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+The Project Gutenberg EBook of Timur, by Kasimir Edschmid
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Timur
+ Novellen
+
+Author: Kasimir Edschmid
+
+Release Date: May 13, 2010 [EBook #32358]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TIMUR ***
+
+
+
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+Produced by Jens Sadowski
+
+
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+Transcriber's Note:
+Text that was s p a c e d - o u t has been changed to _italics_.
+Double quotation marks have been encoded as » and «.
+
+
+
+
+Timur
+
+
+Novellen
+von
+Kasimir Edschmid
+
+
+
+Kurt Wolff Verlag
+Leipzig
+
+
+
+
+
+Geschrieben im Dezember neunzehnhundertfünfzehn
+und im folgenden April
+
+
+
+
+
+
+_Viertes bis achtes Tausend_
+Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1916
+
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+
+
+ Unsere harten Herzen halten wie Berge Bestand
+ Nasreddin von Tus
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Der Gott . . . . . . . . 1
+Die Herzogin . . . . . . 73
+Der Bezwinger . . . . . 143
+
+
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+
+
+
+
+
+
+Der Gott
+
+
+Seine Mutter verließ ihn, nachdem sie ihn ein halbes Jahr vorher geboren
+hatte. Er schlug die festen Arme in die Luft und rief zweimal: »Ma«. --
+Dann losch sie, die ein großes Segelboot von Honoruru entfernte, aus seinem
+Gedächtnis. Seine französische Gouvernante nannte ihn Jean François und
+lieh ihm wenig Zeit und Mühe. Seine drei ersten Jahre vollzogen sich am
+Strand. Gespielen waren ihm Natives, Chinesen und Malaien. Er kroch auf dem
+Bauch und schrie aus gebräunter Kehle langgedehnte Vokale und wurde ein
+gesundes Kind.
+
+Nach drei Jahren kehrte die Mutter zurück. Sie suchte ihn im ganzen Haus,
+den Gebäuden der einzigen Faktorei auf der Insel, lief durch den Garten und
+fand ihn im Sand am Meer zwischen Muscheln und Farbigen. Sie gab der
+französischen Gouvernante eine Ohrfeige und nahm ihr Kind auf den Arm.
+
+Sie fragte ihn in englischer Rede schluchzend, wie er sich befinde. Der
+Junge aber schwieg, denn er verstand sie nicht. Er sprach nur polynesisch
+und minderes Französisch. Die Mutter war eine feurige Frau. Sie weinte und
+glaubte, das Kind sei vertauscht. Das Kind sah sie stumm mit großen Augen
+an. Sie wies es zurück und schenkte ihm einen Monat lang keinen Blick. Kurz
+darauf verfiel es einer Krankheit, und als sie nun besorgt und glücklich es
+pflegte, sagte es an einem Morgen: »Ma«.
+
+Nach geringer Zeit vermochten sie sich in der Rede zu verständigen. Da
+zwang ein ausbrechendes Leiden die Mutter, die begonnen hatte, in Ruhe ihre
+schweifende Seele an das Kind anzulehnen, ins Weite. Sie schifften sich auf
+dem Segler Bounty ein, als die Sonne einen riesigen Kranz um die Insel
+legte und in dunklem Blau verging. Ein Krater rauchte noch dünn in die
+Dämmerung. Dann scholl das unendliche Meer in ihr Ohr.
+
+Sie erlebten am dritten Tage einen Sturm, der das Schiff über die Wellen
+schleuderte, daß die Kajütenwände sprangen. Jean François hielt verzückt
+den Stößen stand. Der Kapitän ließ Stagsegel aufziehen. Sie rissen sofort.
+An den Marquesasinseln warfen sie Anker. Der Meerboden war Muschelgrund und
+Kalkgrieß, der Anker hielt nicht.
+
+Da stieß, während sie lavierten, ein Kanoe mit rotem Holz und Perlmutter in
+der Schnitzung aus einer Bucht. Zwei Wilde hielten kupferfarbene Binsen
+hoch und winkten. Folgend bugsierten sie die Bounty in eine Bay.
+
+Der eine Malaie stieg herauf, seine Glieder hatten wunderbaren Anstand. Sie
+bedeuteten ihm, sie brauchten Wasser, da schrie er sofort, indem er die
+Hand wie eine Schale unter den Mund legte, ins Meer hinaus. Der Strand
+bevölkerte sich mit Booten, die in breiten Gefäßen Wasser und Geflügel
+brachten, denn viele der Matrosen litten am Scharbock. Jean François, auf
+dem Arm seiner Mutter an den Mast gelehnt, rief ihnen einige Sätze zu. Da
+erstaunten sie und verbeugten sich vor ihm. Ihr Oberhaupt aber legte ein
+Messer vor ihn hin und sagte: »Rono . . . Rono -- --«.
+
+Bald hörten sie es donnern. Vogelschwärme rauschten über sie. In leichter
+Brise liefen sie gegen eine Küste an. Es war Peru. Sie ankerten im Hafen
+von Callao. Zwanzig Matrosen desertierten in der Nacht. Sie stellten
+Spanier ein. Langsam trieben sie die Küste hinunter, bis sie Antufugasta
+erreichten.
+
+Dort stiegen sie aus. Sie blieben wenige Tage, aber das Klima
+verschlechterte die Gesundheit der Frau. Sie zog in die Berge hinauf zu
+einer Schwefelquelle, in der sie badete. Jean François jedoch vertrug die
+Luft der Höhe nicht und wurde bleich. Deshalb gab ihn die Mutter mit
+einiger Dienerschaft hinunter nach Valparaiso.
+
+Als die Mutter zurückkam, war Jean François sechs Jahre alt, hatte blonde
+Haare und braune Haut und sprach nun spanisch und polynesisch (den Dialekt
+von Taheiti und der hawaiischen Eilands), aber kein Wort englisch. Da
+beschloß die Frau, den Sohn, der ihr bis zur Hüfte reichte, und mit dem sie
+kein Wort zu wechseln wußte außer dem Gefühl, das von Auge zu Auge strömend
+redete, nie wieder zu verlassen in seiner Jugend, schiffte sich mit ihm
+ein, und an einem Morgen kam ihnen wieder unter dem Himmel die große Küste
+Oahus entgegen.
+
+Sie fanden dort bei ihrem Eintritt in das Haus die Nachricht, daß Jean
+François' Vater gestorben sei, der die Jahre in Rom und in einer Mission
+des Papstes in Skandinavien verweilt hatte. Die Mutter ward still und
+nachdenklich, obwohl ihre Seele getrennt von dem Schicksal dieses Mannes
+lag. Jean François begriff dagegen keineswegs, um was es ging, und lehnte
+ab, als sie es ihm deutlich machen wollte.
+
+Sein Gefühl verbreiterte sich. Er lebte sein Dasein bis zum sechzehnten
+Jahre rund herum aus im Kreis der Begriffe und Dinge, die ihn umgaben. Die
+Gedanken waren schlicht. Die Dinge gestalteten sich einfach, nur im Verkehr
+mit primitivem Dasein. Selten nur brachten anlegende Schiffe Europa in sein
+Blickfeld. Aber seine Seele saugte sich fest an Küste, Meer und Land.
+
+Dann sandte ihn die Mutter, die noch vier Jahre die Welt durchschweifen
+wollte, von sich, damit er in den europäischen Dunstkreis eintrete. Sie
+stellte ihm große Wechsel aus, und sie verplauderten den letzten halben
+Abend.
+
+Darauf ging er hinaus in den Garten. An der großen Hecke der weißen
+Himbeeren stand Kalekua, die dem Geschlecht der Könige verwandt war, sang
+vor sich hin und schaute über ihren Garten hinauf zu ihrem hellen schönen
+Haus. Jean François, die Brust von Weite erfüllt, rief ihren Namen, mit der
+er die anfänglichen Spiele erster Jugend geteilt hatte. Sie wandte sich um.
+
+In diesem Augenblick hob sich das Gefühl abenteuerlicher Ferne, in die er
+verlangte, zu einer großen Welle, und er, dessen Hände noch keine Frau
+berührt hatten, überströmte den Körper des Mädchens mit Liebkosungen. Ihre
+dünnen Gewänder schwanden unter seiner Hand, und er fühlte ihre weichen und
+wunderbar gerundeten Glieder ihm entgegenfliegen. Da faßte er sie auf die
+Arme und trug sie noch tiefer in den Garten in die Mulde einer Platane.
+
+Ganz umhängt von ihrem Duft hob er sich in den Morgen, schiffte sich ein
+und fuhr nach England.
+
+Nach zwei Jahren schon zog seine Mutter ihm nach; Sie nahmen ein Haus in
+der Nähe des Hydeparks. Sommers zogen sie auf ein Landgut in Schottland.
+Sie empfingen viele Menschen, gaben große Gesellschaft und hatten
+ausgewählte Freunde. Aus ihren Besitzungen flossen gewaltige Mittel immer
+erhöht ihnen zu, später verkauften sie Anwartschaft und Faktoreien und
+breiteten das Kapital in englischen Anlagen aus.
+
+Vor der Wirklichkeit dieses fest gegründeten Daseins sank die Jugend der
+Südsee, fast vergessen, in Traum zurück. Jean François studierte in
+Cambridge, züchtete Hunde und hatte Anspruch auf die diplomatische
+Laufbahn. Mit neunzehn Jahren hatte sich die Luftschicht weltmännischer
+Beherrschung dicht um ihn gelegt.
+
+An dem Tage, wo er den großen Preis im Ballspiel für das westliche England
+errang, starb seine Mutter. Er erfuhr es, als er, den Kopf zurückgelegt,
+sich von der Richtertribüne wendend, nach der Seite ging und den Diener
+sah, der ihm den Brief überreichte.
+
+Er war einundzwanzig Jahre, hatte einen glänzenden Körper und gute Zukunft,
+wie viele sagten.
+
+Er kehrte nach London zurück, verschloß die Fenster und nahm am brennenden
+Kamin das Bild seiner Mutter vor und beschaute es. Sein Herz öffnete sich
+nicht, sie heftig zu beweinen. Kaum ward ihm die eingetretene Leere bewußt.
+Eine Unbegreiflichkeit waltete über seinen Gefühlen, daß sie ihn, dem
+Schwung erhöhter Seelenlagen fernhaltend, alle Empfindungen nur von der
+Oberfläche diktiert und durch etwas von seinem inneren Dasein getrennt
+erleben ließen. Er zog in der Folge roten Dreß an und jagte Füchse und
+legte die Sachen der Mutter beiseite. Beim Jagen und raschen Leben kam ihm
+geringer das Gefühl, in leichter Betäubung sich zu befinden.
+
+Bei einem ausgesuchten Diner saß ihm eine Sängerin gegenüber, deren zarte
+Haut und große Augen seinen Blick anzogen. Um sie besser zu sehen, nahm er
+eine breite Blumenattrappe und setzte sie auf den Boden hinter seinen
+Stuhl. Ihr Blick begann, entgegenkommend, gleichfalls auf ihm zu ruhen. Ihr
+Reden war schnell und heiß. Unmerklich hob sie ein spitzes Glas, als sie
+mit einem Nachbar anstieß, herüber zu ihm. Als nach Tisch alles in den
+Musiksaal strömte, stellte er sich hinter ihren Fauteuil und redete zu ihr.
+Sie, ohne sich umzudrehen, sagte: »Ich kenne Sie nicht«.
+
+»Sie sollen es lernen,« sagte er. Verbeugte sich kurz und berührte knapp
+ihr Knie im Gehn mit dem seinen.
+
+Sie trug an diesem Abend eine gelbe Robe, und ihre schönen Brüste standen
+voll und fest in dem schmalen Ausschnitt. Leichter Puder machte die Locken
+grau, die tief in ihren Kopf hineinhingen.
+
+Sie ließ ihn zweimal durch ihren Diener abweisen, bis er eindrang und sie
+ihm Geliebte wurde.
+
+In einer Nacht fragte sie ihn, als sie ihn übermäßig ihrer sicher glaubte,
+wie alle Frauen fragen: nach denen, die vorausgingen.
+
+Es seien einige, doch nicht allzuviel, denn dies sei billig, sagte er. Sie
+fragte, wie lange es her sei, daß er die letzte gehabt habe, und er zuckte
+die Achseln.
+
+»Was waren sie, Lieber?«
+
+»Was soll die Frage, die nicht schön ist?« sagte er langsam.
+
+»Mein Herz stürmt, daß ich es weiß. Um Sie mehr zu lieben.«
+
+Da drückte er die Ampel aus und sagte: »Eine Blumenverkäuferin von den
+Docks, eine Dame, ein Mädchen, eine Tänzerin, eine liebe Frau . . .«
+
+Sie schloß die Augen und öffnete sie verwirrend vor den seinen: »Keine
+hielt Sie in dieser Reihe?«
+
+Sie sah an seinem starken Körper hinunter, und im Gefühl, daß in solchen
+Erlebnissen sich das Weibliche in seiner ganzen Art erschöpft habe, legte
+sie sanft ihre Brüste an seine Wange und fragte das Gleiche ein weiteres
+Mal.
+
+Da warf er sich hoch, und indem es schien, daß er sie ganz in sich
+schlinge, sagte er ihr, daß er auch sie verlasse, wenn der Nebel vor den
+Fenstern heller werde. Er blieb noch einige Stunden bei ihr, indem er sie
+streichelte und ihr Wesen ein letztes Mal einsog, denn sie war schön und
+edel und weinte, die Hände vor die Augen geschlagen. Dann verließ er sie.
+
+Er ging den Morgen in die Themse und badete.
+
+Dann ging er nach Hause, ließ packen und fuhr nach den schottischen Gütern.
+Aber am ersten Tage der dritten Woche glitt er, jagend an einem Bergrücken,
+aus und brach das linke Bein. Sein Hochländer trug ihn ins Tal.
+
+Sie tauchten immer tiefer hinunter, wo die Dunkelheit ihnen entgegenkam,
+und je mehr sie in die verdichtete Landschaft hineinschritten, überfiel ihn
+Beklemmung, deren Sinn er nicht begriff. Sie erreichten ein Licht, ein
+geöltes Haus. Sie schrieen nach dem Besitzer und befahlen ihm, mit dem
+Pferd in die Finsternis hineinzureiten, damit er Hilfe bringe. Erst am
+Morgen kam er mit einem weißbärtigen Mann, der das Bein einrenkte. Als die
+Knochen wieder aneinanderstießen, schrie Jean François vor Schmerz, so sehr
+lähmte der Alp seine Brust.
+
+Der Hochländer schaute abgewandt durchs Fenster, und Jean François, der
+fühlte, wie jener sich für ihn schäme, schrie ihn an, und wurde ungerecht.
+Am nächsten Tage aber schenkte er ihm das Elengeweih seiner Sammlung, damit
+dieser beides vergäße, die Scham und den Schrei.
+
+Da er lange lag, haderte er mit dem Geschick. Denn er fühlte, daß der Druck
+über ihm blieb. Er wollte ihn vertreiben. Er fuhr mit dem Auge die Berge
+hinauf und ließ den Blick herabfallen in die Wiesen, über denen Kuhgebrüll
+erdwarm donnerte. Er trieb Studien, er las. Er färbte Stoffe. Er focht zwei
+Stunden des Morgens angeschnallt ans Bett mit einem großen Fechter des
+Clans, damit seine Muskeln hart blieben. Aber es half nichts.
+
+Nach sechs Wochen zog er wieder in London ein.
+
+Sein seitheriges Leben kam ihm in gleicher Form entgegen.
+
+Er griff es, nahm es und lebte weiter.
+
+Eines Abends reizte ein Mädchen sein Gefühl, das mit einer herrischen
+Kopfbewegung aus dem Nebel ihm entgegenkommend in den Laternenschein
+hineintrat. Sie war untersetzt mit geschmeidigen Lenden und trug einen
+ausländischen Pelzhut. Er drehte um und folgte ihr. Sie gingen durch
+Straßen und Gassen, es war eine ganze Stunde, daß er sie verfolgte, da
+kamen sie in die Gegend des Hafens. Die Gassen verwirrten sich immer
+verzogener ineinander. Da bog sie zur Seite und verschwand. Das Haus, in
+das sie getreten war, hatte einen wüsten Eingang voll Winkel. Ein grünes
+Licht flammte davor. Die Fenster waren aus Ölpapier und erleuchtet.
+
+Jean François trat ein. Im Flur schon hörte er, wie Musik begann. Er trat
+in einen Saal. Links saßen die Musikanten. Sie spielten Flöten und irische
+Dudelsäcke. Ein einzelner Hagerer hieb wild auf eine Pauke.
+
+Im Hintergrund hob sich der Saal im Rauch und Qualm zu Terrassen von
+Stühlen und Bänken in die Höhe und vergrößerte sich ungewiß. Vorne
+schwankten Paare durch die dichte Luft. Schreien und Gestampf durchbrach
+die Musik.
+
+Auf einem der Tische stand eine der Vorstadtköniginnen, wunderbar wild im
+Bau, hatte eine rote Mütze über den Haaren, die Bluse voll herabgestreift
+und schwang die Arme singend, den Kopf im Rausch gerötet, durch den Raum.
+Der Rauch umwallte sie manchmal ganz, dann riß er sie wieder in die Blicke.
+Ihre Augen glänzten wie feuchte Steine, der Mund stand offen, derb und
+glühend.
+
+Ein Matrose schwankte mit großen Sprüngen über die Diele und suchte im
+Vorbeisprung Jean François zu umarmen. Doch der schob ihn weit zur Seite
+und arbeitete sich durch die Tanzenden quer hindurch zu den Stuhlkolonnen
+und setzte sich an einen leeren Tisch. Das Gesicht eines Graubärtigen
+bewegte sich neben ihm auftauchend und brachte ihm Punsch, der scharf nach
+Essig roch.
+
+Plötzlich ging die Saaltür weit auf und schloß sich rasch, frische Luft
+strömte herein und warf den Rauch auseinander, die Ölfenster knallten unter
+der Luft, die wie helle Nester eines über dem anderen hockend die ganze
+Straßenfront gliederten . . . da sah er in der Lücke, daß am anderen Ende
+des Tisches ein Mann saß, dessen Blick ihn kühl abmaß. Er hatte grüne
+Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und ein bleiches
+Gesicht. Er trug die Kleidung eines vornehmen Mannes, eine flandrische
+Krause als Einsatz, aber hohe Stiefel.
+
+Der Mann erhob sich und setzte sich ihm näher gegenüber.
+
+Die Musik brach jäh ab. Vom Nebentisch sprang die Tanzende herunter und
+warf ihre Arme von hinten her dem Fremden über die Schulter und drängte
+ihre schweren Brüste um seinen Nacken. Sie hatte den Kopf an sein Ohr
+geschmiegt und lachte, über ihn weg kokettierend, zu Jean François hinüber.
+Im gleichen Augenblick aber steckte ein Matrose seine Hand in des
+Gegenübers Tasche und zog mit zwei spitzen Fingern ein funkelndes seltsames
+Stück Börse wie einen Wurm heraus.
+
+Jean François erheiterte dieser Fall sehr, allein er nagelte trotzdem den
+Kerl sofort mit gezogener Handpistole auf den Platz fest. Der Bursche ward
+bleich, von einigen Tischen scholl Geschrei.
+
+Der Fremde lächelte, nahm die Börse zurück, um sie dem Matrosen mit einem
+Kompliment wieder zu überreichen. Dann dankte er, indem er den
+ausbrechenden Tumult des Lokals mit einer Handbewegung dämpfte, durch eine
+leichte Verbeugung Jean François für seine Güte.
+
+Das Mädchen hatte sich auf seine Knie gesetzt.
+
+Seine Hand spielte nebensächlich mit ihr, indem er Jean François bat, als
+einen Ausgleich und um -- zumal als Ausländer -- höflicher Handlung mit
+edelmännischer Genugtuung zu begegnen, eine Bitte an ihn zu richten.
+
+Allein Jean François lächelte nur, denn ihm schien nichts wünschenswert,
+was er nicht selbst hätte erreichen können.
+
+Doch auch der Fremde lächelte.
+
+Und wiederholte eindringlich, daß er bäte, ihn nicht zu verkennen, sondern
+ins uferlos Blinde über ihn zu verfügen, denn es sei morgen bereits schon
+zu spät, und das würde ihn schmerzen, wo ihn eine Flotte nach Indien fahre.
+Dann lächelte er wieder, Jean François' Erstaunen erwartend.
+
+Der aber durchdrang mit dem Blick den Rauch des Zimmers, schweifte einige
+Sekunden in Entferntem, das ihn betäubte mit der Unendlichkeit der Bilder,
+und sagte, dem Traum der Jugend nahe gebracht, dunkel aufgewühlt und
+Unbekanntem willig folgend (obwohl er erstaunte über Sinn und Klang der
+eigenen Stimme), er bäte um ein Patent, wenn dies in der Macht liege
+. . . »Würden Sie. . .«
+
+Der Fremde jedoch zog ein Papier, bemalte es mit wenigen Zeichen und
+überreichte es ihm. Es war ein Diplom als erster Leutnant und zweiter
+Supracargo auf einem Schiff, das »Santa Cruz« hieß.
+
+Jean François sah ihn scharf an. Dann verbeugte er sich.
+
+Der Fremde hielt ihm die damenhaft schmale Hand hin, in die das Mädchen auf
+seinem Knie einige Tropfen Wein schnickte. Aber eh Jean François einschlug,
+sagte er, daß er wohl wisse, wie eng dies ihn binde, daß er aber innerlich
+keine Verpflichtungen auf sich nehme, denn er sei gewohnt, die Stunden zu
+treiben, wie er wolle, zu weilen, wie ihm passe und der zu sein, der er
+beliebe. Doch der mit den grünen Augen ihm gegenüber saß, gab hierauf keine
+Antwort, empfing den Handschlag und wies hinaus, wo Pferde stampften.
+
+Sie erhoben sich und verließen den Raum. Das Mädchen zerrte an ihren
+Rockschößen. Sie achteten nicht darauf.
+
+Ein Wagen mit weißen Pferden hielt in der Gasse. »Sie werden alles finden,«
+sagte der Fremde, »aber Sie dürfen nicht zögern.« Er verabschiedete sich,
+da er noch einiges zu verhandeln habe und sagte, sie würden sich bald
+wiedersehen. Der Wagen fuhr bis zum Hafen. Eine Ruderbarkasse brachte ihn
+ans Schiff.
+
+Sie zogen die Nacht noch den Fluß hinunter. Am Morgen floß England hinter
+ihnen zusammen wie grauer Schaum.
+
+Als die Weite des Meeres vor ihnen lag, füllte sich Jean François' Herz mit
+tosenden Takten. Er nahm seine Equipierung auf dem Schiff. Als er sich
+umzog, trat ein Offizier in seine Kabine, -- er wechselte gerade die Hosen,
+-- und bat um die Aushändigung des Patents. Jean François reichte es ihm:
+
+»Sie werden erstaunt sein, mich aus einer schwärmerischen Nacht in diese
+Fahrt und Stellung stürzen zu sehen, im Abendanzug, Leutnant Vaudricourt.
+Allein es trieb mich so.«
+
+Der Leutnant grüßte höflich und erwiderte, dies wolle nichts sagen, denn er
+habe die Fregatte lediglich mit einer Nachtkleidung und einem
+Damenstrumpfband aus weißer Seide erreicht. Er legte die Papiere zusammen
+und sagte: »Ich sehe, wer Sie sind.«
+
+Er war höflich. Er war Franzose, wie viele auf diesem Schiff
+Übergetretener, und von guter Erziehung.
+
+Am Abend, als er die Offiziere zu einem großen Diner einlud, erfuhr Jean
+François, daß sie sich mit fünf anderen Schiffen vereinigen würden,
+bestimmt, Brotbäume in der Südsee aufzunehmen und sie zur Verpflanzung nach
+Westindien zu schaffen. Die Verdecke waren schräg aus Blei aufgelegt mit
+Rinnen zur Bewässerung. Zwischen den oberen Verdecks waren hohe Räume, und
+in einem falschen Boden standen hunderte Kübel.
+
+Nach vier Tagen trafen sie auf eine Flotte. Signale riefen die Offiziere
+auf das Admiralschiff. Sie stellten sich im Halbkreis auf dem Hinterdeck
+auf.
+
+Dann erschien, begleitet von großem Stab, ein Mann, edel und vornehm. Er
+hatte grüne Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und
+ein bleiches Gesicht. Die Augen funkelten. Die Offiziere verbeugten sich
+tief.
+
+Er senkte langsam den Kopf. Über seiner Brust schwebte noch das
+Ludwigskreuz. Sein Degen war von wundervoller Arbeit. Es war der Admiral.
+
+Er ging auf Jean François zu, nachdem er die Befehle ausgegeben hatte,
+nannte leise seinen Namen: »D'Aché,« und bat ihn, mit ihm zu kommen. Sie
+stiegen über einige Treppen tief hinunter. Dann traten sie in einen breiten
+Raum.
+
+Der Vicomte hob einen Leuchter und deutete auf einen Käfig, in dem ein Mann
+geduckt saß: Der Käfig hing an Seilen hoch von der Decke herunter. Er ließ
+mit einem Griff ihn sich senken. Jean François sah, daß es der Matrose war,
+dem er vor sechs Abenden seinen Pistolenmund auf die Magengrube gerichtet
+hatte, und der Graf sagte lächelnd:
+
+»Junger Mann, ich schätze Ihre Liebe für andere Atmosphären, in denen das
+Leben derber und inbrünstiger geht, als in den uns angemessenen. Ich liebe
+dies auch. Sie werden darüber schweigen, hören Sie. Ich habe Sie
+verpflichtet, weil ich aus dieser Anlage Großes und Wildes von Ihnen
+erwarte.
+
+Doch das mit der Pistole war töricht. Sie mißverstehen den Stil. Man hätte
+uns in Fetzen geschlagen. Man muß das anders machen. Den hier habe ich mir
+später selbst und allein noch geholt. Fragen Sie ihn.«
+
+Der Matrose wimmerte, aber schwieg . . .
+
+Jean François fuhr mit seinen Offizieren zu seinem Schiff.
+
+Während der Fahrt betrat er das Admiralschiff nicht mehr.
+
+Sie waren drei Leutnants auf der Fregatte, er, Vaudricourt und Jules Labé.
+In den Nächten seufzte Vaudricourt nach dem Mond und erlebte die Verse
+großer Dichter, wenn das Meer in ziellosen Spiegelungen erglühte. Labé
+hatte eine Kreolin mit, die in einer Matte unter dem großen Segel lag und
+rauchte.
+
+Oft spielte Vaudricourt auf einer langen silbernen Flöte ihr vor und sang
+mit warmem Tenor. Sie schloß die Augen wieder, öffnete sie zu Jean François
+und bat ihn, ihren Windhund zu holen, damit sie mit diesem spiele. Sie
+hetzte ihn über das Verdeck, und seine wilden Laute schoben sich zwischen
+die Schwingungen der Flöte. Vaudricourt biß sich die Lippen und sagte:
+
+»Madame, wenn Sie das Spiel nicht lieben, will ich die Flöte ins Meer
+werfen, obwohl sie Richelieu meinem Vatersbruder gab.«
+
+Die Kreolin bog sich in ihrer Matte und sagte: »Aber ich liebe das Spiel.«
+
+Der Hund sprang über die Matte hin und zurück, und sie sah Vaudricourt so
+lange an, bis er verzweifelt ans Heck ging und ins Weite stierte.
+
+Abends legten sie eine Pharaobank aus und spielten.
+
+Als sie um Kap Horn fuhren, griff ein Wind sie von der Seite und warf sie
+gegen eine Bank. Da das Steuer aus Zufall quer stand, glitten sie scharf
+vorbei.
+
+Wieder flogen sie in den blauen Spiegel der Winde.
+
+An einem Morgen lag Land vor ihnen. Sie hoben die Köpfe. Sie begriffen erst
+langsam, daß es Land sei. Sie fuhren Wochen schon.
+
+Steil erhob sich eine dunkle Küste, die ohne jede Einschnürung war. Sie
+suchten zwei Tage lang eine Einfahrt an der westlichen Küste, sie trafen
+nichts als einen Wall schwarzen Gesteins, aus dem Flüsse ins Meer spien. Da
+gab das Admiralschiff das Zeichen, und sie fuhren nach der östlichen Seite.
+
+Da hob sich der Nebel und schwebte in einer gleichen Lage wie ein
+mystisches Tuch in die Höhe. Berge in tausend Gipfeln, die weiß waren wie
+Schnee, stellten sich gegen den Himmel, der in unsäglichem Blau an ihren
+Linien herabrann. Vor ihnen öffneten sich geschwungene Buchten, saftig und
+grün heranschwellend ans Meer.
+
+Sie warfen Anker.
+
+Dann schifften sie aus. Da brach aus Gebüsch weiter hinten eine Masse
+fetter eingeborener Weiber mit Geschrei. Doch liefen sie nicht nach vorn,
+sondern bewegten sich in gleichbleibender Erregung am Platz.
+
+In der Mitte zwischen der Küste und den Tobenden stand eine Zeder mit
+Olivenblättern. Neben ihr, allein, war ein Eingeborener, braungelb, und hob
+die Hand. Er näherte sich nicht und ließ sie herankommen. Die Offiziere
+grüßten ihn höflich, so viel Würde war an ihm. Jean François sprach ihn an.
+Da wuchsen, als er die eigene Sprache vernahm, seine Augen ins Ungemessene,
+er berührte seine Nase und verneigte sich tief. Sie verabredeten zum
+folgenden Tag eine Expedition. Durch Boden aus Bims und schwarzem Glas
+brachen sie vor, bis sie in ein Tal kamen, das viele Brotbäume hatte. Jean
+François befahl, sie auszupflanzen und auf das Schiff zu bringen.
+
+Der Anführer verneigte sich, sprach kein Wort und ließ den Blick nicht von
+ihm.
+
+Rückwärts durchquerten sie einen Sumpf, in dem viel Pappeln standen. Am
+letzten Rande des Moors, wo das Gelände sich nach dem Meer abbaute, saß
+eine Frau, die eine Farrenwurzel kaute, die Fasern löste und einem Säugling
+in den Mund schob. Es war hoher Mittag und die Sonne fiel steil auf die
+Frau.
+
+Sie hob den Blick, ließ ihn an Jean François hängen und hob das Kind hoch
+in die Luft, drehte sich dreimal im Kreis und lief rufend, die Arme
+kreisend, davon.
+
+Das Land war Neu-Seeland.
+
+In der Nacht ging Jean François auf Deck. Schlaf kam ihm nicht. Er sah die
+weiche Küste sich gegenüberliegen. Er sann nach. Er war nie an dieser Insel
+gewesen. Er schaute den Himmel ab. Der Mond rollte hoch über den Bergen des
+Westens. Er fühlte sich sehr leicht und umgeben von einer unerhörten
+Wallung. Er horchte lange, schnickte Wassertropfen von seinem Ärmel und
+ging hinunter.
+
+In der Nacht fiel Frost.
+
+In den drei folgenden Tagen füllten sie die Hälfte der Schiffe mit Bäumen.
+Am vierten fuhren sie.
+
+Sie fuhren nördlich.
+
+Die Schiffe glitten voll Musik zwischen wunderbaren Eilanden durch, an
+Buchten vorüber, die voll Pinguinen saßen und von Bächen durchströmt waren.
+Sie lagen den ganzen Tag auf dem Vorderdeck und rauchten. Das Meer war
+leicht und kaum bewegt, und die Inseln formten sich mit glänzenden Farben
+und Vogelruf aus ihm heraus wie Wasserblumen.
+
+Als sie zwischen einem Gemisch süßer Buchten lavierten, suchte die Kreolin
+Jean François zu verführen, indem sie abends nach dem Ankern ihr Bein aus
+der Matte gleiten ließ und ihren Fuß langsam über seine Hand führte.
+
+Doch er stellte das Windlicht schräger, daß die Matte ganz in Vaudricourts
+Blickfeld blieb.
+
+Sie ankerten noch einmal in Guam, um Wasser zu nehmen und den Rest der
+Ladung. Sie blieben zwei Wochen in dem Hafen, der vor vier Winden schützte.
+Die Bucht war morgens rot von Seegras, Meerwölfen und Seenesseln. Große
+Schildkröten schwammen langsam vorüber.
+
+Den Mittag gingen sie in die Stadt, die auf Pfählen stand. Der spanische
+Gouverneur Dom Simon de Auda ließ die Wache antreten und ging ihnen jeden
+Tag in großer Uniform entgegen. Auf seiner Veranda nahmen sie Schokolade
+und lange Zigaretten, die er ohne Pause selber drehte. Dann ritten sie ins
+Innere, das voll Savannen lag, die tief in den Urwald hineinreichten, auf
+denen weiße Ochsen mit dunklen Ohren gingen. Am letzten Abend gab er ihnen
+ein Fest.
