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diff --git a/32358-8.txt b/32358-8.txt new file mode 100644 index 0000000..cec145a --- /dev/null +++ b/32358-8.txt @@ -0,0 +1,4769 @@ +The Project Gutenberg EBook of Timur, by Kasimir Edschmid + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Timur + Novellen + +Author: Kasimir Edschmid + +Release Date: May 13, 2010 [EBook #32358] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TIMUR *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + +Transcriber's Note: +Text that was s p a c e d - o u t has been changed to _italics_. +Double quotation marks have been encoded as » and «. + + + + +Timur + + +Novellen +von +Kasimir Edschmid + + + +Kurt Wolff Verlag +Leipzig + + + + + +Geschrieben im Dezember neunzehnhundertfünfzehn +und im folgenden April + + + + + + +_Viertes bis achtes Tausend_ +Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1916 + + + + + + Unsere harten Herzen halten wie Berge Bestand + Nasreddin von Tus + + + + +Inhalt + +Der Gott . . . . . . . . 1 +Die Herzogin . . . . . . 73 +Der Bezwinger . . . . . 143 + + + + + + + + + + +Der Gott + + +Seine Mutter verließ ihn, nachdem sie ihn ein halbes Jahr vorher geboren +hatte. Er schlug die festen Arme in die Luft und rief zweimal: »Ma«. -- +Dann losch sie, die ein großes Segelboot von Honoruru entfernte, aus seinem +Gedächtnis. Seine französische Gouvernante nannte ihn Jean François und +lieh ihm wenig Zeit und Mühe. Seine drei ersten Jahre vollzogen sich am +Strand. Gespielen waren ihm Natives, Chinesen und Malaien. Er kroch auf dem +Bauch und schrie aus gebräunter Kehle langgedehnte Vokale und wurde ein +gesundes Kind. + +Nach drei Jahren kehrte die Mutter zurück. Sie suchte ihn im ganzen Haus, +den Gebäuden der einzigen Faktorei auf der Insel, lief durch den Garten und +fand ihn im Sand am Meer zwischen Muscheln und Farbigen. Sie gab der +französischen Gouvernante eine Ohrfeige und nahm ihr Kind auf den Arm. + +Sie fragte ihn in englischer Rede schluchzend, wie er sich befinde. Der +Junge aber schwieg, denn er verstand sie nicht. Er sprach nur polynesisch +und minderes Französisch. Die Mutter war eine feurige Frau. Sie weinte und +glaubte, das Kind sei vertauscht. Das Kind sah sie stumm mit großen Augen +an. Sie wies es zurück und schenkte ihm einen Monat lang keinen Blick. Kurz +darauf verfiel es einer Krankheit, und als sie nun besorgt und glücklich es +pflegte, sagte es an einem Morgen: »Ma«. + +Nach geringer Zeit vermochten sie sich in der Rede zu verständigen. Da +zwang ein ausbrechendes Leiden die Mutter, die begonnen hatte, in Ruhe ihre +schweifende Seele an das Kind anzulehnen, ins Weite. Sie schifften sich auf +dem Segler Bounty ein, als die Sonne einen riesigen Kranz um die Insel +legte und in dunklem Blau verging. Ein Krater rauchte noch dünn in die +Dämmerung. Dann scholl das unendliche Meer in ihr Ohr. + +Sie erlebten am dritten Tage einen Sturm, der das Schiff über die Wellen +schleuderte, daß die Kajütenwände sprangen. Jean François hielt verzückt +den Stößen stand. Der Kapitän ließ Stagsegel aufziehen. Sie rissen sofort. +An den Marquesasinseln warfen sie Anker. Der Meerboden war Muschelgrund und +Kalkgrieß, der Anker hielt nicht. + +Da stieß, während sie lavierten, ein Kanoe mit rotem Holz und Perlmutter in +der Schnitzung aus einer Bucht. Zwei Wilde hielten kupferfarbene Binsen +hoch und winkten. Folgend bugsierten sie die Bounty in eine Bay. + +Der eine Malaie stieg herauf, seine Glieder hatten wunderbaren Anstand. Sie +bedeuteten ihm, sie brauchten Wasser, da schrie er sofort, indem er die +Hand wie eine Schale unter den Mund legte, ins Meer hinaus. Der Strand +bevölkerte sich mit Booten, die in breiten Gefäßen Wasser und Geflügel +brachten, denn viele der Matrosen litten am Scharbock. Jean François, auf +dem Arm seiner Mutter an den Mast gelehnt, rief ihnen einige Sätze zu. Da +erstaunten sie und verbeugten sich vor ihm. Ihr Oberhaupt aber legte ein +Messer vor ihn hin und sagte: »Rono . . . Rono -- --«. + +Bald hörten sie es donnern. Vogelschwärme rauschten über sie. In leichter +Brise liefen sie gegen eine Küste an. Es war Peru. Sie ankerten im Hafen +von Callao. Zwanzig Matrosen desertierten in der Nacht. Sie stellten +Spanier ein. Langsam trieben sie die Küste hinunter, bis sie Antufugasta +erreichten. + +Dort stiegen sie aus. Sie blieben wenige Tage, aber das Klima +verschlechterte die Gesundheit der Frau. Sie zog in die Berge hinauf zu +einer Schwefelquelle, in der sie badete. Jean François jedoch vertrug die +Luft der Höhe nicht und wurde bleich. Deshalb gab ihn die Mutter mit +einiger Dienerschaft hinunter nach Valparaiso. + +Als die Mutter zurückkam, war Jean François sechs Jahre alt, hatte blonde +Haare und braune Haut und sprach nun spanisch und polynesisch (den Dialekt +von Taheiti und der hawaiischen Eilands), aber kein Wort englisch. Da +beschloß die Frau, den Sohn, der ihr bis zur Hüfte reichte, und mit dem sie +kein Wort zu wechseln wußte außer dem Gefühl, das von Auge zu Auge strömend +redete, nie wieder zu verlassen in seiner Jugend, schiffte sich mit ihm +ein, und an einem Morgen kam ihnen wieder unter dem Himmel die große Küste +Oahus entgegen. + +Sie fanden dort bei ihrem Eintritt in das Haus die Nachricht, daß Jean +François' Vater gestorben sei, der die Jahre in Rom und in einer Mission +des Papstes in Skandinavien verweilt hatte. Die Mutter ward still und +nachdenklich, obwohl ihre Seele getrennt von dem Schicksal dieses Mannes +lag. Jean François begriff dagegen keineswegs, um was es ging, und lehnte +ab, als sie es ihm deutlich machen wollte. + +Sein Gefühl verbreiterte sich. Er lebte sein Dasein bis zum sechzehnten +Jahre rund herum aus im Kreis der Begriffe und Dinge, die ihn umgaben. Die +Gedanken waren schlicht. Die Dinge gestalteten sich einfach, nur im Verkehr +mit primitivem Dasein. Selten nur brachten anlegende Schiffe Europa in sein +Blickfeld. Aber seine Seele saugte sich fest an Küste, Meer und Land. + +Dann sandte ihn die Mutter, die noch vier Jahre die Welt durchschweifen +wollte, von sich, damit er in den europäischen Dunstkreis eintrete. Sie +stellte ihm große Wechsel aus, und sie verplauderten den letzten halben +Abend. + +Darauf ging er hinaus in den Garten. An der großen Hecke der weißen +Himbeeren stand Kalekua, die dem Geschlecht der Könige verwandt war, sang +vor sich hin und schaute über ihren Garten hinauf zu ihrem hellen schönen +Haus. Jean François, die Brust von Weite erfüllt, rief ihren Namen, mit der +er die anfänglichen Spiele erster Jugend geteilt hatte. Sie wandte sich um. + +In diesem Augenblick hob sich das Gefühl abenteuerlicher Ferne, in die er +verlangte, zu einer großen Welle, und er, dessen Hände noch keine Frau +berührt hatten, überströmte den Körper des Mädchens mit Liebkosungen. Ihre +dünnen Gewänder schwanden unter seiner Hand, und er fühlte ihre weichen und +wunderbar gerundeten Glieder ihm entgegenfliegen. Da faßte er sie auf die +Arme und trug sie noch tiefer in den Garten in die Mulde einer Platane. + +Ganz umhängt von ihrem Duft hob er sich in den Morgen, schiffte sich ein +und fuhr nach England. + +Nach zwei Jahren schon zog seine Mutter ihm nach; Sie nahmen ein Haus in +der Nähe des Hydeparks. Sommers zogen sie auf ein Landgut in Schottland. +Sie empfingen viele Menschen, gaben große Gesellschaft und hatten +ausgewählte Freunde. Aus ihren Besitzungen flossen gewaltige Mittel immer +erhöht ihnen zu, später verkauften sie Anwartschaft und Faktoreien und +breiteten das Kapital in englischen Anlagen aus. + +Vor der Wirklichkeit dieses fest gegründeten Daseins sank die Jugend der +Südsee, fast vergessen, in Traum zurück. Jean François studierte in +Cambridge, züchtete Hunde und hatte Anspruch auf die diplomatische +Laufbahn. Mit neunzehn Jahren hatte sich die Luftschicht weltmännischer +Beherrschung dicht um ihn gelegt. + +An dem Tage, wo er den großen Preis im Ballspiel für das westliche England +errang, starb seine Mutter. Er erfuhr es, als er, den Kopf zurückgelegt, +sich von der Richtertribüne wendend, nach der Seite ging und den Diener +sah, der ihm den Brief überreichte. + +Er war einundzwanzig Jahre, hatte einen glänzenden Körper und gute Zukunft, +wie viele sagten. + +Er kehrte nach London zurück, verschloß die Fenster und nahm am brennenden +Kamin das Bild seiner Mutter vor und beschaute es. Sein Herz öffnete sich +nicht, sie heftig zu beweinen. Kaum ward ihm die eingetretene Leere bewußt. +Eine Unbegreiflichkeit waltete über seinen Gefühlen, daß sie ihn, dem +Schwung erhöhter Seelenlagen fernhaltend, alle Empfindungen nur von der +Oberfläche diktiert und durch etwas von seinem inneren Dasein getrennt +erleben ließen. Er zog in der Folge roten Dreß an und jagte Füchse und +legte die Sachen der Mutter beiseite. Beim Jagen und raschen Leben kam ihm +geringer das Gefühl, in leichter Betäubung sich zu befinden. + +Bei einem ausgesuchten Diner saß ihm eine Sängerin gegenüber, deren zarte +Haut und große Augen seinen Blick anzogen. Um sie besser zu sehen, nahm er +eine breite Blumenattrappe und setzte sie auf den Boden hinter seinen +Stuhl. Ihr Blick begann, entgegenkommend, gleichfalls auf ihm zu ruhen. Ihr +Reden war schnell und heiß. Unmerklich hob sie ein spitzes Glas, als sie +mit einem Nachbar anstieß, herüber zu ihm. Als nach Tisch alles in den +Musiksaal strömte, stellte er sich hinter ihren Fauteuil und redete zu ihr. +Sie, ohne sich umzudrehen, sagte: »Ich kenne Sie nicht«. + +»Sie sollen es lernen,« sagte er. Verbeugte sich kurz und berührte knapp +ihr Knie im Gehn mit dem seinen. + +Sie trug an diesem Abend eine gelbe Robe, und ihre schönen Brüste standen +voll und fest in dem schmalen Ausschnitt. Leichter Puder machte die Locken +grau, die tief in ihren Kopf hineinhingen. + +Sie ließ ihn zweimal durch ihren Diener abweisen, bis er eindrang und sie +ihm Geliebte wurde. + +In einer Nacht fragte sie ihn, als sie ihn übermäßig ihrer sicher glaubte, +wie alle Frauen fragen: nach denen, die vorausgingen. + +Es seien einige, doch nicht allzuviel, denn dies sei billig, sagte er. Sie +fragte, wie lange es her sei, daß er die letzte gehabt habe, und er zuckte +die Achseln. + +»Was waren sie, Lieber?« + +»Was soll die Frage, die nicht schön ist?« sagte er langsam. + +»Mein Herz stürmt, daß ich es weiß. Um Sie mehr zu lieben.« + +Da drückte er die Ampel aus und sagte: »Eine Blumenverkäuferin von den +Docks, eine Dame, ein Mädchen, eine Tänzerin, eine liebe Frau . . .« + +Sie schloß die Augen und öffnete sie verwirrend vor den seinen: »Keine +hielt Sie in dieser Reihe?« + +Sie sah an seinem starken Körper hinunter, und im Gefühl, daß in solchen +Erlebnissen sich das Weibliche in seiner ganzen Art erschöpft habe, legte +sie sanft ihre Brüste an seine Wange und fragte das Gleiche ein weiteres +Mal. + +Da warf er sich hoch, und indem es schien, daß er sie ganz in sich +schlinge, sagte er ihr, daß er auch sie verlasse, wenn der Nebel vor den +Fenstern heller werde. Er blieb noch einige Stunden bei ihr, indem er sie +streichelte und ihr Wesen ein letztes Mal einsog, denn sie war schön und +edel und weinte, die Hände vor die Augen geschlagen. Dann verließ er sie. + +Er ging den Morgen in die Themse und badete. + +Dann ging er nach Hause, ließ packen und fuhr nach den schottischen Gütern. +Aber am ersten Tage der dritten Woche glitt er, jagend an einem Bergrücken, +aus und brach das linke Bein. Sein Hochländer trug ihn ins Tal. + +Sie tauchten immer tiefer hinunter, wo die Dunkelheit ihnen entgegenkam, +und je mehr sie in die verdichtete Landschaft hineinschritten, überfiel ihn +Beklemmung, deren Sinn er nicht begriff. Sie erreichten ein Licht, ein +geöltes Haus. Sie schrieen nach dem Besitzer und befahlen ihm, mit dem +Pferd in die Finsternis hineinzureiten, damit er Hilfe bringe. Erst am +Morgen kam er mit einem weißbärtigen Mann, der das Bein einrenkte. Als die +Knochen wieder aneinanderstießen, schrie Jean François vor Schmerz, so sehr +lähmte der Alp seine Brust. + +Der Hochländer schaute abgewandt durchs Fenster, und Jean François, der +fühlte, wie jener sich für ihn schäme, schrie ihn an, und wurde ungerecht. +Am nächsten Tage aber schenkte er ihm das Elengeweih seiner Sammlung, damit +dieser beides vergäße, die Scham und den Schrei. + +Da er lange lag, haderte er mit dem Geschick. Denn er fühlte, daß der Druck +über ihm blieb. Er wollte ihn vertreiben. Er fuhr mit dem Auge die Berge +hinauf und ließ den Blick herabfallen in die Wiesen, über denen Kuhgebrüll +erdwarm donnerte. Er trieb Studien, er las. Er färbte Stoffe. Er focht zwei +Stunden des Morgens angeschnallt ans Bett mit einem großen Fechter des +Clans, damit seine Muskeln hart blieben. Aber es half nichts. + +Nach sechs Wochen zog er wieder in London ein. + +Sein seitheriges Leben kam ihm in gleicher Form entgegen. + +Er griff es, nahm es und lebte weiter. + +Eines Abends reizte ein Mädchen sein Gefühl, das mit einer herrischen +Kopfbewegung aus dem Nebel ihm entgegenkommend in den Laternenschein +hineintrat. Sie war untersetzt mit geschmeidigen Lenden und trug einen +ausländischen Pelzhut. Er drehte um und folgte ihr. Sie gingen durch +Straßen und Gassen, es war eine ganze Stunde, daß er sie verfolgte, da +kamen sie in die Gegend des Hafens. Die Gassen verwirrten sich immer +verzogener ineinander. Da bog sie zur Seite und verschwand. Das Haus, in +das sie getreten war, hatte einen wüsten Eingang voll Winkel. Ein grünes +Licht flammte davor. Die Fenster waren aus Ölpapier und erleuchtet. + +Jean François trat ein. Im Flur schon hörte er, wie Musik begann. Er trat +in einen Saal. Links saßen die Musikanten. Sie spielten Flöten und irische +Dudelsäcke. Ein einzelner Hagerer hieb wild auf eine Pauke. + +Im Hintergrund hob sich der Saal im Rauch und Qualm zu Terrassen von +Stühlen und Bänken in die Höhe und vergrößerte sich ungewiß. Vorne +schwankten Paare durch die dichte Luft. Schreien und Gestampf durchbrach +die Musik. + +Auf einem der Tische stand eine der Vorstadtköniginnen, wunderbar wild im +Bau, hatte eine rote Mütze über den Haaren, die Bluse voll herabgestreift +und schwang die Arme singend, den Kopf im Rausch gerötet, durch den Raum. +Der Rauch umwallte sie manchmal ganz, dann riß er sie wieder in die Blicke. +Ihre Augen glänzten wie feuchte Steine, der Mund stand offen, derb und +glühend. + +Ein Matrose schwankte mit großen Sprüngen über die Diele und suchte im +Vorbeisprung Jean François zu umarmen. Doch der schob ihn weit zur Seite +und arbeitete sich durch die Tanzenden quer hindurch zu den Stuhlkolonnen +und setzte sich an einen leeren Tisch. Das Gesicht eines Graubärtigen +bewegte sich neben ihm auftauchend und brachte ihm Punsch, der scharf nach +Essig roch. + +Plötzlich ging die Saaltür weit auf und schloß sich rasch, frische Luft +strömte herein und warf den Rauch auseinander, die Ölfenster knallten unter +der Luft, die wie helle Nester eines über dem anderen hockend die ganze +Straßenfront gliederten . . . da sah er in der Lücke, daß am anderen Ende +des Tisches ein Mann saß, dessen Blick ihn kühl abmaß. Er hatte grüne +Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und ein bleiches +Gesicht. Er trug die Kleidung eines vornehmen Mannes, eine flandrische +Krause als Einsatz, aber hohe Stiefel. + +Der Mann erhob sich und setzte sich ihm näher gegenüber. + +Die Musik brach jäh ab. Vom Nebentisch sprang die Tanzende herunter und +warf ihre Arme von hinten her dem Fremden über die Schulter und drängte +ihre schweren Brüste um seinen Nacken. Sie hatte den Kopf an sein Ohr +geschmiegt und lachte, über ihn weg kokettierend, zu Jean François hinüber. +Im gleichen Augenblick aber steckte ein Matrose seine Hand in des +Gegenübers Tasche und zog mit zwei spitzen Fingern ein funkelndes seltsames +Stück Börse wie einen Wurm heraus. + +Jean François erheiterte dieser Fall sehr, allein er nagelte trotzdem den +Kerl sofort mit gezogener Handpistole auf den Platz fest. Der Bursche ward +bleich, von einigen Tischen scholl Geschrei. + +Der Fremde lächelte, nahm die Börse zurück, um sie dem Matrosen mit einem +Kompliment wieder zu überreichen. Dann dankte er, indem er den +ausbrechenden Tumult des Lokals mit einer Handbewegung dämpfte, durch eine +leichte Verbeugung Jean François für seine Güte. + +Das Mädchen hatte sich auf seine Knie gesetzt. + +Seine Hand spielte nebensächlich mit ihr, indem er Jean François bat, als +einen Ausgleich und um -- zumal als Ausländer -- höflicher Handlung mit +edelmännischer Genugtuung zu begegnen, eine Bitte an ihn zu richten. + +Allein Jean François lächelte nur, denn ihm schien nichts wünschenswert, +was er nicht selbst hätte erreichen können. + +Doch auch der Fremde lächelte. + +Und wiederholte eindringlich, daß er bäte, ihn nicht zu verkennen, sondern +ins uferlos Blinde über ihn zu verfügen, denn es sei morgen bereits schon +zu spät, und das würde ihn schmerzen, wo ihn eine Flotte nach Indien fahre. +Dann lächelte er wieder, Jean François' Erstaunen erwartend. + +Der aber durchdrang mit dem Blick den Rauch des Zimmers, schweifte einige +Sekunden in Entferntem, das ihn betäubte mit der Unendlichkeit der Bilder, +und sagte, dem Traum der Jugend nahe gebracht, dunkel aufgewühlt und +Unbekanntem willig folgend (obwohl er erstaunte über Sinn und Klang der +eigenen Stimme), er bäte um ein Patent, wenn dies in der Macht liege +. . . »Würden Sie. . .« + +Der Fremde jedoch zog ein Papier, bemalte es mit wenigen Zeichen und +überreichte es ihm. Es war ein Diplom als erster Leutnant und zweiter +Supracargo auf einem Schiff, das »Santa Cruz« hieß. + +Jean François sah ihn scharf an. Dann verbeugte er sich. + +Der Fremde hielt ihm die damenhaft schmale Hand hin, in die das Mädchen auf +seinem Knie einige Tropfen Wein schnickte. Aber eh Jean François einschlug, +sagte er, daß er wohl wisse, wie eng dies ihn binde, daß er aber innerlich +keine Verpflichtungen auf sich nehme, denn er sei gewohnt, die Stunden zu +treiben, wie er wolle, zu weilen, wie ihm passe und der zu sein, der er +beliebe. Doch der mit den grünen Augen ihm gegenüber saß, gab hierauf keine +Antwort, empfing den Handschlag und wies hinaus, wo Pferde stampften. + +Sie erhoben sich und verließen den Raum. Das Mädchen zerrte an ihren +Rockschößen. Sie achteten nicht darauf. + +Ein Wagen mit weißen Pferden hielt in der Gasse. »Sie werden alles finden,« +sagte der Fremde, »aber Sie dürfen nicht zögern.« Er verabschiedete sich, +da er noch einiges zu verhandeln habe und sagte, sie würden sich bald +wiedersehen. Der Wagen fuhr bis zum Hafen. Eine Ruderbarkasse brachte ihn +ans Schiff. + +Sie zogen die Nacht noch den Fluß hinunter. Am Morgen floß England hinter +ihnen zusammen wie grauer Schaum. + +Als die Weite des Meeres vor ihnen lag, füllte sich Jean François' Herz mit +tosenden Takten. Er nahm seine Equipierung auf dem Schiff. Als er sich +umzog, trat ein Offizier in seine Kabine, -- er wechselte gerade die Hosen, +-- und bat um die Aushändigung des Patents. Jean François reichte es ihm: + +»Sie werden erstaunt sein, mich aus einer schwärmerischen Nacht in diese +Fahrt und Stellung stürzen zu sehen, im Abendanzug, Leutnant Vaudricourt. +Allein es trieb mich so.« + +Der Leutnant grüßte höflich und erwiderte, dies wolle nichts sagen, denn er +habe die Fregatte lediglich mit einer Nachtkleidung und einem +Damenstrumpfband aus weißer Seide erreicht. Er legte die Papiere zusammen +und sagte: »Ich sehe, wer Sie sind.« + +Er war höflich. Er war Franzose, wie viele auf diesem Schiff +Übergetretener, und von guter Erziehung. + +Am Abend, als er die Offiziere zu einem großen Diner einlud, erfuhr Jean +François, daß sie sich mit fünf anderen Schiffen vereinigen würden, +bestimmt, Brotbäume in der Südsee aufzunehmen und sie zur Verpflanzung nach +Westindien zu schaffen. Die Verdecke waren schräg aus Blei aufgelegt mit +Rinnen zur Bewässerung. Zwischen den oberen Verdecks waren hohe Räume, und +in einem falschen Boden standen hunderte Kübel. + +Nach vier Tagen trafen sie auf eine Flotte. Signale riefen die Offiziere +auf das Admiralschiff. Sie stellten sich im Halbkreis auf dem Hinterdeck +auf. + +Dann erschien, begleitet von großem Stab, ein Mann, edel und vornehm. Er +hatte grüne Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und +ein bleiches Gesicht. Die Augen funkelten. Die Offiziere verbeugten sich +tief. + +Er senkte langsam den Kopf. Über seiner Brust schwebte noch das +Ludwigskreuz. Sein Degen war von wundervoller Arbeit. Es war der Admiral. + +Er ging auf Jean François zu, nachdem er die Befehle ausgegeben hatte, +nannte leise seinen Namen: »D'Aché,« und bat ihn, mit ihm zu kommen. Sie +stiegen über einige Treppen tief hinunter. Dann traten sie in einen breiten +Raum. + +Der Vicomte hob einen Leuchter und deutete auf einen Käfig, in dem ein Mann +geduckt saß: Der Käfig hing an Seilen hoch von der Decke herunter. Er ließ +mit einem Griff ihn sich senken. Jean François sah, daß es der Matrose war, +dem er vor sechs Abenden seinen Pistolenmund auf die Magengrube gerichtet +hatte, und der Graf sagte lächelnd: + +»Junger Mann, ich schätze Ihre Liebe für andere Atmosphären, in denen das +Leben derber und inbrünstiger geht, als in den uns angemessenen. Ich liebe +dies auch. Sie werden darüber schweigen, hören Sie. Ich habe Sie +verpflichtet, weil ich aus dieser Anlage Großes und Wildes von Ihnen +erwarte. + +Doch das mit der Pistole war töricht. Sie mißverstehen den Stil. Man hätte +uns in Fetzen geschlagen. Man muß das anders machen. Den hier habe ich mir +später selbst und allein noch geholt. Fragen Sie ihn.« + +Der Matrose wimmerte, aber schwieg . . . + +Jean François fuhr mit seinen Offizieren zu seinem Schiff. + +Während der Fahrt betrat er das Admiralschiff nicht mehr. + +Sie waren drei Leutnants auf der Fregatte, er, Vaudricourt und Jules Labé. +In den Nächten seufzte Vaudricourt nach dem Mond und erlebte die Verse +großer Dichter, wenn das Meer in ziellosen Spiegelungen erglühte. Labé +hatte eine Kreolin mit, die in einer Matte unter dem großen Segel lag und +rauchte. + +Oft spielte Vaudricourt auf einer langen silbernen Flöte ihr vor und sang +mit warmem Tenor. Sie schloß die Augen wieder, öffnete sie zu Jean François +und bat ihn, ihren Windhund zu holen, damit sie mit diesem spiele. Sie +hetzte ihn über das Verdeck, und seine wilden Laute schoben sich zwischen +die Schwingungen der Flöte. Vaudricourt biß sich die Lippen und sagte: + +»Madame, wenn Sie das Spiel nicht lieben, will ich die Flöte ins Meer +werfen, obwohl sie Richelieu meinem Vatersbruder gab.« + +Die Kreolin bog sich in ihrer Matte und sagte: »Aber ich liebe das Spiel.