Der Wind griff es auf und drehte +es zu Wirbeln zusammen, quirlte es in langen +Schraubenwindungen hoch in die Luft und ließ es +hier zerflattern, so daß es abermals wie ein farbiger +Regen herabfiel, um dann wiederum zum +Spiel des Sturmes zu werden. Aber dieser lustige +<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span>Wind hatte auch sein Gutes; er hatte die Regenpfützen +vom Tag vorher aufgesogen und die Nässe +des Bodens getrocknet. Es marschierte sich gut +trotz des rauhen Atmens der Natur.</p> + +<p>Gunther schritt rasch durch das Dorf, mit lebhaften +Augen umherspähend. Die letzten Sommergäste +waren noch nicht abgezogen. Ein paar Damen +begegneten ihm, ein älterer Herr im Rollstuhl, +den ein Diener vor sich her schob, ein junges +Mädchen, zwei Kinder an der Hand, und auch der +„Badekommissar“. Er war von Schellheim provisorisch +angestellt worden, ein Major a. D. mit +schönem, graublondem Schnurrbart und verbindlichem +Wesen. Der Kommissar grüßte Gunther, +obwohl er ihn nicht kannte, er hielt sich für verpflichtet, +jeden Fremden zu grüßen, den er traf. +Im Hause Braumüllers hatte Bertold Möller +schon Einzug gehalten; aber vor den glänzenden +Spiegelscheiben der Schaufenster lagen noch die +Rouleaux. Vom Kurpark herüber trieb der Wind +das Laub in ungeheuren Massen und häufte es in +den Chausseegräben auf. Ein paar Arbeiter waren +dabei, den Lawn-Tennis-Platz zu säubern, andre +errichteten auf der Südseite des Platzes hinter den +Ahornbäumen ein langgestrecktes, niederes Gebäude, +das zu Verkaufsbuden verpachtet werden sollte.</p> + +<p>Die flatternde Fahne mit dem Johanniterkreuz +wies Gunther den Weg. Das Kinderhospital war +bis zum zweiten Stockwerk gediehen; man hoffte, +mit Dachung und Ausbau noch vor Beginn der +Frosttage fertig zu werden. Eycken besuchte täglich +den Bauplatz. Er ging auf in diesem Liebeswerk, +und Herz und Seele schienen in ihm wieder jung +werden zu wollen. Selbstverständlich überschritten +die Kosten schon jetzt den Anschlag, aber Eycken +machte das wenig Kummer. Er wollte nicht +sparen – für wen auch? So stieg dieser Palast +der armen Kleinen schön und stattlich in die Höhe, +mit breiten Fensterfluchten und luftigen Sälen und +<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span>Zimmern, gewissermaßen ein Stein gewordener +Protest gegen die spekulativen Zukunftsideen, die +weiter unten im Tale den neuen Kurort Oberlemmingen +ins Leben gerufen hatten.</p> + +<p>Gunther sah neben Eycken Hedda stehen. Einen +Augenblick stockte sein Fuß; er war im Begriff, +umzukehren. Aber schon im nächsten Moment schalt +er sich einen Toren. Weshalb flüchten? Mußte er +nicht im Gegenteil dem Zufall dankbar sein, der +ihn hier mit ihr zusammenführte?</p> + +<p>Der Pastor hatte ihn schon gesehen.</p> + +<p>„I, ist das nicht –“ und dann zog er seinen +breitkrempigen Demokratenhut und winkte mit beiden +Händen grüßend zu Gunther hinüber.</p> + +<p>Auch Hedda nickte ihm zu, ohne Verlegenheit +und Verschüchterung, mit freundlichem Lächeln, und +bot ihm die Hand, als er näher trat; er selbst +aber errötete und kam sich sehr linkisch vor. +Selbst die Verbeugung, die er machte, erschien ihm +lächerlich.</p> + +<p>Die Unterhaltung wechselte rasch. Von den neu +entdeckten Faustgeschichten Gunthers ging man zu +dem Kinderasyl über, für das Hedda ein ebenso +warmes Interesse bekundete wie der Pastor. Sie +war wieder täglicher Gast im Pfarrhause und begleitete +ihn auf den Bauplatz, sobald sie sich einmal +von ihrem Vater frei machen konnte, der immer +grämlicher und mürrischer wurde. Er schimpfte +nun auch auf Eycken; der Pastor wollte für seine +Gründung elektrisches Licht haben, und die Badedirektion +schloß sich an. Die Sache war nicht so +gefährlich, da man in unmittelbarer Nähe bei den +Grunower Mühlen starke Wasserkräfte zur Verfügung +hatte. Aber Hellstern brachte gerade diesem +hellen und grellen Lichte einen förmlichen Haß +entgegen. Er klagte darüber, daß er sein liebes +Dorf nie wieder im sanften Lullen der sinkenden +Dämmerung sehen würde; selbst bis in seinen Park +hinein würden die weißen Lichtstrahlen fallen. Man +<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span>„vergraulte“ und „verekelte“ ihm geflissentlich den +Baronshof. Er schwor Hedda zu, daß er sein +Zimmer überhaupt nicht mehr verlassen würde, +murrte und räsonierte stundenlang, um das arme +Mädchen dann plötzlich wieder an seine Brust zu +reißen und durch einen stürmischen Kuß zu versöhnen.</p> + +<p>Eycken führte Gunther durch seinen neuen Bau. +Es war wirklich nicht gespart worden. Die ganze +Anlage zeugte von Zweckmäßigkeit und Gediegenheit; +Luft und Licht war die Parole gewesen. Dem +Hauptbau sollten sich die notwendigen Nebengebäude +anschließen, dann die Ausgestaltung des Gartens +mitten in der würzigen und kräftigenden Luft des +Tannenwaldes in Angriff genommen werden. Der +Pfarrer erläuterte Gunther alles das mit seiner +lebhaften, von der Begeisterung für das Gute getragenen +Beredsamkeit. Die klaren Augen in dem +schönen Greisenantlitz leuchteten dabei wie in heiligem +apostolischem Feuer, und Eycken war auch ein +Apostel – der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit.</p> + +<p>Als man gemeinsam nach dem Dorfe zurückkehrte, +lenkte Gunther das Gespräch auf Döbbernitz. +Mit Absicht; die erstaunliche Tatsache, daß der +schwedische Hellstjern den Zerninschen Besitz gekauft, +hatte ihn mit neuer Unruhe erfüllt. Denn noch +hatte er nicht alle seine Hoffnungen begraben. +Seine Liebe zu Hedda und die bewundernde Anbetung, +die er ihr entgegenbrachte, war die alte +geblieben; er fand sie schöner als je und sah auf +ihrem stolzen Mädchengesicht einen Ausdruck von +Vergeistigung und träumerischem Sinnen, der ihm +früher nicht aufgefallen war und sie zu verklären +schien.</p> + +<p>Hedda erzählte in ruhigem Ton das Neueste +über Döbbernitz. Klaus von Zernin war verschwunden; +irgend jemand wollte ihn in Monte +Carlo gesehen haben. Auf Döbbernitz aber regten +<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span>sich seit Wochen viele hundert fleißige Hände. Baron +Hellstjern hatte sich selbst merkwürdigerweise noch gar +nicht gezeigt; an seiner Statt schaltete mit unbeschränkter +Vollmacht ein Administrator, den Heddas +Vater Axel empfohlen hatte. Es war der ehemalige +Oberinspektor des alten Zernin, ein Mann, +der die Verhältnisse auf Döbbernitz auf das genaueste +kannte, voll Zuverlässigkeit und rüstigem Fleiß, +eine erstklassige Kraft. Und eine solche brauchte +man. Es war keine Kleinigkeit, dies verwüstete +Land wieder ertragsfähig zu gestalten. Man mußte +sozusagen von vorn anfangen, denn auch vom Inventar +war nichts zurückgeblieben; lebendes und +totes, bis auf die letzte Kuh und den letzten, schon +verrosteten Pflug war verkauft oder gepfändet und +verauktioniert worden.</p> + +<p>Und während das Land von neuem beackert +wurde und aus den tiefen Furchen, die den Boden +zerrissen, ein frischer Odem von Lebensfähigkeit +aufstieg, wie ein Ahnen kommenden Keimens, +trafen im Schloßhofe große Möbelwagen ein, um +zunächst dem Mittelbau wieder eine behagliche Wohnlichkeit +zu geben. Auch diese Einrichtung überließ +Hellstjern fremden Händen; er hatte an den Ohm +auf dem Baronshof geschrieben, er habe zurzeit +zu viel zu tun, um sich um all diese Dinge kümmern +zu können. Die Wahrheit war, daß er sich zu einer +ernstlichen Kur entschlossen hatte; der abscheuliche +Husten, der seine ganze Konstitution zu erschüttern +drohte, mußte einmal fortgeschafft werden.</p> + +<p>Gunther hörte mit reger Aufmerksamkeit der +Erzählenden zu. Er meinte, er sei recht froh, daß +Baron Hellstjern seinem Vater zuvorgekommen sei. +Seit der Vater die Leitung der Fabriken abgegeben +habe, sei er von fieberhafter Unruhe gepackt, überall +wolle er sich beteiligen. Und dann sprach Gunther +ganz harmlos von den Heiratsplänen Hagens, die +dem Vater so viel Ärger bereiteten. Er tat dies +mit Absicht, trotz der anscheinenden Harmlosigkeit; +<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span>er wollte Hedda auf diesen neuen plebejischen Einbruch +in seine Familie vorbereiten, war auch begierig, +was sie dazu sagen würde.</p> + +<p>Aber sie enthielt sich des Urteils und bemerkte +nur, daß sie die Aufregung und die Abwehr des +Kommerzienrats begreifen könne, denn zweifellos +sei die beabsichtigte Heirat Hagens ein „Tiefersteigen“. +Eycken war nicht dieser Ansicht, suchte +wenigstens den gesellschaftlichen Abfall des grimmen +Hagen zu beschönigen und zu entschuldigen; in der +Liebe zum andern Geschlecht gäbe es keine Dummheiten, +oder aber diese ganze Liebe sei Dummheit. +Im übrigen steige Hagen seiner Meinung nach keineswegs +„hinab“, sondern zöge höchstens sein Mädchen +„herauf“.</p> + +<p>Vor dem Parktore des Baronshofes trennte +man sich. Hedda bat um den Besuch Gunthers und +dieser sagte mit tiefer Verneigung zu.</p> + +<p>Der Baron saß wie gewöhnlich bei seiner +Familiengeschichte. Er steckte mitten im achtzehnten +Jahrhundert; das Lateinische und Schwedische war +dem Französischen gewichen. Aber auch bei diesem +verschnörkelten alten Französisch fehlten ihm häufig +Vokabeln und sinnverwandte Ausdrücke, und dann +mußte er die Lexika durchstöbern. War Hedda zugegen, +so ging das alles viel schneller.</p> + +<p>Hellstern war im letzten Jahre noch dicker geworden. +Die Ischias hatte etwas nachgelassen, aber +ein Asthma kündigte sich an. Der Baron verzichtete +jetzt auf jede Bewegung; nur mit Mühe schleppten +Hedda und August ihn dann und wann auf ein +Viertelstündchen in den Park. Er hatte sich vollständig +in seinen Ärger über die modernen Veränderungen +in Oberlemmingen verbissen. Eine Art +fixer Idee spielte dabei mit. Er war überzeugt +davon, daß man ihn von Haus und Hof vertreiben +wolle. Die Möllers bauten rechts seitwärts vom +Parkausgange eine Brauerei und hatten eine Parzelle +des Dorfangers vom Fiskus erstanden. Das +<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span>wurmte Hellstern furchtbar. Nun hatte er wirklich +Qualm, Dampf und Rauch, Geräusch und Gestank +direkt vor der Nase.</p> + +<p>„Gunther Schellheim ist wieder hier, Papa,“ +sagte Hedda beim Eintreten; „er läßt dich grüßen.“</p> + +<p>„Ist mir ’ne hohe Ehre,“ erwiderte der Alte +giftig. „Hat er vielleicht seinen Antrag wiederholt?“</p> + +<p>„Nein,“ sagte Hedda und band ihren Hut ab; +„warum bist du so schlechter Laune?“</p> + +<p>„Das würdest du auch sein, wenn du dich so +ärgern müßtest wie ich. In diesen Akten kommen +Ausdrücke vor, für die es in keinem Lexikon der +Welt Erklärungen gibt.“</p> + +<p>„Ich werde dir helfen,“ entgegnete Hedda +geduldig und nahm auf dem aus den vierzehn +Folianten der Merianschen Topographie gebildeten +Sitze Platz.</p> + +<p>Aber der Alte wollte noch plaudern. „Wie +sieht der Herr Gunther aus?“ fragte er.</p> + +<p>„Gut – männlicher als sonst. Er kommt eben +aus dem Manöver. Es ist merkwürdig, was wir +für einseitige Menschen sind! Ich bin überzeugt, +in seiner hübschen Husarenuniform würde er mir +sehr gefallen. Schwarz und silberne Verschnürung, +mit dem großen Totenkopf auf der Bärenmütze.“</p> + +<p>„Ich weiß,“ erwiderte Hellstern nickend; „ein +gutes Regiment. Nun, dieser Gunther ist ja doch +auch immerhin ein anständiger Mann ... Da ist +ein Brief von Axel gekommen, der dich interessieren +wird.“</p> + +<p>Er reichte Hedda das Schriftstück, und sie begann +zu lesen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p class="letteraddress">„Liebster Onkel – liebste Cousine!</p> + +<p>„Zunächst Verzeihung, daß ich französisch schreibe +– es geht mir immer noch rascher von der Hand +wie Eure Muttersprache, und ich habe Euch eine +ganze Menge zu erzählen. Wie Ihr aus dem Poststempel +erseht, bin ich nicht in Berlin, sondern in +<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span>Gehringen. Das liegt in der Schweiz, ein Stündchen +von Basel, und ist eine Heilanstalt, die mir +ein befreundeter Arzt empfohlen hat. Ich wollte +nämlich einmal meinem Husten zu Leibe gehen. +Nun kuriert man hier unten freilich nicht auf gewöhnliche +Weise, mittels allerhand Mixturen aus +Flaschen und Schachteln und Töpfen, sondern durch +Sonnenbäder, Elektrizität, Massage, kaltes und +heißes Wasser, Fichtennadeln und Gott weiß was +noch – aber die Tatsache steht fest: es geht mir +bedeutend besser, so daß ich mich mit der Hoffnung +trage, Euch in üppiger Gesundheit wieder begrüßen +zu können.</p> + +<p>„Und das soll bald geschehen. Mein Abschied +ist mir in Gnaden bewilligt – sogar mit einem +Orden, der sehr schön aussieht und an einem Bande +mit drei Farben hängt. Da will ich mich denn +nun im Spätherbst in Eurer Nähe, nämlich in +Döbbernitz, festsetzen. Rieske, der Verwalter, den +Du, lieber Ohm, mir empfohlen hast, scheint sich +ausgezeichnet zu machen. Er schickt mir wöchentlich +zwei ausführliche Berichte, die mich über alles +informieren und trotzdem knapp gehalten sind. Das +gefällt mir. Ich finde auch, daß er sparsam wirtschaftet. +Die Anschaffung des Inventars und die +Instandsetzung der ganzen Geschichte verlangen +natürlich Opfer, aber ich bringe sie gern. Schon +weil ich nun wieder ein Heimatplätzchen bekomme. +Ich kann Euch nur sagen, daß ich mir immer wieder +von neuem Glück zu meiner Idee wünsche. Es war +der vernünftigste Streich meines Lebens, der Ankauf +von Döbbernitz.</p> + +<p>„Sehr, sehr gern würde ich es sehen, wenn +Hedda sich einmal die Schloßeinrichtung ansehen +wollte. Eine Masse hübscher Möbel habe ich unterwegs +kaufen können, auch hier in der Umgegend, +auf alten Bauerngehöften und in den Kleinstädten +noch mancherlei Nettes und Interessantes gefunden. +Aber die weibliche Beihilfe fehlt mir doch. Und +<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span>dann weiß ich nicht, wie die Berliner Dekorateure +die Sache arrangiert haben. Ich werde wohl alles +wieder ‚umkrempeln‘ – sagt Ihr nicht immer ‚umkrempeln‘? –, +wenn ich erst in Döbbernitz bin. +Hedda, dabei mußt Du mir aber zur Hand gehen! +Das kann ich als Vetter verlangen. Ein paar +Zimmer werden so wie so für Euch beide eingerichtet, +denn ich hoffe, Ihr werdet öfters, nein recht +oft, sehr oft, bei mir zu Gast sein. Die moosgrün +bezogenen Möbel sind speziell für Dein Zimmer +bestimmt, Hedda. Ich fand die Formen so hübsch, +edel und schön in den Proportionen, nicht so +spielerisch und gesucht originell, wie der moderne +englische Geschmack sie liebt. Der Renaissanceschrank +und das große Himmelbett stammen aus +dem Palazzo Formosa in Bologna.</p> + +<p>„Siehst du, Hedda, und da freue ich mich jetzt +schon darauf, mit Dir zusammen im Schlosse von +Döbbernitz Ordnung und Behaglichkeit schaffen zu +können. Wir gehn zimmerweise vor, und für jedes +Zimmer lasse ich dich extra vom Baronshofe holen, +damit das Vergnügen länger dauert. Und dann +freue ich mich auch auf unsre Spaziergänge im +Walde, unten am See, wo die Eichen stehen und +der große Felsblock liegt. Ich sagte es Dir ja: +bei Euch werde ich wieder ganz gesund und auch +noch einmal jung werden, denn es weht Heimatluft +bei Euch, und die war’s, die mir fehlte. Ich +bin ganz krank vor Sehnsucht. Das ist mir noch +nie passiert.</p> + +<p>„Ende Oktober denke ich zurück zu sein. Fröhlichen +und herzlichen Gruß Dir, Onkel, und Dir, +liebe Base, von</p> + +<p class="lettersig1">Euerm getreuen</p> +<p class="lettersig2">Neffen und Vetter Axel.“</p> +</div> + +<p>Bedächtig steckte Hedda den Brief wieder in +das Couvert.</p> + +<p>„Er klingt wirklich sehnsüchtig, der Brief,“ sagte +<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span>Hellstern mit Betonung. „Weißt du, Hedda, ich +mache mir so meine Gedanken.“</p> + +<p>Sie hatte sich tief über das Lexikon gebeugt, +das auf ihren Knieen lag, und in dem sie mechanisch +blätterte. Als sie den Kopf hob, sah der Alte, daß +sie auffällig blaß war.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>An diesem Tage gedachte Fritz Möller, sich mit +der Dörthe endgültig auszusprechen. Es mußte +einmal geschehen. Die Eltern drängten, Albert +und Bertold nicht minder. Grödecke aus Frankfurt +hatte eines Tages seinen Freund Albert Möller +in Oberlemmingen besucht. Er brachte seine Tochter +Frida mit, ein großes, starkes, sehr brünettes +Mädchen mit energischen Zügen. Fritz sollte sich +mit ihr „anvettern“, und das geschah denn auch. +Er fand sie nicht so übel, obwohl ihr stechender +Blick und ihr rasch zugreifendes Wesen, auch ihre +Erscheinung ihm einen ausgewachsenen Pantoffel +prophezeiten. Noch wurde nicht vom Heiraten gesprochen, +doch Frida wußte bereits Bescheid. Sie +ließ sich das ganze Haus zeigen, vom Dach bis +hinab zum Weinkeller; sie nahm es schon in Besitz. +Auch die Angelegenheit mit der Engrosschlächterei, +die den Badeort, das Kinderhospiz und +die Güter in der Umgegend versorgen sollte, war +zur Reife gediehen. Wieder hatte einer der Bauern +sein Gehöft verkauft – Thielemann, dessen Besitz +den Möllers am bequemsten lag. Dorthin sollte +das Schlachthaus kommen.</p> + +<p>Gegen Abend hatte der Wind sich gelegt. Fritz +hatte Dörthe gebeten, sich mit ihm an der Quelle +zu treffen; er habe Wichtiges mit ihr zu besprechen. +Sie hatte sich auf dem Baronshof auch freimachen +können und war pünktlich zur Stelle, in ihrem +Arbeitskleide, aber ein neues dreieckiges Tuch um +die Schultern geschlagen, mit bloßem Kopfe.</p> + +<p>Fritz war noch nicht da. Dörthe wanderte in +den schweigenden Anlagen auf und ab. Das falbe +<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span>Laub rauschte unter ihren Füßen. Ein letztes +Sonnenflackern glitt durch die Baumkronen, fahlgelb, +ein erlöschendes Licht.</p> + +<p>Das Mädchen war nicht in Sorgen. Im Gegenteil +– ein Zug heiterer Zufriedenheit lag auf dem +hübschen, braunen Gesichtchen. Sicher handelte es +sich um eine Besprechung wegen der Hochzeit. Vielleicht +sollte sie schon vor Weihnachten sein. Wie +schlug der Dörthe das Herz!</p> + +<p>Sie hatte sich auf eine der Sandsteinstufen an +der Quelle gesetzt. Das Wasser sprudelte nicht, aber +man hörte sein Rauschen unterhalb der Einfassung, +ein leises Gemurmel wie von fernen Stimmen. +Die Rosen in den Bosketts waren abgeblüht, der +wilde Wein, der sich um die Eisenträger der Wandelhalle +schlang, schimmerte feuerrot. Überallhin hatte +der Herbst seine Farbenflecke gestreut.</p> + +<p>Als Dörthe ihren Bräutigam kommen sah, +sprang sie auf, lief ihm entgegen und fiel ihm in +die Arme. Er umschlang sie, ohne sie zu küssen, +und schritt mit ihr den Weg hinab. „Komm unter +die Buchen,“ sagte er, „die Liese spürt mir wieder +mal nach.“</p> + +<p>Jetzt durchzitterte sie eine Ahnung aufkeimenden +Leids. „Gott, Fritz, was gibt’s denn?“ fragte sie.</p> + +<p>Er wartete mit der Antwort, bis sie tiefer im +Buchenhain waren, den die Badedirektion mit dem +Kurpark verbunden hatte. Aber auch hier blieb er +nicht stehen, sondern schritt weiter mit ihr, während +er rasch, als wolle er es von der Seele haben, und +mit kurzen Unterbrechungen sprach.</p> + +<p>„Also, Dörthe, es geht nicht mit unsrer Heirat. +Die ganze Familie ist dagegen – ich habe mich mit +allen herumgezankt, weil ich es durchsetzen wollte; +aber überwerfen kann ich mich mit den Eltern nicht +und auch nicht mit den Brüdern. Es steht zu viel +auf dem Spiel – gerade jetzt ... Du mußt mir +nicht böse sein, Dörthe – ich habe es immer gut +gemeint und dich lieb gehabt – und wir hätten ja +<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span>auch so gut zusammengepaßt – aber – du hättest +bloß einmal Vatern sehen sollen, als ich ihm sagte: +nein, ich wollte fest bleiben, denn ich hätte dir die +Hochzeit versprochen. Mit beiden Fäusten ist er +da auf mich losgefahren und mit Augen wie Teller +so groß – Dörthe, an mir liegt es ja nicht – es +liegt nicht an mir ...“</p> + +<p>Seine Stimme wurde leiser; es ging ihm doch +zu Herzen, dieses Abschiednehmen. Aber er war +noch nicht zu Ende; er hatte das Bestreben, sich +gänzlich zu entlasten, und fing immer wieder von +vorn an, von der Gegnerschaft der Eltern und den +wütenden Augen des Vaters und dem ewigen +Schimpfen; er wisse sich nicht mehr zu helfen; er +sei abhängig von dem Alten sowohl wie auch von +Albert, der jetzt das große Wort in der Familie +führe, und alles Bitten und Jammern habe ihm +nichts genützt. Und dann kamen wieder die wütenden +Augen des Vaters an die Reihe – „wie Teller +so groß“.