+
+Die Eingeborenen, deren Reste die Spanier auf diese Insel gepfercht hatten,
+da sie revoltierten und aus Verzweiflung ihre Frauen zwangen, die Kinder
+nicht mehr auszutragen, bewegten sich mit Lichtern und Stieren auf einer
+weichen Rasenebene, um die der Wald aufwuchs. Im Gezuck der Bodenfeuer und
+dem Kreischen der Männer kämpften zwei Hähne. Der Spanier saß unbeweglich
+und stolz davor. Sie nahmen großen Abschied. Aber im letzten Augenblick,
+noch am Strand, kam eine Schar aus dem Inneren, die Weiber mit roten
+Hummerscheeren in den Ohren und legten, die Offiziere umringend, Gaben hin
+und in die Nähe von Jean François. Jean François verzog nicht den Mund.
+
+Letztmals legten sie bei den Philippinen an. Der Gouverneur sandte eine
+Einladung durch seinen Minister, einen Native in Hosen aus roter Seide und
+weißem, chinesischem Hemd. Er bat, ungezählt lang zu bleiben. Seine
+Langeweile wiege seine Orden nicht auf. Er versprach gestirnte Hirsche und
+Eingeborene mit Schwänzen.
+
+Jules Labé sagte lächelnd, ein Wunder sei eines Wunders wert und sah auf
+Vaudricourt. Die Kreolin trug eine ironische Falte und bat, ihr den weißen
+Stoff zu besorgen, den der Minister trage. Jules Labé zog ihn in eine Ecke
+und kaufte das Hemd um eine Pistole. Nur seine Hosen glühten, als er
+halbnackt vom Ufer zurückwinkte. Die ganze Nacht schwammen die Inseln unter
+weichen Mandolinentönen.
+
+Morgens flaggte das Signal zur Abfahrt.
+
+Mittags hob sich ein Strudel aus dem Meer, wuchs an den Himmel und sprengte
+wie ein Geschoß die Schiffe auseinander.
+
+Sie fuhren auf seiner Fregatte Wochen irr und im Sturm.
+
+Als sie glaubten, daß sie sterben wollten und alles gleich schien, senkte
+sich ein linder Abend herab. Die Wellen schoben sich ineinander, der Wind
+lief gering und zart. Wie ein Schaumnest quoll der Horizont auseinander. Im
+letzten Licht streckte sich eine schmale Bai vor ihnen aus. Sie wußten
+nicht, wo sie waren. Der Sturm hatte die Kompasse zerhauen. Sie fanden nur
+aus dem Sonnenstand, daß sie westlich fahren müßten und beluden, die
+Gesichter aufgehellt, das Schiff mit Leinwand, daß es gut davonstrich. Sie
+warfen keine Anker in der Dämmerung, da die Lotung günstig war.
+
+Sie ließen die Fregatte gleiten. Dämmerung schob sich raubend zwischen das
+Schiff und das Land. Sie glitten in leichter Brise seltsam geschwellt in
+das warme Meer.
+
+Da ließ Jean François, während die anderen aßen, die Hände vom Reeling.
+Sein Herz hob sich. Er taumelte fast. Von einem Gestiegensein getragen,
+ging er ans Heck. Sein Herz sprang. Er überstrich das Schiff mit dem Auge.
+Er wußte nicht, was er tat. Aber er ließ, stolz und strahlend, das kleinste
+Boot herunter, sprang hinein und stieß ab von der Fregatte in die
+Dunkelheit, die ihn anzog, daß seine Pulse brannten.
+
+Er ging ohne Abschied, die Hände leer, das Ohr ungeheuer gefüllt vom
+schwachen Geräusch ferner Brandung.
+
+Allein die Ebbe war ihm entgegen. Er ruderte mit allen Muskeln. Doch er kam
+nicht vorwärts und das erzürnte ihn, daß er das Ruder drohend in die Nacht
+hinein hob.
+
+Er arbeitete weiter. Er ruderte mit allen Muskeln, allein die Ebbe war
+entgegen und warf ihn zurück. Es war eine lange Nacht. Sturzseen überfielen
+ihn. Riffe türmten sich auf. Sein Kiel streifte oft an Madreporen. Allein
+er barst nicht.
+
+Sein Gesicht strahlte, daß die Dunkelheit um ihn wich. Seine Augen hefteten
+sich an das Land und zogen sich hin an dieser Kette. Gegen Morgen umfuhr er
+eine Bucht Korallen und schob sich in helles Wasser. -- Als sein Boot Sand
+unter sich erknirschen machte, wich die Dämmerung. Die Küste lag frei. Er
+sprang mit einem riesigen Satz hinüber.
+
+Es wurde Morgen, und Helligkeit stürzte über ihn.
+
+Vor ihm standen Eingeborene, die Muscheln suchten. Als er aber unter ihnen
+erschien, erstarrten sie. Einer allein sprang in die Luft, drehte sich im
+Wirbel und schrie wie in hitzigem Gelächter.
+
+Die anderen aber fielen zur Erde. Sie lagen wie gefällt. Die Frauen sahen
+hoch und zogen die Haare über den Mund. Dann riefen sie: »Rono . . . .
+Rono« -- und weiter kein Wort.
+
+Er befahl ihnen aufzustehen. Sie wichen zurück.
+
+»Welche Insel?« rief er mit der Sprache von O-Taheiti.
+
+Allein sie antworteten mit dem rechten Dialekt:
+
+»Oahu«, sagten sie und starben schier.
+
+Er aber hatte diese Sprache lange nicht gehört. »Oahu«, sagte er und sah
+sich um. Seine Augen schlossen sich. Das Blut zog hinauf in den Kopf. Dann
+fiel es zurück. Die Blicke faßten alles.
+
+Zugleich vergaß er alles Vorherige. Es hatte keinen Wert mehr, es fiel wie
+eine Kulisse. England strömte aus seinem Bewußtsein. Vaudricourt, die
+Kreolin flogen schemenhaft von ihm. Alles Seitherige erschien ihm nur
+geheimnisvoll (auch im Unbegreiflichen) nach dieser Küste gerichteter
+Wille.
+
+So begriff er alles im Fallenlassen und Heben der Lider. Nahm den Fall des
+Strandes in sich auf, das Erbrausen der Brandung, die Demut der Natives und
+einen zarten Maiabaum, der ganz allein auf der Küste stand.
+
+Wie alles hinter ihm zurücksank, kein Gedanke das Schiff mehr suchte, das
+zwischen fernen Wellen segelte und nichts mehr aus ihm her daran rührte,
+stieg eine Zärtlichkeit in ihm, der folgend er niederkniete. Legte das
+Gesicht in den weißen Sand, erhob sich, den Kopf drehend, und schrie wie
+ein Tier in das Land.
+
+Da stoben die Eingeborenen in den Wald.
+
+Nachdem er die alte Welt aus seiner Seele getilgt hatte und gierig den
+Einzug der neuen spürend, folgte er ihnen.
+
+Es war still. Die Bäume schlossen sich dicht über ihm. Er ging. Eine
+Fledermaus spannte sich vor ihm auf und flog. Wurzeln krallten sich über
+den Weg. Der Tag stieg. Ein Trogu kletterte in den Palmen. Er segnete ihn.
+Zwischen Schachtelhalmen rauschte ein Wiedehopf. Es wurde stiller. Sein
+Herz klopfte bis in die Kokoskronen und breitete sich über sie. Sein Herz
+schwoll über den Wald und verschlang sich mit ihm, daß jedes Geräusch der
+Blätter in seinen Kammern mitschwoll. Er empfand Zärtlichkeit für alles. Am
+Mittag sah er einen langen, spitzen Kopf mit steilem, hohem Ohr. Es war ein
+wildes Schwein. Es sah ihn an. Er streichelte es.
+
+Er ging.
+
+Dann kam er in ein kleines Tal. Bergwände warfen sich herunter, es war eng
+und dicht. Plötzlich verließ er das Dickicht und brach ins Freie. Die Enge
+war paradiesisch. Palmen schwankten in der Sonne über einer Hütte.
+
+Vor der Hütte stand ein Mädchen.
+
+Als er kam, kniete sie nieder und flüsterte: »Rono.«
+
+Er trat an sie heran und sagte: »Liebe mich.«
+
+Sie war weiß wie eine Französin mit einem metallischen Schimmer der Haut.
+Ihre Glieder waren schlank und weich. Sie stand auf.
+
+Sie hob die Arme. In den Achselhöhlen saß kupferner Flaum. Ihre Haare waren
+tiefrot und glatt.
+
+Sie hob die Arme und legte sie um seinen Hals. Er trug sie in die Hütte
+voll Erleben des zärtlichen Druckes, mit dem sie sich an ihn lehnte, so,
+als stürbe sie an ihm.
+
+Er fragte sie, wie sie heiße.
+
+Sie wagte ihren Namen vor ihm nicht zu sagen. Da nannte er sie Kalekua,
+weil sie dieser ähnlich war.
+
+Aber nach wenigen Tagen bedrückte es ihn, daß er deren Erlebnis noch
+ungelöst und schwingend hinter sich trage. Er brach auf und ging zwei
+Wochen durch den Wald mit ihr bis Honoruru zur südlichen Küste. Dort hörte
+er, Kalekua sei gestorben, und dies erfüllte ihn mit Freude, denn nun
+schien ihm alles auf diese Frau übergegangen zu sein.
+
+Er baute zwei Tage von der kleinen Stadt der Natives ein Haus auf einem
+schwarzen Lavafelsen, der die Bai überragte.
+
+Morgens sahen sie gleich aufs Meer, in dem Kanoes lichte Schaumstreifen
+hinter sich zogen und silberne Rollen an den Madreporen rannten. Einmal lag
+ein Schiff lang draußen unbeweglich, das amerikanischen Kaufleuten gehörte,
+die Sandelholz nach China brachten, wo es als Weihrauch durch die Pagoden
+stieß. Sonst kamen keine Schiffe.
+
+Oft regnete es. Aber der Himmel blieb strahlend blau, und die Tropfen
+hingen wie tanzende Seile in die See.
+
+An einem Morgen nahm Kalekua ihn bei der Hand und führte ihn stundenweit.
+Sie bahnten sich durch Farrengestrüpp und Unterholz einen Weg. Spät kamen
+sie in eine Schlucht. Kalekua ließ seine Hand nicht frei. Plötzlich,
+nachdem sie unter überhängenden Felsen lang gegangen waren, traten sie
+hinaus.
+
+Über ihnen war ein Brausen. Sie hoben die Köpfe. Er sah auf der einen Seite
+der Schlucht einen Strom herabfallen, aber in der Mitte der Luft fing ihn
+ein Windstrom, der strudelnd gerade vor ihnen hochstürzte, und trug ihn auf
+die andere Seite hinüber. Der Wind stand wie eine blaue Spirale in dem Tal.
+
+Kalekua sah fragend zu ihm auf.
+
+Da herrschte er sie an, stellte sie und fragte: »Was willst du?«
+
+Sie sagte: »Rono!« und sonst nichts. Aber ihre Augen fragten. Sie kehrten
+zurück.
+
+Manchmal kamen Natives an den Rand des Waldes und sahen nach der Hütte und
+gingen scheu zurück.
+
+Die Luft war klar und hell. Geräusche spannten sich unendlich aus. Klang
+entfernter Fischerboote hallte lang herauf. Selten wurden die Nächte kühl.
+Drei Kokosbäume standen um ihre Hütte. Kam Sturm, bogen sie sich wie Glas
+tief hinunter nach dem Meer. Es wurde heiß, aber eine leichte Brise schob
+die Luft klar zusammen und machte das Klima wie aus Seide glatt und kühl.
+
+Kalekuas Wesen war durchsichtig und glänzend, und ihre Haut glich geblaßtem
+Bernstein. Manchmal erzitterte sie, wenn sie Jean François sah und schien
+unter seinem Blick aufzugehen und sich zu entfalten, und in immer
+steigender, unirdischer Hingabe ihn mitzuführen und nach seiner Seele
+wiederum hinaufzuwachsen, daß er in den Umarmungen ihrer Nächte sich wie
+schwebend empfand.
+
+Einmal traf er sie, als er durch den Wald streifte. Sie saß neben einem
+Ohiobaum, spielte mit den roten Früchten und hielt eine zwischen den Knien.
+Ihr rotes Haar fiel straff zurück. Sie sang:
+
+ Inoa o Mauae a Para,
+ He aha matou auanei?
+ O Mauae, te wahine horua nui,
+ Wahine maheai pono.
+ Tuu ra te Ravaia
+ I ta wahine maheai,
+ I pono wale ai te aina o orua.
+ I ravaia te tane.
+ I mahe ai te wahine.
+ Mahe te ai na te ohua,
+ I ai na te puari.
+
+
+Sie hatte eine Verklärung in ihr Gesicht gesammelt, daß er nicht wagte, sie
+anzureden. Er schloß die Augen. Dann zog er wie ein Fuchs den Kopf ins
+Dickicht zurück.
+
+Ein paar Tage regnete es hintereinander. Dann kam die Luft gesträhnt frisch
+herauf. Jean François lag auf seinem Bett und kaute gelangweilt an den
+Limonenblättern. Kalekua trat ein. Sie war noch feucht vom Bad. In ihren
+Haaren staken vier weiße Federn.
+
+»Du hast die weißen Federn . . .«
+
+»Es ist das Königszeichen.« Sie strich über sie.
+
+Ihre Brust bebte. Sie nickte. Dann ging sie allein hinunter den langen Weg
+nach Honoruru zu den Zeremonien der Königin, der sie verwandt war in der
+dritten Reihe. Jean François lief den Tag durch den Wald.
+
+Die Fledermäuse stoben auf. Sie reizten ihn nicht. Kein Trogu entzückte
+seine Augen. Er warf mit Früchten nach den wilden Schweinen und brüllte aus
+breiter Brust, daß sie verstoben. Er kam heim, als die Sterne sich über den
+Wald wölbten und lag eine Nacht, das Gesicht verzerrt gegen den Himmel,
+schlaflos.
+
+Am Morgen wusch er sich, nahm ein Kanoe, stieß ins Meer, sang heiß, kam des
+Nachts in die Stadt und durchschweifte die Gassen. Gegen Morgen kam er an
+die große Bai. Draußen lagen im fahlen Silbergrau sieben Schiffe. Er
+begriff nicht. Er visierte. Es waren sieben Schiffe. Es waren nicht die
+seinen.
+
+Drei waren Sandelholzfahrer, Amerikaner. Die anderen hatten die plumpe
+Bauchlinie und das Grau der Walfischfahrer der südlichen Meere. Er verstand
+diese große Flotte nicht, wo sonst nur einzelne in Monaten Pause ankerten.
+
+Er ging zurück und trat in eine erleuchtete Hütte. Matrosen johlten darin.
+Sie hatten Rumfässer aus den Schiffen herübergewälzt. Er ging auf den
+Besitzer zu und nahm ihn zur Seite. Es war ein alter Chinese, er kannte
+ihn. Der sah ihn an von unten und sagte, seit vier Wochen sammelten sich
+Schiffe und Matrosen am Strand. Jean François erstaunte, allein seine
+Sehnsucht ging nach Kalekua. Er vergaß alles darüber.
+
+Als er aber im großen Garten von Ananas bei ihrem Oheim Kuakini saß,
+begannen die Amerikaner das Haus der Königin zu beschießen. Sie speisten
+gerade. Jean François sprang hinaus. Zwischen den verankerten Schiffen und
+der Küste wimmelten Boote.
+
+Ein Weißer kam ihm entgegen. Er trug den dürftigen Taillenrock um die
+eherne Brust, ein starres Gesicht, um das sich Locken kräuselten. Er war
+ein Missionar von den Schiffen.
+
+»Warum tun sie das?«
+
+Der Missionar sprach von Christi Wunden und hob sein Bibelbuch. Da schlug
+ihm Jean François die Hand voll ins Gesicht.
+
+Die Natives flohen aus allen Häusern. Die Matrosen stellten Espingoles am
+Strand auf und schossen einpfündige Kugeln. Häuser brachen knallend
+zusammen. Das Haus der Königin brannte. Jean François ging in den Garten
+zurück, nahm Kalekua und floh mit ihr. Überall in breiter Kette strömten
+Menschen in den Wald, wo die Matrosen nicht mehr folgen konnten. Einige
+blieben stehen, hoben die Arme und machten demütige Gebärden, »Rono«
+rufend.
+
+Allein er umarmte Kalekua und fragte nach nichts.
+
+Sie zogen zwei Tage durch den Wald. Am Abend noch, da sie ihre Hütte
+erreichten, fuhr er hinaus aufs Meer. Er sah sein dunkles Lavariff in den
+Himmel aufwärts stoßen und sein Haus wie auf einem Wellenrücken hoch
+tragen. Er sah die geschmeidige Flanke der Bucht ausgedehnt nach den beiden
+Seiten. Sah darüber gewölbt die Unendlichkeit des Waldes, den hellen Sand,
+die Muscheln, die Sonne . . . er sang, er spürte in einer heißen
+Gehobenheit, wie dies alles zu ihm gehöre und er sich wieder darein
+zurückergieße wie an die weißen Glieder Kalekuas.
+
+Kalekua aber irrte verwirrt umher. Glanz zog aus ihrem Auge. Sie sprach
+nicht, sie sah ihn lange an. Es war einsam um die Hütte. Selten tauchten
+Eingeborene auf. Das Klima wurde köstlicher und von Blüten durchzogen.
+
+Einmal wagte Kalekua zu reden und bat, er solle das Unglück bedenken. Er
+verstand sie nicht. Sie meinte die Stadt und sagte es. Jean François hatte
+es vergessen, als er den Abend in die See stieß, denn es war an der Größe
+seines Gefühls hinabgeglitten und beiseite geblieben. Wenn er die Höhe der
+Seele empfand, was war es ihm, daß Matrosen Kokos plünderten! Und er lachte
+und sagte es ihr.
+
+Doch sie setzte einen Fuß vor den anderen wie spielend und sagte: »Sie sind
+noch da, streifen und suchen die Königin.«
+
+»Was willst du --.«
+
+Da wies Kalekua auf ihre weißen Federn und bat zu ihr gehen zu dürfen, die
+versteckt sei, und zitterte vor ihm.
+
+Schmerz wühlte sich kurz in seine Brust, wie er dachte, daß sie gehe, aber
+er sah in ihre Augen und ließ sie gehen.
+
+Am vierten Tage ihrer Abwesenheit tauchte eine Flotte aus dem Horizont.
+Jean François lag auf dem Bauch über den Rand der Klippe gebeugt und
+erwartete sie. Sie schaukelte weich getragen heran. Plötzlich riß er den
+Kopf zurück und schüttelte ihn. Dann sprang er auf und lief ins Haus.
+
+Es war kein Zweifel. Es waren seine eigenen Schiffe.
+
+Er schrieb sofort einen Brief. Er schrieb, fette Walkähne hätten die Küste
+beschmutzt, an der er lebe. Man solle sie zerschießen, obwohl es
+verächtliches Handwerk sei. Er habe sich vom Schiff entfernt wie er
+gekommen sei. Er habe darauf vorbereitet, auch ohne zu wissen, warum. Darum
+unterlasse er es, Entschuldigung zu ersuchen, denn allein das Verständnis
+erkläre sein Tun: daß so sein Drang und seine Art sei.
+
+Als die Schiffe Anker warfen in der Dämmerung, schwamm er hinüber und warf
+ihn ins Admiralschiff.
+
+Die Nacht lag er schlaflos. Er bedachte Vergangenes, wo die alte Welt ihn
+wieder überspülte. Sein Hirn fand keine Brücke zu ihr. Sein Herz staunte
+über sie. Sein Leben schien nur nebensächliche Vorbereitung für den
+Zustand, in dem er nur die höchste Gleichgewichtslage seines Daseins
+empfand. Er hob eine Muschel und schlürfte sie voll Andacht. Er streichelte
+den Boden des Hauses und empfand Erschütterung. Er lächelte, hob die Hand,
+und unter dieser Bewegung schwang das Vergangene ins Uferlose zurück.
+
+Morgens wechselte das Admiralschiff Signale nach dem Strand. Graf d'Aché
+stand auf der Brücke in großer Uniform, das Band des Ludwigskreuzes über
+der Brust. Er kommandierte:
+
+»Mein Herr, Sie sind desertiert. Ich würde Sie in Eisen schlagen, träfe ich
+Sie. Ich werde den Strand absuchen lassen mit fünfzig Mann. Man wird Sie
+wie eine Dohle fangen. Ihr Wunsch um Hilfe sei aus Sachlichkeit gewährt.
+Ich werde morgen fahren. Nehmen Sie von einem Gentleman am Schluß die
+Versicherung bewundernder Freundschaft.«
+
+Kurz danach kam Kalekua.
+
+Am Mittag suchten fünfzig Mann mit Bajonetten die Küste ab. Jean François
+floh nicht. Er wußte, daß sie die Wege zu ihm nicht fanden, und sie fanden
+sie auch nicht. Anderen Morgens lösten sie eine metallene Kanone, begaben
+sich kreuzend unter Wind und trieben aus der Bucht nach Honoruru zu.
+
+Kalekua hatte eine neue Weise zu gehen, sie berührte den Boden weniger wie
+früher, ihre Hände hatten einen eigenen Takt und ihre Augen sahen durch die
+Dinge hindurch, die sie umgaben. Die Feierlichkeit reizte Jean François,
+und er bat sie, ihn zur Königin zu führen, wenn sie wieder zu ihr ginge.
+Und sah sie fest an.
+
+Sie erschrak und wurde braun im Gesicht und sagte stockend vor Freude und
+Angst: »Ich will.«
+
+Sie speisten auf dem Tisch vor dem Haus. Sie brachte eine Karabasse mit
+Teig, gebratenes Schwein und süße Kartoffeln. Als sie die Holzschale mit
+Wasser reichte, sah er wieder, wie schön sie war.
+
+Sie setzte sich ihm gegenüber, eine Yameswurzel leicht zerkauend, die
+Palmen bogen sich in der Luft, das Meer scholl herauf.
+
+Da wies er hinunter und sagte ihr, daß er fremde Schiffe gesandt habe gegen
+die Chinafahrer und verzog keine Miene. Sie aber, ungläubig, übermäßig
+erbebend, sprang auf, wandte sich wie zum Fliehen, kehrte um und küßte ihn
+zwischen die Warzen seiner Brust, wagte den Blick nicht aufzuheben zu ihm
+und flüsterte: »Rono«. Jean François erzürnte über das Wort, das wieder auf
+ihn traf, ohne daß er es faßte, drohte ihr und fragte, was sie damit sage.
+
+Sie hob wieder den Blick. Aber sie brachte das Auge nur bis dahin, wo sie
+ihn geküßt hatte, und fast vergehend sagte sie:
+
+»Du wolltest zur Königin. Sie will dich sehen.«
+
+Ihre Haltung war schwach. Die Schultern hingen. Sie kehrte um in das Haus,
+kam zurück und trug die weißen Federn. Sie nahm seine Hand und sagte:
+»Komm.«
+
+Dann gingen sie in den Wald hinein und ließen das Haus hinter sich.
+
+Die Tür stand offen.
+
+Das Meer brauste blau hinein.
+
+Kalekua sah sich noch einmal um.
+
+Nachts schliefen sie in einer Platane. Morgens wanderten sie weiter. Als
+die Sonne steil stand, kamen sie an einen Paß, der in Windungen sich
+aufwärts drehte. Sie gingen lange. Mit einem Male endete der Weg. Hinter
+einem Busch trat ein Mann hervor, der mit dem Firnis der Gumminuß im
+Gesicht gezeichnet war. Er neigte sich. Kalekua winkte mit der Hand. Da
+ging er vor ihnen her.
+
+Sie schritten durch den Busch und gingen über eine Gegend, die verbrannt
+war, dürrer als Wüste. Erdhaufen bogen sich wie Wellen. Risse durchfuhren
+den Boden. Trockene Büsche klebten am Rand der Steigung. Kalekua packte
+seine Hand. Sie kletterten über eine Lavadüne, bogen und stiegen eine
+kleine Terrasse hinunter.
+
+Der Boden senkte sich tief und lief in mächtigen Kurven sich verschlingend
+um einen Streifen Wasser, der sich tief ausdehnte, den wieder Zungen und
+Wellen Landes durchstießen und sich so zum Horizont verloren.
+
+Aus dem Wasser brachen Kegel wie spitze Maulwurfshügel. Aus ihren Röhren
+stieg lautlos weißer Dampf. Es waren Hunderte von Kegeln. Einer spritzte
+Gelbes aus seinem glasdünnen Schlund.
+
+Kalekuas Hand führte ihn weiter. Vor ihnen ging der Gezeichnete. Sein
+Rücken zitterte.
+
+Jean François schritt federnd und leicht. Sein Herz stürmte in eine große
+Erwartung. Seine Augen streiften ein großes Erlebnis über den Tag und
+hungerten danach.
+
+Sie stiegen wieder. Es wurde glühend vor Sonne. Die Erde tat den Sohlen
+weh. Nirgendwoher kam ein Wind.
+
+Dann tauchte eine Mauer auf, die den Bergrücken herunterlief in einem
+langen und leeren Bogen. Auf ihr war ein Holzstamm rund gehauen aufgestellt
+mit vielen schmalen Rinnen, die nach unten liefen. Darauf hockte, halb
+stehend, eine Figur. Sie war in die Knie gebeugt mit einer Knickung, daß
+die Schenkel wollüstig und breit anschwollen. Die Arme waren dünn und
+verkürzt leblos nach der Erde gehängt. Die Brüste waren klein und saßen
+dicht unter dem Hals. Der Kopf bestand aus einem einzigen wüsten Rachen und
+trug einen Helm, dessen Schweifung sich in einer Raupenfahne bis zum Becken
+hinabzog.
+
+Sie machten einen Bogen und traten dicht an der Bergwand in einen Gang.
+Zuerst war es dunkel. Dann sonderten die Wände ein Licht aus, das mit einem
+matten gelben Schein die Höhlung durchdrang. Die Luft war weich. Kalekuas
+Daumen strich über den Ballen seiner Hand. Das gelbe Licht aus den Mauern
+verdichtete sich zu phosphorischem Glanz.
+
+Eine Stimme scholl ihnen entgegen, die seinen Schritt hemmte. Aber Kalekua
+trat vor ihn. Er fragte: »Kalekua? Am Ziel?« Sie drehte sich halb und
+sagte: »Der Priester, der das Kommende weiß,« und zog an seiner Hand. Sie
+waren in einem runden Saal voll von dem Licht. In der Mitte stand ein
+Gehäuse, oval und derb geschnitzt, mit Gitterung in der Hälfte der Höhe.
+
+Kalekua deutete auf ihre Federn, wies mit beiden Händen darauf und sagte:
+»Zur Königin.«
+
+Als ein dumpfer Laut zurückkam, wollte sie vorgehen. Allein Jean François
+trat, sich von ihr lösend, an das Gehäuse und erfragte streng den Sinn des
+Wortes, das ihn überall traf und das sein Bewußtsein quälte. Er fragte:
+»Was ist Rono?«
+
+Ein Kopf schob sich aus dem Gitter, pergamenten die Wangen, mit
+geflochtenem, weißem Bart, starrte ihn an und erschrak. Dann zog sich der
+Kopf zurück, und eine demütige, zitternde Stimme fragte aus dem Inneren des
+Gehäuses, warum er scherze. Doch Jean François befahl laut die Antwort.
+
+Da begann die Stimme wieder. Sagte -- wenn er Bekanntes wiederholen müsse
+--, daß Rono ein Gott gewesen sei, der die Insel bewohnte, dann Menschen
+die Erlaubnis gab, sie zu besiedeln, die ihn aber schlecht ehrten. Da brach
+er los, tötete viele und verließ die Insel . . . Und daß er wiederkomme
+übermächtig in einem Schiff, der Gott, der Gott -- -- -- sagte er, und
+heulte erbärmlich.
+
+Kalekuas Gesicht war starr. Der Priester wimmerte und bewegte sein Gehäuse,
+daß es um die Achse schnellte und ein hallendes Geräusch gab.
+
+Nun wußte Jean François Kalekuas tiefste Gedanken.
+
+Sie drangen weiter vor. Das schwebende Licht hörte auf, die Beleuchtung
+ward mehr die des Tages, blau und durchsichtig.
+
+Plötzlich wich die Wand auf der einen Seite tief in die Dunkelheit hinein,
+die anbrach. Am Ende des finsteren Raumes jedoch sahen sie hellen Himmel
+hereinkommen. Als sie die Augen senkten, öffnete sich das Meer vor ihnen,
+und vertiefter noch dann die Stadt und die Bai.
+
+Jean François gewöhnte sein Auge an das strahlende Licht. Da sah er die
+Bucht voll von Booten, die vom Strand zurückeilten. Um die Klippe aber
+schwammen fremde Schiffe, von denen weiße Wolken sich hoben.
+
+Kalekua drückte ihn gegen die Wand.
+
+Ein feiner Lärm kam von unten heran. Zehn junge Männer gingen vor einem
+Zuge. Sie bliesen Hörner aus weißen Knochen, die spitz gleich
+Schäferpfeifen klangen. Ihnen folgten andere, die Besen hatten, die
+brannten und einen Moschusduft ausspannten. Dann kamen, stampfend, die
+Beine wirbelnd, Mädchen in gelben Mänteln. Sie hatten in der linken Hand
+kleine und dicke Stöcke, in der anderen große geschälte hohle und schlugen
+quirlende Takte darauf. Zwei hatten Trommeln aus Haifischhaut. Sie
+rasselten knatternd und dumpf.
+
+Sie rannten vorüber nach dem Felsausblick, und ihr Geschrei erhob sich
+heftig und monotoner, während sie die Schlacht beschauten. Kalekua faßte
+ihn. Sie gingen weiter. Es wurde wieder dunkel. Dann aber kam von neuem
+Luft zart und mild herauf. Sie blieben stehen.
+
+Ein Teich lag vor ihnen. Ein schmales Stück Land schloß ihn am Ende rund
+ein. Darüber stand die große Öffnung des Berges gegen den Himmel hin.
+
+Aus dem Wasser stiegen langsam Frauen. Eine kam zuerst. Sie trugen alle,
+ohne diese, Helme mit roten Papageienfedern. Eine nur trug einen Wedel aus
+Palmenfächern.
+
+Die erste aber schwang in leichtem Spiel die Arme zum Trocknen durch die
+Luft. Das Blau zog dick hinter ihr zusammen. Sie war schlank mit
+wunderbaren hohen Beinen und nackt.
+
+Ihre Knöchel trugen Ringe von Gardenien.
+
+Ihre Haut war gefärbt; gelblich braun wie eine reife Olive.
+
+So trat sie vor ihn, das Haupt zurückgelehnt, und sah ihn starr an.
+
+Ihr Blick aber streifte die Welt um ihn hinweg. Er sah ihren Kopf, ihre
+Nacktheit, die weich und einfach auf ihn strahlte. Ihr Blick weilte auf ihm
+mit stolzer und demütiger Klarheit, und dies erhob sein Gefühl, daß sie ihm
+wie ein Ausgleich schien zwischen seiner Kraft und ihrer Höhe, sein Blut
+strömte gesteigert bis an Grenzen, die er selbst nicht mehr erreichte, sein
+Hirn, unirdisch geworden, schrie: Königin.
+
+Er begehrte sie.
+
+Er löste Kalekuas Hand von sich ohne Empfindung. Dann warf er mit einem
+Schrei den Stolz der Königin nieder.
+
+Ihr Blick fiel. Sie wurde bleich.
+
+Von den Strömen seines Ich durchschwellt erhob er die Hände nach ihr:
+»Liebe mich«.
+
+Seine Stimme schuf ein Schweigen, in dem die anderen erstarrten und Kalekua
+niederfiel. Er sah ihr Gesicht, als er die Königin auf seine Arme legte,
+versteint und still zu ihm aufsehn von der schmutzigen Erde. Aber so sehr
+kreiste dieses Erleben in ihm, daß es seinem Bewußtsein vorbeischwamm wie
+ein rascher Mond.
+
+Er nahm die Königin hoch, küßte sie und trat mit ihr in das Wasser, das bis
+zu seinen Hüften stieg. Dann wurde es seichter. Er bog in den Seitengang
+und kam in ein Nebengewölbe, das voll stand von kleinen Geräten, Waffen und
+Figuren aus Jade. Sie aßen grünes Harz zusammen, das ihre Adern tosend
+erhitzte und er küßte sie, die verging.