« + +Der Hund sprang über die Matte hin und zurück, und sie sah Vaudricourt so +lange an, bis er verzweifelt ans Heck ging und ins Weite stierte. + +Abends legten sie eine Pharaobank aus und spielten. + +Als sie um Kap Horn fuhren, griff ein Wind sie von der Seite und warf sie +gegen eine Bank. Da das Steuer aus Zufall quer stand, glitten sie scharf +vorbei. + +Wieder flogen sie in den blauen Spiegel der Winde. + +An einem Morgen lag Land vor ihnen. Sie hoben die Köpfe. Sie begriffen erst +langsam, daß es Land sei. Sie fuhren Wochen schon. + +Steil erhob sich eine dunkle Küste, die ohne jede Einschnürung war. Sie +suchten zwei Tage lang eine Einfahrt an der westlichen Küste, sie trafen +nichts als einen Wall schwarzen Gesteins, aus dem Flüsse ins Meer spien. Da +gab das Admiralschiff das Zeichen, und sie fuhren nach der östlichen Seite. + +Da hob sich der Nebel und schwebte in einer gleichen Lage wie ein +mystisches Tuch in die Höhe. Berge in tausend Gipfeln, die weiß waren wie +Schnee, stellten sich gegen den Himmel, der in unsäglichem Blau an ihren +Linien herabrann. Vor ihnen öffneten sich geschwungene Buchten, saftig und +grün heranschwellend ans Meer. + +Sie warfen Anker. + +Dann schifften sie aus. Da brach aus Gebüsch weiter hinten eine Masse +fetter eingeborener Weiber mit Geschrei. Doch liefen sie nicht nach vorn, +sondern bewegten sich in gleichbleibender Erregung am Platz. + +In der Mitte zwischen der Küste und den Tobenden stand eine Zeder mit +Olivenblättern. Neben ihr, allein, war ein Eingeborener, braungelb, und hob +die Hand. Er näherte sich nicht und ließ sie herankommen. Die Offiziere +grüßten ihn höflich, so viel Würde war an ihm. Jean François sprach ihn an. +Da wuchsen, als er die eigene Sprache vernahm, seine Augen ins Ungemessene, +er berührte seine Nase und verneigte sich tief. Sie verabredeten zum +folgenden Tag eine Expedition. Durch Boden aus Bims und schwarzem Glas +brachen sie vor, bis sie in ein Tal kamen, das viele Brotbäume hatte. Jean +François befahl, sie auszupflanzen und auf das Schiff zu bringen. + +Der Anführer verneigte sich, sprach kein Wort und ließ den Blick nicht von +ihm. + +Rückwärts durchquerten sie einen Sumpf, in dem viel Pappeln standen. Am +letzten Rande des Moors, wo das Gelände sich nach dem Meer abbaute, saß +eine Frau, die eine Farrenwurzel kaute, die Fasern löste und einem Säugling +in den Mund schob. Es war hoher Mittag und die Sonne fiel steil auf die +Frau. + +Sie hob den Blick, ließ ihn an Jean François hängen und hob das Kind hoch +in die Luft, drehte sich dreimal im Kreis und lief rufend, die Arme +kreisend, davon. + +Das Land war Neu-Seeland. + +In der Nacht ging Jean François auf Deck. Schlaf kam ihm nicht. Er sah die +weiche Küste sich gegenüberliegen. Er sann nach. Er war nie an dieser Insel +gewesen. Er schaute den Himmel ab. Der Mond rollte hoch über den Bergen des +Westens. Er fühlte sich sehr leicht und umgeben von einer unerhörten +Wallung. Er horchte lange, schnickte Wassertropfen von seinem Ärmel und +ging hinunter. + +In der Nacht fiel Frost. + +In den drei folgenden Tagen füllten sie die Hälfte der Schiffe mit Bäumen. +Am vierten fuhren sie. + +Sie fuhren nördlich. + +Die Schiffe glitten voll Musik zwischen wunderbaren Eilanden durch, an +Buchten vorüber, die voll Pinguinen saßen und von Bächen durchströmt waren. +Sie lagen den ganzen Tag auf dem Vorderdeck und rauchten. Das Meer war +leicht und kaum bewegt, und die Inseln formten sich mit glänzenden Farben +und Vogelruf aus ihm heraus wie Wasserblumen. + +Als sie zwischen einem Gemisch süßer Buchten lavierten, suchte die Kreolin +Jean François zu verführen, indem sie abends nach dem Ankern ihr Bein aus +der Matte gleiten ließ und ihren Fuß langsam über seine Hand führte. + +Doch er stellte das Windlicht schräger, daß die Matte ganz in Vaudricourts +Blickfeld blieb. + +Sie ankerten noch einmal in Guam, um Wasser zu nehmen und den Rest der +Ladung. Sie blieben zwei Wochen in dem Hafen, der vor vier Winden schützte. +Die Bucht war morgens rot von Seegras, Meerwölfen und Seenesseln. Große +Schildkröten schwammen langsam vorüber. + +Den Mittag gingen sie in die Stadt, die auf Pfählen stand. Der spanische +Gouverneur Dom Simon de Auda ließ die Wache antreten und ging ihnen jeden +Tag in großer Uniform entgegen. Auf seiner Veranda nahmen sie Schokolade +und lange Zigaretten, die er ohne Pause selber drehte. Dann ritten sie ins +Innere, das voll Savannen lag, die tief in den Urwald hineinreichten, auf +denen weiße Ochsen mit dunklen Ohren gingen. Am letzten Abend gab er ihnen +ein Fest. + +Die Eingeborenen, deren Reste die Spanier auf diese Insel gepfercht hatten, +da sie revoltierten und aus Verzweiflung ihre Frauen zwangen, die Kinder +nicht mehr auszutragen, bewegten sich mit Lichtern und Stieren auf einer +weichen Rasenebene, um die der Wald aufwuchs. Im Gezuck der Bodenfeuer und +dem Kreischen der Männer kämpften zwei Hähne. Der Spanier saß unbeweglich +und stolz davor. Sie nahmen großen Abschied. Aber im letzten Augenblick, +noch am Strand, kam eine Schar aus dem Inneren, die Weiber mit roten +Hummerscheeren in den Ohren und legten, die Offiziere umringend, Gaben hin +und in die Nähe von Jean François. Jean François verzog nicht den Mund. + +Letztmals legten sie bei den Philippinen an. Der Gouverneur sandte eine +Einladung durch seinen Minister, einen Native in Hosen aus roter Seide und +weißem, chinesischem Hemd. Er bat, ungezählt lang zu bleiben. Seine +Langeweile wiege seine Orden nicht auf. Er versprach gestirnte Hirsche und +Eingeborene mit Schwänzen. + +Jules Labé sagte lächelnd, ein Wunder sei eines Wunders wert und sah auf +Vaudricourt. Die Kreolin trug eine ironische Falte und bat, ihr den weißen +Stoff zu besorgen, den der Minister trage. Jules Labé zog ihn in eine Ecke +und kaufte das Hemd um eine Pistole. Nur seine Hosen glühten, als er +halbnackt vom Ufer zurückwinkte. Die ganze Nacht schwammen die Inseln unter +weichen Mandolinentönen. + +Morgens flaggte das Signal zur Abfahrt. + +Mittags hob sich ein Strudel aus dem Meer, wuchs an den Himmel und sprengte +wie ein Geschoß die Schiffe auseinander. + +Sie fuhren auf seiner Fregatte Wochen irr und im Sturm. + +Als sie glaubten, daß sie sterben wollten und alles gleich schien, senkte +sich ein linder Abend herab. Die Wellen schoben sich ineinander, der Wind +lief gering und zart. Wie ein Schaumnest quoll der Horizont auseinander. Im +letzten Licht streckte sich eine schmale Bai vor ihnen aus. Sie wußten +nicht, wo sie waren. Der Sturm hatte die Kompasse zerhauen. Sie fanden nur +aus dem Sonnenstand, daß sie westlich fahren müßten und beluden, die +Gesichter aufgehellt, das Schiff mit Leinwand, daß es gut davonstrich. Sie +warfen keine Anker in der Dämmerung, da die Lotung günstig war. + +Sie ließen die Fregatte gleiten. Dämmerung schob sich raubend zwischen das +Schiff und das Land. Sie glitten in leichter Brise seltsam geschwellt in +das warme Meer. + +Da ließ Jean François, während die anderen aßen, die Hände vom Reeling. +Sein Herz hob sich. Er taumelte fast. Von einem Gestiegensein getragen, +ging er ans Heck. Sein Herz sprang. Er überstrich das Schiff mit dem Auge. +Er wußte nicht, was er tat. Aber er ließ, stolz und strahlend, das kleinste +Boot herunter, sprang hinein und stieß ab von der Fregatte in die +Dunkelheit, die ihn anzog, daß seine Pulse brannten. + +Er ging ohne Abschied, die Hände leer, das Ohr ungeheuer gefüllt vom +schwachen Geräusch ferner Brandung. + +Allein die Ebbe war ihm entgegen. Er ruderte mit allen Muskeln. Doch er kam +nicht vorwärts und das erzürnte ihn, daß er das Ruder drohend in die Nacht +hinein hob. + +Er arbeitete weiter. Er ruderte mit allen Muskeln, allein die Ebbe war +entgegen und warf ihn zurück. Es war eine lange Nacht. Sturzseen überfielen +ihn. Riffe türmten sich auf. Sein Kiel streifte oft an Madreporen. Allein +er barst nicht. + +Sein Gesicht strahlte, daß die Dunkelheit um ihn wich. Seine Augen hefteten +sich an das Land und zogen sich hin an dieser Kette. Gegen Morgen umfuhr er +eine Bucht Korallen und schob sich in helles Wasser. -- Als sein Boot Sand +unter sich erknirschen machte, wich die Dämmerung. Die Küste lag frei. Er +sprang mit einem riesigen Satz hinüber. + +Es wurde Morgen, und Helligkeit stürzte über ihn. + +Vor ihm standen Eingeborene, die Muscheln suchten. Als er aber unter ihnen +erschien, erstarrten sie. Einer allein sprang in die Luft, drehte sich im +Wirbel und schrie wie in hitzigem Gelächter. + +Die anderen aber fielen zur Erde. Sie lagen wie gefällt. Die Frauen sahen +hoch und zogen die Haare über den Mund. Dann riefen sie: »Rono . . . . +Rono« -- und weiter kein Wort. + +Er befahl ihnen aufzustehen. Sie wichen zurück. + +»Welche Insel?« rief er mit der Sprache von O-Taheiti. + +Allein sie antworteten mit dem rechten Dialekt: + +»Oahu«, sagten sie und starben schier. + +Er aber hatte diese Sprache lange nicht gehört. »Oahu«, sagte er und sah +sich um. Seine Augen schlossen sich. Das Blut zog hinauf in den Kopf. Dann +fiel es zurück. Die Blicke faßten alles. + +Zugleich vergaß er alles Vorherige. Es hatte keinen Wert mehr, es fiel wie +eine Kulisse. England strömte aus seinem Bewußtsein. Vaudricourt, die +Kreolin flogen schemenhaft von ihm. Alles Seitherige erschien ihm nur +geheimnisvoll (auch im Unbegreiflichen) nach dieser Küste gerichteter +Wille. + +So begriff er alles im Fallenlassen und Heben der Lider. Nahm den Fall des +Strandes in sich auf, das Erbrausen der Brandung, die Demut der Natives und +einen zarten Maiabaum, der ganz allein auf der Küste stand. + +Wie alles hinter ihm zurücksank, kein Gedanke das Schiff mehr suchte, das +zwischen fernen Wellen segelte und nichts mehr aus ihm her daran rührte, +stieg eine Zärtlichkeit in ihm, der folgend er niederkniete. Legte das +Gesicht in den weißen Sand, erhob sich, den Kopf drehend, und schrie wie +ein Tier in das Land. + +Da stoben die Eingeborenen in den Wald. + +Nachdem er die alte Welt aus seiner Seele getilgt hatte und gierig den +Einzug der neuen spürend, folgte er ihnen. + +Es war still. Die Bäume schlossen sich dicht über ihm. Er ging. Eine +Fledermaus spannte sich vor ihm auf und flog. Wurzeln krallten sich über +den Weg. Der Tag stieg. Ein Trogu kletterte in den Palmen. Er segnete ihn. +Zwischen Schachtelhalmen rauschte ein Wiedehopf. Es wurde stiller. Sein +Herz klopfte bis in die Kokoskronen und breitete sich über sie. Sein Herz +schwoll über den Wald und verschlang sich mit ihm, daß jedes Geräusch der +Blätter in seinen Kammern mitschwoll. Er empfand Zärtlichkeit für alles. Am +Mittag sah er einen langen, spitzen Kopf mit steilem, hohem Ohr. Es war ein +wildes Schwein. Es sah ihn an. Er streichelte es. + +Er ging. + +Dann kam er in ein kleines Tal. Bergwände warfen sich herunter, es war eng +und dicht. Plötzlich verließ er das Dickicht und brach ins Freie. Die Enge +war paradiesisch. Palmen schwankten in der Sonne über einer Hütte. + +Vor der Hütte stand ein Mädchen. + +Als er kam, kniete sie nieder und flüsterte: »Rono.« + +Er trat an sie heran und sagte: »Liebe mich.« + +Sie war weiß wie eine Französin mit einem metallischen Schimmer der Haut. +Ihre Glieder waren schlank und weich. Sie stand auf. + +Sie hob die Arme. In den Achselhöhlen saß kupferner Flaum. Ihre Haare waren +tiefrot und glatt. + +Sie hob die Arme und legte sie um seinen Hals. Er trug sie in die Hütte +voll Erleben des zärtlichen Druckes, mit dem sie sich an ihn lehnte, so, +als stürbe sie an ihm. + +Er fragte sie, wie sie heiße. + +Sie wagte ihren Namen vor ihm nicht zu sagen. Da nannte er sie Kalekua, +weil sie dieser ähnlich war. + +Aber nach wenigen Tagen bedrückte es ihn, daß er deren Erlebnis noch +ungelöst und schwingend hinter sich trage. Er brach auf und ging zwei +Wochen durch den Wald mit ihr bis Honoruru zur südlichen Küste. Dort hörte +er, Kalekua sei gestorben, und dies erfüllte ihn mit Freude, denn nun +schien ihm alles auf diese Frau übergegangen zu sein. + +Er baute zwei Tage von der kleinen Stadt der Natives ein Haus auf einem +schwarzen Lavafelsen, der die Bai überragte. + +Morgens sahen sie gleich aufs Meer, in dem Kanoes lichte Schaumstreifen +hinter sich zogen und silberne Rollen an den Madreporen rannten. Einmal lag +ein Schiff lang draußen unbeweglich, das amerikanischen Kaufleuten gehörte, +die Sandelholz nach China brachten, wo es als Weihrauch durch die Pagoden +stieß. Sonst kamen keine Schiffe. + +Oft regnete es. Aber der Himmel blieb strahlend blau, und die Tropfen +hingen wie tanzende Seile in die See. + +An einem Morgen nahm Kalekua ihn bei der Hand und führte ihn stundenweit. +Sie bahnten sich durch Farrengestrüpp und Unterholz einen Weg. Spät kamen +sie in eine Schlucht. Kalekua ließ seine Hand nicht frei. Plötzlich, +nachdem sie unter überhängenden Felsen lang gegangen waren, traten sie +hinaus. + +Über ihnen war ein Brausen. Sie hoben die Köpfe. Er sah auf der einen Seite +der Schlucht einen Strom herabfallen, aber in der Mitte der Luft fing ihn +ein Windstrom, der strudelnd gerade vor ihnen hochstürzte, und trug ihn auf +die andere Seite hinüber. Der Wind stand wie eine blaue Spirale in dem Tal. + +Kalekua sah fragend zu ihm auf. + +Da herrschte er sie an, stellte sie und fragte: »Was willst du?« + +Sie sagte: »Rono!« und sonst nichts. Aber ihre Augen fragten. Sie kehrten +zurück. + +Manchmal kamen Natives an den Rand des Waldes und sahen nach der Hütte und +gingen scheu zurück. + +Die Luft war klar und hell. Geräusche spannten sich unendlich aus. Klang +entfernter Fischerboote hallte lang herauf. Selten wurden die Nächte kühl. +Drei Kokosbäume standen um ihre Hütte. Kam Sturm, bogen sie sich wie Glas +tief hinunter nach dem Meer. Es wurde heiß, aber eine leichte Brise schob +die Luft klar zusammen und machte das Klima wie aus Seide glatt und kühl. + +Kalekuas Wesen war durchsichtig und glänzend, und ihre Haut glich geblaßtem +Bernstein. Manchmal erzitterte sie, wenn sie Jean François sah und schien +unter seinem Blick aufzugehen und sich zu entfalten, und in immer +steigender, unirdischer Hingabe ihn mitzuführen und nach seiner Seele +wiederum hinaufzuwachsen, daß er in den Umarmungen ihrer Nächte sich wie +schwebend empfand. + +Einmal traf er sie, als er durch den Wald streifte. Sie saß neben einem +Ohiobaum, spielte mit den roten Früchten und hielt eine zwischen den Knien. +Ihr rotes Haar fiel straff zurück. Sie sang: + + Inoa o Mauae a Para, + He aha matou auanei? + O Mauae, te wahine horua nui, + Wahine maheai pono. + Tuu ra te Ravaia + I ta wahine maheai, + I pono wale ai te aina o orua. + I ravaia te tane. + I mahe ai te wahine. + Mahe te ai na te ohua, + I ai na te puari. + + +Sie hatte eine Verklärung in ihr Gesicht gesammelt, daß er nicht wagte, sie +anzureden. Er schloß die Augen. Dann zog er wie ein Fuchs den Kopf ins +Dickicht zurück. + +Ein paar Tage regnete es hintereinander. Dann kam die Luft gesträhnt frisch +herauf. Jean François lag auf seinem Bett und kaute gelangweilt an den +Limonenblättern. Kalekua trat ein. Sie war noch feucht vom Bad. In ihren +Haaren staken vier weiße Federn. + +»Du hast die weißen Federn . . .« + +»Es ist das Königszeichen.« Sie strich über sie. + +Ihre Brust bebte. Sie nickte. Dann ging sie allein hinunter den langen Weg +nach Honoruru zu den Zeremonien der Königin, der sie verwandt war in der +dritten Reihe. Jean François lief den Tag durch den Wald. + +Die Fledermäuse stoben auf. Sie reizten ihn nicht. Kein Trogu entzückte +seine Augen. Er warf mit Früchten nach den wilden Schweinen und brüllte aus +breiter Brust, daß sie verstoben. Er kam heim, als die Sterne sich über den +Wald wölbten und lag eine Nacht, das Gesicht verzerrt gegen den Himmel, +schlaflos. + +Am Morgen wusch er sich, nahm ein Kanoe, stieß ins Meer, sang heiß, kam des +Nachts in die Stadt und durchschweifte die Gassen. Gegen Morgen kam er an +die große Bai. Draußen lagen im fahlen Silbergrau sieben Schiffe. Er +begriff nicht. Er visierte. Es waren sieben Schiffe. Es waren nicht die +seinen. + +Drei waren Sandelholzfahrer, Amerikaner. Die anderen hatten die plumpe +Bauchlinie und das Grau der Walfischfahrer der südlichen Meere. Er verstand +diese große Flotte nicht, wo sonst nur einzelne in Monaten Pause ankerten. + +Er ging zurück und trat in eine erleuchtete Hütte. Matrosen johlten darin. +Sie hatten Rumfässer aus den Schiffen herübergewälzt. Er ging auf den +Besitzer zu und nahm ihn zur Seite. Es war ein alter Chinese, er kannte +ihn. Der sah ihn an von unten und sagte, seit vier Wochen sammelten sich +Schiffe und Matrosen am Strand. Jean François erstaunte, allein seine +Sehnsucht ging nach Kalekua. Er vergaß alles darüber. + +Als er aber im großen Garten von Ananas bei ihrem Oheim Kuakini saß, +begannen die Amerikaner das Haus der Königin zu beschießen. Sie speisten +gerade. Jean François sprang hinaus. Zwischen den verankerten Schiffen und +der Küste wimmelten Boote. + +Ein Weißer kam ihm entgegen. Er trug den dürftigen Taillenrock um die +eherne Brust, ein starres Gesicht, um das sich Locken kräuselten. Er war +ein Missionar von den Schiffen. + +»Warum tun sie das?« + +Der Missionar sprach von Christi Wunden und hob sein Bibelbuch. Da schlug +ihm Jean François die Hand voll ins Gesicht. + +Die Natives flohen aus allen Häusern. Die Matrosen stellten Espingoles am +Strand auf und schossen einpfündige Kugeln. Häuser brachen knallend +zusammen. Das Haus der Königin brannte. Jean François ging in den Garten +zurück, nahm Kalekua und floh mit ihr. Überall in breiter Kette strömten +Menschen in den Wald, wo die Matrosen nicht mehr folgen konnten. Einige +blieben stehen, hoben die Arme und machten demütige Gebärden, »Rono« +rufend. + +Allein er umarmte Kalekua und fragte nach nichts. + +Sie zogen zwei Tage durch den Wald. Am Abend noch, da sie ihre Hütte +erreichten, fuhr er hinaus aufs Meer. Er sah sein dunkles Lavariff in den +Himmel aufwärts stoßen und sein Haus wie auf einem Wellenrücken hoch +tragen. Er sah die geschmeidige Flanke der Bucht ausgedehnt nach den beiden +Seiten. Sah darüber gewölbt die Unendlichkeit des Waldes, den hellen Sand, +die Muscheln, die Sonne . . . er sang, er spürte in einer heißen +Gehobenheit, wie dies alles zu ihm gehöre und er sich wieder darein +zurückergieße wie an die weißen Glieder Kalekuas. + +Kalekua aber irrte verwirrt umher. Glanz zog aus ihrem Auge. Sie sprach +nicht, sie sah ihn lange an. Es war einsam um die Hütte. Selten tauchten +Eingeborene auf. Das Klima wurde köstlicher und von Blüten durchzogen. + +Einmal wagte Kalekua zu reden und bat, er solle das Unglück bedenken. Er +verstand sie nicht. Sie meinte die Stadt und sagte es. Jean François hatte +es vergessen, als er den Abend in die See stieß, denn es war an der Größe +seines Gefühls hinabgeglitten und beiseite geblieben. Wenn er die Höhe der +Seele empfand, was war es ihm, daß Matrosen Kokos plünderten! Und er lachte +und sagte es ihr. + +Doch sie setzte einen Fuß vor den anderen wie spielend und sagte: »Sie sind +noch da, streifen und suchen die Königin.« + +»Was willst du --.« + +Da wies Kalekua auf ihre weißen Federn und bat zu ihr gehen zu dürfen, die +versteckt sei, und zitterte vor ihm. + +Schmerz wühlte sich kurz in seine Brust, wie er dachte, daß sie gehe, aber +er sah in ihre Augen und ließ sie gehen. + +Am vierten Tage ihrer Abwesenheit tauchte eine Flotte aus dem Horizont. +Jean François lag auf dem Bauch über den Rand der Klippe gebeugt und +erwartete sie. Sie schaukelte weich getragen heran. Plötzlich riß er den +Kopf zurück und schüttelte ihn. Dann sprang er auf und lief ins Haus. + +Es war kein Zweifel. Es waren seine eigenen Schiffe. + +Er schrieb sofort einen Brief. Er schrieb, fette Walkähne hätten die Küste +beschmutzt, an der er lebe. Man solle sie zerschießen, obwohl es +verächtliches Handwerk sei. Er habe sich vom Schiff entfernt wie er +gekommen sei. Er habe darauf vorbereitet, auch ohne zu wissen, warum. Darum +unterlasse er es, Entschuldigung zu ersuchen, denn allein das Verständnis +erkläre sein Tun: daß so sein Drang und seine Art sei. + +Als die Schiffe Anker warfen in der Dämmerung, schwamm er hinüber und warf +ihn ins Admiralschiff. + +Die Nacht lag er schlaflos. Er bedachte Vergangenes, wo die alte Welt ihn +wieder überspülte. Sein Hirn fand keine Brücke zu ihr. Sein Herz staunte +über sie. Sein Leben schien nur nebensächliche Vorbereitung für den +Zustand, in dem er nur die höchste Gleichgewichtslage seines Daseins +empfand. Er hob eine Muschel und schlürfte sie voll Andacht. Er streichelte +den Boden des Hauses und empfand Erschütterung. Er lächelte, hob die Hand, +und unter dieser Bewegung schwang das Vergangene ins Uferlose zurück. + +Morgens wechselte das Admiralschiff Signale nach dem Strand. Graf d'Aché +stand auf der Brücke in großer Uniform, das Band des Ludwigskreuzes über +der Brust. Er kommandierte: + +»Mein Herr, Sie sind desertiert. Ich würde Sie in Eisen schlagen, träfe ich +Sie. Ich werde den Strand absuchen lassen mit fünfzig Mann. Man wird Sie +wie eine Dohle fangen. Ihr Wunsch um Hilfe sei aus Sachlichkeit gewährt. +Ich werde morgen fahren. Nehmen Sie von einem Gentleman am Schluß die +Versicherung bewundernder Freundschaft.« + +Kurz danach kam Kalekua. + +Am Mittag suchten fünfzig Mann mit Bajonetten die Küste ab. Jean François +floh nicht. Er wußte, daß sie die Wege zu ihm nicht fanden, und sie fanden +sie auch nicht. Anderen Morgens lösten sie eine metallene Kanone, begaben +sich kreuzend unter Wind und trieben aus der Bucht nach Honoruru zu. + +Kalekua hatte eine neue Weise zu gehen, sie berührte den Boden weniger wie +früher, ihre Hände hatten einen eigenen Takt und ihre Augen sahen durch die +Dinge hindurch, die sie umgaben. Die Feierlichkeit reizte Jean François, +und er bat sie, ihn zur Königin zu führen, wenn sie wieder zu ihr ginge. +Und sah sie fest an. + +Sie erschrak und wurde braun im Gesicht und sagte stockend vor Freude und +Angst: »Ich will.« + +Sie speisten auf dem Tisch vor dem Haus. Sie brachte eine Karabasse mit +Teig, gebratenes Schwein und süße Kartoffeln. Als sie die Holzschale mit +Wasser reichte, sah er wieder, wie schön sie war. + +Sie setzte sich ihm gegenüber, eine Yameswurzel leicht zerkauend, die +Palmen bogen sich in der Luft, das Meer scholl herauf. + +Da wies er hinunter und sagte ihr, daß er fremde Schiffe gesandt habe gegen +die Chinafahrer und verzog keine Miene. Sie aber, ungläubig, übermäßig +erbebend, sprang auf, wandte sich wie zum Fliehen, kehrte um und küßte ihn +zwischen die Warzen seiner Brust, wagte den Blick nicht aufzuheben zu ihm +und flüsterte: »Rono«. Jean François erzürnte über das Wort, das wieder auf +ihn traf, ohne daß er es faßte, drohte ihr und fragte, was sie damit sage. + +Sie hob wieder den Blick. Aber sie brachte das Auge nur bis dahin, wo sie +ihn geküßt hatte, und fast vergehend sagte sie: + +»Du wolltest zur Königin. Sie will dich sehen.« + +Ihre Haltung war schwach. Die Schultern hingen. Sie kehrte um in das Haus, +kam zurück und trug die weißen Federn. Sie nahm seine Hand und sagte: +»Komm.« + +Dann gingen sie in den Wald hinein und ließen das Haus hinter sich. + +Die Tür stand offen. + +Das Meer brauste blau hinein. + +Kalekua sah sich noch einmal um. + +Nachts schliefen sie in einer Platane. Morgens wanderten sie weiter. Als +die Sonne steil stand, kamen sie an einen Paß, der in Windungen sich +aufwärts drehte. Sie gingen lange. Mit einem Male endete der Weg. Hinter +einem Busch trat ein Mann hervor, der mit dem Firnis der Gumminuß im +Gesicht gezeichnet war. Er neigte sich. Kalekua winkte mit der Hand. Da +ging er vor ihnen her. + +Sie schritten durch den Busch und gingen über eine Gegend, die verbrannt +war, dürrer als Wüste. Erdhaufen bogen sich wie Wellen. Risse durchfuhren +den Boden. Trockene Büsche klebten am Rand der Steigung. Kalekua packte +seine Hand. Sie kletterten über eine Lavadüne, bogen und stiegen eine +kleine Terrasse hinunter. + +Der Boden senkte sich tief und lief in mächtigen Kurven sich verschlingend +um einen Streifen Wasser, der sich tief ausdehnte, den wieder Zungen und +Wellen Landes durchstießen und sich so zum Horizont verloren. + +Aus dem Wasser brachen Kegel wie spitze Maulwurfshügel. Aus ihren Röhren +stieg lautlos weißer Dampf. Es waren Hunderte von Kegeln. Einer spritzte +Gelbes aus seinem glasdünnen Schlund. + +Kalekuas Hand führte ihn weiter. Vor ihnen ging der Gezeichnete. Sein +Rücken zitterte. + +Jean François schritt federnd und leicht. Sein Herz stürmte in eine große +Erwartung. Seine Augen streiften ein großes Erlebnis über den Tag und +hungerten danach. + +Sie stiegen wieder. Es wurde glühend vor Sonne. Die Erde tat den Sohlen +weh. Nirgendwoher kam ein Wind. + +Dann tauchte eine Mauer auf, die den Bergrücken herunterlief in einem +langen und leeren Bogen. Auf ihr war ein Holzstamm rund gehauen aufgestellt +mit vielen schmalen Rinnen, die nach unten liefen. Darauf hockte, halb +stehend, eine Figur. Sie war in die Knie gebeugt mit einer Knickung, daß +die Schenkel wollüstig und breit anschwollen. Die Arme waren dünn und +verkürzt leblos nach der Erde gehängt. Die Brüste waren klein und saßen +dicht unter dem Hals. Der Kopf bestand aus einem einzigen wüsten Rachen und +trug einen Helm, dessen Schweifung sich in einer Raupenfahne bis zum Becken +hinabzog. + +Sie machten einen Bogen und traten dicht an der Bergwand in einen Gang. +Zuerst war es dunkel. Dann sonderten die Wände ein Licht aus, das mit einem +matten gelben Schein die Höhlung durchdrang. Die Luft war weich. Kalekuas +Daumen strich über den Ballen seiner Hand. Das gelbe Licht aus den Mauern +verdichtete sich zu phosphorischem Glanz. + +Eine Stimme scholl ihnen entgegen, die seinen Schritt hemmte. Aber Kalekua +trat vor ihn. Er fragte: »Kalekua? Am Ziel?« Sie drehte sich halb und +sagte: »Der Priester, der das Kommende weiß,« und zog an seiner Hand. Sie +waren in einem runden Saal voll von dem Licht. In der Mitte stand ein +Gehäuse, oval und derb geschnitzt, mit Gitterung in der Hälfte der Höhe. + +Kalekua deutete auf ihre Federn, wies mit beiden Händen darauf und sagte: +»Zur Königin.« + +Als ein dumpfer Laut zurückkam, wollte sie vorgehen. Allein Jean François +trat, sich von ihr lösend, an das Gehäuse und erfragte streng den Sinn des +Wortes, das ihn überall traf und das sein Bewußtsein quälte. Er fragte: +»Was ist Rono?« + +Ein Kopf schob sich aus dem Gitter, pergamenten die Wangen, mit +geflochtenem, weißem Bart, starrte ihn an und erschrak. Dann zog sich der +Kopf zurück, und eine demütige, zitternde Stimme fragte aus dem Inneren des +Gehäuses, warum er scherze. Doch Jean François befahl laut die Antwort. + +Da begann die Stimme wieder. Sagte -- wenn er Bekanntes wiederholen müsse +--, daß Rono ein Gott gewesen sei, der die Insel bewohnte, dann Menschen +die Erlaubnis gab, sie zu besiedeln, die ihn aber schlecht ehrten. Da brach +er los, tötete viele und verließ die Insel . . . Und daß er wiederkomme +übermächtig in einem Schiff, der Gott, der Gott -- -- -- sagte er, und +heulte erbärmlich. + +Kalekuas Gesicht war starr. Der Priester wimmerte und bewegte sein Gehäuse, +daß es um die Achse schnellte und ein hallendes Geräusch gab. + +Nun wußte Jean François Kalekuas tiefste Gedanken. + +Sie drangen weiter vor. Das schwebende Licht hörte auf, die Beleuchtung +ward mehr die des Tages, blau und durchsichtig. + +Plötzlich wich die Wand auf der einen Seite tief in die Dunkelheit hinein, +die anbrach. Am Ende des finsteren Raumes jedoch sahen sie hellen Himmel +hereinkommen. Als sie die Augen senkten, öffnete sich das Meer vor ihnen, +und vertiefter noch dann die Stadt und die Bai. + +Jean François gewöhnte sein Auge an das strahlende Licht. Da sah er die +Bucht voll von Booten, die vom Strand zurückeilten. Um die Klippe aber +schwammen fremde Schiffe, von denen weiße Wolken sich hoben. + +Kalekua drückte ihn gegen die Wand. + +Ein feiner Lärm kam von unten heran. Zehn junge Männer gingen vor einem +Zuge. Sie bliesen Hörner aus weißen Knochen, die spitz gleich +Schäferpfeifen klangen. Ihnen folgten andere, die Besen hatten, die +brannten und einen Moschusduft ausspannten. Dann kamen, stampfend, die +Beine wirbelnd, Mädchen in gelben Mänteln. Sie hatten in der linken Hand +kleine und dicke Stöcke, in der anderen große geschälte hohle und schlugen +quirlende Takte darauf. Zwei hatten Trommeln aus Haifischhaut. Sie +rasselten knatternd und dumpf. + +Sie rannten vorüber nach dem Felsausblick, und ihr Geschrei erhob sich +heftig und monotoner, während sie die Schlacht beschauten. Kalekua faßte +ihn. Sie gingen weiter. Es wurde wieder dunkel. Dann aber kam von neuem +Luft zart und mild herauf. Sie blieben stehen. + +Ein Teich lag vor ihnen. Ein schmales Stück Land schloß ihn am Ende rund +ein. Darüber stand die große Öffnung des Berges gegen den Himmel hin. + +Aus dem Wasser stiegen langsam Frauen. Eine kam zuerst. Sie trugen alle, +ohne diese, Helme mit roten Papageienfedern. Eine nur trug einen Wedel aus +Palmenfächern. + +Die erste aber schwang in leichtem Spiel die Arme zum Trocknen durch die +Luft. Das Blau zog dick hinter ihr zusammen. Sie war schlank mit +wunderbaren hohen Beinen und nackt. + +Ihre Knöchel trugen Ringe von Gardenien. + +Ihre Haut war gefärbt; gelblich braun wie eine reife Olive. + +So trat sie vor ihn, das Haupt zurückgelehnt, und sah ihn starr an. + +Ihr Blick aber streifte die Welt um ihn hinweg. Er sah ihren Kopf, ihre +Nacktheit, die weich und einfach auf ihn strahlte. Ihr Blick weilte auf ihm +mit stolzer und demütiger Klarheit, und dies erhob sein Gefühl, daß sie ihm +wie ein Ausgleich schien zwischen seiner Kraft und ihrer Höhe, sein Blut +strömte gesteigert bis an Grenzen, die er selbst nicht mehr erreichte, sein +Hirn, unirdisch geworden, schrie: Königin. + +Er begehrte sie. + +Er löste Kalekuas Hand von sich ohne Empfindung. Dann warf er mit einem +Schrei den Stolz der Königin nieder. + +Ihr Blick fiel. Sie wurde bleich. + +Von den Strömen seines Ich durchschwellt erhob er die Hände nach ihr: +»Liebe mich«. + +Seine Stimme schuf ein Schweigen, in dem die anderen erstarrten und Kalekua +niederfiel. Er sah ihr Gesicht, als er die Königin auf seine Arme legte, +versteint und still zu ihm aufsehn von der schmutzigen Erde. Aber so sehr +kreiste dieses Erleben in ihm, daß es seinem Bewußtsein vorbeischwamm wie +ein rascher Mond. + +Er nahm die Königin hoch, küßte sie und trat mit ihr in das Wasser, das bis +zu seinen Hüften stieg. Dann wurde es seichter. Er bog in den Seitengang +und kam in ein Nebengewölbe, das voll stand von kleinen Geräten, Waffen und +Figuren aus Jade. Sie aßen grünes Harz zusammen, das ihre Adern tosend +erhitzte und er küßte sie, die verging. + +Als am Morgen sein erwachter Blick gegen das Blau des Horizonts prallte, +stürzte das Bild Kalekuas von allen Wänden gegen sein Gesicht und verstörte +sein Gefühl. + +Er richtete sich auf, bis er kniete. Er sah auf die Königin. Sie war schön. +Ihre Lippen lagen fest zusammen und zitterten. Er verglich ihre Glieder. Er +berührte ihr braunes Haar und den schmalen Ansatz des Augenschlitzes, er +fuhr über ihre jungen Brüste. Er hielt die beiden Weiber gegeneinander. +Aber Kalekua stieg. + +Er stand auf, trat bis zur Öffnung, wo der Berg hinuntersauste, schwang die +Arme, sah noch einmal auf die Königin und ging. Das Wasser nahm ihn kühl +auf. Am anderen Ufer schüttelte er sich wie ein Hund, die Tropfen spritzten +gegen die Mauern. Er wußte, daß er eine große Höhe erlebt habe, aber daß er +sie wegtun müsse aus der bleibenden Erinnerung. Es war nicht viel, eine +Nacht aus dem Leben zu streichen. Er schob sie zurück. + +Im Gang standen in Nischen große Figuren aus Holz und Stein. Sie hatten +aufgeblasene Bäuche und grüne Augen. + +Am Ausgang lag Kalekua, zusammengekrümmt. Sie schlief. Tau hatte ihr rotes +Haar verwirrt und feucht geballt. + +Er bezähmte sich. Er stürzte nicht auf sie. Er wagte nicht sie anzureden. +Er sah sie lange an und ging vorüber. + +Nach fünf Schritten holte ihre Stimme ihn ein; sie schüttelte sich, stand +auf und kam. Er senkte den Kopf ein wenig. Sie aber nahm seine Hand wie +immer. Sie gingen zusammen, wie sie kamen, den Paß hinunter. Sie stießen +durch die Dämpfe der aufgespitzten Vulkane. Sie schliefen die Nacht in der +Platane. Mittags erreichten sie das Meer. + +In der ersten Nacht glaubte er, daß Kalekua ihn töten werde. Doch sie +zeigte Andacht und Liebe. Er grübelte, warum sie sich mit Freundlichkeit +verstelle. Dann stellte er sie zur Rede. Er sagte ihr, daß sie unehrlich +sei und Masken über ihr Empfinden ziehe. Sie weinte darauf und erbleichte +in Schmerz. Da stieß er roh in den Mittelpunkt des Gefühls: + +»Hast du nicht Schmach über mich? Ich ließ dich beiseite und nahm andere +Glieder an die Brust.