</p> + +<p>Dörthe hatte kein Wort entgegnet. Sie war +wie vom Schlage getroffen. Aus ihrem Gesicht war +alle Farbe geschwunden; schwer schleppte Fritz sie +an seiner Seite weiter. Sie hatte keine Ahnung +von den gegen sie und ihr Glück gerichteten heimlichen +Treibereien, und in der Engigkeit ihres dummen, +kleinen Bauernhirns hatte sie auch gar nicht einmal +gemerkt, wie man sie mit kluger Politik in letzter +Zeit vom Gasthause fernzuhalten suchte. Anfänglich +fand sie nicht einmal Tränen unter der Wucht des +auf sie herabsausenden Unglücks. Sie war so starr, +daß ihre Augen trocken blieben und ihre Lippen +schwiegen. Aber als Fritz, um das Herzweh und +die Verlegenheit des Augenblicks zu überwinden, +weiter und weiter sprach, immer mit den gleichen +Phrasen, sich zwanzigmal wiederholend, da schäumte +ganz plötzlich die Wut über den ihr zugefügten Betrug +und über die Treulosigkeit und Schwäche des Geliebten +in ihr auf; sie riß sich von ihm los und schrie:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span>„Nu sei doch man still! Ich hör’ ja schon! +Ich weiß ja schon alles! Pfui, bist du gemein! +Du hast’s gar nicht ernst gemeint! Du hast bloß +drauf gewartet, daß –“</p> + +<p>Und dann brachen die Tränen hervor, in +Strömen und unaufhaltsam. Sie warf sich auf +die Erde, in das taufeuchte Laub, und schluchzte +und wimmerte ununterbrochen. Als er sich zu ihr +hinabbeugte, um sie mit einigen schlecht angebrachten +Trostworten aufzuheben, schlug sie nach ihm und +schrie von neuem los: er solle sie nicht mehr anrühren, +er sei ein elender Lump, er möge heiraten, +wen er wolle, oder wen seine Eltern für ihn aussuchten +– er ließe sich ja doch nur am Gängelbande +führen wie ein kleines Kind.... Sie gebärdete +sich wie unsinnig und blieb auf der feuchten +Erde liegen, während ihr Körper konvulsivisch +zuckte.</p> + +<p>Fritz wußte nicht, was er machen sollte. Am +liebsten wäre er davongelaufen – nach Hause, zu +Vater und Mutter und Albert; die hätten vielleicht +Rat schaffen können. Er hatte seine Mütze auf +das rechte Ohr geschoben, kraute sich den blonden +Wirrkopf und blickte hilflos umher. Es war allgemach +dunkel geworden. Am Himmel flammten +schon die Sterne auf. Ein Käuzchen schrie in der +Nähe.</p> + +<p>„Dörthe,“ sagte Fritz endlich in beklommenem +Tone, „Dörthchen – hör doch man zu – ich bin +ja nicht so ... ich würde ja gern, wenn’s bloß +auf mich ankäme –“</p> + +<p>Jetzt sprang sie mit einem Satze empor. Ihr +ganzes Gesicht hatte sich verändert. Der Schmerz +verzerrte es und grub seine Linien in das niedliche +Oval; die Augen blitzten.</p> + +<p>„Ist’s wahr, Fritz – bist du mir immer noch +gut?“</p> + +<p>„O Gott!“ erwiderte er und versuchte, sie zu +umfassen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span>Aber sie entglitt ihm.</p> + +<p>„So wirst du noch einmal mit den Alten und +mit Albert sprechen,“ fuhr sie energisch fort, und +doch klapperten dabei ihre Zähne in fröstelnder +Angst. „Verstehst du? Sagst ihnen, daß du nicht +mehr zurückkönntest, daß du kein Lump sein wolltest, +daß du darauf beständest, dein Wort zu halten, und +wenn’s auch zu wer weiß was käme! Wirst du +das tun? Fritz, bist du denn nicht ein Mann?!“</p> + +<p>Die Verzweiflung beflügelte ihre Worte. Sie +stieß mit ihren beiden Händen nach seinen Schultern, +als wollte sie auf seine Kraft und Stärke pochen, +drängte sich dicht an ihn heran und krallte dann wie +eine Wahnsinnige ihre Finger in seine Arme ein.</p> + +<p>„Bist du nicht ein Mann?!“ schrie sie abermals. +„Und fürchtest dich vor Vatern und vor seinen großen +Augen! Und vor Albert, den du mit einer Hand +aufheben kannst! – Was ist denn, wenn du ihnen +nicht gehorchst? Bist du nicht ausgewachsen und +mündig? Aber du zitterst ja schon, wenn Vater +nur spricht – du Feigling, du Bangebüchse!“</p> + +<p>Sie begann wieder zu schimpfen und dann von +neuem zu weinen. Ihre Energie war verraucht. +Aber die Verächtlichkeit, mit der sie ihn behandelte, +entzündete doch seinen Stolz. O – eine „Bangebüchse“ +war er nicht! Um des lieben Friedens +willen hatte er nachgegeben, aber noch war nicht +aller Tage Abend. Schön also – er würde nochmals +mit dem Alten sprechen, „ganz verflucht“ +würde er mit dem Alten sprechen. Was konnten +sie ihm denn tun? War er nicht ausgewachsen und +mündig?</p> + +<p>Und als er sah und spürte, wie Dörthe an allen +Gliedern zitterte, nahm er sie mit raschem Entschlusse +auf seine Arme und trug sie so durch den +Wald zurück, damit sie sich an seiner Brust erwärme, +wie ein kleines Vögelchen, das aus dem Nest gefallen +ist, und das ein barmherziger Junge unter +die Weste geknöpft hat, um es mit nach Hause zu +<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span>nehmen. Und wirklich – ihr wurde auch warm. +Ihr Ohr lag an seinem Leinenkittel, und sie hörte +sein Herz hämmern. Ein Wonneschauer durchrieselte +sie, und frisches Hoffen ließ sie selig lächeln. Das +war die letzte Stunde Glücks der Dörthe, da er sie +heimtrug durch den Wald, über den die Finsternis +immer tiefer hinabsank.</p> + +<p>Am nächsten Vormittag gab es eine entsetzliche +Szene bei den Möllers. Vater und Sohn waren +handgemein geworden. Und da hatte die alte +Möllern die Flinte aus der Ecke gerissen und sie, +den Kolben gegen den Leib gedrückt, auf Fritz angelegt. +Albert war dazwischengesprungen.</p> + +<p>Das Ende war, daß Fritz sich kraftlos ergab. +Er saß mit blassem Gesicht, das Haar in die Stirn +hängend, am Tisch und schrieb den Brief, den Albert +ihm diktierte:</p> + +<div class="blockquot"> +<p class="letteraddress">„Liebe Dörthe!</p> + +<p>Es geht nicht mit uns. Das erkläre ich Dir +hiermit zum letztenmal, und damit Du auch weißt, +warum nicht, will ich es Dir sagen: nämlich wegen +der Quelle. Die Quelle stellt höhere Anforderungen +an mich, liebe Dörthe, denen ich nachkommen muß. +Willst Du noch mehr darüber wissen, so wende Dich +an Albert, der Dir in Ruhe und Freundschaft alles +auseinandersetzen wird, liebe Dörthe. Jetzt wollen +wir uns beide geduldig unserm Schicksal fügen und +uns möglichst wenig zu sehen kriegen. Das ist das +beste, und mit der Zeit wirst Du mir auch nicht +mehr böse sein, liebe Dörthe, denn Du wirst sicher +einen andern guten und lieben Mann bekommen, +den Dir von Herzen wünscht</p> + +<p class="lettersig2">Dein Fritz.“</p> +</div> + +<p>Die verschiedenfachen „liebe Dörthe“ hatte der +Schreiber aus eigner Machtvollkommenheit eingefügt. +Gern hätte er am Schlusse gesagt: „Dein +Dich immer noch lieb habender Fritz“ –; aber +Albert schaute ihm auf die Finger, auf denen die +<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span>ungewohnte Federarbeit schwarze Tintenstreifen +hinterließ.</p> + +<p>Ein Junge brachte den Brief zu Klempt. Man +wußte, daß Dörthe allabendlich ihren Vater besuchte, +und wollte auf dem Baronshof keinen Skandal erregen.</p> + +<p>Das Mädchen war noch nicht da, als der Brief +abgegeben wurde. Tante Pauline nahm ihn in +Empfang und betrachtete ihn mißtrauisch. Dann +holte sie ihr Punktierbuch aus der Truhe und setzte +sich damit an das Fenster, durch das der letzte Schein +des Abendrots fiel. Sie war doch neugierig, was +das zu bedeuten hatte: ein Brief gerade am Neumond.</p> + +<p>Klempt legte soeben in der Werkstatt sein Arbeitszeug +beiseite, reinigte den Hobel, mit dem er +hantiert hatte, und fegte dann die Späne zusammen. +Er war im Begriff, seine Schürze abzubinden, als +es an die Fensterscheiben klopfte und die fröhliche +Stimme Dörthes ihm zurief:</p> + +<p>„Feierabend machen, Vater!“</p> + +<p>Im nächsten Augenblick hörte er den Widerhall +ihrer Pantoffeln auf den Steinen des Hausflurs +und dann eine Tür schlagen. Dörthe ging in die +Wohnstube.</p> + +<p>Doch was war das? Der Alte lauschte. Schrie +da nicht jemand?</p> + +<p>Er stürzte hinüber. Nur der schmale Flurgang +trennte die Werkstatt von der Wohnstube, in der +Tante Pauline bereits die Lampe angezündet hatte.</p> + +<p>Dörthe saß am Tisch und hielt den Kopf mit +den Armen umschlungen. Schweigend deutete Tante +Pauline auf den erbrochenen Brief; ein bitteres +Lächeln zuckte um ihre scharfen Lippen.</p> + +<p>„Lies mal,“ sagte sie; „vor fünfundvierzig Jahren +– da hat mich der alte Möller grad’ so sitzen lassen.“</p> + +<p>Das ganze Herz voll schluchzenden Grams, gebrochen +und zerschmettert, trat Klempt unter die +Haustür. Er konnte den Schmerz der Tochter nicht +sehen, tausend Wunden bluteten in ihm.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span>Lind und fast sommerlich verrann dieser Herbsttag. +Golddurchflimmerte Dämmergewebe umspannen das +Dorf, und noch leuchtete der Himmel im Westen in +duftigem Rosa. Von den Wiesen stiegen ganz feine +Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und +schlangen sich um die Häuserfirste und das Geäst +der Bäume. Nur der Kurpark lag schon völlig im +Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer.</p> + +<p>„Wegen der Quelle!“</p> + +<p>Und in seinem furchtbaren Herzenskummer, der +den stillen und ruhigen Mann wütend machte, ballte +Klempt die Hände und erhob sie drohend und +schüttelte sie nach der Richtung des weißen Nebelsees, +in dem der Kurpark versank: „Verfluchte +Quelle!“</p> + + + + +<h2><a name="Zwoelftes_Kapitel" id="Zwoelftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">E</span>nde Oktober ereignete sich ein tragisches Vorkommnis, +das viel besprochen wurde und Aufsehen +erregte. Braumüller, der sich das Trinken angewöhnt, +seit er nichts mehr zu tun hatte, war eines +Nachts wieder einmal in vollem Rausche nach Hause +getorkelt, hatte den Weg verfehlt und war in eine +Kalkgrube gestürzt, die zu Bauzwecken benutzt wurde, +und die man am Abend vorher unglücklicherweise +vergessen hatte mit Brettern zu bedecken, wie es +sonst geschah. Erstickt und verbrannt wurde der +Unglückliche am nächsten Morgen aus der Grube gezogen; +vielleicht hatte ihn auch schon beim Sturze +ein Schlagfluß getroffen.</p> + +<p>Für Hellstern war der arme Braumüller ein +„neues Opfer der Kulturmission von Oberlemmingen“. +Braumüllers Untergang war seiner Ansicht +nach die logische Folge der industriellen Hetzjagd, +die von Schellheim und den Möllers in Szene +gesetzt wurde, um aus der Quelle so viel als möglich +<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span>herauszuschlagen. Er war ein tüchtiger und +arbeitsamer Bauer gewesen; aber dann erfaßte ihn +die Gier nach schnellem Reichtum, und er verkaufte +sein Anwesen, um nun allmählich in lässiger Faulheit +der Trunksucht anheimzufallen.</p> + +<p>Zweifellos urteilte Hellstern in seiner Vereinsamung +und Verbissenheit einseitig und ungerecht. +Aber ebenso zweifellos machte sich im Dorfe die bei +ähnlichen Gelegenheiten oft beobachtete Tatsache geltend, +daß das unerwartet rasche Emporschnellen +der Erwerbsverhältnisse von ungünstiger Rückwirkung +auf die Bauern war. Man ernährte sich recht +und schlecht auf seinem kleinen Besitz; man legte in +guten Jahren ein paar Taler zurück und verbrauchte +sie wieder in knapperen; man schlug sich bei harter +Arbeit durch, schimpfte auf die Steuern und war +dabei fröhlichen Muts. Und nun sah man plötzlich, +daß es ein viel bequemeres Verdienen gab als das, +was man erlernt, was der Sohn vom Vater und +der Vater vom Großvater übernommen hatte. Die +Möllers machten es den andern vor. Die hatten +den Bauernkittel abgelegt und waren Geschäftsleute +geworden, und sie wurden reich dabei. Warum sollte +man ihnen nicht folgen? War es nicht ein kümmerliches +Leben, das man bis dahin geführt hatte? – +Thielemann, der Krämer, hatte für sein Gehöft ein +hübsches Stück Geld eingesackt; nun war er nach +Züllichau gezogen und eröffnete dort eine Materialwarenhandlung. +Das war <em class="gesperrt">auch</em> ein leichterer Verdienst, +und vor allem: hatte man nicht dabei ein +viel besseres Leben als hier auf dem Lande, wo man +mit Sonnenaufgang aus den Federn mußte und +des Abends todmüde ins Bett sank?</p> + +<p>Es waren besonders die Frauen und die erwachsenen +Töchter, die sich der revolutionären Bewegung +in Oberlemmingen mit Begeisterung anschlossen. +Sie steckten sich hinter die Männer und +redeten in sie hinein: warum verkaufte man nicht? +Die Möllers zahlten gute Preise – mit dem gewonnenen +<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span>Gelde ließ sich schon etwas anfangen! ... +In der Tat kauften die Möllers auf, was sich ihnen +anbot. Sie hatten es um so eiliger, als einige der +reicheren Bauern, wie Langheinrich und der Lehnschulze +Wittke, sich gleichfalls mit Spekulationsideen +zu befassen begannen. Auch sie wollten Logierhäuser +bauen: sie legten den Pflug beiseite und wurden +„Unternehmer“. Das füllte besser die Kassen. Aber +die Möllers ärgerten sich darüber. In kluger Berechnung +wollte Albert nach und nach das ganze +Dorf an sich bringen, um das Gegengewicht des +Kommerzienrats zu schwächen. Wenn den Möllers +das Terrain rings um die Quelle gehörte, wenn +sie das goldspendende Heilwasser gewissermaßen zernierten, +von allen Seiten umschlossen und mit einem +Villenkranze umgaben, dann mußten sie trotz der +Millionen Schellheims doch schließlich die Sieger +bleiben. Und das war die heimliche Sehnsucht +Alberts: den Kommerzienrat zu übertrumpfen und +bei geeigneter Gelegenheit die gesamten Anteilscheine +des Unternehmens in die Hände der Familie zu +bringen. Das war ein schwieriger Kampf, aber +Albert schreckte nicht vor ihm zurück. Sein Kredit +war gestiegen; das Bad verhieß eine blühende Zukunft; +selbst die größeren Banken verhielten sich +Albert gegenüber nicht mehr so abwehrend wie früher. +Und er nahm Gelder auf, wo sie sich ihm boten; +er kaufte, was zu kaufen möglich war, und baute +unverdrossen darauf los. In seiner geschäftigen +Phantasie war bereits anstatt des kleinen Dorfs +eine prächtige Villenstadt erstanden, in der es keine +Bauern mehr gab, sondern nur noch „Gäste“, die +das Tal überströmten und Gold in Massen zurückließen. +Er trug sich auch immer noch mit der Absicht, +den Baronshof zu erobern, denn dorthin sollte +das Sanatorium kommen, und er spekulierte auch +nach dieser Richtung hin nicht unrichtig: der Baronshof +sollte umzingelt werden. Die Brauerei vor der +Parkeinfahrt war der Anfang; man wollte Hellstern +<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span>das Leben schwer machen, man kannte seine +Schwächen; der Rauch der Fabrikschlote und der +Spektakel der Maschinen sollten ihn forttreiben.</p> + +<p>Um all diese Ideen und Machenschaften der +Möllers kümmerte sich der Kommerzienrat wenig. +Das war ihm zu kleinlich; er konnte keine Logierhäuser +bauen und sie an die Badegäste vermieten. +Aber die Brauerei hätte er gern in die Hand genommen; +er ärgerte sich, daß Albert ihm zuvorgekommen +war. Er hatte viel Verdruß in dieser +letzten Zeit. Eines Tages traf Hagen auf dem Auberge +ein – unerbeten und unerwartet – und +brachte seine Anna mit. Er wollte sie der Mutter +vorstellen.</p> + +<p>Die kleine, blonde Stepperin hatte einen gewissen +natürlichen Takt, und das erleichterte ein +wenig die Schwierigkeiten der Annäherung. Sie +war auch lernbegierig und anpassungsfähig; man +hatte ihr im Pensionat schon beigebracht, sich zu benehmen +und die Sitten der sogenannten guten Gesellschaft +zu respektieren. Nur merkte man ihr noch +allzusehr an, daß sie sich mit einer beständigen inneren +Angst abmühte, korrekt zu sein und sich nichts zu +vergeben. Bei Tische schielte sie zuweilen unruhig +zu den künftigen Schwiegereltern hinüber, hantierte +nach bester Etikette mit Messer und Gabel und ließ +die Serviette zusammengefaltet neben sich liegen. +Sie mischte sich nie unaufgefordert in die Unterhaltung, +und wenn sie angeredet wurde, zuckte sie +empor und rückte auf ihrem Stuhle hin und her, +als ob sie aufspringen wolle. Auch hatte sie vor +Verlegenheit beständig ein rotes Köpfchen und wußte +nie, wo sie ihre Hände lassen sollte. Aber das waren +Kleinigkeiten. Im allgemeinen war der Eindruck, +den sie hinterließ, kein übler. Auch die Rätin schien +weniger erwartet zu haben. Sie hatte in jenen +Tagen mehrfache Unterredungen mit ihrem Gatten, +der während der Konferenzen stets aufgeregt im +Zimmer umhermarschierte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span>„Es ist nichts zu machen,“ sagte die Rätin sanft; +„Hagen bleibt fest. Und vielleicht ist es wirklich +sein Glück; sollen wir es ihm zerstören?“</p> + +<p>„Trotzdem ist es schrecklich,“ antwortete Schellheim +grollend. „Wenn nur der Vater nicht Straßenbahnschaffner +wäre! Ausgesucht Straßenbahnschaffner!“ ...</p> + +<p>Das ging wirklich nicht. Er vergaß, daß sein +eigner Großahn noch mit dem Packen auf dem Rücken +die Schenken und Jahrmärkte besucht hatte. Der +Sohn eines Königlichen Kommerzienrats konnte unmöglich +einen Straßenbahnschaffner als Schwiegervater +haben. Der Mann mußte aus Berlin fortgeschafft +werden; es war angebracht, wenn man +möglichst wenig mit ihm in Berührung kam. Er +sollte mit seiner Familie nach Manchester übersiedeln. +Das war ein guter Gedanke. Dort konnte +man ihm in der Fabrik eine auskömmliche Stellung +geben; er hatte da auch einen bequemeren +Dienst als bei der Berliner Straßenbahn ...</p> + +<p>Gunther weilte noch immer im Auschlosse. Er +hatte seine Dozentenstelle aufgegeben, um sich in +größerer Ruhe seinen Forschungen widmen zu können. +Sein Faustbuch war erschienen und hatte ihm einen +glänzenden Sieg errungen. In der wissenschaftlichen +Welt war sein Name nunmehr bekannt, sein Ruf +gefestigt. Das gab ihm auch ein größeres Selbstvertrauen. +Er war nicht mehr nur der Sohn eines +reichen Mannes; der Ruhm zog vor ihm her. +Wußte das Hedda? War auch auf den Baronshof +die Kunde von seiner Entdeckung gedrungen?</p> + +<p>Der Verkehr zwischen Auschloß und Baronshof +war wieder aufgenommen worden, aber er blieb in +höflichen Grenzen. Hellstern und Schellheim verstanden +sich nicht, konnten sich auch nicht verstehen. +Sie sprachen wie in fremden Zungen miteinander. +Aber Gunther hatte es einzurichten gewußt, daß er +öfters mit Hedda zusammentraf. Einmal erzählte +er ihr auch von seinem Siege. Sie freute sich darüber +und beglückwünschte ihn. Das klang herzlich, +<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span>aber doch nicht so warm, wie sich Gunther gewünscht +hätte. Er schaute immer noch bewundernd zu ihr +auf, und seine Sehnsucht, dies stolze Mädchen zu +erringen, war die alte geblieben. Und immer noch +ängstigte er sich vor dem schwedischen Vetter, gegen +dessen alten Namen er nur seinen jungen Ruhm in +die Wagschale legen konnte.</p> + +<p>An einem der letzten Oktobertage war Axel auf +Döbbernitz eingetroffen. Irgend eine Botenfrau +hatte es auf dem Baronshofe erzählt. Es dauerte +auch nicht lange, so fand sich Axel persönlich ein. +Ein eleganter Parkwagen, prächtig bespannt, hielt +eines Vormittags vor der Veranda. Elastisch und +sichtlich erfrischt durch seine Kur in dem Schweizer +Wunderbad, sprang Axel die Stufen hinauf und +rief nach dem Onkel und Hedda. Hedda kam auch, +aber den Alten bannte wieder die Ischias an den +Stuhl; er war wie festgenagelt. Doch auch er freute +sich über das Wohlbefinden des Neffen. Noch war +ja nicht alles in Ordnung, denn bei der leisesten Erkältung +stellten sich die Bronchialbeschwerden wieder +ein – aber ein Fortschritt war da. Axel fragte, +ob er Hedda mit nach Döbbernitz nehmen könne. +Sie war zwar schon einmal auf dem Schlosse gewesen, +doch in Tagen, an denen noch eine chaotische +Unordnung in allen Zimmern geherrscht hatte. Nun +aber sollte sie bewundern und staunen; Axel selbst +wollte sie am Nachmittag wieder zurückbringen und +„in bester Emballage abliefern, wie ein kostbares +Püppchen aus <em class="antiqua">vieux Saxe</em>“.</p> + +<p>Hellstern sagte ohne weiteres zu. Es wäre +lächerlich gewesen, wenn er sich um Hedda hätte +sorgen wollen; die Obhut Axels genügte ihm. Ja +– wenn Klaus Zernin noch Herr auf Döbbernitz +gewesen wäre! Nicht um alle Schätze der Welt +würde der Alte seine Hedda dem auch nur für eine +Stunde anvertraut haben!