+
+Als am Morgen sein erwachter Blick gegen das Blau des Horizonts prallte,
+stürzte das Bild Kalekuas von allen Wänden gegen sein Gesicht und verstörte
+sein Gefühl.
+
+Er richtete sich auf, bis er kniete. Er sah auf die Königin. Sie war schön.
+Ihre Lippen lagen fest zusammen und zitterten. Er verglich ihre Glieder. Er
+berührte ihr braunes Haar und den schmalen Ansatz des Augenschlitzes, er
+fuhr über ihre jungen Brüste. Er hielt die beiden Weiber gegeneinander.
+Aber Kalekua stieg.
+
+Er stand auf, trat bis zur Öffnung, wo der Berg hinuntersauste, schwang die
+Arme, sah noch einmal auf die Königin und ging. Das Wasser nahm ihn kühl
+auf. Am anderen Ufer schüttelte er sich wie ein Hund, die Tropfen spritzten
+gegen die Mauern. Er wußte, daß er eine große Höhe erlebt habe, aber daß er
+sie wegtun müsse aus der bleibenden Erinnerung. Es war nicht viel, eine
+Nacht aus dem Leben zu streichen. Er schob sie zurück.
+
+Im Gang standen in Nischen große Figuren aus Holz und Stein. Sie hatten
+aufgeblasene Bäuche und grüne Augen.
+
+Am Ausgang lag Kalekua, zusammengekrümmt. Sie schlief. Tau hatte ihr rotes
+Haar verwirrt und feucht geballt.
+
+Er bezähmte sich. Er stürzte nicht auf sie. Er wagte nicht sie anzureden.
+Er sah sie lange an und ging vorüber.
+
+Nach fünf Schritten holte ihre Stimme ihn ein; sie schüttelte sich, stand
+auf und kam. Er senkte den Kopf ein wenig. Sie aber nahm seine Hand wie
+immer. Sie gingen zusammen, wie sie kamen, den Paß hinunter. Sie stießen
+durch die Dämpfe der aufgespitzten Vulkane. Sie schliefen die Nacht in der
+Platane. Mittags erreichten sie das Meer.
+
+In der ersten Nacht glaubte er, daß Kalekua ihn töten werde. Doch sie
+zeigte Andacht und Liebe. Er grübelte, warum sie sich mit Freundlichkeit
+verstelle. Dann stellte er sie zur Rede. Er sagte ihr, daß sie unehrlich
+sei und Masken über ihr Empfinden ziehe. Sie weinte darauf und erbleichte
+in Schmerz. Da stieß er roh in den Mittelpunkt des Gefühls:
+
+»Hast du nicht Schmach über mich? Ich ließ dich beiseite und nahm andere
+Glieder an die Brust.«
+
+Da lächelte sie ihn an, verständnislos, und sah unsicher nach der See, über
+der die Brandung aufschwang. Am Abend begann sie langsam zu weinen, und als
+er ihr die Haare grade legte, fragte sie, ob sie bleiben dürfe. Da ließ
+Jean François sein Mißtrauen vor solcher Liebe, deren Quellen er nicht
+begriff, und überströmte sie mit Zärtlichkeit.
+
+Als sie später aufbrach zur Königin, blieb er allein auf seinem Felsen
+sitzen. Die ganzen langen Stunden sann er ihr Bild in die Luft, daß er am
+Abend des dritten Tages, halb verstört von Liebe und heißer Luft, in die
+Hütte taumelte, um die Kalekua in unzähligen Formen und Haltungen
+schwankte. Jede Linie schob sich zusammen mit anderen und wurde ihr Bein,
+ihr Arm, ihre Brust, ihr Winken. Seine Augen wurden rot. Im Fieber schlief
+er ein. So wartete er auf sie.
+
+Sie kam des Nachts und trat nicht ein. Als er unruhig erwachte und Kühlung
+begehrend hinaustrat, sah er sie leblos vor der Tür. Das Sternlicht
+überschwankte sie, und sie fror. Er trug sie auf Armen hinein. Das Herz
+ging. Aber es schlug nicht nach dem seinen hin, es lief durch den Takt des
+seinen ohne Sinn und Ziel.
+
+Er blies ihr seinen Atem in den Mund. Sie stöhnte. Er stieg auf das Bett
+und legte sich auf sie, daß sie erwärme. Ihr Blick traf ihn. Er war
+ausdruckslos. Ihre Federn hatte sie aus den Haaren genommen.
+
+»Kalekua.«
+
+Die Pupille bog sich nach oben.
+
+Sie bekam einen kleinen Ausdruck auf der Oberfläche. Es war Angst.
+
+»Die Königin . . .«
+
+»Was --« Seine Stimme fuhr scharf auf.
+
+Doch sie antwortete nur mit einer leeren Geste, auf die keine Frage gesetzt
+werden konnte. Kalekua war allein zurückgekommen, sie hatte die Königin
+nicht gefunden. Grauen hatte sich in ihr Hirn gestürzt. Die Königin war
+fort.
+
+Nicht mehr strich Kalekua an sein Lager und durchduftete das Zimmer mit
+Liebkosung. Die Welle ihrer erregten Brüste schlug nicht mehr an seine
+Brust. Ihr Auge mied den Meerkreis. Kein Blick segelte auf den Horizont.
+Echos schlug ihre Stimme nie mehr aus dem Riff.
+
+Jean François tröstete sie mit Streicheln und mit Worten. Doch ihre Haut
+zuckte nicht. Worte fielen von ihr ab. Da befahl er ihr, sich zu freuen,
+aber sie sagte: »Die Königin . . .« und vertiefte das Auge zu Boden.
+
+Sie ging ziellos durch die Gegend, fürchtete etwas Entferntes und hielt die
+Haare in Verwirrung. Einen ganzen Morgen lief sie an der Küste auf und ab
+ohne Laut. Sie wich den Wellen aus, die kamen, und bog in die
+zurückflutenden ein in einem erschreckenden Zickzacklauf. Manchmal hielt
+sie erstarrt einen Augenblick die Arme senkrecht. Jean François sah es
+stundenlang an, bis es ihn tief bestürzte und er hinunterlief und sie
+holte. An diesem Morgen begriff er, daß sie ein fremdes Gefühl in sich
+trug, das von seiner Seele wild hinwegwuchs. Denn sie glaubte, daß sie ihn
+der Königin entzogen habe, und daß diese ihr furchtbar zürne, und ihre
+Liebe ging scheu geworden von der seinen zurück, die übermächtig über sie
+hing. Er aber glaubte, daß sie Schmach trüge, weil er, ausbiegend vom
+graden Sinn seiner Liebe, die Lust der Königin empfand.
+
+Er suchte dies aus ihrer Seele zu werfen und sie mit Funkelndem zu
+erfüllen. Er fuhr mit dem Kanoe sie tief hinein ins Meer, bis der
+aufglühende Abend, als sie selbst schon vom Dunkel verzehrt waren, die
+Bucht brandrot entflammte. Er fing kleine Schweine im Wald, damit das
+Tiergequietsch bis zu ihrem Gelächter vordringe. Drei Wochen fertigte er an
+einem Haken, mit dem er einen Haifisch fing, den Bauch vom Boot aus aufriß
+mit dem Messer, und aus dessen Zähnen er eine Kette machte, damit der Stolz
+darüber ihre zu Traurigkeit zusammengeschlossene Seele lockere. Er log zu
+ihr eines Abends, als ein fernes Lächeln hinter ihren Augen saß, von einem
+Bruder, den er nicht besaß, der mit Schiffen, wie mit Bauchflossen von
+Fischen gestalteten, fahre.
+
+Als er an einem Morgen spät hinaufkam von der Bucht, lungerte um sie, die
+schweigend und nichtachtend saß, ein Chinese. Er erschlug das gelbe Tier,
+das ihr Bein mit Berührung befleckte, schabte nach der Sitte der Stämme das
+Fleisch von den Knochen und schenkte ihr diese, auseinandergelegt und
+gebleicht von der Sonne, in einem gebeizten Kasten mit gelbem Tuch.
+
+Allein sie färbte sich die Lippen schwarz mit Beerensaft aus Trauer und
+fehlte zwei Nächte, den Wald stumm durchsuchend, in seinem Haus.
+
+Die Welt war jedoch so mächtig und groß in ihm, daß er, sich heftiger an
+sie verstrickend, nach dem Faßbaren das Unmögliche versprach: Giraffen,
+Tiger und den Mond.
+
+Doch ihr Auge blieb dunkel. Ihre Seele verehrte ihn scheu und entfernt.
+Doch je tiefer sie in ihre Angst tauchte, um so wilder umfaßte sein Begehr
+ihr Entweichen.
+
+Als sie wieder einmal fortblieb, dachte er ihr Bild nicht mehr in den Raum.
+Es genügte nicht mehr. Seine Hände zeichneten ihren Riß an die Wand. Seine
+Fäuste schlugen den Kopf in Ton, in zwei Tagen, bis sie toten Blicks
+zurückkam aus dem Wald.
+
+Damit er sich verkleinere, ihre Leidenschaft aber aufwärts hebe, tat er das
+übermäßige von sich, führte sie in das Haus und sagte:
+
+»Ich bin nicht Rono. Fühl den Muskel, der dich manche Nacht hielt. Greif in
+den Rücken. Ich bin nichts als Mann. Jeder könnte mich erschlagen. Deine
+Liebe ist mehr wertend als meine. So gering bin ich, daß, niemand mich
+begehrt, es sei denn eine wilde Sau zum Fraß.«
+
+Doch sie wies auf die Stelle, wo die fremden Schiffe die Walfischfänger der
+Südmeere geschlagen hatten, erinnerte ihn daran und lächelte und glaubte
+ihm nicht.
+
+Da griff er die Dumpfheit ihrer Seele von der anderen Seite an, die sich
+zwischen ihre Liebe schob, packte das Bild der Königin, demütigte den
+Triumph und das Genossene in sich und sagte:
+
+»Was ist sie? Es ist geringes nur. Ich hatte sie in der Hand wie ein Ei.
+Sie gab wenig zurück. Ihr Körper ist gut, wenn deine Haut auch heller ist.
+Aber ihr Sinn ist der einer Schnecke.«
+
+Allein ihre Seele, die an das Nahe und Einfache angelehnt stand und nicht
+vordrang in das Entfernte und Aufbauende seiner Sätze, hielt fest an der
+Königin. Sein Hebel zerbrach an dem einen Wort.
+
+Denn der Gedanke an sie und das Mächtige, was sie umgab, lag zäher und
+fester in ihrem Blut und vererbter den Rinnen ihres Gehirns, als das
+Erdonnernde seines Namens für ihr irdisches Gefühl und selbst als die in
+seinem Körper verankerte Liebe des Mannes, die nur durch Umarmung und
+Umarmung, in Pausen gespalten, sich erlebt.
+
+Sie stellte sich hoch und sah ihn scharf an. In dem Blick war wenig von
+Liebe, aber dumpfe Erwartung, die ihm die Gurgel zerschnürte, denn er wußte
+kein Mittel mehr, wie er die Angst vor der Königin Rache von ihr nähme.
+
+Er versuchte noch eines: suchte tagelang die Königin, schrie ihren Namen in
+die Täler. Aber fand sie nicht.
+
+Kalekua sah ihn hart an, als er eintrat und wich die Nacht aus dem Haus. Er
+aber saß in der Platane und erwartete den Morgen, in dem seine Liebe sich
+noch tödlicher vertiefte.
+
+Oft sah er sich um und erstaunte sekundenlang. Denn was ihn sonst trieb,
+die Küste, die Wellen, die Flut der Palmen, was seinem Leben und Dasein
+Ausgleich gegeben hatte und seine Seele tiefer ernährt und bewegt hatte,
+wie jedes vorherige Dasein -- es schrumpfte zusammen vor dem Gefühl zu
+Kalekua, das alles übertraf und nichtig machte neben sich.
+
+Seine Liebe schwoll an, daß er sie nicht mehr in dem Gefäß seines Wesens
+halten konnte, und daß sie ausströmend Kalekua adelte, ihren Gang erhob und
+ihr Dasein ins Unbegreifliche steigerte. Seine Umschlingungen wurden
+heftiger. Sie begnügten sich nicht mehr mit dem Erraffen des letzten
+Menschlichen in ihr, das sie ihm in wunderbarem Rhythmus entgegengeschlagen
+hatte, und mit der an ihrem Leib abschwingenden Glückseligkeit
+gleichgefühlten Daseins, seine Umarmungen vielmehr erstiegen eine Höhe, wo
+er ihr irdisches Dasein nicht mehr erkannte, sondern sie, dies alles
+zurücklassend, nur noch erkannte und empfand verbunden und anheimgegeben
+über das Erkennbare hinausgehenden Räuschen und Gefühlen.
+
+Ihr Blick erschauerte unter seiner Umschlingung, die furchtbar sich über
+ihrer Seele erhob, die nur in Sorge und Abwehr gespannt war. Er jedoch
+küßte ihre Füße, lauschte ihren Atemzügen und erschrak, wenn ihr Puls
+sprang.
+
+Voll fessellosen Erlebens umgab er ihr geringes Dasein mit Inhalt. Er
+folgte ihr in der Entfernung, verließ sie das Haus. Er setzte sich neben
+sie, wenn sie die Augen furchtsam gegen die Höhe des Berges erhob. Nachts
+beugte er sich über ihr Bett und sah entferntes Licht des Mondes
+darübergehen.
+
+Er suchte eine große Muschel und hielt sie lange vor ihr Gesicht, weil die
+wechselnden Spiele in der Farbe des Perlmutter ihre Züge zum Lächeln zu
+vermischen schienen.
+
+Kalekua ging jeden Tag durch die Täler, die Küsten und die Bäume. Sie sah
+sie nicht. Ihr Auge saß nach innen gedreht und lauschte auf Ungeheures, das
+sie unsichtbar umscholl.
+
+Er aber war so voll von Liebe, daß er die Insel nun (die ihn früher
+beseelte) damit umfing, so daß der Geruch des Meeres, das Köstliche des
+Horizonts, Sturm und Erschwanken der Palmen wie aus seinem Leben
+herauszuströmen schien.
+
+So gewaltig wuchs seine Liebe über das Land, dessen Sehnsucht lange vorher
+über ihm stand, daß, wenn er es gewollt hätte, die Insel begonnen hätte,
+während die Winde schwiegen, sich in Kreisen um sich selbst zu drehen.
+
+Kalekuas Gefühl aber wandte er damit nicht.
+
+Ihr wuchs alles, Luft und Erde, zusammen zum Bild der Königin, die mit
+gierigen Lippen Rache heischte. Und auch den Geliebten zog es in diesen
+Schlund. Sie bekam, von dem unabwendbaren Schicksal bedroht, eine
+Ergebenheit, die ihr Gesicht bleichte und im Erwarten des Schreckens
+leuchtend machte wie eine Qualle.
+
+In einer Nacht erscholl der Berg hinter ihrem Haus, ein Riß zog sich durch
+die Mauer. Die Klippe barst zur Hälfte ab und raste ins Meer. Die andere
+trug schaukelnd ihre Hütte. Ein Donner warf sich aufstürzend gegen den
+Himmel.
+
+Kalekua erwachte, und aufschreiend erhob sie sich, glaubend, daß durch die
+vertausendfachte Stimme die Königin sie rufe. Sie stürzte zur Tür.
+
+Aber Jean François ergriff sie bei der Taille und hielt sie. Sie sah sich
+um und blickte ihn an als wie ein schlechtes Tier. Ihr Mund wurde zornig.
+Sie schrie:
+
+»Laß mich!« -- und als er den zuckenden Leib fester faßte: »Die Königin
+. . . die Königin . . .« Dann hob sie die Hand und stieß ihn unter das
+Kinn.
+
+Aber sie machte seine Liebe nur größer, und er band sie auf das Bett vor
+Sehnsucht. Der Boden beruhigte sich, und gegen Morgen beruhigte sich
+Kalekua, als er sich über die Zitternde neigte und seinen Namen sagte.
+»Rono«, sagte er.
+
+Als sie schlief, band er die Schnüre ab und ging hinaus. Der kalkweiße
+Kegel des Bergs hatte eine tiefe Wunde. Der Krater dampfte leicht. Er lag
+in der gleichen Höhe wie sein Haus, und über das Riff verband sie eine
+Felswand miteinander. Das Meer war grün, wo die sausende Lava sich
+hineingebohrt hatte. Weiße Fischbäuche blitzten unzählig herauf. Er setzte
+sich vor die Hütte.
+
+Gegen Mittag aber ward der Schreck übermächtig in ihm und warf ihn nieder.
+Er stieg über den schmalen Grat zu dem Vulkan.
+
+Da am Rande schleuderte es ihn auf die Knie. Sein Gefühl, ausquellend
+unendlich, stieg uferlos und stieß an Gott. Das Meer verfärbte sich weit
+hinaus fast gelb und silbrig zu einer unbewegten glanzlosen Fläche, auf der
+zwei Kanoes wie gefroren schliefen. Er hob die ganze Inbrunst zu Gott
+hinauf und herrschte ihn an, daß drüben über der kleinen Bucht Kalekua aus
+der Hütte heraustrete und gelöst von ihrer Angst und zurückgeformt zur
+Liebe ein Lächeln unter den Augen trüge.
+
+Aber Gott war taub.
+
+Der Tag ging. Kalekua schlief bis in die Dämmerung. Dann erwachte sie und
+blieb still sitzen.
+
+In der Nacht begann der Boden zu schwanken. Mond schien. Da stand sie auf.
+
+Ihr Gesicht glich dem ihres ersten Tages, als ihm der Trogu noch die Seele
+entzückte, die jetzt ganz nur Liebe war. Sie strich ihr Haar, das glühend
+den Rücken hinunterbrannte. Dann nahm sie die vier weißen Federn und tat
+sie in ihr Haar. Aber eh sie ging, zog sie aus dem hohlen Balken am Eingang
+die Kette der Haifischzähne und küßte sie.
+
+Es war fast hell. Er sah ihren reichen Leib, der straff und zart nach den
+Brüsten hinaufwuchs, sich mit den spitzen Zähnen gürten. Sah den Schwung
+ihres Beines, die Achsel, die Biegung ihres Nackens, die er mehr liebte als
+wie Gott. Er sah alles. Er weinte nicht. Aber er hatte nicht die Kraft, sie
+zu halten.
+
+Er nahm das Schicksal in sich. Er konnte nicht höher als Gott.
+
+Plötzlich ertoste der Berg. Da sprang sie hinaus. Sie lief. Einmal noch
+hörte er ihre Stimme. »Sie ruft,« rief sie.
+
+Da hielt es ihn nicht mehr. Er lief ihr nach. Aber sie war zu weit.
+
+Da warf er sich mit dem Rücken gegen die erdröhnende Hütte. Er sah sie über
+den Halbkreis des Grates über der Küste her hinlaufen, schmäler und blässer
+werdend im entfernteren Monde und beschwingt voll Licht weitereilend wie
+von Unirdischem getragen gleich einer silbernen Tänzerin in den Krater
+verschweben.
+
+Er aber hatte, tödlich verwirrt, noch nicht die Kraft, ihr zu folgen. Noch
+jagte ein Strudel von Gefühlen sein vergangenes Leben über ihn hin. Aus der
+Kette der Gesichte warf sich eines vor ihn, an das er nie mehr gedacht
+hatte, und über ein Bild, das sich unter seinem Bewußtsein formte,
+schluchzte er, sich wie an ein Letztes daran klammernd, daß es ihn
+entwirren solle:
+
+»Ma . . . Ma --«
+
+Aber auch dies war taub.
+
+Da raste und schrie er gegen Gott. Und dann beschwor er die Erde um ihn,
+daß sie ihn hielte. Aber so tief war er als in das Höchste an Kalekua
+verstrickt, daß, während er schrie, die Dinge, die er anflehte, sacht aus
+ihm entwichen. Ruhiger werdend sah er nicht mehr Stern, kein Haus, kein
+Meer. Seine Augen lauschten nach innen. Unendliche Stille umflutete sein
+Gefühl.
+
+Er warf sich mit dem Bauch auf den Boden und blieb wie ein Holz. Erst als
+die Stimme des Abgrunds heischender heraufscholl, erhob er sich und folgte
+ihr.
+
+
+
+
+Die Herzogin
+
+
+Als der Dichter Villon in Armut und tiefstem Leben der Stadt Paris stand,
+sah er die Herzogin von Ventadron. Sie kam ihren Garten
+heruntergeschritten, und ihre Gestalt ergriff ihn so, daß er die Dirne, die
+ihn begleitete, von sich wies. Er schritt die Reihen des vergoldeten
+Stakets weiter, und sie kamen aufeinander zu. Sie aber bog ab, ehe er sie
+erreichte, doch ihm gelang es, beim Wenden ihr Gesicht zu sehen. Der Schein
+ihres Gesichts fiel über sein Leben, um es nie zu verlassen.
+
+Sein Herz verneigte sich tief vor ihr.
+
+Sanftheit umgab seine kommenden Tage und umwölkte die Ausschweifungen und
+Tavernennächte. Eines Abends sammelte er Mondlicht und Sehnsucht mit seiner
+Seele und formte es zu einem Gedicht, das er der Herzogin sandte. Er legte
+einen Brief hierbei und bat, daß sie den Kopf wende, wenn sie bei der
+Auffahrt zum Schloß die vierte Baumreihe erreichte, denn dies zeige, daß
+der Vers ihr gefiele.
+
+Sie neigte drei Tage darauf das Gesicht aus einem großen Fächer nach der
+vierten Baumreihe. Da sah er es noch einmal.
+
+Sein Herz versank in Demut, alles für sie zu erleiden und Höchstes über sie
+zu sammeln.
+
+Nach Tagen erst, weil er elend war, besann sich sein Hirn auf ein Geschenk
+für sie. Es schien ihm schön für sie. Er mußte es stehlen. Aber kein Stern
+dünkte ihn zu hoch.
+
+Da er Geld zu den Vorbereitungen nicht besaß, verkaufte er zwei dem Chor
+entnommene goldreiche Kerzen wieder am Portal von Notre Dame einer
+inbrünstigen Frau und trug den Erlös in seine Taverne. Aufgescheucht von
+seinem Gelächter, tranken sie seinen Wein, hörten sie seinen Plan, gierig
+die Profile, die Augen funkelnd, ihn auszuführen.
+
+Sie brachen mit Fackeln auf. Villon schritt ihnen voran. Barral stieß vor
+Wonne sein Messer in eine Tür. Die Gassen schwelten von Dunkel. In der Rue
+des Saints Pères stand vor einem öffentlichen Haus ein Mönch, der mit den
+Fäusten das Tor verbeulte. Sie gingen, ein Lied beginnend, das ihn
+verhöhnte, im gleichen Paßschritt auf der anderen Seite vorbei, und ihr
+Gesang dröhnte erzen durch die lange Gasse.
+
+Der Mönch aber kam über die Pflastersteine herüber, stemmte die Fäuste in
+die Hüften und begann mit normannischen Worten zu keifen. Er war groß und
+breit und die Augen brannten rot. Sie gaben wenig Acht auf ihn und zogen
+singend weiter. Einer der letzten stieß ihn auf die Brust mit der Fackel,
+daß er, von Funken umsprüht, in eine Pfütze fiel. Aufjagend warf er sich
+auf den Angreifer, schrie, aber die anderen lösten ihn los und warfen ihn
+prallend ins Dunkel zurück.
+
+Die Dirnen winkten aus den Fenstern und hielten Windlichter auf die Gasse,
+aber Villon erhob aufs neue den Gesang und schritt weiter. Wie die übrigen
+begannen, ihre Stimmen der seinen zu verketten, brach der Mönch noch ein
+letztes Mal aus der Torflucht und hieß, ihn erkennend, Villon einen Säufer
+und schlechten Dichter.
+
+Villon zog den Fuß an, ihn beiseite zu treten, ließ es dann mit einer
+Grimasse und sang weiter. Der Mönch aber stieß einen Pfeil in seine Scham
+und rief: »Sohn einer Hure.« Da erbleichte er, schwankte und warf ihm sein
+Messer in den Leib.
+
+Während der Gesang wieder aufschwoll und dumpf die Gassen,
+hinuntergleitend, erfüllte, lag der Priester auf der Erde, schrie und stieß
+Arme und Beine in die Luft und goß langsam sein Blut in die Gosse. Die
+Weiber im ersten Stock des Hauses hängten sich weit aus den Fenstern und
+sandten ihm Einladungen hinunter.
+
+Der Gesang war bis zur Seine gekommen. Villon betrat mit seinen Leuten ein
+Boot und fuhr dunkelrot beleuchtet den Fluß hinunter.
+
+Villon sagte: »Ich habe kein Blut an mir,« und wusch sich zufrieden die
+Hände, denn es schien ihm geringer als der Tod einer Krähe, einen fetten
+Mönch zu erschlagen. Plötzlich löschten alle die Fackeln, indem sie sie zu
+beiden Seiten der Kahnwände ins Wasser stießen, es zischte, weiße Blasen
+stürzten in die Höhe, und langsam legte sich das Boot ans Ufer der
+königlichen Gärten. Sie überstiegen einen Zaun und verteilten sich nach
+allen Seiten. Hinter Statuen und Bosketten lagen bald alle auf der Lauer.
+
+Villon schlich allein vorwärts. Der Wein sauste durch sein Blut, aber er
+fand die Richtung. Barral folgte ihm. Ein Truthahn neben ihnen begann zu
+schreien. Ärgerlich drückte ihm Villon den Daumennagel in den Hals, denn er
+hatte es nicht auf das Tier abgesehen, das sich grundlos in den Tod hinein
+exaltierte. Es geht Sterben ohne Sinn von mir aus -- dachte Villon, indem
+er die Tür zu den Tierställen aufbrach.
+
+Aus weißem Stroh sahen ihn im Dunkeln unermeßlich und still glänzende Augen
+an. Unter rasch entzündetem Licht breitete sich das sanfte Fell einer
+Antilope vor ihnen aus. Villon löste mit der Linken die Schellen aus ihrem
+Geweih, während die andere über den Rücken streichelte. Dann nahm er
+behutsam das Tier in den Arm und trug es ins Boot.
+
+Sie fuhren zurück und stiegen am anderen Seineufer aufs Land. Hinter dem
+Louvre hörten sie das Aufklappern der Lanzen von der Wache. Sofort brachen
+sie in Gesang aus, Villon mit dem Tier in der Mitte. Auf dies furchtbare
+Signal hin verschwand der Tritt der Wachen in der Ferne. Noch eine Weile
+gingen die Leute Villons taktmäßig im Paßschritt.
+
+Dann verstummten sie, Villon ging allein vor bis an ein Schloß, öffnete das
+Tor und trat in einen Garten. Auf dem Rasen ließ er sich nieder, schlich
+bis an die Mauer, umkreiste den Flügel und band sein Geschenk, die
+Antilope, mit langer Kette an einen Rosenbaum auf der Rückseite, damit am
+Morgen nach dem Erwachen der Blick der Herzogin sich eine Sekunde sanfter
+färbe und kleines Glück sich über den Park ergieße.
+
+Dann kehrte er um, sie zogen zurück und stiegen in eine Kellertaverne, wo
+sie würfelten.
+
+Am Morgen zog eine Kompagnie auf, umstellte das Loch und fing einen nach
+dem anderen der Herauskommenden ab.
+
+Villon ward feig und fiel auf die Knie, als er sich gefangen sah. Sie
+schlugen ihm mit den Schäften über den Kopf und brachten ihn verquollenen
+Gesichts in einen der drei Türme. Er fiel die Stufen hinunter, die Wände
+waren feucht und überschimmelt, es gab kein Licht.
+
+In den Tagen, die sich zu Wochen zerdehnten, die er hier lag, bekam sein
+Auge Macht über die Dunkelheit. Er erkannte den Wechsel des Tages und der
+Nacht und die Bewegung des kleinsten Ungeziefers an der Wand. Er sah Kreise
+und Strudel von blauem Licht, die Stille bekam Gewicht und sauste über sein
+Gehör und er versank in Zustände, die zwischen Schlaf und Wachsein lagen.
+Ihm wuchs ein Bart, indem sein Fleisch zerfiel. Ein pilziger Ausschlag
+sammelte sich auf seinen Knien. Er dachte an nichts. Das Dasein ohne Welt,
+das ihn weich dahintrieb, erfüllte ihn ganz.
+
+Da sprang die Tür auf, zwei Männer mit Lichtern kamen. Hinter ihnen stand
+ein Herr in grauem Kleid. Er beugte sich neugierig über Villon. Hierauf
+ließ er die Laterne neben ihn stellen und nickte schräg nach oben mit dem
+Kopf, worauf die Männer lautlos ins Dunkle der Tür zurücktauchten.
+
+»Man interessiert sich für Sie.«
+
+»Sie?«
+
+»Nein . . .: man.«
+
+Da erhob Villon den Blick genauer und erkannte den Herzog von Ventadron und
+verbeugte sich tief und wurde feig und zitternd.
+
+»Sie werden wohl verurteilt,« sagte der Herzog leutselig; »obwohl es mich
+ergötzt, die Sache mit dem Klerk, geschieht hiermit Gesetz. Aus andrem
+Grunde aber möchte ich mich für Sie einsetzen. Kennen Sie den Abt vom St.
+Romacle? Ja?«
+
+Villon, der den Ruf des Abtes kannte, nickte und zog ein schwaches Lächeln
+über sein bebendes Gesicht.
+
+»Ich möchte ihn sehr kränken, verstehen Sie. Er hat ein Haus mit einem
+Olivengarten, daneben grenzt mein Gebiet. Da steht gerade ihm gegenüber ein
+alter Bau mit vielen Zimmern. Sie kennen die Frauenviertel von Paris?
+
+Villon nickte.
+
+»Sie werden wohl verurteilt. Ich aber möchte in diesem Bau ein
+Frauenkloster aufschlagen, wo jedem Mann freier Eintritt ist mit Gesang und
+Wein. Wollen Sie?«
+
+Da Villon der Plan sehr gefiel und seine Augen funkelten und er
+zusammenzählte, wen er dazu gebrauche und welche Tavernen er leere,
+erschrak er im Bewußtsein, daß der Fordernde der Gatte der Herzogin sei. Er
+fragte sich, ob dies eine Falle sei, doch da er den Herzog kannte als edel,
+tapfer und einen großen Verführer der Frauen, stieß er mit dem Fuß auf vor
+Freude und sagte:
+
+»Ich kann und will.«
+
+Aber im gleichen Augenblick verfinsterte sich sein Gesicht und zerfiel im
+trüben Schein gelben Lichts der Laterne, denn diese schlechte Sache, die er
+gern täte, lag zu nah dem Gefühl für die Herzogin und in Scham zergehend,
+lehnte er wieder ab.
+
+Der Herzog stutzte.
+
+Dann schwang er einen Schlüssel spielerisch im Kreise und sagte: »Kerl,
+dann wirst du gehängt.«
+
+Villon warf sich nieder und flehte hündisch ums Leben.
+
+Er versprach dem Herzog Dinge sonst, von denen er nichts ahnte, obwohl er
+Paris kannte wie wenige, aber Villon wußte mehr.
+
+». . . oder -- -- -- aufgeknöpft,« achselzuckte der Herzog.
+
+An dieser Kühle begriff Villon, was es heiße, nicht mehr zu atmen, bis in
+die Nerven seiner Zehen. Von dem Ungeheuerlichen des Todes gestürzt, fiel
+er auf die Füße des Herzogs, wand sich und küßte sie.
+
+Er kämpfte mit sich, daß er den Plan ausführe, der seine Sinne reizte, doch
+er stritt vergeblich gegen das Gefühl, das es ihm verbot, und selbst die
+Grausamkeit des Sterbens war gering gegen dies Gefühl.
+
+Es gelang ihm nicht.
+
+Er fürchtete sich entsetzlich und wurde grün. Aber er sagte nicht wieder:
+Ja.
+
+Der Herzog entfernte ihn mit dem Fuße von sich und ging.
+
+Villon fiel auf die Knie und betete inbrünstig zu einem Bild, das, aus
+seiner Seele heraussteigend, sich durch die blauen Flammenkreise in das
+Dunkel hinabneigte, Tränen stürzten ihm im Jubel aus den Lidern. Dennoch
+schien es ihm zugleich, als ob er sich zerfleischen solle über den
+Wahnsinn, die schöne Einrichtung des Dirnenklosters ausgeschlagen zu haben.
+
+Nicht mehr rauschte die dunkle Luft um sein Gehör. Zwischen Inbrunst und
+Schmähung schwankten die Tage. Dennoch kam an einem Morgen die Nachricht,
+daß er begnadigt, aber verbannt sei. Eine halbe Stunde darauf verließ er
+den Turm.