« + +Da lächelte sie ihn an, verständnislos, und sah unsicher nach der See, über +der die Brandung aufschwang. Am Abend begann sie langsam zu weinen, und als +er ihr die Haare grade legte, fragte sie, ob sie bleiben dürfe. Da ließ +Jean François sein Mißtrauen vor solcher Liebe, deren Quellen er nicht +begriff, und überströmte sie mit Zärtlichkeit. + +Als sie später aufbrach zur Königin, blieb er allein auf seinem Felsen +sitzen. Die ganzen langen Stunden sann er ihr Bild in die Luft, daß er am +Abend des dritten Tages, halb verstört von Liebe und heißer Luft, in die +Hütte taumelte, um die Kalekua in unzähligen Formen und Haltungen +schwankte. Jede Linie schob sich zusammen mit anderen und wurde ihr Bein, +ihr Arm, ihre Brust, ihr Winken. Seine Augen wurden rot. Im Fieber schlief +er ein. So wartete er auf sie. + +Sie kam des Nachts und trat nicht ein. Als er unruhig erwachte und Kühlung +begehrend hinaustrat, sah er sie leblos vor der Tür. Das Sternlicht +überschwankte sie, und sie fror. Er trug sie auf Armen hinein. Das Herz +ging. Aber es schlug nicht nach dem seinen hin, es lief durch den Takt des +seinen ohne Sinn und Ziel. + +Er blies ihr seinen Atem in den Mund. Sie stöhnte. Er stieg auf das Bett +und legte sich auf sie, daß sie erwärme. Ihr Blick traf ihn. Er war +ausdruckslos. Ihre Federn hatte sie aus den Haaren genommen. + +»Kalekua.« + +Die Pupille bog sich nach oben. + +Sie bekam einen kleinen Ausdruck auf der Oberfläche. Es war Angst. + +»Die Königin . . .« + +»Was --« Seine Stimme fuhr scharf auf. + +Doch sie antwortete nur mit einer leeren Geste, auf die keine Frage gesetzt +werden konnte. Kalekua war allein zurückgekommen, sie hatte die Königin +nicht gefunden. Grauen hatte sich in ihr Hirn gestürzt. Die Königin war +fort. + +Nicht mehr strich Kalekua an sein Lager und durchduftete das Zimmer mit +Liebkosung. Die Welle ihrer erregten Brüste schlug nicht mehr an seine +Brust. Ihr Auge mied den Meerkreis. Kein Blick segelte auf den Horizont. +Echos schlug ihre Stimme nie mehr aus dem Riff. + +Jean François tröstete sie mit Streicheln und mit Worten. Doch ihre Haut +zuckte nicht. Worte fielen von ihr ab. Da befahl er ihr, sich zu freuen, +aber sie sagte: »Die Königin . . .« und vertiefte das Auge zu Boden. + +Sie ging ziellos durch die Gegend, fürchtete etwas Entferntes und hielt die +Haare in Verwirrung. Einen ganzen Morgen lief sie an der Küste auf und ab +ohne Laut. Sie wich den Wellen aus, die kamen, und bog in die +zurückflutenden ein in einem erschreckenden Zickzacklauf. Manchmal hielt +sie erstarrt einen Augenblick die Arme senkrecht. Jean François sah es +stundenlang an, bis es ihn tief bestürzte und er hinunterlief und sie +holte. An diesem Morgen begriff er, daß sie ein fremdes Gefühl in sich +trug, das von seiner Seele wild hinwegwuchs. Denn sie glaubte, daß sie ihn +der Königin entzogen habe, und daß diese ihr furchtbar zürne, und ihre +Liebe ging scheu geworden von der seinen zurück, die übermächtig über sie +hing. Er aber glaubte, daß sie Schmach trüge, weil er, ausbiegend vom +graden Sinn seiner Liebe, die Lust der Königin empfand. + +Er suchte dies aus ihrer Seele zu werfen und sie mit Funkelndem zu +erfüllen. Er fuhr mit dem Kanoe sie tief hinein ins Meer, bis der +aufglühende Abend, als sie selbst schon vom Dunkel verzehrt waren, die +Bucht brandrot entflammte. Er fing kleine Schweine im Wald, damit das +Tiergequietsch bis zu ihrem Gelächter vordringe. Drei Wochen fertigte er an +einem Haken, mit dem er einen Haifisch fing, den Bauch vom Boot aus aufriß +mit dem Messer, und aus dessen Zähnen er eine Kette machte, damit der Stolz +darüber ihre zu Traurigkeit zusammengeschlossene Seele lockere. Er log zu +ihr eines Abends, als ein fernes Lächeln hinter ihren Augen saß, von einem +Bruder, den er nicht besaß, der mit Schiffen, wie mit Bauchflossen von +Fischen gestalteten, fahre. + +Als er an einem Morgen spät hinaufkam von der Bucht, lungerte um sie, die +schweigend und nichtachtend saß, ein Chinese. Er erschlug das gelbe Tier, +das ihr Bein mit Berührung befleckte, schabte nach der Sitte der Stämme das +Fleisch von den Knochen und schenkte ihr diese, auseinandergelegt und +gebleicht von der Sonne, in einem gebeizten Kasten mit gelbem Tuch. + +Allein sie färbte sich die Lippen schwarz mit Beerensaft aus Trauer und +fehlte zwei Nächte, den Wald stumm durchsuchend, in seinem Haus. + +Die Welt war jedoch so mächtig und groß in ihm, daß er, sich heftiger an +sie verstrickend, nach dem Faßbaren das Unmögliche versprach: Giraffen, +Tiger und den Mond. + +Doch ihr Auge blieb dunkel. Ihre Seele verehrte ihn scheu und entfernt. +Doch je tiefer sie in ihre Angst tauchte, um so wilder umfaßte sein Begehr +ihr Entweichen. + +Als sie wieder einmal fortblieb, dachte er ihr Bild nicht mehr in den Raum. +Es genügte nicht mehr. Seine Hände zeichneten ihren Riß an die Wand. Seine +Fäuste schlugen den Kopf in Ton, in zwei Tagen, bis sie toten Blicks +zurückkam aus dem Wald. + +Damit er sich verkleinere, ihre Leidenschaft aber aufwärts hebe, tat er das +übermäßige von sich, führte sie in das Haus und sagte: + +»Ich bin nicht Rono. Fühl den Muskel, der dich manche Nacht hielt. Greif in +den Rücken. Ich bin nichts als Mann. Jeder könnte mich erschlagen. Deine +Liebe ist mehr wertend als meine. So gering bin ich, daß, niemand mich +begehrt, es sei denn eine wilde Sau zum Fraß.« + +Doch sie wies auf die Stelle, wo die fremden Schiffe die Walfischfänger der +Südmeere geschlagen hatten, erinnerte ihn daran und lächelte und glaubte +ihm nicht. + +Da griff er die Dumpfheit ihrer Seele von der anderen Seite an, die sich +zwischen ihre Liebe schob, packte das Bild der Königin, demütigte den +Triumph und das Genossene in sich und sagte: + +»Was ist sie? Es ist geringes nur. Ich hatte sie in der Hand wie ein Ei. +Sie gab wenig zurück. Ihr Körper ist gut, wenn deine Haut auch heller ist. +Aber ihr Sinn ist der einer Schnecke.« + +Allein ihre Seele, die an das Nahe und Einfache angelehnt stand und nicht +vordrang in das Entfernte und Aufbauende seiner Sätze, hielt fest an der +Königin. Sein Hebel zerbrach an dem einen Wort. + +Denn der Gedanke an sie und das Mächtige, was sie umgab, lag zäher und +fester in ihrem Blut und vererbter den Rinnen ihres Gehirns, als das +Erdonnernde seines Namens für ihr irdisches Gefühl und selbst als die in +seinem Körper verankerte Liebe des Mannes, die nur durch Umarmung und +Umarmung, in Pausen gespalten, sich erlebt. + +Sie stellte sich hoch und sah ihn scharf an. In dem Blick war wenig von +Liebe, aber dumpfe Erwartung, die ihm die Gurgel zerschnürte, denn er wußte +kein Mittel mehr, wie er die Angst vor der Königin Rache von ihr nähme. + +Er versuchte noch eines: suchte tagelang die Königin, schrie ihren Namen in +die Täler. Aber fand sie nicht. + +Kalekua sah ihn hart an, als er eintrat und wich die Nacht aus dem Haus. Er +aber saß in der Platane und erwartete den Morgen, in dem seine Liebe sich +noch tödlicher vertiefte. + +Oft sah er sich um und erstaunte sekundenlang. Denn was ihn sonst trieb, +die Küste, die Wellen, die Flut der Palmen, was seinem Leben und Dasein +Ausgleich gegeben hatte und seine Seele tiefer ernährt und bewegt hatte, +wie jedes vorherige Dasein -- es schrumpfte zusammen vor dem Gefühl zu +Kalekua, das alles übertraf und nichtig machte neben sich. + +Seine Liebe schwoll an, daß er sie nicht mehr in dem Gefäß seines Wesens +halten konnte, und daß sie ausströmend Kalekua adelte, ihren Gang erhob und +ihr Dasein ins Unbegreifliche steigerte. Seine Umschlingungen wurden +heftiger. Sie begnügten sich nicht mehr mit dem Erraffen des letzten +Menschlichen in ihr, das sie ihm in wunderbarem Rhythmus entgegengeschlagen +hatte, und mit der an ihrem Leib abschwingenden Glückseligkeit +gleichgefühlten Daseins, seine Umarmungen vielmehr erstiegen eine Höhe, wo +er ihr irdisches Dasein nicht mehr erkannte, sondern sie, dies alles +zurücklassend, nur noch erkannte und empfand verbunden und anheimgegeben +über das Erkennbare hinausgehenden Räuschen und Gefühlen. + +Ihr Blick erschauerte unter seiner Umschlingung, die furchtbar sich über +ihrer Seele erhob, die nur in Sorge und Abwehr gespannt war. Er jedoch +küßte ihre Füße, lauschte ihren Atemzügen und erschrak, wenn ihr Puls +sprang. + +Voll fessellosen Erlebens umgab er ihr geringes Dasein mit Inhalt. Er +folgte ihr in der Entfernung, verließ sie das Haus. Er setzte sich neben +sie, wenn sie die Augen furchtsam gegen die Höhe des Berges erhob. Nachts +beugte er sich über ihr Bett und sah entferntes Licht des Mondes +darübergehen. + +Er suchte eine große Muschel und hielt sie lange vor ihr Gesicht, weil die +wechselnden Spiele in der Farbe des Perlmutter ihre Züge zum Lächeln zu +vermischen schienen. + +Kalekua ging jeden Tag durch die Täler, die Küsten und die Bäume. Sie sah +sie nicht. Ihr Auge saß nach innen gedreht und lauschte auf Ungeheures, das +sie unsichtbar umscholl. + +Er aber war so voll von Liebe, daß er die Insel nun (die ihn früher +beseelte) damit umfing, so daß der Geruch des Meeres, das Köstliche des +Horizonts, Sturm und Erschwanken der Palmen wie aus seinem Leben +herauszuströmen schien. + +So gewaltig wuchs seine Liebe über das Land, dessen Sehnsucht lange vorher +über ihm stand, daß, wenn er es gewollt hätte, die Insel begonnen hätte, +während die Winde schwiegen, sich in Kreisen um sich selbst zu drehen. + +Kalekuas Gefühl aber wandte er damit nicht. + +Ihr wuchs alles, Luft und Erde, zusammen zum Bild der Königin, die mit +gierigen Lippen Rache heischte. Und auch den Geliebten zog es in diesen +Schlund. Sie bekam, von dem unabwendbaren Schicksal bedroht, eine +Ergebenheit, die ihr Gesicht bleichte und im Erwarten des Schreckens +leuchtend machte wie eine Qualle. + +In einer Nacht erscholl der Berg hinter ihrem Haus, ein Riß zog sich durch +die Mauer. Die Klippe barst zur Hälfte ab und raste ins Meer. Die andere +trug schaukelnd ihre Hütte. Ein Donner warf sich aufstürzend gegen den +Himmel. + +Kalekua erwachte, und aufschreiend erhob sie sich, glaubend, daß durch die +vertausendfachte Stimme die Königin sie rufe. Sie stürzte zur Tür. + +Aber Jean François ergriff sie bei der Taille und hielt sie. Sie sah sich +um und blickte ihn an als wie ein schlechtes Tier. Ihr Mund wurde zornig. +Sie schrie: + +»Laß mich!« -- und als er den zuckenden Leib fester faßte: »Die Königin +. . . die Königin . . .« Dann hob sie die Hand und stieß ihn unter das +Kinn. + +Aber sie machte seine Liebe nur größer, und er band sie auf das Bett vor +Sehnsucht. Der Boden beruhigte sich, und gegen Morgen beruhigte sich +Kalekua, als er sich über die Zitternde neigte und seinen Namen sagte. +»Rono«, sagte er. + +Als sie schlief, band er die Schnüre ab und ging hinaus. Der kalkweiße +Kegel des Bergs hatte eine tiefe Wunde. Der Krater dampfte leicht. Er lag +in der gleichen Höhe wie sein Haus, und über das Riff verband sie eine +Felswand miteinander. Das Meer war grün, wo die sausende Lava sich +hineingebohrt hatte. Weiße Fischbäuche blitzten unzählig herauf. Er setzte +sich vor die Hütte. + +Gegen Mittag aber ward der Schreck übermächtig in ihm und warf ihn nieder. +Er stieg über den schmalen Grat zu dem Vulkan. + +Da am Rande schleuderte es ihn auf die Knie. Sein Gefühl, ausquellend +unendlich, stieg uferlos und stieß an Gott. Das Meer verfärbte sich weit +hinaus fast gelb und silbrig zu einer unbewegten glanzlosen Fläche, auf der +zwei Kanoes wie gefroren schliefen. Er hob die ganze Inbrunst zu Gott +hinauf und herrschte ihn an, daß drüben über der kleinen Bucht Kalekua aus +der Hütte heraustrete und gelöst von ihrer Angst und zurückgeformt zur +Liebe ein Lächeln unter den Augen trüge. + +Aber Gott war taub. + +Der Tag ging. Kalekua schlief bis in die Dämmerung. Dann erwachte sie und +blieb still sitzen. + +In der Nacht begann der Boden zu schwanken. Mond schien. Da stand sie auf. + +Ihr Gesicht glich dem ihres ersten Tages, als ihm der Trogu noch die Seele +entzückte, die jetzt ganz nur Liebe war. Sie strich ihr Haar, das glühend +den Rücken hinunterbrannte. Dann nahm sie die vier weißen Federn und tat +sie in ihr Haar. Aber eh sie ging, zog sie aus dem hohlen Balken am Eingang +die Kette der Haifischzähne und küßte sie. + +Es war fast hell. Er sah ihren reichen Leib, der straff und zart nach den +Brüsten hinaufwuchs, sich mit den spitzen Zähnen gürten. Sah den Schwung +ihres Beines, die Achsel, die Biegung ihres Nackens, die er mehr liebte als +wie Gott. Er sah alles. Er weinte nicht. Aber er hatte nicht die Kraft, sie +zu halten. + +Er nahm das Schicksal in sich. Er konnte nicht höher als Gott. + +Plötzlich ertoste der Berg. Da sprang sie hinaus. Sie lief. Einmal noch +hörte er ihre Stimme. »Sie ruft,« rief sie. + +Da hielt es ihn nicht mehr. Er lief ihr nach. Aber sie war zu weit. + +Da warf er sich mit dem Rücken gegen die erdröhnende Hütte. Er sah sie über +den Halbkreis des Grates über der Küste her hinlaufen, schmäler und blässer +werdend im entfernteren Monde und beschwingt voll Licht weitereilend wie +von Unirdischem getragen gleich einer silbernen Tänzerin in den Krater +verschweben. + +Er aber hatte, tödlich verwirrt, noch nicht die Kraft, ihr zu folgen. Noch +jagte ein Strudel von Gefühlen sein vergangenes Leben über ihn hin. Aus der +Kette der Gesichte warf sich eines vor ihn, an das er nie mehr gedacht +hatte, und über ein Bild, das sich unter seinem Bewußtsein formte, +schluchzte er, sich wie an ein Letztes daran klammernd, daß es ihn +entwirren solle: + +»Ma . . . Ma --« + +Aber auch dies war taub. + +Da raste und schrie er gegen Gott. Und dann beschwor er die Erde um ihn, +daß sie ihn hielte. Aber so tief war er als in das Höchste an Kalekua +verstrickt, daß, während er schrie, die Dinge, die er anflehte, sacht aus +ihm entwichen. Ruhiger werdend sah er nicht mehr Stern, kein Haus, kein +Meer. Seine Augen lauschten nach innen. Unendliche Stille umflutete sein +Gefühl. + +Er warf sich mit dem Bauch auf den Boden und blieb wie ein Holz. Erst als +die Stimme des Abgrunds heischender heraufscholl, erhob er sich und folgte +ihr. + + + + +Die Herzogin + + +Als der Dichter Villon in Armut und tiefstem Leben der Stadt Paris stand, +sah er die Herzogin von Ventadron. Sie kam ihren Garten +heruntergeschritten, und ihre Gestalt ergriff ihn so, daß er die Dirne, die +ihn begleitete, von sich wies. Er schritt die Reihen des vergoldeten +Stakets weiter, und sie kamen aufeinander zu. Sie aber bog ab, ehe er sie +erreichte, doch ihm gelang es, beim Wenden ihr Gesicht zu sehen. Der Schein +ihres Gesichts fiel über sein Leben, um es nie zu verlassen. + +Sein Herz verneigte sich tief vor ihr. + +Sanftheit umgab seine kommenden Tage und umwölkte die Ausschweifungen und +Tavernennächte. Eines Abends sammelte er Mondlicht und Sehnsucht mit seiner +Seele und formte es zu einem Gedicht, das er der Herzogin sandte. Er legte +einen Brief hierbei und bat, daß sie den Kopf wende, wenn sie bei der +Auffahrt zum Schloß die vierte Baumreihe erreichte, denn dies zeige, daß +der Vers ihr gefiele. + +Sie neigte drei Tage darauf das Gesicht aus einem großen Fächer nach der +vierten Baumreihe. Da sah er es noch einmal. + +Sein Herz versank in Demut, alles für sie zu erleiden und Höchstes über sie +zu sammeln. + +Nach Tagen erst, weil er elend war, besann sich sein Hirn auf ein Geschenk +für sie. Es schien ihm schön für sie. Er mußte es stehlen. Aber kein Stern +dünkte ihn zu hoch. + +Da er Geld zu den Vorbereitungen nicht besaß, verkaufte er zwei dem Chor +entnommene goldreiche Kerzen wieder am Portal von Notre Dame einer +inbrünstigen Frau und trug den Erlös in seine Taverne. Aufgescheucht von +seinem Gelächter, tranken sie seinen Wein, hörten sie seinen Plan, gierig +die Profile, die Augen funkelnd, ihn auszuführen. + +Sie brachen mit Fackeln auf. Villon schritt ihnen voran. Barral stieß vor +Wonne sein Messer in eine Tür. Die Gassen schwelten von Dunkel. In der Rue +des Saints Pères stand vor einem öffentlichen Haus ein Mönch, der mit den +Fäusten das Tor verbeulte. Sie gingen, ein Lied beginnend, das ihn +verhöhnte, im gleichen Paßschritt auf der anderen Seite vorbei, und ihr +Gesang dröhnte erzen durch die lange Gasse. + +Der Mönch aber kam über die Pflastersteine herüber, stemmte die Fäuste in +die Hüften und begann mit normannischen Worten zu keifen. Er war groß und +breit und die Augen brannten rot. Sie gaben wenig Acht auf ihn und zogen +singend weiter. Einer der letzten stieß ihn auf die Brust mit der Fackel, +daß er, von Funken umsprüht, in eine Pfütze fiel. Aufjagend warf er sich +auf den Angreifer, schrie, aber die anderen lösten ihn los und warfen ihn +prallend ins Dunkel zurück. + +Die Dirnen winkten aus den Fenstern und hielten Windlichter auf die Gasse, +aber Villon erhob aufs neue den Gesang und schritt weiter. Wie die übrigen +begannen, ihre Stimmen der seinen zu verketten, brach der Mönch noch ein +letztes Mal aus der Torflucht und hieß, ihn erkennend, Villon einen Säufer +und schlechten Dichter. + +Villon zog den Fuß an, ihn beiseite zu treten, ließ es dann mit einer +Grimasse und sang weiter. Der Mönch aber stieß einen Pfeil in seine Scham +und rief: »Sohn einer Hure.« Da erbleichte er, schwankte und warf ihm sein +Messer in den Leib. + +Während der Gesang wieder aufschwoll und dumpf die Gassen, +hinuntergleitend, erfüllte, lag der Priester auf der Erde, schrie und stieß +Arme und Beine in die Luft und goß langsam sein Blut in die Gosse. Die +Weiber im ersten Stock des Hauses hängten sich weit aus den Fenstern und +sandten ihm Einladungen hinunter. + +Der Gesang war bis zur Seine gekommen. Villon betrat mit seinen Leuten ein +Boot und fuhr dunkelrot beleuchtet den Fluß hinunter. + +Villon sagte: »Ich habe kein Blut an mir,« und wusch sich zufrieden die +Hände, denn es schien ihm geringer als der Tod einer Krähe, einen fetten +Mönch zu erschlagen. Plötzlich löschten alle die Fackeln, indem sie sie zu +beiden Seiten der Kahnwände ins Wasser stießen, es zischte, weiße Blasen +stürzten in die Höhe, und langsam legte sich das Boot ans Ufer der +königlichen Gärten. Sie überstiegen einen Zaun und verteilten sich nach +allen Seiten. Hinter Statuen und Bosketten lagen bald alle auf der Lauer. + +Villon schlich allein vorwärts. Der Wein sauste durch sein Blut, aber er +fand die Richtung. Barral folgte ihm. Ein Truthahn neben ihnen begann zu +schreien. Ärgerlich drückte ihm Villon den Daumennagel in den Hals, denn er +hatte es nicht auf das Tier abgesehen, das sich grundlos in den Tod hinein +exaltierte. Es geht Sterben ohne Sinn von mir aus -- dachte Villon, indem +er die Tür zu den Tierställen aufbrach. + +Aus weißem Stroh sahen ihn im Dunkeln unermeßlich und still glänzende Augen +an. Unter rasch entzündetem Licht breitete sich das sanfte Fell einer +Antilope vor ihnen aus. Villon löste mit der Linken die Schellen aus ihrem +Geweih, während die andere über den Rücken streichelte. Dann nahm er +behutsam das Tier in den Arm und trug es ins Boot. + +Sie fuhren zurück und stiegen am anderen Seineufer aufs Land. Hinter dem +Louvre hörten sie das Aufklappern der Lanzen von der Wache. Sofort brachen +sie in Gesang aus, Villon mit dem Tier in der Mitte. Auf dies furchtbare +Signal hin verschwand der Tritt der Wachen in der Ferne. Noch eine Weile +gingen die Leute Villons taktmäßig im Paßschritt. + +Dann verstummten sie, Villon ging allein vor bis an ein Schloß, öffnete das +Tor und trat in einen Garten. Auf dem Rasen ließ er sich nieder, schlich +bis an die Mauer, umkreiste den Flügel und band sein Geschenk, die +Antilope, mit langer Kette an einen Rosenbaum auf der Rückseite, damit am +Morgen nach dem Erwachen der Blick der Herzogin sich eine Sekunde sanfter +färbe und kleines Glück sich über den Park ergieße. + +Dann kehrte er um, sie zogen zurück und stiegen in eine Kellertaverne, wo +sie würfelten. + +Am Morgen zog eine Kompagnie auf, umstellte das Loch und fing einen nach +dem anderen der Herauskommenden ab. + +Villon ward feig und fiel auf die Knie, als er sich gefangen sah. Sie +schlugen ihm mit den Schäften über den Kopf und brachten ihn verquollenen +Gesichts in einen der drei Türme. Er fiel die Stufen hinunter, die Wände +waren feucht und überschimmelt, es gab kein Licht. + +In den Tagen, die sich zu Wochen zerdehnten, die er hier lag, bekam sein +Auge Macht über die Dunkelheit. Er erkannte den Wechsel des Tages und der +Nacht und die Bewegung des kleinsten Ungeziefers an der Wand. Er sah Kreise +und Strudel von blauem Licht, die Stille bekam Gewicht und sauste über sein +Gehör und er versank in Zustände, die zwischen Schlaf und Wachsein lagen. +Ihm wuchs ein Bart, indem sein Fleisch zerfiel. Ein pilziger Ausschlag +sammelte sich auf seinen Knien. Er dachte an nichts. Das Dasein ohne Welt, +das ihn weich dahintrieb, erfüllte ihn ganz. + +Da sprang die Tür auf, zwei Männer mit Lichtern kamen. Hinter ihnen stand +ein Herr in grauem Kleid. Er beugte sich neugierig über Villon. Hierauf +ließ er die Laterne neben ihn stellen und nickte schräg nach oben mit dem +Kopf, worauf die Männer lautlos ins Dunkle der Tür zurücktauchten. + +»Man interessiert sich für Sie.« + +»Sie?« + +»Nein . . .: man.« + +Da erhob Villon den Blick genauer und erkannte den Herzog von Ventadron und +verbeugte sich tief und wurde feig und zitternd. + +»Sie werden wohl verurteilt,« sagte der Herzog leutselig; »obwohl es mich +ergötzt, die Sache mit dem Klerk, geschieht hiermit Gesetz. Aus andrem +Grunde aber möchte ich mich für Sie einsetzen. Kennen Sie den Abt vom St. +Romacle? Ja?« + +Villon, der den Ruf des Abtes kannte, nickte und zog ein schwaches Lächeln +über sein bebendes Gesicht. + +»Ich möchte ihn sehr kränken, verstehen Sie. Er hat ein Haus mit einem +Olivengarten, daneben grenzt mein Gebiet. Da steht gerade ihm gegenüber ein +alter Bau mit vielen Zimmern. Sie kennen die Frauenviertel von Paris? + +Villon nickte. + +»Sie werden wohl verurteilt. Ich aber möchte in diesem Bau ein +Frauenkloster aufschlagen, wo jedem Mann freier Eintritt ist mit Gesang und +Wein. Wollen Sie?« + +Da Villon der Plan sehr gefiel und seine Augen funkelten und er +zusammenzählte, wen er dazu gebrauche und welche Tavernen er leere, +erschrak er im Bewußtsein, daß der Fordernde der Gatte der Herzogin sei. Er +fragte sich, ob dies eine Falle sei, doch da er den Herzog kannte als edel, +tapfer und einen großen Verführer der Frauen, stieß er mit dem Fuß auf vor +Freude und sagte: + +»Ich kann und will.« + +Aber im gleichen Augenblick verfinsterte sich sein Gesicht und zerfiel im +trüben Schein gelben Lichts der Laterne, denn diese schlechte Sache, die er +gern täte, lag zu nah dem Gefühl für die Herzogin und in Scham zergehend, +lehnte er wieder ab. + +Der Herzog stutzte. + +Dann schwang er einen Schlüssel spielerisch im Kreise und sagte: »Kerl, +dann wirst du gehängt.