</p> + +<p>So fuhr man denn wieder einmal durch den +Wald. Ach, dieser Wald, wie kannte er Heddas +<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[259]</a></span>Seele und alle Regungen ihres Herzens! Ihm +hatte sie sich anvertraut in Freude und Leid und +Bangigkeit, und ihr Weh wie ihren Jubel hatte +sein ewiges Rauschen aufgefangen und zum Himmel +getragen. Wie vertraut war er ihr auch, wie kannte +sie seine Stimme: sein kosendes Flüstern und lindes +Säuseln, sein Ächzen und Stöhnen, wenn der Sturm +anhub, und den vollen Orgelschall seiner Kronen, +wenn der Wind durch die Wipfel tanzte. Und wie +lieb war er ihr! In der knospenden Frühlingspracht, +bei dem mailichen Rüsten der Natur, dem +lichtgrünen Brautschmuck, den jeder Baum, jeder +Strauch anlegte, und selbst der Moosgrund mit +seinem wilden Gewirr von Erdbeerkraut, Farn und +Krokus; im glühenden Prangen des Sommers, +wenn das dichte Laubwerk den Sonnenstrahlen wehrte +und unter den Buchen und Eichen ein köstliches +Dämmerlicht herrschte – im Winter, beim Flimmern +der Eiskristalle und der Weihnachtsstimmung +in der weiten, schweigenden Runde, und endlich zur +Herbstzeit, wie jetzt, bald lachend in seinem bunten +Kleide und bald melancholisch, wenn die Nebel ihn +umschlichen und die Regenschauer ihn durchpeitschten. +Immer hatte sie ihn gleich lieb, den Wald, der ihre +Seele kannte und alle Regungen ihres Herzens ...</p> + +<p>Nun tat er sich auf. Die Bäume traten zurück +– da sah man Döbbernitz liegen! Vom Schloßturm +herab flatterte eine Doppelfahne, die preußische +und die schwedische – „dir zu Ehren, Hedda,“ sagte +Axel und nahm den Hut ab.</p> + +<p>Er sprach das sehr feierlich, doch Hedda achtete +kaum darauf. Es beschwerte etwas ihr Herz – sie +wußte selbst nicht so recht, was es war. Vielleicht +der Gedanke an Klaus. Es war nur natürlich, daß +sie an ihn dachte, da sie Döbbernitz vor sich auftauchen +sah. Die Leute sagten, er säße noch immer +in Monte Carlo. Er war ja so wie so verloren +für sie ...</p> + +<p>Der Wagen rasselte in den gepflasterten Schloßhof. +<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[260]</a></span>Diener sprangen herzu; unter dem Portal erschien +ein älterer Mann in einfachem Livreerock: +der Schloßverwalter. Man merkte sofort, daß hier +wieder Ordnung und Reichtum herrschten.</p> + +<p>Axel bot Hedda zunächst Frühstück an, doch sie +dankte. Nun begann der Rundgang durch das +Schloß. Der westliche Flügel stand noch leer; aber +Mittelbau und Ostflügel enthielten allein schon über +dreißig Zimmer und Säle. Und Hedda erstaunte +und bewunderte in der Tat. Mit reichlichen Mitteln +ließ sich ja vieles machen, aber hier hatte vor allem +ein gediegener, feiner und durchgebildeter Geschmack +die Führung übernommen. Er sprach aus jedem +Arrangement, jeder Einzelheit. Es war Hedda unfaßlich, +daß Axel dies alles ohne persönliches Eingreifen, +lediglich auf dem Wege des Briefwechsels +hatte nach seiner Wahl schaffen und entstehen lassen +können. Er lachte über ihre Verwunderung. Ganz +leicht war es freilich nicht gewesen. Aber er hatte +seinen Sekretär, einen kundigen und tüchtigen Menschen, +bei sich in Gehringen gehabt. Mit ihm hatte +er stoßweise die eingesandten Kartons, Zeichnungen +und Musterbücher, Photographieen und Proben +durchgesehen und nach diesen seine Bestellungen gemacht. +Auch durfte Hedda nicht vergessen, daß die +gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung gleichfalls +nach Döbbernitz geschafft war, außerdem gar +vieles, das in den letzten Jahren hie und da zusammengekauft +und inzwischen auf Speichern untergebracht +worden war.... „Ich habe sonst keinerlei +Passionen,“ sagte Axel, „wirklich gar keine, aber meine +Vorliebe für künstlerischen Schmuck, schöne Möbel, +Antiken, Bibelots und so weiter würde ich ungern aufgeben. +Meine Freunde behaupten immer, ich hätte +den ‚kunstgewerblichen Pips‘ – das sei eine ausgesprochene +Modekrankheit. Ich glaube eher, daß +diese Vorliebe auf mein einsames Leben in den +letzten Jahren zurückzuführen ist, das mir eine ernsthaftere +Beschäftigung nahelegte, und da warf ich +<span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span>mich denn so ein bißchen auf die Kunst. Übrigens +siehst du, daß noch überall Lücken sind. Und das +paßt mir gerade, denn das Ausfüllen, Glätten und +Harmonisieren macht mir am meisten Spaß; es erfordert +nämlich dann und wann sogar eine gewisse +Überlegung ... Sage mal, Hedda“ – und Axel +blieb stehen –, „fällt dir denn gar nichts an mir +auf? Ich meine, an meiner Sprache?“</p> + +<p>Sie schüttelte zuerst den Kopf, und dann nickte +sie lebhaft, unter herzlichem Lachen.</p> + +<p>„Ach ja – das ei! Du sprichst das ei jetzt +ganz menschlich aus! Wer hat dich das gelehrt?!“</p> + +<p>„Auch mein Sekretär – das ist ein kundiger +Thebaner. Er hat mir jeden Morgen eine halbe +Stunde Unterricht gegeben. Es war mir doch sehr +unangenehm, daß du in mir immer den Ausländer +merktest! ... Siehst du, das ist der große Saal! +Da fehlt ja nun noch mancherlei, aber der Eindruck +ist immerhin schon ein ganz hübscher – nicht wahr?“</p> + +<p>Und wieder begann Axel zu erklären. Die hochlehnigen +Chorstühle waren florentinische Arbeit; er +hatte sie schon vor Jahren einem Hotelier in Venedig +abgekauft, weil er sie so schön fand, und zweifellos +paßten sie mit ihren massiven und doch auch schlank +und edel wirkenden Formen ausgezeichnet in den +großen Raum dieses alten Rittersaals. Die Fenster +hatten wieder buntes Glas erhalten; die Gardinen +bestanden aus geschorenem rotem Burgundersamt +mit Bordüren aus gelbem Seidendamast. An einer +Wand sah Hedda einen riesigen, zweitürigen Aufsatzschrank, +auf dem ein paar köstlich gearbeitete +Zunfthumpen aus Zinn standen. Überall auf Stühlen +und Tischen lagen noch Stoffe, die zur Dekoration +verwandt werden sollten, Brokate und Samtdecken, +alte Kaseln, Stücke von Meßgewändern mit geometrisch +geordneten Goldstickereien; vor dem Kamin +war ein Dutzend orientalischer Gebetteppiche mit +herrlichen Musterungen übereinandergeschichtet worden, +daneben häufte sich ein Wirrwarr alter Seidenfransen, +<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span>Silberspitzen und schwerer Quasten auf. +So sah es in den meisten Zimmern aus; die ganzen +Sammlungen Axels waren hierher geschafft worden +und sollten Verwendung finden.</p> + +<p>Axel sprach rasch und begeisterungsfreudig. Es +machte ihm sichtlich Spaß, Hedda seine Schätze zu +zeigen; er wußte auch gut Bescheid, erinnerte sich +genau, wo er dies und jenes Stück erworben hatte, +erzählte viel, schob Anekdotisches ein und war sehr +aufgeräumt.</p> + +<p>Schließlich ermüdete Hedda ein wenig vom Sehen +und Umherwandern.</p> + +<p>„Du sollst dich ausruhen,“ sagte Axel, „aber +in deinen Zimmern. Ich schrieb es dir ja; ich habe +für dich und den Onkel ein paar Räume einrichten +lassen. Lieber Gott, Platz ist genug im Schlosse, +und ich bin froh, daß ich meinen alten Plunder +unterbringen konnte.“</p> + +<p>Er führte sie in den nach dem Parke hinausführenden +Flügel. Dort lagen die vier Gemächer +seiner „Ehrengäste“, wie er sich ausdrückte: ein Empiresalon +mit anstoßendem Schlafkabinett für Hedda, +und ein Wohn- und Schlafzimmer für den Onkel.</p> + +<p>Hedda war überrascht, als sie den Salon betrat. +Die wunderschöne alte Empiregarnitur, die hier +aufgestellt worden war – die Sessel aus Palisander +mit reichen Intarsien und ihrem grünlichen Damastbezug, +der Schreibschrank mit den Wedgewoodvasen +und seinem zwischen Alabastersäulen hineingebauten +Gewirr zahlloser kleiner Schubladen, die Vitrinen +und schön gestickten Paravents – all dies entzückte +sie nicht so sehr wie der wundervolle Duft, der ihr +entgegenschlug, und der Blumenflor, der sich vor +ihr auftat. Überall standen in Vasen und Gläsern +frische Rosen. Man begriff kaum, wie Axel zur +Herbstzeit diese Blütenfülle herbeigeschafft hatte. +Aus einem hohen Kelchglas mit gedrehtem Schaft +quollen voll aufgeblühte Gloires de Dijon: in einer +großen Kristallschale badeten sich blaßrosa Röschen; +<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span>aus einer Vase von Meißener Porzellan blühte es +flammend rot empor, aus einer andern burgunderfarbig +und wie Atlas schimmernd, und wieder aus +einer ganz weiß, gleich frisch gefallenem Schnee. +Es war zauberhaft.</p> + +<p>Hedda war mitten im Zimmer stehen geblieben +und hatte die Hände über der Brust gefaltet. Ihr +Auge strahlte.</p> + +<p>„O wie schön – wie schön!“ sagte sie flüsternd.</p> + +<p>Er lächelte glücklich.</p> + +<p>„Es macht mich stolz, daß ich dir eine Freude +bereiten konnte,“ antwortete er. „Das Zimmer kam +mir noch so kahl vor – so unbewohnt –, und ich +weiß, du liebst die Rosen ...“</p> + +<p>Rührung überkam sie. Diese zarte und sinnige +Aufmerksamkeit stimmte sie weich. Sie streckte ihm +beide Hände entgegen.</p> + +<p>„Lieber Axel“ – und nochmals wiederholte sie: +„Lieber Axel!“</p> + +<p>Vielleicht war es der zärtliche Ton ihrer Stimme, +vielleicht der weiche Ausdruck ihres Auges, der ihm +Mut gab. Er lag plötzlich zu ihren Füßen und +bedeckte ihre Hände mit Küssen.</p> + +<p>„Hedda,“ stammelte er, „sei meine Herrin! In +der Hoffnung auf dich erwarb ich diesen Besitz. Schau +dich um – alles sei dein! Es sind nur irdische +Güter, aber du wirst ihnen Geist und Seele geben. +Es sollte meine Heimat werden, doch ich fühle es, +ich habe keine ohne dich. Woran lag es, daß ich +so einsam war? Nun weiß ich es: weil mein Herz +liebeleer war! Ich habe mein halbes Leben hinter +mir und – o Gott, wie war es öde und frostig! +Ja, Hedda – jetzt bin ich erst meines Lebens froh +geworden und erst meine Liebe zu dir hat die Einsamkeit +verjagt, und erst deine Liebe wird mir die +Heimat schaffen!“</p> + +<p>Sie war sehr blaß geworden und zitterte. Er +sah es, sprang auf, umschlang sie und führte sie an +den nächsten Sessel.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span>„Ich war stürmisch,“ fuhr er fort, „vergib mir! +Ich wollte noch warten und langsam um dich +werben, mir Schritt für Schritt deine Liebe zu gewinnen +suchen, aber – es kam so plötzlich über +mich, als du mich ‚lieber Axel‘ nanntest! Und es +ist auch ganz gut – ich hatte Furcht vor dieser +Stunde –, ja, ich gestehe es – nun hab’ ich es +hinter mir.“ ... Er setzte sich zu ihren Füßen.... +„Du sollst Zeit haben, Hedda, sollst prüfen und +überlegen –, ich will keine Antwort von heute zu +morgen.... Ich kann ja auch nicht verlangen, +daß du mich so liebst wie ich dich – aber vielleicht +lernst du mich lieben. Ich bin schon zufrieden, +wenn du mir nur Hoffnung gibst.... Und +passen wir denn nicht auch zu einander, Hedda? +Aus gleichem Stamme, mit gleichen Neigungen? +Lockt dich nicht auch das Ziel, diesen alten Hellsternschen +Besitz wieder zu Frucht und Blüte zu +bringen?“</p> + +<p>Er sprach noch weiter. Es mußte alles von +seinem Herzen, was er an Hoffnungen und frohen +Erwartungen aufgespeichert hatte. Hedda sah, wie +dieser Glücksrausch, den die Zukunftsbilder in ihm +entfachten, seine guten und treuen Augen erstrahlen +ließ, wie es gleich Frühlingssonnenschein über sein +hübsches und vornehmes, schmales Gesicht flutete. +Der Duft der Rosen betäubte sie. Sie atmete +schwer.</p> + +<p>„Ich danke dir, Axel, daß du mir Bedenkzeit +gibst,“ antwortete sie. „Ich bedarf ihrer; es kam +mir alles zu unerwartet.... Und – und – die +Rosen duften so stark ...“</p> + +<p>Sie erhob sich schwankend. Er stützte sie und +riß dann ein Fenster auf. Unten dehnte der weite +Park sich aus, im Schmucke des Spätherbstes – +eine tausendfach gefleckte Palette: bunte Baumwipfel, +noch grüne Rasenflächen, schillernde Teppichbeete, +rotes Weinlaub. Darüber hinweg sah man +auf breite Streifen Acker und Feld; die Herbstbestellung +<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span>war in vollem Gange. Vom Wirtschaftshofe +herüber erscholl der Lärm der Arbeit.</p> + +<p>O ja – das alles lockte!</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Hedda fuhr allein nach Oberlemmingen zurück. +Sie hatte Axel gebeten, sie nicht zu begleiten; es +wäre nicht nötig. In Wahrheit fürchtete sie sich +vor dieser Fahrt durch den Wald – zu zweien. +Sie mußte Ruhe haben, um zu sich selbst zu kommen, +um überlegen und nachdenken zu können.</p> + +<p>Sie fragte sich, ob sie die Werbung Axels nicht +erwartet hätte. Schon bei seinem ersten Besuche im +Frühjahr hatte sie den Eindruck empfangen, als +hätte sie ihn nicht gleichgültig gelassen. Er war +der dritte! Erst Klaus, dann Gunther, nun er. +Aber wenn sie ihr Herz durchforschte – ach, einer +nur hatte es zu entflammen gewußt, ein Verlorener! +Konnte sie Axel ihr Jawort geben, da doch das +Bild des andern noch immer lebendig in ihr war? +Und war sie nicht auch immer noch an Klaus gebunden? +Er hatte sie rufen und holen wollen, +wenn er sich in der Fremde eine Stellung geschaffen +haben würde; mit diesem Versprechen war er von +ihr geschieden. Darüber waren Monde vergangen. +Die Leute sagten, er verspiele seinen Erlös aus +dem Verkaufe von Döbbernitz am grünen Tische +Monacos. Aber wer wußte, ob das wahr sei? +Konnten die Leute nicht irren? Hatte nicht vielleicht +wirklich schon drüben in Amerika der „Fron“ für +ihn begonnen, der ihn läutern und entsündigen +sollte?</p> + +<p>Axel war eine Partie nach dem Herzen ihres +Vaters. Hedda hörte schon den Jubel des alten +Herrn.... Und warum sollte sie nicht glücklich +werden an der Seite dieses Mannes? Er war +eine durch und durch noble Natur, von seltener +Herzensgüte und feinem Empfinden, ein Edelmann +im besten Sinne des Worts. Und ganz zweifellos +– auch sein Reichtum sprach mit ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span>Hedda drückte sich tief in die Wagenecke. Würde +sie in Döbbernitz nicht täglich und stündlich an Klaus +erinnert werden? Würde es nicht eine ewige Qual +sein!? Warum ließ sich diese unselige Liebe nicht +ausreißen – warum mußte sie fortleben und immer +neue Schmerzen erzeugen!?</p> + +<p>Als Hedda auf dem Baronshofe eintraf, gab +August ihr mit geheimnisvoller Miene einen Brief. +Ein Kind hätte ihn gebracht, und da auf dem Umschlage +stand: „An Baronesse Hedda Hellstern. +Persönlich zu erbrechen“, so glaubte August sehr +klug gehandelt zu haben, daß er ihn nicht erst in +die Hände des Herrn Barons gelangen ließ.</p> + +<p>Hedda drohte das Herz still zu stehen, als sie die +Aufschrift sah. Sie erkannte Zernins Hand, seine +elegante und zierliche, charakterlose Schrift. Hastig +stürmte sie auf ihr Zimmer und riß das Kuvert +auseinander.</p> + +<p>„Ich muß dich sprechen,“ schrieb Klaus, „es +handelt sich um meine Zukunft, vielleicht um mein +Leben. Sei, bitte, um fünf Uhr an der alten +Stelle am See. K.“</p> + +<p>Um fünf Uhr – da war keine Zeit zu verlieren. +Sie schwankte keinen Augenblick. Sie überlegte +auch nicht, warum Klaus wieder zurückgekehrt sei; +sein Leben stand auf dem Spiel – was gab es +da noch zu überlegen!</p> + +<p>In aller Eile begrüßte sie ihren Vater. Es sei +wunderschön geworden auf Döbbernitz, erzählte sie +in Hast; beim Abendtisch wolle sie ausführlich sein, +aber jetzt habe sie unleidliche Migräne und wolle +daher noch auf ein halbes Stündchen in den Wald. +Und ehe der Alte noch so recht zu Wort kommen +konnte, war sie schon fort.</p> + +<p>Als sie den Waldrand erreicht hatte, nahm sie +ihre Uhr in die Hand. Es fehlten nur noch zehn +Minuten zu fünf. Sie stürmte vorwärts – gedankenlos, +in fieberischer Aufregung. Wieder war +der Wind erwacht und rauschte im Gezweige. Große +<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span>Massen falber Blätter rieselten auf sie herab. +Vier Rehe jagten in langen Sprüngen quer über +den Weg.</p> + +<p>Gottlob – da war der See! Blaugrau, mit +Gischt übergossen und stark bewegt, tauchte er +zwischen den Stämmen auf. Und da war auch +Klaus!</p> + +<p>Er schritt im Ufergrase auf und ab. Schon +aus der Entfernung fiel es Hedda auf, daß sich +sein Reiseanzug in arg vernachlässigtem Zustande +befand. Sein Gesicht war schmal geworden, bleich, +verwüstet; tiefe Schattenringe umgaben die Augen.</p> + +<p>Er stürzte ihr entgegen.</p> + +<p>„O Hedda – Gott sei gelobt!“</p> + +<p>Er haschte nach ihren Händen und wollte sie +küssen, doch sie entzog sie ihm. Es stürmte gewaltig +in ihr, aber sie wollte wenigstens Ruhe heucheln.</p> + +<p>„Guten Tag, Klaus! Wo kommst du her?“</p> + +<p>„Aus dem Süden, Hedda, von der Riviera. Es +war eine Verrücktheit. Ich hätte unten bleiben +oder gleich weiter reisen sollen. Aber ich wollte +dich noch einmal sehen –, noch einmal – das letzte +Mal – ich verging fast vor Sehnsucht!“</p> + +<p>„Klaus – warum lügst du?“</p> + +<p>Sie sagte das in so herbem Tone, daß er zusammenzuckte. +Alle Nerven in ihm schienen bis +zum Übermaß angespannt zu sein. Die Muskeln +blitzten in seinem Gesicht, seine Hände flogen.</p> + +<p>„Lügen – nein, ich lüge nicht,“ stieß er hervor. +„Ich – ich muß auch wahr sein! Also ich kehrte +zurück –, die Torheit ist einmal geschehen. Ich +hätte es nicht getan, wenn ich gewußt hätte, daß – +daß ich verfolgt werde – daß man mich sucht –“</p> + +<p>Hedda starrte ihn mit großen Augen an.</p> + +<p>„Verfolgt – aber von wem?“</p> + +<p>„Von den Behörden ...“ Nun hatte er doch +ihre Hände ergriffen und hielt sie mit seinen heißen +Fingern fest, während seine Augen sich mit unheimlichem +Ausdruck in die ihren bohrten ...<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span> +„Hedda, ich habe mich zu einer schmachvollen Tat +verleiten lassen. Verurteile mich, beschimpfe mich – +aber rette mich – hilf mir!“ ... Und stöhnend +brachte er die furchtbare Selbstanklage heraus: +„Ich habe die hinterlassenen Papiere meines Vaters +nach dem Auslande verkauft.“</p> + +<p>Anfänglich begriff sie ihn nicht. Aber dann +brach blitzschnell das Verständnis für die Schändlichkeit +in ihr durch ... Beim Tode des alten +Ministerpräsidenten hatten die Zeitungen die Nachricht +gebracht, daß sich in der Hinterlassenschaft des +Freiherrn von Zernin so gut wie nichts von politischer +Bedeutung vorgefunden hätte. Klaus hatte +die wichtigsten Papiere beiseite geschafft und sie bei +Gelegenheit an eine ausländische Regierung verkauft +... Und plötzlich glaubte Hedda auch den +Grund des wütenden Hasses ihres Vaters und +Eyckens gegen Klaus gefunden zu haben. Die +beiden wußten um die verschwundenen Papiere +und mochten ahnen, wohin sie gebracht worden +waren ...</p> + +<p>O Schmach – Schmach!</p> + +<p>Hedda stand bewegungslos, wie eine Bildsäule, +vor dem verkommenen Mann. Es war ihr, als +hätte der Tod in ihr Herz gegriffen, mit seiner +Knochenfaust jede Erinnerung an diese erste Liebe +zu zerdrücken und zu vernichten. Eisig durchströmte +es sie. Ihre Finger krampften sich zusammen, und +in den äußersten Spitzen hatte sie das nervöse Gefühl +heftiger Stiche, wie von Nadeln. Es siedete +und dröhnte in ihrem Kopf, und dabei hatte sie +doch das Bewußtsein, daß sie gefaßt und kaltblütig +bleiben müsse. Um ihre Hände zu beschäftigen und +sich bei mechanischer Spielerei allmählich zu beruhigen, +riß sie ein paar Gräser aus und zerpflückte +sie.</p> + +<p>Und dann brachte sie mühselig hervor: „Ich +will nicht rechten mit dir. Wie kann ich dir +helfen?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[269]</a></span>Klaus hatte mit Angst in ihrem Gesicht gelesen. +Nun hob ein tiefer Atemzug seine Brust.</p> + +<p>„Ich muß morgen über die Grenze sein,“ sagte +er schnell und halblaut, als fürchte er, auch hier +belauscht zu werden. „Aber ich habe kein Geld. +Ich habe verdammtes Pech gehabt – da unten. +Geh zu Schellheim und laß dir ein paar tausend +Mark für mich geben – fünf, sechs genügen –, +er wird es dir nicht abschlagen.... Und dann schicke +mir das Geld nach dem alten Jagdhause in der +Döbbernitzer Schlucht; dort bin ich bis Mitternacht.“</p> + +<p>Sie nickte nur. Ihr Blick hatte etwas Erloschenes, +wie auch in ihrem Herzen alles erloschen +war: der ganze Sonnenschein ihrer Jugend.</p> + +<p>„Gut,“ sagte sie tonlos, „du erhältst das Geld.“ +Und ohne Lebewohl wandte sie sich um und ging.</p> + +<p>Er sprang ihr nach. „Hedda,“ keuchte er, „kein +Abschiedswort, kein –“</p> + +<p>Unter ihrem Flammenblick brach er ab. Ja – +jetzt kam wieder Leben in das tote Auge; es sprühte +und loderte vor Verachtung und Empörung. Hoch +und groß stand sie vor ihm.