+
+Zwei Wächter gingen neben ihm her. Ohne Pause schritten sie bis zum Tor.
+Sie gaben ihm ein Papier. Er war auf fünfzig Lieues des Umkreises der Stadt
+verwiesen. Dann fluchten sie, lachten und ließen ihn laufen.
+
+Und er lief wie ein Hase in einem entsetzten Bogen in die Landschaft
+hinaus, bis ihm der Pulsschlag des Herzens in die Gurgel sprang. Dort hielt
+er sich an einem Baum. Es war ein junger Birnbaum und schwankte unter
+seiner Last.
+
+Er aber sah zitternd an dem schlanken Schaft hinauf, erblickte die
+gründunkle Krone, sah den überwältigenden Himmel, streichelte den Baum und
+fiel auf die Erde vor Übermaß.
+
+Am Mittag ging er weiter. Die Sonne lag eine lange Straße hinunter
+überhell. Auf den Feldern stand Korn und rauschte. Vor der unerlebten
+Herrlichkeit der Landschaft ergriff ihn um so tiefer die Wut, daß die Stadt
+ihm versperrt sei. So rasch lief sein Herz im Kreis. Er sah sich an, wie er
+so zerrissen dastand, ein Bach wies ihm stechende Augen in kalkenem Gesicht
+und wildes Bartwerk. Er wankte auf der Straße. Ein Strolch lachte über ihn,
+daß es schallte. Aus einem Bauernhof sprang ein Hund, der wütend in die
+leblose Gegend hinausbellte.
+
+Er hob einen Stein. Aber er hatte nicht viel Kraft mehr.
+
+Am Abend sank er vor Erschöpfung in einen Graben und schlief. Zwei Tage
+lief er sinnlos weiter. Als er am Mittag des dritten an einen Weinberg kam,
+in dem ein alter Mann mit stillem Gesicht Wasser goß und Spaten führte,
+blieb er neidisch stehen, Arbeit erbittend. Er erhielt sie. In wenigen
+Wochen war sein Gesicht braun und bartlos, das Auge erfrischt. Enges Kleid
+umschloß den gespannten Körper.
+
+Eines Nachts schlich er an die Grenzen von Paris zurück. Doch schon ehe er
+verbotenes Gebiet betrat, erhob ein Kleriker Geschrei, der ihn erkannte. Er
+kehrte um. In einer Absteigschenke der Landstraße ließ er sich nieder und
+schrieb nach allen Seiten. Er schrieb an Barral, an die anderen, an Weiber
+und Wirte. Er flehte und drohte, ihm zu helfen, daß er in die Stadt
+zurückkehre. Dann wartete er.
+
+Aber als Antwort kamen nur zwei Dirnen, die er geliebt hatte. Barral sei
+entsprungen, die anderen säßen. Er zitterte vor Zorn und schlug sie.
+
+Allein sie erstickten ihn mit Küssen. Schwer gepeinigt und ihrer Treue doch
+wieder süß entgegengebracht, schrieb er zwischen ihren Umarmungen und
+Scherzen einen Brief an die Herzogin, schrieb: wie sehr sein Sinn sich in
+das Hohe treibe und wie rasch er falle, denn sein Blut ziehe wie ein Blitz.
+Doch immer sei sein Herz voll Inbrunst.
+
+Als die Dirnen den anderen Tag zurückwanderten, sah er ihnen nach, die den
+Brief trugen. Sie hatten schöne Beine, er sah es wieder.
+
+Dann aber weinte er auf dem Rasen sitzend, denn die Welt war weit zwischen
+ihnen und der Heiligen, und die Brücke des Briefes zwischen ihnen schmal.
+
+In der Nacht verschwand er, ohne die Zeche zu zahlen.
+
+Am Waldrand hob er, aus dem Schatten noch einmal tretend, die Hand steil
+gegen die Stadt.
+
+Dann brach er in das neue Land vor ihm hinein, gestärkt im Inneren und
+festgefügt in der Entschlossenheit, daß sein Leben in großes Maß
+hineinwachse und gleichschwingenden Strömen sich füge.
+
+Ihm, der nie die Stadt verlassen hatte, war Wandern unbekannt. Nie kam
+Gesang in seinen Mund. Sein Gang bewegte sich erfüllt vom Rhythmus seiner
+Gefühle. Kaum daß er, aufgescheucht, die Landschaft knapp musterte und in
+sich sog.
+
+Einmal dachte er zurück und sah sich wie ein entferntes Spiegelbild, bunt
+gekleidet, auf einer Straße den Kopf sanft gesenkt, weither durch ein
+unbezirkbares Gitter von Bäumen herkommen.
+
+So erfüllte sich diese Zeit an ihm mit Stille.
+
+Abends betrat er Sonntags eine kleine Stadt. Auf dem Platz glänzten viele
+Lichter. Zwischen zwei Bäumen zog sich ein Seil mit Tanzenden. Er mischte
+sich am Ende des Spiels unter die Gaukler. Sie kamen ins Würfelspiel.
+Trinkend und sich frei gebärdend traf ihn die lässige Haltung dieser
+Menschen beglückend. Das selbstgefällige Wiegen der Frauenhüften, die
+breite Sicherheit der Männer und beider geduckte Klugheit gaben ihm
+Wohlgefühl. Er schloß sich ihnen an.
+
+Sie waren aus Limoges, und die Weiber hatten heftigere Sitten, die seiner
+Nordischkeit erregend waren. Sein Können überstieg das ihre im Geschäft. Er
+gab schönere Positionen, elegantere Sätze, ihr Beifall wuchs. In Angers
+engagierte ihn die Bürgerschaft mit seiner Truppe.
+
+Als sie die reiche Stadt nach Abenden des Triumphs verließen, folgte ihnen
+ein Ratsherr auf einem Pferd und bat Villon auf das Stadthaus zurück. Der
+Bürgermeister wies ihm einen grauen Mönch und bat, daß er ihn, der Pra
+hieß, unterstütze in der Einrichtung einer großen Passion. Villon musterte
+kurz den Saal.
+
+Dann verließ er seine schweifende Gefährtenschaft.
+
+Auf einem Faschingsfest der Stadt sprach er den Prolog, die Halbmaske vorm
+Gesicht, glühend, daß das Publikum ertobte.
+
+Kommenden Morgens begann er still das Werk.
+
+Dem steifen Redefluß des Priesters fügte er Fülle des Talents. In einer
+Woche wies er dem Kleriker Irrtümer der Mythologie nach, zog das Ereignis
+in Verse, Kinder sangen sie für geringes Entgelt auf den Gassen. Der Mönch
+verließ die Stadt.
+
+Nun umfaßte er allein das Geschäft. Morgens früh begann er die Dressur der
+Massen. Er lernte sie die Arme aufstülpen gegen den Himmel, die Gesichter
+verzerren und auf gekrümmtem Bauch zu schreien vor Entsetzen. Ein Rudel
+Zimmerleute fügte das Amphitheater zusammen in mächtig geschweiftem Bogen,
+nah der Kirche auf dem Gräberfeld. Etage der Bühne, Mansion an Mansion,
+staffelte sich nebeneinander. Er lehrte die schöne Entzückung, den Schrei
+der Brunst und Stille der Ergebung.
+
+Er knetete den Teig der Menge, daß die Glieder des Stücks sich abrollend
+wie durch Fadenziehung seiner Finger bewegten. Den Kostümen gab er Prunk,
+der Schminke Wahrhaftigkeit. Den Text bearbeitete er mit Glätte und gab ihm
+feurige Funken. Ein Hohngedicht auf graue Mönche fügte er ein.
+
+Der Tag wuchs ihm vom Ausgang der Sonne bis ins Herz der Nacht. Wohlgefühl
+der Tätigkeit, die er umspannte, durchfloß ihn. Die kleine Weltkugel der
+Passion, die in seinen Händen allein ruhte, erhob ihn zu Begeisterung für
+sich selbst.
+
+Dann durchfuhr, als das Werk endete, Geschrei die Stadt. Der König zog ein.
+Teppiche fielen aus den Fenstern. Binsen bedeckten den Gehsteig. Blumen
+lagen im Fahrweg. Quer über die Straße hingen Räucherpfannen.
+
+Morgens begann das Spiel des ersten Tages. Aus dem Zelttuch, das das
+hölzerne Theater deckte, fielen zerstäubt gutriechende Wasser. Dann zog
+weißgegürtet Villon auf einem Esel über die Bühne. Hörner erhoben sich.
+
+Der König betrat die Loge. Unter Schweigen vollendete sich bis zum Abend
+das Spiel. In der Dämmerung erst gab es Tumult. Ein Taschendieb schnitt
+einem Adligen den Ärmel ab und versteckte ihn. Villon ließ ihn auf einen
+Pfahl schnallen und verhöhnen, denn er gedachte streng zu sein in seinem
+Bereich.
+
+Aber in der Nacht band er verkleidet den Sträfling ab.
+
+Der zweite Tag begann mit Hitze, am Mittag schon wurden die Gesichter
+schlaff. Die Kinder auf den Brüstungen schrien. Das Volk hetzte Hunde in
+die Arena.
+
+Gegen Abend fiel der Tod des Judas, den Villon spielte. Während sieben
+Teufel mit Hammelschädeln und Kuhglocken über dem Kopf tosten, erhob sich
+eine dunkele Sonne. Satan stand auf, goldbraun im Gesicht, mit einer Krone
+aus rotem Satin und orientalischen Perlen. Judas fiel weinend vom Gerüst.
+Und weil sein Mund zu niedrig war und verräterisch, die Seele zu entlassen,
+platzte der Bauch, dem sie entstieg.
+
+Der König erhob sich Beifall winkend.
+
+Zurücktretend hinter die Kulissen fühlte Villon einen Zettel, der sich in
+seine Hand schob. Er sah sich um. Als sei nichts vorgegangen, stand hinter
+ihm eine der Sibyllen, deren Tanz sich den Morgen in sein Bewußtsein
+geprägt hatte. Es war eine elende Dirne, aber ihr Mund glühte von Worten,
+wenn sie sprach.
+
+Beim Austritt in die Stadt verhafteten die Leute eines Bischofs Villon
+wegen des höhnenden Verses auf die Mönche, allein ein Reitender des Königs
+machte ihn wieder frei.
+
+Er betrachtete nun das Papier. Es war ein Bild: die heilige Susanne, ein
+Bein ins Bad setzend, mit den Augen lächelnd. Es gefiel Villon, daß er
+lachte.
+
+Am letzten Mittag kam Villon, Christus spielend, auf das Podium.
+
+Er war nackt, sie hingen ihn ans Kreuz, und der Schmerz erpreßte ihm
+Geschrei von den Lippen. Ihm zu seiten hingen die Verbrecher, stöhnend,
+Fratzen um die Nabel gemalt. Rechts gähnte eine Hölle. Links aber standen
+Knaben mit roten Binden um die Stirn und hinter ihnen eine Kette Engel mit
+den Instrumenten, alle herübergebeugt.
+
+So groß waren Villons Trotz und Übermut, daß er das Haupt nach der Hölle
+wandte und das Unerhörte begann, mit aufschwellender wilder Stimme nach der
+Hölle zu reden.
+
+In dem blassen Schweigen des Raumes löste sich da der Vorhang einer Loge
+neben der königlichen, Villons Blick traf den Scheitel einer Frau.
+
+Der Vorhang fiel zurück.
+
+Unsägliches füllte seine Lippen, als er das Gesicht erhob. Es war ihr Kopf.
+
+So sah er ihn noch einmal.
+
+Er begriff die Wonne nicht. Er verstummte.
+
+Aber sein Kopf fiel herum demütig und sein Blick umklammerte die Kulisse
+des Paradieses. Maiwuchs und Orangenbaum sanken ihm in die Augen. Zwischen
+Rosen und Majoran erhob sich in Granaten eine Fontäne.
+
+Sein Herz neigte sich.
+
+Der Vorhang schaukelte, aber er zog nicht mehr auf.
+
+Seine Stimme aber erscholl, hochgetragen und lind, unwahrscheinlich sich an
+das Brüllen schließend; der Kopf bog sich in die Höhe und spannte den
+Körper von den Füßen bis an das Genick wie einen Sprenkel. Worte entfuhren
+seinem verzückten Munde voller Ergebung und wuchsen wie aus breiten
+Trompeten zu einem ehernen Donner.
+
+Dann neigte er auch den Kopf.
+
+Vorhänge teilten die Welt von ihm ab. Es war dämmrig geworden.
+
+Als er wieder aus der Garderobe heraustrat und dem Gerüst zuging, befahl
+ihn ein Ratsherr zum König.
+
+An der Wand des Zaunes streifte jemand seine Hüfte. Er blickte flüchtig und
+sah die Sibylle.
+
+»O,« sagte sie und machte den Mund auf und biß auf die obere Lippe.
+
+Villon dachte an das Bild und sah sie an. Dann legte er den Arm über ihre
+Schultern, denn die Achseln schimmerten weiß und erwartungsvoll durch das
+Tuch.
+
+Sie ging zur Seite, wo die Friedhofkreuze gleich begannen, es ward ganz
+dunkel um sie. Ihre Hüfte streifte ihn. Er küßte sie und biß ihr in den
+Mund.
+
+Sie lagerten hinter einem breiten Grabstein.
+
+»Ich fürchte mich.«
+
+Villon lachte.
+
+Dicht neben ihnen liefen die letzten scharfen Grenzen des Lichts. Die Menge
+tanzte lärmend auf dem Platze. Auf den Bänken des Amphitheaters begann
+Gelage. Funken sprühten gegen die dunkle Wand des Horizonts. Ein roter
+Dunst hängte sich um den Kirchturm.
+
+»Willst du Geld? Nachher habe ich zwanzig Dukaten.«
+
+»Nein.«
+
+Sie schob die Zunge zwischen Zähne und Lippe. »Nimm mich mit. Heirate mich.
+Gib mir ein Kind.«
+
+»Lege die Hosen eines Franziskaners in dein Bett, da wirst du von selbst
+eines haben.«
+
+Villon lachte.
+
+Sie gefiel ihm. Ihre Lippen schwellten sich vor Blut.
+
+»Fünf Dukaten schenke ich dir.«
+
+»Ich fürchte mich.«
+
+»Du kaufst dir Armbänder und seidene Ärmel.«
+
+»Ich fürchte mich.«
+
+»Spei auf die Toten.« Er preßte ihre Brust.
+
+»Wie warst du schön, als du auf dem Esel, den du Rutebeuf nanntest, wie du
+mit dem weißen Gürtel auf dem Esel einrittest . . . . .«
+
+Er küßte sie mit geschlossenen Augen.
+
+Da aber stieg durch den Spalt der Dunkelheit ein Gesicht. Er preßte die
+Lippen noch fester zusammen, um das Gesicht zu zerdrücken. Doch der selige
+Kopf wurde immer größer, die Herzogin neigte sich freundlich über ihn. Das
+Gesicht bedeckte seine Seele, indem er in immer wilderem Kuß sich ihm zu
+entziehen suchte. Ihr gütiges Lächeln zog sich über den Garten, die Kreuze
+und den Himmel.
+
+Da stieß er entsetzt und bezwungen die Dirne mit den Füßen, sah von ihrer
+offenen Brust verzerrt in die Höhe, um das Bild zu erreichen.
+
+Sein Herz neigte sich, und aufstehend, laut jammernd, lief er in die Nacht.
+
+Er ließ die Dukaten und den König.
+
+Sein Lauf währte Tage, die er nicht zählte.
+
+Verwilderten Bartes kroch er nachts in eine Scheune. Als er einschlief,
+fiel durch das Gitter des Heus der Schein einer enthüllten Laterne über
+seine Augen. Er fuhr herum und umarmte Barral, den er so fand.
+
+»Wo warst du?« sagte Barral und lachte.
+
+»Ich lief --« sagte Villon.
+
+Er schob sich Stroh über den Körper. Dann weckte er Barral noch einmal:
+
+»Barral,« sagte er, und sein Gesicht leuchtete von bösem grinsenden Hohn,
+»ich möchte über die Welt hinkotzen in einem Strom. Mein Alter, wir wollen
+Frauen verführen, Ställe anzünden und es mit Tobsucht tun.«
+
+»Ja, mein Freund,« sagte Barral und zog sich Stroh aus dem Bart.
+
+Ihre Nahrung ward Feldfrucht und geraubtes Geflügel. Bauern erschreckten
+sie, indem sie das Land überquerten, des Abends auf ihren Feldern, daß sie
+brüllend wegliefen. Mönche prügelten sie mit dornigen Stecken und trieben
+lange ihr Wesen mit Frauen, denen sie die Röcke zuschnürten, daß sie als
+Statuen auf allen Straßen standen.
+
+Einmal fiel Villon in eine Falle. Von allen Seiten plötzlich
+hervorbrechend, schlugen Burschen mit Gegenständen auf ihn. Knapp entwich
+er aus der verdunkelten Dorfgasse, einen blutenden Riß über die Stirn.
+
+Die Nacht zündeten sie das ganze Dorf an.
+
+Villon und Barral standen auf einem Hügel, während die dunklen Scheine über
+den Wald flatterten.
+
+»Es ist ein schöner Anblick,« sagte Villon und legte den Arm über Barrals
+Schulter.
+
+»Es ist ein Schauspiel,« sagte Barral.
+
+Zur Zeit der großen Prozession erreichten sie nach Wochen solchen Daseins
+Toulouse. Sie fanden die Stadt gefüllt mit Fremden und reichen Klerikern,
+die heimatlichen Erwerb in leichtem Leben verströmten. Barral stahl in der
+vornehmsten Kirche Pelze und Steine. Sein Blick sah manche große Gabe in
+den Opferstock eingehen. Es prägte sich ihm ein. Er vergaß es nicht. Sie
+faßten abends rasch einen Plan.
+
+Barral hieb wie ein Bär, nachdem sie die Tür erschlichen hatten, den
+Opferkegel in der Mitte durch. Neben Kupfer und einigem Silber überrollte
+vieles Gold den Boden. Sie teilten gemächlich. Als sie durch die blinde Tür
+des Chorgestühls hinaustraten, prallte ihnen ein leichter Ruf entgegen.
+
+Villon sah Barrals Hand erhoben und, selbst von zehn Fäusten angepackt,
+vernahm und sah er beim Wenden des Kopfes eine Hellebarde, die breit
+Barrals Bauch durchstieß.
+
+Dann brachte ein kurzer Gang ihn zu der Dunkelheit des Turms.
+
+Während die dauernde Nacht ihn umschloß, blieb sein Bewußtsein nicht ohne
+Trübung. Nicht unterschied er Tag und Abend. Kein Schweben der Seele zog
+ihn aus Welt und Gegenwart. Reue fraß ihn an, und er bog den Kopf gegen die
+faulende Wand und sagte verzweifelt, während sein Blick ihm die Seligkeit
+freier Landschaften, der blühenden Bäume und des zinnobernden Herbstes
+vorspielte: »Warum bin ich Bandit, wo ich Dichter sein könnte . . .« Die
+schmerzende Qual dieser Wochen gab ihm aber Verse von Frauen, Wiesen und
+Mond.
+
+Und unter der Beglückung dieser Tätigkeit weitete sich sein Herz. Er genoß
+in größter Entfaltung der Seele, die das Umgebende durchdrang, Horizont,
+Sonne und Meer.
+
+In den Pausen aber schrie sein elendes Herz vor Sehnsucht und Qual. Er
+empfand Mitleid mit seinem Geschick. Er sah den Tod als Strafe sicher vor
+sich. Darum betete er zu Gott, daß dieser ihm helfend ein Mittel sende. Und
+sei es, daß einer den Vorschlag wiederhole, den er im ersten Kerker
+ausschlug. Er schwor, daß er ihn diesesmal packe und tue und mit noch
+tieferen Demütigungen dabei. Denn die gestand er Gott als Erschwerung zu.
+
+Dann aber weinte er lange aus Scham über diese Schwäche und hatte nichts
+als Verachtung für sich.
+
+Doch der Wille zum brünstigen Leben strahlte so stark in seinem Wesen, daß
+er um weniges später das Gebet um Hilfe noch erniedrigender von den Lippen
+stieß.
+
+In dieser Nacht aber erfüllte sich sein Raum mit weißem Licht, und in
+seinem Traum wuchsen helle Figuren mit Kerzen in den Händen, und eine
+Stimme erfüllte das Zimmer, daß er erzitterte vor Bewegtheit: »dennoch,
+mein Armer, sollst du dem Lichte dich zuführen lassen« . . . und erwachend,
+die Augen weit geöffnet, empfand er, wie eine Hand, die, über seine Stirn
+geführt war, sich davon löste. Er empfand das rasche Hinweggleiten nach der
+Tür.
+
+Da sprang er auf und bebend vor Glück erhob er den Kopf.
+
+Die Tür öffnete sich zum Verlassen, er spürte den Luftzug.
+
+Er warf sich auf die Knie nieder und schrie: »Laß mich!«
+
+Die Gestalt aber wandte nicht ihr Gesicht (er bedurfte es nicht, um sie zu
+wissen), doch sie machte eine große Bewegung mit ihrer Hand und
+durchschritt die Tür.
+
+Aufschwingend stürzte er nach: »Warum,« schrie er, »warum verfolgst du mich
+mit Güte, -- -- -- warum überlädst du mein Leben mit Licht? Ich bin hilflos
+dagegen. Aber ich will es nicht.«
+
+Die Tür war zu.
+
+Er hämmerte die Fäuste dagegen und Schaum deckte sich über seine Lippen:
+»Laß mich, verdammt, ich fluche dir, in meiner Niedrigkeit. Das Heilige an
+deinem Tun verzweifelt mich . . .«
+
+Und er bäumte auf und stemmte sich dagegen.
+
+Allein der Raum war leer, und nichts vollzog sich.
+
+Böse und zornig setzte er sich in die Ecke.
+
+Eine Furcht erfüllte seine ganze Nacht, die er verstockt und fluchend
+wachte: sie würden ihn befreien, ohne Gegenleistung, die er von Gott erbat.
+
+Am anderen Morgen geschah es. Er wurde frei.
+
+»Ich weigere mich,« sagte er und verließ den Klotz nicht, auf dem er saß.
+Die Wächter stießen sich mit den Ellenbogen in die fetten Seiten und
+bestaunten sich.
+
+»Es ging um deinen großen Kopf,« sagte einer und stemmte die Hände auf die
+Hinterschenkel.
+
+Villon lief wie ein Marder auf und ab: »Wer fällt dem Recht in den Arm?
+Warum setzt Unrecht sich gegen Gesetz? Ich stahl. Möge man mich rädern.
+Aber es ist feig, mich laufen zu lassen ohne Buße.«
+
+Sie aber lachten und warfen ihn wie ein Tier auf die Straße.
+
+Dort legte er sich auf die Erde aus Trotz. In der Nacht leckte ein Hund
+sein Gesicht. Er küßte ihn auf die Schnauze, umschlang den dürren Hals mit
+beiden Armen und schluchzte in das Fell.
+
+Darauf gingen sie beide weiter aus der Stadt hinaus in das Feld. Sterne
+überklommen den Himmel nicht, den Nebel zudeckte, in dessen Schein ihre
+Schatten riesenhaft vor ihnen hingen. Da er das Tier liebte, nannte er es
+Joi-Novel.
+
+»Sie lebten lange im Wald ein einfaches Leben. Wandernd kamen sie an eine
+Jagdhütte, die eine schlichte Frau bewohnte. Sie bot ihnen Obdach, und sie
+gewöhnten sich daran und blieben. Einfache Liebe beglückte ihn.
+
+Eines Tages, als er jagte, teilten sich die Büsche, und in den
+auseinandergeschlagenen Zweigen ritt eine Frau auf ihn zu. Sie hatte ein
+kastilisches Pferd mit weißen Füßen.
+
+Sie hielt kurz an, und er verbeugte sich.
+
+»Ihr Name?« fragte die Dame.
+
+»Villon.«
+
+»Villon . . .,« sagte sie und zog die grauen Augen zu einem Strich
+zusammen, warf den Blick von seinem Gesicht bis zu den Füßen, streichelte
+über den Pferdehals und ritt davon.
+
+Sie hieß Loba. Sie bewohnte das Schloß in der Knickung des Waldes zwei
+Stunden von Marseille. Die Frau in der Hütte sagte es ihm, als er Joi-Novel
+eine Amsel zu speisen gab.
+
+Am Morgen klopfte ein Diener und befahl ihn nach dem Schloß. Er aber sagte,
+daß niemand von ihm zu fordern habe, schlug den Diener und jagte ihn.
+
+Später traf er die Gräfin wieder im Walde.
+
+»Warum kommen Sie nicht?« fragte sie. Ihr Zaumzeug aus limusinischem Leder
+und Silber blitzte. Ihr Gesicht war kühl und zugekniffen.
+
+»Was soll ich dort?« sagte er ruhig. »Lassen Sie mich hier, wie es paßt für
+mich, niedrig und in elender Zufriedenheit!«
+
+Sie warf den Arm mit einer Gerte in einer ungestümen Bewegung nach
+aufwärts, folgte der Kurve mit einem großen Blick und ritt grußlos.
+
+Nach einer Woche ließ sie ihn bitten, unter ein Bild ihr zwei Verse zu
+setzen. Er widerstand nicht. Aber es schmerzte ihn, daß es ihn hochzog.
+Doch da der Zug übermächtig war, folgte er.
+
+Sein Anzug vollendete sich wieder höfisch. Seine Bewegung entschälte sich
+dem Schweifenden und erhielt Maß. Sein Mund bequemte sich dem runden Fall
+schöner Vokale. Aus den Fenstern des Schlosses sah er das Meer als dünnen
+blauen Rauch.
+
+»Ich liebe das Tier nicht,« sagte Loba und deutete auf Joi-Novel. Dies
+bedeutete des Hundes Verstoßung. Als die Sehnsucht ihn zurücktrieb, seinen
+Tod. Villon tötete ihn eifrig und unter Tränen.
+
+Lobas Gatte kam einige Zeit erst, nachdem Villon sich seiner Gefolgschaft
+gereiht hatte, zurück zum Schloß. Seine breite Gestalt verteilte
+zufriedenes Gleichgewicht. Als er Villon sah -- -- und da er ihn nicht
+liebte und nicht haßte -- -- gähnte er, um seine leidenschaftslose
+Billigung darzutun. Auf Festen sang Villon Lobas Geist und Gestalt. In
+verschwiegenen Nächten hin und wieder schlich er sich zu Küchen und
+Dienerkammern, Würfeln und Wein und Geschwätz.
+
+Scheu wie ein Hund wandte er den Blick weg von der vergangenen Zeit. Er zog
+den Hals schräg und blinzelte in die Sonne, wenn ihm der Gedanke kam. Durch
+den verhängten Raum seines Willens drang kein Laut in das untere
+Bewußtsein.
+
+Traf er Loba morgens im Saal, kreuzten sich ihre Wege. Sie ging an ihm
+vorbei, ihn kaum sehend und doch mit einem Lächeln, das seine Knie
+erschütterte. Fernbleibend bewegte sie durch Duldung allein den Kern seines
+Wesens. Ihn zog es so hingerissen zu Loba, daß die Frau in der Hütte seinem
+Gedächtnis entschwand, daß er sich unter Loba breiten wollte, damit sie
+herrschend seinen Dienst nehme, in jeder Form.
+
+Er nannte sich Wolf, damit sein Name dem ihren gleiche. Er zog ihr
+Wachtelgeier und Lerchenfalken. Ihre venezianischen Gläser zierte er mit
+gebogenen Sprüchen. Nie fehlte er, das Federkissen auf ihren Sattel zu
+schieben.
+
+An einem Jagdmorgen nahm er die Haut einer Wölfin und schlang sie um sich.
+Aufbellend nahm die Meute seine Spur. Er lief, als gelte es sein Dasein und
+hörte Lobas Schnalzruf an die Hunde. Quer lief er durch den Wald. An einer
+Lichtung kreiste ihn die Meute ein.
+
+Ein schwarzgefleckter Jagdhund biß sich in sein Genick.
+
+Hochspringend, als andere Hundeleiber sich über ihn wälzten, scheuchte er
+das Vieh zurück und stand blutend vor Loba.
+
+Sie ritt den kastilischen Hengst wie zum ersten Male und zog die Augen zu
+einem schmalen Spalt. Er verneigte sich und verbiß die Schreie. Sie
+lächelte ein wenig und sagte:
+
+»Eilen Sie zurück!«
+
+Heulend vor Schmerz, schweißend, erreichte er das Schloß. In den
+Fiebertagen näherte die Gräfin sich oft seinem Lager, entfernte die Binden
+und goß zyprisches Öl in die Wunden. Er, der nach Dienerinnen hieb, die
+laut die Diele überschritten, hielt den höllischen Schmerz aus mit ruhigem
+Gesicht und strich einmal über ihren Arm, die Seele geduckt in Erwartung,
+daß sie ihn ins Gesicht schlüge. Doch sie sah ihn nur an.
+
+Wie es ihm besser erging, faßte ihn ein törichtes Glücksgefühl, für das es
+keine Rechenschaft, keine Begründung gab. Jedem Menschen erwies er Freude.
+Er sprach mit den Kühen. Er tanzte allein im Walde und rief: »Barral,
+hättest du Fleisch noch auf den Knochen, wie lachtest du über Villon -- --
+--«
+
+Dann wagte er in mondloser Nacht zur Gräfin hinaufzuschleichen. Auf der
+Treppe verließ ihn die Kraft, er wurde feig und kehrte um.
+
+Das andermal wusch er sich gründlich und badete lang, damit ihn nicht
+plötzlich Furcht überfalle, es möge Erde irgendwo an ihm sein, denn die
+Angst seiner Herkunft saß in seinem Blut. Sodann stieg er hinauf. Sein Herz
+drängte selig nach ihr. Er hatte Mut.
+
+Beim Betreten des Gangs blieb er stehen. Etwas huschte an ihm vorbei und
+hielt lauschend an. Es war eine der afrikanischen Mägde, deren Haut
+goldbraun glänzte. Er sah es, wie sie sich durch den Lichtschein einer Tür
+bewegte. Er sah ihre weiche Hüfte und pfiff leicht. Sie wandte den Kopf,
+und ganz gefüllt mit ihrem Bild folgte er ihr.
+
+Lange trat er nicht vor Lobas Augen, von Reue angenagt. Sie sandte ihm aber
+einen arrasischen Teppich, daß er einen Spruch dafür zeichne. Er machte
+eine große Tirade und schöpfte aus ihr neuen Mut. Sein Spiegel wies ihm ein
+scharfes Gesicht schöner Männlichkeit. Er legte eine Schminke darauf aus
+Quecksilber, Bohnen und Pferdemilch, damit die Schläfen einen weicheren Ton
+erhielten.
+
+Darauf wagte er es.
+
+Ihr Zimmer war unverschlossen. Nähertretend sah er sie liegen, es kam viel
+Licht vom Himmel, darum sah er sie genau. Er beugte sich nieder und küßte
+sie auf den Mund.
+
+Schlaftrunken nahm sie die Hand von der Brust und hob sie zu ihm, und
+denkend, es sei ihr Mann, erhob sie sich und stand auf. Da sah sie Villon
+vor sich. Sie tat nichts zuerst. Sie sah ihn an.
+
+Diesen Blick trug er wie ein Mal tief im Haß seiner Seele weiter. Er
+knallte ihn zu Boden.
+
+Dann seinen schiefen Blick sehend, begann sie zu schreien. Türen schlugen.
+An Mägden vorbei, die mit Kerzen kamen, verließ Villon eilend das erregte
+und helle Schloß.
+
+Er fühlte überall Schmutz an seinem gebadeten Leib.
+
+Zweimal murmelte er: »Bande . . . Bande . . . -- -- warum, Villon, gabst du
+dich, Sohn einer Dirne, den Feinen hin -- -- -- --?«
+
+Die Nacht war schön. Wind blätterte sanft durch den Baumstand.
+
+Durch den Wald irrend hob er die Hände zwischen den Stämmen und rief:
+
+»O Joi-Novel, wo bist du nun?«
+
+Bebend vor Zorn und in heißem Schmerz über des Hundes Tod, der seine Seele
+nun schwer bedrückte, eilte er nach Marseille. Im Hafen lebte er versteckt
+zwei Tage, bis eine Ruderbark nach Genua abfuhr. An den Mast gelehnt, das
+wundersame Meer umfassend und voll Angst, seekrank zu werden, verließ er
+aufgerichtet das heimatliche Ufer.