« + +Villon warf sich nieder und flehte hündisch ums Leben. + +Er versprach dem Herzog Dinge sonst, von denen er nichts ahnte, obwohl er +Paris kannte wie wenige, aber Villon wußte mehr. + +». . . oder -- -- -- aufgeknöpft,« achselzuckte der Herzog. + +An dieser Kühle begriff Villon, was es heiße, nicht mehr zu atmen, bis in +die Nerven seiner Zehen. Von dem Ungeheuerlichen des Todes gestürzt, fiel +er auf die Füße des Herzogs, wand sich und küßte sie. + +Er kämpfte mit sich, daß er den Plan ausführe, der seine Sinne reizte, doch +er stritt vergeblich gegen das Gefühl, das es ihm verbot, und selbst die +Grausamkeit des Sterbens war gering gegen dies Gefühl. + +Es gelang ihm nicht. + +Er fürchtete sich entsetzlich und wurde grün. Aber er sagte nicht wieder: +Ja. + +Der Herzog entfernte ihn mit dem Fuße von sich und ging. + +Villon fiel auf die Knie und betete inbrünstig zu einem Bild, das, aus +seiner Seele heraussteigend, sich durch die blauen Flammenkreise in das +Dunkel hinabneigte, Tränen stürzten ihm im Jubel aus den Lidern. Dennoch +schien es ihm zugleich, als ob er sich zerfleischen solle über den +Wahnsinn, die schöne Einrichtung des Dirnenklosters ausgeschlagen zu haben. + +Nicht mehr rauschte die dunkle Luft um sein Gehör. Zwischen Inbrunst und +Schmähung schwankten die Tage. Dennoch kam an einem Morgen die Nachricht, +daß er begnadigt, aber verbannt sei. Eine halbe Stunde darauf verließ er +den Turm. + +Zwei Wächter gingen neben ihm her. Ohne Pause schritten sie bis zum Tor. +Sie gaben ihm ein Papier. Er war auf fünfzig Lieues des Umkreises der Stadt +verwiesen. Dann fluchten sie, lachten und ließen ihn laufen. + +Und er lief wie ein Hase in einem entsetzten Bogen in die Landschaft +hinaus, bis ihm der Pulsschlag des Herzens in die Gurgel sprang. Dort hielt +er sich an einem Baum. Es war ein junger Birnbaum und schwankte unter +seiner Last. + +Er aber sah zitternd an dem schlanken Schaft hinauf, erblickte die +gründunkle Krone, sah den überwältigenden Himmel, streichelte den Baum und +fiel auf die Erde vor Übermaß. + +Am Mittag ging er weiter. Die Sonne lag eine lange Straße hinunter +überhell. Auf den Feldern stand Korn und rauschte. Vor der unerlebten +Herrlichkeit der Landschaft ergriff ihn um so tiefer die Wut, daß die Stadt +ihm versperrt sei. So rasch lief sein Herz im Kreis. Er sah sich an, wie er +so zerrissen dastand, ein Bach wies ihm stechende Augen in kalkenem Gesicht +und wildes Bartwerk. Er wankte auf der Straße. Ein Strolch lachte über ihn, +daß es schallte. Aus einem Bauernhof sprang ein Hund, der wütend in die +leblose Gegend hinausbellte. + +Er hob einen Stein. Aber er hatte nicht viel Kraft mehr. + +Am Abend sank er vor Erschöpfung in einen Graben und schlief. Zwei Tage +lief er sinnlos weiter. Als er am Mittag des dritten an einen Weinberg kam, +in dem ein alter Mann mit stillem Gesicht Wasser goß und Spaten führte, +blieb er neidisch stehen, Arbeit erbittend. Er erhielt sie. In wenigen +Wochen war sein Gesicht braun und bartlos, das Auge erfrischt. Enges Kleid +umschloß den gespannten Körper. + +Eines Nachts schlich er an die Grenzen von Paris zurück. Doch schon ehe er +verbotenes Gebiet betrat, erhob ein Kleriker Geschrei, der ihn erkannte. Er +kehrte um. In einer Absteigschenke der Landstraße ließ er sich nieder und +schrieb nach allen Seiten. Er schrieb an Barral, an die anderen, an Weiber +und Wirte. Er flehte und drohte, ihm zu helfen, daß er in die Stadt +zurückkehre. Dann wartete er. + +Aber als Antwort kamen nur zwei Dirnen, die er geliebt hatte. Barral sei +entsprungen, die anderen säßen. Er zitterte vor Zorn und schlug sie. + +Allein sie erstickten ihn mit Küssen. Schwer gepeinigt und ihrer Treue doch +wieder süß entgegengebracht, schrieb er zwischen ihren Umarmungen und +Scherzen einen Brief an die Herzogin, schrieb: wie sehr sein Sinn sich in +das Hohe treibe und wie rasch er falle, denn sein Blut ziehe wie ein Blitz. +Doch immer sei sein Herz voll Inbrunst. + +Als die Dirnen den anderen Tag zurückwanderten, sah er ihnen nach, die den +Brief trugen. Sie hatten schöne Beine, er sah es wieder. + +Dann aber weinte er auf dem Rasen sitzend, denn die Welt war weit zwischen +ihnen und der Heiligen, und die Brücke des Briefes zwischen ihnen schmal. + +In der Nacht verschwand er, ohne die Zeche zu zahlen. + +Am Waldrand hob er, aus dem Schatten noch einmal tretend, die Hand steil +gegen die Stadt. + +Dann brach er in das neue Land vor ihm hinein, gestärkt im Inneren und +festgefügt in der Entschlossenheit, daß sein Leben in großes Maß +hineinwachse und gleichschwingenden Strömen sich füge. + +Ihm, der nie die Stadt verlassen hatte, war Wandern unbekannt. Nie kam +Gesang in seinen Mund. Sein Gang bewegte sich erfüllt vom Rhythmus seiner +Gefühle. Kaum daß er, aufgescheucht, die Landschaft knapp musterte und in +sich sog. + +Einmal dachte er zurück und sah sich wie ein entferntes Spiegelbild, bunt +gekleidet, auf einer Straße den Kopf sanft gesenkt, weither durch ein +unbezirkbares Gitter von Bäumen herkommen. + +So erfüllte sich diese Zeit an ihm mit Stille. + +Abends betrat er Sonntags eine kleine Stadt. Auf dem Platz glänzten viele +Lichter. Zwischen zwei Bäumen zog sich ein Seil mit Tanzenden. Er mischte +sich am Ende des Spiels unter die Gaukler. Sie kamen ins Würfelspiel. +Trinkend und sich frei gebärdend traf ihn die lässige Haltung dieser +Menschen beglückend. Das selbstgefällige Wiegen der Frauenhüften, die +breite Sicherheit der Männer und beider geduckte Klugheit gaben ihm +Wohlgefühl. Er schloß sich ihnen an. + +Sie waren aus Limoges, und die Weiber hatten heftigere Sitten, die seiner +Nordischkeit erregend waren. Sein Können überstieg das ihre im Geschäft. Er +gab schönere Positionen, elegantere Sätze, ihr Beifall wuchs. In Angers +engagierte ihn die Bürgerschaft mit seiner Truppe. + +Als sie die reiche Stadt nach Abenden des Triumphs verließen, folgte ihnen +ein Ratsherr auf einem Pferd und bat Villon auf das Stadthaus zurück. Der +Bürgermeister wies ihm einen grauen Mönch und bat, daß er ihn, der Pra +hieß, unterstütze in der Einrichtung einer großen Passion. Villon musterte +kurz den Saal. + +Dann verließ er seine schweifende Gefährtenschaft. + +Auf einem Faschingsfest der Stadt sprach er den Prolog, die Halbmaske vorm +Gesicht, glühend, daß das Publikum ertobte. + +Kommenden Morgens begann er still das Werk. + +Dem steifen Redefluß des Priesters fügte er Fülle des Talents. In einer +Woche wies er dem Kleriker Irrtümer der Mythologie nach, zog das Ereignis +in Verse, Kinder sangen sie für geringes Entgelt auf den Gassen. Der Mönch +verließ die Stadt. + +Nun umfaßte er allein das Geschäft. Morgens früh begann er die Dressur der +Massen. Er lernte sie die Arme aufstülpen gegen den Himmel, die Gesichter +verzerren und auf gekrümmtem Bauch zu schreien vor Entsetzen. Ein Rudel +Zimmerleute fügte das Amphitheater zusammen in mächtig geschweiftem Bogen, +nah der Kirche auf dem Gräberfeld. Etage der Bühne, Mansion an Mansion, +staffelte sich nebeneinander. Er lehrte die schöne Entzückung, den Schrei +der Brunst und Stille der Ergebung. + +Er knetete den Teig der Menge, daß die Glieder des Stücks sich abrollend +wie durch Fadenziehung seiner Finger bewegten. Den Kostümen gab er Prunk, +der Schminke Wahrhaftigkeit. Den Text bearbeitete er mit Glätte und gab ihm +feurige Funken. Ein Hohngedicht auf graue Mönche fügte er ein. + +Der Tag wuchs ihm vom Ausgang der Sonne bis ins Herz der Nacht. Wohlgefühl +der Tätigkeit, die er umspannte, durchfloß ihn. Die kleine Weltkugel der +Passion, die in seinen Händen allein ruhte, erhob ihn zu Begeisterung für +sich selbst. + +Dann durchfuhr, als das Werk endete, Geschrei die Stadt. Der König zog ein. +Teppiche fielen aus den Fenstern. Binsen bedeckten den Gehsteig. Blumen +lagen im Fahrweg. Quer über die Straße hingen Räucherpfannen. + +Morgens begann das Spiel des ersten Tages. Aus dem Zelttuch, das das +hölzerne Theater deckte, fielen zerstäubt gutriechende Wasser. Dann zog +weißgegürtet Villon auf einem Esel über die Bühne. Hörner erhoben sich. + +Der König betrat die Loge. Unter Schweigen vollendete sich bis zum Abend +das Spiel. In der Dämmerung erst gab es Tumult. Ein Taschendieb schnitt +einem Adligen den Ärmel ab und versteckte ihn. Villon ließ ihn auf einen +Pfahl schnallen und verhöhnen, denn er gedachte streng zu sein in seinem +Bereich. + +Aber in der Nacht band er verkleidet den Sträfling ab. + +Der zweite Tag begann mit Hitze, am Mittag schon wurden die Gesichter +schlaff. Die Kinder auf den Brüstungen schrien. Das Volk hetzte Hunde in +die Arena. + +Gegen Abend fiel der Tod des Judas, den Villon spielte. Während sieben +Teufel mit Hammelschädeln und Kuhglocken über dem Kopf tosten, erhob sich +eine dunkele Sonne. Satan stand auf, goldbraun im Gesicht, mit einer Krone +aus rotem Satin und orientalischen Perlen. Judas fiel weinend vom Gerüst. +Und weil sein Mund zu niedrig war und verräterisch, die Seele zu entlassen, +platzte der Bauch, dem sie entstieg. + +Der König erhob sich Beifall winkend. + +Zurücktretend hinter die Kulissen fühlte Villon einen Zettel, der sich in +seine Hand schob. Er sah sich um. Als sei nichts vorgegangen, stand hinter +ihm eine der Sibyllen, deren Tanz sich den Morgen in sein Bewußtsein +geprägt hatte. Es war eine elende Dirne, aber ihr Mund glühte von Worten, +wenn sie sprach. + +Beim Austritt in die Stadt verhafteten die Leute eines Bischofs Villon +wegen des höhnenden Verses auf die Mönche, allein ein Reitender des Königs +machte ihn wieder frei. + +Er betrachtete nun das Papier. Es war ein Bild: die heilige Susanne, ein +Bein ins Bad setzend, mit den Augen lächelnd. Es gefiel Villon, daß er +lachte. + +Am letzten Mittag kam Villon, Christus spielend, auf das Podium. + +Er war nackt, sie hingen ihn ans Kreuz, und der Schmerz erpreßte ihm +Geschrei von den Lippen. Ihm zu seiten hingen die Verbrecher, stöhnend, +Fratzen um die Nabel gemalt. Rechts gähnte eine Hölle. Links aber standen +Knaben mit roten Binden um die Stirn und hinter ihnen eine Kette Engel mit +den Instrumenten, alle herübergebeugt. + +So groß waren Villons Trotz und Übermut, daß er das Haupt nach der Hölle +wandte und das Unerhörte begann, mit aufschwellender wilder Stimme nach der +Hölle zu reden. + +In dem blassen Schweigen des Raumes löste sich da der Vorhang einer Loge +neben der königlichen, Villons Blick traf den Scheitel einer Frau. + +Der Vorhang fiel zurück. + +Unsägliches füllte seine Lippen, als er das Gesicht erhob. Es war ihr Kopf. + +So sah er ihn noch einmal. + +Er begriff die Wonne nicht. Er verstummte. + +Aber sein Kopf fiel herum demütig und sein Blick umklammerte die Kulisse +des Paradieses. Maiwuchs und Orangenbaum sanken ihm in die Augen. Zwischen +Rosen und Majoran erhob sich in Granaten eine Fontäne. + +Sein Herz neigte sich. + +Der Vorhang schaukelte, aber er zog nicht mehr auf. + +Seine Stimme aber erscholl, hochgetragen und lind, unwahrscheinlich sich an +das Brüllen schließend; der Kopf bog sich in die Höhe und spannte den +Körper von den Füßen bis an das Genick wie einen Sprenkel. Worte entfuhren +seinem verzückten Munde voller Ergebung und wuchsen wie aus breiten +Trompeten zu einem ehernen Donner. + +Dann neigte er auch den Kopf. + +Vorhänge teilten die Welt von ihm ab. Es war dämmrig geworden. + +Als er wieder aus der Garderobe heraustrat und dem Gerüst zuging, befahl +ihn ein Ratsherr zum König. + +An der Wand des Zaunes streifte jemand seine Hüfte. Er blickte flüchtig und +sah die Sibylle. + +»O,« sagte sie und machte den Mund auf und biß auf die obere Lippe. + +Villon dachte an das Bild und sah sie an. Dann legte er den Arm über ihre +Schultern, denn die Achseln schimmerten weiß und erwartungsvoll durch das +Tuch. + +Sie ging zur Seite, wo die Friedhofkreuze gleich begannen, es ward ganz +dunkel um sie. Ihre Hüfte streifte ihn. Er küßte sie und biß ihr in den +Mund. + +Sie lagerten hinter einem breiten Grabstein. + +»Ich fürchte mich.« + +Villon lachte. + +Dicht neben ihnen liefen die letzten scharfen Grenzen des Lichts. Die Menge +tanzte lärmend auf dem Platze. Auf den Bänken des Amphitheaters begann +Gelage. Funken sprühten gegen die dunkle Wand des Horizonts. Ein roter +Dunst hängte sich um den Kirchturm. + +»Willst du Geld? Nachher habe ich zwanzig Dukaten.« + +»Nein.« + +Sie schob die Zunge zwischen Zähne und Lippe. »Nimm mich mit. Heirate mich. +Gib mir ein Kind.« + +»Lege die Hosen eines Franziskaners in dein Bett, da wirst du von selbst +eines haben.« + +Villon lachte. + +Sie gefiel ihm. Ihre Lippen schwellten sich vor Blut. + +»Fünf Dukaten schenke ich dir.« + +»Ich fürchte mich.« + +»Du kaufst dir Armbänder und seidene Ärmel.« + +»Ich fürchte mich.« + +»Spei auf die Toten.« Er preßte ihre Brust. + +»Wie warst du schön, als du auf dem Esel, den du Rutebeuf nanntest, wie du +mit dem weißen Gürtel auf dem Esel einrittest . . . . .« + +Er küßte sie mit geschlossenen Augen. + +Da aber stieg durch den Spalt der Dunkelheit ein Gesicht. Er preßte die +Lippen noch fester zusammen, um das Gesicht zu zerdrücken. Doch der selige +Kopf wurde immer größer, die Herzogin neigte sich freundlich über ihn. Das +Gesicht bedeckte seine Seele, indem er in immer wilderem Kuß sich ihm zu +entziehen suchte. Ihr gütiges Lächeln zog sich über den Garten, die Kreuze +und den Himmel. + +Da stieß er entsetzt und bezwungen die Dirne mit den Füßen, sah von ihrer +offenen Brust verzerrt in die Höhe, um das Bild zu erreichen. + +Sein Herz neigte sich, und aufstehend, laut jammernd, lief er in die Nacht. + +Er ließ die Dukaten und den König. + +Sein Lauf währte Tage, die er nicht zählte. + +Verwilderten Bartes kroch er nachts in eine Scheune. Als er einschlief, +fiel durch das Gitter des Heus der Schein einer enthüllten Laterne über +seine Augen. Er fuhr herum und umarmte Barral, den er so fand. + +»Wo warst du?« sagte Barral und lachte. + +»Ich lief --« sagte Villon. + +Er schob sich Stroh über den Körper. Dann weckte er Barral noch einmal: + +»Barral,« sagte er, und sein Gesicht leuchtete von bösem grinsenden Hohn, +»ich möchte über die Welt hinkotzen in einem Strom. Mein Alter, wir wollen +Frauen verführen, Ställe anzünden und es mit Tobsucht tun.« + +»Ja, mein Freund,« sagte Barral und zog sich Stroh aus dem Bart. + +Ihre Nahrung ward Feldfrucht und geraubtes Geflügel. Bauern erschreckten +sie, indem sie das Land überquerten, des Abends auf ihren Feldern, daß sie +brüllend wegliefen. Mönche prügelten sie mit dornigen Stecken und trieben +lange ihr Wesen mit Frauen, denen sie die Röcke zuschnürten, daß sie als +Statuen auf allen Straßen standen. + +Einmal fiel Villon in eine Falle. Von allen Seiten plötzlich +hervorbrechend, schlugen Burschen mit Gegenständen auf ihn. Knapp entwich +er aus der verdunkelten Dorfgasse, einen blutenden Riß über die Stirn. + +Die Nacht zündeten sie das ganze Dorf an. + +Villon und Barral standen auf einem Hügel, während die dunklen Scheine über +den Wald flatterten. + +»Es ist ein schöner Anblick,« sagte Villon und legte den Arm über Barrals +Schulter. + +»Es ist ein Schauspiel,« sagte Barral. + +Zur Zeit der großen Prozession erreichten sie nach Wochen solchen Daseins +Toulouse. Sie fanden die Stadt gefüllt mit Fremden und reichen Klerikern, +die heimatlichen Erwerb in leichtem Leben verströmten. Barral stahl in der +vornehmsten Kirche Pelze und Steine. Sein Blick sah manche große Gabe in +den Opferstock eingehen. Es prägte sich ihm ein. Er vergaß es nicht. Sie +faßten abends rasch einen Plan. + +Barral hieb wie ein Bär, nachdem sie die Tür erschlichen hatten, den +Opferkegel in der Mitte durch. Neben Kupfer und einigem Silber überrollte +vieles Gold den Boden. Sie teilten gemächlich. Als sie durch die blinde Tür +des Chorgestühls hinaustraten, prallte ihnen ein leichter Ruf entgegen. + +Villon sah Barrals Hand erhoben und, selbst von zehn Fäusten angepackt, +vernahm und sah er beim Wenden des Kopfes eine Hellebarde, die breit +Barrals Bauch durchstieß. + +Dann brachte ein kurzer Gang ihn zu der Dunkelheit des Turms. + +Während die dauernde Nacht ihn umschloß, blieb sein Bewußtsein nicht ohne +Trübung. Nicht unterschied er Tag und Abend. Kein Schweben der Seele zog +ihn aus Welt und Gegenwart. Reue fraß ihn an, und er bog den Kopf gegen die +faulende Wand und sagte verzweifelt, während sein Blick ihm die Seligkeit +freier Landschaften, der blühenden Bäume und des zinnobernden Herbstes +vorspielte: »Warum bin ich Bandit, wo ich Dichter sein könnte . . .« Die +schmerzende Qual dieser Wochen gab ihm aber Verse von Frauen, Wiesen und +Mond. + +Und unter der Beglückung dieser Tätigkeit weitete sich sein Herz. Er genoß +in größter Entfaltung der Seele, die das Umgebende durchdrang, Horizont, +Sonne und Meer. + +In den Pausen aber schrie sein elendes Herz vor Sehnsucht und Qual. Er +empfand Mitleid mit seinem Geschick. Er sah den Tod als Strafe sicher vor +sich. Darum betete er zu Gott, daß dieser ihm helfend ein Mittel sende. Und +sei es, daß einer den Vorschlag wiederhole, den er im ersten Kerker +ausschlug. Er schwor, daß er ihn diesesmal packe und tue und mit noch +tieferen Demütigungen dabei. Denn die gestand er Gott als Erschwerung zu. + +Dann aber weinte er lange aus Scham über diese Schwäche und hatte nichts +als Verachtung für sich. + +Doch der Wille zum brünstigen Leben strahlte so stark in seinem Wesen, daß +er um weniges später das Gebet um Hilfe noch erniedrigender von den Lippen +stieß. + +In dieser Nacht aber erfüllte sich sein Raum mit weißem Licht, und in +seinem Traum wuchsen helle Figuren mit Kerzen in den Händen, und eine +Stimme erfüllte das Zimmer, daß er erzitterte vor Bewegtheit: »dennoch, +mein Armer, sollst du dem Lichte dich zuführen lassen« . . . und erwachend, +die Augen weit geöffnet, empfand er, wie eine Hand, die, über seine Stirn +geführt war, sich davon löste. Er empfand das rasche Hinweggleiten nach der +Tür. + +Da sprang er auf und bebend vor Glück erhob er den Kopf. + +Die Tür öffnete sich zum Verlassen, er spürte den Luftzug. + +Er warf sich auf die Knie nieder und schrie: »Laß mich!« + +Die Gestalt aber wandte nicht ihr Gesicht (er bedurfte es nicht, um sie zu +wissen), doch sie machte eine große Bewegung mit ihrer Hand und +durchschritt die Tür. + +Aufschwingend stürzte er nach: »Warum,« schrie er, »warum verfolgst du mich +mit Güte, -- -- -- warum überlädst du mein Leben mit Licht? Ich bin hilflos +dagegen. Aber ich will es nicht.« + +Die Tür war zu. + +Er hämmerte die Fäuste dagegen und Schaum deckte sich über seine Lippen: +»Laß mich, verdammt, ich fluche dir, in meiner Niedrigkeit. Das Heilige an +deinem Tun verzweifelt mich . . .« + +Und er bäumte auf und stemmte sich dagegen. + +Allein der Raum war leer, und nichts vollzog sich. + +Böse und zornig setzte er sich in die Ecke. + +Eine Furcht erfüllte seine ganze Nacht, die er verstockt und fluchend +wachte: sie würden ihn befreien, ohne Gegenleistung, die er von Gott erbat. + +Am anderen Morgen geschah es. Er wurde frei. + +»Ich weigere mich,« sagte er und verließ den Klotz nicht, auf dem er saß. +Die Wächter stießen sich mit den Ellenbogen in die fetten Seiten und +bestaunten sich. + +»Es ging um deinen großen Kopf,« sagte einer und stemmte die Hände auf die +Hinterschenkel. + +Villon lief wie ein Marder auf und ab: »Wer fällt dem Recht in den Arm? +Warum setzt Unrecht sich gegen Gesetz? Ich stahl. Möge man mich rädern. +Aber es ist feig, mich laufen zu lassen ohne Buße.« + +Sie aber lachten und warfen ihn wie ein Tier auf die Straße. + +Dort legte er sich auf die Erde aus Trotz. In der Nacht leckte ein Hund +sein Gesicht. Er küßte ihn auf die Schnauze, umschlang den dürren Hals mit +beiden Armen und schluchzte in das Fell. + +Darauf gingen sie beide weiter aus der Stadt hinaus in das Feld. Sterne +überklommen den Himmel nicht, den Nebel zudeckte, in dessen Schein ihre +Schatten riesenhaft vor ihnen hingen. Da er das Tier liebte, nannte er es +Joi-Novel. + +»Sie lebten lange im Wald ein einfaches Leben. Wandernd kamen sie an eine +Jagdhütte, die eine schlichte Frau bewohnte. Sie bot ihnen Obdach, und sie +gewöhnten sich daran und blieben. Einfache Liebe beglückte ihn. + +Eines Tages, als er jagte, teilten sich die Büsche, und in den +auseinandergeschlagenen Zweigen ritt eine Frau auf ihn zu. Sie hatte ein +kastilisches Pferd mit weißen Füßen. + +Sie hielt kurz an, und er verbeugte sich. + +»Ihr Name?« fragte die Dame. + +»Villon.« + +»Villon . . .,« sagte sie und zog die grauen Augen zu einem Strich +zusammen, warf den Blick von seinem Gesicht bis zu den Füßen, streichelte +über den Pferdehals und ritt davon. + +Sie hieß Loba. Sie bewohnte das Schloß in der Knickung des Waldes zwei +Stunden von Marseille. Die Frau in der Hütte sagte es ihm, als er Joi-Novel +eine Amsel zu speisen gab. + +Am Morgen klopfte ein Diener und befahl ihn nach dem Schloß. Er aber sagte, +daß niemand von ihm zu fordern habe, schlug den Diener und jagte ihn. + +Später traf er die Gräfin wieder im Walde. + +»Warum kommen Sie nicht?« fragte sie. Ihr Zaumzeug aus limusinischem Leder +und Silber blitzte. Ihr Gesicht war kühl und zugekniffen. + +»Was soll ich dort?« sagte er ruhig. »Lassen Sie mich hier, wie es paßt für +mich, niedrig und in elender Zufriedenheit!« + +Sie warf den Arm mit einer Gerte in einer ungestümen Bewegung nach +aufwärts, folgte der Kurve mit einem großen Blick und ritt grußlos. + +Nach einer Woche ließ sie ihn bitten, unter ein Bild ihr zwei Verse zu +setzen. Er widerstand nicht. Aber es schmerzte ihn, daß es ihn hochzog. +Doch da der Zug übermächtig war, folgte er. + +Sein Anzug vollendete sich wieder höfisch. Seine Bewegung entschälte sich +dem Schweifenden und erhielt Maß. Sein Mund bequemte sich dem runden Fall +schöner Vokale. Aus den Fenstern des Schlosses sah er das Meer als dünnen +blauen Rauch. + +»Ich liebe das Tier nicht,« sagte Loba und deutete auf Joi-Novel. Dies +bedeutete des Hundes Verstoßung. Als die Sehnsucht ihn zurücktrieb, seinen +Tod. Villon tötete ihn eifrig und unter Tränen. + +Lobas Gatte kam einige Zeit erst, nachdem Villon sich seiner Gefolgschaft +gereiht hatte, zurück zum Schloß. Seine breite Gestalt verteilte +zufriedenes Gleichgewicht. Als er Villon sah -- -- und da er ihn nicht +liebte und nicht haßte -- -- gähnte er, um seine leidenschaftslose +Billigung darzutun. Auf Festen sang Villon Lobas Geist und Gestalt. In +verschwiegenen Nächten hin und wieder schlich er sich zu Küchen und +Dienerkammern, Würfeln und Wein und Geschwätz. + +Scheu wie ein Hund wandte er den Blick weg von der vergangenen Zeit. Er zog +den Hals schräg und blinzelte in die Sonne, wenn ihm der Gedanke kam. Durch +den verhängten Raum seines Willens drang kein Laut in das untere +Bewußtsein. + +Traf er Loba morgens im Saal, kreuzten sich ihre Wege. Sie ging an ihm +vorbei, ihn kaum sehend und doch mit einem Lächeln, das seine Knie +erschütterte. Fernbleibend bewegte sie durch Duldung allein den Kern seines +Wesens. Ihn zog es so hingerissen zu Loba, daß die Frau in der Hütte seinem +Gedächtnis entschwand, daß er sich unter Loba breiten wollte, damit sie +herrschend seinen Dienst nehme, in jeder Form. + +Er nannte sich Wolf, damit sein Name dem ihren gleiche. Er zog ihr +Wachtelgeier und Lerchenfalken. Ihre venezianischen Gläser zierte er mit +gebogenen Sprüchen. Nie fehlte er, das Federkissen auf ihren Sattel zu +schieben. + +An einem Jagdmorgen nahm er die Haut einer Wölfin und schlang sie um sich. +Aufbellend nahm die Meute seine Spur. Er lief, als gelte es sein Dasein und +hörte Lobas Schnalzruf an die Hunde. Quer lief er durch den Wald. An einer +Lichtung kreiste ihn die Meute ein. + +Ein schwarzgefleckter Jagdhund biß sich in sein Genick. + +Hochspringend, als andere Hundeleiber sich über ihn wälzten, scheuchte er +das Vieh zurück und stand blutend vor Loba. + +Sie ritt den kastilischen Hengst wie zum ersten Male und zog die Augen zu +einem schmalen Spalt. Er verneigte sich und verbiß die Schreie. Sie +lächelte ein wenig und sagte: + +»Eilen Sie zurück!« + +Heulend vor Schmerz, schweißend, erreichte er das Schloß. In den +Fiebertagen näherte die Gräfin sich oft seinem Lager, entfernte die Binden +und goß zyprisches Öl in die Wunden. Er, der nach Dienerinnen hieb, die +laut die Diele überschritten, hielt den höllischen Schmerz aus mit ruhigem +Gesicht und strich einmal über ihren Arm, die Seele geduckt in Erwartung, +daß sie ihn ins Gesicht schlüge. Doch sie sah ihn nur an. + +Wie es ihm besser erging, faßte ihn ein törichtes Glücksgefühl, für das es +keine Rechenschaft, keine Begründung gab. Jedem Menschen erwies er Freude. +Er sprach mit den Kühen. Er tanzte allein im Walde und rief: »Barral, +hättest du Fleisch noch auf den Knochen, wie lachtest du über Villon -- -- +--« + +Dann wagte er in mondloser Nacht zur Gräfin hinaufzuschleichen. Auf der +Treppe verließ ihn die Kraft, er wurde feig und kehrte um. + +Das andermal wusch er sich gründlich und badete lang, damit ihn nicht +plötzlich Furcht überfalle, es möge Erde irgendwo an ihm sein, denn die +Angst seiner Herkunft saß in seinem Blut. Sodann stieg er hinauf. Sein Herz +drängte selig nach ihr. Er hatte Mut. + +Beim Betreten des Gangs blieb er stehen. Etwas huschte an ihm vorbei und +hielt lauschend an. Es war eine der afrikanischen Mägde, deren Haut +goldbraun glänzte. Er sah es, wie sie sich durch den Lichtschein einer Tür +bewegte. Er sah ihre weiche Hüfte und pfiff leicht. Sie wandte den Kopf, +und ganz gefüllt mit ihrem Bild folgte er ihr. + +Lange trat er nicht vor Lobas Augen, von Reue angenagt. Sie sandte ihm aber +einen arrasischen Teppich, daß er einen Spruch dafür zeichne. Er machte +eine große Tirade und schöpfte aus ihr neuen Mut. Sein Spiegel wies ihm ein +scharfes Gesicht schöner Männlichkeit. Er legte eine Schminke darauf aus +Quecksilber, Bohnen und Pferdemilch, damit die Schläfen einen weicheren Ton +erhielten. + +Darauf wagte er es. + +Ihr Zimmer war unverschlossen. Nähertretend sah er sie liegen, es kam viel +Licht vom Himmel, darum sah er sie genau. Er beugte sich nieder und küßte +sie auf den Mund. + +Schlaftrunken nahm sie die Hand von der Brust und hob sie zu ihm, und +denkend, es sei ihr Mann, erhob sie sich und stand auf. Da sah sie Villon +vor sich. Sie tat nichts zuerst. Sie sah ihn an. + +Diesen Blick trug er wie ein Mal tief im Haß seiner Seele weiter. Er +knallte ihn zu Boden. + +Dann seinen schiefen Blick sehend, begann sie zu schreien. Türen schlugen. +An Mägden vorbei, die mit Kerzen kamen, verließ Villon eilend das erregte +und helle Schloß. + +Er fühlte überall Schmutz an seinem gebadeten Leib. + +Zweimal murmelte er: »Bande . . . Bande . . . -- -- warum, Villon, gabst du +dich, Sohn einer Dirne, den Feinen hin -- -- -- --?« + +Die Nacht war schön. Wind blätterte sanft durch den Baumstand. + +Durch den Wald irrend hob er die Hände zwischen den Stämmen und rief: + +»O Joi-Novel, wo bist du nun?