</p> + +<p>„Nein,“ antwortete sie hart. „Kein Abschiedswort! +Daß du den großen Namen deines Vaters +entehrtest, daß du dein Wappen beflecktest, daß du +deine Liebe niedertratst – alles hätte ich dir verzeihen +können. Denn meine Liebe ist stärker als +deine. Aber für den Schuft, der um feiles Geld +sein Vaterland verrät –“</p> + +<p>Sie sah, wie er sich duckte, wie ein Hund den +die Peitsche trifft. Und da sprach sie nicht weiter. +Sie ging.</p> + +<p>Hoch und groß ging sie, solange sie fürchtete, +daß sein Blick ihr noch folgte. Aber dann, als +Eichen und Buchen sie dichter umscharten und der +See längst hinten liegen mußte, brach sie zusammen. +Geknickt, keuchend und nur mit Mühe schleppte sie +sich vorwärts. Und der Herbststurm brauste stärker +durch den Wald und rüttelte und schüttelte die Wipfel.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[270]</a></span>Pastor von Eycken freute sich, als er Hedda +bei sich eintreten sah. Aber ihm entging nicht ihr +erregtes Wesen, ihr umdüsterter Blick und der +bittere Zug in ihrem Gesicht.</p> + +<p>„Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr +Pastor,“ begann Hedda, dankend den Stuhl ablehnend, +den er ihr zugeschoben hatte.</p> + +<p>„Sie ist schon gewährt, liebes Kind – wenn +nämlich ihre Erfüllung in meiner Macht steht.“</p> + +<p>„Ich hoffe es. Ich weiß, Sie haben größere +Kapitalien liegen, Sie bedürfen ihrer für Ihren +Bau. Wollen Sie mir sechstausend Mark leihen? +Aber es muß auf der Stelle sein; wenn ich die +Summe bei Ihnen nicht erhalte, würde ich auf +das Auschloß gehen.“</p> + +<p>Eycken war erstaunt zurückgefahren. Das war +das einzige, was er nicht erwartet hatte.</p> + +<p>„Allerdings,“ erwiderte er, „ich habe das Geld +liegen. Und ich gebe es Ihnen auch, aber ich muß +Ihnen gestehen –“</p> + +<p>Mit flehend erhobenen Händen stürzte sie ihm +entgegen und erfaßte seine Arme. Sie lag fast an +seiner Brust.</p> + +<p>„Kein Aber, lieber, lieber Herr Pastor!“ rief +sie, während ihr ganzer Körper bebte und ihr +Auge voll Angst und Verzweiflung an seinem +Antlitz hing. „Fragen Sie auch nicht, wozu ich +die Summe brauche! Ich gebe Ihnen mein Wort +– ich schwöre Ihnen, daß ich sie Ihnen in +drei, vier Monaten zurückerstatte – vielleicht schon +früher –“</p> + +<p>Er schloß sie in seine Arme und küßte sie mit +väterlicher Zärtlichkeit auf die Stirn.</p> + +<p>„Mein liebes Herz – was gilt mir das Geld, +und was sind mir diese paar tausend Mark!“ sagte +er und strich mit der Rechten liebkosend über ihren +Scheitel. „Was mich beunruhigt, ist lediglich die +Tatsache, daß Sie es erbitten – und sicher doch +nicht für sich selbst –“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[271]</a></span>Er stockte. Eine Ahnung überkam ihn. Sein +Gesicht wurde sehr ernst; er schaute Hedda forschend +in die Augen.</p> + +<p>„Hedda – ist Klaus wieder zurück?“</p> + +<p>Und da sie den Kopf neigte, ließ er sie los und +trat zurück.</p> + +<p>„Dann keinen Pfennig,“ sagte er rauh. „Ihm +nichts mehr – nichts!“ Und plötzlich strömte wieder +seine Liebe zu dem Mädchen, dessen Seele er in +allen ihren Schwingungen zu kennen glaubte, in +warmen Wellen durch sein Herz. „Hedda,“ rief er, +„wie konnten Sie vergessen, was Sie mir versprochen +hatten – schon vor zwei Jahren –, dieser Ihrer +unwürdigen Liebe ein Ende zu machen!? Ja, unwürdig, +denn Klaus ist schlimmer gewesen als +leichtsinnig! Fragen Sie ihn einmal, wo die Papiere +seines verstorbenen Vaters geblieben sind! Ich war +der beste Freund des Alten und habe gewußt, welch +reiches Material an Briefschaften und Tagebüchern +und geheimen Mappen er hinterlassen hat. Aber +als nach seinem Tode die Regierung kam, um diese +Papiere einzufordern, da fand sich nur Unwichtiges +und Gleichgültiges vor. Ihr Vater, Hedda, war +gerade so erstaunt darüber als ich, – und als +dann Klaus auf einmal, mitten im Zusammenkrachen, +auf Wochen verschwand, um mit den Taschen +voller Geld wieder heimzukehren, da dämmerte +ein furchtbarer Verdacht in uns beiden auf ... +Hedda, wenn Sie noch einmal mit Klaus Auge in +Auge stehen sollten, dann fragen Sie ihn einmal, +ob er nicht mit den Papieren seines Vaters einen +ehrlosen Schacher getrieben habe!“</p> + +<p>Sie wagte den Sprechenden nicht anzuschauen; +sie nickte mit abgewandtem Kopfe.</p> + +<p>„Er hat es,“ erwiderte sie dumpf. „Er hat es +mir selbst anvertraut – und ich soll ihm über die +Grenze helfen.“</p> + +<p>Sie nestelte das Billet Zernins aus ihrer Tasche +und reichte es Eycken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[272]</a></span>Der Pastor überflog es. „Er fürchtet, daß man +seine Schande entdeckt habe?“</p> + +<p>„Er sagt, man verfolge ihn bereits.“</p> + +<p>Eycken pfiff durch die Zähne. „Und wer soll +ihm das Geld bringen und wohin?“</p> + +<p>„Er wartet bis Mitternacht in dem verfallenen +Jägerhaus – unten, in der Döbbernitzer Schlucht. +Ich wollte Kopfschmerzen vorschützen und dem Vater +früher gute Nacht sagen als sonst, und dann wollte +ich mich selbst hinausschleichen zum Jägerhaus – +wen sollte ich denn schicken, ohne daß es aufgefallen +wäre?!“</p> + +<p>Eycken hatte seinen Entschluß gefaßt. „Gehen +Sie nach Hause, Hedda,“ sagte er. „Sie sollen +ihn nicht mehr zu sehen bekommen – nie wieder! +Kämpfen Sie tapfer nieder, was noch für ihn in +Ihnen lebt –, er ist fürderhin tot für Sie!“</p> + +<p>Hedda sank an des Greises Brust. „Für ewig,“ +schluchzte sie, „ich weiß es –, aber beweinen kann +man doch seine Toten!“</p> + +<p>„Ja, Hedda – weinen Sie sich aus. Daheim, +in stillen Stunden – Sie werden schon solche +finden. Und zagt Ihr Herz, dann sprechen Sie +mit Ihrem Gott. Er wird Sie stärken, unser +Gott der Liebe, und Ihnen überwinden helfen!“</p> + +<p>Er drängte sie sanft zur Tür.</p> + +<p>„Ich will mich beeilen. Ich geh’ selbst zum Jägerhause +und werde Klaus das Geld bringen. Es ist +nicht das erste. Und dann soll er ein letztes Wort +von mir hören“ – er hob dräuend die Rechte und +reckte sich – „als Prediger des Wortes Gottes, +als sein Seelsorger, und als Edelmann will ich +ihm sagen, wie ich über ihn denke!“</p> + +<p>Das war eine schlummerlose Nacht für Hedda. +Draußen umbrauste der Sturm das Haus, wie +damals im Winter, als der Vater ihr am Abend +vorher von der Werbung Gunthers erzählt hatte, +und als sie im Auschlosse nach länger als Jahresfrist +wieder einmal mit Klaus zusammengetroffen +<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[273]</a></span>war. Und wie damals wälzte sie sich auch heute +wieder ruhelos im Bette, und eine wilde Flut von +Gedanken stürmte auf sie ein. Jetzt mußte Klaus +bereits auf der Flucht sein, und sein verbrecherischer +Leichtsinn verschloß ihm für immer die Rückkehr in +die Heimat. Eycken hatte recht, wenn er sagte: +Klaus ist tot. Und unwillkürlich drängte sich Hedda +die Frage auf: Wär’ es nicht besser gewesen, sie +hätte ihn bei seinem Entschlusse belassen, als er im +Sommer schon im Begriffe stand, zu den Pistolen +zu greifen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu +bereiten? Freilich – vielleicht war auch das nur +Pose und Rederei gewesen, nur eine Lüge. Durch +sein ganzes Leben ging der Fluch der Lüge – +selbst seine Liebe zu ihr trug den Stempel der Lüge. +Denn sonst hätte er sich aufraffen und zu besserem +Leben durchringen müssen, hätte nicht so erbärmlich +tief sinken können. Wo spürte man an ihm +etwas von der reinigenden Kraft einer großen +Neigung? Hatte er je den Vorsatz gehabt, sich um +ihretwillen aus dem Sumpfe herauszuarbeiten, +dessen morastige Wellen ihn höher und höher +umschlugen?</p> + +<p>Hedda schauerte zusammen. Sie konnte sich von +dem Empfinden nicht frei machen, als seien auch +an ihr Spuren dieses Schmutzes haften geblieben, +als müsse sie nach einem Läuterungsbade suchen, +nach Sühne und Entsündigung. Bot Axel ihr die +Befreiung von dem Gefühl der Erniedrigung, das +in ihr aufquoll? – Die stille Vornehmheit seines +Wesens stand in schroffem Gegensatze zu der Zügellosigkeit +Zernins. Vielleicht war es wirklich ein +Reinwaschen und ein Sühnen der Vergangenheit, +wenn sie mit ganzer Kraft versuchte, diesen Mann +glücklich zu machen.</p> + +<p>Draußen stürmte und wetterte es weiter. Mit +Ungestüm brauste der Wind durch den Park und +fauchte und heulte – fauchte und heulte auch um +das verfallene, kleine Jagdhaus in der Döbbernitzer +<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[274]</a></span>Schlucht, in dem sich zu dieser Stunde zwei Männer +mit blitzenden Augen und zorngeröteten Gesichtern +gegenüberstanden.</p> + + + + +<h2><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">A</span>m andern Morgen hatte der Sturm zwar etwas +nachgelassen, aber dafür hatte sich der Himmel +mit schwarzgrauen Wolken bedeckt, und jeden Augenblick +drohte der Regen zu fließen. Eine mürrische +Stimmung lag über der Natur.</p> + +<p>Im Kamin neben dem Frühstückstische brannte +schon das Feuer. Der Baron saß in seinem großen, +dicht an den Tisch herangeschobenen Lehnstuhl und +rührte in seiner Teetasse. Das blasse Gesicht +seiner Tochter gefiel ihm nicht.</p> + +<p>„Hast schlecht geschlafen, Hedda – he?“ fragte er.</p> + +<p>„Ja, Papa – der Sturm war arg –“</p> + +<p>„War arg, hast recht – ich konnte auch keine +Ruhe finden. Und heute früh um sechs Uhr ging +schon wieder das Hämmern und Pumpen und +Schnauben in der Brauerei los. Auf das Wetter +scheint der Halunke, der Möller, keine Rücksichten +zu nehmen.“</p> + +<p>„Der Bau soll noch vor Frostbeginn unter Dach +sein. Die Arbeiter haben einen schweren Stand. +Die eine Wand hat sich gesenkt; ich glaube, das +Fundament ist auf dieser Seite vom Wasser unterspült +worden.“</p> + +<p>Der Baron lachte höhnisch auf.</p> + +<p>„Gute Vorbedeutung – haha! Aber ich habe +mir vorgenommen, ich will mich nicht mehr ärgern. +Mögen sie bauen, was sie wollen! – Erzähle von +gestern, Hedda!“</p> + +<p>Hedda schaute starr vor sich hin. Und dann +wandte sie sich, wie unter der Eingebung eines +raschen Entschlusses, an ihren Vater.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[275]</a></span>„Ich habe gestern absichtlich nicht mit dir sprechen +wollen, Papa,“ sagte sie, mit ihren Fingern in +nervösem Spiel ein Stück Brot zerkrümelnd, „weil +ich mir noch einige Stunden ruhiger Überlegung +gönnen wollte. Aber es muß doch einmal gesagt +sein. Axel hat mir bei Gelegenheit meines Besuches +in Döbbernitz einen Antrag gemacht.“</p> + +<p>Dem Alten fiel der Teelöffel aus der Hand. +Aber er ärgerte sich über sein Erstaunen und tat +kaltblütig.</p> + +<p>„Also doch,“ antwortete er. „Ich sah es eigentlich +kommen.“ Dann schaute er Hedda abwartend +an, und als sie schwieg, hämmerte er ungeduldig +mit der Faust auf den Tisch, daß Tassen und Teller +klirrten. „Na und?! Herr des Himmels, so sprich +doch! Spann mich nicht auf die Folter! Hast du – +hast du ja gesagt?“</p> + +<p>„Ich habe um Bedenkzeit gebeten, aber ich bin +über Nacht zu dem Entschluß gekommen, ihm keinen +Korb zu geben.“</p> + +<p>Ein unterdrückter Jubellaut antwortete ihr. +Hellstern hatte sich erheben wollen, doch fiel er +wieder schwer in seinen Sessel zurück.</p> + +<p>„Komm her,“ rief er, „ich alter Elefant kann +mich kaum noch rühren! Aber ich muß dich umarmen! +Meine Hedda – mein Liebling!“</p> + +<p>Sie kniete ihm zur Seite und er küßte sie auf +Stirn und Haar und streichelte ihre Wangen. Die +Tränen rannen ihm in den struppigen Bart. Auch +sie war bewegt, doch sie weinte nicht; sie nahm +seine Hand und führte sie an ihre Lippen.</p> + +<p>„O, wenn das die selige Mutter doch noch erlebt +hätte!“ stammelte er. Und dann wurde er +ruhiger. Seine Neugier siegte. Er wollte wissen, +wie sich die Liebeserklärung abgespielt habe. Er +fragte Hedda nach allen Einzelheiten. Sie erzählte +in gelassener Weise, ziemlich trocken, als ob sie einen +Bericht erstatte. Aber das fiel ihm nicht auf, er +war an ihre „ruhige Vernunft“ gewöhnt. Er war +<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[276]</a></span>glückselig. Über sein altes Gesicht blitzte und +leuchtete es vor Freude. Gott sei gelobt, nun kam +noch einmal Sonnenschein in den Abend seiner Tage! +Konnte er sich für seine Einzige ein besseres Los +wünschen? Axel war reich, unabhängig, ein Ehrenmann +und ein Prachtmensch – im übrigen schien +er ja auch wieder gesund geworden zu sein. Und +dazu Döbbernitz, der alte Hellsternsche Sitz, die +unmittelbare Nähe! Er schob seine Tasse mitten +auf den Tisch.</p> + +<p>„Wir müssen Axel Nachricht geben,“ sagte er. +„Ich selbst werde ihm schreiben – das scheint mir +das richtigste zu sein. Ich schreibe in deinem Namen +und gebe als Vater meine Zustimmung. Ich lade ihn +zum Mittagessen ein; was steht auf der Speisekarte?“</p> + +<p>„Karbonade und Rotkraut,“ antwortete Hedda. +Unwillkürlich mußte sie lächeln. „Das wird Axel +ziemlich gleichgültig sein.“</p> + +<p>„Glaub’ ich auch, wie ich ihn kenne. Trotzdem +– zur Feier des Tages müssen wir das Menü +ändern. Sieh zu, daß du etwas Besseres auf den +Tisch bringst. August soll anspannen und meinen +Brief nach Döbbernitz bringen.“ Er rührte gewaltig +die Klingel.</p> + +<p>August trat ein. Er kam soeben vom Reinigen +der Lampen und wischte sich die öligen Finger an +der Schürze ab.</p> + +<p>Der Baron schmunzelte.</p> + +<p>„August,“ sagte er, „ich wünsche, daß du heute +nicht dein gewöhnliches dummes Gesicht machst. Und +weißt du, warum ich dies wünsche?“</p> + +<p>„Nein, Herr Baron,“ antwortete August und +schüttelte heftig den Kopf.</p> + +<p>„Dann hör zu, ich will es dir sagen. Weil +heute ein Fest- und Ehrentag für den Baronshof +ist. Wisch dir das Maul ab und küsse dem gnädigen +Fräulein die Hand, denn das gnädige Fräulein +hat sich mit dem Herrn Baron Axel von Hellstjern +auf Döbbernitz verlobt.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[277]</a></span>„Mit unserm Vetter aus Schweden!?“ jubelte +August auf. Und dann rubbelte er sich wirklich +mit dem Handrücken den Mund ab und näherte +sich Hedda mit feierlichen Schritten, räusperte sich +und wollte ihr in wohlgefügten Worten gratulieren, +denn es schien ihm passend, sich bei dieser Gelegenheit +als Mann von Bildung zu zeigen. Doch Hedda +kam ihm zuvor, erhob sich und schüttelte ihm die +Hand.</p> + +<p>„Schon gut, mein alter August,“ sagte sie, „ich +weiß, wie du es meinst, und danke dir von Herzen. +Und nun hilf dem Herrn Baron und führe ihn in +das Arbeitszimmer, und dann halte dich fertig, +einen Brief nach Döbbernitz zu bringen.“</p> + +<p>Aber August war das Herz viel zu voll, um +sich schweigend verhalten zu können. Während er +Hellstern unter dem Arm packte und nach der +Arbeitsstube geleitete, begann er zu plaudern.</p> + +<p>„Das hab’ ich gewußt, Herr Baron,“ sagte er, +„so gewiß vier mal vier sechzehn ist – das hab’ +ich gewußt. Ich habe doch meinen Blick! Gleich +damals, wie der Herr Vetter das erste Mal hier +war, da hat er das gnäd’ge Fräulein immer so +angesehen, und da hab’ ich schon mit Gusten drüber +gesprochen. Sie können Gusten fragen, Herr +Baron.“</p> + +<p>„Auch noch,“ brummte Hellstern; „ich werd’ in +die Küche gehen.... Knuff mich nicht so in den +Arm! Daß du dir nachher ein reines Vorhemdchen +umbindest, wenn du nach Döbbernitz fährst!“</p> + +<p>„Fährst? Soll ich denn fahren?“</p> + +<p>„Ja natürlich. Und du nimmst das gute Geschirr. +Und in Döbbernitz wartest du auf Antwort. +Es braucht aber noch nicht überall herumerzählt +zu werden, das mit der Verlobung.“</p> + +<p>„Gott bewahre! Ich weiß schon – erst wenn +das Offiziellum da ist.“</p> + +<p>Aber noch vor dem „Offiziellum“ wußte man +im Souterrain bereits von der Verlobung. Zuerst +<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[278]</a></span>gratulierte die Guste und dann Dörthe, die dabei +in einen Tränenstrom ausbrach. Das blasse +Gesicht Dörthes und ihr verändertes Wesen waren +Hedda bereits aufgefallen.</p> + +<p>„Aber Kind,“ rief sie, „was hast du denn +eigentlich?! Ich kenne dich gar nicht wieder. Wo +sind deine roten Backen geblieben und deine lustigen +Augen?!“</p> + +<p>Dörthe hielt die Schürze vor das Gesicht und +weinte noch immer; sie war in eine Ecke der Küche +getreten und machte sich am Wasserzuber zu schaffen. +An ihrer Stelle antwortete Guste halbleise:</p> + +<p>„Ach Gott, gnäd’ges Fräulein, das arme Ding! +Ihr Fritze hat sie sitzen lassen. Die Verlobung +ist zurückgegangen. Da sind aber bloß die alten +Möllers dran schuld – und der Albert, das ist +ein Kerl!“</p> + +<p>Über Heddas Gesicht glitt ein Ausdruck aufrichtiger +Anteilnahme. Das arme Mädchen tat +ihr von Herzen leid. Sie rief Dörthe heran und +sagte ihr ein paar tröstende Worte, aber die Kleine +war nicht zu beruhigen.</p> + +<p>„Ich überleb’s nicht, gnädiges Fräulein,“ jammerte +sie; „er will eine andre heiraten – eine +Reiche aus Frankfurt –, und das überleb’ ich +nicht.“</p> + +<p>Mißgestimmt und mit schwerem Herzen wartete +Hedda auf ihren Verlobten.</p> + +<p>Am Vormittage fand sich der Pastor ein. Er +war auf seinem Bau gewesen und hatte August +vorüberfahren sehen. Und trotz des Verbots hatte +August den Mund nicht halten können. Dem Pastor +konnte man es doch immerhin sagen – so einem +alten Freunde des Hauses.</p> + +<p>Eycken glaubte die Plötzlichkeit des Entschlusses +Heddas zu verstehen. Seelische Gründe sprachen +dabei mit. Sie wollte gewaltsam mit jeder Erinnerung +an die Vergangenheit brechen.</p> + +<p>Es war Eycken lieb, daß er Hedda zunächst +<span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span>allein traf. In ruhigem und liebevollem Tone +sagte er ihr seine Glückwünsche, und als er nach +ihrem Dankwort ihren unruhig fragenden Blick +bemerkte, zog er sie neben sich auf das Sofa.</p> + +<p>„Ich habe Ihre Mission von gestern abend erfüllt, +Hedda,“ begann er von neuem, „und da mir +daran liegt, Ihnen Beruhigung zu geben, will ich +noch einmal den Namen dessen nennen, der auch +für mich tot sein sollte. Es kam zu einer schlimmen +Aussprache zwischen Klaus und mir; ich habe nicht +mit starken Worten gespart, und – nun, er gab +sie mir zurück. Aber er nahm das Geld; heut ist +er in Sicherheit. Die Woydczinska in Seelen hat +ihm Pferde gestellt und ihm über die russische Grenze +geholfen. Er will nach Amerika.“</p> + +<p>Hedda atmete auf.</p> + +<p>„Gottlob, er ist in Sicherheit,“ sagte sie leise +und lehnte ihr Haupt an die Brust des alten +Freundes.</p> + +<p>Wieder glitt des Pfarrers Hand lind und zärtlich +über ihr Haar.</p> + +<p>„Nun aber mutvoll in das neue Leben, Hedda,“ +antwortete er. „Sie haben sich frei gemacht und +alles abgeschüttelt, was Sie noch an die alte Liebe +band. Aber – Sie haben eine neue Verantwortung +übernommen. Werden Sie ihr gerecht!“</p> + +<p>„Herr Pastor,“ entgegnete Hedda fest, „was ich +tat, geschah nach reiflicher Überlegung. Ich habe +lange genug mit mir gekämpft. Ich wollte nicht +an der Erinnerung zu Grunde gehen – und ich +wollte auch etwas Gutes tun. Ich lechzte nach +einer Guttat, denn ich fühlte mich erniedrigt und +von Scham erdrückt. Fragen Sie mich nicht, wie +das möglich gewesen – es war so! Ich empfand +jenes Schande wie eine eigne. Und so kam ich zu +meiner Entschließung. Sie macht zwei Menschen +glücklich: meinen Vater und Axel. Sie kennen +Axel noch nicht. Er ist vornehm und edel. Sie +selbst mögen ihm in jüngeren Tagen geglichen +<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span>haben. Alles, was an Gutem in mir ist, will ich +ihm geben.“</p> + +<p>Segnend legte Eycken seine Rechte auf Heddas +Haupt.</p> + +<p>„Gott sei mit Ihnen, liebes Kind,“ sagte er.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Axel kam mit seinem neuen Viererzug von +Döbbernitz, Kutscher und Diener in großer Livree, +er selbst in Frack und weißer Halsbinde, als gehe +es auf einen Ball. Es entsprach ganz seinem +Wesen, der Feierlichkeit des Tages auch nach außen +hin Ausdruck zu geben. Aber als Hedda ihm an +der Seite ihres Vaters entgegentrat, verlor er sofort +seine schöne Korrektheit, und er wurde bewegt +und gerührt. Das Wasser schoß ihm in die Augen, +als er seine blasse Braut umarmte; er vermochte +kaum zu sprechen, drückte sie an sein Herz und +fühlte wohl, wie sie zitterte. Und dann fiel der +Alte Axel um den Hals, auch sehr gerührt, mit +der ganzen Wucht seiner kolossalen Persönlichkeit, +so daß es dem schmächtigen Axel Mühe kostete, +unter diesen bärenhaften Liebkosungen nicht zusammenzubrechen.