+
+Den fremden Strand besprang er mit Gleichmut. Seine Erregung hatte die
+Bewegtheit der Wellen eingesogen. Er durchstreifte die Stadt und verließ
+sie. Auf und ab wandernd die Küste des Meeres, durchmaß er Italien und gab
+wenig Acht auf Monat und Jahr.
+
+Er schlief auf schlechter Streu und in Betten, er ward verfolgt, und Ehre
+umgab ihn wie Beleidigung. Lungernd trieb er sich im Gewühl der Häfen hin
+und gab sich tagelang dem Meere preis an heller Küste mit entkleidetem
+Körper, Sonne aufnehmend und in die geweitete Seele das Meer einspannend.
+
+In einem Winter schloß er ein Quartett zusammen, das die Schelle, den
+Tamburin, eine kleine Orgel und die Querpfeife führte. Die Feuer mancher
+Höfe und Märkte, das Geschrei vieler Nächte umfuhr die vier seltsamen
+Gesichter. Dann löste er sich hiervon wieder, schwankte trunken und
+verkommen, geldlos die Taschen, in die Städte, bettelte alte Fische und zog
+Ringe von Damenfingern. Mancher Morgen aber umschlug ihn, auf einem Pferde
+sitzend, lässig die Haltung, ein Birett über dem Kopf und eine Harfe am
+Sattel, deren Kopf eine Wölfin war.
+
+Als er Genua, von Syrakus kommend, durchwanderte einmal, sah eine volle
+Frau aus einem Fenster, und er blieb stehen. »Dein hoher Busen reizt mich,«
+sagte er. Sie betrachtete ihn und schimpfte ihn: »Provenzale!« Doch er
+lachte und wies auf ihre Brust.
+
+Er schlug einige schiefe Triller an und intonierte: »Dein hoher Busen
+. . .« Die Frau wurde rot vor Zorn und schrie: »Ich verstehe dich weniger
+als einen Berber, Deutschen oder Sarden.« Jedoch nahm sie seine Hand und
+führte ihn in ihr Haus. Im Gange dann schlug er den Arm hoch um ihre Hüfte,
+und da sie dies verstand, entfremdeten sie sich nicht mehr.
+
+Gut gepflegt nach Abenteuern des Weges blieb er gern bei ihr. In den
+Jahren, die daraus erwuchsen, erhielt sie Gewalt über ihn. Wohl schlug er
+sie manchmal, wenn er trunken war oder eine andere zufällig genossene Frau
+ihn zu neuem Mut gespeist hatte, aber später ihr Blick duckte ihn wieder
+feig. Einmal prügelte sie ihn und warf ihn vor die Tür. Es war eine bittere
+Nacht, und der Hahn schrie vor Kälte. Morgens kroch Villon wieder in das
+Haus.
+
+Er fühlte, daß sein Leben nicht mehr weit ausschlug, sondern im Kleinen
+hinschwankte, und trotz manchen Schmerzes befriedigte es ihn mit Wollust.
+
+Sie besaßen einen Raum, in dem sie Wein ausschenkten. Menschen aller
+Gattungen schoben sich vermischt durcheinander zwischen diesen Tischen, die
+nie leer wurden. Hier traf er Babolin und Jaufre Rudel, die mit ihm waren,
+als er die Antilope holte im königlichen Garten. Doch er redete wenig davon
+und ließ sie ziehn. Fremde Herren, die mit den schlanken Weibern der
+unteren Viertel schwelgten, trafen sich in diesen Räumen. In den hinteren
+Zimmern, die sie später aufsuchten, entkam ihnen manches Kleid, viel Geld
+und Schmuck, der Villons Reichtum erhöhte.
+
+Sein niederes fettes Leben gab ihm keine Verse mehr.
+
+Da sprach eines Abends ein reisender Lombarde von der Fürstin von Tripolis,
+die niemand noch sah auf der Welt, und deren Güte und Schönheit an kein Maß
+reichte.
+
+In dieser Nacht schlief Villon schlecht neben seiner hochbusigen Frau, und
+in den folgenden kämpfte er verbissen gegen sich selbst.
+
+Am Mittag des vierten Tages ging er an das Meer, über dem die Sonne lag,
+und da überfiel es ihn. Als werde er leicht und verliere sein Gewicht,
+erschien es ihm; der Himmel wurde heller und weißer, und es vollzog sich
+eine Klarheit des Gesichts in ihm, daß er bestürzt zu Boden fiel. Wo er
+gedacht hatte, sein Leben beschließe sich in ruhiger Niedrigkeit, entstieg
+es ihm steil und seinem Willen und wuchs in das Lichte des Himmels hinauf.
+
+Taumelnd durchlief er die Straßen bis zum Abend, nahm dann viel von dem
+gesammelten Geld und verließ die Stadt.
+
+Ein Schiff fuhr ihn. Das Meer glänzte. Die ferne fremde Küste schwebte ihm
+entgegen. Als er ausstieg, war sein Herz nach oben hin beschwingt . . .
+nach Herrlichem lüstern, Gutes zu tun bereit, seine Seele voll Verachtung
+auf das Seither.
+
+Der Strand war ungewohnt herrlich. Indigofarbner und blauer Zindel stand in
+den Gärten. Pferdestimmen riefen. Hörner und Klarinetten ertobten aus den
+Zelten.
+
+Er mischte sich unter die Menschen. Doch hier war nicht das Hoflager der
+Fürstin. Tagelange Reisen brachten ihn zu ihrer Stadt.
+
+Er fragte ihren Palast. Er klopfte an.
+
+Allein die eiserne Tür bewegte sich nicht. Er sang und rief und trotzte.
+Doch sie blieb ihm verschlossen. In wochenlangen Listen erschöpfte sich
+sein Hirn, aber keine Klugheit brachte ihn näher. Er lernte die Sprache des
+Landes und die Dialekte der Städte. Er wurde schwach und wich vom Pfade der
+Sehnsucht und besaß geringe Frauen, aber sein großes Gefühl erzitterte nur
+sacht unter ihnen und warf sich in weiter Flut von neuem nach der Fürstin.
+
+Als er heißköpfig von Wein eine Nacht mit Edelleuten aus der Bretagne
+würfelte, spotteten sie auf seine Sehnsucht. Im Zweikampf ringend auf
+bretonische Art warf er den einen, der andere aber besiegte ihn. Da spie er
+ihm in das Gesicht vor Wut, daß dieser seine Hoffnung zertrete und auch im
+Gottesurteil über ihm sei.
+
+Er versuchte es zu zwingen, daß er die Fürstin sähe.
+
+Er ritt mit einem großen Hengst klirrend auf die Brüstung vor dem Schloß,
+warf den Arm auf und schrie hinauf nach den Fenstern: »Du Hure.« Doch
+niemand nahm Acht davon. Da schäumte er und schwur bei seinem Gedärm und
+den Wunderzeichen von Compiègne, daß er die Fürstin besitzen werde. Doch
+der sonst menschenvolle Platz war ausgestorben, und kein Fenster öffnete
+sich, keine Strafe kam.
+
+Nun bestach er die Wachen mit Geld von verkauften Reliquien (deren Handel
+er großzügig an Europäer betrieb) und verführte liebend und mit Gesang
+Dienerinnen des Palastes, es war umsonst. Hingenommen von seiner Aufgabe,
+überließ er seine Tapferkeit den Heerführern der Fürstin, streifte durch
+unerhörtes Gebiet, sah Tier, Waffen und Mensch, die er nie erahnte.
+
+Als Belohnung erbat er, die Fürstin zu sehen, deren Ruf er, singend, in die
+Levante hinein erhob. Er bat, befahl und drohte. Es war umsonst.
+
+Da ließ er, geruhiger, vom Trotz und lebte still verehrend in der Nähe des
+Palastes. Bald bekam er von ungefähr, ohne daß er die Hand nun danach
+streckte, eine Stelle in den Anlagen. Monate diente er, indem er Sklaven
+beaufsichtigte. Eines Morgens, als die Aussichtslosigkeit seiner Sehnsucht
+ihn bedrückte, in Verzweiflung und Ungeduld, schlug er eine junge Sklavin,
+daß sie schrie.
+
+Während er schlug, erstarrte sein Arm. Ruhe überkam ihn mit strömender
+Gewalt. Er drehte sich.
+
+Über eine Terrasse schritt eine Frau herunter, ganz in hellen und roten
+Farben. Ihr Gang betäubte ihn. Langsam verlief das Bild nach der Seite des
+Wegs. Er breitete die Arme hoch.
+
+In diesem Augenblick wandte sie sich um. Ihr Gesicht strahlte kurz herüber.
+Der Garten begoß sich mit Licht.
+
+Villon fiel nieder, demütig die Hände gefaltet. Sein Herz neigte sich. Er
+weinte in die Hände über seine Schlechtigkeit. Als er aufsah, machte die
+Fürstin eine leichte Bewegung dahin, wo wolkenloser Himmel stand, und ihr
+Bild erlosch hinter Gebüsch.
+
+Drei Jahre sog Villon Kraft zu stiller Tätigkeit und Leben, das nach der
+Höhe des Herzens zielte, bis eine Pest die ganze Landschaft überzog und die
+Fürstin mitnahm.
+
+Bei ihrer Beisetzung stand er vor dem Sarg. Lange blickend und das ganze
+Bewußtsein auf sie zwingend, kam ihm ihr Gesicht durch den Stein des
+Sarkophags, unter dem sie lag, deutlich entgegen, wuchs durch den Deckel
+und erleuchtete ihn. Aber langsam löste sich das Bild und nahm eine andere
+Form, die er bebend gewahrte, ängstend und die Hände dagegen gekehrt. Denn
+seine Erinnerung sagte ihm, daß sie in dem Teil um das Kinn deutlich aussah
+wie Loba. Doch der Glanz um die Schläfen war von der Herzogin von
+Ventadron.
+
+Da riß er sich weg von den Trauernden, lief hinaus und begriff es nicht.
+Vor dem Haus aber schrie er plötzlich:
+
+»O, warum, mein Gott, gleichen sich die Frauen?«
+
+Tief bestürzt sann er nach, aber _im Grunde blieb nur das Bild der
+Herzogin_. Der Gedanke an sie, gegen die er sich sträubte, ließ ihn nicht.
+Er kam in Trotz und irrte durch die Landschaft. An die Fürstin dachte er
+nicht mehr. Das Gesicht der Herzogin aber stand vor ihm, wenn seine Hände
+in den Haaren geringer Dirnen wühlten. Er floh davor. Und auch es sank
+zurück, wo er sich ganz dagegen wehrte.
+
+Noch war nicht seine Zeit.
+
+So trieb es ihn in das niedere Gedränge zurück, das er in stillem Leben
+verlassen hatte. Das Blut nur gab den Ausschlag seines Daseins. Bald lobte
+er Gott und abends spie er ihn aus.
+
+Irrend kam er nach Genua.
+
+Er schlich an sein Haus. Als er es von anderen Menschen bewohnt sah,
+empfand er Erleichterung. Nach dem Weib, mit dem er Jahre hier lebte, frug
+er nicht. Es kümmerte ihn nicht, mochte sie aus diesem Leben getreten sein
+wie aus seiner Errinnerung. Einiges begann er, aber es mißlang, weil er
+wenig Trieb dazu fühlte. Eines Nachts band er eine Barke ab, die eines
+Wüstlings, den er kannte, Namen trug, und fuhr nach Marseille.
+
+Gereifter im Antlitz, einiges Grau an der Schläfe, betrat er heimatliches
+Land. Nachdem er die Barke gut verkauft hatte, mietete er ein kleines Haus.
+Er beschloß zu bleiben und sah sich um. Bald legte er die große Kleidung
+ab, die er trug. Er griff zu blauen Hosen, dem Wollkleid und roten
+Rindlederschuhen und nahm Gürtel und Mütze. Den Orient kannte er zu gut, um
+ihm nicht über zu sein im Handel. Durch seine kaufmännischen Hände ging
+alle zweideutige Fracht: Speckseiten, Frauen und Gewebe, es gab keinen
+Unterschied. Er begann zu schielen und die Hände zu reiben. Oft machte er
+Bücklinge vor jedermann. Araber scheuten sich vor ihm. Spanische Juden
+nannten ihn den drohenden Finger.
+
+Eines Tages brachte er Spitzen und Steine nach dem Schloß. Er sah Loba,
+doch sie erkannte ihn nicht.
+
+Sie stand mitten in der Halle, breit geworden, kinderlos. Graupelz umsäumte
+kühl ihr Gewand. In dem dunklen aufgewellten Haar hoben sich stolz die
+Büschel der wunderbaren Pfeile des Stachelschweins. Sie herrschte ihn an,
+er solle sich beeilen.
+
+Herantretend bückte er sich tief vor ihr. Während sie wählte, beschaute er
+sie von unten, schielend, diensteifrig. Sie rührte ihn nicht. Er dachte
+vergnügt an ein schmales baskisches Mädchen, das jung war und in
+vorgeschriebenen Zeiten ihn besuchte. Er zwang Loba einen unerhörten Preis
+ab und ging grinsend vor Wonne und Rache.
+
+Im Park murmelte er einmal: »Joi-Novel.«
+
+An den Bettagen, wo Handel untersagt war, kamen Spaniolen, die eilend
+löschen wollten, und schlugen ihm günstige Bedingungen vor zum Kauf. Er
+folgte früh morgens auf das Schiff. Während er Häute musterte auf dem
+Verdeck, begann Geheul im Nachbarboot und griff um sich. Eine Frau rang
+hingekniet neben den Anker die Hände. Matrosen neben ihr sahen neugierig in
+das Wasser. Seinem Blick, der ihren folgte, begegnete der Kopf eines
+kleinen Kindes, der wieder auftauchte aus dem Wasser, -- und sich
+schüttelnd sprang er nach und holte es heraus.
+
+Als er das Kind hochhob mit beiden Armen, schien die Sonne über das weiße
+Gesicht, und plötzlich vergrößerte sich der Kopf und wurde, steigend,
+milder werdend und sich verklärend, das Gesicht der Herzogin.
+
+Die Mutter wand sich vor ihm, doch er sah es nicht.
+
+Sofort begab er sich auf die Flucht. Streifend lebte er im Bezirk
+Carcassonne, wanderte durch albigensisches Gebiet. Einen Winter war er auf
+Schloß Gaillac, und fütterte den Sommer Rehe und Eichhörner auf Schloß
+Fanjau.
+
+Als Bote eines provenzalischen Dichters zog er mit goldenen Ringen, mit
+weißen und schwarzen Bändern nach Norden. Es hielt ihn kein Ort. Die Unrast
+stieg. Manchmal bei kleinen Menschen mit tierischen Gebärden zog ihn die
+Sehnsucht unter Schreien weg nach Höherem. Aus den Sälen der Schlösser
+zwang ihn dumpfer Drang in die Niederkeit.
+
+Unter gefälschtem Namen kam er zu dem Herzog von Burgund. Er trug den Titel
+eines tripolitanischen Adels. Er sprach die Mundart des Genuesischen,
+Neapels und des Orients. Sein Gesang umfaßte alle französischen Zungen.
+Geruch maßloser Unternehmung umgab ihn. So auffallend, erreichte er bald
+die Nähe des Herzogs. Er zog eine eiserne Linie von Feinden hinter sich
+her, indem er so rasch die Ringe um den Herzog sprengte. Doch dieser
+überhäufte ihn mit Nachsicht und Gnade.
+
+Er wurde unentbehrlich für Feste und Beratung. Aus Alexandria ließ er
+Kunststicker kommen, die den burgundischen Hof im Schmuck an die erste
+Stelle brachten. Er verschaffte ihm Affen für die Boudoirs seiner Damen.
+Für die Portalkäfige des Schlosses besorgte er tanzende Bären. Die Zwinger
+füllte er mit Löwen, denen der Herzog bei guter Laune unter den rostroten
+Abenden der flamischen Landschaft Stiere zum Zerreißen vorwerfen ließ.
+
+Er beschenkte Villon mit dem Goldenen Vlies.
+
+Wenn er trunken war, überschüttete er Villon mit Wein und schlug ihn,
+Villon, der dann zitterte, der sonst glänzend an der Spitze seiner
+Kavalkaden ritt.
+
+Je mehr aber sein Leben im Äußeren aufstieg, um so größere Sehnsucht trieb
+ihn weiter. Gefühl nach Ruhe war langsam in ihn gekommen, wo sein Haar
+mählich über dem herrlichen Kopf erblich. Doch die Unrast, die ihn trieb,
+war, wie wenn er einem blinden Stern gehorche, der ihn magisch zu sich
+führte aus einer unbekannten Dunkelheit her.
+
+Geringer wurden seine Nächte. Der Schlaf schrumpfte. Es zog und zwang.
+
+Da gab er nach und ritt auch aus dieser Stadt. Er wußte nicht wohin.
+
+So kam er nach Paris.
+
+Er ritt hinein. Sein Kopf erdröhnte. Das war die Stadt Villons, die Gärten
+der Jugend, Gassen und Tavernen. Er faßte nichts und ritt.
+
+Sein Pferd hielt an. Wie einen Schlafwandelnden riß es ihn aus der
+Betäubung. Er sah durch Nebel und Erinnerung.
+
+Sein Tier hielt vor dem Schloß der Herzogin. Doch sie kam nicht das Gitter
+heruntergeschritten mit den vergoldeten Staketen. Keine Handbewegung
+erfüllte den mittäglichen Garten. Er wartete und kehrte um.
+
+Fliegenden Mundes durchstürmte er die Keller, die Kneipen der Stadt. Er gab
+ein Schauspiel für viele in den Tagen dieser Suche und Fahrt. Er trug den
+Orden des Goldenen Vlieses durch die Spelunken verkommener Akteure und
+Mörder. Gier, Altes, Bekanntes zu sehen und zu befragen, trieb ihn rastlos.
+Doch er traf keine Seele, keinen Kopf, von dem er wußte. Vertraut und
+dennoch durch die fehlenden Menschen unsäglich entrückt, kamen ihm Bänke,
+Schilder, Räume ins Gesicht. Die Kirche Notre Dame jagte er vor Angst
+vergehend hinaus.
+
+Der Herzog von Ventadron war lange tot. Niemand wußte um seine Frau.
+
+Ihr Lächeln aber stand wie ein Mond, milder und heller werdend, über ihm.
+In einer Nacht hielt er sich nicht mehr, erhob sich, schlich den Weg durch
+den Garten zur Rückseite des Schlosses, erbrach es und durchwanderte es die
+ganze Nacht. Gegen Morgen quoll ein Zorn in ihm auf, daß er den Degen nahm
+und, vor Wut schreiend, das Zimmer zerhieb, in dem sie geschlafen haben
+mußte.
+
+Dann sank er um, und als er erwachte, war nur eine große Müdigkeit in ihm
+und Sehnsucht nach Stille. Viele Tage blieb er im Bett seines Gasthofs,
+dachte, schlief und besah die Bäume im Garten, hinter denen blauer Himmel
+und Sternentfaltung sich vollzog. Er stand dann auf und ließ Bettler kommen
+und Insassen der Kneipen und schenkte ihnen seine Kleider. Sein Gold nähte
+er in den Mantel. Nur das Metall behielt er des Goldenen Vlieses unter
+grauer Wandrerkleidung auf der Brust. Er vergaß seine Schuld zu zahlen,
+müden Auges, fast ruhig im Innern, zog er wieder in die Welt.
+
+Nach wenigen Tagen kam er an ein Kloster, das in fruchtbarer Ebene lag.
+Soweit, daß die Sonne die Kuppeln morgens mit Glanz enthüllte, schwebte der
+weiße Bau eines anderen Klosters gegenüber vor dem Horizont. Die Luft war
+klar und mild, es roch nach Blumen und Stille.
+
+Da hielt Villon den wandernden Fuß an und beschloß sein Leben hier dem Ende
+zuzuführen. Dicht am Kloster war ein Konvent für Menschen der Welt, die,
+der Einsamkeit anheimgegeben, Gott suchten, die Gebräuche der Mönche
+teilend, ohne Klerks zu sein. Ihnen, die aus großer Welt kamen, schloß sich
+Villon an, denn der Geruch der Mönche und Tonsuren stach ihn fuchsend in
+die Nase und das Die-Ruhe-Wollende seiner Seele überstieg noch nicht seinen
+Instinkt.
+
+Er half dem Pförtner, den die Gicht angeschwellt hatte und der, mit
+vernichteten Gelenken, nur die Augen bewegte und vier Finger der linken
+Hand.
+
+Seine Liebe war jedoch der Garten. Wenn er morgens erwachte, sah er über
+die Beete und die Ebene hinüber zum anderen Kloster, das sich aus dem Nebel
+schälte. Dann erhob er sich und begoß im Schatten, eh die Sonne Brand
+herunterwarf. Mit Messer und Schere zähmte er den schmalen Weinberg, umgrub
+die Wurzeln und schleppte schweißiger Stirne schwere Wasserkannen den Hügel
+hinan. Ihm unterstand die Hühnerzucht, und er mästete die Tiere, Körner vor
+sie streuend, und sandte manches fette Huhn als Geschenk ins andere
+Kloster. Oft half er den Käse bereiten. Manchmal fing er Fischottern und
+briet sie, und eines Morgens stand ein zarter Amarellenbaum im Garten, von
+dem niemand wußte, woher er kam.
+
+In den freien Stunden des Mittags ging er ruhig durch den Hof und mit
+langen gemessenen Schritten hin zwischen den Beeten. Er sah Eidechsen die
+braunen Köpfe auf den weißglühenden Steinen sonnen, und hin und wieder saß
+eine Kröte unter dem Holunder.
+
+Letzte Stille schien über sein Leben gekommen.
+
+Da schlugen Zigeuner ein Lager auf, nahe dem Konvent. In der Nacht sahen
+die Kleriker Villon berauscht in zuckenden Sprüngen im Feuerschein. Später
+durchtobte er das Haus, zerschlug die Scheiben und füllte die Kirche mit
+satanischen Rufen. Altardecken beschmutzte er, als er die Weinfülle wieder
+ausspie.
+
+Sie waren erstaunt so sehr, daß sie Mitleid mit ihm empfanden.
+
+Der Abt sprach ihn ohne Buße frei.
+
+Villon grübelte tagelang, dann ging er in die Zelle des Abts: »Ich stahl
+den Amarellenbaum nachts im Nachbarkonvent,« sagte er und wies hinüber nach
+den weißen Mauern.
+
+Der Abt befahl ruhig, den Baum hinüberzutragen.
+
+Da brüllte Villon: »Strafe mich!« und trommelte die Fäuste auf die Brust.
+Der Abt verneinte lächelnd.
+
+»Warum?«
+
+»Du hast den guten Willen,« sagte der alte Mann kühl.
+
+Villon aber stand noch eine Weile, ehe er die Zelle verließ, die
+Augenbrauen gegen die Schläfen hinaufgezogen, und starrte vor sich hin.
+
+Als er am Mittag, den zagen Baum in der rechten Hand vor sich haltend, zum
+Frauenkloster ging, sah er durch die geöffnete Tür die Priorin den Hof
+durchqueren.
+
+Da brach sein Herz, daß er aufschrie und Seligkeit ihn so erhob, daß er
+begann, das Haar aus seinen Schläfen zu reißen und schrie.
+
+Aber sie wandte ihm nur das Gesicht zu. Es war jung und strahlte groß. Ihre
+Haare waren weiß. Es war die Herzogin.
+
+Sie staunte nicht. Sie lächelte nur und winkte einer Dienerin, die den Baum
+von ihm nahm.
+
+Doch da schrie er schon nicht mehr, sondern kniete verzückt und wagte nicht
+aufzusehen. Lang blieb er so vor längst verschlossenem Tor.
+
+Mit der Dämmerung erhob er sich und singend: Regina celi laetare alleluja
+-- schritt er, die Arme ausgebreitet, nach seinem Haus. Dort schloß er sich
+ein und sang Tag und Nacht. Erleuchtung schien über ihm zu sein. Aber nach
+einiger Zeit kam er heraus, älter in der Haltung, aber froher, durchlebter
+von Geist, und wandte sich seiner Tätigkeit zu wie seither.
+
+Er floh nicht.
+
+Nichts änderte er an sich. Wochenlang sah er kaum nach dem anderen Kloster.
+Er sprach weniger zu seinen Genossen. Mittags einmal, als sie speisten,
+erschien ein großer Edelmann des burgundischen Hofs und ließ Hörner blasen.
+Der Abt erschien. Er aber wollte nur zu Villon, dem er die Bitte brachte,
+zurückzukehren. »Weiber und Löwen brüllen nach dir,« schrie er hinauf nach
+Villons Fenster, der ihn in dieser Haltung empfing. Doch Villon sagte: »Gib
+ihnen Fressen« und machte eine Bewegung, eh er zurücktrat, lächelnd mit der
+Hand.
+
+Nachts nach Wochen brach er einmal auf, er widerstand nicht mehr. Wie ein
+Dachs umschlich er das andere Kloster. Seine geschärften Augen nahmen die
+Steigung jeder Treppe, die Bewegung jedes Lichts auf. Er wußte bald um das
+Zimmer der Priorin.
+
+Dann zog er sich wieder lange in sein Zimmer zurück. Seine einzige
+Genossenschaft waren zwei Tauben, gefleckt wie Falken mit langen Schweifen.
+Sie trennten sich nie mehr von ihm. Ging er in hellen Nächten über Land,
+saßen sie auf seinen Schultern, und sie umtanzten ihn im Garten, wenn er
+grub.
+
+Eines Tages aber beendete er diese Art mit ihnen zu sein. Er zwang ihnen
+seinen Willen auf, daß sie aufstoben, sich in die strahlende Höhe warfen
+und verschwanden. Sie wußten ihr Ziel.
+
+Jeden Monat einmal schob er Papier in ihre Federn, auf dem Verse standen.
+Doch schämte er sich dann ein jedesmal. Einmal aber hielt seine erstarrende
+Hand, die die Heimkehrenden aufnahm, beim Einfangen eine Blume fest.
+
+Da nahm er das Höchste, was ihm blieb vom Leben, er trennte sich davon. Er
+löste von seiner Brust die Schnalle des Goldenen Vlieses und band es der
+Taube um. Heimkehrend die gleiche Nacht trug das Tier, flatternd vor
+eisiger Kälte, einen Ring aus Haaren geflochten, über die Flügelenden
+gestreift.
+
+Aber die weiße Farbe der Haare schlug ihn nieder, daß er nie mehr wagte,
+Dinge hinüberzusenden. Und was gab es noch, das die Unendlichkeit dieses
+Gefühls überträfe.
+
+Nach einem Jahr gab ihm der Abt Auftrag, hinüberzugehn und mit der Priorin
+zu verhandeln um eine Orgel. »Es ist dein Fach,« sagte er und wandte sich
+zu den Papieren um. Villon weigerte sich. Er schüttelte den Kopf.
+
+»Ich will nicht.«
+
+Da drehte sich der Abt zurück und sagte klar: »Du sollst.«
+
+Als der Klang dieser Worte sich erhob, scholl eine Stärke darin, die
+dröhnte, daß Villon nachgebend sich beugte und ging.
+
+Am Gitter traf er die Priorin. Gesenkten Blickes richtete er den Befehl aus
+und sagte ihn her ohne Stocken. Sie antwortete nicht. Sie hielt mit einer
+Hand sich in der Höhe der Achsel am Gitter und sah ihn an. Er lehnte auf
+der anderen Seite gegen das Eisen. Dann hob er den Blick und traf ihr Auge.
+
+Als dies eintrat, verwirrte sich sein Mund. Dunkel bog sich um seine Stirn
+und klammerte sie zu. Er wollte danken, daß sie Güte über sein Leben getan,
+aber ihm schienen unbegreiflich seine Lippen zu beben vor Flüchen. Doch aus
+der Seligkeit, die ihn erschütterte und hinstieß, daß das Eisen knirschte
+unter seiner Schulter, hob sich durch die Verwirrung der Gefühle ein
+Augenblick der Jugend. Und er sagte:
+
+»Als Kind, wie ich Psalter sang . . .«
+
+Sie wartete noch eine Weile, freundlich lächelnd. Sein Mund jedoch trug den
+Fluß der Gefühle, der riefenhaft anschwoll, nicht mehr. Er stammelte in die
+Luft.
+
+Fern sah er sie noch einmal durch den Hof gehn. Sie wandte am Tor das
+Gesicht und wies leicht, ohne den Arm zu rühren, mit dem Finger nach oben.
+
+Er wußte, daß er sie nie mehr sehen werde. Es war das Letzte.
+
+Die Tauben allein flogen noch, bis ihr, als sie betete, ein schwerer Stein
+aus dem Gebälk im späten Sommer den Nacken zerschlug. Zehn Nonnen, steif in
+weißen Leinen, trugen ihren Sarg in die große Kirche des Männerklosters.
+Als die Prozession vorbeiging, losch der Himmel aus. Dunkelheit schoß an
+den Rändern des Horizonts herunter, band sich zäh an die Erde und trieb
+Nacht und Wolke vor sich, die brüllend heranwälzten.
+
+Dann schloß die Kirchentür. Villon erhob an seinem Fenster den Kopf und sah
+die Sonne in einem Strahlenkranz, dessen Zacken alles berührten. Es wurde
+Abend!
+
+Er ging hinein ins Land. Je tiefer er aber vorausschritt, um so leichter
+trugen ihn die Füße, und die Stoppelfelder legten sich wie Seidenwalzen vor
+ihn. Wälder wogten unten über dem Fluß in das Dunkel der blauen Dämmerung.
+Er dachte an Joi-Novel, denn ungezählte Mäuse überkrochen die Erde.
+
+Aus einer Hütte, um die Bohnen hoch schossen, trat ein Mädchen mit einer
+Hacke. Sein Blick fiel auf ihre Hüfte, die sich leicht wölbte. Der
+Bückenden bogen die Brüste sich aus dem Tuch und die Beine standen rund und
+straff vom Rock gehalten. Er sah in die Dämmerung weg, die den Wald schon
+einsog und rotbraun wurde, dann fiel sein Blick zurück. Wieder wandte er
+den Kopf. Aber in der Sanftheit eines ungewohnten Jahres war sein Blut
+angeschwollen und warf sich bäumend auf.
+
+Doch er zwang sich und bebend sprach er sich vor: »Der Tod der Herzogin
+. . . der Tod der Herzogin . . .« Allein die Worte waren ohne Klang. Sein
+Schmerz war vor ihm selbst zugezogen und sprang durch Reizung selbst nicht
+auf. Er preßte noch einmal sein ganzes Bewußtsein wie einen Stempel auf,
+daran zu denken, daß sie in der Kirche liege, die Prozession, der
+Weihrauch, der schreiende Tod.
+
+Aber es war nicht stark genug.
+
+Seine Hände ergriffen das Mädchen, und sein Blut sprang an das ihre wie an
+das keiner Frau.
+
+In der Nacht kehrte er zurück, die Sterne anflehend, ihn zu erschlagen. Er
+ging in den Zwinger und löste die Hunde, die auf Wölfe geschult waren. Sie
+rissen die blutigen Lefzen auf. Aber keiner sprang zu, so sehr er die
+Gurgel wies.
+
+Da schien es ihm, sein Herz selbst müsse springen und aufplatzen vor
+Traurigkeit und Verzweiflung. Er nahm ein härenes Hemd, band einen Strick
+um das Genick und legte sich auf den mit Asche bestreuten Boden und wartete
+so auf den Tod.
+
+Um die dritte Nachtstunde, da er noch lebte, erhob er sich, mehr
+verzweifelt, und schlich an die Kirche. Dort horchte er. Dann ließ er die
+Befangenheit und stieß, sich aufrichtend, die dumpfe Tür mit dem Fuß auf
+und trat ein. Der offene Sarg stand zwischen wächsernen Kerzen. Ein fremder
+Mönch hielt die Vigilie. Er sah auf und wies ihn mit der Hand streng
+hinaus.
+
+Villon hielt ihm das Messer vor den Bauch.
+
+Da zerfloß das hagere Gesicht des Mönchs in Mitleid: »Du mußt elend sein,«
+sagte er.
+
+Aber Villon, außer sich, achtete nicht auf ihn, sondern warf sich
+aufheulend wie ein Hund quer über das Fußende des Sarges und blieb so.
+
+Jede Viertelstunde sang der Mönch einen Psalm und scheuchte ihn nicht.
+Plötzlich sah Villon auf und, vom Anblick der Toten geschüttelt, schrie er:
+»Schreier, mach das Maul zu! Schweig. Gib mir eine Antwort: kann es sein,
+diese Frau zu lieben und am Abend ihres Todes eine Dirne zu umarmen? Kann
+es sein?« Er drohte mit der Stimme und stieß mit den Fußspitzen haltlos auf
+den Boden.