« + +Bebend vor Zorn und in heißem Schmerz über des Hundes Tod, der seine Seele +nun schwer bedrückte, eilte er nach Marseille. Im Hafen lebte er versteckt +zwei Tage, bis eine Ruderbark nach Genua abfuhr. An den Mast gelehnt, das +wundersame Meer umfassend und voll Angst, seekrank zu werden, verließ er +aufgerichtet das heimatliche Ufer. + +Den fremden Strand besprang er mit Gleichmut. Seine Erregung hatte die +Bewegtheit der Wellen eingesogen. Er durchstreifte die Stadt und verließ +sie. Auf und ab wandernd die Küste des Meeres, durchmaß er Italien und gab +wenig Acht auf Monat und Jahr. + +Er schlief auf schlechter Streu und in Betten, er ward verfolgt, und Ehre +umgab ihn wie Beleidigung. Lungernd trieb er sich im Gewühl der Häfen hin +und gab sich tagelang dem Meere preis an heller Küste mit entkleidetem +Körper, Sonne aufnehmend und in die geweitete Seele das Meer einspannend. + +In einem Winter schloß er ein Quartett zusammen, das die Schelle, den +Tamburin, eine kleine Orgel und die Querpfeife führte. Die Feuer mancher +Höfe und Märkte, das Geschrei vieler Nächte umfuhr die vier seltsamen +Gesichter. Dann löste er sich hiervon wieder, schwankte trunken und +verkommen, geldlos die Taschen, in die Städte, bettelte alte Fische und zog +Ringe von Damenfingern. Mancher Morgen aber umschlug ihn, auf einem Pferde +sitzend, lässig die Haltung, ein Birett über dem Kopf und eine Harfe am +Sattel, deren Kopf eine Wölfin war. + +Als er Genua, von Syrakus kommend, durchwanderte einmal, sah eine volle +Frau aus einem Fenster, und er blieb stehen. »Dein hoher Busen reizt mich,« +sagte er. Sie betrachtete ihn und schimpfte ihn: »Provenzale!« Doch er +lachte und wies auf ihre Brust. + +Er schlug einige schiefe Triller an und intonierte: »Dein hoher Busen +. . .« Die Frau wurde rot vor Zorn und schrie: »Ich verstehe dich weniger +als einen Berber, Deutschen oder Sarden.« Jedoch nahm sie seine Hand und +führte ihn in ihr Haus. Im Gange dann schlug er den Arm hoch um ihre Hüfte, +und da sie dies verstand, entfremdeten sie sich nicht mehr. + +Gut gepflegt nach Abenteuern des Weges blieb er gern bei ihr. In den +Jahren, die daraus erwuchsen, erhielt sie Gewalt über ihn. Wohl schlug er +sie manchmal, wenn er trunken war oder eine andere zufällig genossene Frau +ihn zu neuem Mut gespeist hatte, aber später ihr Blick duckte ihn wieder +feig. Einmal prügelte sie ihn und warf ihn vor die Tür. Es war eine bittere +Nacht, und der Hahn schrie vor Kälte. Morgens kroch Villon wieder in das +Haus. + +Er fühlte, daß sein Leben nicht mehr weit ausschlug, sondern im Kleinen +hinschwankte, und trotz manchen Schmerzes befriedigte es ihn mit Wollust. + +Sie besaßen einen Raum, in dem sie Wein ausschenkten. Menschen aller +Gattungen schoben sich vermischt durcheinander zwischen diesen Tischen, die +nie leer wurden. Hier traf er Babolin und Jaufre Rudel, die mit ihm waren, +als er die Antilope holte im königlichen Garten. Doch er redete wenig davon +und ließ sie ziehn. Fremde Herren, die mit den schlanken Weibern der +unteren Viertel schwelgten, trafen sich in diesen Räumen. In den hinteren +Zimmern, die sie später aufsuchten, entkam ihnen manches Kleid, viel Geld +und Schmuck, der Villons Reichtum erhöhte. + +Sein niederes fettes Leben gab ihm keine Verse mehr. + +Da sprach eines Abends ein reisender Lombarde von der Fürstin von Tripolis, +die niemand noch sah auf der Welt, und deren Güte und Schönheit an kein Maß +reichte. + +In dieser Nacht schlief Villon schlecht neben seiner hochbusigen Frau, und +in den folgenden kämpfte er verbissen gegen sich selbst. + +Am Mittag des vierten Tages ging er an das Meer, über dem die Sonne lag, +und da überfiel es ihn. Als werde er leicht und verliere sein Gewicht, +erschien es ihm; der Himmel wurde heller und weißer, und es vollzog sich +eine Klarheit des Gesichts in ihm, daß er bestürzt zu Boden fiel. Wo er +gedacht hatte, sein Leben beschließe sich in ruhiger Niedrigkeit, entstieg +es ihm steil und seinem Willen und wuchs in das Lichte des Himmels hinauf. + +Taumelnd durchlief er die Straßen bis zum Abend, nahm dann viel von dem +gesammelten Geld und verließ die Stadt. + +Ein Schiff fuhr ihn. Das Meer glänzte. Die ferne fremde Küste schwebte ihm +entgegen. Als er ausstieg, war sein Herz nach oben hin beschwingt . . . +nach Herrlichem lüstern, Gutes zu tun bereit, seine Seele voll Verachtung +auf das Seither. + +Der Strand war ungewohnt herrlich. Indigofarbner und blauer Zindel stand in +den Gärten. Pferdestimmen riefen. Hörner und Klarinetten ertobten aus den +Zelten. + +Er mischte sich unter die Menschen. Doch hier war nicht das Hoflager der +Fürstin. Tagelange Reisen brachten ihn zu ihrer Stadt. + +Er fragte ihren Palast. Er klopfte an. + +Allein die eiserne Tür bewegte sich nicht. Er sang und rief und trotzte. +Doch sie blieb ihm verschlossen. In wochenlangen Listen erschöpfte sich +sein Hirn, aber keine Klugheit brachte ihn näher. Er lernte die Sprache des +Landes und die Dialekte der Städte. Er wurde schwach und wich vom Pfade der +Sehnsucht und besaß geringe Frauen, aber sein großes Gefühl erzitterte nur +sacht unter ihnen und warf sich in weiter Flut von neuem nach der Fürstin. + +Als er heißköpfig von Wein eine Nacht mit Edelleuten aus der Bretagne +würfelte, spotteten sie auf seine Sehnsucht. Im Zweikampf ringend auf +bretonische Art warf er den einen, der andere aber besiegte ihn. Da spie er +ihm in das Gesicht vor Wut, daß dieser seine Hoffnung zertrete und auch im +Gottesurteil über ihm sei. + +Er versuchte es zu zwingen, daß er die Fürstin sähe. + +Er ritt mit einem großen Hengst klirrend auf die Brüstung vor dem Schloß, +warf den Arm auf und schrie hinauf nach den Fenstern: »Du Hure.« Doch +niemand nahm Acht davon. Da schäumte er und schwur bei seinem Gedärm und +den Wunderzeichen von Compiègne, daß er die Fürstin besitzen werde. Doch +der sonst menschenvolle Platz war ausgestorben, und kein Fenster öffnete +sich, keine Strafe kam. + +Nun bestach er die Wachen mit Geld von verkauften Reliquien (deren Handel +er großzügig an Europäer betrieb) und verführte liebend und mit Gesang +Dienerinnen des Palastes, es war umsonst. Hingenommen von seiner Aufgabe, +überließ er seine Tapferkeit den Heerführern der Fürstin, streifte durch +unerhörtes Gebiet, sah Tier, Waffen und Mensch, die er nie erahnte. + +Als Belohnung erbat er, die Fürstin zu sehen, deren Ruf er, singend, in die +Levante hinein erhob. Er bat, befahl und drohte. Es war umsonst. + +Da ließ er, geruhiger, vom Trotz und lebte still verehrend in der Nähe des +Palastes. Bald bekam er von ungefähr, ohne daß er die Hand nun danach +streckte, eine Stelle in den Anlagen. Monate diente er, indem er Sklaven +beaufsichtigte. Eines Morgens, als die Aussichtslosigkeit seiner Sehnsucht +ihn bedrückte, in Verzweiflung und Ungeduld, schlug er eine junge Sklavin, +daß sie schrie. + +Während er schlug, erstarrte sein Arm. Ruhe überkam ihn mit strömender +Gewalt. Er drehte sich. + +Über eine Terrasse schritt eine Frau herunter, ganz in hellen und roten +Farben. Ihr Gang betäubte ihn. Langsam verlief das Bild nach der Seite des +Wegs. Er breitete die Arme hoch. + +In diesem Augenblick wandte sie sich um. Ihr Gesicht strahlte kurz herüber. +Der Garten begoß sich mit Licht. + +Villon fiel nieder, demütig die Hände gefaltet. Sein Herz neigte sich. Er +weinte in die Hände über seine Schlechtigkeit. Als er aufsah, machte die +Fürstin eine leichte Bewegung dahin, wo wolkenloser Himmel stand, und ihr +Bild erlosch hinter Gebüsch. + +Drei Jahre sog Villon Kraft zu stiller Tätigkeit und Leben, das nach der +Höhe des Herzens zielte, bis eine Pest die ganze Landschaft überzog und die +Fürstin mitnahm. + +Bei ihrer Beisetzung stand er vor dem Sarg. Lange blickend und das ganze +Bewußtsein auf sie zwingend, kam ihm ihr Gesicht durch den Stein des +Sarkophags, unter dem sie lag, deutlich entgegen, wuchs durch den Deckel +und erleuchtete ihn. Aber langsam löste sich das Bild und nahm eine andere +Form, die er bebend gewahrte, ängstend und die Hände dagegen gekehrt. Denn +seine Erinnerung sagte ihm, daß sie in dem Teil um das Kinn deutlich aussah +wie Loba. Doch der Glanz um die Schläfen war von der Herzogin von +Ventadron. + +Da riß er sich weg von den Trauernden, lief hinaus und begriff es nicht. +Vor dem Haus aber schrie er plötzlich: + +»O, warum, mein Gott, gleichen sich die Frauen?« + +Tief bestürzt sann er nach, aber _im Grunde blieb nur das Bild der +Herzogin_. Der Gedanke an sie, gegen die er sich sträubte, ließ ihn nicht. +Er kam in Trotz und irrte durch die Landschaft. An die Fürstin dachte er +nicht mehr. Das Gesicht der Herzogin aber stand vor ihm, wenn seine Hände +in den Haaren geringer Dirnen wühlten. Er floh davor. Und auch es sank +zurück, wo er sich ganz dagegen wehrte. + +Noch war nicht seine Zeit. + +So trieb es ihn in das niedere Gedränge zurück, das er in stillem Leben +verlassen hatte. Das Blut nur gab den Ausschlag seines Daseins. Bald lobte +er Gott und abends spie er ihn aus. + +Irrend kam er nach Genua. + +Er schlich an sein Haus. Als er es von anderen Menschen bewohnt sah, +empfand er Erleichterung. Nach dem Weib, mit dem er Jahre hier lebte, frug +er nicht. Es kümmerte ihn nicht, mochte sie aus diesem Leben getreten sein +wie aus seiner Errinnerung. Einiges begann er, aber es mißlang, weil er +wenig Trieb dazu fühlte. Eines Nachts band er eine Barke ab, die eines +Wüstlings, den er kannte, Namen trug, und fuhr nach Marseille. + +Gereifter im Antlitz, einiges Grau an der Schläfe, betrat er heimatliches +Land. Nachdem er die Barke gut verkauft hatte, mietete er ein kleines Haus. +Er beschloß zu bleiben und sah sich um. Bald legte er die große Kleidung +ab, die er trug. Er griff zu blauen Hosen, dem Wollkleid und roten +Rindlederschuhen und nahm Gürtel und Mütze. Den Orient kannte er zu gut, um +ihm nicht über zu sein im Handel. Durch seine kaufmännischen Hände ging +alle zweideutige Fracht: Speckseiten, Frauen und Gewebe, es gab keinen +Unterschied. Er begann zu schielen und die Hände zu reiben. Oft machte er +Bücklinge vor jedermann. Araber scheuten sich vor ihm. Spanische Juden +nannten ihn den drohenden Finger. + +Eines Tages brachte er Spitzen und Steine nach dem Schloß. Er sah Loba, +doch sie erkannte ihn nicht. + +Sie stand mitten in der Halle, breit geworden, kinderlos. Graupelz umsäumte +kühl ihr Gewand. In dem dunklen aufgewellten Haar hoben sich stolz die +Büschel der wunderbaren Pfeile des Stachelschweins. Sie herrschte ihn an, +er solle sich beeilen. + +Herantretend bückte er sich tief vor ihr. Während sie wählte, beschaute er +sie von unten, schielend, diensteifrig. Sie rührte ihn nicht. Er dachte +vergnügt an ein schmales baskisches Mädchen, das jung war und in +vorgeschriebenen Zeiten ihn besuchte. Er zwang Loba einen unerhörten Preis +ab und ging grinsend vor Wonne und Rache. + +Im Park murmelte er einmal: »Joi-Novel.« + +An den Bettagen, wo Handel untersagt war, kamen Spaniolen, die eilend +löschen wollten, und schlugen ihm günstige Bedingungen vor zum Kauf. Er +folgte früh morgens auf das Schiff. Während er Häute musterte auf dem +Verdeck, begann Geheul im Nachbarboot und griff um sich. Eine Frau rang +hingekniet neben den Anker die Hände. Matrosen neben ihr sahen neugierig in +das Wasser. Seinem Blick, der ihren folgte, begegnete der Kopf eines +kleinen Kindes, der wieder auftauchte aus dem Wasser, -- und sich +schüttelnd sprang er nach und holte es heraus. + +Als er das Kind hochhob mit beiden Armen, schien die Sonne über das weiße +Gesicht, und plötzlich vergrößerte sich der Kopf und wurde, steigend, +milder werdend und sich verklärend, das Gesicht der Herzogin. + +Die Mutter wand sich vor ihm, doch er sah es nicht. + +Sofort begab er sich auf die Flucht. Streifend lebte er im Bezirk +Carcassonne, wanderte durch albigensisches Gebiet. Einen Winter war er auf +Schloß Gaillac, und fütterte den Sommer Rehe und Eichhörner auf Schloß +Fanjau. + +Als Bote eines provenzalischen Dichters zog er mit goldenen Ringen, mit +weißen und schwarzen Bändern nach Norden. Es hielt ihn kein Ort. Die Unrast +stieg. Manchmal bei kleinen Menschen mit tierischen Gebärden zog ihn die +Sehnsucht unter Schreien weg nach Höherem. Aus den Sälen der Schlösser +zwang ihn dumpfer Drang in die Niederkeit. + +Unter gefälschtem Namen kam er zu dem Herzog von Burgund. Er trug den Titel +eines tripolitanischen Adels. Er sprach die Mundart des Genuesischen, +Neapels und des Orients. Sein Gesang umfaßte alle französischen Zungen. +Geruch maßloser Unternehmung umgab ihn. So auffallend, erreichte er bald +die Nähe des Herzogs. Er zog eine eiserne Linie von Feinden hinter sich +her, indem er so rasch die Ringe um den Herzog sprengte. Doch dieser +überhäufte ihn mit Nachsicht und Gnade. + +Er wurde unentbehrlich für Feste und Beratung. Aus Alexandria ließ er +Kunststicker kommen, die den burgundischen Hof im Schmuck an die erste +Stelle brachten. Er verschaffte ihm Affen für die Boudoirs seiner Damen. +Für die Portalkäfige des Schlosses besorgte er tanzende Bären. Die Zwinger +füllte er mit Löwen, denen der Herzog bei guter Laune unter den rostroten +Abenden der flamischen Landschaft Stiere zum Zerreißen vorwerfen ließ. + +Er beschenkte Villon mit dem Goldenen Vlies. + +Wenn er trunken war, überschüttete er Villon mit Wein und schlug ihn, +Villon, der dann zitterte, der sonst glänzend an der Spitze seiner +Kavalkaden ritt. + +Je mehr aber sein Leben im Äußeren aufstieg, um so größere Sehnsucht trieb +ihn weiter. Gefühl nach Ruhe war langsam in ihn gekommen, wo sein Haar +mählich über dem herrlichen Kopf erblich. Doch die Unrast, die ihn trieb, +war, wie wenn er einem blinden Stern gehorche, der ihn magisch zu sich +führte aus einer unbekannten Dunkelheit her. + +Geringer wurden seine Nächte. Der Schlaf schrumpfte. Es zog und zwang. + +Da gab er nach und ritt auch aus dieser Stadt. Er wußte nicht wohin. + +So kam er nach Paris. + +Er ritt hinein. Sein Kopf erdröhnte. Das war die Stadt Villons, die Gärten +der Jugend, Gassen und Tavernen. Er faßte nichts und ritt. + +Sein Pferd hielt an. Wie einen Schlafwandelnden riß es ihn aus der +Betäubung. Er sah durch Nebel und Erinnerung. + +Sein Tier hielt vor dem Schloß der Herzogin. Doch sie kam nicht das Gitter +heruntergeschritten mit den vergoldeten Staketen. Keine Handbewegung +erfüllte den mittäglichen Garten. Er wartete und kehrte um. + +Fliegenden Mundes durchstürmte er die Keller, die Kneipen der Stadt. Er gab +ein Schauspiel für viele in den Tagen dieser Suche und Fahrt. Er trug den +Orden des Goldenen Vlieses durch die Spelunken verkommener Akteure und +Mörder. Gier, Altes, Bekanntes zu sehen und zu befragen, trieb ihn rastlos. +Doch er traf keine Seele, keinen Kopf, von dem er wußte. Vertraut und +dennoch durch die fehlenden Menschen unsäglich entrückt, kamen ihm Bänke, +Schilder, Räume ins Gesicht. Die Kirche Notre Dame jagte er vor Angst +vergehend hinaus. + +Der Herzog von Ventadron war lange tot. Niemand wußte um seine Frau. + +Ihr Lächeln aber stand wie ein Mond, milder und heller werdend, über ihm. +In einer Nacht hielt er sich nicht mehr, erhob sich, schlich den Weg durch +den Garten zur Rückseite des Schlosses, erbrach es und durchwanderte es die +ganze Nacht. Gegen Morgen quoll ein Zorn in ihm auf, daß er den Degen nahm +und, vor Wut schreiend, das Zimmer zerhieb, in dem sie geschlafen haben +mußte. + +Dann sank er um, und als er erwachte, war nur eine große Müdigkeit in ihm +und Sehnsucht nach Stille. Viele Tage blieb er im Bett seines Gasthofs, +dachte, schlief und besah die Bäume im Garten, hinter denen blauer Himmel +und Sternentfaltung sich vollzog. Er stand dann auf und ließ Bettler kommen +und Insassen der Kneipen und schenkte ihnen seine Kleider. Sein Gold nähte +er in den Mantel. Nur das Metall behielt er des Goldenen Vlieses unter +grauer Wandrerkleidung auf der Brust. Er vergaß seine Schuld zu zahlen, +müden Auges, fast ruhig im Innern, zog er wieder in die Welt. + +Nach wenigen Tagen kam er an ein Kloster, das in fruchtbarer Ebene lag. +Soweit, daß die Sonne die Kuppeln morgens mit Glanz enthüllte, schwebte der +weiße Bau eines anderen Klosters gegenüber vor dem Horizont. Die Luft war +klar und mild, es roch nach Blumen und Stille. + +Da hielt Villon den wandernden Fuß an und beschloß sein Leben hier dem Ende +zuzuführen. Dicht am Kloster war ein Konvent für Menschen der Welt, die, +der Einsamkeit anheimgegeben, Gott suchten, die Gebräuche der Mönche +teilend, ohne Klerks zu sein. Ihnen, die aus großer Welt kamen, schloß sich +Villon an, denn der Geruch der Mönche und Tonsuren stach ihn fuchsend in +die Nase und das Die-Ruhe-Wollende seiner Seele überstieg noch nicht seinen +Instinkt. + +Er half dem Pförtner, den die Gicht angeschwellt hatte und der, mit +vernichteten Gelenken, nur die Augen bewegte und vier Finger der linken +Hand. + +Seine Liebe war jedoch der Garten. Wenn er morgens erwachte, sah er über +die Beete und die Ebene hinüber zum anderen Kloster, das sich aus dem Nebel +schälte. Dann erhob er sich und begoß im Schatten, eh die Sonne Brand +herunterwarf. Mit Messer und Schere zähmte er den schmalen Weinberg, umgrub +die Wurzeln und schleppte schweißiger Stirne schwere Wasserkannen den Hügel +hinan. Ihm unterstand die Hühnerzucht, und er mästete die Tiere, Körner vor +sie streuend, und sandte manches fette Huhn als Geschenk ins andere +Kloster. Oft half er den Käse bereiten. Manchmal fing er Fischottern und +briet sie, und eines Morgens stand ein zarter Amarellenbaum im Garten, von +dem niemand wußte, woher er kam. + +In den freien Stunden des Mittags ging er ruhig durch den Hof und mit +langen gemessenen Schritten hin zwischen den Beeten. Er sah Eidechsen die +braunen Köpfe auf den weißglühenden Steinen sonnen, und hin und wieder saß +eine Kröte unter dem Holunder. + +Letzte Stille schien über sein Leben gekommen. + +Da schlugen Zigeuner ein Lager auf, nahe dem Konvent. In der Nacht sahen +die Kleriker Villon berauscht in zuckenden Sprüngen im Feuerschein. Später +durchtobte er das Haus, zerschlug die Scheiben und füllte die Kirche mit +satanischen Rufen. Altardecken beschmutzte er, als er die Weinfülle wieder +ausspie. + +Sie waren erstaunt so sehr, daß sie Mitleid mit ihm empfanden. + +Der Abt sprach ihn ohne Buße frei. + +Villon grübelte tagelang, dann ging er in die Zelle des Abts: »Ich stahl +den Amarellenbaum nachts im Nachbarkonvent,« sagte er und wies hinüber nach +den weißen Mauern. + +Der Abt befahl ruhig, den Baum hinüberzutragen. + +Da brüllte Villon: »Strafe mich!« und trommelte die Fäuste auf die Brust. +Der Abt verneinte lächelnd. + +»Warum?« + +»Du hast den guten Willen,« sagte der alte Mann kühl. + +Villon aber stand noch eine Weile, ehe er die Zelle verließ, die +Augenbrauen gegen die Schläfen hinaufgezogen, und starrte vor sich hin. + +Als er am Mittag, den zagen Baum in der rechten Hand vor sich haltend, zum +Frauenkloster ging, sah er durch die geöffnete Tür die Priorin den Hof +durchqueren. + +Da brach sein Herz, daß er aufschrie und Seligkeit ihn so erhob, daß er +begann, das Haar aus seinen Schläfen zu reißen und schrie. + +Aber sie wandte ihm nur das Gesicht zu. Es war jung und strahlte groß. Ihre +Haare waren weiß. Es war die Herzogin. + +Sie staunte nicht. Sie lächelte nur und winkte einer Dienerin, die den Baum +von ihm nahm. + +Doch da schrie er schon nicht mehr, sondern kniete verzückt und wagte nicht +aufzusehen. Lang blieb er so vor längst verschlossenem Tor. + +Mit der Dämmerung erhob er sich und singend: Regina celi laetare alleluja +-- schritt er, die Arme ausgebreitet, nach seinem Haus. Dort schloß er sich +ein und sang Tag und Nacht. Erleuchtung schien über ihm zu sein. Aber nach +einiger Zeit kam er heraus, älter in der Haltung, aber froher, durchlebter +von Geist, und wandte sich seiner Tätigkeit zu wie seither. + +Er floh nicht. + +Nichts änderte er an sich. Wochenlang sah er kaum nach dem anderen Kloster. +Er sprach weniger zu seinen Genossen. Mittags einmal, als sie speisten, +erschien ein großer Edelmann des burgundischen Hofs und ließ Hörner blasen. +Der Abt erschien. Er aber wollte nur zu Villon, dem er die Bitte brachte, +zurückzukehren. »Weiber und Löwen brüllen nach dir,« schrie er hinauf nach +Villons Fenster, der ihn in dieser Haltung empfing. Doch Villon sagte: »Gib +ihnen Fressen« und machte eine Bewegung, eh er zurücktrat, lächelnd mit der +Hand. + +Nachts nach Wochen brach er einmal auf, er widerstand nicht mehr. Wie ein +Dachs umschlich er das andere Kloster. Seine geschärften Augen nahmen die +Steigung jeder Treppe, die Bewegung jedes Lichts auf. Er wußte bald um das +Zimmer der Priorin. + +Dann zog er sich wieder lange in sein Zimmer zurück. Seine einzige +Genossenschaft waren zwei Tauben, gefleckt wie Falken mit langen Schweifen. +Sie trennten sich nie mehr von ihm. Ging er in hellen Nächten über Land, +saßen sie auf seinen Schultern, und sie umtanzten ihn im Garten, wenn er +grub. + +Eines Tages aber beendete er diese Art mit ihnen zu sein. Er zwang ihnen +seinen Willen auf, daß sie aufstoben, sich in die strahlende Höhe warfen +und verschwanden. Sie wußten ihr Ziel. + +Jeden Monat einmal schob er Papier in ihre Federn, auf dem Verse standen. +Doch schämte er sich dann ein jedesmal. Einmal aber hielt seine erstarrende +Hand, die die Heimkehrenden aufnahm, beim Einfangen eine Blume fest. + +Da nahm er das Höchste, was ihm blieb vom Leben, er trennte sich davon. Er +löste von seiner Brust die Schnalle des Goldenen Vlieses und band es der +Taube um. Heimkehrend die gleiche Nacht trug das Tier, flatternd vor +eisiger Kälte, einen Ring aus Haaren geflochten, über die Flügelenden +gestreift. + +Aber die weiße Farbe der Haare schlug ihn nieder, daß er nie mehr wagte, +Dinge hinüberzusenden. Und was gab es noch, das die Unendlichkeit dieses +Gefühls überträfe. + +Nach einem Jahr gab ihm der Abt Auftrag, hinüberzugehn und mit der Priorin +zu verhandeln um eine Orgel. »Es ist dein Fach,« sagte er und wandte sich +zu den Papieren um. Villon weigerte sich. Er schüttelte den Kopf. + +»Ich will nicht.« + +Da drehte sich der Abt zurück und sagte klar: »Du sollst.« + +Als der Klang dieser Worte sich erhob, scholl eine Stärke darin, die +dröhnte, daß Villon nachgebend sich beugte und ging. + +Am Gitter traf er die Priorin. Gesenkten Blickes richtete er den Befehl aus +und sagte ihn her ohne Stocken. Sie antwortete nicht. Sie hielt mit einer +Hand sich in der Höhe der Achsel am Gitter und sah ihn an. Er lehnte auf +der anderen Seite gegen das Eisen. Dann hob er den Blick und traf ihr Auge. + +Als dies eintrat, verwirrte sich sein Mund. Dunkel bog sich um seine Stirn +und klammerte sie zu. Er wollte danken, daß sie Güte über sein Leben getan, +aber ihm schienen unbegreiflich seine Lippen zu beben vor Flüchen. Doch aus +der Seligkeit, die ihn erschütterte und hinstieß, daß das Eisen knirschte +unter seiner Schulter, hob sich durch die Verwirrung der Gefühle ein +Augenblick der Jugend. Und er sagte: + +»Als Kind, wie ich Psalter sang . . .« + +Sie wartete noch eine Weile, freundlich lächelnd. Sein Mund jedoch trug den +Fluß der Gefühle, der riefenhaft anschwoll, nicht mehr. Er stammelte in die +Luft. + +Fern sah er sie noch einmal durch den Hof gehn. Sie wandte am Tor das +Gesicht und wies leicht, ohne den Arm zu rühren, mit dem Finger nach oben. + +Er wußte, daß er sie nie mehr sehen werde. Es war das Letzte. + +Die Tauben allein flogen noch, bis ihr, als sie betete, ein schwerer Stein +aus dem Gebälk im späten Sommer den Nacken zerschlug. Zehn Nonnen, steif in +weißen Leinen, trugen ihren Sarg in die große Kirche des Männerklosters. +Als die Prozession vorbeiging, losch der Himmel aus. Dunkelheit schoß an +den Rändern des Horizonts herunter, band sich zäh an die Erde und trieb +Nacht und Wolke vor sich, die brüllend heranwälzten. + +Dann schloß die Kirchentür. Villon erhob an seinem Fenster den Kopf und sah +die Sonne in einem Strahlenkranz, dessen Zacken alles berührten. Es wurde +Abend! + +Er ging hinein ins Land. Je tiefer er aber vorausschritt, um so leichter +trugen ihn die Füße, und die Stoppelfelder legten sich wie Seidenwalzen vor +ihn. Wälder wogten unten über dem Fluß in das Dunkel der blauen Dämmerung. +Er dachte an Joi-Novel, denn ungezählte Mäuse überkrochen die Erde. + +Aus einer Hütte, um die Bohnen hoch schossen, trat ein Mädchen mit einer +Hacke. Sein Blick fiel auf ihre Hüfte, die sich leicht wölbte. Der +Bückenden bogen die Brüste sich aus dem Tuch und die Beine standen rund und +straff vom Rock gehalten. Er sah in die Dämmerung weg, die den Wald schon +einsog und rotbraun wurde, dann fiel sein Blick zurück. Wieder wandte er +den Kopf. Aber in der Sanftheit eines ungewohnten Jahres war sein Blut +angeschwollen und warf sich bäumend auf. + +Doch er zwang sich und bebend sprach er sich vor: »Der Tod der Herzogin +. . . der Tod der Herzogin . . .« Allein die Worte waren ohne Klang. Sein +Schmerz war vor ihm selbst zugezogen und sprang durch Reizung selbst nicht +auf. Er preßte noch einmal sein ganzes Bewußtsein wie einen Stempel auf, +daran zu denken, daß sie in der Kirche liege, die Prozession, der +Weihrauch, der schreiende Tod. + +Aber es war nicht stark genug. + +Seine Hände ergriffen das Mädchen, und sein Blut sprang an das ihre wie an +das keiner Frau. + +In der Nacht kehrte er zurück, die Sterne anflehend, ihn zu erschlagen. Er +ging in den Zwinger und löste die Hunde, die auf Wölfe geschult waren. Sie +rissen die blutigen Lefzen auf. Aber keiner sprang zu, so sehr er die +Gurgel wies. + +Da schien es ihm, sein Herz selbst müsse springen und aufplatzen vor +Traurigkeit und Verzweiflung. Er nahm ein härenes Hemd, band einen Strick +um das Genick und legte sich auf den mit Asche bestreuten Boden und wartete +so auf den Tod. + +Um die dritte Nachtstunde, da er noch lebte, erhob er sich, mehr +verzweifelt, und schlich an die Kirche. Dort horchte er. Dann ließ er die +Befangenheit und stieß, sich aufrichtend, die dumpfe Tür mit dem Fuß auf +und trat ein. Der offene Sarg stand zwischen wächsernen Kerzen. Ein fremder +Mönch hielt die Vigilie. Er sah auf und wies ihn mit der Hand streng +hinaus. + +Villon hielt ihm das Messer vor den Bauch. + +Da zerfloß das hagere Gesicht des Mönchs in Mitleid: »Du mußt elend sein,« +sagte er. + +Aber Villon, außer sich, achtete nicht auf ihn, sondern warf sich +aufheulend wie ein Hund quer über das Fußende des Sarges und blieb so. + +Jede Viertelstunde sang der Mönch einen Psalm und scheuchte ihn nicht. +Plötzlich sah Villon auf und, vom Anblick der Toten geschüttelt, schrie er: +»Schreier, mach das Maul zu! Schweig. Gib mir eine Antwort: kann es sein, +diese Frau zu lieben und am Abend ihres Todes eine Dirne zu umarmen? Kann +es sein?