</p> + +<p>Die leichte Verlegenheit der ersten Begrüßung +war bald überwunden. Man ging zu Tisch, und +ein fröhliches Plaudern begann. Die Hochzeit wurde +auf den vierten Januar festgesetzt; das war zugleich +der Geburtstag Axels. Hedda meinte, da müsse +sie sich mit der Herstellung der Ausstattung beeilen; +es war dies noch ein schwieriger Punkt, da +Hellstern erklärte, er sei nicht imstande, Hedda nach +Berlin zu begleiten. Schließlich wurde verabredet, +Tante Jutta zu benachrichtigen. Dort sollte sich +Hedda für ein paar Tage einquartieren und die +Ausstattung mit ihr und Axel gemeinsam besorgen. +Wenigstens das Nötigste; das übrige sollte während +der Hochzeitsreise in Paris besorgt werden, denn +Axel behauptete, es gäbe gewisse Dinge in der +weiblichen Ausstattung, die man nur in Paris +<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>kaufen könne. Er war sehr aufgeräumt und trank +sogar gegen seine Gewohnheit einige Gläser von +dem vortrefflichen Johannisberger Hellsterns. Er +wurde nicht müde, Pläne zu schmieden. Die +Hochzeitsreise sollte ausgedehnt werden, um dem +deutschen Winter zu entgehen; man wollte über +Paris nach der Riviera und Süditalien, vielleicht +bis Sizilien. Hedda kannte das alles noch nicht, +und Axel behauptete, er freue sich jetzt schon darauf, +ihr die tausend Schönheiten Italiens zeigen zu +können. Und dann, im nächsten Sommer, mache +man vielleicht einmal einen Ausflug nach dem +Norden – nach Jarlsberg, dem alten Stammschloß +der Familie, das auch seine Reize habe – die +Schärenwelt, das gischtsprühende Meer, die ganze +wildromantische Umgebung. Aber vor allen Dingen: +wie behaglich wollte man es sich auf Döbbernitz +einzurichten suchen und mit welcher Lust an die +Arbeit gehen, diesen hübschen Besitz wieder in die +Höhe zu bringen! Bei diesem Gedanken wurde +auch Hedda lebhaft. Ach ja – nach Arbeit, die +ihres Zieles wert sei, sehnte sie sich! Und gerade +eine große Wirtschaft lockte sie doppelt ...</p> + +<p>Während des Kaffees hörte man einen Wagen +vor die Rampe rollen. Landrat von Wessels ließ +sich anmelden; er bat darum, den Baron Hellstern +auf ein paar Minuten sprechen zu dürfen.</p> + +<p>Hellstern war sehr erstaunt. Teufel, was wollte +denn der Landrat bei ihm, der längst alle Beziehungen +zu der Umgebung abgebrochen hatte? Wessels +wurde in den sogenannten Salon geführt, indes +Hedda und Axel noch im Eßzimmer verblieben.</p> + +<p>Axel benutzte das Alleinsein mit seiner Braut, +seinen Stuhl dicht neben den ihren zu rücken, liebkosend +ihre Hand zu nehmen und an seine Lippen +zu führen.</p> + +<p>„Meine Hedda,“ sagte er weich, „wie glücklich +machst du mich. Ich habe einen bösen Tag und +eine böse Nacht verlebt. Ich hatte Sorge, zu rasch +<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span>und zu stürmisch gewesen zu sein. Ich habe auch +keine so schnelle Antwort erwartet. Und als nun +heute vormittag euer August mit dem Briefe des +Onkels kam – Hedda, da ist für fünf Minuten +meine ganze Wohlerzogenheit in die Brüche gegangen, +denn da bin ich meinem Kammerdiener – +auch so ein Faktotum wie euer August, ein alter +Mensch, der mich von Kindesbeinen an kennt –, +denke dir, dem bin ich vor unbändiger Freude um +den Hals gefallen. Das war ihm noch nicht vorgekommen +und deshalb wußte er auch gleich Bescheid. +Wer sich so närrisch gebärdet, der muß +unglaublich verliebt sein. Na – und – das bin +ich allerdings – und paß auf, Hedda, du wirst +mich auch noch liebgewinnen! O, das weiß ich gewiß!“ +Und abermals küßte er ihre Hand.</p> + +<p>Seine Worte waren ein Trost für sie. Daß +er keine stürmische Leidenschaft von ihr forderte, +sondern in heiterem Ton und trotz aller Verliebtheit +mit dem Ausdruck eines gewissen Geklärtseins +der Empfindungen von einem allmählichen Liebenlernen +zu ihr sprach, beruhigte sie sichtlich.</p> + +<p>Sie behielt mit warmem Druck seine Rechte in +ihrer Hand.</p> + +<p>„Lieber Axel,“ entgegnete sie, „wüßte ich nicht, +daß ich dir von Herzen gut bin, dann würde sich +jede Fiber in mir dagegen gesträubt haben, die +Deine zu werden. Die meisten von uns Mädchen +treten ahnungslos in die Ehe, sie kennen den, dem +sie für Lebenszeit angehören sollen, gewöhnlich nur +aus der kurzen Zeit ihrer Brautschaft. Alles in +ihnen beruht auf Vertrauen und seliger Hoffnung, +und wie oft werden sie getäuscht! Sie glauben zu +lieben, und es fehlt ihrer Liebe am festesten Fundament: +an treuer und inniger Freundschaft. Und +sieh – gerade weil ich so viel Freundschaft für +dich empfinde, deshalb werde ich dir auch eine +gute Frau sein, alles mit dir teilend, deine Freuden +und Sorgen – ein Stück deiner selbst.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span>Mit glänzenden Augen hatte er ihr zugehört.</p> + +<p>„Was will ich mehr!“ sagte er in leisem Jubel. +„Ich danke dir, Hedda, ich danke dir! Was bot +mir das Leben bisher, und für wen lebte ich? Nur +für mich selbst, und wahrlich, ich bin kein Egoist. +Das ist kein Lob für mich, weil ich im Egoismus +nichts als die schalste Langweiligkeit gefunden habe. +Ist es nicht ertötend, immer nur an sich selbst +denken und für sich selbst sorgen zu müssen? Geht +man nicht tausendmal freudiger an sein Tagewerk, +wenn man weiß, für wen man schafft und tätig +ist, wenn man Zwecke und Ziele vor Augen hat?! +Tagewerk – das klingt mir wie übertrieben. +Mein Dienst war Spiel, war kaum eine Arbeit. +Man hat mich immer auf recht bequeme Posten +gestellt, – ein bißchen Repräsentieren war alles. +Das ist vorbei; jetzt kommt wirklich die Arbeit. +Denn fürderhin ist es nicht mehr gleichgültig, ob +ich jährlich ein paar tausend Taler mehr oder +weniger ausgebe, ich habe ja auch für dich zu sorgen +und deine Zukunft. Und das alles erfüllt mich mit +unaussprechlichem Glück, Hedda, es gibt mir recht +eigentlich erst Lebenskraft – ich möchte sagen, es +macht mich erst zum Manne.“</p> + +<p>Der Eintritt Hellsterns unterbrach sein fröhliches +Sprechen. Der Alte sah erregt aus und +hatte einen roten Kopf.</p> + +<p>„Ärger gehabt, Papa?“ fragte Hedda.</p> + +<p>„Ja – allerdings,“ und der Baron nickte und +winkte zugleich August, an dessen Arm er eingetreten +war, das Zimmer zu verlassen. Schwer ließ +er sich in seinen großen Stuhl fallen. „Es wird +euch auch interessieren – es ist sozusagen eine +Familienangelegenheit. Ich hoffte, Klaus Zernin +würde nicht mehr zurückkehren. Aber es ist doch +geschehen. Und nun das Schlimmste dazu: die +Staatsanwaltschaft fahndet auf ihn. Wessels hat +Ordre bekommen, ihn in aller Stille verhaften und +nach Berlin schaffen zu lassen.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span>„Aber mein Gott – weshalb?“ warf Axel ein.</p> + +<p>Der Alte schnaufte gewaltig. Das Wort wollte +ihm nicht von der Zunge.</p> + +<p>„Eines – eines infamen Bubenstreichs wegen,“ +sagte er endlich. „O – auch in unsern Reihen +gibt es räudige Schafe, gibt es –“</p> + +<p>Sein Blick fiel auf Hedda. Sie war ganz blaß +geworden, und ihr brennendes Auge hing an den +Lippen des Vaters.</p> + +<p>„Du hast ihn immer noch verteidigen wollen, +Hedda!“ schrie Hellstern, die Verfärbung des +Mädchens falsch deutend. „Immer noch leiteten +dich verwandtschaftliche Gefühle – aber man zerreißt +die Bande des Bluts, wenn man es mit +einem Lumpen zu tun hat. Gebe der Himmel, daß +er uns nun für immer fern bleiben möge.“</p> + +<p>Eine kurze Pause entstand, und dann fragte +Hedda tonlos: „Also er ist – wieder – fort?“</p> + +<p>„Ja – mit einem letzten Schandstreich entlaufen. +Er trieb sich schon immer in Seelen herum, +und man munkelte längst allerlei. Nun ist er +mit der Woydczinska durchgebrannt. Wessels erzählte +es mir. Vergangene Nacht haben sich die +beiden auf die Socken gemacht. Die Woydczinska +hat nichts mitgenommen als ihre Juwelen; aber +zu guter Letzt noch eine hübsche Hypothek auf +Seelen –“</p> + +<p>Er brach plötzlich ab. Hedda war mit einem +leisen Wehlaut vom Stuhl geglitten. Erschreckt +sprang Axel hinzu und fing sie auf. Sie hatte sich +bereits wieder gefaßt, mit aller Kraft gegen ihre +Schwäche ankämpfend. Aber noch immer zitterte +sie heftig, und krampfhaft biß sie die Zähne aufeinander, +um nicht aufschreien zu müssen.</p> + +<p>An den Lehnen seines Stuhls hatte sich mit +schwerer Anstrengung auch Hellstern aufgerichtet. +Entsetzt und drohend heftete sich sein Blick auf +Hedda, und seine Rechte erhob sich bebend.</p> + +<p>„Hedda,“ rief er, „du hast diesen Menschen – +<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span>diesen Menschen geliebt?!“ Er achtete nicht auf +die Anwesenheit Axels; ein wilder Grimm durchtobte +seine Brust und schüttelte ihn. Eine Flut +von Anklagen traf Hedda. „Ich sehe jetzt klar – +ganz klar,“ fuhr er mit heiserem Auflachen fort; +„ich weiß jetzt auch, warum du Klaus immer so +warm verteidigtest, – war ich denn blind, daß ich +nicht in der Seele meines eignen Kindes lesen +konnte?! Axel – tritt neben mich – laß sie los! +Es geht nicht an, daß du dich noch weiter ihr Verlobter +nennst, ehe sie uns Erklärungen gegeben hat.“</p> + +<p>Hedda selbst machte sich frei aus den Armen +Axels. Sie hatte ihre Ruhe und die Klarheit des +Denkens wiedergefunden. In der heißen Not dieser +Stunde wuchs ihre Kraft. So ernst der Ausdruck +ihres Gesichts auch war – es lag zugleich etwas wie +das frohe Glück endlicher Erlösung auf ihren Zügen.</p> + +<p>„Ich leugne nicht, Vater,“ sagte sie. „Ja, ich +habe Klaus geliebt, und aus Furcht vor deiner +Heftigkeit habe ich es dir verborgen und nur den +Pastor zu meinem Vertrauten gemacht. Wie ich +gelitten habe unter dieser Liebe, und wie ich zu +kämpfen hatte, eh ich mich zur Entsagung durchzuringen +vermochte – das erlaß mir, zu schildern – +du würdest mich doch nicht verstehen. Daß ich mich +nie an einen Ehrlosen hängen würde, wußtest auch +du. Aber ich erfuhr von seiner Schmach erst, als +ich ihm nur noch zur Flucht verhelfen konnte. Du +sowohl wie der Pastor, ihr ahntet schon längst, was +ihn belastete, doch ihr habt euch immer nur in +dunkeln Andeutungen ergangen, statt mir die Wahrheit +zu sagen. Und vielleicht hätte ich euch auch +dann noch nicht geglaubt; erst sein eigner Mund +mußte mir beichten.“</p> + +<p>Sie wandte sich, stetig ruhiger werdend und +gleichmäßiger sprechend, an Axel.</p> + +<p>„Das ist gestern geschehen,“ fuhr sie fort. „Als +ich von Döbbernitz heimkehrte, fand ich seinen Hilferuf +vor. Ich hatte gehofft, Klaus sei schon in +<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span>weiter Welt, und ich ging mit schwerem Herzen zu +dieser letzten Besprechung, die ein Abschied für ewig +war. Ich weiß auch jetzt noch nicht, ob es unrecht +war, daß ich dir nicht vor unsrer Verlobung von +dieser ersten gescheiterten Liebe gesprochen habe, +Axel. Aber das weiß ich, daß es mich mit unwiderstehlicher +Kraft dazu trieb, dir mein Jawort +zu geben. Es drängte mich, mir in deinem Glücke +ein eignes zu schaffen und vergessen zu lernen. Ich +sehnte mich nach einem treuen und guten Herzen +und nach einer Seele voll ritterlicher Empfindungen +und voll Lauterkeit, denn ich war wie niedergebrochen +und fühle mich wie – beschmutzt. Habe +ich wirklich unrecht getan, Axel, so vergib mir – +und laß mich frei.“</p> + +<p>Kopfschüttelnd und mit mildem Lächeln trat er +wieder an ihre Seite und nahm ihre Hände.</p> + +<p>„Nein, Hedda,“ sagte er, „du bist mein, und ich +gebe dich nicht mehr frei. Weniger jetzt denn je, +da ich dein armes Herz zu heilen habe und du +eines Freundes bedarfst. Denn ich bin ja nicht +nur dein Bräutigam, Hedda – ich gebe dir auch +deine Freundschaft vieltausendfach zurück. Glaube +an mich und vertraue mir, und du wirst genesen!“</p> + +<p>Er nahm sie in seine Arme und schloß sie an +sich. Da ertönte ein dumpfer Fall, und entsetzt +schrie Hedda auf.</p> + +<p>Ein plötzlicher Schlaganfall hatte ihren Vater +zu Boden geschmettert. Er stürzte um wie ein +Baum, den der letzte Axthieb getroffen hat, und +blieb regungslos liegen.</p> + + + + +<h2><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">I</span>n dem kleinen Häuschen Klempts war es sehr +still geworden, seitdem in den Abendstunden +nicht mehr der Singsang und das lustige Lachen der +<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span>Dörthe zu hören war. Sie kam nur noch selten +zum Vater, denn sie wollte nicht ausgefragt sein, +und sie hatte auch für den mystischen Trost und die +Ratschläge der Tante Pauline weder Sinn noch +Verständnis. Es war gut, daß es auf dem Baronshofe +so viel Arbeit gab. Das ließ sie wenigstens +tagsüber nicht allzuviel zum Grübeln und Nachdenken +kommen. Aber wenn sie zu Bett gegangen +war, dann kamen Erinnerung und Schmerz mit +arger Gewalt über sie, und in ihrer Kraftlosigkeit +und ihrem Mangel an Beherrschung weinte sie sich +allabendlich in den Schlaf. Sie härmte sich so, +daß sie mager wurde; mit ihren eingefallenen +Wangen und den tiefliegenden Augen war die +frische Dirne von früher gar nicht wiederzuerkennen.</p> + +<p>Auch Hedda hatte es aufgegeben, ihr Trost zu +spenden. Es führte zu nichts; Dörthe brach dann +immer von neuem in Tränen aus und wiederholte +unter krampfhaftem Schluchzen, sie werde sich doch +noch das Leben nehmen. In dieser Zeit hatte +Hedda auch mit ihren eignen Angelegenheiten überreichlich +zu tun. Der Schlaganfall, der den Vater +getroffen hatte, bewies, daß er kränker war, als +man bisher geglaubt hatte. Glücklicherweise hatte +der Schlag nur die linke Körperseite gelähmt, Arm +und Bein; Gehirn und Sprache hatten nicht gelitten. +Aber der Koloß war nunmehr völlig bewegungslos +geworden. Ein Krankenwärter wurde +beschafft, der August unterstützen sollte; aus dem +Bette wurde der Alte in den Fahrstuhl gepackt; +er war nur noch eine Maschine, die von fremder +Hand geleitet werden mußte. Seine Laune war +schrecklich geworden; Hedda hatte viel unter seinen +Wutausbrüchen zu leiden. Das Knurren, Wettern +und Schimpfen ging den ganzen Tag hindurch; +August war der einzige, der ihm mit seinem unversiegbaren +Phlegma und seinem derben Humor +standzuhalten vermochte. Seit man mit der Anlage +<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span>der elektrischen Leitungen in Oberlemmingen begonnen +hatte, trug sich Hellstern mit dem festen +Entschlusse, den Baronshof zu verkaufen. Das war +eine neue fixe Idee. Die Möllers wollten ihn +langsam morden – das ließ er sich nicht gefallen. +Aber die Möllers sollten auch den Baronshof nicht +in ihre Hände bekommen; eher mochte das Haus +einstürzen, und Eulen und Fledermäuse mochten in +den Zimmern ihre Nester bauen. Die Möllers +nie – und Hellstern schwur, wenn sie ihm auch +eine Million auf den Tisch legen wollten, er würde +sie mitsamt der Million aus der Tür werfen.</p> + +<p>Hedda hatte mit Axel darüber gesprochen, was +mit dem Vater zu machen sei. Der Arzt war der +Ansicht, der Baron könne noch eine ganze Reihe +von Jahren leben, wenn man durch geeignete +Mittel der Wiederholung des Anfalls vorbeuge. +Neben strenger Befolgung der ärztlichen Anordnungen +gehöre dazu vor allen Dingen absolute +Ruhe, Fernhaltung jedweder Aufregung, jedes +Ärgers, jeder Gemütsbewegung. Das war nicht +leicht bei dem alten Brummbär. Axel schlug vor, +ihn mit dem Wärter und August und dem gesamten +Material zu der geliebten Familiengeschichte nach +Döbbernitz zu nehmen. Da hatte er die nötige +Ruhe, hatte nicht beständig Oberlemmingen vor +Augen, das mehr und mehr seine alte Dorfhülle +fallen ließ und sich aus einer Raupe in einen +schillernden Schmetterling verwandelte. Während +der Hochzeitsreise sollte als weitere Pflegerin dann +auch noch Tante Jutta aus Berlin nach Döbbernitz +kommen, und wie sich im übrigen der geplante +Verkauf des Baronshofs abwickeln werde, das +werde man ja sehen, das könne man abwarten.</p> + +<p>Wider Erwarten war der Alte mit allen diesen +Vorschlägen sehr einverstanden. Besonders auf die +Tante Jutta freute er sich und war neugierig, ob +sie sich immer noch wie früher die Ohrlöckchen braun +und das übrige Haar schwarz färbe und die kleine, +<span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[289]</a></span>rote Stupsnase weiß pudere. So siedelte er denn +nach Döbbernitz über. Axel hatte einen großen +geschlossenen Wagen geschickt, und bei der Fahrt +durch das Dorf zog Hellstern auch noch die Fenstergardinen +zu, damit er gar nichts von Oberlemmingen +zu sehen bekomme. Damit hatte er abgeschlossen. +Dieses Dorf, das sein Geburtsort war, und in dem +Vater, Großvater und Urahn sich glücklich gefühlt +hatten, existierte nicht mehr für ihn. Es war ja +das alte Dorf auch nicht mehr. Es war ein ganz +moderner Badeort.</p> + +<p>Hedda blieb vorläufig auf dem Baronshof, aber +täglich holte ein Döbbernitzer Wagen sie ab. Das +gemeinsame Mittagsmahl nahm man gewöhnlich bei +Axel ein, und das waren glückliche Stunden für +Hedda. Sie gewann ihren Bräutigam täglich lieber, +und auch auf den grimmigen Alten übte die stille, +vornehme und liebenswürdige Art Axels einen sichtlich +beruhigenden Einfluß aus.</p> + +<p>Schellheims hatten sofort nach Bekanntwerden +der Verlobung Heddas ihren Besuch auf dem Baronshofe +gemacht. Er galt sowohl der Braut wie auch +dem erkrankten Vater. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete +sich Gunther. Er hatte plötzlich einen +neuen Plan gefaßt. Er wollte den Winter in Spanien +verbringen, um dort Studien über die ältesten deutschen +Drucker auf der iberischen Halbinsel zu machen; +schon lange beschäftigte er sich mit Forschungen zur +Druckergeschichte, für die er sich lebhaft interessierte.</p> + +<p>Als der Kommerzienrat mit seiner Gattin bereits +wieder in den Wagen gestiegen war, stand Gunther +mit Hedda noch auf der Veranda. Sie hatte ihm +die Hand gereicht.</p> + +<p>„Hoffentlich lassen Sie einmal von sich hören, +verehrtester Herr Doktor,“ sagte Hedda mit freundlichem +Lächeln; „es braucht ja nicht gerade eine Ansichtspostkarte +zu sein. Und wie würde ich mich +freuen, wenn eines Tages die frohe Nachricht bei +uns eintreffen wollte, daß Doktor Gunther Schellheim +<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[290]</a></span>– ich brauche nicht auszusprechen – in +Spanien sollen die Frauen leicht die Männerherzen +entzünden. Lieber Doktor, wirklich, von Herzen +würd’ ich mich freuen!“</p> + +<p>Er preßte warm und fest ihre Hand.</p> + +<p>„Ach, gnädiges Fräulein –“ antwortete er, +aber er kam nicht weiter. Er würgte an den Worten; +sie blieben ihm in der Kehle stecken. Und dann +sprang er hastig die Verandatreppe hinab an den +Wagen.</p> + +<p>Noch mit dem Abendzuge wollte Gunther abreisen, +zunächst nach Berlin. Es herrschte eine ziemlich +trübe Stimmung bei der letzten Mittagstafel. +Die Rätin hatte tränengerötete Augen, Gunther war +still und in sich gekehrt, und auch der Kommerzienrat +vermochte eine leichte sentimentale Regung nicht +zu unterdrücken.</p> + +<p>„Hol’s der Geier,“ sagte er plötzlich, als der +servierende Diener das Zimmer verlassen hatte, und +warf Messer und Gabel neben den Teller, „ich habe +mir das alles ganz anders gedacht! Ich wollte +Frieden und Ruhe für das letzte Dutzend Jahre +meines Lebens haben, – deshalb zog ich mich vom +Geschäft zurück. Wollte ganz philosophisch meinen +Kohl bauen und mich an der Natur erfreuen, keinen +Ärger mehr haben und nur das Nötigste vom +Geschäfte hören – ja wahrhaftig, das war eigentlich +meine Absicht! Und nun? Prostmahlzeit – +nun macht mir die Quellengeschichte den Kopf wärmer, +als es die bösesten Manchesterjahre zuwege bringen +konnten!“</p> + +<p>„Verzeihung, Papa, aber schließlich bist du doch +selbst daran schuld,“ warf Gunther mit leichtem +Lächeln ein. „Warum hast du nicht schlankweg jede +Beteiligung an dem Badeunternehmen abgelehnt?“</p> + +<p>„Das habe ich ja anfänglich getan, aber – +siehst du, mein Junge, das verstehst du nicht! Das +verstehst du nicht, weil du kein Kaufmann bist. Als +ich sah, daß die ganze Geschichte in den Händen der +<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[291]</a></span>Möllers hätte verhunzt werden können, da kribbelte +es mir in den Fingerspitzen, da schäumten die kaufmännischen +Blutpartikelchen in meinen Adern – da +konnt’ ich mich nicht mehr halten. Es war ja ein +glänzendes Geschäft – das ist es noch heute –, +trotzdem reut’s mich, daß ich mich auf die Sache eingelassen +habe! Nun ja – kurz heraus: es reut mich.