+
+»Du hast die Inbrunst,« sagte der Mönch.
+
+»Sie hilft nicht durch,« schrie Villon im letzten Zorn sich
+entgegenstemmend: »Ich habe die tripolitanische Heilige verehrt und nannte
+sie mit gleichem stinkendem Atem Hure. Die Güte der Herzogin schien mich
+an, aber ich stahl und tötete.«
+
+»Ereifere dich nicht. Ich kenne dein Leben,« sagte der Mönch.
+
+Er war die Pfeiler hinabgeschritten, Lichter löschend, und wie er sich
+unten umwandte, schien seine Gestalt mit dem Plafond verschwommen, seine
+Kutte schwebte in einer dunkelen Glocke um ihn und verwuchs den steinernen
+Rippen der Kirche, und vor den Augenhöhlen seines riesigen Kopfes wogten
+die Schatten des Weihrauchs. Wie er jedoch, im Chor stehend, nun die Stimme
+erhob, war seine Gestalt wieder klein und gewöhnlich, doch die Rede, die er
+begann, wurde vor seinem Munde so furchtbar, daß in der ertosenden Kirche
+sich die Echos blendend zerschlugen.
+
+Es hieß aber, was er sagte: »Fast hast du Gott erreicht.«
+
+Aber Villon antwortete darauf ganz ruhig: »Du hast recht, aber ich will
+nicht mehr. Ich erreiche sie nicht, die kleine Spanne, die fehlt. Gott
+erkämpfen, gelingt mir nicht. Du weißt es, wenn du mich kennst. Gott soll
+zu mir kommen, denn er kann über mein Blut, aber ich kann es nicht. Gott
+soll sich entwickeln in mir, bis er reif ist. Ich will ihn nicht stören und
+verhindern, nicht in der Andacht, nicht im Gemeinen. Die Dinge sollen
+laufen. Ich schalte mich aus meinem Blut.
+
+Gott soll mich suchen. Ich suche ihn nicht mehr. Ich warte.«
+
+Und auch der große Ruf des Engels im Traum, der ihn, dem Lichten zu, sich
+gleiten zu lassen befahl, schien ihm, über das Blut und seine Gesetze
+hinaus, in diesem Sinne beschlossen zu sein.
+
+Aufstehend legte er die Arme der Herzogin im Kreuz über die Brust. Dann
+nahm er Öl und Chrisma und salbte seinen Scheitel wie einem Neugeborenen.
+
+Langsam ging er aus der Kirche, nach Ruhe gierig, und sonst nichts.
+
+Diesen Ort verließ er. Hier lebte es sich nicht länger.
+
+Er ging durch den frühen Morgen, der noch dunkelte, hinab zum Fluß.
+
+Einmal noch wandte er sich, und wie er den Arm steil gehoben gegen Paris,
+so hob er ihn rückwärts gegen sein ganzes Leben, weniger in Drohung und
+Trotz, aber voll Ablehnung. Es hatte ihn zu keinem großen Abschluß geführt,
+darum galt es ihm nicht, so voll und reich es auch war.
+
+Allein schon wurde ihm dies unwesentlich, da er nach Kampf nicht lüstern
+mehr war.
+
+Er schob den Blick nach vorn.
+
+Sich auf das harte Holz der Kahnbank pressend, stieß er die Ruder in das
+Wasser und fuhr -- -- -- damit das Leben sich weiterhin über ihn stürze,
+solange der Rest Tage ihm noch blieb . . .; daß ein Bauer ihn, buhlend,
+hinter einem Zaun mit der Gabel ersteche, oder Gott ihn im feurigen Wagen
+wie Elias in den brennenden Himmel reiße. Denn dies alles, was sich noch
+vor den endlichen Abschluß schob, war ihm gleich und ihm lag nichts am
+Ziel. Es war kein Wollen in ihm. Nur Sehnsucht nach Klarheit und kleine
+Neugier auf das Ende.
+
+
+
+
+Der Bezwinger
+
+
+Im Jahre des Tigers geschah Timurs Geburt, im Monat Schual, geronnenes Blut
+fest in der Faust. Vierzehnjährig ließen sie ihn aus der Jurte auf seine
+erste Jagd. Er tötete dreißig Hirsche in hüfthohem Schnee. Sein Oheim
+Hadschi berlas salbte ihm den Daumen und schenkte ihm ein Weib. Im Garten
+am Fluß spielte er mit ihm den Abend. In der Nacht tötete er sie und fraß
+sie an, schwamm durch den Fluß, machte einen Stamm Pferde los und ritt
+einen Wirbel durch die Landschaft Kesch.
+
+Hadschi berlas wies ihm ein Frauenhaus zu. Allein von diesem Tage ab
+verließ er sein Zelt nicht mehr. Breit wie eine Kröte hockte er
+zusammengezogen und sah schräg nach den Falten des Tuchs. Nie besah er das
+Haus, aus dessen Innern sie ihm Harfen entgegenschlugen. Sein Auge wuchs
+sich zu mit einem Nebel, daß die Pupille verschwand. Hadschi berlas setzte
+Spione um sein Zelt, die ihn lockten. Sie sprachen von der Güte dieses
+Oheims. Sie lobten seine Stärke, seine Schenkel und grinsten über die Kraft
+seiner Lenden. Stets beobachteten sie seine Miene. In Monaten vermochten
+sie keine Änderung des Gesichts zu melden, das größer nur und
+undurchsichtiger sich zusammenschloß.
+
+Beim Fest des Tages Gleiche mit der Nacht äffte der Narr im Hause Hadschi
+berlas einen Emir, der Rücksicht vergaß und, die Hand im Gürtel, aufsprang.
+Der fliehende Narr warf, über den Tisch springend, die Lichter um. Der
+Dolch des Emirs ritzte einem Wächter die Hand. Ein Rustemdare schrie,
+Hadschi berlas blute, in tobender Verwirrung knallten die Türen zu, die
+Posten deckten außen die Türen, den Mörder abzufassen. Als der Narr, blind
+die Augen vor Angst, durch einen Teppichschlitz hinaussprang, hieb ihm der
+Wächter den Dolch in die Seite, und er verschied. In der Dunkelheit schrie
+ein Emir, erkennend, daß Hadschi berlas nicht der zuerst Blutende sei, und
+ihn nicht findend, er sei der Tote.
+
+Das Geschrei lief bis an Timurs Zelt, doch gab es seinem Gesicht keine
+Veränderung.
+
+Später sagten ihm die erbleichten Spione, nicht Hadschi berlas trage den
+Dolch in der Seite, denn sie fanden ihn, Schweiß auf der Stirn, in eine
+seidene Tapete gewickelt, in der Ecke des Saals.
+
+Als dies Timur hörte, gab es eine Welle Blut in seine Schläfe.
+
+Wenige Nächte darauf tastete er mit zwei Katzensprüngen über die Lauernden
+vor seinem Zelt, lief zum Palast seines Oheims und trat mit einer ruhigen
+Bewegung zu dem Türhüter. Er sprach mit ihm lange plaudernd und ging
+schlendernd wieder. Kaum aber war er aus der Füllung des Tors getreten,
+trug ein schnellender Satz ihn zurück, an der Wohnung des Pförtners vorbei,
+die Stufen nach oben. Durch stiere Gänge, die er nicht kannte, irrte er,
+bis er eine Lampe sah.
+
+Hadschi berlas lag nackt auf seinem Lager, schlafend, die Hand auf dem
+Nacken der Frau, die er für diese Nacht gewählt. In der Ecke stand eine
+Lanze. Timur hielt die Spitze in die Lampe, bis sie knisterte, dann stieß
+er sie der Frau durch die Brust. Seine rechte Hand schlug einen Säbel in
+den Hals des Oheims, die linke riß den Kopf weg, und, den der Frau
+dazunehmend, erstieg er einen Turm, ließ die eisernen Rasseln sich
+knirschend drehen und stellte sich auf die Galerie.
+
+Die weiße Nacht ging gegen das Ende. Er schwang die Köpfe im Kreis und rief
+sich zum Chan aus. Seine Stimme klang zum erstenmal rollend über die
+Dächer. Aus den Hälsen fiel klatschend Blut auf die Straßen.
+
+Der Astronom Guines trat auf das Minarett der Moschee und rief über die
+Stadt ihm zu: »Bewahre die große fernhin schmetternde Trompete.«
+
+Am Mittag zogen die Emire in die Ebene. Sie warfen die Mützen in die Luft,
+schwangen die Gürtel über den Rücken. Sie warfen sich auf den Bauch, die
+Sonne anzubeten, und huldigten durch neunmalige Kniebeugung dem neuen Chan.
+Ein Prinz reichte ihm kniend den Becher mit Stutenmilch, er gab ihm, den
+Kopf wenig lüftend, als Gegengabe das Todesurteil.
+
+Dann ließ er, damit sich Hadschi berlas nur mit einer Frau, den Thron mit
+der Gruft wechselnd, nicht allzu langweile, sechzehn seiner
+Beischläferinnen schlachten und befahl den Zug nach Samarkand. Den Emir
+dieser Landschaft zerhieben sie, und da sie ihm gefiel, baute er sich ein
+Haus hinein neben die Stadt, umgab es mit zungenlosen Wärtern und pflanzte
+die Fahne der Macht vor die Tür.
+
+Er stieß sie selbst, neungipflig mit weißen und schwarzen Schweifen, in den
+Boden, wandte sich langsam um und ging in das Haus.
+
+Zehn Jahre lang sah ihn kein Tatare wieder.
+
+Von diesem Orte ging nun Gewalt aus, die sie alle traf. Jeden Tag erhoben
+sich aus der Ferne Reiter, rannten bis an den Gürtel der Wachen, saßen ab,
+erhielten Befehle und kreuzten, abreitend, Kommende, die Nachrichten
+brachten. Ein Graben, tief einen halben Fuß, umlief das Haus, sonst nichts.
+
+In Jahren beugte er alle, niemand wagte ihn zu überschreiten.
+
+Einmal, während die Massen im Kriegszug lagen, schlichen, unabgewehrt, zwei
+Horden in das Haus. Sie fanden es ohne Gerät, ohne Lager, wie seit Jahren
+unbewohnt. Echos schallten ihnen entgegen, ihre flüsternden Stimmen brachen
+sich dreifach an den tauben Wänden. Ihre schrägen Blicke flimmerten. Da
+brach die Furcht irr in ihre Augäpfel. Sie sprangen auf die Rücken der
+Pferde, verwirrt in ihrem Hirn, und hingen ihre Leiber in einem nahen Wald
+an die Äste.
+
+Einmal brach ein tatarisches Heer aus den Steppen. Reiter im Halbmond den
+Kopf geschoren, mit großen Schenkeln, die Achseln spitz gereckt, ritten um
+Samarkand, fielen in die Ebene und wälzten sich durch die Städte. Sie
+schwammen durch die Ströme und standen nach zwei Jahren auf den Graten des
+Gebirges. Abgleitend verloren sie viele Pferde, doch im Anblick persischer
+Ebenen schloß eine Felsmauer das Tal ihnen zu. In Vorhuten, tagelang,
+schwärmten sie aus, sie fanden keinen Ausgang. Die Bergseite dampfte von
+den Lagerfeuern. Da stob den Wartenden ein Bote an, setzte den Feldherrn ab
+und gab die Zügel des Befehls einem kleinen Gruppenführer, den keiner
+achtete. _Er hinkte und bewegte die linke Hand nicht._ Er ließ mit siebzig
+aufgestellten Blasebälgen den Felsen wochenlang erhitzen. Dann warf er
+einen abgeleiteten Fluß dagegen, daß der Basalt zerknallte. Das Heer trabte
+in die Ebene. Sie schlugen die Perser in zwei Treffen und, abtretend, gab
+der Feldherr sein Amt ab, zurückberufen, an Yakou, dem die Augen bis an die
+Mitte der Schläfen saßen, und der Schiraz in einer Nacht in den Himmel
+feuerte.
+
+Ein anderes tatarisches Heer, stummem Winke folgend, stieg aus den Steppen,
+zog um Samarkand, überritt die Wüste und das stachlige Tiefland. Die Reiter
+trabten wochenlang, Weiber auf den Sätteln, Kamele hinter sich mit Kindern
+und Proviant. Eine Wolke von Schweiß brach vor ihnen her, und die Geten
+zündeten ihre Dörfer an und verließen sie und schrien nachts aus den
+Wüsten. Die runden Säbel glühten in der Sonne. In einem Halbkreis rannte
+das Heer über die Steppe. Sie banden die feindlichen Männer mit den Köpfen
+in die Kniehöhle und warfen sie in die Sonne.
+
+Sie hatten ihre Weiber auf den Sätteln und verließen die Pferde nicht. Sie
+machten große Feuer und trabten darüber in den Horizont. Reitende Boten
+täglich zogen eine Schnur zwischen ihnen und dem Haus in Samarkand.
+
+Aus den Schneesteppen brachen tatarische Heere. Die Pferde stampften in die
+Jurten vor Kurdistan. Sie brieten einen Emir überm Lagerfeuer und ließen
+seine Söhne daran speisen. Zwei Tage nach einer Schlappe des Führers
+wechselte der Oberbefehl. Zurückkehrend nach Samarkand verschwand dieser.
+Axalla führte die Geschwader. Sie warfen sich über die Landschaft und
+trieben Pferde zusammen und das Vieh. Ein mongolischer Fürst wehrte Axalla
+mit Gebeten. Stolz trat er redend vor ihn und erfragte den Sinn der
+Überfälle. Axalla sagte: »Gibt es anderes für mich als zu folgen? Dein
+Aussehen ist besser als deine Frage,« und ließ ihn hinausführen.
+
+Als Axalla nach Georgien aufbrach, betrat ein Unterführer sein Zelt.
+
+Axalla speiste auf dem Boden kniend und sah unwillig schief nach der Tür.
+
+Der Unterbefehlshaber hob rasch das gesenkte Gesicht und warf den Mund
+brausend auf: »Teile das Heer.«
+
+Axalla stand auf, lehnte sich gegen den Pfosten, Spott um den Mund:
+
+»Wer bist du?«
+
+»Genug, dich zurechtzuweisen.«
+
+Da stand Axalla, gegen diesen Stolz gerichtet, zurückgeworfen den Kopf, vor
+dem Unterführer, _aber da war dieser aus den Schultern heraussteigend mehr
+als zwei Köpfe größer als er._
+
+Er öffnete wieder den Mund: »Teile das Heer zwischen Georgien und Kars.«
+
+Da schlug Axalla schäumend auf die Trommel, Wachen führten den Mann,
+gebunden die Armgelenke, hinaus. Axalla kniete nieder und aß weiter.
+
+Am Abend öffnete sich das Zelttuch unter einer drängenden Schulter. Der
+Unterführer stand in der Mitte des Zeltes bewaffnet und frei.
+
+Axalla fuhr an den Dolch.
+
+Aber der Eingetretene sagte: »Bekümmere dich nicht. Ich könnte dich
+zwingen, denn deine Macht geht nicht über mich,« und er wies, die Zähne
+fauchend, die gelösten Arme. »Aber ich will deine Klugheit sehen. Darum
+rate ich nur. Teile die Geschwader.«
+
+»Wer bist du?«, rief Axalla wieder, aber unter dem Ruf schlug das Zelttuch
+schon zusammen.
+
+Am Morgen schied Axalla das Heer.
+
+Die Geschwader gegen Kars trafen den Mittag einer Gruppe in den Rücken, die
+die Truppen Axallas in einen Schraubengang locken sollten. Sie hielten sie
+zusammen.
+
+Axalla sah den Unterführer nie wieder. Die zwei Säulen der Geschwader
+lockerten sich. Georgien wurde überrannt. In einem Halbkreis stießen die
+Tataren schweigend aus den Steppen. Ihre runden Schwerter blitzten in der
+Sonne. In Kars rissen sie die Rosenstöcke aus und setzten die Männer auf
+die Stäbe. Über Georgien wälzten sie eine Flamme, die die Städte erstickte
+und die Reisfelder fraß. Die Erde zitterte unter dem Schlag immer trabender
+Hufe.
+
+Sie ritten, eine lange glänzende Masse, durch die Engpässe am Rand des
+Gebirgs. Dann stoben sie in die Steppen und schwirrten auseinander. Sie
+sägten einen Sherif in der Mitte durch. Ein Mann brach das Tor einer Burg
+nachts auf mit den Zähnen. Sie schlachteten eine Nacht. Sie hatten die
+Weiber auf den Sätteln und verließen die Pferde nicht.
+
+Ein einziger Wink holte sie alle zurück.
+
+Im zehnten Jahre rollten alle tatarischen Heere im Halbkreis aus den vier
+Winden gegen Samarkand zurück. Die Stadt schaukelte, wie sie nacheinander
+antrabten. Ein Schneesturm überfiel das Heer Axallas zwei Tage vor der
+Stadt, sie kamen in einem langen Brausen, der Schnee vor ihnen schmolz auf
+Stunden.
+
+Sie lagerten in einem Bogen in der Ebene.
+
+In der Mitte bauten sie einen Thron auf. Dann warteten sie, die Augen
+tausendfach gegen das Haus schleudernd.
+
+Aus einem kleinen Vortrupp der Aufgestellten löste sich da ein einfacher
+Tatar, ritt an den Thron und stieg fest hinauf.
+
+_Er hinkte und konnte die linke Hand nicht gebrauchen, zwei Köpfe höher als
+alle._
+
+Da erkannten ihn alle plötzlich. Sie schrien: »Timur Chan« und warfen sich
+auf den Bauch brüllend vor Wonne. Er stand auf und stieß den Finger nach
+diesem und jenem: »Dich kenne ich . . . dich kenne ich.«
+
+Axalla verkroch sich unter den Bauch eines gefallenen Pferdes vor Scham,
+aber er ließ ihn herausziehen und ihm zwei Ringe schenken.
+
+So ward er sichtbar, unbewegten Gesichts.
+
+Er trug den Kopf barhaupt, lange Haare.
+
+Nach der Jagd, in dem Haus gelagert, sagte Yakou einmal an den Fingern die
+Gebiete her, die sie in den Jahren unterwarfen, es machte ihm Mühe, die
+Hände reichten nicht aus.
+
+Timur sagte: »Was ist es . . .« und zog mit Stutenmilch einen kleinen Kreis
+auf den Tisch.
+
+Dann nahm er Yakou mit in das Nebengemach. Sie blieben den Abend bis zur
+Nacht. Später rief Yakou heraus, daß sie Guines hereinführten; er erschien,
+aus dem Schlaf gerissen, mit verklebten Augen und halb angekleidet und warf
+sich auf die Knie, aber Timur winkte nur nach oben und grüßte ihn. Guines
+schrieb die ganze Nacht. Yakou bewunderte es kauernd daneben und fraß die
+Nägel seiner Hand.
+
+Timur änderte das Heer, vertauschte, warf weg und ernannte. In der Nacht
+noch schlugen sie Pflöcke ein. Tausend Unterführer wurden in die Sonne
+hinein gepflockt. Der Fürst von Tanais erhielt eigene Korps, einfache
+Tataren rückten an den ersten Platz. Die Reiter erhielten Kumis und waren
+berauscht am Abend vom Anfang der Stadtgärten bis wo das Auge das Ende der
+Ebene faßte.
+
+Feuer umbrannten den ganzen Nachthimmel.
+
+Timur hielt Abrechnung über zehn Jahre. Schuldige wie von Blitzen gefaßt
+entleibten sich selbst. Ihm war nichts unbekannt, der ihre Lager geteilt
+hatte. Kam er nahe an unbesichtigte Geschwader, wälzten sich einzelne
+heraus, auf dem Bauch Verzeihung erbittend, den Mund voll Anklagen. Er
+hatte nur _einen_ Wink.
+
+Monate hindurch ordneten die Führer. Timur schickte einen Vortrupp gegen
+die Grenzen. Er blieb einen Monat länger als ein halbes Jahr, das er ihm
+gesetzt. Der Führer sagte: »Wir konnten nicht rascher als der Wind.« Timur
+griff in den Bauch ihrer Pferde, fühlte Fett zwischen zwei Fingern und ließ
+sie enthaupten.
+
+Dann zog er gegen Moscow.
+
+Tatarenheere tauchten wieder in die Steppen, der Chan unter ihnen, sie
+wußten es und sagten es den Pferden in die Ohren. Das Heer der Moscower war
+dreimal größer wie das der Tataren, sie schrien schon aus der Entfernung.
+Der Fürst von Tanais zog einen Bogen nach rückwärts ab, als es noch
+dunkelte. Am Morgen stand die Sonne an einem geschweiften Hügel, an den die
+Feinde sich lehnten.
+
+Brüllend rückten sie vor. Yakou warf ihnen zwei Flügel entgegen und trennte
+ein Teil. Dazwischen brauste Timur, eine silberhelle Wolke lag zwischen den
+Massen, sie erkannten ihre Flügel nicht mehr. Ungarische Reiter der
+Moscower durchbrachen die Mitte und gingen in eine Falle Axallas.
+
+Da brach ein weißer Glanz auf dem Hügel auf. Der Fürst von Tanais bohrte in
+die Seite sich mit zwanzigtausend Rossen. Die Moscower bliesen stählerne
+Drommeten. Die Flitschpfeile der Tataren sausten in die Leiber ihrer Pferde
+wie in Faschinenkörbe. Klatschend spickten sie die hellen Bäuche.
+
+Die weiße Flut vom Hügel schoß tiefer in die Masse. Durch die Wolke brach
+Timur zurück, die nackten Säbel zerhieben die Flanke der Brüllenden. Die
+Ebene dampfte in dickem Rot. Tataren nahmen die Säbel in die linke Hand und
+schlugen. Ein junger Sohn Yakous rief vorbeifliegend, tagelang müßten sie
+Scharten aus den Säbeln schleifen. Timur sah zu.
+
+Axalla wälzte einen Haufen Gefangener heran.
+
+Er zog einen Bogen mit der Hand: »Sklaven«.
+
+Timur schüttelte den Kopf:
+
+»Du hast zuviel jüdisches Blut, Axalla.«
+
+Axalla warf sich nieder, eine Falte des Zorns in der Stirn. Timur gab das
+Zeichen, sie zu schlachten, zwanzigtausend. Er nahm Axallas Bogen und schoß
+nach einem Moscowerfürsten. Der Pfeil flog in seine Hüfte, sein Pferd
+machte einen Satz, er sprang fallend vor und zusammenbrechend, eine Hand
+auf dem Boden, die andere drohend mit dem Kopf gehoben, krisch er:
+
+»Blutiger Hund« . . .
+
+Timur bewegte sich nicht, zielte in seinen Hals und warf ihn mit dem Schuß
+um sich selbst.
+
+Dann zog er die linke Braue ein wenig hoch wie im Lächeln.
+
+Sie schlachteten stundenlang des Abends.
+
+In der Frühe ging Yakous Sohn leuchtend aus Timurs Zelt, sprang auf sein
+Roß und jagte los. Hinter ihm, daß sie die Spitze seiner Mütze über den
+Staub noch sahen, ritten zweihundert Tataren. Sie ritten über den flachen
+Hügel, der sich aus dem Kampfplatz in den Horizont stieß, und über ihn
+hinaus in Tag und Nacht. Fünf Monate trabend kamen sie an die Vorhuten
+Chinas. Beobachtet stündlich erreichten sie wenige Wochen darauf
+Juen-min-Juen.
+
+Sie nächteten drei Tage, bis ein geschminkter schwarzer Eunuch sie in den
+Palast führte, ein Zelt mit unendlichen Gemächern, größer als Samarkand.
+
+Yakous Sohn, Zeinabdeddin, trat, geleitet von zwanzig Führern, in einen
+Saal. Durch ein Spalier fettschenkliger Eunuchen glitten sie in den Garten.
+Der Hof stand um einen Pavillon aus Gold. Gedämpfte Musik, feierlich, und
+entfernte Glocken schwollen an. Diener sprangen erregt umher. Der König
+stand hinter einem Schirm.
+
+Plötzlich stoben alle Musikanten in die höchste Harmonie ihrer Instrumente,
+der Hof lag gefällt auf dem Bauch, über erstarrte Leiber stieg Yakous Sohn,
+stieg, beugte ein Knie am Thron und empfing das Friedenszeichen, ein
+Ju-schi in weißlichem Serpentinstein mit geritzten Emblemen.
+
+Da schlug sich Yakous Sohn auf die Schenkel und drehte sich um sich selbst
+vor Lachen. Die Tassen mit Milch und Eiswasser klirrten in den Händen der
+Chinesen. Ihre Augen klotzten dick und rund.
+
+»Timur Chan fordert von dir die Provinzen Pazanfu und Paquinfu. Aber
+außerdem Pässe am Fluß Tachij.« Zeinabdeddin grinste und wiegte, auf einem
+Fuß hüpfend, das Ju-schi auf der Hand.
+
+Der König verlor keinen Strahl Würde aus seinem Gesicht. Er ließ die vor
+Schreck eingehakte Musik ausklingen und ließ dem Sohn Yakous, indem ein
+Diener ihm Tee einschenkte, sagen, nur Güte sei es gewesen, daß er seither
+das kleine Reisgericht des tatarischen Reiches nicht zu seiner Tafel
+gezogen.
+
+Zeinabdeddin begann zu schreien und ungeberdig wie ein Ochs die eroberten
+Gebiete auszurufen, aber der Schirm schob sich zwischen ihn und den König.
+
+Sie trabten zurück, verließen verbundenen Auges die Grenze. Ein Jahr und
+drei Monate nach dem Ausritt erreichten sie Timur. Die Rippen blähten sich
+aus den Pferdeweichen.
+
+»Sind es die gleichen Pferde?« fragte Timur.
+
+»Die gleichen,« sagte Zeinabdeddin.
+
+Timur ließ sich eine Fontäne bauen von gefangenen persischen Künstlern. Die
+Abende wanderte er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall des
+Wassers. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf rasch
+zurück zwischen die Schultern.
+
+Im Frühjahr schwanden dann alle Zelte. Der Horizont besternte sich mit
+fliegenden Punkten. Sie schwollen zu Lawinen, stürzten zusammen, sie
+trabten, die Ebene hallte unter ihnen. Sie stiegen hoch und sammelten sich
+aus Westen in der Wüste Ergimul. Im Osten wirbelte das zweite Geschwader,
+breite Schenkel bogen sich um klopfende Bäuche. Pferdehälse strotzten von
+jagendem Blut. Sie hatten den Wind im Rücken und schwiegen. Sie stauten
+sich in den Hordas von Baschir.
+
+Zwei ungeheure Halbkreise brausten, Pferde mit kleinen Tataren, bartlos,
+Bogen über den Rücken, über das asiatische Tiefland nach China. Ihre runden
+Schwerter blitzten in der Sonne. Sie wälzten die Steppen blank. Die Weiber
+auf den Sätteln, schienen sie, zweiköpfig in der Dämmerung reitend,
+gegliedert bis ins Unsichtbare. Ihre Gäule wuchsen mit wiehernden Hälsen in
+den Himmel hinein.
+
+Über gelben glühenden Sand trabten sie und warfen sich gegen die
+chinesische Mauer, die nackt und weiß vor dem Horizont hinstrich.
+Vierzigtausend schlugen einen Haken, nahmen verborgene Pässe und stürmten
+in chinesische Rücken. Vor den Angreifern glühte die Mauer vor Sonne, die
+Hufe der kleinbeinigen Pferde schmolzen. Die Mauer fiel gespickt von
+Pfeilen. Ein Mandarin, auf die Mauerreste tretend, flog, zerfetzt von
+Flitschpfeilen, so zerrissen in die Luft, daß kein Rest des Körpers
+übrigblieb. Über die Mauer rennend, durchschwammen sie einen Strom und
+rieben die anziehenden Heere auf in einem heißen Tag.
+
+Die Nacht ritt Timur von seinem Zelt los. Ein Reiter Axallas fragte, ob er
+den gefangenen König haben wolle, »es hat Zeit,« sagte Timur und ritt. Es
+war eine Nacht voll Hitze, und die Körper faulten schon auf der Sandsteppe.
+Der Mond fehlte.
+
+Über den weithin getürmten Leichen in farbenen Seiden wogte eine Helligkeit
+wie Gas, ein grünliches Weben, das sich zäh an den Boden klammerte, als ob
+es nicht sich heben könne. »Ihre unreinen Seelen stinken in den Himmel,«
+sagte Zeinabdeddin, aber Timur entgegnete nicht.
+
+Sein Auge trat groß und opalig, stumpf wie eines Schauspielers, aus der
+Wölbung, und es schien, als tanze ihm gehorchend die Landschaft auf diesem
+halben Bogen und der mit Gestirn dünn übergossene Horizont.
+
+Die Klammer der linken Hand, mit der er die Bogensehnen spannte, hing
+verdorrt um einen Zügel gehakt.
+
+Sie ritten über einen Bach, da bildeten sich Umrisse aus dem Dunkel heraus,
+ein Flimmern traf ihr Auge von eingelegten Muscheln und Metallen. Wagen
+stieß an Wagen, die ganze Nacht stand voll zusammengefahrener Wagen.
+Tatarische Wachen, die die Karrenburg umkreisten, brachen jeden Augenblick
+vorüber. Sie ritten näher an den Platz und trabten hinein.
+
+Drinnen hingen Papierlaternen an vielen Schnüren, in bronzenen Krügen
+standen Flammen, die steil brannten und Duft ausstreuten.
+
+In grellen Farben mit Skorpionen gezeichneter Seide standen, in fünf Kreise
+geteilt, auf dem Rasen die fünf Frauenlager des Königs, in der Mitte jedes
+Trupps eine Königin. An einen Ast gelehnt stand Axalla träumerisch mit halb
+geschlossenen Augen und wachte, daß kein Mann Timurs beste Beute packte.
+
+Timur ließ sich die Lieblingsfrau zeigen.
+
+Er schleifte ein Bein nach, die Hüften wiegend in torklem Reitergang,
+schritt er dicht vor sie, »du heißt?« fauchte er.
+
+»Miser Ulek,« sagte sie und fiel nicht nieder.
+
+Er ließ seinen Kopf bis auf die Berührung der Haut vor den ihrigen
+schweben. Sein Geruch strömte über sie. Ihre Augenlider bebten ein wenig,
+aber die grauen Augen hielten sich steif und furchtlos in den seinen.
+
+»Du hast den König getrieben zu dem Zug gegen mich.«
+
+Sie fletschte die Zähne.
+
+Laut stieß ihr Timur ins Gesicht »warum . . .«, aber, nicht zitternd vor
+dem Rollen, gab sie zurück: »Er sollte herrschen über dich«.
+
+Sie hielt mit taumelndem Hirn in seinem Gestank. Auf ihren roten Lippen
+tanzten kleine weiße Blasen, sie legte den Kopf schräg.
+
+Er sah auf sie. Ihre Augen stachen hell vor Haß.
+
+Er ließ ihren Blick steigen. Eine Weile wartete er. Dann sagte er: »Dein
+Lager kann in mein Frauenhaus geführt werden. Ich nehme dich als fünfte
+große Frau. Du sollst später die Residenz dieser neuen Provinz haben.«
+
+Er winkte nach der Seite, wo eine Kolonne sich schon formte. Sie stand
+ruhig, während ihr Blick in dunklem Schatten einfror. Dann warf sie die
+Hände hoch, stieß die Arme in den Himmel und sank mit einem Schrei, das
+Haupt zurück, auf seine Füße und biß sie vor Lust.
+
+Weggehend ritt sie mit schmalen weichen Hüften davon, sie war eine
+Kurdistane von kleinem Fuß.
+
+Timurs Auge wölbte sich in die Braue zurück. Sie ritten über das
+Schlachtfeld, Tataren huschten durch die gasige Luft, nahmen das Gold und
+rissen die Ringe aus den Ohren.
+
+Gegen Morgen kamen sie an das Zelt.
+
+Timur schlief jedoch nicht.
+
+Nach einer Stunde öffneten Hände außen den inneren Vorhang, der chinesische
+König trat langsam zwei Schritte in den Raum. Timur stand, aufgestanden,
+ihm gegenüber. Sie schwiegen eine Zeit. Dann senkte der Gefangene das
+Gesicht, schaute zu Boden und erhob es wieder.
+
+Timurs Gesicht ballte sich nach innen zusammen, als der andere begann:
+
+»Im Umschwung der sieben Planeten habe ich siebenmal den Zyklus von zwölf
+Jahren durchlaufen . . .«
+
+Timur deutete auf den Pfühl.