« Er drohte mit der Stimme und stieß mit den Fußspitzen haltlos auf +den Boden. + +»Du hast die Inbrunst,« sagte der Mönch. + +»Sie hilft nicht durch,« schrie Villon im letzten Zorn sich +entgegenstemmend: »Ich habe die tripolitanische Heilige verehrt und nannte +sie mit gleichem stinkendem Atem Hure. Die Güte der Herzogin schien mich +an, aber ich stahl und tötete.« + +»Ereifere dich nicht. Ich kenne dein Leben,« sagte der Mönch. + +Er war die Pfeiler hinabgeschritten, Lichter löschend, und wie er sich +unten umwandte, schien seine Gestalt mit dem Plafond verschwommen, seine +Kutte schwebte in einer dunkelen Glocke um ihn und verwuchs den steinernen +Rippen der Kirche, und vor den Augenhöhlen seines riesigen Kopfes wogten +die Schatten des Weihrauchs. Wie er jedoch, im Chor stehend, nun die Stimme +erhob, war seine Gestalt wieder klein und gewöhnlich, doch die Rede, die er +begann, wurde vor seinem Munde so furchtbar, daß in der ertosenden Kirche +sich die Echos blendend zerschlugen. + +Es hieß aber, was er sagte: »Fast hast du Gott erreicht.« + +Aber Villon antwortete darauf ganz ruhig: »Du hast recht, aber ich will +nicht mehr. Ich erreiche sie nicht, die kleine Spanne, die fehlt. Gott +erkämpfen, gelingt mir nicht. Du weißt es, wenn du mich kennst. Gott soll +zu mir kommen, denn er kann über mein Blut, aber ich kann es nicht. Gott +soll sich entwickeln in mir, bis er reif ist. Ich will ihn nicht stören und +verhindern, nicht in der Andacht, nicht im Gemeinen. Die Dinge sollen +laufen. Ich schalte mich aus meinem Blut. + +Gott soll mich suchen. Ich suche ihn nicht mehr. Ich warte.« + +Und auch der große Ruf des Engels im Traum, der ihn, dem Lichten zu, sich +gleiten zu lassen befahl, schien ihm, über das Blut und seine Gesetze +hinaus, in diesem Sinne beschlossen zu sein. + +Aufstehend legte er die Arme der Herzogin im Kreuz über die Brust. Dann +nahm er Öl und Chrisma und salbte seinen Scheitel wie einem Neugeborenen. + +Langsam ging er aus der Kirche, nach Ruhe gierig, und sonst nichts. + +Diesen Ort verließ er. Hier lebte es sich nicht länger. + +Er ging durch den frühen Morgen, der noch dunkelte, hinab zum Fluß. + +Einmal noch wandte er sich, und wie er den Arm steil gehoben gegen Paris, +so hob er ihn rückwärts gegen sein ganzes Leben, weniger in Drohung und +Trotz, aber voll Ablehnung. Es hatte ihn zu keinem großen Abschluß geführt, +darum galt es ihm nicht, so voll und reich es auch war. + +Allein schon wurde ihm dies unwesentlich, da er nach Kampf nicht lüstern +mehr war. + +Er schob den Blick nach vorn. + +Sich auf das harte Holz der Kahnbank pressend, stieß er die Ruder in das +Wasser und fuhr -- -- -- damit das Leben sich weiterhin über ihn stürze, +solange der Rest Tage ihm noch blieb . . .; daß ein Bauer ihn, buhlend, +hinter einem Zaun mit der Gabel ersteche, oder Gott ihn im feurigen Wagen +wie Elias in den brennenden Himmel reiße. Denn dies alles, was sich noch +vor den endlichen Abschluß schob, war ihm gleich und ihm lag nichts am +Ziel. Es war kein Wollen in ihm. Nur Sehnsucht nach Klarheit und kleine +Neugier auf das Ende. + + + + +Der Bezwinger + + +Im Jahre des Tigers geschah Timurs Geburt, im Monat Schual, geronnenes Blut +fest in der Faust. Vierzehnjährig ließen sie ihn aus der Jurte auf seine +erste Jagd. Er tötete dreißig Hirsche in hüfthohem Schnee. Sein Oheim +Hadschi berlas salbte ihm den Daumen und schenkte ihm ein Weib. Im Garten +am Fluß spielte er mit ihm den Abend. In der Nacht tötete er sie und fraß +sie an, schwamm durch den Fluß, machte einen Stamm Pferde los und ritt +einen Wirbel durch die Landschaft Kesch. + +Hadschi berlas wies ihm ein Frauenhaus zu. Allein von diesem Tage ab +verließ er sein Zelt nicht mehr. Breit wie eine Kröte hockte er +zusammengezogen und sah schräg nach den Falten des Tuchs. Nie besah er das +Haus, aus dessen Innern sie ihm Harfen entgegenschlugen. Sein Auge wuchs +sich zu mit einem Nebel, daß die Pupille verschwand. Hadschi berlas setzte +Spione um sein Zelt, die ihn lockten. Sie sprachen von der Güte dieses +Oheims. Sie lobten seine Stärke, seine Schenkel und grinsten über die Kraft +seiner Lenden. Stets beobachteten sie seine Miene. In Monaten vermochten +sie keine Änderung des Gesichts zu melden, das größer nur und +undurchsichtiger sich zusammenschloß. + +Beim Fest des Tages Gleiche mit der Nacht äffte der Narr im Hause Hadschi +berlas einen Emir, der Rücksicht vergaß und, die Hand im Gürtel, aufsprang. +Der fliehende Narr warf, über den Tisch springend, die Lichter um. Der +Dolch des Emirs ritzte einem Wächter die Hand. Ein Rustemdare schrie, +Hadschi berlas blute, in tobender Verwirrung knallten die Türen zu, die +Posten deckten außen die Türen, den Mörder abzufassen. Als der Narr, blind +die Augen vor Angst, durch einen Teppichschlitz hinaussprang, hieb ihm der +Wächter den Dolch in die Seite, und er verschied. In der Dunkelheit schrie +ein Emir, erkennend, daß Hadschi berlas nicht der zuerst Blutende sei, und +ihn nicht findend, er sei der Tote. + +Das Geschrei lief bis an Timurs Zelt, doch gab es seinem Gesicht keine +Veränderung. + +Später sagten ihm die erbleichten Spione, nicht Hadschi berlas trage den +Dolch in der Seite, denn sie fanden ihn, Schweiß auf der Stirn, in eine +seidene Tapete gewickelt, in der Ecke des Saals. + +Als dies Timur hörte, gab es eine Welle Blut in seine Schläfe. + +Wenige Nächte darauf tastete er mit zwei Katzensprüngen über die Lauernden +vor seinem Zelt, lief zum Palast seines Oheims und trat mit einer ruhigen +Bewegung zu dem Türhüter. Er sprach mit ihm lange plaudernd und ging +schlendernd wieder. Kaum aber war er aus der Füllung des Tors getreten, +trug ein schnellender Satz ihn zurück, an der Wohnung des Pförtners vorbei, +die Stufen nach oben. Durch stiere Gänge, die er nicht kannte, irrte er, +bis er eine Lampe sah. + +Hadschi berlas lag nackt auf seinem Lager, schlafend, die Hand auf dem +Nacken der Frau, die er für diese Nacht gewählt. In der Ecke stand eine +Lanze. Timur hielt die Spitze in die Lampe, bis sie knisterte, dann stieß +er sie der Frau durch die Brust. Seine rechte Hand schlug einen Säbel in +den Hals des Oheims, die linke riß den Kopf weg, und, den der Frau +dazunehmend, erstieg er einen Turm, ließ die eisernen Rasseln sich +knirschend drehen und stellte sich auf die Galerie. + +Die weiße Nacht ging gegen das Ende. Er schwang die Köpfe im Kreis und rief +sich zum Chan aus. Seine Stimme klang zum erstenmal rollend über die +Dächer. Aus den Hälsen fiel klatschend Blut auf die Straßen. + +Der Astronom Guines trat auf das Minarett der Moschee und rief über die +Stadt ihm zu: »Bewahre die große fernhin schmetternde Trompete.« + +Am Mittag zogen die Emire in die Ebene. Sie warfen die Mützen in die Luft, +schwangen die Gürtel über den Rücken. Sie warfen sich auf den Bauch, die +Sonne anzubeten, und huldigten durch neunmalige Kniebeugung dem neuen Chan. +Ein Prinz reichte ihm kniend den Becher mit Stutenmilch, er gab ihm, den +Kopf wenig lüftend, als Gegengabe das Todesurteil. + +Dann ließ er, damit sich Hadschi berlas nur mit einer Frau, den Thron mit +der Gruft wechselnd, nicht allzu langweile, sechzehn seiner +Beischläferinnen schlachten und befahl den Zug nach Samarkand. Den Emir +dieser Landschaft zerhieben sie, und da sie ihm gefiel, baute er sich ein +Haus hinein neben die Stadt, umgab es mit zungenlosen Wärtern und pflanzte +die Fahne der Macht vor die Tür. + +Er stieß sie selbst, neungipflig mit weißen und schwarzen Schweifen, in den +Boden, wandte sich langsam um und ging in das Haus. + +Zehn Jahre lang sah ihn kein Tatare wieder. + +Von diesem Orte ging nun Gewalt aus, die sie alle traf. Jeden Tag erhoben +sich aus der Ferne Reiter, rannten bis an den Gürtel der Wachen, saßen ab, +erhielten Befehle und kreuzten, abreitend, Kommende, die Nachrichten +brachten. Ein Graben, tief einen halben Fuß, umlief das Haus, sonst nichts. + +In Jahren beugte er alle, niemand wagte ihn zu überschreiten. + +Einmal, während die Massen im Kriegszug lagen, schlichen, unabgewehrt, zwei +Horden in das Haus. Sie fanden es ohne Gerät, ohne Lager, wie seit Jahren +unbewohnt. Echos schallten ihnen entgegen, ihre flüsternden Stimmen brachen +sich dreifach an den tauben Wänden. Ihre schrägen Blicke flimmerten. Da +brach die Furcht irr in ihre Augäpfel. Sie sprangen auf die Rücken der +Pferde, verwirrt in ihrem Hirn, und hingen ihre Leiber in einem nahen Wald +an die Äste. + +Einmal brach ein tatarisches Heer aus den Steppen. Reiter im Halbmond den +Kopf geschoren, mit großen Schenkeln, die Achseln spitz gereckt, ritten um +Samarkand, fielen in die Ebene und wälzten sich durch die Städte. Sie +schwammen durch die Ströme und standen nach zwei Jahren auf den Graten des +Gebirges. Abgleitend verloren sie viele Pferde, doch im Anblick persischer +Ebenen schloß eine Felsmauer das Tal ihnen zu. In Vorhuten, tagelang, +schwärmten sie aus, sie fanden keinen Ausgang. Die Bergseite dampfte von +den Lagerfeuern. Da stob den Wartenden ein Bote an, setzte den Feldherrn ab +und gab die Zügel des Befehls einem kleinen Gruppenführer, den keiner +achtete. _Er hinkte und bewegte die linke Hand nicht._ Er ließ mit siebzig +aufgestellten Blasebälgen den Felsen wochenlang erhitzen. Dann warf er +einen abgeleiteten Fluß dagegen, daß der Basalt zerknallte. Das Heer trabte +in die Ebene. Sie schlugen die Perser in zwei Treffen und, abtretend, gab +der Feldherr sein Amt ab, zurückberufen, an Yakou, dem die Augen bis an die +Mitte der Schläfen saßen, und der Schiraz in einer Nacht in den Himmel +feuerte. + +Ein anderes tatarisches Heer, stummem Winke folgend, stieg aus den Steppen, +zog um Samarkand, überritt die Wüste und das stachlige Tiefland. Die Reiter +trabten wochenlang, Weiber auf den Sätteln, Kamele hinter sich mit Kindern +und Proviant. Eine Wolke von Schweiß brach vor ihnen her, und die Geten +zündeten ihre Dörfer an und verließen sie und schrien nachts aus den +Wüsten. Die runden Säbel glühten in der Sonne. In einem Halbkreis rannte +das Heer über die Steppe. Sie banden die feindlichen Männer mit den Köpfen +in die Kniehöhle und warfen sie in die Sonne. + +Sie hatten ihre Weiber auf den Sätteln und verließen die Pferde nicht. Sie +machten große Feuer und trabten darüber in den Horizont. Reitende Boten +täglich zogen eine Schnur zwischen ihnen und dem Haus in Samarkand. + +Aus den Schneesteppen brachen tatarische Heere. Die Pferde stampften in die +Jurten vor Kurdistan. Sie brieten einen Emir überm Lagerfeuer und ließen +seine Söhne daran speisen. Zwei Tage nach einer Schlappe des Führers +wechselte der Oberbefehl. Zurückkehrend nach Samarkand verschwand dieser. +Axalla führte die Geschwader. Sie warfen sich über die Landschaft und +trieben Pferde zusammen und das Vieh. Ein mongolischer Fürst wehrte Axalla +mit Gebeten. Stolz trat er redend vor ihn und erfragte den Sinn der +Überfälle. Axalla sagte: »Gibt es anderes für mich als zu folgen? Dein +Aussehen ist besser als deine Frage,« und ließ ihn hinausführen. + +Als Axalla nach Georgien aufbrach, betrat ein Unterführer sein Zelt. + +Axalla speiste auf dem Boden kniend und sah unwillig schief nach der Tür. + +Der Unterbefehlshaber hob rasch das gesenkte Gesicht und warf den Mund +brausend auf: »Teile das Heer.« + +Axalla stand auf, lehnte sich gegen den Pfosten, Spott um den Mund: + +»Wer bist du?« + +»Genug, dich zurechtzuweisen.« + +Da stand Axalla, gegen diesen Stolz gerichtet, zurückgeworfen den Kopf, vor +dem Unterführer, _aber da war dieser aus den Schultern heraussteigend mehr +als zwei Köpfe größer als er._ + +Er öffnete wieder den Mund: »Teile das Heer zwischen Georgien und Kars.« + +Da schlug Axalla schäumend auf die Trommel, Wachen führten den Mann, +gebunden die Armgelenke, hinaus. Axalla kniete nieder und aß weiter. + +Am Abend öffnete sich das Zelttuch unter einer drängenden Schulter. Der +Unterführer stand in der Mitte des Zeltes bewaffnet und frei. + +Axalla fuhr an den Dolch. + +Aber der Eingetretene sagte: »Bekümmere dich nicht. Ich könnte dich +zwingen, denn deine Macht geht nicht über mich,« und er wies, die Zähne +fauchend, die gelösten Arme. »Aber ich will deine Klugheit sehen. Darum +rate ich nur. Teile die Geschwader.« + +»Wer bist du?«, rief Axalla wieder, aber unter dem Ruf schlug das Zelttuch +schon zusammen. + +Am Morgen schied Axalla das Heer. + +Die Geschwader gegen Kars trafen den Mittag einer Gruppe in den Rücken, die +die Truppen Axallas in einen Schraubengang locken sollten. Sie hielten sie +zusammen. + +Axalla sah den Unterführer nie wieder. Die zwei Säulen der Geschwader +lockerten sich. Georgien wurde überrannt. In einem Halbkreis stießen die +Tataren schweigend aus den Steppen. Ihre runden Schwerter blitzten in der +Sonne. In Kars rissen sie die Rosenstöcke aus und setzten die Männer auf +die Stäbe. Über Georgien wälzten sie eine Flamme, die die Städte erstickte +und die Reisfelder fraß. Die Erde zitterte unter dem Schlag immer trabender +Hufe. + +Sie ritten, eine lange glänzende Masse, durch die Engpässe am Rand des +Gebirgs. Dann stoben sie in die Steppen und schwirrten auseinander. Sie +sägten einen Sherif in der Mitte durch. Ein Mann brach das Tor einer Burg +nachts auf mit den Zähnen. Sie schlachteten eine Nacht. Sie hatten die +Weiber auf den Sätteln und verließen die Pferde nicht. + +Ein einziger Wink holte sie alle zurück. + +Im zehnten Jahre rollten alle tatarischen Heere im Halbkreis aus den vier +Winden gegen Samarkand zurück. Die Stadt schaukelte, wie sie nacheinander +antrabten. Ein Schneesturm überfiel das Heer Axallas zwei Tage vor der +Stadt, sie kamen in einem langen Brausen, der Schnee vor ihnen schmolz auf +Stunden. + +Sie lagerten in einem Bogen in der Ebene. + +In der Mitte bauten sie einen Thron auf. Dann warteten sie, die Augen +tausendfach gegen das Haus schleudernd. + +Aus einem kleinen Vortrupp der Aufgestellten löste sich da ein einfacher +Tatar, ritt an den Thron und stieg fest hinauf. + +_Er hinkte und konnte die linke Hand nicht gebrauchen, zwei Köpfe höher als +alle._ + +Da erkannten ihn alle plötzlich. Sie schrien: »Timur Chan« und warfen sich +auf den Bauch brüllend vor Wonne. Er stand auf und stieß den Finger nach +diesem und jenem: »Dich kenne ich . . . dich kenne ich.« + +Axalla verkroch sich unter den Bauch eines gefallenen Pferdes vor Scham, +aber er ließ ihn herausziehen und ihm zwei Ringe schenken. + +So ward er sichtbar, unbewegten Gesichts. + +Er trug den Kopf barhaupt, lange Haare. + +Nach der Jagd, in dem Haus gelagert, sagte Yakou einmal an den Fingern die +Gebiete her, die sie in den Jahren unterwarfen, es machte ihm Mühe, die +Hände reichten nicht aus. + +Timur sagte: »Was ist es . . .« und zog mit Stutenmilch einen kleinen Kreis +auf den Tisch. + +Dann nahm er Yakou mit in das Nebengemach. Sie blieben den Abend bis zur +Nacht. Später rief Yakou heraus, daß sie Guines hereinführten; er erschien, +aus dem Schlaf gerissen, mit verklebten Augen und halb angekleidet und warf +sich auf die Knie, aber Timur winkte nur nach oben und grüßte ihn. Guines +schrieb die ganze Nacht. Yakou bewunderte es kauernd daneben und fraß die +Nägel seiner Hand. + +Timur änderte das Heer, vertauschte, warf weg und ernannte. In der Nacht +noch schlugen sie Pflöcke ein. Tausend Unterführer wurden in die Sonne +hinein gepflockt. Der Fürst von Tanais erhielt eigene Korps, einfache +Tataren rückten an den ersten Platz. Die Reiter erhielten Kumis und waren +berauscht am Abend vom Anfang der Stadtgärten bis wo das Auge das Ende der +Ebene faßte. + +Feuer umbrannten den ganzen Nachthimmel. + +Timur hielt Abrechnung über zehn Jahre. Schuldige wie von Blitzen gefaßt +entleibten sich selbst. Ihm war nichts unbekannt, der ihre Lager geteilt +hatte. Kam er nahe an unbesichtigte Geschwader, wälzten sich einzelne +heraus, auf dem Bauch Verzeihung erbittend, den Mund voll Anklagen. Er +hatte nur _einen_ Wink. + +Monate hindurch ordneten die Führer. Timur schickte einen Vortrupp gegen +die Grenzen. Er blieb einen Monat länger als ein halbes Jahr, das er ihm +gesetzt. Der Führer sagte: »Wir konnten nicht rascher als der Wind.« Timur +griff in den Bauch ihrer Pferde, fühlte Fett zwischen zwei Fingern und ließ +sie enthaupten. + +Dann zog er gegen Moscow. + +Tatarenheere tauchten wieder in die Steppen, der Chan unter ihnen, sie +wußten es und sagten es den Pferden in die Ohren. Das Heer der Moscower war +dreimal größer wie das der Tataren, sie schrien schon aus der Entfernung. +Der Fürst von Tanais zog einen Bogen nach rückwärts ab, als es noch +dunkelte. Am Morgen stand die Sonne an einem geschweiften Hügel, an den die +Feinde sich lehnten. + +Brüllend rückten sie vor. Yakou warf ihnen zwei Flügel entgegen und trennte +ein Teil. Dazwischen brauste Timur, eine silberhelle Wolke lag zwischen den +Massen, sie erkannten ihre Flügel nicht mehr. Ungarische Reiter der +Moscower durchbrachen die Mitte und gingen in eine Falle Axallas. + +Da brach ein weißer Glanz auf dem Hügel auf. Der Fürst von Tanais bohrte in +die Seite sich mit zwanzigtausend Rossen. Die Moscower bliesen stählerne +Drommeten. Die Flitschpfeile der Tataren sausten in die Leiber ihrer Pferde +wie in Faschinenkörbe. Klatschend spickten sie die hellen Bäuche. + +Die weiße Flut vom Hügel schoß tiefer in die Masse. Durch die Wolke brach +Timur zurück, die nackten Säbel zerhieben die Flanke der Brüllenden. Die +Ebene dampfte in dickem Rot. Tataren nahmen die Säbel in die linke Hand und +schlugen. Ein junger Sohn Yakous rief vorbeifliegend, tagelang müßten sie +Scharten aus den Säbeln schleifen. Timur sah zu. + +Axalla wälzte einen Haufen Gefangener heran. + +Er zog einen Bogen mit der Hand: »Sklaven«. + +Timur schüttelte den Kopf: + +»Du hast zuviel jüdisches Blut, Axalla.« + +Axalla warf sich nieder, eine Falte des Zorns in der Stirn. Timur gab das +Zeichen, sie zu schlachten, zwanzigtausend. Er nahm Axallas Bogen und schoß +nach einem Moscowerfürsten. Der Pfeil flog in seine Hüfte, sein Pferd +machte einen Satz, er sprang fallend vor und zusammenbrechend, eine Hand +auf dem Boden, die andere drohend mit dem Kopf gehoben, krisch er: + +»Blutiger Hund« . . . + +Timur bewegte sich nicht, zielte in seinen Hals und warf ihn mit dem Schuß +um sich selbst. + +Dann zog er die linke Braue ein wenig hoch wie im Lächeln. + +Sie schlachteten stundenlang des Abends. + +In der Frühe ging Yakous Sohn leuchtend aus Timurs Zelt, sprang auf sein +Roß und jagte los. Hinter ihm, daß sie die Spitze seiner Mütze über den +Staub noch sahen, ritten zweihundert Tataren. Sie ritten über den flachen +Hügel, der sich aus dem Kampfplatz in den Horizont stieß, und über ihn +hinaus in Tag und Nacht. Fünf Monate trabend kamen sie an die Vorhuten +Chinas. Beobachtet stündlich erreichten sie wenige Wochen darauf +Juen-min-Juen. + +Sie nächteten drei Tage, bis ein geschminkter schwarzer Eunuch sie in den +Palast führte, ein Zelt mit unendlichen Gemächern, größer als Samarkand. + +Yakous Sohn, Zeinabdeddin, trat, geleitet von zwanzig Führern, in einen +Saal. Durch ein Spalier fettschenkliger Eunuchen glitten sie in den Garten. +Der Hof stand um einen Pavillon aus Gold. Gedämpfte Musik, feierlich, und +entfernte Glocken schwollen an. Diener sprangen erregt umher. Der König +stand hinter einem Schirm. + +Plötzlich stoben alle Musikanten in die höchste Harmonie ihrer Instrumente, +der Hof lag gefällt auf dem Bauch, über erstarrte Leiber stieg Yakous Sohn, +stieg, beugte ein Knie am Thron und empfing das Friedenszeichen, ein +Ju-schi in weißlichem Serpentinstein mit geritzten Emblemen. + +Da schlug sich Yakous Sohn auf die Schenkel und drehte sich um sich selbst +vor Lachen. Die Tassen mit Milch und Eiswasser klirrten in den Händen der +Chinesen. Ihre Augen klotzten dick und rund. + +»Timur Chan fordert von dir die Provinzen Pazanfu und Paquinfu. Aber +außerdem Pässe am Fluß Tachij.« Zeinabdeddin grinste und wiegte, auf einem +Fuß hüpfend, das Ju-schi auf der Hand. + +Der König verlor keinen Strahl Würde aus seinem Gesicht. Er ließ die vor +Schreck eingehakte Musik ausklingen und ließ dem Sohn Yakous, indem ein +Diener ihm Tee einschenkte, sagen, nur Güte sei es gewesen, daß er seither +das kleine Reisgericht des tatarischen Reiches nicht zu seiner Tafel +gezogen. + +Zeinabdeddin begann zu schreien und ungeberdig wie ein Ochs die eroberten +Gebiete auszurufen, aber der Schirm schob sich zwischen ihn und den König. + +Sie trabten zurück, verließen verbundenen Auges die Grenze. Ein Jahr und +drei Monate nach dem Ausritt erreichten sie Timur. Die Rippen blähten sich +aus den Pferdeweichen. + +»Sind es die gleichen Pferde?« fragte Timur. + +»Die gleichen,« sagte Zeinabdeddin. + +Timur ließ sich eine Fontäne bauen von gefangenen persischen Künstlern. Die +Abende wanderte er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall des +Wassers. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf rasch +zurück zwischen die Schultern. + +Im Frühjahr schwanden dann alle Zelte. Der Horizont besternte sich mit +fliegenden Punkten. Sie schwollen zu Lawinen, stürzten zusammen, sie +trabten, die Ebene hallte unter ihnen. Sie stiegen hoch und sammelten sich +aus Westen in der Wüste Ergimul. Im Osten wirbelte das zweite Geschwader, +breite Schenkel bogen sich um klopfende Bäuche. Pferdehälse strotzten von +jagendem Blut. Sie hatten den Wind im Rücken und schwiegen. Sie stauten +sich in den Hordas von Baschir. + +Zwei ungeheure Halbkreise brausten, Pferde mit kleinen Tataren, bartlos, +Bogen über den Rücken, über das asiatische Tiefland nach China. Ihre runden +Schwerter blitzten in der Sonne. Sie wälzten die Steppen blank. Die Weiber +auf den Sätteln, schienen sie, zweiköpfig in der Dämmerung reitend, +gegliedert bis ins Unsichtbare. Ihre Gäule wuchsen mit wiehernden Hälsen in +den Himmel hinein. + +Über gelben glühenden Sand trabten sie und warfen sich gegen die +chinesische Mauer, die nackt und weiß vor dem Horizont hinstrich. +Vierzigtausend schlugen einen Haken, nahmen verborgene Pässe und stürmten +in chinesische Rücken. Vor den Angreifern glühte die Mauer vor Sonne, die +Hufe der kleinbeinigen Pferde schmolzen. Die Mauer fiel gespickt von +Pfeilen. Ein Mandarin, auf die Mauerreste tretend, flog, zerfetzt von +Flitschpfeilen, so zerrissen in die Luft, daß kein Rest des Körpers +übrigblieb. Über die Mauer rennend, durchschwammen sie einen Strom und +rieben die anziehenden Heere auf in einem heißen Tag. + +Die Nacht ritt Timur von seinem Zelt los. Ein Reiter Axallas fragte, ob er +den gefangenen König haben wolle, »es hat Zeit,« sagte Timur und ritt. Es +war eine Nacht voll Hitze, und die Körper faulten schon auf der Sandsteppe. +Der Mond fehlte. + +Über den weithin getürmten Leichen in farbenen Seiden wogte eine Helligkeit +wie Gas, ein grünliches Weben, das sich zäh an den Boden klammerte, als ob +es nicht sich heben könne. »Ihre unreinen Seelen stinken in den Himmel,« +sagte Zeinabdeddin, aber Timur entgegnete nicht. + +Sein Auge trat groß und opalig, stumpf wie eines Schauspielers, aus der +Wölbung, und es schien, als tanze ihm gehorchend die Landschaft auf diesem +halben Bogen und der mit Gestirn dünn übergossene Horizont. + +Die Klammer der linken Hand, mit der er die Bogensehnen spannte, hing +verdorrt um einen Zügel gehakt. + +Sie ritten über einen Bach, da bildeten sich Umrisse aus dem Dunkel heraus, +ein Flimmern traf ihr Auge von eingelegten Muscheln und Metallen. Wagen +stieß an Wagen, die ganze Nacht stand voll zusammengefahrener Wagen. +Tatarische Wachen, die die Karrenburg umkreisten, brachen jeden Augenblick +vorüber. Sie ritten näher an den Platz und trabten hinein. + +Drinnen hingen Papierlaternen an vielen Schnüren, in bronzenen Krügen +standen Flammen, die steil brannten und Duft ausstreuten. + +In grellen Farben mit Skorpionen gezeichneter Seide standen, in fünf Kreise +geteilt, auf dem Rasen die fünf Frauenlager des Königs, in der Mitte jedes +Trupps eine Königin. An einen Ast gelehnt stand Axalla träumerisch mit halb +geschlossenen Augen und wachte, daß kein Mann Timurs beste Beute packte. + +Timur ließ sich die Lieblingsfrau zeigen. + +Er schleifte ein Bein nach, die Hüften wiegend in torklem Reitergang, +schritt er dicht vor sie, »du heißt?« fauchte er. + +»Miser Ulek,« sagte sie und fiel nicht nieder. + +Er ließ seinen Kopf bis auf die Berührung der Haut vor den ihrigen +schweben. Sein Geruch strömte über sie. Ihre Augenlider bebten ein wenig, +aber die grauen Augen hielten sich steif und furchtlos in den seinen. + +»Du hast den König getrieben zu dem Zug gegen mich.« + +Sie fletschte die Zähne. + +Laut stieß ihr Timur ins Gesicht »warum . . .«, aber, nicht zitternd vor +dem Rollen, gab sie zurück: »Er sollte herrschen über dich«. + +Sie hielt mit taumelndem Hirn in seinem Gestank. Auf ihren roten Lippen +tanzten kleine weiße Blasen, sie legte den Kopf schräg. + +Er sah auf sie. Ihre Augen stachen hell vor Haß. + +Er ließ ihren Blick steigen. Eine Weile wartete er. Dann sagte er: »Dein +Lager kann in mein Frauenhaus geführt werden. Ich nehme dich als fünfte +große Frau. Du sollst später die Residenz dieser neuen Provinz haben.« + +Er winkte nach der Seite, wo eine Kolonne sich schon formte. Sie stand +ruhig, während ihr Blick in dunklem Schatten einfror. Dann warf sie die +Hände hoch, stieß die Arme in den Himmel und sank mit einem Schrei, das +Haupt zurück, auf seine Füße und biß sie vor Lust. + +Weggehend ritt sie mit schmalen weichen Hüften davon, sie war eine +Kurdistane von kleinem Fuß. + +Timurs Auge wölbte sich in die Braue zurück. Sie ritten über das +Schlachtfeld, Tataren huschten durch die gasige Luft, nahmen das Gold und +rissen die Ringe aus den Ohren. + +Gegen Morgen kamen sie an das Zelt. + +Timur schlief jedoch nicht. + +Nach einer Stunde öffneten Hände außen den inneren Vorhang, der chinesische +König trat langsam zwei Schritte in den Raum. Timur stand, aufgestanden, +ihm gegenüber. Sie schwiegen eine Zeit. Dann senkte der Gefangene das +Gesicht, schaute zu Boden und erhob es wieder. + +Timurs Gesicht ballte sich nach innen zusammen, als der andere begann: + +»Im Umschwung der sieben Planeten habe ich siebenmal den Zyklus von zwölf +Jahren durchlaufen . . .