“</p> + +<p>„Und weshalb, wenn ich fragen darf?“</p> + +<p>„Weil – ja, das ist ganz eigentümlich! Anfänglich +hielt ich die Möllers für dickköpfige, beschränkte +Bauersleute. Dann merkte ich, daß der +Albert Möller es faustdick hinter den Ohren hat, +daß er ein gerissener Patron ist. Und heute <em class="gesperrt">weiß</em> +ich, daß die ganze Sippe nichts taugt, von A bis Z +nichts taugt, daß sie allesamt Gauner sind! Sehr +interessant, wie sich so ein schlichter Bauersmann +im Laufe der Zeiten verändern kann, wenn ihn der +Satan der Geldgier packt. Denn Geldgier ist alles +bei den Leuten; vom Nutzen der Industrie haben +sie keine Ahnung, von irgendwelchen idealeren Motiven +ist keine Spur bei ihnen – keine Spur!“</p> + +<p>Der Kommerzienrat betonte diese letzten Worte +und schüttelte dabei den Kopf. Er schien sehr mißgestimmt +zu sein. Albert Möller hatte mit offenen +Feindseligkeiten begonnen. Alle Tage kam es zu +kleinen Reibereien. Er sperrte Wege ab, die über +sein Land führten, und erlaubte sich im Hinblick auf +verschiedene Lücken in seinem Vertrag mit Schellheim +alle möglichen Eigenmächtigkeiten. Das erbitterte +den Rat um so mehr, als er empfand, daß +er sich in Albert getäuscht hatte. Dieser brave +Bauerssohn war ein ganzer Filou. Schellheim hatte +geglaubt, leichtes und bequemes Spiel mit ihm zu +haben, und war in seinen Verträgen daher minder +vorsichtig gewesen, als es sonst seine Art zu sein +pflegte; das rächte sich nun. Er ärgerte sich auch +über die erstaunliche Tatkraft Alberts. Überall +mußte der Mann mit dabei sein. Wo nahm er nur +alle die nötigen Gelder her?!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[292]</a></span>„Mir ist die Sache allerdings langweilig geworden,“ +schloß Schellheim, seine Serviette zusammenfaltend. +„Ich sehe, daß sich das Unternehmen +nicht auf der von mir gewünschten soliden und gediegenen +Basis weiter entwickeln kann, wenn diese +Pöbelgesellschaft immer dazwischenzureden hat. Paßt +mir’s nicht mehr, so verkaufe ich meine Anteile und +gucke mir von hier oben aus den Rummel in aller +Beschaulichkeit an. Mag’s gehen, wie es will! Unerhört +– ich – <em class="gesperrt">ich</em> soll mich mit Bauernpack herumschlagen! +Soll mich von solchem Gesindel betrügen +lassen!“</p> + +<p>Es war wirklich tragikomisch: der Herr Kommerzienrat, +der Großindustrielle, stand im Begriffe, +die Waffen vor einem raffinierten Bauernjungen zu +strecken. Er hatte seinen Meister gefunden, wo er +es am allerwenigsten geahnt hätte.</p> + +<p>Gunther versuchte es mit einigen einlenkenden +und beschönigenden Worten, aber er regte den Vater +nur noch mehr auf.</p> + +<p>„Lassen wir die Sache ruhn,“ sagte Schellheim. +„Der Teufel soll nicht schlechter Laune sein, bei +all dem Mißgeschick, das einem widerfährt! Was +hab’ ich denn nun von euch Kindern?! Hagen heiratet +ein Fabrikmädel, – riesengroß wird die Kluft +zwischen ihm und uns, und wenn man sich auch +hundertmal Mühe gibt, Brücken und Übergänge +zu schaffen, die Entfremdung ist doch nicht wieder +gut zu machen! Du gehst nach Spanien, Gunther, +reißest uns von neuem aus – und auf Döbbernitz, +das ich bereits in meinem Besitze sah, wo ich dir +ein hübsches und trauliches Nest schaffen wollte, +hat sich ein Fremder festgesetzt. Wenn’s wenigstens +ein <em class="gesperrt">Wild</em>fremder gewesen wäre – aber nein, ausgesucht +gerade <em class="gesperrt">der</em> Mann, der dir die Braut vor +der Nase fortgeschnappt hat!“</p> + +<p>Gunther zog die Stirn in Falten. Er war froh, +daß die Rätin die Tafel aufhob. Es war kein allzu +herzliches Abschiednehmen. Die Mutter weinte still +<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[293]</a></span>in sich hinein, der Vater sah mürrisch aus. Wirklich +– was hatte man von seinen Kindern!</p> + +<p>Mit schwerem Herzen ging Gunther auf die +Reise. Er hatte seine letzten Hoffnungen über Bord +werfen müssen; ihm war recht traurig zumute. Und +er nahm sich vor, sich mit verdoppeltem Eifer auf +seine Studien zu werfen. Die Arbeit war das einzige +Heilmittel.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Ende November fand die Hochzeit Fritz Möllers +mit Frida Grödecke statt. Vorher hatte auf Bitten +Heddas der Pastor einen nochmaligen Einspruch zu +erheben versucht. Er beschied den alten Möller zu +sich; er wußte ganz genau, daß der Alte allein das +Machtwort sprechen konnte; er kannte seine Leute.</p> + +<p>Möller kam auf der Stelle. Er hatte Respekt +vor dem Pastor, war auch ein eifriger Kirchengänger.</p> + +<p>Eycken sprach ihm zu Herzen. Es sei doch empörend, +daß der Fritz ein so braves und liebes +Mädchen wie die Dörthe Klempt unglücklich machen +wolle. Es könne ja vorkommen, daß man in Ausnahmefällen +einmal ein Verlöbnis rückgängig mache; +wenn man beiderseitig fühle, daß man sich getäuscht +habe, so sei ein Auseinandergehen schon besser als +eine Heirat, der die höchste Weihe, die Liebe, fehle. +„Aber in unserm Falle liegt die Sache doch wesentlich +anders, lieber Herr Möller. Ich habe mit +Dörthe gesprochen; sie sagt, nicht an Fritz, sondern +an <em class="gesperrt">Ihnen</em> liege die Schuld. Ich habe neulich auch +einmal mit Ihrem Fritz gesprochen, als ich ihn zufällig +traf, und er antwortete mir einfach: ‚Ich kann +nichts dafür – der Alte will’s so.‘ Also die Tatsache +steht fest: die beiden Menschen wollen sich angehören, +und <em class="gesperrt">Sie</em> treiben sie auseinander! Ist +das nicht unrecht, Möller?“</p> + +<p>Und ruhig erwiderte der alte Mann:</p> + +<p>„Entschuldigen Sie, Herr Pastor, aber nein – +es ist <em class="gesperrt">nicht</em> unrecht. Ich gehöre noch zu der alten +<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[294]</a></span>Schule, und da haben die Kinder den Eltern zu gehorchen, +wenn sie auch schon zehnmal erwachsen sind, +denn sie bleiben die Kinder. Ich selbst habe meinen +Eltern auch parieren müssen, als es zur Hochzeit +ging, und hätte doch lieber eine andre geheiratet. +Fragen Sie mal die Pauline Klempt, die kann +Ihnen davon erzählen. Aber ich würde trotzdem +nichts wider die Dörthe gehabt haben, wenn’s nicht +von wegen der Quelle gewesen wäre. Es ist jetzt +nicht mehr so wie früher. Aus dem Kruge ist ein +Hotel geworden; schon letzten Sommer hat ein Postdirektor +und ein Geheimer Rechnungsrat bei uns +gewohnt. Es wird noch anders kommen. Da muß +die Wirtin von besserem Herkommen sein als die +Dörthe, muß was von der Wirtschaft verstehen und +auftreten können. Und sie muß auch ihr Eingebrachtes +haben. Denn Sie mögen mir sagen, was +Sie wollen, Herr Pastor: was nutzt die ganze Liebe, +wenn kein Geld dahinter steckt! Was heißt denn +das mit der Liebe? Es find’t sich alles.“</p> + +<p>Der Pastor hielt nicht damit hinter dem Berge, +wie er über die eigenartige Auseinandersetzung +Möllers dachte, aber es half ihm nichts. Die Entgegnungen +des Alten bewegten sich immer in demselben +Gedankenkreise. Ja, wenn die Quelle nicht +wäre, da hätte man vielleicht ein Auge zugedrückt +und nicht so aufs Portemonnaie und aufs Äußere gesehen. +Aber nun <em class="gesperrt">mußte</em> man es. Man brauchte +viel Geld; es ging nicht anders.</p> + +<p>Da wurde Eycken zornig und fragte Möller, ob +er es auf seine Seele nehmen wolle, wenn Dörthe +sich ein Leids antun würde – ob er es verantworten +könne, wenn das Mädchen tiefer und tiefer +ins Unglück käme.</p> + +<p>Der Alte zuckte darauf mit den Achseln; sein +Gesicht blieb hart wie Stein, brutal und grausam +von Ausdruck, wie immer.</p> + +<p>„Es gibt noch mehr Männer auf der Welt wie +unsern Fritze, Herr Pastor,“ antwortete er. „Und +<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[295]</a></span>will sie keinen andern, so läßt sie’s bleiben. Ihre +Tante Pauline ist auch nicht gleich ins Wasser gegangen. +Wenn sich alle Mädel hier bei uns hätten +ersäufen wollen, die den nicht gleich gekriegt haben, +den sie gerne hätten haben wollen – Herr Pastor, +dann hätten wir überhaupt keine Weiber mehr im +Dorfe!“</p> + +<p>Eycken entließ Möller. Er wollte nichts mehr +hören von ihm; er sah auch ein, daß jede Bemühung, +den Hartkopf umzustimmen, vergeblich gewesen wäre. +Aber er geriet von neuem in Zorn, als ein paar +Tage nach jener Unterredung die Verlobung Fritzens +mit der Schlächterstochter aus Frankfurt bekannt +wurde und bald darauf auch der standesamtliche +Namensaushang der beiden erfolgte. Der Sitte nach +pflegte jeder Hochzeit ein dreimaliges sogenanntes +Aufgebot von der Kanzel aus vorherzugehen, und +Eycken freute sich jedesmal, wenn er um diese feierliche +Ankündigung gebeten wurde; er liebte es, wenn +man den hübschen alten Sitten, die noch aus der +Zeit vor Einführung der Zivilehe stammten, Achtung +entgegenbrachte. Fritz hatte aber diesmal absichtlich +kein Aufgebot bestellt, und sein Vater war damit +einverstanden gewesen. Albert riet sogar von +einer kirchlichen Trauung ab, bei der man sich immerhin +auf einige herbe Worte des Pastors gefaßt +machen konnte. Doch davon wollte der Alte nichts +wissen. Er steckte viel zu tief im Überlieferten, um +nicht vor dem Gedanken zu erschrecken, daß sein +Sohn ohne kirchlichen Segen in die Ehe treten sollte.</p> + +<p>Es war ein unangenehmer Auftrag für Eycken, +diese Hochzeitspredigt. Daß er die Gelegenheit nicht +vorübergehen lassen durfte, ohne seinem Empfinden +über die Frivolität des plötzlichen Brautwechsels +Ausdruck zu geben, war klar. Es hätte seinem +ganzen Wesen widersprochen, wenn er mit linden +Worten darüber hinweggegangen wäre. Auf der +andern Seite scheute er sich aber vor Zank und +Ärger. Es konnte neue Konflikte mit dem Konsistorium +<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[296]</a></span>geben; die hätte er gern vermieden. Er +dachte sowieso zuweilen daran, die Pfarre aufzugeben, +um sich gänzlich seinem Kinderhospiz widmen +zu können, dessen Einweihung im Frühjahr erfolgen +sollte. Als letztes Aushilfsmittel wäre ihm schließlich +immer noch das Vorschützen einer Erkrankung +geblieben; dann hätte der Geistliche der Nachbarparochie +die Trauung vollziehen müssen, aber solch +eine Komödie dünkte Eycken unwürdig.</p> + +<p>Die Hochzeit fand an einem kalten Novembertage +statt. Es war früh Winter geworden, unerwartet +schnell, ohne langsamen Übergang. Als man +eines Morgens erwachte, war Schnee gefallen, und +an den Bäumen, an denen zum Teil noch das bunte +Herbstlaub hing, zeigten sich die ersten Eiskristalle. +Aber der Himmel strahlte in lichtem und glänzendem +Blau, und das ganze Kirchenschiff war mit +heller Sonne erfüllt.</p> + +<p>Fast die gesamte Gemeinde wohnte der Feier +bei. Auch Dörthe hatte sich heimlich in die Kirche +schleichen wollen, aber Hedda hatte es zu verhindern +gewußt. Sie hatte das schreiende und weinende +Mädchen mit raschem Entschlusse in ihre Kammer +eingeschlossen.</p> + +<p>Als Eycken, vor dem Altare stehend, den Blick +über die Gemeinde schweifen ließ, fiel es ihm auf, +wie stark sie sich im letzten Jahr gelichtet hatte. +Eine ganze Menge fehlte: die Familien Braumüller, +Thielemann, Maracke, Klauert und auch Tengler, +der gleichfalls nicht hatte der Versuchung widerstehen +können und der goldenen Lockung Alberts +zum Opfer gefallen war. Hellstern weilte bereits +in Döbbernitz; wie Eycken gehört hatte, unterhandelte +ein Berliner Arzt mit ihm wegen Ankaufs des +Baronshofs. Sicher hatte auch hier Albert Möller +die Hände im Spiel, freilich in aller Heimlichkeit, +denn Hellstern wollte nichts mit ihm zu tun haben. +Er wurde unbeschreiblich wütend, wenn man in seiner +Gegenwart nur die Namen der Möllers aussprach.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[297]</a></span>Der Pastor hatte sich in letzter Zeit weniger +um die Vorgänge in seiner Gemeinde bekümmert; +sein Lieblingswerk, das ihm den Abend seines Lebens +verschönen helfen sollte, der große Tempel, den er +draußen auf der Heide der Barmherzigkeit errichtete, +nahm ihn völlig in Anspruch. Jetzt aber, als er +die Insassen des Dorfs um sich sah, empfand er +zum ersten Male die klaffenden Lücken, die das +Fieber der Spekulation und die Sucht nach raschem +Erwerb in ihre Reihen gerissen hatte. Langsam +färbte sein schönes Patriarchenantlitz sich dunkler. +Sein Blick flog nach rechts, wo die Möllers saßen: +das war die Bank der Sünder, das waren die Zertrümmerer +seiner Gemeinde. In ihrer Hand war +die goldene Axt der Industrie zu einem Mordwerkzeug +geworden, zum Henkerbeil. Er entsann sich +ähnlicher Vorgänge. An der Grenze der Lausitz +hatte jüngst die Aufdeckung großer Kohlenlager eine +ganze Gemeinde gewissermaßen verschlungen; man +hatte die Felder verkauft und die Häuser niedergerissen, +um der Erde ihre Schätze zu rauben, und +da kam plötzlich der Rückschlag, und der Absatz begann +zu stocken; Großindustrielle erwarben das ganze +Gebiet, und die Gemeinde wanderte aus. Er entsann +sich auch eines andern Falles schnellen Reichtums, +der viel besprochen worden war, eines großen +und köstlichen Waldes, den eine Gemeinde in der +Mark geerbt hatte, und den sie schleunigst niederschlagen +ließ, um sich die Säckel füllen zu können. +Aber dieser gemordete Wald rächte sich; Trunksucht +und Liederlichkeit rissen im Dorfe ein, die Familien +verfielen, eine Zeit raschen Niedergangs begann. +Überall, wo man den Bauern mit Gewalt seiner +ursprünglichen Tätigkeit entfremdete, wo auf den +Dörfern eine plötzliche Änderung der Erwerbsverhältnisse +eintrat, zeigte sich das gleiche Resultat ...</p> + +<p>Fritz Möller hatte sich zur Hochzeitsfeier einen +Frack machen lassen, in dem er wie eine große und +dicke Fledermaus aussah. Auch einen neuen Zylinderhut +<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[298]</a></span>besaß er, und dennoch schien er sich sehr unbehaglich +zu fühlen. Er blickte nicht vom Boden auf, +während seine Braut, ganz in Weiß, was die schwarze +Person nicht übel kleidete, die Augen frank und frei +im Kirchenraume umherschweifen ließ, als suche sie +den, der etwas wider sie und ihren Fritz zu sagen +wage. Hinter dem Brautpaar hatte die Familie Platz +genommen: die beiden Alten, Bertold mit seiner +Frau und Albert. Albert mit zerstreutem Gesicht, +wie gewöhnlich, und in der Tat wanderten seine +Gedanken weit über die heilige Stätte hinaus und +bauten Haus an Haus, das Sanatorium auf der +Anhöhe des Baronshofs und ringsherum einen +Kranz schöner Villen. Er hatte große Summen +aufgenommen, aber auch an Sicherheit gewonnen. +Er sorgte sich nicht mehr; er wußte nun, daß die +Zukunft von Oberlemmingen den Möllers gehörte.</p> + +<p>Eycken hatte auch diesmal das Bibelwort aus +der Genesis gewählt, das er öfters seinen Traureden +zugrunde zu legen pflegte: „Es ist nicht gut, +daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin +machen, die um ihn sei ...“ Er sprach länger +als sonst, und er bemühte sich, milde zu sein. Aber +Fritz verstand seine Anspielungen. Er wurde bald +rot, bald bleich und rückte unruhig auf seinem Stuhle +hin und her, während Frida kerzengerade dasaß +und den Pastor mit ihren Kohlenaugen unverwandt +anstarrte. Auch die Gelegenheit, den Zersetzungsprozeß +in der Gemeinde zu erwähnen, ließ Eycken +sich nicht entgehen. Er hielt dem Brautpaare vor, +daß ihnen beiden wie ihrer Familie durch die Entdeckung +der Heilquelle ein großes äußeres Glück +beschieden worden sei, doch sollten sie sich nicht von +diesem Glücksfalle berauschen lassen und ihn auch +andern teilhaftig machen. Und dann fuhr er fort: +„Gleichwie aus der Erde tiefem Schacht neben der +heilspendenden Quelle auch giftige Schwaden aufsteigen +können, die das Land verseuchen; wie das +Wasser selbst, wenn man seine Kraft nicht zügelt, +<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[299]</a></span>mit brausender Gewalt den Boden zu unterhöhlen +vermag, bis er eines Tages einstürzt und alles in +die brodelnde Tiefe reißt, was oben trügerisch grünte +– so sprudelt auch oft aus dem tiefen Schacht der +Menschenseele ein ungebärdiges Wünschen auf, das +stärker und stärker anschwillt, zerstört, schadet und +niederreißt, wenn man sich nicht bemüht, es einzudämmen +und seiner Herr zu werden. Anfangs lenkt +vielleicht nur der Erwerbssinn und der Trieb der +Selbsterhaltung diese Wünsche, aber allmählich tritt +Mißgunst und Habgier dazu, und der schaffende +Verstand artet in listige Ausbeutung aus, die geschickte +Hand rafft allenthalben zusammen, was sie +zu eignem Vorteil erreichen kann, und schont auch +andrer Eigentum nicht. Im Herzen eines jeden +von uns entspringt der Quell des Wünschens rein +und kristallklar; doch ach, wie leicht wird er trübe, +wenn sich Böses und Übles in ihn mischt, und wie +braust er auf und übertönt das Gewissen, wenn +man ihn ungehindert fließen läßt und zügellos nährt, +bis er, gleich einem wilden Strome, alles Gute in +uns überschwemmt! Gebt acht, daß ihr euer Wünschen +zu bändigen versteht! Haltet ihn rein, den +Quell eurer Hoffnungen – wie jenen, den Gottes +Hand draußen im Felsgestein zum Heile der leidenden +Menschheit hervorsprudeln ließ!“</p> + +<p>Aber Albert Möller drehte an seinem Schnurrbart +und zog den Mund schief. Stumm und gleichgültig +blickten die andern drein. Die Braut stierte +noch immer mit ihren schwarzen Kohlenaugen unbeweglich +in das Gesicht des Pfarrers. Fritz hatte +den Kopf gesenkt.</p> + +<p>Den Möllers gegenüber, auf der linken Seite +des Altars, saß die Familie Grödecke, Vater und +Mutter und zwei Schwäger, alles ungeheure Gestalten +mit roten Gesichtern, dick und protzig. Vater +Grödecke hatte seine rechte, unbehandschuhte Tatze +auf die Chorbank gelegt, so daß man den dicken +goldenen Siegelring auf seinem Zeigefinger bewundern +<span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[300]</a></span>konnte. Dieser Ring glänzte hell im freundlichen +Sonnenschein, wie einst das goldene Kalb geleuchtet +haben mochte, das sich Israel als Götzen +errichtete. Und während Eycken sprach, liebäugelte +Herr Grödecke beständig mit seinem Siegelring, der +ihm bei den aggressiven Worten des Pastors eine +gewisse Beruhigung zu gewähren schien. Denn er +wie die Möllers verstanden schon den Geistlichen; +sie wußten, was er meinte. Aber es war kein +einziger unter ihnen, der sich seine Ansprache zu +Herzen genommen hätte. Auch Fritz nicht; in dessen +Seele lebte nur der eine Gedanke: ‚Wenn es doch +erst aus wäre!‘</p> + +<p>Es dauerte auch nicht mehr lange. Beim Ringewechsel +und der Fragestellung entstand ganz hinten +in der Kirche, unter dem Orgelchor, ein Geräusch, +das Eycken aufblicken ließ. Doch die Sonne blendete. +Es schien ihm, als sehe er, halb verdeckt von einer +der großen Säulen, die den Chor trugen, den alten +Klempt, den seine Schwester Pauline zurückzudrängen +versuchte. Dann fiel dröhnend die Orgel ein, und +die Posaunen bliesen ...</p> + +<p>Das Hochzeitsmahl fand selbstverständlich im Hotel +Möller statt. Man hatte sich genötigt gesehen, auch +Eycken einzuladen, der indessen abgesagt hatte. Das +war allen lieb. So blieb man denn unter sich; von +den Bauern war keiner gebeten worden.</p> + +<p>Noch vor Beginn des Mahls tauschte man seine +Ansichten über die Traupredigt aus. Die Männer +standen alle zusammen in einer Ecke des großen +Saals, in dem die Tafel gedeckt war: die von der +Familie Grödecke mit vorgeschobenen Leibern, von +weißen Westen umspannt, auf denen goldene Uhrketten +flimmerten; daneben der alte Möller, schon +wieder die Pfeife im Munde, mit seinem harten +und eisernen Gesicht – der kleine Bertold, krumm, +mit verschmitztem Blinzeln hinter der Brille, und +Albert, schlank, sehnig und elastisch, ein brutales +Kraftgefühl zur Schau tragend. Sie schimpften +<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span>weidlich auf Eycken und in allen Tonarten; Albert +allein meinte skeptisch:</p> + +<p>„Was schert’s <em class="gesperrt">uns</em>?! Laßt ihn doch reden!