+
+Der König schüttelte den Kopf:
+
+». . . ich war der glücklichste König. Ich hatte jeden Erfolg. Ich hatte
+Ruhe. Du scheinst glücklicher als ich.«
+
+Einen Augenblick zuckte Timurs graues Gesicht. Zwischen dem Zuschlag der
+Lider verschwand der schmale Schlitz des betroffenen Auges. Dann quollen
+die Äpfel breit aus den Höhlen und stierten in Nichtbegrenztes:
+
+»Ich habe keine Ruhe. Du irrst. Es hängen so viele Dinge an mir, die ich
+zusammenraffte, daß sie schon in meinem Schlaf sich lösen. Sie fallen
+auseinander, wenn ich nur erkranke. Nur ich bin das Gegengewicht. Es ist
+mehr Qual als du ahnst, kleiner König.«
+
+Timur beugte sich ein wenig nieder und sah auf den Mann, der ihm
+gegenüberstand. Er hatte eine Habichtsnase und einen dunklen Blick,
+verwöhnt von Frauen und trotzig auf seine Jahre.
+
+Der König trat mit dem Fuß zurück, hob den Kopf und sagte wie in die Stille
+redend:
+
+»Ich ließ in zweihundert Städten Priester um die Feuer der Sonne gehen und
+kupferne Pauken schlagen, daß ich siege. Ich tat es nicht.«
+
+Er trat nun, das Gesicht umändernd, wieder vor und sah lächelnd zu Timur:
+»Was beweist es?«
+
+Und: »Was beweist es . . .?« warf dieser ihm in den Mund zurück.
+
+»Nichts für dich,« sagte der König, auf jedem Wort ruhend, »aber zwei
+Dinge: Daß dein Sieg ein Irrtum ist und falsch -- oder daß die Bestimmung
+des Gottes in mir ist, daß ich mich neige zur Prüfung.«
+
+Da hub Timur den Arm zum erstenmal und brüllte: »Nein. Schwächling.« Seine
+Stimme rollte durch das Zelt, daß die Vorhänge flogen.
+
+Der König aber hob stumm fragend sein ruhiges Gesicht.
+
+Dann sagte er: »Du leidest unter deinem Tun. Warum?«
+
+Timur antwortete kalt, die größte Dienstbarkeit, die so hohe Häupter wie er
+mit Gott hätten, sei, daß kein Ende ihrer Ehre sei. Was er tue und handle,
+borge er von Gott. Gott sei in seinem Anfang und Ende, denn es sei seine
+Bestimmung, in so großen Kriegen zu sein.
+
+»Woher weißt du das?«
+
+Da aber lachte Timur rauh wie ein Wolf, und das Blut stürzte in sein
+Gesicht, daß es strahlte durch die Dämmerung des Zeltes:
+
+»Wo ist der, der den Gegenbeweis aushielte.«
+
+Nun senkte der König den Kopf. Er stand zitternd. Bleich.
+
+Dann fragte er: »Wer bist du, der du so hoch dich türmst?«
+
+»Mehr als du, der du so vieles für mich angehäuft hast.«
+
+Auch sein Körper leuchtete nun. Er trug den einfachen Reiteranzug seiner
+Krieger, aber ein Glänzen brach von den Rändern aus, breit und scharf.
+
+Ein Beben überlief den König kurz.
+
+Dann neigte er das Knie. Und indem ein langsames Besinnen in Pausen auf die
+Oberfläche seiner Augen zurückkam, bat er, daß er in seinem Muschelwagen
+die weite Reise fahren dürfe, denn die Last der durchlebten Jahre drücke
+auf seine Brust.
+
+Timur nickte kurz.
+
+Es war der mächtigste König an Gewalt hier vor ihm, fleischigen Körpers
+noch in diesem Alter, der die Jugendstärke des berühmten Bogenspanners
+zeigte, er lächelte und hob ihn auf.
+
+Da trat der König an ihn heran, stieg auf die Spitzen der Schuhe und küßte
+ihn auf den Mund.
+
+Umwendend stand sein Rücken der Tür zugewendet. Seine linke Hand faßte die
+Portiere, sie zu öffnen.
+
+»Vergiß nicht, was es heißt, daß ich mehr zu dir sprach als je einem
+Menschen,« sagte Timur verhalten.
+
+Über die Schulter lächelnd antwortete der König: »Fürchte nicht, daß der
+Gott, der in mir so lange lebte, seine Bestimmung im Stich läßt.«
+
+Da hob sich der Vorhang, und die im Morgen aufgekommene Sichel des halben
+Mondes hing vor ihnen.
+
+Während er unter ihr dem Wagen zuschritt, kam ein Zug Frauen aus Osten an.
+Timur sah nicht nach ihnen, wandte den Kopf nach der Seite, und wie seine
+Blicke zwei Tataren trafen, sprangen sie hinter den schreitenden König und
+zerhieben ihn.
+
+Der Zug der Frauen aber stieß an die Ecke des Zeltes, ein Kamel kniete
+nieder. Reiter sprengten danach durch die Fülle der Frauen hindurch. Aus
+den zweihundert aber lief eine heraus. Sie stellte die Arme zur Seite, bog
+die Hände aufrecht, trat weiter heraus, die Augen geschlossen, und hatte
+die trübe Sonne über dem Gesicht. So schritt sie führerlos über den
+Leichnam, ohne zu fallen. Ihr Fuß netzte kein Blut. Sie ging bis zu Timur,
+hielt eine Weile, öffnete den Mund mit einem leisen Ton und rief dann:
+
+»Ich hindere dich weiterzugehen. Es ist genug.« So blieb sie stehen, zunen
+Gesichts. Sie war eine Chinesin. Timur befahl, sie nicht niederzuschlagen.
+
+Von dem Kamel glitt Miser Ulek. Sie deutete auf den Zerhackten: »Die Krone
+des Glücks fiel von seinem Haupt.« Sie legte die Hände rund aneinander und
+preßte ihre linke Brust. Den Kopf frei zurückwerfend sah sie auf die
+Chinesin, deren gebrochener Blick sie nicht empfand.
+
+Timur sah den Blick, der zerstörte, auf was er traf.
+
+Er maß die beiden einige Zeit.
+
+Dann schob ein Wink sie weiter, der Zug rollte davon.
+
+Am Abend ließ er seine Lieblingstochter, mit der er schlief, zu dem Haus
+seiner weiblichen Kinder zurückkehren und überließ ihren Pfühl Miser Ulek.
+
+Eine grüne Wolke hüllte das Heer ein zehn Tage, bis sie geteilt hatten.
+Rudel wilder Tiere durchmaßen die Ebenen von dem Gebirge her und fraßen in
+Orgien. Pferde starben an der Pest hin, und Tataren fielen in Haufen vor
+Hitze und Geruch der Fäulnis. Timur gab ihnen aus der Beute Gäule zum
+Schlachten, und sie fraßen rohes Pferdefleisch schmatzend vor Seligkeit,
+bis ihnen die Mägen platzten und sie würgend über die Toten fielen. Axalla
+und Yakou erhielten chinesische Prinzessinnen. Die Frauenhäuser wogten
+überschwemmt von Stoff, Seiden, Rubin und Zelten mit goldenen Stangen.
+
+Den Tag, ehe sie ritten, hielten sie ein Gelage. Timur gab den Befehl eines
+Emirschulbaus in Petsche-li, daß in ihr Hirn anderes als Gaulgeruch steige.
+Guines stellte die Konstellation der Sterne. Einmal erhob sich der Fürst
+von Tanais, deutete auf den Tonkünstler Ssasijeddin Abdulmumenin und sagte:
+»Nimm die Leitung, Ssasijeddin.« Da erhob sich Timur und verwies es ihm,
+auch wenn er den Namen des großen Kalifen trage, zu dem außerordentlichen
+Mann nur mit dem Vornamen zu reden. Und schenkte dem Künstler einen Ring.
+
+An der Quelle Baldschuma betrat Timur das Zelt der Chinesin. Ihr klarer
+Blick fiel auf ihn. Er wies auf eine fränkische Dogge und gab ihr sie zum
+Geschenk. Er fragte nach ihrem Stamm. Jedoch sie vermochte nicht zu
+antworten.
+
+Sie sah ihn mit feuchten porzellanenen Augen an. Da verließ er sie. Sie
+ritten weiter.
+
+In einer Gewitternacht ließ Miser Ulek der Chinesin Tee reichen, aber
+dieser entfiel die Tasse. Sie sah lächelnd zu Miser Ulek: »Gift.« Da weinte
+Miser Ulek, umarmte sie und stach ihr ein Messer in die Seite. Doch es
+blieb in der Haut. Timur befahl, die Chinesin aus dem Haus Miser Uleks zu
+nehmen und in das seiner Töchter zu führen.
+
+Sie ritten durch Monate. Sengende Sonne wirbelte ihnen Staub in die
+Gesichter, sie stachen durch Schnee, bis sie das achte Paradies erreichten:
+Samarkand leuchtete aus den Gärten. In der Ebene von Kjanegül erbaute Timur
+einen Palast in der Mitte des Fundorts der Rosen. Künstler aus Bagdad
+übermalten die Wände. Der Hof stieg in Marmor und Talkstein, Schwibbogen
+leuchteten Sprüche des Korans, die Türen brüllten vor Erz. Glockentürme
+wuchsen aus den Ecken. Er baute einen Windfang und einen unterirdischen
+Saal.
+
+Er gab ihn der fünften seiner großen Frauen Miser Ulek und den zweihundert
+Beischläferinnen hinter ihr.
+
+In der Nacht schreckte ein Traum ihm die Chinesin ab, und er schenkte sie
+an das Frauenhaus Zeinabdeddins.
+
+Er selbst wohnte in dem dunklen festen Haus mit dem fußtiefen Graben.
+Abends wie ein Panther zog er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall
+seiner Fontäne. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf
+zurück zwischen die Schultern . . .
+
+Gekitzelt vom Lachkrampf schlug eines Tags ein zirkassischer Fürst zwei
+Leuten Timurs, die raubten, die Köpfe ab. Timur ließ ein Heer aufstehen.
+
+Vor dem Aufbruch gab er eine Jagd.
+
+Jagdleoparden in Satin und Coliers glitten in die Ebene bis hinter den See.
+Dort witterten sie, stießen die Nasen zum Boden und stoben in den Wald. In
+der Einbruchecke sah er ein Weib vorbeistreichen. Timur hetzte den
+Leoparden, doch der legte sich nieder, daß Timur wütend ihm einen Pfeil ins
+Kreuz schoß, er wendete und schnitt sie ab. Er stellte sie mit dem Pferd,
+das bäumte. Sie hob sich gleitend, warf die Arme auf und erstarrte. Die
+Pupillen erloschen. Geschlossenen Auges, grau im Gesicht, sagte sie:
+»Betritt den Boden der Ruhe. Es ist genug.«
+
+Timur spannte den Bogen auf sie.
+
+Sie sah ihn an: »Ich warne zweimal.« Er schüttelte sich in kaltem
+Gelächter.
+
+Es war die Chinesin. Sie schwang sich auf einen Zweig; wie ein Silberaffe
+sitzend, sagte sie in halbem Ton: »Du fällst noch heut in Unglück an einer
+weißen Stute.« Timur hielt einen Herzschlag lang ein im Besinnen. Dann
+sagte er:
+
+»Geh zurück in das Haus meiner Töchter.«
+
+Auf der Spur ritt er durch einen Tümpel, von einem Ast zischte ein brauner
+Klumpen, ein gelber Rachen biß sich in die Kehle des Gauls, der schrie.
+
+Timur konnte den Bogen in der Nähe nicht spannen. Da erschien Yakous Sohn.
+Timur sah ihn lange an, während er deutlich zielend die Sehne anzog, der
+Pfeil riß dem Tiger das Auge heraus, glitt ab und fuhr streifend durch
+Timurs Schläfe. Brüllend sprang der Chan ab, daß der Wald erzitterte, griff
+in den fetten Pelz der Katze über den Hinterbeinen, wirbelte und schlug sie
+auf die Erde mit einem Aufschwung, daß ihr zuckend der Kopf sprang. Dann
+sah er sich nach Zeinabdeddin um. Er ritt ein weißes Pferd, sprang ab. »Es
+ist nicht deine Schuld,« sagte er zu dem auf dem Boden sich Windenden: »Du
+bist bewährt.«
+
+Aber er gab ihm am Abend dennoch in seinem Zelt eine Mission nach China,
+die ihn Jahre entfernte.
+
+Dann holte er die Chinesin. Er ließ ihr Stutenmilch reichen und hockte sich
+zu ihr, ein Brettspiel auf den Knien. Als sie gut anzog, sagte er von dem
+geviereckten Holz kurz aufblickend: »Komme wieder.« Sie kam mit jungen
+Hunden, die die Dogge geworfen. Sie klammten auf dem Körper des liegenden
+Chans und leckten ihm den Bart. Er lachte und, mit ihnen spielend,
+zerdrückte er eines aus Ungeschick, da hob sich die alte Dogge gegen ihn.
+Er achtete sie nicht, sondern wandte den Kopf gegen die Chinesin:
+
+»Wie lange hast du das zweite Gesicht?«
+
+»Immer.«
+
+»Du sagtest dem chinesischen König das nun Eingetretene?«
+
+Sie nickte.
+
+»Miser Ulek sprach dagegen?«
+
+»Sprach dagegen.«
+
+Timur sah leuchtend auf sie. Sie wirbelte wie ein Staub in seinem Blick.
+Dann röteten sich ihm die Augäpfel und wölbten sich. Er stand auf, seine
+Stimme dröhnte, daß die Hunde winselten, doch sprach er nicht laut: »Warum
+warnst du mich?«
+
+»Ich muß.«
+
+Er schüttelte den Kopf, aber er schlug sie nicht damit nieder.
+
+Sie erhob sich. Fest, leise sagte sie stärker wie sein Dröhnen: »Ich muß.
+Es ist genug. Nimm Ruhe. Ziehe nicht,« und langsam weinten ihre Augen über
+die Wangen.
+
+»Nein,« sagte Timur und sandte sie hinaus. Sofort ließ er Guines holen. Der
+nahm die Konstellation des Gestirns, zitterte und warnte vor neuem Zug.
+
+Timur saß drei Wochen in seinem Zelt, kalkigen Auges, ohne Ton. Sein Kopf
+glühte stärker als eine Fackel aus den Spalten in der Dunkelheit. Sein Hirn
+wütete wie ein Stier. Dann machte er einen Ruck und brach auf.
+
+Am Tage, wo er den Befehl gab, stürzte Miser Ulek erglühend auf seinen
+Pfühl, und er nahm sie mit.
+
+Die Vorhut wurde in einem Tal, durch falsche Führer im Kreis geleitet,
+zusammengehauen. Timur, getrennt, erschossen sie zwei Pferde; mit der Frau
+auf dem Sattel erstürmte er einen Paß. Den Lederwams gespickt mit
+Eisenspitzen, entkam er wie eine wilde Sau stiebend.
+
+Er sagte, als Miser Ulek vom Pferd sprang: »Du siegtest wieder nicht.« Sie
+sah ihn kurz an, bekam Spott um den Mund und hängte sich mittags mit einer
+Schnur an das Fenster. Doch er schnitt sie ab. Unbewegt, fast lachend, so
+ruhig. »Es ist noch nicht das Ende,« sagte er.
+
+Hinaustretend ließ er Führer köpfen, einen Schwarm Unterführer zerreißen,
+er schaute zu. Zurücktretend aus dem Dampf des Blutes, Kraft und Trotz aus
+der Grausamkeit in die zusammengezogene Brust gesogen, sah er auf die
+Frauenlager, demütigte kalt den Blick der Chinesin und unternahm zum
+zweitenmal den Zug.
+
+Er gelang. Mit klarer Stirn, die Augen unmäßig herausgeschwollen, leitete
+Timur den Kampftag. In seiner Nähe hielt keiner. Es ging ein unsichtbarer
+Sturm um ihn. Die Achseln zusammengedrückt, den Körper vergrimmt, stieß er
+Willen aus sich, als kämpfe er mit einem unsichtbaren Feind.
+
+Er ließ dem Emir den Kopf abschlagen. Er sandte ihn Miser Ulek. Sie ließ
+ihn am Eingang des Paradieses auf eine Säule hängen.
+
+Timur ließ, zurückgekehrt, die Chinesin in sein Zelt tragen: »Was sagtest
+du Schlechtes? Es gelang.«
+
+Sie lächelte: »Das Blut steht dir überm Mund. Du darfst nicht weiter.«
+
+Aber sein Kopf barst vor Plänen:
+
+»Gelbe Mücke, was hält mich auf?« Und er schlug mit der Hand in die Luft.
+
+Aber unerschüttert im Lächeln sagte sie: »Ich.«
+
+Er nahm ein Schwert, sie zu zerhauen, aber er ließ es und schickte sie weg.
+Er ging zur Fontäne, umkreiste sie und ließ die Chinesin wieder holen:
+
+»Ich war stärker als deine Voraussage,« er hob die Stimme, doch sie blieb
+dumpf.
+
+»Ja,« sagte sie, »du hast mein Gesicht überschritten, aber ein Pfeil steht
+auf deine Stirn gezückt. Hier ist das Ende.«
+
+»Wann?« schrie Timur und lachte wie ein Pferd.
+
+Ihr Gesicht verfiel. Dann in einem Stoß sich aufwerfend wie aus Kratern,
+zischte sie: »_. . . am siebenten Tag im Monat Ramadhan._« -- Dann sank sie
+auf den Boden, ausgelöscht von Ohnmacht.
+
+Dies war über ein Jahr.
+
+Beim Tisch der Feldherren legte Timur plötzlich die Regierung auf das Haupt
+Yakous, ihn zu vertreten. Sie schwiegen und fragten nicht.
+
+Die Nacht sprach er mit Guines.
+
+Sein Hirn war voll dumpfem Triumph, schon eh er aufbrach. Er lachte die
+ganze Nacht. Guines zitterte. In der letzten Stunde sagte Timur: »Glaubst
+du an mich?« Er schlug auf den Tisch, ganz sachte, aber er schlug Guines in
+die Knie. »Ja,« stöhnte er. Timur lächelte.
+
+Am Morgen verließ ein riesiger Tatar Timurs Zelt. Er ritt, als säßen
+Geister in seinen Schenkeln. Das Pferd warf die Kruppe in die Luft,
+ausschlagend. Der Kopf hing zwischen den Vorderbeinen. Manchmal drehten sie
+sich im Kreise. Die Hufe gingen durch Tage und Nächte in gleichem Aufschlag
+über der Steppe, der Reiter zählte den Aufschlag, so ritten sie.
+
+An einem See machten sie Halt. Der Reiter zog Hose und Rock aus, die steif
+waren vor Schweiß, warf sie in die Sonne und stürzte in das Wasser. Der
+Gaul soff keuchend mit den roten Nüstern. Hier blieb der Reiter Wochen, sah
+in den Himmel, lachte, brüllte, schwieg, übte sich im Scheibenwerfen und
+Jagen und zwang einen Vorüberreitenden, mit ihm Ball zu spielen bis in die
+Dunkelheit.
+
+Dann besprang er das Pferd und ritt weiter. Weißer Schaum flockte aus den
+mahlenden Kiefern des Tieres.
+
+Langsam teilte sich die Gegend vor ihm auf. Er kam in Wälder von Aprikosen
+und Pistazien. Ein Hase kreuzte seinen Pfad, er schoß ihn. Speisend traf er
+Menschen, die keine Waffen trugen. Ihre Jurte war von Feigen gegen die
+Sonne beschattet. Sie arbeiteten mit Geräten in Gärten und Hainen. Ihre
+Frauen waren spitzbrüstig und weich. Es gab keinen Speer, keinen Bogen.
+
+Er lebte unter ihnen, den Frieden aufnehmend, der alle trug. In einer Nacht
+kroch die Frau eines Führers in seine Matte und warf sich auf ihn. Die
+Nacht noch löste sich der Vorhang. Die blonden Augen eines Mannes stierten
+glänzend in die Dunkelheit. Seine Hand, vorschnellend, griff in des Tataren
+Gurgel. Der riß einen Ziegel vom Herd und schlug ihn ihm in den Rücken, daß
+er die Hände in die Luft krallte und verzuckte.
+
+Der Tatar ließ die Gegend, besprang sein Pferd und trabte weiter, auf
+seinem Sattel lebte acht Sonnenaufgänge und Mondsicheln lang die
+spitzbrüstige Frau, bis er sie einer anderen Jurte ließ.
+
+In der Nähe der Stadt Tahauzeguh stieg er ab, zog aus der Tasche des
+zerrissenen Kleides Pelzwerk und goldene Münzen und ritt geschmückt in die
+Stadt. Auf den Straßen erhob sich Aufsehen über ihn, die Chinesen lachten,
+lachten über die Hosen, aus denen Schweiß rann und die Kette an seinen
+Ohren aus Smaragden.
+
+Waffenlos zog er in eine Karawanserei, zog sich aus und legte sich
+schlafen. In der Nacht entriß ihm einer den Schmuck. Er stand auf unter
+drohenden Gesichtern, griff den Knopf einer Tür, lief dem Dieb, im Hemd
+gekleidet, nach, erschlug ihn auf der Straße, kehrte zurück und legte sich
+nieder. Das Murren einer Menagerie empfing ihn. Er schlief ein. Aufwachend,
+fehlte ihm nichts, aber er war allein.
+
+Der Tatar überkletterte ein Gebirge, trabte durch eine Steppe und kam an
+den Rand der Wüste Ergimul. Auf einem Felsen wohnten zitternde Mongolen,
+die am Tag Bilsenkraut pflückten, in Angst vor Löwen und Panthern
+ersterbend, deren Gebrüll nachts in tobenden Wellen über die Gegend jagte.
+
+Sie hatten kupferne Kessel und brannten das Kraut darin, bis es sott. Den
+Schaum zogen sie ab und handelten ihn weiter, es war ein Opiat, das zwei
+Tage berauschte.
+
+Der Tatar soff kreischend einen ganzen Abend davon, besprang das Pferd,
+trabte in die Wüste und legte sich in die Blumen einer Oase. Tagelang
+schlafend überstürzten ihn Träume von Schlachten und Weibern. Fiebernd
+schrie er, daß sein Gebrüll das der Tiere überschäumte. Ströme schlugen aus
+seinem berauschten Leib, der die Tiere verjagte. Löwen prallten zurück und
+Panther winselten vor Wut.
+
+Erwacht, durcheilte er die große Ebene bis zu einem rötlichen Gebirg. In
+der Mitte hob sich ein Pyramidenberg mit einer Seite voll aufsteigender
+Treppen, wie eine Leiter steil und glänzend von Rot. Die Menschen der
+Dörfer wiesen ihm Pfade, die um das Gebirge führten und sagten ihm, daß bei
+den Stufen ein Wind herunterfalle, der ihn, aufnehmend, in einen Fluß werfe
+und zerschlage.
+
+Er stieg die Treppen und fiel nicht.
+
+Oben, wo der Wirbel weißlich tanzte, trat er bis um einen Nagel breit an
+den Abgrund und hob den Kopf steil. Der Wirbel teilte sich vor ihm. Immer
+stand er in der Mitte des Trichters, der die Luft in Strudeln um ihn
+herumriß, daß die Ebene vor seinen Augen hinglitt wie unter fließendem
+Wasser.
+
+Zurücktretend stieg er ab und ritt nach Persien zu. Im Durchreiten einer
+kleinen Stadt sah er eine Chinesin auf einem Kamel den Platz queren. Die
+Blicke begegneten sich, ein Wort warf ihr Tier in das Knie, sie lief zu ihm
+und riß die Arme um den Hals seines trabenden Pferdes, daß es hielte, und
+schleifte ein Stück.
+
+»Was willst du?«
+
+»Dich.«
+
+»Woher kommst du?«
+
+»Ich suche dich.«
+
+Sie blieben hier.
+
+Aus den Fenstern der gartenreichen Stadt hingen Seiden. Über die Ebene
+wellte sich blonder Weizen. Trauben überspannten die Pavillons.
+
+»Es ist gut, so zu leben,« sagte nach Tagen die Chinesin.
+
+Durch den blauen Abend flogen Rufe der Minarette, die sich in den Himmel,
+weiße Flammen, spannten.
+
+Der Tatar lachte: »Auf kurze Ruhe.«
+
+Ihr Garten schwebte voll Geruch. Vögel tanzten durch die Pfützen im Kies
+nach blitzendem Regen.
+
+Als er das Pferd musterte einmal im Stall, sagte sie, zwischen den
+Pistazien des Gartens stehend: »Du darfst nicht weiter,« und schloß zum
+erstenmal wieder die Augen.
+
+Da griff er aus dem Gebüsch eine grüne Schlange, hielt sie an die Zunge,
+die ihr Zahn sofort durchstieß. »Wo ist das Stärkere? Ich suche es die
+ganze Zeit.«
+
+Die Zunge schwoll, gebläht von rotem Schleim. Sie wurde dicker und füllte
+am Ende den Mund an, daß kein Ton aus der Gurgel mehr gelang. Wie sein Kopf
+begann, bläulich unter dem Gift anzulaufen, zuckte er die Achseln und
+stemmte sie zurück.
+
+Seine Augen stiegen aus den Höhlen, es schien einen Augenblick, als sauge
+er die sichtbare Landschaft ein. Dann warf sich ein Schuß Blut in seinen
+Kopf, und abgetötet lief die Schwellung ab.
+
+In der Nacht weinte die Chinesin und sprach lange auf ihn ein, während der
+Duft der Gärten sich über die blaue Dunkelheit erhob. Doch er hörte nicht
+auf sie und ging in den Pavillon, legte sich auf das rechte Ohr und verfiel
+dem Schlaf.
+
+Auf der Veranda dann zog sich ein Geräusch durch die Klettertrauben. Der
+Kopf einer Frau leuchtete in das Gemach. Auf Vieren lief sie wie ein Wiesel
+durch den Raum, richtete sich auf dem Bett hoch, ballte sich in einer Kugel
+zusammen und schlug weinend ein Messer in die Brust des Tataren.
+
+Der aber, an dessen Rippe das Eisen sich bog, ergriff sie, streifte das
+helle Kleid über ihre festen gelben Brüste, auf denen die lakierten
+schwarzen Warzen saßen, und zog sie in seine Umarmung.
+
+»Ich liebe dich,« stammelte die Chinesin ersterbend: »Ich liebe dich zu
+sehr.«
+
+Die Hufschläge des Davonreitenden rissen sie morgens wirren Auges aus dem
+Schlaf, sie streckte die Arme aus. Dann bestieg sie das Kamel und folgte,
+den Kopf wie ein Luchs zur Erde geneigt, seinen Spuren.
+
+Der Tatar ritt durch die unendlichen Gärten der Birnen und Granatäpfel,
+durch die Dörfer und die Städte. Eine Dunstwolke umhüllte ihn, sein Pferd
+rannte, Fett der Ruhe zwischen den Rippen. Sein Anzug lag in Fetzen. Wildes
+Haar verfilzt hing ihm um das wüste Gesicht.
+
+Am Abhang eines Bergstocks hing auf übergeneigtem Gestein eine Stadt. Zwei
+Wachen traten ihm entgegen. Als sie sein Aussehen sahen, ließen sie ihn
+ein. Es war eine Burg noch der Sassaniden, er erkannte es aus der Lagerung
+der Mauern. Die ganze Stadt stak voll Straßenräubern. Der Tatar trank mit
+ihnen und schlug den ersten Tag, streitend, zwei nieder. Er bekam Macht.
+
+Ausrückend bald trafen sie eine tatarische Karawane, die nach Mekka zog.
+Sie plünderten sie aus. Der Tatar ließ den Führern die Augen ausstechen und
+sandte sie zurück zu Timur, sie sollten ihm den Weg zeigen zurück, wo sie
+geblendet worden seien.
+
+Sie kamen wieder, Yakou wütend bei ihnen mit einem Heer. Die Räuber warfen
+sich in die Stadt, gegen die die Tataren anliefen. Der große Tatar unter
+ihnen nahm die Verteidigung in die Hand.
+
+In manchem Ausfall machten sie Gefangene. Sie schlachteten sie auf den
+Mauern, bauten große Bogen, pfählten die Köpfe und pfeilten sie den Tataren
+hinunter in ihr Lager.
+
+Yakou stellte Schleudern auf. Aber der Tatar errichtete die gleichen und
+schoß im selben Abzug wie Yakou, daß die Granitblöcke sich knirschend in
+der Luft trafen und zermalmten.
+
+Yakou ließ säumige Soldaten hinrichten und trieb Maschinen in die Felswand,
+die Stadt zu unterhöhlen. Bei einer Besichtigung, die Yakou machte, warfen
+die Verteidiger in der Stadt ein Hebelwerk auf. Ein Strom schoß rauschend
+aus dem Felsen und spülte Yakou und seine Leute in ein Bassin, aus dem sie
+mitten in der Stadt gefischt wurden mit Netzen.
+
+Ein Geschwaderführer wurde vor Yakou hinaufgebracht in einen Raum, in dem
+aus einem zugehängten Kabinett eine Stimme ihn anrief. Der Offizier warf
+sich nieder und erflehte sein Leben. Ein Wink kam aus dem Teppich, er wurde
+hinausgeschafft an den Beinen wie ein Schwein.
+
+Yakou trat vor. Er schnitt eine Fratze und sah sich um.
+
+Die Stimme hinter dem Vorhang rief:
+
+»Hat je ein Hund sich erfrecht, ohne Gruß . . .«
+
+»Bin ich ein Hund, bin ich nicht deiner.«
+
+»Ein Gefangener.«
+
+»Sei nicht stolz auf den Sieg. Timur hat dreihunderttausend solcher. Ich
+bin nur einer.«
+
+»Prahle nicht.«
+
+»Du bist ein Tatar. Verräterei machte dich groß. Ich war treu.«
+
+»Ich hau dich entzwei.«
+
+»Mach es kurz,« sagte Yakou stolz und riß die Brust auf.
+
+Der Vorhang schwankte unter einer dürren Hand, die hakend zog sekundenlang.
+Dann fiel er.
+
+Wie ein Wolf fletschte Timur lachend Yakou in das Gesicht.
+
+Yakou fiel in die Knie: »Du hast Axalla gedemütigt. Nun demütigst du mich.«
+
+Timur führte ihn hinaus. Sie öffneten die Tore, damit die Tataren
+eindrängen und das persische Gesindel erschlügen, denn was lag ihm nun
+daran. Timur saß zu Pferd. Als die ersten Scharen eintrabten, sagte er,
+umschwenkend, zu Yakou: »Hättet ihr die Stadt genommen, glaubst du, ihr
+hättet mich erreicht?«
+
+Aber noch ehe Yakous Antwort erscholl, warf er, das Pferd steil aufschießen
+lassend, es über die Mauer in den Fluß, durchschwamm ihn und kam an das
+Ufer. Yakou eilte ihm nach über die obere Brücke und schrie nach den Seiten
+das Geschrei, das sei der Chan.
+
+Timur eilte durch Sumpf und Bäume, trabte, ereilte Geschwader, die
+erstarrten, ritt durch sie, stinkend von Fett und Schweiß und zerrissen die
+Kleider.
+
+Vor den Zelten stand Miser Ulek aufgerichtet. Die Tataren warfen die runden
+Säbel blitzend in die Luft. Mit einem Kamel trabte vom Fluß herauf eine
+Frau, sie kam näher, es war die Chinesin, während Timur durch die Wellen
+jubelnden Geheuls wogte.
+
+Timur hielt sein Pferd.
+
+Da sah er auf der Mauer der Stadt jemand einen Bogen spannen und richtete
+sich groß auf.
+
+Er stand hoch. Wie gegossen. Kein Haar bewegte sich.
+
+Lang sah er im Schweigen auf den Zielenden, dessen Hand die Sehne immer
+gewaltiger anzog.
+
+_Es war der siebente Tag des Monats Ramadhan._
+
+Die Zeit war um.
+
+Der Pfeil kam, riß einen zischenden Ton durch die Luft und flog in Timurs
+Stirn und fiel von ihr nieder.
+
+Timur saß starr. Dann wölbten sich seine Augen zurück in die Höhlen.
+
+Miser Ulek stürzte vor und warf sich gegen ihn, schreiend und seine
+Schenkel umklammernd. Timur stand ruhig, schob mit einer träumerischen
+Bewegung die Haare aus der Stirn, es war kein Mal darin, sein Gesicht wuchs
+wie ein Fels.
+
+Als das Kamel der Chinesin langsam an ihn herantrat, sagte er, auf den
+Pfeil deutend, leis:
+
+»Gebt ihn ihr.«
+
+Sie hielt ihn wenige Sekunden in erstarrten Händen, warf plötzlich die
+Hände, ihn anstierend, abschattend vor die Augen, öffnete den Mund und fiel
+bleich um, ohne Ton.