« + +Timur deutete auf den Pfühl. + +Der König schüttelte den Kopf: + +». . . ich war der glücklichste König. Ich hatte jeden Erfolg. Ich hatte +Ruhe. Du scheinst glücklicher als ich.« + +Einen Augenblick zuckte Timurs graues Gesicht. Zwischen dem Zuschlag der +Lider verschwand der schmale Schlitz des betroffenen Auges. Dann quollen +die Äpfel breit aus den Höhlen und stierten in Nichtbegrenztes: + +»Ich habe keine Ruhe. Du irrst. Es hängen so viele Dinge an mir, die ich +zusammenraffte, daß sie schon in meinem Schlaf sich lösen. Sie fallen +auseinander, wenn ich nur erkranke. Nur ich bin das Gegengewicht. Es ist +mehr Qual als du ahnst, kleiner König.« + +Timur beugte sich ein wenig nieder und sah auf den Mann, der ihm +gegenüberstand. Er hatte eine Habichtsnase und einen dunklen Blick, +verwöhnt von Frauen und trotzig auf seine Jahre. + +Der König trat mit dem Fuß zurück, hob den Kopf und sagte wie in die Stille +redend: + +»Ich ließ in zweihundert Städten Priester um die Feuer der Sonne gehen und +kupferne Pauken schlagen, daß ich siege. Ich tat es nicht.« + +Er trat nun, das Gesicht umändernd, wieder vor und sah lächelnd zu Timur: +»Was beweist es?« + +Und: »Was beweist es . . .?« warf dieser ihm in den Mund zurück. + +»Nichts für dich,« sagte der König, auf jedem Wort ruhend, »aber zwei +Dinge: Daß dein Sieg ein Irrtum ist und falsch -- oder daß die Bestimmung +des Gottes in mir ist, daß ich mich neige zur Prüfung.« + +Da hub Timur den Arm zum erstenmal und brüllte: »Nein. Schwächling.« Seine +Stimme rollte durch das Zelt, daß die Vorhänge flogen. + +Der König aber hob stumm fragend sein ruhiges Gesicht. + +Dann sagte er: »Du leidest unter deinem Tun. Warum?« + +Timur antwortete kalt, die größte Dienstbarkeit, die so hohe Häupter wie er +mit Gott hätten, sei, daß kein Ende ihrer Ehre sei. Was er tue und handle, +borge er von Gott. Gott sei in seinem Anfang und Ende, denn es sei seine +Bestimmung, in so großen Kriegen zu sein. + +»Woher weißt du das?« + +Da aber lachte Timur rauh wie ein Wolf, und das Blut stürzte in sein +Gesicht, daß es strahlte durch die Dämmerung des Zeltes: + +»Wo ist der, der den Gegenbeweis aushielte.« + +Nun senkte der König den Kopf. Er stand zitternd. Bleich. + +Dann fragte er: »Wer bist du, der du so hoch dich türmst?« + +»Mehr als du, der du so vieles für mich angehäuft hast.« + +Auch sein Körper leuchtete nun. Er trug den einfachen Reiteranzug seiner +Krieger, aber ein Glänzen brach von den Rändern aus, breit und scharf. + +Ein Beben überlief den König kurz. + +Dann neigte er das Knie. Und indem ein langsames Besinnen in Pausen auf die +Oberfläche seiner Augen zurückkam, bat er, daß er in seinem Muschelwagen +die weite Reise fahren dürfe, denn die Last der durchlebten Jahre drücke +auf seine Brust. + +Timur nickte kurz. + +Es war der mächtigste König an Gewalt hier vor ihm, fleischigen Körpers +noch in diesem Alter, der die Jugendstärke des berühmten Bogenspanners +zeigte, er lächelte und hob ihn auf. + +Da trat der König an ihn heran, stieg auf die Spitzen der Schuhe und küßte +ihn auf den Mund. + +Umwendend stand sein Rücken der Tür zugewendet. Seine linke Hand faßte die +Portiere, sie zu öffnen. + +»Vergiß nicht, was es heißt, daß ich mehr zu dir sprach als je einem +Menschen,« sagte Timur verhalten. + +Über die Schulter lächelnd antwortete der König: »Fürchte nicht, daß der +Gott, der in mir so lange lebte, seine Bestimmung im Stich läßt.« + +Da hob sich der Vorhang, und die im Morgen aufgekommene Sichel des halben +Mondes hing vor ihnen. + +Während er unter ihr dem Wagen zuschritt, kam ein Zug Frauen aus Osten an. +Timur sah nicht nach ihnen, wandte den Kopf nach der Seite, und wie seine +Blicke zwei Tataren trafen, sprangen sie hinter den schreitenden König und +zerhieben ihn. + +Der Zug der Frauen aber stieß an die Ecke des Zeltes, ein Kamel kniete +nieder. Reiter sprengten danach durch die Fülle der Frauen hindurch. Aus +den zweihundert aber lief eine heraus. Sie stellte die Arme zur Seite, bog +die Hände aufrecht, trat weiter heraus, die Augen geschlossen, und hatte +die trübe Sonne über dem Gesicht. So schritt sie führerlos über den +Leichnam, ohne zu fallen. Ihr Fuß netzte kein Blut. Sie ging bis zu Timur, +hielt eine Weile, öffnete den Mund mit einem leisen Ton und rief dann: + +»Ich hindere dich weiterzugehen. Es ist genug.« So blieb sie stehen, zunen +Gesichts. Sie war eine Chinesin. Timur befahl, sie nicht niederzuschlagen. + +Von dem Kamel glitt Miser Ulek. Sie deutete auf den Zerhackten: »Die Krone +des Glücks fiel von seinem Haupt.« Sie legte die Hände rund aneinander und +preßte ihre linke Brust. Den Kopf frei zurückwerfend sah sie auf die +Chinesin, deren gebrochener Blick sie nicht empfand. + +Timur sah den Blick, der zerstörte, auf was er traf. + +Er maß die beiden einige Zeit. + +Dann schob ein Wink sie weiter, der Zug rollte davon. + +Am Abend ließ er seine Lieblingstochter, mit der er schlief, zu dem Haus +seiner weiblichen Kinder zurückkehren und überließ ihren Pfühl Miser Ulek. + +Eine grüne Wolke hüllte das Heer ein zehn Tage, bis sie geteilt hatten. +Rudel wilder Tiere durchmaßen die Ebenen von dem Gebirge her und fraßen in +Orgien. Pferde starben an der Pest hin, und Tataren fielen in Haufen vor +Hitze und Geruch der Fäulnis. Timur gab ihnen aus der Beute Gäule zum +Schlachten, und sie fraßen rohes Pferdefleisch schmatzend vor Seligkeit, +bis ihnen die Mägen platzten und sie würgend über die Toten fielen. Axalla +und Yakou erhielten chinesische Prinzessinnen. Die Frauenhäuser wogten +überschwemmt von Stoff, Seiden, Rubin und Zelten mit goldenen Stangen. + +Den Tag, ehe sie ritten, hielten sie ein Gelage. Timur gab den Befehl eines +Emirschulbaus in Petsche-li, daß in ihr Hirn anderes als Gaulgeruch steige. +Guines stellte die Konstellation der Sterne. Einmal erhob sich der Fürst +von Tanais, deutete auf den Tonkünstler Ssasijeddin Abdulmumenin und sagte: +»Nimm die Leitung, Ssasijeddin.« Da erhob sich Timur und verwies es ihm, +auch wenn er den Namen des großen Kalifen trage, zu dem außerordentlichen +Mann nur mit dem Vornamen zu reden. Und schenkte dem Künstler einen Ring. + +An der Quelle Baldschuma betrat Timur das Zelt der Chinesin. Ihr klarer +Blick fiel auf ihn. Er wies auf eine fränkische Dogge und gab ihr sie zum +Geschenk. Er fragte nach ihrem Stamm. Jedoch sie vermochte nicht zu +antworten. + +Sie sah ihn mit feuchten porzellanenen Augen an. Da verließ er sie. Sie +ritten weiter. + +In einer Gewitternacht ließ Miser Ulek der Chinesin Tee reichen, aber +dieser entfiel die Tasse. Sie sah lächelnd zu Miser Ulek: »Gift.« Da weinte +Miser Ulek, umarmte sie und stach ihr ein Messer in die Seite. Doch es +blieb in der Haut. Timur befahl, die Chinesin aus dem Haus Miser Uleks zu +nehmen und in das seiner Töchter zu führen. + +Sie ritten durch Monate. Sengende Sonne wirbelte ihnen Staub in die +Gesichter, sie stachen durch Schnee, bis sie das achte Paradies erreichten: +Samarkand leuchtete aus den Gärten. In der Ebene von Kjanegül erbaute Timur +einen Palast in der Mitte des Fundorts der Rosen. Künstler aus Bagdad +übermalten die Wände. Der Hof stieg in Marmor und Talkstein, Schwibbogen +leuchteten Sprüche des Korans, die Türen brüllten vor Erz. Glockentürme +wuchsen aus den Ecken. Er baute einen Windfang und einen unterirdischen +Saal. + +Er gab ihn der fünften seiner großen Frauen Miser Ulek und den zweihundert +Beischläferinnen hinter ihr. + +In der Nacht schreckte ein Traum ihm die Chinesin ab, und er schenkte sie +an das Frauenhaus Zeinabdeddins. + +Er selbst wohnte in dem dunklen festen Haus mit dem fußtiefen Graben. +Abends wie ein Panther zog er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall +seiner Fontäne. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf +zurück zwischen die Schultern . . . + +Gekitzelt vom Lachkrampf schlug eines Tags ein zirkassischer Fürst zwei +Leuten Timurs, die raubten, die Köpfe ab. Timur ließ ein Heer aufstehen. + +Vor dem Aufbruch gab er eine Jagd. + +Jagdleoparden in Satin und Coliers glitten in die Ebene bis hinter den See. +Dort witterten sie, stießen die Nasen zum Boden und stoben in den Wald. In +der Einbruchecke sah er ein Weib vorbeistreichen. Timur hetzte den +Leoparden, doch der legte sich nieder, daß Timur wütend ihm einen Pfeil ins +Kreuz schoß, er wendete und schnitt sie ab. Er stellte sie mit dem Pferd, +das bäumte. Sie hob sich gleitend, warf die Arme auf und erstarrte. Die +Pupillen erloschen. Geschlossenen Auges, grau im Gesicht, sagte sie: +»Betritt den Boden der Ruhe. Es ist genug.« + +Timur spannte den Bogen auf sie. + +Sie sah ihn an: »Ich warne zweimal.« Er schüttelte sich in kaltem +Gelächter. + +Es war die Chinesin. Sie schwang sich auf einen Zweig; wie ein Silberaffe +sitzend, sagte sie in halbem Ton: »Du fällst noch heut in Unglück an einer +weißen Stute.« Timur hielt einen Herzschlag lang ein im Besinnen. Dann +sagte er: + +»Geh zurück in das Haus meiner Töchter.« + +Auf der Spur ritt er durch einen Tümpel, von einem Ast zischte ein brauner +Klumpen, ein gelber Rachen biß sich in die Kehle des Gauls, der schrie. + +Timur konnte den Bogen in der Nähe nicht spannen. Da erschien Yakous Sohn. +Timur sah ihn lange an, während er deutlich zielend die Sehne anzog, der +Pfeil riß dem Tiger das Auge heraus, glitt ab und fuhr streifend durch +Timurs Schläfe. Brüllend sprang der Chan ab, daß der Wald erzitterte, griff +in den fetten Pelz der Katze über den Hinterbeinen, wirbelte und schlug sie +auf die Erde mit einem Aufschwung, daß ihr zuckend der Kopf sprang. Dann +sah er sich nach Zeinabdeddin um. Er ritt ein weißes Pferd, sprang ab. »Es +ist nicht deine Schuld,« sagte er zu dem auf dem Boden sich Windenden: »Du +bist bewährt.« + +Aber er gab ihm am Abend dennoch in seinem Zelt eine Mission nach China, +die ihn Jahre entfernte. + +Dann holte er die Chinesin. Er ließ ihr Stutenmilch reichen und hockte sich +zu ihr, ein Brettspiel auf den Knien. Als sie gut anzog, sagte er von dem +geviereckten Holz kurz aufblickend: »Komme wieder.« Sie kam mit jungen +Hunden, die die Dogge geworfen. Sie klammten auf dem Körper des liegenden +Chans und leckten ihm den Bart. Er lachte und, mit ihnen spielend, +zerdrückte er eines aus Ungeschick, da hob sich die alte Dogge gegen ihn. +Er achtete sie nicht, sondern wandte den Kopf gegen die Chinesin: + +»Wie lange hast du das zweite Gesicht?« + +»Immer.« + +»Du sagtest dem chinesischen König das nun Eingetretene?« + +Sie nickte. + +»Miser Ulek sprach dagegen?« + +»Sprach dagegen.« + +Timur sah leuchtend auf sie. Sie wirbelte wie ein Staub in seinem Blick. +Dann röteten sich ihm die Augäpfel und wölbten sich. Er stand auf, seine +Stimme dröhnte, daß die Hunde winselten, doch sprach er nicht laut: »Warum +warnst du mich?« + +»Ich muß.« + +Er schüttelte den Kopf, aber er schlug sie nicht damit nieder. + +Sie erhob sich. Fest, leise sagte sie stärker wie sein Dröhnen: »Ich muß. +Es ist genug. Nimm Ruhe. Ziehe nicht,« und langsam weinten ihre Augen über +die Wangen. + +»Nein,« sagte Timur und sandte sie hinaus. Sofort ließ er Guines holen. Der +nahm die Konstellation des Gestirns, zitterte und warnte vor neuem Zug. + +Timur saß drei Wochen in seinem Zelt, kalkigen Auges, ohne Ton. Sein Kopf +glühte stärker als eine Fackel aus den Spalten in der Dunkelheit. Sein Hirn +wütete wie ein Stier. Dann machte er einen Ruck und brach auf. + +Am Tage, wo er den Befehl gab, stürzte Miser Ulek erglühend auf seinen +Pfühl, und er nahm sie mit. + +Die Vorhut wurde in einem Tal, durch falsche Führer im Kreis geleitet, +zusammengehauen. Timur, getrennt, erschossen sie zwei Pferde; mit der Frau +auf dem Sattel erstürmte er einen Paß. Den Lederwams gespickt mit +Eisenspitzen, entkam er wie eine wilde Sau stiebend. + +Er sagte, als Miser Ulek vom Pferd sprang: »Du siegtest wieder nicht.« Sie +sah ihn kurz an, bekam Spott um den Mund und hängte sich mittags mit einer +Schnur an das Fenster. Doch er schnitt sie ab. Unbewegt, fast lachend, so +ruhig. »Es ist noch nicht das Ende,« sagte er. + +Hinaustretend ließ er Führer köpfen, einen Schwarm Unterführer zerreißen, +er schaute zu. Zurücktretend aus dem Dampf des Blutes, Kraft und Trotz aus +der Grausamkeit in die zusammengezogene Brust gesogen, sah er auf die +Frauenlager, demütigte kalt den Blick der Chinesin und unternahm zum +zweitenmal den Zug. + +Er gelang. Mit klarer Stirn, die Augen unmäßig herausgeschwollen, leitete +Timur den Kampftag. In seiner Nähe hielt keiner. Es ging ein unsichtbarer +Sturm um ihn. Die Achseln zusammengedrückt, den Körper vergrimmt, stieß er +Willen aus sich, als kämpfe er mit einem unsichtbaren Feind. + +Er ließ dem Emir den Kopf abschlagen. Er sandte ihn Miser Ulek. Sie ließ +ihn am Eingang des Paradieses auf eine Säule hängen. + +Timur ließ, zurückgekehrt, die Chinesin in sein Zelt tragen: »Was sagtest +du Schlechtes? Es gelang.« + +Sie lächelte: »Das Blut steht dir überm Mund. Du darfst nicht weiter.« + +Aber sein Kopf barst vor Plänen: + +»Gelbe Mücke, was hält mich auf?« Und er schlug mit der Hand in die Luft. + +Aber unerschüttert im Lächeln sagte sie: »Ich.« + +Er nahm ein Schwert, sie zu zerhauen, aber er ließ es und schickte sie weg. +Er ging zur Fontäne, umkreiste sie und ließ die Chinesin wieder holen: + +»Ich war stärker als deine Voraussage,« er hob die Stimme, doch sie blieb +dumpf. + +»Ja,« sagte sie, »du hast mein Gesicht überschritten, aber ein Pfeil steht +auf deine Stirn gezückt. Hier ist das Ende.« + +»Wann?« schrie Timur und lachte wie ein Pferd. + +Ihr Gesicht verfiel. Dann in einem Stoß sich aufwerfend wie aus Kratern, +zischte sie: »_. . . am siebenten Tag im Monat Ramadhan._« -- Dann sank sie +auf den Boden, ausgelöscht von Ohnmacht. + +Dies war über ein Jahr. + +Beim Tisch der Feldherren legte Timur plötzlich die Regierung auf das Haupt +Yakous, ihn zu vertreten. Sie schwiegen und fragten nicht. + +Die Nacht sprach er mit Guines. + +Sein Hirn war voll dumpfem Triumph, schon eh er aufbrach. Er lachte die +ganze Nacht. Guines zitterte. In der letzten Stunde sagte Timur: »Glaubst +du an mich?« Er schlug auf den Tisch, ganz sachte, aber er schlug Guines in +die Knie. »Ja,« stöhnte er. Timur lächelte. + +Am Morgen verließ ein riesiger Tatar Timurs Zelt. Er ritt, als säßen +Geister in seinen Schenkeln. Das Pferd warf die Kruppe in die Luft, +ausschlagend. Der Kopf hing zwischen den Vorderbeinen. Manchmal drehten sie +sich im Kreise. Die Hufe gingen durch Tage und Nächte in gleichem Aufschlag +über der Steppe, der Reiter zählte den Aufschlag, so ritten sie. + +An einem See machten sie Halt. Der Reiter zog Hose und Rock aus, die steif +waren vor Schweiß, warf sie in die Sonne und stürzte in das Wasser. Der +Gaul soff keuchend mit den roten Nüstern. Hier blieb der Reiter Wochen, sah +in den Himmel, lachte, brüllte, schwieg, übte sich im Scheibenwerfen und +Jagen und zwang einen Vorüberreitenden, mit ihm Ball zu spielen bis in die +Dunkelheit. + +Dann besprang er das Pferd und ritt weiter. Weißer Schaum flockte aus den +mahlenden Kiefern des Tieres. + +Langsam teilte sich die Gegend vor ihm auf. Er kam in Wälder von Aprikosen +und Pistazien. Ein Hase kreuzte seinen Pfad, er schoß ihn. Speisend traf er +Menschen, die keine Waffen trugen. Ihre Jurte war von Feigen gegen die +Sonne beschattet. Sie arbeiteten mit Geräten in Gärten und Hainen. Ihre +Frauen waren spitzbrüstig und weich. Es gab keinen Speer, keinen Bogen. + +Er lebte unter ihnen, den Frieden aufnehmend, der alle trug. In einer Nacht +kroch die Frau eines Führers in seine Matte und warf sich auf ihn. Die +Nacht noch löste sich der Vorhang. Die blonden Augen eines Mannes stierten +glänzend in die Dunkelheit. Seine Hand, vorschnellend, griff in des Tataren +Gurgel. Der riß einen Ziegel vom Herd und schlug ihn ihm in den Rücken, daß +er die Hände in die Luft krallte und verzuckte. + +Der Tatar ließ die Gegend, besprang sein Pferd und trabte weiter, auf +seinem Sattel lebte acht Sonnenaufgänge und Mondsicheln lang die +spitzbrüstige Frau, bis er sie einer anderen Jurte ließ. + +In der Nähe der Stadt Tahauzeguh stieg er ab, zog aus der Tasche des +zerrissenen Kleides Pelzwerk und goldene Münzen und ritt geschmückt in die +Stadt. Auf den Straßen erhob sich Aufsehen über ihn, die Chinesen lachten, +lachten über die Hosen, aus denen Schweiß rann und die Kette an seinen +Ohren aus Smaragden. + +Waffenlos zog er in eine Karawanserei, zog sich aus und legte sich +schlafen. In der Nacht entriß ihm einer den Schmuck. Er stand auf unter +drohenden Gesichtern, griff den Knopf einer Tür, lief dem Dieb, im Hemd +gekleidet, nach, erschlug ihn auf der Straße, kehrte zurück und legte sich +nieder. Das Murren einer Menagerie empfing ihn. Er schlief ein. Aufwachend, +fehlte ihm nichts, aber er war allein. + +Der Tatar überkletterte ein Gebirge, trabte durch eine Steppe und kam an +den Rand der Wüste Ergimul. Auf einem Felsen wohnten zitternde Mongolen, +die am Tag Bilsenkraut pflückten, in Angst vor Löwen und Panthern +ersterbend, deren Gebrüll nachts in tobenden Wellen über die Gegend jagte. + +Sie hatten kupferne Kessel und brannten das Kraut darin, bis es sott. Den +Schaum zogen sie ab und handelten ihn weiter, es war ein Opiat, das zwei +Tage berauschte. + +Der Tatar soff kreischend einen ganzen Abend davon, besprang das Pferd, +trabte in die Wüste und legte sich in die Blumen einer Oase. Tagelang +schlafend überstürzten ihn Träume von Schlachten und Weibern. Fiebernd +schrie er, daß sein Gebrüll das der Tiere überschäumte. Ströme schlugen aus +seinem berauschten Leib, der die Tiere verjagte. Löwen prallten zurück und +Panther winselten vor Wut. + +Erwacht, durcheilte er die große Ebene bis zu einem rötlichen Gebirg. In +der Mitte hob sich ein Pyramidenberg mit einer Seite voll aufsteigender +Treppen, wie eine Leiter steil und glänzend von Rot. Die Menschen der +Dörfer wiesen ihm Pfade, die um das Gebirge führten und sagten ihm, daß bei +den Stufen ein Wind herunterfalle, der ihn, aufnehmend, in einen Fluß werfe +und zerschlage. + +Er stieg die Treppen und fiel nicht. + +Oben, wo der Wirbel weißlich tanzte, trat er bis um einen Nagel breit an +den Abgrund und hob den Kopf steil. Der Wirbel teilte sich vor ihm. Immer +stand er in der Mitte des Trichters, der die Luft in Strudeln um ihn +herumriß, daß die Ebene vor seinen Augen hinglitt wie unter fließendem +Wasser. + +Zurücktretend stieg er ab und ritt nach Persien zu. Im Durchreiten einer +kleinen Stadt sah er eine Chinesin auf einem Kamel den Platz queren. Die +Blicke begegneten sich, ein Wort warf ihr Tier in das Knie, sie lief zu ihm +und riß die Arme um den Hals seines trabenden Pferdes, daß es hielte, und +schleifte ein Stück. + +»Was willst du?« + +»Dich.« + +»Woher kommst du?« + +»Ich suche dich.« + +Sie blieben hier. + +Aus den Fenstern der gartenreichen Stadt hingen Seiden. Über die Ebene +wellte sich blonder Weizen. Trauben überspannten die Pavillons. + +»Es ist gut, so zu leben,« sagte nach Tagen die Chinesin. + +Durch den blauen Abend flogen Rufe der Minarette, die sich in den Himmel, +weiße Flammen, spannten. + +Der Tatar lachte: »Auf kurze Ruhe.« + +Ihr Garten schwebte voll Geruch. Vögel tanzten durch die Pfützen im Kies +nach blitzendem Regen. + +Als er das Pferd musterte einmal im Stall, sagte sie, zwischen den +Pistazien des Gartens stehend: »Du darfst nicht weiter,« und schloß zum +erstenmal wieder die Augen. + +Da griff er aus dem Gebüsch eine grüne Schlange, hielt sie an die Zunge, +die ihr Zahn sofort durchstieß. »Wo ist das Stärkere? Ich suche es die +ganze Zeit.« + +Die Zunge schwoll, gebläht von rotem Schleim. Sie wurde dicker und füllte +am Ende den Mund an, daß kein Ton aus der Gurgel mehr gelang. Wie sein Kopf +begann, bläulich unter dem Gift anzulaufen, zuckte er die Achseln und +stemmte sie zurück. + +Seine Augen stiegen aus den Höhlen, es schien einen Augenblick, als sauge +er die sichtbare Landschaft ein. Dann warf sich ein Schuß Blut in seinen +Kopf, und abgetötet lief die Schwellung ab. + +In der Nacht weinte die Chinesin und sprach lange auf ihn ein, während der +Duft der Gärten sich über die blaue Dunkelheit erhob. Doch er hörte nicht +auf sie und ging in den Pavillon, legte sich auf das rechte Ohr und verfiel +dem Schlaf. + +Auf der Veranda dann zog sich ein Geräusch durch die Klettertrauben. Der +Kopf einer Frau leuchtete in das Gemach. Auf Vieren lief sie wie ein Wiesel +durch den Raum, richtete sich auf dem Bett hoch, ballte sich in einer Kugel +zusammen und schlug weinend ein Messer in die Brust des Tataren. + +Der aber, an dessen Rippe das Eisen sich bog, ergriff sie, streifte das +helle Kleid über ihre festen gelben Brüste, auf denen die lakierten +schwarzen Warzen saßen, und zog sie in seine Umarmung. + +»Ich liebe dich,« stammelte die Chinesin ersterbend: »Ich liebe dich zu +sehr.« + +Die Hufschläge des Davonreitenden rissen sie morgens wirren Auges aus dem +Schlaf, sie streckte die Arme aus. Dann bestieg sie das Kamel und folgte, +den Kopf wie ein Luchs zur Erde geneigt, seinen Spuren. + +Der Tatar ritt durch die unendlichen Gärten der Birnen und Granatäpfel, +durch die Dörfer und die Städte. Eine Dunstwolke umhüllte ihn, sein Pferd +rannte, Fett der Ruhe zwischen den Rippen. Sein Anzug lag in Fetzen. Wildes +Haar verfilzt hing ihm um das wüste Gesicht. + +Am Abhang eines Bergstocks hing auf übergeneigtem Gestein eine Stadt. Zwei +Wachen traten ihm entgegen. Als sie sein Aussehen sahen, ließen sie ihn +ein. Es war eine Burg noch der Sassaniden, er erkannte es aus der Lagerung +der Mauern. Die ganze Stadt stak voll Straßenräubern. Der Tatar trank mit +ihnen und schlug den ersten Tag, streitend, zwei nieder. Er bekam Macht. + +Ausrückend bald trafen sie eine tatarische Karawane, die nach Mekka zog. +Sie plünderten sie aus. Der Tatar ließ den Führern die Augen ausstechen und +sandte sie zurück zu Timur, sie sollten ihm den Weg zeigen zurück, wo sie +geblendet worden seien. + +Sie kamen wieder, Yakou wütend bei ihnen mit einem Heer. Die Räuber warfen +sich in die Stadt, gegen die die Tataren anliefen. Der große Tatar unter +ihnen nahm die Verteidigung in die Hand. + +In manchem Ausfall machten sie Gefangene. Sie schlachteten sie auf den +Mauern, bauten große Bogen, pfählten die Köpfe und pfeilten sie den Tataren +hinunter in ihr Lager. + +Yakou stellte Schleudern auf. Aber der Tatar errichtete die gleichen und +schoß im selben Abzug wie Yakou, daß die Granitblöcke sich knirschend in +der Luft trafen und zermalmten. + +Yakou ließ säumige Soldaten hinrichten und trieb Maschinen in die Felswand, +die Stadt zu unterhöhlen. Bei einer Besichtigung, die Yakou machte, warfen +die Verteidiger in der Stadt ein Hebelwerk auf. Ein Strom schoß rauschend +aus dem Felsen und spülte Yakou und seine Leute in ein Bassin, aus dem sie +mitten in der Stadt gefischt wurden mit Netzen. + +Ein Geschwaderführer wurde vor Yakou hinaufgebracht in einen Raum, in dem +aus einem zugehängten Kabinett eine Stimme ihn anrief. Der Offizier warf +sich nieder und erflehte sein Leben. Ein Wink kam aus dem Teppich, er wurde +hinausgeschafft an den Beinen wie ein Schwein. + +Yakou trat vor. Er schnitt eine Fratze und sah sich um. + +Die Stimme hinter dem Vorhang rief: + +»Hat je ein Hund sich erfrecht, ohne Gruß . . .« + +»Bin ich ein Hund, bin ich nicht deiner.« + +»Ein Gefangener.« + +»Sei nicht stolz auf den Sieg. Timur hat dreihunderttausend solcher. Ich +bin nur einer.« + +»Prahle nicht.« + +»Du bist ein Tatar. Verräterei machte dich groß. Ich war treu.« + +»Ich hau dich entzwei.« + +»Mach es kurz,« sagte Yakou stolz und riß die Brust auf. + +Der Vorhang schwankte unter einer dürren Hand, die hakend zog sekundenlang. +Dann fiel er. + +Wie ein Wolf fletschte Timur lachend Yakou in das Gesicht. + +Yakou fiel in die Knie: »Du hast Axalla gedemütigt. Nun demütigst du mich.« + +Timur führte ihn hinaus. Sie öffneten die Tore, damit die Tataren +eindrängen und das persische Gesindel erschlügen, denn was lag ihm nun +daran. Timur saß zu Pferd. Als die ersten Scharen eintrabten, sagte er, +umschwenkend, zu Yakou: »Hättet ihr die Stadt genommen, glaubst du, ihr +hättet mich erreicht?« + +Aber noch ehe Yakous Antwort erscholl, warf er, das Pferd steil aufschießen +lassend, es über die Mauer in den Fluß, durchschwamm ihn und kam an das +Ufer. Yakou eilte ihm nach über die obere Brücke und schrie nach den Seiten +das Geschrei, das sei der Chan. + +Timur eilte durch Sumpf und Bäume, trabte, ereilte Geschwader, die +erstarrten, ritt durch sie, stinkend von Fett und Schweiß und zerrissen die +Kleider. + +Vor den Zelten stand Miser Ulek aufgerichtet. Die Tataren warfen die runden +Säbel blitzend in die Luft. Mit einem Kamel trabte vom Fluß herauf eine +Frau, sie kam näher, es war die Chinesin, während Timur durch die Wellen +jubelnden Geheuls wogte. + +Timur hielt sein Pferd. + +Da sah er auf der Mauer der Stadt jemand einen Bogen spannen und richtete +sich groß auf. + +Er stand hoch. Wie gegossen. Kein Haar bewegte sich. + +Lang sah er im Schweigen auf den Zielenden, dessen Hand die Sehne immer +gewaltiger anzog. + +_Es war der siebente Tag des Monats Ramadhan._ + +Die Zeit war um. + +Der Pfeil kam, riß einen zischenden Ton durch die Luft und flog in Timurs +Stirn und fiel von ihr nieder. + +Timur saß starr. Dann wölbten sich seine Augen zurück in die Höhlen. + +Miser Ulek stürzte vor und warf sich gegen ihn, schreiend und seine +Schenkel umklammernd. Timur stand ruhig, schob mit einer träumerischen +Bewegung die Haare aus der Stirn, es war kein Mal darin, sein Gesicht wuchs +wie ein Fels. + +Als das Kamel der Chinesin langsam an ihn herantrat, sagte er, auf den +Pfeil deutend, leis: + +»Gebt ihn ihr.