“</p> + +<p>Das Mahl währte lange. Es wurde gewaltig +gegessen und getrunken. Man hatte nicht gespart. +In den Ecken des Saals häuften sich die leeren +Weinflaschen an. Das Gesicht der Mutter Grödecke +glühte wie von Flammen bestrahlt: ihr Mann hatte +seinen Stuhl neben den Platz Alberts geschoben und +sprach mit letzterem über die neue Fleischhalle, während +ringsumher der Lärm der Tafelnden immer +lauter anschwoll.</p> + +<p>Um so stiller war es draußen. Die Nacht hatte +sich über das Dorf gesenkt, aber es war hell, denn +der Himmel war ausgesternt und der Mond aufgegangen. +Der Mond hatte einstmals, vor Jahrhunderten, +dies kleine Oberlemmingen entstehen +sehen. Ein versprengter Wendenstamm hatte hier, +auf den beiden Höhen, während das Tal selbst noch +See war, seine Pfahlbauten errichtet. Und dann +war das Wasser gefallen, und sässige Leute hatten +sich angesiedelt und zum Pfluge gegriffen. Auf dem +Baronshofe erhob sich das erste Schloß, mit festen +Mauern und Wallgräben. Fremde Kriegsschwärme +überfluteten das Land und brannten die Häuser +nieder. Aber die Liebe zur Heimat war groß; aus +Schutt und Trümmern erhob sich ein neues Dorf +und ein neues Haus an Stelle des alten Schlosses. +Die Zeit verrann. Auch auf dem Auberg wurde +es wieder lebendig. Dort faßte zuerst die siegende +Industrie festen Fuß, ehe sie zu Tal stieg. Vor +ihrem Triumphschritt fielen die Katen der Taglöhner +und die Bauernhütten; abermals brach eine neue +Epoche an. Eine so rapide Veränderung, wie sie +im Laufe der letzten beiden Jahre über Oberlemmingen +gekommen, hatte der Mond noch nicht gesehen. +Und doch war es erst der Anfang. Wenn +bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von +Jahren verflossen ist, wird der Mond noch Erstaunlicheres +<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span>schauen. Dann sind auch die letzten Bauernhäuser +verschwunden, die heute noch stehen, und eine +Villenstadt breitet sich unten im Tal aus, umringt +von sauberen Parkgehegen, von geschorenen Wiesen, +glatt und weich wie Samt, und von blühenden +Bosketts, die in den Sommernächten duften. Das +Dunkel des Abends kennt man nicht mehr in Oberlemmingen, +denn die elektrischen Kugeln spotten der +Nacht, und vor ihrem hellen, weißen Lichte erlischt +der Mondenglanz. Vom Auberge aus bis zum +Lemminger Zacken zieht sich durch das Grün der +Anlagen eine ganze Reihe stattlicher Baulichkeiten, +hübsche Chalets und Wohnhäuser, ärztliche Anstalten +und Institute, die neuen Bäder, die Basarreihen, +Hotels und Restaurants. Hie und da ragen hohe +Türme in die Luft; die Fabrikschlote dampfen. An +den Ufern der kleinen Barbe, die mit so silbernem +Lachen das Tal durchströmt, sind elegante Kaie +entstanden, mit breiten Promenadenwegen, Pavillons +und Kiosken. Und eine bunte Menschenmenge, aus +allen Weltgegenden herbeigeströmt, belebt dieses +Bild; im Kurpark stauen sich die Massen und überfluten +ihn; es wimmelt auf den Wiesen, im Walde +und zwischen den Feldern. Wagen rollen hin und +her. Überall Fremde ...</p> + +<p>Das wird der Mond sehen, wenn bei Auf- und +Niedergang abermals eine Reihe von Jahren verflossen +ist. Doch nach den Bauern von Oberlemmingen +wird er vergebens Umschau halten. Denn +das Triumphgespann der Kultur gleicht dem Götzenwagen +von Djaggernaut, dessen demantene Räder +so strahlen und leuchten, daß man die Opfer kaum +merkt, die sie auf ihrem Wege zermalmen.</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>Am Abend des Hochzeitstages ihres ehemaligen +Bräutigams wurde Dörthe im väterlichen Hause +vergeblich erwartet. Es war ihr ein schrecklicher +Gedanke, immer wieder in das gramdurchfurchte +Gesicht des alten Vaters blicken und die Weissagungen +<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span>der Tante Pauline anhören zu müssen, +die der Familie Möller aus Eiweiß und Kaffeesätzen +und Traum- und Punktierbüchern heraus +den fürchterlichsten Untergang prophezeite.</p> + +<p>Während der Kirchenzeit hatte Dörthe in ihrer +Kammer ununterbrochen geweint. Dann war Hedda +zu ihr gekommen, hatte sich neben sie gesetzt und +tröstend mit ihr zu sprechen versucht. Und wirklich +war Dörthe ruhiger geworden, hatte Heddas Hand +geküßt, ihr für ihren gütigen Zuspruch gedankt und +war schließlich wieder still und emsig an ihre Arbeit +gegangen.</p> + +<p>Nun schritt sie, ein dickes Tuch um den Kopf +gebunden, die Dorfstraße hinab. Sie trug sich schon +seit einigen Wochen mit der Absicht, sich das Leben +zu nehmen. Als der Gedanke an Selbstmord zuerst +in ihrem wirren Kopfe aufgetaucht war, hatte +sie sich davor erschreckt. Aber mit der Zeit hatte +sie sich fester und fester in diesen Gedanken hineingelebt, +ohne zu grübeln, immer nur das Ziel vor +Augen, Fritz durch ihren Tod zu beweisen, wie +lieb sie ihn gehabt hätte, und wie groß sein Unrecht +gegen sie gewesen sei. Ihr Begriffsvermögen +war zu beschränkt und die Empfindungswelt, in +der sie lebte, zu einfach, als daß sie sich über den +starren Trotz hätte klar werden können, der das +leitende Motiv zu ihrem Entschlusse war. Sie +wußte ganz genau, daß die gesamten Möllers der +Ansicht waren, sie werde sich allmählich schon trösten; +nun wollte sie ihnen zeigen, daß es anders sei. +Sie bedauerte nur, daß sie den Schrecken der +Möllers und das Gesicht Fritzens nicht mehr sehen +könne, wenn man sie aus dem Wasser ziehen würde.</p> + +<p>Sie war jetzt ganz ruhig und fast heiter. Sie +hatte am Spätnachmittag noch eine Stunde im +Gesangbuch gelesen. Ein altes Kirchenlied, das sie +als Kind einmal auswendig lernen mußte, war ihr +wieder in die Augen gefallen, und sie sprach es +auch jetzt leise vor sich hin:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span></p><div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">„O Vater der Barmherzigkeit,<br /></span> +<span class="i0">Ich falle dir zu Fuße,<br /></span> +<span class="i0">Verstoß mich nicht, der zu dir schreit<br /></span> +<span class="i0">Und tut noch endlich Buße.<br /></span> +<span class="i0">Was ich begangen wider dich,<br /></span> +<span class="i0">Verzeih nur alles gnädiglich<br /></span> +<span class="i0">Durch deine große Güte ...“<br /></span> +</div></div> + +<p>Jenseits der Chaussee bellte ein Hund. Sonst +war es totenstill im Dorfe. Aber je näher Dörthe +dem Möllerschen Gasthaus kam, um so deutlicher +hörte sie ein lustiges Stimmengewirr. Hinter den +Parterrefenstern des Hotels glänzte helles Licht. +Man feierte noch immer da drinnen.</p> + +<p>Dörthe trat in den Schatten des Hauses und +drückte sich dicht an die Wand, neben der breiten +Treppe, die in das Haus führte. Hier lauschte sie +angestrengt. Sie hätte gern noch einmal die Stimme +ihres Fritz gehört. Aber es war unmöglich, denn +jetzt hub im Saale auch eine lustige Musik an: +Vietz mit zwei Geigern war da.</p> + +<p>Unwillkürlich mußte Dörthe an jenes Erntefest +zurückdenken, auf dem man ihre Verlobung gefeiert +hatte. Eine ganze Reihe bunter Bilder schien an +ihr vorüberzuflattern. Sie sah den Alten, wie er +sie um die Taille faßte – sah sich mit Fritz tanzen, +sah die Liese Braumüller und die ganzen jungen +Burschen vor sich, hörte das Krachen des plötzlich +losbrechenden Gewitters und die heisere Stimme +des trunkenen Vietz das Lied „Hans mit de Krusekragen“ +singen.... Und dann die Abschiedsstunde +im Buchenhain. Es strömte brennend heiß durch +Dörthes Herz. Da hatte er sie auf seinen Armen +getragen, und sie hatte so sicher geglaubt, daß noch +alles gut werden würde ...</p> + +<p>Sie ging weiter. Tränen tropften über ihre +Wangen. Plötzlich fiel ihr noch etwas ein. Sie +hatte einen Brief in der Tasche, an Fritz adressiert, +nur die Nachricht enthaltend, daß sie am Lindengrund +in den See springen würde, weil sie nicht +länger leben wolle – den sollten die Hochzeitsgäste +<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span>vor der Hoteltür finden. Und sie machte nochmals +kehrt, schlich sich wieder am Hause entlang, huschte +rasch die Treppe hinauf und legte den Brief auf +die innere Schwelle der offenstehenden Haustür.</p> + +<p>Dann flog sie davon. Sie rannte die Chaussee +hinab und schritt erst wieder langsamer aus, als +sie in den Döbbernitzer Weg einbog.</p> + +<p>Im Walde fürchtete sie sich. Die Mondstrahlen +tanzten vor ihr im Sande, und von allen Seiten +erklangen fremdartige Töne: Rauschen, Knacken und +Ächzen. Irgend ein dunkles Getier flüchtete in der +Ferne scheu über den Weg.</p> + +<p>Dörthe begann wieder zu laufen. Einmal schrie +sie laut auf; ihr eigner Schatten hatte sie erschreckt. +Sie stürzte von neuem weiter, rechtsseitig hinein +in den Wald – da mußte der See liegen! Ihr +Herz klopfte zum Springen; sie war in Schweiß +gebadet. Ganz plötzlich umflutete sie heller Mondschein +– sie stand auf einer schneeüberwehten +Lichtung, und unten schimmerte tiefschwarz der See.</p> + +<p>Dörthe hatte atemschöpfend halt gemacht. Sie +hatte ihr Kopftuch verloren; ihr Haar war aufgegangen +und flatterte um ihre Schultern. Sie +stierte mit großen, glühenden Augen auf das +schwarze Wasser hinab. Es tobte und brodelte in +ihrem armen Kopf, und durch ihr Hirn zuckten +schmerzhafte Stiche. Ein unsägliches Grausen schüttelte +sie – eine furchtbare Angst vor dem Tode und +vor dem kalten Wasser. Sie wollte wieder zurück ...</p> + +<p>Hinter ihr im Walde wurde es laut; er rauschte +und knackte von neuem – ein Schwarzwild brach +durch das Unterholz und jagte die Dohlen auf. +Überall in und unter den Bäumen schien es lebendig +zu werden ... Mit gellem Schrei stürzte Dörthe +den Abhang hinab, und in vollem Lauf begann sie +stammelnd ihr Lied zu beten: „O Vater der Barmherzigkeit ...“ +Dann ein letzter Schrei – ein +schweres Aufschlagen im Wasser, ein Gluckern und +Wogenrollen ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>Im See bildeten sich längliche Kurven, die den +glatten Spiegel trübten, sich weiter und weiter +wölbten und schließlich allmählich verrannen. Aus +dem metallenen Schwarz des Wassers leuchtete +wieder das Abbild des Himmels hervor, der sternendurchglänzten +Ewigkeit.</p> + + + + +<h2><a name="Fuenfzehntes_Kapitel" id="Fuenfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h2> + + +<p><span class="dropcap">W</span>ieder war es Frühling geworden – der erste +warme Tag im Jahre, ein Tag, der die +Freuden des Sommers vorahnen ließ.</p> + +<p>Im Parke von Döbbernitz knospete es an Baum +und Strauch. Es war nicht mehr die wuchernde +Wildnis, die sich hier unter dem verschollenen letzten +Zernin ungebändigt und unaufgehalten ausbreiten +konnte, aber ein Hauch jener Urwaldpoesie war +trotz der schmückenden und regelnden Hand des +Gärtners doch noch zurückgeblieben. Die weiten +Rasenflächen legten bereits ihr grünes Lenzkleid an, +und nur hie und da lugte noch ein Fleckchen Winterbraun +hervor. Die Lärchen blühten schon, und an +den Kastanien zeigten sich dicke, harzene Knospen; +die frischen Blätter der Mahonien schimmerten wie +lackiert, die Narzissen erschlossen ihre Kelche. Das +Grün der Bosketts schillerte in mancherlei Abstufungen; +die Spiräen, immer die ersten im Frühlingsschmuck, +trugen ihr Blattwerk schon in kräftigerer +Färbung zur Schau, aber Flieder, Jasmin +und Schneebeeren begnügten sich noch mit zarterer +Tönung und die jungen Triebe der Edelweide +hatten sich mit einem bläulichen Schleier umsponnen. +Vor allem aber zeigte das Leben in der Vogelwelt, +daß der Sommer nahte. Es zwitscherte, pfiff, +trillerte und sang überall in den Zweigen, und +hoch durch die blaue Luft strichen die Schwalben.</p> + +<p>Die Gärtner arbeiteten im Park. Die Treibhaustüren +<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>waren weit geöffnet; ein paar Koniferen +wurden ins Freie geschafft. An den Spalieren +beschnitt man das Obst und den Wein; die Wege +wurden vom trockenen Laube gesäubert und hie +und da neu mit Kies bestreut; die hochstämmigen +Rosen, deren Wipfel den Winter hindurch niedergelegt +und mit Erde bedeckt worden waren, wurden +aufgerichtet und wieder an ihre grünen Pfähle gebunden. +Zahlreiche Hände regten sich, den Sommer +zu empfangen.</p> + +<p>„Uff,“ meinte der alte Hellstern, als er in den +Schloßgarten trat; „August, ich habe dich verkannt. +Ich nehme es zurück, daß ich sagte, du seiest ein +noch größerer Esel, als ich geglaubt hätte. Du +bist ein minder großer. Es ist wahr, der Sonnenschein +tut mir wohl, und eine so warme Luft hätte +ich nicht erwartet. Was meinst du: ob ich meine +Mittagspfeife im Freien rauchen kann?“</p> + +<p>„Das konnt’ ich mir denken,“ erwiderte August, +die schwachen Gehversuche des Alten mit kräftigem +Arm unterstützend; „kaum fühlen sich der Herr +Baron mal wieder so ’n bißchen, und gleich müssen +Sie leichtsinnig sein. Aber ich glaube, ich werd’s +diesmal verantworten können. ’s ist wirklich wie +im Sommer, und die Mücken spielen auch schon. +Der Herr Baron können sich ein Stündchen unter +die Büste setzen, aber nur, wenn Sie sich die Beine +ordentlich einwickeln. Ich werde Franzen sagen, +daß er die Pelzdecke runterbringen soll.“</p> + +<p>Hellstern nickte. „Tu das, mein Sohn, und +sage dem Franz auch gleich, er soll die Zeitungen +und die Briefe mitbringen, die auf dem Tische vor +dem Sofa liegen, und die Brille vom Schreibtisch. +Und dann mummle mich ein, wie du es für gut +hältst. Du siehst, ich pariere dir aufs Wort –“</p> + +<p>„Na na, Herr Baron!“</p> + +<p>„Widersprich nicht immer! Ich sage dir, ich +pariere dir aufs Wort, du jammervoller Mensch, +denn ich bin schon froh, daß ich den Wärter +<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span>losgeworden bin, der immer nach Lazarett und +Kamillentee roch. Und was willst du denn eigentlich? +Ich kann die Beine schon wieder ganz hübsch +bewegen – soll ich mal im Parademarsch an dir +vorüberdefilieren – he?“</p> + +<p>„Vorläufig setzen sich der Herr Baron man gefälligst +ruhig hin. Ich habe der Frau Baronin +Tochter geschrieben, daß es gottlob besser ginge, +und wenn der Herr Baron Dummheiten machen +und wieder ein Rückfall kommt, dann bin ich mit +blamiert. Sehn Sie, das ist hier so ’n schönes +Plätzchen, mitten in der Sonne, und da haben der +Herr Baron den seligen Kaiser im Rücken und +vorne den grünen Rasen und können mal links in +die Birken gucken und mal rechts in die Blutbuchen, +und was da sonst noch steht. Und nun will ich den +Franz rufen.“</p> + +<p>Aber der Alte hielt August noch am Ärmel +fest.</p> + +<p>„Du,“ sagte er, „weil du vorhin von der Frau +Baronin sprachst: ich habe heute nacht von ihr geträumt. +Aber so deutlich, als ob es Wirklichkeit +gewesen wäre. Und vom Herrn Baron auch; der +sah so blaß und elend aus, daß ich vor Schreck +aufgewacht bin. Das macht mich ein bißchen unruhig.“</p> + +<p>„Na ja – das fehlte noch! Nu kommen der +Herr Baron schon auf die Sprünge von Klempts +Paulinen. Der Doktor hat jede Gemütsbewegung +strengstens verboten. Am besten wär’s, der Herr +Baron träumten überhaupt nicht.“</p> + +<p>„Mach, daß du fortkommst! Ich soll wohl noch +eine Medizin gegen das Träumen einnehmen? ... +Vergiß mir die Briefe nicht!“</p> + +<p>Und dann faltete er die Hände im Schoße, lehnte +den Kopf zurück und ließ sich bei halbgeschlossenen +Augen von der Sonne bescheinen.</p> + +<p>Es war in der Tat ein freundliches Plätzchen +dicht neben der kleinen Schloßtür, die zu den +<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span>Fremdenzimmern führte. In einem Halbkreise von +Taxushecken stand ein Pilaster mit der Büste des +alten Kaisers Wilhelm, ein Geschenk der Landschaft +an den verstorbenen Minister, das die Gläubiger Klaus +Zernins respektiert oder vergessen haben mochten. +Über die Wiesenlichtung fort konnte man von hier +aus tief hinein in den Park schauen, bis zu den +großen Trauereschen am Bach und nach rechts herüber +zu den wunderschönen alten Blutbuchen, in +deren Geäst noch die abgestimmten Äolsglocken +hingen, deren eigentümlich zartes Tönen und Klingen +Frau von Zernin ganz besonders geliebt hatte.</p> + +<p>Franz brachte die Decken und die gewünschten +Zeitungen, auch noch ein paar Kissen und zur +Vorsorge den Tabakskasten und Feuerzeug, und +August begann seinen Herrn einzupacken.</p> + +<p>„So,“ sagte er schließlich, „nun bleiben der Herr +Baron hübsch stille sitzen. Brennt die Pfeife noch? +Ja, sie brennt noch. Hier ist auch die Brille. +Aber ich würde nicht so viel lesen, Herr Baron; +es steht ja doch nichts drin in den Zeitungen und +regt Ihnen bloß die Gedanken auf.“</p> + +<p>„Rede nicht so viel, sondern hebe dich weg, +Augustus miserabilis. Wenn ich dich brauche, +schicke ich einen der Gärtnerburschen nach dir. +Adjö!“</p> + +<p>August nickte zufrieden und ging in das Schloß +zurück. Geraume Zeit hindurch war er recht in +Sorgen um seinen Herrn gewesen – damals, als +die jungen Herrschaften nach der Hochzeit ihre große +Reise angetreten hatten. Der Alte brummte und +schimpfte nicht mehr; es verstrichen Wochen, ohne +daß August gekündigt wurde, ohne daß ihm ein +zusammengeknülltes Zeitungsblatt oder das Brillenfutteral +an den Kopf geflogen wäre. Das waren +beunruhigende Symptome. Wenn der Herr Baron +nicht mehr wütend wurden, ging es langsam zu +Ende mit ihm – davon war August überzeugt. +Das Herz tat ihm weh, und eines Morgens sprach +<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>er sich unumwunden mit seinem Gestrengen über +seinen Kummer aus.</p> + +<p>„Herr Baron,“ sagte er, „ich ertrage das nicht +länger. Sie müssen wieder an die Familienchronik +gehen. Ich weiß zwar, daß Ihnen der Doktor +gemütliche Erregungen verboten hat, aber ich halte +es für noch schlimmer, wenn Sie so tagaus tagein +immer bloß vor sich hindrusseln. Da kommen Ihnen +erst die dummen Gedanken. Nehmen Sie ruhig +Ihre Arbeit wieder vor. So ’n kleiner Ärger +von wegen der Vokabeln schadet Ihnen nichts; das +frischt Sie auf. Und ich möchte auch mal wieder +besser behandelt werden, Herr Baron. Es ist lange +her, daß Sie zum letzten Male Esel und Jammerfrosch +zu mir gesagt haben. Das kränkt mich.“</p> + +<p>Da lachte der Alte nach Monaten wieder einmal +herzlich und lustig auf, ließ August nähertreten, +gab ihm die Hand und sprach einige Worte mit +ihm, die ein andrer für Injurien gehalten haben +würde. Aber August nicht; sein Gesicht glänzte +und seine Augen wurden feucht; nun wußte er doch, +daß sein Herr ihn immer noch lieb hatte.</p> + +<p>Hellstern setzte sich wirklich wieder hinter die +Arbeit. Er hatte Sehnsucht nach seiner Tochter +gehabt – das hatte ihn still werden lassen. Nun +vergrub er sich wieder in seine Papiere und Dokumente. +Wenn Axel zurückkehrte, sollte er die Chronik +vollendet vorfinden. Aber er konnte nicht, wie +auf dem Baronshofe, hintereinander fortarbeiten; +auch der Arzt wollte das nicht. Vor allem war +ihm Bewegung verordnet worden, und August +sorgte dafür, daß der Baron die ärztlichen Vorschriften +einhielt. Außer den Marschübungen durch +eine lange, geheizte Zimmerflucht gab es noch eine +Reihe mechanischer Bewegungen an verschiedenen +Apparaten; auch kam täglich der Arzt aus Oberlemmingen +zur Massage und zu einer gelinden +elektrischen Kur. Besonders die letztere schien anzuschlagen; +im Laufe des Winters machte der Baron +<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span>erstaunliche Fortschritte. Das freute ihn selbst, +denn er konnte darüber seiner Hedda berichten, und +Jubelbriefe trafen als Antwort ein. Auch eine +gewisse Anteilnahme an der Wirtschaft machte ihm +Spaß und unterhielt ihn. Der Administrator erschien +täglich bei ihm mit dem Rapport, und bei +Beginn der Frühjahrsbestellung hatte sich Hellstern +sogar öfters zu Wagen auf die Felder gewagt. +Die alte Liebe zum Lande erwachte in ihm; mit +lebhaftem Interesse verfolgte er die Maßnahmen +des sehr tüchtigen Verwalters, den er gelegentlich +auch abends zu sich einlud, um mit ihm zu +plaudern.</p> + +<p>Auf Hellsterns Schoße lagen die neuen Zeitungen +und die letzten Briefe Heddas. Sie waren +etwas sorgenvoll gehalten. Man hatte schon im +Februar die Reisedispositionen ändern müssen. +Axel war wieder kränklicher geworden; auf seine +zarte Natur hatte auch die unbedeutendste Erkältung +starken Einfluß. Die Ärzte wünschten, daß er nicht +vor Juni nach Hause zurückkehre – und damit +wuchs die Sehnsucht Hellsterns.</p> + +<p>An dem hohen, schmiedeeisernen Tore, das vom +Parke in den inneren Schloßhof führte, wurden +Stimmen laut.