+
+. . . Timur trabte auf Samarkand.
+
+Den feigen Offizier führte er in einer Kiste mit sich, zu gering, ihn zu
+töten, ließ er ihm den Bart scheren, ihn mit Bleiweiß und Mennig
+überstreichen und barfuß, eine Weiberhaube am Kopf, durch die Stadt gehen.
+Am gleichen Tage, wo er die Chinesin zu seiner sechsten großen Frau mit der
+bepfauten Tiara erhob, gab er Yakou eine Tochter und endete Zeinabdeddins
+verbannende Mission.
+
+Kein Maß hielt mehr, keine Prüfung, den schleudernden Herausbruch seiner
+Pläne.
+
+Filzzelte rauchten über den Ebenen. Tataren kämmten vom halbmondig
+geschorenen Kopf die Haare lang nach dem Nacken und ölten die Brust Der
+Himmel glühte in riesigen Bogen vor ihnen her. Der Donner der geschlagenen
+Steppe rollte vor den Hufen der Geschwader. Dann jagten sie an.
+
+Sie schossen Flitschpfeile, und die Dörfer qualmten auf. Sie rollten durch
+die Reisfelder. Auf Nachbarbergen standen Lärchenbäume. In dunkle Ballen
+geduckt, zogen sie in schwindelnden Höhen durch den blauen Himmel über eine
+Brücke nach Almaligh. In der Stadt fließender Brunnen, um die Türken und
+Chinesen wohnten, hielten sie Feste, fraßen rohes Pferdefleisch mit
+blänkernden Zähnen, tranken mit Gekrisch Kumis die runden Nächte. Sie
+raubten die türkischen Harems aus und beförderten einen Abkömmling des
+Propheten durch Keulenschläge zum Martyrium.
+
+Die Steppe flimmerte unter dem Reiten. Sie bekam metallene Ränder, die sich
+erhitzten. Der Boden glühte gläsern. Ihnen schmerzten die Augen, doch sie
+ritten.
+
+Von einem Baum fiel nachmittags ein Affe und biß Timur in die Achsel. Er
+gab nicht Acht auf das Geschwür, das eiternd anwuchs. Die Chinesin gab ihm
+Salben darauf, aber es riß neues Fleisch in sich hinein. Timur ließ zwei
+Menschen täglich schlachten, deren Hirn die Wunde fraß und, satt, nach
+Monaten sich schloß.
+
+Stumm, ohne Rede, sah ihn die Chinesin an, die sein Pfühl öfter bewohnte
+als die anderen Frauen. Seine Stirn war blank.
+
+Eine Gesandtschaft des Sultans Bajazeth brachte zwei weiße Papageien. Miser
+Ulek teilte sein Zelt, als sie eintraten. Sie richtete sich auf, groß,
+geschmückt und gemalt um die Augen, nahm den Kniefall der Gesandten und bat
+Timur um die Tiere. Er sagte ihr, daß er sich freue, ihr zu Willen zu sein.
+Sie wandte sich an die Turbanträger und sagte ihnen: daß, wenn sie sich
+auch tagelang an den Tieren ergötze, sie diese dennoch nur lehren werde zu
+sagen, daß das Staubkorn solchen Geschenks Timur keinen Augenaufschlag
+durch aufhalten werde, ihren Sultan niederzuschlagen.
+
+»Du bist stolz,« sagte einer der Turkmanen.
+
+Timur sagte: »Es ist nicht nötig, stolz zu sein, um so kleine Dinge zu
+sagen.«
+
+Die Gesandten gingen, geschüttelt vor Zorn und Feigheit.
+
+Die Tataren warfen Katapulte in ein Schloß, das das Meer umspülte, erritten
+die Mauer, von den Sätteln aus hochspringend, und wurden heruntergestürzt.
+Schielend vor Wut setzten sie sich in Klumpen um die Stadt. Ein
+Unterhändler ritt aus den Mauern, aber beim Verhandeln mit vorgegangenen
+Feldherren machten die Belagerten einen Ausfall und hieben ein Geschwader
+Tataren zusammen. Die Tataren brausten in Bogen um die Stadt, fingen den
+Einwohnern selbst die letzten Mäuse und Ratten, bis diese begannen, ihre
+Toten zu speisen,
+
+Ihr Feldherr kam morgens, abgezehrt, allein heraus, sich zu unterwerfen,
+deutlich den Degen und das Schweißtuch in der Hand. Er stand vor Timur:
+
+»Du hast gesiegt. Ich muß fliehen. Wohin? Zu dir.«
+
+»Ich weiß es zu belohnen,« sagte Timur und überantwortete ihn dem Wind des
+Untergangs. Gierig die Hände, zu rächen, lauerten die Tataren seines Winks,
+dann schossen sie in die Stadt. Timurs Sohn Keser ergriff Hauptleute und
+brach ihnen die Rücken wie Pfeile durch. Zeinabdeddin erhielt eine Lanze in
+den Mund. Einen Pfeil noch in der Hüfte kam er zu Timur, deutete mit der
+Hand, daß er nicht reden könne, legte den Kopf auf seine Füße und eilte
+lächelnd aus seiner Jugend hinaus in die Gruft.
+
+Die Tataren rissen die Türen aus, zwischen den Fenstern blitzten ihre
+gesalbten Brüste. Spielend flogen die blanken Messer. Timur befahl
+siebzigtausend Köpfe. Ihre Arme erlahmten, die Zungen fuhren erregt durch
+den Mund. Sie kauften gierig, hundemüde, Köpfe voneinander.
+
+Timur ließ sie vorbeitraben, sie hielten Köpfe in der Hand. Die Chinesin
+stand neben ihm unter goldenem Zeltdach. Sie stieß die Hände in die Brust.
+
+Keser führte des toten Zeinabdeddins Geschwader. Seine Brust war gewölbt
+und sein Bauch eingezogen, daß, lag er, Hunde mit gerecktem Schweif durch
+die Höhlung laufen konnten. Zwei geraubte Frauen lagen auf seinem Sattel.
+
+Reitend kamen sie zum Paß Conghez, den drei Reiter verteidigten, einen Wall
+Tataren vor sich niederlegend. Als Timur selbst vorsprengte, kam der größte
+der drei auf ihn zu und schlug ihm zweimal feurig über den Helm, daß er
+erstaunt stand wie eine Säule. Über die Felsen herunterkletternd schlug ihm
+Keser den abgehauenen Kopf des Riesen vor die Füße.
+
+Unter ihnen dehnte sich eine Landschaft, glatt und ohne Welle, mit
+Fruchtbäumen, Quellen und vielen Lusthäusern geschmückt.
+
+In diesen Gegenden rastend und den Genuß der strahlenden Sonne nehmend,
+noch den Frost wirbelnden Schneesturms der Gebirge in den Knochen, kam
+eines Mittags, wo Timur ein Lustzelt aufbauen ließ zwischen Tulpen in einer
+Wiese, aus einem Hain eine Ziege, größer wie ein Pferd, ein Horn auf der
+Stirn und voll langer grüner Haare, die die Erde überstreiften. Die
+Chinesin, die neben ihm stand, duckte sich schreiend nieder.
+
+Das Tier kam einen langsamen Gang auf sie zu, die Augen und das Horn gegen
+Timurs Brust gewendet, aber gerade vor ihm verlor es die Richtung seines
+Ganges. Es bewegte die Nase gegen die Höhe und zog einen Bogen weiter. Je
+mehr es sich entfernte, um so stärker glänzte sein Fell, bis es, eine weiße
+Wolke, in den Hain zurückschlug.
+
+Die Chinesin hieb mit allen Gliedern um sich und klopfte die Stirn auf den
+Boden vor Verzweiflung, die sich endlich sprengte. Sie schrie: ». . .
+genug, genug . . .« und faßte sich nicht. Er fragte sie, warum sie es wolle
+und sie sagte, weil sie ihn liebe, er aber lächelte mit einer Falte über
+sie hin. Hinter ihnen standen Negerinnen und Miser Ulek. Steif das Gesicht
+wie ein Segel flüsterte sie: »Preis für feige Offiziere, heulende Maus«.
+Aber Timur schüttelte die filzigen Haare um den Kopf, daß sie schwieg.
+
+Er ließ Guines holen in das Zelt und eine Windrose asiatischer Erde malen.
+Zu zwei Dritteln füllte er sie mit roter Farbe. Auf den Rest deutete er,
+seine Augen beherrschten opalig breit das Zelt, er sagte:
+
+»Dies ist in meine Hand gegeben, soll ich das andere lassen?«
+
+Ihre Lippen formten »zu viel«, aber ihr Atem gab dem kein Leben, denn seine
+ungeheure Stirn erblickend, stürzte vor ihren Augen auch das letzte
+Zeichen, und, erblassend, fiel sie vor ihn und versprach, ihre Liebe
+zurückzuwerfen über ihre Angst und die Stimme zu töten, die aus ihr sprach.
+
+Sie schwieg.
+
+Schwieg Monate. Ihre feuchten porzellanenen Blicke leuchteten blau wie der
+Mond.
+
+In einer Nacht wieherten Pferde hell und wild. Es war eine weiße Nacht.
+
+Ein Bote wurde in das Zelt geführt.
+
+Der Feldherr des Sultans Bajazeth beugte sich ein wenig vor Timur und
+kündete ihm die Schlacht. Seine Stimme war hart und edel. Timur schenkte
+ihm ein Pferd.
+
+Er bat, es am nächsten Tage gegen ihn reiten zu dürfen. Timur nickte.
+
+»Ich werde das Geschenk in Ehren halten,« sagte der Feldherr.
+
+Timur hielt eine Pause den Atem. Dann sagte er barsch:
+
+»Ich lösche es morgen wieder aus.«
+
+Am anderen Abend bestieg Timur sein Lager über den gebückten Rücken des
+Sultan. Aus den erschlagenen Köpfen baute er Türme. Sie stiegen gieriger
+als die Minarette Samarkands in den Himmel. Tataren wälzten sich fliegend
+über Konstantinopel. Sie ließen die Glocken spielen und lagerten über den
+Gärten am Meer.
+
+Die Tataren waren behängt wie Weiber mit Turbanen voll Steinen. Ihre
+Ausdünstungen überroch Ambra. Aus Moscheedecken schnitten sie Satteldecken.
+Goldne Ketten flochten sie um ihr Haar und die Gebisse der Gäule.
+
+Timur befahl den Zug nach Ägypten. Dem Heer voranreitend traf er auf dem
+Marsch nachts in Tauriz ein, das ein Sohn von ihm residierte. Sie trabten
+vor das Haus, das er bewohnte. Die Gärten waren erleuchtet, Gesindel und
+Musikanten trieben sich in den Scheinen der Laternen durch die Gebüsche.
+
+Sie ließen die Pferde fressen im Hof und stiegen hinauf. In dem großen Saal
+lag er auf einem Haufen Teppiche. Die Fenster standen geöffnet gegen die
+hinteren Gärten, die veilchenblau in der hellen Dämmerung sich hoben.
+
+Zerbrochen waren die Weinkrüge, der Wein ausgegossen, die Schöne in seinem
+Arm zerwühlt, die Halsschleife zerknüllt. Aus der Ecke tönte schwach die
+Halbtrommel. Aus dem Mund der Flöte einen Augenblick aufgähnend, die Haare
+verwirrt wie die Frauen, die das Gesicht nachts schmollend gegen die Wand
+kehren, sah er auf nach der Seite, ohne Timur zu sehen. Auf den Teppichen
+lagen Schlafende überall, auf einem Ast, sichtbar, vor dem Fenster, sang
+eine Nachtigall ein Gasel, trotzdem erwachten sie nicht.
+
+Timur ließ seinem Sohn, hinaustretend, Zeit bis zur Nüchternheit. In den
+sternüberflogenen Garten schlug er ein Zelt. Er hatte keine Zeit zum
+Verweilen, am Morgen, eh er ritt, ließ er ihn vor sich kommen.
+
+»Ich habe eine halbe Stunde für dich,« sagte er. »Was hast du getan in der
+Zeit, die ich dir die Provinz gab, welche Sherife hast du geschlagen,
+welche Provinzen erobert? Hast du Vesten unter dich gelegt, Städte
+gesprengt . . . Hast du Künstler gefangen und Bauten gemacht . . . Welche
+Heere hast du geordnet, Aufstände gedämpft? Eile dich im Reden, meine Zeit
+für dich ist knapp, sie soll gerecht sein.«
+
+Der Sohn schlug die Augen nieder.
+
+»Nichts,« sagte Timur. »Du hast geschwelgt, getrunken. Du bist weich
+gelegen. Hast keine Feldherren. Die Provinz ist nicht bewacht, keine Grenze
+erweitert. Du hast keine Jagden abgehalten. Kränze auf deinen Kopf gesetzt
+wie ein Grieche.«
+
+Der Jüngling hob den weichen Kopf und sagte trotzig:
+
+»Hast du nicht Feste gefeiert wie keiner der Chane? Lag die Steppe nicht
+tagelang voll wälzender Soldaten? Ist dein Frauenhaus nicht das größte?«
+
+»Du wirfst mir vor. Gut. Rechnen wir ab.« Timur trat herabgebückt vor zu
+dem in den Hüften Schaukelnden: »Gut. Aber . . .« er zog den Mund zusammen,
+daß es eine Falte gab und durch den gedämpften Ton ein gepreßtes Keuchen
+aus dem Innern stieg:
+
+». . . ich habe sie verdient. Erworben. Glaubst du, sie haben mich nichts
+gekostet wie dich? Glaubst du an die Abenteuer des Geistes, Kampf der
+Seele? Weißt du um Prüfung? Und Überwindungen . . . Weißt du, über welche
+Zacken der Qual erst eine Tat entsteht? Ich kann kein Blut sehen, aber ich
+muß es vergießen, um daran zu steigen wie keiner.«
+
+Erschrocken vor dieser heiseren und verächtlich geballten Stimme warf sich
+der Jüngling hin und flehte, aufgelöst, daß er nicht verbannt werde in die
+Wüste Cipribet, wo Timur die gefallenen Emire sammelte. Sein ängstliches
+Kinderauge lauerte.
+
+Timur kniff die Augen zusammen und sah Augenblicke lang auf den Sohn.
+
+Dann öffnete er das Zelttuch und sagte:
+
+»Das wäre die Strafe, weil du unnütz lebtest. Aber weißt du, daß du nicht
+mehr leben darfst, nachdem du mich gereizt hast, daß ich dir dies sagte
+. . .« Der Jüngling fiel bleich hinaus. Tataren brachten ihn in einen
+Garten mit Galbudsamurblumen, die den Wind vergifteten, der ihn mit
+zerpflückten Locken auf einem Rosenbeet überwand.
+
+Die Mondköpfe Timurs grüner Paniere rollten über Flüsse und die toten Arme
+des Meeres. Palästina füllte sich mit Reitern, kleinnasig, mit
+aufgeworfenen Lippen und olivenfarbenen Wangen. Ihre spitzen Augen schoben
+schräg nach der Stirn. Sie ritten gegen das brandende Meer, das sich weiß
+vor ihnen aufsteilte. Sie konnten nicht weiter.
+
+Sie legten die Gesichter in Fratzen, drehten scheu, bespritzt, und stoben,
+sich schüttelnd, zurück in die heißen wogenden Wüsten. Sie überritten die
+Städte der Küste, zerschlugen Jerusalem, rollten Pfeilschwärme über
+Damaskus. Schlugen Mameluken, hingen Männer auf an den Füßen, Weiber an den
+Brüsten.
+
+Als Timur Alcair mit Katapulten in Brand schoß, betrat der ägyptische Fürst
+weinend den Boden der Flucht. Die Mondköpfe stürmten die Stadt. Sie glühte
+auf dreißig Parasangen, daß die Nacht hell wurde.
+
+Ein dunkler Punkt in den roten Dämpfen stand gegen den Himmel der junge
+Fürst und schaute auf seine Stadt, bis die Türme und Kuppeln krachend
+zerstoben. Dann erst warf er sich von den Dämmen in den Nil.
+
+In dieser Nacht reizte Miser Ulek einen kurdistanischen Stamm, dessen
+letzter Abkömmling sie war, daß er die eigene Nachhut überfiel, abfiel von
+Timur und, die Chinesin raubend, floh. Miser Ulek sah die Chinesin nicht
+an, sie saß auf einem Eildromedar in einem schilfgeflochtenen Drahtkorb,
+vergittert, unter dem Gepäck.
+
+Yakou meldete es Timur noch die Nacht, schon zum Zeichen der Trauer in
+blauer Filzkleidung das Zelt betretend.
+
+»Die Chinesin,« keuchte Timur. Dann brüllte er auf. Aber sofort sich
+packend, gab er dem alternden Yakou die Hand und ging über seine Rede
+hinweg. Sich schüttelnd verfolgte er den ägyptischen Fürsten drei Tage, bis
+er ihn, einfing wie einen Hasen. In einer Schlinge zappelnd wurde er
+vorbeigeführt.
+
+Doch Timur sah ihn nicht, schon wendete er. Mit dreitausend ausgewählten
+Hauptleuten entflammte er die Erde mit schlagenden Hufen. Doggen stürzten
+vor ihnen her auf der Spur.
+
+In einem Steinbruch fingen sie den Stamm. Timur riß dem Schach selbst die
+Augen heraus. Die anderen sotten sie in siebzig Kesseln. Es waren zwei
+Prinzen aus Timurs Haus dabei. Sie sotten. Sein Kopf war unbeweglich. Blaß
+mit roten Rändern um die Lider stand die Chinesin hinter ihm.
+
+Den Abend brach mit der Hand am Dolch ein Neffe bei ihm ein. Timur riß ihm
+mit dem Säbel den Unterarm ab. »O daß ich sterbe . . . o daß ich sterbe
+. . .« stöhnte der Junge, der seine Brüder rächen wollte. Timur gab ihn zum
+Sterben.
+
+»Auch du hast deinen Oheim getötet,« sagte die Chinesin.
+
+»Gott wollte das,« sagte Timur stolz. »Was will der Fant?«
+
+Hochfahrend kam Miser Ulek vor das Gericht, das Timur ihr aus Fürsten
+stellte. Sie hatte sich mit Schmuck belegt und bemalt wie eine große
+Fürstin. Aus Versehen führten sie die Wachen zuerst in das Zelt des
+wachthabenden Emirs. Timur ließ dem Emir Stockschläge auf die Sohlen geben,
+denn sie war seines Geblüts und er ehrte sie im Zorn noch, daß sie nicht im
+Haus eines Untergebenen weile.
+
+Das Gericht sprach kein Wort vom Raub der Chinesin. Dies wurde nicht
+erwähnt. Miser Ulek sprach keine Silbe. Das Gericht verhandelte wie nach
+Vereinbarung über einen Seid, den Miser Ulek in ihrer chinesischen
+Residenz, die sie, Timurs Zügen folgend, nie besuchte, auf der Straße
+erstechen ließ, weil er vergaß, ihr zu ihrem Geburtstag eine Aufwartung zu
+machen. Sie wurde zu tausend Balischen Gold verurteilt.
+
+Kurz lag ihr Blick auf der Chinesin, stechend und kalt.
+
+Sie erwiderte kein Wort, Timurs Gesicht blieb starr, als sie, die die
+Flamme seiner Pläne war, hochaufgerichtet, klirrend von Steinen, die er ihr
+geschenkt, den Raum verließ.
+
+Sie fastete zehn Tage, aber das Leben der zähen Katze, das in ihr schlief,
+verlief nur schwer. Als am elften Tage die Stimme der Gottheit an sie
+erscholl, rief sie, schön noch mit bleichen Lippen: »Ich bin bereit.«
+
+Kein anderes Weib als die Chinesin kam fürder auf Timurs Pfühl.
+
+In einem Tale stiller Gräser und Tiere lebte er mit ihr ein halbes Jahr und
+jagte Schwäne auf den Teichen.
+
+Eine Mondfinsternis riß ihn auf, er kehrte nach Samarkand zurück und
+rüstete den indischen Zug, leblos die Chinesin mit sich führend. Die
+Feldherrn kamen in das dunkle kleine Haus, der Garten war überdacht mit
+Leinen, die Fontäne knallte. Guines nahm den flimmernden Lauf der Sterne
+auf, die aus entfernten Gebirgen aufstiegen. Timur füllte bis auf ein
+Kleines das letzte Drittel seiner Windrose. Aus allen Provinzen Asiens
+fielen Heere in die Ebene, erstiegen die Gebirge und strömten in die
+Tiefländer.
+
+In einem südlichen Gebirg gingen Menschen an ihnen vorbei, stolz wie
+Götter, die, weißer Haut, von der Sonne angeglüht, auf dem hohen Schnee
+nackt liefen. Waffenlos traten sie heran, stellten die Arme auf die Hüften
+und ließen lächelnd die Tataren vorüberreiten. Sie hießen Siapusch. Timur
+ließ ihren Anführer von einem Gletscher hinabstürzen, er flog, die Arme
+gebreitet, ab.
+
+Als erster warf Timur sein Pferd in den Indus, dann brachen die Heere
+tagelang nach und zerwühlten den Strom. An der steinernen Kuh, aus deren
+Euter der Ganges fällt in sieben Strahlen, warf er ein Heer der Inder um.
+
+Er ließ die lebenden Gefangenen zusammenschichten zu Türmen, legte feuchten
+Lehm und Gebälk dazwischen, mörtelte sie ein. Die Türme schwankten wie
+Schlangen bis in die Nacht. Dann erstarrten sie.
+
+Geknäult in sein Zelt, die Augen weit geöffnet, sagte er, wenn indische
+Trophäen kamen, der Boten überdrüssig: »Was kommen sie, bin ich müde?«, und
+sandte ihnen den Todesbefehl entgegen.
+
+Auch hier teilte die Chinesin sein Zelt.
+
+Am unteren Ganges fing die Vorhut einen Prinzen, schön wie ein Schläfer,
+daß die Papageien der Chinesin zu singen anhuben wie die Lerchen, geblendet
+von ihm. Er ließ ihn, um den viele als Sklaven inbrünstig baten, um seine
+Schönheit in einem Ausgleich zu ehren, in seidenen Tapeten zu Tode rollen.
+
+An den Seiten der Flüsse folgten seinem Fuß zuckende Türme, die sich in das
+Rot schwerer Abende hineinkrümmten. Die Tataren gossen sich aus dem Gebirg
+herunter, Pfeile schütteten die Wälder zu, Pferdegewieher rauschte in die
+Ströme.
+
+Timur warf die Geschwader um Dehli.
+
+Zur Entsetzung der dreistaffligen Königsstadt kamen um den Bogen des Stroms
+Hunderte von Schiffen rotgesegelt eines Morgens den Fluß herauf. Das
+stahlblaue Band der Strömung zitterte. Mit Katapulten zerschmetterten die
+Tataren knallend die Hölzer. Bogenschützen, die Ufer säumend, mit
+Harnischen, schossen den Fluß rot, daß er über die Ufer trat.
+
+Um Dehli lag ein fester Ring. Andere Geschwader lösten sich. Wie Bremsen
+glitzernd warfen sie das Land unter ihre Pferdebäuche bis ans Meer. Als die
+Wellen vor ihnen sich wütend in die Höhe bogen, ritten sie knirschend
+zurück.
+
+Aus Dehli fiel ein Heer aus. Das Tal stand überflutet von braunen Indern.
+Elefanten wogten an mit giftigen Dolchen. Glocken, Pauken und Trommeln
+knatterten. Aus den Tatarenreihen flogen Flitschpfeile. Ochsen sausten los,
+brennendes Reisig zwischen den Hörnern, die Augen dunkelgebläht.
+
+Tatarenhaufen stießen in die braunen Massen, rissen mit geschärften Ringen
+die Rüssel der Elefanten aus den Körpern. Das Tal spie Blut in den
+Gangesarm. Die Braunen schwanden. Tataren brachen bis an die Tore. Auf dem
+Feld tanzten die Nacht in gekrümmten Sprüngen die ausgerissenen Rüssel.
+
+Mit krummen Schenkeln, obeinig, ersprangen, die Tataren die Vorstädte, drei
+Tage schwangen sie die Messer, die Gheberer warfen ihre Kinder und Frauen
+ins Feuer, die Muslemin aus Angst vor den Tataren erdrosselten sie, und,
+selbst die Leiber zerhackt, entfielen sie den Säbeln der Tataren.
+
+Nach diesen drei Tagen schmiß Keser seinen Säbel auf einen Prellstein, spie
+aus und ritt zu Guines. Den zwang er zu seinem Vater zu laufen mit den
+Worten, die er ihn lehrte:
+
+»Ich habe gekämpft wie wenige deiner Feldherrn. Du hast mich belohnt. Ich
+danke dir. Doch ich bin diesen Auftrag müde. Bin ich ein Metzger oder ein
+Hund? Ich fechte nicht weiter in der Stadt. Ich werfe mich in den Staub vor
+deiner Kraft. Aber bedenke, hättest du die Verwüstungen Nebukadnezars, die
+Macht der Amalekiter: das Grab eines Palastes ist das Ende. Ein Hemd und
+ein Rock, reines Wasser und Brot ist alles, was ein durchgängiger
+Wandersmann verlangen muß und schon zuviel für einen. Mein Kopf steht dir
+frei. Aber ich höre auf, laß es genug sein.«
+
+Ein Wolkenbruch spülte Wellen Wassers in die Zelte und der Wind war voll
+Schwaden Blutdampfs. Guines erwartete seinen Tod, dem er bei Keser
+entronnen war, nun bei Timur. Doch der sandte ihn Keser zu holen.
+
+Timur hob die Braue, groß gefüllt, und sagte: »Knabe . . .« Weiter kam ihm
+kein Wort, denn der Mann, der zehn Sherife gestürzt, fiel in die Knie.
+
+Die Chinesin sah auf ihn, die Augen schimmernd und hob die Hand ins Haar.
+
+Als der Regen drohender anlief, legten sie Filz in die Straßen, der das
+Wasser einsog und hieben weiter. An den Gebetschnüren hingen die Radschas
+aus den Fenstern der hochgegliederten Paläste. Naphthafeuerwerker setzten
+den Fluß in Brand.
+
+Als die Stadt leer war, füllte Timur den letzten Fleck von Weiße auf seiner
+Windrose, die Welt lag in seinen Händen, schaukelnd nach dem Tempo seines
+Atems, es gab kein Tier, das nicht unter seinen Pfeilen stand.
+
+So wuchs er über alles.
+
+Von den Gliedern der Chinesin fiel eine Starre, in einer glühenden Umarmung
+wühlte sie sich die Nacht an seine Brust.
+
+Allein es war noch nicht die Zeit.
+
+Yakou kam als letzter aus der Stadt, den Kopf zitternd tragend, ordnete die
+ungeheuren Massen der Gefangenen, küßte Timurs Sohle und, nicht mehr
+sprechend, vom Joch der Monate überspannt, zog er sich in den Winkel seines
+Zeltes zurück und wandte fürder das Gesicht der Nische der Gottesverehrung
+zu.
+
+Seine Tat war getan. Seine Hände glitten über kostbare Stoffe, die er
+ordnend durch die Finger führte und im Hingleiten der Tage erhielten seine
+Augen sicheren ruhigen Glanz.
+
+Am Morgen kam als Bote des griechischen Kaisers der Prinz von Schiruan,
+breitete vor dem Zelt neun Ladungen aus edler Geschirre, neun Kamele voll
+Teppiche und acht gelehrte Sklaven, die Harfen, Zirkel und Papierrollen
+trugen. Sie fragten ihn, wo der neunte sei, wie die Sitte es wolle. Er hob
+die Hand, bog sie um und stellte den Finger gegen die eigene Brust.
+
+Die Heere Axallas, die die Küsten durchstäupt hatten, kehrten donnernd
+zurück. Axalla fehlte. Sein Schreiber brachte seinen Brief: »Vierzig Jahre
+führe ich Krieg mit dir. Der Tod schlägt mich am Meer entzwei, ich sterbe
+in Verdruß, daß ich nicht Dehli mit dir nehmen kann. Doch bin ich nicht
+groß genug, um bis ans Ende mitzugehen.«
+
+Es war ein heißer Morgen, ganz gelb voll spiegelndem Licht. Timurs Mund war
+geschlossen, als er mit der Chinesin die Schätze musternd vorüberging, das
+Letzte der Welt. Die Strahlen flogen in Fluten darüber. »Einsam,« sagte
+Timur, »aber am Ziel.«
+
+»Leben wir,« sagte die Chinesin: »Es ist überstanden.«
+
+Den Abend ließ er die Gefangenen zusammenpferchen. Sie füllten den ganzen
+auslaufenden Kessel des Gebirgs. Es waren hunderttausend Leiber, um die die
+gelbkalkigen Abhänge hingen. Ihnen gegenüber stellte Timur die Halbbogen
+zweier Heere an das andere Ende der Ebene. In der Nacht ging der Fluß
+zurück und ließ silbrige Quallen. Heiße Fontänen spritzten um das Lager in
+die Höhe, und zwei Kometen bohrten sich durch den hängenden Himmel.
+
+Am Morgen ging Timur vor das Zelt.
+
+Dann schritt er einen Hügel hinauf, der mit einem Kegel mitten in der Ebene
+aufstieg.
+
+Links wogte im Kessel die braune Flut, ungedämmt, sich an den Wänden
+brechend, der Gefangenen. Rechts hielten die Tataren, bereit zum Sturm.
+Zwischen ihnen am Fuße des Hügels war eine Tribüne, und ein Tatar hielt,
+das Gesicht heraufgerichtet, einen halbgerafften Teppich in der Hand.
+
+Die Tataren hielten unbeweglich, gegossen, die Zügel zwischen die Zähne
+eingespannt. Die Pferde stemmten die Beine nach vorn, an den Mäulern
+zurückgerissen. Die runden Säbel blitzten in der Sonne. Sie hingen
+blutgierig wie zwei geschwollene Wolken am Ende des Gebirgs.
+
+Da begriff die Chinesin.
+
+Die Freude losch aus ihren Blicken. Und das Schweigen brechend wandte sie
+ihre erschütterte Seele gegen ihn und beschwor ihn. Während die stille
+Sicherheit, die sie aus den vergangenen Tagen gesogen, einstürzte vor neuer
+Qual, rief sie die Schlichtheit seiner Gärten vor ihn hin, die Kanäle, die
+Flüsse, die Paläste, Samarkand. »Leben wir. Laß das Unnötige.« Sie zog den
+Mund in einem Bogen, daß die gedämmte Inbrunst der Sprache über ihr Gesicht
+rann und sie verstummte.
+
+Eine Flamme schoß aus den Augen der Chinesin, Timur schüttelte den Kopf:
+»Ich gehe bis an das Ende.«
+
+»Gott hemmt dich in mir.«
+
+»Du warst der Stachel nur Gottes, daß ich nicht rastete.«
+
+Sie riß mit einem Schrei das Kleid von ihrer Brust und jammerte: »O daß ich
+dich tötete . . . o daß ich dich tötete.«
+
+Mit einem Sprung kehrte sie sich um, legte die Hände vor den Mund, und, vor
+ihn tretend, rief sie hinunter zur Tribüne:
+
+»Vorhanghalter, laß den Vorhang fallen. Es ist keine Vorstellung mehr.«
+
+Doch auf ihre kleine Stimme, die nicht hinunterreichte, geschah nichts. Sie
+kehrte, die Hände senkend, sich um.
+
+Sie sah auf Timurs Stirn mit einemmal die Stelle, die der Pfeil getroffen,
+erhellt wie ein rotes Gestirn, von dem Riefen nach den Seiten liefen und
+heller wurden. Hinter seinem Kopf stieg die Sonne aus dem Gebirg, und sein
+Gesicht, aufgeklärt und wie mit einer Keule verdichtet, wuchs zu Granit
+hinein in die roten Kreise, die sich darum nieteten und ihre Strahlen
+aussandten, die schon den letzten Horizont entzündeten.
+
+Da nahm sie die Hand an die Stirn und fiel, zurückgedonnert von diesem
+Gesicht.
+
+Aber er, vor die Frau tretend, die hinfiel abgeblendet, nahm, indem er sie
+aufhob, die Sehne aus der Gabelung seines Bogens und zog und umschnürte
+ihren Hals. Dann biß er ihn auf, nahm einen Mund voll ihres Blutes und gab
+den Wink, daß der Vorhang sich hebe, hinunterschreitend zu den Zelten,
+durchbraust von Gott, der ihn berief, auch in diesem Letzten, sein
+unsterbliches Gesicht glänzend wie Gold.
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Timur, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TIMUR ***
+
+***** This file should be named 32358-8.txt or 32358-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/2/3/5/32358/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+
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+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+
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+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
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+1.F.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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