« + +Sie hielt ihn wenige Sekunden in erstarrten Händen, warf plötzlich die +Hände, ihn anstierend, abschattend vor die Augen, öffnete den Mund und fiel +bleich um, ohne Ton. + +. . . Timur trabte auf Samarkand. + +Den feigen Offizier führte er in einer Kiste mit sich, zu gering, ihn zu +töten, ließ er ihm den Bart scheren, ihn mit Bleiweiß und Mennig +überstreichen und barfuß, eine Weiberhaube am Kopf, durch die Stadt gehen. +Am gleichen Tage, wo er die Chinesin zu seiner sechsten großen Frau mit der +bepfauten Tiara erhob, gab er Yakou eine Tochter und endete Zeinabdeddins +verbannende Mission. + +Kein Maß hielt mehr, keine Prüfung, den schleudernden Herausbruch seiner +Pläne. + +Filzzelte rauchten über den Ebenen. Tataren kämmten vom halbmondig +geschorenen Kopf die Haare lang nach dem Nacken und ölten die Brust Der +Himmel glühte in riesigen Bogen vor ihnen her. Der Donner der geschlagenen +Steppe rollte vor den Hufen der Geschwader. Dann jagten sie an. + +Sie schossen Flitschpfeile, und die Dörfer qualmten auf. Sie rollten durch +die Reisfelder. Auf Nachbarbergen standen Lärchenbäume. In dunkle Ballen +geduckt, zogen sie in schwindelnden Höhen durch den blauen Himmel über eine +Brücke nach Almaligh. In der Stadt fließender Brunnen, um die Türken und +Chinesen wohnten, hielten sie Feste, fraßen rohes Pferdefleisch mit +blänkernden Zähnen, tranken mit Gekrisch Kumis die runden Nächte. Sie +raubten die türkischen Harems aus und beförderten einen Abkömmling des +Propheten durch Keulenschläge zum Martyrium. + +Die Steppe flimmerte unter dem Reiten. Sie bekam metallene Ränder, die sich +erhitzten. Der Boden glühte gläsern. Ihnen schmerzten die Augen, doch sie +ritten. + +Von einem Baum fiel nachmittags ein Affe und biß Timur in die Achsel. Er +gab nicht Acht auf das Geschwür, das eiternd anwuchs. Die Chinesin gab ihm +Salben darauf, aber es riß neues Fleisch in sich hinein. Timur ließ zwei +Menschen täglich schlachten, deren Hirn die Wunde fraß und, satt, nach +Monaten sich schloß. + +Stumm, ohne Rede, sah ihn die Chinesin an, die sein Pfühl öfter bewohnte +als die anderen Frauen. Seine Stirn war blank. + +Eine Gesandtschaft des Sultans Bajazeth brachte zwei weiße Papageien. Miser +Ulek teilte sein Zelt, als sie eintraten. Sie richtete sich auf, groß, +geschmückt und gemalt um die Augen, nahm den Kniefall der Gesandten und bat +Timur um die Tiere. Er sagte ihr, daß er sich freue, ihr zu Willen zu sein. +Sie wandte sich an die Turbanträger und sagte ihnen: daß, wenn sie sich +auch tagelang an den Tieren ergötze, sie diese dennoch nur lehren werde zu +sagen, daß das Staubkorn solchen Geschenks Timur keinen Augenaufschlag +durch aufhalten werde, ihren Sultan niederzuschlagen. + +»Du bist stolz,« sagte einer der Turkmanen. + +Timur sagte: »Es ist nicht nötig, stolz zu sein, um so kleine Dinge zu +sagen.« + +Die Gesandten gingen, geschüttelt vor Zorn und Feigheit. + +Die Tataren warfen Katapulte in ein Schloß, das das Meer umspülte, erritten +die Mauer, von den Sätteln aus hochspringend, und wurden heruntergestürzt. +Schielend vor Wut setzten sie sich in Klumpen um die Stadt. Ein +Unterhändler ritt aus den Mauern, aber beim Verhandeln mit vorgegangenen +Feldherren machten die Belagerten einen Ausfall und hieben ein Geschwader +Tataren zusammen. Die Tataren brausten in Bogen um die Stadt, fingen den +Einwohnern selbst die letzten Mäuse und Ratten, bis diese begannen, ihre +Toten zu speisen, + +Ihr Feldherr kam morgens, abgezehrt, allein heraus, sich zu unterwerfen, +deutlich den Degen und das Schweißtuch in der Hand. Er stand vor Timur: + +»Du hast gesiegt. Ich muß fliehen. Wohin? Zu dir.« + +»Ich weiß es zu belohnen,« sagte Timur und überantwortete ihn dem Wind des +Untergangs. Gierig die Hände, zu rächen, lauerten die Tataren seines Winks, +dann schossen sie in die Stadt. Timurs Sohn Keser ergriff Hauptleute und +brach ihnen die Rücken wie Pfeile durch. Zeinabdeddin erhielt eine Lanze in +den Mund. Einen Pfeil noch in der Hüfte kam er zu Timur, deutete mit der +Hand, daß er nicht reden könne, legte den Kopf auf seine Füße und eilte +lächelnd aus seiner Jugend hinaus in die Gruft. + +Die Tataren rissen die Türen aus, zwischen den Fenstern blitzten ihre +gesalbten Brüste. Spielend flogen die blanken Messer. Timur befahl +siebzigtausend Köpfe. Ihre Arme erlahmten, die Zungen fuhren erregt durch +den Mund. Sie kauften gierig, hundemüde, Köpfe voneinander. + +Timur ließ sie vorbeitraben, sie hielten Köpfe in der Hand. Die Chinesin +stand neben ihm unter goldenem Zeltdach. Sie stieß die Hände in die Brust. + +Keser führte des toten Zeinabdeddins Geschwader. Seine Brust war gewölbt +und sein Bauch eingezogen, daß, lag er, Hunde mit gerecktem Schweif durch +die Höhlung laufen konnten. Zwei geraubte Frauen lagen auf seinem Sattel. + +Reitend kamen sie zum Paß Conghez, den drei Reiter verteidigten, einen Wall +Tataren vor sich niederlegend. Als Timur selbst vorsprengte, kam der größte +der drei auf ihn zu und schlug ihm zweimal feurig über den Helm, daß er +erstaunt stand wie eine Säule. Über die Felsen herunterkletternd schlug ihm +Keser den abgehauenen Kopf des Riesen vor die Füße. + +Unter ihnen dehnte sich eine Landschaft, glatt und ohne Welle, mit +Fruchtbäumen, Quellen und vielen Lusthäusern geschmückt. + +In diesen Gegenden rastend und den Genuß der strahlenden Sonne nehmend, +noch den Frost wirbelnden Schneesturms der Gebirge in den Knochen, kam +eines Mittags, wo Timur ein Lustzelt aufbauen ließ zwischen Tulpen in einer +Wiese, aus einem Hain eine Ziege, größer wie ein Pferd, ein Horn auf der +Stirn und voll langer grüner Haare, die die Erde überstreiften. Die +Chinesin, die neben ihm stand, duckte sich schreiend nieder. + +Das Tier kam einen langsamen Gang auf sie zu, die Augen und das Horn gegen +Timurs Brust gewendet, aber gerade vor ihm verlor es die Richtung seines +Ganges. Es bewegte die Nase gegen die Höhe und zog einen Bogen weiter. Je +mehr es sich entfernte, um so stärker glänzte sein Fell, bis es, eine weiße +Wolke, in den Hain zurückschlug. + +Die Chinesin hieb mit allen Gliedern um sich und klopfte die Stirn auf den +Boden vor Verzweiflung, die sich endlich sprengte. Sie schrie: ». . . +genug, genug . . .« und faßte sich nicht. Er fragte sie, warum sie es wolle +und sie sagte, weil sie ihn liebe, er aber lächelte mit einer Falte über +sie hin. Hinter ihnen standen Negerinnen und Miser Ulek. Steif das Gesicht +wie ein Segel flüsterte sie: »Preis für feige Offiziere, heulende Maus«. +Aber Timur schüttelte die filzigen Haare um den Kopf, daß sie schwieg. + +Er ließ Guines holen in das Zelt und eine Windrose asiatischer Erde malen. +Zu zwei Dritteln füllte er sie mit roter Farbe. Auf den Rest deutete er, +seine Augen beherrschten opalig breit das Zelt, er sagte: + +»Dies ist in meine Hand gegeben, soll ich das andere lassen?« + +Ihre Lippen formten »zu viel«, aber ihr Atem gab dem kein Leben, denn seine +ungeheure Stirn erblickend, stürzte vor ihren Augen auch das letzte +Zeichen, und, erblassend, fiel sie vor ihn und versprach, ihre Liebe +zurückzuwerfen über ihre Angst und die Stimme zu töten, die aus ihr sprach. + +Sie schwieg. + +Schwieg Monate. Ihre feuchten porzellanenen Blicke leuchteten blau wie der +Mond. + +In einer Nacht wieherten Pferde hell und wild. Es war eine weiße Nacht. + +Ein Bote wurde in das Zelt geführt. + +Der Feldherr des Sultans Bajazeth beugte sich ein wenig vor Timur und +kündete ihm die Schlacht. Seine Stimme war hart und edel. Timur schenkte +ihm ein Pferd. + +Er bat, es am nächsten Tage gegen ihn reiten zu dürfen. Timur nickte. + +»Ich werde das Geschenk in Ehren halten,« sagte der Feldherr. + +Timur hielt eine Pause den Atem. Dann sagte er barsch: + +»Ich lösche es morgen wieder aus.« + +Am anderen Abend bestieg Timur sein Lager über den gebückten Rücken des +Sultan. Aus den erschlagenen Köpfen baute er Türme. Sie stiegen gieriger +als die Minarette Samarkands in den Himmel. Tataren wälzten sich fliegend +über Konstantinopel. Sie ließen die Glocken spielen und lagerten über den +Gärten am Meer. + +Die Tataren waren behängt wie Weiber mit Turbanen voll Steinen. Ihre +Ausdünstungen überroch Ambra. Aus Moscheedecken schnitten sie Satteldecken. +Goldne Ketten flochten sie um ihr Haar und die Gebisse der Gäule. + +Timur befahl den Zug nach Ägypten. Dem Heer voranreitend traf er auf dem +Marsch nachts in Tauriz ein, das ein Sohn von ihm residierte. Sie trabten +vor das Haus, das er bewohnte. Die Gärten waren erleuchtet, Gesindel und +Musikanten trieben sich in den Scheinen der Laternen durch die Gebüsche. + +Sie ließen die Pferde fressen im Hof und stiegen hinauf. In dem großen Saal +lag er auf einem Haufen Teppiche. Die Fenster standen geöffnet gegen die +hinteren Gärten, die veilchenblau in der hellen Dämmerung sich hoben. + +Zerbrochen waren die Weinkrüge, der Wein ausgegossen, die Schöne in seinem +Arm zerwühlt, die Halsschleife zerknüllt. Aus der Ecke tönte schwach die +Halbtrommel. Aus dem Mund der Flöte einen Augenblick aufgähnend, die Haare +verwirrt wie die Frauen, die das Gesicht nachts schmollend gegen die Wand +kehren, sah er auf nach der Seite, ohne Timur zu sehen. Auf den Teppichen +lagen Schlafende überall, auf einem Ast, sichtbar, vor dem Fenster, sang +eine Nachtigall ein Gasel, trotzdem erwachten sie nicht. + +Timur ließ seinem Sohn, hinaustretend, Zeit bis zur Nüchternheit. In den +sternüberflogenen Garten schlug er ein Zelt. Er hatte keine Zeit zum +Verweilen, am Morgen, eh er ritt, ließ er ihn vor sich kommen. + +»Ich habe eine halbe Stunde für dich,« sagte er. »Was hast du getan in der +Zeit, die ich dir die Provinz gab, welche Sherife hast du geschlagen, +welche Provinzen erobert? Hast du Vesten unter dich gelegt, Städte +gesprengt . . . Hast du Künstler gefangen und Bauten gemacht . . . Welche +Heere hast du geordnet, Aufstände gedämpft? Eile dich im Reden, meine Zeit +für dich ist knapp, sie soll gerecht sein.« + +Der Sohn schlug die Augen nieder. + +»Nichts,« sagte Timur. »Du hast geschwelgt, getrunken. Du bist weich +gelegen. Hast keine Feldherren. Die Provinz ist nicht bewacht, keine Grenze +erweitert. Du hast keine Jagden abgehalten. Kränze auf deinen Kopf gesetzt +wie ein Grieche.« + +Der Jüngling hob den weichen Kopf und sagte trotzig: + +»Hast du nicht Feste gefeiert wie keiner der Chane? Lag die Steppe nicht +tagelang voll wälzender Soldaten? Ist dein Frauenhaus nicht das größte?« + +»Du wirfst mir vor. Gut. Rechnen wir ab.« Timur trat herabgebückt vor zu +dem in den Hüften Schaukelnden: »Gut. Aber . . .« er zog den Mund zusammen, +daß es eine Falte gab und durch den gedämpften Ton ein gepreßtes Keuchen +aus dem Innern stieg: + +». . . ich habe sie verdient. Erworben. Glaubst du, sie haben mich nichts +gekostet wie dich? Glaubst du an die Abenteuer des Geistes, Kampf der +Seele? Weißt du um Prüfung? Und Überwindungen . . . Weißt du, über welche +Zacken der Qual erst eine Tat entsteht? Ich kann kein Blut sehen, aber ich +muß es vergießen, um daran zu steigen wie keiner.« + +Erschrocken vor dieser heiseren und verächtlich geballten Stimme warf sich +der Jüngling hin und flehte, aufgelöst, daß er nicht verbannt werde in die +Wüste Cipribet, wo Timur die gefallenen Emire sammelte. Sein ängstliches +Kinderauge lauerte. + +Timur kniff die Augen zusammen und sah Augenblicke lang auf den Sohn. + +Dann öffnete er das Zelttuch und sagte: + +»Das wäre die Strafe, weil du unnütz lebtest. Aber weißt du, daß du nicht +mehr leben darfst, nachdem du mich gereizt hast, daß ich dir dies sagte +. . .« Der Jüngling fiel bleich hinaus. Tataren brachten ihn in einen +Garten mit Galbudsamurblumen, die den Wind vergifteten, der ihn mit +zerpflückten Locken auf einem Rosenbeet überwand. + +Die Mondköpfe Timurs grüner Paniere rollten über Flüsse und die toten Arme +des Meeres. Palästina füllte sich mit Reitern, kleinnasig, mit +aufgeworfenen Lippen und olivenfarbenen Wangen. Ihre spitzen Augen schoben +schräg nach der Stirn. Sie ritten gegen das brandende Meer, das sich weiß +vor ihnen aufsteilte. Sie konnten nicht weiter. + +Sie legten die Gesichter in Fratzen, drehten scheu, bespritzt, und stoben, +sich schüttelnd, zurück in die heißen wogenden Wüsten. Sie überritten die +Städte der Küste, zerschlugen Jerusalem, rollten Pfeilschwärme über +Damaskus. Schlugen Mameluken, hingen Männer auf an den Füßen, Weiber an den +Brüsten. + +Als Timur Alcair mit Katapulten in Brand schoß, betrat der ägyptische Fürst +weinend den Boden der Flucht. Die Mondköpfe stürmten die Stadt. Sie glühte +auf dreißig Parasangen, daß die Nacht hell wurde. + +Ein dunkler Punkt in den roten Dämpfen stand gegen den Himmel der junge +Fürst und schaute auf seine Stadt, bis die Türme und Kuppeln krachend +zerstoben. Dann erst warf er sich von den Dämmen in den Nil. + +In dieser Nacht reizte Miser Ulek einen kurdistanischen Stamm, dessen +letzter Abkömmling sie war, daß er die eigene Nachhut überfiel, abfiel von +Timur und, die Chinesin raubend, floh. Miser Ulek sah die Chinesin nicht +an, sie saß auf einem Eildromedar in einem schilfgeflochtenen Drahtkorb, +vergittert, unter dem Gepäck. + +Yakou meldete es Timur noch die Nacht, schon zum Zeichen der Trauer in +blauer Filzkleidung das Zelt betretend. + +»Die Chinesin,« keuchte Timur. Dann brüllte er auf. Aber sofort sich +packend, gab er dem alternden Yakou die Hand und ging über seine Rede +hinweg. Sich schüttelnd verfolgte er den ägyptischen Fürsten drei Tage, bis +er ihn, einfing wie einen Hasen. In einer Schlinge zappelnd wurde er +vorbeigeführt. + +Doch Timur sah ihn nicht, schon wendete er. Mit dreitausend ausgewählten +Hauptleuten entflammte er die Erde mit schlagenden Hufen. Doggen stürzten +vor ihnen her auf der Spur. + +In einem Steinbruch fingen sie den Stamm. Timur riß dem Schach selbst die +Augen heraus. Die anderen sotten sie in siebzig Kesseln. Es waren zwei +Prinzen aus Timurs Haus dabei. Sie sotten. Sein Kopf war unbeweglich. Blaß +mit roten Rändern um die Lider stand die Chinesin hinter ihm. + +Den Abend brach mit der Hand am Dolch ein Neffe bei ihm ein. Timur riß ihm +mit dem Säbel den Unterarm ab. »O daß ich sterbe . . . o daß ich sterbe +. . .« stöhnte der Junge, der seine Brüder rächen wollte. Timur gab ihn zum +Sterben. + +»Auch du hast deinen Oheim getötet,« sagte die Chinesin. + +»Gott wollte das,« sagte Timur stolz. »Was will der Fant?« + +Hochfahrend kam Miser Ulek vor das Gericht, das Timur ihr aus Fürsten +stellte. Sie hatte sich mit Schmuck belegt und bemalt wie eine große +Fürstin. Aus Versehen führten sie die Wachen zuerst in das Zelt des +wachthabenden Emirs. Timur ließ dem Emir Stockschläge auf die Sohlen geben, +denn sie war seines Geblüts und er ehrte sie im Zorn noch, daß sie nicht im +Haus eines Untergebenen weile. + +Das Gericht sprach kein Wort vom Raub der Chinesin. Dies wurde nicht +erwähnt. Miser Ulek sprach keine Silbe. Das Gericht verhandelte wie nach +Vereinbarung über einen Seid, den Miser Ulek in ihrer chinesischen +Residenz, die sie, Timurs Zügen folgend, nie besuchte, auf der Straße +erstechen ließ, weil er vergaß, ihr zu ihrem Geburtstag eine Aufwartung zu +machen. Sie wurde zu tausend Balischen Gold verurteilt. + +Kurz lag ihr Blick auf der Chinesin, stechend und kalt. + +Sie erwiderte kein Wort, Timurs Gesicht blieb starr, als sie, die die +Flamme seiner Pläne war, hochaufgerichtet, klirrend von Steinen, die er ihr +geschenkt, den Raum verließ. + +Sie fastete zehn Tage, aber das Leben der zähen Katze, das in ihr schlief, +verlief nur schwer. Als am elften Tage die Stimme der Gottheit an sie +erscholl, rief sie, schön noch mit bleichen Lippen: »Ich bin bereit.« + +Kein anderes Weib als die Chinesin kam fürder auf Timurs Pfühl. + +In einem Tale stiller Gräser und Tiere lebte er mit ihr ein halbes Jahr und +jagte Schwäne auf den Teichen. + +Eine Mondfinsternis riß ihn auf, er kehrte nach Samarkand zurück und +rüstete den indischen Zug, leblos die Chinesin mit sich führend. Die +Feldherrn kamen in das dunkle kleine Haus, der Garten war überdacht mit +Leinen, die Fontäne knallte. Guines nahm den flimmernden Lauf der Sterne +auf, die aus entfernten Gebirgen aufstiegen. Timur füllte bis auf ein +Kleines das letzte Drittel seiner Windrose. Aus allen Provinzen Asiens +fielen Heere in die Ebene, erstiegen die Gebirge und strömten in die +Tiefländer. + +In einem südlichen Gebirg gingen Menschen an ihnen vorbei, stolz wie +Götter, die, weißer Haut, von der Sonne angeglüht, auf dem hohen Schnee +nackt liefen. Waffenlos traten sie heran, stellten die Arme auf die Hüften +und ließen lächelnd die Tataren vorüberreiten. Sie hießen Siapusch. Timur +ließ ihren Anführer von einem Gletscher hinabstürzen, er flog, die Arme +gebreitet, ab. + +Als erster warf Timur sein Pferd in den Indus, dann brachen die Heere +tagelang nach und zerwühlten den Strom. An der steinernen Kuh, aus deren +Euter der Ganges fällt in sieben Strahlen, warf er ein Heer der Inder um. + +Er ließ die lebenden Gefangenen zusammenschichten zu Türmen, legte feuchten +Lehm und Gebälk dazwischen, mörtelte sie ein. Die Türme schwankten wie +Schlangen bis in die Nacht. Dann erstarrten sie. + +Geknäult in sein Zelt, die Augen weit geöffnet, sagte er, wenn indische +Trophäen kamen, der Boten überdrüssig: »Was kommen sie, bin ich müde?«, und +sandte ihnen den Todesbefehl entgegen. + +Auch hier teilte die Chinesin sein Zelt. + +Am unteren Ganges fing die Vorhut einen Prinzen, schön wie ein Schläfer, +daß die Papageien der Chinesin zu singen anhuben wie die Lerchen, geblendet +von ihm. Er ließ ihn, um den viele als Sklaven inbrünstig baten, um seine +Schönheit in einem Ausgleich zu ehren, in seidenen Tapeten zu Tode rollen. + +An den Seiten der Flüsse folgten seinem Fuß zuckende Türme, die sich in das +Rot schwerer Abende hineinkrümmten. Die Tataren gossen sich aus dem Gebirg +herunter, Pfeile schütteten die Wälder zu, Pferdegewieher rauschte in die +Ströme. + +Timur warf die Geschwader um Dehli. + +Zur Entsetzung der dreistaffligen Königsstadt kamen um den Bogen des Stroms +Hunderte von Schiffen rotgesegelt eines Morgens den Fluß herauf. Das +stahlblaue Band der Strömung zitterte. Mit Katapulten zerschmetterten die +Tataren knallend die Hölzer. Bogenschützen, die Ufer säumend, mit +Harnischen, schossen den Fluß rot, daß er über die Ufer trat. + +Um Dehli lag ein fester Ring. Andere Geschwader lösten sich. Wie Bremsen +glitzernd warfen sie das Land unter ihre Pferdebäuche bis ans Meer. Als die +Wellen vor ihnen sich wütend in die Höhe bogen, ritten sie knirschend +zurück. + +Aus Dehli fiel ein Heer aus. Das Tal stand überflutet von braunen Indern. +Elefanten wogten an mit giftigen Dolchen. Glocken, Pauken und Trommeln +knatterten. Aus den Tatarenreihen flogen Flitschpfeile. Ochsen sausten los, +brennendes Reisig zwischen den Hörnern, die Augen dunkelgebläht. + +Tatarenhaufen stießen in die braunen Massen, rissen mit geschärften Ringen +die Rüssel der Elefanten aus den Körpern. Das Tal spie Blut in den +Gangesarm. Die Braunen schwanden. Tataren brachen bis an die Tore. Auf dem +Feld tanzten die Nacht in gekrümmten Sprüngen die ausgerissenen Rüssel. + +Mit krummen Schenkeln, obeinig, ersprangen, die Tataren die Vorstädte, drei +Tage schwangen sie die Messer, die Gheberer warfen ihre Kinder und Frauen +ins Feuer, die Muslemin aus Angst vor den Tataren erdrosselten sie, und, +selbst die Leiber zerhackt, entfielen sie den Säbeln der Tataren. + +Nach diesen drei Tagen schmiß Keser seinen Säbel auf einen Prellstein, spie +aus und ritt zu Guines. Den zwang er zu seinem Vater zu laufen mit den +Worten, die er ihn lehrte: + +»Ich habe gekämpft wie wenige deiner Feldherrn. Du hast mich belohnt. Ich +danke dir. Doch ich bin diesen Auftrag müde. Bin ich ein Metzger oder ein +Hund? Ich fechte nicht weiter in der Stadt. Ich werfe mich in den Staub vor +deiner Kraft. Aber bedenke, hättest du die Verwüstungen Nebukadnezars, die +Macht der Amalekiter: das Grab eines Palastes ist das Ende. Ein Hemd und +ein Rock, reines Wasser und Brot ist alles, was ein durchgängiger +Wandersmann verlangen muß und schon zuviel für einen. Mein Kopf steht dir +frei. Aber ich höre auf, laß es genug sein.« + +Ein Wolkenbruch spülte Wellen Wassers in die Zelte und der Wind war voll +Schwaden Blutdampfs. Guines erwartete seinen Tod, dem er bei Keser +entronnen war, nun bei Timur. Doch der sandte ihn Keser zu holen. + +Timur hob die Braue, groß gefüllt, und sagte: »Knabe . . .« Weiter kam ihm +kein Wort, denn der Mann, der zehn Sherife gestürzt, fiel in die Knie. + +Die Chinesin sah auf ihn, die Augen schimmernd und hob die Hand ins Haar. + +Als der Regen drohender anlief, legten sie Filz in die Straßen, der das +Wasser einsog und hieben weiter. An den Gebetschnüren hingen die Radschas +aus den Fenstern der hochgegliederten Paläste. Naphthafeuerwerker setzten +den Fluß in Brand. + +Als die Stadt leer war, füllte Timur den letzten Fleck von Weiße auf seiner +Windrose, die Welt lag in seinen Händen, schaukelnd nach dem Tempo seines +Atems, es gab kein Tier, das nicht unter seinen Pfeilen stand. + +So wuchs er über alles. + +Von den Gliedern der Chinesin fiel eine Starre, in einer glühenden Umarmung +wühlte sie sich die Nacht an seine Brust. + +Allein es war noch nicht die Zeit. + +Yakou kam als letzter aus der Stadt, den Kopf zitternd tragend, ordnete die +ungeheuren Massen der Gefangenen, küßte Timurs Sohle und, nicht mehr +sprechend, vom Joch der Monate überspannt, zog er sich in den Winkel seines +Zeltes zurück und wandte fürder das Gesicht der Nische der Gottesverehrung +zu. + +Seine Tat war getan. Seine Hände glitten über kostbare Stoffe, die er +ordnend durch die Finger führte und im Hingleiten der Tage erhielten seine +Augen sicheren ruhigen Glanz. + +Am Morgen kam als Bote des griechischen Kaisers der Prinz von Schiruan, +breitete vor dem Zelt neun Ladungen aus edler Geschirre, neun Kamele voll +Teppiche und acht gelehrte Sklaven, die Harfen, Zirkel und Papierrollen +trugen. Sie fragten ihn, wo der neunte sei, wie die Sitte es wolle. Er hob +die Hand, bog sie um und stellte den Finger gegen die eigene Brust. + +Die Heere Axallas, die die Küsten durchstäupt hatten, kehrten donnernd +zurück. Axalla fehlte. Sein Schreiber brachte seinen Brief: »Vierzig Jahre +führe ich Krieg mit dir. Der Tod schlägt mich am Meer entzwei, ich sterbe +in Verdruß, daß ich nicht Dehli mit dir nehmen kann. Doch bin ich nicht +groß genug, um bis ans Ende mitzugehen.« + +Es war ein heißer Morgen, ganz gelb voll spiegelndem Licht. Timurs Mund war +geschlossen, als er mit der Chinesin die Schätze musternd vorüberging, das +Letzte der Welt. Die Strahlen flogen in Fluten darüber. »Einsam,« sagte +Timur, »aber am Ziel.« + +»Leben wir,« sagte die Chinesin: »Es ist überstanden.« + +Den Abend ließ er die Gefangenen zusammenpferchen. Sie füllten den ganzen +auslaufenden Kessel des Gebirgs. Es waren hunderttausend Leiber, um die die +gelbkalkigen Abhänge hingen. Ihnen gegenüber stellte Timur die Halbbogen +zweier Heere an das andere Ende der Ebene. In der Nacht ging der Fluß +zurück und ließ silbrige Quallen. Heiße Fontänen spritzten um das Lager in +die Höhe, und zwei Kometen bohrten sich durch den hängenden Himmel. + +Am Morgen ging Timur vor das Zelt. + +Dann schritt er einen Hügel hinauf, der mit einem Kegel mitten in der Ebene +aufstieg. + +Links wogte im Kessel die braune Flut, ungedämmt, sich an den Wänden +brechend, der Gefangenen. Rechts hielten die Tataren, bereit zum Sturm. +Zwischen ihnen am Fuße des Hügels war eine Tribüne, und ein Tatar hielt, +das Gesicht heraufgerichtet, einen halbgerafften Teppich in der Hand. + +Die Tataren hielten unbeweglich, gegossen, die Zügel zwischen die Zähne +eingespannt. Die Pferde stemmten die Beine nach vorn, an den Mäulern +zurückgerissen. Die runden Säbel blitzten in der Sonne. Sie hingen +blutgierig wie zwei geschwollene Wolken am Ende des Gebirgs. + +Da begriff die Chinesin. + +Die Freude losch aus ihren Blicken. Und das Schweigen brechend wandte sie +ihre erschütterte Seele gegen ihn und beschwor ihn. Während die stille +Sicherheit, die sie aus den vergangenen Tagen gesogen, einstürzte vor neuer +Qual, rief sie die Schlichtheit seiner Gärten vor ihn hin, die Kanäle, die +Flüsse, die Paläste, Samarkand. »Leben wir. Laß das Unnötige.« Sie zog den +Mund in einem Bogen, daß die gedämmte Inbrunst der Sprache über ihr Gesicht +rann und sie verstummte. + +Eine Flamme schoß aus den Augen der Chinesin, Timur schüttelte den Kopf: +»Ich gehe bis an das Ende.« + +»Gott hemmt dich in mir.« + +»Du warst der Stachel nur Gottes, daß ich nicht rastete.« + +Sie riß mit einem Schrei das Kleid von ihrer Brust und jammerte: »O daß ich +dich tötete . . . o daß ich dich tötete.« + +Mit einem Sprung kehrte sie sich um, legte die Hände vor den Mund, und, vor +ihn tretend, rief sie hinunter zur Tribüne: + +»Vorhanghalter, laß den Vorhang fallen. Es ist keine Vorstellung mehr.« + +Doch auf ihre kleine Stimme, die nicht hinunterreichte, geschah nichts. Sie +kehrte, die Hände senkend, sich um. + +Sie sah auf Timurs Stirn mit einemmal die Stelle, die der Pfeil getroffen, +erhellt wie ein rotes Gestirn, von dem Riefen nach den Seiten liefen und +heller wurden. Hinter seinem Kopf stieg die Sonne aus dem Gebirg, und sein +Gesicht, aufgeklärt und wie mit einer Keule verdichtet, wuchs zu Granit +hinein in die roten Kreise, die sich darum nieteten und ihre Strahlen +aussandten, die schon den letzten Horizont entzündeten. + +Da nahm sie die Hand an die Stirn und fiel, zurückgedonnert von diesem +Gesicht. + +Aber er, vor die Frau tretend, die hinfiel abgeblendet, nahm, indem er sie +aufhob, die Sehne aus der Gabelung seines Bogens und zog und umschnürte +ihren Hals. Dann biß er ihn auf, nahm einen Mund voll ihres Blutes und gab +den Wink, daß der Vorhang sich hebe, hinunterschreitend zu den Zelten, +durchbraust von Gott, der ihn berief, auch in diesem Letzten, sein +unsterbliches Gesicht glänzend wie Gold. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Timur, by Kasimir Edschmid + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TIMUR *** + +***** This file should be named 32358-8.txt or 32358-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/2/3/5/32358/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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