</p> + +<p>Hellstern erhob den Kopf.</p> + +<p>„Ist es denn möglich!“ rief er. „Eycken – +Pastor – sind Sie es wirklich?! Lassen Sie sich +auch einmal sehen? Ist der alte Freund noch nicht +gänzlich vergessen?!“</p> + +<p>„Immer los mit den Vorwürfen, lieber Hellstern +– ich habe sie redlich verdient! Ich habe aber +auch meine Entschuldigungen – und nun mal zuvörderst +die Hand – beide Hände, damit ich sie +recht kräftig drücken kann! Gott sei Dank, Alterchen, +ich sehe, August hat nicht übertrieben: Sie werden +wahrhaftig noch einmal jung!“</p> + +<p>Eycken hatte sich neben Hellstern in einen der +Korbsessel gesetzt. Er war unverändert, noch immer +<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>der schöne, weißbärtige Patriarch mit den klaren +Augen voll Güte und Barmherzigkeit.</p> + +<p>Die beiden alten Herren hatten sich seit längerer +Zeit nicht gesehen und einander viel zu erzählen.</p> + +<p>„Ich habe in den letzten Monaten so viel zu +tun gehabt, daß ich kaum noch Mensch bin,“ sagte +Eycken. „Meine Anstalt ist fertig und vorgestern +eingeweiht worden. Sechzehn arme liebe kleine +Geschöpfe sind meine ersten Pfleglinge. Hellstern, +ich bin überglücklich! Ich habe meine Pfarre aufgegeben, +um ganz dem Hospiz leben zu können. +Das ist mir lieber und füllt mein Leben besser und +wohltuender aus – was mir vom Leben übrig +bleibt! Ich habe letzthin in Oberlemmingen üble +Erfahrungen gemacht; es ist nicht alles so wie es +sein sollte, und wie ich es erhofft habe.“</p> + +<p>„Kann ich mir denken,“ warf Hellstern ein.</p> + +<p>„Nein – es ist vieles anders geworden, wie +ich erhofft habe,“ fuhr Eycken fort, „und der Selbstmord +der kleinen Klempt – eurer Dörthe – der +hat sozusagen das Maß zum Überlaufen gebracht. +Ich hielt’s nicht mehr aus in der Gemeinde. Was +sag’ ich, Gemeinde – die alte Gemeinde existiert +überhaupt nicht mehr! Alles ist zersprengt +worden; meine Besten sind fort; die Möllers +regieren da unten.... Sie wissen, daß ich mich zu +Ihren Ansichten nie habe bekehren können, lieber +Freund – auch heute noch nicht. Ich bin kein +Gegner des Fortschritts, kein Feind regen industriellen +Aufschwungs. Aber es wurmt und grimmt +mich, daß die Quelle, die der liebe Gott den +Menschen zu ihrem Heile geschenkt hat, ein Objekt +wilder und niedriger Spekulation geworden ist. +Es grimmt mich, daß gewissenlose Leute diese Gabe +des Höchsten in schmählicher Weise auswuchern, +statt sich mit ehrlichem Verdienst zu begnügen. Und +deshalb zog ich mich zurück.“</p> + +<p>Der Baron nickte. „Ich verstehe es,“ entgegnete +er; „ich sah das alles vom ersten Moment ab, +<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span>da von der Quelle gesprochen wurde, genau so +kommen, wie es sich nun tatsächlich entwickelt hat. +Ich hab’s seinerzeit auch den Möllers gesagt, als +sie mich gerne als Köder und Aushängeschild einfangen +wollten. Ich kannte die Leute und wußte, +daß sie einen Ring bilden und die Erträgnisse der +Quelle allein in ihre Taschen leiten würden, soweit +es nur irgendwie anging. Ein Feind der Industrie +bin ich ja auch nicht, Pastor – wahrhaftig nicht, +da verkennen Sie mich –, aber ein Feind selbstsüchtiger +Spekulation, die andern das Geld aus +dem Säckel lockt! Ich hoffte noch immer, es würde +Schellheim gelingen, das Ganze in geordnete Wege +zu leiten – aber als er im Winter einmal hier +war, machte auch er mir Andeutungen, als wolle +er sich nach und nach zurückziehen.“</p> + +<p>„So ist es,“ bestätigte Eycken, „er ist der ewigen +Zänkereien mit den Möllers müde geworden. Es +herrscht eine trübe Stimmung im Auschlosse. Der +älteste Sohn hat geheiratet, und der Kommerzienrat +will mit der Schwiegertochter nicht warm werden. +Es geht ihm zu Herzen, daß der Hagen nicht höher +hinaus gewollt hat. Ich habe meine ganze Dialektik +angewandt, ihn davon zu überzeugen, daß sich +das Menschenglück nicht um Rang und Stand und +gesellschaftliche Gegensätze kümmert, aber er bleibt +frostig und kühl. Übrigens hat er mir neulich erzählt, +daß sein Gunther mit Ihren Kindern in +Gibraltar zusammengetroffen ist; wie kommen Hedda +und Axel denn dahin?“</p> + +<p>Hellstern sprach von den letzten Briefen seiner +Tochter und von Axels Rückfall. Die beiden hatten +beschlossen, dem Rate des Arztes zu folgen, den +Februar und März auf Madeira zu verleben und +dann in langsamen Etappen heimzukehren. Auch +an den Vater hatte Hedda von der Begegnung +mit Gunther geschrieben; der Doktor sei immer +noch der liebenswürdige, etwas schüchterne junge +Mensch von früher ...</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span>Eycken blieb bei dem alten Freunde, bis August +erschien und mahnend darauf aufmerksam machte, +daß es beginne, kühler zu werden. Dann nahmen +die Herren herzlichen Abschied voneinander.</p> + +<p>„Kommen Sie bald wieder, Pastor,“ sagte Hellstern. +„Ich höre gern etwas Neues, und Sie +wissen, ich hause hier wie ein Murmeltier. Schleppt +mich der August wirklich einmal heraus – nach +Oberlemmingen zu setze ich keinen Fuß! Ich möchte +das Dorf nicht wiedersehen – nie wieder, – ich +glaube, es zerrisse mir das Herz, wenn ich an +Stelle meiner braven Bauern hundert fremde Gesichter +sähe! Das Herrenhaus auf dem Baronshof +wird wohl auch bald abgetragen werden – +nein, Eycken, ich hänge doch noch zu sehr am Alten, +und in meinen Jahren krempelt man sich nicht mehr +um wie ein Handschuh! Gott befohlen, Pastor!“</p> + +<p>Er nickte dem Abgehenden nochmals nach und +ließ sich von August die Decken abnehmen.</p> + +<p>„Pack an, mein Alter – unter den rechten +Arm – so – hupp! ... Hör mal, August, mein +Sohn: wenn ich mal sterben sollte –“</p> + +<p>„Reden der Herr Baron doch nicht <em class="gesperrt">so</em> etwas!“</p> + +<p>„Wir können doch nicht ewig leben, Nachtmütze! +Also wenn ich mal sterben sollte, da möcht’ ich doch +in Oberlemmingen beerdigt werden. Man hat es +mir zwar gehörig verekelt, aber der Tod, denk’ ich, +gleicht aus und versöhnt. Buddelt mich auf dem +Kirchhofe ein, neben den andern Hellsternschen +Gräbern; der große Fleck unter der Linde gehört +mir, den hab’ ich gekauft. Da können auch die +Möllers nicht ’ran. Also verstehst du: unter der +Linde will ich begraben sein!“</p> + +<p>„Ich versteh’ schon,“ entgegnete August; „aber +der Herr Baron werden’s am Ende nicht übelnehmen, +wenn wir damit noch ’n bißchen warten +tun. Es eilt ja nicht so. Sehr viel sind wir nicht +auseinander an Jahren, der Herr Baron und ich; +und wenn sich der Herr Baron erst hingelegt haben, +<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>dann dauert’s mit mir auch nicht mehr lange. Das +weiß ich gewiß. So ’n altes Tier wie ich muß +seine regelrechte Fütterung haben und seine gleiche +Behandlung. Ins Neue leb’ ich mich auch nicht +mehr ’rein – da geht’s mir gerade wie dem Herrn +Baron. Also warten wir schon noch; der liebe +Gott wird ja wissen, wenn’s Zeit ist.“</p> + +<p>„Das wird er,“ erwiderte Hellstern ernsthaft. +„Vielleicht läßt er uns am gleichen Tage von hinnen +gehen. Das wäre eine hübsche Sache, August, denn +ohne deine Dummheit würde ich, fürcht’ ich, nur +noch ein schweres Auskommen haben. Kein Mensch +weiß mich so zu ärgern wie du, und auf keinen +kann ich mit so freudig bewegtem Herzen schimpfen +wie auf dich. Ich glaube, du würdest mir sehr +fehlen, weil du so ein guter, treuer, alter Esel bist.“</p> + +<p>Beide standen jetzt vor dem Zimmer, das Hellstern +bewohnte. August klinkte die Tür auf.</p> + +<p>„Gott sei Dank!“ sagte er, „ich hör’s am Ton: +es wird schon noch ein ganzes Weilchen Jahre gehn.“</p> + +<div class="tb"><hr /></div> + +<p>An diesem gleichen schönen Frühlingstage hatte +der alte Klempt eine heftige Auseinandersetzung mit +seiner Schwester Pauline.</p> + +<p>Der Tod Dörthens hatte die beiden zu Boden +geschmettert, als habe eine Riesenfaust sie getroffen. +In dem wirren Hirn der Tante Pauline lebten +nur noch ihre Träume; man sah sie ständig mit +ihren Deutbüchern in der Hand; es war ein seltsames, +ruheloses und geheimnisvolles Dasein, das +sie führte.</p> + +<p>Auch Klempt war noch stiller geworden. Der +Sarg für sein Kind war seine letzte Arbeit gewesen; +er rührte die Hand nicht mehr. Man brauchte ihn +auch nicht; im Gegenteil, die Möllers wären froh +gewesen, wenn sie den alten, blassen Mann hätten +aus dem Dorfe treiben können. Auch sein kleines +Haus stand ihnen beim unaufhörlichen Wachsen der +Villenstadt im Wege. Gerade dorthin sollte ein +<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span>großes und elegantes Restaurant im Pavillonstil +kommen ...</p> + +<p>Klempt hatte mit den Möllers wegen der Wiese +prozessiert. Er behauptete, er sei betrogen worden; +man habe sie ihm unter der Vorspiegelung, daß +Fritz die Dörthe heiraten solle, für einen Spottpreis +abgenommen. Er verlor den Prozeß und +mußte auch noch die Kosten tragen. Und nun geschah +etwas, was man niemals für möglich gehalten +hätte: der nüchterne und fleißige Klempt lernte auf +seine alten Tage noch das Trinken. Er ging freilich +nicht selbst in den Krug, aber er ließ sich durch +die Schulkinder den Schnaps holen. Und dann +schloß er sich ein und trank und trank, bis er sinnlos +war.... „Er macht’s nicht mehr lange,“ sagte +Albert Möller eines Tages zu seinem Vater; „gestern +früh hat ihn der Nachtwächter sternhagelvoll auf +dem Kirchhofe gefunden.“ Ach ja, so war es. Aber +nicht allein der Schnaps war die Sehnsucht des +Alten; im brechenden Herzen schwoll höher und höher +die Sehnsucht nach seinem gemordeten Kinde an.</p> + +<p>Den Möllers ging es immer noch nicht rasch +genug. Der Prozeß um die Wiesen hatte die Ersparnisse +Klempts verschlungen. Bertold kaufte die +Hypothek, die auf dem Gehöft lag, und kündigte sie +dann. Der geschäftsunkundige Alte wußte nicht, +was er tun sollte, und bat seine Schwester, ihm ihr +kleines Vermögen zu überlassen, damit er das Haus +halten könne. Aber Tante Pauline verwehrte es +ihm; sie hatte plötzlich den Entschluß gefaßt, nach +Amerika auszuwandern; ein Engel hätte es ihr im +Traume geraten.</p> + +<p>Schon lange sorgte Pauline nicht mehr für ihren +Bruder. Er kochte sich selbst das Notwendigste, fast +nur Kartoffeln. Der Schnaps stillte auch seinen +Hunger. Er lebte wie ein Tier; seine Kleider zerfielen +in Lumpen.</p> + +<p>Als seine Schwester ihn abgewiesen hatte, schloß +er sich in der ehemaligen Werkstatt ein und griff +<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>nach der Flasche. Es war tiefe Nacht, als er nach +langem Rausche erwachte. Der Kopf schmerzte ihm. +Er richtete sich vom Erdboden auf, wo er auf feuchten +und dumpfigen Spänen gelegen hatte, und schaute +sich um. Aber in der Dunkelheit war nichts erkennbar. +Nun tastete er sich vorsichtig nach den +Fenstern und stieß die Läden auf, die er gewöhnlich +auch tagsüber zu schließen pflegte. Die kühle Frühlingsluft +drang vollflutend in das öde Gemach. Ein +leiser Wind ging und spielte mit seinem eisgrauen +Haar. Draußen war es nicht dunkel; der Himmel +leuchtete in heller Sternenpracht; es hing weiß über +den Wiesen.</p> + +<p>In der Stille der Lenznacht schlich es sich weich +in das Herz des Alten. Die Erinnerung rührte an +ihm. Welch Leben lag hinter ihm! Sein Weib +und vier blühende Kinder hatte er hinsterben sehen; +als Letzte war ihm die Dörthe geblieben – und +die hatte man ihm ermordet. Alles sühnt sonst die +Gerechtigkeit der Welt – aber seines Kindes Mörder +stiegen an Ansehen und lebten in Freuden. Wo +war da die Vergeltung?! ... Klempt entsann sich +noch gut jenes Abends, als der Absagebrief Fritzens +eingetroffen war. Da war er ins Freie getreten, +um nicht das schmerzverzogene Gesicht seiner Dörthe +sehen zu brauchen. Im Herbst war es gewesen, +doch ganz ähnlich draußen wie jetzt. Von den Wiesen +stiegen feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, +und schlangen sich um die Häuserfirste und das Geäst +der Bäume. Nur der Kurpark lag völlig im Nebel, +in einem wogenden, milchigen Meer. Und in dem +furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und +ruhigen Mann wütend machte, hatte Klempt die Hände +geballt und sie drohend erhoben nach der Richtung +des weißen Nebelsees, in den der Kurpark versank.... +„Verfluchte Quelle! ...“</p> + +<p>Ja, diese Quelle, die die Not der Welt lindern +helfen und der Menschheit Trost und Heilung bringen +sollte – <em class="gesperrt">ihn</em> hatte sie zum unglücklichen Manne +<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span>gemacht. Sie hatte ihm das Letzte geraubt, an dem +sein Herz hing – sie wollte ihn auch an den Bettelstab +bringen ...</p> + +<p>Klempt stöhnte auf. In fiebernder Hast suchte +er nach seiner Flasche und setzte sie an die Lippen. +Sie enthielt noch einen Rest Branntwein, der ihn +seltsam belebte und erregte. Er zündete einige +Schwefelhölzer an und wählte bei ihrem flüchtigen +Schein einige Stücke seines alten Handwerkzeugs +aus: Stemmeisen und Bohrer und den schwersten +Hammer. Die nahm er an sich und dann ging er. +Auf dem Flure lauschte er einen Augenblick. Schlief +Tante Pauline? – Mit raschem Entschlusse trat +er in ihr Zimmer. Aber auch hier war es so +dunkel, daß er abermals ein Schwefelholz entzünden +mußte. Nun sah er die Schwester im Bette liegen, +den Mund offen, das eingefallene Antlitz totenblaß. +Er legte seine Hand auf ihre Stirn und erschrak +über das Gefühl von Kälte, das ihn plötzlich durchrieselte. +Aber schon wanderten seine Gedanken +weiter; er huschte mit schnellen Schritten hinaus – +das Gesicht weiß, doch mit unheimlich flimmerndem +Blick.</p> + +<p>Er stapfte über den Anger. Kein Menschenauge +sah ihn, nur die glänzenden Augen des Himmels +schauten auf ihn herab. Das Dorf lag im Schlaf. +Die Nebel hatten sich etwas erhoben; ein leichter +Dämmerschein glitt schon durch die Nacht. Am +Friedhofzaune zögerte Klempt und blieb stehen, +nickte nach dem Grabe Dörthens hinüber und schritt +dann weiter.</p> + +<p>Im Kurpark rieselte es feucht von den Bäumen. +Der Wind strich durch das Geäst; große Tropfen +schlugen dem Alten ins Gesicht. Die Nebel hingen +wie Fetzen weißer Totentücher zwischen den Zweigen.</p> + +<p>Nun stand Klempt vor dem offenen Tempelbau, +der die Quelle umgab. Auf dem Grunde des weißen +Marmorbassins kochte und zischte, durch Röhren +und Hähne gebändigt, das aus der Erde strömende +<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span>warme Wasser, füllte die Schale und floß durch ein +zweites Röhrensystem wieder ab.</p> + +<p>Klempt war einen Augenblick hochaufatmend +stehen geblieben. Er schaute sich um. Kein Mensch +in der Nähe, aber heller und heller begann sich der +Himmel zu färben, und die Vögel wurden schon +laut ...</p> + +<p>Klempt hob seinen Hammer mit beiden Händen +und ließ ihn wuchtig auf den Marmor des Bassins +niederfallen. In dem kostbaren Gestein zeigte sich +auf der Stelle ein starker Sprung. Nun setzte der +Alte das Stemmeisen an und hämmerte nach. Es +bröckelte und splitterte; einzelne Stücke rollten plätschernd +in das Wasser, das sich über die Bruchstellen +auf die Sandquadern des Bodens ergoß.... Klempt +arbeitete mit furchtbarer Anstrengung weiter; der +Schweiß troff von seiner Stirn, sein Herz raste und +zuckte.... Der Hammer wütete gegen den Marmor, +dessen Splitter bereits den Rumpf des Beckens füllten. +Das Wasser war abgeflossen. Die Quelle sickerte +nur noch; Steingebrösel hatte die Röhrenleitung +verstopft. Klempt sah es, und ein wildes Lachen +flog über sein Gesicht. Er häufte kleine Marmortrümmer +in der Mitte der Schale auf und hämmerte +von neuem auf sie los. Jetzt war auch das Sickern +nicht mehr zu vernehmen. Die Quelle war still +geworden.</p> + +<p>Der Alte strich sich das feuchte Haar aus der +Stirn. Sein hagerer Körper flog vor Erregung, +und wunderlich, wie drinnen in seiner Brust das +Herz hüpfte und sprang. Und als Klempt abermals +den Hammer erheben wollte, um ihn von sich zu +schleudern, da tat das Herz einen letzten Sprung: der +Greis stürzte lautlos hintenüber und blieb liegen ...</p> + +<p>Vor dem stärker erwachenden Morgenwinde zerflatterten +die Nebel. Ein purpurner Dämmer füllte +die Luft. Die Vögel begannen ihr Jubilieren; der +große Pan reckte und streckte sich – die Natur erwachte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span>Unter den Trümmern in dem zerstörten Marmorbecken +wurde es ganz leise wieder lebendig. Es +wisperte und flüsterte und sang und feilte und sägte. +Ein sickerndes Geräusch wurde hörbar; zwischen den +Steinsplittern zeigten sich vereinzelte Tropfen; es +begann abermals zu zischen, wie vorhin, zu kochen +und zu brodeln. Die Quelle, die der arme Narr +hatte töten wollen, um an ihr seine Rache zu kühlen +– sie wurde wieder lebendig! Leise und heimlich +und fort und fort hatte sie auch unter den Trümmern +weitergerieselt, sich eine neue Bahn zu schaffen und +von neuem der leidenden Welt zu helfen, unbekümmert +darum, ob gierige Hände sie wiederum +fangen und ihren Segen entehren würden.</p> + +<p>Allgemach begann sich der Boden des Bassins +mit schaumigem Wasser zu füllen, das rieselnd über +den zerbrochenen Marmor zur Erde troff, auf dem +hellen Sandstein dunkle, sich immer mehr vergrößernde +Flecken bildend.... Über dem jungen +Grün der Baumwipfel entzündete das Morgenrot +seine Lichter; lauter und jauchzender sangen die +Vögel dem neuen Tage entgegen ...</p> + +<p>Plötzlich erscholl ein Knall. An der Hahnöffnung +war infolge des starken Wasserdrucks die Quellenröhre +geplatzt, und nun zischte und rauschte, Staub +und Steinchen mit sich in die Höhe führend, ein +gewaltiger Strahl empor und fiel in schimmernden +Perlen zur Erde zurück. Die Quelle war wieder +lebendig geworden, und ihre Sprühatome näßten, +wie in freundlichem Kosen, das blasse Gesicht ihres +Opfers.</p> + + +<p class="ende"><em class="gesperrt">Ende</em>.</p> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde erstellt +auf Grundlage der 1915 erschienenen Buchausgabe. Diese bildete Band 9 +und 10 des einunddreißigsten Jahrgangs der Reihe Engelhorns Allgemeine +Roman-Bibliothek. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + + +<p><strong>Transcriber’s Notes:</strong> This ebook has been prepared from the printed +edition published in 1915. It formed volume 9 and 10 of the 31st year of +publication of Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. The table below +lists all corrections applied to the original text.</p> + + +<ul> +<li><a href="#Page_15">S. 15</a>: [extra quotes] frage gar nichts!“ Her mit dem Rock!</li> +<li><a href="#Page_17">S. 17</a>: ein gemachter Mann war uud → und</li> +<li><a href="#Page_46">S. 46</a>: tiefdunkel gewordener alter Oelporträts → Ölporträts</li> +<li><a href="#Page_52">S. 52</a>: [added period] hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet.</li> +<li><a href="#Page_54">S. 54</a>: verrriet sich sogar → verriet</li> +<li><a href="#Page_79">S. 79</a>: Vietz mit se nem Geiger → seinem</li> +<li><a href="#Page_79">S. 79</a>: stob unter erneutem Geheul auseiander → auseinander</li> +<li><a href="#Page_89">S. 89</a>: Das war ein herrlicher Neujahrtstag → Neujahrstag</li> +<li><a href="#Page_109">S. 109</a>: hat es stark geschneit → hatte</li> +<li><a href="#Page_128">S. 128</a>ff: [normalized] Woydczynska → Woydczinska</li> +<li><a href="#Page_137">S. 137</a>: Notwendigkeit einer Aussöhnnng → Aussöhnung</li> +<li><a href="#Page_148">S. 148</a>: noch ein par Jahre warten → paar</li> +<li><a href="#Page_177">S. 177</a>: Auguste nickte → August</li> +<li><a href="#Page_259">S. 259</a>: den Sonnenstahlen wehrte → Sonnenstrahlen</li> +<li><a href="#Page_274">S. 274</a>: [added comma] eines raschen Entschlusses, an ihren Vater</li> +<li><a href="#Page_304">S. 304</a>: [normalized] und dann die Abschiedstunde → Abschiedsstunde</li> +<li><a href="#Page_309">S. 309</a>: Uber die Wiesenlichtung → Über</li> +<li><a href="#Page_246">S. 246</a>ff: [normalized] Grödicke → Grödecke</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TIEFEM SCHACHT *** + +***** This file should be named 32391-h.htm or 32391-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/2/3/9/32391/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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